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Wirtschaft und Betrieb ,. 3 Zweites Kapitel. Betrieb und Betriebsformen . 9 A. Begriff und Wesen des Betriebs. 9 B. Formen des Betriebs. 18 Drittes Kapitel. Wirtschaftsstufen, Wirtschaftssysteme, Wirtschaftsformen, Wirtschaftsepochen.50 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. Viertes Kapitel. Der Begriff des Handwerks.75 Fünftes Kapitel. Das Wesen der handwerksmäfsigen Organi- satio n.79 A. Der Handwerker.79 B. Handwerkers Streben.86 I. Die Hausiererei.96 II. Der Absatz auf Märkten und Messen.96 III. Der Absatz an Zwischenhändler.98 C. Handwerkers Wirken.113 I. Der Artcharakter des handwerklichen Wirkens .... 113 II. Die Betriebsformen des Handwerks.117 Sechstes Kapitel. Die Existenzbedingungen des Handwerks . 122 A. Die formalen Existenzbedingungen.122 B. Die realen Existenzbedingungen.135 I. Die Gestaltung der Bevölkerungsverhältnisse.136 II. Die Technik.140 Die Gestaltung der Absatzverhältnisse .145 VI Inhaltsverzeichnis des ersten Bandes. Seite Siebentes Kapitel. Der vorkapitalistische Handel .162 A. Die Vorstufen des berufsmäfsigen Handels.162 B. Der Handel als Handwerk.165 I. Der Geschäftsumfang.165 II. Der Händler.174 HI. Die Ordnung des vorkapitalistischen Handels.180 Exkurs I zu Kapitel 7. Die Vorstufen des Handels .... 189 Exkurs II zu Kapitel 7. Die Rechenkunst im Mittelalter . . 191 Zweites Bucli. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Erster Abschnitt. Achtes Kapitel. Begriff und Wesen des Kapitalismus (die kapitalistische Unternehmung).195 A. Begriff.195 B. Analyse des Begriffs.195 I. Die konstitutiven Merkmale des Begriffs.195 II. Die Modalitäten der kapitalistischen Unternehmung . . 199 C. Voraussetzungen und Bedingungen der kapitalistischen Unternehmung .205 I. Die subjektive^ Voraussetzungen.206 II. Die objektiven Bedingungen.208 Wie ist Profit möglich ? .210 Zweiter Abschnitt. Die Entstehung’ des Kapitals. Neuntes Kapitel. Die Vermögensbildung in der liandwerks- mäfsigen Wirtschaft .218 Exkurs I zu Kapitel 9. Preisaufschläge und Spesenberechnungen im mittelalterlichen Handel .228 Exkurs II zu Kapitel 9. Über die objektive Möglichkeit hoher Pr eisaufschläge i m mittelalt erlichen Handel . 231 Zehntes Kapitel. Die Kapitalbildung durch Vermögensüber- tragung .235 A. Die historisch überkommene Vermögensbildung.235 B. Die Formen der Vermögensübertragung.246 I. Anteilnahme an öffentlichen Einkünften.246 Pachtung von Steuereinkünften, Zollgefällen etc .251 II. Erwerb privater Grundeigentumsberechtigungen .... 254 Pie Beivucherung des ländlichen Grundbesitzes .258 C. Die quantitative Bedeutung der abgeleiteten Vermögensbildung 260 Exkurs zu Kapitel 10. Über Kleinkredit im Mittelalter . . 271 Elftes Kapitel. Die unmittelbare Vermögensübertragung . . 273 Zwölftes Kapitel. Die Anfänge des bürgerlichen Reichtums . 282 Einige specielle Nachweise des Zusammenhangs zioischen Grundrenten- accumulation und Kapitalbildung .299 Inhaltsverzeichnis des ersten Bandes. VII Seite Dreizehntes Kapitel. Die Kolonial Wirtschaft .325 A. Die verschiedenen Methoden der Ausplünderung.326 I. Der koloniale Handel.326 II. Die Produktionserzwingung.331 B. Der ökonomische Effekt der Kolonialwirtschaft.347 C. Die vermehrte Zufuhr von Edelmetallen aus den Kolonialgebieten.358 Exkurs zu Kapitel 13. Asien und Afrika als Goldländer bei Ankunft der Portugiesen .373 Anhang. Die kollektive Accumulation ..376 Dritter Abschnitt. Die Genesis des kapitalistischen Geistes. Vierzehntes Kapitel. Das Erwachen des Erwerbstriebes . . . 378 Fünfzehntes Kapitel. Die Ausbildung des ökonomischen Ratio- nalismus.391 Vierter Abschnitt. Die Anfänge des gewerblichen Kapitalismus und die Hemmungen seiner Entfaltung. Sechzehntes Kapitel. Andeutungen über Richtung und Gang der urwüchsigen kapitalistischen Produktion .... 398 Siebzehntes Kapitel. Hemmungen der kapitalistischen Entwicklung .409 Fünfter Abschnitt. Gewerbe und Kapitalismus am Ende der frühkapita- listisehen Epoche. (Das gewerbliche Lehen Deutschlands um die Mitte des 19. Jahrhunderts.) Achtzehntes Kapitel. Das Herrschaftsgebiet des gewerblichen Kapitalismus .422 Neunzehntes Kapitel. Das vorkapitalistische Gewerbewesen . 433 A. Das Land.433 I. Die Bauernwirtschaft.433 H. Die Gutswirtschaft.442 B. Die Stadt.445 I. Emährungshandwerke.447 H. Bekleidungshandwerke.449 III. Bauhandwerke.462 IV. Gerätschaftshandwerke.467 Zwanzigstes Kapitel. Die gesellschaftliche Struktur .... 476 vni Inhaltsverzeichnis des ersten Bandes. Sechster Abschnitt. Der Siegeszug des gewerblichen Kapitalismus in der Gegenwart. Seite Einundzwanzigstes Kapitel. Fälle indirekter Abhängigkeit vom Kapita 1. 486 A. Bäckerei, Fleischerei, Schlosserei.486 B. Baugewerbe.490 C. Möbeltischlerei und Tapeziererei.500 Zweiundzwanzigstes Kapitel. Die Sphäre der Hausindustrie (insbesondere die Bekleidungsgewerbe).509 Dreiundzwanzigstes Kapitel. Die Aufserhausindustrie (insbesondere die baugewerbliche Unternehmung).517 Vierundzwanzigstes Kapitel. Die Sphäre des Grofsbetriebs . . . 524 A. Ernährungsgewerbe.525 B. Bekleidungsgewerbe.532 C. Baugewerbe.538 D. Gerätschaftsgewerbc.546 E. Kunstgewerbe.547 Fünfundzwanzigstes Kapitel. Die kombinierte Unternehmung . 553 Siebenter Abschnitt. Handwerk und Handwerker in der Gegenwart. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Das Handwerk in der Gegenwart . 570 A. Die Entwicklung auf dem Lande.571 I. Hausgewerbliche Eigenproduktion und Lohngewerbe . . 575 II. Das Landhandwerk.580 B. Das städtische Handwerk.586 I. Ernährungshandwerke.586 II. Bekleidungshandwerke.587 III. Bauhandwerke.600 IV. Gerätschaftshandwerke.606 Siebenundzwanzigstes Kapitel. Die Handwerker in der Gegenwart .619 Sehlufs. Aclitundzwanzigstes Kapitel. Die moderne kapitalistische Entwicklung in ihrer Bedeutung für die Umgestaltung der Gesellschaft .635 Anhang. Einige Bemerkungen über Quellen und Untersuchungsmethode in den Abschnitten 5, 6 und 7 . . . 656 Geleitwort. Es ist gewifs richtig, wenn Ferdinand Lassalle in der Vorrede zu seinem „System der erworbenen Rechte“ bemerkt, dafs jede Vorrede für den Autor eine Nachrede sei, „und es eben kein günstiges Zeichen für das Werk selbst ist, wenn diese Nachrede über das Verhältnis des Werkes zur Wissenschaft dem Leser vollständig und durchsichtig ist, ohne dafs er das Werk kennt. Denn es wäre dann hierdurch jedenfalls schon der Beweis gegeben, dafs durch das Werk in dem inneren Bau der Wissenschaft nichts von Bedeutung geändert ist“. Auch die Socialphilosophie bildet natur- gemäfs den Abschlufs eines socialen Systems, nicht seine Einleitung. Das sollten vor allem auch jene selbstbewufsten Leute bedenken, die uns in der letzten Zeit mit ihren guten Ratschlägen bedacht haben, wie man am besten sociale Theorie treibe, warum diese oder jene Art (z. B. die Marxsche) falsch sei, was gebessert werden müsse u. s. w. Sie kommen mir vor wie geschwätzige Köche, die die Vorzüglichkeit ihrer Rezepte anpreisen, während wir Hunger haben und gern gut speisen möchten, ganz gleich nach welchem Rezept. Aber es giebt Zwangslagen. Kann ein Autor nicht gleichzeitig mit seiner systematischen Darstellung auch die philosophischen Erörterungen des Gegenstandes der Leserwelt bekannt machen, und beginnt das Werk zu erscheinen in einer Zeit, die, wie die gegenwärtige, in jeder Fiber von einer kritischen Nervosität durchzittert ist, so hiefse es unverantwortlich handeln, wollte man nicht von vornherein wenigstens in einigen Apergus den Leser mit dem Standpunkt vertraut machen, von dem aus man die Dinge gesehen hat. Ein kleines Privatissimum über Mittel und Wege der Forschung gleich im Anfang eines um- X Geleitwort. fassenden Werkes, das gerade auch Vorgänge im socialen Leben der Gegenwart zur Darstellung bringen will, ist aber heutigentags vielleicht auch noch aus einem besonderen Grunde dienlich und fördersam; deshalb: weil es eine deutliche Vorstellung von der Gesinnungsart seines Verfassers giebt, will sagen, von vornherein zum Ausdruck bringt, dafs es seiner Meinung nach nur so viel „Richtungen“ unter Vertretern auch der socialen Wissenschaft giebt, als Methoden der Forschung bestehen. Es weckt damit gleichzeitig im Leser die rechte Gemütsverfassung, in der das Buch gelesen sein will, erzeugt, meine ich, jene Indifferenz gegenüber allen Werten, die nicht Erkenntniswerte sind, reinigt somit sein Urteilsvermögen von den häfslichen Beimischungen politischer oder was weifs ich welcher anderen unwissenschaftlichen Interessiertheit. In diesem Sinne bitte ich die folgenden, skizzenhaften Bemerkungen aufnehmen und in wohlwollende Erwägung ziehen zu wollen. * * Wenn ich den gegenwärtigen Stand der socialen Wissenschaft recht übersehe, so weist er etwa dieselben Merkmale auf, wie die rechtswissenschaftliche Forschung in dem Augenblick, als Lassalle sein „System“ erscheinen liefs (1861), oder wie die Naturwissenschaft damals, als Goethe die „Morphologie“ veröffentlichte (1807); will sagen, die Merkmale eines Konfliktes, wie Goethe es nannte, zwischen zwei grundverschiedenen Weisen, die Dinge zu sehen. „Dem Verständigen, auf das Besondere Merkenden, genau Beobachtenden, auseinander Trennenden ist gewissermafsen das zur Last, was aus einer Idee kommt und auf sie zurückführt. Er ist in seinem Labyrinth auf eine eigene Weise zu Hause, ohne dafs er sich um einen Faden bekümmerte, der schneller durch und durch führte; und solchem scheint ein Metall, das nicht ausgemünzt ist, nicht aufgezählt werden kann, ein lästiger Besitz; dahingegen der, der sich auf höheren Standpunkten befindet, gar leicht das Einzelne verachtet, und dasjenige, was nur gesondert ein Leben hat, in eine tötende Allgemeinheit zusammenreifst 1 .“ Will man für den hier mit Meisterschaft geschilderten Gegensatz aber ein Schlagwort prägen, so wird man etwa sagen können, dafs Empirie und Theorie in einen Gegensatz zu einander geraten seien; nicht nur in jenen, wie man sagen darf, natürlichen Gegensatz, der vermutlich immer zwischen einer mehr abstrakt-generellen und einer mehr konkret- 1 Goethe, W. W. Cotta. 1881. 14, 2. Geleitwort. XI individuellen Auffassung vom socialen Geschehen entsprechend der verschiedenen Veranlagung denkender Menschen bestehen wird, sondern in einen feindlichen Gegensatz, wie er für die gedeihliche Fortentwicklung der socialen Wissenschaft ein Hindernis werden mufs. Es stehen sich heute schroff gegenüber die Nur-Empiriker, denen jede Theorie lästig oder geradezu verhafst ist, und die Nur- Theoretiker, denen die Fühlung mit dem Leben abhanden gekommen ist, oder die diese Fühlung niemals besessen haben. Wenn das Werk, in das dieses Geleitwort den Leser einführen soll, den Versuch unternimmt, einen Beitrag zum Ausgleich jenes empfindlichen Gegensatzes beizusteuern, so hat sein Verfasser den Mut zu diesem kühnen Unterfangen aus der Überzeugung hergeleitet, dafs seine von der herrschenden in mehrfacher Hinsicht abweichende Auffassung, die er vom Wesen der socialen Theorie sich gebildet hat, vielleicht imstande sei, über Schwierigkeiten hinwegzuhelfen, die heute als unüberwindliche gelten. „Dafs alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anfange, daran ist gar kein Zweifel; denn wodurch sollte das Erkenntnisvermögen sonst zur Ausübung erweckt werden, geschähe es nicht durch Gegenstände, die unsere Sinne rühren und teils von selbst Vorstellungen bewirken, teils unsere Verstandsfähigkeit in Bewegung bringen, diese zu vergleichen, sie zu verknüpfen oder zu trennen und so den rohen Stoff sinnlicher Eindrücke zu einer Erkenntnis der Gegenstände zu verarbeiten, die Erfahrung heifst?“ Stehen diese goldenen Worte, die die „Kritik der reinen Vernunft“ einleiten, über dem Thore, das zu „aller unserer Erkenntnis“ führt, so sollte der Socialwissenschaftler nicht erst nötig haben, ausdrücklich an sie zu erinnern. Aber es ereignet sich alle Tage wieder, dafs uns von irgend einem ungeschulten Kopfe ein ökonomisches oder sociales „System“ geboten wird, das aus einigen willkürlichen Prämissen das sociale Geschehen glaubt ableiten zu können, wie man den Seidenfaden aus dem Cocon abhaspelt. Die fürchterlichen „Theorien“ ohne Anmerkungen! Demgegenüber ist mit Entschiedenheit immer wieder festzustellen, dafs die sociale Wissenschaft im eminenten Sinne eine empirische Wissenschaft ist, die jede einzelne ihrer Erkenntnisse auf der unmittelbaren Anschauung der lebendigen Vorgänge auf bauen mufs. Unsere Wissenschaft kann niemals an einem Übermafs empirischen Wissensstoffes kranken. Auch heute ist es eher ein Mangel an brauchbarem Thatsachenmaterial, der uns bedrückt, als ein Überflufs daran. Was den meisten Vertretern unserer Wissenschaft, auch den sogen, realistisch-historisch-empiri- XII Geleitwort. sehen Nationalökonomen fehlt, sind positive Kenntnisse, Kenntnisse von der thatsäclilichen Gestaltung des Wirtschaftslebens, Kenntnisse von der geschichtlichen Vergangenheit, ist namentlich aber Anschauung von den realen Vorgängen in der Gegenwart. Wie könnte sonst bei so viel Scharfsinn oft so wenig Erfolg zu Tage kommen! Man denke etwa an die seit Jahren völlig leere Diskussion über den Gang unserer gewerblichen Entwicklung! Welchen entscheidenden W r ert ich der Beherrschung eines reichen empirischen Stoffes durch den Theoretiker beimesse, soll die ganze Anlage dieses Werkes erweisen. Was ich an Thatsachen- material habe erlangen können, habe ich versucht, in den Kreis meiner Betrachtungen zu ziehen, und oft genug hat mir der vorhandene Vorrat an Wissen nicht genügt, und ich habe mich bemüht, ihn durch eigene Ermittlung zu vergröfsern. Thatsachen, Thatsachen, Thatsachen mufst du herbeischaffen: diese Mahnung hat mir bei Abfassung dieses Buches immerfort im Ohre geklungen. Was mir als eines der Ziele vorschwebte, als ich dieses Werk ab- fafste, war dieses: ein wohlgeordnetes Repertorium des socialen empirischen Wissensstoffes unserer Zeit zu schaffen. Dafs freilich ein einzelner, auch wenn er lange Jahre hindurch den „heiteren W'andel mancher schönen Tage, den stillen Raum so mancher tiefen Nächte“ dem W'erke weihte, niemals das Ideal erreichen wird, in einer Wissenschaft wie der unsrigen den gesamten Wissensstoff gleichmäfsig zu beherrschen, zumal wenn er als sein Wissensgebiet eine tausendjährige Wirtschaftsperiode betrachtet, ist selbstverständlich. Darum bedarf es wohl auch keiner besonderen Bitte an den Specialisten einzelner Zeitabschnitte oder einzelner Wissenszweige, die hoffentlich nicht allzu zahlreichen Versehen im Detail milde beurteilen zu wollen. Wenn überhaupt solcherart zusaramenfassender Arbeit, wie sie hier unternommen worden ist, etwelcher Wert zukommt, so wird man, glaube ich, Verfehlungen und Unvollkommenheiten in Einzelheiten als unvermeidliches Übel in den Kauf nehmen müssen. Immerhin hoffe ich für einzelne Versehen doch auch nach der empirischen Seite hin einiges Entgelt zu gewähren durch die Verarbeitung eines Materials, das in verschiedenen Richtungen, wie ich glaube, Erweiterungen erfahren hat. Jedenfalls habe ich eine ganze Reihe neuer Quellen, namentlich für die Erkenntnis des gegenwärtigen Wirtschaftslebens, zu erschliefsen versucht. Aber so selbstverständlich nun auch alle sociale Theorie ihren Ausgangspunkt zu nehmen hat von der Erfahrung, so erschöpft sie doch offenbar ihre Aufgabe nicht, wenn sie sich lediglich damit be- Geleitwort. XIII fafst, den Erfahrungsstoff zu sammeln und bekannt zu geben. Sie wird, darüber dürfte bei niemandem Zweifel herrschen, es sich des weiteren angelegen sein lassen müssen, das gesammelte Material zu ordnen. Aber eine Ordnung des Stoffes nimmt doch auch schon der Historiker, nimmt der Statistiker vor, wenn er seine Beobachtungen uns mitteilt. Wollen wir überhaupt eine theoretische Socialwissenschaft anerkennen, so werden wir für sie eine specifische Art der Ordnung des empirischen Materials konstituieren müssen. Ich gehe nun von der Annahme aus, dafs das Specifische der Theorie in der Ordnung unter dem Gesichtspunkt eines einheitlichen Erklärungsprincipes zu suchen sei. Denn offenbar wollen wir unter Theorie den höchsten Ausdruck des Vernunftgemäfsen im Gebiete der Erkenntnis verstanden wissen. Der Eigenart der menschlichen Vernunft entspricht es aber, wie kein Zweifel sein kann, das Einzelne, das Mannigfaltige; das Besondere als zu einer höheren Einheit zusammengeschlossen und in ihr enthalten sich vorzustellen. Wollen wir uns alsdann für ein bestimmtes, ordnendes P r i n c i p entscheiden, so werden wir zunächst zwischen Causa und Telos zu wählen haben: ob wir die Einzelphänomene socialen Geschehens auf letzte Ursachen zurückführen oder auf letzte Ziele ausrichten wollen. Ich sage: wir werden zu wählen haben. Damit lehne ich die Schlufsfolgerung ab, zu der uns Stammler mit dem ganzen bestrickenden Zauber seines quellklaren Denkens zu führen unternommen hat: dafs das ordnende Pr incip , das allein der socialen Wissenschaft entspreche, das teleologische sei. Wie ich schon an anderer Stelle ausgeführt habe: ich sehe keinen zwingenden Grund, deshalb sociales Geschehen, weil es stets unter einer ein Soll enthaltenden Ordnung stehe, oder menschliches Handeln, weil es stets auf die Verwirklichung von Zwecken gerichtet sei, letztlich unter teleologischem Gesichtspunkt zu ordnen. Dafs ich es kann, ist zweifellos, aber ebenso unzweifelhaft erscheint es mir berechtigt, auch jedes Sollen und Wollen kausal in meinem Denken zu ordnen, d. h. als Bewirktes oder Wirkendes aufzufassen. Jede Zweckreihe ist doch eben in anderer Betrachtung eine Motivreihe, was nun hier des näheren nicht zu erörtern ist. Wir werden zu wählen haben zwischen kausalem und teleologischem Ordnungsprincip. Da wird es sich also um die Kriterien handeln, nach denen wir die Wahl treffen wollen. Wenn ich sage, der Entscheid werde sich nach der Beschaffenheit des der Ordnung XIV Geleitwort. harrenden Stoffes zu richten haben, so ist damit eine sehr gewöhnliche Meinung ausgesprochen. Die Anwendung dieser Meinung aber auf den uns beschäftigenden Fall, die Ordnung der wirtschaftlichen (oder aller socialen) Phänomene, ist auffallenderweise noch nicht versucht worden. Sie würde nämlich offenbar zu der Konsequenz führen, dafs die Gesichtspunkte, unter denen ich die disparaten Einzelerscheinungen zu einem Ganzen in meinem Geiste zusammenfüge, verschiedene sein müssen, je nach der zeitlichen Verschiedenheit der wirtschaftlichen Phänomene, d. h. also je nach dem Charakter der historischen Wirtschaftsepochen, deren Inhalt ich einer theoretischen Betrachtung unterwerfe. Diesem Gedanken nun versuche ich Rechnung zu tragen; er ist, wie ich glaube, von erheblicher Bedeutung für die Klärung der Meinungen. Dem Gedanken also: dafs der Entscheid über das ordnende Princip in der Social Wissenschaft ein historisches Problem ist. Wenn wir die nationalökonomischen Systeme der letzten paar Jahrhunderte überblicken und sie auf die in ihnen zur Anwen- d ung gelangenden Erkenntnisprincipien hin durchmustern, so gewahren wir, dafs sie alle bis zu den Zeiten der Klassiker wie selbstverständlich, also naiv, unter teleologischem Gesichtspunkte die Phänomene gruppieren. Dann beginnt mit den Physiokraten und englischen Ökonomen nach James Stewart (der in seinen Grundgedanken noch durchaus teleologisch ist) das Kausalprincip langsam neben dem Zweckgedanken in den Schriften der national - ökonomischen Theoretiker sich Geltung zu verschaffen. Es ist aber die Wesenheit der klassischen und nachklassischen Ökonomie, dafs sie beide Principien durcheinander zur Anwendung bringt. Der erste sociale Theoretiker, der dann streng kausal denkt, ohne sich jedoch seiner ganzen Schulung nach der kritischen Tragweite seines Er- klärungsprincips bewufst zu werden, ist Karl Marx, der damit wie in so vielen Punkten eine Gedankenreihe zum ersten systematischen Abschlufs bringt, die vor ihm zahlreiche Denker, vor allem auch Saint Simon, begonnen hatten. Giebt uns dieser Entwicklungsgang der Theorie Fingerzeige für die richtige Umgrenzung des Anwendungsgebietes der beiden Principien? Ich denke doch. Ich glaube nämlich nicht, dafs die Ablösung der teleologischen durch die kausale Ordnung in der Socialwissenschaft im wesentlichen aus dem Reiferwerden des Denkens als ein allgemeines Entwicklungsgesetz unseres Geistes sich wird ableiten lassen, wie es -wohl versucht ist. Schon deshalb nicht, weil ich die teleologische Anordnung des Thatsachenmaterials Geleitwort. XV nicht für die an sich niedere Methode halte, die einer gröfseren Unreife des Denkens entspräche. Ich bin vielmehr der Meinung, dafs der Übergang von teleologischer zu kausaler Betrachtungsweise mit dem Wandel des Objektes zusammenhängt: dafs jene die selbstverständliche Art, die Dinge zu sehen, sein mufste, solange das Wirtschaftsleben als ein im wesentlichen von bewufsten Organen der Gesamtheit geschaffenes bezw. doch wenigstens stark gemodeltes Gebilde sich dem Beobachter darbot: in dem Beamtenstaat des 16., 17. und 18. Jahrhunderts. Das Wirtschaftsleben erschien damals durchaus und nur als ein zu bewirkendes, als ein nach Zwecken bewufst zu gestaltendes, mochte auch die erste Anregung zu socialwissenschaftlichem Denken von dem Bedürfnisse gegeben sein, bestimmte mysteriöse Erscheinungen des Geldmarktes etc., wie sie sich im Laufe des 16. Jahrhunderts notwendig einstellen mufsten, ursächlich zu erklären. „Mosso da questa maraviglia (eigentümliche Phänomene des Geldmarktes) ho cercato investigare, in quanto il debole lume del mio piccolo intelletto puö arrivare, donde pro- cedano gli effetti predetti, per li quali conoscere perfettamente e stato necessario prima intendere le cause“ schreibt Ant. Serra in der Dedicatoria zu seinem Kurzen Traktat vom Gelde. Aber der Grundgedanke auch der theoretisierenden „Merkantilisten“ von Davanzati und Scaruffi bis Petty und Child, bis Justi und Sonnenfels blieb doch der, dafs das überkommene System der stadtwirtschaftlichen Politik mit allen seinen befördernden und verhindernden Mafsregeln die naturgemäfse Form sei, in der sich der wirtschaftliche Prozefs abspielen müsse. Es ist das Wesen dieser ersten Periode modernen Staatslebens und moderner, kapitalistischer Wirtschaft, dafs sie ganz in den Gedankengängen des mittelalterlichen Gemeinschaftslebens befangen bleibt. Daher das Streben, vor allem die Bevölkerungsverhältnisse nach bestimmten Regeln zu gestalten; daher die positive Beeinflussung der Warenbewegung durch Zölle, Verbote, Prämien etc.; daher die Monopolisierung, Regalisierung, Privilegisierung der aufkommenden, kapitalistischen Industrie etc. Dafs der Theoretiker unter diesen Umständen mit Recht als seine vornehmliche Aufgabe ansehen mufste, die letzten Ziele zu formulieren und alle schon empirischen oder erst zu veranlassenden Vorgänge des wirtschaftlichen Lebens auf diese letzten Ziele auszurichten, liegt nahe. Es wurde schon bemerkt, dafs diese Erbschaft der teleologischen Anordnung dann noch auf die Klassiker übergeht und in deren Schriften in der beständigen Durchkreuzung kausaler Betrachtungsweise durch die XVI Geleitwort. immer wiederkehrende Ausrichtung der Einzelphänomene auf das Ideal der wirtschaftlichen Freiheit sich äufsert. In dem Mafse nun aber, wie die wirtschaftliche Freiheit sich in dem Wirtschaftsleben selbst durchsetzt, in dem Mafse, wie die sogen, „individualistische“ Gestaltung der Gesellschaft zur Wahrheit wird, korrekter ausgedrückt: in dem Mafse, wie der wirtschaftliche Prozefs sich der Regelung abseiten irgend welcher bewufst ordnender Organe entzieht, die Einzelwirtschaft immer mehr in die alleinige Abhängigkeit vom „Markte“ gerät, dessen „Gesetze“ nach Analogie der Naturgesetze wirken, unbeeinflufst von irgend einer ordnenden gesellschaftlichen Gewalt, blind, ehern, unerbittlich, in demselben Mafse drängt sich mit zwingender Notwendigkeit die kausale Betrachtungsweise als dasjenige Erklärungsprincip auf, das allein dem scheinbar nätürgesetzlich sich abwickelnden Verlaufe der wirtschaftlichen Vorgänge gerecht werden kann. Das Wirtschaftsleben erscheint nicht mehr als ein Gebilde, das nach Zwecken geformt wird, sondern als ein Prozefs, der nach bestimmt wirkenden Ursachen verläuft. Damit ist die Zeit erfüllt, dem kausalen Erklärungs- princip zu der herrschenden Stellung in der Socialwissenschaft der Gegenwart zu verhelfen, die ihm gebührt. Für unsere hier verfolgten Zwecke ist das aus dieser dogmengeschichtlichen Betrachtung herausspringende Ergebnis also dieses: dafs wir uns für die Kausalgruppierung des Stoffes entscheiden, und zwar nicht, weil die kausale Betrachtungsweise an sich die vollkommenere wäre, sondern weil die Eigenart des modernen verkehrswirtschaftlich-kapitalistischenWirtschafts- systems, um dessen Analyse uns zu thun ist, dank der nach Analogie von Naturphänomenen sich abspielenden Marktvorgänge und bei der durchgängig marktmäfsigen Verknüpfung aller wirtschaftlichen Erscheinungen, die einheitliche Anordnung der Einzelphänomene unter dem Gesichtspunkt von Ursache und Wirkung als die zweckmäfsigste Form der Gruppierung erscheinen läfst. Während ich mir beispielsweise sehr wohl denken kann, dafs in einer späteren Zeit, wenn es dereinst gelungen sein sollte, die Abhängigkeit vom Markte in eine beherrschende Regelung der Produktion und der Verteilung zu verwandeln, die blind wirkenden Marktgesetze aufzuheben, dadurch, dafs man den Markt beseitigt, dafs alsdann die teleologische Betrachtungsweise wieder mehr Berechtigung gewinnen könnte. In einem streng socialistischen Gemeinwesen wäre eine auf dem kausalen Princip aufgebaute Nationalökonomie schierer Unsinn. Geleitwort. XVII Dafs es sich übrigens bei dem Entscheid für eines der beiden Principien nicht um den Entscheid für nur-kausale oder nur-teleo- gische Ordnung handelt, bedarf wohl kaum der besonderen Hervorhebung. Man wird sich selbstverständlich immer beider Kategorien gleichzeitig bedienen: der teleologisch Ordnende wird die Einzelphänomene unausgesetzt kausal verknüpfen müssen und der kausal Gruppierende wird bestimmte Komplexe von Phänomenen stets — ich möchte sagen unwillkürlich — in teleologische Gedankenreihen eingliedern: in allen den häufigen Fällen, in denen er Vorgänge irgend welcher Art um Zwecke gruppiert. Wie soll ich beispielsweise eine kapitalistische Unternehmung anders beschreiben als unter teleologischem Gesichtspunkt? Oder eine Fabrik oder ein Warenhaus? Worauf es natürlich ankommt, ist der Entscheid über das oberste, letzte Princip. Ist denn_ aber sociale Theorie in dem. umschriebenen Sin ne bei kausaler_Betrachtungsweise_ überhaupt möglich? Das ist eine Frage, die wir oft verneinen hören, und die zu stellen gewifs nicht überflüssig ist. Wir werden uns, um sie beantworten zu können, zunächst genauer darüber verständigen müssen, welche Art von Erkenntnis wir in unserer Wissenschaft denn überhaupt anstreben. Ich will die Ansprüche, die ich stelle, wie folgt umschreiben: 1. Uns soll nicht_di g E rmittlung einer nach Mills Sprachgebrauch sogen. jjmpirischen Gesetzmäfsigkeit genügen, d. h. die blofse Feststellung einer regelmäfsigen Wiederkehr von Erscheinungen ohne die Erkenntnis der sie bewirkenden Ursachen. Solche soi-disant „Gesetze“ sind z. B. die in unserer Wissenschaft besonders bedeutsamen statistischen „Gesetze“ („auf 100 Mädchen werden 100-t-x Knaben geboren“); aber auch diejenigen „Gesetze“, die man als„mathe- matische“ oder, wenn man will, „identische“ bezeichnen kann, weil sie nicht mehr als ein bestimmtes Zahlen- oder Gröfsenverhältnis formelmäfsig zum Ausdruck bringen, gehören hierher, wie das „Gesetz“ der fallenden Lohnquote, fast alle sogen. Verkehrs-„Gesetze“ („die Absatzfähigkeit einer Ware wächst im quadratischen Verhältnis zu ihrer Transportfähigkeit“), die meisten Aussagen über den Mehrwert bei Marx, die in dem zweiten Bande dieses Werkes entwickelten „Gesetze“ der Städtebildung u. s. w. Was wir vielmehr postulieren, ist die ursächliche Verknüpfung der Phänomene. 2. Wir werden in der Böcialwissenschaft auf die Ermittlung einer (Natur-) Gesetzmäfsigkeit in dem strengen Kant sehen Sinne, d. h. mit den Requisiten der Allgemeinheit und Notwendigkeit, Sombart, Der moderne Kapitalismus. I. II XVIII Geleitwort. verzichten müssen aus dem aufserordentlich trivialen Grunde, weil wir kein Objekt besitzen, auf das wir jene strenge Gesetzmäfsig- keit anzuwenden in der Lage sind. Während es das Wesen der naturwissenschaftlichen Betrachtung ist, die ihr unterworfenen Phänomene in ihren Beziehungen zu einander als konstant sich vorzustellen, mufs die sociale Wissenschaft mit der elementaren Thatsache rechnen, dafs sie in jedem Augenblicke neuen Erscheinungen gegenübersteht, wie sie aus der unausgesetzt (insbesondere durch die einem steten Wechsel unterworfene äufsere Regelung des socialen Zusammenlebens) neu geschaffenen Bedingtheit der Einzelphänomene sich ergiebt. Wollte man aber etwa die jenen Wechsel selbst bedingenden Umstände in Gesetzform ausdrücken, so würde man sehr bald finden, dafs man einige wenige, allgemein menschlich vielleicht sehr bedeutsame, aber doch in ihrer Abstraktheit über das sociale Leben nur wenig aussagende Wahrheiten zu Tage gefördert hätte. 3. Diese Erwägungen werden in der Einsicht gipfeln, dafs wir uns (wie so viele andere Wissenschaften) mit einem Kompromifs begnügen müssen, der seinen Ausdruck findet in der Aufstellung einer specifischen socialen Gesetzmäfsigkeit mit beschränktem Geltungswert, die aber doch ein Maximum der unserer Vernunft erreichbaren Allgemeinheit und Notwendigkeit darstellt. W enn ich nun im folgenden angebe, in welcher Weise ich mir solcherart sociale Gesetzmäfsigkeit denke, d. h. (was i» meiner Auffassung gleichbedeutend ist) das Wesen der socialen Theorie zu kennzeichnen versuche, so bitte ich an dieser Stelle den geduldigen Leser, ganz besonders bemerken zu wollen, dafs es mir hier einstweilen nur um eine aphoristische Skizzierung der Behandlung des Problems zu thun ist, während ich dessen gründliche Erörterung späteren Auseinandersetzungen Vorbehalte. Das erste, was mir der Betonung wert erscheint, ist dieses: dafs wir uns niemals verleiten lassen sollten, als letzte Ursachen, auf die wir sociales Geschehen zurückführen wollen, etwas anderes anzusehen, als die Motivation lebendiger Menschen. In dieser Forderung begegne ich mich wohl mit der gemeinen Meinung. Gleichwohl erscheint ihre ausdrückliche Hervorhebung nicht überflüssig, weil immer wieder gelegentlich gegen dieses oberste Gebot unserer Wissenschaft gesündigt wird, wie ich an geeigneter Stelle im Verlauf dieses Werkes noch auszuführen Gelegenheit haben werde. Der Gründe, weshalb wir über die psychologische Motivation in der Suche nach letzten, pri- V-JS«. Geleitwort. XTX mär wirkenden Ursachen oder treibenden Kräften des socialen Lebens nicht hinausgehen, giebt es viele. Als die wichtigsten dürften die folgenden anzusehen sein: 1. Wollten wir irgend welche (äufsere) Verursachung menschlicher Seelenvorgänge als tiefere Ursache socialer Erscheinungen ansprechen (was sicher im Bereich der Möglichkeit liegt), etwa eine bestimmte technische Erfindung, so würden wir zu.einem unbegrenzten Regressus gezwungen werden, der sein Ende erst bei der Einsicht in die Bewegung der kleinsten Teile und der Gesetze, welche diese regeln (Simmel), finden könnte. 2. Auch von diesem Ubelstand abgesehen, stiefsen wir bei unserem Bestreben, eine lückenlose Kausalkette herzustellen, sobald wir auf die das menschliche Seelenleben erst bestimmenden Faktoren zurückgehen wollten, stets auf die noch nicht überbrückte Kluft der psychologischen Verursachung, die eine andere als die mechanische Kausalität ist. 3. Gingen wir des unschätzbaren Vorteils verlustig, von bekannten Kräften (den in der unmittelbaren Erfahrung gegebenen Motiven menschlichen Handelns) zu unbekannten Kräften als bewirkende Ursachen zurückzugehen. Als welches alles elementare Feststellungen sind, die mir der philosophisch geschulte Leser verzeihen möge. Es empfiehlt sich daher, für die Erklärung der socialen Erscheinungswelt als pi’imär wirkende Ursachen oder treibende Kräfte menschliches Handeln bezw. die Motive oder Zweckreihen, unter denen es erfolgt, anzusehen. Ist es nun aber verhältnismäfsig leicht, sich über die soeben festgestellten Punkte zu einigen, so bietet gröfsere Schwierigkeiten die Verständigung über die Art und Weise, wie die Zurückführung socialen Geschehens auf die Motivreihen der handelnden Menschen als auf die primär wirkenden Ursachen zu erfolgen habe. Wir stofsen hierbei auf einen Konflikt, der auf den ersten Blick unlösbar erscheint. Offenbar nämlich führt uns eine verfeinerte psychologische Analyse der wirtschaftlichen Vorgänge zu der Erkenntnis, dafs, wie in allem socialen Leben, so auch im Wirtschaftsleben die wirkenden Triebkräfte so zahlreich sind, wie die Nuancierungen, die das Seelenleben des Menschen aufweist. Das idealste wie das schmutzigste Motiv kann zur Veranlassung einer wirtschaftlichen Vornahme werden, und auf tausendfache Motivation ist ohne Zweifel das historische Wirtschaftsleben des Menschen zurückzuführen. Diese Einsicht hat die feinsten Köpfe in unserer Wissenschaft dazu II* XX Geleitwort. bewogen, eine möglichst umfassende Zergliederung der menschlichen Psyche ihrer Darstellung des socialen Lebens voranzuschicken und dieser analystischen Übersicht die Bemerkung hinzuzufügen, dafs die Motive wirtschaftlicher Vorgänge gar nicht einheitliche, sondern eben sehr komplexe seien, so komplex, wie das Seelenleben des Menschen überhaupt. Ich brauche an Stelle vieler nur an die Systeme der beiden berühmtesten lebenden Nationalökonomen Deutschlands: Gustav Schmollers und Adolph Wagners zu erinnern. Es fragt sich, ob diese unzweifelhaft tief dringende Methode der Forschung den obersten Anforderungen der Theorie gerecht zu werden vermag. Ich glaube nicht. Ihre Fehlerhaftigkeit äufsert sich zunächst darin, dafs es bei ihr niemals gelingen wird, die ursächliche Verknüpfung auch nur des einzelnen Phänomens mit jener Gesamtheit möglicher Motive durchzuführen. Was durch die Aufstellung einer umfassenden Motivtafel geleistet wird, ist höchstens die Möglichkeit einer Erklärung, nicht die Erklärung selbst. Denn in jener Übersicht über die etwa in Frage kommenden Motive menschlichen Handelns liegt doch noch nicht die Motivierung konkreter Vorgänge. Soll diese vorgenommen werden, so bedarf es dazu einer besonderen Analyse, und zwar jedesmal einer neuen Analyse bei jeder neuen Erscheinung: ein aufserhalb des Bereichs der Ausführbarkeit liegender Gedanke. Deshalb bleibt bei jener Art der umfassenden Generalmotivation zwischen der (vielleicht die Psychologie bereichernden) Analyse seelischer Vorgänge und den Phänomenen des socialen Lebens eine Kluft, die auszufüllen bisher noch niemand unternommen hat. Aber auch angenommen, die ursächliche Erklärung jedes einzelnen Phänomens wäre gelungen, so würde der eben gekennzeichneten Methode doch immer noch ein Fehler anhaften, der die schwerstwiegenden Bedenken gegen sie wachrufen müfste; sie würde nämlich das oberste Postulat theoretischen Denkens, das ist die Einheitlichkeit der Erklärung, unerfüllt lassen, da doch wohl die Einheitlichkeit der menschlichen Psyche, in der freilich alle jene als treibende Kräfte nachgewiesenen Motive zusammengefafst sind, den Sinn jener einheitlichen Anordnung der Erscheinungen, wie ihn das Wesen der Theorie enthält, kaum erschöpfen würde, mafsen die Einheitlichkeit hier nicht im einzelnen Subjekt, sondern in vielen, zunächst verschiedenen Subjekten gesucht und gefunden werden soll. Wollen wir aber einheitlich erklären, und können doch immer Geleitwort. XXI nur aus Motiven erklären, so werden wir, wie es scheint, dazu gedrängt, das gesamte sociale Leben oder wenigstens das Wirtschaftsleben aus einer einzigen Motivreihe abzuleiten. Das hiefse aber ganz gewifs den Theoretiker zu einem unerträglichen Banausentum verdammen. Denn wer, der nur einige Kenntnis von der Reichhaltigkeit der wirtschaftlichen Motivation hat, vermöchte sich damit einverstanden zu erklären, etwa den „ökonomischen Sinn“ oder die „Bedürftigkeit“ des Menschen oder den „Egoismus“ oder den „Trieb zur wirtschaftlichen Thätigkeit“ (!) oder ähnliches als ewig gleich bleibende und einzig treibende Kraft des wirtschaftlichen Geschehens anzunehmen ? Aus diesem Konflikt zwischen unserem Bedürfnis nach theoretischer Zusammenfassung und dem nach psychologischer Trennung vermag uns wiederum, soviel ich sehe* nur eine Beschränkung unserer Aufgabe zu befreien. Wir werden in Zukunft darauf verzichten müssen, eine allgemeine sociale Theorie aufstellen zu wollen, die für alle Zeiten Gültigkeit beansprucht, werden uns wenigstens darüber klar werden müssen, dafs eine solche allgemeine Theorie nur ganz wenige Grundzüge des Wirtschaftslebens wird umspannen und niemals dessen gesamte Fülle wird erschöpfen können. Sie wird eine Allgemeine Wirtschaftslehre sein, wie ich sie nenne: eine Art von Vorspiel zu der eigentlichen Symphonie. Als unsere vornehmste Aufgabe wird vielmehr die erscheinen: je für bestimmte, historisch abgrenzhare Wirtschaftsperi- oden je verschiedene Theorien zu formulieren. Alsdann wird sich auch das Postulat der Erklärung aus einheitlichen Ursachenkomplexen erfüllen lassen, ohne dafs wir die Gefahr geistloser Schabionisierung zu laufen brauchten. Was nämlich von diesen historischen Socialtheorien zu leisten ist, ist die Auffindung jeweils, d. h. in einer bestimmten Epoche prävalenter, das Wirtschaftsleben primär verursachender Motivreihen, wie sie zweifellos sich dem aufmerksamen Beobachter darbieten. Was also die Basis einer solchen historisch gefärbten Theoretik zu bilden haben wird, könnte man als historischePsychologie bezeichnen, die sich als ein Zweig der Social- oder Völkerpsychologie in Zukunft erst noch recht zu entwickeln hätte. Zurückführen auf letzte Ursachen heifst danach im Sinne der hier vertretenen Auffassung: einheitlich geordnete Erklärung aus den das Wirtschaftsleben einer bestimmten Epoche prävalent beherrschenden Motivreihen der xxn Geleitwort. führenden Wirtschaftssubjekte. Was im einzelnen dieses bedeutet: Zunächst also sondern wir die in Betracht kommenden Motivreihen selbst: nach der Wesenheit ihrer Träger, sowie nach der Bedeutung ihrer Wirksamkeit. Nur die Motivreihen der führenden Wirtschaftssubjekte kommen in Betracht: in einer kapitalistischen Wirtschaft beispielsweise nicht diejenigen der Lohnarbeiter, sondern lediglich diejenigen der Unternehmer, nicht diejenigen der Konsumenten, sondern der Produzenten und Händler. Bei diesen selbst dagegen werden als treibende Kräfte nur diejenigen Zweckreihen angesprochen, die wir als die konstant wirksamen und damit ausschlaggebenden zu erkennen glauben. Warum soll ein kapitalistischer Unternehmer nicht einmal eine Insektenpulverfabrik begründen, um eine Laune seiner Geliebten zu befriedigen? Warum soll er nicht eines Tags aus Caprice ein Warenhaus eröffnen, in dem er unentgeltlich Waren austeilt, gerade wie er ehedem seine Gelder im Yacht- oder Rennsport vergeudet hat? Aber das wären doch Abnormitäten gegenüber einem regelmäfsig wiederkehrenden Gewinnstreben. Und der sociale Theoretiker wird das Recht nicht nur, sondern die Pflicht haben, zwischen Normalem und Abnormalem, zwischen Regel und Ausnahme gerade auch in der Zwecksetzung zu unterscheiden. Ohne die aus der Komplikation des historischen Lebens folgenden Zufälligkeiten abzurechnen, so hat es Simmel einmal ausgedrückt, läfst sich überhaupt kein einziger sachlicher und principieller Zusammenhang in socialen Dingen behaupten. Ich bemerke noch, dafs dieses Verfahren, da» hier empfohlen wird, nichts gemein hat mit der sogen, „isolierenden Methode“, deren Funktion lediglich eine vorbereitende sein soll und kann, während mit der Anerkenntnis prävalierender, regelmäfsig wiederkehrender und damit das Wirtschaftsleben einer Zeit in seinem normalen Verlauf gestaltender Motivreihen als einziger treibender Kräfte eine dauernde Ausscheidung zufällig wirksamer Zwecke erfolgt. Unsere Methode wäre also eher als das Wesentliche abstrahierende, denn als jedes, Wesentliches wie Unwesentliches, isolierende zu bezeichnen. Dafs in der bewufsten Vernachlässigung gelegentlicher, zufälliger Motivreihen eine gewisse Brutalität zum Ausdruck kommt, dessen bin ich mir vollständig bewufst. Aber welche „Theorie“ wäre der Mannigfaltigkeit des Lebens gegenüber nicht brutal? Immerhin denke ich, dafs die folgenden Erläuterungen den ersten abschreckenden Eindruck der soeben aufgestellten Leitsätze in etwas wenigstens abzumildern in der Lage sind. Geleitwort. XXIII Womit ich beginne, ist sogleich eine Einschränkung des Anwendungsgebietes für die einheitliche Erklärung. Ich möchte nämlich die Erscheinungen des Wirtschaftslebens von vornherein in zwei grofse Gruppen teilen, deren eine die Art, die andere die Sonderbildungen umschliefst. Nur jene, die also den typischen Verlauf des wirtschaftlichen Prozesses darstellen, unterliegen überhaupt in einer für ihren Charakter ausschlaggebenden Weise dem Einflüsse der als treibend angenommenen Kräfte, während letztere von diesen unabhängig sich gestalten, also auch in ihrem Verlauf wesentlich aus anderen Ursachenreihen zu erklären sind. Man kann die Komplexe solcher als Sonderbildungen auftretender Erscheinungen auch unter dem Gesichtspunkt der Immunität gegenüber den prävalenten Motivreihen betrachten. Sie sind durchaus zu unterscheiden von den Abnormitäten, von denen eben die Rede war. Während die Abnormität von dem socialen Theoretiker ignoriert werden darf, erheischt die Sonderbildung in hervorragendem Mafse Berücksichtigung, will er nicht Gefahr laufen, das Einzelne in jene „tötende Allgemeinheit“ hineinzureifsen, von der uns Goethe spricht. Wo im einzelnen Falle eine Abnormität, wo eine Sonderbildung anzuerkennen ist, bleibt allein dem Takt des untersuchenden Theoretikers überlassen. Wie denn überhaupt dieser intellektuelle Takt ein so notwendiges Requisit für den Theoretiker ist, wie etwa das feine Gehör für den Musiker. In der Gegenwart erscheinen mir beispielsweise als eine bedeutsame Sonderbildung einzelne Phänomene im Gebiete der landwirtschaftlichen Produktion, nicht etwa das gesamte Agrarwesen, von dem vielmehr sehr grofse Gebiete durchaus einen typischen Verlauf aufweisen. Es ist eines der gröfsten Hindernisse für die Fortschritte der socialen Wissenschaft in unserer Zeit, dafs man das Agrarwesen entweder ganz in den Verlauf des wirtschaftlichen Gesamtprozesses hineingezogen oder ganz als Sonderbildung behandelt hat. Nun wolle man mir aber an dieser Stelle nicht etwa einwenden, dafs mit der Ausscheidung solcher, dem Einflufs der prävalenten Triebkräfte gegenüber immunen Gebiete des Wirtschaftslebens die Grundidee der hier vertretenen Auffassung vom Wesen der Theorie aufgegeben, verleugnet sei, weil man ja doch damit ▼on einer durchgängig einheitlichen Erklärung Abstand nähme. Solchem Einwande würde ich mit dem Hinweise begegnen können, dafs gerade erst die Anerkenntnis eines einheitlichen, d. h. typischen Verlaufs des Wirtschaftslebens das Auge für die Besonder- XXIV Geleitwort. heiten schärft. Gerade erst das Verständnis für die Art schafft die Möglichkeit, die Abweichung als solche zu begreifen. Und nun die typische Gestaltung des Wirtschaftslebens! Sie soll also einheitlich aus der Wirksamkeit der prävalenten Motivreihen erklärt werden. Da wird es nun vor allem zahlreicher Kautelen bedürfen, um die Gefahr der Schematisierung zu vermeiden. Was zunächst als eine selbstverständliche Wahrheit festzustellen ist, scheint mir dieses: dafs, so sehr auch die als typisch betrachteten Erscheinungen dem bestimmenden Einflüsse jener vorherrschenden Zwecksetzungen der führenden Wirtschaftssubjekte unterstehen, sie doch natürlich zugleich als das Produkt zahlreicher anderer Faktoren betrachtet werden müssen, von deren Wirksamkeit der Theoretiker nicht minder als von derjenigen der treibenden Kräfte Kenntnis zu nehmen hat. Nur dafs er sie füglich in ein anderes Verhältnis zu der durch sie mitbestimmten Erscheinung setzt, nämlich in dasjenige der objektiven Bedingung. Damit wird er dem Bedürfnis nach übersichtlicher Ordnung der Phänomene, denke ich, am besten Rechnung tragen und doch auch der Reichhaltigkeit der lebendigen Gestaltung am ehesten gerecht werden. Kommt in der Konstituierung treibender Kräfte als letzter Ursache socialen Geschehens die Idee der Einheit zum Ausdruck, so in der vollen Würdigung der objektiven Bedingungen die der Besonderheit. Die objektiven Bedingungen wirtschaftlicher Vorgänge werden wir aber unter verschiedenen Gesichtspunkten zu betrachten Gelegenheit nehmen müssen. Ich unterscheide zunächst nach ihrer Bedeutung für die Verwirklichung der in den verursachenden Wirtschaftssubjekten vorherrschenden Zwecke zwei grofse Komplexe von Erscheinungen: homogene und heterogene. Homogene Erscheinungen sind solche, die der Verwirklichung jener Zweckreihen günstig sind. Beispielsweise in einer kapitalistischen Wirtschaft die Städtebildung oder die Entstehung eines Massenbedarfs. Heterogene Erscheinungen dagegen nenne ich diejenigen, die der Erreichung der von den führenden Wirtschaftssubjekten erstrebten Ziele Hindernisse bereiten. Beispielsweise in dem gedachten Falle die Absorption des Kapitals durch aufserwirtschaft- liche Zwecke oder die Stärkung vorkapitalistischer Wirtschaftsformen (des Handwerks) durch aufsergewöhnliche Umstände, wie etwa die durch die Gesetzgebung geförderte Lehrlingszüchtung. Geleitwort. XXV Wo der Leser meines Buches auf eine Kapitelüberschrift „Hemmungen“ stöfst, findet er solche für die Entfaltung des Kapitalismus heterogenen Erscheinungskomplexe gewürdigt. Der zweite Gesichtspunkt, unter dem ich die objektiven Bedingungen unterscheide, ist ihr Artcharakter, je nachdem es sich nämlich um naturale oder sociale Bedingungen handelt. Erstere, die man auch als absolute Bedingungen des Wirtschaftslebens bezeichnen kann, entstammen drei verschiedenen Quellen: der umgebenden Natur, der Eigenart der Rasse und dem Ausmafse technischen Könnens. Letztere, auch relative Bedingungen dagegen werden durch eigenartige Beziehungen der Menschen untereinander, also schon selbst Erzeugnisse des Vergesellschaftungsprozesses, geschaffen. Die Beispiele, die ich eben sowohl als heterogene wie als homogene Erscheinungen anführte, waren sämtlich socialer Natur. Endlich aber müssen wir uns klar werden, dafs die objektiven Bedingungen in genetischer Betrachtungsweise grundsätzliche Unterschiede erkennen lassen. Es kann sich nämlich um originäre oder abgeleitete Bedingungen handeln. Letztere, die abgeleiteten, sekundären, tertiären etc. Bedingungen haben wir selbst wieder als Erzeugnisse der treibenden Kräfte zu betrachten, also als Bewirktes zu erklären. In dieser Auflösung der abgeleiteten Bedingungen erblicke ich eine der wesentlichsten Aufgaben des socialen Theoretikers. Hier ist der Punkt, wo die Forschungsweise die allerentschiedensten Wandlungen erfahren mufs. Was nämlich von dem Wirtschaftstheoretiker der Zukunft verlangt werden wird, sind wieder lange Gedankenreihen, die heute ganz aus der Mode gekommen zu sein scheinen. Der Theoretiker von heute bästelt fast immer ein beobachtetes Einzelphänomen an die nächstliegende Ursache an, wenn er es nicht vorzieht, durch Messung an einem bereitgehaltenen (meist ethischen) Mafsstabe seiner Herr zu werden. Er erklärt beispielsweise (was schon ein seltener Fall theoretischer Vertiefung ist) die moderne Konfektionsindustrie aus dem Frauenüberschüsse der Grofsstädte oder erledigt das Problem des Hausierhandels mit einer Erörterung seiner „volkswirtschaftlichen“ bezw. „ethischen“ Vorteile und Nachteile. Nach der hier vertretenen Auffassung ergeben sich völlig andere Aufgaben. Zunächst er- XXVI Geleitwort. scheinen jene „Ursachen“ in unserer Betrachtung als objektive Bedingungen für die Verwirklichung der von kapitalistischen Unternehmern verfolgten Zwecke. Alsdann fühlen wir uns verpflichtet, eine solcherart konstatierte Bedingung, wie beispielsweise den „Frauenüberschufs“, erst selbst wieder als Wirkung zu erklären : wenn möglich, schliefslich der treibenden Kräfte des modernen Wirtschaftslebens. Wir kommen also etwa zu folgendem Regressus (dessen Erläuterung die Lektüre des zweiten Bandes dieses Werkes bringen wird): erste Ursache: Auflösung der Familie, die wiederum verschiedene Ursachen hat; jeder Ursache wird im einzelnen nachgegangen; ich verfolge diejenige, die uns in der Entstehung städtischen Wesens entgegen tri tt; also gilt es nun den Gründen nachzugehen, weshalb in unserer Zeit Städte entstehen; diese Betrachtung führt abermals zur Aufdeckung zahlreicher Ursachen bezw. Bedingungen; eine davon ist die Auflösung der alten bodenständigen Verfassung; Frage: warum löst sich diese auf? Antwort: weil (unter anderem) sich die intensive Landwirtschaft entwickelt; warum entwickelt sich die intensive Landwirtschaft? (unter anderem): weil an einer Stelle sich gewerblicher Kapitalismus zu entfalten beginnt; warum entfaltet sich sich an dieser Stelle gewerblicher Kapitalismus? weil Kapital nach Verwertung strebt; warum strebt Kapital nach Verwertung u. s. w. Dieses also nur exempli gratia. In dem eben angezogenen Falle würde in langer Kausalreihe die zunächst als objektive Bedingung erfolgreicher Entfaltung kapitalistischen Wesens (in der Organisation der grofsstädtischen Konfektionsindustrie) erkannte Erscheinung (Frauenüberschufs) als endgültige Wirkung selbst schon kapitalistischer Triebkräfte nachgewiesen. Diesen Nachweis soll nun der Theoretiker im weitesten Umfange zu führen suchen. Er wird erst dadurch volles Licht in das Getriebe des Wirtschaftslebens, in dessen innerste Zusammenhänge zu verbreiten vermögen; er wird erst am Ende dieser mühsamen Arbeit zu erkennen vermögen: Wie alles sich zum Ganzen webt, Eins in dem andern wirkt und lebt. Er wird mit einem Worte das Verständnis für den „gesetzmäfsigen“ Verlauf einer Wirtschaftsepoche gewinnen und verbreiten können. Und zwar wird er bestrebt sein müssen, jedwedes Phänomen, das er zunächst als notwendige Bedingung für das Zustandekommen eines wirtschaftlichen Erfolges zu begreifen vermochte, als Schöpfung der treibenden Kräfte der Wirtschaftsperiode, als Wirkung der ■f ' -■'V ■w Geleitwort. XXVII letzten Ursache alles wirtschaftlichen Geschehens zu erklären. Es mag sich um naturale oder sociale Bedingungen handeln. Auch Volkstum, Natur und Technik können sehr wohl in ihrer bestimmenden Eigenart als Ergebnis der treibenden Grundkräfte nachweisbar sein. Ebenso natürlich, wie jedes beliebige sociale Phänomen, eine Rechts- und Sittenordnung, eine Bevölkerungserscheinung, ein geistiger Kulturzustand oder was sonst. Aber worüber nun keinen Augenblick Zweifel herrschen kann, ist die Gewifsheit, dafs nicht alle objektiven Bedingungen des wirtschaftlichen Geschehens sich als Wirkungen der primären Ursachen werden nachweisen lassen; nicht jeder Vorgang des staatlichen oder geistig-kulturellen Lebens, nicht jede Erscheinung volklichen, natürlichen oder technischen Charakters, kurz längst nicht alles, durch dessen Eigenart auch der typische Verlauf des wirtschaftlichen Prozesses wesentlich mitbestimmt wird. Alsdann haben wir es mit dem zu thun, was wir originäre oder primäre Bedingungen nennen wollten. Es bedarf nun aber noch der besonderen Feststellung, dafs das Vorhandensein solcher originärer Bedingungen vom socialen Theoretiker nicht nur auf empirischem Wege erwiesen werden kann, sondern als ein a priori seiner specifischen Wissenschaft angesehen werden mufs. Wir müssen uns nämlich darüber klar sein, dafs an einer bestimmten Stelle des kausalen Regressus, dort nämlich wo wir die prävalenten Triebkräfte einer Wirtschaftsperiode ihre Wirksamkeit beginnen lassen, eine Reihe von Umständen sich als vorhanden ergiebt, deren Auflösung in der oben gekennzeichneten Art aus Gründen der wissenschaftlichen Arbeitsteilung nicht möglich ist, die also vom socialen Theoretiker als originäre Bedingungen der Wirksamkeit jener treibenden Motive notwendig zu konstituieren sind. Was auch so ausgedrückt werden kann: irgend welche psychische Ursachenreihe, die sociales Leben bewirken soll, kann von uns immer nur als in einer ganz bestimmten, historisch gewordenen Umwelt wirksam vorgestellt werden. Das ist dasjenige Moment, das überhaupt eine selbstständige Socialwissenschaft ermöglicht. Und es erscheint mir als einer der verhängnisvollsten Irrtümer bedeutender theoretischer Richtungen in der modernen Nationalökonomie (ich denke vor allem an die sogen, „österreichische Schule“), dafs sie diesen Umstand aufser Rücksicht lassen. Eine Verfolgung wirtschaftlicher Motivationen ohne Bezugnahme auf das sociale Milieu, in dem sie wirken, also gleichsam im luftleeren xxvm Geleitwort. Raume, ist ein Unding, ist einfach logisch falsch gedacht. In dieser Auffassung glaube ich mich mit Stammler zu begegnen. Wenn ich also beispielsweise den kapitalistischen Geist als treibende Kraft des modernen Wirtschaftslebens anspreche und ihn in seiner Wirksamkeit verfolgen will, so mufs ich zu allererst in Rücksicht ziehen, dafs er sich zu entfalten begann in einer so eigenartig gestalteten Welt, wie es das europäische Mittelalter war, d. h. in einer bestimmten Natur, unter bestimmten Rassen, mit einem bestimmten Ausmafs technischen Könnens, auf einem bestimmten Niveau geistiger Kultur, im Rahmen einer bestimmten Rechts- und Sittenordnung, dafs er also weltenverschiedene Wirkungen hätte erzeugen können, wären diese Voraussetzungen seiner Bethätigung in anderer Form erfüllt gewesen. Es giebt danach wohl eine Theorie des modernen Kapitalismus, nimmermehr aber eine solche des Kapitalismus schlechthin. Dafs aber endlich eine ökonomische Theorie in dem hier umschriebenen Sinne immer sich zu einer Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung auswachsen mufs, wenn sie ihre letzten Ziele verfolgt, ist nach dem Gesagten wohl ohne weiteres verständlich. Denn da ja eine der Hauptaufgaben unseres Theoretikers in der ursächlichen Erklärung objektiver Thatbestände des Wirtschaftslebens bestehen soll, so führt ihn seine Untersuchung mit Notwendigkeit auch zeitlich stets von einem Phänomen der Gegenwart zu einem Phänomen der Vergangenheit zurück. Als mit welcher Feststellung der erste Versuch einer theoretischen Begründung historischer Betrachtungsweise im Gebiete der Nationalökonomie unternommen wäre. Dabei ist dann nur noch zu bemerken, dafs rein begriffliche oder im engeren Sinne systematische Untersuchungen als vorbereitende Thätigkeiten sehr wohl ihre Berechtigung haben. Aber man soll endlich aufhören, uns diskursive Erörterungen über Wert, Preis, Grundrente, Arbeit, Kapitalzins und was weifs ich, was sonst in unseren Kompendien steht, als W irtschaftstheorien anzupreisen. Sie gehören in ein Sonderkapital der Nationalökonomie, das man als ökonomische Propädeutik bezeichnen könnte. In der eigentlichen theoretischen Darstellung bedeutet es einfach eine Unbeholfenheit des Autors, wenn er den Leser merken läfst, dafs er sich für seine wissenschaftliche Untersuchung vorher ein Handwerkszeug geeigneter Begriffe hat zurechtmachen müssen. Ich selbst betrachte es als eine wesentliche ästhetische Beeinträchtigung meines Werkes, dafs ich ihm in der Einleitung zum ersten Bande eine allzu gründliche Analyse der Geleitwort. XXIX Begriffe: Betrieb, Betriebsformen, Wirtschaftssysteme, Wirtschaftsformen u. s. w. vorausgeschickt habe. Es erschien mir aber in diesem Falle unvermeidlich, weil ich eine neue Terminologie in die Wissenschaft einführe und naturgemäfs die späteren Ausführungen unverständlich geblieben wären, hätte der Leser nicht zuvor Kenntnis von meinen privaten Begriffsbildungen erhalten. Ein empfindlicher Schönheitsfehler bleibt die gräfsliche „Einleitung“ darum aber doch. Zum Schlüsse noch ein Wort über meine Stellung zur „historischen Schule“ der Nationalökonomie. Wie der Leser schon aus den wenigen Andeutungen dieses Geleitworts entnehmen konnte, ist das, was ich mir unter einer „socialen Theorie“ vorstelle, in jeder Faser von historischem Geiste durchtränkt, wenn man darunter versteht: die Auffassung jedes wirtschaftlichen Phänomens als eines Produkts bestimmter, historischer Zusammenhänge, die Betrachtung also des gesamten Wirtschaftslebens unter dem Gesichtspunkt des üdvra qei , des Sich- ewigwandelns. Aber ich glaube doch, dafs mein aufrichtig von mir bewunderter und verehrter Lehrer Schmoller, wie er es selbst einmal in Bezug auf M e n g e r und seine Schule ausgedrückt hat, mich ohne weiteres zum Tempel hinauswerfen würde, wenn ich meine Forschungsweise als „historische Methode“ in seinem Sinne ausgeben wollte. Was mich von ihm und den Seinen trennt, ist das Konstruktive in der Anordnung des Stoffs, ist das radikale Postulat einheitlicher Erklärung aus letzten Ursachen, ist der Aufbau aller historischen Erscheinungen zu einem socialen System, kurz ist das, was ich als das specifisch Theoretische bezeichne. Ich könnte auch sagen: ist Karl Marx. Ich fühle mich aber trotzdem in keinem Gegensätze zum „Historismus“, ebensowenig freilich zu aller ernsten nationalökonomischen Theoretik. Ich glaube vielmehr, dafs bei meiner Betrachtungsweise jene beiden Richtungen nicht mehr in Feindschaft gegeneinander zu verharren brauchen, sondern zu einer höheren Einheit in Harmonie verbunden sind. Hat aber diese Art wissenschaftlicher Betrachtung wirtschaftlichen Lebens einige Berechtigung, d. h. erweist sie sich als fruchtbar für die Erkenntnis der Zusammenhänge socialen Geschehens, so mufs sie auch fähig sein, jenen Konflikt zwischen Empirie und Theorie seiner Lösung näher zu führen, von dessen Konstatierung diese Betrachtungen ihren Ausgangspunkt nahmen. — — Wohl gemerkt: soweit ihn die Wissenschaft selber zu lösen XXX Geleitwort. vermag. Und das wird niemals völlig ihr gelingen. Denn hinter dem Gegensatz von Empirie und Theorie birgt sich doch die ur- ewige Feindschaft zwischen Erkennen und Leben, birgt sich der Konflikt des Menschen, der ihm aus dem Streben nach Lösung, wo es keine Lösung giebt, erwächst. Wir wollen Einheit, und das Leben schafft ewig neue Mannigfaltigkeit. So wird es auch hier am letzten Ende auf Resignation hinauslaufen. Die Menschheit wird niemals jenes Dranges entbehren, das Einzelne und das, was nur gesondert ein Leben hat, in eine tötende Allgemeinheit hinein- zureifsen, „was nie geschrieben wurde, lesen, Verworrenes beherrschend binden“ zu wollen. Möge sie sich nur immer bewufst bleiben, dafs dieses „Erkennen“ der Dinge, das ohne jene tötende Allgemeinheit nicht völlig denkbar ist, die armseligste Art bleibt, wie wir ein Verhältnis zu der Welt gewinnen. Möge sich der Gelehrte vor allem stets vor Augen halten, dafs er im Grunde ein erbärmlicher Wicht ist, der nichts besseres kann, als das tausendfältige Leben mit einem öden Formelkram zuzudecken; ein schreckhaftes Wesen, in dessen Hand verdorren mufs, was ehedem einen lebendigen Odem gehabt hatte. Glücklich noch der einzelne von denen, die zum Erkennen verurteilt sind, wenn er wenigstens von der Natur die Gabe erhielt, durch künstlerische Gestaltung selbst wieder den toten Konstruktionen eine Art von Leben einzuhauchen, wenn er damit ein wenig an dem grofsen Schaffen teilzunehmen vermag. Die Schuld, die jede Wissenschaft am Leben begeht, kann nur dadurch gesühnt werden, dafs sie in ihren Schöpfungen selbst ein neues Leben entfacht, indem sie sie zu Kunstwerken zu gestalten strebt. Wobei ich gar nicht in erster Linie an die Kunst der äufseren Darstellung denke, sondern an den künstlerischen Aufbau der Gedanken selbst. Dafs ein wissenschaftliches System als solches schön sei, das, scheint mir, ist es, was wir erstreben sollten. Freilich, um dieses zu vollbringen, bedarf es eigenen künstlerischen Wesens, und davon steckt in uns Gelehrten von heute noch gar wenig. Es wird einer Erziehung durch Generationen bedürfen, ehe wirklich ein Geschlecht von Künstlern Wissenschaft treibt, ehe (in unserem Falle) die ethische Nationalökonomie von einer ästhetischen Nationalökonomie wird abgelöst werden. Aber was wir heute schon in weiterem Umfange vermöchten, wäre dieses: lebendig auch in unseren Werken zu bleiben. Das wäre immerhin der erste Schritt zur Künstlerschaft. Heute könnten ja die meisten wissenschaftlichen Bücher auch von andern als ihren Geleitwort. XXXI Verfassern geschrieben sein, was doch ein beschämendes Zeugnis für uns ist. Für mich erscheint es nicht einen Augenblick zweifelhaft, dafs es das höchste Ziel meines wissenschaftlichen Strehens ist: auch in ihm als lebendiger Mensch fortzuleben. Und wenn von diesem trotz Wissenschaft bewahrten Menschtum auf die starren, kalten Formen des in diesem Werke errichteten Lehrgebäudes ein Schimmer fiele, so wäre mir dieses das freudigste Bewufstsein. Denn auch stillose, langweilige Vorstadtbauten vermögen uns einen Augenblick zu fesseln, wenn die Abendsonne ihre Strahlen auf ihnen ruhen läfst. * * * Was mir in diesem Geleitwort nun noch zu vollbringen obliegt, ist nur dieses: mit wenigen Worten den Gesamtplan zu entwickeln, der dem Werke zu Grunde liegt und einige Mitteilungen zu machen über die Anordnung des Stoffes, der in den beiden vorliegenden Bänden zur Verarbeitung gelangt ist. In dem wirtschaftlichen Leben der europäischen Völker folgen seit dem Niedergang der antiken Kultur drei grofse Epochen aufeinander: was die frischen Völker an Stelle der alten Wirtschaftsverfassung setzen, ist, wie bekannt, zunächst eine vorwiegend agrarische Kultur. Das Wirtschaftsleben wird beherrscht von zwei sich ergänzenden Grundgedanken: auf seiner Scholle den Unterhalt für sich und die Seinen durch der eigenen oder fremder Hände Arbeit zu gewinnen und durch Häufung abhängiger Landarbeiter Macht im Staate zu erringen. Die bäuerlich-feudale Organisation ist der Ausdruck dieses Strebens; sie beherrscht das gesamte Wirtschaftsleben. Die zweite grofse Epoche wird durch die Befreiung der wirtschaftlichen Arbeit von der Schollenhaftigkeit eingeleitet. In den mittelalterlichen Städten und in der durch sie beherrschten Tauschwirtschaft wird wieder die Existenzmöglichkeit selbständiger Wirt- schaftssubjekte ohne Grundbesitz geschaffen. Das Mittel dazu ist die Verselbständigung der gewerblichen Arbeit, wie sie in der handwerksmäfsigen Organisation zur Wirklichkeit wird. Der Grundgedanke dieser Wirtschaftsverfassung ist der: durch eigene, zunächst nur gewerbliche Arbeit für andere sich die standes- gemäfse, traditionelle „Nahrung“ zu sichern. Diese Idee, von der die handwerksmäfsige Organisation durchdrungen ist, wird dann wiederum für das gesamte Wirtschaftsleben die Leitidee. Das XXXII Geleitwort. Hoch- und Spätmittelalter ist die Wirtschaftsepoche gewerblicher Kultur. Auf sie folgt diejenige Epoche, in der wir heute noch leben: deren innerste Eigenart gekennzeichnet wird durch das Vorwiegen kaufmännischen Wesens, d. h. also kalkulatorisch - spekulativorganisierende Thätigkeit-, die erfüllt ist von dem Grundgedanken, dafs der Zweck des Wirtschaftens der Geldgewinn sei. Dieses Streben hat sich diejenige Organisation geschaffen, die wir am besten als kapitalistische bezeichnen. Auf die kapitalistische Kulturepoche folgt, wie wir aus den ersten Anzeichen zu erkennen vermögen, als vierte eine s o c i a - listisch-genossenschaftliche. Die Aufgabe dieses Werkes ist es nun, dem Leser einen Faden in die Hand zu geben, der ihn durch das Labyrinth der dritten grofsen Wirtschaftsepoche: der kapitalistischen zu führen vermöchte. Es wird versucht das kapitalistische Wirtschaftssystem von seinen Anfängen bis zur Gegenwart zu verfolgen, seine eigenen Bewegungsgesetze aufzudecken und die Gesetzmäfsigkeit seines Übergangs in eine zukünftige Wirtschaftsepoche darzustellen: unter kausalem Gesichtspunkt. Ich bitte: unter kausalem Gesichts- p unkt! Auf der Grundlage der durch diese historisch - theoretischen Betrachtungen gewonnenen Einsicht wird es dann unternommen, ein wissenschaftliches System praktischen Handelns, also ein System der Socialpolitik aufzubauen: unter teleologi s ch em Gesichtspunkt. Während die Krönung des Gebäudes ein System der Socialphilosophie bilden soll: unter kritischem Gesichtspunkt. Die beiden ersten Bände, die ein in sich abgeschlossenes Ganze bilden, führen die Untersuchung bis zu dem Punkte, da das kapitalistische Wirtschaftssystem zum vollen Siege über vorkapitalistische Wirtschaftsweisen und damit zu einer das gesamte Wirtschaftsleben beherrschenden Machtstellung gelangt ist. Die Anordnung des Stoffes in ihnen ist kurz folgende: Nach einer orientierenden, systematischen Übersicht über die Organisation der wirtschaftlichen Arbeit (Einleitung) gelangt in seinen Grundzügen dasjenige Wirtschaftssystem zur Darstellung, das dem herrschenden unmittelbar vorausgegangen ist, also den Ausgangspunkt für seine Entwicklung bildet: die vorwiegend gewerbliche Epoche des Wirtschaftslebens, in der die Wirtschaft als Handwerk erscheint. (Erstes Buch des ersten Bandes.) Daraufhin werden die Wurzeln des modernen Wirtschaftslebens blofsgelegt: es wird die Geleitwort. XXXIII Entstehung der subjektiven Voraussetzungen der kapitalistischen Organisation, nach ihrer mehr socialen Seite (Entstehung des Kapitals) sowie nach ihrer mehr psychologischen Seite hin (Genesis des kapitalistischen Geistes) geschildert. (Zweiter und dritter Abschnitt in dem zweiten Buche des ersten Bandes.) Von hier ab tritt eine Teilung des Stoffes ein. Es wird von nun ab in genetischer Betrachtung nur noch das Emporkommen des gewerblichen Kapitalismus verfolgt, vornehmlich während des letzten Menschenalters. (Vi e r t e r bis siebenter Abschnitt des genannten Buches.) Diese Bevorzugung eines bestimmten Wirtschaftsgebietes (der gewerblichen Produktion) beruht ausschliefslich auf Erwägungen methodologischer Natur: sie soll eine zweckmäfsigere Anordnung des Stoffes ermöglichen. Indem wir nämlich eine Seite der wirtschaftlichen Entwicklung zunächst für sich verfolgen, gewinnen wir einen festen Orientierungspunkt, von dem aus wir besser die gesetzmäfsige Umgestaltung des gesamten Wirtschaftslebens zu erkennen vermögen. Es wird dadurch möglich, Schritt für Schritt den begründeten Nachweis zu führen, durch welche Mittel es dem Kapitalismus gelingt, sich der Sphäre gewerblicher Produktion zu bemächtigen: indem er nämlich zu diesem Behufe das gesamte Wirtschaftsleben auf eine neue Basis stellt (Erstes Buch des zweiten Bandes) und sodann alle übrigen Gebiete des Wirtschaftslebens seinen Zwecken entsprechend umgestaltet (Zweites Buch des zweiten Bandes), um endlich, nachdem er solcherweise die Bedingungen seines Sieges geschaffen hat, in einer geschickten Kriegsführung diesen selbst zu erringen (Drittes Buch des zweiten Bandes). Indem in der angedeuteten Weise der zweite Band also zunächst nur eine Theorie der gewerblichen Entwicklung bringt, enthält er, wie ersichtlich, doch als Ergebnis eine Gesamtdarstellung der kapitalistischen Siegeslaufbahn. Notabene: soweit diese in einer geraden Richtung verläuft. Es wurde schon bemerkt, dafs bestimmte Erscheinungskomplexe des modernen Wirtschaftslebens durch eine Betrachtung unter dem Gesichtspunkt gleichförmiger Entwicklung, wie sie den beiden ersten Bänden dieses Werkes zu Grunde liegt, in ihrem Wesen nicht völlig erschöpft werden: namentlich nicht gewisse Seiten der agrarischen Produktion. Es wäre, wie auch schon hervorgehoben wurde, falsch zu sagen: das Agrarwesen überhaupt. Denn wie sehr dieses in entscheidenden Punkten in die kapitalistische Gesamtentwicklung hin- So mb Art, Der moderne Kapitalismus. I. III XXXIV Geleitwort. eingezogen worden ist, zeigt, wie ich hoffe, der erste Abschnitt des zweiten Buches im zweiten Bande zur Genüge deutlich. Aber andere Seiten der agrarischen Produktionssphäre weisen doch so viel Widerstandskraft gegen die Einflüsse kapitalistischen Wesens und damit so viel Lokalfarbe in ihrer Gestaltung auf, dafs es unverantwortlich wäre, sie nicht einer gesonderten Betrachtungsweise (unter dem Gesichtspunkt der Besonderheit) zu unterziehen. Was r ich im nächstfolgenden Bande dieses Werkes thun zu können hoffe. Aber es ist augenscheinlich, dafs man das Verständnis für die Besonderheit der Entwicklung erst zu gewinnen vermag, nachdem man das Wesen dieser selbst in ihren übereinstimmenden Zügen erkannt hat, wie es in den vorliegenden Bänden darzustellen versucht wird. * * * Es ist eine eigentümliche Erscheinung: früher, die Autoren, wenn sie ein Buch, dem sie ein Stück eigenen Lebens einverleibt hatten, in die Welt hinaussandten, gedachten vor allem der andern: der Mithelfer, der Leser, der Kritiker; verbeugten sich hierhin und lächelten verbindlich dorthin. Wir heute denken gerade in dieser Trennungsstunde nur an uns und unser Werk. Helfer * haben wir keine, und Leser und Kritiker sind uns gleichgültig. Wir haben nur eine positive Schmerzempfindung darüber, dafs wir nun diesen Teil von uns, in dem unser bestes Können aus vielen Jahren sich verkörpert hat, „der unbekannten Menge“ preisgeben sollen. Es ist ein Abschied fürs Leben. Das Buch war uns wie eine zweite Welt gewesen, „auf die unsere Seele ausstieg, indes sie den Körper den Stöfsen der Erde liefs“. Nun ist es für uns verloren. Und doch drängt es uns, das Werk von uns abzustofsen: wir würden sonst an seinem Besitz zu Grunde gehen. Zu trösten vermag uns hier wie in so vielen Fällen nur das Bewufstsein, dafs auch in den Beziehungen zwischen dem Autor und seinem Werke nicht zuletzt diejenigen Handlungen notwendig sich vollziehen müssen, die nicht zu unserm Glücke führen. ' f Breslau, Weihnachten 1901. Werner Sombart. Einleitung. Die Organisation der wirtschaftlichen Arbeit. Qui bene distinguit, bene docet. Sombart, Der moderne Kapitalismus. I. 1 t Erstes Kapitel. Wirtschaft und Betrieb. Alle vernünftige Arbeit ist eine Verwirklichung bewufster Zwecke und bedarf zu ihrer Durchführung eines Planes. Sofern es aber Arbeit ist, die in Gemeinschaft von Menschen verrichtet wird, also, dafs eine wenn auch nur gelegentliche und nur oberflächliche Inbeziehungsetzung zu anderen Personen notwendig wird, so bedarf eine solche Arbeit des weiteren zu dem subjektiven Plane dessen, der sie ausführt, noch der objektiven Regelung, welche für das Verhalten aller in der Gemeinschaft Arbeitenden bindende Kraft besitzt: es wird eine Ordnung derArbeit notwendig. Alle wirtschaftliche Thätigkeit des Menschen, d. h. alle durch die Notwendigkeit einer Beschaffung von Dingen der äufseren Natur — Sachgütern — zur Ergänzung unseres individuellen Daseins hervorgerufene Thätigkeit ist nun aber eine solche in der Gesellschaft, mithin eine objektiv geordnete. Sobald wir also von wirtschaftlicher Arbeit handeln, müssen wir notwendig in den Bereich unserer Überlegung auch die Ordnung ziehen, in der die Einzelarbeit eingeschlossen ruht. Wirtschaftliche Thätigkeit ist „geordnete Unterhaitsfürsorge“ (in dem oben umschriebenen Sinne). Den Inbegriff aller das wirtschaftliche Verhalten der Menschen äul'serlich regelnden Normen wollen wir dieWirtschaftsordnung nennen. Sie bildet einen Teil der Gesellschaftsordnung oder der socialen Ordnung überhaupt 1 . Wie die durch Sitte oder Recht geschaffene Wirtschaftsordnung dem Handeln des Individuums bei Erzeugung und Verzehr der Güter, „Produktion“, „Zirkulation“, 1 Ist nicht mit ihr identisch, wie ich schon gegen Stammler bemerkt habe in Brauns Archiv für sociale Gesetzgebung etc. Bd. X (1897) S. 6. 1 * r 4 Einleitung. Die Organisation der wirtschaftlichen Arbeit. „Konsumtion“ feste objektive Schranken setzt, so enthält sie vor allem auch den Entscheid, welche Organe — Einzel- oder Kollektivpersönlichkeiten — für die Gestaltung des Wirtschaftslebens mafs- gebend sind. Wir können diese Persönlichkeiten, von deren Willen also die wirtschaftliche Thätigkeit der eigenen Person oder Fremder bestimmt wird, bei denen, im Bilde gesprochen, der Schwerpunkt des Wirtschaftslebens liegt, Wirtschaftssubjekte nennen und unter ihnen Konsumtions- und Produktionswirtschaftssubjekte unterscheiden. Nur mit den letzteren haben wir es im Folgenden zu thun. Der Passivität der Wirtschaftsordnung gegenüber vertreten die Wirtschaftssubjekte alles, was das Wirtschaftsleben Aktives, Thätiges, Schaffendes in sich birgt, sofern von ihrer Initiative es abhängt, dafs sich überhaupt ein Leben entfalte, der Güterproduktions- und Reprodulctionsprozefs in regelmäfsigem Verlauf sich abwickeln könne. Auf ihrem zweckbewufsten Handeln beruht das Wirtschaftsleben, ihr Handeln aber wird bestimmt und geleitet durch Zwecksetzungen, die selbst wiederum in bestimmten Motivreihen ihren Grund haben. Wollen wir also das Wirtschaftsleben einer Zeit recht in seinem innersten Wesen verstehen lernen, so müssen wir die Motive blofs- legen, die das Verhalten der Wirtschaftssubjekte bestimmen. Dabei werden wir uns ebenso wenig beruhigen können bei der Bezeichnung eines „ökonomischen Sinns“, eines Erwerbstriebs als einheitlich treibender Kraft für alle Zeiten, denn das wäre falsch, oder eines farblosen „Egoismus“, denn das wäre nichtssagend, als wir uns damit genügen lassen dürfen, eine allgemeine Motivtafel aufzustellen, auf der eine bunte Reihe einzelner, individueller Motive verzeichnet steht, sondern wir müssen in unserem Bestreben, in dem Mannigfaltigen das Typische, in dem Wechsel die Regel zu suchen, darauf bedacht sein, die in einer bestimmten Zeit übereinstimmend wiederkehrenden Motivreihen der Wirtschaftssubjekte aufzudecken. Diese das Wirtschaftsleben einer Zeit in seiner charakteristischen Eigenart bestimmenden, also historisch bedingten, zu Grundsätzen und Maximen des Verhaltens der Wirtschaftssubjekte verdichteten, prävalierenden Beweggründe wollen wir Wirtschafts- principien nennen. Wir finden somit, dafs das Wirtschaftsleben der Menschen jeweils einer bestimmten Wirtschaftsordnung und bestimmten Wirt- schaftsprincipien untersteht. Eine Wirtschaftsordnung aber, die von einem hervorstechenden Wirtscliaftsprincipe beherrscht wird, stellt, wie wir es nennen wollen, ein Wirtschaftssystem dar. Nun noch einen Schritt und wir sind an unserem ersten Ziele! & Erstes Kapitel. Wirtschaft und Betrieb. 5 Um die in den Wirtschaftsprincipien zum Ausdruck kommenden Zwecke durch die wirtschaftliche Thätigkeit zu verwirklichen, mufs diese in einer bestimmten, zweckentsprechenden Weise organisiert werden. Dabei ergeben sich regelmäfsig wiederkehrende Vornahmen der Wirtschaftssubjekte und ihrer Organe, der von ihrem Willen abhängigen Personen; es entstehen bestimmte typische Beziehungen von Menschen zu einander: es ergiebt sich eine Summe von Rechtsverhältnissen, Sitten und Gebräuchen, die eine Summe bestimmter Handlungen und Vornahmen umschliefsen. Es entsteht dasjenige, was wir als Organisationsformen der Wirtschaft, kürzer als Wirtschaftseinheiten bezeichnen dürfen. Soweit sie insonderheit der Gütererzeugung dienen, ist in ihnen — darauf kommt es an — der gesamte Produktionsprozefs von dem Augenblick an, wo er als Plan in dem Bewufstsein des Wirtschaftssubjekts, das hier als Produktionsleiter erscheint, auftritt bis zu dem Augenblick, wo er mit der dem Zweck der Produktion entsprechenden Verwertung der Produkte abschliefst, also von Anfang bis zu Ende eingeschlossen. Was somit das Wesen einer bestimmten Wirtschaftsform charakterisiert, ist der Endzweck der wirtschaftlichen Thätigkeit, auf den das Wirtschaftsprincip hingedrängt hatte. Sofern dieser Endzweck nur verwirklicht wird, wenn die aufgewandte Mühe in einer den Absichten des Wirtschaftssubjekts entsprechenden Weise verwertet wird, können wir auch kürzer sagen: dieWirtschafts- form wird bestimmt durch den Verwertungsprozefs der wirtschaftlichen Thätigkeit. Damit nun aber eine solche überhaupt zustande komme, mufs notwendig ein Arbeitsprozefs erfolgreich zu Ende geführt sein. Offenbar ist dieses auch wiederum nur unter der Voraussetzung denkbar, dafs der Arbeitsprozefs zu einem planmäfsigen und geordneten bewufst gestaltet worden war. Zu diesem Behufe aber mufsten Arbeitskräfte durch einen einheitlichen Willen dazu angehalten werden, nach bestimmten Verfahrungsweisen ihre Arbeit zu be- thätigen, um ein Werk zu verrichten. Es entstand ein einheitlich geordneter Arbeitsprozefs, zu dessen regelmäfsiger Wiederholung dann bestimmte Veranstaltungen getroffen werden mufsten, die wir Betriebe nennen wollen. Jeder solcher Betrieb hat ebenfalls eine bestimmte Form, so dafs wir befugt sind, von verschiedenen Betriebsformen zu sprechen. Betrieb ist Arbeitsgemeinschaft-, Wirtschaft ist Verwertungsgemeinschaft. Es liegt mir viel daran, diese Unterscheidung zwischen Wirtschaft und Be- 6 Einleitung. Die Organisation der wirtschaftlichen Arbeit. trieb zu einem sichern Besitzstände unserer Wissenschaft zu machen, da ich ihr, wie sich im Folgenden zeigen wird, eine grofse Bedeutung für die richtige Beurteilung des Wirtschaftslebens beimesse. Die Notwendigkeit unserer Neuerung wird durch die schlichte Thatsache begründet, dafs sich Wirtschaftsformen und Betriebsformen historisch thatsächlich als etwas Wesensverschiedenes trennen lassen und dafs allein ihre begriffliche Trennung in entscheidenden Punkten ein richtiges wissenschaftliches Urteil ermöglicht. Einige Andeutungen werden es schon jetzt 1 evident erscheinen lassen, dafs Wirtschaft und Betrieb sich keineswegs decken, vielmehr in verschiedenartiger Kombination zu einander in ein Verhältnis treten können. In einer und derselben Wirtschaftsform können die verschiedensten Betriebsformen zur Anwendung gelangen und sind zur Anwendung gelangt: die Hauswirtschaft hat Klein- und Grofsbetrieb umschlossen (man erinnere sich der Oikenwirtschaften im Altertum und Mittel- alter!); das Handwerk nicht minder (Baugewerbe!); und ebenso bedient sich die kapitalistische Unternehmung abwechselnd für ihre Zwecke des Kleinbetriebes, wie des Grofsbetriebes, des letzteren bald als Manufaktur, bald als Fabrik. Womit denn auch schon ausgesprochen ist, dafs eine und dieselbe Betriebsform den verschiedensten Wirtschaftsformen angehören: beispielsweise die Fabrik als eine Form des Grofsbetriebes ebenso gut in der erweiterten Eigenwirtschaft, wie in der kapitalistischen Unternehmung, wie in der Gemeinwirtschaft ihren Platz finden kann. Mit andern Worten: es können verschiedene Zwecke (wie sie den Wirtschaftsformen zu Grunde liegen) mit den gleichen Mitteln (einer und derselben Betriebsform) verwirklicht werden; und verschiedene Mittel können demselben Zwecke dienen. Recht greifbar wird der Unterschied zwischen Wirtschaft und Betrieb, wenn wir uns vergegenwärtigen, wie häufig Wirtschaftseinheit und Betriebseinheit ungleiche Gröfsen sind, so dafs Eine Wirtschaft mehrere Betriebe einschliefsen 2 , Ein Beti’ieb mehreren Wirtschaften angehören kann. Dafür mögen folgende Beispiele sprechen: 1 Vgl. im übrigen die folgenden Abschnitte dieses Werkes. 2 Vgl. auch den § 3 der G.O.: „Der gleichzeitige Betrieb verschiedener Gewerbe, sowie desselben Gewerbes in verschiedenen Betrieben oder Verkaufsstätten.“ Erstes Kapitel. Wirtschaft und Betrieb. 7 Wirtschaften, die mehrere Betriebe umfassen: Eine Hauswirtschaft enthält mindestens landwirtschaftlichen und gewerblichen Betrieb; Ein Herrenhof (Fronhof, oty.og) umschliefst meist eine ganze Anzahl von Betrieben, als Landwirtschaft auf dem Salland, Landwirtschaftsbeti’iebe der pflichtigen Bauern, Müllerei, Brauerei, gewerbliche Thätigkeit der Frauen, Schmiedereibetriebe etc. Eine kapitalistische Unternehmung kann zahlreiche Betriebseinheiten bei hausindustrieller Organisation, im Filialsystem bei Handelsunternehmungen etc. umschliefsen, aber auch bei grofsindustrieller Betriebsanordnung mehrere Werke, Abteilungen eines Etablissements, die als selbständige Betriebe anzusehen sind. Eine Genossenschaft (Konsumverein!) hat häufig verschiedene Betriebe: Bäckerei, Fleischerei etc. Betriebe, die mehreren Wirtschaften angehören, sind seltener, kommen aber doch vor. Ich denke z. B. an die Zunfteinrichtungen des Mittelalters: die Schleifereien, Tuchrollen, Mang- und Färbehäuser, an die Walkmühlen und Wollküchen, die von sämtlichen Handwerkern genützt wurden; auch die Spinnstube kann man hierher rechnen und wohl auch die mittelalterliche Organisation der Saline 1 ; ich denke an Lohnschneidereien, wenn sie von einer Anzahl Tischlern eingerichtet für diese thätig sind; an Zwischenmeisterwerkstätten, die für mehrere Verleger arbeiten u. dgl. Von wie entscheidender Bedeutung nun aber unsere Einteilung für die Beurteilung wirtschaftlicher Zusammenhänge ist, möge die eine Thatsache erweisen, dafs eine bestimmte Betriebsform — sage die Fabrik — ganz verschieden zu werten ist, je nachdem sie beispielsweise kapitalistischen oder gemeinwirtschaftlichen Zwecken dient, dafs man also gar nicht von der Leistungsfähigkeit einer bestimmten Betriebsform spricht, wenn man etwa die Arbeitsresultate einer kapitalistisch geleiteten Fabrik ins Auge fafst — z. B. Lieferung von Schleuderware — sondern es vielmehr dabei mit den verschiedenen Zwecksetzungen verschiedener Wirtschaftsformen zu thun hat. Und ach! wie häufig sind Verwechslungen solcher Art beispielsweise zwischen Handwerk und Kleinbetrieb, zwischen Grofsbetrieb und kapitalistischer Unternehmung! 1 Vgl. über diese Gust. Schmoller, Die geschichtliche Entwicklung der Unternehmung VIII, in seinem Jahrbuch XV (1891), 651 ff. 8 Einleitung. Die Organisation der wirtschaftlichen Arbeit. Ein grofser Teil der Unklarheiten, die uns heute bei der Beurteilung unserer wirtschaftlichen Entwicklung begegnen, ist zweifellos auf die ungenügende Systematik der Wirtschafts- und Betriebsformen zurückzuführen. Die Untersuchungen des Vereins für Socialpolitik über die Lage des Handwerks beispielsweise hätten noch manche weitere Einsicht verbreiten können, wären sich die Autoren völlig im klaren gewesen über den Unterschied der verschiedenen Organisationsformen gewerblicher Arbeit, wie er jetzt vor unseren Augen ausgebreitet liegt. Man darf jedoch den jungen Leuten, die jene Enquete mit ihren Arbeiten unterstützt haben, nicht allzusehr ihren Mangel an klarem Überblick verübeln, wenn man bedenkt, dafs auch den Meistern noch manches zur völligen Durchdringung des Stoffes fehlt. Was wir an systematischen Darstellungen der Lehre von der Organisation wirtschaftlicher Arbeit besitzen, läfst durchgängig unbefriedigt, vor allem, weil keine getragen ist von dem entscheidenden Gedanken einer Trennung der Organisationsformen, wie sie diesen Ausführungen zu Grunde liegt. Ein Blick auf die bedeutendsten der früheren Theorien würde das bestätigen 1 . 1 Ich habe eine Übersicht über die früheren Lehren gegeben in meinen Aufsätzen: „Die gewerbliche Arbeit und ihre Organisation“ in Brauns Archiv XIV (1899), 316 ff. Dort habe ich die Gedankengänge dieser Einleitung teilweise ausführlicher entwickelt und begründet. Ich verweise den Leser, der sich weiter mit dem Probleme beschäftigen will, auf jene Studie. Das russische Publikum mache ich darauf aufmerksam, dafs die genannten Aufsätze unverändert in Buchform in russischer Sprache 1901 erschienen sind. Zweites Kapitel. Betrieb und Betriebsformen. A. Begriff und Wesen des Betriebes. Unter einem Betrieb wollen wir verstehen eine Veransta 1- tung zum Zwecke fortgesetzter Werkverrichtung 1 . In dieser Begriffsbestimmung ist Folgendes enthalten: An Thätigkeit, an Ausführung, an Werkverrichtung denken wir zunächst, wenn wir von dem „Betreiben“ einer Sache sprechen. Diese Vorstellung mufs auch der wissenschaftliche Begriff des Betriebes scharf zum Ausdruck bringen, damit einer Ablenkung der Gedanken in anderer Richtung vorgebeugt werde. Wir sollen weder an die Veranlassung, noch an die Verwertung der Thätigkeit denken, wo wir von „Betrieben“ reden. Aber nicht jede Thätigkeit an sich ist schon ein „Betrieb“. Vielmehr müssen einschränkende Merkmale hinzutreten, um aus aller irgendwie sich vollziehenden Thätigkeit „Betriebe“ auszusondern. Indem wir von einer Werkverrichtung sprechen, drücken wir schon aus, dafs es sich um einen Komplex von Thätigkeiten, um eine Summe von 1 Was hier erstmalig versucht wird, ist die Festlegung des ökonomischen Begriffes des Betriebes. Er unterscheidet sich von dem juristischen. Der Jurisprudenz hat sich die Notwendigkeit einer genauen Formulierung des Betriebsbegriffes vor allem durch die neuere Arbeitergesetzgebung aufgedrängt. Am ausführlichsten und scharfsinnigsten ist in der juristischen Litteratur das Thema abgehandelt bei H. Ros in, Das Recht der Arbeiterversicherung. Bd. I. Die reichsrechtlichen Grundlagen. Berlin 1893. §§ 33 ff. Rosin definiert den „Betrieb“ „im Sinne des Gesetzes* als einen „Inbegriff erlaubter wirtschaftlicher Thätigkeiten von verhältnismäfsiger Kontinuität und Dauer“ (a. a. 0. S. 209). Das „erlaubt“ giebt die rechtliche Färbung, die dem ökonomischen Begriff fehlt. 10 Einleitung. Die Organisation der wirtschaftlichen Arbeit. Arbeitsprozessen handeln mufs. Nun ist aber auch nicht jeder Komplex von Thätigkeiten zur Werkverrichtung ein „Betrieb“. Man mufs weiter einschränken. Das geschieht, indem man von fortgesetzter Werkverrichtung spricht 1 . Nun ist aber offenbar das Kriterium der Fortsetzung auch noch nicht genügend, um den Begriff des „Betriebes“ zu konstituieren, da es beispielsweise auch der Thätigkeit vieler Tiere innewohnt, ohne diese zu Betrieben zu gestalten. Die Thätigkeit des Tieres, das seine Höhle baut, seine Nahrung einsammelt, die Thätigkeit des Biber, der Bienen, des Maulwurfs ist doch sicherlich eine fortgesetzte. Werden wir aber von einem Betriebe dieser Tiere reden dürfen? Doch gewifs nicht. Also mufs ein anderes Specifikum dem Begi’iffe des Betriebes eigen sein, wodurch wir ihn von einer beliebigen Thätigkeit des Menschen und von einer selbst dauernden und kontinuierlichen des Tieres unterscheiden. Das ist nun aber, wie mir scheint, das Planmäfsige, Ordnunghafte, was jedem Betriebe eigentümlich ist. Dieses rückt unsere Begriffsbestimmung in den Vordergrund, indem sie ihn eine Veranstaltung nennt. Betreibt eine Person allein eine Arbeit, so ist die Ordnung, die diese Arbeit zum Betriebe macht, eine nur subjektive, sie erscheint lediglich als vernünftiger Plan des arbeitenden Individuums. Aber ein solcher ist sicherlich immer vorhanden, wo es sich um Arbeit zu wirtschaftlichen Zwecken handelt, mag auch die Arbeit so „planlos“ wie möglich, mag sie ungeregelt und launenhaft erscheinen. Der undisciplinierte Hausindustrielle stellt in manchen Fällen den Typus eines solchen scheinbar planlosen Arbeiters dar: wenn er bald feiert, bald bis tief in die Nacht arbeitet, wie ihm gerade die Lust dazu ankommt. Aber solche Unregelmäfsigkeit der Arbeit benimmt dieser doch nicht völlig das Merkmal des Planmäfsigen, sonst wäre es keine vernünftige, d. h. eben menschliche Thätigkeit. Jedem noch so liederlichen Betriebe eines Hausindustriellen liegt I !■ 1 Das tliut auch nach Meinung R o s i n s der Gesetzgeber in den Arbeiterversicherungsgesetzen, vgl. die Definition in Anm. 1 S. 9 — Vielleicht beeinflufst durch die, sagen wir „herrschende“ Auffassung der officiellen deutschen Nationalökonomie, wie sie in Schönbergs Handbuch immer ihren Ausdruck findet. Dort definiert Kleinwächter (I 3 , 203) wie folgt: „Nimmt die Produktion einen (mehr oder weniger!) dauernden Charakter an, so spricht man von einem Betriebe der Produktion und versteht darunter die (mehr oder weniger!) dauernde Vereinigung und Verwendung produktiver Kräfte zum Zwecke der Produktion in einer Wirtschaft.“ An Stelle des „dauernden“ glaubte ich besser das „fortgesetzte“ treten lassen zu sollen. Zweites Kapitel. Betrieb und Betriebsformen. 11 ein Arbeitsplan zu Grunde: danach sind die Produktionsmittel angeschafft, danach wird die Arbeitskraft verwendet, danach wird Arbeit gesucht u. s. w. Der Plan der Produktion objektiviert sich nun aber notwendig in einer Ordnung, sobald mehrere Personen ihre Arbeit zu gemeinsamem Wirken vereinigen. Denn damit alsdann die Thätiglceit des einzelnen sich planmäfsig einfüge in die Gesamtarbeit, mufs sie von vornherein an die richtige Stelle und die richtige Zeit und zur richtigen Art disponiert sein. Es ergiebt sich danach stets eine Betriebsordnung; sie mag gedacht, gesprochen, geschrieben, gedruckt sein; sie mag stillschweigend vereinbart oder ausdrücklich erlassen, sie mag autonom oder heteronom für die einzelnen Organe des Arbeitsprozesses sein — das bleibt sich gleich, genug sie ist da. Das Merkmal der Ordnung erweist sich nun aber noch des weiteren insofern für unsere Zwecke fruchtbar, als es uns in den Stand setzt, mit seiner Hülfe den einzelnen Betrieb als Einheit zu erkennen, ihn zu individualisieren, während das bei einer Begriffsbestimmung ohne unser Kriterium nur schwer möglich ist. Rosin kommt denn auch zu dem Ergebnis: „Nach welchem Gesichtspunkte (Moment) nun ein Betrieb zusammengehalten und von anderen gesondert wird, läfst sich ein für allemal nicht feststellen; ein einheitliches Individualisierungsmoment giebt es nicht 1 .“ Für uns dagegen giebt es sehr wohl ein solches; das ist die Einheit der Betriebsordnung, wie sie der Betriebsveranstaltung zu Grunde liegt. Wobei es nun freilich noch erst darauf ankommt, das Moment der einheitlichen Ordnung in allen seinen Nuancen genau zu bestimmen. Die Gesamtaufgabe der Betriebsanordnung, können wir sagen, ist die zweckentsprechende Zusammenfügung der einzelnen Produktionsfaktoren zu einem Ganzen durch ihre richtige Disposition über Raum und Zeit 2 . Im einzelnen bezieht sich die Betriebsanordnung 1 A. a. 0. S. 212. R. zählt dann nacheinander diejenigen Merkmale auf, die im Sinne der Versicherungsgesetze jeweils die Einheit des Betriebes bestimmen: 1. Identität des Betriebsunternehmers, für dessen Rechnung gewisse Komplexe von Thätigkeiten sich vollziehen. 2. Das persönliche Moment des Unternehmers und das sächliche des Betriebsgegenstandes zusammen. 3. Das herzustellende opus. 4. Betriebsmittel und Betriebsstätte. 5. Nur die Betriebsstättc (a. a. 0. S. 212—217). 2 „Die technische Organisation — ein anderer Ausdruck für das, was wir Betriebsanordnung nennen — besteht darin, die Arbeitskräfte für die erforderlichen Kunst- und Gewaltverrichtungen anzuwerben, sie mit den erforderlichen Werk- und Machtmitteln auszustatten, beide zu einem wirkungsfähigen technischen Körper zu gliedern und zu schulen.“ „Die technische Or- 12 Einleitung. Die Organisation der wirtschaftlichen Arbeit. auf folgende Punkte, in denen allen die Einheit der Anordnung nachweisbar sein mufs, damit wir von einem Betriebe reden dürfen: a) die Einleitung des Arbeitsprozesses; dazu gehört Verfügungsgewalt über Annahme, Anstellung, Entlassung der Arbeiter in quantitativer wie qualitativer Hinsicht, sowie Verfügungsgewalt über die zur Produktion nötige Werkstätte und die erforderlichen Arbeitsmittel; b) die G-estaltung des Arbeitsprozesses, d. h. die Bestimmung über den Ort, wo? und die Zeit, wann? gearbeitet werden soll; c) die Ausführung des Arbeitsprozesses, d. h. die Fürsorge für die thatsächliche Durchführung des vorgezeichneten Planes, für die vorschriftsmäfsige Abwicklung des Arbeitsprozesses; mit anderen Worten: es mufs auch die Leitung eine einheitliche sein, was sich äufserlich in der Identität der leitenden, aufsichtsführenden Organe kundgiebt. Das mag an einigen Beispielen verdeutlicht werden. Ein einheitlich geordneter Betrieb ist in der Regel der Betrieb eines Hausindustriellen. Denn alle drei Anforderungen werden von ihm erfüllt: ad a) er stellt die Arbeitskräfte nach Belieben an, so viel und welcher Art er will; er versieht sie mit den nötigen Arbeitsmitteln, wobei es gleichgültig ist, ob er etwa Werkzeuge und Rohstoffe vom Verleger geliefert erhält, was nur eine vermögensrechtliche Beziehung ausdrückt; er stellt ihnen die Werkstätte zur Verfügung; kurz er ist der Organisator des Arbeitsprozesses, der die Ausführung eines Werkes zum Inhalt hat; ad b) er bestimmt den Ort der Produktion — beispielsweise ob bei ihm oder in einer anderen Werkstatt gearbeitet werden soll — er bestimmt die Arbeitszeit: Anfang, Ende, Pausen; ad c) er führt die Aufsicht, bei ihm ruht, wie man sagen könnte, die Betriebspolizei. All diese Momente sind einheitlich geordnet in einem Hausindustriellenbetriebe, verschieden in den verschiedenen Betrieben. NB. Trotzdem diese den Anstofs zur Produktion möglicherweise von einer Stelle aus, von Einem kapitalistischen Unternehmer erhalten können. Es genügt also die Zuteilung der Arbeit an einzelne Hausindustrielle, auch wenn sie nach einem einheitlichen Plane erfolgt, nicht, um die Einheit eines Betriebes zu konstituieren. Diese heischt nicht nur, so ganisation besteht sonach in fortgesetzter Anschaffung und Zusammenfassung der Arbeitskräfte, der Bearbeitungsstoffe, der Hülfsstoffe, der Umsatzmittel, der stehenden Werkvorrichtungen, der chemischen Apparate, der Trieb- und Transportmaschinen (der Waffen und sonstigen Schutzwerkzeuge) zu einem kunstfertigen Körper.“ Schaffte, Bau und Leben des soc. Körpers. I, 873. Zweites Kapitel. Betrieb und Betriebsformen. 13 läfst es sich in einem Wort ausdriicken, einheitliche Produktionsleitung, sondern einheitliche Werkleitung 1 . Ebensowenig genügt dazu die einheitliche kaufmännische Spitze eines „Geschäfts“, d. h. einer Unternehmung: eine Unternehmung, die an ganz verschiedenen Orten je eine Spinnerei, eine Weberei, eine Druckerei etc. hat, ist nicht ein Betrieb, sondern zerfällt in eine Anzahl Betriebe. Das äufsert sich beispielsweise in einer vielleicht völlig verschiedenen Betriebsordnung bei den einzelnen Betrieben: wenn in diesem katholische Feiertage eingehalten werden, in jenem nicht 2 ; wenn in diesem eine chikanöse Behandlung der Arbeiter stattfindet, in jenem nicht; wenn in diesem gestreikt wird, in jenem nicht; wenn in diesem ein neues Verfahren eingeführt wird, in jenem nicht; wenn dieser ganz eingestellt wird, jener nicht; wenn in diesem die Arbeitszeit verkürzt oder verlängert wird, in jenem nicht u. s. w. u. s. w. Genügt danach einheitliche Produktionsorganisation nicht, um die Einheitlichkeit eines Betriebes zu begründen, so ist umgekehrt 1 Dafs die Betriebseinheit bei der hausindustriellen Organisation nicht von der Gesamtheit der dem Kommando des Verlegers unterstehenden Hausindustriellen, sondern von dem einzelnen Hausindustriellen dargestellt wird, prägt sich uns besonders deutlich ein, wo die hausindustriellen Betriebe sich zu gröfseren „Zwischenmeisterwerkstätten“ auswachsen. Diese oft recht stattlichen Betriebe wird jedermann notwendig als einheitliche, abgeschlossene Individuen ansehen müssen; zumal wenn sie bald für diesen, bald für jenen oder sogar zugleich für mehrere Verleger arbeiten. Letzteres ist auch bei einzelnen Hausindustriellen häufig der Pall: in welchem Betriebe würden sie alsdann arbeiten ? oder würde der Heimarbeiter in einen anderen Betrieb ein- treten, wenn er die Hosen des einen Verlegers weglegt und die Weste des anderen in Angriff nimmt?! Interessant ist es, zu beobachten, wie durch allerhand Auskünfte die Verleger die offenbaren Mängel der Nichteinheitlichkeit der hausindustriellen Betriebe zu verringern bemüht sind. So durch Anstellung sog. „Eintreiber“, über die der „Konfektionär“ vom 16. März 1899 folgendes bemerkte: „Eintreiber werden gesucht! Dieser Ausdruck mag wohl neu sein, bisher gab es in der Konfektion nur Einrichter. ,Eintreiber 1 werden solche junge Leute genannt, welche während der Saison täglich von morgens früh bis abends spät die Schneider besuchen müssen und dafür zu sorgen haben, dafs die Lieferungen pünktlich herauskommen, dafs die Schneider flott liefern, dafs sie notwendige und eilige Sachen zuerst vornehmen, dafs sie jetzt gestickte Kragen und keine Tüllkragen abliefern, die noch nicht gebraucht werden etc. Solche Eintreiber sind jetzt sehr gesucht.“ 2 Vgl. z. B. den viel besprochenen Fall der Aussperrung der Arbeiter auf dem Piesberg, welche der Georgs-Marienhütte angehörten. Der Streit war entstanden, weil auf diesem Bergwerk andere katholische Feiertage eingehalten werden sollten als auf den übrigen. Schliefslicli wurde der Piesberg gar nicht mehr in Betrieb erhalten, das Bergwerk ersoff. Siehe Deutsche Industriezeitung XVII (1898) Nr. 9, S. 193 f. 14 Einleitung. Die Organisation der wirtschaftlichen Arbeit. nicht etwa, wie aus den angeführten Beispielen irrtümlich gefolgert werden könnte, Einheit der Werkstätte immer notwendiges Erfordernis für die Einheitlichkeit eines Betriebes: diese kann auch vorliegen, trotzdem sich der Betrieb an verschiedenen Punkten abspielt. Geschieht dies nacheinander, so dürfte überhaupt kein Zweifel an der Einheit des Betriebes auf kommen; so bei der Arbeit des Störers, der russischen Artele u. dergl. Aber es gilt auch für die gleichzeitige Arbeit an verschiedenen räumlich getrennten Stätten. • * Das ist klar, z. B. bei einer vielleicht über dreifsig oder vierzig Hektare ausgedehnten Waggonmanufaktur, deren einzelne Werkstätten doch alle unter einer straffen Centralleitung stehen, trotzdem sie oft halbe Stunden lang auseinander liegen. Aber auch die getrennt liegenden Werke eines Hochofen- und Eisenhüttenwerks können unter Umständen einen Betrieb formieren. Beispielsweise der Hochofen und die Kokerei, oder der Hochofen und das Puddel- oder Schmelzwerk, oder das Stahl- und das Walzwerk u. s. w. Ein Bergwerk, das doch sicher einen einheitlichen Betrieb bildet, ist seiner Natur nach Uber mehrere räumlich voneinander getrennte Stätten ausgebreitet. Wenn auch die verschiedenen Arbeitsstellen, die nach einem Förderschacht gravitieren, in diesem auch ihre räumliche Vereinigung finden, so hat doch ein und dasselbe Bergwerk oft mehrere Förderschächte; und aufser dem Förderschachte gehören zu dem Betriebe beispielsweise eines Eisenerz- oder Zinkbergwerks noch die Aufbereitungs- und Waschanstalten, die oft stundenweit von der Förderstelle entfernt auf den Halden liegen. Die Bleicherei und Färberei einer Weberei können ganz getrennt von dem Websaale sein und doch mit der Weberei einen Betrieb bilden, ebenso wie die Spulerei, Schererei und Aufbäumerei. Dann giebt es auch Fälle, in denen die über ein grofses Gebiet ganz separiert arbeitenden Einzelarbeiter doch als Zugehörige zu einem Betriebe angesehen werden müssen, weil sie einer ihren Arbeitsprozefs bis in die Details regelnden — d. h. auch die Interna der Produktion umfassenden — einheitlichen Leitung unterstehen. Hierhin rechne ich z. B. die von einer Centrale ausgesandten Malergehülfen, die in den einzelnen Wohnungen ihre Arbeit ver- r richten; sie erhalten nicht nur den Plan der Produktion, sowie die Details der Ausführung ganz genau vorgeschrieben, sondern sie unterstehen auch der unausgesetzten Kontrolle des reiheumpassierenden Malermeisters, haben vorgeschriebene Anfangs- und Endtermine, Pausen u. s. w. So kann auch — wenn es auch nicht, wie oben schon gesagt wurde, die Regel bildet — doch gelegentlich eine Zweites Kapitel. Betrieb und Betriebsformen. 15 Zusammenfassung mehrerer isoliert arbeitender Hausindustriellen zu einem Betriebe erfolgen; sobald nämlich die interne Leitung der Arbeitsverricbtung eine einheitliche wird. Das würde ich beispielsweise behaupten für eine Organisation, wie sie etwa Thun als der älteren Kref'elder Seidenindustrie eigentümlich uns geschildert hat. Dort „stellte die Firma bei eintretendem Bedürfnis einen Webstuhl neu in der Wohnung des Meisters auf, ihm wurden dann Gesellen r zugeteilt, für deren Beaufsichtigung er einen Teil am Weblohn erhielt.bei schlechtem Geschäftsgänge wurde der 5., 4., 3. Stuhl bei den gröfseren Meistern stillgesetzt und ihnen die Arbeitszeit bestimmt. Eine Kontrolle war in dem Städtchen leicht auszuüben 1 .“ Ebenso könnte man versucht sein, den Betrieb der verschiedenen Handwerksmeister mancher mittelalterlichen Zunft als einen anzusprechen. Denn oft erstreckte sich das Aufsichts- und Kontrollrecht der Zunft nicht nur auf die Qualität der Ware, die Zuziehung von Hilfskräften, die Nutzung von Arbeitsmitteln, sondern auch auf die Arbeitszeit, deren Anfang und Ende, ihre Pausen etc. „In Aachen ertönte um 11 Uhr vormittags und um 9 Uhr abends eine Glocke, auf deren Läuten alle Tucharbeiten eingestellt werden mufsten 2 .“ Ist das nicht einheitliche Leitung des Arbeitsprozesses ? Umgekehrt wiederum können unter einem und demselben Dach, in einer und derselben Stube zwei oder mehrere Betriebe sich abspielen. Ich denke im letzteren Falle an zwei Nähmamsells oder zwei Sitzgesellen, die in demselben Zimmer doch möglicherweise völlig verschieden geartete und disponierte Arbeitsprozesse verrichten. Aber wie oft begegnen wir auch in einem industriellen Etablissement abgeschlossenen Arbeitsverrichtungen, die ganz deutlich das Merkmal eines selbständigen Betriebes in einem andern an sich tragen. Wenn beispielsweise eine mit einem Patent arbeitende Bleicherei in eine Spinnerei eingeschlossen ist, an deren Spitze ein eigens engagierter Sachverständiger steht, die ihre besonderen Arbeitszeiten hat, die bald das Gespinst der Einen, bald das der andern Spinnerei bleicht: so müssen wir uns dafür entscheiden, hier einen selbständigen Betrieb zu sehen. Ebenso, wenn wir auf einem Schlacht- f hofe einer Häutesalzerei oder einer Talgschmelze 3 begegnen. 1 A. Thun, Industrie am Niederrhein. I (1879), 87 f. 2 A. a. 0. S. 10/11. 3 Im Bericht über die Verwaltung des städtischen Schlacht- und Viehhofs zu Breslau für 1896—1898 heifst es beispielsweise: „Die Talgschmelze ist an die Breslauer Produkten-, Spar- und Darlehnsbank auf zehn Jahre verpachtet. Gegenstand der Verpachtung ist nur die für diesen Zweck errichtete 16 Einleitung. Die Organisation der wirtschaftlichen Arbeit. Wenn es in dem Büchlein, das die statistischen Angaben über Friedrich Krupps Geschäft enthält (X. 1896), auf Seite 11 fF. heifst: „Zur Gufsstahlfabrik in Essen gehören folgende ,Betriebe': 2 Bessemerwerke, 4 Martin werke, 2 Stahlformgiefsereien, Puddel- werke, Schweifswerke, Schmelzbau für Tiegelstahl, Eisengiefserei, Geschofsgiefserei, Messinggiefserei, Glühhäuser, Härtekammer, Tiegelkammer, Blockwalzwerk, Schienenwalzwerk, Blechwalzwerk, Laschen- und Federstahlwalzwerk, Fachwerkstatt, Prefsbau und Panzerplatten- Walzwerke, Hammerwerke, Räderschmiede, Herdschmiede, Hufschmiede , Bandagenwalzwerk, Satzaxendreherei, Kesselschmiede, Feldbohrbau, mechanische Werkstatt T, Feilenfabrik, 4 Reparaturwerkstätten, Eisenbahnreparaturwerkstatt, Geschütz- und Munitionswerkstätten und zwar — folgt die Aufzählung von abermals 36 Werkstätten — Probieranstalt, Chemisches Laboratorium I und II, Werkstätten der Bauhandwerker und zwar 1 Zimmerwerkstatt, 1 Klempnerwerkstatt, 1 Bauschreinerwerkstatt, 1 Möbelschreinerwerkstatt, 1 Stellmacherwerkstatt, 1 Anstreicherwerkstatt, 1 Sägewerk; Sattlerei, Schneiderei, Dampfkesselanlagen, Elektrizitätswerk, Gaswerk mit 3 Gasmotoren, Wasserwerk mit 3 verschiedenen Wassergewinnungsanlagen, Fabrik für feuerfeste Steine und Briquettes, Ringofenziegelei, Kokerei, Steinbrüche, Feldofenziegelei, lithographische und photographische Anstalt nebst Buchbinderei, Güterexpedition, Fuhrwesen, Telegraphie, Telephonbetrieb, Feuerwehrund Sicherheitsdienst, Konsum-Anstalt“ etc. — so ist hier allerdings wohl der Begriff des Betriebes etwas enger gefafst als von uns Sicher aber ist andererseits dieses, dafs die „Gufsstahlfabrik in Essen“ keineswegs ein Betrieb ist, dafs sie vielmehr verschiedene Dispositions- und Leitungscentren hat, die in der Regel mit der Charge eines „Direktors“ in den grofskapitalistisclien Unternehmungen zusammenzufallen pflegen. W r as eines Mannes Umsicht zu leiten vermag, wird zu einem Betriebe zusammengefafst, dessen Leiter wesentlich selbständig ist und von dem Oberleiter — dem „Generaldirektor“ — lediglich allgemein gefafste Instruktionen empfängt. Die praktisch durchaus scharfe Trennung der verschiedenen, zu besonderen Betrieben ausgebildeten Departements eines grofsindustriellen W T erkes ist eine jedem Eingeweihten bekannte Thatsache, in der Baulichkeit, einschliefslich Wasserleitung, ferner der Betriebsdampf, dagegen auschliefslicli sämtlicher maschineller Einrichtungen, welche von der Mieterin hergestellt worden sind . . . Die Talgschmelze wurde am 1. Dezember 1896 in Betrieb genommen.“ (S. 26.) Der Schlachthof ist am 1. Oktober 1896 eröffnet worden. Zweites Kapitel. Betrieb und Betriebsformen. 17 unsere Begriffsbestimmung so recht die Bestätigung ihrer Richtigkeit erhält. „Das geht mich nichts an, das ist Sache meines Kollegen“ ist die oft gehörte Antwort eines solchen Departementschefs eines gröfseren Etablissements, der zuweilen auch schon in seinem Titel — „Betriebsdirektor“ — die Betriebseinheit in wissenschaftlicher Auffassung zum Ausdruck zu bringen pflegt. In einem gröfseren Montanwerke Oberschlesiens fand ich als selbständige, teilweise aber räumlich scheinbar ungetrennte Betriebe, deren Vorstände alle direkt von der — an einem andern Orte gelegenen — „Centraldirektion“ ressortierten, d. h. eben doch nur Produktionsanweisungen, nicht eigentlich Betriebsanleitungen empfingen, folgende: 1. die Eisenerzförderung; 2. den Hochofenbetrieb-, 3. die Kokerei; 4. das Puddel- werk; 5. das Stahlwerk; 6. das Walzwerk. Diese Organisation bildet überall die Regel, wo die Teilwerke zu solchem Umfang ausgewachsen sind, dafs sie die Thätigkeit eines technisch geschulten Mannes voll in Anspruch nehmen. Die württembergische Metallwarenfabrik ist in folgende „Betriebe“ eingeteilt 1 : 1. Abteilung für Herstellung galvanoplastischer Bronzen mit Gipsgiefserei, Imprägnierung, Grafitierung, Bäderraum, zus. 07 Arbeitskräfte; 2. Abteil ung für Röhrenfabrikation: Walzerei, Glüherei, Zuschneiderei, Zinngiefserei, Gelbgiefserei, Metalldruckerei, u. s. w., zus. 706 Arbeitskräfte; 3. Abteil ung für Fertigstellung: Versilberung, Druckerei, Finiererei, Poliererei, Etuismacherei u. s. w., zus. 518 Personen ; 4. Abteilung Glasfabrik: Glashütte, Glasschleiferei, Glasmalerei u. s. w., zus. 157 Personen; 5. Abteilung für Modelle: Zeichner und Modelleure, Cise- leure, Stahlgraveure, zus. 57 Personen; 0. Graphische Abteilung: Steindrucker, Buchdrucker, Buchbinder, Falzerinnen, Lithographen u. s. w., zus. 46 Personen; 7. Betriebsabteilung: Bürstenmacher, Schmiede, Kutscher, Wächter, Ausgänger u. s. w., zus. 52 Personen; 8. Bauabteilung: Schlosser, Schreiner, Maurer, Tagelöhner, zus. 86 Personen. 1 Ergänzungsband I zu den Württembergischen Jahrbüchern für Statistik und Landeskunde. Die Ergebnisse der Berufs- und Gewerbezählung von Sombart, Der moderne Kapitalismus. I. 2 18 Einleitung. Die Organisation der wirtschaftlichen Arbeit. B. Formen des Betriebes. Bei dem gänzlichen Mangel einer kritischen Betriebssystematik scheint es wünschenswert, unserem eigenen System eine Kritik der Kriterien, der principia divisionis, die für die Artenunterscheidung des Betriebes vornehmlich in Betracht kommen, vorauszuschicken. Es liegt nahe, daran zu denken, den Zweck, zu dessen Verwirklichung ein Betrieb ins Leben tritt, zum Unterscheidungsmerkmal für die einzelnen Betriebsarten und Betriebsformen auszuersehen. Dieser Zweck ist beim Produktionsbetrieb, wie wir wissen, die Gebrauchsgüterherstellung. Wollte man nun die Einteilung der Betriebe nach den Modalitäten ihres Zweckes vornehmen, so wären zwei Möglichkeiten denkbar: entweder man sähe bei den in einem Betriebe hergestellten Gebrauchsgütern auf ihr Wesen, das darin besteht, Gebrauchswert zu sein — Gebrauchsgut in abstracto — oder auf ihre äufsere Erscheinungsform, wie sie in der bunten Reihe der verschiedenen Gebrauchsgüter — Stiefel, Röcke, Bibeln — zum Ausdruck kommt — Gebrauchsgut in concreto. Im ersteren Falle gestaltet sich der Zweck der Gebrauchsgüterherstellung zu einem einheitlichen, in letzterem ist die Zahl der Einzel werke unendlich; in beiden Fällen aber erweist sich das Merkmal der Zwecksetzung als gleich ungeeignet, ein System der Betriebsarten zu schaffen: das eine Mal, weil der Zweck überhaupt nicht unterschiedlich, sondern uniform ist; das zweite Mal, weil die Unterscheidung nach dem Einzelzweck der konkreten Gebrauchsgüter nichts als eine wertlose Aufzählung einzelner Produktionsbranchen zu Tage fördern würde. Dazu kommt das weitere Bedenken, dafs der Zweck, auch wenn er singulär bestimmt wäre, über wichtige Merkmale des Betriebes gar nichts aussagen würde, auf deren Unterschiedlichkeit wir gerade besonderes Gewicht legen. So ist der Zweck indifferent gegenüber dem Moment der Gröfse, des Arbeitsverfahrens u. s. w. Aus diesen und anderen Gründen erscheint die Wahl des Betriebszweckes als Einteilungsprincip verfehlt; wir werden vielmehr ein solches in den Modalitäten der Betriebsgestaltung, also in der Eigenart der Mittel — wir nannten die Betriebsform mittelbestimmt! — ausfindig zu machen haben. Das haben unkritisch die meisten bisherigen Betriebssystematiker 1895 in Württemberg. 3. Heft. Bearbeitet von dem K. Statistischen Landesamt (1900), S. 182*. Zweites Kapitel. Betrieb und Betriebsformen. 19 gethan, indem sie die Betriebe nach dem Merkmal der Gröfse oder des Umfanges eingeteilt haben. Dafs damit ein aufserordent- lich bedeutsames Moment der Betriebsgestaltung getroffen ist, unterliegt keinem Zweifel. Trotzdem habe ich Bedenken, den Betriebsumfang zum fundamentum divisionis zu wählen. Und zwar aus folgenden Gründen: 1. weil es Schwierigkeiten macht, zu bestimmen, der Umfang welches Betriebsfaktors für die Einteilung entscheidend sein soll. Es bieten sich hier verschiedene Möglichkeiten dar. Man kann nach der räumlichen Ausdehnung die Betriebe unterscheiden, oder nach der Menge der Produkte, oder nach der Gröfse und Zahl der verwendeten Arbeits- und Kraftmaschinen, oder endlich — was am häufigsten geschieht — nach der Zahl der beschäftigten Personen. Je nach der Wahl eines dieser Faktoren würden die verschiedenen Betriebe je in eine andere Rubrik des „Grofs- betriebs“, „Mittelbetriebs“, „Kleinbetriebs" einzuordnen sein. Aber auch angenommen, eine Einigung über das als Unterscheidungsmerkmal zu wählende Gröfsenmoment sei herbeigeführt, es sei etwa die Anzahl der beschäftigten Personen als solches anerkannt, so wären alle Bedenken gegen dieses Kriterium noch nicht erschöpft. Zunächst bliebe 2. noch zu erinnern, dafs die Gröfse ja immer nur eine differentia gradualis, keine differentia specifica bildet: wo soll die Grenze zwischen Klein-, Mittel- und Grofsbetrieb liegen? Etwa da, wo sie traditionellerweise die Statistik hinverlegt hat? Und warum bei 5 und 20 Personen? Warum nicht bei 10 und 30? Will man darauf eine befriedigende Antwort geben, so müfste man die specifischen Unterschiede der verschiedenen Gröfsenklassen bezeichnen und würde ja damit schon das Kriterium der reinen Gröfse fallen lassen. Des weiteren aber krankt dieses Kriterium 3. noch an dem Ubelstande, dafs es doch nur sehr unbestimmt die Eigenart eines Betriebs zum Ausdruck bringt. Es ist vor allem indifferent gegenüber einem aufserordentlich wichtigen Charakteristikum der Betriebsgestaltung: gegenüber dem Arbeitsverfahren. Diese Erwägungen bestimmen mich, die Betriebsgröfse in Ansehung ihrer Wichtigkeit zwar als Einteilungsprincip nicht gänzlich unberücksichtigt zu lassen, sie jedoch zum Range eines principium subdivisionis zu degradieren. Ein Merkmal des Betriebes, das ohne Zweifel nicht nur graduelle, sondern specifische Unterschiede begründet, ist nun das Arbeitsverfahren, das in einem Betriebe zur Anwendung gelangt 1 . 1 Über diese habe ich ausführlich gesprochen in Brauns Archiv XIV, 17 ff. 2 * 20 Einleitung. Die Organisation der wirtschaftlichen Arbeit. Wollte man die Verfahrungsweise zum Unterscheidungsmerkmal wählen, so würde man zu folgender Systematik gelangen: 1. Betriebe mit arbeitszerlegendem Verfahren und solche ohne dieses Verfahren, sagen wir der Kürze halber: arbeitsteilige und nicht arbeitsteilige Betriebe; 2. Materialvereinigende und nichtvereinigende Betriebe; 3. Werkzeug- und Maschinenbetriebe, je nach der Beschaffenheit des Arbeitsmittels; 4. manumotorische und mechanomotorische Maschinenbetriebe, je nachdem die Maschinen durch menschliche oder elementare Kraft in Bewegung gesetzt würden; 5. empirisch und rationell geleitete Betriebe, je nach der Beschaffenheit des Gesamtverfahrens. Gegen diese Art der Einteilung walten nun aber gleichfalls nicht unwesentliche Bedenken ob. Zunächst eines mehr formaler Natur: dafs nämlich nach der Verschiedenheit des in einem Betriebe zur Anwendung gelangenden Verfahrens zwar sich mit Leichtigkeit eine lange Reihe von Zweiteilungen bilden läfst, wie aus unserer Aufzählung schon hervorgeht; dafs es aber aufserordentlich schwer fällt, nun diese nebeneinanderstehenden Doppelformen zu einem wirklichen System über- und unterzuordnen, was doch einmal mit Fug beansprucht werden darf. Dazu nämlich fehlt es an der hervorstechenden Wichtigkeit und Bedeutung eines der gemachten Unterschiede, die diesen befähigten, die Hauptteilung zu bestimmen, in die dann die anderen unterschiedenen Artpaare eingeordnet werden könnten. Dazu kommt aber auch noch ein mehr sachliches Bedenken gegen die Einteilung nach Verfahrungsweisen: dafs diese nämlich ebenso wie das Moment der Gröfse bedeutsamen anderen Merkmalen der Betriebsgestaltung gegenüber indifferent sind, mithin doch keine genügend klare Sonderung wirklich verschiedener Arten mit ihrer Hilfe allein möglich ist. Verhielt sich das Moment der Gröfse indifferent gegenüber dem Arbeitsverfahren, so ist dieses noch viel gleichgültiger gegenüber der Gröfse eines Betriebes. Das arbeitszerlegende oder materialvereinigende Verfahren kann ebensogut von einem Einzelarbeiter wie von einer tausendköpfigen Menge zur Anwendung gelangen und auch die anderen Verfahrungsweisen sind principiell nicht an eine bestimmte Betriebsgröfse gebunden. Bestimmte, konkrete Verfahren mögen zu ihrer Anwendung eines bestimmten Betriebsumfangs bedürfen: ich kann keine moderne Papiermaschine und keinen modernen Hochofen im Rahmen eines Kleinbetriebes zur Verwendung bringen. Aber das Princip des Zweites Kapitel. Betrieb und Betriebsformen. 21 maschinellen oder automatischen Betriebes ist ebenso realisierbar in dem kleinsten wie im gröfsten Betriebe. Es giebt keinen reineren Maschinenbetrieb als den der „armen Nähterin“ oder des Idaus- webers im Eulengebirge und auch die mechanische Kraft wird heutzutage in 1 it Pferdestärken ebenso sehr von dem Zwergbetriebler benutzt wie von dem Riesenbetriebe. Offenbar sind wir aber um keinen Schritt in der Betriebssystematik gefördert, wenn wir die Weifszeugnäherin und Krupp zusammengeworfen und in Gegensatz gebracht haben zu unserem Schuster und der Pariser Gobelinmanufaktur blofs deshalb, weil jenes maschinelle, dieses keine maschinellen Betriebe sind 1 . Was sich aus diesen Betrachtungen jedenfalls als zwingend er- giebt, ist die Erkenntnis, dafs eine glückliche Betriebssystematik die beiden für die Betriebsgestaltung, wie wir sehen, entscheidenden Merkmale: Gröfse und Verfahren gleichmäfsig als Einteilungsprincip berücksichtigen mufs. Will sie das nun nicht in der gedankenlosen 1 Es mag hier im Vorübergehen darauf hiugewiesen werden, dafs die Ergebnisse unserer Untersuchung für die Beantwortung der von der sog. materialistischen Geschichtsauffassung aufgeworfenen Frage nach dem Zusammenhänge zwischen „Technik“, „Wirtschafts-“ und „Gesellschaftsordnung“ von Bedeutung sind. Will man methodisch einwandsfrei jene Zusammenhänge darlegen, so wird man sich zunächst 1. über die Begriffe „Technik“, „Wirtschaftsweise“, „sociale Ordnung“ u. dergl. einigen müssen. Danach wäre 2. genau festzustellen, zwischen was der Zusammenhang nachgewiesen werden soll. Nach unserer Terminologie: A. zwischen Verfahrungsweise und Betriebsformen; B. zwischen Verfahrungsweise und Wirtschaftsformen; C. zwischen Betriebs- und Wirtschaftsformen. Endlich wäre 3. zu ermitteln, welcher Art die Zusammenhänge gedacht sind, ob als sog. naturnotwendige, die nicht anders sein können, oder als zweckmäfsige, die vernünftigerweise von zwecksetzenden Menschen hergestellt werden u. dergl. An dieser Stelle haben wir alle diese Fragen nicht weiter zu verfolgen. Wenn wir aber in Kürze ans den Ergebnissen unserer bisherigen Untersuchungen das Facit ziehen wollen, so ist es dieses, dafs zwischen den Yerfahrungsweisen — gemeinhin „Technik“ genannt — und den charakteristischen Merkmalen der Betriebsgestaltung ein Zusammenhang derart nicht besteht, dafs durchgängig bestimmte Vorfahrungsweisen z. B. bestimmte Betriebsgröfsen erheischten und letztere nur je bestimmten Verfahrungs weisen zugänglich wären. Dafs vielmehr ein weiter Spielraum in der Anwendungsart einer gegebenen Verfahrungsweise besteht, dafs also, um die Gesetzmäfsigkeit eines Entwicklungsganges in Richtung auf bestimmte Betriebsgestaltungen nachzuweisen, jedenfalls die blofse Existenz eines bestimmten Verfahrens nicht genügt. Der Grundgedanke dieses Buche3 ist es, dieses zu erweisen und gleichzeitig diejenigen Potenzen äufzudecken, aus deren konstantem und notwendigem Wirken sich dasjenige ergiebt, was wir als sociale Gesetzmäfsigkeit anzusprechen gewöhnt sind. 22 Einleitung. Die Organisation der wirtschaftlichen Arbeit. Weise thun, dafs sie das eine Kennzeichen zum principium divi- sionis, das andere zum principium subdivisionis wählt — was bei der Gleichwertigkeit der beiden Merkmale immer nur durch einen Akt der Willkür geschehen könnte —, so wird darauf gesonnen werden müssen, die beiden genannten Kriterien zu einem höheren Begriffe zunächst zu vereinigen und dann mit seiner Hilfe die Einteilung in die Hauptkategorien vorzunehmen. Nun finden aber unsere beiden Momente der Betriebsgestaltung ihre Einheit in dem Moment der Anordnung der Produktionsfaktoren. Die Zusammenfassung mehrerer Arbeitskräfte zu einem Betriebe, wodurch seine Gröfse bestimmt wird, ebenso wie das Anwenden eines bestimmten Verfahrens in diesem Betriebe, gehen gleicherweise auf eine bestimmte Anordnung zurück. Wenn wir aber diese zum Unterscheidungsmerkmal der verschiedenen Betriebsarten wählen, so genügen wir auch noch insofern einer anderen Anforderung sauberen Denkens, als wir für die Einteilung des Betriebes auf die differentia specifica dieses Begriffes zurückgreifen, somit unsere Einteilung gründen auf Modifikationen eines konstitutiv wesentlichen Merkmals unseres Begriffes. Endlich kommt dieser Einteilungsmodus auch der üblichen Terminologie entgegen, sofern die von uns nach dem Merkmal der Anordnung zu sondernden Betriebsarten in einer gleichsam plastischen Gestalt von unserer Anschauung erfafst werden können und daher auch füglich als Be- triebsformen, wie sie in Zukunft nur noch heifsen sollen, bezeichnet werden dürfen. Die Produktionsfaktoren, die Objekte der Anordnung in einem Betriebe werden können, sind die menschliche Arbeitskraft und die äufsere Natur 1 * * . Wir können jene als den persönlichen, diese als den sachlichen Produktionsfaktor bezeichnen. Die „äufsere Natur“ ist aber eine zu weite Umschreibung, als dafs wir nicht das Bedürfnis fühlten, etwas genauer zu sagen, was darunter zu verstehen sei. Die Natur erscheint in jedem Produktionsvorgange 1. als Arbeitsbedingung; 2. als Arbeitsgegenstand; 3. als Arbeitsmittel. In ihrer ersteren Eunktion schafft sie die sachlichen Bedingungen produktiver Arbeit, ohne die überhaupt keine Arbeit stattfinden kann, mögen nun diese Bedingungen von Natur gegeben sein, wie die Erde als Standort, die Luft als Atmosphäre, die Kräfte; 1 Vgl. für das folgende K. Marx, Kapital. 1 4 . Fünftes Kapitel. 1. „Der Arbeitsprozefs.“ Ich rücksichtige hier der Einfachheit halber nur auf den Produktionsbetrieb. Für alle übrigen Betriebsarten gilt natürlich in entsprechender Übertragung dasselbe. Zweites Kapitel. Betrieb und Betriebsformen. 23 oder erst vom Menschen in der ihm dienlichen Form hergestellt werden, wie Arbeitsgebäude, Wege, Kanäle. Der Arbeitsgegenstand ist dasjenige Ding, an dem sich die menschliche Arbeit betliätigt. Auch er wird entweder in der Natur fertig vorgefunden, wie das Erz oder die Kohle oder der Feuerstein, den der Mensch zuerst ergriff, um sich ein Werkzeug daraus zu fertigen; oder aber er ist selbst schon und das der Kegel nach Arbeitsprodukt. In diesem Falle nennen wir den Arbeitsgegenstand Rohmaterial. Das Rohmaterial kann ein genufsreifes Gebrauchsgut sein, wie die Traube als Rohmaterial der Weinbereitung, die Kohle, das Salz, das Öl u. dergl. als sogenannte Hilfsstoffe der Produktion. Oder aber sich in einer Form befinden, in der es nur als Rohmaterial weiterer Verarbeitung dienen kann, in diesem Falle heifst es Halb- oder (nach Marx) Stufenfabrikat, wie Roheisen, Holzfaser, Baumwollgarn. Das Arbeitsmittel endlich ist ein Ding oder ein Komplex von Dingen, die der Arbeiter zwischen sich und den Arbeitsgegenstand schiebt, um sie als Machtmittel auf andere Dinge seinem Zwecke gemäfs wirken zu lassen. Genauer können wir dann aktive, und passive Arbeitsmittel unterscheiden. Marx bezeichnet die ersteren als „die mechanischen Arbeitsmittel, deren Gesamtheit man das Knochen- und Muskelsystem der Produktion nennen kann“; es sind Werkzeuge und Maschinen, die thätig unter der Leitung des Menschen in die neuzuformende Materie eingreifen, während die andere Kategorie der Arbeitsmittel die mehr passive Rolle in der Produktion spielt, als Behälter für Stoffe und Kräfte zu dienen, es sind dies die Kessel, Röhren, Bottiche, Fässer, Körbe, Krüge etc., jene Arbeitsmittel, „deren Gesamtheit ganz allgemein als das Ge- fäfssystem der Produktion bezeichnet werden kann“. Sämtliche Bestandteile des sachlichen Produktionsfaktors können wir auch Produktionsmittel im weiteren Sinne nennen und unter ihnen diejenigen als Produktionsmittel im engeren Sinne unterscheiden, die bereits Arbeitsprodukte sind. Wir werden im folgenden, wo nichts besonders gesagt ist, von Produktionsmitteln in jenem weiteren Verstände als dem Inbegriff sämtlicher sachlicher Produktionsfaktoren sprechen und also alle Betriebsanordnung in der Ausstattung der menschlichen Arbeitskraft mit den für die Zwecke der Produktion geeigneten Produktionsmitteln sich erschöpfen lassen. Alle Organisation menschlicher Arbeit beruht, seitdem die allerersten Anfänge planmäfsigen Produzierens überwunden sind, auf nur zwei verschiedenen Principien: auf der Specialisation und der Kooperation. Nichts anderes vermag der Mensch zu er- 24 Einleitung. Die Organisation der wirtschaftlichen Arbeit. sinnen, als diese beiden Organisationsprincipien, die auch der vollendetsten Betriebsanordnung, freilich in mannigfacher Kombination, allein zu Grunde liegen. Unter Specialisation verstehe ich diejenige Art der Anordnung, welche einem und demselben Arbeiter gleiche, wiederkehrende Verrichtungen dauernd zuweist. Sie ist also diejenige Form der Organisation, in der das arbeitszerlegende Verfahren recht eigentlich erst nutzbar gemacht wird. Solange dieses Verfahren von einem Arbeiter angewandt wird, so lange bleiben seine produktivitätssteigernden Vorzüge noch wesentlich latent. Erst wenn der eine immer dasselbe thut, brechen sie mächtig hervor. Nun müssen wir uns aber darüber klar sein, dafs der Grad der Specialisation ein aufserordentlich verschiedener sein kann. Es war eine Anwendung des Princips der Specialisation, als zuerst die Schmiedearbeit oder die Töpferei dauernd von demselben Arbeiter ausgeübt wurden, und es ist nur ein Gradunterschied in der Anwendung desselben Princips, wenn in der modernen Konfektion eine Arbeiterin ihr ganzes Leben nur Hornknöpfe an Männerwesten annäht. Es bleibt sich ebenso gleich, ob die Teilverrichtung, die ein Arbeiter dauernd vornimmt, durch horizontale oder vertikale Spaltung des vorher vereinigt gedachten Gesamtarbeitsprozesses entsteht: ob zwischen Schlosserei und Schmiederei oder zwischen Gerberei und Schuhmacherei die Trennung sich vollzieht. Es ist aber endlich für den Begriff der Specialisation, die, worauf nochmals nachdrücklich hingewiesen werden mag, kein Arbeitsverfahren, sondern ein Organisationsprincip ist, d. h. erst entsteht auf der Basis einer bestimmten Betriebsanordnung, gleichgültig, ob die Specialisation zwischen Betrieben oder innerhalb eines Betriebes erfolgt. Im ersteren Falle entsteht das, was wir Specialbetriebe nennen, unter denen es abermals eine aufserordentlich mannigfache Gradabstufung giebt, innerhalb deren aber keinerlei irgendwie feste Grenze für eine specifische Unterscheidung gezogen werden kann b Die Schmiederei als Ganzes ist ein Specialbetrieb, verglichen mit der ehemals sie mit umfassenden hausgewerblichen Produktion; die Schmiederei ist ein specialisierter Betrieb, nach- 1 Etwas anderes ist es natürlich, wenn wir einen bestimmten Grad der Specialisation als fest gegeben annehmen, diejenigen Betriebe, die ihn aufweisen, als „Vollbetriebe“ und alle nur Teile dieses Vollbetriebes umfassende Betriebe als „Specialbetriebe“ bezeichnen. So verfahren wir mit vollem Recht, wo wir die Zersetzungsprozesse des alten „Handwerks“ uns klar zu machen haben. Zweites Kapitel. Betrieb und Betriebsformen. 25 dem sich die Schlosserei von ihr geschieden hat; die Werkzeug - schmiederei ist innerhalb der so specialisierten Sclnniederei wiederum ein Specialbetrieb, die Sensensclimiederei innerhalb der Werkzeug- schmiederei u. s. f. Damit das Princip der Specialisation innerhalb eines Betriebes zur Anwendung gelangen könne, d. h. damit in einem und demselben Betriebe der eine immer dies, der andere immer jenes zu thun imstande sei, mufs nun aber offenbar eine bestimmte Bedingung in der betreffenden Betriebsanordnung erfüllt sein, diejenige nämlich, dals mehrere Arbeiter zu gemeinsamem Wirken zusammengegliedert seien, d. h. es mufs das zweite Princip der Arbeitsorganisation, von dem wir schon Kenntnis haben, zur Anwendung gebracht werden: die Kooperation. Diese besteht zunächst in nichts anderem als in einer Summierung individueller Arbeitskräfte, die erst später eine bestimmte Gliederung zu einem organischen Ganzen erfahren. In ihrer primitiven Form nennen wir sie einfache Kooperation, in ihrer Kombination mit der Specialisation arbeitsteilige Kooperation. So erhalten wir folgendes Schema für die Anwendung der Organisationsprincipien: 1. Robinson deckt seinen Gesamtbedarf allein; er kann zwar das arbeitszerlegende, das materialvereinigende Verfahren anwenden, aber weder sich specialisieren noch kooperieren; 2. Robinson und Freitag verteilen ihre Gesamtarbeit so, dafs jener auf die Jagd geht und Fische fängt, dieser die Hausarbeit verrichtet: einfache Specialisation; 3. Robinson und Freitag vereinigen ihre Arbeit, um den Baumstamm, aus dem ihr Boot angefertigt werden soll, zum Strande zu rollen: einfache Kooperation; 4. Robinson und Freitag gehen zusammen auf die Jagd; Freitag treibt das Wild zu, Robinson schiefst es ab: V ereinigung von Kooperation und Specialisation = arbeitsteilige Kooperation. Alle weiteren Unterschiede der Betriebsgestaltung sind nun entweder nur quantitativer Art, d. h. eine Folge stärkerer Specialisation oder vermehrter Kooperation, oder aber sie werden begründet durch die verschiedenartige Gestaltung des sachlichen Produktionsfaktors: durch die verschiedene Beschaffenheit oder verschiedene Anordnung der dem Arbeiter zur Verfügung stehenden Produktionsmittel. Jedenfalls ergiebt sich, wie aus dem oben Gesagten erhellt, eine grofse Mannigfaltigkeit der Betriebsformen auch wiederum nach der Verschiedenheit der Anordnung der Produktionsfaktoren zu 26 Einleitung. Die Organisation der wirtschaftlichen Arbeit. einem Betriebe. Deshalb wird es wünschenswert sein', einen einheitlichen Gesichtspunkt für die sachgemäfse Gruppierung dieser verschiedenen Anordnungsmodalitäten zu wählen. Als solcher bietet sich nun aber am besten dar: das Verhältnis des einzelnen Arbeiters zu dem Gesamtprozefs und dem Gesamtprodukt, als dem Gesamtbetriebe im Zustande des Wirkens und des Gewirkten, der Vollbringung und des Vollbrachten, der Bewegung und der Ruhe. Dieses Verhältnis kann ein principiell zweifaches sein: entweder Wirken und Werk gehören einem Individuum eigentümlich an, sind der erkennbare Ausflufs seiner und nur seiner höchstpersönlichen Thätigkeit, sind somit selbst individuell und persönlich; oder Wirken und Werk sind das gemeinsame, nicht in seinen Einzelteilen als individuelle Arbeit unterscheidbare Ergebnis der Thätigkeit vieler, existieren nur als Gesamtwirken und Gesamtwerk, sind also nicht persönlich, sondern kollektiv, nicht individuell, sondern gesellschaftlich. Danach lassen sich alle Betriebe in zwei grofse Gruppen einteilen: in solche, in denen die Anordnung der Produktionsfaktoren derart ist, dafs das Produkt als Produkt eines einzelnen Arbeiters erscheint*, und solche, in denen die Anordnung der Produktionsfaktoren derart ist, dafs das Produkt als Produkt eines Gesamtarbeiters erscheint. Erstere sollen individuale, letztere gesellschaftliche Betriebe heifsen 1 2 . Schreiten wir nunmehr zur Aufstellung eines Systems der Betriebsformen, wie es sich nach unserem Kriterium ergiebt, so erhalten wir folgende Tafel der Betriebsformen. Individual- Gesellschaft! betrieb Übergangsbetrieb Betrieb 1. Allein-B. 4. erweiterter Gehilfen-B. 6. Individual-B. 7. Manufaktur. 2. Familien-B. 5. gesellschaftl. B. im grofsen. 8. Fabrik. 3. Gehilfen-B. im kleinen. - — -■ «-- ■ sog. „Kleinbetr.“ sog. „Mittelbetrieb“. sog. „Grofsbetrieb“. 1 Soweit es sich um diejenige Produktion handelt, die sich innerhalb des Rahmens eines Betriebes abspielt: vom Augenblick, da das Leder in die Gerberei eintritt, bis zu dem Augenblicke, da es sie verläfst. Dafs ohne diese Beschränkung individuale Produktion kaum je existiert hat, jedenfalls nur in der Sphäre primitivster Eigenwirtschaft existieren kann, ist klar und oft ausgesprochen. In einem einigermafsen entwickelten Wirtschaftsleben ist auch die Arbeit des alleralleinigsten Produzenten nur das Glied in einer unübersehbaren Kette von anderen Produzenten, so dafs der primitivste Bedarf nur durch das Zusammenwirken vieler gedeckt werden kann. Siehe schon den Schafhirten des alten Adam Smith. 2 Weitere Ausführungen, weshalb das Vergesellschaftungsmoment metho- Zweites Kapitel. Betrieb und Betriebsformen. 27 Was zunächst an dieser Tafel auffallen dürfte, ist ihre Dreiteilung , die durch das Dazwischenschieben einer Gruppe „Übergangsbetriebe“ zwischen die beiden gegensätzlichen Hauptgruppen hervorgerufen ist. Selbstverständlich bin ich mir darüber durchaus im klaren, dafs eine so unbestimmte Bezeichnung, wie ich sie für die dritte Kategorie von Betrieben gewählt habe, weit entfernt von idealer Vollkommenheit ist und in gewissem Sinne die scharfe und einwandsfreie Zweiteilung in individuale und gesellschaftliche Betriebe wieder aufhebt. Trotzdem habe ich mich zu der Einfügung entschlossen, weil ich sie am letzten Ende für die Sichtung des empirischen Materials doch für mehr nützlich als schädlich erachtete. Das wirkliche Leben schafft eine solche aufserordentliche Fülle von verschiedenen Betriebsformen, dafs es ihm Gewalt anthun heifst, will man nun jeder einzelnen gegenüber das Entweder — Oder unseres Hauptgegensatzes stellen. Theoretisch ist das natürlich in jedem Falle möglich, für das praktische Bedürfnis auch der Wissenschaft ist eine gewisse Latitude fruchtbarer. Übrigens mag zu weiterer Rechtfertigung dieser Dreiteilung noch angeführt werden, dafs gerade die Einfügung einer derartigen Zwischengruppe, wenn ich sie so nennen darf, zwischen zwei sich gegenüberstehende Hauptgruppen in Fällen wie unserem ein dem Logiker durchaus vertrauter Vorgang ist. „Die Trichotomie findet in der Regel da Anwendung, wo sich eine selbständige, auf inneren Ursachen beruhende Entwicklung erkennen läfst, weil diese sich in der Form des zweigliedrigen Gegensatzes und der Vermittlung als des dritten Gliedes zu vollziehen pflegt * 1 .“ Von dem Gedanken, durch unsere Systematik gerade dieser Entwicklung von der primitivsten Form des individualen Betriebes zur höchsten Form des gesellschaftlichen Betriebes zum Ausdruck zu bringen, ist auch jene Untereinteilung innerhalb der einzelnen Gruppen, wie sie unsere Tafel enthält, diktiert worden. Es ist eine Kette zu höherer Entwicklung aufsteigender Betriebsformen 2 , die in den nunmehr im einzelnen zu disch als das richtigste Kriterium der Betriebssystematik anzusehen ist, findet der Leser in meinen Studien a. a. 0. S. 338 f. 1 Überweg-Jürgen Bona Meyer, System der Logik. 1882. S. 181. 3 Mit der Einschränkung, dafs in der Betriebstafel Nr. 6 hinter Nr. 5 plaziert ist, obwohl sie eine niedrigere Stufe der Entwicklung darstellt. Es ist deshalb geschehen, weil Nr. 6 mit Nr. 7 u. 8 unter der traditionellen Bezeichnung als „Grofsbetrieb“ zusammengefafst werden sollte. Dafs die „Stufenfolge“ hier nicht im Sinne der empirisch-historischen Aufeinanderfolge zu verstehen ist, bedarf für den Kundigen keines besonderen Hinweises. Neuer- 28 Einleitung. Die Organisation der wirtschaftlichen Arbeit. analysierenden Typen zur Darstellung gebracht wird. Zu besserem Verständnis folgt hier zunächst noch einmal die Typenreihe ohne die zerreifsende Einteilung in Gruppen und mit Umstellung von 5 und 6, wozu die Erklärung in Anmerkung 2 auf S. 27 gegeben worden ist: 1. Alleinbetrieb; 2. Familienbetrieb; 3. Gehilfenbetrieb; 4. erweiterter Gehilfenbetrieb; 5. Individualbetrieb im grofsen; 6. gesellschaftlicher Betrieb im kleinen; 7. Manufaktur; 8. Fabrik. Auf der untersten Stufe des individualen Betriebes steht 1. der Alleinbetrieb. Er bringt naturgemäfs das Wesen der individualen Betriebsgestaltung am reinsten zum Ausdruck, obwohl er keineswegs der empirisch häufigste Vertreter dieser Betriebsform ist. Der Alleinarbeiter umspannt mit seiner Thätigkeit sämtliche Phasen des Produktionsprozesses, die gesamte dabei zur Verausgabung gelangende Arbeit ist seine höchstpersönliche Eigenarbeit. Der gesamte Apparat der Produktionsmittel ist im kleinsten Mafsstabe zugeschnitten, um Arbeitsraum, Rohstoff, Arbeitsmittel der Wirkungssphäre des alleinigen Arbeiters anzupassen. Dieser kann dabei in beliebiger Ausdehnung das arbeitsteilige oder materialvereinigende Verfahren zur Anwendung bringen; seine Arbeit, als Ganzes betrachtet, kann einen höheren oder geringeren Grad von Specialisation aufweisen und thut es in Wirklichkeit auch: von dem sog. Vollbetriebe des Handwerkers alten Stils an bis zu den zu höchster Specialisierunggelangten dings hat Bücher wohl mit Recht darauf aufmerksam gemacht, dafs die gesellschaftlichen Betriebe, allerdings wesentlich in der Form einfacher Kooperation in einer Zeit unentwickelter Technik, also beispielsweise bei den alten Ägyptern, aber auch bei vielen Naturvölkern eine verhältnismäfsig höhere Rolle gespielt haben als später. Bücher, Arbeit und Rhythmus. 2. Aufl. 1899, S. 370 ff. Uber Kooperation im alten Ägypten vgl. Ermann, Ägypten und ägyptisches Leben 2 (1885), 592 ff., 629 ff. In einer Schilderung von der Fortbewegung eines Kolosses heifst es: „sie wurden stark, ein einzelner hatte die Kraft von Tausenden“ (634). Sehr instruktiv sind auch die Abbildungen bei J. Gardener Wilkinson, The Manners and Customs of the ancient egyptians 2 (1878), 136 ff. Zweites Kapitel. Betrieb und Betriebsformen. 29 Einzelbetrieben der modernen Hausindustrie. Die Arbeitsverrichtung selbst nimmt danach einen aufserordentlich verschiedenen Charakter an: sie weist in einem Falle eine grofse Mannigfaltigkeit verschiedenster Vornahmen auf: dort, wo ein Arbeiter — denken wir etwa an den Kunsthandwerker — eine ganze Folge von Formveränderung an einem und demselben Gegenstände der Reihe nach vornimmt; im anderen Falle zeichnet sie sich durch grofse Einförmigkeit aus, wenn dem einzelnen Arbeiter nur ein kleiner Anteil vom Gesamtproduktionsprozefs eines vielleicht schon einfacheren Erzeugnisses zufällt: Blankputzen von Alfenidebestecken, etwa nach dem Vorbild der Heldin in Hirschfelds „Müttern“. Wir können dieses noch hinzufügen: nur wo die Arbeit des Alleinarbeiters — und ebendasselbe gilt für alle Formen des Individualbetriebes — eine gewisse Reichhaltigkeit der Verrichtungen aufweist, ist sie eine der Idee jener Betriebsform angepafste. Denn weil das Wesen dieser Betriebsform darauf beruht, der Bethätigung der Persönlichkeit eines Einzelnen den nötigen Spielraum zu verschaffen, so kommt es auch nur zu voller Entfaltung, wenn die Individualität sich nun wii'klich ausleben kann. Jeder Menschennatur entspricht nun aber nicht die Einförmigkeit, sondern die Vielseitigkeit des Arbeitens. Es entsteht eine unnatürliche Verkümmerung und Verkrüppelung der Individualität, wenn ihr stets dieselben eintönigen Arbeitsverrichtungen obliegen. Was in dem gesellschaftlichen Betriebe zu einer höheren Einheit wieder zusammengefafst wird, in der jener Widerspruch sich auflöst: die Teilverrichtung des Individuums: das erscheint in dem übermäfsig specialisierten und darum einförmigen Individualbetriebe als eine Abart, wenn wir so sagen dürfen, der natürlichen Entwicklung: es ist der Prozefs der Vergesellschaftung gleichsam auf halbem Wege stehen geblieben. Oder hegelsch gesprochen: die individuelle Arbeit hat ihre Antithese — in der die Individualität verneinenden, aufhebenden Specialarbeit — erhalten, aber es fehlt noch die Negation dieser Negation, die Synthese zu der höheren Einheit — in unserem Falle dem Gesamtarbeiter des gesellschaftlichen Betriebes. Dafs der Alleinbetrieb Maschinenbetrieb oder Werkzeugbetrieb, mechanischer oder Handbetrieb sein kann, mag im Vorübergehen erwähnt werden: von grundsätzlicher Bedeutung ist es nicht. Bekannte Fälle des maschinellen Alleinbetriebes sind die schon erwähnten des, Hauswebers und der Schneiderin, die in den verschiedensten Produktionssystemen eine stereotype Erscheinung sind. Nun ist aber der Alleinbetrieb, wie schon hervorgehoben wurde, 30 Einleitung. Die Organisation der wirtschaftlichen Arbeit. keineswegs die einzige, ja nicht einmal die wichtigste Form, in der der Individualbetrieb erscheint. Häufig finden wir ihn erweitert zum 2. Familienbetrieb. Die eigentliche Sphäre dieser Betriebsform ist die Landwirtschaft. Hier spielt sie eine entscheidende Rolle und bestimmt so recht die Eigenart der landwirtschaftlichen Produktion: sie mag als Einzelfamilienbetrieb für das Kleinbauerntum, als Grofsfamilienbetrieb für das Grofs- bauerntum die charakteristische Betriebsform abgeben. Der Grund, weshalb in der Sphäre der landwirtschaftlichen Produktion der Familienbetrieb so sehr viel bedeutsamer als in irgend einem anderen Zweige des Wirtschaftslebens ist, liegt in dem Umstande, dafs in der Landwirtschaft Produktions- und Konsumtionswirtschaft sowohl nach Umfang wie Inhalt von Natur viel enger miteinander verknüpft sind, so dafs das Departement der Frau — die Konsumtionswirtschaft — nicht eine so völlig von dem Arbeitsgebiete des Mannes — der Produktionswirtschaft — geschiedene Wirkenssphäre bildet, wie beispielsweise bei dem gewerblichen Produzenten. Hier mufs doch stets eine künstliche Einbeziehung der Familienglieder in den Arbeitsbetrieb des Familienoberhauptes erfolgen. Die bekanntesten und wichtigsten Beispiele gewerblicher Familienbetriebe, die natürlich auch für alle hausgewerbliche Eigenproduktion die Regel bilden, liefern in neuester Zeit die in ihren letzten Resten in Westeuropa noch erhaltenen, in Osteuropa dagegen noch in Blüte stehenden ländlichen Hausindustrien, die ja zumeist in organischer Verbindung mit der Bauernwirtschaft erwachsen sind: so vor allem die Weberei 1 , wo der Mann webt, die Frau schert und die Kinder spulen; teilweise die Wirkerei und Strickerei in Sachsen, im Vorarlberg und in der Schweiz 2 ; die Spielwarenindustrie Thüringens 3 ; die Instrumentenmacherei des sächsischen Voigtlandes 4 . 1 Vgl. für den Niederrhein A. Thun, a. a. 0. Bd. I; für Sachsen L. Bein, Die Industrie des sächs. Voigtlandes. Bd. II. 1884; für Schlesien A. Glücksmann, Die Weberei im Eulengebirge (Schriften d. V. f. S.-P. Bd. 84). 2 Vgl. aus der reichhaltigen Litteratur über diese Industrie namentlich G. A. Laurent, Die Stickereiindustrie der Ostschweiz und des Vorarlbergs. Bas. Diss. 1891. 3 Vgl. Em. Sax, Die Hausindustrie in Thüringen. 1884 , 85. 4 L. Bein, Die Industrie des sächs. Voigtlandes. Bd. I. 1884. Zweites Kapitel. Betrieb und Betriebsformen. 31 Was den Familienbetrieb charakterisiert, ist eine physiologisch begründete Arbeitsverteilung unter die einzelnen Familienglieder derart, dafs neben einem vollwertigen Hauptarbeiter eine kleine Anzahl meist minderwertiger Arbeitskräfte durch Ausscheidung leichterer Teilverrichtungen aus dem Gesamtarbeitsprozefs genutzt werden 1 . Diese Gruppierung einiger Nebenarbeiter um einen Hauptarbeiter bewirkt es, dafs der Familienbetrieb, wenn er auch gleichsam die Zellenform des gesellschaftlichen Betriebes darstellt, doch füglich noch als Individualbetrieb angesehen werden mufs: er besteht nur in einer Ausweitung einzelner Organe des Hauptarbeiters, als dessen individuelles Produkt das Erzeugnis der Familie in Wirklichkeit doch erscheint. Der Familienbetrieb stellt noch nicht die Zusammenfassung von Teilarbeitern zu einem gesellschaftlichen Gesamtarbeiter, sondern nur die Unterstützung eines einzigen Arbeiters durch einige Hilfsarbeiter dar. Dieses Merkmal hat nun mit dem Familienbetrieb gemeinsam unsere dritte Betriebsform, die wir als 3. Gehilfenbetrieb bezeichnet haben. Was den Gehilfenbetrieb jedoch sofort scharf von dem vorhergehenden Typus unterscheidet, ist die Beschaffenheit der Hilfspersonen, die sich der eigentliche Träger des Arbeitsprozesses als StUtzorgane angliedert: es sind dies nämlich nach Quantität und Qualität nicht mindere, sondern ebenfalls vollwertige Arbeitskräfte, die entweder den Betriebsleiter bei seinem eigenen Werk durch wichtige Hilfsverrichtungen unterstützen oder neben jenem gleicher Arbeit wie er obliegen. In ersterem Falle könnte man daran denken, von einem Gesamtwerk zu sprechen, wäre das Ausmafs des Gesamtarbeiters nicht ein so geringes, dafs es der individualen Arbeitspersönlichkeit näher kommt und liefse sich nicht füglich die Arbeit des Leiters doch als solche unterscheiden und in ein Verhältnis der Haupt- zur Nebenarbeit setzen, wie wir es ge- than haben. Schulbeispiel für diesen Typus des Gehilfenbetriebes 1 L’industrie domestique, dans sa forme primitive, est essentiellement basee sur le travail des membres de la famille, hommes, femmes, vieillards, adultes et enfants. Plus les operations qu’elle comporte peuvent etre rfi- parties rationellement entre tous les membres de la famille, plus l’industrie devient avantageuse ... les travaux sont rßpartis entre les divers membres des familles selon leur importance et selon Tage et l’liabilite des travailleurs. W. Weschniakoff, Notice sur l’4tat actuel de l’industrie domestique en Russie. (1873), 12/18. 32 Einleitung. Die Organisation der wirtschaftlichen Arbeit. im eigentlichen Sinne ist der Betrieb des Schmiedes, meistens mit einem Schmiedegesellen, der den Hammer schwingt und dem Lehrling, der den Blasbalg zieht, die alle drei in der That zu einem untrennbaren Ganzen zusammenwachsen. Aber es ist doch unserm Empfinden angemessen, den Meister Heinrich von drei Zwergen bei seiner Schmiedearbeit unterstützt zu sehen. Er bleibt der Schöpfer, jene sind Gehilfen! Im andern Falle, wenn nämlich die Gehilfen gleicher Arbeit, wie der Betriebsleiter obliegen, entsteht überhaupt kein Gesamtwerk, sondern nur eine Anzahl von individualen Einzelwerken der in einem Betriebe vereinigten Personen. Das ganze Arbeitspensum eines solchen Betriebes wird nach Gutdünken des Betriebsleiters zwischen ihm und seine Gehilfen entsprechend der Leistungsfähigkeit der einzelnen verteilt. Zuweilen, aber nicht als Regel, findet die Verteilung der Arbeiten in der Weise statt, dafs die aufeinanderfolgenden Stücke des Gesamtarbeitsprozesses verschiedenen Arbeitern zugewiesen werden. Diese Form eines Gehilfenbetriebes ist nun die eigentlich das alte Handwerk in seinen Hauptzweigen beherrschende: Schneiderei, Kürschnerei, Schuhmacherei, Tischlerei, Schlosserei, Klempnerei, Buchbinderei e tutti quanti sind in der angedeuteten Weise organisiert gewesen, solange sie in den alten Traditionen sich erhielten: mäfsig speciali- sierte, daher ziemlich mannigfache, eine Durchschnittsindividualität auf nicht sehr hoher Entwicklungsstufe ausfüllende, kollegialisch mehr als gesellschaftlich ausgeübte Thätigkeit mit einfachen Werkzeugen und überhaupt klein dimensionierten Produktionsmitteln, selbstverständlich rein empirisch gestaltet: das etwa sind die charakteristischen Züge der Betriebsform, die, wie wir noch genauer erkennen werden, in der handwerksmäfsigen Produktion vorherrschend gewesen ist. Rein quantitativ zunächst sind nun von den bisher betrachteten Beti’iebsformen unterschieden diejenigen, die wir unter der Bezeichnung „Übergangsbetriebe“ zusammengefafst haben, weil sie zwar entweder auf grofser Stufenleiter, aber ohne das Moment der Vergesellschaftung oder gesellschaftlich, aber im kleinen betrieben werden. 4. Erweiterter Gehilfenbetrieb. Er entsteht durch blofse Addierung der in einem Gehilfenbetrieb entweder gruppenweise oder einzeln thätigen Arbeitskräfte. Eine Schmiedewerkstatt mit mehr als einem Schmiedefeuer, eine Tischlerwerkstatt mit mehreren Hobelbänken, eine Schlosserei mit Zweites Kapitel. Betrieb und Betriebsformen. 33 zahlreichen Schraubstöcken, eine Drechslerei mit verschiedenen Drehbänken, eine Bäckerei mit mehreren Ofen u. dergl. sind solche erweiterten Gehilfenbetriebe. In ihnen ist der Arbeitsprozefs im Princip derselbe wie im Allein- oder Gehilfenbetriebe; auch die Dimensionierung der Produktionsmittel ist kaum verändert. Gleichwohl stellt er ein Wesensverschiedenes gegenüber den bisher betrachteten Formen des Betriebes dar: er bahnt insofern wenigstens ein neues Princip der Betriebsgestaltung an, als er die Grenze individuell-persönlicher Wirksamkeit überschreitet. Im „Kleinbetriebe“, so kann man die drei erstgenannten Betriebsformen zusammenfassend nennen, bleibt alle Arbeit doch im Grunde gruppiert um den Mittelpunkt, den der Betriebsleiter mit seiner Hauptarbeit bildet, auch dort, wo er nicht mehr völlig Alleinarbeiter ist. Diese höchstpersönliche, koncentrische Gestaltung ist im erweiterten Gehilfenbetriebe erstmalig verlassen; die vermehrte Gehilfenzahl drängt nach Verlegung des Schwerpunkts aus dem Centrum eines Hauptarbeiters in die Persönlichkeiten der verschiedenen Hilfspersonen. Die Einheitlichkeit des Geistes, der den Betrieb beherrscht, vermindert sich, trotzdem die bewufste und ausdrückliche Leitung des Betriebes vielleicht zunimmt: der Betriebschef widmet von seiner Thätigkeit von nun ab einen Teil der Beaufsichtigung seiner Gehilfen. Aber diese Aufsicht vermag nie die intime, unwillkürliche Beeinflussung ganz zu ersetzen, der die wenigen Gehilfen oder gar nur der Gehilfe im Kleinbetriebe seitens des durch sein Können und sein Vorbild präponderanten Hauptarbeiters unterliegen. Dazu kommt noch das weitere Moment, dafs im Kleinbetriebe die eigentlich verantwortliche Thätigkeit, die durch die Art ihrer Ausübung recht eigentlich dem Betriebe seinen Charakter verleiht, immer dem Betriebschef Vorbehalten bleibt, wodurch also die persönliche Färbung der Betriebsleistungen wiederum erhalten wird. Im erweiterten Gehilfenbetriebe, wo, wie wir sahen, dem Hauptarbeiter ein Teil seiner Zeit durch die blofse Aufsicht und Leitung genommen wird, kann nicht mehr eine so ausschliefsliche Vertretung des ganzen Betriebes und seiner Leistungen nach aufsen hin durch ihn allein stattfinden. In dem Entwicklungsprozefs zu höheren Betriebsformen fällt diesem Typus, der übrigens, wie ausdrücklich betont werden mufs, ganz besonders schwer von den verwandten Typen namentlich nach unten hin abzugrenzen ist, vornehmlich die Aufgabe der Zerstörung principiell individual-persönlicher Betriebsanordnung zu: er enthält Elemente, die diese negieren, ohne noch Elemente zu positiver Neubildung in sich aufgenommen zu haben. Sombart, Der moderne Kapitalismus. I. 3 34 Einleitung. Die Organisation der wirtschaftlichen Arbeit. Nimmt die Zahl der in einem Betriebe beschäftigten Personen nun weiter zu, ohne dafs sich die Form der Arbeit im Principe ändert, so entsteht ein 5. Individualbetrieb im grofsen. Er läfst sich scharf gegen jede andere Betriebsform abgrenzen: gegen den gesellschaftlichen Betrieb durch das negative Moment, dafs er noch keinerlei Umgestaltung der Individualarbeit aufweist; gegen den erweiterten Gehilfenbetrieb dadurch, dafs er grofs genug geworden ist, um die Funktion der Leitung zur ausschliefslichen Thätigkeit einer Person zu machen. Der Individualbetrieb im grofsen ist als geschlossener Betrieb in einem Etablissement in seiner reinen Form kaum denkbar, jedenfalls nicht praktisch. Ihm angenähert ist beispielsweise eine Weberei, die eine gröfsere Anzahl Hand weher unter einem Dache vereinigt. Nur dafs in diesen Fällen Teile des Produktionsprozesses fast immer schon in gesellschaftlichen Betrieb übergeführt sind, wie das Spulen und Scheren, wenn nicht gar schon die Appretur. Immerhin läfst sich ein Betrieb denken, der viele Arbeiter unter einheitlicher Leitung in einem Raume umfafst, in deren individualen Arbeitsprozefs nicht mehr als Gebäude, Beleuchtung und Heizung als gesellschaftliche Bestandteile eingehen; diese freilich immer. Wenn wir nun trotzdem eine besondere Kategorie von Betrieben als „Individualbetriebe im grofsen“ ausgeschieden haben, so geschah es deshalb, weil sie unter andern Bedingungen zu grofser Bedeutung im gewerblichen Leben gelangen können. Dort nämlich, wo es sich um Betriebe handelt, die sich über mehrere Betriebsstätten erstrecken, um aufgelöste oder fliegende Betriebe, wie man sie auch wohl nennen könnte 1 . Einen solchen f liege n den Individualbetrieb im grofsen stellt z. B. ein modernes, grofsstädtisches Malereigeschäft dar. In ihm unterstehen Hunderte von Malergehilfen einer durchaus einheit- 1 Die von 0. Schwarz, Die Betriebsformen der modernen Grofs- industrie etc. in der Zeitschrift für die ges. Staatswiss. XXV (1869) S. 542 ff., 616 ff. eingeführte, dann von Bücher u. a. aufgenommene Bezeichnung: „centralisierter“ und „decentralitierter“ Grofsbetrieb ist nicht nur” sprachlich liäfslich, sondern auch falsch: „centralisiert“ ist jeder Betrieb, sonst”wäre es eben nicht ein Betrieb. Wie denn auch jene Autoren unter dem „decen- tralisierten Grofsbetriebe“ die Hausindustrie verstehen, die gerade dadurch charakterisiert wird, dafs sie nicht aus Grofs-, sondern aus Kleinbetrieben besteht. Absichtlich habe ich auch die Bezeichnung „Grofsbetrieb“ für die unter Nr. 5 abgehandelte Betriebsform vermieden. Zweites Kapitel. Betrieb und Betriebsformen. 35 liehen Leitung: sie erhalten Arbeit und Arbeitsstätte von Tag zu Tag angewiesen, müssen zu bestimmten Zeiten bestimmt vorgeschriebene Arbeiten ausführen und unterstehen dabei der unausgesetzten Kontrolle des „Meisters“ oder besonderer Aufsichtspersonen in ganz grofsen Betrieben. Weiter aber reicht die Vereinheitlichung der verschiedenen Arbeiten nicht: diese werden vielmehr mit denselben Werkzeugen und derselben Technik ausgeführt wie in Zwergbetrieben, die je nur eine Arbeitsstätte haben. Woran auch durch die Thatsache nichts geändert wird, dafs in den grofsen Betrieben die einzelnen auszuführenden Arbeiten bestimmten Specialarbeitern überwiesen werden: ihre Ausführung bleibt doch immer eine durchaus individuale. Auch von den sog. „Anbringungsgewerben“ im Baufache können manche im grofsen betrieben werden und doch Individualbetriebe sein. Der Beurteilung von Fall zu Fall mufs es Vorbehalten bleiben zu bestimmen: wann ein Individualbetrieb im grofsen, wann ein gesellschaftlicher Grofsbetrieb vorliegt 1 ; ebenso aber auch: wann es sich um einen einheitlichen Betrieb und wann blofs um eine einheitliche Disposition der Produktion beispielsweise in einer Unternehmung, aber ohne wirklich einheitliche Betriebsordnung handelt 2 . Es heifst nun keineswegs, sich der Haarspalterei schuldig machen, wenn man, wie es hier geschieht, diese eigenartige Betriebsform, die gewöhnlich mit den übrigen sog. „Grofsbetrieben“ zusammengeworfen wird, zu selbständiger Bedeutung erhebt. Die Theorie bringt dadurch vielmehr nur einen praktisch aufserordentlich wichtigen Unterschied zum richtigen Ausdruck. Was nämlich jeden noch so grofsen Individualbetrieb von jedem noch so kleinen gesellschaftlichen Betriebe unterscheidet, ist einmal der Umstand, dafs in ihm irgend welche höhere Arbeitsorganisation, vor allem irgend welche an die gesellschaftliche Nutzung von Produktionsmitteln gebundene höhere Verfahrungsweise ausgeschlossen ist. Von der Specialisierung der Arbeitsverrichtungen abgesehen, die aber schon, wie wir sahen, bei einheitlicher Produktionsorganisation ausführbar ist, also der Einheitlichkeit des Betriebes gar nicht erst bedarf, ist die Form des Arbeitsprozesses im grofsen Individualbetrieb nicht 1 Den Beginn einer Vergesellschaftung des Malereibetriebes beispielsweise bedeutet es unzweifelhaft, wenn (wie es heute schon häufig vorkommt) an einer und derselben Malerarbeit nacheinander verschiedene Specialarbeiter beteiligt sind. 2 Vgl. dafür meine Ausführungen über die Kriterien einheitlicher Betriebsgestaltung oben S. 11 ff. 3 3G Einleitung. Die Organisation der wirtschaftlichen Arbeit. höher und potenter als im kleinen. Sodann ist ein jedem Individualbetrieb, dem „grofsen“ wie dem „mittleren“ gemeinsames Merkmal, das ihn ebenfalls von jeder gesellschaftlichen Betriebsgestaltung unterscheidet, dieses: dafs er kein organisches Ganzes, sondern immer nur ein Aggregat darstellt: also beliebig vergröfsert und verkleinert werden kann. Ein Malereigeschäft, um bei diesem Beispiel zu bleiben, kann heute 30, morgen 300, übermorgen 200 und am nächsten Tage wieder 20 Gehilfen beschäftigen, ohne irgend welche Betriebsumgestaltung erforderlich zu machen. Man kann einen Individualbetrieb im grofsen zerschneiden wie eine Wurst, während es das eigentümliche Charakteristikum jedes, auch noch so kleinen gesellschaftlichen Betriebes ist, dafs er stets nur in einem ganz bestimmten Gröfsenverhältnis erweitert oder verkleinert werden kann. Wie wichtig dieses Moment ist, wird noch ersichtlich werden, wenn wir jetzt die gesellschaftlichen Betriebe näher kennen lernen, unter denen uns zunächst diejenige Betriebsgestaltung entgegentritt, die als 6. gesellschaftlicher Betrieb im Meinen bezeichnet werden sollte. Wer die Betriebsformen lediglich nach der Gröfse unterscheidet, insbesondere nach der Zahl der in einem Betriebe beschäftigten Personen, kann diese Betriebsform von der des erweiterten Gehilfenbetriebes (Nr. 4) nicht trennen. Beide haben das gemeinsame Merkmal „mittlerer Gröfse“, d. h. sie gehören beide etwa den von der Statistik aufgebrachten Gröfsen- kategorieen der Betriebe mit ca. 6—10 und 11—20 Personen an, sind beides also sog. „Mittelbetriebe“. Und doch wäre das ein stümperhafter Betriebssystematiker, der den erweiterten Gehilfenbetrieb eines Schneidermeisters alten Stils, in dem sage 15 Gehilfen thätig sind, nicht als ein Wesensverschiedenes dem Betriebe einer Zwischenmeisterwerkstatt in der Konfektionsindustrie mit genau der gleichen Anzahl von Hilfskräften gegenüberstellen wollte. Dort, das ist das Charakteristische, hat der Arbeitsprozefs kaum erhebliche Änderungen erfahren, verglichen mit dem Arbeitsprozefs in der kleinen Meister- und Gesellenwerkstatt, hier dagegen ist er auf eine vollständig neue Basis gestellt. Der Gesamtproduktionsprozefs ist in seine einzelnen Bestandteile aufgelöst, die von je einer Arbeitskraft vertreten werden und ihre Einheit nicht mehr in der schöpferischen Individualität der Einzelpersönlichkeit, sondern nur noch in dem Organismus des Gesamtarbeiters linden. Die Differenzierung ixnd Integrierung zu einem neuen Gebilde — das wesentliche Merkmal des gesellschaftlichen Betriebes —, die sowohl durch Zer- Zweites Kapitel. Betrieb und Betriebsformen. 37 legung des Gesamtprozesses und Verteilung der Einzelverrichtung unter die verschiedenen Arbeiter, als auch durch die gemeinsame Nutzung von Produktionsmitteln erfolgt, finden in der hier besprochenen Betriebsform zwar auf kleiner Stufenleiter statt, sie finden aber doch schon statt. So treffen wir — um bei dem Schulbeispiel der hausindustriellen Schneiderwerkstatt zu bleiben, — in einem solchen Konfektionsbetriebe auf den Zuschneider, der mit oder ohne Maschine für sämtliche Arbeiter zuschneidet, und auf den Bügler, der ebenfalls manuell oder maschinell das Bügeln aller fertiggestellten Kleidungsstücke besorgt; zwischen diesen beiden Arbeiten vollzieht sich der Herstellungsprozefs der einzelnen Kleidungsstücke in der Weise, dafs sowohl eine horizontale, wie eine vertikale Zerlegung der Gesamtarbeit stattfindet: wir sehen Rock-, Hosen-, Westenarbeiter und innerhalb dieser Kategorieen wieder Hefter, Zusammennäher, Knopflochnäher, Knopfannäher etc. Schriebe Adam Smith heute sein erstes Kapitel über die „Arbeitsteilung“, so würde er gewifs eine solche Zwischenmeisterwerkstatt der Konfektionsindustrie als Beispiel wählen, um daran die manufaktur- mäfsige Organisation eines arbeitsteiligen Betriebes zu erläutern. Seine Stecknadelmanufaktur ist etwas ganz Analoges. Was er in ihr schildert, ist durchaus der Typus' eines gesellschaftlichen Betriebes „im kleinen“, denn seine bekannte falsche Berechnung der 4800fachen Steigerung der Produktivität durch die Arbeitsteilung stellt er mit einer nur aus 10 Personen bestehenden Stecknadelmanufaktur an. Aber was Adam Smith nicht wissen brauchte, was wir heute täglich vor Augen sehen, ist dies: dafs die Vergesellschaftung des Arbeitsprozesses nicht notwendig durch eine arbeitsteilige Betriebsorganisation hervorgerufen zu sein braucht, sondern beispielsweise auf gemeinsamer Nutzung von Produktionsmitteln beruhen kann. Auch dieses ist nun auf kleiner Stufenleiter möglich. Ich denke an kleine Schäftefabriken, kleine Lederfabriken, kleine chemische Fabriken u. dergl., die sich trotz ihrer gleichen Arbeiterzahl doch alle als wesensverschieden von grofsen Schuhmacherbetrieben, grofsen Gerbereien u. dergl. erweisen. Was aber diese ganze Kategorie schon gesellschaftlicher Betriebe doch unterscheidet als Betriebe „im kleinen“, ist dasselbe, was uns als Unterscheidungsmerkmal für die; Individualbetriebe im kleinen und im grofsen bereits diente: das Moment nämlich, dafs in der Regel die Funktion der Leitung in diesen Betrieben „mittlerer Gröfse“ noch nicht zu völliger Selbständigkeit in einer ausschliefslich damit betrauten Person gelangt ist. Wo dieses nun der Fall und der gesellschaftliche Charakter des Betriebes ebenfalls gewahrt ist, erscheint der 38 Einleitung. Die Organisation der wirtschaftlichen Arbeit. gesellschaftliche Betrieb recht eigentlich erst in seiner Vollendung, für die nun in dem Ausmafs seiner einzelnen Organglieder keinerlei Schranken mehr bestehen. Die erste der beiden Formen solcher gesellschaftlichen Grofs- betriebe haben wir 7. Manufaktur genannt. Ich verstehe darunter denjenigen gesellschaftlichen Grofsbetrieb, in dem wesentliche Teile des Produktionsprozesses durch Handarbeit ausgeführt werden 1 . Zum Wesen der Manufaktur gehört also: 1. das Moment der Gröfse. Es läge an sich kein sprachliches Hindernis vor, auch die gesellschaftlichen Betriebe im kleinen in Manufaktur und Fabrik zu sondern. Aus sprachlichhistorischen Gründen wird jedoch die Bezeichnung auf Grofs- betriebe beschränkt, d. h. also solche Betriebe, in denen die Funktion der Leitung bereits specialisiert ist. 2. das Moment der Gesellschaftlichkeit des Betriebes. Damit unterscheiden wir die Manufaktur von den Individualbetrieben im grofsen. 3. das Moment des handarbeitenden Verfahrens in entscheidenden Partien des Produktionsprozesses. Damit sondern wir die Manufaktur von der Fabrik. Dafs im einzelnen auch bei dieser Betriebsform wieder Zweifel der Rubrizierung entstehen können, ist gewifs; principiell sind die unterscheidenden Merkmale klar und in der Mehrzahl der Fälle wird die Zugehörigkeit eines Betriebes zur Kategorie der Manufakturen auch sich leicht feststellen lassen. Durch die Abschnitte bei Marx, die von der Manufaktur handeln, ist es üblich geworden, in dieser Betriebsart eine Ubergangsform zu erblicken, die eine Stufe unvollkommener Entwicklung der Individualbetriebe auf dem Wege zur vollständigen Vergesellschaftung in der Fabrik darstelle. In diesem Sinne sprächen wir dann von einer „Manufakturperiode“, die die Industrie etwa von 1650 bis 1750 durchlaufen haben soll, als schon gesell- 1 Die Bezeichnung „Manufaktur“ glaube ich beibehaltenzu sollen, da sie bis zu einem gewissen Grade sich Bürgerrecht in unserer Wissenschaft erworben hat und doch wohl auch in der Mehrzahl der Fälle in dem im Text angegebenen Sinne gebraucht wird. Einen Überblick über die Schicksale, die die Bezeichnung „Manufaktur“ in den verschiedenen Zeiten und bei den verschiedenen Völkern erfahren hat, findet der Leser in meiner Gewerblichen Arbeit S. 353—358. Zweites Kapitel. Betrieb und Betriebsformen. 39 schaftliche Grofsbetriebe aber ohne starke Verwendung von Arbeits- maschinen und ohne Anwendung des Dampfes existierten. Noch täglich aber könnten wir wahrnehmen, dafs ein Industriezweig sich in jenem Stadium halbvollzogener Entwicklung befände, wie wir jeden Tag beobachten könnten, dafs Industrien aus der manufaktur- mäfsigen in die fabrikmäfsige Organisation übergingen. Beides sind unzweifelhaft richtig beobachtete Thatsachen: sowohl jener vorwiegend manufakturmäfsige Charakter einer ganzen Geschichtsperiode wie auch die noch heute sich stetig vollziehende Umwandlung von Manufakturen in Fabriken. Beispiele für die erstere Thatsache sind wichtige grofse Industrien wie die Weberei mit ihren Hilfsverrichtungen, zahlreiche Eisen verarbeitende Industrien, u. s. w.; Beispiele für letztere Thatsache sind in unserer Zeit etwa die Schuhwarenindustrie, einige Zweige der Wäschekonfektion u. a. Trotzdem ist es falsch, hier ein allgemein gültiges „Entwicklungsgesetz“ aufstellen zu wollen, wonach der Prozefs der Vergesellschaftung individualer Betriebe sich stets in der Weise vollzöge, dafs er das Stadium der Manufaktur durchliefe und im Zustande der Fabrik endigte 1 . Das wäre eine doppelt falsche Annahme. Erstens nämlich braucht ein fabrikmäfsiger Betrieb keineswegs immer vorher eine manufakturmäfsige Organisation gehabt zu haben. Sehr viele mechanische und die meisten chemischen Fabriken sind hierfür als Belege anzuführen. Zweitens ist es aber nicht richtig, dafs die Manufaktur gegenüber der Fabrik stets eine unvollkommene Entwicklungsstufe darstelle. Beide Betriebsformen können vielmehr durchaus gleichwertig nebeneinander bestehen, so dafs also die Entwicklung zwei Höhepunkte haben kann: Fabrik und Manufaktur. Der Stammbaum der gesellschaftlichen Grofsbetriebe sieht demnach so aus: Fabrik Manufaktur Fabrik faktur Manu Individualbetrieb 1 Marx spricht von einem „geschichtlichen Entwicklungsgang der grofsen Industrie, auf deren Hintergrund die überlieferte Gestalt von Manufaktur, 40 Einleitung. Die Organisation der wirtschaftlichen Arbeit. Das Wesen der Manufaktur ist also doppelt bestimmt: einmal als Übergangsform, sodann als selbständige, voll entwickelte Form des gesellschaftlichen Grofsbetriebes. Im ersteren Falle besteht ihre eigentümliche Funktion vornehmlich darin, die Anwendung des maschinellen Verfahrens vorzubereiten. Dieses kann zu fruchtbarer Entwicklung nur gelangen, wenn der Träger der Maschinerie sich zu einem in seinen Organen unbegrenzten Gesamtarbeiter ausgewachsen hat und die Arbeitsverrichtungen schon dermafsen zerlegt und vereinfacht sind, dafs sie vom Ingenieur nun der Maschine überwiesen werden können. Beide Vorbedingungen schafft die Manufaktur, indem sie den Produktionsprozefs in einfache Teile zerlegt und die Teilverrichtungen an die einzelnen (Personen-)Organe eines Gesamtarbeiters verteilt. Was die manu- fakturmäfsige Organisation hier leistet, ist also gleichsam die Ent- geistigung des Arbeitsprozesses, seine Emanicipation von der lebendigen Persönlichkeit des Individualai’beiters. Nicht nur völlig anders, sondern geradezu entgegengesetzt ist nun aber die Funktion, die der Manufaktur als selbständiger, voll entwickelter Form des gesellschaftlichen Betriebes zu erfüllen obliegt. Hier soll sie nämlich nicht die schöpferische Individualität des einzelnen Arbeiters unterdrücken, sondern sie soll ihr gei’ade erst zur rechten Entfaltung verhelfen. Sie ist in diesem Falle diejenige Betriebsform,- welche die Vorteile des gesellschaftlichen Betriebes vereinigt mit dem für bestimmte Leistungen unersetzlichen, höchstpersönlichen Schaffen des Individuums. Sie ist alsdann, wollte man sich in weiterer Ausgestaltung der Betriebssystematik gefallen, geradezu die Synthese von gesellschaftlichem und individualem Betriebe, so unvereinbar diese beiden auf den ersten Blick zu sein scheinen. Beispiele werden das erst deutlich erkennbar machen. Oft beschrieben ist die Manufaktur in ihrer ersteren Bedeutung. Ich brauche nur an Adam Smithens nun schon zur Klassizität emporgehobenes Beispiel der Stecknadelmanufaktur zu erinnern und kann hier auf eine wiederholte Vorführung dieser Typen der sog. „arbeitsteiligen Manufakturen“ verzichten. Viel zu geringe Be- Handwerk und Hausarbeit gänzlich umgewälzt wird, die Manufaktur beständig in die Fabrik, das Handwerk beständig in die Manufaktur umschlägt“ (lies: übergeht). Marx, Kapital I 4 , 455. Dieser Gedanke findet sich bei Marx seit der Misere (vgl. S. 131 ff.) und dem kommunistischen Manifest (vgl. S. 10 der 6. deutschen Ausg.). Ähnlich Schäffle, Ges. Syst. 3. Aufl. §§ 251, 257, 265. Zweites Kapitel. Betrieb und Betriebsformen. 41 achtung hat dagegen die Manufaktur bis heute in ihrer zweiten Form gefunden, so dafs es notwendig erscheint, hierfür einige lehrreiche Beispiele beizubringen. Ich wähle als solche: die Porzellanmanufaktur und die Kunstmöbelmanufaktur 1 . Die Herstellung desPorzellans umfafst vier unterschiedliche Teilprozesse der Produktion: 1. die Herrichtung der Materials; 2. die Formgebung; 3. den Brennprozefs; 4. die Farbengebung. Von diesen Teilprozessen sind — in einem grofsen Betriebe, wie er hier allein inbetracht kommt — zwei (1. und 3.) vollständig gesellschaftlich organisiert; zwei (2. und 4.) fast überall der Individualarbeit Vorbehalten. Eine Reihe mächtiger Maschinen hilft das Rohmaterial für die Porzellanbei’eitung zerkleinern, das dann wiederum auf maschinelle Weise in riesigen Mischkesseln die rechte Zusammensetzung und Durchnässung empfängt. Aus der zurechtgekneteten Thonmasse wird nunmehr ein Kubus losgetrennt: das Material für die Thätigkeit des Formers. Diese ist durchaus individualisierte Handarbeit: selbst bei der rohesten Ware, die an der Drehscheibe zu Hunderten von Dutzenden gleicher Gröfse und Form abgedreht wird. Geschweige denn bei kunstvolleren Gebilden, für die recht eigentlich die Individualarbeit ihre Bedeutung empfängt. Hier sitzt Künstler neben Künstler mit Griffel und Spartel in der Hand und formt die Lieblichkeiten, deren wir uns als der Erzeugnisse Berliner, Meifsener, Sevrescher Kunst erfreuen. Hat er sein Werk vollendet und seinen Geist ihm eingehaucht, so wird es nun wieder in den Strudel gesellschaftlicher Produktion hineingerissen und wandert mit vielen Brüdern in den Brennofen: diesen mächtigen, an Hochöfen erinnernden ingeniösen Gebilden, die, selbst das kunstvolle Werk vieler, zu ihrer Bedienung eines Stabes geschulter Arbeitskräfte und reichlichen 1 Ähnlich ist die Organisation der grofsen Bronzewarenmanufakturen. Die Werke von Christofle z. B. beschreibt ein guter Beobachter wie folgt: „C’est l’orfövrie moderne aux puissantes machines, le chef d’usine qui transforme le minerai en lingot, qui fait tourner ses laminoirs & la vapeur, qui par jour estampe 5000 couverts, qui a des bains d’argent et qui produit, en cuivre galvanique, des statues colossales, c’est lui qui se complait ä faire une mig- nonne Statuette d’ivoire elegante et fine, ä l’habiller d’or fin, k la camper sur un socle d’argent aux ciselures delicates et pour ces precieux ouvrages, Mercid lui prete son concours. -Ces deux puissances s’entr’aident, l’artiste Eminent et le maitre de forges savant s’unissent pour cette oeuvre d’orfevre; voilä de l’art industrielle et du bon.“ L. Falize, Orf6vrerie d’art in der Gazette des Beaux Arts III. Pör. Tome II. p. 435/36. 42 Einleitung. Die Organisation der wirtschaftlichen Arbeit. Materials im grofsen bedürfen. Und nun öffnet sich nach 12- oder 14stündigem Brand der Ofen. „Wird’s auch schön zu Tage kommen, Dafs es Fleifs und Kunst vergilt?“ Ist das Stück gelungen in diesem so durchaus gesellschaftlich betriebenen Teil der Produktion, in dem jede individuelle Machtvollkommenheit verschwindet, so wandert es nun wieder in die Hände des Einzelarbeiters zurück, um mit Farben geschmückt zu werden. Ist es ein einfach Gebilde, so werden es halbreife Arbeitskräfte sein, die ihre Abziehbilder auf die Tassen und Teller ab- klatschen; ist es eine jener kunstvollen Vasen oder jener Schalen, Teller, Nippes, mit denen wir unser Heim schmücken, so mufs die Künstlerhand wiederum dem Stück sein individuelles Gepräge verleihen. Eine eigenartige Begabung giebt hier die Farbe, eine andere hatte die Form gegeben: beide in voller Entfaltung ihrer künstlerischen Individualität. Dann kommt das Glasieren und noch mancherlei Verrichtung, die sämtlich abermals auf gesellschaftlicher Organisation beruhen. Ganz ebenso eine Verschlingung individualer und gesellschaftlicher Produktion stellt der zweite Typus der Manufaktur dar, den ich dem Leser anschaulich machen möchte: die Kunstmöbelmanufaktur und zwar schon in ihrer einfachsten Gestaltung, in der wir sie betrachten wollen, schon als Holzmöbelmanufaktur. Im Prozefs der Kunstmöbelherstellung lassen sich drei Hauptteile unterscheiden, die wir als Holzbearbeitung, Montage und Verzierung bezeichnen können. Von ihnen ist der erste Teilprozefs, der aber nicht notwendig nur in einen Zeitpunkt der Produktion zu fallen braucht, sondern sich meistens sogar über die ganze Produktionszeit verteilt, sich also mit den beiden andern zum Teil kreuzt, durchaus der individualen Arbeit entzogen und auf gesellschaftliche Basis gestellt; die beiden anderen dagegen sind, wo es sich thatsächlich um die Erzeugung kunstvoller Möbel handelt, Domänen persönlichen Wirkens geblieben. Verfolgen wir den Rohstoff in den verschiedenen Stadien seiner Bearbeitung, so sehen wir die rohen Stämme zunächst in die Horizontalgatter eintreten, die sie als Bretter wieder verlassen. Diese Bretter erhalten nun, je nach ihrer Bestimmung, in dem Maschinenraum weiter ihre Bearbeitung: an Band- und Kreissäge; Abricht- und Dickehobel. So zubereitet nimmt sie der einzelne Tischler, um sie nun zu dem individualen Werke, dem Stuhl, dem Buffet, dem Schrank etc. zusammenzusetzen. Oft in mühevoller, wochenlanger Arbeit, die der einzelne stets dem- Zweites Kapitel. Betrieb und Betriebsformen. 43 selben Stücke widmet. Zwischendurch bedient er sich der Decoupier-, Fräs- und Kehlmaschinen, die nebenan zu seiner Verfügung stehen. Und unterdessen arbeitet in einem anderen Saale die Schar der eigentlichen Künstler: die Schnitzer oder wie sie heute allgemein heifsen: die Bildhauer, die all die Schnurrpfeifereien hersteilen, mit denen wir noch immer (oder doch wenigstens bis vor kurzem) in blinder Abhängigkeit von früheren Geschmacksrichtungen unsere Möbel zu belasten lieben. Sie sorgen zusammen mit den Drechslern dafür, dafs die vom Tischler hergestellten Gestelle die nötigen Verzierungen erhalten. Dann kommt wohl noch der Polierer, der Lackierer, der Vergolder, die dem Möbel die letzte Verfeinerung angedeihen lassen. Auch hier also wiederholt sich dasselbe Bild wie bei der Porzellanmanufaktur: in einem im grofsen Ganzen auf gesellschaftlicher Basis ruhenden Betriebe ist Spielraum geblieben für individuale Arbeitsentfaltung einzelner Persönlichkeiten. Was übrigens beiden Betriebstypen noch ganz besonders ihr gesellschaftliches Gepräge verleiht, ist — aufser der Vergesellschaftung sagen wir der elementaren Arbeitsverrichtungen, wie wir sie gesehen haben — gerade die Vergesellschaftung auch der rein geistigen, eigentlich künstlerisch - schöpferischen (nicht blofs ausführenden) Funktion der Gesamtarbeit. Das geschieht durch die Eingliederung von eigenen Zeichnern und Entwurfmalern in den Betrieb, von Personen also, die für sämtliche Arbeiter gemeinsam die künstlerische Konzeption übernehmen. 8. Fabrik. „Das Fabrikwesen ist eine so überaus vielgestaltige, dem ganzen wirtschaftlichen Leben der Neuzeit nach vielen Seiten den bezeichnenden Stempel aufdrückende Erscheinung, dafs es kein Wunder ist, wenn — namentlich im gemeinen Sprachgebrauch — der Begriff des Fabrikwesens ein äufserst fliefsender und umfassender ist. Schon die Fabrikation, d. h. das Fabrikwesen nach der aus- schliefslich privatwirtschaftlichen Seite, wird in sehr verschiedenem Sinne verstanden; von der Manchester Spinnmühle, welche mit Zehntausenden von Spindeln arbeitet, von der Uhrenfabrikation, welche in den Bergen des schweizerischen Jura ganze Kantone gleichsam zu einem Grofsbetriebe zusammenschliefst, bis herab zum Posamentierer, welcher mit einem halben Dutzend Arbeiter und einigen Zwirnmaschinen thätig ist, bis zur Boutique des Schneiders, welcher zur Zeit als „Bekleidungsakademiker“ Rock 44 Einleitung. Die Organisation der wirtschaftlichen Arbeit. und Pantalons „trigonometrisch“ aufnimmt, bis zur Werkstätte des Schuhmachers, welcher ins Grofse für Messe und Export arbeitet, ohne Leisten und Pfriemen anders als nach Väter Sitte zu handhaben, ist von Fabriken und Fabrikanten die Rede . . . Dann aber das Fabrik wesen, wie vielseitig sind nicht die allgemein volkswirtschaftlichen, gesellschaftlichen, staatlichen Umgestaltungen und Eigenwirkungen, welche von der Fabrik ausgegangen sind und fortwährend ausgehen . . Also klagend leitete Schäffle vor nun mehr als vierzig Jahren seinen Aufsatz über das „Fabrikwesen“ im „Deutschen Staatswörterbuch “ 1 ein. Wie laut aber und schmerzerfüllt müfste erst das Klagelied sich gestalten, das wir heute einer Erörterung dieses Begriffes vorausschicken wollten, nachdem vierzig Jahre ins Land gegangen sind, ohne dafs auch nur ein einziges befriedigendes Wort zur Klärung des Begriffes Fabrik gesprochen wäre, der vielmehr verschwommener, unklarer, mehrdeutiger, mifs- brauchter geworden ist, je reicher sich das Wirtschaftsleben in diesem Menschenalter gestaltet hat! Keiner der Ausdrücke, die wir bisher für Betriebsformen kennen gelernt haben, ist auch nur annähernd so viel verwandt wie der Ausdruck Fabrik, aber gerade deshalb vielleicht ist auch keiner, weder in der wissenschaftlichen Litteratur noch in der Gesetzes- und Richtersprache noch im täglichen Leben so unbestimmt wie er. Charakteristisch für die Unsicherheit des Sprachgebrauchs ist die Thatsache, dafs unser oberster Gerichtshof bis vor kurzem überhaupt keine allgemein gültige Bestimmung des Begriffs „Fabrik“ mehr aufzustellen für gut befand. Erst neuerdings hat er wenigstens eine Art von Umschreibung versucht, die manches Treffendes neben Schiefem enthält 2 . Wie mufs es da in den einzelnen Gesetzen aus- 1 Herausgegeben von Bluntschli und Brater. Band III, 1858. 2 Die Entscheidung des Reichsgerichts lautet: Wenn der Gesetzgeber selbst auch unterlassen hat, eine erschöpfende und durchgreifende Erklärung des Begriffs „Fabrik“ aufzustellen, indem insbesondere auch die in § 1 des Unfallversicherungsgesetzes enthaltene Definition eine Geltung ausdrücklich nur innerhalb der Grenzen des gedachten Gesetzes beansprucht, so ist man in Theorie und Praxis doch darüber einverstanden, dafs es verschiedene Merkmale giebt, welche für den Begriff „Fabrik“ wesentlich sind, und bei deren Fehlen von dem Betriebe einer solchen nicht gesprochen werden kann. Hierher gehören namentlich die Gröfse und Ausdehnung der Räumlichkeiten, die Zahl der dauernd beschäftigten Arbeiter (vgl. §§ 184 und 284 a der Gewerbeordnung), die vorwiegend mechanische (im Gegensatz zu einer künstlerischen, wissenschaftlichen u. s. w.) Art ihrer Thätigkeit und der Grundsatz der Arbeitsteilung. Dem Fabrikbetriebe weniger wesentlich, wenn auch regelmäfsig Zweites Kapitel. Betrieb und Betriebsformen. 45 sehen! „Die zahlreichen Versuche, heifst es in clen Motiven zum Unfallversicherungsgesetz, welche in der Gesetzgebung verschiedener Länder bisher in dieser Richtung — sc. den Begriff der Fabrik zu definieren — unternommen sind, haben in der Vielgestaltigkeit des praktischen Lebens ihre Schranken gefunden.“ Mutlos erklärt das Kaiserliche Statistische Amt: „Es giebt . . keine allgemein gütige Definition des Begriffes Fabrik“ und sucht sich mit einem schüchternen „Als Fabriken gelten“ — praktisch aus der Verlegenheit zu ziehen * 1 . Und Stieda kommt ebenfalls zu dem Ergebnis, dafs „der Begriff ein fliefsender (ist,) und von den entsprechenden Begriffen „Handwerk“ und „Hausindustrie“ nicht scharf zu trennen 2 “. Unter sothanen Umständen erscheint es fast vermessen, den Begriff Fabrik überhaupt bestimmen zu wollen, geschweige denn in der festen Überzeugung, eine allgemein anwendbare, durchaus unzweideutige Definition geben zu können. Immerhin soll wenigstens der Versuch nicht unterbleiben, in das herrschende Chaos hineinzuleuchten. Wenn wir die schier unabsehbare Reihe der Definitionen des Begriffes „Fabrik“ vor unserem geistigen Auge Revue passieren lassen, so mufs uns vor allem die Wahrheit des Satzes zum Be- wufstsein kommen: „Qui trop embrasse, mal dtreint.“ Woran fast alle Definitionen gleichmäfsig kranken, ist das vergebliche Bemühen, eine Betriebsform und eine Wirtschaftsform (kapitalistische Unternehmung) in einem Begriffe zusammenfassen zu wollen. Das ist natürlich unmöglich und mufs notwendig zu Unklarheiten führen, zumal wenn man sich des Unterschiedes dieser beiden toto coelo verschiedenen Dinge nicht bewufst ist. Als Paradigma für diese ganz allgemeine Art zu definieren, mag die Begriffsbestimmung Stiedas dienen, die ich der Übersichtlichkeit halber in ihre beiden Bestandteile schematisch trennen will 2 . dabei anzutreffen, sind ferner die Erzeugung von Massen (auf Vorrat, Lager), die Benutzung von Dampf- oder anderen elementaren Triebkräften und der Ausschlufs eines Lehrlingsverhältnisses. Darauf, welche Gegenstände der Betrieb umfafst, kommt es im übrigen nicht weiter an, und es können die nämlichen Erzeugnisse sowohl im Handwerks- wie im Fabrikbetriebe her. gestellt werden. Selbst Betriebe, die mit der Umwandlung und Verarbeitung von Rohstoffen wenig oder nichts mehr zu thun haben, sondern andere Arbeitsarten verrichten, wie z. B. Färbereien, chemische Wasch- und Reinigungsanstalten, können im Sinne der Gewerbeordnung Fabriken sein. 1 Erhebung über die Verhältnisse im Handwerk. Veranstaltet im Sommer 1895. S. 21 u. S. 3. 2 Artikel „Fabrik“ im H.St. 4G Einleitung. Die Organisation der wirtschaftlichen Arbeit. Merkmale der Betriebs- Merkmale der Wirtschaftsform: form: „Die Fabrik stellt eine Vereinigung einer gröfseren Zahl von Arbeitern zu Produktionszwecken in einem Gebäude dar, die unter vorzugsweiser Anwendung von Maschinen und Motoren sich gegenseitig in die Hände arbeiten, so dafs alle an der Herstellung eines und desselben Gegenstands mit bestimmten Leistungen beteiligt sind. Die Anordnung der Arbeiten, sowie die Lieferung der Rohstoffe, der Werkzeuge und Maschinen übernimmt der Inhaber derFabrik, dem auch die Sorge für den Absatz der angefertigten Erzeugnisse obliegt. Für die Errichtung der Fabriken sind mafsgebend gewesen die veränderte Gestaltung des Absatzes, der auf dem örtlichen Markt nicht mehr ausreichend erschien, die sich weiter entwickelnde Arbeitsteilung und die Erfindung von Arbeitsmaschinen.“ Also hier gilt es zunächst sich für das eine oder das andere zu entscheiden: ob mit dem Ausdruck „Fabrik“ eine bestimmte Betriebsform oder eine bestimmte Wirtschaftsform bezeichnet werden soll 1 . Der Leser weifs, dafs mit dem Worte „Fabrik“ die Vorstellung einer Betriebsform zu verbinden ist. Fragt sich nunmehr, welche unterscheidenden Merkmale wir dem Begriffe Fabrik beilegen wollen. Unsere bisherigen Aus- 1 An der gekennzeichneten Unbestimmtheit kranken auch die neueren Arbeiten von W. He ff t er, Fabrik und Werkstatt, in der Zeitschrift für Socialwissenschaft. IV. Jahrg. 1901, und H. von Frankenberg, Handwerker oder Fabrikant, im Archiv f. soc. Gesetzgebung Bd. XVI (1901), 711 ff. Zweites Kapitel. Betrieb und Betriebsformen. 47 führungen haben bereits einige dieser Merkmale festgestellt: Fabrik ist, wie wir wissen, ein gesellschaftlicher Grofsbetrieb. Es handelt sich für uns also nur noch darum, ihn von den übrigen Arten dieser Betriebsgattung abzusondern. Zu diesem Zwecke können folgende Kriterien — in Anlehnung an den doch immerhin nicht ganz zu ignorierenden Sprachgebrauch — in Betracht kommen: 1. Das Moment der Einförmigkeit, Massenhaftigkeit oder sogar der Minderwertigkeit der Erzeugnisse. In diesem Sinne spricht man von „Fabrikware“, von „Doktor-Fabriken“ in übertragenem Sinne. Es ist aber durchaus unberechtigt, das Wesen der Fabrik in den genannten Momenten zu erblicken. Es giebt Betriebe, die jedermann ohne jedes Bedenken für Fabriken erklären würde, die aber keineswegs einförmige oder gar minderwertige Massenware liefern. Ich denke an mechanische Bildwebereien; an die modernen Buntdruckereien, in denen Jugend, Simplicissimus und ähnliche Blätter oder gar unsere reizvoll ausgestatteten Kunst- und Kunstgewerbezeitschriften, vom Range des Pan, des Studio, der Deutschen Kunst und Dekoration etc. hergestellt werden. 2. Wohl das beliebteste Unterscheidungsmerkmal für Fabriken ist die in dem Betriebe zur Anwendung gelangende Maschinentechnik. Man hat Fabrik geradezu mit „Machinofaktur“ identifiziert (Reuleaux). Insbesondere seit Marx ist es üblich geworden, maschinellen Grofsbetrieb und Fabrik als gleichbedeutend anzusehen. „Den Ausgangspunkt der grofsen Industrie bildet . . die Revolution des Arbeitsmittels und das umgewälzte Arbeitsmittel erhält seine meist entwickelte Gestalt im gegliederten Maschinensystem der Fabrik 1 * .“ Aber diese Begriffsbestimmung ist entschieden zu eng. Hier, wie so oft bei Marx, läfst sich der übermäfsig beherrschende Eindruck verspüren, den die Baumwollspinnerei auf ihn gemacht hat. Seine ganze Theorie, möchte man sagen, ist auf diesen Produktionszweig zugeschnitten. Man könnte von Anfang bis zu Ende im „Kapital“ an Stelle von Ware = Garn, an Stelle von Produktion = Garnproduktion, an Stelle von Fabrik — Baumwollspinnerei, an Stelle von Arbeiter == Spinner setzen, ohne den Sinn zu beeinträchtigen. So sehr nun auch mit Marx die hervorragende Geeignetheit dieser Branche, als Schulbeispiel moderner Industrie zu dienen, anzuerkennen ist, so ist es doch natürlich nicht zulässig, Baumwollspinnerei und Grofsindustrie 1 K. Marx, Kapital I 4 , 358. Vgl. dazu die Ausführungen S. 384 ff.: „Die Fabrik“. 48 Einleitung. Die Organisation der wirtschaftlichen Arbeit. schlechthin gleichzusetzen b Es genügt, auf die aufserordentlich wichtige Kategorie aller sog. chemischen Fabriken i. e. S., ferner der Brennereien, Brauereien u. s. w. hinzuweisen, um die Bestimmung des Begriffes der Fabrik ausschliefslich mit Hilfe des Maschinenprincips als verfehlt zu kennzeichnen. 3. Auf das richtige Kriterium der Fabrik werden wir geführt, sobald wir nach dem aller entwickelten Maschinerie und aller chemischen Industrie im weiteren Sinne gleichermafsen zu Grunde liegenden Principe fragen. Dieses ist unzweifelhaft das des automatischen Produktionsprozesses. Haben wir die Idee der Vergesellschaftung des Produktionsprozesses überhaupt in der Emancipation von der Beschränktheit des individuellen Arbeiters erblickt, so liegt diejenige der Fabrik im besonderen in der Emancipation von der mitwirkenden, gestaltenden Anteilnahme des Arbeiters an der Produktion überhaupt. Objektivierung des Produktionsprozesses, seine völlige Loslösung von dem lebendigen Menschen, seine Übertragung auf ein System lebloser Körper, die durch Mitteilung einer künstlich erzeugten Kraft gleichsam mit Leben erfüllt werden, Schöpfung eines selbständig wirkenden, an die Stelle des Menschen tretenden Mechanismus: das ist es offenbar, was uns vorschwebt, wenn wir von einer „Fabrik“ sprechen 1 2 * , oder was wir doch wenigstens uns 1 Diese oft sicher unbewufste Identifizierung verführt Marx zu gelegentlich recht falschen Verallgemeinerungen. So z. B. in seiner Charakteristik des Wesens moderner Maschinerie, die seiner Meinung nach (wie in der Baumwollspinnerei) überall „aus drei wesentlich verschiedenen Teilen, der Bewegungsmaschine, dem Transmissionsmechanismus, endlich der Werkzeugoder Arbeitsmaschine“ bestehen soll (Kapital I 4 , 336 ff.), wobei Marx wiederum U r e (Philosophy of Manufactures 3. ed. 1861 p. 27) strictissime folgt. Über das Irrtümliche dieser Auffassung verbreitet sich schon eingehend F. Reu- leaux, Theoretische Kinematik (1875) § 129 ff. Oder man vgl. z. B. S. 391, wo er „die materiellen Bedingungen, unter denen die Fabrikarbeit verrichtet wird“, aufzählt, wie folgt: „Alle Sinnesorgane werden gleiclimäfsig verletzt durch die künstlich gesteigerte Temperatur, die mit Abfallen des Kohmaterials geschwängerte Atmosphäre, den betäubenden Lärm u. s. w., abgesehen von der Lebensgefahr unter dichtgehäufter Maschinerie.“ Nun denke man sich etwa versetzt in eine lautlose Mälzerei, in die eisigen Gärkeller einer Brauerei, in eine saubere Buntdruckerei, in eine chemische Fabrik, wo überhaupt keine Maschinerie, geschweige gehäufte ist. 2 „I conceive, that this title, in its strictest sense, involves the idea of a vast automaton, composed of various mechanical and intellectual organs, acting in uninterrupted concert for the production of a common object, all of them being subordinated to a self-regulated moving force.“ Ure, 1. c. pag. 13. Als ausgesprochene Typen vollendeter Fabrikhaftigkeit können für Zweites Kapitel. Betrieb und Betriebsformen. 49 gewöhnen sollten, in den Begriff hineinzulegen, da dieser dann erst seine specifisch klare und wertvolle Bedeutung für das System der Betriebsformen erhält. Fabrik wäre demnach: diejenige Form des gesellschaftlichen Grofsbetriebes, in welchem die entscheidend wichtigen Teile des Produktionsprozesses von der formenden Mitwirkung des Arbeiters unabhängig gemacht, einem selbstthätig wirkenden System lebloser Körper übertragen worden sind. Ihre specifische Funktion wäre dann die: eine Betriebsform zu sein, in welcher die durch die Einführung der Maschinerie und des wissenschaftlich chemischen Verfahrens in die Produktion ermöglichte Überwindung der qualitativen wie quantitativen Beschränktheit des individuellen Arbeiters in jeweils höchst vollendeter Weise in die Wirklichkeit übertragen wird. In einem etwas kühnen Bilde gesprochen: die Fabrik ist das_Werkzeug des kollektiven Gesamtarbeiters, mittelst dessen er Kraft, Feinheit, Sicherheit, Schnelligkeit über die Schranke des Organischen hinaus zu entwickeln vermag. Des Gesamtarbeiters, der in der Fabrik allein noch waltet; denn das ist, negativ ausgedrückt, Charakteristikum der Fabrik, dafs in ihr für irgend welche Entfaltung individuell - persönlichen Wirkens kein Raum mehr ist. Deshalb stellt die Fabrik die konsequenteste Durchbildung des Princips gesellschaftlicher Produktion dar, ohne doch als die höchste Form der Betriebsanordnung überhaupt gelten zu dürfen, die vielmehr, wie wir gesehen haben, in zwei Gestaltungen zu jeweils höchster Vollendung gelangt: in Fabrik und Manufaktur. die me chanische Industrie die Dampfmühlen, für die chemische Industrie die Petroleumraffinerien angesehen werden. f Sombart, Der moderne Kapitalismus. I. 4 Drittes Kapitel. Wirtschaftsstufen, Wirtschaftssysteme, Wirtschaftsformen, Wirtschaftsepochen. Wenn wir nach dem, was wir bereits wissen, Wirtschaftseinheit nennen die Organisation, welche ein Wirtschaftssubjekt schafft, um einen seinem Wirtschaftsprincip entsprechenden Nutzeffekt zu erzielen, so führt uns eine genauere Untersuchung und Zergliederung dieses Begriffes zu folgender Erkenntnis: 1. Die subjektive Bestimmtheit der Wirtschaftsorganisation liegt in dem Verwertungszweck. Nicht der Zweck der Güterherstellung, des Güterabsatzes, der Dienstvermittelung oder was sonst Inhalt einer (Produktions- im Gegensatz zur Konsumtions-) Wirtschaft bilden kann, sondern die hinter diesen Thätigkeiten liegenden Zwecke, die ich die Yerwertungszwecke nenne, entscheiden über Art und Form der Organisation. Dadurch tritt die Wirtschaftsorganisation in einen deutlichen Gegensatz zur Betriebsorganisation, welch letztere wir durch den Zweck der Gebrauchsgüterherstellung (oder einer jener anderen Thätigkeiten) bestimmt sahen. Um Stiefeln anzufertigen, kann ich mich des manuellen oder maschinellen Verfahrens, der individualen oder kollektiven Betriebsanordnung bedienen und erhalte alsdann einen bestimmten Betrieb, der immer als letzten Zweck — Stiefelverfertigung hat. Je nachdem nun aber Stiefeln zum eigenen Gebrauch oder Stiefeln für den Gebrauch eines Kunden oder Stiefeln zum Zweck des Geld verdienen s oder Stiefeln für eine Armenverwaltung angefertigt werden, entstehen mannigfache Organisationen, eben bestimmt geartete Produktionswirtschaften. Zweck einer kapitalistischen Stiefel- Drittes Kapitel. Wirtschaftsstufen, Wirtschaftssysteme etc. 51 fabrik ist niemals die Anfertigung von Stiefeln, sondern immer nur die Erzielung von Profit; Zweck einer bäuerlichen Eigenwirtschaft ist ebenfalls nicht Stiefel zu machen, sondern die Füfse durch Stiefel gegen Feuchtigkeit, Kälte etc. zu schützen u. s. w. 2. Die objektive Bestimmtheit der Wirtschaftsorganisation wird gegeben durch das jeweils herrschende Wirtschaftssystem, d. h. die geltende Wirtschaftsordnung und die herrschenden Wirt- schaftsprincipien, denen sich das einzelne Wirtschaftssubjekt doch stets als einer objektiven Thatsache gegenüber befindet. Durch diese Gebundenheit an die in der gesellschaftlichen Ordnung gegebenen Bedingungen erhält die Wirtschaft stets ein bestimmtes, historisches Kolorit, das sie abermals von der Betriebsorganisation unterscheidet, die — bis zu einem gewissen Grade wenigstens — von der jeweils herrschenden Wirtschaftsverfassung, wir wir gesehen haben, unabhängig ist. Wir sehr die Wirtschaftsform durch das Wirtschaftssystem bedingt ist, vermögen wir erst völlig zu ermessen, wenn wir uns darüber unterrichtet haben, worauf sich im einzelnen die Anordnungen und Einrichtungen beziehen, die durch die Organisation der Wirtschaftsform ins Leben gerufen werden. Diese bestimmt 1. die Art und Weise, wie die für die Produktion notwendigen Faktoren — Produktionsmittel und Arbeitskräfte — zu produktiver Thätigkeit herangezogen werden: ob beispielsweise die Arbeitskräfte als Familienangehörige dem Befehle des Familienoberhauptes folgend zur Arbeit kommen; oder ob sie als Fremde zwangsweise herbeigeschleppt werden; ob sie von der staatlichen Obrigkeit in einer Gesellschaft freier Menschen zu bestimmten Arbeiten designiert werden; ob sie als gleichberechtigte Genossen sich zu gemeinsamer Arbeit verabreden; ob sie als Ware auf dem Markte gekauft; ob als Gehilfen gegen Entgelt vielleicht nach obrigkeitlich festgestellten Taxen angeworben werden u. s. w.; 2. die Art und Weise, wie die bei der Produktion mitwirkenden Personen Einflufs ausüben auf die Gestaltung und den Gang jener. Produktionsleiter ist ja das Wirtschaftssubjekt. Aber die Stellung der übrigen Produktionsteilnehmer zu diesem kann trotzdem eine aufserordentlich verschiedene sein: vom unbeschränktesten Despotismus bis zur freiesten demokratischen Verfassung sind hier Abstufungen in den Beziehungen des Leiters zu den Geleiteten denkbar und wirklich; 3. die Art und Weise, wie das Produkt verwendet wird: ob es bestellenden Kunden gegen Entgelt geliefert, ob es auf dem 52 Einleitung. Die Organisation der wirtschaftlichen Arbeit. Markte verkauft, ob es in der Wirtschaft des Produzenten verzehrt, ob es auf dem Meierhofe oder in der Abtei abgeliefert, ob es in einem staatlichen Magazine deponiert wird u. s. w.; 4. die Art und Weise, wie die bei der Produktion Mitwirkenden am Produktionsertrage teilnehmen: ob gar nicht — man denke an den abgabenpflichtigen Fronbauern —; ob mit einer Quote des Ertrages, ob mit einer unabhängig vom Ertrage festgesetzten Wertsumme — in Natura oder in Geld —; ob die Anteilnahme auf dem Wege stillschweigender Vereinbarung, oder freier ausdrücklicher Abmachung oder obrigkeitlicher Normierung oder sonstwie stattfindet. Diese Einsicht in die historische Bedingtheit der Wirtschaft läfst es nun aber auch als notwendig erscheinen, um die verschiedene Gestaltung der Produktionswirtschaft, d. h. die verschiedenen Wirtschaftsformen — wie wir in Zukunft immer der Einfachheit wegen statt Produktionswirtschaftsformen sagen wollen — anschaulich zu machen, zuvor eine Charakteristik der Wirtschaftssysteme, in die je eine bestimmte. Wirtschaftsform eingegliedert ist, zu geben. An Versuchen fehlt es nicht, die verschiedenen Wirtschaftssysteme, oder wie dafür promiscue wohl gesagt wird: Wirtschaftsstufen, Wirtschaftsweisen, Wirtschaftsverfassungen, Wirtschaftszustände, Wirtschaftsepochen einer systematischen Betrachtung zu unterziehen. Ich habe an anderer Stelle eine kritische Übersicht über die wichtigsten früheren Theorien gegeben, auf die ich den Leser hier verweise 1 . Nur mit einer der zahlreichen Stufentheorien, die ich dort kritisch beleuchtet habe, will ich eine Ausnahme machen, indem ich sie auch an dieser Stelle noch einmal skizziere und kritisiere. Ich halte dies deshalb für unerläfslich, weil diese Theorie eine sehr grofse Popularität erlangt und in den Köpfen namentlich nicht national-ökonomisch gebildeter Leser grofse Verwüstungen angerichtet hat. Ich meine natürlich die Theorie Karl Büchers 2 . Sie verdankt ihre grofse Popularität der unzweifelhaft glänzenden 1 Gewerbl. Arbeit S. 370—386. 2 Karl Bücher, Die Entstehung der Volkswirtschaft, 2. Aufl. (1898), S. 49—124. Eine nicht völlig unverdiente Verspottung hat die Büchersche Theorie wegen ihrer etwas geistlosen, weil rein äufserlichen Schematik erfahren von H. Losch, in dessen Humoreske: das Mikroskop, das Brillenglas, der Feldstecher und das Fernrohr in der deutschen Volkswirtschaftslehre in Brauns Archiv 16, 511. Ich trage kein Bedenken, dieses Essaychen hier zu nennen, weil ich selbst darin nicht viel besser fortkomme als Bücher. Drittes Kapitel. Wirtsehaftsstufen, Wirtschaftssysteme etc. 53 Darstellung und vor allem der grofsen Vereinfachung, die in ihr das abgehandelte Problem erfahren hat. Während die Lehren der Rodbertus, Marx, Engels, Schmoller, auf denen Bücher in allen wesentlichen Punkten fufst, durch die eigentümliche äufsere Art der Behandlung, die häufig, namentlich bei Marx und Engels, nur eine gelegentliche und skizzenhafte ist, und durch die tiefere Anlage der ganzen Systematik an die Denkkraft des Durchschnittslesers unverhältnismäfsig hohe Anforderungen stellen, hat Bücher seine Theorie, freilich, wie mir scheint, nicht ohne ihren wissenschaftlichen Wert stark zu beeinträchtigen, so außerordentlich mundgerecht zu machen gewufst, dafs sie auch dem Verständnis des Anfängers keinerlei Schwierigkeiten bereitet. Dieselbe Einteilung der Wirtschaftsstufen nämlich, zu denen auch seine Vorgänger gelangt waren und die er wie folgt charakterisiert: 1. die Stufe der geschlossenen Hauswirtschaft (reine Eigenproduktion, tauschlose Wirtschaft); 2. die Stufe der Stadtwirtschaft (Kundenproduktion oder Stufe des direkten Austausches); 3. die Stufe der Volkswirtschaft (Warenproduktion, Stufe des Güterumlaufs) trifft er nach einem scheinbar äufserst plausiblen und jedenfalls sehr einfachen Gesichtspunkte: dem der Länge des Weges, welchen die Güter vom Produzenten bis zum Konsumenten zurücklegen. „Wollen wir, heifst es a. a. O. S. 57, diese ganze Entwicklung unter einem Gesichtspunkte begreifen, so kann dies nur ein Gesichtspunkt sein, der mitten hineinführt in die wesentlichen Erscheinungen der Volkswirtschaft, der uns aber auch zugleich das organisatorische Moment der früheren Wirtschaftsperioden aufschliefst. Es ist dies kein anderer als das Verhältnis, in welchem die Produktion der Güter zur Konsumtion derselben steht, oder genauer: die Länge des Weges, welchen die Güter vom Produzenten bis zum Konsumenten zurücklegen.“ Während nun, wie ich im Anschlufs an meine eigene Darstellung zeigen werde, die Theorien von Rodbertus, Marx-Engels, Schmoller teilweise einseitig, teilweise lückenhaft, teilweise unglücklich formuliert sind, halte ich die Büchersche Theorie, obwohl sie gleichsam die gereinigte Lehre der vorbenannten Männer zu enthalten scheint, in der von Bücher ihr gegebenen Fassung für geradezu falsch, mindestens für aufserordentlich leicht irreführend. Es ist meines Erachtens nicht möglich, das ungeheure komplizierte Problem der Unterschiede verschiedener Wirtschaftsweisen restlos in 54 Einleitung. Die Organisation der wirtschaftlichen Arbeit. jenen Schematismus Büchers aufzulösen, der auf relevanteste Punkte der wirtschaftlichen Organisation entweder gar keine Rücksicht nim mt, oder aber den Thatsachen, die er meistern will, geradezu Gewalt anthun mufs. Es wird mein Widerspruch am besten deutlich werden, wenn ich einige Beispiele herausgreife: das Tuch des mittelalterlich-städtischen Tuchproduzenten, das er auf Märkten und Messen absetzte, die Erzeugnisse der alten bergisch-märkischen Kleineisenindustrie, das Silber aus den Bergwerken des Mittel- r alters hatten keinen längeren und keinen kürzeren Weg aus der Produktions- in die Konsumtionswirtschaft zurückzulegen, als heute die gleichen Erzeugnisse aus der Fabrik zum Schneider oder Schlosser oder Juwelier, und doch gehören die Vorgänge damals und heute ganz verschiedenen Welten an. Der Weg des Rockes, der Stiefeln etc. aus dem modernen kapitalistischen Mafsgeschäft in die Wirtschaft des Konsumenten ist nicht einen Schritt länger als ihr Weg im Mittelalter. Reine und echte Kundenproduzenten sind Krupp und ähnliche für den Staat oder die Gemeinde liefernde Geschäfte. Die grofsen Pariser Couturiers, deren jeder Tausende von Arbeitern beschäftigt, sind ganz exklusive Kundschaftsproduzenten u. s. w. Und diese Erscheinungen sind nicht etwa vereinzelt in unserer Zeit: sie stellen, wie Bücher selbst am besten > weifs, grofse Entwicklungstendenzen dar. Die vielfach beobachtete Ausschaltung der Zwischenglieder, die Annäherung der Konsumenten an den Produzenten: führen sie uns zur Organisation der mittelalterlichen Stadtwirtschaft zurück? Oder kann das „Kundenverhältnis“ nicht vielleicht ganz heterogenen Wirtschaftsperioden angehören? Das Brot hat einen gleich langen Weg zurückzulegen vom Handwerker, aus der kapitalistischen Brotfabrik, aus der Bäckerei des Konsumvereins und aus der Militärbrotbäckerei, um in die Wirtschaft des Konsumenten zu gelangen: sollen alle vier toto coelo verschiedenen Wirtschaftsorganisationen darum als gleich behandelt werden? Aber auch die Konstruktion der modernen Verkehrswirtschaft gelingt nach dem Schema Büchers nicht. Denken wir uns eine socialistisch organisierte Gesellschaft, die unter Beibehaltung der heutigen Arbeitsspecialisierung produzierte, so würde für zahlreiche Produkte der Weg von der Produktions- zur Konsumtionswirtschaft ebensoweit sein wie er heute ist: sollte ich darum die wiederum weltverschiedenen Organisationen nicht unterscheiden dürfen blofs wegen des gleich langen Weges, den das Produkt zurücklegt, ehe es konsumiert wird? Worauf Bücher auch nicht erwidern könnte: heute wird das Produkt als Ware pro- Drittes Kapitel. Wirtsehaftsstufen, Wirtschaftssysteme etc. 55 duziert, in einem socialistischen Gemeinwesen nicht. Denn mit diesem Einwand würde er nur meine Kritik als richtig bestätigen, da ja die Betonung der Warenproduktion ein ganz anderes Kriterium zur Unterscheidung benutzt, als es jene von Bücher als solches proklamierte Weglänge ist. Wo auch immer man die Büch ersehe Theorie angreifen mag: sie erweist sich als unhaltbar. Ihr Grundfehler liegt darin, dafs sie eine Systematik der Wirtschaftsstufen lediglich nach äufserlichen Merkmalen versucht, während es gilt mehr als bisher den verschiedenartigen Geist, der jeweils in den wirtschaftlichen Vorgängen obwaltet, zum Kriterium ihrer Unterschiedlichkeit zu machen *. Wenn ich nunmehr daran gehe, selbst eine Theorie der Wirtschaftsstufen oder Wirtschaftssysteme — ich werde erst später die präcisere Fassung vornehmen können — zu entwerfen, so werden wir uns vor allem vor den Fehlern zu hüten haben, deren sich alle früheren Theorien mehr oder weniger schuldig gemacht haben. Ich denke dabei gar nicht an die Versehen im einzelnen, sondern nur an die Verfehlungen im Princip und in der Methode. Was sich in dieser Hinsicht an Irrungen und Unvollkommenheiten nach- weisen läfst, ist vornehmlich das Folgende: 1. keine der früheren Theorien — allenfalls mit Ausnahme derjenigen Büchers, der aber, wie wir gesehen haben, ihr Kriticis- mus sehr schlecht bekommt — ist kritisch, d. h. sich klar über Tragweite und Bedeutung ihres Einteilungsprincips, dessen sich sehr viele unserer Theoretiker nicht einmal bewufst zu werden scheinen; 2. keine handhabt das von ihr erkorene principium divisionis in einwandfreier Weise; das gilt insbesondere auch von derjenigen Gruppe, die das Moment der Vergesellschaftung keineswegs genügend klargestellt hat und keineswegs mit der nötigen Rigorosität als Unterscheidungsmerkmal zur Anwendung bringt; 3. keine vermag mit ihrer Einteilung die Fälle der wirtschaftlichen Erscheinungen zu erschöpfen; das gilt auch wiederum von den Theorien der letzten Kategorien; denn wie sehr auch das Moment der Vergesellschaftung an Wichtigkeit hervorragen mag: 1 Ich höre, dafs Prof. Bücher in der 3. Auflage seines Buches in recht ausfallender Weise eine Antikritik gegen mich veröffentlicht hat. Ich bedauere das aufrichtig hei der Hochschätzung, die ich vor Bücher habe. Meine sachlichen Argumente werden natürlich durch persönliche Invektiven nicht aus der Welt geschafft. Im Gegenteil: sie gewinnen an Beweiskraft nach dem alten und bewährten Spruche: „Mein Freund, du wirst grob, also hast du unrecht!“ 56 Einleitung. Die Organisation der wirtschaftlichen Arbeit. andere Eigentümlichkeiten wirtschaftlicher Organisation — wie die Art der Verknüpfung arbeitsteiliger Produktion, die Principien der Wirtschaftsführung, die Abhängigkeitsverhältnisse der bei der Produktion mitwirkenden Personen u. a. — vermag es naturgemäfs nicht ebenfalls zum Ausdruck zu bringen. Marx und Engels, die unzweifelhaft am tiefsten dachten, wurden durch diesen Umstand gehindert, überhaupt eine eindeutige Einteilung vorzunehmen und haben bis zuletzt zwischen den verschiedenen Einteilungsmöglichkeiten geschwankt. Was zunächst keinem Zweifel unterliegen kann, ist dieses: dafs das Merkmal, nach dem die Arten menschlicher Wirtschaft unterschieden werden sollen, eine für die Gestaltung des Wirtschaftslebens relevante Thatsache sein mufs. Und zwar thunlichst eine solche, die für alle übrigen Erscheinungen bestimmend, also primär ist. Als solche bietet sich nun den Blicken des aufmerksamen Beschauers vor allem eine dar: das ist das Mafs von Produktivkräften, über die eine Zeit für ihre wirtschaftlichen Zwecke verfügt. Deutlich erscheint der Grad der Entwicklung produktiven Könnens als die Schranke, in die alles wirtschaftliche Verhalten und Streben jeweils eingeschlossen ist, als die somit recht eigentlich objektiv alles Wirtschaftsleben bestimmende Thatsache. Es läge daher nahe, sie als Merkmal für die Unterscheidung verschiedener Wirtschaftsstufen zu wählen. Und wenn man etwa in der Weise, wie ich es versucht habe 1 , die ökonomische Technik nach den ihr zu Grunde liegenden Principien analysiert, so läfst sich auch ohne Schwierigkeit eine Stufenfolge der Verfahrungsweisen und der an sie sich anknüpfenden Entwicklung der produktiven Kräfte aufstellen. Nicht in der äul’serlichen Art, nach der man Steinzeit, Bronzezeit, Eisenzeit unterschieden hat; wohl aber so etwa, dafs man den Eintritt des Feuers, des Werkzeugs, des Rotationsprincips, des Dampfes, der Wissenschaft u. s. w. in das Wirtschaftsleben zu Marksteinen verschiedener Wirtschaftsepochen machte. Dagegen liefse sich nun aber folgendes mit Recht einwenden: 1. würde einer solchen Einteilung stets etwas Willkürliches anhaften, da ja die Auswahl der entscheidenden Thatsachen durch keinerlei Regel bestimmt ist 2 ; 2. würde eine derartige Einteilung keinerlei Vergleichung der verschiedenen Wirtschaftsepochen gestatten, an der uns doch ge- 1 Gewerbliche Arbeit S. 17 ff. 2 Für diese Willkürliclikeit liefert ein beredtes Zeugnis die Einteilung der primitiven Wirtschaftszustände, die Lew. H. Morgan vornimmt. Ich Drittes Kapitel. Wirtschaftsstufen, Wirtschaftssysteme etc. 57 legen sein mufs, und zwar deshalb nicht, weil ja den verschiedenen Verfahrungsweisen das tertium comparationis fehlt. Um dieses zu beschaffen, könnte man daran denken, die ihnen innewohnende Produktivität zu ermitteln und ihr Mafs der Einteilung der Wirtschaftsstufen zu Grunde zu legen; könnte also — ein Pro- duktivitätssimplum angenommen — etwa doppelt-, vierfach-, zehnfach- u. s. f. produktive Epochen unterscheiden. Böte sich dazu eine Handhabe, so läge kein formaler Grund vor, eine derartige Einteilung nicht zu treffen. Einstweilen freilich müssen wir darauf verzichten, denn jene Handhabe fehlt. Weder vermögen wir die Produktivitätshöhe einzelner Verfahrungsweisen einwandsfrei zu bestimmen, noch viel weniger, was doch aber notwendige Voraussetzung wäre, die gesamte Technik einer Zeit auf einen einzigen Nenner zu bringen und sie mit einem einzigen Produktivitätskoeffizienten zu belegen. Aber auch diese Lücken in unserem Wissen ausgefüllt gedacht, würde sich jene Art der Gruppierung doch kaum als glücklich erweisen. Was sich nämlich 3. gegen eine Einteilung der Wirtschaftsepochen nach Produktivkräften einwenden läfst, ist dieses: dafs sie kein eigentlich ökonomisches Kriterium der Einteilung zu Grunde legt. Nicht die t potentielle Fähigkeit zu produzieren, nicht also das blofse Vorhandensein produktiver Kräfte ist es, was uns interessiert, sondern die Art und Weise, wie die Verfahrungsweisen genutzt worden. Ihre Anwendung zu wirtschaftlichen Zwecken, ihre Inbeziehungsetzung zu wirtschaftlicher Thätigkeit macht die Produktivkräfte erst zu ökonomisch relevanten Erscheinungen. Wollen wir sie daher in ihrem objektiv bestimmenden Einflufs auf das Wirtschaftsleben erfassen, so müssen wir sie gleichsam erst in socialem Gewände erscheinen lassen, d. h. unbildlich gesprochen irgendwelche Phänomene socialer Organisation, die wir von ihnen unmittelbar verursacht sehen, als ihren repräsentativen Ausdruck zu kennzeichnen versuchen. Als solches Phänomen bietet sich uns nun aber im Grunde, wenigstens bei dem heutigen Stande unseres Wissens, nur ein einziges dar: die berufsmäfsige Specialisierung oder wenn man r die Bezeichnung, die den Naturwissenschaften entlehnt ist, vorzieht: die Differenzierung wirtschaftlicher Thätigkeit. Zwischen dieser ökonomischen Thatsache und der Entwicklung der Produktivkräfte habe nie begriffen, warum er z. B. der Erfindung der Töpferscheibe eine so fundamentale Bedeutung zuschreibt. Die angeführten Gründe enthalten keineswegs eine befriedigende Erklärung. Vgl. Urgesellschaft, deutsch 1891, S. 9 ff. > 58 Einleitung. Die Organisation der wirtschaftlichen Arbeit. besteht nämlich die empirisch feststellbare Thatsache: dafs einer Steigerung der Produktivkräfte eine zunehmende Specialisierung, also Differenzierung parallel geht. Diese Beobachtung giebt uns die Berechtigung, das Mafs der ökonomischen Differenzierung als den Ausdruck des Entwicklungsgrades der Produktivkräfte zu betrachten 1 . Nun ist aber jede Specialisierung wirtschaftlicher Thätigkeit immer nur eine Seite eines komplexen Phänomens. Sie bedeutet r zunächst eine Einbufse an wirtschaftlicher Selbständigkeit und hat zur stillschweigenden Voraussetzung die Wiedererwerbung ökonomischer Existenzmöglichkeit durch die Inbeziehungsetzung zu anderen specialisierten Thätigkeiten, die jene erstere ergänzen. Damit ein Gesamtbedarf gedeckt werde, ist die Zusammenfügung speciali- sierter Thätigkeiten notwendig. Vom Standpunkt dieses Gesamtbedarfs aus stellt sich also die Specialisierung als Mit- oder Teilarbeit an einem Gesamtwerk dar (daher der mifsverständliche Ausdruck Arbeitsteilung!). Die Zusammenfügung einzelner Special- thätigkeiten zu einem Gesamtprodukt können wir nun zwar nicht schön, aber treffend Vergesellschaftung nennen. Alsdann erhalten wir den Satz: der Grad der Specialisierung wirtschaftlicher Thätigkeiten entscheidet über den Grad der > Vergesellschaftung des Wirtschaftslebens, was in naturwissenschaftlicher Terminologie heifst: der Grad der Differenzierung bestimmt den Grad der Integrierung. Indirekt also ist auch der Grad der Vergesellschaftung der Ausdruck für den Grad der Entwicklung der produktiven Kräfte. Wenn wir nun das Mafs der Vergesellschaftung zum Einteilungsprincip der Wirtschaftsstufen wählen, so werden wir, denke ich, allen Anforderungen gerecht, die an ein solches zu stellen sind, denn 1. ist es ein sociales Phänomen, an das wir anknüpfen; 2. ermöglicht es die Vergleichbarkeit verschiedener Wirtschaftsweisen, ist aber 3. doch ein solches, das die für die Gestaltung des Wirtschaftslebens relevanteste Thatsache: die Entwicklung der Produktivkräfte in unmittelbare Berücksichtigung zieht und 4. wird es der thatsächlichen historischen Entwicklung des Wirtschaftslebens am ehesten gerecht. 1 Eingehender erörtert habe ich diesen Punkt in meinen Studien über die Gewerbliche Arbeit etc. a. a. 0. S. 389 Anm. 1. Drittes Kapitel. Wirtschaftsstufen, Wirtschaftssysteme etc. 59 Nur einer Feststellung bedarf es jetzt noch, damit wir unsere Tafel der Wirtschaftsstufen entwickeln können: die Specialisierung kann sich innerhalb einer — sei es Produktions-, sei es Konsum- tions- — Wirtschaft vollziehen oder aber zwischen verschiedenen Wirtschaften stattfinden. In letzterem Falle stellt die Thätigkeit der einzelnen Produktionswirtschaft die Specialität dar. Nur in diesem Sinne wollen wir im folgenden den Begriff der Specialisierung und somit also auch der Vergesellschaftung verwenden. Es sind nun folgende drei Wirtschaftsstufen zu unterscheiden: I. Individualwirtschaft; II. Übergangswirtschaft; III. Gesellschaftswirtschaft. Diese Dreiteilung, auf deren Parallelität zu der Tafel der Betriebsformen schon hier hingewiesen werden mag, ist nach folgenden Gesichtspunkten vorgenommen: I. Die Stufe der Individualwirtschaft 1 ist diejenige, auf welcher der Gesamtbedarf einer Konsumtionswirtschaft in derselben Wirtschaft, die also gleichzeitig Produktionswirtschaft ist, hergestellt wird und höchstens eine Berührung, keine Verschlingung mit anderen Wirtschaften besteht. II. Die Stufe der Übergangswirtschaft, auch als Gesellschaftswirtschaft niederer Ordnung zu bezeichnen, wird charakterisiert dadurch, dafs bereits eine ständige Trennung von Konsumtions- und Produktionswirtschaft eingetreten ist. Der Gesamtbedarf einer Wirtschaft wird regelmäfsig durch Mitwirkung andererWirtschaften gedeckt. Es herrscht also bereits ein Zustand der Vergesellschaftung. Jedoch einer noch nicht sehr hochentwickelten und stark differenzierten Vergesellschaftung. Ein beträchtlicher 1 Die Bezeichnung „Individualwirtschaft“ ist nicht sehr glücklich, deshalb weil gerade dieser Wirtschaftsstufe ein kommunistischer Zug anhaftet; aber ich finde keinen besseren. „Isolierte“ Wirtschaft ist auch nicht schöner. Ich denke aber, dafs nach diesem Hinweise und unter Berücksichtigung der weiteren Darlegungen Mifsverständnisse ausgeschlossen sind. Wenn Marx einmal bemerkt (Lohnarbeit und Kapital S. 15), dafs alle Produktion als „gesellschaftliche“ erfolge, indem die Menschen „auf bestimmte Weise Zusammenwirken und Thätigkeiten gegeneinander austauschen“, so ist das natürlich unzweifelhaft für alle Wirtschaftsstufen richtig und von mir selber ausdrücklich an anderer Stelle anerkannt. Es schliefst aber nicht aus, dafs wir in der Weise, wie es im Text geschieht, nach einem ganz bestimmten Kriterium — der Trennung von Konsumtions- und Produktionswirtschaft — einen Zustand der „Individualwirtschaft“ demjenigen einer Gesellschaftswirtschaft gegenüberstellen. 60 Einleitung. Die Organisation der wirtschaftlichen Arbeit. Teil des Gesamtbedarfs wird vielmehr noch innerhalb derselben Wirtschaft erzeugt, in der er konsumiert wird, so dafs die Ver- unselbständigung der einzelnen Wirtschaft noch keine absolute ist; das Füreinanderproduzieren der verschiedenen Wirtschaften aber erfolgt noch grofsenteils im Rahmen der alten Gemeinschaftsformen, die auch für die interlokalen Beziehungen noch mafs- und richtunggebend bleiben. III. Die Stufe der Gesellschafts Wirtschaft im eigentlichen Sinne, der Gesellschaftswirtschaft höherer Ordnung endlich ist diejenige, auf welcher die Differenzierung der Produktionswirtschaften und ihre Verschlingung zu einem untrennbaren Ganzen vollkommen geworden ist und einen solchen Grad in quantitativer wie räumlicher Beziehung erreicht hat, dafs neben und über den alten Gemeinschaften neue Formen für die Verknüpfung der einzelnen Produktionswirtschaften künstlich geschaffen werden müssen, also dafs an Stelle der einstigen Organismen ein Mechanismus des Wirtschaftslebens tritt h Mehr läfst sich über die verschiedenen Wirtschaftsweisen nun aber nicht aussagen, wenn wir lediglich das Moment der gröfseren oder geringeren Vergesellschaftung zur Charakterisierung in Betracht ziehen; und das ist nicht viel. Es sind gleichsam nur die Konturen zu den Bildern, die nun eigentlich erst hineingezeichnet werden sollen. Was aber ist’s, das dem Wirtschaftsleben im Rahmen der einzelnen Wirtschaftsstufe das unterschiedliche Kolorit, die charakteristische Form verleiht? Es ist unzweifelhaft das Wirtschaftssystem, das jeweils vorherrscht. In ihm tritt erst das gleichsam schöpferische Element des wirtschaftenden Menschen hervor. Die Wirtschaftsstufe, d. h. eben den Grad der Vergesellschaftung überkommt er als eine objektive Thatsache, wie das Ausmafs seiner produktiven Kräfte: die Ordnung der wirtschaftlichen Beziehungen, die Belebung des Ganzen durch die Zwecksetzung im Wirtschafts- princip und seine Verwirklichung — sie schafft er. Und indem er sie verschieden schafft, gestaltet er das Wirtschaftsleben zu bunter Mannigfaltigkeit aus. Neben eine Systematik der Wirtschaftsstufen gehört also nun erst recht notwendig eine solche der Wirtschaftssysteme. Unter einem Wirtschaftssysteme wollten wir eine bestimmte Wirtschaftsordnung verstehen, in der bestimmte Wirtschaftsprincipien zur Verwirklichung gelangen. Man könnte danach zweifelhaft sein, 1 Im Sinne von F. Tönnies, Gemeinschaft und Gesellschaft. 1887. Drittes Kapitel. Wirtschaftsstufen, Wirtschaftssysteme etc. (jl ob man eine Systematik der Wirtschaftssysteme nach der Verschiedenheit der Wirtschaftsordnungen oder der Wirtschaftsprincipien entwerfen sollte. Eine Reihe schwerwiegender Gründe lälst mich den Entscheid zu Gunsten der letzteren treffen: erstens weil die Wirtschaftsprincipien nicht jene bunte Zusammensetzung aus zahlreichen Bestandteilen aufweisen wie die Wirtschaftsordnungen, hei denen es stets eines gewissen Willküraktes bedarf, um nun denjenigen Punkt herauszugreifen, nach dessen Fassung ihre Verschiedenheit bestimmt werden soll, sondern sich in einer mehr einheitlichen Gestaltung darstellen, also auch leichter unterschieden werden können; sodann aber vor allem weil mir die Unterschiedlichkeit der Wirtschaftsprincipien, wenigstens für die Einteilung der Wirtschaftssysteme in grofse Gruppen, von aufserordentlichster Bedeutung zu sein scheint. Keine, auch noch so einschneidende Bestimmung der Wirtschaftsordnung, also der das wirtschaftliche Verhalten der einzelnen objektiv bestimmenden Normen, ist so ausschlaggebend für den ganzen Charakter einer wirtschaftlichen Epoche, ist so bestimmend für alle Einzelheiten des Wirtschaftslebens als die eigentümliche herrschende Motivrichtung, wie sie in der Zwecksetzung für die wirtschaftliche Thätigkeit zum Ausdruck gelangt. Dies gilt aber insbesondere für jenes Wirtschaftsprincip, das alle andern an Bedeutung überragend jeweils für die gesamte Produktionsrichtung einer Zeit ausschlaggebend ist, dem somit alle übrigen Maximen des wirtschaftlichen Verhaltens sich unterordnen oder anpassen müssen. Wir können es als Hauptprincip oder als Leitmotiv einer Wirtschaftsepoche bezeichnen. Solcher Leitmotive finden wir nun, wenn wir das gesamte Wirtschaftsleben überblicken, das je sich auf der Erde abgespielt hat und noch heute abspielt, ja man wäre fast versucht hinzuzufügen, sich in aller Zukunft abspielen wird, zwei, die sich zu verschiedenen Zeiten in der Herrschaft abgelöst haben, nach denen jeweils die Wirtschaft gestaltet worden ist. Jene selben Principien, die uns Aristoteles schon mit Meisterhand skizziert hat 1 , deren Gegensätzlichkeit die Bufspredigten aller grofsen Mahner der neuen Zeit betonen von Luther an bis zu Sismondi, Carlyle, Treitschke herüber. Es sind die beiden Principien, deren eines die wirtschaftliche Thätigkeit als Mittel zur Bedarfsbefriedigung betreiben heifst, während das andere seine Verwirklichung findet, wenn die Erzeugung des Reichtums Selbstzweck wird, des Reichtums dann natürlich nicht 1 Vgl. Aristoteles, Pol. I, 3. 62 Einleitung. Die Organisation der wirtschaftlichen Arbeit. in der bunten Mannigfaltigkeit zahlreicher Gebrauchsgüter, deren Erzeugung doch immer im Hinblick auf einen ferneren Zweck, wenn es auch nur die kindische Freude an ihrem Besitze wäre, erfolgt, sondern des Reichtums in seiner allgemeinen Form, seiner qualitätslosen Gestalt des allgemeinen Wertäquivalents. Diese zwei Principien scheiden in der That zwei Welten, und je nachdem ein Wirtschaftssystem von dem einen oder von dem anderen beherrscht wird, können wir die beiden grofsen Gruppen von Wirtschaftssystemen unterscheiden als: 1. Bedarfsdeckungswirtschaften 1 ; 2. E r w e r b s wirtschaften. Die Wesensverschiedenheit dieser beiden Gruppen von Wirtschaftssystemen äufsert sich aber vor allem in folgendem: Ausmafs und Art der Produktion wird in beiden Fällen verschieden bestimmt; im ersten Falle ist es der Bedarf irgend einer Person oder einer Gruppe von Personen, der über Quantum und Quäle der Produktion entscheidet. Er kann von gröfster Einfachheit zu wahnwitzigstem Raffinement wechseln; gebunden bleibt er immer an die effektive Aufnahmefähigkeit einzelner Personen; diese Menschlichkeit gewährt auch hier das Mafs aller Produktion. Ebenso wie deren Ausmafs und Art durch den Bedarf bestimmt wird, so geht auch die Anregung zur Produktion von dem Bedürfenden, vulgo dem Konsumenten aus. Dagegen giebt es für die Erwerbswirtschaft nur eine Grenze für die Menge der Produktion und nur eine Direktive für die Art der Produktion: das ist die Möglichkeit, durch Verwertung der Produkte Gewinn zu erzielen. An sich besteht daher, da die Vermehrung des Gewinnes ebenso wie das darauf gerichtete Streben praktisch unendlich ist, keinerlei Begrenzung der Produktion weder nach Quantität noch nach Qualität 2 . Anregung zur Pro- 1 Das Wort „Wirtschaft“ wird hier, wie ersichtlich, in einem etwas anderen Sinne als dort gebraucht, wo wir von „Produktionswirtschaften“ sprechen. Genau genommen, müfste es hier immer heifsen: „Bedarfsdeckungswirtschaftssystem“ etc. Der gute Geschmack hält mich von dieser monströsen Wortbildung zurück und veranlafst mich, lieber eine etwas laxere, aber gefälligere Ausdrucksweise zu wählen: hoffentlich nicht zum Schaden der Klarheit und Treffsicherheit. 2 „ TavTTjs rrjg XQV, U eeTitruxfjg ovx eari roß t tXovg ngoag, riXog de 6 roiovrog nXovxog xcti /or]uaiun’ xrijoig.“ Aristoteles, Pol. I, 3, 9. Dafs natürlich alle Produktion am letzten Ende durch individuelle Konsumtionsmöglichkeit beschränkt ist, also schliefslich auch alle Produkte persönlichem Bedarf dienen, ist selbstverständlich. Es ändert aber nichts an der Thatsache, dafs in der Erwerbswirtschaft bestimmend für das Wirtschaftssubjekt niemals ein ob- Drittes Kapitel. Wirtschaftsstufen, Wirtschaftssysteme etc. (53 duktion giebt ebenfalls die Aussicht auf Gewinn; sie geht also vom Konsumenten auf den Produzenten über. Dieser Unterschied in der Zwecksetzung der Produktion ist nun aber von ausschlaggebender Bedeutung für die gesamte Gestaltung des Wirtschaftslebens. Vor allem bestimmt sie den Artcharakter des Produzenten. Ist, wie bei der Bedarfswirtschaft, Quantum und Quäle die durch den Bedarf fest gegebene Gröfse, t so besteht die Aufgabe des Produzenten lediglich in der Ausführung. Er ist technischer Arbeiter, wie man es kurz bezeichnen kann. Mufs dagegen Ausmafs und Art der Produktion erst bestimmt werden, sind sie variabel und abhängig von wechselnden Gewinnchancen, so wird die wesentliche Aufgabe des Produzenten darin bestehen, diese richtig zu beurteilen. Die Produktion hört auf, ein Problem des technischen Könnens zu sein und wird zu einem Problem spekulativer Berechnung. Der Produzent ist nicht mehr technischer Arbeiter, sondern in erster Linie Kaufmann (im modernen Sinne). Da es im Plane dieses Buches liegt, zwei historische Wirtschaftssysteme mit den ihnen entsprechenden Wirtschaftsformen, deren je eines einer der beiden genannten Gruppen angehört, eingehender zu analysieren, so kann es einstweilen bei diesen allgemeinen Bemerkungen sein Bewenden haben und wir können dazu übergehen, innerhalb der beiden grofsen Gruppen von Wirtschaftssystemen nun Einzelheiten unterschiedlich zu markieren. Wenn ein Wirtschaftssystem eine von bestimmten Wirtschaftsprincipien beherrschte Wirtschaftsordnung ist, so mufs offenbar die Unterschiedlichkeit der einzelnen Wirtschaftssysteme bei denselben Wirtschaftsprincipien in der Verschiedenheit der Wirtschaftsordnungen begründet sein? Nun giebt es aber so viele Wirtschaftsordnungen, wie viele verschiedene das Wirtschaftsleben regelnde Sitten und Gebräuche, wie viele verschiedene Rechtsordnungen es je gegeben hat, giebt und geben wird. Ihre Zahl ist also Legion. Wollen wir unterscheiden, so kann es sich somit nur darum handeln, die principiell bedeutsamen Elemente je in den verschiedenen Wirtschaftsordnungen in t ihrer Divergenz darzustellen, d. h. also markante Typen der verschiedenen Wirtschaftsordnungen vorzuführen. Wie aber, so könnte man fragen: ist denn die Gestaltung der Wirtschaftsordnung so ganz beliebig, so gar nicht abhängig von jektiver Bedarf an Gebrauchsgütern, sondern immer nur die Aussicht auf Gewinn ist. Gewinn ist aber 1. qualitätslos, 2. quantitativ unendlich. (34 Einleitung. Die Organisation der wirtschaftlichen Arbeit. dem herrschenden Wirtschaftsprincipe? Bis zu einem gewissen Grade, wie gleich sich ergeben wird, in der That. Nur freilich gilt dies mit einer wesentlichen Einschränkung: die Herrschaft des Erwerbsprincips setzt stets bestimmte Bestandteile in einer Wirtschaftsordnung als notwendig voraus, ohne deren Vorhandensein es nicht gedacht werden kann. Es mufs nämlich die Wirtschaftsordnung jeder Erwerbswirtschaft folgende Elemente enthalten; sie mufs ermöglichen: 1. Produktion für den Austausch: Warenproduktion; 2. Produktionsfreiheit nach Ort, Zeit, Art etc. der Produktion. Letztere dort wenigstens, wo die Erwerbswirtschaft zu reinster Blüte gelangt. Sie strebt jedenfalls immer eine im Principe freiwirtschaftliche Ordnung an, wenn auch zugegeben werden mufs, dafs sie oft genug sich mit anders gearteten Wirtschaftsordnungen recht gut abgefunden hat. Aber auch die Erwerbswirtschaft läfst doch nach anderer Seite wesentliche Nuancierungen der Wirtschaftsordnung zu: insbesondere in der rechtlichen Stellung des Arbeiters zum Produktionsleiter. Diese ist in zwei grundverschiedenen Formen möglich: als Zwangsstellung oder als freie Vertragsstellung. Es können die Organe der Erwerbswirtschaftseinheit Sklaven, Hörige oder freie Lohnarbeiter sein und sind es gewesen. Die historisch bedeutsamen Erscheinungsformen der Erwerbswirtschaft weisen sämtliche Möglichkeiten auf: die römische Kaiserzeit war entschieden eine Zeit hochentwickelter Erwerbswirtschaft und basierte die Produktion grofsenteils ebenso auf Unfreien wie die Kolonialunternehmungen der neuen Zeit. Während wir heute gewohnt sind, die Erwerbswirtschaft im Zustande freier Lohnarbeiterschaft, in der Form der kapitalistischen Verkehrswirtschaft zu denken. Noch viel indifferenter verhält sich nun aber der Wirtschaftsordnung gegenüber das Bedarfsdeckungsprincip. Es gestattet auch eine unterschiedliche Gestaltung derjenigen Bestandteile der Wirtschaftsordnung, welche die produktive Thätigkeit selbst, sowie die Verwendung der Produkte regeln. Um nun ein Schema zu gewinnen, in das sich die verschiedenen Typen der Bedarfsdeckungswirtschaft übersichtlich einordnen lassen, wähle ich das durch die Anordnung der Produktionsvorgänge zu dem Verwendungsakte bestimmte Verhältnis des Arbeitsaufwandes zu demjenigen, dem der Effekt der Arbeit zugute kommt und unterscheide danach vier Haupttypen von Wirtschaftssystemen dieser Gruppe, je nachdem es sich handelt um: Drittes Kapitel. Wirtschaftsstufen, Wirtschaftssysteme etc. 65 1. Deckung des eigenen Bedarfs durch eigene Arbeit; 2. Deckung des eigenen Bedarfs durch fremde Arbeit; 3. Deckung des fremden Bedarfs durch eigene Arbeit; 4. Deckung des fremden Bedarfs durch fremde Arbeit. ad 1. Deckung des eigenen Bedarfs durch eigene Arbeit erfolgt in allen Systemen der Eigenwirtschaft, solange die Glieder der Wirtschaft eines Blutes, also einer Gemeinschaft sind. Hierher gehören somit von historisch bedeutsamen Typen: alle Wirtschaften urwüchsiger Geschlechtergemeinschaften 1 , die Wirtschaften der chinesischen, südslavischen keltischen (?) und anderer Grofsfamilien, die Wirtschaft der Dorfgemeinschaften von den indischen Anfängen bis auf unsere Zeit. ad 2. Deckung des eigenen Bedarfs durch fremde Arbeit bezwecken — vom Standpunkt des Wirtschaftsoberhaupts aus — alle Eigenwirtschaften, die ich unter der Bezeichnung erweiterte Eigenwirtschaften zusammenfasse, „erweitert“ nämlich über den Kreis der Blutsverwandten oder doch wenigstens gleichgestellten Dorfgenossen hinaus. Es gehören hierher die bekannten Erscheinungen der von Rodbertus entdeckten Oikenwirtschaften des Altertums, die kaiserlichen Villen-, die Fronhof- und Klosterwirtschaften des Mittelalters mit grundherrlichen Wirtschaftsorganisationen etc. Ausschliefslich mafs- und richtunggebend für die gesamte Produktion bleibt auch in diesen Wirtschaften der Bedarf des Wirtschaftsherrn und seiner Leute. Aber es wirken bei seiner Befriedigung auch gezwungen fremde Leute: Sklaven, Hörige, Hintersassen etc. mit. Wie wir sehen werden, kann dieses Wirtschaftssystem auf einer gemeinsamen Produktions- und Konsumtionswirtschaft beruhen oder auf dem Zusammenwirken mehrerer Einzelwirtschaften. ad 3. Deckung fremden Bedarfs durch eigene Arbeit findet statt überall dort, wo für den Austausch produziert wird, ohne dafs das Erwerbsprincip bereits Boden gefafst hat. Alle mittelalterliche „Stadtwirtschaft“ wie überhaupt alle uns bekannte Tauschwirtschaft in primitiven Wirtschafts Verhältnissen gehört hierher. Es mag die Konstruktion dieses Wirtschaftssystems auf den ersten Augenblick seltsam berühren. Trotzdem ist, wie noch ausführlich zu zeigen sein wird, alle vorkapitalistische Tauschwirtschaft 1 In meiner Gewerblichen Arbeit S. 399 ff. findet der Leser eine Übersicht über die wichtigsten Erscheinungen der einschlägigen Litteratur. Sombart, Der moderne Kapitalismus. I. 5 66 Einleitung. Die Organisation der wirtschaftlichen Arbeit. nur unter dem Gesichtspunkt einer wechselseitigen Bedarfsdeckung zu verstehen. Jener Formel am Eingang dieses Abschnitts ist freilich zur Vervollständigung hinzuzufügen, „Deckung des eigenen und fremden Bedarfs durch eigene Arbeit“ — wiederum vom Standpunkt des Produktionswirtschaftssubjekts, sage des Handwerkers oder einer Zunft, aus. Leitendes Princip bei all seiner Thätigkeit und trotz allen Austausches bleibt: Gebrauchsgüter in der Menge und Art herzustellen, wie sie ein anderer nötig hat; um dadurch den eigenen Lebensunterhalt zu gewinnen in dem Mafse und der Beschaffenheit, wie er den überkommenen Anschauungen entspricht. ad 4. Deckung fremden Bedarfs durch fremde Arbeit würde das Princip eines Wirtschaftssystems sein, wie es in einem socialistisch organisierten Gemeinwesen höherer gesellschaftlicher Ordnung herrschen müfste. Die Regelung der Produktion würde durch den irgendwie ermittelten Bedarf aller Bürger erfolgen. Das Wirtschaftssystem würde also jedenfalls der Gruppe der Bedarfsdeckungswirtschaften angehören. Da aber das Wirtschaftssubjekt die eine Centrale wäre, von der alle Produktionsbetriebe ihre Direktive erhielten, so würden jeweils die in einem Produktionsbetriebe thätigen Personen, die vom Standpunkt des Wirtschaftssubjektes als fremde, d. h. Kommandierte anzusehen wären, den Bedarf für andere Bürger — Fremde — decken. Lediglich der Symmetrie zu Liebe habe ich übrigens diesen vierten Fall der Bedarfsdeckungswirtschaften angefügt und lege auf die Konstruktion, zumal sie ja gar keiner empirischen Erscheinung gerecht zu werden braucht, kein übermäfsig grofses Gewicht. So haben wir denn, wie mir scheint, den Kreis aller denkbaren Wirtschaftssysteme, aller die jemals waren und jemals sein können, durchmessen und sie zu einem Systeme kunstvoll zusammengefügt. Nun aber bleibt eins noch zu thun übrig: im Interesse einer einheitlichen Systematik müssen wir die verschiedenartigen Wirtschaftssysteme in das Schema der Wirtschaftsstufen einzuordnen versuchen. Da ergiebt sich folgendes Resultat: 1. auf der Stufe der Individualwirtschaft können stets nur Wirtschaftssysteme bestehen, die auf dem Princip der Bedarfsdeckung aufgebaut sind. Und zwar gehören hier alle Eigenwirtschaften her, soweit sie auf einer Identität von Produktions- und Konsumtionswirtschaft beruhen. Also alle Wirtschaften der Blutsgemeinschaften, die Hauskommunionen etc., die erweiterte Eigenwirtschaft mit einheitlicher Wirtschaft; Drittes Kapitel. Wirtschaftsstufen, Wirtschaftssysteme etc. 07 2. auf der Stufe der Übergangswirtschaften ist ebenfalls, aus naheliegenden Gründen, das Bedarfsdeckungsprincip allein herrschend. Es gehören hierher: die erweiterten Eigenwirtschaften, bei denen jedoch eine Trennung der Produktions- von den Kon- sumtionswirtschaften erfolgt ist, wie bei den Grundherrschaften des römischen Kaiserreichs und des europäischen Mittelalters; die Dorfwirtschaften ; die Tauschwirtschaft mit ihrem wichtigsten Typus der sog. „Stadtwirtschaft“; 3. auf der Stufe der Gesellschaftswirtschaft ist erstmalig Raum für die Herrschaft des Erwerbsprincips; ihr gehören an die Erwerbswirtschaftsysteme der römischen Kaiserzeit; die Sklavenwirtschaften der modernen Kolonien und die heute herrschende kapitalistische Verkehrswirtschaft mit freier Lohnarbeit. Es kann aber auf dieser Stufe sehr wohl auch das Bedarfsdeckungsprincip herrschen, wenn wir uns nämlich einen socialistischen Staat unter Zugrundelegung des heute in Europa und Amerika erreichten Grades wirtschaftlicher Differenzierung errichtet denken wollen. Bringen wir nun alle diese Unter- und Einordnungen in einer einzigen Tafel zur Anschauung, so ergiebt sich folgendes Bild: Übergangs- Gesellschaftswirtschaft. Wirtschaft. Individual- Wirtschafts stufen: Wirtschaft. W irtschaftssysteme: 'S 0) © tue sfl fl fl a 3 1 £ fl fl X bß 3 u a fl © © ■£ »vss /W- •v. ■■■, Viertes Kapitel. Der Begriff des Handwerks. Das Wort „Handwerk“ hat mehr als eine Bedeutung; Grimms Wörterbuch zählt deren drei auf; bei näherem Zusehen entdeckt man leicht noch mehr. Ich will die wichtigsten im Folgenden nennen, damit sich um so deutlicher der Sinn ergebe, der in dieser Darstellung mit dem Worte verknüpft werden soll. Handwerk bedeutet 1. „Händewerk, das mit der Hand vollbrachte Werk: opus manu factum“ (Grimm 1); „überall der Übergang vom Handwerk zum Maschinenwerk“ (Goethe an Schiller [1, 203]); 2. „im engeren Sinne ein dauernd betriebenes Gewerbe, zu dessen Ausführung vorzüglich manuelle Geschicklichkeit erfordert ist, ars mechanica, unterschieden von der Kunst und von der niedrigen Handarbeit“ (Grimm 2). Diese Bedeutung wird richtig belegt u. a. mit G oethe 27, 50 „Verstände der Podestk sein Handwerk . . .“ Offenbar aber hat das Wort schon einen ganz anderen Sinn, wenn es bei Goethe 27, 68 heifst: „dafs ich von der Kunst, von dem Handwerk der Malerei wenig verstehe —“. Hier bedeutet es so viel wie 3. Technik, Inbegriff derj enigen Fertigkeiten, die zur Vollbringung eines Werkes, eines „Händewerks“ erfordert werden. Diesen Sinn hat das Wort doch auch nur in dem ebenfalls bei Grimm 2 citierten Satze aus der Einleitung zu Beckmanns „Technologie“ (1777), wo es heifst: „die Kunst, die rohen oder schon bearbeiteten Naturalien zu verarbeiten, heifst ein Handwerk“. Aber wer auch diese hier an dritter Stelle genannte Bedeutung des Wortes „Handwerk“ als eine selbständige nicht wollte gelten lassen, wird doch nicht umhin können, nach einer anderen Seite 76 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. hin die Definition bei Grimm als unzureichend anzusehen, so unzweifelhaft richtig und fein sie ist. Aber sie ist speciell für unsere Zwecke zu weit, weil ihr die specifisch ökonomische Beziehung fehlt. Ein Handwerker im Sinne von Grimm (2), auch wenn wir nur an die gewerblichen Arbeiter im engeren Sinne, d. h. im Sinne der Stoffveredelung oder Bearbeitung denken, ist ebensogut der indische Dorfschmied wie der Schmied in den Villen Karls des Grofsen, ebenso der Handwerker einer Stadt des Mittelalters wie der — ebenfalls noch heute Handwerker genannte — „gelernte Arbeiter“ in einer modernen Fabrik. Wenn nun in Grimms Wörterbuch zum Belege der daselbst unter 2 gegebenen Deutung auch folgende Stellen angeführt werden: Möser, Patriot. Phant. 1, 31: „Der Verfall der deutschen Handlung zog den Verfall des Handwerks nach sich“, oder Goethe 22, 171: „(das Theater) hat einen zweideutigen Ursprung, den es nie ganz, weder als Kunst noch als Handwerk noch als Liebhaberei verleugnen kann“; oder Möser 3, 124 „nun treten die Jahre heran, worin die Knaben entweder zur Handlung oder zum Handwerk bestimmt werden“ u. a., so mufs denn doch der Begriff „Handwerk“ in einem wesentlich anderen Sinne gefafst werden. Denn offenbar kommt in allen den angeführten Stellen die Betonung eines bestimmten Zweckes zum Ausdruck, dem das „dauernd betriebene Gewerbe“ dienen soll. Und dieser Zweck ist ein ökonomischer. Genauer also gesprochen: in jenen Citaten wird Handwerk 4. im Sinne einer bestimmten historischen Organisation eines „dauernd betriebenen Gewerbes“, im Sinne einer bestimmten Wirtschaftsform nach unserer Terminologie gebraucht. Und um die Existenz dieser Sonderbedeutung des Wortes „Handwerk“ zu erweisen, bedarf es nicht einmal zum Belege bestimmter Citate: Der allgemeine und insbesondere nationalökonomische Sprachgebrauch unterscheidet sehr wohl den „Handwerker“ in einer kapitalistischen Unternehmung von dem „Handwerker“ des Mittelalters, dem Handwerker, wie wir versucht sind hinzuzufügen, „im eigentlichen Sinne“. Wollen wir nun eine annehmbare Definition des Handwerks, sagen wir im ökonomischen Sinne, geben, so werden wir sie etwa wie folgt formulieren können: Handwerk (im engeren Sinne) ist diejenige Wirtschaftsform, die hervorwächst aus dem Streben eines gewerblichen Arbeiters seine zwischen Kunst und gewöhnlicher Handarbeit die Mitte haltende Fertigkeit zur Herrichtung oder Bearbeitung gewerblicher Gebrauchsgegenstände in der Weise zu verwerten, dafs er Viertes Kapitel. Der Begriff des Handwerks. 77 sich durch Austausch seiner Leistungen oder Erzeugnisse gegen entsprechende Äquivalente seinen Lebensunterhalt verschafft. Nur in diesem specifisch-ökonomischen Sinne wird in der folgenden Darstellung das Handwerk verstanden. Ehe wir jedoch über sein Wesen näheres aussagen, müssen wir noch der übrigen Bedeutungen kurz gedenken, die dem Worte beiwohnen. Handweilc ist 5. „die geschlossene Gesamtheit der ein bestimmtes Gewerbe Betreibenden, Gilde, Zunft, Innung“ (Grimm, 3). Aber die Bezeichnung „Handwerk“ — man denke an den „Untergang des Handwerks“, an die „Gesetze zum Schutze des Handwerks“ u. dergl. — wird doch wohl auch noch (3. im Sinne des Inbegriffs aller die handwerksmäfsige Organisation einer Zeit betreffenden Erscheinungen gebraucht. Diese letztere Bedeutung berührt sich engstens mit der oben unter 4 gegebenen Definition: es handelt sich in beiden Fällen um dieselbe Sache, nur dafs der Gesichtspunkt, unter dem sie betrachtet wird, verschieden ist. In einem Falle denken wir an die um das Produktionswirtschaftssubjekt, den Handwerker, gruppierten bezw. von ihm ausgehenden Vornahmen, Zwecksetzungen, Rechtsverhältnisse u. s.w., im anderen Falle an den Niederschlag aller der von den Einzelnen unternommenen und geschaffenen Beziehungen in der objektiven Rechts- und Sittenordnung und den sich auf Grund ihrer abspielenden wirtschaftlichen Vorgänge. In beiden Fällen handelt es sich um dasjenige, was wir auch als handwerksmäfsige Organisation des Wirtschaftslebens bezeichnen können, die einmal mehr nach ihrer subjektiven, das andere Mal mehr nach ihrer objektiven Seite gewürdigt wird. 7. In dem Sinne, in dem diesem Buche die Überschrift gegeben worden ist, fassen wir Handwerk (handwerksmäfsige Organisation) in Übertragung auf jede nach Art des Handwerks im „eigentlichen Sinne“ (Bedeutung 4 und 6) ausgeübte wirtschaftliche Thätigkeit.: Handwerk im weiteren Sinne. Ich denke nun, dafs wir das Wesen der handwerksmäfsigen Organisation wie jeder anderen erkennen werden, wenn wir Klarheit über die folgenden Punkte werden verbreitet haben, die wohl zur Charakterisierung einer Wirtschaftsform hinreichend sind: 1. das Wirtschaftssubjekt; 2. die Art seines Wirkens; 3. die Art und Weise der Verwertung der Erzeugnisse; 78 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. 4. die Anschauungen des Wirtschaftssubjekts über Sinn und Zweck seiner Thätigkeit. Haben wir nach allen diesen Seiten hin das Handwerk genügend charakterisiert, so werden die objektiven Bedingungen seiner Existenz zu untersuchen sein. Die Untersuchung wird sich zunächst auf die handwerksmäfsige Organisation der Produktion, das „eigentliche Handwerk“ beschränken. Wo von Handwerk und Handwerker schlechthin in der folgenden Darstellung die Rede ist, sollen darunter auch immer (falls nichts besonderes bemerkt ist) gewerbliches Handwerk und gewerbliche Handwerker verstanden werden. Diese Bevorzugung der gewerblichen Produktionsspbäre erfolgt mit Bedacht: Es ist einer der Grundgedanken dieser Untersuchungen, dafs die eigenartige Organisation, die wir Handwerk nennen, zunächst zwar auf dem Gebiete der gewerblichen Produktion entstanden ist, dann aber bestimmend geworden ist für den Gesamtcharakter des Wirtschaftslebens während langer Zeiträume, ebenso wie es später die aus kaufmännischem Geiste geborene kapitalistische Unternehmung wird. Ehemals erschien auch der Handel als Handwerk, heute erscheint auch die Produktion als kaufmännisches Unternehmen. Diesem Gedanken sollte auch die Überschrift dieses Ersten Buches Rechnung tragen. * * * Um Mifsverständnissen vorzubeugen, will ich den Leser ausdrücklich darauf aufmerksam machen, dafs die folgenden Kapitel unter doppeltem Gesichtspunkte geschrieben sind und aufgefafst sein wollen: unter historisch-theoretischem und theoretisch-historischem. Galt es in erster Linie das Wesen handwerksmäfsiger Organisation gleichsam in abstracto klarzulegen und mufsten zu diesem Behufe die charakteristischen Merkmale des Handwerks gelegentlich aus verschiedenen Wirtschaftsepochen zusammengestellt werden, so sollte doch gleichzeitig das Bild einer bestimmten, empirischen Wirtschaftsepoche vor unsern Augen sich ausbreiten: derjenigen, in der die handwerksmäfsige Organisation des Wirtschaftslebens vielleicht am reinsten zur Entwicklung gelangt ist und von der die genetischen Betrachtungen dieses Werkes ihren Ausgangspunkt nehmen: Das Bild der mittelalterlichen Wirtschaft. Fünftes Kapitel. Das Wesen der handwerksmäfsigen Organisation des Gewerbes. A. Der Handwerker. Wenn wir - bei der Charakterisierung des Handwerks vom Handwerker und seiner Persönlichkeit den Ausgangspunkt nehmen, so geschieht es in der Erwägung, dafs es thatsächlich das Wirtschaftssubjekt ist, das das innere Wesen einer Wirtschaftsform bestimmt. Sie ist ja sein Gebilde, aus dem Streben nach Verwirklichung seiner Zwecke hervorgewachsen, in ihm ihren Anfang, ihr Dasein und ihr Ende findend. Was aber seiner innersten Natur nach „ein Handwerker“ sei, werden wir, scheint mir, am sichersten zum Ausdruck bringen können, wenn wir zunächst unsere Aussage negativ dahin zusammenfassen, dafs wir einen „Handwerker“ denjenigen gewerblichen Arbeiter nennen, dem keine für die Gütererzeugung und den Güterabsatz erforderliche Bedingung fehlt, sei sie persönlicher, sei sie sachlicher Natur, in dessen Persönlichkeit somit alle Eigenschaften eines gewerblichen Produzenten oder, wie wir zusammenfassend sagen können, die Produktionsqualifikation noch ohne irgendwelche Differenzierung eingeschlossen sind. Da wir nun wissen, dafs zur Produktion stets eine Vereinigung von Sachvermögen und persönlichen Fähigkeiten erfolgen mufs, so ergiebt sich aus dem Gesagten zunächst, dafs der Handwerker aufser den persönlichen Qualitäten die Verfügungsgewalt über alle zur Produktion erforderlichen Sachgüter, d. h. über die Produktionsmittel besitzt 1 , was wir auch so ausdrücken können: im Handwerker hat 1 Was die französischen Statuten in Form der Vorschrift sehr hübsch so ausdrücken: „Quiconques veut estre de tel mestier, estre le puet poer tant qu’il sache le mestier et ait de coi.“ E. Levasseur, Histoire des classee ouvriferes et de l’industrie en France l 2 (1900), 283. 80 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. noch keine Differenzierung von Personal- und Sachvermögen stattgefunden; oder in anderer Wendung mit gleichem Sinne: das Sachvermögen des Handwerkers hat noch nicht die Eigenschaft des Kapitals angenommen. Dabei ist nun sofort zu konstatieren, dafs aus dieser Thatsache keineswegs auf eine quantitative Gleichheit der handwerklichen Sachvermögen geschlossen werden darf. Vielmehr kann die Höhe des für einen Handwerksbetrieb erforderlichen oder vorhandenen Sachvermögens aufserordentlich verschieden sein, und ist es nach allem, was wir aus Vergangenheit und Gegenwart darüber wissen, thatsächlich gewesen. Sei es, dafs es sich um Abstufungen des Vermögens zwischen den verschiedenen Gewerben oder zwischen den Angehörigen eines und desselben Gewerbes handelt. Leider besitzen wir namentlich für die Vergangenheit nur wenig zuverlässige Zahlenangaben über das sog. „Betriebskapital“ der verschiedenen Handwerke und Handwerker. Aus den Vermögens- und Einkommensziffern aber geht zur Genüge deutlich hervor, dafs thatsächlich wohl zu allen Zeiten mit aufserordentlich verschiedenen Sachvermögen von den verschiedenen Handwerkern operiert ist. Die landesübliche Vorstellung von einer Masse ökonomisch gleichgestellter Gewerbetreibender kann, soviel sich erkennen läfst, für keine Zeit, in der überhaupt das Handwerk schon zu gröfserer Entfaltung gekommen war, auf Richtigkeit Anspruch machen. Zu allen Zeiten hat es Handwerke gegeben, die andere im ganzen um ein Vielfaches an Wohlhabenheit übertrafen, und innerhalb des einzelnen Handwerks Meister, die ihre Kollegen an Reichtum, wenn das Wort hier anwendbar ist, turmhoch überragten. Einige Ziffern werden zum Beweise dieser Thatsache genügen, weil sie für ganz verschiedene Zeiten und ganz verschiedene Orte ein ganz übereinstimmendes Bild einer starken Vermögensdifferenzierung unter den Handwerkern ergeben. Uber die Einkommensverhältnisse der Pariser Handwerker im 13. Jahrhundert sind wir gut unterrichtet durch das Registre de la taille (1292). Danach gab es einen Filzhutmacher mit 19 000 frc., einen Tuchmacher mit 9000 frc. Einkommen, einige andere Handwerker mit einem Einkommen von mehr als 5000 frc., und über 100 mit einem solchen von mehr als 1000 frc., während die grofse Mehrzahl der Handwerker weniger als 250 frc. Einkommen hatten. Die Gesamtübersicht giebt folgende Tabelle 1 . Es hatten 1 Vgl. M a r t i n - S a i n t - L e o n, Histoire des corporations (1897) p. 149/151. Fünftes Kapitel. Das Wesen d. handwerksmäfs. Organisat. d. Gewerbes. 81 Einkommen von: mehr als 10000 frc. 5000—10000 1000—5000 250-1000 50—250 Handwerker: 1 6 121 375 821. Ganz übereinstimmend ist das Bild, das uns die Baseler Handwerker im 15. Jahrhundert gewähren 1 . Hier haben (1429) ein Vermögen von weniger als von 50 300 bis über 50 fl. bis 300 fl. 1000 fl. 1000 fl. Grautücher. . 159 51 2 1 Schmiede. 42 86 36 8 Metzger. 34 35 18 10 Bäcker. 19 31 14 6 Schneider und Kürschner . 65 47 9 2 Zimmerleute und Maurer . 86 100 28 5 Scherer?, Maler und Sattler 24 34 16 2 Leinweber und Weber 53 32 8 — 488 416 131 34 Ähnlich e Yerm ögensun terschiede weisen die Handwerker H e i d e 1 - bergs im 15. Jahrhundert auf. Es entfielen 2 Gulden Vermögen auf den Kopf in der Metzgerzunft 199 Bäckerzunft 167 . Schneiderzunft 119 Schuhmacherzunft 113 Schmiedezunft 100 Weberzunft 62 Und auch innerhalb der einzelnen Zünfte herrschte keine Gleichheit des Besitzes, sondern recht grofse Verschiedenheit; wiederum bilden die mittleren Einkommen nicht durchweg die Regel, sondern nur einige erheben sich über den Durchschnitt. Unter den 91 Schmieden Heidelbergs gehören im 15. Jahrhundert 1 G. Schönberg, Finanzverhältnisse der Stadt Basel im 14. u. 15. Jahrhundert (1879), 180/81. 2 F. Eulenburg, Zur Bevölkerungs- u. Vermögensstatistik des 15. Jahrh. (Zeitschrift für Social- und Wirtschaftsgeschichte 3, 457): „es findet sich durchaus nicht bestätigt, dafs damals ein mittlerer Besitz das Normale gebildet, . . . wir beobachten vielmehr unter der städtischen Bevölkerung die gröfsten Gegensätze von reich und arm“ (S. 459). Sombart, Der moderne Kapitalismus. I. 6 82 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. 9 zu den „grofsen“ Vermögen und 58 zu den „kleinen“ u. s. w . 1 . Welche grellen Vermögensunterschiede zwischen den einzelnen Meistern desselben Handwerks schon im Mittelalter bestanden, zeigt auch folgende Gegenüberstellung. Von den Wollenwebern in Frankfurt a. M. im 14. Jahrhundert hatten einige (11) das Recht, 36 Stück Tuch, andere (49), nur 4 Stück Tuch auf der Messe abzuliefern 2 . Es gab also auch in der Produktionsausdehnung Differenzen wie 1 : 9. Für Köln unterscheiden einzelne Zünfte die selbständigen, d. li. für eigene Rechnung arbeitenden Mitglieder in Brüder und Meister. Als Grund dieses Unterschieds nimmt Mone 3 an, dafs zwischen Meister und Gesellen die Mittelstufe der sog. Brüder errichtet wurde, damit sie als kleine Gewerbsleute doch schon selbständig ein Handwerk treiben konnten; deshalb hatten sie nur die Hälfte des Eintrittsgeldes zu bezahlen. Hatten sie das nötige Vermögen erworben, so traten sie in die Klasse der Meister ein. Übrigens erwähnen, wie manweifs, die Urkunden des Mittelalters selbst häufig arme und reiche Mitglieder der Zünfte, und viele Bestimmungen werden in ihnen getroffen, um die armen Mitglieder von den reichen trotz des materiellen Unterschiedes unabhängig zu erhalten und die principielle Gleichberechtigung beider durchzuführen. Für die Gegenwart ergeben die Zahlen das gleiche Bild. Die lehrreiche Einkommensstatistik, dieBücher für die Handwerker des modernen Leipzigs aufgestellt hat 4 , und die gewifs für die meisten Grofs- städte unserer Zeit typisch ist, kommt zu folgenden Ergebnissen. Es hatten von allen Handwerkern Leipzigs ein Einkommen von weniger als 1250 Mk. = 60.8 °/o 1250-3300 - = 29.3 - 3300—5400 - = 6.2 - 5400—12000 - = 2.9 - 'über 12000 - = 0.8 - Während die verschiedenen Einkommen sich auf die einzelnen Gewerbezweige wie folgt verteilten. Unter je 100 Handwerkern entfielen auf die einzelnen Einkommensstufen : 1 Ebenda S. 460. 2 K. Bücher, Die Bevölkerung von Frankfurt a. M. im 14. u. 15. Jahrhundert 1 (1886), 91. 3 Mone, Zunftorganisation vom 13.—16. sc. in seiner Zeitschrift 15, 19. 1 U. VII, 699 ff. Fünftes Kapitol. Das Wesen d. handwerksmäfs. Organisat. d. Gewerbes. 83 Gewerbezweige 300 bis 1250 Mk. 1250 bis 3300 Mk. 3300 bis 5400 Mk. 5400 bis 12 000 Mk. über 12 000 Mk. 1. Fleischer. 7.8 38.4 30.6 18.9 4.2 2. Bäcker. 9.3 58.6 22.9 8.7 0.5 3. Konditoren. 27.0 48.1 11.5 11.7 1.9 4. Kürschner. 30.3 49.2 10.7 4.9 4.9 5. Schlosser. 32.0 61.2 5.3 1.4 — 6. Buchbinder. 37.4 45.6 8.8 4.1 4.1 7. Klempner. 38.5 51.4 5.5 28 1.8 8. Glaser. 42.6 53.7 2.2 1.5 — 9. Sattler, Wagenbauer etc. 46.8 43.4 4.9 3.5 1.4 10. Uhrmacher. 47.3 41.7 8.2 2.7 — 11. Tischler. 49.0 43.3 5.7 1.7 0.5 12. Drechsler. 52.7 40.0 1.8 1.8 3.7 13. Böttcher. 54.2 40.7 3.4 1.7 — 14. Bürstenmacher.. 68.0 28.0 4.0 — - * 15. Schneider. 84.4 13.2 1.5 0.6 0.3 16. Hausschlächter . 85.6 14.4 — — — 17. Schuhmacher ... 86.0 12.8 0.8 0.2 0.1 Aber auch in kleineren Städten begegnen wir heutzutage beträchtlichen Vermögensunterschieden unter den Handwerkern. Es mögen hier zum Belege noch die Ergebnisse der Untersuchungen über die Lage der Eislebener Handwerker Platz finden 1 . Dort waren veranlagt zur Einkommensteuer 1895/96 mit einem Einkommen von 420—660 Mk. . . . 7.2 °/o aller Handwerker 660-900 . . . 31.1 - - - 900—1200 . . . 20.9 - - - 1200—1500 - . . . 10.7 - - - 1500—1800 - ... 8.0 - - - 1800—2100 - ... 4.3 - - - 2100—2400 ... 4.1 - - - 2400—2700 ... 3.3 - - - 2700—3000 ... 2.5 - - - 3000—4200 - ... 4.9 - - - 4200—6000 ... 2.1 - - - 6000—10500 - . . . 0.8 - - - Nun wird man freilich aus solcherart Ziffern noch nicht allzuviel Schlüsse auf die sachliche Basis des eigentlichen Handwerks ziehen dürfen, einmal weil die Einkommensverhältnisse heutzutage mehr noch als früher von allerhand aufserberuflichen Momenten beein- flufst sein können, und dann, weil man nie weifs, ob man es überhaupt noch mit Handwerkern oder längst schon mit kapitalistischen 1 U. IX, 348/49. 6 * 84 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. Unternehmern zu thun hat, die es für vorteilhaft erachten, noch unter der Flagge des „Handwerksmeisters“ weiter zu segeln. Einen zuverlässigeren Anhalt bieten uns daher die Angaben, die für die Betreibung der einzelnen Gewerbe die mindestens oder durchschnittlich erforderlichen Vermögensbeträge, also was man vulgo Anlage- und Betriebskapitalien nennt, direkt zum Ausdruck bringen. Auch an solchen Angaben fehlt es uns nicht. Die Handwerker-Enquete giebt uns auch hierüber manchen dankenswerten Aufschlufs x . Und wenn wir beispielsweise in Betracht ziehen, dafs heutzutage eine Bäckerei oder Drechslerei oder Klempnerei schon mit ein paar hundert Mark begonnen werden kann, während auch für den kleineren Meister in dem Baugewerbe oder in der Fleischerei doch immerhin mehrere tausend Mark Vermögen erforderlich sind, dafs aber innerhalb der einzelnen Gewerbe, auch dort, wo es sich offenbar noch um Handwerker handelt, Differenzen im sog. Anlage- und Betriebskapital wie 1 : 10 Vorkommen, so gewinnt der Eindruck, den wir aus einer Betrachtung der Einkommensverhältnisse gewonnen hatten, an Glaubwürdigkeit, dafs heute wie stets ein Handwerksbetrieb auf aufserordentlich verschiedener materieller Basis ruhen kann, ohne darum aufzuhören, Handwerksbetrieb zu sein. Und das war es, was uns einstweilen allein interessierte, wo es uns nur darauf ankommt, die dem Handwerk als Wirtschaftsform wesentlichen Punkte zu fixieren. Aber wovon wir ausgingen: der Handwerker besitzt nicht nur das für die Ausübung seines Gewerbes notwendige Sachvermögen, er besitzt auch alle dazu erforderlichen persönlichen Eigenschaften: er ist eine Art von gewerblichem „Herrn Mikrokosmos“. Was später sich in zahlreichen Individuen zu besonderen Veranlagungen auswächst: das alles vereinigt der Handwerker auf seinem „Ehrenscheitel“. Selbstverständlich alles in einem en-miniature- Ausmafse. Seiner Universalität entspricht mit Notwendigkeit seine Mittelmäfsigkeit. Man kann eine handwerksmäfsige Organisation auch als eine solche bezeichnen, in der die Mittelmäfsigkeit das die Produktion regelnde Princip ist. Der Kern des Handwerkertums ist seine Qualifikation als gewerblicher Arbeiter,, in dem Sinne, dafs er die technischen Fähigkeiten besitzt, die zur Herstellung eines Gebrauchsgegenstandes an einem Rohstoff vorzunehmenden Handgriffe auszuführen. Aber mit dieser, sagen wir technischen, Veranlagung vereinigt er: 1 Vgl. die Belegstellen s. v. „Anlagekapital“ und „Betriebskapital“ im Sachregister (U. IX). ' Fünftes Kapitel. Das Wesen d. handwcrksmäfs. Organisat. d. Gewerbes. 85 1. die etwa erforderliche künstlerische Konzeption, das künstlerische Empfinden, wobei denn nun ganz und gar nicht an die unsterblichen Leistungen des sog. Kunsthandwerks früherer Zeiten, etwa des 15. und 16. Jahrhunderts, gedacht werden darf, um etwa das oben von der Mittelmäfsigkeit Gesagte ad absurdum zu führen. Das Handwerk als ganzes oder, was dasselbe ist, die Masse der Handwerker hat niemals ein höheres künstlerisches Niveau eingenommen, wie uns die Schätze unserer kunstgewerblichen Museen vielleicht glauben machen könnten. Es hat sich bei kunstgewerblichen Erzeugnissen höherer Art stets um einzelne wenige Stücke gehandelt, und die stammten nicht von besonders künstlerisch veranlagten Handwerkern, sondern von Künstlern. Die Renaissancezeit hat ein so herrliches Kunstgewerbe nicht deshalb besessen, weil die Handwerker Künstler, sondern weil die Künstler Handwerker waren, richtiger: das künstlerische Schaffen sich auch auf die kunstgewerblichen Gegenstände mitbezog. Gerade wie wir heute — am Beginne des 20. Jahrhunderts — abermals eine Hochblüte des Kunstgewerbes erleben deshalb, weil die hohe Kunst endlich wieder in die Niederungen des Kunstgewerbes hinabgestiegen ist und dieses mit ihrem Geiste erfüllt. Mit der eigentümlich handwerks- mäfsigen Organisation der Produktion hat das nichts zu thun. Im Gegenteil ist man versucht zu sagen: Handwerk und kunstgewerbliche Blüte schliefsen einander aus. Das Handwerk ist seinem innersten Wesen nach der Tod des Kunstgewerbes. Was alles hier nur angedeutet werden soll, um bei einer späteren Gelegenheit ausführlicher erörtert zu werden. Der Handwerker besitzt 2. die für die Produktion, insbesondere auch für die Tradition des produktiven Könnens erforderlichen Kenntnisse, um nicht den irreführenden Ausdruck zu gebrauchen: wissenschaftliche Qualifikation. Alle Weisheit unserer „Doktor-Ingenieure“, alle Forschungsergebnisse unserer chemischen Laboratorien vereinigt er in seiner Persönlichkeit. Daneben funktioniert er 3. als Organisator ebensowohl wie als Leiter der Produktion. Er ist Generaldirektor, Werkmeister und Handlanger in einer Person. Er ist aber 4. auch Kaufmann. Alle Einkaufs- und Verkaufsthätigkeit, alle Absatzorganisation, kurz alles, was später als spekulative Begabung 86 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. sich in einigen überdurchschnittlichen Persönlichkeiten absondert, umfafst sein persönliches Vermögen. Wir werden noch Gelegenheit haben, zu sehen, wie sehr diese undifferenziierte Universalität, die das Wesen des Handwerkers ausmacht, auch die historische Eigenart der handwerksmäfsigen Episode des Wirtschaftslebens bestimmt. Einstweilen suchen wir das Wesen dieser Organisation auch nach anderen Seiten hin noch genauer klarzulegen durch die Frage: was will denn dieses sonderbare Gebilde, wie wir es im Handwerker kennen gelernt haben, in der Welt? Denn erst wenn wir Streben und Trachten, Ziele und Zwecke jemandes kennen, vermögen wir uns über sein Wesen ein sicheres Urteil zu bilden. Was wir aber an präponderanten Strebungen des Handwerkers blofslegen, ist nichts anderes als das beherrschende Wirtschaftsprincip der handwerksmäfsigen Wirtschaftsweise. B. Handwerkers Streben. Mir scheint, als ob es zwei Punkte vor allem seien, auf die das Streben des Handwerkers hauptsächlich gerichtet ist: ein standesgemäfses Auskommen und Selbständigkeit. Ein standes- gemäfses Auskommen strebt er an, nicht weniger, aber vor allem auch nicht mehr. Seine gewerbliche Arbeit soll ihm die materielle Basis für seine Existenz: seine „Nahrung“ verschaffen, das Handwerk soll seinen Mann „nähren“. Das ist der Grundton, der durch alle Äufserungen des Handwerks seit seinem Bestehen hindurchklingt. Ursprünglich ist dieses Streben der Ausflufs naiven Menschtums, erst allmählich wird man sich seiner bewufst, formuliert es theoretisch und macht es zur Basis des Handwerks, wo man dessen Wesen ausdrticken will. Dort vor allem wird es mit Entschiedenheit betont, wo feindliche Mächte diesen Grundpfeiler handwerksmäfsiger Existenz, die „Nahrung“ zu erschüttern drohen, also in den Klagen der Handwerker oder dort, wo die feindlichen Mächte, die auf anderm Grunde fufsen wollen, von den Verteidigern der guten alten Zeit ihres verderblichen Irrtums überzeugt werden sollen. Aus der Klage- litteratur des Handwerks, die nun schon die Jahrhunderte, man ist versucht zu sagen, die Jahrtausende füllt, mag nur einer Stelle Erwähnung geschehen, die in besonders treffender Weise und während des deutschen Mittelalters wohl mit am ehesten jenem Grundgedanken Ausdruck verleiht, dafs das Handwerk seinen Mann nähren müsse: die bezüglichen Worte aus Priester Friedrich Fünftes Kapitel. Das Wesen d. liandwerksmäfs. Organisat. d. Gewerbes. 87 Reisers sog. „Reformation des K. Sigmund“, aus denen das Leitwort für dieses Buch gewählt wurde, „wolt ir aber hören, was kaiserlich recht gepuitet, heifst es da 1 , — unser vordem sind nit naren gewessen — es sind hantwerck darumb erdacht das yederman sein täglich brot darmit gewin und sol niemant dem andern greiffen in sein hantwerck. damit schickt die weit ir not- turft und mag sich yederman erneren.“ Es ist dieselbe Tendenz, die in der englischen Gesetzgebung 1363 unter Eduard III. als allgemeines Princip anerkannt wurde, die die gesamte französische Gesetzgebung durchzieht 2 und bis heute die Gedankenwelt des Handwerkers beherrscht 3 . Wiederum ist aber davor zu warnen, das Streben nach dem standesgemäfsen Unterhalt, der „Nahrung“, etwa als ein Streben nach ökonomischer Gleichheit aufzufassen. Auch hier in der Zwecksetzung war sich der Handwerker jederzeit der thatsäch- lichen Vermögensunterschiede wohl bewufst, und es ist nur das Sinnen darauf gerichtet: „dafs jeder bestehen könne, arm und reich“. Aber der Handwerker will sein Auskommen haben und dabei ein freier Mann sein, d. h. als selbständiger Produzent bestehen können. Diese Selbständigkeit ist es erst, die den Handwerker im eigentlichen Sinne von ebenfalls gewerblichen Arbeitern anderen ökonomischen Charakters unterscheidet. Was aber ist’s, das diese Selbständigkeit ausmacht? 1 Vgl. Willy Boehm, Friedrich Reisers Reformation des K. Sigmund. (1876) S. 218, auch S. 45 f. 2 Vgl. z. B. Martin-S t.-L6on, Hist, des corpor. etc. 126 ff. 3 Der Ausdruck „Nahrungen“ wird häufig im Sinne von Handwerk gebraucht; auch im Holländischen, im alten Brügge, unterschied man vrye groote neeringe etc. Karl Hegel, Städte und Gilden der germanischen Völker im Mittelalter. 2 Bde. 1891. 2, 191. Besonders charakteristisch sind auch die folgenden Sätze der Schrift „Eyn cristlich ermanung“ (Ms. mitgeteilt bei Job. Janssen, Geschichte des deutschen Volkes l 18 , [1897], 387): „Der Mensch soll arbeiten umb der rechten Ehre Gottes willen, der es gebotten und umb den Segen des Fleisches zu haben, der in der Seele liegt. Auch umb zu haben, was uns und den Unsrigen zum Leben not und auch wol was zu cristenlicher Freude gereicht; nit minder aber auch, umb den Armen und Kranken mitteilen zu können von den Früchten unserer Arbeit. . . . Und wer nit darnach trachtet und nur suchet Gelt und Reichtumb zu Sparren mit sin Arbeit, der handelt schlecht und sin Arbeit ist Wucher; wie denn der hl. Augustinus sagt: du solt nit wuchern mit diner Hende Werck, denn din Seel geht daby verloren.“ 88 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. Um diese Frage zu beantworten, müssen wir die Selbständigkeit des Handwerkers in formalem und in materialem Sinne untei’- scheiden. Formal selbständig ist der Gewerbetreibende vor allem dann, wenn er das Recht hat, die Erzeugnisse seiner Arbeit nach eigenem Gutdünken zu verwerten, d. h. insbesondere sie frei zu veräufsern; wenn er für den freien Verkauf, für den Bedarf des grofsen Publikums 1 zu arbeiten berechtigt ist, wenn er mit einem Wort Produktionsfreiheit, insonderheit Marktfreiheit besitzt: so möchte ich das „forum rerum venalium“, mit dessen Verleihung 2 „die alten Hof- und Diensthörigen sich in Handwerker verwandelten“ 3 , bezeichnen, statt „wirtschaftliche Freiheit“ im Gegensatz zu „rechtlicher“, wie es von Below thut 4 5 , denn auch die von ihm so genannte wirtschaftliche Freiheit bildet doch nur einen Bestandteil der rechtlichen, die Below wesentlich auf die Stellung der Person bezieht 6 , ja im Gegensatz zu den noch zu besprechenden Wahrzeichen der Selbständigkeit tritt in dieser Absatzfreiheit das rechtliche Moment besonders deutlich in die Erscheinung. Es wurde schon angedeutet, dafs das forum rerum venalium den freien Handwerker von den sog. Handwerkern der Fron- und Klosterwirtschaften unterschied. Auch wenn diese schon in ganz verselbständigten Betrieben arbeiteten, waren sie doch nicht Handwerker im ökonomischen Sinne. Sie haben „umbsunst zu schroden“, „sine mercede“ zu arbeiten oder, wie es Levasseur sehr glücklich ausdrückt: „l’ouvrier place dans de telles conditions etait pour ainsi dire un vassal comme l’homme d’armes et le Chevalier . . . l’ouvrier devait aussi son temps et son bras a l’atelier (il recevait) du pain, du vin et de l’argent; et l’un et l’autre dtaient li4s par les liens d’un contrat feodal qui imposait des obligations reciproques au vassal et au suzerain 6 .“ 1 „in publico adtributum artificium exercere.“ Lex Burg. tit. 21 c. 2. 2 Vgl. vor allem von Maurer, Städteverfassung 1, 315 f. 8 So korrekt Arnold, Glesch, des Eigentums (1861) 4. 4 Gl. von Below, Die Entstehung des Handwerks in Deutschland (Zeitschrift für Social- und Wirtschaftsgeschichte 5, 156/57). 5 „Freie Handwerker . . . diejenigen, die wirtschaftlich ganz oder doch im wesentlichen frei sind, mögen sie persönlich frei oder unfrei sein.“ A. a. 0. S. 157. Uber die Kategorie der persönlich unfreien Handwerker mit Marktfreiheit, die zu so vielen Irrtümern Anlafs gegeben haben, vgl. noch Inama, Deutsche Wirtschaftsgesch. 2 (1891), 314; Gothein, W.G. des Schwarzwaldes 1 (1892), 140 f., 309 f. 6 E. Levasseur Hist, des classes ouvr. 1, 168, 69. Daselbst findet Fünftes Kapitel. Das Wesen d. handwerksmäfs. Organisat. d. Gewerbes. 80 Da eine Darstellung der handwerksähnlichen Erscheinungen, wie des gewerblichen Arbeitsverhältnisses in den Fronhöfen etc. aufserhalb des Rahmens dieser Untersuchungen liegt, so sollen nur einige der wichtigsten geschichtlich empirischen Fälle aufgeführt werden, in denen wir nicht Handwerker im ökonomischen Sinne, sondern nur im technischen Sinne, d. h. gleiche gewerbliche Arbeiter in anderem Milieu, hier zunächst in ge- ► schlossenen Eigenwirtschaften anzunehmen haben. Allgemeiner Bekanntschaft erfreuen sich jetzt die Organisationen der römischen Oiken, sowie der frühmittelalterlichen Villen-, Fronhof-, Kloster- etc. Wirtschaften. Wir wissen, dafs in diesen grofsen Eigenwirtschaften zahlreiche gewerbliche Verrichtungen verselbstständigt waren und technisch genau so ausgeführt wurden wie anderswo vom Handwerker. Bei der liebevollen Behandlung, die diese Gebilde auch in der nationalökonomischen Litteratur seit längerer Zeit erfahren haben, erübrigt ein genaueres Eingehen auf sie an dieser Stelle. Dagegen mag an einige andere weniger bekannte Erscheinungen ganz ähnlicher Natur hier kurz erinnert werden. So erfahren wir von grofsartigen Fronhoforganisationen mit entsprechenden handwerksartigen gewerblichen Arbeitern im alten Ägypten, beispielweise der 13. Dynastie: „wie die Grofsen von Memphis, so besafsen auch die Vorsteher des Nomos Mali Hörige, die sich auf jedes Handwerk verstanden: Zimmerleute und Schiffsbaumeister fällen Bäume und behauen sie, Tischler und Stellmacher sehen wir bei feinerer Arbeit, Steinmetzen, Bildhauer und Anstreicher rühren die Hände und Ziegelstreicher beim Kneten des Thons auch die Füfse, Töpfer sorgen für die Gefäfse des Hauses, die sie schön zu drehen und zu brennen verstehen, und Glasbläser für Flaschen zu feinerem Bedarf; Gerber und Schuster üben ihr Handwerk, und an den im Frauengemach aufgestellten Webstühlen sind dienende Weiber thätig, welche von feisten Männern bewacht werden 1 .“ Ist hier die Oikenwirtschaft in reinem Typus vertreten, so erfahren wir von wohl organisierten Grundherrschaften mit abgabepflichtigen Bauern und Gewerbetreibenden r im „alten“ und „mittleren“ Reich des Jahrtausend 2830—1930 v. Chr. 2 . man auch den besonders charakteristischen Vertrag „hic est feodus Leobini carpentarii“. 1 G. Ebers, Cicerone durch das alte und neue Ägypten, 2, 149. 2 Vgl. die eingehende Schilderung bei A. Erman, Ägypten und ägyptisches Leben im Altertum (1885) 1, 146 f.; 2, 595. 90 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. Eine Art Klosterwirtschaft scheint im jüdischen Tempel zu Jerusalem zu Jesu von Nazareth Zeiten geherrscht zu haben. Wir hören wenigstens, dafs an Ort und Stelle die Schaubrote hergestellt und die Opfertiere geschlachtet wurden; dafs es im Tempel Specialärzte, Brunnenmeister, Garderobenmeister, Lampendochtbesorger, Kunstweber, sowie „Meister uud Gehilfen der verschiedensten Gewerbe“ gab, ‘die hier arbeiteten und aus der Tempelkasse bezahlt wurden 1 . > Ebenso wenig aber wie diese gewerblichen Arbeiter in den geschlossenen Eigenwirtschaften Handwerker im ökonomischen Sinne sind, ebenso wenig sind es die beauftragten Demiurgen in geschlossenen Dorfwirtschaften. Aus der Kategorie der Handwerker in unserm Sinne scheiden also weiter aus zahlreiche Beispiele aus Homer, wo die „Handwerker“ lediglich gewerbliche Arbeiten im Dienste ihrer Gemeinde ausführen und in nichts von den übrigen Gemeindebeamten verschieden sind 2 ; es scheidet vor allem aus das ganze indische „Handwerkertum“. Es ist bekannt, dafs im früheren Indien ganz allgemein, teilweise noch heute in den Dörfern ein Stab von angestellten Gemeindebeamten im Dienste der Gemeindeangehörigen thätig war: der sog. „Artizan Staff“. Wir finden unter ihnen den Stellmacher, den Grobschmied, den Schuhmacher, den Töpfer, den Barbier, den Washerman, den Götzenreiniger, den Schmied u. s. w., ganz eben solche Verrichtungen also, wie sie anderswo den Handwerkern obliegen. Was sie von diesen unterscheidet, ist, wie gesagt, ihre ökonomische Stellung: sie sind nicht „Sülvesherrn“, „sui proprii domini“, wie sich die „freien“ Handwerker des Mittelalters zum Unterschied von den Fronhofarbeitern 3 nannten, sondern Angestellte der Gemeinde 4 . Als Beamte und zwar Staatsbeamte und nicht als Handwerker im ökonomischen Sinne möchte ich aber auch die Mitglieder der 1 Delitzsch, Jüdisches Handwerkerleben z. Z. Jesu. 3. Aufl. 1879. S. 17/18. a Eine gute Darstellung enthält A. Riedenauer, Handwerk und Handwerker in der homer. Zeit. 1873. 3 Wehrmann, Die ält. Lüb. Zunftrollen (1864) 260, 317. r 4 Uber indisches „Handwerkerleben“ vgl. Sir H. Sumner-Maine, Yillages communities in the east and west. 3. ed. 1876. Aus der neueren Litteratur ragen hervor: B. H. Baden-Po well, Indian Village Community.. 1896. Idem, A study of the Dakhan Yillages etc. (Journal of the Royal Asiatic society. 1897). W. Crooke, The North-Western Provinces of India. 1897. Cr. schildert hauptsächlich das Verschwinden der alten Dorfhandwerke unter der englischen Herrschaft. t Fünftes Kapitel. Das Wesen d. liandwerksmäfs. Organisat. d. Gewerbes. ()X Collegia der späteren römischen Kaiser zeit ansprechen. Denn auch sie hatten lediglich die Funktion, im Dienste des römischen Staates thätig zu sein, vor allem zum Zwecke, die Hauptstadt mit den nötigen Nahrungsmitteln zu versorgen 1 . Dagegen braucht natürlich denjenigen gewerblichen Produzenten ihre Handwerksqualität nicht abgesprochen zu werden, denen, wie es im europäischen Mittelalter häufiger vorkam, zwangsweise der Ab- > satz an bestimmte Korporationen vorgeschrieben ist. Wie beispielsweise den Seinefischern in Paris im 13. Jahrhundert, die nur an die poissiniers de l'eau douce verkaufen durften 2 , oder den Schustern und Schneidern in Bergen während des 14. Jahrhunderts, die ihre Erzeugnisse nicht selbst über See verschicken durften, sondern sie den Kaufleuten überlassen mufsten 3 , oder den Webern und Walkern von London, Leicester und andern englischen Städten während des 13. Jahrhunderts, die aufserhalb der Stadt ihr eigen Tuch nicht verkaufen durften, innerhalb der Stadt aber an keinen anderen als den Kaufmann ihrer Stadt, oder denen verboten war, für die Bewohner anderer Orte Tuche zu weben, solange sie für die Bürger der eigenen Stadt genügende Beschäftigung fänden 4 * , eine Beschränkung, die für die Weber Norddeutschlands seit dem 14. Jahrhundert ganz allgemein galt 6 . Solche Beschränkungen der Absatzfreiheit bauen sich doch auf der principiellen Marktfreiheit auf; sie haben zur Voraussetzung ihrer Existenz den specifischen Handwerker als einen freien Produzenten, erkennen also gerade seine Handwerksqualität implicite an. Nun genügt aber die Produktionsfreiheit noch keineswegs, um den gewerblichen Arbeiter zu einem „selbständigen“ Produzenten zu machen. Heute hat jedermann das forum rerum venalium, aber noch längstnicht jeder gewerbliche Arbeiter ist darum ein Handwerker. Alle nämlich sind es nicht, die in fremden Betrieben arbeiten, ihre 1 Uber diese Collegia vgl. 0. Hirschfeld, Die Getreideverwaltung in der römischen Kaiserzeit im Philologus XXIX. 1870. Krakauer, Das Verpflegungswesen der Stadt Rom in der späteren Kaiserzeit. Lpz. Diss. 1884. Gebhardt, Studien über das Verpflegungswesen von Rom und Konstanti- r nopel in der späteren Kaiserzeit. Dorp. Diss. 1881. Aus der neueren Litte- ratur Liebmann, Zur Geschichte und Organisation des römischen Vereinswesens. 1890, insbes. S. 67 ff. 2 Martin-St.-L don, 167. 3 Hegel, Städte und Gilden 1, 407. 4 Ashley, Engl. Wirtschaftsgeschichte 1 (1896), 83, 120. 6 G. Schmoller, Die Strafsburger Tücher- und Weberzunft (kl. Ausg. 1881), 107 ff. und unten S. 100. 92 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. Selbständigkeit also insofern aufgeben, als sie sich dem Kommando eines fremden Betriebsleiters unterstellen: dafs der Handwerker sein eigener Betriebschef ist, ist es, was ihn von allen modernen grofsindustriellen sog. Handwerkern unterscheidet. Aber auch der moderne Hausindustrielle ist sein eigener Betriebschef und doch nicht Handwerker. Es gehört also nun noch ein weiteres dazu, um die dem Wesen des Handwerks entsprechende ökonomische Selbständigkeit zu gewährleisten: der Handwerker mufs nicht nur seine Arbeit verwerten können, wo und wie er will, er mufs nicht nur Herr in seinem Betriebe sein, er mufs endlich auch den Produlctionsprozefs als Ganzes eigenmächtig leiten und darf nicht nur ausführendes Organ eines Dritten, des eigentlichen Produktionsorganisators, etwa des kapitalistischen Unternehmers, geworden sein. Es wird später sich häufiger Gelegenheit bieten, festzustellen, ob ein gewerblicher Arbeiter Hausindustrieller oder Handwerker ist. Schon hier mag aber darauf hingewiesen werden, dafs es oft ungemein schwer ist, gerade in diesem entscheidenden Punkte die Grenze zwischen dem Handwerk und verwandten Wirtschafts- bezw. Betriebsformen zu ziehen. Meist ist das äufsere Erkennungszeichen die Erteilung von Bestellungen seitens eines Nichtkonsumenten, was die handwerksmäfsige Organisation in andere Organisationsformen überführt; häufig verschlägt aber auch dieses Kriterium nicht, und man mufs anderswie festzustellen suchen, ob man es mit einem Handwerker oder mit einem Hausindustriellen zu thun hat. Hier genügte es für unsere Zwecke vollständig, zu konstatieren, dafs dem Wesen des Handwerks das Streben nach standesgemäfsem Unterhalt und ökonomischer Selbstständigkeit in der von uns umschriebenen Weise principiell entspricht. Allen diesen Schwierigkeiten entgeht man übrigens, sobald man sich der herrschenden Auffassung anschliefst, der zufolge Handwerk sich mit Kundenarbeit decken soll. Diese Auffassnng vertritt bekanntlich Bücher, der ihr eine besonders markante Formulierung gegeben hat 1 , aber auch Schmoller macht sie im wesentlichen zu der seinigen, wenn er ausführt 2 : „Der direkte persönliche Verkehr des arbeitenden Meisters als Produzenten mit seinen Kunden als Konsumenten charakterisiert wesentlich das 1 Bücher, Entstehung der Volkswirtschaft, und Artikel „Gewerbe“ in H.St. 4 2 . 2 G. Schm oll er, Gesch. Entw. der Unternehmung, in seinem Jahrbuch 14, 1047. Fünftes Kapitel. Das Wesen d. handwerksmäfs. Organisat. d. Gewerbes. 93 ganze Verhältnis und die Unternehmerstellung des Handwerkers“, oder 1 : „Das alte Handwerk . . , dessen Princip der direkte Verkauf jedes Meisters an den Konsumenten gewesen war“, während die „moderne Grofsunternehmung“ im Gegensatz dazu „für einen grofsen Markt“ arbeiten soll und „direkt meist an die Zwischenglieder, die Handel und Verkehr zwischen Produzenten und Konsumenten einschiebt“, verkauft 2 . Promiscue mit Kundenproduktion wird denn wohl Produktion für einen lokalen Markt als Erkennungszeichen des Handwerks angegeben. Diese Auffassung hat aufserordentlich viel Verführerisches. Nicht nur, dafs sie in vielen Fällen das Richtige und einen wesentlichen Punkt trifft: sie ist vor allem so reizend übersichtlich und bequem. Man wird sich daher erst nach langem und reiflichem Überlegen dazu aufraffen, sie fallen zu lassen. Aber man wird doch schliefslich nicht umhin können, es zu thun. Denn so bestechend die Konstruktion ohne Zweifel ist: ebenso zweifellos ist sie falsch. Es wurde an anderer Stelle schon hingedeutet, wie gänzlich inhaltlos das von Bücher beliebte Unterscheidungsmerkmal der Wegeslänge zwischen Produzenten und Konsumenten für die verschiedenen Wirtschaftssysteme sei. Hier müssen wir dasselbe wiederholen insonderheit für die Wirtschaftsform des Handwerks. Ebenso wenig wie Kundenproduktion oder Produktion für einen lokalen Markt Handwerk ist (Krupp! Worth! Vulkan! Konsumbäckerei!), ebensowenig ist Handwerk Kundenproduktion oder Ortsproduktion. Denn es lassen sich unzählige Fälle nachweisen, in denen unzweifelhaft reines Handwerk die Wirtschaftsform ist, der Absatz der Erzeugnisse aber nicht an „Kunden“, sondern an allerhand „Zwischenglieder“, nicht am Ort, sondern „für einen grofsen Markt“ erfolgt. Das wird im Folgenden an der Hand der Quellen zu zeigen sein. Gleichzeitig sollen die verschiedenen Formen, in denen der Handwerker seine Produkte an den Mann oder an die Frau bringt, möglichst vollständig zur Darstellung gebracht werden. Vorher jedoch mufs noch einer Unterscheidung Erwähnung geschehen, auf die in neuerer Zeit wieder von Bücher als auf eine bedeutsame und grundlegende hingewiesen worden ist: es ist die Unterscheidung zwischen Lohnwerker und Preis werker, wie Bücher die beiden Kategorien von Handwerkern genannt hat, 1 Derselbe, Strafsb. Tücher- und Weberzunft, 168. 2 Derselbe, in seinem Jahrbuch 14, 1048. 94 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. während sie früher 1 zweckmäfsiger als Lohn- oder Kundenhandwerker und Kaufhandwerker unterschieden wurden. Der Unterschied dieser beiden Formen des Handwerks 2 besteht bekanntlich darin, dafs im ersteren Falle der Konsument, im letzteren der Produzent den Rohstoff liefert. Begründet nun dieser Unterschied wirklich eine solche Wesensverschiedenheit, wie vielfach angenommen wird? Mir scheint nicht. Weder aus historischen, noch sachlichen Gründen ist eine Veranlassung herzuleiten, jenen Unterschied der Rohstoffdarbietung besonders zu urgieren. Historisch ist von fachmännischer Seite 3 schon nachgewiesen worden, dafs die Biichersche Konstruktion, wonach das deutsche Handwerk der Regel nach zuerst als Lohnwerk entstanden sei und sich erst im Lauf der Zeit in Kaufwerk verwandelt habe, nicht den < Thatsachen entspricht. Es hat ebensofrüh Kauf- wie Lohnwerk gegeben. Und diese Entwicklung ist aus sachlichen Gründen durchaus plausibel. Denn es bedeutet gar kein höheres Stadium des Reichtums oder des gewerblichen Produzentenstandes, wenn der Handwerker statt des Produzenten den Rohstoff lieferte. Die technische Fertigkeit mufs ja sowieso in beiden Fällen dieselbe sein. Etwa aber annehmen zu wollen, dafs die Beschaffung der Rohstoffe not- # wendig höhere Ansprüche an die „Kapitalkraft“ oder die „spekulativen Fähigkeiten“ des Produzenten stellen und ihn dadurch schon halb und halb in einen Unternehmer verwandeln müfste, ist eine durchaus irrtümliche Annahme. Es giebt viele Lohnhandwerke, die mehr Sachvermögen zu ihrer Ausübung verlangen als manche Kaufhandwerke: man denke an Gerbereien, Färbereien, Mühlen und vergleiche sie mit den Requisiten der Schuster, Kammmacher, Buchbinder und anderen Gewerben. Der Einkauf der paar Ochsenhörner oder der halben Ochsenhaut beim Nachbar Fleischer machen doch wahrhaftig den Kammmacher oder Schuster noch nicht zum spekulativen Kaufmann: selbst heute noch nicht. Geschweige in früherer Zeit oder gar während der Zunftverfassung, wo selbst die Spuren kaufmännischer Spekulation, die dem Einkauf des Rohstoffs 1 Vgl. z. B. Schmoller, Tücher- und Weberzunft, 60; Stahl, Das deutsche Handwerk 1 (1874), 123 (Kauf- und Kundenwesen). 2 Bücher will die Bezeichnung „Handwerker“ nur auf seine Preiswerker beschränkt wissen. Der Grund für diese willkürliche Terminologie ist ganz und gar nicht einzusehen. 3 G. von Below, Die Entstehung des Handwerks in Deutschland in der Zeitschrift für Social- und Wirtschaftsgeschichte 5, 227 ff. Fünftes Kapitel. Das Wesen d. handwerksmäfs. Organisat. d. Gewerbes. 1)5 anhaften konnten, durch das Dazwischentreten der Genossenschaft ausgetilgt wurden. Wollte man grofse Abstände zwischen einzelnen Formen des Handwerks konstatieren, so wäre es viel zweckmäfsiger, etwa das Wanderhandwerk vom sefshaften Handwerk zu unterscheiden, mag es Lohn- oder Kaufwerk sein. Aber ich lege überhaupt auf diese formalen Unterschiede kein so entscheidendes Gewicht. Es genügt, zu wissen, dafs es der Formen viele giebt, deren sich der Handwerker bedient, um an die Kundschaft heranzukommen, ohne dafs die eine oder andere über sein Wesen oder seine Existenz entschiede. Ich werde im Folgenden eine Übersicht über die bekannten Formen des Handwerks geben, ehe ich den speciellen Nachweis eines für den grofsen Markt arbeitenden Handwerks erbringe. Wenn wir die bereits angeführten Arten noch einmal mit aufzählen, so können wir unterscheiden: 1. Lolinhandwerker und Preis- oder Kaufhandwerkei” 2. Wanderhandwerker und sefshafte Handwerker, erstere, wenn sie gleichzeitig Lohnhandwerker sind, Störer genannt •, 3. Handwerker, die auf Bestellung, und solche, die auf Vorrat arbeiten. Nach einer von der oben erwähnten zum Teil abweichenden Terminologie werden erstere wohl auch Lohnhandwerker genannt, die dann den Kram- oder Kramerhandwerkern gegenüber gestellt werden. So beim alten Krünitz (21, 477): Dort sind Lohn- oder Kundenhandwerker „diejenigen Handwerker, welche ihre Arbeit blofs auf Lohn und Bestellung machen, d. i. welche erwarten, bis jemand kommt und eine Arbeit von ihnen verlangt, wie z. B. die „Schneider“, „Kramerhandwerker“, „richtiger Kramhandwerker“ oder „kramende Handwerker“, „diejenigen hingegen, welche ihre Arbeit im Vorrat zum Verkauf oder auf den Kauf machen und solche hernach auch wirklich entweder nur im Hause, oder auf den Wochenmärkten, ja sogar auf den Jahrmärkten und Messen teils im ganzen, teils im einzelnen verkaufen“. Z. B. Schuster, Klempner, Beckenschläger, Nagelschmiede, Schlosser. 4. Handwerker, die für den lokalen Bedarf ihres Dorfes oder ihrer Stadt, und solche, die für den grofsen Markt produzieren. Wie schon erwähnt, liegt mir ganz besonders daran, auch für die letztere Kategorie von Handwerkern Belege beizubringen. Dafs es sich bei den folgenden Ausführungen wie bei dieser ganzen Darstellung nicht um Wirtschaftsgeschichte handelt und deshalb den 96 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. angeführten Fällen nur clie Bedeutung von Beispielen beigelegt werden darf, mag noch einmal ausdrücklich hervorgehoben werden. Um Handwerkerwaren interlokal abzusetzen, sind stets drei verschiedene Wege eingeschlagen worden: I) die Hausiererei; II) der Absatz auf Märkten und Messen durch die Handwerker selber; III) der Absatz an Zwischenhändler. I. Die Hausiererei ist eine beliebte Form des Warenabsatzes zu allen Zeiten gewesen. Ihre Existenz ist so bekannt, dafs wir nicht länger uns mit der Anführung von Belegen aufzuhalten brauchen. Bei den alten Ägyptern 1 nicht minder als im Frankreich des 13. Jahrhunderts 2 oder dem mittelalterlichen Deutschland 3 begegnen wir dem Handwerker oder der Handwerkersfrau, die in derselben Weise, wie sie es heute noch thun 4 5 , mit ihrer selbsterzeugten Ware auf dem Rücken oder im Schubkarren von Ort zu Ort ziehen, um die Kundschaft aufzusuchen. II. Der Absatz auf Märkten und Messen. Hielten auf den zahlreichen Märkten und Messen des Mittelalters 6 auch auswärtige Handwerker in eigener Person ihre Erzeug- 1 Herodot (2, 35) berichtet von den Männern, die am Webstuhl sitzen, während ihre Frauen mit den Erzeugnissen hausieren gehen (äyopaCovm xai xanrjlujovGL). Vgl. F. Bobion, Memoire sur l’dconomie politique de l’Egypte au temps des Lagides. 1875. p. 109. 2 Vgl. Martin-St.-Leon, 1. c. p. 128 f. 3 Die bekanntesten Hausierhandwerke des deutschen Mittelalters, die teilweise auch Wanderhandwerke waren, sind die Kefsler und Kaltschmiede. Vgl. über sie und ihre Organisation von Maurer, Städteverfassung 2, 490 ff. und E. Gothein, Bilder aus der Geschichte des Handwerks (1885) S. 12 ff. Aber auch die Töpfer, später die Uhrmacher gehören hierher. Uber den hausiermäfsigen Vertrieb der Glaswaren durch Glasfuhrgenossenschaften vgl. E. Gotliein, W.G. des Schwarzwaldes 1, 846. Auch die Erzeugnisse der Weberei wurden häufig hausierend von den Handwerkern abgesetzt. Uber hausierende Tuchmacher im Kreise Hagen vor der Franzosenherrschaft s. J a- cobi, Berg-, Hütten- und Gewerbewesen des Reg.-Bez. Arnsberg (1856) S. 104. Historisches Material findet man auch in der Anm. 4 cit. Enquete des Ver. f. S.P. 4 Uber das Hausierhandwerk der Gegenwart ist jetzt die Hauptquelle die Enquete des Vereins für Socialpolitik. Schriften Bd. 77 ff. Vgl. die Darstellung in dem zweiten Baude dieses Werkes. 5 Uber ihre Entwicklung in Deutschland unterrichtet wieder am besten Fünftes Kapitel. Das Wesen d. handwerksmäfs. Organisat. d. Gewerbes. 97 nisse feil? Diese Frage ist ohne weiteres zu bejahen. Wir finden schon im 12. und 13. Jahrhundert die Markt- und Mefshuden voll fremder Handwerkerwaren, hinter denen niemand anders als ihre Verfertiger selbst gestanden haben dürfte. Wenn auch die auswärtigen Bäcker * 1 auf den städtischen Märkten, von denen uns die Urkunden schon des 12. Jahrhunderts berichten, nicht aus allzuweiter Ferne gekommen sein mögen, so brauchen wir für die gleichzeitig erwähnten Schuhmacher 2 3 eine solche räumliche Beschränkung nicht ohne weiteres anzunehmen. Fremde Handwerker (aus Winchester) finden wir im frühen Mittel- alter auf den Messen der Nachbarstädte in England 8 , und von den Champagner-Messen singt ein Dichter des 12. Jahrhunderts 4 * * : A la cöte du grand chemin Est la foire du parchemin Et aprfes trouvai les pourpoints Puis la grande pelleterie . . Puis m’en revins en une plaine Lä oü l’on vend cuirs crus et laine Aprfes les joyaux d’argent Qui sont ouvres d’orföverie . . . Wer aber annehmen wollte, dafs die hier genannten Handwerkserzeugnisse von Zwischenhändlern feil gehabt wurden, dem braucht auch nicht widersprochen zu werden. Es würde sich dann nur um die dritte Form des interlokalen Absatzes der Handwerkerwaren handeln, den Absatz an Zwischenhändler. Dagegen haben wir urkundliche Bestätigung für den fernen Marktbesuch von Webern. Wenn auch die Bestimmung in der von Maurer, a. a. 0. 1, 282 ff.; für Frankreich vgl. jetzt vor allem P. Huve- lin, Essai historique sur le droit des marches et des foires (1897), der p. 604 bis 617 eine ausführliche Bibliographie der einschlägigen Litteratur mitteilt. Die häufigen Fälle, dafs ortsangesessene Handwerker ihre Waren markt- mäfsig vertreiben, gehören nicht hierher, wo es sich um den Nachweis interlokalen Absatzes handelt. 1 Urkunde von 1104. Vgl. Lamprecht, Deutsches Wirtschaftsleben 2, 313 f. 2 von Maurer, Städteverfassung 1, 318/19, und von Below, Entstehung des Handwerks, a. a. 0. 5, 236. Erhebung eines Marktstandsgeldes auch von fremden Schustern in Nordhausen Anfang des 14. Jahrhunderts. Vgl. Falke, Gesch. des deutsch. Zollwes. (1869), 142. 3 Ashley, 1, 100. 4 Nach Cheruel, Dictionnaire des Institutions de la France. V° Faire, cit. von Martin - St. - L6on, 132. Sombart, Der moderne Kapitalismus. I. 7 98 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. Konstanzer Leinwandordnung von 1289, wo es heilst 1 : „Wir setzen und gebiethen, das nieman enkain linwatt verköffen sol uff den märkten inunsernhusernzePare(Barsur Aube), zeTreys (Troyes), ze Prusiz (Provins) und ze Laeni (Lagny), wann der ain sesshaft burger zu Constanz ist und das die linwatt sie eigen sye“, eher auf Zwischenhandel schliefsen läfst, so ist doch für zahlreiche andere Orte der Selbstabsatz durch die Weber verbürgt. „Die Kölner Weber waren im 14. Jahrhundert nicht etwa blofse Lohnarbeiter der Gewandschneider; sie arbeiteten auf eigne Rechnung und verkauften den Hauptteil ihrer Tuche selbst in Frankfurt auf der Messe, wo sie die beiden Kaufhäuser Brüssell und Frankenstein inne hatten 2 3 .“ Dasselbe wird für die Weber anderer Orte bestätigt 8 . Das Beziehen der Messen und Märkte abseiten der Handwerker war strengen Regeln unterworfen. In Basel verordnet 1478 der Rat für den Besuch auswärtiger Messen, Jahrmärkte und Kirchweihen, dafs man schon abends um die „Stellinen“ losen solle und nicht erst morgens früh. 1510 schlichtet der Zunftvorstand einen Streit, der zwischen Krämern und Sacklern ausgebrochen ist. Wir finden ähnliche Bestimmungen im 16. Jahrhundert für die Hutmacher und Gerber Basels, die also ebenfalls fremde Messen (Zurzach, Strafsburg, Rheinfelden etc.) bezogen 4 . HI. Der Absatz an Zwischenhändler. Bei der erdrückenden Fülle urkundlichen Materials, das sich zum Nachweis dieser dritten Form interlokalen Absatzes von Handwerkerwaren beibringen läfst, erscheint es wünschenswert, eine Auswahl unter dem doppelten Gesichtspunkt einmal der hervorragend typischen Fälle und sodann der völligen Einwandslosigkeit zu treffen. Letztere mufs sich namentlich auch ergeben bei Beantwortung der Frage, ob die gewerblichen Arbeiter, um deren Produkte es 1 Zeitschr. f. Geach. des Oberrheins, Bd. 4. Fehlerhaft ist die Wiedergabe des Wortlauts und die Deutung der Städtenamen bei von Maurer, Städteverfassung 2, 262, und noch um ein gut Teil fehlerhafter bei Schmolle r, Tücher- und Weberzunft, der den Text von v. Maurer entlehnt hat. 2 Schmoller, Strafsb. Tücher- und Weberzunft, 110. Für ganz Süddeutschland bleibt es die Regel, dafs die Handwerker den Tuchausschnitt in der Hand behalten, während diese in Norddeutschland ein Privilegium der Gewandschneider wird. Vgl. unten S. 100. 3 Siehe die zahlreichen Belege bei Schmoller, 104 et passim. 4 Geering, 342. Fünftes Kapitel. Das Wesen d. liandwerksmäfs. Organisat. d. Gewerbes. 99 sich handelt, in der That noch Handwerker geblieben sind trotz ihres Verkaufs an Zwischenhändler. In diesem Sinne gehe ich zunächst näher ein auf den Tuchhandel im Mittelalter. Er bildet bekanntlich den hervorragendsten-Handelszweig jener Zeit überhaupt; und seine Existenz würde in der That fast allein genügen, um alle Vorstellungen von dem Kundenarbeitscharakter des Handwerks als irrtümlich zu erweisen. Von seiner Ausdehnung und Organisation sind wir verhältnismäfsig gut unterrichtet schon seit längerer Zeit durch die noch heute nicht überholten Studien Br. Hildebrands aus den 1860er Jahren 1 , dann durch Sclunollers Tucherbuch 2 , neuerdings durch eine Reihe vortrefflicher Einzelarbeiten, sowie durch die zusammenfassende Darstellung Schuttes 3 . Dafs das 12. Jahrhundert bereits einen ausgedehnten Handel mit handwerksmäfsig erzeugtem Tuch hatte 4 5 , dürfen wir als ausgemacht betrachten. Die Errichtung einer Wandschneidergilde, die im wesentlichen den Tuchhandel betrieben, 1152 in Magdeburg durch Erzbischof Wichmann, in Hamburg durch Heinrich den Löwen, zeigt uns den Anfang eines immerhin schon bedeutenden Tuchhandels in jenen Gegenden. Kölner Tuch ging schon 1192 den Rhein hinauf und wurde von Regensburger Kaufleuten bis Wien gebracht. Für das 13. Jahrhundert häufen sich die nachweisbaren Fälle interlokalen Tuchhandels. Wir dürfen annehmen, dafs der Absatz der Tuche teils, wie schon erwähnt, durch die Handwerker selbst besorgt wurde, teils von den Gewandschneidern, d. h. berufsmäfsigen Tuchhändlern, die ebenso wie die Handwerker gleichzeitig detaillierten. Was nun das charakteristische Merkmal der Entwicklung im 14. Jahrhundert ausmacht aufser einem gewaltigen Aufschwung der Tuchindustrie in sämtlichen Produktionsländern 6 , ist dieses: dafs es den 1 Zur Geschichte der deutschen Wollindustrie in den Jahrbüchern für NÖ. Bd. VI und VII. 2 Schmoller, a. a. 0. S. 11 ff. 3 A. Schulte, Geschichte des mittelalterlichen Handels und Verkehrs etc. 2 Bde. 1900. 1, 117 ff. 4 Auch im 11. Jahrhundert finden wir schon Tücher als Objekte des internationalen Handels; so in England nach Aelfrics Colloquy (ca. 1000) bei Thorpe, Analecta Anglo-Saxonica (1868) cit. bei Ashley 1, 70. Und in noch frühere Zeit reicht der Handel mit sog. „friesischen Tüchern“ zurück: vgl. J. Klumker, Der friesische Tuchhandel zur Zeit Karls d. Gr. und sein Verhältnis zur Weberei jener Zeit. S.-A. aus den Jahrb. d. Gesellsch. für bild. Kunst etc. zu Embden. Bd. 18. 1899. Es ist aber nicht wahrscheinlich, dafs es sich vor dem 12. Jahrhundert schon um die Erzeugnisse handwerks- mäfsiger Weberei gehandelt habe. 5 Von der grofsartigen Ausdehnung des internationalen Tuchhandels im 7* 100 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. Gewandschneiclern vielerorts, so fast durchgängig in Norddeutschland * 1 , aber auch anderswo 2 3 das Monopol des Gewandausschnitts, also des Detaillierens von Tuch verschafft. Damit war also der Zwischenhandel für Tücher rechtlich gleichsam konsolidiert; es scheint sogar teilweise für den Absatz an dem Produktionsorte selber. Und wir machen hier die interessante Beobachtung zum ersten Male, die wir noch häufiger wiederholen werden, dafs im Mittelalter, während der berühmten „Stadtwirtschaft“, der Weg, den das Produkt vom Produzenten zum Konsumenten zurückzulegen hat, länger war, als er heute in verkehrswirtschaftlich organisierter Gesellschaft ist. Während es nämlich heute die Regel bildet, dafs jeder bessere Mafsschneider, wenn er auch nur kleinkapitalistischer Unternehmer ist, direkt von der Tuchfabrik seine Stoffe bezieht, sehen wir im Mittelalter sich stets einen Händler zwischen Tuchmacher und Schneider, bezw. Konsumenten schieben 8 . Aber waren denn jene im 14. Jahrhundert an die Gewandschneider liefernden Tuchmacher auch wirklich noch „Handwerker“ und nicht etwa schon Hausindustrielle? Diese Frage wirft auch Schmolle r 4 auf; „es wäre von grofsem Interesse, festzustellen, ob etwa anderwärts — sc. aufser in Köln, wo sich die Weber das Recht des Gewandausschnitts bewahrten -— die Gewandschneider die Verleger und Arbeitgeber der Tuchmacher waren“. Schmoller selbst vermeidet, auf seine eigene Frage eine runde und nette Antwort zu geben. In der That wird sich ein urkundlicher Beweis schwer führen lassen. Wir sind also auf Rückschlüsse aus anderen Umständen angewiesen. Schmoller führt unter diesen mit Recht in erster Reihe die Thatsache auf, dafs in den Zuuftkämpfen des 14. Jahrhunderts fast überall die Tuchmacher die führende Zunft waren und dafs der Kampf gegen den Rat und die Kaufmannschaft sogar vielerorts zu einem Kampfe gegen die 14. und 15. Jahrhunderts giebt eine gute Vorstellung die Übersicht über die in Danzig zum Verkauf kommenden Laken- oder Tuchsorten bei Th. Hirsch, Danzigs Handel- und Gewerbegeschichte (1858), 250 ff. 1 Vgl. die urkundlichen Nachweise bei Schmoller, a. a. 0. S. 107 ff. 2 Für die englischen Städte Ashley, 1, 83, 120. 3 Diese Trennung von Produzent und Konsument durch einen dazwischengeschobenen Händler ist in den mittelalterlichen Städten Englands bei den meisten Gewerben die Kegel; es kommt darin die präponderante Stellung der Merchant guilds zum Ausdruck. Vgl. G. Grofs, The guild merchants. 2 Vol. 1891 passim, und dazu Doren, Kaufmannsgilden (1892), 150. 4 a. a. O. S. 110. Fünftes Kapitel. Das Wesen d. handwerksmäfs. Organisat. d. Gewerbes. 101 Gewandschneider um den Gewandschnitt ausartete. Mir scheint nun aber gerade diese politische Rolle, die durchgängig die Tuchmacher und Weher im 14. Jahrhundert spielen, ihr Streben, ihrer Zunft und den andern Handwerkern zu Sitz und Stimme im Rat zu verhelfen, der ganz und gar zünftlerische Geist, den ihre Ordnungen noch im 15. Jahrhundert atmen *, durchaus für ihren noch reinen handwerksmäfsigen Charakter zu sprechen. Hausindustrielle hätten weder die Spannkraft, noch die specifisch zünftlerische Interessiertheit für jene Vorkämpferstellung besessen, wie sie die Tuchmacher jener Zeit einnahmen. Aber auch für die ökonomisch gedrückte Lage des damaligen Weberhandwerks läfst sich meiner Ansicht nach kein positiver Beweis erbringen. Die Deduktionen, die Schmoller zu der Behauptung führen, dafs das Verhältnis des Tuchmachers zum Gewandschneider, wo ihm jeder Einzelverkauf untersagt war, „ein gedrücktes, durchaus ungünstiges“ gewesen sein müsse, sind meiner Ansicht nach nicht stichhaltig. Dasselbe gilt für die kampflustigen flandrischen Weberzünfte im 14. Jahrli. 1 2 3 . Besonders früh ist, wie wir wissen, die Florentiner Tuchmacherei kapitalistisch organisiert gewesen, aber selbst für Florenz dürfen wir annehmen, dafs bis um die Wende des 13. Jahrhunderts die kaufmännisch-grofsindustriellen Elemente noch nicht die Übermacht über die Kleinmeister bekommen hatten 8 . Von ebenfalls grofser Bedeutung war im Mittelalter die interlokale Leinenproduktion. Einer ihrer Hauptsitze war die Umgegend von Konstanz. Hier arbeitete eine grofse Schar von Handwerkern, allerdings grofsenteils ländliche Handwerker, deren Erzeugnisse von den Konstanzer Kaufleuten in alle Welt verführet wurden. Von den eigenen Häusern dieser Leinwandhändler in Paris und Brüssel erhielten wir schon Kenntnis. Aber 1 Vgl. die detaillierte Schilderung der Aachener Tuchmacherei hei Thun, Ind. am N.Rh. 1, 8 ff., und jener der Schwarzwaldorte bei Go- thein, W.G. 1, 531. Aus beiden Werken habe ich den Eindruckjgewonnen, dafs der rein handwerksmäfsige Charakter auch der Export-Tuchmacherei bis weit in die sog. neue Zeit erhalten geblieben ist. Bis tief ins 18. Jahrhundert hinein handwerksmäfsig organisiert war auch ein Teil der englischen und französischen Tuchindustrie. Uber jene giebt Aufschlufs die Enquete des Jahres 1806. Vgl. die Auszüge bei L. Brentano , Arbeitergilden 1 (1871) f 95 ff; über diese P. Boissonade, Essai sur l’organisation du travail en Poitou. 2 Vol. 1900. 2, 139 ff. 2 Vgl. die anschauliche Schilderung jener Kämpfe bei L. Vander- kindere, Le sifecle des Artevelde (1879), 147 ff. 3 A. Doren, Studien aus d. Florentiner Wirtschaftsgeschichte 1 (1901), 27. 102 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. auch auf den Messen der Champagne treffen wir sie im 13. und 14. Jahrhundert an, und ebenso hatten sie eigene Häuser in Bar, Troyes, Provins und Lagny. Und die Erzeuger dieser Leinwand waren durchaus selbständige Handwerker, wie uns Gothein in überzeugender Weise dargethan hat 1 . DieLeinwand wurde teilweise auch schon in konfektioniertem Zustande in den Handel gebracht. In der Kramerrolle der Stadt Anklam aus dem Jahre 1330 finden wir als Handwerksgegenstände erwähnt: Tischtücher, Handtücher, Rolllaken, Bettüberzüge, Kissenüberzüge. Alle diese Artikel wurden en gros und en detail gehandelt 2 . Auch die interlokale Leineweberei hat sich lange über das Mittelalter hinaus als Handwerk erhalten. Noch im 18. Jahrhundert sind die schlesischen Leinwandhändler ganz und gar nicht immer Verleger, sondern oft nur Abnehmer der von selbständigen kleinen Produzenten hergestellten Leinwand 3 . Noch aus dem letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts besitzen wir einen Bericht, der folgende Stellen enthält 4 : „. . Die schlesische Fabrikation wird nicht durch Unternehmer, die alle Materialien anschaffen und dem Fabrikanten nur einen bedungenen Tagelohn zufliefsen lassen, betrieben. Jeder Leineweber ist Fabrikant für seine alleinige Rechnung, kauft sich seinen Bedarf an Garn, so wohlfeil er kann, und verkauft sein Fabrikat so teuer, als es ihm nur jemand bezahlen will.“ Wohl vom Augenblicke ihrer Entstehung an ist ein Export- 1 Vgl. E. Gothein, W.G. 1, 458 ff., 522 ff. Dieses Werk ist überhaupt in mancher Beziehung gerade für die uns beschäftigenden Probleme aufserordentlich lehrreich; teils infolge des eigenartigen Stoffes, der in ihm zur Verarbeitung gelangt ist, teils und vor allem auch dank der nationalökonomischen Bildung ihres Verfassers, die ihn befähigte, die typischen Züge der verschiedenen Organisationsformen des Wirtschaftslebens richtig zu erkennen und zu werten. Gothein betont selbst wiederholt die Existenz eines für den grofsen Markt arbeitenden Handwerks. Vgl. a. a. 0. z. B. S. 519, 522. Vgl. jetzt über den Leinenhandel im Mittelalter im allgemeinen, und den von Konstanz im besonderen auch die Ausführungen von Schulte 1, 112 ff. 2 Bei K. F. Klöden, Über die Stellung des Kaufmanns während des Mittelalters. 1. Stück. 1841. S. 33. 8 Zimmermann, Blüte und Verfall des Leinengewerbes in Schlesien (1885), 94 ff. u. öfter. * Etwas über die fliegende Schrift Frankreich und Schlesien 1793, S. 21, cit. bei C. Grünhagen, Über den angeblich grundherrlichen Charakter des hausindustriellen Leinengewerbes in Schlesien etc. in der Zeitschrift für Soc.- und Wirtschaftsgesch. 2 (1894), 251. Fünftes Kapitel. Das Wesen d. liandwerksmäfs. Organisat. d. Gewerbes. [();j gewerbe die Seidenindustrie gewesen. Es wird sich also nur um den Nachweis handeln, ob diese Industrie jemals handwerks- mäfsig organisiert war. Diesen Nachweis besitzen wir für Genua, von wo schon im 13. und 14. Jahrhundert Seidenzeuge ausgeführt wurden, während die hausindustrielle kapitalistische Organisation erst im 15. Jahrhundert ihren Anfang nimmt und das ganze Jahrhundert gebraucht, wie von sachkundiger Seite gezeigt worden ist *, um sich gegen die handwerksmäfsige Organisation durchzusetzen. Noch lange Zeit, nachdem das Verlagssystem Wurzel geschlagen hat, finden wir beispielsweise die Seidenweber aufser für Verleger, auch noch für eigne Rechnung arbeiten 1 2 * . Ganz ähnlich wie in Genua lagen die Verhältnisse in Venedig und in der Mutterstadt der europäischen Seidenindustrie Lucca. Auch in Venedig und Lucca hat es zweifellos handwerksmäfsig organisierte Seidenindustrie gegeben. Diejenigen Seidenweber, die im Anfang des 14. Jahrhunderts von Lucca nach Venedig aus- wanderten — man nennt die Zahl 31 — waren sicher weder Lohnarbeiter (sie beschäftigten vielmehr selbst Gesellen) noch auch Hausindustrielle (wie hätten sie dann auswandern können?), sondern sicher meist Handwerker 8 . Noch 1432 wird den Venetianischen Seidenwebern erlaubt, an einem Webstuhl für eigene Rechnung zu weben 4 5 . Ebenso erlangten die Seidenweber in Lucca durch den Aufstand der Straccioni sogar noch 1531 das Recht, an einem Stuhl für eigene Rechnung zu weben 6 . Auch die Seidenindustrie in den Schweizerischen Städten ist anfangs bis ins IG. Jahrhundert hinein ein Handwerk 6 . Aber selbst die Barchent- und Baumwollweberei, die von vornherein eine Tendenz zum Export hatte, finden wir anfangs oft noch in durchaus handwerksmälsigem Rahmen. Besonders deutlich tritt dies bei der Baseler Schürlitzweberei des 15. und 16. Jahr- 1 H. Sieveking, Die Genueser Seidenindustrie im 15. und 16. Jahrhundert, in Schmollers Jahrbuch 21, 101 ff. 2 Sieveking, a. a. 0. S. 113 f. 8 Sandi, Istoria civile di Venezia. Parte II. Vol. I. pp. 247. 256. Cit. bei Ad. Smith, III. B. 3. eh. 4 Che ciascun mercadante testor abbia liberti di poter tessere al suo proprio con un solo teilar con le sue man proprie potendo tuor un garzon e non piü per aida di quel teilar. Broglio d’ Ajano, Die venetianische Seidenindustrie (1893) S. 49 f. 5 Tommasi, Arch. stör. ital. 10, 397 ff., cit. bei Sieveking, a. a. 0. S. 129. 6 G e e r i n g, 465 f. 104 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. hunderts hervor, die, trotzdem sie für den interlokalen Markt arbeitete, reines Handwerk war 1 11 . Da die Gewinnung der Metalle nur an einzelnen über die ganze Erde verstreuten Fundstätten erfolgt, so konnte ihr Verbrauch nie in gröfseren Mengen stattfinden, ohne dafs sie Objekte des interlokalen und internationalen Handels geworden wären. Das sind sie denn auch während des ganzen Mittelalters über gewesen. Eisen und Erze werden schon im 10. Jahrhundert nach Oberitalien eingeführt 2 . Wir finden Eisen als Einfuhrartikel aus Europa nach Ägypten im 12. und 13. Jahrhundert 3 , als Importartikel nach England Anfang des 14. Jahrhunderts 4 , als Gegenstand des deutsch-italienischen 6 , des hansischen 6 Handels während des ganzen Mittelalters. Deutsches Silber begegnet uns im 13. Jahrhundert auf den Messen der Champagne 7 und auf dem Wege nach England 8 . Es wird im 14. und 15. Jahrhundert von den Grofskaufleuten Danzigs 9 ebenso wie von den Krämern Lübecks 10 gehandelt; es erfreut sich zunehmender Beliebtheit im deutsch-italienischen Handelsverkehr u . Ebenso sind Kupfer, Messing, Zinn, Blei oft genannte Objekte des internationalen Güteraustauschs schon im frühen Mittel- alter. Wir hören davon im 10. Jahrhundert im deutsch-italienischen Verkehr 12 , im 11. Jahrhundert im Handel mit England 13 , im 12. Jahrhundert am Rhein 14 , im 13. Jahrhundert in Eisenach 16 , in Hamburg lß , 1 Geering, 306 f. 2 Dem ältesten Zollkatalog aus der Alpenwelt zufolge, dem von Bischof Giso von Aosta 900 abgefafsten; vgl. Schulte 1, 68. 3 Heyd, Gesch. des Levantehandels. 2 Bde. 1879. 1, 424. 426. 437. 4 Hansaakten aus England 1275 —1412, bearbeitet von K. Kunze, 1891. S. XLV (Hansische Geschichtsquellen Bd. VI). 5 Schulte 1, 693 u. öfters. 6 Vgl. Hans. U.B. Bd. I Nr. 432 und öfters. 7 Schaube, Ein italienischer Kursbericht etc. (Zeitschr. f. Soc.- u. Wirt- schaftsgesch. 5, 248). 8 W. Cunningham, The growth of english industry and commerce 1 (1890), 184. 9 Th. Hirsch, a. a. O. S. 257 ff. 10 Wehrmann, a. a. O. S. 273. 11 Schulte 1, 594. 12 Zollkatalog Gisos von Aosta bei Schulte 1, 68. 13 Äshley 1, 70 nach Aelfrics Colloquy (um 1000). 14 Zollprivileg der Abtei S. Simeon von 1104 bei Falke, a. a. O. S. 139; Zollprivileg der Kaufleute von Dinant, erteilt vom Senat der Stadt Köln, ebenda S. 140. Schreiber, U.B. der Stadt Freiburg i. B. 1 (1828), 5/6. 16 Falke, Zollwesen, 144. 18 Ebenda, 146. Fünftes Kapitel. Das Wesen d. handwerksmäfs. Organisat. d. Gewerbes. 105 in Flandern 1 ; im 14. Jahrhundert bilden die genannten Metalle ein beliebtes Handelsobjekt in England 2 , in Lübeck 3 , in Danzig 4 , im deutsch-italienischen Handel 5 ; werden sie en gros und en detail gehandelt in Städten wie Anklam, Goslar 6 . Aber waren denn diese Metalle Erzeugnisse von Handwerkern? Zweifellos. Wir sind durch eine Reihe neuerer Untersuchungen 7 über die Anfänge des Bergbaus und der Metallgewinnung genugsam davon unterrichtet, dafs die früheste Organisation auch dieser Gewerbszweige durchaus eine handwerksmäfsige war. Allerdings in einer specifischen Ntiance: es sind fast immer von Anfang an, jedenfalls sehr frühzeitig, Handwerkergenossenschaften, die nach einem gemeinsamen Plane die Ausbeute der Gruben und teilweise auch die Verhüttung der Erze besorgten. Da uns der Gang unserer Untersuchung noch einmal auf diese eigenartige Form der handwerksmäfsigen Organisation führen wird, so soll ein näheres Eingehen bis dahin unterbleiben. Hier mag nur noch erwähnt werden, dafs ganz analog wie der Bergbau die Salzgewinnung ursprünglich organisiert war, und dafs das Salz jedenfalls auch ein für den gröfseren Markt von jeher produziertes Handwerkserzeugnis gewesen ist 8 . Aber nicht nur die Rohstoffe und Halbfabrikate, auch die fertigen Erzeugnisse der Metallindustrie kamen frühzeitig in den Handel. Allen voran Schutz- und Trutzwaffen. Bereits im 10. Jahrhundert bringen die Venetianer Waffen aus den Schmieden Steiermarks und Kärntens zu den überseeischen Völkern 9 . Schwerter, Lanzen und Panzer finden wir während des 10. Jahrhunderts als Handelsgegenstände auf den Verkehrsstrafsen der 1 Hans. U.B. Bd. I Nr. 432. 2 Hans. Geschichtsquellen Bd. 6 S. XLV, 334. 3 Wehrmann, 272 ff. 4 Hirsch, a. a. 0. 5 Schulte 1, 692 ff. 6 Kramerordnungen der genannten Städte bei Klöden, 1. Stück § 3. 7 Vgl. vor allem Schmoller, Die geschichtl. Entwicklung der Unternehmung IX. in .seinem Jahrbuch 15 (1891) S. 660 ff. Daselbst auch Hinweise auf die frühere Litteratur. Etwa gleichzeitig mit der Arbeit Sehmollers und sie vielfach ergänzend erschienen die Darstellungen von Inama-St er n egg, Deutsche Wirtschaftsgeschichte Bd. II (1891) und Gothein, Wirtschaftsgeschichte des Schwarzwaldes 1 (1892) 583 ff. Die alten Bergstädte bestanden im wesentlichen aus (Handwerker-) Bergleuten. „Die Begriffe ,Bürger 1 (bur- genses, cives) und ,Bergleute 1 (montani) deckten sich also nahezu“: für Freiberg i. Sachsen H. Ermisch im Cod. dipl. Sax. reg. 13 (1886), XXXI. 8 Vgl. Schmoller, a. a. 0. S. 651 ff. 9 W. Heyd, Gesch. des Levantehandels 1, 125/26. 106 Erstes Bucli. Die Wirtschaft als Handwerk. Alpen 1 . Von den „Kölner Schwertern“ aber erhalten wir Kunde am Oberrhein schon im 12. Jahrhundert 2 , im Handel mit England Ende des 13., Anfang des 14. Jahrhunderts 3 ; einem "Waffenhandel begegnen wir dann häufig während des 13. Jahrhunderts, so in Pirna 4 , in Eisenach 4 , und noch mehr in den folgenden Jahrhunderten, so in Osnabrück 5 , in Danzig 6 , in Lübeck 7 . Aus diesen beliebig herausgegriffenen Urkundenbelegen dürfte ohne weiteres auf einen blühenden, ausgedehnten internationalen Waffenhandel während des ganzen Mittelalters 8 geschlossen werden, auch wenn die Annahme eines solchen aus allgemeinen Erwägungen heraus nicht allein schon selbstverständlich wäre. Dafs aber auch die Waffenerzeugung Handwerk war, wissen wir aus zahlreichen Untersuchungen, unter denen die Arbeit Thuns über die Solinger Schwertfabrik einen hervorragenden Platz einnimmt. Thun schildert uns die Solinger Schwertmacherei in ihren Anfängen wie folgt 9 : „Die Betriebsform der Industrie war die handwerksmäfsige; die Masse der Arbeiter bestand im wesentlichen aus selbständigen Kleinmeistern, und diese waren in drei Bruderschaften vereinigt, in die der Schwertschmiede, der Härter und Schleifer, und der Schwertfeger und Reider .... Da einerseits den Reidern das Reisen aufser Landes erlaubt war, andererseits in ihren Händen die Schwerter zum Fertigmachen sich sammelten, so eigneten sie sich besonders zum Vertrieb derselben und es scheint in der That, als ob sie es gewesen, welche in damaliger Zeit den Klingenhandel besorgt haben . . . Der Gang der Fabrikation mag im 15. Jahrhundert wohl folgender gewesen sein. Der Schwertschmied kaufte das Eisen in Stangen, schmiedete in drei Hitzen aus freier Hand die Klinge nach Länge und Dicke aus und gab ihr die erforderliche Form. Teilweise verkaufte er die Schwerter selbst und liefs in diesem Falle die schwarzen Klingen gegen Lohn schleifen und härten, kaufte Scheiden und Griffe, liefs sie gegen Lohn bereiden und verhandelte dann die fertigen Schwerter. 1 Zollkatalog von Aosta 960 bei Schulte 1, 68. Nach Schultes Meinung handelt es sich dabei um Erzeugnisse der Mailänder Waffenindustrie (1, 69). * Falke, a. a. 0. S. 189. von Below, a. a. 0. S. 148. 3 Hans. Geschichtsquellen 5, XLY. 4 Falke, 144. B Frensdorff, Dortmunder Stat. CXXXI. 6 Hirsch, 261. 7 Wehrmann, 456. 8 Vgl. noch W. Böheim, D. Waffe und ihre einstige Bedeutung im Welthandel. Zeitschr. f. histor. Waffenkunde 1, 171 ff. 9 Thun, 2, 8 ff. Vgl. auch Böheim, Meister der Waffenschmiedekunst. 1897. Fünftes Kapitel. Das Wesen d. liandwerksmäfs. Organisat. d. Gewerbes. 1Q7 Die Schwertschmiede, die Schwertfeger und die Kreuz- und Knaufschmiede waren durchaus selbständige kleine Fabrikanten (lies: Handwerker), welche aus eigenem Material ihr Halb- und Ganzfabrikat herstellten und manchmal direkt an die Kunden, meist aber an die Reider absetzten. Diese waren sowohl kleine Fabrikanten, welche die in arbeitsteiliger Produktion entstandenen Halbfabrikate ankauften und zusammensetzten, als auch Kaufleute, welche Handel mit der fertigen Ware trieben; nur in den seltenen Fällen, wo der Schmied seine Klinge reiden liefs, um selbst die Schwerter zu verkaufen, waren die Reider auch Lohnarbeiter (NB. im Sinne von „Lohnhandwerkern“). Die Hauptmasse der Arbeiterschaft bestand demnach aus selbständigen Handwerksmeistern . . .“ Ein fast immer sicheres Zeichen für die Intaktheit der hand- werksmäfsigen Organisation eines Gewerbes ist die streng durchgeführte Scheidung zwischen der Zunft der gewerblichen Produzenten und derjenigen der Händler derselben Branche, bezw. das Verbot für die Händler, die von ihnen gehandelte Ware selbst hersteilen zu lassen. Ein solches Verbot begegnet uns in der floren- tiner Waffenindustrie. Hier war der Zunft der Armanioli (Waffenhändler) der Betrieb des Harnisch- und Speerschmiedehandwerks streng verboten; sie handelten durchaus nur mit eingekaufter Ware h Mit den Waffen wetteiferten als Gegenstände interlokalen Güteraustausches und nahmen vielfach die Stelle der Schwerter, Harnische, Kappen etc. ein, als diese durch die Entwicklung der modernen Kriegstechnik anfingen, ihren Abnehmerkreis zu verlieren, andere Erzeugnisse der Metallind ustrie, besonders Eisen waren: Werkzeuge, Messer, Schlösser, Stecknadeln, Nähnadeln, Haken, Ösen und was sonst heute unter der Bezeichnung „eiserne Kurzwaren“ 1 2 3 zusammengefafst zu werden pflegt. Dafs sie in gröfseren Mengen in den Handel kamen, dürfen wir aus den Bestimmungen der Zolltarife des 13. bezw. 14. Jahrhunderts entnehmen, in denen bestimmt wird, dafs sie nach Stück, Dutzend oder Schock zur Verzollung kommen sollen 8 . Berühmt während 1 Doren, Florentiner Zünfte (1897), 42. 2 Das Mittelalter hatte dafür die Bezeichnung minuta, minuta merci- monia. Vgl. Hans. Geschichtsquellen 5 Nr. 56, 154, 374 (Einfuhrartikel nach England während des 13. und 14. Jahrh.). Auch unter cromerey, merserie, merc. institoria verstand man vielfach dasselbe: calibem et ferrum et alia merc. institoria. Hans. U.B. Bd. 4 Nr. 224. Vgl. Nr. 965 il). 3 Vgl. z. B. den Zolltarif für die Niederlage der Stadt Pirna bei Falke, 108 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. des Mittelalters als Erzeugungsort eiserner Kurzwaren war bekanntlich Nürnberg; daher für derartige Dinge ebenso wie für sog. Galanteriewaren lange — bis in unsere Zeit hinein — der Ausdruck „Nürnberger Ware“ gebraucht zu werden pflegte * 1 . Wer waren die Produzenten der Nürnberger Waren, insonderheit der Erzeugnisse seiner Metallindustrie? Wir wissen, dafs schon frühzeitig eine weitgehende Specialisierung unter den einzelnen Produktionsstätten durchgeführt war: es gab im 13. Jahrhundert Schermesserer, Sensenschmiede, Gabel schmiede, Zirkelschmiede, Kettenschmiede. Dann unter den Waffenschmieden: Harnischmacher, Panzerhemdenmacher, Haubenschmiede, Klingenschmiede, Schwertfeger etc. Das allein würde darauf schliefsen lassen, auch wenn wir sonst keinerlei Zeugnisse hätten, die dafür sprächen, dafs wir es wenigstens äufserlich mit einer durchaus handwerksmäfsigen Organisation der Metallgewerbe zu thun haben: das Produktionsgebiet wird in voller Reinheit durch das technische Können des Meisters nach Quantum und Qualität begrenzt. Waren aber diese Handwerksmeister als solche vielleicht nur Scheinexistenzen, waren sie im Grunde verlegte Stückmeister? Dafs das Verlagssystem frühzeitig in Nürnberg Boden fafst, unterliegt keinem Zweifel. Die Untersuchungen Schoenlanks haben seine Existenz schon im Anfang des 14. Jahrhunderts nachgewiesen 2 . Wenn wir aber das Urkundenmaterial durchsehen, das sich auf das Verbot oder die Regelung der Hausindustrie bezieht, und von dem Schoenlank einen Zollwesen, 144. Zahlreiche Sorten von eisernen Kurzwaren in den Kramerrollen von An kl am (1330), Goslar (vor 1359), mitgeteilt bei Kl öden, 1. Stück S. 31 ff. 1 In Lübeck durften die Nürnberger folgende von ihren Handwerkern angefertigten Waren in offenen Kellern verkaufen (15. Jahrhundert): Schlösser, Messer, Spiegel, hölzerne und bleierne Paternoster, Pfriemen, Blech, Waffenhandschuhe, stählerne Bügel, Flöten, messingene Spangen, Kinderglocken, zinnerne Schüsseln, Pferdezäume, Steigbügel, Sporen, Brillen, messingene Fingerhüte, bleierne Spangen, Dosen, Tafeln, Kinderbinden. Wehrmann, Einleitung S. 107. Im Handel mit Italien während des 14. und 15. Jahrh. finden wir ferner von Erzeugnissen der Nürnberger Metallindustrie: Altarleuchter, Schreibleuchter, Hängelampen, Messingschüsseln, Wagen, Klystierspritzen, Kompasse, Scherbecken, Schermesser, Zirkel u. a. Schulte 1, 719. Von der Ausdehnung des Nürnberger Exports legen Zeugnis ab die überaus zahlreichen Zollbefreiungen, die sich Nürnberg an verschiedenen Zollstätten auszuwirken wufste. Das Verzeichnis von 1332 zählt nicht weniger als 69 Orte auf, in denen Zollbefreiungen bestanden, und zudem das ganze Königreich Arelat. Schulte 1, 658. 2 B. Schoenlank, Sociale Kämpfe vor dreihundert Jahren (1894) 48. Vgl. auch J. Falke, Gesell, d. deutsch. Handels 1 (1859), 125 f. Fünftes Kapitel. Das Wesen d. liandwerksmäfs. Organisat. d. Gewerbes. 109 grofsen Teil verwertet hat, so müssen wir zu dem Schlüsse kommen, dafs es sich bis ins 16. Jahrhundert hinein doch immer nur um Ausnahmen handelt, dafs erst in dieser Epoche eine allgemeine Tendenz zur kapitalistischen Organisation Platz greift. Dafür, dafs die Erzeuger dieser „Nürnberger Waren“ im Mittel- alter Handwerker waren*, jedenfalls sein konnten, spricht auch die Thatsache, dafs die vielfach ähnliche Produkte für den grofsen Markt herstellende sog. rheinische Kleineisenindustrie — die Solinger Messerfabrik die Remscheider Industrie — und die Schmalkaldener Industrie bis tief in die neue Zeit hinein ihren rein handwerksmäfsigen Charakter bewahrt haben. Das Handwerk ist in Solingen bis ins 16. Jahrhundert noch völlig intakt, im 17. beginnt der Kampf, aber noch 1687 erfolgt formell die vollständige Wiederherstellung der Zunftverfassung. Die Remscheider Industrie dagegen findet Thun noch in den 1870er Jahren in einer wesentlich handwerksmäfsigen Organisation vor 1 2 3 . Die Schmalkaldener Kleineisenindustrie ist während ihrer Blütezeit im 16. Jahrhundert streng zünftlerisch 8 und bewahrt ihren Handwerkscharakter bis ins 18. Jahrhundert hinein 4 * . Ein anschauliches Bild solcher märktebeziehender Handwerker alten Schrots und Korns entwirft uns A. Thun dort, wo er die Absatzorganisation der bergischen Sensenindustrie schildert 6 : „Die Betriebsform der Industrie war die handwerksmäfsige und ihre Verfassung eine höchst einfache, da die Schmiede in eigener Werkstatt das Material ohne Arbeitsteilung verarbeiteten . . . Wie stets beim handwerksmäfsigen Betriebe standen die Ordnung des Absatzes, die Festsetzung der Warenpreise und die Regelung der Technik oben an. Um die Leitung der Produktion in die Hand zu nehmen, mufste die Zunft zunächst die Lage der Konsumtion kennen. An einem bestimmten Tage wurden daher alle Schmiede und Schleifer vor Vogt und Rat geladen, welchen sie die Lage und den Gang des Handwerks vorlegen und angeben mufsten: auf wie grofsen Absatz wohl in den einzelnen Ländern gerechnet werden könnte. Nach einem Monat wurde dann mit Wissen der herzoglichen Beamten angeordnet, wie viel und welche Sorten ein jeder 1 Vgl. zu ihrer Charakteristik auch noch J. F. Roth, Gesch. d. Nürnberger Handels 3 (1801). 2 Thun 2, 23-30, 121 fr. 3 K. Frankenstein, Bevölkerung und Hausindustrie im Kreise Schmalkalden. 1887. S. 48. 4 Beckmann, Beyträge zur Ökonomie, Technologie etc. 10 (1786), 148. B Thun, 2, 109/10. 110 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. Meister fabrizieren durfte, und zwar sollte dem gemeinen Schmiede ebensoviel zugeteilt werden als dem reichen. Für alle Waren wurden dann die Preise festgesetzt je nach der Konjunktur, den Preisen von Stahl, Eisen, Knechten u. s. w. Einen Tag nach St. Ewald wurden endlich die Marktreisen angeordnet, welche jeder Handwerker unternehmen mufste; keiner durfte vor dem anderen verreisen oder Güter aufserhalb der Märkte verschicken. Wer seine erste Reise that, sollte 15 Thlr. zahlen . . . Die daheimbleibenden Brüder sollten ihre Waren innerhalb des Handwerks veräufsern; fanden sich aber keine Käufer, so durfte ein jeder auch aufserhalb desselben sich solche suchen und so teuer als möglich, keinesfalls aber unter den festgesetzten Preisen verkaufen.“ Von anderen Handwerkserzeugnissen, die wir aufser den genannten noch als Gegenstände des interlokalen Handels während des Mittelalters finden, mögen einige der wichtigeren nur noch kurz mit Augabe der Belegstellen registriert werden. Holzwaren: 10. Jahrh.: Schüsseln, hölzerne Näpfe auf den deutsch-italienischen Verkehrsstrafsen 1 . 11. Jahrh.: Fässer (dolia), vasa lignea 2 sind Handelsartikel. 12. Jahrh.: Holzwaren auf den Messen zu Enns feilgeboten 3 . 13. Jahrh.: Holzwaren einer der Einfuhrgegenstände nach England 4 5 - 14. Jahrh.: Mulden, Schaufeln, Schüsseln in Danzig gehandelt®. 15. Jahrh.: Hamburger Tonnen dürfen in Sneek (Friesland) 6 auch aufser auf Jahrmärkten feilgeboten werden. Leder ist frühzeitig in den Handel gekommen; die Gerberei eines der häufigsten Exporthandwerke: Basel im 15. Jahrh. hat 59 reiche Gerbermeister mit einem Arbeitsmaximum von 360 Häuten jährlich (insgesamt 21 240 Häute, also durchaus handwerksmäfsiger Umfang der Produktion) bei ca. 10 000 Einwohnern mit 133 Schuhmachern 7 . Wir erfahren von einem Lederhandel in England während des 1 Zolltarif Gisos von Aosta bei Schulte 1, 68. 2 von Below, Entstehung des Handwerks, a. a. O. S. 152. 3 Falke, Handel 1, 77. 4 Hans. Geschichtsquellen 5, XLV. 5 Hirsch, 253. 6 Stadtbuch von 1456, vgl. Hegel, Städte und Gilden 2, 290. 7 Geering, 141. Fünftes Kapitel. Das Wesen d. handwerksmäfs. Organisat. d. Gewerbes. 11 ] 13. Jahrhunderts 1 , in Schweden während des 14. Jahrhunderts 2 . Leder ist Gegenstand des Dortmunder 8 , Breslauer 4 , Erfurter 6 , Nürnberger 6 Handels im Mittelalter. Leder als en gros- und en detail-Handelsartikel erwähnt in der Kramerordnung von Goslar (14. Jahrhundert) 7 . In der Zollrolle Margaretes von Flandern (1252) werden zahlreiche Ledersorten aufgeführt 8 . Lebhafter Lederhandel in Poitou im 13. und 14. Jahrh. 9 . Auch der Weg, den das Leder vom Produzenten zum Konsumenten nimmt, ist im Mittelalter häufig wieder länger als heute. Jetzt kauft die grofse Schuhfabrik in der Lederfabrik, die vielleicht selbst ihre Aufkäufer in Indien Lat. Aus dem mittelalterlichen England erfahren wir dagegen, dafs die Gildemitglieder das Privilegium hatten, ungegerbte Häute aufzukaufen (corea recencia emere), die sie an die Gerber absetzten, um dann deren Produkt, das gegerbte Leder, an die Schuster zu übermitteln 10 . Leder waren: Deutsche Sattlerarbeiten im 10. Jahrh. im Auslande geschätzt 11 ; im ganz frühen Mittelalter deutsche Zügel und sächsische Sättel von lombardischen Bischöfen benutzt 13 ; Geschirre Gegenstände des Dortmunder Handels im Mittelalter ia . Beutel, Gürtel, Taschen etc. aus „vremdin steten von gesten“ in Schweidnitz feilgehalten (133G) 14 . Verschiedene Kurzwaren: Elfenbeinene Kämme sind Objekte des internationalen Handels im frühesten Mittelalter 15 . Hornkämme finden sich (14. Jahrh.) in ’ Hegel, Städte und Gilden 1, 99. 2 Hegel 1, 280/81. 293. 3 Frensdorff, Dortmunder Statuten und Urteile, in Hans. Gescliichts- quellen 3 (1882), CXVI. 4 C. Grünhagen, Schles. am Ausgange d. MA., Zeitsclir. f. Gesell, u. Alt. Schles. 18 (1884), 39. 6 Falke, Handel 1, 135. 6 Falke, 127. 7 Bei Klöden, 1. Stück S. 36. 8 Hans. U.B. Bd. I Nr. 432. 9 Boissonade 1, 14. 10 Nach Grofs, Guild Merchant; Doren, 150. 11 von Below, a. a. 0. S. 153. 12 Schulte 1, 74. 13 Hans. Geschichtsquellen 3, CXVI. 14 Cod. dipl. silesiac. 5, 19. 20. 18 Schulte 1, 74. 112 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. den Tarifen von Basel und Strafsburg 1 , in den Läden Anldams 2 3 , allerband „kleyne ding“ in denen von Schweidnitz 8 . Paternoster aus verschiedenen Stoffen bildeten während des ganzen Mittelalters aus naheliegenden Gründen einen wichtigen Handelsartikel: Wachs, getrocknete Fische und Paternoster symbolisieren gleichsam den tiefreligiösen Zug jener Zeiten. Von hölzernen und bleiernen Paternostern war schon die Rede. Vor allem aber kommen diejenigen aus Bernstein als gesuchte Handelsartikel in Betracht. Der Ort, wo sie am meisten hergestellt wurden, war Lübeck. Hier bildeten die Paternosterer während des ganzen Mittelalters ein kräftiges, wohlhäbiges, reich besetztes Handwerk, das genossenschaftlich den Einkauf des Bernsteins besorgte 4 * . Bekleidung und Putz: 12. Jahrh.: Kleider als Handelsartikel im Freiburger Stadtrecht erwähnt B . 13. Jahrh.: Kaufleute aus Lille handeln mit Brügger Hosen nach Italien 6 ; — Hosen 1252 in der Zunftrolle Margaretes von Flandern 7 , 1262 in der Hamburger Zollrolle „packweise“ erwähnt 8 ; — Schuhe finden wir gehandelt auf der Messe unterhalb der Burg von Lags, dem Sitz der Grafschaft für Oberrhätien 9 ; — Handschuhe, Gürtel, Börsen, Violinsaiten bei den Pariser „merciers“ 10 . 14. Jahrh.: Hosen, Mützen, Filzhüte, Bänder, Borten, Spangen etc. in den Kramläden von Lübeck 11 , Danzig 12 , Anklam 13 , Goslar 13 , Schweidnitz 14 verkauft; 1 Schulte 2, 105. 2 Kramerordnung von 1330 bei Kloeden, 1, 33. 3 Cod. dipl. silesiac. 5, 19. 20. 4 C. W. Pauli, Liibeekische Zustände 1 (1847), 52. 6 Schreiber, Urkundenbuch der Stadt Freiburg 1, 6. 6 Schulte 2, 105 (Urk. Nr. 188). 7 Hans. U.B. Bd. I Nr. 432. 8 Stieda, a. a. 0. S. 111. 0 Schulte 1, 167. 10 Dict. du mercier, Crapelet, Proverbes et dictons populaires (1831). 11 Wehrmann, 272 ff., 286 f. 12 Hirsch, 256. 13 Klöden 1, 33, 53. 14 Cod. dipl. Siles. 5, 19 f. Fünftes Kapitel. Das Wesen d. handwerksmäfs. Organisat. d. Gewerbes. H3 14. Jahrh.: Schuster und Schneider in Bergen verkaufen ihre Erzeugnisse über See 1 5 — Strafsburger Barette und Hosen nach Italien gehandelt 2 , Lii- becksche nach Venedig 3 4 * 5 — in Neustadt Brandenburg werden in einer Ausstattung an- getroffen „delremundsche Kleder“ *; ausgedehnten Handel mit Kleidern und Putz treiben die Gebr. Bonis in Montauban 6 , auch Viele von Geldersen handelt damit 6 . — deutsche Hüte werden nach Mailand eingeführt 7 , sind in Basel starke Importartikel 8 . C. Handwerkers Wirken. I. Der Artcharakter handwerklichen Wirkens. Um jene Zwecke zu erreichen, die dem Streben des Handwerkers zu Grunde liegen, setzt er nun sein ganzes Können ein. Dieses aber ist, wie wir wissen, doch immer vorwiegend eine technische Fähigkeit: durch eigenhändige Arbeit also mufs er seinen Zielen zuzustreben suchen. W T as seiner Hände Geschicklichkeit zu leisten, was seiner Arme Spannweite zu umschliefsen vermag, das ist die Sphäre seines Wirkens, das also als ein unmittelbarer Aus- flufs seiner Persönlichkeit erscheint. In diesem Sinne hat man das „Handwerk“ sehr treffend bezeichnet als den „Ausdruck einer zum Lebensberuf ausgeprägten bestimmten Thätigkeit des Individuums, die sich sozusagen s0 weit ausdehnt, als die Kraft der einzelnen Hand zu herrschen und zu schaffen vermag“ 9 . 1 Hegel, a. a. 0. 1, 407. 2 Schulte 1, 706. 3 Stieda, a. a. O. S. 111. Vgl. dazu jetzt noch Hans. U.B. Bd. 4 Nr. 621, 1017 (3), 1018 (8). 4 G. Sello, Brandenb. Stadtrechtsquell. (Mark. Forsch. 18 [1884], 12.) B Le livre de compte de fröres Bonis; ed. E. Forestid. Arch. hist, de la Gascogne, fase. 20. 23. 26. 1890—94. 20, LII ff. 6 Das Handlungsbuch Vickos von Geldersen; bearb. v. H. Nirrnheim (1895), LVIII. 7 Schulte 1, 718. 8 Geering, 233. 9 Denkschrift des Centralvereins zur Reorganisierung des Handwerkerstandes in Breslau als Entwurf der Generalversammlung der Handwerksgenossen Schlesiens am 19. Juni 1848 zur Prüfung und Beratung vorgelegt vom provisorischen Komitee des Vereins ( 0 . O. 0 . J.). S. 3. Diese Denkschrift enthält auch im übrigen eine Fülle treffender und feiner Bemerkungen. Sombart, Der moderne Kapitalismus. I. 8 114 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. Dieser Idee der Arbeit als einer Bethätigung der Gesamt- persönlichkeit entspricht die dem Handwerk eigentümliche Berufsgliederung. Da es nicht im Plane dieses Werkes liegt, auch darzuthun, weshalb Handwerk — so wie es war oder ist — sein mufste, sondern nur zu zeigen beabsichtigt wird, wie Handwerk ist und wie es sein konnte, so ist hier auch nicht den Gründen nachzugehen, die zu der Berufsspecialisierung im Handwerk geführt haben. Es genügt, darauf hinzuweisen, dafs wir überall, wo wir vom Handwerk im ökonomischen Sinne Kenntnis erhalten, einer übereinstimmenden Berufsgliederung begegnen, und dafs diese ersichtlich einem und demselben Gedanken Rechnung trägt: dafs nämlich die Individualität eines Menschen seine Kräfte über einen gewissen Kreis von Thätigkeiten erstrecken kann und soll, die durch ein geistiges Band, durch die Idee eines Ganzen zusammengehalten werden; dafs eine Ausweitung dieses Kreises seine Kräfte zersplittern mufs, während andererseits, wenn diese Kräfte in zu engem Kreise oder wohl gar nur nach einer Richtung hin bethätigt werden, der Arbeiter in die Stumpfheit des rein mechanischen Betriebes versinkt. Was gleichsam die qualitative Abgrenzung der einzelnen Handwerke charakterisiert, während die quantitative Zuteilung des Wirkungskreises deutlichst unter dem Einflufs des Leitsatzes von der „Nahrung“ stets gestanden hat. Nach beiden Richtungen hin — das wollen wir festhalten — sind also für die Abgrenzung der einzelnen Handwerke subjektive, in der Persönlichkeit des Handwerkers begründete Momente mafsgebend gewesen. Wobei es dann völlig nebensächlich für jede ernsthafte Betrachtung der Dinge ist, ob die Gruppierung bezw. Berufszerlegung unter dem Gesichtspunkt des verarbeiteten Rohstoffs (Schlosser, Klempner) oder des zur Anwendung gebrachten Verfahrens (Drechsler, Färber), oder des Gebrauchszwecks (Schuster, Sattler) erfolgt ist. Im einzelnen ist so viel Gescheites schon über die Thatsache der handwerksmäfsigen Berufsgliederung gesagt worden, dafs — will man das Thema ihrer Begründung nicht anschneiden, das allerdings, soviel ich sehe, bisher nur immer ganz aphoristisch behandelt worden ist 1 —■ es überflüssig scheint, eingehender darüber zu handeln. Erinnert mag nur werden an die bedeutsame Thatsache, dafs wir zu allen Zeiten als wiederkehrende Tendenz — Gesetzesjäger 1 Einzelne geistvolle Beobachtungen bei Schmollen, Tkatsachen der Arbeitsteilung, in seinem Jahrbuch XIII (1889); Ed. Meyer, Wirtsch. Entw. des Altertums (Jahrbücher für Nat.Ök. III. Folge. Bd. IX, 707). Fünftes Kapitel. Das Wesen d. liandwerksmäfs. Organisat. d. Gewerbes. H5 würden sich beeilen zu sagen: als ein „Gesetz“ in der Entwicklung des Handwerks — eine Differenzierung der einzelnen Berufsarten aus ursprünglich komplexen Thätigkeiten wahrnehmen können. Auch diese Thatsache ist oft beobachtet und im einzelnen nachgewiesen h Hervorgehoben soll hier nur werden, was meines Wissens in nationalökonomischen Kreisen noch nicht die entsprechende Beachtung erfahren hat, dafs, weit alle übrigen analogen Entwicklungsreihen an Reichhaltigkeit überbietend, die gekennzeichnete Differenzierungstendenz sich verfolgen läfst unter den Handwerkern der römischen Kaiser zeit. Bekannt sind die dem König Numa zugeschriebenen Handwerkerzünfte der Flötenbläser, Goldschmiede, Kupferschmiede, Walker, Färber, Töpfer, Zimmerleute, Schuster 1 2 . Sie stellen schon einen verhältnismäfsig hohen Grad der Differenzierung dar, denn die Textilarbeiter finden sich schon in zwei, die Eisenarbeiter ebenfalls schon in zwei Gewerbe geschieden. Dafs die „Kupferschmiede“ Grobschmiede schlechthin bedeuten, darf ohne weiteres interpoliert werden, ebenso wie dafs die Schuster Sammelbegriff für alle Lederarbeiter sind. Überhaupt ist die Liste inkorrekt: auch die Zimmerleute stehen für die Stellmacher, die fast immer früher auf der Bildfläche erscheinen. Immerhin können wir jene Gewerke ungefähr als den Ausgangspunkt für die Entwicklung des römischen Handwerks ansehen und können nun beobachten, wie sich allmählich die verschiedensten Specialitäten aus ihnen herausdifferenzieren. So spalten sich namentlich während der ersten Kaiserzeit, in welcher das freie Handwerk in Rom seine Glanzzeit erlebte, die fabri aurarii, die in der späteren republikanischen Zeit aurifices heifsen, in die fabri anulari argentarii crustarii caelutores, 1 Vgl. für das alte Indien: H. Zimmer, Altindisches Leben (1879) S. 245, 252, 253; für Griechenland: Büchsenschütz, Besitz und Erwerb (1869) S: 318; für Deutschland die erschöpfende Darstellung bei von Maurer 2, 463 ff. 2 Blümner, Die gewerbliche Thätigkeit der Völker des klassischen Altertums. 1869. S. 110. Büchsenschütz, Hauptstätten des Gewerbe- fleifses im klassischen Altertum. 1869. S. 25, 47, 48. 8 * 116 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. die fabri ferrarii in die fabri falcari claustrarii dolabriarii gladiarii, die fabri tignarii in die fabri navales carpentarii arcularii pavimentarii tectores pictores, der sutor spaltet sich in den sutor calceolarius diabathrarius solearius crepidarius sandaliarius cerdo (Flickschuster) 1 . Vor allem lehrreich bei dieser Entwicklung ist der Umstand, dafs sich auch die einzelnen Specialitäten fast völlig gleichartig wie im europäischen Mittelalter im alten Eom herausgebildet haben. Und wie es bei alledem nicht anders sein kann: das Werk selbst, also das Ergebnis des handwerklichen Wirkens, ist der getreue Ausdruck der Persönlichkeit seines Schöpfers. Handwerkerware ist bei aller Traditionalität des Verfahrens doch immer individuelles Werk. Es trägt ein Stück Seele in die Welt hinaus, weil es ja die Schöpfung eines wenn auch noch so beschränkten, aber doch lebendigen Menschen bleibt. Von den Leiden und Freuden seines Schöpfers weifs es zu erzählen. Kommt auch nicht jedes Paar Schuhe zu stände, wie es der Sachs in der Johannisnacht zusammenschlägt: — „mit dem Hammer auf dem Leisten halt’ ich Gericht“ —, Einflüsse mannigfachster Art werden sich immer bemerkbar machen: „jeder Ärger über das Kind, jeder Zank mit der Frau“, die 1 M. Voigt, Die römischen Altertümer, im Handbuch der klassischen Altertumswissenschaft IV, 2 (2. Aull. 1893) S. 307 f., 378 f., 442 f. Vgl. dazu Marquardt, Röm. Priv.-Leben 2 (1882), 485 ff., und namentlich Li eben am, Römisches Vereinswesen (1890), insbes. S. 107 ff., wo das von M. Voigt fast ganz vernachlässigte Inschriftenmaterial sehr sorgfältig zusammengestellt ist. Fünftes Kapitel. Das Wesen d. handwerksmäfs. Organisat. d. Gewerbes. H7 tausenderlei Fährnisse des häuslichen Lebens gehen nicht spurlos an dem Werk des Handwerkers vorüber. Es bleibt in den Kreis seines Könnens gebannt: das aber ist verschieden von Meister zu Meister, verschieden von Tag zu Tag. * Was aber notwendig zur Ergänzung des Gesagten gehört, das ist die Eigenart, in der der Handwerker, um sein Werk zu vollenden, den Arbeitsprozefs ordnet, womit wir zur Erörterung stellen II. Die Betriebsformen des Handwerks. Die der haüdwerksmäfsigen Organisation der Produktion am innerlichsten entsprechende Form der Betriebsgestaltung ist der Individualbetrieb in allen seinen uns bekannten Modalitäten: als Alleinbetrieb, Familienbetrieb, Gehilfenbetrieb. Aber auch in der Sphäre der sog. Ubergangsbetriebe finden wir gelegentlich das Handwerk zu Hause. Der Handwerker, der den Umfang seiner Ge- samtthätigkeit ausdehnen will, bedient sich des „erweiterten Gehilfenbetriebes“, indem er die Zahl seiner Gesellen vermehrt, ohne die Natur des Arbeitsprozesses zu verändern. Es entsteht dann jener Typus, den man 1 treffend als „Grofshandwerker“ bezeichnet hat. Aber auch der eigentliche „Grofsbetrieb“, wenigstens als Individualbetrieb im grofsen, kommt als Betriebsform des Handwerks vor. Wir brauchen noch nicht einmal an die Hilfsbetriebe der Zünfte 2 3 * * * * während des Mittelalters zu denken, um für ein grofs- betriebliches Handwerk Beispiele in der Geschichte zu finden. Es gehören hierher: die Organisation der Pfännerschaften, der alten Gewerkschaften, der Baugewerbe bis in unser Jahrhundert hinein. Bei der Reichhaltigkeit der neueren Litteratur 8 , die die genannten Gebilde in ihrer frühesten Form unseren Blicken erschlossen hat, erübrigt ein näheres Eingehen auf die Eigenart ihrer Organi- 1 R. Stegemann, Die Organisation des Handwerks in Schmollers Jahrbuch XVIII (1894) S. 136. 2 Vgl. S. 127. 3 Über die alte Salinen- und Bergwerksorganisation vgl. die oben S. 105 Anm. 7 citierte Litteratur. Über vorkapitalistische Organisation des Baugewerbes sind zu vergleichen: für das Mittelalter namentlich die Schriften über die Bauhütten: Heideloff, Die B.H. (1844), Jänner], Die B.H. des M.A. (1876); für die neuere Zeit die betreffenden Artikel in Krünitz und Bergius, Polizey- und Cameral-Magazin (z. B. den Artikel „Zimmermann“ im 6. Bd. der N. F. 1780). 1 118 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. sation. Worauf es überhaupt an dieser Stelle nur ankommt, ist zu zeigen, dafs das Wesen des Handwerks nicht notwendig eine ganz bestimmte Betriebsgestaltung erheischt, sondern dafs innerhalb der handwerksmäfsigen Wirtschaftsform Spielraum für verschiedene Betriebsformen bleibt, wenn auch, wie schon hervorgehoben wurde, die eine oder andere dieser Betriebsformen der Natur der betreffenden Wirtschaftsform mehr oder weniger adäquat ist. Auszuschliessen scheint das Handwerk völlig nur den gesellschaftlichen Grofs- betrieb: aus naheliegenden Gründen. Was dagegen wiederum ein dem Handwerk specifischer Zug ist, ist die Art und Weise, wie die in den verschiedenen Betriebsformen zu einheitlichem Wirken zusammengefafsten Personen rechtlich und ökonomisch zu einander in ein Verhältnis gebracht werden, ist dasjenige, was man die innere Gliederung des Handwerks nennen kann. Denn ihre Eigenart folgt aus dem obersten Principe handwerksmäfsiger Organisation, wie es in der Zwecksetzung ihrer Träger zum Ausdruck gelangt. Das Verhältnis des Leiters handwerksmäfsiger Produktion — des „Meisters“ — zu seinen Hilfspersonen — den Gesellen, Knechten, Knappen, Knaben, Dienern, Helfern, Gehilfen und wie die Bezeichnungen sonst noch lauten mögen, sowie den Lehrlingen — und dieser zu ihm, wird man nur dann richtig verstehen, wenn man sich den familienhaften Charakter vergegenwärtigt, den alles Handwerk ursprünglich trägt: die Familiengemeinschaft ist der älteste Träger dieser Wirtschaftsform, und sie bleibt es auch dann noch, als schon fremde Personen zur Mitwirkung herangezogen werden. Geselle und Lehrling treten in den Familienverband ein mit ihrer ganzen Persönlichkeit und werden von ihm umschlossen zunächst in der gesamten Bethätigung ihres Daseins. Die Familie samt Gesellen und Lehrlingen ist Produktions- und Haushaltungseinheit. Alle ihre Glieder sind Schutzangehörige des Meisters, sie bilden mit ihm ein organisches Ganze, ebenso wie es die Kinder mit ihren Eltern thun. Wie nun aber gar nie die Vorstellung aufkommen kann, dafs die Eltern der Kinder, oder die Kinder der Eltern wegen da seien, ebenso wie es thöricht wäre, zu denken, dafs das Herz um des Kopfes oder dieser um jenes willen da sei, so folgt auch für das Verhältnis von Meister zu Gesellen und Lehrlingen, dafs keiner der Mitwirkenden als um des andern willen wirkend gedacht werden darf, sondern dafs sämtliche Personenkategorien, also auch die Hilfspersonen — Geselle und Lehrling — als Selbstzweck er- Fünftes Kapitel. Das Wesen d. handwerksmäfs. Organisat. d. Gewerbes. scheinen, oder was dasselbe ist, als Organ im Dienste eines gemeinsamen Ganzen. Die Existenz des Lehrlings ist, wie noch zu zeigen sein wird, im Wesen der dem Handwerk eigenen Arbeitsweise begründet, und deshalb findet er sich auch in typischer Wiederholung, wo auch immer wir dem Handwerk als Wirtschaftsform begegnen: im deutschen 1 2 , französischen 3 , italienischen 3 , englischen 4 5 Mittelalter bis in unsere Zeit hinein ebenso wie im alten Rom 6 oder im alten Ägypten 6 oder im alten Indien 7 . Da über die Wesenheit der Übertragung empirischen Könnens in einem andern Zusammenhänge später noch zu handeln sein wird, so genügt es hier zu konstatieren: dafs das Lehrlingstum eine aus der Natur des Handwerks folgende stereotype Erscheinung ist. Kein Handwerk, als ein Ganzes ohne Lehrling darin; der Lehrling stellt gleichsam das Bindeglied zwischen den einzelnen Generationen her, er sichert dem Handwerk die historische Kontinuität, er bewahrt es vor dem Aussterben. Nicht ganz das Gleiche gilt von der andern Kategorie von Hilfspersonen des Handwerkers: dem Gesellen. Seine Existenz liegt weder als notwendig im Wesen des Handwerks begründet, noch ist sie auch historisch überall nachweisbar. Es scheint sogar, als ob in den Anfängen handwerksmäfsiger Organisation jedesmal der sofortige Aufstieg des ausgelernten Lehrlings zur Meisterschaft als Regel zu gelten habe 8 . Wo er jedoch vorkommt, erscheint der Geselle ursprünglich stets als „Gehilfe“ des Meisters im eigentlichen Sinne, als sein Helfer 9 , 1 Die ausführlichste Darstellung bei Stahl, Dss deutsche Handwerk. 1 (1874), S. 35 ff., insbes. auch 205 ff. 2 M artin -St.- L4on, Hist, des corpor., 70 ff. Für die ältere Zeit Le livre des metiers; ed. Lespinasse-Bonnardot (1879), Off. 8 Ygl. z. B. Goldschmidt, Univ.-Gesch. des Handelsrechts (1891). * Ashley 1, 84 f.; 2, 86 ff. 5 Ygl. Friedländer, Darstellungen aus der Sittengeschichte Korns l 6 (1881), 275/76. 6 Vgl. die oben cit. Werke. 7 „this master faught him and fed him and made him work.“ (The apprentice) „was to be treated like a son“. E. Washburn Hopkins, An- cient and modern Hindu gilds (Yale Review May and August 1898. p. 28). 8 In Frankreich bis ins 13. Jahrh. Martin-St.-L6on, 1. c. p. 84. 9 „dehein meister — von seinem untertan, der sein helfer ist“ — Bam- berger Gerichtsbuch aus dem 14. Jahrh. „Le terme de valets . . . signifiait aide, jeune serviteur, eeuyer.“ Martin- St.-Leon, 1. c. Der Name „ovrteres“ umfafst im L. des M. die Meister mit. Ed. cit. CXI. 120 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. sein „Kumpane“h Dafs auch er in die Hausgemeinschaft des Meisters eintritt, wurde schon erwähnt 1 2 . Hier erscheint er als ein werdender Meister, der einstweilen noch unter einem fremden Dach arbeitet, dessen Arbeit aber nicht mehr in erster Linie zu Nutz und Frommen des Meisters erfolgt, sondern zum Heil und Besten des Knechtes. Daher die Bestimmungen früherer Zeit über Wanderschaft etc., die eine thunlichst allseitige Ausbildung des Gesellen herbeiführen helfen sollten, und die erst später einer exklusiven Meisterpolitik dienstbar gemacht werden. Wie sehr die Vorstellung dem Handwerk natürlich ist, der Geselle sei um seiner selbst und nicht um des Meisters willen da, zeigt die häufige Anerkennung eines Rechtes des Gesellen auf Arbeit und Lohn in früherer Zeit, wie es sich aber auch noch bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein in den Kodifikationen beispielsweise des sächsischen Handwerkerrechts findet 3 . Stets aber erscheinen, wo das Wesen des Handwerks noch rein erhalten ist, Lehrlings- und Gesellentum nur als Vorstufen zur Meisterschaft. Das, möchte ich sagen, ist fast das wichtigste Merkmal echt handwerksmäfsiger Organisation. Wie der Student nur der angehende Referendar und dieser nur der angehende Richter ist, so ist der Lehrling werdender Geselle, der Geselle werdender Meister. Dafs hierfür die Voraussetzung auch ein entsprechendes zahlenmäfsiges Verhältnis der Aspiranten auf die Meister- steilen zu diesen selbst ist, ist oft und mit Recht betont worden: man darf annehmen, dafs dort, wo die Zahl der Gesellen mehr als die Hälfte der Zahl der Meister beträgt, ein Einrücken in die Meisterstellen schon nicht mehr jedem Gesellen gewährleistet ist 4 . Weshalb denn auch in der Blütezeit des Handwerks die Zahl der Hilfspersonen eine für unsere heutigen Begriffe auffallend niedrige ist. Nach den gewissenhaften Berechnungen Büchers würde beispielsweise in Frankfurt a. M. während des 14. und 15. Jahrhunderts das Verhältnis der Gesellen zu den Meistern gerade etwa das Normale — 1:2 — gewesen sein. Bücher kommt unter Zugrunde- 1 Bezeichnung der Zimmergesellen in Lübeck: Wehrmann, 462. 2 Vgl. noch Stahl, a. a. 0. 274 ff.; Schönberg, 116 ff. 8 Vgl. 6. E. Herold, Die Hechte der Handwerker und ihrer Innungen. 2. Aufl. 1841. S. 8. 4 Vgl. die Berechnungen J. 6. Hofmanns und die darauf fufsenden Ausführungen Schmollers, Zur Geschichte der deutschen Kleingewerbe im 19. Jahrhunderts (1870) 338/39; auch Bücher in U. III. 444/45 kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Fünftes Kapitel. Das Wesen d. handwerksmäfs. Organisat. d. Gewerbes. 121 legung der Nürnberger analogen Ziffern an der Hand des reichen, allerdings nur mittelbar unterrichtenden Materials zu dem Ergebnis, dafs in Frankfurt a. M. 1387 auf 1554 Selbständige 750—800 Gesellen, 1440 - 1498 - 660—700 entfielen h Wo aber etwa aus betriebstechnischen oder sonstigen Gründen eine gröfsere Gehilfenzahl erforderlich war, da wufste man in der Weise zu helfen, dafs man materiell wie ideell den Unterschied zwischen Meister und Gesellen fast völlig auslöschte und den Meister als einen Primus inter pares ansah. Das war der Grundgedanke beispielsweise der Baugewerke, namentlich der Steinmetzen im Mittel- alter, bei denen der Meister zwar als Organisator und Leiter unentbehrlich war, die Gesellen ihm aber in Lohn sowie Achtung und Ansehen fast völlig gleichstanden 1 2 . Bei aller gelegentlichen Auflehnung gegen das Meisterregiment bleibt der Geselle doch eingedenk, dafs ihm dasselbe dereinst widerfahren könne, was er gegen den Meister unternimmt. Welche Erwägung der folgende Spruch zu prägnantem Ausdruck bringt: Ein jeder Gesell oder Knecht Der seinen stand wil brauchen recht. Es sey mit Arbeit oder wandien, Was dan sein Herrschaft hat zu handlen. Darinn soll er sich brauchen schon, Wie er wolt das man im solt thon. Dann wie einer dienet auff Erden, So wird im auch gedienet werden. Gedenk wenn ich zu Ehren kom. Dient man mir also wiederumb 3 . 1 Bücher, Bevölkerung Frankfurts a. M., 608. Für Frankreich vgl. Levasseur l 2 , 313. 2 „e’est sous la direction immediate des plus habiles d’entre eux, devenus leurs chefs (maitres des Oeuvres) que les ma^ons edifient ces monuments gothiques du XII sc.“ Martin-St.-Leon, 169. Vgl. darüber des näheren die oben citierten Schriften über die Bauhütten. Vgl. z. B. den Vertrag aus dem Jahre 1458 bei Jänner, 107 f. 3 Von einem Holzschnitt um 1600. Faksim. bei E. Mummenhoff, Der Handwerker in der deutschen Vergangenheit (1901), 94. Sechstes Kapitel. Die Existenzbedingungen des Handwerks. A. Die formalen Existenzbedingungen. Die Frage: wie ist Handwerk möglich? ist, wie wir jetzt auf Grund der vorhergehenden Analyse aussagen können, die Frage: unter welchen Bedingungen vermögen durchschnittsbegabte gewerbliche Arbeiter als selbständige Produzenten im Tauschverkehr ihr gutes Auskommen zu finden? Darauf wird zunächst die Antwort lauten: unter der Voraussetzung einer ihren Zwecken voll entsprechenden Wirtschaftsordnung. In der That begegnen wir fast überall, wo wir auf hand- werksmäfsige Existenzen stofsen, einer in den Grundzügen übereinstimmenden Rechts- und Sittenordnung, was ohne weiteres den Schlufs nahe legt, dafs die Verwirklichung des handwerkerlichen Strebens an eine bestimmte Wirtschaftsordnung gebunden sei, auch wenn wir nicht, wie es thatsächlich der Fall ist, die Abhängigkeit des einen vom andern im einzelnen nachzuweisen vermöchten. So ist, wie man jetzt weifs, eine wiederkehrende Erscheinung in den meisten handwerksmäfsigen Epochen wirtschaftlichen Daseins eine eigenartige korporative Gliederung der einzelnen H andwerker eines Orts oder eines Gewerbes untereinander: das, was wir die gildenmäfsige, zünftige Organisation zu nennen gewohnt sind. Freilich, es ist noch gar nicht so arg lange her, da versuchte man uns die Erscheinung genossenschaftlicher Bildungen, wie man sie vor allem und zuerst in den Handwerker- und Kaufmannsgilden des germanischen Mittelalters entdeckte, gar nicht historisch, sondern viel eher ethnologisch zu erklären. Man sprach von der eigenartig veranlagten Vo 1 ks s ee 1 e der germanischen Stämme, Sechstes Kapitel. Die Existenzbedingungen des Handwerks. 128 in deren Tiefen die Genossenscliaftsidee ihre Wurzel habe, und was dergleichen sonst noch war. Heute vermag uns jene Deutung einer so bedeutsamen Erscheinung wie des Genossenschaftswesens mittels Hypostasierung einer „Volksseele“ nicht mehr zu befriedigen. Wir müfsten jenen Erklärungsversuch auch dann ablehnen, wenn wir nicht eine so erdrückende Fülle von Thatsachen kennten, aus denen hervorgeht, dafs die verschiedensten Völker und Rassen ganz übereinstimmende Gebilde genossenschaftlich-handwerksmäfsiger Organisation hervorgebracht haben. So ist es eine wohl auf der ganzen Erde, wo jemals Handwerk war, wiederkehrende Erscheinung, dafs die Handwerker eines Gewerks nebeneinander in denselben Strafsen wohnen. Wir finden Hand wer kerstrafsen im deutschen, österreichischen und schweizerischen Mittelalter, wie männiglich bekannt, in grofser Verbreitung 1 ; wie finden sie im italienischen 2 3 , englischen 8 und französischen 4 Mittelalter gleichermafsen und im hohen Norden nicht minder 5 . Sie begegnen uns in Palästina in alter Zeit 6 und noch zu Jesu Lebzeiten 7 , und ebenso waren sie eine verbreitete Erscheinung im alten Ägypten 8 , im alten Phönizien 9 , im alten Griechenland 10 , in Altrom und in anderen italienischen Städten zur Römerzeit 11 ; in Alt-Mexiko 12 13 ebenso wie im Kalifenreiche 18 . 1 Ausführliche Angaben bei Maurer, Städte-Verf. 2, 31 ff. Aus der neueren Speeiallitteratur: H. Lemke, Die älteren Stettiner Strafsennamen. 1885. W. Brehmer, Die Strafsennamen i. d. Stadt Lübeck (Zeitschr. d. Ver. f. Lüb. Gesch. 6, 1 ff.). H. Markgraf, Die Strafsen Breslaus, 1896. Vgl. auch Gengier, Die Stadtrechtsquellen (1882) S. 95 ff. 2 Für Florenz Doren, Florentiner Zünfte (1897) S. 39. 3 Belegstellen bei Ashley, 1, 95; 2, 19 f. 4 Guillot, Le dit des rues de Paris in der Collection des Fabliaux publ. par Barbazan 2 (1808), 258 ff. 6 In Bergen: Hegel, Städte und Gilden 1, 380. 6 I. Chron. 4, 23 (Töpfergasse), Nehemia 3, 23 (Krämergasse, Gold- schmiedestrafse). 7 Delitzsch, Jüdisches Handw.-Leben zur Zeit Jesu, passim. 8 J. Gardener Wilkinson, The Manners and Customs of the ancient egyptians 1, 283. 9 Movers, Die Phönizier 2 (1849), 522 (Strafsen der Purpurfischer, Purpurfärber, Glasbläser, Goldschmiede u. a.). 10 H. Francotte, L’industrie dans la Grece anc. 1 (1900) 304. 11 Liebenam, Röm. Vereinswesen, S. 9/10. 12 Drei Berichte des Don Fernando Cortez an Kaiser Karl V. Aus dem Spanischen übers, von C. W. Koppe. 1834. S. 102 ff. Cit. bei And ree, Geogr. des Welthandels 1 (1867), 66. 13 v. Kremer, Kulturgeschichte des Orients 2 1877), 187. 124 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. Aber auch die eigentlich genossenschaftlichen Handwerkerorganisationen, die Zünfte und Gilden, vermögen wir heute, an der Hand eines ins Ungeheure angewachsenen Quellenmaterials, als eine den verschiedensten Volksstämmen gemeinsame Erscheinung zu erkennen. Dafs sie bei allen germanischen Völkerschaften sich fänden, wufste man seit längerer Zeit. Neuere Untersuchungen haben sie auch bei andern Nationen nachgewiesen. Insbesondere auch bei den Völkern des klassischen Altertums, denen sie die germanische Volksseelentheorie so lange streitig gemacht hatte 1 . 1 Für Rom vgl. aufser den älteren Schriften von Heineceius, Mommsen u. a. neuerdings die zahlreichen, allerdings sehr ungleichwertigen Doktordissertationen der Pariser Facultd de droit. Ferner Typaldo-Bassia, Les classes ouvriöres ä. Rome, 1892. E. Wezel, De opificio opificibusque apud veteres Romanos, 1881. Herrn. C. Mau6, Die Vereine der fabri, centonarii und dendrophori im römischen Reich, 1886. Pernice, Labeo 1, 290 und namentlich Liebenam, Zur Gesch. und Organis. des römischen Vereinswesens (1890) S. 3 ff. — Über spätrömische Zunftorganisationen enthält Hinweise auch auf Inschriften Goldschmidt, Universalgesch. d. Handelsrechts (1891) S. 88, über die den Untergang des römischen Reichs überdauernden Organisationen vgl. denselben S. 158 ff. und Ludo M. Hartmann, Zur Geschichte der Zünfte im frühen Mittelalter in der Zeitschrift für Soc. u. W.G. 3, 109 ff. — Für Griechenland vgl. Angelo Mauri, I cittadini lavoratori dell’ Attica nei secoli V e IV A. C., 1895, und namentlich E. Ziebarth, Das griechische Vereinswesen, 1896, S. 96—110. Während noch Büchsenschütz, Besitz und Erwerb im Altertum (1869) zwar für die asiatischen Städte zahlreiche Innungen von Handwerkern nachwies (S. 332), aber für Griechenland ihre Existenz glaubte verneinen zu sollen (S. 330 ff.), eine Ansicht, die von den meisten Schriftstellern geteilt wurde, ist durch die neueren Untersuchungen die Meinung als irrig erwiesen, „dafs bei den Griechen, welche doch so hochentwickeltes Handwerk besafsen, keinerlei Spuren von Berufsverbänden der Handwerker, von Zünften und Gilden sich fänden“ (Ziebarth). — Die durchgängige Verbreitung der Handwerkerzünfte in allen Ländern des europäischen Mittelalters nachzuweisen, ist wohl überflüssig. Es sei nur auf die zusammenfassenden Darstellungen hingewiesen: für England etwa bei Ashley, Grofs; für Frankreich bei Levasseur, St. Martin-Ldon; für Belgien bei Vanderkindere, Maliaim (Etudes sur les assoc. profess. 1891). Für Italien verweise ich auf Ant. Pertile, Storia del diritto italiano. 2 a ed. Vol. II. Parte I» (1897), 178 ff., wo auch die nicht sehr reichhaltige italienische Litteratur angeführt ist. Aus der deutschen Litteratur kommen für einzelne Städte die Arbeiten von Sieve- king,Broglio d’Ajano und namentlich Doren in Betracht; aus der ausländischen Litteratur ragt hervor das W erk von E.Rodocanachi,Les corporations ouvri&res ä Rome depuis la chute de l’empire, 2 vol., 1894. Einen kurzen Überblick geben die Werke von Hegel, Gesch. der Städteverfassung von Italien im 2. Bande (1847) und Goldschmidt, Univ. Gesch. des Handelsrechts, 3. Auf!., 1891. Für Spanien fehlen ähnliche umfassende Darstellungen. Zu vergleichen: J. M. Bonn, Spaniens Niedergang (1896), S. 72 ff. Sechstes Kapitel. Die Existenzbedingungen des Handwerks. 125 So dafs wir also auch die Handwerkergenossenschaften als eine allgemeine, auf einer bestimmten Stufe wirtschaftlicher Entwicklung auftretende Erscheinung anzusprechen genötigt sind * 1 . Eine Erscheinung, die es somit just wie jene andere des räumlichen Zusammenwohnens der Handwerker ohne Zuhilfenahme einer „Volksseele“ zu erklären gilt. Wobei zu beachten ist, dafs erklären nicht notwendig rationalistisch, d. h. aus bewufsten Zwecksetzungen der beteiligten Personen heraus erklären heifst. Ganz sicher liegt ein grofser Teil der Gründe, die zur Bildung von Zünften und Gilden, wie zur Genossenschaftsbildung in früher Zeit überhaupt geführt haben, jenseits aller Zweckmäfsigkeits- erwägungen. Es sind die instinktiven Aufserungen [eines Bedürfnisses nach Zusammenschlufs mit seinesgleichen, wie es noch heute vorhanden ist, wie es aber ganz gewifs den primitiven Menschen noch viel mächtiger als den modernen Individualisten erfüllte. Und es scheint mir ein besonders glücklicher Gedanke zu sein, darauf hinzuweisen, dafs ja die Handwerker in unserm Sinne die ersten Wesen waren, die als selbständige Persönlichkeiten aufserhalb der alten Gemeinschaftsverbände, losgelöst von Stamm, Dorf, Familie zu existieren bestimmt waren. So dafs wir ihre Verbände zunächst einmal als gar nichts anderes denn als Fortsetzungen der alten Bluts- und Ortsgemeinschaften zu betrachten haben. Der gleiche Beruf bildet nun ebenso sehr den Krystallisationspunkt wie ihn früher Blutsgleichheit oder Ortsgleichheit gebildet hatten: er wird das dem primitiven Menschen nächstliegende Gemeinsame 2 . Für Japan: Takuzo Fukada, Die gesellschaftliche nnd wirtschaftliche Entwicklung in Japan (1900), S. 156 f. Für das Kalifenreich: v. Kremer, Kulturgeschichte des Orients 2, 186 ff. 1 „Wie grofsen Anteil bei der Bildung der freien Gilden und Innungen übrigens der Drang der Umstände, also eine gewisse (!) innere Notwendigkeit gehabt haben mag, beweist zumal die Geschichte der orientalischen Zünfte bis nach China hin, von denen doch niemand einen auch nur entfernten Einflufs auf die germanische Rechtsbildung behaupten wird.“ v. Maurer, Städteverf. 2, 345. 2 Aber alle älteren Handwerksgenossenschaften forderten doch immer den ganzen Menschen, sie bestanden zunächst nicht zur Erreichung einzelner Zwecke. 0. Gierke, Genossenschaftsrecht 1 (1868), 226 ff. Es entspricht der ganzen Auffassung Gierkes, wenn er auch bei den Handwerkergenossenschaften ihren allgemeinmenschlichen Charakter in den Vordergrund rückt. Er ist es übrigens auch, der wohl als erster die Anlehnung der Zünfte an die alten natürlichen Gemeinschaften mit Nachdruck betont hat; „ihre Entstehung fällt in die Zeit der beginnenden Auflösung der alten genossenschaftlichen, besonders aber der geschlechtsgenossenschaftlichen V erbände“ (S. 224). Nur dafs 126 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. Uncl erst wenn wir die Gilden und Zünfte solchermafsen als historisch-traditionelle Genossenschaftsbildungen begreifen gelernt haben, dürfen wir sie in ihrer teleologischen Bestimmtheit als berufliche Zweckverbände betrachten h Auch als solchen ist ihnen gemeinsam der Grundgedanke, dafs sie die Existenz ihrer Mitglieder, weil sie als Einzelwesen existenzunfähig wären, durch Zu- sammenschliefsung ermöglichen sollen. Ihre ideale wie materielle Existenz: beides. Aber nur an letztere ist hier zu denken. Gälte es eine Darstellung des Zunftwesens, so müfsten jetzt ausführliche Schilderungen der Kollektivthätigkeiten der Handwerkergenossenschaften folgen. Davon kann aber in diesem Zusammenhänge keine Rede sein. Zumal etwas neues kaum gesagt werden könnte. Denn schon seit v. Maurer, Gierke und Schönberg, deren Schriften nun just ein Menschenalter zurückliegen, ist gerade über diese Seite des Zunftwesens, die wir hier in Betracht ziehen, viel von Bedeutung nicht mehr beigebracht er eben überall eine germanische Volksseele sieht, wo es sich um allgemeine historische Entwicklungsepochen handelt. Vgl. auch noch die feinsinnigen Bemerkungen bei Gr. Schm oll er, Das Wesen der Arbeitsteilung und der socialen Klassenbildung in seinem Jahrbuch XIV (1890), S. 77 ff. Mit seinem ganzen Gedankengange gehört auch hierher das Buch von M. Pappenheim, Die altdänischen Schutzgilden, 1885: Die Gilde soll in den Städten ersetzen, was die natürliche Gemeinschaft auf dem Lande von selbst bot. 1 „Das Bedürfnis hat ... zu den ersten freien Zünften geführt“; v. Maurer, Städteverfassung 2, 355; „das gleiche Bedürfnis der Vereinigung zu gemeinsamen Zwecken rief gleichartige Genossenschaften in der germanischen Welt wie vordem in der römischen hervor“; Hegel, Städte und Gilden 1, 10. — Über die Entstehung der Zünfte im Mittelalter herrscht bekanntlich unter den Historikern heute weniger Einigkeit denn je. Es bedarf wohl keiner besonderen Hervorhebung, dafs in dem Zusammenhänge, in dem hier das Phänomen der Zünfte betrachtet wird, die Kontroversen: hofrechtliches Amt oder freie Einung, römische oder germanische Provenienz etc., bedeutungslos sind. Wahrscheinlich ist die mittelalterliche Zunft auf sehr verschiedene Weise entstanden und es handelt sich um gar kein entweder — oder, sondern um ein sowohl — als auch. Aber gerade die Thatsache, dafs trotz verschiedenartigstem Ursprünge dieselben Grundtendenzen sich schliefs- lich überall durchsetzen, läfst uns auf tiefer liegende Gründe ihrer Existenz schliefsen. Und nur um diese innerliche ratio essendi handelt es sich hier. Was für die freie Einung die Fragejnacli dem Entstehungsgrunde, wäre für die Innung hofrechtlichen Ursprungs die Frage nach dem Grunde ihres Fortbestandes auch unter freien Handwerkern. Zur Orientierung über den heutigen Stand der historischen Forschung dient K. Eberstadt, Der Ursprung des Zunftwesens etc., 1900; besonders der polemische Teil S. 142 ff. Sechstes Kapitel. Die Existenzbedingungen des Handwerks. ]27 worden. Vor allem die Schrift Schönbergs 1 erscheint mir noch heute als eine unübertroffene Meisterleistung, die ungefähr alles enthält, was füglich von der alten zünftlerischen Handwerkerorganisation gescheiterweise ausgesagt werden kann. Ich begnüge mich deshalb mit einem Hinweis auf die drei mir wesentlich erscheinenden Leistungen der Zünfte als „produktiver Gemeinschaftsformen der gewerblichen Arbeit im Mittelalter“ (Schönberg). Es sind: 1. die Ermöglichung handwerksmäfsiger Selbstständigkeit nach ihren beiden Seiten hin: der Selbständigkeit des Handwerkers als nur gewerblicher Arbeiter und als Klein- betriebler. Der Handwerker vermag nur gewerblicher Arbeiter zu bleiben, weil die Zunft (oder Stadt) für ihn alles übernimmt, was andere Fähigkeiten, insbesondere kaufmännisch-spekulative erheischen würde, also den etwa notwendigen Rohstoffbezug im grofsen oder von weit her 2 oder die etwa erforderliche Organisation des Absatzes der Erzeugnisse über ein gröfseres Gebiet 3 . Der Handwerker vermag aber auch bei fortschreitender Entwicklung der Technik in kleinbetrieblichem Rahmen nur weiter zu produzieren, weil die Zunft (oder Stadt) auf gemeinsame Kosten zu gemeinsamem Gebrauch gewerbliche Arbeitsstätten im grofsen unterhält. Bekannte Beispiele dafür sind: die Wollküchen, in denen die rohe Wolle gereinigt; Kammhäuser, in denen sie gekämmt wurde; Walkmühlen, Schleifereien, Tuchrollen, Mang- und Färbehäuser; Plätze, wo die Tuchrahmen zum Trocknen aufgestellt wurden; Gärten, wo gebleicht; Gewandhäuser, in denen die Tücher verkauft wurden 4 . In Summa: überall, wo eine kollektive, kooperative Arbeitsleistung oder Anordnung der Produktionsmittel im grofsen erforderlich wird, tritt die Zunft, wir würden heute sagen, als Werkgenossenschaft auf 5 . 1 G. Schönberg, Zur wirtschaftlichen Bedeutung des deutschen Zunftwesens im Mittelalter, 1868. 2 Besonders lehrreiches Beispiel dafür die Regelung des Wolleinkaufs für die Pforzheimer Tuchmacherei; vgl. Gothein, Bilder aus der Geschichte des Handwerks (1885) S. 10 und W. Gesell. 1, 564. 8 Besonders lehrreiches Beispiel dafür die Absatzorganisation der Rem- scheider Kleineisenindustrie; vgl. Thun 2, 110 ff. 4 Über gemeinsame Verkaufsstätten vgl. noch die vielen Belege bei v. Maurer 2, 45 ff., 54 ff'., 61 ff. B Das äufsert sich in mannigfachster Form: so legt im XII. Jahrhundert bereits die Kölner Bettziechenweberinnung „a communi bono fraternitatis“ den 128 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. 2. die Übermittelung des handwerksmäfsigen Könnens von Generation zu Generation. Das Handwerk als solches vermag nicht zu bestehen, wenn nicht durch irgendwelche Vorkehrung für regelmäfsige Übertragung des Lehrstoffes auf die nächste Generation durch persönliche Unterweisung gesorgt wird. Einer der nächstliegenden Gedanken ist es, die Handwerkskunst zu einer Familientradition zu machen, d. h. als Trägerin der Kontinuität die schon vorhandene Organisation der Blutsverwandtschaft zu wählen. Offenbar hängt die Erblichkeit der Handwerks- und Künstlerberufe, wie wir sie namentlich bei den Völkern des Ostens * 1 häufig finden, mit dem Bedürfnis gesicherter Lehrstoffübertragung zusammen. Als dann die Zünfte sich entwickeln, sind sie die geschaffene Organisation, um jene Funktion zu übernehmen. Dafs sie das mit Bewufstsein auch gethan haben, ergiebt sich aus manchen Anzeichen. So beispielsweise aus der Auffassung, dafs der Lehrling nicht dem einzelnen Meister, sondern dem Handwerk als Ganzem gehöre 2 3 * * * * . 3. ist zu den wesentlichen Leistungen der Zunft jene Thätig- keit zu rechnen, mittelst deren sie eine im Interesse des Handwerks liegende Schutzgesetzgebung zu befördern und zur Anwendung zu bringen wufste. Unter dieser Bezeichnung einer Schutzgesetzgebung fasse ich alle jene Bestimmungen früherer Gewerbeordnungen zusammen, die zu Nutz und Frommen der handwerklichen Existenzen alle Störungen des normalen Kreislaufs handwerksmäfsigen Schaffens fernzuhalten berufen waren. Was man gemeinhin Zunftordnung nennt, wie sie ebenfalls schon unendlich oft dargestellt worden ist 8 und wie sie, damit der Zusammenhang in unserem Ge- Platz trocken, wo die Leineweber ihre Erzeugnisse verkauften. Urkunde von 1149 bei Lacomblet, UB. 1 (1840), 251. 1 Vgl. für das alte Ägypten Erman, 2, 610; für das Inkareich William H. Prescott, Geschichte der Eroberung von Peru 1 (1848), 116. 2 Von diesem Grundgedanken werden mit Eecht getragen die Ausführungen bei Stahl, Das deutsche Handwerk 1, 168 ff. 3 Eine der letzten und übersichtlichsten Zusammenfassungen enthält der Artikel „Zunftwesen“ von W. Stieda im H. St. Dort findet man auch eine Übersicht über die wichtigsten Quellen und die Hauptwerke der Litteratur. Unter diesen ragt noch immer die bereits genannte Arbeit Schönbergs hervor. Vgl. jetzt auch Kulischer, Zur Entwicklungsgeschichte des Kapitalzinses. Zweite Abteilung in den Jahrbüchern für Nationalökonomie, IU. F., Bd. 19, S. 449 ff, 593 ff. Sechstes Kapitel. Die Existenzbedingungen des Handwerks. dankenaufbau nicht zerrissen werde, im Folgenden kurz skizziert werden möge. Ist alles Streben des Handwerkers seinem Grundgedanken nach auf die auskömmliche Nahrung und die selbständige Produzentenstellung gerichtet, so mufs aller Inhalt einer Handwerkerschutzordnung auf das Bemühen hinauslaufen, Nahrung und Selbständigkeit zu sichern. Wie es denn auch in Wirklichkeit der Fall ist. Deshalb kann man den Grundgedanken aller Zunftgesetzgebung auch negativ dahin formulieren, dafs sie eine Aussohliefsung der Konkurrenz um die Kundschaft anstrebte. Zu diesem Zweck mufs zunächst dafür Sorge getragen werden, dafs dem Handwerk als Ganzem ein genügendes Absatzgebiet für seine Arbeit oder seine Erzeugnisse gesichert sei. Was man auf zweifache Weise zu erreichen trachtete. Dadurch zunächst, dafs man, wo irgend möglich, den Absatz für das Handwerk einer bestimmten Stadt, sei es in dieser Stadt selbst, sei es auf fremden Plätzen, monopolisierte, und ferner dadurch, dafs man, wo das Monopol nicht völlig durchgeführt werden konnte, das Eindringen Fremder in das eigene Absatzgebiet thunlichst zu erschweren suchte. Daher die zahlreichen, immer wiederkehrenden scharfen Bestimmungen des Gästerechts, der Markt- und Mefsvorschriften u. s. w., wodurch den Nichtheimischen principiell ungünstigere oder wenigstens doch nur gleichgünstige Bedingungen des Absatzes gewährt werden sollten. Der Gedanke des Produktionsmonopols, der ursprünglich nur für das Handwerk als solches ohne Rücksicht auf die jeweils das Handwerk bildenden Personen gedacht war, wurde dann mit der Zeit dahin nuanciert, dafs sich das Vorrecht auf eine bestimmte Anzahl von Meistern zu beschränken habe: ein Gedanke, der in der allmählich allgemeiner werdenden „Schliefsung“ des Handwerks seinen folgerichtigen Ausdruck findet. Und dem Streben nach einem Verwertungsmonopol entsprach das Streben nach Monopolisierung des Rohstoffbezuges. Daher die zahlreichen Bestimmungen, welche die Ausfuhr der Rohstoffe oder auch der Halbfabrikate aus dem „natürlichen“ Bezugsgebiet eines Handwerks zu verhindern suchten 1 . 1 Im XIV. Jahrhundert erlangten zahlreiche Innungen der Leineweber und Wollweber in Deutschland das Vorrecht des Rohstoff- oder Garnbezuges in der umliegenden Landschaft, wenn nicht gar das Alleinrecht des Bezuges, was dann in einem Ausfuhrverbot seinen Ausdruck fand. Vgl. Schmoller, Tücher- und Weberzunft S. 88. Es ist bekannt, dafs der Gedanke der Monopolisierung des Rohstoff bezuges und des Fertigproduktabsatzes für die nationale Sombart, Der moderne Kapitalismus. I. 9 130 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. Aber worauf es zumal in den früheren Zeiten handwerksmäßiger Produktion aus Gründen, die wir noch kennen lernen werden, fast noch mehr ankam als auf die Sicherung des Gesamtproduktionsgebiets für das Gesamthandwerk, war der Schutz des einzelnen Handwerkers gegen Übergriffe seines Kollegen. Sollte das Ziel erreicht werden, dafs jeder Handwerker sein gutes Auskommen durch seiner Hände Arbeit finde, so mufste ihm das Quantum Arbeit gesichert werden, durch dessen Verwertung er seinen Unterhalt verdiente. War also die Gesamtproduktionsmenge für ein ganzes Handwerk fest umschrieben, so galt es, Fürsorge zu treffen, dafs nicht der einzelne Meister soviel davon an sich risse, dafs dem andern nicht genug zur Fristung seines Daseins verbliebe. Der Erreichung dieses Zweckes dienten: a. Vorschriften, die die Bedingungen des Rohstoffbezugs für alle Handwerker gleich gestalten sollten, sei es, dafs sie bestimmten: kein Meister dürfe anders als am Markttage, am angezeigten und bestimmten Orte und nirgends anderswo einkaufen 1 , sei es, dafs die Preise des Rohstoffs amtlich festgesetzt und von jedermann eingehalten werden mufsten 2 , sei es, dafs das Quantum der von einer Person einzukaufenden Menge beschränkt wurde 3 , sei es, dafs ganz allgemein jederart „Vorkauf“ verboten wurde 4 , sei es, dafs j edem Handwerker das Recht eingeräumt wurde, an dem Einkäufe eines andern teilzunehmen 5 . b. Bestimmungen, in denen die Ausdehnung des Betriebes oder die Menge der Produktion Beschränkungen unterworfen wurden. Hierher gehört die fast überall wiederkehrende Festsetzung der Höchstzahl der Gesellen und Lehrlinge, die ein Meister beschäftigen durfte. Sie schwankte zwar in den ver- Industrie einer der Grundgedanken der merkantilistischen Wirtschaftspolitik wurde, die ja vielfach nichts anderes als eine einem nationalen Wirtschaftsgebiet angepafste Zunftordnung war. Einen der ersten Ansätze zu jener Ausweitung der ursprünglich städtischen Ausschliefsungspolitik ist das Edikt Philipps des Schönen vom Jahre 1305, worin die Wollausfulir verboten wird. Vgl. Gouraud, Hist, de la politique commerciale en France 1 (1854), 71/72. 1 Werner, Iglauer Tuchmacherzunft (1861) S. 6. 2 Gothein, Bilder aus der Geschichte des Handwerks (1885) S. 10. 3 Schmoller, Tücher- und Weberzunft S. 88. 4 Zahlreiche Belege für das Verbot des Vorkaufes bei M. Neu mann, Gesch. des Wuchers (1868) S. 101 ff. 6 Belege für Frankreich bei Martin-Saint-Ldon S. 127; für Deutschland bei Schönberg S. 95 ff.; für England bei Gross 2, 46. 150. 161 u. ö. Sechstes Kapitel. Die Existenzbedingungen des Handwerks. 13] schiedenen Zünften; geht aber sehr selten über vier hinaus, unter denen meist noch ein oder zwei Lehrlinge sein mufsten. Wo eine solche Beschränkung durch die Natur des Gewerbes unthunlich oder sonst unausführbar schien, hatten sich andere Mittel entwickelt, um das Produktionsquantum des Einzelnen nicht zu stark werden zu lassen und die Entwicklung zum Grofsbetriebe zu verhindern 1 . Oder es wurde ohne Umschweife die zulässige Produktionsmenge direkt festgesetzt, die der einzelne während einer bestimmten Zeit erzeugen durfte. Das war namentlich dort der Fall, wo die Produkte wesentlich gleicher Art waren, also vor allem in der Weberei 2 , dann aber auch in der Kürschnerei, Gerberei u. a. 3 . c. Bestimmungen, die ein möglichst gleichzeitiges, wie gleichartiges Angebot herbeizuführen bezweckten. Hierher gehören die mannigfachen Vorschriften über die Art, den Ort und die Zeit des Verkaufs, die vielen Verbote, dem Zunftgenossen dessen Kunden oder Käufer abspenstig zu machen oder ihm ein Stück Arbeit fortzunehmen - , hierher gehört auch das häufig wiederkehrende Verbot, das von einem Zunftgenossen begonnene Werk weiter zu führen, und manches andere 4 . Das Ergebnis unserer bisherigen Untersuchung wäre also dies: k das Handwerk, um sich existenzfähig zu erhalten, schafft sich eine korporative Gliederung, die Zunftorganisation und eine seinen Bedürfnissen entsprechende Schutzgesetzgebung, die Zunftordnung. Das alles lag an der Oberfläche und war deshalb auch von vielen Beobachtern schon gesehen und beschrieben worden. Aber fühlen wir uns befriedigt bei diesem Bescheide? Gewifs nicht. Unser Denken vermag nicht bei ihm auszuruhen. Denn hinter dem, was hier als Antwort erscheint, erhebt sich nun sofort eine neue und viel wichtigere Frage: Wenn wirklich erwiesenermafsen eine bestimmte Ordnung objektives Bedürfnis für die Existenz von Handwerk ist, also Handwerk möglich macht: ist denn die Existenz dieser Ordnung selbst, ist die Wirksamkeit ihrer Vorschriften 1 Vgl. darüber Schönberg a. a. 0. S. 81 ff. Scharfe Bestimmungen über die zulässige Anzahl von Hilfspersonen enthält schon das Livre des mötiers (XIII. sc.). Vgl. Martin-Saint-Ldon S. 71 ff.; für England Ashley 1, 89 f. 2 Vgl. Schmoller, Tucherzunft S. 101. 3 Siehe die zahlreichen Belege hei Schönberg S. 89 ff. 4 Vgl. wiederum Schönberg S. 112 ff.; für Frankreich siehe die ähnlichen Bestimmungen bei Martin-Saint-L6on S. 126 f. 9 * 132 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. und Verbote nicht selbst wieder an das Vorhandensein bestimmter Bedingungen geknüpft? Also, dafs vielleicht, wenn diese Bedingungen voll erfüllt sind, gar Handwerk ohne besondere Schutzmafsregeln bestehen kann und diese, wo wir sie antreffen, schon anzeigen, dafs jene Bedingungen nur zum Teil noch vorhanden sind; also aber auch, dafs, wenn jene Bedingungen völlig in Fortfall gekommen sind, selbst die fürtrefflichste Zunftorganisation und Zunftgesetzgebung ein unwirksames Mittel wird, ein Handwerk zu erhalten ? Diese Fragen machen es sofort ersichtlich, dafs wir in der Lösung des Problems: wie ist Handwerk möglich? erst eine erste Etappe erreicht haben und es weiterer Anstrengung bedarf, um zum Ende zu gelangen. Die bedauerliche Thatsache, dafs die meisten Darstellungen des Handwerks diesen letzten Teil der Aufgabe überhaupt nicht behandeln, zwingt mich, ausführlicher als bisher die Erörterung zu gestalten. Zunächst können wir feststellen, dafs uns die geschichtliche Betrachtung in der That zweierlei lehrt, wodurch die Vertiefung der Frage nach den objektiven Bedingungen des Handwerks gerechtfertigt erscheint: 1. dafs trotz zunehmender Verschärfung der Schutzgesetz- * gebung, wie sie in der Zunftverfassung ausgebildet worden war, der Niedergang des Handwerks nicht hat aufgehalten werden können: eine Thatsache, die so bekannt und anerkannt ist, dafs sie keiner weiteren Begründung bedarf; 2. dafs auch ohne Schutzgesetzgebung handwerksmäfsige Produktion zu Zeiten ungefährdet bestanden hat. Dieser letztere, nicht immer genügend beachtete Umstand regt uns besonders zum Nachdenken an. Denn offenbar: jene Zeiten, in denen Handwerk ohne Schutzmafsregeln möglich war, müssen solche gewesen sein, in denen die für seine Existenz günstigen Umstände in hervorragender Weise obgewaltet haben. Wir nennen einen Rechtszustand ungeschützter gewerblicher Produktion „Gewerbefreiheit“, und diese also wäre es, die man als mit der Existenz des Handwerks vereinbar erweisen müfste, was, wie mir scheint, nicht schwer sein dürfte. Dafs im Altertum ein stark freiheitliches Gewerberecht gegolten hat, scheint aufser Zweifel zu sein 1 . 1 „Dafs alle Handwerker einer bestimmten Branche in einen Verein ein- treten mufsten, ist nicht einmal in den ersten drei Jahrhunderten der Kaiser- v Sechstes Kapitel. Die Existenzbedingungen des Handwerks. 133 Aber auch im europäischen Mittelalter fehlt es nicht an Beispielen gewerbefreiheitlicher Ordnungen, von denen ich im Folgenden einige zusammenstelle : In Iglau genügten der Erwerb des Bürgerrechts und die Entrichtung einer Rekognitionsgebühr zur Ausübung eines Gewerbes „noch gegen Ende des 14. Jahrhunderts“ 1 ; erst die Ordnung von 1442 „bahnt“ den Zunftzwang und Beschränkungen an 2 . 9 In Frankfurt a. M. bestand kein Zunftzwang bei den Kürschnern, Lohgerbern, Fischern, Schiffern, Steindeckern, Gärtnern, Webern noch während des 14. Jahrhunderts 3 , er entwickelte sich erst im 15. Jahrhundert. In Basel befanden sich noch 1429 20°/o der Bevölkerung aufserhalb des zünftlerischen Rahmens, darunter auch Handwerker 4 . In Nürnberg, dessen Gewerberecht bekanntlich stets besonders freiheitlich gestaltet war, findet sich das erste Anzeichen des Zunftzwanges in einer Fischerurkunde des 15. Jahrhunderts 5 . Die Kölner Gewandschneider und Genossen kennen im 14. 6 , die Bremer Schuhmacher im 13. Jahrhundert keinen Zunftzwang 7 . Die Freiburger Tuchindustrie ist noch im 15. Jahrhundert gewerbefreiheitlich geordnet 8 , ebenso wie das Gewerbe der Hafner des badischen Landes 9 . Die Ratsverordnung von Goslar aus dem Jahre 1419 dekretiert für die Schneider noch völlige Gewerbefreiheit 10 . In Lübeck entwickelt sich ganz allgemein der Zunftzwang gar erst im 16. Jahrhundert 11 . zeit Gesetz gewesen, geschweige denn während der Republik.“ Liebenam, Rom. Vereinswesen S. 28. 1 Werner, Iglauer Tuchmacherzunft S. 5. 2 a. a. 0. S. 17. 3 E. Fromm, Frankfurter Textilgewerhe im Mittelalter (1895) S. 9, 14. Bücher, Bevölkerung Frankfurts a./M. S. 68, 100, 117 ff. 4 Tr. Geering, Handel und Industrie Basels (1886) S. 46/47. 5 Jos. Baader, Nürnberger Polizeiordnungen (1861) 153 ff. Vgl. Hegel, Chroniken deutscher Städte 2, 513 und neuerdings E. Mummenhoff, Der Handwerker in der deutschen Vergangenheit (1901) S. 22 f., 29 ff. 6 E. Fromm a. a. 0. S. 34. 7 V. Böhmert, Beiträge zur Geschichte des Zunftwesens (1862) S. 15» 8 Gotliein, Wirtschaftsgeschichte 1, 536. 539. 9 ebendort S. 434 ff. Vgl. auch desselben Bilder aus der Geschichte des Handwerks (1885) S. 4/5. 10 Hegel, Städte und Gilden 2, 411. 11 E. Fromm a. a. 0. v 134 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. In Schlesien herrschte solche Verschiedenheit, „dafs man Zustände begegnen kann, die von der vollständigsten Gewerbefreiheit nach unsern Begriffen alle Schattierungen bis zu dem letzten möglichen Grade der Gewerbebeschränkung wahrnehmen lassen“ *. Von den aufserdeutschen Ländern scheint frühzeitig in England eine ausschliefsende Gewerbeordnung zur Herrschaft gelangt zu sein. Wenigstens erfahren wir schon von einem Monopol der Kaufmannsgilde, denen auch zahlreiche Handwerker angehörten, im 12. Jahrhundert 1 2 , ebenso von Erteilungen von Privilegien zu ausschliefslichem Gewerbebetrieb an die Tuchmacher- und Webergilde Londons und Yorks aus derselben Zeit 3 . In Frankreich beobachten wir eine verschiedene Entwicklung in Paris und Nordfrankreich einerseits, in den südfranzösischen Städten andrerseits. Während dort schon im 12. und 13. Jahrhundert meist einschränkende Gewerbeordnungen und Zunftprivilegien ihren Einzug halten 4 , erhält sich beispielsweise in der Provence die Gewerbefreiheit bis ins 14. Jahrhundert 5 . Die Städte Spaniens bildeten ihre Gewerbeverfassungen vielfach den südfranzösischen Städten nach und hatten deshalb gewerbe- freiheitliche Ordnungen 6 . Und die italienischen Städte haben bekanntlich ebenfalls während des Mittelalters Zeiten einer fast völligen Gewerbefreiheit erlebt: so Genua, Venedig, Florenz u. a. 1 Cod. dipl. Sil. 5, XXXIII. 2 Vgl. die bei Gross 1, 47 ff. genannten Urkunden das. Bd. II. 8 Privileg Heinrichs II. (1154—1189). Liber Custumarum p. 33. Dazu Hegel 1, 77. Ashley, Engl. Wirtschaftsgesch. 1, 120. 4 Für Paris vgl. Le Livre des M6tiers; publ. par Rene de Lespinasse et Francois Bonnardot, 1879. „L’exercise du mutier etait un monopole .. . L’ouvrier libre et indöpendant n’existait pas,“ Introduction, p. XCVI. Zunftzwang in Rouen im 12. Jahrhundert. Hegel 2, 13. Dagegen Gewerbefreiheit in Pontoise im 12. Jahrhundert. Fagniez, Documents rölatifs a l’histoire de l’industrie et du commerce en France (1898) XXXVII. 6 „La legislation de ces mötiers demeure au surplus animee de l’esprit le plus liberal et nombreux sont les artisans de chaque profession qui en dehors de la Corporation vivent et travaillent isoFment et dont les metiers respectent l’ind6pendance.“ Martin-Saint-Leon p. 263. Levasseur l 2 , 276. In Poitou Gewerbefreiheit bis ins 17. Jahrhundert. Boissonade 2, 4. 76 ff. 6 Für Valencia vgl. L. Tramoyeres Blasco, Instituciones gremiales in origen y organisacion in Valencia (Valencia 1889) p. 73. Cit. bei Martin- Saint-L6on. Sechstes Kapitel. Die Existenzbedingungen des Handwerks. 135 Aber auch in den nordischen Städten hat bis ins 14. Jahrhundert hinein Gewerbefreiheit geherrscht. .Das Stadtrecht von Kopenhagen aus dem Jahre 1294 bestimmt: Den zu K. geborenen Einwohnern ist die Ausübung eines jeden Handwerks, das einer versteht und betreiben will, freigegeben gegen eine blofse Re- kognitionsgebühr für den Vogt und die Stadt. Gewisse Beschränkungen des Schuster- und Bäckergewerbes werden ausdrücklich abgeschafft und für die Zukunft verboten 1 . Gleichen Geist atmet das Stadtrecht von Roskilde aus dem Jahre 1269. Es tritt der Neigung zum Zunftzwang im öffentlichen Interesse scharf entgegen: „non obstante quadam, ut dicitur consuetudine, que prorsus dicenda est corruptela“ 2 . In Wisby (Schweden) beginnt erst im 14. Jahrhundert der Zunftzwang sich langsam zu entwickeln, um dann im 15. und 16. Jahrhundert Grundzug des Gewerberechts zu werden 3 . B. Die realen Existenzbedingungen. Wenn wir nunmehr nach denjenigen Umständen Ausschau halten, deren Obwalten allein schon genügt, um das Handwerk ohne Stachelzaun von Schutzvorkehrungen zu ermöglichen oder » deren teilweise Verwirklichung zum mindesten unentbehrlich erscheint, um etwaige Schutzvorrichtungen wirksam zu machen, so müssen wir uns dafür hüten, solcherart Verumständung nun etwa als zureichende Ursache für die Existenz von Handwerk anzusehen. Es ist immer nur die notwendige Bedingung, die wir ermitteln, nicht die zureichende Ursache. Und himmelweit entfernt von der Frage „wie ist Handwerk wirklich?“ ist die von uns nur zur Beantwortung gestellte: „wie ist Handwerk möglich?“ Als die Grundthatsachen, auf die sich alle für die Existenz einer Wirtschaftsform unentbehrliche Verumständung des socialen Lebens zurückführen läfst, die wir selbst aber im Interesse einer leidlich geordneten Betrachtung des Kausalzusammenhangs innerhalb des uns beschäftigenden Erscheinungskomplexes als gegeben, als nicht r weiter auflösbar, also als Elemente anzusehen genötigt sind, bieten sich die Gestaltung der Bevölkerungsverhältnisse und der Stand der ökonomischen Technik dar. 1 Hegel, Städte und Gilden 1, 193; vgl. auch S. 203. 2 Hegel 1, 186. 3 Hegel 1, 324. 336. 136 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. I. Die Gestaltung der Bevölkerungsverhältnisse kann nach drei Seiten hin durch ihre Eigenart von bestimmendem Einflüsse auf die Existenzfähigkeit liandwerksmäfsiger Organisation sein: 1. durch die Beschaffenheit ihrer V er mehr ungst enden zen. Je geringer die allgemeine Zuwachsrate einer Bevölkerung ist, d. h. also, je langsamer ihre absolute Vermehrung fortschreitet, desto besser für das Handwerk. Das ist nun aber die Situation während der längsten Zeiten des europäischen Mittelalters. So spärlich auch die bevölkerungsstatistischen Quellen für das Mittelalter fliefsen \ so läfst sich doch folgendes mit einiger Sicherheit feststellen. In Deutschland dürfen wir eine langsame Zunahme der Bevölkerung bis in das 13. Jahrhundert annehmen. Die jährliche Zuwachsrate betrug in den von Lamprecht untersuchten Gebietsteilen 0.5 °/o für 1100—1150, 0.4 °/ 0 1150—1200, 0.35 °/o für 1200—1237 1 2 . Dagegen ist dem Urteil Schmollers zuzustimmen, „dafs von einer allgemeinen Zunahme der Bevölkerung von 1250 bis 1450 kaum die Rede sein kann“ 3 . Dasselbe Bild gewähren andere Länder: in England Zunahme zwischen Domesday Book und Hundred Rolls, dann Stillstand bis 1500 4 ; in Frankreich Anwachsen bis ins 14. Jahrhundert, dann Stagnation bezw. Abnahme bis ins 16. Jahrhundert 5 ; in Belgien starke Bevölkerungszunahme im 12. und 13. Jahrhundert 6 , die offenbar im 14. Jahrhundert nachläfst 7 . Angesichts der Existenzbedingungen der mittelalterlichen Bevölkerung werden uns diese Feststellungen nicht in Erstaunen setzen. Denn die positive checks to population waren, wie wir 1 Über die Dürftigkeit der Quellen Inama-Sternegg, Art. Bevölkerung im H. St. 2 a . 2 Lamprecht, D. W. L. 1, 164. 3 Sclimoller, Die historische Entw. des Fleischkonsums etc. in Deutschland in der Zeitschr. f. d. ges. Staatswiss. 27 (1871), 299. 4 Cunningliam, Growth 1, 170. W. Denton, England in the XV. cent. (1888), 128—131. Th. Rogers, The industrial and commercial history of England, 1898, p. 46 f. 6 Levasseur, Le Population francaise 1 (1889), 140 ff. 8 E. de Borchgrave, Hist, des colonies beiges du Nord de l’Allemagne (1865) S. 37. 1 Vanderkindere S. 135 ff. Sechstes Kapitel. Die Existenzbedingungen des Handwerks. 137 wissen, so mächtig, dafs auch die höchsten Geburtenziffern die entstehenden Lücken nicht zu stopfen vermochten. Es braucht nur an bekannte Dmge erinnert zu werden: 1. den Mangel an aller Hygiene in Stadt und Land; 2. die Häufigkeit und Blutigkeit der Kriege; vor allem aber 3. die beiden Geifseln des Mittelalters: Hungersnöte und Seuchen, die gern in Gemeinschaft sich einstellten h Alle Länder werden gleichmäfsig von ihnen heimgesucht 1 2 und überall wirken sie in derselben verheereirden Weise. Das 14. Jahrhundert hat am meisten zu leiden: es ist das Jahrhundert der Pest v.ax e&yjjv. Man mag darüber streiten, bis zu welchem Grade die Angaben der Zeitgenossen über die Höhe der Sterbeziffern Glauben verdienen — ob z. B. in England ein Drittel oder die Hälfte der Bevölkerung oder noch mehr der Pest zum Opfer gefallen sind 3 —, darüber kann kein Zweifel herrschen, dafs die Verwüstungen hinreichend waren, um die Bevölkerungszunahme ein Jahrhundert lang aufzuhalten. 2. ist für die Lebensfähigkeit einer Wirtschaftsform die gewerbliche Produktion von entscheidender Bedeutung die Zuwachsrate 1 „Auf die Not folgen, man kann fast sagen, immer grofse Volkskrankheiten; mortalitas und pestilentia sind untrennbare Begleiter einer jeden Hungersnot.“ F. Curschmann, Hungersnöte im Mittelalter (1900) S. 60. 2 Für die Hungersnöte vgl. jetzt das in Anm. 1 genannte Buch, das als 6. Band der Leipziger Studien aus dem Gebiete der Geschichte erschienen ist. Dazu ferner: Denton, 1. c. S. 91 ff. „famine . .. was so common in England, that all attempts to specify the years of scarcity would only mislead“ (92) und Levasseur (l 2 , 523), der für Frankreich im 14. Jahrhundert 19, im 15. Jahrhundert 16 Hungerjahre annimmt. — Uber die Pest vgl. aufser dem bekannten Werk von Hecker-Hirsch, Die grofsen Volkskrankheiten des Mittelalters, 1865: für Deutschland: B. Honig er, Der schwarze Tod in Deutschland, 1882; K. Lechner, Das grofse Sterben in Deutschland, 1884; für Frankreich: Levasseur, Classes ouvriferes p. 521 ff.; Pop. franij. 1, 176 und die daselbst cit. Litteratur; für Italien: das grofse Werk von A. Corradi, Annali delle Epidemie, P. 1 (1865) bis 1500, umfafst auch die Hungersnöte und M. Kova 1 ewsk 3 ’ in der Zeitschr. f. Soc. u. W. Gr. 3, 406; für die Niederlande , insbesondere für Belgien: das ausführliche Werk von L. Torfs, Fastes des calamites publiques survenues dans les Pays-Bas et particuli&re- ment en Belgique etc.: Epidemies — Famines — Inondations, 1859. In England hat das Problem eine besonders eingehende Behandlung erfahren. Die wichtigsten Schriften sind neuerdings zusammengestellt und besprochen bei Ch. Petit-Dutaillis, Introduction histor. zu: A. Rdville, Le soul6vement des travailleurs d’Angleterre en 1381 in den Mem. et doc. publ. par la Soc. de l’ecole des chartes 2 (1898), XXX ff. 3 Rogers nimmt Vs, Cunningham V 2 , Denton noch mehr an. 138 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. derlandwirtschaftlichenÜberschufsbevölkerung,d. h. also desjenigen Bevölkerungsteiles, für den in der Sphäre der landwirtschaftlichen Thätigkeit kein Spielraum mehr ist. Handwerk im Gewerbe ist an die Voraussetzung geknüpft, dafs die agrarische Uberschufsbevölkerung gering sei, bezw. was dasselbe ist, dafs für die ländliche Zuwachsbevölkerung die Möglichkeit bestehe, durch Intensität des Anbaues oder Besiedelung von Neuland ihre Arbeitskraft zu verwerten. Das ist nun aber offenbar wiederum die r Signatur namentlich während der ersten Jahrhunderte des Mittelalters, in denen, wie wir sahen, überhaupt nur von einer Bevölkerungszunahme die Rede sein kann. In Deutschland fällt die Rückeroberung des Ostens durch das Deutschtum, also eine ungeheuere Expansion des vorhandenen Siedelungsgebiets zusammen mit der Auflösung der alten grundherrlichen und klösterlichen Grofseigenwirtschaften, also einer günstigen Konjunktur für bäuerlichen Besitz und bäuerliche Wirtschaft 1 . Dieser Situation entsprechend finden wir denn auch bis in das 14. Jahrhundert hinein eine den Zuzug vom Lande nicht nur völlig freilassende, sondern zum Teil direkt begünstigende Niederlassungspolitik in den Städten 2 . Und erst allmählich gleichen Schritts mit der zunehmenden Aus- schliefsungstendenz der Gewerbegesetzgebung entwickelt sich auch eine zurückstauende, exklusive Niederlassungspolitik, in dem Mafse nämlich, wie aus hier nicht zu erörternden Gründen die agrarische Uberschufsbevölkerung an Stärke zunimmt. Aber auch in andern Ländern schwindet die terra libera erst im späteren Verlauf des Mittelalters dahin. Von Frankreich heifst es für die Zeit von 1200—1350: „chaque jour signale de nouvelles appropriations du sol, de nouvelles conquetes du la- boureur 3 .“ In dem England des 14. Jahrhunderts wird, wie in Deutschland, das Siedlungsgebiet künstlich durch Auflösung der Gutswirtschaften ausgeweitet 4 . Ein verhältnismäfsig dicht besiedeltes 1 Vgl. hierüber L amprecht, Deutsche Geschichte 3, 57 ff.; denselben, Zum Verständnis der wirtschaftlichen und socialen Wanderungen in Deutschland vom 14. zum 16. Jahrhundert (Zeitschrift für Soc. und Wirtsch. Gesch. 1, 191 ff.). 2 Vgl. z. B. Stahl, Das deutsche Handwerk 1, 8 f. Bücher, Die inneren Wanderungen und das Städtewesen in ihrer entwicklungsgeschichtlichen Bedeutung in: Entstehung der Volkswirtschaft 2. Aufl. (1898), 382 ff. 3 D’Avenel 1, 273 ff. 4 Rogers, Hist, of Agriculture and Prices in England 1 (1866), 24 ff.. Seebohm, Engl. Vill. Comm. (1883) 33 f. 54. Sechstes Kapitel. Die Existenzbedingungen des Handwerks. 139 Gebiet wie Belgien sendet seine Uberschufsbevölkerung in die benachbarten, dünnbevölkerten Länder Deutschland 1 und England 2 . Und dann die Kreuzzüge und was dazu gehört! 3. kommt für Lebensfähigkeit einer gewerblichen Wirtschaftsform erheblich in Betracht der Grad der Bevölkerungsdichtig- keit und der Bevölkerungsagglomeration. Beide sind, wie wir wissen, bezw. mit Sicherheit vermuten dürfen, während des r ganzen Mittelalters gering. England hat bis ins 10. Jahrhundert eine Bevölkerung von 2 1 /a Millionen Seelen gehabt, in den übrigen europäischen Ländern wird die Dichtigkeit der Bevölkerung nicht viel gröfser gewesen sein, vielleicht von Italien und Frankreich abgesehen. In Frankreich sollen im 14. Jahrhundert 40 Menschen auf dem Quadratkilometer gewohnt haben, dann sinkt die Bevölkerung und erreicht am Ende des 10. Jahrhunderts erst wieder den Stand, den sie 200 Jahr früher inne hatte 3 . Dafs aber die Agglomeration der Bevölkerung in Städten während des Mittelalters eine sehr geringe war, haben die Untersuchungen der letzten Jahrzehnte erwiesen. „Grofsstädte“ waren im 14. Jahrhundert Städte von 40-00000 Einwohnern, und deren gab es etwa ein Dutzend in Europa 4 : Mailand, Venedig, Genua, Bologna, Florenz, Neapel, v Palermo, Barcelona, London, Brügge, Gent, Köln, Lübeck und wahrscheinlich noch einige Städte in Frankreich und Spanien: nur Paris und Konstantinopel zählen in jener Zeit je mehrere Hunderttausend Einwohner. Dann folgten noch im 15. Jahrhundert einige wenige Handelscentren mit 20—40 000 Einwohnern: in Deutschland etwa 5 6 Danzig (1415) 40000, Hamburg (1419) 22000, Augsburg (1475!) 18300, Nürnberg (1449) 20—25 000, Strafsburg (1473—77) 20—30000, Ulm (1427) ca. 20000, Breslau (1415) 21866. Die überwiegende Mehrzahl aber der mittelalterlichen Städte werden kleine 1 Vgl. das S. 136 Anm. 6 cit. Werk von Borchgrave. 2 W. Cunningham, Die Einwanderung von Ausländern nach England im 12. Jahrhundert in der Zeitschr. für Soc. u. W. Gr. 3, 177 ff. 3 Levasseur, Popul. fran$. 1, 166 ff., 288 (Übersicht). 4 J. Bel och, Die Entwicklung der Grofsstädte in Europa in Comptes f rendus et Memoires du VIII. Congres international d’IIygiene et de Demographie (1894) 7, 58. Ypern sollte nach einer „glaubwürdigen“ Urkunde im 13 Jahrh. 200000(1) Einw. haben. A. Vandenpeereboom, Ypriana 4 (1880), 24. Urk. von 1258 reduziert die Ziffer auf 40000. Pirenne, Gesch. Belg. 1, 311. 6 Siehe die Zusammenstellung bei Inama im H. St. 2 2 , 663 ff., wo für jede Ziffer die Quelle genannt ist, der sie entstammt. Über die Ermittelungsmethoden handelt am ausführlichsten J. Jastrow, Die Volkszahl deutscher Städte zu Ende des Mittelalters. 1886. 140 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. Mittelstädte von weniger als 10000 Einwohnern gebildet haben: zählten doch immerhin wichtige Handelsstädte wie Frankfurt a./M. und Rostock nicht mehr: jenes (1440) etwa 9000, dieses (1387) 10785. II. D i e T e c h n i k muls bestimmte Anforderungen in quantitativer wie qualitativer Hinsicht erfüllen, damit Handwerk möglich sei. Quantitativ mufs die Produktivität der landwirtschaftlichen Arbeit infolge einer entsprechend entwickelten Technik einen solchen Grad erreicht haben, dafs einer genug für zwei Nahrungsmittel und Rohstoffe zu erzeugen, vermag. Erst dann offenbar kann die Verarbeitung und Bearbeitung jener zu gewerblichen Erzeugnissen so sehr verfeinert werden, dafs nun eine Person sich ausschliefslich dieser Thätigkeit widmet. Ist somit ein Mindestmafs für die Entwicklung der landwirtschaftlichen Technik als selbstverständliche Vorbedingung übrigens jeder berufsmäfsig ausgeübten gewerblichen Thätigkeit anzunehmen, so ist umgekehrt das Wohlergehen des Handwerks, wie dann zu zeigen sein wird, geknüpft an ein Maximum von Produktivität der gewerblichen und transportierenden Arbeit, hat also zur Voraussetzungeinen entsprechend niedrigen Stand der gewerblichen sowie der Transporttechnik. Ist es nun aus naheliegenden Gründen ausgeschlossen, dieses Höchstmafs technischer Entwicklung, an das das Gedeihen des Handwerks geknüpft ist, in concreto allgemein zu bestimmen, so läfst sich doch soviel mit Bestimmtheit feststellen, dafs alle Zeiten, in denen Handwerk blühte, Zeiten gering entwickelter Produktivität der gewerblichen Arbeit waren. Leider besitzen wir nur wenig positive Angaben über das Ausmafs der Arbeitsproduktivität in jenen Zeiten. Das einzig umfassende Material, das mir bekannt ist 1 , stammt aus dem 19. Jahrhundert, ist also nur bedingungsweise verwendbar. Für frühere Epochen, namentlich das Mittelalter, sind wir auf Indizienbeweise angewiesen. Immerhin giebt es genug Anzeichen, die auf einen ungewöhnlich niedrigen Produktionsgrad der gewerblichen Technik jener Jahrhunderte schliefsen lassen. Solche Anzeichen sind insbesondere: 1. die Höhe der Preise gewerblicher Erzeugnisse: eine Tonne Eisen kostete im 14. Jahrhundert in England 9 äg, das sind 1 Die im zweiten Bande dieses Werkes eingehend gewürdigte Publikation des Arbeitsamts der U. S. A. „Hand and machine labour“. Sechstes Kapitel. Die Existenzbedingungen des Handwerks. 141 in heutiger Währung 27 nach heutigem Geldwert Uber 100 jg', während die Tonne besten deutschen Giefsereiroheisens ab Werk in Düsseldorf 1899 = 81.6 Mk., 1900 = 101.4 Mk. kostete 1 2 . 2. die Menge der beschäftigten Arbeiter: in Wesel wurden im Jahre 1428 5140 Stück Tuch von 342 Webermeistern hergestellt 3 . Rechnet man auf 1 Webermeister (bezw. Weber überhaupt nach Schmoller) auch nur 2 andere bei der Tuchbereitung beschäftigte Personen (was sicher viel zu niedrig gegriffen ist), so würden für die Herstellung jener 5140 Stück (d. i. die heutige Monatsproduktion einer grofsen Fabrik) 1000 Personen benötigt sein, reichlich das 20 fache der jetzigen Zahl. 3. die Länge der Produktionsdauer: ein gutes Schlofs zu fertigen, nahm noch Ende des 15. Jahrhunderts 14 Tage in Anspruch 4 . Wo es sich um kunstvolle Leistungen handelte, rechnete man nach Jahren. Das ganze Geheimnis der architektonischen und kunstgewerblichen Leistungen des Mittelalters, die uns oft in Erstaunen setzen, liegt in der ungeheuren Länge der Herstellungsperioden. Bekannt sind die Jahrhunderte langen Bauzeiten der Stadthäuser und Kirchen. Aber auch die Herstellung der Mobilien nahm oft Jahre in Anspruch: man lese nur die Namenlisten der Verfertiger von Chorstühlen, Intarsien, Schränken etc. durch, die wir in grofser Anzahl besitzen, um zu sehen, wie Generationen sich ablösten bei der Herstellung irgend hervorragender Gegenstände 5 . An den Altären von S. Jacob zu Pistoja und in der Taufkirche zu Florenz sind länger als 150 Jahre die ersten Goldschmiede beschäftigt; an den Prachtthoren, die wert waren, den Eingang zum Paradiese zu verschliefsen, arbeitete Ghiberti 40 Jahre 6 . 4. die Art des Verfahrens, das bei der Produktion in Anwendung kommt. Dieser Punkt leitet uns zu der Frage nach der qualitativen Beschaffenheit der Technik über. Ist aus Gründen, die wir sogleich kennen lernen werden, die quantitativ geringe Produktivität der Arbeit Voraussetzung handwerklicher Blüte, so können wir nun fast noch sicherer die qualitativen Anforderungen umschreiben, die von der Technik erfüllt sein müssen, damit sie eine dem Handwerk angepafste sei. Hier 1 Th. Kogers, Ind. and comm. history p. 10. 2 Stat. Jabrb. f. d. D. R. 1901. 8 Mitgeteilt bei E. Liesegang, Niederrh. Städteleben (1897) S. 640. 680. 4 Boissonade, Org. du travail en Poitou 1, 370. 5 E. Foerster, Gesch. der italien. Kunst 3 (1872), 130 f.; 4 (1875), 69 f. 6 G. Semper, Der Stil 2 2 (1879), 514. 142 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. läfst sich nämlich mit grofser Bestimmtheit sagen, dafs diejenige gewerbliche Produktionstechnik, die allein mit Handwerk verträglich ist, die geradezu als d i e Teölmik des Handwerks erscheint, mit der das Handwerk steht und fällt, das empirische Verfahren ist, das alle Geschichte hindurch bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts hinein die Gewerbe beherrscht hat. Das empirische Verfahren ist ein Kunst verfahren 1 . In ihm äufsert sich ein Können, das auf der Unterlage individuellen, persönlichen Wissens von der Zweckmäfsigkeit bestimmter Vornahmen zur Erzielung eines bestimmten Erfolges sich aufbaut. Der Baumeister weifs, welcher Art das Material sein mufs, wie es zu einander zu fügen ist, um dem Hause Stabilität zu geben; der Gerber weifs, dafs eine Ochsenhaut, wenn er sie ein Jahr lang in eine Brühe aus Eichenlohe legt, gegerbt sein wird; der Schuster weifs, wie er’s anzufangen hat, um aus einem Stück Leder ein Paar Stiefeln herzustellen: sie alle kennen das Was? und das Wie? des Arbeitsverfahrens; sie alle arbeiten nach bestimmten Regeln. Ihre Auffassung ist insofern eine rein teleologische, als sie stets nur im Hinblick auf einen zu verwirklichenden Zweck einen Handgriff oder eine andere Vornahme zu beurteilen verstehen. Das technische Können haftet also an einer bestimmten Person: dem „Meister“. Es lebt mit ihm, es stirbt mit ihm. Und darum bedarf es der persönlichen Unterweisung eines „Lehrlings“ durch den Meister, damit die Kunst erhalten bleibe und sich fortpflanze. Ich deutete schon darauf hin, wie sehr die ganze Struktur des Handwerks, wie sehr auch das Gefüge der Zunft bestimmt waren durch diese Eigenarten des empirischen Verfahrens, wie sie nicht zuletzt dem Zwecke dienen sollten, das technische Können einer Zeit der künftigen Generation zu übermitteln. In den Anfängen menschlicher Kultur, wo derartige Einrichtungen noch nicht getroffen sind, ist es die Regel, dafs die Kette der Überlieferung unausgesetzt abbricht und jede Generation von neuem sich in den Besitz des alten Könnens zu setzen suchen mufs. Aber auch nachdem grundsätzlich die Kontinuität des technischen Vermögens durch die Einsetzung der Lehre gewährleistet ist, bleibt die Entfaltung der technischen Leistungsfähigkeit bei dem empirischen Verfahren doch immer in enge Schranken gebannt. Und zwar aus einem zweifachen Grunde: 1 Genaueres siehe in meiner Gewerblichen Arbeit S. 17 ff. und im dritten Kapitel des zweiten Bandes. Sechstes Kapitel. Die Existenzbedingungen des Handwerks. ]43 Erstens vermag sich der Produktionsprozefs niemals ganz von den organischen Funktionen des Arbeiters zu emanzipieren; alle Produktion bleibt alleweil die Emanation einer bestimmten Persönlichkeit, von deren Augen, Ohren, Händen ihr Erfolg individuell abhängig ist. Quantitativ und qualitativ bleibt somit alles Verfahren in den engen Umkreis des Individuell-Organischen eingeschlossen. Zweitens ist die Art und Weise, wie unter der Herrschaft des empirischen Verfahrens das technische Wissen und Können vermehrt wird, sehr unvollkommen. Diese Mehrung bleibt entweder ganz und gar dem Zufall überlassen, so dafs gar kein Wille der Änderung oder des Bessermachens, sondern nur der Wille des Wiederebensomachens vorhanden ist und lediglich das als Neuerung hinzutritt, was zufällig im Laufe der Thätigkeit, gleichsam von aufsen herein, dem Arbeiter als neue Erfahrung in den Schofs fällt. Oder aber wo überhaupt nach Verbesserung gestrebt wird, da ist es ein ungeschicktes Herumtasten und Herumprobieren im Dunkeln, ohne klares Bewufstsein einer bestimmt zu lösenden Aufgabe. Aus der Eigenart des empirischen Verfahrens allein lassen sich eine Reihe von Charakterzügen erklären, die allem vorkapitalistischen Gewerbewesen anhaften. Die Bildung der Berufssphären selbst zunächst: sie erfolgt in wirklich „organischer“ Entwicklung, d. h. im Anschlufs und unter ausschliefslicher Berücksichtigung des persönlichen Vermögens der Produzenten; d. h. also ohne jede Rücksichtnahme auf die objektiven Anforderungen des Produktionsprozesses. Aber auch der Berufsstolz, die specifisch handwerksmäfsige „Berufsehre“ ist ohne empirisches Verfahren nicht denkbar. Es bedurfte der durch die Jahrhunderte überlieferten, rein persönlichen Kunstfertigkeit, um deren Träger das Gefühl einer bestimmten Berufszugehörigkeit als besonderen Reiz empfinden zu lassen. Der Bergmann, der Steinmetz, der Schwertschmied waren jeweils die Verweser ihrer speciellen Kunst, deren gemeinsamer durch persönliche Vermittlung erworbener Besitz sie selbstverständlich gegen alle Uneingeweihten abschliefsen mufste. Dafs eine Düngerfabrik, eine Anstalt zur Herstellung des besten Haarwassers oder der haltbarsten Pneumatik ähnliche Seelenstimmungen weder im Unternehmer noch im Arbeiter zu erzeugen vermögen, ist handgreiflich. Aus der Natur des empirischen Verfahrens lassen sich aber auch alle Ei’scheinungen mühelos ableiten, in denen eine scheue Ehrfurcht vor den „Mysterien“ einer gewerblichen Kunst oder das Bestreben ihrer Jünger zu Tage tritt, selbst ihr Können mit einem 144 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. geheimnisvollen Schleier zu umgeben und vor Profanierung zu schützen. Es mag daran erinnert werden, wie diese Auffassung der gewerblichen Thätigkeit als etwas Übernatürliches, Zauberhaftes, weil Unerklärliches uns zurückfuhrt zu den Sagen von der göttlichen Herkunft der Künste und Fertigkeiten, die allen Völkern gemeinsam sind. In den Anfängen der Kultur ist es vor allem die Eisenbereitung und Eisenverarbeitung, die man mit mystischen Vorstellungen umspann. „Wie das Staunen der Menschheit über die wunderbare Kunst, welche es versteht, das harte Metall im Feuer zu schmelzen und kostbare Dinge aus ihm zu schmieden, dazu geführt hat, die Erfindung derselben überirdischen Wesen zuzuschreiben, so kann man sich auch die Ausübung derselben durch irdische Geschöpfe nicht ohne die Zuhilfenahme geheimnisvoller und zauberhafter Mittel vorstellen. Diese Anschauung gilt . . . durch ganz Europa 1 .“ Aber gerade auch in der Periode handwerksmäfsiger Produktion begegnet uns jene Auffassung auf Schritt und Tritt. Die Geheimniskrämerei in so vielen Handwerken, namentlich in den Baugewerben, während des Mittelalters hängt aufs engste damit zusammen. „Die Baukunst wurde geheim gehalten und daher in eine symbolische Sprache und in symbolische Formen gehüllt. Jede Mitteilung an Fremde war verboten. Ebenso die schriftliche Abfassung der Geheimlehre 2 .“ Hierher gehört auch die Sitte des Verbleibungseides, die uns so häufig im Mittelalter begegnet: so durften beispielsweise die Brüder des Solinger Schwertschmiede- und des Härter- und Schleiferhandwerks „nicht das Land verlassen, nicht das Geheimnis verführen, und keinen andern die Kunst lehren als ihren eigenen Söhnen“ 3 . Derartige Zusammenhänge zwischen der handwerksmäfsigen Organisation und der Eigenart des empirischen Verfahrens liefsen sich noch viele anführen 4 . Aber es wäre damit der Erreichung 1 0. Schräder, Sprachvergleichung und Urgeschichte. 2. Aufl. 1890, S. 236 ff. Uber diese abergläubische Scheu der Naturvölker vor den Schmieden handelt ausführlich K. And ree, Die Metalle bei den Naturvölkern (1884) S. 40 ff. 2 Vgl. Heideloff, Bauhütte des M.-A. S. 16—18 und dazu v. Maurer 2, 483. 3 Thun, Ind. am Niederrhein 2, 9. 4 Hierher gehört auch die hartnäckige Opposition des rechten und echten Handwerkers gegen jede technische Neuerung, wofür die Geschichte des Handwerks zahlreiche Belege enthält. Viele lehrreiche Beispiele teilt LevaS3eur Sechstes Kapitel. Die Existenzbedingungen des Handwerks. 145 des Ziels, das wir verfolgen, nur unvollkommen gedient. Die Aufgabe kann nicht die sein, kasuistisch die Bedingtheit einzelner Phänomene des Handwerks durch die Technik aufzudecken, sondern den principiellen Nachweis zu führen, dafs Handwerk ohne einen Stand der Technik (ohne den geringen Grad ihrer Entwicklung oder die Eigenart ihrer Verfahrungsweise), wie ihn die vergangene Zeit, insonderheit die Jahrhunderte des Mittelalters erreicht hatten, nicht möglich ist. Dieser Nachweis wird sich (wenn überhaupt) nur auf Umwegen erbringen lassen. Nämlich dadurch, dafs man die eigenartigen Absatzverhältnisse, auf die auch von anderer Seite gelegentlich als auf eine für den Bestand des Handwerks unentbehrliche Voraussetzung hingewiesen worden ist (ohne freilich auch nur den Versuch einer systematischen Begründung der obwaltenden Bedingtheit zu machen), dafs man diese Absatzverhältnisse selbst wiederum in ihrer Abhängigkeit von Quantum und Quäle des technischen Könnens jener Zeiten zu verstehen unternimmt. In ihrer Abhängigkeit von der Technik und der p o - pulationistischen Signatur der Zeit, die wir als zweite der bestimmenden Grundthatsachen betrachten wollten. Unter Absatzverhältnissen im weiteren Sinne verstehe ich ein Zweifaches: 1. die Bedingungen, unter denen sich der Produzent (Handwerker) in den Besitz der nötigen Produktionsmittel setzt; 2. die Bedingungen, unter denen er seine Produkte ver- äufsert. Wir können im ersteren Falle von Bezugsverhältnissen, im letzteren von Absatzverhältnissen im engeren Sinne oder Verwertungsverhältnissen sprechen. 1. Die Bezugsverhältnisse, damit sie einer handwerks- mäfsigen Organisation angepafst seien, müssen am liebsten so übersichtlich und einfach gestaltet sein, dafs sie ein Durchschnittshandwerker mit seinem Durchschnittsverstande ohne besondere Kenntnisse und Fertigkeiten neben seiner Thätigkeit als gewerblicher Arbeiter her gleichsam im Nebenamte zu überschauen und zu beherrschen vermag. Das trifft überall dort zu, wo Bohstoff oder Halbfabrikat in herkömmlicher Weise vom Nachbar-Bauern aus der 1 2 , 625 ff. mit. Ich erinnere aus dem Gebiete der Textilindustrie an den Kampf gegen die Appretur (Geering S. 362), gegen das Mangan (Gothein, W. G. 1, 541); im allgemeinen an die zahllosen Verbote, bessere Verfahrungsweisen anzuwenden. Vgl. z. B. E. Mummenhoff, Der Handwerker S. 110. Sombart, Der moderne Kapitalismus. I. 10 146 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. Umgegend oder vom Nachbar-Handwerker aus der Nebenstrafse bezogen werden, wie es in primitiven Wirtschaftszuständen häufig der Fall ist: Holz, Häute, Hörner, Getreide, Mehl, Leder, Flachs, Wolle, Farbstoffe, gewöhnliche Felle stammten in den Anfängen der Tauschwirtschaft meist aus der nächsten Umgebung der Stadt oder aus dieser selbst. Unter Voraussetzung der noch zu erörternden Stabilität und geringen Expansionsfähigkeit der gewerblichen Produktion des alten Handwerks mufste es unter solchen Umständen für den Handwerker ein leichtes sein, sich ohne viel Umschweife die nötigen Materialien für seine Produktion zu verschaffen. Oder, wo die Kreise schon anfingen weiter gezogen zu werden, von einem gröfseren Gebiete die Erzeugnisse bedurft wurden, z. B. die Wolle aus einer ganzen Landschaft, und Rohstoffe in gröfseren Mengen eingekauft wurden, da konnte doch immer noch die Vertreterschaft der Zunft oder angestellte Aufkäufer 1 genügen, so lange es sich um regelmäfsig wiederkehrende, jederzeit überblickbare, ungestörte Vorgänge handelte. Wenn nur dafür gesorgt wurde, dafs nicht etwa die erforderlichen Rohstoffe aus dem „natürlichen“ Bezugsgebiete der Zunft weggeführt wurden. Es ist schon eine bedenkliche Erschütterung der Grundlagen, auf denen das Handwerk ruht, wenn wir aus den erlassenen Ausfuhrverboten ersehen, dafs jene Selbstverständlichkeit der Rohstoffbeschaffung in Frage gestellt wird 2 . Aber man darf nicht etwa wähnen, das Handwerk sei notwendig und immer auf eine Verarbeitung der Rohstoffe aus nächster Umgebung angewiesen. Es genügt eine oberflächliche Überlegung, um einzusehen, dafs auch nur ein mäfsig entwickeltes Gewerbewesen der Erzeugnisse specialisierter Fund- und Produktionsstätten als Materialien nicht entraten kann: Eisen und Bronze, Edelmetalle, kostbare Pelze, wertvolle Bausteine und Edelsteine, einzelne Färbemittel wie Alaun haben von jeher aus weiterer Umgebung herbeigeholt werden müssen. Und jahrhundertelang hat sich eine echt handwerksmäfsige Produktion damit recht gut abgefunden. Die Voraussetzung aber ist auch hier, dafs die Bezugsverhältnisse sichere, stabile seien und jedes spekulativen Mo- 1 Uber diese vgl. Schmoller S. 58. Die Staatsbürger Wollschläger hatten gegen 1300 „dreizehn Unterkäufer, die sie mehr oder weniger als ihre Untergebenen betrachteten“. 2 Die Krisis der handwerksmäfsigen Tuchindustrie im 16. Jahrhundert wird gröfstenteils hervorgerufen durch Wegnahme des Rohstoffs aus der Umgegend der Städte. Schmoll er S. 154. Sechstes Kapitel. Die Existenzbedingungen des Handwerks. 447 mentes entbehren. Mochte nun der Handwerker oder seine Zunftvertreter selbst die weite Reise unternehmen 1 oder mochte er des Händlers harren, der ihm die nötigen Materialien in herkömmlicher Weise zu bringen pflegte. Auch vor dem Händler braucht der Handwerker sich nicht zu fürchten, so lange dieser selbst in das feste Gefüge des gleichsam stereotypierten Wirtschaftslebens eingegliedert ist, d. h. gleiche Waren zu gleichen Bedingungen in regelmäfsigen Beziehungen als ein Handwerker des Warenabsatzes liefert. Wann diese Bedingungen erfüllt sind, werden wir im Folgenden erst zu ersehen vermögen, wo wir die dem Handwerk adäquaten Absatzverhältnisse kennen lernen werden 2 . Was aber dem Handwerker bei der Gestaltung der Bezugsverhältnisse auch zu gute kommt, aufser gleichsam ihrer Struktur, ist stets ein niedriger Preis der Rohstoffe und Halbfabrikate. Denn ein solcher weitet den Kreis derjenigen Personen aus, die im stände sind, mit eigenem Vermögen zu produzieren, sich also selbständig zu erhalten. Nun ist aber in primitiven Wirtschaftsverhältnissen, in den Anfängen der Tauschwirtschaft der Preis der Rohstoffe deshalb im Verhältnis zu dem Wertbetrage, den die Arbeit des Handwerkers den Materialien durch ihi’e Verarbeitung zusetzt, niedrig, weil 1. im Falle des Nahebezuges nur Produktionsaufwand und nicht auch Transportkosten vergütet werden brauchen und 2. in allen Fällen der erst mit der Zeit die Preise der Agrarprodukte so mächtig in die Höhe treibende Anteil der Grundrente sich noch nicht bemerkbar macht. Wir werden noch an anderer Stelle sehen, welche grofse Bedeutung die Entwicklung der Grundrente für die Existenzfähigkeit des Handwerks gehabt hat. Hier genügt einstweilen der kurze Hinweis. Welcher Art aber müssen die Absatzverhältnisse im 1 Dem ersten Strafsburger Stadtrechte zufolge geben die Kürschner selbst nach Frankfurt zum Einkauf des Rohmaterials. Vgl. auch v. Below, Grols- händler und Kleinhändler im deutschen Mittelalter in den Jahrbüchern für N. 0., III. F., Bd. 20, S. 48. Wie beispielsweise ein Kapitel sich durch Aussendung seines Baumeisters und eines Kanonikus in den Besitz der Baumaterialien für den Bau seiner Kirche zu setzen pflegte, schildert in anschaulicher Weise für Xanten St. B eis sei, S. J., Geldwert und Arbeitslohn im Mittelalter (1885) 37 ff. 2 Ein besonders lehrreiches Beispiel für die Regelung der Bezugsverhältnisse für Importrohstoffe zu Gunsten des Handwerks bietet die Baumwolle, die von der Baseler Shirtingweberei verbraucht wurde, bei Geering S. 306 f. Vgl. auch noch Br. Hildebrand in seinen Jahrbüchern 6, 129 f. 10 * 148 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. engern Sinne, d. h. mufs die Art und Weise sein, wie die Produkte an den Mann gebracht werden, um den Anforderungen des Handwerks zu entsprechen? Auch auf diese Frage lautet die Antwort zunächst wieder ganz allgemein: der Absatz mufs gesichert und stabil nach Qualität und Quantität, mit andern Worten: er darf noch kein Problem geworden sein. Mag er dann vom Handwerker selbst als Nebenfunktion, mag er von einer berufsmäfsigen Händlerklasse ausgeübt werden: das bleibt sich gleich. Auch im letzteren Falle können alle Bedingungen erfüllt sein, die eine hand- werksmäfsige Organisation der Produktion möglich oder sogar vielleicht notwendig machen. Worauf es nur ankommt ist dieses, dafs der Produzent keiner anderen Qualitäten benötigt als der eines gewerblichen Arbeiters. Das trifft aber dann zu, wenn der gewerbliche Arbeiter bei ruhiger Fortsetzung seines Werkes niemals Gefahr läuft, sein Produkt überhaupt nicht oder zu nicht lohnenden Preisen verwerten zu können. Wann aber ist dies der Fall, wann ist der Absatz solcherart gesichert und stabil? Die herrschende Theorie antwortet darauf: wenn und solange das Verhältnis zwischen Produzent und Konsument das Kundenverhältnis ist, d. h. der Absatz ohne Zwischenglieder oder sogar nur an bekannte Personen auf Bestellung erfolgt. Unzweifelhaft ist nun das Moment eines regelmäfsigen Verkehrs zwischen Produzenten und einem geschlossenen Kreise von bestellenden Konsumenten ein sehr wesentliches für die Sicherung und Stabilisierung der Absatzverhältnisse und ganz gewifs wird ein grofser Teil aller handwerksmäfsigen Produktion durch dieses Kundenverhältnis charakterisiert. Aber ebenso unzweifelhaft, darauf wurde schon hingewiesen, deckt sich handwerksmäfsige Produktion und Kundenproduktion keineswegs. Die Kundenproduktion schafft keineswegs immer derartige Absatzverhältnisse, dafs sie die Existenz handwerksmäfsigen Produzenten ermöglichen. Das Schneiderhandwerk beispielsweise ist zu Grunde gegangen, trotzdem in weitem Umfange an dem Kundenverhältnis der Konsumenten nichts verändert ist. Zu den frühesten kapitalistisch betriebenen Gewerben gehört die Kundenschneiderei, die als Handwerk in London schon Anfang des 18. Jahrhunderts erschüttert ist 1 . Und die Fälle sind gar nicht ao selten, in denen die handwerksmäfsige Organisation eines Gewerbes 1 Vgl. S. und B. Webb, History of Trade Umonism (1894) 25 ff. Sechstes Kapitel. Die Existenzbedingungen des Handwerks. 149 dort zuerst zerstört wird, wo es sich nicht etwa um Export nach aufsen, sondern um den Absatz am selben Orte, also im Rahmen einer mehr oder weniger abgeschlossenen Kundschaft handelt 1 . Umgekehrt haben wir oben schon genug Fälle kennen gelernt, in denen eine zweifellos handwerksmäfsige Organisation der Produktion bei ganz und gar nicht kundenmäfsigem Abnehmerkreise, sondern trotz Export und trotz Zwischenhandel vortrefflich gedieh. Sicher und stabil ist der Absatz vielmehr überall dort, aber auch nur dort, wo zwischen Angebot und Nachfrage ein stetes Gleichgewicht oder ein Mifs- verhältnis derart besteht, dafs die Nachfrage dem Angebot voraus eilt; wo aber für den einzelnen Produzenten Produktions- und Absatzbedingungen annähernd natürlich gleiche sind. Dafs nun diese Kennzeichen sicheren und stabilen Absatzes nicht nur bei dem reinen Kundenverhältnis sich finden, dürfte bei genauer Prüfung aufser Zweifel sein. Auch der marktbesuchende oder hausierende Handwerker ist in gleicher Lage wie der an Kunden auf Bestellung liefernde, wenn er bestimmt darauf rechnen kann, dafs kein anderer seinen Platz am Markte einnehmen wird, ehe er eintrifft und kein anderer die Strafse gezogen sein wird, ehe er mit seinem Pack oder seinem Karren des Weges daher kommt. Und nicht minder der an den Händler verkaufende Handwerker, vor dessen Thür zu den nämlichen Zeiten der nämliche Kaufmann erscheint, um ihm die nämliche Menge Erzeugnisse zu den nämlichen Preisen 2 wie bisher abzunehmen. Ein treffendes Beispiel solcherart stereotypierter Warenlieferung bei weitausschauendem Export ist die Versorgung mit Waffen aus den Nieder- rheinischen Handwerkerrevieren während des Mittelalters, wie sie uns Thun geschildert hat 3 . Also müssen die Gründe, die den Ab- 1 Von der Pariser Weberei erfahren wir, dafs sie schon im 13. Jahrhundert einen Differenzierungsprozefs derart durchlebte, dafs die ärmeren Meister von den reicheren anfiugen, verlegt zu werden. „Ces draps auxquels ceux de Flandre et de Beauvais faisaient concurrence se vendaient ä des particuliers qui les fournissaient ä leurs tailleurs.“ Martin- Sa i n t - L e o n, Hist, der corporations p. 174. 2 Es ist ebenso sehr ein Kennzeichen früherer Wirtschaftsperioden das ungeheure Schwanken der Agrarproduktenpreise wie die verhältnismäfsige Stabilität der Preise gewerblicher Erzeugnisse. Die Erklärung für das erstere Phänomen ist oft gegeben, diejenige für das andere wird im weiteren Verlauf dieser Darstellung zu geben versucht. 3 Vgl. Thun, Industrie am Niederrhein 2, 16/17. 150 Erstes Blich. Die Wirtschaft als Handwerk. satz sicher und stabil gestalten, tiefer gesucht werden. Und da ergeben sich etwa folgende: 1. Gründe auf der Seite der Nachfrage. Die Nachfrage nmfs qualitativ und quantitativ stabil und sicher sein, d. h. es mufs stets eine gleiche Menge gleichartiger Dinge nachgefragt werden. Nun wird die Nachfrage qualitativ um so unwandelbarer ' sein, je weniger die Kategorien von Personen sich verändern, die als Käufer auftreten, und je weniger der Geschmack dieser Personen Wandlungen unterworfen ist. Je weniger die Schichtung der gesellschaftlichen Verhältnisse sich ändert, d. h. je stabiler die Struktur der Gesellschaft ist, desto mehr werden die Käuferarten immer dieselben bleiben. Jahrhundertelange Gliederung eines Volkes in die althergebrachten „Stände“ der Geistlichkeit, Ritterschaft, Bauern und Bürger bedeutet also stereotype Nachfrage, die qualitativ um so stabiler ist, je weniger sich innerhalb dieser Gruppen die Sitten und Gebräuche ändern, in moderner Terminologie: je seltener die Mode wechselt. Eine Bauernschaft, die in mehreren Jahrhunderten eine einheitliche Tracht entwickelt und bewahrt, und eine moderne Grofsstadtbevölkerung, die in zehn Jahren zehn ► Kleidermoden und fünf Möbelstilarten totreitet, sind etwa die Extreme in dieser Hinsicht. Es ist nun offensichtlich, dafs, als das Handwerk eine seiner Blütezeiten erlebte, während des europäischen Mittelalters diese Bedingung qualitativ stabiler Absatzverhältnisse erfüllt war. Es fehlte jenen Zeiten noch fast gänzlich dasjenige, was wir heute mit dem Worte „Modewechsel“ zu bezeichnen gewohnt sind. „Der Sinn des Mittelalters war an sich auf das Hergebrachte, Überlieferte gerichtet. Ein rascher Wechsel der Mode ist in Deutschland vor Mitte des 14. Jahrhunderts nicht zu beobachten und hat auch von da an mehr den Schnitt der Kleider als die Arten der Gewebe ergriffen. Man glaubte im Mittelalter unbeschränkt an ein schlechthin Seinsollendes auf allen Gebieten, auch auf dem Gebiete der wirtschaftlichen Bedürfnisse und der Technik 1 .“ 1 Schmoller, Tücher- und Weberzunft S. 20. Nebenbei bemerkt: Schmoller kehrt hier Ursache und Wirkung um. Aber das geht uns an dieser Stelle nichts an. Es wird in anderm Zusammenhänge nachzuweisen sein, welches die thatsächlich treibenden Kräfte bei einem Modewechsel sind und weshalb Moden verhältnismäfsig stabil bleiben. Hier genügt der Hinweis auf die qualitativ stabile Nachfrage als Bedingung handwerksmäfsiger Pro- s Sechstes Kapitel. Die Existenzbedingungen des Handwerks. 15) Die wesentlichste Garantie einer qualitativ stabilen Nachfrage bietet aber die schwere Wandelbarkeit der Produktionsprozesse, wie sie dem empirischen Verfahren entspricht. Quantitativ stabil und sicher wird die Nachfrage aber dann sein, wenn die Menge der erzeugten Waren nicht in einem rascheren Verhältnisse wächst als die Kaufkraft der Käufer. Das aber ist wiederum die Signatur für alle Zeiten früher Kultur, insonderheit auch für das europäische Mittelalter. Sie ist bedingt durch die Aufwärtsbewegung vor allem der landwirtschaftlichen Produktion. Wir haben bis gegen Ende des Mittelalters einen an Wohlhabenheit zunehmenden Bauernstand. Bis tief in das 14. Jahrhundert hinein und zum Theil nocli darüber hinaus steigert sich die Kaufkraft der zinspflichtigen Bauernschaft in allen Ländern, weil sich in dieser Zeit die Ertragsfähigkeit des Bodens bedeutend vermehrt, ohne dafs die Zinse dementsprechend erhöht werden h Und daneben haben wir eine nicht ärmer werdende Klasse von geistlichen und weltlichen Rentenbeziehern auf dem Lande, aber auch in den Städten * 1 2 . Daher eine kaufkräftige Nachfrage mit wachsender Aufnahmefähigkeit vom Lande her, die dann weiterwirkend auch den Gewerbestand durch die hohe Bewertung und Remunerierung seiner Erzeugnisse kaufkräftig erhält, zumal so lange dessen Mitglieder sämtlich noch, um in moderner Terminologie mich auszudrücken, ganz oder annähernd den „vollen Arbeitsertrag“ als Entgelt zurückerhalten: ich denke an die hohen Gesellenlöhne, die, wie jedermann weifs, bis zum Ende des Mittelalters die Regel bildeten. Dafs endlich eine Art von natürlicher Schutzvorrichtung für das Handwerk in der Extensität des Marktes geschaffen war, wie duktion und Thatsache während langer Zeiträume des europäischen Mittelalters, in dem just das Handwerk zu hoher Blüte gelangte. Über die Stabilität des Waffenabsatzes im Mittelalter äufsert sich treffend Thun, Industrie am Niederrhein 2, 16 f. 1 Siehe für Deutschland die Ziffern bei Lamprecht, W. L. 2, 612 f. und vgl. dazu 1, 621 f. L.s theoretische Ausführungen möchte ich mir dagegen nicht zu eigen machen. Für England vgl. Rogers 4, 740 und passim; für Frankreich: Levasseur; für Italien: C. Bertagnolli, Le vicende dell’agri- coltura in Italia (1881) 246 ff. Gr. B ian ch i, La proprietä fondiaria (1891) 95 ff.; für Belgien: H. Pirenne, Gesch. Belgiens 1 (1899), 842 f. 2 Gerade diese Käuferklasse von Grundrentenbeziehern, die für alle Luxuswaren (Waffen, Geschmeide, Gewebe, Pelzwerk etc.) in den Anfängen der Kultur die einzige ist, ist für den Bestand des Handwerks während des Mittelalters von entscheidender Bedeutung. Ich betone das abweichenden Meinungen gegenüber, wie sie unlängst wieder geäufsert sind. 152 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. sie die eigentliche Gestaltung der Bevölkerungsverhältnisse in früherer Zeit bedingte, bedarf ebenfalls nur der Erinnerung. 2. Gründe auf der Seite des Angebots. Was von der Seite des Angebots her die ruhige Behaglichkeit eines wie selbstverständlich gesicherten Absatzes stört, ist die Gefahr, vom Nachbar an Güte der Erzeugnisse oder Billigkeit der Preise unterboten zu werden. Was also den Absatz sichert, ist der Wegfall der Unterbietungsmöglichkeit, wenigstens als einer regel- mäfsigen Erscheinung des Wirtschaftslebens, mit der man rechnen mufs. Denn dafs gelegentliches Zuvorkommen niemals ganz ausgeschlossen ist, bedarf keiner weiteren Begründung. Was wir nun mit einem modernen Schlagwort auch so ausdrücken können : wenn Handwerk soll bestehen können, darf keine Konkurrenz möglich sein. Wann aber ist Konkurrenz der Produzenten untereinander nicht oder nur schwach vorhanden? Zunächst offenbar dann, wenn im ganzen, im Verhältnis zur Nachfrage wenig produziert wird. Denn dann wird das Konkurrieren Sache der Konsumenten; die Produzenten können sich abwartend verhaltend, wie es jedem echten Handwerker zu allen Zeiten als die natürliche Ordnung der Dinge erschienen ist 1 . Es wird aber das Ausmafs der Produktion stets von zwei Faktoren bestimmt werden: der Menge von Arbeitskräften und der Höhe ihrer Produktivität. Je weniger Produzenten, desto geringer die Gefahr einer „Überproduktion“, also einer Erschwerung des Absatzes. Einen Zustand derart, dafs an gewerblichen Produzenten Mangel sei, können wir uns heute kaum noch vorstellen. Wir beobachten ihn in neu- 1 Im Jahre 1646 beschweren sich die Baseler Passementer über die, denen der Kat für zwei Jahre den Aufenthalt in Mönchenstein vergönnte, dafs sie sich „aller Ordnung zuwider“ betrügen: sie „durchjagen alle Orte und Dörfer mit Arbeit“. Geering S. 600. Es wird ganz richtig noch heute geradezu als eine „Maxime des Handwerks“ bezeichnet, dafs der Kunde den Produzenten aufsuchen müsse (U. VI 662), und es ist vortrefflich beobachtet, wenn ein Berichterstatter über die moderne Schlosserei in Graz sich wie folgt äussert: „an Kührigkeit lassen es . . viele fehlen. Es steckt doch noch etwas von dem alten Zunftsatze in vielen Köpfen, dafs der Meister die Arbeit in seiner Werkstätte erwarten und nicht sie aufserlialb derselben suchen solle. Es giebt Meister, die es ganz unverhohlen aussprechen, dafs sie es vorziehen, ein elendes Dasein zu führen als um Arbeit zu betteln“ (U.Oe., S. 269). Nur dafs natürlich heute ein solches Verhalten Donquichoterie ist. Sechstes Kapitel. Die Existenzbedingungen des Handwerks. ] 53 angesiedelten Gebieten des fernen Westens, sind aber sofort geneigt, und mit Recht, hier eine Ausnahmegestaltung, einen Übergangszustand zu erblicken. Und doch hat es offenbar Zeiten gegeben, in denen Mangel an Handwerkern nicht die Ausnahme, sondern die Regel bildete. „Im 14. und der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts sehen wir häufig ganze Städte sich bemühen, einen oder einige Färber zu erhalten, so Brietzen 1355, Efslingen 1401, Leipzig 1469 h“ Und das war schon eine verhältnismäfsig späte Entwicklungsperiode. Fragen wir nun aber, welche Komplikation von Umständen nötig war, um einen solchen Zustand des Unterangebots von Handwerkern herbeizuführen, so mögen wir etwa folgende Momente als die hauptsächlich ausschlaggebenden anführen: Zunächst und vor allem mufs die agrarische Überschufsbevölkerung, die die Reihen der gewerblichen Produzenten zu vergröfsern imstande wäre, gering sein. Wir sahen, dafs diese Bedingung im grofsen Ganzen namentlich für das frühe Mittelalter zutrifft. Ein weiteres Moment, welches der allzuraschen Vermehrung der Zahl gewerblicher Produzenten entgegenzuwirken vermag, ist die Schwierigkeit, den Nachwuchs technisch heranzubilden. So lange es dazu eines langen Stufenganges, einer regelrechten Lehr- und Lernzeit, der persönlichen, gewissenhaften Unterweisung durch den Meister bedarf, wie das empirische Verfahren es erheischt, so lange ist die Züchtung einer Nachkommenschaft gewerblicher Produzenten von Natur in enge Sehranken gebannt. Was aber endlich in früheren Zeiten, jenen also, die sich als dem Handwerk so viel mehr angepafste erwiesen, zum letzten die Übersetzung mit handwerksmäfsig ausgebildeten Arbeitskräften hintan halten mufste, war die oben gekennzeichnete allgemeine populationistische Signatur, die in einer außerordentlich hohen Sterblichkeit und somit niedrigen Zuwachsraten der Bevölkerung ihren Ausdruck fand. Daher war auf die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts, in denen die Wirkungen des schwarzen Todes am fühlbarsten sich gestalteten, die Zeit des gröfsten Handwerkerund Arbeitermangels überhaupt. Damals wurde das Mißverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage so grafs, dafs man vielerorts 1 Schmoller, Tücher- und Weberzunft S. 92. Der beste Beweis für die Knappheit an Handwerkern sind die aller früheren Zeit eigenen Begünstigungen durch Privilege aller Art, wodurch Fürsten und Städte fremde Handwerker an ihr Gebiet zu fesseln versuchten. Belege hierfür beizubringen, ist bei der Notorietät der Thatsache überflüssig. 154 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. zum Erlafs von Preismaximen auch für Handwerksarbeit sich genötigt sah 1 . Ist aber die Ziffer der Produzenten festgegeben, so wird offenbar ihr Gesamtangebot abhängig sein von dem Ausmafs ihrer Produktivität. Je unentwickelter diese, desto geringer die Gefahr einer Absatzschwierigkeit. Und es kann gar nicht oft und entschieden genug betont werden, wie es das geringe Ausmafs der Produktivität in aller früheren Zeit ist, das dem Handwerk seinen Frieden sichert: wie der Zusammenhang sich herstellt, dürfte nach den vorausgehenden Darlegungen nun nicht mehr zweifelhaft sein. Aber alles, was bisher an Gründen beigebracht wurde, die auf der Seite des Angebots dem Handwerk die Existenz möglich machen, galt doch nur für die durch die Gesamtproduktion bestimmte Signatur der Absatzverhältnisse. Bleibt zu prüfen, welche Umstände es sind, die auch den einzelnen Teilnehmern an der Gesamtproduktion, den einzelnen Handwerkern jedem für sich ein verhältnismäfsig sicheres Dasein gewährleisten, d. h. also auch unter den Angehörigen des gleichen Gewerbes Konkurrenz aus- schliefsen 2 . Was das Wesen der Konkurrenz der Warenverkäufer untereinander ausmacht, ist die Fähigkeit des einzelnen Produzenten, » die Ware besser oder billiger als sein Nachbar auf den Markt bringen zu können, ist mit einem Worte jene schon erwähnte Unterbietungsmöglichkeit. Wo diese fehlt, fehlt die Konkurrenz 3 . Sie ist aber stets nur im beschränkten Umfange vorhanden dort, wo 1. das empirische Verfahren herrscht. Deshalb, weil dieses die Verbilligung oder Verbesserung jedenfalls nur in einem langen Umbildungsprozesse möglich macht. Wir wissen, wie sehr die raschen Fortschritte der Technik dem Wesen der Empirie fremd 1 Vgl. für Frankreich Levasseur l 2 , 500; für Italien Kovalewski a. a. 0. S. 414 ff.; für England Cunningham 1, 306 f. 2 Der einzige Forscher, soviel ich sehe, der diese Frage überhaupt angeschnitten hat, ist Franz Oppenheimer, Die Siedlungsgenossenschaft (1896), S. 133 ff. und G-rofsgrundeigentum und sociale Frage (1898), S. 330 ff. *■ Seine positiven Erklärungsversuche freilich lassen mich unbefriedigt. Aber wer hätte nicht das Recht zu irren auf so wenig begangenen Pfaden! 3 Man kann diese Konkurrenz als qualitative bezeichnen und sie der quantitativen gegenüberstellen, die durch die blofse Thatsache der Übersetzung eines Gewerbes hervorgerufen wird. Im Laufe der Entwicklung trat letztere auch in der Zeit handwerksmäfsiger Produktion hervor: daher die Exklusivitätstendenzen der Zünfte in späterer Zeit. Weiteres über das Wesen der Konkurrenz siehe im zweiten Bande. r Sechstes Kapitel. Die Existenzbedingungen des Handwerks. 155 sind. Wir wissen, dafs es nur gleichsam Glücksfälle sind, die ein althergebrachtes Verfahren durch ein zweckmäfsigeres ablösen. Wir wissen aber auch, dafs alles empirische Können an der Person haftet und nur durch diese, mit dieser übertragen werden kann. Selbst einmal angenommen also, dafs irgend ein Handwerker eine wesentliche Verbesserung in Anwendung brächte, wodurch ein Erzeugnis schöner oder biller geliefert werden könnte, so würde zunächst dieses Verfahren in die Sphäre seiner persönlichen Wirksamkeit gebannt sein. Es ist gleichsam ein natürliches Patent, das der Erlinder ausntitzt. Und nur in dem Mafse, wie er sein höheres Können durch persönliche Unterweisung überträgt, verallgemeinert es sich. Zunächst bleibt es nur Alleinbesitz und wirkt auf die Gestaltung der Absatzverhältnisse nur in dem bescheidenen Rahmen, in dem sich die Arbeitsleistung seines Inhabers bewegt. Was uns heute ein Vorrecht künstlerischer Gestaltung erscheint: die Bannung des Ausmafses der Produktion an die Wirkungssphäre einer Persönlichkeit, das müssen wir uns für die Zeit der rein empirischen Technik verallgemeinert denken für die meisten Verbesserungen des Verfahrens, durch die eine Steigerung der qualitativen Reize oder eine Verringerung der Produktionskosten eines Erzeugnisses herbeigeführt werden konnten. 2. Diese in der Natur des empirischen Verfahrens begründete Verlangsamung des technischen Fortschritts und die daraus folgende Behinderung erfolgreichen Wettbewerbs auf dem Warenmärkte wird nun aber in ihrer Wirkung erst recht empfunden dort, wo die Mittel fehlen, die recht eigentlich erst Verbesserungen der Verfahrungsweisen zu bewirken bezw. in die Praxis einzuführen imstande sind. Dieses sind, wie noch des näheren zu zeigen sein wird, die Nutzbarmachung gröfserer und mächtigerer Naturgewalten, vor allem aber, wie wir schon wissen, die Zusammenfassung zahlreicher Arbeitskräfte zu einem gesellschaftlichen (Grofs-)Betriebe. Ist jene abhängig von den Fortschritten des technischen Wissens, so diese von zwei socialen Bedingungen: erstens dem Vorhandensein arbeitswilliger Menschenmassen, und zweitens der Anhäufung von Werten, die zum einstweiligen Unterhalt der im grolsen thätigen Arbeitskräfte sowie zur Beschaffung der für ihre Beschäftigung erforderlichen Produktionsmittel dienen können, vulgo einer entsprechenden Kapitalaccumulation. Wo eine dieser Bedingungen oder gar beide unerfüllt sind, da ist es beim besten Willen unmöglich, auch wenn ein Produzent im Besitze eines vollkommeneren Verfahrens wäre, den Nachbar durch 156 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. eine erfolgreiche Konkurrenz aus dem Felde zu schlagen. Aber damit greift unsere Untersuchung schon auf ein Gebiet hinüber, das erst später betreten werden soll. Was in den letzten Sätzen zum Ausdruck kam, war der im Grunde selbstverständliche Gedanke: dafs Handwerk zur Voraussetzung seines Gedeihens die Nichterfüllung derjenigen Bedingungen hat, an die die Existenz des Kapitalismus geknüpft ist. Welches diese sind, soll nun aber erst noch genauer festgestellt werden, und den Nachweis zu führen, wie sie sich im Laufe der Geschichte erfüllen, ist die eigentliche Aufgabe der folgenden Darstellungen, auf die der Leser nunmehr zu vertrösten ist. Nur einem Gedanken möchte ich hier noch Ausdruck geben. Es ist die Erinnerung, dafs, auch von allen bisher angeführten Momenten abgesehen, immer noch ein Umstand bestehen bleibt, der bei dem von uns angenommenen Stande der Technik eine Konkurrenz im modernen Sinne, wenigstens zwischen Produzenten an verschiedenen Orten, so gut wie ausschliefsen würde: ich meine die Schwierigkeit, die mit einem bevorzugten Verfahren oder unter sonstwie günstigeren Bedingungen hergestellten Erzeugnisse über ein gröfseres Gebiet zu versenden. Denn an der Unvollkommenheit der Technik einer Zeit nimmt ja nicht zum wenigsten die Transporttechnik teil. Berücksichtigt man aber deren niedrigen Stand bis in die neueste Zeit hinein, namentlich während des früheren Mittelalters, zieht man die unglaubliche Verfassung des Landstrafsenwesens in Betracht, so mufs man sich erstaunen, dafs überhaupt noch soviel Warenbewegung vor unserer Zeit stattgefunden hat, wie es that- sächlich doch der Fall. Das Erstaunen wird nicht behoben, auch wenn man erwägt, dafs es fast ausschliefslich die Wasserstrafsen waren, an denen sich der Verkehr entlang zog und dafs die Schiffahrtstechnik nicht so rückständig war wie die der Überlandbeförderung. Immerhin bleibt auch für die Wasserbeförderung die Thatsache aufser Zweifel, dafs sie eine sehr kostspielige Sache war und dafs daher die Zuschläge, die auf den Herstellungspreis der Ware aus den Transportkosten — von der Verteuerung durch die unzähligen Zollabgaben will ich gar nicht reden 1 — entfielen, unzweifelhaft 1 Die Belastung mit Flufszöllen war eine so grofse, dafs sie vielfach die Kaufleute auf die Landwege drängte. Vgl. für den Rhein Schulte 1, 435 und Th. Sommer lad, Die Rheinzölle im Mittelalter, 1894. Ein Fafs Wein hatte auf der Elbe von Dresden nach Hamburg an 30 Zollstätten Zoll zu zahlen. Falke, Zollwesen S. 221. Bis zur Mündung der Elbe f Sechstes Kapitel. Die Existenzbedingungen des Handwerks. 157 ganz erstaunlich hohe gewesen sind. Diese hohen Transportkosten wirkten nun aber, wie ersichtlich, gleich einem natürlichen „Schutzzoll“ zu Gunsten der heimischen Erzeugnisse eines bestimmten Ortes. Zieht man, wie gesagt, auch noch diesen Vorsprung in Betracht, den der lokale Produzent vor dem fremden hatte, erwägt man des ferneren die fast bis zur Unmöglichkeit gesteigerte Schwierigkeit, die Produktionskosten herabzusetzen, so kommt man zu der Überzeugung, dafs eine ortsferne Warenproduktion überhaupt nur unter der Voraussetzung einer Art von Monopol möglich war, d. h. dafs es fast immer Specia 1 itäten waren, deren Herstellungsart ein Geheimnis blieb, mit denen fremde Märkte bezogen werden konnten * 1 . In dieser natürlichen Monopolstellung, betrug die Zahl der Zollstätten noch einmal 17. Vgl. jetzt B. Weissenborn, Die Elbzölle und Elbstapelplätze im Mittelalter (1901) und im übrigen, was im 9. Kapitel des weiteren über die Höhe der Transportkosten bemerkt ist. 1 . eine gleichmäfsige Beherrschung aller Zweige der Textilindustrie . . . fehlte nicht nur, sondern es bestand geradezu das Gegenteil. Die eine Gegend war der andern in diesem oder jenem Zweige vorauf, hier wurde besser blau gefärbt, dort verstand man sich besser auf die Bereitung von Lodentüchem, an einem dritten Orte kamen andere Vorzüge zur Geltung“. A. Schulte 1, 112. „Schon früh hat sich das Gewerbe — sc. die Scliürlitz- weberei — specialisiert; in Ulm wurde rot, in Augsburg schwarz gefärbt, Köln war neben grün und schwarz namentlich für den blau und weifs gewürfelten „Cölsch“ berühmt . . . der Baseler Vogelschürlitz war blau oder blau und weifs.“ Geering S. 308. Einen guten Überblick über die weitgehende Entwicklung von Speeialitäten im Tücher ge werbe giebt das in Flandern im 12. Jahrhundert entstandene Gedicht Conflictus ovis et lini v. 169—212, abgedruckt in M. Haupts Zeitschrift für deutsches Altertum 11 (1859), 220 f. Noch viel länger aber als die Wollindustrie ist die Sei den - industrie Monopol einzelner Städte geblieben. Es dauert Jahrhunderte, ehe sie sich selbst in Italien von Lucca auf Genua, Mailand und andere Städte ausbreitet. Wie sehr das zweite grofse Exportgewerbe des Mittelalters — die Metallindustrie, namentlich in der Waffenbranche — die Specialität entwickelte, ist bekannt. Die Klingen von Toledo, Brescia und Passau, die Panzer und Harnische von Mailand, Insbruck, Nürnberg hatten allerorts ein Monopol. Vgl. aufser den bereits genannten Werken W. Böheims etwa noch H. von Duyse, Über den Handel mit Hiebwaffen in verschiedenen Epochen in der Zeitschr. für histor. Waffenkunde 1, 65 ff. Um uns eine richtige Vorstellung von der Bodenständigkeit des mittelalterlichen Gewerbewesens zu machen, müssen wir es etwa mit der modernen agrarischen Specialitätenproduktion vergleichen. Die Landwirtschaft hat dank ihrer Abhängigkeit von den natürlichen Bedingungen des Produktionsortes noch heute, namentlich für Delikatessen, eine weitgetriebene Lokalisierung ihrer Erzeugnisse bewahrt. Es giebt für Gourmes Specialkarten, auf denen die berühmtesten Produktionsorte für die Bestandteile einer guten Küche ver- f 158 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. deren Begründung, wie ersichtlich, wieder auf die Eigenart des empirischen Verfahrens zurückgeht, begegneten sich also die einheimischen wie die fremden Produzenten; in ihr fanden beide ihre Sicherheit und damit das Handwerk die Möglichkeit seiner Existenz h Nun darf aber die Untersuchung über die realen Existenzbedingungen des Handwerks nicht als abgeschlossen betrachtet werden, ehe wir nicht einen Blick geworfen haben auf die Eigenart der Preisbildung bei den Erzeugnissen des Handwerks: in ihr haben wir gleichsam einen Niederschlag aller die Produktionsweise bedingenden Verumständungen vor uns und somit eine Bestätigung der Richtigkeit der vorausgehenden Beweisführung. Wenn wir nun die Preise der gewerblichen Produkte in denjenigen Wirtschaftsepochen, in denen Handwerk geblüht hat, einer genaueren Prüfung unterziehen, so werden sich folgende für die Existenz des Handwerks besonders wichtigen Eigentümlichkeiten ihrer Gestaltung ohne weiteres feststellen lassen: 1. ihre absolute Höhe, verglichen mit den Preisen der Rohstoffe ; 2. ihre für heutige Begriffe geradezu unerhörte Konstanz durch lange Zeiträume (Jahrhunderte); 3. ihre verhältnismäfsig geringen Schwankungen innerhalb kurzer Zeiträume (Jahren). Wo die Preise gewerblicher Erzeugnisse aber während des Mittelalters (also doch immer dem goldenen Zeitalter des Handwerks) überhaupt eine Tendenz zu konstanten Veränderungen zeigen, da ist es eine steigende Tendenz: so namentlich in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, infolge der schon erwähnten starken Verringerung des Angebots. Es leuchtet also auf den ersten Blick ein, dafs in der Preisgestaltung jener Zeiten die beiden für den Bestand handwerks- mäfsiger Produktion entscheidenden Bedingungen ihren prägnanten zeichnet sind. Vgl. z. B. Chatillon-Plessis, La vie ä table ä la fin du XIX. sifecle (1894) p. 225. Ähnlich würde eine gewerbegeographische Karte des Mittelalters aussehen. 1 „Die neuen Importbranchen kommen ihm — nämlich dem Handel — jeweilen nur so lange zu gute, als dafür keine heimische Produktion besteht. Sobald sich das entsprechende Handwerk aufthut, mufs ihm der kaufmännische Import weichen, weil es durch die Ersparnis des Handelsrisikos und der hohen Transportkosten imstande ist, ihn zu unterbieten“: für Basel G-eering S. 138/39. Sechstes Kapitel. Die Existenzbedingungen des Handwerks. 150 Ausdruck finden: Stabilität der Absatzverhältnisse bezw. Gestaltung des Marktes zu Gunsten des Angebots. Von der thatsächliclien Preisgestaltung während des Mittelalters kann sich jedermann leicht in den monumentalen Werken von D’Avenel, Lamprecht, Cibrario und namentlich Th. Rogers leicht überzeugen. Eine oder die andere Tabelle aus ihnen hier mitzuteilen, würde nicht nur überflüssig, sondern in gewissem Sinne sogar bedenklich sein, da die richtige Wertung der Ziffern die Gesamtkenntnis jener Werke zur notwendigen Voraussetzung hat. * * * Schauen wir nunmehr einen Augenblick zurück auf die Wegstrecke, die wir in unseren letzten Ausführungen zurückgelegt haben, so ergiebt sich uns folgendes Resultat: Wir hatten gefragt nach den objektiven Bedingungen hand- werksmäfsiger Produktion und hatten zunächst als Antwort erhalten: bestimmte Organisationsformen und bestimmte Gestaltungen der Gewerbeordnung. In der That hat uns eine Übersicht gelehrt, dafs fast überall, wo wir Handwerk antreffen, wir auch einer eigentümlich gearteten Gliederung der einzelnen Produzenten untereinander sowie einer besonderen Rechtsordnung begegnen. Wir haben denn auch die Zweckbestimmtheit beider verstehen lernen, haben eingesehen, wie sie den Strebungen des Handwerks förderlich zu sein berufen sind. Aber wir vermochten bei dieser Einsicht nicht stehen zu bleiben. Aus der Beobachtung, dafs Handwerk auch ohne jene organisatorischen Voraussetzungen zu Zeiten bestanden habe und trotz ihrer zu anderen Zeiten nicht habe bestehen können, schlossen wir, dafs die Existenzfähigkeit des Handwerks an die Erfüllung noch anderer als jener blofs formalen Bedingungen geknüpft sei. Unsere Untersuchung führte uns denn auch zu der Erkenntnis dieser Bedingungen, die wir vor allem in der Gestaltung der Absatzverhältnisse kennen lernten, die ihrerseits wieder ihre eigene Bedingtheit in einer bestimmten Gestaltung des technischen Könnens und der Bevölkerungsverhältnisse fanden. Wollen wir nunmehr eine Vereinigung jener formalen und dieser materiellen Bedingungen handwerksmäfsiger Produktion vornehmen, so können wir Zunftorganisation und Zunftgesetzgebung als Hilfskonstruktionen bezeichnen, die vorgenommen werden, um den Bestand des Handwerks zu sichern. Hilfskonstruktionen, die schon erkennen lassen, dafs von dem Bau selbst Teile abzubröckeln beginnen oder Teile ins Wanken kommen. Sind jene von uns für 160 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. (las Handwerk als notwendig erkannten Voraussetzungen voll erfüllt, so bedarf es überhaupt solcher Hilfskonstruktionen nicht. Umgekehrt: ist keine der Bedingungen erfüllt, von denen das Handwerk abhängig ist, so sind auch die kunstvollsten Hilfskonstruktionen nutzlos. Zwischen diesen Extremen liegt das Anwendungsgebiet der zünftigen Organisation des Handwerks. Und das ist offenbar ein sehr grofses. Denn es ist klar, dafs die Existenzbedingungen für das Handwerk einmal dem Grade nach unendlich verschieden erfüllt sein können, dafs aber ferner die Bedingungen verschieden sich gestalten können zur gleichen Zeit von Ort zu Ort, von Gewerbe zu Gewerbe. In wie hohem Mafse dies der Fall ist, lehrt ein Blick auf die geschichtliche Entwicklung. Zunächst: ob jemals für alle Gewerbe zu einer bestimmten Zeit an allen Orten sämtliche Bedingungen erfüllt gewesen sind, die wir theoretisch festgestellt haben, ist schwerlich mit Bestimmtheit zu sagen; sicher sind es immer nur kürzere Zeitläufe gewesen,. in denen diese Voraussetzung zutraf, in denen also ein Handwerkerstand bei freiheitlicher Gewerbeordnung 1 ungefährdet bestanden hat. Wie schon angedeutet, scheint es, als ob ein solches Maximum von günstigen Umständen für das Handwerk in den früheren Zeiten des europäischen Mittelalters, in Deutschland etwa bis um die Wende des 13. Jahrhunderts bestanden habe. Was aber sicher ist, ist dieses, dafs jene zweite Periode in der Geschichte des Handwerks, jene Periode der „Hilfskonstruktionen“, in der also die Existenzbedingungen für das Handwerk sich allmählich und Stück für Stück verschlechtern, in denen überhaupt erst eine Gefährdung handwerksmäfsiger Produktion beginnt, unendlich viel länger dauert. Wir können sie in Deutschland auf reichlich ein halbes Jahrtausend bemessen, d. h. auf die Zeit von 1300—1350 bis 1800—1850. Es ist, wie ersichtlich, das Zeitalter der Zunftgesetzgebung und Zunftorganisation, die sich aus unscheinbaren Anfängen in diesem halben Jahrtausend zu einem immer kunstvolleren Systeme ausgestalten, in dem Mafse wie ein Handwerk nach dem andern in seinem Bestände gefährdet wird. 1 Da die Zünfte, wie wir wissen, nur zum Teil aus Schutz- und Trutzbedürfnissen des Handwerks entstehen, also in diesem Sinne Zweckverbände sind, so ist ihre Existenz auch möglich und sicher wirklich gewesen zu Zeiten, in denen vielleicht der Handwerker als Mensch des Anschlusses an seines Gleichen, aber noch nicht als Produzent der Hilfe und Unterstützung seiner Genossen bedurfte. Sechstes Kapitel. Die Existenzbedingungen des Handwerks. 1(31 Aber während dieser ganzen Zeit bleibt doch der Bau liand- werksmäfsigen Gewerbewesens in seinen Grundfesten unerschüttert. Das gesamte Wirtschaftsleben behält sein handwerksmäfsiges Gepräge. Auch die neuentstehenden Wirtschaftsformen, wie wir noch sehen werden, treten ursprünglich in handwerksmäfsigem Gewände auf. Das macht, dafs während dieser ganzen langen Periode doch in weitem Umfange noch die Bedingungen handwerksmäfsiger Produktion bestehen bleiben. Wie sehr das der Fall ist, werden wir erst ganz zu ermessen vermögen, wenn wir die Gesamtgestaltung des Wirtschaftslebens am Ende dieser Epoche kennen; in Deutschland also etwa um die Mitte unseres Jahrhunderts. Erst von da ab beginnt die dritte Periode in der Geschichte des Handwerks: sein Abtritt von der geschichtlichen Bühne, auf der eine vollständig neue Scenerie erscheint und ein vollständig neues Spiel beginnt: das Zeitalter mit vorwiegend kapitalistischem Gepräge nimmt seinen Anfang und gestaltet rasch alle Lebensbedingungen um, so rasch, dafs uns im Jahre 1900 die Zeit um 1850 ferner liegt als unseren Vätern um die Mitte des 19. Jahrhunderts etwa die Zeit von 1350. Wie sich schrittweise die Voraussetzungen kapitalistischer Wirtschaftsführung erfüllen, ist die eigentliche Aufgabe der folgenden Ausführungen. Ehe sie aber begonnen werden, mufs zur Ergänzung der bisherigen Darstellung noch diejenige Sphäre vorkapitalistischen Wirtschaftslebens geschildert werden, die erst zusammen mit dem Handwerk in der gewerblichen Produktionssphäre das Gesamtwesen der „Wirtschaft als Handwerk“ ausmacht: die Sphäre des vorkapitalistischen Handels. Dessen Schilderung ist aber um so notwendiger, als gar zu häufig Handel und Handwerk in einen Gegensatz zu einander gebracht werden, weil man sich gern jeden Handel als eine Erscheinungsform des Kapitalismus vorstellt 1 . Demgegenüber ist zu zeigen, dafs ebenso wie die gewerbliche Produktion auch der Handel lange Zeit ohne jeden Anflug von Kapitalismus bestanden hat: als ebenbürtiger und verträglicher Bruder des hand- werksmäfsigen Gewerbes. Der Darstellung dieses vorkapitalistischen Handels ist das folgende Kapitel gewidmet. 1 „Der Handel mufs seiner Natur nach kapitalistisch betrieben werden.“ Rieh. Ehrenberg, Entstehung und Bedeutung grofser Vermögen, in der Deutschen Rundschau vom 15. April 1901. S. 123. Sombart, Der moderne Kapitalismus. I. 11 « Siebentes Kapitel. Der vorkapitalistische Handel. A. Die Vorstufen des berufsmäfsigen Handels. Wir wollen unter Handel verstehen: Die berufsmäfsig ausgeübte Thätigkeit des Wareneinkaufs zum Zweck des Wiederverkaufs unter der Voraussetzung, dafs an den Waren keinerlei (oder nur unwesentliche) Formveränderungen in dem Zeitraum zwischen Einkauf und Verkauf seitens des Händlers vorgenommen werden. Handel soll also immer den Sinn einer berufsmäfsigen wirtschaftlichen Thätigkeit haben. Fassen wir aber den Begriff in solcher Weise, so müssen wir uns der Thatsache bewufst sein, dafs es sich bei diesem Handel um eine verhältnismäfsig späte Erscheinung des Wirtschaftslebens handelt. Lange, unermefslich lange Zeiträume müssen vergangen sein, ehe der Güteraustausch, der ja, wie wir jetzt wissen, selbst erst langsam und mühsam sich aus der tauschlosen Wirtschaft entwickelt hat 1 , von berufsmäfsigen Händlern ausgeübt worden ist. In allen Anfängen der Entwicklung des Tauschverkehrs darf als Regel der Austausch durch die Produzenten selbst (oder deren Vertreter wie Häuptlinge etc.) angenommen werden. Es ist der Zustand eines Güter aus t aus c lies ohne Handel, wie er offenbar im europäischen Mittelalter noch vorwiegend herrscht. Auf dieser Stufe der Entwicklung ist jedes für den Austausch produzierende Wirtschaftssubjekt Händler, wie denn bekanntlich in vielen mittelalterlichen Urkunden mercator den Sinn von Marktbesucher oder auch Stadtbürger hat. (Vgl. Exkurs I.) 1 Siehe den I. Exkurs zu diesem Kapitel. Siebentes Kapitel. Der vorkapitalistische Handel. 1(33 Aber auch nachdem sich schon die Vermittlung des Warenaustausches als Verrichtung besonderer Personenkategorien neben den Produzenten herausgebildet hat, dürfen wir nicht ohne weiteres auf die Existenz eines berufsmäfsigen Handels schliefsen. Zwischen diesen und den Güteraustausch schieben sich vielmehr noch zwei andere Entwicklungsstufen ein, die wir als Vorstufen des berufsmäfsigen Handels bezeichnen können. Es ist die Stufe des Raubhandels und des Gelegenheitshandels. Der Raubhandel ist der Zwillingsbruder des Raubes. Er • besteht darin, dafs (meistens berufsmäfsig) Waren verkauft werden, die von den Verkäufern weder produziert noch gekauft, sondern durch Gewalt erworben worden sind. Man kann in diesem Falle auch von einem einseitigen Handel sprechen. Wie bekannt, ist das eigentliche Feld der Thätigkeit für den Raubhandel das Meer, wo er als Piraterie jahrtausendelang berufsmäfsig ausgeübt worden ist, Nur mit zwei Schiffen ging es fort, Mit zwanzig sind wir nun im Port; Was grofse Dinge wir getlian, Das sieht man unsrer Ladung an. Das freie Meer befreit den Geist, Wer weifs da, was besinnen heifst. Da fördert nur ein rascher Griff, Man fängt den Fisch, man fängt ein Schiff; Und ist man erst der Herr zu drei, Dann hackelt man das vierte bei; Da geht es dann dem fünften schlecht; Man hat Gewalt, so hat man .Recht. Man fragt umsJWas? und nicht ums Wie? — wie die geistvollste Abhandlung von dem Piratengewerbe es uns gelehrt hat. Dafs alle handeltreibenden Völker vor und neben dem berufsmäfsigen Handel den Raubhandel gekannt, ist eine ebenso sicher verbürgte Thatsache, wie es erwiesen ist, dafs das europäische Mittel- alter von der Regel keine Ausnahme gemacht hat und sogar die neueste Zeit mit der Piraterie noch als mit einer allgemein verbreiteten Gewohnheit hat rechnen müssen. (Vgl. Exkurs I.) Was jedoch bisher meines Wissens nicht die genügende Beachtung gefunden hat, ist der Umstand, dafs auch zu einer Zeit, da der Handel berufsmäfsig als eine wirtschaftliche Thätigkeit ausgeübt wurde, die Idee des Raubhandels noch lange weitergewirkt hat in den Ordnungen, die sich der Handel gab. Ich werde an 11 * 164 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. passender Stelle von dem selbstverständlichen Zustand der Monopolisierung und Privilegisierung des urwüchsigen Handels eingehender sprechen. Hier soll nur darauf hingewiesen werden, dafs die in dieser ausschliefsenden Ordnung zum Ausdruck kommende Idee keine andere als die dem einseitigen Handel zu Grunde liegende dem natürlichen Menschen allein verständliche ist: dafs nämlich der Erwerb der als Verkaufsobjekt dienenden Waren nicht auf dem Wege eines freihändigen Kaufs zu erfolgen habe, sondern thunlichst durch entgeltlose oder entgeltniedrige Wegnahme der Waren. Ebenso wie aller Kolonialhandel noch heute zum grofsen Teil einseitiger Handel geblieben ist, d. h. Verkauf von Erzeugnissen anderer, die man auf dem Wege der Ausplünderung diesen abgenommen hat. Dafs die Entstehung und Weiterdauer des Raubhandels engstens mit dem Gegensatz zwischen Genossen und (Stammes-)Fremden zusammenhängt, braucht auch als eine im allgemeinen bekannte Thatsache hier nur in Erinnerung gebracht zu werden. Eine zweite Vorstufe des berufsmäfsigen Handels, die aber häufig neben jener eben erwähnten herläuft, ist diejenige Form der Waren Vermittlung, die ich den Gelegenheitshandel nenne. Dieser wird dadurch gekennzeichnet, dafs er zwar bereits zweiseitiger Handel ist, d. h. also auf dem Einkauf von Waren zum Zweck des Verkaufs beruht, dafs ihm aber zur vollen Qualität des Handels noch die Berufsmäfsigkeit mangelt. Die Handelsthätigkeit wird vielmehr auf dieser Stufe gelegentlich, gleichsam im Nebenberufe, von beliebigen Personen (die nur nicht selbst die Produzenten der gehandelten Waren sind) ausgeübt wird. Mit Vorliebe von reichen Leuten: Grundbesitzern, hohen Beamten u. dergl. Auch der Gelegenheitshandel ist eine in allen primitiven Kulturen verbreitete Erscheinung und spielt insbesondere im europäischen Mittel- alter eine bedeutend gröfsere Rolle, als die bisherigen Darstellungen des mittelalterlichen Handels vermuten lassen 1 . Man darf sogar mit einem gewissen Rechte behaupten, dafs dort, wo im Mittelalter im grofsen Stile Handel getrieben wird, es Gelegenheitshandel ist, der nicht von der berufsmäfsigen Händlerkaste ausgeübt wird. Diese Beobachtung wird nun aber denjenigen nicht in Erstaunen setzen, der von dem Wesen des alten berufsmäfsigen Handels eine rechte Vorstellung hat. Es kann nämlich nicht entschieden genug betont werden, dafs dieser in aller früherer Zeit, 1 Vgl. den Exkurs I. Siebentes Kapitel. Der vorkapitalistische Handel. 1(35 historisch bestimmt während des ganzen europäischen Mittelalters aufser in Italien, hier bis ins 14. Jahrhundert hinein, sich in ganz engem Rahmen bewegt und durchaus das Gepräge handwerks- mäfsiger Beschäftigung getragen hat. Es ist der Zweck der folgenden Darstellung, dies zu erweisen. Wenn ich diesen vorkapitalistischen Handel als „Handwerk“ bezeichne, so geschieht es, um gleich von vornherein den Inhalt der Beweisführung in einem prägnanten Schlagwort zusammenzufassen und das Verständnis für die Sache dadurch zu erleichtern, dafs ich im Leser bestimmte Associationen wecke und ihm von Anfang an ganz prägnante Vorstellungsreihen suggeriere. B. Der Handel als Handwerk. I. Der Geschäftsumfang. Von entscheidender Bedeutung für ein richtiges Verständnis des vorkapitalistischen Handels würde die genaue Kenntnis seiner GröfsenVerhältnisse, insonderheit der von einem Händler umgesetzten Gütermengen oder Wertbeträge sein. Leider sind wir bis jetzt hierfür auf gelegentliche Mitteilungen der Quellen angewiesen und werden es wohl in aller Zukunft im wesentlichen bleiben. Immerhin ist das, was wir heute von dem Geschäftsumfang des mittelalterlichen Handels wissen, genug, um uns eine ungefähre Vorstellung von seiner quantitativen Bedeutung zu machen. Quellen- mäfsig verbürgte Ziffern verschiedenster Art verbunden mit einer allmählichen Entwicklung des statistischen Sinnes auch für die Zahlen des Handelsverkehrs beginnen allmählich — freilich viel langsamer als auf dem Gebiete der Bevölkerungsstatistik! — mit den phantastischen Gröfsenvorstellungen aufzuräumen, wie sie etwa die Zifferangaben Mocenigos und Marino Sanutos für Venedig, Vil- lanis für Florenz in den Köpfen der Historiker erzeugt hatten, wie sie beispielsweise noch in der bekannten Abhandlung des Generalpostmeisters Stephan 1 eine Rolle spielen. Wir müssen uns gewöhnen, auch und gerade mit Bezug auf den Handel und Verkehr, Ziffern der Vergangenheit, deren Entstehungsart wir nicht ganz genau nachprüfen können, mit Argwohn zu betrachten. Es ist auffallend, dafs die Historiker von Fach, deren Akribie in Bezug auf littera- rische und urkundliche Überlieferung die höchste Ausbildung er- 1 Stephan, Das Verkehrsleben im Mittelalter, in Räumers Historischem Taschenbuch. Vierte Folge, zehnter Jahrgang. 1869. 166 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. fahren hat, alles, was sie an statistischen Ziffern in den Quellen finden, häufig genug unkritisch mit einem naiven Dilettantismus verwenden. Wer schriebe beispielsweise nicht unbesehens seinem Vorgänger nach, dafs der Warenumsatz im Fondaco dei Tedeschi in Venedig jährlich 1000 000 Dukaten betragen habe. Und doch ist mir nicht bekannt, dafs irgend ein positiver Anhalt vorliegt, der uns geneigt machen könnte, jene phantastische Ziffer eines blagierenden Bürgermeisters glaubhaft zu finden. r Eine gleich verdächtige Ziffer sind die berühmten 100 000 Stück Tuch des Villani, die anno 1308 in Florenz fabriziert sein sollen, und die nochDoren als „einwandsfrei“ bezeichnet 1 . Man braucht nun, um ihre Unglaubwürdigkeit zu erweisen, nur folgenden Kalkül anzustellen: Ende des 13. Jahrhunderts betrug die Gesamtausfuhr an Wolle aus England nach Italien etwa 4000 Sack 2 3 . Nun rechnet man in damaliger Zeit auf einen Sack Wolle drei Stück Tücher 8 . Der Gesamtbetrag der nach Italien gelangenden Wolle hätte also eine Ausbeute von 12000 Stück ergeben. Mochte nun Florenz auch noch anderswoher seine Wolle beziehen: Hauptausfuhrland war doch England. Und jene Ausfuhrziffer bezieht sich ja nicht nur auf die nach Florenz, sondern die nach ganz Italien gelangende Wolle! Dies nur exempli gratia. » Um zu richtigen Vorstellungen von dem Geschäftsumfange eines Händlers in früherer Zeit zu gelangen, stehen uns zwei Wege offen: die Division von Gesamtumsätzen eines Platzes durch die Zahl der an ihnen beteiligten Kaufleute und der direkte Geschäftsausweis des einzelnen Händlers bezw. die Feststellung des von dem einzelnen gehandelten Güterquantums. Ziffern über den Gesamtumsatz eines Platzes oder der über eine Verkehrsstrafse bewegten Gütermengen sind naturgemäfs für die frühere Zeit besonders selten. Immerhin stehen uns einige sehr lehrreiche und ganz zuverlässige Statistiken zu Gebote, von denen die folgenden als Stichproben hier mitgeteilt werden mögen- Zunächst die Beträge des Ausfuhrhandels der wichtigsten Hansastädte im 14. Jahrhundert. Sie betrugen in dem letzten Jahre, für ^ das unser Gewährsmann 4 Ziffern mitteilt in: 1 Doren, Studien 1, 68. 3 Die Licenzen bezifferten sich (1277/78) auf 4235 Sack. K. Kunze, Hanseakten aus England 1275—1412. Hans. Geschichtsquellen Bd. 6 (1891) S. 332 3 Doren, Studien 1, 54. 4 W. Stieda, Kevaler Zollbücher und -Quittungen des 14. Jahrhunderts. Siebentes Kapitel. Der vorkapitalistische Handel. 167 r Reval (1384) 131 085 Mk. liib. oder 1 245 305 Mk. heutige Währung Hamburg (1400) 336 000 - - - 3192 000 - - Lübeck (1384) 293 760 - - - 2 790 720 - Rostock (1384) 76 640 728080 - Stralsund (1378) 330 240 - - - 3137 280 - Nach den Berechnungen Schultes ist der sich über den S. Gotthard bewegende Jahresverkehr im Spätmittelalter auf eine Gewichtsmenge von 1250 t anzusetzen, das ist, wie bekannt, der Inhalt von 1—2 Güterzügen. Recht genau sind wir über die Ausmafse des städtischen Getreidehandels im Mittelalter und zum Beginn der Neuzeit unterrichtet. Die Menge des Getreides, das im 16. und 17. Jahrhundert in den bedeutenden Getreidehandelsplätzen Stettin und Hamburg in den Handel kam, betrug in Stettin 2—3000 t, in Hamburg das Doppelte, der gesamte Jahresumsatz Stettins an Getreide in seiner Blütezeit umfafste also eine, derjenige Hamburgs zwei unserer heutigen Schiffsladungen 1 . Hans. Geschichtsquellen Bd. 5 (1887). LVI, LVII. Die Einleitung Stiedas zu dieser Edition gehört unzweifelhaft zu den wertvollsten Publikationen über $ mittelalterlichen Handel. 1 Ygl. W. Naudd, Deutsche städtische Getreidehandelspolitik vom 15. bis 17. Jahrhundert etc. 1889, und dazu meine Anzeige des Buches in Sclimollers Jahrbuch XIV, 312 ff. Ich habe dort versucht, auf rechnerischem Wege und durch Vergleiche mit modernen Verhältnissen eine genauere Vorstellung von dem Umfange des Getreidehandels Hamburgs und Stettins in ihrer Blütezeit zu gewinnen. Das Ergebnis war folgendes: „Fassen wir nur das Getreide ins Auge, das in den Handel kam, so waren es in Stettin ca. 2—3000 t, in Hamburg das Doppelte, Einen heutigen Getreidehandelsplatz zum Vergleich heranzuziehen ist nicht möglich, denn auch der kleinste ist zehnmal so grofs wie die gröfsten von damals; Plätze zweiten Ranges heutzutage, wie Danzig, Königsberg, Riga, haben einen Jahresumsatz, der vielleicht 200 mal gröfser als der Stettiner, 80—100 mal gröfser als der Hamburger im 16. und 17. Jahrhundert war; selbst Getreidehandelsplätze dritten Ranges, wie Reval, Bremen u. s. w., setzen 50—60mal mehr um. Stralsund führte 1888 seewärts 21000 t Getreide aus, also noch 10 mal so viel wie das damalige |r Stettin, 4—5mal so viel wie das damalige Hamburg; ein verlassener Hafen, wie Leer, ein Nest von 10 000 Einwohnern, hatte noch 1884 eine Einfuhr an Getreide von 20 916 t. Wir müssen immer tiefer herabsteigen, um ein Analogon für unsere „bedeutenden“ Getreidehandelsplätze des ausgehenden Mittelalters zu finden; leider verläfst uns hier die Statistik; denn Häfen, wie Stolp- münde, Rügenwalde, Deep, Wismar, bieten uns keine Zahlen mehr. Sie aber sind es, mit denen wir das damalige Hamburg und Stettin allein vergleichen dürfen.“ 168 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. Noch genauer kennen wir die Mengen der aus England während des Mittelalters ausgeführten Wolle. Sie betrug beispielsweise im Jahre 1277/78 14301 Sack, den Sack zu rund 2 dz gerechnet, also noch nicht ganz 30000 dz oder 3000 t; die von den hansischen Kaufleuten in diesem Jahre aus England exportierte Wolle bezifferte sich dagegen auf 1655 Sack, rund 3300 dz oder 330 t 1 , während im Jahre 1899 nach Deutschland 210667 t Wolle eingeführt wurden. Nun gewinnen aber alle diese Ziffern für uns erst ein Interesse, wenn wir gleichzeitig die Zahl der Händler kennen, die jenen Umsatz bewirkt haben. Die Zahl der Getreidehändler in Hamburg während des 16. Jahrhunderts wird uns mit 6—12 angegeben, allerdings von einem Gewährsmann, dessen Interesse eine Unterschätzung der Ziffer wahrscheinlich macht. Immerhin lassen auch andere Angaben den Schluls zu, dafs ein „grofser“ Getreidehändler jener schon verhält- nismäfsig späten Periode nicht mehr als höchstens 400 Last Getreide umsetzte 2 . An der Wollausfuhr aus England waren aber in dem angegebenen Jahre nicht weniger als 252 Händler beteiligt, so dafs auf jeden Händler ein Durchschnitt von 56 Sack oder etwa 110 dz Wolle entfällt, während die Zahl der deutschen Händler 37 betrug, ihr Durchschnittsanteil sich also auf 45 Sack oder 90 dz bezifferte. Im allgemeinen dürfen wir annehmen, dafs ebenso klein wie die Menge der insgesamt umgesetzten Waren im Mittelalter ge- 1 Hans. Geschichtsquellen 6 (1891),, 332. Die angeführten Zahlen betreffen die erteilten Licenzen, stellen also das meist nicht erreichte Maximum der Ausfuhr dar. 2 Ein renommistischer Chronist schreibt gegen 1500 (Naude, 32), es gäbe Bürger, die in einem Jahre wohl 400 Last Korn verschiffen. Das war also ein Wunder. 1580 petitionieren die Stettiner Kaufleute: man möchte doch lieber, statt ihnen einen Eid aufzuerlegen, vorschreiben, wieviel Getreide — 60 oder 100 Last — der Kaufmann, nach Gelegenheit der Zeit, als Maximum kaufen dürfe. Innerhalb des ganzen Jahres? es möchte fast unglaublich erscheinen. Wenn aber 400 Last etwas Besonderes war, dann sind 100 Last durchschnittlich, als Ergebnis einer zwangsweisen Beschränkung, noch gar nicht so wenig. In demselben Jahre (1580) klagen die Gildebrüder, „es sei zum Erbarmen, dafs 6, 8, höchstens 11 oder 12 Personen den Getreideumsatz ausschliefslich in Händen hätten“ (a. a. O. S. 73). Das war also schon ein Zustand, der als ungesund empfunden wurde, so dafs wir für die frühere Zeit eine viel gröfsere Anzahl Händler annehmen müssen. Siebentes Kapitel. Der vorkapitalistische Handel. JßC) wesen ist, ebenso enorm die Ziffer der daran beteiligten Händler war. Man hat diejenigen Historiker verspottet, welche „die zahllosen Städte von Köln und Augsburg bis Medebach und Radolfzell mit Kaufleuten im modernen Sinne, also einem berufsmäfsig entwickelten Stand von Händlern bevölkert“ haben. Gewifs mit Recht, soweit es sich um Übertragung des modernen Grofskaufmanns in die mittelalterlichen Städte handelt. Mit Unrecht jedoch m. E., sofern nur die Zahl der (allerdings durchaus handwerkerhaften) Händler in Frage kommt. Diese war gewifs exorbitant hoch. Es hat in der That in den mittelalterlichen Städten, wenigstens soweit sie Handel trieben, von Händlern und Handelshilfspersonen förmlich gewimmelt. Man mag sich in die Zustände Genuas oder Venedigs im 12. oder 13. Jahrhundert, in die einer hanseatischen Stadt noch am Ausgange des Mittelalters versenken: immer stöfst man auf denselben Haufen kleiner und mittlerer Händler, nach Art etwa unserer „Produkten-“ oder Viehhändler in einem kleinen Kreisstädtchen der Provinz Posen. Man ermesse doch, was das heifst: 252 Wollhändler sind bei der Ausfuhr von 30000 dz Wolle beteiligt! Man bedenke, dafs es zur Bewältigung des oben charakterisierten Getreidehandels in Hamburg 48 beeidigter Kornmesser und 132 beeidigter Kornträger bedurfte. Oder man vergegenwärtige sich das Gewimmel im Fondaco dei Tedeschi in Venedig, der bis 1505 allein zu Wohnzwecken 56 Gelasse enthielt, später 72 und 80, die immer besetzt waren, und in dem 30 Makler, 38 Ballenbinder, 40 Auktionatoren und eine Unmenge von Verwaltungspersonal ihr Wesen trieben 1 . Oder man denke an das Heer von arbeitsteilig organisierten Beamten, das unter dem prevot und den echevins in Paris steht, zur Besorgung der scharf voneinander abgegrenzten Handelshilfsgeschäfte. Oder man blättere die Chartae in den Historiae patriae Monumenta durch, um zu erstaunen, dafs fast alle Tage ein Commendavertrag in dem Genua des 12. Jahrhunderts abgeschlossen wird über irgend ein Handelsunternehmen kleinsten Kalibers. Doch wird es sich für unsere Zwecke mehr empfehlen, statt uns auf diese Raisonnements allgemeiner Natur einzulassen 2 , uns 1 Simonsfeld, Der Fondaco dei Tedeschi 2 (1887), 10, 18 ff., 112. 2 Als ein Symptom geringen Umsatzes, das ebenfalls noch allgemeiner Natur ist, wäre auch das lange Verharren bei der effektiven Silberwährung anzuführen. Die ersten Goldmünzen werden in Deutschland 1325 geprägt. Schulte 1, 329); in England 1344. Th. Rymer, Foedera etc. 5, 403. 170 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. nach konkretem Zahlenmaterial für den Geschäftsumfang oder den Warenumsatz einzelner Händler umzusehen. Glücklicherweise fehlt es daran nicht. Gleich die zuletzt erwähnte Quelle giebt uns in ihren Notariatsverträgen über temporäre „Handelsunternehmungen“, weil darin die Beträge des eingeschossenen Betriebsfonds angegeben sind, einen vortrefflichen Anhaltspunkt für die richtige Bemessung der Gröfsenverhältnisse mittelalterlichen Handels. In dem 1853 veröffentlichten zweiten Band der Chartae finden sich von r Nr. 293 ab, d. h. seit dem 16. April 1156 eine grofse Anzahl von Commenda- und Societas-Verträgen mit Angabe des eingeschossenen Vermögens. Solcher Verträge habe ich die ersten 50 zusammen gestellt und den Durchschnitt der darin angegebenen „Gesellschaftsvermögen“ gezogen. Es giebt bei einem Gesamtbetrag von 7470 genuesischen Libre, über die die 50 Verträge lauten, einen Durchschnitt von rund 150 lb., d. h. bei einem Verhältnis der-Lira zum Florin von 5:4, von 120 1 /a fl., das sind also etwa 1000—1100 M. heutiger Währung. Unter den Beträgen lautet der höchste über 900 lb., zwei weitere über mehr als 400 lb., zwei über 300 lb., der Rest bleibt unter dieser Summe. Dabei handelt es sich vielfach um Geschäfte mit fernen Ländern: Nr. 431 Vertrag über 297 lb. Handel nach 0 Alexandria, 434 (224 lb.) nach Tunis, 441 (150 lb.) nach Alexandria, 457 (300 lb.) nach Sicilien u. s. w. Häufig wird der eine der Anteile in Waren (in pannis) geleistet: es associiert sich ein Handwerker, der Tücher macht, mit einem andern, der die Tücher über Land oder See verführen soll. Ganz ähnliche Ziffern wie in dem Genua des 12. Jahrhunderts finden wir in den Gesellschaftsverträgen Lübecks im 13. Jahrhunderts h Hätte man sich die kleine Mühe schon früher gemacht, die Summen, die den Commenda- und Societas-Verträgen zu Grunde liegen, aufzurechnen: es wäre viel unnützes Gerede über die „wirtschaftliche Natur“ dieser Gesellschaftsformen vermieden worden 2 y in denen man von Anbeginn an die Flügelschläge des Kapitalismus t hat wollen rauschen hören. 1 Siehe die Beispiele bei C. W. Pauli, Liib. Zustände 1, 140 ff. 3 Aus der Litteratur über Commenda- und ähnliche Verhältnisse, die bei Goldschmidt im übrigen wohl vollständig verarbeitet ist, ragen hervor: Lästig, Beiträge zur Geschichte des Handelsrechts, in der Zeitschrift für das ges. Handelsrecht Bd. 24, Lattes, II diritto commerciale nella legis- Siebentes Kapitel. Der vorkapitalistische Handel. J7] Ebenso wie diese Gesellschaftsverträge gewähren einen Anhalt für die Abmessung der Warenumsätze mittelalterlicher Handelsgeschäfte die Ziffern, die die Vermögen der Kaufleute zum Ausdruck bringen. Wir dürfen bei der Länge der Umschlagsperioden damaliger Zeit getrost annehmen, dafs kein Händler für mehr Waren im Jahre umgesetzt hat, als. sein Vermögen Wert hatte, das ja noch grofsen- teils in Liegenschaften angelegt war. Nun hören wir aber beispielsweise, dafs 1429 in der reichen Handelsstadt Basel nur 5 Kaufleute mehr als 4000 fl. besafsen, davon 4 zwischen 4000 und 0500 fl., 30 ein Vermögen zwischen 1000 und 4000 fl., 14 ein solches zwischen 500 und 1000 fl., 22 zwischen 100 und 500 fl., 0 unter 100 fl. ihr eigen nannten * 1 . Selbst in Augsburg finden wir am Ende des 15. Jahrhunderts erst 70 Personen, die ein Vermögen von je mehr als 0000 fl., 15, die ein solches je über 15000 fl., 4 je über 30000 fl. besitzen 2 . Und von den 70 Personen gehörte sicher nur ein kleiner Teil der Berufshändlerkaste an. Ein weiteres Symptom für die Kleinheit auch des Seehandels in vorkapitalistischer Zeit ist die Winzigkeit der Schiffe, die ja zudem noch, trotz ihrer geringen Gröfse, meist von mehreren besessen wurden: bekanntlich ist der Partenbesitz bis tief in die Neuzeit hinein die charakteristische Form der Rhederei 3 . ln den Jahren 1368—1384 wurden Seeschiffe, die in den Häfen Reval, Riga oder Pernau verkehrten, mit 475—3421 M. heutiger Währung bezahlt 4 . Während des 14. Jahrhunderts waren in norddeutschen Städten Seeschiffe von mehr als 100 Last noch nicht lazione statutaria delle cittä italiane (1884), 154 ff. und Max Weber, Zur Geschichte der Handelsgesellschaften im Mittelalter. 1889. Vgl. unten S. 181 f. 1 S. Schönberg, Finanzverhältnisse der Stadt Basel (1879), 180/81. 3 J. Hartung, Die Augsburger Zusehlagsteuer von 1475; derselbe, Die augsburgische Vermögenssteuer und die Entwicklung der Besitzverhältnisse im 16. Jalirh., beide Aufsätze in Schmollers Jahrb. 19 (1895). Die Vermögenssteuer betrug für Immobilien 1 /a °/o, für Mobilien 1 U °/o; wie sich das Vermögen auf die beiden Kategorien verteilt, wissen wir nicht, da wir nur die von einer Person gezahlte Gesamtsteuer kennen. Ich habe ein gleiches Verhältnis zwischen beiden Vermögenskategorien angenommen. Jene 6000 fi. würden also = 4000 fl. in Immobilien = 8000 fl. in Mobilien sein. Der Steuersatz ist 10 fl. 3 Vgl. darüber neuerdings von Below in den Jahrbüchern 20, 42 ff. 4 Stieda, Reval er Zollbücher, LXIX. 172 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. häufig, solche von 150 Last aufserordentlich seltenV Nehmen wir mit Stiecla die Schiffslast zu 2 Vs R.-T. an (1 Hamburger Schiffs- last war zuletzt gleich 3 Gewichtstonnen), so gelangen wir dazu, selbst in den gröfsten Kauffahrteischiffen der Hansa in ihrer Blütezeit Schiffstypen von der Gröfse unserer heutigen t Fiseherböte oder kleinerer Flufskähne erblicken zu müssen. Ein Schiff von 150 Lasten, also der gröfsten eines, hat nicht mehr als 4—500 t Tragfähigkeit gehabt (als Maximum), während heute die Rheinkähne 1200 t und darüber laden. Wenn nun an der überhaupt gelängen Ladung eines solchen Schiffes, wie es die Regel war, noch obendrein eine ganze Anzahl von Kaufleuten beteiligt war, so läfst sich daraus auf den geringen Umfang der einzelnen Geschäfte ein sicherer Schlufs ziehen. Stieda hat uns für das Jahr 1369 über den Wert der Ladungen von 12 aus Reval abgehenden Schiffen, sowie über die Zahl der daran beteiligten Kaufleute aufserordentlich lehrreiche Angaben gemacht. Danach betrug die Zahl der Kaufleute, die auf diesen 12 Schiffen Waren versandten, 178; der Gesamtwert sämtlicher 12 Schiffsladungen aber bezifferte sich auf 29304Vs Mk. lüb. Jeder einzelne Kaufmann hatte also im Durchschnitt einen Warenwert von 164 Mk. lüb. oder etwa 1600 Mk. heutiger Währung verfrachtet 1 2 . Diese eine Zahl redet Bände. Dafs die Gröfsenverhältnisse aber keineswegs vereinzelte waren, lehren uns zahlreiche andere Fälle, die ein ganz ähnliches Bild gewähren. Der Wollhändler in England wurde 1 Hirsch, 264. „In jener Zeit lag es im Interesse der Seeschiffer, möglichst flachgehende Fahrzeuge zu führen, weil sie mit diesen am bequemsten auch in flache Häfen hineinsegeln konnten. An Baggerarbeiten in gröfserem Mafsstabe, an Vertiefung der Mündung dachte wohl niemand“, bemerkt für Stettin im 14. Jahrhundert Th. Schmidt, Zur Geschichte der früheren Stettiner Handelskompagnien etc. (1859), 8. Dasselbe Bild der Winzigkeit gewährt der Ostseeverkehr noch bis tief in die Neuzeit hinein. Im Verkehr zwischen Lübeck und den übrigen Ostseehäfen finden wir im 17. Jahrhundert der Eegel nach Schiffe von 50—60 Lasten. F. Siewert, Geschichte und Urkunden der Rigafahrer in Lübeck, Hans. Geschichtsquellen. N. F. Bd. I (1899), 207 ff. Sehr anschaulich stellen die Zeichnungen Willy Stöwers die verschiedenen Typen der Hansaschiffe im 14. und 15. Jahrhundert dar. Es sind in der That im heutigen Sinne Nachen, wie sie auf den deutschen Flüssen zu wirtschaftlichen Zwecken nur noch selten verkehren. Siehe die Tafel im VII. Bde. der von Hans F. Helmolt herausgegebenen Weltgeschichte (19001 zwischen S. 36 u. 37. 2 Stieda, Revaler Zollbücher LXXXVIII ff. Vgl. dazu Stieda, Schiffahrtsregister, in Hans. Geschichtsblätter 1884, 77 ff. Siebentes Kapitel. Der vorkapitalistische Handel. 173 schon im allgemeinen gedacht. Kehren wir noch einen Augenblick zu ihnen zurück, um sie noch etwas genauer zu betrachten. Versetzen wir uns in den englischen Hauptausfuhrhafen für Wollen im 13. und 14. Jahrhundert: Boston. So begegnen uns dort 1 beispielsweise im Jahre 1303 nicht weniger als 47 hanseatische Wollhändler, die zusammen 749 Sack Wolle ausführen. Von ihnen ist der bedeutendste ein Walter aus Reval, der 91 Sack IV 2 Stein exportiert; der nächstgröfste hat 68 Sack 15 1 /a Stein zu Schiff gebracht; dann folgen drei, die mehr als 40 Sack, sieben, die mehr als je 10 Sack exportieren; auf den Rest — 35 Händler — entfallen zusammen 305 Sack 17 1 /2 Stein, jeder einzelne von ihnen ist also nach England gefahren, um weniger als 20 dz. Wolle nach Hause zu bringen. Dafs der Landhandel eher noch in kleineren Mengen sich abwickelte, ist von vornherein wahrscheinlich und wird durch ein umfangreiches Quellenmaterial bestätigt. Dafs es im 13. Jahrhundert verlohnte, über „3 pecias telarum de Basle“ einen Commenda- vertrag abzuschliefsen 2 , wird uns nicht in Erstaunen setzen, wenn wir noch im 16. Jahrhundert Jos. Kramer, einen der reichsten Männer Augsburgs, seinen Faktor nach Venedig schicken sehen, um 16 Sack Baumwolle, den Centner um 4 Dukaten 17 gross einzukaufen 3 . Zwei Kaufleute aus Lille, die 1222 bei Como ausgeraubt werden, führen 13 1 /2 Stück Tuch und 12 Paar Hosen bei sich 4 5 . Der Wert einer im Jahre 1391 von Rittern geplünderten Karawane Basler Kaufleute, die zur Frankfurter Messe zogen, wurde auf 9544 fl. oder 12430 lb. geschätzt. Daran participierten aber nicht weniger als 61 (!) Kaufleute, deren jeder also mit einem Warenwerte von durchschnittlich 156 fl. die beschwerliche Reise angetreten hatte. Der Jahresumsatz der reichsten Basler Kaufleute betrug damals 1200—1400 fl., die meisten aber erreichten mit ihrem Umsatz diesen Betrag nicht annähernd. Unter jenen 61 die Frankfurter Messe besuchenden Händlern waren 27, die weniger als 100 fl. Vexdust anzumelden hatten, einzelne hinab bis zu 13, 10, 9, 8, 7 1 /* fl. 6 . 1 Hans. Gesehiclitsquellen 6 , 340 ff. 2 Schulte 1, 116. 3 Chroniken deutscher Städte 5, 128. 132 (Chron. des Burkard Zink). 4 Schulte 2, 105 (Urkunde Nr. 188). 5 Ge er in g, 145. Zum Vergleiche ziehe man etwa noch die Klageartikel Rigas gegen England vom Jahre 1406 heran, worin die Waren dreier untergegangener Hanseschiffe und ihre Besitzer aufgezählt werden. Auch 174 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. Was wiederum an Glaubwürdigkeit gewinnt, wenn wir hören, dafs der gemeine deutsche Kaufmann in Nowgorod im 14. Jahrhundert in maximo 1000 M., also noch nicht 10000 M. heutiger Währung umsetzte. Überall bietet sich uns dasselbe Bild dar: von wenigen gröfseren, meist gar nicht berufsmäfsigen Kaufleuten abgesehen, eine wimmelnde Schar kleiner und kleinster Händler, wie sie auf den Jahrmärkten von Könitz und Krotoschin uns heute begegnen; oder wie wir sie auf den Landstrafsen entlegener Gebiete mit ihrem Packen auf dem Rücken oder auf ihrem mit einem Pferdchen bespannten Karren noch heute antreffen können. II. Der Händler. Mit den letzten Worten haben wir schon das Bild derjenigen Männer zu skizzieren begonnen, die Träger des berufsmäfsigen Handels in vorkapitalistischer Zeit waren. Wie es die Gröfse ihres Geschäftsbetriebes vermuten läfst, waren sie nichts anderes als handwerksmäfsige Existenzen. Ihr ganzes Denken und Fühlen, ihre sociale Stellung, die Art ihrer Thätigkeit, alles läfst sie den kleinen und mittleren Gewerbetreibenden ihrer Zeit verwandt erscheinen. Es giebt in der That nichts Thöriehteres, als das Mittel- alter mit kapitalistisch empfindenden und ökonomisch geschulten Kaufleuten zu bevölkern. Das specifisch handwerksmäfsige Wesen des Händlers alten Schlages tritt vor allem in der Eigenart seiner Zwecksetzung zu Tage. Auch ihm liegt im Grunde seines Herzens nichts ferner als ein Gewinnstreben im Sinne modernen Unternehmertums; auch er will nichts anderes, nicht weniger, aber auch nicht mehr, als durch seiner Hände Arbeit sich recht und schlecht den standesgemäfsen Unterhalt verdienen; auch seine ganze Thätigkeit wird von der Idee der Nahrung beherrscht. Wir werden sehen, wie dieser Gedanke vor allem in der eigentümlichen Gestaltung der Rechts- und Sittenordnung des alten Handels zum Ausdruck kommt. Hier mag nur daran erinnert werden, wie der handwerksmäfsige Geist des urwüchsigen Handels als die selbstverständliche Seelenstimmung der langen Jahrhunderte des Mittelalters gleichsam hier handelt es sich um Hunderte kleiner Händler, deren jeder einzelne so viel Waren auf dem Schiffe hatte, als heute ein Paekenträger auf dem Rücken oder allenfalls ein „fahrender Hausierer“ auf seinem Karren mit sich führt. Die Urkunden sind abgedruckt in Hans. Geschichtsquellen 5, 241 ff. (Nr. 326). Siebentes Kapitel. Der vorkapitalistische Handel. 175 seine Bestätigung findet in all den zahlreichen Bufs- und Reformschriften, die bei Beginn der neuen Zeit aus dem Boden wachsen. Dieselbe Reformation Kaiser Sigsmunds, die wir schon zur Charakterisierung des handwerksmäfsigen Gewerbetreibenden heranziehen konnten, hatte den Kaufleuten nur den Ersatz der Reise- und Transportkosten gestatten und jeden Unternehmergewinn verbieten wollen. Wie aber die reaktionären Reformatoren, vor allem Luther, mit treffsicherem Instinkte den alten die „Nahrung“ verbürgenden Handel richtig gezeichnet hatten, bringt die diesem Buche als Motto Vorgesetzte Stelle deutlichst zum Ausdruck. In ganz der gleichen Richtung bewegen sich die Gedankengänge der berühmten Schrift Christian Kuppeners über den Wucher (1508). Auch hier dieselbe Gegenüberstellung: die neuen Männer, die den grenzenlosen Gewinn erstreben, und der petit commerce solide, der dem ehrsamen Handwerks-Händler samt seiner Familie ein standesgemäfses Auskommen gewährt hatte 1 . Im Mittelpunkt der Erwägungen aller dieser Kritiker steht der Gedanke: auch der Händler solle in seinem Verdienst nur einen Ersatz für aufgewandte Arbeit erblicken: hier ist die Wurzel für die Idee von dem „gerechten“ Preise, die das ganze Mittelalter beherrscht. Denn auch der Händler ist in ihren Augen — oder wenigstens soll es sein, weil es so seit jeher Brauch und Übung war — nichts anderes als ein technischer Arbeiter 2 . Und damit treffen sie wiederum den Kern der Sache. Wollen, wir uns ein richtiges Bild von dem Kaufmann alten 1 „Kaufmannschatz“ ist „ziemlich“ „dy do geschieht . . . czu einer erlichen entliehen unn wirgklichen that als nemlichen czu enthaltunge seins hauszes und seiner kinder unn hauszgesindes nach seinem stände . .“; sie wird „unziemlich“ und „ungöttlich“ „czum ersten durch den grausamen, ungesetigten, unmessigen geitz eines menschen“. Nach den Auszügen aus der Schrift Christ. Kuppeners über den Wucher bei M. Neumann, Geschichte des Wuchers in Deutschland. Beilage E, S. 594, 595. Db und El. Durchaus handwerksmäfsigen Geist atmen denn auch die „Regeln frommer Kaufmannschaft“ a. a. 0. S. 606 (F 3 T ), deren Nr. 4 besagt: der Gewinn der Kaufgeschäfte solle nicht aus Habgier, sondern als Ersatz der aufgewendeten Arbeit genommen werden. 2 So nennt noch Heinrich von Langenstein den Kaufmann neben dem Bauern und Handwerker als einen Mann, der „für sich und andere im Schweifse seines Angesichts durch körperliche Arbeit den nötigen Lebensunterhalt“ beschaffe im Gegensatz zu dem geistigen Arbeiter und dem Müfsiggänger, zu denen die vertragschliefsenden Wucherer gehören. Tractatus de contractibus emtionis et venditionis, im Anhänge der Kölner Ausgabe von Gersons Opp. 4, 185 f., bei Janssen 1, 480. 27(3 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. Schlages machen, so müssen wir zunächst alles vergessen, was wir vom modernen Handel und seinen Trägern wissen. Dieser ist ja vor allem und heute fast ausschliefslich Organisator des Absatzes. Seine Kunst, die er ausübt und die er zu einer Wissenschaft weiter gebildet hat — aus Gründen, die in anderem Zusammenhänge genauer dargelegt werden — besteht, wie wir es nennen, in der „Beherrschung des Marktes“. D. h. er macht es sich zur Aufgabe — und die Eigenart des modern en Wirtschaftslebens bringt es mit sich, dafs die Erfüllung dieser Aufgabe als die Ausübung einer hochzulohnenden Funktion betrachtet wird — die Waren an den Mann zu bringen. Überall dort ist das eigentliche Thätigkeitsgebiet modernen kaufmännischen Wesens, wo der Markt übersetzt ist, wo zwei Produzenten einem Käufer nachlaufen. Dann wird der Kaufmann Herr der Situation, dann beginnt er, den Produzenten in Abhängigkeit von sich zu bringen. Dann ist er aber ein guter Kaufmann auch nur, wenn er scharfsinnig zu disponieren, zu kalkulieren, zu spekulieren versteht. Von alledem aber weifs ja nun die frühere Zeit, wissen die Jahrhunderte insbesondere, die wir Mittelalter nennen, dank der unentwickelten Produktionstechnik so gut wie nichts. Absatznot, aus der allein der moderne Kapitalismus geboren wird, ist ihnen fremd. Zwei Käufer laufen in der Regel einem Produzenten nach. Der Absatz bewegt sich in gewohntem Rahmen, in ausgefahrenen Geleisen. Die Mengen der umzusetzenden Waren sind gering. Wo also in aller Welt sollte der Händler etwas zu disponieren, zu kalkulieren oder zu spekulieren finden? Aber dieselbe Verumständung, die seine Entwicklung zum kapitalistischen Unternehmer hintanhält: sie zwingt ihm eine Menge von Arbeitsverrichtungen technischer Natur auf, die dem Kaufmann heutigen Tages abgenommen sind. Fand sich für ihn keine Gelegenheit zu disponieren, kalkulieren und spekulieren, so hatte er um so mehr zu emballieren, zu misurieren, zu transportieren, zu detaillieren, ja auch gelegentlich noch zu fabrizieren. Man weifs 1 , 1 Vgl. darüber die zusammenfassende Darstellung bei Schmoller, Die Thatsacken der Arbeitsteilung, in seinem Jahrbuch 13, 1055 ff., und G-engler, Deutsche Stadtrechtsaltertümer (1882), 456 ff. Viel Material bei Kl öden, namentlich Stück 2 und 3, und Falke, Zolhvesen, 197 ff. Aus der neueren Litteratur sind hervorzuheben A. Doren, Untersuchungen zur Geschichte der Kaufmannsgilden des Mittelalters. 1893, und Des Marez, La lettre de foire ä Ypres au XIII. si&ele (1901), 75 ff. Es sei auch an dieser Stelle daran erinnert, dafs der Begriff des „Handels“ sich ursprünglich mit dem des „Wandels“, Siebentes Kapitel. Der vorkapitalistische Handel. 177 •welch mühsames und meist gefährliches Werk jedes Handelsgeschäft war, das eine Ortsveränderung der Ware (und darum handelte es sich ja fast immer) zur Voraussetzung hatte, weifs, dafs der Händler selbst mit dem Schwert umgürtet sich auf die Reise begeben, wochen- und monatelang in eigener Person Wagenführer und Herbergsvater spielen mufste, um seine paar Colli glücklich an ihren Bestimmungsort zu bringen. Viel mehr als heute war der Kaufmann unterwegs; die zahllosen kleinen Händler des Mittelalters finden wir fortwährend über ganze weite Länder zerstreut, bald in dieser, bald in jener Stadt auftauchend * 1 . Kam er aber in die Heimat zurück, so galt es, ebenso wie vorher auf den Messen und Märkten in fremden Orten, hinter dem Ladentisch stehen und Elle und Wage fleifsig führen 2 . Der Tuchhändler setzte sich wohl auch wieder einmal hinter den Webstuhl, und der Krämer bereitete aus dem eingehandelten Saffran, Pfeffer und Ingwer den Spieswurz, Gutwurz, Kintpetterwurz oder gefärbten Wurz 3 * * * * 8 . Technische Arbeitsverrichtungen, wo immer wir hin- blicken, bilden die Hauptthätigkeit des vorkapitalistischen Händlers. Selbstverständlich lag ihm daneben dann auch die specifisch kaufmännische Funktion des Warenumsatzes, also des Einkaufens und Verkaufens ob. Und mehr als seinen Kollegen hinter dem Schraubstock oder der Hobelbank wies ihn sein Beruf in die geheimnisvolle Welt der Zahlen hinein. Aber auch soweit er im engeren und eigentlichen Verstände Händler war, müssen wir uns seine Thätigkeit noch bar jedes ökonomischen Rationalismus denken. Transportierens bezw. Wandems vielfach deckt. Das hat Schräder, a. a. 0. S. 63, 79 und öfters, überzeugend nachgewiesen. 1 von Maurer, Städteverfassung 1, 403 ff. 2 Es ist meiner Auffassung nach von Below in seinem öfters angezogenen Aufsätze in den Jahrbüchern für N.O. 20, 1 ff. vollständig gelungen, den Nachweis zu führen, dafs bis ins 16. Jahrhundert hinein ein selbständiger „Engros- liandel“ (in Deutschland) nicht bestanden habe, vielmehr alle Importeure und Exporteure auch detaillierten, d. h. „Krämer“ oder „Gewandschneider“ waren. Eine Ausnahme von dieser Regel machte höchstens (aus naheliegenden Gründen) der Gelegenheitshandel reicher Leute. Es ist eine sehr treffende Bemerkung, deren Richtigkeit wir weiter unten auf Grund eines umfassenden Beweismaterials bestätigt finden werden, wenn von Below S. 48 sagt: „auch der Inhaber eines ansehnlichen Importhauses glaubte in der Regel nicht auf seine Kosten zu kommen, wenn er nicht in seiner Heimat das Recht zum Kleinhandel erwarb.“ Die 'ökonomische Ratio geht hier ausnahmsweise mit dem Quellenmaterial parallel.; 8 Geering, 240/42. Sombart, Der moderne Kapitalismus. I. 12 178 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. Seine „Geschäftsführung“, sein „Verfahren“ ist, wie das seines gewerblichen Kollegen, durchaus empirisch-traditionell. Die Kunst des Schreibens und Lesens war in Italien bis in das 13. Jahrhundert hinein, im übrigen Europa das ganze Mittelalter hindurch sicherlich nur einem verschwindend kleinen Bruchteil der Berufshändler vertraut. Wir wissen es gerade aus dem Venedig des 10. Jahrhunderts, dafs nur wenige Kaufleute auch nur ihren Namen unterschreiben konnten 1 : aber sicherlich wird dieses Verhältnis der Schreib- und Lesensunkundigen zu den Schriftgelehrten auch in späteren Jahrhunderten des Mittelalters unter den Händlern ein ähnliches geblieben sein, sich jedenfalls nur sehr allmählich verschoben haben. Sicher wissen wir dagegen, dafs die für den Kaufmann von Beruf fast noch wichtigere Rechenkunst 2 während langer Jahrhunderte sich auf niedrigster Stufe bewegt hat und fast das ganze Mittelalter hindurch ohne das Hilfsmittel der Schrift sich hat behelfen müssen. Auch hier müssen wir zwischen Italien und dem übrigen Europa an die zweihundert Jahre Abstand annehmen. Italien ist während des ganzen Spätmittelalters Lehrmeisterin des Nordens in der ars computandi gewesen. Noch Lukas Rem geht im Beginne des 16. Jahrhunderts nach Venedig, um rechnen zu lernen 3 . Und um was für ein Rechnen handelte es sich noch! Um kaum mehr als um die Erlernung der vier Species im Rechnen mit ganzen Zahlen, um Lösung einfacher Regeldetriaufgaben und ein elementares „Gesellschaftsrechnen“. Es war schon Zeichen hoher kaufmännischer Schulung, wenn jemand sogar richtig dividieren konnte. Noch Ende des 16. Jahrhunderts thun sich Hieronymus Froben und Andreas Ryff etwas darauf zu gute, dafs sie bei Teilung den Quotienten richtig herausfinden 4 . 1 Von 69 Vertretern, die die Urkunde von 960 betreffend Verbot des Handels mit Sklaven unterzeichnen, schreiben nur 35 ihren Namen mit eigner Hand; in der Urkunde von 971, betreffend Handel in Holz und Waffen mit Sarazenen von 81 gar nur 18; bei den übrigen Namen steht „signum manus“. Fontes rer. austr. 12, 22 ff, bezw. 28 ff. » 2 Siehe den Exkurs auf S. 191. 8 Von Rem selber in seinem Tagebuche (ed. Greiff, [1861], 5) erzählt, wie er nach Venedig kommt, um den Abacus, d. h. Rechnen, zu erlernen: „da lernet ich rechnen in 5’/2 monat gar aus“. Andere Beispiele von Deutschen, die in Venedig das Rechnen lernten, bringt Simonsfeld, Fondaco 2 (1887), 39/40. 4 Gr ee ring, 212. Siebentes Kapitel. Der vorkapitalistische Handel. 170 Das Rechnen selbst bewegte sich in den schwerfälligen Formen des Rechenbretts, der Rechenpfennige, und rnufste sich noch (in Italien bis zum 13., im Norden bis zum 15. Jahrhundert) ohne Ziffern mit Stellenwert, ohne Null behelfen. Dafs bei diesem Zustande der Rechenkunst von einer exakten Kalkulation keine Rede sein konnte, liegt auf der Hand. Auch wenn man mehr Wert als jene Zeit auf dies Moment gelegt hätte. In Wirklichkeit wollte man aber auch noch gar nicht „exakt“ sein. Das ist eine specifiscli moderne Vorstellung, dafs Rechnungen notwendig „stimmen“ müssen. Alle frühere Zeit ging bei der Neuheit ziffernmälsiger Wertung der Dinge und ziffernmäfsiger Ausdrucksweise immer nur auf eine ganz ungefähre Umschreibung der Gröfsenverhältnisse hinaus. Jeder, der sich mit Rechnungen des Mittelalters befafst hat, weifs, dafs bei Nachprüfungen der von ihnen aufgeführten Summe oft sehr abweichende Ziffern herauskommen. Fliichtigkeits- und Rechenfehler sind gang und gäbe b Der Wechsel von Ziffern im Ansatz einer Beispielrechnung, fast möchte man sagen, die Regel 1 2 . Wir müssen uns eben die Schwierigkeiten für jene Menschen, Ziffern auch nur kurze Zeit im Kopfe zu behalten, als ungeheuer grofse denken. Wie heute bei Kindern. Aller dieser Mangel an exakt-rechnerischem Wollen und Können kommt nun aber in der Soi-disant-Buchführung des Mittelalters zum deutlichsten Ausdruck. Wer die Aufzeichnungen eines Tölner, eines Viko von Geldersen, eines Wittenborg, eines Ott Ruland durchblättert, hat Mühe, sich vorzustellen, dafs die Schreiber bedeutende Kaufleute ihrer Zeit gewesen sind. Denn ihre ganze Rechnungsführung besteht in nichts anderem als einer ungeordneten Notierung der Beträge ihrer Ein- und Verkäufe, wie sie heute jeder Krämer in der kleinen Provinzstadt vorzunehmen pflegt. Es sind im wahren Sinne nur „Journale“, „Memoriale“, d. h. Notizbücher, die die Stellen der Knoten in den Taschentüchern von Bauern vertreten, die zu Markte in die Stadt ziehen. Obendrein noch mit Ungenauigkeiten gespickt. Auch lax und liberal in der Festhaltung von Schuld- oder Forderungssummen. „Item und ain 1 Vgl. z. B. C. Sattler, Handelsrechnungen des deutschen Ordens (1887), 8, oder die Einleitung Koppmanns zu Tölners Handlungsbuch in den Geschichtsquellen der Stadt Eostock 1 (1885), XVIII f. 2 Dieser Vorwurf trifft selbst noch Pegolotti und Uzzano. In den von mir an anderer Stelle mitgeteilten Spesenberechnungen, z. B. der für den Bezug englischer Wollen, wird ganz kaltlächelnd gelegentlich mit einer anderen Grundziffer weitergerechnet als angefangen war. 12 * 180 Erstes Buch, Die Wirtschaft als Handwerk. bellin mit hentschüchen, nit waiss ich wie viel der ist;“ „item und noch ist ainer, hat mit den obgeschribnen gekauft; bleibt mir och 19 gülden rhein. umb mischtlin paternoster . . . ich hab des Namens vergessen.“ Was aber diese Notizensammlungen der mittelalterlichen Kaufleute zu ganz besonders deutlichen Kennzeichen eines durch und durch handwerksmäfsigen Betriebes stempelt, ist ihre Höchstpersönlichkeit. Sie sind von ihrem Veranstalter gar nicht zu trennen. Kein anderer kann und soll sich in diesem Wirrwarr von einzelnen Aufzeichnungen zurechtfinden. Sie tragen also ein ausgesprochen empirisches Gepräge. Von einer irgendwelchen systematischen Objektivierung der Vermögensverwertung ist ganz und gar noch keine Rede. Führten aber die gröfseren Händler solcherweise Buch, so dürfen wir schliefsen, dafs die grofse Mehrzahl der Kaufleute jener Zeit sich ohne alles Buchwesen behalfen. Und diesem gänzlichen Mangel an kalkulatorischem und objektivierend-systematischem Sinne entspricht der Zustand des Mafs- und Gewichtswesens, das, wie bekannt, ebenfalls noch in durchaus empirischer Weise, in noch starker Anlehnung an die organischen Mafs- und Wägemethoden geordnet ist. III. Die Ordnung des vorkapitalistischen Handels. Es liegt nicht in meiner Absicht, das weitschichtige Problem, das mit dieser Überschrift andedeutet wird, auch nur in seinen Grundzügen zu erörtern. Es ist das nicht ohne Aufwand von Geist und mit vielem Wissen in letzter Zeit von zahlreichen Gelehrten unternommen worden, deren Untersuchungen den folgenden kurzen Bemerkungen zu Grunde gelegt werden. Diese haben keinen andern Zweck, als den Nachweis zu führen, dafs auch aus der Gestaltung kaufmännischen Rechts und kaufmännischer Sitte auf den durchaus unkapitalistischen Charakter des Handels im Mittelalter geschlossen werden darf. Dabei denke ich nicht sowohl an jene Bestandteile der Rechtsordnung, die ihre Erklärung in der ursprünglichen Identifizierung von Handel und Raub finden: wohin ich den ganzen Komplex der Privilegisierungen und Monopolisierungen, das Recht der Grundruhr, das Strandrecht, das Fremdenrecht und vieles andere rechne, als vielmehr an die Ordnung des handwerksmäfsigen Handels selbst. Es ist an einzelnen Beispielen zu zeigen, wie die Handwerkshaftig- keit des vorkapitalistischen Handels aus den ihn regelnden Normen mit Deutlichkeit ersichtlich ist. Siebentes Kapitel. Der vorkapitalistische Handel. 181 1. Das G-esellschaftsrecht und seine Entwicklung vor allem gestattet uns tiefe Einblicke in den Artcharakter des Handels quo ante. Es ist bekannt, wie mühsam sich die Vorstellung eines quoten- mäfsigen Anteils der einzelnen Genossen an Kosten und Gewinn herausbildet. Die ursprünglich ja meist familienhaften Vereinigungen kennen nur eine gemeinsame Kasse, aus der die einzelnen Teil- r haber je nach ihrem persönlichen Bedarf ihren Unterhalt bestreiten x . Läfst sich das Princip der Bedarfsdeckung als Zweck wirtschaftlicher Thätigkeit schroffer vertreten denken als in dieser alten Anschauungsweise von gemeinsamem Nutzen und gemeinsamer Unterhaltung? Ich denke nicht. Wie sehr dann aber die ganze Händlerthätigkeit unter der Idee der Handwerksmäfsigkeit stand, wie im Händler nichts anderes als der technische Arbeiter erblickt wurde, möchte ich aus der Art und Weise entnehmen, wie die Beziehungen zwischen den einzelnen Genossen auf den von mehreren ausgeführten Handelsreisen, insbesondere aber diejenigen zwischen den herumziehenden Handwerker - Händlern und den daheim bleibenden Geldgebern geknüpft und juristisch formuliert wurden. Ich denke hier, wie ersichtlich, vor allem an das viel umstrittene t Institut der Commenda und verwandter Gesellschaftsformen. Es ist bekannt, dafs man gern in allen Commenda-Verhältnissen Formen kapitalistischer Handelsorganisation erblickt. Nichts aber scheint mir verkehrter als dies. Die Commenda ist recht eigentlich die Betätigung für den durch und durch handwerksmäfsigen Charakter jener Zeit. Das haben meines Erachtens gerade auch Lastigs Untersuchungen erwiesen, so sehr Lastigs Terminologie und wohl auch seine eigene Auffassung der entgegengesetzten Deutung der Commenda (als einer Form kapitalistischen Handels) zuzuneigen scheinen. Nach Lästig 2 ist die Commenda „ein Arbeitsverhältnis; der Kapitalist, Accommendant, zieht eine andere Person (Arbeiter), Accommendatarius in seine Dienste, damit diese mit einem ihr übergebenen Kanital (!) . . für seine (des Kapitalisten) Rechnung aber > 1 „Der Gedanke quotenmäfsiger Mitrechte tritt während des Bestehens der Gemeinschaft überhaupt nicht als Mafsstab für die Berechtigungen der einzelnen hervor; ihre Bedürfnisse werden vielmehr, seien sie grofs oder klein . . . aus der gemeinsamen Kasse ohne Abrechnung der Lasten des einzelnen bestritten, in welche andererseits — was gleichfalls besonders charakteristisch ist — der gesamte Erwerb des Einzelnen, sei er grofs oder gering, ohne irgend welche Anrechnung zu seinen persönlichen Gunsten eingeworfen wird.“ M a x Weber, Zur Geschichte der Handelsgesellschaften, 45/46. 2 Zeitschrift für das gesamte Handelsrecht 24, 400 und 414. f 182 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. in eigenem (des Arbeiters) Namen gegen Anteil am Gewinn Handelsgeschäfte treibe“. Die Commenda ist seiner Auffassung nach eine „einseitige Arbeitsgesellschaft“. „Der Commendatarius oder Komplementär steht einfach im Dienste des Comandor oder Accomandans, resp. der Societas accommendantium ... er hat die Verpflichtung, mit dem ihm übergebenen Kapital innerhalb der ihm gesteckten Grenzen für Rechnung seines Herrn aber auf eigenen Namen Geschäfte zu treiben und erhält dafür — häufig neben einem festen Gehalt — eine Quote des Geschäftsreinertrags . . . Allein der Commendatarius oder Komplementär ist Dritten gegenüber berechtigt und verpflichtet.“ Diese Konstruktion hat auf den ersten Blick für den Nationalökonomen etwas direkt Abstofsendes j sie scheint den wirklichen Sachverhalt auf den Kopf zn stellen. Bei näherem Zusehen ist sie dagegen durchaus berechtigt, trägt sie auch den ökonomischen Verhältnissen durchaus Rechnung. Sie bestätigt nämlich gerade den schlechthin handwerksmäfsigen Charakter des Handels jener Zeit dadurch, dafs sie die vollständige Trennung zwischen Geldbesitzer und Händler zum deutlichen Ausdruck bringt. Der Geldbesitzer steht noch aufser jedem Konnex mit der Handelsthätigkeit selbst, die vielmehr ausschliefslich Sache eines technischen Arbeiters ist. Das zur Verwertung überwiesene Geld hat noch nicht im geringsten den Charakter des Kapitals angenommen, sondern ist nichts anderes als Betriebsfonds 1 . Ich erinnere ferner an die Höhe der Summen, die den Commenda- Verträgen meist zu Grunde lagen: Beträge von einigen Hundert Mark in unserm Gelde, die schon wegen ihrer Geringfügigkeit aufser stände sein würden, Kapitaleigenschaft anzunehmen angesichts der Hochwertigkeit der Arbeitskraft in früherer Zeit. Dafs dann im weiteren Verlauf der Entwicklung aus jenen Compagniegeschäften zwischen Geldbesitzern und Handwerkern Abhängigkeitsverhältnisse und am Ende kapitalistische Unternehmungen erwachsen sind, soll natürlich nicht geleugnet werden. Das schliefst aber nicht aus, dafs ursprünglich jene Geschäftsformen gerade der rein handwerksmäfsigen Organisation des Wirtschaftslebens ihre Entstehung verdanken. Endlich aber möchte ich noch einen letzten Gesichtspunkt herauskehren, der mir in der Litteratur über das vorkapitalistische Handelsrecht (die ja freilich fast ausschliefslich von Juristen ge- 1 „stock-in-trade there undoübtedly was, but no Capital as we now use the term.“ Cunningham, Growth 1, 4. Siebentes Kapitel. Der vorkapitalistische Handel. 183 schrieben ist!) nie recht die ihm gebührende Beachtung findet: dafs nämlich in der blofsen Thatsache des Vorwiegens gesellschaftlich bet riebenerHandels Unternehmungen der allerbeste Beweis für deren Handwerkshaftigkeit gelegen ist: Es war überhaupt meistens erst durch Aufstauung der winzigen Sachvermögen , die in den Händen einzelner Personen accumuliert waren, möglich, einen Handel auch nur in bescheidenen Grenzen in die Ferne zu betreiben *. Gerade wie ein Schiff, selbst von den minimalen Dimensionen der damaligen Seefahrzeuge, doch immer nur von mehreren zusammen ausgerüstet werden konnte. Daher die Schiffergesellschaften 1 2 3 , richtiger Schiffergenossenschaften, ebenso wie die Handelsgesellschaften, richtiger Händlergenossenschaften, durchaus die den mittelalterlichen Handel und Verkehr kennzeichnenden Rechtsformen sind. 2. Nicht minder bedeutsam für die Erkenntnis des handwerks- mäfsigen Charakters mittelalterlichen Handels sind die Rechts- und Sittennormen, die die Formen der Handelsgeschäfte regeln, ebenso wie diese selbst natürlich. Ich darf daran erinnern, dafs der älteste bekannte Wechsel, der von deutschen Kaufleuten gezogen wurde, aus dem Jahre 1323 stammt 8 , dafs aber selbst in Frankreich die Anfänge des Wechsels nicht über das 13. Jahrhundert zurückreichen 4 ; ich darf daran erinnern, dafs wir noch während des 15. Jahrhunderts in Deutschland gelegentlich einem Verbot der Lieferungsgeschäfte, ja wohl aller Kreditgeschäfte begegnen 5 * ; dafs selbst in dem Florenz des 14. Jahrhunderts die 1 Die häufig wiederkehrende Form gesellschaftlichen Handelsbetriebes findet aber des weiteren ihre Erklärung auch in dem, wie wir wissen, in aller früheren Zeit noch stark verbreiteten Gelegenheitshandel. Eben jene „vornehmen“ Leute, die dank ihres Reichtums am ehesten in der Lage waren, einen ausgedehnteren Handel zu betreiben, konnten oder wollten dies vielfach nur in der Form thun, dafs sie einen berufsmäfsigen (Handwerker-) Händler damit beauftragten, mit dem sie dann selbstverständlich in ein Gewinnbeteiligungsverhältnis eintraten. Vgl. auch vonBelowin den Jahrbüchern 20, 38 ff. 2 Vgl. über die vorkapitalistischen Schiffergesellschaften Goldschmidt, 336 ff, und dazu die besonders lehrreiche Tabula de Amalfa, die von Lab and herausgegeben und kommentiert ist in Zeitschrift für das ges. Handelsrecht 7, 305 ff. 3 Schulte 1, 281. 4 Nr. 135, 167, 171 der Documents relatifs ä l’histoire de l’industrie et du commerce en France, publ. par G. Fagniez (1898). Vgl. dazu Intro- duction XLV ff. 5 Das Verbot der Lieferungsgeschäfte wird noch 1417 auf der Tagefahrt in Lübeck ausgesprochen: „niemand solle Hering kaufen, ehe er gefangen, 184 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. Formen des Geldhandels, verglichen mit den modernen, noch durchaus in den Anfängen der Entwicklung steckten * 1 . Was ich aber vor allem hier der Erwähnung wert halte, ist die Beweiskraft des kanonischen Zinsverbots für die Hand- werkshaftigkeit des mittelalterlichen Handels. Es sollte, meine ich, in dem heftigen Streite, der noch immer um die Frage nach der praktischen Tragweite jenes Verbots tobt 2 3 , denjenigen, die seine Existenz als fast belanglos für die Praxis anschlagen, der Gedanke noch mehr Berücksichtigung finden, dafs ein Gewinn ohne technisch ausführende Arbeit, d. h. ohne sichtbare Hantierung an Gegenständen der äufseren Natur für alle in handwerksmäfsigen Anschauungen befangene Zeiten in der That nur als unehrlich, als unstatthaft angesehen werden konnte 8 . Es kommt doch wohl in jenem Rechtssatze des Zinsverbots nichts anderes zum Ausdruck, als die principielle Anerkenntnis des dem handwerksmäfsig organisierten Wirtschaftsleben adäquaten Wirtschaftsprincipe der Bedarfsdeckung durch Werkschaffung. Weshalb denn das Verbot bekanntlich sich schon auf das blofse Gewinnstreben erstreckte 4 * * * . Korn, ehe es gewachsen, Gewand, ehe es gemacht“. Neumann, Geschichte des Wuchers, 37. Verbot aller Kreditgeschäfte noch in deutschen Stadtrechten des 15. Jahrhunderts. Neumann, 88 ff. 1 „Le cambiali a scadenza protatta, il deposito a interesse fermo, il nome stesso di banchieri, le fiere dei cambi, i banchi pubblici, operazioni ed istituti che s’ incardinano sopra 1’ uso generale e costante del mutuo fenera- tizio appartengono tutte all’ etä moderna.“ G. Toniolo, L’economia di cre- dito ec. in der Rivista internazionale di Science sociali 8, 571. 2 Bekanntlich ist es Endemann, der durch seine Studien in der romanisch-kanonistiselien Wirtschafts- und Rechtslehre, 2 Bde. 1874/83, den Streit entfacht hat, in dem hauptsächlich Lästig und Goldschmidt den Endemann entgegengesetzten Standpunkt vertreten. Es ist unnütz, an dieser Stelle weitere Litteraturangaben zu machen, die für den Fachmann angesichts der Publizität dieses Problems unnütz sind, zumal in Goldschmidts Darstellung die ältere Litteratur vollständig berücksichtigt ist. Aus der neueren Litte- ratur möchte ich nur auf das betreffende (6.) Kapitel bei W. J. Ashlej, Englische Wirtschaftsgeschichte Bd. II (deutsch 1896), hinweisen. 3 „Sind denn die Juden,“ fragte noch Geiler von Kaisersberg, „besser als die Christen, dafs sie nicht arbeiten wollen mit ihrer Hände Werk? Stehen sie nicht unter dem Spruche Gottes: Im Schweifse deines Angesichts sollst du dein Brot verdienen? Mit Geld wuchern heifst nicht arbeiten, sondern andere schinden in Miifsiggang.“ 4 „huismodi liomines pro intentione lucri, quam habent (cum omnis lesura et superabundantia prohibentur in lege) judicandi sunt male agere.“ Decr. Greg. Lib. V. tit. XVIII. cap. 10 (1186). Weitere Belege für die Ver- pönung der usuraria voluntas bei Neumann, 85 f. Siebentes Kapitel. Der vorkapitalistische Handel. 185 Objektiv fand aber die Ächtung oder Verachtung des Zinsnehmens ihre Rechtfertigung in dem Umstande, dafs der Regel nach, ja in der überwiegenden Mehrzahl aller Fälle, thatsächlich das Geld nicht die Kraft besafs, sich aus sich selbst heraus zu vermehren, so lange es nämlich noch keine Kapitalsqualität angenommen hatte, d. h. seine Verwendung noch keine Steigerung der Produktivität der Arbeit herbeizuführen vermochte. Ursprünglich ist daher auch die Geldleihe nichts anderes als ein Nobile officium, ein Dienst, den der Genosse dem Genossen, der Stadtbürger seiner Stadt, der Wohlthäter den Armen und Bedrängten leistet, selbstverständlich, ohne dabei Gewinn zu erzielen, nihil inde sperans *, gerade wie man heute dem Freunde in der Not aushilft und nur auf dessen Drängen sich die vorgestreckte Summe verzinsen läfst. Erst im Verkehr mit Fremden (Juden! Lombarden!) konnte überhaupt die für das naive Empfinden gräfsliche Idee eines zinstragenden Dar- lehns entstehen; wer sich aber zu dieser abscheulichen Handlung her- 1 „Item si ascun komme ou femme de la dite fraternite . . . sanz sa de- faute propre chiete en pouert, la dite ffraternite luy apprestera une somme dargent pur mercliander et profiter pur un an ou deux a lour auj r s sanz rien prendre degayn.“ Stat.der „GildaMercatoriadeCouentre“(14. Jahrh.)bei Grofs, Gild merchant 2, 50. Ebenso liehen die deutschen Gesellenverbände ihren Mitgliedern ohne Zinsen; vgl. G. Schanz, Z. Gesell, d. deutsch. Ges.-Verbände (1877), 72. Zahlreiche Beispielezinsloser Darlehen, namentlich an Städte, die sich in Not befinden, noch im 15. Jahrhundert bei Neumann , 507 ff., der übrigens m. E. die Bedeutung, ja die ursprüngliche Selbstverständlichkeit des zinslosen Darlehns nicht genügend würdigt. Es ist doch im Grunde nur die dem natürlichen Empfinden entsprechende Auffassung, wenn es beispielsweise in einer venetianisehen Urkunde von 1187 heilst: „cum nos — dux videremus nostro comuni necessarium esse pro guerra — pecuniam invenire ad eos pre- cibus duximus recurrendum, qui possunt nostre patrie hoc necessitatis tempore subvenire. Rogavimus igitur omnes viros, quorum nomina inferius continentur, ut pro sua liberalitate comuni nostro in tali necessitate hoc tempore consti- tuto de praefata pecunia subveniret, qui quoniam terre nostre veri sunt ama- tores promiserunt nostro communi dictam pecuniam se daturos“ ec. Abgedr. bei W. Lenel, Die Entstehung der Vorherrschaft Venedigs an der Adria (1897), 43. Ganz ähnliche Motivierung in den Winchester Ordinances. Archäol. Journal 9, 73. — Eine der beliebtesten Formen, in denen die Klöster während der frühen Zeit des Mittelalters ihren Hintersassen und Gläubigen mit materiellen Diensten zu Hilfe kamen, war die Geld- oder Güterleihe, bei der jedoch abermals von Zinszahlung keine Rede war, wenn man auch streng auf Rückgabe des Geliehenen sah. Vgl. Sackur, Beiträge zur Wirtschaftsgeschichte französischer und lotliring. Klöster im 10. und 11. Jahrh., in der Zeitschrift für Soc. W.Gesch. 1, 163 ff. Von einem Privatmann (12. Jahrh.\ der „vicinis suis indigentibus nummos non tarnen ad usuras accommodabat“ berichtet Cunningham 1, 239. 180 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. gab, von dem in Not befindlichen Geldsucher Zinsen zu nehmen, mufste selbstverständlich als geächtet erscheinen, und wäre es durch die Sitte gewesen, ob ein kirchliches Zinsverbot bestanden hätte oder nicht, als welches vielmehr nur der Ausdruck der Yolksstimme in diesem Falle war. Es wäre sonst gewifs nicht zu verstehen, dafs selbst in den italienischen Städten bis ins 15. und 10. Jahrhundert hinein die „usurari“ aus den Kaufmannsgilden und Handelskammern ausgeschlossen blieben h Erst die Verwandlung des Geldes in Kapital, die damit geschaffene Selbstverständlichkeit des Zinses hat auch den Wucher (der jedes Darlehn zu Konsumtivzwecken ist) in gewissen Schranken von seiner Anrüchigkeit befreit. Woraus wir aber offenbar den Schliffs zu ziehen berechtigt sind, dafs Jahrhunderte, in denen das zinstragende Darlehn von Gesetzgebung und Volksgefühl verpönt war, von aller kapitalistischen Wirtschaftsweise noch keinen Hauch verspürt haben konnten. 3. Besonders durchsichtig ist aber endlich das Korporationsrecht des mittelalterlichen Handels. Hier schimmert in deutlichen Umrissen die echt handwerksmäfsige Struktur des damaligen Handels hindurch. Es ist ja bekannt, dafs häufig genug zwischen Handwerkerzünften und Händlerzünften gar keine strenge Scheidung bestand und dafs die Gilden der Grofs- Kaufleute mit denen der Krämer engste Beziehungen hatten 1 2 3 . Wir müssen uns aber an die Vorstellung gewöhnen, dafs der Berufshändler des Mittelalters sich 1 Nach den Statuten der Tuchkrämer in Florenz (14. Jahrh.) ist der Wucherer entweder ganz von ihrer Zunft ausgeschlossen, oder hat, wenn die wucherischen Handlungen bereits verjährt sind, den Makel mit doppelter Matrikel zu büfsen. Derselben Zunft ist der Wucher auch genügendes Motiv, ein Mitglied, das das Votum der Genossen für schuldig erkennt, auszustofsen. Seit 1429 schlofs auch die Seidenzunft den rückfälligen Wucherer aus. Im Statut der Wechslerzunft von 1367 war ausdrücklich verboten, „auf Zins zu leihen, sei es gegen Pfand oder Schuldschein, oder sonstigen Wucher zu treiben bei Strafe von 100 Lire“. Ende des 14. Jahrhunderts fand dann das Zinsverbot in schroffster Form Eingang in den Statuten aller florentiner Zünfte. R. Pöhlmann, Die Wirtschaftspolitik der florentiner Renaissance (1878), 53, 84. Ähnliche Bestimmungen in den Statuten von Mailand (1396), Bergamo (1497), Pesaro (1532). Vgl. Lattes, II diritto commerciale etc. 32/33. 147 f., und L. Zdekauer im Arch. stör. it. V. Ser. t. XVII. 1895. p. 63 ff. 2 Wo wir auf eine Exklusivität der „Kaufmannsgilden“ stofsen, dürfen wir annehmen, dafs es sich um Verbände patricischer Geschlechter handelte, die Gelegenheitshandel trieben. Ich komme in anderem Zusammenhänge darauf zu sprechen. Siebentes Kapitel. Der vorkapitalistische Handel. 187 wohl gelegentlich vornehmer dünkte als mancher Handwerker, aber nicht anders als der Angehörige einer beliebigen gewerblichen „höheren“ Zunft. Was den Kaufmann vom Handwerker unterschied, waren nur immer erst Grad-, keine Wesensverschiedenheiten; er war oft ein „besserer“ Handwerker, wie der Goldschmied oder der Bäcker andernorts, aber er gehörte mit seinem Denken und Empfinden den Kreisen der Handwerker an. Wer daran noch zweifeln sollte, braucht nur die Statuten der Kaufmannsgilden, die Ordnungen der „Höfe“ und „Kontore“ in fremden Städten * 1 zu durchblättern. Dort wird er auf jeder Seite eine Bestätigung für die Richtigkeit unserer Auffassung finden. Der Ideenkreis der Handwerkerzünfte ist fast ohne Veränderung in jene übertragen. Vor allem begegnen wir in den Statuten der Händlerzunft überall dem obersten Grundsätze handwerksmäfsiger Ordnung: dafs jedem Genossen, der in der Väter Weise seine Arbeit verrichtet, ein Auskommen gesichert, die „Nahrung“ garantiert sein solle 2 * * S. * * . Erkämpfung eines möglichst grofsen, gegen nachbarliche Einfälle gesicherten Futterplatzes; gleichmäfsige, geordnete Verteilung der einzelnen Futteranteile unter die Genossen, also Ausschliefsung jeder Konkurrenz nach aufsen wie im Innern 8 : das ist das Fundamentum, auf dem auch aller vorkapitalistischer Handel ruht. Und der Erreichung jenes Ziels, der Gewährleistung eines konkurrenzlosen, der Veränderung durch individuelle Spekulation und Intrigue entrückten, ruhigen Dahinarbeitens sind dann im einzelnen alle Verbote und Gebote der Innungsstatuten gewidmet. Was wir bei den Handwerkerzünften fanden: hier kehrt es in 1 Eine anschauliche Schilderung von dem Leben des deutschen Kaufmanns in den fremden Ländern entwirft J. Falke, Gesch. d. deutsch. Handels 1, 200 ff. 2 Es ist kaum nötig, dafür Belege anzuführen, dafs die Idee der Nahrung auch die Ordnungen der Händlerzünfte beherrscht. Besonders lehrreich sind die Verhältnisse der englischen Händlerzünfte, wie sie uns von Charles Grofs geschildert werden. Zur allgemeinen Orientierung ist auch A. Doren, Kaufmannsgilden im Mittelalter geeignet. Vgl. daselbst u. a. S. 60, 97, 147. W. Kiefselbach, Der Gang des Welthandels (1860), 206. Für Frankreich insbesondere sind zu vergleichen: Levasseur, Fagniez, P i g e o n n e a u. 3 „Es galt hier die Konkurrenz der Konstanzer Verkäufer (sc. von Leinwand) unter einander aufzuheben und das Ansehen der Konstanzer Kaufmannschaft zu stärken.“ Schulte I, 163. \ 188 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. stereotypen Wendungen wieder: das Verbot des Vorkaufs 1 ; die Verpflichtung, den Genossen in den Kaufvertrag eintreten zu lassen 2 ; das Verbot der KundenabVeibung 3 ; das Verbot der Preisverabredung 4 und viele ähnliche Bestimmungen. Also von allen Seiten her die Bestätigung unseres Satzes: der berufsmäfsige Handel des Mittelalters, genauer gesprochen der Handel Italiens bis tief in das 14., der des übrigen Europas bis in das 16. Jahrhundert hinein trägt das unverkennbare Gepräge der Handwerkshaftigkeit. Auf eine Darstellung der realen Existenzbedingungen des vorkapitalistischen Handels kann verzichtet werden: es sind dieselben, die den Bestand des Handwerks ermöglichen. 1 Statut der Kipen- und Dänemarkfahrer zu Stade (14. Jahrh.): „were dat yement in der kumpenye deme andern dar vorekop dede de schal der kum- penye dat beteren mit 4 olden groten.“ Hans. Urkundenbuch III. n. 183 art. 7. 2 „The gildsman was generally under Obligation to share all purchases with his brethren, that is to say, if he bought a quantity of a given Commodity, any other gildsmen could claim a portion of it at the same price at which he purchased it.“ Grofs 1, 49. Belege 2, 46. 150. 161. 185. 218. 219. 226. 290. 352. Die Statuten der Gilde von St. Omer enthalten die Bestimmung in § 2: „si quis vero guildam liabens mercatum aliquid non ad victum pertinens valens V gr. s. et supra taxaverit et alius gildam habens super- venerit si voluerit in mercato illo porcionem habebit.“ Doren, 60. Häufig lauten auch die Bestimmungen dahin, dafs ein Käufer verpflichtet sei, solange der Kauf nicht perfekt, jedes andere Mitglied der Genossenschaft auf Verlangen zur Hälfte am Kaufe teilnehmen zu lassen. Vgl. F. Conze, Kauf nach hanseatischen Quellen. Bonner J. D. 1889. S. 16 f. 8 Das Statut der florentiner Societas campsorum vom Jahre 1299 verbot den Mitgliedern der Zunft, in der Stadt umherzugehen, um sich nach , Wechselgeschäften umzusehen. Die „Bankiers“ sollten ruhig bei ihren Ständen warten, bis die Kunden zu ihnen kämen, damit die Gelegenheit des Verdienens für alle Mitglieder der Zunft eine möglichst gleiche sei. H. Sieveking, Genueser Finanzwesen 2 (1899), 44. Dasselbe besagt ein Strafsburger Weistum über die Eechte der Hausgenossen aus den 1380er Jahren: 35. „Es sol ouch nieman in deheins würtes husz gon wehssein, der würt sende dann mit namen nach ime oder der gaste, der do wehssein wil“ ... 37. „Die an dem fritage uff dem bloche sitzent und wechsselnt, die sollent nieman rufien über den graben noch winken . .“ Abgedr. bei K. Eheberg, Über das ältere deutsche Münzwesen und die Hausgenossenschaften. 1879. S. 188. 189. Die von E. abweichende Datierung nach J. Cahn, Münz-und Geldgeschichte der Stadt Strafsburg im Mittelalter. 1895. S. 31. 4 Verbote von Preisverabredungen in den italienischen Städten siehe bei J. Kollier, Strafrecht der italienischen Communen 1892. Dazu vgl. A. Li- zier, La vita sociale del secolo XII.—XVI. nella legislazione penale degli Statuti italiani di quel tempo in der Kivista intern, di scienze soc. Aprile 1900. pag. 510. Siebentes Kapitel. Der vorkapitalistische Handel. 180 I. Exkurs zu Kapitel 7. Die Vorstufen des Handels. 1. Die Genesis des Tauschhandels selbst darzustellen, liegt aufser- halb des Rahmens dieser Untersuchungen, die ihren Ausgangspunkt von einer viel späteren Periode aus nehmen. Das interessante Problem ist in letzter Zeit häufig der Gegenstand gelehrter und geistvoller Erörterungen gewesen. Grundlegend für die meisten späteren Arbeiten ist 0. Schräder, Linguistisch-historische Forschungen zur Handelsgeschichte und Warenkunde. 1886. Frappante Aufschlüsse hat dann die Hereinziehung des von den Reisenden aus primitiven Kulturen beigebrachten Beobachtungsmaterials geliefert. Es ist urteilsvoll zusammengestellt in den Arbeiten von Jos. Kulischer, deren letzte in deutscher Sprache veröffentlichte (Zur Entwicklungsgeschichte des Kapitalzinses, in den Jahrbüchern für N.Ö. III. F. Bd. XVIII, S. 305 ff.) die Ergebnisse der früheren Studien zusammenfafst. Äufserst wertvoll ist auch der Beitrag von Sartorius von Waltershausen, Entstehung des Tauschhandels in Polynesien in der Zeitschrift für Social- und Wirtschaftsgeschichte Bd. IV S. 1 ff., weil er aus der Feder eines Nationalökonomen stammt. Dasselbe gilt von der letzten, gründlichen Bearbeitung des Gegenstandes durch M. Pantaleoni, L’origine del baratto: a proposito di un nuovo studio del Cognetti im Giornale degli Economisti. Ser. II». Vol.'XVIII. XIX. XX. (1899. 1900). So sehr auch die Forscher in einzelnen Punkten voneinander ab weichen: darüber herrscht keine Meinungsverschiedenheit mehr, dafs es einer unendlich langen Entwicklung bedurft hat, um das dem primitiven Menschen natürliche Mifstrauen gegen alles Tauschen überhaupt, zumal aber gegen das Tauschen mit Stammesfremden zu überwinden. Im europäischen Mittelalter ist dieses Mifstrauen bei den neu in die Geschichte eintretenden Naturvölkern rascher besiegt worden in dem Mafse, als sie mit höheren Kulturen plötzlich durchsetzt wurden. Es findet gleichwohl noch seinen Ausdruck in dem kunstvollen Systeme des Fremdenrechts, das nichts anderes als eine Summe von Schutz- mafsregeln der Genossen gegen gefürchtete Übergriffe der Stammes(Stadt-)- fremden darstellt. 2. (Urwüchsiger Güteraustausch.) „Es erhellt, dafs bei dem alten Tauschhandel, von welchem wir überall ausgehen müssen, der Käufer zugleich Verkäufer und der Verkäufer zugleich Käufer ist.“ Schräder a. a. O. S. 63: „Zwischen Stämmen von verhältnismäfsig gleicher Kulturstufe pflegt . . der Tauschverkehr in den alten bescheidenen Bahnen sich jahrtausendelang zu bewegen und ein Umschwung erst dann einzutreten, wenn ein höher civilisiertes Volk die Erzeugnisse seiner Kultur zum Austausch anbietet.“ A. a. 0. S. 67. „Erst bei Hesiod (Werke und Tage, 606) kommt efinog in der abstrakten Bedeutung Handel vor. Eine Bezeichnung für diesen Begriff fehlt noch in der homerischen Sprache. Auch der Kaufmann hat bei Homer noch keine scharfe Bezeichnung“, a. a. 0. S. 73. — Diese Thatsachen mufs man sich vor Augen halten, um indem Streit über die Bedeutung des Wortes „mercator“ in den mittelalterlichen Urkunden sich ein richtiges Urteil bilden zu können. Aus der umfangreichen Litteratur über diese Frage selbst sind namentlich zu vergleichen: Goldschmidt, 127 ff. (mit reichen Quellenbelegen), S. Rietschel, 190 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. Markt und Stadt (1897), 42 ff., 140 ff. (Zusammenfassung) und sonst öfters. Neuerdings von Below, in der Zeitschrift für Soc. und Wirtschaftsgeschichte 5, 138, in Jahrbücher für N.Ö. 20, 23. H. Pirenne, Villes, marches et marchands au moyen age, in der Revue liistorique 67 (1898), 64 ff. 3. (Raubhandel.) Die Worte „lucrum“ und „Lohn“ bedeuten ursprünglich nichts anderes wie Beute, Kampfpreis. Schräder, 59. Uber die Allgemeinheit des Raubhandels auf primitiven Kulturstufen vgl. Schräder, 68 ff., Kuli scher, Jahrbücher 18, 318 f. und öfters. Viel Material, obwohl nicht immer gesichtetes, enthält K. Andree, Geographie des Welthandels 1 (1867), 314 ff. Vgl. auch Letourneau, L’evolution du commerce (1897), 95 ff. 335 ff. In aller früheren Zeit ist die Piraterie als ein durchaus statthaftes, nicht einmal unehrlich machendes Gewerbe betrachtet worden. Bekannt ist die Anerkennung der Piratenassociation (enl la'av) durch das solo- nische Gesetz, sowie noch durch den Staatsvertrag zwischen Clialaeum und Oeanthia in Lokris. Goldschmidt, 27. Ebenso sind die skandinavischen „Wikinger“ seefahrende Kaufleute und Seeräuber zugleich, richtiger Raubhändler, was in dem altnordischen Gesellschaftsrecht seinen Ausdruck findet. Die Pisaner Grofskaufleute des 13. Jahrhunderts fafsten Seekrieg und Seeraub „vom Standpunkt des Geschäftsmanns als gewinnbringende Unternehmungen auf“: Schaube, Das Konsulat des Meeres in Pisa (1888), 38. Die genuesischen Urkunden derselben Zeit erwähnen den „pyraticam artem exercens“. Ed. Heyck, Genua und seine Marine (1886), 182. 1322 plündert ein Seemann von Winchelsea ein englisches Fahrzeug, das Kaufleuten von Sherborne in Dorset gehörte; wenige Jahre später wurde er Maire seiner Vaterstadt. Denton, Engl, in the XV. cent., 85. In den Rechnungsausweisen der holländisch-westindischen Kompagnie figuriert das ganze 17. Jahrhundert hindurch ein Posten für „eroberte Güter“, der sich z. B. 1696 auf 8 671 274 fl. bezifferte. Vgl. die nach den Auszügen Prof. Lueders gemachten Aufstellungen bei F. Saalfeld, Geschichte des holländischen Kolonialwesens in Ostindien 2 (1813), 170 ff. In einem Bericht der indischen Regierung vom Jahre 1764 an die Siebzelmer lieifst es: „Durch gute Verstandhaltung mit dem Sultan Maldiron (Ceylon) machen wir lohnende Jagd auf fremde Fahrzeuge. Im Jahre 1764 haben wir wiederum 11 Fahrzeuge abgefangen und 200 369 tl Ivanel erbeutet, das Pfund im Werte von Gulden 3.12.“ Bokemeyer, Die Molukken (1888), 278. Die psychologische Notwendigkeit des Raubes als einer dem Tausch voraufgehenden Art des Besitzwechsels ist neuerdings in feiner Weise entwickelt worden von G. Simmel, Die Psychologie des Geldes (1900), 53 ff. Eine poetische Verherrlichung des Raubes liest man in dem Beduinenroman „Anthar“. Translated from the Arabic by Terrick Hamilton. 1819. 4. (Gelegenheitshandel.) Im ganzen klassischen Altertum bildet die gelegentliche Bethätigung der Reichen und Vornehmen am Handel eine häufige Erscheinung. Von Thaies und Hippokrates hören wir, dafs sie Handel trieben, und Plato verdiente sich sein Reisegeld durch Olverkauf in Ägypten. Hermann, Privataltertümer. 3. Aufl. S. 419 ff. Bekannt ist die starke Neigung der römischen Senatoren, sich namentlich an den negocia maritima zu beteiligen. Die oft citierten Worte Ciceros (de off. 1, 42. 150) „mercatura . . ., si tenuis est sordida putanda est: sin magna et copiosa, multa undique apportans multisque sine vanitate inpertiens, Siebentes Kapitel. Der vorkapitalistische Handel. 191 non est admodum vituperandum“, möchte ich mit der Thatsache in Zusammenhang bringen, dafs in Kom die gelegentlichen Handelsgeschäfte der Vornehmen gang und gäbe waren. Selbstverständlich handelte es sich in diesen Fällen um eine mercatura copiosa. Unmöglich konnte nun aber der Makel, der dem berufsmäfsigen (Klein-)Iiändler anhaftete, auf die Grofsen des Staats ausgedehnt werden. Sie mufsten ebenso von dem onus der Profitmacherei freigesprochen werden, wie etwa heute ein ostelbischer Junker, der an der Börse spekuliert, naturgemäfs etwas anderes und vornehmeres ist als der be- rufsmäfsige Börsenspekulant. Daher also die geschickte Theorie des gewandten Cicero. Im europäischen Mittelalter bildet es nicht minder, fast möchte ich sagen die Hegel, dafs alle bedeutenden Handelsoperationen von Nichtkaufleuten ausgeführt wurden. Diejenigen Kategorien, die als Gelegenheitshändler vornehmlich in Betracht kommen, waren (und zwar im Süden genau so wie im Norden) 1. die Katsherren und Bürgermeister der Städte: der Doge von Venedig nicht minder als der Ratsherr von Hamburg oder Lübeck (Vicko von Geldersen! die Wittenborgs!); 2. die Geschlechter, insonderheit die reichen grundbesitzenden Familien; 3. die Stifte, Klöster, Orden, Geistlichen aller Grade. Kurz alles, was im Mittelalter vermögend war. Da diese wichtige Thatsache uns in einem anderen Zusammenhänge — unter anderem Gesichtspunkte — noch eingehend beschäftigen wird, so verzichte ich hier auf einen quellenmäfsigen Beleg und verweise den Leser auf die Darstellung im zwölften Kapitel. II. Exkurs zu Kapitel 7. Die Rechenkunst im Mittelalter. Anfang des 15. Jahrhunderts treten in Deutschland die Modisten auf. „Auf allen diesen Schulen . . . kann der Rechenunterricht nicht elementar genug gedacht werden. Kaum irgendwo wird er das Rechnen mit ganzen Zahlen überschritten haben.“ Unger, Methodik der praktischen Arithmethik (1888), 17/19. Ein deutliches Bild von dem Stande der Rechenkunst geben uns die frühesten Rechenbücher oder Kompendien der Mathematik des europäischen Mittelalters. Was Leonardo Pisano, der übrigens ebenso wie Jor- danus seiner Zeit vorausgeeilt war, für Italien anfangs des 13. Jahrhunderts leistete, erreichen für Deutschland kaum die Rechenbücher aus dem Ende des 15. Jahrhunderts. Wie tief selbst das Niveau der Klosterschulen war, zeigt uns beispielsweise das Rechenbuch Bernards vom Jahre 1445, das nichts anderes als das alte gelehrte Rechnen, das wir in Europa bis auf Jordanus zurückverfolgen, lehren wollte. Und sogar auf den Universitäten finden wir „das Rechnen . . . auf keiner höheren Stufe als auf den vorbereitenden Schulen“. M. Cantor, Vorlesungen über Geschichte der Mathematik 2 (1892), 159T60. Von Grammateus erfahren wir, dafs der Algorithmus M. Georgii Beurbachii, der etwa dasjenige Mafs arithmetischen Wissens enthält, welches gegenwärtig zehnjährige Kinder besitzen, „gemacht sei für die Studenten der hohen schul zu Wien“. Unger 25. 192 Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk. Das erste deutsche gedruckte Rechenbuch, das Bamberger von 1483, enthält ebenfalls nur die ersten Elemente der Algebra. Und doch bedeutete die Veröffentlichung solcher für Kaufleute herausgegebenen Leitfaden schon einen ungeheuren Fortschritt gegen früher. Es war schon arabischer Geist in Italien, italienischer im Norden, der diese Blüten trieb. Uber die verschiedenen Typen von Rechenbüchern vgl. Unger, 37 ff., Cantor, 202 ff. Für das 16. Jahrhundert bemerkt zusammenfassend Unger, Methodik, 112: „Tüchtig rechnen können galt für keine leichte Sache, sondern für eine Kunst im vollsten Sinne des Wortes.“ In Italien bürgern sich die arabischen Ziffern mit Stellenwert und Null im Laufe des 13. Jahrhunderts, offenbar aber doch nur langsam ein. Noch 1299 wird den Mitgliedern der Calimala-Zunft in Florenz ihr Gebrauch verboten! In Deutschland sind sie nicht früher als ums Jahr 1500 Volkseigentum geworden, in England um dieselbe Zeit; vgl. aufser den Werken von Unger und Cantor noch H. Hankel, Zur Geschichte der Mathematik im Altertum und Mittelalter (1874), 340 ff. Der älteste bekannte deutsche Algorismus (eine Baseler Handschrift) stammt aus dem Jahre 1445. Sie ist herausgegeben und übersetzt von F. Unger, Das älteste deutsche Rechenbuch, in der Zeitschrift für Mathematik und Physik. XXXIII. Jahrg. (1888), Histor.-litterar. Abteilung, 125 ff. Wie langsam selbst in Italien die Rechenkunst Fortschritte machte, zeigt noch die Handschrift des Introductorius über qui et pulveris dicitur in mathematicam disciplinam aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, dessen Verfasser durcheinander arabische Ziffern mit Stellenwert, römische Zahlzeichen, Finger- und Gelenkzahlen benutzt. Cantor 2, 143. Das Rechnen mit dem Rechenbrett ist nördlich der Alpen noch während des ganzen Spätmittelalters ebenso allgemein, wie die Verwendung von Rechenpfennigen (jetons, counters), die bis ins 18. Jahrhundert hinein in Übung bleibt. ln Italien war damit schon früher gebrochen; Ende des 15. Jahrhunderts spricht Ermolao Barbaro (f 1495) von dem Jetonsrechnen als von einer Sitte, „qui . . . liodie apud barbaros fere omnes servatur“, also in Italien überwunden war. Vgl. wiederum Cantor, a. a. 0. S. 100, 112, 197 ff. Wie schwerfällig aber das Rechnen auf der Linie verglichen mit dem Zifferrechnen war, hatte schon der Rechenmeister Simon Jacob von Ivoburg richtig erkannt, wenn er schrieb: „soviel vortheils ein Fufsgänger, der leichtfertig und mit keiner last beladen ist, gegen einen, der unter einer schweren last stecket, hat, soviel vortheil hat auch ein Kunstrechner mit den Ziffern für einen mit den Linien.“ Unger, 70. *• ¥ Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. „■ ■ ■ aber Herr Jacob Fugger hat ihm allweg zur Antwort gegeben: ... er hätte viel einen andern Sinn, wollte gewinnen, dieiveil er könnte.“ (Aus einem Promemoria Ant. Fuggers.) „tre cose maxime sonno oportune: a chi vole con debita diligentia mercantare. Be le quäle la potissima b la pecunia numerata: e ogni altra faculta substantiale. La seconda cosa che si recerca al debito trafico: sie che sia buon ragioneri e prompto computista . . La terza: e ultima cosa oportuna sie: che con bello ordine tutte sue facende debitamente disponga: acio con breuita: possa de ciascuna hauer notitia.“ (Lucas de Burgo) Summa de Arithmetica ec. Ed. 1523. p. 198 II. ¥ Sombart, Der moderne Kapitalismus. I. 13 Erster Abschnitt. Achtes Kapitel. Begriff und Wesen des Kapitalismus (die kapitalistische Unternehmung). A. Begriff. Ich gehöre zu den altmodischen Leuten, die nur die Genesis von etwas darstellen können, von dem sie genau wissen, was darunter zu verstehen ist. Also: Kapitalismus heifsen wir eine Wirtschaftsweise , in der die specifische Wirtschaftsform die kapitalistishe Unternehmung ist. Letztere gilt es somit zu definieren und in ihren Wesenheiten zu kennzeichnen. Dieses ist die Aufgabe dieses einleitenden Kapitels. Kapitalistische Unternehmung aber nenne ich diejenige Wirtschaftsform, deren Zweck es ist, durch eine Summe von Vertragsabschlüssen über geldwerte Leistungen und Gegenleistungen ein Sachvermögen zu verwerten, d. h. mit einem Aufschlag (Profit) dem Eigentümer zu reproduzieren. Ein Sachvermögen, das solcher Art genutzt wird, heilst Kapital. B. Analyse des Begriffs. I. Die konstitutiven Merkmale des Begriffs unserer Wirtschaftsform finden wir zunächst in der Eigenart der Zwecksetzung. Es fällt auf, dafs der gesetzte Zweck nicht durch irgend welche Beziehung auf eine lebendige Persönlichkeit bestimmt wird. Vielmehr rückt ein Abstraktum: das Sachvermögen von vornherein in den Mittelpunkt der Betrachtung. Diese Los- 13 * 196 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. lösung der Zwecke unserer Wirtschaftsform von der leiblich-individuellen Persönlichkeit des Wirtschaftssubjektes ist wohlbedacht. In ihr soll die Abstraktheit des Zweckes selbst und damit seine Unbegrenztheit sofort als das entscheidende Merkmal der kapitalistischen Unternehmung zum Ausdruck gebracht werden. Es ist vor allem wichtig, zu erkennen, dafs für jegliche in ihr entfaltete Thätigkeit nicht mehr der quantitativ und qualitativ fest umschriebene Bedarf einer Person oder einer Mehrheit von Menschen richtunggebend wirkt, sondern dafs Quantum und Quäle der Leistungen einer kapitalistischen Unternehmung nur noch unter dem unpersönlichen Gesichtspunkt einer Verwertung des Kapitals betrachtet werden dürfen. In der Überwindung der Konkretheit der Zwecke liegt die Überwindung ihrer Beschränktheit eingeschlossen. Die Zwecke der kapitalistischen Unternehmung sind abstrakt und darum unbegrenzt. An diese elementare Einsicht ist jedes Verständnis für kapitalistische Organisation gebunden. Indem wir diese fundamentale Eigenart der kapitalistischen Unternehmung feststellen, wird ersichtlich, dafs wir sie als den vollendetsten Typus der Erwerbswirtschaft charakterisieren. Wie entscheidend wichtig aber die in der Zwecksetzung der kapitalistischen Unternehmung vorgenommene Verselbständigung des Sachvermögens ist, geht von vornherein aus der damit bezeichnten Thatsache hervor, dafs in ihr die Möglichkeit einer Emanci- pation auch von den Schranken des individuellen und damit zufälligen Könnens und Wollens überhaupt eingeschlossen liegt. Dafern das Wirtschaftssubjekt — der kapitalistische Unternehmer — gleichsam nur der Repräsentant seines Sachvermögens ist, so ist es auch vertretbar. Nicht sein individuelles Können entscheidet notwendig über die im Rahmen der kapitalistischen Unternehmung vollzogene Tätigkeit (wie etwa im Handwerk), sondern die durch Nutzung des Sachvermögens ausgelösten Kräfte und Fähigkeiten beliebiger anderer Personen. In diesem Umstande liegt die Erklärung für die ungeheuere Energie, die alle kapitalistische Wirtschaft zu entfalten vermag. Und wie das Ausmafs des Vollbringens im Rahmen der kapitalistischen Unternehmung ins schrankenlose geweitet wird, so wird auch in ihr die Energie der Zwecksetzung gleichsam objektiviert, d. h. abermals von den Zufälligkeiten der Individuen unabhängig gemacht. Durch einen komplizierten psychologischen Prozefs erscheint die Verwertung des Kapitals — das ist also der Zweck jeder kapitalistischen Unternehmung — schliefslich dem Eigentümer eines Achtes Kapitel. Begriff und Wesen des Kapitalismus. 197 Sachvermögens, das das dingliche Substrat einer solchen bildet, als eine sich ihm in ihrer zwingenden Gewalt aufdrängende objektive Notwendigkeit. Das Gewinnstreben oder der Erwerbstrieb, die gewifs ursprünglich höchst persönliche Seelenstimmungen waren, werden damit objektiviert. „Am Ende hängen wir doch ab Von Kreaturen, die wir machten.“] Der Eigenart des Zwecks entspricht die Eigenart der Mittel, deren sich die kapitalistische Unternehmung bedient. Der mannigfachen Arten, wie sich ein Sachvennögen in der von der Zwecksetzung kapitalistischer Organisation gewiesenen Richtung verwerten läfst, wird dort gedacht werden, wo wir die Modalitäten der kapitalistischen Unternehmung besprechen. Hier mufs darauf hingewiesen werden, dafs stets und überall die in ihr entfaltete Thätigkeit sich zurückführen läfst auf eine Summe von Vertragsabschlüssen über geldwerte Leistung und Gegenleistung, auf deren geschickte Bewerkstelligung am letzten Ende die Kunst des Wirtschaftsleiters hinausläuft und deren Inhalt entscheidend ist für die Frage, ob die Zwecke der Unternehmung erreicht sind. Mögen Arbeitsleistungen gegen Sachgüter oder Sachgüter gegen Sachgüter eingetauscht werden: immer kommt es darauf allein an, dafs dabei am letzten Ende jenes Plus an Sachvermögen in den Händen des kapitalistischen Unternehmers zurückbleibt, um dessen Erlangung sich seine ganze Thätigkeit dreht. In der Beziehung auf das allgemeine Warenäquivalent, auf die Verkörperung des Tauschwertes im Gelde wird aller Inhalt der Verträge über Lieferung von Waren oder Arbeitsleistungen aller qualitativen Unterschiedlichkeit beraubt und nur noch quantitativ vorgestellt, sodafs nun eine Aufrechnung in dem zahlenmäfsigen Debet und Credit möglich ist. Dafs das Soll und Haben des Hauptbuchs mit einem Saldo zu Gunsten des kapitalistischen Unternehmens abschliefse: in diesem Effekt liegen alle Erfolge wie aller Inhalt der in der kapitalistischen Organisation unternommenen Handlungen eingeschlossen. Daraus ergeben sich nun aber im einzelnen Wesen und Art der Thätigkeit des kapitalistischen Unternehmers (oder seines Rem- plagant). Diese ist nämlich stets: 1. eine di sponier end-o rganisierende. Damit ist gemeint, dafs sie im wesentlichen gerichtet ist auf die Inbeziehungsetzung anderer Personen. Dem Wesen kapitalistischer Organisation völlig fremd ist die höchst persönliche, individuell-isolierte Werkschöpfung des einsamen Arbeiters. Es ist die Eigenart 198 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. künstlerischen oder wissenschaftlichen Vollbringens, dafs es die Menschen flieht. „Nur wo du klar ins holde Klare schaust, Dir angehörst und dir allein vertraust, Dorthin, wo Schönes, Gutes nur gefällt, Zur Einsamkeit! — Da schaffe deine Welt!“ Und von diesem Hang alles Schöpferischen zur Einsamkeit hat sich der Handwerker noch ein gut Teil bewahrt: am letzten Ende beruht sein bestes Vollbringen in der Mitteilung seiner Persönlichkeit an den toten Stoff. Während hingegen der kapitalistische Unternehmer in der Einsamkeit notwendig verkümmern müfste, weil er vom Commercium lebt. In diesem Angewiesensein auf die unausgesetzte Verknüpfung von Menschen untereinander liegt die specifisch gesellschaftbildende Kraft der kapitalistischen Unternehmung. Man kann sie daher auch als Verkehrsunternehmung, die von ihr beherrschte Wirtschaftsweise füglich als Verkehrswirtschaft bezeichnen. Die Thätigkeit des kapitalistischen Unternehmers ist aber 2. eine kalkulatorisch-spekulative. Das Symbol dieser Wirtschaftsform ist das Hauptbuch: ihr Lebensnerv liegt in dem Gewinn- und Verlust-Conto. Im Conto: im Rechnen. In der Übersetzung jedes Phänomens in das Ziffernmäfsige, im Aufrechnen und Gegenrechnen, in der nackten Geldwertung jeder Leistung. Die Idee einer notwendigen Kongruenz zwischen Leistung und Gegenleistung ist damit in die Welt gekommen. Wir können diese Seelenveranlagung, die solchem Verhalten zu Grunde liegt, die Rechenhaftigkeit nennen. Aber das Rechnen des kapitalistischen Unternehmers ist bei der Mannigfaltigkeit der Beziehungen, die er in seinem Geschäftsinteresse knüpfen mufs, oft genug ein Rechnen mit unbekannten Gröfsen. Das macht seine kalkulatorische Thätigkeit zu einer spekulativen. Es ist eine ganz eigenartige psychologische Mischung, die durch das Nebeneinander von Kalkulation und Spekulation, von Verstandesschärfe und Phantasiefülle oft genug in einem und demselben Individuum entsteht. Der schöpferische Unternehmer ist der spekulative Kopf: der Synthetik er, der sich zum Durchschnittsuntei-nehmer, dem blofsen Kalkulator wie der geniale Denker zum gelehrten Routinier verhält. Einseitige spekulative Veranlagung erzeugt dann die John Laws und Lesseps: die Byron unter den kapitalistischen Unternehmern. Die höchste Blüte des Unternehmertypus stellen solche Persönlichkeiten dar, in denen die Genialität der Spekulation mit der Nüchternheit des Achtes Kapitel. Begriff und Wesen des Kapitalismus. 199 rechnerischen Sinnes die Wage hält: H. H. Meier, Alfred Krupp, Werner Siemens. Endlich ist die Thätigkeit kapitalistischer Wirtschaftssubjekte stets 3. eine rationalistische. Will sagen, dafs ihr Handeln zu allen Zeiten ein bewufstes Handeln nach Gründen ist. Zur Begründung ihrer Handlungsweise bedürfen sie aber einer Aufdeckung der kausalen Beziehungen, einer Ordnung der Dinge nach der Kategorie von Ursache und Wirkung. Diese Eigenart der kapitalistischen Denkweise, die in dem Wesen kapitalistischer Organisation eingeschlossen liegt, wird dann die mächtigste Förderin einer rationalistischen, insonderheit kausalen Betrachtung der Welt: die specifisch-moderne Weltauffassung, die auf dem Postulat strikter Kausalität aufgebaut ist, ist aus innerst kapitalistischem Geiste geboren. Es wird zu zeigen sein, dals die ersten, in dem bezeich- neten Sinne modernen Geister dies nur waren und sein konnten, weil sie Kaufleute waren. Die moderne Naturwissenschaft selbst ist aus dem Hauptbuche geboren worden. II. Die Modalitäten der kapitalistischen Unternehmung ergeben sich unter mehrfachen Gesichtspunkten. Wir können wahrnehmen 1. Verschiedenheiten nach dem Inhalte der in einer Unternehmung verrichteten Thätigkeit, nach der Erwerbsrichtung. Es mufs genügen, die wichtigsten Kategorien kapitalistischer Unternehmungen aufzuzählen. Es sind: a) Unternehmungen zur Darbietung von Diensten gegen Entgelt. Beispiele: Auskunftsbureaus, litterarische Bureaus, Reisebureaus, Theater-, Cirkus- und ähnliche Veranstaltungen zur Befriedigung unserer Schaulust, Bordelle, Zeitungsunternehmungen (Lieferung von Nachrichten, politischen, ästhetischen oder wissenschaftlichen Meinungen etc.), Anstalten für Hundedressur, Ausstellungen aller Art, Unterrichtsanstalten, Veranstaltungen zur Nachrichtenbeförderung, Dienstmannsinstitute, Barbier- und Friseurgeschäfte, Anstalten für Lieferung von Künstlern, Unternehmungen für „Inscenierung zweckentsprechender Reklame“, für „Ausarbeitung vollständiger Reklamepläne“. b) Unternehmungen zur Bereitstellung genufsreifer Sachgüter zum entgeltlichen Gebrauch. Beispiele: Hotels und Restaurants, Fuhrwerksinstitute, Badeanstalten, Maskenverleihinstitute, Versicherungsanstalten (?) (Ersatz von Verlusten oder Bereitstellung von Subsistenzmitteln zu verabredeter Zeit). 200 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Viele Unternehmungen stellen gleichzeitig Sachgüter zur Nutzung und Dienste bereit: das gilt schon von vielen der genannten Institute, wie Theatern, Bordellen, Restaurants. Besonders deutlich wird es aber beispielsweise bei Beerdigungsinstituten, Unternehmungen zum Arrangement von Gesellschaften und Festlichkeiten , Heil- und Krankenanstalten, ärztlichen Instituten aller Art. c) Unternehmungen zur Übermittelung von Sachgütern. Hierher gehören die beiden wichtigen Zweige der Handelsunternehmung, die den Austausch, und der (Güter-)Transportunter- nehmung, die die Ortsveränderung der Güter zum Mittel des Erwerbes macht. In keine der genannten Kategorien passend, mit allen sich berührend, haben sich zu ganz eigenartiger Bedeutung entwickelt d) Unternehmungen zur Kreditgewährung bezw. -Vermittelung, die Banken, Versicherungsanstalten (? s. o. 199). Erübrigt noch die Nennung der wichtigsten Kategorie kapitalistischer Unternehmungen, der e) Unternehmungen zur Erzeugung von Sachgütern, der Produktions Unternehmung. Hier ist der (zufällige) Modus der Kapitalverwertung die Förderung von Sachgütern aus dem Boden oder ihre technische Weiterverarbeitung. Die Produktionsunternehmung ist stets dadurch gekennzeichnet, dafs der Eigentümer des zu ihrer Mise en scene erforderlichen Sachvermögens, vulgo der Kapitalbesitzer, Leiter des Produktionsprozesses in allen seinen Stadien ist, wodurch er sich wenigstens im Prinzip scharf von dem Wirtschaftssubjekt der Handelsunternehmung unterscheidet, das immer nur als Abnehmer von Erzeugnissen anderer Produktionswirtschaftssubjekte erscheint. 2. Verschiedenheiten nach der Stellung des Unternehmers zur Unternehmung. Solche ergeben sich vor allem aus der Verschiedenheit des Umfanges der kapitalistischen Unternehmung. Wir können behufs klarer Erkenntnis unsern Ausgangspunkt nehmen von dem theoretisch (nicht notwendig auch historisch!) normalen Falle der Vollunternehmung, wie ich diejenige kapitalistische Unternehmung nennen will, bei der der Kapitalist nur Organisator und Leiter und nur der Kapitalist Organisator und Leiter ist. Das ist, wie ersichtlich, der juristische Fall der Einzel- iirma und offenen Handelsgesellschaft; als welche Typen jedoch ökonomisch keineswegs immer als Vollunternehmung zu charakteri- Achtes Kapitel. Begriff und Wesen des Kapitalismus. 201 sieren sind, sondern gelegentlich auch (Krupp!) zur Klasse der Grofsunternehmung gehören können. Als solche will ich jede Unternehmung bezeichnen, bei welcher der Kapitalist ebenfalls immer nur Organisator und Leiter, aber Organisator und Leiter nicht nur der Kapitalist ist, vielmehr in seinem Dienste bezahlte andere Leiter neben ihm oder an seiner Statt die organisatorischen Funktionen ausüben. Hierher gehören juristisch die Fälle der Aktiengesellschaften, ökonomisch wie gesagt auch die grofsen Einzel Unternehmungen. Nun aber wird an dieser Stelle die Unterscheidung der Unternehmungen nach der Stellung des Unternehmers zur Unternehmung nur deshalb vorgenommen, um auf den wichtigen dritten Typus der kapitalistischen Unternehmung hinzuweisen, den ich mit dem Namen der kleinkapitalistischen Unternehmung zu belegen vorgeschlagen habe 1 . Diese wird dadurch charakterisiert, dafs bei ihr die Funktion der Organisation und Leitung zwar nur vom Kapitalisten ausgeübt wird, dieser aber nicht nur als Organisator und Leiter, sondern daneben auch als technischer Arbeiter funktioniert. Die kleinkapitalistische Unternehmung stellt sich damit systematisch als eine Zwitterbildung, historisch als eine Übergangserscheinung dar: es finden sich Elemente der kapitalistischen Unternehmung mit solcher handwerks- mäfsiger Organisation gepaart. Ihr Leiter ist meist von Hause aus technischer Arbeiter, der sich genügend viel vom Wesen des kapitalistischen Unternehmers angeeignet hat, auch durch die Höhe seines Sachvermögens den Kreis der von ihm geleiteten Thätigkeiten so sehr ausgeweitet hat, dafs er unmöglich als Handwerksmeister, handwerksmäfsiger Krämer oder dergl. bezeichnet werden kann. Ein Wirtschaftssubjekt, das rechnet, das spekuliert, das einen grofsen Teil seiner Tätigkeit der Disposition und Organisation widmet, das den Kreis seiner Unternehmung Uber die Schranken individueller Werkverrichtung ausgeweitet hat, in dessen Vorstellungskreis vor allem schon die Notwendigkeit einer von seiner technischen Arbeit unabhängigen Verwertung seines Sachvermögens getreten ist, hat alle wesentlichen Merkmale des Handwerkers ein- gebüfst. Er mufs deshalb auch als kapitalistischer Unternehmer, 1 Durch den Mund meiner Schüler in den betreffenden Arbeiten der U. Die Terminologie ist von anderer Seite aufgenommen worden, ohne Nennung der Quelle. Ich würde die letztere unendlich unwichtige Thatsaclie nicht ausdrücklich hervorgehoben haben, wenn von jener Seite nicht Beschwerde gegen andere geführt worden wäre, dafs man die von ihr gebildete Terminologie als selbstverständlichen Besitz der Wissenschaft angesehen habe. w 202 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. wenn auch mit dem Hinzufügen „klein“, gekennzeichnet werden. Äufserlich erscheint er oft mit dem Grofshandwerker identisch. Die Gröfse ihres Betriebes, die Zahl der von ihnen beschäftigten Personen ist oft dieselbe. Trotzdem trennen Welten den kleinkapitalistischen Unternehmer vom Grofshandwerker. Freilich vermag man diesen Unterschied nicht zu erfassen, wenn man beide unter die betriebstechnische Kategorie der „Mittelbetriebe“ (die ihnen beide als Schauplatz ihrer Bethätigung dienen) einordnet. p Die dringliche Notwendigkeit, die von mir eingeführte Unterscheidung von Wirtschaft und Betrieb zu acceptieren, wird in dem vorliegenden Falle auch dem kurzsichtigen Auge deutlich werden. Man wird sich gewöhnen müssen, die Kategorien der Volkswirtschaftslehre nicht nach äufserlichen Merkmalen, wie sie bei oberflächlicher Betrachtung sichtbar werden, zu bilden, sondern nach dem Geiste, der in den ökonomischen Erscheinungen waltet. Als welches der Grundgedanke dieses Buches ist. 3. Verschiedenheiten nach der Stellung des technischen Arbeiters zum Produktionsleiter. Ein Sachvermögen kann zwei grundsätzlich verschiedene Arten von Beziehungen mit technischen Arbeitern eingehen: kurzfristige, lockere Liaisons und solide Eheverhältnisse for better and worse. * Im ersteren Falle ist es noch nicht recht eigentlich Kapital geworden, weil noch keine kapitalistische Unternehmung im strengen Sinne vorhanden ist. Das Kapital befindet sich im Puppenstand. Wir wollen der Einfachheit halber uns der kleinen Ungenauigkeit schuldig machen und das mit den technischen Arbeitern nur erst flirtende Sachvermögen auch schon Kapital nennen. Alsdann läfst sich diese erste Art von Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit (abgekürzt statt „technische Arbeit“) bezeichnen als I. Fälle indirekter Abhängigkeit vom Kapital. 1. Der Kapitalist (meist in Gestalt des Kaufmanns) übt auf den technischen Arbeiter (meist in Gestalt des Handwerkers) nichts anderes als einen Druck aus. Er nutzt Konstellationen des Marktes 9 zu dem Zwecke aus, um sich Teile des Arbeitsertrages des Handwerkers anzueignen. Ob solche Fälle in Wirklichkeit vorliegen, wird sich immer sehr schwer entscheiden lassen; das einzige, was hier Aufschiufs zu geben vermag, ist der Vergleich zwischen Zeiten der „Unabhängigkeit“ und „Abhängigkeit“, des Standard of Life des Arbeiters damals und heute. v Achtes Kapitel. Begriff und Wesen des Kapitalismus. 203 2. Der „Kapitalist“ (meist in Gestalt des Kaufmanns) übt Einflufs auf die Art der Produktion, der er die Richtung weist. Der Handwerker fängt an, „auf Bestellung“ des Kaufmanns zu arbeiten. Ein zunächst völlig unschuldiges Verhältnis, das freilich leicht zu ernsten Konsequenzen führen kann. 3. Der „Kapitalist“ schiefst einem technischen Arbeiter die Mittel zur Produktion auf dem Wege des Kredits vor: kümmert sich aber im übrigen um die Thätigkeit seines Schuldners als Produzenten entweder gar nicht oder doch nur insoweit, als es die Sicherheit seines Darlehns erheischt. In diese Form der Abhängigkeit von Geldbesitzern geraten, wie bekannt, sehr leicht die landbauenden Handwerker, das ist das Bauerntum, die handwerks- mäfsigen Warenverschleifser, das ist das Krämertum; aber auch die gewerblichen Arbeiter biifsen ihre Unschuld häutig auf diesem Wege ein. Schiefst nun der Geldbesitzer die zur Produktion erforderlichen Mittel dem technischen Arbeiter vor und übt er gleichzeitig auf die Art und Richtung der Produktion bestimmten Einflufs aus: Kombination, wie ersichtlich, von 2 und 3, so ist II. die kapitalistische Produktionsunternehmung im Princip gegeben, vorausgesetzt dafs der Geldbesitzer insbesondere den Absatz der Erzeugnisse, d. h. also die Vertriebsthätigkeit, ganz übernimmt. Dadurch nun, dafs der Geldbesitzer oder, wie wir ihn von jetzt ab mit vollem Rechte nennen hönnen, der kapitalistische Unternehmer die für die Produktion erforderlichen Mittel ganz oder nur teilweise (und letzteres wiederum in verschiedenen Abstufungen) vorschiefsen kann, entstehen eine Reihe von Spielarten der kapitalistischen Unternehmung, die wir als die verschiedenen Betriebsformen der kapitalistischen Produktionsunternehmung ansprechen können. Sie stellen sich dar als eine Stufenfolge von immer enger werdenden Beziehungen zwischen technischem Arbeiter und Kapitalisten, anders gewandt von mehr und mehr zur Vergesellschaftung sich entwickelnden Betriebsformen. Da wir später Gelegenheit haben werden, bei der Betrachtung der empirischen Gestaltung gewerblich - kapitalistischer Organisation genauer die Eigenarten der verschiedenen Betriebs- formen der kapitalistischen Produktionsunternehmung kennen zu lernen, so genügt hier die Aufstellung des folgenden Schemas: 204 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. 1. Vorschufs (in natura oder Geld) a) der Lebensmittel, b) des Rohmaterials, c) der Arbeitsmittel (Werkzeuge, Maschinen) fuhrt zu demjenigen, was wir als „Verlagssystem“ 1 oder nicht völlig korrekt als „Hausindustrie“ bezeichnen. Hier ist das betriebstechnisch entscheidende Moment dieses, dafs die Betriebsleitung vom Kapitalisten noch nicht übernommen ist. Es handelt sich um die Betriebsformen 1—5 unserer Tafel der Betriebsformen. Die verschiedenen Nuancen der hausindustriellen Organisation ergeben sich, je nachdem nur eine oder mehrere Kategorien jener Vorschüsse vom Unternehmer geleistet werden. 2. Vorschufs der Lebensmittel (meist in Geld — Arbeitslohn) und sämtlicher sachlicher Produktionsfaktoren (meist in natura) pflegt, da damit in praxi stets auch die Leitung der Werkverrichtung, die „Betriebsleitung“, vom Unternehmer übernommen wird, zur Konstituierung des „Grofsb etriebs“ zu führen, der dann, wie wir wissen (vgl. S. 34 f. 38 f.), je nach dem Grade der Vergesellschaftung des Arbeitsprozesses Individualbetrieb im grofsen, Manufaktur oder Fabrik sein kann. Die Stellung des tech- nischen Arbeiters zum Kapitalisten ändert sich durch diese Organisationsform insofern von Grund aus, als er nunmehr auch seine Selbständigkeit und Unabhängigkeit als Betriebsleiter eingebüfst hat. Den Individualbetrieb im grofsen in kapitalistischer Gestalt nenne ich Aufserhausin dustrie, wenn sich der Arbeitsprozefs nicht an einer, sondern an vielen zerstreuten Stellen abspielt: klassisches Beispiel das grofsstädtische Malergeschäft. III. Die Formen des Kapitals sind nichts anderes als die verschiedenen Gesichtspunkte, unter denen wir die kapitalistische Unternehmung selbst betrachten können. Es genügen daher einige wenige, im wesentlichen terminologische Feststellungen. 1. Jedes Kapital nimmt im Laufe seines Verwertungsprozesses verschiedene Erscheinungsformen an: es macht eine Metamorphose durch, derart, dafs es immer in der Geldform beginnt und immer in ihr endigt, zwischendurch jedoch sich in diejenigen sachlichen und persönlichen Produktionsfaktoren verwandelt, deren Inbeziehung- 1 „Wenn jemand die zur Betreibung eines Handwerks erforderlichen Kosten gegen einen davon erhofften Gewinn vorschiefst, so sagt man, dafs er ein Handwerk verlege.“ Krünitz, 21, 542. Achtes Kapitel. Begriff und Wesen des Kapitalismus. 205 Setzung seine Verwertung hervorruft. Das Kapital der Produktionsunternehmung insbesondere befindet sich entweder in der Form von Arbeitskräften und Produktionsmitteln: in der Produktionssphäre, oder von fertigen Waren: in der Cirkulationssphäre. Wir wollen mit Marx Produktionszeit diejenige nennen, während welcher sich das Kapital in der Produktionssphäre auf hält; Umlaufszeit, während welcher es in der Cirkulationssphäre haust; Umschlagszeit dagegen die Produktionszeit zusammen mit der Umlaufszeit. Von der Produktionszeit ist nur ein Teil Arbeitszeit, nämlich diejenige Zeit, während welcher der Arbeitsprozefs thatsächlich sich abspielt. 2. Je nachdem das Kapital zum Ankauf von sachlichen oder persönlichen Produktionsfaktoren dient, unterscheiden wir Realkapital und Personalkapital. Diese Ausdrücke treten an die Stelle des konstanten und variablen Kapitals hei Marx, die bei diesem, wie bekannt, ihre Benamsung der Eigenart seiner meinem System fremden Werttheorie verdanken. 3. Je nach der Art und Weise, wie bei der Verwertung des Kapitals die einzelnen Bestandteile, in die sich das ursprüngliche Geldkapital auf löst, funktionieren, unterscheiden wir in üblicher Weise fixes oder stehendes und cirkulierendes oder umlaufendes Kapital. Jenes wird gebildet aus allen denjenigen sachlichen Produktionsfaktoren, die während einer bestimmt begrenzten Periode — meist wird ein Jahr angenommen —, obwohl sie genutzt wurden, doch nicht vernutzt worden sind, d. h. also nur einen Teil ihres Wertes während dieser Periode abgegeben haben; während cirkulierendes Kapital alle diejenigen Bestandteile des Gesamtkapitals sind, die während jener Periode mit ihrem vollen Werte dem Verwertungszweck der Unternehmung geopfert, also völlig vernutzt sind, sodafs ihre gänzliche Erneuerung notwendig ist. Offensichtlich ist alles Personalkapital umlaufendes Kapital, dagegen vom Realkapital nur das in Rohmaterial und Hilfsstoffen verausgabte. C. Voraussetzungen und Bedingungen der kapitalistischen Unternehmung. Die Frage nach diesen enthält die wichtige Grundfrage: Wie ist Kapitalismus möglich? Wenn ich die Frage nach seinen Voraussetzungen und Bedingungen aufwerfe, so will ich damit eine Unterscheidung des Sinnes treffen, dafs ich zunächst einmal diejenigen Qualitäten festzustellen suche, die ein Wirtschaftssubjekt 206 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. prästieren mufs, von dem die Bildung einer kapitalistischen Unternehmung ausgehen soll, ohne deren Vorhandensein also die kapitalistische Unternehmung noch nicht koncipiert, noch nicht in der Idee vorhanden, geschweige denn realisiert ist. Es werden solcherart die Bedingungen, die das Wirtschaftssubjekt notwendig erfüllen mufs, füglich als subjektive Voraussetzungen denjenigen Bedingungen gegenübergestellt werden dürfen, die behufs Verwirklichung der im Plane des Wirtschaftssubjektes vorgezeichneten, * im Rahmen einer kapitalistischen Unternehmung zu realisierenden Zwecke in der Umwelt des Wirtschaftssubjektes erfüllt sein müssen; wir wollen diese als objektive Bedingungen bezeichnen. I. Die subjektiven Voraussetzungen einer kapitalistischen Unternehmung können auf Grund der Analyse, der wir den Begriff dieser Wirtschaftsform unterzogen haben, ohne weiteres festgestellt werden. Dieweil es sich bei jeder kapitalistischen Unternehmung um die Verwertung eines Sachvermögens handelt, so mufs offenbar dieses in entsprechender Höhe in der Verfügungsgewalt eines Wirtschaftssubjektes sich angehäuft haben, ehe auch nur der erste Schritt auf dem Wege einer kapitalistischen Unternehmung gethan werden kann. Ein Sachvermögen „in entsprechender Höhe“: , das ist sehr vag ausgedrückt, aber trotzdem mufs diese Umschreibung genügen. Wem die Höhe entsprechen mufs, wissen wir ja: den Anforderungen zahlreicher Vertragschliefsungen mit Besitzern von Waren oder Arbeitskraft, Vertragschliefsungen in solcher Höhe, dafs mit ihrer Abwicklung die Arbeitskraft des Wirtschaftssubjekts erschöpft wird und ihm aus der rein disponierenden Thätigkeit eine hinreichende Verwertung seines Vermögens erwächst. Jeder Versuch, die Mindesthöhe des Sachvermögens zu bestimmen, bei welcher dieses die Eigenschaft des Kapitals annehmen kann, wie es Marx bekanntlich unternommen hat 1 , ist von vornherein zum Scheitern verdammt. Denn es giebt keinerlei feste Anhaltspunkte für eine derartige Mafsbestimmung. Marx hat ganz einseitig auf die Produktionsunternehmung exemplifiziert und auch für diese das Problem nicht gelöst: denn dafs es falsch ist, den von den r Lohnarbeitern einer Unternehmung produzierten Mehrwert zur Basis der Berechnung für den Profit dieser selben Unternehmung zu machen, leuchtet ein und ist nach dem Gesamtsystem von Marx selbst unstatthaft. Es rächt sich hier die viel zu schematische Art, 1 Zu vergleichen Kapital 1 4 , 272 f., 296 mit III n, 139. Achtes Kapitel. Begriff und Wesen des Kapitalismus. 207 in der Marx den Begriff des Kapitals und der kapitalistischen Unternehmung bestimmt hat. Müssen wir nun aber auch — wohl für immer — darauf verzichten, die Mindesthöhe des kapitalistischer Verwertung fähigen Sachvermögens zu bestimmen, so wird in der grofsen Mehrzahl der Fälle es sich empirisch mühelos feststellen lassen, wann ein Sachvermögen den Rahmen eines blofsen Arbeitsfonds überschreitet und Dispositionsfonds wird. Theoretisch müssen wir uns also mit der allgemeinen Konstatierung begnügen, dafs kapitalistische Wirtschaft ohne vorhergegangene Accumulation von Sachvermögen in angemessener Höhe undenkbar ist. Und diese einfache aber wichtige, ja grundlegende Erkenntnis kann noch dahin erweitert bezw. prä- cisiert werden, dafs wir den Artcharakter des Sachvermögens, das die Voraussetzung kapitalistischer Organisation bildet, genauer bestimmen können: es ist seine Existenz als Geldbesitz notwendig. Indem wir hier gleichzeitig eine für die Existenz kapitalistischer Organisation notwendige objektive Bedingung vorwegnehmen, können wir sagen, dafs eine Gesellschaft ihre Wertvorstellungen schon in der abstrakten Form eines allgemeinen Warenäquivalents, des Geldes, und zwar genauer des Metallgeldes (oder seiner Surrogate), vergegenständlicht haben mufs, ehe denn Kapitalismus gedacht werden kann. Denn nur unter dieser Voraussetzung ist die dem Wesen der kapitalistischen Unternehmung eigentümliche Rechen- haftigkeit des wirtschaftlichen Gebarens, ist die ungehinderte, unausgesetzte, auf ziffernmäfsiger Feststellung von Leistung und Gegenleistung berechnete Vertragschliefsung, die den inneren Kern der kapitalistischen Unternehmung bildet, denkbar. Wir können also als die erste, ursprünglichste und wichtigste subjektive Voraussetzung kapitalistischer Organisation auf Grund dieser Erwägungen nunmehr genauer die in den Händen einzelner Wirtschaftssubjekte erfolgte (Metall-)Geldaccumulation bezeichnen. Wir werden dort, wo wir das historische Werden des Kapitalismus verfolgen, zu zeigen haben, wie auch empirisch die Thatsache namentlich rascher und massenhafter Geldaccumulation von eminenter Bedeutung als Anregung zu kapitalistischer Verwertung der Sachvermögen wirkt. Hier genügt einstweilen die theoretische Feststellung dieser ersten subjektiven Voraussetzung unserer Wirtschaftsform. Nun ist aber auch die gröfste Geldaccumulation noch keineswegs schon hinreichende Voraussetzung auch nur für den Plan einer kapitalistischen Unternehmung. Was vielmehr zu ihr in dem vermögenden Wirtschaftssubjekte hinzutreten mufs, um die accumu- 208 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. lierten Geldbeträge in Kapital zu verwandeln, ist der specifiscli kapitalistische Geist ihres Besitzers. Darunter sind also alle jene Seelenstimmungen zu verstehen, die wir als dem kapitalistischen Unternehmer eigentümliche kennen gelernt haben: das Gewinnstreben, der kalkulatorische Sinn, der ökonomische Rationalismus. Damit Kapitalismus möglich sei, ist kein geringeres Wunder zuvor nötig als die Menschwerdung eben dieses ökonomischen Rationalismus in der Gestalt des economical man der klassischen Nationalökonomie. II. Die objektiven Bedingungen, an deren Erfüllung die Existenzmöglichkeit kapitalistischer Organisation geknüpft ist, sind, wie wir feststellten, Verumständungen in demjenigen Teile der Aufsenwelt, mit dem das kapitalistische Wirtschaftssubjekt behufs Verwirklichung seiner Zwecke notwendig in Beziehung treten mufs. Wir können daher die Natur dieser Verumständungen dahin genauer bestimmen, dafs wir sagen: es müssen diejenigen Bedingungen erfüllt sein, die dem kapitalistischen Unternehmer eine seinen Bedürfnissen entsprechende Vertragschliefsung mit dritten Personen ermöglichen. Diese Bedingungen sind entweder formeller oder materieller Natur. Fragen wir zunächst: Wie ist Vertragschliefsung in kapitalistischem Sinne formell möglich? so ergiebt sich die Antwort von selbst dahin: es müsse die Rechtsordnung derart beschaffen sein, dafs sie die vom Wesen der kapitalistischen Unternehmung erheischten Rechtsverhältnisse und Verträge mindestens zulasse. Dies ist aber vor allem das Privateigentum auch an Produktionsmitteln; dies sind sodann folgende Arten von Verträgen: Kauf, Pacht, Leihe, Sach- und Dienstmiete, Verträge, die, wie ersichtlich, erforderlich sind, damit der kapitalistische Unternehmer sein Sachvermögen, sei es durch Darbietung von Diensten oder genufsreifen Sachgütern zum Gebrauch, sei es durch Übermittlung oder Erzeugung von Sachgütern oder sonstwie verwerten könne. Immer mufs er Verkäufer oder Käufer, Vermieter oder Mieter, Verpächter oder Pächter von Sachgütern, ebenso wie Käufer und insonderheit Verkäufer von Leistungen (Diensten) finden, mit denen er kontrahieren kann. Und alle diese Vertragschliefsung ruht, wie ebenfalls offensichtlich ist, nur dann auf einem sichern Fundamente, wenn dem kapitalistischen Unternehmer die freie Verfügung über die zur Weiterveräufserung oder Bearbeitung erworbenen Sachgüter zusteht, d. h. also, wenn Privateigentum an allen Kategorien von Sachgütern, insonderheit auch an den die Produktion von Gütern ermöglichenden Gütern: f Achtes Kapitel. Kegriff und Wesen des Kapitalismus. 209 den sachlichen Produktionsfaktoren zusteht. All’ das sind selbstverständliche Dinge, an die nur erinnert zu werden braucht und die es nur galt in dem richtigen Zusammenhänge zur Sprache zu bringen. Was aber wohl noch eine ausdrückliche Hervorkehrung verdient, ist dieses: dafs die erwähnten rechtlichen Beziehungen keineswegs notwendig von der Rechtsordnung ausdrücklich als statthaft anerkannt zu sein brauchen. Die Rechts- ^ Ordnung kann vielmehr sehr wohl derart gestaltet sein, dafs sie jedes einzelne der genannten Rechtsverhältnisse, das Privateigentumsverhältnis ebensogut wie alle namhaft gemachten Verträge, geradezu ausschliefst oder ausdrücklich verbietet. Es genügt, um die Existenz des Kapitalismus zu ermöglichen, vollkommen, dafs jene Beziehungen auf irgend eine Weise, sei es praeter legem, sei es contra legem, thatsächlicb zu stände kommen können. Jedermann weifs — und wir werden noch öfters Gelegenheit haben, es im einzelnen bestätigt zu finden —, dafs die geschichtliche Entwicklung des Kapitalismus in der That sehr häufig im Rahmen einer Rechtsordnung sich vollzogen hat, die so gut wie jedes Rechtsverhältnis verbot, dessen er zu seiner Existenz bedurfte. Es darf nur an das Zinsverbot des Mittelalters oder an die Zunftgesetz- * gebung erinnert werden, die alle Freiheit des Kauf- und Lohnvertrages ausschlofs, um die Richtigkeit dieser Feststellung evident zu machen. Diejenige Rechtsordnung, die dem Bedürfnis kapitalistischen Gebahrens am ehesten gerecht wird: die gewerbefreiheitliche, hat sich dieser selbe Kapitalismus vielmehr erst in jahrhundertelangem Ringen mühsam erkämpfen müssen. Auch das sollten allgemein bekannte Dinge sein, die gar nicht erst ausdrücklich konstatiert zu werden nötig haben sollten. Leider ist aber der Theoretiker in unserer Wissenschaft der Mühe nicht immer enthoben, auch die trivialsten Wahrheiten gelegentlich mit einigem Aufwande von Worten erst festzustellen, mafsen es ja eines der beliebtesten Spiele nationalökonomischer „Theorie“ neuester Richtung geworden ist, klare Zusammenhänge zu verdunkeln oder Ursache und Wirkung umzukehren. Damit aber Kapitalismus möglich sei, ist nicht nur erforderlich, dafs die im Wesen kapitalistischer Organisation begründeten Ver- tragschliefsungen überhaupt stattfinden können: sie müssen vielmehr auch in einem dem kapitalistischen Unternehmer günstigen Sinne sich abwiclceln, d. h. also im Endergebnis die Reproduktion seines Sachvermögens nebst einem Aufschläge, dem Profit, herbeiführen. Dafs dieses wiederum an ganz bestimmte objektive Bedingungen Sombart, Der moderne Kapitalismus. I. 14 t 210 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. geknüpft ist, braucht nicht erst besonders hervorgehoben zu werden. Diese Bedingungen, an deren Erfüllung also die Verwertung eines Kapitals gebunden erscheint, sind diejenigen objektiven Bedingungen materieller Natur, von denen oben die Rede war. Sie nachweisen, heifst die Frage beantworten: Wie ist Profit möglich? Da es die specielle Aufgabe späterer Darstellung ist, die „Gesetze“ kapitalistischer Wirtschaft in ihren Verzweigungen aufzudecken, so kann hier auch die aufgeworfene Frage nur eine vorläufige Erledigung finden, soweit eine solche für das Verständnis der Beziehungen zwischen Handwerk und Kapitalismus unabweisbar ist. Ein grofser Teil der Antwort ist bereits durch die Fragestellung gegeben. Es handelt sich nämlich, wie diese ersichtlich macht, hier zunächst nicht um das unwissenschaftliche (weil ethische) Problem einer „Zurechnung“ des Kapitalprofits. Die ganze lästige Geschichte von der „Ausbeutung“, dem „Gebühren“ und „Verdienen“ und was damit zusammenhängt, liegt völlig aufserhalb unseres Interessenbereiches, wie ja wohl der ganze Inhalt dieses Buches dem aufmerksamen Leser zur Genüge deutlich gemacht haben dürfte. Der wissenschaftliche Charakter unserer Erörterungen schliefst derartige laienhafte Betrachtung von vornherein aus. Es handelt sich aber bei unserer Frage auch nicht um die psychologische Motivierung des „Zinsbezuges“, auf die, wie bekannt, die Ausführungen des bedeutendsten der lebenden Kapitaltheoretiker, Böhm-Bawerks, hinauslaufen. Es handelt sich vielmehr um die Lösung eines, wenn man will, viel einfacheren, aber darum für die social wissenschaftliche Erkenntnis nicht weniger bedeutsamen Problems, desjenigen nämlich, das in der Frage nach der Herkunft alles Unternehmerprofits aufgeworfen wird; mit anderen Worten um das Problem der objektiven Möglichkeit eines Profit-(und Zins-)bezuges. Es ist klar, dafs diese Frage ihre ganz selbständige Bedeutung neben jenen oben genannten nach der Zurechnung und der psychologischen Motivation besitzt. Es ist aber auch nicht minder klar, dafs es in einer Lehre von den objektiven Bedingungen des Kapitalismus die einzige Frage ist, die überhaupt in Betracht kommt. Die Beantwortung der von uns aufgeworfenen Frage nimmt ihren Ausgangspunkt von zwei Grundsätzen: 1. The annual labour of every nation is the fund, which origi- r Achtes Kapitel. Begriff und Wesen des Kapitalismus. 211 nally supplies it with all the necessaries and conveniencies of life which it annually consumes; 2. Arbeit im Sinne dieses Satzes ist nur diejenige der technischen Arbeiter, d. h. der im Arbeitsprozesse der Gütererzeugung unmittelbar thätigen Personen. Arbeit im Sinne dieses Satzes ist diejenige des kapitalistischen Unternehmers, der blofs Disponent und Organisator fremder Arbeit ist, ebensowenig wie diejenige des P Schutzmanns, des Erfinders, des Verwaltungsbeamten oder des Professors an der technischen Hochschule, so absolut unentbehrlich die Thätigkeit dieser Personen für das Zustandekommen überhaupt eines ökonomischen Nutzeffekts sein mag. Der axiomatische oder wenn man will, aprioristische Charakter dieser Sätze schliefst natürlich die Möglichkeit, aber auch die Notwendigkeit eines Beweises ihrer Richtigkeit aus. Sie werden aufgestellt als Hilfsmittel des Denkens, d. h. weil ohne sie Wissenschaft der kapitalistischen Wirtschaft nicht möglich ist. Uber die Statthaftigkeit ihrer Formulierung entscheidet somit nichts anderes als ihr theoretischer Nutzeffekt, das ist die Hilfe, die sie bei der Gewinnung materieller ökonomischer Erkenntnis zu leisten vermögen. Sapienti sat. Und für den Insipiens schreibe ich nicht. Bildet sonach der Arbeitsertrag eines Teiles der Bevölkerung den Fonds, von dem die ganze Gesellschaft lebt, so leben alle nicht zu den technischen Arbeitern gehörigen Personen von Anteilen an den Arbeitserträgen jener, genauer von den Mehrerträgen, die die Arbeit der technischen Arbeiter über dasjenige Güterquantum hinaus liefert, das sie selbst sich aneignen bezw. zum Verzehr bringen. Zu der Kategorie der zahlreichen von den Mehrerträgen der technischen Arbeit (ich vermeide absichtlich das Wort Mehrwert, um in dem Leser nicht falsche Vorstellungsreihen zu erzeugen) lebenden Personen gehört nun offenbar neben Staatsministern und Kurtisanen, Universitätsprofessoren und Ballettänzerinnen auch die Klasse der kapitalistischen Unternehmer aller Schattierungen. Mit andern Worten: der Unternehmerprofit stellt einen Anteil an den Arbeitserträgen der technischen Arbeiter dar, er mag als Produk- p tions- oder Handelsprofit oder in seiner abgeleiteten Form als Leihkapitalzins erscheinen. Folgt dieser Satz unmittelbar als logischer Schlufs aus den vorangestellten beiden Grundsätzen und bedarf er somit keiner weiteren Begründung, so dürfte es doch zur Vermeidung von Mifsverständnissen angebracht sein, folgende erläuternden Bemerkungen dem Gesagten hinzuzufügen, damit nicht etwa die Nebelschleier ethischer Sentiments den klaren theoretischen Ausblick 14 * r 212 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. verdecken, den unsere Feststellungen uns zu verschaffen geeignet sind. 1. Obwohl der Unternehmerprofit stets einen Anteil an dem Arbeitserträge des technischen Arbeiters darstellt, braucht er keineswegs die Erträgnisse der Arbeit des letztgenannten zu schmälern. Im Gegenteil kann — und in der empirischen Gestaltung der Dinge bildet dieser Fall wohl sogar die Regel — nach Abzug der auf den Profit entfallenden Quote des Arbeitsertrages dessen Rest ein gröfseres Güterquantum repräsentieren, als es ohne Dazwischentreten des kapitalistischen Unternehmers der Fall sein würde. Ein Kaufmann, der die Waren zweier Handwerker austauscht, kann immer nur einen Profit einheimsen, wenn ihm jeder (oder einer) der beiden Produzenten eine Quote seines Arbeitsertrages abtritt (es wird unterstellt, dafs die ganze Erde nur von zwei Handwerkern und einem Händler bevölkert sei). Gleichwohl kann infolge der vermittelnden Thätigkeit des Kaufmanns sich das dem einzelnen Handwerker zufallende Güterquantum gegen früher verdoppeln: Wirkung einer Steigerung der relativen Produktivität der Arbeit. Ebenso kann das dem Arbeitslohn entsprechende Güterquantum, das den in einer kapitalistischen Unternehmung organisierten Webern zufällt, gröfser sein, als die Summe des von derselben Anzahl von Webern produzierten Güterquantums ausmachen würde, wenn sie als Handwerker jeder für sich arbeiteten: Wirkung einer Steigerung der absoluten Produktivität der Arbeit. Konfusionare haben auf dieser Thatsache die Theorie von der „Produktivität des Kapitals“ aufgebaut. Es ist aber ebenso unklar gedacht, wenn man etwa, wie es heute mehr als je geschieht, den technischen Arbeiter für den „produktiven“ oder sogar allein produktiven anzusprechen und ihm die „unproduktiven Stände“ der Händler gegenüberzustellen beliebt. Volkswirtschaftlich betrachtet trägt die disponierende Thätigkeit des kapitalistischen Unternehmers — er mag über Warenbewegung Kaufverträge oder mit Arbeitskräften Lohnverträge abschliefsen — mindestens ebensoviel, wenn nicht mehr, zur Ergiebigkeit der technischen Arbeit bei als diese selbst. Ob ein Schuster ein oder zwei Paar Stiefeln in einem Tage herzustellen vermag, hängt natürlich am letzten Ende ebenso von der Thätigkeit des organisierenden Kapitalisten wie von derjenigen des Schusters ab, der in seiner Fabrik arbeitet. Und sicherlich ist die Begründung und Leitung einer Schuhfabrik eine volkswirtschaftlich „produktivere“ Leistung als das Hantieren des handwerksmäfsigen Schusters mit Hammer und Pfriemen. Geradezu unsinnig ist es aber, aus der Thatsache, dafs ein kapita- Achtes Kapitel. Begriff und Wesen des Kapitalismus. 213 listischer Unternehmer nur Profit machen kann, wenn er Teile des Arbeitsertrages der von ihm organisierten Arbeiter einbehält, die ethische Begründung eines sog. Rechtes auf den vollen Arbeitsertrag ableiten zu wollen. 2. ist es eine ganz verkehrte Vorstellung, dafs der Profit der kapitalistischen Unternehmer immer nur aus Anteilen am Arbeitserträge der in seinem Dienst oder im Dienste anderer beschäftigten * Lohnarbeiter bestehen könne. Der verfehlte Ausgangspunkt, den Karl Marx für seine Mehrwertlehre nahm — aus der Cirkulations- sphäre! — hat den genialen Mann in diese grundfalsche Anschauung hineingetrieben. Es ist vielmehr ausdrücklich zu konstatieren, dafs der Profit ebenso wie aus einbehaltenen Arbeitserträgen der Lohnarbeiterklasse aus Anteilen sich zusammensetzen kann, die dem Kapitalisten von den Arbeitserträgen selbständiger Produzenten (Handwerker oder Bauern) zufliefsen. In dieser Thatsache liegt die Begründung eingeschlossen für die Existenzmöglichkeit kapitalistischer Handelsunternehmungen inmitten handwerksmäfsiger oder bäuerlicher Produktion: ein Fall, den Marx bekanntlich immer nur als anormale Erscheinung hat zu deuten vermocht. Warum in aller Welt aber soll ein Kapital von einer Million Mark, das in einem » Friseurgeschäft investiert ist, sich nicht normal verwerten können, auch wenn die von ihm betriebene Thätigkeit lediglich inmitten von Bauern oder Handwerkern ausgeübt wird: jede Bezahlung eines Shampooings enthält alsdann die Gewährung eines Anteils an dem Arbeitserträge des betroffenen selbständig produzierenden Bauern oder Handwerkers. Dies vorausgeschickt, können wir nunmehr uns der Beantwortung der Frage zuwenden: Wie ist Profit möglich'? Dabei wollen wir uns nicht mit der Feststellung lange aufhalten, dafs die allgemeine Voraussetzung seiner Existenz ein bestimmter Höhegrad der Produktivität technischer Arbeit ist; denn damit würden wir nur eine Tautologie aussprechen. Vielmehr soll näher geprüft werden, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit der vorhandene oder mögliche Mehrertrag der technischen Arbeit nun auch * wirklich in Profit verwandelt werde. Nach der hier vertretenen Auffassung kann Profit entstehen durch Anteil an dem Arbeitserträge der Käufer (von Waren oder Diensten) ebenso wie der Verkäufer (von Arbeitsleistungen). Demnach wird entscheidend für die Möglichkeit der Profitbildung sein: 1. die Beschaffenheit der Käufer von Waren oder 214 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. D iensten. Die Kundschaft jeder kapitalistischen Unternehmung kann nun offenbar zwei verschiedenen Kategorien von Wirtschaftssubjekten angehören. Entweder nämlich sie rekrutiert sich aus Personen, die nur mit eigener Arbeit bezahlen können. Das sind die selbständig oder in Abhängigkeit produzierenden technischen Arbeiter; also auf der einen Seite freie Bauern und Handwerker, auf der andern Seite Lohnarbeiter, zins- oder abgabenpflichtige Bauern etc. Es ist nun klar, dafs diese Personen immer nur kleine Gütermengen überhaupt, Gütermengen, deren Maximalhöhe ihrem eigenen Arbeitserträge entspricht, deren effektive Höhe natürlich niemals auch nur annähernd dieses Maximum zu erreichen vermag, behufs Erlangung von Waren oder Benutzung von Diensten einem kapitalistischen Unternehmer abzutreten gewillt oder in der Lage sind. Will dieser also an solcherart Wirtschaftssubjekten Profit machen, so wird er dies erfolgreich nur vermögen, wenn er seine Waren oder Dienste an eine sehr ausgedehnte Kundschaft absetzt. Das aber kann er wiederum nur unter einer von zwei Bedingungen: entweder nämlich bei sehr dichter Besiedelung eines Landes, oder bei sehr hoch entwickelter Transporttechnik. Diese Bedingungen brauchen nun nicht notwendig erfüllt zu sein, wenn die Abnehmer unseres Unternehmers jener zweiten Kategorie von Wirtschaftssubjekten angehören, auf die oben hingedeutet wurde; das sind Personen, die mit fremder Arbeit bezahlen können. Das sind also alle diejenigen, die auf Grund irgend eines Rechtstitels anteilsberechtigt an den Erträgnissen technischer Arbeiter sind. Hierher gehören alle Staats- und Fürstenhaushalte, die durch Steuern oder andere Gefälle gespeist werden; hierher gehört die wichtige Kategorie der Landrentenbezieher, hierher gehören alle freien Berufsarten, alle Beamten, hierher gehören endlich andere kapitalistische Unternehmer. Es ist wiederum klar, dafs alle diese genannten Personenkategorien in der Bezahlung von Waren oder Diensten nicht an die engen Grenzen ihres persönlichen Arbeitsertrages gebunden sind, also nötigenfalls behufs Erlangung begehrter Waren oder Benutzung wertvoller Dienste sehr liberale Bedingungen dem Verkäufer stellen können, sofern sie beliebige Mengen fremder Arbeitserträge als Entgelt zu geben vermögen. Wenn ein reicher Fronhofbesitzer des Mittelalters ein Pfund Pfeffer oder ein Stück Seidenzeug „mit Gold aufwog“, so hiefs das ebenso, wie wenn heute Vanderbilt für eine Briefmarke ein Vermögen aus- giebt, nichts anderes, als dafs von den Käufern eine entsprechend Achtes Kapitel. Begriff und Wesen des Kapitalismus. 215 grofse Summe von fremden Arbeitserträgen dem Zwecke dieses Erwerbes geopfert wurde. Damit nun aber auf diesem Wege, nämlich durch Überweisung von Anteilsrechten an fremden Arbeitserträgen, Profit gebildet werden könne, ist die Voraussetzung eine entsprechend grofse vorhergegangene Accumulation solcher Anteilsrechte in den Händen von Personen, die ihren Reichtum gern zum Ankauf fremder Waren ► oder zur Bezahlung dargebotener Dienste verwenden wollen. Aus gleichem Grunde, weshalb in den bezeichneten Fällen beliebig hohe Entgelte für den Erwerb von Waren gezahlt werden können, können umgekehrt die Bedingungen bei dem Verkauf von Sachgütern seitens solcher Anteilsberechtigten unter Umständen ebenfalls sehr zu gunsten des Käufers gestellt, d. h. kann die Überlassung gegen einen Gegenwert gewährt werden, der nicht annähernd der in der dargebotenen Ware verkörperten Arbeit entspricht. 2. Die Beschaffenheit der Verkäufer von Arbeitsleistungen mufs derart sein, dafs sie zu einem ihre Verwendung in der kapitalistischen Unternehmung lohnenden Entgelte in genügender Menge dem Unternehmer zur Verfügung stehen. Dazu ist vor allen Dingen nötig, dafs sie überhaupt da sind, dafs also ^ sich in einer Bevölkerung Personen in hinreichender Zahl vorfinden, die, weil sie selbständige Produzenten oder Rentiers oder Minister entweder nicht werden wollen oder nicht werden können, freiwillig ihren Unterhalt durch Verrichtung von Lohnarbeit im Solde eines , kapitalistischen Unternehmers zu verdienen suchen. Dafs Personen, obwohl sie als selbständige Produzenten leben könnten, es trotzdem vorziehen, Lohnarbeiter in einer kapitalistischen Unternehmung zu werden, ist heute kein seltener Fall mehr. Er setzt jedoch schon eine sehr hohe Entwicklungsstufe kapitalistischer Wirtschaft und vor allem ein weit fortgeschrittenes Stadium der Dekomposition vorkapitalistischer Organisation voraus. Für die urwüchsige Entwicklung des Kapitalismus ist er nur von i geringer Bedeutung, wie er auch niemals bisher zu einem Massenphänomen sich ausgewachsen hat. ¥ Viel wichtiger ist der Fall, dafs Personen sich dem kapitalistischen Unternehmer zur Verfügung stellen, weil sie auf andere Weise als durch Lohnarbeit ihr Dasein nicht fristen können. Es sind entweder Existenzen, die schon selbständige Produzenten waren, in ihrer Stellung aber nicht bleiben können. Sei es, dafs man sie gewaltsam daraus vertreibt: wie die gelegten Bauern, an die merkwürdigerweise Marx fast allein denkt, wenn er von dem \ 21G Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. urwüchsigen Lohnarbeitermaterial spricht. Sei es, dafs ihre Existenz allmählich durch widrige Umstände untergraben wird: weil etwa die Bauernwirtschaft der Anlehnung an den Gemeindebesitz beraubt wird oder der Handwerker der Konkurrenz höherer Wirtschaftsformen unterliegt. Hier handelt es sich also um Arbeitermaterial, das sich aus den Reihen ehemals selbständiger Produzenten rekrutiert. Ihm verwandt sind diejenigen Existenzen, die zwar nicht selbständige Produzenten, aber doch sonst irgendwie sustentiert waren, sodafs sie der Lohnarbeit nicht bedurften, um leben zu können, und die nun auch durch irgendwelche Verumständung ihren Unterhalt verlieren und dem kapitalistischen Unternehmer anheimfallen. Hierher gehören entlassene Söldner, nicht mehr unterstützte Almosenempfänger, auf Nebenverdienst angewiesene Familienglieder, die ehedem in der Hauswirtschaft ihre Arbeitskraft verwerten konnten, und ähnliches Gelichter. Wir wollen alle diese sagen wir depossedierten Existenzen unter dem Begriff der Zuschufsbevölkerung zusammenfassen. Diese Zuschufsbevölkerung bildet, wie schon Marx wufste, das Reservoir, aus dem der Kapitalismus sein Arbeitermaterial schöpft, wenn es sich um plötzliche Expansion handelt. Sie wird jedoch numerisch an Bedeutung weit überragt von demjenigen Bevölkerungsteil, den wir die Überschufsbevölkerung nennen wollen und der gebildet wird aus allen denjenigen Personen, die selbständige Produzenten (oder was dem gleich kommt) nicht werden können. Hier handelt es sich also um eine Bevölkerungsschicht, die noch nicht selbständig war, aber auch von der ökonomisch selbständigen Bevölkerung nicht absorbiert wird, also um Bevölkerungselemente aufserhalb, neben den selbständigen Existenzen. Es ist ersichtlich, dafs sich diese Elemente rekrutieren aus dem Nachwuchs, somit in ihrer Expansionsfähigkeit an die Schranken organischen Wachstums gebunden sind. Eine Überschufsbevölkerung bildet sich überall dort, wo die Anzahl der Stellen selbständiger Produzenten aus irgend welchem Grunde eine der Zuwachsrate der Bevölkerung nicht mehr entsprechende Vermehrung erfährt. Das ist auf dem Lande der Fall, wenn die Rodungen aufhöi'en, die terra libera ihr Ende erreicht, aber auch auf dem besiedelten Gebiete keine weitere Teilung der bäuerlichen Nahrungen mehr stattfindet. Das trifft im städtischen Erwerbsleben zu, wenn die Handwerke künstlich „geschlossen“ werden oder doch wenigstens schon die Erlangung einer Meisterstelle an erschwerte Bedingungen geknüpft wird. Das trifft nicht minder zu, wenn im Lauf der Wirtschaft- Achtes Kapitel. Begriff und Wesen des Kapitalismus. 217 liehen Entwicklung das Handwerk durch die kapitalistische Konkurrenz auf denjenigen Umfang beschränkt wird, den es einmal einnimmt, oder wenn es gar langsam an Boden verliert. Ein wesentlicher Teil des Inhalts dieses Werkes wird sich damit beschäftigen, den Ursachen im einzelnen nachzugehen, die der Genesis des Proletariats zu Grunde liegen. Hier galt es nur, zunächst einmal einen Überblick zu gewinnen über die mannigfachen Möglichkeiten, wie Lohnarbeiterschaft sich bilden kann, um damit theoretisch die letzte Reihe objektiver Bedingungen festzustellen, an deren Erfüllung kapitalistische Organisation geknüpft ist. Die Anforderungen, die exaktes Denken stellt, haben diese theoretische Skizze vom Wesen und den Bedingungen der uns hier interessierenden Wirtschaftsform unvermeidlich gemacht. Nun aber ist es Zeit, dafs wir den blutlosen Schemen unserer abstrakten Vorstellungen zum Leben verhelfen. Das kann nur dadurch geschehen, dafs wir Anschauungen von den besprochenen Dingen gewinnen, und diese wiederum vermag uns nur eine Betrachtung der empirischen Gestaltung der kapitalistischen Unternehmung in der Geschichte zu geben. Solcher wenden wir uns nunmehr zu, indem wir zunächst die Erfüllung der subjektiven Voraussetzungen genetisch verfolgen. Zweiter Abschnitt. Die Entstehung des Kapitals. Neuntes Kapitel. Die Vermögensbildung in der handwerksmäfsigen Wirtschaft. „Quidam pergens negotiando lucam fecit ibi duplum; et expendit inde d. 12. Qui egrediens inde, perrexit florentiam; fecitque ibi duplum et expendit d. 12. Cum rediret pisas et ibi faceret duplum et expenderet d. 12, nil ei proponitur remansisse.“ Leon. Pisano, ed. Buoncompagni 1 (1857), 258. „Min dynge mach ick recht en siecht, Daerum blif ic een arm Knecht.“ Spruch eines Werkzeugmachers auf einem Kupfer von Israel von Meckenem. 15. sc. Wien, K. K. Kupferstichsammlung B. 222. Die Erfüllung der subjektiven Voraussetzungen kapitalistischer Wirtschaftsweise darzustellen, ist ein Problema, das in die zwei Teile zerfällt: Lehre von der Genesis eines zu kapitalistischer Verwendung geeigneten Sachvermögens und Lehre von der Trans- substantiation des Freibeuters, des Gelegenheitshändlers oder des Handwerkers in den economical man, dessen der Kapitalismus zu seiner Durchsetzung bedarf. Die Lehre von der Genesis kapitalfähigen Sachvermögens ist aber nichts anderes, als das Kapitel enthält, das Karl Marx „Von der ursprünglichen Accumulation“ überschrieben hat, wenn auch die Marxische Auffassung von deren Wesen mit der hier vertretenen nur in der Problemstellung übereinstimmt. Was hier unter „ursprünglicher Accumulation“ verstanden wird, ist zunächst nichts weiter als die ganz simple Thatsache, dafs sich in Neuntes Kapitel. Die Vermögensbildung ete. 219 den Händen einzelner Personen gröfsere Geldbeträge zu dauerndem Besitze anhäufen, die dann später u. s. w. Offenbar sind hier wiederum zwei Möglichkeiten gegeben: entweder diese Vermögen bilden sich im Rahmen der normalen wirtschaftlichen Thätigkeit, wie wir sie im vorhergehenden Buche kennen gelernt haben, oder sie verdanken ihre Entstehungen aufserökonomischen Vorgängen. Es ist bekannt, dafs für die herrschende Auffassung die Entstehung gröfserer Vermögen durch Accumulation vonHandels- profit als die selbstverständliche und normale Form der ursprünglichen Accumulation erscheint. Genua, Venedig, Augsburg, Lübeck, London, Brügge e tutte quante „sind durch den Handel reich geworden“ : der in den Händen ihrer Kaufleute accumulierte Handelsprofit bildet dann die Grundlage für die kapitalistische Industrie, die sich gegen Ausgang des Mittelalters in diesen Städten oder den von ihnen abhängigen Landschaften entwickelt. Dieser Zusammenhang aber erscheint so selbstverständlich, dafs man es meist gar nicht der Mühe für wert hält, den Beweis dafür zu erbringen. Erachtet man aber eine Begründung doch für notwendig, so macht man sich’s leicht. Entweder man begnügt sich mit dem post hoc ergo propter hoc, oder man eitiert die nichtssagenden Redensarten zeitgenössischer Schriftsteller, ohne nachzuprüfen, ob der Gewährsmann wirklich den Dingen tiefer auf den Grund geschaut hat, als man selbst, oder endlich, wenn man sehr gründlich verfahren zu sollen glaubt, so macht man einige Hinweise auf die hohen Aufschläge auf die Einkaufspreise der Waren, wie man sie als dem mittelalterlichen Handel allgemeine Eigenschaft anzunehmen pflegt. Ein so ernster Schriftsteller beispielsweise wie Henri Pirenne, widmet der inhaltsschweren Frage nach der Genesis des modernen Reichtums in seinem Buche über die Geschichte Belgiens (1, 410/11) wahrhaftig nicht mehr als folgende Bemerkungen: „Schon sehr frühzeitig, jedenfalls seit Beginn des 12. Jahrhunderts wufste sich das im Entstehen begriffene Bürgertum grofse Vermögen zu beschaffen (!). Die Gesta pontificum cameracensium berichten mit einer Menge ebenso malerischer (! ist wohl die schlechte Übersetzung von pittoresque) wie lehrreicher Einzelheiten die Geschichte eines gewissen Werimbold, der in seiner Jugend gar nichts besafs, aber in wenigen Jahren bedeutende Schätze anhäufte (!!). Die Reichtümer, welche sich auf solche (?!) Weise in den Händen der Kaufleute ansammelten, ermöglichten es ihnen, sich in Grundbesitzer zu verwandeln.“ (!) C’est tout. Dieser Art Beweisführungen, für die die Historiker von Fach r 220 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. den Kunstausdruck „quellenmäfsige“ anzuwenden pflegen, vermochten mich nicht zu befriedigen. Die Resultate, zu denen sie gelangten, standen im Widerspruch mit allen Vorstellungen, die ich vom Wesen des mittelalterlichen Handels hatte, ebenso wie mit dem, was ich an nationalökonomischer Einsicht zu besitzen glaubte. Um meine Zweifel zu beschwichtigen, wandte ich zunächst wieder meine bewährte Methode an: ich rechnete. Und der Erfolg blieb nicht aus. Denn was sich aus einer Zusammenstellung und Verarbeitung des ^ ziffermäfsigen Quellenmaterials ergab, war in der That zuvörderst die Einsicht, dafs eine Vermögensbildung grofsen Stils, wie sie allein den Anstofs zu einer kapitalistischen Neugestaltung des Wirtschaftslebens geben konnte, im Rahmen des handwerksmäfsigen Handels oder einer anderen handwerksmäfsig geübten wirtschaftlichen Thätigkeit mindestens sehr unwahrscheinlich ist. Genauer gesprochen: dafs es an Wunder glauben liiefse, wollte man annehmen, dafs die reichen Leute, denen wir am Ausgang des Mittelalters in den westeuropäischen Städten begegnen, durch die Ausübung ihres handwerksmäfsigen Berufs aus der Schar von kleinen mercatores (Handelsleuten oder Marktbesuchern) hervorgegangen seien, mit denen wir dieselben Städte während der ersten Jahrhunderte ihres Bestehens bevölkert finden. ^ Für dieses zunächst negative Ergebnis bin ich nun meinerseits den Beweis schuldig, den ich wie folgt zu erbringen versuche: 1. Ich knüpfe an das Endchen von Beweis an, das die Vertreter der herrschenden Auffassung beizubringen pflegen: den Hin- f weis auf die hohen Preisaufschläge. Eine genaue Prüfung der Quellen ergiebt, dafs in der That die früheren Zeiten, insonderheit das Mittelalter, vielfach mit sehr beträchtlichen Aufschlägen gearbeitet haben. Freilich zeigt sich, dafs es sich dabei keineswegs um eine ausnahmslose Erscheinung handelt. Neben Verkaufspreisen, die das Zehnfache der Einkaufspreise betragen, finden wir andere, die um nicht mehr als 5, 10, 20, 30% höher als diese sind, wie die Beispiele erkennen lassen, die ich in dem ersten Exkurse zu diesem Kapitel zusammengestellt habe. Das ökonomische Räsonnement nötigt uns aber doch wohl zu dem Schlüsse, dafs der Fall hoher Preiszuschläge leicht die Regel gebildet haben kann. Denn die Verumständungen, die zu hohen Preisaufschlägen Veranlassung boten, müssen wir als dem Mittel- alter geläufige ansprechen. Der Leser findet die Begründung dieser Auffassung in dem zweiten Exkurse zu diesem Kapitel. Was ist nun aber mit dieser Feststellung für die Beantwortung der Frage 1 t Neuntes Kapitel. Die Vermögensbildung etc. 221 nach der Vermögensbildung im Handel gewonnen? Nichts, absolut gar nichts. Denn aus hohen Preisaufschlägen darf doch nicht etwa schon ohne weiteres auf hohe Profite geschlossen werden?! Es scheint allerdings fast, als ob dieser Trugschlufs manchem Historiker durchaus nicht fern liege. Deshalb müssen wir unsere Untersuchung jetzt weiter führen und prüfen, ob bei dem mittelalterlichen Handel hohe Profite erzielt sind. Ich will meine Auffassung gleich vorweg ► dahin zusammenfassen, dafs m. E. 2. die hohen Aufschläge bei der Eigenart des mittelalterlichen Handels häufig genug mit niedrigen Profitraten Hand in Hand gingen. Die Preisaufschläge stellen den Bruttogewinn des Händlers dar; wollen wir den Reingewinn ermitteln, den er an dem betreffenden Geschäfte macht, so müssen wir — kaufmännisch gesprochen — die ihm erwachsenen Spesen von der draufgeschlagenen Summe ab- ziehen. Dies dürfte nicht unbekannt sein. Nun wissen wir aber, dafs die Spesen in jenen Zeiten, in denen wir uns bewegen, nach heutigen Begriffen exorbitant hoch waren. Sie setzen sich zusammen : a) aus den sehr beträchtlichen Transportkosten; ^ b) aus den nicht minder beträchtlichen Zollgefällen; c) aus denjenigen Unkosten oder Verlusten, die aus der Unsicherheit der Strafsen entsprangen. Diese forderte entweder teures Geleit oder führte zu häufigen Beraubungen und Einbufsen, ver- ( teuerte also auf alle Fälle den Transport, auch da, wo etwa schon die Transportversicherung eingedrungen war, die alsdann natürlich mit sehr hohen Prämien arbeiten mufste. Aus dem uns reichlich zufliefsenden Material will ich zunächst an einem Musterbeispiel im einzelnen zeigen, in welcher Weise selbst die höchsten Zuschläge von den enormen Spesen zum gröfsten Teile verschlungen werden konnten. Ich wähle die bekannte, sehr detaillierte Spesenberechnung für den englisch -florentinischen Wollhandel bei Uzzano als solches Beispiel 1 . Dabei ist zu bemerken, dafs die Berechnung Uzzanos dem Spätmittelalter an- ^ gehört — die Pratica della mercatura ist im Jahre 1442 geschrieben —, und sich auf italienische Verhältnisse bezieht, die schon eine hochentwickelte Organisation des Frachtverkehrs und der Seeassekuranz aufweisen, dafs also das Beispiel sicher ein (Pagnini), Della decima e di varie altre gravezze imposte dal commune di Firenze. 4 Vol. 1765. 4, 118. 222 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. solches ist, das kein Maximum, sondern eher ein Minimum von Spesen darstellt. Ich habe die sehr komplizierten Angaben Uzzanos, von denen einige, allerdings wohl nur unbedeutende, überhaupt unverständlich sind, durch Berechnung aut 100 florentiner Pfd. und florentiner Gulden, sowie durch Weglassung kleiner Beträge übersichtlicher zu machen versucht, sodafs sich nun folgendes Bild ergiebt: Der Einkaufspreis für 100 Pfd. Wolle (brutto) beträgt an der Produktionsstätte in England 10% fl. Die Verpackungs- und Transportkosten, sowie die Abgaben, die auf dem Wege bis zur englischen Küste zu entrichten sind, beziffern sich auf 5% fl., würden also schon 50 °/o des Einkaufspreises ausmachen. Hierin sind enthalten Ausgaben für die Sackleinewand, das Umpacken in kleinere Säcke etc.; Wäge-, Lager-, Tragekosten; Abgaben an den „Konsul“ des Hafenortes, sowie der Ausfuhrzoll; Trinkgelder aller Art an die Klosterbediensteten, die Zollwächter etc. Die Spesen von der englischen Küste bis Florenz belaufen sich dann noch einmal auf 8V4 fl. für 100 Pfd. Dabei ist zu bemerken, dafs die Seefracht verhältnismäfsig niedrig ist, nämlich 2% fl. für die pocca, deren zwei auf einen Sack von 420 englischen bezw. 560 florentiner Pfunden zu rechnen sind; freilich beträgt die Seeversicherungsprämie 12—15% des Wertes, also 200% und mehr der Fracht. Das Schicksal unserer Wolle, nachdem sie in Florenz angelangt ist, ist dann weiter dies: sie wird zunächst um etwa ein Drittel ihrer Menge, das durch Seewasser oder sonstwie verdorben angenommen wird, verringert, d. h. ein Drittel des Gewichts wird als Tara abgezogen, sodafs 300 Pfd. brutto = 200 Pfd. netto sind. Die Preise gelten für das Nettogewicht. Und zwar kosten 100 Pfd. gute Wolle 40—50 fl., 100 Pfd. Mojana 30—35 fl., worauf in unserer Sendung der achte Teil entfiel, sodafs also bei der Preisberechnung je V 8 zu 30—35, je 7 /s zu 40—50 fl. eingesetzt werden müssen; alsdann ergiebt sich folgendes Exempel: 300 Pfd. bi’utto kosten in Florenz einschliefslich Spesen, die sich, wie wir sahen, auf 130 % des Einkaufspreises belaufen, dem Händler 72 fl.; 200 Pfd. netto, die in jenen 300 Pfd. brutto stecken, erzielen einen Verkaufserlös von 76—88 fl.; der Gewinn beträgt also für jede 100 Pfd. 4—16 fl., d. i. 5%—22 oder durchschnittlich 13%%. Man ersieht also, dafs trotz eines enormen Preisaufschlages der wirklich erzielte Gewinn ein keinesweg übermäfsig hoher ist. Natürlich soll nicht bestritten werden, dafs in anderen Fällen höhere Reingewinne erzielt wurden. Nur möchte ich davor warnen, Neuntes Kapitel. Die Vermögensbildung etc. 223 sich übertriebene Vorstellungen von der Höhe der Gewinnraten im vorkapitalistischen Handel zu machen, die vielmehr, soweit ziffern- mäfsig genaue Angaben vorliegen, sehr häufig sich in den Grenzen jenes angeführten Schulbeispiels bewegten, wie das noch durch Beibringung weiteren Zahlenmaterials bewiesen werden mag *. Wir dürfen aber auch nicht annehmen, dafs die Profitraten wesentlich höhere gewesen seien. Da diese bei gegebener Gewinnrate bestimmt werden durch die Häufigkeit des Umschlags des Geschäftsvermögens in einem Jahre, so ist nicht einzusehen, wie eine erhebliche Steigerung der Profitratenhöhe über die Gewinnraten hätte erzielt werden können. Denn was wir von den Umschlagszeiten des Geschäftsvermögens im mittelalterlichen Handel erfahren, läfst darauf schliefsen, dafs dieses höchstens zweimal im Jahre umgeschlagen worden ist 1 2 . Mit diesen Erwägungen allgemeiner Art stimmen denn nun aber auch die gelegentlichen Angaben überein, die wir über Handelsprofitraten aus früherer Zeit besitzen. Neben ungeheuren Sätzen eine grofse Menge mittlerer Beträge. Und das noch im 16. Jahrhundert, sofern hier nicht schon die Profitraten durch die begonnene Ausplünderung der neuerschlossenen Länder und Völker in die Höhe getrieben worden waren. Im allgemeinen läfst sich auf Grund des freilich nicht übermäfsig reichen Quellenmaterials dieses aussagen: dafs selbst grofse Geschäfte, die sich im wesentlichen auf den euyopäischen Handel beschränkt zu haben scheinen, eine geradezu erstaunlich niedrige Profitrate aufweisen, dafs aber dort, wo wir auf anhaltend hohe Profitraten stofsen, diese entweder auf glückliche koloniale Unternehmungen oder auf Geldleihe im 1 Vgl. den Exkurs auf Seite 228 ff. 2 Das westliche flandrische Geschwader Venedigs fuhr regelmäfsig Neapel, Sicilien, Tripolis, Tunis, Algier, Oran, Tanger, Marokko, Spanien, Portugal, französische Küste, London, Brügge, Antwerpen an und nahm die Rückfahrt über Cadiz und Barcelona. Diese Reise dauerte durchschnittlich ein Jahr. Stephan, 324 (ohne Quellenangabe). Auch im Verkehr mit der Levante scheint die einmalige Fahrt der italienischen Handelsflotte die Regel gewesen zu sein. Heyd 1, 453. Diese lange Umschlagsperiode ist hier, wo es sich ja überwiegend um landwirtschaftliche Produkte handelte, durchaus wahrscheinlich. Ein hansischer Kaufmann machte die Reise von Reval oder Riga über die Ostsee zweimal im Jahre. Stieda, Revaler Zollbücher, CXV1I. Weitere Angaben über Dauer der Reisen im Mittelalter (die ja über die Länge der Umschlagsperioden entscheiden) bei Götz, Verkehrswege (1888), 515 ff. Rogers 1, 134 ff. Über die langen Umschlagszeiten noch im 16. Jahrhundert und später vgl. das dreizehnte Kapitel. 224 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. grofsen Stile sich zurückführen lassen. Das gilt insbesondere für die unten mitgeteilten Gewinnziffern der berühmten italienischen Häuser, die bekanntlich alles andere eher als Handelsunternehmungen waren. An zuverlässigen Angaben über wirklich auf das Geschäftsvermögen berechnete Gewinnsätze sind mir aus dem Mittelalter nicht mehr als folgende bekannt. Die Profite der Peruzzi betrugen im Durchschnitt der Jahre 1308—1324 = 16%; diejenigen der Bar di im Durchschnitt der Jahre 1310—1330 — 20% und diejenigen der Strozzi im Durchschnitt der Jahre 1318—1339 = 13,52 %h Die Handelsgesellschaft des B. Zink (1441) erzielte in drei Jahren einen Gewinn von 23%, also 7%% p. a. 1 2 . Scheuer 1 verdiente 1449/61 durchschnittlich 24, 1451/61 durchschnittlich 14 % 3 . Reicher fliefsen die Quellen für das 16. Jahrhundert. Man sollte denken, dafs hier durch den Einflufs des kolonialen Handels, an dem alle gröfseren Handelshäuser mehr oder weniger beteiligt waren, durchgängig Kolossalprofite hätten erzielt werden müssen. Das ist aber keineswegs der Fall. Wenn auch einzelne Geschäftsoperationen, kurze, auf 2—3 Jahre geschlossene Gesellschaftsunternehmungen, grofse Gewinne abwarfen — die Expedition der Welser, Fugger u. a. nach Ostindien im Jahre 1505 soll bekanntlich einen Gewinn von 175% ergeben haben —, so war doch die Gesamtprofitrate, auf einen Durchschnitt mehrerer Jahre berechnet, selbst in dieser Zeit allgemeiner Hausse keineswegs durchgehend so über- mäfsig hoch, wie der Laie gern annimmt. Sie betrug beispielsweise im Handel der Welser 1502/67 durchschnittlich 9°/o p. a.; bei den Rem 1518/40 durchschnittlich 8 V 2 %; bei den Imhof 1481/1523 durchschnittlich 8 8 ' 4 % 4 * * * . Zur Bestätigung des Gesagten möchte ich noch ein paar Worte J. Hartungs anführen, aus denen hervorgeht, dafs dieser ausgezeichnete Kenner der Handelsgeschichte zu ganz den meinen verwandten Ergebnissen gekommen ist. Er bemerkt zu den Ziffern, 1 R. Davidsohn, Forschungen zur Geschichte von Florenz 3 (1901), 201 ff. 2 Chroniken der deutsch. Städte 5, 134. 3 Rieh. Ehrenberg, Das Zeitalter der Fugger 1 (1896), 390/91. Viele Angaben über Gewinnhöhe im mittelalterlichen Handel sind deshalb nicht zu verwenden, weil die Angabe der Zeitdauer fehlt, für welche die Gewinnrate berechnet ist. Das gilt z. B. für die Gewinne der Handelsgesellschaft Hildebrand Vecklinchusen. Vgl. Stieda, Hans.-ven. Handelsbeziehungen (1894), S. 35 ff. und S. 162 ff., wo die Abrechnung im Original mitgeteilt ist. 3 Ehrenberg 1, 194. 227. 237. V Neuntes Kapitel. Die Vermögensbildung etc. 225 die er über die Profite des Augsburger Handelshauses Haug und Link (1531/62) mitteilt, folgendes 1 : „Die Geschäftsergebnisse dieser 30 Jahre bestätigen im allgemeinen die von mir in anderem Zusammenhänge (in Schmollers Jahrbuch XIX. 4. 108) vorgetragene Ansicht, dafs Geldun d Waren handel vereint, wie er von den grofsen Geschäften jener Zeit meist betrieben wurde, dauernd Gewinn zwischen 10 und 20 °l o abgeworfen habe. Da, wo sich die erzielten Überschüsse über diese Grenze zu erheben scheinen, ist der vornehmste Grund dafür eine im Verhältnis zur Ausdehnung des Geschäfts geringe Höhe des gewinnberechtigten Betriebskapitals, die sowohl 1533 als auch 1560 zu konstatieren ist. Dieser zweimal hervorgetretene Zusammenhang zwischen relativ geringem Gewinndivisor und besonders hohen Dividenden giebt einen methodisch wichtigen Fingerzeig zur Beurteilung derjenigen vereinzelten Angaben über Kaufmannsgewinn im Mittelalter, die bisher wegen ihrer exorbitanten Höhe vielfach Zweifel an ihrer Richtigkeit hervorgerufen haben.“ Ergänzend hinzufügen möchte ich noch, dafs nach meiner Kenntnis sich die Profite der Handelshäuser eher um die Mindestziffer jenes Durchschnitts von 10—20°/o, die der Geldhäuser eher um die Höchstziffer bewegt haben werden. 3. Die Pointe ist ja nun aber die, dafs doch auch die Höhe der Profitrate noch nicht entscheidet über die mögliche und that- sächliche Höhe der Accumulation. Diese wird vielmehr bestimmt, wie ersichtlich, durch die Höhe der Accumulationsrate, d. h. das Verhältnis des kapitalisierten zum verbrauchten Teile des Profits einerseits, durch die Profitmengen andrerseits. Nun stehen die Höhe der Aceumulationsrate und die Profitmengen im geraden Verhältnis zu einander: je gröfser die Profitmengen, die dem einzelnen zufallen, desto gröfser die Beträge, die er persönlich nicht verzehrt, also accumuliert. Was alles selbstverständliche Dinge sind. Hier ist nun aber durch Erinnerung an die Kleinheit der Vermögen, die im handwerksmäfsigen Plandel investiert waren 2 , an 1 J. Hartung, Aus dem Geheimbuche eines deutschen Handelshauses im 16. Jahrhundert in der Zeitschr. für Soc. und Wirtschaftsgeschichte 4 (1898), 68. 2 Ich trage noch folgende Stelle aus dem Geständnis des bekannten Schatzräubers Richard Podelicote (Anfang des 14. Jahrh.) (in englischer Übersetzung) nach: „he says that he was a travelling merchant of wools, cheese and butter and was arrested in Flanders for the kings debts in Brussel and there was taken from him XIV 1. XVII s. . . . he was poor through the loss Sombart, Der moderne Kapitalismus. I. 15 t 22G Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. sich oder doch infolge der Zersplitterung des Gesamtprofits, den ein gröfseres weil genossenschaftliches Handelsunternehmen abwarf, unter die Genossenschafter festzustellen, dafs auch bei hoher Profitrate nur sehr niedrige Accumulationsraten und dementsprechend niedrige Accumulationsbeträge wohl geradezu als Regel anzunehmen sind. Diese wird gewesen sein, dafs der Händler durch seine Thätigkeit für sich und die Seinen den Unterhalt gewann, wie es noch heute der kleine Krämer thut. Was ja auch seiner handwerkerhaften Auffassung durchaus entsprach. Mochte er in günstigen Fällen ein paar hundert Gulden auf die hohe Kante legen oder im Strumpf sich ansammeln lassen: der Gedanke, dafs die mittelalterlichen Berufskaufleute in ihrer grofsen Mehrzahl durch ihre Handels- thätigkeit zu Reichtum gelangt wären, ist geradezu ungeheuerlich. Mir hat das Rechenexempel bei Leonardo Pisano immer tiefen Eindruck gemacht, weil es mir wie mit einem Blitzlicht die mittelalterlichen Handelsverhältnisse zu erhellen schien. Es lautet in der Übersetzung (siehe das diesem Kapitel vorangestellte Motto) also: Ein Mann geht nach Lucca in Geschäften, die er mit 100 % Gewinn abschliefst, „fecit duplum“, und giebt auf der Reise 12 d. aus. Darauf geht er nach Florenz, Handel zu treiben, und verdient abermals 100%, giebt auch wiederum 12 d. aus; endlich t kehrt er nach Pisa zurück, aber nochmals mit Waren zum verhandeln, aus deren Erlös er abermals 100% Profit erzielt; die Zehrung beträgt zum letztenmal 12 d. Und das geschäftliche Ergebnis : es ist ihm gar nichts geblieben! Gewifs wird es so schlimm nicht immer bestellt gewesen sein. Aber wenn wir alle Umstände in Betracht ziehen, die den Handel alten Stils in handwerksmäfsigem Rahmen charakterisieren: Kleinheit der Umsätze, Länge der Reisen und des Aufenthalts in der Fremde, so werden wir zu dem Ergebnis kommen müssen, dafs 90 % aller Händler froh sein konnten, wenn sie aufser dem, was sie persönlich auf der Reise verbraucht hatten, noch genug nach Hause brachten, um ihrer Familie den Unterhalt zu gewähren und die Zinsen für ihr Häuschen an den Grundeigentümer zu zahlen. Man vergegenwärtige sich doch einmal, was an Profitmengen bei den Handelstransaktionen der Händler selbst einer ganzen Stadt im Mittelalter herauskommen konnte! Man denke an den Ausfuhrwert von Städten wie Lübeck, Reval u. a. in ihrer Blütezeit — die he had in Flanders.“ Hub. Hall, The antiquities and curiosities of the ex- chequer (1891), 25. Da haben wir den mittelalterlichen Wollhändler, der nebenbei auch Butter und Käse führt, leibhaftig vor uns stehen! Neuntes Kapitel. Die Vermögensbilduug etc. 227 Ziffern wurden bereits mitgeteilt, sie belaufen sich in Reval auf 100—150000 Mk. lüb. in den meisten Jahren —, berechne darauf auch hohe Profitsätze, ziehe die Gewinne der paar grofsen Gelegenheitshändler ab, verteile dann die so gewonnenen Profitmengen unter das wimmelnde Volk von Händlern und frage sich, was finden einzelnen zum Accumulieren übrig bleiben konnte. Was hier vom Handel gesagt ist, gilt von allen anderen Zweigen vorkapitalistischer Wirtschaft in entsprechender Weise, also vor allem auch von dem gewerblichen Handwerk. An dieses denkt man merkwürdiger Weise fast gar nicht, wenn man die Ursachen der Vermögensbildung im Mittelalter untersucht. Und doch läfst sich eine Emporhebung über das Niveau der ursprünglichen Armut im Gewerbe vielleicht noch eher denken als beim Handel. Sicherlich werden denn auch durch das Zusammentreffen einer Reihe günstiger Umstände Vermögensbildungen im Handwerk als möglich anzusetzen sein. Nur möchte ich auch hier vor Überschätzung warnen. Was wir uns aus der Sphäre des Handwerks an Kapitalbesitzern emportauchend denken müssen, sind vielleicht neben ein paar Sonntagskindern eine Menge mittlerer Existenzen, eine Anzahl kleinkapitalistischer Unternehmer, wie ich sie nenne: die glücklicheren Männer, die bei dem „Differenzierungsprozefs“, den das Handwerk in seiner Weiterentwicklung erfährt, auf die Sonnenseite geraten sind. Aber es hiefse nun aller geschichtlichen Wahrheit und aller ökonomischen Ratio Hohn sprechen, wollte man annehmen, dafs die Bildung von Geldvermögen, wie sie den Ausgangspunkt der modernen kapitalistischen Entwicklung bildet, ausschliefslich oder auch nur vorwiegend in der Sphäre des gütererzeugenden oder gütervertreibenden Handwerks erfolgt wäre. Jene Reichtümer, die wir schon im Hochmittelalter in den italienischen oder niederländischen Städten, beim Ausgange des Mittelalters auch in Frankreich, Deutschland, England in Handel und Verkehr und teilweise schon in der Produktion investiert finden, sie können, das ist das Ergebnis unserer Überlegung, unmöglich aus den „Sparpfennigen“ kleiner Handwerker entstanden sein. Wollte man mir aber entgegenhalten, dafs doch erwiesenermafsen die reichen Leute des späteren Mittelalters „Kaufleute“ waren und sich offenbar durch Handel bereichert haben, so würde ich erwidern, dafs ich natürlich nicht so blödsinnig bin, eine Bereicherung durch Handel und starke Accu- mulation von Handelsprofit auch im Mittelalter zu leugnen. Was ich behaupte, ist vielmehr nur dies: dafs jene reichen Handelsherrn 15 * 228 Zweites Euch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. schon vermögende Leute waren, als sie Handel zu treiben begannen, oder aber nebenher ihr Vermögen erworben haben. Ich würde antworten mit dem alten Pagnini, der seine meisterhafte Darstellung des ausgedehnten Handels der Florentiner Kaufleute mit den Worten schlofs: „mi trovo . . in dovere di spiegare . . d’on- de ricavassero le somme necessarie per farlo“ — nämlich ihren Handel. Auch der Handel wird erst in grofsem Stile vermögenbildend wirken können, wenn er erst einmal aus dem verhängnisvollen Zirkel: kleiner Umsatz — hohe Spesen — geringe Proiit- mengen — keine Accumulation, in dem wir ihn eingeschlossen fanden, herausgehoben ist. So führt uns eine Reihe zwingender Erwägungen zu der Hypothese: dafs die entscheidenden Momente der Kapitalbildung aufserhalb der Sphäre der normalen wirtschaftlichen Vorgänge handwerksmäfsigen Charakters aufgesucht werden müssen. Exkurs I zu Kapitel IX. Preisaufschläge und Spesenberechnungen im mittelalterlichen Handel. 1. Freisaufschläge. Tuchhandel. Die fünf Packen flandrischer Tücher, von deren Schicksalen uns Joh. Tölners Handelsbuch (1345—1350) berichtet, weisen beim Verkauf folgende Aufschläge auf den Einkaufspreis auf: 26%, 27%, 21%, 19%, 31%, also im Durchschnitt 25%. Joh. Tölners Handlungsbuch ed. K. Koppmann,. in den Geschichtsquellen der Stadt Rostock I (1885). Ganz damit übereinstimmend sind die Preisaufschläge, die wir aus dem Tuchhandel Vickos von Geldersen kennen. Sie belaufen sich in den Jahren 1370-1376 auf bezw. 15, 9, 18%, 19, 21%, 29%, 25Vs, 22%o, 12, 22% %. Das Handlungsbuch Vickos von Geldersen, ed. H. Nirrnheim (1895) LXVIII. Johann Wittenborg kann in einem Palle (1356) auf Brüggesche Laken 70%, ein anderes Mal (1353) auf den Einkaufspreis von 32 Stück Poperinger Laken aber nur 5% aufsclilagen. Das Handlungsbuch von Herrn. & Joh. Wittenborg; ed. C. Moll wo (1901), LXXI. Hildebrand Vecklinchusen kauft (1409) eine Sarge in Köln für 2V* Duk. ein, für die er in Venedig 3 Duk. erlöst. Stieda, Hans.-ven. Handelsbeziehungen (1894), 110. 20 Stück Tuch (panni bianchi di Cadix) werden in Cadix für fl. 256. 13. 4 gekauft, in Florenz für 395 fl. verkauft; ein anderer Posten von 35 Stück Tuchen wird zu 207,6 fl. eingekauft, zu 408 fl. verkauft; ein dritter zu 262 fl. eingekauft, zu 300—350 fl. verkauft; in einem vierten Posten kostet das Stück beim Einkauf 20 fl., beim Verkauf 26—28 fl.; in einem fünften bezw. 21 fl. und 32—34 fl. Sämtliche Angaben bei Uzzano, 123—130. Neuntes Kapitel. Die Vermögensbildung etc. 220 Hosen kauft H. Vecklinckusen das Dutzend für 4 M. 5 sli. und verkauft sie für 6V2 Duk. Stieda, a. a. 0. S. 111. Mützen, die Gegenstände des flandrisch - florentinisclien Handels im 14./15. Jahrhundert bilden, werden zum Teil mit ungeheurem Aufschlag verkauft; feine das Dutzend Einkaufspreis U/2 fl., Verkaufspreis 15 fl. (!); mittelfeine bezw. 9 /io fl. und 6 fl.; ordinäre (tonde a orrecchi) bezw. 3 /2o und 2—2V2 fl. Uzzano, 128 f. Eisen in Barren wird für 12—13 fl. der Tausender eingekauft (1 migliaio = 980 Pfd. fior.), für 17—18 fl. verkauft; ein andermal kostet der Tausender, der für 47 venetianische Lire di grossi verkauft wird, beim Einkauf 42 Lire. Uzzano 168. 4. Zinugeräte (Stagno lavorato = piatelli, scodelle, salsieri) notieren einen Einkaufspreis in London von 8 fl. und werden in Florenz 13Vs—13 2 /s fl. verkauft (beide Preise berechnet für 100 engl. Pfd., die gleich 133 Vs florentiner Pfund sind). Im 13. Jahrhundert kosteten 100 kg Pfeffer desgl. Wachs in Marseille (1264) 481 Mk., in Piemont (1262) 335 Mk, - Lombardei (1268) 512 - - Champagne (1262) 420 - - Champagne (1262) 602 - - England (1259—70) 530 - (1265) 629 - - England (1265) 683 - (1159-70) 796 - A. Schaube, Ein italienischer Kursbericht von der Messe von Troyes aus dem 13. Jahrhundert in der Zeitschrift für Soc. und Wirtschaftsgeschichte V, 279. 282. Eine Pipe 01 kostet beim Einkauf V erkauf 1374 ca. 22 / 5 ß 6 $ 23 / 1375 - 17 - 8 - 21 - Handlungsbuch Vickos von Geldersen, LXII. 2. Spe&enberechnungen. Wie oft der gesamte Handelsgewinn oder gar die Wareflsendung selbst den Strafsen- oder Seeräubern aller Schattierungen zum Opfer fiel, ist bekannt. „Farst da auf Jarmarkt durch Herrn-Gauen oder Wald, nimm klaine Rad an dain Wagen und hüte dich, dass du kaine Grundruhr zahlen must, sonst ist dain Gewinn verloren“, warnt ein altes Handelsregelbuch, das Stephan a. a. O. S. 360 citiert. Wollte man sich gegen die Ausräubung durch Bestellung von Geleit schützen, so war das auch ein teures Vergnügen. Von Ulm an (nach Basel) beispielsweise wechselte das Geleit in Geckingen, Biberach, Ostrach, Pfullendorf, Stockach. Es betrug 2 /3— 1 fl. für jeden Wagen (und jede Strecke?). Geering, 196. Geleit und Fracht kosteten häufig dasselbe. Chron. deutsch. Städte 1, 103. Die Gefährdung des Handels im Kanal schildert anschaulich Cliaucer in seinen Canterbury Tales: siehe Cunningham, Growth 1, 278 f. Uber die Verteuerung durch Zölle wurde bereits an anderer Stelle gesprochen. Vgl. oben S. 156 Anm. 1. Jenes Fafs Wein, von dem dort die Rede war, wurde von Dresden bis Hamburg mit 9 Thlr. 9 Gr. 4 Pf. Zollkosten belastet. Falke, 221. Es war überall dieselbe Geschichte. Vom belgischen Wollhandel be- 230 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. richtet Funck-Brentano, Philippe le Bel en Flandre (1896), 65: Le pro- prietaire d’un sac de laine apr5s avoir verse un droit d’issue a la sortie d’Angleterre et un droit d’entrüe en ddbarquant a Damme, avait encore pour franchir l’Escaut et la Scarpe depuis Rupelmonde jusqu’ä Douai ii acquitter 17 peages.“ Vgl. auch noch G. Steinhausen, Der Kaufmann in der deutschen Vergangenheit (1899), 23 ff., 50 ff. und für Frankreich J. J. Clamageran, Hist, de l’impot en France 1 (1867), 205 f. Transportpreise in grofser Anzahl für England zwischen 1263 und 1400 hat Rogers (2, 600—605) zusammengestellt. Sie sind leider nur wenig instruktiv, weil der Wert der transportierten Ware fehlt. Nur in zwei Fällen ist dieser (ohne Angabe der Ware) genannt: die Transportkosten von Pevensey nach Bradmeld betrugen ca. 8°/o, von Middleton nach Malborough ca. 30°/o des Wertes der Sendung. Von anderen mir bekannten Transportkostenberechnungen, deren sehr viele leider nicht verwertbar sind, weil sie uns wegen irgend eines Ausdrucks oder aus sonst einem Grunde unverständlich bleiben, teile ich noch folgende mit: Wolle. Nach einer anderen Aufstellung Uzzanos (Deila dec. 4, 186/87) ergiebt sich für 11 Ballen englischer Wollen, die in Calais (also schon um 50 oder mehr Prozent verteuert!) für 612 fl. eingekauft sind, bis Mailand ein Spesenbetrag von 348 fl.; sie kosten also in Mailand 960 fl. und werden hier mit 1315 4 /6 fl., also 36% Gewinn verkauft. Wolle wird auf dem Wege von Lucca nach Parma (ca. 100 Miglie) um 24—26 % ihres Wertes durch Transport- und andere Spesen verteuert (1. c. 177). Malz. 1000 Scheffel Malz, für die Joh. Wittenborg beim Einkauf in Preufsen 130 m. lub. bezahlte, kosteten von dort nach Lübeck zu transportieren 12 m. 4 sol. öden., also etwa 10% des Einkaufspreises. Ein anderes Mal beliefen sich die Transportkosten für die gleiche Menge und die gleiche Strecke auf 13 m. 14 sol. 10 den., ein drittes Mal auf 17 m. 1 sol. 1 den. Handlungsbuch der Wittenborgs, LXXII. Salz (und Wein). Von Lissabon nach Flandern beträgt (1404)^,' die Fracht für 18 flämische Hundert Salz & 7 $6 gr. = 126 tt gr., für 10 bothe (botti ?) Wein = 4 ffl gr., zusammen 130 it gr. Salz und Wein zusammen kosteten 250 U gr. Es betrug also die Verteuerung der Ware durch die (See-)Fracht ca. 50%. Handelsrechnungen des deutschen Ordens ed. C. Sattler (1887), 9/10. Tuche. 20 Stück Tuche wurden in Cadix um 256. 13. 4. fl. a oro gekauft; die Spesen bis Florenz erhöhen diese Summe auf 351. 19. — fl., also um etwa 40%, der Verkaufspreis beträgt 395 fl., die Gewinnrate also etwa 12Va %. Uzzano, 130/31. Eine Saumlast (Soma) Tücher (— 12 Stück von Verviers) von Piombino nach Rom zu transportieren kostet 10 fl., von Pisa nach Gaeta 16 fl. Ebenda p. 181. Von Brügge bis Mailand belaufen sich die Kosten für den Landtransport auf 6 fl. pro 100 Pfd., zu Wasser beträgt von Brügge nach Pisa die Fracht pro Sacca (ä 250 Pfd.) 6 fl. ma 5 piü mandano per mare che per terra. Uzzano, 128. Tuche, die in der Umgegend von Montpellier eingekauft sind, haben Spesen bis zum Schiff 10% des Einkaufspreises; die Fracht Aigues-mortes—Pisa beträgt pro Stück, das durchschnittlich 15 fl. kostet, % fl., also 3—4%. Uzzano, 171. Einen Centner Tuch von Antwerpen bis Basel zu verführen, kostet im 16. Jahrh. 2'U fl. Ryff, 106. 110. I> Neuntes Kapitel. Die Vermögensbildung etc. 231 Pfeffer. Ein Posten Pfeffer, der auf der Messe von Troyes in der Champagne (13. Jahrh.) einen Erlös von 542 1. 16 s. 7 d. erzielt, hatte von der Lombardei nach Troyes Transportkosten in Höhe von 88 1. 16 s. 1 d. verursacht, war also auf dieser Strecke um ca. 20% verteuert worden. A. Schaube in der Zeitschr. für Soc. und Wirtschaftsgesch. 5, 269/70. Was ganz mit den Angaben des Ulman Stromer tibereinstimmt, wonach 1 Ctr. Pfeffer in Genua 30 lb., in Nürnberg mit Spesen 34% lb. kostete, also durch den Transport auf dieser Strecke um etwa 15% verteuert wurde. Chron. deutsch. Städte I, 100 ff. Ähnliche Spesen fallen auf Waren wie Feigen (Stieda, zur Charakteristik des kaufmänn. Privatverkehrs in Lübeck während des 15. Jahrh. in der Zeitschr. des Ver. f. Lüb. Gesch. 6, 208), Wachs (Schaube a. a. O.), Zucker (Uzzano 1. c.), Saffran (Geering a. a. O.). Für letztgenannten Artikel haben wir eine genaue Transportkostenberechnung auf der Strecke Barcelona— Konstanz. Es betrug danach der Fuhrlohn Barcelona—Avignon 2 Gulden — Ort pro Centner, Avignon—Genf . . 2 - 1 - - Genf—Bern ... — - 3 - Bern—Kostnitz . . 1 - — - -- 6 Gulden, der im 14. Jahrhundert, auf das sich diese Aufstellung bezieht, einen Metallwert von etwa 9 Mk. heutiger Währung hatte. Bücher. Koberger schreibt in seinem Briefbuch, dafs er zum Transport einer Mefsfracht nach Venedig und von da [nach Lyon 400 fl. für Fuhrlohn ausgegeben habe „und bedarf gut Glücks, dafs ich mein Hauptgut wieder krieg“. Geering, 333. Angesichts solcher Ziffern, wie hier einige zusammengestellt sind, brauchen wir zur Erklärung gar nicht notwendig betrügerische Unterschleife anzunehmen (wie es Stieda im gegebenen Falle vielleicht mit Recht thut), wenn wir Hans Francke, den Teilhaber der Handelsgesellschaft Hild. Vecklinchusen (Anfang des 15. Jahrh.) berichten hören: er habe von einem Warenposten 5344 fl. Verkaufserlös gehabt, dagegen Spesen „vor ungelt und vorlon und terynne“ — 5312 fl. 10 gr. Stieda, Hans.-ven. Handelsbeziehungen, 174/75. Wir erinnern uns des Wanderers bei Leonardo Pisano. Exkurs II zu Kapitel IX. Über die objektive Möglichkeit hoher Preisaufschläge im mittelalterlichen Handel. Dafs zur Erklärung unseres Phänomens mit subjektivistisch-psyehologischen Räsonnements wenig oder gar nichts anzufangen ist, ist klar zu sehen: dafs die Waren billig eingekauft wurden, weil sie niedrig von ihrem Verfertiger oder einem sonstigen Verkäufer „geschätzt“ wurden, ist entweder falsch oder eine Trivialität, ebenso wie umgekehrt die Konstatierung, dafs sie einen hohen Verkaufserlös erzielten, weil sie von dem Käufer hoch bewertet wurden. Was uns interessiert, ist die Ermittelung, wie die hohen Zuschläge ob- 232 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. jektiv möglich waren. Da ist denn nun oft und mit Recht hingewiesen worden auf 1. die Monopolstellung, die häufig die Händler früherer Zeit inne hatten; es mochte nur ein tliatsächliches Monopol sein, das ihnen die Marktverhältnisse ohne Nachhilfe gewährten, oder obendrein ein rechtliches, das sich die Korporationen der Händler allein oder mit Unterstützung abseiten ihrer Staats- und Stadtgewalt zu erkämpfen wufsten. Die monopolartige Organisation, d. li. die durch Recht und Sitte geschaffene formale Monopolstellung des vor- und frühkapitalistischen Handels ist eine zu bekannte Erscheinung, als dafs es mehr als eines kurzen Hinweises und einer Erinnerung vor allem an ihre Allgemeinheit bedürfte. Neuerdings hat J. Kulischer in den Jahrbüchern a. a. 0. ein umfassendes Belegmaterial beigebracht, auf das hier verwiesen wird. Dafs die Inhaber der Monopolstellungen wechselten, eine Stadt der anderen, ein Staat dem anderen die unbehinderte Ausplünderung eines Handelsgebiets gelegentlich mit Erfolg streitig machten, ändert nichts an der Thatsaclie, dafs im grofsen Ganzen die Händler früherer Zeiten einen konkurrierenden Händler in ihrem umfriedeten Gebiete nicht zu fürchten hatten. Es braucht nicht erst besonders bemerkt zu werden, dafs die Geringfügigkeit der gehandelten Warenmassen die notwendige Voraussetzung für die Durchführung der Privilegien und Monopole bildete. Keineswegs so allgemein wie gegenüber dem Konkurrenten dürfen wir uns nun aber die Monopolstellung des mittelalterlichen Händlers gegenüber der Kundschaft vorstellen. Hier versagen die urkundlichen Beweise und wir sind auf allgemeine Räsonnements angewiesen, die etwa folgendes Ergebnis zeitigen: Wo die privilegierte Händlerschaft eines Gemeinwesens auf Naturvölker oder Halbbarbaren stiefs, war ihre Stellung beim Ein- und Verkauf eine so dominierende, dafs von Handel kaum noch die Rede sein kann: es tritt die Ausräubung an seine Stelle, wie ich noch genauer schildern werde in dem Kapitel, das die Kolonialwirtschaft traktieret. Wir müssen uns aber vergegenwärtigen, dafs das Mittelalter Plünderungsfreiheit nur in Rufsland besafs (Hanseaten! Genuesen!), während auf den übrigen Wegen in die späteren Kolonialgebiete ihnen die Araber als ebenbürtige Vermittler begegneten. In den Kulturländern konnte der Händler beim Einkauf die Preise wohl gelegentlich den Rohstoffproduzenten, wie etwa dem in der Geldklemme sitzenden englischen Könige [diktieren. Seine dominierende Stellung verwandelte sich jedoch sicher in ihr Gegenteil, wo der Kaufmann dem gewerblichen Produzenten, dem Handwerker, gegenüberstand. Dafür haben wir zwar (soviel ich weifs) keine quellenmäfsigen Belege, aber um so mehr Gründe der ökonomischen Ratio, die dafür sprechen und die wir im wesentlichen schon kennen: vor allem die Kargheit aller gewerblichen Produktion in Zeiten so unentwickelter Technik, angesichts einer namentlich für alle Luxusgegenstände so starken und zahlungsfähigen Nachfrage. Aus denselben Gründen, weshalb er dem anbietenden gewerblichen Produzenten gegenüber in einer schwachen Position sich befand, geriet also der Händler in eine übermächtige gegenüber der Nachfrage. 2. müssen nun aber auch Gründe dafür beigebracht werden, weshalb der Händler früherer Zeiten seine häufige Monopolstellung dahin ausnutzen Neuntes Kapitel. Die Vermögensbildung etc. 233 konnte, nun thatsächlich die Waren mit oft enormen Aufschlägen zu handeln. Die Erklärung auch für diese jedem Nationalökonomen auffallende Thatsache liegt ebenfalls in der ökonomischen Natur der Verkäufer und Käufer. Die hohen Aufschläge sind nur denkbar im soi-disant-Handel mit auszuplündernden Völkerschaften (siehe Kolonialwirtschaft) oder mit „reichen“ Leuten, d. h. solchen, die nicht von ihrer Hände Arbeit leben. Als solche kommen aber im Mittelalter vornehmlich Landrentenbezieher in Betracht, und nur wenn wir die präponderante Bedeutung dieser Kategorie von Verkäufern und namentlich Käufern in Betracht ziehen, vermögen wir uns innerhalb der Kulturländer überhaupt die Existenz des mittelalterlichen Handels verständlich zu machen. Bei den Landrentenbeziehern konnte man besonders billig ein kaufen. Die englischen Klöster beispielsweise, von denen die florentiner und hanseatischen Händler die Wolle bezogen 1 , waren in der Preisgestaltung an gar keine feste Untergrenze gebunden, wie es jeder selbständige Produzent notwendig ist. Sie verkauften ja unentgeltlich (d. h. von ihren Hörigen) gelieferte Wolle, ein Erzeugnis also, das sie überhaupt nichts kostete, und das sie mit Freuden hingaben, wenn sie dafür auch nur einen verhältnismäfsig geringen Geldbetrag erhielten. Will man durchaus die in einem Produkt verkörperte Arbeit als den „Wert“ dieser Ware ansehen, so würden wir sagen: die genannten Rentenberechtigten konnten unausgesetzt, ohne eine Schädigung zu erfahren, die in ihre Verfügungsgewalt kommende Ware unter ihrem Werte verkaufen. Anders gewandt: was die Käufer dieser Waren auf den Einkaufspreis zuschlugen, waren bis zu einem gewissen Betrage Arbeitserträge rentenverpflichteter Höriger. Diese Thatsache, dafs der mittelalterliche Handel zumal in seiner früheren Zeit zum grofsen Teile Handel mit Landrentenbeziehern war, gewinnt nun aber ihre volle Bedeutung erst, wenn wir sie auch und gerade für den Verkauf namentlich der kostbaren Gegenstände beziehen. Es ist wohl nicht zuviel gesagt, wenn man behauptet, dafs drei Viertel aller Kolonialprodukte und aller gewerblichen Erzeugnisse, die von dem vorkapitalistischen Handel abgesetzt wurden, als Abnehmer Rentenbezieher hatten: nämlich Fürsten, Ritter, Kirchen, Klöster, Stifte. Eine Statistik der Käufer mit Angabe ihrer socialen Stellung existiert natürlich nicht. Was wir aber aus den gelegentlichen Mitteilungen namentlich der Handlungsbücher, dieser fast einzig zuverlässigen und brauchbaren 1 In dem Geschäftsberichte des Reisenden Gherardi der Florentiner Firma Spigliati-Spini aus dem Jahre 1284 werden 24 Klöster in England erwähnt, die auf 4—11 Jahre hinaus ihre Wollen dem genannten Hause verkauft haben. Deila decima 3, 324 f. In einem Merkbüchlein des Bald. Pegolotti aus dem 14. Jahrhundert sind etwa 200 Namen von englischen Stiftern und Klöstern aufgeführt, die den Florentiner Händlern Wolle lieferten. Das Verzeichnis (2441 Ms. der Riceardiana) mitgeteilt bei S. L. Peruzzi, Storia del commercio, e dei banchieri di Firenze dal 1200 al 1345(1868), 71 ff. Das Verzeichnis Peruzzis ist ausführlicher als das bei Varenbergli, Hist, des relat. diplom. etc. (1874), 214—217, das dem Arch. de Douay Reg. L. fol. 44 entnommen ist; soll aber fehlerhaft sein nach den Feststellungen der Mifs E. Dixon. Vgl. Transactions of the Royal Hist. Soc. 12, 151. t 234 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Quelle für Handelsgeschichte, über die Qualität der Käufer erfahren, bestätigt die Annahme, dafs ein sehr grofser Teil Rentenbezieher war. Vor allem sind es die Erzeugnisse des Ostens, die wohl ausschliefslich in den höheren Sphären der Gesellschaft ihre Abnehmer fanden. Man begegnete ihnen in grofsen Mengen in den Schlössern der Grofsen und an den Höfen der Fürsten. Insbesondere trat auch die Kirche als zahlungsfähiger Käufer orientalischer Produkte auf, deren sie zur Ausstattung ihrer Gebäude, zum Schmuck ihrer Diener und zur Verherrlichung ihrer Kulthandlungen bedurfte. Zu diesem Behufe fragte sie fortwährend Prachtgewänder, Behänge, Decken und Teppiche, Perlen und Edelsteine, Weihrauch und wohlriechende Stoffe nach. Vgl. z. B. H. Prutz, Kulturgeschichte der Kreuzzüge (1885), 45. Ich lege auf diesen Umstand das gröfste Gewicht. Seine Würdigung ist für das Verständnis mittelalterlicher Handelsbeziehungen unerläfsliehe Voraussetzung. Denn offenbar ist alle Preisgestaltung durch ihn beeinflufst. Er bewirkt, dafs alle die genannten Waren ebenso wie die Rohstoffe unter ihrem „Werte“ (in obigem Sinne) eingekauft, so über ihrem Werte verkauft werden konnten. Werden konnten: darauf ist der Nachdruck zu legen. Denn sie wurden eben mit Rentenanteilen bezahlt, und damit war für die Höhe ihrer Preise jede Grenzbestimmung nach oben hinfällig geworden. Es kostete dem Ritter nicht einen Solidus mehr, wenn er für eine Mailänder Rüstung statt des Jahreszinses von zwei oder zwanzig Bauern den von vier oder vierzig bezahlte; wie es dem Abt des Klosters keine Schädigung an seinem leiblichen oder geistigen Wohlbefinden bereitete, wenn er für ein kostbares Mefsgewand oder ein paar Pfund Pfeffer den Ertrag von zwei oder drei abgabenpflichtigen Hufen mehr erlegte. Was also hier die Händler beim Verkauf auf den Einkaufspreis zuschlagen, sind wiederum Landrenten. ¥ Zehntes Kapitel. Die Kapitalbildung durch Vermögensübertragung. A. Die historisch überkommene Vermögensbildung. Der alte Pagnini hat sein Versprechen, das wir ihn eben geben sahen, dann später auch eingelöst. Er hat in der That die Quelle angegeben, aus der seiner Meinung nach die reichen Handelsherrn seiner Vaterstadt ihr Vermögen, mit dem sie Handel in grofsem Stil treiben konnten, geschöpft haben: es ist, meint er, ihre Thätig- keit als Bankiers der Kurie *. Auch wenn dieser Erklärungsversuch seitdem nicht von zahlreichen andern Schriftstellern aufgegriffen worden wäre, würde die Autorität, die einer der gröfsten Wirtschaftshistoriker aller Zeiten mit vollem Recht geniefst, allein uns verpflichten, seinen Gedankengängen nachzugehen. Ehe ich das thue, möchte ich aber ein paar Worte zur Orientierung noch vorausschicken. Das Problem, das wir hier zu lösen unternehmen, ist die Entstehung des Kapitals; d. h. also, wie wir wissen, die Bildung gröfserer Geldvermögen, die als sachliches Substrat einer kapitalistischen Unternehmung zu dienen bestimmt sind. Dieses Problem deckt sich nun aber, wie ersichtlich, nicht völlig mit dem der Bildung gröfserer Vermögen überhaupt. Letzteres ist umfassender. Es begreift in sich auch die Entstehung von Sachvermögen an solchen Stellen wo, und von solcher Art, dafs ihre Verwandlung in Kapital ausgeschlossen ist. Ich denke an die Entwicklung urwüchsiger Gewalt- und Verfügungsverhältnisse überhaupt, aus denen sich ebenso wie die socialen Über- und Unterordnungsbeziehungen auch die ersten 1 „La Corte di Roma servendosi de’ Banchieri per ritirar le sue rendite ■da diversi luoghi del mondo, porgeva loro il commodo di accumulare del denaro con darli una certa mercede dell’ opera.“ Deila dec. 2, 127. 236 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. grofsen Sachvermögen zwanglos lierleiten lassen. Die Entstehung der Sklaverei und Hörigkeit, der Zinspflichtigkeit, die Bildung der grofsen Grundherrschaften, die Entstehung der staatlichen und kirchlichen Organisation sind ebenso viele Methoden zur Accumu- lation von Sachvermögen in einer Hand. Ihre Genesis darzustellen, ist natürlich nicht die Aufgabe dieses Werks, das lediglich dem Ursprung der Kapitalvermögen nachspürt. Die Geschichte des gesellschaftlichen Differenzierungsprozesses wird vielmehr als Vorgeschichte von uns betrachtet bis zu der Geburtsstunde des Kapitalismus.. Die Darstellung nimmt also von einem Zustande socialer Gruppierung als einem fait accompli ihren Ausgangspunkt, wie er etwa während des Hochmittelalters in Europa sich ausgebildet hatte. Die letzten Wurzeln des Kapitalismus werden dann selbstverständlich nicht blofsgelegt: die reichen hinab bis zu den ersten Ansätzen socialer Differenzierung: le premier qui avant enclos un terrain s’avisa de dire ,ceci est a moi’ et trouva des gens assez simples pour le croire — also le vrai fondateur de la socidtd civile — war auch der Begründer des Kapitalismus. Das versteht sich. Und dessen Entwicklungsgeschichte ist nicht denkbar, ohne dafs in Jahrtausende langem Wachstum sich der Baum gesellschaftlicher Einrichtungen entfaltet hätte, an dem er dann als Blüte treiben konnte. Aber man wird es niemandem verübeln, wenn er sich die paar Jahrmillionen schenkt, die zwischen dem europäischen Mittelalter und den Anfängen der Kultur liegen, und sich die Lösung seines Problems dadurch um einiges erleichtert, dafs er an irgend einer Stelle des geschichtlichen Werdeganges einen Schnitt macht und sich damit begnügt, den gesellschaftlichen Zustand, den er dort als Ergebnis früherer Entwicklung vorfindet, zum Ausgangspunkt der eigenen Untersuchungen zu machen. Dies Verfahren wird auch hier eingeschlagen, wo wir den Anfängen der Kapitalvermögen auf die Spur zu kommen trachten. Soweit also in vorkapitalistischer Zeit insbesondere schon Sach-, bezw. Geldvermögen in irgend einer Form als vorhanden nachgewiesen werden können, sind nicht diese selbst zu erklären, so wichtig sie auch selbstverständlich für die Evolution des Kapitalismus sind, sondern ist nur festzustellen, in welcher Weise sie etwa dazu verholfen haben, Kapital zu bilden. Dafs dies in der Tliat geschehen ist, erscheint von vornherein sehr wahrscheinlich. Und offenbar weist uns gerade Pagninis Erklärungsversuch, sobald wir ihn in seiner principiellen Bedeutung erfassen und seiner zufälligen lokalen Bedingtheit entkleiden wollen, auf eine Art von Transsubstantiation Zehntes Kapitel. Die Kapitalbililung durch Vermögensübertragung. 237 vorhandener Geldvennögen in Kapitalvermögen hin. Wir werden deshalb durch die Andeutung Pagninis veranlafst, einmal Umschau zu halten, wo sich denn am Ende der vorkapitalistischen Epoche wohl Geldvermögen gröfseren Umfangs angehäuft hatten, sei es zu dauerndem Besitz oder periodischer Verwertung, von denen Kapitalvermögen sich ableiten liefse und welches etwa die Methoden solcher Ableitung gewesen sind. Wir behandeln damit also die Fälle, die in der nunmehr wohl erst recht verständlichen Kapitelüberschrift als Fälle der Kapitalbildung durch Vermögensübertragung bezeichnet worden sind. Wo aber flössen im europäischen Mittelalter, ehe denn es Kapitalvermögen gab, Geldbeträge in gröfserem Umfange in eine einheitliche Verfügungsgewalt zusammen? Pagnini hat uns eine solche Stelle, gewifs eine der bedeutendsten, schon genannt: 1. die Camera apostololica. Wenn man die Camera apostolica mater pecuniarum genannt hat 1 , so ist damit der unzweifelhaft richtige Gedanke ausgesprochen, dafs auf die päpstlichen Finanzoperationen die früheste Anhäufung gröfserer Bargeld vermögen im europäischen Mittelalter zurückzuführen ist. Bis ins 9. Jahrhundert hinauf reichen die Schatzungen der Christenheit aller Länder mittels des Peterspfennigs; und bereits im 13. Jahrhundert wird das päpstliche Finanzwesen zu dem imposanten Systeme ausgebildet, das wir aus der späteren Zeit kennen. Die Anfänge des päpstlichen (und damit allen modernen) Finanzwesens gehen, wie bekannt, auf die Mafsnahmen Innocenz III. (1198—1216) zurück. Seit dieser Zeit tritt das allgemeine 1 Glossa in reg. 66 cane. Innoc. VIII. cit. bei Ph. Woker, Das kirchliche Finanzwesen der Päpste. 1878. S. 2. Wokers Buch ist noch heute das umfassendste Werk über päpstliches Finanzwesen. Es ist in den einzelnen Teilen durch die Arbeiten von Kirsch, Gottlob, Müntz u. a. längst überholt, aber als ganzes noch nicht ersetzt. Bedauerlich ist die häufige Trübung, die das Urteil des Verfassers durch dessen (evangelischen) Parteifanatismus erfährt, ein Vorwurf, der den aus katholischer Feder stammenden neueren quellenmäfsigen Darstellungen ganz und gar nicht zu machen ist. Unter diesen ragen hervor A. Gottlob, Aus der Camera apostolica des 15. Jahrhunderts. 1889; derselbe, Die päpstlichen Kreuzzugssteuern des 13. Jahrhunderts. 1892; derselbe, Päpstliche Darlehnsschulden des 13. Jahrhunderts. Historisches Jahrbuch 20 (1899). Joh. Peter Kirsch, Die päpstlichen Kollektorien in Deutschland während des 14. Jahrhunderts. Quellen und Forschungen, hrsg. von der Görres-Gesellschaft. Bd. III. 1894. E. Müntz, L’argent et le luxe ä la Cour pontificale d’Avignon in der Revue des questions historiques 33. annöe. N. S. t. XXII (1899). p. 1 ff. 238 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. kirchliche Abgabenwesen mehr hervor und überholt die grundherrlichen Patrimoniengefälle und die lehnsrechtlichen Census an kassen- mäfsiger Bedeutung, um sich gegen Ende des Mittelalters zu jener „kirchlichen Universalfiskalität“ auszuwachsen, die schliefslich zur Revolution führt. Was dem päpstlichen Finanzwesen die grofse historische Bedeutung verschafft, ist nun aber vor allem der Umstand, dafs die Finanzwirtschaft der Päpste in hervorragender Weise die Tendenz zur Monetarisierung gröfserer Vermögensbezüge gefördert hat. Wir können deutlich verfolgen, wie es die durch die päpstliche Besteuerung geschaffene Kumulierung zahlreicher Abgaben und Leistungen ist, die mit Notwendigkeit zu der Verwandlung der ursprünglich vielfach naturalen Darbietungen in Geld hindrängt. So finden wir die Bezehntung in ihren Anfängen überall als naturale sich ursprünglich entwickeln: das war den meist naturalen Einkünften der Bischöfe, Klöster etc. durchaus angemessen, „der Übergang zur Centralisierung bedingte die reine Geldwirtschaft. Wie wäre es anders möglich gewesen, in aller Welt päpstliche Zehntscheuern, Zehntkeller, Zehntspeicher u. dergl. kostspielige Anlagen zu errichten“ ? Honorius III. gab 1217 den ungarischen Bischöfen den Befehl, „ut vicesimam fideliter redigant in pecuniam“. Später sind naturale Lieferungen in Mittel- und Südeuropa nur noch selten, während sie im Norden lange Zeit noch andauern. Aber auch hier wird die Monetarisierung mit allen Kräften zu bewerkstelligen versucht, so grofs die Schwierigkeiten oft genug waren. Dann mufsten wohl goldene oder silberne Geräte eingeschmolzen werden, um die fehlenden Geldbeträge zu erschaffen h Wir beobachten also, wie der päpstliche Steuerdruck inmitten einer wesentlich naturalen Wirtschaft gröfsere Geldsummen gleichsam aus der Erde stampft und in den Säckchen und Kisten der päpstlichen Kollektoren sich zu beträchtlichen Mengen ansammeln läfst. Auch über die Höhe der solcherweise accumulierten Beträge sind wir unterrichtet; wenigstens können wir aus den Rechnungen, die für einzelne Jahre vorliegen, auf die regelmäfsig einkomm enden Summen schliefsen. Im allgemeinen läfst sich sagen, dafs die früheren Annahmen von den ungeheuren Beträgen, über die die Päpste verfügt haben sollen, stark übertrieben waren. 1 Gottlob, Kreuzzugssteuern, 236'37. Zehntes Kapitel. Die Kapitalbildung durch Vermögensübertragung. 239 Immerhin handelte es sich für jene Zeit um sehr respektable Summen. Die gröfsten Erträge lieferten wohl die sog. „Kreuzzugszehnten“ , die seit Ende des 12. Jahrhunderts in periodischer Wiederkehr bald auch zu andern Zwecken als demjenigen, dem sie ursprünglich hatten dienen sollen, erhöhen wurden. Der beste Kenner dieser Materie schätzt die Höhe der papalen Zehnterträge im 13. Jahrhundert für die ganze Christenheit auf etwa 800 000 Pfd. tur. 1 ; das wären also etwa 15—20 000 000 Mk. Metallwert heutiger Währung. Nun ist aber zu berücksichtigen, dafs diese Zehnten nicht alljährlich, sondern in mehr oder weniger langen Zwischenräumen erhoben wurden. Beispielsweise: 1199 — 1209 — 1225 — 1228 — 1238 — 1240 — 1243 . . . Ferner, dafs sich dieser Gesamtertrag auf aufserordentlich viele Stellen verteilte und nirgends in einer Centrale zusammenflofs, da nur ein geringer Teilbetrag nach Rom abgeführt, das meiste vielmehr von der lokalen Sammelstelle aus an den Verwendungsort direkt gebracht wurde. Die regelmäfsig vom Papste kommandierten Summen waren erheblich geringer als jener Ertrag eines Zehnten, und noch geringer die Beträge, die nun tbatsächlich in den Tresors des heiligen Stuhls sich ansammelten. Diese Einnahmen bezifferten sich im 14. Jahrhundert auf etwa 200—250000 Goldgulden (ä 9—10 Mk.) jährlich und stiegen auch im nächsten Jahrhundert nicht erheblich über diesen Betrag. Zur Zeit Sixtus IV. werden die Einnahmen der apostolischen Kammer auf 250 — 260 000 Dukaten angegeben; diejenigen Pius II. auf 300000 Dukaten. Zu dieser Summe sind noch etwa 100000 Dukaten zu rechnen, die nicht der Hauptkasse, aber doch der Kurie zuflossen, sodafs sich deren Gesamteinnahme auf etwa 400 000 Dukaten belief. Der Rest der Einkünfte kam nicht nach Rom 2 . Immerhin waren die effektiven Einnahmen der Päpste bedeutend genug, um wenigstens einzelnen der Nachfolger Petri die Ansammlung gröfserer Vermögen zu gestatten. So hinterliefs Clemens V. einen Barschatz von 1000000, Johann XXII. (1316 — 34) einen solchen von 775000 Goldgulden 3 . Gleichwohl wurden die Einnahmen der Päpste ganz erheblich überflügelt von den Beträgen, die 1 Gottlob, Kreuzzugssteuern, 135. 2 Gottlob, Aus der Camera apostoliea, 257; derselbe im Historischen Jahrbuch 20, 669 sich stützend auf Ehrle, Prozefs über den Nachlafs Clemens V. im Archiv für Litteratur- und Kirchengeschichte 5, 147. 3 Nach Siigmüller, Der Schatz Johanns XXII. im Ilistor. Jahrb. 18,37 f. 240 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. 2. die Ritterorden in ihren Centralen aufzuspeichern in der Lage warenh Es handelte sich hier in erster Linie um Landrenten, die sogar meist direkt jenen Orden aus ihren ungeheuren Besitzungen zuflossen. Diese erstreckten sich, wie bekannt, fast über die ganze bekannte Welt. Von Griechenland bis Portugal, von Sicilien bis zur Eider und bis nach Schottland lag der Gutsbesitz der Templer im 14. Jahrhundert zerstreut, der nach der Aufhebung des Ordens dem schon enormen Besitz der Johanniter zuwuchs. Die Zahl der Manoirs der Templer betrug im 13. Jahrhundert 9000 und stieg bis 1307 auf 10500; diejenige der Hospitaliter wird schon im 13. Jahrhundert auf 19000 angegeben. Von diesen konnte jedes einen Ritter ausrüsten und erhalten, was einer Jahresrente von je 200 Byzantinern entsprechen würde. Danach hätte die Jahresrente des Ordens einen Metallwert von 36100000 Franken gehabt; während diejenige der Templer auf nicht weniger als 2 Millionen Pfd. geschätzt wird. Mag nun auch nur ein Teil dieser Renten in Geld verwandelt sein und davon abermals nur ein Bruchteil seinen Weg in die Kassen der Centrale genommen haben, so wissen wir doch, dafs die Hofmeister der Orden über ganz enorme Barbeträge zu verfügen in der Lage waren. Im Jahre 1191 konnten die Templer dem König Richard von England die Insel Cypern für 100000 Goldbyzantiner (Metallwert annähernd 1 000000 Franken) abkaufen und davon 40000 Byzantiner sofort anzahlen. Und als der Hochmeister des Templerordens, Jakob von Molay, auf päpstliche Einladung die verhängnisvolle Reise nach dem Westen antrat, soll er 150 000 Goldstücke und zehn mit Silber beladene Maultiere bei sich gehabt haben 1 2 . 1 Uber die Finanzen der geistlichen Ritterorden unterrichtet in grofsen Zügen H. Prutz, Kulturgeschichte der Kreuzzüge (1883), 244 ff. Über die Besitzungen des Hospitaliter-Ordens handelt derselbe Verfasser ausführlich in der Zeitschrift des deutschen Palästinavereins 4, 157 ff. Eine Übersicht über den Güterbesitz der Templer zu Anfang des 14. Jahrhunderts giebt Wilcke, Geschichte des Ordens der Tempelherren 2 2 (1860), 7 ff. Nach Aufhebung des Templerordens gehen seine Güter in das Eigentum der Johanniter über. Die Verordnung des Papstes Clemens V., die Güter der Tempelherren bis auf weitere Verordnung zu sequestrieren (1310), ist a. a. O. S. 489 ff. abgedruckt. Über die Ablieferung der Renten der verschiedenen Besitzungen an die Centrale sagt Jacob von Vitry in der Hist. Hieros. bei Bongars Gesta Dei 1, 120 „amplis possessionibus tarn citra mare quam ultra dilatati sunt in immensum, villas, civitates et oppida ex quibus certam pecuniae summam . . . summo eorum magistro, cujus sedes principalis erat Hierosolymis, mittunt annuatim.“ Bei Wilcke a. a. O. 1, 103. 2 Prutz, Kulturgeschichte der Kreuzzüge, 282/83. Zehntes Kapitel. Die Kapitalbildung durch Vermögensübertragung. 241 Mit Päpsten und Ritterorden konnten während des ganzen europäischen Mittelalters an Finanzkraft wahrscheinlich nur die Könige von Frankreich und England und vielleicht noch von Städten Venedig und Mailand sich messen. 3. der König von Frankreich. Philippe Auguste hinterliefs bei seinem Tode 893000 Mk. Silber (also ca. 38 000 000 Mk. h. W.) 1 . Im Jahre 1238 ergaben die Bruttoeinnahmen die Summe (in Pariser Pfund) von 235 285,7 lb.; 1248 von 178530, 12,9 lb. 2 . Am Ende der Regierungszeit Philipps des Schönen berechnet das älteste französische Budget die ordentlichen Einnahmen auf 177 500 lb. tur 3 . Man wird für die betreffenden Zeiten das Pariser Pfund mit 22—23 frc., das Tournayer Pfund mit 16 —17 frc. Metallwert heutiger Währung ansetzen dürfen. Dann ergäben sich also für das 13. und den Anfang des 14. Jahrhunderts Einnahmen in Höhe von 4—5 Mill. frc. heutiger Währung. Die aufserordentlichen Einnahmen berechnet Boutaric 4 * für die Jahre 1292 bis 1314 auf 10625000 livres. Die Einnahmen Karls V. (1364—1380) sollen 1600000 L., diejenigen Karls VII. 1439 = 1700000 L., 1449 = 2300000 L. betragen haben 6 . 4. der König von England. Die Kämmereirechnung (Wardrobe Account) des Jahres 1300 giebt die Einnahmen auf SS 58155, 16 s. 2 d., die Ausgaben auf SS 64105, 0 s. 5 d. an®. Die Ausgaberolle des Jahres 1346 verzeichnet SS 154139, 17 s. 5 d. 7 , 1370 = SS 155 715, 12 s. IVa d. 1 C. Leber, Essai sur l’appreciation de la fortune privöe au moyen äee. 2. ed. 1847. p. 28. 2 de Wailly, Dissertation sur les dcpenses et les recettes ordinaires de St. Louis in dem Recueil des Historiens des Gaules et de la France, t. XXI (1855). p. LXXVI. B Ordonnance fixant le budget des recettes et des d6penses de l’Etat (1311), abgedruckt bei Edg. Boutaric, La France sous Philippe le Bel. 1861. S. 342 ff. 4 Boutaric, 339. Vgl. auch noch Ad. Vuitry, Etudes sur le rügime financier de la France. Nouv. Ser., T. I. 1883. 3 e etude. Ch. VII. 6 Clamageran 1, XXIV. LXVIII. Vuitry, tome II. 4» ötudes; chap. VII. 6 William Stubbs, The Constitutional Ilistory of England. 2 4 (1896), 575. 7 Sir John Sinclair, Hist, of tlie Public Revenue of the British Empire. l s (1803), 128. Sombart, Der moderne Kapitalismus. I. 16 I 242 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. (bereits teuere Kriegsjahre). Die Durchschnittseinnahme des königlichen Haushalts zur Zeit der Plantagenets schätzt Stubbs 1 auf 120 000. Da man das Pfund der damaligen Zeit mit 50—60 Mk. heutiger Währung ansetzen mufs, so würde es sich um Einkünfte von 60—70 Milk Mk. heutiger Währung handeln. Kein Wunder, wenn wir die Falter Bardi, Frescobaldi, Peruzzi um dieses Licht mit Vorliebe werden kreisen sehen! Es mag daran erinnert werden, dafs um dieselbe Zeit, als die r englischen Könige solcherart schon über Millionen Bareinkünfte verfügten, die Einnahmen des deutschen Reichs hinter denjenigen jedes gröfseren Grundherrn zurückblieben. Kaiser Sigismund er- ldärte 1412, dafs die Gesamteinnahmen des Reiches aus den deutschen Ländern etwa 13 000 fl. (= Duk.) ausmachten 2 . 5. Die Grundherrn. Unter dieser Bezeichnung werden wir alle jene Elemente zusammenfassen dürfen, die wir aufser den Genannten (und den noch zu erwähnenden Städten) im Mittelalter im Besitze von gröfseren Vermögen oder Einkünften finden. Es ist für unsere Betrachtung gleichgültig, ob die Quelle ihres Reichtums Renten- oder Zinsberechtigungen oder delegierte Hoheitsrechte sind. Genug, dafs wir uns die Länder bevölkert denken müssen mit einer grofsen Schar solcher reichen Leute, deren Vermögen wir , selbstverständlich in aufserordentlich grofsen Abstufungen uns vorzustellen haben. Von den Einkünften eines Grafen von Flandern, eines englischen Herzogs oder eines Erzbischofs ist natürlich ein weiter Weg bis zu denen eines einfachen Squires oder Seigneurs oder Ritters. Aber es ist doch für das Verständnis der modernen Entwicklung aufserordentlich wichtig, sich vor Augen zu halten, dafs in jenen Elementen der feudalen Gesellschaft sich ein Fonds von Reichtum, von accumulierten Vermögensbeträgen oder doch wenigstens von Bezugsberechtigungen aufgehäuft hatte, den wir nicht leicht zu hoch anschlagen können. Es handelt sich freilich wohl grofsen Teils noch um Naturalieneinkommen; aber sicherlich spielt im Verlauf des Mittelalters auch das Geldeinkommen eine immer gröfsere Rolle. Einen klaren Einblick in die Struktur der mittelalterlichen T Gesellschaft wurde uns allein eine Einkommens- und Vermögensstatistik der genannten Kreise gewähren. Und es wäre wohl eine dankbare Aufgabe für gebildete Wirtschaftshistoriker, einmal eine 1 W. Stubbs, 1. c. p. 581. 2 A. Gottlob, Aus der Camera apostolica, 183. Zehntes Kapitel. Die Kapitalbildung durch Vermögensübertragung. 243 Geschichte des ländlichen Reichtums im Mittelalter zu schreiben; als Gegenstück zu den zahlreichen Darstellungen städtischer Einkommens- und Vermögens Verhältnisse. Es scheint mir kein unausführlicher Plan, etwa vom Domesday-Book und den Polyptiquen des 10. und 11. Jahrhunderts an die Vermögen der weltlichen und geistlichen Herren in ihrer Entwicklung zu verfolgen. Die Hauptsache wird auch hier die Fragestellung sein. Was wir einstweilen an Kenntnissen besitzen, ist freilich nur dürftiges Stückwerk. Immerhin reicht es hin, um ungefähre Vorstellungen von dem Reichtumszustande auf dem Lande während des Mittelalters zu gewinnen. Da ist denn nun wohl die Thatsache als feststehend anzunehmen, dafs (auch an sog. „beweglichen“ Vermögen, insonderheit Edelmetallbesitz) bis tief in das Mittelalter hinein die grofsen Vermögen allein bei den weltlichen Grundherren, Stiftern und Klöstern zu finden waren. Städte, wie Lübeck und Hamburg in ihrer Blütezeit, hatten gewifs nicht die Einnahmen, die ein grofser englischer Lord aus seinen Besitzungen bezog oder die einem reichen Kloster aus Gefällen und Gülten zuflossen. Von den halb fürstlichen grofsen Grundherren, wie den Herzogen von Burgund oder den Grafen von Flandern, ganz abgesehen. Wir dürfen uns überhaupt wohl den Übergang von dem königlichen Vermögen zu denen der Grofsen im Lande während des Mittelalters nicht so schroff vorstellen wie heute. Die Grandseigneurs behaupteten that- sächlicli Jahrhunderte lang eine der fürstlichen verwandte Stellung. Es existiert eine interessante „Einkommensstatistik“ 1 * aus der Zeit Eduards IV., die diese Annahme bestätigt. Danach hatten Einkommen : der König 13000 £ ein Herzog 4 000 - - Marquess 3000 - Earl 2000 - - Vicomte 1000 - Baron 500 - - Banneret 200 - - Ritter 200 - - Squire 50 - Dafs diese Ziffern nicht übertrieben sind, zeigen uns gelegentliche Mitteilungen über das Vermögen und die Einkünfte grofser Grundherren des Mittelalters. So erfahren wir beispielsweise, dafs 1 Mitgeteilt z. B. bei Stubbs, Cons. Hist. 3 5 (1896), 557. IG* { 244 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. der Earl of Leicester 1313 einen Ausgabeetat von 7309 Sg batte 1 2 , während die jährlichen Einkünfte des Herzogs von Buckingham im 15. Jahrhundert von dem venetianischen Gesandten Giustiniani auf 30 000 duc. geschätzt wurden 9 . Von den Orsini und Cölonna hören wir, dafs sie im 15. Jahrhundert jährlich je 25000 fl. vereinnahmten 3 . Und mit den weltlichen Granden rivalisierten die geistlichen Fürsten und Herren. Die beiden englischen Erzbischöfe, sagt r Stubbs, hielten Haus wie Herzoge; die Bischöfe lebten auf dem Fufse der Earls. Dafs die Klöster während des Mittelalters zu fürstlichen Reichtümern gelangten, ist eine bekannte Thatsache. Und zwar handelt es sich — das möchte ich noch einmal betonen — bei diesen „grundherrlichen“ Vermögen und Einkünften keineswegs nur um Grundbesitz und Naturalbezüge. Wir werden uns vielmehr denken müssen, dafs nach dem Untergang des römischen Reichs bis in das späte Mittelalter hinein der gröfste Teil des gesamten Edelmetallvorrats in den Schatzkammern der Grundherren, der Stifter und Klöster zusammenfloss. „In einer Zeit, wo Geld eine grofse Seltenheit war, besafsen die Klöster fast sämtlich dank der Opferspende der Gläubigen, den unschätzbaren Vorteil, über reichliche Geldreserven zu verfügen 4 .“ Oft genug wird freilich das zusammenströmende Edelmetall seine Gestalt geändert haben und aus der Geldform in Schmuck und Geräte umgewandelt worden sein. Nur so werden uns die Berichte verständlich, die wir aus dem Mittelalter über den ungeheuren Reichtum an Gold- und Silbersachen in Kirchen, Klöstern, bei Fürsten und Edlen vernehmen. „Quand on lit avec quelque suite les nombreux inventaires des mobiliers royaux ou princiers (und der Kirchen und Klöster können wir hinzufügen) au XIV. et XV. siede, on a peine ä s’ex- pliquer l’accumulation de tant de richesses. La mention de tant d’or et tant d’argent ddpasse tout ce que l’imagination peut se präsenter 5 6 * * .“ Und was "wir hier von Frankreich hören, finden wir 1 Anderson, Annals.of commerce 1, 282. 2 Den ton, Engl, in the XV. cent. (1888), 266. 3 Carte Strozziane Ms. mitgeteilt bei Gregorovius, Gesell, der Stadt Rom 7 4 (1894), 342/43. 4 H. Pirenne, Gescb. Belgiens 1 (1899), 148 ff. Vgl. Sackur, Beiträge zur W.Gesch. der französ. und lothring. Klöster etc. in der Zeitschrift für Soc. und W.G. 1, 167 f. 6 Douet d’Arqu, Sur les comptes des ducs de Bourgogne publ. par M. de Laborde. In der Biblioth5que de l’ecole des chartes. 3. s6r. t. IV (1853). p. 125 ff. r Zehntes Kapitel. Die Kapitalbildung durch Vermögensübertragung. 245 bestätigt, wenn wir die Inventare englischer 1 oder italienischer 2 3 Kirchen durchsehen oder von dem reichen Besitz der Florentiner Adelsgeschlechter an Gold- und Silbergerät in älterer Zeit lesen 8 . Fiir unsere Zwecke ist es überflüssig, noch weitere Beispiele zu erbringen für die im grofsen Ganzen unbestrittene Thatsache, dafs in dem Augenblick, als sich ein städtischer Reichtum zu entwickeln beginnt, der die Ära kapitalistischer Wirtschaft einzuleiten f bestimmt ist, sich eine starke Vermögensaccumulation an den beschriebenen Stellen bereits vollzogen hatte. So dafs es sich in einer tibergrofsen Anzahl von Fällen bei der Entstehung der neuen Reich- tümer schlechterdings um nichts anderes als um einen Besitzwechsel, um eine Vermögensübertragung handelte. Obwohl schon selber zum Teil dem neuen Zeitalter angehörig, müssen wir nun aber doch der Vollständigkeit halber als Punkte, an denen während des Mittelalters grofse Geldsummen Zusammenflüssen, noch nennen 6. die städtischen Haushalte, an deren Brüsten doch sicherlich mancher homo novus sich sattgetrunken hat. Freilich stehen sie an Bedeutung weit hinter den bisher betrachteten Elementen zurück. Es wurde schon gesagt, dafs während des * Mittelalters wahrscheinlich nur die Stadthaushalte von Venedig, Mailand und Neapel auch nur annähernde Einnahmen gehabt haben wie Papst und Könige. Nach einem Manuskript, dessen Wert ich nicht beurteilen kann, sollen im Jahre 1492 Venedig 1000 000 fl., Mailand und Neapel je 600000 fl. Einkünfte besessen haben 4 . Dagegen wird von anderer Seite berichtet, dafs bereits 1395 Gian Galeazzo Visconti, der erste Herzog von Mailand, 1200 000 fl. vereinnahmt habe 5 . Eine zuverlässige Ziffer kenne ich für Bologna. Dortselbst beliefen sich 6 * im Jahre 1406 die Einnahmen auf L. 320611, 18, 11. Für Florenz giebt Villani bekanntlich 300000 fl. an. Alle übrigen italienischen Städte werden diese Summe nicht erreicht haben. Mit Italiens Städten rivalisieren 1 Bei Ehymer, Foedera; cit. von Anderson 1, 309. r 2 Vgl. z. B. die Schenkungsurkunde bei C. A. Marin, Storia civile e politica del Commercio de’ Veneziani 1 (1798), 273 f. 3 Davidsohn, Gesch. von Florenz 1, 762. 4 Arch. Flor. Carte Strozz. App. F. 11. p. 189; cit. bei F. Gregorovius, Gesch. der Stadt Eom im Mittelalter 7 4 (1894), 342/43. 6 Nach Corio: Cihrario, Ec. pol. 3 2 , 200. Cibrario rechnet den Florin mit L. 14,51 um; m. E. zu hoch. 6 Giov. Nie. Pasqu. Alidosi, Instruttione delle cose notabili della cittä di Bologna. 1621. p. 35/36. t 246 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. konnten höchstens noch Paris, London, Barcelona, Sevilla, Lissabon, Brügge und Gent, später Antwerpen. Die deutschen Städte blieben weit hinter den genannten zurück. Die Einnahmen einer der reichsten (Nürnbergs) in ihrer Blütezeit (1483) beziffern sich doch nur auf 421926 19 sh. 8 h., d. h. also auf etwas mehr als 60000 fl. 1 . Köln hatte 1370 eine Einnahme von 114780 Mk. heutiger Währung, 1392 von 441397 Mk. Und erst unsere „grofsen“ Seeplätze: Hamburg hat Einnahme: 1360 — 35440 Mk., 1400 = 102104 Mk.; Lübeck 1421 = 96617 Mk., 1430 = 87576 Mk., alles in heutiger Währung ausgerechnet 2 * * * * * . Dasselbe wird für die grofse Menge der französichen und englischen Städte gelten. Sie werden das Einkommen mittlerer Baronien gehabt haben. B. Die Formen der Yermögensiibertragung. Prüfen wir nun, in welcher Weise sich jene Besitzungen und Einkünfte zu privaten Vermögen einer neuen Generation moderner Menschen transsubstantiieren, so finden wir eine grofse Reihe von Methoden der Umwandlung, die aber alle das Gemeinsame haben, dafs es Bezahlungen für geleistete „Dienste“ sind. In diesem Sinne kann man wohl auch sagen, dafs die neuen Vermögen „erworben“ sind. Die Dienstleistung wiederum kann entweder im engeren Verstände gefafst werden oder sie kann gemeint sein als Gewährung materieller Hilfe (Darreichung von Sachgütern). Auch der Diebstahl und der Betrug nehmen mit Beginn der neuen Zeit die Form des „Erwerbes“ an. Der Erwerb kann nun stattfinden von den obrigkeitlichen Gewalten oder von Privaten 8 . Danach ergiebt sich die folgende Einteilung : I. Anteilnahme an öffentlichen Einkünften. Die erste Kategorie abgeleiteter Vermögen werden wir unter den Beamten vermuten dürfen, insonderheit natürlich unter den hohen und höchsten Würdenträgern des Staates. Die Geschichte 1 Lochner, Nürnbergs Vorzeit und Gegenwart. 1845. S. 84. Vgl. auch Chr. d. St. Bd. I. 2 Nach W. Stieda, Städtische Finanzen im Mittelalter in den Jahrbüchern für N.Ö. 17, 11/12. 8 Es ist gewifs richtig, dafs eine scharfe Trennung dieser beiden Fälle, zumal für mittelalterliche Verhältnisse, keineswegs immer möglich ist. Die Einteilung soll auch keinen anderen Zweck haben, als die in Frage kommenden Erscheinungen in eine ungefähre äufsere Ordnung zu bringen. Zehntes Kapitel. Die Kapitalbildung durch Vermögensübertragung. 247 kennt in der That zahlreiche Beispiele von Steuereinnehmern, Finanzkontrolleuren, Ministern und Kanzlern, die als arme Schlucker anfingen und als reiche Männer starben, denen es also gelungen war, während ihres Lebens einen Teil des grofsen Stromes der in die Kassen ihrer Herren fliefsenden Steuerbeträge in ihre Tasche zu leiten. Insbesondere in Ländern, die verhältnismäfsig früh zu einer Art moderner Büreaukratie gelangen, wie in Frankreich, wird eine Vermögensbildung aus Beamtengehältern und Beamtenunterschleifen durchaus nichts seltenes gewesen sein. Die Gehälter selbst müssen wir uns für die frühere Zeit beträchtlich höher als heute vorstellen. In Frankreich finden wir schon zur Zeit Philipps des Schönen folgende Gehälter: die beiden Präsidenten der Chambre des comptes hatten ein Jahresgehalt von 2000 lb. par. (also etwa 40—50000 frc. Metallwert heutiger Währung), die Mitglieder beziehen 400—000 L. Der Kanzler und erste Präsident des Parlaments hatten je 1000 L. b Ein französischer Marschall hatte (1350) 500 lb. Gehalt, ebensoviel wie ein Prinzenerzieher (1328). Dagegen beziehen die Inhaber der drei grofsen Hofämter (1408) je 2000 lb., der Grofskanzler (1472) 4000 lb. 1 2 * . Besondere Gelegenheit, zu raschem Reichtum zu gelangen, boten überall namentlich auch die Stellungen in der Bergbauver- verwaltung 8 . Und dafs die regierenden Familien in den Städten häufig genug aus den öffentlichen Mitteln ihre Taschen gefüllt haben, dürften wir annehmen, auch wenn wir nicht in den Quellen die ausdrückliche Bestätigung fänden 4 * * * . 1 Vuitry, Etudes sur le rdg. fin. de la France. Nouv. S4r. 1 (1883), 287. Pierre Remy, general des finances, hinterliefs bei seinem Tode (1328) ein Vermögen von 1200000 livres (52 Mill. Frcs. heutiger Währung), D’Avenel, Hist. 6con. 1, 149; der Kanzler Duprat ein solches von 800000 äcus und 300000 livres, ib. 154. 2 Nach der Zusammenstellung bei Leber, 64ff. 8 „Gegen Ende des 15. Jahrhunderts (1496) nahmen durch Treulosigkeit der darüber gesetzten Amtleute, die sich sichtbarlich dabei bereicherten, die königlichen Einkünfte aus [den Bergwerken zu Kuttenberg (Böhmen) sehr ab.“ Gmelin, Beyträge zur Gesch. des teutschen Bergbaus (1783), 89. 4 „Nochtan vindt man vele ghiere Die scependom copen diere Om tfordeel dat man daer in vindt Maer om gherechtichede twind.“ Jan’s Teesteye, V. 1132—34. Cit. bei Vanderkindere, Siöcle des Artevelde, 140. Für Köln: Hegel in den Chr. d. deutsch. Städte. Bd. 14, Einl. 248 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Nun hiefse es aber, mittelalterliches Wesen völlig verkennen, wollte man annehmen, dafs der bezeichnete Weg der gangbarste gewesen wäre, um private Vermögen aus öffentlichen Einkünften zu bilden. Wir müssen uns vielmehr der Eigenart der mittelalterlichen Finanzverwaltung erinnern, um diesen zu finden. Für alle feudale Finanzwirtschaft, aber auch für diejenige der Städte in ihren Anfängen, ist, wie man weifs, charakteristisch, dafs ebenso wie alle andern, so auch die fiskalischen Hoheitsrechte von der Person des ursprünglich Berechtigten losgelöst und einer Klasse neuer Berechtigter zu selbständiger Ausübung übertragen wurden. Überall sehen wir frühzeitig die Steuer- und Zollerhebung, die Münzverwaltung u. s. w. in den Händen der Grofsen des Landes. Der Zoller und der Münzmeister, der Sheriff 1 und der bailli mit seinen sous-baillis und prbvöts sind verwandte Typen. Ihnen sind die fürstlichen Hoheitsrechte zu selbständiger Verwaltung übergeben, gegen die Verpflichtung, bestimmte Abgaben abzuliefern und von dem Ertrage die ihnen obliegenden Leistungen zu bestreiten, mit der Befugnis andrerseits, den Überschufs für sich zu behalten. Es ist hier nicht zu verfolgen, wie die verschiedenen Länder insofern eine abweichende Entwicklung aufweisen, als in dem einen die ursprünglich königlichen Hoheitsrechte sich allmählich durch Belehnungen oder Verschenkungen vollständig verkrümeln, bis der Schatzmeister bekennen mufs: „Wir haben so viel Rechte hingegeben, Dafs uns auf nichts ein Recht mehr übrig bleibt —“ während in dem andern das Königtum stark genug ist, sie in seiner Hand zu behalten. Ich möchte nur dem Gedanken Ausdruck geben, dafs, wenn in Deutschland so viel später sich gröfsere Vermögen gebildet haben als in England und Frankreich, dies sicherlich zum Teil auf jenen verschiedenen Entwicklungsgang zurückzuführen ist, den die Hoheitsrechte in den genannten Ländern genommen haben: als die Zeit für die abgeleitete Vermögensbildung erfüllt war, hatten die Kapitalisten in England und Frankreich die Reservoirs der königlichen Einkünfte zum Ausschöpfen, während sich ihre Kollegen in Deutschland an den kleinen Rinnsalen bischöflicher und grundherrlicher Finanzen satt trinken mufsten. Was uns vielmehr interessiert, ist der Übergang von der ursprünglich feudalen Finanz Verwaltung zu neuen Formen, in denen 1 Vgl. jetzt die interessante Arbeit von G. J. Turner, The Sheriffs Farm in den Transactions of the R. Histor. Soc. 12 (1898), 117—149. Zehntes Kapitel. Die Kapitalbildung durch Vermögensübertragung. 249 sie für die Kapitalaccumulation von Bedeutung wird. In dem Mafse, in dem die Geldwirtschaft fortschreitet, in dem die Finanzverwaltung komplizierter wird, mufste die Ausübung fiskalischer Hoheitsrechte durch die Ministerialen, Seigneurs oder Lords immer unzulänglicher sich gestalten. Es mufste sich das Bedürfnis nach geschulten Kräften herausstellen. Als solche aber boten sich der Zeit entsprechend, vor allem Geschäftsmänner dar: Waren- und namentlich Geldhändler. Diese mufsten aber den Fürsten um so sympathischer sein, als sie einem Bedürfnis Genüge thun konnten, das sich immer mehr bei den hohen Herren fühlbar machte: dem Bedürfnis nach barem Gelde. Dieses konnte gar nicht besser befriedigt werden als dadurch, dafs man der nuova gente die öffentlichen Gefälle verpachtete oder gegen Gewährung von Vorschüssen in Darlehnsform verpfändete. Damit tritt eine neue Menschenklasse an Stelle der alten, feudalen Funktionäre: eine Klasse, sagen wir dem Sprachgebrauche folgend von Kapitalisten, von Bourgeois, von Finanzleuten. Diese Verbürgerlichung der ehemals feudalen Finanzverwaltung ist eine allen Ländern während des Mittelalters gemeinsame Erscheinung. Wir finden in Deutschland wie in Italien, in Frankreich wie in England und Belgien seit dem 13. Jahrhundert in wachsendem Umfange Geschäftsmänner als Steuereinnehmer, Münzmeister und dergl. Besonders beliebt sind die Italiener, die ganz Europa mit derartigen Geschäftsbeamten versorgen, wie heute etwa die Schweiz allerwärts hin ihre Käsebereiter aussendet * 1 . Die Münzer besafsen J Von wohlhabenden Gefälleinnehmern im 12. Jahrhundert erzählt Pi- geonneau 1, 266: „Ces bourgeois sont charges d’encaisser les redevances du domaine et chacun d’eux a une clef des coffres oii sont ddposös les deniers royaux, au tresor du Temple.“ „Lombarden“ während des 13. Jahrhunderts „receveurs“ in Frankreich. C. Pi ton, Les Lombards ä Paris et en France 1 (1892), 36. Der bekannte Held einer Nouvelle des Boccaccio Ser Ciapperello Distaiuti da Prato ist von 1288 —1292 receveur de la baillie d’Auvergne. Piton 1, 69; 1295 auch anderer Steuern unter Philipp dem Schönen. Auch die FiAres De Bonis waren collecteurs de tailles (14. Jahrli). Le Livre de Comptes des Freres Bonis; äd. E. Forestie 1 (1890), XXVII. Ordonanzen von 1323 und 1347 untersagen die Anstellung von Italienern, aber ohne Erfolg. J. J. Clamageran, Hist, de Fimpot en France 1 (1867), 337. Ebenso finden wir die Lombarden als Steuereinnehmer in England; daneben kommen allmählich auch englische Geschäftsmänner in die Höhe. Vgl. unten S. 252 f. Italiener als Münzmeister im Auslande: in Frankreich Piton passim; 1278 Vertrag zwischen dem König von Frankreich und den Universitates der Lombarden und Toskaner. Ein Frescobaldi an die Spitze des englischen Münzwesens unter Eduard I. berufen. Deila dec. 2, 74. Der Betrieb der 250 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. in den meisten Ländern auch das Privilegium des sehr einträglichen Geldwechsels * 1 . Eine besondere Berühmtheit haben dieCampsores camerae apostolicae erlangt, auf die uns der alte Pagnini schon hinwies und mit deren Schicksalen uns zahlreiche gründliche Specialuntersuchungen in ganz besonders liebevoller Weise vertraut gemacht haben. Wir wissen jetzt genau Bescheid über die Art, wie die Päpste das ihnen aus aller Herren Länder zuströmende Geld f vermittels eines kunstvollen Sammelsystems in ihre Centralkasse leiteten. Wir können die Generalkollektoren, Kollektoren und Subkollektoren auf ihren Wanderungen verfolgen, kennen die Säckchen und Kisten, womöglich mit ihren Signaturen, in denen die Gelder auf bewahrt zu werden pflegten, ehe sie an eine höhere Centrale abgeliefert wurden. Wir wissen daher jetzt auch, was hier interessiert: dafs schon seit dem 13. Jahrhundert Kaufleute mit der Einziehung und Übermittlung päpstlicher Gelder betraut wurden; die ersten „Bankiers“ der Kurie begegnen uns unter dem Pontifikate Gregors IX. (1227—1241) 2 . Dafs dann aber im 14. Jahrhundert, zumal nach Aufhebung des Templerordens, der während seines Bestehens besonders gern zum Einsammeln der Gelder benutzt worden war, das Institut der Campsores camerae apostolicae sich zu grofser Bedeutung entwickelte. Waren anfangs Kaufleute Münzstätten in den Kreuzfahrerstaaten in Syrien und Palästina war meist in den Händen der Venetianer, die daraus „zweifellos einen sehr bedeutenden Gewinn zogen“. Prutz, Kulturgeschichte der Kreuzzüge, 373. Über die aufserordentlich zahlreichen Italiener an deutschen Münzstätten siehe die eingehende Darstellung'bei Schulte 1, 328 ff. Vgl. auch noch S. Alexi, Die Münzmeister der Calimala- und Wechslerzunft in Florenz in der Zeitschrift für Numismatik 17 (1890), 258 ff. 1 Vgl. für Deutschland: K. Eheberg, Das ältere deutsche Münzwesen etc. (1879), 50 ff., über die lukrativen „Münzverrufungen“ insbesondere S. 55 ff.; für England: Cunningham 1, 301 ff., für Frankreich: Vuitry, Etudes 2, 261. 2 Die früheste Urkunde, welche die Verwendung von Kauf leuten in der päpstlichen Finanzverwaltung bestätigt, ist ein Brief Gregors IX. vom Jahre 1233, worin er quittiert „ad Angelicum Solaficum quemdam campsorem nostrum et eius socios mercatores senenses de omnibus rationibus, quos in Anglia, Francia et Curia Romana vel etiam alibi nostro vel Ecclesiae Romanae nomine reeeperunt“. Aus dem Cod. Cenc. Cam. publiziert bei Muratori, Ant. ital. diss. 16. t. I. pag. 118. Vgl. Deila dec. 2, 126. Im übrigen ist zu verweisen auf die bereits namhaft gemachten Werke von Kirsch, Gottlob, Schneider, derer Ergebnisse unter Hinzufügung zahlreicher weiterer Details Schulte zusammenfassend dargestellt hat. f > Zehntes Kapitel. Die Kapitalbildung durch Vermögensübertragung. 251 der verschiedensten italienischen Städte, als Lucca, Pistoja, namentlich Siena, zu derartigen Funktionen verwandt worden, so gewannen mit der Zeit die Florentiner bei dem heiligen Stuhl immer gröfseren Einflufs, bis sie zuletzt die Bankiergeschäfte fast völlig monopolisierten. Die Spini und Spigliati, die Bardi, die Cerchi, die Pulci, dieAlfani, sie haben es sich stets zu besonderer Ehre angerechnet, die Geldgeschäfte des heiligen Vaters zu besorgen, bis ihnen allen r die Medici den Rang abliefen, die während des 15. und IG. Jahrhunderts die Bankiers der Päpste par excellence sind: die Rothschilds der italienischen Renaissance. Nun wurde aber schon hervorgehoben, dafs die nuova gente den Fürsten (und Städten) besonders willkommen war als Darreicher von Bargeld und dafs daher ihre Funktion als beauftragte Beamte meistens in die von Münz-, Steuer- und Zollpächtern oder von Gläubigern überging, denen die genannten Hoheitsrechte verpfändet wurden, bis schliefslich nur noch der Gläubiger übrig bleibt. Vor allem sind es zunächst wiederum die norditalienischen Handelshäuser, die wir sich auf die bezeichnete Weise bethätigen sehen. In ihren Heimatsstädten finden wir die Steuer- und Zollverpachtung während des ganzen Mittelalters man darf wohl sagen als das ft herrschende System der Steuererhebung vor: die naturgemäfse Erbschaft der römischen Finanzverwaltung. Aber die Kaufleute der italienischen Städterepubliken beschränken ihre Thätigkeit als Publikanen keineswegs auf ihre Heimat. Und so begegnen wir norditalienischen Häusern als Pächtern päpstlicher Decimen nicht minder, wie als Pächtern der fürstlichen Gefälle in Mitteldeutschland, der tailles in Frankreich, oder der Zollgefälle des englischen Königtums. Aber auch die einheimische Geschäftswelt in den genannten Ländern lernt von den Lombarden und löst sie häufig (wie in England) in ihrer Funktion als Financiers der Krone ab. Während dann im 16. Jahrhundert die grofsen deutschen Häuser in gewissem Sinne die Rolle übernehmen, die im 13. und 14. Jahrhundert die Lombarden gespielt hatten. T Ich teile nun zum Belege eine Reihe von Notizen mit, die ich mir über Pachtung - von Steuereinkünften, Zollgfelallen etc. gemacht habe. Päpste. Verpachtung bezw. Verpfändung der Decimen finden wir sehr häufig. Genaue Angaben siehe bei Schneider 42 f.; Gottlob, Kreuzzugssteuern 250. t 252 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Die Ritterorden finden wir ebenfalls in Verbindung mit Kaufleuten, die ihnen als Bankiers dienen oder auch (bei den enormen Einkünften erscheint dies fast unglaublich) mit Vorschüssen dienstbar sind. Wenigstens gilt dies für die Johanniter, die wir 1320 in der Schuld der Bardi und Peruzzi finden. J. Bosio, Dell’ istoria della sacra religione et ill ma militia di S. Giovanni hjerosolimitano 2 (1594), 28. Aufser den genannten italienischen Häusern sind es Geldwechsler in Montpellier und Narbonne, die wir als Bankiers der Hospitaliter antreffen. Vgl. Heyd, Gesch. des Levantehandels 1, 576. Italienische Kirchenfürsten. 1218 verpfändet der Bischof Paganus die Ein- P kiinfte eines Bergwerks an florentiner Geldleute. Davidsohn, Forsch. 3, 3 (Nr. 8). Italienische Kommunen. Venedig. Schon 1112 ist die Republik zum Verkauf der Münze genötigt. W. Lenel, Vorherrschaft 40. Vgl das. 42 f. Als in demselben Jahrhundert eine Anzahl Cives das Geld zur Herstellung einer Flotte auf bringen, „promissum fuit civibus, restituere mutuatam pecuniam eis obligantes redditus communis“. H. Simonsfeld, Venetianische Studien 1, 137. So wurden der Reihe nach den Staatsgläubigern verpfändet die Einkünfte aus dem Salzmonopol, die Gelder der decime, die Grundsteuer der terra firma. Ferrara, Docum. per servire alla storia de’ banchi Veneziani im Arch. Veneto 1871. 1, 106 f. 332 f. Vgl. Lattes, dir. comm., 232. Genua. Verpachtung bezw. Verpfändung zahlreicher Zölle und Abgaben, des Salzmonopols, der Münze etc. seit dem 12. Jahrhundert. „Steuerverpachtung bildet bis Schlufs der Republik das herrschende System der Steuererhebung.“ Sieveking, Genueser Finanzwesen 1, 41. Genuesen im Besitz eines Drittels der Hafenzölle in Accon: Prutz 378. ' Pisa. Davidsohn, Gesch. von Flor. 685. Florenz. 1329 Verpfändung der Gabella an die Acciaiuoli und Konsorten. Davidsohn, Forsch. 3, 186. Neapels Staatsämter finden wir häufig an Florentiner verpachtet. Davidsohn, Forsch. 3, XVII (Übersicht). England. Eine umfassende Bearbeitung des Gegenstandes hat schon Bond in der Archaeologia Bd. 28 vorgenommen. Der erste König, der sich fremder Kaufleute bediente, soll Johann gewesen sein; unter Heinrich III. bürgert sich ihre Verwendnng ein. 1276—1292 finden wir Lucchesen als Zolleinnehmer; 1294 sind 10 verschiedene Handelshäuser aus Lucca und Florenz an Wolltransaktionen beteiligt. Anfang des 14. Jahrhunderts sehen wir die Frescobaldi als Pfand für ihre Darlehen an die englische Krone fast sämtliche Zolleinkünfte des Königreichs in ihrer Hand vereinigen. Deila dec. 2, 70, wo die englische Quelle (bei Rhymer) citiert ist. Vgl. auch Toniolo, L’ econ. di credito ec., in der Riv. int. 8, 563, und Stubbs, Const. Hist. 2 4 , 561. y Weiteres Thatsaelienmaterial enthalten Fox Bourne, English merchants. New. ed. 1886, und neuerdings der aufserordentlich interessante Aufsatz von Alice Law, The English „Nouveaux-Riches“ in the fourteenth Century in den Transactions of the R. Hist. Soc. New Series. Vol. IX. 1895 S. 49 ff. Fräulein Law führt den Nachweis, dafs auf die Bardi und Peruzzi, die noch im Jahre 1340 im Besitz des Neunten in sechs Grafschaften sich befinden, eine Reihe englischer Häuser folgt, die ganz im Sinne der Italiener ihre Geschäfte betreiben. „They undertook the ferm not only of the customs but r » Zehntes Kapitel. Die Kapitalbildung durch Vermögensübertragung. 253 even of the war subsidies and in return for the ready-money payments they made the king they were allowed to take not only the legal custom of 40 / a sack, but any additional impost they might be able to extort from the ex- tremities of the other wool merchants“ (63). Auch in der Münzverwaltung lösen sie die Italiener ab: S. 64 ff. Frankreich. Material in dem genannten Werke Pitons. Auch unsere Freunde De Bonis waren „fermiers de dimes et revenues ecclesiastiques“. 1. c. pag. XXVII. Vgl. pag. XVI. Davidsohn, Forsch. 3, XVIII (Übersicht), r Belgien. Wir begegnen den Crepin aus Arras, den Peruzzi aus Florenz „presque toujours en compte ouvert avec Gand et Bruges“. Vander- kindere, 232. Deutschland. Danzig und Worms (seit 13. Jahrhundert), Nürnberg seit 1360 u. a. Städte verpachten ihre Einkünfte. Neumann, Gesell, des Wuch., 538 f.; während des 14. Jahrhunderts begegnen wir häufig Italienern als Pächtern der fürstlichen Gefälle in Mitteldeutschland; ib., 377. Vgl. auch A. von Kostanecki, Der öffentl. Kredit im Mittelalter (1889) S. 32 f. und neuerdings die reiche Sammlung einschlägiger Daten wieder bei Schulte 1, 328 f. „Italiener an deutschen Zöllen.“ Im 14. Jahrhundert verpfändet Erzbischof Wilhelm von Köln das Gutamt bei dem Bierbrauen an Joh. Hirzelin um 4450 Goldschilde; an denselben die ihm zustehenden Mühlen- und Thorgefälle in der Stadt um 9000 Goldschilde, Clir. d. St. 14, CXXVI. Über Verpfändungen von Zöllen etc. an Juden O. Stobbe, Die Juden in Deutschland während des M.A. 1866. S. 116 f. Häufig begegnen wir den Hausgenossen als Pächtern der Münze. 1296 verpachtet Bischof Konrad von Lichtenberg die Strafsburger Münze auf vier Jahre an sieben Bürger. Str. U.B. 2. D. 201 f. Mitte des 13. Jahrh. verpfändet der Erzbischof von Mainz seine Münze für ein Darlehn an die Münzer auf zwei Jahre. Kirchhoff, Die ältesten Weistümer der Stadt Erfurt S. 168. Auch die Regensburger Münze ist häufig verpfändet. Muffat, Beiträge zur Geschichte des bayrischen Münzwesens, in den Abhandlungen der Kgl. bayr. Akad. d. Wiss. III. Klasse. Bd. IX. Abt. I. S. 217 ff. Im Laufe des 14. und 15. Jahrh. hatten vielfach die Regalbeamten und Münzer die besten Gruben und Hütten an sich gebracht, sie verlangten, teilweise schlecht bezahlt, von Gewerken und Arbeitern Grubenanteile und Geschenke. K. Sternberg, Umrifs einer Geschichte der böhmischen Bergwerke 2 (1838), 184. Weitere Verpfändungen von Bergwerken und Hütten: K. Wenzel II. verordnete 1305 in seinem Testament, der siebente Teil des Einkommens vom Bergwerk Kuttonberg sollte wöchentlich zur Abzahlung seiner Schulden seinen Gläubigern gegeben werden und König p Rudolf bezahlte auch von den Unterlassenen Schulden der verstorbenen Könige wöchentlich aus dem Einkommen von Kuttenberg 1000 Mk. Silber. Hag ec, Böhmische Chronik; deutsch 1697, 492; cit. bei Gmelin, Bey träge zur Geschichte des teutschen Bergbaus (1783', 82. 1429 verschrieb K. Sigmund dem Rat und den Bürgern der Stadt Eger das Pflegamt bei dem Dorfe Wefs im Bechiner Kreise mit allen Bergwerken ob und unter der Erde gegen ein Darlehn von 300 Schock böhmische Groschen pfandweise. Gmelin, 94. (1 Schock böhm. Gr. damals etwa = 19—20 Mk. heut. Währung.) r i 254 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Über Verpfändungen schlesischer Berg- und Münzregale siehe A. Steinbeck, Geschichte des schlesischen Bergbaus 2 (1857), 134 und öfters; sächsischer: H. Ermisch, Cod. dipl. Sax. reg. 13 (1886), XLV1: „aus allem ergiebt sich, dafs die Münzmeister jener Zeit (sc. 14. Jahrli.) nicht sowohl Beamte als Bankiers der Landesherrn und Münzpächter waren.“ Im 16. Jahrhundert waren die Regalien der meisten modernen Staaten schon an reiche Geldgeber verpfändet. Über Ungarn z. B. vgl. F. Dobel, Der Fugger Bergbau und Handel in Ungarn in der Zeitschrift des liistor. Vereins für Schwaben und Neuburg 6 (1879), 43 f. Seit 1487 datieren die zahlreichen Bergbauverträge der Fugger mit den Erzherzogen von Tirol, mittels deren die Fugger teils die an den Landesherrn zu leistenden Abgaben der Gewerken überwiesen erhalten, teils sich das Recht zum eigenen Bergbaubetriebe verschaffen. F. Dobel, Über den Bergbau und Handel des Jacob und Anton Fugger in Kärnten und Tirol (1495—1560) in der Zeitschrift des hist. Ver. für Schwaben und Neuburg 9 (1882), 198 ff. Auf das Silber aus den Tiroler Bergwerken hatte auch Christoph Scheurl dem Kaiser Maximilian (1494) eine „tapfere“ Summe Geldes vorgestreckt, wofür ihm, Scheurl, und seinem Mitgesellschafter Heinrich Wolf jährlich wenigstens 12000 Mk. Silber geliefert werden sollten, um es in kaiserlichen Münzen für sich münzen zu lassen. A. von Scheurl, Christoph Scheurl (1884), 17. Ebenso wie die Tiroler und Ungarischen Bergwerke den Fugger als Pfand für geliehenes Geld überlassen wurden, kamen in ihren Besitz auch die den Herzogen von Münsterberg-Ols gehörigen Reichensteiner Bergwerke, aus denen sie ebenfalls grofsen Nutzen zogen. E. Fink, Die Bergwerksunternehmungen der Fugger in Schlesien in der Zeitschrift des Vereins für Geschichte und Altertum Schlesiens 28 (1894), 309 ff. Ursprünglich waren es nur Überlassungen von Regalrechten, die diese Häuser mit den Bergwerken verbanden; allmählich griffen sie dann weiter um sich und brachten entweder die Gewerken in ihre Abhängigkeit oder wurden selbst Bergwerksunternehmer, wie an anderer Stelle noch ausgeführt werden wird. II. Erwerb privater Grundeigentumsberechtigungen. Was die Könige, die Päpste und die reichen Städte für die grofsen Häuser, das wurden für die mittleren und kleineren, namentlich auch für die Anfänger, die grundbesitzenden geistlichen und weltlichen Herren: Quelle rascher Bereicherung durch Anteilnahme an ihrem Besitz. Und zwar erfolgte diese wieder entweder infolge dargebotener Dienste oder (die Regel) als Entgelt für vorgestreckte Geldbeträge. V Was ersteren Weg zur Vermögensanhäufung betrifft, so waren es ganz ähnliche Funktionen, für die die gröfseren unter den privaten Grundbesitzern hilfsbereite und kundige Kaufleute zu belohnen bereit waren, wie wir sie in den Verwaltungen der Könige und Päpste kennen lernten. Die Posten der Rentenmeister, Ver- mögensvenvaiter, regisseurs, intendants, bailiffs und reeves oder wie r t Zehntes Kapitel. Die Kapitalbildung durch Vermögensübertragung. 255 sonst die Einkassierer der Reinbeträge für die grofsen Grundherren heifsen mochten, sie waren es, nach denen die Handelshäuser mit Vorliebe strebten. Die über Europa verbreiteten „Lombarden“ sind es auch hier wieder, denen wir am häutigsten begegnen. Als Entgelt für solcherart Dienstleistungen pflegten die Rentenberechtigten ihre Funktionäre nicht nur in reichem Mafse an ihren Einkünften teilnehmen zu lassen: sie übergaben ihnen auch häufig Besitzungen zu Eigentum 1 . Aber noch mehr wie bei den öffentlichen Gewalten finden wir doch hier im privaten Geschäftsverkehr als Regel, Anspruch auf fremde Vermögensteile zu gewinnen, die Gewährung von Darlehen. Es ist die bedeutsame historische Mission der Geldleihe oder, geradezu gesprochen, des Wuchers gewesen, das moderne kapitalistische Wirtschaftsleben dadurch vorzubereiten, dafs durch seine Vermittlung in grofsem Umfange feudaler Reichtum in bürgerlichen transformiert worden ist. Ich möchte aber mit Nachdruck betonen, dafs alle Geldleihe während des Mittelalters, die nicht in einer Bewucherung der Grundbesitzer, insonderheit der rentenberechtigten Grofsgrund- besitzer bestand, für die Kapitalaccumulation ebensowenig in Betracht kommt, wie der berufs- und handwerksmäfsig ausgeübte Warenhandel. Ganz gewifs hat es in grofsem Umfange Winkelwucherer gegeben, die von der Ausbeutung kleiner Leute, der dienenden Klasse oder der Handwerker lebten 2 . Aber wer durch Wucher reich werden wollte, der mufste bis zu dem Grundbesitzer, ja bis zum Grofsgrundbesitzer durchdringen. Es ist dieselbe Sache wie heute: der kleine Geldgeber, der an Gewerbtreibende, Bauern, Unterbeamte, Arbeiter u. dergl. Leute mit noch so hohen Zinsen 1 In Frankreich „les banquiers se chargeaient aussi d'operer la recette des grandes proprietes seigneuriales; ils faisaient, en quelque Sorte, fonction de regisseurs ou d’intendants. Tel est en ce genre ä la fin du XIV. sc. Digne ltapponde, Lombard en vogue, qui a des comptoirs ä Paris et ;i Bruges. 11 est l’homme d’affaires du duc de Bourgogne, du comte de Flandres, d’Yolande de Cassel, du sire de la Tremo'ille et sans nul doute de Cents autres.“ „Des domaines sont donnüs aux Lombards par de puissants princes, ,en re- connaissance de leurs bons Services. 1 “ D’Avenel, Hist. 6con. 1, 109/110. Vgl. auch Marx, Kapital l 4 , 709/710. Dieselbe Erscheinung in anderen Ländern. In den Jahren 1403—1411 ist ein Oddoninus Asinerii Domicellus Gläubiger und Kastellan des Grafen von Greyerz in den Herrschaften Aubonne und Coppet. J. F. Amiet, Die französischen und lombardischen Geld Wucherer des Mittelalters namentlich in der Schweiz im Jahrbuch für Schweiz. Gesell. 2, 251 ff. 2 Siehe den Exkurs auf S. 271. 256 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. darleiht, wird nur ganz selten zu Reichtum gelangen: die grofsen Fische gilt es zu fangen. Und das galt für die Zeit extensiver Besiedelung und unentwickelter Verkehrstechnik in noch viel höherem Mafse als heutzutage, wo es auch hier u. U. „die Masse bringen kann“. Nun bestätigen uns aber zum Überflufs die Quellen, eine wie präponderante Rolle im mittelalterlichen Kreditverkehr die geistlichen und weltlichen Grundeigentümer gespielt haben, zeigen sie uns handgreiflich, wie in der That ganz erhebliche Grundwerte auf dem Wege des Kredits in die Hände von Geldbesitzern übergegangen sind. Was die geistlichen Herren so sehr in Schulden verwickelte, waren, wie bekannt, ihre Verpflichtungen gegen Rom, die Leistung der Sei’vitia communia. Daher war ihr Geldbedürfnis eine allgemeine Erscheinung in allen Ländern und darum die Chance namentlich für die potenteren Geldbesitzer, sich rasch zu bereichern, eine sehr gute. Durch die Untersuchungen Gottlobs, Schneiders (S. 50 ff.) u. a., durch die überaus reichhaltige Materialsammlung Schult es (1, 235 tf.) sind wir jetzt über die Beziehungen zwischen den geldsuchenden Prälaten und ihren Gläubigern bis in die kleinsten Details unterrichtet. Wir wissen, dafs es wiederum vor allem italienische Häuser waren, die auch aufserhalb Italiens die Geschäfte mit den geistlichen Herren machten. Aber für die Vermögensaccumulation möchte ich doch dem Kreditverkehr mit den weltlichen Grofsgrundbesitzern, insonderheit also dem Landadel, eine noch gröfsere Bedeutung beimessen. Deshalb vor allem, weil hier die Möglichkeit viel gröfser war, dafs der Geldgeber nicht nur an den Renten Anteil bekam, sondern auch den Besitz selber — oft gegen eine verhältnismäfsig geringfügige Schuldsumme — an sich zu ziehen vermochte. Ganz besonders sind hier wiederum die italienischen Verhältnisse lehrreich. Wir beobachten in Italien ganz deutlich, wie der Stamm der alten Grundbesitzer, der Adel, entweder sich dadurch in seiner achtunggebietenden Stellung erhält, dafs er sich, wie noch zu zeigen sein wird, dem Urbanisierungsprozefs unterzieht oder — soweit ihm diese Metamorphose nicht gelingt — verarmt, in die Hände von Wucherern gerät, die schliefslich einen beträchtlichen Teil seiner Besitzungen sich zu eigen machen. Dann wird das Grundeigentum mit seinen Erträgen auf dem Wege primär abgeleiteter Accumula- tion die Basis für die Entwicklung des Geldvermögensbesitzes der gente nuova in den Städten. Dafs im allgemeinen die städtische Zehntes Kapitel. Die Kapitalbildung durch Yennögensübertragung. 257 Entwicklung hier die Ursache des Vermögensverfalls des nicht anpassungsfähigen Landadels ist, versteht man leicht. Im floren- tiner Gebiet beispielsweise, wo die Verhältnisse besonders klar liegen, beobachten wir, wie schon seit dem Ende des 11. Jahrhunderts der Grofsadel zu verschulden und damit zu verarmen beginnt. Die übliche Form der Sicherstellung war hier die Verpfändung bezw. der Eventualkauf, der sicher zu einem weit hinter dem Werte zurückbleibenden Preise abgeschlossen zu werden pflegte. Die Verkaufsurkunde wurde dem Darlehnsgeber in Pfand gegeben; dem Verkaufs vertrage wurde eine Klausel angefügt, dafs er hinfällig werde, wenn Darlehen und Zins zum vereinbarten Termin einbezahlt seien, andernfalls trat die Veräufserung ohne weiteres in Kraft, der Darlehensgeber wurde Eigentümer des verpfändeten Gutes. „Hab und Gut Adliger wie klösterlicher Stiftungen stand deshalb stets in Gefahr, in die Hände der Wucherer zu geraten.“ Ganz deutlich vermögen wir auch das Emporkommen solcher Geldgeber und Halsabschneider im florentiner Gebiet seit dem 12. Jahrhundert zu beobachten. Zu ihnen gehören eine grofse Anzahl der • später bedeutendsten Handels- und Bankhäuser der Arnostadt; notorisch durch Auswucherung der Grofsgrundbesitzer zu Reichtum gelangt sind u. a. die Peruzzi, die Pegolotti, die Macci, die Tigniosi, die Ebriaci. Und was wir in Italien beobachten, gilt auch für die übrigen Länder Westeuropas: in der Schweiz wie in Deutschland, in Frankreich wie in England werden die darleihenden Geldbesitzer reich durch Aneignung von Landrenten oder Landbesitz. Insbesondere sind es wohl wieder die Kreuzzüge, die hier einen Markstein in der Entwicklung bilden. Ihre Bewerkstelligung selbst erheischte grofse Barmittel, die die Kreuzfahrer meist nicht besafsen. So verpfändeten sie die Einkünfte ihrer Lehensgüter, oder was sie sonst an Immobilien besafsen, an die städtischen Geldgeber, häutig wiederum italienischer Herkunft. Und als die Orientzüge ihre Wirkungen begannen, als das Städtewesen sich immer blühender entfaltete und damit das städtische Wesen immer mehr im Werte stieg, als der Sinn für Luxus und Wohlleben zu erwachen anfing, da mufste das Sinnen des Adels in wachsendem Umfange auf Geldbesitz gerichtet sein, den er oft genug nicht anders als durch leichtsinnige Verschuldung zu erlangen vermochte. Was wir in Italien im 13. Jahrhundert wahrnehmen, kehrt mit ganz übereinstimmenden Zügen in Deutschland im 15. Jahrhundert wieder. Der Adel mufste es dem Bürger an Luxus zuvorthun. „Stutzertum und Sombart, Der moderne Kapitalismus. I. 17 258 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Brutalität zugleich wurden Kennzeichen des Ritters.“ Der Kleiderprunk wurde ein Hauptgrund seiner Verschuldung. „Von der Costlichkeit der Cleider kommt es vil her,“ äufsert ein Sittenprediger, „dafs es abwärts get mit dem Adel in deutschen Landen 5 sie wollen prunken als die riehen Kaufleute in den Städten tun . . . Aber sie hant das Geld nit, was jhene han ... So kommen sie in grofse schulden und verfallen dem Wucher der Juden und Christenjuden und müssen ihr Gut verkaufen ganz oder zum Teil.“ So verkaufte eine Witwe von Heudorf für ein geringes Geld das Dorf Göppingen an der Ablach, um sich bei Gelegenheit eines Turniers einen blauen Sammetrock anschalfen zu können. In Oberhessen allein verschwanden in den letzten Jahrhunderten des Mittelalters 200 Ritterfamilien. Vom westfälischen Adel klagt Kolewinck: „Unser einst ansehnliches Geschlecht verfällt von Tag zu Tag. Fremde besitzen unser Erbe.“ Ich führe noch einige weitere Belege an für die Bewucherung: des ländlichen Grundbesitzes: Italien. Für Florenz vgl. Davidsohn, Gesch. von Florenz 1, 284 f., 795 ff. Forschungen (1896), 158 f. Von einer Verarmung eines Teiles des Adels hören wir im 12. Jahrhundert auch in V e n e d i g: „Multos nobiles, qui ad pauper- tatem devenerunt“, unterstützt der Doge Ziani, der selbst „ein ungeheures Vermögen besafs“. „Man sieht, wie ein offenbar nicht geringer Teil des Adels, unfähig dem Zuge der Zeit sich anzupassen, in Armut versank.“ Lenel, Vorherrschaft, 46. Offenbar mufsten die Güter dieses Adels also vorher in die Hände anderer übergegangen sein; und das konnten doch auch nur Wucherer gewesen sein. Für Savoyen vgl. Qu. Sella, Del codice d’Asti etc. in den Atti della R. Acc. dei Lincei. Ser. 2 a Vol. IV. 1887. 229 ff. Italienische Geldbesitzer wufsten sich aber auch aufserhalb Italiens durch Bewucherung der Grofsgrundbesitzer zu bereichern. „I Fiorentini . . in In- ghilterra ed in Francia prestando a’ Signori sopra le loro terre ragunarono immense riccliezze.“ G. Manzi, Discorso sopra il commercio degli Italiani nel sec. XIV. (1818), 53. Für Frankreich vgl. noch D’Avenel 1, 109 f. „Gentilshommes et usuriers, ayant un constant besoin les uns des autres paraissent vivre . . en bonne intelligence.“ Ein interessantes Dokument ist das Testament eines der reichsten Pariser Wucherer im 13. Jahrhundert, des berühmten Gandulphus de Arcellis (Gandouffle), der (wie es häufig vorkam) auf dem Totenbette von Angst gequält, alle die Opfer seiner Berufsthätigkeit aufzählt, denen er die von ihnen empfangenen „usurae“ zurückzuerstatten heilst. Die Liste enthält fast ausschliefslicli geistliche und weltliche Herren. Abgedruckt bei Pi ton, 161 ff. Mes peres fu francs hom et de grant parente: Pui kei en malage et en grant poverte, Et engaga ses terres, petit l’en fu remes. Cis hom ert par usure en grant avoir montes: Zehntes Kapitel. Die Kapitalbildung durch Vermögensftbertragung. 259 A mon pere fist toute se tere racater; Puis m’i dona a ferne . . . Aiol. v. 7065 suiv. 7111 suiv. Ed.: Sociötds des anciens textes franQ. Jaques Normaud et Gast. Raynard. Ygl. auch noch den Chronisten Rigord, Vie de Philippe Auguste, in der Collect, des M£m. rel. 4 l’Hist. de France. 1825. p. 22 (der Voluine trägt keine Nummer). Davidsohn, Forsch. 3 Nr. 139 (sehr instruktive Urkunde). In der ganzen Troubadourpoesie spielt der von Gläubigem gepeinigte Edelmann eine grofse Rolle. In England begegnen wir erst den Juden, dann den Lombarden als Erben der reichen Grofsgrundbesitzer. „The Jews obtained forty percent by .lending money to extravagant or heavily taxed landowners.“ Cunningham, 1, 189 ff. 328. 1235 sind der König und die meisten Prälaten Schuldner der Lombarden, so dafs der Erzbischof von London diese ausweisen will, was der Papst verbietet. Piton, 216. Vgl. noch Madox, The History and Antiquities of the Exchequer of the Kings of England 1 (1769), 222 ff. 249 f. Auch die Bewucherung der grofsen Grundbesitzer in Flandern besorgten die italienischen Geschäftsmänner; namentlich die Sienesen. Ein reiches Material findet man bei G. des Marez, La lettre de Foire ii Ypres au XIII. sc. 1901; vgl. S. 165. 174. 183. 195. 254 f. Sehr richtig bemerkt der Verfasser (S. 54): „Le droit niedieval conföre au creancier gagiste ou au ciAancier hypo- thecaire des droits plus etendus que le droit moderne. Le gage equivaut en effet, dans beaucoup de cas au moins, k une alineation dont l’effet definitiv est subordonne ä la condition suspensive du non-accomplissement de l’obligation.“ Vgl. auch Vanderkindere, 223. Dem Gui de Dampierre beispielsweise sitzen die Geldmänner, namentlich die Italiener, wie Läuse im Pelz. Eine hübsche Charakteristik dieses prächtigen, echt seigneurialen Typus, der nie Geld, dafür aber um so mehr Schulden hat, findet man beiFunek-Brentano, Philippe leBel enFlandre, 76 ff. Für Deutschland und die Sclnceiz, soweit die Kawerschen in Betracht kommen, vgl. Schulte 1, 290 ff.; im übrigen Lampreclit, Zum Verständnis u. s. w. in der Zeitschrift für Soc. und Wirtschaftsgesch. 1, 233 f. und Jannssen 1, 444, die, so sehr ihre Auffassungen sonst voneinander abweichen, in der Beurteilung der Lage des Adels übereinstimmen. Über die Bewucherung von Grundbesitzern durch die Juden Stobbe, 117 f. 240. Urk. von 1287: Günther von Schwarzburg hat einem Juden ein Grundstück verpfändet tali pacto, ut si termino statuto non redimeremus, quod tune sibi absque contradictione maueret et titulo proprietatis liberae suum esset; also auch hier eine Art von Eventualkauf. Stobbe 240. Bei der Beschränktheit des Rechtes der Juden, Grundeigentum zu besitzen, erfolgte die Darlehnsgewährung meist gegen Verpfändung von Kleinodien, Kostbarkeiten, Silberund Schmuckgeräte. Beispiele dafür bei Stobbe, 240. Für die Auswucherung der Kreuzfahrer insbesondere: Heyd, Levantehandel 1, 159. Prutz, Kulturgeschichte der Kreuzzüge, 364 ff. Schaube in den Jahrbüchern für N.-Ö. 15, 605 ff. Cunningham, Growth 1, 191. Piton 1, 21. Eine Auswucherung der Kreuzfahrer fand abseiten der italienischen Kommunen, namentlich seitens der Venetianer, auch statt auf dem Wege 17 * * 260 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. der Transportübernahme. Es ist augenfällig, dafs sich hier ein besonders bequemes und wirksames Mittel darbot, den hilflosen Kreuzfahrern ihre letzten Groschen abzunehmen. Vgl. Prutz, Kulturgeschichte, 100 ff. Dreier Ereignisse endlich mufs noch Erwähnung geschehen, die aufserhalb der normalen Liquidation des feudalen Reichtums (unter welcher Bezeichnung die Mehrzahl der besprochenen Methoden der Vermögensübertragung zusammengefafst werden kann) eine rasche Bildung grofser neuer Vermögen zu befördern geeignet waren. * Ich meine: 1. die wenigstens vorübergehende Einziehung der Besitzungen des Templerordens, wie sie namentlich in England in grofsem Stile erfolgte 1 ; 2. die Wirkungen der Pest im 14. Jahrhundert, namentlich in den 1350 er und 1360 er Jahren, als plötzlich ein grofser Teil der Vermögen durch den Tod ihrer Besitzer herrenlos wurde und von den Überlebenden durch Erbschaft oder auf anderem Wege ammassiert werden konnte; 3. die Auflösung der Klöster und die Konfiskation ihrer Güter,, die allerdings erst in eine wesentlich spätere Zeit fällt. C. Die quantitative Bedeutung der abgeleiteten Vermögensbilduug. * Die bisherigen Ausführungen in diesem Kapitel werden es, wie ich hoffe, bereits haben erkennen lassen, dafs auf dem Wege der Übertragung ganz zweifellos ein grofser Teil der neuen Vermögen „erworben“ worden ist, d. h. also, dafs ein erheblicher Prozentsatz der wohlhabenden Bourgeoisie in den Städten, aus denen sich dereinst die Kapitalistenklasse entwickeln sollte, der Anteilnahme an öffentlichen Einkünften oder der Aneignung von feudalem Besitztum ihren Reichtum verdankt. Ich glaube nun aber, dafs dieser allgemeine Eindruck, den wir aus dem Studium der geschichtlichen Ereignisse gewonnen haben, durch Ziffer mäfsige Feststellungen sich noch wird verstärken 1 „era tanta la sete ch’ ognuno haveva d’ liavere di quei benedetti beni de’ Templari ch’ anco in Ingliilterra alcuni marchesi, conti e baroni impa- droniti s’ erano di tutti i beni sopradetti che negli Stati loro si trovavano e talmente occupati gli tenevano che non volevano intendere parola d’ avergli ä restituire.“ Bosio, 1. c. pag. 28. 1308 wurden die Güter der Templer in England confisziert; 1334 „after much dispute and litigation“ den Hospitanten zugesprochen: in der Zwischenzeit wurden sie also von den Kreaturen des Königs ausgeplündert. Und sicher wird ein grofser Teil überhaupt sich in dem Menschenalter verkrümelt haben. Vgl. Alice Law, 1. c. p. 52—54. Zehntes Kapitel. Die Kapitalbildung durch Vermögensübertragung. 261 lassen. Was wir an zuverlässigem Zahlenmaterial über die Geldgeschäfte des Mittelalters besitzen, berechtigt zu dem Schlüsse, dafs wir uns den Umfang der Vermögensverschiebungen, wie sie in dem Zeitraum vom 12. bis zum 15. Jahrhundert in Europa auf den gezeichneten Wegen stattgefunden haben, nicht leicht zu grofs vorstellen können. Soviel ist jedenfalls sicher, dafs die durch den Handel umgesetzten Werte in wesenlosem Scheine verschwinden, sobald wir sie in Vergleich stellen mit den Ziffern des Kreditverkehrs in demselben Zeiträume, dafs aber in noch gröfserem Abstande die voraussichtlich bei diesem verdienten Summen die denkbar höchsten Handelsprofite hinter sich lassen. Man wolle sich etwa vergegenwärtigen, dafs ungefähr in derselben Epoche (Mitte bezw. Ende des 14. Jahrh.), als der Wert des gesamten Ausfuhrhandels einer Stadt wie Reval 1—D /2 Mill. Mk., derjenige des „grofsen“ Lübeck 2—3 Mill. Mk. h. W. (nach Stiedas Berechnungen) betrug, ein einziges florentiner Bankhaus (die Bardi) dem König von England über 8 Mill. Mk. h. W. (900 000 fior. d’oro), ein anderes (die Peruzzi) über 5 Mill. Mk. geliehen hatte 1 ; dafs zu der Zeit, da die sämtlichen hansischen Kaufleute für 5—600 000 Mk., die italienischen zusammen für D/ 2 —2 Mill. Mk. h. W. Wolle in England einkauften (Ende des 13. Jahrh.), ein einziger Pariser Wucherer (Gandouffle) einen Umsatz von 546000 Mk., die sämtlichen Lombarden aber in Paris einen solchen von 61440000 Mk. h. W. versteuerten 2 3 . Was würde dagegen sogar die Million Dukaten Umsatz im Fondaco dei Tedeschi bedeuten, selbst angenommen, sie sei richtig! Oder man bedenke, was es heifst, dafs die Genuesen und Pisaner den Kreuzfahrern vor Accon schon im 12. Jahrhundert 26 4000 Mk. Silber, 2220 lb. tur. und 930 Unzen Gold borgen 8 , also etwa D /2 Mill. Mk. Metallwert h. W.; dafs Ludwig der Heilige bei Kaufleuten ein Darlehn von 102780 2 /s lb. tur., also von mehr als 2 l / 2 Mill. Mk. h. W. aufnimmt 4 * ; dafs 1390, als die Judenschulden in Regensburg aufgehoben wurden, sie einen Betrag von ca. 100 000 Goldgulden, also etwa 1 Mill. Mk. ergaben. „Und wie viel mögen die Regensburger Juden an auswärtigen Schuldnern verloren haben!“ 6 1 Nach Villani, der für diese Ziffern gewifs zuverlässig ist. 1320 schuldeten die Johanniter den genannten beiden Bankhäusern 575 000 Goldgulden. Bosio, 1. c. 2, 28. 2 Nach den umstehend mitgeteilten Ausweisen. 3 Piton, 21. 4 Schaube, Wechselbriefe, 608. 6 Stobbe. 137. 262 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Genauer unterrichtet sind wir über den Geschäftsverkehr der lombardischen Geldgeber in Paris um das Jahr 1300, sowie über die Umsätze der päpstlichen Bankiers. Ich teile darüber noch einige Ziffern mit. Von dem versteuerten Umsatzwerte der Pariser Lombarden war schon die Rede. Sie scheinen unglaublich, aber doch der Wahrheit zu entsprechen: Philipp der Schöne hatte eine Sondersteuer von 1 d. auf jedes Livre Umsatz den Lombarden aufgelegt 1 ; in den Rapports ä Philippe VI lesen wir aber unter dem Jahre 1344 2 : „item la taille des Lombars, de quoy l’on ne lieve mais riens, souloient estre estimbe XVj m 1. t. par an.“ Die von Piton mitgeteilten Auszüge 3 aus den Steuerlisten (für das Jahr 1296 bis 1300) ergeben geringere Gesamtsummen. Sie gewähren aber einen guten Einblick in die Geschäftsthätigkeit der einzelnen Italiener. Ich zähle danach für das Jahr 1296 27 Häuser mit einem Umsatz zwischen 2400 und 7200 1. (10—30 1. Steuer), also ca. 40—120000 Mk. h. W., 14 mit einem solchen von 7200—12000 1. (30—50 1. Steuer), ca. 120 000—200000 Mk. h. W., eines (den bekannten Mouchet) mit 19 800 1. (82.10 1. Steuer) oder ca. 316800 Mk. h. W. und eines (den schon öfters genannten Oberwucherer Gandouffle) mit 34200 1. (142.10 1. Steuer) oder den obigen 546 800 Mk. h. W. Über die Geschäftsthätigkeit der päpstlichen Bankiers unterrichten uns folgende Ziffern 4 : Am 23. Juni 1299 quittiert Bonifaz VIII. den Franzesi über die dreijährige Kollekte aus ganz Italien, von der die Bank durch ihre Agenten 18000 fl. in Rom abgeliefert haben. Nach Reg. Clem. V. empfingen die Spini zwischen 6. Mai 1300 und dem Tode von Bonifaz VIII. (1303) 137 213 1 /2 fl., also jährlich rund 45000 fl. Unter dem Pontifikate Benedikts XI. (1303 — 4) empfangen die Bardi 94715V8 fl., die Cerchi 50107 2 /3 fl. Ebenso genau kennen wir die Summen, die von den italienischen Bankhäusern den Bischöfen etc. vorgestreckt wurden. Wenn wir 1 Clamageran 1, 300. Die Quelle für diesen Steuersatz kenne ich nicht. 2 Ed. Moranvi 11 e, Rapports Philippe VI sur l’etat de ses finances in der Bibi, de l'Ecole des Chartes XLVIII. p. 387. Dagegen p. 383: „Les cent solz sus 100 1. que payent certains marcliandz IX m 1.“ (A. 1339). Ein anderes officielles Dokument giebt die Höhe der (Extra?) Kriegssteuer der L. für die Zeit von 1296 bis 1315 mit 598 549 1. 12 s. 11 d. tur. an. Mitgeteilt bei Boutarie, 305. 3 P iton, 124 ff. 4 Scheider, Flor. Bank., 22. 24. 28. Zehntes Kapitel. Die Kapitalbildung durch Vermögensübertragung. 268 die Umrechnung zu .Grunde legen, die Schneider (S. 53) vor- genommen hat, so würden an die Bischöfe in den Jahren 1295 bis 1304 kreditiert haben die Mozzi. 282460 Mk. Metallwert, Abbati .... 525 868 - Chiarenti . . . 706280 - Ammanati . . . 942 274 - Spini. 1629465 - All diese Ziffern hätten nun aber für die hier verfolgten Zwecke wenig Wert, wenn wir nicht auch über die Summen unterrichtet wären, die an ihnen „verdient“ wurden. Das sind wir aber in zahlreichen Fällen. Und wir dürfen getrost sagen, dafs im allgemeinen die Profite der Höhe der umgesetzten Summen durchaus entsprachen. Beispielsweise kennen wir die Gewinne der päpstlichen Bankiers ziemlich genau. Wir wissen, dafs an den genannten nannten Summen doppelt „verdient“ wurde. Erstens am Geldwechsel, zweitens durch Provisionsberechnung. Die Provision aber war beträchtlich. In den mir bekannten Fällen betrug sie bezw. 8, 11, 12 1 /*, 24, 25, 35 °/o 1 . Ebenso besitzen wir genug Zeugnisse für die Einträglichkeit der verschiedenen Posten als Steuereinnehmer, Münzmeister u. dergl. Der Sire de Joinville hatte gewifs nicht so unrecht, wenn er uns im Jahre 1269 erzählt: „je fu moult pressd du roy de Navarre de moy croisier. A ce respondis-je que, tandis comme j’avoie etd . . outremer . . les serjans au roy de France et le roy de Navarre m’avoient destruite ma gent et apouroiez si que il ne seroit james heure que moi et eulz n’en vausissent piz 2 .“ Die zahlreichen Mifs- bräuche bei der Steuererhebung, die durch die Ordonnanzen von 1254 und 1256 festgestellt waren, bestätigen es 3 . Von reichgewordenen hohen Beamten in Frankreich war schon die Rede. Bei der Steuerpacht im Jahre 1348 (farm of the subsidy) werden die betroffenen Kaufleute von den Communs beschuldigt, 60 % verdient zu haben 4 . Von der Einträglichkeit der Posten in der Münzverwaltung der englischen Krone erfahren wir ebensogut wie von der Thatsache, dafs das Amt der Hausgenossen in Deutschland 1 Schneider, 37; Gottlob, Kreuzzugssteuern, 249. Davidsohn, Forsch. 3, Urk. Nr. 771, 787. 2 Mein, du Sire de Joinville in der Nouv. Coli, des mdm. pour servir ii l’hist. de France; ed. Michaud 1 (1836) 323/24. 3 Clamageran 1, 264. 4 Alice Law, Nouveaux Kiches, 63 f. 264 Zweites Buch. Die Genesis des moderenn Kapitalismus. nicht zur Armut zu führen pflegte 1 . Und von den sächsischen Münzmeistern lesen wir, wie sie sich durch ihre Amtsführung so bereichern, dafs sie Schlösser in der Landschaft ankaufen 2 . Die Münzer verdienten vor allem am Geldwechsel, dessen Privileg, wie wir sahen, sie an den meisten Orten hatten. Und dafs die dargeliehenen Summen nur zu Wucherzinsen gegeben wurden, ist wohl selbstverständlich, mafsen es sich bei Ritter und König immer um Notschulden handelte. In der Verpfändung der Steuergefälle bei den Grofsen, in dem Eventualverkauf der Güter bei den Rittern und Herren waren zudem Mittel gegeben, ganz un- verhältnismäfsige Rückvergütungen für die vorgestreckten Beträge zu erzielen. Dafs sich in besonderen Notlagen die „Verdienste“ ins Fabelhafte steigerten, dürfen wir aus gelegentlichen Berichten ohne weiteres schliefsen. So borgte Richard Lejons von Winchelsea (1375/76) dem König von England 20 000 Mk. (856000 Silb. Mk.) gegen 50 °/'u Zinsen 3 . Ganz besonders einträglich sind zu allen Zeiten Kriegslieferungen gewesen, weil bei ihnen die Notlage eines ganzen Staates ausgenutzt werden kann. So wissen wir von den raschen Bereicherungen englischer Kaufleute durch Kriegslieferungen im 14. Jahrhundert 4 . Und hierher gehört wohl auch die Ausbeutung der Kreuzfahrer durch die italienischen Kommunen. Wir erfahren beispielsweise, dafs sich die Venetianer für die Überfahrt eines Ritters nebst 2 Knappen, 1 Pferd und 1 Pferdejungen 8Va Mk. Silber (= 340 Silber Mark = 200 österr. fl. h. W.) bezahlen liefsen 5 , während man heute für die Überfahrt von Triest nach Konstantinopel dem Österreichischen Lloyd in der ersten Klasse 124,4, in der zweiten 85,6, in der dritten 37 fl. zahlt. Einiges weitere Licht auf die Vermögensumschichtung während des Mittelalters werfen auch die Ziffern, die wir über ähnliche Geschäfte der Geldmächte des 16. Jahrhunderts besitzen. Es ist freilich die Dimensionierung ins Ungeheure gewachsen, aber die ver- hältnismäfsige Höhe der Profite wird im Mittelalter sicher nicht gegen die Gewinne der Fugger und Konsorten zurückgestanden haben. Von letzteren erfahren wir aber, dafs der Pachtschilling der Maestrazzos 1538 — 42 jährlich 152000 Dukaten, der Durchschnittsertrag aber 224000 Duk. betrug, während in den Jahren 1 Muffat, a. a. O., 225. 2 Cod. dipl. Sax. reg. Bd. 13. Urk. 1003. 3 Alice Law, 1. c. p. 66. 4 Alice Law, 1. c. p. 67. 5 Prutz, Kulturgeschichte, 100 ff. Zehntes Kapitel. Die Kapitalbildung durch Vermögensiibertragung. 265 1551—54 gar 85% Reingewinn erzielt wurden, dafs aber die Fugger an diesen Pachtungen während der 40 Jahre 1563—1604 bar 2127 000 Duk. verdienten. Während der Jahre 1551—54 war der Durchschnittsertrag der Maestrazzos 114646370 mrs. Für die Jahre von 1563—1604 ergaben sich im einzelnen folgende Gewinne 1 : 1563—1567 ca. 200000 Dukaten, 1567—1572 - 570000 1572—1577 - 490000 1577—1582 - 167000 1582—1594 - 400000 1595—1604 - 300000 Und dafs nun solcherart Wucher auch wirklich in grofsem Stile Reichtum zu bilden imstande war, dürfen wir aus den Beispielen von Leuten schliefsen, deren Vermögen verbürgtermafsen aus solchen Geschäften herstammt. Die Fugger sind das Hauptbeispiel. Sie haben der Auswucherung der Könige und (wie wir noch sehen werden) dem Bergbau ihren grofsen Reichtum zn danken. Es wäre geradezu lächerlich, annehmen zu wollen, ein Vermögen wie das Fuggersche sei aus Handelsprofiten accuinuliert. Dasselbe gilt aber wohl auch für die meisten reichen Häuser der italienischen, namentlich der florentiner Kaufleute: wir werden keinen Anstand nehmen dürfen, hierin dem alten Pagnini Recht zu geben 2 . Auch die Nuova gente in England, die gegen Ende des 14. Jahrhunderts die Fremden ablöst und rasch zu beträchtlichem Reichtum gelangt, 1 Zusammengestellt nach K. Häbler, Geschichte der Fuggerschen Handlung in Spanien. Ergänzungsheft zur Zeitschrift für Soc.- u. Wirtsch.Gesch: Heft 1 (1897), 72 ff. 82 ff. 145. 169. 176. 193. . 2 Nach den neueren Ermittelungen Davidsohns (Forsch. 3) könnte es scheinen, als ob die Bardi, Peruzzi etc. Warenhändler in grösserem Umfange gewesen wären, als man bisher annahm. Davidsolm hat genau die Getreidemengen in den Urkunden feststellen können, die von Florentiner Konsortien im 13. und 14. Jahrhundert aus den Gebieten Süditaliens „ausgefiilirt“ wurden. Offenbar handelt es sich dabei aber gar nicht um Handel mit effektiver Ware, sondern um Aufkauf von Ausfu hr sch einen, in denen die Florentiner Häuser spekulierten. Den Getreidehandel selbst besorgten handwerksmäfsige Kaufleute. Vgl. Urk. bei Davidsohn 3, 224 Ein Wort über die Quantitäten, die dabei in Frage kamen. Davidsohn nennt sie bedeutend. Das ist für mittelalterliche Verhältnisse richtig. Die Ausfuhrmengen, für die die Florentiner Spekulanten die Zollbeträge pachten, sind im Durchschnitt während des 14. Jahrhunderts ca. 100—120000 Salme, nach meiner Berechnung etwa 10—15000 t. Das ist immerhin etwa der Jahresbedarf des Breslauer Konsumvereins. Dagegen exportiert freilich heute Russland etwa das 3000 fache, Deutschland allein importiert das 3—400fache an Getreide. 266 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. scheint grofsenteils durch Übertragung ihre Vermögen erworben zu haben. Wenigstens begegnen uns die Pulteney, die Philipot, die Chircheman, die Walworth, die Wittington, die de la Pole 1 e tutti quanti als Königsgläubigei’, Zollpächter, Kriegslieferanten oder Miinz- beamte. Und wir dürfen schliefsen, dafs sie als solche die Fonds erwarben, mit denen sie dann den englischen Handel einer neuen Epoche halfen entgegenführen. Ein besonders eklatanter Beweis aber für die Einträglichkeit des Grofswuchers im Mittelalter ist der rasch an- * wachsende Reichtum der Juden. Bekanntlich war er nie von langer Dauer, weil die Fürsten und Städte den Schwamm, jedesmal wenn er voll genug gesogen war, ausprefsten. Aber es ist doch erstaunlich, in wie rascher Zeit Israel das abgenommene Hab und Gut wieder zu ersetzen wufste, es ist erstaunlich, um welch grofse Summen es sich bei der Plünderung gelegentlich handelte. Hier ein paar Belege: 1375. „in den zeiten da iiengen die von Augspurg alle ire juden und legten sie in fanknus und beschatzten sie umb 10000 fl.“ 1381. „vieng man die juden allhie und muesten der stat geben 5000 fl.“ 1384. Desgl. 20000 fl. u. s. w . 2 Bei der Schatzung in Nürnberg im Jahre 1385 zahlten einzelne y Juden 13000 fl ., Jekel von Ulm und seine zwei Söhne 150000 fl . 3 1414 schätzt König Sigismund die Juden Nürnbergs und Kölns um je 12000 fl., die Juden zu Heilbronn müssen 1200 fl., einer zu Winsheim 2400 fl., einer zu Schwäbisch Hall 2000 fl. zahlen 4 . In England waren allem Anschein nach die Juden im Verlauf des 13. Jahrhunderts zu grofsem Reichtum gelangt. Wir finden viele von ihnen im Besitse von Schlössern und Landsitzen, die ihnen dann gelegentlich abgenommen werden, und selbstverständlich vor allem von grofsen Barvermögen. Einen Einblick in die Vermögensverhältnisse der Juden im damaligen England (1290 werden sie bekanntlich vertrieben) gewähren die Beträge der Steuern und die zahlreichen Bufsen, die ihnen aufgelegt werden. Gesamtschatzungen: 1210 = 66000 Mk. (ca. 2 1 Aa Mill. Mk. 1 Hat 1338 eine Forderung in Höhe von 18000 £ gegen den König. Rhymer 5, 91; bei Anderson 1, 310. - Cliron. des Burkard Zink in der Cliron. d. St. 5, 13. 27. 30. Weitere Belege für die „Schatzungen“ der Juden in Deutschland siehe bei Neumann, Geseh. d. Wuchers, 328 ff. 3 Chron. d. St. 1, 121 ff. 4 Stobbe, 37. )r Zehntes Kapitel. Die Kapitalbildung durch Vermögensübertragung. 267 Metallvvert) 1 , im 28. Jahr Heinrichs III. 20 000 Mk. (Bufse), um dieselbe Zeit 60000 Mk. (Steuer). Einzelschatzungen: ein Isaac, der „Eigenhänder“, zahlt (1210) 1336 1. 9 s. 6 d. Steuer (also etwa 60000 Mk. heutiger Währung); im 23. Jahr Heinrichs II. zahlt Bufse ein Jude 2000 Mk. (Gewicht), ein anderer 500 1., ein dritter 3000 Mk. Der schon genannte Isaac von Norwich zahlt unter der Regierung Johanns 10 000 Mk. Strafgeld; Abraham, der Sohn des * Rabbi, 2000 1. u. s. w. 2 Dasselbe Bild in Frankreich. „Les juifs . . se trouverent tellement enrichis, qu’ils s’ötaient appropries pres de la moitie de la ville . .“ meint der Chronist Rigord schon am Ende des 12. Jahrhunderts. Und dafs sie wirklich zu grofsem Reichtum während des 13. Jahrhunderts gelangt waren, bestätigen namentlich die Ausweise über den Wert ihrer (1306 und 1311) konfiszierten Güter, von denen wir einige besitzen. Man darf annehmen, dafs es sich im wesentlichen nur um den Grundbesitz handelte, von dem wir wenigstens in den Urkunden allein vernehmen. Die Barone reklamierten (vom Könige) die in ihrem Gebiet eingezogenen Judengüter. Der König traf ein Abkommen mit ihnen und teilte. So erhielt der Vicomte von Narbonne auf seinen Teil 5000 lb. tur., mehrere t Häuserfluchten und Grundstücke 8 . In der Senechausse Toulouse ergab die Versteigerung (non compris les bijoux) 75264 lb. tur. 4 In 11 Orten des Baillage von Orleans kamen 33 700 1. 46 s. 5 d. (Par.) (ohne Schmuck und Silbergerät) 6 , in der Stadt Toulouse 45 740 lb. auf 8 . 1321 abermals Verfolgung und Gütereinziehung. Der König soll dabei 150 000 lb. profitiert haben 7 . Sind nun auch, wie gesagt, während des Mittelalters den Juden alle Augenblicke ihre angesammelten Vermögen wieder abgenommen, so dürfen wir doch die von ihnen bewirkte Accumulation nicht gering anschlagen. An der Zersetzung der alten feudalen Gesellschaft haben sie doch ihren grofsen Anteil. Denn begreiflicher 1 Es handelt sich immer um die Gewichtsmark (sofern nichts anderes vermerkt ist), die in Silber gleich 42 8 Mk. h. W. ist. 9 2 Die Angaben sind dem VII. Kapitel des ersten Bandes von Madox, Hist, of the exchequer, entnommen, wo eine ungeheure Masse urkundlichen Materials, noch der Verarbeitung harrend, aufgeschichtet liegt. 3 ßigord, Vie de Philippe Auguste, in der Coli, des M6m. rdl. & l’Hi- stoire de France. 1825. p. 22. 4 Boutaric, Philippe le Bel, 303. 6 Boutaric, 304. 6 Vuitry, Etudes 1, 96. 7 Coli, des M6m. etc. 13, 352. r 268 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Weise kehrten die konfiszierten Vermögen nur in den seltensten Fällen in ihre alte feudale Abgeschlossenheit zurück. Sie waren vielmehr ins Rollen gekommen und endigten doch bald wieder, wenn nicht in den Händen eines Juden, so bei irgend einem andern Vertreter des monied interest. Es ist klar, dafs 100 000 fl., die ein paar Hundert Rittern abgewuchert waren und nun der Beute eines Fürsten anheim fielen, eher Kapitaleigenschaft anzunehmen die Aussicht hatten als zu der Zeit, da sie noch in den eisenbeschlagenen Truhen auf den Ritterburgen vereinzelt lagen. Kann es also nach allem, wie wir wissen, keinem Zweifel unterliegen, dafs der moderne Reichtum zum nicht geringen Teile auf dem Wege der blofsen Übertragung bereits vorhandener Vermögen oder Renten entstanden ist, so bleibt doch noch die Frage offen, welche Bedeutung diese Form der Ammassierung für die sog. ursprüngliche Accumulation, d. h. die Entstehung kapitalkräftiger Vermögen ex nihilo besitzt; es bleibt die Frage zu beantworten, ob wir es in den betrachteten Fällen mit den Anfängen bürgerlichen Reichtums, mit der Wurzel des Baumes oder vielleicht doch schon mit Stamm und Krone zu thun haben. Oder wie wir das Problem in Erinnerung an die Ausführungen des voraufgehenden Kapitels auch formulieren können: es ist erst noch festzustellen, ob durch Aneignung vorhandener Vermögen mittelst allerhand Wucher auch Leute reich geworden sind, die etwa als „marchands ou manouvriers sans heritages“ angefangen haben. Ich will mein Urteil gleich dahin zusammenfassen: dafs ich derartige Vermögensbildungen ex nihilo zwar nicht für schlechterdings unmöglich halte, dafs ich aber nicht daran zu glauben vermag, sie hätten die Regel gebildet. Meine Gründe für diese Ansicht sind zum Teil dieselben, die ich schon gegen die Annahme zu Felde geführt habe, der moderne Reichtum sei durch Accumulation von Handelsprofit der mercatores entstanden. Wenn auch nicht in so starkem Mafse, wie im Handel, gilt doch aber auch für jedes Geldgeschäft, dafs die Accumulationsrate (auf die, wie wir wissen, alles ankommt) niedrig bleiben mufs, so lange der Umsatz gering ist — mögen die erzielten Gewinnsätze auch noch so hoch sein. Wer mit ein paar Hundert Gulden, seinen Wucher anfing, mufste bei dem ersten Zinsausfall, bei dem ersten Verlust der vorgestreckten Summe an den Ausgangspunkt seiner Thätigkeit, d. h. in die Vermögenslosigkeit zurückgeschleudert werden. Und auch, wenn er immer Glück hatte, so konnten sich die über den notwendigen Lebensunterhalt hinausgehenden Einkommensbeträge doch Zehntes Kapitel. Die Kapitalbildung durch Yermögensübertragung. 2()9‘ nur in unendlich langsamem Schneckengange zu gröfseren Summen anhäufen. Man darf auch hier ebenso wenig wie früher einwenden, dafs die gröfseren „Kapitalien“ durch Ansammlung vieler kleiner Beträge gebildet worden seien. Das war, wie ich sehr wohl weifs, häufig der Fall 1 . Aber der Einwand vermag mein Argumentum nicht zu entkräften, da ja die auf den einzelnen Teilnehmer entfallende Gewinnquote und somit die zur Accumulation freien Teile des Profits gleich niedrige bleiben wie beim kleinen Einzelgeschäft. Die Regel wird vielmehr auch bei all den Transaktionen, die wir in diesem Kapitel überblickt haben, die gewesen sein: dafs zu wirklichem Reichtum nur die Wohlhabenden zu gelangen vermochten. „Wer da hat, dem wird gegeben“ gilt für die Anfänge der Reichtumsbildung noch viel mehr als für die spätere Zeit. Mir schwebt so deutlich vor Augen, wie die ersten Grundherren, die ersten Bischöfe, die in Geldnöten waren, zu dem Manne in der Stadt gingen, oder ihn von ihrem Bailiff besuchen liefsen, von dem man wufste oder vermutete, dafs er eine wohlgefüllte Geldkatze bei sich in der Truhe verschlossen hielt. Und wie es dann bald sich herumsprach, dafs an der und der Stelle Geld zu haben sei, und wie nun der Isaac oder der Aaron die faishionable Kundschaft der ganzen Umgegend immer mehr an sich zu ziehen wufste, während die Knechte und Mägde, die Schneider und die Seifensieder den kleinen Would-be-Kapitalisteu auf dem Halse blieben. Warum sollte es denn anders wie heute zugegangen sein? 1 So finden wir im 13. Jahrhundert an einem Darlehn von 1000 lb. tur., das der Graf von Forez aufnimmt, 12 toskanische Geldgeber beteiligt, an einem solchen des Herrn von Conci in Höhe von 3500 lb. 8, an einem des Herrn Gaucher von Chätillon (3750 lb.) 8, an einem des Herrn von Beaumont (1500 lb.) 8. Schaube, Die Wechselbriefe Ludwigs des Heiligen in den Jahrbüchern für N.-Ö. 15, 733/34. 1368 nahm der Frankfurter Rat ein Wechsel- darlehn von 10000 Gulden bei 4 Juden auf. Kriegk, Frankfurter Zustände (1862), 546 Note 208. Ähnliche Partialdarlehen in Flandern. G. Des Marez, La lettre de foire a Ypres au XIII. sc., 165 f. Oder aber wir bemerken, wie sich bestimmte Associationsformen herausbilden, die den Zweck haben, gröfsere Summen durch Anteilnahme vieler kleinerer Geldbesitzer an dem Geschäfte aufzubringen. So verschafften sich beispielsweise die Steuerpächter in den italienischen Kommunen die für die Pachtübernahme erforderliche Summe häufig durch vorherige Ausgabe von Anteilscheinen, ideellen Quoten, sog. portiones an dem Pfandobjekte. Die Käufer der portiones hiefsen portionarii, partionarii und participes, ihr Verhältnis zum Unternehmer partecipatio. Dieselben Erscheinungen finden sich auch bei der Pachtung eines Bergwerks u. dergl. Lästig, Beiträge zur Geschichte des Handelsrechts in der Zeitschrift für das gesamte Handelsrecht 24, 425. 270 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Bald konsolidierte sich das Verhältnis: die paar grofsen renommierten Häuser für die fetten Bissen, eine Anzahl mittlerer Geschäfte für die Mittelwaren der milites und der armigeri und der grofse Haufen für die in Not geratene oder spielwütige misera contribuens plebs. Und dafs gar die Kundschaft der Päpste, der Erzbischöfe und der Könige nur von den Allergröfsten erwoi'ben werden konnte, ist doch auch wohl nicht zweifelhaft. Von diesen renommierten Firmen, die für die rasche Vermögensbildung allein in Betracht kommen, be- r merkt der gut bewanderte Pi ton (XII) sehr mit Recht: qu’on ne croie pas que ces pröteurs, ces financiers fussent les premiers venus; ils portent au contraire les noms des plus cdlebres familles de Genes et de Pise; ils ont des parents dans l’armde des Croisds; n’est-ce pas . . un Pazzi des Pazzi qui plante, le premier, son drapeau sur le sommet de la muraille, lors de la prise de Jerusalem“ ? So wären wir denn also abermals von unserm Ziele, das wir schon ganz nahe wähnten, durch die letzten Erwägungen abgekommen. Wir suchten die Anfänge des bürgerlichen Reichtums unter der Führung des trefflichen Pagnini in den verschiedenen Methoden der Überleitung vorhandener Vermögen und stiefsen schliefslich, wo wir die typischen Vertreter dieses neuen Reichtums > ausfindig machten, auf — les noms des plus cdlebres familles de Genes et de Pise oder zum mindesten auf schon wohlhabende Leute. So dafs auch dies Kapitel mit den Worten Pagninis schliefsen mufs: mi sento in dovere di spiegare d’onde ricavassero le somme ne- cessarie ... ec. Die Frage aber nach dem Ursprung des primären Reichtums, die wir nun wiederholen, wird einen verschiedenen Sinn haben, je nachdem es sich um die vermögenden Juden oder Christen handelt. Woher die Juden ihre Gelder hatten, mit denen sie den Wucher in grofsem Stile treiben konnten, wer vermöchte es zu sagen. Wahrscheinlich ist aber doch wohl, dafs gerade von ihnen viele als vermögende Leute ihre Laufbahn im Mittelalter beginnen. Wahrscheinlich ist, dafs von den wohlhabenden Juden, denen wir überall im späteren Römerreich begegnen, ein beträchtlicher Teil den Be- r sitz an Gold, Schmucksachen und kostbaren Geräten aus der versinkenden alten Welt herüberrettete in das Mittelalter. Anders steht es natürlich mit den christlichen Elementen, die wir im Laufe des Mittelalters an dem neuen Reichtum teilnehmen sehen. Bei ihnen fehlt die historische Vergangenheit der Juden. Woher in aller Welt hatten sie die ursprünglichen Fonds, mit denen Zehntes Kapitel. Die Kapitalbildung durch Vermügensübertvagung. 271 sie sich grofse Vermögen erwarben? Das ist also wieder die Frage nach den Anfängen des bürgerlichen Reichtums in den Städten des Mittelalters, deren Beantwortung wir nun endlich erhoffen. Nicht Handel, nicht Geldleihe, nicht Steuerpacht, nicht Münzerei ist die Quelle. Was also dann? Ich kann mir denken, dafs jemand, der sich die Möglichheit einer Genesis des Kapitals überlegt, nunmehr auf den Gedanken käme: es sei die durch un- r mittelbare Aneignung gewonnene Geldware, die erschürfte Edelmetallmasse, aus der die ursprünglichen Vermögensfonds gebildet seien. Diese Hypothese soll das nächste Kapitel untersuchen. Exkurs zu Kapitel IO. Über Kleinkredit im Mittelalter. Es scheinen besonders häufig die Juden und die Kawerschen gewesen zu sein, die den Kleinwucher betrieben. Als im Jahre 1385 die Juden- schulden von der Stadt Nürnberg eingezogen wurden, waren darunter neben Darlehen an geistliche und weltliche Grafen, Herren und Ritter auch solche an Knechte, Mägde, Frauen etc. Die Höhe der Schuldsummen läfst auf grofse Zersplitterung schliefsen. Zehn Juden hatten je über 1000 fl., achtzehn dagegen je 1000 fl. und darunter ausstehen. Chronik deutsch. Städte 1, 120—123. Von Kawerschen weifs Schulte (1, 316 f.) zu berichten, dafs „das Darlehn auf oder ohne Pfand, das kleinen Leuten gewährt wurde, der Mittelpunkt des Geschäftslebens“ war. Aus einem Freiburger Notariatsregister sind uns 119 Posten bekannt (1356—59), der höchste Betrag einer Schuld ist 133 fl. und daneben 144 £5, der niedrigste 36 ß, die meisten liegen dieser unteren Grenze näher. Amiet a. a. O. 2, 226—240. In einem Büchlein, das ein Inventar der casana, welche die Turclii in Sembrancher am Grofsen S. Bernhard hielten, sind 719 Posten aufgeführt, von 2 sol. an bis 101 ii, der Durclinittsbetrag eines Darlehns war nur 2 & 11 ß 8 0).. Unter den Schuldnern sind Frauen, Gemeinden, Pfarrer. Quintino Sella, Del codice d’Asti detto de Malabayla. Atti della R. Acc. dei Lincei 1875'76. Ser. II. Vol. 4. p. 254 f. „Das ist ein Rauben und Schinden des armen Mannes durch die Juden“, klagt im Jahre 1487 Schenk Erasmus zu Erbach, „dafs es gar nit mer zu liden ist und Gott erbarm. Die Juden Wucherer setzen sich fest bis in die kleinsten Dorffen und wenn sie fünf Gulden borgen, nemen sie sechsfach Pfand und nemen Zinsen von Zinsen und von diesen wiederum Zinsen, das der arme Mann kommt um alles, was er hat.“ Aus Bodmanns Nachlafs mitgeteilt von Böhmer (Ms.) bei Janssen 1, 458/59. Über Kleinwucher in Frankreich vgl. D’Avenel 1, 80 f. Wir begegnen der „pauvre serve“, die ein Darlehn von 25 sous gegen Verpfändung ihres besten Rockes aufnimmt. Sie zahlt 47°,'o. D’Avenel fügt aber hinzu: „c’est le taux le plus eleve que j’ai remarque.“ Er nimmt einen Durchschnitt der (Klein-?) Wucherzinsen in Frankreich während des Mittelalters, von 20—25 °/o, näher au 20 als an 25 an. 272 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Ein besonders anschauliches Bild von der Gestaltung des Kleinwuchers im Mittelalter gewährt eine neuere Veröffentlichung von L. Zdekauer, L’interno d’un banco di pegno nel 1417 im Arch. stör. ital. V. ser. t. XVII (1896) p. 63 ff. Es handelt sich um Bruchstücke des Geschäftsbuches eines (christlichen) Wucherers mit beträchtlicher Kleinkundschaft in Pistoja. Die erhaltenen Eintragungen sind zahlreich genug, um uns einen deutlichen Einblick in den Gang des Geschäftes zu gestatten. Wir finden unter den Kunden den Zimmermann oder Tischler, der seine Säge, den Gerber, der seine Felle, den Weber, der seine Leinwand, den Schmied, der seinen Hammer versetzt, kurz „il popolino“ aus Stadt und Land. Oft handelt es sich um ganz kurzfristige Dal’lelm auf 2—3 Tage, oft um Not-, oft aber auch um Karnevalsoder Lottoschulden ins Mittelalterliche übersetzt. Manchen Habitue treffen wir unter den Kunden, der im Laufe eines Monats mehrere Male vorspricht, Leute von der Sorte, die dann die Pfandscheine ihren wohlhabenden Gönnern einzuschicken pflegen, um sie für milde Gaben weich zu stimmen. Kurz, es gewinnt den Anschein, als sei es in dem dunkeln Gewölbe unseres Pistojeser Freundes anno 1417 nicht viel anders zugegangen, als heutzutage in einem Pfandhause, wo „kleine Leute“ verkehren. Und dafs bei solchem Geschäfte im Mittelalter noch weniger Seide zu spinnen war als heute, dafür ist unser Dokument der beste Beweis. Der gelehrte Herausgeber meint, es sei ein „grofses“ Leihhaus gewesen, von dessen Büchern jener Best uns erhalten geblieben ist. Mag sein. Ich weifs nicht, ob die Gewährung von 26 Darlehen an einem Tage (in max.) für Pistoja im Jahre 1417 viel war. Heute wird ein Leihgeschäft, das gut geht, in einer Grofsstadt doch wohl zehnmal soviel Darlehen täglich ausgeben. Aber was in die Augen springt, ist die Kümmerlichkeit der Gewinnchancen für den Mann aus Pistoja trotz seiner 26 Darlehen pro Tag. Denn die Höhe der ausgeliehenen Summen ist sehr gering: Beträge über eine Libra (= ca. i k fl.) sind sehr selten, solche von 16, 10, 8, 4 soldi bilden die Regel und die Kurzfristigkeit auch. Man kann mit diesen gegebenen Gröfsen leicht folgendes Rechenexempel anstellen. Nehmen wir einen Durchschnitt von 20 Darlehnen pro Tag an, jedes in der Höhe von 1 lb. (was nach den überlieferten Fällen sicher eher zu hoch angesetzt ist), so würde unser Freund ausstchen haben: bei einer Durchschnittsdauer des Darlehns von 15 Tagen 300 lb., von 1 Monat 600 lb. Sein Gewinn würde also im ersten Falle pro Jahr bei 20% Zinsen 60 lb., bei 40% 120 lb., in letzterem Falle bezw. 120 und 240 lb. betragen! Wenn wir gelegentlich aber von Männern, die Kleinwucher betrieben, hören, dafs sie zu Reichtum gelangen, so müssen wir immer erst prüfen, ob sie sich nicht etwa hauptsächlich doch durch die Grofsen bereicherten. Das gilt z. B. von den oben erwähnten Turchi, die Kleinwucher offenbar nur ganz nebenbei trieben. Während nämlich das uns überlieferte Inventar der Filiale im ganzen einen Ausstand an Forderungen von 2037 1. 19 s. 3 d. aufweist, erfahren wir aus derselben Quelle, dafs an einzelne Grundherren von den Turchi Beträge von 600 1., 900, 2400 fior. d’oro, an den Grafen von Savoyen aber (1361) 18625 fl. ausgeliehen werden. 1. c. p. 256. Dunque! Elftes Kapitel. Die unmittelbare Vermögensbildung. Die handgreiflichste Form einer Ansammlung von Geldvermögen aufserhalb des kapitalistischen Wirtschaftsgefüges und vor allem Kapitalismus ist der Erwerb der Geldware durch Eigengewinnung auf direktem Wege, ihre Zutageförderung durch Bergbau: wir können hier füglich von unmittelbarer Accumulation 1 sprechen. Auch der moderne Kapitalismus hat unzweifelhaft eine seiner Wurzeln in solchen selbsterarbeiteten Vermögen bergbauender kleiner Leute. Freilich während des Mittelalters sind es von den westeuropäischen Ländern fast nur die Gebiete des heutigen Deutsck- 1 „Unmittelbare Accumulation“ können wir die Vermögensbildung aus Bergbau nennen, weil es sich dabei in der That um Geld accumulation handelt ohne das Erfordernis eines Austausches oder einer Gestaltveränderung des erzeugten Produkts. Das setzt natürlich voraus, 1. dafs es Bergbau auf Erze sei, denen die Geldware entnommen wird; also Gold-, Silber- und zum Teil Kupferbergbau, und 2. dafs für diese Metalle (materielle) Prägefreiheit bestehe. Eine solche dürfen wir aber für das ganze Mittelalter annehmen. Die formelle Prägefreiheit für Silber in italienischen Städten ausdrücklich konstatiert von Pegolotti (Deila dee. 3, 194 und öfters). Ebenso durfte in Spanien jedermann Gold, Silber und Vellon (Kupfer) prägen lassen. Wer diese Metalle in die Münze brachte, war dabei von der Aleabala und verschiedenen anderen Steuern befreit. M. J. Bonn, Spaniens Niedergang während der Preisrevolution des 16. Jahrhunderts (1896), 43. Wo ein ausdrücklich anerkanntes Kecht zur Prägung nicht bestand (wie z. B. in Deutschland), brachte es die Knappheit an Edelmetallen während des Mittelalters mit sich, dafs diese stets eine übernachgefragte Ware waren. Sombart, Der moderne Kapitalismus. I. 18 274 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. lands und Österreich-Ungarns, deren „Bergsegen“ von erheblicher Bedeutung war. Von den übrigen Ländern lieferten die französischen Ströme etwas Gold, Norwegen, Schweden, Italien (Sardinien) und Spanien etwas Silber, beides nicht der Rede wert 1 . Die Länder der deutschen Krone waren das Peru und Mexiko vor Erschliefsung der neuen Welt 2 * * * * * . Und in der That: es war ein Kranz blühender Bergstädte, der während des Mittelalters die deutschen Gebirge einrahmte: die Gruben des Leherthales in Elsafs- Lothringen, bei Mafsmünster, im Schwarzwalde, Mansfeld, Goslar am Harz, Freiberg in Sachsen, Trient, Iglau, Kuttenberg in Böhmen, Schemnitz in Ungarn sind uns seit dem frühen Mittelalter als Silber und Gold produzierende Stätten bekannt. Zu ihnen gesellen sich dann im 15. und 16. Jahrhundert die reichen Lagerstätten von Andreasberg, Gottesberg, Tarnowitz, Schneeberg, Annaberg, Joachimsthal und Schwaz, deren Ausbeute in der Zeit von 1470 bis 1570 eine aufserordentlich reiche war, so dafs die Edelmetallmengen in früher unbekanntem Umfange sich vermehrten und der deutsch-österreichische Bergbau eine Blüte erlebte, die in ihrer treib- hausmäfsigen Raschheit, wie Schm oll er richtig bemerkt, an kalifornische Zustände erinnerte 8 . Die Ausbeute an Gold betrug (nach 1 Vgl. die Übersicht bei Lexis, Artikel Gold und Silber im H.S. Über Silberbergbau während des 12. Jahrh. bei Florenz siehe Rob. Davidsohn, Geschichte von Florenz. Bd. I. 1896; im 13. Jahrh. ebenda Davidsohn, Forschungen zur Geschichte von Florenz 3 (1901), 3; in Frankreich im 13. Jahrh. Pigeonneau, 1, 264. Wie sehr Deutschland alle übrigen Länder während des Mittelalters durch seinen Bergbau überflügelte, ersehen wir auch daraus, dafs deutsche Bergleute allerorts ihre Kunst ausübten. Für Italien siehe Schulte 1, 610. Ein deutscher Bergmann entdeckte die schottischen Erzgänge und lehrte den Schotten den Bergbau; der König von England liefs im Jahre 1452 Bergleute aus Deutschland und Österreich kommen und durch sie die königlichen Erzgruben anbauen. Siehe die Belege bei Janssen 1, 415. Dafs auch in Frankreich deutsche Bergleute thätig waren, schliefsen wir aus dem vielfach deutschen Ursprünge der französischen Bergwerksausdrücke. 2 So nennt sie noch F. Ch. J. Fischer, Geschichte des teutschen Handels 2 (1785), 489. 8 Schilderungen wie diese muten uns klondikemäfsig an: „In Rotenberg vallis Oeni (im Innthal) inventa notabili minera argenti, ex omnibus terris multitudo confluxit mercantium, tot et tarn variis contractibus, ut vix pecunia amplius aestimaretur: adeoque homines illi ad ditandum avidi fuerunt, ut sine ratione et prudentia pecunias suas effuderint.“ Salzburgische Chronik ad nnum 1463 bei Hier. Pez, Script, rer. austr. 2, 465. Genaue Angaben über Elftes Kapitel. Die unmittelbare Vermögensbildung. 275 Soetbeer) in den österreichisch-ungarischen Gebieten während der Jahre 1493—1520 durchschnittlich 5,58 Mill., 1521—1544: 4,18 Mill., 1545—1560: 2,79 Mill., 1561—1580: 2,79 Mill., 1581—1600: 2,79 Mill. Mk. Sie erreichte ihren Höhepunkt im 15. Jahrhundert, als die ungarisch-siebenbürgischen und die salzburgischen Bergwerke ihre Glanzzeit hatten. Die Gesamt silb er Produktion Europas (also im wesentlichen der deutsch-österreichischen Länder) schätzt Soetbeer für den Anfang des 16. Jahrhunderts auf 47 000 kg im Werte von 8 460 000 Silbermark. Lexis nimmt danach an, dafs in der Zeit von 1450—1500 die Jahresproduktion durchschnittlich 8 Mill., 1250—1450 durchschnittlich 5 Mill., in der ersten Hälfte des 13. und im 12. Jahrhundert 3 Mill., im 10. und 11. vielleicht 2 Mill., im 8. und 9. vielleicht 1 Mill. Silbermark betragen habe. Können wir nun nach weisen, dafs diese Beträge, ehe sie dem Verkehre zugeführt wurden, sich zuvor in gröfseren Summen in der Verfügungsgewalt der bergbauenden Bevölkerung zusammengefunden, d. h. also erst einmal „accumulierte“ Vermögen beträchtlichen Umfangs gebildet haben, ehe sie ihren Weg ins Alltagsleben antraten? Selbstverständlich kann die Antwort auf diese Frage, bei der Beschaffenheit des Quellenmaterials, nur sehr unvollkommen sein, wie > denn m. W. die umfangreiche Litteratur über die Geschichte des Bergbaus die Frage bisher überhaupt nicht aufgeworfen hat. Aus einigen gelegentlichen Berichten alter Bergstadtchroniken müssen wir die Richtigkeit der Schlüsse zu erweisen versuchen, die wir aus dem Wesen der mittelalterlichen Bergbauwirtschaft etwa zu machen wagen. Was sich mit ziemlich grofser Bestimmtheit sagen läfst, ist dies: dafs die Anteile, die den Regalherren (oder Grundherren) von der Ausbeute seit altersher geliefert werden mufsten, Quelle bedeutender Geldvermögen der Bezugsberechtigten gewesen sind. Was wir von Heinrich dem Erlauchten, dem Markgrafen von die thatsächliche Ausbeute liegen nicht vor. Die Ziffern bei Albinus (Meifs- f nische Berg-Chronica. 1590) sind längst als phantastische Übertreibungen erkannt. Was an zuverlässigen Ausweisen existiert, hat Ad. Soetbeerzusammen- gestellt in seiner ausgezeichneten Studie über Edelmetallproduktion und Wertverhältnis zwischen Gold und Silber etc. (57. Ergänzungsheft zu Petermanns Mitteilungen. 1879.) Danach hätte (S. 21) die durchschnittliche jährliche Silberproduktion in Deutschland betragen: 1493—1520 ... 22145 Pfund 1520—1544 ... 31 180 - 18 * 27ti Zweite» Huch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Meifsen, berichten hören 1 , dafs er in seinen Kammern aus dem Bergzehnten Schätze ansammelte, grofs genug, um das Herzogtum Böhmen damit zu kaufen, galt sicherlich für eine grofse Reihe der weltlichen und geistlichen Herren, die es verstanden hatte, sich im Besitz jener Bezugsrechte zu erhalten 2 . Ich habe an anderer Stelle, wo wir die Anteilnahme privater Personen an den Regaleinkünften der Fürsten verfolgten, schon Gelegenheit genommen, einige genauere Angaben über die Höhe der Bezüge zu machen. Dürfen wir aber annehmen, dafs auch bedeutende Privat- v er mögen auf dem Wege unmittelbar-ursprünglicher Accumulation entstanden sind? Ich denke doch! In den Anfängen des deutschen Bergbaus sind die den Bergbau in eigener Person betreibenden Handwerker, wie bekannt, zunächst auch die einzigen (privaten) Anteilsberechtigten an der Ausbeute 3 . Hier konnte also jede glückliche Schürfung aus dem Nichts zu Reichtum führen. Und auch die Gewerken der früheren Zeit, selbst wo sie schon nicht mehr selbst mit Hand anlegen, sind doch wenigstens gelegentlich auch wohl kleine Leute, Handwerker in den Städten, die mit ihren Ersparnissen einen Kux erwerben, wie sie sonst eine Rente gekauft hätten 4 , Bauern, denen 1 Chron. Vetero Cellense : „Dicitur et seribitur, quod argentifodina in Freiberg temporibus sui» (Henrici sc. Illustris) adeo fertilis et bona fuit quod turres repleverit argento, quo si voluisset, ducatum Bohemiae comparare potuisset.“ Bei Gmelin, Beyträge zur Geschichte des deutschen Bergbaus (1783), 270. Auch von anderen Markgrafen von Meifsen erfahren wir, dafs sie durch ihre Anteile an den Bergwerken reich wurden. Markgraf Otto „der Reiche“ wurde durch ihre Erträgnisse in den Stand gesetzt, manche Stadt seines Landes zu befestigen, reichen Grundbesitz zu erwerben auch aufserhalb der Mark und gegen Kirchen und Klöster ein freigebiger Herr zu sein; ein Schatz von 30000 Mark Silber fiel 1190 in die Hände der Böhmen. II. Ermisch, Das sächsische Bergrecht des Mittelalters (1887), XX. 3 Es ist bekannt, dafs ein wesentlicher Teil der „Geschichte“ des Bergbaus mit der Katzbalgerei der verschiedenen Instanzen der öffentlichen Gewalt um das ursprünglich königliche Bergregal und die daraus abgeleiteten Bezugsrechte ausgefüllt wird. Wer endlich der Anteilsberechtigte war, interessiert uns natürlich in diesem Zusammenhänge nicht. Vgl. die besonders anschauliche Schilderung jener Streitereien in den Bergwerksgebieten des Schwarzwaldes bei Gotliein, Wirtschaftsgeschichte 583 ff. Vielerorts bildete auch der Schlagschatz etc. bei der (monopolisierten) Ausmünzung des Edelmetalls eine bedeutende Einnahmequelle. So in Sachsen. Vgl. Cod. dipl. Sax. reg. 13 (1886). 3 Siehe oben S. 105. Vgl. jetzt auch noch Ad. Zycha, Das Recht des ältesten deutschen Bergbaus bis ins 13. Jahrh. (1899), 79 ff. 3 Im Jahre 1447 beklagen sich die Knappen im Freiberger Revier, dafs die vermögenden Bürger der Stadt sieh nicht am Bergbau beteiligen. „Also Elftes Kapitel. Die unmittelbare Vermögensbildung. 277 ihr Anspruch auf Grundentschädigung mit einer Anzahl Kuxe abgekauft wurde *, oder die als Markgenossen das Recht zum Goldwäschen besafsen 2 , und dergleichen Elemente, bei denen ebenfalls ein zufällig reicher Ertrag eines Bergwerks nichts anderes als Neuschaffung von Vermögen bedeutete. Und was solcherart Erwägungen allgemeiner Natur nahe legen, bestätigen uns gelegentliche Nachrichten von reichgewordenen kleinen Frönern. Die Absalon in Todtnau, die Kreuz in Münster waren aus dem Bergarbeiterstande emporgestiegen und zu Vermögen gelangt, die sie dem Adel naherückten, infolgedessen ihre Töchter begehrte Partien für Söhne adliger Familien wurden, denen an Neuvergoldung ihres Adelsschildes gelegen sein mufste 3 . Von ähnlichen Fällen berichtet uns Hag ec in seiner Böhmischen Chronik 4 * : wer 1363 im Bergwerk zur Eul* e l lao gehabt, der hat dazumal auf ein Quartal zur Ausbeute 50 000 ung. Gulden gehabt. In Annaberg lielen einmal bald nach der Eröffnung des Bergbaus tausend Gulden Quartalsausbeute auf einen Kux 6 . Und von Schneeberg vernehmen 6 wir, dafs „auff einem kux ungefehrlich biss in die zwei und dreissig tausend gülden sol zur aussbeut gefallen sein und die Römer von Zwickau darvon reich worden sein. Denn alda hat man auff einmal hundert marck silbers und sechs hundert müsse mir arme guappen meins herrn perckwerck alleyne pauen mit etlichen armen handwerkman.“ U.B. der Stadt Freiberg im Cod. dipl. Sax. reg. ed. H. Ermisch 13 (1886), 102. 1 ln Schlesien wurde häufig den Ackerbesitzern (nicht blofs den Gutsherren) die Alternative gestellt, statt Grundentschädigung Aufnahme in die Gewerkschaft zu Vs ihres Grubeneigentums (also mit 13Va Kux) zu verlangen. Dadurch geschah es, dafs Gutsherren und Bauern (nur mit Ausschlufs der blofsen Lafsbauern) Mitgewerken wurden. Steinbeck, Gesch. des schles. Bergbaus 2 (1857), 186. Ein gleiches Recht bestand in Sachsen. Hier konnte der, des das Erbe war (sc. der freie Bauer) sein „Ackerteil“ beanspruchen, d. li. es stand ihm frei, sich mit Vsa „an der Grube zu beteiligen“. H. Er - misch, Das sächsische Bergrecht im Mittelalter (1887) XXXV. Analog in Böhmen. 2 Das Goldwäschen im Schwarzwalde wurde von allen Genossen der grundhörigen Mark geübt. Gothein, 609—612. 3 Gothein, 603. 637. * Chronica Wenceslai Hagecii, jetzt aus böhmischer in die teutsche Sprache . . transferieret . . durch Joh. Sandei (1596), 1, 95. 6 J o h. Matthesius, Sarepta (1587), 16b. 6 Joh. Matthesius, 1. c. 278 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. gülden rheinisch auff ein kux aussgetheilt“. Aus der Geschichte seines eigenen lieben „Thaies“ (Joachimsthal) weifs uns aber der freundliche Pfarrer zu berichten x , „wie ein armer Bergmann, der selber mit seinem Weibe geschürfft, und vorm Ort gearbeitet, bis inn hunderttausent güldengrosehen . . aussbeut gehaben“ habe. Noch im Jahre 1539 soll das von Anbeginn an überaus ergiebige (1552 schon 22913 Mk. Silbers liefernde) Bergwerk Rörer- bühl in Tirol von Michel Rainer einem armen Bergmann zusammen mit zwei Gefährten, die auf der Wanderschaft die Erze entdeckt hatten, gemutet worden sein 1 2 . Es fragt sich nun aber, ob derartigen Fällen, wie sie hier berichtet werden, eine gröfsere Bedeutung für die allgemeine Entwicklung zuzuschreiben sei. Die Frage wird sich kaum mit Sicherheit beantworten lassen, solange wir nicht die Entstehungsgeschichte sämtlicher Privatvermögen während des Mittelalters kennen, wie wir sie bis jetzt für ein paar Dutzend Familien wenigstens in den Umrissen besitzen. Einstweilen möchte ich nur auf einige Umstände hinweisen, die es uns nahe legen, die Bedeutung der unmittelbar- ursprünglichen Accumulation für die Genesis des Kapitalismus nicht zu überschätzen. Das ist einmal die offenbar aufserordentlich starke Zersplitterung, die während des gröfsten Teils des Mittelalters, jedenfalls bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts hinein, bei dem Bezüge der Bergwerkserträge stattfand. Wir sahen schon, dafs in den Anfängen des Bergbaus die rein handwerksmäl'sige Organisation vorherrschte, dafs aber auch später noch die Gewerkschaften sich vielfach aus kleinen Leuten zusammensetzten, die dann natürlich nicht mehr als einen oder zwei Kuxe einer Zeche besafsen. Nun vergegenwärtige man sich die Kleinheit der Zechen, teile deren Erträge noch je in 128 Teile, um zu ermessen, wie im allgemeinen es sich nur um winzige Einkommen gehandelt haben wird, die die Gewerken aus dem Bergbau zogen. Die meisten werden keine Seide gesponnen haben: ihnen bedeuteten die Sümmchen, die aus dem Bergwerksanteile ihnen zuflossen, einen willkommenen Zuschufs zu den aus ihrer Hände Arbeit gewonnenen Mitteln zur Bestreitung ihres bescheidenen Lebensunterhalts — mehr nicht. Wie es dem Vater unseres wackeren Pfarrers von Joachimsthal erging, wird es den meisten Kuxbesitzerh ergangen sein: der ein „stattlicher Gewerk“ war und doch nicht die Mittel besafs, seinen 1 Joh. Matthesius, Sarepta, 17a. 2 von Sperges, Tyroler Bergwerksgeschichte, 120. Elftes Kapitel. Die unmittelbare Vermögensbildung. 279 Sohn studieren zu lassen. Erst als der liebe Gott diesem durch seiner Schüler dankbare Eltern „etliche Küxlein zugeworffen“, gewann er die Mittel, „darvon ich — wie er schreibt — zwey jar zu Wittenberg zum andern mal studieret und ein schöne kleine Liberey erzeuget habe“. (Vorrede zur Sarepta.) Man braucht nur das ungeheuer lange Verzeichnis fündiger Zechen durchzublättern, das Matthesius 1 für Joachimsthal aufstellt (das also ein Bild des Gewerkenbergbaus noch im 16. Jahrhundert giebt), und die meist ganz winzigen Ausbeutebeträge, die auf einen Kux entfallen, sich anzusehen, um in der Auffassung befestigt zu werden, dafs es sich in der grofsen Mehrzahl um Anteilsrechte handelte, die zu allem anderen eher denn zu grofsen Vermögen führen konnten. Dann aber ist noch ein zweiter wichtiger Umstand in Betracht zu ziehen, wenn wir die Bedeutung der unmittelbaren Accumulation richtig abschätzen wollen. Dafs nämlich seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, d. h. also gerade seitdem der deutsche Bergbau ergiebig zu werden anhub, in rasch wachsendem Umfange die Bergwerksanteile den Händen der alten Gewerken entglitten und von vermögenden Leuten, adligen Herren oder grofsen Handelshäusern namentlich Nürnbergs und Augsburgs aufgekauft wurden. Das läfst sich am deutlichsten bei den Bergwerken Tirols undUngarns verfolgen. Hier bewerben sich „die vermögendsten aus den fremden Handelsleuten um die Wette, einigen Teil an den . . Bergwerken zu haben, und diejenigen schätzten sich glücklich, welche in die Bergwerksgesellschaft zu Schwatz aufgenommen wurden“ 2 . Hier begegnen wir unter den Gewerken im 16. Jahrhundert den Fueger, den Lichtenstein, den Firmian, den Tänzel von Tratzberg, den Jöchel von Jöchelsthurn, den Stöckel und anderen Notabein des Landes, die durch Ausbeutung der Bergwerke grofse Reichtümer erwarben 3 . Wir begegnen aber auch den Link und Haug, den Scheurl, den Fugger u. a. aus Augsburg und können ziffermäfsig verfolgen, welche enormen Summen aus dem „Bergsegen“ jener Tage in die Taschen der schon vermögenden Handelsherren flössen 4 . 1 Matthesius, Chronik von Joachimsthal; bildet die 19. Predigt der Sarepta, ist aber auch separat erschienen. 8 von Sperges, Tir. Bergwerksgesch., 97/98. 3 von Sperges, a. a. O. S. 105 £f. * Die Aktiva der Handelsgesellschaft Link und Haug steigen in Schwaz von 60 262 fl. im Jahre 1533 auf 193 547 fl. im Jahre 1563; in Neusohl und 280 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Und was für Tirol so klar zu Tage tritt, wird sich in den meisten übrigen Bergbaudistrikten nicht minder schroff vollzogen haben: die Verdrängung der kleinen Glewerken' durch potente Geldmänner. Begegnen wir doch in späterer Zeit überall den Spuren grofser, am Bergbau beteiligter Handelshäuser: in Schlesien 1 , in Sachsen 2 , in Böhmen 3 , im Schwarzwald *. Also darüber kann kein Zweifel obwalten, dafs der deutsche Bergbau im 15. und 16. Jahrhundert wesentlich dazu beigetragen hat, die Geldaccumulation zu beschleunigen: er leistet in zehn Jahren das, was der Handel alten Stils in hundert nicht zu vollbringen vermocht hatte. Aber die hier sich vor unseren Augen vollziehende Bildung von Grofsvermögen ist doch nicht Kapital b i 1 d u n g. Sie ist vielmehr, wie noch zu zeigen sein wird, selbst schon in den meisten Fällen die Folge kapitalistischer Wirtschaft, kann somit Testhen betrugen sie 1560 (erstes Jahr) bezw. 5020 fl. und 8853 fl., im Jahre 1562 bereits bezw. 10191 und 54503 fl. J. Hartung, Aus dem Geheimbuch eines deutschen Handelshauses im 16. Jahrhundert in der Zeitschrift für Social - und Wirtsehaftsgesch. 4, 39. 1 E. Fink, Die Bergwerksunternehmungen der Fugger in Schlesien in der Zeitschr. des Ver. f. Gesch. und Altertum Schlesiens 28 (1894), und C. Faulhaber, Die ehemalige schlesische Goldproduktion. Bresl. Diss. 1896. 2 Ehrenberg, Zeitalter der Fugger 1, 187 ff. 8 A. von Scheurl, Christoph Seheuri (1884), 30. Aus ihren ungarischen Bergwerken zogen die Fugger und Thurzo in den Jahren 1495 bis 1504 eine Dividende von 119 500 fl. rhein. 1504—1507 betrug die Dividende für jeden Teil 238 474 fl., 1507—1510 142 609 fl. Die Fugger allein berechneten ihren Reingewinn aus dem „ungarischenBergwerkhandel“ (worin allerdings die verpfändeten Kron- einkünfte eingesehlossen gewesen sein werden: siehe über diese S. 254) auf 1297192 rhein. Gulden. F. Dobel, Der Fugger Bergbau und Handel in Ungarn in der Zeitschr. des historischen Vereins für Schwaben und Neuburg 6 (1879), 33 ff. In unmittelbarem Zusammenhänge mit der Entwicklung des Silberbergbaus stand die ungeheure Einträglichkeit, die der Bergbau auf Quecksilber hatte, da durch die Erfindung des Amalgierungsprozesses eine erschöpfende Ausbeutung der Silbererze möglich wurde und daher das Quecksilber während des 16. Jahrhunderts neben Silber und Gold der meistbegehrtc Gegenstand wurde. Wieder waren es die Fugger, die durch die monopolisierte Ausbeutung der von ihnen gepachteten Gruben von Almadön ungeheure Reichtümer sammelten. Ihr Gewinn betrug 85 und 100 °/o; in einer fünfjährigen Pachtperiode verdienten sie 166 370 Duk., von 1572—1582 ca. 300 000 Duk., 1582—1594 636 000 Duk., 1595—1604 ca. 600000 Duk. K. Hä hier, Gesch. der Fuggerschen Handlung in Spanien 102 f. 156. 169. 176 f. 193. * „Augsburger Bankiers haben überall die Hand im Spiel gehabt; auch im Bergbau des Münsterthals haben zuletzt die Fugger die Freiburger Patrizier abgelöst.“ Gothein, 599. Elftes Kapitel. Die unmittelbare Vermögensbildung. 281 nicht gleichzeitig deren Ursache sein. Nach alledem dürfen wir zu dem Schlüsse kommen, dafs bei der ursprünglichen Accumu- lation die unmittelbare Accumulation zwar auch eine Rolle spielt, dafs aber ihre Bedeutung nicht überschätzt werden darf, dafs wir vielleicht sogar sagen dürfen: sie bilde die Ausnahme. Wiederum also sind wir nicht zum Ziele gelangt; wiederum ist es uns nicht gelungen, die Wurzeln des bürgerlichen Reichtums blofszulegen. Es bleibt uns nichts übrig, als wieder ein neues Kapitel zu beginnen, d. h. abermals einen anderen Weg einzuschlagen, der uns dann hoffentlich endlich zum Ziele führt. Zwölftes Kapitel. Die Anfänge des bürgerlichen Reichtums. Ich denke, wir werden dem Geheimnis, das die Anfänge des bürgerlichen Reichtums umhüllt, am ehesten auf die Spur kommen, wenn wir den Männern selber, die wir als reiche Leute seit dem Hochmittelalter verfolgen können, ein wenig näher ins 'Antlitz schauen. Vielleicht entdecken wir dabei eine Art von Familienähnlichkeit, die uns auf die Spur ihres Ursprungs zu helfen vermag. Was zunächst wohl aufser allem Zweifel steht, ist dieses, dafs wir in den Städten des europäischen Mittelalters, wenigstens in den grofsen, blühenden Handelscentren, die für die Entstehung des Reichtums ja allein in Betracht kommen, dafs wir in Florenz wie in Brügge, in Augsburg wie in London, in Montpellier wie in Basel, eine Klasse reicher Leute im Laufe der Zeit sich scharf gegen die grofse Menge der städtischen Bevölkerung absondern sehen. Es sind die majores, die divites, die riches, die riehen, die no- bili, die poorters, es ist der popolo grasso, der sich erhaben fühlt über den popolo minuto, über die plebs, die minores, die populäres et impotentes (Köln), die pauperes, die vulgares, die Weber und Gemeinde (Köln). Es wird auch keinem Widerspruch begegnen, wenn wir feststellen (was im Grunde schon in der eben konstatierten Thatsache eingeschlossen liegt), dafs alle gröfseren Handelsherren, alle reichen Geld- und Bankhäuser, alle wohlhabenden Zoll- und Steuerpächter, alle Münzer und privilegierten Wechsler, alle grofsen Gewerken dieser Klasse der „divites“ zugehören. Des weiteren aber läfst sich beobachten, dafs nicht nur die Handwerker im Gewerbe, sondern auch die handwerksmäfsigen Kaufleute immer mehr in einen bewufsten Gegensatz zu den neuen bourgeoisen Existenzen gebracht werden. Was für das frühere Mittelalter (so viel ich Zwölftes Kapitel. Die Anfänge des bürgerlichen ßeichtums. 283 weifs) keineswegs allgemein gilt, wird jetzt zur Regel: dafs einzelne Kaufmannsgenossenschaften besonders hohe Ansprüche an die socialen Qualitäten des neu aufzunehmenden Mitgliedes stellen, dafs sie ihm das Handeln mit kleinen Qualitäten verbieten, dafs sie die Aufgabe des Handwerks verlangen 1 und dergl. So läfst sich ganz deutlich verfolgen, wie am Ende des Mittelalters die Händlerschaft in zwei scharf von einander gesonderte Klassen zerfällt: die rieh and poor merchants, die grofsen Handelshäuser und die marchands . . sans hdritages, in Deutschland seit dem 15. Jahrhundert in die Fucker und die kleinen „Gewerbs- und Handelsleute“. Wobei der Gegensatz nicht etwa nur oder vorwiegend der zwischen Engros- und Endetail-Handel war, sondern wesentlich der zwischen Handel im Grofsen und im Kleinen. Die armen englischen Wollkaufleute, die sich im 14. Jahrhundert über die Übergriffe der reichen beklagen 2 3 , handeln ebenso „Wolle en gros“ wie die kleinen „Handels- und Gewerbetreibenden“ in Deutschland, denen die mächtigen „Handelsgesellschaften“ im 16. Jahrhundert die „Nahrung“ verkleinerten 8 , „Importeure“ von Spezereien und Kolonialien waren. Und wenn es in der Biberacher Zunft- und Handwerksordnung von 1485 heilst 4 * * : „jeder Bürger mag feil haben Gloclcenspeifs, Kupfer, Zinn, Blei, Stahl, Eisen, Wachs, Spezerei und wollene Tücher, doch dafs er es nicht anders verkaufe denn Samenkaufs“, so ist auch hier nicht an den uns geläufigen, dem Mittelalter aber fern liegenden Gegensatz von Verkauf an Zwischenglieder und an letzte Konsumenten gedacht, sondern nur an den Unterschied zwischen grofsem und kleinem Handel, denn unter „Samenkauf“ wird verstanden: „Ein Zentner Glockenspeis, ein Zentner Kupfer, Blei, Zinn, fünf Zentner Eisen, ein Zentner Stahl, ein ganzes Stück wollenes Tuch; Spezereien bei ganzen Säcken, Röhrlen, Imber, Pfeffer und Safran bei einem (!) Pfund.“ Waren nun diese wohlhäbigen Existenzen, die sich solcherart gegen die Vielen, Allzuvielen abschlossen, etwa die glücklichen Enkel von einem Teile jener „Mercatores“, die wir während des 1 Besonders deutlich vollzieht sich diese Wandlung in England; erst die merchants adventurers verlangen, dafs ihre Mitglieder seien „liberi homines, qui non sunt alieuius artis manualis“. Siehe die Urkunde bei Gross, 2,360. 8 John Smith, Memoirs of Wool 1 (1757), 25/26. 3 Vgl. die Stellen z. B. bei G. Schmoller in der Zeitschr. für die ges. St.Wiss. 1860. S. 496 ff. 632. * Jäger, Jur. Magazin für die Reichsstädte 4, 174 ff., cit. bei Roth von Schreckenstein, Das Patriciat (1856), 559. r 284 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. frühen Mittelalters mit ihren Packen durch die Lande ziehen sehen? War der Gegensatz zwischen Reichen und Armen das Ergebnis eines Differenzierungsprozesses ursprünglich homogener Elemente, d. h. also einer Masse handwerksmälsiger Händler? Man könnte es denken, obwohl die Erwägungen allgemeiner Natur, die wir im neunten Kapitel angestellt haben, diese Annahme sehr gewagt erscheinen liefsen. Eine genauere Prüfung ergiebt aber, dafs sich jene (für den Theoretiker kaum statthafte) Annahme für den * Historiker als völlig unzulässig erweist. Was nämlich das Studium mittelalterlichen Wirtschaftslebens uns mit zwingender Notwendigkeit aufnötigt, ist die Feststellung: dafs jene handwerksmäfsigen Händler, die in der früheren Zeit allein da sind, aber natürlich auch in späterer Zeit nicht verschwinden, so gut wie gar keine Beziehungen zu dem reichen Kaufmannsstande haben, den wir am Ende des Mittelalters in den grofsen Städten antreffen; dafs es keine Brücke zwischen jenen beiden Gruppen giebt, ja nach der ganzen Struktur der mittelalterlichen Gesellschaft nicht geben konnte. Um dieses zu erweisen, müssen wir uns noch einmal die majores, die nobili und poorters etwas genauer betrachten, zu denen, wie wir sahen, so gut wie alles gehörte, was in den Städten ^ reich war. Wir nehmen alsdann nämlich wahr, dafs jene Geldaristokratie sich im wesentlichen deckte mit dem, was man (mit einem modernen Ausdrucke) Geburtsaristokratie nennen kann. Die Elemente, aus denen sich die „nouveaux riches“ bildeten, waren: 1. Landadel, der sich in den Städten freiwillig oder zwangsweise niederliefs; 2. städtisches Patriciat, „Stadtadel“ im engeren Sinne. Für das thatsächliche Zusammenfallen von Geburts- und Geldaristokratie während des Mittelalters versuche ich unten, soweit es angängig ist, den „statistischen“ Beweis zu erbringen. Hier interessiert uns einstweilen nur die Frage: aus welchen Elementen sich denn das städtische Patriciat gebildet habe. Wie bekannt, herrscht über diese Frage üblicherweise erbitterter Streit unter den Historikern, die selbstverständlich nur * „Verfassungs“-Historiker sein wollen. Glücklicherweise brauchen wir hier auf jene Streitereien nicht näher einzugehen. Denn es dürfte wohl auf allen Seiten darüber Einigkeit herrschen, mag man im übrigen gemeinfreie Markgenossen oder Ministerialen oder sonst etwas als die Ahnen der städtischen Geslachten ansehen, dafs Zwölftes Kapitel. Die Anfänge des bürgerlichen Reichtums. 2H:‘> die später herrschende Klasse die ursprünglich mit Grundbesitz in der Stadt angesesessenen Familien waren 1 . Im Falle es sich um das Hineinwachsen einer Dorf- in die Stadtgemeinde handelte, also die Markgenossen, die Hufner, die vollberechtigten Wirte, ceux qui ont entre leurs mains une portion du sol communal 3 ; „coloro che partecipavano a questi medesimi beni“ 3 ; „die in Grund und Boden in der Stadtmark angesessenen Leute“, „welche in der Stadtmark wohnten und ihr Gut selbst bebauten“ 4 * , die burgage tenants 6 . War das Recht dieser Wirte an Grund und Boden der Gemarkung beim Beginn der städtischen Entwicklung durch allerhand Übergriffe des Obereigentümers eingeschränkt, so werden wir annehmen dürfen, dafs sie es bald von jenen Beschränkungen zu befreien wufsten. „Die Entwicklung der Stadt als Gemeinde besteht in wesentlichen Teilen gerade darin, die Abhängigkeit der Gemeinde thunlichst zu beseitigen und der letzteren den Zustand wiederzugeben, in welchem sie sich vor der Ausbildung der Grofsgrundherrschaften, also etwa in vorkarolingischer Zeit befand 6 .“ Wo aber etwa das Stadtgebiet ganz oder zum Teil in das volle Eigentum des Kaisers, des Grafen oder des Bischofs übergegangen war, da wird es auf dem Wege der Schenkung oder der Belehnung in die Hände der Ministerialen gelangt sein, die nun kraft ihres Grundbesitzes die Yollbürgerschaft erwerben 7 und damit zu Ahnen städtischer Geschlechter werden. Wo wir endlich auf Neuland sich Stadtgemeinden entwickeln sehen, in den Kolonialgebieten, da beobachten wir gerade recht deutlich, wie die ursprüngliche Gemeinde die Gemeinde der Grundbesitzer ist. In Lübeck 8 wie in Hamburg 9 sind es offenbar bäuerliche Anwesen, Eigen oder Anteile in Hufengröfse, die den dort siedelnden „Kaufleuten“ vor allem natürlich zum Betrieb einer Bauernwirtschaft von dem Grundherrn überwiesen werden. Dafs von diesem Grundbesitz der Vollbürger, der in den An- 1 Über die einschlägige Litteratur vgl. die Bemerkungen auf S. 300 f. 2 Vanderkindere, 58. 3 Pertile 2 2 , 15. 4 von Maurer 2, 194 f. 6 Ashley 1, 73. 6 von Be low, Die Entstehung der deutschen Stadtgemeinde (1889), 50. 7 Vgl. z. B. von Maurer, 1, 204; Arnold, Freistädte 1, 243. 8 Pauli, Lüh. Zust. 1, 42 ff. 3 Hamb. U.B. Nr. 285. 286 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. fangen häufig so grofs war, dafs er von Kolonen angebaut werden mufste 1 , sich ein grofser Teil aber thatsächlich in den Händen der Nachkommen jener primi et beati possidentes der Geschlechter befand, ist eine ebenfalls bekannte Thatsache. Das Eigentum am Stadtgebiet teilte sich während der ersten Jahrhunderte der städtischen Entwicklung ausschliefslich zwischen den Stiftern und Klöstern, die namentlich wohl in den Bischofsstädten grofse Teile des Stadtareals besafsen 2 , den Stadtgemeinden, die während des Mittelalters ihren Grundbesitz durch Zukauf unausgesetzt zu erweitern trachteten 8 und den Geschlechtern 3 4 * , unter die wohl in zahlreichen Fällen mit zunehmender Ausdehnung der Stadt auch die Allmende aufgeteilt wurde 6 * . Die letzteren waren gewifs in den meisten Städten nur eine kleine Anzahl Familien und begreiflicherweise, da der Betrieb einer selbständigen Landwirtschaft, den wir bei ihren Stammvätern voraussetzen dürfen, ihre Zahl auf der gegebenen Fläche der Stadtflur beschränken mufste. Wenn es richtig ist, dafs in Strafsburg die Hausgenossen so gut wie identisch mit dem Patriciat waren, so sind die grofsen Zahlen 3 So in Zürich, Worms, Magdeburg, Mainz, Soest, Speier, Strafsburg. Siehe die Belege bei von Maurer 1, 101. 3 Vgl. z. B. Arnold, Gesch. des Eigentums, 257 u. öfters. Ich glaube jedoch, dafs man die Ausdehnung des nicht im Eigentum der Geschlechter stehenden Teiles der Stadt häufig überschätzt hat, weil man sich ein Bild von der Verteilung nach dem Urkundenbestande machte. Urkunden giebt es natürlich am meisten über den Besitz von Stiftern und Klöstern. 3 Florenz im 13. Jahrhundert: C. Frey, Die Loggia dei Lanzi, 1881. Urkunden; Hamburg im 14. Jahrhundert: C. F. Gaedechens, Ilistor. Topographie, 56. 4 Deutschland. Für Lübeck: Pauli, Lüb. Zust. 1,48; für Köln (noch .im 13 Jahrh. in der Altstadt sehr ausgedehnte Besitzungen der reichen Geschlechter der Saphire, Cämerer u. a.): Ennen, Gesch. von Köln 1, 665 ff. 671 ff.; für Frankfurt a. M.: Böhmer, Cod. Moenofr. (1836), 155. 315. 469; für Strafsburg (13. Jahrh.): A. Schulte, Strafsb. U.B. 3 (1884), X f. („die Geschlechter, in deren Händen fast der gesamte Grundbesitz in der Stadt ist“; was sogar für die Bischofsstadt auffallend erscheint). Ausland. Für die französischen Städte: Flach, Origines de l’ancienne France 2 (1893), 263. 268. 342. 345. 348; für die flandrischen Städte insonderheit Gent: Warnkoenig, Flandrische Staats- und Eechtsgesch. 1 (1835), 340 ff.; 2 (1836), 21 f. 78 f.; Vanderkindere, 58. 63. 69. Für Florenz siehe die Nachweise unten S. 323 f.; für London: Lappenberg, Urk.Gesch. des Stahlhofs. 1851. Urk.Buch. Elftes Kapitel. Die Anfänge des bürgerlichen Reichtums. 287 auffallend 1 : 1216 gab es bereits 359 Mitglieder, 1283 gar 454, 1300 361, 1332 227, 1347 302 u. s. w. Wir würden auf Grund dieser Ziffern auf immerhin 100 Familien schliefsen dürfen. Wahrscheinlich aber gehörten nicht alle Hausgenossen zu den Geschlechtern. Ähnliche Ziffern besitzen wir aus Köln: die Richer Zeche hatte im 14. Jahrhundert 361 Mitglieder 2 3 . Was wir von andern Städten wissen, läfst uns annehmen, dafs in der Regel die Zahl der patricischen Familien eher noch geringer war. In Augsburg gehörten 1383 der Geschlechtergesellschaft 51 Familien an, doch war die Zahl der Geschlechter in Augsburg wohl gröfser gewesen 8 . In Basel betrug (1456) die Zahl der Geschlechter der oberen Stube 14, die der unteren 9, zusammen gab es also in dem damaligen Basel nur 23 Familien, die als Geschlechter anerkannt waren 4 . Die Grandi in Florenz einschliefs- lich der „nuova gente“ waren im 13. Jahrhundert nicht mehr als 60 Familien 5 . Die Zahl der „Landheeren“, d. h. derjenigen alten Familien, denen der Grund und Boden von Gent als Lehn, sog. laetschap gehörte, betrug im 18. Jahrhundert 75 6 . Alles also, was sich später in der Stadt niederliefs, der ganze Trofs der Kaufleute und Handwerker, der marchands et manou- vriers sans hdritage, mit einem Worte die gesamte städtische Bevölkerung — soweit sie nicht auf städtischem Gebiete oder auf den Besitzungen der Kirchen und Klöster Unterkunft fand — siedelte sich auf dem Grund und Boden dieser paar Familien an. Wir müssen uns im Anfang der städtischen Entwicklung die gesamte werkthätige Bevölkerung als Losleute, als Hofsassen der wenigen grundbesitzenden Familien denken; daher auch zunächst als Bürger minderen Rechts, jedenfalls, ehe sie Hausbesitzer wurden, in ökonomischer Abhängigkeit von den Vollbürgern, den Hofherren, zu denen sie, wie man weifs, vielfach sogar in ein direktes Klientenverhältnis treten 7 . Der hierdurch 1 Hanauer, Etudes 1, 140. 2 Ennen und Eckert, Quellen 1, 140. 3 P. von Stetten, Gesch. der adel. Geschlechter in der . . . Stadt Augsburg. 1762. S. 42/43. 4 Ochs, Gesch. der Stadt Basel 1 (1786), 480. 8 O. Hartwig, Ein Menschenalter florentiner Geschichte (1250—1292), in der D. Zeitschr. für Gesch.Wiss. 2, 84. 6 Almanak for het Jaer 1787 tot Gent, p. 63, cit. bei Warnkoenig 2, 79. 1 von Maurer 2, 235 f. Dieser geniale Forscher unterrichtet noch heute am besten über die sociale Struktur der mittelalterlichen Städte. Arnold, Freistädte 2, 192 ff. Neuere Untersuchungen haben diesen Sachverhalt in 288 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. geschaffene Gegensatz zwischen den beiden Bestandteilen der städtischen Bevölkerung (den Grundbesitzern und den Schutzbefohlenen Hintersassen, das sind alle Gewerbetreibenden, die „Zünfte“), aus dem sich dann erst der des verfassungsrechtlichen Einflusses ableitete, ist so mächtig, dafs er alle Verschiedenheiten der ständischen Entwicklung in den Städten des Mittelalters zurücktreten läfst und allerwärts zu der grofsen Spannung führt, die in den Klassenkämpfen des 13. und 14. Jahrhunderts ihre Lösung flndet. Die Einheitlichkeit der städtischen Entwicklung, wie wir sie in allen westeuropäischen Staaten beobachten, würde völlig unerklärlich sein, wenn wir sie nicht zurückzuführen vermöchten auf die in allen Städten sich gleichmäfsig abwickelnde Gestaltung der Grundbesitzverhältnisse, mochte im übrigen die verfassungsrechtliche Struktur der Stadt, mochte die zufällige Veranlassung der Stadtgründung sein, welche sie wollte. Was uns nun aber an dieser Stelle interessiert, ist ein anderes; es ist die Thatsache, die sich schon ohne weiteres aus den vorauf- gegangeneu Feststellungen ergiebt, dafs der gröfste Teil der städtischen Grundrente als unearned increment den wenigen grundbesitzenden Familien der Stadtgemeinde Zuwachsen mufste. Die quellenmäfsige Bestätigung dieser einleuchtenden Feststellung enthält jedes Erbebuch, jede Sammlung städtischer Privaturkunden, die uns aus dem Mittelalter überkommen sind. Es wird für unsere Zwecke genügen, wenn ich die folgenden Punkte hervorhebe. 1. Die Verwendung des Grund und Bodens, der sich in den Händen der Geschlechter befand, erfolgte nicht nur durch Überlassung der nötigen Bauplätze für Wohnhäuser an die werk- thätige Bevölkerung, sondern auch durch Anlage und entgeltliche Übertragung von Werkstätten, Verkaufsbuden und dergl. Im letzteren Falle war sie natürlich besonders einträglich. Jeder Grundbesitzer durfte auf seinem Grund und Boden Strafsen und Märkte anlegen und darauf bauen, was er wollte: Privathäuser, aber auch Gewerbsbuden, Stände, Gewerbshallen etc. und für deren Benutzung eine Abgabe in irgend einer Form erheben. So hatten, wie wir annehmen dürfen und wie uns auch aus verschiedenen seiner für die gesamte städtische Entwicklung grundlegenden Bedeutung festgestellt. Vgl. z. B. für Köln die Einleitung K. Hegels zum 14. Bd. der Ohr. d. St.; für Konstanz die besonders lehrreichen Studien von K. Beyerle, Grundeigentums- und Bürgerrechtsverhältnisse im mittelalterlichen Konstanz (1901), 66 ff. Zwölftes Kapitel. Die Anfänge des bürgerlichen Reichtums. 289 Städten berichtet wird 1 , viele alte Geschlechter Metzger- und Fleischerbänke, Brottische, Schrotämter, Mühlen und dergleichen Gewerbsanstalten zu eigen, die sie gegen Entgelt den Handwerkern überliefsen. Eine noch intensivere Verwertung des Grundeigentums ermöglichte endlich die Ausnutzung der auf bestimmten Grundstücken haftenden Gerechtsamen, wie das Recht, Bier zu brauen, Wein zu schenken 2 * , Müllerei zu betreiben 8 9 und ähnliches. 2. Die Form der Nutzung 4 * ist ursprünglich vorwiegend die Leihe, sei es als Erbleihe, sei es als Zeitleihe, in letzterem Falle auf Lebzeiten 6 oder auf bestimmte Termine, z. B. 100 oder 200 Jahre 6 . Es entsprach diese Rechtsform leihweiser Überlassung der geringen Produktivität der Arbeit in der frühen Zeit und der damit zusammenhängenden geringen Leistungsfähigkeit des Werktätigen Volks, wie Arnold sehr richtig ausgeführt hat. Diese der älteren Zeit eigentümliche Nutzung des Grund und Bodens ist aber ökonomisch deshalb vor allem bedeutsam, weil sie den Grundeigentümern gestattete, von der Steigerung der Grundrente zu profitieren. Denn auch bei der Erbleihe dürfen wir sowohl eine Erhöhung der Zinsen von Zeit zu Zeit 7 , als sogar wohl auch einen gelegentlichen Rückkauf der Rente und häufig oder meist ein Vorkaufsrecht bei der Veräufserung 8 annehmen. In diesem Falle, sowie überall dort, wo wir eine Befristung der Leihe finden ®, sicherte 1 Vgl. z. B. für Hamburg: den Lib. act. a. a. 0. XVIII, 13 f.; LXXI1, 12; CXLVII, 9,26; für Frankfurt: Joh. Carl vonFickard, Die Entstehung der Reichsstadt Fr. etc. 1819. S. 150/51, und Böhmer, 217. 247. 288. 350. 352. 384; für Augsburg: P. von Stetten, Kunst- und Gewerbegesch. von Augsb. 1 (1779), 4; für Würzburg: Rosenthal, Gesch. des Eigentums in der Stadt W. (1878), 44; für Breslau: Klosen, Von Breslau. Dok. Gesch. und Beschreibung 1 (1781), 501. 516. 632, Tschoppe u. Stengel, Sammlung zur Gesch. des Ursprungs der Städte etc. (1832), 259. a von Maurer 2, 179. a Für Köln: Chr. d. St. 14, XXIII. 4 Uber diesen Punkt sind wir am besten unterrichtet, dank der auf S. 301 citierten rechtshistorischen Litteratur, auf die ich hier verweise. B Vgl. z. B. Strafsb. U.B. Bd. III. Nr. 225. 313. 8 Str. U.B. 3 Nr. 75. 120. 173. 7 Dafür enthält besonders viele Beispiele das Lübecker Ober-Stadtbuch. Siehe Rehme a. a. O. (unten S. 301). 8 Vgl. z. B. für Würzburg Rosenthal, a. a. O. 49. 9 Sicherlich war auch die einfache Miete in den mittelalterlichen Städten verbreitet; vgl. für Konstanz Beyerle, 76. Auch hier gilt, dafs man aus der Seltenheit der Urkunden nicht auf die Seltenheit des Vorkom- Sombart, Der moderne Kapitalismus. I. 19 290 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. sich also der Grundeigentümer die Möglichkeit, höhere Renten zu fordern, bezw. das Grundstück vorteilhafter zu verkaufen. Dadurch aber wurde bewirkt, dafs sich das Grundeigentum in den Händen seiner ursprünglichen Besitzer bis in eine Zeit hinein erhielt, da sein Wert auf eine gegen früher ungeheure Höhe gestiegen war. 3. Dafs die thatsächliche Steigerung der Grundrente in den mittelalterlichen Städten eine sehr beträchtliche gewesen ist, wie es in dem letzten Satze angedeutet wurde, müfsten wir ohne weiteres annehmen, auch wenn wir keine quellenmäfsigen Belege dafür hätten. Ich glaube, dafs (verhältnismäfsig) das Anwachsen der städtischen Grundrente während des Mittelalters namentlich wohl in der Zeit von 1200 bis 1400 seines gleichen erst wieder in den Städten des 19. Jahrhunderts erlebt hat, abgesehen natürlich vom Altertum. Die rasche Zunahme der Bevölkerung, die beträchtliche Steigerung der Produktivität der Arbeit und die durch die Mauerringe hervorgerufene Zusammenpferchung der Bewohner wirkten zusammen, um die Preise der Grundstücke rasch in die Höhe zu treiben und auf einem Punkte anlangen zu lassen, der uns in Erstaunen setzt. Es ist nicht leicht zu glauben, dafs der Quadratmeter Bauland in Florenz am Ende des 13. Jahrhunderts in einem grofsen Komplexe (500 qm) 5 bis 6 Mk. heutiger Währung, in kleinen Parzellen (man verkaufte fünfquadratfufsweise) sogar 10 bis 20 Mk. kostete, und doch geht es aus einer grofsen Anzahl von Verkaufsurkunden, wie wir noch sehen werden, mit Sicherheit hervor. Bedurfte es nun wohl, um solche Preise zu erzielen, des ganzen Reichtums der rasch an wachsenden Arnostadt, so erfahren wir doch auch aus andern Städten, dafs während des 13. und 14. Jahrhunderts die Grundpreise enorm in die Höhe gehen and die Bauplätze bald „mit unglaublich hohen Preisen bezahlt“ 1 wurden. Und mens dieser Rechtsverhältnisse schiiefsen darf. Nach älterer deutscher Auffassung entbehrte bekanntlich die Miete der dinglichen Wirkung; sie galt wohl gar nicht im eigentlichen Sinne als Rechtsgeschäft , sondern vielmehr als eine Art von rechtsunverbindlicher Übereinkunft. Daher sie in den meisten Fällen der urkundlichen Fixierung entbehrte. Vgl. von Brünneck, Zur Geschichte der Miete und Pacht in den deutschen und germanischen Rechten des M.A., in der Zeitschr. f. R.G. 1, 138 ff. 1 Arnold, Gesch. des Eigentums, 64 ffür Basel); Pauli 1, 46 (für Lübeck). Zwölftes Kapitel. Die Anfänge des bürgerlichen Reichtums. 291 wenn beispielsweise in Frankfurt a. M. der Preis einer Rente von 1 Mk. (beim Rentenkauf) 1304 14—15 Mk. 1 1314/18 16—17 - 1323/27 18 1333 19 1358 24 betrug, so läfst diese Steigerung wohl auf ein annähernd gleiches Anwachsen der Bodenpreise schliefsen. 4. Mit zunehmender Verkehrsentwicklung in den Städten tritt mehr und mehr an die Stelle der Leihe der Verkauf des Grund und Bodens: es kommt die Zeit der Versilberung des Grundbesitzes der Geschlechter, und damit beginnen wachsende Geldbeträge in deren Händen zusammenzuströmen. Dieser Zuflufs wird aber noch dadurch verstärkt, dafs in einzelnen Städten wie Lübeck schon seit dem Ende des 13. Jahrhunderts 2 , in andern Städten später, in Wien 3 z. B. im 14. Jahrhundert, in Basel Mitte des 15. Jahrhunderts 4 die Ablösung der Zinse und Renten gestattet und grofsenteils ausgeführt wird. Wir sind am Ziele. Das Geheimnis ist enthüllt. Die Anfänge des bürgerlichen Reichtums sind aufgedeckt. Jene Summen, mit denen in Italien und Flandern seit dem 13. Jahrhundert und noch früher, in den übrigen Ländern seit dem 14. Jahrhundert in gröfserem Stile Geld- und Handelsgeschäfte gemacht wurden, die also recht eigentlich als die Urvermögen anzusehen sind, aus denen sich das Kapital zu entwickeln vermochte: sie sind accu- mulierte Grundrente. Was für die ländlichen Grofsgrund- besitzer, die, wie wir sahen, sich ebenfalls als Bestandteile der divites, der nobili, der poorters in den Städten nachweisen liefsen, selbstverständlich war: ihre Geld-Vermögensbildung aus Grundbesitzrechten, das wurde in längerer Gedankenreihe für das städtische Patriciat mit kleinerem, aber durch seinen Charakter als städtisches Terrain intensiver nutzbarem Grundbesitz, wie ich hoffe, überzeugend dargethan. Blicken wir von den Rechtstiteln des Erwerbs (Eigentum an Grund und Boden) auf die Quellen, aus 1 Bücher, Bevölkerung, 340. 2 Mit dem 20facken, teilweise sogar dem 25fachen Betrage; Pauli, 48. 3 Mit dem läVafachen Betrage; Eulenburg in der Zeitschrift für Soc.- u. WG. 1, 287. * Arnold, Gresch. des Eigentums, 217. 19 * 292 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. denen diese Urvermögen stammen, so ist es in dem einen Falle „Mehrwert“ der ländlichen, im andern Mehrwert der städtischen Arbeit, der in Jahrhunderte lang währendem Entwicklungsgänge, Schritt vor Schritt mit zunehmender Produktivität der Arbeit abgenommen und accumuliert werden konnte. Man sieht: so arg blutig, wie Marx annahm, ist das Kapital nicht auf die Welt gekommen. Es war eine leise, allmähliche, für die werkthätige Bevölkerung unmerkliche Abzapfung kleiner Arbeitspartikelchen, die im Laufe der Zeit die Fonds für kapitalistische Wirtschaft zu bilden bestimmt waren. Notabene, nachdem durch allerhand geschickte Manipulationen, wie wir deren in den voraufgegangenen Kapiteln schon verschiedene kennen gelernt haben, und daneben durch herzhaftes Zugreifen in den Bestand an Gütern und Arbeitskraft bei fremden Völkern, wie in dem folgenden Kapitel noch auszuführen sein wird, nachdem auf solche Weise das Grundvermögen um ein Vielfaches gesteigert worden war. Aber ehe ich von dem in diesem Kapitel behandelten Gegenstände Abschied nehme, möchte ich doch mit ein paar Worten noch den Zusammenhang ausdrücklich nachweisen, der zwischen der deduzierten Grundrentenaccumulation und der Genesis des Kapitals thatsächlich obwaltet. Ich kann das am besten thun, indem ich zeige, wie und wann die grundbesitzenden Geschlechter Handelsherren werden. Das ging nämlich so zu. Der zunehmende Geldreichtum der Divites in den Städten war, wie ersichtlich, gar nicht denkbar ohne eine Verschiebung der ökonomischen Existenzgrundlage der Betroffenen. Denn was seine Zunahme bewirkte, war die Entwicklung des städtischen Wesens; diese aber bedeutete eine fortschreitende Einschränkung der ursprünglichen Berufsthätigkeit der Cives: der Landwirtschaft. In dem Mafse, wie die Bebauung des Stadtgebiets fortschritt, also die Boden werte stiegen, wurden die Hufen, wurde das Allmendeland kleiner und kleiner, bis schliefs- lich an einen selbständigen Landwirtschaftsbetrieb nicht mehr zu denken war. Damit war aber die Möglichkeit geschaffen, gleichwie es vorher schon die in der Stadt angesiedelten Landadligcn gethan hatten, von Gülten und Renten zu leben. Und viele der alten Geschlechter machten sich diese Chance thatsächlich zu nutze: es sind die Otiosi, die ledechangers 1 der Quellen, jene bequemen Leute, die „jetzt müssig gon wellent“ 2 . Sparsamere Hausväter hingegen (vielleicht 1 Vanderkindere, 69. s Ochs, Gesch. der Stadt Basel, 1, 481. Zwölftes Kapitel. Die Anfänge des bürgerlichen Reichtums. 293 gerade die reichsten ?) wollten ihre vermehrten Einkünfte nicht völlig verzehren. Sie legten sie zurück und zwar — der Zeit entsprechend — zunächst wieder in der Form von Grundbesitz aufserhalb der Stadt oder im Ankauf von Renten in der Stadt: es kommt die Zeit, die jeder Wirtschaftshistoriker sehr wohl kennt, in der die Geschlechter in wachsendem Umfange sich in der Umgegend der Stadt ankaufen, in der wohl jeder wohlhabende Mann wie Vicko von Geldersen sein Rentenbuch hatte. Nun aber mufste es sich ergeben, dafs diese Art der Verwertung des Geldes schliefslich immer wieder dessen Betrag vergröfsern half. Es stellt sich eine Art von Geldplethora ein, und der Gedanke, es in anderer Weise nutzbringend anzulegen, mufste langsam Wurzel schlagen, in dem Mafse, wie der Spiritus capitalisticus sich zu entfalten begann, worüber noch zu handeln sein wird. Jetzt kommt die Zeit, da gelegentlich Beträge vielleicht noch erst unentgeltlich der bedürfenden Stadtgemeinde, bald aber auch gegen Entgelt vornehmen Herren leihweise überlassen werden. Es kommt die Zeit, da man einem Faktor Summen anvertraut, mit denen er auswärts Handelsgeschäfte betreiben soll: also die Zeit des Gelegenheitshandels der Geschlechter. Dafs deren Bethätigung im Handel ursprünglich nie eine andere gewesen ist, als eine gelegentliche, sollte man endlich einsehen. Es handelt sich zunächst immer um temporäre Handelsunternehmungen, um Kompagniegeschäfte auf 3 bis 6 Jahre. Die wohlhäbigen Bürger bleiben in den Anfängen meist selbst in der Vaterstadt, wo sie sich den öffentlichen Interessen und der Verwaltung ihrer liegenden Güter widmeten 1 . Nur als solchen Gelegenheitshändler wird man einen venetianischen Nobile oder einen Wittenborg oder Geldersen richtig verstehen. Hat man sich wohl einmal die Mühe genommen, die Anzahl Warenposten zu zählen, die in dem „Handlungsbuche“ eines solchen Ratsherrn verzeichnet sind? Man kommt zu erstaunlichen Resultaten: in einem Jahre sind nicht mehr als 20—30 Einträge gemacht. Man denke: alle 14 Tage einer. Was hätte der arme Mann mit seiner Zeit anfangen sollen, wenn er wirklich, wie man wohl gelegentlich annimmt, ein Berufskaufmann gewesen wäre? Dann natürlich wächst sich im Laufe der Zeit bei einzelnen Familien diese sporadische, intermittierende Thätigkeit als Bankier oder Händler zu einem Berufe aus. Was nun aber die eigentliche Bestätigung für die Richtigkeit der hier entwickelten Auffassung enthält, ist die Wahrnehmung, dafs an 1 Vgl. Bücher, Bevölkerung, 246/47. 294 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. allen Orten Waren- und Geldverkehr mit dem Augenblicke au- fangen, gröfsere Dimensionen, einen gröfseren Stil anzunehmen (in dem sie dann erst, wie gezeigt wurde, lukrativ werden), in denen jene gröfseren Summen der reichen Geschlechter ihnen Zuströmen. Wir können diesen Zeitpunkt für einzelne Städte genau datieren: in Nürnberg beginnen um das Jahr 1300 1 , in Augsburg nicht vor 1368 1 2 die Geschlechter Handel zu treiben; in England vollzieht sich der Umschwung ebenfalls im Laufe des 14. Jahrhunderts gleichzeitig mit der stärkeren Anteilnahme der gentry am städtischen Leben 3 , während der Vorsprung Italiens und Flandern- Brabants vor den übrigen Ländern auf nichts anderem beruht, als auf dem Umstande, dafs hier ein paar Jahrhunderte früher das städtische Patriciat in die Niederungen des Wirtschaftslebens hinabsteigt und ebenfalls so viel früher der Landadel in die Städte zieht und hier so viel radikaler im bürgerlichen Leben absorbiert wird. Mit dieser letzten Bemerkung habe ich aber einen Gedanken ge- äufsert, der einer näheren Ausführung bedarf. Wenn die hier vertretene Auffassung in der That den wirklichen Zusammenhang der Erscheinungen richtig widerspiegelt, so ergiebt sich für die Beurteilung des Entwicklungsganges, den die einzelnen Städte und Landschaften während des Mittelalters genommen haben, offenbar dieses: dafs die Chancen einer Stadt, zu Reichtum und Macht zu gelangen (soweit dazu die in den Händen ihrer wohlhabenden Bürger angesammelten Vermögen das ihrige beizutragen vermochten) bedingt waren durch die Höhe der Grundrentenbeträge, die von der herrschenden (weil grundbesitzenden) Klasse perzipiert, monetarisiert und accumuliert wurden. Die hierdurch geschaffenen Vermögensbeträge stellten gleichsam die Höhe der Quote fest, mit der eine Stadt an der Liquidation des mittelalterlichen Reichtums (Kap. 10), an der unmittelbaren Aneignung der Edelmetalle (Kap. 11), sowie an gewinnbringenden Handels- und Kolonialunternehmungen (Kap. 13) Anteil zu nehmen vermochte. Fragen wir nun aber, welche Umstände die Höhe dieses Anteils (man könnte ihn auch mit dem Betrage vergleichen, den eine Stadt von dem Aktienkapital zu zeichnen vermochte, mit dem die moderne kapitalistische Wirtschaft gegründet wurde), welche Momente, sage ich, die Höhe dieses ursprünglichen Vermögens- 1 Roth, Gesch. des Nürnberger Handels 1, 22. 3 Stetten, Gesch. der adel. Geschlechter, 149. 150. 3 R. Pauli, Aufsätze zur englischen Geschichte, 274. > Zwölftes Kapitel. Die Anfänge des bürgerlichen Reichtums. 295 fonds also des accumulierten Grundrentenbetrages bestimmten, so werden wir offenbar folgende Feststellung machen müssen: 1. Die Höhe der städtischen Grundrente hing im wesentlichen ab von der Attraktionskraft, die eine Stadt auf die werkthätige Bevölkerung der umliegenden Landschaften auszuüben vermochte. Je mehr Ansiedler, desto höher die Beträge, die von ihrer Arbeit einbehalten werden konnten. Selbstverständlich spielten > andere Momente hinein: vor allem der Grad von Produktivität, den die gewerbliche Arbeit in der betreffenden Stadt zu erreichen vermochte. Wenn eine Stadt etwa ein blühendes Exportgewerbe schuf, so ist ersichtlich, dafs die Grundbesitzer gröfsere Wertbeträge in ihre Taschen zu leiten im stände waren, als wenn dies nicht der Fall war. Wir werden noch sehen, in welchem Umfange derartige glückliche Verumständungen die Grundrentenaccumulation in einer Stadt zu beschleunigen vermochten. Beispiel Florenz! Dann hing nicht wenig davon ab, wie eine Stadt topographisch gelegen war: je enger der Raum, auf dem sich eine Bevölkerung zusammendrängen mufste, desto höher die ihnen in Form der Grundrente abgenommene Mehrwertrate: Genua, Venedig, Konstanz, viele flandrische Städte (wegen der sumpfigen Umgebung!) sind Beispiele hierfür. Es liegt nicht fern, die rasche Bildung grofser Vermögen in ihren Mauern auch auf die Eigenart ihrer Lage zurückzuführen. 2. Die Höhe der ländlichen Grundrente, die in der Stadt monetarisiert wurde (soweit sie nicht etwa verwandelte städtische Grundrente war), hing naturgemäfs ab von der Attraktionskraft, die eine Stadt auf die Grofsgrundbesitzer des Landes, d. h. also im Mittelalter im wesentlichen auf den Landadel, auszuüben vermochte, einerseits, von der Fruchtbarkeit der Gebiete andrerseits, die sich in der Verfügungsgewalt der urbanisierten Grundeigner befanden. Man mufs mehr, als bisher geschehen, darauf achten, dafs für den Reichtum der Städte im Mittelalter (aus den angeführten Gründen) viel weniger ihre sog. Verkehrslage, als die Fruchtbarkeit und die Bevölkerungsdichtigkeit ihrer Landschaft bestimmend waren. Hier lag der Vorsprung, den Norditalien und •? Flandern gewährten, die schon im frühen Mittelalter einem üppigen, wohlangelegten Garten glichen. Man mufs die Schilderungen von der flandrischen Landschaft in der Philippide lesen, um sich das richtige Verständnis für die frühe Blüte der niederrheinischen Städte zu verschaffen. Man mufs auch beachten, dafs beispielsweise die flandrischen Seestädte wie Nienport, Ardenburg, Dam und auch Brügge viel später zu Reichtum gelangen als die binnenländi- 290 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. sehen Städte wie Ypern und Gent. Aber natürlich war die Voraussetzung für die Ausnutzung jener günstigen Naturbedingungen, dafs die Mehrprodukte des Landes in der Stadt accumuliert werden konnten, und dazu bedurfte es der Einbeziehung der Grundherrn in die Kreise der städtischen Bevölkerung. Was diese hier mehr, dort weniger umfassend gestaltet hat, kann hier, wo nicht das Mannigfaltige im Allgemeinen, sondern das Allgemeine im Besonderen gesucht wird, nicht erörtert werden. Künftige Historiker werden dieser Frage ihre Studien widmen müssen. Ich denke doch, dafs der Einflufs der römischen, vorwiegend städtischen Kultur hier als ein wesentlich bestimmendes Moment anzusehen ist. Deshalb doch wohl in Italien die starke Tendenz zur Urbanisierung des Landadels, deshalb eine stärkere Konzentration ländlicher Grofsgrundbesitzer in den Städten überall, wo aufserhalb Italiens das Römertum seine Spuren zurückgelassen hatte: stärker in den rheinischen und südlichen Gebieten Deutschlands, als in den unwirtlichen Kolonisationsländern des Nordens und Ostens. Aber es mögen auch andere Umstände bestimmend mitgewirkt haben. So hat in England eine eigentümliche Gestaltung des Verfassungslebens wie des Erbrechts frühzeitig eine Abstofsung der jüngeren Söhne des hohen Adels in die Städte, sowie eine Verschmelzung der Gentry mit dem Bürgertum zu Wege gebracht. Es ist aber für die hier entwickelten Gedankengänge auch gleichgültig, was im einzelnen Falle einer Stadt oder den Städten eines Landes einen gröfseren Zuflufs von Landrentenbeziehern gebracht hat: wichtig ist nur die Feststellung, dafs von der Stärke dieses Zustroms ohne allen Zweifel zu einem grofsen Teile die Entwicklung des bürgerlichen Reichtums abhängig gewesen ist und dafs auf sie nicht zuletzt die unterschiedliche Gestaltung der Städte zurückzuführen ist. Die Historiker sollten mehr als bisher ihr Augenmerk auf diesen Punkt richten. Sie würden dann beispielsweise ohne Zweifel zu der Einsicht kommen, dafs der gröfsere Reichtum der italienischen und flandrischen Städte zum guten Teil darauf zurückzuführen ist, dafs es diesen Städten weit radikaler als den deutschen oder französischen Städten des Mittelalters gelang, schon frühzeitig auch den Landadel zur Beteiligung am städtischen Leben zu zwingen, d. h. mit anderen Worten, ihn zur Monetarisierung seiner Renten zu veranlassen und dadurch ihren Handel sowie ihr ganzes Wirtschaftsleben auf die breite Basis grofser Vermögen zu stellen. Gewifs war auch in deutsche Städte, Zwölftes Kapitel. Die Anfänge des bürgerlichen Reichtums. 297 nach Augsburg wie nach Nürnberg, nach Basel wie nach Köln, ein starker Zustrom ländlicher Großgrundbesitzer erfolgt, ohne den wir uns die Reichtumsentfaltung dieser Städte nur schwer denken können. Aber es ist ja nur allzu bekannt, wie die Entwicklung der deutschen Geschichte, die darin nur in der spanischen ihres gleichen findet, dahin führt, den Adel den Städten mehr und mehr zu entfremden, den Gegensatz zwischen Land und Stadt immer schärfer auszubilden, statt ihn, wie in Italien und Belgien im Interesse der Städte, zu begleichen. Als das Mittelalter sich seinem Ende zuneigte, als in den norditalienischen und belgischen Städten der gröfste Teil der ehemals landsässigen Familien vollkommen assimiliert war, die Renten der fruchtbaren Landschaften jener Gebiete in den blühenden Mittelpunkten städtischen Lebens zusammenströmten, als in England gerade erst in gröfserem Umfange die gentry sich dem städtischen Leben zu widmen begann, war die feindselige Haltung des deutschen Landadels gegen die Pfeffersäcke auf ihrem Höhepunkt angelangt. Der Städtekrieg war günstig für den Adel verlaufen: statt ihn zu beugen, bestärkte er ihn in seinem Übermut. Die Unsicherheit der Strafsen war nie so grofs gewesen als im Anfang des 15. Jahrhunderts; sie gipfelt in dem Beschlufs der schwäbischen Städte (1429), die Frankfurter Messe nicht mehr zu besuchen. Und während in den italienischen Republiken ländliches und städtisches Volk zu einer höheren Kultur sich verschmolzen hatte, konnte schon im Beginn der neuen Zeit ein Ulrich von Hutten seinen Dialog „Die Anschauenden“ verfassen, in dem die unversöhnliche Feindschaft zwischen dem alten Stegreifrittertum und den Städten in beifsender Schärfe zum Ausdruck kommt. Als das Freiburger, das Hamburger (1120) und andere Stadtrechte dem Adel verboten, in der Stadt zu wohnen — nullus de hominibus vel ministerialibus ducis vel miles aliquis in civitate habitabit, bestimmt das Stadtrecht von Freiburg — läfst die mächtige Janua den Markgraf Alderamo (1135), den Grafen von Lavagna (1138) und andere Grofse der Landschaft schwören: ero habitator Janue per me vel per filium meum et tenebor adimplere sacra- nientum compagne, werden in einer kleinen Stadt, wie Treviso, während eines Jahres (1200) über 60 zum Teil mächtige und reiche Landherren gezählt, die Bürgerrecht erworben hatten 1 . Diese zunehmende Gegensätzlichkeit zwischen landständischem und städtischem Wesen in Deutschland zog dann noch weitere 1 Bonifaccio, Ist. di Trivigi (1744), 153. 298 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Kreise. Sie griff in den schon erworbenen Besitzstand der Städte hinüber. Wie allmählich der Ritterstand im engeren Sinn aus den ehemals ritterbürtigen Leuten, den freien Landsassen, Vasallen und Ministerialen sich heraushob und das Kennzeichen des echten Ritters die rittermäfsige Lebensführung wurde, d. h. eine solche, die durch keinerlei Erwerbsthätigkeit besudelt war, vielmehr in ritterlichen Übungen sich erschöpfte, fingen auch die adligen Familien in den Städten und solche, die es etwa werden wollten, fing vor allem V auch der standesbewufste Teil des Patriciats an, Handel und Wandel zu meiden. Die Absorption der Edelleute durch die roture wurde gleichsam plötzlich unterbrochen, nur ein Teil des Patriciats blieb im Erwerbsleben zurück und suchte Anschlufs an die Zünfte, die andern erhielten sich turnierfähig und ebenbürtig mit dem Ritterstande auf dem Lande, als „gens vivants noblement“, indem sie den Handlungsbüchern valet sagten. Welchen gewaltigen Einflufs diese Wandlung, die sich seit dem 16. Jahrhundert vornehmlich zu vollziehen begann, auf die Gestaltung des gesamten Wirtschaftslebens ausüben mufste, ist einleuchtend. Es ist hier gewifs eine der Ursachen blofsgelegt, die zu dem wirtschaftlichen Rückgang Deutschlands im 16. Jahrhundert geführt haben. Andere werden uns noch begegnen. Genug: Von Land zu Land, aber auch von Stadt zu Stadt wird es sich verfolgen lassen: wie sehr die ökonomische Entwicklungsfähigkeit eines städtischen Gemeinwesens, seine Macht, sein Ansehn, sein Reichtum nicht zuletzt bestimmt werden durch die Höhe der Landrentenbeträge, die in der betreffenden Stadt zum Verzehr, vor allem aber zur fruchtbringenden Anlage in Handel, Geldleihe, Rhederei, Produktion gelangten. Diese unzweifelhafte Thatsache *st aber ein Beweis mehr für die Richtigkeit der Hypothese, die hier aufgestellt wurde: dafs es monetarisierte Grundrenten sind, auf die der moderne Kapitalismus seinen Ursprung zurückführt, die wenigstens erst die Fonds bereitstellten, aus denen nun auf anderem Wege Geld zu Geld gebracht werden konnte: die Städte mit starkem Landrentenbezuge hatten ein Plus voraus gegenüber jenen, in denen allein die städtische Grundrente den Fonds der ersten * gröfseren Vermögen bildet. Aufgabe der Historiker wird es sein, die Richtigkeit dieser Gedankengänge im einzelnen zu erweisen oder auch — mir soll sie willkommen sein — meiner Hypothese eine andere entgegenzustellen. Bisher ist aber, wie jedermann weifs, von den wenigen (meist irrtümlichen oder einseitigen) Bemerkungen bei Marx abgesehen, noch nicht einmal die Frage nach den Wurzeln Zwölftes Kapitel. Die Anfänge des bürgerlichen Reichtums. 299 moderner Wirtschaft gestellt, geschweige dafs eine befriedigende Antwort erteilt worden wäre. Ich selbst erachte es nicht als meine Aufgabe, einen ausgedehnten empirischen Beweis für die Richtigkeit meiner Auffassung zu führen. Was ich an historischem Belegmaterial beigebracht habe und im folgenden noch beibringe, soll keine gröfsere Bedeutung haben als die: die Wege zu weisen, auf denen die berufs- mäfsigen Quellenkenner in Zukunft ihre wirtschaftshistorischen Forschungen werden anstellen müssen, um zu einem vertieften Verständnis der ökonomischen Entwicklung zu gelangen. Einige specielle Nachweise des Zusammenhangs zwischen Grrundrentenaccumulation und Kapitalbildung. Vorbemerkung. Was ein „exackter“ Beweis — ich sprach scherzweise von einem „statistischen“, der es in der That sein müfste — hier zu leisten hätte, wäre der „urkundliche“ Nachweis, dafs jedes gröfsere Vermögen, das wir am Ausgange des Mittelalters in den Städten, insonderheit bei den Handels- und Geldmännern antreffen, seine Entstehung accumulierter Grundrente verdanke. Diese Feststellung machen heifst sie in ihrer Unausführbarkeit erkennen. Wir müssen froh sein, wenn wir in einzelnen Fällen gelegentlich einen solchen Zusammenhang „quellenmäfsig“ nachweisen können: im grofsen Ganzen bleibt uns — da ein auf theoretische Erwägungen gestützter Induktionsbeweis einen Historiker, an dessen Zustimmung mir an dieser Stelle naturgemäfs am meisten gelegen ist, niemals überzeugen würde — nur der Indicienbeweis. Dieser wird in der Art zu führen versucht, dafs die genannten Geldbesitzer als Zugehörige sei es des Landadels, sei es des städtischen Patriciats nachgewiesen werden. Ist dieser Nachweis gelungen, so ist damit jedenfalls festgestellt, dafs jene Personen zu einem Grundvermögen gelangten, das sie weder ihrer Handelsthätigkeit noch einer sonstwie „erwerbenden“ Beschäftigung verdankten, das vielmehr aus Grundeigentumsrechten sich herleitete. Nun möchte ich aber hier gleich dem Einwande begegnen, den mir jemand gegen die Richtigkeit meiner Hypothese damit etwa machen wollte, dafs er mir reiche Handelsleute und Geldmänner nachwiese, die notorisch weder dem Landadel noch dem städtischen Patriciat angehörten. Offenbar ist nämlich mit einer solchen Feststellung (die sich übrigens immer nur auf ganz vereinzelte Fälle wird beziehen können) folgendes noch nicht bewiesen: 1. dafs besagter dives sein Urvermögen nicht aus jGrundeigentums- berechtigungen herleite; und naturgemäfs noch viel weniger, 2. dafs er „durch den Handel“ oder „die Geldleihe“ reich geworden sei, weil er ein reicher Händler oder Geldleiher ist. Es sei denn, dafs mein Opponent wirklich den quellenmäfsigen Beweis (an der Hand der Originalhandlungsbücher) zu führen vermöchte, dafs eine andere Vermögensbildung aufser durch kaufmännische Thätigkeit gar nicht möglich sei. Was ihm schwer werden möchte. Hat er aber nichts in der Hand als die Thatsachen: 1. dafs es sich um einen reichen Kaufmann handelt, der ttOO Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. 2. nicht adlig ist, und von dessen Urvermögen wir 8. keine Wissenschaft besitzen, so ist offenbar die Aussage: dieser Mann ist auf diesem oder auf jenem Wege zu seinem Reichtum gelangt, ohne jede Beziehung zu irgend einer quellenmäfsigen Feststellung. Sie enthält vielmehr einen national- ökonomisch-theoretischen Satz. Dieser aber mufs auf theoretischem Wege bewiesen werden. Ich brauche nicht hinzuzufügen, dafs dieses von keinem der Historiker, die von der wundersamen Macht des Handels, ex nihilo zu Reichtum zu führen, überzeugt sind, bisher unternommen ist. Wünschenswert wäre es nur, wenn die Historiker mehr als bisher sich be- wufst würden, wann sie die Grenze des „quellenmäfsigen“ Beweises überschreiten und in das uferlose Meer der Theorie hinaussegeln. Hier genügt es mir, festgestcllt zu haben, dafs der von mir vorweggenommene Einwand gegen die Richtigkeit meiner Hypothese eine (einstweilen unbegründete) Theorie gegen eine, wie ich hoffe, in ihren wesentlichen Punkten begründete Theorie stellen würde. So dafs uns die Wahl nicht schwer werden kann. Hinzufügen will ich nur noch, dafs selbstverständlich zahlreiche Möglichkeiten denkbar (und sicherlich auch zugetroffen) sind, wie jemand, der nicht adlig und nicht dem Patriciate angehörte, sich aus Grnndeigentumsrechten ein Urvermögen zu bilden imstande war: 1. er konnte Grundeigentum durch Schenkung, durch Belehnung, durch Erbschaft, durch Heirat (ein häufiger Fall!) erwerben; 2. er konnte in den Besitz erheblicher Bodenwerte oder Grundrenten durch Glücksfall oder Spekulation kommen: wenn er mit seinen Ersparnissen etwa Grundstücke zum landwirtschaftlichen Nutzungswerte angekauft hatte, deren Preis dann durch die Ausdehnung der Stadt in die Höhe getrieben wurde. Was an S pe ci alli tteratur über die hier aufgeworfene Frage vorhanden ist, ist durchaus unzulänglich. Das wird es verzeihlich machen, wenn meine eigenen Zusammenstellungen eitel Stückwerk sind. In Betracht kommt die Litteratur aus drei Gebieten: 1. Die Litteratur über Familiengeschichte. Eine Krux für den Historiker, weil in der Mehrzahl der Fälle gefälscht, namentlich wo es sich um den Nachweis adliger Abstammung handelt, also um den Punkt, auf den es hier gerade ankommt. Immerhin besitzen wir eine Reihe brauchbarer lokalgeschichtlicher Werke, von denen der Leser eine Anzahl benutzt finden wird. Was besonders störend bei Verfolgung der unserer Untersuchung gesteckten Ziele ist, ist der Umstand, dafs gerade die Geschichten adliger Familien am letzten auf eine von einzelnen Mitgliedern etwa ausgeübte Handels- tliiitigkeit Rücksicht nehmen. 2. Die Litteratur über Handelsgeschichte. An sich schon von bekannter Dürftigkeit, versagt sie in unsorem Falle fast ganz. Naturgemäfs: wer eine Geschichte des Handels schreibt, pflegt immer Wunderdinge vom Handel zu erzählen, insbesondere ist er von seiner Reichtum erzeugenden Kraft tief durchdrungen. Auf einen Nachweis der Genesis einzelner Kaufmannsvermögen geht aber die Mehrzahl der Darstellungen aus diesem Gebiete der Litteratur überhaupt nicht ein. Ein hervorragender Platz gebührt in der handelsgeschichtlichen Litteratur dem ausgiebig in diesen Studien benutzten Werke Schultjes, das sich gerade Jauch durch die individuell per- Zwölftes Kapitel. Die Anfänge des bürgerlichen Reichtums. ;-}()| sönliche Behandlung des Gegenstandes vorteilhaft auszeiehnet. Meine Fragestellung lag Schulte freilich fern. Sonst nehmen einen Ehrenplatz auch noch der alte Roth und der alte Pastor Jäger ein, die jedermann kennt. Pagnini, der Allesverkünder, versagt an dieser Stelle. Hier schadet ihm einmal seine genial-generelle Behandlungsweise. Für England besitzen wir in F. Bournes English merchants eine Reihe guter, nach den Quellen gearbeiteter Untersuchungen über die Geschichte einzelner Kaufmannsfamilien, die sich vorteilhaft abheben .von dem Haufen wertloser Bücher über „berühmte Kaufleute“. 3. Die Litteratur über die Geschichte des Grundeigentums bezw. der Grundeigentümer in den Städten. Sie sollte uns den meisten Auf- schlufs bringen. Statt dessen versagt gerade sie fast völlig. Eine zusammenfassende Darstellung der Geschichte des Grundeigentums in den Städten des Mittelalters unter ökonomischem Gesichtspunkte geschrieben fehlt überhaupt ganz. Sie zu schreiben erscheint als eine der dringlichsten Aufgaben der Wirtschaftshistorie. Grundlegend und noch heute unerreicht ist das Buch von W. Arnold, Zur Geschichte des Eigentums in den deutschen Städten, 1861, eines der ganz wenigen rechtsgeschichtlichen Werke, das auch ökonomisches Verständnis verrät. Dagegen hat sich während der letzten Jahrzehnte das publizierte Urkundenmaterial, das einer solchen Geschichte zur Unterlage zu dienen hätte, bedeutend vermehrt. Fast alle Urkundenbücher der Städte enthalten eine grofse Anzahl von Privaturkunden über Kauf, Leihe etc. von Grundbesitz; hervorragend reich sind das Strafsburger U.B. im 3. Bande, sowie die Publikationen aus den Kölner Archiven: L. Ennen und G. Eckert, Quellen zur Geschichte der Stadt Köln. Bd. 1—6. 1860—1879, und namentlich R. Höniger, Kölner Schreinsurkunden. Bd. I 1884—88. Bd. II 1898. Specielle Publikationen aus den Erbe(Grund-)büchem besitzen wir für Hamburg in der Zeitschrift des Vereins für Hamburger Geschichte Bd. I. '1841; für Lübeck: P. Rehme, Das Lübecker Ober-Stadtbuch. 1895; für Würzburg: E. Rosenthal, Zur Geschichte des Eigentums in der Stadt Wirzburg. 1878, und einige andere Städte. Siehe die Übersicht bei L. M. B. Aubert, Beiträge zur Gesch. der deutschen Grundbücher, in der Zeitschrift für RG. 14, 1 ff. Von ausländischen Städten ist besonders viel Material über Paris in der Hist. g6n. de Paris veröffentlicht z. B. bei Lognon, Paris sous la domination anglaise. Eine interessante Urkundensammlung für Florenz findet man bei C. Frey, Die Loggia dei Lanzi zu Florenz. 1885. Die Bearbeitung dieses schon jetzt nicht unbeträchtlichen Materials ist bisher kaum noch unter ökonomischem Gesichtspunkte erfolgt, vielmehr entweder unter topographischem (C. Frey, a. a. 0. C. F. Gaedechens, Hist. Topographie der Stadt Hamburg. 1880. u. a.) oder (die Regel) unter formal-juristischem: Rehme, a. a. 0. Rosenthal, a. a. 0. Jos. Gob- bers, Die Erbleihe und ihr Verhältnis zum Rentenkauf im mittelalterlichen Köln des 12. bis 14. Jahrh. in der Zeitschr. für Rechtsgeschichte 4, 130—214. A. Schulte, Einleitung zum U.B. der Stadt Strafsburg. Bd. 3. 1884. K. Beyerle, a. a. 0. Der von B. bisher veröffentlichte Band behandelt das Salmannenrecht. Er enthält bereits zahlreiche, die Grundbesitzverhältnisse betreffende Urkunden und ist namentlich wegen der Beziehungen zwischen t 302 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Grundbesitz und Geschlechterherrschaft lehrreich. Ein besonderes Urkundenbuch werden die späteren Bände bringen. Was ich im folgenden mitteile, ist, wie der Leser sieht, von allerwärts zusammen getragenes Material, das auch nicht von ferne den Anspruch erhebt, vollständig zu sein. Es hat nur den Zweck, zu späteren Untersuchungen anzuregen. Ich habe das Material nach geographischen Gesichtspunkten geordnet. Dabei wird dem Leser vielleicht die verschiedene Behandlung auffallen, die Deutschland und die übrigen Länder erfahren. In Deutschland scheint es mir vor allem auf den Nachweis anzukommen, dafs ein grofser Teil der reichen ^ Handelshäuser am Ende des Mittelalters patricischer Herkunft war; nur nebenbei habe ich auf den Zusammenhang zwischen Landrentenaecumulation und Handelsblüte hingewiesen. Eiir die übrigen Länder, namentlich Italien, kam es aber gerade auf die Hervorkehrung der entscheidend wichtigen Bedeutung an, die das Inurbamento della nobilti für die Entwicklung des bürgerlichen Reichtums in den Städten hat. Dafs überall dort, wo eine starke Überführung von Landrenten in das Handels- und Geldgeschäft nachgewiesen werden konnte, daneben die überall gleiche vermögenbildende Kraft der städtischen Grundrente als wirksam anzunehmen ist, versteht sich, wo es nicht besonders hervorgehoben wurde (wie bei Florenz), ohne weiteres von selbst. Deutschland. Ich beginne mit dem Hinweis auf die Thatsache, dafs in fast allen deutschen Städten die Münze und der meist damit verbundene Ged Wechsel in den Anfängen der Entwicklung den Ministerialen, später den wohlhabenden Geschlechtern Vorbehalten bleiben. Diese einträglichen Posten, auf denen, ^ wie schon gezeigt wurde, am ehesten Vermögen erworben werden konnten, waren also nur solchen Leuten zugänglich, die bereits im Besitze waren: „c’est ä dire qu’il fallait di'ijä etre riche pour se procurer, en entrant dans l’association, les moyens de s’enrichir“ *. Belege für die Exklusivität der Münzer- bezw. Hausgenossenschaften beizubringen, erübrigt sich angesichts der erschöpfenden Materialsammlung, die bereits von Maurer zusammengestellt hat 2 . Des ferneren verdient es wohl Beachtung, dafs eine Reihe anderer einträglicher Beschäftigungen vielorts ebenfalls ein Vorrecht der von Hause aus reichen Leute blieben; ich denke an den Weinzapf und ähnliches 3 . Dann aber, was ja hier hauptsächlich an einigen markanten Fällen nachgewiesen werden sollte, war es der Handel in seinen verschiedenen Zweigen und Arten, der sich (wie schon oben behauptet wurde), soweit er über den Rahmen des handwerksmäfsigen Betriebes hinausging, fast ausschliefslich in den Händen wohlhabender Grundbesitzer befand. Persönlich gewandt: was wir an bedeutenden Kaufleuten im Spätmittelalter an treffen, sind beileibe nicht die Nachkommen der mercatores und institores des Frühmittelalters, sondern neu auf der Bildfläche erscheinende Geschlechter oder Sprossen von Landadligen, die sich stets in bewufstem Gegensätze zu dem berufsmäfsigen Händlertum gefühlt haben. Diesen Thatbestand stelle ich für einige wichtigere Städte im einzelnen fest. 1 Hit Bozug auf di© Brügger Hans© Funck-Brentano, Philipp© le Bel, 60. 9 von Maurer, Stildtoverfassung 1, 298 ff. 9 von Maurer, a. a. O. 1, 327 ff. Zwölftes Kapitel. Die Anfänge des bürgerlichen Reichtums. 303 Augsburg. Gleich Augsburg, die Zierde des deutschen Spätmittelalters, diejenige Stadt Deutschlands, deren Reichtum vielleicht am ehesten, wenn auch nur ganz von ferne, an den Glanz italienischer und flandrischer Städte heranreichte, kann geradezu als Schulbeispiel dienen, um die Richtigkeit der hier vertretenen Auffassung zu bestätigen. Jemand, der einmal eine esoterische Handelsgeschichte Augsburgs schreiben wollte, müfste sein Augenmerk auf folgende Punkte vornehmlich konzentrieren: 1. Augsburg hat frühzeitig starken Zuzug von Landadel gehabt; 2. das Augsburger Patriciat hat sich früh mit den Familien des Landadels verschwägert; 3. das Augsburger Patriciat ist frühzeitig in den Besitz grofser Landgüter gekommen; 4. das Augsburger Patriciat ist gröfstenteils in den Handel übergegangen; 5. auch der Landadel, der in Augsburg Bürgerrecht erworben hatte, hat öfters sich am Handel beteiligt. Aus allem würde sich ergeben, dafs sich in den Händen der reichen Augsburger ein beträchtlicher Vermögensfonds ansammeln mufste, der die bedeutende Ausdehnung des Augsburger Handels, seiner Geldgeschäfte und seiner Bergwerksunternehmungen ermöglichte. Einstweilen besitzen wir nichts derartiges; wir sind immer noch auf den alten Stetten 1 angewiesen, der seiner Aufgabe gemäfs von Handelsunternehmungen seiner Objekte nur im äufsersten Notfall berichtet. Darum allerdings stellt sich der von Stetten nachgewiesene Anteil der Geschlechter am Handel als ein Minimum dar, was für den hier versuchten Nachweis sein Gutes hat. Ich mache an der Hand der Stettenschen Überlieferungen folgende Zusammenstellung derjenigen Familien, die den Handel Augsburgs vom 14. Jahrhundert an tragen, und die sich entweder als Landadel oder grundbesitzende Geschlechter nachweisen lassen. Dabei nehme ich an, dafs diejenigen „adligen“ Familien, die 1368 sich unter die Zünfte (nämlich meist der Kaufleute) begaben, am Handel beteiligt waren: ich bezeichne sie mit *, während ich den Landadel mit f kenntlich mache. Aber auch unter den patricischen Familien, die nach 1368 sich vor der äufseren Berührung mit den Zünften zu bewahren wufsten, befanden sich solche, die Handlung trieben: bei ihnen wird ein besonderer Nachweis nötig sein. Aislingen * + Alpishofer * von Argon * (Eden); „dieser war ein besonders reicher Mann, der an Renten und liegenden Gütern jährlich 2600 fl. Einkünfte gehabt“ (58). Arzt * Bambrecht * Barthen * Baumgartner f; „sie sollen in Schwaben mächtige Edelleute gewesen sein und ein altes Kloster gestiftet und erbauet haben“. In die Geschlechtergesellschaft werden sie erst 1538 aufgenommen; schon im Anfang des 14. Jahrh. finden wir die B. mit Geschlechtern anderer Städte (wie den Teufel aus Nürn- 1 P. von Stetten. Geschichte der adeligen Geschlechter in der freyen Keiche-Stadt Augsburg etc. 1762. 304 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. berg)verschwägert. Stetten, 195 ff. Ihre Bedeutung als Handelshaus ist bekannt. Becken von Beckenstein *f Beuscher * + Breyschuh * Büttrich * Bachs * Bendrich * Brechsler * Eggenberger * f Endorffer * Eingelschalk von Murnau * f Elringcr * Erlinger * f von Füllenbach * Gossembrot; eine der ältesten Augsburger Patricierfamilien (Stetten, 80 f.). 1505 an der Weiserexpedition beteiligt. Chr. d. St. 25, 278. Greiduscher * Grimolt * Grundier * Herwart; der älteste bekannte Ahn Werner Herwart (1175) hat eine Sensheim zur Ehe. Stetten, 101 ff. Die H. gehören zu den grofsen Handelshäusern, die „in Italien arbeiten“. Schulte 1, 656; später Ziegelbrenner. Stetten, Kunst- und Handw.Gesch. 1, 87. Hörner *. von Hoy. 1325 Stadtpfleger. 1456 finden wir einen Ratsherrn von Hoy, „der sehr starke Handlung treibt“. Stetten, 112. Hotter * Hunold (Honold) * Bsung f. „Es stimmen alle Geschichtschreiber darin überein, dafs die I.sche Familie von dem ehemaligen Grafen I. von Möhringen in Bayern herstammt.“ Stetten, 107 ff. 1241 wird ein I. als Grundbesitzer in A. nachgewiesen. Ihren Handel bezeugt die Urk. vom Jahre 1405 bei Stetten, 2, 251. Iihhof f- Die Stammväter dieses in mehreren süddeutschen Städten verzweigten Adelsgeschlechts werden im 13. Jahrh. bei Laugingen nachgewiesen. Der berühmtere Zweig ist der Nürnberger. Dafs auch die A. Imhof Handel getrieben haben, dürfen wir wohl aunelimen. Karg. 1368 im Rat; halten sich teilweise zu den Geschlechtern, teilweise zu den Zünften. Stetten, 125. 1405 im Handel mit Italien. Urk. bei Schulte, 2, 251. Lauginger * Meuchinger * Meuting * Münzmeister * Nordlinger * Notnagel * Peutinger * Pfister * Plossen * Bechstab * Reicher * Reinbot * Rem *. Auch als Ziegelbrenner berühmt. Stetten, Kunst- und Handw.Gesch. 1, 87. Biederer * Rössler * von der Rosen f * Roth. Ein Konr. R., „Geschlechter und des Rats zu A.“ praktiziert 1573 eine „neue Kunst, Zucker zu sieden“; aufserdem handeiter. Marx Welser, Chron. 3, 137. Schmucker * Schönecker * Schongauer fl von altersher als Besitzer zahlreicher Dörfer nachgewiesen; 1254 ein Sch. Stadtpfleger; 1444 ein Kaufmann Caspar Sch. im Rat. Stetten, 114 ff. Sulzer * Transmair * Velmann * Vittel * Vöhlin. Erbare in Memmlingen, erst später in A. 1505 an der Welser- f ♦ » t Zwölftes Kapitel. Die Anfänge des bürgerlichen Reichtums. expedition mit 20 000 fl. beteiligt. Chr. d. St. 25, 278. Volkicein. Ein Berchtold unter den Geschlechtern, denen Bischof Hermann A. 1270 S. Ulrichs Kelch versetzt. Sie trieben im 14. Jahrli. „Kaufmannschatz“. Stetten, 125. VoUrammer * Welser. Bedürfen wohl keines Kommentars. Zur Kennzeichnung Stettens bemerke ich, dafs er in der Geschichte dieser Familie mit keinem Wort erwähnt, dafs sie Handlung getrieben. Wessisbnmner * Wieland * Winter * Wittolf * Wolfen von Wolfsthal f * Zeller von Kaltenberg wnd Epsach f * Zottmann * Dafür, dafs das Augsburger Patriciat frühzeitig Blut- (und vor allem Besitz-)zufulir vom Landadel erhalten hat, führe ich aufser der Autorität von Stettens („zu diesen alten Bürgern haben sich von Zeit zu Zeit, zumal aber während der Unruhen des Interregni, viele auf dem Lande wohnende Edle und Milites begeben und das Bürgerrecht . . . angenommen, weil sie . . . auch sich öfters mit ihnen verheiratet haben“. S. 7/8) noch an, dafs nachweislich die Volkwein mit den Pappenheims, die Portner mit den Tettingen und von Ehingen, die Welser (schon im 13. und 14. Jahrli.) mit denen von Wildeck, von Eggenberg, von Wartensee und anderen verschwägert waren. Stetten, 34. Dafür, dafs die Bürger von Augsburg zu einer Zeit, für die es absurd wäre, eine schon vorausgegangene, beträchtliche Accumulation aus Handelsprofit anzunehmen, ausgedehnten Landbesitz gehabt haben, bringt Stetten, 16, zahlreiche urkundliche Belege bei, die es „ganz gewifs“ machen, „dafs die Bürger nicht nur einzelne Güter, sondern auch Dörfer, ja wohl Herrschaften besessen haben“; ebenso ist es „leicht zu beweisen, dafs die Bürger von den Fürsten und Herren, besonders aber von den Bischöfen viele Lehen besessen haben“. Dazu vgl. die Urk. von 1276 bei Moser, Reichsstadt. Handb. 1, 92, und das Augsburger Stadtrecht vom Jahre 1276. Ed. Chr. Meyer (1872), 13. Ich denke, der Überblick, den ich hier gegeben habe, wird die eingangs aufgestellten Sätze in ihrer Richtigkeit erwiesen haben : mag man auch die patricische oder adlige Abstammung dieser oder jener Kaufmannsfamilie, die kaufmännische Bethätigung dieser oder jener Adelsfamilie als nicht hinreichend verbürgt ansehen, darüber kann wohl kein Zweifel herrschen, dafs das Gros der alten grundbesitzenden Familien Augsburgs ihr Vermögen dem Strom des Handels zufliefsen liefsen, wie auch nicht darüber, dafs alles, was wir an klangvollen Namen aus Augsburgs Handelsgeschichte kennen, patricisch- adligen Ursprungs ist. Wobei allerdings eines immerhin nicht ganz kleinen Hauses bisher keine Erwähnung geschah: der Fugger! Über der Fugger Herkunft ist noch heute ein undurchdringliches Dunkel gebreitet. Wir wissen nur soviel: 1. sie wandern Ende des 14. Jahrhunderts vom Lande her ein; 2. sie kommen in Augsburg bereits mit einem beträchtlichen Vermögen an. Das ist das Ergebnis der gewissenhaften Untersuchungen von Schulte, Neues über die Anfänge der Fugger, in der Beilage z. Allg. Zeitg. 1900. Nr. 118. Dafs der Ahnherr des Welthauses das Stammvermögen weder durch Barchentweberei noch durch Hausieren mit Züchen erworben hat, wird mir niemand Sombart, Der moderne Kapitalismus. I. 20 306 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. verwehren anzunehmen, bis er mich vom Gegenteil überzeugt hat. „Quellen- mäfsig!“ Einige andere Städte will ich nun noch kursorischer erledigen. Breslau. Beträchtlicher Zuzug von Landadel. Mehrere der im Ratsverzeich- nis auftretenden Familien sind Adelsgeschlechter; so die Colners, die de Po- merio, die Plcssels, die Mühlheims, die Cindals. C. Grünhagen, Breslau unter den Piasten (1861), 28. Wir finden unter den reichen handeltreibenden Familien die genannten wieder. Henricus pauper im Cod. dipl. sil. 3 (1860), 18, und C. Grünhagen, Die Herren von Reste. Ein Beitrag zur Geschichte des Breslauer Patriciats im 14. Jahrh., in der Zeitschr. für Gesell, u. Altert. Schles. 7 (1866), 35 ff. Die seit dem Anfänge des 14. Jahrh. vorhandenen Rechnungsbücher der Stadt zeigen deutlich, wie die angesehensten Patricier Handel treiben, so sehr, dafs oft „Seniores“ und „Mercatores“ gleichgesetzt wird. Urk. bei Tzschoppe und Stengel, 570. Nr. 167. Es ist aber „nicht daran zu denken, dafs alle Kaufleute eo ipso zu den Seniores gehört hätten, sondern dies waren eben nur die ältesten und angesehensten Kaufmannsfamilien“, die Ratsfähigen. Grünhagen, Piasten, 29. Also doch wohl die Abkömmlinge der alteingesessenen Grundbesitzer. Jedenfalls finden wir dieselben Familien im Besitze von bedeutendem Grundeigentum schon im 13. Jahrh. ib. Dafs jener Handel wohl meist nur Gelegenheitshandel war, geht daraus, wie mir scheint, hervor, dafs jene Familien einmal dem Rat Quantitäten von Tuch aufhalsen, die er dann so gut er kann zu verkaufen suchen mufs. Grünhagen, a. a. O. S. 30. Frankfurt a. M. Wir finden am Waren- und namentlich Geldhandel im 15. Jahrhundert beteiligt von patricischen Familien die den Brom, Stallburg, von Rückingen, Blume, Rorbach u. a. Doch war es nur Gelegenheitshandel, was sie betrieben. Ihr Hauptreichtum bestand in liegenden Gütern, Renten u. s. w., deren Verwaltung sie sich hauptsächlich widmeten. Bücher, Bevölkerung, 248. Unter den ersten Inhabern von Banken begegnen uns nur patricische Namen. Otto Speyer, Die ältesten Kredit- und Wechselbanken in Frankfurt a.M. (1883), 22 ff. Köln. Die Geschlechter (optimates, nobiles terrae, domini terrae) die mit den Ministerialen zum Patriciat verschmelzen, haben frühzeitig aufserstädtischen Hofbesitz. L. Ennen, Gesch. d. Sfladt Köln 1 (1863), 443. 450. Sie treiben tutti quanti Handel. Wohl ohne es zu ahnen, kennzeichnet Ennen (478) den Sachverhalt meisterhaft mit den Worten: „Sobald der Handel es erreicht hatte, die freiheitsstolzen Elemente des Schöffentums in seinen Kreis zu ziehen, schwang er sich rasch zu einer nie geahnten Bedeutung empor.“ Auch unter den „Herren der Gewandschneider unter den Gaddemen“ finden wir zahlreiche patricische und sogar ritterliche Namen. Quellen 1, 398 ff.; ebenso unter den Gläubigern des Erzbischofs. Chr. d. St. 14, XXV. Zwölftes Kapitel. Die Anfänge des bürgerlichen Reichtums. 307 Lübeck. Alle alteingesessenen Grundbesitzer treiben Handel; d. h. jener „geschlossene, eng verbundene Kreis reicher und angesehener Altbürger“, aus denen das späterePatrieiat erwächst. C.M. Pauli, Lüb. Zust. 1 (1847), 71. 75. Wir finden sie seit dem 14. Jahrli. im Besitze grofser Güter. Ebenda S. 73. Einen Zuzug des Adels vom Lande nimmt Pauli nicht an (S. 71). Das hat viel für sich. Es würde als eine der wesentlichen Ursachen anzusprechen sein für die rückständige Entwicklung Lübecks (und wohl der meisten norddeutschen Städte?), das ja niemals das Reichtumsniveau der süddeutschen Städte erreicht hat. Man vergleiche die oben mitgeteilten Budgets von Lübeck und Köln! Nürnberg. Hier finden wir wieder dieselben soliden Fundamente einer bedeutenden kommerziellen und industriellen Entwicklung wie in Augsburg. Die Geschlechter bilden sich aus einer Verschmelzung der Ministerialen und ortsangesessenen Grundbesitzerfamilien mit landsässigem, in die Stadt übergesiedeltem Adel. Letzterer scheint einen nicht unbeträchtlichen Bestandteil des Nürnberger Patriciats gebildet zu haben. Ihm gehörten wohl die Hirschvogel an, deren Stammvater sich 1320 zu Nürnberg niederläfst „mit einem grofsen Vermögen und ansehnlichen Gütern“. Roth, Gesch. des nürnb. Handels 1, 126. Die Thatsache, dafs alle alten Nürnberger Geschlechter Handel trieben, und dafs im wesentlichen aller Handel grofsen Stils sich während des 15. Jahrhunderts in ihren Händen befand, ist zu bekannt, als dafs sie besonderer Nachweise bedürfte. Es genügt, dafs ich an die klangvollen Namen erinnere der Behaim, Ebner, Paumgärtner, Grundherr;, Imhof, Haller, Holz- schuher, Schürstab, Seheuri, Pfinzing, Pirkheimer, Tücher, Stromer. Zu vergleichen aufser dem genannten Werke von Roth namentlich K. Hegel, Die Ehrbaren und das Patrieiat von Nürnberg, in der Chron. d. St. 1, 214 ff.; für die Handelsthätigkeit der Nürnberger Geschlechter Schulte, 2, 330 s. v. Nürnberg. Neuerdings L. C. Beck, Zur Gesch. der Nürnb. Handw. und Fabrik, in der Festschrift zur 40. Hauptversammlung d. Ver. deutscher Ingenieure zu N. 11.-15. VI. 1899. S. 350. Ulm. Ich schaue mich schliefslich noch einen Augenblick in der alten blühenden Reichsstadt Ulm um und finde, dafs sich hier in mehrfacher Hinsicht die Verhältnisse, um deren Klarstellung uns hier zu thun ist, so durchsichtig gestalten, dafs es sich wohl verlohnt, sie dem Leser mit einigen Worten vor die Sinne zu führen. Vielleicht schulden wir die Klarsichtigkeit der meisterhaften Geschichtsdarstellung, die wir gerade für Ulm besitzen. Der alte Pfarrer aus Bürg bei Heilbronn (Carl Jäger, Ulms Verfassung, bürgerliches und kommerzielles Leben. 1831) hat den Dingen so tief auf den Grund gesehen, wie wenige Wirtschaftshistoriker, und giebt uns insbesondere ein Bild von dem Handel Ulms, das an Deutlichkeit und Plastik gar nicht übertroffen werden kann. Was aber aus der Darstellung Jägers für den aufmerksamen Leser vor allem zum Greifen fafsbar hervortritt, ist der gründliche Unterschied zwischen dem alten meskinen, handwerksmäfsigen Berufshandel und dem ihn ablösenden, zunächst gelegentlich betriebenen Geschlechterhandel 20 * Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. 308 gröfseren Stils, also jener Gegensatz, auf dessen Herausarbeitung dieses ganze Kapitel angelegt ist. Es ist zunächst wieder festzustellen, dafs alle grofsen und bekannten Handelshäuser Ulms seit dem 14. Jahrhundert geschlechtlichen bezw. ministe- rialen Ursprungs sind (die meisten Ulmer Geschlechter waren auch Ministeriale oder standen sonst in einem Lehensverhältnis zu Königen und Klöstern: Jäger, 190), also als Fundamentum aceumulierte Grundrenten haben. Es genügt, wenn ich die folgenden Familien namhaft mache: Baidinger, Besserer, Ehinger, Günzburger, Gwärlich, Holzheim, Kraft, Marchthaler, Mörlin, Neit- hart, Rehm, Roth, Scheler, Stammler, Strölin, Vainaken. Was uns interessiert, ist nun dieses: ganz unabhängig von den genannten, uns aus der Handelsgeschichtc fast allein bekannten Familien bestand seit altersher in Ulm eine Zunft der Kaufleute, d. h. also jener trefflichen Leute, die wir seit dem frühen Mittelalter sieh auf Messen und Märkten abrackern sehen, jener handwerksmäfsigen marchands sans heritage, die man wohl auch als „Großhändler“ in den Geschichtsdarstellungen verzeichnet findet, weil sie allerdings von den Krämern unterschieden waren: in Ulm bestand neben der Zunft der Kaufleute eine solche der Krämer. Jene Handwerker-Kaufleute, die, wie sich Jäger treffend ausdrückt, „in der Mitte zwischen dem Handwerker und dem freien Grundeigentümer“ standen, nämlich wohl in der socialen Wertung, hatten ursprünglich mit den Marnern (Webern) zusammen eine Zunft gebildet: auch das ist charakteristisch für ihr Wesen. Es lag nun nahe, dafs die Geschlechter, nachdem sie einmal „sich in bürgerliche Gewerbe eingelassen“ (Jäger, 251) hatten, sich den Berufskaufleuten näherten. Das brachte gewifs allerhand Vorteile; hatten die Geschlechter zwar allein das nötige Kleingeld, um ernstlich Handel treiben zu können, so hatten jene die grüfsere Routine. So kam es gelegentlich vor, „dafs sie (die Geschlechter) sogar eine Handelsgesellschaft mit Zünftigen nicht vermieden“ (252). 1434 hatten beispielsweise die Geschlechter Hans Strölin, J. Mörlin und Utz von Holzheim mit zwei Zünftigen, den p. Kürbier und Leehner, sich zu gemeinsamem Handelsbetrieb associiert. Und auch der Zunft der Kaufleute schlossen sich immer mehr Geschlechter an — wohl in dem Mafse, wie ihr Handel ein berufsmäßiger wurde. Die Folge war, dafs sich das sociale Niveau der Zunft hob. „Bei der grofsen Anzahl von Geschlechtern, die sich in der Kaufleute Zunft befanden, glaubte diese Zunft zu Ende des 15. Jahrhunderts (man beachte die Zeitepoehe!), sich etwas mehr aneignen zu dürfen als die übrigen Zünfte, und errichtete eine eigene Kaufleutestube“ (252), nämlich neben der eigentlichen Museumsgesellschaft der Geschlechter. Das pafste nun aber denjenigen Patriciern, die noch etwas auf sich hielten, gar nicht. „Die übrigen Geschlechter, welche ihrem Rechte nachteilige Konsequenzen fürchteten, lehnten sich daher förmlich gegen die Errichtung dieser Kaufleutestube auf. Freitag vor Invocav. 1503 wurden Matthäus Lupin und Simprecht Leins in des Ge- schlechters Wilhelm Besserers Haus gerufen. Hier safsen Wilhelm Besserer, Wilhelm Neithard, Leins leiblicher Schwager Jakob und Walter Ehinger u. a. als Stubenmeister der Geschlechter und hielten jenen vor, „dafs sie in dem Hause eines gewissen Rottengatters eine Stube zu einer Zeche eingerichtet . . haben sollten“ u. s. w. Der Witz ist nun aber der, dafs die genannten drei Obergeschlechter sämtlich bei Schulte im Register verzeichnet; sind; will sagen, dafs sie (und wieviel mehr also die von ihnen vertreteneu Zwölftes Kapitol. Die Anfänge des bürgerlichen Reichtums. 309 anderen Mitglieder des Kasinos!) sehr wohl und gerade Handel trieben. Und doch diese scharfe Grenzbestimmung zwischen den Geschlechtern und der Zunft der Kaufleute, von denen man als Zünftigen weit abrückt. Ich denke, deutlicher kann die Welt nicht sichtbar gemacht werden, die den alten vom neuen Handel trennt. Zur Bestätigung dient dann noch folgende Erzählung, mit der unser trefflicher Pfarrer dieses interessante Kapitel schliefst (S. 254), und die auch hier als Abschlufs schicklich hingesetzt werden kann: „Nachdem durch Karl V. die Demokratie gestürzt worden war, glaubten . . die Geschlechter von Ulm, die Löwen, Besserer, Ehinger, Rothen, Kräfte, Nait- harde, Strölin, Lieber, Rehmen, Ungelder, Günzburger, Ständer, Schaden, Schermaier, Gefsler und Baidinger, es sei jetzt bei diesen für den Aristokratismus so goldenen Aussichten an der Zeit, sich vor den Augen der Welt von dem Verdacht reinigen zu müssen, als hätten sie sich mit dem Schmutz zünf- tischer Gemeinheit befleckt, und schrieben deshalb an den Kaiser, um einen Adelsbrief zu erlangen, dafs sie zwar zu Ulm gewohnt, aber sich jederzeit von anderen gemeinen Bürgern abgesondert haben und — was rein erlogen war (meint der geärgerte Pfarrer mit vollem Recht) — nie in einer Zunft gewesen, auch von anderen Kauf- und Handwerksleuten ihres adeligen Herkommens wegen geehrt worden seien, sich mit dem auf dem Lande befindlichen Adel verheiratet, auch Burgen, Märkte und Dörfer eigen und lehensweise besessen . . haben (folgt noch eine Begründung lokalen Interesses) . . Solchen triftigen Gründen konnte der Kaiser freilich nicht widerstehen und sicherte ihnen daher in einem eigenen Adelsbriefe ihre Rechte.“ So sahen die Väter des modernen Kapitalismus sus. Endlich aber erscheint auch für Ulm besonders deutlich die Art und Weise, wie einzelne mächtige Geschlechter ihre Stellung als Grundbesitzer zu nutzen verstanden, um zu grofsem Reichtum zu gelangen. Ich gebe zu diesem Punkte einem vorzüglichen Kenner Ulmer Wesens das Wort. „Wenn man alle die Besitzungen und Rechte zusammenfafst, welche nach Felix Fabri die älteste Geschlechterfamilie der Stadt, die Familie der Roten, nach den Nachrichten der Urk. und Chron. in Ulm im 13. und 14. Jahrli. besessen hat, so müssen wir sie geradezu als die wirtschaftlichen Beherrscher der Stadtgemeinde in jener Zeit betrachten. Nicht nur gehört ihr nach Fabri die einträgliche inspectio vestanicarum, das Gefall der Barchentschau, welche sich in ihrem Hause befindet, auch die Brücken-, Wege- und Thorzölle hat sie in erblichem Besitze, und viele andere, die später die Gemeinde an sich bringt.“ Dazu ist sie Besitzerin zahlreicher Verkaufsbänke; 1369 z. B. bezieht Konr. Rot Zinsen von sechs Fleischbänken. E. N ü b - ling, Ulms Handel und Gewerbe im Mittelalter 2: Ulms Fleischereiwesen (1892), 12. Vgl. auch dess. Verf., Ulms Lebensmittelgewerbe (1892), 7/8. England. Es wurde bereits angedeutet, dafs die eigenartige Entwicklung, die die englische Verfassung erfahren hat, dem gewerblichen Leben der Städte mehr als beispielsweise in Deutschland Teile des grundbesitzenden Landadels zugeführt hat. Seit dem 13. Jahrhundert datiert die strenge Majoratserbfolge, also die Ausschliefsung der jüngeren Söhne des hohen Adels von dem Anteil am Grundbesitz. W. Stubbs Const. Hist. 2 4 , 188. Dies im Zusammenhang olO Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. mit der englischen Sitte, dafs der Adel strenggenommen nur auf den ältesten Sohn vererbt, machte die jüngeren Söhne auch des hohen Adels, die etwa in Staatsämtern und liberalen Berufen keine Unterkunft finden konnten, qualifiziert zum Übergang ins bürgerliche Erwerbsleben. Dazu kam, dafs (ebenfalls seit dem 13. Jahrh.) die Knights verfassungsrechtlich scharf von den Barons getrennt wurden. Sie suchen einen Anschlufs an die städtische Aristokratie. „The younger sons of the country knight sought wife, occupation and estate in the towns.“ Stubbs, 197. Daraus ergiebt sich die wichtige Eigenart des englischen Lebens, dafs sich der niedere Adel stets mehr zum Bürgertum hingeneigt gefühlt hat. „The third estate in England differs from the same estate in the Continental Constitution by including the landowners below baronial rank.“ Stubbs, 197. Es ist ersichtlich, welche weittragenden Konsequenzen diese Entwicklung für die Entfaltung des bürgerlichen Reichtums haben mufste. In dem Mafse, wie in den Städten die reichen Geschlechter Handel zu treiben und den alten handwerksmäfsigen Handel zu verdrängen begannen, — das ist, wie mir scheint, der wichtige und entscheidende Thatbestand, der äufserlich in der Ablösung der Stapelkaufleute durch die merchants adventurer zum Ausdruck kommt — in dem Mafse, wie die liberi liomines qui non sunt alieuius artis manualis (Urk. bei Grofs, Gild. merch. 2, 360) an die Spitze des bürgerlichen Erwerbslebens treten, übt dieses für die gentry und Teile des hohen Adels eine immer stärker fühlbare attrac- tion aus. Und wir können beobachten, wie immer gröfsere Splitter sich von dem Landadel absondem, um in das Erdreich des städtischen Erwerbslebens verpflanzt zur Entstehung des bürgerlichen Reichtums beizutragen. Es ist unmöglich, diesen Prozefs auch für England bis in seine Einzelheiten zu verfolgen. Ich mufs mich begnügen, einige Beispiele als Belege für die Richtigkeit des Gesagten mitzuteilen. Auch hier bestätigt sich die Regel, dafs gerade die grofsen und mächtigsten Handelsherren Grofsgrund- besitzer, häufig adlige Grofsgrundbesitzer gewesen sind. Ein reiches Material enthält das Buch von H. R. Fox Bourne, English merchants. New edi- tion. 1886. Von den De la Poles von Hüll, einem mit dem Eroberer einwandern- den Adelsgeschlechte, erfahren wir, dafs sie im 13. Jahrhundert „received a large grant of Land in Montgomeryshire“; 1264 wird erwähnt ein William de la Pole of Middlesex „lately decorated with the beit of Knighthood“ (1. c. 33). Ihr Renommee als grofse Handelsherren ist bekannt. Von den Kaufleuten Londons ragen im 14. Jahrhundert unter anderen hervor: Sir John de Pulteney, „ancestor of the Pulteneys, Earls of Bath“; Simon Francis (f 1360); er ist Besitzer von „twelwe rieh manors in London and Middlesex“ (49); Sir Richard Whittington, der jüngste Sohn von Sir William Whittington, einem Abkommen einer alten Warwickshirer Familie und Besitzer von Hereford. „Being a younger son, he followed the common practice of younger sons in times wlien there were few other professions to choose from and became a merchant.“ Sein eigenes grofses Besitztum vermehrte er noch durch das beträchtliche Heiratsgut, das seine Frau einbrachte, die Tochter von Sir Hugh Fitzwarren of Torrington, Besitzer vieler Grundherrschaften in Devonshire, Gloucestershire u. a. Whittington wurde der gröfste Londoner Kaufmann des Mittelalters (52). Zwölftes Kapitel. Die Anfänge des bürgerlichen Reichtums. :!] 1 Eines der berühmtesten Kaufmannsgeschlechter von Bristol im 15. und 16. Jahrhundert sind die Thornes. Von ihnen erfahren wir: „Claiming descent from Huldrich the Torn, uncle of Rollo, Duke of Normandy and holding office as standard-bearers of the Norman house down to the time of William the Conqueror’s coming to England, the formod the several branches of Toenis, Tains, Thanies, Tliorneys and the like, shown by Domesday Book to have been planted among us before the close of the eleventh Century and were influential people all through the Middle Ages“ (104). Im 16. Jahrhundert ragen in London die Greshams als Kaufleute hervor. Ihre Vergangenheit: „The Greshams are first found in Norfolk. John Gresham, gentleman, of Gresham — great-grandfather of the famous Thomas Gresham — lived in the latter part of the XIV. Century and inherited a respectable patrimony from ancestors who seem to have given their name to the district“ (111). Die Hawkinses von Plymouth sind ebenfalls von adliger Herkunft (136). Sir Lionell Duckett, the son of a Nottingham gentleman, Londoner Grofskaufmann im 16. Jahrhundert. Aber auch die Osborne, die Mewett, die Myddelton und viele andere gerade der gröfsten und reichsten englischen Handelshäuser leiten ihren Ursprung auf (meist adlige) Grundbesitzer zurück, wenn sie nicht durch Heirat ihren Reichtum erwerben oder vermehren. Ich erinnere endlich an eine sehr bekannte Kaufmannsfamilie, die ebenfalls aus dem grundbesitzenden Adel hervorgegangen ist: die Blake. Vgl. R. Pauli, Aufsätze zur englischen Geschichte (1869), 273/74. Belgien. Flandern und Brabant haben auf dem flachen Lande eine ähnliche Entwicklung erlebt, wie die Gebiete der norditalienischen Republiken; daher wie schon hervorgehoben wurde, die gleiche Reichtumsentfaltung hier wie. dort. Die Eigenart der Entwicklungen der beiden Kulturgebiete aber beruht in der frühen Unterjochung der Landschaft durch die Kommune. Brügge, Gent, Ypern, Lille, Douai u. a. werden geradezu die Süzeräne einer grofsen Anzahl kleiner Städte und ganzer Territorien, „ßruges ötait suzeraine de toute la banlieue, le Franc, et la ville de Gand 6tait chef de sens du territoire des Quatre-Mdtiera. . . . aussi la Suprematie des grandes villes sur le pays de Flandre alla-t-elle s’accentuant dans le courant du XIV. siöele. A l’epoque des Artevelde les grandes villes dominant reellement le pays.“ Funck-Brentano, Philippe le Bel., 45/46. Diese Vorherrschaft der grofsen Städte giebt daun selbstverständlich der socialen Struktur der Gesellschaft ihr Gepräge. Hervorstechendes Merkmal derblühenden flandrisch-brabantischen Handelscentren ist die frühe Verschmelzung des feudalen Landadels mit dem städtischen Patri- ciat. Nur wenn man dies ins Auge fafst, kann man beispielsweise eine in ihrem Kern aristokratische Bildung, wie die Hanse der flandrischen Städte, verstehen, die einen „quens“ (Grafen) als Vorsteher und einen „Skildrake“ (Knappen) als Stellvertreter hat. Siehe das Statut bei Warnkönig, Flandrische Staats- und Rechtsgeschichte 1 (1835), Urk.Buch S. 81 ff. Ein anderes Charakteristiken der belgischen Städte ist der seit ihren Anfängen ausgedehnte Landbesitz der Bürger, und endlich kommt hinzu die besonders starke Grund- Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Bl 2 rentenbildung und Grundrentenaecumulation im Gebiete der Städte selbst von der schon die Rede war. Alles in allem: eine ungeheuer starke Fundierung des aufstrebenden Handels, wie sie ebenso mächtig nur noch in Nord- und Mittelitalien sich nachweisen läfst. „Des Handels“ im grofsen Stil, denn es braucht wohl nicht ausdrücklich bemerkt zu werden, dafs die frühe Präponderanz städtischen Wesens alle in den Städten vereinigten divites frühzeitig auch ihre Vermögen zu Handels- und Geldgeschäften verwenden läfst. Uber die Klassenbildung in den flandrischen Städten des Mittelalters giebt noch jetzt den besten Aufschlufs das bisher unübertroffene Werk Warn- königs, auf dem alle modernen Forscher, auch Belgiens selbst, im wesentlichen fufsen. An Specialarbeiten auf dem Gebiete städtisch - ökonomischer Entwicklung in Flandern und Brabant mangelt es. Wenigstens läfst Pi- rennes Bibliographie zur belgischen Geschichte (zweite Auflage im Erscheinen) hier deutliche Lücken erkennen. Es wird deshalb statthaft sein, auf Warnkönig als Eideshelfer zurückzugreifen. W. unterscheidet folgende Klassen städtischer Einwohner (1, 348): 1. „Einzelne Grofseigentümer, deren Höfe oder Herrschaften im Stadtgebiet lagen. Diese hiefsen Seigneries enclavdes. Sie lebten da in befestigten Burgen . . . Die Grofseigentümer waren viri hereditati, Ervachtige Mannen. Sie bilden den hohen Adel der Stadt. 2. Ihnen gleich stehen, die im Stadtgebiet grofse Lehen besitzen; so in Gent die Varn Ewik. die Wenemar, in Varn Ewik und Wenemars Casteel . . . 3. Die ursprünglich freien Leute, sei es dafs sie freie Häuser bewohnten, sei es dafs sie auf zinsbarem Gute safsen. Die ersteren sind gleichfalls viri hereditati.“ (4. Geistliche. 5. u. 6. Plebs.) Die in den Städten wohnenden Adeligen hörten darum nicht auf, „ihre Schlösser und Dörfer aufserhalb der Stadt zu besitzen“ (318). Aus allen den genannten drei Klassen rekrutierte sich gegen 1300 die Kaufmannschaft. „Daher erklärt es sich, warum zwischen Feudaladel und der Kaufmannschaft in Flandern damals so wie später die in anderen Ländern vorkommende Scheidewand nicht bestand“ (351). Jene divites bilden dann jene exklusiven „Kaufmanns“gilden, von denen schon die Rede war; „les icoomans 1 se Substituent aux anciens bourgeois heritables; au fond ce sont les meines personnes qui au monopole de la propridte ont joint celui du commerce“. Vanderkindere, 63. „Les nobles 4 fiefs ne dödaignent pas, en Flandre . . . de se livrer au ndgoce; la plupart d’entre eux s’dtablirent dans les villes . . . ils en deeuirent les premiers citoyens. C’est ainsi que Gand et Bruges font penser 4 Florence et Venise, non seulement par l’eclat des arts, mais parceque ces villes ont connu des conditions sociales identiques.“ Reiche bourgeois kaufen sich dann im Lande an. Sie verschmelzen mit dem Feudaladel „c’est ainsi que se forma dans les villes flamandes, comme se forma dans les villes italiennes, le patriciat, c. 4 dire la noblesse marchande“. FrantzFunck- Brentano, Introduct. zu den Annales Gandenses. Nouv. ed. Paris 1896. p. XXXVII f. Eines der reichsten Handelshäuser Belgiens im XIII. Jahrhundert waren die Berthout, Herren von Malines. Von ihnen berichtet der Erzbischof von Köln, dafs sie ein Vermögen von 5—6 Millionen d’or et d’argent besessen Zwölftes Kapitel. Die Anfänge des bürgerlichen Reichtums. haben, das sie im wesentlichen im Handel mit der Levante anlegten. Van den Bogaerde de Ter-Brügge, Essai sur l’importance du commerce etc. dans les Pays-bas. 1 (1845), 37. Italien. Ich habe wiederholt die Blüte der italienischen Handelsrepubliken mit dem Umstande in Verbindung gebracht, dafs den italienischen Städten radikaler als den Städten eines anderen Landes (Belgien vielleicht ausgenommen) die Aufsaugung des Landadels, das inurbamento della nobiltä, gelang, des grundbesitzenden Adels, der mit dem Eintritt in die Stadt sich meist Handelsund Geldgeschäften hingab. Der folgende Überblick wird daher auch dieses starke Überwiegen ehemals landsässiger Familien in Handel und Verkehr der italienischen Städte besonders hervortreten lassen. Es mag nur noch einmal daran erinnert werden, dafs auch dort, wo nicht ausdrücklich darauf hingewiesen ist, selbstverständlich auch die städtische Grundrente (vertreten durch das Patriciat, die Nachkommen der viri liereditati) als Basis des kommerziellen und industriellen Lebens mindestens dieselbe Rolle spielt, wie beispielsweise in Deutschland, wo ich auf sie mein besonderes Augenmerk gerichtet hatte. Nachweis von ländlicher Grundrente als ursprünglichen Vermögensfonds bedeutet also immer nur Nachweis eines Mehr von Substanz, die dem „Handel“ zugeführt werden kann. Siena. Die Bankiers und gröfsoren Kauf leute gehörten zumeist dem Adel an. Schulte 1, 278. Siena war früh in den Besitz einer bedeutenden Landschaft gekommen, aus der die in der Stadt lebenden Eigner grofse Erträge zogen. Poggi, Cenni storici sull’ agricoltura 2 (1845), 202 f. Pistoja. Zu den bedeutendsten Campsores Camerae apost. gehörten Familien wie die Ammanati, Abbati, Bacarelli, Clarenti, Baldi, Ildebrandini. Gottlob, Kreuzzugssteuern, 247. Piacenza. Hervorragende Bankiers sind Opizio de Farignano, Rolandus de Ri- palta von der Societas Bernardi Scoti. Gottlob, a. a. O. tienna. Aller Handel gröfseren Stils nimmt seinen Anfang auch hier von den adligen Grundbesitzern. Zur „Compagna“, der Zelle der Kommune, „gehörte vor allem der grundbesitzende Adel, die viskontilen Geschlechter standen sogar an ihrer Spitze“. Sieveking, Genueser Finanzwesen 1 (1898), 5. Die Compagna war nun aber ohne Zweifel eine wesentlich an Handel und Schiffahrt interessierte Genossenschaft, die vor allem den Zweck hatte, ihren Mitgliedern Handelsvorteile zu gewähren. Manche halten sie daher geradezu für eine kaufmännische Gilde oder eine „Kapitalgenossenschaft“. So Goldschmidt, Univ. Gesell., 140. Ähnlich Heyck, Genua und seine Marine. 1886. In der That hatten nur die Mitglieder der Compagna die Berechtigung zum überseeischen Grofshandel, nämlich zu der diesen 314 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. wesentlich bedingenden Commenda. Alle gröfseren Seeschiffe finden wir im Besitz der Nobili; der populus hat nur einige kleinere. G. Caro, Genua und die Mächte 1 (1895), 10. Als Genua im 12. Jahrhundert seine Herrschaft über ganz Ligurien ausbreitet, werden die Markgrafen und Grafen gezwungen, der Genueser Compagna beizutreten. Auf diese Weise werden die Markgrafen Alderam, Graf von Ventimiglia, Markgraf von Loreto, Graf von Lavagna, Markgraf von Gavi urbanisiert. 1135 Alderam: ero habitator Janue per me vel filium meum et tenebor adimplere sacramentum compagne; 1138 Grafen von Lavagna: ero habitator Januae et sacramentum . . compagne . . adimplebo; bei Pertile, 2 2 , 24. „Sie mufsten der Compagna beitreten, erwarben Grundbesitz in der Stadt und bildeten fortan einen Teil des Genueser Stadtadels.“ Sieve- king, 23. 1102 sind von vier Konsuln drei viskontilen Geschlechts. Vgl. dazu Heyck, 142 ff. Die prominenten Handelshäuser des frühen Genuas sind die Grimaldi, Fieschi, Spinula, Doria etc., alles Familien, deren Macht „aufser auf ihrem Handel“ beruht „auf ihrem Grundbesitz in Ligurien, den sie von altersher besafsen oder als Beamte der Kommune als Lehen erwarben“. Sieveking, 61. Galt es nun gröfsere Geldsummen aufzubringen, so kommen noch im 13. Jahrhundert fast nur die alten Adelsgeschlechter in Frage. Unter den Geldgebern, die 1253 als Gläubiger des Königs Ludwig d. H. erscheinen, sind die gröfseren durchgängig Angehörige der vornehmsten Geschlechter. Während nämlich die kleinen berufsmäfsigen Winkelwucherer mit geringen Summen von einigen Hundert Tournaier Pfund (ä 26 Mk. Metallwert) an dem Darlehn beteiligt sind, leihen dem König (von insgesamt 102780% Pfd.) die Lercari . . 20100 Pfd. Grilli ... 5800 - de Camilla . 5 370 de Marino . 5 200 de Nigro . . 4 900 Spinola . . 4 755 de Fossatelli 4 050 Grimaldi . . 3300 u. s. w. Schaube, Die Wechselbriefe König Ludwigs des Heiligen, in den Jahrbüchern für N.Ö. 15, 606 ff. Vgl. auch 740. Und programmgemäfs erfahren wir von den Nobili Genuas: „Ihr Eigentum war ein guter Teil des Bodens in der Stadt.“ G. Caro, Genua und die Mächte 1, 10. Venedig. Dafs Venedigs Handel von seinen Adelsfamilien, den alten eingesessenen Geschlechtern getragen wurde, weifs jedermann. Was in früher Zeit als Geldbesitzer erscheint, gehört ebenfalls den alten bekannten Geschlechtern an. So waren die Mitglieder der Konsortien, die im 12. Jahrhundert die Staatseinkünfte pachteten, fast immer Angehörige vorwaltender Geschlechter. An der Anleihe von 1164 sind beteiligt: Seb. Ziani, Orio Malipiero, Ananias Quirino, Gaton Dandolo, Tribanus Barozi, Leo Faletrus, Job. Vaizo. W. Lenel, Entstehung der Vorherrschaft Venedigs an der Adria (1897), 42. Wer sind diese Familien? Darüber geben die Quellen, wie sich denken läfst, nur dürftige Aufklärung. Safsen auf den Inseln zur Zeit Kassiodors, * i s 4 > Zwölftes Kapitel. Die Anfänge des bürgerlichen Reichtums. 3 ] 5 der in einem bekannten Briefe eine Schilderung des Lehens auf den Lagunen entwirft, unabhängige Pfännerschaften? Denn dafs eine der frühesten Erwerbsquellen der Venetianer die Salzgewinnung war, wissen wir. Oder handelte es sich damals schon um grundherrlichen Salinenbetrieb? Es wird sich nicht entscheiden lassen. Nur soviel steht aufser Zweifel, dafs in der Zeit, aus der wir die frühesten Urkunden besitzen, schon eine Differenzierung zwischen der werktliätigen bäuerlichen und gewerblichen Bevölkerung und den Besitzern des Grund und Bodens eingetreten war. Das Terrain für die Salzgewinnung „si cedeva dal propietario . . ad un conduttore o a piü consorti: per alcuni anni o per livello di anni 29 col solito canone (pensio) al termine per rinnovarlo; o in feudo“. B. Cecchetti, La vita dei Vene- ziani fino al secolo XIII. im Arch. veneto 2 (1871), 75. Die Salinen werden von Gewerben (consorti) betrieben. Wir Besitzen solche Pachtverträge aus den Jahren 1034, 1140, 1170. Ebenso wissen wir, dafs auch die Weinberge um diese Zeit von ihren Eigentümern Teilpächtern zur Bebauung übergeben wurden. Cecchetti, 76. Also vom 11. Jahrhundert ab datieren die quellenmäfsigen Nachweise einer grundbesitzenden Klasse in Venedig. Woraus war diese gebildet? Auch darüber schweigen sich die Quellen natürlich aus. Wir dürfen aber doch wohl, denke ich, mit einiger Sicherheit schliefsen, dafs jene grundbesitzende Aristokratie von den vornehmen einwandernden Familien gebildet wurde: „esisteva un elemento aristocratico . . fino dal primo reggimento dei tribuni, perchÄ esisteva fra mezzo alle plebi fuggiasche“. Cecchetti, 80. Mögen wir annehmen, )es sei eine ackerbautreibende und Salz produzierende Bevölkerung vorhanden gewesen, oder aber die Einwanderer haben sie selbst erst gebildet: immer liegt es nahe, vom Beginn der Einwanderung an sich die Bevölkerung in die beiden Klassen der wohlhabenden Grundbesitzer (die im ersteren Falle die vorhandenen Dorfgemeinden ausgekauft haben würden) und eine besitzlose Handwerkerschaft zerfallend vorzustellen. Denn was der venetianischen Geschichte ihr eigentümliches Gepräge verleiht, ist doch wohl dieses: dafs in der Entwicklung des städtischen Gemeinwesens von vornherein ein Stamm reicher — an Geld und namentlich auch Landbesitz reicher — Familien, das sind die einwandernden Optimaten, als entscheidender Faktor wirksam ist. Wenn überhaupt für einen Platz, so gilt für Venedig der Satz: dafs es nicht reich wurde, weil es Handel trieb, sondern Handel und anderen Erwerb in gewinnbringender Weise treiben konnte, weil es reich war. Dafür mögen noch einige Belege beigebracht werden. Dafs unter jenen Flüchtlingen, die aus den verfallenden Römerstädten Aquileja, Altinum, Jesolo, Torcello, Padua auf die Lagunen übersiedelten, zahlreiche optimatische Familien sich befanden, darf als sicher gelten. „Als Rialtos Stamm im Aufsteigen war, wanderten die alten Familien — sc. Aqui- lejas — nach und nach dorthin aus und gossen das edle Römerblut in die Adern des jungen Stadtgebiets“; „ihre angesehensten Geschlechter verliefsen sie (sc. Eraclea), um (in) .. . Venetia ihr Glück zu versuchen“; bei Jesolo „wiederholt sich das gewohnte Schauspiel: die edlen Familien wanderten nach Rialto aus“; nach Torcello, die noch im 10. Jahrhundert blühende Vorläuferin von Venedig, wanderten die grofsen Geschlechter Altinums aus; „aber auch Torcello entging nicht dem allgemeinen Schicksal der Lagunenstädte: ;}](> Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. auch seine wohlhabenden Patrizierfamilien wanderten aus“ (sc. nach Venedig). So urteilt einer der besten Kenner der älteren Geschichte Venedigs. J. von Schlosser, Die Entstehung Venedigs, in der Beilage zur Allgemeinen Zeitung 1897. Nr. 7. S. 4. Was die Quellen an langt, aus denen auch wohl von Schlosser im wesentlichen schöpft, so sind es die bekannten alten Chroniken, unter denen das sog. Chr. Altinate eine hervorragende Rolle einnimmt. Es ist zu bemerken, dafs diese Chroniken als Quellen der socialen Geschichte keineswegs verdächtig, sondern sehr wohl brauchbar sind. Das wenigstens ist das Ergebnis, zu dem der überaus vorsichtige H. Sim onsfeld in den Venetianischcn Studien 1 (1878), 101 f. und passim gelangt. Vornehme Geschlechter waren es also, die nach dem Rialto zogen, und dafs sie nicht mit leeren Händen kamen, dürfen wir ebenfalls wohl als gewifs annehmen. Entweder sie hatten ihren früheren Besitz schon versilbert, als sie die Wanderung antraten, oder aber, und das ist in den unruhigen Zeiten, in denen meist die Umwanderung stattfand, das wahrscheinlichere, sie waren noch Eigentümer von Grund und Boden auf der terra ferma, als sie sich auf der Lagune niederliefsen. Es ist in der That „molto probabile, che parecchie famiglie illustri conservasse.ro colä qualche parte dell’ antica fortuna. Non e credibile infatti che i nostri volontariamente avessero abbandonato tutto il retaggio dei padri, mentre e certo che un numero rilevante di Veneto- Romani, anticlii possessori del suolo, vi si mantenDero come fanno fede le carte antiche nel Codice diplomatico di Padova“. P. G. Molmenti, La Storia di Venezia nella Vita privata. 1880. pag. 20. Bedenken wir nun, dafs zu den ursprünglichen Besiedlern römischer Abstammung noch illustre Geschlechter griechischer Herkunft wie die Partecipazi oder langobardischen Blutes wie die Candiani kamen, alles noch vor dem 9. Jahrhundert, dafs im 10. Jahrhundert schon Dalmatien und Istrien unterworfen wurden, so müssen wir als sicher annehmen, dafs in der That im alten Venedig ein grofser Teil dessen, was vornehm und angesehen war, dies seinem Grundbesitz auf der terra ferma verdankte, der selbst wieder die Basis für das Herrentum in der Stadt abgab und damit neuen Anlafs zur Bereicherung (mit städtischer Grundrente) bot. Dafür sprechen auch eine Reihe weiterer Belege, die unmittelbares Zeugnis ablegen. Im Jahre 785 schreibt Papst Hadrian I. an Karl M.: „Dem von Euch an uns gelangten Befehle, dafs unverzüglich die im Exarchat und der Pentapolis ansässigen Veneter Kauf leute aus dem Lande entfernt werden sollten, haben wir entsprochen und dem Erzbischof von Ravenna die Weisung erteilt, die Veneter aus allen Besitzungen und Burgen, die sie im Bereiche unseres Gebiets inne hatten, zu vertreiben.“ Cenni, Mon. dom. pont. 1, 459 ff., cit. bei Gfrörer, Byzantinische Geschichten 1, 88/89. In der am 23. Februar 840 von Lothar zu Gunsten Venedigs ausgestellten Urkunde keifst, es, dafs der Doge, der Patriarch von Grado, die Bischöfe, auch das Volk Venetiens ungestört alles auf dem Boden des italienischen Festlandes (oder des fränkischen Reiches) erworbene Eigentum in gleichem Umfange besitzen sollen, wie es ihnen z. Z. Karls M. durch den mit den Griechen geschlossenen Staatsvertrag (von 810) zugesichert worden sei. Gfrörer 1, 182. Der Schutzbrief Karls des Dicken vom Jahre 883 (13. Mai) an den Dogen Johann II. von Partecipazzo besagt, es sei kund- gethan, dafs Johann, Doge von Venedig, uns durch Gesandte die Bitte vor- Zwölftes Kapitel. Die Anfänge (los bürgerlichen Reichtums. ;(17 getragen hat, wir möchten ihm für die Güter, die er sowohl drüben in Ve- netien als auch diesseits im Gebiete unseres Reiches erworben hat, einen Schutzbrief ausstellen. Böhmer, Reg. Carol. Nr. 957. Eine beträchtliche Ausdehnung erfuhr der Landbesitz der vornehmen Venetianer durch entsprechende Verheiratungen. Im 10. Jahrhundert heiratet der Doge Candiano IV. Waldrada, die Schwester des Markgrafen Hugo, eine Langobardin, „a qua servorum et ancillaruin copia ingenti praediisque maxi- mis dotalitii juris acceptis ..“ Dandolobei Muratori SS. 12, 209. — Leo, Gesell, der italienischen Staaten 1, 381 weifs von einer Heirat Peter Candians III. im Jahre 942 zu berichten, die ihm grofse Besitzungen im Königreich Italien einbrachte, sodafs er der reichste Mann in Venedig wurde, reich durch Landbesitz. Es ist nicht festzustellen, ob diese beiden Heiraten eine und dieselbe Person betreffen. Aus der Zeit des 13. Jahrhunderts vernehmen wir, dafs Lorenzo Tiepolo Güter in Morea zu Lehen trug, seine Söhne aber an reiche Erbinnen in Dalmatien und auf dem italienischen Festlande verheiratete. Sanudo, Vite dei Duchi di Venezia (Rer. it. script. 22, 567). Es ist deutlich wahrzunehmen, wie Venedigs Reichtum in dem Mafse vor allem anwächst, als seine Familien ihren Landbesitz in die neuerworbenen bezw. unterworfenen Länder der südlich gelegenen Küstenstriche ausdehnen. Zunächst handelte es sich um die Einverleibung von Istrien, über das das Seeland die kirchliche und politische Hoheit sich in dem Mafse sicherte, als vornehme Venetianer Lehen oder Eigentum auf der Halbinsel erlangten. Vgl. z. B. die Urkunde vom 30. Mai 998, mittels deren Otto III. in Istrien gelegene Ländereien an Dominieus Candiano schenkte, hei Muratori, Antiqu. Ital. 1, 577. Ferner das Pactum Justinopolitanum (a. d. 932 dei 14 m. Jan.) in den Fontes rer. austr. 12. 8. und dazu Dandolo bei Muratori 12, 203 f., „da Winther, Markgraf von Istrien . . . die Hintersassen, welche die vene- tianisclien Gutsherren gehörigen istrischen Ländereien bebauten, zu hartem Frondienst anhielt“, Gfrörer 236. Genannter Winther erklärt a. 933 (Font, cit. 11) „debita, quae Hystrienses ad Veneticos solvere debebant, detineba- mus“ und gelobt dann, dafs er die proprietates . . . „quas ille et Venetiei ubicumque habere et possidere visi sunt in finibus Ystrie . . .“ respektieren werde. Font. cit. 13. In das 10. Jahrhundert fällt dann auch die Eroberung Dalmatiens durch Peter II. Orseoll, den ersten Bräutigam der Adria, und damit beginnt eine neue Periode in der Aufhäufung von Reichtum für Venedig. Denn wie wir wissen, sind bezw. werden viele vornehme venetianische Familien Grundbesitzer in dem neu eroberten Küstenlande. Im Jahre 1165 beispielsweise erscheint ein Domonicus Morosini, Graf von Zara und verlangt mit der Hälfte der Grafschaft Ossero und Zubehör investiert zu werden, auf Grund der Belehnungsurkunde, die sein Vater, der verstorbene Doge, ihm und seinen Erben ausgestellt habe. Lenel, Vorherrschaft Venedigs 126127, wo die betr. Urkunde in extenso abgedruckt ist. Zu erwähnen wäre endlich noch, dafs eine grofse Menge von Landrenten in Venedig monetarisiert wurden, die den daselbst residierenden Kirchenfürsten zuflossen. Wir erfahren z. B. von den grofsen Besitzungen Popos, des Patriarchen von Aquileja, der im 11. Jahrhundert nach Venedig übersiedelt. Bei Liruti, Notizie delle cose dei Friuli 3, 273 f., 276 f., 308 f. und öfters werden eine Menge einzelner Burgen, Ortschaften, Gegenden, Meierhöfe und 318 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Distrikte erwähnt, die nach und nach an die Kirche von Aquileja geschenkt worden waren. Cit. von Leo, Gesch. d. ital. Staat. 1, 497. — Mit Absicht habe ich alle Angaben über den Landbesitz der Venetianer aus der frühesten Zeit gewählt, um von vornherein dem Einwurf zu begegnen: es seien die Besitzungen etwa schon ein Ergebnis des im Handel accumulierten Reichtums. Wer das für das 13. und 14. Jahrhundert behaupten wollte, würde wenigstens nichts schlechthin Unglaubwürdiges behaupten. *Für die frühere Zeit ist der Gedanke absurd. Vergessen wir doch nicht, dafs noch im 12. Jahrhundert Venedig eine Stadt aus Holzhäusern war, die mit Stroh und Schindeln gedeckt waren und zwischen denen die torri der Nobili (das sind eben die Grofsgrundbesitzer) wie Inseln hervorragten. Vgl. Molmen ti 127. Dafs aber in der Folgezeit die städtische Grun drente gerade auch in Venedig die Quelle beträchtlicher Vermögensbildung werden mufste, wurde schon hervorgehoben. Nach der allerdings wenig zuverlässigen Schätzung Mocenigos hatten die Häuser Venedigs (1423) einen Wert von 7 Mill. Duk. und brachten 500 000 Duk. Ertrag. Muratori, SS. 22, 959. Die Besitzer treffen wir als Handelsleute wieder. So hatten die Gebr. Soranzo von einem Gesamtvermögen von 9900 Duk. 3000 Duk. in Hausbesitz investiert, der ihnen 230 Duk. jährlichen Ertrag abwarf. Auch spekuliert wurde mächtig in Grundbesitz. Vgl. II. Sieveking, Aus venetianischenHandlungsbüchern, in Schmollers Jahrbuch XXV. Florenz. Wenn irgend eine der blühenden Städte des Mittelalters seinen Glanz nicht zuletzt dem Inurbamento des grundbesitzenden Adels verdankt, so ist es Florenz. Radikaler als die meisten anderen Städte, selbst Oberitaliens, führte es den Eingemeindungszwang gegenüber den Krautjunkern durch, denen es sogar, wie bekannt, die Verpflichtung auf legte, sich bei einer der Zünfte einschreiben zu lassen, um volles Bürgerrecht zu geniefsen. So schuf eine bewufst bürgerliche Politik die soliden Grundlagen, auf denen sich dann Handel und Industrie entwickeln konnten. Gerade für Florenz ist es mit Händen zu greifen, wie es zum grofsen Teil die monetarisierten Landrenten sind, aus denen die bürgerlichen Hantierungen ihre Nahrung ziehen; ist der Umwandlungsprozefs dieser Geldvermögen in Kapital ganz besonders deutlich zu verfolgen und mit ihm die Metamorphose der alten Nobili in einen Bestandteil der bürgerlichen Aristokratie. Welche Rolle der grundbesitzende Adel für das Wirtschaftsleben der Arnostadt spielte, vermögen wir aus dem Anteil zu entnehmen, den im 13. und 14. Jahrhundert von den gröfseren Waren- und Geldhandelshäusern — bekanntlich lag die Bedeutung des mittelalterlichen Florenz in seinem Geldgeschäfte — die Adligen bilden. Es wird, um den Beweis dieser Behauptung zu führen, am zweck- mäfsigsten sein, wenn ich im folgenden die mir bekannt gewordenen Familien des alten Florenz, von denen sich quellenmälsig feststellen läfst, dafs sie Inhaber bedeutender Handelshäuser und Adlige waren, einfach wieder der Reihe nach aufzähle; es sind dies die Familien der Abbati: ghibellinischer Adel; P. Santini, Societä delle torri in Firenze, im Arch. stör. ser. IV. t. XX. p. 47. 200. S.s Arbeit ist durchgängig auf ur- Zwölftes Kapitel. Die Anfänge des bürgerlichen Reichtums. 319 kundlichem Material aufgebaut und deshalb einwandsftei. Grofse Bankiers: Schneider, Florentiner Bankiers, 9. Ein Abbate schon 1203 Konsul der Kaufleute; Santini, 201. Delizie degli Eruditi Toseani 7, 142. Acciaiuoli: adliger Herkunft?; Villani, Cronicke VI. 79, Deila dec. 2, 276; 1306 ein dom. Dard. de Azaglolis erwähnt. Davidsohn, Forschungen zur Gesch. von Florenz 3 (1901), 319; fallieren als grofse Bankiers. Vill. IX. 138. XII. 155. Vgl. jetzt dazu Davidsohn, Forschungen Bd. III. Adimari: fränkischer Abstammung, erwerben bei der Eroberung reichen Besitz an Burgen und Land; Davidsohn, Geschichte von Florenz 1 (1896), 305. 360. (Wo ich aus Davidsohns Arbeiten eine Thatsache belegen konnte, habe ich mich bei der anerkannten Zuverlässigkeit dieses Autors dabei beruhigen zu dürfen geglaubt.) Ragen dann im Stadtadel hervor und begegnen uns in der Blütezeit der Stadt als Besitzer einer der schönsten Loggien (Börsenhallen). Vgl. Studi sul centro di Firenze (1889), 89 f. W. Gofsrau, Florentiner Bankiers in der Vierteljahrsschrift für V.W. 95 (1887), 103. 1287 Marktpächter: Davidsohn, Forsch. 3, 34; 1298 Geldgeber: ebenda S. 67; 1302 Mitglieder einer Handelsgesellschaft: ebenda S. 85. Alberti gehören sowohl zu den reichsten grundbesitzenden, alten Familien der Grafschaft (Davidsohn, Geschichte, 357 f., 433 f. u. öfters), als auch, nach ihrer Unterwerfung im 12. Jahrhundert, zu den potentesten Bankhäusern der Stadt. Peruzzi, Storia del Commercio e dei banchieri di Firenze (1868), 145 f. Schulte 1, 282 ff. Vgl. im übrigen (Passerini), Gli Alberti. 2 Vol. 1869. Albizzi. Die A. finden wir 1174 und dann öfters als Konsuln (Del. degli Erud. Tose. 7, 131), später als Inhaber einer der schönsten Loggien von Florenz. Gofsrau 103; als Lombarden in Paris: Piton, 85 f.; 1309 Gebr. A. Handelsgesellschaft: Davidsohn, Forsch. 3, 113. Aldobrandeschi und Aldobrandini, bekannte Adelsgeschlechter; ein Brunius Aldobrandini Mitglied der Societät der Alfani. Gottlob, Kreuzzugssteuern 246. Alfani; wir finden dieses bedeutende Bankhaus im 13. Jahrhundert als Nutzniefser von Reichsgütern am Arno, bei Fucecchio und San Miniato. Schneider 12. Altoviti dom. Oddo judex ernennt (1276) Geri f. q. Ranerii de Piliis zu seinem Faktor „ad lucrandum et mercandum“. Davidsohn, Forsch. 3, 28. Amieri. Alter Adel? Villani V. 39. VI. 33. Kompagnons der Scali. Peruzzi 161. Angelotti. Ein Uguccione di A. ist Mitglied der Turmgemeinschaft der Giandonnati-Fifanti und 1192 Konsul der Calimala. Santini, 1. c. p. 201. Ardinghi. Altes Adelsgeschlecht? Vill. IV. 11; Kaufleute, Peruzzi 161. Davidsohn, Forsch. 3, 2. Barued, als reiche Nobili erwähnt von Vill. IV, 10 im 11. Jahrhundert, dann als Kompagnons der Scali bekannt. Peruzzi 160. Bella Bella, eine der vornehmsten Ritterfamilien „di antica nobiltä.“: Santini, 201. Konsuln 1201 (Del. 7, 12). Ein Deila Bella ist 1192/93 Konsul der Kaufleute. Davidsohn 1, 667. In den Urk. seines 3. Bandes erscheinen sie häufig als Grofshändler. Bellineioni. 1203 ein B. Konsul und Mitglied einer Turmgemeinschaft: Santini, 1. c. p. 200. 1256 unter den Anziani Pop. Flor. Del. degli Erud. Tose. 9, 39. Bedeutendes Handelshaus. Peruzzi, 160. 32U Zweites 13ucli. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Bernardini, alter Landadel, werden im 12. Jahrhundert, nachdem ihre Burgen zerstört sind, zum Wohnen in der Stadt gezwungen (Davidsohn •539), wo wir sie im 13. Jahrhundert unter den Grofskauf leuten wieder finden, deren Namen uns Peruzzi (161) mitteilt; andere Zweige derselben Familie als Händler in Siena und Lucca nachgewiesen. Schulte 1, 258. 598. Buondelmonte (Montebuoni), erleiden im 12. Jahrhundert dasselbe Schicksal wie die Bernardini (Davidsohn 416/17) und widmen sich dann ebenfalls dem Kaufmannsberufe. Noch im 15. Jahrhundert finden wir sie unter den Florentiner Kaufleuten in der Türkei. Siehe das betr. Ms. bei Pagnini 3, 303. Buonfantini: im 11. Jahrhundert Gastalden der Markgräfin Mathilde. Davidsohn, Forschungen zur älteren Geschichte von Florenz (1896) 62; im 14. Jahrhundert als reiche Handelsherren Pächter der Münze von Sehwäbiseh- Hall. Schulte 1, 332. üaponsaccld. Granden aus Fiesolae. Vill. IV. 11; Kaufleute im 13. Jahrhundert. Peruzzi 160. Cavalcanti.; gehören zu den vornehmsten Florentiner Ritterfamilien. Santini, 1. c. p. 201 und öfters. Ein C. ist 1192/93 Konsul der Kaufleute. Davidsohn, Gesch. von Florenz 1, 667. 1220 Konsul der Calimala, 1245 Wucherer: Davidsohn, Forsch. 3. 229, 9. Cldarenti, ein mit den Colonna befreundetes Ghibellinengeschlecht; Lieblingsbankiers des Papstes Nicolaus IV. Falconieri, als altes Adelsgeschleeht aus ihren Kämpfen mit den Vis- domini bekannt, Vill. VIII. 1. Berühmtes Bankhaus. A. Beer, Gesch. des Welthandels 1, 211. 1243 „clarissimus F. civis et mercator Flor.“ Davidsohn, Forsch. 3, 7. Fifanti, vornehme Ritterfamilie, vgl. z. B. Hartwig, Flor. Gesch. 2, 77. Santini, 1. c. Konsuln 1185, 1191, 1192 (Delizie 7, 138); stellt 1192/93 einen der Konsuln der Kaufleute. Davidsohn 1, 667. Guidi, alter Landadel, dessen Burgen 1138 zerstört werden, bis er im 13. Jahrhundert dauernd unterworfen wird. Vgl. z. B. David so hn 1, 435 f. 451. 0. Hartwig, Flor. Gesch. 1, 33. Santini, 1. c. p. 201. Ein Carus Guidonis wird schon 1278 als Übermittler deutscher Zehnterträge nach Frankreich genannt, ebenso 1306 ein Simon Guidi. Gottlob, Kreuzzugssteuern 246/47. Schon 1248 haben die Guidi Kontore in Paris; 1307 ist. ein Biccio Guidi „maitre göneral des monnaies“. Pigeonneau 1, 255. Lamberti, bekanntes altes Adelsgeschlecht; vgl. z. B. Hartwig, Flor. Gesch. 2, 77; Santini, 201. 203. 1195 Konsuln (Del. 7, 139); Kaufleute: Peruzzi, 160. Paszi, alter guelfischor Adel. Vgl. z. B. Hartwig, Flor. Gesch. 2, 66/78; Davidsohn, Studien 3, 285; eine der 35 Ritterfamilien a spion doro. Deila dec. 2, 277; bekanntes Bankhaus. Pdlio ; ein P. ist 1197 Stadtkonsul („i consoli . . . appartenevano indub- biamento alla nobiltä“). 1202' cons. dei mercatanti; ein anderer 1216 etc. Santini, 1. c. p. 199. 201. Vgl. Guis. Centi, Saggio di storia di alcuni edifizi del Centro di Firenze, in den Studi sul centro di Firenze, 92 f. Binuccini, von dem berühmten Kastell bei S. Donato ihren Ursprung ableitend, seit dem 13. bozw. 14. Jahrhundert dem Handelsstande angehörig, seit dem Tode Francescos allen Familien der Stadt an Grundbesitz überlegen. Reumont, Beiträge zur ital. Gesch. 5 (1857), 354 f. 360. Die R. bilden eine * Zwölftes Kapitel. Die Anfänge des bürgerlichen Reichtums. ;}21 Turmgemeinschaft (Deliz. 7, 241/42). Die R. werden erwähnt unter den angesehensten Florentiner Handelshäusern in dem mit Pisa abgeschlossenen Handelsverträge von 1329; cit. Deila decima 3, 24; sie haben einen der 20 fondachi der Calimala inne, die 1336 bestanden. Peruzzi 67; ein Messer Francesco R. ist einer der Begleiter Lionardos di Niccolö Frescobaldi auf seiner Reise in den Orient. Ed. Manzi (1818), 174. Scali; nobili? Vill. IV. 10. VI. 79; ein durch seine Fallita noch besonders bekanntes Bankhaus Vi 11. X. 4. Vgl. auch Peruzzi 161 f. und Davidsohn, t Forsch. 3 s. h. n. Spini, adliges Geschlecht? (Vill. VI. 79) 1266 wird ihnen turris cum pa- latio zerstört (Del. d. Erud. 7, 238), grofses Bankhaus, associiert mit den ebenfalls adligen Strozzi; „als Herrn von Mugello und Nuovole seit 1050 nachgewiesen“ (Gothaischer Kalender), gehören zu den reichsten Grofsgrundbesitzern und, wie bekannt, angesehensten Handelshäusern der Stadt. Reumont, Beiträge 5 (1857), 175 f. Als eine der 35 Ritterfamilien a spion doro von Benedetto Dei genannt. Deila dec. 2, 277. Ubertini, als Besitzer zahlreicher Kastelle von Villani (VIII. 89) und Santini, 1. c. p. 191 f., als Konsuln 1181 in der Del. d. Er. Tose. 7, 137, als , Kaufleute von Peruzzi (160) erwähnt. Dasselbe gilt von den Ughi und dem Grafengeschlecht der Ugolino. Von den TJberti schreibt ein so vorzüglicher Kenner der Florentiner Geschichte wie Davidsohn (S. 668) merkwürdigerweise: „Es waren Ausnahmen (unter den y mächtigen, alten Stadtgeschlechtern) wie die Uberti, die keinen Handel treiben.“ Wir finden sie aber zusammen mit den Pulci dem Bischof Siegfried von Westerburg (1274—97) Darlehen gewähren. Ennen, Quellen 3, Nr. 359. Jetzt berichtet auch Davidsohn selbst von einem nob. vir U., der 1314 mit Wolle handelt. Forsch. 3, 131. Vespucci gehören zu den 35 Ritterfamilien mit den goldenen Sporen, von denen Ben. Dei in seiner Chronik berichtet (Deila dec. 2, 277) und sind als grofses Handelshaus bemerkt. Ihr bekanntestes Mitglied ist Amerigo Vespucci, der der neuen Welt den Namen giebt. Man mag über die landadlige Herkunft dieses oder jenes Geschlechts, das wir im Handel von Florenz antreffen, im Zweifel sein: als feststehende Thatsache ergiebt wohl auch die kleine hier gebotene Übersicht die Wichtigkeit der Landrentenaccumulation für das städtische Erwerbsleben. Um diese jedoch in ihrer vollen Bedeutung zu würdigen, müssen wir die gleichzeitige Entwicklung der agrarischen Verhältnisse in Rücksicht ziehen. Es ist bekannt, dafs das inurbamento fast allerwärts in Norditalien begleitet ist von einer Befreiung des Landvolks aus der Hörigkeit und von der Einführung bezw. Verallgemeinerung des Teilbauvertrages, der als die geeignetste Form erschien, um den Arbeiter ohne Aufsicht zu höchstmöglicher Arbeitsintensität zu veranlassen. In dem Mafse nun, wie das Interesse der Grundbesitzer an der Steigerung der Rentenerträge wächst, beobachten wir ganz allgemein eine Tendenz zur Verschlechterung der Arbeitsbedingungen, insonderheit eine fast durchgängige Änderung des Anteilsverhältnisses des Arbeiters an dem Ernteertrage zu seinen Ungunsten, mit anderen Worten eine Tendenz zur Vergröfserung des an den Herrn abzuführenden Mehr- So m b art, Der moderne Kapitalismus. I. 21 * 322 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Produkts. Diese Tendenz kommt in allen für die ländliche Bevölkerung seit dem 12. Jahrhundert neu erlassenen Gesetzen und statutarischen Bestimmungen zum Ausdruck. So finden wir in den Florentiner Statuten eine Lohntaxe verfügt, deren Überschreitung (N.B. seitens der Arbeiter!) mit Gefängnis bestraft wird und eine Fülle von Bestimmungen, die den Kolonen zum gefügigen Werkzeug seines Herrn zu machen geeignet waren; „nulla perö statuirono circa ai diritti dei lavoratori e delle loro famiglie“. Poggi, Cenni intorno all’ agricoltura 2, 454. Mafsnahmen, die, wie derselbe Autor mit Keclit bemerkt (175), beweisen, „che le servili catene degli agrieoltori non furono f spezzate per puro sentimento di caritä, ma principalemente per favorire l’in- teresse della casta mercante“. Was die Höhe der Rentenanteile betrifft, die von dem Kolonen dem Herrn abzuliefern waren, so bemerken wir, wie sie im Florentiner Gebiete im 12. und 13. Jahrhundert, d. h. als die Grundeigner im wachsenden Umfange Fonds für ihre Handels- und Geldgeschäfte brauchten, eine starke Steigerung erfahren. Während ehedem der Kolone nur Vio bis Vs abzuliefern verpflichtet gewesen war, setzt sich seit der Mitte des 12. Jahrhunderts allmählich die gleiche Teilung der Ernte als Regel fest. Poggi 2, 127 f., Sugenheim, Aufhebung der Leibeigenschaft (1869), 200. Vgl. auch Davidsohn, Gesell, von Florenz 1, 778 f. Gleichzeitig mit dieser Vergröfserung des Herrenanteils an dem gesamten Bodenerträge geht nun aber, wie schon hervorgehoben wurde, eine beträchtliche Steigerung der Intensität des Anbaus nebenher, sodafs die den Städten zufliefsenden Fonds von zwei Seiten her gleichzeitig vergröfsert werden, ohne dafs sich die materielle Lage der Bauern hätte notwendig zu verschlechtern ? brauchen. — Ich mufs nun aber die geduldigen Leser bitten, mich noch einmal nach Florenz zurückzubegleiten und hier einige Umschau über den Bestand an reichen Familien zu halten, die um die Wende des 13. Jahrhunderts daselbst angetroffen werden. Wer auch nur oberflächlich die florentiner Geschichte kennt, wird auf den ersten Blick bemerkt haben, dafs in meiner Übersicht eine Reihe gerade der bedeutendsten Handelshäuser fehlt, gerade jene fehlen, von deren Reichtum im 14. Jahrhundert wir die zuverlässigste Kenntnis besitzen. Ich meine zunächst natürlich die ßardi, die Mozzi und die Peruzzi; dann aber denke ich auch an die Cerchi, die Franzesi, die Frescobaldi, die Gherardini, die Rossi. Wer waren diese Leute? Sind sie etwa allesamt aus kleinen Handwerkern und Packenträgern hevorgegangen und eine schreiende Widerlegung der hier vertretenen Auffassung? Wir wollen gewissenhaft prüfen. Zunächst läfst sich dieses feststellen, dafs die genannten Familien von allen Historikern zu der sog. „gente nuova“ gezählt werden, wie man nach if Dantes Vorgang sich gewöhnt hat, ein vermeintliches Parvenutum zu nennen, das in jenen Jahren um 1300 in Florenz eine Rolle zu spielen anfäugt. Man pflegt zum Beweise die Stellen aus dem Inferno 16, 73—75: „La gente nuova e i subiti guadagni Orgoglio e dismisura han generata Fiorenza in te, si che tu giä ten piagnP, sowie aus dem Paradiso 16, 59 ff. mit Vorliebe zu citieren. 4 - I Zwölftes Kapitel. Die Anfänge des bürgerlichen Reichtums. 323 Vgl. z. 15. Hegel, Städteverfassung 2, 202. Nun mufs ich gestehen, dafs ich den göttlichen Poeten für Dinge wie die Herkunft von guelfischen Familien als einen aufserordentlich fragwürdigen Gewährsmann ansehe. Wer ein so verärgerter Parteimann ist, wie es Dante war, hat kein ungetrübtes Urteil über die Qualitäten seiner Gegner. Dafs die Cecchi und Buondelmonte im 13. Jahrhundert erst nach Florenz gekommen sind, mag stimmen; dafs aber „andava l’avolo aila cerca“ ist wohl nur eine gallige Unterstellung. Ich möchte also Dante als Eideshelfer ablehnen, und versuche mir an der Hand der Quellen selbst eine Vorstellung zu verschaffen von dem Emporkommen der „gente nuova“. Was diese zunächst gemeinsam hat, ist ihre Herkunft aus dem Borgo Oltr’Arno. Was wissen wir von diesem Stadtteil? Wohl soviel, dafs er bis 1200 aus wenigen Häusern bestanden hatte, die in 3 Borghi eingeteilt waren. Vgl. Miss E. Dixon, The Florentine Wool Trade, in den Transaetions of the R. Hist. Soc. 12, 170. Diese Borghi waren offenbar ebensoviele Dörfer; denn das Land lag doch wohl vor den Thoren einer Stadt wie Florenz nicht öde. Im Laufe des 13. Jahrhunderts entwickelt sich nun gerade das Gebiet jenseits des Arno: hier siedeln sich die Ilumiliaten an, hier findet die sich rasch ausdehnende Tuchmacherei Quartier. Wenn es richtig ist, was alle Quellen bestätigen, dafs von 1150—1300 die Bevölkerung von Florenz rapid anwächst — Hartwig nimmt an, sie habe sich in diesem Zeitraum verfünffacht. D. Zeitschr. f. Gesch.Wiss. 1, 19 — so dürfen wir ein gut Teil des Bevölkerungszuwachses auf das Konto von Oltr’ Arno setzen. Dafür spricht auch die rasche V ermehrung der Arnobrücken. 1218—1220 wird der Ponte nuovo (alle Carraia), 1236—37 der Ponte Rubaconte (alle Grazie) gebaut, 1252 der Ponte S a Trinitä begonnen. Villani, Cron. V. 41. 42; VI. 26. 50. Also in einem Menschenalter werden dem bestehenden Ponte Vecchio nicht weniger als drei neue Brücken zugefügt. In der Chronik des Don. Veluti (ed. Manni 1731 p. 74) heifst es denn auch schon: „Sesto d’Oltrarno e di San Piero Scheraggio erano maggiori che gli altri di persone orrevoli e di ricchezza.“ Diese ganze Entwicklung mufste offenbar eine enorme Steigerung des Boden wertes, namentlich in Oltr’Arno zur Folge haben. Wenn wir die Schätzungswerte des Jahres 1266, wie sie uns in den Del. 7, 203 ff. überliefert sind, mit den Bodenpreisen vergleichen, die in den zahlreichen von Frey, a. a. O., mitgeteilten Verkaufsurkunden aus den 1290er Jahren enthalten sind, vergleichen, so müssen wir in der That auf eine aufserordentliche Steigerung der Grundwerte in jenem Menschenalter schliefsen. Wer also glücklicher Besitzer gröfserer Bodenkomplexe gewesen war, mufste eine erhebliche Bereicherung durch deren Verwertung erfahren haben. Der Leser sieht, worauf ich hinaus will; jene Familien aus Oltr’ Arno, deren Reichtum im 14. Jahrh. uns in Erstaunen setzt, waren die vornehmlich grundbesitzendeu Geschlechter jener Gebiete gewesen, auf denen sich jetzt die rapide Ausdehnung der Stadt vollzog. Wir dürfen diese Thatsache, die wohl für jeden Unbefangenen an sich aufserordentlich plausibel aus inneren Gründen erscheint, auch durch die Quellen als bestätigt ansehen. Dafs alle die genannten Familien kein Gesindel von Hause aus gewesen sind, sondern frühzeitig — jedenfalls schon in der Mitte des 13. Jahunderts — zu den Notabein von Oltr’Arno gehörten, also doch jedenfalls wohl zu den altangesessenen Geschlechtern, beweist uns ihre häufige Erwähnung als Zeugen etc. in den Urkunden. Wir finden sic 21 * I 324 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. auch damals bereits fast durchgängig als „Ser“, „Dominus“, „Messer“ bezeichnet. Ich verweise auf die Urkunden vom Jahre 1278 und 1280 in den Del. degli Er. Tose. 9, 50 ff. 74 ff. 103 ff., in denen wir den Mozzi, Fresco- baldi, Gherardi, Gecchi, Bardi, Rossi in den angegebenen Eigenschaften begegnen. Wir wissen aber noch mehr. Wir wissen von mehreren der genannten Familien positiv, dafs sie in Oltr’ Arno um die Mitte des Jahrhunderts grofse Besitzungen hatten. Wir wissen, dafs 1260—66 im Sest. Oltr’Arno schon 7 „torri“ zerstört wurden (Santini, im Arcli. stör. IV. ser. t. XX. p. 28), und wir finden unter den Entschädigten mehrere unserer Familien ausdrücklich erwähnt. Von den Bardi werden nicht weniger als acht verschiedene Besitzungen aufgezählt. Delizie 7, 203 ff. Und das war alter Besitz; jedenfalls konnten die Bardi schon 1112 der Kirche S» Reparata Ländereien schenken. Piton, Les Lombards, 61. Ist es angesichts dieser überzeugenden Quellenbelcge voreilig, zu sagen: die gente nuova, die seit dem 13. Jahrhundert , namentlich aus dem Oltr’ Arno rasch zu den Spitzen der florentiner Geschlechter emporsteigt, verdankt die Grundlage ihres Reichtums den grofsen Gewinnen, die sie aus ihrem Grundbesitz dank seiner enormen Wertsteigerung zu ziehen in der Lage war? Mochte es sich um den alten Hufenbesitz der ehemaligen Bauern handeln — von Masciatto Franzesi sagt Dino Com- pagni (Cron. ed Del Lungo 1 [1879], 207) „venuto su prima da contadino fiorentino a mercatante, poi in Francia da mercatante a cavaliere“ — mochte es von findigen Spekulanten unter günstigen Bedingungen durch Zukauf vermehrter Besitz sein — dafs die Bardi in späterer Zeit Bodenspekulation im grofsen Stile treiben, wissen wir: 1340 verkaufen sie an die Kommune Grundstücke im Werte von 8750 fl. und 333 lb. 17 sol. f. p. Urk. Nr. 96 in Dok. VII bei Frey — das bleibt sich gleich. In beiden Fällen war es kapitalisierte und accumulierte Grundrente, was ihren Reichtum begründete. So bildet die Geschichte der Nuova gente in Florenz nicht nur keinen Gegenbeweis gegen die Richtigkeit der hier vertretenen Auffassung; sondern sie bestätigt sie vielmehr in jeder Beziehung. Die gemeine Meinung von dem „Emporkommen des Handelsstandes“ aus kleinen Anfängen ist bei den Bardi und Peruzzi nicht mehr begründet als bei den Huntpiss und Welser. Dreizehntes Kapitel. Die Kolonialwirtschaft. „0 mont.e Abyla e o nobre fundamento „De Centn toina. e o torpe Mahometa „Delta föra.“ Luiz de Camöes , Os lMsiadas. Canto IV. 49. „ We speak of the blood-cemented fabric of the pros- perily 'of New Orleans or the Havanna : let us look at home. What raised Liverpool and Manchester f'rom promncial towns to gigantic cities? What maintains noiu their active industry and their rapid accumulation of wealth? The exchange of their produce icith that raised by the American Slaves; and their present opülence is as really owing to the toil and suffering of the negro, as if his hands had excavated their docks and fabricated their steam- engines.“ H. Mer ivale, Lecturcs on colonization and colcmies. Wenn ich in einem besonderen Kapitel diejenige Accumulation von Geldvermögen behandele, die eine Folge der Kolonialwirtschaft der europäischen Staaten ist, so geschieht es aus der Erwägung heraus, dafs die Kolonialwirtschaft zwar nicht immer durchaus neue Accumulationsmethoden schafft, wohl aber stets die bekannten Formen der Vermögensbildung hinlänglich modifiziert, um ihre gesonderte Betrachtung zu rechtfertigen. Es ist vor allem die ungeheure Steigerung der extensiven wie intensiven Wirksamkeit aller Accumu- lationsweisen, die der Kolonialwirtschaft ihr eigentümliches Gepräge giebt. Es ist die Schrankenlosigkeit bei der Aneignung von Produktionsanteilen, die die Kolonialwirtschaft charakterisiert. Deutlicher gesprochen: die unverblümte Ausbeutung und Ausplünderung fremder Länder und Völker, ohne alle Rücksicht auf Sitte und Gesetz, die in der Heimat einige Schranken auferlegen, macht ihr inneres Wesen aus und begründet ihre specifische Bedeutung für die Genesis :ö6 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. des Kapitalismus in dem Mafse, als das Exploitationsgebiet des einzelnen europäischen Staates ein räumlich mehr oder weniger ausgedehntes im Verhältnis zur eigenen Bevölkerungsziffer ist. Im ganzen kann die Bedeutung der Ausplünderung fremder Völker mittelst Kolonialwirtschaft für die Entwicklung des Kapitalismus nicht leicht zu hoch angeschlagen werden: Wenn Westeuropa eine so starke kapitalistische Entwicklung erlebt hat, wie unseres Wissens noch nie ein Land zuvor, so ist dies gewifs nicht zuletzt daraus zu erklären, dafs die Westeuropäer mehr als irgend ein Volk früher fremde Völker sich tributpflichtig machen konnten und machten. Man sollte nicht vergessen, dafs Westeuropas wirtschaftliche Entwicklung die Ausplünderung dreier Erdteile zur notwendigen Voraussetzung gehabt hat, dafs der Wohlstand unzähliger blühender und reicher Völker der alten und neuen Welt erst die Mittel geschaffen hat, die den europäischen Kapitalismus ins Leben riefen. Der Reichtum der italienischen Städte ist ebenso undenkbar ohne die Auspowerung der übrigen Mittelmeerländer, wie Portugals, Spaniens, Hollands, Frankreichs, Englands Blüte nicht denkbar ist ohne die vorherige Vernichtung der arabischen Kultur, ohne die Ausräubung Afrikas, die Verarmung und Verödung Südasiens und seiner Inselwelt, des fruchtbaren Ostindiens und der blühenden Staaten der Inkas und Azteken. A. Die verschiedenen Methoden der Ausplünderung. I. Der koloniale Handel. Unter den Methoden, den Reichtum der fremden Völker in die Taschen der Westeuropäer zu bringen, begegnen wir zunächst als der ursprünglichsten der unter der Bezeichnung „Handel“ (commerce) bekannt gewordenen Aneignungsart. Genauer umschrieben haben wir es bei diesem soi disant-IIandel mit einem kunstvollen Verfahren zu thun, wehrlosen Völkerschaften mit List und Gewalt auf dem Wege einer scheinbar freiwilligen Tauschhandlung möglichst unentgeltlich Wertobjekte abzunehmen. Je gröfser die Übermacht des europäischen Staates, desto gewinnbringender gestaltete sich natürlich dies Verfahren. Während des Mittelalters war dieser Kolonialhandel für die Westeuropäer in verhältnismäfsig enge Schranken gebannt. Widerstandslose Völker zu beliebiger Ausbeutung gab es nur im russischen Reiche, in das von Norden her die Hanseaten, von Süden her die Genuesen ihre Fangarme aus- Dreizehntes Kapitel. Die Kolonialwirtschaft. ■'527 gestreckt hatten. Zwischen die Völker des Orients und Westeuropa schob sich dagegen das arabische Händlertum, das dem europäischen im wesentlichen als ebenbürtiger Kontrahent gegenübertrat. Ein Jahrtausend hindurch haben die Araber die orientalischen Völker in ihrem Interesse ausgebeutet, haben sie sich des Reichtums des Orients als eines mächtigen Tragbalkens für ihre glänzende Kultur bedient. Darum ist das für Westeuropa entscheidende Ereignis, das zwei Weltalter trennt, von dessen Eintritt an wir mit Recht einen neuen Abschnitt der Geschichte beginnen lassen, die Verdrängung der Araber aus ihrer zwischen Orient und Abendland vermittelnden Stellung: wie bekannt, das Werk der Portugiesen. Mit Waffengewalt wird die Herrschaft der Muhamedaner in Afrika und Ostindien gebrochen: ihre Verdrängung aus Afrika beginnt mit der Eroberung von Ceuta (1415), sie wird vollendet mit der Schlacht von Ala§er Kebir; mit der Eroberung von Malakka (1511) war der Einflufs der Araber in Indien vernichtet. Die Nachricht von der unwiderstehlichen Gewalt der Portugiesen verbreitete sich über das ganze Land; von allen Seiten, selbst von den Königen in Siam und Pegu, kamen Gesandte, um Bündnisse und Handelsverträge zu schliefsen. Albuquerques’ Weitblick erkannte dann aber die Notwendigkeit, die Araber im eigenen Lande anzugreifen, das Rote und Persische Meer, die Verbindungsstrafsen des arabischen Zwischenhandels, zu sperren, diesen also in seiner Wui’zel zu treffen. Diesem Zwecke diente die Eroberung von Aden und Hormus. Mit diesem Augenblicke war in der That eine neue Kulturepoche angebrochen : Westeuropa hatte die Erbschaft des Kalifenreiches endgültig angetreten. Um zu ermessen, was es bedeutete, den Zwischenhandelsprofit der Araber in europäische Taschen zu leiten 1 , mufs man den ungeheuren Preisaufschlag kennen, mit dem die arabischen Händler die Waren weiter verkauft hatten. Eine uns überkommene Berechnung englischer Kaufleute aus dem 1(5. Jahrhundert ergiebt, dafs die ostindischen Waren in London halb so viel kosteten als in Aleppo; 1 Wie sehr ein grofser Teil des arabischen Reichtums auf der kommerziellen Ausbeutung der afrikanischen und namentlich asiatischen Völkerschaften beruhte, lehrt jede Geschichtsdarstellung. Vgl. noch insbesondere Stü w e, Die Handelszüge der Araber unter den Abbassiden (1836), und namentlich von Kremer, Kulturgeschichte des Orients 2 (1877), 274 ff. 189 (Reichtum der Kaufleute; Vermögen von 20—30 Mill. Frcs.). 328 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. dafs sich aber die Preise der in Ostindien direkt gekauften bezw. über Aleppo bezogenen Waren wie folgt stellten 1 : „ . Preise in England, in Aleppo Preise der Waren in Ostindien: gekauft- 1 Pfd. Pfeffer ... - Sh. 2V* P.— Sh. 20 P. 1 - Nelken ... — - 9 -.5 - — - 1 - Muskatnüsse . — - 4 -.3 - — - 1 - Muskatblüte . — - 8 -.6 - — - 1 - Indigo - .. 1- 2 -.5 - — - 1 - Rohseide .. 2 - — -.20- —• - War man im Osten durch Verdrängung der Araber an die wehrlosen Völker direkt herangekommen, so hatte schon während der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts Portugal ein imposantes Ausbeutungsgebiet an der Westküste von Afrika erschlossen, und dazu kam nun ein ganzer neuer, noch unberührter Weltteil, über den jetzt das westeuropäische Händlertum herfallen konnte. Nach all diesen neuerschlossenen Ländern aber — das war entscheidend wichtig — führte der Weg zu Schiff. Das bedeutete abermals eine Ausbreitung des Exploitationsspielraums. Wenn schon im Anfang des 16. Jahrhunderts in Lissabon jährlich vier Carracas, mit einer Ladung von zusammen 7000 t Gewürze ankamen, so war das eine Menge, wie sie das Mittelalter nicht leicht bei einander zu sehen bekam; betrug doch beispielsweise das Gewicht der im jährlichen Durchschnitt 1491—95 über die öffentliche Wage Köln gehenden Gewürze nur etwa 10 (!) t 2 * * . Allein an Pfeffer führte Portugal aus Ostindien im 16. Jahrhundert 200 000 Centner ein 8 . ln welcher Weise aber der „Handel“ dann getrieben wurde, ist oft genug dargestellt worden. Bekannt sind die zahllosen Machenschaften, mittelst deren es gelang, den Eingeborenen kostbare Waren oder noch lieber Goldstaub, Barren, Geld gegen Hingabe 1 Mitgeteilt bei H. Scherer, Allgem. Geschichte des Welthandels 2 (1853), 115. Nach einem anderen Preiskurant, den wir einem anonymen Begleiter Vasco de Garnas verdanken, kostete ein Quintal Ingwer in Alexandria 11 Crusaden (Dukaten), in Calicut der Bachar, der 5 Quintaes hielt, nur 20 Crusaden. Ein Quintal Weihrauch kostete in Alexandrien 2 Crusaden, genau so viel wie der Bachar in Mekka. Roteiro da viagem em descobrimento da India (1838), 115. Cit. bei O. Peschei. Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen (1858), 27. 2 Geering in d. Mitteil. a. d. Stadtarchiv v. Köln 11 (1887), 43. ” Des ötats, empires et principautez de tout le monde (1615), 150, cit. bei F. Saalfeld, Gesch. d. portugies. Kolonialwesens in Ostindien (1810), 148. Dreizehntes Kapitel. Die Kolonialwirtschaft. :}2!) ganz wertloser Gegenstände abzuschwindeln oder sie zum Verkauf für ein Spottgeld zu bewegen. Von einem Austausch von Äquivalenten war weder im objektiven noch subjektiven Sinne die Rede. Den Indiern teilte der Corregidor ohne Rücksicht auf den Bedarf europäische Waren zu. Nach Bodin kosteten alte Stiefeln 300 Dukaten, ein spanischer Mantel 1000 Duk., 1 Pferd 4—5000 Duk., 1 Becher Wein 200 Duk. Die unglücklichen Eingeborenen erhielten oft Sachen, deren Gebrauch sie nicht entfernt kannten. Sie mochten dagegen Vorstellungen machen, so viel sie wollten: die „Verkäufer“ weigerten sich, irgend etwas zurückzunehmen. Oft verdienten sie kaum genug für den eigenen und den Familienunterhalt, sollten aber sich in Samt und Seide kleiden, die kahlen Wände ihrer baufälligen Hütten mit Spiegeln schmücken; man gab ihnen Spitzen, Bänder, Knöpfe, Bücher und tausend andere unnütze Dinge, und alles für die unsinnigsten Preise. Dergleichen Austeilungen der europäischen Importen nannte man im spanischen Amerika riper- timientos h Die Hudsonbay-Company soll den Eingeborenen zu Anfang des 18. Jahrhunderts mit 2000 °/o Gewinn verkauft haben 1 2 . Die Portugiesen verdienten an ihren Exporten „gewöhnlich 400 °/o“ 3 . Ebenso bekannt sind die Spottpreise, zu denen den Eingeborenen ihre Erzeugnisse „abgekauft“ wurden. Der Bahar Gewürznelken, der auf den Molukken 1—2 Duk. kostete, wurde bereits in Malakka mit 10—14 Dukaten, in Calicut mit 50—60 Goldskudi bezahlt 4 . Die holländisch-ostindische Compagnie kaufte den Pfeffer zu D/ 2 —2 Stüber das Pfund, und verkaufte ihn in Holland zu 17 Stüber 5 6 ; die Portugiesen zahlten in Ostindien 3—5 Duk. für 1 Vgl. (lie Darstellungen bei Scherer, 225 ff.; Bonn, Spaniens Niedergang, 111, wo auch die Quellen angegeben sind. Eine den modernen Anforderungen entsprechende Bearbeitung der Kolonialwirtschaft ist nicht vorhanden. 2 Roscher, Kolonien etc. 3. Aufl. (1885), 263. 3 F. Saalfeld, Geschichte des portugies. Kolonialwesens in Ostindien (1810) 147. S.s Hauptquelle istPyrard de laVal, Voyage aux Indes orientales etc. 1679. * Odoardo Barbosa bei Ramusio, Delle navigationi 1 (1563), 323 f. Von ähnlichen Einkäufen zu Spottpreisen auf der Insel Gigolo erzählt Ant. Pigafetta; man erstand einen Bahar Nelken für 10 Ellen guten oder 15Ellen schlechten Zeuges; für 35 Wassergläser u. s. w. Viaggio di A. P. atorno il mondo bei Ramusio 1, 366B. 6 Saalfeld, Geschichte des holländischen Kolonialwesens in Ostindien 1 (1812), 258. 330 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. den Centner Pfeffer, für den sie in Lissabon 40 Duk. erlösten 1 . An 250 000 Pfd. Muskatnüssen gewannen sie fast 900000 fl., an 10000 Pfd. Muskatblüten 550000 fl., an 000000 Pfd. Zimmt 3450000 fl. 2 . Im Jahre 1603 brachten fünf Schiffe eine Ladung nach Holland, deren Einkaufspreis 600000 fl., deren Verkaufspreis 2000000 fl. betrug; 1697 eine solche für bezw. 5 und 20 Mill. fl. 3 . In Ceylon war der Gewinn der holländisch-ostindischen Compagnie an den Handelsartikeln, die dort eingeführt und verkauft wurden: 1764 durchschnittlich 142 °/o, 1783 durchschnittlich ldSVs^o; in Suratte und Malabar wurden 1764 durchschnittlich 176 7 /8 °/o gewonnen, und in Malakka 1647 durchschnittlich 52 1 /2°/o, 1784 durchschnittlich 40V2 °l o 4 . Nichts kennzeichnet besser die Art, in der hier der Handel seine bekannte Kulturmission erfüllte, als die Stimmung, in die er die Eigeborenen versetzte. Verzweiflung oder Wut finden wir je nach der Veranlagung der Rassen als Grundstimmung immer wiederkehren. Die Bewohner der Molukken vernichteten zum Teil selbst die Gewürzbäume 5 6 , welche sie als die Ursachen ihrer schweren Leiden ansahen. Meist aber mufste die Citadelle die „Händler“ vor der Rache der Eingeborenen schützen. „Vergäfse man abends die Thore der Forts zu schliefsen, so würden vielleicht dieselben Indianer, mit denen man am Tage friedlich gehandelt 1 , in der Nacht einbrechen und ihre Kaufleute morden“ — dieses Stimmungsbild aus dem „Handelsgebiete“ der Hudsonbay - Company 0 kann ohne 1 F. Saalfeld, •Geschichte des portugies. Kolonialwesens, 148. Nach einer Aufstellung in: Les ötats, empires et principautez de tout le monde (1615), 150. 3 Saalfeld, 1, 282. 290; dort finden sich noch zahlreiche andere Preisberechnungen, die übrigens meist für das Ende des 18. Jahrhunderts galten. Man darf annehmen, dafs die Differenzen zwischen Einkaufs- und Verkaufspreis in den Anfängen des indischen Handels noch viel beträchtlicher waren. 3 Lüders, Geschichte des holländischen Handels, cit. bei Scherer, 2, 801/2. 1 H. Bokemeyer, Die Molukken (1888) 278. r> Scherer 2, 170. 6 Vgl. Roscher, Kolonien 3, 267. Ganz besonders dornenvoll waren naturgemäfs die Pfade der Bahnbrecher, also im Osten der Portugiesen. Vgl. F. Saalfeld, Gesch. des portugiesischen Kolonialwesens in Ostindien (1810). Eine sehr eingehende Darstellung der Kämpfe der Portugiesen in Ostindien liefert neuerdings H. Bokemeyer, Die Molukken, 45—79. Von älteren Beschreibungen ist noch zu vergleichen de Veer, Heinrich der Seefahrer (1864), 86 ff. Natürlich findet man generelle Darstellungen aller der hier be- Dreizehntes Kapitel. Die Koloniahvirtschaft. 331 weiteres auf den gesamten kolonialen Handel in seinen Anfängen übertragen werden. Wozu wäre denn auch sonst die durchgängig vorhandene militärische Ausrüstung der grofsen Handelscompagnien erforderlich gewesen? Doch sind das alles viel zu bekannte Dinge, als dafs ich noch länger bei ihrer Schilderung zu verweilen brauchte. Es sollte nur noch einmal an einigen Beispielen verdeutlicht werden, dafs der primitive Kolonialhandel nichts anderes als eine verschleierte Beraubung widerstandsunfähiger Völker gewesen ist und sich nur wenig unterscheidet von den mannigfachen Formen direkter Ausbeutung der Kolonialgebiete, von denen im folgenden die Rede sein soll. II. Die Produktionserzwingung. Dafs unter den Formen der direkten Ausbeutung die Zwangsarbeit in erster Reihe steht, ist bekannt: auf unentgeltlicher Aneignung ungeheurer Erträge erzwungener Arbeit beruht die westeuropäische Kolonialwirtschaft und damit der westeuropäische Reichtum überhaupt. Wobei es gleichgültig ist, welche Form gerade diese Zwangsarbeit im einzelnen Falle angenommen hat, ob sie als einfache erzwungene Anteilnahme am Produkt, als Arbeitspflicht sonst freier Menschen oder als komplette Sklaverei aufgetreten ist. Die Formen variieren, die Sache bleibt dieselbe: in der Levante so gut wie auf dem indischen Archipel, in Afrika so gut wie in Westindien und auf dem amerikanischen Festlande. Bahnbrechend für die moderne Kolonialwirtschaft sind in jeder Hinsicht die italienischen Kommunen; was Portugiesen, Spanier und Holländer dann im 16. Jahrh. schufen, bedeutete nichts anderes als die Übertragung der italienisch-levantischen Kolonialgrundsätze auf gröfsere Verhältnisse. Darum sollte auch jede Darstellung modernen Kolonialwesens mit besonderer Vorliebe bei den kolonialen Schöpfungen der Italiener im Mittelmeer verweilen, deren Bedeutung für die modern-kapitalistische Entwicklung bisher freilich noch niemals ihre volle Würdigung erfahren hat 1 . Diese handelten Dinge auch in jedem der bekannten Geschichtswerke über das Zeitalter der Entdeckungen, unter denen jetzt am besten zur allgemeinen Orientierung dient Sophus Rüge, Gesch. des Zeitalters der Entdeckungen. 1881 . 1 In den Werken, die ex professo die Geschichte der modernen Kolonisation abhandeln, pflegt der italienischen Kolonien in der Levante meist über- 332 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Lücke kann auch im folgenden nicht ausgefüllt werden. Woran ich mir vielmehr Genüge sein lassen mufs, ist die starke Betonung des kolonialwirtschaftlichen Charakters der italienisch-levantischen Beziehungen im Mittelalter. Systematische Ausbeutung der Mittelmeervölker mittelst Zwangsarbeit bildet das Fundamentum, auf der sich die Machtstellung Venedigs und Genuas erhebt, woneben das bischen „Levantehandel“ eine Quantitö negligeable ist. Es ist lebhaft zu bedauern, dafs in der gründlichsten Darstellung, die die Beziehungen Italiens zur Levante während des Mittelalters von so gelehrter Hand erfahren haben, der wirkliche Sachverhalt so völlig verkannt wird und die kolonialen Unternehmungen gleichsam immer nur als Appendix des „Handels“ auftreten, während sie doch durchaus den Kern der Wirksamkeit Italiens in der Levante bilden, die Kolonialgründungen aber selbst, wo sie erwähnt werden, in der Anlage von „Kontoren“ sich zu erschöpfen scheinen, während es sich um Kolonialreiche im eminenten Sinne handelt. Die Kreuzfahrer Staaten selbst waren keine Kolonien im modernen Sinne, wohl aber bieten sie die erste Gelegenheit für die italienischen Städte, in die Poren fremden Volkstums einzudringen und damit den Grund zu der späteren Kolonialwirtschaft zu legen. Es ist bekannt, dafs von Beginn der Kreuzzüge an bürgerliche Elemente aus den italienischen Kommunen in grofsen Mengen dem Kreuzfahrerheere gleichsam wie Geier, die auf Beute lauern, gefolgt sind, und dafs sich diese Leute, sei es persönlich, sei es als Vertreter ihres Staates, von vornherein so unentbehrlich zu machen wufsten, dafs sie in der That sehr früh reichlichen Anteil an den eroberten Gebieten im heiligen Lande erhielten. Von den 1101 und 1104 eroberten Städten Arsuf, Cäsarea und Accon erhielt Genua haupt keine Erwähnung zu geschehen. Weder Roscher spricht von ihnen, noch erwähnt sie H. Merivale in seiner Lectures on colonization and colonies (2 Vol. 1841, 42), dem noch heute besten theoretischen Werk über Kolonialwirtschaft; noch haben sie einen Platz gefunden in der z. Z. besten Gesamtdarstellung der europäischen Kolonisation, in dem Werke vonP. L e r o y - Beaulieu, De la colonisation cliez les peuples modernes. 4 e ed. 1891; noch endlich scheint ihre Darstellung im Plane des umfassenden Werkes von A. Zimmermann, Die europ. Kolon., 1. Bd. Portugal und Spanien, 1896, 2. u. 8. Bd. Grofsbritannien, 1898/99, zu liegen. Das Buch von Henry C. Morris, The history of colonization from the earliest times. 2 Vol. New- York 1900, ist mir leider, da es in Europa nicht zu beschaffen war, nicht mehr rechtzeitig zu Gesicht gekommen. Dreizehntes Kapitel. Die Kolonialwirtsehaft. 33 :$ je den dritten Teil, ebenso wie von dem umliegenden Gebiete. Ihm folgten Pisa und Venedig, das seit 1100 am Kampfe beteiligt, 1110 von dem reichen Sidon, 1123 von Tyrus je ein Drittel sich zusprechen läfst b Zu den Städten gehörte stets eine grofse Landschaft; besafsen doch die Venetianer allein in der Umgegend von Tyrus einige 80 Casalien 1 2 . Von nun an war alles Sinnen und Trachten der grofsen, führenden Stadtgemeinden Italiens auf Erweiterung ihres Kolonialbesitzes in den Mittelmeergebieten gerichtet. Und es entstanden denn auch Kolonialreiche von einer Mächtigkeit (im Vergleich natürlich zu der Gröfse der Mutterstadt), wie sie die Weltgeschichte — trotz Rom und England — wohl ein zweites Mal nicht gesehen hat. Venedigs Kolonialbesitz erfuhr bekanntermafsen eine plötzliche, gewaltige Ausdehnung infolge der Aufteilung des byzantinischen Reichs, bei welcher die Lagunenstadt drei Achtel des riesigen Gebietes erhielt 3 4 . Damit kamen in seinen Besitz die Länder Epirus, Akarnanien, Ätolien, die ionischen Inseln, der Peloponnes, die gegen Süden und Westen gelegenen Inseln des Archipelagus *, eine Anzahl Städte an der Meerenge der Dardanellen und am Marmora- meer, thracische Binnenstädte wie Adrianopel u. a., Pera, die Vorstadt von Konstantinopel, Kandia und bald nachher auch das wichtige Cypern. Dieses immense Gebiet wurde dann im Verlauf der Jahrhunderte fortgesetzt arrondiert durch Erwerbungen in Armenien, am Schwarzen Meer u. s. w. Hier jedoch hatte die Vorherrschaft Venedigs ihre gefährlichste Rivalin: Genua 5 . Die Genuesen besafsen in der Krim ebenso 1 H. Prutz, Kulturgeschichte der Kreuzzüge S. 377 ff. 2 H. Prutz, a. a. 0. S. 390. Heyd 1, 170 f. 3 „Vint 4 la part de Venise la quarte part et la moitiö de la quarte part de tout l’empire de Romanie.“ Le livre de la Conqueste. Ed. Buchon (1845), 21. Die genauen Angaben siehe bei J. A. C. Buchon, Recherches et materiaux pour servir 4 une histoire de la domination franijaise au XIII., XIV. et XV. sc. dans les provinces demembrees de l’empire grec. 1 (1851), 13 ff. Die betreffenden Urkunden sind abgedruckt bei Thomas u. Tafel 1, 452 ff. 4 Hier herrschten die Sanudos, die sich ducs des douze iles nannten, bis sie 1372 die Crispo ablösten. Buchon, 352 ff. 357 f. Man nannte das „eon- quete de familles“. B Über den Genueser Kolonialbesitz unterrichten im Vorbeigehen Heyck, Genua und seine Marine (1886), 154; Sieveking, Genues. Finanzwesen 1, 178 f.; 2, 102, Cibrario, Ec. pol. 3 2 , 280 (der ein Ms. Semino, Mem. stoT. sul commereio de’ Genovesi dal sec. X al XV citiert), und natürlich auch Heyd. 334 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. wie auf dem Festlande ausgedehnten Grundbesitz. Den Mittelpunkt ihrer Kolonien am Schwarzen Meer bildete Kaffa, in dem sie seit 1266 herrschten. Diese Stadt soll im 14. Jahrhundert 100000 Einwohner gezählt haben. Dann aber befanden sich in den Händen der Genuesen die ertragreichen Inseln Chios, Samos, Nikaria, Önussa, Sa. Panagia, Teile von Cypern (Famagusta), Korsika (bis 1768) und Sardinien, das Genua dann an das aragonische Königreich verlor, Besitzungen in Spanien, in Griechenland 1 , an der armenischen Küste, in Syrien und Palästina. Neben Venedigs und Genuas Kolonialreichen verschwinden diejenigen der übrigen italienischen Staaten. Immerhin ist auch der Kolonialbesitz von Pisa 2 und Florenz 3 nicht unbedeutend gewesen. Beide Städte waren seit dem 12. Jahrhundert in Syrien und Palästina angesiedelt; Pisa hatte frühzeitig an der afrikanischen Küste Fufs gefafst und florentiner Familien dominierten in Griechenland 4 . Es wäre nun aber durchaus verkehrt, anzunehmen, dafs dieser ganze Kolonialbesitz den italienischen Städten lediglich als „Stützpunkt“ für ihren „Handel“ gedient hätte. Vielfach waren es ja nur Zwingburgen, die man in Feindesland anlegte, um die Einwohner dem doux commerce geneigter zu machen. Überwiegend jedoch nützte man die unterworfenen Gebiete zur Gütererzeugung, sei es zur Hervorbringung landwirtschaftlicher Produkte, sei es gewerblicher Erzeugnisse. Und es war wie ein Garten, das Land, das man betrat, um es auszusaugen. Palästina und Syrien waren unter den Segnungen der ein halbes Jahrtausend dort heimischen Kultur der Araber zu einem wahren Paradiese erblüht. Die Zeitgenossen der Kreuzfahrer finden gar nicht Worte genug, um den überquellenden Reichtum des Landes zu schildern. Und dazu ein musterhafter Anbau ringsum. In den Gärten wuchs eine Fülle von Südfrüchten: Citronen, Orangen, Feigen, Mandeln, so besonders in der paradiesischen Umgebung 1 Über die Besitzungen der genuesischen Familie der Centarioni in Griechenland vgl. Buehon, 1. c. 304 ff. 2 A. Main, I Pisani alle prime crociate(1893), cit.beiToniolo, L’economia di credito e le origini del capitalismo nella rep. fior. in der Riv. intern. 8, 37 f. 8 Toniolo, a. a. O. Davidsohn, Gesch. von Florenz 1, 282. Ida Masetti-Bencini, F. e le isole della Capraia e della Pianosa im Arch. stör, ital. Ser. V. t XIX (1897). p. 110 ff. 4 Im 14 Jahrh. erlangt die Familie der Acciaiuoli die Herzogswürde von Athen. Buehon, 346 ff. Dreizehntes Kapitel. Die Kolonialwirtschaft. 335 von Tripolis und bei Tyrus. Vielerorts wurde Wein und Öl gewonnen ; ferner baute man das Zuckerrohr und die Baumwollstaude, zog man die Seidenraupe, pflanzte man Indigo und Färberröte. Auf den Bergen aber rauschten die Ceder- und Cypressenwälder und weideten die Herden der nomadisierenden Araber 1 . Dieselbe Fülle auf dem kleinasiatischen Festlande und vor allem auf den Inseln des ägäischen Meeres 2 , die alle noch von Fruchtbarkeit strotzten, als die Italiener ihr Werk begannen. Perlen unter ihnen waren Cypern, Kreta und Cliios, letzteres vor allem durch seine Mastixpflanzungen berühmt, aber auch reich an Wein, Ölbäumen, Maulbeerbäumen, Feigen etc. Während Cypern neben Salz, Wein, Baumwolle, Indigo, Laudanumharz, Koloquinten, Karuben vor allem Zucker lieferte: Man baute nicht nur das Zuckerrohr in grofsem Stile plantagenmäfsig auf den meisten dieser Inseln an, sondern gewann auch gleich den Zucker an Ort und Stelle. Im Gebiete von Limisso besafs die venetianische Familie Cornaro eine ausgedehnte und ertragreiche Zuckerplantage, welche Ghistele den rechten Stapel des Zuckers von ganz Cypern nannte; zur Zeit, als der Italiener Casola das Gut besichtigte (1494), waren 400 Personen daselbst mit der Bereitung des Zuckers beschäftigt. Was aber den italienischen Besitzungen ihren hohen Wert verlieh, war vor allem der Umstand, dafs allerorts die Bevölkerung bereits einen bedeutenden Grad gewerblicher Kunstfertigkeit besafs, und daher Industrien in grofsem Stile betrieben werden konnten. Unter diesen wiederum ragte-die Seidenman ufaktur hervor. Sie blühte in Antiochia, Tripolis, Tyrus. Eine der llecen- sionen, in welchen uns die Burchardsche Beschreibung des heiligen 1 Vgl. die Schilderungen bei Heyd, 1, 195 ff.; Prutz, 315 ff. Dazu Beugnot, Memoire sur le regime des terres dans les principautds fonddes en Syrie par les Francs (Bibliothdque de l’dcole des chartes. 3. sdrie t. 5. [1854] 258 ff.), und A. von Kremer, Kulturgeschichte des Orients 2 (1877), 320 ff. Neuerdings fafst die Urteile zeitgenössischer Dichter zusammen Emil Dreesbach, Der Orient in der alten französ. Kreuzzugslitteratur. Bresl. Diss., 1901, S. 24 ff, 49 ff. 2 Vgl. aufser Heyd (namentlich im Anhang 1) noch den Artikel „Giusti- niani“ bei Ersch und Gruber. Ferner aus der neueren Litteratur E. Ger- land, Kreta als venetianische Kolonie im Historischen Jahrbuch 20 (1899), 1 ff, der hauptsächlich aus H. Noiret, Docum. inddits pour servir ä. l’histoire de la domination vdndtienne ä Crdte (Bibliothdque des dcoles franfaises d’Athdnes et de Rome fase. 21 [1892]) schöpft. 330 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Landes erhalten ist, giebt die Zahl der Seiden- und Kamelotweber in Tripolis auf 4000 und darüber an. Tyrus erzeugte namentlich kostbare weifse Stoffe, die weithin ausgeführt wurden 1 . Aber auch auf fast allen Inseln fanden die Italiener die Seidenindustrie in Flor, oder aber sie legten selbst Manufakturen an, wie in Sicilien und Morea. Neben der Seidenindustrie betrieb man die Baumwollindustrie, z. B. in Armenien 2 3 , die Glas- und Töpferindustrie in Syrien® u. a. Endlich aber lieferten die Bergwerke hohe Erträge, insonderheit die Alaunberg werke, die namentlich auf der Halbinsel von Phokäa im Gange waren. Hier beutete mehrere Generationen hindurch das genuesische Haus Zaccaria das Land aus. Man. Zaccaria (f 1288) hatte durch die Alaungewinnung Reichtümer erworben, „die sich der Schätzung entziehen“. Im Jahre 1298 wurden beispielsweise 650 Centner Alaun für 1300000 Lire verkauft 4 * , während die Jahresausbeute auf durchschnittlich 14000 Centner angegeben wird 6 . Fragen wir nun aber nach der Wirtschaftsverfassung, deren die Italiener sich bedienten, um die mannigfachen Schätze zu heben, so begegnen wir der frappanten Thatsache, dafs es anfangs gar nichts anderes als das Feudalsystem war, das die Ankömmlinge auf die neuen Gebiete übertrugen, dank natürlich vor allem dem Einflufs der Kreuzfahrer, der in den Anfängen der Kolonisation in der Levante überall fühlbar ist. Grofsenteils galt es nur, den Herrn zu wechseln; denn sowohl in den unter türkische Herrschaft gekommenen Reichen als in den ehemalig byzantinischen Ländern war ein dem westeuropäischen mehr oder weniger verwandtes Feudalregiment herrschend®. Was nun aber besonders interessant ist, ist dieses: dafs die Ideen der feudalen Abhängigkeit, wie sie im Lehensverhältnis zum deutlichsten Ausdruck kommen, über ihren eigentlichen Geltungsbereich hinaus auch auf ganz heterogene Verhältnisse Anwendung fanden. War es schon sonderbar genug, dafs man italienischen Kaufleuten Ländereien zu- 1 Heyd 1, 197. 2 Ad. Beer, Allg. Gesch. des Welthandels 1 (1860), 188/89. 3 Heyd 1, 197. * Art. Giustiniani, bei Ersch und Gruber S. 310. 8 Pegolotti, 1. e. pag. 370. 6 „Quands les Turcs eurent 4te compldtewent expulsös de la Syrie, ee pays se trouva dans toute son dtendue soumise comme un royaume d’Europe, au rdgime f6odal. fc Beugnot, 1. c. 4, 42. Dreizehntes Kapitel. Die Kolonialwirtschaft. 337 wies mit der Verpflichtung zur Heeresfolge 1 , so entstand gar erst ein Zerrbild des Feudalismus, wenn man nun auch die Städte in gleicher Weise zu Lehen austeilte. Und doch war die Form, in der die neuen Herren beispielsweise in Syrien und Palästina Besitz von dem Gebiete ergriffen, gar keine andere als eben eine modifizierte Belehnung. Die Genuesen oder Venetianer erhielten beispielsweise von Tripolis oder Accon „ein Drittel“ zugeteilt mit allen Insassen, mit Häusern, Gärten, Mann und Maus, gerade wie die fränkischen Ritter ihren Landbesitz mit den darauf wohnenden Hintersassen zugeteilt bekamen. Was drei Jahrhunderte später die Spanier in Gestalt der sog. Encomiendas in Amerika einführten, war schon längst die Ansiedlungsform in den levantischen Kolonien gewesen; und diese Form war nichts anderes im Geiste als die Belehnung. Nur dafs nun natürlich im Verlauf der Entwicklung Vernunft ÜDsinn wurde. Die Lehensverfassung war auf der Idee der Heeresfolge begründet; jetzt war von dieser nichts mehr vorhanden. Die Seidenweber, die den Venetianern in ihrem Dritteil von Tripolis zufielen, konnten nicht mehr als gefolgs- pflichtige Hintersassen betrachtet werden; sie waren vielmehr in ganz andere Zweckreihen hineingezogen worden. Sie wurden erstmalig als Objekte zur Erzielung von Gewinn angesehen. Der Inhalt der Beziehungen zwischen Oberherrn und Hintersassen war ein anderer geworden, obwohl die Form geblieben war: ein Schulbeispiel dafür, wie die neuen Wirtschaftsprincipien sich lange Zeit hindurch der alten Wirtschaftsformen bedienen, ehe sie andere nach ihrem Bilde schaffen. Man darf also getrost sagen, dafs die Encomienda die vorherrschende Form der Kolonialwirtschaft in der Levante war; oder wenn man das deutsche Wort vorzieht, die Belehnung, sei es, dafs diese an Private erfolgte, sei es, dafs die Belehnten gröfsere Verbände waren. Aus diesen Kolonisationsgesellschaften, wie sie uns namentlich in den genuesischen Maone begegnen 2 , hat sich dann 1 So auf Kreta. Vgl. auch Noiret, 1. c., und dazu die Introduktion von A. Haudecour. 2 Die berühmteste Maona ist die von Cliios, die im Jahre 1347 wie folgt zu stände kam: eine zu anderen Zwecken von Privatreedern ausgerüstete Plotte hatte Chios erobert. Bei ihrer Rückkehr verlangten sie, wie ausbedungen war, von der Regierung 203 000 Lire Ersatz. Da die Regierung nicht zahlen konnte, so wurde 26. II. 1347 diese Schuld in die Compera oder Maona Chii verwandelt. Zur Sicherheit und zur Verzinsung der Schuld wurden die Gläubiger mit Chios und Phokäa belehnt. Zwei Jahrhunderte Sombart, Oer moderne Kapitalismus. I. 22 838 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. später die grofse privilegierte Indien-Compagnie des 16. und 17. Jahrhunderts entwickelt, die also ebenfalls nur Nachahmungen jener älteren italienischen Schöpfungen ist. Dafs sich dann die ursprüngliche Lehensform im Laufe der Jahrhunderte Wandlungen unterziehen mufste, ist selbstverständlich. Allmählich wird der Zusammenhang mit der Lehensverfassung vergessen und die Encomienda erscheint schliefslich in der Form der reinen Monopolisierung oder Privilegisierung bestimmter Produktionszweige. f Das ehemalige Lehensverhältnis wandelt sich in ein Regalverhältnis um, und unmerklich bildet sich aus dem alten Feudalstaat der moderne Merkantilstaat heraus, wie der Schmetterling aus der Raupe 1 . Dafs in all diesen Wandlungen der grundsätzliche Charakter der Arbeit derselbe blieb, versteht sich fast von selbst. Ob Lehen, ob Regal: der Arbeiter war des Selbstbestimmungsrechtes beraubt, er war unfrei. Man mag im einzelnen Falle das Arbeitsverhältnis eher als Teilbauverhältnis, im andern mehr als Hörigkeit, im dritten als reine Sklaverei bezeichnen; für den ökonomischen Effekt bleibt sich das gleich. Wichtig allein ist, dafs die italienischen Kommunen , solange sie Kolonien besafsen, deren Bevölkerung für sich haben unentgeltlich arbeiten lassen. Nur so allein wird das rasche > hindurch ist dann die Maona im Besitz des dominium utile nicht nur von Chios und Phokäa, sondern auch der Inseln Samos, Nikäa, Onussa und Sa. Panagia gewesen, und lange hat sie das Monopol des Mastixhandels von Chios und des Alaunhandels von Phokäa besessen. Art. Giustiniani, a. a. 0. 316 ff., 327 ff. Goldschmidt, Universalgeschichte 295, nennt die Maona Chii den „ältesten Aktienverein“. 1374 wird die Maona Cipri, 1403 die Maona nuova Cipri begründet; 1378 wird Korsika einer Maona übertragen. Sieveking 1, 178. 1 Solche ganz moderne Privilegierungen weist die Verwaltung der vene- tianischen Kolonien im 15. Jahrhundert schon in grofser Fülle auf. 16. III. 1429 wird dem Petrus Quirino das ausschliefsliehe Hecht der Alaungewinnung auf der Insel Kreta auf zehn Jahre übertragen. Noiret, Doc. ined., 327/28; 20. VI. 1465 desgl. zur Anlage eines Bergwerks auf Kupfer, Silber oder Golderze dem Nicolao Genus. Noiret, 495/96; 3. IV. 1480 desgl. zur Gewinnung f von Nitrium unter Gewährung eines Kredits von 300 Duk., ib. 547; 16. III. 1445 findet eine Versteigerung des zehnjährigen Monopols für die Gewinnung von Alaun statt, ib. 410; 31. VII. 1442 wird dem Thomas Quirino und seinen Asaocies das Privilegium zur Einführung des Mastixbaums nach Kreta erteilt, gleichzeitig wird ihm für die nächsten 20 Jahre das alleinige Recht zum Anbau von Mastixbäumen zugesprochen, ib. 402; 24. VII. 1428 wird dem Marcus de Zanono für die nächsten zehn Jahre das alleinige Recht zuerkannt, Zuckerrohr auf der Insel Kreta zu pflanzen, ib. 324/25 u. s. w. Dreizehntes Kapitel. Die Kolonialwirtsehaft. 339 Anwachsen des Reichtums in den italienischen Städten des Mittelalters einigermafsen verständlich. Dafür sollen nun im folgenden einige Belege beigebracht werden. Was die Westeuropäer auf dem flachen Lande in den bis dahin arabischer bezw. türkischer Herrschaft unterstehenden Gebieten antrafen, war eine zu Abgaben und Leistungen verpflichtete, halbhörige Bevölkerung, die in diesem Abhängigkeitsverhältnis seit Jahrhunderten verharrte. Die Berichte, die wir über das Verhalten der neuen Herrscher besitzen, machen es wahrscheinlich, dafs die Lage der Bauern sich unter fränkisch-italienischer Herrschaft eher verschlechterte. Sie sanken vielfach auf das Niveau der Sklaverei herab. „Ein Zug unmenschlicher Härte geht durch die fränkischen Einrichtungen auf diesem Gebiete; es wird sich kaum noch ein Beispiel anführen lassen von einer so erbarmungslosen Geltendmachung des harten Rechtes der Eroberung, von dem hier nicht blofs die besiegten Feinde, sondern die Glaubensgenossen der Sieger betroffen wurden . . Danach wird man füglich nichts anderes annehmen können, als dafs fast die ganze ländliche Bevölkerung der von den Franken eingenommenen Landschaften einfach in Sklaverei geriet 1 .“ Was aber für die Lande arabisch-türkischer Herrschaft gilt, dürfen wir auch für die Gebiete des byzantinischen Reichs annehmen, in denen sich die Italiener niederliefsen: dafs sie an Stelle der alten Herren tretend eine mit Abgaben und Diensten stark belastete, meist schollenpflichtige Bauernschaft zu ihrer Verfügung bekamen und diese sicher nicht weniger, sondern eher mehr als ihre Vorgänger anzuspannen verstanden 2 3 . Wo uns die Quellen eingehender über den Modus der Ansiedlung unterrichten, wird diese Auffassung durch sie bestätigt. So erfahren wir Genaues 1 Prutz, Kulturgeschichte, 327. Damit übereinstimmend bemerkt Beug- not, 1. c.: „Le servage sous les Francs ne parait avoir eu d’autre rfegle que la volonte absolue, illimitöe des propri^taires.“ In 160 Dörfern, die die Tempelherren in der Gegend von Safed besafsen, finden wir nicht weniger als 11 000 f Sklaven beschäftigt. Prutz, a. a. 0. Die Formel der Beleihung war: „alle Rechte und Besitzungen an Männern, Weibern und Kindern“ — werden übertragen. Vgl. noch H. Prutz, Die Besitzungen des deutschen Ordens im heiligen Lande (1877), 60. 3 Über die mannigfach abgestuften Hörigkeitsverhältnisse im späteren oströmischen Reiche sind wir gut unterrichtet. Dafs auch die Sklaverei während des ganzen Mittelalters im byzantinischen Reiche fortdauerte, dürfen wir jetzt als verbürgt annehmen. Otto Langer, Sklaverei in Europa während der letzten Jahrhunderte des Mittelalters (1891), 8—10. 22 * 340 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. über die Festsetzung der Venetianer in Kreta. Hier wurden nach dem ersten Aufstande der Kreter die Güter der „liebeilen“ zunächst einmal systematisch „konfisziert“ und nun den venetianischen Nobili zugeteilt. Die Casalia gingen in die Hände der venetianischen Kolonisten mit ihrem gesamten Bestände „an Vieh und Sklaven“ über. Jeder Kolonist erhielt als erste Ration 25 „Villani“ (also wohl Hörige) zur Bebauung seines Landes überwiesen h Auf Chios waren die Paroikoi (Villani) Leibeigene der Maona oder einzelner Maonesen. Ihre Lage war so gedrückt, dafs viele sich durch Flucht von der Insel zu retten suchten 1 2 . Welches das Rechtsverhältnis war, in dem die gewerbetreibende Bevölkerung in den Städten vor Ankunft der Italiener sich befand, bezw. in welches sie später geriet, vermag ich nicht deutlich zu sehen. Nach dem jedoch, was wir über ihre Zusammensetzung und Organisation erfahren 3 , scheint mir der Schlufs zulässig, dafs ein grofser Teil in einem sklavenartigen Verhältnis zu den herrschenden Klassen stand, mindestens aber zu Abgaben und Leistungen in starkem Mafse verpflichtet war. Wäre das nicht der Fall gewesen, d. h. hätte der Beherrscher einer Stadt keine Vorteile von ihren Bürgern gezogen, so wäre ja die Zuteilung von ganzen Stadtteilen, wie sie bekanntlich der Regel nach stattfand, ohne allen Sinn gewesen. Nun müssen wir aber, um das Exploitationsfeld, das sich den Italienern in der Levante erschlofs, in seiner ganzen Ausdehnung zu ermessen, in Betracht ziehen, dafs während der ganzen Zeit ihrer Kolonialherrschaft das Arbeitermaterial durch fortgesetzte starke Zuführung von Sklaven unaufhörlich vermehrt wurde. Byzantiner und namentlich Araber hatten bereits einen schwungvollen Sklavenhandel getrieben. In das Kalifenreich wurden schwarze sowohl als weifse Sklaven jährlich zu vielen Tausenden importiert. Die ersteren bezog man aus Zawyla, der damaligen Hauptstadt der Landschaft Fezzan, wo ein Hauptmarkt hierfür war, aus Ägypten oder von der afrikanischen Ostküste, „und zwar in solchen Massen, dafs mehrmals gefährliche Sklavenaufstände stattfanden“ ; die weifsen kamen aus Centralasien oder aus den frän- 1 Noiret, 1. c., und dazu A. Haudecour, Introduction. 2 Art. Giustiniani, a. a. 0. S. 338 ff. 8 von Kremer, Kulturgeschichte 2, 152 f. Ein grofser Teil der städtischen Bevölkerung im Kalifenreichc rekrutierte sich aus Sklaven. Dreizehntes Kapitel. Die Kolonial Wirtschaft. :J41 kischen und griechischen Ländern 1 . Was wir über das Vorgehen der Italiener wissen, läfst nun aber ohne weiteres den Schlufs zu, dafs sie diese Sklavenzufuhr nicht verringerten, sondern gewifs noch steigerten; nur mit dem Unterschiede, dafs sie jetzt an Stelle kriegsgefangener Christen kriegsgefangene Muselmänner in die Sklaverei verführten. Auch wenn wir nicht so viele Einzelzeugnisse über die Verwendung von Sklaven und den Handel mit ihnen aus jener Zeit besäfsen 2 , so mül’ste uns der ganze tenor der Gesetze und Verordnungen in den Kolonialgebieten davon überzeugen, dafs es sich dort um eine Wirtschaftsverfassung handelte, die sich mehr und mehr auf der Verwendung von Sklaven auf baute und sich in nichts von derjenigen unterschied, die später Portugiesen, Spanier und Holländer in ihren Kolonien einführten. Da sind zunächst in grofser Menge Kundgebungen der Regierungen des Mutterlandes, aus denen die Sorge um die Erhaltung und Vermehrung des Sklavenbestandes hervorgeht. Es werden Prämien ausgesetzt, um die Sklavenzufuhr zu heben, die gleichen Summen, die bisher demjenigen vorgeschossen waren, der sich zur Vermehrung des Pferdebestandes bereit erklärt hatte 3 . Oder es werden von der Regierung selbst Sklaven und Kriegsgefangene in die Kolonien versandt. So stieg beispielsweise die Bevölkerungsziffer von Kreta dank solchen Importes unter venetianischer Herrschaft von 50000 auf 192 725 4 5 . Da fehlen aber vor allem jene Dekrete nicht, die eine auf Sklaverei aufgebaute Wirtschaft in so reicher Fülle notwendig macht: Strafbestimmungen für den Fall des Entlaufens von Sklaven, Schutzvorkehrungen gegen Sklavenaufstände R u. s. w. 1 von Kremer 2, 152. 2 O. Langer, 14 f. 16. 2 „de conducendo ad dictani nostram insulam Grete majorem quantitatem sclavorum masculorum qui sint ab annis quinquaginta infra“ gewährt die venetianische Regierung Darlehen von 3000 Hyperperi (etwa 500—700 Duk.). Noiret, Doc. ined. 54. 4 Haudecour, 1. c. Am 15. 1. 1447 schenkt die Regierung von Kreta dem Sudan von Babylon ein Schiff mit 44 Sklaven, aus Erkenntlichkeit für seine Handelserleichterungen. Noiret 416. 5 „si aliqui ex hominihus quos liabebit ad suum Stipendium sive salarium pro coquendo seu laborando dictos zucharos fugerent, possit et liceat sibi hostales fugitivos ubique in terris et super Insula intromittere et capere et illos ponere in manibus Rectorum nostrorum qui fugitivi tractentur et puniantur eodem modo, quo tractantur faliti galcarum.“ Noiret, 325. Man könnte hier an „freie Lohnarbeiter“ denken. Dann wäre aber deren 342 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Wer die Sammlungen dieser Dekrete durchgeblättert hat, wird gründlich von der Meinung kuriert sein, die noch heute vielfach vernommen wird 1 : es habe sich während des Mittelalters lediglich um eine mehr oder weniger patriarchalische Haussklaverei gehandelt. Nein; die Sklavenwirtschaft in der Levante war um nichts „gemütlicher“ als die spätere in Amerika und Indien. Auch sie war ein Institut, mittelst dessen skrupellose Handelsherren sich auf Kosten fremder Völkerschaften auf grofser Stufenleiter grenzenlos bereicherten. Wie sich dann seit 1500 jenseits des grofsen Wassers dieselben Vorgänge — nur in erweitertem Mafsstabe — wiederholten, die sich drei Jahrhunderte hindurch an den Küsten und auf den Inseln des Mittelmeers abgespielt hatten, weifs jedermann. Nur sollte man sich immer mehr gewöhnen, die wirklich springenden Punkte der Kolonialgeschichte hervorzukehren: dafs deren eigentlicher Kern nämlich die nutzbringende Ausbeutung fremder Körperschaften ist (natürlich von den Ansiedlungen der eigenen Stammesgenossen in fernen Ländern abgesehen). Das hatte Colon schon sehr richtig erkannt, als er den Ausspruch that: der wahre Reichtum der neuentdeckten Länder sind ihre Menschen 2 . Kolonien, in denen sich keine Arbeiter ausbeuten lassen, sind wie Messer ohne Klingen. Daher denn das Kolonialproblem zu allen Zeiten nur eines war: Beschaffung zahlreicher Ausbeutungsobjekte. Und dieses Problem hat ein doppeltes Gesicht: je nachdem es sich um dicht bevölkerte Gebiete oder menschenleere handelt. Dort gilt es, Methoden ausfindig zu machen, das vorhandene Menschenmaterial nach Möglichkeit auszupressen; hier handelt es sich um Mafsnahmen, das erforderliche Material herbeizuschleppen. Wie die westeuropäischen Nationen in den drei nun zu ihrer Arbeit in Wirklichkeit ebensosehr Zwangsarbeit gewesen, wie die eines gemeinen Sklaven. — Allgemeine Strafandrohung 11. III. 1393: wer flüchtige Sklaven bei sich aufnimmt. „Item concedatur sibi et quinque personis apud eum licentia armorum de die et de nocte, in omnibus terris et locis Insule Grete pro securitate personarum et rerum suarum“ wird zu Gunsten eines Grofsindustriellen verfügt: alles Anzeichen, dafs es mit der „Gemütlichkeit“ dieser Sklaverei nicht weit her war. 1 Diese Anschauung vertritt selbst noch der klaräugige Knapp, Der Ursprung der Sklaverei in den Kolonien, in Brauns Archiv 2 (1889), 138 ff. 2 „Los Indios desta isla espanola eran y son la riqueza della.“ Memorial aus dem Jahre 1505 bei Las Casas, lib. II, cap. 37. Cit. bei Peschei, Zeitalter der Entdeckungen, 396. Dreizehntes Kapitel. Die Koloniahvirtschai't. :(4;j Verfügung stehenden Erdteilen dieses Problem gelöst haben, darf ebenfalls als bekannt vorausgesetzt werden. Auch im 16. Jahrhundert gab das Feudalsystem noch die Form her, in der die Bevölkerung Amerikas den ökonomischen Zwecken der Kolonialunternehmer ausgeliefert wurde: hier sprach man von Encomiendas und repartiementos 1 , dort von Kapitanien und Ses- marias 2 . Den deutschen Unternehmern, die sich ja in den ersten Jahrzehnten besonders eifrig an der Ausplünderung Amerikas beteiligten, erschienen diese Belehnungen bereits in ihrem wahren Sinne; man nannte sie Entdeckungsverträge 3 . Und als dann im 17. Jahrhundert nicht mehr ritterliche Conquistadores, sondern nur noch ganz gewöhnliche Krämer das Geschäft übernahmen, die fremden Völker zur Arbeit für Westeuropa zu erziehen, erschienen die Übertragungen von Land und Leuten zur Nutzung selbstverständlich nur noch in der rein geschäftsmäfsigen Beleuchtung der Privilegierung und Monopolisierung. 1 Jede Schrift über spanische Kolonialpolitik giebt darüber Aufschlufs. Ich nenne nur die neueste Erscheinung auf diesem Gebiet: K. Häbler, Amerika, in Helmolts Weltgeschichte 1 (1899), 396 ff. Am ausführlichsten handelt über die Encomiendas Arth. Helps, The Spanish conquest in America and its relation to the liistory of Slavery and to the government of Colonies 3 (1857), 99 ff.; daselbst (S. 135) findet sich auch die berühmte Definition des repartiemento nach Ant. de Leon (Confirmaciones reales parte I cap. I). Die Werke von Helps (4 Vol. 1855—61) und Prescott, die weiter unten genannt werden, sind noch heute zur ersten Orientierung über Eroberung und Besitznahme Amerikas durch die Spanier sehr brauchbar. Seit ihrem Erscheinen ist das Urkundenmaterial freilich stark vermehrt, trotzdem aber noch längst nicht in seinem ganzen Umfange erschlossen. Die ungehobenen Schätze des Indienarchivs in Sevilla sind nach den Mitteilungen Iläblers geradezu Schrecken erregend reiche. Die gedruckte Materialsammlung ist die Collection de documentos ineditos relativos al descubrimento, conquista y colonizacion de las posesiones Espafioles en America e Oceania. 1864 ff. 2 H. Handelmann, Geschichte von Brasilien (1860) S. 47. 3 Solche Entdeckungsverträge schlossen die Fugger, die Welser, die Ehinger u. a. häufig ab. Eine ausführliche Wiedergabe eines derartigen Vertrages findet sich bei K. Häbler, Geschichte der Fuggersclien Handlung, 56 ff. Vgl. ferner Herrn. A. Schuhmacher, Die Unternehmungen der Augsburger Welser in Venezuela etc., in der Hamburger Festschrift zur Erinnerung an die Entdeckung Amerikas, Bd. H 1892, und K. Häbler, Welser und Ehinger in Venezuela, in der Zeitschrift des histor. Ver. für Schwaben und Neuburg. 1895. S. 66 ff. Die reiche Litteratur über die Beziehungen der Welser zu Venezuela ist zusammengestellt von Victor Hantsch, Deutsche Reisende des 16. Jahrh. im 4. Hefte des I. Bandes der Leipz. Studien aus dem Gebiet der Gesch. (1898), 17/18. ;i44 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Aber wiederum war bei aller Mannigfaltigkeit der Formen, deren man sieb bei Besitzergreifung der neuen Gebiete bediente, der Effekt derselbe: Versklavung der Vorgefundenen roten und gelben Bevölkerung. „Versklavung“ wiederum in zahlreichen Abstufungen, vielfach bei principiell belassener Freiheit. So liefs man die Indianer meist nur fronden. Sie mufsten 8—9 Monate auf dem Felde oder in den Goldwäschereien den europäischen Gebietern sich zur Verfügung stellen und durften während des Restes des Jahres in ihrer Heimat ihre eigenen Felder bebauen h Oder aber man bedang sich Lieferungen bestimmter Erzeugnisse aus. Die Encomiendas z. B., die 1499 von Colon verteilt wurden, lauteten über 10—20000 Matas Maniokwurzeln. Der Kazike war dann verpflichtet, durch seine Leute diese Felder bestellen zu lassen. Die Einwohner aber wagten nicht, diesen Fronden zu entweichen, denn die Spanier spürten den Entlaufenen nach, die, wenn nichts Schlimmeres geschah, als Sklaven verkauft werden durften * 2 . Ein ähnliches System führten die Portugiesen in ihren afrikanischen Kolonien ein, wo sie, wie auf S. Thomas, hauptsächlich das Zuckerrohr anbauten. Schon Anfang des 16. Jahrhunderts rinden wir hier Plantagen mit 150—300 Arbeitern „fra negri et negre, liquali hanno questa obligatione, di lavorar tutta la settimana per il patron, eccetto il sabbato che lavorano per causa di vivere“ . . , 3 . Die „notwendige“ Arbeit zur „Mehrarbeit“ stand hier also in dem krassen Verhältnis wie 1 : 6. Dieses System des indirekten Arbeitszwanges bezw. der erzwungenen Lieferungen ist dann unter dem Namen des Systems van den Boschs in den holländischen Kolonien zur Berühmtheit gelangt. Es stellt wohl die raffinierteste Art der Ausbeutung dar, ähnlich wie heutzutage etwa die tröle. Wir begegnen ihm beim Einsammeln der Gewürznägel auf den Molukken 4 , bei dem Kaffee- ’ In Ovandos Instruktion vom September 1500 heilst es: que los Indios pagasen tributos y derechos como los demas vasallas 4 sus altezas y que ser- viesen en coger el oro pagandoles su trabajo. Schuhmacher, a. a. O. S. 300. 2 O. Pescliel, 303. 3 Navigatione da Lisbonaf all’ isola di san Thome ec. bei Ramusio, Delle navigationi ec. (3. ed. 1563), 117 A. 4 Saalfeld, Gesch. des holländ. Kolonialwesens 1 (1812), 276. Dreizehntes Kapitel. Die Kolonialwirtschaft. 345 und Zuckeraubau auf Java 1 , bei der Zimmtgewinnung auf Ceylon 2 , bei der Muskatbaumzuckt auf den Bandainseln 3 u. s. w. Während nun aber die Menschen der gelben Basse sich als aul'ser- ordentlich qualifizierte Lasttiere erwiesen, sind, wie man weifs, die Rothäute von zu edlem Blute gewesen, um die Schindereien der Europäer auf die Dauer zu ertragen 4 . Man kennt die Verzweiflung, zu der diese Stämme getrieben wurden, wie sie endlich zu Enthaltung vom Geschlechtsverkehr und zum kollektiven Selbstmord ihre Zuflucht nahmen. Wenn irgend etwas die Situation in den neu der Kultur erschlossenen Gebieten erhellt, so sind es die Schilderungen, die wir von diesen Vorgängen besitzen. Ein spanischer Missionar in Oaxaca berichtet uns, dafs die Chondalindianer übereingekommen waren, jede Berührung ihrer Frauen zu vermeiden, jedes Mittel zur Verhinderung der Geburten anzuwenden und etwaigen Leibessegen abzutreiben. In welch einen Abgrund von Leiden läfst diese Erzählung uns blicken! Und wie entsetzlich tragikomisch berührt uns jene bekannte Anekdote des Las Casas, die er seinen Berichten über den Massenselbstmord der Indianer einflicht: Einem der kubanischen Pflanzer wird gemeldet, dafs die Indianer seines Repartiemento im Begriffe seien, sich aufzuknüpfen. Er trifft zwar noch zur rechten Zeit bei ihnen ein, da aber nichts anderes von ihrem Vorhaben sie abzuwenden vermag, so bittet er sie gleichfalls um eine Schlinge zur Entleibung, weil er ohne sie doch Hungers sterben müsse. Dies brachte die Unglücklichen auf andere Ge- 1 Saalfeld 1, 283 ff. a Saalfeld 1, 288 ff. 3 Saalfeld 1, 280 ff. Saalfelds Arbeiten, obwohl naturgemäfs auf nur ungenügendem Quellenmaterial fufsend, scheinen mir doch auch heute noch zur allgemeinen Orientierung durchaus geeignet. Wer sich eingehend mit der Materie beschäftigen will, wird unschwer den Weg zu den Quellen finden. Für die ältere Zeit der holländischen Kolonialwirtschaft liegt jetzt das vollständige Aktenmaterial gedruckt vor in De Jonge, Opkomst van hed Neder- landsch gezag in Oostindie. Zur Ergänzung dieses Werkes dienen die Arbeiten des Bibliotheksdirektors P. A. Ti eie, sowie die ein reiches Quellenmaterial verarbeitende und z. T. publizierende, bereits öfters genannte Studie von H. Bokemeyer, Die Molukken. Geschichte und quellenmäfsige Darstellung der Eroberung und Verwaltung der ostindischen Gewürzinseln durch die Niederländer. 1888. Daselbst Auszüge aus den officiellen Berichten über die Zwangslieferungen S. 275 ff. 4 Die ungeschminkteste, freilich wohl z. T. etwas einseitige Darstellung des spanischen „Kolonisationswerks“ giebt Arth. Helps. Ihm folgt im wesentlichen A. Del Mar, A history of the precious metals (1880), 44 ff. 346 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. flanken, denn sie fürchteten, wenn ihr Herr gleichsam ins Jenseits ihnen nachsetze, ihre Knechtschaft sich auch dorthin erstrecken möchte. Um also wenigstens nach dem Tode Ruhe zu haben, kehrten sie zu ihrem irdischen Elend zurück 1 . Also damit war es nichts. Jene Indios, die Colon den wahren Reichtum der neuen Welt genannt hatte, bereiteten ihren Herren eine herbe Enttäuschung. Sie erwiesen sich als unfähig, der Segnungen der europäischen Kultur teilhaftig zu werden. So wurde denn den Besiedlern Amerikas das Kolonialproblem in seiner zweiten Fassung gestellt: wie anders wohl die erforderlichen Ausbeutungsobjekte zu beschaffen seien. Das Problem wurde, wie bekannt, in glänzender Weise gelöst: das menschenreiche Afrika bot sich als unerschöpfliches Reservoir zur Heranziehung von Arbeitskräften dar. Die schwarze Sklaverei begann ihre welthistorische Mission zu erfüllen 2 . Centralamerika, Brasilien und Westindien gaben den Schauplatz für sie ab. Mit bewundernswerter Schnelligkeit dehnt sich die Negersklaverei in diesen Gebieten aus. 1501 bemerken wir die ersten Einfuhren von Negern, 1510 beginnt der Handel von Lissabon aus zur Bergwerksarbeit, zwischen 1513 und 1515 fällt der Anfang des Zuckerrohrbaus auf den Antillen, 1518 wird der erste Asiento de negros abgeschlossen, 1530 erfolgt das Verbot der Indianersklaverei, aber schon 1520 waren in S. Domingo die Negersklaven so zahlreich, dafs die europäischen Ansiedler mit Zagen die Eventualität einer Erhebung der Schwarzen erwogen. Ähnlich lagen zeitweise die Verhältnisse in Puerto Rico. Im Jahre 1535 bestanden auf S. Domingo bereits 30 Zuckersiedereien 3 . Doch ist das alles hier natürlich nicht zu verfolgen. Was uns 1 Las Casas Lib. III. cap. 81 bei Peschei, 548. 2 Nicht dafs sie erst aufgetreten wäre: Negersklaverei hat es das ganze Mittelalter hindurch gegeben; Negerhandel wurde die längste Zeit über Land von den Mauren getrieben. Vgl. Sprengel, Vom Ursprung des Negerhandels, 14 ff.; seit 1445 treten die Portugiesen an ihre Stelle. Peschei, 68 ff. 3 Aufschlufs über die Negersklaverei geben alle die bekannten Darstellungen der Kolonialgeschichte Amerikas. Aufserdem existiert eine umfangreiche Speciallitteratur, von der freilich die wenigsten Schriften den Anforderungen strenger Wissenschaftlichkeit genügen. Trotzdem sind wir auch gerade auf die älteren Werke noch immer angewiesen. Es mag hier genügen, von diesen folgende zu nennen: M. Chr. Sprengel, Vom Ursprung des Negerhandels. 1799. An Essay on the Slavery and Commerce of the human species particulary the african. 1786 (enthält Übersicht über weitere zeitgenössische Schriften). Falconbridge, An account of the slave trade. 1788; deutsch 1790. Th. F. Buxton, The african slave trade. 1839; deutsch 1841 (es wurde von mir die deutsche Übersetzung benutzt). A. Moreau de Dreizehntes Kapitel. Die Kolonialwirtschaft. 347 vielmehr nur noch not thäte, wäre dies: eine wenn möglich quantitativ bestimmte Vorstellung von der Bedeutung zu gewinnen, die die Kolonialwirtschaft für die Entwicklung des europäischen Kapitalismus dank vor allem ihrer Accumulations- kraft besitzt. Dafs diese Frage auf direktem Wege niemals wird beantwortet werden können, ist klar. Wohl aber ist es denkbar, einige Anhaltspunkte zu gewinnen, um von ihnen aus eine schätzungsweise richtige Antwort geben zu können. Wir müssen uns dann im übrigen hier wie so oft damit begnügen, die principielle Bedeutung eines wichtigen Phänomens erkannt zu haben. Zu diesem Behufe werden wir zwei Thatsachen festzustellen suchen müssen : die Ausdehnung der Zwangsarbeit und ihre Rentabilität. B. Der ökonomische Effekt der Kolonialwirtschaft. Für die Ausdehnung der Zwangsarbeit, aus der die Italiener ihren Reichtum sogen, fehlen uns zuverlässige Angaben durchaus. Dafs es sich damals schon u. U. um beträchtliche Menschenmassen handelte, können wir aus den Schilderungen des arabischen Sklavenhandels sowie aus gelegentlichen Mitteilungen entnehmen, deren Ziffernangaben freilich einen abenteuerlichen Anstrich tragen. So hören wir, dafs 1310 die sicilische Flotte im tiefsten Frieden die Insel Gerba an der tunesischen Küste überfiel, und dafs bei dieser Gelegenheit 12000 Weiber und Kinder zu Sklaven gemacht wurden; dafs 1355 ein genuesischer Admiral ohne jede Veranlassung Tripolis überrumpelte und plünderte und dabei 7000 Männer, Frauen und Kinder in die Knechtschaft schleppte x . Aber ebenso selbstverständlich ist es, was auch schon hervorgehoben wurde, dafs die koloniale Exploitationsbasis, auf der die italienischen Städte ruhten, winzig war gegenüber derjenigen, auf der seit 1500 sich der Bau des europäischen Kapitalismus erhob. Jonn^s, Recherches statistiques sur l’esclavage colonial. 1842. — Unter den neueren Arbeiten ragen hervor: Henry Wilson, Hist, of the rise and fall of the slave power in America. 4. ed. 3 Vol. 1875 f. G. F. Knapp, Der Ursprung der Sklaverei in den Kolonien, in Brauns Archiv Bd. II 1889. K. H äbler, Die Anfänge der Sklaverei in Amerika, in der Zeitschr. für Social- und Wirtschaftsgeschichte Bd. IV. Das bedeutendste Werk der neueren Litteratur ist Luc. Peytraud, L’esclavage aux Antilles fran^aises avant 1789 (1897), das eine erste durchgängig aus den Quellen des Kolonialarchivs geschöpfte Gesamtdarstellung der Sklaven Wirtschaft eines Gebietes bringt, daneben aber auch reich an Ausblicken auf die Gesamtentwicklung dieser Institution ist. 1 O. Langer, Sklaverei in Europa, 16. 348 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Was dieser nun aber in den letzten vier Jahrhunderten an Menschenmaterial in den drei unterjochten Erdteilen verschlungen hat, wird man sich nicht leicht gewaltig genug vorstellen können. Was man nie vergessen sollte, ist dieses: dafs Westeuropa, um auf den heutigen Gipfel seiner Macht zu kommen, nicht nur sich der Arbeitsprodukte der Aufsereuropäer innerhalb der Grenzen bemächtigt hat, innerst deren die exploitierten Völker weiter bestehen und sich normal entwickeln konnten, sondern dafs es im wahren Sinne des Wortes Raubbau mit Millionen von Menschen betrieben hat, die es dermafsen auspumpte, dafs ihnen die Fähigkeit zu eigener Reproduktion verloren ging. Will man eine korrekte Bilanz des westeuropäischen Kapitalismus ziehen, so wird man füglich, wie schon angedeutet wurde, den ungeheuren Verbrauch von Menschenleben während seines Bestehens auf die Debetseite schreiben müssen. Wir sind reich geworden, weil ganze Rassen und Volksstämme für uns gestorben, ganze Erdteile für uns entvölkert worden sind. Auch dies sind ja im allgemeinen durchaus bekannte Dinge, die es nur wieder in den richtigen Zusammenhang zu bringen gilt. Bekannt ist vor allem das rasche Verlöschen der roten Rasse unter dem Drucke der europäischen Herrschaft, ein Verlöschen, wie P esc hei treffend bemerkt 1 , „welches dem Verdrängen von Tiergeschlechtern in der geologischen Zeit ziemlich nahe kommt“. Als die Spanier auf die Bahamainseln kamen, fanden sie sie dicht bevölkert. Als 1629 die Engländer sich auf Neu-Providence nieder- liefsen, waren keine Eingeborenen mehr vorhanden 2 . 1503 siedelten die ersten Spanier sich auf Jamaika an, und schon 1558 waren sämtliche Indianer verschwunden 3 . Espanola hatte 1508 (bei der Eroberung) 60 000 Ureinwohner, 1548 nur noch 500 4 . Auf Kuba war 1548 die einheimische Bevölkerung bereits erloschen 5 . Peru hatte 1575 (also fast schon ein halbes Jahi’hundert nach der Eroberung) immer noch ca. 1500000 Einwohner; 1793 nur mehr 600000®. Ebenso ist in Mexiko die Bevölkerung zusammengeschmolzen. 1 O. Peschei, a. a. O. S. 196. 2 K. Andröe, Geographie des Welthandels 2 (1872), 705. 3 K. Andröe, a. a. O. S. 706. 4 O. Pesehel, 546. 5 O. Peschei, 547. 6 A. von Humboldt, Nouv. Esp. I 2 , 298/99. Über die dichte Besiedelung Perus vgl. auch K. Häbler, Amerika, in Helmolts Weltgeschichte 1 (1899), 310. 312. Dreizehntes Kapitel. Die Kolonialwirtschaft. 84'.) Aber auch die gelbe Rasse hat gewaltige Opfer an Menschenleben erfahren müssen. Banjuwangi, eine Provinz von Java, zählte 1750 noch über 80000 Einwohner, 1811 nur noch 8000 h Im Jahre 1617 wurde von den Siebzehnern der privilegierten Compagnie der bereits 1615 ergangene Befehl dringlicher an ihren Statthalter Coen wiederholt, die Bevölkerung auf den Bandainseln auszurotten und diese mit gefügigen Stämmen oder Sklaven neu zu bevölkern. Ein paar Jahre später wurde die Blutthat auch wirklich ausgeführt; 15000 Menschen fielen den Interessen der Siebzehner zum Opfer 8 . Und gleiche Metzeleien werden uns noch häufiger von den Inseln, die sich in holländischem Besitz befanden, berichtet. Sie waren meist mit der Vernichtung der Gewürzbäume verknüpft, wie sie die Compagnie vornehmen liefs, um den Handel in diesen Erzeugnissen gänzlich zu monopolisieren 1 2 3 . Genaue Ziffern über die Verminderung der Bevölkerung sind nicht zu geben; dafs sie vorhanden ist, ist eine von niemand geleugnete Thatsache. Ein so besonnener Schriftsteller und vorzüglicher Kenner der Materie, wie Bökern ey er, fafst sein Urteil dahin zusammen: „Die Abnahme der Bevölkerung (auf den Gewürzinseln), die von Geschlecht zu Geschlecht sich ausbreitenden Mifsgestaltungen und Hautkrankheiten unter den Insulanern sind das nicht mifszuverkennende Merkmal der jahrhundertelangen Bedrängungen und Leiden, welche als ein Fluch auf diesen schönen Landen ruhten 4 .“ Das alles aber verschwindet gegenüber den Hekatomben von Negern, die dem Moloch der Kolonial Wirtschaft geopfert sind. Anfangs ist man geneigt, die Ziffern, die uns über die Sklavenausfuhr aus Afrika überliefert worden sind, für phantastisch zu halten, bis man sich überzeugt, dafs sie auf Wahrheit beruhen. 1 Th. Stamford Raffles, Java and its dependencies (1817), cit. bei Marx, Kapital l 4 , 717. 2 Bokemeyer, Die Molukken, 132 ff. B. fügt in einer Anm. (S. 133) hinzu: „So lange das Archiv der alten Kompanie unzugänglich war, wurde angenommen, dafs die Siehzehner die Ausrottung der Bandanesen nicht gewollt und ein Vernichtungsurteil von vornherein nicht gefällt hätten . . . . Aus den offiziellen Aktenstücken geht aber hervor, dafs die Siehzehner über alle Einzelheiten genau unterrichtet waren und sie selbst die Blutbefehle gaben.“ 3 Bokemeyer, a. a. O. „Die Niederländer konnten nicht alle Gewürze kaufen, weil die Menge für ihre Packhäuser und ihren Bedarf zu grofs werden mufste, so blieb nur der Entschlufs übrig, die überflüssigen Wälder vollständig auszurotten.“ (S. 179.) 4 Bokemeyer, 293 f. I (550 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Die niedrigste Schätzung, die mir bekannt ist, berechnet den Export auf jährlich 100 000 Köpfe 1 , während nach Buxton auf dem Wege des christlichen Sklavenhandels jährlich 400000, auf dem W ege des mohammedanischen Handels jährlich 100 000 Neger in die Sklaverei geführt sein sollen 2 * . Selbstverständlich beruhen alle diese Totalschätzungen auf mehr oder weniger willkürlichen Interpolierungen des überlieferten Materials. Letzteres ist aber immer- ^ hin umfassend genug, um die Annahme zu rechtfertigen, dafs die Jahresausfuhr sicher nicht weniger als 100000 Köpfe (im 18. Jahrhundert) betragen habe. So haben wir beispielsweise Kunde von 401 Schiffen englischer Sklavenhändler, die von 1783 bis 1787 109540 Neger verfrachtet hatten, durchschnittlich im Jahre also 26 300®. Das sind die thatsächlich und nur für ein Land ermittelten Summen, die effektiven Ziffern sind natürlich viel höher anzusetzen. Das ergiebt sich schon zur Genüge aus den officiellen Einfuhrziffern, die wir für einige Kolonien besitzen. In die französischen Antillen wurden während der Jahre 1780 bis 1789 durchschnittlich pro Jahr 30—35000 Neger eingeführt 4 , während der Negerimport in die brasilianischen Häfen 1829/30 sich mindestens auf 78331 Köpfe belief 5 . Vergegenwärtigen wir uns nun die Thatsache, dafs nur ein Teil der eingefan- ? genen Neger den Bestimmungsort erreichte — man nahm das Verhältnis der überlebenden wie 3:7 an — so kommen wir zu Ziffern, die es uns in der That nahe legen, jene Schätzung von einer halben Million jährlicher Ausfuhr aus Afrika jedenfalls nicht völlig in das Bereich der Fabel zu verweisen. Immerhin ist soviel aufser Zweifel, dafs es sich um Millionen und Abermillionen von Menschenleben handelt, die Afrika während dreier Jahrhunderte in die Plantagen und Bergwerke der europäischen Kolonien abgeliefert hat, damit sie dort die Taschen der Unternehmer füllten und dann — ja dann sich zu den Vätern versammelten, ohne eine Spur ihres Erdendaseins zu hinterlassen, zu verschwinden wie das Rohmaterial in dem Produkt. Denn jene Millionen sind nicht etwa nur ver- 1 Essay on the Slavery (1786), 94. Der Verfasser fügt selbst hinzu: „this estimate is less then that whicli is usually made and has been published“. Zu ungefähr gleichem Ergebnis kommt S. Hollingworth, Anmerkungen über die Abschaffung des Sklavenhandels (1789), 61. 2 Buxton, 147. 8 A. Moreau de Jonn6s, 10—12, 102 f. 4 Peytraud, 139. 140. 5 Buxton, 13. Dreizehntes Kapitel. Die Kolonialwirtscliaft. 351 pflanzt, um an dem neuen Orte sich normal weiter zu entwickeln: sie sind verpflanzt, um unterzugehen. Was in den 1830er Jahren an Freigelassenen und Sklaven in sämtlichen europäischen Kolonien ermittelt wurde, waren nicht ganz mehr 2Vs Millionen Köpfe 1 . Der gewaltige Rest des Imports ist während der 300 Jahre langsam im Dienst der Europäer aufgebraucht worden. Und ein ganzer Erdteil ist darüber in Stagnation und Verfall geraten 2 . Freilich beweist nun die Thatsache, dafs die europäischen Kolonien seit ihrem Bestehen einen ungeheuren Verbrauch von Menschenleben zu verzeichnen haben, noch nichts dafür, dafs nun auch die Kolonisten entsprechend hohe Wertsummen aus den Kolonien, genauer aus dem verbrauchten Menschenmateriale sich dauernd zu eigen gemacht haben, beweist mit anderen Worten noch nichts für die Rentabilität und damit die Accumulationskraft der Kolonialwirtschaft. Und gerade wieder in letzterer Zeit ist von hervorragender Seite in einer Reihe von geistvollen Schriften abermals der Nachweis zu führen versucht worden 3 , dafs die Sklavenarbeit unproduktiv, somit unrentabel sei, dafs die Sklaverei eine „Begrenzung des Profits“ bedeute und diesen auf eine ganz niedrige Stufe zu bringen die Tendenz habe. Woraus sich dann mit Notwendigkeit die Folge ergeben müfste, dafs die Europäer während der langen Jahrhunderte so viele Millionen von Menschenleben im Grunde nutzlos geopfert haben, d. h. ohne den Zweck zu en-eichen, mit hohen Profiten ihr Vermögen anzuschwellen. Einer solchen Auffassung gegenüber erscheint es nicht überflüssig, daran zu erinnern, dafs die Unrentabilität der Sklavenarbeit natürlich geknüpft ist an die Höhe der Produktenpreise. Erst wenn diese durch Beschäftigung billigerer freier Arbeiter gedrückt werden können, liefert die Sklavenarbeit keinen „Mehrwert“ mehr. Diese Senkung der Produktenpreise tritt aber erst spät ein: that is, 1 Moreau de Jonnös, 1. c. Die genaue Ziffer ist 2471594. Nach den zuverlässigen Ermittlungen Peytrauds belief sich die Zahl der Sklaven auf den französischen Antillen in den 1780er Jahren auf 683 121. P. nimmt an, dafs das der Rest von etwa 3 Millionen Importen gewesen seien. 2 Die Wirkungen des Sklavenhandels auf Afrika schildert anschaulich Scherer, Gesch. des Welthandels 2, 101 ff. 3 A. Loria, Die Sklavenwirtschaft im modernen Amerika und im europäischen Altertume, in der Zeitschr. für Social- und Wirtschaftsgeschichte 4 (1896), 67 ff., wo die Ansichten des Verfassers am ausführlichsten vorgetragen sind. Vgl. dazu seine neueste Schrift II capitalismo e la scienza (1901), insbes. pag. 218 seg. :152 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. whenever the demand for labourers is abondantly supplied. When the pressure of population induces the freeman to offer his Services, as he does in all old countries, for little more than the natural minimum of wages, those Services are very eertain to be more productive and less expensive than those of bondsman. This being the case, it is obvious that the limit of the profitable duration of slavery is attained when ever the population has become so dence that it is cheaper to employ the free labour for hire 1 .“ Es scheint mir nun aber auch sehr wohl möglich, empirisch den Nachweis zu führen, dafs in der That ein nicht unbeträchtlicher Teil der in den Mutterländern der Kolonien accumulierten Vermögen nichts anderes als „Mehrwert“ der Sklavenarbeit ist. Machen wir uns zunächst klar, dafs ungeheure Summen an den Sklaven „verdient“ worden sind, ehe sie ihrer. Bestimmung zugeführt waren, d. h. also am Sklavenhandel. Das wufste man schon im Mittelalter sehr genau 2 . Daher vor allem das heifse Bemühen der Venetianer und Genuesen, am Schwarzen Meer Posto zu fassen, die Byzantiner zu verdrängen, um die dort gelegenen Sklavenmärkte völlig zu beherrschen. Und viel mehr als der Verlust des Levantehandels hat insbesondere Venedig die Abdrängung von dem einträglichen Sklavenhandel nach Ägypten geschädigt, wie sie sich als notwendige Folge der Eroberung der kleinasiatischen Gebiete durch die Türken einstellte. Detaillierte Gewinnberechnungen sind mir für den mittelalterlichen Sklavenhandel nicht bekannt geworden. Schliefsen dürfen wir aber sowohl aus der trotz mannigfacher Verbote und Einschränkungen des Sklavenhandels durch die Gesetzgebung immer wieder bewiesenen Vorliebe für diesen Handelszweig ebenso wie aus dem, was wir von der Einträglichkeit des späteren Sklavenhandels wissen, dafs mancher Palazzo in Genua und Venedig aus Sklavenfleisch erbaut ist, mancher Nobile in jenen Städten ebenso wie später die grofsen Handelsherren in Bordeaux, Amsterdam und Liverpool 1 Merivale, Lect. on Col. 1, 297/98. 3 Vgl. aufser den genannten Schriften nochHeyd 2, 542 ff. — L.Cibrario, Deila schiavitü e del servaggio. 2 Vol. 1868 (war mir nicht zugänglich), idem, Nota sul commercio degli schiavi a Genova nel secolo XIV, in seinen Operette varie (1860). V. Lazari, Del traffico e delle condizioni degli schiavi in Venezia nei tempi di mezzo. in Miscellanea di storia italiana 1 (1862), 463 ff. F. Zam- boni, Gli Ezzelini, Dante e gli schiavi. Nuova ed. 1897 (mit reicher Bibliographie). Wattenbach, Sklavenhandel im Mittelalter, im Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit. N. F. 21 (1874), 37 f. Dreizehntes Kapitel. Die Kolonialwirtschaft. 358 jenem eigentümlichen Geschäftszweige ihren Reichtum und ihr Ansehen verdankten. An dem Negerhandel haben der Reihe nach alle europäischen Nationen verdient. Den Rahm schöpften die Portugiesen ab, aber die gröfsten Gesamtgewinne haben doch die Engländer gemacht, weil sie im Besitze dieses Handelszweiges zur Zeit seiner höchsten Blüte waren. Zwischendurch haben sich Spanier und Genuesen, Holländer und Franzosen, Dänen und Schweden redlich gemüht, an den Segnungen des Sklavenhandels teilzunehmen. Und als das kleine Brandenburg unter dem Grofsen Kurfürsten seine Flagge an Afrikas Küste hifste, da war die eigentliche Triebkraft dieser Unternehmung doch im Grunde auch nur der sehnliche Wunsch, soweit nicht das Gold der Goldküste lockte, an jene Quelle des Reichtums heranzukommen. Wie hoch der Betrieb des Sklavenhandels gewertet wurde, geht aus der Thatsache hervor, dafs England, als ihm im Utrechter Frieden (1713) das Recht der Sklaveneinfuhr in die spanischen Kolonien zugesprochen -wurde, es diese Errungenschaft als eine der bedeutendsten betrachtete, die ihm der Utrechter Vertrag gebracht hatte 1 . Der Grund aber für die Einträglichkeit des Sklavenhandels ist nicht schwer festzustellen. Die menschliche Arbeitskraft, mit der hier „Handel“ getrieben wird, ist eine „Ware“, bei deren Einkauf zunächst einmal jede Beziehung zu ihren Produktionskosten aufgehoben ist. Die Preise für Sklaven können beliebig niedrig normiert werden, sie sind stets imaginäre und hängen lediglich ab von der gröfseren oder geringeren Gewalt oder List, über die der Händler verfügt. Wo die Sklaven überhaupt nicht gekauft, sondern geraubt werden, tritt diese Sachlage am deutlichsten zu Tage. Bei der Eigenart der Ware „Menschenkraft“ aber, sich durch eigene Arbeit bezahlt zu machen, können dann andererseits verhältnis- mäfsig viel höhere Preise für sie als für irgend eine andere Ware seitens ihres Erwerbers bezahlt werden. Ziehen wir endlich in Betracht, dafs der Sklavenhandel auch dort, wo er nicht eines rechtlichen Monopols genofs (was während -der längsten Zeit seines Bestehens der Fall war), doch dank seiner ganzen Eigenart einen gewissen exklusiven Charakter trägt, so werden wir begreifen, wie es möglich war, dafs hier jahrhundertelang mit ungeheuren Extraprofiten „Handel“ getrieben werden konnte. Die Höhe dieser Profite können wir auf Grund zahlenmäfsiger Überlieferungen ziemlich 1 Vgl. C. Grünberg, Art. „Unfreiheit“ im H.St. 6, 334. Sorabart, Der moderne Kapitalismus. I. 23 354 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. genau feststellen. Dabei müssen wir ganz absehen von den Gewinnen, die im Anfang der Negersklaverei, als die Häuptlinge ihren eigenen Nutzen noch gar nicht zu wahren verstanden, erzielt wurden. Kaufte man doch anfangs, zumal im Innern von Guinea, einen jungen, wohlgewachsenen und gesunden Mann für ein Stück Leinwand im Werte von 3 Mitkals 1 , für einen Anker Branntwein; gaben doch damals die Negerfürsten für ein Pferd 10—15 Menschen als Gegenwert hin 2 * . Aber auch für die spätere Zeit haben wir genug Zeugnisse dafür, dafs der Profit im Negerhandel kaum je weniger als 50°/o, meist viel mehr, bis 180 und 190 °/o betrug. Ein Bericht des Com- mandant Directeur et Inspecteur gdndral de Guinde, Mr. Courhe, vom 26. März 1693 enthält folgende Ziffern: 800 Sklaven werden für 29200 livres eingekauft und für 240000 livres verkauft. Er fügt hinzu: „au S4n6gal on traite commundment 200 captifs qui ne coütent pas plus de 30 livres la pi&ce et sont vendu aux lies 300 livres au moins 8 .“ Aus der Geschichte des englischen Sklavenhandels sind uns amtlich folgende Kostenberechnungen überliefert. Das Schiff „Firm“ (19. Jahrh.) erzielte laut gerichtlicher Feststellung eine Totaleinnahme von 145000 Doll.-, die Totalausgabe für Einkauf, Provisionen, Munition, Löhnung etc. betrug 52000 Doll., der Gewinn also 180%. Ein Schiff „Venus“ ladet 850 Sklaven, die ihm 3400 beim Einkauf kosten, die Spesen bis zum Ankunftshafen belaufen sich auf 2500 #, der Verkaufserlös erreicht die enorme Höhe von 42500 Ähnliche Fälle sind uns zu Dutzenden bekannt. Es ist unnütz, die Beispiele zu häufen, um einzusehen, welche Bedeutung der Sklavenhandel für die Accumulation in den Seestädten der europäischen Staaten besessen hat 4 * * * . 1 Nach dem Berichte des Valentin Ferdinand über Arguim. Vgl. F. Kunstmann, Die Handelsverbindungen der Portugiesen mit Timhuktu in den Abh. der III. Klasse der K. bayr. Akad. der Wiss. Bd. VI 1. Abt. S. 179. 2 Reisebericht des Mess. Alvise de la da Mosto (1454) bei Ramusio Delle navigationi (1563), 99 Rückseite. Freilich standen damals auch die Preise für fertige Neger noch viel niedriger als im 17. und namentlich 18. Jahrhundert. Bis Ende des 18. Jahrhunderts hatten sich die Verkaufspreise versieben- bis verachtfacht. Peytraud, 127. 8 Peytraud, 99—103. 4 Buxton, 165 ff. Gleich der erste Asiento, der dem Ritter de la Bresa erteilt war, konnte von diesem sofort gegen Erstattung von 25 000 Duk. an die Genuesen weiter verkauft werden. Knapp, 141. Weitere Angaben über die Einträglichkeit des ursprünglichen Monopols, das, wie bekannt, eine Zeit lang auch die Taschen der deutschen Handelsherren füllte, siehe hei Häbler in der Zeitschrift für Social- und Wirtschaftsgeschichte 4, 206 f. Dreizehntes Kapitel. Die Kolonialwirtschaft. 355 Dafs nun aber auch die Produktion mit Sklaven oder sonstwie zwangsweise herangezogenen Arbeitern äufserst profitabel sein kann, lehrt uns ebenfalls eine Fülle von Zeugnissen. Sehr charakteristisch ist die Entwicklung auf den französischen Antillen. Hier wurden anfangs „freie“ Arbeiter „engag6s“, beschäftigt, die aber, obwohl auf drei Jahre zur Arbeit verpflichtet, doch allmählich verschwanden, weil sie der Konkurrenz der Negersklaven nicht gewachsen waren! 1 Aber haben wir denn nicht genug positive Belege für die grofse Ergiebigkeit der Sklavenarbeit? Man erinnere sich doch nur der fabelhaften Einkünfte, die in den ersten Jahrzehnten nach der Eroberung die Spanier in Peru und Mexiko aus ihren Gütern zogen, auch ohne dafs sie sie durch Bergbau nutzten 2 . Oder man gedenke der hohen Dividende, die die meisten privilegierten Compagnien lange Jahre hindurch gezahlt haben 3 . Und zu demselben Ergebnis kommen wir, wenn wir die Rentabilitätsberechnungen durchmustern, die wir für einzelne Sklavenwirtschaften besitzen. Gegen 1700 wird auf den französischen Antillen eine Plantage nach Labat auf 350—400000 Frcs. geschätzt, 1 „Cet abandon resulta . . de l’exemple des autres colonies dans lesquels on se servait des n5gres, dont le travail donnait de grands bdndfices aux proprißtaires et aux traitants. Sans l’attrait de ces gains funestes, l’dmi- gration europÄenne eüt continue, car eile n’a pas cesse ä raison du climat des Antilles; mais par suite de la traite des nfegres.“ Josd Saco, De la Suppression de la traite des esclaves africains dans l’ile de Cuba. Revue Coloniale. Mars 1845. t. V. pag. 258; bei P eytraud, 25. 2 Siehe unten S. 369. 3 Siehe die betreffenden Artikel im H.St. (von R. Ehrenberg) und die daselbst namhaft gemachte Litteratur. Es ist davor zu warnen, aus geringen Dividenden der privilegierten Gesellschaften, wie sie bekanntlich öfters vorkamen, ohne weiteres auf mangelnden Profit zu schliefsen. In solchen Fällen war das Fafs, in dem der Gesamtprofit angesammelt werden sollte, vielleicht nur etwas undicht: es flössen davon zu viel Teile vorher in die Hände einzelner Mitglieder oder Beamter. Charakteristisch sind dafür die Ziffern, die Bokemeyer (Die Molukken, 279) für die holländisch-ostindische Compagnie mitteilt. Auf der einen Seite wuchsen die Bedürfnisse der einzelnen Kontors und steigerten sich ihre Unterhaltungskosten. Auf der andern Seite wurden die Sendungen an Privatwechseln nach dem Mutterlande immer häufiger. Im Jahre 1705 nicht höher als fl. 274434, stieg dieser Betrag im Jahre 1746 auf fl. 1 209 586 und im Jahre 1764 auf fl. 1 333419. Einzelne Inhaber weisen ganz bedeutende Beträge an. In der Berechnung vom Jahre 1746 zahlt ein ins Vaterland zurückgewanderter Fiskal 55 386 fl. auf Wechsel ein; den Waisenhaus- meistem in Amsterdam werden fl. 74 808, denen zu Utrecht fl. 117 766, denen zu ’s Gravenhage fl. 37 839, denen zu Delft fl. 33 253 überwiesen. 23* 356 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. die 90 000 Frcs. Ertrag liefert, also etwa 25°/o 1 . Nach einer anderen Berechnung 2 ergiebt sich folgendes Gewinn- und Verlustkonto für eine Zuckerplantage (Ende des 18. Jahrhunderts), deren Wert mit Ländereien, Gebäuden und 220 Sklaven einbegriffen Weiber und Kinder auf 35000 veranschlagt wurde: Produktionsertrag: 500 Fässer Zucker ä 20 £ . 10 000 £ Rum und Sirup. 800 - 10 800 £ Produktionskosten: Unterhaltungskosten der Gebäude, Sklaven u. s. w. 1 200 £ Ankäufe von 12 neuen Negern. 600 - 1800 £ Gesamtertrag danach: 9 000 - was auch wieder fast genau einer Profitrate von 25 °l o entspricht. Im allgemeinen rechnete man den Gewinn, den ein Sklave im Jahre abwarf, in Zucker- und Kaffeeplantagen auf 30, in Baum- wollpflanzungen auf 25, bei Reis auf 20, bei Tabak und Getreide auf 15 SS- Bereits die ersten zwei Jahre pflegten den Ankaufspreis des Sklaven zurückzuzahlen, dann aber blieb natürlich ein beträchtlicher Überschufs über die Unterhaltskosten, die sehr niedrige waren. Labat berechnete sie für eine Plantage mit 120 Negern auf 6610 livres, d. h. also 55 livres pro Kopf und Jahr; Schoelcher rechnet 100 livres p. a. 3 . Was nun aber die Kolonialwirtschaft so einträglich für die Unternehmer der Mutterländer gemacht hat, ist der wichtige Umstand, dafs gleichen Schritt mit der Ausbeutung der Menschenkraft die Ausplünderung der Länder gehalten hat: Aussaugung der Bodenkräfte, Ausräubung der natürlichen Schätze an Fauna und Flora. Wo der Fufs des Europäers hingetreten ist, da ist das Land verödet, ist der Pflanzenwuchs verdorrt. Das gilt für die Mittelmeerländer nicht minder als für fast alle Kolonialgebiete der neuen Zeit. Raubbau war das Losungswort hier wie dort. Wir haben gesehen, welchen Garten die Franken betraten, als sie in Syrien und Palästina landeten, wo heute die Einöde ist; 1 Pey traud, 458. 3 Nach Hüne, Darstellungen aller Veränderungen des Negerhaudels. (1820). Scherer, Gesch. des Welthandels 2, Ulf. 3 Pey traud, 1. c. Zu ähnlichen Ergebnissen kommen von Spix und von Martius, Reise in Brasilien; cit. bei F. Nebenius, Uber die Natur und die Ursachen des öffentlichen Kredits etc. 2. Aufl. 1829. S. 58 Anm. Nebenius selbst macht dazu einige gute Bemerkungen. Dreizehntes Kapitel. Die Kolonialwirtschaft. 357 wir hörten von der Fruchtbarkeit der Inseln im Mittelmeer, wie Cypern, wo heute mehr als die Hälfte des Landes als Wüstenei geschildert wird 1 ; man erzählt uns von den prächtigen Cypressen- wäldern, die auf der Insel Kreta rauschten, und die der Axt der Yenetianer zum Opfer fielen 2 . Dasselbe Bild der Verödung in den transoceanischen Kolonien der neueren Zeit. In Westindien war die Zuckerkultur so erschöpfend, dafs bald fast alle besseren Ländereien unbebaubar wurden 3 ; dasselbe wird aus den Provinzen Minas (Uruguay) und Bahia (Brasilien) berichtet 4 5 * * . Überall fielen die herrlichen Wälder den europäischen Unternehmern zum Opfer. Bereits im Jahre 1548 war in der Nähe von S. Domingo die Landschaft so sehr von Wald entblöfst, dafs man Holz aus einer Entfernung von 12 Meilen zuführen mufste 8 . Ein Schulbeispiel für Raubwirtschaft bietet die Thätigkeit der holländisch-ostindischen Compagnie. „Das ausschliefsliche Streben nach Gewinn hatte dahin geführt, die Aufsenbesitzungen völlig zu erschöpfen; die radikalen Mittel, welche für die Zwecke der Siebzehner zur Anwendung gekommen waren, endeten überall mit dem Elend der betroffenen Länder; die Besitzungen waren ausgeraubt und die Völker auf die tiefste Stufe der Armut herabgedrückt. . . Noch einmal trat dann eine vorteilhafte Periode ein, als das noch ungeschwächte Reich Mataram (Java) der Compagnie zum Opfer 1 Unger und Kotschy, Die Insel Cypern (1865), 426 ff. Als Hans Ulrich Krafft im Jahre 1573 — zwei Jahre nach dem Ende der venetia- nischen Herrschaft — die Insel bereiste, fand er sie schon verödet. Vgl. die von Adolf Cohn unter dem Titel „Ein deutscher Kaufmann des 16. Jahrhunderts“ herausgegebenen Denkwürdigkeiten Kraffts (1862), 81 ff. 2 Haudecour, Introduction. 3 Merivale, Lectures on colonization and colonies 1, 41 ff. 75 ff. „Das lange vor Aufhebung der Sklaverei begonnene Sinken Westindiens beruht vornehmlich auf der Spekulationswut, alles Land mit Ausfuhrartikeln zu bestellen und dagegen alle Lebensbedürfnisse von fern her zu importieren.“ Roscher, Kolonien 8 99. 4 J. von Liebig, Chemische Briefe. 6. Aufl. (1878), S. 423. 5 Peschei, Zeitalter der Entdeckungen, 559. Uber Entwaldungen auf Curaijao durch die Spanier siehe Friedemann, Niederländisch-Ostindien (1860), 262; cit. bei Beer, Gesell, des Welthandels 2, 199. Walddevastation in Mexiko: A. von Humboldt, Essai politique sur le royaume de la nou- velle Espagne. 2. ed. 1 (1825), 283. Hierher gehört auch die systematische Ausrottung mancher Pflanzen, namentlich der Nelkenwälder, wie sie die Holländer, um ihr Handelsmonopol zu sichern, auf den Molukken Vornahmen. H. Bokemeyer, Die Molukken S. 117 ff. 179 ff. 358 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. fiel. Kontributionen und gezwungene Lieferungen ,om niets* oder zu äufserst niedrigen Preisen füllten aufs neue die Kassen der Compagnie, bis auch diese letzte Quelle mehr und mehr zu versiegen begann und gleichfalls der Erschöpfung anheimfiel 1 .“ Nehmen wir alles dies zusammen, so kann die Bedeutung der Kolonialwirtschaft für die Steigerung des europäischen Reichtums nicht zweifelhaft sein: genauer gesprochen für die Entfaltung des Kapitalismus. Denn zunächst natürlich war der Effekt kein anderer, als dafs grofse Geldvermögen sich in den Händen einzelner Personen ansammelten, die zur Förderung kapitalistischer Unternehmungen die nötigen Fonds lieferten. Womit nun aber vor allem die präponderante Stellung begründet wird, die die Kolonialwirtschaft in der Entwicklungsgeschichte des Kapitalismus ohne Zweifel einnimmt, ist der entscheidend wichtige Umstand, dafs sie Accumulation aus Produktionsprofit gestattet, ehe alle Bedingungen für kapitalistische Produktion erfüllt sind. Dies aber leistet sie wiederum nur dadurch, dafs sie auf Zwangsarbeit aufgebaut ist. Dieses Moment befähigt sie, einem Unternehmer Profit abzuwerfen, auch ehe die erforderliche Geldaccumulation stattgefunden hat, auch ehe sich ein besitzloses Proletariat entwickelt hat, auch ehe die terra libera verschwunden ist 2 . Deshalb ist die Kolonialwirtschaft nicht Kapitalismus, sondern hilft ihn begründen. Deshalb fand sie auch hier schon ihre Erledigung, wo wir der Genesis des modernen Kapitalismus nachspüren. In dessen Theorie ist sie zu würdigen als eines der wesentlichen Förderungsmittel der Accumulation von Geldvermögen. C. Die vermehrte Znfnhr von Edelmetallen aus den Kolonialgebieten. Wenn wir nun im folgenden auch noch von den übrigen Formen der Accumulation und ihrer Modifikationen im 1 H. Bokemeyer, 275. 2 Uber diese Zusammenhänge handelt Loria vortrefflich. Er hat sich merkwürdigerweise als Argument für seine Theorie von der terra libra, die übrigens bei Wakefield undMerivale und danach bei Marx schon impli- cite vorhanden ist, die Thatsache des Kuins der meisten Kolonien infolge Aufhebung der Sklaverei entgehen lassen. Über diese bringt reiches Material bei K. Andrde, Geographie des Welthandels 2 (1872), 695 ff'. Vgl. auch Meri- vale 1, 84 f. und neuerdings A. Weber, Zur wirtschaftlichen Lage in den tropisch-südamerikanischen Staaten, in Schmollers Jahrbuch 25 (1901), 222 ff. Dreizehntes Kapitel. Die Kolonialwirtschaft. 359 Rahmen der Kolonialwirtschaft Kenntnis nehmen wollen, also namentlich von der unmittelbaren Accumulation durch zwischengliederlose Aneignung der Geldware sowie der Accumulation durch Vermögensübertragung, so geschieht es am besten unter Voranstellung der Thatsache, dafs sich mit diesen Arten der Accumulation in den europäischen Kolonien ein anderes für die Genesis des modernen Kapitalismus entscheidend wichtiges Phänomen kompliziert: das ist nämlich die durch die Erwerbung der Kolonien herbeigeführte Veränderung des Besitzstandes an edlen Metallen in dem gesamten europäischen Wirtschaftsgebiete. Man darf getrost sagen, dafs alle Accumulation, wie wir sie bisher verfolgt haben, kaum oder jedenfalls nur in unendlich langsamem Tempo eine kapitalistische Wirtschaft herbeizuführen in der Lage gewesen wäre, hätte es sich nicht — wir müssen von dem Standpunkt unserer beschränkten Erkenntnis aus sagen: zufällig — gefügt, dafs die Westeuropäer in ihren Kolonien jene Überfülle von Edelmetallen sei es bereits vorfanden, sei es zu Tage förderten, wie es thatsäch- lich der Fall war. Erst das Zusammentreffen dieser beiden Fakta: dafs erstens Westeuropa in so weitem Umfange fremde Länder mittelst einer rücksichtslosen Kolonial Wirtschaft ausbeuten konnte, die zweitens überreich an Metallgeld bezw. Edelmetallen waren, macht die Genesis des modernen Kapitalismus plausibel: wiederum ein Punkt, von dem aus die Absurdität einer abstrakten Theorie des Kapitalismus in voller Deutlichkeit wahrgenommen werden kann. Europa ohne seinen Kolonialbesitz wäre voraussichtlich (sobald die deutschen Minen erschöpft gewesen wären) nicht im Kapitalismus, sondern in der Naturalwirtschaft geendigt. Beobachten wir doch, wie werigstens bis tief ins 15. Jahrhundert hinein der Vorrat an Edelmetallen immer knapper wurde. Die Gründe sind bekannt: zunächst war ein grofser Teil des Bargeldes, das die römische Kultur in Westeuropa verbreitet hatte, seitdem Byzanz erblüht war, vornehmlich auf dem Steuerwege nach dort abgeflossen. Dann hatte der Handel mit der Levante das übrige gethan. Man weifs, dafs dieser seit jeher eine für Westeuropa passive Bilanz aufgewiesen hat, und dafs seit der Römer Zeiten unaufhörlich grofse Beträge von Edelmetall nach dem Osten abgeströmt sind. Je blühender der Handel wurde, um so empfindlicher die Blutabfuhr. Die Situation des Mittelalters war nun diese: Italien, insonderheit Venedig, pumpte namentlich aus Deutschland alles dort neu zu Tage geförderte Edelmetall auf dem Wege des Handels aus, da es natürlich eine aktive Handelsbilanz 360 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. gegenüber Deutschland hatte 1 . Dann aber lud es das deutsche Gold und Silber auf seine Galeazzen und segelte damit nach der Levante, um es hier den Arabern auszuliefern 2 . Zusammenfassend läfst sich die Lage Europas mit den Worten Pescheis 3 treffend also kennzeichnen: „Die Verteilung der Metallausbeute unter die Völker ist seit den ältesten historischen Zeiten nach eigenen Regeln vor sich gegangen. Die Kultur drang beständig nach Westen, Gold und Silber flofs immer ostwärts, und zwar mufsten die Metalle ihre Richtung gen Osten nehmen, weil die Kultur von dort gekommen war.“ Die Folge all dieser Vorgänge war nun begreiflicherweise zunächst eine fühlbar zunehmende Geldknappheit in Europa gegen den Ausgang des Mittelalters (von Italien wohl abgesehen, wo die Reaktionsbewegung schon eingesetzt hatte), eine Erscheinung, die in der durchgehends konstatierten Steigerung der Kaufkraft des Silbers jener Zeit zum deutlichsten Ausdruck kommt 4 . Und als Gegenstück dazu: der märchenhafte Reichtum an gemünztem und ungemünztem Gold undSilber im byzantinischen und arabischen Weltreich während des Mittelalters. Was wir an Schilderungen über den Luxus, die ’ „Germania . . . weicht ... an Reichtiimern aller Metalle keinem Erdreich; denn alle, welsche, gallische, hispanische und andere Nationen haben schier alles Silber aus den deutschen Kaufleuten.“ Buch der Chroniken (1493) bei Janssen 1, 419. 2 Die Barausfuhr an Edelmetall aus Venedig nach Alexandrien betrug im .15. Jahrhundert jährlich 300 000 Duk. Gutachten des venetianisclien Botschafters Trevisano im Journal Asiatique. Tome IV (1829) pag. 23 quest. XI, cit. bei Peschei, 28. s O. Peschei, Histor. Erörterungen über die Schwankungen der Wertrelationen zwischen den edlen Metallen und den übrigen Handelsgütern, in der Deutschen Vierteljahrsschrift 1853. 4. Heft. S. 35. 4 Diese konnte sich in einer Preissenkung äufsern, war aber auch, wie die Erfahrung lehrt, oft genug vereinbar mit einer Stabilität der Preise, falls nämlich der Steigerung des Silberwertes eine Münzverschlechterung parallel ging. Siehe die Belege bei D’Avenel, Hist. econ. 1 (1894), 24 f Leber, Fortune privee, 16/17. Lamprecht 2, 619 ff. Hanauer, Etudes econ. sur l’Alsaee 2, 604 ff.; ferner die Schriften über die päpstlichen Finanzen. Vgl. Inama-Sternegg, Die Goldwährung im Deutschen Reich während des Mittelalters, in der Zeitschr. f. Soc.- u. W.G. Bd. III, und G. Wiebe, Zur Geschichte der Preisrevolution im 16. und 17. Jahrhundert (1895), 60 ff. Der sicherste Beweis für die zunehmende Knappheit der Edelmetalle ist die schon erwähnte restriktive Politik aller Staaten und Städte des Mittelalters in Bezug auf den Handel mit Gold und Silber. Dreizehntes Kapitel. Die Kolonialwirtschaft. 361 Pracht der Ausstattung, die Fülle goldener und silberner Geräte, kostbarster Schmucksachen aus edlen Metallen u. dergl. aus jenen beiden Kulturgebieten besitzen, mutet uns thatsächlich wie Erzählungen aus Tausend und einer Nacht an. In den Palästen der Fürsten und der Grofsen des Landes hatten sich solche Mengen von Gold und Silber aufgehäuft, wie sie die Welt noch nie gesehen hatte, und aufser in den Schlössern der Anahuac und Montezuma auch seither nicht wieder erblickt hat 1 2 3 . Welche Überfülle an Edelmetallen aber auch in gemünztem Zustande in jenen Reichen geherrscht haben mufs, dürfen wir aus den Ziffern schliefsen, die uns über Geldvermögen, Einkommen, Gehälter, Gerichtssporteln u. s. w. überliefert sind. Die Angaben beispielsweise der Justinianischen Rechtsbücher über die Besoldungen der Richter, die Prozefsgebühren u. s. w. weisen Beträge von so fabelhafter Höhe auf, dafs wir nicht umhin können, eine ganz aufsergewöhnliche Senkung des Geldwertes in jener Zeit anzunehmen. Ähnliches gilt für das Kalifenreich. Betrug doch die Geldeinnahme Harun alrasids 125 Mill. Dirham in Gold, über 400 Mill. Dirham in Silber 8 , die seiner Mutter 160 Millionen Dirham 8 , während uns von reichen Privatpersonen berichtet wird, die ein tägliches (?) Einkommen von 100 000 Dirham, von Statthaltern, die ein Jahreseinkommen von 13 Millionen Dirham bezogen. Im 9. Jahrhundert betrug der Gehalt des Richters von Kairo 48000 Dirham 4 5 . Wo sind diese Schätze, wo sind diese Geldmengen geblieben? Gewifs ist ein grofser Teil vernutzt, vergraben, verkommen. Aber das meiste mufs doch anderswo weiterexistiert haben. Es ist nach Westeuropa zurück- oder abgeflossen, denn natürlich war nicht alles Edelmetall von dort nach dem Osten gekommen: die Goldschätze Afrikas hatten ihr gut Teil dazu geliefert 6 * . Wie aber konnte es seinen Weg nach Westeuropa nehmen? Nicht oder doch wenigstens nicht in erster Linie durch Vermittlung des Handels®, wie wir 1 Ich verweise für Byzanz auf die bekannten Schilderungen bei J. H. Krause, Die Byzantiner im Mittelalter (1869), 49. 51 fF. 55 f. 280. Für das Kalifenreich auf die Darstellungen bei A. von Kremer, Kulturgeschichte des Orients 2 (1877), 194 f. 300 f. 2 von Kremer, in den Verhandlungen des VII. Internationalen Orien- talisten-Kongresses. Semit. Sekt. Wien 1888. S. 12. 3 1 Dirham etwa = 1 Frc. von Kremer, Kulturgeschichte 2, 193. 4 von Kremer, Kulturgeschichte 2, 190—193. 5 Siehe das Nähere unten S. 362, 365 und den Exkurs. 8 Dieser brachte arabisches Geld nur in die nordischen Länder Europas, die dank ihrer Lieferung von Pelzwerk immer eine aktive Handels- 362 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. sahen. Bleibt also nur die Möglichkeit, dafs es aus den Kolonien der italienischen Staaten direkt ausgepumpt worden ist. Leider vermögen wir diesen Hergang nur ganz undeutlich zu verfolgen. Wir sind auf Schlüsse angewiesen, namentlich aus dem Vorgehen der Europäer in den transoceanischen Kolonien, von dem das Verhalten der Italiener in den Kolonien der Levante nicht sonderlich verschieden gewesen sein wird. Alsdann würden sich folgende Arten der Aneignung jener Edelmetallvorräte ergeben. 1. Die unmittelbare Accumulation, die wir bisher nur in der Form des a) Bergbaus kennen. Ob dieser in der Levante während des Mittelalters eine gröfsere Bolle gespielt hat, vermögen wir auf Grund unserer heutigen Kenntnisse nicht zu sagen. Soetbeer neigt der Ansicht zu, dafs während der letzten Zeit des Mittelalters die Länder der Balkanhalbinsel und Kleinasien „nicht unbeträchtliche Quantitäten Gold und Silber“ produziert haben. Und sicherlich war ein grofser Teil der besten Bergwerke in den Händen der Italiener. Von den serbischen Gold- und Silberbergwerken von Nowobrdo Janowo und Kotowo beispielsweise wissen wir, dafs sie um das Jahr 1433 für eine jährliche Zahlung von 200 000 Duk. an die Vene- tianer verpachtet waren. G. Agricola erwähnt die reichen Silberminen von Argentaro nördlich vom Athosgebirge, die zu seiner Zeit dem türkischen Kaiser jährlich 600 000 Duk. einbrachten. Wir dürfen bilanz hatten. Bekanntlich hat man in grofsen Mengen arabische Münzen in Nordeuropa gefunden. Siehe die Belege aus der älteren Litteratur bei Heyd 1, 65 ff. — Ob die italienischen Städte, namentlich Venedig, auch eine aktive Handelsbilanz mit den Arabern der marokkanischen Küste gehabt haben, ist schwer zu entscheiden. Wenn wir hören, dafs sie von hier Gold bezogen (Reisebericht des M. Aloise da ca da Mosto bei Ramusio, Delle navigationi ec. [1563], 100 E. [Rückseite]), so ist dies möglicherweise im Austausch gegen Silber eingehandelt: die betreffende Quellenstelle läfst diese Deutung sehr wohl zu. Und auch jene Goldmengen selbst können nicht beträchtlich gewesen sein; jedenfalls möchte ich Soetbeers Meinung (Petermanns Erg.-Heft 57, 43) nicht teilen, dafs es hauptsächlich das über Marokko auf dem Handelswege bezogene westafrikanische Gold gewesen sei, das die italienischen Städte befähigte bezw. veranlafste, im 13. Jahrh. ganz allgemein zur Goldwährung überzugehen (1252 Fiorino, d’oro, 1283 venet. Dukaten). Mindestens ebenso starken Einflufs werden ausgeübt haben: 1. der vorwiegende Abflufs von Silber; 2. die Rückbringung des Goldes aus der Levante auf den in der Darstellung bezeichneten Wegen: die italienische Kolonialherrschaft in der Levante hatte fast ein Jahrhundert gedauert, als die Goldwährung im Mutterlande eingeführt wurde. — Dreizehntes Kapitel. Die Kolonialwirtsehaft. 363 annehmen, dafs sie ebenso wie die schon im Altertum bekannten Silberbergwerke in Kleinasien bei Trapezunt in früherer Zeit ebenfalls von italienischen Häusern ausgebeutet wurden. Nun müssen wir uns aber vergegenwärtigen, dafs im Rahmen kolonialen Wesens die unmittelbare Accumulation noch andere, ich möchte sagen urwüchsigere Formen annimmt, für die unsere unbeholfene Sprache nur Ausdrücke hat, die die betreffenden Aneignungsweisen rechtlich qualifizieren. Es ist dies nämlich unmittelbare Accumulation in Gestalt von b) Geschenken und c) Diebstahl oder Beute. Über die Rolle, die die Ehrengeschenke in den Levantekolonien gespielt haben, sind wir ziemlich genau unterrichtet 1 ; dagegen wissen wir wenig über die zuletztgenannte Form der unmittelbaren Accumulation. Und doch werden wir gerade sie in ihrer Bedeutung recht hoch anschlagen müssen. Denn es wäre geradezu ein Wunder, wenn bei der Eroberung Konstantinopels ebenso wie der anderen griechischen und arabischen Städte Plünderung und Raub nicht im weitesten Umfange zu ihrem Rechte gekommen wären. Es wird durchaus nur den Thatsachen entsprechen, wenn wir annehmen, dafs ganze Schiffsladungen auf diese Weise, mit den Schätzen des Orients befrachtet, nach den italienischen Städten unter Segel gegangen sind 2 . Als andere für die Kolonien hervorragend wichtige Form der Accumulation kommt dann 2. die Besteuerung und die von ihr abgeleitete private Vermögensbildung in Betracht. Auch hier können wir aus einzelnen uns bekannt gewordenen Fällen schliefsen, dafs die Italiener, sei es durch direkte Schatzung, sei es durch Erhebung von Zöllen etc., es vortrefflich verstanden haben, die unterworfenen Gebiete auszubeuten. Eine „quellenmäfsige“ Bestätigung dieser selbstverständlichen Dinge werden wir erst erhalten, wenn die Geschichte der 1 Vgl. Heyd 1, 224. 252. 260. 265. 2 Über die Beute, die bei Eroberung Antiochias im Jahre 1098 gemacht wurde, äufsert sich Matth. Paris, wie folgt: „aedificiis . . omnibus cum pene- tralibus et apothecis ubique confractis aurum, argentum, vestes preciosas, gemmas, vasa inpreciabilia eum tapetis et olosericis inter se aequa sorte dis- tribuentes qui prius esurientes in exercitu mendicabant, tune bonis omnibus abundabant.“ Mattb. Par. Chron. maj. in Rer. br. med. Aevi SS. Ed. H. Richards Luard. Vol. II. 1874 p. 78/79. 364 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Levantekolonien im Mittelalter, für die bisher nur ganz wenig Ansätze vorhanden sind, geschrieben sein wird. Die Bedeutung aber der Veränderungen, die durch die Ereignisse am Ausgang des Mittelalters hervorgerufen wurden, werden wir in folgenden Momenten zu erblicken haben. Die di- rekteVerbindung mitOstindien und die aus ihr resultierende Steigerung des europäisch - indischen Handelsverkehrs vermehrte zwar zunächst die nach dem Osten abströmenden Mengen von Edelmetall, namentlich Silber. Silber war die gewöhnliche Ladung der von Lissabon absegelnden Schiffe; gewöhnlich führte jede Caracca 40—50 000 spanische Thaler auf königliche Rechnung zum Einkauf des Pfeffers an Bord 1 . Ebenso mufsten die Holländer noch einen grofsen Teil ihrer ostindischen Importen mit barem Gelde bezahlen: „die Ausfuhr der übrigen Güter war nicht sehr bedeutend“ 2 * . Aber die direkte Verbindung mit den Völkern des Ostens schuf doch auf der anderen Seite auch eine Reihe von Veranlassungen zum Rückstrom der edlen Metalle. Zunächst dadurch, dafs jetzt doch überhaupt zum erstenmal die Europäer wenigstens den Versuch machen konnten, ihre Einfuhren mit Erzeugnissen ihres Gewerbe- fleifses zu bezahlen, was so lange ausgeschlossen war, als die Araber die Vorhand gehabt hatten. Und es ist bekannt, dafs dieser Versuch glückte. In wachsendem Mafse werden nach 1500 die Schundwaren Europas in Tausch gegen die Produkte des Ostens gegeben. Sodann schuf die koloniale Ansiedlung die Möglichkeit zur Tributerhebung, zur Plünderung und Erpressung, zu Raub und Diebstahl. Der portugiesische Governador (an der malabarischen Küste) ging, wie uns berichtet wird, seinen Untergebenen mit Betrügereien und Erpressungen voran; die Piraten häuften Reichtiimer auf und kehrten mit Schätzen beladen nach Portugal zurück 8 . Als Albuquerque im Jahre 1511 Malakka plünderte, erbeutete er eine Million Dukaten 4 * * . Wie die Beamten der holländisch-ostindischen Compagnie stahlen, ist bekannt: ein Finanzbeamter, der 1709 starb, hinterliefs nach 3—4jähriger Thätigkeit ein Vermögen von 300000 Thaler; der 1 Pyrard, Voyage P. 2. ch. 14. 15, bei F. Saalfeld, Portug. Kol., 145. 2 Nach Wurfbains, 14jähriger ostindischer Kriegs- und Oberkaufmannsdienst (1686), 4. Saalfeld, Holland. Kol. 1, 218 f. 8 Nach Hamilton, A new account of East Indies 1,251. Beer, Gesch. des Welthandels 2, 118/19. 4 Davon erhielt der König als Quinto 200 000 Duk. Pesch el, Zeitalter der Entdeckungen, 605. Odoardo Barbosa spricht nur von einem „Sacco d’incredibile ricchezze in oro e mercanzie“, bei Ramusio 1, 318 D. Dreizehntes Kapitel. Die Kolonialwirtschaft. :j(|5 Gouverneur Walckenier (1737 —1741) brachte bei seiner Rückkehr nach Europa 5 Mill. Gulden heim, die er gestohlen hatte h Das Plünderungssystem der vordringenden Europäer hatte natürlich um so mehr Erfolg, je reicher ein Gebiet an Edelmetallen war, die entweder schon von den Eingeborenen gewonnen waren oder nun von ihnen zu Tage gefördert werden mufsten. Es erwies sich aber, dafs sowohl das asiatische Festland als namentlich die asiatische Inselwelt aufserordentlich reich an Gold waren, als die Portugiesen sich daselbst festsetzten. Diese Tliat- sache ist heute so sehr in Vergessenheit geraten, dafs unsere ersten Specialisten der Edelmetallstatistik des asiatischen Goldes nicht einmal Erwähnung thun 1 2 3 . Und doch müssen während des IG. Jahrhunderts grofse Mengen Goldes von den Portugiesen aus ihren asiatischen Besitzungen herausgeholt sein, wenn sich so reiche Gebiete so rasch erschöpfen konnten. Denn offenbar waren jene Inseln um 1500 noch Goldländer ersten Ranges, obwohl wir verfolgen können, wie die Araber damals bereits an alle Stellen der Goldproduktion vorgedrungen waren und offenbar das ganze Mittel- alter hindurch Gold aus jenen Ländern herausgezogen hatten 8 . Aber es scheint, als ob die arabische Herrschaft für die Erschöpfung eines Gebietes an Edelmetallen nicht annähernd so verhängnisvoll gewesen sei, als diejenige der goldsüchtigen Europäer: wozu jene Jahrhunderte gebraucht hatten, das vollbrachten diese in Jahrzehnten. Gilt dies für die Goldländer Asiens, so gilt es nicht minder für die goldreichen Gebiete Afrikas 4 . Auch diese, deren es drei giebt, waren während des Mittelalters lange Zeiträume hindurch von den Arabern genutzt worden, ohne jedoch auch nur annähernd erschöpft zu sein, als die Portugiesen zu ihnen vordrangen. Aber- 1 P. Leroy-Beaulieu, De la colonisation 4, 73. Neuere Zittern bei Bokemeyer, 279 f. Vgl. auch oben S. 355. 2 Weder bei Soetbeer (Petermanns Erg.-Heft 57) noch bei E. Suess, Die Zukunft des Goldes (1877) findet Asien als Goldland Berücksichtigung. Aber auch Del Mar in seiner History of the Precious Metals (1880) kennt nur Japan als Goldquelle. Dasselbe gilt von Lexis (Art. „Gold“ im H.St. 2 ). 3 Vgl. den Exkurs. Möglicherweise hat auch schon das Altertum einen grofsen Teil seines Goldes aus diesen südasiatischen Gebieten bezogen, während allerdings die Hauptausbeute an Gold damals in Centralasien stattfand. Vgl. A. von Humboldt, Über die Schwankungen der Goldproduktion etc., in der Deutschen Vierteljahrschrift Heft IV (1838). 4 Vgl. Exkurs. 366 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. mals bedeutete es daher einen ungeheuren Zuwachs an Gold, dessen Europa teilhaftig wurde, als die europäischen Eroberer erst zu den Goldstätten des Senegalgebietes und alsbald auch zu den reichen Fundstätten Ostafrikas an der Küste von Sofala gelangten. Dafs eine ziffernmäfsige Erfassung der Goldeinfuhrmengen in jenen entlegenen Zeiträumen kaum möglich ist, haben alle Sachkenner zugegeben. Denn wenn man selbst das „produzierte“ Metall annähernd richtig ermitteln könnte, so würde sich die Menge des gestohlenen Goldes und Silbers doch jeder Feststellung entziehen. Unter diesem Vorbehalte mögen die Ziffern hier Platz finden, die Soetbeer für die Goldausfuhr aus Afrika annimmt. Diese betrug nach Meinung dieses ausgezeichneten Gelehrten im Durchschnitt pro Jahr in den Perioden: 1493-1520 . . . 3000 kg oder 8370 000 Mk., 1521—1544 . . . 2500 - - 6 975 000 - 1545—1600 . . . 2000 - - 5 580000 - 1601—1700 . . . 2000 - - 5 580 000 - Die Goldausfuhr aus Japan nach Europa schätzt Lexis für die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts auf 300 Mill. und im 17. Jahrhundert auf 400 Mill. Mk. Dazu kämen dann noch die aus den portugiesischen Besitzungen in Asien gezogenen Mengen, für die jeglicher Anhalt zur Berechnung fehlt 1 . Und nun Amerika! Sie aber traten ein in den Tempel, der den Namen Coricancha, zu deutsch „der Goldort“ trug. Auf der westlichen Wand war die Gottheit bildlich dargestellt, ein menschliches Gesicht, aus unzähligen Lichtstrahlen hervorblickend, die nach allen Richtungen von ihm ausliefen, so wie die Sonne bei uns oft bildlich dargestellt wird. Die Figur aber war auf einer gediegenen und dicht mit Smaragden und Edelsteinen besäeten Goldplatte von ungeheurem Umfange eingegraben. Sie war dem grofsen 1 Alle diese Ziffern stellen m. E. nur ein Minimum dar, was sich aus den obigen Erwägungen ergiebt. Dafs insbesondere die afrikanische Ausbeute viel beträchtlicher gewesen ist, als sie Soetbeer ansetzt, steht für mich aufser Zweifel. Gewifs hätte auch Soetbeer einen höheren Betrag angenommen, wenn ihm die Angabe des Thome Lopez über die Erträgnisse der Sofala-Minen bekannt gewesen wäre. Diese wurden, als die Portugiesen daselbst eintrafen, bereits auf 2 Mill. Mitkal (zu l 1 /s Dukaten also etwa 24 Mill. Mk.) pro Jahr geschätzt. Sicher aber haben dann die Europäer mehr Ausbeute erzielt als die Araber. Th. Lopez, Navigatione verso le Indie orientali (1502) bei Bamusio 1, 134C. Damit in Übereinstimmung steht die Angabe, die uns Saalfeld, Portug. Kol., 174, auf Grund anderer Quellen macht, wonach die Ausbeute l'/a Mill. £ betragen haben soll. Dreizehntes Kapitel. Die Kolonialwirtschaft. 367 östlichen Thore gegenüber angebracht, also dafs die Strahlen der Morgensonne gerade beim Aufgehen darauf fielen und den ganzen Raum mit einem übernatürlich scheinenden Glanze erfüllten, der von den goldenen Verzierungen widerstrahlte, mit denen Wände und Decke überall ausgelegt waren. Alle Teile des Innern dieses Tempels strahlten von glänzenden Platten und Säulen aus eitel Golde. Die Karniefse, welche rings um die Wände des Heiligtums liefen, waren aus Gold, und ein in das Steinwerk eingelassener Fries von Gold umschlofs die ganze Aufsenseite des Gebäudes. Gold aber, meinten sie, seien Thränen, die die Sonne geweint habe 1 . Dem Monde war deshalb eine Kapelle nicht aus Gold, sondern aus Silber geweiht, die an die Coricancha anstiefs. Alle Geräte aber, die zum religiösen Gebrauch in diesen Heiligtümern dienten, waren aus Gold und Silber. Und in den Gärten, die die Tempel umschlossen, funkelten Nachbildungen von Tieren und Pflanzen aus Gold und Silber. Das war Cuzko, das war Peru, das war Amerika 2 , in das nun das rohe Volk Europas eindrang, um hier seine Goldgier zu sättigen. Gleich Raubtieren, hat man mit Recht gesagt, durchstreiften die Spanier die neuen Länder, gleich Raubtieren nach Beute spähend. Betrug und List, Roheit und Gewalt mufsten sämtlich der Reihe nach dazu mithelfen, die seit Jahrtausenden hier angesammelten Schätze in den Besitz der neuen Herren zu bringen. Sie erprefsten Lösegeld von den Fürsten, öffneten die Gräber, rissen die Goldplatten von den Tempeln und stahlen die Schmucksachen den Bewohnern vom Leibe weg. Aut einer Expedition in das Innere von Venezuela erbeutete eine Weiserexpedition (1535) 40000 Goldpesos aus Gräbern, Wohnungen oder Lösegeld; bei einem anderen Zuge wurden einem Stamme 140000 Pesos reinen und 30000 Pesos geringen Goldes abgenommen 3 . Dem Montezuma nahm man einen Schatz ab, der in Barren gegossen einen Wert von 162000 Pesos 1 I al oro asimismo decian que era lagrimas que el Sol Uorava. 2 Siehe die Schilderungen des Reichtums an Gold- und Silberschätzen in Peru bei W. H. Prescott, Gesch. der Eroberung von Mexiko, deutsch 1848, 1, 22 f. 74 f. 194. 214, 329 f. 348. 354—358 (Lösegeld des Atahualpa). 397 f.; desgl. in Mexiko bei Prescott, Gesch. der Eroberung von Mexiko, deutsch 1845, 1, 143. 239. 448. 539 ff.; desgl. im Lande der Chibcha, insonderheit im Reiche der Zippa von Bogotä und der Zaque in Tunja bei Häbler, Amerika, 300. 3 Herrn. A. Schuhmacher, Die Unternehmungen der Augsburger Welser in Venezuela, a. a. O. S. 72. 124. von Langegg, El Dorado (1888), 13/14. 368 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. darstellte, während die kleineren Schmucksachen dabei 500000 Duk. wert waren 1 . Die nach Eroberung der Hauptstadt von Mexiko gemachte und eingeschmolzene Beute wird auf 19200 Unzen oder 131000 Pesos angegeben. Cortez brachte bei seiner Rückkehr nach Spanien im Jahre 1528 Gold im Betrage von 200000 Goldpesos und 1500 Mark Silber heim 2 3 . Ein Brief des Bischofs Zumarraga aus Mexiko vom 17. August 1529 erwähnt, dafs bei Salazar, dem Stellvertreter des Cortez, als er verhaftet wurde, sich 30000 Pesos feinen Goldes vorfanden: der Rest des nach Spanien gesandten Goldes. Andere Beamte hätten je .25—30 000 Pesos erprefst. Von dem gefangenen Kaziken von Mechoacan habe man als Lösegeld 800 Goldscheiben im Gewicht von je einer halben Mark und 1000 Silberscheiben je eine Mark schwer verlangt, ln einem weiteren Schreiben vom April 1532 wird erwähnt, dafs ein gewisser Uchi- chila von den Eingeborenen in Mechoacan Goldschmucksachen erprefst und zu 15—16 Barren Gold eingeschmolzen, jedoch nur zwei deklariert habe 8 . In dem Registro del Consejo de Indias findet sich die Angabe, dafs 1535 in vier Schiffen von Peru Gold und Silber im Werte von 2 Mill. Duk. nach Sevilla gelangt sei. Es war dies die Beute, die den Spaniern bei der Zerstörung des Reiches Atahualpas zufiel 4 , genauer gesprochen der Betrag des Lösegeldes Atahualpas, das an Gold 1 326 539 Pesos de oro, an Silber 51610 Mark enthielt 5 . Auch über die bei der Eroberung Cuzcos im Jahre 1535 erbeuteten Beträge an Gold und Silber, soweit sie abgeliefert worden, sind wir genau unterrichtet, da das Originalprotokoll im Archivio de Indias noch erhalten ist 6 * . Danach hätte sich die Beute auf 242160 Castellanos Gold und 83560 Mark 5 Unzen Silber belaufen. Lösegeld des Inka und die Beute in dieser einen Stadt zusammen betragen also über 33 000000 Mk. in 1 Prescott, Eroberung von Mexiko 1, 541. 2 Herr er a, Dec. IV, 3. 8. 3 Mitgeteilt bei Soetbeer, a. a. O. 4 K. Häbler, Zur Geschichte des spanischen Kolonialhandels im 16. u. 17. Jahrh., in der Zeitschr. für Soc.- u. Wirtschaftsgesch. 7, 392 f. 5 Prescott, Eroberung von Peru 1, 356/57. Damit stimmt ziemlich genau die Aufstellung der „Acta de reparticion del rescate de Atahualpa“ überein, die bei M. J. Quintana, Vidas de Espagnoles celebres 1 (1841), 389 f., abgedruckt ist. 6 Abgedruckt in der Colleccion de documentos ineditos relativos al descubrimento, conquista y colonizacion de las posesiones Espanoles in America e Oceanda; im Auszuge bei Soetbeer, a. a. O. S. 65/66. Dreizehntes Kapitel. Die Koloniahvirtschaft. 36» unserem Gelde. Das sind die Ziffern, von denen man erfährt. Welche ungeheuren Beträge müssen aufserdem den Eroberern im kleinen von Raub zu Raub, von Diebstahl zu Diebstahl zur Beute gefallen sein h Die zweite Form der Aneignung bereits vorhandenen Edelmetallvorrats war die Besteuerung, Tributerhebung etc., von der auch die Eroberer Amerikas weitestgehenden Gebrauch machten. Die Privatpersonen erhielten hieran den entsprechenden Anteil durch Besoldungen, oder sie wurden unmittelbar mit den Einkünften gröfserer Gebiete belehnt. Die Güter, mit denen die spanischen Offiziere in Peru belehnt wurden, sollen bis zu 150000 und 200000 Pesos jährlich eingetragen haben 1 2 3 . Die Familie Cortez erhielt als Marquesado das Thal von Oaxaca mit einer Bevölkerung von 17 700 Einwohnern 3 , die zu Cortez’ Zeiten 60000 Dukaten Abgaben zu entrichten hatten. Der Gouverneur der portugiesischen Kolonie Mozambique hatte gewöhnlich nach Beendigung seiner dreijährigen Regierung einen Gewinn von 300000 Crusados 4 5 . Aber was auf diesem Wege an Gold und Silber nach Europa abgeflossen ist, entzieht sich erst gar völlig der ziffernmäfsigen Feststellung, so dafs sich diese im wesentlichen auf die Ausbeute der Minen zu beschränken pflegt. Über diese besitzen wir in der That ein verhältnismäfsig zuverlässiges Material, das wir vor allem fiskalischen Interessen verdanken®. 1 Man mufs die Schilderungen bei den Herrera, Xerez, Gomara, aus denen uns Prescott, Help u. a. Auszüge mitteilen, im Original lesen, um sich einen Begriff von dem wirklich raubtiermäfsigen Verhalten der Eroberer zu machen. Die Eingeborenen mufsten ihnen helfen, wenn sie die Gebäude ihres Gold- und Silberschmuckes beraubten; und ging es ihnen nicht rasch genug von der Hand, so wurden die Spanier unwillig (Prescott, Peru 1, 349). Beim Eintritt in Cuzko wie in jeder anderen Stadt sehen wir sie über die Tempel herfallen, die sie ausplündern, die Gräber öffnen, um den Mumien die Schmucksachen abzunehmen. „Die habgierigen Eroberer liefsen keinen Ort undurchsucht, und so stiefsen sie zuweilen auf einen Schatz, der der Mühe lohnte“ (397). An ihre Fersen heftete sich die Öde. Der Platz, wo der Tempel der Sonnenjungfrauen gestanden hatte, „war nach Verlauf von weniger als 50 Jahren nach der Eroberung nur noch an ungeheuren Trümmermassen zu erkennen, die den Boden bedeckten“ (215): das wird das Bild gewesen sein, das allgemein die Länder boten. 2 lfoscher, a. a. O. (Citat stimmt nicht). Nach Herrera, Dec. VII. t). 3 waren die Güter des Gonzalo Pizarro einträglicher als das Bistum Toledo. 3 Humboldt, Essai 2, 191. 4 Saalfeld, Portug. Kol., 174. 5 Es ist in musterhafter Weise in der öfters angezogenen Abhandlung Sombart, Der moderne Kapitalismus. I. 24 370 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Die Daten, an die sich die Entwicklung der amerikanischen Edelmetallgewinnung knüpft, sind bekannt: 1519 Eroberung Mexikos, von wo 1521 die erste Silbersendung abgeht; 1535 Eroberung Perus; 1545 Entdeckung der Silberminen von Potosi in Bolivien. Letztere haben in der ersten Zeit bis ans Ende des 17. Jahrhunderts die gröfste Ausbeute geliefert und recht eigentlich mit ihren ungeheuren Ziffern den Edelmetallmarkt beherrscht; seit Ende des 17. Jahrhunderts fangt Potosi an nachzulassen, und Mexiko nimmt von nun an mit rasch steigenden Ziffern die Führung, dergestalt, dafs im Gesamtresultat die von Mexiko gelieferten Silbermengen bis zu der Wendung um die Mitte des 19. Jahrhunderts bei weitem die Ausbeute irgend eines anderen Landes übertreffen. Uns interessieren hier nur die ersten Zeiträume, für die im folgenden einige zahlenmäfsige Angaben gemacht werden: Es betrug die jährliche Produktion ihrem Werte nach in heutiger Währung (Tausend Mark): 1521- -1544 1545- -1560 1561- -1580 1581- -1600 Silber Gold Silber Gold Silber Gold Silber Gold Mexiko . . . 612 586 2 700 446 9 036 949 13374 1339 Neu-Granada . — 5 580 — 5 580 — 5 580 — 5 580 Peru .... 4 914 1953 8 640 837 8 280 • 697 8 280 697 Potosi . . . — — 32 976 2 790 27 324 2 232 45 776 3 348 Chile .... — — — 5 580 — 1116 — 1116 Vergleichen wir diese Ziffern mit den oben mitgeteilten Ausbeutebeträgen der europäischen Bergwerke, so ergiebt sich, dafs bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts die deutschen und österreichungarischen Bergwerke die gleichen Mengen Gold und Silber liefern als diejenigen des neuen Erdteils, dafs die Gesamtausbeute etwa doppelt so grofs ist als im Durchschnitt des j;15. Jahrhunderts. Dann tritt mit der Entdeckung Potosis seit Mitte des 16. Jahrhunderts die entscheidende Wendung ein: starke Vermehrung der Gesamtmengen, die bis 1560 etwa viermal, seitdem etwa fünf- bis sechsmal so grofs sind als vor 1500 bei gleichzeitiger Verschiebung zu Gunsten der transoceanischen Gewinnungsorte: seit Mitte des Soetbeers (Petermanns Erg.-Heft 57) zusammengestellt. Die Darstellung im Text stützt sich im wesentlichen auf die Soetbeerschen Berechnungen. Dreizehntes Kapitel. Die Kolonialwirtschaft. 371 Jahrhunderts liefert Amerika etwa S U des Gesamtertrages, Ende des 16. Jahrhunderts bereits über 4 /b. Dafs solche rasche Vermehrung der Edelmetallbeträge für die private Vermögensaccumulation von grofser Bedeutung sein mufste, liegt auf der Hand. Zunächst sind es die Conquistadores selbst, die durch Raub und Plünderung sich Reichtümer erwerben. Wir kennen in einzelnen Fällen genau die Beträge, die auf die einzelnen Teilnehmer an den Beutezügen entfielen, und ich habe schon einige davon mitgeteilt. Eine detaillierte Aufstellung der einzelnen Anteile an dem Lösegeld des Atahualpa enthält das bereits angezogene Protokoll 1 . Danach erhielten: der Gobernador. 2350 Mark Silber und 57 220 Pesos de oro Hernando Pizarro. 1267 - - - 31080 - Hernando de Soto .... 724 - - - 17 740 - der P. Juan de Sosa . . . 310 - - - 7 770 Juan Pizarro. 407 - - - 11 100 - - 48 Ritter.je ca. 360 - - - 9 000 - - die übrigen der 170 Participanten je etwa die Hälfte dieses Betrages. Zu den Conquistadores gesellt sich als zweite Kategorie der unmittelbar Accumulierenden ein grofser Teil der Gold- und Silbergräber. Wissen wir auch von vielen Enttäuschungen, waren es auch häufig schon vermögende Leute, die namentlich den Silberbergbau betrieben: sicher sind doch zahlreiche Vermögen, wie im alten Europa so in noch eklatanterer Weise im neuen Erdteile, aus dem Nichts durch unmittelbare Accumulation entstanden. Bedeutsamen Anteil an der Beute der Eroberer nicht minder als an der Ausbeute der Bergwerke nimmt drittens die Krone, die ihren Quinto beansprucht und, wenigstens sehr häufig, erhält. Aber diese drei Gruppen von Geldempfängern sind vielfach nur wie ein Sieb gewesen, durch das die rasch erworbenen Schätze hindurchgeflossen sind. Die starke Vermehrung der Edelmetallvorräte gewinnt für die Vermögensaccumulation vor allem dadurch Bedeutung, dafs namentlich die Accumulation durch Vermögensübertragung nun ebenfalls so viel rascher sich vollzieht. Bereiche- 1 Testimonio de la Acta de reparticion del rescate de Atahualpa otor gada por el escribano Pedro Sancho. Ap. VI. ä la Vida de Pizarro. Quintana, Vidas de espanoles celebres 2 2 (1841), 387 ff. 24 * ;(72 Zweites Bucli. Die Genesis des modernen Kapitalismus. rung durch Besoldungen und Remunerationen, durch Pachtung von Kroneinkünften und Zinsgewinn aus Darlehn, Bereicherung vor allem auch aus Handelsgewinn spielen von nun ab eine gewichtige Rolle. Die Kaufleute Sevillas, die für die „Kolonisten“ in der neuen Welt die nötigen Gebrauchsgegenstände liefern sollten, konnten in 9—12 Monaten bis 500% Gewinn machen 1 ; eine einzige Silberflotte brachte für sie oft mehr als 1000 Mill. Maravedis Bargeld (ca. 300000 Duk.) aus Amerika zurück 2 . Auf diesen Wegen strömte nun aber auch alsobald ein beträchtlicher Teil der spanisch-amerikanischen Edelmetallausbeute durch Spanien hindurch oder an Spanien vorbei zu fremden Völkern. Nicht nur dafs deutsche Unternehmer, wie wir sahen, gelegentlich selbst den Beutepfad beschritten: durch Handel und Geldleihe vor allem gelangten in wachsendem Mafse die aufserspanischen Nationen in den Besitz der amerikanischen Edelmetalle. Was allein die Fugger an Gold- und Silbermengen aus Spanien herauspumpten! Fast 800000 Duk. betrug der Wert des Silbers, das Philipp II. 1557 in Antwerpen mit Beschlag belegen liefs, wohin seine Flotte es für die Fugger gebracht hatte. Und am spanischen Hofe safsen die fremden Geldgeber, namentlich die Genuesen, von denen Sara via della Calle sagt: „questi affanati e voraci lupi ogni cosa inghiot- tino, ogni cosa destruggono, ogni cosa confondono.“ Endlich mufste auf Umwegen (infolge der Preissteigerung) die Vermehrung der Edelmetallmenge die Vermögensaccumulation häufig befördern helfen. So mögen gröfsere Handwerker oder Händler gelegentlich, wenn die Preise der von ihnen gelieferten Waren rascher stiegen als ihre Produktions- oder Einkaufspreise, den Grund zu gröfseren Vermögen gelegt haben; so mag mancher Pächter, der den Grundzins noch im veralteten Geldwerte bezahlte, wenn sämtliche Agrarprodukte im Preise stiegen, sich rasch bereichert haben 3 ; so kamen aber umgekehrt, was sicher der häufigere Fall war, Grundbesitzer zu beträchtlichen Geldvermögen, weil ihre Grundrente bezw. der Preis der Agrarprodukte ohne ihr Zuthun in die Höhe gingen. 1 Bonn, 109. 2 Iläbler, Blüte Spaniens, 69. Vgl. auch noch Häbler, Zur Geschichte des spanischen Kolonialhandels im 16. und 17. Jahrli., in der Zeitschr. für Soe.- und Wirtschaftsgesch. 7, 373 ff., insbes. 413 ff. 3 Das ist merkwürdigerweise die einzige Beziehung, die Marx zwischen der Edelmetallvcrmehrung und der „ursprünglichen Aceumulation“ kennt oder wenigstens ausdrücklich hervorhebt. Kapital l 4 , 709. Dreizehntes Kapitel. Die Koloniahvirtschaft. 373 Exkurs zu Kapitel 13. Asien und Afrika als Goldländer bei Ankunft der Portugiesen. 1. Asien. Siam bezw. Malaeca. „Si trova in detto regno molto oro che si coglie, nel paese e spetialmente nella signoria di Paam.“ Libro di Odoardo Bar- bosa bei Eamusio 1, 317D. (nella cittä, di Malaeca): „vi si trova tanta quantitä d’ oro che li mercatanti grandi non stimano le lor facultä ne le con- tano, salvo a misura di Bahares d’ oro che sono quattro cantara 1’ uno.“ idem 1. c. 318 B. — „II re di Malaca ha grandissimo thesoro per le grandi entrate che ei riseuote da i datij. costui si fece tributario il signor di Paam . . . nella quäl terra di Paam si trova molto oro basso.“ idem 1. c. 318 D. Insel Sumatra: „vi sono molte miniere d’oro;“ (nel regno di Menan- cabo dalla banda di mezzodi) „ö il principal fonte dell’ oro di questa isola cosi di miniere come di quello che si ricoglie appresso le rive d’ i fiumi che 6 cosa maravigliosa.“ idem, 1. c. 318 E. P. „In questa isola nasce . . 1’ oro in grande abbondanza.“ Nie. di Conti Viaggio nelle Indie, bei Eamusio 1, 339 D. Insel Celebes: „portano a vendere . . . oro assai.“ idem, 1. c. 319 F. Insel Solor (?): „in questa isola si trova molto oro lavorando la terra e nelli fiumi in granelli.“ idem, 1. c, 320 A. Cochinchina: „le mercantie di questa terra e oro e argento.“ Som- mario di tutti li regni ecc. bei Eamusio 1, 336F. Philippinen. „Buthuan und Caleghan“: „in quella isola . . . si trovavano gran pezzi d’ oro come sarian noci over voua (Eier), erivellando la terra, tutti li vasi del Re sono d’ oro . . .“ (il Re) „alle orecchie vi tiene appic- cati duoi grandi anelli d' oro e grossi . . . da un lato ha un pugnale col ma- nico d’oro lungo ... in ciascun dito ha tre come anelli d’oro.“ M. Ant. Pigafetta, Viaggio attorno il mondo, bei Eamusio 1, 357 B. Mindanao: „vi 6 oro molto singulare che si cava delle mine dell’ isola.“ Eelatione di Ivan Gaetan, bei Ramus io 1, 375E. Sarangan: „hanno oro.“ 1. c. 876 C. Sanguin: „vedemmo oro.“ 1. c. 376 E. Calicut: „il thesoro suo (sc. des Königs von Calicut) sono due magaz- zeni di verghe doro e moneta stampata d’oro, le quali dicevano molti Bra- mini . . . che non lo portariano cento muli carichi e dicono che questo thesoro 6 stato lasciato da 10 o 12 Re passati;“ Itinerario diLodovico Barthema, bei Ramusio 1, 162A. Vgl. dazu die Navig. del Cap. P. Alvares, 1. c. 1, 124. 2. Afrika. Von den drei Hauptstellen, an denen in Afrika Gold gefunden wird, kommen für die Portugiesen zwei in Betracht: das Gebiet des Senegal und die Küste von Sofala. Uber ersteres hat Soetbeer erschöpfend ge- 374 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. handelt, indem er die betreffenden Stellen der beiden Quellen (Alvize da ca da Mosto und Valentin Ferdinand) urteilsvoll zusammenstellte und auslegte. Mir scheint nur, als ob Soetbeer die Bedeutung des Vordringens der Portugiesen nach Süden nicht in ihrem vollen Umfange würdigte, weil er im wesentlichen nur ihres Goldbezuges über Arguim gedenkt. Was sich aber an entscheidenden Änderungen vollzog, als die Portugiesen nun das Cap Verde umsegelten, war doch wohl zweierlei: 1. wurde jetzt das Gold führende Gebiet (Wangara) auf den vierten, fünften oder sechsten Teil der früheren Entfernung (je nachdem es sich um den Transportweg nach Arguim, Marokko- Tunis oder Ägypten handelte) der Küste angenähert, und 2. wurde durch den Bezug des Goldes von der Goldküste aus auch hier die Zwischenhand der arabischen Händler beseitigt. Ob die Portugiesen im Wangaragebiet selbst Gold gewonnen haben, wissen wir nicht. Wohl aber ist es uns bezeugt von dem anderen afrikanischen Gebiete, in dem sie auf reiche Goldschätze stiefsen: dem südostafrikanischen Küstenlande. Soetbeer bemerkt (a. a. 0. S. 44) über dieses: „Auch auf der Ostküste Afrikas haben ohne Zweifel die Portugiesen nach Inbesitznahme von Mozambique und anderen Plätzen, namentlich im Anfänge des 16. Jahrhunderts, ansehnliche Goldbeträge erbeutet oder eingetauscht. Duarte Barbosa und de Barros rühmen die damals dort erworbenen Schätze und den Goldreichtum von Sofala.“ Genauer als die genannten Autoren unterrichtet uns über die Minen von Sofala Th. Lopez, der im Jahre 1502 seine Reise in jene Gegenden antrat. Ihm verdanken wir vor allem die bereits erwähnte ziffermäfsige Angabe. Die betreffende wichtige Stelle lautet in der Übersetzung bei Ramusio 1, 134C.: „vennono alla capitana certi Mori honorati habitanti in detta isola (sc. Mozambique) . . . a quali per allhora si domandö assai de la casa della mina di Ceffalla. e quelli in presentia d’assai genti che quivi erano, risposono che hora donde veniva 1’ oro, liavevano per certo che v’ era gran guerra e che per tal causa non veniva punto d’ oro alla mina. e quando vi fosse pace si puö trarre di detta mina due millioni di mitigali d’oro. et ciascuno mitigalo vale un ducato e un terzo. e che gli anni passati quando era pace nel paese, le navi della Mecca e di Zidem e di molte altre parti levavano di detta mina detti duo milioni.“ Weiters versicherten die genannten honorables, dafs die erfragten Minen dieselben seien, aus denen König Salomon seine Schätze geholt habe. Dafs aber die Goldausbeute dieser Gebiete während des ganzen 17. Jahrhunderts nicht nachgelassen hat, dürfen wir aus den Äufsernngen Pyrards (1679), Taverniers, (1681) Wurfbains (1686) u. a. schliefsen, aus deren Reiseberichten Saalfeld seine Darstellung aufgebaut hat. Zum Schlüsse will ich noch erwähnen, dafs nach der Angabe einiger Autoren die Franzosen bereits im 14. Jahrhundert mit ihren Flotten über das Cap verde an der afrikanischen Küste vorgedrungen sein und von dort Gold in grofsen Mengen auf direktem Wege nach Europa gebracht haben sollen: „en 1364—66 les Dieppois promenaient leurs flottes aventureuses dans les eaux de l’Afrique, s’emparaient du Senegal, penötraient jusqu’k Sierra-Leone, sur la cote de Malaguette et jetaient, dans cette autre Egypte, les fonda- ments d’un nouveau commerce . . . Le nom de l’un des forts qu’ils construi- Dreizehntes Kapitel. Die Kolonialwirtschaft. 375 sirent . . le fort de la Mine d’or indique assez la nature de son produit le plus pröcieux, c’ötait la poudre d’or. Nach Cliquot, De l’Etat du commerce de France depuis la premiöre croisade jusqu’ä Louis XII. Leber, Appröciation de la vie privöe 30/31. Ebenso soll Jacques Coeur schon nach Afrika direkt haben segeln lassen: ib. p. 320. Ich habe die Glaubwürdigkeit dieser seltsamen Mähr nicht nachprüfen können. In den wissenschaftlichen Werken über die Geschichte der Entdeckungen findet sich davon keine Spur. Anhang. Die kollektive Accumulation. Wir werfen zum Schlüsse noch einen flüchtigen Blick auf diejenige Form der Accumulation, diehch im Gegensatz zur individuellen die kollektive nenne. Sie besteht darin, dafs eine Anzahl von Geldbesitzern ihre Vermögen ganz oder teilweise zu einem Gesamtvermögen vereinigt, das dadurch eventuell Kapitalfähigkeit gewinnt, während die Einzelvermögen solche nicht besessen hätten.'! Es ist das, wie man weifs, der Fall bei allen Gesellschaftsbildungen und im Depositenwesen. Zwar sind beide Erscheinungen keineswegs an die kapitalistische Wirtschaftsperiode notwendig gebunden. Wir sahen, wie verbreitet die Händlergenossenschaften, die Accomanditen, in vorkapitalistischer Zeit waren. Aber auch „Depositenbanken“ hat es längst gegeben, ehe auch nur der Gedanke an Kapitalismus aufgetaucht war. Depositengeschäfte gröfsten Stils in vorkapitalistischer Zeit haben die Ritterorden, namentlich die Templer, betrieben. Leopold Delisle hat surabondamment dömontre que les maisons de l’ordre du temple recevaient h titre de d4pöt les capitaux des rois, des princes, des bourgeois et des marchands h Dann aber spielen Depositenbanken und Handelsgesellschaften natürlich auch bei der Genesis des Kapitalismus eine grofse Rolle. Bei den Peruzzi und Bardi hatte bei ihrem Bankerott allein die Geistlichkeit 550000 fl. Depositen stehen. Beim Bankerott der Scali und Amieri a. 1326 wurden mehr als 400 000 fl. Depositen verloren: „chi avea danari in Firenze perde con loro 1 2 .“ Und 1 L6op. Deslisle, Memoire sur les opörations financRres des Templiers in: M6m. de l’inst. nation. de France. Tome 33. Deuz. partie (1889), 9. a Villani, Libro X, cap. IV. Dreizehntes Kapitel. Anhang. 877 Lästig hat mit einiger Einschränkung wohl recht, wenn er sagt 1 : „Die Wechsel- und Bankhäuser bildeten die Centren des ganzen damaligen Wertumlaufs und Werthandels. Bei ihnen legte der Private sein Geld nieder, um einen Ertrag zu erzielen . . . Anlage des Geldes im Handelsgewerbe eines anderen war der übliche und völlig legale Weg für Fruchtbarmachung des Kapitals“ (lies: Geldbesitzes). Gewifs ist in den italienischen Städten auf solche Weise auch manche kapitalistische Unternehmung fundiert worden, gerade wie später in den nordischen Städten mittelst der Depötgelder der Höchstetter u. a. „Zu Ambrosius Höchstetter, lesen wir, haben (sc. Ende des 15. Jahrh.) Fürsten, Grafen, Edelleute, Bürger, Bauern, Dienstknechte und Dienstmägde gelegt, was sie an Geld gehabt haben, und er hat ihnen dafür 5 vom Hundert gezahlt. Viele Bauernknechte, die nicht mehr gehabt haben als 10 fl., die haben es ihm in seine Gesellschaft gegeben ... So soll er eine Zeit lang eine Million Gulden verzinset haben . . . Damit soll er Warenbestände aufgekauft und Preissteigerungen erzielt haben 2 3 * .“ Und dafs die Händlergenossenschaften der früheren Zeit in den ersten Jahrhunderten kapitalistischer Wirtschaft zu Kapitalgesellschaften sich auswachsen, auf denen ein grofser Teil der grofsen Unternehmungen ruht, ist eine bekannte Thatsache. Es darf geradezu als ein Kennzeichen der frühkapitalistischen Epoche angesehen werden, dafs gröfsere Entreprisen nur auf der Basis kollektiver Accumu- lation ins Leben gerufen wurden. „11 est tres difficile“ , schreibt noch Savary im Parfait nögociant (1675) „de faire le commerce en gros, sans joindre plusieurs forces ensemble 8 .“ Hier genügt es jedoch vollständig, die kurze Feststellung der Bedeutung kollektiver Accumulation vorgenommen zu haben. Gegenüber der individuellen Accumulation tritt sie schon deshalb zurück, weil sie diese meist zur Voraussetzung hat. Wissenschaftliches Interesse bietet sie keines. 1 Lästig, Beiträge zur Geschichte des Handelsrechts, in der Zeitschrift für das gesamte Handelsrecht 23, 152 f. Daselbst auch weitere Quellenangaben. Vgl. Lattes, Dir. commerc., 204. 208 f. 223 ff. 2 Clemens Sander, cit. bei Ehrenberg 1, 212/13. 3 Savary, Le parf. n6g. 1, 10. Vgl. Schmoller, in seinem Jahrbuch 17, 1013 f. Dritter Abschnitt. Die Genesis des kapitalistischen Geistes. Vierzehntes Kapitel. Das Erwachen des Erwerbstriebes. Accumulierte Geldmünzen nehmen so lange keine Kapitaleigenschaft an, als ihre Besitzer mit ihnen nicht die bestimmten Zwecke kapitalistischer Unternehmung verbinden: das lehrten uns die theoretischen Erwägungen. Die Geschichte aber berichtet uns, dafs jene Erfüllung vorhandener Geldbesitzer mit kapitalistischem Geiste auch empirisch keineswegs mit der Entstehung gröfserer Geldvermögen zusammenfällt. Um von den Schatzbildungen bei unkultivierten oder barbarischen Völkerschaften zu schweigen: auch in einer Umgebung, wie sie das europäische Mittelalter bot, begegnen uns genugsam Geldbesitzer, denen jeder Anflug von kapitalistischem Unternehmertum fremd ist. Ich brauche nur an die Fürsten und Könige, die Bischöfe und Päpste, die Klöster und Orden zu erinnern, in deren Händen ja die erste Accumulation von gröfseren Geldbeträgen erfolgt. Ihnen allen ist die Auffassung gemeinsam, dafs Geld zum Ausgeben da sei: möge man damit Kriege oder Kreuzzüge ins Leben rufen, die Armen und Notleidenden unterstützen oder sich und den Seinen ein behagliches Leben bereiten. Überall kehrt der Grundgedanke aller vorkapitalistischen Zeiten wieder: dafs derjenige, der reich sei, damit das Privilegium erworben habe, sich um wirtschaftliche Dinge nicht kümmern zu brauchen. Und diese Auffassung überträgt sich auch auf die privaten Geldbesitzer der früheren Zeit. Dem Ideenkreise des Ritters entspricht die Vorstellung, dafs weder Erlangung, noch Verwendung des Reichtums mi t schmutziger wirtschaftlicher Thätigkeit etwas zu thun haben. Vierzehntes Kapitel. Das Erwachen des Erwerbstriebes. 379 Schwert und Lanze schaffen und sichern den Besitz, ein standes- gemäfses Leben sorgt für dessen zweckmäfsige Verwendung. Das „Erwerbsleben“ ist Sache des Armen. So empfand der reiche Tempelherr, so empfand aber auch der edle spanische Hidalgo noch im 16. Jahrhundert, und es zeugt für die Mächtigkeit dieser Anschauungen, wenn sie aus den Kreisen des Rittertums, wie in Spanien und zum Teil in Deutschland auch auf die bürgerlichen Elemente der Bevölkerung Übergriffen und diese dem Erwerbsleben entfremdeten, sobald sie reich geworden waren. Wir wissen von den spanischen Händlern und Industriellen des 16. und 17. Jahrhunderts, dafs sie ganz in ritterlichem Geiste sich vom Geschäftsleben zurückzogen, sobald sie genügenden Reichtum erworben hatten, um damit Grundbesitz kaufen und für adlig gelten zu können. Während andere ihr Geld den Tempeln stifteten, es zu Schmuck und Geräten verarbeiten liefsen oder in Truhen packten, um es aufzubewahren 1 . Es läfst sich also mit Sicherheit behaupten, dafs die specifisch kapitalistische Auffassung vom Geldbesitz — jene Auffassung, die in dem Worte Calvins: quis dubitat pecuniam vacuam inutile esse? ihre fertige Prägung erhält — eine historisch nachfolgende Erscheinung ist. Was aber ist es, so müssen wir also fragen, das jenen seltsamen Gedanken reifen läfst: Geld sei dazu da, durch wirtschaftliche Thätigkeit sich zu vermehren. Was verdrängt die ritterliche Auffassung und verhilft der krämerhaft-geschäftsmäfsigen zur allgemeinen Anerkenntnis? Was bei einer Beantwortung dieser Frage zunächst einmal festgestellt werden mufs, ist der Umstand, dafs wir es mit einer allgemein menschlichen Entwicklungsthatsache hier offenbar nicht zu thun haben. Hinweise auf die menschliche „Natur“ und ihr innewohnende Triebe sind völlig deplaciert. Ein Blick auf andere hohe Kulturen, die keinen specifisch kapitalistischen Geist erzeugt haben, wie die chinesische, die indische, die altamerikanische, genügt, um auch in diesem Punkte die Unzulänglichkeit einer Auffassung zu erweisen, die die Genesis des modernen Kapitalismus als „allgemeines Entwicklungsgesetz“ menschlicher Wirtschaft glaubt demonstrieren zu können. Es handelt sich vielmehr offensichtlich um eine den europäischen Völkern eigentümliche Erscheinung. Da liegt es denn nahe, zur 1 Vgl. Jacob, Historical inquiry into tlie production and consumption of the precious metals. Deutsch 1838. 2, 42 ff. Bonn, Spaniens Niedergang 177 f., dessen Quelle hier hauptsächlich Colmeiro ist. 380 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Erklärung, die beiden Komponenten der europäischen wie jeder Kultur: Klima und Rasse, richtiger gesprochen: die natürlichen und volklichen Bedingungen der Entwicklung, heranzuziehen. Und zweifellos läfst sich ein gut Teil der Erscheinungen des modernen Wirtschaftslebens in ihren Eigenarten aus einem dieser beiden Faktoren, bezw. aus ihrem Zusammenwirken erklären. Es ist oft und mit Recht betont worden, dafs nur im Bereiche der gemäfsigten Zone mit ihrer Knappheit an genufsreifen Gütern, ihrem Reichtum an Produktivkräften, sowie ihrer mittleren Fruchtbarkeit die wirtschaftliche Kultur jenen Grad von Intensität erreichen konnte, den wir heute an ihr wahrnehmeu. Und es ist ebenso mit Recht hervorgehoben worden, dafs ohne die specifischen Eigenarten der europäischen Rassen — wir müssen diese schon als Ganzes betrachten, da eine Beschränkung auf die germanischen Rassen angesichts der wirtschaftlichen Blüte der italienischen Republiken doch nicht recht angängig erscheint —, ohne ihre Arbeitsenergie, ihr lebhaftes Temperament, ihre irdische Weltauffassung ebenfalls eine ökonomische Entwicklung, wie sie die letzten Jahrhunderte erlebt haben, nicht wohl gedacht werden könne. Das ist alles gut und vortrefflich. Aber es ist so herzlich wenig. Es führt über einige ganz allgemeine, und darum recht nichtssagende Wahrheiten nicht hinaus, ganz abgesehen davon, dafs die Einstellung einer Rasseneigentümlichkeit in einen socialen Kausalzusammenhang doch immer nur eine Verlegenheitsoperation ist, ein Durchhauen des Knotens bedeutet, wo eine Lösung verlangt wird. Denn das Rassenmerkmal als Erklärung eines Phänomens benutzen, heifst den kausalen Regressus sehr früh abbrechen, heifst auf die Aufdeckung intimerer psychologischer Zusammenhänge verzichten, heifst im Grunde eine Bankerotterklärung aller wirklichen Motivierung. Weshalb denn das Operieren mit Rassenmerkmalen bei der Aufdeckung historischer Zusammenhänge so beliebt bei allen geistreichen Dilettanten geworden ist. Ich meine, man sollte sich bei einer Erklärung solcherart nur im äufsersten Notfälle beruhigen und bei der Feststellung socialer Kausalzusammenhänge das Rassenmoment immer lieber nur als bedingendes, aber nicht als verursachendes Moment in Betracht ziehen. Unzureichend erscheint mir auch eine Begründung modernkapitalistischen Wesens mit der Zugehörigkeit zu bestimmten Religionsgemeinschaften. Dafs der Protestantismus, zumal in seinen Spielarten des Calvinismus und Quäkertums, die Entwicklung des Kapitalismus wesentlich gefördert hat, ist eine zu be- Vierzehntes Kapitel. Das Erwachen des Erwerbstriebes. 1 kannte Thatsache, als dafs sie des weiteren begründet zu werden brauchte 1 . Wenn jedoch jemand gegen diesen Erklärungsversuch (etwa unter Hinweis auf den seit dem Hochmittelalter in den italienischen Kommunen, aber auch in den deutschen Städten des 15. Jahrhunderts bei den allertreuesten Dienern der Einigen Kirche schon hochentwickelten kapitalistischen Geist) ein wenden wollte: die protestantischen Religionssysteme seien zunächst vielmehr Wirkung als Ursache des modern-kapitalistischen Geistes, so wird man ihm schwer die Irrtümlichkeit seiner Auffassung darthun können, es sei denn mit Hilfe eines empirischen Nachweises konkret-historischer Zusammenhänge, auf welche wir also immer wieder hingewiesen werden, sobald wir auch nur einigermafsen befriedigenden Aufschlufs über die Entstehung des modernen Kapitalismus gewinnen wollen. Diese Zusammenhänge sehe ich aber etwa so. Eine Reihe von Umständen trägt dazu bei, dafs während des europäischen Mittelalters die Wertung des Geldbesitzes an Intensität zunimmt und die Grenzen überschreitet, in denen sie sich sonst zu bewegen pflegt. Denn dafs überall, wo wir hinblicken, dem Menschen die sehnende Sucht nach dem glänzend gleifsnerischen Golde innewohnt, ist eine jedermann vertraute Erscheinung. Ganz primitive Kulturen sehen wir erfüllt mit diesem Sehnen, das sich zu Sagen und Thaten von wunderbaren Schätzen und kühnen goldsuchenden Abenteurern zu verdichten die Neigung hat. Im Argonautenzuge, in der Midassage, im Lied vom Ring der Nibelungen, in der Wundermär vom Dorado, überall kehren dieselben Gefühlsäufserungen und Gedankengänge wieder, überall sehen wir die Menschheit von einem unstillbaren Drange nach dem Besitz jenes unheilschwangeren Gutes erfüllt, das die Menschen lockt, um sie zu verderben. „Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles.“ Dieses Goldfleber, mit dem, wie es fast scheinen will, die Menschheit konstitutionell behaftet ist, nimmt nun aber zu bestimmten Zeiten einen akuten Charakter an. Eine solche Zeit war das ausgehende Mittelalter. Um dafür die Gründe .einzusehen, müssen wir uns der 1 „Wer den Spuren kapitalistischer Entwicklung nachgeht, in welchem Lande Europas es auch sei, immer wird sich dieselbe Thatsache aufdrängen: die calvinistische Diaspora ist zugleich die Pflanzschule der Kapitalwirtschaft. Die Spanier drückten sie mit bitterer Resignation dahin aus: die Ketzerei befördert den Handelsgeist.“ Gothein, Wirtschaftsgeschichte des Schwarzwaldes 1, 674. 382 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Thatsache erinnern, dafs vielerlei Ursachen zusammenwirkten, um den faktischen Geldbedarf in zahlreichen Schichten der Bevölkerung zu steigern. Wir wissen, dafs es zunächst rein ideale Bestrebungen waren, die zu ihrer Durchführung immer gröfsere Anforderungen an die Zahlungsfähigkeit ihrer Beförderer stellten. Die grofse, das ganze christliche Mittelalter erfüllende und mit ihrer Glut erwärmende Idee des Kampfes gegen die Ungläubigen, die Sehnsucht nach einer Wiedereroberung des heiligen Grabes vor allem sind es, die immer wieder die ungeheuren Summen verschlingen, die Könige und Päpste zusammenzubringen nicht müde werden. Zwar war anfangs ein gut Teil der Leistungen ohne Vermittlung des Geldes vollbracht worden. Sehr bald aber mufste die Lostrennung der Kämpfer von ihrer heimatlichen Scholle, mufste zumal die immer notwendiger werdende Vermittlung der italienischen Händlerrepubliken bei den gröfsten Werken dieser Art — den Kreuzzügen — einen wachsenden Bedarf an barem Gelde erzeugen. „Das Geld soll niemals eine gröfsere Rolle im Kriege gespielt haben als gerade im 13. Jahrhundert,“ urteilt einer der besten Kenner jener Zeit 1 . Und noch die Fahrten nach der Goldküste im 16. Jahrh. wurden von den spanischen Fürsten aus keinem andern Grunde unterstützt, als weil man hoffte, durch sie die Mittel zu gewinnen, die es ermöglichen sollten, den Kampf gegen die Ungläubigen in verstärktem Mafse fortzusetzen. Aber wie wir es so oft in der Geschichte beobachten: das, was man am Ende erreichte, war das genaue Gegenteil von dem, was man erstrebt hatte: man war ausgezogen um der Ehre Gottes willen, erfüllt von den idealsten Motiven. Und man brachte den Geist der Kinder dieser Welt zurück. Denn jene Verweltlichung der gesamten Lebensauffassung, wie wir sie gegen Ende des Mittelalters allerorts Platz greifen sehen, sie war die unmittelbare Folge jener vielen Glaubenskriege gewesen, die die früheren Generationen geführt hatten. Es ist die Berührung mit den reichen, glanzvollen Kulturen der Byzantiner und Araber, die den Sinn für die Freuden dieser Welt erweckt, die den Begehr nach Luxus und Wohlleben erzeugt. Wer wüfste es nicht. Und weil der Schwerpunkt des Lebens langsam in die Städte verlegt wurde, so war es selbstverständlich, dafs es in wachsendem Mafse der Vermittlung des Geldes bedurfte, um sich in den Besitz der Güter zu setzen, von denen 1 A. Gottlob, Päpstliche Darlehnsschulden im Histor. Jahrbuch 20 (1899), 666. Vierzehntes Kapitel. Das Erwachen des Erwerbstriebes. 383 man sich die Verschönerung und Bereicherung des Lebens erwartete. Und der Zufall fügte es, dafs in dem Mafse, wie die Sehnsucht nach materiellem Wohlleben immer breitere Schichten der Bevölkerung ergriff, auch die Mittel und Wege eröffnet wurden, um jene Sehnsucht zu stillen. Es kommen die Zeiten, in denen sich in den Händen einzelner Personen gleichsam über Nacht grofse Vermögen ansammeln. Die Ausräubung des Orients beginnt uner- mefsliche Reichtümer in den italienischen Städten anzuhäufen, und was das wichtigste ist: die Gewinnung von Edelmetallen nimmt gegen Ende des Mittelalters wieder einen rascheren Aufschwung. Damit aber war die Zeit erfüllet, dafs sich jener merkwürdige psychologische Prozefs in den Menschen abermals vollzog, dessen Verlauf uns neuerdings mit gewohnter Meisterschaft Georg Simmel geschildert hat: die Erhebung des absoluten Mittels — des Geldes — zum höchsten Zweck. In dem Mafse, wie man die Wirksamkeit des Geldbesitzes, seine Fähigkeit des Allesverschaffens sah oder doch wenigstens zu sehen vermeinte, konzentriert sich von nun ab alles Streben in dem heifsen, glühenden, unstillbaren Verlangen nach Geld. Es beginnt die auri sacra fames wieder einmal ihren verheerenden Zug durch die Lande. In Italien vernehmen wir schon im 14. Jahrhundert die Klagen der Moralisten über die zunehmende Sucht nach dem Golde. Von den „Subiti guadagni“, von denen Dante zu berichten weifs, war schon die Rede. In der Descriptio Florentiae aber (1339) lesen wir: nimium sunt ad querendam pecuniam solliciti et attenti, ut in eis qualiter dici possit: semper ardet ardor habendi et illud: o prodiga rerum luxuries! nunquam parvo contenta paratis et quaesitorum terra pelagoque ciborum am- bitiosa fames 1 . Wir kennen dann zahlreiche Äufserungen aus der Zeit des 15. und 16. Jahrhunderts, die uns bezeugen, dafs das Geld überall in Westeuropa begonnen hatte, seine Herrscherstellung einzunehmen. Pecuniae obediunt omnia, klagt Erasmus; „Gelt ist auff erden der irdisch gott“ verkündet Hans Sachs; beklagenswert nennt Wimpheling seine Zeit, in welcher das Geld zu regieren angefangen. Colon aber feiert in einem bekannten Briefe an die Königin Isabella die Vorzüge des Geldes mit beredten Worten also: „El oro es excellentissimo, con el se hace tesoro y con el tesoro 1 In den mir bekannten Drucken der Deser. Flor., auch neuerdings in der Wiedergabe bei C. Frey, Loggia dei Lanzi, ist das Citat verstümmelt, ohne dafs von den Herausgebern gesagt wäre, ob die Handschriften selbst die Verstümmelung enthalten. Die Verse sind aus Lucans Pharsalia. Lib. IV, V. 373—376, entnommen. Ich habe danach den Text verbessert. 384 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. quien lo tiene, hace cuanto quiere en el mundo y llega que echa las animas al paraiso 1 .“ Solche Überwertung der Geldes mufste notwendig das Verlangen steigern, sich in seinen Besitz zu setzen. Und dieses Verlangen mufste dazu führen, auf Mittel und Wege zu sinnen, es zu befriedigen. Und in der That beobachten wir gegen Ausgang des Mittelalters, wie sich die Arten mehren, zu Gelde zu kommen. Jeder nach seinem Können wufste Methoden ausfindig zu machen, mittelst deren er sich in den Besitz des kostbaren Edelmetalls zu setzen vermöchte. Wer Macht im Staate besafs, nutzte diese aus, um das ersehnte Ziel zu erreichen. Die Kaiser und Könige, sowie die Grofsen im Lande sannen auf neue Steuern und Auflagen, wenn sie nicht vorzogen, die Städte zu schätzen oder die Judengemeinden auszurauben. Der Ritter aber, der kleine Grundeigner, erinnerte sich seiner Bauern, deren Lasten er in Geld umwandelte und allerorts erhöhte. Oder aber, er folgte der Aufforderung des Liedersängers 2 , der ihm diese Weisung gab: „Wiltu dich erneren „du junger edelman, „folg du miner lere „sitz uf, drab zum ban! „halt dich zu dem grünen wald „wan der bur ins holz fert „so renn in freislich an! „derwüsch in bi dem kragen „erfreuw das herze din „nimm im was er habe „span uss die pferdelin sin!“ Wenn er es nicht vorzog, auf edleres Wild zu pürschen und den Pfeffersäcken ihre Ladungen abzujagen. Der Raub bildete immer mehr die selbstverständliche Erwerbsart des vornehmen Mannes, dessen Renten allein nicht ausreichten, um den wachsenden Anforderungen an täglichem Aufwand und Luxus zu genügen. Das Freibeutertum galt als durchaus ehrenhafte Beschäftigung, weil es dem Geiste des Rittertums entsprach, dafs jedermann das an sich bringe, was der Spitze seines Speers und der Schärfe seines Schwertes erreichbar war. Bekannt ist, dafs der Edle Raubritterei lernte wie der Schuster die Schusterei. Und im Liede heifst es lustig: 1 Cit. bei Al. von Humboldt, Examen eritique de Phistoire de la Geographie du nouveau continent 2 (1837), 40. 2 Uhl and, Alte hoch- und niederdeutsche Volkslieder 1 (1844), 339. Vierzehntes Kapitel. Das Erwachen des Erwerbstriebes. 385 „Ruten, roven, det en is gheyn schände dat doynt die besten van dem lande.“ Der Papst konnte allenfalls noch vermittelst seiner geistigen Macht den gläubigen Seelen in Form von Ablafsgewährungen und auf manche andere Weise das Geld aus der Tasche ziehen und aus kleinen Beträgen grofse Schätze anhäufen h Erst wo diese natürlichen Machtmittel versagten, mufste die herrschende Klasse mit den wohlhabenden Leuten in den Städten paktieren, um sie zu Darlehen zu veranlassen. Es war ein Notbehelf, der dann mit der Zeit freilich immer urvermeidlicher wurde. Wir haben gesehen, wie diese Bemühungen schliefslich die Liquidation des feudalen Reichtums herbeiführten. Was aber blieb dem, der keine Macht über andere hatte, weder geistige noch physische? dem aber auch niemand gern gröfsere Summen lieh? wie sollte er seine Sehnsucht nach dem Gelde stillen, er, dem niemand dienstbar war? Das Bestreben, aus dieser Not zu helfen, führt zu zwei Komplexen von Erscheinungen, die als charakteristische Wahrzeichen den Beginn der sogenannten Neuzeit markieren: das Goldgräber tum und die Alchemie. Mephistopheles im Gewände des Narren hatte das Programm für alle diese geheimnisvollen Bestrebungen entworfen, die während des 15., 16., 17. Jahrhunderts ein gut Teil der europäischen Volkskraft absorbieren sollten: „Ich schaffe, was Ihr wollt und schaffe mehr Zwar ist es leicht, doch ist das Leichte schwer. Es liegt schon da, doch um es zu erlangen Das ist die Kunst: wer weifs es anzufangen?“ Es ist ein wundersamer Zauber, der jene Zeiten umwebt und jeden in seinen Bann zwingt, der auch nur einigen Sinn für Poesie und Romantik sich bewahrt hat. Uns, die wir in der Ode des ökonomischen Rationalismus verkümmert sind, will es kaum glaubhaft erscheinen, dafs Generationen von phantastischen Märchen sich irreführen lassen, dafs die Besten ihrer Zeit Jahrhunderte hindurch Hirngespinsten nachjagen konnten, und alles nur darum, weil jenes unheimliche Sehnen nach dem goldenen Metalle ihre kindlichgläubigen Gemüter ergriffen hatte. Hier ist ja nicht der Ort, die Menschheit auf jenen Irrgängen zu verfolgen-, auch möchte die Feder, die diese Zeilen niederschreibt, kaum die Kraft besitzen, jenen Wirrwarr von psychologischen und psychopathischen Seelen- 1 Vgl. dazu noch aufser den cit. Schriften über päpstliches Finanzwesen Wiskemann, Ansichten, 15. Sombart, Dur moderne. Kapitalismus. I. 25 386 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Stimmungen und ihnen folgenden abenteuerlichen Unternehmungen so lebendig zu schildern, wie sie es verdienen. Ich mufs es mir genügen lassen, jene eigenartigen Phänomene überhaupt einmal in den Zusammenhang wirtschaftsgeschichtlicher Betrachtungen verflochten zu haben. Die Thatsachen selbst, die zu berichten wären, sind ja im allgemeinen bekannt. Das Goldgräb ertum findet seinen Ausdruck in der epidemisch auftretenden Schatzgräherei nicht minder, als in dem Schürferparoxismus jener Zeit, von dem wir schon einige Proben kennen lernten. Das Charakteristische der damaligen Bewegungen dieser Art, was sie von den heutigen wesentlich unterscheidet, ist ja: dafs sie alle mit Märchen und Sagen noch umwoben waren. Der Aberglaube romantischer Zeiten verleiht dem Bilde erst seinen satten warmen Glanz. „Schwarz und stürmisch war die Nacht“, in der der Schatzgräber auszog: und auf die gelernte Weise grub er nach dem alten Schatze — auf dem angezeigten Platze. Alle jene abenteuerlichen Vorstellungen steigerten sich nun aber ins Ungeheure, Krankhafte, wo sie ihre Nahrung aus gelegentlichen Berichten über ferne, unbekannte Länder sogen. So konnte die liebenswürdige Sage vom Dorado entstehen, jenem Wunderprinzen, der täglich von neuem mit einem Gewände von eitel Golde bekleidet wurde, um es in den Fluten eines Sees Abend für Abend wieder zu verlieren. So stieg das Trugbild des goldenen Hauses der Sonne und der Stadt Manoa vor den hell sehenden Augen jener Menschen auf, die nicht nur Phantasie genug besafsen, an alle jene Wundermärchen zu glauben, sondern auch Entschlossenheit und Wagemut, um die kühnsten Pläne zu abenteuerlichen Fahrten zu entwerfen und auszuführen. Es begegnet uns hier, wie so oft in jenen ursprünglicheren Zeiten, die Erscheinung, dafs ganz und gar auf materiellen Besitz gerichtete Strebungen mit dem seltsamsten Schnörkel- und Rankenwerk gläubiger Romantik, opferfreudigen Idealismus umwoben in der Geschichte auftreten. Ähnlich verhält es sich mit der Alchemie. Hier läfst sich sogar das noch wunderbarere Phänomen beobachten, dafs hinter dem tiefen Drang, der Natur ihre Geheimnisse zu entlocken, schliefslich der ursprüngliche Zweck der Goldgewinnung zeitweise ganz und gar zurücktritt b Bis schliefslich dann die Vorstellung 1 Gewifs haben wir „daran zu denken, dafs während mehr als 1000 Jahren das ganze chemische Wissen nur als Alchemie zusammengefafst war: und um deswillen, dafs es der Lösung des Problems, wie edle Metalle künstlich hervorzubringen seien, diene“ (H. Kopp, Die Alchemie 1 [1886], 12); aber wir Vierzehntes Kapitel. Das Erwachen des Erwerbstriebes. 387 Wurzel fassen konnte, dafs es ein heiliges Werk sei, die hermetische Kunst zu betreiben, weshalb dann Frömmigkeit als eine unerläfs- liche Bedingung für das Gelingen angesehen wurde * 1 . Dann freilich, seit dem 15. Jahrhundert, wurde die Alchemie mehr und mehr reines Mittel zum Zwecke der Bereicherung. Sehr zum Arger der wahren „Adepten“ bemächtigten sich jetzt Hans und Kunz des Tigels, um ihr Glück zu versuchen. Man klagte 2 : „Es will fast jedermann ein Alchimiste heifsen Ein grober Idiot, der Jünger mit den Greissen Ein Scherer, altes Weib, ein kurtzweiliger Rat Der kahl geschorne Mönch, der Priester und Soldat.“ „Nun wollt doch ein jeglicher gern lesen in Geschrifft der Alchimey solche Stücke oder Künstlin, die da leicht und gar ring zu brauchen weren, dardurch er mit kurtzer eyl viel Golds und Silbers machen köndt 3 .“ Seinen ersten Höhepunkt erreichte das Goldmacherfieber während des 16. Jahrhunderts: Damals hatte die Leidenschaft der hermetischen Arbeiten alle Schichten der Bevölkerung ergriffen. Vom Bauern bis zum Fürsten glaubte jedermann an die Wahrheit der Alchemie. Die Sehnsucht, schnell reich zu werden, die ansteckende Wirkung des Beispiels riefen überall den Wunsch wach, sich jener Beschäftigung hinzugeben. Im Palast wie in der Hütte, bei dem armen Handwerker ebenso wie im Hause des reichen Bürgers sah man Vorrichtungen in Thätigkeit, mittelst deren man Jahre hindurch den Stein der Weisen suchte. Selbst das Thorgitter des Klosters bot für das Eindringen der alchemisti- schen Kunst kein Hindernis dar. Es soll damals kein Kloster gegeben haben, in dem nicht irgend ein Ofen zum Zweck der Goldmacherei aufgestellt war 4 . müssen andererseits uns erinnern, dafs die geistig höchststehenden Männer des Mittelalters, wie Geber, Albertus Magnus, Roger Baco, Picus Mirandolanus u. v. a. mit Eifer der Kunst des Goldmachens oblagen, offenbar doch aus höheren Motiven als dem blofsen Streben nach Geldbesitz. 1 Vgl. Ko pp, a. a 0. 1, 210 ff. Eine gute Ergänzung zu dem Kopp- schen Werke bildet das Buch von Schmieder, Geschichte der Alchymie 1832, weil Schm, selbst noch gläubig war und uns deshalb wertvolle Einblicke in die psychologischen Hergänge der Adeptenseelen liefert. 2 Deutsche Übersetzung aus dem Examen alchemisticum des Pantaleon bei Ko pp 1, 234. 3 Paracelsus im Coelum philosophicum seu über vexationum bei Kopp 1, 39. 4 Louis Figuier, L’Alchimie et les alchimistes. 3° ed. (1860) 136. „C’est donc au seizifeme sifecle qu’il faut se reporter, si l'on veut prendre une 25* 888 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Es sind dieselben Zeiten, in denen auch die Sucht nach Reiseabenteuern ihren Höhepunkt erreichte. Wir beobachten, wie sich die Phantastereien der Hermetiker mit den Wahngebilden der Reiselustigen zu einem einheitlichen Komplex von Vorstellungen verschmelzen. Der Stein der Weisen beginnt sich gleichsam mit dem Dorado zu identifizieren. So heilst es bei Laurentius Ventura in seinem Aenigina della Pietra phisica (1571): „Nell’ India (parte piü calda dol mondo) Nasce pietra talhor ch’ en se rinchiude Virtü infinite che vengon dal cielo Raubrittertum und Bauernschinderei, Goldgräberei und Alche- misterei erscheinen uns also als Aufserungen einer und derselben Bewegung, als verschiedene Mittel zur Erreichung eines und desselben Zwecks: rascher Bereicherung. Was nun aber für uns das Hauptinteresse bietet, ist dieses: dafs in allen diesen Arten der Geldgewinnung oder Geldvermehrung noch jede, auch die leiseste, Spur kapitalistischen Geistes fehlt. Wir müssen es vielmehr als Ergebnis einer ganz und gar neuen Gedankenreihe ansehen, wenn man begreifen lernte: zur Vermehrung des Geldes könne neben den genannten, dem natürlichen Menschen sich wie selbstverständlich darbietenden Beschaffungsarten auch die bisher unbewufst geübte normale — wirtschaftliche Thätigkeit dienen. Wir können uns heute kaum noch vorstellen, welches ungeheure Raffinement dazu gehörte, den Gedanken zu fassen: durch Wirtschaften sei Geld zu verdienen. Das heifst also ein bisher als Zweck oder als Mittel zu völlig anders gearteten Zwecken (der Gewinnung des Lebensunterhalts) betrachtetes, alltägliches Thun in das Verhältnis des Mittels zu dem gänzlich heterogenen Zweck — des Geldmachens —• zu setzen. Wann, wo und wie dieser Gedanke zuerst in die Welt kam, wird sich vermutlich ewig in undurchdringliches Dunkel hüllen. Aber wir können doch ungefähr wenigstens vermuten, in welchen Kreisen und unter welchen Bedingungen jene Gedanken Wurzel fassen mochten. Es mufsten zunächst natürlich Leute sein, denen kein anderes Machtmittel zu Gebote stand, sich in den Besitz des ersehnten Geldes zu setzen, als der Erwerb durch wirtschaftliche Thätigkeit, also Leute niederen Standes, roture. idee exacte de l’etonnante influenee que les idees alehimiques ont exercee sur l’esprit des hommes.“ 1 Cit. bei Chr. G. von Murr, Litterarische Nachrichten zu der Geschichte des sog: Goldmachens (1805), 40. Vierzehntes Kapitel. Das Erwachen des Erwerbstriebes. ;}89 Des weiteren mufsten es Menschen sein, in deren Innerem kein Raum für die Träumereien und Phantastereien der Goldgräber und Ilerme- tiker war: nüchterne Naturen ohne rechten Schwung der Seele. Dafür aber mit unterschiedlichen geistigen Qualitäten ausgestattet, Leute mit kühler Berechnung und verstandesmäfsiger Auffassung der Dinge, die der anderen Thun leicht zu durchschauen die Gabe hatten. Endlich noch mufsten sie eine gewisse Vertrautheit mit dem Alltagskram des Wirtschaftslebens besitzen, sie mufsten wohl schon durch gelegentliche Kreditgeschäfte instinktive Empfindungen erworben haben, es lasse sich aus Geld wirklich Geld machen. Also unter den besseren Krämern, in den Kreisen der Winkelwucherer haben wir die Menschwerdung des kapitalistischen Geistes zu vermuten. Der Erwerbstrieb in dem umschriebenen Sinne ist eine specifisch plebejische Seelenstimmung. Er ist die Triebkraft, mittelst deren die Massen das Gefüge der alten aristokratischen Welt erschüttern. Er trägt alle Wahrzeichen des Parvenutums an sich. Er wirkt dann aber selbst demokratisierend im eminenten Sinne, er wird das eigentliche Pundamentum der modernen Gesellschaft. Er wirkt zerstörend vor allem dadurch, dafs er wie eine ansteckende Krankheit rasch um sich greift und bald sämtliche Kreise einer Bevölkerung, auch die vornehmeren, erfafst. Ist eine Gesellschaft ihm anheimgefallen, ist durch ihn eine neue Schichtung der gesamten Bevölkerung bewirkt, so verschwindet allmählich der Makel seiner Herkunft. Wir aber, die wir hier nur dieser nachzuspüren haben, müssen uns damit begnügen, festzustellen, dafs er von unten her, aus den Tiefen der Gesellschaft, emporgestiegen ist. Das zweite aber, was sich mit einiger Gewifsheit aussagen läfst, ist dieses : dal's sich der Erwerbstrieb im Verk ehr mit Stammesfremden entfaltet haben wird. Erst hier konnte der Gedanke Wurzel schlagen, dafs man eine wirtschaftliche Vornahme dazu benutzen könne, um sich durch ihre geschickte Bewerkstelligung zu bereichern. Wie ja der entgeltliche Verkehr überhaupt sich erst zwischen Fremden entwickelte. Es wurde schon bemerkt, dafs die unentgeltliche Hilfeleistung oder Schenkung allem natürlichen Empfinden allein entspricht: „If thou wilt lend this money, lend it not As to thy friends; for when did friendship take A breed for barren metal of his friend? But lend it rather to tbine enemy Who, if he break, thou mayst with better face Exact the penaltv.“ spricht noch Antonio zu Shylock. 390 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Deshalb liegt es nahe, für die rasche Entfaltung des Erwerbstriebes in Westeuropa die Einsprengung zahlreicher stammesfremder Elemente (der Juden) in die europäischen Völker als Erklärung anzuführen. Und sicher haben die Juden, dank auch des weiteren ihrer Rassenveranlagung sowie ihrer oft unterdrückten Stellung, einen bedeutenden Anteil an der Genesis des kapitalistischen Geistes genommen. Doch darf man, scheint mir, ihren Einflufs in dieser Richtung nicht überschätzen. Gerade in den italienischen Städten sind sie doch schon an Zahl zu unbedeutend, um eine entscheidende Rolle spielen zu können. In Genua wohnten im 12. Jahrhundert nur zwei jüdische Familien. Pisa, Lucca, Mantua hatten nur kleine Gemeinden. Nur in Venedig wurde 1152 eine Kolonie von 1300 Seelen ermittelt 1 . „In Florenz hat man ihnen den dauernden Aufenthalt bis in späte Zeiten nicht gestattet. Dasselbe Interesse, das so lange als möglich eine Templerniederlassung von der Stadt fern hielt, schlofs auch jenes rührige Element vom Wettbewerb mit den Einheimischen aus 2 .“ Jedenfalls sind neben ihnen massenhaft auch aus arischen Schichten der Bevölkerung die neuen Männer aufgetaucht. In diesen Fällen war es also zunächst der V er kehr mit Stadtfremden, der Raum für die Entwicklung des Erwerbstriebes bot: im interlokalen Handel, unter denmercatores und institores, hat er sich im Laufe der Jahrhunderte langsam entfaltet. Was seiner Ausbildung dann aber vor allem zu gute kam, war die Ausdehnung der Kolonialwirtschaft: sie darf recht eigentlich als die Pflanzschule kapitalistischen Geistes, gerade auch nach seiner anderen, gleich zu betrachtenden Seite hin angesehen werden: für die Entfaltung des ökonomischen Rationalismus. 1 Nach Benj. von Tudelas Berichten H. Grätz, Gesch. der Juden 6, 284. 2 Davidsohn, Gesch. von Florenz 1, 789/90. Fünfzehntes Kapitel. Die Ausbildung des ökonomischen Rationalismus. Während wir, wie das voraufgehende Kapitel erkennen läfst, auf allgemeine psychologische Schlüsse angewiesen sind, um das Dunkel wenigstens in etwas zu durchleuchten, das die Geburts- i stunde des Erwerbstriebes umhüllt, bieten sich wieder mehr that- sächliche Anhaltspunkte dar, wenn wir unser Augenmerk darauf richten, wie denn nun der neue Zweckgedanke sich zu dem ^ vollendeten System kapitalistischer Wirtschaftsbetrachtung auswächst. Zu dieser gehört, wie wir wissen, neben der auf den Erwerb gerichteten Willensverfassung ein ökonomischer Rationalismus, wie ihn bis dahin die Welt noch nicht gekannt hatte. Erst wenn dieser sich mit dem Erwerbstriebe zu einer organischen Einheit zusammenschliefst, können wir im wahren Sinne von einem neuen kapitalistischen Geiste reden. Hier begegnet uns nun abermals in der überaus komplizierten Psychogenese des Kapitalismus ein höchst frappantes Phänomen. Wir beobachten nämlich, wie es dem neuen Zweckgedanken allmählich gelingt, sich das Mittel zu seiner Realisierung — das Wirtschaftsleben —• in seinem Sinne völlig umzugestalten. Und zwar dadurch, dafs er es in eine Reihe von Rechenexempeln auflöst und diese zu einem kunstvollen Ganzen neu zusammenfügt: das Wirtschaften mit einem Worte zum Geschäft macht. Dazu bedurfte es jedoch einer eigenartigen Technik des menschlichen Denkens, deren Ausbildung die letzten Jahrhunderte des europäischen Mittelalters ausfüllt. Was geschaffen werden mufste, war erstens eine Methode zur exakt genauen rechnerischen Feststellung jedes einzelnen Geschäfts- falles und zweitens eine Methode zur systematischen Erfassung eines , 392 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. geschäftlichen Gesamtunternehmens. Diese Methoden entwickelt die mathematische Wissenschaft während des 13., 14. und 15. Jahrhunderts. Wir können die Schöpfungsperiode der neuen Geschäftstechnik mit den Jahreszahlen 1202 und 1494, mit den Namen Leonardo Pisano und Luca Paciolo umgrenzen. Mit Leonardo Pisano, der selbst aus kaufmännischem Geiste heraus sein unsterbliches Werk geschaffen hat, wird die Grundlage für die exakte Kalkulation gegeben 1 . Es liegt nahe, die Genesis des ökonomischen Rationalismus an die Entwicklung des Positionssystems zu knüpfen und die geringere Entfaltung kapitalistischer Wirtschaft in früherer Zeit mit dem Fehlen eines Ziffersystems in Zusammenhang zu bringen. Sicher ist, dafs das Jahr 1202 einen Wendepunkt in der Weltgeschichte bedeutet. Und will man schon ein Geburtsjahr des modernen Kapitalismus ansetzen, so würde ich nicht zögern, das Jahr 1202 als solches zu bezeichnen. Zumal noch ein anderes welthistorisches Ereignis in dasselbe Jahr fällt: Venedig zieht zur Eroberung Konstantinopels aus, und es beginnt mit diesem Jahre recht eigentlich die Epoche der Besitzergreifung des Orients durch die Westeuropäer, insonderheit die italienischen Kommunen und damit, wie wir wissen, die Geldaccumulation in gröfserem Stile- Die Summa des Fra Luca aber, die zusammenfafste, was in den drei Jahrhunderten an rechnerischem Denken geleistet war 2 , enthält, wie jedermann weifs, in der 11. Abhandlung im 9. Abschnitt des 1. Teiles das älteste, aber doch schon in klassischer Vollendung dargestellte System der doppelten Buchführung 3 und 1 Der Liber Abbaci ist 1857 von Buoncompagni herausgegeben. Über Leonardo Pisano unterrichtet jedes Werk der Geschichte der Mathematik. Eine Litteraturübersicht giebt Unger, Methodik S. VI ff. 2 Das war doch nicht so gar wenig, wie von manchen angenommen wird. Vgl. z. B. Treutlein, Das Rechnen im 16. Jahrhundert (Supplement zur Zeitschrift für Mathematik und Physik. XXII. Jahrgang. 1877). „Der auf Leonardo Pisano folgende Zeitraum von vollen drei Jahrhunderten bietet in Bezug auf die Geschichte der Mathematik ein trübseliges Bild“ (S. 6). Wenigstens gilt es wohl kaum für die Ausbildung des kaufmännischen Rechnungswesens, das vielmehr in Italien in dieser Zeit in Theorie und Praxis sich mächtig entwickelte. Vgl. die Ausführungen auf S. 393 f. und dazu noch Libri, Hist, des Sciences mathdmatiques 2, 214 f., und P. Vianello, Luca Paciolo nella storia della ragioneria (1877), 77 ff. Auch das Schulwesen machte in dieser Zeit bedeutsame Fortschritte. Im 14. Jahrhundert bestehen in Florenz 6 Schulen, die von 1200 Knaben regelmäfsig besucht werden, die dort l’abaco ed i principi della mercatura lernten. V i 11 a n i, Cron. Lib. XI. cp. XCIV. 3 Deutsch herausgegeben von E. L. Jäger, Lucas Pacioli und Simon Stevin. 1876. Fünfzehntes K apitel. Die Ausbildung des ökonomischen Rationalismus. stellt damit dem neuen Wirtschaftssysteme die Mittel zur Verfügung, die seinem Wesen entsprechende Systematik der Geschäftsführung zur Anwendung zu bringen. Was wir von der Geschichte der modernen Buchführung bezw. des Rechnungswesens wissen, ist noch Stückwerk. Immerhin können wir doch soviel mit Bestimmtheit aus- sagen, dafs die einfache Buchführung gegen Ende des 13. Jahrhunderts als vollendet anzusehen ist: aus den Jahren 1279/80 stammen die bekannten Rechnungsausweise des Papstes Nikolaus III . 1 , aus dem Jahre 1303 die Ausgaberegister der Kommune Florenz 2 3 4 . Aber auch die Anfänge der doppelten Buchführung reichen natürlich weit hinter Paciolo zurück. In der besten Geschichtsdarstellung, die wir von diesem Gegenstände besitzen, werden sie schon in das 13. Jahrhundert verlegt 8 . Urkundlich ist durch die Untersuchungen Cornelio Desimonis* festgestellt worden, dafs bereits im Jahre 1340 die Stadtverwaltung Genuas ihre Bücher auf der Grundlage der partita doppia geführt hat und zwar in solcher Vollendung, dafs wir bereits für das Jahr 1340 auf ein beträchtliches Alter dieses Systems schliefsen müssen. Aus dem 15. Jahrhundert besitzen wir dann mehrfache Zeugnisse für ihre Verbreitung im öffentlichen und privaten Rechnungswesen. Das bekannteste Beispiel sind die uns erhaltenen Geschäftsbücher der Gebr. Soranzo in Venedig (1406) 5 * * . Aber Fra Luca ist doch der erste gewesen, der durch die wissenschaftliche Darstellung die doppelte Buchführung zu einem jedermann erreichbaren Hilfsmittel der Geschäftsführung machte: auch darin also mit der alten höchstpersönlichen Empirie des Handwerks brechend. Was nun aber der doppelten Buchführung jene entscheidende Bedeutung fürdieEntwicklungkapitalistischenWesens verleiht, ist der Umstand, dafs sie in der That erst in ganzer Vollendung die der kapitalistischen Geschäftsführung entsprechende 1 Herausgegeben von G. Palmieri; cit. bei G. Brambilla, Storia della ragioneria italiana (1901), 30. 2 A. Gberardi, L’antica Camera del Commune di Firenze im Arch. stör. IV. ser. t. 16. pag. 313 ff. 3 G. Brambilla, 39. 4 Corn. Desimoni, Cristoforo Colombo ed il banco di S. Giorgio Studio di Henry Harisse esaminato: in den Atti della soc. ligure di storia patria. Vol. XIX. fase. 3. Anno 1889. pag 600 ff. 617 ff. 5 Alfieri Vitt., La partita doppia ec. 1889; eit. bei G. Brambilla, 35. NeuerdingsH. Sieveking, Aus venetianisebenHandlungsbüchern, inSchmol- lers Jahrbuch XXV. 894 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Systematisierung ermöglicht. Sie ist zunächst, was in gewissem Sinne für jede systematische Buchführung gilt, der vollendete Ausdruck der specifisch-kapitalistischen Rationalistik insofern, als sie zur Voraussetzung ihrer Anwendung die durchgeführte Projektion eines wohl ausgedachten Geschäftsplans in die Zukunft hat. Was seiner Natur nach der öffentliche Haushalt von früh an entwickeln mufste, das leistet für das private Wirtschaftsleben erst die kapitalistische Unternehmung: die Entwertung eines Gesamtplans für eine längere Periode der Wirtschaftsführung; diese aber findet in der doppelten Buchführung — die doch nun einmal repräsentativ für jede wissenschaftliche Buchführung steht — ihren adäquaten Ausdruck. Was aber des weiteren gerade die doppelte Buchführung für die kapitalistische Unternehmung so verwendbar macht, ist dies: dafs in ihr die Loslösung des Sachvermögens von der Person des Geschäftsleiters zur Grund-Thatsache des Wirtschaftens und damit zur Basis der gesamten Wirtschaftsführung erklärt wird. Auch dieser Gedanke ist wohl ursprünglich für den öffentlichen Haushalt konzipiert worden, wird aber nun zur Seele der kapitalistischen Unternehmung. Das Kapital wird personifiziert. Es tritt dem Unternehmer selbständig gegenüber: eine Auffassung, die Lorenz von Stein bis zu der Konsequenz durchdachte, dafs er die Möglichkeit annahm: ein Unternehmen könne durch seinen eigenen Herrn — den Unternehmer — betrogen werden. Damit wird nun aber auch die Systematik der Geschäftsführung von den Zufälligkeiten und Willkürlichkeiten des individuellen Geschäftsleiters, an die sie, wie wir sahen, während der handwerks- mäfsigen Periode gebunden ist, emancipiert. Die moderne Buchführung ist so eingerichtet, dafs sie nach inneren wissenschaftlichen Regeln unabhängig von dem Belieben und Können des einzelnen Wirtschaftssubjekts dem Laufe des Wirtschaftslebens ganz bestimmte, objektive Normen setzt. So mystisch es klingen mag, ist es doch richtig und hat nach dem Gesagten nichts mystisches mehr an sich, dafs mit der modernen Buchhaltung das Kapital sich seine eigenen Bewegungsgesetze vorgezeichnet hat. „Unabhängig von den Formen irgend eines speciellen Systems hat . . die Buchführung das in dem Unternehmen ver wen de te Kapital in der Art zur Nachweisung zu bringen, dafs in Übereinstimmung mit der Organisation und Gliederung des Unternehmens die bei jedem Betriebszweige in Funktion stehenden Vermögensbestandteile ersehen und in einer mit dem Betriebe gleichmäfsig fortschreitenden Weise alle Geschäftsfälle, d. h. Thatsachen, welche eine Veränderung des Fünfzehntes Kapitel. Die Ausbildung des ökonomischen Rationalismus. 395 Vermögens bewirken, in einer solchen systematischen Ordnung verzeichnet werden, dafs das System des Wirtschaftsbetriebes gleichzeitig das System der Buchführung bildet 1 .“ Es ist hier nun nicht weiter zu verfolgen, wie sich diese Rechenhaftigkeit und Schematistik allmählich in den gesamten Volkskörper verbreitet und der Kapitalismus dadurch sich neue Nahrungsquellen erschliefst. Sonst müfste ich im einzelnen darstellen, wie sich die Rechenkunst seit dem 14. Jahrhundert in Italien 2 3 , seit dem 15. und namentlich 16. Jahrhundert im Norden durch mündlichen und gedruckten Vortrag in immer weitere Kreise verbreitet 8 . Wie immer stärker der Sinn für das Exakte, die genaue Messung von Raum und Zeit sich entwickelt: wie die Anfänge der Feldmefs- kunst, der Stadtpläne während des 14. Jahrhunderts in den italienischen Städten sich verfolgen lassen 4 * 6 * , ebenso wie die Fortschritte der öffentlichen Zeitmessung®, wie die Ausbildung eines rationellen Mafs- und Gewichtssystems. Müfste auch darstellen, wie die Gesellschaft gleichsam für ihre eigene Geschäftsführung ebenfalls ein 1 Seidl er, Die theoretischen Grundlagen der doppelten Buchhaltung, in der Zeitschrift für Volkswirtschaft etc. 10 (1901), 55. — Diese wenigen Andeutungen über die specifische Geeignetheit der doppelten Buchhaltung für die kapitalistische Geschäftsführung müssen hier genügen. Die umfassende Litte- ratur über Buchführung hat m. W. die im Text angeregte Frage überhaupt noch nicht gestellt. Auch der genannte Aufsatz Professor Seidlers erfüllt doch nicht ganz die im Titel erweckten Hoffnungen, sondern giebt im wesentlichen nur eine (allerdings von den mir bekannten die klarste) Darstellung der Principien der d. B., ohne diese jedoch in Zusammenhang mit den Zwecken des herrschenden Wirtschaftssystems zu bringen. Die tiefste Behandlung hat das Problem erfahren in der neuesten Bearbeitung des Gegenstandes, dem geistvollen Buche von L6o Gomberg, La Science de la comptabilitd et son systfeme scientifique (1901). Vgl. namentlich S. 35 ff. 2 Vianello, Luca Paciolo, 77 ff. 3 Unger, Methodik, 1 ff. 35 ff. 4 Den besten Überblick über diese und verwandte Erscheinungen findet man in dem geistvollen Buche von Libri, Hist, des Sciences mathdm. 2 (1838), 86 ff. 218 ff. 238 ff. und öfters. 6 Eine Uhr in Mailand seit 1306 bei den frferes Precheurs. Giulini, Memorie di Milano (1770) 9, 109. Während des 14. Jahrh. haben alle gröfseren italienischen Städte Uhren, die die 24 Stunden schlagen. Muratori, Script, rer. it. 12, 1011 (Mailand); 18, 172 (1356 Bologna). E. Gelcich (Geschichte der Uhrmacherkunst. 5. Aufl. 1892. S. 24) erwähnt öffentliche Uhren in Italien während des 13. Jahrhunderts; ich habe dafür urkundliche Belege nicht finden können. Ebenso erscheint es mir unwahrscheinlich, dafs bereits 1228 eine öffentliche Uhr auf Westminster zu London vorhanden gewesen sei, wie C. Schirek, Die Uhr in kulturgeschichtlicher Bedeutung (1890), S. IX/X behauptet. Vgl. dagegen Anderson, Annals 1, 354. 396 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Hauptbuch mit vielen einzelnen Konten in der modernen Statistik eröffnet 1 , kurz müfste einen Überblick geben über die gesamte Kultur der Renaissance, die ja in ihrem innersten Wesen mit den geschilderten, neuauftauchenden Wirtschaftsphänomenen im Zusammenhänge steht. In ihrem innersten geistigen Wesen, das man ja gern als Individualismus bezeichnet. Für diesen aber hat wohl der neue kapitalistische Geist die meisten Bausteine geliefert, nicht blofs durch die Entwicklung des Rationalismus, sondern ebenso sehr durch die schroffe Betonung der Einzelwertigkeit der Wirtschaftssubjekte, aus der sich mit sieghafter Gewalt die Idee der freien Konkurrenz: die rücksichtslose Vertretung der individualen Interessen, sowie die bedingungslose Anerkenntnis der persönlichen Selbstverantwortung heraushob. Das alles aber gehört in ein anderes Kapitel, das hier nicht zu schreiben ist: jenes, das von der Schaffung der objektiven Bedingungen für kapitalistische Wirtschaft zu handeln hat. In diesem Abschnitt war nur die Erfüllung der subjektiven Voraussetzungen des modernen Kapitalismus zu verfolgen, deren zweite und letzte der in seiner Entstehung skizzierte specifische Geist des neuen Wirtschaftssubjektes ist. Als Colon den neuen Erdteil findet, in Italien schon um einige Jahrhunderte früher, steht dieses seltsame Gebilde mit Menschenantlitz, der homo sapiens Lombardstradarius,- der economical man, der Held der Epopöen der Ricardo, Senior Mac Culloch wenigstens in einigen Modelltypen vollendet da. In einem Jakob Fugger sehen wir schon einen klassischen Vertreter jenes Typ. „Es ist zu wissen“, schreibt Anton Fugger in einem Promemoria, „dafs Herr Jörg Thurzo sei. sich zur Ruhe gesetzt, in Augsburg wohnen und sich wollen gar aus dem Handel thun; hat er mehreremale an Herrn Jacob Fugger sei. begehrt, er wolle weder gewinnen noch verlieren . . . wir sollten davon abstehen, hätten nun lang genug gewonnen, sollten andere auch lassen gwinnen . . . aber Herr Jacob Fugger hat ihm allweg zur Antwort gegeben: er wäre kleinmütig ... er hätte viel einen andern Sinn, Wollte gewinnen, dieweil er könnte 2 .“ 1 Über die Anfänge der Statistik in den italienischen Republiken vgl. Libri, 2, 238. Burckhardt, Kultur der Renaissance l 3 , 75 ff., und vor allem Pagnini 1, 27: für die spätere Zeit die statistischen Handbücher. 2 F. Dobel, Der Fugger Bergbau und Handel in Ungarn, in der Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben und Neuburg 6 (1879), 42. Dabei kann der Unternehmer (und ist es sehr oft) für seine Person ein anspruchsloser Mensch sein, der nur erwirbt um des Erwerbes willen. „If the employ- Fünfzehntes Kapitel. Die Ausbildung des ökonomischen Rationalismus. 397 Er wollte gewinnen, dieweil er könnte — das wird die Devise des kapitalistischen Unternehmers. Und dabei bemerken wir nun abermals eine nicht unwesentliche Umgestaltung in der Vorstellungswelt der Wirtschaftssubjekte. Wir beobachten nämlich, wie langsam sich das Verhältnis von Mittel und Zweck wieder umkehrt. Es war das Novum gewesen, die wirtschaftliche Thätigkeit als Mittel zum Zwecke des Erwerbes anzusehen. Langsam vollzieht sich nun abermals eine Wandlung des Inhalts, dafs der neue Zweck seine fasci- nierende Wirkung einbüfst und die wirtschaftliche Thätigkeit selbst wieder als Zweck erscheint. Aber nun in der neugeprägten Form: als Kalkulation, Spekulation, als Geschäft. Langsam streckt der Moloch des Geschäftssinnes seine Krallen aus, um nun mit wachsendem Erfolge Generationen auf Generationen zu verschlingen. War erst einmal das Sachvermögen zur Person geworden, so wurde nun langsam die Person zur Sache, zu einem willenlosen Rädchen in dem Riesenwerk des modernen Geschäftsverkehrs. So kommt es, dafs auch längst, nachdem der Sinn für Geldbesitz erstorben, der in den Mechanismus des Geschäftslebens eingeschaltete Unternehmer doch immer nach wie vor rastlos im Erwerben verharrt, bis er dieses schliefslich als eigentlichen Zweck aller Thätigkeit und allen Daseins begreift. Die ganze Welt wird ihm so in seiner Vorstellung zu einem riesigen geschäftlichen Unternehmen, in dem es ebenso viele Konten giebt, wie Staaten, Städte, Klassen oder auch einzelne Individuen bestehen. Wertung in Geld, rechnungsmäfsige Feststellung von Leistung und Gegenleistung, Debet und Kredit werden die Kategorien seiner Weltbetrachtung. Und gleichsam als Devise flammen in goldenen Buchstaben über dem ganzen Getriebe die Worte empor: Soll und Haben! ment, you give him be lucrative, especially if the profit be attached to every particular exertion of industry, he has gain so often in his eye, that he ac- quires, by the degrees, a passion for it, and knows no such pleasure as that of seeing the daily increase of his fortune. And that is the reason why trades increases frugality and why, among merchants, here is the same overplus of misers above prodigals as among the possessors of land, there is the contrary.“ Hume, Essays, 2, 57. Vierter Abschnitt. Die Anfänge des gewerblichen Kapitalismus und die Hemmungen seiner Entfaltung. Sechzehntes Kapitel. Andeutungen über Richtung und Gang der urwüchsigen kapitalistischen Produktion. Mit der entsprechenden Geldaccumulation in den Händen von Männern, in deren Innern der Funke des kapitalistischen Geistes zu zünden begonnen hat, sind, wie wir wissen, die subjektiven Voraussetzungen kapitalistischer Wirtschaft erfüllt. Die Wirtschaftssubjekte sind nun da, die das erforderliche Personal- und Sachvermögen besitzen, um das Wirtschaftsleben in seine neuen Formen einzurenken. Was ihnen zur Verwirklichung ihrer Pläne nur noch fehlt, ist die Erfüllung der objektiven Bedingungen ihres Wirkens. Es erwartet nun mancher Leser vielleicht, dafs von solcher Er. füllung an dieser Stelle zu handeln wäre. Dieser Erwartung kann jedoch nicht entsprochen werden, da solcherart Anordnung des Stoffes dem Grundgedanken dieses Werkes entgegen sein würde. Danach wird scharf unterschieden zwischen der Darstellung historischer Thatsachen in ihrer empirisch-zufälligen Gestaltung, und der Nach Weisung eines gesetzlichen Verlaufs der Wirtschaft unter der Voraussetzung, dafs jene Thatsachen einmal gegeben sind: „Das erste steht uns frei, beim zweiten sind wir Knechte.“ Die Genesis des kapitalistischen Wirtschaftssubjektes oder Wirt- schaftsprincips betrachten wir unter dem Gesichtspunkt der Zufälligkeit; wie es sich die Welt nach seinem Bilde schafft dagegen unter dem Gesichtspunkt der Gesetzmäfsigkeit. Für letztere Sechzehntes Kapitel. Richtung u. Gang d. urwüehs. kap. Produktion. 399 Betrachtungsweise verwenden wir die Bezeichnung Theorie. Sonach gehört die Lehre von der Entstehung der objektiven Bedingungen kapitalistischer Wirtschaftsweise füglich in den theoretischen, nicht in den genetischen Teil dieser Darstellung. Jener aber, der den Inhalt des zweiten Bandes ausmacht, ist derartig zugeschnitten, dafs er sich auf den Nachweis gesetzmäfsiger Umbildung einer frühkapitalistischen in eine hochkapitalistische Volkswirtschaft beschränkt. Sonach mufs seiner Entwicklung eine Analyse frühkapitalistischer Wirtschaftsorganisation in dem Zustand ihrer höchsten Vollendung vorausgehen, in der der Terminus a quo des Umbildungsprozesses festgelegt wird. Diese Aufgabe erfüllt der folgende Abschnitt. Es würde nun aber eine empfindliche Lücke bedeuten, wollten wir den gesamten Verlauf der frühkapitalistischen Wirtschaftsperiode und die ihr eigenen Entwickelungsbedingungen völlig mit Stillschweigen übergehen. Daher soll in diesem Kapitel wenigstens ein orientierender Überblick gegeben werden über das, was sich nun weiter zugetragen hat, nachdem die subjektiven Voraussetzungen des Kapitalismus erfüllt waren. Da ist denn nun zunächst festzustellen, dafs sich als unmittelbare Wirkung jener in derThat alsobald Ansätze kapitalistischer Wirtschaft herausbilden. Wir selbst haben wenigstens auf dem Gebiete desGeld- und Warenhandels im Verlauf unserer Darstellung unterschiedliche Wahrnehmung davon gemacht. Es kann gar keinem Zweifel unterliegen, dafs der Handel in den italienischen Städten seit dem 14. Jahrhundert, in den süddeutschen Städten seit dem 15. Jahrhundert ein stark kapitalistisches Gepräge trug. Mehr und mehr tritt die persönlich-technische Arbeit des Kaufmanns zurück. Er hört auf seine Warenzüge selbst zu begleiten. Die Vermögensdisposition wird Inhalt seiner Thätiglceit. Ein Bankhaus wie die Bardi oder Peruzzi im 14. Jahrhundert sehen wir schon mit einem Netz von Filialen sich über weite Gebiete erstrecken. Entsprechend dem niedrigen Stande der Verkehrstechnik heischte ein derartig ausgedehntes Geschäft freilich noch einen ungeheuren Aufwand an Arbeitskräften. Die Peruzzi beispielsweise hatten in den Jahren 1335—38 nicht weniger als 137 besoldete Angestellte (fattori) in ihrem Dienst 1 . Aber für die Leiter solcher Unternehmungen war doch gerade auch um deswillen das Hauptaugenmerk auf Disposition und Organisation zu richten. Dasselbe gilt für die zunehmende Beteiligung der reichen 1 Peruzzi, Storia del eommercio, 261 ff. 400 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Handelshäuser an fremden Unternehmungen 1 . Auch hier tritt der ursprünglich persönliche Charakter der vorkapitalistischen Händlergenossenschaft zurück und die Yermögensdisposition wird immer mehr Hauptsache. Das alles hier zu verfolgen, liegt aber um so weniger Grund vor, als gerade diese Seite der frühkapitalistischen Entwicklung eine Reihe vortrefflicher Bearbeiter gefunden hat. Wir hatten mehrfach Gelegenheit, auf die einschlägigen Schriften im Verlauf der Darstellung aufmerksam zu werden. Es mag daher genügen, hier auf jene vielen tüchtigen Arbeiten zu verweisen und den Leser noch einmal daran zu erinnern, dafs er eine Art von Gesamtdarstellung des Geld- und Warenhandels während des 16. Jahrhunderts in Ehrenbergs Zeitalter der Fugger findet. Sind auch die Gesichtspunkte, unter denen Ehrenberg seinen Stoff gruppiert hat, wesentlich andere als diejenigen, die in diesem Buche in den Vordergrund gestellt wurden, so wird der Leser doch, nachdem sein Blick für die allgemeinen Zusammenhänge durch meine Darstellung geschärft worden ist, mit grofsem Nutzen und wahrer Freude die ausgezeichneten Untersuchungen Ehrenbergs auf sich wirken lassen können. Aber auch die Anfänge moderner kapitalistischer Produktion sind in einer Reihe brauchbarer Arbeiten öfters geschildert worden. Ich erinnere unter andern an die Schriften von Geering, Gothein, Nübling, Stieda, Schmoller, Thun, Troeltsch, Schönlank für Deutschland und die Schweiz; Cunningham, Cooke W. Tay 1 or, As hl ey, J am es für England; Sieveking, Broglio d’Ajano und jetzt vor allem Doren für Italien. Danach können wir uns, wenn auch naturgemäfs nicht über den Umfang, so doch über Richtung und Gang urwüchsiger kapitalistischer Produktion ein ziemlich deutliches Bild machen. Wir beobachten, wie es bald ehemals liandwerksmäfsig betriebene Gewerbe sind, deren sich der Kapitalismus frühzeitig bemächtigt, wie der Bergbau und andere Zweige der Montanindustrie, Teile der Textilindustrie, der Metallindustrie, der Holzindustrie etc.; bald neue Zweige gewerblicher Thätigkeit, die erst mit dem Kapitalismus 1 So finden wir zu Zeiten das Haus der Welser in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts an ganz verschiedenartigen Unternehmungen mit verschiedenen Gesellschaften, da als Leiter, an einer anderen Stelle mehr nur als Geleitete thätig. Ein ähnliches Bild geschäftlichen Treibens entrollt uns auch das Tagebuch des Lukas Rem. Hähler, Fuggersche Handlung, 7. Rems Tagebuch (1494—1541) ist herausgegehen von B. Greiff. 1861. Sechzehntes Kapitel. Richtung u. Gang d. urwüchsig, kap. Produktion. 4()[ aufkommen oder dock wenigstens zur Blüte gelangen, wie die Papierfabrikation, die Porzellanindustrie u. a. Wir nehmen wahr, wie im ersteren Falle die kapitalistische Organisation meist an vorhandene handwerksmäfsige Gebilde anknüpft, wie aber gelegentlich auch an Orten, wo die betreffenden Handwerke ehedem nicht bestanden, sich der Kapitalismus festsetzt h Als Regel läfst sich aufstellen, dafs es Handels- oder Bankkapital ist, das erst bei einem höheren Grade der Accumulation in die Produktionssphäre hinübergreift; in den Anfängen seltener sind die Fälle, in denen handwerksmäfsige Produzenten sich zu kapitalistischen Unternehmern umwandeln. Und zwar scheint es eine Art von Entwicklungsgesetz des gewerblichen Kapitalismus zu sein, dafs das Kapital seine Rolle als Leihkapital zu spielen beginnt, um erst allmählich in die Stellung als Produktionskapital einzurücken. Wir nannten jene Fälle lockerer Verknüpfung zwischen Kapitalisten und technischem Arbeiter indirekte Abhängigkeit vom Kapital. Sie finden wir fast in allen Gewerbezweigen als erstes Stadium bezw. Vorstadium kapitalistischer Organisation, an das sich dann unmittelbar der Vorschufs des Rohstoffes in der Natural- oder Geldform anschliefst: der blofse Vertrag wächst sich zur kapitalistischen ca Unternehmung aus. So ist es im Bergbau. Von Christoph Scheurl vernehmen wir, dafs er im Verein mit den Welsern zum Betrieb der Zinn- und Silberbergwerke zu Schlaggenwalde und , Joachimsthal den Gewerken Geld lieh, „um sich damit einen einträglichen Zinn- und Silberhandel zu begründen“ 1 2 . Dasselbe Verhältnis finden wir in Schlesien. Ein Kaufmann Franz Bottner schiefst Mittel zum Betriebe des Reichensteiner Goldbergwerks vor, „das er sie mit gelde verlegen soll“ 3 . Wir begegnen als solcherart Gläubigern, „Verlegern“, von schlesischen Gewerken des weiteren den Fuggern 4 , Welsern, Imhoff, Humpiss u. a. 5 . Von den Kaufleuten, die im schlesischen Zinnbergbau den „armen Gesellen die Betriebsgelder“ vorschossen, wird uns berichtet, dafs sie die Berg- 1 Dies nimmt Dören für die florentiner Tuchindustrie an. Studien 1,23. -’ A. von Scheurl, Christoph Scheurl (1884), 30. 3 Breslauer Staatsarchiv. Grafschaft Glatz III 19a. 113/114. Im Auszuge mitgeteilt bei C. Faulhaber, Die ehemalige schlesische Goldproduktion. Bresl. Diss. 1896. S. 17/18. 4 E. Fink, Die Bergwerksunternehmungen der Fugger in Schlesien, in der Zeitschrift des Vereins für Gesch. und Altert. Schl. 28, 309. 5 Urkunde vom 26. XI. 1510 bei Faulhaber, 19. Somhart, Der moderne Kapitalismus. I. 26 402 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. leute stark übervorteilten, den Centner Zinn nur mit 10—12 Tkalern bezahlten und sich dabei ansehnlich bereicherten *. Wie auf dem Wege des Vorschusses der technische Arbeiter langsam der Verfügungsgewalt des Geldgebers anheimfällt, um schliefslich seine Unabhängigkeit gänzlich zu verlieren, dafür enthält Ott Rulands Handlungsbuch sprechende Belege. Dieser vortreffliche Mann handelte bekanntermafsen vorlieblich mit Rosenkränzen und Holztafeln (für den Holzdruck), die er bei den Handwerkern in aller Herren Länder aufkaufte. Mählich wufste er es durch geschickt gewährte Darlehen dahin zu bringen, dafs Meister so und so und so und so sich und ihr Werk ihm mit Haut und Haaren überanworten mufsten, dieweil sie für Jahre hinaus ihm mit Lieferungen zur Deckung und Rückzahlung der Schulden verpflichtet blieben: „item mer hab ich Ott Ruland von Fricz Tischler von Salczburg sein arbait kauft was er machen mag von lichtmefs über drew jar, ye 1 tuczet wagtafeln (folgt die Detaillierung der Sorten) item daran hat enphangen 15 ungrisch in gold.“ „item Pernhart Paternustrer blibt mir schuldig 400 rhein. gülden, die ich im berait glichen hab und dafür soll er mir geben mistlin pater noster.“ An solchen und ähnlichen Aufzeichnungen ist das Tagebuch reich 1 2 . Und daran schliefst sich dann die Klausel, die den Seelenverkauf enthält: „sy sollen auch niemen nicht davon verkauffen, sy geben dann ainem 1 tafel und nicht sammenkaufs 3 .“ Ähnlich ist die Entwickelung in der Weberei. Ott Ruland finden wir hier meist noch in der vorkapitalistischen Stellung des Kaufmanns zum Handwerker; er ist Abnehmer der vom Weber gelieferten Stücke: „item das ich Ott Ruland mit dem Kaspar von Dorneck gerett hab umb ain hundert arras: ich hab aber kain kauff mit im gemacht und die färb soll sein 35 grin und 35 bron und 15 rott und 15 liechtblaw und kornblaw und schwartz. Schickt er mir die so soll ims zahlen in die nechst herbstmefs im 51. jar. Schickt er mirs nit, so bin ich im nichts schuldig 4 .“ Dasselbe Bild in England 5 . Dann kommen Vorschüsse in Geld, wie sie gelegentlich 1 A. Steinbeck, Geschichte des schlesischen Bergbaus 2 (1857), 10. 2 Ed. Hassler, (1843), 9. 15. 19. 8 A. a. O. S. 19. Dieselbe Klausel in Leih- und Vorschufsverträgen mit Webern im florentiner Gebiete: Doren, Studien 1, 270 ff. 4 O. Ruland H.B. ed. Hassler (1843), 17. 20. 26. Ist Jan Hagen (S. 17) selbst schon Tuchhändler? 8 John James, History of the Worsted Manufacture in England from the earliest times. 1857. Sechzehntes Kapitel. Richtung u. Gang d. urwüchsig, kap. Produktion. 403 auch Ott Ruland schon macht, oder in Garn. Damit ist der Grund für eine selbständige kapitalistische Unternehmung gelegt. Schon im 14. Jahrhundert lassen die Florentiner Händler in Flandern und Brabant für ihre Rechnung rohe Tücher wehen 1 . Und um dieselbe Zeit beobachten wir die Umbildung der handwerksmäfsig betriebenen Textilgewerbe zu Genua, Venedig, Florenz in Hausindustrie 2 . Im 15. Jahrhundert kaufen Kaufleute und rührige Stubengenossen in Basel Baumwolle und lassen sie von dem bisher als Lohnwerker thätigen Leinenweber zu Schürlitz verarbeiten, den sie dann mit grofsem Nutzen in den Handel bringen 3 . Im 16. Jahrhundert arbeiten in dieser Weise in Deutschland für die Fugger schon ganze Landstriche, deren Einwohner scheinbar Hörige der Verleger sind 4 . Die gröfseren Handelshäuser stellen nun bereits für diese Seite des Geschäfts — den Verlag — eigene Beamte, „Faktoren“ an. Wir sind darüber genauer unterrichtet, da uns das Geheimbuch einer solchen Firma — des Handelshauses Idaug und Link — überkommen ist. Wir wissen, dafs dieses Haus im Jahre 1533 für 3612 fl. Barchent zur Zeit der Abrechnung auf der Bleiche hatte: in demselben Jahre wurden 177 Weber namhaft gemacht, die mit 4000 fl. für gelieferte Rohstoffe verpflichtet waren 5 6 . Auch die Buchdruckerei scheint anfangs oft genug in der Weise betrieben zu sein, dafs handwerksmäfsigen Druckern die erforderlichen Mittel von wohlhabenden Geldgebern vorgeschossen wurden, hat sich ja das Wort Verleger gerade in der Buchherstellung bis in die neuere Zeit als Bezeichnung für den eigentlichen Unternehmer erhalten. In den Anfängen galt die neue Kunst denen, die sie ausübten, vielfach überhaupt garnicht als eine gewerbliche Thätigkeit schlechthin, sondern eher als ein Rüstzeug der Wissenschaft, als Mittel der humanistischen Propaganda. Viele Drucker hatten studiert; sie waren denn auch durchdrungen von dem Bewufstsein, an einer grofsen Kulturaufgabe der Menschheit zu arbeiten. Der Baseler Johann Amerbach will non 1 „ i panni di Fiandra e di Brabante, che si facevano fabbricare da’ nostri mercanti medesimi.“ Deila decima 3, 98 f. 2 Vgl. die Schriften von Sieveking, Broglio d’ Ajano, Doren. 8 Geering, 262. 4 C. Jäger, 648. „Fugger . . hatte den Webern seiner Herrschaft befohlen“ . . 6 J. Hartung, Aus dem Geheimbuch eines deutschen Handelshauses im 16. Jahrli., in der Zeitschrift für Soc.- und Wirtsch.Gesch. 4, 56. 26* 404 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. tarn meum questum quam suum divinum honorem quaerere. Hier fehlte also von den subjektiven Voraussetzungen der kapitalistischen Unternehmung auch der kapitalistische Geist, die intentio lueri, noch völlig. Solcherart Künstlern oder Handwerkern treten nun die reichen Leute zur Seite, es wird „impensis“ dieses oder jenes gedruckt, falls das nötige Sachvermögen nicht auf dem Wege genossenschaftlichen Zusammenschlusses beschafft wurde. Von 1121 Baseler Druckereien in den Jahren 1501 bis .1536 sind 826 „impensis“ von Verlegern, 124 von Buchdruckergenossenschaften verlegt'. Die Betriebe auch berühmter Drucker überschritten häufig genug nicht die Ausmafse gröfserer Handwerksbetriebe: Johann Amerbach hatte 1497 8 Gehilfen nebst 2 Posselierern und einem Korrektor; Hans Froben druckte in der Blütezeit seines humanistischen Verlags mit 4, später mit 7 Pressen, Froben und Episkopius hatten 1558—64 in ihren beiden Druckereien je 1 Korrektor und Lektor, 6 Setzer und 5—6 Drucker; Hans Herrgott in Nürnberg hatte zur Blütezeit seines Nachdrucks (1524) nur 4 Knechte 1 2 * * * * * . Im Grunde hatte der Vertrag zwischen Gutenberg und Fust vom 22. August 1450 auch gar keinen anderen Sinn, als dafs der Geldbesitzer Fust den Handwerker Gutenberg „verlegte“. „Johann Fust, gewinnsüchtig und unredlich wie wir ihn . . . kennen gelernt, hatte wahrscheinlich schon beim Abschlufs seines Vertrages mit Gutenberg den Entschlufs gefafst, dem geldarmen Erfinder durch Vorschüsse das Geheimnis der Kunst zu entlocken und sich dann den Lohn fremder Mühe und Arbeit gemächlich zuzuwenden 8 .“ Daneben finden wir aber auch schon frühzeitig, dafs die kapitalistische Unternehmung sich des Grofsbetriebes in Form 1 Geering, 328. Vgl. aucli Oskar Hase, Die Koberger. 2. Aufl. (1885), 143 f. Die Koberger stellten 1504 den eigenen Druckereivertrieb ein und „verlegten“ von dann ab nur noch fremde (handwerksmäfsige) Drucker. 2 Hase, a. a. 0. S. 411. 8 Karl Falkenstein, Geschichte der Buchdruckerkunst in ihrer Entstehung und Ausbildung (1840), 113. Der erwähnte Vertrag, den Joh. W etter in seiner Kritischen Geschichte der Erfindung der Buchdruckerkunst (1836), 284—290, in extenso publiziert hat, findet sich im Auszuge bei Falkenstein, a. a. O. S. 103. Genaueres darüber siehe jetzt bei G. Zedier, Guten- berg-Forscliungen (1901), 61 ff. Über den ähnlichen Vertrag zwischen Gutenberg und Humery siehe Falkenstein, a. a. O. S. 119. Im übrigen vgl. F. Kapp, Geschichte des deutschen Buchhandels. 1886, und Wold. Koehler, Entwicklungsgeschichte d. buchhändlerischen Betriebsformen. Bas. Diss. 1896. Sechzehntes Kapitel. Kichtung u. Gang d. urwüchsig, kap. Produktion. 40. r ) der Manufaktur bedient und somit den Arbeitsprozefs umzubilden beginnt. Gerade die Buchdruckerei ist zweifellos sehr bald auch in Grofsbetrieben auf kapitalistischer Basis entwickelt worden. Was wir von den Kobergers wissen, läfst darauf schliefsen, dafs der Betrieb, den sie Ende des 15. Jahrhunderts in Nürnberg errichteten und in dem mit 24 Pressen und über 100 „Gesellen“ als Setzern, Korrektoren, Druckern, Buchbindern, Posselierern und Illu- ministen gearbeitet wurde, nichts anderes als eine wohlorganisierte kapitalistische Manufaktur gewesen ist, eine Annahme, die in der für die damalige Zeit durchaus neuartigen Stellung der Hilfskräfte zu dem Leiter der Druckerei ihre Bestätigung findet. Neu- dörffer 1 , dem wir jene Angaben über den Kobergerschen Betrieb verdanken, fügt seinem Bericht die Bemerkung hinzu: „diese alle („Gesellen“) verkoste er an anderen Orten, sie hatten eine gewisse Stunde von und zu der Arbeit zu gehen, liefs keinen ohne den andern in das Haus, so auf dem S. Gilgenhof war, sondern mufsten einer des andern vor der Hausthür warten 2 3 * * * * .“ Parallel der Buchdruckerei entwickelt sich die kapitalistische P api erf ab ri- kation, anfangs freilich noch in ganz bescheidenem Betriebsumfange, allmählich jedoch die Betriebe ausgestaltend 8 . Aber schon viel früher scheinen sich die grofse Manufaktur oder gar die Fabrik als Betriebsformen der kapitalistischen Unternehmung in der Textilindustrie herausgebildet zu haben. Zwar wissen wir jetzt, dafs die sechs- und siebenstöckigen Häuser, die Lukas Rem in Genua bewunderte und in denen man Fabrikgebäude vermutete, nur Wohnhäuser gewesen sind, wohl aber scheint in anderen italienischen Städten sich der Grofsbetrieb wenigstens für die Spinnerei vorgefunden zu haben. Im Jahre 1341 soll es in Bologna grofse Spinnereien gegeben haben, die durch Wasserkraft getrieben wurden und die einen Produktionseffekt von 1 Neudörffer, Nachrichten von den vornehmsten Künstlern und Werkleuten so in Nürnberg gelebt haben. 1546/47. Herausgegeben von F. Campe, 1828. S. 56 f. a 0. Hase, a. a. 0., 54/55. 3 Die Papiermühle Ulman Stromers in Nürnberg im 14. Jahrhundert wurde mit drei Stampfwerken betrieben; Chron. d. St. 1, 4. 77 f. Die Halb- isenschen Papiermühlen in Basel waren noch im 15. Jahrhundert Betriebe mit sechs Knechten, die der Galliziani ebensolche. Geering, 287 f., 313 f. Die entscheidende Revolutionierung der Betriebsorganisation in der Papierindustrie datiert erst vom Jahre 1670, d. h. seit Erfindung des „Holländers“. Vgl. Buch der Erfindungen, 679. Für die frühere Zeit vgl. auch Hase, 62 ff. 406 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. 4000 Spinnerinnen hatten *. 1515 begegnen wir bereits Seidenmanufakturen grofsen Stils in Ulm 1 2 . Aber auch andere wichtige Industriezweige wie namentlich die Montanindustrie drängten, unter dem Einflufs der zunehmenden kapitalistischen Organisation, dank der Fortschritte der Technik seit dem 16. Jahrhundert mächtig zum Grofsbetriebe. In wachsendem Mafse erforderte der Erzbergbau Wasserkunst und Stollenanlagen und damit eine Ausweitung der Betriebe 3 . Gar aber erst die Eisenindustrie erlebte um die Wende des • fünfzehnten Jahrhunderts eine grundstürzende Revolution. Schon im späteren Mittelalter hatte man angefangen, die Wasserkraft zur Bewegung von Stampfwerken, Hämmern und Blasebälgen zu benutzen 4 und damit den grofsen Umschwung vorbereitet, der nun im sechszehnten Jahrhundert seinen einstweiligen Abschlufs fand in den verbesserten Vorrichtungen zur Aufbereitung der Erze durch das Schlemmverfahren und Nafszechen, vor allem aber in der Vollendung des mit seinen Anfängen bis in die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts zurückreichenden Hochofens 5 . Der Hochofen steht auf der Grenzscheide zwischen der Technik des Mittelalters und der Neuzeit; zwischen der Stückeisenbereitung durch Feuer und Hammer und der Roh- 1 Alidosi, instruttione delle cose notabili di Bologna (1621), 37. Da die Beschreibung Alidosis die älteste mir bekannt gewordene Erwähnung moderner gewerblicher Grofsbetriebe enthält und sie bisher unbeachtet geblieben ist, setze ich die Stelle im Wortlaute hierher: „Sono certe machine grandi, le quali mosse da un piccolo canaletto d’ aqua di Ueno fanno cias- cuna di loro con molta prestezza Pilare, Torzere ed addoppiare quattro milla lila di Seta, operando in un istante quel, che farebbono quattromila Filatrici e quell’ acqua ha proprietä di fare la Seta buona e vaga e lavorano ogn’ anno centottanta milla libre di Seta, cio6 centomilla di forestiera, e ottanta- milla di nostrana con la seta doppia, e secondo, che n’6 abbondanza. E la piü antica memoria che di questi hö trovata 6 stata dell’ anno 1341 ä 23 guigno, che la cittä concesse licenza Bolognino di Barghesano da Luca, habitante in Bologna, nella Capella di S. Lucia di potere construere un filatoio da seta nella capella di S. Biagio sopra il fossato presso le mura della Cittä. Et nel 1345 fu fatto un decreto, che Giovanni Oreto della Capella di S. Colombano potesse havere acqua per un filatoio da seta nel borgo Polecino.“ Für das Jahr 1371 führt A. (S. 38) dann 13 „filatogli di seta“ auf, die alle der Kommune gehören und an Unternehmer verpachtet sind. 2 Carl Jäger, 649. 3 Vgl. die cit. Werke von Steinbeck (Schlesien), Gothein (Schwarzwald), Sc hm oll er u. a. * Beck, Geschichte des rfisens 1 (1884), 754. 3 Bneh der Erfindungen (1901), 180. Sechzehntes Kapitel. Richtung u. Gang d. urwüchsig, kap. Produktion. 407 eisenerschmelzung durch die reduzierende Kraft der Kohle und die Luft des Gebläses. Wir lernten denn auch schon die Summen kennen, die der Bergbau des 16. Jahrhunderts verschlang und — mit reichlichem Profit belastet zurückgab. Während des letzten Viertels des 15. und des ersten Viertels des 16. Jahrhunderts vollzieht sich ein Konzentrationsprozefs der im Bergbau investierten Kapitalien, wie er in unserer Zeit sich kaum rapider abspielt. Wir können das an der Hand eines Schriftstücks aus jener Zeit verfolgen, das zu den interessantesten Dokumenten der Wirtschaftsgeschichte gehört. Es ist das schon von Albert Jäger 1 und Soetbeer 2 — unter anderem Gesichtspunkt — benutzte Ms. Nr. 3078 der k. k. Hofbibliothek in Wien: ein genaues Verzeichnis der am Schwazer Bergbau beteiligten Gewerken bezw. Schmelzherren und der von ihnen zum Verschmelzen gebrachten Silbererzmengen. Ich habe dieses Verzeichnis eingesehen und für sämtliche Jahre, auf die es sich bezieht — 1470 bis 1534 — die Zahl der Erze abliefernden (also am Bergbau beteiligten) Gewerken ausgerechnet. Es ergab sich, dafs im Jahre 1470, als der Konzentrationsprozefs wohl schon begonnen hatte, doch noch 38 Gewerken genannt werden, deren Zahl bis zum Jahre 1534 (bei mindestens gleichbleibender Förderung) auf 6 zusammengeschmolzen ist. Auf die einzelnen Jahrfünfte berechnet, ergiebt sich folgender Entwicklungsgang : es waren am Bergbau beteiligt (durchschnittlich) in den Jahren 1470—1474 = 31,2 Gewerken 1475—1479 = 29,4 1480—1484 = 19,0 1485—1489 = 15,6 1490—1494 = 15,2 1495-1499 = 13,8 1500-1504 = 10,4 1505—1509 = 8,0 1510-1514 = 9,2 1515—1519 == 8,6 1520—1524 = 8,4 1525—1529 = 8,8 _ 1530-1534 - 6,0 1 Albert Jäger, Beitrag zur Tirolisch-Salzburgischen Bergwerks- geschichte im Archiv für österreichische Geschichte. Bd. 53 (1875), 345 ff. 2 A. Soetbeer, Edelmetallproduktion in Petermanns Erg.-Heft. 57 (1879), 27 ff. 408 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Im Jahre 1534 wurden 40663 Mk. 7 Lot Silber verschmolzen. Diese Gesamtmenge verteilte sich unter folgende Schmelzherren: Reym. & Ant. Hier. Fugger . . , . 9187 Mk. 12 Lot Hans Punzl & Christ. Herwart . 10161 - 10 - Hans Stöckl. , 7949 - 3 - Hans Paumgarten. . 8710 - 14 - Christ. ReyfFer Erben. . 1552 - 7 - Gebr. Tanzl. , 3101 - 9 - Dals diese Erze aber auch schon in wirklichen Grofsbetrieben zu Tage gefördert wurden, ersehen wir aus gelegentlichen Schilderungen, die wir von dem Betriebe des Schwazer Bergbaus besitzen. Danach wurden allein bei der Wasserhebung 600 Mann täglich mit ledernen Kübeln, worin einer dem andern das Schachtwasser von dem Sumpfe bis an den Erbstollen reichte, gebraucht und daher Wasserheber genannt, sie kosteten das Jahr mehr denn 20000 Gulden *. 1 von Sperges, Tyr. Bergwerksgesch. 116. Siebzehntes Kapitel. Hemmungen der kapitalistischen Entwicklung. Wenn wir solche Berichte, wie den zuletzt erwähnten, vernehmen, aus denen wir uns eine Vorstellung von der Höhe kapitalistischer Entwicklung in den verschiedenen Ländern Europas während des 15. und 16. Jahrhunderts bilden können, und wenn wir dann eine Bilanz dieser Entwicklung am Ende der frühkapitalistischen Periode ziehen, wie es in England etwa Ende des 18., in den übrigen mitteleuropäischen Ländern, insonderheit Deutschland, um die Mitte des 19. Jahrhunderts erreicht war, so müssen wir darüber in wahrhaftes Erstaunen geraten: wie ungeheuer gering die Fortschritte des Kapitalismus bis in die neueste Zeit hinein trotz einer keineswegs unerheblichen Vermögensaccumulation doch immerhin nur gewesen sind. Fragen wir nach den Gründen dieser frappanten Erscheinung, so darf uns als Antwort nicht die Feststellung genügen, dafs sich die objektiven Bedingungen kapitalistischer Wirtschaft während jenes Zeitraumes so langsam erfüllt haben. Denn diese Antwort würde keine Erklärung, sondern nur die Hinausschiebung einer solchen bedeuten. Wir werden im Verlaufe unserer Darstellung sehen, mit welchem Raffinement der Kapitalismus gröfstenteils sich selbst die Existenzbedingungen schafft, deren er bedarf. Warum also hat er sie erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts geschaffen, warum nicht früher? Nein, — wir werden vielmehr bestrebt sein müssen, nach Verumständungen Ausschau zu halten, die die sagen wir einmal natürliche Entwicklung des Kapitalismus in all' jenen Jahrhunderten aufgehalten haben. Solcherart Gegenströmungen wollen wir als Hemmungen der kapitalistischen Entwicklung bezeichnen. Solcher Hemmungen 410 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. sehe ich aber vornehmlich deutlich zwei Komplexe. Die eine der grofsen Hemmungstendenzen wird durch das Zusammenwirken einer Reihe von Umständen hergerufen, die ein Nachlassen der Accumu- lation bezw. eine Verwendung der accumulierten Vermögen zu aufserkapitalistischen Zwecken, also eine Art von Lähmung der kapitalistischen Energie bewirken. Die andere liegt auf populationistischem Gebiete und wird dargestellt durch die eigenartige Bevölkerungsbewegung in frühkapitalistischer Zeit, die im ganzen einer raschen Vermehrung der Bevölkerung, vor allem aber (was das entscheidende ist) einer massenhaften Entstehung besitzloser Bevölkerungselemente also der Genesis eines Proletariats noch immer wie im Mittelalter und teilweis in verstärktem Mafse hinderlich im Wege steht. Wir wenden im folgenden unser Interesse diesen beiden Hemmungstendenzen zu. Im allgemeinen haben wir es hier wiederum mit Dingen zu thun, die jedermann kennt, die es also nur in den rechten Zusammenhang zu bringen gilt. Was ich eine Lähmung der kapitalistischen Energie nenne, ist zunächst bewirkt worden durch die Verwendung der accumulierten Geldbeträge zu aufserwirtschaftlichen, sogenannten „unproduktiven“ Zwecken, unter denen die Kriegszwecke eine hervorragende Stellung einnehmen. Diese Ablenkung der Kapitalembryone vom rechten Wege nimmt ihren Anfang mit der Accumulation selbst. Die langsame Entwicklung des Kapitalismus ist schon während des Mittelalters zweifellos zum nicht geringen Teil auf die starke Absorption aller verfügbaren Geldvermögen durch Kriege zurückzuführen. Mit den Kreuzzügen beginnt der Prozefs. Die Führer stürzen sich in Schulden, die Grofsen ebenso wie ihre Vasallen saugen alle vorhandenen Geldbeträge wie ein trockener Schwamm auf: die italienischen Händler können kein besseres Geschäft machen, als ihre Ersparnisse zu Anleihen zu verwenden 1 . Was für enorme Beträge derartige Feldzüge verschlangen, zeigen uns die Ausweise, die wir über die Kreuzzüge Ludwigs IX. besitzen. Danach betrugen die Gesamtausgaben für seinen ersten Kreuzzug 1537 570, lb. tur. 10 Sol. 10 den., die Ausgaben in den Jahren 1250—53 1053476 lb. 17 s. 3 d. 2 . Und Kämpfe auf Kämpfe folgen nun, die vor allem das Papsttum zu führen hat, sei es gegen das Kaisertum, sei es gegen die Ungläubigen. 1 Vgl. z. B. Schaube, Die Wechselbriefe Ludw. d. H., in den Jahrb. für N.Ö. 15, 605 ff. 621. 740. 2 Gottlob, Päpstl. Kreuzzugssteuern, 48 f. Siebzehntes Kapitel. Hemmungen der kapitalistischen Entwicklung. 411 Im 13. Jahrh. die Albigenserkriege, im 14. und 15. Jalirli. die Kriege gegen die Türken, in denen die Päpste die kämpfenden Griechen, Rhodiser und Cyprioten immer wieder mit neuen Summen unterstützten 1 . In allen diesen Kriegen, die bereits grol’senteils mit Söldnern geführt wurden 2 3 , spielt das Geld schon eine entscheidende Rolle. So lernen wir es begreifen, wie es zuging, dafs die beträchtlichen Summen, die in den Kassen der Camera apostolica Zusammenflüssen, rasch aufgebraucht wurden und daneben noch Schulden über Schulden gemacht werden mufsten: der heilige Stuhl meist, wie InnocenzIV. klagte, non solum inmobilibus bonis suis pene penitus exhausta, sed et maximis quoque debitis obligata war 8 . Wie das Papsttum, so mufsten gleicherweise die italienischen Städte ihrer Natur entsprechend die Kriegführung zur reinen Geldfrage gestalten 4 * . Schon seit dem XIII. Jahrhundert vernehmen wir von „Soldati“ catalani, borgognoni, tedeschi ed altri cavalieri oltre- montani che vanno ogni giorno crescendo di numero. Und welche ungeheure Summen mufsten in den winzigen Gemeinwesen dem Moloch der durch allerhand Fehden immer wieder notwendig gemachten Kriegsführung geopfert werden! Man stelle sich doch nur vor, was es heifst, wenn eine Stadt wie Florenz im Jahre 12(30 gegen Siena 30000 Mann ins Feld schickt 6 * . Um diesen Aufwand zu bestreiten, mufste alles Vermögen herhalten, das irgendwie disponibel war. Und die öffentlichen Anleihen, die nun ihr Wesen beginnen, dienen dazu, die allerorts sich ansammelnden Privatvermögen in die Tresors der Stadtverwaltungen einmünden zu lassen. Die wohlhabenden Bürger fanden auf diese Weise eine höchst bequeme und gewinnbringende Art, ihre Vermögen zu verwerten. Im 13. Jahrhundert suchten die reichen Geldbesitzer in Genua zu verhindern, dafs die Stadt ihre Schulden tilge, weil sie „in der verzinslichen Staatsschuld eine erwünschte Gelegenheit zur Anlage erblickten“ °. Die stehende Schuld Genuas datiert seit 1257. Im Jahre 1322 bezifferte sich die gesamte Staatsschuld Genuas auf 1 Gottlob, Aus der Camera apostolica, 179. 2 Kirsch, Die päpstl. Kollektor, in Deutschland, XII. 3 Gottlob im Histor. Jahrb. 20, 666. 675 ff. 4 Das ist hübsch entwickelt von P. Villari, I primi due secoli della Storia di Firenze 1, 311 f. 6 O. Hartwig, Eine Mobilmachung in Florenz in seinen Quellen und Forschungen zur ältesten Geschichte der Stadt Florenz 2 (1880), 299. 6 Sieveking, Gen. Fin. 1, 47. 412 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. 831496 j£, und wurde mit 8 — 12 °/o verzinst. 1354 war die konsolidierte Schuld auf 2962149 9 s. 6 d. angewachsen, 1378—81 wurden im Kampfe mit Venedig 10 Zwangsanleihen von durchschnittlich 100000 fl. zu 8 °/'o aufgenommen, so dafs am Ende des 14. Jahrhunderts zu obigen 2,9 Mill. :£ noch weitere 2 1 /s Mill. [ß hinzugetreten waren 1 . Florenz gab für den Krieg gegen Mastius II. della Scala 600 000 Goldgulden aus, der sechs Monate währende Krieg gegen den Grafen von Virtü kostete ihm 3 V 2 Mill. fl., 1377 — 1406 wurden für Kriegszwecke verausgabt 11V 2 Mill. fl., der 1418 beendigte Krieg gegen den Herzog von Mailand hatte in weniger als 2 Jahren 3 I /a Mill. fl. verschlungen, in den Jahren 1430—1453 hatten 70 Familien im Conto di gravezze 4875 000 fl. bezahlt 2 3 . Dasselbe Bild in Venedig. Man drängt sich zu den öffentlichen Anleihen. 1353 und 1398 werden Häuser verkauft, um mit dem Erlös Anteile an den Staatsschulden zu erwerben 8 . 1423 hinterläfst der Doge Mocenigo, nachdem er 4 Mill. Duk. getilgt hat, noch eine Schuldenlast von 6 Mill. Duk. 4 . 1520 betrug das Vermögen des Monte Vecchio 8675 613 Duk. 14 gr. 5 . Aber auch für die übrigen Länder gilt im wesentlichen dasselbe. Die deutschen Städte erschöpften ihre, d. h. ihrer wohlhabenden Leute Geldkraft völlig im Städtekriege. Man ermesse, wasesheifst, wenn der Militäretat einer Stadt wie Nürnberg im Jahre 1388 für einen Zeitraum von 14 Monaten sich auf 78466 ^, ungefähr das Dreifache der Gesamtausgabe des Stadthaushalts in gewöhnlichen Jahren, bezifferte 6 , oder die Staatsschuld Basels in den Jahren 1390—1430 auf 160—240000 fl., das heifst ein Viertel bis ein Sechstel des sämtlichen Privatbesitzes der Einwohner anwuchs 7 . Hatten nun aber die deutschen Städte für ihre eigenen Kriegszwecke die gröfsten Aufwendungen gemacht, so kam nun erst der Kaiser, um sie vermittelst seiner Schatzungen völlig auszuschöpfen. So pumpte im Jahre 1374 Kaiser Karl folgende Summen aus den einzelnen Städten aus: Ulm 72000 fl., Ulms Juden 12000 fl., 1 Sieveking, a. a. O. 8. 100. 110. 160. 2 Siehe die Belege bei Pagnini 1, 83. 3 Sieveking, Gen. Fin. 1, 174. * Muratori, SS. 22 col. 959. Daselbst weitere Ziffern. 8 Sieveking, 1, 161. Vgl. auch Lästig, Beitr. zur Gesch. des Handelsrechts, in der Zeitschr. für das ges. H.R. 23, 160. 6 Chronik, d. St. 1, 188. 7 Geering, 218. Siebzehntes Kapitel. Hemmungen den- kapitalistischen Entwicklung. 413 Nördlingen, Dinkespalil, Popfingen, Esslingen und 9 andere Städte 70000 fl., Meiningen 11000 fl., Augsburg 37 000 fl. 1 2 . Während Italien mühsam, aber doch, wie wir sahen, mit Erfolg dank vor allem seiner mächtigen kolonialen Accumulation schon imVer- lauf des Mittelalters jenen unausgesetzten Aderlässen zum Trotz kapitalistisches Wesen entfaltete, haben die übrigen Länder gegen solche Übermacht nicht anzukämpfen vermocht. Hier mufsten ganz aufser- gewöknliche Ereignisse eintreten, um die Accumulation zu einer Höhe zu führen, auf der sie trotz aller Ablenkungen die kapitalistische Wirtschaft begründen konnte. Wir lernten diese Ereignisse in dem mächtigen Anschwellen der Edelmetallproduktion kennen, wie es sich namentlich in Deutschland seit der Mitte des 15. Jahrhunderts nachweisen läfst. Aber es sollte sich im weiteren Verlauf der Entwicklung bald zeigen, dafs mit der gesteigerten Edelmetallproduktion auch die Verwendung der rasch accumulierten Geldvermügen zu aufserwirtschaftlicken Zwecken an Ausdehnung zunahm. Jetzt erst recht — im 16. Jahrhundert — gewinnen die Kriege an Ausdehnung und Schärfe. Die Fehden zwischen Karl V. und Franz I. beanspruchen einen Aufwand, dem gegenüber alles frühere Kinderspiel gewesen war. Das Söldnerwesen gelangt erst jetzt zu voller Ausbildung. Seit dem Ausgang des 15. Jahrhunderts dringt zunächst in Frankreich das Princip des modernen stehenden Heeres immer mehr durch. Der Soldatenstand fing seit dieser Zeit an, ein Gewerbe (metier) zu werden, während er früher nur eine Abenteurerlaufbahn gewesen war; die Werbung wurde, und zwar zunächst für das Fufsvolk, zur Quelle, der Werbevertrag zur Grundlage des französischen und bald des europäischen Kriegsdienstes überhaupt. Vollendet wurde diese Reform nach dem Verlust der Schlacht von Guinegatte in dem Übungslager von Pont de l’Arcke 3 . Damit waren aber neue ungeheuer gesteigerte Anforderungen an die Finanzkraft der Fürsten herangetreten, denn gleichzeitig wurde die Unterhaltung der Söldnertruppen bei der wachsenden Konkurrenz um die Arbeitskraft im Kriege immer kostspieliger. Es wäre gänzlich überflüssig, in Anbetracht der vortrefflichen Bearbeitungen, die gerade diese Epoche der Wirtschaftsgeschichte gefunden hat, näher auf Einzelheiten hier einzugelien. Wir wissen, dafs alle die grofsen Vermögen, nicht zuletzt das 1 Chronik des Burk. Zink in Chron. d. St. 5, 7. 2 Max Jäh ns, Handbuch einer Geschichte des Kriegswesens (1880), 838. 414 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Fuggersche, vor allem in Deutschland, in die Tresors der Könige und Fürsten ebenso — meist auf Nimmerwiedersehen — verschwanden, wie einst die der Bardi und Peruzzi von dem nimmersatten Eduard III. verschlungen waren h Wir wissen, dafs die öffentlichen Anleihen auch noch und gerade erst im 16. Jahrhundert — dank der günstigen Bedingungen, die den Staatsgläubigern wenigstens in Aussicht gestellt wurden — ihre Anziehungskraft auch auf mittlere und kleine Vermögen ausübten, just wie einst die Bardi und Peruzzi alles Barvermögen aufgesogen hatten, um es dann dem englischen Staatshaushalte in den Rachen zu werfen. Über den Zulauf, den der grand parti des König Heinrich II. im Jahre 1555 hatte, schreibt ein Zeitgenosse: Gott weifs, wie die Gier nach diesen übermäfsigen Gewinnen . . . die Menschen anreizte: jedermann lief herbei, um sein Geld in dem grand parti anzulegen, bis herunter zu den Dienstboten, die ihre Ersparnisse hinbrachten. Die Frauen verkauften ihren Schmuck, die Witwen gaben ihre Renten hin, um sich an dem grand parti zu beteiligen, kurz man lief dorthin, als wenn das Feuer dort sei 1 2 * . Just wiederum wie ein paar Jahrhunderte früher die Bardi und Peruzzi die Scali und Amieri überlaufen waren: von dem Gelde, das die Peruzzi dem König Eduard geliehen hatten, schreibt Villani: „e nota che i detti danari erano la maggior parte di gente che gli aveano dati loro in accomandigia e in deposito, e di piü cittadini e forestieri 8 .“ Die infolge des wachsenden Kriegsbedarfs immer wieder geleerten Kassen der Fürsten saugen also alles mit unwiderstehlicher Gewalt ein, was irgendwo im Lande an Geldvermögen sich vortindet und etwa gerade auf dem besten Wege war, sich in Kapital zu verwandeln. In welcher radikalen Weise dies aber im 16. Jahrhundert geschah, dafür enthalten folgende Ziffern einen trefflichen Beleg: nach Soetbeer betrug die Edelmetallproduktion der Erde während des Zeitraums von 1521 bis 1560 115 Mill. Mk. 5 Ehrenberg hat nun berechnet, dafs sich die Forderungen der Kaufleute an die bankerotten Kronen von Spanien, Frankreich und Portugal und die niederländischen Rentmeister auf fast das doppelte — 200 Mill. Mk. — bezifferten 4 . 1 Über die Bankerotte der Bardi und Peruzzi vgl. Villani, L. 12 c. 55. 2 Cit. bei Ehrenberg 2, 107. 8 Villani 11, 88. 4 Ehren b erg 1, 178. N. 4 f 1 s • 4 ? V? Siebzehntes Kapitel. Hemmungen der kapitalistischen Entwicklung. 415 Dieses völlige Verschwinden der Geldvermögen, namentlich auch der grofsen und ganz grofsen infolge der häufigen Zahlungseinstellungen und Bankerotte der Fürsten hört nun allerdings allmählich auf in demMafse, wie sich seit dem 17. Jahrhundert dieFormen des modernen Anleihewesens, des Bank- und Börsen-, sowie des Steuerwesens zu entwickeln beginnen. Aber dafür wachsen wiederum die Anforderungen der öffentlichen Kassen um ein beträchtliches. Die stehenden Heere und die grofsen Kriegsflotten des 17. und 18. Jahrhunderts erforderten Geldbeträge von einem Umfange, der unendlich weit hinausging über den Geldbedarf der Kriegführung im Zeitalter der Fugger 1 . Es war nun vor allem das schnell zu Reichtum erblühende Holland, aus dem die europäischen krieg- führenden Mächte die bedurften Gelder herauspumpten. England und Frankreich exportierten die ersten Staatsanleihen gegen Ende des 17. Jahrhunderts; bald folgten im 18. Rufsland, Dänemark und mehrere deutsche Staaten 2 . Die englische Nationalschuld allein steigt von (564 263 £ im Jahre 1688 auf 249 851628 £ im Jahre 1783 3 . Wirken in der bezeichneten Richtung die endlosen Fehden zwischen den einzelnen Staaten als Hemmungen der kapitalistischen Entwicklung dadurch, dafs sie viele Vermögen Privater nicht dazu kommen lassen, sich in Kapital zu verwandeln oder dafs sie ganze Handelshäuser ruinieren und somit zwingen, die Accumulation von vorne anzufangen, so sehen wir sie in einer anderen Richtung eine den „natürlichen“ Gang des Wirtschaftslebens noch viel mehr retardierende Wirkung ausüben. Sofern sie nämlich ganze Staaten in ihrer Entwicklung auf halten, die dort vorhandenen Ansätze des Kapitalismus zerstören und diesen zwingen, in einem anderen Lande von frischem anzufangen. Was vom Standpunkt des eigenen Landes aus, falls dieses im Kampfe mit den andern obsiegt, als Förderung des Kapitalismus erscheint, bedeutet natürlich für die kapitalistische Gesamtentwicklung einen Aufenthalt, eine Hemmung, sofern dafür ein anderes Land Benachteiligungen erfährt. Dafs sich während mehrerer Jahrhunderte die europäischen Staaten die Kolonialbeute gegenseitig abzujagen versuchen, dafs sie sich um die Beherrschung der Meere und des Welthandels herumprügeln, hat doch selbstverständlich die kapitalistische Entwicklung, für die es gleichgültig ist, ob sie in Holland, Italien, Deutschland oder England sich 1 Ehrenberg 2, 322. 2 Scherer, Gresch. des Welthandels 2, 364. 3 Scherer a. a. 0. S. 465. 416 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. vollzieht, um ebensoviele Jahrhunderte in ihrer freien Entfaltung gehemmt. Denn es ist klar, dafs jede Machtverschiebung für das unterliegende Land ebenso Zerstörung oder wenigstens Hemmung bedeutet, wie Förderung für das obsiegende. Auch die Verschiebung der Welthandelsbeziehungen hat störend gewirkt. Was in Italien an kapitalistischem Wesen während dreier Jahrhunderte erblüht war, beginnt nun abzusterben, seit der Kolonialbesitz im Orient verloren geht. Während sich neue Keime in Spanien und Portugal zeigen, die zum Teil mit Hilfe italienischen Kapitals (Genua) zur Entwicklung gebracht werden. Kaum aber beginnt der Kapitalismus auf der Pyrenäenhalbinsel Boden zu fassen, so stürzt sich ein Haufen fremder Staaten auf das Kindlein, um es zu erwürgen. Was nicht auf soi disant friedlichem Wege erreicht wird, sucht man mit der offenen Gewalt zu erzwingen. Was 1556—1559 den Franzosen mifslingt, glückt den Niederländern in ihrem „Befreiungskriege“ (1568—1648): Spaniens Kolonialmacht, seine Welthandelssuprematie ist gebrochen, die Entwicklung seines nationalen Wirtschaftslebens zum Stillstand gebracht; der Kapitalismus siedelt in die Niederlande über. Kaum hier angelangt, begegnet er sofort wieder neidischen Nachbarn, die seiner gesunden Entwicklung mit scheelen Augen Zusehen; Cromwell eröffnet den Kampf mit den Niederlanden: 1651 Navigationsakte, 1652—1654 Handelskrieg. Mit England verbündet kämpfen 1672—1678 Frankreich und Schweden gegen die aufblühenden Niederlande. Dann wird eine Zeit lang Frankreich das führende kapitalistische Land; einen Augenblick scheint es, als ob sich der französische Handel mit dem spanischen Kolonialbesitz vereinigen wolle. Aber schon erscheinen die Neider: Deutschland, Holland, England führen 1688— 1697 den Koalitionskrieg gemeinsam gegen das mächtig aufstrebende Frankreich, dem im spanischen Erbfolgekriege (1701—1714) Holland und England den Erwerb der spanischen Kolonien mit Erfolg streitig machen. Endlich ringen als letztes undstärktes Paar mit einander Frankreich und England (1756—1763). England geht als Sieger aus diesem Kampfe hervor und begründet damit seine Suprematie auf dem Weltmärkte. Es beginnt nun für England eine Zeit ruhiger Sammlung, die es benutzt, um die Ansätze des Kapitalismus zu mächtiger Entfaltung zu bringen. Noch einmal Störung während der napoleonischen Zeit. Dann eröffnet sich für alle europäischen Staaten eine Periode des Friedens 1 , und wer überhaupt noch einige ' Es darf hier au die Thatsache erinnert werden, dafs die englische Staatsschuld seit 1817 nicht mehr gewachsen ist, sondern im Gegenteil sich Siebzehntes Kapitel. Hemmungen der kapitalistischen Entwicklung. 417 wirtschaftliche Kraft aus der allgemeinen Katzbalgerei gerettet hat, entwickelt nun das kapitalistische Wirtschaftssystem zu rascher Blüte: die frühkapitalistische Epoche beginnt in die hochkapitalistische überzugehen. Deutschland hat in jenen Jahrhunderten, in denen ein Staat dem andern den Brocken abjagte, sein eigentümliches Schicksal gehabt. Niemand hat ihm seine wirtschaftlichen Erfolge streitig gemacht, dafür hat es aus sich heraus hinreichend starke Hemmungen des ökonomischen Fortschritts erzeugt. Entscheidend für die Weiterentwicklung des Kapitalismus in Deutschland war vor allem das plötzliche Versiegen der Edelmetallproduktion um die Mitte des 16. Jahrhunderts. Ihm zugesellt sind die mannigfachen Fehden, mit denen sein Inneres zerfleischt wird. Roscher hat gewifs recht, wenn er annimmt *, dafs die Blüte wirtschaftlichen Aufschwungs in Deutschland schon geknickt war, ehe die Greuel des dreifsig- jährigen Krieges das Land heimzusuchen begannen. Der zweite Komplex von Hemmungen der kapitalistischen Entwicklung ist, wie wir bereits feststellten, populationistischer Natur. Eine Betrachtung der Bevölkerungsbewegung in frühkapitalistischer Zeit ergiebt zunächst ein immer noch beträchtlich langsameres Anwachsen der Gesamtbevölkerung als heute. Was, wie wir sahen, das Mittelalter charakterisiert, findet sich auch in frühkapitalistischer Zeit noch am Platze: Vernichtung grofser Bevölkerungsmassen dui'ch Plungersnöte, Seuchen, Kriege. Die letzte Hungersnot hat West-Europa im Jahre 1847 heimgesucht. Die Pest hat bis ins 18. Jahrhundert hinein periodisch ihre Opfer gefordert in einer Härte, mit der verglichen das Auftreten ihrer jüngeren Schwester — der Cholera — milde genannt zu werden verdient. Es war dasselbe furchtbare Dilemma geblieben: entweder die Völker sahen ihre Reihen durch die Pest gelichtet, oder — es brachen Hungersnöte aus. In seinem Bericht über die grofse Teuerung von 1483 sagt Stolle in der Thüringisch-Erfurtischen Chronik 191: „es war auch zu der Zeit sehr viel Volks“, weil seit 20 Jahren kein rechtes Sterben gewesen war. „Die viele sterbunge und pestilenzien“, sagt „Eyn cristlich ermanung“ im Jahre 1503, „sint eine grofse strafe verringert hat. Sie bezifferte sieh 1817 auf 848 282 000 £, 1898 auf 634 436 000 £. Nach den Zusammenstellungen bei Conrad, Grundrifs zum Studium der pol. Ökon. 3. Teil. § 86. 1 Koscher, Die deutsche Nationalökonomik an der Grenzscheide des 16. und 17. Jahrhunderts, Bd. IV der Abli. der pbilol.-histor. Klasse der Kgl. Sachs. Ges. der Wissenschaften, Nr. 3. Auch separat erschienen. 1862. Sombart, Der moderne Kapitalismus. I. 27 418 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. gottes, damit die mensclien nit zu üppig werden.“ „Und were one die stei’bunge gar ze vil volcks in den landen, was auch nit gut were wegen der narunge 1 .“ Dazu kam die verwüstende Wirkung der ewigen Kriege, die, dank des immer blutigeren Verlaufs der Schlachten, die Söldnerheere rasch decimierten, aber auch infolge der rücksichtslosen Kriegsführung unter den Nichtkombattanten gelegentlich furchtbar aufräumten. Genaue ziffermäfsige Erfassung der Bevölkerungsbewegung vor dem 19. Jahrhundert ist bei der Dürftigkeit und Unzuverlässigkeit der Quellen nicht möglich. Immerhin genügt das, was wir an Zahlenmaterial besitzen, vollkommen, um die Richtigkeit des allgemeinen Schlusses zu bestätigen, dafs im ganzen die europäische Bevölkerung bis zum 18. Jahrhundert sich nur langsam vermehrte und „auch die Zunahme des 18. Jahrhunderts noch immer eine geringe“ ist 2 . In Deutschland, wo die Bedingungen für die Bevölkerungszunahme im 15. und 16. Jahrhundert sich in mancher Hinsicht gebessert hatten, wird durch den dreifsigjährigen Krieg „der Bevölkerungsstand . . . für lange Zeit zurückgeworfen und erholt sich im 18. Jahrhundert im ganzen langsam“. Frankreich hatte nach Froumenteau unter Heinrich III. (1574—1589) 14 Millionen Einwohner; nach dem Tode Ludwigs XIV. 18 Milk, erst um die Mitte des 18. Jahrhunderts ist die Bevölkerungszahl wieder erreicht, welche Fi’ankreich bereits in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts gehabt hat. In Belgien und Holland „wiederholt sich die Erscheinung einer sehr geringen Bevölkerungsvermehrung während dreier Jahrhunderte“. Für das Gebiet des heutigen Königreichs Italien läfst sich die Bevölkerung in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts auf ungefähr 11 Millionen annehmen. Ungefähr ebenso stark war seine Bevölkerung am Anfang des 18. Jahrhunderts; von da ab datiert eine Aufwärtsbewegung. In Spanien ist die Bevölkerung im 16., noch mehr aber im 17. „aufserordentlich zurückgegangen“. In England ist sie bis Ende des 16. Jahrhunderts stationär, seitdem beginnt sie zu steigen, erreicht aber in der Mitte des 18. Jahrhunderts erst 6 Millionen. Es ist also Thatsache, dafs trotz hoher Geburtenziffern die Länder Europas bis zum 19. Jahrhundert menschenarm blieben, 1 Vgl. Ja ns sen 1, 356/57. Daselbst auch viel statistisches Material. 2 von Inama, im H.St. 2 2 , 661. — Demselben Gewährsmann sind auch die Angaben für die einzelnen Länder entnommen. Siebzehntes Kapitel. Hemmungen der kapitalistischen Entwicklung. 419 und man wird es verstehen, wie es einer der Lieblingsgedanken aller Staatsmänner und Nationalökonomen des 17. und 18. Jahrhunderts werden konnte, die Staaten zu „peuplieren“. Durchaus derZeit angemessen gipfelte alle damalige Volkswirtschaftspolitik in den beiden Desiderien: Geld und Menschen! Denn dafs die Entwicklung des Kapitalismus nicht nur durch den Mangel an Geld, sondern ebenso sehr durch das Fehlen der Menschen gehemmt wurde, lehrt uns jeder Blick in die wirtschaftlichen Zustände jener Zeit. Im 16. Jahrhundert vernehmen wir in Spanien, das damals ja am raschesten auf der Bahn des Kapitalismus voranschritt, Klagen der Cortes über Mangel an Arbeitern, dem sie durch eine Reihe von Gesetzen zu steuern suchen. 1579 petitionieren sie: Festlichkeiten und Vergnügungen möchten den Handwerkern an Wochentagen untersagt werden. Ein gleiches solle für die Tagelöhner gelten, ihre Zahl werde wachsen, sie werden fleifsiger werden 1 . Im 17. Jahrhundert klagt ein Bericht der Verleger ländlicher Hausindustrien in der Umgegend Basels: „es sei nicht sowohl Mangel an Arbeit als Mangel an Arbeitern“. Gleichzeitig errichtet der Rat Basels ein „Zucht- und Waisenhaus“, dessen Insassen zu gewerblichen Arbeiten angehalten werden sollen 2 . Auf Knappheit an Arbeitern lassen auch die zahlreichen gesetzlichen Festsetzungen von Lohnmaxima schliefsen, die uns seit dem Ausgange des Mittelalters begegnen. Mir scheint aber, man wird zur Erklärung des notorischen Unterangebots von Arbeitskräften namentlich in den Ländern Kontinentaleuropas bis zum Ende des 18. Jahrhunderts noch andere Momente heranziehen müssen als die langsame Zunahme der Gesamtbevölkerung. Man wird in Erwägung ziehen müssen, dafs auch dem etwa entstehenden Bevölkerungsüberschufs aufserordentliche Gelegenheiten zum Nahrungserwerb sich darboten. Für die männliche Bevölkerung zunächst im Söldner tum, das, wie wir wissen, mit dem Aufkommen der modernen Staaten rasch an Ausdehnung gewinnt. Es bot sich hier die Möglichkeit für den Besitzlosen dar, sich ein gutes Auskommen zu verschaffen, denn der Kriegssold war stets hoch, immer jedenfalls um ein beträchtliches höher als der Lohn für gemeine Tagelöhnerarbeit. Letzterer betrug beispielsweise in Augsburg im 15. Jahrhundert 10—12 d., während dem Söldner monatlich IVa fl. und die Kost gezahlt wurden 3 . 1 Bonn, Spaniens Niedergang, 108. 122. 2 Geering 602. 8 Chron. d. St. 5, 488; vgl. auch 1, 259. 420 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Sodann aber dürfen wir nicht vergessen, dafs es sich immer noch um Zeiten handelte, in denen die terra libera noch fast nirgends verschwunden war. Wenn nicht in den Heimatländern, so bot sich den überschüssigen Existenzen in den Kolonialgebieten ein weites Feld zu freier Thätigkeit. Insofern wirkt jede koloniale Erweiterung des Nahrungsspielraums eines Volkes zunächst als Hemmnis der kapitalistischen Entwicklung, weil durch sie der Arbeitskraft Gelegenheit geboten wird, dem Nexus des kapitalistischen Unternehmers zu entkommen. Den Trofs der Welsercxpedition (1526) bildeten Hundeführer und Pferdewärter, Barbiere, Zimmerleute, Schuster, Schmiede, Steckenknechte, Profosse, Bergknappen etc. 1 * . Unter den ersten Ansiedlern der französischen Antillen sind des gens sans ressources, domestiques sans place, compagnons sans travail ou dögoutes de ne pouvoir devenir maitres, paysans las de la corvöe etc. 3 . Im Verlauf der frühkapitalistischen Periode nehmen die der Bevölkerungsvermehrung entgegenstehenden Hemmnisse dann mehr und mehr an Stärke ab. Die „grofsen Sterben“ wei’den seltener, auch die Hungersnöte verlieren ihren akuten Charakter, vor allem die Kriege üben nicht mehr die verheerende Wirkung wie früher aus. In England tritt, wie wir schon sahen, der Zeitpunkt rascherer Bevölkerungszunahme bereits im 17. Jahrhundert ein; eine Folge der längeren Friedenszeiten und einer der Hauptgründe, weshalb der Kapitalismus in England um 50—100 Jahre dem kontinentalen vorauseilt. Auf dem europäischen Festlande datiert der entscheidende Umschwung erst' seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts, insonderheit seit dem Ende der napoleonischen Kriege. Damals schlägt mit einem Male die Bevölkerungszunahme ein früher nie dagewesenes Tempo ein und schwellt die Bevölkerung namentlich auf dem platten Lande dermafsen an, dafs trotz noch immer starken Abstroms in die Kolonialgebiete doch sehr bald ein Überangebot von Arbeitskräften entsteht 3 . Dieses ist, wie noch genauer zu zeigen sein 1 Herrn. A. Schuhmacher, Die Unternehmungen der Augsburger Welser, 41. 43. 3 L. Peytraud, L’esclavage aux Antilles frangaises, 13/14. 3 Es konnte sich bei dieser kurzen Skizze selbstverständlich nur um die Hervorkehrung der allgemeinsten Züge der Entwicklung handeln. Im einzelnen ergeben sich natürlich Unterschiedlichkeiten von Land zu Land. Es mag hier wenigstens des einen Falles Erwähnung geschehen, in dem eine Abweichung von dem Gange der Durchschnittsentwicklung stattfand: der Einwirkung der Religionsverfolgungen auf die Gestaltung des Arbeitsmarktes. Siebzehntes Kapitel. Hemmungen der kapitalistischen Entwicklung. 421 wird, die populationistische Signatur am Ende der friikapitalistischen Periode, die damit reif wird, einer neuen Entwicklungspläne des Kapitalismus das ITeld zu räumen. Unsere Aufgabe wird es nun aber im folgenden zunächst sein, nach dieser etwas stürmischen Wanderung durch den langen Zeitraum dreier Jahrhunderte, Atem zu schöpfen und erst recht gründlich Umschau zu halten über die Gestaltung, die das gewerbliche Leben beim Anbruch der neuen Zeit erfahren hat. Die flüchtigen Refugi6s bilden vielerorts den Stamm zu einem besitzlosen Industrieproletariat, ehe sonstwie die Bedingungen für dessen Entstehung erfüllt sind. So z. B. in dem Gebiete des Schwarzwaldes und Basels. Vgl. Geering, 549 f. 593 ff. Fünfter Abschnitt. I ( Gewerbe und Kapitalismus am Ende der frühkapitalistischen Epoche. (Das gewerbliche Leben Deutschlands um die Mitte des 19. Jahrhunderts.) Achtzehntes Kapitel. Das H errschaftsgebiet des gewerblichen Kapitalismus. Ich datiere das Ende der frühkapitalistischen Epoche für England um die Mitte des 18. Jahrhunderts, für Frankreich seit dem * Beginne des Julikönigtums, für Deutschland ein oder zwei Jahrzehnte nach der Begründung des Zollvereins, also etwa um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Für diese Zeit versuche ich im folgenden ein Bild des gewerblichen Lebens zu entwerfen, in Anlehnung an die deutschen Zustände, mit gelegentlichen Ausblicken in die aufserdeutschen Länder. Wobei gemäfs dem Plane dieser Darstellung das Hauptaugenmerk zu richten sein wird auf die Lage des Handwerks und sein Verhältnis zum gewerblichen Kapitalismus. Es mag bemerkt werden, dafs dies kein leichtes Unterfangen ist. Was uns an Quellenmaterial zur Verfügung steht, ist auf der einen Seite ein riesiger Haufe von ungesichtetem Zahlen- und anderem Thatsachenmaterial, aus dem mit erheblicher Mühe und grofser Vorsicht die relevanten Punkte hervorzusuchen sind (die genau entgegengesetzte Situation, als sie der Wirtschaftshistoriker lang vergangener Epochen vorfindet), auf der andern Seite die Berichte der Zeitgenossen über ihre Zeit. Diese versagen nun aber fast ganz; man darf sie höchstens in ihrer symptomatischen Bedeutung als Stimmungsbilder verwenden. Wollte man aus ihnen Achtzehntes Kapitel. Das Herrschaftsgebiet d. gewerbl. Kapitalismus. 423 das Wirtschaftsleben jener Zeit selbst rekonstruieren, würde man zu einem ebensolchen Zerrbilde kommen, als wenn man etwa die moderne Detailhandelsorganisation auf Grund der Kampfesschriften unserer Mittelstandspolitiker glaubte erkennen zu können. Denn was uns an Schi’iften aus jener Zeit vorliegt 1 , sind im wesentlichen Tendenzschriften, Klageberichte. Wollten wir alles für bare Münze halten, was darin vorgebracht wird, so miifste man annehmen, dafs das gesamte Handwerk beispielsweise in Deutschland am Ende der 1840er Jahre in voller Deroute gewesen wäre. Aber man erinnert sich zur rechten Zeit, dafs schon Justus Möser 2 den Verfall des Handwerks hundert Jahre früher verkündet hatte, und wieder hundert Jahre früher Schröder 3 und noch ein paar Jahrhunderte früher Sebastian Brant 4 , Hans Sachs 5 , der Verfasser der Reformation König Sigismunds und so mancher andre 6 . Und sagt sich, dafs man mit solchen tendenziösen Übertreibungen nur wenig anfangen kann und aus ihnen kaum zu erfahren vermag, wie die Dinge wirklich gestanden haben. Man macht sich vor allem klar, dafs scharf zu unterscheiden ist zwischen der Lage des Handwerks als einer vom Kapitalismus gefährdeten Wirtschaftsform und der Lage der Handwerker, die (infolge von Übersetzung oder dergl.) sehr wohl eine sehr prekäre sein kann, auch wenn der Turm des Handwerks noch unerschüttert dasteht. In Wirklichkeit bietet das gewerbliche Leben am Ende der frühkapitalistischen Periode etwa folgendes Bild dar: der gewerbliche Kapitalismus hat sich im Laufe der Jahrhunderte eine feste Position erobert. Er lebt aber noch selbst durchaus in den Formen 1 Von einigen wird im Verlaufe dieser Darstellung noch die Rede sein. Ausführlicher habe ich darüber berichtet in meiner Schrift „Deutschland am Vorabend der ökonomischen Revolution“. St. Petersburg 1900 (in russischer Sprache). 2 J. Möser, Patriotische Phantasien 1 (1780), 7 ff. 181 ff. Geschrieben 1768 und 1769. 3 Schröder, Fürstliche Schatz- und Rentkammer (1685), 91. 4 Seb. Brant, Narrenschiff: der XLVIII. Narr „Von Handtwerks Narren“. 5 ln dem Gedicht „Der Eigennutz, das gräulich Tier mit seinen zwölf Eigenschaften“. 6 Vgl. z. B. das Facsimile eines Holzschnitts vom Jahre 1600 bei E. Mummenhoff, Der Handwerker, 95, wo der Handwerker klagt: „Ach Gott, die Teurung, Krieg und Sterben Nun meinen Stand bracht in Verderben Das ich mich schwerlich kann emehren Mit langer Arbeit, kurtzem zehren.“ 424 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. handwerksmäfsiger Organisation weiter: wie er meistens in unmittelbarer Anlehnung an vorkapitalistisches Gewerbe entstanden ist, hat er dessen Existenzbedingungen auf sich selbst übernommen. Er ist gleichsam noch zufällig, seine Existenzweise ist traditionell; er ist noch bodenständig, seine Technik empirisch. Die Sphäre seiner Thätig- keit ist fast dieselbe geblieben, die er gleich bei seinem Auftreten occupiert hatte. Er haust fast nur erst auf den Gebieten ehemaliger interlokaler Handwerke: in der Montanindustrie, der Textilindustrie, der Kleineisenindustrie und in einigen wenigen anderen Gewerben. Eben jedoch ist er im Begriffe, auf die Gebiete der lokalen Handwerke hinüberzugreifen. Wir werden in dem Deutschland der 1840er Jahre die ersten Spuren der Zersetzung auch in diesen Handwerken finden: aber doch, wie gesagt, erst Spuren. Im grofsen Ganzen ist der Bau der vorkapitalistischen Gewerbeorganisation noch durchaus intakt. Ich suche zunächst eine Bilanz aufzunehmen von dem Stande des gewerblichen Kapitalismus in der gekennzeichneten Periode. Aus den Ziffern, die uns die Gewerbestatistik aus den 1840er Jahren übermittelt hat, vermögen wir ganz deutlich zu ersehen, wie der Schwerpunkt der deutschen „Industrie“ (im Sinne von gewerblichem Kapitalismus) damals durchaus noch in der Montan- und Textilindustrie ruhte 1 . Die Zahl der Arbeiter in der Montanindustrie des Zollvereinsgebiets wird uns von sachkundiger Seite für Ende der 1840er Jahre auf 60800 berechnet 2 3 * * * , eine Ziffer, die freilich nicht etwa in Vergleich mit den analogen Zahlen der Gegenwart gestellt werden darf, sondern lediglich in ihrem Verhältnis zu den übrigen Zahlen der Industriestatistik jener Zeit zu würdigen ist. Daneben erscheint mit ebenso imposanten Ziffern die Textilindustrie, insbesondere die Weberei 8 . Spinnereianstalten gab es danach in den norddeutschen Staaten 3050 mit 1337 306 Spindeln und 53171 Arbeitern, in den süddeutschen Staaten (d. h. 1 Uber die in den Grundzügen vollkommen übereinstimmende Gestaltung der englischen Industrieverhältnisse am Ende der frühkapitalistischen Periode vgl. A. Toynbee, Lectures on tlie industrial revolution of tke 18. Century in England. 5. ed. (1896), 46 ff. R. Whateley Cooke Taylor, The modern factory System (1891) 17 ff. 2 W. Oechelhäuser, Vergleichende Statistik der Eisenindustrie aller Länder und Erörterung ihrer ökonomischen Lage im Zollverein (1852), 124.128. 3 Die folgenden Ziffern sind entnommen der „Statistischen Übersicht der Fabrikations- und gewerblichen Zustände in den verschiedenen Staaten des deutschen Zollvereins im Jahre 1846“, in den Mitteilungendes statistischen Bureaus in Berlin. 4. Jahrgang (1851), 252 ff. Achtzehntes Kapitel. Das Herrschaftsgebiet d. gewerbl. Kapitalismus. 425 Bayern, Baden, Hessen, Nassau) 143 mit 252171 Spindeln und 7172 Arbeitern. In der „gewerblichen“ (sc. hausindustriellen) Weberei waren in Norddeutschland 333896 Arbeiter an 252 539 Webstühlen, - Süddeutschland 420 893 - - 333276 beschäftigt, während „Fabriken für Gewebe“ bezw. 15185 und 18 846 mit bezw. 96460 und 120928 Webstühlen und bezw. 232572 und 272106 Arbeitern ermittelt wurden. Denn gegenüber obigen Ziffern fallen die folgenden kaum ins Gewicht: „Fabriken in Metall“ etc. gab es in Norddeutschland 15185 mit 121782 Arbeitern, in Süddeutschland 21004 mit 155788 Arbeitern. „Andere Fabriken“ endlich, unter denen der gesamte Rest zusammengefafst ist, wurden in Norddeutschland 13115 mit 100297 Arbeitern, in Süddeutschland 4671 mit 30288 Arbeitern gezählt. Diese „andern Fabriken“ verteilen sich auf die einzelnen Branchen wie folgt: Zahl der Anstalten Zahl der Arbeiter Bemerkungen Papierfabriken. 706 12142 „am meisten in Baden und Wagenfabrikeil. 90 2 586 Sachsen“. „am meisten in Hessen“. Gerbereien u. Leimsiedereien . 8 622 20 609 „am stärksten in Bayern u. Tabakfabriken. 1226 18 936 Kurhessen, jedoch meist handwerksmäfsig“. Maximain Kurhessen, Grfsh. Indische Zuckerfabriken . . 50 3463 Hessen, N assau, Thüringen. Maxima in Preufsen, dann Kübenzuckerfabriken .... 108 9153 Sachsen. Maxima in Thüringen und Leder- u. Lederwarenfabriken 551 4 435 Preufsen. „grüfserer Stil der Fabri- andere sonst noch vorhandene Fabriken. 6 443 59 261 kationals3.; hauptsächlich im Grfsh. Hessen, Nassau, Thüringen, dann Preufsen“. Eine Berechnung des Verhältnisses der Industriearbeiter zur Gesamtbevölkerung ergiebt für Preufsen — Mühlen und alle Hausindustrien einbegriffen — 2,98 °/o. 1 1 von Reden, Erwerbs-und Verkehrsstatistik 1 (1853), 281. 426 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Natürlich war clie industrielle Entwicklung verschieden hoch in den verschiedenen Teilen Deutschlands: Königreich Sachsen, Rheinland-Westfalen, Teile von Bayern stehen andern Gebieten voran. Aber das ändert doch nichts an dem Gesamtbilde, das uns aus den angeführten Ziffern entgegentritt. Um noch für einen Ort dieses Bild zu vervollständigen, mögen die Ziffern der Industriestatistik Berlins, „des gröfsten Fabrik- und Handelsplatzes der Monarchie“ 1 hier besondere Erwähnung finden 2 . Industrielle Anstalten gab es 1846 in Berlin 1153 mit insgesamt 24943 Arbeitern. Darunter Zahl der Anstalten Zahl der Arbeiter (Masehinen-)Wollspinnereien . . . 3 82 Baumwollspinnereien. 3 123 Tuchfabriken. 4 99 Baumwoll- und Halbwollwebereien 95 986 Leinenzeugwebereien. 3 14 Seidenzeugwebereien. 85 2 219 Gold- und Silberwarenfabriken . . 11 262 Neugold- und Neusilberfabriken 11 365 ] Eisenwarenfabriken. 6 405 Maschinenfabriken. Chemische Fabriken. Tabak- und Cigarrenfabriken . . 36 25 90 2 857 546 1720 } für den gesamten j Reg.-Bez. Potsdam. Leder- und Lederwarenfabriken 46 469 1 Wagenfabriken. 14 548 ) Diese Ziffern der Etablissements- und Arbeiterstatistik gewinnen nun aber erst ihre volle Bedeutung, wenn wir sie in Verbindung bringen mit dem Produktivitätsgrad der industriellen Arbeit in jener Zeit. Erst dann vermögen wir völlig zu ermessen, wie aufserordentlich gering die Entwicklung des gewerblichen Kapitalismus Anno dazumal doch immer noch war, wenn wir uns vergegen- 1 von Reden, a. a. 0. 1, 416. - Ebenda S. 427 f. Urteilsvoll fafst neuerdings ein Geschichtschreiber der Berliner Industrie deren Stand am Ende der 1840er Jahre wie folgt zusammen: „Noch war das Handwerk die herrschende Betriebsform (lies: Wirtschaftsform), das erst an wenigen Punkten von dem aufkommenden Fabriksystem bedrängt wurde ... In die letzten Jahre dieser Periode fiel die allgemeine deutsche Gewerbeausstellung von 1844 . . . Hier trat zum erstenmal auch einem weiteren Publikum deutlich vor Augen, dafs über Deutschland eine neue Periode gewerblichen Aufschwungs heraufzusteigen begann, und dafs die Berliner Industrie in der ersten Linie stand.“ 0. Wiedfeldt, Statistische Studien zur Entwicklungsgeschichte der Berliner Industrie von 1720-1890 (1898), 82. Achtzehntes Kapitel. Das Herrschaftsgebiet d. gcwerbl. Kapitalismus. 427 wärtigen, dafs die Produktion fast noch durchgängig in den Banden des empirischen Verfahrens lag, dafs die maschinelle und mechano- motorische Technik nur erst geringe Fortschritte gemacht hatte, die Betriebsorganisation aber noch vorwiegend die klein- und mittelbetriebliche war. Ich teile im folgenden einige wenige Daten mit, die aber doch, wie ich denke, genügen werden, uns ein hinreichend deutliches Bild von dem industriellen Wesen des vormärzlichen Deutschland zu machen. Die Eisenindustrie beginnt in den 1840er Jahren gerade ihren Modernisierungsprozefs: der Cokeshochofen verdrängt langsam den Holzkohlenofen, Frischfeuer und Eisenhammer weichen langsam dem Puddlingverfahren. Nach den Angaben Wachlers waren noch 1846 in Oberschlesien neben 52 Holzkohlenhochöfen erst 9 Cokesöfen, neben 240 Frischfeuern erst 9 Puddlingswerke im Betrieb h Und das Bild, das uns der treffliche Jacobi von den Zuständen im westdeutschen Kohlen- und Eisenbezirk entrollt 1 2 , trägt noch vorwiegend die Züge der „guten alten Zeit“. Die Hochöfen sind noch klein und für Holzkohle eingerichtet. Noch tönt uns aus dem Waldesdickicht auf unserer Wanderung allerorts der muntere Ton des alten Hammerwerks entgegen Anfang der 1840er Jahre war im Siegener Land noch kein Cokesnochofen vorhanden und im Jahre 1847 wurden daselbst produziert 3 an Holzkohle-Frischeisen 41000 Ctr. „ Frischstahl 16 500 ,, „ Puddeleisen 25000 „ Von der Kleinheit der deutschen Hochöfen damaliger Zeit giebt eine Vorstellung die Zifferreihe, die Peter Mise hier über die Leistungsfähigkeit der Hochöfen in den verschiedenen Ländern mitteilt 4 . 1 L. W. (Wacliler), Die Eisenerzeugung Oberschlesiens. 1847. 3 L. II. W. Jacob i, Das Berg-, Hütten- und Gewerbewesen des Reg.-Bez. Arnsberg in statistischer Darstellung. 1856. 3 Jacobi, 341. 4 P. Mischler, Das deutsche Eisenhüttengewerbe. Bd. I (1852), S. 150. Das Buch Mischlers ist die wichtigste Quelle für das Studium der deutschen Eisenindustrie um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Es enthält in seinen beiden Bänden eine aufserordentliche Fülle von Material. 428 Zweites Bucli. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Danach produzierte jährlich ein englischer Hochofen 70000 Ctr. amerikanischer „ 50000 belgischer „ 30000 1) russischer „ 12000 französischer „ 9000 » deutscher „ 7 000 W (gegen 618000 Ctr. im Jahre 1899). Die Ziffern bestätigen die Richtigkeit der Beobachtungen eines noch öfters zu nennenden englischen Gewährsmanns, der seine Schilderung der rheinisch-westfälischen Montanindustrie in die Worte zusammeu- fafst: „The reader has by this time probably come to the conclusion tliat mining and smelting on the scale described, very much ressemble the farming System contained in our first volume: an immense sacrifice of labour, for so small a hope of profit that little more than dayly wages, and those very poor indeed, can be the result eren for proprietors. Such is strictly thecase 1 .“ Ein Vergleich mit dem damaligen England macht die Unproduktivität der deutschen Eisenindustrie jener Zeit besonders evident. In England wurden (1841) 1 400 000 t Eisen gewonnen bei einer Gesamtzahl von 10 949 Bergleuten und 29 490 anderen Arbeitern, während die Eisenproduktion 1842 in Preufsen 117 000 t betrug bei 9272 Bergleuten und 27 703 anderen Eisenarbeitern. Während also in England ein Bergmann 140 t und jeder Arbeiter 47 t förderte, entfielen in Preufsen auf einen Bergmann nur 13 t, auf einen anderen Arbeiter 4 t als Arbeitsleistung. Unter solchen Umständen lernen wir begreifen, wie es möglich war, dafs der noch ganz geringfügige Bedarf an Eisen — 1834/35 = 11,60 Pfd., 1848/50 = 21,79 Pfd. gegen 309,8 Pfd. im Jahre 1899 — doch noch nicht einmal voll von der Inlandsproduktion gedeckt wurde 2 . Wie klein im Durchschnitt die Fabrikbetriebe damaliger Zeit sind, ergiebt sich schon aus den mitgeteilten Ziffern. Hier mögen noch einige nähere Angaben Platz finden. In den 153 Baumwollspinnereien Preufsens liefen 1846 nur 170433 Spindeln, also wenig mehr als 1100 in einem Betriebe; selbst im Königreich Sachsen bezifferte 1 Banfield, Industry on the Rhine 2, 100. Und sehr hübsch den Entwicklungszustand der rheinischen Industrie im allgemeinen charakterisierend: „In this state of second transition from small machinery and water-power to large faetories moved by steam-power we find the Rhenisli manufäeturing district of Prussia“ 2, 23. Vgl. übrigens unten S. 433 Anm. 1. 2 W. Oeclielhäus er, a. a. O. S. 124. 128. Achtzehntes Kapitel. Das Herrschaftsgebiet d. gcwcrbl. Kapitalismus. 429 sich die Durchschnittsspinclelzahl in einer Fabrik erst auf ca. 3600 k „Die sächsische Baumwollspinnerei litt, wie die gesamte Baumwollspinnerei jener Zeit, an der Unvollkommenheit ihrer technischen Einrichtung und Leitung 1 2 .“ Im Aachener Bezirk wurde „in den 1840er Jahren die Mulejenny eingeführt und die Spinnerei erhob sich (nun erst) während zweier Jahrzehnte zu voller Konkurrenzfähigkeit“ 3 . Im Giladbacher Industrierevier „richtete man im Jahre 1845 die erste mechanische Spinnerei ein“ 4 . Die 55 mechanischen Spinnereien, die 1843 im Reg.-Bez. Düsseldorf gezählt wurden, hatten nach der amtlichen Statistik zusammen Maschinen mit 6G4V2 Pferdekraft, d. h. jede durchschnittlich etwa 12 Pferdekräfte 5 6 . Die in der gesamten Industrie dominierende Betriebsform ist aber noch immer die Hausindustrie. Für die Weberei ergiebt sich das ebenfalls schon aus den mitgeteilten Ziffern: neben 217388 Webstühlen in „Anstalten“ noch 585 835 zu Hause! 0 Der Kampf der Fabrik mit der hausindustriellen Weberei beginnt gerade in jenem entscheidungsvollen fünften Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, in dem wir Umschau halten, und ist sogar für die Spinnerei noch nicht völlig beendigt 7 . Alle jene zahlreichen Industrien Süddeutsch- 1 von Reden, 1. c. 3 (1854), 1648. 2 R. Martin, Der wirtschaftliche Aufschwung der Baumwollspinnerei im Königreich Sachsen, in Schmollers Jahrbuch XVII (1893), S. 648. 8 A. Thun, Industrie am Niederrhein 1 (1879), 23. 4 A. Thun, a. a. 0. S. 160. 6 Vgl. auch Banfield, 1. c. 2, 232 seq. 6 Mitteilungen des stat. Bureaus in Berlin IV (1851), 252 ff. 7 Vgl. z. B. für Sachsen: Robert Heym, Maschinen oder Handarbeit? (1848): „im Augenblick liegt die Hausindustrie mit dem fabrikmiifsigen Betriebe der Weberei im Kampfe“ (S. 44). Dasselbe gilt für Schlesien, nur dafs liier die Entwicklung vielleicht noch etwas rückständiger war als im Westen und Süden Deutschlands. Mitte der 1840er Jahre wurden die mechanischen Fabriken für Weberei und sogar für Spinnerei noch als schädliche Eindringlinge angesehen und z. B. die Vorzüglichkeit des Handgespinstes in der Leinenindustrie noch mit Wärme vertreten. Zu vergleichen: Treumund Welp (Ed. Pelz), Über den Einflufs der Fabriken und Manufakturen in Schlesien. 1. Brief: Die Gebirgsdistrikte 1843, S. 7 ff.; 2. Brief: Polemisches. 1844 ff., S. 29 ff. A. Krocker, Schlesiens Zustände. Seine Vergangenheit, seine Gegenwart, seine Zukunft. In Beilage zu Nr. 78 der „Schlesischen Zeitung“ (vom 1. IV. 1849). Alexander Schneer, Über die Not der Leinenarbeiter in Schlesien und die Mittel, ihr abzuhelfen. 1844. S. 8f., 193 f. A. Rüfin, Die deutsche Flachszucht und ihre Verbesserung. 1846. S. 13 ff. Derselbe, Der Flachsbau und die Flachsbereitung in Deutschland. 1853. S. 37 ff. Im übrigen ist, was die Textilindustrie betrifft, auf die erschöpfenden Untersuchungen und Nachweise Schmollers in den einschlägigen 430 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. lands aber, die namentlich Holzwaren und kurze Waren verfertigen und die heute noch zum Teil nicht aus der Sphäre der Hausindustrie herausgetreten sind, wurden gerade damals entweder erst begründet oder aus Hausiergewerben in Verlagsgewerbe umgewandelt. Wir begegnen, heifst es in einem Bericht aus jenen Tagen, „gerade in unserer Zeit so vielen Bestrebungen, in abgelegenen Gegenden, wo die Bevölkerung sich über die Mafsen angehäuft hat, Industriezweige, insbesondere Kurzwarenindustrien zu pflanzen“ h Dafs ein grofser Teil der Industrien Württembergs ebenfalls noch hausindustrielle Betriebsformen aufweist, ersehen wir aus dem sehr lehrreichen ofiiciellen „Überblick über die industriellen Verhältnisse Württembergs“ aus dem Jahre 1855 * 1 2 . Wie sehr die rheinische Kleineisenindustrie dem Verlagssysteme zuneigt, ist bekannt: damals wurde Kapiteln seiner Geschichte der deutschen Kleingewerbe und in seiner Schrift: „Die Entwicklung und die Krisis der deutschen Weberei im 19. sec.“ (1873) zu verweisen. Aber auch im Westen Deutschlands hatte die Woll- und Flachsspinnerei noch nicht völlig aufgehört, eine ländliche Hausindustrie zu sein, und die Möglichkeit, sie als solche zu erhalten, wurde noch ernsthaft diskutiert. Vgl. G. L. W. Funke, Über die gegenwärtige Lage der Heuerleute im Fürstentum Osnabrück. 1847. S. 15 f., 75 f. Auch die Gründung von Garn- und Leinenvereinen, Spinn- und Webschulen war noch (oder schon?) in vollem Gange, wie uns a. a. 0. S. 75 berichtet wird. Vgl. auch Rüfin, a. a. O. S. 13. „Die moderne Fabrikindustrie ist in gröfserem Mafsstabe — sc. im Aachener Bezirk — erst in den letzten 20—30 Jahren entstanden und die Weberei ist noch weit davon entfernt, überwiegend mit Kraftstühlen betrieben zu werden.“ A. Thun, Industrie am Niederrhein 1 (1879), 39. Für Elberfeld: „In der Mitte unseres Jahrhunderts schliefst die Epoche des Handbetriebs und die Flucht der Industrie wird zum Stillstand gebracht durch die Einführung des maschinellen Fabrikbetriebs;“ a. a. 0. 2. 197. Für Barmen: „Ein Wendepunkt trat im Jahre 1849 ein: von da ab datiert die Gröfse der Barmer Industrie;“ a. a. 0. S. 200. 1 Bericht der Beurteilungskommission bei der allgemeinen deutschen Industrieausstellung in München 1854, 1855. X. Heft. S. 127. Aus dem Bericht geht hervor, dafs die Verleger noch erhebliche Mühe haben, sich der gewerblichen Produzenten zu bemächtigen; vgl. S. 125/126. Einen guten Überblick über viele der damaligen deutschen Hausindustrien giebt L. Wilkens, Die Erweiterung und Vervollkommnung des deutschen Gewerbebetriebs, die Mittel zur Herstellung des richtigen Verhältnisses zwischen Bevölkerung und deren Bedürfnisse, mit besonderer Rücksicht auf das Grofsherzogtum Hessen. 1847. Wie schon aus dem Titel hervorgeht, bemüht sich der Verfasser um die Einbürgerung neuer Erwerbszweige in den übervölkerten bäuerlichen Gemeinden seines engeren Vaterlandes. 2 In „Exposition des produits de l’industrie de toutes les nations ä Paris en 1855.“ 1855. Achtzehntes Kapitel. Das Herrschaftsgebiet d. gewerbl. Kapitalismus. 431 sie noch rein hausindustriell, ja zum Teil (Remscheid) sogar noch handwerksmäfsig betrieben 1 . Es entspricht nur der Kleinheit der Betriebe und dem Vorwiegen der Hausindustrie, wenn wir die Anwendung mechanischer Kräfte noch in den allerersten Anfängen finden. Die Zahl der Dampfmaschinen für gewerbliche und landwirtschaftliche Zwecke betrug 1846 im Königreich Sachsen 197 mit zusammen 2446 Pferdestärken 2 . In ganz Preufsen wurden 1846 erst 1139 stehende Dampfmaschinen mit 21 716 PS gezählt 3 , die sich auf die einzelnen Industriezweige also verteilten: Spinnerei, Weberei, Walkerei 237 mit 3236, Maschinen- und metallische Fabriken 208 mit 4857Vs, Mühlen 144 mit 1699V2, Bergbau 273 mit 9508, verschiedene Fabriken 277 mit 2415 PS 4 . Also noch beinahe die Iläfte der Pferdestärken im Bergbau verbraucht! Das damalige Berlin hatte (1849) nicht mehr Dampfkraft für seine Maschinen zur Verfügung als heute etwa jedes gröfsere Bergwerk für seinen Betrieb gebraucht: 1265 PS in 113 Dampfmaschinen 5 . Breslaus Industrie wies im Jahre 1846 nicht mehr als 10 Dampfmaschinen mit zusammen 28 Pferdestärken auf 6 . Eine andere Ziffer bestätigt dieses Resultat. Das ist die uns bekannte Menge der Zufuhr zu den Messen, auf denen doch sicherlich noch ein sehr beträchtlicher Teil der zum Inlandskonsum gelangenden Warenmassen, die der kapitalistischen Produktionssphäre entstammten, Station machte. Im Jahre 1847 aber gelangten auf sämtlichen Messen des Zollvereins insgesamt 696415 Ctr., also 34820 t zur Feststellung 7 , ein Quantum, wie es heute Deutschland etwa an Wollwaren allein ausführt. 1 Vgl. Thun, Industrie am Niederrhein. Bd. 2. 1879. Auch Jacobi, Das Berg-, Hütten- nnd Gewerbewesen des Reg.-Bez. Arnsberg; bes. S. 375 bis 390. J. konstatiert, als er schreibt (1855), einen „Zug“ zum geschlossenen Fabrikbetrieb hinüber. 2 E. Engel, Das Zeitalter des Dampfes. 2. A. 1881. S. 130. Dort findet man auch internationale Vergleiche. 3 1899= 70813 mit 3 192 575 PS — Stat. d. D. R. N. F. 119, 119 . 1 Statistische Übersichten der im Preufs. Staate gezählten Dampfmaschinen in den Mitteilungen des statist. Bureaus in Berlin. V. Jahrgg. (1852). S. 19. 41. 42. B Vgl. Beiträge zur Geschichte des Berliner Handels und Gewerbe- fleifses aus der ältesten Zeit bis auf unsere Tage. Festschrift zur Feier des 50jälnigen Bestehens der Korporation der Berliner Kaufmannschaft am 2. III 1870. Berlin o. J. S. 95 ff. 6 M. von Vsselstein, Lokalstatistik der Stadt Breslau. 1866. S. 70. 1 Dieterici, Statist. Übersicht der wichtigsten Gegenstände des Verkehrs und Verbrauchs im deutschen Zollverein. 4. Fortsetzung. 1851. S. 563. 432 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Gewarnt sei seliliefslich noch vor clem häufig begangenen Fehler, aus den Ziffern des Exp orthandeis jener Zeit unter Zugrundelegung des Mafsstabes etwa heutiger Verhältnisse auf die Gestaltung des gewerblichen Kapitalismus voreilige Rückschlüsse zu machen. Nichts verführt leichter zur Überschätzung der Entwicklungsreife jener Periode. Und zwar deshalb, weil zweifellos der Ausfuhrhandel in jener Zeit einen verhältnismäfsig viel gröfseren Raum einnimmt als heute. Leider verlassen uns alle ziffernmäfsigen Anhaltspunkte, um diese Präponderanz nachzuweisen, weil ein Vergleich etwa der Ausfuhrmengen mit der Arbeiterzahl, wie ich sie für die Jahre 1882 und 1895 vorgenommen habe, um die fallende Exportquote daran zu illustrieren, dank der so gänzlich verschiedenen Produktivitätsgrade der Arbeit durchaus unzulässig ist. Für jeden aber, der die Geschichte der wichtigsten Industrien, z. B. der Textilindustrie, kennt und dabei die Weglosigkeit der damaligen Staaten in Betracht zieht, von der im Verlauf dieser Darstellung noch ein Bild zu entrollen sein wird, der damit die verhältnismäfsig leichte Verbindung der Länder von Küste zu Küste berücksichtigt, für den wird es eines ziffernmäfsigen Beweises kaum bedürfen, dafs die Ausfuhrmengen jener frühen Zeit einen viel erheblicheren Teil des Gesamtprodukts einer Industrie ausmachten f wie heute. Zöge man diesen Unterschied nicht in gebührende Erwägung und beurteilte die Zollvereinsindustrie der 1840er Jahre etwa nach den Berichten der Weltausstellungen, gleich der ersten zu London 1 , so könnte man leicht zu dem Wahne verführt werden, man habe es schon damals mit einem Industriestaat ersten Ranges zu thun. Welchen geringen Entwicklungsgrad in Wirklichkeit die „Industrie“, das ist also der gewerbliche Kapitalismus im damaligen Deutschland, erreicht hatte, wird nun aber besser als die dürren Ziffern dieses Kapitels eine Schilderung der Ausdehnung vorkapitalistischer Gewerbeorganisation zu zeigen vermögen, wie sie im folgenden versucht wird. 1 Amtlicher Bericht über die Industrieausstellung aller Völker zu London im Jahre 1851. 1852. Vgl. z. B. darin die „Ansprache an den Gewerbe- ^ stand zur Beschickung der Londoner Industrieausstellung des Jahres 1851“, die eine hübsche Übersicht über die damals in Frage kommenden Exportindustrien Preufsens enthält (S. 93 ff.), und dazu Volz, Grofsbritannien und Deutschland auf der Industrieausstellung zu London im Jahre 1851. III. Deutschland zu Grofsbritannien (Zeitschr. f. die ges. Staatsw. VIII [1852], 434 ff.). t Neunzehntes Kapitel. Das vorkapitalistische Gewerbewesen. A. Das Land. Hier sind die charakteristischen Formen der gewerblichen Produktion dui’chaus noch die hausgewerbliche Eigenproduktion mit angegliedertem Lohnhandwerk. I. Die Bauernwirtschaft. Treten wir in eine Bauernwirtschaft ein, so finden wir naturgemäfs zunächst den Nahrungsbedarf fast ausschliefslich noch in eigener Wirtschaft gedeckt. Nur weniger gewerblicher Verrichtungen aufser dem Hause benötigt es, um die Nahrungsmittel in genufsreifen Zustand zu versetzen: hier und da funktioniert der Hausschlächter; doch ist er oft genug entbehrlich, und grofs ist die Menge geschlachteten Viehs, zumal des Grofsviehs, das mehr Schlachtkunst erheischt, in der Wirtschaft des Bauern nicht 1 . Das Getreide wird den über das ganze Land verstreuten Wasser- und Windmüllern zum Vermahlen oder Verschroten übergeben. Gegen einen naturalen Anteil am vermahlenen Getreide — meist den 16. Scheffel 2 — 1 „The slaughtering of liorned cattle in a village is . . a rare occurrence.“ T. C. Banfield, Industry of tlie Rhine. Series I. Agriculture. 1846. Ser. II. Manufactures. 1848: eine bisher völlig unbenutzt gebliebene, unschätzbar wertvolle Quelle für die Erkenntnis des Wirtschaftslebens in Deutschland in den 1840er Jahren. 1, 146. 2 U.IV, 230;VIII,47. Den 12. Scheffel in Eisleben: U.IX,298; den 16. Scheffel in Schlesien. Die Provinz Schlesien zählte in den 1840er Jahren noch ca. 5000 meist grundzinspflichtige Kundenmüller, für deren sicheren Fortbestand bis 1845 eine die Neuanlagen stark beschränkende Gesetzgebung gesorgt hatte. Anfänge kapitalistischer Konkurrenz werden jedoch auch in jener Zeit schon beklagt. Vgl. Die schlesischen Mühlenbesitzer und das Gewerbegesetz vom Jahre 1845. Schlesische Provinzialblätter 1846, S. 576 ff.; 1847, S. 128 ff. Sombart, Der moderne Kapitalismus. I. 28 434 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. selten gegen einen Mahllohn in bar, verrichtet der Müller seine Arbeit. Das Mehl wird entweder im eigenen Hausbackofen verbacken *, oder der Brotteig wird daheim zubereitet und dem Bäcker im Dorf zur Fertigung übergeben * 1 2 , oder dieser erhält das Mehl, mufs dafür eine bestimmte Anzahl Brote zurückliefern und bekommt für jedes Brot ein paar Pfennige Backgeld 3 . Der Wohnungsbedarf ist gering. Noch dominieren das Lehm- und das Holzhaus neben dem Fachwerkhaus, mit dem Strohdach oder mit Schindeln gedeckt 4 . Neubauten sind naturgemäfs „Seit den vierziger Jahren sind in (der Provinz) Posen die Dampfmühlen heimisch geworden“ . . Jedoch „noch in den siebziger Jahren mufsten sie ihre Nebenprodukte, also Weizenschale und Kleie, nach England und Dänemark versenden; in der Heimat fanden diese Erzeugnisse nur geringen Absatz“. Bol. von Brodnicki, Beiträge zur Entwicklung der Landwirtschaft in der Provinz Posen während der Jahre 1815—1890. (1893.) S. 96. Für das Altenburgische wird aus den 1840er Jahren berichtet: „Auch in der Verbesserung des Mühlen Wesens machte man Fortschritte. Viele Windmühlen wurden nach holländischer Art konstruiert . . Im Amte Altenburg kommt auf . . 642,5 Menschen je eine Mühle. Gewöhnlich genügen diese Mühlen für den Bedarf der Bevölkerung; in trockenen Sommern reichen sie jedoch notorisch nicht aus, sondern man mufs die Mühlen an der Elster und Mulde aufsuchen (!). Im Durchschnitt hat jede Mühle im Amte Altenburg etwa 1870,3 Scheffel Getreide aller Art zu mahlen oder zu schroten.“ W. Lobe, Geschichte der Landwirtschaft im Altenburgischen Osterlande. 1845. S. 213. Unser englischer Gewährsmann schildert die Dorfmühlen in dem von ihm durchwanderten Gebiet ganz in der angegebenen Weise und fügt zur Erklärung hinzu: „it is still usual, all over Germany for peasants to grind their own corn“. T. C. Banfield, 1. c. 1, 89. 1 U. V, 37 (Gahlenz bis 1866); VIII, 67. „In hiesiger Gegend war es . . hergebracht, dafs der Colon (Grofsbauer) dem Heuermann das Brot mit backen liefs, wofür dieser dann beim Braken des Flachses, beim Kohlpflanzen und beim Wachen wieder Dienste leistete.“ G. L. W. Funke, Über die gegenwärtige Lage der Heuerleute im Fürstentum Osnabrück etc. 1847. S. 36. 2 U. VIII, 47. 8 U. VII, 580. 4 Über die Beschaffenheit der ländlichen Gebäude in verschiedenen preufsischen Provinzen um jene Zeit geben uns die Ziffern der Versicherungsgesellschaften einigen Aufschlufs. So betrug (1841) der Schätzungswert bei der landschaftlichen Feuersocietät für Ostpreufsen der Gebäude in Klasse I (Gebäude mit ganz feuerfesten Umfassungsmauern einschliefslich Lehmwänden) 1943 230 Thlr.; in Klasse II (nicht massive Gebäude mit feuerfestem Dach) 2 990500 Thlr.; in Klasse III (alle übrigen Gebäude, ausschliefslich besonders feuergefährlicher) 7 585 050 Thlr. — In der hinterpommerschen Landfeuersocietät belief sich (1843) die gesamte Versicherungssumme auf 29 790 900 Thlr.; davon entfielen auf nicht massive oder mit Kohr, Holz, Stroh oder Schindeln gedeckte Gebäude 22 786 575 Thlr. „Die Gebäulichkeiten ... Neunzehntes Kapitel. Das vorkapitalistische Gewerbewesen. 435 säkulare Ereignisse. Was an Rohmaterialien gebraucht wird, liefert die Dorfgemarkung: der Gemeindewald das Holz, der eigene Grund und Boden, oder der des Nachbarn oder der Gemeinde Bruchsteine, Lehm und Sand, das Stroh die eigene Wirtschaft. Gebaut wird allein oder mit Hilfe einiger Dorfgenossen, denen gelegentlich ein Gegendienst geleistet wird. Nötigenfalls bietet ein Zimmerer oder Maurer oder Glaser, der von Dorf zu Dorf pilgert, seine Dienste gegen naturale Verpflegung und einen bestimmten Geldlohnsatz an 1 . Eine bekannte Erscheinung vor allem im östlichen Deutschland ist der wandernde Strohdachdecker und -Flicker, oft russischer Abkunft. Aber die eigene Wirtschaft und die Arbeit der Familie liefern dem Bauern auch noch den gröfsten Teil der Kleidung, deren er bedarf. Ganz allgemein wird Flachs oder Hanf angebaut 2 , dazu wohl auch der zum Färben verwandte Krapp. Wo die Schafzucht domi- zeugen im ganzen nicht von Wohlstand. Die gewöhnliche Bauart des Bauern ist in Holz, mit Rohr- oder Strohdächern und Lehmwänden; die gemeinübliche Stielhöhe 6—8 Fufs, weshalb die Wohnstuben niedrig und der Gesundheit gerade nicht zuträglich sind. Oft ist das Wohnhaus mit dem Stall für Pferde und Rindvieh verbunden und das Federvieh befindet sich auf dem Flur.“ A. von Lengerke, Entwurf einer Agrikulturstatistik des preufsischen Staats. 1847. S. 91. „Bei dem Reichtum Pommerns an grofsen und kleinen Steinen wird es bedauert, dafs dies Material in Hinterpommern nicht öfter zum Häuserbau benutzt wird. Es sollen sachverständige Maurer für diese Arbeit fehlen.“ A. Padberg, Die ländliche Verfassung in der Provinz Pommern. 1861. 2, S. 53. — Der Taxwert der nicht feuerfest gedeckten ■Gebäude bei der kurmärkischen Generallandfeuersocietät bezifferte sich (1841) auf 34,1 Mill. Thlr., gegen 25,2 Mill. Thlr. feuerfest eingedeckter Gebäude, in denen aber die nicht massiven eingeschlossen waren. — Bei der neumärkischen Landfeuersocietät betrug die Versicherungssumme der massiven und feuerfest gedeckten Gebäude (1841) 2,0 Mill. Thlr., der nicht massiven oder nicht feuerfest gedeckten 12,9 Mill. Thlr. ■— Die Gebäude mit feuersicherer Bedachung in Schlesien waren (1843) versichert zu 12,1 Mill. Thlr., diejenigen ohne solche Bedachung mit 74,9 Mill. Thlr. Statistisches Jahrbuch etc. 1, 143 ff. Vgl. auch Meitzen, Der Boden etc. 2, 145 f., wo ebenfalls von der Mitte des Jahrhunderts eine neue Periode der Bauthätig- keit und Bauweise gerechnet wird. Die Verschiebung der Bauweise bis 1867 ergiebt ein Vergleich obiger Ziffern mit den bei Meitzen, a. a. O. 3, 62 mitgeteilten. 1 Schmoller, Kleingewerbe, 177; nach Bavaria I, 1, 283. 2 Uber die einstige Verbreitung des Flachsbaues für den eigenen Bedarf habe ich nur eine einzige genaue Ziffer gefunden, die aber wohl ohne weiteres verallgemeinert werden darf. Sie bezieht sich auf die Flachsernte des Jahres 1852 in der Provinz Sachsen und beruht auf Ermittelungen von Len- gerkes. Danach betrug die Menge 2 ? 436 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. niert, z. B. im Nordwesten Deutschlands, ist es üblich, die Wolle für die eigene Kleidung zu verwenden. Den Flachs bringt man, wo man es nicht vorzieht, ihn selbst zu hecheln, zum Seiler, der das Hecheln gegen Lohn besorgt 1 ; andernfalls kommt der Weber ins Haus, um zu hecheln 2 . Die Wolle wird dem Wollkämmer übergeben oder selbst zum Spinnen zubereitet 8 . Nun geht es an die weitere Verarbeitung: die Spinnstube des Dorfes, die oft besungene, oft geschmähte, ist der Ort, wo ein grofser Teil des Flachses oder der Wolle seiner Bestimmung weiter zugeführt wird 4 . Das Gespinst wandert auf den eigenen Webstuhl im Bauernhause, wo dieser fehlt, zum Dorfweber, der im Kreise des überhaupt geernteten Flachses zu eigener Konsumtion benutzt Mühlhausen .... 16—17 000 Schock alles Weii'sensee .... 6184 Ctr. 5468 Worbis. 3062 - 2439 Langensalza. . . . 5175 - 4305 lieihgenstadt . . . 8000 - etwa V 2 Ziegenrück .... 400 - 300 Neuhaldensleben . . 54 - alles Vgl. Meitzen, Der Boden etc. 2, 416. Im Grofsherzogtum Baden wurden mit Lein bestellt noch im Jahre 1856 = 3008 Morgen; 1859 = 2092 Morgen. „Der Leinbau ist über das ganze Land verbreitet“, heilst es in einer zeitgenössischen Schilderung der badischen Landwirtschaft, „beschränkt sich jedoch auf das Erzeugnis des eigenen Bedarfs und genügt diesem nicht einmal, da noch viel Lein und Werg (Kuder) eingeführt wird.“ Festschrift für die Mitglieder der XXI. Versammlung deutscher Land- und Forstwirte. 1860. S. 151 u. 159. 1 U. VI, 180 „eine der hauptsächlichsten und lohnendsten Arbeiten bildete für die Seiler vielerorts das Hecheln des Bauernflachses, den die Frauen und Mägde verspannen.“ 2 U. VIII, 122. 8 „Das Gewerbe der Wollkämmer, welches früher sehr schwunghaft betrieben wurde, ist jetzt, obwohl noch 105 Personen (103 auf den Dörfern) mit vielen Gehülfen sich damit beschäftigen, doch um vieles geringer. Meist wird die Wollkämmerei mehr als ein Nebengewerbe der Landleute, von den meisten nur während eines Teils des Jahres betrieben.“ W. Lobe, Geschichte der Landwirtschaft im Altenburgischen Osterlande. 1845. S. 214. Hier wird Hausindustrie, Hausgewerbe und Lohnhandwerk durcheinander gehen. 4 Uber die Spinnstuben und ihre Poesie vgl. K. Bücher, Entstehung der Volksw. 2. Aufl. S. 260 ff., und Arbeit und Rhythmus. 2. Aufl. (1899) S. 95 ff. Daselbst auch weitere Litteratur. Wie um die Mitte des Jahrhunderts die Einrichtung in einzelnen Gegenden noch unverändert sich erhalten hatte, zeigen z. B. die von Bücher (Arbeit und Rhythmus, 96) citierten Ausführungen von Haupt und Schmaler, Volkslieder der Wenden in der Neunzehntes Kapitel. Das vorkapitalistische Gewerbewesen. 437 gegen den Weblohn seine Arbeit verrichtet. Im Jahre 1846 waren 12,6 °/o aller Wollwebstühle und gar 86,1 ü /'o aller Leinwandwebstühle solche * 1 , deren Inhaber die Weberei nur als Nebenbeschäftigung betrieb, d. h. also landwirtschaftender Lohnweber oder hausgewerblich thätiger Landwirt war. Hat der Bauer nicht eigene Färbevorrichtungen, so mul’s er zum Lohnfärber die fertig gewebten Stücke tragen, der in der nächsten kleinen Stadt sein Handwerk treibt und zum grofsen Teil seinen Lebensunterhalt aus dieser lohnfärbenden Thätigkeit zieht 2 . Einen Teil der Kleidungsstücke — Wäsche selbstverständlich ganz — fertigt alsdann der weibliche Teil der Bauernfamilie. Wo deren Kunst versagt, erscheint auf der Stör der flinke Sehne ider — Typus llosegger—, der ein paar Tage der Woche im Bauernhause ifst, schläft und hantiert und die Familie ausflickt, wo es not thut, oder mit neuen Gewändern versieht, ein Ereignis, das in Jahren einmal fällig wird. In diesem Kreislauf textilgewerblicher Thätigkeiten sind auch, langsam wie der Eichbaum, die lokalen Volkstrachten erwachsen, die bis in die neue Zeit hinein die Freude oder das Entsetzen des Wanderers bilden. Mitte des Jahrhunderts sind die Volkstrachten noch fast intakt. Nur in den fortgeschrittensten Teilen Westdeutschlands fangen sie an zu verschwinden. Unser englischer Gewährsmann schildert uns seine Eindrücke folgender- Ober- und Niederlausitz. 1841/42. 2, 220. Ein Teil des Flachses oder Hanfes wurde wohl auch zu Seilen selbst verarbeitet. U. VI, 178: „im sächsischen Erzgebirge hat der Verfasser noch in den 1880er Jahren Stricke aus Flachswerk von den Bauern machen sehen; ein Dorfzimmermann hatte das dazu nötige Strickzeug 1 gemacht.“ 1 Schmoller, a. a. 0. S. 505. 506. Vgl. auch Bd. 11 S. 137 f. dieses Werks. 2 Vgl. z. B. U. VII, 541/42. Bestätigt für Ober-Steiermark in U.Oe., 394. Fast völlig intakt findet diese hausgewerbliche Spinnerei und Weberei selbst noch Mitte der 1850er Jahre in den meisten Kreisen des Reg.-Bez. Arnsberg Jacobi vor. Er schildert, wie die bäuerlichen Familien, die selbst keinen Webstuhl besitzen, sich doch einen vom Nachbar auf 8—14 Tage leihen. „So wird während der Monate März und April in den ländlichen Haushaltungen der Webestuhl auf kurze Zeit aufgeschlagen und von den weiblichen Mitgliedern des Hauswesens der gröbste Bedarf an Leinwand (das Hausmannsleinen) selbst gewebt. Nach dieser Zeit wird der Stuhl auseinandergen*ommen und im Stalle oder auf dem Dachboden bis zum nächsten Jahre aufbewahrt. Jede Haushaltung (sc. im Kreis Siegen) zieht ihren Flaehsbedarf, spinnt das Garn selbst und läfst solches auf dem eigenen oder dem Stuhl des Nachbarn verweben; im letzteren Falle pflegt man 8 Ellen für das Stück Leinen als Entgelt zu zahlen. Nach Christtag wird der bis dahin zurückgestellte Webestuhl hervorgeholt und darauf fleifsig gearbeitet.“ Jacobi, a. a. O. S. 445- 438 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. mafsen: „the village bond, with its distinctions of dress, modes of tillage and other habits were preserved in Germany beyond the period when the discomfort they occasioned had caused them to be abolished in other countries. To this day every village is distinguished by the colour to which the men and women for the most part scrupulously adhere in dress, by the hat of the males, and the prescribed rather than the favourite hood of the women. To change the accustomed attire and adopt the costume of the towns is synonymous in Germany with a change of condition. The peasant who does so becomes a „burgher“ or townsman .... In the Rhenish district that we have traversed, the influence of trade hade underminded all those primitive distinctions 1 .“ Wir besitzen unter den Arbeiten für den Verein für Socialpolitik eine anschauliche Studie, die den Herstellungsprozefs der Gutacher Tracht auf dem Schwarzwalde in seiner ursprünglichen Form uns vor Augen führt. Es mag von Interesse sein, die betreffenden Stellen, auch gleich als Illustration zu den eigenen Ausführungen, hier wiederzugeben (U. VIII, 121/123): „Die Rohstoffe sind der von den Bauern für den eigenen Bedarf gepflanzte Hanf und Flachs, und die häufig von einigen eigenen Schafen gewonnene Wolle. Die Wolle wird im Hause geschoren und kann ohne sonderliche Vorbereitung versponnen werden. Flachs und Hanf hingegen bedürfen einer Appretur, ehe sie versponnen werden können. Diese Appretur besteht in Darren (Trocknen), Brechen und Hecheln. Darren und Brechen geschieht durch die Bauern. Das Hecheln ist eine Entwirrung der Flachsoder Hanfmassen mittelst des Hechels .... Das Hecheln ist eine schwierige und anstrengende Arbeit, die fachmännisch betrieben werden mufs und daher von der Familie des Bauern nicht geleistet werden kann. Es wird denn auch von den Webern „im Nebenamt“ ausgeführt. Da die wenigen Hechelapparate sich aber unschwer transportieren lassen, so kommt der Weber, um zu hecheln, zum Bauern ins Haus. Er wird somit während der vier Hechelwochen im Oktober Tagelöhner auf den verschiedenen Bauernhöfen, nur mit dem Unterschied, dafs er in Accord schafft. Er erhält aufser* seiner Kost für das Pfund Gespinst 8 Pfennige, dabei kann er es bei einem Arb'eitstag von 15 Stunden, Essenspausen mitgerechnet, bis auf 40, unter Umständen selbst auf 50 Pfennige bringen. Durch das Hecheln wird das Gespinst in drei verschiedene 1 T. C. Banfield, Industry of the Rhine 1 (1846), 37. Neunzehntes Kapitel. Das vorkapitalistische Gewerbewesen. 430 Qualitäten entwirrt, in lange und kurze Riester und den Kuder. Ursprünglich wurden alle drei Qualitäten des Winters in den Bauernhäusern versponnen: doch wird schon seit langer Zeit der bei weitem meiste Kuder — das ist der grobe Abfall — in eine Ravensbui’ger Fabrik geschickt, um dort versponnen oder auch verwebt zu werden. Das gesponnene Garn wird dann dem Weber gebracht, der dann je nach der Qualität und Mischung (Hanf, Flachs, Wolle, jetzt kommt auch noch Baumwolle hinzu) aus den Garnen verschiedene feine Stoffe herstellt. Wie wenig aber dieser Weber im modernen Sinne Handwerker ist, geht daraus hervor, dafs er für jede Qualität, mag sie nun viel oder wenig Mühe machen, gleich viel bezahlt erhält; der Webelohn wird ein für allemal ellenweise berechnet. Früher wurde sämtlicher Bedarf an Kleidungsstoff und Leinenzeug bei den Webern innerhalb des Bezirks gewebt: nur die eigentliche Tuchweberei wurde nicht im Bezirk, sondern von den Tuchwebern in Villingen oder Eichhalden ausgeübt. Bei den Webern wurde gefertigt Hosenstoff (Zwillich), halbwollenes feines Tuch für Trauersachen (Wiefel), weifses grobes Bettzeug (langes und kurzes Tuch), feineres Bett- und Küchenzeug (Drillich) und gestreiftes Zeug für Tischdecken, Bettdecken u. s. w. (Kölsch). Von diesen Stoffen konnten einige unmittelbar durch den Schneider oder auch durch die Bäuerin verarbeitet werden.“ Noch völlig in die Dorfgemeinschaft eingegliedert aber sind diejenigen beiden selbständigen Handwerker, die man als Landhandwerker xocr el-oxyv bezeichnen kann: Schmied und Stellmacher. Sie liefern dem Bauern den Bedarf an Wirtschaftsgeräten, reparieren seine Wagen, Pflüge, Eggen, Walzen 1 — die fast alle noch aus Holz hergestellt sind — und der Schmied beschlägt seine 1 Selbstverständlich besorgte der Bauer einen grofsen Teil der Reparatur, und wohl auch Neuarbeiten selbst. Noch heute finden wir in vielen Gegenden sog. Werkstuben auf den Bauernhöfen, die mit allem möglichen Handwerkszeug, z. T. seihst mit einer Drehbank ausgerüstet sind, in denen früher eine lebhafte Thätigkeit herrschte. Vgl. z. B. für das Erzgebirge U. V, 13. „Die meisten Bauern sind auch Schmiede“, berichtet uns vom Trierschen A. von Lengerke in seinen Skizzen von Rheinpreufsen (1853) S. 188. Der Hofschulze aber bei Immermann meint: „Ein Narr, der dem Schmied giebt, was er selbst verdienen kann.“ Nach diesem kernigen Ausspruch „nahm er den Ambofs (auf dem er eben die grofsen Radnägcl geschmiedet hatte) . . und trug ihn nebst Hammerund Zange unter einen kleinen Schuppen zwischen Wohnhaus und Scheuer, in welchem Hobelbank, Säge und Stemmeisen und was sonst zu Zimmer- und Schreinergewerk gehört, bei Holz und 440 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Pferde. Er vor allem ist der typische Gemeindehandwerker; eine Art von Demiurg, wie bei Homer, der seit Jahrtausenden in den Dorfgemeinschaften in gleicher Weise sein Gewerbe auszuüben berufen ist. Er wird auch vielfach, sogar noch heute hier und da, gleichsam als Dorfangestellter aufgefafst, erhält von Gemeinde wegen den nötigen Unterhalt geliefert und ist gegen geringen Einzelentgelt verpflichtet, die in den Bauernwirtschaften notwendig werdenden Arbeiten zu verrichten. Ein Bericht aus Nakel (U. IV, 238) schildert die Stellung eines solchen Gemeindeschmieds also: „Die Einnahmen des Gemeindeschmieds .... sind folgende: Bar 90,— Mk. Roggen, 20 Ctr. , . . 100,— - Gerste, 8 Ctr. . . 40,- - 10000 Stück Torf . . . . . . 30,— - Brennholz. . . 20,- - Weide (ohne Winterfutter) . . . 100,— - Wohnung. Gartenland (1 Morgen) . . . . 20,— - Zu dieser Summe, für welche der Hufbeschlag und alle laufenden Reparaturen an Ackergerät der Gemeindemitglieder ausgeführt werden müssen, treten noch etwa 200 Mk. für die besonders zu zahlenden Arbeiten, welche im Auflegen neuer Reifen (3 Mk.) und im Beschlagen neuer Ackerwagen (15 Mk.) bestehen. Letztere Thätigkeit umfafst die Herstellung und Anbringung aller zu dem Wagen nötigen Eisenteile. Die Verpflichtung zur Leistung des Deputats ruht auf der Gemeinde, da diese als solche den Kontrakt schliefst. Die Gemeindeschmiede müssen aber ihr Deputat bei den einzelnen Besitzern in geringsten Quoten, bis zu 1 U Metze . . herab, einsammeln. Dies geschieht vierteljährlich. Die von den Einzelnen zu gewährenden Mengen sind nach Mafsgabe des Grundbesitzes, Brettern mancher Art stand, lag oder hing.“ Auf Wittow (Insel Rügen) wurde der Hofknecht, der in der sog. Haubusse (einem zur Zimmer- und Tischlerwerkstätte eingerichteten Stall) sich der Verfertigung des Nutzzeuges und der Ausbesserung anderer landwirtschaftlicher Geräte annahm, der Bild- hewer (Bildhauer) genannt. Überhaupt scheinen die Rügener Bauern besonders universelle und entwickelte Eigenproduzenten gewesen zu sein; sie treiben, heilst es in einer zeitgenössischen Chronik, „aufser dem Ackerbau, der Viehzucht und Fischerei mancherlei nützliche Dinge, spinnen, weben, stricken, nähen, schneidern, schustern, schnitzen künstlich in Holz und sind nicht ohne Anlage zu mechanischen jArbeiten“. Grümbke, Geographisch-statistischhistorische Darstellungen von der Insel Rügen. 1847. S. 60 fl'. Neunzehntes Kapitel. Das vorkapitalistische Gewerbewesen. 441 bezw. der Pferdezahl ein für allemal festgesetzt; jedoch ist eine scharfe mathematische Berechnung der Anteile nicht üblich; vielmehr sind diese mehr schätzungsweise bemessen.“ Dieser Gemeindeschmied in Nakel knüpft das Band historischer Tradition zwischen der Gegenwart und den Zeiten des Rigveda. Er ist der echte Typus des in den Dorfverband eingegliederten gewerblichen Arbeiters. Er lehrt uns die alte Dorfwirtschaft als Produktionseinheit verstehen. Was nun endlich noch allen Dorfhandwerks Eigenart bildet, ist seine eigene engeVerschlingung mit der Landwirtschaft. Es sind Zwitterbildungen, diese gewerblichen Einzelarbeiter in den Dörfern alten Stils, zwischen Handwerkern und Landwirten, die oft selbst nicht wissen, ob sie sich dem einen oder andern Berufe zu- teilen sollen. Wir werden Gelegenheit haben, noch ihre nähere Bekanntschaft zu machen, wo wir uns über ihre Erhaltung in der Gegenwart zu unterrichten haben 1 . An dieser Stelle war mir nur darum zu thun, die Eigenart des alten bäuerlichen Gewerbewesens in seiner Ganzheit zu schildern: Eigenproduktion mit angegliedertem Lohnhandwerk 2 ist das specifisc.he Charakteristikum, das wir herausgefunden hatten. Zur Vervollständigung des Bildes 3 mag noch der Hinweis dienen, dafs jener kleine Bestbedarf an gewerblichen Erzeugnissen, den unser Bauer alten Stils nicht in der angegebenen Weise deckte, entweder befriedigt -wurde durch den Besuch der um jene Zeit noch in voller Blüte stehenden Jahrmärkte in den benachbarten Städten oder durch die ebenfalls zahlreichen Hausierer. Aufser einzelnen Geräten, Gefäfsen, Kleidungsstücken etc. scheint es vor allem ein sehr wichtiger Gebrauchsgegenstand gewesen zu sein, der schon vielfach nicht mehr in der eigenen Wirtschaft des Bauern hergestellt, ja auch nicht mehr auf Bestellung beim Gevatter Handwerker beschafft, sondern in gröfserem Umfange fertig vom Hausierer oder auf dem Jahrmarkt in der Stadt gekauft wurde: das Schuhwerk. Wir haben dafür zunächst das Zeugnis guter Schilderen des 1 Vgl. die Ausführungen im 27. Kapitel. 2 „Metzger, Schreiner und Zimmerleute, Schuhmacher und Schneider sind, wie in anderen Schwarzwaldbezirken, so auch im Gebiete der Gutacher Tracht, nie etwas anderes gewesen als „gelernte Tagelöhner“ “ (U. VIII, 125). 3 Für „drei Dörfer der badischen Hard“ vgl. die die obige Darstellung bestätigende hübsche Schilderung bei Dr. M. Hecht, Drei Dörfer der bad. H. 1895. S. 57/58. 442 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. damaligen Gewerbewesens; da heifst es z. B.: „die grofse Masse der Landleute versorgt sich mit Schuhmacherarbeiten auf den Jahrmärkten“; „der bei weitem gröfste Teil der Landleute nebst den niederen Volksklassen, selbst der ansehnlichsten Städte, findet es sehr viel bequemer, die lederne Fufsbekleidung fertig einzukaufen, als dieselbe auf Bestellung machen zu lassen“ h Dann aber fehlt es auch nicht an Specialberichten über die Beschickung von Jahrmärkten mit Schuhwaren in jener Zeit 1 2 3 , sowie über die Existenz von Centren der Schuh- und Stiefelproduktion, sog. „Schusterstädten“ schon in den 1840er Jahren und sogar noch früher. Solche Orte waren z. B. Heide im Norddithmarschen, „das um die Mitte unseres Jahrhunderts das ganze Schleswig und einen Teil von Jütland mit Fufszeug versorgte“ (U. I, 5). Preetz im Kreise Plön (I, 6), Loitz an der Peene in Neu-Vorpommern, „von jeher eine Schusterstadt“ (I, 37); in Schlesien die Orte Neustadt O/S., Neumarkt, Patschkau u. a. (IV, 45), im Königreich Sachsen Döbeln, Dohna, Groitzsch, Königsbrück, Leisnig, Liebstadt, Lommatzsch, Nossen, Oschatz, Pegau, Pulsnitz, Radeburg , Saida, Siebenlehn, Stolpen, Taucha u. a. 8 ; in der Pfalz: Pirmasens; auch in Württemberg gab es Orte, an welchen um die Mitte des vorigen Jahrhunderts „schon seit Jahrzehnten von zahlreichen Landmeistern Schuhe für den Hausierbetrieb und die Märkte gefertigt wurden“ (III, 222. 230) 4 * * * . II. Die Guts Wirtschaft. Ebenso wie in der Bauernwirtschaft wird auch in der Gutswirtschaft der damaligen Zeit ein wesentlicher Teil des Bedarfs an gewerblichen Erzeugnissen noch im Rahmen der Eigenproduktion gedeckt. Für die Herstellung und namentlich Reparatur der Gebäude, Gerätschaften etc. auf dem Gutshof sorgt der in festem Kontraktsverhältnis stehende Gutshandwerker: der Gutsschmied, Guts- 1 J. G. Hoffmann, Die Befugnis zum Gewerbebetriebe etc. (1841.) 295. 369. 2 Vgl. für Jena und umliegende Orte U. IX, 30 ff., für badische Orte VIII, 65. 3 E. Engel, Das Königreich Sachsen in statistischer und staatswissenschaftlicher Hinsicht. I. Bd. 1853. S. 160 f. 4 Dafs der Bedarf an Schuhwerk zu einem mindestens noch ebenso grofsen Teile in der Eigenwirtschaft des Bauern gedeckt wurde, scheint mir nicht zweifelhaft. Dafür sprechen allein schon die noch heute erhaltenen Reste von Störsehusterei. Siehe die Belege im 26. Kapitel. Neunzehntes Kapitel. Das vorkapitalistische Gewerbewesen. 443 Stellmacher, Gutssattler, Gutsmüller, Gutszieglermeister u. s. w. Der letztgenannte Handwerker erinnert daran, dafs auch das Baubedürfnis auf den Gütern, wie zum Teil heute noch, in eigener Wirtschaft befriedigt wurde. Dazu dienten die überall vorhandenen Ziegeleien und Kalkbrennereien, während die übrigen Materialien der land- und forstwirtschaftliche Betrieb selber lieferte. Noch einfacher war die Eigenproduktion des Fachwerkhauses: „Das Bauholz ist wohlfeil, man hat es grofsenteils in eigenen Forsten, und die übrigen Baumaterialien: Stroh und Lehm überall. Die Tagelöhner des Guts verrichten die wenigen dabei vorkommenden Maurerarbeiten, auch viele Zimmerarbeiten, ja oft wohnen gelernte Zimmerleute unter der Herrschaft im Dorf, die gegen Abrechnung billig arbeiten . . Die meisten Wirtschaftsgebäude bestehen aus Fachwerk, gekleimten Lehmwänden . . und Strohdächern 1 .“ Ähnlich wie die oben erwähnten Gemeindehandwerker erhalten diese Gutshandwerker ein in Naturalien bestehendes Deputat und etwas Geldlohn, wofür sie zur Ausführung sämtlicher notwendig werdenden Arbeiten verpflichtet sind 2 3 * * * * . In Schlesien heifst derjenige Gutsarbeiter, welcher die sog. Schirrkammer des Gutes unter sich hat, d. h. die Behausung, in der sich Wirtschaftswagen, Ackergeräte, Sensen etc. befinden, der Schirrvogt; er ist meist gelernter Stellmacher oder Tischler 8 . Aber auch der Nahrungs- und Kleidungsbedarf wenigstens der Gutsarbeiter, gering wie er ist, wird grofsenteils ohne Zuhilfenahme fremder gewerblicher Arbeit gedeckt. Es wird gesponnen, gewebt und wohl auch noch geschneidert und geschustert; selbstverständlich gebacken und geschlachtet in eigener Regie. Wie sehr es Sitte war, auch aufser den Nahrungsmitteln dem Arbeiter die nötigen Gebrauchsgegenstände oder wenigstens die Elemente dazu in natura zu übergeben, mögen folgende aus einer grofsen Zahl herausgegriffenen Beispiele zeigen. In Friemar (Thüringen) erhielt (1845—1854) der Knecht in Natur u. a.: 15 Ellen leinenes Tuch, 1 Pfund Wolle, 1 Paar Sohlen; 1 A. von Lengerke, Schilderungen der baltischen und westfälischen Landwirtschaft. 1 (1849), 186/87. 2 Uber einen solchen Gutsschmied vgl. U. IV, 237. 3 U. IX, 509. Für Westpreufsen ebenfalls noch für die Gegenwart vgl. U. IX, 531. „Aufser den Hirten werden auf den gröfseren Gütern noch verheiratete Schmiede, Stellmacher oder Schirrknechte gehalten.“ Oberamtmann Proseiger, Uber den Zustand der landwirtschaftlichen Verhältnisse im Graudenzer Kreise 1843, in den Annalen der Landwirtschaft, lierausgeg. von Lengerke, Bd. VIII (1846) S. 71 ff. 444 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. ein Kleinknecht 2 leinene Hemden, 1 Kittel, 1 Pfund Wolle, 1 Paar Sohlen. Ein Dienstmädchen erhielt (1845): 15 Ellen leinenes Tuch, 1 Rock, 1 Paar Schuhe, 1 Paar Sohlen, 1 Büschel Flachs, 1 Pfund Wolle, 1 Schürze, 1 Strang Bleichgarn u. s. w. 1 Analoge Einbeziehung von Kleidungselementen bezw. fertigen Kleidungsstücken in die Löhnung des ländlichen Arbeiters wird uns berichtet aus dem Braunschweigischen (Knecht: 30 Ellen Leinen; Magd: 2 Paar Schuhe, 2 Pfund Wolle, 30 Ellen Leinwand, 1 Hpt. Lein gesäet) 2 . Über Naturallöhnung auf den Pommerschen Gütern berichtet uns A. Padberg 3 . Danach erhielt im Bereiche der Greifs- walder Universitäts-Güter der Knecht u. a. 12 Ellen Flachsen-, 6 Ellen Heeden-Linnen; Kleinknecht, Magd, Kuhhirt je 6 Ellen; im Kreis Anklam erhält der Knecht 18 Ellen Flächsen-, 6 Ellen Heeden-Linnen, 1 Pfund Wolle; die Magd Zeug zu einem wollenen Rock, 24 Ellen Leinwand, 1 Pfund Wolle und einige Metzen Lein- Aussaat; in den Kreisen Lauenburg und Bütow werden Stiefeln, Leinwand, Wolle, Flachs gegeben; im Kreise Saazig erhält der Knecht 3 Metzen Lein ausgesät, 2 Paar Hosen, 2 Hemden, 2—3 Pfund Wolle, die Magd Schürze, Tuch, Haube und Kleid; ähnlich in den übrigen Kreisen. In der Grafschaft Glatz erhielten noch in den 1860 er Jahren die Knechte 24 Ellen Leinwand, 1 U Morg. Lein gesät; die Mägde 24 Ellen Leinwand, 2—3 Metzen Lein gesät, 2 Pfund Wolle 4 . Endlich noch zur Vergleichung ein Bild aus einem fünften, völlig anders gearteten Gebiete, dem Hundsrück! Dort besteht ebenfalls noch um die Mitte des Jahrhunderts der Lohn der Knechte u. a. aus 2 Paar Schuhen und 1 Paar Schuhsohlen; 1 Pfund Wolle; 2 Hemden; 2 leinenen Hosen, 1 desgl. Jacke; 1 Paar Gamaschen, 1 blauleinenen Kittel; der der Mägde u. a. aus 1 Paar Schuhen und 1 Paar Schuhsohlen; 1 Pfund Wolle; 2 Hemden, 2 Schürzen, 1 Halstuch 5 . 1 H. Franz, Die Landwirtschaft in Thüringen und ihre Entwicklung in den letzten fünfzig Jahren. 1896. S. 56. 2 Festschrift für die Mitglieder der XX. Vers, deutscher Land- und Forstwirte. 1858. S. 36. 8 A. Padberg, Die ländliche Verfassung in der Provinz Pommern. 1861. S. 13. Übereinstimmend A. von Lengerke, Schilderungen der baltischen . . Landwirtschaft. 1849. 1, 16 f. 4 Paul Hornig, Die Lage der ländlichen Arbeiter in der Grafschaft Glatz. Jenaer Diss. 1899. S. 11. 8 A. von Lengerke, Landwirtschaftliche Skizzen von ßheinpreufsen. 1853. S. 110. Neunzehntes Kapitel. Das vorkapitalistische Gewerbewesen. 445 B. Die Stadt. In den Städten ist der Sitz des selbständigen Handwerks, für die 1860er Jahre meinte Schmoller 1 schon und wohl mit Recht: in den Kleinstädten; für die Zeit, die wir im Auge haben, in den Städten überhaupt. Denn was an nicht handwerksmäfsiger Bedarfsbefriedigung in den „grofsen“ Städten der 1840er Jahre sich vollzog, war sicher kaum der Rede wert. Hier und da ein Herrengarderobegeschäft 2 , ein Quincailleriewarenladen 3 , in denen ver- lagsmäfsig her gestellte Waren feil gehalten wurden; sonst auch in den Grofsstädten kleine Läden mit wenigen fertigen Erzeugnissen, in denen der Meister die Bestellungen seiner Kunden entgegennimmt. Mehr noch, zumal in Kleinstädten, mochte um jene Zeit die auch in städtischen Wirtschaften immerhin noch in gröfserem Umfange verbreitete hausgewerbliche Eigenproduktion dem Handwerker Abbruch thun. Der Brot- und namentlich Kuchenteig wurde gewifs noch in zahlreichen Familien zu Hause hergestellt und nur dem Bäcker gegen Lohn zum Verbacken übergeben. Auch die Hausschlächterei war bis in die besser gestellten Kreise gröfserer Städte hinein durchaus noch nicht aus der Mode gekommen: „für den wohlhabenden Mittelstand“, erzählt uns Hoffmann 4 , „ist die Teuerung des Fleisches in den Schlächterläden nur eine Veranlassung, für den eigenen Bedarf einzuschlachten und sich häufiger der gesalzenen und geräucherten Fleichspeisen zu bedienen.“ Dann aber kam der grofse Kreis der Zuspeisen, die man in eigener Regie herstellte und in den Kellern und „Speisekammern“ aufstapelte: das Eingepökelte füllte die grofsen Fässer in den Kellern, das Eingemachte die Kruken in den Kammern. Über eine nur wenig frühere Zeit berichtet uns Otto Bähr in seinem hübschen Büchlein 5 6 , dafs in 1 Schmoller, Kleingewerbe, 278. - Für Berlin vgl. H. Grandke, Entstehung der Berliner Wäscheindustrie, a. a. O. S. 246 f. 3 Schon Chodowiecki war in einem solchen beschäftigt. 4 Hoffmann, Befugnis, 288. In einer Stadt wie Saalfeld wurden — allerdings in den 1820er Jahren, also einige Zeit vor unserer Periode — Schweine: bei den Fleischern 2690, im Hause 1773; Rinder: bei den Fleischern 552, im Hause 393 geschlachtet; U. IX, 263. Die Fleischerinnung klagte denn auch: „der Verkauf des Fleisches ist in hiesiger Stadt unbeträchtlich, weil die Bürger Rinder und Schweine einzuschlachten pflegen.“ Ebenda S. 561. 6 Otto Bähr, Eine deutsche Stadt vor 60 Jahren. 1886. S. 59. 446 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Kassel viele Bewohner ein Gärtchen vor den Thoren hatten, in denen der nötige Bedarf an Gemüsen, Früchten, Beeren selbst gezogen wurde. Noch hantiert auch die städtische Hausfrau in der Küche, um Seife zu kochen, Lichte zu ziehen, Hausmuff zu brauen. Aber auch die Kleidung und die Hausgeräte entstanden vor einem halben Jahrhundert noch zum grofsen Teile in der eigenen Wirtschaft. Bekannt ist die anschauliche Schilderung, die Kiesselbach 1 in seinem Aufsatze „Drei Generationen“ über das Treiben in einem „städtischen Bürger- oder Beamtenhause“ der „guten alten Zeit“ entwirft. „Die Spindel“, heifst es da, „war noch immer das Symbol der Hausfrau; selbstgesponnenes Linnen zu tragen, war Ehre und Stolz 2 ; eine heilsame Sitte war es, dafs in allen Kreisen die Jungfrau nicht für eigentlich berechtigt galt, zur Ehe zu schreiten, ehe sie die Aussteuer aus selbstgesponnener Leinwand beschaffen konnte. Dem Weber des Hauses wurde das Garn überliefert, er hatte die Leinwand zu fertigen; für die Bleiche sorgte wiederum die Hausfrau. Aber nicht nur an Leinwand, auch an Tuch, selbst an Leder hielt man eigene, sorgfältig bereitete und gewählte Vorräte; die Schränke mufsten vollgefüllt sein. Das Weifszeug, die Kleider, die Beschuhung (?) selbst wurden im Hause gefertigt; der Schneider, der Schuster kam dazu als technischer Gehilfe. Auch Polsterwaren und Betten entstanden in ähnlicher Weise. Von selbstgeschlachtetem Geflügel wurden die Federn durch eine Schar eigens sich hierzu vermietender Weiber ausgelesen; das Rofshaar wurde sorgfältig gereinigt; der Polsterarbeiter mehr als jeder andere mufste unter dem Auge der Hausfrau arbeiten, damit die Füllung der Bettsäcke, der Matratzen, der Sophas sicher mit dem gewählten Material und unter gewünschter Menge erfolgte 3 .“ Mag hier auch der Kreis der hausgewerblichen Eigenproduktion wenigstens für die rein städtische Wirtschaft um die Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland etwas zu weit gefafst sein: sicher ist, dafs ein beträchtlicher Teil des gewerblichen Lebens sich auch in den Städten noch im Rahmen der Familie abspielte. Man war im ganzen noch mehr an die Selbstherstellung gewöhnt; man 1 Deutsche Vierteljahrsschrift 1860. 3. Heft. S. 1—57. 2 Vgl. neuerdings H. Grandke, a. a. 0. S. 240 f. 3 „Die Ausführung der Polsterarbeiten geschah früher fast ausschliefs- lich auf Bestellung in Lohnwerk. Der Kunde nahm den Tapezier ins Haus, lieferte ihm Polstermaterial und Überzüge . . . und liefs nun unter seiner Aufsicht die Arbeit ausführen.“ U. V, 354. Neunzehntes Kapitel. Das vorkapitalistische Gewerbewesen. 447 suchte so viel als möglich in eigener Regie zu erledigen. „Überhaupt wurde nicht bei jeder Gelegenheit zu einem Handwerker geschickt 1 .“ Man wollte noch möglichst viel selbst machen; man konnte es aber auch, denn die ganze Einrichtung des Lebens war einfacher. „Zum Aufstecken der Vorhänge kam nicht leicht ein Tapezierer ins Haus. Das besorgte die Hausfrau selbst.“ (Bähr, a. a. 0.) Schon gut. Aber wer kanu unsere Portieren und „Übergardinen“ heutzutage anders zu kühnen Segeln reffen als der zum unverständigen „Kunsthandwerker“ verbildete Tapezierer von Fach? Und nun wollen wir aus der häuslichen Wirtschaft der einzelnen Familien in die Läden und Produktionsstätten der wichtigsten Handwerker treten, bei denen der übrige Bedarf an gewerblichen Erzeugnissen gedeckt werden mufste. Auch hier beginnen wir wieder mit dem Nahrungsbedarf und seiner Befriedigung, vornehmlich durch Bäcker und Fleischer. I. Ernährungshandwerke. Die Bäckerei, ein uraltes, fast allerorts zünftiges Handwerk, hatte sich fast ohne eine nennenswerte Änderung, sei es in der Produktionstechnik, sei es in den Absatzbedingungen, sechs Jahrhunderte in den deutschen Städten erhalten. Wo in den 1840er Jahren noch die alte Zunftordnung besteht, ruht das Bäckergewerbe noch auf den ehrwürdigen „Gerechtsamen“ mit ihren strengen Ver- bietungsrechten, namentlich gegen Lebkuchen- etc. Bäcker, Konditoren und dergl. Erscheinung der neueren Zeit. Die Folge davon ist ein lebhafter Kampf gegen derart Eindringlinge, wie er uns anschaulich, z. B. für Leipzig, erzählt worden ist 2 . Langsam nur setzt sich das Konditorgewerbe neben dem alten Bäckergewerbe fest. Seine ersten, schüchternen Anfänge fallen für Leipzig in die 1830er und 1840er Jahre; erst „von 1849 an läfst sich ein rascheres Anwachsen der Konditoreien verfolgen“ 3 . So schaltete das ehrsame Bäckerhandwerk noch fast unbeschränkt; hier und da nur von der Konkurrenz der Landbrotbäcker unliebsam belästigt 4 , andernorts die Wochen- und Jahrmärkte der benachbarten Flecken ebenfalls beherrschend. Der Absatz erfolgt direkt an die Konsumenten, ohne das Dazwischentreten von Materialwarenhandlungen und dergl., und zwar 1 Bähr, a. a. 0. S. 31. 2 U. II, 365/66. 3 U. II, 349. 4 Für Leipzig berichtet schon im 17. Jahrh. U. II, 371. 448 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. an den vereinzelten, noch nicht in eine Genossenschaft eingegliederten Konsumenten, was zu beachten ist. Weifs- und Schwarzbrot wird ohne Unterschied von den meisten Bäckern hergestellt. Das Mehl kauft man in der nächsten Mühle, oder noch in Form des Getreides, das man dann erst auf eigene Rechnung vermahlen läfst. In Leipzig wurde noch 1844 2 la Mehl und 1 /a Getreide versteuert 1 . Über die entsprechenden Vorgänge in Berlin erfahren wir folgendes: „Der Mehlhandel war in den 1840er Jahren in Berlin ein überaus geringer; ein direkter Bezug von auswärts fand in einem nur geringen Umfange statt .... Berlin deckte seinen Bedarf daher fast gänzlich durch die Mühlen am Platz und in der näheren Umgegend . . . Das Geschäft vollzog sich so, dafs die Bäcker und sonstigen gröfseren Verbraucher Getreide einkauften und gegen Barzahlung des Mahlgeldes vermahlen liefsen 2 .“ Noch im Jahre 1854 hatte Berlin neben 4 Dampfmahlmühlen in seinem Steuerbezirk: 23 Bockwindmühlen, 5 Holländer Windmühlen, 1 Wassermühle, 2 Rofsmühlen 3 . In gleichen Bahnen wandelte die Fleischerei. Dem Fleischer liegt der Einkauf des Viehs, das Schlachten, die Verarbeitung des Fleisches und der Verkauf des fertigen Produktes gleichermafsen ob. Den Einkauf besorgt der Meister meist selbst. Er fährt mit dem eigenen Gespann bei den Guts- und Bauernhöfen der nächsten Umgegend vor, bringt das erstandene Kleinvieh selbst hinten auf seinem Wagen mit heim, das Grofsvieh läfst er vom Gesellen abholen. Dafs der Viehhandel durch Vermittlung von Händlern besorgt sein und sich über ein beträchtliches Gebiet erstreckt haben sollte, mag für einige wenige der gröfsten Städte zutreffen. Die Regel war es sicher nicht. Dafür spricht der geringe wesentlich decentralisierte städtische Bedarf inmitten eines grofsen agrikolen Produktionsgebietes. Das gekaufte Vieh wui’de eigenhändig geschlachtet, sei es auf den in den gröfseren Städten schon früh errichteten Kuttelhöfen, sei es in der eigenen Behausung des Fleischers (Kleinvieh). Alle Sorten Vieh, die Vorkommen, werden im Bedarfsfälle von demselben Meister geschlachtet. Die specialisierten Schlächtereien gehören einer späteren Zeit an; in Leipzig z. B. finden wir keine vor Mitte des Jahrhunderts k Die Verarbeitung 1 U. II, 356. 3 Berlin und seine Eisenbahnen etc. 2, 311/12. 3 Eduard Müller, Berliner Statistisches Jahrbuch für das Jahr 1854 (1856), 233. Neunzehntes Kapitel. Das vorkapitalistische Gewerbewesen. 449 des Fleisches, also namentlich des Schweinefleisches zu Wurst, erfolgt im Hause des Fleischers; er räuchert auch die Würste, nachdem dieser letzte Teil des Produktionsprozesses, seit Einführung der Kohlenfeuerung, aus den Hauswirtschaften ausgeschieden ist. Es werden wenige, primitive Wurstarten erzeugt: Rot-, Leber-, Knackwurst 1 . Die Abfälle, den Unschlitt, den der Fleischer in früheren Jahrhunderten zur gewerbsmäfsigen Herstellung von Seife und Kerzen selbst verarbeitet hat, liefert er an den Seifensieder ab 2 , der wohl darauf ein verbrieftes Recht besitzt 3 . Aufser der Fleisch- und Wursterzeugung liegt dem Fleischer auch die Herstellung fertiger Braten ob, namentlich wo er in kleinen Städten Besitzer oder Pächter der Garküche zur Beköstigung der Durchreisenden ist. Der Verkauf seiner Erzeugnisse erfolgt direkt an den Konsumenten; grofsenteils noch von den Fleischbänken aus. In Leipzig wird der erste eigentliche Fleischladen im Jahre 1873 eröffnet 4 5 . Die Vermittlung durch Fleisch- und Delikatefswaren- handlungen ist selbst in Grofsstädten noch so gut wie unbekannt. Im Jahre 1848 bestanden in Leipzig erst 4 Fleischwarenhandlungen (1852 schon 15) 6 . Dafs der Absatz im wesentlichen auf das Weichbild der Stadt beschränkt ist, in dem der Fleischer seinen Sitz hat, bedarf kaum der besonderen Erwähnung. II. Bekleidungshandwerke. Von den Bekleidungsgewerben sind wir dem wichtigsten — der Schuhmacherei — bereits begegnet, als wir einen Überblick über die Gestaltung der gewerblichen Verhältnisse auf dem Lande zu gewinnen versuchten, und zwar erschien sie uns dort in der Form der Hausier- und Jahrmarktsschusterei. Jetzt müssen wir sie als handwerksmäfsige Kundenschusterei in den Städten kennen zu lernen suchen. Ohne Zweifel hatte um die Mitte des vorigen Jahrhunderts das alte Schusterhandwerk schon einige nicht unwesentliche Umgestaltungen erfahren, noch ehe es in die neuzeitlichen Formen übergeführt werden sollte. Da die Entwicklung seiner Erscheinungsformen offenbar in den gröfseren Städten weiter fortgeschritten 1 U. VI, 24. 2 U. IV, 26 „bis in die 1880er Jahre“. 3 Saalfeld: U. IX, 260. * U. VI, 55. 5 U. VI, 36. Sombart, Der moderne Kapitalismus. I. 29 450 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. war als in den kleineren, so empfiehlt es sich, den Typus jener gesondert zu betrachten. Zwar über die Schuhmacherei in Berlin weifs ein zeitgenössischer Berichterstatter nicht mehr auszusagen, als dafs sie die alten Formen noch völlig bewahrt habe und „man hier fast nur zwischen Herren- und Damenschuhmacherei unterscheide“; aber vielleicht war er nicht völlig orientiert, vielleicht auch wollte er in Berlin nur die richtige Folie für die fortgeschrittene Entwicklung des Gewerbes in Paris, um dessen Darstellung ihm zu thun ist 1 , finden: jedenfalls haben wir über andere „Grofsstädte“ jener Zeit eingehendere Schilderungen, die uns ein etwas bunteres Bild entrollen. Ich wähle zur Wiedergabe diejenige aus Breslau, das im Jahre 1846 112194 Einwohner hatte. Dort gab es in jener Zeit, die für die Schuhmacherei noch ganz besonders charakteristisch ist, weil sie unmittelbar der wichtigsten technischen Umwälzung im Arbeitsprozefs voraufgeht — die Nähmaschine kommt 1850 nach Deutschland! — vier unterschiedliche Schustertypen. Davon können wir einen übergehen, weil er uns schon bekannt ist; es ist der sog. „Budenmeister“, der mit grobem Schuhwerk aus den Schusterstädten auch in Breslau erscheint, um seine fertigen Waren zu verhandeln. Die übrigen drei sind folgende 2 : 1. Magazinmeister. Meister, die ihr Fach verstanden, über einige kaufmännische Intelligenz verfügten und etwas Geld in der Hand hatten, mieteten sich in einer der Hauptstrafsen einen Laden, der möglichst zierlich mit einigen Glasschränken u. s. w. ausgestattet wurde. Darin stellten sie auf Vorrat gearbeitete Ball- und Gesellschaftsschuhe, Kinderschuhe, Sommerniederschuhe und ähnliche mehr dem Luxus dienende Erzeugnisse aus. Ihr Hauptgeschäft bestand aber in ganz vorzüglicher Mafsarbeit. In eigener Werkstatt, und ursprünglich nur dort, die sich meist bei oder in ihrer Wohnung, jedenfalls in billigerer Gegend der Stadt befand, liefsen sie von sehr tüchtigen Gesellen saubere, modische Arbeit anfertigen, die hohe Preise erzielte. Der Meister schnitt die Schuhe zu und unterhielt ein Lederlager, das durch die grofse Auswahl gerade feiner Ledersorten eine Stütze seiner Leistungsfähigkeit war. 2. Die Alleinarbeiter. Nach 1810 hatten noch mehr Arbeiter wie früher versucht, sich selbständig zu machen, die über nichts 1 Amtlicher Bericht über die Allgemeine Pariser Weltausstellung im Jahre 1855. 1856. S. 654 f. 2 U. IV, 26—28. (Berichterstatter Hugo Kanter.) Neunzehntes Kapitel. Das vorkapitalistische Gewerbewesen. 451 anderes verfügten als ihrer Hände Arbeit, und deren Fertigkeit und Fachkenntnisse nur bescheidenen Anforderungen genügten. Selbst ganze Häute einzukaufen, war ihnen nicht möglich. Darum legten sie sich hauptsächlich auf Reparaturen, oder sie versuchten, für Budenmeister zu arbeiten. Das für diese Alleinarbeiter aus ökonomischen Gründen äufserst erstrebenswerte Ziel, Neuarbeit auf Privatbestellung anzufertigen, wird ihnen allmählich ermöglicht durch die langsam auf kommenden Lederausschnitthandlungen, die ihnen das Leder, das sie gerade zu einem Paar Schuhe brauchten, natürlich unter erklecklichem Kostenaufschlag verkauften. 1840 giebt es bereits 222 solcher Händler in der Stadt, woraus zu ersehen, dafs sie bereits eine lange Entwicklung hinter sich haben. Hervorgegangen sind diese Geschäfte aus kleinen Lederhandlungen, die sich durch das Ausschneiden und dadurch, dafs sie nebenbei fast alle Schuhmacherbedarfsartikel, als Leisten, Pech, Draht, Strippen etc. in kleinsten Quantitäten abgaben, einen Kundenkreis erwarben, für den dieses Detailverkaufen gröfseren Wert hatte als die billigeren Preise im Engros-Geschäft. 3. Die Werkstattmeister. In der Mitte zwischen Alleinarbeiter und Magazinmeister steht in vielen socialen Abstufungen der alte Typus des Handwerkermeisters, der einige Rollen der gangbarsten Ledersorten sich im Hause hält, höchstens 2 Gesellen, meist aber nur Lehrjungen hat und für einen bestimmten Kundenkreis auf Bestellung solide Mittelware herstellt, namentlich auch Reparaturen besorgt. Hat er viel Arbeit, so fällt wohl auch etwas für den Heimarbeiter mit ab. Diese Art des Betriebes ist durchaus vorherrschend, und an letzter Stelle ist sie nur erwähnt, um auf sie mit grofsem Nachdruck hinweisen zu können. Denn das Absatzgebiet dieser Meister ist es, um das am heftigsten in neuerer Zeit gestritten wird, oder vielleicht schon gestritten wurde. Für klein- und mittelstädtische Verhältnisse haben wir uns natürlich nur die zweite und dritte Kategorie Schuhmacher als typisch vorzustellen. Neben der handwerksmäfsigen Schusterei scheinen dann aber schon Ansätze der kapitalistischen Schuhwarenherstellung vorhanden gewesen zu sein. Über die Besitzer von Buden fertiger Schuhmacherarbeit, die viele Schuster in der Stadt und Umgegend beschäftigen, weifs uns Hoffmann schon zu erzählen 1 . Ein zeitgenössischer Bericht aber 1 Hoffmann, Befugnis, 396. 29 * 452 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. über die Lage der Schuhmacher in Elberfeld und Barmen 1 meint geradezu: „Die meisten (!) Schuhe und Stiefeln -werden nicht im Wupperthale gefertigt, und reiche wie arme Leute kaufen ihren Bedarf an Schuhen und Stiefeln grofsenteils in Kaufläden“ —, und fügt hinzu: „was hier diesem, wie jedem (!) andern Gewerbe den Ruin bereitet“, ist (aufser dem Borgs}stem) die liberale Gewerbefreiheit, „in welchem die einzelnen Handwerker nicht mehr gegen die Fabriken . . auf kommen können“. Das sind natürlich mafslose Übertreibungen. Was wir au positivem ZifFernmaterial besitzen, läfst das erkennen. Denn was will es heifsen, dafs Erfurt „die bedeutendste Schuhmacherstadt Preufsens“ (neben Ivalau) im Jahre 1849 5 Schuh- machergrofsbetriebe mit zusammen 148 Personen aufwies 2 und ähnliche Ziffern uns für Mainz und Frankfurt a. M. überliefert werden 3 4 . Doch nur, dafs es sich einstweilen noch um bescheidene Anfänge handelte, von denen man als von etwas Unerhörtem besonders grofses Aufheben machte. Die Rückständigkeit der deutschen kapitalistischen Schuhmacheri jener Zeit ersieht man deutlich, wenn man sie etwa mit der Londoner oder Pariser in Vergleich stellt. Der amtliche Berichterstatter über die Pariser Weltausstellung des Jahres 1855 weifs uns in anschaulicher Weise gerade den Gegensatz zwischen der schon stark kapitalistisch inficierten pariser und der noch wesentlich handwerksmäfsigen deutschen Schusterei zu schildern i . Im Anschlufs an die Schuhmacherei, vor allem in der Form des zweiten und dritten Typus ist auch nur die Organisation des wichtigsten Hilfsgewerbes der Schusterei, der handwerksmäfsigen Gerberei zu verstehen. Die Lederbearbeitung war in jener Zeit teils schon kapitalistisch organisiert. In der That sind uns denn auch in der Fabriktabelle für das Jahr 1846 stattliche Ziffern begegnet, in denen die verhältnismäfsig hohe Entwicklung der industriellen Lederverarbeitung in Deutschland zum Ausdruck kam: es wurden 8622 „Gerbereien“ mit 20609 Arbeitern neben 551 „Leder- und Lederwarenfabriken“ mit 4435 Arbeitern gezählt, erstere hauptsächlich in Bayern und Kurhessen, letztere im Grofsherzogtum Hessen, 1 Gesellschaftsspiegel, herausgeg. von M. Hefs. Neue Ausg. u. d. Tit. „Die gesellschaftlichen Zustände d. civilisierten Welt“ 1 (1846), „Berichte“, 89/90. 2 Mitteilungen des statistischen Bureaus in Berlin 1 (1848), 234/35. 8 E. Francke, Schuhmacherei in Bayern (1893), 24. 4 Amtlicher Bericht über die allgemeine Pariser Weltausstellung im Jahre 1855 (1856), 654/55. Neunzehntes Kapitel. Das vorkapitalistische Gewerbewesen. 453 Nassau, Thüringen, dann Preufsen verbreitet. Und wenn wir die Handelsbewegung in Häuten und Leder über die Grenzen des Zollvereins beobachten *, kommen wir zu dem Schlufs, dafs die verkehrswirtschaftlich-kapitalistische Lederbearbeitung in Deutschland schon um die Mitte des Jahrhunderts einen Entwicklungsgrad erreicht hatte, wie wenig andere Industriezweige in jener Zeit. Deutschland verdankte diese Entwicklung ursprünglich dem infolge der allgemeinen wirtschaftlichen Rückständigkeit des Landes noch billigen Hauptgerbstoff: der Eichenlohe sowie seiner ausgedehnten Schafhaltung 1 2 . Aber selbstverständlich machte das für den interlokalen und internationalen Absatz erzeugte Leder nur einen geringen Teil des Gesamterzeugnisses der deutschen Gerbereien aus. Wir sahen, dafs 1847 über die Grenzen des Zollvereins 30115 Ctr. Leder ausgeführt wurden, zu den sämtlichen deutschen Messen gingen in demselben Jahre aus dem Zollverein und dem freien Verkehr ein 101532 Ctr. 3 — also etwa das auf dem Wege des interlokalen Handels innerhalb des Vereinsgebiets selbst abgesetzte Warenquantum —; dagegen wurde das überhaupt im Zollverein produzierte Leder 1844 auf 1 Mill. Ctr. geschätzt 4 * 6 . Wenn nun auch nicht der ganze Rest, also 8—900000 Ctr., das 6—7fache des „gehandelten“ Quantums auf die lokale handwerksmäfsige Produktion entfallen mögen, so doch sicherlich eine recht bedeutsame Menge. Auch wird uns von anderer Seite her bestätigt, dafs die handwerksmäfsige Gerberei, die z. T. sicher auch für den grofsen Markt arbeitete, bis Mitte der 1850er Jahre sich noch im Aufschwünge befunden habe®, ihre Vertreter aber — wohl wegen des beträchtlichen Vermögensbesitzes, den die Anlage auch der kleinsten Gerberei, namentlich Lohgerberei 1 Es betrug im Jahre 1847 die Einfuhr an Häuten und Fellen in den Zollverein 241325 Ctr., die Ausfuhr an Leder (und daraus gefertigten Waren) 30113 Ctr. Dieterici, Übersichten etc. S. 20. 2 Noch im Jahre 1828 hatte Deutschland von seiner Fülle an Holzborke an das Ausland abgegeben: Einfuhr 57 780 Ctr., Ausfuhr 147 229 Ctr. (Diet e- rici, Volkswohlstand, 162); zwanzig Jahre später war der Bedarf der einheimischen Gerberei schon über die Inlandsproduktion hinausgewachsen; es betrug 1848 die Einfuhr 55 863 Ctr., die Ausfuhr 38 488 Ctr. (Dieterici, Übersichten, 415). 8 Dieterici, Übersicht, 562. 4 Viebahn, Statistik des zollvereinten und nördlichen Deutschlands 3, 613. 6 Sogar im Königreich Sachsen: U. V, 451. 454 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. erheischt — zu den angesehensten Handwerkern der Stadt noch immer zu zählen gewesen seien 1 . Nicht immer war die Gerberei zu einem eigenen Berufe abgesondert. Wie in früherer Zeit der Kegel nach, so finden wir sie auch noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts vielfach als Nebem beschäftigung anderer Handwerker: der Sattler, der Metzger, namentlich aber der Schuhmacher 2 3 * * . Wie sie von letzteren betrieben wurde, wird uns anschaulich geschildert für die Schusterstadt Loitz 8 : Bis zum Jahre 1850 pflegte mit jeder Schuhmacherwerkstatt eine Gerberei verbunden zu sein. Die Ackerbau und Viehzucht treibenden Bürger der Stadt und die Bauern lieferten reichlich Häute. Im Mai, wenn der Saft zwischen Stamm und Rinde seinen Weg zur Krone nimmt, wurde vom Magistrat die Rinde der Eichen im städtischen Holz verkauft. Der Meister zog mit Gesellen und Lehrlingen in die alten grünenden grofsen Waldungen der Umgegend , und bald hallte der Hain wider vom Schlagen und Hämmern der die Borke abstemmenden Schuster. Etliche Tage ward das also gewonnene Produkt im Walde getrocknet, dann nach Hause gefahren. Dort hatte man inzwischen die trockenen Felle der Pferde, Rinder und Kälber ins Wasser gelegt und aufgeweicht, dann etliche Tage in der Kalkgrube geborgen. Am liebsten sah der Meister das Rind- oder Fahlleder; später schätzte man das Rofs- leder mehr. Aus einer Pferdehaut schnitt der gewissenhafte Meister nur 2 Paar Stiefel, nämlich aus den Hinterkeulenstücken: das Übrige verwandte er zu Einlagen und Hinterteilen. Der Zurichter kam, schabte die Felle, schälte sie dann an dem altgewohnten, dem Schusteramt gehörenden Platze an der Penne, einer heute verödeten Steinbank am Flufsufer. Die so zugerichteten Felle liefs der Meister in die Lohe legen; nach 12 Wochen kommen sie wieder zum Vorschein,, das Sohlenleder gar erst nach einem Jahr, so hart und dauerhaft wie es heute kaum noch gefunden wird. Scheute jemand die Mühe des Gerbens, oder war er verhindert, so bezog er das Leder aus den Nachbarstädten Demmin und Treptow a. Toll, in denen gerade das Gerbereihandwerk das vorherrschende war. 1 U. I, 164. Nocli aus dem Ende des fünften Jahrzehnts haben wir ein gewichtiges Urteil, das den Mangel an Lederfabriken beklagt: C. G. Reh len, Geschichte der Handwerke und Gewerbe. 3. Ausgabe. 1859. S. 140. 3 Über den Kampf der einzelnen Handwerker um die Gerberei in Württemberg z. B. vgl. U. VIH, 461. 3 U. I, 38. Neunzehntes Kapitel. Das vorkapitalistische Gewerbewesen. 455 Dieses selbst finden wir, wie oben schon erwähnt wurde, zumal in kleineren Städten und auf dem Lande noch vielfach als Lohngerberei betrieben: nämlich überall dort, wo Bauer, Metzger, Sattler oder Schuhmacher die ihnen gehörige Haut dem berufs- mäfsigen Gerber zur Zubereitung übergeben. Aber unser Gerber hat sich zum „Kaufhandwerker“ emporgeschwungen. Ist er Lohgerber, so besitzt er im günstigen Falle eine eigene Lohmühle, wo er die Eichenborke, seinen wichtigsten Hilfsstoff, vermahlt; häufig aber benutzt er die mehreren Berufsgenossen gemeinsam gehörige Lohmühle (U. VIII. 440). Die Borke kauft er in den benachbarten Wäldern, vom Waldeigner direkt; noch liefern die ausgedehnten -Wälder Deutschlands, die gerade zu Schälwaldungen hergerichtet werden, der Regel nach die Rinde in genügender Menge 1 . Die Häute liefert der Fleischer 2 im Heimatstädtchen oder in der Umgegend. Und ebenso findet in zahlreichen Fällen der Verkauf des fertigen Leders an den benachbarten Meister Schuster oder Täschner oder Sattler oder Handschuhmacher (Beutler) statt. Diese sind häufig noch beschäftigt genug, um mindestens eine ganze Haut auf einmal kaufen und verarbeiten zu können. Dafs die Gerberei leicht zu interlokaler Produktion neigt, wurde oben schon angedeutet 3 . So sehen wir manchen Gerbermeister seine überschüssigen Felle auf einen Wagen laden und selbst in oft recht beträchtliche Fernen verführen. Noch ist er aber Herr der Situation. Bis in die 1860er Jahre ruht der Lederhandel noch in den Händen der Schuhmacher und Gerber 4 . Von den übrigen Gewerben, welche die Haut des Tieres für die Bekleidung des Menschen zurichten, sind Handschuhmacherei, Sattlerei, Täschnerei und Kürschnerei die wichtigsten. Die Handschuhmacherei scheint noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts vielfach in handwerksmäfsigen Bahnen gewandelt zu sein. Schmoller 5 will von Mitte der 1840er Jahre an den Übergang zu „gröfseren Betrieben“ konstatieren, neuere Berichte 6 bestätigen diese Auffassung. Offenbar ist die aus Frankreich 1 Ausführlich ist die Bedeutung des früher lokalen Rindenbezugs für die handwerksmäfsige Gerberei dargestellt in U. VIII, 437 ff. 2 U. VIII, 461 (noch zum Teil heute); VIII, 139 („früher ausscliliefslich“). 3 Für Württemberg wiederum U. III, 223. 237. 244. 4 Für Sachsen U. V, 462. B Schmoller, Kleingewerbe, 635. 6 U. VI, 689/89. Festschrift der H. K. Halberstadt zur Feier ihres 25jälirigen Bestehens 1873. 1898. S. 85. 456 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. eingeführte Glacehandschuhmacherei nie recht zum lokalen Handwerk geworden, sondern gleich von Anfang an in verkehrswirtschaftlich-kapitalistische Kreise gezogen. Dagegen bestand einstweilen noch die alte deutsche Handschuhmacherei in handwerks- mäfsiger Organisation weiter: sie liefei’te hauptsächlich schwere lederne, leinene und wollene Handschuhe, deren Konsum noch ein weniger eingeschränkter als etwa heute war. Die Sattlerei, ein niemals genau umschriebenes Gewerbe 1 , war jedenfalls in den 1840er Jahren noch vorwiegend entweder Geschirrhandwerk, oder sie griff in das Produktionsgebiet der Täschner ei über. Diese kann zu den Bekleidungsgewerben gerechnet werden, denn sie lieferte einen Teil der menschlichen Ausrüstung, namentlich für die Reise. Die Sattler, aber auch die Täschner sind noch ziemlich streng geschieden von den Tapezierern und Portefeuillern. Mit ersteren, die sich als freies Gewerbe insbesondere seit dem Häufigerwerden der Polsterarbeiten entwickeln, und deren Arbeitsgebiet sich die Täschner zu erhalten suchen, liegen sie in der ersten Hälfte vorigen Jahrhunderts, wo Zunftordnung noch bestand, in harter Fehde. Was als eigentliches Produktionsgebiet der Täschner noch um die Mitte vorigen Jahrhunderts angesehen wurde, geht aus den 1852 gefafsten Artikeln der „Vereinigten Täschner- und Tapezierinnung“ hervor 2 , in denen den Täschnern ausdrücklich reserviert wurde: „Fertigung und Verkauf von Reise- und Musterkoffern in Holz, Leder und Rauchwerk, Militär-, Reise-, Geld-, Damen- und Schultaschen in Leder und anderen Stoffen, Kontor-und Wechselmappen, Hut-, Schirm- und Schatullenfutterale, alle Arten von Jagd- und Reiserequisiten.“ Die Kürschnerei zerfällt seit altersher deutlich in zwei verschiedene Kategorien: Grobkürschnerei und — wie man sagen könnte ■— Edelkürschnerei 3 . Jene verarbeitet die Felle der heimischen Tierarten. Sie ist ihrer Natur nach ein lokales Handwerk: vor allem der Schafpelz und die Hasenfellmütze sind ihre für den Bedarf der bäuerlichen und kleinstädtischen Bevölkerung hergerichteten Haupterzeugnisse. Das Rohmaterial stammt ebenso sehr aus der Umgegend des 1 In Sachsen werden die Täschner und Tapezierer erst 1849 zu einem Gewerbe verschmolzen: U. V, 353. 2 U. V, 353. 3 Diese Bezeichnung ist nicht gebräuchlich. Statt dessen unterscheidet man heute Grob- und Galanteriekürschnerei. Doch deckt sich letzterer Begriff nicht völlig mit dem von mir als Edelkürschnerei bezeichneten Teil des Gewerbes. Neunzehntes Kapitel. Das vorkapitalistische Gewerbewesen. 457 Kürschners, wie sein fertiges Produkt meist auf Bestellung an Abnehmer der näheren Umgebung gelangt. Der grofsstädtische Edelkürschner dagegen hat von altersher schon immer mit einem Fufs in der kapitalistischen Verkehrswirtschaft gestanden; er mufste stets mit beträchtlichen Barmitteln die kostbaren ausländischen Pelze an den grofsen Handelsplätzen auf eigenes Risiko hin einkaufen, war also von jeher mehr Händler als Handwerker. An seiner Thätigkeit hatte sich um die Mitte vorigen Jahrhunderts kaum schon etwas geändert: auf Bestellung verarbeitet er in seiner Werkstatt die ausgesuchten Rauchwaren von ihrem rohen Zustande bis zu den fertigen Pelzen, Pelzmützen, Muffs, Fufssäcken etc., an denen — dank der unbequemen Reisebedingungen — trotz niedigeren Wohlstands und selteneren Reisens ein immerhin ansehnlicher Bedarf besteht. Die Kleidung des modernen Menschen besteht — bis auf wenige Kleinigkeiten — aus Leder oder Geweben; letztere sind aus der Behaarung der Tiere oder aus Pflanzenfasern bereitet. Wir haben die Lederbekleidungsgewerbe Revue passieren lassen: verweilen wir jetzt einen Augenblick bei den Gewebebekleidungsindustrien. Sie zerfallen naturgemäfs in diejenigen Gewerbe, welche die Herstellung der Gewebe und diejenigen, welche deren Verarbeitung zum Inhalt haben. Beide Thätigkeiten finden sich vereinigt in der Hut- und Mützenmacherei, so lange diese sich als Handwerk erhalten hat. Das ist in den 1840er Jahren noch überwiegend der Fall. Die Mütze aus Pelz oder Stoff war damals noch die verbreitetste Kopfbedeckung. Ihre Herstellung lag zumeist den kleineren Kürschnermeistern ob, die sich lange Zeit gerade mittelst der Mützenanfertigung in leidlicher Lage erhielten 1 . Der Hut war ein Luxuskleidungsstück der Wohlhabenden. Er wurde in der Regel aus Hasen- oder Kaninchenhaaren gemacht 2 . 1 U. II, 327 ff. Noch „in den 60er Jahren war der Bedarf an Mützen ein aufserordentlich grofser“; ferner VII, 63 f. 2 Der Seide'nhut war noch wenig gebräuchlich; erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts erlangt er gröfsere Verbreitung: U. VI, 298.312; der Woll- hut, in älterer Zeit die üblichste Form des Hutes — jedoch nur in rauher, schwerer Gestalt — war fast gänzlich aus der Mode gekommen. Er wurde um die Mitte des Jahrhunderts gleichsam neu „entdeckt“, als es der Technik gelang, leichte, glatte Hüte aus Filz herzustellen: vgl. U. VI, 295. 296. 316. Der Strohhut ist nirgends Gegenstand handwerksmäfsiger Produktion gewesen. Vereinzelte Ansätze zu kapitalistischer Hutfabrikation schon um die Mitte des Jahrhunderts in Deutschland. Vgl. L. Wilkens, Die Erweiterung und Vervollkommnung des deutschen Gewerbebetriebes etc. (1847), S. 170/71. 458 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Diese Haarhutfabrikation ist noch in der Mitte des Jahrhunderts durchaus handwerksmäfsig organisiert. Der Hutmacher in der ersten Hälfte des Jahrhunderts vereinigte den Produktionsprozefs in seiner Werkstätte. Vor dem Verschleifslokale der meisten Hutmacher hing in den Wintermonaten eine Tafel mit der Aufschrift: „Hasenbälge werden hier angekauft.“ Ein Balg wurde mit 10—15 Kreuzern bezahlt und mancher Hutmacher erstand im Jahre durch den Einzelankauf aus den verschiedenen Haushaltungen seiner Umgebung 400—500 Hasenbälge. Allerdings reichte das so beschaffte Rohmaterial nicht aus und es wurden Hasenfelle aus Böhmen, Mähren, aber auch aus der Moldau und Walachai bezogen h „Alle Produktion geschah für den lokalen Markt. Die Betriebsform war allein das Handwerk. Ihren Absatz fanden die Produkte bei den Konsumenten, nicht bei den Wiederverkäufern. Eine Ausnahme von dieser Regel machten während der Messe die Bestellungen von Kinderhüten, welche die Hutmacher von griechischen Kaufleuten erhielten. Doch waren diese Aufträge nur geringfügig (zwei bis drei Dutzend für den Meister) und nicht regelmäfsig. Schliefslich blieben sie ganz aus. Einen Einflufs auf die Entwicklung des Gewerbes haben sie nicht ausgeübt. So konnte man denn bei Gelegenheit der Umfrage von 1856 sagen, dafs die Hutmacherei noch ein durchaus zünftiges Gewerbe bilde und dafs sie hinsichtlich ihrer Erzeugnisse der Konkurrenz des Fabrikbetriebes nicht ausgesetzt sei.“ Abgesetzt wurden die Hüte entweder auf den Jahrmärkten (U. VI, 301) 1 2 oder am Produktionsort. Sei es in der Wohnung des Hutmachers, sei es, was in der Mitte des Jahrhunderts der häufigere Fall war, in besonderen Geschäftslokalen aufserhalb der Wohnung. So hielten von den 13 Leipziger Hutmachern im Jahre 1845 10 einen separaten Laden 3 . „Handwerksmäfsige Erzeugung des Filzhutes als Luxusartikel für den lokalen Markt, durch eine kleine aber wohlsituierte von keiner äufseren Konkurrenz bedrohte Handwerkergruppe — das ist das Bild, welches die Hutmacherei in Brünn und in allen übrigen Städten in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts bietet 4 .“ Der Rest der menschlichen Gewebekleidungsgewerbe zerfällt seit altersher in die stofferzeugenden und stoffverarbeitenden Thätig- keiten. Erstere pflegen wir unter der Bezeichnung der Textil- 1 Für Wien: UOe., 22. 2 Für Leipzig: U. VI, 312. 3 U. VI, 300. 4 UOe., 470. Neunzehntes Kapitel. Das vorkapitalistische Gewerbewesen. 459 industrie zusammenzufassen: es sind Spinnerei, Weberei, Färberei vornehmlich, die hier in Betracht kommen. Sie bieten uns jedoch an dieser Stelle zu keinerlei ausführlichen Erörterungen Anlafs, weil es Gewerbezweige sind, deren handwerksmäfsige Organisation schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts so gut wie vernichtet war. Es ist bekannt, welchen breiten Raum Schmoller in seinem Buche diesen altehrwürdigen und wichtigen Gewerben einräumt: es entspricht diese Wertbeimessung durchaus der Zeit, in der Schmoller schrieb. Er damals stand der handwerksmäfsigen Textilindustrie etwa ebenso gegenüber wie wir dem gesamten übrigen Handwerk. Er hat in erschöpfender Weise ihren Untergang geschildert. An die Arbeit des Webers schliefst sich — den Ausdruck im weitesten Sinne angewandt — die Schneiderei. Wir können genauer drei Arten von Schneiderei unterscheiden: 1. Kleiderschneiderei •, 2. Wäscheschneiderei; 3. Schneiderei kleinerer Toilettenstücke wie Hauben, Kravatten etc. Was nun zunächst die beiden letzten Gebiete der Schneiderei anbelangt, so werden sie dadurch charakterisiert, dafs sie wohl niemals in irgend wie erheblicher Ausdehnung handwerksmäfsig betrieben worden sind. Die einzigen hierher gehörigen Gewerbetreibenden wären die Pfaidler, deren Thätigkeit in Wien in der Anfertigung hauptsächlich von „Visier-, Bund-, Schlepp- und anderen Modehauben von verschiedenen Zeugen, Kinderhauben, Fallbändern, Hosenträgern, Brustflecken, Stutzein und allerlei Käppchen, weifs und schwarz gekrausten Hauben, Schöpfen und Frauenhauben“ bestand 1 . Aber wie unbedeutend ihr Arbeitsgebiet gewesen sein mufs, geht aus der geringen Zahl von Angehörigen des Pfaidler- und Pfaidlerinnengewerbes deutlich genug hervor 2 . Der Grund des Fehlens ausgedehnter Wäscheschneiderhandwerke liegt natürlich in der bis in die neuere Zeit aufrecht erhaltenen Sitte hausgewerblicher Herrichtung von Wäschegegenständen. Dafs diese noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Regel bildete, wurde oben bereits erwähnt. Von der Kleiderschneiderei gehört bis zu einem gewissen Grade die Damenkleideranfertigung ebenfalls zu denjenigen Gewerben, die am längsten im Rahmen der Familienwirtschaft, unter Zuhilfenahme einer Schneiderin, ihr Dasein gefristet haben und auch heute noch fristen. Sodafs den eigentlichen Kern der handwerks- 1 UOe„ 75. 2 In Wien war im achtzehnten Jahrhundert ihre Zahl auf 12 beschränkt: a. a. 0. S. 76. 460 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. mäfsigen Schneiderei von jeher die Herren- (und Kinder-) Kleiderverfertigung gebildet hat. Fragen wir nach ihrer Gestaltung um die Mitte des 19. Jahrhunderts, so tritt sie uns fast durchgängig noch in der Form des Lohnhandwerks entgegen. Der Vorgang in einer kleinen Stadt: „Der Konsument kauft den Stoff und die Zuthaten beim Manufakturwarenhändler, kommt damit zum Schneider, wenn dieser ihm nicht schon beim Einkauf zur Seite gestanden hat, und bestellt das zu fertigende Kleidungsstück. Um den Arbeitslohn pflegt im voraus lange gefeilscht zu werden, wenigstens bei Meistern, die keine feste gutzahlende Kundschaft haben. Dadurch wird bewirkt, dafs unter diesem System grofse Verschiedenheiten des Verdienstes und Einkommens Platz haben.“ (U. IV, 181/82.) Aber auch in gröfseren Städten scheint die Lohnschneiderei noch die Regel gebildet zu haben. Wenigstens versichert uns Hoffmann 1 : „nur sehr wenige der wohlhabendsten Schneider in verkehrsreichen Städten halten Vorräte von fertigen Kleidern oder Lager von Zeugen zur Auswahl für ihre Kunden: der bei weitem gröfste Teil macht nur bestellte Arbeit und auch für diese liefern die Kunden meistens das Material“. Die Folge dieser Organisationsform der Schneiderei und ebenso ein Grund ihrer Erhaltung, war die Gewohnheit, mehr noch auf gediegene Stoffe in der Kleidung als auf Eleganz und vor allem Neuheit und Modemäfsigkeit der Machart wert zu legen. Einmal vorhandene Kleider wurden gern gewendet und wenn irgend angängig für je kleinere Familienmitglieder in möglichst langer Reihenfolge passend gemacht. Welche fundamentale Bedeutung für den gesamten Menschen jener glücklichen Zeiten der lebenslänglich besessene Konfirmationsrock oder Hochzeitsfrack hatte, ist uns aus den Schilderungen unserer Altvodern sattsam bekannt. Daneben auch in der Schneiderei erste Ansätze kapitalistischer Gestaltung. Im Jahre 1852 beschäftigt Gerson in Berlin folgendes Personal: 5 Handwerksmeister, 3 Direktricen, 120—140 Arbeiterinnen in der Werkstatt, 150 Meister mit je 10 Gesellen aufser dem Hause, 100 Kommis, Aufseher etc. im Verkehrslokal 2 . Und dafs auch in die Provinz schon sich die Fangarme der Konfektion um jene Zeit auszustrecken begannen, ersehen wir aus der hübschen Darstellung, die G. Mayer von Konfektion und 1 Hoffmann, Befugnis, 300. 2 Vergleichende Übersicht des Ganges der Tuchindustrie etc. im preufs. Staat (1865), S. 10 ff. 208. Neunzehntes Kapitel. Das vorkapitalistische Gewerbewesen. 461 Schneidergewerbe in Prenzlan giebt 1 . Von der Schneiderinnung dieser Stadt wurde unter dem 5. Juli 1847 ein Gesuch an die Regierung gerichtet um Aufhebung der Auktionen, welche mit fertigen Sachen von Ort zu Ort betrieben wurden, oder um deren Einschränkung. „In der Begründung wird angeführt, wie seit der Herstellung der Eisenbahnverbindung mit Berlin die bessere Kundschaft ihren Bedarf immer mehr aus der Hauptstadt beziehe. Nun wurden durch die Auktionen auch die mittleren und die unteren Volksklassen den Handwerkern abspenstig gemacht“ (1. c. S. 120) 2 . Mit dem feinen Instinkte des Reaktionärs von Geblüt fand Graf Bismarck die Bedeutung der revolutionären Umgestaltung heraus, die sich hier vorbereitete und warnte seine Kollegen in der 2. preufsischen Kammer davor, sie durch eine gewerbefreiheitliche Gesetzgebung zu begünstigen. Ganz nach Carlyle - Kingsleyscher Art ruft er ihnen zu: „Ich glaube, es möchten uns unsere wohlfeilen Röcke aus dem Kleiderladen zuletzt unbehaglich auf dem Leibesitzen, wenn ihre Verfertiger daran zweifeln müssen, sich auf ehrliche Weise zu ernähren 3 .“ Auf dem Handwerkertage der Provinz Schlesien 4 spricht der Präsident Löschburg aus Breslau über die gedrückte Lage des Schneiderhandwerks. Nachgerade sei es soweit gekommen, dafs der gröfste Teil der Meister mit den Gesellen zugleich feiern oder bei den Kleiderhändlern in Arbeit treten müsse. Ganze Klassen der Gesellschaft kauften bereits ihre Kleider in den Kleiderhandlungen. Die scheinbare Billigkeit verführe dazu und der rasche Wechsel der Mode verdecke die Übervorteilung. Aber wiederum gilt es, sich gegenwärtig zu halten, dafs es sich um erste Ansätze zur Neugestaltung handelt und dafs in gewissem Sinne wir gerade aus ihrer Feststellung auf den im übrigen noch unerschütterten Bestand des Schneiderhandwerks schliefsen dürfen. Das erwähnte Geschäft Gersons war 1842 gegründet. Und erst Ende der 1840er Jahre unternimmt die Kleiderkonfektion ihren ersten schüchternen Schritt aufs Land, wie uns die Beschwerden der Prenzlauer Schneider selbst zeigen: am 26. Juni 1848 erschien zum ersten Male in dem genannten Prenzlau, das 1 U. 11, 119 ff. 2 Über grofse Konfektionsgeschäfte in Österreich um dieselbe Zeit (60 und mehr Arbeiter!) vgl. wiederum den oben citierten Ausstellungsbericht H, 648/49. 8 Fürst Bismarck als Redner; Coli. Spem. 2, 95. 4 Protokolle des 1. konstituierenden Handwerkertages der Provinz Schlesien (1848), 13/14. 462 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. doch seiner Lage nach einen der ersten Angriffspunkte bilden mufste, eine Anzahl Berliner Konfektionäre h In München wurde die Befugnis zum Verkauf fertiger Kleider erst 1847 freigegeben. Nun erst entstehen grofse Kleiderhandlungen 1 2 . Auch für Wien werden die 1850er Jahre bezeichnet, als die Zeit, „um welche der Verkauf fertiger Kleider sowohl für den heimischen Konsum als für den Export Bedeutung erlangte“ 3 . Hatte Preufsen an Artikeln der Wäschekonfektion 1842 zwar schon 406 Ctr. ausgeführt, so betrug doch die Ausfuhrmenge auch 1847 erst 978 Ctr., dagegen 1851 schon 5489 Ctr. 4 * . 1854 kommt die erste Nähmaschine nach Deutschland! III. Bauhandwerke. Auch das Baugewerbe trägt in Deutschland um die Mitte des 19. Jahrhunderts noch einen rein handwerksmäfsigen Charakter 6 . Zwar berichtet uns die Statistik jener Zeit von Betriebsgröfsen der Maurerei und Zimmerei, die wir schematisch oft als „Grofs- betriebe“ rubrizieren müssen. Im Königreich Preufsen kamen 1846 auf 100 Maurermeister 438, auf 100 Zimmermeister 387 Gehilfen 6 . Für Breslau rechnet (1849) Dieterici bezugsweise 28 und 24 Gehilfen auf einen Meister, der neue Bearbeiter des Breslauer Baugewerbes 20 (U. IX, 387); für Leipzig werden die Ziffern gar auf 34 bezw. 15 veranschlagt (U. IX, 598). Trotzdem Handwerk. Was in der eigentümlichen Organisation des älteren Baugewerbes seinen Grund hat. Es fehlt ihm noch jedes kapitalistische Gepräge. Die Vorgänge waren diese: In kleineren Städten war das Baugewerbe, von dem ich einstweilen nur die beiden Hauptzweige Maurerei und Zimmerei, die konstruktiven Bauthätigkeiten, berücksichtige, noch vorwiegend Lohnhandwerk gehliehen: der Bauherr, d. h. diejenige Persönlichkeit, die für ihren Bedarf ein Haus bauen lassen wollte, kaufte das nötige Baumaterial auf eigene Rechnung ein und beschäftigte die 1 U. IV, 21. 2 Herzberg, Sehneidergewerbe in München (1894), 41/43. 3 UOe., 499. 4 H. Grandke, Die Entstehung der Berliner Wäscheindustrie im 19. Jahrhundert, in Schmollers Jahrbuch 22, 249. 6 Umgestaltungen datieren: in Breslau „seit den 1850er Jahren“ (U. IX, 387), in Leipzig seit Ende der 1860er Jahre (U. IX, 583), in Karlsruhe beginnt moderne Bauweise in den 60er Jahren (U. III, 70), in Frankfurt a. M. seit 30 Jahren (U. I, 326). 6 Schmoller, 381. Neunzehntes Kapitel. Das vorkapitalistische Gewerbewesen. 463 Bauhandwerker, die — Meister wie Gesellen — am Sonnabend ihren Wochenlohn von ihm empfingen, der Meister den sog. Meistergroschen für jeden beschäftigten Gesellen 1 , wie es von altersher üblich gewesen war. In diesem ArbeitsVerhältnis spielt der „Meister“ also nur die Rolle eines Werbers und Beaufsichtigers von Arbeitskräften, wie wir es vom Mittelalter her kennen. In den gröfseren Städten hatte sich die Stellung des Meisters zum Bauherrn und zu den Arbeitern insofern zu verschieben begonnen, als wir bereits hören, dafs er, zumal bei gröfseren Bauten, gegen eine vorher mit dem Bauherrn vereinbarte Summe die Gesamtarbeitsleistung am Bau übernimmt, mit seinen Arbeitern also einen besondern Lohnkontrakt eingeht. Das Material pflegt aber noch immer der Bauherr zu liefern, der auch die vereinbarte Lohnsumme ratenweise an den „Meister“ auszahlt, sodafs dieser zur Übernahme selbst gröfserer Bauten nur eines geringen Vermögensbesitzes bedarf 2 . Ebenso reichen die primitiven Kenntnisse des empirisch gebildeten Maurer- und Zimmermeisters selbst für gröfsere städtische Bauten noch vollkommen aus. Erst seit der Mitte des Jahrhunderts begegnen wir als einem regelmäfsigen Faktor im Baugewerbe dem Architekten. Bis dahin war dieser dank der Bauweise entbehrlich gewesen 3 . Die alten Häuser wurden nach typischen Plänen erbaut, die sich Jahrzehnte lang gleich erhielten, sodafs sich das Alter der Gebäude nach deren Bauanlage bestimmen läfst. Alle zeigen dieselbe Grundrifsdisposition, sogar gleiche Mafse in Bezug auf Stockhöhe, Breite und Höhe der Durchfahrt der Thüren und Fenster und Breite der Fensterpfeiler. Die Fassadengestaltung wurde dadurch so einfach wie typisch. Eine schwach ausladende Stockgurte, durch ganze Häuserreihen in gleicher Höhe, und ein ebenso primitives Hauptgesims sind der einzige Schmuck. Ebenso sparsam, einfach und schablonenmäfsig war der innere Ausbau. Deckenverzierungen in Stuck oder Farbe waren unerhört. Solche Häuser konnte jeder handwerksmäfsig geschulte Maurermeister erbauen. Von einem detaillierten Bauplan oder Voranschlag war keine Rede; denn der Preis stand so fest wie der Grundrifs, der höchstens durch die wechselnde Länge der Strafsenfront unbedeutende Variationen erlitt. Die Häuser wurden geradezu nach Mustern vorhandener Bauten bestellt. Die Nachbarschaft vertrat die Bauaufsicht. Die 1 Für Eisleben U. IX, 310. 313. 2 Für Breslau U. IX, 386. 3 Vgl. die Darstellungen für Karlsruhe U. III, 73., für Leipzig U. IX, 572. 4(34 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Bauzeit erstreckte sich gemächlich auf 2 Jahre. Architekten waren nur für gröfsere Staatsbauten vorhanden, in äufserst seltenen Fällen wurden Pläne zu herrschaftlichen Wohnhäusern von den akademischen Architekten der polytechnischen Schulen entworfen. Die einzelnen beim Bau thätigen Handwerksmeister standen auch noch in der Regel in einem separaten und direkten Verhältnis zum Bauherrn, unter sich also in keinem Verhältnis gegenseitiger Über- oder Unterordnung. Die Technik des alten Fachwerk - Hausbaus brachte es mit sich 1 , dafs der Schwerpunkt der Bauthätigkeit noch mehr im Zimmergewerbe lag. Während im Jahre 1849 in Preufsen 5966 Maurermeister gezählt wurden, gab es 6574 Zimmermeister. Letztere arbeiteten noch die gesamte Holzkonstruktion handwerksmäfsig vom rohen Bau bis zum Balken und Gesims auf dem Bauplatz am Bauort. Hatten Maurer und Zimmerer die Konstruktion des Hauses fertiggestellt, so folgte nun die Schar der übrigen Handwerker, um den Bau in seinen Einzelheiten zu vollenden: Dachdecker, Gipser, Anstreicher, Maler, Tapezierer, Tischler, Schlosser, Klempner, Töpfer, Glaser sind mehr oder weniger dabei beteiligt 2 . Ich kann hier von ihnen allen nur einige charakteristische Eigentümlichkeiten aussagen, um die Darstellung nicht allzu sehr in die Breite zu führen. Gemeinsam ist allen diesen Kleinbauhandwerkern, dafs sie in althergebrachter handwerksmäfsiger Organisation bis in die Mitte des Jahrhunderts sich erhalten haben. Die Lebensfunktionen der einzelnen aber sind diese: Der D achd eck er deckt die Dächer mit Schiefer oder Ziegeln: das Holzcementdach verbreitet sich erst seit den 1840er Jahren von Schlesien aus. Das Rohmaterial liefert ihm entweder sein Bauherr oder die Bauern fahren es ihm auf den Markt 3 . 1 In Kassel Anfänge des Steinbaus Mitte der 1840er Jahre. Bähr, a. a. 0. S. 27. 2 Uber den Anteil der einzelnen Handwerker am Hausbau vgl. Olden- berg, Das deutsche Bauhandwerk der Gegenwart. Berl. Diss. 1888. S. 30. Neuerdings U. IX, 545. 8 In Frankfurt a. M. vor Eröffnung der Eisenbahnen: U. I, 323. Ein anschauliches Bild vom Stande des städtischen Häuserbaues um jene Zeit ergeben auch folgende Ziffern. In der städtischen Feuersocietät für die Kur- mark, Neumark und Niederlausitz betrug der Taxwert der versicherten Gebäude im Jahre 1841 in der I. Klasse, das sind wesentlich die massiven Gebäude, 7775600 Thlr.; in der II. Klasse; das sind wesentlich die Fachwerks- Neunzehntes Kapitel. Das vorkapitalistische Gewerbewesen. 4455 Die Maler und Anstreicher sorgen für den Anstrich der Wände aufsen und innen, sie übernehmen ununterschiedlich die vorkommenden Arbeiten, die im Aufträgen von Farben bestehen. Die Farben müssen sie sich noch selbst reiben. Diese Beschäftigung füllt ihre freie Zeit namentlich in den Wintermonaten aus. Wo die gestrichene Wand anfängt der aufgeklebten Papiertapete zu weichen, sucht das freie Gewerbe der Tapezierer diese Vornahme an sich zu ziehen. Dekorationsthätigkeit im Innern der Wohnung, die heute einen grofsen Teil der Tapezierarbeiten bildet, gab es bei der Kahlheit der Zimmereinrichtungen erst in geringem Umfange. „Die häuslichen Einrichtungen waren im Durchschnitt sehr einfach. Von einem „stilvollen“ Zimmerputz wufste man noch nichts . . . Auch Polstermöbel mit Sprungfedern fanden sich nur in den besseren Häusern * 1 .“ Um die Herstellung und Anbringung der Holzteile im Innern des Hauses hat von jeher ein Kampf zwischen Zimmerer und Tischler geherrscht. Gerade um die Mitte des Jahrhunderts scheint er für letztere günstig entschieden gewesen zu sein (U.IX, 56). Dem Bautischler liegt die Anfertigung der Thüren und Fenster, meist auch der noch überwiegend hölzernen Treppen und der Fufs- böden ob. Letztere geben teilweise zu kunstvoller Arbeit Anlafs, wenn sie in schönen individualisierten Parkettmustern ausgeführt werden 2 . Die einfachen Parkettformen sind noch unbekannt. Die sämtlichen, namhaft gemachten Bestandteile des Hauses stellt der Tischler in seiner Werkstatt ohne Zuhilfenahme von Maschinen am Orte des Baues selber her und bringt sie selber an Ort und Stelle an. Das nötige Holz fährt ihm der Bauer aus der Umgegend auf dem Markt an 3 . Trotz der früher erheblich geringeren Verwendung von Eisen beim Hausbau, war die Thätigkeit der Bauschlosser doch eine viel umfassendere als heute. Denn fast bis in die Mitte des 19. Jahrgebäude, 29 303 042 Thlr. In der städtischen Feuersocietät für die Provinz Sachsen betrug im Jahre 1846 die Versicherungssumme der Gebäude mit massiven Umfassungswänden 5 264 067 Thlr., der Gebäude von Fachwerk 36 629498 Thlr. Statistisches Jahrbuch etc. 1 (1863), S. 143—149. 1 0. Bähr, a. a. 0. S. 30. 2 Auf der Freiburger Gewerbeausstellung im Jahre 1842 zeichnete sich ein Meister durch besonders schöne Parkettmuster aus: U. VIII, 238. In Berlin war die Parkettfabrikation ebenfalls noch während der 1840er Jahre der handwerksmäfsigen Bautischlerei eingegliedert: U. IV, 339. 3 Vgl. U. II, 58. Sombart, Der moderne Kapitalismus. I. 30 466 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. hunderts wurden die sämtlichen Eisenbestandteile an einem Bau, also vor allem die Schlösser, Schlüssel, Thür- und Fensterbeschläge vom Schlosser nicht nur angebracht, sondern zuvor in seiner Werkstätte eigenhändig von ihm hergestellt. Was ihm geliefert wurde, war das in verschiedenen Dimensionen nach Länge und Breite gewalzte oder zu Draht und Blech verarbeitete Eisen 1 . Auch des Bauschlossers Thätigkeit zerfällt also ähnlich wie die der meisten Bauhandwerker in früherer Zeit in eine Werkstattarbeit und eine Arbeit auf dem Bau. Erstere kann in diejenigen Zeiten des Jahres verlegt werden, in denen die eigentliche Bauthätigkeit ruht. Die Anfertigung und Anbringung von Dachrinnen aus Zink, Kupfer und verzinntem Eisenblech, von Abflufsrohren, Ofenrohren, Blecheinfassungen von Dächern und Schornsteinen, Verwahrung der Dachkehlen mit Zink bei anderer als Zinkdeckung, die Abdeckung von Dächern und Gesimsen liegt dem Bauklempner ob. Noch wenig verbreitet ist die Verwendung von Zinkblech bei Neubauten, sei es als Ersatz der Schieferdeckung, sei es zur Einfassung der Schieferdächer. Ebenso fängt die Verarbeitung von Zinkblech zu Ornamenten, Türmen, Erkern, Säulen, Konsolen, Figuren, Blättern etc. erst in der Mitte des Jahrhunderts an, allgemeiner zu werden. (U. VII, 256, 57.) Während den Glasern bei den Bauten alten Stils eine ver- hältnismäfsig geringe Thätigkeit zufiel (U. V, 179), war der Wirkungskreis der Bautöpfer endlich insofern ein recht ansehnlicher, als ihnen die Anfertigung und das Setzen der Kachelöfen oblag. Stube und Küche wurden noch der Regel nach mit Holz geheizt. Der Stubenofen wurde mit Holz angefeuert, die Asche ausgekehrt, die Ofenthür und die im Abzugsrohr befindliche Ofenklappe geschlossen. Die Kohlenheizung und in ihrem Gefolge der eiserne Ofen sollten erst in Zukunft ihren Einzug halten. Die Kacheln des Ofens aber wurden ebenso wie das Geschirr vom Töpfer auf der Scheibe in seiner Werkstatt geformt, ehe er sie in der Wohnung zusammensetzte. Die Entwicklung specialisierter Ofenfabriken nimmt erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts gröfsere Ausdehnung an 2 . 1 U. II, 120/21 (Leipzig); IV, 85 f. (Breslau). Die Vorarbeit, die in der Ilerricktung des Materials zu Stabeisen, Blechen und Drähten besteht, war dem Schlosser schon seit dem Ausgange des Mittelalters abgenommen worden. 2 U. VI, 252. 253. 340. 359. Neunzehntes Kapitel. Das vorkapitalistische Gewerbewesen. 4(37 IV. Gerätschaftsliandwerke 1 . Ich will hier die Verhältnisse der Möbeltischlerei, Böttcherei, Drechslerei, Gerätschaftsklempnerei, Uhrmac h e r e i und Buchbinderei als der wichtigsten „Gerätschaftshandwerke“ kurz besprechen. Dafs die Möbeltischlerei in Deutschland um die Mitte des Jahrhunderts bereits ansehnliche Anfänge kapitalistischer Entwicklung aufwies, unterliegt keinem Zweifel. Wir hören schon aus den 1840er Jahren Klagen über zunehmende „Magazinhörigkeit“ der Meister 2 3 und die Handwerkerkongresse richten eine ihrer Hauptangriffe gegen das Verlagssystem in der Tischlerei 8 . Durch dieses Verlagssystem, führte bereits der damalige Graf von Bismarck 4 * in der 2. preufsischen Kammer aus, seien „diese Möbel ... bis zu einem solchen Preise herabgedrückt . . , dafs sie selbst dem Unvermögenden erschwingbar erscheinen“. Und neben dem Möbelverlag die grofse Möbelfabrik: finden wir doch auf der Gewerbeausstellung zu Wien im Jahre 1845 unter den Ausstellern einen Kunsttischler aus Wien, der 20 Arbeiter beschäftigt, eine Möbelfabrik aus Prag mit 48 Arbeitern, eine Parkettfabrik aus Ploss mit 70, eine Galanterietischlerei aus Prag mit 48, eine Möbelfabrik ebendaher mit 100 Arbeitern u. s. w. 6 * Abermals aber sei Vorsicht angeraten: Leider sind wir ja — 1 Unter dieser Bezeichnung darf ich wohl, ohne der deutschen Sprache allzugrofse Gewalt anzuthun, die sämtlichen Gewerbe zusammenfassen, die nicht zur Gruppe der Ernährungs-, Bekleidungs- oder Bauhandwerke gehören. Man drückt so wenigstens auch einigermafsen richtig ihre Beziehung auf einen bestimmten Bedürfniskreis aus und vermeidet die entsetzliche übliche Systematik, die das Kriterium der Einteilung halb der Zwecksetzung, halb dem Material entnimmt, das die Handwerke verarbeiten. Eine Aufzählung: 1. Nahrungsmittelgewerbe, 2. Bekleidungsgewerbe, 3. Baugewerbe, 4. Holzverarbeitende Gewerbe u. s. w. erzeugt in mir die Empfindung, als ob ich heim Essen auf einen Stein beifse. 2 Hoffmann, Befugnis, 396. 3 Verhandlungen des 1. deutschen Handwerker- und Gewerbekongresses Darmstadt 1848), 77. Protokoll des cit. schlesischen Handwerkertages, 13 f. Vgl. auch F. Daei, Uber Associationen im Gewerbewesen etc. S.-A. aus Eau-Hanssen, Archiv der pol. Ökon. (1848), 3 ff. 4 Reden vom 18. und 19. Febr. 1849: „Fürst Bismarck als Redner“ Coli. Spemann 1 , 93. 6 Bericht über die 3. allgemeine österreichische Gewerbeausstellung in Wien 1845. (1846.) 2, 750—763. Ich führe diese Beispiele aus Österreich an, weil sie aus einem wirtschaftlich sicherlich noch tieferstehenden Lande als Deutschland stammen. 30 * 468 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. trotz der besonders vorzüglichen Arbeiten über das Tischlergewerbe in unsern „Untersuchungen“ — nicht in der Lage, ein in allen Einzelheiten getreues Bild von dem damaligen Zustande des Gewerbes zu entwerfen und werden uns wohl für immer mit allgemeinen Schlüssen begnügen müssen. Was wir mit einiger Sicherheit sagen können, ist dieses: dafs jedenfalls in den gröfseren Städten schon damals das Möbel- magazin eine Rolle zu spielen begonnen hatte; w’ir schliefsen das aus den Ziffern, die uns für einzelne Städte überliefert sind, wir schliefsen es aber auch aus dem in den 1840er Jahren vielerorts auftauchenden Bestreben der Tischlermeister, durch genossenschaftlichen Zusammenschlufs die Vorzüge des Magazins allgemein zu machen. Nur dürfen wir uns über den Charakter jener „Magazine“ keinen falschen Vorstellungen hingeben. Zunächst dürfen wir annehmen, dafs sie zu einem grofsen Teile noch in den Händen der wohlhabenden Tischlermeister selbst waren; also den „Laden“ dieser Handwerker bildeten, nach Art der offenen Läden anderer Handwerker. Sodann aber wird ihr Inhalt ein wesentlich anderer gewesen sein, als der etwa moderner grofsstädtischer Möbelmagazine. Ein oder das andere auf Vorrat gearbeitete, oder stehen gebliebene Möbel wird darin untergebracht gewesen sein: gewifs keine kompletten Einrichtungen und Ausstattungen. Vergessen wir doch nicht, dafs die Sitte, sämtliche Möbel und Dekorationsstücke eines Zimmers zu „Einrichtungen“ zusammenzustellen, zum ersten Male auf der Wiener Weltausstellung 1873 geübt wurde. Die Aufstellung einzelner Möbelstücke in einem Laden schliefst deshalb gewifs nicht aus, dafs der Magazininhaber in demselben Hause oder in einer Seiten- strafse seine Werkstatt hielt, in der der gröfste Teil der Arbeit handwerksmäfsige Kundenai’beit war. Ich glaube vielmehr bestimmt, wir dürfen letzterer, nun zumal in kleineren Städten, wohin doch sicherlich nur ganz verschwindend wenig fertige Möbel drangen, für die 1840er Jahre noch den bei weitem breitesten Raum in der Thätigkeit des Möbeltischlers einräumen. Wenn auch ein weitgehender Differenziierungsprozefs den bessern, wohlsituierten magazinhaltenden Tischlermeister von dem halb proletarisierten Alleinarbeiter sicherlich schon geschieden hatte. Dafs die Technik der Möbeltischlerei noch durchaus die handwerksmäfsige war, Maschinen noch nicht zur Anwendung gelangten und die Specialisation in den Anfängen stand, wird nicht bestritten (U. IV, 338). Holzbezug wie bei der Bautischlerei: Vgl. oben S. 465. Die Form der Möbel war die denkbar geschmackloseste; Neunzehntes Kapitel. Das vorkapitalistische Gewerbewesen. 4(j9 es sind die 1840er Jahre ja die Zeit, aus der die Horreurs von Einrichtungen unserer Eltern stammen. Abgesehen von einigen Oasen des Geschmacks •— so scheint Mainz seine alten Traditionen auch durch diese infam nüchterne Zeit hindurch bewahrt zu haben 1 — schaute es in den deutschen Tischlerwerkstätten jener Zeit wüst und leer aus. Dafs S c h i n k e 1 s Entwürfe für Möbeltischlerei, von denen ein so grofses Aufhebens gemacht wurde, erfolglos blieben, ist nur allzu bekannt 2 . Wenn der Berichterstatter über die Allgemeine deutsche Gewerbeausstellung in Berlin 1844 das Gegenteil behauptete, dafs sich nämlich „durch des unsterblichen Schinkels Vorgang die Tischlerei hinsichtlich des Geschmacks in den Formen ungemein gehoben“ habe 3 , so beweist er damit ebenso sehr seine Verkennung der thatsächlichen Verhältnisse wie sein Kollege Neukraut 4 durch die Behauptung, die deutsche Möbeltischlerei habe in den letzten Decennien „auch in Hinsicht der Formen einen so aufserordentlichen Aufschwung genommen, dafs sich im einzelnen wohl nicht ein höherer Grad der Vollendung denken läfst“. (!) Kann der bejammernswerte Tiefstand der damaligen „Kunsttischlerei“ in Deutschland schlagender erwiesen werden, als durch die ridikule Thatsache, dafs auf der erwähnten Ausstellung unter den Prachtstücken sich auch z. B. ein Armlehnstuhl mit Musikwerk (!) befand 5 6 ?! Die Böttcherei, das Gewerbe, das hölzerne Hohlgeräte anfertigt, in Stiddeutschland in Küferei (Fafsmacherei und Kellerarbeit) und Kühlerei (Anfertigung von Gefäfsen aus weichem Holz) geschieden, stand um die Mitte des 19. Jahrhunderts noch auf der Höhe ihres Daseins, als vielbegehrtes Handwerk. Dem damaligen Deutschland mit seinem Holzreichtum und seinen hölzernen Sitten entsprach so recht die Blüte der Böttcherei. Allerorts war das Holzgefäfs in Gebrauch. 1 U. III, 297 f. Jedoch wird für Mainz ausdrücklich konstatiert, dafs bis zu Anfang der 1840er Jahre die Produktion lediglich für den lokalen Bedarf betrieben wurde: a. a. O. S. 298. 2 Vgl. z. B. E. Groth, Das Kunstgewerbe als Nährquelle für das Handwerk. Kunstgewerbeblatt VI (1895) S. 151: „Schinkels Anregungen bleiben damals seltsamerweise ohne Einflufs auf die Entwicklung des deutschen Handwerks.“ Dafs Schinkels Entwürfe selber einem gebildeten Geschmack nicht genügen können, mag nur nebenbei erwähnt werden. 3 Amtlicher Bericht 3 (1846), 93 über die allg. deutsche Gew. Ausstellung in Berlin im Jahre 1844. 4 ln seinem „Ausführlichen Bericht über die allgemeine Gewerbeausstellung“ S. 537 f. 6 Amtl. Bericht 3, 95. Vgl. übrigens in diesem Werke Bd. II S. 293 ff. 470 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Im Familienhaushalt: als Badewanne, als Waschfafs, als Milch- und Bierkanne, als Holzeimer, als Pökel- oder Bierfafs u. s. w.; in Gewerbe und Handel: als Holzbottich oder Kühlschiff in Brennereien, Brauereien und vielen anderen Fabriken, als hölzerner Trog für die Viehtränke, als Butterfafs oder Milchsatte, endlich in weitem Umfange als Versandgefäfs. Was allein an Böttcherarbeit verlangten die aufblühenden Spiritus- und Zuckerindustrien! Und diesem mächtigen Bedarf mufste fast noch ausschliefslich das alte Handwerk genügen. Von Fafsfabriken wird noch im Jahre 1849 nichts in den statistischen Übersichten für das Königreich Preufsen erwähnt h Allerdings weist der auswärtige Handel mit Böttcherwaren schon ganz respektable Ziffern um jene Zeit auf. Im Jahre 1846 betrug die zollvereinsländische 1 2 : an: Einfuhr: Ausfuhr: groben Böttcherwaren. 5448 Ctr. 5455 Ctr. groben, rohen, ungefärbten Böttchei'-, Drechsler-, Tischlerwaren .... 27526 - 28273 - Immerhin keine Mengen, beträchlich genug, um dem einheimischen Böttcherhandwerke nennenswerten Abbruch zu thun. Das Drechslerhandwerk hatte wohl um die Mitte des Jahrhunderts einen Teil seines alten Produktionsgebiets bereits verloren. Immerhin steht es noch als Ganzes ungebrochen da: Meister Timpe braucht sich um den flotten Gang seines Geschäftes noch wenig zu sorgen. Das Spinnrad wird noch häufig verlangt; die Anfertigung von Pfeifen und Stöcken liefern ihm reichliche Arbeit. Was ihm Konkurrenz machen könnte, sind die wenigen in der oben mitgeteilten Einfuhrziffer enthaltenen ausländischen Drechslerwaren. Denn von Fabriken, die seine Artikel herstellen, hören wir in Deutschland noch Ende der 1840er Jahre nichts. Ähnliches gilt vom Klempnerhandwerk, das wir als Baugewerbe schon kennen gelernt haben. Wenn seine Hauptthätigkeit auch immer in der Bauklempnerei gelegen hat (U. II, 139), so war doch auch das Arbeitsgebiet der Gerätschaftsklempnerei noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts recht beträchtlich; Bleidosen, Vogelbauer, Wirtschaftsutensilien, Laternen und Lampen waren die wichtigsten Gegenstände seiner Produktion. Sie wurden noch fast ausschliefslich von der handwerksmäfsigen Klempnerei erzeugt. Die 1 Vgl. z. B. die Übersicht in Hübners Jahrbuch. 1852. S. 54f. 2 Dieterici, Übersicht, 417. Neunzehntes Kapitel. Das vorkapitalistische Gewerbewesen. 471 Einfuhrmengen sind unbedeutend. Im Jahre 1846 kamen über die Grenzen des Zollvereins 1 : Feine Bleiwaren, als Spielzeug etc. . 8 Ctr. Feine, auch lackierte Zink waren . . 40 Feine, auch lackierte Zinnwaren . . 85 Die Anfertigung von Lampen gewährte mit der zunehmenden Verbesserung des Beleuchtungswesens dem Handwerker insbesondere reichliche Arbeit. In Berlin, dem Hauptsitz der modernen Lampenindustrie, gab es 1849 erst eine „Lampenfabrik“ mit 9 Arbeitern. (U. VII, 252.) Die Uhrmacherei hatte in der Mitte des 19. Jahrhunderts bereits eine tiefgreifende Umgestaltung erfahren: sie hatte die Neuanfertigung von Uhren, bis auf die Turmuhren, bereits an die kapitalistische Industrie abgeben müssen 2 . Ein letzter Rest war ihr hie und da geblieben. So läfst sich für Leipzig feststellen, dafs noch zu Anfang der 1840er Jahre von einem Uhrmacher Zimmeruhren auf Bestellung gemacht worden sind, dafs ein anderer sogar noch solche Uhren auf Vorrat gearbeitet habe, zum Verkauf auf der Messe (U. V, 68). Die Taschenuhrenfabrikation hatten die Hausindustrien des Schwarzwalds und der Schweiz, die Fabriken Englands schon längst an sich gerissen. Doch war die Thätigkeit des damaligen Uhrmachers immerhin noch eine umfassendere als heute: die Repassage der Uhren bedeutete noch etwas ganz anderes. Sie war der heutigen Finissage noch eher verwandt: d. h. die einzelnen der fertig bezogenen Uhrenteile mufsten erst noch einer gründlichen Nacharbeitung unterzogen werden, um brauchbar zu sein. Die Reparaturarbeit war aber auch noch dadurch inhaltsreicher, dafs die Einzelteile nicht fertig in Furniturenhandlungen gekauft werden konnten, sondern vom Uhrmacher selber hergerichtet werden mufsten. (U. V, 70.) Die Buchbinderei endlich, der als letzten Gerätschaftshandwerks hier Erwähnung geschehen soll, lebte in der geschilderten Zeit ebenfalls noch so gut wie völlig im Stande handwerlcs- mäfsiger Jungfräulichkeit. Das Symbol des Buchbinderhandwerks, in dem es seine Einheit findet, ist der Kleistertopf: alles, was geklebt wird, gehört in sein Bereich. Daher neben dem Büchereinbinden ursprünglich die An- 1 Dieterici, a. a. 0. S. 448 ff. s U. I, 68 f. ; IX, 433. 472 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. fertigung von Pappschachteln, Kartons, Futteralen, Düten x , etc. etc. ihm oblag. Ja sogar ein Teil der Papierverfertigung fiel dem Buchbinder, der stets von der Gefahr einer Unterschreitung des Arbeits- und Ernährungsminimums bedroht war, als willkommene Ergänzung seines Produktionsgebietes zu. „Die ältere der heute lebenden Generationen kann sich noch der Zeit erinnern, wo der Lumpensammler Zeugreste für die an dem nächsten Flufslaufe gelegene Papiermühle holte, welche die Lumpen zu Brei stampfte und ein grobes, poröses Papier herstellte, welches unter den geschickten Händen des Buchbinders erst für seine Zwecke brauchbar wurde. Er zog es durch Leimwasser oder Brühe von Kalbfüfsen, liefs es trocknen und verlieh der abgelagerten Schicht des Bindemittels mit dem Falzbein Glanz und Glätte. Durch Zusatz von Farbstoffen zu der Flüssigkeit färbte er auch das Papier und maserte es durch Betupfen mit dem Pinsel oder indem er zwei frischgeleimte Bogen mit der rechten Seite, wo die Farbe aufgetragen war, aufeinanderlegte und sie dann langsam von einander abhob 1 2 3 * * * * .“ All diese Arbeiten sind ihm bis in die Mitte unseres Jahrhunderts zu einem grofsen Teil wenigstens 8 erhalten geblieben. Erst nachher beginnt vor allem auch die lievolutionierung der Buchbindertechnik: seit Mitte der 1840er Jahre dringt der Calico ein, gleichzeitig mit ihm zahlreiche Maschinen wie die Beschneidemaschine, Pappschere und Vergold erpresse, später Heft-und Liniermaschinen u. s. w. 1 Das Dütenkleben bezw. Dütendreben war ursprünglich allgemein Sache des Lehrlings in den Kolonialwarengeschäften. Es bedeutete schon eine Steigerung der Verkehrsintensität, als diese Verrichtung aufserhalb des Ladens besorgt wurde; derjenige, der sie übernahm, war der Buchbinder. Erst Ende der 1850er Jahre beginnt in weiterem Umfange die fabrikmäfsige Düten- herstellung. Bestätigt für den Bezirk der H.K. Halberstadt in derenFest- schrift zur Feier ihres 25jährigen Bestehens (1873—1898) S. 91. 2 Elisabeth Gnauck-Kühne, Die Lage der Arbeiterinnen in der Berliner Papierwarenindustrie, in Schmollers Jahrbuch XX (1896) S. 374/75. 3 Teile der Papparbeit waren bereits abgebröckelt. So zählt die preufsische Fabrikentabelle für das Jahr 1849 „Fabriken für Kartonnage, Portefeuille, Visitenkarten, bunt Papier, Goldborten, Goldleisten, Bildermalerei, Stick- und Strickmuster“ 39 mit 828 Arbeitern auf. Doch ist dieser Eingriff in das alte Buchbinderhandwerk noch recht unbedeutend, wenn man erwägt, wie viele der in dieser Zusammenfassung aufgeführten Produktionszweige überhaupt nie dem Arbeitsgebiet des Buchbindergewerbes angehört hatten. Neunzehntes Kapitel. Das vorkapitalistische Gewerbewesen. 473 Und damit genug der lästigen Detailkrämerei, die freilich nicht vermieden werden konnte, sollte der Leser ein hinreichend klares Bild von dem vorkapitalistischen Gewerbewesen am Vorabend seiner Umgestaltung empfangen. Die eingehende Darstellung dient gleichsam zur Ergänzung der Ausführungen im vierten, fünften und sechsten Kapitel dieses Bandes, in denen das Wesen handwerksmäfsiger Organisation in seinen generellen Zügen geschildert wurde. An jene Ausführungen soll nun aber der Leser nocli einmal mit aller Deutlichkeit erinnert werden, wenn ich ihm in dem folgenden Kapitel mit wenigen Strichen die gesellschaftliche Struktur am Ende der früh- kapitalistischen Periode, wie sie aus der Gestaltung der Produktion insonderheit der gewerblichen Produktion sich ergiebt, vor Augen führe. Zwanzigstes Kapitel. Die gesellschaftliche Struktur. * Die folgenden Zahlen bringen zunächst nichts anderes als den ziffernmäfsigen Ausdruck des volkswirtschaftlichen Bildes, das ich in den vorhergehenden beiden Kapiteln zu entwerfen versucht habe. Im unmittelbarsten Anschlufs daran erscheinen die Zahlen, mit welchen die Gliederung der Bevölkerung nach der Berufszugehörigkeit ersichtlich wird. Selbstverständlich prävaliert die landwirtschaftliche Bevölkerung. Nach der Ende 1843 vorgenommenen Zählung ergiebt sich für den preufsischen Staat folgende Gruppierung *. % der Gesamt- Eigentlich Landwirtschaft treibende Be- bevölkerung völkerung. 9 413 022—9 490 381 = 60,84-61,34 Stoffverarbeitender Thätigkeit obliegende, also gewerbliche Bevölkerung i. e. S. .3 614 370 = 23,37 Handeltreibende Bevölkerung .... 149421 = 0,97 In Verkebrsgewerben beschäftigte Bevölkerung . 60 655 = 0,39 Gast- und Schankwirtschaft etc. 90604 — 0,59 Beamte, Militär, Rentiers, Geschäftslose . — 4,5—5 Die gewerbliche Bevölkerung gliederte sich dann weiter nach den Hauptabteilungen in dieser Weise: Mechanische Künstler u.Handwerker 2 040 566 = 13,19% d. Gesamtbevölkerung Weberei. 505 161 = 3,27 - - Berg- und Hüttenproduktion . . . 262443= 1,69 - - Mühlen aller Art. 237 177 = 1,53 - - Brauerei und Branntweinbrennerei. 179 443= 1,16 - - Maschinenspinnerei ....... 58 356 = 0,38 - - Sonstige Fabrikanstalten .... 331224 = 2,15 - - Zusammen wie oben 3 614 370 = 23,37% d. Gesamtbevölkerung 1 Zusammengestellt vom Frhrn. von Reden, Vergleichende Kulturstatistik etc. 1848. S. 412 ff. Zwanzigstes Kapitel. Die gesellschaftliche Struktur. 475 Ähnlich, nur noch etwas rückständiger, stellt sich die Gliederung der Bevölkerung im Königreich Bayern um jene Zeit dar 1 . Hier entfielen 1840 von 100 Personen auf die Land- und Forstwirtschaft.65,7 gewerblichen und merkantilen Berufe.25,7 höheren Beamten, Künstler, Gelehrte, Rentiers . . 5,4 Militärstand. 1,4 konskribierten Armen. 1,8 100,0 Um die Bedeutung dieser Ziffern für die Erkenntnis des gesellschaftlichen Zustandes eines Landes am Ende seiner frühkapitalistischen Epoche völlig zu ermessen, ist nun aber vor allem notwendig, dafs wir uns von dem Geist Kenntnis verschaffen, der in den einzelnen Berufsschichten bezw. socialen Klassen herrscht. Da er- giebt sich denn folgendes: Im Innern des Handwerks herrscht noch immer reiner Handwerkergeist. Zwar hat der Differenziierungsprozefs zwischen den wohlhäbigen Grofsmeistern, den Inhabern der „Bänke“ und „Gerechtsame“, den Mitgliedern der (meist geschlossenen) Zünfte und den ärmlichen Alleinmeistern wohl weitere Fortschritte gemacht. ^ Aber es sind doch immer erst quantitative Unterschiede, noch keine Klassengegensätze. Solche bestehen auch noch nicht zwischen Meister und Gesellen, die sich vielmehr im wesentlichen noch als Angehörige eines und desselben Berufes fühlen und auch in der alten Arbeitsund gröfstenteils sogar noch Lebensgemeinschaft verharren. Meister und Geselle waren gewerbliche, technische Arbeiter geblieben, mit im wesentlichen gleichen Kenntnissen und Strebungen. Man hat wohl auf die Gesellenbewegung im Jahre 1848 hingewiesen, um die Klassengegensätzlichkeit zwischen Gesellen und Meistern darzuthun. Meines Erachtens mit Unrecht. Denn die Existenz von Gesellenopposition und -Remonstration ist doch sicher noch kein Beweis, dafs das alte Schichtungs- und Gemeinschaftsverhältnis zu Ende gegangen wäre. Dann hätte es ja schon vor Jahrhunderten beseitigt sein müssen. Gerade, wenn wir uns die Gesellenbewegung ira Revolutionsjahre genauer anschauen, erkennen wir die noch völlige Handwerksmäfsigkeit, wenn ich mich so ausdrücken darf, ihrer Be- 1 F. B. W. von Hermann, Über die Gliederung der Bevölkerung des Königreichs Bayern. 1855. S. 14. Über die analogen englischen Ziffern in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts vgl. Toynbee, 37; auch J. Gold- stein, Berufsgliederung 1, 44 f. 476 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Strebungen. So wissen wir, dafs sie erst sich verselbständigen, nachdem ihr Versuch, gemeinsam mit den Meistern in eine Bewegung einzutreten, gescheitert ist. Was sie dann aber selbst erkämpfen, ist im wesentlichen gar nichts anderes als das Wohlergehen des Handwerks und eine Besserung ihrer Stellung im Handwerk. Sie fühlen sich noch durchaus als Glieder des Handwerks und kämpfen selbst für dessen Existenz. Ich habe an anderer Stelle darauf hingewiesen, wie die deutsche Bewegung von 1848 in ihrer Unterströmung gerade durch das Dominieren des handwerksmäfsigen Gesellentums gekennzeichnet wird, was bei der geringen Entwicklung des Proletariats ja ganz selbstverständlich war. In welchem Umfange die charakteristische Arbeitsgemein- schaft des Handwerks in den 1840er Jahren noch äufserlicb zum Ausdruck kam, durch die Angliederung der Gehilfen an die Hausgemeinschaft des Meisters, läfst sich leider nicht feststellen. Ich kenne wenigstens allgemein statistische Nachrichten über diesen Punkt erst aus den 1860er Jahren. Ich glaube aber, dafs man noch in sehr weitem Umfange ein Zusammenleben des Gesellen mit der Meisterfamilie und eine durchgängige Eingliederung selbstverständlich des Lehrlings in die Familiengemeinschaft des Meisters für jene Zeit annehmen mufs. Darauf lassen die noch heute sehr beträchtlichen Reste jener Sitte schliefsen — ich komme in anderem Zusammenhänge darauf zurück — das scheint mir aber auch aus einer richtigen Würdigung gelegentlicher früherer Berichte hervorzugehen. Wenn z. B. Regierungsrat Mülmann um die Mitte der 1860er Jahre darüber klagt 1 , dafs in der Rheinprovinz die „alte patriarchalische Sitte, die Ge- werbsgehilfen als zum Hausstand des Meisters gehörig zu betrachten“, fast nirgendwo mehr besteht, so müssen wir berücksichtigen, dafs er zwanzig Jahre später nach Jahren revolutionärer Entwicklung für den fortgeschrittensten deutschen Industriebezirk schreibt. Also ist es sehr wahrscheinlich, dafs ein Menschenalter früher selbst in diesem noch, in weniger entwickelten Teilen Deutschlands aber auch selbst in den 1860er Jahren, jene „alte patriarchalische Sitte“ noch bestand. Denn würde er sonst über ihr Verschwinden so akut klagen? Sein Kollege Jaco b i berichtet für den Regierungsbezirk Arnsberg Mitte der 1850er Jahre noch ohne Einschränkung: „Wohnung und Kost pflegen die Gesellen. . . vom Meister zu erhalten, eine Ausnahme hiervon machen an mehreren Orten hauptsächlich die Baugesellen . . . Auf dem Lande 1 Statistik des Reg.-Bez. Düsseldorf II, 2, 491—93. Zwanzigstes Kapitel. I)ic gesellschaftliche Struktur. 477 sowie bei den Fabrikwarenschmieden in den Kreisen Hagen und Altena pflegt der Geselle sich bei dem Meister nach Art des Gesindes, in der Regel auf Jahreslohn zu vermieten und führt dann auch den ganz bezeichnenden, ehemals für die Gesellen allgemein üblichen Namen: Knecht 1 .“ Zu demselben Schlüsse, dafs nämlich in den 1840er Jahren die Hausgemeinschaft zwischen Meister und Gehilfen noch Regel, mindestens in allen mittlereren und kleineren Städten bildete, führt mich eine Ziffer, die über das Tischlerg ewerbe in Berlin berichtet wird. In diesem wohnten von den Gesellen und Lehrlingen beim Meister 1867 noch 12,9 °/o, 1871 noch 7,3 °/o (U. IY, 347). Nehmen wir nun ein gleich rasches Tempo der Abrüstung für die vergangene Zeit an, so würden wir für die 1840er Jahre doch immer auf etwa 40 °/o Erhaltung kommen. Und das für eins derjenigen Gewerbe, in dem der Zersetzungsprozefs fast die meisten Fortschritte gemacht hat, in der gröfsten Stadt des Landes, Berlin! Ebenfalls findet meine Ansicht eine Bestätigung in den Mitteilungen, die Schneer in seinem bekannten Bericht über die Zustände der arbeitenden Klassen in Breslau „mit Benutzung der amtlichen Quellen des Kgl. Polizei-Präsidium des Magistrats“ macht. Dort hat er eine Tabelle zusammengestellt 2 , auf der genau die Ent- löhnungsart der Gesellen in den verschiedenen Handwerken beschrieben ist. Dabei sind zwei Rubriken unterschieden: „bei Lohn-Arbeit“, bei „Accordarbeit“. Letztere kommt in allen Gewerben vor; erstere ebenfalls mit Ausnahme der Herrenschneiderei und Schuhmacherei. Ob das Fehlen der Lohnarbeit in diesen beiden Gewerben nur eine Mangelhaftigkeit der Tabelle ist, läfst sich nicht feststellen. Nun geht aber aus den Angaben über die Bezüge der Gesellen hervor, dafs bei Lohnarbeit stets der Geselle beim Meister wohnt und ifst, bei Accordarbeit ebenfalls der Regel nach. Es stimmen nämlich die Wochenverdienstsätze bei Accordlohn mit den Barlohnsätzen bei Lohnarbeit fast durchgängig überein und nur bei den Goldarbeitern, den Lohgerbern und den Tischlern ist ausdrücklich unterschieden: Verdienst ohne und Verdienst mit Naturalverpflegung. Ich gewinne aus dieser Tabelle das Bild einer noch erhaltenen, allerdings in der Abnahme begriffenen Eingliederung des Gesellenstandes in die Hauswirtschaft des Meisters. Diese 1 L. H. W. Jacobi, Das Berg-, Hütten- und Gewerbewesen des Reg.- Bez. Arnsberg. 1856. S. 539. 2 Alexander Schneer, Über die Zustände der arbeitenden Klassen, in Breslau. 1845. S. 22. 478 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Auffassung findet abermals ihre Bestätigung in dem Gespräche, welches Schneer mit einem Altgesellen geführt haben will und welches also lautet 1 : Frage: Sparen viele unter Ihnen? Antwort: Ordnung und Sparsamkeit ist unter den Gesellen meines Gewerks 2 ziemlich verbreitet und allgemein; ich weifs mehrere Beispiele, dafs Gesellen, die gar nichts von Hause aus be- safsen, im stände waren, sich so viel in der Gesellenzeit zurückzulegen, dafs dieser Sparsatz zu ihrer selbständigen Niederlassung als Meister ausreichte. Frage: Welchem Umstande würden Sie diese gröfsere Ordnungsliebe der Gesellen ihres Gewerkes zuschreiben? Antwort: Ganz besonders dem, dafs sie durch die Aufnahme in das Haus des Meisters einen moralischen Halt gewinnen und einer Aufsicht unterworfen sind, deren die Gesellen, welche meist in jüngeren Jahren sind, bei ihrer Jugend in andern Gewerken entbehren, wenn sie nicht im Hause des Meisters wohnen. Frage: Glauben Sie, dafs diese Vorteile mehr durch das familienmäfsige Band der gegenseitigen Anhänglichkeit oder mehr durch die strenge Zucht erreicht werden, mehr dadurch, dafs der Geselle nicht auszugehen braucht oder mehr dadurch, dafs er in seinen Vergnügungen namentlich in Betreff ihrer Dauer überwacht wird? Antwort: Ich würde diese Vorteile vielmehr der strengen Aufsicht und Zucht zuschreiben, denn nirgends umfafst den Gesellen und die Angehörigen des Meisters ein familienmäfsiges Band, und wenn der Geselle auch an den Mahlzeiten des Meisters teil nimmt, so bleibt er ihm und dessen Angehörigen im übrigen doch ganz fremd. Dies die Zustände in einer Stadt von damals ungefähr 100 000 Einwohnern. Ein aufserordentlich helles Schlaglicht auf die hier zur Frage stehenden Zustände werfen auch die Verhandlungen des konstituierenden Handwerkstages der Provinz Schlesien, der am 19. und 20. Juni 1848 in Breslau tagte und von mehreren Hundert Vertretern aller Handwerke aus ganz Schlesien besucht war. In dem hier zur Beratung stehenden Statut einer zu begründenden 1 A. Schneer, a. a. O. S. 23. 2 Es geht aus einigen Angaben über Einkommen etc. hervor, dafs es sich um einen Gesellen des Kürschnergewerbes handelt. Zwanzigstes Kapitel. Die gesellschaftliche Struktur. 479 „grofsen gewerblichen Gemeinschaft aller Handwerke“ befand sich ein § 16 folgenden Wortlauts 1 : „Der Meister mufs seine Gesellen in sein Haus und an seinen Tisch nehmen, daher keine verheirateten Gesellen zu dulden sind . . Wer seine Gesellen auf Schlafstelle schickt, soll höher besteuert werden.“ Über diesen Paragraphen entspann sich folgende, lehrreiche Diskussion 2 . Ein Vertreter aus Breslau bemerkt, dafs es bei den Maurer- und Zimmergesellen für den Meister unmöglich sei, sie ins Haus und an den Tisch zu nehmen, „da (!) dieselben nur einen Teil des Jahres arbeiten können, und die Zahl der Gesellen, die ein Meister beschäftigt, gar zu sehr vom Zufall abhängt. Auch sei in diesen beiden Gewerken das Heiraten und Selbstbeköstigen der Gesellen seit undenklichen Zeiten Brauch und Sitte“. Also auch hier wieder die schon erwähnte Ausnahmsstellung der Bauhandwerker, denen alle übrigen Handwerker wie eine gleiche Masse gegenüberzustehen scheinen. So wird denn der angeführte Paragraph auch angenommen, mit der Abänderung, dafs den Maurer- und Zimmermeistern allein nachgegeben werde, ihre Leute aufser dem Hause zu haben und dafs der Schlufssatz wegen höherer Besteuerung in Wegfall ko mm en solle. Der Antrag, die Stubenmaler, „welche den Winter über auch keine Beschäftigung hätten“, ebenfalls von der Bestimmung des Paragraphen auszuschliefsen, wurde abgelehnt, nachdem noch der Fabriken - Kommissarius Hoffmann auf die grofse Bedeutung der Erhaltung des alten patriarchalischen Verhältnisses zwischen Meister und Gesellen für das Handwerk hingewiesen hatte. Man ermesse endlich, wie tief noch der alte Brauch im deutschen Handwerk jener Zeit wurzeln mufste, wenn ein Vertreter wiederum aus Breslau mit Emphase und ohne Widerspruch zu erfahren erklären konnte: Das Stellmacher-Mittel hat seit 400 Jahren den Grundsatz festgehalten, keinen verheirateten Gesellen zu dulden; alle erhalten Kost und Schlafstelle im Hause des Meisters. Dieser Grundsatz hat sich als ausgezeichnet stets bewährt, was den Lebenswandel der Gesellen betrifft und diese sehen auf seine Befolgung viel strenger als Selbst die Meister, da sie jedem Gesellen, der sich verheiraten will, sofort alle Unterstützung entziehen. Man denke: 1 Vgl. Protokoll des ersten konstituierenden Handwerkertages der Provinz Schlesien (1848) S. 7. 2 A. a. 0. S. 12 f. 480 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. das galt für die Stellmacherei in Breslau noch Ende der 1840er Jahre 1 ! Aber was nun das besonders Charakteristische für die Wirtschaftsepoche ist, deren socialen Niederschlag wir eben studieren, ist dieses, dafs der handwerksmäfsige Geist nicht nur im Handwerk selbst noch herrscht, sondern auch diejenigen Sphären noch nicht völlig verlassen hat, in denen bereits der Kapitalismus haust. Das ersieht man zunächst daraus, welcher Art die sociale Stellung der gewerblichen Lohnarbeiterschaft in damaliger Zeit war. Wir werden noch sehen, wie eng sie mit der Landwirtschaft verknüpft war. Hier interessiert uns, dafs das Arbeitsverhältnis selbst durchaus noch die Eierschalen der handwerksmäfsigen Organisation an sich trug. Überall noch bei Papier und Eisen, bei Leder und Geweben begegnen wir dem „Meister“ mit seinen „Gesellen“, die wohl zuweilen sogar noch als „Knechte“ bezeichnet werden. Naturallöhnung und langfristiger Kontrakt sind nichts seltenes, namentlich finden wir sie in der Montanindustrie, die überhaupt am zähesten an den alten Formen hängt. Sind ja doch ihre Arbeiter eingegliedert in die zunftartigen Knappschaften, Bruderschaften etc. Nur ein Totalausdruck dieser halb handwerksmäfsigen, halb kapitalistischen Arbeitsverfassung ist denn auch das noch fast völlige Fehlen eines proletarischen Klassenbewufst- seins. Noch ist die Gliederung der gewerblichen Bevölkerung auch in der Sphäre des Kapitalismus eine wesentlich vertikale: die Standesehre der einzelnen Berufe verbindet auch in der kapitalistischen Industrie noch in meist patriarchalischer Weise Unternehmer 1 Ich teile noch einige andere Berichte mit, die ausdrücklich die Eingliederung der Gesellen in die Familiengemeinschaft des Meisters für jene Zeit bestätigen: Reuter, Verhältnisse und Lage der handarbeitenden Volksklassen in den deutschen Gegenden des mittleren Rhein- und unteren Main- und Neckargebiets (Zeitschr. des Vereins für deutsche Statistik I, 366/67). A. Flor, Arbeitslöhne u. Lebensmittelpreise . . in Altona (ebenda, S. 900ff). Hier werden als nicht beim Meister wohnend genannt: Schneider, „manche Schuhmacher“, Tischler, „einige Schmiede“ (S. 901). von Reden, Die Verhältnisse der handarbeitenden Bevölkerung im Fst. Hohenzollern-Sigmaringen etc. (ebenda S. 637). Für Frankfurt a. M. vgl. Paul Kampff- meyers ein reiches Quellenmaterial verarbeitende, höchst lehrreiche Studie „Vom Frankfurter Zunftgesellen zum klassenbewufsten Arbeiter“ (Arbeiter- Sekretariat Frankfurt a. M. Erster Jahresbericht für 1899), die überhaupt eine der besten Schilderungen des Arbeiter- und Gesellenwesens vor fünfzig Jahren enthält. Zwanzigstes Kapitel. Die gesellschaftliche Struktur. 43 1 und Arbeiter; die horizontale Gliederung in Unternehmertum und Proletariat steht dem gegenüber noch zurück. Das tritt vielleicht am deutlichsten in der Sinnesart der Bergarbeiter hervor. Man lese die Schilderungen*, die Peter Mischler von ihnen entwirft. Er findet, dafs „Alles, was Bergmann heifst, seien es Bergarbeiter oder Grubenvorstände oder Staatsbeamte, von einem und demselben Standpunkte aus auf das bürgerliche Leben und alle socialen Verhältnisse hinblickt, sich selbst aber in einem gemeinsamen Stande vereinigt betrachtet“ 1 . „Die Gemeinschaft in Gefahr und in Freude bei glücklichen Anbrüchen, in Hoffen und Harren nach lange ersehntem Erfolge, eine Gemeinschaft, die Hohe und Niedere in gleichem Mafse teilen; dies ist es, was den Bergmannssinn hervorruft, und dieser Sinn ist es, der den Bergmannsstand erzeugt und ihm sein eigentümliches Leben einflöfst“, so schildert ein anderer Kenner die damaligen Zustände 2 3 * * * * . Und wenn etwa die Arbeiterschaft revoltiert und nicht nur gegen Maschinen eifert oder Salons der Fabrikanten demoliert 8 , so 1 P. Mischler, Das deutsche Eisenhüttengewerbe. 2 Bde. 1852. 54. 1, 127. 2 Freiesieben, Darstellung der Grundlagen der sächsischen Bergwerksverfassung. S. 270. Cit. bei Gustav Schmoller, Die geschichtliche Entwicklung der Unternehmung. X. Die deutsche Bergwerksverfassung von 1400—1600 (Jahrbuch XV. 964—1029), wo die durchaus handwerksmäfsig gedachte ältere Arbeitsverfassung im deutschen Bergbau, allerdings vorwiegend Silberberghau, eingehend dargestellt ist. „Was damals festgesetzt wurde, ist für Jahrhunderte bestimmend geblieben, hat den Bergarbeiterstand geschaffen, wie er noch vor 30 Jahren in Deutschland bestand“ (a. a. O. S. 1009). Es mag an dieser Stelle auch daran erinnert werden, dafs erst die preufsische Berggesetzgebung von 1851—65 für Preufsen die Rechtsbasis für einen modern (hoch-)kapitalistischen Bergbau schuf. Erst damals wurden die Regalverfassung und die staatliche Anteilnahme am Ertrage der Bergwerke sowie die bureaukratische Bevormundung der Privatbergwerke beseitigt und der Gewerkschaft durch Annäherung an die Aktiengesellschaft eine leistungsfähigere Form gegeben. 3 Weberaufstände der 1840er Jahre in Schlesien! „Unter vielen von euch, redet Robert Heym, ein Maschinenfabrikant aus Chemniz, die deutschen Arbeiter an, wurzelt neben manchem andern hauptsächlich ein gefährliches Vorurteil . . . Einige glauben nämlich, dafs sie dadurch Arbeit erhalten und Verdienst erlangen können, wenn die oder jene Maschine beseitigt wird. Die Drucker z. B. wollen die Perrotinen- und Walzmaschinen abgeschafft oder doch so eingeschränkt wissen, dafs daneben die an jedem Orte vorhandene Anzahl von Druckern beschäftigt werden kann; die Weber stemmen sich hier und da gegen die Einführung des mechanischen Webstuhls Sombart, Der moderne Kapitalismus. I. 31 482 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. tritt ganz besonders deutlich der unentwickelte Stand ihres Klassen- bewufstseins in die Erscheinung. Dann erheben sie Forderungen, lassen Ideale durchblicken, die noch völlig der Welt des Handwerks angehören. Es genügt zum Beweise, auf die Bestrebungen der deutschen Arbeiterschaft in der 1848er Bewegung hinzuweisen, die, von ganz wenigen Gebieten abgesehen, in denen der Geist Marxens schon zu wirken begonnen hatte, durchaus einen gesellenhaften Charakter trägt, wo es sich um Fabrikarbeiter handelt, einen zünft- lerischen, wo Hausindustrielle die Fordernden sind * 1 . Dasselbe gilt von der Klasse der Unternehmer. Eine eigentliche grofsindustrielle Unternehmerklasse mit selbständigem Leben fehlt im vormärzlichen Deutschland fast noch so gut wie ganz: eine Thatsache, für die allein der Verlauf der 1848er Bewegung hinreichendes Beweismaterial liefert. Eine Revolution, in- sceniert von der wild gewordenen Boutique der Hauptstadt, getragen von kleinbürgerlich-professoralen Schönrednern und im Entstehen schon niedergeschlagen von den Bajonetten eines feudalen Königtums, war nur möglich in einem Lande, dem das eigentliche Rückgrat bürgerlicher Revolutionen, eine zielbewufste Industrie- Unternehmerklasse noch fremd war. Und dafs diese Diagnose richtig ist, dafür giebt es unzählige Indicien im einzelnen. Gewifs waren schon recht wohlhabende, ja wohl auch reiche Unternehmer bürgerlicher Observanz vorhanden. Aber sie waren meist noch vorwiegend kommerzieller Natur, daher ihre höchste Entwicklung in den grofsen Handelsstädten zu beobachten ist. Wo wir eigentliche Industrielle finden, stellen sie meist noch jenen Typus des Knallprotzen dar, der das Parvenutum aus allen Poren schwitzt: die erbärmlichste Karrikatur, die jemals in der Weltgeschichte erzeugt und wollen sie mit allen Mitteln hindern; die Kämmer bei der Kammgarnspinnerei verlangen, dafs die Kämmmaschinen beiseite gelegt werden sollen. In Mainz haben sogar die dortigen Handarbeiter die Besitzer der Dampfmaschine undPferde gezwungen, ihren Geschäftsbetrieb einzustellen.“ E. H ey m, Maschinen- oder Handarbeit ? Ein Wort an die deutschen Arbeiter. 1848. S. 8. 1 Aufserordentlich lehrreich für die Beurteilung der Arbeiterverhältnisse jener Zeit sind die zu der Vereinbarung vom 27. III. 1848 führenden Forderungen der Crefelder Seidenweber. Was sie erstreben, hatten ein halbes Jahrhundert früher die englischen Arbeiter ebenfalls gefordert: Wiederherstellung der alten zünftlerischen Ordnung und der alten Meisterehre und Meisterprivilegien. Vgl. die Schilderung bei Thun, Industrie am Nieder rhein 1,114 ff., und für die wiederum analogen Bestrebungen in England z. B. A. Held, Zwei Bücher zur socialen Geschichte Englands. 1881. Zwanzigstes Kapitel. Die gesellschaftliche Struktur. 483 «ist, noch ohne recht eigenes Leben, ein Zwitter zwischen Prolet und Patricier, unheilvoll vor allem für die ästhetische Entwicklung auch der gewerblichen Produktion: die berühmte „erste Generation“ industrieller Unternehmer, von denen kein Land verschont geblieben ist. Aber neben diesem doch immerhin schon echten Unternehmertypus wimmelt es von allerhand halbkapitalistischen Gebilden. Da ist zunächst der vom Handwerker ausgegangene „kleine Fabrikant“, der kleinkapitalistische Unternehmer, wie wir ihn nennen: der Klempnergeselle, der eine Metallwarenfabrik begründet, der Tuchmachermeister, der einen Webstuhl nach dem andern aufgestellt hat, bis er Inhaber einer „Tuchfabrik“ geworden 1 , alle jene Zwittergestalten, wie wir ihnen ja heute auch noch massenhaft begegnen, die aber naturgemäfs heute nicht mehr zu den tonangebenden Elementen im Unternehmertum gehören. Wie sehr sie damals dominieren mufsten, lehrt ein Blick auf die Ziffern der Betriebsgröfsenstatistik, nus der, wie wir schon feststellen konnten, eine winzige Durch- schnittsgröfse als das charakteristische Merkmal in die Augen fällt. Da sind in manchen Industrien ferner die halbfeudalen Grundherren, die nebenbei auch industrielle Unternehmungen auf ihren Besitzungen errichten, um deren Erzeugnisse besser zu nutzen. Das waren beispielsweise in Schlesien meist die Inhaber der Erzgruben und Eisenhütten in damaliger Zeit 2 . Da finden wir endlich — zumal in der Montanindustrie wiederum — jene eigenartigen Zwitterbildungen: halb Bauer, halb Hochofen- oder Hüttenbesitzer, entweder als kleine Einzelproduzenten ihr Handwerk treiben 3 oder zu den ursprünglich rein handwerks- mäfsig gedachten, allmählich erst mit kapitalistischem Geiste er- 1 Vgl. Schmoller, Kleingewerbe, 580/81. Für Berlin: „In der Hauptsache (?) erwuchs die Grofsindustrie aus dem Handwerk, indem tüchtige, intelligente Meister, die durch die vorzügliche Schule des Kgl. Gewerbeinstituts gegangen waren, sieh im Ausland und namentlich in Paris die nötigen technischen Fähigkeiten vollends angeeignet und nach der Heimat zurückgekehrt Fabriken gründeten.“ 0. Wiedfel dt, a. a. 0. S. 79. 2 „Der Grundherr ist hier Eigentümer der Eisenerze und verhüttet jährlich nur soviel, als bei jenen Holzvorräten möglich ist, die für ihn auf anderem Wege nicht verwertbar sind“: ein Umstand, in dem ein wesentlicher Hinderungsgrund für die Entwicklung des Hüttengewerbes erblickt wurde: P. Mi sch - ler, a. a. 0. 1, 201/2. 3 Banfield, 2, 100. „The ten iron-fumaces of the district (sc. Siegen) .are worked mainly by the proprietors; some few capitalists of Siegen having 31* 484 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. füllten Gewerkschaften zusammengeschlossen, die um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, man darf wohl sagen, noch die vorherrschende Wirtschaftsform in der Montanindustrie bildeten * 1 . * * * Ich denke, schon diese wenigen Hinweise, zumal wenn wir uns gleichzeitig der Schilderungen erinnern, die ich skizzenhaft von den Anfängen des Kapitalismus beim Ausgang des Mittelalters entwarf, werden dieses doch bestätigt haben, womit ich das sechste Kapitel schlofs, das vom Wesen handwerksmäfsiger Wirtschaft handelte: dafs in der That der Gesamtcharakter des deutschen Wirtschaftslebens um die Mitte des 19. Jahrhunderts, also am Ende der frühkapitalistischen Epoche, nicht so arg verschieden war von demjenigen, den das Wirtschaftsleben um 1350 oder wenigstens um 1450 trug. Während nun die grofse, ungeheure Wandlung beginnt, die uns in fünfzig Jahren weiter von dem Ausgangspunkte entfernt, als es früher fünfhundert Jahre vermocht hatten. ‘a few of the shares. The peasant owners are also shareholders in mines and in the forests around which supply the charcoal consumed. They manage to divide their time between the mine, the forest, the furnace, and their land, in such a manner as to be necessingly employed and they calculate closely enough in isolated speculations . . . There has throughout Germany been decided hostility to all concentration of capital in few hands with the exception of the fundholders.“ 1 „Die Eisen- und Stahlhütten im Siegener Lande und im Grunde Seelund Burbach . . . werden von zahlreichen Gewerken betrieben. Die Anteile der einzelnen Gewerke heifsen ,Hüttentage 1 , jeder derselben führt einen besonderen Betrieb und Haushalt unter Benutzung der der Gesamtheit gehörenden Hütte. So besitzt jeder einzelne Gewerke eigene Eisensteinplätze und Kohlenschuppen in der unmittelbaren Nähe der Hütte, schafft selbst den Eisenstein und die Holzkohlen an, verhüttet dieselben in einer bestimmten Reihenfolge in der ihm zuständigen Zeit und verkauft das erzeugte Roheisen. Diese seit Jahrhunderten bestandene Einrichtung übt einen nachteiligen Ein- 'flufs auf die technische Vervollkommnung der Vorrichtungen und des Betriebes aus, ... ist aber auf eine solche Weise mit allen Lebensverhältnissen der Gewerken verschmolzen, dafs deren plötzliche Aufhebung selbst bei einer vollständigen Erkenntnis ihrer Nachteile als unausführbar betrachtet werden mufs“, schreibt noch Mitte der 1850er Jahre der orts- und sachkundige J a- cobi, a. a. 0. S. 133. Fortgeschrittener waren zur Zeit, als Jacobi berichtete, schon die Zustände im westfälischen Oberbergamtsbezirk. Die von Jacobi -unzähligemal wiederholte, für ihn relevanteste Thatsache ist die, dafs sich in dem gesamten rheinisch-westfälischen Eisen- und Kohlenrevier seit etwa zehn Jahren ein totaler Umschwung vollzieht, der aber nichts anderes bedeutete als den Einzug des modernen Grofskapitalismus auf der Basis der anorganischen Technik. Vgl. noch 8. 61. 71/72. 118. Zwanzigstes Kapitel. Die gesellschaftliche Struktur. 485 Eine schwache Vorstellung von der Art und dem Umfange dieser Wandlungen zu geben, ist die Aufgabe der letzten Abschnitte dieses Bandes. Der leitende Gedanke, der ihnen zu Grunde liegt, ist also der: ein Gegenbild zu entwerfen zu der Skizze des gewerblichen Lebens am Ende der frühkapitalistischen Periode vornehmlich in Deutschland, wie sie in dem vorhergehenden Abschnitt versucht worden ist. Es soll geschildert werden, welche Veränderungen sich während des letzten halben Jahrhunderts in der Gestaltung der gewerblichen Produktion vollzogen haben oder noch zu vollziehen im Begriffe sind: zu Gunsten des kapitalistischen Wirtschaftssystems, wie sich von selbst versteht. Unsere Aufgabe ist danach in ihren einzelnen Teilen genau vorgezeichnet: wir müssen zuerst eine Darstellung von dem Eroberungszuge des Kapitalismus in das Gebiet der alten Organisationsformen versuchen (6. Abschnitt), um daran eine Übersicht zu knüpfen über die Wandlungen, die diese selbst erfahren haben, in ihrem Bestände, in ihrem Wesen (7. Abschnitt). Des ersteren Teils der Aufgabe werden wir uns am besten in der Weise entledigen, dafs wir die zahllosen Fälle kapitalistischer Neugestaltung nach den Formen ordnen, deren sich der Kapitalismus bedient, um sich die betreffende Sphäre der gewerblichen Produktion dienstbar zu machen: anknüpfend an die schematische Übersicht, die bei der Analyse der kapitalistischen Unternehmung auf Seite 202 ff. gegeben wurde. Dagegen fällt es aus dem Rahmen, der dieser Darstellung gesteckt ist, heraus: im einzelnen den Umbildungsprozefs zu verfolgen, den die am Ende der frühkapitalistischen Periode bereits vom Kapitalismus eroberten Produktionszweige, also namentlich Montan- und Textilindustrie durchlebt haben. Seine Schilderung ist einem späteren Bande Vorbehalten, der, wie schon öfters hervorgehoben, die Entwicklungstendenzen des Kapitalismus selbst zum Gegenstand der Bearbeitung haben wird. In dem Schlufskapitel dieses Bandes wird jedoch ein summarischer Überblick gegeben werden über die heutige Gestaltung des gesamten Gebietes der gewerblichen Produktion, in dem also auch die Wandlungen in den altkapitalistischen Sphären wenigstens in ihrem Endergebnis Berücksichtigung finden. Sechster Abschnitt. Der Siegeszug des gewerblichen Kapitalismus in der Gegenwart. Einundzwanzigstes Kapitel. Fälle indirekter Abhängigkeit vom Kapital. A. Bäckerei, Fleischerei, Schlosserei. In einem Verhältnis indirekter, aber darum nicht weniger fester Abhängigkeit vom Kapital 1 befinden sich zahlreiche Bäcker in den Grofsstädten. Die Statistik weist überall fast eine bedeutende Vermehrung der Bäckereibetriebe und zwar gerade der allerkleinstenj insonderheit der Alleinbetriebe auf. Diese Bäckereibetriebe haben nur die Lebensdauer der Eintagsfliegen; es sind ephemere Produkte kapitalistischer Spekulation auf Bäckermeister und Gesellen mit Etablierungsdrang. So erfolgten in Karlsruhe von 1888—1892 45 Neugründungen, diejenigen ungerechnet, die etwa in diesem Zeitraum gleich wieder eingingen; denn manche haben nur kurzen Bestand: in demselben Zeitraum verschwanden 21 Bäckereien von 99, die zu Anfang vorhanden gewesen waren (U. III, 16). In der Stadt Leipzig gab es (U. II, 350) 1886 = 127; 1887 = 135; 1888 = 141; 1889 = 140; 1890 = 152; 1891 = 139; 1892 =. 139; 1893 = 141; 1894 = 152 Bäckereibetriebe. Die Geldmittel, die sich in den Händen solcher Anfänger zu befinden pflegen, bestehen im besten Falle in dem Betrage des Sparkassenbuches eines 1 Nicht vom einzelnen Kapitalisten wohlgemerkt; dieser ist nämlich in unserem Falle oft selbst in prekärer Lage! Einundzwanzigstes Kapitel. Fälle indirekt. Abhängigkeit v. Kapital. 487 erheirateten Dienstmädchens; oft sind überhaupt keine vorhanden. Diese „Bäckermeister“ sind durchaus als Arbeiter im Dienste des Kapitals zu betrachten. Dieses drängt sich von zwei Seiten an sie heran: von der Seite der Mehlhändler und von der Seite der Bauspekulanten her. Erstere, die Mehlhändler oder Mühlenbesitzer, sind bestrebt, ihrem Artikel Absatz zu verschaffen dadurch, dafs sie mittellosen Bäckern den Betrag für bezogenes Mehl kreditieren, bis diese aus dem Erlös der verkauften Bäckerware, etwa nach dem ersten Vierteljahr, in den Stand gesetzt sind, ihre Schuld zu begleichen. „Nur wenige Bäcker“, heifst es in dem Bericht über Breslau (U. VII, 111), „sind in der Lage, gegen bare Zahlung kaufen zu können; die meisten nehmen ihr Mehl auf Kredit, der ihnen infolge einer grofsen Konkurrenz unter den (über 60) Mehlhändlern sehr leicht auf längere Zeit gewährt wird. Durchschnittlich ist der Kredit auf 2 Monate bemessen, jedoch werden gröfsten- teils 3, manchmal auch 4 Monate daraus.“ Kapitalerfordernis ist so gut wie keins vorhanden: „Es kommt ja nur darauf an, die Miete für das erste Quartal zu bezahlen und eventuell das Inventar zu vervollständigen, das Mehl wird auf Kredit bezogen, der dem Bäcker förmlich ins Haus getragen wird“ (a. a. O. S. 114) h Über Berlin erfahren wir folgendes (U. VII, 147): „Zwischen dem grofsen Mehlhändler und dem Bäcker steht oft erst wieder ein Mehlagent. Von ihm kauft der Bäcker das Mehl in verhältnis- mäfsig kleinen Quantitäten“ ; der Bäcker, dem die zum Mehleinkauf nötigen Kapitalien fehlen — und dies ist „bei der überwiegenden Mehrzahl gerade der Kleinbetriebe der Fall“ —, gerät in Abhängigkeit vom Mehlhändler. Dem „durch die starke und gewifs nicht immer saubere Konkurrenz der Mehlagenten beförderten Kreditgeber an notorisch zahlungsunfähige Bäckermeister“ . . . ist . . „die Entstehung so mancher kleinen Betriebe zuzuschreiben, deren Begründung ohne jedwedes lokales Bedürfnis einfach durch „„Einsetzen““ des Bäckermeisters seitens des Mehlhändlers erfolgt ist“. Dasselbe Bild in München 3 . ] Vgl. auch Oldenberg, Der Maximalarbeitstag im Bäckergewerbe. (1894), 125. Friedrich Frhr. zu Weichs-Glon, Die Brotfrage und ihre Lösung. (1898), 18 f. 2 Ph. Arnold, Das Münchener Bäckergewerbe. (1895), 46 f. Ganz ähnliche Verhältnisse in Paris, wo 90% aller Bäckereien in Abhängigkeit von der Müllerei stehen. Vgl. La petite industrie ä Paris; Tome I (1893), p. 42 (Publikation des Office du Travail), und Wien: vgl. M. Wolfram, Das 488 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Oder aber es ist das in Spekulationsbauten investierte Kapital, das durch das „Einsetzen“ von Bäckern nach Verwertung strebt. In vielen modernen Bauten befindet sich ein Backofen, zuweilen eine komplette Bäckereieinrichtung, die an mittellose Bäcker vermietet werden. Infolgedessen ein starker Andrang von Reflektanten auf „Selbständigkeit“. So wird die Vermehrung der Bäckereibetriebe in Karlsruhe zum Teil zurückgeführt „auf die Erleichterung der Begründung neuer Bäckereien, indem Bauherren in neuerer Zeit vielfach in Neubauten Backöfen auf eigene Kosten bauen lassen, um sie samt Laden und Wohnung an Bäcker zu vermieten. Dadurch wird es auch unbemittelten Gesellen möglich, Bäckereien einzurichten, während ehemals der Besitz eines Hauses fast unerläfsliche Bedingung dafür war“ (U. III, 16). Das Gleiche wird für München berichtet: der „Kleinbetrieb“ dehnt sich aus infolge erhöhter Leichtigkeit der Etablierung. Diese wiederum hat ihren Grund wesentlich in der Thatsache, dafs die Backöfen häufig Eigentum des Hauswirts sind. Die Hausbesitzer spekulieren auf die Kleinbäcker: weshalb ein enger Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Bäckerei und der der Bauspekulation besteht. „Die meisten Münchener Handbäckereien samt Einrichtung stehen im Eigentum des Hausbesitzers, der Meister wohnt nur in Miete 1 .“ Eine ähnliche Erscheinung wie der Kleinbäcker in Abhängigkeit vom Mehlhändler ist der Klein fl eischer von Viehhändlersoder Komissionärs Gnaden. Das Monopol, das auf einzelnen grofs- städtischen Viehmärkten die gröfseren Händler und Kommissionäre Bäckergewerbe in Wien (Deutsche Worte, hrsg. von E. Pernerstorfer XVII. Jahrgang [1897], S. 43/44). „Diese Verhältnisse“, heilst es da in trefflicher Zusammenfassung, „ermöglichen eine Unterströmung strebender Bäcker, mit wenig Geld und viel Unternehmungslust neue Geschäfte zu gründen, die vielfach, so rasch sie ins Leben gerufen, ebenso rasch wieder von d er Bildfläche verschwinden. Daraus erklärt sich, dafs den neu angemeldeten B etrieben fast regelmäfsig eine annähernd gleiche Anzahl zurückgelegter gegenübersteht. Naturgemäfs verschärfen jene Elemente den Konkurrenzkampf in um so empfindlicherer Weise, als sie um jeden Preis sich behaupten wollen, in der Überzeugung, es gelte nur, festen Boden zu gewinnen, Boden sei aber genug vorhanden, um darauf bequem stehen zu können, wenn die andern nicht gar so einen breiten Raum einnehmen wollten. Nicht die Unkenntnis des Back. Verfahrens richtet die Leute zu Grunde, wohl aber ihre ökonomische 0 hn- maeht, der Mangel an Kapital. Sie reiben sich auf, verbluten materiellsterben wirtschaftlich, — nicht ohne den Lebenskräftigen die Existenz zu erschweren.“ 1 Ph. Arnold, a. a. 0., S. 37. Einundzwanzigstes Kapitel. Fälle indirekt. Abhängigkeit v. Kapital. 489 besitzen, nutzen sie zuweilen aus, um kleine Fleischer ihrem Willen zu unterwerfen. So in Leipzig. Hier drückt der Händler den kapitallosen Fleischer (wie er auf der anderen Seite vom reichen Fleischer selbst gedrückt wird!). „Es soll mit einigen (sc. Fleischern) so weit gekommen sein, dafs sie nur schlachten können, wenn es dem Händler beliebt. Kommen diese Ärmsten auf den Markt, so weist ihnen der Händler einige Stück Vieh mit dem Bemerken zu: „„Diese habe ich für dich aufgehoben.““ Der Preis wird einfach vom Händler festgesetzt.“ (U. VI, 72.) Dasselbe wird von Berlin berichtet, wo in Jahren billiger Fleischpreise kapitalunkräftige, geschäftsunfähige Fleischereien auf den Kredit der Kommissionäre hin w'ie Pilze aus der Erde schiefsen, um durch eine ungünstige Konjunktur dann wieder zusammenzubrechen h Während jedoch die geschilderte Gestaltung der Kleinbäckerei eine typische Erscheinung dieses Gewerbes ist und vor allem die Betriebsverhältnisse stark beeinflufst, wandelt die Organisation der Fleischerei, wie wir noch sehen werden, im allgemeinen andere Bahnen 1 2 3 . Das gilt auch im grofsen Ganzen für die Schlosserei, obwohl uns auch in diesem Gewerbe vereinzelt ganz analoge Abhängigkeitsverhältnisse berichtet werden, wie wir sie für die Bäckerei kennen gelernt haben. So sollen Nürnberger Eisenhandlungen im Kreditgewähren so weit gehen, dafs sie selbst solchen bereitwillig Werkzeuge und Material zur Verfügung stellen, die ihnen nicht die geringste Garantie bieten (U. IH, 472/73). Dafs schliefslich häufig die entgegenkommenden Handlungen ge- 1 Levy von Halle, Die Berliner Fleisehpreise im letzten Jahrzehnt und die Reform des Vieh- und Fleischhandels in S chm oll er s Jahrb. etc. XVI (1892), S. 721. In Wien, wo früher ähnliche Verhältnisse herrschten, ist durch die Errichtung einer Kreditkasse eine Lostrennung des Kreditgeschäfts von der Vermittlung erfolgt und damit jene Kapitalhörigkeit für die kleinen Fleischer beseitigt. Vgl. R. Riedl, Der Wiener Schlachtviehhandel in seiner geschiclitl. Entwicklung; in Schmollers Jahrhuch XVII (1893), S. 855 f., 871 ff. 3 Ebenfalls scheint es mir kein typischer Fall zu sein, der aus dem Dorfe Unseburg in der Prov. Sachsen berichtet wird. Der Vollständigkeit halber mag aber doch seiner hier Erwähnung geschehen. In Unseburg hat nämlich das dortige gröfste Detailhandelsgeschäft, eine Art moderner Bazar, einen Teil des Fleischergewerbes an sich gezogen. Es läfst das Schlachten durch einen fest angestellten früher selbständigen Fleischermeister und einen Lehrling besorgen. In der Zeit flotten Geschäftsganges werden täglich 1 Schwein und wöchentlich 2 Rinder geschlachtet. Die Fleischerei dieses Bazars ist die bedeutendste am ganzen Ort. Vgl. F. Flechtner, Der Detailhandel in Unseburg in der Enquete über „die Lage des Kleinhandels in D.“ 1 (1899), 170. 490 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. schädigt werden, ändert nichts an der Thatsache, dafs wir es mit „Eintagsmeistern“ zu tliun haben, die gar nichts anderm ihre Existenz verdanken als dem Verwertungsstreben des Kapitals. Eine analoge Erscheinung ist endlich auch der Kleintischler, der seine Selbstständigkeit der Konkurrenz der Holzhändler verdankt (U. IV, 493). Dasjenige Gebiet nun aber, auf dem die indirekte Unterwerfung handwerksmäfsiger Existenzen unter die Interessen des Kapitals eine besonders grofse Rolle spielt, sind die Baugewerbe. B. Baugewerbe. Die moderne Organisation der Baugewerbe ist überaus kompliziert und mannigfaltig, sodafs ein genaues Eingehen auf die verschiedenen Organisationsformen unerläfslich erscheint. Obwohl nun fast in allen gröfseren Städten aller Kulturländer immer die nämlichen Erscheinungen sich herausgebildet haben, so wird doch die Darstellung dadurch erschwert, dafs leider die Terminologie für die verschiedenen Agenten im Baugewerbe von Ort zu Ort nicht identisch ist. Ich werde soviel als möglich das Wesen der Sache selbst darzustellen suchen und gelegentlich auf die Verschiedenheit der Nomenklatur hinweisen 1 . 1 An Litteratur liegen zunächst wieder eine Reihe brauchbarer Arbeiten in U. vor; die ausführlichsten behandeln Breslau und Leipzig. Aufserdem sind zu nennen: K. Oldenberg, Das Deutsche Bauhandwerk. 1888. Bringmann, Die Schäden im modernen Bauwesen in der „Neuen Zeit“, 1896/97, Bd. I, S. 358 ff. Mifsstände im Baugewerbe. Eine Arbeiterdarstellung, herausgeg. von der Generalkommiss, der Gewerkschaften Deutschlands. (Bearbeiter Dr. M. Quarck.) 1897. G. Heinke, Ein Beitrag zur Geschichte der baugewerblichen Arbeiterschutzgesetzgebung in Deutschland. 1897. Interessante Streiflichter auf die Entwicklung des modernen Baugewerbes enthält auch gelegentlich J. Schmocle, Die socialdemokratischen Gewerkschaften in Deutschland etc. Zweiter Teil: Einzelne Organisationen. Erste Abteilung: Der Zimmererverband. 1898. Vgl. auch: P. M. Grempe, Technische Fortschritte im Bauwesen. Neue Zeit XIX 2 , (1900/1901), 54 ff. — Aus der ausländischen Litteratur kommen vor allem wieder die Arbeiten P. de Maroussems über die Question sociale in Betracht, deren erster Band in vorzüglicherWeise den Charpentier behandelt. Neuerdings ist eine interessante Studie über die Baugewerbe in Lyon erschienen von A. Bleton, L’industrie du bätiment ä Lyon in den von Pic und Godart neu begründeten „Questions Pratiques de Legislation ouvri^re et d’Economie politique“ I« Annäe (1900) Nos 7—9. Einundzwanzigstes Kapitel. Fälle indirekt. Abhängigkeit v. Kapital. 491 Die Revolutionierung des Baugewerbes ist auf das engste verknüpft mit dem Vordringen des Spekulationsbaus, d. h. des nicht mehr auf Bestellung, sondern als Ware für den Markt produzierten Baues. Die marktmäfsige Häuserproduktion nimmt seit Ende der 1850er Jahre in den deutschen Grofs- und Mittelstädten entsprechend dem Anwachsen ihrer Bevölkerungszahl und der Höhe der Grundrente, stetig an Bedeutung zu, dringt in den 1870er Jahren rasch siegreich vor und herrscht heute, wenigstens soweit die Mietshäuser in Betracht kommen, fast unumschränkt. Während z. B. die Frankfurter Handelskammer in ihrem Bericht von 1883 konstatiert, „dafs Aufträge aus Privatkreisen immer seltener werden“, heifst es schon 1886: „Privatbauten — d. h. Bestellungsbauten —■ giebt es fast gar nicht mehr 1 .“ Die Eigenart der marktmäfsigen Häuserproduktion liegt nun vor allem darin, dafs sie fast stets im unmittelbaren Zusammenhänge mit der Baugrundspekulation steht; d. h. dafs ein Gewinn meist nicht nur aus der Bauthätigkeit allein, sondern gleichzeitig auch aus der Verwertung spekulativ erworbener Grundstücke erstrebt wird. Diese Doppelnatur der Häuserspekulation bringt es nun aber mit sich, dafs das Kapital in das Baugewerbe von zwei ganz verschiedenen Seiten her eindringt; einmal nämlich von der Seite der Häuserproduzenten, sodann von der Seite der Baugrundhesitzer her. Dort wird die Vornahme des Häuserhaus kapitalistisch umgestaltet, die Verwertung des Kapitals in der kapitalistischen Gestaltung der Produktion angestreht: was zur Entwicklung des grofsen Baugeschäftes, der kapitalistischen Bauunternehmung im strengen Sinne des Wortes führt: eine Entwicklung, mit der wir an anderer Stelle uns noch zu beschäftigen haben werden. Diese kapitalistisch gestaltete Häuserproduktion braucht nicht notwendig nur auf Spekulationsbauten sich zu erstrecken: ein grofses Baugeschäft, das mit Hunderten von Arbeitern für Private oder Behörden Gebäude auf Bestellung ausführt, ist darum nicht minder eine kapitalistische Unternehmung. Sie kann aber natürlich auch in der Sphäre der marktmäfsigen Häuserproduktion sich be- thätigen. In diesem Falle kann das Baugeschäft identisch sein mit dem Bauspekulanten, braucht es aber nicht Der Profit des Baugeschäfts ist zunächst also immer Produktionsprofit, kann aber durch Absatzgewinn vergröfsert werden. Wenn das Kapital von der Baugrundspekulation seinen Ausgangs- 1 Vgl. U. I, 223 f., 327; für Karlsruhe III, 70; für Leipzig IX, 583 f.; für Breslau IX, 389 f., 394 f. 492 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. punkt nimmt, so sind wiederum zwei Fälle der Verwertung in der Produktionssphäre möglich: entweder nämlich das Kapital baut in eigener Regie, d. h. beschäftigt im eigenen, direkten Aufträge die Bauarbeiter — sei es wiederum ein grofses Baugeschäft, sei es die einzelnen Bauhandwerke — oder esläfst bauen. In diesem letzten Falle erscheint ein formell selbständiger „Bauunternehmer“ als Bauleiter auf der Bildfläche, der aber in Wirklichkeit meistens nichts anderes als ein Strohmann ist, den das Kapital vorschiebt, um sein eigenes Risiko so viel als möglich zu verringern. Diese Kreatur will ich in Zukunft „Zwischenunternehmer“ nennen 1 . Es ist nun eine überall wiederkehrende Erscheinung, dafs die produktive Verwertung des Baugrundkapitals anfänglich vermittels des Bauens in eigener Regie versucht worden ist, dafs man aber allmählich diese Form aufgegeben und zu der zweiten übergegangen ist, d. h. der Ausführung von Bauten durch Zwischenunternehmer. So entstanden in Breslau nach dem französischen Kriege sog. Baubanken 2 , deren Zweck die Organisation der baugewerblichen Unternehmung auf kapitalistischer Grundlage war. Diese Baubanken erwarben weite Flächen Bauareal, führten darauf die Kanalisierungs-, Pflasterungs- und sonstigen Ai'beiten aus, parzellierten den Baugrund auf beiden Seiten der neugeschaffenen Strafse und liefsen die Grundstücke auf ihre eigene Rechnung bebauen. Bereits im Jahre 1878 jedoch stellten sie diese Thätigkeit ein und beschränkten sich in Zukunft auf die Grundstücksspekulation und die sogleich näher zu beschreibende Subventionierung von Zwischenunternehmern. Als Grund wird angeführt, dafs infolge verschärfter Konkurrenz die Qualität des Häuserbaues sank und die Baubanken nicht an dieser Schleuderkonkurrenz sich offenkundig beteiligen wollten. Der Hauptgrund ihres Zurücktretens vom Eigenbau liegt aber wohl darin, dafs sie die indirekte Verwertung ihres Kapitals erheblich vorteilhafter fanden, um so mehr als sie damit ihr Risiko auf ein ganz geringes Mafs einschränken konnten. 1 In der Litteratur erscheint er meist unter der Bezeichnung „Bauunternehmer“ schlechthin. Diese Bezeichnung ist jedoch irreführend, weil der betreffende Strohmann keineswegs den Charakter eines normalen kapitalistischen Unternehmers trägt. „Bauunternehmer“ in korrekter Anwendung des Wortes ist der Inhaber eines kapitalistischen Baugeschäfts. Die Sache selbst findet sich übereinstimmend in allen gröfseren Städten. Vgl. auch Oldenberg, a. a. 0., S. 12/13. 2 1871 die Schlesische Immobilien-Aktienbank; 1872 die Breslauer Baubank; U. IX, 393. Einundzwanzigstes Kapitel. Fälle indirekt. Abhängigkeit v. Kapital. 493 Ganz ähnliche Vorgänge wie die für Breslau geschilderten, sehen wir auch in anderen Städten sich abspielen. So bestand in Karlsruhe im Anfang der 1870er Jahre die „Rheinische Baugesellschaft“. Sie gründete eine eigene Grofsziegelei, betrieb den Handel mit Bauplätzen im grofsen und führte Bauten vollständig in eigener Regie aus. Doch war sie nur von kurzem Bestände. Sie liquidierte unter erheblichen Kapitalverlusten (U. III, 79). Die meisten kapitalistischen Baugrundspekulationsunternehmen nennen sich heute schon nur „Terraingesellschaften“ k Jetzt also wird die überwiegende Mehrzahl aller Spekulationsbauten mit Hilfe eines Zwischenunternehmers ausgeführt. Hinter ihm steht der Geldgeber. Die Geldgeber sind gegenwärtig aufser den Baubanken meist gröfsere Kapitalisten und gewöhnlich — z. B. in Breslau — jüdische. Ihr Hauptgeschäft und Verdienst besteht im An- und Verkauf unbebauter Grundstücke. Mit dem Häuserbau stehen sie, wie gesagt, durch jene Zwischen unternehmen in Verbindung, die sie subventionieren. Die Zwischenunternehmer sind heute gewöhnlich Maurer und Zimmerleute (zuweilen auch Tischler), die früher Gesellen oder Polierer waren und selbst etwas vom Bauen verstehen; dafs, wie es in den 1870er Jahren häufig der Pall war, die Unternehmer Leute aus allen möglichen Berufen sind, Barbiere, Droschkenkutscher u. dgl., ist heute bereits als Ausnahme zu betrachten. Eins ist aber unverändert geblieben: die meist vollständige Mittellosigkeit dieser „Unternehmer“. Nur ganz vereinzelt findet sich einer, der selbst Vermögen besitzt; im allgemeinen leben sie in recht traurigen Verhältnissen, unaufhörlich von Gläubigern bedrängt und in steter Gefahr vor schweren Gefängnisstrafen bei etwaigen Unfällen infolge der liederlichen Bauart, die sie doch selbst beim besten Willen nicht aufgeben können, wenn sie überhaupt bestehen wollen 1 2 . 1 An der Berliner Börse notieren über 30, zum Teil sehr grofse „Bau- Gesellschaften“, als welche meist nur Terraingesellschaften sind. Vgl. auch Salings Börsenjahrbuch 1901/1902, S. 861 ff. 1592 ff. Soweit es sich um wirklich bauende Grofsunternehmungen handelt, komme ich auf diese Gebilde in anderem Zusammenhänge zurück. Vgl. das 25. Kapitel. 2 Ein hartes, aber, so viel ich sehe, zutreffendes Urteil über die eigenartige Stellung des Kapitals zum modernen Spekulationsbau fällt L. Esch- wege, Privilegiertes Spekulantentum (1899) S. 16: „Dafs sich heute das reelle, solide Kapital von der eigentlichen Bauthätigkeit zurückgezogen hat, liegt eben daran, dafs die Verhältnisse in dieser Branche eine immer unsolidere /Form angenommen haben. Eine grofse Anzahl der grofsstädtischen Bauten 494 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Eine so eingehende Darlegung des modernen Bauwesens war notwendig, um das richtige Verständnis zu gewinnen für die Ab- liängigwerdung bauhandwerksmäfsiger Existenzen vom Kapital. Der Deutlichkeit halber sei noch einmal hervorgehoben, dafs es sich hier einstweilen nur um den Fall handelt, dafs die Bauausführung selbst noch nicht kapitalistischen Unternehmungen anheimgefallen ist, sondern nach wie vor in den Händen „selbständiger“ Bauhandwerker ruht. Wenn wir nun deren Abhängigwerdung vom Kapital verstehen lernen wollen, so müssen wir 2 Fälle scharf von einander sondern. Den einen Fall will ich als den der legalen Unterwerfung, den andern als den der schwindelhaften Ausbeutung bezeichnen. Jener erste Fall (der legalen Unterwerfung) tritt überall dort ein, wo der Bauhandwerker statt wie früher der Regel nach mit einem privaten Bauherrn, mit einem kapitalistischen Unternehmer seine Verträge abschliefst: mag dieser ein „Zwischenunternehmer“ der eben charakterisierten Gattung oder ein solider Architekt oder eine Bauunternehmung, ein Baugeschäft oder sonst etwas, mag der Bau ein Bestellungs- oder ein Spekulationsbau sein. Immer hat sich jetzt die Situation insofern zu Ungunsten des Bauhandwerkers verschoben, als er mit einer Gegenpartei zu thun hat, die nach Profit strebt und den eigenen Profit zu vermehren trachtet dadurch, dafs sie den Gewinn des Handwerkers selber zu verringern sucht. Man bemüht sich, diesen letzteren in einen möglichst erbitterten Konkurrenzkampf mit seinen Genossen hineinzutreiben, was bei der naturgemäfs schwachen Position der Kleinhandwerker in der Regel nicht schwer fällt. Das überaus wirksame Mittel, dessen man sich zu diesem Zwecke bedient, ist das Submissionsverfahren 1 : die Handwerker werden aufsind schwindelhafte Unternehmungen, ausgeführt von Skrupel- und mittellosen Unternehmern, die häufig nur darauf rechnen, auf Kosten der leichtgläubigen Bauhandwerker (vgl. unten S. 496 ff.) eine Zeit lang üppig zu leben. Errichtet ist das Haus meistens auf einem Terrain, das durch die Spekulation unnatürlich verteuert ist. Ist es da ein Wunder, wenn sich nur solche Leute zum Hausbauen finden, die nichts mehr zu verlieren, aber alles zu gewinnen haben? Wenn es dem Unternehmer eines solchen Baues gelingt, vier Wochen nach der Vollendung das Haus zu verkaufen, so ist es gut, wenn nicht, dann kommt das Haus zur Subhastation; der Hausbesitzer greift fröhlich zum Wanderstabe, und ein Trost ist ihm geblieben: weniger als vorher konnte er auch jetzt nicht haben.“ 1 Das Submissionsverfahren ist das normale Verfahren bei öffentlichen Bauten. Doch pflegen sich bei diesen meist nur die gröfseren selbst kapital- Einundzwanzigstes Kapitel. Fälle indirekt. Abhängigkeit v. Kapital. 495 gefordert, Gesamtangebote für die Übernahme der betreffenden Bauarbeit zu machen, und dadurch veranlafst, sei es aus Unkenntnis, sei es aus Not ihre Forderungen so tief herabzudrücken, dafs ihr Verdienst im besten Falle ein anständiger Arbeitslohn ist. Folgende Belege mögen das Gesagte bestätigen. Von Augsburg heifst es (U. III, 534): „In allen diesen Fällen hat es der Bautischler nicht mehr mit einem Privatmann zu thun, sondern mit einem geriebenen und kundigen Geschäftsmann, der genötigt und gewöhnt ist, das Verhältnis zum Bauhandwerker vom geschäftlichen Standpunkte zu betrachten und alle geschäftlichen Vorteile auszunutzen. Die Bautischler klagen sehr über gedrückte Preise hei Lieferungen und Arbeiten für Bauten.“ Von Karlsruhe (U. III, 80): „Das ist die hier wie überall wiederkehrende Klage, dafs der Preis allmählich herabgedrückt werde, besonders bei den Submissionen, und zwar nicht durch die gröfseren, festbegründeten Geschäfte, sondern vorwiegend durch kleine, allzu bedürfnislose Meister.“ Von Frankfurt a. M. (U. I, 328): „Die besseren Wohn- und Geschäftsgebäude werden jetzt von grofsen Baugeschäften, die über alle Vorteile des Grofsbetriebs, der Kapitalmacht und der Arbeitsteilung innerhalb einer zahlreichen Arbeiterschaft verfügen, gebaut. Ihnen übertragen auch die reichen Privatleute ihre Bauten. Die lassen sich von einem selbständigen Architekten oder von dem Techniker einer Baufirma einen Plan entwerfen. Die Ausführung des Baues geschieht bis in die letzten Einzelheiten unter der Leitung des Baugeschäfts, das die einzelnen Arbeiten an Bauhaudwerker überträgt. Der Dachdecker, der Schreiner, der Glaser verkehren nicht mehr mit dem Besitzer. Die sind von dem Baugeschäft mit der Ausführung der Arbeiten beauftragt, erhalten von ihm dafür Bezahlung und sind ihm allein verantwortlich. Der Bauunternehmer überträgt aber meist nicht mehr nach persönlicher Besprechung einem bekannten Meister die Arbeiten, sondern ähnlich wie die städtischen und staatlichen Behörden fordert er mehrere Handwerker zur Submission auf. Diese stellen dann die Preise möglichst niedrig, damit ihnen nicht ein Konkurrent durch einen nur vielleicht unbedeutenden Unterschied in den Forderungen die Arbeit wegnimmt. kräftigen Baugeschäfte zu beteiligen, worin ein wesentliches Korrektiv gegen die ruinösen Wirkungen der Submission liegt. Über Submissionswesen siehe den Art. „Submissionswesen“ im H.St. Bd. VI. (1. Aufl. Lexis, 2. Aufl. F. F. Huber.) Aufser der daselbst genannten Litteratur vgl. noch Olden- berg, a. a. 0. S. 14 f. und U. Index s. h. v. 496 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Der Bauunternehmer hat das gröfste Interesse daran, den Konkurrenzkampf der Meister zu verschärfen. Jede Erniedrigung der Preise, sowie sie nicht durch eine Verschlechterung der Arbeit wett gemacht wird, erhöht seinen Profit. Bei einer völlig freien Submission werden deshalb oft die Bauarbeiten zu einem Preise übertragen, der keinen Profit mehr gewährt. — Leichtsinnige, unerfahrene Handwerker oder solche, die augenblicklich für ihre zahlreichen Arbeiter keine ausreichende Beschäftigung haben, junge Meister, die sich rasch bekannt machen und einführen wollen, suchen um jeden Preis die ausgeschriebenen Arbeiten zu erhalten. Nicht nur, dafs sie die Forderungen ihrer Konkurrenten bis zu 25 Prozent unterbieten, sie übernehmen oft noch dazu besondere Verpflichtungen, wie Stellung der Gerüste u. dergl., welche die Selbstkosten erheblich steigern.“ Von Berlin (U. IV, 291): „Unter diesen Umständen wird der Wettbewerb kleinerer Meister (Bauschlosser) bei reellen Unternehmungen immer schwieriger und ihre Zwangslage wird dann von betrügerischen Bauunternehmungen ausgenutzt. Der Meister bemüht sich um Arbeit, übernimmt notgedrungen, was sich ihm bietet, zu einem minimalen Preise und findet sich am Ende selbst um dieses Wenige noch betrogen.“ „Liefert er nicht, so liefert sein Konkurrent und er mufs vielleicht mit einem noch unsichereren Besteller vorlieb nehmen 1 .“ Wie aus diesen Mitteilungen schon hervorgeht, ist der Grad der Dienstbarmachung ein höherer bei den sog. „kleinen“ Bauhandwerken, also Tischlerei, Schlosserei, Glaserei, Töpferei, Klempnerei etc. als bei den grofsen, nämlich Maurerei und Zimmerei, und zwar deshalb weil diese meist selbst schon kapitalkräftige und deshalb widerstandsfähige Unternehmungen sind. Das gilt ganz besonders auch für den zweiten Fall der Unterwerfung unter das Kommando des Kapitals: den Fall, den ich als schwindelhafte Ausbeutung bezeichnet hatte. Dieser ereignet sich fast nur bei den durch Zwischenunternehmer ausgeführten Spekulationsbauten. Hier handelt es sich nicht mehr nur um eine Kürzung des Gewinns eines Handwerksmeisters, sondern um dessen, freilich auf legalem Wege vor sich gehende Beraubung. Und das geschieht so. Jener Zwischenunternehmer, dessen sich das Kapital zu bedienen pflegt, ist, wie wir sahen, der Kegel nach mittellos. Um den Bau überhaupt ausführen zu können, erhält er vom Geldgeber 2 H. Freese, Der Schutz der Bauhandwerker (1898), S. 22. Einundzwanzigstes Kapitel. Fälle indirekt. Abhängigkeit v. Kapital. 497 die sog. Bauhilfsgelder. Diese reichen nun meist nicht hin, um sämtliche Bauarbeiten zu bezahlen. So werden denn vor allem die Maurer- und Zimmerarbeiten bezahlt, zunächst um das Vertrauen in die Zahlungsfähigkeit des „Unternehmers“ zu erhöhen, sodann wiederum, weil diese Arbeiten meist in den Händen gröfserer Geschäfte liegen, die nicht mit sich spafsen lassen und beim Ausbleiben einer Wochenzahlung einfach den Bau stehen lassen, seine Weiterführung selbst also in Gefahr bringen. Dagegen bemüht man sich, die Arbeiten der „kleinen“ Bauhandwerker möglichst auf Kredit zu erhalten; dank der Konkurrenz dieser meist armseligen Existenzen untereinander gelingt es häufig genug. Verfolgen wir nun das Schicksal der solcherart kreditierten Beträge. Dazu bedarf e3 nochmals eines Blickes auf die Beziehungen zwischen Geldgeber und Zwischenunternehmer. Jener ist, wie wir sahen, in den meisten Fällen, Bodenspekulant. Er mufs also vor allem trachten, sein Grundstück vorteilhaft zu verwerten. Das thut er, indem er es dem Zwischenunternehmer verkauft. Da der Unternehmer von dem Geldgeber vollständig abhängig ist, mufs er das Grundstück, das er bebauen will, um jeden Preis annehmen, den der Kapitalist festzusetzen für gut befindet. Bei dieser Lage der Dinge begnügt sich der Geldgeber natürlich nicht mit einem bescheidenen Gewinn, sondern rechnet das Grundstück so hoch als nur irgend möglich an, meist doppelt, drei und noch mehrmal so hoch, als er selbst dafür bezahlt hat. Der Unternehmer aber leistet keinerlei Anzahlung, da er ja gewöhnlich mittellos ist; der Geldgeber mufs daher den Preis des Grundstücks als Hypothek eintragen lassen. Ferner mufs er dem Unternehmer, damit dieser den Bau überhaupt ausführen kann, wie wir schon sahen, sogenannte Bauhilfsgelder geben. Diese werden ebenfalls zusammen mit etwaigen anderen Unkosten, die gleich von vornherein veranschlagt werden, als Hypothek auf das zu erbauende Haus eingetragen. Der Geldgeber will nun natürlich das vorgestreckte Geld so bald als möglich zurückerhalten, um es in gleicher Weise wieder verwenden zu können. Er sucht daher seine Hypothek entweder auf einen Privatmann zu übertragen oder aber, was bei weitem das häufigste ist, auf eine Hypothekenbank. Da aber die Hypothekenbanken nur bis 2 /s, höchstens 8 U des Taxwertes des Hauses beleihen, so sucht der Geldgeber mindestens eine so hohe Taxe zu erzielen, dafs durch die Beleihung der Bank seine Hypothek vollständig frei wird. Sombart, Der moderne Kapitalismus. I. 32 498 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Sind nun die Bauhilfsgelder erschöpft, so bleibt die Bezahlung der Lieferanten einfach aus. Wollen sich die Handwerker an den allein haftbaren Zwischenunternehmer halten, so werden sie sehr bald merken, dafs ihnen das gar nichts nützt. Denn dieser dunkle Ehrenmann besitzt ja selbst nichts; oder wenn er ein kleines Vermögen sein eigen nennt, so hat er gewifs nicht versäumt, es auf den Namen seiner Frau eintragen zu lassen. Da griffen denn die geprellten Bauhandwerker zu einem anderen Auskunftsmittel: sie liefsen ihre ^ Forderungen als Hypothek auf das Grundstück eintragen. Aber siehe da! auch das verschlug nicht. Wie wir nämlich schon wissen, stehen auf solchem Grundstück bereits als erste Hypothek der kreditierte Kaufpreis, als zweite Hypothek die kreditierten Bauhilfsgelder des Geldgebers. Blieb also den Handwerkern nur an dritter Stelle ein Platz für ihre Hypothek. Nun wissen wir aber ferner, dafs die nominellen Werte solcher Grundstücke weit über ihre reellen hinaus künstlich in die Höhe getrieben sind. Kommt das Grundstück zur Subhastation, so ist der erzielte Kaufpreis meist nur gerade hoch genug, um die erste und zweite Hypothek zu decken. Die folgenden Hypotheken, also auch die unserer Bauhandwerker, fallen einfach aus. Auf diese Weise sind wahre Unsummen von den Bauhandwerkern an solchen Schwindelbauten im Laufe der Jahre verloren worden. Dafür sprechen folgende Ziffern: ^ V erzeichnis l der in den Jahren 1886—1894 öffentlich verkauften bebauten Grundstücke in der Stadt Hamburg mit Vororten, bei welcher Hypothekengelder verloren gingen. Jahre Anzahl der Grundstücke Beschwerung Mk. Verkaufspreise Mk. Sonach sind Hypotheken verloren gegangen 1886 90 6 239 095 5 100 350 1 138 745 1887 58 4 689 150 3647 600 1 041 550 1888 49 3000 250 2433350 566 900 1889 53 4496 880 3653840 843040 1890 121 11 289 500 9 030 300 2 268200 1891 202 20 404520 16495 900 3 908 620 1892 282 26 042 355 20113 250 5929305 1893 392 36 907 107 27 005 150 9 901957 1894 493 48 604490 37 006 750 11597 740 1740 161 673 347 124 486 490 37 196 057 Aus dieser Tabelle ist ersichtlich, dafs von 1886 an, wo der Bauschwindel auf der Höhe stand, bis 1894 nicht weniger als Einundzwanzigstes Kapitel. Fälle indirekt. Abhängigkeit v. Kapital. 499 37196 057 Mk. Hypothekengelder verloren gegangen sind. Die von der Gewerbekammer befragten Fachleute haben versichert, dafs man mindestens 90 (? !) Prozent dieser Verlustsumme auf die Lieferanten und Handwerker i’echnen könne 1 . Für Berlin ist ausgerechnet worden 2 3 * * , dafs jährlich 20—30 Millionen Mark von Handwerkern an Bauten verloren gehen. Diese immensen Ziffern gewinnen an Glaubwürdigkeit, wenn man sich die Qualität der Zwischenunternehmer ansieht: bei den 830 in Berlin 1891 und 1892 errichteten Neubauten haben nicht weniger als 222 „Unternehmer“ von ihren Arbeitern Krankenkassenbeiträge unterschlagen 8 ! Ganz ähnlich lauten die Ziffern für Leipzig. Daselbst betrugen (für Gesamtleipzig): Jahre Hypothekenbelastung der Grundstücke Mk. V ersteigerungs- erlös Mk. Ausfall, den die Hypothekengläubiger erlitten Mk. Ausfall °/o der Forderungen 1891 28 374 971 8 621 152 19 753819 69,61 1892 13 037 007 9 274474 3 762 533 28,87 1893 10 972 246,52 7 527 831,62 3444 414,90 31,39 1894 12 668 058 8408 485 4 259 573 33,62 In 4 Jahren 65 052 282,52 33 831 942,62 31220 339,90 47,9 Wie viel von diesen Ausfällen auf Forderungen der Bauhandwerker zu rechnen ist, läfst sich freilich nicht feststellen. Es scheint jedoch, als ob die Angaben einiger Leipziger Innungen, welche sie auf Verordnung des sächsischen Ministeriums vom 6. Juni 1895 gemacht haben, hinter der Wirklickeit Zurückbleiben. Danach wären nämlich in den letzten 5 Jahren Verluste erlitten nur in folgender Höhe: von der Dachdeckerinnung.Mk. 110000 Glaserinnung.- 145000 Klempnerinnung.- 37 555 Maler-und Lackiererinnung . - 142764 Tischlerinnung.- 81594 zwei Schlossermeistern .... - 3 203 1 Mifsstände etc., S. 12. 2 Petition des Bundes für Bodenbesitzreform an den Staatssekretär des Reichsjustizamts Dr. Bosse. „Die Ausfälle bei Schwindelbauten sind . . in mittleren Geschäften zuweilen 50°/o des Verdienstes, in kleinen manchmal das Mehrfache des Jahresverdienstes.“ U. VII, 294. 3 Nach Mitteilung des Kassenvorstandes. Vgl. H. Freese, Wohnungsnot und Absatzkrisen. Jahrbücher III. F., Bd. VI, (1893), S. 661. 32* 0 500 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Es ist auch zu bedenken, dafs viele gerade der kleinsten Meister, die besonders häufig jene Schädigung trifft, keine Innungs- mitglieder sind hezw. in den Berichtsjahren waren * 1 . C. Möbeltischlerei und Tapeziererei. An dieser Stelle will ich nun aber auch die Möbeltischlerei ' und Tapeziererei erledigen, die, soweit sie nicht dem Grofsbetriebe verfallen sind, am besten unter dem Gesichtspunkte indirekter Ab- *2 hängigkeit in ihrer eigenartigen Organisation begriffen werden. Ganz allgemein handelt es sich hier um diejenigen Gebiete der Möbeltischlerei, die nicht mehr reinhandwerksmäfsig und noch nicht rein kapitalistisch organisiert sind, um Kleinmeister also, die sich, um ihre Erzeugnisse abzusetzen, genötigt sehen, die Hilfe des Kapitals in Anspruch zu nehmen und dadurch in dessen Botsmäfsigkeit geraten. 1 An Litteratur insbesondere über den Bauschwindel vgl. (jedoch mit Vorsicht!) aufser den bereits genannten Schriften noch: Petersen, Entlarvung des Bauschwindel - Systems; 1891. Freese, Das Vorrecht der Bauhandwerker in Schmoll ers Jahrbuch Band XVI, (1892), S. 921 f. G. Haherland, Baugewerbe und Bauschwindel; 1894. Böttger, Der Bauschwindel und das Pfandvorrecht der Bauhandwerker etc ; 1894. P. Oert- mann, Das Pfandvorrecht der Bauhandwerker (Conrads Jahrbücher, 4 III. F., Bd. V, Heft 1—3). Der Fall Seeger. Ein Notschrei des rechtlosen Bauhandwerks. Von Kassandra; 1894. Unlauteres Geschäftsgehahren. I. Typische Fälle etc. II. Berichte, Anträge und Verhandlungen etc. Zusammengestellt von Dr. Stegemann. 1894. Georg Haverland, Die Verluste der Bauhandwerker; 1895. Verf. ist Direktor einer Berliner Terraingesellschaft und daher unternehmerfreundlich gesinnt. H. Freese, Der Schutz der Bauhandwerker; 1898. (WB.) Die Forderungen der ßauhandwerker „Vor der Baustelle“, o. J. (1898). Carl Schmidt, Die Hypothekenbanken und der grofsstädtisehe Realkredit. 1899. Die Schrift, obwohl zur Verteidigung der Hypothekenbanken ahgefafst, unterrichtet doch gut über manche Interna des modernen Baugewerbes. Ferner erschienen Artikel in dem „Socialpolitischen Centralblatt“, der „Socialen Praxis“, der „Baugewerkszeitung“ etc. — Neuerdings haben sich die Juristen des Problems unter dem Gesichtspunkte eines ' „Pfandvorrechts der Bauhandwerker“ bemächtigt, wie schon aus dem Titel mehrerer der angeführten Schriften ersichtlich ist. Der 20. und der 24. deutsche Juristentag haben sich mit der Frage beschäftigt, natürlich nur unter formal-juristischem Gesichtspunkt, so dafs für den Nationalökonomen die betr. Verhandlungen ebenso wenig Interesse bieten, wie ein grofser Teil der rein juristischen Litteratur, die ich deshalb auch hier nicht weiter anführe. Zur Orientierung vgl. P. Oertmann, Art. „Pfandvorrecht der Bauhandwerker“ im H.St. Suppl. II und denselben, Die Bauhandwerkerfrage und der Entwurf eines Reichs-Gesetzes, betreffend die Sicherung der Bauforderungen in Brauns Archiv Bd. XII S. 35 ff. * Einundzwanzigstes Kapitel. Fälle indirekt. Abhängigkeit v. Kapital. 501 Dieses wird — wo es sich nicht um Export handelt — vertreten durch das Möbelmagazin, „für das der Meister arbeitet“. Es springt nun in die Augen, dafs der Grad der Abhängigkeit, in der sich der Tischler von diesem Magazin befindet, ein sehr verschiedener sein kann: von fast völliger Freiheit im Abschlufs der Lieferungsverträge bis zur völligen und reinen Heimarbeitschaft, wenn der Magazinhaber sogar den Rohstoff 1 und die Werkstatteinrichtung liefert: die Mehrzahl der Fälle wird durch eine Art indirekter Abhängigkeit gebildet werden. Nach den Berichten, die uns vorliegen 1 , hat nun jedenfalls die Arbeit für das Magazin, zumal in den Grofsstädten, ganz ungemein an Boden gewonnen; aber auch der Grad der Abhängigkeit der einzelnen Meister ist ein schon verhältnismäfsig hoher und hat die Tendenz noch weiter zu steigen, in dem Mafse, wie die kleinen, proletarischen Existenzen unter den Tischlern zunehmen. Hören wir die Schilderungen für einzelne Orte: In Berlin, wo seit altersher ein Sitz marktmäfsiger Tischlerei war, und wo auch heute noch eine Hauptproduktionsstätte handels- mäfsig abgesetzter Möbel ist, — die Specialität Berlins sind die sog. „Berliner Möbel“, d. h. Nufsbaum fournierte (meist Kasten-) Möbel mittlerer Qualität, deren gröfste Berühmtheit das famose „Verticow“ ist — sollen zwar „zu eigentlichen Heimarbeitern . . . die Tischler noch nicht herabgesunken“ sein: „das erforderliche Rohmaterial besorgen sie sich selbst und die Werkstatteinrichtung ist ebenfalls ihr Eigentum. Doch finden sich bereits Ansätze zu einer Entwicklung, welche die Abhängigkeit des kleinen Meisters noch fester zu gestalten sucht. Verschiedene Magazine haben Meister, die ausschliefslich für sie arbeiten und deren Werkstatt vom Magazin eingerichtet ist. Viele kleine Tischler beziehen die Fourniere von ihrem Möbelhändler, die dann bei der Ablieferung fertiger Möbel verrechnet werden“ (U. IV, 404). Offenbar steht nun die grofse Mehrzahl der kleinen Tischlereien Berlins diesem Endpunkt der Entwicklung nicht mehr fern, wie uns der Verfasser in der citierten Arbeit des weiteren berichtet. Sie liefern jedenfalls fast alle für Magazine. „Die dadurch hervorgerufene Abhängigkeit des Meisters vom Magazin weist alle denkbare Abstufungen auf. . . 1 Vgl. die zahlreichen Arbeiten in U., unter denen [diejenige Paul Voigts über das Tischlergewerbe Berlins (U. IV) hervorragt. Als Ergänzung dient desselben Verfassers Studie „Die Hausindustrie in der deutschen Möbelfabrikation“ in den Sehr. d. V. f. SP. Bd. 87. 502 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Die Abhängigkeit vom Händler wächst mit der abnehmenden Be- triebsgröfse, einmal weil der Meister, je weniger er in der Lage ist, abwarten und auf Vorrat arbeiten zu können, an und für sich um so mehr genötigt ist, zu jeder Bedingung loszuschlagen, sodann noch aus einem anderen Grunde: je kleiner der Betrieb wird, für um so weniger Magazine kann der Meister arbeiten und um so gröfser wird der Einflufs jedes Einzelnen auf seine Existenz. Arbeitet ein grofser Meister für 30—40 Geschäfte, so wird er den Verlust eines seiner Kunden leicht ertragen; er braucht nicht auf Bedingungen einzugehen, die ihm allzu unvorteilhaft erscheinen. Ein kleiner Meister, der für 3—4 Händler arbeitet, wird daher eher geeignet sein, nachteilige Bedingungen zu erfüllen, um nur ja den vorteilhaften Kunden nicht zu verlieren“ (ebenda S. 403). Nun erfahren wir aber (a. a. O. S. 368), dafs von den 3145 Berliner Tischlermeistern 2000 mit weniger als 3 Gehilfen, 1110 überhaupt ohne Gehilfen arbeiten 1 . Die Abhängigkeit des „Meisters“ ist ferner um so gröfser, je mehr er seine Arbeit specialisiert hat. Nun ist aber besonders in der grofsstädtischen Tischlerei eine starke Tendenz, diese Specialisation immer mehr auszubilden. Von Berlin beispielsweise wissen wir: Es giebt Betriebe, in denen nur Schränke, Tische, Stühle und Kommoden, Nähtische, Nachttische, Waschtische, Spiegeluntersätze, Verticows, Buffets, Bettstellen, Spiegelrahmen, Gardinenhalter, Sophas, Fauteuils, Herrenschreibtische, Damenschreibtische, Küchenspinden, Küchentische u. s. w. fabriziert werden. Und auch bei dieser Teilung hat man noch nicht halt gemacht. Bei den Stühlen existiert eine scharfe Trennung zwischen gewöhnlichen und feineren, bei den Schränken unterscheidet man Garderobenschränke, Bücherschränke, Glasschränke u. s. w. und bei den Tischen aufser den schon angeführten noch Koulissentische, Sophatische, Blumentische, Salontische u. s. w., von denen fast jeder Gegenstand den Specialartikel eines Betriebes bildet. Bei den Galanteriemöbeln sind Salonsäulen, Spieltische, Rauchtische u. s. w. Specialitäten. Andere Betriebe haben sich den kleineren Bedürfnissen des Haushaltes gewidmet und stellen Garderobenhalter, Schirmständer, Zeitungsmappen und dergl. her. Mit diesen Aufzählungen sind die verschiedenen Artikel, die 1 Uber ganz ähnliche Verhältnisse in London vgl. Booth, Life and Labour of the People. Billige Ausgabe, Vol. IV, 1893. „The Furniture Trade“ p. 157—218. Kach des Verf. Schätzung arbeiten von den 7000 Tischlern Londons 5700, also 88 V, i n Kleinbetrieben mit 4—8 Personen (p. 175). Ferner: P. de Rousiers, La question ouvriere en Angleterre. 1895. p. 136 f. Einundzwanzigstes Kapitel. Fälle indirekt. Abhängigkeit v. Kapital. 503 in den Specialbetrieben hergestellt werden, bei weitem nicht erschöpft; es ist aber nicht erforderlich, einen möglichst vollständigen Katalog aufzustellen, sondern es genügt die Thatsache zu konstatieren, dafs der Produktionsprozefs in der Berliner Tischlerei sich zum gröfsten Teil in mehr oder weniger specialisierten Betrieben vollzieht. Die Berliner Möbel werden in ganz Deutschland und im Auslande abgesetzt. Ihre Konkurrenz macht sich allerorts fühlbar 1 . In anderen Grofsstädten liegen die Verhältnisse ähnlich, wenn auch freilich Berlin mit seiner Riesenproduktion gerade an marktgängigen, in Klein- und Mittelbetrieben hergestellten Möbel einzig dasteht. Für München lautet ein Bericht 2 : Von der grofsen Masse der Tischlereibetriebe, die Mittelware, also hauptsächlich die alte Kundschaftsware, herstellt, haben sich viele Meister in das Unabänderliche gefunden und arbeiten für Magazine. Nur ein Teil der Schreiner lebt noch von Kundschaftsarbeit. In Augsburg scheinen es vornehmlich Kleinstbetriebe zu sein, die für die Magazine die minderwertige Ware liefern, während die bessere von auswärts bezogen wird. Abzahlungsgeschäfte und „Käufler“ (Trödler) spielen eine besonders wichtige Rolle für den kleinen Tischlermeister Augsburgs und der umliegenden Orte (U. III, 565-67). In Mainz arbeitet von den Tischlermeistern, die Gehilfen beschäftigen, ein „gutes Drittel“ für Fabriken, wenn bei diesen grofse Bestellungen einlaufen, die vorher unberechenbar sind. „Es ist selbstverständlich für den Grofsbetrieb vorteilhafter, stets eine Reihe von ihnen zur Verfügung zu haben, um sie nachher wieder abzu- stofsen“ u. s. w. „Wieder ein anderes Drittel arbeitet mehr oder minder selbständig für den Händler, der bessere Sachen verkauft, und ist, wie ehemals, völlig von ihm abhängig.“ In derselben Lage befinden sich sämtliche allein arbeitende Meister (U. III, 335). In Köln giebt es, wie anderwärts, einige Magazine für bessere (fournierte) Möbel neben einer grofsen Anzahl von Magazinen für minderwertige, namentlich tannene Möbel. Während nun die feinere Ware von auswärts kommt, werden für beide Arten von Magazinen die ordinären Möbel von Kölner Schreinermeistern her- 1 Berichtet für München: F. Thurneyssen, Das Münchener Schreinergewerbe. 1897. S. 74.90/91. Für Augsburg U. 111,528; Köln U. I, 262; Freiburg i. B. VIII, 249; Jena IX, 58; Karlsruhe III, 118; Spreewald VII, 527; Eisleben IX, 317; Umgegend von Könitz IV, 158; Nakel IV, 219. 2 Thurneyssen, a. a. 0. S. 75. 504 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. gestellt. Die hausindustriellen Meister, die für die besseren Magazine liefern, arbeiten meist mit 2 oder 3 Gesellen (U. I, 273); diejenigen, die für die sog. „Büchelgeschäfte“ thätig sind, sind der überwiegenden Mehrzahl nach Alleinarbeiter; „selten beschäftigen sie mehr als 2 Gesellen und zwar zu den niedrigsten Lohnsätzen“ (275). Lage elend (276). Das Absatzgebiet dieser Büchelgeschäfte ist Köln selbst in den unteren Schichten seiner Bevölkerung; ferner sind es die umliegenden Dörfer und besonders das Industriegebiet der Städte Elberfeld und Barmen, sowie das zwischen diesen Städten und Köln gelegene sog. Belgische Land, endlich das Industriegebiet Westfalens (277) b Die handwerksmäfsige Möbeltischlerei in Posen ist fast vollständig specialisiert. So giebt es Stuhlmacher, Tisch-, Kasten- und Polstergestellmacher, Schreibtisch- und Buffettischler etc. Diese Specialisten teilen sich noch weiter in Tischler, welche nur geschweifte Stühle, ferner gerade und gedrehte Stühle, Nufsbaum- und Mahagonistühle etc. herstellen. Vielfach liefern Tischler die Stühle bis auf die gedachten Teile roh, die Politur oder den Anstrich andern Werkstätten überlassend. Unter den Buffettischlern giebt es wieder solche, die nur Nufsbaum-, einfache oder nur eichene Buffets anfertigen etc. Die Vereinigung dieser einzelnen verschiedenen Gegenstände zu einheitlichen Zimmereinrichtungen etc. liegt in der Hand des Zwischenhandels, der durch Lieferung der Zeichnungen und Zuthaten an die Handwerker für Übereinstimmung der Möbelstücke in der Ausführung sorgt (U. I, 84). 60% aller Tischlerprodukte entstehen in Posen auf diese Weise (86). Aber auch die Möbeltischlerei in kleinen Städten und auf dem Lande ist, ganz ähnlich wie die grofsstädtische, bereits vielfach in die Abhängigkeit von Magazinen oder Möbelfabriken geraten. Fast aus allen Orten, von denen uns Berichte über die Lage der Tischlerei vorliegen, hören wir, dafs ein Teil der hand. werksmäfsigen Möbeltischlerei diesen Weg gewandert ist; so wissen wir es von den Dörfern des Spreewalds (U. VII, 521. 528), von zahlreichen Schreinerdörfern in Baden (U. in, 122; VIII, 243), von Emmendingen (VIII, 215), Neudorf bei Strafsburg i. E. (IH, 388), Könitz in Westpreufsen (IV, 166). So dafs wir wohl von einer allgemeinen Tendenz des Schreinergewerbes, in indirekte Abhängig- 1 Über die ganz analogen Verhältnisse im Breslauer Tischlergewerbe vgl. Soc. Praxis Jahrgang V, N«. 29; ferner A. Irmer, Das Magazinsystem in der Breslauer Möbeltischlerei; in den Sehr. d. V. f. St. Bd. 84. S. 451 ff. Einundzwanzigstes Kapitel. Fälle indirekt. Abhängigkeit v. Kapital. 505 keit vom Kapital zu geraten, sprechen dürfen. Dafs diese Abhängigkeit verschieden abgestuft ist, wurde schon hervorgehoben. Nur einer bestimmten, höchst charakteristischen Form solcher Abhängigkeit möchte ich zum Schlüsse noch Erwähnung thun, weil sie uns zeigt, von welcher weitgehenden Übereinstimmung derartige Gestaltungsprozesse des Wirtschaftslebens sind. Eine unfertige Erkenntnis sprach, wenn sie solche Uniformität der Erscheinungen beobachtete, gern von ökonomischen „Naturgesetzen“. Wir wissen, dafs es nichts anderes sind als die notwendig gleichen Wirkungen gleicher Ursachenkomplexe. Aber das Entzücken des socialen Forschers ist darum nicht minder grofs, wenn er ihnen begegnet. Was ich meine, ist dasjenige, was die Franzosen „tröle“ 1 nennen und die Engländer als Hökerei („hawking“) 2 bezeichnen. Das Bestreben des Kapitals, in unserm Falle des in den Möbelmagazinen vertretenen Kaufmannskapitals, das Risiko, soweit irgend angängig, von sich auf den Arbeiter zu wälzen, hat nämlich bei einigen Arten von Möbeln ■— ganz geringer Ware, die vollständig fungibel ist und, weil von jedem Tischler herstellbar, in stets hinreichender Menge angeboten wird — von irgend welcher festen Bestellung bei den Tischlern überhaupt abzusehen und das Angebot im eigenen Laden abzuwarten. Da fertigt denn der Arbeiter die Woche über Möbel einer bestimmten Gattung, für die er noch keinen Abnehmer weifs, und fährt mit ihnen am Sonnabend oder einem bekannten andern Wochentage von Magazin zu Magazin, seine Ware feilbietend. Dafs hier — bei der mächtigen Konkurrenz — die Abhängigkeit, und somit Niedrigkeit der Kaufpreise ihr höchstes Mafs erreichen — trotz der scheinbaren Freiheit — liegt in den Verhältnissen begründet. Hören wir einige der Berichte! Berlin (U. IV, 414): Hunderte von Meistern existieren, die unbedingt an jedem Sonnabend ihre Ware verschleudern müssen. „Diese „Meister“ arbeiten ohne jedwede Bestellung; sind die Arbeiten fertig gestellt, die Händler mit Holz, Leim und Fournieren angepumpt, der Arbeiter auf seinen Lohn vertröstet bis zum Verkauf der Arbeiten, so beginnt der „Meister“ den Verkauf. Die Arbeiten werden auf einen Möbelwagen geladen, dann fährt der 1 Vgl. die anschauliche Schilderung für Paris bei P. du Maroussem ) Ebeniste du Faubourg St. Germain. 1893. 2 Vgl. für London: Ch. Booth, 1. c. p. 175 seq. und P. de Rousiers, 1. c. p. 143 seq. Auch der First Report of the Select Committee of the House of Lords on the Sweating System (1888) enthält einschlägiges Material. 506 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. „Meister“ von Geschäft zu Geschäft anfragend, ob seine Arbeiten gebraucht werden; je später es wird, desto billiger ist er mit seinen Forderungen, bis er schliefslich für einen Preis die Arbeiten an den Mann gebracht hat, welcher kaum Arbeitslohn und Holz deckt.“ Freiburg i. B. (U. VIII, 244): „Die Niedrigkeit dieser Preise ist noch viel drückender für den arbeitslosen Stadtmeister. Wenn er in Ermangelung von Bestellungen einige Stücke auf Vorrat hat machen müssen, bietet er sie von Möbelhändler zu Möbelhändler an und verkauft sie schliefslich zu den niedrigsten Preisen, um die dringende Schuld an den Holzhändler los zu werden.“ Köln a. Rh. (U. I, 276): „Die Hausindustriellen kennen ihren Kundenkreis und den der Magazine aufs genaueste; sie wissen, welche Möbel und wieviel derselben es nötig hat. So wird die Woche hindurch geschreinert, des Sonntags angestrichen und gemasert, und Montags fährt der Hausindustrielle die während der vergangenen Woche gefertigten Stücke auf einem Handwagen bei seinen einzelnen Kunden vor und verkauft sie so“; ... „eine plan- mäfsige Ausbeutung seitens der Magazinbesitzer (soll) nicht allzu selten sein“. Auch dem Wandrer in den Strafsen Breslaus ist dieser tröleur eine vertraute Erscheinung 1 . In einer ganz ähnlichen Stellung wie der für das Magazin arbeitende Möbeltischler befindet sich aber der Tapezierer, der die Polsterungen an den Möbeln zu besorgen hat. Auch er bleibt nominell selbständiger Handwerksmeister, befindet sich aber in mehr oder minder fester Abhängigkeit von der kapitalistischen Unternehmung, die ebenfalls entweder ein grofses kombiniertes Aus- 1 oeine Existenz konstatiert auch in Prag: UOe. 186. Marx beschreibt dieses „System“ auf Grund in England gewonnener Anschauungen schon im Jahre 1865. Um zu zeigen, in welch unheimlicher Gleichförmigkeit sich derartige Entwicklungsreihen abspielen, teile ich die betreffende Stelle im Wortlaut mit (Kapital III, 1, 319). „Sie (die Londoner Möbelfabrikation) wird namentlich in den Tower Hamlets auf sehr ausgebreitetem Fufse betrieben. Die ganze Produktion ist in sehr viele von einander unabhängige Geschäftszweige geteilt. Das eine Geschäft macht blofs Stühle, das andere blofs Tische, das dritte blofs Schränke u. s. w. Aber diese Geschäfte selbst werden mehr oder weniger handwerksmäfsig betrieben, von einem kleinen Meister mit wenigen Gesellen. Dennoch ist die Produktion zu massenhaft, um direkt für Private zu arbeiten. Ihre Käufer sind die Besitzer von Möbelmagazinen. Am Sonnabend begiebt sich der Meister zu ihnen und verkauft sein Produkt, wobei ganz so über den Preis geschachert wird, wie im Pfandhaus über den Vorschufs auf dieses oder jenes Stück. Die Meister bedürfen des wöchentlichen Verkaufs, schon um für die nächste Woche wieder Rohmaterial kaufen und Arbeitslohn auszahlen zu können.“ Einundzwanzigstes Kapitel. Fälle indirekt. Abhängigkeit v. Kapital. 507 stattungsgeschäft oder ein einfaches Möbelmagazin ist. Der Unternehmer steht zuweilen mit einem Meister in einer Art von Vertrags- oder doch dauerndem Produktionsverhältnisse. Dann ist der Meister verpflichtet, ausschliefslich für den einen Unternehmer zu arbeiten und dieser, seinen Bedarf bei dem Meister zu decken. Dem Meister werden Möbelgestelle, Überzüge und Dekorationsstoffe geliefert und später bei der Abnahme und Preisaufstellung der einzelnen Stücke in Anrechnung gestellt. Die übrigen Materialien: PolsterstofFe, Schnüre, Posamenten etc. hat der Meister selbst zu beschaffen. Die Abrechnung erfolgt meist in gröfseren Zwischenräumen. Sehr richtig bemerkt der Geschichtschreiber des Berliner Tapezierergewerbes, dals diese „juristische und faktische Gleichstellung der Kontrahenten“, obwohl kein eigentliches Lohnarbeiterverhältnis vorliegt, doch „eine gewisse ökonomische Abhängigkeit“ umschliefse (U. I, 104). Der Unternehmer, der in der Regel 3B 1 /s °/o als Gewinn für seine Bemühungen zu berechnen pflege, erreiche durch ein derartiges Kontraktsverhältnis, dafs der Meister „zu rücksichtsloser Ausnutzung seiner eigenen Arbeitskraft, wie derjenigen seiner Gehilfen und Lehrlinge“ gezwungen werde. In dermafsen dauernden Vertragsbeziehungen zu einzelnen Meistern stehen nun aber nur die erstklassigen Geschäfte, die nur Luxusmöbel führen. Diejenigen Magazine, in denen die minderwertige Ware dominiert und die in der Begel zugleich Abzahlungsgeschäfte sind, pflegen bald diesen, bald jenen Handwerksmeister zu beschäftigen, meist mehrere zugleich, bis ihnen ein anderer durch Unterbietung höhere Gewinnchancen eröffnet. Auch hier ist es meistens Sitte, dafs der Magazininhaber die Möbelgestelle und den Überzug liefert und der Meister sich die Polstermaterialien und die übrigen Zuthaten selbst beschafft. Aber auch die Lieferung sämtlicher Stoffe seitens des Unternehmers kommt vor. Dann ist das Verhältnis des Magazinmeisters dem eines Hausindustriellen offenbar so ähnlich wie ein Ei dem andern. Umgekehrt finden wir auch häufig den Fall, dafs kleine Meister ganz selbständig produzieren und dann ihre Erzeugnisse von Magazin zu Magazin fahren, um sie an den Mann zu bringen. Womit wir auch in der Tapeziererei den reinen Typus des troleur wiedergefunden hätten. Von diesen kleinen Tapeziermeistern bemerkt unser Berliner Verfasser, dafs sie meistenteils ein elendes Dasein führten. „Sie sind durch bittere Not und Arbeitslosigkeit gezwungen, fast um jeden Preis zu arbeiten, und nur von dem Bestreben erfüllt, bares Geld in die Hände zu bekommen.“ Der in diesen Zeilen gegebenen Darstellung haben die Berliner 508 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Verhältnisse als Vorlage gedient. Ganz analoge Zustände weisen aber sämtliche Grofs- und wohl auch Mittelstädte auf. Sie unterscheiden sich höchstens in dem einen Punkte, dafs die Magazinmeister an einigen Orten — z. B. in Leipzig — zu reinen Heimarbeitern herabgedrückt sind 1 . 1 Vgl. die Schilderungen für Eisleben U. IX, 339 f.; Karlsruhe III, 187 ff.; Könitz IX, 529; Leipzig V, 373 ff.; Mainz III, 307. 309. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Die Sphäre der Hausindustrie (insbesondere die Bekleidungsgewerbe). Eine der am frühesten beliebten Weisen des Kapitals, in die gewerbliche Produktion einzudringen, ist, wie seit einiger Zeit jedermann weifs, die Hausindustrie, das Verlagssystem 1 . Auf die zahlreichen Fälle näher einzugehen, in denen während der letzten Menschenalter früher handwerksmäfsige Thätigkeiten vereinzelt dem Verlagssystem anheimgefallen sind 2 , kann nicht die Aufgabe dieser Übersicht sein. Hier gilt es vielmehr, die specifisch hausindustriell gestalteten Gebiete moderner, gewerblicher Arbeit namhaft zu machen, und das sind vor allem die Bekleidungsgewerbe. Aus der Allgemeinheit, mit der diese Produktionsgebiete gerade in der Form der Hausindustrie vom Kapitalismus ergriffen sind, dürfen wir schliefsen, dafs ihre Natur sie besonders zu hausindustrieller Verfassung disponiert. In der That sind die Bedingungen, an die mir die gedeihliche Existenz dieser Betriebsform geknüpft scheint, bei ihnen in hervorragendem Malse erfüllt. Es sind nämlich — bei genügender Massenhaftigkeit des Bedarfs — ihre Produkte 1. leicht transportierbare Gegenstände; 1 Die Litteratur über Hausindustrie ist in neuer Zeit besonders stark angewachsen. Zur allgemeinen Orientierung vgl. meine Aufsätze: in Brauns Archiv, Band IV (1891); H.St 2 . Art. „H.I.“; Jahrbücher für N.Ö., IH. F., Bd. VI (Litteraturübersicht). Die meiste Litteratur ist naturgemäfs, nachdem die Wesenheit dieser Betriebsform zur Genüge klargestellt worden war, überwiegend Speciallitteratur und wird an den entsprechenden Stellen citiert werden. Theoretisch kommt noch in Betracht: R. Liefmann, Uber Wesen u. Form d. Verlags (H. J.). 1899. Vgl. darüber meine Bemerkungen in Brauns Archiv XIV, 320. 2 Vgl. die im Sachregister der U. s. v. „Verlagssystem“ zusammengestellten Fälle. 510 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. 2. Artikel, die zu ihrer Erzeugung viel lebendige und in einzelne Vornahmen zersplitterte Arbeit erheischen: das Charakteristikum aller „konfektionierten“ Artikel; zudem noch, wie namentlich in der Schneiderei: 3. Objekte specifiscli weiblicher Arbeit. Die Widerstandskraft der hausindustriellen Betriebsweise höheren Betriebsformen gegenüber ist in den genannten Gewerben nicht gleich grofs. Während die Hausindustrie in der Schneiderei einstweilen noch fast ausschliefslich dominiert, hat sie in der Schuhmacherei bereits erheblich an Terrain verloren. Über die Gestaltung der einzelnen Hausindustrien mögen folgende Angaben Aufschlufs geben: Die Erzeugung von Schuhen und Stiefeln gehört heute an den zwei Extremen der Produktqualität der Hausindustrie an. Einmal nämlich fallen mehr und mehr die Schuhmacher in den alten Schusterdörfern und Schusterstädten, die ehemals durch Hausierer und auf Jahrmärkten selbständig ihre Erzeugnisse vertrieben hatten, dem kapitalistischen Verleger anheim 1 ; sodann wird gerade das eleganteste Schuhwerk heutzutage noch vielfach haus- industriell hergestellt. So die beliebte österreichische Exportware 2 , so auch in Deutschland feineres Genre. In Breslau und, man darf wohl sagen, allen gröfseren Städten 3 * * * * 8 , bezieht „die feinere Welt“ jetzt die elegantesten Schuhwaren aus den „Verlagsmagazinen“ der belebten Strafsen, sei es, dafs man die gewünschte Nummer fertig in dem reich assortierten Lager findet (Damen und Kinder thun dies meist), sei es, dafs man sich ein Paar in dem eleganten Ladenraume anmessen läfst. Geschieht letzteres — und in der Ausführung feinster Mafsarbpit beruht gerade das Renommöe der elegantesten Magazine — so läfst der Unternehmer von seinem Wiener oder Pariser Zuschneider aus einem grofsen Vorrat bester Ledersorten die Schäfte zuschneiden und entweder in seiner Werkstatt 1 In Altona U. I, 29 f.; Dramburg I, 56; Groitzsch und Pegau (bei Leipzig) II, 219 f.; Elmshorn I, 12 f.; Kahla IX, 36; Loitz I, 43 £.; Preetz I, 6; wiirttembergische Orte III, 222. 250; schlesische Orte IX, 498 f.; für Galizien vgl. C. v. Paygert, Die soc. u. Wirtschaft! Lage der galizischen Schuhmacher, 1891; für Bayern: E. Franeke, Die Schuhmacherei in B. 1893. In seiner Studie „Die Hausindustrie in der Schuhmacherei Deutschlands“ (Sehr. d. V. f. S. P. Bd. 87) resümiert derselbe Verfasser die Ergebnisse derU. s Für Wien vgl. UOe. 40. 46.-53—56; für.Prag ebenda S. 172; ferner für ganz Österreich das „Stenogr. Protokoll über die Lage des Schuhmachergewerbes“. 1892. 8 Für Breslau II. IV, 38; für Leipzig U. II, 232. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Die Sphäre der Hausindustrie. 511 oder bei einer Stepperin aufser dem Hause steppen. Dann wählt er aus seinem grofsen Leistenvorrat, den er oft in Wien etc. eingekauft hat, ein passendes Paar heraus und übergiebt Schaft, Leisten und den schon im rohen zugeschnittenen Boden einem Heimarbeiter zur Anfertigung des Schuhs. Diese meist grofs-, zuweilen kleinkapitalistischen Verlagsmagazine sind die Erben jener oben gekennzeichneten Magazinmeister. Wir werden noch sehen, dafs in der Schuhmacherei die hausindustrielle Betriebsform im Begriffe ist, von der Fabrik verdrängt zu werden. Weit gesicherter dagegen scheint einstweilen noch das Verlagssystem in dem zweiten wichtigen Bekleidungsgewerbe: der Schneiderei. Zu unterscheiden sind hier Konfektions- und Mafs- geschäft, ferner innerhalb der Konfektion die Wäschekonfektion und die Kleiderkonfektion. Das kapitalistischeKleider-Mafsgeschäft, ursprünglich rein grofsstädtischen Charakters 1 , neuerdings im Begriffe, sich über die Kleinstädte und das Land auszudehnen 2 , braucht nicht notwendig auf hausindustrieller Basis zu ruhen: es kann auch von einem Meister oder Unternehmer betrieben werden, der in eigener Werkstatt die einzelnen Stücke hersteilen läfst. Es steht aber vielfach, wenigstens mit einem Fufse, in der Hausindustrie, weil meist ein Teil, wenn nicht alle Arbeit von Heimarbeitern besorgt wird. Dieses kapitalistische Mafsgeschäft für Damen- oder Herrengarderobe, das Pendant zu dem modernen Verlagsmagazin für Schuh waren bester Qualität, liefert die elegantesten Erzeugnisse der Schneiderei und hat seinen Kundenkreis in den wohlhabendsten Schichten der Bevölkerung; es sucht mehr durch teure Qualitätsleistungen, als durch billige Massenware zu excellieren 3 . Der Inhaber eines solchen Mafsgeschäfts, zumal der renommierte in den grofsen Städten, mufs ein wohlhabender Mann sein, vor allem, weil er ein reich assor- tiertes Tuchwarenlager zu halten sich gezwungen sieht, auch seinen Qualitätsarbeitern verhältnismäfsig hohe Löhne zahlt und nicht selten teuer bezahlte Direktoren und Zuschneider angestellt hat; hier 1 Breslau U. VII, 33 f.; Karlsruhe II, 51/52; Wien UOe. 508/509. 2 Für das Bauerndorf Gahlenz U. V, 48; für Nakel U. IV, 209 f.; für Eisleben IX, 303; für Jena IX, 5; für Erlangen III, 407; für Löbau IV, 196 für Prenzlau IV, 136 f. 3 Ein Frackanzug in einem erstklassigen Wiener Mafsgeschäft kostet 140—150 fl., UOe. 534. Man denke: 250 Mk.! Dafs die Damentoiletten, die solchen Geschäften entstammen, zum Teil märchenhafte Preise haben, ist männiglich bekannt. 512 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. sind Gesellen mit 3000 Mk. Gehalt keine Seltenheit (U. VII, 36). Teilweise ruhen derartige Geschäfte, die übrigens, wie ersichtlich, im eminenten Sinne „Kundenproduktion“ liefern, auf breitester kapitalistischer Basis. Die 9 grofsen Pariser Modeateliers haben einen Umsatz von 25 Mill. frcs.: Paquin 5, Doucet 4, Felix 3, Redfern 2 1 . Das Geschäft des berühmten Damenschneiders Worth in Paris wurde unlängst in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, die mit einem Kapital von 12 1 /a Mill. Frcs. fundiert war (nach dem Konfektionär). Die drei gröfsten Pariser Damenschneider in der Rue de la Paix beschäftigten, wie man aus Anlafs des jüngsten Streiks ihres Personals (1900) erfuhr, 2500 Arbeiterinnen, die zusammen 4 Mill. Frcs. an Lohn beziehen. Doch oft findet auch die kleinkapitalistische Unternehmung in dieser Sphäre häufig gutes Fortkommen, zumal in kleineren Städten, wo das kapitalistische Mafsgeschäft ebenfalls Boden zu fassen beginnt. So wird uns aus Nakel von einem solchen berichtet, das neben 12—18 Gesellen im Hause noch selbständige Meister als Hausindustrielle beschäftigt (U. IV, 210). Ganz ähnliche Geschäfte bestehen in Jena (U. IX, 9—21). Mit der Erzeugung fertiger Kleider beschäftigt sich die Kleiderkonfektion 2 , innerhalb deren 2 Gruppen unterschieden werden: 1. Herren- und Knabenkonfektion, einschliefslich der Arbeiterund Sommerkonfektion, 2. die Damenkonfektion, insbesondere Damenmäntelkonfektion. Ihr Bestreben ist, durch billige Ware sich grofsen Absatz zu verschaffen. Sie vor allem hat im letzten Menschenalter ganz ungeheuer an Ausdehnung gewonnen. In Deutschland lassen sich für 1 Konfektionär vom 18. 5. 1899. 2 Vgl. an Litteratur aufser den Arbeiten in U. noch: G. Herzberg, Das Schneidergewerbe in München. 1894. Joh. Timm, Die Konfektionsindustrie. 1897. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik: Verhandlungen N os . 10, 11 (Nachtrag); Nr. 13 (Nachtrag); Erhebungen N°. 10 enthalten die Zusammenstellung der Ergebnisse u. s. w. A. Weber, Hausindustrielle Gesetzgebung und Sweatingsystem in Schmollers Jahrbuch XXI (1897), besond. S. 289 ff., sowie die einschlägigen Arbeiten in den Sehr. d. V. S. P. Bd. 85 und 86. Über ähnliche Verhältnisse in England (London): Booth: Labour and life of the people; in Frankreich: Musee social. S6rie A. Circ. N°. 14, und La petite industrie etc. (Publ. de l’office du Travail.) Tome II. Le vetement k Paris 1896; in Österreich: UOe. 420 ff. (Prossnitz), 493 ff. (Wien). J. Deutsch, Die Wiener Männerschneiderei („Zukunft“, 1898, N°. 17). Siehe auch den Litteraturnachweis zum Artikel Hausindustrie im H. St. 4 2 , Zweiundzwanzigstes Kapitel. Die Sphäre der Hausindustrie. 513 die Herren- etc. Konfektion 3 Produktionsgebiete unterscheiden J : ein norddeutsches, ein süddeutsches und ein westdeutsches. Das norddeutsche Produktionsgebiet hat seine Cen- tren in Berlin und Stettin. Der Hauptsitz nicht nur für Norddeutschland, sondern für ganz Deutschland ist unstreitig Berlin, das besonders in besseren Waren den Markt völlig beherrscht, aber auch sehr viel billige Artikel fabriziert. Das süddeutsche Produktionsgebiet konzentriert sich vornehmlich in und um Frankfurt a. M., Aschaffenburg, Nürnberg und Stuttgart. Das westdeutsche Produktionsgebiet umfafst die rheinisch-westfälische Arbeiter- und Sommerkonfektion. Seine Hauptsitze sind München - Gladbach, Barmen- Elberfeld, und die Kreise Minden, Herford, Lübbecke, Stadt- und Landkreis Bielefeld. Die Damenkonfektion beschränkt sich auf drei städtische Centren: ihr Hauptsitz ist Berlin, das alle, namentlich bessere und beste Genres fabriziert; in Breslau und Erfurt werden mittlere und Stapelartikel gearbeitet. Die Kleiderkonfektion konzentriert sich zum überwiegenden Teil in grofsen, zumeist sehr grofsen Unternehmungen. Das gröfste Herren- und Knaben-Konfektionsgeschäft in Breslau produziert täglich 1000—1800 Anzüge (U. VII, 20); das gröfste Damenmäntelgeschäft jährlich 200000 „Piecen“, d. h. Damenmäntel und Jackets (25). 135 Personen sind allein als Geschäftspersonal angestellt. In Breslau sollen im ganzen 25000—30000 Schneider und Schneiderinnen thätig sein 1 2 , davon die grofse Mehrzahl als Heimarbeiter in der Konfektion. In Stettin bestehen etwa 30 Geschäfte mit mehreren Tausend Arbeitern, in Aschaffenburg 6 Engrosgeschäfte mit etwa 2000 Arbeitern 3 . Der Absatz dieser Riesengeschäfte erfolgt 1 Vgl. Zusammenstellung etc. S. 4 ff. 2 U. VII, 3 ff. Die Berufszählung von 1895 ermittelte für Breslau in der „Näherei, Schneiderei, Konfektion“ 6865 Selbständige, 11093 „übrige Erwerbs- thätige“, also zusammen 17 958 Erwerbsthätige. Für Berlin wird uns die Ziffer von 50000 Arbeiterinnen genannt, „die nicht in Betriebsstätten arbeiten können weil sie zu Hause ihre Verpflichtungen haben, Frauen, die für ihre Kinder und Männer sorgen müssen, und Mädchen, die zu Hause eine kranke Mutter haben, u. dergl.“ Drucksachen u. s. w. Verhandlungen N«. 10, S. 150. Demnach wäre also die Zahl der in der Konfektion überhaupt beschäftigten Personen bedeutend gröfser, was wohl der Fall sein dürfte. Die Berufszählung von 1895 ermittelte in der „Näherei, Schneiderei, Konfektion“ 32740 selbständige, 55500 „übrige Erwerbsthätige“, also zusammen 88240 Erwerbsthätige. 3 Zusammenstellung u. s. w., S. 5. 6. Der Umsatz eines gröfseren Sombart, Der moderne Kapitalismus. I. 33 514 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. nur zum kleinen Teil am Produktionsorte selbst — die meisten halten allerdings wohl stets ein Detailverkaufsmagazin — der überwiegende Teil der Erzeugnisse wird in alle Welt versandt: aus Deutschland werden für mehr als 100 Millionen Mark namentlich an Damenkonfektion exportiert * 1 . Aber für viel mehr bleibt im Inlande. Man schätzt den Wert der in Deutschland hergestellten Konfektionswaren auf ca. 400 Millionen Mark, den der Berliner Mäntelkonfektion allein auf 120—130 Millionen Mark, den der österreichischungarischen Konfektion auf 15 Mill. fl., wovon Va Export sein soll (U. Oe. 424). Die Betriebsorganisation in der Kleiderkonfektion ist entweder so, dafs das Zuschneiden in der Centrale besorgt, und die einzelnen Piecen getrennt arbeitenden Hausindustriellen übergeben werden. Oder aber so, dafs sich zwischen den Geschäftsleiter und die Heimarbeiter sog. Zwischen- oder Stückmeister einschieben, die die Aufträge vom Unternehmer empfangen und auf ihre Rechnung und Gefahr ausführen lassen. Zu diesem Behufe beschäftigen sie alsdann, falls sie die erhaltenen Aufträge nicht einfach an Heimarbeiter weitergeben, in kleinen Werkstätten bis 20 Arbeiter und Arbeiterinnen, unter denen eine Art von Arbeitsteilung durchgeführt ist und einige Maschinen (Zuschneide- und Bügelmaschinen) zur Anwendung gelangen. Diese Werkstätten werden nach englischem Vorbild „Schwitzhöllen“ genannt 2 . Konfektionierte Kleidung dringt in immer weiterem Umfange von den grofsstädtischen Centren in die Kleinstädte und auf das Land vor. Geschäfts in Stettin wird auf 1— 2 1 k Mill. Mk. angegeben: Protokoll etc. S. 96. 1 Vgl. über den Absatz der Konfektionsartikel Zusammenstellung .etc., S. 8. Die amtliche Statistik giebt für das Jahr 1900 folgende Ausfuhrwerte an (Stat. Jahrb. f. d. deutsche Reich, 1901, S. 107 f.): „Kleider, L e i b - Wäsche und Putzwaren“: „aus Baumwolle etc.; wollene Leibwäsche, Korsetts“ = 99,6 Mill. Mk.; „aus Seide und Halbseide“ etc. = 11,7 Mill. Mk.; „Leibwäsche, baumwollene und leinene" = 18,3 Mill. Mk. 2 Uber die Organisation der Konfektion und die sie beherrschenden Tendenzen vgl. vor allem A. Weber, a. a. O. S. 289 f. W. macht den interessanten Versuch, eine Verschiedenheit der Entwicklungstendenzen — zur Decentralisation bezw. Centralisation — nach der Verschiedenheit der Produktionsgebiete zu erweisen. Er will in den 4 östlichen Grofsstädten eine Decentralisationstendenz, im westlichen Produktionsgebiet eine Centralisations- tondenz beobachtet haben und führt diesen Unterschied auf die verschiedene Gestaltung des Arbeitsmarktes zurück. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Die Sphäre der Hausindustrie. 515 Ähnlich . wie die Kleiderkonfektion ist die W ä s c h e k o n f e k - tion organisiert; nur dafs hier das Werkstättensystem zurücktritt und die einzelnen, insbesondere weiblichen Heimarbeiter überwiegen 1 . Die Wäschekonfektion, d. h. im wesentlichen die Herstellung von Damen- und Kinderwäsche, wie Nacht- und Negligeehemden und Jacken, Damenblousen, Damenunterkleider (Hosen und Röcke), Badeanzüge, Kinderkleidchen etc., hat ihre Hauptsitze in Berlin, wo .SO Engrosfirmen etwa 5000 Arbeiterinnen beschäftigen, Breslau -und Köln 2 . Sie nimmt ihren historischen Ausgangspunkt von zwei •Seiten her: von den Leinenhandlungen und von den Nähschulen 3 . Sie unterscheidet sich von den übrigen Zweigen der Konfektion wesentlich dadurch, dafs ihre Erzeugnisse früher der Regel nach überhaupt nicht gewerbsmäfsig, sondern in der Familie hergestellt wurden. Endlich gehört an diese Stelle die Erwähnung des modernen, grofs- städtischen Pelzwarenmagazins, weil dieses ebenfalls, soweit es überhaupt noch der Produktion obliegt, sich auf die Heimarbeit in weitem Umfange stützt. Ähnlich dem oben beschriebenen, ihm durchaus verwandten Verlagsmagazin für Schuhwerk, ist das Pelzwaren- magazin einesteils reine Pelzwarenhandlung; die kostbarsten Felle und teures fertig bezogenes Pelzwerk bilden hauptsächlich seine Absatzartikel. Daneben fertigt es teure Pelze auf Bestellung, andere aber immer nur wertvolle Gegenstände aus Pelz auf Vorrat. Und zwar entweder in kleinen Werkstätten oder mit Heranziehung von Heimarbeitern. Die Inhaber solcher Magazine, die sich wohl noch Kürschnermeister nennen, aber vielen Wert auf den Erwerb eines 1 Wenn auch unter Vermittlung des Zwischenmeisters oder der Zwischenmeisterin vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a. a. 0. S. 18, 92 ff. Danach sollen in den von ihr untersuchten Zweigen der Konfektion die Zwisclien- meister in den meisten Fällen nur etwa 3—8 Arbeiterinnen beschäftigen. Etwas mehr Verbreitung haben gröfsere Werkstätten in der Unterrockkonfektion, wo ein System von Garnier- und Nähmaschinen zur Anwendung kommt; a. a. 0. S. 19. 2 Zusammenstellung etc., S. 7. Von der Wäsche-Konfektion ist zu unterscheiden die noch zu besprechende Wäsche-Fabrikation. 3 H. Grandke, a. a. 0. S. 241 ff. Vgl. aufserdem an Litteratur: in UOe. die Arbeit über das Pfaidlergewerbe in Wien. Dann: Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik. Verhandlungen N°. 11; 11 (Nachtrag); 13 (Nachtrag); Erhebungen N°. 10. (Cit. „Zusammenstellung“ etc.) Feig, Hausgewerbe und Fabrikbetrieb in der Berliner Wäscheindustrie (Schmoller, Forschungen XIV, 3.) 1897. In beide Gebiete — Kleider- und Wäschekonfektion — ragt hinein die bereits genannte, unterrichtende Studie Gertrud Dyhrenfurths, Die hausindustriellen Arbeiterinnen in der Berliner Blusen-, Ünterrock-, Schürzen- und Tricotkonfektion(Schmollers Forschungen XV, 4). 1898. 33* 516 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. „Hoflieferantentitels“ legen, sind oft gelernte Kürschner. Sie arbeiten aber niemals selbst mit, sondern beschränken sich auf die kaufmännische Leitung des Geschäfts, die bei dem Umsatz der teuren Rohstoffe eine beträchtliche Verantwortung in sich schliefst. Das in dem Magazin investierte Kapital ist nie ganz unbedeutend; es wird selten weniger als 30000 Mark betragen; es erreicht aber leicht die Summe von Hundert-Tausenden von Mark. (Vgl. U. VII, 95 ff.) Was sonst noch an Kürschnerartikeln hausindustriell hergestellt wird, sind entweder Gegenstände, die die grofsen Konfektionsgeschäfte anfertigen lassen (namentlich Kleidungsstücke mit Pelzbesatz), oder Erzeugnisse, die dem Produktionsbereich des Grofs- betriebes angehören und von diesem zur Konfektionierung Heimarbeiterinnen übergeben werden (Muffs, Kragen, Baretts etc.). Dreiundzwanzigstes Kapitel. Die Aufserliausindustrie (insbesondere die baugewerbliche Unternehmung). Von der kapitalistischen Durchdringung des Baugewerbes wurde schon ausführlich gehandelt. Hier soll die Fi’age zu beantworten versucht werden: ob und in welchem Umfange der Kapitalismus selbständige Unternehmungen, und zwar zunächst in der Form des aufserhausindustriellen Betriebs (vgl. S. 204) in der baugewerblichen Thätigkeit heutzutage zu schaffen für gut befunden hat. Ich beginne mit der Maurerei und Zimmerei, die deshalb an diese Stelle in unserer Übersicht gehören, weil von einer Centrale aus, d. h. von einem kapitalistichen Unternehmer oft genug an den verschiedensten Punkten, auf mehreren Bauten zugleich Arbeitskräfte verwandt werden. Beide Gewerbe tragen heute in den Grofsstädten durchaus, aber auch bereits in zahlreichen Mittel-und Kleinstädten kapitalistisches Gepräge. Schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts war die von einem Maurer- oder Zimmermeister durchschnittlich beschäftigte Anzahl Gehilfen eine für damalige Zeit exorbitant hohe. Da jedoch es noch die Regel bildete, dafs der Bauherr dem Meister das Material lieferte, so waren diese nicht viel mehr als primi inter pares, Vorarbeiter und Aufseher der Gesellen, ganz und gar keine Unternehmer. Letztere Eigenschaft besitzen sie nun aber heute fast durchgehends und zwar nicht zuletzt deshalb, weil sie jetzt der Regel nach das Material zu liefern haben, also auf eigene Rechnung bauen und folgeweise ein beträchtliches Kapital ihnen unentbehrlich ist. „Der Übergang zum Preiswerk hat in der Maurerei und Zimmerei, da es sich hier um relativ beträchtliche Werte und ziemlich langdauernde Arbeitsperioden handelt, ein grofses Betriebskapital erforderlich gemacht und die Meister in kapitalistische Unternehmer verwandelt“ (U. IX, 310). Wenn wir also heute auch nur gleichen 518 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Gehilfenzahlen bei den einzelnen „Meistern“ begegnen, wie vor 50 Jahren, so wissen wir nun, dafs das eine ganz andere Bedeutung hat, wie damals, weil hinter ihnen jetzt ein entsprechendes Kapital stehen mufs. Man kann nun wohl ohne Übertreibung sagen, dafs in dieser Weise — soweit es sich nicht um Flicker und Alleinarbeiter handelt — fast die gesamte Maurerei und Zimmerei in kapitalistischen Unternehmungen organisiert ist. Denn auch die meisten Neubauten in Kleinstädten und auf dem Lande werden von gröfseren r - Geschäften aus besorgt. Ich teile hier einige Ziffern zur Illustration aus Mittel- und Kleinstädten mit 1 . In Eisleben betrug das Betriebskapital eines Maurermeisters 20—25000 Mk., die Anzahl der beschäftigten Gesellen 30—40, eine Zimmerei erfordert bei nur 10 Gesellen ein Kapital von 30—40000 Mk. sodafs „bei den Maurern und Zimmerern die „Meister“ an Vermögen, Einkommen und Bildung weit die Gesellen überragen“ (U. IX, 313). In Jena braucht eine Zimmerei mit 25—30 Gesellen 12000 Mk. für Lagerräume, Werkstätten, Platz und Geräte, 10—12000 Mk. für Holz, Löhne etc.; es besteht ein Bestreben nach Vergröfserung der Betriebe (U. IX, 246. 253). In Rofswein in Sachsen (Fabrikstadt) beschäftigten 4 Meister 274 Maurer und 90 Zimmerleute. ^ In Döbeln in Sachsen (Fabrikstadt) waren bei 6 Maurermeistern 1168, bei 5 Zimmermeistern 127 Arbeiter im Dienst (U. VI, 423). In Nakel (Netze) wird Maurerei und Zimmerei von 3 „Baugewerksmeistern“ ausgeübt, von denen einer 30—40, ein anderer 80—100 Leute beschäftigt (U. IV. 215/216). Im Dorfe Mefskirch übernimmt ein Maurermeister, in dessen Dienst 26 Arbeiter stehen, „hauptsächlich die gröfseren Bauten“ (U. VHI, 49). Eine Eigenart der Maurerei- und Zimmereiunternehmungen ist es, dafs die Zahl der bei einem „Meister“ beschäftigten Personen von Jahr zu Jahr und von Monat zu Monat grofsen Schwankungen unterliegt. In Berlin soll die Zahl der Gehilfen oft im Verhältnis von 1: 20 oder 30 schwanken; von Breslau werden uns ^ ähnliche Zustände berichtet (U. IX, 413). Noch deutlicher tritt diese Eigenart insbesondere baugewerb- 1 Eine interessante Statistik für Karlsruhe, aus der die Präponderanz der grofsen Geschäfte und die Tendenz zu weiterer Vergröfserung deutlich hervorgeht, ist mitgeteilt in U. III, 76. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Die Aufserhausindustrie. 51Q licher Unternehmungen, sich in der Form der aufserhausindustriellen Organisation zu erhalten, bei einer Reihe anderer Baugewerbe hervor, so bei der Malerei. Da dieser die Fabrik die Farbezubereitung abgenommen hat, so ist ihr nur das Aufträgen der fertigen Farben auf die Wände von ihrem alten Produktionsgebiet geblieben. Wenn wir nun in einem Neubau, und sei es selbst ein respektables öffentliches Gebäude, Maler an der Arbeit sehen, so werden wir höchstens ein paar Dutzend Leute auf Leitern und Gerüsten wahrnehmen, die in handwerksmäfsiger Technik ihre Thätigkeit aus- iiben. Keinen „Grofsbetrieb“, keine Maschinenanwendung oder dergl. Und dennoch hat sich ein mächtiger Umschwung auch im Schofse des Malergewerbes vollzogen. So erfahren wir z. B. von Berlin, „dafs seit etwa 12 Jahren der Grofsbetrieb (lies: „kapitalistische Unternehmung“) siegreich vorgedrungen ist und gewaltig an Boden gewonnen hat“. „Im Sommer 1895 giebt es für Stuben- und Dekorationsmalerei etwa 20 Geschäfte mit über 50 Arbeitern. Das gröfste Geschäft hat durchschnittlich 250—300, im Höchstfälle 000, im Winter gelegentlich auch nur 150 Arbeiter. Dann folgen 4—5 Geschäfte, für die eine durchschnittliche Arbeiterzahl von 100—200 Leuten genannt wird, sodann etwa 15 Geschäfte, deren durchschnitliche Arbeiterzahl auf etwa 50—60 Köpfe geschätzt wird“ (U. VII, 208/209). Was bedeutet das? Offenbar dieses, dafs sich zwar nicht der Arbeitsprozefs des Malergewerbes wesentlich umgestaltet, wohl aber die kapitalistische Unternehmung sich des Malergewerbes bemächtigt hat. Der Theoretiker gewerblicher Organisations- und Betriebsformen steht hier also vor einem durchaus eigentümlichen Gebilde kapitalistischer Laune. Ein Malereigeschäft, das 100 Arbeiter am Morgen an — sage 10 — verschiedene Arbeitsplätze aussendet, ist ohne allen Zweifel eine grofskapitalistische Unternehmung, die weder „Hausindustrielle“ beschäftigt, also auch nicht Verlag ist, noch handwerksmäfsige Existenzen in indirekter Abhängigkeit erhält, die aber trotzdem den Grofsbetrieb noch nicht oder nicht überall entwickelt hat, wenn sie auch eine grofse Anzahl von Lohnarbeitern in ihrem unmittelbaren Dienst stehen hat. Es mufs genügen, wenn wir die unendliche Mannigfaltigkeit des Lebens in dieser theoretisch freilich unvollkommenen, aber, wie ich meine, für das Verständnis des Thatbestands doch hinreichenden Weise systematisiert haben. Dafs derartige baugewerbliche Unternehmungen wie grofse Malereigeschäfte mit separaten Arbeitsprozessen zu der Species der univer- 520 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. salen Bauunternehmung überleiten, werden wir weiter unten noch in Erfahrung bringen. Ein Zweig baugewerblicher Thätigkeit, der ebenfalls kapitalistischer Gestaltung anheimgefallen ist und dieselbe Betriebsgestaltung aufweist, wie die vorher besprochenen Baugewerbe, an die er sich angliedert, sind die Specialgeschäfte, die sich in gröfseren Städten damit abgeben, Gerüste u. dergl. zu verleihen und anzubringen. Die Arbeit des Gerüsteanbringens lag früher durchgängig dem betreffenden Specialarbeiter ob: im Innern dem Maler etc., für alle äufseren Gebäudeteile dem Maurer und Dachdecker 1 . Jetzt fängt die Thätigkeit an specialisiert zu werden. Nach dem Berliner Adrefsbuch gab es 1901 21 solcher Specialgeschäfte für Maurer- und M aler r ü s tung en, während mir in Breslau nur 1 „Gerüstverleihgeschäft“ bekannt ist. Ein altes, ebenfalls den Baugewerben angegliedertes Gewerbe, das, wenn es zu kapitalistischer Gestaltung gelangt, sich gleichfalls nur der aufserhausindustriellen Betriebsform bedienen kann, ist die Steinsetzerei, zu der heute die Asphaltierere i als das moderne Konkurrenzgewerbe tritt. Die Steinsetzerei ist heute in den gröferen Städten, falls sie nicht von der Kommune in eigener Regie besorgt wird, wie z. B. in Hamburg, durchaus kapitalistisch organisiert. Allen voran steht hierin Berlin, wo die gröfseren Geschäfte dominieren, und nur einigen kleinkapitalistischen Unternehmern, d. h. solchen mit einem Kapital von 10—50000 Mk. bei Neuanlagen einigen Spielraum lassen. Das gröfste Geschäft hatte im Jahr 1895 180—200 Arbeiter im Lohn, das ist schon fast Va der gesamten Gehilfenschaft im Berliner Steinsetzergewerbe (ca. 500 Gesellen, 123 Lehrlinge). „Grofse Geschäfte“ existieren 14, mittlere 1(3, gegenüber 12 kleinen (mit 1—6, häufig ohne Gesellen), die nur bei Flickereien in Betracht kommen und wie ersichtlich eine quan- tit4 nögligeable sind. Die grofsen Berliner Steinsetzgeschäfte arbeiten auch aufserhalb Berlins, z. B. in Potsdam und Spandau, aber auch in Danzig und Stettin. Sie planen, wenn sie vom Asphaltpflaster 1 Dafs der Maurer- oder Dachdeckermeister meist auch für andere Handwerker, namentlich Anstreicher, die Baugerätschaften liefert, hat seinen Grund wahrscheinlich in der Tradition früherer polizeilicher Beschränkungen; so in der preufsischen Min.-Ver. vom 24. VI. 1856, die im § 50 vorschrieb: „Bei Arbeiten von äufseren Gebäudeteilen darf sich aufser dem Zimmer-, Maurer- und Steinhauer- (Steinmetz-), Schieferdecker- und Ziegeldeckermeister ohne Erlaubnis der Oberpolizeibehörde niemand stehender oder fliegender Gerüste bedienen.“ Oldenberg, a. a. O. S. 10 Anm. 1. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Die Aufserhausindustrie. 521 verdrängt werden sollten, den Schwerpunkt ihrer Thätigkeit noch mehr als bisher in die Provinz zu verlegen (U. VII, 365) h Schon jetzt leiden die Steinsetzmeister in kleineren Orten unter der Konkurrenz der gröfseren Städte: z. B. ein Steinsetzer in Nakel unter der Konkurrenz Bromberger und sonstiger Unternehmer aus der Provinz (U. IV, 218). Ein erst in neuerer Zeit durch Ausdehnung kollektivistischer Bedarfsdeckung in Grofsstädten zur Blüte gelangtes Gewerbe, das recht eigentlich zu der Kategorie der hier besprochenen Produktions- thätigkeiten gehört, ist das Installationsgewerbe. Man versteht darunter das Legen von Gas- und Wasserleitungen und unterscheidet Strafsen- und Hausinstallation. Die Strafs e nin s talla ti o n legt, wie der Name ausdrückt, Gas- und Wasserleitungen von den Centralstellen durch die Strafsen bis an die Eigentumsgrenze der Hausbesitzer. Sie ruht in den meisten Städten in den Händen grofser kapitalistischer Tiefbaugeschäfte oder kommunaler Grofsbetriebe und gehört ihrer Natur nach dem Strafsenbau an. Anders die Hausinstallation. Bei ihr handelt es sich nicht nur um einfaches Versenken und kunstloses Ineinanderschieben von Rohrleitungen, sondern aufserdem in der Regel um ein Zurechtmachen, Beschneiden, Anpassen etc. der einzelnen Leitungsteile, die sämtlich fertig aus der Fabrik bezogen werden. Es ist deshalb begreiflich, wenn die das betreffende Material, aus dem die Leitung besteht, bearbeitenden Gewerbe ihrerseits vielfach mit Erfolg Anspruch auf die Hausinstallation erheben, wie Schlosser, Klempner etc. (Vgl. das 26. Kapitel.) Andererseits haben sich aber Geschäfte ausschliefslich der Installation zugewandt und diesen gilt hier hauptsächlich unser Augenmerk. Das Installationsgewerbe trägt teilweise einen interlokalen, ja sogar internationalen Charakter. Es haben sich infolge dessen einzelne renommierte Centren für diesen Produktionszweig gebildet, von denen aus die Arbeiter in alle Welt gesandt werden. Solche Cen- 1 Das würde den Tod der noch zum Teil in kleinen Städten erhaltenen handwerksmäfsigen Steinsetzerei bedeuten. Nebenbei: wenn der Verfasser des Berichts über die Berliner Steinsetzerei den Anschein zu erwecken sucht, als ob es sich in diesem Gewerbe in der Reichshauptstadt um ein blühendes „Handwerk“ handle, so ist das einmal ein ganz eklatanter Fall jener absoluten Gedankenlosigkeit und bemitleidenswerten Konfusion, wie sie leider in den U., namentlich bei Berliner Autoren, häufiger sind. Ein Glück, dafs man die Raisonements der Verfasser ignorieren und sich an das von ihnen beige- brachte Zahlenmaterial halten kann. 522 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. tren sind die gröfseren Städte, wie Magdeburg, Hannover, Hamburg, Augsburg, Dresden, vor allem aber Berlin 1 . In letzterem Orte haben sich besondere Unternehmungen für Gas-, Wasser- etc. Leitungen seit Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelt, die 1890 insgesamt3542 Personen beschäftigten 2 . Von diesen waren 84,9 °/o in Geschäften mit mehr als 10; 73,8 °/o in solchen mit mehr als 20 und 63,4 °l o in solchen mit mehr als 50 Arbeitern angestellt ; das Maximum der von einer Centrale aus geleiteten Arbeiter betrug 1075 (U. VII, 254). Die Arbeiter sind gröfsten- teils Specialarbeiter, sog. Rohrleger. Die grofsen Geschäfte mit je über 50 Personen haben durchschnittlich die eine Hälfte ihrer Arbeiter in Berlin, die andere Hälfte im übrigen Deutschland und im Auslande, wo sie die gesamten Anlagen für Schlösser, Anstalten u. s. w. oder die Gas- und Wassereinrichtung einer ganzen Stadt übernehmen. Es kommt wohl vor, dafs eine dieser Firmen gleichzeitig in Berlin, Westfalen, Rufsland, in der Schweiz und am adriatischen Meer Arbeiten ausführt (a. a. O. S. 291). Die Neuanlagen in Berlin werden fast ausschliefslich von diesen gröfseren und den mittleren Geschäften mit 11—50 Hilfspersonen ausgeführt. Die Berliner Arbeiten liegen zum gröfsten Teil in Händen der Berliner Firmen, doch fehlt es auch ihnen nicht an auswärtiger Konkurrenz, ebenso wie sie umgekehrt — wohl in gröfserem Mafsstabe — gleichen Unternehmen auswärts Konkurrenz bereiten. Zwar nicht in Berlin, aber in andern Städten haben die Installationsgeschäfte noch einer Konkurrenz die Spitze sn bieten: derjenigen der Fabrikanten der zu installierenden Gegenstände. Es kommt vor, dafs Röhrenfabrikanten ihre Röhren direkt an die Bauunternehmer verkaufen und durch eigene Arbeiter anbringen lassen oder dafs die Gaskronenfabrikanten und -Händler die Gasleitung selbst anlegten 3 etc. Insbesondere scheint es üblich zu werden, dafs Fabriken für elektrische Apparate etc. die Installation von ganzen Häusern übernehmen. Damit gewinnt unsere Betriebsform eine etwas andere Gestaltung. 1 Bedeutende Aktiengesellschaften dieser Branche haben ihren Sitz in Magdeburg (3 Mill. Mk.), Bremen (4 Mill. Mk.), Berlin (15 bezw. 5'U bezw. 9 Mill. Mk.), Dessau (32V2 Mill. Mk.) u. a. a. 0. Vgl. Salings Börsen-Hand- buch 1901/1902 S. 1219 ff. 2 In ganz Deutschland soll es (1895) nur 1435 a-, 621 b- u. 6736 c-Per- sonen im Installationsgewerbe geben (Stat. d. D. Reichs N. F. 102 S. 109). Das ist sicher wieder falsch. 3 Konstatiert für Karlsruhe U. III, 176. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Die Aufserhausindustrie. 523 Sie tritt neben andere Betriebsformen, z. B. die Fabrik in einer und derselben kapitalistischen Unternehmung. Dann bilden jene fliegenden Kleinbetriebe aufser dem Hause ganz ähnlich die auswärtige Domäne eines kapitalistischen Grofsbetriebes wie in andern Fällen die sefshafte Hausindustrie. Solcherart Doppelorganisationen finden wir aufser der genannten häufig in allen denjenigen Baugewerben, in denen die Produkte im centralisierten Betriebe 'f angefertigt und von Arbeitern derselben Unternehmung am Bau angebracht werden kann. Hierher gehören z. B. Dachdeckerei, Töpferei, Glaserei, Klempnerei. Gröfsere Schieferdächer werden häufig von den Arbeitern der das Material liefernden Unternehmer ausgeführt. So kommt auch in diesen „Anbringungsgewerben“ der Kapitalismus in die kleinen Städte und auf die Dörfer. In Nakel werden die Schieferdächer auf diese Weise von Bromberger und Danziger Firmen gedeckt, die neben dem Schieferhandel die Fabrikation von Dachpappen und Kunststeinen betreiben (U.IV, 218). In demselben Ort wurden auch die Töpferarbeiten zum grofsen Teil von auswärtigen, namentlich Bromberger Firmen besorgt, während es in gröfseren Städten Regel ist, dafs die Öfen von den | Ofenfabriken, die die Kacheln liefern, gesetzt werden 1 . Von fliegenden Glasereibetrieben berichtet Sinzheimer 2 . „Dieselben Arbeiter, die wir heute in einer Mühle in Worms thätig sehen, sind vielleicht einige Tage später beim Bau eines Schlosses n den Vogesen beschäftigt.“ Auf dem Gebiete der Klempner arbeiten sind es die grofsen Ornamenten- etc. Fabriken, die ihre Erzeugnisse durch eigene Arbeiter anbringen lassen, oder es entstehen reine Anbringungsunternehmungen, die sich dann auch auf die Herstellung von Ornamenten u. dergl. verlegen 3 . 1 Vgl. für Leipzig U. VI, 263. 2 Sinzheimer, Grenzen. S. 93/94. 2 Vgl. für Berlin U. VII, 317. < Vierundzwanzigstes Kapitel. Die Sphäre des specialisierten Grofsbetriehs. Diejenige Form des gewerblichen Kapitalismus, in der er sich dem ungeübten Auge am deutlichsten darstellt, sodafs man sie bisher meist schlechthin mit ihm selbst identifiziert und sie allein in eine Gegensätzlichkeit zum Handwerk gebracht hat, ist der gesellschaftliche Betrieb, insonderheit der Grofsbetrieb, der auf die Erzeugung einzelner Warenkategorien gerichtet ist. Während in den bisher besprochenen Formen der gewerbliche Kapitalismus den Arbeitsprozefs selbst im grofsen Ganzen in seiner urwüchsig-primitiven Gestaltung beläfst und nur seine kapitalistische Verschlingung in die Verkehrswirtschaft besorgt, zeichnet sich die hier zu erörternde Daseinsweise des Kapitalismus dadurch aus, dafs in ihr der Arbeitsprozefs selbst revolutioniert, d. h. aus einem isolierten handwerksmäfsigen in einen kooperativ - arbeitsteiligen eventuell unter Einstellung mechanischer Kräfte umgewandelt worden ist. Es ist schon oft darauf hingewiesen worden, dafs man sich das Voi’dringen des Kapitalismus, insonderheit des Grofsbetrie- bes, in die Sphäre der alten Gewerbeverfassung nicht so vorstellen dürfe, als ob nun die Produktion der bisher handwerks- mäfsig gefertigten Gegenstände mit einem Schlage von den neuen Mächten in Angriff genommen wäre 1 und nun sich lediglich eine Preiskonkurrenz bei Lieferung der gleichen Artikel herausgebildet habe. Das was wir über das Vordringen des Kapitalismus in den bisher besprochenen Formen zu sagen hatten, hat schon in vielen Punkten dieser Auffassung widersprochen. Was aber den Prozefs der Ein- 1 Vgl. insonderheit Bücher, Art. „Gewerbe“ im H. St. Neuerdings l)r. A. Voigt in U. III, 205 f. Vierundzwanzigstes Kapitel. Die Sphäre des specialis. Grofsbetriebs. 525 nistung des kapitalistischen Grofsbetriebes in die gewerbliche Produktion insonderheit betrifft, so läfst sich mit einiger Sicherheit der ganz allmähliche schrittweise Entwicklungsgang nach- weisen, in dem er, oft auf Umwegen, sich das frühere Herrschaftsgebiet des Handwerks zu erobern gewufst hat oder im Begriffe ist oder versucht. Es sind nämlich häufig zuerst einzelne Produktionsgebiete eines Handwerks, in denen er sich festsetzt, es ist die Erzeugung einzelner, der Massenproduktion am ehesten zugänglicher Artikel, mit Vorliebe Halbfabrikate oder Hilfsstoffe, die er an sich reifst, sodafs fast in allen Gewerben eine allmähliche Aushöhlung des alten handwerksmäfsigen Produktionsgebietes erfolgt und sich oft lange Entwicklungsphasen beobachten lassen, in denen „Grofs- betrieb“ und Handwerk neben einander bestehen. In unserer rasch auffassenden Zeit hat sich denn wohl, während oft schon die Umgestaltung selbst ein Stück darüber hinausgeschritten war, hie und da die Meinung herausgebildet: der „Grofsbetrieb“ sei recht eigentlich dazu bestimmt, neben das Handwerk zu ti’eten, dem Handwerk besonders einförmige Arbeiten abzunehmen, gleichsam Diener des Handwerks zu werden. Ferner aber ist auch die Meinung ganz irrig, als ob sich der zentralisierte Betrieb sofort immer als Riesenbetrieb etablierte. Ganz im Gegenteil sehen wir ihn auch quantitativ sich häufig aus kleinen Anfängen erst zu grofsen Betrieben herausarbeiten. Die sog. „Mittelbetriebe“ von 12— 15 Hilfskräften sind oft der eigentliche Ausgangspunkt grofsbetrieblicher Entwicklung. Wie sich nun in den wichtigsten Gewerbezweigen dieses allmähliche Vordringen des kapitalistischen Grofsbetriebes stufenweise vollzogen hat und welches sein heutiges Herrschaftsgebiet in grofsen Umrissen ist, das darzuthun soll der Zweck der folgenden Zeilen sein, deren Gliederung der Übersichtlichkeit halber wieder der schon bewährten Unterscheidung nach Bedarfsgebieten entnommen werden soll. A. Ernährungsgewerbe. In der Herstellung des Brotes und der ihm verwandten Nahrungsmittel ist die Vermahlung des Mehles im Begriffe mehr und mehr an grofse Kunstmühlen insonderheit Dampfmühlen überzugehen, ein Prozefs, der schon Mitte der 1880er Jahre sehr weit vorgeschritten war 1 . Heute beziehen die grofs- und mittel- 1 Vgl. z. B. das Referat „Der Übergang der deutschen Müllerei zum Grofsbetriebe“ in Sehmollers Jahrbuch VII (1884) S. 659. Für die moderne 52ti Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. städtischen Bäckereien ihr Mehl zum weit überwiegenden Teil aus Grofsmüllereien *. Aber auch der Mehlbedarf auf dem Lande und in kleinen Städten wird bereits durch die grofsen Dampfmühlen vielerorts gedeckt. In Salzwedel beherrscht die „Müllerei der Grofsbetrieb fast gänzlich; mit der einen grofsen Dampfmühle und ein paar gröfseren Wassermühlen können die kleinen Mühlen nicht recht konkurrieren. Da die Dampfmühle ein weifseres und reineres Mehl als die Windmühlen zu liefern vermag, die Wind- miiller auch häufig in ihrem Geschäft nicht ganz reell verfahren, so beginnt sie schon, den ländlichen Müllern eine gefährliche Konkurrentin zu werden“ (U. I, 158, 159). Für den Mehlbezug der Bäcker in Jena „kommen die zahlreichen Wassermühlen der Stadt und der nächsten Umgebung . . . nur in geringem Mafse in Betracht, während der Hauptanteil auf die grofsen Mühlenbetriebe von Weimar, Halle, Wurzen, Oschatz und anderen Orten entfällt“ (U. IX, 214). Die Bäcker im badischen Dorfe Nottingen-Darmsbach kaufen das Mehl bei den Kunstmüllern, verkaufen auch solches an Handwerker und Bauern (U. VIII, 67). Der Mehlbezug einer der 2 Bäckereien im Dorfe Gahlenz, die am meisten verbraucht, findet immer in Posten von 100 Ctr. statt „und zwar kommt es aus grofsen Mühlen von Riesa und Wurzen“ (U. V, 39). Der Bäcker des ostfriesischen Dorfes Loquard kauft Weizenmehl „nie beim Müller, da dieser kein so gutes Erzeugnis, wie die Dampfmühlen liefert; er bezieht es vielmehr von 3—4 verschiedenen Händlern in der Stadt“ (U. VII, 581). Während im badischen Dorfe Mefskirch „früher die Mehlhändler und Bäcker das Getreide kauften und es mahlen liefsen, beziehen sie jetzt das Mehl aus Kunstmühlen, von denen sich mehrere in einem 5 Stunden entfernten Städtchen befinden, wodurch natürlich unsere Müller einen Ausfall erlitten haben“ (U. VIII, 47). Von fertigen Erzeugnissen der Bäckerei und Zuckerbäckerei ist nun zunächst alle Dauerware, wie man sie zusammenfassend bezeichnen kann, dem Grofs- und Gröfstbetrieb anheimgefallen. Jedes Kind kennt die weltberühmten Firmen für Chokolade und Entwicklung vgl. jetzt Ludw. Holländer, Die Lage der deutschen Mühlenindustrie. 1898 und vor allem Mohr, Entwicklung des Grofsbetriebes in der Getreidemüllerei. 1899. Über Aktienmühlen vgl. Saling, a. a. 0. S. 1338 ff. 1 Vgl. für Leipzig U. II, 391 f.; Breslau VII, 111 (Breslauer, Niederschlesische, Ungarische Mühlen), Berlin VII, 146; für München Arnold, a. a. O. S. 46; für Eisleben U. IX, 299. Vierundzwanzigstes Kapitel. Die Sphäre des specialis. Großbetriebs. 527 Bonbons 1 und ähnlich wie diese Artikel sind Artikel grofsindu- strieller Massenerzeugung geworden: Biskuits (grofse Fabriken in Wurzen, Freiberg, Hannover, Hamburg), Dessert, Thee- und Tafelgebäck, Watfein, Lebkuchen, Honigkuchen, Karamels, Fondants, Frucht-Gelees, Marmeladen etc. etc. In der eigentlichen Broterzeugung ist der kapitalistische Grofsbetrieb bislang nur zu geringer Entwicklung gelangt. Weifsbrotfabriken sind sehr selten 2 , aber auch Schwarzbrotfabriken scheinen überall nur dort recht zu gedeihen und zwar meist als genossenschaftliche, wo ihnen eine stramme Konsumkonzentration gegenübersteht, also bei Lieferungen für Institute, Krankenhäuser, Kasernen und namentlich im Anschlufs an Konsumvereine: hie und da auch in Proletariervorstädten z. B. Wien X. Die gröfste Konsum - brotfabrik nicht nur in Deutschland, sondern auf dem Kontinent, ist, meines Wissens, die Breslauer mit einer Jahresproduktion von (1900) 25223050 Pfund Brot 3 . Dagegen tritt die privatkapitalistische Grofsproduktion auch in den gröfseren Städten durchaus zurück 4 . Ein Feld kleinkapitalistischer Gestaltung scheinen in einzelnen gröfseren Städten unter den Weifsbäckern die Feinbäckereien zu sein. In Breslau z. B. repräsentieren sie eine ganz abgesonderte Klasse wohlrentierender Bäckereibetriebe. Produziert werden in diesen Betrieben neben der feinen Backware (Buttergebäck) noch Konditorwaren, verkauft aufserdem Schrotbrot, Grahambrot, Wiener Mehl, vereinzelt auch Kaffee, Thee und Zuckerwaren. „Die Betriebsinhaber sind durchweg kapitalkräftige Personen, meist Eigen- 1 Teilweise Riesenbetriebe. So beschäftigt die Stollwerksche Choko- ladenfabrik annähernd 2000 Arbeiter. - 2 Eine solche in München, die (1894) täglich 27000 Stück Weifsbrot (aufser 4000 kg Schwarzbrot) liefert, beschreibt Arnold, a. a. O. S. 30 f. 38. 57 f. 3 1875 betrug die Produktion 2Vs Mill. Pfund. Geschäftsbericht des Bresl. Kons.-Vereins über sein 35. Geschäftsjahr, 1900. S. 4. Vgl. hierzu die lesenswerten Ausführungen in U. VII, 136 f. 4 Vgl. für München, a. a. O.; Leipzig U. H, 422; Berlin U. II, 136 ff. Die gröfste Brotfabrik in Berlin („Berliner Brotfabrik“, A.-G.), deren Gesamtbruttogewinn 1897 373165 Mk. betrug, woraus 11% Dividende gezahlt werden konnten, betreibt fast ausschliefslich nur noch die Müllerei, aus •der allein 371093 Mk. des Gesamtgewinns flössen. Auch im Auslande sind die grofsen Brotfabriken meist genossenschaftliche. Vgl. Les boulangeries coopöratives particuliöremeut en Belgique. 1892. Für Wien, wo eine etwas raschere Entwicklung der kapitalistischen Grofsbäckereien stattzuhaben scheint, M. Wo lfram, a. a. O., S. 136 ff. Doch floriert auch hier nur ein Grofsbetrieb. 528 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. tümer des Hauses, in denen die Werkstatt sich befindet. Ihre Rohstoffe beziehen sie gegen bare Zahlung oder kurzfristigen Kredit und die meisten führen auch ordnungsmäfsig Buch über Einnahmen und Ausgaben“ (U. VII, 119/120). Diese Bäckereien haben die Tendenz, sich durch Filialen ihren Abnehmerkreis zu erweitern b Ebenfalls noch nicht sehr bedeutend sind die Eroberungen, welche der kapitalistische Girofsbetrieb auf dem Gebiete der Fleischerei in Deutschland gemacht hat. Um diese Thatsache richtig zu würdigen, mufs man jedoch zweierlei in Betracht ziehen: 1. den vorwiegend kommerziellen Charakter namentlich der Rindviehschlächterei, der die Wertzusetzung zu dem Rohstoff durch gewerbliche Thätigkeit auf ein Minimum einschränkt; 2. die aus sanitären Rücksichten in fast allen Grofsstädten geschaffenen, mehr und mehr auch in die Mittelstädte vordringenden Schlachthofanlagen. Diese sind gleichsam eine von Gemeindewegen den Einzelfleischern gegen einen bestimmten Entgelt zur Verfügung gestellte Fabrikanlage : „Die durch den Schlachtzwang gegebene Gebundenheit an eine bestimmte Produktionsstätte, die von der Stadtgemeinde erbaut, mit Werkzeugen und Maschinen ausgestattet ist und auch von ihr unterhalten und verwaltet wird, überhebt den Fleischer der Sorge um die Betriebsstätte und bietet ihm zugleich Einrichtungen von einer Vollkommenheit, wie sie der einzelne fast nie beschaffen könnte“ (U. VI. 82). Trotzdem finden wir einige bedeutsame Ansätze zu grofskapitalisti- scher Gestaltung der Fleischerei auch in Deutschland und zwar gleichzeitig an zwei verschiedenen Stellen: im Schlachtgeschäft und in der Wurstmacherei. 1 In Wien ist die kleinkapitalistische Unternehmung nach den Angaben Wolframs, a. a. 0. S. 162 ff., sogar der vorherrschende Typus in der Bäckerei überhaupt. W. rechnet auf die „Mittelbetriebe“, solche, die 6—12 Gehilfen beschäftigen, 60% von den der Wiener BäckergenossenSchaft zugehörigen 766 Bäckereien. Dafs diese „Mittelbetriebe“ jedoch zum grofsen Teil jedenfalls den kleinkapitalistischen Unternehmungen und nicht dem Handwerk angehören, dürfte zweifellos sein, wenn wir z. B. hören, dafs eine Bäckerei mit 8 Gehilfen einen Jahresumsatz von 72000 fl. hat und einen Profit von 7000 fl. abwirft (a. a. O. S. 168). Es steht mit dieser Annahme durchaus im Einklang, „dafs der Bäckereibesitzer durchschnittlich sich wenig um die Verhältnisse in der Bäckerei kümmert, fast nie des Nachts dem Back- prozefs beiwohnt und die einzige ihm obliegende Thätigkeit, die geschäftliche Leitung des Unternehmens, oft nicht ungern andern überläfst, um in seiner freien Zeit so wenig als möglich beengt zu sein. Er ist Klein- gewerbler mit den Aspirationen des Kapitalisten, zumindest des Hausbesitzers“ (a. a. O. S. 74). Vierundzwanzigstes Kapitel. Die Sphäre des specialis. Grofsbetriebs. 529 Grofsschlächter, richtiger Engros - Schlächter genannt, finden wir als eine ausgebildete und allgemeinere Institution, soviel ich weifs, erst in Berlin 1 . Hier bestehen etwa 300 Grofsschlächter, die fast alle Rinder und Schafe, den gröfsten Teil der Kälber und etwa 60 °/o der Schweine schlachten. Die Rindergrofsschlächter schlagen wöchentlich zwischen 60 und 80 Rinder; nur 2 schlachten je 100 die Woche. Die Kälberschlächter dürften im Durschnitt 70—80 Stück schlachten, die Schweineschlächter 200—250 Stück; ein Hammelschlächter läfst wöchentlich 500 und mehr Tiere töten. Jeder dieser Grofsschlächter hat einen jährlichen Kapitalumsatz, der auf 700000—1000000 Mk. geschätzt wird. Die Grofsschlächter verkaufen die Tierkörper in ganzen oder (Rinder) in halben Stücken an Detailfleischer oder an Institute etc., oder exportieren sie oder liefern sie endlich den Wurstfabriken 2 . Während in der Rinder- und Hammelschlächterei die Thätig- keit des Fleischers, nachdem der Akt des Schlachtens vollzogen ist, nur noch im Zerteilen des Tierkörpers und im Verschleifsen besteht, erheischt die Selcherei, d. h. die Schweinemetzgerei, noch 1 Anfänge auch in andern Gressstädten, z. B. in Breslau und Köln. In Leipzig bestehen zur Zeit 8 Engrosschlächtereien, die 21 % der Kinder und 13 % der Schweine schlachten. Ausdehnungstendenz! U. YI, 93/94. Ygl. hierzu Vorbericht über die Frage der Einführung der Grofschlächtereien in Österreich. Im Aufträge des (Handels- und Gewerbe-) Kammerpräsidiums erstattet von Dr. E. Schwiedland. 1896. S. 13 f. Über die Berliner Verhältnisse — allerdings für den Anfang der 1890er Jahre — giebt einen klaren Überblick Dr. Levy von Halle, Die Organisation des Berliner Vieh- und Fleischmarktes in Schmollers Jahrbuch XVI (1892) S. 381 ff., insbes. 394 f. — Eine viel imposantere Ausdehnung hat der Schlachtgrofs- betrieb in den Grofsstädten des Auslandes bereits gewonnen, so in England, Frankreich etc., von Amerika zu schweigen, wo eine einzige Grofs- schlächterei 8000 Angestellte beschäftigt; Schwiedland, a. a. O 4 S. 2 ff. Über Pariser Zustände unterrichtet die (von P. du Maroussem geleitete) Enquete des Office du Travail: La petite industrie. Tome I. L’alimentation ä Paris. 1893. pag. 199 seg. 2 Es kommt übrigens auch vor, dafs die Grofsschlächter selbst detaillieren. Dann ist die Produktionsteilung wieder aufgehoben und die Gesamt fleischerthätigkeit zum Großbetriebe ausgestaltet. Solche Geschäfte, die alle Thätigkeiten umfassen, haben sich auch an andern Orten entwickelt. So begegnen wir z. B. in Karlsruhe einem solchen Grofsbetriebe mit 50 Gehilfen, der 16°/o alles Grofsviehs, 19% alles Kleinviehs, das überhaupt in K. verarbeitet wird, schlachtet: U. III, 29. Es kann leicht sein, dafs Mittelstädte eher zu dieser Form, Grofsstädte zur Teilung des Produktionsgebiets zwischen Engros- und Detailfleischer hinneigen. Es wäre wenigstens sehr plausibel. Sombart, Der moderne Kapitalismus. I. 34 530 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. einen weiteren Aufwand von Arbeit: die Herrichtung der einzelnen Bestandteile des Schweines zur Wursterzeugung. Diese Thätigkeit im Fleischergewerbe ist nun das zweite Gebiet, auf dem sich bedeutsame Ansätze zu kapitalistischer Grofsbetriebsgestaltung vorfinden. Wurstfabriken gröfserer oder geringerer Ausdehnung weisen alle Grofs- und Mittelstädte auf, von denen wir Kunde haben: Karlsruhe (U. III, 29 f.), Leipzig (U. VI, 91), Düsseldorf (U. I, 236 f.). Der eigentliche Schwerpunkt der grofsindustriellen Wurstmacherei jedoch liegt in den an einzelnen Orten konzentrierten Versandfabriken. Solche finden sich in Braunschweig, Gotha, Waltershausen, Eisenberg, in zahlreichen Landstädten Nordwestdeutschlands (wie Northof in Holstein) etc., die jeder Hausfrau bekannt sind. Die Erzeugnisse dieser grofsen Wui’stwarenfabriken haben einen durchaus interlokalen, wenn nicht internationalen Absatzkreis. Sie finden sich in den Delikatefs- und Fleischwarenläden der entlegensten Städte wieder. Welche Quantitäten auf diesem Wege des interlokalen Versands in die einzelnen Orte gelangen, mögen folgende Ziffern andeuten. In Karlsruhe wurden an geräucherten Waren eingeführt: 1882 23775 kg, 1893 74146 kg (U. III). In Leipzig gar gelangten an Wurst- und zubereiteten Fleischwaren aus Deutschland zur Einfuhr im Jahre 1893 (U. VI, 156) zubereitetes Rindfleisch 120544,40 kg Schweinefleisch 995 747,45 - Erwähnt mag hier noch werden, dafs auch der interlokale und internationale Absatz frischen Fleisches in Deutschland an Ausdehnung gewinnt. Es ist freilich nicht ersichtlich, welcher Art die Betriebe sind, von denen das Fleisch versandt wird. Mit einiger Wahrscheinlichkeit jedoch dürfen wir schliefsen, dafs es sich hier auch um kapitalistische Unternehmungen gröfseren Stils handelt (soweit nicht blofs etwa Landfleischer den Import in die Städte besorgen!). Die Tendenz zum Grofsbetrieb führt von selbst zur Interlokalisierung insbesondere des Bezuges: um den regel- mäfsigen Geschäftsgang zu erhalten. So erfahren wir von einer Grofsschlächterei in Karlsruhe (U. III, 30), dafs sie dänische Rinder in Hamburg, russische Schweine in Kattowitz 0. S. schlachten läfst und deren Fleisch nach Karlsruhe einführt 1 . Leider stehen 1 Es war das allerdings das Futterteuerungsjalir 1893, in dem sich dieser Transport aus so weiter Ferne ereignete. „Doch — fügt der Verfasser a. a. O. S. 31 sehr richtig hinzu — ist die Möglichkeit erwiesen und das Beispiel für zukünftige ähnliche Fälle gegeben.“ Vierundzwanzigstes Kapitel. Die Sphäre des specialis. Grofsbetriebs. 531 uns nur wenige zuverlässige Ziffern zur Verfügung, die geeignet wären, den Thatbestand zu verdeutlichen. Der Eingang von „Fleisch, auch Speck“ mit der Bahn in Berlin ist in besonders raschem Steigen begriffen und hat bereits ansehnliche Ziffern erreicht. Er betrug: 1883 = 3 767 000 kg 1890 = 8 867 000 - 1895 = 17 890000 - 1898 = 20921000 - während (1898) 1 727000 kg per Bahn von Berlin versandt wurden 1 . Wir sind, da die lokalen Statistiken, soviel ich sehe, nur schwer vergleichbar sind, im wesentlichen auf die Ziffern angewiesen, die wir über den Versand von „Fleisch, auch Speck“ auf den deutschen Eisenbahnen besitzen. Dieser betrug (nach dem Stat. Jahrb. d. D. Reichs) 1885 = 22000000 kg 1890 = 47 000 000 - 1895 = 52000000 - 1899 = 92000 000 - Endlich sei hier noch registriert, dafs die Einfuhr ausländischen „frischen und einfach zubereiteten Fleisches“ nach Deutschland im Jahre 1898 83596 t im Werte von 72,5 Mill. Mk., 1900 51242 t im Werte von 45,4 Mill. Mk. betrug. Das ist — um einen Anhalt für die Abschätzung zu geben — etwa ein Drittel bis die Hälfte des Gesamtfleischbedarfs Berlins samt dem 8 Kilometerumkreis (1898), der auf 174988 t angesetzt wird 2 . Wie hoch aber auch bei den lokalen Fleischereibetrieben in gröfseren Städten schon heute die Anforderungen an die Kapitalkraft der Besitzer sind, mögen folgende Ziffern erweisen (nach U. VI, 120 f.): in Leipzig beträgt in einem: Anlagekapital Betriebskapital Mk. Mk. Kleinbetrieb“ (1 Meister und 1 Geselle) 2440 6230 „Mittelbetrieb“ (1 Meister, 2 Gesellen, 2 Mädchen). 13391 14135 „Grofsbetrieb“ (1 Meister 21 Hilfspers.) 53000 82256 1 Berlin und seine Eisenbahnen etc. II, 262 und Statist. Jahrb. der Stadt Berlin (1900), 284. In Berlin zur Verzollung gelangten, waren also ausländischen Ursprungs 1895 1395 000 kg „Fleisch und Fleischextrakt“, a. a. O. 280. 2 Stat. Jahrb. der Stadt Berlin (1900). 293. 34 < 532 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Daraus scheint mir hervorzugehen, dafs man unrecht thut, eine auch nur über die Mindestgröfse hinausgewachsene grofs- städtische Fleischerei noch als Handwerksbetrieb anzusprechen 5 der oben verzeichnete „Mittelbetrieb“ ruht doch durchaus schon auf (handels-)kapitalistischer Basis. B. Bekleidungsgewerbe. An der Schuhmacherei können wir besonders deutlich jenen Stufengang verfolgen, den der kapitalistische Grofsbetrieb in den meisten Gewerben durchgemacht hat: von Einzelartikeln, Halbfabrikaten, Hilfsstoffen allmählich zum Fertigfabrikat des alten Schusterhandwerks und von noch vor ein paar Jahrzehnten bescheidenen Manufakturen mittlerer Gröfse zu rasch wachsenden Fabrikbetrieben. Was lange Zeit aus dem Arbeitsgebiet im Schuhmachergewerbe allein von der Fabrik occupiert worden war, war die Herstellung der Schäfte. Das Aufkommen der Schäftefabriken hängt aufs engste mit der Einbürgerung der Nähmaschinen zusammen. Sie entwickeln sich in Deutschland seit den 1850er und 1860er Jahren aus dem Lederausschnittgeschäft, dessen Bekanntschaft wir bereits zu machen Gelegenheit hatten (vgl. S. 451). Der kapitalkräftige Ausschnitthändler und neben ihm wohl auch unternehmende Leder-engros-Geschäfte begnügten sich allmählich nicht mehr damit, ihren Kunden das zugeschnittene Leder zu verkaufen, sondern sie besorgten mit Hilfe der Nähmaschinen ihnen die Schaftarbeit und beschränkten damit das Handwerk auf die Bodenarbeit. Während man ursprünglich nur glatte Modelle aus einem oder ganz wenig Stücken verfertigte, indem man sich den handgenähten Schaft des Meisters zum Vorbild nahm, lieferte man bald elegante Zierschäfte mit Besätzen, Kappen, Knöpfen u. s. w., die schnell beliebt wurden. Eine Reihe schnell eingebürgerter Hilfsmaschinen gestaltete den Arbeitsprozefs zu einem immer volllcommneren 1 . Nun war die Situation Jahrzehnte lang 1 U. IY, 49 f. Zu diesem Abschnitt ist au Litteratur zu vergleichen vor allem wiederum eine Reihe wertvoller Monographien in U., von denen die Arbeiten über Breslau, Leipzig, Württemberg am eingehendsten die Entwicklung des Grofsbetriebes in der Schuhmacherei behandeln. Ferner ist zu nennen E. Francke, Die Schuhmacherei in Bayern. 1893. Das Tempo der Entwicklung gerade der Schuhmacherei zu höheren Formen ist in Deutschland während der letzten Jahre ein so rasendes, dafs die Litteratur über diesen Vierundzwanzigstes Kapitel. Die Sphäre des specialis. Grofsbetriebs. 533 die: dafs das Handwerk die fertigen, fabrikmäfsig hergestellten Schäfte bezog, sieb aber im Gebiete der sog. Bodenarbeit behauptete. Diese wurde auch in den „Schuhfabriken“, d. h. denjenigen kapitalistischen Grofsbetrieben, die bereits fertige Schuhwaren produziei'ten, noch liandwerksmäfsig ausgeführt. Schliefslich aber drang die maschinelle Technik auch in den wichtigen Produktionsvorgang der Bodenarbeit siegreich vor: in Deutschland in allerletzter Zeit. Die zwei Verrichtungen, die lange Zeit von der Maschine nicht geleistet wurden, waren das Zwicken der Schuhe und das Durchnähen dicken Sohlenleders. Während schon seit geraumer Zeit es möglich war, selbst die dicksten Leder mit der Maschine zu nähen — freilich nicht so haltbar und sauber, wie es gute Handnäher vermochten — existieren seit kurzem amerikanische Maschinen, die wahre Wunderwerke der Mechanik sind. Die Maschine näht mit grofser Geschwindigkeit den breiten Band und steppt zu gleicher Zeit mit Pechdraht die Sohlen doppelt an. Der Stich ist gleichmäfsiger als bei jeder Handarbeit und die Naht wird dadurch, dafs flüssiges Pech sich in die von der Nadel gebildeten Stichkanäle festsetzt und der Draht auch sehr fest angezogen wird, auch viel haltbarer. Noch erstaunlicher beinahe sind die Zwickmaschinen. Der mit ihrer Hilfe aufgezwickte Schuh sitzt faltenlos und gleichmäfsig über dem Leisten, äufserlich weit schöner als der mit der Hand aufgezwickte. Dafs die Maschine enorm schnell arbeitet, ist ein weiterer Vorzug. Seit den 1880er Jahren beginnt denn auch, in progressiv wachsendem Tempo, die fahrikmäfsige Erzeugung fertiger Schuhwaren in Deutschland an Boden zu gewinnen. Zunächst sind es nur bestimmte, zur Massenfabrikation wiederum besonders geeignete Artikel, die der grofsindustriellen Fabrikation anheimfallen: Pantoffeln, Kinderschuhe, Strandschuhe. Dann kommt der Damenstiefel an die Beihe und jetzt ist mit dem Herrenstiefel der Kreis des gesamten Produktionsgebiets geschlossen. Eine irgendwie ziffernmäfsige Vorstellung zu gewinnen von dem Anteil der fabrikmäfsigen an der gesamten Schuhwarenerzeugung Gegenstand in allerkürzester Zeit veraltet. Dieses Los teilen z. ß. durchaus schon H. A. Schneider, Die moderne Schuhfabrikation, 2. A., 1882; und M. Schöne, Die moderne Entwicklung des Schuhmachergewerbes, 1888; ebenso die Erhebungen über die Lage der Kleingewerbe in Baden (1887). Eine willkommene Ergänzung der U. bildet jetzt die zusammenfassende Arbeit von Eugen Friedricliowicz, Die Lage des Schuhmacherhandwerks in Deutschland; in der Zeitschr. f. d. ges. Staatsw. 55 (1899), 120ff. und 241 ff. 534 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. in Deutschland, ist selbstverständlich ausgeschlossen. Wenn wir aber den Berichten aus Stadt und Land, die uns in reicher Fülle vorliegen, wenn wir unseren eigenen Beobachtungen Glauben schenken wollen, so können wir getrost sagen, dafs der Fabrikstiefel im Begriffe ist, die Alleinherrschaft auf dem Schuhwaren- markte an sich zu reifsen. Er dehnt sein Herrschaftsgebiet nach zwei Seiten hin aus: in die Sphäre der bisher hausindustriell, und in diejenigen der bisher handwerksmäfsig hergestellten Artikel. Besonders ist es wohl die gute Mittelware, die am meisten der fabrikmäfsigen Produktion anheimfällt, d. h. gerade das Specifikum des alten Handwerks. Die geringsten Qualitäten von Schuh werk verbleiben noch eine Zeit lang der alten Hausier- und Marktschusterei, die aber ebenfalls ihrem Untergang mit Riesenschritten zueilt 1 2 , die besten dem kapitalistischen Mafsgeschäft in den Grofsstädten, in dem der Preis keine Rolle spielt. Was dazwischen liegt, scheint rettungslos der mechanischen Fabrik verfallen. Was die letztere für einen enormen Preisdruck in neuerer Zeit herbeigeführt hat, ist erstaunlich: Herrenstiefeln zu 7 Mk., Damenstiefeln zu 5 Mk. sind jetzt gangbare Artikel geworden! In Deutschland bestehen jetzt etwa 1000 Schuhfabriken, die eine ausgesprochene Tendenz nach Yergröfserung 3 und Vervollkommnung ihrer Betriebsweisen haben. Sie sind zwar über das ganze Reich zerstreut. Doch haben sich im Lauf der Zeit berühmte Centren der Schuhgrofsindustrie herausgebildet, wie Breslau, Mainz, Dresden, Frankfurt a. M. Die bedeutendste Schuhmacherstadt Deutschland ist aber Pirmasens in der Rheinpfalz. Auch hier haben erst die letzten Jahre den entscheidenden Aufschwung gebracht: so wurden 1889 = 19; 1890 = 29 Schuhfabriken daselbst neu errichtet. Schon Mitte der 1890er Jahre bestanden in diesem seltsamen Orte: 98 Schuhfabriken, 6 Absatzfabriken, 1 Leistenfabrik, mehrere Rosettenfabriken, 14 Grofsgerbereien, 25 Lederhandlungen, 1 Schuhmaschinenfabrik mit 40 Dampfmaschinen. Die Zahl der in der Schuhindustrie und ihren Hilfsgewerben beschäftigten Personen 1 Friedrichowicz, a. a. O. S. 121 ff. 2 So hatte z. B. die Leonberger Schuhfabrik (Württemberg) im Jahre 1888 100, im Jahre 1890 dagegen 300 Arbeiter: U. III, 251. Einen ähnlichen Entwicklungsgang hat eine grofse Breslauer Schuhfabrik in diesem Zeitraum durchgemacht. 1894 befand sich die gröfste deutsche Schuhfabrik in Erfurt. Vgl. darüber F. Kegel, Die wirtschaftlichen und industriellen Verhältnisse Thüringens im officiellen Katalog der Thüringer Gewerbe- und Industrieausstellung zu Erfurt 1894. ( Vierundzwanzigstes Kapitel. Die Sphäre des specialis. Grofsbetriebs. 535 belief sich auf 15000; die Produktionsmenge auf 14000000 Paar Schuhe jährlich im Werte von 35 Mill. Mk. Gewifs sind auch diese Ziffern heute schon veraltet. Aber welche Statistik vermöchte jenem Umbildungsprozesse auf dem Fufse zu folgen, der sich vor unsern Augen in dem personenreichsten und somit bedeutsamsten Gewerbe, der Schuhmacherei, abspielt ? ! Dasjenige Hilfsgewerbe der Schuhmacherei, welches vor ' allem mit dem Schicksale der Hauptindustrie engstens verflochten ist, ist, wie schon an anderer Stelle hervorgehoben wurde, die Gerberei, insonderheit die Lohgerberei. Dafs diese in Deutschland bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Schranken des Handwerks mehrfach durchbrochen hatte, wurde ebenfalls schon gezeigt. Was nun die Entwicklung während des verflossenen halben Jahrhunderts anbelangt, so gipfelt sie in einer fast völligen Alleinherrschaft der grofsen Lederfabrik, soweit die Lohgerberei in Betracht kommt, in einem starken Vordringen aber auch der Grofsunternehmung auf dem Gebiete der Weifs- und Sämischgerberei. Im Rahmen des Grofsbetriebes hat sich der Arbeits- prozefs der Gerberei während des letzten Menschenalters zu völlig neuen Formen entwickelt, durch die Einfügung von Maschinen $ sowohl als vor allem durch die Ausnutzung der Ergebnisse moderner Chemie 1 . Was die Lohgerberei betrifft, so geht hier der Anstofs zur Umgestaltung der Technik von den Arbeiten Knapps, Lietz- manns und Riemanns (Ende der 1850er und 1860er Jahre) aus, welche zuerst einen klaren wissenschaftlichen Einblick in den Gerbeprozefs gewährten und die Chemie in den Dienst der bis dahin rein empirisch betriebenen Gerberei stellten. Seitdem hat die wachsende Einsicht in das Gerbeverfahren zu immer neuen Errungenschaften für die Technik geführt. Augenblicklich ist man bemüht, die Elektrizität für die Gerberei dienstbar zu machen, wodurch die stärksten Häute in längstens 4 Tagen und Nächten völlig durchgegerbt werden und eine enorme Steigerung der Jahresproduktion zu erzielen wäre (U. IV, 3. 4). Die Anwendung rationellerer Gerbstoffe, neuerdings des Quebrachoholzes an Stelle der alten Eichenlohe, hatte ebenfalls schon eine beträchtliche Abkürzung des Produktionsprozesses ermöglicht. Daneben sind wichtige mechanische Errungenschaften zu verzeichnen: die Erfindung der jetzt in Grofsbetrieben allgemein angewandten Lederspaltmaschinen u. dergl. 1 Vgl. hierzu namentlich die Arbeiten in U. IV, 1 ff. (Breslaiü, VIII, 437 ff. (Württemberg). 536 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Die moderne Lederindustrie ist in Deutschland heute an einzelnen bevorzugten Plätzen in grofsen Betrieben konzentriert und hat ihren Absatz bis in die kleinsten Bauerndörfer hinein 1 . Die wichtigsten Produktionsstätten sind folgende: für schweres Sohlleder: Fabriken am Rhein, an der Mosel und in der Eifel, in Mainz, Malmedy, Hannover, Berlin, Nürnberg, Passau; für Rofsleder: Berlin, Brandenburg, Harburg, Hamburg, Hannover, Merseburg, Plauen, Perleberg; für Schafleder namentlich zu Buchbinderarbeiten, mit dem Deutschland die halbe Erde versorgt, Berlin, Bonames, Frankfurt a. M., Hamburg, Kirn, Köln, Königsberg Kalw, Mainz, Mühlhausen, Strafsburg. Selbst die Statistik läfst in ihren Zahlen die i’asche Zunahme der grofsindustriellen Gerberei erkennen. Nach der Gewerbestatistik gab es in der Gerberei: mit 11—50 Personen mit 51—200 Personen mit 201—1000 Personen mehr als 1000 Personen Betriebe darin beschäftigte Personen Betriebe darin beschäftigte Personen Betriebe darin beschäftigte Personen Betriebe darin beschäftigte Personen 1882 456 9 127 61 5 027 10 4342 1 1614 1895 620 13 273 119 10 898 17 5747 3 5492 Diesen 35 410 in Grofsgerbereien bescnäftigten Personen gegenüber sind die in Betrieben mit weniger als 5 Personen gezählten 5671, sowie die 5455 in Betrieben von 6—10 nachgewiesenen Personen eine Quantitd ndgligeable. Übrigens weisen die kleinbetrieblichen Ziffern zudem rasch eine Verminderung auf. Die übrigen, noch zu erwähnenden Bekleidungsgewerbe will ich kürzer erledigen: In der Kürschnerei hat sich seit längerer Zeit ein Teil der Fellverarbeitung in specialisierten Grofsbetrieben selbständig entwickelt: die sog. Zurichterei. Sie wird in Deutschland namentlich in der Umgegend von Leipzig — dem berühmten Rauchwarenmarkte! — in grofsen Fabriken betrieben und nimmt den Kürschnern einen beträchtlichen Teil ihrer früheren Arbeit ab 2 . Von der 1 So bevorzugen z. B. die Schuhmacher in dem pommerschen Städtchen Loitz das Hamburger Rofsleder, das ihnen durch Vermittlung einer Breslauer Firma zukommt. U. I, 39. 2 Leipzigs Specialität ist die Zurichterei und Färberei, die immer damit verbunden ist, von Pelz, Lamm- und Schaffellen. Berühmte Zurichtereien des Auslandes finden sich in London (für Sealskin), Lyon und Brüssel (für Kanin und Hasen). Vierundzwanzigstes Kapitel. Die Sphäre des specialis. Grofsbetriebs. 537 Fellverarbeitung selbst ist die Herstellung von Halbfabrikaten: Hamster-, Fehbauch- und Fehrückenfutter sowie vor allem seit etwa 20 Jahren die sog. Galanteriekürschnerei fast ganz dem Grofs- betrieb anheimgefallen, also die Anfertigung von Baretts, Boas, Muffen etc., die zumeist noch in wenig arbeitsteiliger Kooperation mit wenig Maschinerie erfolgt. Auch in der Hutmach er ei wurde lange Zeit nur das Halbfabrikat: der Stumpen in Fabriken hergestellt, während das Fertigstellen und Konfektionieren des Hutes dem Handwerk verblieb. Dann zog der kapitalistische Grofsbetrieb zunächst den Wollfilzhut ganz in seine Kreise, und nun ist seit einiger Zeit der Haarfilzhut seinem Bruder gefolgt: 99°/o aller Hüte Europas stammen fix und fertig aus grofsen Hutfabriken, deren Deutschland hauptsächlich in Offenbach, Frankfurt a. M., Elbing, Liegnitz, Guben und Altona besitzt. Der nachgeborene Strohhut hat wohl nie andere als grofsbetriebliche Behandlung erlebt 1 ; das wufste vor einem Menschenalter schon Schmoller, der im übrigen noch an das Hutmacherhandwerk zu glauben berechtigt war. Ein fruchtbares Feld für die Bethätigung kleinkapitalistischer Unternehmungen scheint die Fabrikation neuer Seidenhüte zu sein, da hierdem augenblicklichen Stand des Marktes und der Technik am besten Betriebe von etwa 20 Arbeitern entsprechen (vgl. U. VI, 325). Schon lange hat der Kapitalismus — und zwar ursprünglich in Form der Hausindustrie, mehr und mehr in Form des Grofs- bctriebes — die Hand Schuhmacherei in seine Herrschaft gebracht. Das erste fabrikmäfsige Unternehmen für Verfertigung der Handschuhe nach französischer Art in Preufsen wurde 1828 in Breslau gegründet 2 . Jetzt bestehen etwa 200 Handschuhfabriken in Deutschland, einer der Hauptsitze dieser Industrie ist das Königreich Sachsen. Am wenigsten von allen wichtigen Bekleidungsgewerben hat der Grofsbetrieb wohl in der Schneiderei Boden zu gewinnen vermocht. Während wir von einer sehr beträchtlichen Entwicklung kapitalistischer Hemden- und Kleiderfabriken gröfseren Stils im Auslande häufig Kunde erhalten, erfahren wir in Deutschland nur von einigen geringen Ansätzen zu Konfektionsgrofsbetrieben 3 . Der über- 1 Die Erzeugung des meist vom Ausland bezogenen Halbfabrikats, der Strobflecbten, geschieht meist in bausindustrieller Form: so in China, Italien etc. 2 Ivarmarsch, Geschichte der Technologie (1872) S. 587. 3 Eine gröfsere Bedeutung scheint die Fabrik in Deutschland nur für die Arbeiter- und Sommerkonfektion in Elberfeld-Barmen und München-Gladbach 538 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. wiegende Teil der kapitalistischen Schneiderei, das wurde ja bereits festgestellt, hält sich noch in der Sphäre der Hausindustrie und kleiner Werkstätten auf. Grofsindustriell betrieben wird in Deutschland meines Wissens in gröfserem Umfange nur die Verfertigung von Kragen, Manschett en, Oberhemden etc., für die man richtig die Bezeichnung „Wäschefabrikation“ anwendet, obgleich auch auf diesem Gebiete die Hausindustrie noch etwa gleiche Bedeutung wie der Grofsbetrieb hat. Man kann drei Centren der Wäschefabrikation unterscheiden * 1 : Berlin als ältesten Hauptkonsument der märkisch-schlesischen Leinenindustrie, Bielefeld als Mittelpunkt der westfälischen Leinen- und Wäschefabrikation und Aue im Bezirk der Kattundruckerei und Baumwollenmanufaktur. Der bei weitem bedeutendste Sitz der Wäschefabrikation, insbesondere der Kragen- und Manschettenfabrikation ist Berlin. Dort beschäftigen die 4(3 Fabriken für Herrenwäsche 6000 Fabrik- und etwa 12000 Heimarbeiterinnen, die 15 Fabriken für Damenwäsche 2 3 etwa 15 000 Arbeiterinnen in Berlin selbst. Die gröfste Berliner Wäschefabrik beschäftigt regelmäfsig fast 1000 Personen allein in der Fabrik. Nach Feig 8 betrug von 42 Wäschefabriken in Berlin bei 17 die Arbeitszahl 10— 50 12 - - 51—100 5 - - 101—200 4 - - 201 -400 3 - - 401—500 1 - - 974 18 von diesen Fabriken arbeiten mit eigenen Dampfmaschinen, 17 mit gemieteten, 3 mit Gasmotoren, 4 ohne Motoren. Auch in Aue beschäftigt das gröfste der 3 Etablissements 700 Fabrikarbeiterinnen. C. Baugewerbe. In die Baugewerbe, die eine wahre Musterkarte der verschiedensten Organisations- und Betriebsformen aufweisen können, dringt zu besitzen. Dafs hier jedoch „der Fabrikbetrieb die Hausarbeit bei weitem überwiege“, wie die Zusammenstellung etc. z. B. meint, habe ich aus den Vernehmungen nicht herauslesen hönnen. Vgl. Protokoll etc. S.114/15. 1 Zusammenstellung etc. S. 6 f. 2 Die hier in Frage kommenden Damenwäscheartikel sind ebenfalls Kragen, Stulpen und Vorhemden, wie sie in den letzten Jahren mehr und mehr getragen werden. 3 A. a. O. S. 30 ff. Vierundzwanzigstes Kapitel. Die Sphäre des specialis. Grofsbetriebs. 539 der Grofsbetrieb von zwei ganz entgegengesetzten Seiten lier und 1 mit vielfach durchaus unterschiedlichen Erscheinungsformen ein. Auf der einen Seite nämlich entwickelt sich die grofse Specialfabrik für Herstellung einzelner Bauartikel (Bauteile), auf der anderen Seite beobachten wir den lokalen Yollbetrieb in den einzelnen baugewerblichen Zweigen sich höheren Formen zuwenden. I. Die Bauartikelfabriken haben es zunächst lediglich ^ auf die Anfertigung der in ihr Fach einschlagenden Gegenstände abgesehen und treten in diesem ursprünglichen Stadium ihrer Entwicklung mit dem Bau, für den ihre Fabrikate bestimmt sind, in keinerlei direkte Beziehung. Die wichtigsten dieser Bauteilfabriken, die fast überall, wo sie entstehen, sofort mit dem Rüstzeug gröfst- kapitalistischer Gestaltung auf dem Kampfplätze erscheinen, sind folgende: 1. Fabriken für Holzteile. Sie sind am frühesten als Holzzurichtfabriken entstanden, die den Zweck haben, die rohen Stämme zu Balken zu beschneiden oder zu Brettern zu verarbeiten. Solche Säge- und Brettschneidewerke finden wir schon früh mit Vorliebe in waldreichen Gegenden. Die erste Dampfschneidemühle in Deutschland wurde 1845 in der Nähe von Leipzig ^ angelegt. Heute sind sie in grofser Zahl über das ganze Reich i verbreitet. In und um Leipzig z. B. sind in den letzten Jahr- i zehnten allein 9 solche Dampfsägewerke mit zusammen über 700 Arbeitern entstanden. Sie liefern das Material sowohl für die a Zimmereien als für die Bautischlereien x . Ändere Halbfabrikate aus Holz, die ebenfalls fabrikmäfsig hergestellt werden, sind noch fertige Bodenriemen, fertige Krallenriemen für die Täfelungen, fertige Gesimsleisten jeder Art etc. 1 2 . Wiederum schreitet auch auf diesem Gebiete der Grofsbetrieb von den Halbfabrikaten zu den Ganzfabrikaten vor. Zu denjenigen fertigen Holzteilen des Hausbaues, die heute schon vom Grofsbetrieb in seinen Bereich gezogen sind, gehört zunächst der Fufsboden, namentlich das Parkett. | Grofse Parkettfabriken sind an zahlreichen Stellen namentlich in . Süddeutschland entstanden und beherrschen bereits heute den Markt * allein 3 ; die gröfste ist die Berlin-Passauer Parkettfabrik mit einem 1 Selbstverständlich auch für die Holzgerätschaftsgewerbe. Für Leipzig vgl. U. IX, 605. Über ihre Entwicklung in Sachsen ebenda und Gebauer, Die Volkswirtschaft im Kgr. Sachsen. Bd. III. S. 561 ff. 2 Vgl. Fachberichte etc. S. 90/91. 3 Vgl. U. III, 98 f. 113 f. 514. 516. 533; IV, 450 ff. Thurneyssen, a. a. O. S. 39 f. 540 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Aktienkapital von 3 Mill. Mark und einer Arbeiterschaft von zeitweise mehr als 500 Personen. Ferner: Thüren und Fenster. Nachdem längere Zeit — wie auch heute vielfach noch — Schweden grofse Mengen fertiger Thüren und Fenster nach Deutschland geliefert hatte *, ist dieser Industriezweig jetzt in Deutschland selbst an zahlreichen, insbesondere waldreichen Orten zur Blüte gelangt. Die bedeutendsten dieser Fabriken liegen in Oeynhausen, Wolgast, Landsberg a. W., Weifsen- burg i. S. (Mittelfranken), Freiburg i. B. 1 2 . Wenn auch die Bautischlerei in Deutschland einstweilen noch nicht ihren Schwerpunkt in diesen Specialfabriken hat, etwa wie in den Vereinigten Staaten von Amerika, wo bereits jetzt alles Holzwerk der Treppen, Thüren, und Fenster fast durchgängig in kolossalen Fabrikanlagen hergestellt wird 3 , so beginnen doch diese Versandgeschäfte allerorts der lokalen Bauschreinerei empfindliche Konkurrenz zu machen 4 . 2. Fabriken für Eisen- und Stahlteile. Dafs alle gröfseren Konstruktionsteile des Hauses aus Eisen: Träger, Pfeiler etc. fertig aus der Fabrik (dem grofsen Stahl- und Eisenwalzwerk) bezogen werden, ist selbstverständlich. Aber auch die Produktion der kleineren Bestandteile des Hauses aus Eisen ist heute schon zum gröfsten Teile dem Grofsbetriebe anheimgefallen. Auch bei diesen eisernen Baubestandteilen beobachten wir wiederum ein allmähliches Vordringen des Grofsbetriebes von einfachen Halbfabrikaten zu den komplizierteren Fertigfabrikaten. Zunächst waren es nur die Fensterecken, Wirbel, Bänder u. dergl. Artikel, die die Fabrik lieferte, anfangs jedoch auch sie noch nicht in gebrauchsfertigem Zustande, sondern erst halb vorgearbeitet, so z. B. die Thürbänder ausgestanzt, aber an der einen Seite nicht gerollt. Es blieb dem Bauschlosser die Vollendung. Dann kamen dieselben Gegenstände fix und fertig aus der Fabrik. Und mit ihnen nun auch kompliziertere Artikel, vor allem — was das bei weitem wichtigste Ereignis für die gesamte Bauschlosserei war — die Schlösser und Schlüssel selbst. Was heute an diesen Bau- 1 Ihre Konkurrenz fühlbar in Karlsruhe U. III, 101. Köln I, 301; „fast sämtliche in hiesigen Bauten verwandten Thüren kommen aus Schweden“. 2 Vgl. über letztere bezw. U. IV, 431 und VIII, 231. 3 J. Lessing, Kunstgewerbe, im Amtlichen Bericht über die Weltausstellung in Chicago 2 (1894), 769. *■ Konstatiert für Köln a. Eh. U. I, 263; Augsburg III, 533; Berlin IV, 431 u. a. O.; Zürich, Fachberichte etc. S. 219. Vgl. auch Sinzlieimer über eine Ludwigshafener Fabrik a. a. O. S. 92. Vierundzwanzigstes Kapitel. Die Sphäre des specialis. Grofsbetriebs. 541 artikeln in Deutschland bedurft wird, stammt zum überwiegenden Teile aus den grofsen Specialfabriken, soweit es nicht etwa noch in der traditionellen Hausindustrie hergestellt wird x . Ein Stimmungsbild aus der Bauschlosserei in Nakel (Netze): „Da — 1890 — hielt die Fabrikware ihren Einzug und verdrängte binnen 2 Jahren die Handarbeit vollkommen, sodafs heutzutage nur noch einige Landleute ihre Schlösser vom Handwerker anfertigen lassen, statt sie für die Hälfte des Preises in gleicher Qualität im Laden zu kaufen“ (U. IV, 216). 3. Fabriken für Blech-, Zinn- und Zink teile erzeugen getriebene und geprefste Bauornamente, Dachrinnen u. dergl. 4. Fabriken für Thon- und Gipsteile. Leitungs- und dergl. Röhren kommen natürlich fertig aus der Fabrik. Die Kacheln der Ofen werden in immer gröfserem Umfange von bedeutenden Ofenfabriken geliefert. Aus Gips werden Figuren, Rosetten und ganze Plafonds in grofsen Betrieben aufserhalb des Baus hergestellt. Vielfach werden auch die ebenfalls fabrikmäfsig, mit weiblichen Arbeitskräften erzeugten Ornamente aus Papierstuck und Kartonzierat verwendet (U. III, 82). Gerade die kostbai-sten Stückarbeiten sowohl als Deckenverzierung wie als Fassadenschmuck stammen aus grofsen Fabriken. 5. Fabriken für Glasteile. Dafs die Glasscheiben selbst aus den Glasfabriken hervorgehen, versteht sich wiederum von selbst. Bei der zunehmenden Verwendung von Glas bei den modernen Bauten, die vielfach nur aus Glas und Eisen bestehen, hat die Industrie des gewalzten Glases eine erhebliche Förderung erfahren. Aber auch die Herstellung der Glasteile eines Hauses in einem weiteren Stadium ihrer Bearbeitung erfolgt heute vielfach fabrikmäfsig: ich meine die Anfertigung der Fenster in grofsen Fensterfabriken, die teilweise schon eine ganz bedeutende Ausdehnung erlangt haben. So wird uns eine Leipziger Fensterfabrik beschrieben, die aufser dem Verwaltungspersonal 76 Arbeiter und eine Dampfmaschine von 25 PS. beschäftigt und deren Absatzgebiet, wie das der andern Fensterfabriken in Leipzig sich über 1 Vgl. den Überblick über den heutigen Stand der Fabrikation von Bauschlosserartikeln in U. IV, 285 f. Nur ist zu bemerken, dafs sich seit dem Jahre 1887, in dem Frankenstein sein Buch über die Hausindustrie im Kr. Schmalkalden, ja sogar seit dem Jahre 1891, in dem Stegemann seine Studien .auf dem Gebiete derbergischen Klein- und Hausindustrie in der Zeitschrift für Handel und Gewerbe veröffentlichte, sich der Übergang von der Hausindustrie zum Grofsbetriebe in weitem Umfange vollzogen hat. \ 542 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. ganz Sachsen, Thüringen und die anliegenden preufsischen Provinzen, vor allem auch auf die Stadt Berlin erstreckt. Der eine der Betriebe liefert sogar fertige Fenster bis nach Rumänien (U. Y, 186). Erwägen wir zudem noch, dafs selbst die einzelnen Teile des Steinbaus — die Ziegelsteine selbstverständlich, aber auch — Sandsteine und Granitplatten, Marmortafeln und Marmorblöcke geschnitten und vorgearbeitet von fernher kommen, dafs Kalk und Cement, Dachpappen und Holzziegeln aus eigenen Fabriken stammen J , so dürfen wir wohl von einer allgemeinen, starken Tendenz sprechen: den Hausbau zu interlokalisieren, d. h. ihn in allen seinen Einzelheiten an dazu geeigneten, vom Standort des Hauses getrennten Lokalitäten herzustellen, um dann an Ort und Stelle lediglich die Hausmontage zu besorgen. Freilich sind wir von einer derartig interlokalen Hausfabrikation einstweilen in Deutschland noch weit entfernt; aber die Richtung ist doch angegeben, wohin wir aller Voraussicht nach steuern: siehe U. S. A.! Aktueller ist dagegen schon heute eine andere Tendenz, deren wir Erwähnung auch an dieser Stelle thun müssen, obgleich wir ihren Wirkungen schon früher begegnet sind: ich meine das Streben vieler der genannten Bauteilfabriken, wieder selbst an den Ban heranzukommen, dadurch dafs sie die fabrizierten Artikel durch eigene Arbeiter anbringen lassen; so entstehen jene aufserhausindustriellen Departements der grofsen Unternehmungen, von denen im 23. Kapitel die Rede war. Ist ein solches Streben von Erfolg gekrönt, so hat sich der Kreis wieder geschlossen, der eine Zeit lang unterbrochen war: das alte Bauvollgewerbe — die Schreinerei, Schlosserei, Glaserei, Töpferei u. s. w. — ist auf höherer Stufenleiter und einer vollständigen Verschiebung des Produktionsstandorts, aber doch in seiner Einheit wiederhergestellt. Eine letzte und höchste Stufe der Entwicklung bildet dann die Vereinigung sämtlicher Teilarbeiten am Hausbau in einer Hand: dem grofsen universalen Baugeschäft, von dem wir noch genauere Kenntnis erlangen werden. II. Verglichen mit der Entwicklung der Bauteilfabriken hat, scheint es mir, die Betriebsumgestaltung der alten lokalen Baugewerbe geringere Bedeutung. Immerhin verdient auch diese Entwicklung selbstverständlich der Erwähnung. Während die 1 Vgl. auch Salings Börsenhandbuch 1901/1902 S. 904 ff. (Baumaterialgesellschaften). Vierundzwanzigstes Kapitel. Die Sphäre des specialis. Grofsbetriebs. 543 Mau rer ei allerdings wohl dank ihrer Natur an die aufserliaus- industrielle Betriebsform gebunden ist, besteht bei allen übrigen Baugewerben (weil sich hier die Arbeit in zwei getrennte Gebiete: die Herrichtung der Bauteile aufserhalb des Baues und deren Anbringung am Bau teilt) die Möglichkeit einer Entwicklung zum Grofsbetriebe für jenen von der Baustelle loslösbaren Teil des Arbeitsprozesses. Die Zimmerei hat wohl von allen lokalen Baugewerben die stärkste Tendenz zu grofsbetrieblicher Entwicklung. Von altersher ruht sie, wie wir wissen, auf breiterer Basis als irgend ein anderes der ehemaligen Bauhandwerke, die Maurerei vielleicht ausgenommen, neuerdings ist sie stark mit kapitalistischem Geiste erfüllt worden. Die Technik der Holzbearbeitung kommt aber einer fabrikmäfsigen Gestaltung des Betriebes entgegen, sodafs wir uns nicht wundern dürfen, selbst in den kleineren Orten auf bedeutende Dampfzimmereien zu stofsen, die mit allen maschinellen Hilfskräften ausgestattet die Bearbeitung des Holzes vom rohen Baum bis zum fertigen Fachwerk ausführen. Solchen Dampfzimmereien mit 20, 40, 100 beschäftigten Personen begegnen wir schon in Städten wie Nakel (U. IV, 215/216), Eisleben (U. IX, 311/312) etc. Von jeher sind einzelne hölzerne Bauarbeiten (Fenster, Thüren, Fufsboden, Treppen) von Zimmerei und Tischlerei 1 mit wechselndem Erfolge als je ihrem Produktionsgebiete zugehörig reklamiert worden. Jetzt, da die Zimmerei in raschem Tempo grofskapitalistischer Gestaltung zueilt, scheint ihr Streben allgemein darauf gerichtet, die sämtlichen Holzarbeiten am Bau an sich zu ziehen und dieses Streben auch vielfach von Erfolg gekrönt zu sein 2 . Da sie die Dampfkraft schon haben, so sind nur wenig 1 Bekanntlich bildete die Bautischlerei ursprünglich nur einen Zweig der Zimmerei, und hat sich erst allmählich aus dieser losgelöst, um nun in ihren Schofs zurückzusinken. Der Entwicklungsgang findet seinen sprachlichen Ausdruck in dem französischen „menuisier“, d. i. der Bearbeiter des „menu bois“ im Gegensatz zum Grobhölzner. Sehr hübsch sind die Wandlungen der Zimmerei dargestellt in dem Werke Pierre du Maroussems, Le charpen- tier de Paris. Vgl. auch seinen Ebeniste, p. 28. 2 Konstatiert für Augsburg U. III, 535; Umgegend von Berlin VII, 490/91; Freiburg i. B. VIII, 241; Eisleben IX, 311/12; Jena IX, 56; München: Thurneyssen, a. a. O. S. 42 ff. 62. Es mag hier darauf hingewiesen werden, dafs in fortgeschrittenen Ländern, wie England und U.S.A., diese Vereinigung der weiland Bautischlerei und Zimmerei in einheitliche Betriebe schon vollzogen ist. Es findet das seinen Ausdruck auch in der Thatsache, "dafs die Zimmerleute (carpenters) und Bautischler (joiners) gemeinsame Gewerkvereine bilden, während die Möbeltischler (cabinet-makers) für sich organisiert sind. 544 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Änderungen im Betriebe und nur ein geringer Mehraufwand von Kapital hierzu erforderlich. Die Bautischlerei weist keineswegs in gleicher Allgemeinheit eine Tendenz zum Grofsbetriebe auf wie die Zimmerei. Zwar hat sich dieser an einigen Orten ebenfalls entwickelt. So bestehen z. B. in Köln 7 fabrikmäfsige Grofsbetriebe speciell für Bautischlerei (U. I, 263). In anderen Städten beobachten wir jedoch nicht immer das gleiche. Es scheint vielmehr, als schaffe sich die klein kapitalistische Unternehmung im Mittelbetriebe hier ein Feld ihrer Thätigkeit. So hören wir, dafs in Berlin leistungsfähige Bautischlereien 15—20 Personen beschäftigen, kleinere Betriebe selten, aber auch solche über 50 Personen nicht zahlreich vertreten sind (U. IV, 428 f.). Auch in einer Grofsstadt von Münchens Range giebt es nur zwei wirklich bedeutende Bauschreinereien \ Es ist klar, dafs die grofsbetriebliclie Ausgestaltung der lokalen Bauschreinerei gehindert wird durch die Entwicklung des Grofs- betriebs in der ihr Produktionsgebiet ausdehnenden Zimmerei einerseits und durch die Entstehung der Fabriken für hölzerne Bauteile andererseits. Wenn es ihr nicht gelingt, sich selbst zu solchem Fabrikbetriebe durchzuringen, so wird sie auf das Niveau des Anbringungsgewerbes herabgedrückt und gewährt als solches dem Kapitalismus nur klägliche Brocken, mit denen sich nur der Anfänger in dieser Geheimkunst begnügt. Auch in der lokalen Bauschlosserei finden wir eigentliche Grofsbetriebe selten. Begreiflicherweise. Denn für sie gilt ja in noch viel stärkerem Mafse als für die Bautischlerei, dafs der Kapitalismus sich mit Vorliebe aufserhalb der lokalen Bauschlosserei in den Fabriken für eiserne Bauteile anzusiedeln pflegt. So bietet denn der Rest der lokalen Bauschlosserei wiederum nur ein Feld zur Bethätigung kleinkapitalistischer Unternehmungen. Für diese ist die Schlosserei so recht eigentlich eine Domäne geworden. Freilich bleibt’s nicht immer bei der Bauschlosserei allein; man nimmt, was kommt, und ist dazu gezwungen in dem Mafse, wie sich der Betrieb vergröfsert. So hören wir von dem Gedeihen kleinkapitalistischer Schlossereien in Berlin (U. IV, 291/92), in Karlsruhe (U. III, 151 f. 159), in Nürnberg, wo von einer Tendenz zur Herausbildung einer kleineren Anzahl 1 Thurneyssen, a. a. 0. S. 47; vgl. S. 62 ff. Ähnlich lauten die Berichte über Augsburg, U. III, 514; Freiburg i. B. VIII, 229 f.; Karlsruhe III, 98 f. 116/17. Vierundzwanzigstes Kapitel. Die Sphäre des specialis. Grofsbetriebs. 545 gröfserer Geschäfte, deren Leitung „Kapital und kaufmännische Bildung“ erfordert, berichtet wird (U. III, 443), in Rofswein (U. VI, 498 f. 502) u. a. O. Aus letzterem Ort liegt das fachmännische Gutachten eines „Schlossermeisters“ vor, das in dem Satze gipfelt: „Eine den Ansprüchen an einen leistungsfähigen Schlosser gewachsene Werkstatt mufs jetzt wie eine kleine Fabrik aussehen. Da giebt es Drehbänke, Bohrmaschinen, Blechscheren, Richtplatten" u. s. w.; von allem diesem wufste man in einer Schlosserwerkstatt der früheren Zeit gar nichts. Ich habe z. B. drei Schmiedefeuer und 10 Arbeiter, das wäre früher undenkbar gewesen.“ Überdies mufs aber der Schlosser „zugleich Kaufmann zu sein verstehen“ 1 (a. a. 0. S. 502). Die gekennzeichnete Entwicklung der Schlosserei findet wieder einmal auch in den Ziffern der Statistik ihren Ausdruck. Annähernd wenigstens, denn die statistische Zahl fafst immer noch ohne Unterschied zusammen „Schlosserei, Verfertigung von Geldschränken“. In dieser hat nun die Zahl der Einzelbetriebe von 1882 bis 1895 abgenommen (9332—7423); die Zahl der im Betriebe mit 2—5 Personen beschäftigten Personen ist konstant geblieben (13 559—13 610); in Betrieben über 50 Personen wurden 1895 erst 12441 Personen ermittelt, dagegen betrug die Zahl der Hauptbetriebe mit durchschnittlich beschäftigten Personen: Jahre 6-10 11—50 Betriebe darin beschäftigte Personen Betriebe darin beschäftigte Personen 1882 1201 8 482 293 5173 1895 3110 22525 1113 19 945 Die lokale Bauklempnerei endlich zeigt auch nur geringe Neigung zu grofsbetrieblicher Entwicklung, während sich bei ihr ebenfalls häufig kleinere kapitalistische Unternehmer in Mittelbetrieben wohl sein lassen. In Leipzig sollen Bauklempnereien mit 10—15 Arbeitern und einem Kapital von 30—60 000 Mk. gegenwärtig ein gutes Fortkommen finden (U. II, 154/55). 1 Fast wörtlich ebenso lautet das Urteil in den Fachberichten, S. 151, für die Schweiz; vgl. ferner für Graz UOe. 236: Schlossereihetriehe mit 15—20 Gesellen und 9—10 Lehrjungen kommen fort. Sombart, Der moderne Kapitalismus. I. .r 35 54G Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. D. Gerätschaftsgewerbe. In der Gerätschaftstischlerei, d. h. aller Tischlerei, soweit sie nicht Bautischlerei ist, werden wir füglich zwischen allgemeinen „Möbelmanufakturen“ und Specialbetrieben für einzelne Artikel unterscheiden. Erstere beruhen überall auf einer kombinierten Unternehmung und werden unter diesem Gesichtspunkt am passenden Ort ihre Erledigung finden. Von eigentlichen Specialgrofsbetrieben in der Tischlerei sind zunächst wieder jene Säge-, Brettschneide- etc. Werke zu nennen, die dem Tischler sein Material im Zustande des Halbfabrikats liefern (vgl. oben S. 539). Im übrigen hat sich die Fabrik folgender Specialitäten der Gerätschaftstischler bemächtigt: 1. einzelner Halbfabrikate: wie der Kehlleisten etc.; 2. der Holzmodelle 1 für Giefsereien, Maschinenfabriken etc. (.vielfach mit diesen zu einem Betriebe vereinigt), wohin auch die Anfertigung von Schuhleisten zu rechnen ist; 3. der K i s t e n 2 ; 4. der Rahmen 3 ; 5. der Stühle 4 . Alle diese Erzeugnisse werden jetzt wohl in ganz Deutschland so gut wie vollständig in grofsen Fabriken hergestellt. Von grofser Bedeutung für die Gestaltung des gesamten Tischlergewerbes, nicht nur der Möbel-, sondern auch der Bautischlerei, ist das Aufkommen der sog. Holzbearbeitungsgeschäfte gewesen. Das sind Unternehmungen, welche den Zweck haben, dem handwerksmäfsig ausgerüsteten Tischler gegen ein bestimmtes Entgelt die Benutzung sämtlicher Holzbearbeitungsmaschinen, also der Hobel- und Fräsmaschinen, der Kreis- und Bandsägen, der Abricht-, Stemm- und Bohrmaschinen, der Nut-, Abplatt-, Schlitz- und Zapfenmaschinen, und wie sie sonst noch heifsen mögen, zu überlassen. Sie sind deshalb auch vielfach unter dem Namen von Lohnschneidereien bekannt. Der einzelne 1 Vgl. die Angaben für Augsburg U. III, 536; Berlin IV, 465. 2 Vgl. für Augsburg U. III, 515; Berlin IV, 465 f. Berlin bat 17 grofse Kistenfabriken mit Dampfbetrieb, neben 94 kleineren Fabriken und 13 Handlungen; aufserdem 9 Cigarrenkistenfabriken; München Thurneyssen, a. a. O. S. 41. 3 Hauptsitz in Fürth; vgl. für München Thurneyssen, S. 42. 4 Hauptsitze der Stuhlfabrikation: Wien, Stuttgart, Fürth, Dresden, Mittweida, Waldheim, Kabenau u. a. Vierundzwanzigstes Kapitel. Die Sphäre des specialis. Grofsbetriebs. 547 Tischler kommt mit seinen der Bearbeitung bedürfenden Stücken zu diesen Lohnschneidereien gefahren und bedient sich der dort aufgestellten Maschinen stundenweise. Hier haben wir also den reinsten Typus des schon erwähnten Falles: des kapitalistischen Grofsbetriebs im Dienste des Handwerks. Welche Bedeutung diese Einrichtung für die Konkurrenzfähigkeit des letzteren hat, ist hier nicht der Ort festzustellen. Ich komme an anderer Stelle darauf zurück b Einen Teil der noch übrigen Gerätschaftsgewerbe kann ich kurz erledigen: Fast sämtliche, mindestens 90°/o aller Artikel der früheren Klempner- und Drechslerhandwerke werden schon heute in grofsen Fabriken erzeugt 1 2 ; aus dem Produktionsgebiet der Böttcherei ist die wichtige Fafsfabrikation vom kapitalistischen Grofsbetrieb aufgegriffen; von ehemaligen Buchbinderarbeiten werden schon längst Portefeuille- und Kartonnagearbeiten von Grofsbetrieben besorgt; das Einbinden der Bücher selbst jedoch ist ebenfalls in weitem Umfange schon dem kapitalistischen Grofs- betriebe verfallen, wie wir bei Erörterung der „Verlagsunternehmung“ sehen werden. Im Gebiete der Sattlerei ist die Herstellung von Koffern, Taschen und ähnlichen Artikeln in kapitalistischen Grofsbetrieben schon längst die Regel. Aber auch die feinere Geschirrarbeit wird mehr und mehr in Specialbetrieben ausgeführt. Was aber sonst an gewerblicher Thätigkeit hier noch zu nennen wäre, will ich im folgenden Abschnitt unter dem Gesichtspunkte des Kunstgewerbes zusammenfassend behandeln. E. Kunstgewerbe. Trotzdem die gesonderte Behandlung der „Kunstgewerbe“ einen offensichtlichen Schönheitsfehler am einheitlichen Aufbau dieses Kapitels bildet — Kunstgewerbe stehen nicht im Verhältnis der Nebenordnung zu den vorher genannten, ja sie stellen überhaupt keine besondere Kategorie von Gewerben dar, sondern jedes Gewerbe, mag es dem Ernährungs-, dem Bekleidungs-, dem Wohn- oder welchem Bedarf immer dienen, kann sich zum Kunstgewerbe 1 Siehe die Beschreibung solcher Holzbearbeitungsgeschäfte in Augsburg U. III, 544; Berlin IV, 382 ff.; Köln I, 267. 278. 290; Mainz III, 318 f.; München Thurneyssen, a. a. O. S. 102 ff.; Posen U. I, 87. 2 Der Beweis wird erbracht werden, wo ich die heutige Lage der genannten Handwerke besprechen werde (vgl. das 26. Kapitel). 35 * 548 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. entwickeln — trotzdem also halte ich es für wünschenswert, einen speciellen Abschnitt der Entwicklung des Kapitalismus auf kunstgewerblichem Gebiet zu widmen, weil zwischen kapitalistischem Grofsbetriebe und Kunstgewerbe ein engerer Zusammenhang als zwischen jenen und irgend einem anderen Zweige gewerblicher Thätigkeit zu bestehen scheint und dieses Faktum mit einer merkwürdigen Konstanz immer wieder verkannt zu werden pflegt. Da- her die Notwendigkeit einer ausdrücklichen Hervorhebung! Was sich mit einiger Sicherheit nämlich behaupten läfst, ist dieses: dafs die Entwicklung des modernen Kunstgewerbes in allen Kulturländern engstens mit der Entfaltung des Kapitalismus verknüpft ist: im Guten wie im Schlechten 5 dafs seit Menschenaltern von einem Kunsthandwerk keine Rede mehr ist, sondern 99°/o aller sich als kunstgewerbliche Erzeugnisse gebenden Produkte aus kapitalistischen Grofs- und Gröfsestbetrieben stammen. Ich beginne meine Übersicht mit den Metall verarbeitenden Gewerben. Die Gold- und Silberwarenindustrie war in Deutschland sogar schon um die Mitte des vorigen Jahrhunderts auf dem Wege zur grofsbetrieblichen Gestaltung. Hatte doch Berlin (!) bereits 1849 (!) 7 Gold- und Silberwarenmanufakturen mit nicht weniger q als 125 Arbeitern, 1863 aber bereits 23 mit 43 dirigierenden und 711 ausführenden Hilfspersonen 1 . Heute sind Hauptsitze der genannten Industrie in Deutschland Pforzheim und Hanau bei Frankfurt a. M. In Pforzheim bestanden (1895) 918 Betriebe, die nicht weniger als 12200 Arbeiter beschäftigten (U. VIII, 193) 2 . Andere hervorragende Weltfirmen dieser Branche haben ihren Sitz in Berlin (Sy & Wagner, Friedländer u. a.), in Heilbronn (Bruckmann & Söhne) mit 400 Arbeitern, in Schwäbisch Gmünd (Hauber). Nahe verwandt mit der kunstgewerblichen Gold- und Silberbearbeitung ist die künstlerische Herrichtung anderer Metalle, namentlich des Kupfers, der Bronze und einiger anderen Legierungen, zu Statuen, Gefäfsen, Beleuchtungskörpern, Nippes u. dergl. Hier sind eine Reihe chemischer und mechanischer Verfahrungs- weisen vereinigt worden, wie die Ciselierkunst, die Giefserei, die 1 Festschrift zur Feier des 50jährigen Bestehens der Berliner Kaufmannschaft am 2. III. 1870. Berlin o. J. S. 109. Die allgemeinen Berufsstatistiken neueren Datums sind wieder kaum verwendbar, weil sie unter der Gold- und Silberwarenfabrikation die reparierenden und verkaufenden Juweliere aufzählen. 2 Vgl. jetzt J. Wernsdorf, D. kapit. Konzentr.Gesetz i. d. Pforzheim. Bjouterieind. 1899. Vierundzwanzigstes Kapitel. Die Sphäre des specialis. Grofsbetriebs. 549 Emaillierkunst, die Galvanoplastik, das Niello u. a., um die höchsten künstlerischen Wirkungen zu erzielen und gleichzeitig dem Arbeitsbetrieb die denkbar gröfseste Mannigfaltigkeit zu verleihen. Berühmte Betriebe der gedachten Art finden sich in Württemberg an verschiedenen Orten, wie Schwäbisch-Gmünd, Efslingen, Ludwigsburg , Geislingen h Neuerdings hat auch Berlin angefangen, seinen Ruf auf diesem Gebiete zu begründen; Wien ist ihm voraufgegangen (vgl. UOe. 611. 616). Freilich ist im grofsen Ganzen Deutschland in diesem Zweige des Kunstgewerbes, soweit es sich um erstrangige Leistungen handelt, wenigstens bis in die letzten Jahre des 19. Jahrhunderts hinein, noch vielfach abhängig vom Geschmack des Auslandes, namentlich Frankreichs. Wenn auch vielleicht nur aus alter Gewöhnung, kaufen wir doch immer noch lieber eine Bronze von Barbedienne als von einem deutschen Fabrikanten. Im Auslande haben sich derartige Metallwaren- geschäfte, die einen Weltruf als Horte künstlerischen Könnens erworben haben, zu wahren Riesenunternehmen ausgewachsen. Die berühmten Pariser Bronzefabriken sind Betriebe gröfsten Umfangs, die Weltfirma Christofle & Co. — uns meistens nur als Lieferantin der „Christofle-Bestecke“ bekannt — beschäftigt mehrere tausend Personen in allen Zweigen des Metallgewerbes 1 2 . Zu grofser künstlerischer Blüte haben es auch die U. S. A. auf diesem Gebiete gebracht. Ich erwähne das an dieser Stelle, um auch hierbei auf den engen Zusammenhang zwischen grofsbetrieb- liclier Gestaltung und höchster künstlerischer Leistung hinweisen zu können. Jenseits des grofsen Wassers ist es vor allem das Haus Tiffany & Co., das in Gold- und Silberarbeiten, aber auch in anderen Metallindustrien sich eine führende Stellung errungen hat, und das auch in Europa von jedem mit einem Ausdruck der Bewunderung genannt wird, der sich je mit kunstgewerblichen Gegenständen der einschlägigen Gattung beschäftigt hat. Von dieser vielleicht bedeutendsten Firma auf dem Gebiete des Kunstgewerbes entwirft J. Lessing in seinem amtlichen Ausstellungsbericht folgende Schilderung: „Tiffany verfügt über einen Stamm vorzüglicher Arbeiter und beherrscht alle in der alten Kunst üblichen Techniken, das Farben der Metalle, das Einhämmern, Einschmelzen und Emaillieren in höchster Vollendung . . . Entgegengesetzt der 1 Hier hat die berühmte „Wiirttembergische Metallwarenfabrik“ ihren Sitz. a 1855 schon 1300 Arbeiter. Vgl. den Amtlichen Bericht über die Allgemeine Pariser Weltausstellung ... im Jahre 1855. (1856). S. 377. 550 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. «i in Amerika sonst soweit getriebenen Arbeitsteilung wird bei Tiffany alles im Hause angefertigt, selbst die zum Schmuck gehörigen Ergänzungsarbeiten in Schildpatt und Horn, ja auch in Kapseln und Schachteln 1 . . . Die allerseltsamsten Materialien werden liervor- gesucht, Häute von Schlangen, Eidechsen, Fischen etc. mit merkwürdig gezeichnetem Schuppenwerk stehen zur Auswahl, ganz abgesehen von köstlichen Samt- und Brokatstoffen . . . Das wich- tigste ist, dafs Tiffany auch seine Steine selbst schneidet, und daher imstande ist, die für seinen Bedarf nötigen Reihen von Brillanten mit vollständig gleichem Facettenschliff herzustellen 2 * * * * * .“ Dafs die Bronze- und Eisen kunstgiefsereien nur auf gröfster Stufenleiter Vorkommen, versteht sich von seihst. Hat doch schon Benvenuto Cellini seinen Perseus und andere gröfsere Sachen in Werkstätten mit 40 Arbeitern gegossen! 8 Heute sind die berühmten Kunstgiefsereien, wie die von Miller, von Kustermann u. a. in München, von Kuhn in Stuttgart-Berg, das Kgl. Hüttenwerk in Wasseralfingen in Württemberg, die Giefsereien in Mägdesprung i. Harz u. a. Betriebe mit vielen Hunderten, ja Tausenden von Arbeitern. Aber auch die Verarbeitung des Schmiedeeisens zu kunstgewerblichen Gegenständen erfolgt in der Regel wenigstens und jedenfalls immer dann, wenn es sich um erstklassige Arbeiten handelt, in gröfseren (bis hie und da mittleren) Betrieben, die meistens sich auf diesen Zweig des Kunstgewerbes beschränken, also Specialbetriebe sind. Ein berühmtes Centrum der Kunstschlosserei ist Nürnberg auch in unserer Zeit wieder geworden. Wir erfahren darüber aus einem Bericht in U. III, 464 folgendes: „Dem specialisierten Grofs- betriebe gehören die Betriebe an, die sich ausschliefslich mit der Herstellung altdeutscher Hausgeräte aus Schmiedeeisen befassen. 1 Über die hier vorliegende Form der kombinierten Unternehmung vgl» das folgende Kapitel. 2 J. Lessing, Kunstgewerbe, in: Amtlicher Bericht über die Weltausstellung in Chicago. 1894. 2, 780—784. ^ 8 Er bemerkt darüber selbst in seiner Lebensbeschreibung (ich citiere nach der Goetheschen Übersetzung): „alle die grofsen und schweren Arbeiten, die ich in Frankreich unter dem wundersamen König Franciscus gemacht habe, sind mir vortrefflich geraten, blofs weil dieser gute König mir immer so grofsen Mut machte mit vielem Vorschufs (!), und indem er mir so viel Arbeiter erlaubte, als ich nur verlangte, so dafs ich mich manchmal ihrer 40, ganz nach meiner Wahl, bediente.“ (Lebensbeschreibung B.C. IV. Buch, 6. Kapitel, Goethe, WAV. (1881) 12, 285.) Vierundzwanzigstes Kapitel. Die Sphäre des specialis. Grofsbetriebs. 551 Vom einfachen Handleuchter bis zum kunstvoll ausgearbeiteten Lüstre, von kleinen Ziergegenständen bis zu allen nur erdenklichen Bedarfsartikeln des täglichen Lebens wird hier alles gefertigt. Aber auch hierin mficht sich in der letzten Zeit bereits wieder eine Scheidung geltend, indem die eine Werkstatt sich hauptsächlich auf die Herstellung von Leuchtern, Lüstern und Wandlampen beschränkt, während die andere wieder nur Tische, Blumengestelle und kunstvolle Glockenzüge anfertigt.“ Neben grofsen Unternehmen solcherart spielen die kleinkapitalistischen Kunstschlossereien auch in -Nürnberg, wo für sie noch ein verhältnismäfsig günstiger Boden ist, nur eine untergeordnete Rolle. In andern Städten hat die Kunstschlosserei einen noch viel ausgeprägteren grofskapitalistischen Charakter. So z. B. in Berlin. Hier ist „gerade dieses Gebiet — sc. der Schlosserei — mehr und mehr in die Hände gröfserer Betriebe gekommen“ (U. IV, 292), deren es etwa 20 mit einem Personal von je über 50 Köpfen giebt. Die renommiertesten Firmen, wie Puls 1 u. a., beschäftigen mehrere hundert Arbeiter. Dasselbe gilt von München, wo die beiden .bedeutendsten Häuser bezw. 50 und 70 Arbeiter haben, Breslau, wo die einzige bedeutende Kunstschlosserei etwa 120 Personen beschäftigt, und allen übrigen gröfseren, berühmten Etablissements, wie Armbruster in Frankfurt a. M., Bähler in Offenburg i. B. Von anderen Metall verarbeitenden Kunstgewerben wäre etwa noch die Kunstklem'pnerei zu nennen. Von ihr heifst es in dem einzigen mir bekannten Berichte (U. VII, 315/16): „Die neu entstehenden Erzeugnisse der Kunstklempnerei sind . . . Statuen, Figuren, Ornamente etc., die nach Modellen gearbeitet sind und meist mit den gewöhnlichen grofsen Maschinen der Ornamenten- fabriken vorgearbeitet werden müssen, sollen sie nicht zu teuer werden. Sie fallen den bestehenden Ornamentenfabriken zu, die solche Maschinen besitzen, und die für die Handarbeit ständig einen oder einige besonders hochbezahlte Arbeiter annehmen können.“ Dafs auf dem Gebiete des Porzellans und Steinguts alle kunstgewerblichen Leistungen sich von jeher im Rahmen, allerdings häufig staatlicher Grofsbetriebe bewegt haben, ist bekannt und mag der Vollständigkeit halber hier wenigstens erwähnt werden. Ich erinnere an die Meifsener und Berliner Porzellanmanufakturen, an die Weltfirma Villeroy & Boch in Deutschland, an die Sevres- 1 Eine anschauliche Beschreibung dieses hervorragenden Geschäfts siehe in „Über Land und Meer“. 40. Jahrg. (1897/98), Nr. 50. 552 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Werke in Frankreich, an die Royal Worcester Porcellain Co. in England, an die Rockwood Pottery Co. in U. S.A. Auch die neuerdings wieder in Aufnahme gekommene Glasmalerei ist grofs- betrieblich organisiert, wie denn die namentlich im Auslande (Venedig!) zu herrlicher Blüte gelangte Glasverarbeitung stets auf grofser Stufenleiter vor sich gegangen ist. Dasselbe gilt von der kunstgewerblichen Textilindustrie, die ebenfalls zwischen staatlichen und grofskapitalistischen Betrieben gröfster Ausdehnung ihre Produktion verteilt. Die während der letzten Jahrzehnte in Deutschland rasch beliebt gewordene künstlerische Verarbeitung des Leders wird vollständig von einigen Weltfirmen — wie G. Hulbe in Hamburg ■— beherrscht. Von anderen Zweigen des modernen Kunstgewerbes haben sich die Möbeltischlerei, sowie die damit in engem Zusammenhang stehende Tapeziererei, ferner der Buch- und Kunstdruck gleichfalls in nur grofskapitalischem Rahmen entwickelt. Da sie die eigentliche Form der kombinierten Unternehmung mit Vorliebe benutzen, so werde ich sie mit dieser im Zusammenhänge darstellen L 1 Einige Angaben über die Verbreitung der Kunstindustrie in Deutschland enthält jetzt auch das Buch von F. C. Huber, Deutschland als Industriestaat. 1901. S. 324 ff. 362 ff. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Die kombinierte Unternehmung. Es ist eine allgemein beobachtete und bekannte Erscheinung, dafs der Kapitalismus, wie er auf der einen Seite ganz neue Produktionszweige aus den früher kompletten Produktionsgebieten her- ausspecialisiert, so auf der andern Seite die Tendenz hat, früher selbständige Berufsthätigkeiten in einer Unternehmung zu vereinigen 1 . Man kann diesen Vorgang unter verschiedenen Gesichtspunkten sich Idar zu machen versuchen. Am besten, wenn man vom genufsreifen Produkt ausgeht. Alsdann erfolgt eine Vereinigung früher selbständiger Berufsthätigkeiten entweder in der Weise, dafs einige oder sämtliche zur Herstellung eines Gebrauchsguts notwendigen Produktionsprozesse in einer Hand vereinigt werden, sei es eine Vereinigung der einzelnen Stufenprozesse eines Gesamtproduktionsprozesses: Paradigma Krupp; oder nur die Vereinigung einer Hilfsarbeit mit der Hauptarbeit, z. B. der Modelltischlerei mit einer Maschinenfabrik oder beides. Oder aber die Vereinigung stellt die Kombination der Produktionsprozesse zweier (oder mehrerer) unterschiedlicher Fertigfabrikate dar: Kleider und 1 In einer Unternehmung; keineswegs immer in einem Betrieb. Eine Fabrik, die aufserhalb Hausindustrielle beschäftigt, stellt keinen „kombinierten Grofsbetrieb“ dar, sondern was vorhanden ist, sind mehrere Betriebe: 1. ein Fabrikbetrieb, 2. eine Reihe isolierter (Klein-)Betriebe. Das einigende Band ist ausschliefslich die kapitalistische Organisation. Danach ist zu berichtigen, was z. B. Bücher, Art. „Gewerbe“, Sinzheimer, a. a. 0., u. a. über den Gegenstand geschrieben haben. Ich werde im Text darauf hinweisen, in welchen Fällen die kombinierte Unternehmung einen kombinierten Grofsbetrieb ausbildet. Entdecker des Phänomens, wie er es ganz gut nennt, der „Kombination der Geschäfte“, ist Karl Mario, Untersuchungen über die Organisation der Arbeit. Billige Ausgabe 3, 424 ff. Geschrieben 1856. 554 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Pelze, Möbel und Gardinen etc., wenn sie sich nicht auf die blol'se Vereinigung der Lieferung dieser Gegenstände beschränkt: Übergang zum kombinierten Handelsgeschäft! Im ersteren Falle findet die Kombination ihre Einheit im Produktionsprozesse, im zweiten Falle in einer bestimmten Bedarfsrichtung. An dieser Stelle nun haben wir den Entwicklungstendenzen der kapitalistischen Unternehmung nicht nachzugehen; diese Aufgabe wird in einem späteren Bande des vorliegenden Werkes zu lösen versucht werden. Immer vielmehr handelt es sich hier für uns nur darum, die wirtschaftlichen Vorgänge bis zu dem Augenblicke zu verfolgen, in dem das Handwerk vom Kapitalismus ergriffen wird. Nicht wie dieser die alten Organisationsformen verdaut, sondern wie er sie verspeist, ist derjenige Prozefs, der uns interessiert. Deshalb verfahren wir auch besser, wenn wir im folgenden die kombinierte Unternehmung nicht unter einem systematischen Gesichtspunkte (wie dem oben bezeichneten), sondern unter dem genetischen Gesichtspunkte betrachten, und sie auch nur insoweit in Betracht ziehen, als sie aus der Aufsaugung früher selbständiger Handwerke erwächst. Dieser Aufsaugungsprozefs weist drei unterschiedliche Formen auf, die häufig eine Stufenfolge in einer Entwicklung darstellen, und für die ich die Bezeichnung wähle: Angliederung An- und Eingliederung vollziehen sich, wenn frühere Hilfsgewerbe eines Hauptgewerbes von einer kapitalistischen Unternehmung ihrer Selbständigkeit beraubt und in ein Abhängigkeitsverhältnis zu dem Hauptbetriebe gebracht werden, dessen Eigenart dadurch nichts verliert; Zusammengliederung bedeutet dagegen immer die Entstehung eines neuen, umfassenden Inhalts der Unternehmung und häufig des Betriebes durch die Kombination verschiedener, im Verhältnis der Gleichbedeutung zu einander stehender Berufsthätig- keiten. Was nun an einzelnen besonders wichtigen, weil typischen Fällen aus der neuesten Geschichte der Gewerbe erläutert werden soll. 1. Die Angliederung nimmt dem Handwerksmeister nicht seine formale__ Selbständigkeit; er bleibt daheim in seiner Werkstatt sitzen, und das einzige, was anders geworden ist, ist seine ökonomische Stellung. Er arbeitet nicht mehr für einen (privaten) Kundenkreis, aber auch niqht für den grofsen Unbekannten, den Eingliederung Zusammengliederung früher selbständiger Handwerke. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Die kombinierte Unternehmung. 555 Markt, sondern führt die Aufträge gehorsamst aus, die ihm von seinem Brotgeber: einem kapitalistischen Unternehmer heterogenster Art zugehen. Es ist etwa dasselbe Verhältnis, wie das des Tischlermeisters, der für Möbelmagazine oder Möbelfabriken arbeitet. Der Unterschied liegt nur darin, dafs das Produktionsgebiet des „Meisters“ von dem seines Auftraggebers stoff- oder arbeitsverschieden ist. Fälle solcher Angliederung kommen nun häufiger für folgende Gewerbe vor: Drechsler, die für Tischlereien, Zimmereien, Tapezierereien etc. die gedrehten Holzteile liefern; Buchbinder, die für Verlagsanstalten partienweise Bücher binden oder auch für beliebige Geschäfte Kartonnagearbeiten besorgen. 2. Die Eingliederung eines früher handwerksmäfsig ausgeübten Gewerbes in eine kapitalistische Unternehmung setzt immer gleichzeitig auch eine Eingliederung in einen vorhandenen Grofs- betrieb voraus; hier ist es also am Platze und statthaft, von einem „kombinierten Grofsbetriebe“ zu sprechen. Sie erfolgt, wenn die Verbindung der betreffenden Hilfsthätigkeit mit dem Hauptproduk- tionsprozefs eine so enge geworden ist, dafs die örtliche Trennung störend wirkt oder die Masse der beanspruchten Nebenarbeit genügt, um eine Arbeitskraft ganz zu beschäftigen. Je gröfser also ein Betrieb, desto zahlreicher und heterogener die eingegliederten Hilfsgewerbe! So finden wir z. B. in den Gufsstahl- etc. Werken Krupps eine Buchdruckerei mit 11 Pressen und eine Buchbinderei; in der Stollwerkschen Schokoladenfabrik ebenfalls eine Buchdruckerei mit 6 Schnellpressen und eine Buchbinderei. Aber das sind natürlich einstweilen noch Ausnahmen. Was wir vielmehr an häufig wiederkehrenden Fällen von Eingliederungen ehemaliger Handwerke in kapitalistische Grofsbetriebe beobachten, sind namentlich folgende: Böttcher finden wir in vielen Grofsbetrieben, die ihre Fabrikate in Holzgefäfsen zubereiten oder in Fässern versenden, als da sind: Ölraffinerien, Cement-, Seifen- und Farben-, Wein-, chemischen Fabriken, Branntweinbrennereien und namentlich Brauereien k 1 Nach der Schätzung eines Brauereidirektors besteht das Personal jeder grofsen Brauerei zu 10% aus Böttchern. Vgl, auch U. II, 46 f. In der bedeutendsten Breslauer Brauerei fand ich unter 140 insgesamt beschäftigten Personen 6 Böttcher. Vgl. für das Folgende auch Stat. d. D. Reichs. N. F, 119, 103 ff. 556 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Drechslern begegnen wir überall da, wo entweder die fertigen Erzeugnisse eines Betriebes gedrehte Bestandteile aus Holz aufweisen: also in Tischlereien, Instrumentenbauereien etc., oder wo sie zu ihrer Herstellung hölzerner, ganz oder zum Teil gedrehter Modelle bedürfen; das ist der Fall namentlich in Giefsereien und Maschinenfabriken; dann aber auch z. B. in Hutmachereien x . Schlosser und Schmiede für Reparaturen beschäftigt fast jeder grofse Betrieb, der Maschinen anwendet; mag es eine Zuckerfabrik oder eine Spinnerei, eine Papierfabrik oder eine Mühle sein; ein Betrieb wie die Stollwerksche Schokoladenfabrik hat eine eigene Maschinenfabrik mit 80 Arbeitern. Aufserdem spielt der gelernte Schmied oder Schlosser eine Rolle in den meisten eisenbe- und verarbeitenden Betrieben, deren Aufzählung hier überflüssig erscheint: teilweise haben hier Schlosserei und Schmiederei eine so grofse Bedeutung, dafs sie aufhören, Hilfsarbeit zu sein: dann liegt für sie eine Zusammengliederung mit anderen gleichwertigen Berufszweigen vor. Erwähnenswert erscheint an dieser Stelle noch die Eingliederung der genannten Gewerbe in die grofsen Verkehrsunternehmungen : Eisenbahnen, Strafsenbahnen etc., die sämtlich heute ihre eigenen Schlossereien und Schmiedereien haben, zum Zweck namentlich die Reparaturen in eigener Regie ausführen zu lassen. Die Reparaturwerkstätten der preufsischen Staatsbahnen, in denen noch zahlreiche andere Handwerke vereint sind, stellen, wie bekannt, wahre Riesenanstalten dar. Immerhin bleiben sie, wenigstens so lange keine Neuarbeit in ihnen erfolgt, Hilfsbetriebe in dem grofsen Organismus des gesamten Eisenbahnwesens. Ein besonders wichtiger Fall einer Eingliederung des Schmiedegewerbes liegt vor in der Übernahme des Hufbeschlags seitens grofser Betriebe mit reichlichem Pferdebedarf in eigene Regie: Brauereien, Baugeschäfte, Transportunternehmungen, Müllereien, Zuckerfabriken, Pferdebahnbetriebe, von grofsen Landgütern ganz zu schweigen, sind solche Unternehmungen, die sich gern eigene „Hausschmieden“ anlegen. Was für Schlosser und Schmiede bemerkt wurde, gilt ähnlich für die Ti schier. Auch der Tischler alsReparator ist ein notwendiges Requisit jedes wirklichen Grofsbetriebes. Gelernte Tischler finden wir aber ebenfalls in zahlreichen Betrieben als Neuarbeiter eingegliedert. Ich denke an Installationsgeschäfte, an Instrumentenbauereien, an 1 Berichtet für Brünn bezw. Österreich NOe., 471. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Die kombinierte Unternehmung. 557 Porzellan- und Steingutfabriken und wiederum an Maschinenfabriken, Giefsereien etc. als modellbedürftige Produktionszweige. Aber auch grofse Schokoladenfabriken haben ihre eigenen Tischlereien und Holzsägewerke. In den meisten Fällen ist die Tischlerei jedoch ein so wichtiger Teil des Produktionsprozesses, dafs sie als eins von mehreren zusammengegliederten Gewerben angesehen werden mufs und im folgenden unser Interesse weiter wach erhalten wird. Klempner besorgen die Anfertigung der Blechbüchsen in den grofsen Konservenfabriken, in den Schokoladefabriken etc. Endlich noch ein Beispiel aus den Bekleidungsgewerben: in der modernen Mäntelfabrikation wird häufig Kürschnerarbeit zu Besätzen etc. nötig. Deshalb finden wir in grofsen „Mäntelfabriken“ immer auch einzelne Kürschner thätig 1 . 3. Die Zusammenglie derung früher selbständiger Zweige des Handwerks 1 ? in einer kapitalistischen Unternehmung braucht nicht notwendig in einem Betriebe zu erfolgen: Fabrik und Hausindustrie oder mehrere räumlich getrennte Grofs- oder Kleinbetriebe können sehr wohl nebeneinander weiterbestehen; wir werden solche Fälle kennen lernen. Häufig allerdings führt die Zusammenfassung in einer Hand auch zur Zusammenfassung in einem Betriebe. Die Zusammengliederung, das mag auch noch erwähnt werden, kann unter zwiefachem Gesichtspunkt geschehen, worauf ich oben bereits hinwies: entweder unter dem Gesichtspunkt der Güterproduktion oder unter dem der Bedarfsbefriedigung. Erstere ist bisher der fast ausschliefslich herrschende gewesen, letzterer beginnt erst in neuerer Zeit sich geltend zu machen und bezeichnet offenbar den Beginn einer Entwicklung der kapitalistischen Unternehmung zu abermals höheren Formen. Das Prototyp eines aus früher selbständigen Handwerken entstandenen kombinierten Grofsbetriebes ist, wie bekannt, die seit altersher (Marx) zu Lehrzwecken verwandte Organisation der „Kutschenmanufaktur“, die in modernisierter Auflage als „Waggonmanufaktur“ noch heute uns am besten die Zusammengliederung verschiedener Berufszweige zu einem neuen Betriebsganzen verdeutlicht. Hier erscheint uns als vollzogene fertige Thatsache, w r as in zahlreichen anderen Gewerben im Werden begriffen ist, freilich 1 Vgl. die Schilderung des grofsen Damenmäntelhauses Mannheimer in Berlin, die sein eigener Chef in den Drucksachen der Kommiss, für Arb.- Stat., Verhandlungen Nr. 11 (Nachtrag) S. 5, entwirft. 558 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. selten in so vollendeter, wenn ich so sagen darf, reinen Form. Es sei gestattet, da ich, wie die Dinge heute liegen, nicht bei allen Lesern betriebstechnische Anschauungen in gröfserem Umfange voraussetzen darf, zum besseren Verständnis des folgenden diesen Typ des kombinierten Grofsbetriebes in aller Kürze zu skizzieren. Die Waggonmanufaktur, die ich meiner Schilderung zu Grunde lege, ist die „Breslauer A.G. für Eisenbahnwagenbau“, eine der gröfsten Deutschlands, mit einem Kapital von ca. 13 Mill. Mk. und einer Arbeiterschaft von rund 2000 Personen. Wenn wir durch dieses Etablissement, das einen Flächenraum von mehr als 100 Morgen bedeckt, einen Rundgang unternehmen, so ist es, als ob wir die zahlreichen Handwerkerstätten einer Stadt durchschritten: wie in einem Mikrokosmos sind Dutzende von Gewerbezweigen hier auf einem Flecke vereinigt. Wir beginnen unsere Wanderung bei den schier unübersehbaren Holzlagern, in denen die verschiedensten Holzsorten von den deutschesten bis zu den fremdesten zu jahrelangem Ausruhen aufgestapelt liegen. Neben den Hölzern lagern die Eisenstücke und -blocke, die in eigener Giefserei verarbeitet werden. Von jenen führt der Weg in die hölzerne, von dieser in die eiserne Region des Werkes. Verfolgen wir jenen zuerst, so gelangen wir zu den Dampfsägen, Dampthobel-, -Fräse- etc. Maschinen, mittelst deren die Stämme zu Balken oder Brettern hergerichtet werden. Nun können die holzverarbeitenden Gewerbe sich ihrer bemächtigen: sie wandern in die Werkstätten der Stellmacher oder Drechsler oder Tischler, von denen wir mehrere hundert an der Arbeit finden. Überall sind „gelernte“ Arbeiter, „Gesellen“ thätig. Und während die Hölzer zur Verarbeitung gelangen , sind auch die Eisenarbeiter nicht säumig gewesen: in grofsen Hallen stofsen wir auf ca. 200 Schmiede, die in Gruppen zu 3 und 4 vor je einem Feuer in wesentlich althandwerksmäfsiger Technik, nur hie und da von einem Dampfkrahn oder Dampfhammer bedient, die Achsen und Reifen und sonstigen Eisenteile des Waggons zu fertigen bemüht sind. Wo aber das Eisen in kaltem Zustande verarbeitet wird, ist das Herrschaftsgebiet der Bohrer und Dreher, und wo schon die Montage beginnt, der Schlosser und Monteure. Sind die Wagen im Rohbau fertig, so sorgt die Kohorte der Lackierer für den Anstrich, Glaser setzen die Scheiben ein, Sattler und Tapezierer eilen herbei, um die in ihren Werkstätten schon zubereiteten Polsterungen an- .zubringen, und Klempner befestigen die Beleuchtungskörper, die Füufundzwanzigstes Kapitel. Die kombinierte Unternehmung. 559 Traufen, Röhren und Abflüsse, die an keinem kompletten Eisenbahnwaggon mehr fehlen. Solche Betriebstypen weist die moderne Grofsindustrie zahlreiche auf. Ich erinnere an die bereits erwähnte, der Waggonfabrik nahe verwandte Kutschenmanufaktur, an die Bijouteriefabrikation, in der eine Reihe von Metallgewerben, als Metalldreher und Drücker, Ciseleure, Graveure, Vergolder, Schleifer, Galanterieschlosser u. dergl. vereinigt sind, an die Bürstenmanufaktur, in der wir Kistenbauer, Tischler, Klempner, Schlosser, Drechsler u. a. beschäftigt finden, an die Korbmöbel- und Korbwagenfabrikation, bei der Korbmacher, Tischler, Sattler, Stellmacher, Lackierer, Schlosser, Schmiede etc. Zusammenwirken, aber auch an die Klavier- und Orgelbauer eien, an zahlreiche Formen der Möbelfabriken, an optische und mechanische Werkstätten 1 u. a. m. Einige dieser Industriezweige haben nie eigentlich auf ehemaliges Handwerksgebiet hinübergegriffen: die Zusammengliederung handwerksmäfsiger Thätigkeit ist dann nicht auf Kosten bestehender Handwerksbetriebe, sondern auf dem Wege der Neuschöpfung erfolgt; andere bedeuten das Grab so manchen blühenden Handwerks, über das aber längst das Gras gewachsen ist; noch andere endlich sind erst jetzt dabei, die selbständigen Handwerke in den neuen Mechanismus der kapitalistischen Unternehmung einzufügen. Diesen wendet sich unser Interesse vor allem zu, und ihrer müssen wir noch einige besonders bedeutsame namhaft zu machen suchen. Denn ohne Zweifel haben wir es hier mit Entwicklungstendenzen durchaus allgemeiner Natur zu thun. Nur vereinzelt beobachten wir die Fälle von Zusammengliederungen ehemals selbständiger Handwerke auf dem Gebiet der Ernährungsgewerbe: mir sind nur sporadische Bestrebungen bekannt geworden, Müllerei und Bäckerei, ferner Bierbrauerei und Mälzerei auf kapitalistischer Basis zu vereinigen. Auch die Bekleidungsgewerbe weisen nur selten Erscheinungen der bezeichneten Art auf. Die wichtigste und verhältnis- mäfsig häufigste dürfte wohl die Vereinigung von Gerberei und Schuhmacherei in e i n e r Unternehmung sein. Wir beobachten, dafs einerseits Grofsschustereien sich Gerbereien anlegen, ander- 1 Die berühmten Optischen Werkstätten von Carl Zeifs in Jena enthalten u. a. eine Giefserei, eine Schlosserei, eine Tischlerei, eine Lederei, eine Gravieranstalt, eine Polieranstalt und eine Lackiererei. Vgl. Pierstorff, Die Carl Zeifs-Stiftung. S.-A. aus Schmoll ers Jahrbuch (1897) S. 7. 560 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. seits Gerber eigene Schuhfabriken gründen. Beide Fälle werden uns z. B. aus Württemberg berichtet, wo in den 1880er Jahren die grofse Schuhfabrik in Leonberg eine eigene Sohlenledergerberei mit 25 Gruben einrichtete, und umgekehrt mehrere Lederfabriken Schuhfabriken in Leonberg ins Leben riefen (U. VIII, 517). Von grofser Wichtigkeit dagegen gerade in der Gegenwart sind die Tendenzen zur Zusammengliederung der bislang selbständigen Berufszweige auf dem Gebiete der Baugewerbe. Es liegt ja bei der engen Zusammengehörigkeit der einzelnen baugewerblichen Thätigkeiten ganz besonders nahe, diese alle im Grunde doch auf dasselbe Produkt gerichteten Arbeiten aus ihrer Vereinzelung herauszuheben, dadurch, dafs man sie mindestens zu einer Unternehmung vereinigt. Das ist natürlich dann erst der Fall, wenn die verschiedenen Bauhandwerker nicht mehr in wenn auch nur formaler Selbständigkeit verharren, sondern zu Lohnarbeitern eines kapitalistischen Unternehmers geworden sind. Dafs dieser Vereinigung in einer Unternehmung dann die Vereinigung in einem Betriebe leicht folgen wird, ist begreiflich. An thatsächlichen Vorgängen beobachten wir nun dieses: In weitem Umfange vollzogen ist schon heute die Zusammengliederung von Maurerei und Zimmerei in einer Unternehmung, deren Leiter sich dann mit Vorliebe als „Baugewerksmeister“ 1 zu bezeichnen pflegen. Dafs diese tiefgreifende Umwandlung im Baugewerbe engstens zusammenhängt mit den früher besprochenen Tendenzen in den Hauptbaugewerben: der stark kapitalistischen Durch» dringung der Maurerei und Zimmerei, ist augensichtlich. Diese erste Kombination ist dann der Ausgangspunkt für weitere Fusionen. Wir haben gesehen, dafs die (lokale) Zimmerei das Bestreben hat, zu grofsbetrieblicher Gestaltung zu gelangen, um die Errungenschaften der modernen Technik in vollem Mafse ausnützen zu können. Ich habe auch bereits darauf hingedeutet, wie dieses Bestreben ein zweites zeitigt, dasjenige nämlich, die gesamte Holzarbeit, also vor allem die Bautischlerei, in ihren Bereich zu ziehen. Man pflegt diese aus Bautischlerei und Zimmerei kombinierten Grofsbetriebe Bau- 1 Dafs diese meist recht kapitalkräftigen „Baugewerksmeister“ auf ihren Kongressen mit ihrem Handwerksmeistertum kokettieren, ist einfach ein politischer Trick. Wer das Vergnügen hat, die Hauptredner auf diesen Versammlungen persönlich zu kennen, kann ein Lächeln der Bewunderung nicht unterdrücken, mit welcher disinvoltura diese „schweren Jungen“ sich bescheiden in das schlichte Gewand des Handwerkers guten alten Schlages zu hüllen verstehen! Fftnfundzwanzigstes Kapitel. Die kombinierte Unternehmung. 561 fabriken zu nennen. Den reinen Typus einer solchen Baufabrik stellt z. B. die „Leipziger Baufabrik“ dar. Sie betreibt ein Dampfsäge- und Hobelwerk, Zimmerei, Bau- und Parketttischlerei; sie übernimmt nicht nur Rohbau-, sondern insbesondere auch alle Ausbauarbeiten, wie Thiiren, Fenster u. dergl., liefert als besonderes Erzeugnis Riemen-, Streifen- und Stabfufsböden und fertigt sogar Möbel an. Sie beschäftigt im Winter 200, im Sommer bei vollem Betriebe 400 Arbeiter (U. IX, 606). Ähnlich ist die Aktiengesellschaft für Bauausführungen (Sitz in Berlin) organisiert 1 . Das ist der eine Krystallisationspunkt im Bereiche der Baugewerbe. Es giebt aber deren noch mehr: die Maurer ei als das zweitwichtigste der lokalen Baugewerbe zeigt hier und da schon Neigung, die Produktion der von ihr verarbeiteten Materialien in den Kreis ihrer Thätigkeiten zu ziehen; es werden dann von demselben Unternehmer Ziegeleien, Cementwerke etc. unterhalten. Prototyp einer solchen kombinierten Maurerei ist z. B. das Stuttgarter Immobilien- und Baugeschäft 2 . Ein anderer Punkt, an dem die einzelnen baugewerblichen Thätigkeiten sich zu einigen die Tendenz zeigen, ist die Bauteilfabrik für Thüren und Fenster. Es liegt für Unternehmer dieser Art handgreiflich nahe, aufser den hölzernen Füllungen auch' die Scheiben in die Fenster einzusetzen, die Eisenteile befestigen und die fertigen Thüren und Fenster durch eigene Arbeiter lackieren und anbringen zu lassen. Durch eine derartige Ausdehnung des Produktionsgebiets erfolgt eine Zusammengliederung von Bautischlerei, Bauschlosserei (als Anbringungsgewerbe), Bauglaserei und eventuell noch Malerei. Die letzte Etappe auf dem Wege der Fusion wäre die, dafs ein kapitalistischer Unternehmer den gesamten Hausbau vom ersten Spatenstich bis zur letzten Rosette durch seine Lohnarbeiter ausführen liefse. Das würde dann das vollendete Baugeschäft sein, wie es meines Wissens wenigstens in Deutschland heute noch 1 Vgl. Salings Börsenhandbuch 1901/1902 S. 861 f. Über andere Bauaktiengesellschaften, die z. T. mit Baubanken verknüpft sind, enthält das Handbuch a. a. O. weitere Angabeu. Grofse Privatfirmen dieses Charakters finden sich in den meisten Mittel- und Grofsstädten. Vgl, z. B. für Essen: HJt.Bericht für 1897 II, 15/16. 2 Vgl. P. Hirschfeld, Württembergs Grofsindustrie und Grofshandel. S. 116 ff, bei Sinzheimer, a. a. O. S, 141. Sombart, Der moderne Kapitalismus« I« 36 5G2 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. nicht besteht 1 . Ob aber jenes einheitlich geleitete Bauproduktionsr geschäft auch nur der Punkt ist, auf den die Entwicklung sich zubewegt, ist zweifelhaft. Es ist eher wahrscheinlich, dafs sich einzelne kapitalistische 'Unternehmungen auf die Erzeugung einiger zusammengehöriger Bauteile verlegen werden und dann einer dieser Unternehmer oder ein Dritter — etwa der kapitalkräftige Architekt — die eigentliche Bauausführung übernimmt. Also etwa in der Weise, dafs ein Architekt, der, sei es einen Bestellungs-, sei es einen Spekulationsbau in Entreprise nimmt, die Maurer- und Zimmerarbeiten einer kombinierten Unternehmung, den Rest der Holzarbeiten einer erweiterten Thür- und Fensterfabrik in Auftrag giebt und die kleineren Arbeiten durch seine Angestellten ausführen läfst. Es giebt eine ganze Reihe von Möglichkeiten, in welcher Richtung die bezeichnete Tendenz der Zusammengliederung im Baugewerbe weiterführen kann. Alle jedoch laufen darauf hinaus, früher selbständige Handwerke zu Bestandteilen kapitalistischer Unternehmungen umzugestalten. Die Berufs- und Gewerbestatistik gewährt wiederum nur geringen Aufschlufs über die im Texte besprochene Tendenz der baugewerblichen Entwicklung. Zwar hat sie (1895) eine Rubrik — B. 138 — „Bauunternehmung“, unter der auch (vgl. Stat. d. D. Reichs. N. F. Bd. 102. S. 50*) „Baubureaus“, „Baugeschäfte“, „Baugesellschaften“, „Bautechnische Bureaus“ einbegriffen sind, die also im wesentlichen dasjenige umfafst, was wir als kombinierte Unternehmung im Baugewerbe kennen gelernt haben. Leider aber verlieren die Ziffern der Statistik für uns fast allen Wert dadurch, dafs Hoch- und Tiefbau, die doch keineswegs dieselben Entwicklungstendenzen haben, nicht unterschieden sind. Etwas vermindern können wir die Unbrauchbarkeit, wenn wir die Ziffern für die verschiedenen Orts- gröfsen auseinanderhalten, in der Annahme, dafs die grofsen Bauunternehmungen in Orten mit weniger als 2000 Einwohnern vorwiegend dem Tiefbau, jene in gröfseren Orten mehr dem Hochbau dienen werden. Dann ergiebt sich folgendes Bild: Nach der Be^ rufszählung gehören der Gruppe B 138 a an: 387 607 Erwerbstätige, nach der Gewerbezählung 375070. Nach jener (vgl. a. a. O. Band 110. S 35) w r aren Erwerbstätige im Hauptberuf in unserer 1 Den fortgeschrittensten Typus baugewerblicher Kombination stellt ein grofses Baugeschäft in München dar (Thurneyssen, a. a. O. S. 45), das Ziegelproduktion, Maurerei, Steinmetzerei, Zimmerei und Bauschreinerei vereinigt. Beschäftigt sind ca. 1000 Arbeiter. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Die kombinierte Unternehmung. 563 Berufsart in Gemeinden mit weniger als 2000 Einwohnern: 140476, also nahezu zwei Fünftel der Gesamtzahl, und zwar in sehr grofsen Betrieben: von jenen 140476 Personen sind b-Personen -6784, c-Personen 129904, also nur 3788 a-Personen. Wir werden nicht fehl gehen, wenn wir in dieser Ziffer, wie oben gesagt, vorwiegend Tiefbauunternehmungen vermuten. Was die Verteilung der in den Bauunternehmungen überhaupt beschäftigten Personen auf die einzelnen Betriebsgröfsen anbetrifft, so ergiebt sich (nach der Gewerbestatistik) folgendes Bild: Von jenen 375070 Personen waren beschäftigt in Betrieben: mit weniger als 5 Gehilfen 12950 - 6—10 11187 - 11—20 26580 - 21—50 80086 - 51—100 89497 - 101—200 85380 - 201—500 50031 - 501-1000 14 062 - mehr als 1000 5 297 Also eine stark grofsbetriebliche Gestaltung, die allerdings wohl vorwiegend dem Tiefbau zu gute kommt. Bemerkt mufs noch werden, dafs jenen in Gruppe B 138 aufgeführten Personen im ganzen Reich doch nur (nach der Gewerbestatistik) 284265 in reinen Maurereibetrieben 133322 - - Zimmereibetrieben beschäftigte Personen, also 417 587 den 375 070 gegenüberstehen. Fortgeschrittener als auf dem Gebiete des Hausbaus scheint schon heute die Zusammengliederung ehemals selbständiger Berufszweige auf dem Felde der Hausausstattung, also Wohnungseinrichtung zu sein. Hier liegt einer jener Fälle vor, wo die Tendenz zur Vereinigung vorwiegend unter dem Gesichtspunkte der Bedarfsbefriedigung zur Geltung kommt. Es soll die gesamte Ausstattung einer Wohnung in einer Hand liegen, von einer centralen Stelle aus erfolgen. Zu diesem Ende hat sich von verschiedenen Seiten her ein Streben der einzelnen Ausstattungslieferanten bemerkbar gemacht, ihren Wii’kungskreis zu erweitern. Die beiden wichtigsten Ausgangspunkte für die Entstehung der Kollektiveinrichtungsunternehmung sind die Möbeltischlerei und die Tapeziererei bezw. das Dekorationsgeschäft. Jene hat zunächst dahin 36* 564 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. gestrebt, sämtliche Möbel in gebrauchsfertigem Zustande zu liefern, erst die Holzmöbel, was schon die Eingliederung früher selbständiger Handwerke bedingte, dann aber auch die Polstermöbel, wodurch das Tapeziergewerbe in den Kreis ihrer Thätigkeit gezogen wurde und die moderne Möbelmanufaktur entstand. Diese brauchte dann nur zur dekorativen Ausschmückung derWohnräume mit Gardinen, Portieren, Teppichen und anderen Schmuckstücken überzugehen, und das Ausstattungsgeschäft war fertig. Umgekehrt gliederte sich das ursprünglich reine Tapezier- oder Dekorationsgewerbe erst einmal die Dekorations- oder Tapezierarbeiten an; dann ging es dazu über, die notwendigen Holzmöbel ebenfalls zu fabrizieren, so dafs auch auf dieser Seite der Kreis der für die komplette Einrichtung erforderlichen Thätigkeiten geschlossen war. Dieser Entwicklungsgang erfolgt naturgemäfs in einer Keihe von Stufengängen, auch in den verschiedensten Aufeinanderfolgen, und weist die mannigfachsten Mischungen von Organisationsformen auf. Dementsprechend präsentiert sich uns ein überaus buntes Bild von Gestaltungen auf diesem Produktionsgebiete in den einzelnen Orten. Im allgemeinen wird sich der Stand der Dinge, denke ich, wie folgt kennzeichnen lassen: soweit minderwertige und mittelgute Wohnungseinrichtungen in Betracht kommen, fällt die eigentliche dekorative Arbeit ganz aus: das junge Paar kauft sich die Möbel im Möbelmagazin, eventuell einem Abzahlungsgeschäft, den Sofateppich, die Bettvorlagen und die Übergardinen in der Teppichhandlung, die event. mit dem Möbelabzahlungsgeschäft verbunden ist, stellt die angeschafften Kostbarkeiten in seinem Mietskubus auf und Hausfrau und Hausherr, allenfalls unter Zuhilfenahme eines sich selbst „Dekorateur“ titulierenden Tapeziers, sorgen für das geschmackvolle „Arrangement“. Wie die Möbel, die für diese Art Einrichtungen in Frage kommen, entstehen, soweit ihre Produktion bereits eine kapitalistische ist, haben wir oben gesehen: vgl. S. 500 ff. Anders bei den Einrichtungen für reiche Leute. Hier handelt es sich um die Erzielung einer dekorativen Gesamtwirkung in den Wohnungen, zumal wenn sie in eigenen Häusern Riegen und die künstlerischen ü aunen eines Architekten ihre Ausschmückung übernommen haben. Hier handelt es sich aber auch um einzelne wertvolle Stücke, seien es künstlerisch geformte Holzmöbel, seien es mit kostbaren Stoffen überzogene Divans und Fauteuils oder Teppiche oder Vorhänge oder Nippes. Dasselbe gilt natürlich für Fünfundzwanzigstes Kapitel. Die kombinierte Unternehmung. 565 prunkvoll ausgestattete öffentliche Gebäude, Hotels, Restaurationen u. s. w. Für die Ausführung solcher künstlerischen oder doch wenigstens protzigen Einrichtungen ist recht eigentlich das kollektive Ausstattungsgeschäft ins Lehen getreten. Sein Hauptdepartement bildet die Möbelfabrik, richtiger Möbelman ufaktur. Das ist ein ganz nach Analogie der Waggonmanufaktur angelegter Grofsbetrieb, in dem Einrichtungen jeder Art, sowohl Holz- als Polstermöbel angefertigt werden. Die Möbelmanufaktur vereinigt unter einem Dache oder doch auf einem Hofraume die Werkstätten der Tischler, Drechsler, Bildhauer, Tapezierer, Lackierer, Vergolder, Schlosser u. a., und ist mit den notwendigen Holzbearbeitungsmaschinen selbstverständlich versehen. In ihren Bureaus arbeiten „akademisch“ ausgebildete Zeichner, die die Entwürfe konzipieren und für die weitere Ausführung aufzeichnen. Wie schon erwähnt, sind es fast immer nur Kunstmöbel bester Qualität, die in solchen Möbelmanufakturen, deren Arbeiterstamm selbst ein hochqualifizierter ist, das Licht der Welt erblicken. Umgekehrt kann aber auch ohne Übertreibung gesagt werden, dafs 99°/o aller wirklich künstlerisch ausgeführten Möbel aus Möbelmanufakturen grofsen Umfangs stammen. Es deckt sich hier, wie in den meisten übrigen Branchen, der Begriff Kunstgewerbe und Grofsbetrieb fast völlig. Das war jedem einigermafsen mit gewerblichen Verhältnissen Vertrauten längst bekannt. Neuerdings ist es durch die „Untersuchungen“ wieder in vollem Umfange bestätigt worden b Berühmte Centren der Kunstmöbelmanufaktur sind Mainz, München, Stuttgart. Eine Zeit lang pflegt in der Regel die Möbelmanufaktur die Polsterarbeiten durch Tapezierer aufser dem Hause ausführen zu lassen: solche Fälle haben wir oben bereits konstatiert. Fast immer aber werden dann im Laufe der weiteren Entwicklung eigene Polsterwerkstätten errichtet. Und zwar um so 1 Für Augsburg U. III, 513 f.; Mainz III, 310 f. und zahlreiche andere Städte. Am ausführlichsten ist die künstlerische Möbelmanufaktur grofsen Stils behandelt von P. du Maroussem, L’dbeniste du Faubourg S. Germain. 1894. Überall, wo in neuerer Zeit in besonders hervorragender Weise die künstlerische Ausschmückung von Innenräumen unternommen worden ist, waren die Lieferanten stets Gröfsestbetriebe: Schlösser Ludwigs II., Deutscher Reichstag u. s. w. Über die allerneueste Phase der Kunsttischlerei und anderer Kunstgewerbe, wie sie in der Organisation der „Vereinigten Werkstätten“ in München, Dresden etc. seit einigen Jahren zu Tage tritt, spreche ich im 2. Bande ausführlich. 56(3 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. eher, je rascher die Möbelmanufaktur auch die eigentliche Dekoration von Innenräumen in ihren Bereich zieht. Diese verflicht sich natürlich aufs engste mit den Tapezierarbeiten, so dafs dann gemeinsame „Polster- und Dekorationswerkstätten“ als ein eigenes Hauptdepartement neben der eigentlichen Möbeltischlerei entstehen. Damit ist das moderne Ausstattungs- und Einrichtungsgeschäft gröfsten Stils fertig, das am liebsten — selbstverständlich begnügt es sich auch mit geringeren, partiellen Aufträgen — eine neu erbaute Villa in Berlin W. vom untersten Treppenläufer bis zur letzten Prunkvase durch seine eigenen Leute einrichten läfst. Und zwar in der Hauptsache mit Gegenständen eigener Produktion. Die gröfsten dieser Ausstattungsgeschäfte haben auch eigene Stoff- und Teppichwebereien. Sonst werden diese Artikel nebst den eigentlichen Ausschmückungsgegenständen gekauft. Diese modernen kombinierten Ausstattungsunternehmungen können nun aber auch von anderen Punkten her sich entwickeln. Wir rinden häufig, dafs Tapeziergeschäfte, die anfangs die Holzgestelle der Möbel von auswärts bezogen, diese später in eigenen Werkstätten anfertigen lassen; oder dafs grofse Dekorations- und Möbelstoffhandlungen zur Selbstfabrikation der Möbel übergehen: immer jedoch laufen die Entwicklungsweisen an einer bestimmten Stelle zusammen und bewegen sich von da ab in gleicher Richtung. Ein dritter Ausgangspunkt für die Entwicklung des modernen Dekorationsgeschäfts ist neuerdings das Wäschegeschäft geworden. Das gröfste und berühmteste Wäscheausstattungsgeschäft Berlins führt jetzt die Einrichtung ganzer Hotels etc. in grofsem Stile aus. Es vereinigt in seinem Geschäftshause eine Anzahl eleganter Musterzimmer mit Gardinen-, Teppich- und Wäschelagern, für die die Gegenstände fast alle in eigenen Produktionsbetrieben erzeugt werden. Eines der neuesten und elegantesten Hotels Deutschlands hat seine gesamte Innenausstattung durch diese Firma erfahren. Dafs sich derartig komplizierte Mechanismen einstweilen erst in einzelnen reichen Städten herausgebildet haben, ist selbstverständlich b Schon aus dem einfachen Grunde, weil aufserhalb der Centren 1 Wie sehr ein derartiges Unternehmen, wie das moderne Dekorationsgeschäft, an das Vorhandensein eines schon hohen Kulturniveaus geknüpft ist, zeigt schon der Umstand, dafs es sich in Deutschland erst seit den 1870er Jahren entwickelt, während es in den reicheren Ländern Westeuropas schon seit langem bestand. Im Jahre 1874 schrieb J. Lessing darüber: „Auch in Berlin fängt diese Industrie bereits an. In Paris und London ist sie jedoch Fünfundzwanzigstes Kapitel. Die kombinierte Unternehmung. 507 grofsstädtischer Civilisation überhaupt noch kein nennenswerter Bedarf an kunstvollen Wohnungseinrichtungen vorhanden ist. Wo sich in kleinen Städten oder auf dem Lande prunkhafter Reichtum vereinzelt vorfindet, besorgt das grofsstädtische Einrichtungsgeschäft die Ausstattung der Wohnungen ganz ebenso wie an seinem Niederlassungsorte selbst. Wenn ein reicher Grubendirektor in Oberschlesien oder ein Weber im Eulengebirge oder ein notleidender Agrarier sich seine Villa oder sein Schlofs „modern“ einrichten will, so wenden er oder sein Architekt sich naturgemäfs an das grofse Geschäft in Breslau oder noch lieber in Berlin, das dann durch seine Leute die Ausschmückung der Wohnstätten en bloc besorgen läfst. Alle mir bekannten Prunkausstattungen in verschiedenen Provinzen des Landes sind auf diese Weise entstanden. Bedeutende Erscheinungen kombinierter Unternehmungen sind auf dem Gebiet der Gerätschaftsgewerbe endlich die in neuerer Zeit zu rascher Erweiterung fortschreitenden grofsen Buch-, Zeitungen- und Kunstverlagsunternehmungen. Sie sind bereits so oft Gegenstand eingehender Erörterung gewesen *, dafs ich mich mit ihrer Erwähnung begnügen kann. Was in ihnen an selbständigen Handwerken verschwindet, ist aufser der Druckerei, der Lithographie, der Schriftgiefserei etc. vornehmlich die Buchbinderei, die hier in gröfstbetrieblicher Gestaltung als Glied in dem Gesamtorganismus weiterlebt. Die berühmtesten Verlagsunternehmungen der genannten Art sind F. A. Brockhaus in Leipzig, die aus der Fusion des Verlags der Gebrüder Kröner, der J. G. Cottaschen Buchhandlung und W. Spemanns hervorgegangene Aktiengesellschaft „Union, Deutsche Verlagsgesellschaft“ in Stuttgart; die Deutsche Verlagsanstalt (vormals E. Hallberger) ebendaselbst 2 u. a. * * _ ^ seit Jahren in glänzender Weise ausgebildet und auch in Wien und St. Petersburg schon seit längerer Zeit stattlich vertreten. Ein solcher Dekorateur, wie Penon in Paris oder Jackson & Graham in London . . . vereinigt in seinen Magazinen alles, was zur Ausstattung der Wohnräume nötig ist.. Wenn es ein Zimmer auszustatten gilt, so ist ein derartiger Unternehmer imstande, es mit allen jenen Kleinigkeiten und Schmuckstücken, welche demselben den letzten und feinsten Keiz verleihen, herzurichten . . Häufig dis poniert der Dekorateur oder sein Angestellter auch artistisch: der Fabrikant führt die Aufträge aus.“ Hier ist also das reine Dekorationsgeschäft eben erst im Begriffe, zur Eigenproduktion überzugehen. Vgl. J. Lessing, Das Kunstgewerbe auf der Wiener Weltausstellung. 1874. S. 41—44. 1 Vgl. Bücher, Gewerbe, a. a. 0. S. 947 f., Sinzheimer, a. a. 0. S. 139 L 2 Vgl. über die Stuttgarter Verlagsunternehmungen U. VIII, 416 f., 568 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Schauen wir einen Moment zurück und überblicken wir das Gebiet, das wir in diesem gräfslich langen Abschnitt durchwandert haben, so ergiebt sich allerdings, dafs der Kapitalismus auf der gesamten Linie der gewerblichen Produktion im Vorrücken ist. Schon heute hat er die ehemals handwerksmäfsige Struktur des Gewerbewesens über den Haufen geworfen: hat an Stelle der um die Persönlichkeit des Handwerkers im Laufe der Jahrtausende erwachsenen Berufssphären in lächerlich kurzer Zeit ein völlig neues, nach sachlichrationellen Gesichtspunkten gestaltetes System von Produktionsweisen gesetzt. Schon heute beherrscht er fast alle Gebiete gewerblichen Lebens gleichmäfsig. Aber freilich: die Früheren irrten, wenn sie diesen Siegeszug des Kapitalismus sich in einheitlichen Formen verlaufend vorstellten. Dem Vordringen des Kapitalismus entspricht keineswegs ein gleich- mäfsiges Wachsen der gesellschaftlichen Grofsbetriebe. In aufser- ordentlich vielen Fällen läfst der Kapitalismus denArbeitsprozefs gänzlich unberührt oder bildet ihn nur wenig um: Fälle indirekter Abhängigkeit, Hausindustrie, Aufserhausindustrie; in anderen tritt er zwar in der Form des gesellschaftlichen Betriebes auf, jedoch auf so schmaler Basis, dafs wir auch hier von grofsbetrieblicher Entwicklung zu sprechen nicht das Recht haben. Das sind die Fälle kleinkapitalistischer Unternehmungen, die nach den Ausweisen der Statistik, wie schon an mehreren Stellen gezeigt wurde, gerade in unserer Zeit die Tendenz zu haben scheinen, sich zu mehren. In der gesamten Industrie läfst sich für diese Unternehmungsform folgender Zuwachs feststellen. Es betrug die Zahl der Betriebe mit 6—10 Personen - 11—50 ' - 6-50 1882 1895 Zunahme 1882—95. 68763 113549 65,1 ü /o 43952 77 752 76,9 - 112715 191301 69,7 - Es bezifferte sich die Zahl der Personen in Betrieben 1882 mit 6—10 Personen 500097 ‘- 11—50 - 891623 - 6-50 - 1391720 1895 Zunahme 1882—95 833418 66,6 °/o 1620915 81,8 - 2454333 76,3 - über die Leipziger Bücher, Gewerbe a. a. O.; über die Grofsbuchbinderei von Hübel u. Denck in Leipzig „Illustrierte Zeitung“ vom 3. 5. 1900. Vgl. auch die Beschreibung „Einige Kiesenuntemehmungen an der Jahrhundertwende“ im 119. Band (N. F.) der Statistik des Deutschen Reichs, 158 ff. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Die kombinierte Unternehmung. 569 so dafs von 100 gewerblich thätigen Personen in derartigen klein- und inittelkapitalistischen Unternehmungen 1882 erst 19, 1895 dagegen 23,9 beschäftigt waren gegen bezw. 22,0 und 29,6 °/o in der eigentlichen Grofsindustrie. Aber ist denn nun das Handwerk vom Erdboden verschwunden ? Oder hat es sich nicht doch vielleicht trotz des gewaltigen Ansturms des Kapitalismus immer noch einen Anteil an der gewerblichen Produktion gewahrt? Und welchen? Das sind die Fragen, die im nächsten Abschnitt ihre Antworten finden sollen. Siebenter Abschnitt. Handwerk und Handwerker in der Gegenwart. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Das Handwerk in der Gegenwart. Wer denjenigen Teil der gewerblichen Produktion bemessen will, den noch heute die vorkapitalistischen Organisationsformen inne haben, würde irren, wenn er in der Weise verführe, dafs er von dem ehemaligen Produktionsgebiete dieser alten Formen das neue Occupationsgebiet des gewerblichen Kapitalismus in Abzug brächte und damit die heutige Herrschaftssphäre hausgewerblicher oder handwerksmäfsiger Produktionsweise glaubte genau umschrieben zu haben. Dieses Subtraktionsverfahren wäre deshalb verfehlt, weil es von der falschen Voraussetzung eines Subtrahenden als einer sich gleichbleibenden Gröfse ausginge. Eine solche unveränderliche Gröfse ist jedoch das Gesamtgebiet gewerblicher Produktion nicht. Es erfährt vielmehr selbst unausgesetzt Veränderungen in dem Mafse, wie sich der Bedarf an gewerblichen Erzeugnissen ausdehnt oder einschränkt. So müssen wir also, wenn wir den heutigen Besitzstand der älteren gewerblichen Organisationsformen feststellen wollen, in Berücksichtigung ziehen: 1. Zuwachs durch neuentstandenen Bedarf; 2. Verluste früheren Gebiets a) durch Wegfall ehemaligen Bedarfs; b) durch Vordringen des gewerblichen Kapitalismus, das wiederum in zwiefacher Form sich gestalten kann: entweder nämlich so, dafs die neue Produktionsweise die gleichen Gegenstände an sich reifst, die Erzeugnisse der Sechsundzwanzigstes Kapitel. Das Handwerk in der Gegenwart. 57 1 alten Produktionsweise waren, oder die Nachfrage nach diesen verringert durch Herstellung von Ersatzartikeln k Dafs uns hei dieser Gebietsabgrenzung die allgemeine Berufsund Betriebsstatistik wiederum von so gut wie gar keinem Nutzen sein kann, mag hier noch einmal ausdrücklich betont werden. Die Bedeutungslosigkeit dieser Statistik gerade für die vorliegende Aufgabe liegt vor allem in dem Umstande begründet, dafs die Zahl der Berufsangehörigen gar keinen Aufschlufs giebt über ihren Anteil an der gesamten Produktionsleistung: denn wenn einer Schuster ist, so weifs ich noch nicht, ob seine Thätigkeit ganz oder teilweise in der Verfertigung neuer Schuhe, im Reparieren alter oder darin besteht, dafs er die Kuhherde der Gemeinde hütet oder nachts über die Sicherheit seines Heimatsortes wacht. Wie immer, werden wir daher auch in diesem Kapitel einen sehr decenten Gebrauch vom Zahlenmaterial der allgemeinen Statistik machen und vielmehr in der Hauptsache wiederum unsere bewährte induktive Methode zur Anwendung bringen. Was wir mit deren Hilfe an Einsicht erlangen, kann freilich niemals eine genaue Quantitätsvorstellung sein, sondern wird sich immer mehr als eine Erkenntnis der in der gewerblichen Produktion wirksamen Verschiebungstendenzen qualifizieren. Das ist aber auch das wichtigste. Denn selbst wenn uns Mittel und Wege gegeben wären, einen quantitativ genauen Überblick über den Status quo hodie zu gewinnen, so würde uns doch immer die Freude an dieser Erkenntnis durch die Erwägung getrübt werden, dafs das Bild in dem Augenblicke, in dem wir es fixiert hätten, dank der rasend schnellen Veränderungen in unserem Wirtschaftsleben, schon nicht mehr völlig getreu die Wirklichkeit widerzuspiegeln im stände wäre. Um den Zusammenhang mit dem 18. Kapitel herzustellen und den Überblick zu erleichtern, soll die Unterscheidung in ländliches und städtisches Gewerbe auch den folgenden Ausführungen zu Grunde gelegt und sollen deutsche Verhältnisse vorwiegend berücksichtigt werden. A. Die Entwicklung auf dem Lande. Wer die heutige Gestaltung des gewerblichen Lebens auf dem Lande zu überblicken vermöchte, würde gewifs durch die bunte 1 Die Theorie der gewerblichen Produktionsverschiebung hat ihre Ausbildung namentlich durch Bü chers Arbeiten erfahren, dessen Gedankengänge ich zum erstenmal angedeutet finde in der oben citieTten Schrift von Rod- bertus aus dem Jahre 1849. 572 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Mannigfaltigkeit überrascht werden, die das Nebeneinanderbestehen der verschiedenen Organisationsformen gewerblicher Arbeit dem Auge darböte. Bäuerliche und gutsherrliche Eigenwirtschaft, das Lohnhandwerk in seinen verschiedenen Gestalten, das Kaufhandwerk, den gewerblichen Kapitalismus in allen Formen würde er im Kampfe um die Herrschaft erblicken. Es fragt sich nun, ob sich in diesem bunten Bilde irgendwelche Regelmäfsigkeiten der Umbildung, irgendwelche konstanten Verschiebungstendenzen werden nachweisen lassen. Ich glaube ja. Und zwar scheint es mir, als müfsten folgende Entwicklungstendenzen für das ländliche Gewerbe unterschieden werden: 1. Verminderung der Eigenwirtschaft; 2. Verminderung des Lohnhandwerks und zwar beides — soweit nicht Bedarfswegfall in Frage kommt — entweder zu Gunsten des Kaufhandwerks, oder zu Gunsten des Kapitalismus; und 3. Verminderung des Kauf handwerks — dieses immer zu Gunsten des Kapitalismus. Was auch so ausgedrückt werden kann: wir beobachten auf dem Lande: a) noch immer ein Vordringen der handwerksmäfsigen Organisation ; b) ein Vordringen des gewerblichen Kapitalismus. Wobei noch insbesondere darauf hinzuweisen wäre, dafs sich keineswegs eine regelmäfsige Stufenfolge der Organisationsformen beobachten läfst, sondern sich ebenso häufig — ja man könnte sagen meistens — ein unvermittelter Übergang von irgend einer der bestehenden primitiven Produktionsweisen zu der kapitalistischen Wirtschaftsweise vollzieht. So dafs also der hier und da zu beobachtende Fortschritt lokaler Tauschwirtschaft auf Kosten von Eigenwirtschaft mit angegliedertem Lohnwerk sich doch mehr als eine gelegentliche Erscheinung darstellt und vielmehr die Eroberung aller vorhandenen vorkapitalistischen Gewerbeverfassung durch den Kapitalismus als der typische Verlauf erscheint. Wenn ich diese Behauptungen durch Thatsachen nun erweisen soll, so wird es sich empfehlen, abermals eine Unterscheidung innerhalb der Gesamtheit ländlicher Gewerbe zu treffen, zu sondern nämlich dasjenige, was ich Landhandwerk nennen will, von demjenigen, was als Handwerk auf dem Lande bezeichnet werden soll. Unter jenem Ausdruck fasse ich dann diejenigen Handwerke zusammen, die man die „specifiscli ländlichen“ Handwerke deshalb nennen kann, weil sie den Bedarf des Landwirts Sechsundzwanzigstes Kapitel. Das Handwerk in der Gegenwart. 573 als Produzenten befriedigen sollen und damit in qualitativ unterschiedlicher Weise charakterisiert werden, also in erster Linie Schmiederei und Stellmacherei, während Handwerke auf dem Lande alle übrigen sind, die ebensogut städtische Handwerke sein können, weil sie für den privaten Konsumtionsbedarf der ländlichen Bevölkerung arbeiten, dieser aber in den Hauptzügen mit dem der städtischen Bevölkerung identisch ist: nur quantitative Unterschiedlichkeit! Besondere Beachtung unter diesen verdienen dann noch diejenigen, die sich als Lohngewerbe unmittelbar an die ländliche Eigenwirtschaft angliedern und damit eine Mittelstellung zwischen den beiden genannten Kategorien einnehmen *. I. Hausgewerbliche Eigenproduktion und Lohngewerbe. Den heutigen Umfang der hausgewerblichen Eigenproduktion oder auch nur die Tendenz ihrer Verringerung durch Thatsachen zu erweisen, ist so gut wie unmöglich. Wir müssen uns mit Schlüssen aus gelegentlichen Berichten begnügen und der Leser ist im übrigen auf die Ausführungen in dem Abschnitt über die Theorie der gewerblichen Entwicklung im zweiten Bande zu verweisen, wo der Nachweis einer notwendigen Auflösung der ländlichen Eigenwirtschaft und damit natürlich auch des Hausgewerbes zu erbringen versucht werden wird. Immerhin weisen uns schon die Mitteilungen, die wir über den heutigen Stand der Dinge besitzen, darauf hin, dafs zwar hausgewerbliche Eigenproduktion sich in Deutschland ebenso wie in den übrigen Kulturländern noch heute in beträchtlichem Umfange vorfindet, jedoch die Tendenz hat, zu verschwinden. Die einzelnen Fälle von hausgewerblicher Eigenproduktion und Störarbeit, die ich in den Quellen gefunden habe — und die jeder Besucher abgelegener 1 So namentlich die Müllerei und Brauerei. Die Präponderanz dieser Gewerbe und der specifisch ländlichen Handwerke auf dem Lande erweisen auch die Ziffern der Statistik. So ergeben die Zahlen der „Erhebung über Verhältnisse im Handwerk“ (1895), dafs Brauerei, Müllerei, Schmiederei, insbesondere Hufschmiederei, Stellmacherei (und aufserdem noch Zimmerei, diese aber nur in Gestalt von Alleinarbeitern) diejenigen Gewerbe sind, welche mehr Meister oder mehr Personal oder beides mehr in den Zählbezirken aufser der jedesmal „gröfsten Gemeinde“ beschäftigen: vgl. Bd. I S. 40. 41. Eine Specialstatistik für Graz und Umgegend ergiebt, dafs in der Stadt Graz 18 Huf- und Wagenschmiede (neben 70 Schlossern), im Handelskammersprengel aufser Graz 1454 Schmiede (neben nur 217 Schlossern) existierten: UOe. 312. 574 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. -Gegenden, namentlich des Gebirges, aus eigener Anschauung leicht vermehren kann —, sind folgende 1 : Im Westen Deutschlands ist es vor allem der Schwarzwald und auf diesem insbesondere das Gebiet der geschlossenen Höfe, wo sich noch heute beträchtliche Reste des Hausgewerbes vorfinden: „Wenn irgendwo“, sagt der Geschichtschreiber der Gewerbe im Gebiete der Gutacher Tracht (U. VIII, 121 f.), „so herrscht noch heute auf den Bauernhöfen des Schwarzwaldes die Hauswirtschaft . . vor. Was der Bauer braucht, das wünscht er aus eigenem Material hergestellt, das fertigt er, wenn er irgend kann, selbst oder durch seine Familienglieder an. Wo das nicht angeht, da möchte er doch den Herstellungsprozefs mit dem von ihm gestellten Material unter seinen Augen in seinem Hause vollzogen sehen.“ Aber die Schilderung, die dann der Verfasser selbst von dem Zerfall der alten Produktionsweise giebt, zeugt doch, dafs es sich eben vielfach nur noch um den Wunsch des Bauern handelt, dessen Verwirklichung immer mehr erschwert wird (a. a. 0. S. 125 f.). Das bestätigt ein anderer Bericht über das Grofsherzogtum Baden, in dem es lieifst: „Das Verfertigen gewerblicher Erzeugnisse zum eigenen Gebrauch ist im ganzen Lande noch Sitte, doch kommt es mehr und mehr ab 2 * .“ Ganz verschwunden scheint die hausgewerbliche Produktion schon in denjenigen ländlichen Gebieten Badens, die den grofsen Verkehrscentren näher liegen, also namentlich in den Gegenden der Parzellenbauern. So schreibt M. Hecht in seinem schon citierten Büchlein 8 : „Der Karlsruher Kaufmann lieferte Tuch und Wolle, billiger als die Bäuerin bisher herzustellen vermochte, — zu was sollte fernerhin noch Flachs und Hanf gebaut, zu was sollte überhaupt noch gesponnen werden, wenn man seine Kleider viel billiger in Karlsruhe einkaufen konnte?“ „Die Hagsfelder Bäuerin hat nicht einmal mehr so viel Zeit, um die Wäsche ihrer Familie zu reinigen; alle schmutzige Wäsche wird in Karlsruher Dampfwaschanstalten zur Reinigung geschickt 4 !“ 1 Einige habe ich schon im 19. Kapitel mitgeteilt; um Wiederholungen zu vermeiden, bitte ich den Leser, die dort festgestellten Thatsachen zur Ergänzung des im Texte gegebenen Bildes selbst heranzuziehen. 8 Die Verhältnisse der Landarbeiter in Deutschland. Schriften des Vereins für Socialpolitik Bd. 53 (1892) S. 326. Diese Berichte beziehen sich zwar nur auf die Lage der ländlichen Arbeiter, gestatten jedoch wohl einigermafsen sichere Rückschlüsse auch auf die bäuerlichen Zustände. * M. Hecht, Drei Dörfer der badischen Hard. 1895. S. 59. 4 A. a. 0. S. 16 Anm. 1. Dagegen lautet der Bericht aus einem auch Sechsundzwanzigstes Kapitel. Das Handwerk in der Gegenwart. 575 Uber das Königreich Württemberg lauten einige Berichte wie folgt: „im Jagstkreis werden gewerbliche Erzeugnisse zum eigenen Gebrauch noch verfertigt: aus Hanf, Flachs, teilweise Wolle in Mergentheim, Gespinste in Künzelsau, Gerabronn, Crailsheim, Ellwangen — „stets weniger“ —, Heidenheim — „wenig mehr“ —, Gmünd, Welsheim 1 ; im Neckarkreis findet sich: Leinwanderzeugung in Leonberg, Spinnen und Stricken in Ludwigsburg, Efs- lingen, Waiblingen „noch in ausgedehntem Mafse, doch abnehmend“, Besigheim, Heilbronn, Weinsberg „selten mehr“, Vaihingen 2 ; im Schwarzwaldkreis ist die hausgewerbliche Eigenproduktion „noch sehr verbreitet“; in Neuenburg wurde „noch vor 20 Jahren . . alles, was der Bauer trug, selbst gefertigt, jetzt wird alles gekauft“; Spinnen und Weben ist noch Sitte im Nagolder, Calwer, Freudenstadter Bezirk, selten in Balingen, Oberndorf, Sulz, Rottenburg, Tübingen 3 ; im Donaukreis: „sehr verbreitet“ 4 . Dafs die noch ziemlich in der Nähe der Civilisation belegenen Teile der badischen Ebene — aus dem Dorfe Muckenschopf im Hanauer Lande — merkwürdig abweichend und allen sonstigen Nachrichten dermafsen entgegengesetzt, dafs ich ihm keinen allzugrofsen Beweiswert zusprechen möchte. Immerhin mag er, bei der Kargheit ähnlicher Schilderungen, hier Erwähnung finden: vielleicht sieht sich der eine oder der andere gerade durch derartig kontrastierende und im allgemeinen dürftige Berichterstattung über diesen wichtigen Teil unseres Wirtschaftslebens zur Nachprüfung und Vermehrung unseres Wissens darüber veranlafst. Es lieifst bei Emil Braunagel, Zwei Dörfer der badischen Eheinebene etc. 1898. S. 21: Die verhältnismäfsig grofse Zahl der Weber „findet . . darin seine Aufklärung, dafs die Bewohner dieser Gegend ihre ganze Leibwäsche, sowie das zur Haushaltung nötige Linnen aus meist selbstgezogenen Gewächsen gewinnen. Sie brechen, dörren, trocknen und reinigen die Pflanzen, spinnen sie und lassen sie durch einen Weber zu Tuch (? soll wohl heifsen: Leinwand) herrichten. Fast in jeder Haushaltung findet man einen oder mehrere Webstühle im Gebrauch, und die Mädchen und Frauen haben eine bewundernswürdige Fertigkeit darin, den Faden zu zupfen, zu drehen und sodann zu spinnen. Der Webstuhl spielt auch heute noch in dieser Gegend eine bedeutende Eolle. Man versammelt sich im Winter abwechselnd in einem gemeinsamen gröfseren Eaume, wo die Mädchen spinnen. Die jungen Burschen finden sich ebenfalls ein, und unter heiteren Scherzen wird der Abend verbracht.“ — Also das reine Dornröschen- schlofs, dieses Muckenschopf: eine Idylle, über die der Strom der Zeit hinweggerauscht ist, ohne sie zu berühren. Übrigens weckt die Unsicherheit des Verfassers kein grofses Vertrauen zu der Glaubwürdigkeit seiner Schilderung. 1 Schriften d. V. f. S.-P. Bd. 53 S. 248. 2 A. a. 0. S. 266. 3 A. a. 0. S. 281. 4 A. -a. 0. S. 293. 576 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Bauern in Württemberg noch hie und da ihr Schuhwerk aus eigenem vom Lohgerber gegerbten Leder durch den Störer her- steilen lassen, erfahren wir ebenfalls (U. VIII, 461). Über Elsafs-Lothringen verlautet, dafs hausgewerbliche Thätig- keit noch „vereinzelt“ vorkommt 1 . Vom Königreich Bayern wird zusammenfassend berichtet: „Von gewerblichen Erzeugnissen zum eigenen Gebrauche werden Gespinste und Gewebe noch hie und da angefertigt, doch von Jahr zu Jahr in geringei’em Umfange 2 * .“ Die Anfertigung des Schuhwerks erfolgt noch vielfach auf der Stör. Von einem bayerischen Bezirksamte aus unseren Alpen liegen darüber folgende Daten vor 8 : Der räumlich grofse Distrikt ist schwach bevölkert und zerstreut besiedelt; von den 17 Gemeinden sind nur einige gröfsere Ortschaften, neben geschlossenen Dörfern finden sich sehr viel weit voneinander entfernte Einzelhöfe . . . Hier ist die Störarbeit noch sehr im Schwange. Bei den Arbeitskontrakten der Knechte und Mägde ist es üblich, neben dem Lohn und der Kost auch die Verabreichung eines Gewandes sowie 1—2 Paar Schuhe im Jahre zu bedingen. Mit der Verdrängung der Verpflichtung der Dienstboten auf ein Jahr durch die wöchentliche Löhnung kommt zwar diese Sitte in Abnahme, hält sich aber doch noch in den besseren Bauernwirtschaften, die auf tüchtige und ständige Dienstboten viel geben. Selbstverständlich wird in erster Linie der Schuhbedarf des Eigentümers und seiner Familie durch die Störarbeit gedeckt. Das nötige Leder tauscht der Bauer vom Landgerber gegen Lohrinde ein. Ähnlich wie in diesem für die alpinen Gegenden wohl typischen Bezirksamt Bayerns wird auch auf dem platten Lande Oberfrankens der Schuhbedarf noch vielfach gedeckt. Geringen, aber immerhin einigen Aufschlufs giebt die 1890 veranstaltete amtliche „Untersuchung der wirtschaftlichen Verhältnisse in 24 Gemeinden des Königreichs Bayern“. Danach wird in fast allen Gemeinden noch das Brotgetreide beim Kundenmüller oder im eigenen Hause des Bauern vermahlen und fast überall selbst verbacken. Über gewerbliche Eigenproduktion erfahren wir nur aus einer Gemeinde (Rothenbuch im Bezirksamt Lohr) etwas Genaues : dafs nämlich in Rothenbuch wie im ganzen Spessart die ehemals aus eigenem Flachs oder Hanf eigenwirtschaftlich gewonnene 1 A. a, 0. S. 402. 412. 421. 2 Schriften etc. Bd. 54 S. 155. s E. Francke, Die Schuhmacherei in Bayern. 1893. S. 83/84. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Das Handwerk in der Gegenwart. 577 Kleidung verschwunden und durch „fadenscheinige Baumwollstoffe“ ersetzt sei, für deren Verbreitung „die Hausierer und besonders die Musterreisenden“ sorgen (S. 455/56). Die noch fast überall üblichen Darreichungen von Kleidungsstücken an das Gesinde scheinen grofsenteils nicht mehr in der Bauernwirtschaft selbst erzeugt, sondern gekauft zu werden. Doch wird Bestimmtes darüber nicht berichtet. Aber auch in den Ländern des mittleren und nördlichen Deutschlands, auch in den ebenen Distrikten ist hausgewerbliche Eigenproduktion durchaus noch nicht verschwunden. Im Königreich Sachsen scheinen nur noch Spuren vorhanden zu sein. So wird aus dem sächsischen Erzgebirge berichtet, dafs die hausgewerbliche Bäckerei seit den 1870er Jahren im Verschwinden begriffen sei: jetzt werde z. B. im Bauerndorfe Gahlenz nur noch in wenigen alten Bauernfamilien selbst gebacken. Auch die sog. Werkstuben, die früher auf keinem Bauernhöfe gefehlt hätten, seien vielfach verödet, und nur bei unbedeutenden Reparaturen „lebte der alte Hausfleifs noch dann und wann auf“ (U. V, 13. 37). In der sächsischen Oberlausitz werden noch hie und da Gespinste zu eigenem Gebrauch gefertigt, und das Garn wird Lohnwebern zum Weben übergehen 1 ; im nordwestlichen Flachlande und Mittelgebirge findet sich diese Sitte „nur noch selten“ 2 . Für Oldenburg berichtet uns Kaerger 3 , dafs die Verarbeitung von Flachs und Wolle zum eigenen Gebrauche nur in wenigen Ortschaften abgeleugnet werde; dasselbe erfahren wir aus der Provinz Hannover: in manchen Gegenden ist namentlich die Ausnutzung der Heidschnuckenwolle so allgemein verbreitet, „dafs fast die ganze Kleidung der Landbevölkerung aus selbstgewebten Stoffen angefertigt wird“ 4 . „Mit Abnahme der Schafzucht fängt aber auch letztere Sitte an, zu verfallen“ (S. 193). Ähnliches wird berichtet über Westfalen (Kreis Wittgenstein); Waldeck (S. 155) ; Schaumburg-Lippe, Hessen, Provinz Schleswig-Holstein 5 . In den östlichen Provinzen des Königreichs Preufsen herrschen 1 Schriften, a. a. 0. S. 323. 2 A. a. 0. S. 344. 3 Die ländlichen Verhältnisse Nordwestdeutschlands. Schriften ßd. 53. S. 12/13. 4 Ebenda S. 59, vgl. S. 177. 183. 193. 199. B Jedoch schon mit den Zusätzen: „vereinzelt“. Schriften Bd. 54 S. 415, „in manchen Orten noch“ (424), „im Verschwinden“ (436), „hie und da noch“ 447), „vereinzelt“ (478). Sombart, Der moderne Kapitalismus. I. 37 578 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. ganz ähnliche Zustände auf den grofsen Gütern, wie in den Bauerndörfern des Westens und Südens: auch hier noch vorhandene, aber überall im Abnehmen begriffene hausgewerbliche Eigenproduktion bei den ländlichen Arbeitern und in der Gutswirtschaft selbst 1 . Letztere weist noch heute eine Reihe von Gutshandwerkern als Deputatisten auf: den Gutsstellmacher, Gutsschmied, Gutszimmerer, Gutsmüller etc. 2 Ihre Existenz ist mit dem gesamten Schicksal der alten patriarchalischen Gutswirtschaft aufs engste verknüpft: mit ihr stehen sie und — werden sie fallen. Seltener geworden sind in den Bauerndörfern des Ostens die auf der Stör arbeitenden Schneider 3 , wenngleich uns von Selbstverfertigung der Kleidungsstoffe auch noch hie und da berichtet wird 4 . Dagegen scheinen wiederum in den Dörfern des Spreewaldes die gewerbliche Eigenproduktion und die zu ihr gehörige Störerei noch in voller Blüte zu stehen, wie ich folgender Schilderung entnehme, die ich in U. VII, 517 finde: „Die meisten Handwerke werden im Spreewald noch in der Form des Lohnwerks und auf der Stör betrieben. Eigenes Leder gerbt der Bauer zwar nicht mehr, und auch der Schuster kommt nicht mehr in sein Haus, sondern die Schuhe werden bestellt oder fertig gekauft. Aber alle Kleidungsstücke werden vom Schneider im Hause des Kunden gefertigt. Sein Korn läfst der Bauer beim Müller mahlen, der sich dafür eine Metze vom Scheffel abzieht; sein Brot bäckt ihm der Bäcker, und er erhält für jedes Brot (12 bis 30 Pfund) nur 10 Pfennig. Auch der Fleischer ist meist ein gewerblicher Arbeiter, der von Hof zu Hof zieht. Freilich wird Bäckerei und Schlächterei auch schon als wirkliches Handwerk betrieben. Baut der Spreewälder ein Haus, so kauft er Steine und Holz und nimmt Maurer und Zimmerer in seinen Dienst. Auch sein Leinöl läfst er sich selbst auf der Mühle gegen Lohn bereiten. Der Tischler ist hier ebenfalls noch Lohnwerker. Wenn des Bauern Tochter eingesegnet wird, läfst der Vater einige von den Erlen und Eichen fällen, die seinen Hof umgeben, und sie auf der 1 Vgl. M. Weber, Die Lage der Landarbeiter im ostelbischen Deutschland. Schriften des Ver. f. S.-P. Bd. 55 passim. 2 Vgl. für Niederschlesien U. IX, 509; Westpreufsen IX, 531; für den Netzedistrikt U. IV, 237/38. 3 Für Nakel U. IV, 211. * Kreis Dramburg U. IV, 145. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Das Handwerk in der Gegenwart. 579 Mühle zu Brettern schneiden. Hat sie sich verlobt, so ruft er den Tischler in sein Haus, der von dem gut getrockneten und abgelagerten Holz den nötigen Hausrat fertigen mufs. Die Möbel sind einfach, derb, nicht fourniert; zu städtischer Ware hat der Spreewälder kein Zutrauen. Wochenlang oft bleibt der Tischler auf dem Hofe.“ Mehr und mehr hört wohl der Hausbau auf, Gegenstand hausgewerblicher Eigenproduktion zu sein. Zwar liefert der Bauer immer noch gern das Material zu seinem Hause (vgl. unten S. 600), aber die eigene Thätigkeit ist doch erheblich geringer als früher; die Ausführung des Baues erfolgt in gröfserem Umfange durch fremde Arbeiter. Der specielle Grund hierfür mag hauptsächlich in dem Übergang vom alten, strohgedeckten Lehmfachwerkhause^ das heute polizeilich überhaupt nicht mehr gestattet wird, zum massiven Ziegelbau liegen, den der Maurer, dieses Mädchen für alles beim ländlichen Häuserbau, nun in allen seinen Teilen beherrscht (vgl. S. 601). Es ist selbstverständlich, dafs diejenigen ländlichen Handwerke, die sich als Lohngewerbe engstens an die bäuerliche oder gutsherrliche Eigenwirtschaft angliederten, in ihrem Bestände sich gefährdet sehen mu’fsten, sobald die Eigenwirtschaft selbst ins Wanken kam: denn nur von ihr zogen sie ja Nahrung. Dahin gehören z. B. Lohnweberei, Lohnfärberei und andere die häusliche Kleidererzeugung ergänzende Gewerbe, die heute schon so gut wie verschwunden sind. Dahin gehört ferner die handwerksmäfsige Wind- und Wassermüllerei, die ihren Hauptnahrungsquell in der Lohnvermahlung des von den Bauern, den Insten, den Gutsherren, den Klöstern etc. gebrachten eigenen Korns gefunden hatte, und deren Rückgang in der Gegenwart ganz allgemein konstatiert wird. Was die Situation der Müllerei noch verschlechtert, ist der Umstand, dafs auch die Bäcker es vorteilhafter finden — das hängt mit der oben beschriebenen eigentümlichen Lage des Mehlmarktes zusammen! — das Kunstmehl zu kaufen, statt wie früher das Getreide auf ihre Kosten mahlen zu lassen. So ergiebt sich für die handwerksmäfsige Müllerei für den Augenblick ein Zustand verzweifelten Existenzkampfes 1 , der vielfach schon mit ihrem Untergange geendigt hat: in der Umgegend von Nakel (Netze) ist der Ertrag von 20 Windmühlen seit zehn 1 Der für die grof sstädtische Müllerei längst zu Gunsten des kapitalistischen Grofsbetriebes entschieden ist. 37 * 580 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Jahren um ein Drittel gesunken, dank der Konkurrenz der grofsen Dampfmühlen (U. IV, 230/31), doch wird ihnen für die Zukunft ein günstiges Horoskop gestellt im Hinblick auf den konservativen Sinn der Landbevölkerung. Die Kundenmüllerei in Eisleben ist bereits völlig ruiniert (U. IX, 298/99). In Nöttingen-Darmsbach (Baden) „können die zwei Kundenmüller mit den Kunstmühlen nicht konkurrieren“ (U.VIII, 73). Die Mühlen in Mefskirch (Baden) haben „einen Ausfall erlitten“ dadurch, dafs die Mehlhändler und Bäcker nicht mehr das Getreide vermahlen lassen, sondern in Kunstmühlen kaufen (U. VIII, 47). Im Bauerndorf Gahlenz ist die Müllerei bereits gänzlich verfallen (U.V, 40). Im Dorfe Kondrau (Oberpfalz) ist „die Müllerei nach den Aussagen der Müller sehr zuiückgegangen und fristet nur mehr ein beschränktes Dasein; manche der Müller haben blofs zeitweise zu thun“ L Im Dorfe Sollbach (Oberpfalz) haben „beide Mühlen — früher gute Zeiten gesehen; die ebengenannte ist jedoch aufs äufserste heruntergekommen und fristet nur mit einem übriggebliebenen Mahlgange und mit ganz geringer Kundenmüllerei ein sehr dürftiges Dasein“ . . . Die andere treibt ziemlich rege Kundenmüllerei 1 2 3 * . Die Zahl der Windmühlen in der Provinz Posen verminderte sich seit dem Jahre 1861, in welchem sie 2698 betrug, auf 2383 schon bis zum Jahre 1885; die der Wassermühlen von 555 auf 390 8 . Das bedeutet einen ganz immensen Rückgang der hand- werksmäfsigen Müllerei, wenn man erwägt, wie lange sich ländliche Mühlen am Leben zu erhalten pflegen trotz Abnahme ihrer Produktion, ehe sie ganz verschwinden. II. Das Landhandwerk. In wesentlich anderem Lichte erscheinen dagegen diejenigen Handwerke, die ich als speeifisch ländliche bezeichnet habe: insbesondere das Gewerbe des Schmieds und das des Stellmachers. Ihr Schicksal wird bestimmt durch die Gestaltung von Verhältnissen, die doch erheblich geringere Wandlungen erfahren haben. 1 Untersuchungen über die wirtschaftliche Lage in 24 Gemeinden des Kgr. Bayern. 1895. S. 146. 2 Ebenda S. 209. In den übrigen 22 Berichten ist über einen Rückgang der Müllerei nichts enthalten. Freilich wird auch in keinem von ihnen die Frage nach Zunahme oder Abnahme, sondern nur nach der Existenz von (Kunden-)Müllerei meist bejahend beantwortet. 3 Bol. von Brodnicki, Beiträge zur Entwicklung der Landwirtschaft in der Provinz Posen während der Jahre 1815—1890. 1893. S. 99. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Das Handwerk in der Gegenwart. 581 Wenn ich die Sclimiederei als Landhandvverk par excel- lence anspreche, so meine ich denjenigen Teil des Schmiedegewerbes, den man als Grob- oder Hufschmiederei zu bezeichnen pflegt. Denn die übrigen Specialitäten der Schmiedearbeit: Zirkel-, Ketten-, Nagel-, Messer-, Kupfer-, Gold- etc. Schmiederei sind ebenso sehr städtischen wie ländlichen Charakters. Ihre Entwicklung hier zu verfolgen liegt um so weniger Veranlassung vor, als sie heute bereits fast völlig der Vergangenheit angehören. Was vom Schmiedehandwerk dagegen noch Interesse hat, weil es noch Leben besitzt, ist dem Gebiete der Grobschmiederei zuzurechnen und recht eigentlich ländliches Gewerbe. Auch über diesen wichtigsten Zweig des alten Schmiedehandwerks sind die Stürme der Zeit hinweggegangen, nicht ohne merkliche Spuren zu hinterlassen. Vieles aus seinem alten Produktionsgebiet ist ihm genommen worden. So fast gänzlich die Grobwerkzeugfabrikation, d. h. die Anfertigung von eisernen Kleingeräten, als Hacken, Spaten, Hämmern, Gabeln, Haspen, Schrauben etc. L Erben: die Kleineisenhausindustrie oder schon der Grofsbetrieb. Auch die Verfertigung landwirtschaftlicher Geräte oder wenigstens die Mitwirkung dabei geht dem Schmied in dem Mafse verloren, als die Geräte oder gar Maschinen in Eisen konstruiert und dann von Fabriken bezogen werden 1 2 . Auch als Hufschmied hat er Verluste zu verzeichnen: auf der einen Seite hat sich die Technik des Hufbeschlagens selbst zu seinen Ungunsten verändert, seit die Eisen fertig oder wenigstens vorgearbeitet aus dem Eisenwarenladen mitsamt den fertigen Nägeln bezogen werden 3 . Der Hufschmied hat seitdem nur noch die Thätig- keit des Anpassens und Anschlagens des Eisens auszuüben. Auf 1 Konstatiert für Nakel und Umgebung U. IV, 234 f., Bauerndorf Gah- lenz V, 18. 2 Für Nottingen-Darmsbach U. VIII, 70/71; schlesisches Dorf Krampitz U. IX, 516. Uber den Wagenbau vgl. unten S. 583. Übrigens war die Anfertigung dieser Gegenstände vielerorts schon seit langer Zeit besonderen Werkzeugschmieden zugefallen, aus der Grobschmiederei damit also bereits ausgeschieden. (Loquard [Ostfriesland] VII, 590.) 3 In Nakel und Umgegend werden die Nägel sämtlich, die Hufeisen fast sämtlich fertig bezogen (U. IV, 240 f.), ebenso im badischen Dorfe Mefskirch (U. VIII, 20). Das gleiche habe ich für schlesische Dörfer konstatieren können. Für die Schweiz vgl. Fachberichte aus dem Gebiete der Schweiz. Gewerbe (1896) S. 166/67. Auch das Schärfen der Stollen ist vielfach weggefallen, seit abnehm- und ersetzbare Schärfestücke von der Fabrik geliefert werden. 582 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. der anderen Seite droht ihm die Gefahr, auch diese Thätigkeit ein- zubüfsen, weil eine Tendenz bei Unternehmungen, die eine grofse Anzahl von Pferden beschäftigt, besteht, den Hufbeschlag in eigene Regie zu übernehmen; das gilt für grofse Güter, namentlich aber für die grofsen Verkehrsunternehmungen der Städte 1 . Ob sich eine Verringerung des Hufbeschlaggeschäfts überhaupt infolge eines Rückganges des Fuhrwerksverkehrs ergeben hat, wie gelegentlich behauptet wird (U. VIII, 21), wird sich für einzelne Gegenden schwer feststellen lassen. Im ganzen deutschen Reiche ist die Zahl der Pferde bisher stetig gewachsen, freilich längst nicht im Verhältnis zur Bevölkerung. Es wurden gezählt 2 Anfang der 1860er Jahre — 3193711 Pferde 1873 = 3352231 1883 = 3522545 1892 = 3836256 1897 = 4038 485 1900 = 4184099 Was die Zukunft bringen wird, wenn sich elektrische Bahnen und Automobile, Feldbahnen und Radfahrerei weiter ausdehneu, ist natürlich noch nicht abzusehen. Denkbar ist es, dafs das Pferd gänzlich auf den Aussterbeetat gesetzt wird 3 . Das würde auch für die Schmiederei den Todesstofs bedeuten, falls ihr nicht etwa wesentlich neue Produktionsgebiete Zuwachsen sollten. Heute stützt sie sich noch zu einem sehr beträchtlichen Teil auf den Hufbeschlag. Das bestätigen übereinstimmend alle Berichte. Aufser im Hufbeschlag beruht dann ihre Hauptthätigkeit in der Reparatur landwirtschaftlicher Geräte, die mit der Zunahme der In- 1 Konstatiert für Berlin U. IV, 303; Graz UOe. 299. 2 Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich. 1901. S. 20. 3 Dafs der Reitsport bereits ganz erheblich unter der Radlerei leidet, ist eine allgemein wahrnehmbare Thatsache. In Breslau wandelt sich den Winter (1898/99), als diese Zeilen geschrieben werden, die letzte gröfsere Reitbahn in eine Radfahrschule um. Es ist übrigens denkbar, dafs die Reparaturarbeit an Fahrrädern und namentlich Motorwagen für den Wegfall des Hufbeschlags teilweise den Landschmieden Ersatz bietet, die dann freilich eine erheblich höhere Stufe technischen Könnens erreicht haben müfsten als heute. In der französischen Provinz, wo heute schon das Automobil das durchaus vorherrschende Luxusfahrzeug ist (ich beobachtete im Sommer 1900 auf den Landstrafsen der Calvados in der Normandie, dafs etwa drei Viertel allen Luxusverkehrs mittelst Automobils ausgeübt wurde), spielt die Reparatur an plötzlich marode gewordenen Motoren oder gar verfahrenen Automobilen bereits heute eine grofse Rolle. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Das Handwerk in der Gegenwart. 583 tensität des landwirtschaftlichen Betriebes erheblich mehr Arbeit als früher beansprucht. Auf diesen beiden Gebieten findet eine Anzahl handwerksmäfsiger Schmiede ihr gutes Auskommen, und scheint auch für die nächste Zukunft die Existenz des Schmiedehandwerks, wenigstens auf dem Lande, von keiner ernstlichen Gefahr bedroht. Diesen Eindruck habe ich aus meinen eigenen Beobachtungen gewonnen, und ich finde die Bestätigung seiner Richtigkeit in den vorliegenden Berichten. Alle haben sie — so düster das Bild sonst sein mag, das sie von der Lage der Handwerke entwerfen — ein freundliches Wort für die Schmiederei übrig. Von einem Berichterstatter (für Nakel U. IV, 24G) wird das Schmiedehandwerk denn auch geradezu bezeichnet als „ein Gegenstück zu dem Verwitterungs- und Umbildungsprozefs, wie er in fast allen anderen Handwerken hervortritt“. Gleich günstige Urteile liegen vor für Mefskirch i. B. (U. VIII, 30), Gahlenz (U. V, 18), Eisleben (U. IX, 330), sogar Berlin (U. IV, 323) b Das Komplementärhandwerk zur Schmiederei ist die Stellmacherei. Schmied und Stellmacher arbeiten sich bei wichtigen Vornahmen, vor allem beim Wagen- und Gerätebau, in die Hände. Ihre Werkstätten liegen in allen kleinen Orten dicht bei einander. Und es scheint auch, als ob ihr Schicksal Ähnlichkeit haben sollte. Zunächst sind auch wiederum für die Stellmacherei in gleicher Weise wie für ihr Nachbarhandwerk wichtige Verluste zu registrieren : Die Neuanfertigung landwirtschaftlicher Geräte — namentlich also der Pflüge, Eggen, Walzen etc. — verringert sich mit dem Eindringen des Eisens, der Wagenbau leidet unter der Konkurrenz der Grofsbetriebe in den Städten, zumal für leichtere Kutschwagen und Schlitten 1 2 ; wo er noch in der Hand des Stellmachers ruht, bringt er weniger Arbeit, seit immer mehr Teile des Wagens — namentlich die Achsen — fertig aus Eisen bezogen werden 3 . Dafür hat der Stellmacher ebenso wie der Schmied mehr zu tliun bekommen durch die Zunahme der Reparaturen an landwirt- 1 Ungünstig lautet das Urteil für Graz und Umgebung. UOe. 316. Vielleicht weil hier im Hufbeschlag besonders starke Konkurrenz durch die Hufbeschlagschulen, insbesondere die Militärhuf beschlagschulen gemacht wird: a. a. 0. S. 299. 2 U. V, 16 (Gahlenz); VIII, 30 (Mefskirch); IX, 319/20 (Eisleben); IX, 530 f. (Könitz). 3 Dasselbe gilt für die Arbeit des Schmieds am Wagenbau: vieles von dem, was er früher anfertigen mufste, liefert jetzt die Fabrik: Achsen, Auftritte, Laternenhülsen, Federn etc. 584 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. schaftlichen Geräten, Wagen etc. L Die Stellmacherei ist somit auf dem Wege, reines Reparaturhandwerk zu werden 1 2 * * * * * . Die Urteile über die Stellmacherei lauten nicht so günstig wie über die Schmiederei: begreiflicherweise, da dieser aufser der Reparaturarbeit noch der Hufbeschlag als wichtiges Rückzugsgebiet verblieben ist. Immerhin dürfen wir die Stellmacherei neben der Schmiederei [zu denjenigen Handwerken rechnen, die durch ihre eigentümliche lokale Angliederung an den Betrieb der Landwirtschaft, solange diese selbst in ihrer heutigen Organisation erhalten bleibt, als Reparaturgewerbe wenigstens auf dem Lande ungefähr in ihrem alten Bestände einstweilen gesichert erscheinen. Einstweilen! Dafs die Entwicklung sehr wohl auch zum Untergange dieser beiden Landhandwerke führen kann, dafür scheinen England und die Vereinigten Staaten von Amerika ein Beleg zu sein. In U. S.A. fallen die Handwerke der Schmiede, Stellmacher etc. auf dem Lande schon fast ganz aus. Die Farmer beziehen ihre nötigen Maschinen, Geräte, Geschirre von grofsen Fabriken. Dann sucht sich der Landwirt in mancherlei Handfertigkeit selbst so weit auszubilden, und die Agricultural Colleges legen besonderen Wert darauf, den Schüler in allerlei Holz- und Metallarbeiten zu unterrichten, dafs er in der Lage ist, nötige Reparaturen eigenhändig auszuführen. Aufserdem sind die Maschinen so eingerichtet, dafs die einzelnen Teile bequem ersetzt werden können, und die Maschinenfabriken versehen den Farmer mit ausführlichen Katalogen, nach denen er Reserveteile bestellen kann 8 . Ähnlich, wenn auch noch nicht ganz so weit entwickelt, scheinen die Dinge auch in vielen Teilen Englands schon zu liegen. „When the village groeer or blacksmith closes bis shop, it is easy 1 U. V, 11 f.; VIII, 31; VII, 584 (ostfriesisches Dorf). 2 Reparatur zu Neuarbeit wie 2 :1 (U. V, 11 f.), größtenteils Reparaturen (U. IX, 509/11), Neuarbeit tritt gegenüber den Reparaturen zurück (VIII, 32). Dafs sich in der Stellmacherei eine Specialisation der Thätigkeit entwickelt und einzelne Betriebe zu marktmäfsiger Produktion übergeben oder in den Dienst kapitalistischer Unternehmungen treten, habe ich als eine allgemeine Entwicklungstendenz nicht beobachten können. Es mag aber ein solcher Fall hier registriert werden, dafs Stellmacher durch Lieferung von Wagenrädern für Wagenfabriken den Ausfall zu decken suchen, den ihre Thätigkeit von anderer Seite her erfahren hat. Konstatiert für Nakel U. IV, 221. 8 Vgl. Backhaus, Die Arbeitsteilung in der Landwirtschaft, in den Jahrbüchern für N.Ök. III. F. 8, 347. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Das Handwerk in der Gegenwart. 585 to supply his place — the town provision-merchant beeing only too glad to send round his card, and the iron-monger or machinery- maker his men 1 .“ Und dann: „once there was work enough two smithies going, but thougli his rival has gone to town the survivor complains that, except to shoe horses and sharpen plough-coulters, there is hardly anything for him to do. Owners of costly reapers and steam- ploughs and steam - thrashing - machines will not trust them to the coarse hands of a country blacksmith, but prefer to have repairs done by an expert, that is to say, by (in most cases) a man in the employment of the makers 2 .“ * * * Alles, was sonst an Handwerken auf dem Lande sich vorfindet — und es wird wenige Gewerbezweige geben, die nicht mit einem oder dem andern Betriebe auf dem Lande vertreten sind — unterscheidet sich wesentlich von den bisher erwähnten dadurch, dafs sich für sie besondere Entwicklungstendenzen, deren Eigenart in der Ländlichkeit der betreffenden Gewerbe begründet wäre, nicht ausfindig machen lassen. Vielmehr — das möchte ich mit allem Nachdruck betonen — ist das Schicksal des Handwerks (immer mit Ausnahme der von uns abgesonderten Zweige) auf dem Lande kein specifisch anderes als in den Städten; alle unterschiedliche Gestaltung in Stadt undLand findet in nichts anderem ihre Erklärung, als in der Verschiedenheit des Stadiums eines und desselben Entwicklungsprozesses 3 . Deshalb werde ich auch — um lästige Wiederholungen zu vermeiden — die noch übrigen Handwerke im Zusammenhänge besprechen. Und zwar wiederum in der Reihenfolge, in der wir sie schon zweimal an unserem Geiste haben vorüberziehen lassen. Ich wähle diese Einteilung absichtlich auch in der folgenden Darstellung wieder, um die Übersicht dem Leser zu erleichtern, trotzdem mir nicht entgangen ist, dafs sich für die Grup- 1 P. A. Graham, The rural exodus (1892), 20. 2 P. A. Graham, 1. c. 39. 3 Wenn ich hier die specifische Gleichheit in der Lage des Handwerks in Stadt und Land nachdrücklich betone, so möchte ich schon an dieser Stelle darauf hinweisen, dafs damit keineswegs eine Gleichheit in der Lage der Handwerker behauptet werden soll. Diese gestaltet sich vielmehr sehr unterschiedlich in Stadt und Land, wie am passenden Ort geziemend hervorgehoben werden wird. Vgl. das 27. Kapitel dieses Bandes. 586 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. pierung der einzelnen Gewerbe sachgemäfsere Kriterien als der Bedarf, den sie befriedigen, aufstellen liefsen. B. Das städtische Handwerk. I. Ernährungshandwerke. Das Produktionsgebiet der Bäckerei hat durch irgendwelche Bedarfsverschiebung keinerlei Vei’engung erfahren. Eine Erweiterung in dem Mafse, als die Hausbäckerei sich verringert hat. Das mag für ländliche Gegenden und Kleinstädte keinen unbedeutenden Zuwachs darstellen. Welches Gebiet vom gewerblichen Kapitalismus in neuerer Zeit occupiert worden ist, haben wir oben S. 436 f. 526 f. gesehen. Dort wurde auch bereits ausgeführt, dafs die Selbständigkeit der zahreichen Kleinbäckereien in Grofsstädten oft nur eine scheinbare ist. Im ganzen lässt sich nicht leugnen, dafs der Besitzstand der handwerksmäfsigen Bäckerei heute noch ein sehr grofser ist. Ihn als einen auch in Zukunft gesicherten zu bezeichnen, liegt jedoch kein Grund vor. Einerseits dringt der Grofsbetrieb ohne Zweifel weiter in das Gebiet des Handwerks vor: in dem Mafse, wie die Organisation des Konsums wächst, gestalten sich die Bedingungen für die Herstellung von Backwaren im grofsen günstiger. Auch die kapitalistische Grofsbäclterei kann mit der Ausbildung des Filialenwesens in den grofsen Städten leicht an Boden gewinnen. Andererseits macht sich eine Tendenz bemerkbar, den Versand des Brotes über immer gröfsere Gebiete auszudehnen. Von einer strikten Lokalisierung des Bäckergewerbes ist gar keine Rede mehr 1 : von den verschiedensten Seiten wird uns über interlokalen Absatz von Backwaren berichtet 2 . Die Erfindung eines praktikabeln Konservierungsverfahrens würde die Verhältnisse von Grund aus revolutionieren 3 . Welche Gründe für die heute noch sehr umfassende Herrschaft der handwerksmäfsigen Bäckerei anzuführen sind, wird am geeigneten Orte dargelegt werden. Ähnliche Verhältnisse wie im Bäckergewerbe finden wir in der 1 Ausgeführt schon von Sinzlieimer, Grenzen etc. S. 94 ff. 2 Vgl. aufser den von Sinzheimer konstatierten Fällen: U. VI, 501; IX, 211. Allgemeine Bäckerzeitung passim. 3 Wenn z. B. das viel angepriesene „herrlichste Brot des kommenden Jahrhunderts“, das „von köstlichem Geschmack, leicht verdaulich“ und dabei „mehr als 10 Tage haltbar“ ist, — oder ein ähnliches Fabrikat — an Boden gewönne. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Das Handwerk in der Gegenwart. 587 Fleischerei. Auch hier ist das Gebiet, das vom gewerblichen Kapitalismus erobert ist, zur Zeit noch unbedeutend und wenigstens, was die Rinderschlächterei anbetrifft, wesentlich auf die Grol’sstädte beschränkt; aber auch hier keineswegs ein für alle Zukunft gesicherter Besitzstand. Dafs die Fleisch- und Fleischwarenversendung schon heute in wachsendem Umfange betrieben wird, wissen wir. Ihrer weiteren Ausdehnung sind principiell keine Schranken gezogen. Mit ihr parallel wird sich die Wurst- und Fleischwarenfabrikation als specialisierter Grofsbetrieb entwickeln. Was aber schon heute die Lage des Fleischgewerbes wesentlich von der des Bäckergewerbes unterscheidet, ist zweierlei: 1. trägt die Fleischerei von jeher ein mehr kommerzielles Gepräge : der Schwerpunkt der Thätigkeit des Fleischers liegt, zumal in der Rinderschlächterei, meist im Vieh- und Fleischhandel. Diese Eigenschaft des Gewerbes hat dahin geführt, dafs in den grofsen Städten, wo sich Engros-Schlächterei, Lohnschlächterei, Fleischtransport und Wurstmacherei als Specialbetriebe entwickelt haben, der Kleinfleischer heute schon überhaupt kein Handwerker mehr, sondern wesentlich nur noch Detaillist ist; 2. hängt es mit diesem vorwiegend kommerziellen Charakter des Fleischergewerbes zusammen, dafs der Betrieb auch eines kleinen Fleischers stets an das Vorhandensein eines gröfseren Kapitals geknüpft ist, wie die oben (S. 531) mitgeteilten Zahlen ersichtlich machen. II. Bekleidungshandwerke. Hier, auf dem Gebiete der Bekleidungsgewerbe, ist das Werk der Zerstörung, der Vernichtung alter gewerblicher Verfassungen vielleicht am weitesten fortgeschritten. So sehr uns die allgemeine Statistik noch immer mit Hunderttausenden von „Handwerksmeistern“ dieser Gewerbe erfreuen mag: kein Kundiger wird sich der Einsicht länger verschliefsen können, dafs in Deutschland (wiö in allen übrigen Kulturländern) die altehrwürdigen Handwerke der Schuhmacher, der Gerber, der Schneider, der Kür schner, der Hutmacher heutzutage als Neuhandwerke bereits aufgehört haben zu existieren oder doch wenigstens ihrem Untergang mit Riesenschritten entgegeneilen. Es ist Leichengeruch, der uns entgegendringt, wo auch immer wir den Versuch machen, nach dem Schicksal dieser Handwerke zu forschen: ob in der Grofsstadt, ob in der Kleinstadt oder auf dem Lande. Ganz ausnahmsweise Umstände müssen Zusammentreffen, wo wahre Handwerksexistenzen — 588 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. der Leser wolle auf diesen Ausdruck genau acht geben! — noch heute in den genannten Gewerbezweigen sich als Verfertiger neuer Waren erhalten haben oder gar in ihrer Weiterexistenz gesichert erscheinen. Bei einigen dieser Handwerke ist es die Bedarfsverschiebung, die ihre Existenz untergraben hat; bei der Mehrzahl jedoch die Konkurrenz des gewerblichen Kapitalismus, der in den verschiedensten Formen, wie wir gesehen haben, das Produktionsgebiet dieser alten Handwerke zu erobern verstanden hat. Und nun sollen einige quellenmäfsige Belege dieses Urteil bekräftigen : Ich beginne mit dem personenreichsten aller Handwerke, der Schuhmacherei. Von den Berichten, die uns vorliegen, werde ich diejenigen unberücksichtigt lassen, die sich auf ehemalige „Schusterstädte“ beziehen, weil in diesen die Schuhmacherei schon längst nicht mehr das Gepräge des echten Handwerks trägt. Es sei gestattet, die Urteile der verschiedenen Berichterstatter im Referatstil ohne Kommentar wiederzugeben: es erleichtert eine solche trockene Darstellung die Übersicht: Breslau: „Das (Schuhmacher-) Handwerk in Breslau lebt heute gröfstenteils von der Flickerei, wenn es auch noch für einen engbegrenzten Kreis der mäfsig wohlhabenden Bevölkerung einen Teil der Neuarbeit anfertigt. Auch auf seinem ihm das Gepräge gebenden Arbeitsgebiet, der Flickerei, erwächst ihm allmählich eine fühlbare Konkurrenz der kapitalistischen Unternehmung“ (U. IV, 68). Leipzig: „Das alte Schuhmacherhandwerk . . . ist . . . im Aussterben begriffen. An (seine) Stelle streten mechanische Schuhfabriken . . . und grofse Ladengeschäfte in Verkehrscentren“ (U. II, 309). Karlsruhe: „Die Zukunft des Schuhmachergewerbes wird von keiner Seite günstig beurteilt“ (U. III, 65) *. Altona: „Die Reihen der besser Situierten, welche sich noch beim Handwerker (?) anmessen lassen, lichten sich zusehends; überall findet die Sitte Eingang, im Laden zu kaufen“ ; „das Schuhmachergewerbe geht von Jahr zu Jahr stetig zurück, weil (?) die 1 Wenn der Berichterstatter über die Karlsruher Gewerbe die „Hoffnung, dafs das Kleingewerbe nicht völlig von der Fabrik verdrängt werde“, nicht aufgeben will, so beruht das auf seiner Verwechslung von Handarbeit und Handwerk. Gewifs wird erstere immer ihre Beize auch in der Schuhmacherei behalten, aber wir wissen schon von früher her (vgl. S. 510), dafs heute gerade die feinste Mafsarbeit bei kapitalistischer Organisation des Gewerbes besorgt wird. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Das Handwerk in der Gegenwart. 589 Handarbeit in steigendem Mafse der Fabrik mit ihrer ungeheuren Leistungsfähigkeit weichen mufs“ (U. I, 24. 29). Jena: „Sie alle — sc. die Schuhmachermeister — betrachten das Schwinden der handwerksmäfsigen Produktion, soweit sie nicht durch unregelmäfsige Fufsbildung oder in anderer Weise bedingt oder Flickarbeit ist, nur noch als eine Frage der Zeit“ (U.IX, 54). „In Eisleben, wo die Schuhmacherei stets das am stärksten besetzte Handwerk war, bietet sie jetzt ein trostloses Bild; . . im letzten Jahrzehnt . . ist das Gewerbe unter der vereinten Wucht maschineller Konkurrenz und örtlicher Kalamitäten in einem geradezu entsetzlichen Tempo zusammengeschmolzen“ (U. IX, 306). Rofswein (Kgr. Sachsen): „Der jetzt noch selbständige Teil (der Schuhmacher) wird zum gröfsten Teil aufhören, als Schuhmacher zu existieren“ (U. VI, 488). Nakel (Netze): „Die Konkurrenz der Fabrikware . . . macht sich seit etwa zehn Jahren bemerkbar und ist heute bereits sehr empfindlich; es dürfte ein gutes Drittel der hier konsumierten Schuhwaren Maschinenarbeit sein.“ Zwei Betriebe haben sich zu kleinkapitalistischen Unternehmungen ausgewachsen. „Von den übrigen 14 Meistern können sich einzelne, die in besseren Zeiten etwas gespart haben, noch mit Hilfe alter Kunden über Wasser halten. Der Rest“ . . . (ist Schweigen) (U. IV, 212). In Deutsch-Lissa (Schlesien) kann kein einziger der sieben selbständigen Schuhmachereibetriebe von dem Ertrage der Schusterei bestehen (U. IX, 498 f.). Stadt und Kreis Dramburg: „Allmählich erscheinen auf dem heimischen Markte mehr und mehr die Konkurrenzartikel der Grofsindustrie“ — wodurch einige Dörfer sehr zu ihrem Schaden zu dem Versuch veranlafst worden sind, „das im Kreise verlorene Terrain aufserhalb desselben wiederzugewinnen“; dadurch ist „die Produktion gewachsen, der Verdienst aber geringer geworden“ (U. I, 80). Nöttingen-Darmsbach (Baden; 809 Einwohner): Zehn gelernte Schuhmacher sahen sich genötigt, das Geschäft einzustellen. „Früher wurde das Handwerk durch die Märkte gedrückt . . .; seit zehn Jahren haben diese Schuhmärkte ihre Bedeutung gänzlich verloren; aber eine schlimmere Konkurrenz ist ihnen durch die Schuhwarenbazare entstanden, die sich . . . fast in jedem Dorfe befinden“ . . . „Von fünf Schuhmachern in N.-D. haben nur zwei das ganze Jahr hindurch Arbeit; einer arbeitet für einen auswärtigen Schuhladen und verdient nur 1,50 Mk.“ (U. VIII, 67. 68.) 590 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Bauerndorf Gahlenz (Erzgebirge): Den Schuhmachern erwächst Konkurrenz 1. durch die Hausiererei; 2. durch Schuhwarenläden; 3. durch eine in Eppendorf seit drei Jahren bestehende Schuhfabrik. Von letzterer bezieht einer der Gahlenzer Schuster seinen eigenen Bedarf und den seiner Familie. Die Fabrik hat eine eigene Reparaturwerkstatt eingerichtet, „und heute sind unsere Schuhmacher froh, wenn sie nur überhaupt Arbeit linden, gleichviel ob neue oder Reparatur. Von dem gesamten im Ort verbrauchten Schuhwerk wird 2 3 * /s — S * U von auswärts bezogen, besonders die feineren und leichteren Waren“ (U. V, 51). Wenn wir nun schliefslich noch konstatieren, dafs die für ein gröfseres Gebiet — Bayern 1 und Württemberg 2 — zusammenfassend angestellten Untersuchungen zu demselben Resultat kommen, wie die oben citierten Berichterstatter, so wird auch der vorsichtigste Beurteiler sich dahin resümieren müssen: das Schuhmacherhandwerk gehört heute als Neuhandwerk bis auf einzelne Reste in kleinen Städten und auf dem Lande bereits der Vergangenheit an; für den Verlust der Neuarbeit vermögen die Reparaturen nur geringen Ersatz zu schaffen; aber selbst die Reparaturarbeit ist dem Handwerk nicht in alle Zukunft gesichert, wie im zweiten Bande dieses Werkes noch gezeigt werden wird. Mit der handwerksmäfsigen Schuhmacherei ist ihr wichtigstes Hilfsgewerbe 8 , die Gerberei, in die Grube gefahren, mit dem Unterschiede vielleicht, dafs der Absterbeprozefs des Handwerks in diesem Gewerbe schon einige Jahrzehnte früher begonnen hatte. Kompletter scheint die handwerksinäfsige Lohgerberei als die Weifsund Sämischlederei von ihrem Geschick ereilt zu sein. Letztere hält sich noch hie und da an der Wolle fest, die die von ihr gegerbten Felle enthalten, und wird erst mit dieser selbst in den Ab- 1 E. Francke, Die Schuhmacherei in Bayern. 1893. 2 Dr. E. Nübling, Das Schustergewerbe in Württemberg (U. III); derselbe, Das Ledergewerbe in Württemberg (U. VIII). Uber die Lage des Schuhmacberbandwerks in Württemberg schrieb die Handelskammer von Stuttgart schon in ihrem Jahresbericht von 1884: „Für die kleingewerbliche Schuhmacherei wird die Situation von Jahr zu Jahr infolge des fortschreitenden Überganges des Schuhmachergewerbes vom Hand- zum Maschinenbetriebe immer ungünstiger.“ Cit. bei Nübling. Und was bedeuten die letzten 17 Jahre! 3 Von den beiden übrigen Gewerben, denen die Gerberei das Leder liefert, ist die Handschuhmacherei als Handwerk längst ausgestorben; während die Sattlerei heute im wesentlichen nur noch als Reparaturhandwerk weiter besteht. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Das Handwerk in der Gegenwart. 591 grund gezogen. Wir haben nicht viel Berichte über die Lage der Gerberei, aber die, die wir haben, reden eine um so deutlichere Sprache. Da sind zunächst erst wieder ein paar Grofsstädte: Breslau und Köln. In beiden ragen ganz wenig Reste des alten Lederhandwerks in die Gegenwart hinüber (U. IV, 1 ff., 247 ff.). Dann kommen die kleinen Orte: in Prenzlau ist die Lage der Lohgerber hoffnungslos (U. I, 126 f.); ihre und der Weifsgerber Situation in Eisleben kennzeichnen folgende Ziffern (U. IX, 339): es gab daselbst Lohgerber 179*0: 6, 1875: 1, 1895: 0; Weifsgerber 1880: 5, 1895: 0; in Loitz, wo die Lohgerberei früher eine grofse Bedeutung hatte, ist sie heute völlig beseitigt (U. I, 38). Die Weifsgerber in Prenzlau werden durch die abnehmende Rentabilität des Wollhandels bedroht, besonders die kleinen (U. I, 124); dasselbe wird für Wien (UOe. 481—490) und Württemberg (U. VIII, 534) bestätigt. Von den Lohgerbern ebendaselbst heifst es (VIII, 523): „Überallher tönen jetzt die Klagen der Kleingerber; aus Reutlingen, Metzingen, Ebingen, Oberndorf, Ohringen kommt der gleiche Jammer über den Rückgang der Lederpreise, der dem Kleingerber den Wettbewerb mit den mechanischen Grofsbetrieben nicht mehr möglich mache, so dafs er das Einarbeiten von Häuten aufgeben müsse.“ Im Königreich Sachsen ist „die rein handwerlcs- mäfsige Form der Gerberei . . . jedenfalls nicht mehr lebensfähig“ (U. V, 461): „Rein handwerksmäfsigen Charakter tragen heute in Sachsen die Gerbereien nur noch in wenigen kleinen Landstädten, namentlich in Gegenden, die nicht in dem starken Strome des Verkehrs liegen. In den kleinen Städten ist an Stelle des handwerksmäfsigen der halbfabrikmäfsige Kleinbetrieb getreten, und in den Grofsstädten hat sich auch dieser nicht halten können“ (U. IX, 478). In Summa: es ist — wie es in einem Berichte über die Gerberei in der Schweiz zusammenfassend heifst 1 — eine „überall sich geltend machende Erscheinung, dafs kleine, irrationell geleitete Betriebe von den mit allen technischen Hilfsmitteln ausgerüsteten Grofsbetrieben verdrängt werden“. Das Kürschnerhandwerk hat aufser denjenigen Zweigen seiner Thätigkeit, die dem gewerblichen Kapitalismus anheim gefallen sind, noch eine Reihe durch Bedarfsverschiebung entstandener Verluste zu beklagen: die grofse Nachfrage früherer Zeit nach Pelzwerk auch in weniger begüterten Klassen hat mit dem Wegfall des Personenpostverkehrs, mit der Verbesserung der Heiz- 1 Fachberichte S. 159. 592 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Vorrichtungen in Kirchen und anderen öffentlichen Gebäuden eine beträchtliche Abminderung erfahren: der Pelz ist zu einem Luxusartikel der Reichen geworden. Die Folge davon ist eine Verödung der Werkstatt des alten Kürschnermeisters — in Stadt und Land. Was an Neuarbeit dem Handwerk geblieben ist, ist gering: auf dem Lande die Anfertigung eines Teils der gröberen Pelze aus Schaffell, in der Stadt die sporadische Herstellung von Pelzmützen etc. Einen Ersatz hat der Kürschnermeister gesucht und hie und da gefunden 1. in der Reparatur; 2. in der Konservierung von Pelzwerk während des Sommers; 3. im Handel mit Pelzwerk, Hüten, Mützen etc. Es folgen die Belege: Breslau: „Von allen Seiten gefährdet, fristet der kleine Kürschnermeister kümmerlich sein Dasein und beneidet den Heimarbeiter, der für das Magazin beschäftigt ist. Denn wenn diesem auch die alte Selbständigkeit des Handwerksmeisters fehlt und er auch keinen Anteil am Unternehmergewinn hat, so hat er doch meist einen Abnehmer für seine Arbeit und einen leidlich sicheren Verdienst. Zudem braucht er nicht, wie die kleinen Meister, seine Zeit im Laden mit dem Warten auf Kunden zu vertrödeln; er braucht . . . nicht zu fürchten, dafs seine Produkte verderben oder unmodern werden. Unter diesen Umständen ist es kein Wunder, wenn allmählich immer mehr kleine Geschäfte . . . aufgesogen werden, trotzdem die Produktion und der Verkauf von Kürschnerwaren in Breslau zweifellos in der letzten Zeit wieder zugenommen haben.“ Die Statistik belehrt uns, dafs im Jahre 1861 in Breslau noch 120 Kürschner mit 152 Gesellen arbeiteten, heute aber die Zahl der kleinen Kürschnergeschäfte 25 kaum übersteigt, da von den 130 registrierten „Kürschnermeistern“ die übrigen als Heimarbeiter für Magazine und Fabriken thätig sind (U. VII, 97. 77). Im Anschlufs an diese Ziffern will ich gleich eine lehrreiche Zahlenreihe mitteilen, die uns über das Schicksal des Kürschnerhandwerks im Bezirk der Handels- und Gewerbekammer Brünn Aufschlufs giebt. Dort wurden gezählt (UOe. 475) 1860: 460; 1870: 406; 1880: 314; 1890: 231 Kürschner. Eisleben: „In der Kürschnerei ist die Anfertigung von Pelzgalanteriewaren . . . vollständig an die Fabrik . . . übergegangen, während dem Handwerk z. T. noch die Herstellung von Pelzen, in der Hauptsache aber nur die Pelzkonservierung und die Reparaturen geblieben sind.“ Mit der Kürschnerei ist häufig der Hut- und Mützenhandel verbunden (U. IX, 308/9). Frankenberg i. S.: Der durch Reparaturen und Pelzauf- Sechsundzwanzigstes Kapitel. Das Handwerk in der Gegenwart. 593 bewahrung geschaffene Zuwachs hat „die stetig gröfser werdenden Verluste . . . nicht im entferntesten ersetzen können . . . Heute weifs (der Kürschner) von Ende Februar an bis in den Oktober hinein oft nicht, was er machen soll. Ehedem hielt er zu allen Zeiten eine Hilfskraft, während des Winters zwei, und die Frau mufste auch mit nähen helfen; jetzt vermag er selbst in der kalten Jahreszeit die Arbeit fast allein zu bewältigen“ (U. II, 326). In Nakel leben zwei Kürschner und Mützenmacher; davon ist einer fast ganz Kaufmann, der neben Handschuhen, Halsbinden und Hüten auch mit Pelzsachen (V4) handelt, von denen er etwa V 20 selbst hergestellt hat; der andere ist auf dem Wege zum Handelsgeschäft, z. Z. fertigt er noch Pelz- und Zeugmützen, namentlich aber Schafpelze an. Es verdient, darauf hingewiesen zu werden, dafs die zahlreichen Reparaturen an Pelzsachen, die in neuerer Zeit notwendig geworden sind, möglicherweise eine vorübergehende Kon junktur darstellen. Es hatte nämlich in den 1860er und 1870er Jahren ein sehr bedeutender Erwerb neuer Pelzsachen stattgefunden; die damals gekauften Pelze kommen heute zur Reparatur und Umänderung zurück. Es ist also anzunehmen, dafs die Flickerei namentlich ordinärer Pelzsorten in Zukunft sich verringern wird (vgl. U. II, 326). Im Anschlufs an die Kürschnerei sei der vielfach mit dieser sich berührenden Hutmacherei Erwähnung gethan. Hier kann ich mich kurz fassen. Denn es wird wohl ihr kompletter Untergang als Handwerk von niemandem ernstlich bezweifelt. Wer sich heute noch „Hutmacher“ auf seinem Ladenschilde nennt, ist doch fast ausschliefslich Huthändler, etwas Hutreparateur und vielleicht noch in ganz kleinem Umfange Neuhutverfertiger: in letzterem Falle bezieht er die Stumpen fertig aus der Fabrik, formt und konfektioniert die Hüte in seiner Werkstatt. Doch sind diese Reste handwerksmäfsiger Hutmacherei durchaus als Quantit6 n4gligeable zu betrachten. Zur Bekräftigung des Gesagten will ich nur die Worte des immer besonders vorsichtigen und alleweg handwerksfreundlichen Berichterstatters für Karlsruhe (Andreas Voigt) hierher setzen, die also lauten: „Die Hutmacherei ist als Beispiel eines in Karlsruhe vollständig verschwundenen Produktionszweiges bemerkenswert. Die vorhandenen Geschäfte, die sich zum Teil noch auf dem Aushängeschild Fabriken nennen, sind lediglich Handlungen. Dies gilt sowohl von der Filzhut- wie von der Strohhutmacherei. Selbst die Reparatur der Filzhüte, sofern es sich nicht um Kleinigkeiten, Sombart, Der moderne Kapitalismus. I. 38 594 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. wie die Erneuerung eines Bandes, handelt, wird durch die Geschäfte nur an die Fabriken vermittelt“ (U. III, 65/66). Übereinstimmende Urteile haben wir für Leipzig U. VI, 319 f.; Wien UOe. 38; Brünn UOe. 470 f. u. a. O. In kleineren Städten und auf dem Lande — soweit nicht die Bauernhutmacherei im Gebiete der Trachten in Frage kommt, die mit diesen steht und fällt 1 — hat das Hutmacherhandwerk nie eine bedeutende Rolle gespielt. Interessant ist wiederum die Beobachtung, dafs auch das Handwerk der Hutmacherei eine Zeit lang gefördert und gehalten wird durch seinen Todfeind: den Kapitalismus, so lange dieser nur die Anfertigung’des Halbfabrikates (des Stumpen) an sich gezogen hat — cf. Schaftfabriken! —, um dann aber um so rascher zu versinken, als auch die Herstellung der fertigen Hüte an die Stumpenfabrikation angegliedert wird (vgl. U. VI, 319). Was aber ist von dem ehrsamen Schneiderhaudwerk auf uns gekommen? Wiederum, glaube ich, dürfen wir getrost sagen: nur Trümmer des alten, stolzen Baues. Nicht ganz verständlich ist mir der Bericht über die Schneiderei in Erlangen geworden, den Herr Professor Neuburg in eigener Person erstattet. Der wissenschaftlichen Richtung des Verfassers entspricht eine gewisse Unbestimmtheit im Urteil. Er fafst seine Untersuchung in dem Ergebnis zusammen, „dafs eine entscheidende Antwort (aus derselben) kaum zu entnehmen ist“. „Für das Handwerk Günstiges und Ungünstiges erscheint uns im Wechsel“ (U. HI, 424). Zu vergleichen das vielfach verklausulierte Urteil Seite 428! Sehen wir von dieser gelehrten Arbeit ab, so stimmen alle übrigen Berichte dahin überein, dafs das alte Schneiderhandwerk, in Stadt und Land gleichmäfsig, seinem raschen Verfall entgegen geht, wo es nicht bereits vollständig vom Erdboden verschwunden ist. Obwohl der Historiker des Schneidergewerbes in München 2 offenbar keine scharfe Scheidung zwischen altem Handwerksmeister, Inhabern von Mafsgeschäften und der Abhängigkeit mehr oder weniger verfallenen Stückmeistern vornimmt, so bezeichnet er das Schneiderhandwerk doch als „eine Organisation, die teilweise infolge der Konkurrenz der Grofsbetriebe ihr Dasein nur kümmerlich fortfristet und in stetem Rückgänge begriffen ist“; ... „in Wirk- 1 Vgl. für das Gebiet der Gutaclier Tracht U. VIII, 134 ff. 2 G. Herzberg, Das Schneidergewerbe in München, 58. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Das Handwerk in der Gegenwart. 595 lichkeit sind die Sorgen des Meisters vielfach so endlos, wie seine Bemühungen, sich mit allem Aufgebot von Fleifs und Sparsamkeit notdürftig über Wasser zu halten.“ Und wenn er dann (a. a. O. S. 134) die Worte eines Fachmanns citiert, die also lauten: „Wer ein Schneider sein will nach Art unserer Vorgänger, im bedächtig langsamen, einfachen Arbeitsgange, wird bald merken, dafs für ihn kein Platz mehr in der neuen Zeit übrig bleibt, er mufs wider Willen verschwinden. Nur wer das Schicksal, das heifst sein eigenes, an der Stirnlocke erfafst, wer nicht blofs arbeiten gelernt, sondern fach- und kaufmännische Kenntnisse und Gewandtheit in der Geschäftsführung sich angeeignet hat, kurzer Hand, wer im Sinne des Wortes Schneider und Kaufmann zugleich ist, dem blüht auch heute noch eine sichere Zukunft“ — so spricht er damit — offenbar wider seinen und seines Gewährsmanns Willen — das richtige Urteil aus, dafs alles vom alten Schneidergewerbe, was nicht der Konfektion verfallen ist, in Zukunft in dem (ev. klein-) kapitalistischen Mafsgeschäft aufgehen wird. Deutlicher lautet der Bericht aus Breslau: „Mittellose Schneidergesellen, die sich in einer Stadt wie Breslau ,selbständig' machen, d. h. heiraten und eine eigene Werkstatt, eine Stube mit einigen Möbeln, einer Nähmaschine, einem Bügeleisen u. s. w. einrichten, verzichten jetzt gewöhnlich schon von Anfang an darauf, nur von Kundenarbeit leben zu wollen; sie richten sich von vornherein darauf ein, für ein Konfektionsgeschäft oder gar unter einem Zwischen- oder Schwitzmeister zu arbeiten“ (U. VII, 36). Aber „auch der Schneider, der tüchtig in seinem Fache ist und einiges Kapital zur Gründung eines Betriebes hat, vermag sich heute nur schwer zu halten“. Sie sinken entweder sehr bald zu Heimarbeitern herab, oder es gelingt ihnen, eine Zwischenmeisterstelle zu erhaschen, oder sie steigen gar zu den sonnigen Höhen des feinen Mafsgeschäfts empor und hören damit natürlich auf, Vertreter der alten handwerksmäfsigen Organisation zu sein. Und dann für die zukünftige Gestaltung der Schlufs: „Die Grofsbetriebsentwicklung in Mafsschneiderei und Konfektion wird ihren Weg weiter gehen und damit die Proletarisierung der noch von Kundenarbeit lebenden Meister“ (a. a. 0. S. 61). In Wien scheint das alte Schneiderhandwerk schon so gut wie vollständig ausgestorben zu sein, denn der Berichterstatter über „die Männerkleidererzeugung in Wien“ nennt — aufser zahlreichen „Pfuschern“ — nur die Vertreter einer „dritten Klasse von Kunden- 38* 590 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Schneidereien“, in denen sich die alten Handwerksmeister vornehmlich finden müfsten, fügt jedoch sogleich hinzu (UOe. 510): „Aber auch diese handwerksmäfsige Form hat sich nicht rein als solche erhalten. Auch hier ist das kaufmännische Element eingedrungen, und je anspruchsvoller der Kundenkreis eines solchen Geschäfts ist, um so mehr mufs dessen Besitzer nicht nur Schneider, sondern namentlich auch Tuchhändler sein.“ In Jena „ist der Erfolg des (Schneiderei-) Betriebes zur Zeit in gröfserem Mafse als bisher durch entsprechenden Kapitalbesitz bedingt... Die Folge davon ist die, dafs, wie von allen Beteiligten übereinstimmend konstatiert wird, die gröfseren Geschäfte nach Zahl und Umfang vor allem zugenommen haben und mehr und mehr in den Vordergrund getreten sind, während ihnen gegenüber den kleinen Meistern trotz Erhöhung der Kundenpreise die Erhaltung ihrer Existenz wesentlich erschwert worden ist“ (U. IX, 20/21). 1874 kamen auf 10000 Einwohner in Jena ca. 45 selbständige Schneidergeschäfte; 1895 ca. 22. Die entsprechenden Ziffern für Eisleben lauten: 1790: 180; 1875: 100; 1895: 56 (U. IX, 302). Fast sämtliche Schneidermeister befinden sich mehr oder weniger in Abhängigkeit von den Herrengarderobegeschäften. Von den selbständigen Schneidermeistern sind beschäftigt: 4—5 direkt für Privatkundschaft; 10 halb für Privatkundschaft, halb für Geschäfte; 50 als reine Heimarbeiter; 10 als Flickschneider. „In ihrer grofsen Mehrzahl sind die Eislebener Schneider nicht mehr als selbständige Handwerker zu betrachten“ (a. a. O. S. 304). Von den 96 Schneidermeistern in Prenzlau „ist im günstigsten Falle noch der dritte Teil von diesen Geschäften — sc. den dort bestehenden 11 Herrengarderobegeschäften — ganz unabhängig“ (U. IV, 128). „Die Schneiderei in dieser Art — sc. der handwerksmäfsigen — hat schwerlich eine Zukunft. Die älteren Meister werden allmählich aussterben, und für die jüngeren Kräfte wird der Betrieb des Handwerks in dieser Form nur ein Übergangsstadium zu dem mehr kaufmännischen Schneidereigeschäft bedeuten“ (ebenda 138). Den Herrenkleidermachern in Salzwedel ist „seit ein paar Jahren durch zwei jüdische Ramschbazare eine erhebliche Konkurrenz der Grofsindustrie erwachsen . . Einige früher selbständige Schneidermeister arbeiten jetzt als Hausindustrielle für gröfsere Sechsundzwanzigstes Kapitel. Das Handwerk in der Gegenwart. 597 Geschäfte, die mit den Tüchern handeln, auch das Mafsnehmen und Zuschneiden besorgen“ (U. I, 160).! Nakel hat — wie schon an anderer Stelle gemeldet wurde — seit zehn Jahren ein feines Mafsgeschäft. Seitdem Dekomposition des Schneiderhandwerks. Die Schneider haben es selbst mit einem Tuchlager versucht und „so ihre alten Kunden zum gröfsten Teil festgehalten. Der Verdienst ist jedoch sehr zurückgegangen . . . Die übrigen Schneidermeister bewegen sich mehr und mehr der Flickschneiderei zu“ (U. IV, 210). Löbau (Westpreufsen; 4295 Einw.): „Die gesamte Grundlage der Löbauer Schneiderei ist . . . seit etwa 15 Jahren ins Wanken gekommen; die Kundschaft hat sich erheblich verkleinert und gestattet dem einzelnen nur eine kümmerliche Existenz . . Von aufsen, aus den Grofsstädten kamen die Mächte, die den kleinstädtischen Handwerkern die Nahrung raubten, indem sie einen Teil der Kundschaft nach dem andern an sich zogen.“ Vor allem der Reisende des Mafsgeschäfts aus Posen, Danzig u. a. 0. ist es, der „dem einheimischen Handwerk ans Leben gegriffen“ hat! (U. IV, 201.) Wohlan, so lafst uns auf die Dörfer gehen! Was uns hier entgegentritt, wenn wir die uns vorliegenden Berichte aus mehreren Dörfern in verschiedenen Winkeln des deutschen Reichs miteinander vergleichen, ist das interessante Bild eines stufen weisen Entwicklungsganges, d. h. also der verschiedenen Etappen des allmählichen Verfalls unsei’es Handwerks. Am fortgeschrittensten liegen die Verhältnisse in Gahlen z (Erzgebirge): Klagen der Schneidermeister über die Zunahme der Konkurrenz, die sie 1. durch Bazare und Wanderlager mit Konfektionsware, 2. durch auswärtige Mafsgeschäfte erfahren. Von Kinderanzügen werden a U , die Kinderüberzieher ausnahmslos, von Männeranzügen 1 U fertig gekauft. „Die Einkommensverhältnisse dieses Gewerbes sind natürlich ziemlich trübe“ (U. V, 48/49). Etwas rückständiger sind die Verhältnisse in Nöttingen-Darmsbach (Baden): Lohnwerk noch Regel, „selten wählen (die Kunden) selbst nach einer Musterkarte“. Von fünf Schneidern haben jedoch nur zwei regelmäfsige Arbeit; das macht: „das Handwerk hat durch die städtischen Kleidermagazine sehr gelitten, indem sogar Landwirte jetzt ihre besseren Anzüge, namentlich Überzieher, in der Stadt kaufen“ (U. VIII, 64/65). Ebenso Mefskirch (Baden): „Mitunter Stoffbestellung nach Musterkarte. Verlust der unteren Klassen, die in Läden kaufen, 598 Zweites Buch. Die Genesis des modernen' Kapitalismus. der oberen, die bei Reisenden fremder Mafsgescbäfte bestellen. Kundschaft der mittleren Klassen „im ganzen“ erhalten (U. VIII, 49). Noch etwas weiter zurück scheint die Entwicklung in Stadt und Kreis Dramburg (Hinterpommern!) zu sein: Lohnwerk ebenfalls noch die Regel; Anfänge von Stoff bezug durch die Meister nach Musterkarten; noch in beträchtlichem Umfange Anfertigung der Stoffe in der eigenen Wirtschaft der Konsumenten. Doch auch hier ist das Gespenst der Konfektionsware schon am Horizont erschienen: „Besonders drückend ist die Konkurrenz bei Mänteln und Knabenanzügen.“ Es giebt etwa ein Dutzend Kleidermagazine im Kreise. „Mehr und mehr, wenn auch langsam, gewöhnt sich das Publikum daran, fertige Sachen in den Läden zu kaufen“ . . . (U. 148—150). Zum Schlufs eiu Bild aus dem ostfriesischen Marschdorfe Loquard: „Das Handwerk der Schneider hat soeben den Übergang von der Stör zum Handwerk hinter sich ... Im Nachbardorfe hat das Stören erst jetzt aufgehört. Die Schrecken der Konkurrenz zeigen sich erst in der Ferne: fremden Mafsgeschäften, die durch Reisende Bestellungen entgegenzunehmen suchen, „gewinnt unser Schneider den Boden ab“. Die Konfektionsware ist „wenig beliebt“. „Ein Jude hat durch massenhaften Vertrieb schlechter Ware zu enorm billigen Preisen einmal Absatz gefunden, ihn aber fast ganz wieder verloren“ (U. VII, 593/95). Endlich also, nach einer mühevollen Durchquerung ganz Deutschlands, haben wir im äufsersten nordwestlichen Winkel des Reichs zwei Schneider gefunden, an die die Wellen der modernen Verkehrswirtschaft noch nicht herangespült sind. Stand der Unschuld! Wie lange noch? 1 1 Schlagend analoge Entwicklung wiederum in England, wo ebenfalls erst im letzten Menschenalter in kleineren Landstädten die handwerks- miifsige Schneiderei, die bis zuletzt auf der Stör betrieben wurde, verschwunden ist. Anschaulich weifs unser Gewährsmann P. A. Graham, a. a. 0. p. 31 seq. die störmäfsige Schneiderei, wie sie noch vor 25 Jahren auf dem Lande in England blühte, zu schildern. Er fährt dann fort: „In one village of about 150 inhabitants three such men lived twenty years ago and found plenty of employment in the hamlets and homesteads of the neighbour- hood. One is dead, another is in the workliouse and a third who, as business grew slack, took more and more to drink and poaching bas gone away. Tliey have no successors. Those who used to employ them say that it is much chcaper to buy at the ready-made clothes’ störe in town or to Order from the commercial travellers who compete for the custom of the cottages.“ Sechsundzwanzigstes Kapitel. Das Handwerk in der Gegenwart. 599 Ich habe so ausführlich bei der Beschreibung des Verfalles der handwerksmäfsigen Schneiderei verweilt, weil über dieses wichtige Gewerbe noch besonders viel falsche Vorstellungen verbreitet sind. Ein grofser Teil von diesen ist auf die Konfusion zurückzuführen, die in Bezug auf die gewerblichen Wirtschafts- und Betriebsformen immer noch weite Kreise beherrscht: die ewige, lästige Verwechslung von Handarbeit und Handwerk richtet gerade bei der Beurteilung der Entwicklung des Schneiderhandwerks wahre Verwüstungen in den Köpfen an. Dafs es für die kapitalistische Organisation ganz irrelevant ist, ob der Arbeitsprozefs auf Hand- oder Maschinenarbeit beruht, wird doch hoffentlich nun allmählich zu allgemeiner Kenntnis gelangen. Zum Abschlüsse sei noch ein kurzer Rückblick auf die Ergebnisse der letzten Seiten gestattet: Was die Revolution im Schneiderhandwerk hervorruft, ist — von der Konkurrenz der konfektionierten Ware abgesehen — vor allem der Übergang vom Lohn- zum Kaufhandwerk. Damit ist der Schneider gezwungen, nebenbei zum Tuchhändler zu werden. Der Tuchhandel ist die Stelle, an der der Kapitalismus einsetzt, um auch die handwerksmäfsige Mafs- schneiderei aus den Angeln zu heben. Sobald das Handwerk an diesem Punkte angelangt ist, ist es für den Pfeil des Gegners verwundbar geworden. Eine Zeit lang freilich scheint es, als ob die Gefahr abgewendet werden könnte: wir sind wiederholt auf Fälle gestofsen, in denen sich der Mafsschneider das Onus eines Tuchwarenlagers dadurch vom Halse hält, dafs er die nötigen Bestellungen des Rohstoffes von Fall zu Fall auf Grund einer Musterkarte bei einem auswärtigen Stoffversandgeschäft macht. Das Verwertungsstreben des Kaufmannskapitals kommt ihm dabei zu Hilfe. In den letzten 20 Jahren sind allerorts in Deutschland Geschäfte entstanden, die Kollektionen von Stoffmustern versenden und Bestellungen auf jedes Quantum Tuch ausführen 1 . Es ist nun 1 Jede Zeitungsnummer enthält Annoncen solcher Geschäfte, und jeder Tag fast bringt uns eine Offerte ins Haus. Ich habe vor mir ein halbes Dutzend derartiger Preislisten liegen aus Augsburg, Schweidnitz, Spremberg etc. In der einen heifst es (was typisch für den Betrieb derartiger Versandgeschäfte überhaupt ist): „Leute, welchen an Ort und Stelle nur wenig günstige Kaufgelegenheit geboten ist, oder solche, welche unabhängig davon sind, wo sie ihre Einkäufe machen, beziehen ihren Bedarf am vorteilhaftesten und billigsten aus meinem Versandgeschäfte, denn nicht allein, dafs hier die Preise besonders billig gestellt werden können und alle Sendungen franco ins Haus erfolgen, ist ferner jedermann die Annehmlichkeit geboten, sich seinen Bedarf ganz nach eigenem Geschmacke und ohne jeden Kaufzwang 600 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. aber, die Thatsache festzustellen, dafs dieser Ausweg dem Schneiderhandwerk offenbar nur eine Galgenfrist verschafft, es dagegen auf die Dauer vor dem Untergange nicht zu retten vermag. Die Konkurrenz der kapitalistischen Mafsgeschäfte in den gröfseren Städten ist dadurch nur zeitweise abgehalten worden. Das besagen die Berichte aus Löbau (U. IV, 187), Eisleben (U. IX, 303) u. a. O. Wir werden die Gründe dieser Erscheinung später kennen lernen. Dem Schneidergewerbe ergeht es, das können wir zusammenfassend sagen, wie den meisten Handwerken, die dem persönlichen Bedarfe, insbesondere dem der Bekleidung dienten: von unten her wird ihnen durch die billige Massenware die Kundschaft der ärmeren Klassen entzogen, von oben her raubt ihnen die Qualitätsware der feinen Mafsgeschäfte den Zuspruch der Wohlhabenden. Eine Zeit lang bleibt ihnen ein Stückei „Mittelstand“, das aber dahinschmilzt wie Schnee in der Frühlingssonne, in dem Mafse, wie die „feinen“ Geschäfte billiger, die billigen besser werden. III. Bauhandwerke. Wie ich an anderer Stelle bereits ausgeführt habe (vgl. oben S. 517 ff.), ist das Maurer- und Zimmerhandwerk bis weit zu den Kleinstädten und ländlichen Orten hinunter bereits heute kapitalistischer Umgestaltung verfallen. Es scheint jedoch — ein genaues Bild gewähren uns die vorliegenden Berichte nicht — als ob sich in extensiven Wirtschaftsgebieten eine halb lohn-, halb kaufhandwerkliche Organisation der beiden Gewerbe erhalten habe. Namentlich liegen die Reparaturen — diese übrigens z. T. auch in gröfseren Städten — auf dem Lande und in Kleinstädten noch grofsenteils in den Händen handwerksmäfsiger Kleinbetriebe oder werden von Einzelmeistern, Gesellen, die gelegentlich wieder in einem grofs- städtischen Geschäft arbeiten, oder ähnlichen Existenzen besorgt. Der Bauer und der kleine Bürger liefern noch häufig gern das Baumaterial, obwohl diese Sitte mehr und mehr abkommt. aus einer grofsen reichhaltigen Musterauswahl — welche franco zugesandt wird — mit aller Ruhe zu Hause auswählen zu können. Es lohnt sich ge- wifs der Mühe, durch eine Postkarte meine Muster-Collection zu bestellen, um sich durch eigene Prüfung von der Güte und Preiswürdigkeit der Stoffe zu überzeugen und steht dieselbe auf Verlangen jedermann gerne franco zu Diensten.“ Sechsundzwanzigstes Kapitel. Das Handwerk in der Gegenwart. (J01 Aus Nöttingen - Darmsbach wird uns berichtet, dafs von den 6 Maurern 4—5 in Compagnie arbeiten und auch gröfsere Bauten, wie Kirchen, Pfarrhäuser etc. in Submission nehmen. Kapital haben sie so gut wie keines nötig, „da sie bei Übernahme von Geschäften den Steinlieferanten bis zum Empfang ihrer Ratenzahlung warten lassen und der frühere Verdienst ihnen zum Lebensunterhalt dienen mufs“ (U. VIII, 67/68). Im niederschlesischen Dorfe Krampitz wohnen drei Maurer, die die Neu- wie Altarbeit in der Umgegend ausführen (U. IX, 514). Der Zimmerer ebendaselbst ist kein selbständiger Handwerker; er besorgt nur Reparaturen. In Nöttingen - Darmsbach leben vier Zimmerleute, die nur „nebenbei Handwerker“ sind. Einer hat nur 15—20 Tage, ein anderer 60 Tage, der dritte und vierte haben 120—130 Tage im Jahre Arbeit. Das Material wird ihnen meist geliefert (U. VHI, 69). In Mefskirch arbeiten die Zimmerleute „ganz wie früher“ (U. VIH, 49/50). Im ostfriesischen Dorfe Loquard ist die Zimmerarbeit erheblich beschränkt: die Zahl der selbständigen Betriebe ist von sechs im Jahre 1862 auf drei heruntergegangen. Der Hauptgrund liegt in der Thatsache, dafs früher die rohen Hölzer vom Zimmermann bearbeitet wurden, jetzt jedoch vorgearbeitet aus den Sägewerken bezogen werden (U. VII, 586/87). Ganz ähnliche Verhältnisse habe ich persönlich in zahlreichen schlesischen Dörfern und Landstädtchen gefunden. Soll einmal ein grofser Bau ausgeführt werden, so geht man zu dem „Maurermeister“ in der nächsten Stadt — Geschäften also, die schon in Orten von 5—6000 Einwohnern 30, 40, 50 und mehr Arbeiter beschäftigen. Aber die Regel ist das nicht. Was gemeinhin von Bauarbeiten auf dem Lande verlangt wird, kann der kleine Maurerpolier sehr gut leisten. Unterkellerungen sind selten, Stockwerke auch, die paar Mauern kann jeder leicht ausführen. Dann setzt der Zimmermann oder der Tischler die Fenster und Thüren ein, der Maurer besorgt auch wohl noch das Anstreichen, Ofensetzen und Dachdecken, und der Dorf bau ist fertig. Und das ist immer schon das grofse Ereignis des kompletten Neubaus. Meist handelt es sich ja nur um Flickereien oder Umbauten. Und nun zu den sog. „kleinen“ Bauhandwerken! Die handwerksmäfsige Bautischlerei sieht sich von nicht weniger als fünf Seiten her in ihrem Bestände bedroht. Wie wir nämlich bereits beobachten konnten (vgl. S. 495 £, 539 f., 544, 560 f.), dringt der Kapitalismus auf sie ein: Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. GO 2 1. durch Unterwerfung verkümmerter „selbständiger“ Handwerksmeister unter seinen Willen; 2. durch Überführung der lokalen Bautischlerei in den Grofs- oder Mittelbetrieb; 3. durch Eingliederung der Bautischlerei in die kombinierte Bauunternehmung; 4. durch Entwicklung der fabrikmäfsigen Herstellung und schrankenlosen Versendung der einzelnen Bauschreinerartikel. Dazu gesellt sich nun noch ein weiterer, für das Bautischlerhandwerk verhängnisvoller Umstand, das ist — wie wir ebenfalls schon wissen (vgl. S. 543) — 5. die Tendenz der ihrer Natur nach in rascher Entwicklung zum Grofsbetrieb begriffenen Zimmereien, die Bauschreinerarbeiten an sich zu ziehen. Den durch diese Konkurrenz erwachsenen Verlusten steht nun allerdings auf dem Gewinnkonto die Vermehrung an Arbeiten gegenüber, die die Bauschreinerei als Ganzes durch die zunehmende Bauthätigkeit erfahren hat. Bedenken wir jedoch, dafs diese Zunahme der Bauthätigkeit vor allem in den Grofsstädten sich vollzieht, wo beute schon kaum noch ein selbständiger Bautischlermeister handwerksmäfsiger Observanz sich findet, so werden wir zu dem Urteil gedrängt, dafs die Tage der Bautischlerei als Handwerk gezählt sind. Denn was in ländlichen Orten und kleinen Ackerstädten an Bauschreinerarbeit notwendig wird, ist — selbst wenn es ausschliefslich in handwerksmäfsigen Betrieben ausgeführt werden sollte — zu unbedeutend *, um einen irgendwie nennenswerten Bruchteil der selbständigen Bautischlerei zu beschäftigen. Und nur für solche extensiv besiedelten Gebiete, in denen auch die Zimmerei zu keiner Entwicklung zu gelangen vermag, sondern sich in der geschilderten Weise als halbes Lohnhandwerk weiter schleppt, nur in diesen Gebieten ist die Selbständigkeit des Bau- schreiners gesichert. Überall sonst wird, falls von anderer Seite her seine Aufsaugung nicht schon erfolgt ist, die Zimmerei für seine Absorbierung sorgen. Ihr Selbsterhaltungstrieb zwingt sie dazu: sie mufs den Ausfall namentlich an Winterarbeit zu ersetzen suchen, der ihr durch Verringerung des Holzbaus und Verlust der Vorarbeit an den Hölzern erwachsen ist. In einer ähnlichen Lage, wie die Bautischlerei, befindet sich 1 Vgl. z. B. die Angaben für Mefskireh U. VIII, 50 Nöttingen-Darmsbach VIII, 69. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Das Handwerk in der Gegenwart. 603 das Handwerk der Bauschlosserei. Auch für diese kommen zunächst alle die unter 1.—4. oben angeführten Formen der kapitalistischen Konkurrenz- oder Abhängigkeitsgefahr in Betracht. Andererseits kommt natürlich auch ihr die durch die Vermehrung der Bauthätigkeit entstandene Erweiterung des Arbeitsgebiets zu gute. Dafs dieses Moment die drohende Gefahr des Untergangs für das selbständige Handwerk verringert, unterliegt keinem Zweifel. Ob nun die eine oder die andere Strömung, die, die hinauf oder die, die hinab führt, stärker ist, läfst sich mit Sicherheit nicht bestimmen, wenn auch die Beobachtungen, die wir anstellen können, dafür sprechen, dafs die zerstörenden Kräfte über die erhaltenden allmählich die Oberhand gewinnen. Was die Bauschlosserei ungünstiger stellt als die verwandte Bautischlerei, ist der Umstand, dafs ihre Artikel in viel gröfserem Umfange als die des Brudergewerbes bereits der Anfertigung in Specialfabriken anheim gefallen sind: alle Schlösser, Schlüssel, Fenster- und Thürbeschläge etc. werden heute fast vollendet dem Bauschlosser geliefert; dieser hat höchstens noch einige geringfügige Veränderungen daran vorzunehmen, seine Thätigkeit ist also ( soweit diese Gegenstände in Frage kommen, auf das blofse Anbringen beschränkt. Neu angefertigt werden vom Schlosser — soweit ihm darin der Schmied nicht Konkurrenz macht — meist noch die eiserne Treppe, eiserne Fenster, Oberlichtfenster, Glasdächer für Gewächshäuser, eiserne Balkonträger, Balkongeländer und andere Gitterarbeiten l . Aufser diesen Arbeiten besorgt in einigen Städten der Schlosser die Anlage von Gas- und Wasserleitungen (Berlin, Breslau 2 , Leipzig „die Arbeit wird ausschliefs- lich von Handwerksmeistern besorgt“: U. II, 121), während diese anderswo den Klempnern obliegt (Karlsruhe). Der gröfsten Gefahr, die der Bauschlosserei droht, mufs aber nun erst Erwähnung geschehen: das ist nämlich das allerorts beobachtete Bestreben der Bauunternehmer, die Schlosserarbeiten am Bau, soweit sie sich nur auf das Anpassen und Anschlägen fertig bezogener Gegenstände erstrecken, an andere Personen als Schlossermeister zu übertragen. Es entwickelt sich eine selbständige Kategorie sog. Anschläger. Als solche funktionieren besonders häufig die Tischler: so in Breslau (U. IV, 88), in Berlin (IV, 291), Nürn- 1 Vgl. für Karlsruhe U. IH, 154; Breslau IV, 89. 2 Die Bausehlossereien verzeichnen hier häufig als ihre „Specialitäten“ Elektrische Anlagen, Gasglühlicht-Anlagen etc. (j04 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. berg (III, 462), Neifse (IX, 472), wo in der weiteren Entwicklung des Anschlagewesens geradezu eine Gefährdung der handwerks- mäfsigen Bauschlosserei erblickt wird. In Berlin sind es Eisenläden, die ihre Artikel in dieser Weise mit Umgehung der selbständigen Schlosser anschlagen lassen (U. IV, 290), in Karlsruhe die Baugeschäfte (U. III, 152). Auch das dritte der „kleinen“ Bauhandwerke, die Bauklern p - nerei, weist vielfach mit den eben besprochenen Gewerben verwandte Daseinserscheinungen auf. Zunächst ist auch für sie — sogar in noch gröfserem Umfange als für die Tischlerei und Schlosserei — zu konstatieren, dafs sie nur in intensiv besiedelten Gebieten : von der Mittelstadt aufwärts, eine selbständige Bedeutung hat. Für kleinere Orte sind die vorkommenden Bauklempuerarbeiten minimal: eine Dachrinne anzufertigen und anzubringen verursacht etwa eine Woche lang Arbeit (vgl. z. B. U. V, 27). Selbst in einer Stadt wie Nakel mit 7200 Einwohnern macht die Bauklempnerei nur etwa Vio—Vs des Betriebsumsatzes der vorhandenen drei Klempnermeister aus (U. IV, 217), würde also, auf einen Betrieb konzentriert, diesen erst zu einem Drittel beschäftigen. In gröfseren Städten ist sie ebenfalls schon überwiegend „Anbring ungs- gewerbe“ geworden, da vielfach bereits die Dachrinnen 1 , die Blechornamente 2 etc. fabrikmäfsig hergestellt werden. Diese Thä- tigkeit des Anbringens läuft nun der Klempner allerdings Gefahr wiederum zu verlieren; so lassen z. B. die Ornamentenfabriken schon ihre Erzeugnisse durch eigene Arbeiter anbringen (U. VII, 317). Dort jedoch, wo den Klempnern die Anlage der Gas- und Wasserleitungen zugefallen ist, aber auch sonst in grofsen Städten verdankt die Bauklempnerei der zunehmenden Bauthätigkeit ebenfalls eine im allgemeinen günstige Position, an der auch die Handwerksmeister noch vielfach Anteil haben 3 . Die Zukunft der handwerksmäfsigen Bauglaserei wird von den Berichterstattern überwiegend ungünstig beurteilt: die Fensterfabrik, das Baugeschäft, die Grofsglaserei, die Tischlerei dringen in das Arbeitsgebiet des alten Handwerks ein. In Eisleben hält 1 Konstatiert für Salzwedel U. I, 146. “ Vgl. für Berlin U. VII, 317. 3 Vgl. für Leipzig U. II, 141 f., 167/68; Salzwedel I, 129 f.; für Karlsruhe U. III, 166 f.; für die Schweiz Fachberichte etc. S. 140; für Berlin dagegen wird, wie bereits ausgeführt wurde, der bereits vollzogene Untergang der handwerksmäfsigen Bauklempnerei konstatiert: U. VII, 317. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Das Handwerk in der Gegenwart. (505 man die „Tage der selbständigen Bauglaserei für gezählt“ (U. IX, 315), in Leipzig ist „die Zukunft des reinen Handwerksbetriebs wenig aussichtsvoll“ (U. V, 198); er hat sich dort nur in gröfserem Umfange erhalten, weil der Grofsbetrieb sich bisher auf die rasch vermehrten öffentlichen Bauten beschränkt hat und dem Handwerk nicht ins Gehege gekommen ist (ebenda). In extensiv besiedelten Gebieten genügt ein Glaser für eine Anzahl von Orten; meist existiert er gar nicht, sondern die Tischler besorgen das Einsetzen der Scheiben etc. Die Bautöpfer befassen sich heute fast nur noch mit dem Ofensetzen und treiben daneben Handel mit Ofen und Ofenteilen. Ihre Existenz wird — von den allgemeinen Konkurrenzmomenten abgesehen — namentlich von folgenden Seiten her bedroht: 1. durch die Ofenfabriken, die ihre eigenen Setzer schicken; 2. durch den Wettbewerb der eisernen Ofen; 3. durch die Einbürgerung moderner Koch- und Heizeinrichtungen, die nicht „gesetzt“ zu werden brauchen; 4. durch Eingriffe der Maurer in ihr Arbeitsgebiet. Die Lage der kleinen Ofensetzer ist infolge dieser zahlreichen Eingriffe keine günstige; so in Karlsruhe (U. III, 95), Leipzig (VI, 264). Den Malern und Anstreichern erwächst von aufsenher, wenn ich so sagen darf, keine wesentliche Konkurrenz; nur die Farbenbereitung konnte ihrem Arbeitsgebiete entrissen werden. Was wir dagegen von der Entwicklung innerhalb des Gewerbes selber vernehmen, läfst den Besitzbestand des Handwerks keineswegs als gesichert erscheinen: in Berlin, für das der ausführlichste Bericht vörliegt, ist der kleine handwerksmäfsige Betrieb seit einiger Zeit in starkem Rückgänge begriffen. Immerhin scheint noch in diesem Gewerbe der alte Betrieb Rückgrat zu haben. Wenn nur wieder das Baugeschäft nicht wäre! Und die Abhängigkeit vom Bauunternehmer! Und die Ausbeutung durch die Bauspekulanten ! Wenn wir von dieser Stelle aus auf die besprochenen „kleinen“ Bauhandwerke zurückblicken, so werden wir unser Urteil über ihre Lage, denke ich, etwa wie folgt zusammenfassen können. Sie alle sind von irgendwie nennenswerter Bedeutung nur in mittleren und gröfseren Städten. Ihr Arbeitsgebiet wird mehr und mehr auf die Anbringung fertig bezogener Artikel eingeschränkt, hat aber andererseits an Ausdehnung gewonnen durch die Zunahme der Bauthätig- 606 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. keit. Es hat sich offenbar eine gröfsere Anzahl echt handwerks- mäfsiger Betriebe in diesen Gewerben erhalten, deren Zukunft nun aber keineswegs in günstigem Lichte erscheint. Abgesehen nämlich von der Gefahr einer weiteren Einengung ihres Arbeitsgebiets, die durch eine weiter rasch zunehmende Bauthätigkeit immerhin bis zu einem gewissen Grade wettgemacht werden kann, führt das Fahrwasser unseres Handwerks in einer sehr engen Strafse wie zwischen Scylla nnd Charybdis hin: während auf der einen Seite dem kleinen Handwerksmeister die Gefahr der Verknechtung durch den Bauunternehmer, vielleicht gar den schwindelhaften Zwischenunternehmer droht, steht der gröfsere, leistungsfähige Betrieb jederzeit im Begriffe, den unmerklichen Schritt selbst zur (klein)kapitalistischen Unternehmung zu machen. Dafs in gröfseren Städten schon heute diese Grenze von der Mehrzahl der Betriebe des Baugewerbes überschritten worden ist, wurde bereits an anderer Stelle ausgeführt. Wie ein Gespenst aber erscheint hinter all diesen Vorgängen das grofse Baugeschäft, das einen Zweig des Baugewerbes nach dem andern in seine Kreise zu ziehen mit Erfolg bemüht ist. IV. Gerätschaftshandwerke. Von der alten handwerksmäfsigen Möbeltischlerei sind noch einige Beste erhalten geblieben, die ich, so gut es möglich ist, hier schildern will, ehe die grofse Flut auch sie hinweggespült haben wird. Wir besitzen so zahlreiche Berichte über den Zustand der Möbeltischlerei aus den verschiedensten Teilen des Reichs, aus den gröfsten sowohl wie aus den kleinsten Orten, dafs das Bild, das wir von ihr haben, eines der zuverlässigsten ist, das wir überhaupt von einem Gewerbe uns zu gestalten vermögen. Um uns die Lage des Möbeltischlerhandwerks recht deutlich zu machen, müssen wir uns vergegenwärtigen, von woher Gefahr seinem Bestände droht. Da haben wir gefunden, dafs 1. eine Reihe einfacher Specialitäten fabrikmäfsig hergestellt wird; 2. die meisten Kunstmöbel in grofsen Manufakturen erzeugt werden, und 3. für einfache tannene Möbel und fournierte Mittelware die Tendenz besteht, ihre Verfertiger auf das Niveau halb oder ganz hausindustrieller Meister herabzudrücken. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Das Handwerk in der Gegenwart. (307 Aus dieser Aufzählung ist zunächst ersichtlich, dafs kein Stück des Arbeitsgebiets unseres Handwerks von dem Eindringen kapitalistischer Organisation verschont geblieben ist, es sei denn, dafs man die Herstellung stark individualisierter und lokalisierter Erzeugnisse, bei deren Anfertigung wiederholte persönliche Rücksprache erwünscht ist — Lieferung einzelner abgepafster Möbel und Einrichtungsgegenstände für Private oder Behörden etc. 1 — als einen besonderen Zweig der Möbeltischlerei ansehen und zugeben wollte, was für einzelne Orte behauptet wird x , dafs der Kapitalismus das Handwerk in diesem Schlupfwinkel überhaupt noch nicht aufzufinden vermocht hätte. Immerhin würde es sich dann doch nur um Kleinigkeiten handeln im Vergleich zu den übrigen Artikeln der Möbeltischlerei. Fragt sich, in welchem Umfange — sachlich wie räumlich — letztere dem Handwerk verblieben sind oder zu verbleiben Aussicht haben. In Köln stellt das mittlere Publikum die Hauptkundschaft der Meister dar; die Reicheren und Vornehmeren gehen „lieber in die grofsen Magazine . . .; die untere Klasse kauft bereits durcli- gehends von einer hiesigen Fabrik und von den Magazinen, unter Umständen auch im Abzahlungsgeschäfte. Aber auch die sog. „besseren Bürger des Mittelstandes“, der eigentliche Kundenkreis der Meister, kaufen fournierte Möbel schon überwiegend in den Magazinen“ (U. I, 270). Der Berichterstatter meint, dafs eine Konkurrenz der Handwerker mit den Magazinen in besseren four- nierten Möbeln, allerdings nur für eine beschränkte Zahl „durchaus tüchtiger“, „einigermafsen kapitalkräftiger“ Meister denkbar wäre; doch ist, fügt er hinzu, der Kreis der Möbel, welche auf diese Weise dem handwerksmäfsigen Betriebe erhalten werden könne, „ein sehr begrenzter“ (U. I, 295/96). Die Situation in Köln kennzeichnet sich danach als ein erbitterter Kampf der handwerksmäfsigen Möbelschreiner um ein letztes, kleines Rückzugsgebiet: die Anfertigung solider Mittelware. Das ist aber, wie hier schon vorweg bemerkt werden mag, die Lage fast in allen gröfseren Städten. In München halten sich einige kleinere Kunstschreiner notdürftig über Wasser. Ihre Rettung ist der Rückhalt au der Künstlerschaft, die sie mit „feiner Kundschaft“ versorgt. Doch haben diese Betriebe unzweifelhaft die Tendenz, sich „auszuwachsen“ 1 Augsburg U. III, 539. 608 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. und aus der rein handwerksmäfsigen Sphäre herauszutreten. Eine der beschriebenen Kunstschreinereien beschäftigt 8—10, eine andere 14 Gehilfen x . Der Rest des Handwerks arbeitet die obligate Mittelware und befindet sich in sehr gedrückter Lage, weil die Konkurrenz der in Magazinen vertriebenen „Berliner Möbel“ immer empfindlicher wird. Ein grofser Teil der Meister hat sich schon ent- schliefsen müssen, für die Magazine zu arbeiten 1 2 3 . Das nämliche Bild in Augsburg: „ein kleiner Teil der Augsburger Tischler hofft wohl durch Verbindung der Tischlerei mit dem Möbelkram über die Handwerkermisere hinwegzukommen; andere glauben in der Arbeitsverschiebung ihr Heil zu finden . . . Einige wenige endlich suchen durch Einführung von Specialitäten, durch Beachtung der Konjunktur, durch Anschmiegung an die Neigungen und Bedürfnisse des Publikums, durch Ausnutzung der Vorteile, die das Arbeiten auf Vorrat bietet, durch sparsame Behandlung des Materials, durch Berechnung geringen Profits für das einzelne Stück und sonstige Reklame ihren Absatz und Wohlstand zu erhöhen. Von diesen Kategorien, namentlich von der letztgenannten, wird sich vielleicht der oder jener zum Grofsgewerbtreiben- den aufschwingen, zunächst aber sind es diese Neuerer, über deren Konkurrenz . . . der gewöhnliche Kundentischler am lautesten jammert.“ Man beachte, wie vortrefflich in dieser Darstellung die von mir immer so stark betonte Gegensätzlichkeit dieser kleinkapitalistischen Unternehmungen zusteuernden Neubildungen zum echten Handwerk zum Ausdruck gebracht wird! Was nun aber die alten Handwerke anlangt, so meint unser Gewährsmann, wird ihr Los das fortschreitender Verkümmerung sein: „Der Betrieb wird immer zwerghafter, die Betriebsweise immer extensiver, die Lebenshaltung immer dürftiger, die gezahlten Löhne immer ärmlicher“ (U. III, 545/46). Es ist wie ein Körper, dem langsam das Blut entzogen wird. Zu bemerken wäre noch, dafs es am elendesten von allen Tischlern in Augsburg den kleinen Kunsttischlern ergeht (ib. S. 547 f.). In Mainz herrscht, der Tradition des Ortes entsprechend, der Grofsbetrieb in der Möbelschreinerei, die gröfstenteils Kunstgewerbe ist, schon lange vor. Was der Geschichtschreiber der Mainzer Möbelschreinerei als die zukünftige Aufgabe einer „kleinen Anzahl 1 Thurneyssen, a. a. 0. S. 68 f., 73. Vgl. auch das im zweiten Bande von mir über die Organisation der „Vereinigten Werkstätten“ Bemerkte. 3 Thurneyssen, a. a. 0. S. 74. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Das Handwerk in der Gegenwart. (509 Kleinbetriebe“ bezeichnet, gehört nur, soweit es sich um Reparaturen handelt, der handwerksmäfsigen Sphäre an; denn dem Grofs- hetrieb in Zeiten starken Geschäftsgangs auszuhelfen und für Handlungen oder Dekorateure zu arbeiten, ist gewifs doch nicht Handwerkssache (U. HI, 362). Er schliefst denn auch ganz richtig mit den Worten: „Die Hoffnung, dafs das Kleingewerbe in der Mainzer Möbelindustrie erhalten werden könne, mufs man zu so vielen anderen begrabenen Hoffnungen legen“ (363). In Karlsruhe haben die Handwerker unterste und oberste Klassen bereits als Kunden verloren, nur der besser situierte Mittelstand bleibt ihnen treu. Jetzt dehnen sich die Möbelhandlungen immer mehr aus, „während das Handwerk sich einschränkt“ (U. IH, 113/19). Auch in Freiburg i. B. ist „unser Handwerk im Niedergang begriffen“ (U. VIII, 269). Der kleine Möbeltischlermeister arbeitet tannene und bessere Möbel; jedoch „die Ware des Meisters gelangt nur zum kleineren Teil direkt an den Konsumenten. Den übrigen Bedarf an Schrein er waren deckt der Händler“ (246). Zunehmend. In Posen machen die Handwerker, die für Kunden auf Bestellung fertige Möbel arbeiten, höchstens 5 °/o aller Betriebe aus; „sie kommen eigentlich nur als Reparaturwerkstätten vor“ (U. I, 86). In Eisleben hat das Handwerk „aufser den Bauarbeiten auch die Möbelfabrikation zum gröfsten Teil verloren. Die meisten four- nierten Möbel werden aus Berlin bezogen, und zwar ebenso die guten wie die geringen Qualitäten; Stühle und Sofagestelle kommen ausschliefslich von auswärtigen Fabriken, und die örtliche Produktion beschränkt sich in der Hauptsache auf die gewöhnlichen kienenen, nicht fournierten (weifsen) Möbel und die Särge“ (U. IX, 317/18). In Jena soll sich allerdings die Möbeltischlerei in „blühendem Zustande“ befinden (Bearbeiter Herr Professor Pierstorff). Das hindert jedoch nicht, dafs 1. ihr die Anfertigung aller geringeren Waren von Fabriken und „dörflichen Industrien“ genommen ist (U. IX, 57); 2. die Möbelmagazine, in denen namentlich Berliner Möbel feilgeboten werden, „zweifellos dem Absatz der hiesigen Tischlereien erheblichen Abbruch thun“ (S. 58). Die Konitzer Möbeltischler leben alle in mehr oder minder ■ drückender Abhängigkeit von den Möbelmagazinen, deren sich vier am Orte befinden. „Ein kleiner Teil von ihnen befafst sich neben der nur auf besondere Bestellung erfolgenden Lieferung für die Sombart, Der moderne Kapitalismus. I. 39 610 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Magazine mit der Möbelfabrikation für einen bestimmten kleinen Kundenkreis, während der gröfsere Teil in völliger Abhängigkeit von den Magazinen lebt und für diese beständig dieselben Waren liefert“ (U. IV, 166). Was wir — wie die citierten Berichte übereinstimmend konstatieren — für gröfsere Städte als ein fait accompli bezeichnen dürfen: die Zersetzung der alten handwerksmäfsigen Möbelschreinerei läfst sich in den kleinen Orten keimhaft, in den Anfängen, aber nicht minder deutlich nachweisen. Ganz eigenartige Erscheinungen weist die Möbelschreinerei in Nakel (Netze) auf; hier scheint sie — trotz der Kleinheit des Ortes: 7200 Einw. — schon in voller Ddroute sich zu befinden. Hören wir: „Die Möbelproduktion liegt zum gröfsten Teil nicht in den Händen der Tischlermeister. Es bestehen nämlich am Orte zwei sog. Möbelfabriken, von denen die eine unter Leitung an- gestellter Tapezier- und Tischlermeister betrieben wird, während in der anderen die beiden Meister auf Accord arbeiten. Erstere gehört einer Tischlermeisterswitwe, letztere dem Besitzer eines grofsen Schneidergeschäfts (!), die besseren Möbel werden im Holzbau aus Berlin bezogen . . . Dampfbetrieb haben beide Firmen nicht; auch beschäftigen sie neben den Meistern nur je 3 —4 Leute. Immerhin ist ihre Konkurrenz aber für die kleinen Tischler, welche früher namentlich für das Landvolk Möbel herstellten, sehr fühlbar“ . . (U. IV, 219). Das scheinen also ganz krüppelhafte Verbildungen zu sein, die hier herausgewachsen sind. Offenbar Übergangsformen zu höheren Lebewesen! Sehr fortgeschritten bereits scheint mir die Entwicklung auch in dem badischen Städtchen Emmendingen (5000 Einw.) zu sein. Zunächst hat sich daselbst eine der sieben Tischlereien zu einem sehr stattlichen Mittelbetriebe ausgewachsen, in dem nicht weniger als 30 Hilfspersonen, darunter vier Maschinisten beschäftigt werden (U. VIII, 210). Die übrigen Tischlermeister empfinden hart die Konkurrenz der Magazine: einmal weil immer mehr Emmendingener ihren Möbelbedarf — namentlich an fertigen Einrichtungen — in auswärtigen Magazinen decken, sodann weil am Orte selbst, um dem Geschmaclce des Publikums entgegenzukommen, die Möbelmagazine wie Pilze aus der Erde wachsen: zwei Juden haben Trödel- uud Abzahlungsgeschäfte für Schundmöbel eröffnet, von zwei Sattlern sind ebenfalls Möbellager eingerichtet, „deren Waren durchweg von auswärts bezogen sind“. Bon gre mal grd haben sich jetzt auch drei unserer Tischlermeister herbeigelassen, selbst Möbel- Sechsundzwanzigstes Kapitel. Das Handwerk in der Gegenwart. (311 lager einzurichten, und da ereignet es sich denn, dafs sie nicht nur ihre eigenen, sondern daneben — und wie bald nur! — bezogene fremde Fabrikate feilbieten (U. VIII, 215). Im Bauerndorfe Gahlenz arbeiten noch vier Tischler der Regel nach Möbel auf Bestellung. Im Jahre 1894 hat es sich nun zum erstenmal ereignet, dafs für einen jungen Haushalt das Mobiliar aus der Leubsdorfer Möbelfabrik, die 6 km entfernt liegt, bezogen wurde. Dieser erste Versuch hat nicht recht befriedigt. Aber was thut das? Der Weg ist gewiesen, der zum Verderben führt! Und dann: „ist nun auch die direkte Konkurrenz der Grofs- industrie wenig gefährlich, so wirkt sie doch recht nachdrücklich auf ein Herabdrücken der Preise hin“ . . (U. V, 46). Nach Nöttingen-Darmsbach kommen von auswärts nur Stühle und gebrauchte Sofas. Und doch auch hier dieses unmerkliche Eindringen des Zersetzungsstoffes! „Vor 20 Jahren war das Geschäft einträglicher, weil das Holz wohlfeiler war und jetzt der Preis der Fabrikate durch die Möbellager in den Städten gedrückt wird“ (U. VIII, 70) h Halten wir nun an dieser Stelle wieder Rückschau und fragen, was aus dem alten Möbeltischlerhandwerk geworden ist oder in nächster Zukunft zu werden verspricht, so dürfte folgendes zu antworten sein: Verdrängt ist das Handwerk schon heute aus der Produktion ganz hochwertiger (Kunst-)Möbel und einiger Specialitäten, wie Stühle u. dergl. Es kämpft noch um die fournierten (Berliner) und um die nichtfournierten kienenen Möbel. Für erstere reifst jedoch Berlin in raschem Vordringen auch in immer kleineren Orten das Monopol völlig an sich. Aber auch die einfachen Möbel sind schon längst kein gesicherter Besitz des Handwerks mehr. Vielfach werden sie hausindustriell auf Dörfern hergestellt, wo sie aber noch von den städtischen Tischlermeistern geliefert werden, ist ihr Vertrieb, soweit es noch nicht geschehen ist, im Begriffe, in die Hände der Magazine zu kommen. Wie lange diese dann die Tischlermeister beauftragen werden, für sie zu arbeiten, hängt von der Entwicklung der Herstellungstechnik ab, die sehr leicht eine 1 Von dem Verschwinden der Tischlerei in englischen Landstädtchen giebt ein anschauliches Bild wieder P. A. Graham, a. a. 0, p. 38. Auch in England scheint sich der Auflösungsprozefs d'es ländlichen und kleinstädtischen Handwerks doch auch erst im letzten Menschenalter vollendet zu haben, : Ein iandstädtischer Tischler „attributes the falling off mainly to the greater • use of iron machinery“. 39 * 612 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Richtung auf lokalisierte Specialgrofsbetriebe nehmen kann. Geblieben sind dem Tischlerhandwerk einstweilen die Reparaturen. Die übrigen Gerätschaftshandwerke können wir wieder, denke ich, rascher erledigen; ich beginne mit den beiden anderen holzverarbeitenden Gewerben: Böttcherei und Drechslerei. Die Böttcherei hat vielleicht mehr als irgend ein anderes Gewerbe Verluste auf ihrem Produktionsgebiet erlitten durch Verschiebung des Bedarfs, der entweder ganz weggefallen ist oder in anderer Weise — durch Geräte etc. aus anderen Stoffen — befriedigt wird. Im privaten Haushalt sind die hölzernen Milch- und Bierkannen durch Porzellan oder Glas, die hölzernen Badewannen, das hölzerne Waschfafs durch Blech ersetzt, der hölzerne Wassereimer hat ebenfalls dem blechernen weichen müssen, wo er nicht ganz durch die Wasserleitung verdrängt ist. Letztere hat auch der Feuertonne den Garaus gemacht. Im Haushalt sind ferner die Pökel- und Bierfässer entbehrlich geworden. Der Fleischer dagegen pökelt nicht mehr in Holzfässern, sondern in Chamott- oder Cementbehältern ein. In der Brennerei und Brauerei ist der Holzbottich vielfach durch kupferne und eiserne Gefäfse verdrängt, das hölzerne Kühlschiff ist überflüssig geworden. Der Landwirt braucht weniger Tröge und Eimer für das Füttern und Tränken des Viehs, seit die Selbsttränkeanlage aus Chamotte oder Cement sich einbürgert. Endlich ist [das hölzerne Fafs als Verpackungsart zurückgedrängt durch Sack, Kiste, Dose, Tanks u. dergl. Auf dem also eingeschränkten Produktionsgebiet droht nun aber dem Bestände des selbständigen Böttcherhandwerks von zwei Seiten her Gefahr: 1. durch die fabrikmäfsige Fafsproduktion; 2. durch Eingliederung in andere Betriebe: der Kellerküferei in grofsen Weinhandlungen 1 , der Werkstattböttcherei in Brauereien, Spritfabriken etc. 2 3 . Die Folge ist, dafs das alte Böttcherhandwerk in Stadt und Land dahinsiecht, wo es nicht schon ganz vom Erdboden verschwunden ist. W r as dem Handwerk noch eine Zeit lang wenig- 1 Facliberichte aus dem Gebiet der schweizer. Gew. S. 126; Leipzig U. II, 47; Karlsruhe III, 133. 3 Leipzig U. II, 47; Wien UOe. 411, 416. Dieser vollständigen Eingliederung geht häufig eine Angliederung in der Weise voraus, dafs der Meister in seiner Werkstatt die Arbeit für eine oder einige Fabriken ausführt. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Das Handwerk in der Gegenwart. (j!3 stens bleiben dürfte, sind die Reparaturen 1 . Unsere Berichte stimmen in allen wesentlichen Punkten mit dieser Auffassung überein; nur der Leipziger Referent möchte dem Handwerk noch die „Deckung nicht lange vorherzusehenden kaufmännischen Bedarfs“ reservieren (U. II, 51). Um die Stellen nicht unnütz zu häufen, beschränke ich mich darauf, das Resume des Schilderers der Böttcherei in Jena hier wiederzugeben, welches als typisch für die gesamte Böttcherei gelten kann und also lautet: „Bis zur Einführung der Gewerbefreiheit bestand in Jena eine Böttcherzunft, der 1848, als Jena etwa 6000 Einwohner hatte, 7 Meister und 5 Gesellen angehörten. Bei einer Einwohnerzahl von 15 500, die Jena heute hat, sind die Böttcher auf 5 Meister zurückgegangen mit insgesamt 3 Gesellen und einem Lehrling. Von diesen 5 Meistern befassen sich 3 fast nur noch mit Reparaturen; sie sind alt und zählen für die Böttcherei kaum noch mit; ihre gesamte Arbeit würde kaum die Zeit eines kräftigen Böttchers vollständig ausfüllen. Der vierte arbeitet zwar selbständig mit zwei Gesellen, er macht aber vorzugsweise Verpackungsgefäfse für eine hiesige Seifenfabrik . . ., und so bliebe denn nur ein Böttcher übrig, der als eigentlicher Böttchermeister für den Bedarf der Stadt in Frage kommt“ (U. IX, 83). „Das Handwerk ist zum grofsen Teil zu einer armseligen Flickerarbeit herabgesunken, und es kann nur eine Frage der Zeit sein, dafs die Böttcherei hier als selbständiger Betrieb aus der Reihe der produzierenden Gewerbe ausscheidet“ (a. a. O. S. 88). Meister Timpe ist tot; das selbständige D r e c h s 1 e r h a n d w e r k ist mit ihm dahingeschwunden; wo es noch nominell besteht, ist es Reparaturgewerbe oder Detailhandelsgeschäft geworden. Auch hier haben aufser der Konkurrenz der kapitalistischen Unternehmung, die sich sowohl des Grofsbetriebs als der Hausindustrie auf diesem Gebiete bedient, empfindliche Bedarfsverschiebungen dem alten Drechsler den Boden unter den Füfsen weggenommen: das Spinn- und Spulrat in dem Familienhaushalt ist aufser Mode gekommen, zahlreiche Specialitäten der Drechslerei sind unbeliebt geworden und durch Gegenstände aus anderem Material ersetzt. 1 Dafs lokale Eigenarten auch hier diese allgemeine Entwicklungstendenz auf halten können, ist selbstverständlich: wenn z. B. eine Reihe von Böttcher- meistem ihr gutes Auskommen findet bei Anfertigung der Holzkrügel für das Lichtenhainer Bier und dergl. Hier liegt eben ein — Gott sei Dank! — räumlich sehr begrenzter Specialbedarf vor. '614 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Dafür hat die Drechslerei einigen Zuwachs erfahren auf dem Gebiete der Teil- und Halbfabrikate für andere Produktionszweige, wie Möbeltischlerei, Instrumentenbau etc. Doch sind dieses alles Artikel, deren Anfertigung entweder von vornherein in den Hauptbetrieben selber erfolgt ist oder doch sicherlich den Meister nur zu einem abhängigen Lieferanten der Fabrik degradiert hat, dessen Lage sich nicht wesentlich von der des Heimarbeiters in der Galanterieindustrie etc. unterscheidet. Ich lasse eine Auswahl von Quellenbelegen folgen, die sich auf Städte verschiedener Gröfse beziehen: Leipzig: „Der Untergang des Handwerks ist wohl nur noch eine Frage der Zeit. Kaum, dafs es Aussicht hat, in wenigen Reparaturbetrieben sein Dasein kümmerlich weiterzufristen“ (U. U, 93). Nakel: Der eine Drechsler des Ortes stellt noch 50°/o der von ihm abgesetzten Ware selbst her. „1870 wurde noch aus- schliefslich eigenes Fabrikat geführt.“ „Das Handwerk ist . . . darauf angewiesen, durch stetige Erweiterung seines kaufmännischen Betriebes den Rückgang der Selbstproduktion auszugleichen“ (U. IV, 221/22). Salzwedel: „Fast völlig unterlegen sind die Drechsler . . . von den Söhnen der Drechsler wird keiner sein väterliches Geschäft übernehmen“ (U. I, 162). Spreewaldstädte: „Das Handwerk ist in völligem Verfall begriffen; sein Produktionsgebiet ist durch Änderungen in der Technik und in der Mode eingeengt worden; auf dem verbleibenden Feld dringt die Fabrik siegreich vor“ (U. VII, 526). Ebenfalls fast vollständig auf die Gebiete des Reparaturgewerbes und Kleinhandels mit früher selbstverfertigten Waren sehen sich zurückgedrängt die Gerätschafts klempn er ei und die Uhrmacherei. Während das Arbeitsgebiet der Gerätschaftsklempnerei erst im letzten Menschenalter eingeengt worden ist, batte die Uhrmacherei schon, wie wir sahen, um die Mitte des vorigen Jahrhunderts die Neuanfertigung von Uhren so gut wie ganz verloren: die Re- passage ist seitdem ebenfalls noch bedeutungsloser geworden in dem Mafse, wie die Uhren besser in den Fabriken hergestellt werden; die Reparaturthätigkeit ist eingeschränkt durch die Fourni- turenhandlungen. Der handwerksmäfsigen Buchbinderei ist geblieben das Büchereinbinden für privaten Kleinbedarf; alle früher selbst erzeugten Papp- und Galanteriearbeiten werden fertig bezogen. Die Sechsundzwanzigstes Kapitel. Das Handwerk in der Gegenwart. (j[5 Kundenbuchbinderei, die hie und da die Tendenz hat, sich über das Niveau der Handwerksmäfsigkeit emporzuheben, sieht sich in ihrem Bestände bedroht durch die Zunahme des Verkaufs gebundener Bücher. Von irgend welcher Bedeutung ist sie nie gewesen« * * * Wir sind am Ende unserer ermüdenden Wanderung durch das Produktionsgebiet des Handwerks. Was wir überall gefunden haben, war Rückzug der alten Organisationsformen gewerblicher Arbeit meistens zu Gunsten einer neuen Form gewerblicher Thätig- keit: des Kapitalismus. Nicht als sei das Bild, das uns auf unserer Wanderung entgegentrat, aller Orten und in allen Zweigen des gewerblichen Lebens das gleiche. Um die Mannigfaltigkeit des Umgestaltungsprozesses zu verdeutlichen, sind wir ja gerade von Ort zu Ort, von Handwerk zu Handwerk gepilgert und haben ins einzelne hineinzuschauen versucht. Aber was sich mir zu unumstöfslicher Überzeugung herausgebildet hat, ist dieses: dafs alle qualitativen Unterschiede nur Unterschiede in der Form sind, der si-ch der Kapitalismus bedient, dafs dagegen alle sachlichen Unterschiede am letzten Ende nur quantitative sind, dafs wir keinen Ort, keinen Gewerbezweig ausfindig machen können, von dem sich sagen liefse: hier liegt eine principiell andere Entwicklung vor. Gewifs weisen in manchen Gewerbezweigen Grofsstadt, Mittelstadt, Kleinstadt, Land unterschiedliche Gestaltungen in der Lage des Handwerks auf. Was dort schon der Vergangenheit angehört, steht hier erst im Kampfe für seine Existenz oder erfährt erst die ersten Erschütterungen in seinem Bestände. Aber weder die Kleinstadt noch das platte Land haben sich als irgend sichere Rückzugsgebiete für das Handwerk erwiesen: gerade in den kleinen und mittleren Städten, diesen „Hauptsitzen des Handwerks“, ist die Verwüstung in den letzten Jahrzehnten am stärksten gewesen: wohl hauptsächlich deshalb, weil es hier in der That noch am meisten zu verwüsten gab: man lese die Schilderungen über die Lage des Handwerks in Städten wie Könitz, Salzwedel, Eisleben, Nakel im Zusammenhänge, und man wird immer wieder erstaunen, wie rapid sich der Rückgang des alten Handwerks vollzieht. Und auch über das Handwerk auf dem platten Lande sind die Stürme der neuen Zeit nicht wirkungslos hinweggegangen. Selbst die alten specifischen Landhandwerke haben wir 616 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. in hartem Kampfe um ihren alten Besitzstand gefunden; welche Sicherheit haben dann die anderen Gewerbe auf dem Lande? Die Phrase von dem konservativen Sinn der Landbevölkerung hat ihre Geltung grofsenteils eingebüfst. Wir sehen den Bauern seine Kleider beim Juden in der nächsten Kleinstadt kaufen und die Möbel aus dem Magazin entnehmen, dieselben Möbel, die vielleicht der Gevatter Handwerker auf dem Dorfe eben erst in die Stadt zum Magazininhaber gefahren hat. Der Bauer gewöhnt sich an den Emailletopf und die Petroleumlampe ebensoleicht wie an die fertig im Laden gekauften eisernen Geräte und ledernen Pferdegeschirre, und seine Frau und Tochter nehmen Hausierern gern die Tücher und Jacken ab, die sie eben noch vielleicht am eigenen Webstuhl gewebt haben. Ja — man ist versucht, zu sagen, das Blatt habe sich gewandt; es sei die gröfsere Stadt in Zukunft ein sichereres Feld für die Bethätigung des Handwerks geworden, als es Kleinstadt und plattes Land sind. Die rasche Neugestaltung des gewerblichen Lebens in den Grofsstädten schafft in jedem Augenblick Arbeitsgelegenheiten neu, deren sich der gewandte Handwerker bemächtigen kann; wir haben an verschiedenen Stellen solche Fälle beobachtet: namentlich auf dem Gebiete der Baugewerbe, bei der Installation von Gas- und Wasserleitungen etc. fallen immer wieder Brosamen ab, von denen sich der Handwerker — eine Zeit lang wenigstens — nähren kann. Auch die umfassenderen Reparaturen in den reichbevölkerten Städten geben dem Handwerke gröfseren Arbeitsstoff, als er in den extensiven Siedelungsgebieten findet. Und ebensowenig wie Stadt und Land einen principiellen Unterschied begründen, läfst sich ein solcher nachweisen für die in ihrer Agrarverfassung und allgemeinen Siedelungsverhältnissen voneinander abweichenden einzelnen Gebietsteile Deutschlands. Wohl mag der einzelne Handwerker, der als badischer Bauerssohn mit einem väterlichen Erbteil in die Stadt wandert, vielleicht noch auf Zuschüsse von Hause rechnen darf, eine behäbigere Existenz sein als sein Genosse in unserem armen Osten, der als Proletarierkind oder Instensohn sein Gewerbe beginnt. Aber die Lage des Handwerks ist darum keine andere in Baden als in Schlesien, die Sicherheit seines Besitzstandes keine irgendwie höhere im reichen Westen als im armen Osten. Städte wie Breslau und Köln, wie Posen und Karlsruhe, wie Eisleben und Freiburg, wie Nakel und Emmendingen weisen in den Grundzügen völlig gleiche Entwicklungsreihen auf. Ich komme auf diese Verhängnis- Sechsundzwanzigstes Kapitel. Das Handwerk in der Gegenwart. 617 volle Verwechslung zwischen Lage des Handwerks und Lage des Handwerkers alsobald näher zu sprechen. Vielleicht macht es einen Wesensunterschied für die Lage des Handwerks aus, ob es in Gebieten geschlossenen Hofbesitzes oder in solchen beweglichen Kleinbauerntums seinen Sitz hat? Gewifs kommen hier wieder Unterschiede zum Vorschein: die Bauerndörfer auf der Hard, die uns Dr. Hecht geschildert hat, haben gründlicher mit dem Handwerk aufgeräumt als etwa die Gegenden der geschlossenen Schwarzwaldgüter; in dem Marschlande wird das Tempo der Entwicklung langsamer sein als auf der Geest. Aber auch hier doch immer wieder nur Tempo-, keine Wesensunterschiede! Dafs der Bau der grofsbäuerlichen Gewerbeverfassung, wenn ich so sagen darf, der auf der breiten Basis der Eigenwirtschaft und der angegliederten Lohngewerbe ruhte, doch auch ins Wanken kommt, haben wir an verschiedenen Symptomen schon beobachten können, und werde ich später in seiner Notwendigkeit zu beweisen versuchen. Bleibt die unterschiedliche Gestaltung in den einzelnen Gewerben. Wie eifrig ist man seit einem Menschenalter — namentlich in professoralen Kreisen und solchen, die ihnen nahe stehen — bemüht, den Nachweis zu führen, dafs zwar einzelne Handwerke dem Untergange geweiht seien, „wie die Färber, die Kammmacher, die Nagelschmiede“, aber dagegen andere u. s. w. Seit dem seligen Bau finden wir in allen Darstellungen der gewerblichen Entwicklung eine — freilich stetig sich verkleinernde! -—■ Liste von Handwerkern wiederkehren, auf der diejenigen Berufszweige verzeichnet stehen, die vor allen Schrecknissen der Zersetzung gesichert erscheinen. Beim alten Rau ist noch die Fortdauer folgender Handwerke aufser Frage: der Schneider, Schlosser, Schuhmacher, Schreiner, Wagner, Zimmerer, Maurer, Glaser, Bäcker, Fleischer, Buchbinder, Tüncher, Zuckerbäcker, Uhrmacher, Büchsenmacher, Tapezierer, Sattler, Zinngiefser, Knopfmacher, Bürstenmacher, Töpfer, Goldschläger, Steinhauer, Kürschner, Klempner „und anderer“, wie der Verfasser hinzuzufügen nicht unterläfst’. Ähnlich reichhaltig ist die Liste, die z. B. noch Viebahn im Jahre 1868 von den dauernd gesicherten Handwerken entwirft 1 2 3 . Aber noch im Jahre des Heils 1885 gelingt es einem deutschen Professor, den Fort- 1 Rau, Polit. Ök. I 8 2. Abteilung (1869) § 399 Anm. 2 Viebahn, Statistik des zollvereinten und nördlichen Deutschlands, Bd. III. 1868. S. 562. 618 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. bestand folgender Handwerke als dauernd gesichert zu betrachten: der Schneider, Schuhmacher, Tischler, Drechsler, Schlosser, Schmiede, Sattler „u. s. f.“, der Fleischer, Bäcker, Müller; aber „am festesten steht der kleine Betrieb wohl in den Baugewerben“ x . Man ersieht aus solchen Beispielen, wie vorsichtig man doch im Voraussagen zukünftiger Entwicklung sein mufs! Zumal wenn man die Lage der Dinge nicht kennt. Vor allem sollte man nie nie sagen! Deutsche Professoren haben die Undurchführbarkeit des Dampfschiffbetriebes, der Eisenbahnen und anderer Neuerungen haarklein nachgewiesen. Sollten wir immer noch nichts gelernt haben? Vestigia terrent! Nun sind wir allerdings in einer erheblich günstigeren Lage als unsere Vorgänger. Unsere Einsicht ruht auf einem so breiten Thatsachenmaterial, wie es vielleicht die sociale Wissenschaft noch nie für die Beantwortung irgend einer Frage besessen hat. Wollen wir daraufhin den Versuch wagen, und doch wenigstens einigen Handwerken ein ewiges Leben Voraussagen? Wir können es auch jetzt nicht, wir dürfen es nicht, wenn wir gewissenhaft sein wollen. Unsere wirtschaftliche Entwicklung ist eine so reichhaltige, der Methoden, dem Handwerk den Lebensodem zu nehmen, giebt es so viele, dafs — selbst wenn noch heute der Turm eines Handwerks unerschüttert stände — man niemals sagen dürfte: auch morgen wird er erleben. Nun zeigen uns aber die Thatsachen schon jetzt noch mehr: dafs nämlich kein einziger Zweig des Gewerbes vom Hauche des Kapitalismus unberührt geblieben ist; an allen frifst der Wurm. Das einzige, was wir zuverlässig sagen dürfen, ist dieses: die verschiedenen Handwerke weisen im Tempo ihrer Zersetzung Unterschiede auf. Und wenn wir diejenigen mit langsamerer von denjenigen mit rascherer Auflösung sondern wollen, so werden wir zu jenen die Ernährungs- und Bauhandwerke, zu diesen die Bekleidungs- und Gerätschaftshandwerke rechnen. Der Grund dieser Unterscheidung liegt schon jetzt zu Tage. Unsere, theoretische Erörterung wird uns den Zusammenhang der Erscheinungen noch deutlicher machen. Dazu können wir bemerken, dafs an Stelle der ihm immer mehr entzogenen Neuarbeit das Handwerk sich in nicht unbeträchtlichem Umfange an der Reparatur- und Flickarbeit eine Zeit lang wenigstens zu stützen vermag. Dafs auch dieses Arbeitsgebiet kein immerdar und überall gesichertes ist, werden spätere Ausführungen noch erweisen. 1 Haushofer, Das deutsche Kleingewerbe etc. 1885. S. 19. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Die Handwerker in der Gegenwart. Schon zu wiederholten Malen habe ich darauf hingewiesen, dafs Zwischen der Lage des Handwerks und der Lage der Handwerker zu unterscheiden sei. In der That sind diese beiden Zustände nicht nur sehr differente Dinge, sie stehen nicht einmal in einem notwendigen Zusammenhänge miteinander. Das Produktionsgebiet eines Handwerks kann sich ausdehnen, aber die einzelnen Handwerker können in immer elendere Lage geraten, weil ihre Zahl rascher wächst, als das Arbeitsgebiet sich erweitert; umgekehrt: dieses mag eine Einschränkung erfahren, die Zahl der teilnehmenden Betriebe verringert sich jedoch in einem noch rascheren Verhältnisse, so werden sich die übrigbleibenden trotz „Rückganges“ und „Verfalls“ in sehr behaglicher Lage befinden. Oder ein Handwerker hat andere Ressourcen, um Ein- bufsen an seinem Handwerksverdienst auszugleichen u. dergl. m. Die möglichen Variationen sind in der That aufserordentlich zahlreich, weil es eine grofse Reihe von Momenten giebt, von denen die Lage des einzelnen Handwerkers beeinflufst sein kann. Was hauptsächlich bestimmend wirkt, wenn wir die Gröfse des Produktionsgebiets als gegeben voraussetzen, sind: 1. die Zahl der vorhandenen Betriebe; 2. die Verteilung der Arbeit unter die einzelnen Betriebe; 3. persönliche Verhältnisse des Betriebsinhabers. Wie nun hat sich in dem Zeiträume, für welchen wir das Schicksal des Handwerks verfolgt haben, die Lage der einzelnen Handwerker gestaltet? Das ist die Frage, die in diesem Kapitel beantwortet werden soll, und die wir nun auch genauer so formulieren können: 620 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Welchen Einflufs hat auf die Lage der Handwerker die Verengerung des Produktionsgebietes des Handwerks — denn nur um eine solche handelt es sich in praxi — bisher ausgeübt oder noch auszuüben die Tendenz? Da sind denn zunächst zwei Möglichkeiten von vornherein zu unterscheiden: entweder nämlich dafs sich die Zahl der Betriebe (bezw. der Berufsangehörigen) der verringerten Kundschaft — denn so drückt sich die Einengung des Produktionsgebiets für die einzelnen aus — anpafst, oder aber, dafs dies nicht der Fall ist. Danach gliedern sich die folgenden Untersuchungen. 1. Pafst sich die Zahl der Handwerker der verringerten Arbeitsgelegenheit an? Das heifst also: vermindert sie sich im richtigen Verhältnis? nötigenfalls bis zu einem völligen Aussterben des Handwerkerstandes in einzelnen Zweigen? Leider ist unsere allgemeine Berufs- und Gewerbestatistik auch für diesen Nachweis schlecht zu verwenden, weil sie ja die eigentlichen Handwerksangehörigen innerhalb der Berufsangehörigen nicht ausdrücklich unterscheidet. Es müssen deshalb Rückschlüsse von der Betriebsgröfse auf die Handwerksmäfsigkeit der Organisation gemacht werden, was, wie wir wissen, stets ein sehr gewagtes Beginnen ist. Wir müssen uns daher mit weniger umfassenden, aber zuverlässigen Erhebungen begnügen, um Antwort auf unsere Frage zu finden. Solcher Erhebungen besitzen wir mehrere private für einzelne Städte, und dann vor allem die amtliche „Verhältnis“erhebung vom Jahre 1895 für das bekannte Zwanzigstel Deutschlands. Aus der letzteren Veröffentlichung mögen folgende Ziffern hier Platz finden 1 : Im ganzen Erhebungsgebiet entfallen auf je 1000 Einwohner im Durchschnitt: 26,7 Meister, 30,2 Hilfspersonen, 56,9 Handwerker überhaupt. Das bedeutet, wenn wir damit die preufsischen Handwerkerziffern vergleichen dürfen, die Schm oller berechnet hat 2 3 , gegen das Jahr 1861 eine ganz kleine Verminderung um kaum 5°/o, denn im Jahre 1861 kamen auf je 1000 Einwohner im Durchschnitt: 1 Vgl. dazu P. Voigt, Die Hauptergebnisse der neuesten deutschen Handwerkerstatistik von 1895 in Schmollers Jahrbuch N. F. Bd. XXI, auch separat erschienen. 1897. 3 Kleingewerbe, 71. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Die Handwerker in der Gegenwart. 621 28,9 Meister, 30,2 Hilfspersonen, 59,1 Handwerker überhaupt. Etwas belebter wird das Bild, wenn wir Stadt und Land unterscheiden; die Statistik belehrt uns nämlich, dafs das städtische Handwerk eine starke Verminderung in der Zahl seiner Angehörigen aufweist, das Handwerk auf dem Lande dahingegen sogar noch einen kleinen Zuwachs erhalten hat im Vergleich zu Ziffern, die 30—40 Jahre zurückliegen. Ich folge hier den Berechnungen Voigts (a. a. O. S. 10 f.): danach kommen Handwerker überhaupt auf 1000 Einwohnsr durchschnittlich: 1858 .... 107,0 1895 .... 60,8; auf dem Lande dagegen: 1858 .... 38,2 1895 .... 45,4. Diese Ziffern, wiederum ihre Vergleichbarkeit vorausgesetzt, besagen doch immerhin einiges. Vor allem, dafs der notorische Rückgang der handwerksmäfsigen Thätigkeit in den Städten jedenfalls von einer Reduktion der Thätigen auf zwei Drittel begleitet gewesen ist. Ob die Zunahme der Landhandwerker dagegen in irgend welchem Zusammenhänge mit der Gröfse ihres Produktionsgebietes steht, vermag niemand mit Sicherheit zu behaupten. Es ist immerhin denkbar, und es steht mit unseren früheren Ergebnissen nicht in unmittelbarem Widerspruch, es anzunehmen. Übergang von der Eigenwirtschaft zur Tauschwirtschaft, Emancipation des Landes von der Stadt, Zunahme einiger ländlicher Handwerksarbeiten würden hier als produktionssteigernde Momente angeführt werden können. Jedoch läfst sich ebensogut das Gegenteil nach- weisen: dafs nämlich dem Anwachsen der Handwerkerzahl keine Arbeitssteigerung entspricht; im Gegenteil. Siehe diese Gesamtdarstellung und vergleiche, was weiter unten über die Lage der Landhandwerker noch bemerkt werden wird. Über engere Gebietsteile unterrichten dann noch folgende, derselben Quelle entnommene Ziffern. Auf 1000 Einwohner kamen Handwerker überhaupt: 1861 1895 Regierungsbezirk Danzig. 42,8 33,6 Stadt Danzig . . 72,9 32,5 Stadt Elbing. 124,7 81,0 Reg.-Bez. Danzig ohne die Städte D. u. E. . . 30,3 29,4 622 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. 1861 1895 56,5 58,2 1 91,1 61,8 51,3 57,3 1 Regierungsbezirk Aachen.. 56,5 Stadt Aachen. Reg.-Bezirk Aachen ohne die Stadt Aachen . Selbstverständlich weisen die verschiedenen Handwerke verschiedene Grade der Abnahme oder einzelne sogar der Zunahme auf. Ich lege zu wenig Gewicht auf alle diese Ziffern, die, wie der Leser nun wohl zur Genüge gesehen hat, für mich gar keine Beweiskraft, sondern höchstens einigen illustrativen Wert besitzen, um mir die Mühe selbständiger Berechnungen zu machen. Was PaulYoigt aus der auch seiner Meinung nach wirklich sehr unbrauchbaren allgemeinen Berufszählung von 1895 im Vergleich zu den Ergebnissen der Statistik von 1882 berechnet, mag hier noch mitgeteilt werden 2 . Danach ist die absolute Zahl der „Selbständigen“ 3 von 1882—1895 gesunken bei den Spinnern . . . Färbern etc.. . Webern . . . Nagelschmieden Mützenmachern. Nadlern . . . Müllern . . . Gerbern . . . Böttchern. . . Brauern . . . Die anderen digen eingebüfst; um 67 °/o 58 - 46 - - 40—50 - 42 - 35 - 32 - 30 - 26 - 24 - Lackierern, Vergoldern u. s. w.um 21 Seifensiedern . Büchsenmachern Posamentieren Kürschnern Goldschmieden Glasern . . . Hutmachern Drechslern . . 20 - 17 - 17 - 14 - 13 - 13 - 11 - 10,5 - Gewerbe haben noch nicht 10°/'o der Selbstän- absolut verloren an Selbständigen haben von °/o wichtigeren Gewerben noch folgende: Töpfer, Schlosser, Stellmacher, Tischler, Schuhmacher. Absolut gewonnen, wenn auch nicht im Verhältnis zur Einwohnerzahl haben u. a. Steinmetzen, Buchbinder, Sattler, Schneider; etwa im Verhältnis zur Einwohnerzahl zugenommen haben: Maurer, Zimmerer, Instrumentenmacher, Klempner. Endlich haben sich die Selbständigen rascher als die Einwohnerzahl vermehrt bei den Uhrmachern, Tapezierern, Bäckern, Fleischern und einigen kleineren Baugewerben. 1 Diese Vermehrung ist jedoch nur scheinbar, da der Berechnung die Ziffern der Volkszählung von 1890 zu Grunde gelegt sind: vgl. a. a. O. S. 18. 2 P. Voigt, Das deutsche Handwerk nach den Berufszählungen von 1882 und 1895 in U. IX, 665 ff. 3 Unter diesen Selbständigen sind natürlich alle abhängigen Existenzen wie Stückmeister, für Magazine arbeitende Meister etc. mitgezählt. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Die Handwerker in der Gegenwart. 623 Dafs die meisten dieser Ziffern in gar keinemZusammen- hang mit der Lage des Handwerks in den betreffenden Ge- werbszweigen stehen, dürfte für jeden Kundigen aufser Zweifel sein. Aber beweisen sie auch nur etwas für die Frage, die uns hier beschäftigt: hat und in welchem Umfange hat eine Anpassung der Zahl der Gewerbetreibenden an die verringerte Arbeitsgelegenheit stattgefunden? Wenn ja, dann folgendes: In einigen Gewerben besteht die Tendenz zu einer der Verengung des Produktionsgebietes entsprechenden Verringerung der Berufstätigen; es ist aber sehr wahrscheinlich, dafs in diesen Zweigen die Verringerung nur selten mit den Arbeitsverlusten gleichen Schritt hält; sicher thut sie es nicht bei den meisten derjenigen Gewerbe, in denen eine Verringerungstendenz überhaupt nicht vorliegt, womöglich noch eine Vermehrung beobachtet wird. Das ergiebt sich aus den Kenntnissen, die wir im vorhergehenden Kapitel über die Lage des Handwerks gesammelt haben, das geht aber mit Evidenz auch aus den Thatsachen hervor, die im folgenden mitgeteilt werden sollen. Da werfen wir nämlich die Frage auf: 2. Was geschieht, wenn die Zahl der Handwerker sich der verringerten Arbeitsgelegenheit nicht an - pafst? Dann tritt, so lautet die erste Antwort, zunächst ganz allgemein ein Ausfall an Beschäftigung und damit in der Regel an Einnahmen ein. Man pflegt diesen Zustand mit dem schönen Worte „Übersetzung“ des Handwerks zu bezeichnen: es sind zu viel Hände da, damit alle voll beschäftigt, und folglich auch zu viel Münder, damit alle zur Befriedigung gestopft werden können. Dafs nun ein solcher Leidenszustand im Handwerke heute chronisch sei: um das nachzuweisen, bedürfte es gar nicht erst neuer und gründlicher Untersuchungen; jedermann, der in irgend nähere Berührung mit dem Handwerk zu kommen Gelegenheit hat, wird die Beobachtung machen, dafs fast in allen Zweigen „zu viel“ Berufsthätige da sind, dafs jedenfalls überall unzureichende Beschäftigung das immer wiederkehrende Lamento bildet. Zum Überflufs haben es die neuen Untersuchungen über die Lage des Handwerks bestätigt, was dem Sehenden bereits offen zu Tage lag: auf jeder Seite fast kehrt dieselbe Klage wieder: es haben nicht alle Handwerker das ganze Jahr über Arbeit; weniger würden genügen, um das vorhandene Pensum Arbeit zu absolvieren u. s. w. Wir haben selbst an verschiedenen Stellen schon solche Auslassungen kennen gelernt. <>24 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Wohin aber führt nun ein derartiger Zustand auf die Dauer? Wenn wir das Los der einzelnen Handwerkerexistenzen verfolgen: welches kann ihr Schicksal sein ? und lassen sich auch hier wieder regelmäfsige Züge nachweisen, in denen eine Umgestaltung in der Lage der Handwerker sich vollzieht? Wohl dem Handwerksmeister, der aus besseren Tagen ein kleines Vermögen, ein Haus oder ähnliches in die schlimme Gegenwart herübergerettet hat, oder den eine wohlhabende Verwandtschaft gelegentlich mit den nötigen Zuschüssen versieht, die die Lücken stopfen helfen, die in seinen Erwerbseinkünften entstanden sind. Er kann getrost eine Zeit lang wenigstens mit ansehen, wenn sein Handwerksbetrieb ihm weniger abwirft wie früher, nicht genug mehr, „um davon zu leben“. Sicherlich befindet sich ein beträchtlicher Teil unserer Handwerkerbevölkerung in dieser günstigen Lage, vom alten Fette zehren zu können; zumal im reicheren bäuerlichen Westen, wo der städtische Handwerkerstand aus viel wohlhäbigeren Schichten hervorgeht als im Osten des Reichs. Die grofse Bedeutung, die dieser pekuniäre Rückhalt der Handwerker an eigenem oder verwandtschaftlichem Besitz für die Frage seiner Konkurrenzfähigkeit hat, werden wir später noch würdigen. Hier galt es festzustellen, dafs die Lage des einzelnen Handwerkers oft genug durch solche Zuschüsse aus Besitzvermögen wesentlich be. einflufst wird. Wie ausgedehnt z. B. noch heute der Hausbesitz unter den Handwerkern ist, ergeben folgende Ziffern. In Leipzig waren von je 100 selbständigen Berufsthätigen im Jahre 1893 Hausbesitzer (U. VI, 704): Fleischer.40,9 Buchbinder.12,8 Bäcker.39,7 Uhrmacher.10,0 Glaser.28,7 Bürstenmacher.8,0 Böttcher.27,1 Drechsler.7,3 Schlosser.24,5 Konditoren.3,8 Klempner.23,4 Schuhmacher.2,9 Tischler.19,7 Schneider.2,4 Kürschner.19,6 Hausschlächter .... 2,2 Sattler.15,4 In Breslau beträgt die Zahl der Hausbesitzer unter den Bäckern 115, also etwa ein Drittel der Gesamtheit. In Karlsruhe sind etwa 30 °/o der Häuser der Hauptstrafse in den Händen von Handwerkern (U. III, 3). In kleineren Städten und auf dem Lande ist natürlich die Zahl Siebenundzwanzigstes Kapitel. Die Handwerker in der Gegenwart. 625 der Hausbesitzer unter den Handwerkern noch gröfser; in Eisleben beispielsweise hat doch immer noch die gröfsere Hälfte der Meister ein eigenes Haus (U. IX, 355); besonders zahlreich sind auch hier die Hausbesitzer unter den Vertretern der Nahrungsmittelgewerbe; ebenso in Jena unter den Bäckern (U. IX, 229). Die Neifser Schlosser sind „zumeist“ Hausbesitzer u. s. f. Wo nun der einzelne Handwerker einen solchen Ersatz seiner Ausfälle an Einkünften aus der alten Thätigkeit im Besitz nicht findet, da wird sein Streben darauf gerichtet sein müssen, ihn in der Verwertung seiner freigewordenen Arbeit zu suchen. Dieses Streben, die unzulänglichen Erwerbseinkünfte aus der Berufsthätig- keit anderswoher durch Füllarbeit zu ergänzen, ist schon alt. Bücher will es schon als eine häufige Erscheinung gegen Ende des Mittelalters beobachten, in jener Zeit, als die Handwerker in gröfserem Umfange zu reinen Gewerbetreibenden wurden h Jedenfalls ist es heute ganz allgemein verbreitet und äufsert sich in den verschiedensten Formen. Zuerst und vor allem sehen wir den Handwerker bemüht, sich aus einem mit seinem Produktionsbetrieb verbundenen Ladengeschäft Einnahmen zu verschaffen: er versucht als Händler mit fertig bezogenen Waren zu verdienen, was ihm als Produzenten entgeht. Die Berufszweige, in denen sich die Handwerker solcherart in das Ladengeschäft flüchten, sind vornehmlich folgende: Buchbinder, Bürstenmacher, Drechsler, Glaser, Hutmacher, Kammmacher, Klempner, Kürschner, Sattler, Schuhmacher, Töpfer, Uhrmacher. Aber freilich: nicht immer ist dieser Rückzug von dem gewünschten Erfolge begleitet. Auch wenn nicht die Überfüllung des Detailgeschäfts hier wiederum dieselben üblen Folgen zeitigt, wie in der Produktion, so droht dem Handwerker, der Händler geworden ist, nun abermals die Gefahr, dem Kapitalismus zum Opfer zu fallen: ist er nicht gebraten worden, so wird er nun gesotten. Dem Buchbinder droht die Konkurrenz der grofsen Papier- und Schreibwarenhandlungen, dem Drechsler die Konkurrenz der Bazare und Herrenartikelmagazine, dem Klempner die Konkurrenz der Küchen- und Ausstattungsgeschäfte, der Lampenniederlagen etc., dem Glaser und Töpfer die Konkurrenz der ansässigen oder umherziehenden Geschirr- und Topfhändler, dem Hutmacher und Kürschner die Konkurrenz der Gemischtwarenhandlungen und Bazare, dem Kamm- und Bürstenmacher die Konkurrenz der Toilettenartikelhandlungen, 1 Artikel „Gewerbe“ H.St. III, 937. Sombart, Der moderne Kapitalismus. I. 40 t)2(j Zweites Bueli. Die Genesis des modernen Kapitalismus. dem Uhrmacher die Konkurrenz der Gold- und Silbervvarengeschäfte oder der grofsen Uhrenniederlagen, dem Schuhmacher die Konkurrenz der eleganten Schuhwarenmagazine u. s. w. Aber es giebt ja auch noch andere Auswege für den Handwerker, seine Einnahmen zu ergänzen: er kann seine Güter produzierende Thätigkeit zu erweitern suchen. Und zwar zunächst im Rahmen seines alten handwerksmäfsigen Produktionsgebietes. Das geht nun freilich nur so an, dafs er in die Sphäre anderer Handwerksbetriebe hinübergreift: die Erscheinung des sog. „erbitterten Konkurrenzkampfes der Meister unter sich“. Die Übergriffe können sich in dreifacher Richtung bewegen, je nachdem sie — wie ich es nennen will — persönlicher, sachlicher oder lokaler Natur sind • in allen Fällen handelt es sich also hier um das Streben nach Produktionserweiterung. Gelingt es einem Handwerksbetriebe, eine Erweiterung seines Arbeitsgebietes auf dem Wege eines persönlichen Übergriffs herbeizuführen, so bedeutet das immer die Benachteiligung und Beraubung eines Konkurrenten im gleichen Fache am gleichen Orte. Ohne Zweifel ist dieser Weg von zahlreichen Handwerksbetrieben mit Erfolg beschritten worden: die Vergröfserungstendenz einzelne r gr ofser Hand werksbetriebe, der parallel die Ver kleine rungstendenz zahlreicher kleinen geht 1 , enthält die Bestätigung der That- sache, dafs es einzelnen Handwerkern gelungen ist, eine Verschiebung in der Verteilung der Arbeitsgelegenheit zu ihren Gunsten und auf Kosten ihrer Genossen zu bewirken. Oder aber man sucht die Ergänzung der eigenen Thätigkeit dadurch herbeizuführen, dafs man in andere Berufszweige hinübergreift: sachlicher Übergriff. So entsteht das Phänomen der Berufsvereinigung, das wir in zahlreichen Gewerben beobachten können. Wie im Laufe der Entwicklung sich einst ein Handwerk nach dem andern verselbständigt hatte — auf dem Wege der Berufszerlegung, wie es Bücher nennt — in dem Mafse, wie sich der Kreis seiner Thätigkeit erweitert hatte, so fallen jetzt die alten Einzelhandwerke wieder zu gröfseren Gruppen zusammen, in dem Mafse, wie sich ihr Produktionsfeld verengert. Wir haben diesen Vorgang öfters in der voraufgehenden Darstellung der Lage des Handwerks bemerkt und erinnern uns hier nur folgender besonders 1 Das ist das wichtigste Ergebnis, das uns die „Erhebungen“ liefern und das die 1895er Statistik bestätigt. Vgl. auch P. Voigt, a. a. 0. S. 8. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Die Handwerker in der Gegenwart. (J27 häufig wiederkehrender Fälle: der Schlosser sucht die Schmiedearbeiten, der Schmied die Schlosserarbeiten an sich zu ziehen; die Zimmereibetriebe verrichten die Bautischlerarbeiten; die Tischler setzen die Fensterscheiben ein; die Bäcker treiben nebenher Konditorei und Pfefferküchlerei; Sattler- und Tapezierarbeiten werden vereinigt, auch wohl Stellmacher- und Schmiedearbeit zum Wagenbau. Es liegt hier also ein ähnlicher Vorgang vor, wie wir ihn in der Entwicklung der kapitalistischen Unternehmung zur kombinierten Unternehmung beobachtet haben, der freilich ganz anderen Ursachenreihen seinen Ursprung verdankt. Wo aber eine solche Berufserweiterung nicht möglich ist, auch der Kundenkreis auf Kosten verwandter Betriebe am Ort füglich nicht weiter ausgedehnt werden kann, da liegt es nahe, das Produktions- und Absatzgebiet räumlich zu vergröfsern, um an Extensität wiederzugewinnen, was an Intensität verloren ist: der. Handwerker greift in die Sphäre lokal von ihm getrennter Handwerksbetriebe hinüber. Diese interlokale Expansionstendenz kann nun selbstverständlich bei der Natur des Handwerks immer nur eine beschränkte sein. Aber als solche beobachten wir sie in häufiger Wiederkehr, namentlich in einer neuerdings stereotyp gewordenen Gestaltung: im Übergriffe des Landhandwerkers in die Produktionssphäre seiner Kollegen in der Stadt. Aus naheliegenden Gründen sind die Dorfhandwerker oft in der Lage, die Städter im Konkurrenzkampf zu besiegen, und diesen Vorteil beuten sie nach Kräften aus. Namentlich von Bäckern und Fleischern werden solche Übergriffe in städtisches Gebiet berichtet: der Bäcker aus Berlin (U. VII, 135), Breslau (U. VII, 117 f.), Jena (U. IX, 212 f.), Eisleben (U. IX, 293) u. a. O.; der Fleischer aus Jena (IX, 2), Leipzig (VI, 146 f.), Deutsch-Lissa (IX, 489 f.) u. a. O. Aber auch in zahlreichen anderen Handwerken macht sich die Konkurrenz der Dörfler empfindlich fühlbar, so die der Landsattler, Landstellmacher etc. 1 , der Zimmerleute 2 3 . In allen zuletzt besprochenen Fällen dient dem Handwerk sein altes Gewerbe zum mindesten als Ausgangs- und Stützpunkt für die erweiterte Thätigkeit: was er sucht, ist nicht eigentlich Nebenbeschäftigung, sondern Mehrbeschäftigung auf seinem spe- 1 Vgl. U. IX, 496. 530. 531 und weitere Belege im Index der U. s. v. „Dorf handwerk“. 3 U. III, 86. 40 628 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. cifischen Arbeitsgebiet. Vermag er nun aber diese nicht zu erlangen , so richtet sich sein Streben darauf, irgendwelchen, wieauch immer gearteten Nebenerwerb zu bekommen. Diese Tendenz nach beliebiger Nebenbeschäftigung ist eine in neuerer Zeit durchaus allgemeine unter den Handwerkern. Es ist ergötzlich, zu sehen, zu welchen seltsamen Berufskombinationen dieses Streben dann häufig führt. In dem schlesischen Landstädtchen, in dem ich diese Zeilen schreibe (Sommer 1897), betreibt ein Schneider ein Kolonialwarengeschäft und ist nebenbei Kolporteur des Breslauer Generalanzeigers; mehrere Handwerker haben Versicherungsagenturen, ein Tischler übernimmt Beerdigungen, ein anderer ist Vertreter eines städtischen Speditionsgeschäfts. Von den Klempnern in Salzwedel hat einer ein Glasgeschäft, ein anderer einen Petroleumhandel, der dritte hält eine Schülerpension, der vierte vermietet möblierte Zimmer; ein Böttcher ebendaselbst hat eine Räucherkammer für Fleischwaren erbaut, die er gegen Entgelt anderen überläfst (U. I, 153. 162). Von den Blankglasern in Eisleben handelt einer mit Schreibmaterialien und Bildern, ein zweiter ist Bergmann, der dritte Kolportagebuchhändler und Karusselbesitzer (U. IX, 315). Besonders reichhaltig pflegt die Musterkollektion von Nebenbeschäftigungen bei den Schuhmachern zu sein. In Jena sind sie Lohnkellner, Leichenträger etc. (U. IX, 23), in Eisleben Sonntagskellner, Posthilfsboten, Vereinsdiener (U. IX, 307), in Karlsruhe Zeitungsträger, Ausläufer, Laternenanzünder, Kirchendiener, Händler u. dergl. (U. III, 57). In Ulm decken sie sogar den Gesamtbedarf der Stadt an Laternenanzündern (U. III, 261). Im Städtchen Heide suchen von den 100 Mitgliedern der Schusterinnung höchstens 30 ihren Broterwerb allein in der Schuhmacherei; 70 haben also Nebenbeschäftigung, und zwar als Nachtwächter, Schulpedelle, Boten, Kellner, Leichen träger, Chausseewärter, Küster, Ausrufer und Totengräber (U. I, 2/3). Ganz ähnlich in Elmshorn (Kr. Pinneberg). Dort sind von 81 Schuhmachermeistern nur 53 selbständige Schuhmacher: 21 sind nebenbei Hafenarbeiter, 3 Krämer, 1 Lotteriekollekteur, 2 Gerbereibesitzer, 1 Pferdefleischer, 6 im Armenhaus (U. I, 13)h Vor allem kommt in den gröfseren Städten, nament- 1 Hierher gehört wohl auch der Pall, dafs sich ein Fleischer durch Anlage eines Kolonial- und Materialwarengeschäfts zu helfen sucht und zwar in einem Dorfe. Vgl. F. Fleclitner, Der Detailhandel in Unseburg in dem Sammelwerk „Die Lage des Kleinhandels“ etc. 1 (1899), 171. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Die Handwerker in der Gegenwart. (329 lieh für Schneider und Schuster, die Stellung als Hausmeister (Portier) nebenberuflich in Betracht. Schliefslich ist dann noch einer Nebenbeschäftigung des Handwerkers Erwähnung zu thun, die freilich eine wesentlich andere Bedeutung als die bisher aufgezählten besitzt. Und das sowohl wegen ihrer allgemeinen Verbreitung als wegen ihres traditionellen Charakters und ihrer historischen Würde, als endlich auch wegen der volkswirtschaftlichen Eigenart, die sie begründet. Ich meine die für alle ländlichen und fast alle landstädtischen Handwerker noch heute die Regel bildende Verbindung der Landwirtschaft mit ihrem gewerblichen Berufe. Diese Verbindung ist häufig derart, dafs es schwer fällt, festzustellen, ob der Betreffende Handwerker oder Landwirt ist. Jedenfalls ist dieser ländliche Gewerbetreibende gar nicht recht eigentlich zum Handwerker im städtischen Sinne geworden: die Nabelschnur, die diese an die bäuerliche Eigenwirtschaft knüpft, ist noch nicht zerschnitten. Einige Beispiele mögen das Gesagte bestätigen. So schreiben die amtlichen „Erhebungen“ 1 : „Vielfach sind die Landbewohner des Bezirks — sc. Oberamts Göppingen, Württemberg — in ihrem Handwerk nur den kleinen Teil des Jahres beschäftigt, in der Hauptsache aber in der Landwirtschaft. Namentlich wird dies bei denjenigen Landbewohnern der Fall sein, welche die Frage nach der Beschäftigung von Hilfspersonen verneint haben. Gerade bei diesen wird es mitunter auch fraglich sein, ob sie selbständige Ge- werbtreibende sind.“ Von der Gemeinde Nöttingen - Darmsbach heifst es (U. VIII, 60): „Fast sämtliche verheirateten Handwerker treiben nebenbei eine kleine Landwirtschaft, weil das Handwerk allein keine Familie ernährt. Bei einigen ist das Handwerk Nebenbeschäftigung.“ „Bei einigen in der unmittelbaren Umgebung von Könitz ansässigen Gewerbetreibenden läfst es sich schwer feststellen, ob sie die Tischlerei als Haupt- oder Nebenberuf betreiben. Sie besitzen ein Stück Land, halten einige Stück Vieh und betreiben daneben ihr Gewerbe“ (U. IV, 167). Und diese .Verbindung zwischen Handwerk und Landwirtschaft wird uns aus -so vielen Landstädten und Dörfern berichtet 2 , dafs wir, unter Zuhilfenahme der eigenen Anschauungen, nicht zweifeln dürfen, eine 1 Erhebungen über Verhältnisse u. s. w. 1, 20. • 2 Vgl. die im Index der U. s. v. „Nebenerwerb“ verzeichueten Fälle. Aufserdem für die bayrischen Schuhmacher Francke, a. a. 0. S. 84/85. Amtsbezirk Adelsheim: Erhebungen über die Lage des Kleingewerbes in Baden (33U Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. allgemein verbreitete Thatsache vor uns zu haben, deren Tragweite für die gesamte wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes nicht leicht zu hoch angeschlagen werden kann. Ich meine das gar nicht unter volkswirtschaftlich-teleologischem Gesichtspunkte, unter den man diese Erscheinung gern zu bringen geneigt ist. Ist doch schon manches Loblied diesen Zwittern gesungen * 1 und mancher Fluch ihnen zugerufen worden. Wer entsänne sich nicht der Verse aus „Hermann und Dorothea“: „Heil dem Bürger des kleinen Städtchens, welcher ländlich Gewerb und Bürgererwerb paart. Auf ihm liegt nicht der Druck, der ängstlich den Landmann beschränket; Ihn verwirrt nicht die Sorge der vielbegehrenden Städter“ . . . Aber wer kennte nicht auch die vielen herben Urteile über das ökonomisch Unzweckmäfsige einer Verquickung von Handwerksund Landwirtschaftsbetrieb? Um nur an eines zu erinnern, das aus dem Munde eines vorsichtig wägenden Mannes kommt: J. G. Hoffmann äufsert sich einmal über den Gegenstand Goethescher Lobpreisung wie folgt: „In solcher Verbindung wird . . bald das Handwerk über der Bodenbenutzung, bald der Ackerbau über dem Handwerk vernachlässigt. Daher erheben solche Städte — sc. Ackerbürgerstädte — sich selten zu mäfsigem Wohlstände 2 .“ Doch unserer ganzen Betrachtung liegen dermafsen teleologische Erwägungen fern. Die Bedeutung jener Erscheinung meine ich vielmehr im Hinblick auf die Gestaltung und Entwicklung der that- sächlichen Verhältnisse selbst. Wie ausschlaggebend ein solcher Rückhalt an der Landwirtschaft für die Lage des betreffenden Handwerkers ist, springt in die Augen. Was ficht es den Handwerker im Bauerndorfe Gahlenz an, ob seine Einnahmen aus seinem Gewerbebetrieb steigen oder fallen, wenn er folgende Erträge aus seiner landwirtschaftlichen Thätigkeit zieht? 2, 15/16. „Sämtliche Krampitzer Handwerker . . . betreiben ihr Gewerbe nicht als einzige Beschäftigung; ihre zweite ist die landwirtschaftliche Arbeit. Dabei ist schwer zu entscheiden, ob man diese nur als Nebenerwerb bezeichnen soll“ (U. IX, 518). Von den Windmühlen hatten nach der Erhebung der Kommission für Arbeiterstatistik über die Arbeitszeit in Getreidemühlen (Sommer 1893) einen landwirtschaftlichen Nebenbetrieb 77,1 °/o, von den Wassermühlen 77,4°/o: Drucksachen der Kommission für A.St. Erhebungen N«. 4. (1894.) S. 21. 43. 58. 68. 1 Vgl. neuerdings wieder G. Schmoller, Was verstehen wir unter dem Mittelstände etc. . . .j 1897. S. 17/18. 1 J. G. Hoffmann, Befugnis, 214. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Die Handwerker in der Gegenwart. 631 1. Den Unterhalt in natura an Milch, Butter, Speck, Schweinefleisch, Brot, Kartoffeln u. s. w. 2. Einen Gelderlös von ca. 500 Mk. für: a. Butterverkauf; b. den Verkauf dreier Schweine a 2 Ctr.; c. - - zweier Kälber ä 60—70 Mk.; d. - - von Hafer für 50 Mk. Da ist es freilich leicht möglich, „dafs die meisten Handwerker in günstiger Lage sind“ (U. V, 58/59), denn fast alle haben solche Goldgruben, wie die geschilderte, zu eigen. Was aber die Verbindung der Gewerbe mit der Landwirtschaft vor allem zu einer social so hoch bedeutsamen Thatsache stempelt, ist die Erwägung, dafs sie von mafsgebendem Einflufs auf die gesamte volkswirtschaftliche Weiterentwicklung sein wird: 1. weil sie für die Konkurrenz zwischen dem Kapitalismus und den älteren gewerblichen Organisationsformen eigentümliche Bedingungen schafft; 2. weil sie eines der Momente bildet, durch welche die Entwicklung der gewerblichen Verhältnisse aufs engste mit der Entwicklung der Landwirtschaft verknüpft wird, was beides passenden Orts näher auszuführen sein wird. Also gestaltet sich die Lage der Handwerker, wenn und so weit es ihnen gelingt, für den Ausfall an Einkünften, den sie infolge der Zurückdrängung des Handwerks erleiden, irgendwoher Ersatz zu finden. Wenn aber und soweit ihnen dies nicht gelingt, dann ereignet sich der Fall, den man wenigstens in den Städten fast als den normalen, oder doch sicherlich als einen sehr häufigen bezeichnen kann, dafs nämlich der Handwerker verarmt: er hat in Summa weniger Arbeit, also weniger Verdienst, also mufs sich sein Standard oflife senken. In diesem Verarmungsp rozefs, dem ein grofser Teil der Handwerker anheimgefallen ist, giebt es unterschiedliche Etappen. Wenn ein Handwerksbetrieb aus mehreren Personen besteht, so wird ohne Zweifel zunächst die Anzahl dieser Personen verringert werden: die Hilfskräfte werden abgestofsen. Erst die Gesellen, dann die Lehrlinge. Es wird einsam um den Meister in der Werkstatt ; schliefslich bleibt er allein zurück, wo früher vielleicht ein reges Durcheinander arbeitsamer Gesellen und strebender Lehrlinge geherrscht hatte. Oder der junge Meister, der sich etabliert, verzichtet von vornherein auf die Annahme von Gehilfen, weil er sie doch nicht beschäftigen kann — was auf dasselbe hinaus kommt. 032 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Schon während der verarmende Meister noch Hilfskräfte beschäftigt, vor allem aber nachdem er den letzten abgestofsen hat, mufs er daran gehen, den Ausfall an Einnahmen durch Einschränkung der eigenen Lebenshaltung und der seiner Familie auszugleichen: er beginnt zu sparen an immer notwendigeren Dingen, und wenn die Einschränkung immer weiter fortschreiten mufs, weil die Arbeit auch weniger wird, so nistet sich die Not an seinem Herde ein; das Elend breitet sein Leichentuch aus und schliefslich bettelt wohl gar der Handwerksmeister an den Thüren der Gemeindeverwaltung um das Brot, das ihm seiner Hände Arbeit nicht mehr zu verschaffen vermag. Das Ende eines langen Entwicklungsganges ist erreicht 1 . In welchem Umfange sich ein solcher Privatverarmungsprozefs einzelner Meister vollzieht, werden wir wohl niemals mit voller Sicherheit nachweisen können. Wir müssen uns mit den Ergebnissen unserer eigenen und fremder Beobachtungen und einzelnen symptomatischen Anzeichen zu behelfen suchen. Wer je in gröfserem Mafse mit Handwerkern zusammenzukommen Gelegenheit hatte, wer je etwa in der Armenpflege thätig war, dem ist das erschreckend rasche Anwachsen verarmter Handwerkerexistenzen eine vertraute Erscheinung. Was uns an Einkommensstatistiken für einzelne Städte — so für Leipzig U. VII, 703; Eisleben U. IX, 346 f. — vorliegt, gestattet leider keinen Vergleich mit früheren Zuständen, so dafs wir den Prozefs der Verarmung daraus nicht entnehmen können, sondern höchstens den augenblicklichen Zustand des Armseins. Doch möchte ich den Einkommensziffern auch sonst keinen allzuhohen Wert beimessen; sie enthalten das gesamte Einkommen ■.•(für Eisleben) oder doch wenigstens dasjenige aus „Gewerbe und Handel“ (für Leipzig), also auch alle aufserhandwerksmäfsigen Erwerbseinkünfte. Über die Ergiebigkeit des Handwerks allein geben sie demnach keinen Aufschlufs. Freilich können sie uns zeigen, wie es trotz etwa gefundener Nebenbeschäftigung im „Handel und Gewerbe“ doch dem gröfseren Teile der Handwerker nicht gelingt, den Verfall in proletarische Existenzbedingungen aufzuhalten. 1 Über den fortgeschrittenen Verarmungsprozefs weiter Kreise des Kleingewerbes in Österreich bringt, auf Grund authentischen Quellenmaterials, zahlreiche Angaben Waentig a. a. O., vgl. z. B. S. 336 f. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Die Handwerker in der Gegenwart, ygg Dafs auch die Verarmung der Handwerker wiederum sehr grofse Gradunterschiede in den einzelnen Gewerbezweigen aufweist, ist selbstverständlich. Es scheint, als ob durchgängig die Lage der Nahrungsmittelhandwerker, namentlich der Fleischer, am günstigsten, die einiger Bekleidungshandwerker, namentlich der Schuhmacher, am ungünstigsten sich gestalte. Das mag teilweise in der Verschiedenheit der Lage ihrer Handwerke seinen Grund haben. Ebenso sehr können aber andere Momente hier Einflufs ausüben. So pflegt sich die Zahl der Fleischereibetriebe viel besser der vorhandenen Arbeitsgelegenheit anzupassen, als etwa die der Schuhmacher ; aus dem sehr plausibeln Grunde, weil die Etablierung einer Fleischerei erheblich gröfsere Mittel verlangt und deshalb schwieriger und seltener ist als die Ansetzung in anderen Gewerbezweigen. Ferner verfügen, aus demselben Grunde, die Fleischer und verwandte „teure“ Handwerker über gröfsere Mittel, mit denen sie entstehende Einnahmeausfälle decken können u. s. w. Eines der lehrreichsten Symptome für den Wohlstand der einzelnen Handwerker, an dem auch die Abstufung der verchiedenen Gewerbe zum Ausdruck kommt, ist die Dienstboten haitun g. Ich teile hier für einige der wichtigsten Handwerker die Ziffern mit, welche die Berufszählung von 1895 zu Tage gefördert hat, und füge diejenige der Statistik von 1882 zum Vergleiche hinzu 1 . Danach kamen auf 1000 selbständige Dienende bei den: 1882 1895 Bäckern . . 467 428 Gerbern. . 445 466 Fleischern. . 408 405 Tapezierern . . 219 168 Buchbindern. . 217 215 Uhrmachern. . 173 175 Schlossern. . 126 133 Sattlern. . 112 107 Zimmerern. . 107 88 Malern und Stuckateuren . . 102 92 Hufschmieden . . . . ' . . 98 90,7 Maurern. . 88 72 Tischlern. . 61 67 Schneidern. . 36,5 31 Schuhmachern. . 31,2 30,5 1 Vgl. P. Voigt, Das deutsche Handwerk etc. S. 680 f. 634 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Die meisten dieser Ziffern weisen eine Verminderung von 1882 bis 1895 auf, lassen also auf einen Rückgang des Wohlstandes der Handwerker in diesen Gewerbszweigen schliefsen. Doch können hierbei auch wieder so mannigfache Umstände auf die Zahlenbildung Einflufs gehabt haben, dafs deren Beweiskraft nicht zu hoch angeschlagen werden darf. Vielleicht, dafs die Abstufung der Zahlen nach den verschiedenen Handwerken einigermafsen die that- sächliche Lage der einzelnen Meister widerspiegelt. Aber auch das möchte ich nicht ohne weiteres behaupten. Immerhin mögen sie doch wohl im Zusammenhang mit allen übrigen als ein Argument mehr für die Richtigkeit der Annahme gelten: dafs aufserordentliche Hilfsquellen und Nebenerwerb die grofse Masse der Handwerker vor einer mehr oder weniger rasch sich vollziehenden Verarmung nicht zu bewahren vermögen. Schlufs. ¥ Achtundzwanzigstes Kapitel. Die moderne kapitalistische Entwicklung in ihrer Bedeutung für die Neugestaltung der Gesellschaft. Die auf den vorangehenden Blättern gekennzeichnete Entwicklung findet, wie nicht anders zu erwarten ist, vom Standpunkt der gesellschaftlichen Gesamtstruktur aus ihren Ausdruck in einer völligen Neuschichtung der wirtschaftlichen Berufsverhältnisse. Wohl die markanteste Erscheinung der Gegenwart ist die starke Steigerung des Anteils der Gewerbetreibenden an der Gesamtbevölkerung, der vor fünfzig Jahren noch nicht ein Viertel ausmachte, jetzt aber nahezu zwei Fünftel beträgt. Nach der Berufszählung von 1895 gehören in Deutschland von der Bevölkerung Personen: A. zur Landwirtschaft (auch Forstwirtschaft und Fischerei) .... 18,50 Mill. = 35,7 °/o B. zu Bergbau und Industrie . . 20,25 - = 39,2 - C. zu Handel und Verkehr . . . 5,97 - = 11,6 - D. u. E. zu andern Berufen.3,72 - = 7,1 - F. zu den Berufslosen.3,33 - == 6,4 - Wie sehr der Anteil der gewerbetreibenden Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung stetig und noch immer zu steigen die Tendenz hat, machen folgende Ziffern noch deutlicher. Nach den deutschen G e w e r b e Zählungen von 1882 bezw. 1895 wurden ermittelt in der Industrie, einschliefslich Bergbau und Baugewerbe : 636 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Jahr Hauptbetriebe Erwerbsthätige Personen 1882 2 270 337 5 933 663 1895 2 146 672 8 000 503 Von 1000 Erwerbstätigen überhaupt gehörten der gewerblichen Produktion (nach den Berufszählungen) an: 1882 . 336,9 1895 . 361,4 Eine Zusammenstellung der Ziffern früherer Perioden (nach den in anderem Zusammenhänge mitgeteilten Quellen) und derjenigen der neueren Zählungen ergiebt folgendes Bild: Es entfiel 1 Gewerbthätiger in der Industrie etc. 1846 (Königreich Preufsen) auf 12,2 Einwohner 1858 - - - 10,3 1871 - - - 9,3 1882 (Deutsches Reich) - 7,6 1895 - - 6,5 Fast unmöglich ist es nun aber, auch nur mit annähernder Sicherheit das Verhältnis zu bestimmen, in dem sich die gewerblich thätigen Personen auf die Sphären des Hand werks und des gewerblichen Kapitalismus verteilen. Denn bekanntlich stellt die amtliche Statistik nur die Be- triebsgröfse fest und wir wissen, dafs diese über die Wesenheit der wirtschaftlichen Beziehungen gar wenig aussagt. Und gänz- *lich ausgeschlossen erscheint es, das Anteilverhältnis zu ermitteln, 'das die beiden Sphären wirtschaftlicher Organisation an der Gesamtproduktion haben. Denn bekanntlich sagt die Betriebsgröfse erst ■recht nichts über die thatsächliche Leistung der in jenem Betriebe beschäftigten Personen aus. Mit diesen Reserven mache ich im folgenden aus dem Zahlenmaterial der neueren deutschen Berufs- bezw. Gewerbezählungen einige Zusammenstellungen, wie sie mir noch am ehesten ein leidlich deutliches Bild von der ökonomischen Eigenart der modernen Gewerbe zu geben scheinen. Zunächst ziehe ich die Ziffern der „beschäftigten Personen“ für diejenigen Industriezweige, bezw. Be- triebsgröfsen aus, deren ausgesprochen kapitalistischer Charakter nicht in Frage gezogen werden kann. (Siehe Tabelle auf folgender Seite.) Die mitgeteilten Ziffern unterrichten über das unbestrittene Gebiet kapitalistischer Organisation, soweit sie sich der Formen des gesellschaftlichen Grofsbetriebes bedient. Hinzuzählen können Die wichtigsten Zweige der kapitalistischen Grofsindustrie. Zahl der beschäftigten Personen: V Achtundzwanzigstes Kapitel. Die moderne kapital. Entwicklung etc. (337 Oh über 1000 id Ot 00 ca 00 00 242 881 15 019 05 05 CO ■•£> oo t- ca io 00 ^ 05 O io IO ca t> o oo oo ^ HIMHH T-H i 42 777 9 969 2 830 1345 1 109 1441 5 297 1341 CO *o co 10,0 °/o 145 723 6 768 1081 13136 7 360 3 803 18 983 7 151 1 116 1509 o co co o ca o o- O p^" 201—1000 | IO as 00 rH ca 00 00 206 213 87 152 1—1 ^ CO t—i 05 IO 05 ■’T CO CO CO ow^ooco 05 ^ CO 05 00 co 05 -h ca 7 242 307 539 100 028 20286 C“- C 0 Id lO CO 00 05 P- 05 05 ca O P- c- o o o» p- 05 io ^ rH 1 © H 0 H p- co ca c- rH ^H rH © ©~ 00 co ca 185 544 42 587 29 124 55 516 11488 7 751 668 12 615 ^ICCOO •^H CO ‘d CO CO 05 CO 05 ^ C— CO lO co CO 1 —' rH CO 05 CO rH 1 © 1 © oo ca co co co co 05 co ^ r-t ca i© co ca rH co o co CO rH ca rH o 05 P- CO o ©~ rH CO ca -200 S 68 I 62 090 147 377 ocaoicioo ca 05 ca io o o i-< c^* co io ^ ca t-h 05 io ca »o oo Of ca 15 759 237 283 47 610 34733 O 05 rH r— 05 P"“ H co 05 O O l© ca rH oo o co oo «o rH oo ca co o co rH ca co p- ca rH 1100 263 o o' co ca O IC C- 05 i—i co io 10 0 05 0 05 O CO ^ 00 P- ca O O 05 00 O lC IC H 050 CO CO 00 CO P- co co i-H ca OSlOt-COiHrH ca i>* i-H 05 coco oo ^^ca 00 CO CO r-t coco ca o ca i© 05 ca co rjH o »—1 ic -»f ca CO TjH 1—1 co Tpcon rH 1—1 ca co i-tONrHlCOO CO CO »-H CO oo oo co «o ca o 00 O IO t— co Ht-O 0000 rH ca ca co ca p- p- p- ca o rH © Oi I> c— co ca ca ca ^ ca ca co 05 id i© co ca p- p- io 05 r*> oo r- ca o tc co ic 05 0010 05 p- th o ^ ca OO io 1 1 l-HOO 00 IC H ca ca t-h t-h co i i-H i-H rH ca coca ca ic co o oo ca oo JO rH CO P- ^ O i-H OICICCCOO^ co ca co 05 CO ^ 05 rH P« cO 05 ca r- ca o 05 ca ^ ca 05 tr^ rH oo co ca rH oo ca ca 00 CO 00 05 coca ca ic ca o o cd CO 1 © OrH ^ CO ca cs CO 1—1 H Ca rH ca co ^ ca ^ . . . i© rH O co CO CO »-< rH rH C>— CO ca rH oo o co ^ 00 00 00 ic co o co ca co OlC^C CO »© 00 T* 05 co io ca ca 05 o 05 co co ca 05 ca io rH rH 1 © co O P- co CO 00 1 —' 05 IO CO IO C-COCOIO IO P- CO CO Th rH io | CO co co co co ca —i IO C 5 00 00 05 CO IO IO CO H p ^ »o coca i— 05 rH rH rH J© i—| rH *«< 4 T* CO 05 oo ca ca io c- 10 05^0 i© ca i© co ca co 05 CO 05 OQOJCDiH|> O 00 co oo rH co co co ca 3 ca O !—• o ca 05 co oo C»OMO ca ca co ^ co o CD 00 O 05 CDCOH^HrH oaocaoc CO 05 05 O rH ca | co ^ o ca ca t- ■^HCOLCl (MHOHCOCO rH 1 1 ^ co ca i—i 05 rH rH rH i-H ca g-© !2 o d > Oi S -2 U © bDJS ffl o ci d c 3 JH (D G» © 3 e lO 0 ) 0 ) 13 OO T 3 rH jW CG 3 d _§ o ES «S-l 9 © S’g 0) - s § es d.2 J?iÜ bo ö «'S §' 53 ^. 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Ich begnüge mich damit, im folgenden die wichtigsten Zweige der Hausindustrie, d. h. die Gewerbeärten mit mehr als 1000 hausindustriellen Betrieben im Jahre 1895 nach den Angaben der amtlichen Statistik hier aufzuführen. Gewerbearten Zahl der Zahl der in den Hauptbetrieben beschäftigt. Personen Seit 1882 haben zu (+) oder abgenommen (—) Betriebe Betriebe Personen Grobschmiede. ) . . 1402 2 655 + 1394 + 2 638 Schlosser. 1162 3 060 + 1126 + 2 903 Zeugschmiede, Scheerenschleifer, Feilenhauer. 4496 7 774 2 006 — 4044 Stellmacher. 1005 1541 -1- 986 + 1519 Musikinstrumente. 2 727 3 686 + 1383 + 1955 Seiden- und Shoddy-Spinnerei. . 1242 1858 2 037 — 2 922 Baumwollenspinnerei. 1432 1298 — 4067 — 3645 Seidenweberei. 15 428 18 905 — 20 000 - 34381 Wollenweberei. 19 767 27 871 + 645 + 4 022 Leinenweberei. 24 572 26 378 10 660 — 14 667 Baumwollenweberei. 27 564 33 206 _ 18 859 — 19 089 Weberei von gemischten Waren 12 667 17 317 — 5 811 — 4 895 Gummi- und Haarflechterei . . . 2163 1341 + 1712 + 889 Strickerei und Wirkerei .... 23957 27 760 7 026 — 12 768 Häkelei und Stickerei. 5 894 5 901 _ 1251 — 549 Spitzenverfertigung und W eils- zeugstickerei. 9 382 14 372 "h 2 091 + 5 560 Posamentenfabrikation. 13 734 12 560 73 — 2 098 Sattlerei, einschliefsl. Spielwaren aus Leder. 2 017 3148 + 1041 + 1673 Verfertigung von groben Holzwaren . 2 013 2159 + 530 + 634 Tischlerei und Parkettfabrikation 5 589 13 583 + 3934 + 9 338 Korbmacherei. 5 586 8 379 + 3903 + 6 007 Strohhutfabrikation und Flechterei von Stroh. 2 233 2141 4185 — 2 836 Dreh- und Schnitzwaren .... 3 531 6 744 + 1805 + 3 526 Tabakfabrikation. 9 730 15 343 + 3400 + 6 949 .Näherinnen (auch in der Puppenausstattung) . 35 731 38456 12 391 — 11 502 Schneiderei. 42 583 70 034 + 17 268 + 30106 Konfektion. 5 732 6 937 + 382 + 885 Putzmacherei, künstliche Blumen 2 964 3178 + 376 + 96 Handschuhmacher, Kravattenfabr. 5154 5 429 4 087 — 3 653 Verfertigung von Korsetts . . . 1403 1226 j- 122 — 214 Schuhmacher. 21693 26 539 4 - 7 099 + 7 765 Wäscherei. 3 648 4 930 + 1353 + 2 388 Gesamtziffer für die Hausindustrie überhaupt. 342 767 459 852 — 43 744 — 16 223 Nun wäre aber nichts verkehrter, als etwa den Rest der Gewerbetreibenden dem Handwerke gutschreiben zu wollen. Ganz Achtundzwanzigstes Kapitel. Die moderne kapital. Entwicklung etc. (339 abgesehen davon, dafs auch in Gewerbezweigen, die in unserer „Fabrikentabelle“ nicht aufgeführt sind, schon äufserlich als kapitalistische Unternehmungen kenntliche Geschäfte von der Statistik ermittelt werden (etwa alle Betriebe mit mehr als 20 oder 50 Personen), so ist noch einmal mit allem Nachdruck zu betonen, dafs auch diejenigen Ziffern, die uns das Kleinbetriebspersonal in ehemaligen Handwerksgebieten angeben, ganz und gar nicht mit Sicherheit den Bestand des Handwerks zu umgrenzen vermögen, dafs in ihnen vielmehr aufserordentlich viel Elemente enthalten sind, die schon längst vom Kapitalismus in der einen oder anderen Form ergriffen sind. Was bedeutet es denn z. B., wenn uns von der Statistik in Deutschland 1895 nachgewiesen werden: Schneider in Alleinbetrieben ohne Motoren . 188 066 in anderen Betrieben mit 1 Person und in Betrieben mit 2—5 Personen 188 162 Also Schneider in „Kleinbetrieben“ .... 376 228 Etwa, dafs in Deutschland noch 376 228 Schneiderseelen handwerksmäfsig existieren?! Ein Blick auf unsere Quellen genügt, um diese Annahme als absurd zurückzuweisen. Also erklärt sich jene Ziffer doch wohl nur so, dafs die Statistik in ihr auch die von kapitalistischen Unternehmern beschäftigten ehemals selbständigen Schneidermeister und Schneidergesellen mit umfafst. Nur so wird es verständlich, dafs als „hausindustrielle“ Schneider im ganzen Deutschen Reiche nur 70 034 Personen ermittelt sind, während vielleicht Berlin und Breslau zusammen allein so viele in ihren Mauern haben. Nachdem ich dies voraufgeschickt habe, lasse ich eine Zusammenstellung folgen, in der die wichtigsten Zweige des früheren Handwerks mit den darin beschäftigten Personen aufgeführt sind. Wie gesagt, läfst sich nicht feststellen, wie viel von diesen Ziffern auf das Handwerk entfällt. Wollte man etwa annehmen, dafs in Betrieben mit mehr als 5 Personen in den aufgeführten Branchen ebensoviel handwerksmäfsige Elemente stecken, wie in den Betrieben mit weniger als 5 Personen Lohnarbeiter, so würde man die in letzteren gezählten Erwerbstätigen als den heutigen Bestand des Handwerks anzusprechen haben. Auf Grund dieser allerdings ziemlich vagen Berechnung käme man zu rund 2 Mill. Erwerbstätigen im Handwerk, denen rund 6 Mill. in der Sphäre des gewerblichen Kapitalismus entsprechen würden. (340 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Die wichtigsten Zweige des früheren Handwerks. Branche Insgesamt (Selbständige und Hilfspersonen) Allein ohne Motoren arbeit. Selbständige in anderen mit 1 Person u. i. Betrieben m. 2—5 Pers. 1882 j 1895 1882 1895 1882 1895 Kupferschmiede. . . 9 555 10 596 1422 1216 5 497 5106 Klempner. 37 364 49 953 7 561 8172 26 040 31269 Grobschmiede .... 140 155 142 351 27 134 22 231 108 004 112 050 Schlosser ...... 66 630 104 905 9110 7112 41 891 43 882 Stellmacher .... 71666 73 612 25 617 23 126 44 218 45195 Uhrmacher. 26 517 33388 8 518 10 296 12 504 13 649 Seiler. 16 639 17 464 4938 3 677 7 850 5 991 Buchbinder. 42 732 49 771 5 616 5 244 16 442 15157 Gerber. 44 594 43 969 3 031 2 016 17 188 10 073 Sattler. 54034 63 670 14 611 14 538 31782 35114 Tischler. 231 302 299 195 62 649 53465 128 929 140 404 Böttcher. 51732 43 005 21 773 15118 25 045 20535 Korbmacher .... 32447 (nicht be- 37 614 16 421 16 207 13 209 15465 Drechsler. sonders gezählt) 176 637 24392 11 951 7 006 18 809 12143 Bäcker u. Konditoren 261 916 26 442 19 315 132 282 188 732 Fleischer. 123 743 178 873 26 668 24109 89199 126 216 Schneider. 324 241 445 348 154 571 188066 141822 188 162 Kürschner. 13 546 14487 4144 3 658 7 221 5478 Schuhmacher .... 404 278 388 447 163 182 169 434 208 994 158 740 Maurer. 202 929 284 265 29 079 37 442 44 793 36 593 Zimmerer. 114 329 133 322 17 102 20 664 37 660 32 696 Glaser . 18417 20 025 7 686 5 924 9 828 11547 Maler. 71440 117 016 15 460 18 175 39 361 51 355 Dachdecker. 23 837 32 108 7 457 7 779 11947 13 228 Steinsetzer . 10 478 20 398 1863 1869 3417 2 664 Insgesamt Im Durchschnitt von 2 309 242 2 890 090 674 006 685 859 1 223 932 1 321 444 sämtl. Branchen . — 29,3 °/o 23,7 °/o 53,2 o/o 45,7 °/o Aus den bisher mitgeteilten Ziffern ergiebt sich zur Evidenz, dals die Handwerkerbevölkerung numerisch stark gegen früher zurückgegangen ist, woraus allein wir schon auf eine abnehmende Bedeutung des Hand wer ks als socialer Klasse schliefsen dürfen. Bestätigt wird diese Annahme durch einen Vergleich der Ziffern aus verschiedenen Epochen, in denen der Anteil der selbständigen Handwerksmeister an der gewerblichen bezw. der Gesamtbevölkerung zum Ausdruck kommt. Wenn wir die Familienangehörigen der Meister in den preufsi- schen Handwerkertabellen von 1849 und 1861 nach demselben Verhältnis berechnen, das die Berufszählung von 1895 ergeben hat — 2,05 : 1 —, so finden wir, dafs die von den Handwerksmeistern und ihren Angehörigen repräsentierte Bevölkerungsquote von der Gesamtbevölkerung des preufsischen Staats Achtundzwanzigstes Kapitel. Die moderne kapital. Entwicklung etc. (J41 1849 . 10 °/o 1861.8,8 - ausmachte, während die von P. V o i g t 1 als Handwerksmeister aus der neuesten Berufszählung herausgezogenen „Selbständigen“ nebst ihren Angehörigen von der Gesamtbevölkerung des Reichs: 1895 . 7,6 °/o darstellen. Doch sind das, wie gesagt, reichlich ungenaue Berechnungen, weil ja 1895 unter den „Selbständigen“ die zahlreichen Unternehmer einbegriffen sind, auch die Auswahl der als „Handwerke“ angesprochenen Gewerbe selbstverständlich nicht frei von Fehlgriffen sein wird. Sie gewinnen allerdings an Wahrscheinlichkeit, wenn wir sie mit den doch etwas zuverlässigeren Ziffern der „Verhältnisse“ vergleichen, die wir oben bereits kennen gelernt haben. Danach wird man das eben ausgesprochene Urteil: die Handwerkerklasse habe sich numerisch im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung des Reichs nicht unwesentlich vermindert — durch die angeführten Zahlen bestätigt finden. Nun mufs aber bedacht werden, dafs es noch immer keine richtigen Vorstellungen von der Bedeutung des Handwerks als socialer Klasse erweckt, wenn wir die Gesamtzahl der Handwerksmeister und ihrer Angehörigen im ganzen Reich — Stadt und Land — mit der Gesamteinwohnerzahl Deutschlands vergleichen. Denn wo das specifische Handwerkertum zu Hause ist, das sind die Städte. Auf dem Lande verschwindet der Handwerkerstand als selbständige sociale Klasse und geht in den Schichten der ländlichen Bevölkerung auf, der er seinen Einkommensverhältnissen nach sich angliedert. Erst in den Städten gewinnt er die Bedeutung einer selbständigen, in ihren Eigenarten scharf umrissenen socialen Klasse. Wir müssen also auch, um seine zunächst numerische Bedeutung als Klasse in der Gesellschaft richtig zu würdigen, seine Vertreter in den Städten in ein Verhältnis zur städtischen Bevölkerung setzen. Die Ergebnisse der „Erhebungen“ ermöglichen für das Jahr 1895 einen solchen Ansatz. Um eine vergleichbare Ziffer für die Mitte des Jahrhunderts zu gewinnen, können wir den Anteil der städtischen Handwerksmeister, die in der preufsischen Handwerkertabelle von 1849 aufgeführt werden, an der damals in Städten 1 P. Voigt, Das deutsche Handwerk etc. S. 635 f. Sombart, Der moderne Kapitalismus. I. 41 042 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. wohnenden Bevölkerung des preufsischen Staates feststellen 1 . Dann ergiebt sich folgendes: es kamen in den Städten auf 1000 Bewohner Handwerksmeister: 1849 56,6 1895 27,1 Oder — beide Ziffern um das 2,05 fache vermehrt — von 1000 Bewohnern der Städte gehörten der selbständigen Handwerkerklasse an: 1849 . 172,6 1895 . 82,6 Das sind natürlich viel bedeutsamere Ergebnisse. Danach ist der Anteil der Handwerkerklasse (ohne Hilfspersonen) an der Gesamtbevölkerung in den Städten, wo sie allein selbständiges Leben hat, während der letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts von rund V# auf rund Via gesunken! Die sociale Bedeutung des Handwerks ist nun aber offenbar noch in einem viel gröfseren Verhältnis herabgemindert worden, als es diese reinen Quantitätsziffern auszudrücken vermögen. Denn selbstverständlich wird die Stellung und Geltung einer Klasse aufser durch ihre numerische Stärke durch eine Reihe anderer Momente, vor allem durch ihre ökonomische Lage, ihre Einkommensverhältnisse, ihren Anteil an der Intelligenz des Landes u. s. w. wesentlich mitbestimmt. In allen diesen Punkten ist nun sicherlich die Lage der Handwerker keine bessere im Vergleich zu den übrigen Klassen der Bevölkerung geworden. Denn während alle Anzeichen dafür sprechen, dafs Wohlstand und Spannkraft der Handwerker zurückgehen oder mindestens keine Steigerung erfahren, hebt sich ganz ohne allen Zweifel das Reichtums- und Machtniveau anderer Schichten der Bevölkerung, die wir als Träger aufstrebender Wirtschaftssysteme bezeichnen können. Etwa wie die Junker zur Bourgeoisie, so stehen heute die Handwerker zu den zahlreichen Vertretern der mittleren Bevölkerungsschichten, deren Schicksal mit dem kapitalistischen Wirtschaftssystem verknüpft ist. Ich meine etwa zahlreiche Wirte und Händler, höhere Angestellte kapitalistischer Unternehmungen bis zu den Kommis und Werkmeistern hinab, Agenten, Reisende etc. Gleichzeitig hebt sich das Wohlstandsniveau der ihre Zahl unausgesetzt vermehrenden Beamtenschaft: 1 Olme die Musikanten etc. zählt die Tabelle 251850 Handwerksmeister in den Städten auf, deren Bevölkerung nach der Zählung vom Dezember 1849 4565869 Köpfe betrug. Vgl. von Eeden, a. a. 0. 1, 40. Achtundzwanzigstes Kapitel. Die moderne kapital. Entwicklung etc. 643 die Sekretäre, Volkschullehrer u. dergl., die etwa mit den Handwerkern gleiche Einkommensbezüge genossen, steigen in ihren Einnahmen. So kann es denn nicht ausbleiben, dafs die Repräsentanten der Handwerkerklasse, selbst wenn sie nur auf ihrem früheren Wohlstandsniveau verharrten, während sie doch allem Anschein nach davon heruntersinken, ihre Rangstellung in der Hierarchie der Gesellschaft zu ihren Ungunsten verschoben sehen: sie werden nicht nur weniger an Zahl, die übrig bleibenden verlieren auch aufserdem noch an Gewicht und Wert. Am deutlichsten ist dieser Umschichtungsprozefs naturgemäfs in Städten mittlerer Gröfse, wo die Upper ten thousend und die eigentliche Fabrikarbeiterbevölkerung noch keine hervorstechende Rolle spielen. Wie jedermann, dem klein- und mittelstädtische Verhältnisse vertraut sind, aus eigener Erfahrung wird bestätigen können. In unseren Untersuchungen über die Lage des Handwerks finden sich auch zwei sehr lebendige Darstellungen dieses hier von mir geschilderten Prozesses der Deklassierung des Handwerks; gerade für zwei sehr interessante Städtetypen: Eisleben und Salzwedel, d. h. eine kleinere Mittelstadt (Eisleben 1894 = 22 865 Einw.) und eine gröfsere Kleinstadt (Salzwedel 1894 = 9059 Einw.). Von Eisleben heifst es u. a.: „Die frühere das städtische Leben beherrschende Bedeutung des Handwerks und sein bestimmender Einflufs auf die sociale Schichtung der Bevölkerung ist vollständig geschwunden.“ „Der einst so zahlreiche Handwerkerstand ist nur noch schwach vertreten. Mit etwa 500 selbständigen Meistern und deren Angehörigen umfafst er kaum den zehnten Teil der Gesamtbevölkerung. Nur ein Teil der Meister gehört dem Einkommen nach zum Mittelstände, der hauptsächlich von den Kaufleuten, den staatlichen, kommunalen und gewerkschaftlichen Beamten, einigen Ärzten, Rechtsanwälten, den Gärtnern und den zahlreichen Lehrern gebildet wird.“ „Lehrer und Beamtenschaft werden demnach zum Mittelstände wohl zweimal so viel Vertreter stellen wie der Handwerkerstand.“ (U. IX, 375. 277. 351.) Noch deutlicher fast tritt der Umschichtungsprozefs in der Schilderung der Klassenverhältnisse in Salzwedel zu Tage: „Die früheren Meister zählten zu den achtbarsten und angesehensten Familien der Stadt; als tüchtige Männer waren sie überall geschätzt und wurden von jedem gegrüfst. Die jetzt ansässigen Klempner kennt aufser ihren Kunden niemand mehr; aus der Stelle eines den besten gleichgeachteten Bürgers sind sie zu unbekannten Arbeitern herabgesunken, von denen niemand mehr Notiz nimmt. Zum Teil 41 * ; 644 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. mag dies seinen Grund darin haben, dafs von den jetzt ansässigen Klempnern nicht einer aus einer alteingesessenen Bürgerfamilie stammt; aber auch dies ist ein Anzeichen für die schlechte Lage unseres Handwerks, dafs die alten Bürgerfamilien sich von ihm abwenden und es zuwandernden Fremden überlassen. Diese gesellschaftliche Degradation erstreckt sich durchgehends auf fast alle Handwerker der Stadt; sie sind gesunken, und die ihnen früher kaum gleichstehenden Kaufleute sind auf ihren Schultern emporgestiegen, so dafs heute die Kaufleute, die Bierbrauer, die paar Fabrikanten, die Gymnasiallehrer, Arzte und sonstigen Studierten die erste Klasse bilden; ihnen folgen die kleinen Beamten auf der Post, dem Gericht, die kaufmännischen Angestellten u. s. w., und erst die dritte Schicht, die mit den beiden anderen gesellschaftlich fast gar nicht in Berührung kommt, bilden die Handwerker.“ (U. I, 155.) Von Interesse ist es auch, den Anteil zu verfolgen, den der Handwerkerstand zur Intelligenz des Landes stellt. Wir besitzen einen dankenswerten Hinweis auf diesen Punkt abermals in dem Berichte über die Lage des Handwerks in Eisleben (U. IX, 351). Dort sind nämlich die Ziffern derjenigen Handwerkersöhne mitgeteilt, die in das Eislebener Gymnasium in der Zeit von 1878 bis 1896 aufgenommen worden sind. Das waren von insgesamt 664 Schülern nur 43 oder 6,4 °/o. Und zwar — was das wichtigste ist — hat sich der Anteil der Handwerkersöhne beständig vermindert. Es betrug nämlich die Zahl der Handwerkersöhne von den überhaupt auf das Gymnasium aufgenommenen Schülern: 1873—83 . .. 8,2 °/o 1884—89 . 6,1 - 1890-96 . 4,8 - Zu ähnlichen Ergebnissen ist eine unlängst von Bernhard Harms auf der breiten Basis einer umfassenden Enquete veranstaltete Untersuchung gekommen h Harms hat an etwa 600 höhere Schulen (d. h. solche, die das Recht der Verleihung des Berechtigungsscheines zum Einjährig Freiwilligen Militärdienst besitzen) in Preufsen und Württemberg Fragebogen versandt, von denen etwa 330 beantwortet sind. Danach waren in Preufsen von 143 135 zur Erhebung gekommenen Schülern 15 665 „Handwerkersöhne“ (10,5 °/'o), dagegen in Württemberg von 9668 bezw. 1991 (20,6 °/o). Was hier 1 Bernhard Harms, Handwerkersöhne an höheren Lehranstalten in den Jahrbüchern für Nat.Ök. III. F. 21 (1901), 215 ff. * 5 w * ■* Achtundzwanzigstes Kapitel. Die moderne kapital. Entwicklung etc. (345 aber allein interessiert: in beiden Ländern bat ihr Anteil während der letzten 25 Jahre sich stark verringert. In der Zeit von 1876/80 bis 1896/1900 stieg die Zahl der in Preufsen in Württemberg Handwerkersöhne um 23,4°/o 35,3 Nichthandwerkersöhne um 41,5 - 62,5 Der Anteil der Handwerkersöhne im ganzen sank also während jenes Zeitraumes in Preufsen von 11,8 auf 10,7°/o, in Württemberg von 21,5 auf 18,5 °/o. Für Preufsen sind dann für einige „Handwerke“ gesonderte Angaben gemacht. Es ergiebt sich, dafs der Anteil der Handwerkersöhne an der Gesamtschülerzahl gestiegen ist bei den Buchdruckern, Schneidern, Schlossern, Malern, Tischlern und Metzgern. Es bedarf keiner weiteren Ausführung, dafs es sich gerade in diesen Gewerben vielfach nur um Söhne klein- kapitalistischer Unternehmer handeln kann; gerade in den genannten Berufen bleibt häufig die alte Bezeichnung als Handwerksmeister (im Gegensatz zum Fabrikantentitel) bestehen, auch wenn es sich um Geschäfte handelt, in denen ein grofses Kapital arbeitet. Berücksichtigt man diese Thatsache, so gewinnen die Ziffern der Harmsschen Enquete noch mehr an Bedeutung. Sie lehren alsdann, dafs der Rückgang des Anteils, den das eigentliche Handwerk an der geistigen Führerschaft der Nation hat, ein noch viel gröfserer sein mufs, als ihn die berechneten Gesamtziffern zum Ausdruck bringen. Eine vollgewichtige Bestätigung finden alle diese auf Einzelbeobachtung beruhenden Schilderungen in den Ziffern der Berufszählung von 1895. Diese ergiebt ein ungeheures Anwachsen aller jener Elemente der Bevölkerung, die nach der socialen Wertung und ihrem Wohlstandsniveau den Platz des deklassierten Hand- werkertumes einzunehmen berufen sind. Während nämlich die Zahl der selbständigen Gewerbetreibenden insgesamt von 2 201 146 im Jahre 1882 auf 2 061 870 im Jahre 1895 gesunken ist, — die der darin enthaltenen selbständigen Handwerker also in einem noch viel rascheren Verhältnis — haben sich folgende Personenkategorien in beträchtlichem Umfange vermehrt: Es beträgt die Zahl 1882 1895 der niederen Staats- und Gemeindebeamten. 119 735 175 056 - Lehrer aller Art, also doch vornehmlich Volksschullehrer . 167 930 218 009 des höheren Verwaltungspersonals (b-Personen) in Bergbau, Industrie und Bauwesen. 99 076 263 747 der Angestellten (b-Personen) in Handel und Verkehr 141548 261907 - selbständigen Wirte. 143 375 175 712 » 671664 1094431 (j4(5 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Was mir jedoch alle diese Ermittlungen an Wichtigkeit weit zu übertreffen scheint, ist die Beobachtung, dafs das Handwerk überhaupt als selbständige sociale Klasse sich aufzulösen im Begriffe ist. Die Radamontaden der Schreier auf den Handwerkerkongressen dürfen uns über diese unzweifelhafte That- sache nicht hinwegtäuschen *. Allerdings handelt es sich einstweilen noch bei weitem nicht um ein fait accompli, sondern nur um die ersten Anzeichen einer beginnenden Zersetzung des specifisch hand- * werklichen Klassenbewufstseins. Aber weil diese auf eine wachsende Tendenz schliefsen lassen, müssen sie vom socialen Beobachter gewissenhaft registriert werden. Dabei möchte ich wieder dem Land- | handwerk, wenigstens soweit es in jener organischen Verbindung mit der Landwirtschaft steht, eine gesonderte Stellung zuweisen. Weil in ihm niemals recht ein selbständiges Klassenbewufstsein überhaupt je rege geworden ist— sei es wegen der Pflanzenhaftigkeit seiner Existenz aufserhalb städtischen, also kulturellen Daseins schlechthin, sei es wegen der Zwitterhaftigkeit seiner Interessen — so kann natürlich auch von einer Verschiebung seines Klassenbewufstseins nicht wohl die Rede sein. Seine Entwicklung auch als sociale Interessengruppe scheint mir vielmehr aufs engste mit dem Schicksal der kleinbäuerlichen Bevölkerung verknüpft. Sollte 0 diese einmal in eine agrarisch-revolutionäre Bewegung eintreten, so würden die Dorfhandwerker als die verhältnismäfsigen Intelligenzen 1 Es ist eines der zahlreichen Verdienste des.Waentigschen Buchs, den akten- und ziffemmäfsigen Nachweis geliefert zu haben für das Mifsverhältnis zwischen dem äufseren Anschein, dem nach die Handwerkerbewegung eine kraftvolle, zukunftsreiche Massenbewegung ist, und ihrer inneren Nichtigkeit und Bedeutungslosigkeit. Es gilt für Deutschland nicht minder, als für Österreich, was der Verfasser als Ergebnis seiner eingehenden Untersuchungen über die Bedeutung der Handwerkerbewegung a. a. 0. S. 168 zu- sammenfafst: „. . . weder ihrer Ausdehnung, noch ihrer Intensität nach kann die . . Handwerkerbewegung in ihrer jüngsten Phase als socialpolitischer Machtfaktor angesehen werden. Und auch damit darf man sich nicht etwa trösten wollen, dafs man es mit bescheidenen Ansätzen zu gröfserem zu thun habe. Denn was man zuletzt an ihr erlebte, das waren nicht die ersten stürmisch-ungelenken Regungen des überströmenden Kraftgefühls einer aufstrebenden Bevölkerungsklasse, sondern[die letzten konvulsivischen Zuckungen eines abgezehrten und greisenhaften Leibes, der sich im Todeskampfe windet. Die Altersschwachen, Kränklichen und Gebrechlichen haben sich in ihr zusammengefunden, die Jugendfrischen und Wohlgeratenen, die Starken und Zukunftsfreudigen, wohlgemerkt auch im Handwerk — vgl. dazu meine etwas andere Auffassung unten S. 649 f. — halten sich fern von ihr. Sie haben neue und .andere Ideale“ . . . * Achtundzwanzigstes Kapitel. Die moderne kapital. Entwicklung etc. (547 etwa dieselbe Führerrolle auf dem Land zu übernehmen berufen sein, wie die boutique bei kleinbürgerlichen oder proletarischen Bestrebungen. Unser Augenmerk mufs vielmehr an dieser Stelle ausschlielslieh auf die Vorgänge im Schofse des eigentlichen, d. h. des städtischen Handwerks gerichtet sein. Innerhalb dieses schwindet das alte gemeinsame Klassenbewufstsein in dem Mafse, wie die Zersetzung und Auflösung seiner Organisation selber fortschreitet. Die ursprüngliche Interessengemeinschaft zwischen Meister und Gehilfen — Gesellen wie Lehrlingen — ist schon heute so gut wie verschwunden. Wir sahen sie in den gröfseren Städten schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts ins Wanken kommen. Jetzt gehört die Sitte, dafs der Geselle Wohnung und Kost beim Meister in natura hat, doch schon in den kleineren Städten offenbar zu den Seltenheiten — von einzelnen Gewerben, wie Fleischern, Bäckern, Friseuren abgesehen, deren Technik das Zusammenleben notwendig macht, während sie freilich in Dörfern und Landstädtchen noch durchaus verbreitet zu sein scheint. Erfolgte Auflösung der patriarchalischen Beziehungen wird berichtet aus Altona und Umgegend (U. I, 26), Posen (I, 92), Jena z. T. (IX 13. 38. 61. 86). Doch haben wohl die Referenten in den meisten Fällen die Erwähnung solcher erfolgten Auflösung nicht für nötig befunden. Wenigstens finden wir in den Berichten in der Regel nur einen Hinweis, wenn die alte Sitte noch besteht 1 . Was sich hier erhält, scheint aber doch mehr ein verfallender Körper zu sein, aus dem der Geist längst entschwunden ist. Denn von einer rechten Arbeits- und Interessengemeinschaft der Meister uud Gesellen vernehmen wir 1 Ich gebe hier ein Verzeichnis der betreffenden Stellen in den U., da der Index kein darauf bezügliches Stichwort enthält. Schuhmacher in Loitz (I, 41), desgl. in Stadt und Kreis Dramburg (I, 58), ebendaselbst die Schmiede (IV, 150), dieselben in Löbau (IV, 200), Tischler in Könitz (IV, 172), im Spreewald (VII, 512). Fast alle Handwerker in: Nakel (IV, 205), Gahlenz (V, 17), Deutsch-Lissa (IX, 492. 497. 503), Krampitz (IX, 505 f.), Könitz (IX, 523 f.). Von den Bäckern wohnten sogar in Berlin nach der von der Kommission für Arbeiterstatistik veranstalteten Enquete noch 91,5% aller Gesellen und Lehrlinge beim Meister: Erhebungen 1, 54. Von den Münchener Friseuren stehen 54% in sog. „halber Kost“, d. h. haben freie Wohnung, Morgenkaffee, Mittagbrot und zuweilen noch Nachmittagskaffee, 27% haben vollständig freie Station, d. h. stehen in „ganzer Kost“, reinen Geldlohn erhalten nur 13% — dies alles ermittelt unter 149 Gehilfen von 458 insgesamt. Vgl. Paul Sander, Die Lage des Barbier- und Friseurgewerbes, auf Grund einer in München veranstalteten Umfrage dargestellt (1898), 44/45. 648 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. nirgends etwas. In den Grofsstädten ist das selbstverständlich, aber auch, ja gerade in den kleinen Städten hat sich, ich möchte sagen, der Hafs der beiden Elemente gegeneinander zu einer Spannung entwickelt, dafs er Funken schlägt. Die Klagen der Meister, dafs mit dem Arbeitermaterial auch gar nichts mehr anzufangen sei, weil die Gesellen für wenig und schlechte Arbeit viel Lohn forderten und aufserdem noch aufsässig seien, schallen aus allen Winkeln des Reichs. Vielfach drängen jetzt die Meister selbst zu einer Auflösung der alten Gemeinschaftsbande: die äufsere Form ist ein unerträglicher Zwang geworden, seit sich der Inhalt verändert hat 1 . An die Stelle der patriarchalisch geregelten Arbeitsgemeinschaft tritt aber mehr und mehr das kapitalistisch-proletarische Vertrags. Verhältnis. Der Accordlohn, dieses Wahrzeichen des modernen rein geschäftsmäfsigen Arbeitsvertrages, wird mehr und mehr auch im Handwerk zur Regel. Und im Gefolge dieser Wandlungen in den Beziehungen zwischen Meister und Gesellen treten alle die .specifischen Erscheinungen auf, die das proletarische Lohnarbeiterverhältnis charakterisieren: Tendenz zur Verkürzung des Lohns, zur Verlängerung der Arbeitszeit, Ausbeutung jugendlicher Arbeitskräfte u. dgl. 2 : das alles wo möglich mit gröfserer Intensität als in den meisten Grofsbetrieben, weil ja die Not der Meister eine viel gröfsere ist. Das alte Lehrherrnverhältnis zum Lehrling ist zerrissen; übereinstimmend lauten die Urteile im höchsten Grade ungünstig Uber die Behandlung und Ausbildung der Lehrlinge. So löst sich zunächst die Arbeiterschaft — oder hat es schon gethan — aus der alten Klassenzugehörigkeit vollständig heraus und gruppiert sich um neue Ideale. Dafs dieses die allgemein proletarischen sind, kann nicht zweifelhaft sein: schon heute ist der Übergang von i der Werkstatt des Meisters in den Arbeitssaal des Unternehmers für die Mehrzahl der Berufszweige dem Gesellen eine vertraute Erscheinung, ebenso wie er gelegentlich aus dieser in jene 1 Vgl. z. B. die interessanten Ausführungen für Graz: UOe. 307. 2 Vgl. U. Index s. v. „Arbeiterverhältnisse“, und in diesemWerkeBd.il Buch III. Besonders reichhaltiges Material zur Beleuchtung dieser Frage besitzen wir für Österreich: vgl. z. B. E. Mi s chl er, Die österreichische Gewerbeinspektion etc. in Brauns Archiv Bd. VI (1893), S. 472. 475. 478. 479. 482. 483. 485. 486, wo treffend im Zusammenhänge dargethan wird, dafs das Handwerk alle Übelstände des kapitalistischen Regimes für die Arbeiterschaft in vergröfsertem Mafsstabe aufweist. Dazu neuerdings völlig übereinstimmend und wiederum das beweiskräftige Material stark vermehrend Waentig, a. a. 0. S. 230 ff. Achtundzwanzigstes Kapitel. Die moderne kapital. Entwicklung etc. 649 wieder zurückkehrt: der Schlosser, der Tischler, der Schuhmacher, der Gerber, der Bauhandwerker, der Böttcher und viele andere Gesellen sind heute im Handwerk, morgen in der kapitalistischen Unternehmung beschäftigt. Kein Wunder, dafs sich bei ihnen ein gemeinsames Klassenbewufstsein herausbildet: ganz gleich, ob sie hier oder dort zufällig arbeiten: das Klassenbewufstsein des Proletariers. Gerade diese Elemente sind es, die wir als die Führer der Arbeiterbewegung zu betrachten haben, so sehr, dafs man dieser irrtümlich einen noch halb handwerksmäfsigen Charakter hat vindi- cieren wollen 1 , während man richtig aus dieser Thatsache auf die vollständige Hereinziehung der Gesellenschaft in die moderne proletarische Bewegung schliefst. Aber bei dieser Absonderung der Gehilfen von den Meistern ist der Auflösungsprozefs des Handwerks als socialer Klasse nicht stehen geblieben: er ist in dieReihen der Handwerksmeister selber eingedrungen. An verschiedenen Stellen habe ich darauf hingewiesen, wie sich in der Betriebsgröfsengestaltung eine konstante Differenzierungstendenz in der Weise durchsetzt, dafs auf der einen Seite die grofsen Betriebe gröfser, die kleineren kleiner werden, bis sie zum Alleinbetriebe herabsinken. Wir fanden, dafs diese Differenzierung schon um die Mitte des Jahrhunderts erheblich weit fortgeschritten war; sie ist seitdem nicht zum Stillstände gekommen, wie andere der mitgeteilten Ziffern ersichtlich machen. Was nun aber früher einen rein quantitativen Unterschied innerhalb einer und derselben Klasse bedeutete, das ist jetzt vielfach schon in einen qualitativen Unterschied umgeschlagen. Es hat dazu geführt, die Interessengemeinschaft und das Klassenbewufstsein der Meister selber zu zersetzen. Während nämlich über der alten Handwerkerklasse sich immer mehr Existenzen grofser, „kapitalkräftiger“ Meister herausbilden, die schon mit einem Fufs in der Bourgeoisie stehen, deren Interessen sich mehr und mehr von denen ihrer alten Handwerksgenossen löst und sich mit denen der kapitalistischen Unternehmer eint, werden die unteren Schichten der Handwerksmeister immer mehr ebenfalls ihrer Klasse entfremdet und gewinnen Schritt vor Schritt mehr Fühlung mit der Lohnarbeiterschaft in Handwerk und kapitalistischer Unternehmung: d. h. treten in die Interessengemeinschaft des Proletariats als Klasse ein. 'Wir dürfen schon heute die Mehrzahl der verarmten Allein- 1 K. Oldenberg, Arbeitseinstellungen, H.St., Suppl. I. 650 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. meister in den Städten viel eher dem Proletariate als dem Handwerk zurechnen. So stehen sich innerhalb des alten Handwerks drei Gruppen unterschiedlich gegenüber: 1. die Klein- und Alleinmeister und die Gesellenschaft — dem Proletariat verfallen; 2. die wenigen kräftigen Existenzen, die sich aus dem Handwerkerelend heraus zu Unternehmern aufzuschwingen im Begriffe sind — Proselyten der Bourgeoisie; 3. der Rest der noch als Handwerker fühlenden und — fordernden Meister, die noch zu widerstandsfähig sind, um ins Proletariat überzugehen, aber nicht kräftig genug, um höher hinaufzukommen. Sie schmelzen in dem Mafse zusammen, wie das Produktionsgebiet des Handwerks sich verengert, die Verarmung der Handwerker zunimmt und der Differenzierungsprozefs der Betriebe fortschreitet. So dafs es nach alledem nicht voreilig geurteilt erscheint, wenn wir sagen: das Handwerk sei im Begriffe, sich als sociale Klasse überhaupt aufzulösen. Die Richtigkeit dieser Ausführungen kann natürlich nicht in einem exakten Beweise dargethan werden: die Imponderabilien, die hierbei in Erwähnung zu ziehen sind, lassen sich nicht ziffernmäfsig ausdrücken und vieles kann nur deduktiv, freilich für den Einsichtigen darum nicht weniger zwingend nachgewiesen werden. Immerhin werde ich noch einige andere Urteile zur Bekräftigung des meinigen anführen: „Zwischen dem kleinen Meister, heifst es von den Schuhmachern in Altona und Umgegend, und den Gesellen, deren wirtschaftliche Lage eigentlich eine gleich traurige ist, entwickelt sich oftmals ein Gefühl der Solidarität, und im politischen Kampfe steht der arme Handwerker häufiger, als man vielleicht wähnt, in den Reihen der Arbeiter. So war der Vertrauensmann der socialdemokratischen Partei in einem Orte ehrsamer Meister der Schuhmacherinnung; der Obermeister einer anderen Innung bekundete öffentliche Übereinstimmung mit den socialdemokratischen Anseinandersetzungen seines Gesellen, und diese Beispiele liefsen sich häufen.“ (U. I, 29.) „Die Schmiede in Eisleben sind in ihrer grofsen Mehrzahl nicht als selbständige Handwerker zu betrachten. Sie selbst zählen sich auch vielfach nicht mehr zu ihnen, halten sich von allen Handwerkerdemonstrationen fern — und fühlen sich mit dem übrigen Proletariat solidarisch. Die socialdemokratische Bewegung in Eis- Achtundzwanzigstes Kapitel. Die moderne kapital. Entwicklung etc. 65 J leben stützt sich hauptsächlich auf die Kleinmeister und Gesellen des Schneiderhandwerks.“ (U. IX, 304/5.) Dies ist die Auffassung der besten Sachkenner. So schrieb mir der Vorsitzende der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands, Herr Legien, gelegentlich einer Anfrage über diesen Punkt folgendes: „Eine ganze Zahl von kleinen Handwerksmeistern ist Abonnent der durchaus in proletarischem Sinne gehaltenen Gewerkschaftsblätter. In vielen Gewerkschaften sind kleine Handwerksmeister neben den Arbeitern und, wie ich persönlich beobachtet habe, neben den bei ihnen beschäftigten Arbeitern Mitglieder, ohne dafs ihnen die Gewerkschaft Vorteil bieten könnte. Es liegt hier also die Tendenz vor, die Zugehörigkeit zum Proletariat zu dokumentieren. Einzelne Gewerkschaften haben auch Arbeitgeber als Verwaltungsbeamte. Besonders aber bei den Krankenkassen . . finden sich in diesen Stellungen Handwerksmeister. Die Erfahrungen, die ich persönlich bei der Ausübung meines Gewerbes (Drechslerei) in vielen Städten Deutschlands gemacht habe, belehren mich, dafs eine nicht unbeträchtliche Zahl kleiner Handwerksmeister offen ihre Zugehörigkeit zum Proletariat erklären.“ Jene Verschiebung des Klassenstandpunkts der kleinen Meister äufsert sich auch darin, dafs sie gelegentlich jetzt mit den Gesellen zusammen gegen das Kapital Front machen. Das war beispielsweise bei der letzten grofsen Bewegung im Breslauer Tischlergewerbe der Fall, wo die verbündeten Meister und Gesellen gegen die Möbelmagazine zu Felde zogen. Von symptomatischer Bedeutung ist ferner auch die wachsende Stimmenzahl, die die Socialdemokratie bei der Wahl der Gewerbegerichtsbeisitzer auf ihre Listen der Arbeitgeber vereinigt. Erfahr ungsgemäfs beteiligen sich bei den Gewerbegerichtswahlen fast nur mittlere und kleinere Gewerbetreibende, die Grofsindustriellen sehr wenig. Die grofsen Minoritäten oder gar Majoritäten sprechen also für ein starkes Hinneigen zahlreicher „Handwerker“ zu der Arbeiterschaft. Nach einer freundlichen Mitteilung des Herrn Dr. Max Quarck ergab sich für die socialdemokratischen Arbeitgeberlisten bei den Gewerbegerichtswahlen folgendes Stimmenverhältnis: I. Minoritäten in Apolda (1891), Gotha, Heilbronn, Elberfeld (sämtlich 1894), ferner in Freiburg i. Schles. (94) 16 Stimmen gegen ? Leipzig (91) 249 - - 505 (94) 397 - - 455 652 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. Leipzig (97) 190 Stimmen gegen 1066 Halberstadt (95) 55 155 Weimar (96) 8 25 Saalfeld (94) 24 91 Coburg (96) 20 23 Braunschweig (95) 9 24 Hildesheim (95) 21 115 Elberfeld (95) mit ein Viertel der Stimmen. Köln (96) 69/19 Stimmen gegen ? Kaiserslautern (92) 222 Stimmen gegen 889 Stuttgart (91) 123 273 - (94) 129 353 II. Majoritäten in Altona (92) für 4 Kandidaten auf 14 Gruppen, Berlin (92) in 2 Bezirken mit ? Stimmen, (94) in 4 Bezirken mit 1152 Stimmen (28 °/o), (96) für 21 Kandidaten auf 210 Gruppen, Charlottenburg (94) für 7 Kandidaten auf 9 Gruppen, Hannover (94) für 2 Kandidaten und 29 bezw. 48 Stimmen auf 24 Bezii'ke, Halberstadt (94) für 16 auf 18 Kandidaten und 126 gegen 106 Stimmen (nachträglich ungültig erklärt), Erfurt (94) für 7 Kandidaten auf 13, Frankfurt a. M. (93) für sämtliche Kandidaten, - - (97) - - - und 429 Stimmen bei völliger Stimmenthaltung der Gegner 1 , Hall i. W. (96) für 1 Kandidaten auf 6, München (93) für sämtliche Kandidaten und 409 gegen 391 Stimmen (nachträglich für ungültig erklärt und mit 1133 gegen 1672 Stimmen unterlegen), Passau (95) für sämtliche Kandidaten und 11 gegen 9 Stimmen (bei Arbeiter beisitzern siegte katholische Liste!), Ludwigshafen (94) für sämtliche Kandidaten und 114 gegen 102 Stimmen, Fürth i. B. (95) mit Mehrheit von 40 Stimmen. Wie stark aber das kleine Handwerkertum heute schon von proletarischem Geiste erfüllt ist, haben nicht zum wenigsten die eigentümlichen Ergebnisse des neuen Zwangsinnungsexperiments 1 Als Protest gegen nicht gewährte reaktionäre Abänderung des Wahlverfahrens. Achtundzwanzigstes Kapitel. Die moderne kapital. Entwicklung etc. (353 gezeigt. Stellte sich doch heraus, dafs in aufserordentlich vielen Fällen die Majorität der „selbständigen“ Angehörigen eines Gewerbezweiges bereits socialdemokratisch war. In dem Mafse nun aber, wie der alte handwerksmäfsige Geist aus dem „Handwerk“ selbst verschwindet, bilden sich in der Sphäre des gewerblichen Kapitalismus die specifisch kapitalistisch-proletarischen Beziehungen immer reiner aus, was hier nicht weiter zu verfolgen, sondern nur kurz zu registrieren ist. Am Ende der frühkapitalistischen Epoche fanden wir auch den Lohnarbeiter und breite Schichten des Unternehmertums noch mit den Schlacken vorkapitalistischer Wirtschaftsorganisation behaftet. Der Lohnarbeiter war noch halber Geselle oder halber Landwirt, der Unternehmer noch entweder Händler oder halber Feudaler oder halber Handwerker. Jetzt ist eine rein proletarische Lohnarbeiterklasse entstanden, und auf der anderen Seite ein unser Wirtschaftsleben immer mehr charakterisierendes rein industrielles Grofsunternehmertum, für dessen numerische Stärke die auf Seite 637 angeführten Betriebsgröfsenziffern einigen Anhalt gewähren. Auch diese Entwicklungsreihen haben eine Zurückdrängung handwerksmäfsigen Wesens in unserem Wirtschaftsleben bewirkt. * * * Wollen wir aber in wenigen Sätzen das Ergebnis unserer bisherigen Untersuchungen zusammenfassen, so wird sich etwa folgendes sagen lassen: Was sich in fünfzig oder hundert Jahren in allen modernen Kulturländern im gewerblichen Leben vollzogen hat, ist eine grundstürzende Neuordnung aller Faktoren: eine Neuschöpfung nach den rationalistischen Plänen des kapitalistischen Unternehmers, die ihren prägnantesten Ausdruck in der Gliederung der gewerblichen Bevölkerung findet: vor fünfzig Jahren knapp anderthalb Millionen Lohnarbeiter neben zwei Millionen Handwerkern, also noch nicht ein Lohnarbeiter neben einem Handwerker; heute neben einem Handwerker drei .Repräsentanten des gewerblichen Kapitalismus. Damals die Sphäre des Kapitalismus noch in den Banden handwerksmäfsiger Formen und Handwerkergeistes, heute das Handwerk selbst von kapitalistisch-proletarischem Wesen angefressen. Die ökonomische Revolution des gewerblichen Lebens, die vor mehr als einem halben Jahrtausend in Westeuropa einsetzt, ist zu einem vorläufigen Abschlufs gelangt: die handwerksmäfsige Pro- (J54 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus. duktionsweise hat aufgehört, dem Wirtschaftsleben ihren Stempel aufzudrücken; kapitalistisches Wesen ist auf der ganzen Linie zur Herrschaft gelangt, ist vor allem für alles Wirtschaften tonangebend geworden. Das ist die Signatur der hochkapitalistischen Epoche: der gewerbliche Kapitalismus, nachdem er seine erste Entwicklungsphase, die nach Jahrhunderten zählt (die frühkapitalistische), hinter sich hat, hört auf, eine accessorische Rolle im Wirtschaftsleben eines Landes zu spielen. Er beginnt, dieses von Grund aus umzugestalten, es völlig nach seinem Bilde neu zu schaffen, in rationalistischer Weise mit seinem Geiste alles ökonomische Wesen zu durchdringen. Der Kapitalismus wird damit zu einer notwendigen Erscheinung in einem Lande, dessen Signatur er schafft. In einem Bilde gesprochen: der Kapitalismus bezieht zunächst nur ein oder mehrere Zimmer in dem alten vorkapitalistischen Wirtschaftsbau, der lange Zeit noch in seinen Grundmauern unverändert stehen, auch in der Mehrzahl seiner Räume vorkapitalistisch eingerichtet bleibt; nur die von ihm bewohnten Räume versucht der neue Zimmerherr seinen Bedürfnissen entsprechend auszugestalten, ohne dafs es ihm recht gelänge, wie das so in Mietswohnungen der Fall zu sein pflegt. Nun beginnt allmählich das alte Gebäude zu zerfallen, seine Insassen vermehren sich, es kann sie nicht mehr beherbergen. So wird es denn verlassen. Und der inzwischen wohlhabend gewordene möblierte Herr von ehedem baut nun nach seinen Plänen, in seinem Geiste ein ganz neues Gebäude auf, das er mit den Seinen bezieht, und in dem er übrigens einige der alten Bewohner des alten Gebäudes, die sich in der Mehrzahl den Verhältnissen des neuen Hauses bald anpassen, in einigen Bodenkammern und Kellerräumen noch in ihrer alten Lebensweise weitervegetieren läfst, bis auch sie aussterben und auch die von ihnen bewohnten Räume im Stil des ganzen Hauses eingerichtet und von dem neuen Geschlecht bezogen werden. Aus allem aber, was in den letzten Abschnitten ausgeführt worden ist, was ohne weiteres auch der Augenschein lehrt, geht hervor, dafs die geschilderte Umbildung des Gewerbewesens kein isoliertes Phänomen ist, sondern dafs die Wandlung zum Kapitalismus in dieser einen Sphäre mit einer Umbildung des ganzen Wirtschaftslebens parallel gegangen ist. Trotzdem haben wir bisher nur die eine Seite der kapitalistischen Entwicklung: die Neuordnung der gewerblichen Produktion, verfolgt und schliefsen trotzdem Achtundzwanzigstes Kapitel. Die moderne kapital. Entwicklung etc. 655 diesen genetischen Teil unserer Untersuchungen hier ab. Aus gutem Grunde, wie in dem Geleitwort schon angedeutet wurde. Nur so nämlich erscheint es möglich, den Umbildungsprozefs, den das Wirtschaftsleben in seiner Totalität erfährt, als einen „gesetzmäfsigen“, d. h. als einen in allen seinen Teilen gegenseitig bedingten und einheitlich verursachten zu begreifen, dafs man die Umbildung in einer Sphäre als besonderes Phänomen zunächst isoliert, rein genetisch betrachtet, um dann nachzuweisen, dafs dieses Phänomen zu seiner Verwirklichung notwendig die Erfüllung von objektiven Bedingungen — entsprechenden Umgestaltungen in allen übrigen Gebietendes Wirtschaftslebens — zur Voraussetzung hatte. Auf diese Weise allein, scheint mir, kommt Ordnung und System in den Wirrwarr von Erscheinungen, die natürlich sämtlich im Leben selbst im Verhältnis unausgesetzter Wechselwirkung untereinander stehen; kommt das zu stände, wovon der folgende Band handeln soll und was man vielleicht mit einigem Rechte eine „Theorie der kapitalistischen Entwicklung“ nennen darf. Anhang. Einige Bemerkungen über Quellen und Untersuchungsmethode in den Abschnitten 5, 6 und 7. Die herrschende Methode, die bei der Untersuchung wirtschaftlicher Zustände und namentlich wirtschaftlicher Entwicklung heute fast ausschliefslich zur Anwendung gelangt, ist die statistische. Uber ihren unschätzbaren Wert ein Wort verlieren, hiefse den Leser beleidigen. Ich glaube aber doch, so sehr ich ihre Bedeutung anerkenne, dafs ihre Alleinherrschaft für die wirtschaftswissenschaftliche Forschung, wenigstens auf dem Gebiete, auf dem sich dieses Werk bewegt, verhängnisvoll geworden ist. Und mein Bestreben war es, den theoretischen Erörterungen eine tragfähigere empirische Unterlage zu verschaffen, als sie die Statistik, bei der ich in erster Linie an die grofsen amtlichen Berufs- und Gewerbezählungen denke, zu liefern vermag. Wo cs, wie bei den in den letzten Abschnitten dieses Bandes behandelten Problemen, auf die minutiöseste Unterscheidung der einzelnen Unternehmungsund Betriebsweisen, auf die Erfassung gleichsam des Geistes, der in den verschiedenen Sphären der gewerblichen Produktion herrscht, auf die Abmessung der Lebenskraft ankommt, die den einzelnen Trägern unserer gewerblichen Entwicklung innewobnt, da versagt das grobe Instrument der allgemeinen Gewerbestatistik leider nur allzu oft. Ich will das an einigen Beispielen verdeutlichen und einmal ganz davon absehen, dafs eine Erkenntnis des Verlaufs wirtschaftlicher Entwicklung schon deshalb schwer oder gar nicht aus der Zififernreihe der statistischen Werke entnommen zu werden vermag, weil die Erhebungsmethoden meist zu grofsen Änderungen unterworfen werden, als dafs weiter auseinander liegende Ermittlungen vergleichbar blieben. Ich habe vielmehr Mängel im Auge, wie sie jeder grofsen Berufs- und Gewerbestatistik, ich möchte sagen: anhaften müssen. Diese Mängel sind zunächst begründet in der Art der Publikation. Diese ist viel zu summarisch, um uns tiefere Einblicke in die wirtschaftlichen Zusammenhänge zu gestatten. Was soll ich mit den Ziffern in einem „Regierungsbezirk“ oder selbst einem „Kreis“ anfangen, wo es mir auf die Verfolgung, ich möchte sagen des einzelnen Falles eines bestimmten Handwerks ankommt. Selbst ein „Kreis“ umschliefst noch Stadt und Land Mittel- und Kleinstädte, also Gebiete mit vielleicht völlig verschiedenen Ent- Einige Bemerkungen über Quellen und Untersuchungsmethode etc. (357 Wicklungsbedingungen für die Organisation der gewerblichen Produktion. Dasselbe gilt für die Abzweigung der Berufe, die ebenfalls eine viel zu rohe ist. Unsere gewifs erstklassige deutsche Berufs- und Gewerbestatistik führt beispielsweise ununterschiedlich nur „Gerber“ auf, während doch die Schicksale der Weifsgerberei und Lohgerberei ganz verschieden sind, spricht nur von „Ofentöpferei“, während Ofenfabrikation und Ofensetzerei zwei Gewerbe mit toto coelo verschiedenen Entwicklungstendenzen darstellen. Und so in tausend anderen Fällen. Aber noch bedeutsamer ist doch der Übelstand, dafs auch die Art der Ermittlung eine viel zu ungenaue, zu wenig eindringende, ich möchte sagen zu äufserliche, ist (und sein mufs), um wirklich alle für den socialen Theoretiker relevanten Thatbestände zu ermitteln. Um für diese Behauptung den Beweis zu erbringen, greife ich zwei besonders in die Augen fallende Unzulänglichkeiten der statistischen Methode heraus. 1. Speciell die Berufs-, aber auch die Gewerbestatistik vermag uns nur zu belehren über die Berufsangehörigkeit einer Person, allenfalls über ihre Aktivität im Berufe, aber niemals über ihre Berufsthätigkeit und deren Umfang. Und an deren Ermittelung ist uns doch wesentlich gelegen. Denn was sagen uns z. B. für die Beantwortung der Frage, ob an einem Ort in einem bestimmten Gewerbszweig das Handwerk zurückgegangen sei oder nicht, Ziffern, die uns nur die Zahl der Betriebe oder gar nur der Berufsangehörigen nennen, ohnehin zuzufügen, ob und wie viel diese Betriebe oder Berufsangehörigen produzieren. Man ermesse z. B. die gänzliche Bedeutungslosigkeit einer Statistik für unsere Zwecke, die in Eisleben 5 „Kleinbetriebe“ und 1 „Grofsbetrieb“ in der Müllerei zählt, wenn die Verhältnisse wie folgt liegen: „Die Wassermüller haben wegen Wassermangels die Arbeit so gut wie ganz einstellen müssen, einer lebt . . . von der Bäckerei, der zweite hat einen ziemlich umfangreichen landwirtschaftlichen Betrieb und der dritte hat eine Badeanstalt eingerichtet. Soweit sie noch mahlen, haben sie wie die beiden Windmühlen noch etwas Lohnmüllerei (Koggen); hauptsächlich benutzen sie aber ihre Mahlgänge zum Schroten des Getreides (für Futterzwecke). Ihre wichtigste Einnahme beziehen die Windmüller aus dem Detailverkauf von fremdem Mehl“ (U. IX, 299); oder einer Handwerkerstatistik des badischen Dorfes Nöttingen-Darmsbach — hier wird immer schon angenommen, die allgemeine Statistik sei lokal und beruflich so verfeinert, dafs sie in minutiöse Details einzudringen vermöchte, was, wie schon gerügt wurde, nicht der Fall ist — die also laute: es befanden sich am Ort: 5 Schneider, 5 Schuster, 1 Metzger, 4 Zimmerleute, 1 Glaser, 4 Tischler, 1 Anstreicher, 4 Schmiede, 3 Wagner, 1 Holzdreher, 1 Sattler, 1 Korbmacher, 3 Böttcher, 2 Müller, und dann ein Ortskundiger folgende Erläuterungen zu diesen Ziffern giebt: 3 Schneider müssen nach Neujahr und Pfingsten wochenlang feiern; 10 gelernte Schuster haben ihr Geschäft einstellen müssen, von 5 haben nur 2 das ganze Jahr über Beschäftigung; der Metzger leidet unter Mangel an Beschäftigung; von den 4 Zimmerleuten haben einer 15—20, die andern 60 Tage, der dritte und vierte je 120—130 Tage im Jahre zu thun; das Geschäft des Glasers steht im Winter fast ganz still, von den Tischlern sind 2 kaum die Hälfte des Jahres im Handwerk beschäftigt; der Anstreicher hat nur 8 Monate im Jahre Arbeit; 2 von den Schmieden müssen die Hälfte des Jahres hindurch feiern; von den 3 Wagnern verdient Nr. 1 = 100 Mk., Sombart, Der moderne Kapitalismus. I. 42 058 Anhang. No. 2 = 2—300 Mk., No. 3 = 5—600 Mk im Jahr; der Holzdreher findet nicht genügende Beschäftigung, der Sattler nur während 2 k des Jahres, der Korbmacher ist weggezogen, weil er nicht genügende Beschäftigung fand; die Böttcher sind nur etliche Wochen im Jahr mit der Böttcherei beschäftigt und die Müller haben Vs des Jahres hindurch nur in der Hälfte der Woche zu mahlen. Offenbar: unter solchen Verhältnissen giebt eine Berufs- und Betriebsstatistik nicht nur keinen brauchbaren Aufschlufs, sondern mufs in höchst verderblichem Mafse irrige Vorstellungen erwecken. Nun ist aber eine solche Nichtausübung des Berufs, wie sie im obigen Beispiel zum Ausdrnck kommt, keineswegs eine vereinzelte Erscheinung, die der Statistiker etwa ignorieren dürfte. Vielmehr bildet sie eine konstitutionelle Eigenschaft des Handwerks unserer Tage und bedarf der genauesten Feststellung. Wie denn auch hierher die Erwähnung der Thatsache gehört, dafs heute eine grofse Anzahl von Gewerbetreibenden oft nur Händler sind und vielleicht kein Stück, das sie in ihrem Leben verkaufen, selbst angefertigt haben, gleichwohl aber einen vollen Gewerbebetrieb in der Statistik unter der Rubrik: Hutmacher, Uhrmacher, Schuhmacher, Klempner, Drechsler u. s. w. repräsentieren. Dafs aus dem angeführten Grunde die Konstatierung einer Berufsangehörigkeit oder auch Thätigkeit ebenso wenig wie über die Verbreitung der betreffenden Produktionsweise über die Lage der betreffenden Gewerbetreibenden Aufschlufs giebt, mag nur nebenbei erwähnt werden: ich meine, ob einer als Schuster existieren kann und existiert, wenn er Inhaber eines Schuhmachereibetriebes ist, entzieht sich natürlich der Beurteilung. Reicht demnach die blanke statistische Zahl nicht hin, um, wenn ich so sagen darf, die quantitative Bedeutung eines Gewerbebetriebs zum Ausdruck zu bringen, so noch viel weniger, um Aufschlufs zu geben über seine qualitative Bedeutung, auf deren Erkenntnis aber der sociale Forscher ganz besondern Wert legt. 2. Die Statistik belehrt uns nicht, ob der betreffende Gewerbetreibende noch ökonomisch selbständig ist oder bereits in einem irgendwie gearteten A bhängigk ei ts Verhältnis zu einem kapitalistischen Unternehmen steht. Das ist wohl der gewichtigste Vorwurf, der gegen die Ziffern der allgemeinen Berufs- und Gewerbestatistik erhoben werden kann. Denn ohne eine solche Belehrung erfahren wir im besten Falle einiges über Betriebsgestaltung, aber nichts über die wirtschaftliche Organisation der gewerblichen Arbeit, also nichts über die Hauptsache. Hätte nicht bisher eine so bedauerliche Konfusion auf dem Gebiete der Lehre von den Wirtschaftsund Betriebsformen geherrscht, so wäre man wohl schon allgemein zu der Einsicht gelangt, dafs eine Betriebsstatistik z. B. der Tischlerei, Schneiderei, Schuhmacherei, also dreier der wichtigsten Gewerbe völlig belanglos ist für die Frage, ob sich das Handwerk gegenüber dem Kapitalismus erhalten habe oder nicht. Denn die dort aufgeführten „selbständigen“ Gewerbetreibenden sind keine Handwerker mehr, sondern Rädchen in dem grofsen Uhrwerk der kapitalistischen Verkehrs Wirtschaft. Man denke auch nicht etwa, dafs das „zu Haus für fremde Rechnung“ unserer modernen Berufs- und Gewerbezählungen irgend welches nennenswerte Korrektiv biete für die ungeheuren Fehlerquellen, die hier sprudeln. Die Mehrzahl der ständig für Magazine oder andere Geschäfte arbeitenden „Meister“ denkt gar nicht daran, sich Einige Bemerkungen über Quellen und Untersuchungsmethode etc. (>59 unter die Kategorie der Heimarbeiter zu zählen, der sie ja auch strictissime nicht angehört. Ein Beispiel für viele: „Von 15 (Tischler-) Meistern (in Freiburg i. B.) ist sicher, dafs sie für Läden arbeiten und doch hat keiner, aufser . . . 3 . . ., dies bei der Berufs- und Gewerbezählung für 1895 angegeben. Es ist auch sehr wahrscheinlich, dafs es noch mehr als diese 15 sind. Der Handwerker hält es fast für eine Schande, für Handlungen zu arbeiten und will das nie zugeben.“ (U. VIII, 247/48.) Die statistische Methode, dieses ist das Ergebnis, mufs also auf dem Gebiete entwickelungsgeschichtlicher Wirtschaftsbetrachtungen mehr als bisher ersetzt oder mindestens ergänzt werden durch die induktive Forschung. Da für diese das Rohmaterial durch Ermittlung „typischer Fälle“ erbracht wird, so ist das empirologische Problem hier: wie man zu Typen der ökonomischen Gestaltung oder Entwicklung zu gelangen vermöge. Dieses Thema kann hier nicht gründlich erörtert sondern nur in seinen Hauptpunkten skizzenhaft behandelt werden. Ich unterscheide vornehmlich folgende Verfahren zur Ermittlung von Thatsachen des Wirtschaftslebens. 1. Die persönliche Anschauung. Sie kann nicht hoch genug in ihrem Werte veranschlagt werden und ist für den socialen Theoretiker diejenige Erkenntnisquelle], auf die er am letzten verzichten kann. Schauen, schauen! Das heifst also: Wanderungen von Fabrik zu Fabrik, von Werkstatt zu Werkstatt, von Magazin zu Magazin. Wer den Namen eines Gewerbes oder die Bezeichnung eines Produktionsprozesses ausspricht oder niederschreibt, ohne mit seinen eigenen zwei Augen die Vorgänge, um die es sich handelt, geschaut zu haben, nimmt es nicht ernst mit seiner Wissenschaft. Aber — die persönliche Anschauung bleibt doch naturgemäfs auf ein ver- hältnismäfsig kleines Beobachtungsgebiet beschränkt. Auch wer Jahrzehntelang in allen Winkeln unseres Wirtschaftsgebietes herumkriecht, vermag doch nur eine zu geringe Anzahl von Fällen zu beobachten, von Personen auszufragen, um darauf allgemeine Urteile aufbauen zu dürfen. Dazu kommt, dafs die persönliche Erfahrung bei dem noch nicht zum Greise gediehenen Forscher für weiter zurückliegende Zeiträume versagt. Da müssen denn zunächst allerhand 2. Surrogate der persönlichen Erfahrung aushelfen. Als solche betrachte ich: die Befragung kundiger Leute, der bekannten ältesten Männer, sobald es sich um die Vergangenheit handelt. Man kann sich dadurch über die Ode manches Diners hinweghelfen! Freilich macht man sehr häufig die Erfahrung bei derartigen Privatangaben, dafs selbst intelligente ältere Geschäftsleute über die Zeit ihrer Jugend wenig auszusagen wissen. Das hat seine guten Gründe. Als ich unlängst einmal einen der ersten Berliner Bankiers über die Interna des Bankwesens in den 1850er Jahren jauszufragen unternahm, antwortete er mir davon wisse er nur wenig; damals sei er ein Zwanziger gewesen und habe sich amüsieren wollen: über die Vorgänge in seinem Kontor habe er blutwenig nachgedacht. Aber immerhin geht einem doch hier und da mal ein grofser Fisch ins Netz. Also: fragen, fragen! Glücklich müssen wir uns schätzen, wenn einmal ein guter Beobachter ungefragt etwa seine Erinnerungen gedruckt ausplaudert. Bücher wie das von Bälir über Kassel sind Manna. Hierher gehören nun wohl auch Einzel„berichte“ über Vorgänge des Wirtschaftslebens, die lediglich That- 42* " V\‘/_- - - Anhang. 0(30 saclien feststellen. Ich denke z. B. an die unselige Species der Handels- kammerbcrichte, die soviel nützliche Dinge enthalten könnten, aber freilich nur selten enthalten; am wenigsten Dinge, die uns Theoretiker der wirtschaftlichen Organisation interessieren. Die Gewerbekammerberichte sind ja meist aus gleichem Holze geschnitzt. Und auch von den Berichten der Handwerkskammern verspreche ich mir wenig Erfreuliches. Sie werden zu viel Pectus haben, um unterrichten zu können. Neben den Handelskammei'- und ähnlichen Berichten von Interessentenvereinigungen sind als Quellen von nicht zu unterschätzender Bedeutung die Ausstellungsberichte anzusehen. Sie sind deshalb so wichtig, weil sie uns über einzelne Individualitäten, Personen, Betriebe etc. oft recht genau unterrichten. Dann aber möchte ich hier noch eine sehr wichtige Quelle namhaft machen, die m. E. bisher nicht die genügende Beachtung gefunden hat; ich meine die Fachzeitschriften der verschiedenen Branchen, von denen der Leser eine grofse Menge in meinen Ausführungen wird benutzt gefunden haben. Und endlich wäre noch auf die Einzelbemerkung, Einzelbeobachtung, Einzelsentenz in beliebigem Zusammenhänge als auf eine oft unschätzbare Bereicherung unseres unmittelbaren Wissens von den Menschen und Dingen hinzuweisen. Wo kann man doch alles solche gelegentliche Aufschlüsse bekommen! In einer politischen Flugschrift nicht minder als in einer Parlamentsrede, in einem Shakespeareschen Drama ebenso wie in einem Balzacschen Roman, auf einem Genrebild so gut wie von einem Festprogramm. Na und so weiter; in Summa: Aufpassen, aufpassen! Was. der Einzelbeobachtung an Breite fehlt, vermag wohl der öffentliche Verwaltungsapparat in geeigneten Fällen zu ersetzen. Er liefert uns 3. die amtliche Enquete. Wir können mit wenig Worten sie hier erledigen, nicht weil das ihrer Bedeutung im allgemeinen entspricht, sondern weil sie für die in den letzten Abschnitten dieses Bandes beherrschten Probleme so gut wie nicht vorhanden ist. Für die Vergangenheit versagt sie völlig. Und für die Gegenwart sind doch immer nur kleine Ausschnitte aus dem Gesamtergebnis der gewerblichen Entwicklung enquetemäfsiger Behandlung unterworfen worden. Immerhin sind die verschiedenen neueren Gewerbeenqueten, die wir aus Frankreich 1 , England 2 , Österreich 3 und Deutschland 4 besitzen, eine höchst willkommene Ergänzung unserer übrigen Quellen. Nun ist aber auch aus inneren Gründen die enquetemäfsige Thatsachenermittlung doch immerhin eine unvollkommene, insbesondere dort, wo es sich um die Erkenntnis eines Werdens, eines Sichwandelns handelt und gar oft, wo alles darauf änkommt, bis in die letzten Fingerspitzen hinein einzelnen Wirtschaftssubjekten nachzufühlen, nachzuspüren. Hier kann nur eine einzige Methode Zuverlässigkeit gewähren, das ist 4. die wissenschaftliche Monographie. Diese ist in hervor- 1 Die Publikationen dos „Office du Travail 4 : La petite industrie. Tome I. L’alimen- tution ä Paris. 1893. Tome II. Le Vetement ä Paris. 1896. 2 Die Arbeiten der „Royal Commission on Labour“, 1892 ff. 8 Expertise über die Lage des Schuhmachergewerbes. 1892; Gewerbe-Enquete 1893 — beide von Abgeordnetenkommissionen veranstaltet; ferner eine private Enquete socialdemokratischer Theoretiker und Praktiker unter Vorsitz Dr. Leo Verkaufs über die Lage verschiedener Gewerbe. 1895. 4 Erhebungen über Verhältnisse im Handwerk. Veranstaltet im Sommer 1895. 1895. Einige Bemerkungen über Quellen und Untersuchungsmethode etc. (j(31 ragendem Mafse berufen, die Lücken, die persönliche Erkundigung, Statistik und Enquete in fühlbarer Weise lassen, auszufüllen. Sie benutzt, wo sie in vollendeter Form erscheint, das mufs zunächst bemerkt werden, die übrigen Methoden der Thatsachenerforschung sämtlich: sie basiert auf persönlicher Umschau, sammelt in zweckmäfsiger Weise statistisches Material und erforscht die Ansichten der Beteiligten durch Umfrage nach Art der Enquete. Sie leistet aufserdem aber mehr, sofern sie die Möglichkeit gewährt, aus historischer Betrachtung die Entwicklungstendenzen der beobachteten Wirtschaftserscheinungen abzuleiten, vor allem die Lebensbedingungen und die Lebenskraft der einzelnen Wirtschafts- und Betriebsformen zu ermitteln. Halten wir Umschau nach solchen Hilfsmitteln unserer Erkenntnis, so finden wir in der Vergangenheit gerade für unsern specieilen Bedarf nur eine geringe Anzahl wirklich brauchbarer Arbeiten. Merkwürdig: während die monographische Behandlung agrarischer Zustände beispielsweise in Deutschland um die Mitte des 19. Jahrhunderts sehr häufig beliebt wird (der Leser wird die einschlägige Litteratur im 2. Abschnitt des 2. Bandes ausgiebig benutzt finden), ist das Gewerbewesen, so weit meine Kenntnis reicht, nur stiefmütterlich bedacht. Und wo einmal gewerbliche Zustände in der Litteratur vor 1850 geschildert werden, sind es fast immer die Zustände der gewerblichen Lohnarbeiter oder diejenigen einer schon kapitalistischen Industrie. Am allerwenigsten ist der Schilderung vorkapitalistischer Wirtschaftsformen Aufmerksamlieit zugewandt worden, so dafs gerade die Erkenntnis des Status quo ante der modernen Entwicklung besondere Schwierigkeiten verursacht. Immerhin besitzen wir einige recht brauchbare Monographien auch aus der Vergangenheit. Arbeiten wie die des Pastor Funcke über die Heuerleute oder wie die von Banfield über die rheinische Industrie sind von hohem Werte. Namentlich die letztgenannte Schrift, eine bisher, wie es scheint, völlig unbekannte Quelle, ist eine überaus reiche Fundgrube an Erkenntnis. Was sie so wertvoll macht, ist der Umstand, dafs ihr Verfasser ein Ausländer ist. Es ist begreiflich, dafs dem Bürger des fortgeschritteneren Landes die primitiven Daseinsformen deutschen Wirtschaftslebens ein interessantes Studienobjekt sein mufsten, von dessen Eigenarten er seinen Landsleuten nicht genug zu erzählen weifs. Ich wüfste kein besseres Paradigma, um die richtig betriebene „vergleichende Socialwissenschaft“ in ihrer Fruchtbarkeit zu charakterisieren, als die etwa gleichzeitig entstandene Schilderung der englischen Zustände durch F. Engels und der deutschen durch Banfield. Die neuere Zeit hat nun aber reichlich nachgeholt, was die ältere versäumt hatte. Die letzten Jahrzehnte sind überreich an zum Teil vorzüglichen gewerbewissenschaftlichen Monographien. In England hat Charles Booth in seinem unerreichten Sammelwerke über London eine Reihe vorzüglicher Arbeiten publiziert; in Frankreich haben Pierre du Maroussem u. a. ihre schätzbaren Kräfte in den Dienst solcher Untersuchungen gestellt; in Deutschland hat die Schule Brentanos dieses Gebiet mit besonderem Eifer angebaut. Aber was der persönlichen Beobachtung durch den einzelnen Forscher als Mangel anhaftet: die geringe Weite des Beobachtungsfeldes, macht sich doch bis zu einem gewissen Grade auch bei der wissenschaftlichen Einzelmonographie empfindlich fühlbar. Jede von ihnen gewinnt an Bedeutung, möchte ich sagen, durch jede folgende, die denselben Gegenstand behandelt. So mufste sich das Bedürfnis nach einer Häufung wissenschaftlicher 1 0(32 Anhang. Monographien herausstellen. Und dieses Bedürfnis ist nun in den letzten Jahren durch die Publikationen des Vereins für Socialpolitik in weitem Umfange befriedigt worden. Die von ihm in 9 Bänden herausgegebenen Untersuchungen über die Lage des Handwerks (in Deutschland und Österreich) sind heute die bei weitem wichtigste Quelle für unser Wissen von der gewerblichen Entwicklung. Ein grofser Teil der Darstellung in den letzten Abschnitten dieses Bandes fufst, wie der Leser gesehen hat, auf ihnen. Ohne sie hätte überhaupt dieses Werk nicht geschrieben werden können. Da ich der Raumersparnis halber im Texte nur immer Band und Seitenzahl (U. I, II u. s. w. U. Oe.) citiert habe, so gebe ich hier eine Übersicht über den unsagbar reichen Inhalt dieser einzig in der socialwissenschaftlichen Litteratur dastehenden Publikation. Mögen die einzelnen Bearbeiter einen kleinen Kompens für ihre grofse Mühe darin erblicken, dafs sie sehen, in welcher ausgiebigen Weise ich aus ihren Untersuchungen das Rohmaterial entnommen habe, aus denen dieses System der gewerblichen Entwicklung aufgebaut ist. Denn dafs auch meine theoretische Darstellung (im 2. Bande) immer wieder auf die Ergebnisse der Untersuchungen zurückgreift, wird dem Leser nicht verborgen bleiben. Untersuchungen über die Lage des Handwerks in Deutschland und Österreich mit besonderer Rücksicht auf seine Konkurrenzfähigkeit gegenüber der Grofsindustrie. Deutsches Reich. 9 Bde. Hrsg, von Prof. Dr. K. Bücher in Leipzig. Österreich. 1 Bd. Hrsg, von Prof. Dr. E. v. Philippovich in Wien. 1895—1897. (Zugleich als 62.—71. Bd. der Schriften des Vereins für Socialpolitik erschienen.) Inhalt: Band I. IV. VII. Königreich Preufsen. 3 Teile. Band II. V. VI. Königreich Sachsen. 3 Teile. Band III. VIII. Süddeutschland. 2 Teile. Band IX. Verschiedene Staaten. Band X. Österreich. 1. Verzeichnis der Gewerbe nach Ländern nnd Städten. A. Deutsches Reich. Baden. Baden-Baden: Dekorationsmalergewerbe von H. Lohr . 8. Bd., XIV. Donaueschingen: Schlosserhandwerk von L. Wörner . 8. - III. Emmendingen: Schreinergewerbe von H. Duffner .... 8. -r XII. Ereiburg: Schreinergewerbe von F. Rickert.8. - XIII. Homberg: Weberei, Färberei und Hutmacherei im Gebiet der Gutacher Tracht von E. Lehmann.8. - VII. Karlsruhe: Buch- und Accidenzdruckerei von W. Abelsdorff . 8. - XV. ■1 a 1 Einige Bemerkungen über Quellen und Untersuchungsmetliode etc. (j(j;3 Gärtnerei von A. Rothenaeker.8. Bd.,XVIII. 28 Kleingewerbe von A. Voigt.3. - I. Schirmmachergewerbe von K. Schuemacher.8. - XVII. Konstanz: Barbier- und Friseurgewerbe von L. Degen . 8. - VI. Lithographiegewerbe von J. Maier.8. - XVI. '* Lahr: Kartonuagegewerbe von R. Schwendemann ... 8. - XI. Mannheim: Messerschmiede von Raupp.8. - V. M_efskirch: Handwerker mit besonderer Berücksichtigung der Schmiede, Wagner und Sattler von G. Wöhrle. . 8. - I. Mosbach: Sattler- und Tapeziererhandwerk von K. 0. Hartmann.8. - IX. Müllheim: Mechanikergewerbe von H. Steiger .... 8. - IV. Nöttingen-Darmsbach: Kleingewerbe von A. Spengler 8. - II. Pforzheim: Buchbinderei von R. Faifst.8. - X. Wiesloch: Gerberei von Feuerstein.8. - VIII. Bayern. AJugsbu rg: Schreinergewerbe von A. Cohen.3. Bd., VIII. Erlangen: Schneider- und Hutmachergewerbe von C. Neuburg .3. - VI. Nürnberg: Schlosserhandwerk und Nagelschmiederei von H. Th. Soergel.3. - VII. Elsafs. Neudorf bei Strafsburg: Schreinergewerbe von W. Schröder.3. Bd., V. Strafsburg: Küfergewerbe von M. Kriele.3. - IV. Hessen. Mainz: Möbelschreinerei von R. Hirsch. . 3. Bd., III. *, Reichelsheim: Schuhmacherei von C. Schneider ... 8. - XIX. Preufsen. Provinz Brandenburg. Berlin: Bäckergewerbe von E. Lehwefs.7. Bd., IV. Barbier-, Friseur- und Perückenmachergewerbe von L. Eger.7. - IX. Buchbinderei von A. Spiethoff.7. - VIII. Klempnergewerbe von K. Thiefs.7. - VI. Malergewerbe von K. Thiefs.7. - V. Schlosserei, Schmiederei und Kupferschmiederei von ,-y R. Rinkel.4. - X. Steinsetzergewerbe von E. Wegener.7. - VII. Tapeziergewerbe von M. Broesike.1. - V. Tischlergewerbe von P. Voigt.4. - XI. Tischlereiarbeiter von B. Buchardt.4. - XII. Tischlerei und Drechslerei in einigen Orten bei Berlin von P. Voigt.7. . X. Pr enz lau: Konfektion und Schneidergewerbe von G.Mayer 4. - IV. Weifsgerberei und Lohgerberei von G. Mayer ... 1. - VI. . Priegmitz: Schwarz- und Schönfärber v. R. Zimmermann 7. - XI. Spreewald: Tischlerei und Drechslerei von P. Voigt . . 7. - X. v 664 Anhang. Provinz Hannover. Loquard: Handwerksbetriebe von Ch. J. Klumker ... 7. Bd., XIV. Provinz Hessen-Nassau. Frankfurt: Dachdeckergewerbe von Ph. Stein .... 1. Bd., XI. Kannenbäckerland a. d. Westerwalde: Thonindustrie von E. Zais und P. Richter.1. - XII. Provinz Pommern. Dramburg: Schneidergewerbe von P. Steinberg .... 4. Bd., V. Schuhmacherei von P. Steinberg.1. - III. Loitz: Schuhmacherei von B. Aebert.1. - II. Provinz Posen. Nakel: Handwerke mit besonderer Berücksichtigung des Schmiedehandwerks von A. Bolte.4. Bd., VIII. Posen: Barbiergewerbe von G. Tietze.7. - XIII. Buchdruckgewerbe von F. Kantorowicz.7. - XII. Tischlergewerbe von K. Hampke.1. - IV. Rheinprovinz. Düsseldorf: Schlächtergewerbe von W. Westhaus ... 1. Bd., IX. Köln: Lohgerberei von A. Wirminghaus.4. - IX. Schreinerei von F. von Schönebeck.1. - X. Provinz Sachsen. Eisleben: 36 Handwerke von P. Voigt.9. Bd., X. Salzwedel: Klempnerei von 0. Wiedfeldt.1. - VII. Provinz Schlesien. Breslau: Bäckergewerbe von E. Reinhardt.7. Bd., III. Baugewerbe von F. Fleclitner.9. - XI. Kürschnerei von Schiller.7. - II. Lohgerberei von W. Borgius.4. - I. Schlosserei von J. Giesel.4. - III. Schneidergewerbe von A. Winter.7. - I- Schuhmacherei von H. Kanter.4. - II. Uhrmachergewerbe von K. Mende.9. - XII. Bunzlau: Töpferei von K. Steinitz.1. - VIH. Neifse: Schlosserhandwerk von F. Grieger.9. - XIII. Niederschlesien: Das ländliche Handwerk von M.Kriele 9. - XIV. Provinz Schleswig-Holstein. Altona, Barmstedt, Elmshorn und Preetz: Schuhmachergewerbe von S. Heckscher.1. Bd., I. Provinz Westpreufsen. Könitz: Sattler- und Stellmachergewerbe von A. Lubnow 9. Bd., XV. Tischlergewerbe von A. Lubnow.4. - VI. Löbau: Schneiderei von A. Gottschewski.4. - VII. Sachsen. Altstadt-Waldenburg: Töpferei von E. Bischoff . . 6. Bd., IV. Döb ein: Maurer- und Zimmerhandwerk v. Th. Hirschberg 6. - VII. Dresden: Töpferei von 0. Kopeke.6. - VI. Erzgebirge: Bürstenmacherei von A. König.6. - IX. Einige Bemerkungen über Quellen und Untersuchungsmethode etc. ( 3(35 Frankenberg: Kürschnerei von A. König.2. Bd., VI. Frohburg: Töpferei von E. Bischoff.6. - IV. Gahlenz: Handwerksbetriebe von A. Hofmann .... 5. - I. Glashütte: Uhrenfabrikation von O. Schmidt.5. - II. Grimma: Gerberei von P. Junghans.5. - VIII. Kohren: Töpferei von E. Bischoff.6. - IV. Königsbrück: Töpferei von O. Kopeke.6. - VI. Leipzig: Bäckerei u. Konditorei von J. M. Grieshammer 2. - VII. Baugewerbe von Th. Kreuzkam.9. - XVI. Böttcherei von J. Plenge.2. - I. Buchbinderei von K. Bücher, F. Gosch, M. Hecht und E. Wede. 5. - VI. Bürstenmacherei von A. König und K. Bücher ... 6. - IX. Drechslerei von A. Neu.2. - II. Färberei von 0. v. Zwiedineck-Südenliorst.5. - V. Fleischerei von H. Kind.6. - I. Gerberei von P. Junghans.5. - VIII. Glaserei von K. Hartmann.5. - IV. Hutmacherei von A. Gottschewski.6. - V. Kammmacherei von A. Ch. Arnecke.6. - III. Klempnerei von W. Thoma.2. - IV. Korbmachergewerbe von M. Hotop.5. - III. Sattlerei von J. Plenge.5. - IX. Schlossergewerbe von P. Rocke.2. - III. Schuhmacherei von N. Geifsenberger.2. - V. Seifensiederei von H. Kind.6. - XI. Seilerei von A. Hofmann.6. - II. Streich- u, Blasinstrumentenverfertigung v. A. Lubnow 6. - X. Tapeziergewerbe von K. Kuntze.5. - VII. Töpferei von E. Bischoff.6. - IV. Uhrmacherhandwerk u. Uhrenfabrikation v. 0. Schmidt 5. - II. Einkommensverhältnisse der Leipziger Handwerker von K. Bücher.6. - XII. Nossen: Gerberei von P. Junghans.5. - VIII. Oschatz: Gerberei von P. Junghans.5. - VIII. Rofswein: Handwerks- und Fabrikverhältnisse von V. Böhmert.6. - VIII. Sachsen-Meiningen. Saälfeld: Fleischergewerbe von L. 0. Brandt.9. Bd., IX. Sachsen-W eimar. Jena: Bäckergewerbe von H. Hoffmann.9. Bd. VII. Baugewerbe von G. Giefselmann.9. - VIII. Böttchergewerbe von M. Peters.9. - III. Brauwesen von H. Hoffmann ..9. - VI. Drechslergewerbe von M. Peters.9. - IV. Schlosser- und Schmiedehandwerk von K. Rinke J . . 9. - II. Porzellanmalerei von M. Peters.9. - V. Schneidergewerbe von J. Pierstorff.9. - LA. 666 Anhang. Schuhmacherei von J. Pierstorff.9. Bd., I. B. Tischlerei von J. Pierstorff.9. - I. C. W ttrttemberg. Stuttgart: Buchbinderei von O. Trüdinger.8. Bd., XX. Ledergewerbe in Württemberg von E. Nübling ... 8. - XXI. Schüstergewerbe in Württemberg von E. Nübling. . . 8. - II. Das deutsche Handwerk nach den Berufszählungen von 1882 und 1895 von P. Voigt.9. Bd., XVII. B. Österreich. Böhmen. Prag: Gewerbebetriebe von R. Zuckerkandl.10. Bd., VI. Bukovina. Czernowitz: Schuhmacher, Wagenbauer und Böttcher von F. Kleinwächter.10. Bd., IX, Mähren. Brünn: Hutmacherei von F. Stampfer.10. Bd.,XIII. Schlossergewerbe von J. Leisching.10. - XVII. Profsnitz: Schneiderei von E. Adler.10. - XII. Nieder-Österreich. • Wien: Bindergewerbe von J. M.10. Bd., XI. Buchbinderei von R. Scheu.10. - XVIII. Gürtler und Bronzearbeiter von V. Kienböck .... 10. - XVI. Hutmachergewerbe von R. Weifskirchner.10. - II. Männerkleidererzeugung von F. Leiter.10. - XV. Pfaidlergewerbe von J. Heerdegen.10. - IV. Schirmmachergewerbe von A. Ascher.10. - V. Schuhmacherei von R. Schüller.10. - III. Weifsgerberei von R. Weifskirchner.10. - XIV. Zuckerbäckerei und die mit derselben verwandten Gewerbe von R. Weifskirchner.10. - I. Steiermark. Graz: Schlossergewerbe von O. v. Zwiedineck-Südenhorst 10. Bd., VII. Schmiedegewerbe mit teilweiser Berücksichtigung der Verhältnisse auf dem Lande von O. v. Zwiedineck- Südenhorst . 10. - VIII. Obersteiermark: Kleingewerbe von E. Seidler. ... 10. - X. 2. Übersicht der geschilderten Handwerke. Bäckerei: Berlin (7. Bd., IV), Breslau (7. Bd., III), Eisleben (9. Bd., X), Gahlenz (5. Bd., I), Jena (9. Bd., VII), Karlsruhe (3. Bd., I), Leipzig (2. Bd., VII), Loquard] (7. Bd., XIV), Nöttingen-Darmshach (8. Bd., II), Wien (10. Bd., I). Barbier- und Friseurgewerbe: Berlin (7. Bd., IX), Eisleben (9. Bd., X), Karlsruhe (3. Bd., I), Konstanz (8. Bd., VI), Posen (7. Bd., XIII). Einige Bemerkungen über Quellen und Untersuchungsmethode etc. 667 Baugewerbe: Breslau (9. Bd., XI), Eislehen (9. Bd., X), Gahlenz (5. Bd., I), Jena (9. Bd., VIII), Karlsruhe (3. Bd., I), Leipzig (9. Bd., XVI), Rofswein (6. Bd., VIII). Böttcherei: Czemowitz (10. Bd., IX), Eisleben (9. Bd., X), Gahlenz (5. Bd., I), Jena (9. Bd., III), Karlsruhe (3. Bd., I), Leipzig (2. Bd., I), Nöttingen-Darmshach (8. Bd., II), Strafsburg i. E. (3. Bd., IV), Wien (10. Bd., XI). Brauwesen: Eisleben (9. Bd., X), Gahlenz (5. Bd., I), Jena (9. Bd., VI), Karlsruhe (3. Bd., I). Buchbinderei: Berlin (7. Bd., VIII), Eisleben (9. Bd., X), Karlsruhe (3. Bd., I), Leipzig (5. Bd., VI), Pforzheim (8. Bd., X), Stuttgart (8. Bd., XX), Wien (10. Bd. XVIII). Buchdruckerei: Eisleben (9. Bd., X), Karlsruhe (8. Bd., XV), Posen (7. Bd., XII). Bürstenmacherei: Eisleben (9. Bd., X), Erzgebirge und Leipzig (6. Bd., IX). Dachdeckergewerbe: Frankfurt a. M. (1. Bd., XI). Drechslerei: Eisleben (9. Bd., X), Jena (9. Bd., IV), Karlsruhe (3. Bd., I), Leipzig (2. Bd., II), Nöttingen-Darmsbach (8. Bd., II), Spreewald (7. Bd., X). Färberei: Eisleben (9. Bd., X), Hornberg (8. Bd., VII), Leipzig (5. Bd. V), Priegnitz (7. Bd., XI). Fleischerei: Deutsch-Lissa (9. Bd., XIV), Düsseldorf (1. Bd. IX), Eisleben (9. Bd., X), Gahlenz (5. Bd., I), Karlsruhe (3. Bd., I), Leipzig (6. Bd., I), Loquard (7. Bd., XIV), Nöttingen - Darmsbach (8. Bd., II), Saalfeld (9. Bd., IX). Gärtnerei: Karlsruhe (8. Bd., XVITI). Gerberei: Breslau (4. Bd., I), Grimma (5. Bd., VIII), Köln (4. Bd., IX), Leipzig, Nossen und Oschatz (5. Bd., VIII), Prenzlau (1. Bd., VI), Wien (10. Bd., XIV), Wiesloch (8. Bd., VIII), Württemberg (8. Bd., XXI). Glaserei: Gahlenz (5. Bd., I), Karlsruhe (3. Bd., I), Leipzig (5. Bd., IV), Nöttingen-Darmsbach (8. Bd., II). Goldarbeitergewerbe: Eisleben (9. Bd., X). Gürtlerei: Eisleben (9. Bd., X), Karlsruhe (3. Bd., I), Wien (10. Bd., XVI). Handschuhmacherei: Eisleben (9. Bd., X), Prag (10. Bd., VI), Rofswein (6. Bd., VIII). Hutmacherei: Brünn (10. Bd., XIII), Eisleben (9. Bd., X), Erlangen (3. Bd. VI), Hornberg (8. Bd., VII), Karlsruhe (3. Bd., I), Leipzig (6. Bd., V), Wien (10. Bd., II). Kammmacherei: Eisleben (9. Bd., X), Leipzig (6. Bd., III). Kartonnagegewerbe: Eisleben (9. Bd., X), Lahr (8. Bd., XI). Klempnerei: Berlin (7. Bd., VI), Eisleben (9. Bd., X), Gahlenz (5. Bd., I), Karlsruhe (3. Bd., I), Leipzig (2. Bd., IV), Salzwedel (1. Bd., VII). Korbmacherei: Eisleben (9. Bd., X), Gahlenz (5. Bd., I), Leipzig (5. Bd., III), Nöttingen-Darmsbach (8. Bd., II). Kupferschmiederei: Berlin (4. Bd., X), Eisleben (9. Bd., X), Karlsruhe (3. Bd., I). Kürschnerei: Breslau (7. Bd., II), Eisleben (9. Bd., X), Frankenberg (2. Bd., VI), Karlsruhe (3. Bd., I), Rofswein (6. Bd., Vni). Lithographiegewerbe: Konstanz (8. Bd., XVI). 668 Anhang. Malergewerbe: Baden-Baden (8. Bd., XIV), Berlin (7. Bd-, V), Karlsruhe (3. Bd., I), Loquard (7. Bd., XIV), Nöttingen-Darmsbach (8. Bd., II). Maschinenbauerei: Eisleben (9. Bd., X). Maurergewerbe: Döbeln (6. Bd., VII), Eisleben (9. Bd., X), Krampitz (9. Bd., XIV), Nöttingen-Darmsbach (8. Bd., II). Mechanikergewerbe: Eisleben (9. Bd., X), Karlsruhe (3. Bd., I), Müllheim (8. Bd., IV). Messerschmiederei: Karlsruhe (3. Bd., I), Mannheim (8. Bd., V). Müllergewerbe: Eisleben (9. Bd., X), Gahlenz (5. Bd., I), Krampitz (9. Bd., XIV), Nöttingen-Darmsbach (8. Bd., II). Musikinstrumentenfabrikation: Leipzig (6. Bd., X). Nadlergewerbe: Eisleben (9. Bd., X). Pfaidlergewerbe: Wien (10. Bd., IV). Porzellanmalerei: Jena (9. Bd., V). Posamentiergewerbe: Eisleben (9. Bd., X), Karlsruhe (3. Bd., I). Sattlergewerbe: Deutsch-Lissa (9. Bd., XIV), Gahlenz (5. Bd., I), Karlsruhe (3. Bd., I), Könitz (9. Bd., XV), Leipzig (5. Bd., IX), Mefskirch (8. Bd., I), Mosbach (8. Bd., IX), Nöttingen-Darmsbach (8. Bd., II). Schirmmacherei: Karlsruhe (8. Bd., XVII), Wien (10. Bd., V). Schlosserei: Berlin (4. Bd., X), Breslau (4. Bd, III), Brünn (10. Bd., XVII), Donaueschingen (8. Bd., III), Eisleben (9. Bd., X), Gahlenz (5. Bd., I), Graz (10. Bd., VII), Jena (9. Bd., II), Karlsruhe (3. Bd., I), Leipzig (2. Bd., III), Neifse (9. Bd., XIII), Nürnberg (3. Bd., VII), Rofswein (6. Bd., VIII). Schmiederei: Berlin (4. Bd., X), Eisleben (9. Bd., X), Gahlenz (5. Bd., I), Graz (10. Bd., VII), Jena (9. Bd., II), Karlsruhe (3. Bd., I), Krampitz (9. Bd., XIV), Loquard (7. Bd., XIV), Mefskirch (8. Bd., I), Nakel (4. Bd., VIII), Nöttingen-Darmsbacli (8. Bd., II), Nürnberg (3. Bd., VII). Schneiderei: Breslau (7. Bd., I), Dramburg (4. Bd., V), Eisleben (9. Bd., X), Erlangen (3. Bd., VI), Gahlenz (5. Bd., I), Jena (9. Bd., IA), Karlsruhe (3. Bd., I), Löbau (4. Bd., VII), Loquard (7. Bd., XIV), Nöttingen-Darmsbach (8. Bd., II), Prenzlau (4. Bd., IV), Profsnitz (10. Bd., XII), Rofswein (6. Bd., VIII), Wien (10. Bd., XV). Schuhmacherei: Altona und Barmstedt (1. Bd., 1), Breslau (4. Bd., II), Czernowitz (10. Bd., IX), Deutsch-Lissa (9. Bd., XIV), Dramburg (1. Bd., III), Eisleben (9. Bd., X), Elmshorn (1. Bd., I), Gahlenz (5. Bd., I), Hude (1. Bd., I), Jena (9. Bd., IB), Karlsruhe (3. Bd., I), Krampitz (9. Bd., XIV), Leipzig (2. Bd., V), Loitz (1. Bd., II), Loquard (7. Bd., XIV), Nöttingen-Darmsbach (8. Bd., II), Prag (10. Bd., VI), Preetz (1. Bd., I), Rofswein (6. Bd., VIII), Wien (10. Bd., III), Württemberg (3. Bd., II). Seifensiederei: Leipzig (6. Bd., XI). Seilerei: Eisleben (9. Bd., X), Leipzig (6. Bd., II). Steinhauerei: Karlsruhe (3. Bd., I), Nöttingen-Darmscach (8. Bd., II). Steinsetzergewerbe: Berlin (7. Bd., VII). Stellmach er ei: Czernowitz (10. Bd., IX), Eisleben (9. Bd., X), Gahlenz (5. Bd., I), Karlsruhe (3. Bd., I), Könitz (9. Bd., XV), Krampitz (9. Bd., XIV), Loquard (7. Bd., XIV), Mefskirch/(8. Bd., I), Nöttingen-Darmsbach (8. Bd., II). Einige Bemerkungen über Quellen und Untersuchungsmethode etc. (J69 Tapezierergewerbe: Berlin (1. Bd. V), Karlsruhe (3. Bd., I), Leipzig (5. Bd., VII), Mosbach (8. Bd. IX), Nöttingen-Darmsbach (8. Bd., II). Tischlerei: Augsburg (3. Bd., VIII), Berlin (4. Bd., XI), Eisleben (9. Bd., X), Emmendingen (8. Bd., XII), Freiburg i. Br. (8. Bd., XIII), Gahlenz (5. Bd., I), Jena (9. Bd., IC), Karlsruhe (3. Bd., I), Köln (1. Bd., X), Könitz (4. Bd., VI), Mainz (3. Bd. III), Neudorf bei Strafsburg i. E. (3. Bd., V), Posen (1. Bd., IV), Prag (10. Bd., VI), Rofswein (6. Bd., VIII), Spreewald (7. Bd., X). Töpferei: Altstadt-Waldenburg (6. Bd., IV). Bunzlau (1. Bd., VIII), Dresden (6. Bd., VI), Eisleben (9. Bd., X), Frohbnrg (6. Bd., IV), Kannenbäcker- land a. d. Westerwalde (1. Bd., XII), Karlsruhe (3. Bd., I), Kohren (6. Bd., IV), Königsbrück (6. Bd., VI), Leipzig (6. Bd., IV), Nöttingen-Darmsbach (8. Bd., II). Tuchmacherei: Rofswein (6. Bd., VIII). Uhrmachergewerbe: Breslau (9. Bd., XII), Eisleben (9. Bd., X), Glashütte und Leipzig (5. Bd., II). Weberei: Hornberg und Umgegend (8. Bd., VII), Nöttingen - Darmsbach (8. Bd., II), Rofswein (6. Bd., VIII). Zimmererhandwerk: Döbeln (6. Bd., VII), Eisleben (9. Bd., X), Krampitz (9. Bd., XIV), Loquard (7. Bd., XIV), Nöttingen-Darmsbach (8. Bd., II). * * * Wissenschaftliche Bearbeitungen haben die Untersuchungen des Ver. für Soc.-P. ebenfalls schon mehrere erfahren. Ich habe sie nicht benutzt, weil die Gedankengänge, von denen die Darstellung in diesem Werke beherrscht wird, von denen der anderen Bearbeiter so völlig abweichende sind. Immerhin will ich sie der Vollständigkeit halber hier anführen. An erster Stelle ist das Referat zu nennen, das der Leiter unserer Vereinsenquete, Prof. Bücher, über deren Ergebnisse auf der Generalversammlung des Ver. für Soc.-P. in Köln 1897 erstattet hat (Schriften Bd. 76). Es enthält eine übersichtliche Disposition des in den Untersuchungen aufgespeicherten Materials. Mehr einen Auszug aus diesen bietet die Arbeit von M. Mendelson, Die Stellung des Handwerks etc. 1899. Eine brauchbare Gruppierung des Enquetematerials unter einem mehr praktischen Gesichtspunkt nimmt vor H. Bött- ger, Geschichte und Kritik des neuen Handwerkergesetzes. 1898. Endlich gehören in diese Übersicht auch noch die bereits genannten Zusammenstellungen von P. Voigt und Ernst Francke. Welchen immensen Fortschritt unsere wissenschaftliche Erkenntnis seit dem Erscheinen der Untersuchungen gemacht hat, vermag am besten die Unzulänglichkeit solcher Schriften zu erweisen, die noch nach der alten, rein statistischen Methode gearbeitet sind. Dahin rechne ich z. B. die trotz allen Fleifses m. E. gänzlich ergebnislose Arbeit von Otto Thissen, Beiträge zur Geschichte des Handwerks in Preufsen. 1901; aber auch Gesamtdarstellungen unserer wirtschaftlichen Entwicklung, selbst wenn sie von den ausgezeichnetsten Fachmännern herrühren, wie das Buch von Rauchberg über die Entwicklungstendenzen der deutschen Volkswirtschaft. 1901. Pierer’eche Hofbuchdruckerei Stephan Geibel & Co. in Altenbun *W''V 5 SSB3? z $i,gZg ’0 öf? -i^V>*‘R».'i , « 3 ' ►'■.?• 55VT&VV £ , 0~ > > -V-»iv ’.^V'", , , , w ?.«?*Js* SSfe'fo ■VÄ'£''tSEa C'vV/'j- s.3fS ; '• V'V'V i /* -O •t, :AiW*-l; -> 'Sl .TVWffi.w; «S srg?.« M'vlJh Au am» :%jpv. ‘ ,*i; s«3äa^*v i» *Wi j . WT**' "“"‘«igTg'W* 1 - * , ' y-Tß* Jf. ■H2BS£-?k' ( -/ *»* * r ; >• - . ; . - . d { V . ‘ l '* % ■ / ' ^ - 11 £ v 4 / r*‘ •• **! /* \ T» 1 --%. : > ^ v • .\‘\< ■ r T' . *,*-' «. • V . ■ :' -■ "f*" * * ' ’> • ^ #$; >V •■'<>• .•• : ’. V «-" , %r '*; :* . ^ ■ •'•«"fr-,.- v ''■■ r$ -* •■'•■ ',: = - «lA* : •i ’ .V ^ Ä> - . »;, .- . • äar ■&}-. , ;. '?***"•*&'. SSS!» sbCSsäEsjw^j ^"^vAÄA^gj; 'rps&sgi 1 z.?j gc'^£>iia> >?s? ? sSä? 5 “*? SS* >«5 'ä:-* '■ :ä^,± *' *'■>< i-. 1 ..' n &c **■' *«? j# flr* • Wfr>* jy ■ £®3^$3 DER MODERNE KAPITALISMUS. ZWEITER BAND. ■WB*K"T .ISA-®: - t : ÄiSälStf • a», _> DER MODERNE KAPITALISMUS. VON WEENER SOMBART. „Die Theorie an und für sich ist nichts nütee als insofern sie uns an den Zusammenhang der Erscheinungen glauben macht.“ Goethe, Sprüche in Prosa. ZWEITER BAND. DIE THEORIE DER KAPITALISTISCHEN ENTWICKLUNG. MIT REGISTERN ÜBER BAND I UND II. 'Wefiifim mWm LEIPZIG, VERLAG VON DUNCKER & HUMBLOT. 'S. _. K. W*1s*rfs'.ti ■ rtSßHS Inhaltsverzeichnis zum zweiten Bande. Einleitung'. Noito Erstes Kapitel. Die treibenden Kräfte. 3 Erstes Buch. Die NeubegTimduiig des Wirtschaftslebens. Zweites Kapitel. Das neue Recht . 27 Drittes Kapitel. Die neue Technik . 42 Viertes Kapitel. Der neue Stil des Wirtschaftslebens. G8 z weites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Erster Abschnitt. Die Entstehung- der modernen Landwirtschaft und die Auflösung 1 der alten bodenständigen W irtsehaf tsverlassung. / Fünftes Kapitel. Deutschland . 93 / A. Das Eindringen des Erwerbsprincips ia die Landwirtschaft . . 93 / 1. Die Steigerung der Produktenpreise. 93 | II. Die Mobilisierung des Grund und Bodens. 99 I III. Das Vordringen der rationell-intensiven Betriebsweise . . 102 \ IV. Das rasche Anwachsen der Grundrente.109 \ B. Die unmittelbaren Folgen der veränderten Produktionsweise . 110 \ I. Die Änderung in der Produktionsrichtung.110 \ II. Die Neugestaltung der ländlichen Arbeitsverfassung . . . 120 \ III. Die Verringerung der Nebeneinkünfte der ländlichen Bc- \ völkerung aus der Markennutzung. 125 ' w C. Der Wegfall der gewerblichen Nebenbeschäftigung auf dem Lande 130 A ExEuriT'zu Kapitel 5. Über die Stufenfolge der kapitalisti- V sehen Entwicklung . 87 VI Inhaltsverzeichnis zum zweiten Bande. Seite Sechstes Kapitel. Grofsbritannien .154 Siebentes Kapitel. Verschiedene andere Länder . 171 A. Belgien.171 B. Schweiz.172 C. Italien. 173 Zweiter Abschnitt. Ursprung - und W esen der modernen Stadt. Achtes Kapitel. Die Tendenz zur Städtebildung .176 1. Deutschland.176 2. Österreich.180 3. Frankreich.180 4. England.181 Neuntes Kapitel. Aufgaben einer Städtetheorie .187 Zehntes Kapitel. Die Genesis der kapitalistischen Stadt .... 196 Exkurs I zu Kapitel 10. Einige litterarische Notizen zur Städtetheorie im 18. Jahrhundert .224 Exkurs II zu Kapitel 10. Londons sociale Struktur im 18. Jahrhundert .225 Elftes Kapitel. Die Existenzbedingungen der Städte. „Der Zug nach der Stadt“.228 Zwölftes Kapitel. Die Grundrentenbildung in den Städten . . . 239 Dritter Abschnitt. Die Neugestaltung - des Bedarfs. Vorbemerkung.250 Dreizehntes Kapitel. Die Ausweitung des Konsums.252 Notstanclslitteratur aus dem Deutschland der 1830 er und 1840 er Jahre 266 Vierzehntes Kapitel. Die Verdichtung des Konsums.277 Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung des Bedarfs. (Zur Geschichte des modernen Geschmacks.) .290 I. Deutschland.293 II. England.304 III. Die Vereinigten Staaten.308 Sechzehntes Kapitel. Die Vereinheitlichung des Bedarfs und seine Urbanisierung.319 Siebzehntes Kapitel. Die Mobilisierung des Bedarfs. (Zur Theorie der Mode.) .: . . . 327 Vierter Abschnitt. Die Neugestaltung - des Güterabsatzes. Achtzehntes Kapitel. Die Vermehrung der Händlerschaft.346 Neunzehntes Kapitel. Der Rückgang des Wanderhandels.353 A. Messen und Märkte.353 B. Der Hausierhandel.356 C. Wanderlager und Wanderauktionen.363 Inhaltsverzeichnis zum zweiten Bande. VII Soito Zwanzigstes Kapitel. Die Neuorganisation des sefshaften Detailhandels.367 A. Der alte handwerksmäfsige Detailhandel.367 B. Die Genesis des kapitalistischen Detailhandels.372 I. Die neuen Geschäftsprincipien.372 II. Neue Geschäftsformen.376 1. Das Versandgeschäft.379 2. Das Auktionsgeschäft.381 3. Das Abzahlungsgeschäft.383 III. Die Neugruppierung der Waren in den Verkaufsstätten . 387 1. Qualitative Differenzierung.387 2. Specialisierung.389 3. Kombinierung.390 IV. Konzentrationstendenz.393 Eiiinndzwanzigstcs Kapitel. Die Ililfsorgane des modernen Detailhandels.400 A. Die Fachpresse.400 B. Die (Geschäfts-) Reisenden.401 C. Die Zwischenhandelsorganisationen.405 I. Der Grossist alten Stils. 405 II. Der Engrossortimenter.406 III. Die Agenten.406 Exkurs zu Kapitel 21. Das Recht des Agenten.407 Zweiundzwanzigstes Kapitel. Die Bestrebungen zur Ausschaltung des Detailhandels.409 A. Ausschaltung durch Initiative der Produzenten.409 B. Ausschaltung durch Initiative der Konsumenten.414 I. Die Organisationen „produktiver Konsumenten“.414 II. Die Organisationen letzter Konsumenten.417 1. Die Konsumanstalten industrieller Etablissements . . 417 2. Konsumvereine.418 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. Erster Abschnitt. Dreinndzwanzigstes Kapitel. Begriff und Wesen der Konkurrenz . 423 Zweiter Abschnitt. Der Kampf um die beste Leistung’. Vierundzwanzigstes Kapitel. Die Qualität der Darbietung. *. . . . 432 Fünfundzwanzigstes Kapitel. Die Qualität des Dargebotenen . . . 440 Sechsundzwanzigstes Kapitel. Handwerk und Kunstgewerbe. . • ■ 451 VIII Inhaltsverzeichnis zum zweiten Bande. Soite Dritter Abschnitt. Der Preiskampf. Siebennndzwanzigstes Kapitel. Die formale Überlegenheit der kapitalistischen Unternehmung .463 Achtundzwanzigstes Kapitel. Das Surrogat, .467 Nennundzwanzigstes Kapitel. Der Kampf um die Produktionsmittel 472 A. Die Arbeitsbedingungen.472 B. Der Arbeitsgegenstand.477 C. Das Arbeitsmittel.483 Drcil’sigstes Kapitel. Der Kampf um die Arbeitskraft .490 Exkurs zu Kapitel 30. Arbeitslöhne von Weibern .504 Einunddrcifsigstes Kapitel. Verdichtung und Ausweitung des Produktionsprozesses .507 I. Verdichtung des Produktionsprozesses.507 II. Ausweitung des Produktionsprozesses.510 Zwciunddreifsigstcs Kapitel. Der Kampf um die Technik .514 I. Das materialvereinigende Verfahren.515 II. Das arbeitzerlegende Verfahren.516 III. Das wissenschaftliche Verfahren.519 Dreinnddreil'sigstes Kapitel. Handwerk und Maschine .521 I. Die Kraftmaschinen.521 II. Die Arbeitsmaschine.531 Vierter Abschnitt. Hemmungen. Vieruuddreifsigstes Kapitel. Allgemeines. Hemmungen auf Seite der Nachfrage .540 Fiinihnddrcifsigstcs Kapitel. Der Traum von den Handwerkergenossenschaften .544 I. Die Bedeutung des Kredits für das Handwerk.546 II. Die Bedeutung der Betriebsgenossenschaften für das Handwerk 552 SechsnnddreifsigstesKapitel. Der Verkrüppelungsprozefs des Handwerks .561 I. Verkauf unter den Produktionskosten.561 II. Herabminderung der Produktionskosten.562 Si ebenunddreii'sigstes Kapitel. D i e A u s b e u t u n g j u g e n d 1 i c h e r A r b e i t s - kräfte im Handwerk .566 Exkurs zu Kapitel 37. Einige litterarische Notizen zur Frage der Lehrlingsausbildung und Lehrlingsausbeutung 582 Verzeichnis der Abkürzungen.585 Antorenverzcichnis.586 Sachregister (einschließlich Orts- und Personenverzeichnis).597 Einleitung. Die treibenden Kräfte. „Die Theorie an und fwr sich ist nichts nütze, als insofern sie tms an den Zusammenhang der Erscheinungen glauben macht.“ Goethe, Sprüche in Prosa. Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 1 Erstes Kapitel. Das miifste eine traurige Einleitung werden, wenn wir darin ausführliche Rechenschaft uns geben wollten von dem, was über treibende Kräfte im Wirtschaftsleben bisher schon gesagt und geschrieben worden ist. Neben mancher vortrefflichen Bemerkung: welche Fülle von Unklarheiten, von Verfehltheiten, von Lächerlichkeiten ! Was hat doch alles schon die Rolle von treibenden Kräften spielen sollen! Da marschiert obenan „die Anforderung der Zeit“, das „allgemeine volkswirtschaftliche Bedürfnis“ und was dergleichen verschwommenes Zeug mehr ist. Dann lernen wir gelegentlich die „Arbeitsteilung“ oder die „politische Centralisation“ oder den „Verkehr“ als treibende Kräfte im Wirtschaftsleben kennen. Oder es werden gar irgendwelche Abstraktionen zu solcher Würde erhoben. Fand sich doch kürzlich sogar in einer philosophischen Fachzeitschrift 1 ein Aufsatz, der die Überschrift trug: „Beharrung und Veränderung als geschichtliche Kräfte“ (!). Es mutet Einen sonderbar an. Solchen Entgleisungen gegenüber bedeutet es einen erheblichen Fortschritt, wenn als treibende Kräfte der wirtschaftlichen Entwicklung genannt werden etwa: die Technik, die Rechtsordnung, die Bevölkerungsbewegung. Das sind, soviel ich sehe, die beliebtesten Kategorien, mit denen ernste Forscher arbeiten. Aber, um es gleich herauszusagen, was dem Leser nach meinen früheren Bekenntnissen nicht zweifelhaft sein darf : ich kann auch in keiner von ihnen eine „treibende Kraft“ erblicken. So bedeutsam beispielsweise die Zähmung der Dampfkraft für die Umbildung unseres Wirtschaftslebens geworden ist, so ist der Dampf doch immer nur die treibende Kraft in einer Dampfmaschine geblieben, ohne die Fähigkeit zu erwerben, diese Dampfmaschine auf- 1 Vierteljahrsschrift für wiss. Philos. 24 (1900), 313 ff. 1 * 4 Einleitung. zustellen und sie bestimmten Zwecken dienstbar zu machen. Ein so wichtiger Faktor bei der Genesis des modernen Kapitalismus die Bevölkerungsbewegung gewesen ist, so sind doch alle Bevölkerungsüberschüsse der Welt noch nicht hinreichend, um auch nur ein einziges Bankgeschäft aufzumachen: man denke an China und Indien, deren Übervölkerung ohne alle revolutionäre Wirkung verpufft. Und so einschneidend eine Rechtsordnung wirken kann, so müssen wir uns doch klar sein, dafs sie nichts anderes als bestimmte Normen für menschliches Handeln enthält, über dieses selbst aber nichts entscheidet. Sie ist der Anlage von Wegen, von Ruheplätzen, von Warnungstafeln und Wegweisern in einem Parke zu vergleichen, in dem lebendige Menschen alsdann zu wandern berufen sind. Wir sollten uns doch endlich daran gewöhnen, nur diese als treibende Kräfte in allem socialen Geschehen anzusprechen; richtiger ihre Zwecksetzungen, ihre Wollungen. Alles andere — Tecknik, Bevölkerungsbewegung, Rechtsordnung — haben wir entweder in das Verhältnis der Wirkung jener treibenden Kräfte oder in dasjenige der objektiven Bedingung ihrer Wirksamkeit zu setzen. Mit ihnen werden wir uns daher dort erst zu beschäftigen haben, wo wir jene objektiven Bedingungen abhandeln. Hier gilt es, über die allein in Betracht kommenden treibenden Kräfte der wirtschaftlichen Entwicklung — die menschlichen Motivationen — uns einige genauere Wissenschaft zu erwerben. Da ist denn nun zunächst an das Bedürfnis unseres Denkens nach einheitlicher Erklärung zu erinnern. Es kann verwöhnteren Naturen unmöglich genügen, für einzelne disparate Phänomene des Wirtschaftslebens eine Reihe von einzelnen, disparaten Ursachen sich aufzählen zu lassen. Vielmehr drängt es uns, die Einzelphänomene in einen inneren Zusammenhang, will sagen in das Verhältnis von Ursache und Wirkung einzuordnen und alsdann als die primär wirkenden Ursachen bestimmte prävalente Motivreihen aufzudecken. Das Ideal bleibt, wie ich schon ausgeführt habe, auch hier die Zurückführung auf „letzte“ Ursachen, auf die letzte Ursache, also für sociales Geschehen die primär wirkende Triebkraft oder Motivation h Aber wir kennen auch schon die Grenzen, 1 Ich bemerke noch einmal ausdrücklich, dafs dieses Bedürfnis unserer Vernunft nach Einheit des Wissens nichts zu thun hat mit einer geistlosen Erklärung komplizierter Phänomene aus einer oder wenigen Ursachen. Selbstverständlich ist jedes einzelne sociale Phänomen tausendfach bedingt. Aber es gilt, in jenes Chaos der Zusammenhänge Ordnung zu bringen. Ich mache Erstes Kapitel. Die treibenden Kräfte. 5 die diesem Suchen nach letzten Ursachen im socialen Leben gezogen sind. Wir wissen, dafs wir uns hüten müssen vor der Zurückführung auf nichtssagende, weil völlig allgemeine seelische Kräfte wie den „Egoismus“, den „wirtschaftlichen Sinn“ oder dergleichen, dafs wir uns vielmehr nach den eine bestimmte Zeitepoche beherrschenden , also historisch bedingten Motivreihen umsehen müssen, wollen wir zu einigermafsen brauchbaren Kausalerkläi’ungen gelangen. Welche Kräfte also waren es, die die moderne Wirtschaft geschaffen haben: so lautet genauer die Frage, die wir uns stellen. Es ist üblich geworden, bei der Beantwortung dieser Frage die grofsen socialen Ideen, also ideelle Motive an erster Stelle als wirkende Ursachen hervorzuheben: der „Individualismus“, der „Freiheitsdrang“, das Anwachsen des persönlichen Verantwortlichkeitsgefühls und ähnliches gilt traditioneller Weise bei einsichtigeren Leuten als das Bewegende, das Treibende in unserer Zeit. Nun bin ich der letzte, der die ungeheure Schwungkraft unterschätzen möchte, die jene „freiheitlichen“ Ideale besessen haben, der nicht anerkennen möchte, dafs sie als ein ungemein kräftiges Ferment in dem Umgestaltungsprozefs mitgewirkt haben, dessen Gesetzmäfsig- lceit hier nachgewiesen werden soll. Zumal in ihrer Vereinigung mit den Axiomen der klassischen Nationalökonomie, in denen den individualistischen Postulaten ebenso die wissenschaftliche Weihe gegeben wurde, wie ein Jahrhundert später den socialistischen durch die Hegel-Marxsche Dialektik. Und heute, nachdem sie längst zu wirtschaftspolitischen Schlagworten oder wirtschaftswissenschaftlichem Doktrinarismus verknöchert sind, sehen wir sie gelegentlich immer noch einmal ihre Wirksamkeit ausüben. Das alles ist selbstverständlich. Aber trotzdem wird eine vertiefte Betrachtung jene Ideen als die primär wirkenden Ursachen der modernen Wirtschaft nicht gelten lassen können. Ich will dabei gar nicht einmal auf ihre eigene abgeleitete Entstehung den entscheidenden Nachdruck legen, obwohl es leicht wäre, nachzuweisen, dafs sie erst in einer Zeit zum Leben erwachten, in der die wirtschaftliche Revolution längst in vollem Gange war, dafs die italienischen Handelsrepubliken des 15. Jahrhunderts, das Augsburg des 16., Frankreich und England im 17. Jahrhundert längst auf der Bahn des modernen Kapitalismus wandelten, als auch noch nichts von den Postulaten der indivi- diese Anmerkung für die Maulwürfe, die mir früher schon einmal aus der Dunkelheit ihres Geistes heraus „Schabionisierung“ vorgeworfen haben. 6 Einleitung. duellen Freiheit und den Axiomen des ökonomischen Selbstinteresses verlautet war, dafs Jahrhunderte moderner Entwicklung vergangen waren, als die Grotius, Gassendi, Hobbes, Pufendorf, Locke die Grundlagen des individualistischen Naturrechts aus den Trümmern der antiken Philosophie aufzubauen begannen. Ich will nur folgendem Gedankengange Raum geben. Offenbar können sociale Ideale nur dann und insoweit eine entscheidende Wirkung auf die Gestaltung des Wirtschaftslebens ausüben, als sie zu Maximen der Wirtschaftspolitik sich verdichten und nunmehr mafsgebend für die äufsere Regelung des Wirtschaftslebens werden. Jedenfalls bedeutet es das Maximum ihrer Wirksamkeit, wenn sie einem Systeme praktisch-politischer Verhaltungsgrundsätze oder wenn man will, einem Systeme des Wirtschaftsrechtes zum Leben verhelfen: wie es etwa in der Gesetzgebung der Konstituante und in den Stein-Hardenbergischen Reformen thatsächlich der Fall gewesen ist. Nun wird sich später noch Gelegenheit bieten, die meist aufserordentlich überschätzte Bedeutung der formalen Regelung des Wirtschaftslebens auf ihr richtiges Mafs zurückzuführen. Hier mag nur folgende Erwägung Platz finden. Die neuere Geschichte (auf die allein Rücksicht genommen wird: auch das hier behandelte Problem läfst sich nicht für die verschiedenen Geschichtsepochen gleichmäfsig lösen), die neuere Geschichte liefert uns genügend viele Beispiele dafür, dafs eine aus ideellen Motiven geborene Politik (wie sie unter dem Regime des modernen Konstitutionalismus überhaupt nicht mehr möglich, gelegentlich aber im alten absoluten Staate oder in Perioden revolutionären Paroxismus vorgekommen ist und heute noch in halb absoluten Staaten wie Preufsen-Deutschland hie und da vorkommt) stets Fiasko gemacht hat, wenn sie den ökonomischen Interessen der zur Zeit mächtigsten socialen Klasse widersprach oder aber ohne das Vorhandensein ökonomischer Interessen, die sich ihr gemäfs hätten bethätigen sollen, insceniert wurde. Besonders reich an Beispielen dafür ist die preufsische Wirtschaftspolitik. Es genügt, an Friedrichs II, Weberpolitik, an die papierne Gewerbefreiheit von 1810/11, an die Unschädlichmachung der agrarischen Reformen der Stein und Hardenberg durch die Deklaration von 1816, an das Fiasko der Februarerlasse des Jahres 1890 zu erinnern. Aber was noch viel wichtiger ist, ist die Einsicht, dafs der Gang des Wirtschaftsrechts und der Wirtschaftspolitik in grofsen Zügen durchaus die Parallelität zu den jeweils tonangebenden ökonomischen Mächten aufweist. Ist dem aber so, so erscheint der Schlufs gerechtfertigt, dafs es stets bestimmter Erstes Kapitel. Die treibenden Kräfte. 7 Unterströmungen bedarf, damit ideelle Motive durch das Medium der Wirtschaftspolitik wirksam werden können. Nun wissen wir, welches diese Unterströmungen im Entwicklungsgänge des modernen Wirtschaftslebens sind: die kapitalistischen Interessen. Wenn uns die Geschichte also lehrt (was in den folgenden Kapiteln noch empirisch zu beweisen ist), dafs (in grofsen Zügen) die moderne Wirtschaftspolitik in keinem einzigen Punkte Neuerungen gebracht P hat, die sich nicht aus den Bedürfnissen des Kapitalismus ableiteu liefsen, wenn wir dann uns jener anderen Einsicht erinnern, dafs ohne oder gegen jene Interessen niemals grundsätzlich umgestaltende Mafsnahmen der Wirtschaftspolitik Erfolg gehabt haben, wenn wir endlich auch noch die zeitliche Priorität der kapitalistischen Interessen in Betracht ziehen, so wird es statthaft erscheinen, dafs wir in der Geltendmachung dieser kapitalistischen Interessen, was aber gleichbedeutend ist mit dem Verwertungsstreben des Kapitals, primär wirkende Ursachen, letzte treibende Kräfte der modernen wirtschaftlichen Entwicklung ei’kennen. Das ist der Grundgedanke, von dem dieses Buch beherrscht wird und dessen Richtigkeit nun sein Inhalt erst erweisen soll 1 . ¥ Ehe wir jedoch an die Arbeit dieser Beweisführung selber heran- gehen, wird es nicht unzweckmäfsig sein, uns über die Natur jener treibenden Kräfte der modernen wirtschaftlichen Entwicklung, also über das Wesen jenes Verwertungsstrebens des Kapitals etwas genauer zu unterrichten. Der Satz, dafs das Kapital stirbt, wenn es sich nicht verwertet, d. h. durch geschickte Vertragsabschlüsse sich samt einem Probt reproduziert, ist heute bereits eine Trivialität. Es wird also nur darum sich handeln können, nachzuprüfen: ob denn dieses Verwertungsstreben nicht verschiedene Formen oder verschiedene Stärkegrade annehmen kann; und ob insonderheit sieh in seiner Wirkung auf die hier primo loco in Frage stehende Verdrängung oder Schädigung des Plandwerks nicht Nüancierungen etwelcher Art nachweisen lassen. 1 Es ist daher auch unnütz, dafs ich mich liier länger damit auf halte, die Dichtigkeit meines Ausgangspunkts zu erweisen. Ich habe den Versuch einer einheitlichen Erklärung der modernen Wirtschaft aus den angeführten Ursachenreihen unternommen. Versuche ein anderer dasselbe mit einem anderen Erklärungsprincip. Dann erst läfst sich darüber streiten, ob ich recht daran that, den Ausgangspunkt für meine Untersuchung so zu wählen, wie es geschehen ist. Man wolle die schlichte Wahrheit des Goetheschen Wortes beherzigen, das dieser Einleitung vorangestellt ist. 8 Einleitung. Da ergiebt denn eine nähere Prüfung das folgende: es müssen zwei Perioden kapitalistischer Entwicklung unterschieden werden (es ist überflüssig zu sagen, dafs es sich hier abermals nur um Skizzierung von Zusammenhängen handelt, deren gründliche Erörterung späteren Studien Vorbehalten bleibt): ich will sie einstweilen Perioden der Expansion und der Kontraktion nennen (ohne auf die Terminologie besonderen Wert zu legen) und sie in Anlehnung an die übliche Unterscheidung von Prosperitäts- und Depressionszeiten also charakterisieren: Expansionszeiten sind diejenigen, in denen die Kapitalbeträge rasch und stetig durch vermehrte Edelmetallprodulction oder anderweite partielle Vermehrung der Edelmetalle oder ihrer Surrogate vergröfsert werden: Beispiele die Jahre nach 1450, nach 1850, nach 1871 (für Deutschland), nach 1895. Hier fällt die gesteigerte kapitalistische Thätigkeit mit steigenden Preisen, zunehmendem Wohlstand, infolge dessen vergröfsertem bezw. erleichtertem Absatz zusammen. Kontraktionszeiten sind diejenigen, in denen sich die Zusatzkapitalien aus reiner Uberkapitalisation ergänzen, ohne beträchtliche Vermehrung der Umlaufsmittel, in denen somit der Ausdehnung der kapitalistischen Wirksamkeit sinkende Preise, Verschlechterung des Absatzes parallel gehen; in denen zwar keine „Krisen“, aber „Depression“ herrscht. Das klassische Beispiel einer Kontraktionsperiode in neuerer Zeit bieten bekanntlich die beiden Jahrzehnte von 1876—1895. Für die Beziehungen zwischen Kapitalismus und Handwerk haben nun diese beiden Perioden eine sehr verschiedene Bedeutung: in der Expansionsperiode ist der Kapitalismus dem Handwerke viel weniger gefährlich, als in der Kontraktionsperiode, weil das Kapital in jener um Anlagesphären nicht so verlegen ist wie in dieser, das Handwerk also mehr in Ruhe läfst. Freilich schmiedet der Kapitalismus in jenen raschen Wachstumsperioden auch schon die Waffen, mit denen er dann nachher das Handwerk schlägt. Daher Expansionszeiten langsamen Niedergang des Handwerks oder sogar Stillstand seines Auflösungsprozesses, Kontraktionsperioden abrupte Vernichtung im Gefolge haben. Das soll nun durch einige Ziffern, insbesondere für Deutschland und die Zeit von 1850—1875 bezw. 1876—1895 illustriert werden. Die Mitte des 19. Jahrhunderts bezeichnet in der Entwicklung des modernen Kapitalismus eine Epoche; man kann sagen, dafs er seit dieser Zeit in allen Ländern Westeuropas in das Stadium seiner Hochblüte eintritt. Was aber den gewaltigen Aufschwung, den Erstes Kapitel. Die treibenden Kräfte. 9 kapitalistisches Wesen von nun ab nimmt, vor allem bewirkt, ist die plötzliche Vermehrung der Edelmetallproduktion, die die Er- schliefsung der kalifornischen (1848) und australischen (1851) Goldgruben herbeiführt 1 und die in folgenden Ziffern ihren Ausdruck findet 2 : Die gesamte Goldproduktion in den Vereinigten Staaten betrug in Milk Dollars: 1848 = 10,0; 1849 = 40,0; 1850 = 50,0; 1851 = 55,0; 1852 = (30,0; 1853 = 65,0. Die Gesamtmenge des in Australien gewonnenen Goldes betrug nach den amtlichen Angaben (in 1000 Unzen): 1851 = 357; 1852 = 3105; 1853 = 3292. Die gesamte Goldproduktion, die für das Gebiet der europäischen Kultur in Betracht kommt, betrug Mill. Mk.: 1848 = 150; 1849 == 265; 1850 = 300; im Durchschnitt 1851—55 = 557; 1856—60 = 564. Die jährliche Goldausmünzung in den fünf Staaten: Grofsbritannien, Vereinigte Staaten, Frankreich, Rufsland, Preufsen betrug (in ungleichen Zeiträumen berechnet) 3 vor 1847: 38385 715 Mill. Thlr. im Jahresdurchschnitt 1847/52: 119211151 „ „ In den folgenden Jahren steigt sie noch weiter an. Dazu kam die ungeheure Expansion, die der Kredit erfuhr, vor allem die beträchtliche Vermehrung des Papiergeldumlaufs in Mitteleuropa. In Deutschland ist die Entwicklung des Kredits bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts noch aufserordentlich geringfügig. Das Geschäft auf den Jahrmärkten, aber auch auf den Messen, auf denen die Grofsproduzenten (oder Grofshändler) ihre Waren an Grossisten meist persönlich absetzten, war fast ausschliefslich Bargeschäft. Ein grofser schlesischer Textilindustrieller, mit dem ich oft über die Geschäftsform jener Zeit mich ausgesprochen habe, schilderte mir anschaulich das primitive Getriebe auf einer solchen Messe. Dort — sei es in Frankfurt a. O., sei es in Leipzig, sei es auch an einem süddeutschen Mefsort — erschien der Schweidnitzer oder 1 Über den Zusammenhang zwischen der vermehrten Goldproduktion und der Entwicklung des Kapitalismus handelte in urteilsvoller Weise Otto Michaelis, Die Handelskrisis von 1857. Geschrieben 1858/59, jetzt in den Schriften 1 (1873), 237—372 und M. Wirtli, Geschichte der Handelskrisen. 3. Aufl. 1883. S. 245 ff. 2 Vgl. Lexis, Art. Gold und Goldwährung im Il.St. Bd. IV und dazu Ad. Soetbeer, Andeutungen in Bezug auf die vermehrte Goldproduktion und ihren Einflufs. 1852, insbes. S. 13 ff. 3 Otto Hübner, Die Banken. 1854. S. 52. 10 Einleitung. Peterswaldauer Fabrikant persönlich mit seiner Ware, deren technische Produzenten die Weber im schlesischen Gebirge waren. Der Absatz war ein stetiger und traditioneller. Er verkaufte an die Grossisten aus Hamburg, Danzig, Königsberg, Rufsland, meist gegen bar, in der Münze des Landes. Am Abend hatte er oft 50 und mehr Münzsorten in seiner Kasse, die er nun entweder bei seinen Gläubigern loszuwerden suchte oder bei den Bankiers einwechselte, die sich ebenfalls aus allen Hauptstädten auf den grofsen Messen persönlich einfanden. Das Geldwechselgeschäft war noch fast das wichtigste Bankiergeschäft. Bezeichnend für die Auffassung des alten Bankiertums ist die Klage, in die bei Einführung der einheitlichen Währung häutig solche Wechsler ausbrachen: nun sei ja ihr bestes Geschäft — der Geldwechsel — verdorben, die Vereinheitlichung der Währung werde mehr Schaden als Nutzen für das Bankiergeschäft bringen! Im Jahre 1846 wurde die preufsische Bank gegründet, als Fortsetzung der königlichen Bank und bei weitem bedeutendstes Kreditinstitut. Sehen wir uns jedoch die Ziffern ihrer Geschäftsberichte an, so staunen wir über ihre Geringfügigkeit, trotzdem sie verglichen mit den übrigen in Deutschland bestehenden Bankinstituten noch Grofses leistete. Noch im Jahre 1851 belief sich der Betrag 1 • des Notenumlaufs.auf 18,86 Mill. Thlr. der Depositen.. 24,18 ., ,, der Lombarddarlehen.., 9,77 ,, „ der Platzwechsel 2 3 * 5 .„ 6,91 ,, „ der inländischen Rimessenwechsel 2 „ 4.19 „ „ Weit zurück hinter diesen Ziffern bleiben, wie gesagt, diejenigen der anderen deutschen Banken. Von öffentlichen Banken bezw. Bankgesellschaften kommen nur die übrigen Zettelbanken in Betracht. Von ihnen weisen die bedeutendsten folgende Beträge auf: *) Vgl. Lexis, Art. Banken (Statistik) im H.St., 1. Aufl., Bel. II, und dazu die ausführliche Darstellung von F. Noback, Die deutschen Banken in ihrem gegenwärtigen Wirken etc. in der Zeitschrift des Vereins für deutsche Statistik 1 (1847), S. 70 ff. 717 ff. 3 Charakteristisch für den geringen Entwicklungsgrad der verkehrswirtschaftlichen Beziehungen ist auch die noch vorhandene Präponderanz der Platz- iiber die Versandwechsel, während beispielsweise im Jahre 1900 die Reichsbank ankaufte für 3 220 Mill. Mk. Platzwechsel, dagegen für 5 330 „ ,, Versandwechsel auf das Inland. Erstes Kapitel. Die treibenden Kräfte. 11 Es belaufen sich beispielsweise die Depositen bei der Bayrischen Hypotheken-und Wechselbank auf 1,1 Mill. Thlr. „ „ Ritterschaftl. Privatbank in Pommern . „ 3,2 ., „ ,, „ Dessauer Landesbank. . „ 0,4 „ „ Giro- und Kontokorrentverkehr war noch so gut wie unbekannt. Was aber vor allem daneben zu beachten ist, ist der Umstand, dals aufser den Zettelbanken überhaupt noch keine irgendwie nennenswerten Bankgesellschaften bestanden. Und nun aber kommt der grofse Umschwung in den 1850er Jahren: die Gründung der grofsen, noch heute z. T. mächtigen Institute fällt in jene Zeit. Das Jahrzehnt von 1850—1800 erlebt folgende Gründungen 1 : 1850 Bank des Berliner Kassenvereins, 1850 Rostocker Bank, 1853 Bank für Handel und Industrie, 1853 Weimarische Bank, 1856 Diskontogesellschaft, 1850 Hamburger Vereinsbank, 1856 Mitteldeutsche Kreditbank, 1856 Niedersächsische Bank, 1850 Norddeutsche Bank, 1850 Schlesischer Bankverein, 1856 Berliner Handelsgesellschaft. Die Anfänge speciell des Berliner Bankverkehrs datieren die meisten Bankiers, die jene Zeiten miterlebt haben, erst seit Mitte der 1850 er Jahre. Im Bereiche Österreichs und des Zollvereins belief sich der Betrag 2 (in Thlr.) 1847 1853 der Banknoten auf 138614000 171171000 des Papiergeldes „ 30985000 171727 000 Eine fieberhafte Unternehmungslust auf allen Gebieten des Wirtschaftslebens erwacht: das Erwerbsleben kann sich um so ungehinderter entfalten, als die Konvulsionen des Jahres 1848 in allen Ländern politische Reaktionsperioden hervorrufen: Staatsstreich Napoleons, Ende der Chartistenbewegung, Reaktion in den deutschen 1 Lexis a. a. O. 2 O. Hübner a. a. O. S. 48 Anra, 12 Einleitung. Staaten und der europäische Frieden nur durch kürzere Kriege unterbrochen wird. Das „Enricliissez-vous, messieurs“ gelangt jetzt erst zur rechten Ausführung. Für die Stimmung in Deutschland beispielsweise ist das Erscheinen eines Buches symptomatisch, das den Titel führt: „Goldminen in Deutschland. Vorschläge zu neuen gewinnreichen Unternehmungen, nachgewiesen für Kapitalisten zur vorteilhaftesten Anlegung ihrer Fonds und für solche, die auf bisher unbetretenen Wegen Geld verdienen und zur Wohlhabenheit gelangen wollen“ h Und der Kapitalismus findet so viele Gebiete — aufserhalb der Sphäre handwerksmäfsiger Produktion — vor, die gleichsam auf Befruchtung mit Kapitalien warten: Bräute, die des Bräutigams harren. Zunächst ist es die Cirkulationssphäre, in der jetzt erst recht kapitalistisches Wesen sich breit macht. Die Geld- und Kreditinstitute nannte ich schon als Anlagegebiete der neugewonnenen Kapitalmassen. Allein in Deutschland wurden in den Jahren 1853—57 über 200 Mill. Thlr. zur Gründung neuer Banken eingezahlt und etwa 30 Mill. Thlr. von neu gegründeten Versicherungsgesellschaften absorbiert 1 2 3 . Trotzdem sind bis Ende der 1860er Jahre die Diskontosätze und Bankprofite hoch, sodafs die Geldplethora, die aus dem „Milliardensegen“ erwächst, hoch einmal — und nun in verstärktem Mafse — ihren Abflufs in die Kanäle der Bankgründungen finden konnte. Waren in Form von Aktiengesellschaften 1851 — 70 in Deutschland Banken in einem Betrage von 94,65 Mill. Mk. begründet, so wuchs 1871—74 das Aktienkapital der neu gegründeten Banken auf 838,27 Mill. Mk. an 8 . Daneben sind es die modernen Ve rkehr s i n s t i t u t e, die ebenfalls nun erst recht als bedeutsame Kapitalanlagen auftreten. Die Eisenbahnen erfahren eine rasche Erweiterung: bis 1855 sind 7820 km, bis 1865 13900 km, bis 1875 27 981 km Eisenbahnen in Deutschland erbaut 4 . Das Aktienkapital, das in deutschen Eisenbahnanlagen von 1851—1870 investiert wurde, beläuft sich auf 1722,44 Mill. Mk. 5 . Dazu kommen natürlich noch die erheblichen Summen der Prioritäten etc., sodafs das G esamtanlagekapital für 1870 auf 4072167 621 Mk., für 1880/81 auf 8890 333330 Mk. angegeben wird 6 . 1 Verschiedene Verfasser. Weimar 1852. 2 M. Wirtli a. a. O. S. 310 f. 3 Art. Aktiengesellschaften im H.St. 4 Juraschek, Übersichten lSSö'SO, S. 678. 5 Nach Engels Berechnung. Vgl Art. Aktiengesellschaften H.St. 6 Stat. Jahrbuch für das Deutsche Eeich. IV. Jahrg. (1883) S. 108. Erstes Kapitel. Die treibenden Kräfte. 13 Für die 1850er Jahre berechnet Max Wirth 1 die Summe des auf neue Eisenbahnen eingezahlten Aktienkapitals auf 140 Mill. Thlr., die Höhe der Eisenbahn- u. a. Prioritätsanlehen auf 206 Mill. Thlr. Nach der amtlichen Statistik betrug das Anlagekapital der preufsischen Bahnen: 1850 = 148458 705 Thlr., 1860 = 381505 934 „ 2 3 . Das gesamte Anlagekapital der Eisenbahnen Europas wird schon 1860 auf 15 240 Mill. Mk., 1865 auf 25130 Mill. Mk., 1875 auf 43550 Mill. Mk. berechnet 8 . Ebenso rasch vollzieht sich die Erweiterung der Handelsflotte, deren effektive Tragfähigkeit 1830-39 um 2,10 °/o, 1840—49 „ 3,65 °/o, dagegen 1850—59 „ 5,00 °/o anwächst 4 . Die Häfen werden erweitert, die Flüsse korrigiert und reguliert, Kanäle neugebaut: die Anlage des Suezkanals absorbiert rund V 2 Milliarde Francs 5 6 . Das Telegraphennetz beginnt sich auszudehnen. Die submarinen Kabel heischen grofse Kapitalmassen. Von 1851—1868 werden bereits 15 830 Seemeilen Kabel gelegt. An diesen internationalen Anlagen sind alle aufstrebenden Staaten mit ihrem Kapital ebenfalls mehr oder weniger beteiligt. Ferner sind es die schon seit langem im Besitze des Kapitalismus befindlichen Fundamentalindustrien, denen das Kapital seinen Blutstrom zuführt. Mächtig blüht allerorts die Kohlen- und Eisenindustrie in die Höhe. Es werden in Deutschland gewonnen c : an Steinkohle: 1850 = 5,8 Mill. Tonnen 1860 = 12,35 „ 1870 = 26,40 „ 1875 = 37,44 „ an Braunkohle: 1850 = 1,52 ,, „ 1860 = 4,38 „ 1870 = 7,61 „ 1875 = 10,37 „ 1 Geschichte der Handelskrisen S. 310. 2 Jahrbuch für die amtliche Statistik des preufsischen Staats. I. Jahrgang. 1863. S. 512-515. 3 Juraschek a. a. O. S. 686. 4 Neumann-Spallart, Übersichten 1883/84, S. 525. 6 479175683 Frcs.; vgl. Mich. Geistbeck, Der Weltverkehr (1887) 374. 6 L. Francke, Bergbau (Statistik) im H.St. II, 377 ff. 14 Einleitung. an Eisenerzen: 1850 = 838426 Tonnen 1860 = 1400 800 1870 = 3 839 222 Und gar die Eisenindustrie beginnt erst seit der Mitte des Jahrhunderts ihren eigentlichen Aufschwung; sie geht jetzt erst zu den modernen Verhüttungs- und Schmelzverfahren über und gerade das bedingt ihren grofsen Bedarf an Kapital. Die Produktion selbst steigert sich wie folgt. Es wurden in Deutschland Roheisen gewonnen 1 : 1850 = 208 Mill. kg. 1860 == 529 „ „ 1870 = 1391 „ „ 1875 = 2029 „ „ Leider ist es nicht möglich, die Höhe der Kapitalanlagen in diesen Standardindustrien ziffermäfsig zu verfolgen. Die Steigerung der Produktion gewährt jedoch immerhin bemerkenswerte Anhaltspunkte. Das Aktienkapital, das auf dem Gebiete des Bergbau-, Hütten- und Salinenwesens in Deutschland während der Jahre 1851—70 absorbiert wurde, berechnet Engel auf 275,44 Mill. Mk. 2 . Als letztes Feld für die Thätigkeit des Kapitals erschliefsen sich die Landwirtschaft und die mit ihr in vielen Ländern verbundenen Industrien: die Zucker- und Spiritusindustrie. Ist es auch schwer, die Summen genau festzustellen, die in dieses Becken fliefsen, so genügen doch einige Anhaltspunkte, um uns ein Bild zu geben von der immensen Absorptionskraft, die diesen Produktionszweigen eignet. Es ist mit Recht behauptet worden, dafs Zucker- und Spiritusindustrie diejenigen Industriezweige gewesen seien, an denen Deutschland sich zur kapitalistischen Grofsmacht entwickelt habe: etwa wie die Baumwoll- und Eisenindustrie den Grund zu Englands Gröfse gelegt haben. Die Zahl der Zuckerfabriken in Deutschland, die 1840/41 erst 145 betragen hatte, steigt 3 1850—51 auf 184, 1860—61 „ 247, 1870—71 „ 304, 1 von Juraschek, Eisen (Statistik) im JELSt. III, 133. 2 van der Bor gilt, Aktiengesellschaften im H.St. I, 126. 3 H. Paasche, Zuckerindustrie etc. im H.St. VI, 868. Erstes Kapitel. Die treibenden Kräfte. 15 das Quantum verarbeiteter Rüben 1 2 von 241486 t im Jabre 1840/41 1850—51 auf 736 215 t 1860— 61 „ 1467 702 „ 1870— 71 „ 3050745 „ Die jährliche Produktion von Branntwein betrug im Branntweinsteuergebiet 3 : y 1846—56 = 1327 000 hl 1857—60 = 1681000 „ 1861— 70 = 2205000 „ 1871— 80 = 3178000 „ Diese rasche Ausdehnung der landwirtschaftlichen Industrien bedeutete einmal die Vergröfserung der Anlagesphäre für industrielles Kapital; bedingte aber vor allem die Investierung neuen Kapitals in der Landwirtschaft selbst. Was diese an Kapital im Laufe dieses Jahrhunderts einsaugt, ist zahlenmäfsig direkt gar nicht zu fassen. Die Zunahme der Verschuldung, die allenfalls von der Statistik nachgewiesen werden kann und zum Teil nachgewiesen worden ist, bildet doch nur einen kleinen Teil der im Grund und Boden festgelegten Kapitalmassen. Eher werden diese getroffen, wenn man v> die Bodenpreis- und Pachtsteigerungen in Betracht zieht und sie in Verbindung setzt mit dem raschen Besitzwechsel, den der Grund und Boden in jener Zeit erfährt. Hierfür werden in anderem Zusammenhänge einige illustrative Ziffern noch mitgeteilt werden 3 . Hier genügt es, ganz generell auf die notorische Thatsache hingewiesen zu haben, dafs die deutsche Landwirtschaft schon in dem zweiten Viertel unseres Jahrhunderts, noch mehr aber im dritten Viertel eine der bedeutendsten Anlagesphären des Kapitals bildet. Dafs mit den genannten Gebieten der Kapitalanlage nur die wichtigsten getroffen werden sollten, ist einleuchtend. Sie präsentieren sich zudem am kompaktesten und die Entwicklung des Kapitalismus auf ihnen ist verhältnismäfsig am deutlichsten erkennbar. Es mögen nun aber auch noch einige Lichter auf die anderen Sphären der kapitalistischen Entwicklung geworfen werden. Wir sind für unsere Erkenntnis davon im wesentlichen beschränkt, soweit es sich um ziffermäfsige Feststellungen handelt, auf 1 H. Paasche, Zuckerindustrie etc. im H.St. VI, 868. 2 Nacli den Berechnungen des Maklers Emil Meyer. Vgl. Th. Laves, Die Branntweinproduktion etc. in Deutschland in Schmollers Jahrbuch XI (1887). S. 1274. 3 Vgl. die Kapitel 5 ff. dieses Bandes. 1(3 Einleitung. die Statistik der Aktiengesellschaften, die ja allerdings wenigstens von symptomatisch grofsem Werte für die Erkenntnis der kapitalistischen Entwicklung eines Zeitraumes ist. Ich teile hier die Zahlen mit, aus denen die enorme Steigerung der Kapitalinvestierung seit Mitte des Jahrhunderts ersichtlich ist, der Vollständigkeit willen einschliefslich der schon angeführten Zahlen: Während in den 25 Jahren von 1826—1850 in Deutschland nur 102 Aktiengesellschaften mit einem Gesamtkapital von 637,99 Mill. Mk. gegründet worden waren, stieg die Zahl der Neugründungen in den Jahren 1851—1870(1. Hälfte) auf 295 mit einem Kapital von 2404,76 Mill. Mk. 1870 (2. Hälfte)—1874 „ 857 „ „ „ „ 3306,81 „ „ Und zwar verteilten sich die Kapitalsummen auf die einzelnen Industriezweige wie folgt (in Mill. Mk.): Seit Mitte der 1870 er Jahre datiert der Umschwung. Auf die akute Krisis folgte die chronische „Depression“, die bis in die Mitte der 1890 er Jahre, d. h. bis zu dem Zeitpunkt anhält, da die neuen Goldfunde Anlafs zu einer neuen Expansion des Kapitalismus werden. Die wirtschaftliche Depression aber, deren Obwalten noch in jedermanns Erinnerung lebt *, äufserte sich für das Kapital zu- 1 Es existiert, wie man weifs, ein umfassendes Enquetematerial neben einer weitschielitigen Litteratur über diese Wirtschaftsepocbe. Eine zusammenfassende Darstellung für Grofsbritannien und die Vereinigten Staaten giebt: G.Ricca-Salerno, Deila depressione industriale nella Gran Brettagna 1851—1870 1870-1874 I. Landwirtschaft, Viehzucht, Fischerei, Sport . II. Bergbau, Hütten und Salinen. III. Industrie der Steine und Erden. IV. Metallverarbeitung, Maschinenbau. V. Chemische Industrie, Heiz- und Leuchtstoffe . 2,60 14,08 275,41 394,95 3,14 56,80 33,71 230,98 15,14 66,74 44,61 66,76 3,22 44,58 16,32 32,39 3.30 71,88 4.31 66,08 2,63 8,21 17,42 486,64 VI. Textilindustrie. VII. Papier, Leder, Holz, Schnitzstoffe VIII. Zuckerfabriken. IX. Brauereien XI. Bekleidung und Reinigung .... XII. Baugewerbe. XIII. Polygraphische Gewerbe, litter. etc. X. Sonstige Nahrungs- und Genufsmittel . . . . XI. Bekleidung und Reinigung. XIV. Banken :. Betriebe 0,83 9,24 XV. Versicherungsgesellschaften . . XVI. Eisenbahnen. XVII. Sonstige Transportanstalten. . XVIII. Beherbergung und Erquickung XIX. Verschiedene. 94,65 838,27 158,46 29,13 1 722,44 778,01 9,11 38,49 0,06 14,69 1,49 58,89 Gesamtsumme 2 408,85 3 302,81 Erstes Kapitel. Die treibenden Kräfte. 17 nächst in einer Kontraktion der früheren Anlagesphären. Es unterliegt gar keinem Zweifel, dal's gerade die bevorzugten Erwerbsgebiete der vorhergehenden Jahrzehnte eine Art von Sättigung erfahren und sich dem weiteren Zustrom des Kapitals mehr und mehr verschliefsen. Dafür den zahlenmäfsigen Nachweis zu führen, ist aus naheliegenden Gründen nicht leicht. Immerhin giebt es genug Anhaltspunkte, um die Richtigkeit jener Auffassung auch ziffermäfsig zu erweisen. Insbesondere für Deutschland wiederum läfst sich etwa folgendes anführen. Die Spiritusbrennerei trat insbesondere nach Erlafs des neuen Branntweinsteuergesetzes zunächst in ein Stadium der Stagnation. Landwirtschaftliche Brennereien, welche Kartoffeln verarbeiten, waren im Betriebe 1887/88 = b25b, 1895/90 = 5615, solche, welche vorwiegend Getreide verarbeiten: 1887/88 = 4431, 1895/96 = 6654. Verarbeitet wurden in sämtlichen Brennereien: Kartoffeln Getreide etc. 1887/88 = 2009416 t 304980 t 1895/96 = 2210370 „ 330694 „ Die Rübenzuckerfabriken steigerten allerdings seit Mitte der 1880er Jahre ihre Produktion noch weiter, einmal jedoch längst nicht in dem Tempo des voraufgehenden Jahrzehnts, innerhalb dessen die Menge der verarbeiteten Rüben sich fast verdreifachte. Sodann ist die Produktionssteigerung im Rahmen der vorhandenen Fabriken erfolgt, hat also zu Neuanlagen keine Veranlassung geboten. Die Zahl der Fabriken, welche Rüben verarbeiteten, betrug 1 1886/87 = 401, 1895/96 = 397, e negli Statt Unit! di America. Note bibliografiche etc. im Bulletin de l’In- stitut international de Statistique. Tome I (1886) 3® e 4® livraison p. 153 seq. 1887. Uber die Stimmung in Deutschland unterrichten: Deutschlands Industrie und Handel; jährliche Berichte, herausgegeben vom Verein zur Förderung der Handelsfreiheit 1881 ff. Von Ende der 1880er Jahre an besitzen wir die brauchbaren Übersichten von Julius Basch, Wirtschaftliche Weltlage, 1890 ff. und Moritz Meyer, Der internationale Geldmarkt. 1892. 1 Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich. 1897. S. 45. Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 2 18 Einleitung. während an Rüben verarbeitet wurden 1871/75 = 15,8 Mill. t 1 1881/85 = 41,4 „ „ 1891/95 = 56,1 „ „ Ob und in welchem Umfange die Landwirtschaft selbst ihre Fähigkeit, Kapital zu absorbieren, verringert hatte, ist ziffermäfsig kaum festzustellen. Die Verschuldungsstatistik ist wiederum unzulänglich , um die aufgeworfene Frage zu beantworten. Gar nichts besagt die Thatsache, dafs der Betrag der von den Hypothekenbanken ausgegebenen Pfandbriefe seit Mitte der 1870 er Jahre um ein Beträchtliches gestiegen ist 2 . Denn sie bedeutet im wesentlichen nur eine Veränderung der Schuldform. Aber auch die erwiesene, thatsächliche Zunahme der Verschuldung 3 in den 1880er Jahren ist doch nicht ohne weiteres als Argument dafür anzuftihren, dafs die Landwirtschaft ihre Kapitalaufnahmefähigkeit im ganzen nicht vermindert habe. Ihr entgegen steht die Beobachtung, dafs die Subhastationen, sowie die freihändigen Besitzveränderungen sich verringerten 4 * , die Pachtpreise dagegen sanken 6 . Diese Feststellungen im Verein mit der Depression, die für die westeuropäische Landwirtschaft seit Ende der 1870 er Jahre begann, machen es eher wahrscheinlich, dafs diese von 1875—1895 nicht so bereit war, iiberschiefsende Kapitalien aufzunehmen, wie im zweiten und dritten Viertel des 19. Jahrhunderts. Für andere wichtige Anlagegebiete läfst sich nun aber genauer die Verringerung ihrer Absorptionsfähigkeit für unsern Zeitraum nachweisen. Dazu dient uns wiederum die Statistik der Aktiengesellschaften. Wenn diese für bestimmte Erwerbszweige sinkende Gründungsbeträge verzeichnet, so dürfen wir mit einiger Sicherheit auf eine Sättigung dieser Industrien mit Kapital schliefsen, voraus- 1 Ebenda 1892. S. 22. 2 Ende 1870 cirkulierten nur 130 367 000 Mk. Pfandbriefe der Bodenkredit- Aktienbanken; Ende 1895 dagegen 4435329000 Mk. Vgl. die Rheinische Hypothekenbank in Mannheim 1871—1896. Denkschrift zur Feier des 25jährigen Bestehens der Bank. S. 57. 58. Ein Teil dieses Mehrbetrages ist natürlich durchaus noch als absoluter Zuwachs an Kapital anzusehen; fällt ja in die Steigerungsperiode noch das ganze achte Jahrzehnt, das im grofsen Ganzen noch eine Zeit aufsteigender Konjunktur für die Landwirtschaft war. 3 In den 7 Jahren von 1886/87 bis 1892/93 betrug in Preufsen der Zuwachs an ländlichen Hypothekenschulden 1093,05 Mill. Mk. Vgl. J. Conrad, Agrarkrisis. H.St. Suppl. I, 15. * J. Conrad a. a. O. S. 16 f. B Ebenda S. 12 ff. Erstes Kapitel. Die treibenden Kriifte. 19 .gesetzt, dafs dieses Kapital nicht etwa in anderen Formen jenen Stellen zufliefst. Das ist nun aber bei den hauptsächlich in Frage kommenden Erwerbszweigen höchstens insoweit der Fall, als die Prioritätsanleihen bestehender Aktiengesellschaften an die Stelle früherer Neugründungen getreten sind. Denn auf den sogleich zu erwähnenden Gebieten spielt weder das nicht vergesellschaftete Privatkapital, noch die neue Form der Genossenschaften eine erheb- * liehe Rolle. Dafs jedoch die Anleihen der alten Gesellschaften den Betrag, um den sich die Neugründungen vermindert haben, völlig ausgleichen sollten, ist kaum anzunehmen. Die gedachten Erwerbszweige sind aber folgende: 1. Bergbau, Hütten und Salinenwesen; 2. Banken; 3. Versicherungsgesellschaften; 4. Eisenbahnen. Das in ihnen angelegte Aktienkapital hatte in den Jahren von 1851—1870 folgende Summen betragen 1 : Bergbau, Hütten und Salinenwesen 275,41 Mill. Mk. Banken. 94,65 „ „ Versicherungsgesellschaften . . . 158,46 „ „ Eisenbahnen. 1722,44 „ „ 2250,96 Mill. Mk. Das aber waren von der Gesamtsumme der in jenem Zeitraum gegründeten Aktiengesellschaften (2404,76 Mill. Mk.) nicht weniger als 92,7 °/o gewesen. Dieser Anteil verringert sich' nun ständig, wie aus folgenden Ziffern hervorgeht. Es betrug die Summe des Aktienkapitals (Mill. Mk.) in: 1870-74 1883-88 1890-94 2 Bergbau, Hütten u. Salinenwesen 394,95 87,85 45,5 Banken . 838,27 93,84 47,6 Versicherungsgesellschaften . . 29,13 17,04 (17,04) 3 Eisenbahnen 4 . 778,01 65,70 39,1 2040,36 264,43 149,2 1 van der Borgkt a. a. 0. S. 126—129. 2 Lexis, Aktiengesellschaften in Deutschland. H.St. Suppl. I, 26. 8 Für diesen Zeitraum ist das Aktienkapital der neubegründeten Versicherungsgesellschaften nicht gesondert mitgoteilt. Ich habe die Summe des voraufgegangenen längeren Zeitraums interpoliert: sicher zu hoch, denn die obigen 17,0 Mill. Mk. würden von den 51,8 Mill. Mk. der „sonstigen Unternehmungen“, in denen die V.G. einbegriffen sind, allein ’/3 ausmachen. 4 Durch die Verstaatlichung der meisten E. ist natürlich ihre Bedeutung als Aktienanlagefeld stark vermindert. Aber ihre geringere Kapitalabsorptionsfähigkeit überhaupt läfst sich auch aus anderen Ziffern erkennen. So betrug 2 * I 20 Einleitung. 1870—74 1883-88 1890—94 Gesamtgriinclungskapital der betreffenden Periode .... 3306,81 729,24 593,9 Anteil der übrigen 4 Erwerbszweige . 61,8 °/o 34,0 °/o 25,0 %. Ziehen wir nun den Umstand in Betracht, dafs während dieser Depressionsperiode die Überkapitalisation eher zu- als abgenommen hat, so werden wir von selbst zu der Folgerung gedrängt, dafs das Kapital sich notwendig nach neuen Anlagesphären umsehen mufste. Damit tritt es aber an die Gebiete heran, in denen das Handwerk haust. Dafs schon längst im Laufe sowohl der früheren Periode als insbesondere auch während der Expansionszeit von 1850—1875 handwerksmäfsig betriebene Gewerbe vom Kapitalismus in Entreprise genommen worden sind, hat die voraufgegangene genetische Darstellung zur Genüge erwiesen. Sehen wir jedoch von den wenigen schon während der frtihkapitalistischen Periode dem Kapitalismus ganz anheim gefallenen Gebiete ehemals handwerks- mäfsiger Produktion ab (Montan-, Leder-, Textilindustrie, einzelne Zweige der Eisenindustrie), so war in den übrigen Sphären hand- werksmäfsiger Thätigkeit, in denen sich die kapitalistische Produktionsweise schon einzubürgern begonnen hatte, der Bestand des Handwerks doch noch kaum gefährdet worden. Der Kapitalismus hatte sich begnügt, einige Specialitäten zu pflegen und seinen Absatz dafür aufserordentlich extensiv zu gestalten: auch hier waren es fast durchgängig „Exportindustrien“, die der Kapitalismus zunächst entwickelt hatte: die Berliner Tischlerei, die deutsche und die österreichische Konfektion, die Wiener Schuhwarenindustrie, die Schweizer Uhrenindustrie, die Dampfmüllerei und viele andere sind ursprünglich mehr oder weniger reine, aber mindestens doch immer von Anfang an auch Exportindustrien gewesen. Nun kommt die Forcierung aller dieser Industrien. Die Produktion wird immer mehr ausgedehnt. Es beginnt ein Kampf zunächst um den fremden Markt. In dem Mafse, wie sich die heimische Industrie im Auslande bedroht sieht, sucht sie den Inlandsmarkt für sich mit Beschlag zu belegen: es beginnt die Schutzzollära der 1880 er Jahre in den meisten der konkurrierenden Länder. Das bedeutet für die Exportindustrien abermals eine Einschränkung „das zur Anlage und Ausrüstung der Bahn . . verwendete Anlagekapital“: 1870- 1880/81 = 4818 Mill. Mk., 1880/81— 1890/91 = 1566 Mill. Mk. Vgl. Stat. Jahrbuch für das Deutsche Reich III, 108; XIII, 104. Erstes Kapitel. Die treibenden Kräfte. 21 ihres Absatzgebietes und erzeugt nun den Zwang, das Verlorene im Inlande wiederzugewinnen. Damit aber ist dem hier noch dominierenden Handwerke der Kampf auf Leben und Tod angesagt. Es beginnt nun seit Ende der 1870 er Jahre erst recht die Entscheidungsschlacht zwischen den beiden Wirtschaftsformen auf jenen wichtigen Gebieten der gewerblichen Produktion, auf denen bis dahin nationales Handwerk und kapitalistische Exportindustrie ver- hältnismäfsig friedlich nebeneinander hergegangen waren. Das mögen wiederum ein paar genauere Angaben Uber den Entwicklungsgang einiger jener Gewerbe illustrieren helfen. Vielleicht am deutlichsten liegt der geschilderte Prozefs zu Tage in der Schuhmacherei. Die kapitalistische Schuhmacherei war wie übei’all so insbesondere auch in Deutschland ursprünglich vorwiegend Exportgewerbe 1 . Die Schweiz, die Niederlande, Südamerika, Australien, Rumänien, Rufsland, England, Frankreich waren die wichtigsten Absatzgebiete für deutsches Schuhwerk. Diese nun gingen seit Anfang der 1880 er Jahre eines nach dem anderen verloren. Am frühesten der französische Markt; schon 1882 klagen die Fabrikanten in Pirmasens, dafs die willkürliche Auslegung des Zolltarifs ihnen die Ausfuhr nach Frankreich unmöglich mache. Dieselben Klagen ertönten bald über Erschwerung der Ausfuhr nach der Schweiz, wo nun eine starke mechanische Schuhfabrikation im eigenen Lande emporblühte 2 ; 1891 wurde der Zoll an der schweizerischen Grenze von 30 auf 60 Mk. ei’höht. Es folgen die Verluste des östereichi- schen und russischen Marktes um die Mitte der 1880 er Jahre. Nun stieg zunächst die Ausfuhr nach anderen Ländern: namentlich Belgien und Holland, Skandinavien, Südamerika, Australien. Das ging fort bis Ende der 1880 er Jahre. Da entwickelte sich in den überseeischen Ländern eine eigene Grofsschusterei; gleichzeitig wurden die Einfuhrzölle nach Australien bis zu 50 und 60°/o des 1 Vgl. für das Folgende namentlich Francke a. a. O. S. 152 f., 158 ff. und U. III, 224 f., 247 (Schusterei in Württemberg). Wichtigste Quelle sind natürlich die Handelskammerberichte, die aber in bekannter Dürftigkeit gerade die uns hier interessierenden Gewerbe abhandeln. Ich verweise zur leichteren Orientierung in dem erschrecklich umfangreichen Material auf die gerade im Jahre 1880 beginnenden „Auszüge aus den II.K.Berichten“, die unter dem Titel „Deutschlands Industrie und Handel“ vom Verein zur Förderung der Handelsfreiheit herausgegeben sind (1881 ff.). 2 „Die Grofsfabrikanten suchen infolge Zunahme der überseeischen Produktion ihre Waren in vermehrtem Mafse im Inlande abzusetzen.“ Fa< h- berichte aus dem Gebiet der schweizerischen Gewerbe (1896) S. 48. 22 Einleitung. Wertes erhöht. Südamerika ging als Markt infolge der dortigen' politischen und finanziellen Wirren mehr und mehr verloren. Die Handelsverträge von 1892 haben wenig gebessert. So blieb dem deutschen Sch uh Produzenten nichts übrig, als nach Kräften im eigenen Lande wiederzugewinnen, was sie in der Fremde eingebüfst hatten. Treten wir aber auf die andere Seite hinüber: das angegriffene Handwerk, so treffen natürlich die Beobachtungen in gleicher Richtung mit den obigen zusammen: seit Anfang der 1880er Jahre beginnt das Schuhwarenmagazin mehr und mehr in der Provinz seinen Einzug zu halten h Und dieselben Vorgänge in allen Ländern mit ungefähr derselben Entwicklung. Auch die Wiener Schuhmacherei ist in den ersten Jahrzehnten wesentlich Exportgewerbe. 1870 ist der Bedarf des Auslandes ebenso grofs wie der Wiener. Seit den 1870er Jahren beginnt schon der Rückgang. Deutschlands Konkurrenz wird fühlbar. Mitte der 1880er Jahre, zumal seit Ausbruch des Zollkriegs mit Rumänien (1886), wird die Lage kritisch. „Der inländische Markt wurde überschwemmt, die Preise sanken, es herrschte Arbeitslosigkeit“ (UOe., 52) 1 2 . Ähnlich wie die Schuhmacherei hat sich die Entwicklung der interlokalen Schneiderei, d. h. also der Konfektionsindustrie, vollzogen. Schauen wir zuerst nach Österreich, das zu den frühesten Kämpfern auf dem Weltmarkt in dieser Branche gehört. Hier entwickelt sich die Wiener Männerkonfektion seit Mitte der 1840 er Jahre als Exportgewerbe, erst seit einem Jahrzehnt später als Inlandskonfektion (UOe., 493). Der Höhepunkt des Exports wurde Ende der 1870 er Jahre erreicht. „Mit den Jahren 1880 und 1881 trat ein Rückschlag ein; es vollzog sich ein überaus nachteiliger Umschwung in den Absatzverhältnissen“ (497). Rufsland, Rumänien, Griechenland gehen verloren. „Mit der Zurückdrängung der Ausfuhr nach dem Auslande nimmt die Konkurrenz der Konfektionäre im Innern stetig zu. Der ehedem ausgedehnte Export war die Ursache der Etablierung einer grofsen Anzahl von Firmen. Dieselben wollen begreiflicherweise nicht so leicht der Ungunst der Zeit weichen, sondern suchen sich vielmehr zu behaupten. Das Kampfterrain ist die österreichische Provinz. Man unterbietet 1 Vgl. z. B. für Jena U. IX, 25. 2 Ebenso lauten die Urteile in der „Expertise über die Lage des Schuhmachergewerbes“. Vgl. Em. Adler, Uber die Lage des Handwerks in Österreich. 1898. S. 10. Erstes Kapitel. Die treibenden Kräfte. 23 einander im Preise, selbstverständlich nicht ohne dafs gleichzeitig die Qualität sich verschlechtern würde“ (498). Das ist aber mit geringen Abweichungen auch das Bild, das die Entwicklung der Konfektion in Deutschland darbietet. Die Abweichungen beziehen sich darauf, dafs die deutsche Konfektion etwas später — etwa seit Mitte der 1850 er Jahre — in gröfserem Umfange Exportindustrie wird und ebenfalls etwas später — etwa seit Ende der 1880 er Jahre — den stärksten Rückschlag erleidet 1 . Namentlich war es der Verlust des nordamerikanischen Marktes, der für Deutschlands Konfektion besonders stark ins Gewicht fiel. Erschwerungen der Ausfuhr hatten sich aber bereits seit Anfang der 1880er Jahre, nachdem ein ganz rapider Aufschwung am Ende der 1870er Jahre noch erfolgt war, fühlbar gemacht, und seit jener Zeit datiert aucli das raschere Vordringen der konfektionierten Ware in die Provinz: seit etwa 10 —15 Jahren ist, wie im ersten Bande gezeigt wurde, die handwerksmäfsige Schneiderei in den mittleren und kleineren Städten ins Wanken gekommen. Aber vielen anderen Gewerben ging es ebenso wie den genannten Bekleidungsindustrien. So hatte die Berliner Tischlerei in den Jahren bis 1875 einen starken Export entwickelt, der schon Ende der 1870 er Jahre eine wesentliche Einbufse erlitt, um in den 1880er Jahren noch einmal emporzublühen. Mit dem Ende des 9. Jahrzehnts trat jedoch wieder eine verhängnisvolle Wendung ein. Die Ausfuhr nach Südamerika, den Vereinigten Staaten, Rufsland, Schweiz u. a. erfuhr erhebliche Beschränkungen (U. IV, 349. 351). Dasselbe wird von der Posen er Tischlerei berichtet. „Früher vor Inaugurierung der Zollpolitik in den in Betracht kommenden Ländern war der Export von Posener Möbeln nach Amerika über Hamburg, nach Rumänien, besonders aber Rufsland ein nicht unbeträchtlicher. Der Verlust desselben hat die hier aufblühende Möbelindustrie nicht nur in ihrer Entwicklung aufgehalten, sondern auch eine Überproduktion in Erscheinung treten lassen, an deren Folgen das Gewerbe jetzt noch krankt“ (U. I, 85). Auch für die kapitalistische Tischlerei sind es die 1880er Jahre, von denen an ihr Erscheinen in der Provinz vornehmlich datiert. Selbst eine Stadt wie Köln 1 Vgl. die Darstellung des G. K. E. Mannheimer in den Drucksachen der Kommiss, für Arb.Stat. Verhandlungen Nr. 11 (Nachtrag) S. 4 ff. „. . . in der Mitte der 80 er bis Ende der 80 er Jahre hatten sich . . sehr viele neue Geschäfte etabliert, die, als dieses amerikanische Geschäft auf hörte, sich natürlich auf die Länder warfen, die noch exportfähig waren, respektive auf Deutschland.“ 24 Einleitung. erlebt erst seit 1882 eine stärkere Einfuhr auswärts fabrizierter fournierter Möbel, namentlich aus Berlin und Süddeutschland (U. I, 286). Und für eine ganze Menge anderer Gewerbezweige liefse sich eine ähnliche Entwicklung wie für die genannten drei Hauptindustrien nachweisen. Überall der Hauptvorstofs gegen das Produktionsgebiet des Handwerks seit Anfang oder Mitte der 1880er Jahre und zwar allemal, soweit schon kapitalistische Exportindustrien bestanden, wegen Beschränkung des früheren Absatzgebietes namentlich im Auslande. Gleichzeitig aber beginnt nun das Kapital immer stürmischer auch in das Produktionsgebiet von Handwerken hineinzugreifen, die es bis dahin fast völlig gemieden hatte. In aufserordentlieh vielen Gewerbezweigen setzt der entscheidende Niedergang (wenigstens in Deutschland) in den 1880er Jahren ein 1 : d. h. in derZeit wachsender Kapitalanlagenot. Wenn daher ein vortrefflicher Kenner des Handwerks von einigen Karlsruher Gewerben schreibt 2 : „In Wahrheit beruhen jene Übergriffe der Fabriken — nämlich in die Sphäre der liandwerksmäfsigen Produktion — eher auf einer Schwäche als auf einer Überlegenheit“, so ist dem sicherlich insoweit zuzustimmen, als damit gesagt sein soll, dafs fast überall die bittere Not das Kapital zur Vernichtung des Handwerks getrieben hat. Was ihm dann zum Siege verholfen hat, wissen wir freilich noch nicht: das sollen die folgenden Abschnitte erst erweisen. Dort wird zu zeigen sein, aus welchen Gründen das Kapital im Konkurrenzkämpfe obsiegen konnte, hier war einstweilen nur festzustellen, dafs bezw. weshalb es siegen wollte und mufste. Die Anlage des Werkes erheischt zur Lösung der nunmeingestellten Aufgabe zunächst eine Schilderung des Scenenwechsels, der dem Kampfe zwischen Kapitalismus und Handwerk auf der Bühne des Wirtschaftslebens voraufgeht; unbildlich gesprochen: einen Nachweis, dafs und durch welche Mittel es dem Kapitalismus gelingt, die Bedingungen der Produktion und des Absatzes so zu gestalten, dafs dabei sein Interesse ebenso gefördert wie das des Handwerks geschädigt wird. Dieser Darstellung sind die folgenden beiden Bücher gewidmet. 1 Vgl. z. B. für die Klempnerei U. I, 138 f., für die Drechslerei U. II, 81, für die Grofszeugschmiederei in Graz und Steiermark UOe., 319. 2 Andreas Voigt in U. III, 176. Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. Mm. V V!*J.. «■ z_— ■ ■■'ii- mm* Äf'Sög mm mmt\ 5&ÄM. m *i K3S ■!©*:' «R; > : r Zweites Kapitel. Das neue Reclit. „In den Kreisen der Gewerbetreibenden selbst hatten die Fabrikanten gar keinen Anlaß, eine Änderung der bisherigen Zustände zu wünschen; sie genossen auf Grund ihrer Konzessionen alle Vorteile der Gewerbefreiheit für sich und konnten ,nichts dabei gewinnen, wenn diese Vorteile durch eine Änderung der Geiverbeverfassung Gemeingut aller Gewerbetreibenden wurden.Eich. Frh. von Friesen , Erinnerungen 1 (1880), 401. Diejenige Rechtsordnung, die sich das kapitalistische Interesse als Ausdruck seines eigenen Wesens, als die seinen Strebungen am meisten entsprechende Form geschaffen hat, pflegen wir als „Gewerbefreiheit“ oder als „System der freien Konkurrenz“, auch wohl als „individualistische Rechtsordnung“ zu bezeichnen. Jedermann weifs, dafs sie während des letzten Jahrhunderts in allen Ländern mit kapitalistischer Kultur zum Siege gelangte und dafs sie heute noch im Principe überall in Geltung steht: die Modifikationen, die namentlich auf dem Gebiete des Arbeitsrechts während der letzten Jahrzehnte eingeführt worden sind, bestätigen nur den Fortbestand einer grundsätzlich gewerbefreiheitlichen Wirtschaftsordnung. Es liegt aufserhalb der Aufgabe, die sich dieses Werk gestellt hat, im einzelnen den Werdegang des modernen Wirtschaftsrechts oder den Inhalt der geltenden Gewerbeordnungen zur Darstellung zu bringen. Der Leser findet darüber in jedem besseren Lehrbuche befriedigenden Aufschlufs. Als ganz besonders geeignet, sich über Genesis und Inhalt der bestehenden Gewerberechte aller Länder gründlich zu unterrichten, erweisen sich die einschlägigen Kapitel in Schönbergs Handbuch der politischen Ökonomie. Hier dagegen soll durch einige Erwägungen theoretischen Inhalts das Verständnis für Wesen und Bedeutung des herrschenden 28 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. Wirtschaftsrechts zu erwecken oder zu vermehren unternommen werden. Zum ersten gebe ich eine ganz kurze Skizze des allbekannten 1 Ideengehalts der neuen Ordnung, nur damit die folgenden Erörterungen auf einer tragfähigen Unterlage ruhen mögen. Das moderne Wirtschaftsrecht ist ein System individueller Freiheitsrechte, womit gesagt sein soll, dafs es die das willkürliche Verhalten, den freien Entschlufs der einzelnen Wirtschaftssubjekte einengenden und beschränkenden Normen an die äufserste Peripherie der individuellen Interessensphäre gesetzt hat. Im wesentlichen können diese sich bis an die Grenzen ausdehnen, die das Strafrecht zieht. In dieser Anerkennung eines umfassenden Bestimmungsrechts der Wirtschaftssubjekte liegen nun im einzelnen folgende „Freiheitsrechte“ eingeschlossen: 1. Die Freiheit des Erwerbes; auch als „Gewerbefreiheit“ im engeren Sinne bezeichnet. Jedermann darf grundsätzlich frei darüber entscheiden, wie, wo, wann er seine wirtschaftliche Thätig- keit ausüben wolle. Den strikten Gegensatz zu diesem Zustande bildet das System des Gewerbemonopols, die Zunftordnung, die mittelalterliche Gesetzgebung über das Stapel-, Strafsen-, Meilen-, Vorkaufsrecht u. s. w. 2. Die Freiheit kontraktlicher Vereinbarung, auch als Vertragsfreiheit bezeichnet. Sie besagt, dafs jedes Wirtschaftssubjekt in freier Willenseinigung mit einem anderen die Bedingungen der Überlassung von Gütern oder Diensten selbstherrisch festsetzen kann. Dieses Freiheitsrecht enthält somit die Gewährleistung des freien Kaufs und Verkaufs, des freien Miet-, Pacht-, Leihvertrages, sowie vor allem auch des freien Lohnvertrages. Den Gegensatz bilden: Taxordnungen, die Kaufpreise und Löhne fest normieren, Zinsverbote, Beschränkungen in der Zahl von Hilfspersonen, die ein Arbeitgeber beschäftigen darf u. s. w. 3. Die Freiheit des Eigentums, sei es an Konsumtionsgütern, sei es an Produktionsmitteln, sei es an Mobilien, sei es an Immobilien. Den schroffsten Gegensatz würde eine socialistische Wirtschaftsordnung bilden; aber auch die vorkapitalistische Rechtsordnung mit ihrer „Bindung“ des Eigentums, der Anerkenntnis einer „Amtsqualität“ des Eigentums fufste auf einer grundsätzlich verschiedenen Basis. Die Freiheit des Eigentums enthält aber im einzelnen folgende Freiheitsrechte: 1 Dank vor allem den Leistungen von Rodbertus, Lassalle und Adolph Wagner. Zweites Kapitel. Das neue Hecht. 29 a) die Freiheit der Verwendung des Eigentums, die dem Eigentümer einer Sache die Ermächtigung giebt, diese so zu nützen, wie es seinen Wünschen entspricht; das Eigentum ist mit keinerlei Pflichten belastet. Das bedeutet also in praxi vor allem, dafs der Eigentümer einer Sache diese nach Belieben als Konsumtionsgut oder als Produktionsmittel anwenden kann: dafs ein Grundbesitzer sein Land als Park oder Rennplatz oder Jagdrevier statt als Ackerland verwenden darf, dafs der Inhaber von städtischem Bauterrain nicht gezwungen werden kann, seinen Grundbesitz der Bebauung zu überlassen u. s. w.; b) die Freiheit der Veräufserung; c) die Freiheit der Verschuldung. Diese beiden Freiheitsrechte sind von besonderer Bedeutung, wie man weifs, für die Entwicklung des Immobiliareigentums geworden. 4. Die Freiheit der Vererbung. Die Verfügungsgewalt des Eigentümers erstreckt sich über seinen Tod hinaus: damit wird die Kontinuität der Individualinteressen gewährleistet, die höchstpersönliche Natur der Rechtsordnung recht eigentlich erst zum vollen Ausdruck gebracht, die dann ihre letzte Weihe erhält durch 5. den Schutz der „wohlerworbenen“ Privatrechte immerdar. Hiermit wird das Reich der individuellen Wirtschaftsinteressen gleichsam verewigt: dem persönlichen Interesse wird die Unsterblichkeit zugesichert; die Superiorität des Einzelwillens über den Willen der Gesamtheit ist definitiv anerkannt. Zum Zweiten versuche ich einige Beziehungen festzustellen zwischen dem System der freien Konkurrenz und den Interessen des Kapitalismus. Die Frage: warum jenes diesen am meisten entspricht, ist nicht so einfach zu beantworten, wie es gelegentlich unternommen wird. Wir stehen vielmehr einem beträchtlichen Komplex psychologischer Thatbestände gegenüber, den .wir erst in seine Elemente auflösen müssen, um eine einigermafsen übersichtliche und lückenlose Kausalverknüpfung hersteilen zu können. Das naturgemäfse Rechtsideal jedes Produzenten, der auf den Absatz (von Gütern oder Diensten) an andere angewiesen ist, ist das Monopol; das will sagen: die Freiheit für sich, der Zwang, die Beschränkung für andere. Wenn er sich für eine andere Ordnung ausspricht, so geschieht es, weil er sein Ideal nicht verwirklichen zu können glaubt; er willigt in ein Kompromifs, um wenigstens einiges für sich zu retten, an dessen Erhaltung oder Durchsetzung ihm gelegen ist. Das Wesen der Wirtschaftsform entscheidet über 30 Erstes Bueli. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. das Ergebnis dieses Kompromisses: das für den Handwerker die Zunftordnung, für den kapitalistischen Unternehmer die Gewerbefreiheit ist. Woher diese verschiedene Endigung? Der Handwerker, sahen wir, verlangt vor allem Sicherheit seiner Existenzbedingungen, er braucht Ruhe und Stetigkeit aller wirtschaftlichen Verhältnisse, deren selbstherrischer Bezwingung er als nur technischer Arbeiter nicht gewachsen ist. Er will sich an seinem Arbeitsgegenstande bethätigen und dadurch seinen Unterhalt verdienen : Arbeitsumfang und Umfang des Entgelts sind bei ihm so gut wie feste Gröfsen. Daher widerspricht es auch den Handwerksinteressen nicht übermäfsig, wenn sie ausdrücklich von der Rechtsordnung fixiert werden. Eine gesetzliche oder genossenschaftliche Festlegung der Produktions- und Absatzbedingungen nach Quantum und Quäle empfindet der Handwerker kaum als Beschränkung: denn sein innerstes Wesen, das Wirken als technischer Arbeiter wird dadurch nicht berührt. Deshalb kann er verhältnismäfsig leicht die eigene Freiheit als Konzession hingeben, wenn er dafür die Beschränkung der anderen als Gegenkonzession erhält. Alle ausgebildete Handwerksordnung beruht daher notwendig auf dem Gedanken einer grundsätzlichen Ausschliefsung der Konkurrenz auf der einen Seite, einer Stereotypierung der wirtschaftlichen Beziehungen auf der anderen Seite. Das genaue Gegenteil mufs eine Rechtsordnung bilden, die den Interessen des Kapitals ein Maximum von Berücksichtigung zu teil werden läfst. Der kapitalistische Unternehmer schliefst sein Kompromifs zwischen Freiheit und Zwang in gerade entgegengesetztem Sinne: er opfert den Gedanken einer Bindung und Beschränkung der anderen, um für sich die Freiheit zu retten. Und das ist dem innersten Wesen kapitalistischer .Wirtschaftsführung durchaus entsprechend. Wogegen dieses sich vor allem sträuben mufs, ist gerade jene Stereotypierung der Produktions- und Absatz Verhältnisse. Jede kapitalistische Unternehmung strebt, wie wir wissen, nach unbeschränkter Ausdehnung ihres Wirkungsgebiets. Das folgt unmittelbar aus dem erwerbswirtschaftlichen Grundzuge ihres Charakters. Die Vermehrung des Geldes ist an keine Schranken einer naturalen Werkverrichtung oder einer personalen Bedarfsgestaltung gebunden, sie ist grenzenlos. Schon aus diesem Grunde also ist Produktionsoder Absatzbeschränkung allem kapitalistischen Wesen zuwider. Sie ist es aber auch noch aus anderen Gründen. Wie das Ausmafs Zweites Kapitel. Das neue Recht. .31 ihrer Thätigkeit, so soll auch deren Ausübung im Rahmen der kapitalistischen Unternehmung von jeder zwangsweisen Bindung frei sein. Weil das vornehmste Mittel kapitalistischer Wirtschaft zur Erreichung ihrer Zwecke die Vertragschliefsung ist, auf deren rationellprofitable Gestaltung alles Augenmerk gerichtet wird, so kann es gar nicht anders sein, als dafs ihr Wirtschaftssubjekt bei jeder neuen Vornahme einer Vertragschliefsung von dem Gedanken beseelt ist, deren Bedingungen so günstig wie möglich, günstiger als das vorige Mal zu gestalten. Es fühlt sich der Leiter einer kapitalistischen Unternehmung daher in jedem Augenblicke als der selbstherrische Schöpfer seiner ökonomischen Existenzbedingungen, als der Gestalter gleichsam der gesamten wirtschaftlichen Welt, die nach seinem Bilde formen zu können er die Absicht und das Vertrauen besitzt. Es wurde schon darauf hingewiesen, dafs in dieser eigenartigen Konstellation der wirtschaftlichen Verhältnisse, wie sie durch das Emporkommen einer kapitalistischen Psyche geschaffen wird, mit einiger Wahrscheinlichkeit der Ausgangspunkt für die Entwicklung des modernen „Individualismus“ zu finden ist. Diese principielle Hinneigung des kapitalistischen Interesses zur Freiheit wird nun aber noch durch die konkret ^historische Verumständung verstärkt, die das Kapital bei seinem Eintritt in die Geschichte vorfindet. Es mufs sich durchsetzen gegen die Beschränkungen einer aus handwerksmäfsigem Geiste geborenen Rechtsordnung, hinter der sich Wirtschaftselemente verschanzt halten, deren Unterlegenheit gegenüber dem angreifenden Kapital in einer offenen Feldschlacht aufser Zweifel steht: die handwerksmäfsigen Produzenten und die Lohnarbeiter. Wirtschaftliche Freiheit kann also nach dieser Seite hin leicht Auslieferung oder Entwaffnung der Gegner des Kapitals bedeuten. Also auch hier mündet dessen Interesse in das Postulat einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung ein: das Kapital fühlt sich stark genug, den Kampf in freiem Felde aufzunehmen: es bietet den notorisch schwächeren Gegnern die „freie Konkurrenz“ an. Freilich mufs nun, wenn die Rechtsordnung in diesem Sinne wirklich gestaltet wird, auch von kapitalistischer Seite eine wesentliche Konzession gemacht werden: die Beschränkung der wirtschaftlichen Freiheit mufs für alle, also auch für alle anderen kapitalistischen Unternehmer aufgehoben werden. Das ist bitter, aber es ist doch das kleinere Übel. Eine ideale Rechtsordnung enthielte natürlich: Freiheit im Konkurrenzkämpfe mit Handwerk und Arbeiter- 32 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. schaft, Bindung oder noch besser Ausschliefsung aller übrigen kapitalistischen Unternehmer. Da dieses Ideal nicht verwirklicht werden kann, so willigt das Kapital in das Kompromifs: es opfert den Reehtsgedanken des Monopols oder Privilegs und verlangt die wirtschaftliche Freiheit für alle. So etwa müssen wir uns vorstellen, dafs die Idee der „freien Konkurrenz“ entstanden und zum Eckstein des modernen Wirtschaftsrechts geworden ist, dem dann die Theoretiker des individualistischen Naturrechts mit ihren drei Hammerschlägen die philosophische Weihe gegeben haben. Wenn nun also auch die Thatsache aufser Zweifel steht und es gut ist, sich gelegentlich daran zu erinnern, dafs die Gewerbefreiheit die dem kapitalistischen Geiste adäquateste Wirtschaftsordnung ist, so wäre es doch auf der anderen Seite ein verhängnisvoller Irrtum, anzunehmen, dafs Kapitalismus nur mit diesem Rechte leben könne, mit seiner officiellen Proklamation auf die Welt gekommen sei und mit ihm vergehen müfste. Dagegen wandte ich mich früher schon mit gelegentlichen Bemerkungen und darauf möchte ich hier noch einmal die Aufmerksamkeit des Lesers lenken. Zum Dritten habe ich es mir daher zur ganz besonderen Aufgabe gemacht, in diesem Kapitel die Bedeutung des Wirtschaftsrechts für die Entwicklung der verschiedenen Wirtschaftsformen auf das ihr gebührende Mafs zurückzuführen. Der gröfseren Eindringlichkeit wegen will ich dabei wiederum ein konkret bestimmtes Wirtschaftsgebiet ins Auge fassen. Ich exemplifiziere also mit Deutschland. Wer die Litteratur durchblättert, in der eine Darstellung der gewerblichen Entwicklung Deutschlands im 19. Jahrhundert zu geben versucht wird, findet fast durchgängig Übereinstimmung darüber, dafs die Einführung der Gewerbefreiheit von entscheidendem Ein- flufs auf die Umgestaltung des Wirtschaftslebens gewesen ist. Was ist an dieser Auffassung Richtiges? Auf die schon besprochene Unklarheit, in einer Rechtsordnung die „letzte Ursache“ (causa efficiens) einer Umgestaltung des Wirtschaftslebens zu erblicken, will ich nicht noch einmal eingehen. Ich will vielmehr den Vertretern jener Legaltheorie, wie man die gekennzeichnete Auffassung nennen möchte, entgegenkommen und das, was sie meinen, in ihrem Sinne möglichst geschickt formulieren. Dann würde es etwa lauten: die Einführung der Gewerbefreiheit ist die Veranlassung gewesen, dafs die das moderne Wirt- Zweites Kapitel. Das neue Recht. 33 schaftsleben gestaltenden Kräfte zur Entwicklung und Bethätigung gelangt sind; also datiert auch zeitlich die gewerbliche Revolution seit jenem Ereignis. Darauf ist zunächst zu erwidern, dafs — auch wenn die geäußerte Ansicht i’ichtig wäre — es jedenfalls auf die Ermittlung der durch die Änderung der Rechtsordnung freigewordenen Triebkräfte des gewerblichen Lebens nach wie vor ankäme. Ferner aber ist gegen diese Auffassung einzuwenden, dafs sie ohne allen Zweifel die Bedeutung der formalen Gesetzesänderung für die Umgestaltung des gewerblichen Lebens ganz erheblich überschätzt. Wenn wir die Musterkarte partikularer Gewerberechte überblicken, wie sie Deutschland in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts aufzuweisen hatte, so drängt sich uns eine Erwägung ganz von selbst auf, noch ehe wir jede Untersuchung über den Einflufs einer Änderung des Gewerberechts beginnen. Müfste nicht, so fragen wir uns, die gewerbliche Entwicklung in den einzelnen deutschen Gauen eine grundverschiedene gewesen sein, wenn wirklich die verschiedene Gestaltung des Gewerberechts von bestimmender Bedeutung wäre? Und ist denn nun z. B. zwischen der gewerblichen Entwicklung der westlichen Provinzen Preufsens, die seit Anfang des Jahrhunderts Gewerbefreiheit genossen und derjenigen des Königreichs Sachsen, das bis zum Jahre 1801 strenge Zunftverfassung hatte, ein irgend nennenswerter Unterschied wahrzunehmen ? Wir dürfen aus dieser generellen Beobachtung wohl schon mit einiger Sicherheit schliefsen, dafs die Grundzüge der Entwicklung des modernen Gewerbewesens, vor allem die Verschiebung der Produktionsweise zu Gunsten der kapitalistischen Wirtschaft sich den verschiedenen Gewerberechten zum Trotz gleichmäfsig in sonst gleich bedingten Gebieten durchgesetzt haben. Was durch specielle Beobachtungen durchaus bestätigt wird. Allenfalls, dafs gelegentlich von einer Erleichterung des Vordringens rein kaufmännischer Elemente auf dem Gebiete der gewerblichen Produktion als einer Folge der Gewerbeft-eiheit gesprochen wird: im allgemeinen ergeben alle Berichte übereinstimmend das Resultat, dafs der gewerbliche Kapitalismus in seinem Vordringen neben dem Handwerk oder auf dessen Kosten durch die formale Geltung eines zünftlerischen Gewerberechts, wenn nur sonst seine Stunde geschlagen hatte, nicht wesentlich aufgehalten worden ist. Was sich als Wirkung der Gewerbefreiheit feststellen läfst, ist also zunächst einmal nicht die Gefährdung des Handwerks durch den Kapitalismus: die Lage des Hand- Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 3 34 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. werks, können wir getrost behaupten, hat sich wesentlich unabhängig vom geltenden Gewerberecht gestaltet. Wenn sich die Spuren des Einflusses einer principiellen Änderung des Gewerberechts überhaupt nachweisen lassen, so sicherlich nur in Bezug auf die Lage der Handwerker. Hier begegnen wir allerdings in zahlreichen Fällen der That- sache, dafs infolge oder wenigstens nach Einführung der Gewerbefreiheit entweder überhaupt eine Vermehrung der Zahl der Handwerker oder doch wenigstens eine solche der selbständigen Handwerksmeister eingetreten ist. Namentlich die letztere Erscheinung kehrt häufiger wieder. Dafür dienen folgende Ziffern als Belege: In Leipzig betrug die Zahl der Drechsler (U. II, 60) 1861 = 25; 1875 = 51; die der Schlosser (U. II, 96 f.) 1862 Innungsmeister 48 Nicht-Innungsmitglieder 0 1868 44 58 1888 94 102 mer (U. 1860 II, 136) 34 0 1865 32 20 1875 24 55 Bäckereien gab es in Leipzig (U. II, 349 f.) 1861 = 39; 1871 = 68; 1894 = 152. D. h. es versorgte ein Bäcker durchschnittlich Konsumenten 1860 = 2040; 1894 = 1225. Die Zahl der Lohgerbereien stieg in Leipzig vorübergehend von 9 vor Einführung der Gewerbefreiheit auf 14 im Jahre danach; diejenige der Lohgerbereien in Dresden von 13 im Jahre 1858 auf 27 im Jahre 1862 (U. V, 404). In der Leipziger Böttcherei war in der letzten Zeit vor Einführung der Gewerbefreiheit eine beträchtliche Steigerung der Gehilfenzahl erfolgt: 1849 hatten 33 Meister" 68 Hilfspersonen, 1861 = 32 deren 95. Daher bewirkt die Gewerbefreiheit ein rasches Anwachsen der Meisterziffern. Die Zahl der Meister betrug: 1862—32; 1863=42; 1864=44; 1865/66=46; 1868=48(Maximum) 1 . Für das Schreinergewerbe in München wird als Wirkung der Gewerbefreiheit sowohl eine Vermehrung der Betriebe — von 244 Vgl. auch Sch mol ler, Kleingewerbe S. 151 ff. Zweites Kapitel. Das neue Kocht. 35 im Jahre 1865 auf 496 im Jahre 1875 — als ihre Verkleinerung — 1861 kamen 4,8 Personen, 1875 = 3,4 Personen auf einen Betrieb — konstatiert 1 . Ebenso läfst sich eine ansehnliche Zunahme der Zahl selbständiger Schneidermeister in München als wahrscheinliche Folge der Gewerbefreiheit nachweisen. Denn es gab deren vor 1868 = 365, 1870 — 622, sodafs jetzt auf einen Meister 276, vorher auf einen 457 Konsumenten entfielen 2 . Ähnliche Ziffern sind uns für die Tischlerei in Freiburg i. B. (U. VIII, 225), für dasselbe Gewerbe in Mainz (U. III, 309) überliefert. Dieselbe Wirkung scheint ferner in einer Reihe österreichischer Gewerbe stattgehabt zu haben. Wenigstens geht aus einer Statistik für Oberösterreich hervor, dafs in zahlreichen Gewerben nach Einführung der Gewerbefreiheit eine Vermehrung der Betriebe eingetreten ist, die freilich in der Mehrzahl der Fälle nur eine vorübergehende gewesen zu sein scheint 3 . Für Preufsen, meint Sch mol ler 4 5 , wird es „schwer sein, nachzuweisen, welche direkte, unmittelbare Wirkung die gesetzliche Änderung — sc. Einführung der Gewerbefreiheit — auf die wirtschaftliche Lage der Kleingewerbe gehabt habe. Manches wird sich sogleich mit der Publikation des Ediktes geändert haben; mancher Geselle wird ein eigenes Geschäft angefangen haben, mancher sich an einem passenden Ort, in dem benachbarten Dorf statt in der Stadt niedergelassen haben; aber die gewerblichen Gesamtverhältnisse werden sich zunächst nicht viel geändert haben“. Oder wie A. Meitzen® es einmal ^ausdrückt: man kann „nicht verkennen, dafs sich in den bisher zunftmäfsigen Handwerken die Verhältnisse thatsächlich bei weitem nicht so durchgreifend umgestalteten, wie es in den äufsersten Konsequenzen der Gewerbefreiheit liegen könnte. Vieles, was nicht polizeilichen Anstofs erregte, blieb im Sinne der hergebrachten Gesichtspunkte erhalten“. Immerhin scheint auch in Preufsen eine Vermehrung der Betriebe und namentlich der Zwergbetriebe eine Folge der Einführung der Gewerbefreiheit wenigstens in einzelnen Städten gewesen zu sein. So kamen in der Tischlerei in Berlin 1810 1,6 Gehilfen 1 Thurneyssen, S. 22. 2 Herzberg, S. 6. 3 Vgl. Schwiedland, Kleingewerbe 1, 175 ff. 4 Kleingewerbe 50/51 5 Der Boden und die landwirtschaftl. Verhältnisse des preufs. Staats etc. 1 (1868;, 332. 3 36 Erstes Buch. Die Neubegrünclung des Wirtschaftslebens. auf 1 Meister, 1813 gab es mehr Meister als Gehilfen (U. IV, 337). Die Zahl der Barbiere betrug 1805 = 49; 1812 = 73 (U. VII, 457) u. s. f. Auch die Gesamtziffern für das Berliner Handwerk lassen die Tendenz erkennen: Selbständigmachung früherer Gesellen, also eine für die ökonomische Totalentwicklung völlig unwesentliche Erscheinung; daneben ging die Ziffer der Gewerbetreibenden überhaupt zurück, wohl eine Folge des Krieges. Man zählte 1 : Jahr Selbständige Abhängige Selbst- thätige 1 Selbständiger beschäftigte Abhängige 1 Selbst- thätiger entfällt auf Einwohner 1801 11093 30 294 41 387 2,731 4,180 1810 19 033 11763 30 796 0,618 5,259 1813 19182 8 894 28 076 0,464 6,055 1816 20 228 11708 31936 0,579 6,191 Aber es mul's nachdrücklich betont werden, dafs selbst diese Wirkung der Gewerbefreiheit keineswegs eine überall beobachtete Erscheinung ist. Vielmehr weisen dieselben Gewerbe in verschiedenen Ländern oder an verschiedenen Orten desselben Landes, ebenso wie die verschiedenen Gewerbe an demselben Orte ganz erhebliche Abweichungen voneinander auf. Um nur einige Beispiele anzuführen: Von den Kammmachern in Leipzig heifst es (U. VI, 230): „Die Einführung der Gewerbefreiheit in Sachsen fand das Handwerk schon in voller Auflösung vor und einen Einflufs in hemmender oder beschleunigender Richtung auf diesen Prozefs vermag man kaum wahrzunehmen.“ Von der Gerberei ebenda, die eine ganz vorübergehende Steigerung in der Zahl der Betriebe erlebte (vgl. oben S. 34), erfahren wir (U. V, 452): „dafs schon vor der Einführung der Gewerbefreiheit die Zahl der Gerbereien in starker Abnahme begriffen war, während die Arbeiterzahl allgemein erhöht wurde. Die Gewerbefreiheit hat die Weiterentwicklung in dieser Richtung begünstigt“. In der Leipziger Hutmacherei „wurde durch die Einführung der Gewerbefreiheit wenig geändert“ (U. VI, 315). Die Zahl der Meister betrug 1830 = 15; 1856 = 13; 1861 = 16; 1863 == 16. Die Zahl der Bäckereien in München stieg 1856—1866 von 120 auf 216, um bis 1873 auf 202 zu sinken. „Die Anklage, welche 1 O. Wiedfeldt, Statistische Studien zur Entwicklungsgeschichte der Berliner Industrie von 1720 bis 1890. 1898. S. 73. Zweites Kapitel. Das neue Reckt. 37 so häufig gegen die Gewerbefreiheit erhoben wird, sie hätte eine Übersetzung verursacht, hat sich also, soweit es sich um das Bäckergewerbe handelt, als völlig unbegründet erwiesen V‘ Dasselbe wird von der Bäckerei in Jena berichtet (U. IX, 209). Hier kamen auf 1000 Einwohner 1784 = 5,10, 1861 = 2,81, 1864 — 2,49, 1875 = 1,99 Bäcker. „Hieraus erweist sich, dafs die Gewerbefreiheit den Jenenser Bäckern eine Übersetzung des Gewerbes nicht gebracht, sondern dafs im Gegenteil nach Einführung derselben bei steigender Bevölkerungsziffer die Zahl der Bäckereien abgenommen hat.“ In der bayrischen Schuhmacherei beobachten wir im rechtsrheinischen Bayern seit der Mitte des Jahrhunderts trotz wechselnden Gewerberechts, insbesondere auch nach Einführung der Gewerbefreiheit ein relatives Sinken der Zahl der Schuhmacher, deren auf 10000 Einwohner entfielen: 1847 = 102,7; 1861 = 94,1; 1875 = 91,6; 1882 = 83,2 1 2 - 3 . Doch erscheint es überflüssig, noch weitere Beispiele zu häufen. Die angeführten genügen, um uns den nötigen Aufschlufs, den wir brauchen, zu geben. Die Erfahrung lehrt uns: 1. die einzige relevante Wirkung, die die Einführung der Gewerbefreiheit nachweislich ausgeübt hat, betrifft nicht die Lage des Handwerks, sondern nur die Lage der Handwerker und besteht in einer Begünstigung der Neuetablierungen, äufsert sich also in 1 Arnold, 13/14. 2 Francke, 18—21. Allerdings hat sich seit Einführung der Gewerbefreiheit das Verhältnis der Meister- zur Gehilfenzahl um einiges zu Gunsten der ersteren verschoben; doch ebenfalls nur unbeträchtlich. 3 Für Österreich vgl. H. Kescliauer, Gesch. des Kampfes der Handwerkszünfte etc. (1882), 244; E. Sch wie dl and, Kleingewerbe, nam. 1, 175 ff.; H. W a e n t i g , Gewerbl. Mittelstandspolitik, S. 95 ff. W. resümiert den Einflufs der Gewerbegesetzgebung wie folgt (S. 95): „Jene an und für sich bereits vorhandene Tendenz — sc. zur Zurückdrängung des Handwerks — mag durch die Einführung der neuen G.O. von 1859 verstärkt worden sein, namentlich insofern diese für einige Jahre einen erhöhten psychologischen Antrieb zu selbständiger Niederlassung schuf und dadurch zeitweilig den Wettbewerb der kleinen Leute verschärfte. Principielle Bedeutung — das heifst wohl: wesentlicher Einflufs auf den Zersetzungsprozefs des Handwerks als gewerblicher Produktionsform — ist ihr wohl schwerlich beizumessen.“ Im übrigen weist W. auf das unzureichende Zahlenmaterial für eine exakte Feststellung der stattgehabten Verschiebungen hin. Wo ein solches neuerdings für beschränkte Gebiete beschafft worden ist, hat sich ein Einflufs der Einführung der Gewerbefreiheit nicht nachweisen lassen; so für die Schuhmacherei und Schneiderei in Wien (UOe., 49 bezw. 232) und für die Schlosserei in Graz (UOe., 575). 38 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. einer Vermehrung der Handwerksbetriebe, insbesondere der Alleinbetriebe : dadurch aber hat sie in gewissem Sinne sogar eine momentane Hemmung der kapitalistischen Entwicklung hervorgebracht; 2. auch diese Wirkung ist nicht allgemeiner Natur, sondern beschränkt sich auf einzelne Gewerbe und Orte. Sie ist ferner in vielen Fällen eine vorübergehende 1 . Es ergiebt sich also auch in Gebieten gleichen Gewerberechts eine von Ort zu Ort, von Gewerbe zu Gewerbe verschiedene Gestaltung der gewerblichen Verhältnisse, soweit die Zahl der Etablierungen neuer Handwerksbetriebe in Frage kommt; dagegen eine einheitliche Gestaltung, soweit es sich um das Vordringen des Kapitalismus in die Sphäre des Handwerks handelt. Das ist aber ein Ergebnis, das demjenigen von vornherein nicht zweifelhaft sein konnte, der in seiner Vorstellung die Bedeutung der Rechtsordnung für die gewerbliche Entwicklung auf das gebührende Mafs einzuschränken gewufst hatte. Die Rechtsordnung, so wurde schon bemerkt, stellt immer nur die Regeln und Bedingungen auf, nach denen vorhandene Kräfte sich bethätigen sollen. Sind diese überhaupt nicht existent, so bleibt beispielsweise eine freiheitliche Gewerbeordnung eine rein papierne Thatsache: das gilt für die gröfsere Hälfte des Königreichs Preufsen von 1810—1850. Umgekehrt — und das ist der wichtigere Fall — sind unter der Herrschaft einer bestimmten Rechtsordnung — sage der Zunftverfassung — wirtschaftliche Kräfte oder um es noch genauer auszudrücken : die Träger bestimmter wirtschaftlicher Interessen, deren Geltendmachung eine Änderung der Rechtsordnung heischt, zu entsprechender Reife gediehen, so werden sie Mittel und Wege finden, sich durchzusetzen, auch ehe noch das ganze Gebäude der alten Rechtsordnung zusammenbricht. So haben seit Jahrhunderten, zumal natürlich in den letzten Jahrzehnten der Zunftverfassung sowohl die nicht-zünftigen Handwerker als vor allem die kapi- 1 Die Verschiebung in der örtlichen Verteilung der Handwerker, insbesondere die Zunahme der Landhandwerker, wie sie während des 19. Jahrhunderts in Deutschland vielerorts stattgefunden hat (vgl. Paul Voigt, Hauptergebnisse etc. S. 10 f.), darf nicht als eine unmittelbare Wirkung der Gewerbefreiheit angesehen werden. Sie ist durch diese wohl erst in weiterem Umfange ermöglicht, keineswegs aber allein bedingt. Eine Tendenz zur Ausdehnung des Landhandwerks hat sich vielfach schon in der Zunftzeit durchgesetzt und ist umgekehrt, z. B. in Preufsen nach 1810, auch im Zustande der Gewerbefreiheit nicht überall zu konstatieren. Vgl. Schmoll er, Kleingewerbe S. 257 ff. Zweites Kapitel. Das neue Recht. 39 talistischen Unternehmer es allerorten fertig gebracht, sieh den entgegenstehenden Bestimmungen der Rechtsordnung zum Trotz zu behaupten. Naturgemäfs in quantitativ verschiedenem Umfang: verschieden nach der Praxis in der Handhabung des Rechts, verschieden noch mehr nach der Wucht, die den nach Betlültigung strebenden Kräften innewohnte. Daher keineswegs überall die von den Zünften ausgeschlossenen Handwerker sich Geltung zu verschaffen wufsten, während allerorten die gewichtige Interessenschaft des Kapitals sich den nötigen Spielraum auch trotz aller Zunftverfassung zu erobern verstanden hat. Daher also ungleich - mäfsige Gestaltung dort, gleichmäfsige hier. Fragen wir aber, wie es denn angängig war, dafs trotz entgegenstehender Bestimmungen der Rechtsordnung sich die gewerblichen Verhältnisse bereits in ihren Grundzügen umgestalten konnten, so ist es nicht schwer, darauf die Antwort zu geben. Jene Interessen, denen die alte Zunftverfassung ein Hindernis war, verstanden es entweder de lege, durch allerlei Weisen der Rechtsauslegung, durch verwaltungsrechtliche u. a. Beihilfe, sich Geltung zu verschaffen oder griffen — wo es auf legalem Wege nicht ging — zu allerhand Rechtsverdrehungen, Rechtsbeugungen etc., wenn man nicht gar die offene Rechtsverletzung als Ultima ratio zu benutzen wagte. Es sind das im allgemeinen bekannte Thatsachen, die freilich immer wieder ins Gedächtnis zu rufen nicht ganz unnütz erscheint. Wie in Form von Privilegien, Konzessionen u. dgl. namentlich abseiten des von seinem Anbeginn an kapitalistisch und anti- ztinftlerisch interessierten Fürstentums vor allem der modernen kapitalistischen Produktionsweise, aber auch dem nicht ziinftlerischen Handwerk der nötige Spielraum verschafft wurde, ist oft und erschöpfend dargestellt worden h Aber sicherlich ebenso häufig haben die anti - zünftlerischen Elemente contra legem die Wahrung ihrer Interessen zu erreichen gewufst. So sehen wir, um nur einige neuerdings zu Tage geförderte Fälle namhaft zu machen, wie in Breslau neben der Schuhmacherinnung sich unaufhaltsam, wie es scheint unter dem Schutz der Klöster und katholischen Kirchen, die Zahl der Störer vermehrt, bis sie am Ende des 18. Jahrhunderts so grofs geworden war — sie betrug gegen 360 —, dafs es der Polizei auch beim besten 1 .Vgl. z. B. Schmoller, Kleingewerbe S. 25 ff. J. Kaizl, D. Kampf um G.Reform u. G.Freilieit in Bayern (1879), 60 ff. 122 f. Neuerdings für Berlin 0. Wiedfeldt S. 51. 73, für Österreich H. Waentig, S. 11 ff. 45 f. 40 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. Willen nicht mehr möglich war, den Pfuschern das Handwerk zu verbieten, d. h. mehreren Hundert Personen das Brot zu nehmen. So ist das Urteil wohl gerechtfertigt, das der Geschichtsschreiber der Breslauer Schuhmacherei fällt (U. IV, 25): „Für die Schuhmacherei in Breslau beginnt mit der Gewerbefreiheit von 1810 keine neue Entwicklung, sondern es werden nur thatsächliche Zustände sanktioniert.“ Wir erfahren ferner, auf Grund authentischer Nachrichten, dafs die Schönfärberei in Leipzig, die Tuchmacherei in Rofswein einfach unter Nichtachtung der Zunftstatuten im ganzen Laufe des 19. Jahrhunderts von kapitalistischen Unternehmern betrieben wurde u. s. w. (U. V, 228; VI, 479). Und fragen wir vielleicht erstaunt, wie es möglich war, dafs solcherweise offenbare Rechtswidrigkeiten sich vor den Augen der hohen Obrigkeit abspielen konnten, so brauchen wir nur in den Erinnerungen alter Verwaltungsbeamten zu blättern, etwa in den Memoiren des Freiherrn von Friesen, um zu erfahren, wie geschickt man es in den Geheimratsstuben anzufangen wufste, um die Anforderungen der neuen Zeit einem überlebten Rechte zum Trotz zur Geltung zu bringen 1 . „Die Behörden,“ schreibt der genannte Gewährsmann, „. . . suchten an (den Innungsgesetzen) soviel als möglich zu deuten und zu interpretieren und halfen sich, wo auch das nicht mehr genügte, mit Dispensationen. Da aber, wo solche gesetzlich unzulässig, blieb den Behörden nichts anderes übrig, als nicht zu sehen, um, wie man es damals nannte, keinen Staub aufzutreiben 2 .“ Diese wenigen Bemerkungen, scheint es mir, genügen doch vollauf, um jene Legaltheorie in ihre Schranken zurückzuweisen. Zusammenfassend können wir nun die positive Bedeutung der Ein- 1 Für die Beurteilung der gewerblichen Entwicklung Österreichs, namentlich in früherer Zeit, hat wiederum ein reiches Material Waentig in seinem schönen Buche gesammelt und verarbeitet. Er berichtet z. B. S. 17 von dem Ergebnis einer Gewerbeenquete aus dem 18. Jahrhundert, das darin gipfelte, „dafs alle bisherigen Verbote den rechtswidrigen Gewerbebetrieb auch nicht im entferntesten zu unterdrücken vermocht“ hatten. Woraufhin denn ein Patent Karls VI. verordnete, die Behörden sollten ein Auge, nötigenfalls aber beide Augen zudrücken. 2 Richard Freiherr von Friesen, Erinnerungen aus meinem Leben 1 (1880), 397 f. Auch die weiteren Ausführungen a. a. 0. sind äufserst lehrreich. Der ehemalige Minister war in den 1850er Jahren (d. h. während des letzten Jahrzehnts der Zunftzeit) Kreisdirektor in dem Kreisdirektionsbezirk Zwickau, ist also ein durchaus kompetenter Beurteiler. Zweites Kapitel. Das neue Recht. 41 führung einer gewerbefreiheitlichen Rechtsordnung etwa folgender- mafsen kennzeichnen: Die Gewerbefreiheit wirkt unificierend, sofern sie die aus einer verschiedenen Handhabung des bestehenden Rechts sich ergebenden lokalen Abweichungen in der Lage der einzelnen Gewerbe beseitigt. Sie wirkt aber freilich wohl ohne allen Zweifel auch fördernd und belebend auf die Entwicklung des Kapitalismus. Denn wenn diese auch, wie wir sahen, durch die alten Zunftschranken nicht aufgehalten werden konnte, so wurde sie durch sie doch sicherlich verlangsamt. Das völlig unbehinderte Schalten des kaufmännischen Elements setzte eine Reihe von Kräften frei, die früher in dem Ankämpfen gegen widerstrebende Rechtssatzungen gebunden gewesen waren. Drittes Kapitel. Die neue Technik. „ TF«s man an der Natur Geheimnisvolles pries, Das wagen ivir verständig su probieren, Und was sie sonst organisieren liefs, Das lassen wir krystaUisieren.“ Faust II. Nach zwei Seiten hin entfalten sich gleichzeitig unsere technischen Fähigkeiten: es mehren sich die Kenntnisse von den Eigenschaften der uns umgebenden Natur, mit der wir uns zur Erreichung unserer Zwecke notgedrungen auseinandersetzen müssen; und es erweitert sich das Mafs des eigenen Könnens, die Dinge der äufseren Natur unsern Wünschen entsprechend umzuformen: unsere Arbeitsfähigkeit wird in ihrer quantitativen Ergiebigkeit und qualitativen Anpassungskunst auf eine immer höhere Stufe der Vollendung gehoben. Beide Seiten ergänzen sich notwendig und geben zusammen erst das vollendete Bild je von der Stufe technischer Leistungsfähigkeit, auf die die Menschheit sich erhoben hat. Wir verfolgen auch die Entwicklung der ökonomischen Technik in neuerer Zeit nach diesen beiden Richtungen hin und finden dann, dafs die Fortschritte der modernen Technik sich etwa also zusammenfassen lassen. Es ist eine grofse Vermehrung unseres Wissens bemerkbar von den Stoffen und Kräften und von der Nutzbarkeit der Umbildungsprozesse der Natur selbst. Dampf und Elektricität, Färbemittel und Nahrungssurrogate, die täglich neu entdeckten chemischen Verfahrungsweisen legen Zeugnis dafür ab. Während gleichzeitig die Beherrschung der Kräfte und Prozesse in der Natur immer sicherer wird. Mufsten wir uns ehedem damit begnügen, von dem Wirken der Natur im Wehen des Windes oder im Fliefsen Drittes Kapitel. Die neue Technik. 43 cles Wassers einfach zu profitieren, ohne etwas über es zu vermögen, so lernen wir immer mehr, die natürlichen Vorgänge wenigstens in Mafs und Richtung zu beeinflussen, bis wir dazu gelangen, sie willkürlich zu veranlassen. Und das alles, so läfst sich zusammenfassend sagen, läuft darauf hinaus: unsere Gebundenheit an die Natur zu mindern, uns freier zu machen von Zufälligkeiten und Widerwärtigkeiten. Es ist nützlich, sich diese Entwicklung zur Freiheit in ihren einzelnen Etappen zu vergegenwärtigen. Unsere Gebundenheit verringert sich, soweit es eine Gebundenheit an den Ort ist: die Nutzbarmachung beispielsweise der mit Dampf und Elektricität gefesselten Naturkräfte hat ihre grofse Bedeutung vor allem auch in der damit verknüpften Befreiung von der Gebundenheit an bestimmte Orte der Produktion: den Wasserlauf, die freie Ebene, den windigen Hügel, die Windstrafsen auf dem Meere etc. Es wird erst durch Dampf und Elektricität eine Ubiquität der produzierenden Thätigkeit erzeugt. Und wie hierdurch gleichsam in quantitativer Hinsicht eine Befreiung vom festen Standort hervorgerufen wird, so häufig ähnlich in Hinsicht auf die Qualität der Erzeugnisse: Holz, Honig, Wachs u. dergl. Dinge sind lokalen Wechseln in ihrer Beschaffenheit ausgesetzt; Eisen, Zucker, Stearin können überall in gleicher Qualität nachgeschaffen werden. Aber von noch viel entscheidenderer Wichtigkeit ist die Eman- cipation von der für die Erreichung produktiver Zwecke erforderlichen Zeitdauer. Hier ist, wie noch zu zeigen sein wird, in neuer Zeit Gewaltiges geleistet worden. Und ebenso wie von der Produktions- und Transportdauer technisches Können fortschreitend emancipiert, so gleichermafsen von der zufälligen Gelegentlichkeit der Produktionsmöglichkeit: die beliebige Jederzeitigkeit und was dasselbe ist Ununterbrochenheit der Verrichtungen wird mit der Nutzung der mechanischen Kraft, mit der Einführung künstlicher Kühlung, künstlicher Bleiche erst zur Thatsache. Was aber vor allem emancipatorisch so gut in räumlicher als in zeitlicher Hinsicht wirkt, ist ein bedeutsamer Vorgang, der sich ganz im stillen in unserer Zeit vollzieht und dessen Tragweite heute noch gar nicht abzusehen ist. Ich meine das, was man den Verzicht auf den Organisierungsprozefs der Natur bei unserer gewerblichen Thätigkeit nennen könnte. Wir lernen mehr und mehr unorganisierte 1 Materie zu Gebrauchsgütern zu nützen oder um- 1 Dieses ist der auch vom Chemiker anerkannte, wohl dauernde Gegensatz : „organisierte“ und „nicht organisierte“ Materie, die dann beliebig den 44 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. zuwandeln, bei deren Erzeugung ehedem die organisierte Materie ein unentbehrliches Zwischenglied bildete, sodafs man wohl die gesamte moderne Technik als unorganische von der früher organischen unterscheiden kann. Mit anderen, dem ökonomischen Interesse noch mehr Rechnung tragenden, Worten: wir stellen eine wachsende Zahl von Gebrauchsgütern her, decken somit einen wachsenden Teil unseres Bedarfs, ohne dafs die betreffenden Gegenstände selbst vorher als Pflanze oder Tier hätten existieren, also mittelbar oder unmittelbar als pflanzliche Erzeugnisse des Bodens hätten zuvor gewonnen werden müssen, was bei den älteren Verfahrungsweisen unvermeidlich gewesen war. Um wenigstens an die wichtigsten hierher gehörigen Beispiele zu erinnern: in wie grofsem Umfange hat allein das Eisen „organisierte Materie“, d. h. meistens Erzeugnisse des Pflanzenreichs verdrängt: das Holz im Schiffs-, Häuser-, Brückenbau, sowie als Material von Werkzeugen und Geräten ; die Hanf- oder Flachsfaser als Stoff für Taue und Seile. Und die Herstellung dieses vielleicht revolutionärsten Stoffes der modernen Technik geschieht ebenfalls im fortschreitenden Mafse ohne Inanspruchnahme organisierter Materie, d. h. unter immer geringerer Anwendung von Holz: an die Stelle der Holzkohle- Hochöfen sind die Koksöfen, an die Stelle des Holzkohlefrischverfahrens ist das Puddel- oder Bessemer- oder Martin-Siemens- Verfahren getreten, die sämtlich nur der Steinkohle benötigen. Als lleizmittel ersetzt die Steinkohle den Torf, das Holz und die Holzkohle, als Leuchtmittel ersetzen Petroleum, Gas und Elektricität Fett, Unschlitt, Holzspäne, Öl. Die alten tierischen und pflanzlichen Färbemittel: Purpur, Cochenille, Krapp, Waid, Indigo, Saflor, Scharte, Farbhölzer werden verdrängt durch die Anilin-, Naphtalin- und andere Kohlenderivatfarben. Die neuere Chemie weifs nun auch ein Nahrungsmittel nach dem anderen aus unorganisierter Materie zusammenzubrauen. Sie will die Geschmacksempfindung der Süfse auch ohne Hilfe von Zuckerrohr oder Rübe erzeugen; sie will uns jetzt berauschen, ohne vorher die zucker- oder stärkehaltige Pflanze dem Gärungsprozefs unterworfen zu haben * 1 . sogen, organischen oder anorganischen Substanzen zugehören kann. Letztere Unterscheidung verliert in der neueren Chemie immer mehr an Bedeutung, jedenfalls vermag sie keine irgend wie feste Grenzlinie zu ziehen, wie es mit der im Text getroffenen Unterscheidung thatsächlicli der Fall ist. 1 Über die Herstellung von Alkohol aus dem Nebenprodukt der Ivokesgewinnung, dem Äthylen vgl. „Chemische Industrie“ 1897 S. 266 und 1898 S. 27. Drittes Kapitel. Die neue Technik. 45 Die frühere Zeit war eine vorwiegend hölzerne, animalisch-pflanzliche, unser Zeitalter ist ein Zeitalter aus Stein, Glas und Eisen: das ist eine der entscheidenden Wandlungen, die die Technik erfahren. Diese Neugestaltung der Technik findet ihren Ausdruck in bestimmten Eigenarten unserer industriellen Entwicklung; vornehmlich in dem gewaltigen Aufschwünge, den die chemischen Industrien und die Montanindustrie während der letzten fünfzig Jahre genommen haben. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts staken die chemischen Industrien noch in den Kinderschuhen. Damals war Frankreich in diesem Gewerbezweige das führende Land. Im Jahre 1850 zählte man daselbst 1 2 547 chemische Fabriken mit einer Arbeiterschaft von 5947 Köpfen, also dafs etwa 10 Arbeiter auf jedes Etablissement entfielen. Der Wert der Jahresproduktion wurde auf 56 628000 Frc. geschätzt. Jetzt giebt es in Frankreich 45 700 Enverbsthätige in den chemischen Industrien, darunter 36590 „ouvriers“ 3 : also etwa sechsmal so viel als vor fünfzig Jahren. Aber Frankreich hat längst die führende Stellung an Deutschland abtreten müssen. Und in Deutschland sind nach der 1895 er Gewerbezählung in chemischen Fabriken 115 231 Personen beschäftigt. Diese Zahl ist in beständigem Steigen. Mitte des Jahrhunderts geschah dieses Gewerbszweiges in den statistischen Übersichten häufig gar nicht einmal besondere Erwähnung 8 . 1846 wurden in Preufsen 179 chemische Fabriken mit 2207 Arbeitern gezählt; die deutsche Gewerbezählung von 1882 ermittelte 71777 in der chemischen Industrie beschäftigte Personen, deren Zahl sich also in den dreizehn Jahren von 1882 bis 1895 um 61 °/o vergröfsert hat. Nach der Produktionsstatistik des Jahres 1897 beläuft sich die Gesamtproduktion der chemischen Industrie in Deutschland auf 83112 781 dz im Werte von 947 902 570 Mk. Dafür sind Produktion und Handel von Krapp, Knoppern, Harzen, Waid, Färbehölzern u.dgl., die um die Mitte des 19. Jahrhunderts noch eine grofse Rolle spielten, heute auf ein Minimum reduziert. An Waid, Saflor, Krapp, Aloe, Sumach, Knoppern kamen noch 1846 über die Grenze des Zollvereins 188676 Ctr., an Farbhölzern 302046 Ctr. u. s. w. 4 . Ebenso gewaltig ist während der letzten Menschenalter die Ent- 1 A. Moreau de Jonnös, Statistique de l’industrie de la France (1856), 259/60. 2 Annuaire statistique de la France 15 (1394), 18. 3 Z. B. in Frli. von Redens „Handbuch“: Deutschland und das übrige Europa (1854). 4 Vgl. Dieterici, Statistische Übersicht etc. 4. Forts. (1851), 383 ff. 46 Erstes Bueli. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. wicklung der Montanindustrie gewesen, die ja mit ihren Erzeugnissen, vor allem Steinkohle und Eisen recht eigentlich das Fundamentum der modernen Technik bildet. Es wurden an Steinkohlen gefördert in Deutschland 1858 rund 9000000 t 1 1863 16906 700 „ 1873 36 392300 „ 1883 55 943000 „ 1893 73 852 300 „ 1899 101639 800 „ In diesem Zeitraum hat • sich also die Menge der geförderten Steinkohlen mehr als verzehnfacht, ist um mehr als 1000 °/o gestiegen, während sich die Bevölkerung unterdessen nur um etwa 60 °/o vermehrt hat. Ähnlich verhält es sich mit der Eisenerzeugung bezw. dem Eisenverbrauch. Der Verbrauch an Roheisen im Zollvereinsgebiet bezw. im Deutschen Reich bezifferte sich pro Kopf der Bevölkerung 2 : 1834/35 auf 5,8 kg 1848/50 JJ 10,9 „ 1860 W 18,6 „ 1870 38,8 „ 1880 » 59,8 „ 1890 99,1 „ 1899 >5 154,9 „ Und ebenbürtig dem technischen Wissen ist unser technisches Können auf eine hohe Stufe der Vollendung emporgestiegen. Arbeitszerlegung und Arbeitsspecialisation haben noch weitere Fortschritte gemacht, aber vor allem ist die kunstvolle Entwicklung des Arbeitsmittels, wie allbekannt, ein Ergebnis fast erst des letzten Jahrhunderts. In dem Mafse, wie sich das Princip der Arbeitszerlegung durchsetzt, verfeinert sich das Werkzeug bis zu jener delikaten Ntiancierung, wie wir sie heute etwa in der optischen oder lithographischen Industrie zu beobachten Gelegenheit haben. Es ist eine ganz irrige Meinung, es sei die Differenzierung der Werk- 1 von Reden, Deutschland und das übrige Europa (1854), 464; die übrigen Ziffern aus dem Statist. Jahrbuch f. d. D. R. 2 Die beiden ersten Ziffern aus W. Oechelhäuser, Vergleichende Statistik (1852), 124. 128. Die übrigen wiederum aus dem Statistischen Jahrbuche. Drittes Kapitel. Die neue Technik. 47 zeuge in einer früheren Zeit — der sogen. Manufakturperiode — schon einmal eine höhere gewesen als heute, wo die Differenzierung durch die Maschine eine Rückbildung erfahren habe. Im Gegenteil: die Differenzierung ist vielmehr auf die Maschinerie ausgedehnt worden, wie noch zu zeigen sein wird. Die leiseste Unterscheidung der Arbeitsverrichtung wird begleitet, unterstützt, ermöglicht durch das entsprechend ihr angepafste Werkzeug. Und es liegt auf der Hand, wie sehr die fortschreitende Zerlegung der Arbeit wiederum die Ausbildung der Werkzeugtechnik fördern mufs, um wie viel besser bei jeder neuen Vereinfachung der Teilverrichtung — denn auf Vereinfachung läuft doch alle Zerlegung hinaus — das entsprechende Werkzeug der menschlichen Hand angepafst werden kann und wie auf der anderen Seite jedes neue verfeinerte Werkzeug die Arbeitsleistung wiederum steigern mufs. „Müssen wir für die älteste Zeit geringfügige Wirkung nach aufsen verbunden mit grofser Anstrengung und geringer Geschicklichkeit des Subjekts in Zusammenhang bringen mit höchst einfachen und unvollkommenen Werkzeugen, die in unbestimmter Allgemeinheit gleichsam alles in allem waren, so setzt uns die heutige Entwicklungsstufe in Erstaunen durch die grofse Mannigfaltigkeit der Wirkungen, welche durch höchst einfache, gleichsam elementare mechanische Potenzen hervorgebracht werden. Wir erkennen aber sofort, dafs die letztere Einfachheit von der ersteren fundamental verschieden ist. Jene ist die Einfachheit der Armut, des unvollkommenen Keimlebens, der primitiven Bedürfnislosigkeit, welche die Thätigkeit der Urgesehlechter auf wenige immer wiederkehrende Verrichtungen beschränkte. Diese dagegen ist die Einfachheit des überlegenen Geistes, welcher die Mittel aufs vollkommenste den zu erreichenden Zwecken anpafst und wie ein geübter Fechter oder Steuermann, mit dem geringsten Aufwand von Kraft und mechanischer Komplikation die jedesmal zu erreichende Arbeitsleistung ausführt h“ Mit dieser fortschreitenden Differenzierung des Handwerkzeugs und seiner Funktionen im engen Zusammenhänge steht nun aber die zunehmende Vervollkommnung in der Benutzung des Werkzeugs. Wie an der Pforte aller Kultur die Nutzung der Schwungkraft, so steht an der der unserigen ein anderes Princip der Werkzeugnutzung, von vielleicht noch gröfserer, noch schöpferischerer Bedeutung. Man hat es das Walzen- oder Rotationsprincip 1 L. Noirö, Das Werkzeug (1880), 249/50. 48 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. genannt 1 und es besteht in der Einführung der kontinuierlichen Drehbewegung in die Technik. In allen unseren Werkzeugen etc. lassen sich zwei Formations- Hauptperioden unterscheiden: die Periode, in welcher das Werkzeug hin und her oder auf und ab bewegt wird, also immer einen toten Rückgang machen mufs, um einen lebendig wirkenden Vor- und Abwärtsgang auszuführen und die Periode der kontinuierlichen Bewegung nach vor- oder abwärts. So unscheinbar der Fortschritt von der Periode des toten Rückgangs zur Periode der kontinuierlichen lebendigen Bewegung zu sein scheint, so bedeutet er doch in wirtschaftlicher Beziehung gerade soviel als der Fortschritt der Pflanzen- und Tierformen der Grauwackenperiode zu jenen der Kreideperiode 2 3 . Und doch ist das Princip der kontinuierlichen Bewegung nach vor- und rückwärts erst der Anfang des Rotations- princips: ehe die Bandsäge auftrat, hatte ein Fortschritt darin bestanden, die Säge beim Ab- und Aufwärtsgehen in j e einem Stamme oder in denselben Stamm zweimal einschneiden zu lassen; und ehe der Kreisbohrer in Aufnahme kam, hatte man das Hin- und Herbohren im Halbkreise ebenfalls schon gekannt. Die erste bedeutsame Anwendung des Rotationsprincips in der Technik dürfte der auf Rädern bewegte Wagen gewesen sein. Heute ist das Princip in jeder Sphäre der Technik so sehr verbreitet, dafs es 1842 schon Jobard „das Kriterium der modernen Gewerbsthätigkeit“ nannte, „weil jedes mechanische Verfahren, jede Fabrikation, die nicht die fortwährende ununterbrochene Thätigkeit besitzt, noch im Zustande des embryonalen Werdens“ sei. Und Reuleaux kennzeichnet die Bedeutung dieses selben Princips mit den Worten: „So wie der alte Philosoph die stetig steigende Veränderung der Dinge einem Fliefsen verglich und sie in den Spruch zusammendrängte: „Alles fliefst“; so können wir die zahllosen Bewegungserscheinungen in dem wunderbaren Erzeugnisse des Menschenverstands, welches wir Maschine nennen, zusammenfassen in das eine Wort: „Alles rollt.“ 1 Über das Rotationsprincip und seine Bedeutung für die Technik vgl. M. Jobard, Die Industrie und das Jahrhundert. Grenzboten 2. Band 1842, S. 302 ff. (J. ist wohl der „Entdecker“ dieses Princips). Louis Reybaud, L’industrie en Europe. 1856. pag. 22. Rudolf Wagner, Technologische Studien auf der allgemeinen Kunst- und Industrieausstellung im Jahre 1867. (1868). Em. Herrmann, Das Prinzip der Rotation. Miniaturbilder (1872) S. 221—256. Noire a. a. 0. S. 293 ff. F. Reuleaux, Theoretische Kinematik Bd. 1. 1875. 3 E. Herrmann a. a. 0. S. 197. 198. Drittes Kapitel. Die neue Technik. 41) Aber mit diesen Worten eröffnet Reuleaux in einer anderen Richtung unserer Betrachtung eine neue Perspektive: in ihnen wird das Rotationsprincip — und mit Recht — vor allem für ein Gebilde, eine Form des Arbeitsmittels in Anspruch genommen, „welches wir Maschine nennen“. Es ist bekannt, wie hoch man die Bedeutung der Maschine für die Technik gerade der neueren Zeit bewertet hat. Man beliebt unser Zeitalter geradezu als Maschinenzeitalter anzusprechen und einen grofsen Teil der ökonomischen Revolution, deren Zeuge wir sind, auf die Entwicklung zurückzuführen, die das Maschinenwesen in den letzten 150 Jahren erfahren hat. Diese hohe Einschätzung des Maschinenprincips nötigt mich, die Frage nach dem Wesen, der specifischen Funktion und dem Entwicklungsgänge der Maschine zu stellen 1 . Ich beginne mit der starken Betonung der Thatsache: dafs das „Wesen“ der Maschine selbstverständlich ein völlig verschiedenes ist, jenachdem man sie unter kinematischem oder ökonomischem Gesichtspunkte betrachtet. Ihre kinematische Wesenheit hat Reuleaux wie folgt bestimmt: „Eine Maschine ist eine Verbindung widerstandsfähiger Körper, welche so eingerichtet ist, dafs mittels ihrer mechanische Naturkräfte genötigt werden können, unter bestimmten Bewegungen zu wirken 2 .“ Und etwas genauer die „Einrichtung“, auf die es ankommt, kennzeichnend: „Der Mechanismus ist eine geschlossene kinematische Kette; die kinematische Kette ist zusammengesetzt oder einfach und besteht aus kinematischen Elementenpaaren; diese tragen die Umhüllungsformen zu den Bewegungen an sich, welche die einander berührenden Körper gegenseitig haben müssen, damit alle anderen Bewegungen als die gewünschten aus dem Mechanismus ausgeschlossen bleiben. Ein Mechanismus kommt in Bewegung, wenn auf eines seiner beweglichen Glieder eine mechanische Kraft, welche die Lage derselben zu ändern imstande ist, einwirkt. Die Kraft verrichtet dabei eine mechanische Arbeit, welche unter bestimmten Bewegungen vor sich geht; das Ganze ist dann eine Maschine 3 .“ In einem populären Vortrage hat Reuleaux dann seinen Gedanken diese Prägung gegeben: „Das allgemeine Princip . . . der Maschine ist die Bewegungserzwingung. Mit der Maschine 1 Weiteres siehe in meiner Gewerblichen Arbeit, 30 ff. 2 F. Reuleaux, Theor. Kinem., 38. 3 Ebenda S. 53/54. Vgl. dazu S. 490. 492 ff. Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 4 50 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. will man zunächst Körpern Bewegung erteilt wissen; diese Bewegung soll dann aber nach einem bestimmten Plane vor sich gehen, es sollen gewisse Wege unter gewissen Geschwindigkeiten und in gewisser Folge durchlaufen werden, wie es eben dem zu erreichenden Zwecke entspricht 1 2 .“ In ökonomischer Betrachtung ist die Maschine ein Arbeitsmittel oder ein Komplex von solchen, welches derart eingerichtet ist, dafs es eine Arbeit, die sonst der Mensch verrichten müfste, an Stelle des Menschen ausführt, ein Arbeitsmittel also, welches nicht wie das Werkzeug menschliche Arbeit unterstützt, sondern menschliche Arbeit ersetzt. Ist nach Reuleaux das allgemeine (kinematische) Princip der Maschine die Bewegungserzwingung, so ist ebenso sehr das allgemeine (ökonomische) Princip der Maschine die Arbeitsersetzung. Die specifische Eigenart der Maschine ersehen wir aber erst recht deutlich, wenn wir uns ihren Entwicklungsgang in seinen Grundzügen vergegenwärtigen. Dieser verläuft in der Weise, dafs sich in einer bemerkenswerten Parallelität das kinematische und ökonomische Princip der Maschine zur Geltung durchringen. Die Vollständigkeit aber, in der sich die endgültige Durchsetzung dieser Principien ereignet, bildet recht eigentlich die Wesenheit der modernen Zeit, sodafs wir den Schlüssel für deren Vex-ständnis nur in einer Betrachtung dieses Entwicklungsganges des Maschinenprincips zu finden vermögen. Dabei macht es keinen Wesensunterschied, welchem Zwecke die Maschine dient — wir teilen die Maschinen in Kraft- und Arbeitsmaschinen, je nachdem durch die Maschine eine Kraft- äufserung oder eine Arbeitsleistung im engeren Sinne erzielt wird, und letztere wiederum in ortsverändernde oder transportierende und formveräixdernde oder transformierende z , — vielmehr läfst sich für alle Kategorien folgendes sagen: Unter kinematischem Gesichtspunkt wird die Entwicklung der Maschine zu höheren Foi'men charakterisiert durch den allmählichen Übergang vom Kraftschlufs zum Paarschlufs, d. h. von der Schliefsung von Eiern entenpaaren durch sensible Kräfte zu einer Schliefsung durch latente Kräfte, d. h. solcher Ki’äfte, die in den ein Elementenpaar zu zwangsweiser Bewegung bringenden Körpern ge- 1 F. Reuleaux, Über den Einflufs der Maschine auf den Gewerbebetrieb. Vortrag, geh. in der Museumsgesellschaft in Frankfurt a. M., abgedr. in Nord und Süd (1879), 113/114. 2 Vgl. dazu Reuleaux, Theor. Kin. 1, 479 ff. Drittes Kapitel. Die neue Technik. 51 bunden sindb Das Entwicklungsprincip ist danach zunehmende Erzwingung der Bewegung in gewollter Richtung. Dem un- gebändigten Walten der Naturkräfte, welche in schrankenloser Freiheit auf einander prallen, um im Kampfe aller gegen alle das unbekannte Erzeugnis der Notwendigkeit hervorzubringen, steht gegenüber die durch Beschränkung auf ein einziges und beabsichtigtes Ziel gelenkte Kräftewirkung in der Maschine. Je sicherer und exakter also der gewünschte Erfolg erzielt wird, desto vollkommener ist die Maschine in kinematischer Hinsicht entwickelt. Nun stellt aber auch die Mitwirkung der menschlichen Hand bei der von der Maschine zu bewältigenden Aufgabe immer noch ein Moment der Unsicherheit, einen Kraftschlufs dar. Das Streben nach kinematischer Vollendung deckt sich also mit dem Bemühen, den Anteil der menschlichen Thätigkeit zu verringern. Je vollkommener also das Princip des Bewegungszwanges verwirklicht wird, desto vollkommener wird auch dem Princip der Arbeitsersetzung Geltung verschafft 1 2 3 . In dieser Arbeitsersetzung offenbart sich nun aber nicht nur das innerste Wesen der Maschine: es liegt in ihr auch die Bedeutung eingeschlossen, die dem Eindringen der Maschine in den ► Arbeitsprozefs für die gesamte materielle Kultur beigelegt werden 1 Näheres darüber siehe bei Reuleaux a. a. 0., namentlich im IV. Kapitel, und vgl. ebenda S. 161 ff., 227 ff. und passim. 2 Das Beispiel des jedermann bekannten Entwicklungsganges der Dampfmaschine mag das Gesagte verdeutlichen: Die Newcomensche Maschine erforderte noch im weitesten Umfange die Mitwirkung des Menschen. Der Arbeiter mufste regelmäfsig mehrere Hähne öffnen und scliliefsen und aufser- dem die Dampfspannung kontrollieren, bis Newcomen das Sicherheitsventil hinzufügte und der Knabe Humphrey Potter, um sich von der geisttötenden Beschäftigung des Bewachens der Hähne zu befreien, die Hebel der Hähne durch Stricke mit dem Wagebalken der Maschine verband und so die mechanische Steuerung herstellte, also an Stelle des Kraftschlusses den Paarschlufs setzte. Unter den Neuerungen Watts finden sich auch mehrere, die den rein automatischen Gang der Dampfmaschine herbeiführten: Schwungrad, Drosselklappe, mechanischer Moderator, zu denen noch mechanische Olapparate, * Sicherungen an Schrauben u. dgl. hinzutreten. Vgl. noch Em. Herrmann, Wirtschaftliche Ursachen und Fehlerquellen des Denkens in „Kultur und Natur“ (1887) S. 184 ff. und für die Entstehung der Dampfmaschine insbesondere: F. Reuleaux, Kurzgefafste Geschichte der Dampfmaschine. 1859. Th. Beck, James Watt und die Erfindung der Dampfmaschine. S. A. aus dem Gewerbeblatt für das Grofsherzogtum Hessen, Jahrgang 1894, dessen (nicht genannte!) Quelle das bekannte Werk von James Patrik Muirhead ist: The origin and progress of the mechanical invention of James Watt. 3 Vol. 1854. 4 * 52 Erstes Buch. Die Neubegründuug des Wirtschaftslebens. mufs. Sie ist es, die das Wort des Weisen: „Du bleibst doch immer, was Du bist“, was technisches Können anbetrifft, Lügen gestraft hat. Denn durch sie werden die Leistungen des Menschen über das natürliche Ausmafs seiner Organe hinausgehoben. Sie reckt den Arm und den Körper zu riesigen Verhältnissen, sie schwellt die Muskeln ins Gigantische und verleiht den Fingern subtilste Feinfühligkeit, sie trägt den Blick über Tausende von Meilen und leiht den Füfsen die Schnelligkeit des Windes. Planer gesprochen: in qualitativer und vor allem in quantitaver Hinsicht steigert die Maschine das menschliche Können über das individuell erreichbare Maximum von Vollkommenheit hinaus. Auch das feinste Werkzeug, der delikateste Griffel oder Meifsel in der Hand des Arbeiters kann doch nie etwas anderes eisten als manuelle Fertigkeit unterstützen: die Arbeitsmaschine dagegen kennt diese Schranken nicht. Sie braucht nicht den Kontakt zwischen Auge und Hand mehr, auf dem alle Verfeinerung manueller Geschicklichkeit beruht: sie kann so fein schneiden, so sicher und regelmäfsig eine Verrichtung wiederholen, so leise klopfen, so fein bohren, wie niemals die menschliche Hand es vermöchte, in der das warme Blut des lebendigen Menschen strömt: sie ersetzt eben in vollkommenerer Form die Arbeit des Arbeiters. Kein noch so kräftiger Schmiedegeselle hebt einen Zuschlaghammer, der mehr als 50 Pfund wöge, keine noch so geschickte Spinnerin vermag mehr als einen, höchstens zwei Fäden auf einmal mit der Hand zu spinnen: der grofse Dampfhammer im Kruppschen Werke wiegt 50 Tonnen, das sind 1000 Centner, die neuen Spinnmaschinen setzen 2—3000 Spindeln auf einem Wagen in Bewegung. Um diese höchsten Leistungen der Maschinerie zu begreifen, mufs man sich folgender Momente be- wufst sein: in jeder menschlichen, formverändernden Arbeitsleistung, so lange sie nicht machinal ausgeführt wird, stecken zwei Bestandteile: die geistig-manuelle Verrichtung selbst und die dafür aufzuwendende Kraft, beide zunächst organisch und scheinbar unlöslich verbunden. Nun kann die eine oder die andere dieser beiden Funktionen allein von der Maschine übernommen werden; so dafs eine Kraftmaschine dem Arbeiter lediglich den eigenen Kräfteaufwand ersetzt, er aber selbst alle eigentlichen formverändernden Thätigkeiten nach wie vor ausführen mufs: ein Fall, der selten ist und auch nur immer für Teile des gesamten Kraftaufwandes denkbar ist, da ja auch die einfachste Formveränderung doch immer noch eines wenn auch noch so leisen Kraftaufwandes be- Drittes Kapitel. Die neue Technik. 53 darf; oder aber: es geht zunächst die eigentliche Arbeitsverrichtung auf die (Arbeits-)Maschine über, und dem Menschen verbleibt einstweilen die Leistung des Kraftaufwandes. Dieses ist ein in der That sehr häufiger Fall. Er ist der normale in allen Anfängen menschlicher Kultur bis tief in die neue Zeit hinein. „Was der zum Bewufstsein erwachte Mensch bei Schaffung der Maschine dunkel wollte, ist die Erzwingung bestimmter Bewegungen an leblosen Körpern für seine Zwecke. Die Kräfte zur Verursachung dieser Bewegungen sucht er zuerst nur in sich und seines Gleichen. Fern noch liegt ihm die Unterjochung der Naturkräfte aufser ihm“ (Reuleaux). Nun ist für den Entwicklungsgang der Maschinerie folgendes zu beachten: meistens wird eine bestimmte Arbeitsverrichtung nicht gleich ganz von der Maschine übernommen, sondern nach und nach, Teil für Teil 1 . Die Maschine ist nicht gleich von Anfang an Vollmaschine, wie ich es nennen will, sondern häufig erst Teilmaschine. Ein bekanntes Beispiel bietet wiederum die Entwicklung der Spinnmaschine. Das Spinnen ei’folgt gleich in seinen Anfängen maschinell: die Spindel ersetzt die sonst vom Menschen auszuführende Drehbewegung 2 . Diese machinale Vorrichtung wird nun vervollkommnet im Spinnrade: die Hände werden völlig von der Verrichtung des Haltens und des die Spindel in Bewegungsetzens befreit, und alle Kraftzufuhr erfolgt durch den Fufs. Es verbleibt jedoch die Thätigkeit des Fadenherausziehens — wobei es darauf ankommt, der Spindel eine entsprechend geringe Menge Fasern zuzuführen — Domäne der menschlichen Hand; ein Teil der formverändernden Arbeitsverrichtung also dem Arbeiter. Diesen letzten Rest menschlicher Mitwirkung bei dem Spinnprozefs zu beseitigen, das bezweckten die grofsen Erfindungen des 18. Jahrhunderts. Alle neuere Maschinenspinnerei beruht bekanntlich auf der Anwendung zweier oder mehrerer Walzenpaare, die sich mit ungleicher Geschwindigkeit umdrehen und zwischen denen der zu spinnende Stoff, nachdem er durch die Karde in lange Bänder verwandelt worden ist, hindurchgeführt und nach einer Spindel oder geflügelten Spule hingeleitet wird. Es werden dann nämlich jene Bänder, weil die vorderen Walzen eine viel schnellere Bewegung haben als die 1 Solo a poco a poco la machina si perfeziona, direi si emancipa; diviene atta al moto meccanico ed in ultimo quasi automatica.“ A. F. Labriola, Tecnica ed Economia. Diss. di Laurea (1894) pag. 5. 2 Die Spindel wird richtig auch von Reuleaux, Theor. Kin., 223 schon eine machinale Vorrichtung genannt. 54 Erstes Buch. Die Neubegründnng des Wirtschaftslebens. hinteren, zu einem Faden auseinandergezogen, während dieser zugleich durch die schnell sich drehende Spindel die nötige Zwirnung erhält 1 . Damit war die Kette der machinalen Einrichtungen geschlossen und der gesamte Spinnprozefs der Maschine übertragen — bis auf die Zuführung der Kraft, die eine Weile noch dem Menschen oblag. Die ersten Spinnmaschinen wurden, wie man weifs, mit der Hand gedreht. Nun aber, worauf es ankommt: erst in dem Momente, und auch keinen Augenblick früher, wann eine bestimmte Arbeitsverrichtung in allen ihren Teilen (ausgenommen die Kraftzuführung) dem Bereich der menschlichen Mitwirkung entzogen ist, wird es möglich, das Quantum der in einem auszuführenden Arbeit beliebig zu vermehren, ohne durch die Enge des individuellen Arbeitsvermögens beschränkt zu sein. Nun erst nützt die Vergröfserung der Kraftquelle, die so lange unnütz war, als die Arbeitsverrichtung an irgend einer Stelle die menschliche Hand- thätigkeit passieren mufste. Man kann danach ermessen, welche Bedeutung für die Entwicklung der Maschinerie die vorherige Zerlegung eines Gesamtarbeitsprozesses in möglichst viele Teilver- richtungen hat. Denn offenbar genügt es, um die machinale Thätigkeit zu voller Entfaltung zu bringen, dafs an irgend einer Stelle des Arbeitsprozesses eine Vornahme sich so isolieren läfst, dafs sie als Einheit erscheint und als solche der menschlichen Handthätigkeit entrückt wird. Sobald das der Fall ist, kann diese Specialvorrichtung beliebig über individuelles Können hinaus beschleunigt oder ausgeweitet werden. Man denke an die Steppmaschinen, an die Knopflochmaschinen, die Falz-, Fräs-, Polier- etc. Maschinen in der Schuhwarenindustrie, an die Fädelmaschine in der Stickereiindustrie etc., die alle nur Teilverrichtungen, aber diese ganz machinal ausführen. Die Arbeitszerlegung hat die Maschinerie vielfach erst ermöglicht, wie umgekehrt erst die Maschinentechnik das Princip der Arbeitszerlegung bis in seine äufsersten Konsequenzen treibt. „Das Streben geht . . im ganzen dahin, die Arbeit, nachdem sie soweit geteilt ist, dafs die 1 Meines Erachtens wird deshalb auch derjenigen Erfindung die eigentlich epochale Bedeutung zuzuerkennen sein, welche zuerst dieses Walzen- princip für die Fadenbildung nutzbar machte. Es ist die nominell von L. Paul, thatsächlich wahrscheinlich von Wyatt herrührende, schon im Jahre 1738, also lange vor Arkwright patentierte Erfindung. Vgl. Baines, Geschichte der britischen Baumwollenmanufaktur etc. 1836. S. 44 ff. Dieses Urteil teilt übrigens auch Karmarsch, Geschichte der Technologie (1872) S. 596 ff. Drittes Kapitel. Die neue Technik. einzelnen Arbeitsverfahren nur noch Kraftanstrengung beanspruchen , dem Menschen abzunehmen und einer Maschine zu übertragen 1 . u In manchen Maschinenfabriken schreitet die Specialisierung der Arbeits- und Werkzeugmaschinen so weit fort, dafs für jede Flächenart und Dimension des Werkstückes, ja für jede Fläche jedes einzelnen Teiles des Werkstückes eigene Arbeitsmaschinen vorhanden sind. Da giebt es Eisenhobelmaschinen, allein für Lokomotivtriebstangen in sechs bis zehn Arten, eigene Drehbänke für Nebenteile, wie die obere und die Breitseite des inneren Lokomotivradkranzes, und wieder eigene Drehbänke für die zwei bis drei Seiten- und oberen Flächen des Tyres, welcher auf den inneren Radkranz angeschweifst werden soll. Und zwar hier wieder eigene Maschinen für Lokomotivtriebräder und für einfache Trag- oder Laufräder je nach deren Dimension. In einer hiesigen Schuhfabrik zähle ich folgende Typen von Arbeitsmaschinen : 4 verschiedene Stepp-, Knopfloch-, Knopf- und Heftmaschinen ; 3 verschiedene Sohlenschneidemaschinen •, 3 verschiedene Stanzmaschinen; 11 verschiedene Maschinen, die der Befestigung des Bodens am Schaft dienen; 13 verschiedene Maschinen, die sich mit der Appretur des fertigen Stiefels (Fräsen, Polieren, Ausglasen,. Färben etc. etc.) beschäftigen, zusammen 34 verschiedene Arten von Arbeitsmaschinen, man denke: zum Ersatz von Friemen und Hammer! In der Gewehrfabrikation werden über 600 verschiedene Maschinen verwandt. Ähnliche Mannigfaltigkeit der Maschinerie herrscht in der Nähmaschinenfabrikation. Selbst eine so einfache Prozedur, wie die maschinelle Herstellung unserer Zündhölzchen, erfordert ein ganzes System von Arbeitsmaschinen. Da finden wir: I. die Dampfsäge; 2. die Schälmaschine; 3. die Abschlagmaschine; 4. die Putzmaschine; 5. die Gleichlegemaschine; 6. die Einlege- maschine; 7. die Dampfhobelbank; 8. die Schachtelschälmaschine; 9. die Schachtelspan-Teilmaschine; 10. die Aufsenschachtelmaschine; II. die Etikettiermaschine; 12. die Innenschachtelmaschine; 13. die Einlegemaschine; 14. die Anstrichmaschine; 15. die Einpackmaschine; 16. die Etikettenklebmaschine. Dafs in anderen Fällen die Einführung der Maschine früher zerlegte Arbeit wieder komplex macht, — oft citierte Beispiele dafür, die manche Autoren mit Unrecht verallgemeinert haben, sind die Nagel- und Enveloppe- 1 Lindner, Art. Maschine in Otto Luegers Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften, Bd. VI. 56 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. maschinen — ändert nichts an der Thatsache, dafs als Regel Arbeitszerlegung und Maschinentechnik Hand in Hand gehen. Nunmehr aber ist es an der Zeit, auf Grund dieser Betrachtungen die Frage zur Entscheidung zu bringen, ob es statthaft ist, unsere Zeit als Maschinenzeitalter besonders kenntlich zu machen? Ich denke, die Sache liegt so: Will man mit jenem Schlagwort sagen, dafs um die Wende des 18. Jahrhunderts die Maschine überhaupt erst im Wirtschaftsleben eine Rolle zu spielen begonnen habe, so liegt dem eine ganz und gar verkehrte Vorstellung zu Grunde. Die Maschine ist so alt wie das Werkzeug; sie begleitet den Menschen auf allen Etappen der Kultur und wächst in langsamer, schrittweiser Entwicklung zu der heute erreichten Vollkommenheit heran. Wir haben uns nach dem Vorgang von Reuleaux jetzt daran gewöhnt, als erste Maschine, also als den „ersten schüchternen Versuch des Menschen, zwei aufser ihm stehende Körper zu einer bestimmten gegenseitigen Bewegung zu zwingen“, den Feuerquirl zu betrachten 1 . Dann fällt aber der Anfang der Maschinenentwicklung in eine Zeit, in der die Menschen das Feuer blofs erst zu religiösen, noch nicht zu gewerblichen Zwecken nutzten 2 3 , also in eine aufserordentlich frühe Periode der Kultur. Aber auch andere ohne allen Zweifel machinale Vorrichtungen reichen in die Dämmerung entlegenster Zeiten zurück: Pfeil und Bogen, Spindel, Töpferscheibe, von der die Drehbank sich ableitet, unterschlächtige Wasserräder, Wagen und Wagenräder, der Pflug sind Maschinenvorrichtungen, die wir schon frühzeitig im Besitze der Menschen finden 2 . Und aus den ersten Anfängen sehen wir die Maschine 1 Reuleaux, Theor. Kinem., 198 ff. Vgl. über diese „erste Maschine“ ferner L. Geiger, Zur Entwicklungsgeschichte der Menschheit (1878) S. 93 ff. L. Noire, Das Werkzeug, S. 298 ff. 2 Die Geigersche Hypothese über die Entdeckung des Feuers als richtig angenommen; vgl. die in Anm. 1 genannte Schrift. 3 Vgl. hierzu vor allem das VI. Kapitel der Reuleauxschen Kinematik, das einen „Blick auf die Entwicklungsgeschichte der Maschine“ enthält. Übrigens sah auch Gustav Klemm schon deutlich die Anfänge des Maschinenprincips vor Augen, als er folgendes bemerkte: „Wir können wohl unter die Uranfänge der Maschine das alte Reibungsfeuerzeug, den Drillbohrer und die Handmühle rechnen. Demnächst ist Spindel und Webstuhl, sowie die allerdings erst ziemlich spät eintretende Drehscheibe der Töpfer dabei zu beachten . . . Die Wasserräder, die wir in Ägypten und China sehen, die Wassermühlen, ja die in Polen noch üblichen Handmühlen, die mit dem Hebelarm bewegt werden, sind schon weiter entwickelte Maschinen.“ Vgl. Werkzeuge und Waffen (1854) S. 302/303. Drittes Kapitel. Die neue Technik. 57 sich ebenfalls schon in früheren Zeiten zu höheren Formen entwickeln. Ein vortreffliches Schulbeispiel für diesen organischen Entwicklungsgang der Maschinerie bietet die Geschichte der Mehlbereitungsverfahren, also der Müllereitechnik. Wir wissen, dafs schon aufserordentlich früh machinale Vorrichtungen zur Zerkleinerung der Getreidekörner bestanden haben. So mufs es bei den Chinesen früh üblich gewoi’den sein, an der Keule, mit der in dem steinernen Mörser die Körner gestampft wurden, einen horizontalen Hebelarm anzubringen, der mittelst Zapfen ungefähr in der Mitte seiner Länge zwischen zwei mit Löchern versehenen Steinen beweglich eingelagert war. Eine andere, auch noch primitive, aber schon entwickeltere Mahlmaschine bietet uns das Bild einer alten ostindischen Mühle dar. Dort ist der Mörser bereits ein breiter Kessel aus Stein, welcher auf einem steinernen Postamente ruht. Die Keule besteht aus einem schweren Baumstrunke, welcher mittelst eines daran befestigten horizontalen Balkens von einem Ochsenpaar im Kreise gedreht wird. Von diesen Urtypen der Mahlmaschine gehen dann die zahllosen Verbesserungen und Verfeinerungen Schritt für Schritt weiter: die Mahlsteine vervollkommnen sich und ihre Bewegungen, Sieb- und Reinigungsvorrichtungen werden dem Mechanismus eingeordnet, die Zuführung und Abführung des Materials wird automatisch bewirkt. Und mit der Vervollkommnung der Mahlvorrichtung parallel geht die Nutzbarmachung immer stärkerer und freierer Ki’aftquellen: zu Ciceros Zeit wurden Wasserräder als Motoren an Stelle der Sklavinnen eingeführt 1 * * , seit dem 12. Jahrhundert datieren die Windmühlen. Heute haben wir die Dampfmühle, in der der steinerne Mühlstein durch die eiserne Walze ersetzt ist und in der das Princip der Maschinerie in höchster Vollendung zur Anwendung gebracht ist. Aber es datiert doch ohne allen Zweifel seit der Mitte des 18. Jahrhunderts eine neue Ära der Maschinentechnik. Was begründet sie? Etwa allein die Thatsache, dafs seitdem die Maschinerie in ein Stadium rascherer Vervollkommnung eingetreten ist? Nein; ich denke, es ist mehr. Es fallen Ereignisse auf dem Gebiete der Maschinentechnik in 1 „Däo hat die Arbeit der Mädchen den Nymphen befohlen Und itzt hüpfen sie leicht über die Kader dahin, Dafs die erschütterten Achsen mit ihren Speichen sich wälzen, Und im Kreise die Last drehen des wälzenden Steins.“ (Stolbergsche Übersetzung eines Gedichtes des griechischen Dichters Antiparos; citiert bei Marx, Kapital I 4 , 373.) 58 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. jene Zeit, die ihr doch einen ausgesprochen epochalen Charakter verleihen. Diese Ereignisse beziehen sich zunächst auf die Entwicklung der Arbeitsmaschinerie. Diese erreicht gerade in jener Zeit zwei bedeutungsvolle Etappen: sie wird vollendet für einige der wichtigsten Produktionszweige (Textilindustrie, Papierfabrikation), und sie erobert dasjenige Gebiet, das den eigentlichen Stützpunkt für ihre weitere Vervollkommnung erst abgab: die Herstellung wiederum von Maschinen. Erst von dem Augenblick an, wo dieser Punkt erreicht war, konnte das rapide Tempo der Maschinenentwicklung einsetzen, wie es die neuere Zeit kennzeichnet. Die Verfeinerung 1 , wie namentlich die Ausweitung der Dimensionen ist erst möglich bei maschinellem Maschinenbau 2 . Das entscheidende Moment aber war doch wohl, dafs parallel mit diesen bedeutsamen Fortschritten der Arbeitsmaschinerie die Nutzbarmachung derjenigen Naturkraft sich vollzog, die an Mächtigkeit und Beweglichkeit alle früher genutzten Kräfte um ein Vielfaches übertraf: des Dampfes. Auch dem „König Dampf“ mufs eine gerechte, kritische Würdigung der technischen Errungenschaften wieder zu seiner alten Würde verhelfen, die ihm mancher hat streitig machen wollen. Darin kam freilich nur eine berechtigte Reaktion zum Ausdruck gegen die ursprüngliche kritiklose Auffassung, die die Bedeutung des Dampfes allein betonte und des Einflusses der Arbeitsmaschine auf den Entwicklungsgang der modernen Industrie kaum Erwähnung that. Wir wissen heute, dafs Arbeits- und Kraftmaschine in ihrer Entwicklung sich gegenseitig bedingen. Gewifs hätte die gezügelte Dampfkraft gar keine vernünftige Verwendung gefunden, wäre nicht eine entsprechende Entwicklung der Arbeitsmaschinerie vorausgegangen. Andrerseits aber, mufs man sagen, würde die Weiterentwicklung der letzteren aufserordentlich 1 Eine für die Entwicklung der Maschinerie entscheidende Errungenschaft ist die derartig exakte Herstellung der einzelnen Maschinenteile, dafs diese beliebig von einer Maschine in die andere eingesetzt werden können. Dieses System der Austauschbarkeit der einzelnen Teile („interchangeable System“) ist aber erst möglich geworden bei maschinenmäfsiger Herstellung der Maschinen. - Die zunehmende Bedeutung des maschinellen Maschinenbaus spiegelt sich in der wachsenden Ausdehnung der Maschinenindustrie wieder: die in der Fabrikation von Maschinen und Apparaten beschäftigten Personen bezifferten sich nach der deutschen Gewerbezählung davon in Betrieben über 50 Personen 1882 auf 173 298 115 289 (= 66 °/o) 1895 „ 269 036 201 777 (= 74%) Drittes Kapitel. Die neue Technik. 59 viel langsamer von statten gegangen sein, ohne die in der Erfindung der Dampfmaschine erschlossene neue Kraftquelle. Die epochale Bedeutung der Dampfmaschine liegt in zweierlei: in der durch sie bewirkten ungeheuren Steigerung der Kraftpotenz und in der durch sie geschaffenen Möglichkeit, an beliebiger Stelle zu beliebiger Zeit eine beliebig grofse Kraft für machinale Zwecke zur Verfügung stellen zu können. Damit aber wird eine Fülle von Hindernissen beseitigt, die der Entwicklung der Arbeitsmaschinerie entgegenstanden: die gesteigerte Kraftentfaltung macht erst in weiterem Umfange Arbeitsmaschinen gröfserer Dimensionen verwendbar, wie sie auch ihre Herstellung erst ermöglicht; beides ohne Beschränkung in Raum und Zeit. In dieser quantitativ und qualitativ beliebigen Kraftentfaltung ist die Dampfmaschine in keiner früheren Zeit von irgend einer Kraftquelle übertroffen worden, scheint sie aber auch durch neuere Kraftquellen, wie die Elektricität, die durch andere Vorzüge ausgezeichnet sein mag, kaum übertroffen zu werden. Und sofern in dieser Beliebigkeit der Kraftentfaltung eines der wesentlichsten Förderungsmittel für die Entwicklung der modernen Technik erblickt werden mufs, ist es wohl statthaft, unser Zeitalter ebenso wie als Maschinenzeitalter auch als dasjenige des Dampfes, zu bezeichnen b Aber so treffend diese beiden Bezeichnungen auch sein mögen: dafs die specifische Eigenart der modernen Technik in ihnen ihren vollen und charakteristischen Ausdruck fände, glaube ich nicht. Nicht die rasche Vervollkommnung der Arbeitsmaschinerie, nicht die Erfindung der Dampfmaschine ist es doch am letzten Ende, wie mir scheint, was der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts für die Entwicklung der Technik jene wirklich einzig epochale Bedeutung verleiht, die sie besitzt. Denn ich sehe in dieser Entwicklung, die ihren Anfang mit dem ersten Werkzeug nimmt, that- sächlich nur ein einziges Ereignis, das die Zeit vor seinem Eintritt und die Zeit nachher als zwei principiell von einanander verschiedene Perioden erscheinen läfst, derart, dafs wir überhaupt nur zwei Hauptepochen in der Entwicklung der menschlichen Technik unterscheiden dürfen: die erste von den Anfängen des Menschengeschlechts, das heifst also seit Nutzung des Werkzeugs bis in die 1 Die neueste Statistik der Motoren im Deutschen Reiche (1895) ermittelte im Gewerbe Motoren mit zusammen 3421194 Pferdestärken, von denen 79,4% auf die Dampfkraft, 18,4% auf die Wasserkraft entfallen. Vierteljahrshefte der Statistik des Deutschen Reichs. 1898. Ergänzungsheft zum 1. Heft. S. 37. 60 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts, als jenes Ereignis, an das ich denke, eintrat, die zweite, seitdem bis in die letzten Tage des Menschengeschlechtes auf Erden, während allen übrigen Veränderungen der Technik nur eine quantitative, keine principielle Bedeutung zuzumessen ist. Was ich meine, ist die Anwendung der Wissenschaft auf die Technik, also der Ersatz des Kunstverfahrens durch das rationelle oder wissenschaftliche Verfahren. Ist es zunächst berechtigt, dieses Ereignis in die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts zu verlegen? haben nicht frühere Zeiten schon das wissenschaftliche Verfahren gekannt? Zweifellos haben die Völker des Altertums, namentlich die Orientalen, in einer Reihe von Werken uns Denkmale einer hochentwickelten Technik hinterlassen, die ein aufserordentlich reiches Können zur Voraussetzung haben. Aber alles, was wir von der Art ihres Schaffens wissen, läfst doch darauf schliefsen, dafs sie nirgends aus der Periode der Empirie herausgekommen sind einfach deshalb, weil ihnen die notwendige Basis einer nicht mehr empirischen, sondern rationellen Technik fehlte: die naturwissenschaftliche Erkenntnis. Diese mufste erst eine gewisse Reife erlangt haben, ehe die Technik durch sie revolutioniert werden konnte. Das aber war der Fall nicht früher als eben im Ausgange des vorletzten Jahrhunderts, als die ersten Früchte der Geistesarbeit jener Heroen des 17. Jahrhunderts geerntet wurden, die uns das Fundament der modernen Weltanschauung zusammengezimmert haben. Von den hochentwickelten italienischen Städten mit kapitalistischer Wirtschaft, wo in Galileis Schule die Grundlagen für die beobachtenden Naturwissenschaften gelegt wurden, gehen die Strahlen des Lichtes aus, das die Denker des 18. Jahrhunderts zu ihren für die Technik erst bedeutsamen Entwicklungen führt. Ich erinnere an die Schöpfer der modernen Mechanik: Lagrange und Laplace, Poisson, Gaufs, die Begründer der Hydrostatik und Dynamik; ich erinnere an die Schöpfer der modernen Physik: (neben Lavoisier und Laplace wiederum) Galvani (1789), Volta (1792); an die Schöpfer der modernen Chemie: Black, Priestly, Cavendish, Kirwan, Bergmann, Wenzel und vor allem Lavoisier (f 1794): sie alle gehören fast einer und derselben oder wenigen aufeinanderfolgenden Generationen an, und alle ihre grundlegenden Entdeckungen fallen in die drei letzten Jahrzehnte des vorletzten Jahrhunderts. Da nun aber auf ihren Entdeckungen erst die moderne Industrie ihre rationellen Verfassungsweisen aufbaut, so scheint es in der That nicht unberechtigt, wie es hier geschieht, erst von jener Drittes Kapitel. Die neue Technik. (j( Zeit an das Eindringen der Wissenschaft in die Technik zu datieren h Das mag noch mit einigen Worten näher ausgeführt werden in Bezug auf die Chemie, deren Entwicklung die Vorbedingung aller modernen Industrie war. Von ihrem Stand um die Mitte des 18. Jahrhunderts erhalten wir folgendes Bild 1 2 : „Versetzt man mit dem Bewufstsein des jetzigen Zustandes und Wirkungskreises der Chemie seine Gedanken in das Jahr 1750, so meint man sich nicht um ein Jahrhundert, sondern um Jahrtausende und in ein unbekanntes Land zurückgerückt, wo Wissen, Vorstellungen und Sprache gar keinen Anknüpfungspunkt an die Gegenwart, keine Möglichkeit des Übergangs zu derselben, verraten. Man findet die Wissenschaft in einer Stellung und Betriebsweise befangen, wo sie dem Leben im allgemeinen und selbst der Industrie (!) gröfstenteils fremd ist; alle Forschungen auf das Qualitative eingeschränkt, das Quantitative in den Zusammensetzungen und bei den Prozessen, was jetzt die wesentlichste Grundlage aller Untersuchungen geworden ist, völlig unberücksichtigt, daher keinen Gedanken an analytische Chemie, noch viel weniger an Naturgesetze in dem 1 „Auf diesen naturwissenschaftlichen Disciplinen ruht das ganze wunderbare und stolze Gebäude der heutigen Technik.“ Carl Jenny, Uber den Einflufs der mechanischen Technik auf unser Kulturleben. Rede, gehalten am 11. Okt. 1875 (S. 55). Wenn in striktem Gegensätze zu diesem Ausspruch seines Wiener Kollegen jetzt A. Ri edler in seiner vielbesprochenen Schrift: Unsere Hochschulen und die Anforderungen des zwanzigsten Jahrhunderts (1898) seinen Hymnus auf die „Technik“ in die Worte ausklingen läfst: „die Regel ist . . ., dafs die theoretische Naturforschung der Technik nachgefolgt ist“ (S. 48), so kann das in dem Munde eines Wortführers der technischen Hochschulen zu Mifsverständnissen Anlafs geben, mafsen ja das Wort „Technik“ so arg unbestimmt ist. Meint Riedler Technik im Sinne von technischem Können, wie z. B. a. a. 0. S. 46: „Der Bergbau ist älter als die Geologie, . . . Hüttenwesen älter als Chemie“ u. s. w., so wird ihm die That- sache, dafs die Menschen, ehe sie denn eine Wissenschaft schufen, für ihres Leibes Nahrung und Notdurft sorgen mufsten, kaum jemand bestreiten. Es fragt sich nur, wie. Und da lautet die Antwort empirisch. Rationell erst nach Entwicklung der wissenschaftlichen Einsicht. Man wird also gut thun, den Riedlerschen Worten, „dafs die theoretische Naturforschung der Technik nachgefolgt ist“, hinzuzufügen: „aber der Technologie stets voraufgegangen“. In dichterischer Form hat demselben Gedanken Goethe in seinem „Dialog zwischen dem Gnomen, der Geodäsie und der Technik“ Ausdruck gegeben, wenn er die Technik sprechen läfst: „Nicht meinem Witz ward solche Gunst beschert, Zwei Götterschwestern haben mich belehrt“ (Physik und Geometrie.) 2 Karmarsch, Geschichte der Technologie (1872), 33. 02 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. Quantitätsverhältnisse; keine wissenschaftliche Nomenklatur; die Reagentienkunde in der unbeholfensten Kindheit; eine grofse Armut in chemischen Apparaten und sonstigen Hilfsmitteln; meist ganz unklare und falsche Vorstellungen von den Bestandteilen der alltäglichsten Körper und eine Menge zusammengesetzter Stoffe für einfach gehalten; etwa drei Viertel der gegenwärtig schon entwickelten einfachen Stoffe, sowie eine zahllose Menge von Verbindungen unbekannt und die Darstellung neuer Verbindungen durchaus dem Zufall überlassen.“ Zwischen den Jahren 1774 und 1794 ward ein für die Chemie sehr wichtiger Kampf geführt; es galt die Befreiung von den Fesseln, welche die griechischen Philosophen den Denkern jener Zeit angelegt hatten; es galt, die Principien der Bacoschen Lehre konsequent durchzuführen; es handelte sich darum, das Experiment als Grundlage aller theoretischen Forschung anzuerkennen. In jene Zeit fällt die Aufstellung des Gesetzes von der Unzerstörbarkeit der Matei’ie durch Lavoisier, und von da ab datieren wir „die moderne Chemie, unsere Chemie “ l . Dafs die moderne Chemie nicht nur die chemischen Industrien im engeren Sinne geschaffen hat, sondern auch für eine ganze Reihe der wichtigsten anderen Industrien notwendige Voraussetzung ihrer Entwicklung war, dürfte bekannt sein. Man denke vor allem an die Eisenindustrie, dann aber an die Gärungsindustrien, namentlich also die Nahrungsmittelgewerbe, an die Hilfsindustrien der Textilbranche (Färberei, Bleicherei), an die Glasindustrie, an die Papierindustrie, an die polygraphischen Gewerbe, die ihre Entwicklung zwar vorwiegend den Fortschritten der Physik) aber doch auch eines aufserordentlich wichtigen Zweiges der Chemie, der Elektrochemie verdanken. Wie der Begründer dieser, Humphrey Davy (1778 bis 1829), so gehören übrigens auch eine Reihe anderer bedeutender Chemiker, von deren Entdeckungen die moderne Industrie erst recht eigentlich ihren Ausgangspunkt nimmt, sogar erst dem 19. Jahrhundert an, ich erinnere an die Begründer der Rübenzuckerindustrie Achard (f 1821) und Klaproth (f 1817), an den Schöpfer der Atomtheorie Dalton, an den der Volumtheorie Gay-Lussac, an Thenard u. a. Um nun aber die Bedeutung, die der Anwendung der Wissenschaft auf die Technik zukommt, vollauf ermessen zu können, 1 A. Laden bürg, Vorträge über die Entwicklungsgescbicbte der Chemie in den letzten hundert Jahren. 2. Aufi. (1887), 16. Drittes Kapitel. Die neue Technik. (33 müssen wir uns in den Einzelheiten klar zu werden versuchen, worin denn eigentlich die Verdrängung des empirischen durch das rationelle Verfahren gipfelt, worin der Wesensunterschied zwischen diesen beiden Methoden der Technik beruht. Ist die Grundfrage jeden Kunstverfahrens: wie etwas gemacht wird ? 1 so geht das rationelle Verfahren von der Frage aus: warum etwas geschieht? Uber die rein teleologische Betrachtung des Produktionsprozesses dringt es zu einer kausalen Erklärung vor: es sucht die Ursachen festzustellen, die zu einer bestimmten Wirkung führen. Nicht dafs eine Ochsenhaut gar wird, wenn sie eine Zeit lang in einer Brühe von bestimmter Zusammensetzung gelegen hat, ist das, was interessiert, sondern warum sie gar wird, welche Vorgänge es bewirken, dafs sich jene Umwandlung in der Zusammensetzung des Leders vollzieht, die wir mit dem Ausdruck des Gerbens bezeichnen. Das rationelle Verfahren betrachtet daher in erster Linie jeden Produktionsvorgang als einen Natur- prozefs, während das Kunstverfahren ihn unter dem Gesichtspunkt der Arbeitsverrichtung angesehen hatte. War diese nach Regeln ausgeübt worden, so vollzieht sich jener nach Gesetzen, deren Ergründung und Benutzung als die eigentliche Aufgabe des rationellen Verfahrens erscheint. Die gewaltige Bedeutung dieser scheinbar unwesentlichen Veränderung liegt nun aber in folgendem. Zunächst erfährt eine gänzliche Umgestaltung dasjenige, was ich die Art des Besitzes des technischen Könnens nennen möchte. Dieses wird durch die Einbürgerung des rationellen Verfahrens gleichsam objektiviert. Wir sahen früher: jedes Kunstverfahren ruht in der Persönlichkeit des „Meisters“ eingeschlossen; es lebt mit ihm, es stirbt mit ihm. Nur was der Lernende ihm abgelauscht und abgeschaut hat, das dauert über seinen Tod hinaus, schlägt Wurzel abermals in einer Persönlichkeit, um mit dieser wiederum zu Grunde zu gehen. Das rationelle Verfahren steht demgegenüber verselbständigt, objektiviert als ein für jedermann beliebig fafsbares und erreichbares Wissen aufser- halb jeder ausführenden Persönlichkeit. Einmal durch Wort und Schrift fixiert ist es unvergängliches Eigentum aller künftigen Gene- 1 Auf diesem empirischen Standpunkt stehen auch noch die älteren Lehrbücher der Technologie, in Deutschland die der sogen. Beckmannachen Schule. Sie beschreiben „die bei technischer Verarbeitung irgend eines Rohstoffes und Herstellung gewisser Kunsterzeugnisse aus denselben vorfallenden Arbeiten nebst den dazu dienlichen Apparaten, Werkzeugen und Maschinen in chronologischer Aufeinanderfolge“. Kar marsch a. a. 0. S. 881. 04 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. rationen. Damit ist es aber in doppelter Hinsicht von der Zufälligkeit des rein Persönlichen befreit: sofern seinem gänzlichen Verluste vorgebeugt ist, sodann aber es nicht notwendig eines bestimmten, an Ort und Zeit gebundenen Individuums bedarf, um das betreffende Verfahren anzuwenden: solange die gewerbliche Thätigkeit, auch schon die moderne kapitalistische Industrie, noch im Stadium der Empirie sich befand, konnten neue Industriezweige in einem Lande nur begonnen werden, wenn man Menschen dahin verpflanzte, die das Geheimnis mit sich trugen: die Berufung der Humiliaten-Mönche durch zahlreiche Städte im Mittelalter, die Hereinziehung brabantischer Tuchmacher nach England, italienischer Seidenspinner und Weber nach Frankreich, die ganze Emigrantenpolitik der Hohenzollern reden eine deutliche Sprache dafür, dafs in damaliger Zeit die gewerbliche Kunst an den Künstler gebunden war. Dann bleibt sie eine Zeit lang an die Produkte gebunden: dann sorgt ein Land etwa dafür, dafs bestimmte Maschinen nicht ins Ausland kommen: England im Anfang vorigen Jahrhunderts. Und heute braucht eine Nation ihre jungen Ingenieure und Techniker nur an die deutschen Hochschulen zu senden, um alle Weisheit in nuce sich zu beliebiger Verwendung im eigenen Lande zu verschaffen. Und wie die Ausübung und Erhaltung der technischen Kunst durch das rationelle Verfahren von der Zufälligkeit des Individuellen befreit werden, so in noch viel höherem Mafse auch die Vermehrung des technischen Könnens. An Stelle des versuchsweisen Tastens, das, wie wir sahen, aller Empirie eigentümlich ist, tritt beim rationellen Verfahren das planmäfsige und methodische Suchen auf Grund der Kenntnis von den Zusammenhängen der bisherigen Ver- fahrungsweisen; an Stelle des Probierens tritt das Experiment, aus dem Finder wird der Erfinder und das Erfinden selbst aus einer gelegentlich geübten dilettantischen Beschäftigung geistvoller Pfarrer und ingeniöser Barbiere zu der berufsmäfsigen Thätigkeit gelehrter Fachmänner. Man ermesse, was diese Änderung für die Entwicklung der Technik bedeutet, wie sie das Tempo der Neuerungen in einem aller Empirie unbekannten und unerreichbaren Mafse zu steigern imstande sein mufste h 1 Nicht notwendig zu steigern brauchte. Der Übergang zum wissenschaftlichen Verfahren klärt uns nur über das Eine auf: wie es möglich war, dafs in unserem Zeitalter eine solche sich überstürzende Neugestaltung aller technischen Vornahmen eintrat. Warum diese nun thatsächlich eintrat, mufs natürlich erst nachgewiesen werden, wonach die betreffende Stelle bei Marx, Kapital I 1 * * 4 , 452 zu berichtigen ist. Drittes Kapitel. Die neue Technik. 65 Aber nicht nur werden die Zufälligkeiten des Bestandes und der Vermehrung technischen Könnens durch die Nutzbarmachung der Wissenschaft beseitigt: es verschwinden auch die Zufälligkeiten der Ausführung mehr und mehr. Das technische Können wird sicherer, kontrollierbarer, exakter. Begreiflicherweise. Denn nun, da alle Zusammenhänge des Produktionsprozesses begriffen werden, ist es erst, möglich, Schädlichkeiten planmäfsig zu vermeiden oder auszumerzen, Lücken dort auszufüllen, wo das Verfahren solche aufweist. Ganze Industriezweige sind erst zu rechter Blüte gelangt, nachdem die Chemie und neuerdings die Bakteriologie Mittel an die Hand gaben, mit Stetigkeit unter Meidung aller vorher unkontrollierbaren Störungen die Produktion zu vollziehen. Man denke an die Brauerei h Zahlreiche Mefswerkzeuge specieller Art und Dimensionierung, eigentümliche Kontrollvorgänge, präcise Indikatoren, Registrierapparate, chemische Proben, physikalische Hilfsvorrichtungen, wie z. B. Polarisationsinstrumente, Spektroskope, Manometer, Bremsdynamometer u. s. w. stehen der modernen Technik gegenwärtig zur Verfügung, um jene Sicherheit in der Ausführung der Produktion zu erreichen 1 2 . Auch hierbei vollzieht sich vielfach ein Prozefs, den man eine Objektivierung der Ausführung nennen könnte und der viel zur Sicherung des ganzen Verfahrens beiträgt: alle Empirie ist zur Beurteilung bestimmter Aggregat-, Wärme- etc. Zustände, zur Messung und Wägung auf die menschlichen Organe und unvollkommene Apparate und Instrumente angewiesen. Gefühl und Geschmack spielen eine grofse Rolle: der Brauer untersucht das Brauwasser durch Kosten mit der Zunge, der Färber, der Gerber prüfen die Flüssigkeit mit Auge und Hand. Das rationelle Verfahren stellt dieser subjektiv zufälligen die objektiv exakte Ermittelung der Schwere, Länge, Wärme, Dicke etc. durch wissenschaftlich genau konstruierte Mefs- und Wiegeapparate gegenüber. Und in dem Mafse wie die Mefstechnik sich vervollkommnet, wächst die Sicherheit des technischen Verfahrens, das sich jener Mefstechnik bedient. Aber nicht nur sicherer wird das einzelne rationale Verfahren 1 „Auch die Luft im Brauhause wird gegenwärtig nicht nur auf ihren Staubgehalt, ihre Feuchtigkeit (wegen des Mälzens), sondern auch auf ihren Gehalt an Schimmel-, Sprofs- und Stähchenpilzen geprüft, wobei man sorgfältig alle Wege erforscht, auf welchen Temperaturänderungen, Staub, Feuchtigkeit, Pilze etc. in die Werksräume und Keller gelangen.“ Em. Herrmann, Technische Fragen (1891) S. 297/98. 2 Em. Herrmann, Technische Fragen (1891) S. 297. Sombart, Der moderne Kapitalismus. IX. ö (3G Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. in seinem Verlauf: die Basis für das gesamte technische Können wird in einer ungeahnten Weise durch die Anwendung der Wissenschaft verbreitert. Und das geht so zu: Dieweil die Technologie den Produktionsprozefs gleichsam losgelöst von dem ausführenden Organe, dem Menschen, betrachtet, vermag sie ihn derart in seine Elemente aufzulösen, dafs nicht die Rücksicht auf die schaffende Hand, sondern lediglich auf eine zweckmäfsige Kausalfolge der einzelnen Vorgänge dabei den Ausschlag giebt. Das arbeitszerlegende Verfahren wird damit erst methodisch anwendbar. Und die Wissenschaft sorgt dann weiter dafür, indem sie kunstvolle machinale Vorrichtungen ersinnt, dafs die betreffende Teilverrichtung im Produktionsprozefs, die sich bei der rationalen Auflösung ergeben hat, nun auch exakt ausführbar wird, trotzdem sie gar nicht mehr der natürlichen Bethätigung der menschlichen Organe entspricht. An die Stelle der durch die lebendige Persönlichkeit notwendig gebundenen organischen Gliederung der Produktionsprozesse tritt die nur im Hinblick auf den gewollten Erfolg zweckmäfsig mechanisch eingerichtete Gliedbildung. Jetzt begreifen wir auch erst, warum die Entwicklung der Maschinerie in unserem Jahrhundert eine so rapide sein konnte. Sie ist einer eigentümlichen und richtigen Wendung in der Auffassung des Maschinenerfinders zuzuschreiben, welche darin besteht, dafs nicht mehr die Maschine die Handarbeit oder gar die Natur nachzuahmen sucht, sondern bestrebt ist, die Aufgabe mit ihren eigenen, von den natürlichen oft völlig verschiedenen Mitteln zu lösen (Reuleaux) 1 . Was der kluge Ure so ausdrückte 2 * : Das Princip der modernen Fabrik bestehe schlechthin darin: „to substitute niechanical Science for hand skill and the partition of a process into its essential constituents, for the division or graduation of labour among artisans.“ Ist aber einmal erst die Schranke des Gebundenseins an die Naturbeschaffenheit der menschlichen Organe gefallen, so eröffnen sich dem technischen Können unermefsliche Weiten. Und darin 1 Ein schlagendes Beispiel hierfür ist die Erfindung der Nähmaschine, die bekanntlich auf einem der Handnäherei völlig fremden Princip des Nähens aufgebaut ist. Vgl. neuerdings R. Esch er, Erfinden und Erfinder in der „Zeitschrift für Socialwissenschaft“ II. Jahrgang (1899) S. 160 ff. und Reuleaux im zweiten Bande seiner Theoretischen Kinematik (1900), 662 f. 2 Andrew Ure, The Philosopliy of Manufactures; 3. ed. 1861. p. 20. Danach Marx, Kapital I 4 , 451, es sei das Princip der grofsen Industrie, „jeden Produktionsprozefs an und für sich zunächst ohne alle Rücksicht auf die menschliche Hand, in seine konstituierenden Elemente aufzulösen“. Drittes Kapitel. Die neue Technik. 67 liegt vor allem die epochale Bedeutung, die wir dem Eintritt der Wissenschaft in den Dienst der Technik zuschreiben müssen. Die Produktion wird jetzt eine Synthese beliebiger Stoffe und Kräfte, wie sie für menschliche Zwecke geeignet sich darbieten. Die Neu- erschaffung der Erde nimmt damit ihren Anfang: und dieselbe Wissenschaft, die uns von dem lange innegehabten Herrscherthrone herabgestofsen und in unserer ganzen Nichtigkeit geoffen- bart hat, sie hat uns gleichzeitig die Wege gewiesen, wie wir von neuem die Welt (freilich immer nur die Welt des äufseren Scheines!) erobern, wie wir die eingebildete und verlorene Herrenschaft verschmerzen können dadurch, dafs wir uns eine wirkliche Herrschaft neu erringen. Es erscheint nicht als eine Entweihung, wenn wir auf die grundstürzenden Erfolge der technischen Wissenschaften in unserem Jahrhundert die freilich andersgemeinten, herrlichen Worte Hegels beziehen: „Das zuerst verborgene und verschlossene Wesen des Universums hat keine Kraft, die dem Mute des Erkennens Widerstand leisten könnte; es mufs sich vor ihm aufthun, und seinen Reichtum und seine Tiefen ihm vor Augen legen und zum Genüsse geben.“ Was der Dichter ahnend voraussah, eines wenigstens ist davon jetzt „an des Jahrhunderts Neige“ Wahrheit geworden: Du bist, o Mensch, „Herr der Natur, die deine Fesseln liebet, die deine Kraft in tausend Kämpfen übet, und prangend unter dir aus des Verwilderung •stieg!“ Viertes Kapitel. Der neue Stil des Wirtschaftslebens. „Früher war man dreihundert Jahre lang ein Schlofsherr oder ein Leineweher; jetzt kann jeder Leineweher eines Tages Schlofsherr sein.“ (Theodor Fontane.) Wir werden uns die Eigenart des Verlaufs moderner Wirtschaft, die ich hier nur in ihren Grundzügen darzustellen unternehme 1 , am besten klar machen, wenn wir unser Augenmerk auf die aller kapitalistischen Wirtschaft offenbar innewohnende Tendenz zur Entfaltung von Widersprüchen, von Konflikten lenken. Widersprüche meine ich, in diesem Sinne Antinomien, — NB. methodisch ganz harmloser Natur, ohne allen „dialektischen“ Tiefsinn gedacht — zwischen der Zwecksetzung der kapitalistischen Wirtschaftssubjekte und den Erfolgen ihrer auf die Erfüllung jener Zwecke gerichteten Thätigkeit. Diese Erfolge nämlich stellen in entscheidenden Fällen das Gegenteil dessen dar, was man erreichen wollte: vom Standpunkte kapitalistischer Wertung aus betrachtet wirkt also hier die Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft. Das gilt gleich von der elementarsten Thatsache kapitalistischer Wirtschaftsführung. Wir wissen, dafs diese auf Erzielung möglichst hohen Gewinns durch möglichst niedrigen Einkauf und möglichst vorteilhaften Verkauf von Werten gerichtet ist. Nun bringt es aber alsobald die Konkurrenz mit sich, dafs eine Gegentendenz sich 1 Es handelt sich hier nur darum, diese Tendenzen kapitalistischer Wirtschaft soweit zu charakterisieren, als sie für die Lösung des in diesem Bande gestellten Problems unerläfslich sind. Ihre gründliche Erörterung mufs den späteren Bänden dieses Werkes Vorbehalten werden. Viertes Kapitel. Der neue Stil des Wirtschaftslebens. QC) jenem Streben entgegenstellt: um den Mitbewerber zu Uberbieten, müssen die Preise beim Aufkauf möglichst hoch, um ihn zu unterbieten, beim Verkauf möchlichst niedrig bemessen werden. Es entsteht somit das Problem, trotz wachsend unvorteilhafter Preisgestaltung Gewinn zu erzielen. Der Versuch einer Lösung dieses Problems treibt in einen neuen Konflikt hinein, schafft, wenn wir wollen, abermals eine Antinomie. Offenbar mufs jetzt alles Sinnen und Trachten des kapitalistischen Unternehmers (den wir uns in Zukunft in dubio immer als Produzenten gewerblicher Erzeugnisse denken wollen) auf bestmögliche Anpassung an den Bedarf gerichtet sein: d. h. auf Verbilligung und Verbesserung der angebotenen Waren. In dieser Nötigung aber findet das mächtige Streben unserer Unternehmer, auf unausgesetzte Vervollkommnung der Verfahrungsweisen, auf Steigerung der Produktivkräfte zu sinnen, seine Erklärung. Nun kennt man den Erfolg dieses Strebens: die unerhörte Steigerung des Produktionserfolges, somit die Vermehrung des feilgebotenen Warenquantums, somit die Tendenz zur Uberfüllung der Märkte, somit eine notorische Verschlechterung der Absatzbedingungen, auf deren Verbesserung man ausgegangen war. Eine Hauptstärke der kapitalistischen Unternehmung, in der ihre Eigenart am deutlichsten hervortritt, ist, wie wir ebenfalls wissen, ihre ausgeprägt kalkulatorische Schärfe: genaue Preisberechnung ist die Basis ihres Wirkens. Wiederum ergiebt sich, dafs dieses Bemühen zu Konsequenzen führt, die das Gegenteil dessen darstellen, was in der Absicht des Wirtschaftssubjektes lag. Dem extremen subjektiven Rationalismus entspricht die absolute objektive Irrationalität der Preisbildung, die durch die Auf- und Abwärtsbewegung der Konjunktur, sowie durch den unausgesetzten Wechsel der Preishöhe jeder Übersehbarkeit und Vorausbestimmbarkeit verlustig geht. Daher als Gegenpol der Kalkulation notwendig die Spekulation sich herausbildet, die nicht blofs die Schätzung des späteren Bedarfs, sondern auch die Schätzung der späteren Produktionsbedingungen, bezw. der Veränderungen in der Produktion umfafst, welche sich in dem Zeitraum zwischen Produktion und Konsumtion ergeben. Die Unberechenbarkeit der zukünftigen Preisgestaltung und damit das Spekulative der Wirtschaftsführung wächst also in dem Mafse, als die Länge des Zeitraums zunimmt, der zwischen Produktionsanfang und Konsumtion der Güter verstreicht, und gleichzeitig die Veränderungen in den Produktionsbedingungen während jenes Zeitraums häufiger werden. Nun besteht aber die Tendenz, dafs diese 70 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. beiden Fälle sich immer regelmäfsiger einstellen. Und diese Tendenz erwächst abermals mit Notwendigkeit aus Zweckreihen, die auf das Gegenteil des erzielten Erfolges ausgerichtet sind. Die häufige Veränderung der Produktionsbedingungen ist, wie leicht ersichtlich, die unmittelbare Wirkung des wissenschaftlichen Verfahrens im Dienste kapitalistischer Interessen. Erst dieses revolutioniert täglich die Güter-Herstellungs- und Transportmethoden, schafft täglich neue Gtiterqualitäten, die die alten Güterarten verdrängen, und senkt durch neue Erfindungen von heute auf morgen die Produktionskosten einer Ware auf ein noch kurz vorher unerhörtes Niveau. Freilich schafft erst das kapitalistische Interesse die Motive dieser unausgesetzten Revolutionierung, für die das wissenschaftliche Verfahren nur die Mittel liefert. Der Kapitalismus erzeugt also selbst wieder mit Hilfe höchster Rationalisierung der Technik das für ihn schlechthin Irrationelle: die Unberechenbarkeit, die Unstetigkeit und, damit verknüpft, die unausgesetzte Entwertung der produzierten Waren und der Produktionsmittel. Denn in dem Mafse, wie durch neue Verfahrungsweisen die Preise gesenkt werden oder eine neue Anordnung der sachlichen Produktionsfaktoren sich als notwendig erweist, verlieren die unter den früheren Bedingungen hergestellten Produkte oder zur Arbeit bestimmten Produktionsmittel naturgemäfs an Wert. Sofern in einer Sphäre der Güterproduktion eine stetige Tendenz zur Preissenkung vorherrscht (und das trifft für die Mehrzahl der gewerblichen Erzeugnisse zu), kann man dann wohl die Wertverminderung der Vorprodukte eine „gesetzmäfsige“ nennen 1 . Und es bedarf keiner weiteren Begründung, dafs dieses „Gesetz“ eine um so gröfsere Bedeutung für das Wirtschaftsleben gewinnt, je länger die Produktionszeit der Güter währt. Besteht nun in der That eine Tendenz in der Gegenwart, diese zu verlängern, beobachten wir nicht vielmehr eine unausgesetzte und zwar rapid sich vollziehende Abkürzung der Güter-Produktions- und Transportzeiten ? Mit dieser Fragestellung sind wir an die Erörterung eines Problems herangerückt, das zu den interessantesten unserer Wissenschaft gehört. Beobachten wir doch in der Litteratur, die sich mit ihm beschäftigt, das seltsame Phänomen, dafs zwei der schärfsten Denker, die die Nationalökonomie der Gegenwart aufzuweisen hat, sich in diametral entgegengesetztem Sinne zu dem scheinbar so ein- 1 0. Wittelshöfer, Untersuchungen über das Kapital (1890), 49. Viertes Kapitel. Der neue Stil des Wirtschaftslebens. 71 fachen Gegenstände geäufsert haben. Während der eine behauptet dafs unser Wirtschaftsleben von der Tendenz beherrscht werde, die wirtschaftlichen Prozesse abzukürzen, verficht der andere die Meinung 1 2 , dafs gerade in einer zunehmenden Verlängerung des Produktionsweges die charakteristische Eigentümlichkeit der kapitalistischen Produktionsweise beruhe. Es kann nun für mich keinem Zweifel unterliegen, dafs, was eigentlich bei zwei so hervorragenden Gelehrten selbstverständlich ist, beide recht haben. Sie sehen nur dieselbe Sache von zwei verschiedenen Seiten an, also dafs sie jedem von ihnen in völlig anderer Gestalt erscheint. In der hier bevorzugten Betrachtung handelt es sich aber im Grunde um gar nichts anderes als um eine, ich möchte hinzufügen die bemerkenswerteste, jener Antinomien, die aus der Entfaltung der kapitalistischen Triebkräfte sich ergeben. Was zunächst wohl nicht bestritten werden kann, ist dieses, dafs der Wunsch nach Abkürzung der Produktionsprozesse aus dem Gewinnstreben jedes kapitalistischen Unternehmers mit Notwendigkeit erzeugt wird. Und nicht nur der Produktionsprozesse im einzelnen, sondern des gesamten wirtschaftlichen Prozesses schlechthin. Ja, es dürfte die Behauptung kaum auf Widerspruch stofsen, dafs in dieser (subjektiven) Tendenz zur Abkürzung der Produktions- und Cirkulationszeit der Waren — sobald wir deren Lebenslauf von dem Zeitpunkt an in Betracht ziehen, da sie in die Verfügungsgewalt eines Wirtschaftssubjektes eintreten — mit anderen Worten in dem Bestreben jedes Händlers, seine Waren möglichst rasch zu verkaufen, jedes Produzenten, seine Güter in einer möglichst kurzen Frist herzustellen, das moderne Wirtschaftsleben den prägnantesten Ausdruck seiner Eigenart findet. Wie sollte es denn auch anders sein, da doch dieses Bestreben in dem centralsten kapitalistischen Interesse seine Begründung findet, in dem Interesse nämlich an raschem Kapitalumschlag. Bei gegebenem Gesamtkapital und gegebenen Produktionsbedingungen entscheidet die Häufigkeit des Kapitalumschlags über die Höhe der Produktionskosten und des Profits: je häufiger der Kapitalumschlag, desto niedriger können jene bei gleichen Profitraten gestellt werden, desto leichter ist eine Unterbietung im Konkurrenzkämpfe also möglich, während umgekehrt bei gegebenen 1 Lexis in Schmollers Jahrbuch XIX, 332 ff. 2 E. von Böhm-Bawerk-, Positive Theorie des Kapitals (1889) und ausführlicher und polemisch gegen Lexis in der Schrift: Einige strittige Fragen der Kapitalstheorie (1900), 8 ff. 72 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. Produktionskosten die Höhe der Profitrate bestimmt wird durch die Häufigkeit des Kapitalumschlags. Dieses Verhältnis des Kapitalumschlags zu Produktionskosten und Profitrate macht es verständlich, weshalb die moderne kapitalistische Entwicklung gerade in der Beschleunigung des Kapitalumschlags die gelungenste Lösung des Konfliktes gefunden hat, der aus der an den Anfang dieses Kapitels gestellten Antinomie für das einzelne Wirtschaftssubjekt folgt. Nun bedeutet aber Beschleunigung des Kapitalumschlags sowohl Abkürzung der Zeitdauer, während welcher sich das Produkt in der Produktionssphäre befindet — der Produktionszeit — als derjenigen Zeitdauer, während deren es sich in der Cirkulationssphäre aufhält — der Umlaufszeit. Für das Handelskapital kommt es ersichtlich nur auf eine Abkürzung der letzteren, für das Produktionskapital auf die Abkürzung beider Zeiträume an. Für das umlaufende Kapital ist es ohne weiteres klar, dafs die Abkürzung der Produktions- + Umlaufszeit bezw. nur der letzteren, die das einzelne Produkt zu durchlaufen hat, den Rückstrom des Kapitals beschleunigt. Es gilt der Satz aber ebenso auch für das fixe Kapital. Der Rückstrom dieses Kapitalteils an seinen Ausgangspunkt wird dadurch eigenartig gestaltet, dafs der Wert der Produktionsmittel, in denen er investiert ist, nur in längeren Perioden stückweise in den Produktenwert übergeht und somit ebenfalls auch nur stückweise in längeren Perioden sich für den kapitalistischen Unternehmer reproduziert. Dessen Interesse ist es nun selbstverständlich, dafs auch das fixe Kapital — seinen Umfang einmal als gegeben angenommen — möglichst rasch umschlage, das heifst: sein Wert möglichst bald In der Geldform zu dem kapitalistischen Unternehmer zurückkehre: die Amortisations- oder Abschreibeperioden thunlichst abgekürzt werden. Dieses Ziel ist nun aber offenbar — bei sonst gleichen Bedingungen — um so eher zu erreichen, je gröfser die Menge der mit einem gegebenen Betrage fixen Kapitals in einer bestimmten Periode hergestellten Güter ist. Diese aber hängt abermals — die (meist unveränderlichen) übrigen Produktionsbedingungen als gegeben angenommen — von der Länge der Umschlagszeiten des umlaufenden Kapitales oder, was dasselbe ist, von der Kürze der Produktions- und Umlaufszeit des einzelnen Produkts ab. Also auch hier mündet das Interesse des kapitalistischen Unternehmers in das Interesse einer Abkürzung der Produktions- und Umlaufszeiten der Güter ein. Um nun eine solche herbeizuführen, erspäht er als wirksamstes Mittel die entsprechende Ausgestaltung der Produktions- und Transporttechnik. Viertes Kapitel. Der neue Stil des Wirtschaftslebens. 73 Das vorhergehende Kapitel hat einen Überblick der technischen Evolution in objektiver Betrachtung zu geben versucht. Hier möchte ich zur Vervollständigung des Bildes noch hinzufügen, dafs die Entwicklung der modernen Technik in unmittelbarer Beziehung auf die Interessen des Kapitals und diese in wirksamster Weise auf die Beschleunigung der Produktion und des Transports gerichtete allein richtig zu verstehen sind. Lassen sich die Fortschritte der Technik überhaupt, wie ich es versucht habe, objektiv am besten unter dem Gesichtspunkt einer Entwicklung zur Freiheit gruppieren, so wird man diejenigen Leistungen, die die Technik in kapitalistischer Zeit aufzuweisen hat, ganz gewifs am mühelosesten unter dem Gesichtspunkt der Tempo besc hie uni gung anordnen können. Denn mag es sich um die Vervollkommnung der Maschinerie, um die Einstellung neuer Naturkräfte, um den Verzicht auf den Or- ganisierungsprozefs der Natur handeln: überall ist die Wirkung eine Beschleunigung des Produktions- oder Transporttempos gewesen. Für diese Eigenart der Entwicklung liegen aber, wie wir sehen, die Motive in den kapitalistischen Interessen deutlich zu Tage. Wobei noch dieser Umstand Berücksichtigung verdient, dafs jede Errungenschaft der Technik, auf welchem Gebiete es auch sei, die eine solche Tempobeschleunigung herbeifuhrt, gleichsam aus sich heraus das Bedürfnis gleicher technischer Vollkommenheit in allen anderen Sphären des Wirtschaftslebens erzeugt. Jedermann weifs, mit welcher zwingenden Notwendigkeit beispielsweise die Erfindung des Kraftwebstuhls aus der Erfindung der Spinnmaschine folgte, mit welcher zwingenden Notwendigkeit die Erfindungen des ausgehenden 18. Jahrhunderts in der Produktionssphäre auf die Erfindung der Eisenbahn und diese wieder auf die Erfindung der elektrischen Telegraphie hindrängte. „Hindrängte“ nicht im Sinne einer etwelchen mystischen „immanenten Teleologie“, sondern in dem Verstände einer handgreiflichen Interessenverknüpfung der kapitalistischen Wirtschaftssubjekte. Aber die vervollkommnete Technik läfst sich für die wirtschaftlichen Bedürfnisse erst verwerten, wenn die ihr adäquaten Organisationen für Gütererzeugung und Verkehr geschaffen sind. So bemerken wir denn, wie deren Ausbildung parallel der technischen Evolution, also gleichfalls auf Tempobeschleunigung gerichtet, sich in der modernen Zeit vollzogen hat: die Allgegenwärtigkeit der Post, von der wir an anderer Stelle noch genaueres erfahren werden, ebenso wie die vermehrte Zahl ihrer Dienstverrichtungen — sechs- oder zehnmaliges Abtragen der Postsachen im Laufe eines 74 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. Tages, die Einrichtung von letter boxes —, die stundenweis abgelassenen Eisenbahnzüge, der Minutenverkehr der Strafsenbahnen, die regelmäfsigen Dampferverbindungen, die sechsmal täglich erscheinende Zeitung sind Beispiele entsprechender Verkehrsorganisationen. Die Umgestaltung der Grofshandelsformen (auf die Re- volutionierung des Detailhandels gehe ich später genauer ein), wie wir sie in unserer Zeit beobachten, lassen sich aus gleichen Tendenzen erklären: Übergang vom Loco- zum Lieferungshandel, Ausbildung des Blankoverkaufs, Ersatz des individuellen durch das generelle Lieferungsgeschäft, Entwicklung des Terminhandels: alle diese Neuerungen, durch die Kauf- und Verkauftermin angenähert werden sollen, laufen in ihrer Wirkung auf denselben Effekt, wie die Vervollkommnung der Börsenorganisation: eine Beschleunigung des Handels, also eine Abkürzung der Umlaufszeit der Waren, somit aber auch der Umschlagszeit des Handelskapitals hinaus. Hierher dürfen wir aber wohl auch viele neue Formen des Kreditverkehrs rechnen. Freilich der Kredit als solcher bewirkt eher das Gegenteil: eine Verlängerung der Umschlagsperioden. Aber in dem Mafse, wie er sich zu einem wohlgefügten Systeme ausbildet, entwickelt er Formen, die sehr wohl ebenfalls eine Tempobeschleunigung des Waren- (bezw. Geld-) Umlaufs zur Folge haben. Ich denke natürlich in erster Reihe an die grofsartige Entwicklung, die das Diskonto- und Lombardgeschäft in unserer Zeit erfahren haben L In der Produktionssphäre aber gilt es, eine solche Betriebsorganisation zu schaffen, dafs die rascheste Verarbeitung der Rohstoffe gewährleistet wird. Das kann unter bestimmten Umständen die hausindustrielle Betriebsform sein (Saisonarbeit!), unter anderen Verhältnissen der vollkommenste Fabrikbetrieb (Maschinensystem!). Immer aber ist dabei das Hauptaugenmerk auf eine zweckentsprechende Gestaltung des Arbeitsvertrages zu richten: vor allem gehört hierher die Entwicklung des Stücklohnsystems, das in eminentem Mafse 1 Beim alten Büsch lesen wir noch: „Es ist noch nicht gar lange, da ein Kaufmann es als seinem Kredit schädlich ansah, wenn er einen Wechsel diskontieren liefs.“ Nun habe sich die Sitte zwar eingebürgert, weil die Handlung überall so lebhaft geworden sei, „dafs auch der solide Kaufmann (!) für jeden Tag es als Verlust ansieht, wenn sein Geld müfsig steht“. Immerhin aber: „der Kaufmann läfst es nicht gern zu jedermanns Wissenschaft kommen, dafs er seine Wechsel zum Diskont weggegeben habe“. Joli. Georg Büschs Sämtliche Schriften über die Handlung 1 (1824), 79. Viertes Kapitel. Der neue Stil des Wirtschaftslebens. 75 den Anforderungen der Tempobeschleunigung im Produktionsprozesse gerecht wird. Ein Blick in die Praxis genügt, um zu erkennen, dafs alle die genannten Mittel zur Tempobeschleunigung des Wirtschaftslebens aber auch thatsächlich ihren Zweck erreicht haben. Auf jedem Gebiete der gewerblichen Güterproduktion sind die Produktionszeiten während des letzten Jahrhunderts ganz wesentlich abgekürzt. Bekannte Beispiele dafür liefern die Eisen- und Lederindustrie: die Verarbeitung des Roheisens zu Schweifseisen bezw. Stahl dauert beim Herdfrischen etwa 3 Wochen, „ Puddeln ., 2 1/ 2 Tag, „ Bessemerprozefs ,, 20 Minuten. Die Zubereitung der Häute zu Leder beansprucht bei der Grubengerberei alten Stils 1 — IVa Jahre, „ „ neueren Bottichgerberei 4—6 Wochen, ., „ elektrischen Gerberei 4 Tage. Das mögen Fälle extremer Verkürzung der Produktionszeit sein. Dafs sie aber nicht etwa vereinzelt sind, weifs jeder, der die Fortschritte der modernen Industrie verfolgt. Neuerdings hat nun die allgemein beobachtete Thatsache auch eine umfassende, exakte, ziffermäfsige Bestätigung erfahren durch die grofsartige Enquete des Arbeitsamts der Vereinigten Staaten über Hand- und Maschinenarbeit 1 . Hier ist in nicht weniger als 672 Fällen genau festgestellt worden, welche Zeitdauer die Herstellung eines gegebenen Pro- duktenquantums vor, bezw. nach Einführung der Maschinentechnik (auf die besonders gerücksichtigt ist) beansprucht hat, bezw. beansprucht. Das Ergebnis ist das erwartete: überall hat eine beträchtliche Abkürzung der Produktionszeit stattgefunden, in einzelnen Fällen auf den hundertsten, ja den tausendsten Teil der früheren Zeitdauer. Eine vollständige Mitteilung der Ergebnisse im einzelnen ist aus naheliegenden Gründen ausgeschlossen: füllt doch allein die summarische Mitteilung der Ergebnisse jener Untersuchung 55 Seiten (a. a. O. Vol. I. S. 24—79). Die Anführung einzelner Beispiele hat aber keinen Sinn. So mufs der Interessent auf das Selbststudium jener höchst eigenartigen und wertvollen Publikation verwiesen werden. Noch augenfälliger hat sich die Entwicklung auf dem Gebiete des Transports vollzogen. Man rechnet im allgemeinen, dafs 1 Thirteenth Animal Report of the Commissioner of Labour. 1898. Hand and Machine Labour. Vol. I. Introduction and Analysis. 1899. Vol. II. General Table. 1899. 76 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. durch Georg Stephensons Lokomotive die vorher erreichte Maximal-Fahrgeschwindigkeit um das 5 fache stieg, durch Roberts verbesserte Maschine nochmals verdoppelt wurde. Das sind jedoch nur Annäherungs- und Durchschnittswerte. Korrektere Vorstellungen von der Steigerung der Geschwindigkeit, die durch die Einführung der Eisenbahnen erzielt worden ist, gewinnen -wir, wenn wir bestimmte Angaben mit einander vergleichen. So dauerte die Stückgutbeförderung von Magdeburg bis Hamburg 1 : 1590 = 6 Tage, 1690 = 3—4 „ 1890 — 9 Stunden (Postzug). Von Friedrichshafen am Bodensee lieferte man kurz vor Einführung der Eisenbahnen — im Jahre 1841 — unter besonders günstigen Bedingungen „Eilgut“ nach Mannheim und Mainz in 6 Tagen, nach Hamburg in 16 Tagen, nach Leipzig in 10 Tagen, nach Mailand in 10 Tagen, nach Genua in 15 Tagen, nach Livorno in 24 Tagen 2 . Vor Eröffnung der Eisenbahnen betrug auf dem Wasserwege zwischen Berlin und Hamburg die Lieferungszeit 10 Tage bis 3—4 Wochen, heute im Höchstfälle 4 Tage, wird aber in der Regel nicht voll beansprucht 3 . Die französische Diligence fuhr 1839 8 —10 Kilometer, der Schnellzug fährt heute 65 Kilometer pro Stunde. Die Schnellpost Halle-Frankfurt a. M. brauchte in den letzten Jahren vor Eröffnung der Eisenbahnen für die 343 Kilometer lange Strecke 35 Stunden einschliefslich aller Aufenthalte 4 5 , der D-Zug legt dieselbe Entfernung (1901) in 6 V 2 Stunde zurück. Die Reise von Berlin nach Paris beauspruchte über Frankfurt a. M. in der letzten Postzeit schnellstens 88 3 /4 Stunden, über Köln — mit Benutzung von Eisenbahnteilstrecken, aber schlechtem Anschlüsse — 100 Stunden 6 , heute (über Strafsburg) 17 Stunden 13 Minuten. 1 Nach F. C. Huber, Die geschichtliche Entwicklung des modernen Verkehrs. 1893. S. 222. Uber die Postsendungs- und Beförderungsdauer in den Anfängen der modernen Post unterrichtet durch Beibringung eines reichen Thatsaclienmaterials jetzt A. Schulte 1, 386 f., 507. Über die Länge der Kurrierreisen und die Wechseltermine im 14. und 15. Jahrhundert Pegolotti und Uzzano bei Pagnini 3, 198 f.; 4, 100 f. 2 Huber, S. 122. 3 Berlin und seine Eisenbahnen etc. 2, 142. * Berlin und seine Eisenbahnen etc. 2, 5. 5 Berlin und seine Eisenbahnen etc. 2, 6. Viertes Kapitel. Der neue Stil des Wirtschaftslebens. 77 Die raschesten Diligencen gab es in England; sie fuhren 15 bis 16 Kilometer 1 . Die Seefahrten haben sich in folgender Weise verkürzt. Es brauchten zur Reise von Europa nach Amerika: Chr. Columbus (Bahama-Inseln) .... 70 Tage, Franklin (von New-York). 42 n die „Savannah“ (1. Dampfschiff 1819) 2 . . 26 n „Kaiser Wilhelm der Grofse“ (Nordd. Lloyd. 1897) . 5 „ 15 Stunden, „Deutschland“ (Hamb.-Amerik.- Paketfahrt- A.-G. 1900). 5 » • Über die Dauer anderer SchifFsreisen in früherer Zeit haben wir schon im dreizehnten Kapitel des ersten Bandes Kenntnis erhalten. Vasco de Gama legte den Weg von Lissabon nach Calicut in 314 Tagen zurück. Aber im ganzen 16. Jahrhundert dauerte die Hin- und Herreise zwischen Portugal und Ostindien noch regelmäfsig 18 Monate 3 . Die Zeit, die die holländischen Schiffe im 17. und 18. Jahrhundert zwischen Europa und Indien zubrachten, betrug selten nur 5 — 6 Monate, meist 7 Monate, zuweilen 10—15 Monate. „Die Fahrten dauerten übermäfsig lange, weil die Schiffer aus Unwissenheit und Nachlässigkeit so oft Umwege machten, die günstigen Winde und Zeitpunkte versäumten und ihre Instruktionen übertraten 4 .“ Der erste Dampfer (im Jahre 1825) war noch 120 Tage zwischen Falmouth und Calcutta unterwegs. Jetzt sind die Fahrzeiten folgende: London—Bombay („Caledonia“ 1898) Hinreise: 12 Tage 10 a /4 Stunden, Rückreise: 12 Tage 2 Stunden; London— Hongkong („Australia“ und „Oriental“) 24 Tage. Die „Himalaya“ fährt die Strecke London—Westaustralien in 23 Tagen 11 Stunden, die „Victoria“ bringt uns von England nach Melbourne in 34 Tagen 20 Stunden. Was Telegraph und Telephon zur Beschleunigung des wirtschaftlichen Gesamtprozesses beigetragen, liegt zu deutlich zu Tage, um besonderer Hervorkehrung zu bedürfen. 1 E. Sax, Die Verkehrsmittel 2 (1879), 6. Vgl. auch E. Engel, Zeitalter des Dampfes. 2. Aufl. 1881. 2 Geistbeck, Weltverkehr. 1889. S. 357. 3 Saalfeld, Gesch. des portugiesischen Kolonialwesens (1810), 139. 4 Saalfeld, Gesch. des holländischen Kolonialwesens in Ostindien (1812), 217. 78 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. Es mag jedoch an einigen Beispielen noch verdeutlicht werden, in welcher Weise jene technischen Errungenschaften in Verbindung mit den entsprechenden Organisationsformen nun thatsächlich eine Verkürzung der Umschlagsperioden herbeiführen. Zunächst im überseeischen Importgeschäft. Vor 50 Jahren war jede Nachricht, die aus den U. S. A. nach Europa gelangte, mindestens 1 Monat alt; ebenso lange dauerte es, um einen Auftrag nach drüben gelangen zu lassen. Dann kam der Transport der gekauften Ware von langer und unbestimmter Dauer. Erst nach ihrer Ankunft konnte der Importeur über sie disponieren und auf einen Käufer hoffen. Erst wenn dieser gefunden war und bezahlt hatte, hatte der Kaufmann sein Kapital von neuem disponibel. Heute findet der Hamburger oder Bremer Importeur morgens, wenn er aufs Komtor kommt, Depeschen aus New-Yorlc oder Bombay vor, worin Anstellungen von Petroleum, Schmalz, Baumwolle etc. für einen ganz bestimmten Preis gemacht werden. Der Kaufmann kalkuliert den acceptablen Verkaufspreis; sucht für diesen Käufer, findet sie vielleicht schon an der Börse, acceptiert noch von der Börse aus telegraphisch die Offerte des New-Yorker oder Bombayer Hauses und betrachtet damit im wesentlichen das G-eschäft als erledigt 1 . Besonders deutlich ist die Beschleunigung der Handelsgeschäfte und damit des Kapitalumschlages in der Entwicklung des amerikanischen Getreide handeis zu verfolgen 2 . Sobald der städtische Elevatorbesitzer in New-Yorlc abends die telegraphische Übersicht von den Tageseinkäufen der Landelevatoren erhält, telegraphiert er seine Verkaufsofferten mit kurzer Annahmefrist in alle Richtungen der Welt hinaus. In der Nacht kommt die Antwort zurück. Moi-gens findet der Elevatorbesitzer die Antwort vor, welche den Verkauf von so und so viel Busheis Getreide meldet. Dieser Verkauf wird stets unter Cif-Bedingungen abgeschlossen. Die Verschiffung selbst wird baldigst zu den ersten annehmbaren Bedingungen angenommen, so dafs bisweilen das bereits vor Ankunft in der Stadt wieder verkaufte Getreide nur zum Zweck der Gradierung und genauen Wägung den Elevator passiert. Zugleich mit der Verschiffung und gleichzeitigen Konnossementsausstellung wird in der Höhe des Kaufpreises auf den Käufer ein Wechsel gezogen 1 Vgl. Th. Barth, Wandlungen im Welthandel. 1882. S. 8. 10. 2 Vgl. H. Schuhmacher, Der Getreidehandel in den Ver. St. von Amerika etc. Jahrbücher für N.Ö. III. P. Bd. X. S. 825. Für die ältere Form des Getreidehandels im 19. Jahrhundert vgl. C. J. Fuchs, Der englische Getreidehandel und seine Organisation; a. a. 0. N. F. Bd. XX. Viertes Kapitel. Der neue Stil des Wirtschaftslebens. 79 und ohne Schwierigkeit mit 90—95 °/o sogleich honoriert und beim lokalen Bankier diskontiert: womit der Kreislauf des betreffenden, in der Getreidelieferung engagierten Kapitalteils vollendet, sein Umschlag vielleicht binnen 2—3 Tagen vollzogen ist. Wie aber Verkehrs- und Produktionstechnik, Handels- und Betriebsorganisation in einander greifen und zur Abkürzung des Kapitalumschlags beitragen, dafür bietet ein Schulbeispiel die Baumwollspinnerei dar. An ihr hat bekanntlich Karl Marx im zweiten Bande des Kapitals seine geniale Theorie der Kapital - cirkulation vornehmlich illustriert. Und es ist nun reizvoll, zu beobachten, wie sich seit der Abfassung jenes zweiten Bandes, also seit etwa einem Menschenalter die Bedingungen des Kapitalumschlags von Grund aus geändert haben. Marx rechnet noch mit 6—Swöchent- lichen Baumwolltransporten, ebenso langen Remittierungszeiten, mit eigengehandelten Rohstoffen, grofsen Lagern, wochenlangen Produktionszeiten u. s. w. und gelangt auf diese Weise zu aufser- ordentlich langen Umschlagsperioden, die heute völlig antiquiert sind. Heute ist das Princip dieses: der englische Spinner kauft den Rohstoff in kleineren Quantitäten von 8 zu 8 Tagen in Liverpool gegen bar oder kurzes Ziel. Also so gut wie gar keine Baumwolle wird auf Lager gehalten. Die gekaufte Baumwolle verweilt in der Fabrik nur wenige Tage. Zwei bis dreimal wöchentlich verkauft er das Garn an der Börse von Manchester, deren Organisation selbst ihm erst die Möglichkeit seiner kurzfristigen Produktion verschafft k Augenfällig ist nun die Thatsache, dafs sich die Länge des Lebenslaufs einer Ware in ihrem naturalen Zustande keineswegs notwendig deckt mit der Länge der Umschlagsperioden der Einzelkapitalien. Letztere können somit auch eine Abkürzung erfahren, ohne dafs jener in seiner Dauer alteriert wird, wie auch unsere Beispiele schon es ersichtlich machen. Beim reinen Differenzgeschäft beobachten wir sogar eine völlige Loslösung des Kapitalumschlags von dem Schicksale der Ware selbst. Aber als Regel darf doch gelten, dafs auch die Abkürzung der (objektiven) Cirku- lationszeit, sowie der Produktionszeit der Ware aus dem Streben nach Beschleunigung des Kapitalumschlages sich ergiebt, somit also eine Tempobeschleunigung des wirtschaftlichen Prozesses auch in naturaler Betrachtungsweise (d. h. ohne Rücksichtnahme auf die dabei entstehenden Rechtsverhältnisse) die Folge ist. Kann diese Thatsache jemand leugnen? Kaum. Sicherlich 1 Vgl. G. von Schulze-Gaevernitz, Der Grofsbetrieb (1892), 101 ff. 80 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. aber nicht Böhm-Bawerk. Und doch bleibt dieser nach wie vor bei seiner Behauptung stehen: es werde das Wirtschaftsleben (insonderheit das der Gegenwart) von der Tendenz zur Verlängerung des Produktionsweges beherrscht. Und hat er damit etwa nicht recht? Ist es nicht der längere Weg, den die maschinelle Herstellung von Leinengarn zurücklegt, als der, auf dem die spinnende Bäuerin zum Ziel gelangt: beide Mal angenommen, dafs die Produktion der Ware selbst samt derjenigen ihrer Produktionsmittel gerade jetzt im Augenblicke anfange. Gilt nicht dasselbe für jede Produktion auf hoher technischer Basis unter Anwendung grofser Maschinensysteme in mächtigen Fabrikgebäuden, wo ein gewaltiger Apparat von Produktionsmitteln in Bewegung gesetzt wird, im Vergleich zu der technisch weniger vollendeten Herstellungsweise? Selbst wenn man zögern möchte, eine Allgemeinheit dieser Tendenz anzuerkennen: so viel ist doch sicher, dafs in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle sich ihre Wirksamkeit beobachten läfst. Wir können als Regel annehmen, dafs die vollkommenere Verfahrungs- weise einer mächtigen Zusammenfassung produktiver Kräfte, genauer: einer stärkeren Verwendung von Produktionsmitteln bedarf als die weniger vollkommene. Da diese aber — die Produktion als Ganzes genommen — vor Beginn des eigentlichen Produktionsprozesses immer erst herzustellen sind, so dauert es natürlich allemal länger, ehe die erste Menge Produkt mittelst des vollkommeneren Vei’fahrens gewonnen wird. Im praktischen Wirtschaftsleben tritt nun freilich dieser Sachverhalt niemals unmittelbar als solcher in die Erscheinung: braucht ja doch kaum eine längere Spanne Zeit zu vergehen, bis der Fabrikant seine Schuhfabrik, als bis der Schuster seine Werkstatt eingerichtet hat. Beide kaufen alles, was sie zur Produktion bedürfen, fertig auf dem Markte. Und wenn sie nun ihre Thätigkeit beide an demselben Tage beginnen, so haben am Abend dieses Tages in der grofsen Fabrik hundert Arbeiter 100 Paar Schuhe lix und fertig gestellt, während auf dem Arbeitstisch des Schusters ein Paar in halbfertigem Zustande liegt. Gleichwohl macht sich auch in der Praxis jene Verlängerungstendenz (wie wir der Einfachheit halber fürderhin sagen wollen), wenn auch auf Umwegen, bemerkbar. Und zwar darin, dafs sie auf eine Verlängerung der Umschlagsp eri oden des Kapitals hinwirkt. Jeder Ersatz der Handarbeit durch Maschinenarbeit bedeutet eine Vermehrung des fixen Kapitals im Verhältnis zum Gesamtkapital, retardiert also den Rückstrom des Kapitals zu Viertes Kapitel. Der neue Stil des Wirtschaftslebens. 81 seinem Besitzer, dieweil ja die Wesenheit des fixen Kapitals darin beruht, dafs es seinen Wert in einer längeren Produktionszeit als das umlaufende dem Produkte zusetzt, also auch reproduziert. Werden aber gröfsere Betriebsstätten, stärkere Maschinen, schnellere Schiffe gebaut, so bedeutet auch dieses wiederum leicht eine Verlängerung der Umschlagsperioden des Kapitals, wenn nämlich die neuen Produktionsmittel so viel mächtiger in ihren Ausmafsen sind, dafs sie auch eine längere Amortisationsperiode erheischen. Und nun wird es auch ersichtlich, weshalb ich den Streit Lexis-Böhm unter dem Gesichtspunkt der Antinomie zu betrachten den Leser aufforderte. Die Beschleunigung des wirtschaftlichen Prozesses leiteten wir aus dem Bedürfnis des Kapitals nach Abkürzung seiner Umschlagsperioden ab. Die Wegverlängerungstendenz dagegen lösten wir auf in eine Tendenz gerade zur Verlängerung der Umschlagsperioden. Beide Tendenzen also wirken einander entgegen. Aber was das Entscheidende ist: ihr Gegeneinanderwirken ist ein notwendiges, ein „gesetzliches“ deshalb, weil die eine die andere aus sich erzeugt. In dem Sinnen auf Beschleunigung des Umschlags seines Kapitals wird, wie wir feststellen konnten, der Unternehmer darauf geführt, den technischen Prozefs der Gütererzeugung und des Gütertransports vor allem abzukürzen. Nun ergiebt sich aber, dafs diese Abkürzung den Ersatz des umlaufenden durch fixes Kapital (Übergang zur Maschinenarbeit u. dgl.) den Ersatz von Produktionsmitteln mit kurzen Reproduktionsperioden durch solche mit langen Reproduktionsperioden meist erforderlich macht (Eisen oder Stahl statt Holz, massive statt Fachwerksgebäude u. dgl.). Denn nur die solcherart verstärkten Produktionsmittel vermögen die Verfahrungsweisen zu tragen, aus deren Anwendung die Beschleunigung des technischen Prozesses folgen soll. Das Streben des Unternehmers nach Abkürzung erzeugt also zunächst die Tendenz zur Verlängerung der Umschlagsperioden seines Kapitals. Ist nun aber einmal die Betriebsanlage auf der verbreiterten Basis ins Leben gerufen, so wird nun alles Bemühen des Unternehmers auf höchstmögliche Schnelligkeit des Prozesses gerichtet sein, um das in der Anlage investierte Kapital möglichst rasch zu reproduzieren, bezw. zu amortisieren. So erzeugt die Verlängerungstendenz wiederum die Abkürzungstendenz und so fort in dulce infinitum. Und es gewinnt fast den Anschein, als ob diese unausgesetzte, erzwungene Entwicklung dieser beiden Gegentendenzen die Bewbgungsformel sei, in der sich das moderne Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 6 82 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. kapitalistische Wirtschaftsleben abspielen müsse. Jedenfalls ist ihre Wirksamkeit für die Ausbildung des Gesamtcharakters unserer Wirtschaftsepoche von geradezu entscheidender Bedeutuug. Denn machen wir uns klar, dafs in der Wirksamkeit jener beiden Tendenzen die Entfaltung einer Erscheinung eingeschlossen ist, die wir getrost als das Centralphänomen der wirtschaftlichen Entwicklung schlechthin bezeichnen können. Ich meine natürlich das zunehmende Überwiegen der sachlichen über die persönlichen Produktionsfaktoren im wirtschaftlichen Prozefs; die sich immer mehr ausdehnende Herrschaft der vorgethanen über die lebendige Arbeit, der Vergangenheit über die Gegenwart. Denn darauf läuft doch am letzten Ende die immer wiederkehrende Ersetzung des umlaufenden durch das fixe Kapital ebenso wie die Verdichtung des letzteren hinaus, dafs die einzelne Arbeitskraft mit einem immer gröfseren Apparat von Produktionsmitteln ausgestattet wird, um einen Zuwachs an Leistungsfähigkeit zu erfahren. In kapitalistischer Betrachtung bedeutet diese Wandlung aber nichts anderes als eine Verschiebung des Verhältnisses zwischen Real- und Personalkapital zu Gunsten des ersten, was bekanntlich Marx schon in ausführlicher Darstellung entwickelt hat (c wächst rascher als v). Für die Beziehungen zwischen kapitalistischen und vorkapitalistischen Wirtschaftsformen aber birgt diese Tendenz noch den tieferen Sinn, dafs, weil die erfolgreiche Wirtschaftsführung im wachsenden Mafse der Zuhilfenahme sachlicher Produktionsfaktoren bedarf, solche aber in der Mehrzahl der Fälle nur kollektiven Arbeitern — also auf beträchtlich erweiterter Stufenleiter — möglich ist, die Verfügung über ein entsprechendes Sachvermögen immer mehr zur Bedingung selbständiger Produktion wird. Wollte man ein allgemeines Gesetz für das Zurückweichen des Handwerks vor der kapitalistischen Produktionsweise aufstellen, so könnte es kein anderes sein als dieses: dafs in dem Mafse, wie im wirtschaftlichen Prozefs die lebendige Arbeit im Verhältnis zu den sachlichen Produktionsfaktoren an Bedeutung verliert, das auf dem Grunde persönlicher Arbeitsleistung aufgebaute Handwerk der auf der Vorherrschaft der Produktionsmittel basierten kapitalistischen Organisation weichen mufs. Ein solches „Gesetz“ ist nun aber in dieser Allgemeinheit ein blutleeres Schemen. Es wäre deshalb eine armselige Theorie der gewei'blichen Entwicklung, wollte sie sich mit seiner Formulierung begnügen. Im folgenden wird erst die reiche Mannigfaltigkeit der Viertes Kapitel. Der neue Stil des Wirtschaftslebens. 83 kausalen Verknüpfungen, aus denen sich der Umgestaltungsprozefs des modernen Wirtschaftslebens zusammensetzt, vor dem geistigen Auge des Lesers ausgebreitet werden. Nützlich jedoch wird es für uns sein, wenn wir im Verlauf der Darstellung uns der in diesem Kapitel aufgedeckten Grundtendenzen des Wirtschaftslebens immer wieder erinnern und sie gleichsam als Orientierungspunkte in dem bunten Gewirre der Erscheinungen uns dienen lassen. Ihre rechte Würdigung erfahren nun aber die hier blofsgelegten Principien der wirtschaftlichen Entwicklung erst, wenn wir sie in ihrer Wirkung auf den gesamten Zuschnitt der modernen Kultur, auf den „Stil des Lebens“ verfolgen. Das im einzelnen zu thun, ist wiederum späteren Studien Vorbehalten. Hier soll nur in den Grundzügen jener Zusammenhang skizziert werden, soweit es nötig ist für das Verständnis des Verlaufs , desjenigen Abschnitts gewerblichen Lebens, den wir zunächst verfolgen. Was der moderne Kapitalismus, sei es unmittelbar durch Beeinflussung der mit ihm in Berührung kommenden Personen, sei es durch Vermittlung von Zwischengliedern, die er selbst erst erzeugt und unter denen die Errungenschaften der Technik die vornehmste Stelle einnehmen, an neuen Nuancierungen in das Kulturleben hineinträgt, läfst sich in einigen Schlagworten vielleicht, wie folgt, zusammenfassen. Er wirkt vor allem das, was man eine Überwindung der Materie nennen kann, offensichtlich durch den technischen Fortschritt, für den er die Triebkräfte erzeugt. Seltsamer Weise hat aber, wie jedermann weifs, diese Überwindung der Materie erst einmal zu einem Siege des Materiellen geführt. Es ist oft und mit Recht unserer Zeit vorgehalten worden, dafs sie eine vorwiegend sachliche Kultur — auf Kosten der Persönlichkeit — entwickelt habe. Wir werden nach dem, was wir früher erfahren haben, diese Tendenz der Kulturentwicklung durchaus begreiflich finden, weil wir sie als unmittelbaren Ausflufs der wirtschaftlichen Entwicklung aufzufassen vermögen. Diese, sahen wir, drängt die persönliche Arbeitskraft immer mehr zurück, läfst die vorgethane Arbeit (in den Produktionsmitteln) eine immer entscheidendere Rolle spielen, versachlicht also gleichsam den gesamten wirtschaftlichen Prozefs. Was Wunder, wenn die im Bereiche des Wirtschaftslebens gewonnenen Anschauungen über dessen Grenzen hinaus ihre Herrschaft auszudehnen versuchen und allerorts eine Neigung erzeugen, die sachlichen Kulturfaktoren zu überwerten. Die Reaktionsbewegung, wie sie vor allem an den Namen Friedrich 6 * 84 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. Nietzsche sich anknüpft, ist im Grunde doch auch nur eine Bestätigung für die Existenz und Mächtigkeit jener Tendenzen. Auf der andern Seite hat die Überwindung der Materie doch unstreitig einen Zug ins Grofsartige, ins Massige, aber auch ins Mächtige in unsere Zeit hineingetragen. Ich möchte glauben, dafs gerade auch der Schwung eines Friedrich Nietzsche, die „Fahrt“, die sein Geistesleben hatte, nicht denkbar wären ohne die naturwissenschaftlichen Errungenschaften der Zeit. Zumal wenn wir diese auf die andern Gebiete ihrer Wirksamkeit verfolgen. Da ist es die Überwindung des Raumes, die sich als zweite grofse Leistung uns darstellt. Wie sie die Welt gleichsam ausgeweitet, die Idee der Unendlichkeit erst recht zu einem Besitztum unserer Seele gemacht hat, so hat sie die Raumverhältnisse auf der Erde in unserer Vorstellung verkleinert. Und indem sie die Indifferenz gegenüber den Entfernungen erzeugte, verhalf sie der Gleichgültigkeit gegenüber dem Unterschiede der Örtlichkeiten und ihres Zubehörs zum Leben. Sie hat in eminentem Mafse nivellierend auf Lebensgewohnheiten, Leistungen, Geschmack gewirkt. Man hat geradezu dem Gedanken Ausdruck gegeben: es werde mit Dichtung und Kunst überhaupt bald zu Ende gehen, wenn es nicht gelinge, „die Verkehrsmittel in ihren zersetzenden Folgen“ zu dämmen. In derThat: jede dichterische oder künstlerische Produktion ist heute binnen wenigen Tagen oder Wochen Gemeingut der gesamten „gebildeten Welt“. Das Publikum steht unter unausgesetzter Beeinflussung durch die Leistungen der ganzen Erde, die Künstler selbst kommen vor lauter „Anregungen“ von aufsen her, die ihnen die Eisenbahn in Form von Ausstellungsbildern, oder die Kunstzeitschriften zutragen, oder die sie selbst auf Reisen empfangen, kaum noch zur Sammlung, Vertiefung und Entwicklung ihrer Eigenart 1 . Wiederum sind die Reaktionsströmungen, wie sie unsere Zeit in der Betonung des Wertes einer „Heimatkunst“ erzeugt hat, nur Bestätigungen für das Walten der gekennzeichneten Grundtendenz. Aber noch vielmehr unserer Epoche zu eigen gehört die Überwindung der Zeit. Es scheint mir in der That nicht unberechtigt zu sein, wenn man gerade das letzte Jahrhundert „in erster Linie als Ara der Siege über die Zeit“ bezeichnet hat. „Wir dringen an der Hand der Wissenschaft auf dem Boden 1 Das ist mit Bezug auf den Entwicklungsgang Hans Ungers hübsch dargelegt von Hans W. Singer in der Deutschen Kunst und Dekoration. Januar 1900. S. 179 ff. Viertes Kapitel. Der neue Stil des Wirtschaftslebens. 85 der geologischen, paläontologischen, historischen und archäologischen Entdeckungen immer mehr und mehr in das Innere der Vergangenheit ein, wir verwandeln in Zukunft und verewigen die Gegenwart mit Hilfe der Photographie, des Phonographen, der Kinematographie und anderer wunderbarer Entdeckungen, wir sagen die mögliche Zukunft der Welten voraus, vermöge der physikalischen Lehre von den Energien, wir heben auf und modifizieren thatsächlich die Mafse der Zeit, und dadurch des Raumes vermöge der Eisenbahnen, Telegraphen, Telephone — der Raum ist von der Wissenschaft teilweise schon zur Zeit der Renaissance vermöge ihrer Entdeckungen, so auch während der folgenden Jahrhunderte überwunden worden. Die Zeit aber unterwirft und überwältigt der Mensch immer mehr und 'mehr vermöge seiner neuen Entdeckungen und Erfindungen in unserem Jahrhundert 1 .“ Diese objektive Beherrschung der Zeit hat nun aber zu einer völligen Neugestaltung des individuellen Zeitbewufstseins geführt, an der die Einwirkung der kapitalistischen Interessen noch unmittelbarer, handgreiflicher zu Tage tritt. Es ist hier vor allem die gesteigerte Wertung der Zeit hervorzuheben, die sowohl in der fortschreitenden Exaktheit ihrer Messung, als in der wachsenden Bedeutung sich ausdrückt, die wir auch den kleinsten Zeitabschnitten beilegen. Der Sekundenzeiger an den billigsten Taschenuhren, die dem Durcheiler der Grofsstadt auf Schritt und Tritt begegnenden Grofs- und „Normal“uhren 2 * * * * * 8 , die Fünfminutenaudienzen bei Beamten, Ärzten, Rechtsanwälten, die Gesangs- oder Klavier„stunden“ von 15 Minuten bei grofsen Meistern, die Fünftelsekundenmessung beim Fahrradsport, die Exaktheit unseres Bahnverkehrs, die summarischen Verfahren im Gerichtswesen und in der Verwaltung, die Postkarte, der Telegrammstil, das gesamte Bewegungstempo in der Grofsstadt im Vergleich zur Kleinstadt, alle diese Erscheinungen sind der Ausdruck jener gesteigerten Wertung der Zeit. 1 Nicolas von Grot, Der Begriff der Seele und der psychischen Energie in der Psychologie im Archiv für systematische Philosophie. Band IV (1898). S. 262. Sehr viel hübsche Gedanken zu unserem Thema enthält auch der Vortrag von Prof. M. Lazarus über „Zeit und Weile“ (in den „Idealen Fragen“ [1878] S. 159—232), nur fehlt seinen Ausführungen leider — wie so oft bei „Philosophen“ — die Pointe: nämlich der Hinweis auf die historische Relativität der Zeitwertung. 8 In Spanien ist an keinem Bahnhof eine Uhr. „Das Zeitgefühl scheint etwas Fremdes in Spanien.“ R. Mutlier, Studien und Kritiken 1 (1900), 341. 86 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. Mit dieser Hand in Hand geht nun aber das wachsende Bedürfnis einer immer zahlreicheren Menschengruppe nach beschleunigter Lebensführung, will sagen: nach einer stärkeren Konzentrierung der Eindrücke sowohl, als der Gefühlsund Willensäufserungen, somit nach einer vermehrten Ausgabe von Energie in einem bestimmten Zeitraum. Dafs diese immer mehr um sich greifende Grundstimmung unserer Epoche unmittelbar aus dem Stile unseres Wirtschaftslebens herauswächst, ergeben unsere früheren Ausführungen. Der ganze wirtschaftliche Prozefs, weil er auf Beschleunigung hindrängt, beruht ja auf nichts anderem, als auf einer stetig zunehmenden Intensivisierung und Kondensierung der wirtschaftlichen Vorgänge im Interesse vermehrten Geldgewinnens. Und diese Vorgänge greifen natürlich zunächst in alle Sphären des socialen Lebens hinüber, in denen auch der Erwerbstrieb rege geworden ist, also dafs immer mehr Menschen aus diesem rein materiellen Grunde ihre Lebens- d. h. Geschäftsführung zu beschleunigen, d. h. zu verdichten sich angelegen sein lassen. Von jenen Centren gesteigerter Lebensintensität geht dann der Anstofs aus, der immer weitere Kreise aus ihrer beschaulichen Ruhe aufstört. Schliefslich wird das gesamte Kulturleben von dem Fieber ergriffen, es beginnt das Hasten und Drängen auf allen Gebieten, das nun recht eigentlich die Signatur der Zeit geworden ist. Häufung der Eindrücke und dadurch bewirkte vermehrte Ausschaltung von Lebensenergie ist unser tiefstes und nachhaltigstes Bedürfnis geworden: Zola und Ibsen vergleiche man mit Walter Scott und Joh. Heinr. Vofs, Liszt und Richard Straufs mit Haydn und Mozart, um zu ermessen, welchen ungeheuren Grad von Intensivisierung und somit Tempobeschleunigung unsere Zeit erreicht hat. Es ist nun aber wohl ein psychologisches Gesetz, dafs die Beschleunigung des Lebenstempos mit Notwendigkeit eine raschere Übersättigung, Überspannung, Übermüdung erzeugt und damit das Bedürfnis — wenn nicht schon nach Ruhe, wie es in allen Dekadenzerscheinungen zu Tage tritt, so doch — nach Abwechslung der Reizungsqualitäten. Es entsteht so jene Freude am Neuen um seiner selbst willen, jene „Neuerungssucht“, die dem Kapital die psychologische Unterlage bietet, um darauf wiederum sein System des unausgesetzten Formwechsels der Gebrauchsgüter aufzubauen, das es, wie wir in anderem Zusammenhänge noch genauer verstehen lernen werden, um seiner Selbsterhaltung willen in der Mode ausgestaltet hat. In dieser löst sich also aus dem Viertes Kapitel. Der neue Stil des Wirtschaftslebens. 87 Centrum der kapitalistischen Interessen abermals eine Tendenz zu fortwährender Neugestaltung unserer Umwelt los, die sich zwar zunächst nur auf die materielle Güterwelt erstreckt, dann aber natürlich auch sehr bald auf die Gebiete der idealen Interessen hinübergreift: unsere Philosophiesysteme, unsere Kunststile und Litteratur- richtungen wechseln jetzt beinahe ebenso häufig wie unsere Kravatten- und Hutmoden. Alles dieses tritt nun aber zurück gegenüber der revolutionären Wirkung, die die kapitalistische Wirtschaft unausgesetzt auf die socialen Schichtungs verhältni sse ausübt. Es ist eine jedermann vertraute Erscheinung, dafs diese täglich in neuer Gestaltung sich unserm Auge darbieten, sei es, weil neue sociale Klassen entstehen, alte verschwinden, sei es, weil die Zusammensetzung jeder socialen Gruppe selbst ebenfalls einem fortwährenden Wandel unterliegt. Das war es, was Theodor Fontane mit gewohnter Prägnanz ausdrückte, als er die Worte schrieb, die diesem Kapitel als Motto vorangestellt sind. Wer ihren Sinn begriffen hat, besitzt dann die Schlüssel des Verständnisses für die innerste Eigenart unserer Zeit und wird nun auch mit geschärftem Auge den Umgestaltungsprozefs auf den einzelnen Gebieten des socialen Lebens verfolgen können, dessen Gesetzmäfsigkeit die folgenden Ausführungen zur Darstellung zu bringen haben. Ich beginne mit der Schilderung der kapitalistischen Revolution auf agrarischem Gebiete, durch die die Grundlagen zertrümmert werden, auf denen die alte vorkapitalistische Gesellschaft ruhte. Exkurs zum vierten Kapitel. Über die Stufenfolge der kapitalistischen Entwicklung. Alle modern-kapitalistische Entwicklung spielt sich in der Weise ab, dafs sich von Centren gewerblichen oder kommerziellen Kapitalismus aus ein Mehrbedarf nach Nahrungsmitteln oder Rohstoffen geltend macht, der steigernd auf die Preise der Agrarprodukte wirkt und den Anstofs zur markt- mäfsigen, intensiven und kapitalistischen Landwirtschaft bietet. Stets ist die Ausbildung gewerblichen Kapitalismus das Prius. Es ist darum nicht richtig, wenn Knapp (Die Landarbeiter in Knechtschaft und Freiheit, 1891. S. 46) behauptet: „Die Anfänge der kapitalistischen Wirtschaft liegen in der Landwirtschaft.“ Abgesehen davon, dafs man die ostelbische Landwirtschaft mit gutsunterthänigem Arbeitsvolk Bedenken tragen mufs als „kapitalistische“ Unternehmung anzusprechen, so vergifst Knapp, dafs die Anregung zu der marktmäfsigen Produktion ihrerseits erst ausgegangen war von den (aufser- 88 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens. deutschen) Ländern mit erstarkendem gewerblichen Kapitalismus, für die mm die deutschen Küstenländer anfingen, Exportgebiete für Agrarprodukte zu werden. — Das gilt auch für die russische Entwicklung, wenn wir sie in weltwirtschaftlichem Rahmen betrachten. Nationalwirtschaftlich kann allerdings in einem Lande die Entstehung einer kapitalistischen Landwirtschaft Anreiz zur Entwicklung des gewerblichen Kapitalismus abgeben, was P. von Struve wohl mit Recht für Rufsland behauptet (Archiv f. soc. Ges.Dbg. VII, 352). Aber im grofsen Ganzen der Entwicklung hat doch der alte Smith recht, wenn er sagt: „it is thus that through the greater part of Europe the commerce and manufactures of cities, instead of being the effect, have been the cause and occasion of the improvement and cultivation of the country.“ B. III. Ch. IY. Daher wir denn auch die frühesten Ansätze kapitalistischer Landwirtschaft im Lauf der modernen Entwicklung in Italien, Belgien und Spanien beobachten. Hier treten ein paar Jahrhunderte früher schon einmal dieselben Erscheinungen auf, die wir dann im 18. Jahrhundert in England, im 19. in Deutschland, Frankreich, der Schweiz etc. und wiederholt in Italien und Belgien wahrnehmen. Der rasche Aufschwung der italienischen Kommunen während der letzten Zeiten des Mittelalters hatte es bewirkt, dafs fast überall in Italien die Landwirtschaft modernes Gepräge angenommen hatte: „l’abbondanza dei capitali aveva posto il paese in grado di dare ampio svolgimento alle opere d’irrigazione, di prosciugamento, di dissodamento ed ad altre migliorie. La ricchezza diffusasi in tutti i ceti della popolazione aveva . . . promosso l’aumento e il raffinamento della produzione agraria. La prosperitä delle industrie tessili aveva ofiferto il modo di allar- gare considerevolmente la coltivazione di varie piante industriali ec . . .“ C. Bertagnolli, Delle vicende dell’ agricoltura in Italia. 1881. pag. 226. 227. Und dafs es kapitalistischer Geist war, der auf den Ackern und in den Weinbergen des damaligen Italiens wehte, kann uns ein Studium der meisten Stadtrechte lehren, die fast immer auch von der Landwirtschaft handeln: was sie anstreben, ist Schutz des Eigentümers gegenüber den Betrügereien und der Faulheit des Pächters oder Kolonen, Ausbildung des Instituts der Feldhüter (saltari), Bestrafung des Felddiebstahls u. s. w. Wie uns bereits bekannt ist, war schon seit dem 12. Jahrhundert die Urbanisierung des Landadels in den meisten Territorien Norditaliens angebahnt worden. Ähnliche Vorgänge wie in Italien spielen sich während des Mittelalters schon in der belgischen Landwirtschaft ab. Hie und da natürlich auch in der deutschen, französischen und englischen Landwirtschaft, ohne dafs in diesen Ländern die Einwirkung der städtischen kapitalistischen Entwicklung nachhaltig genug gewesen wäre, um eine radikale Umgestaltung der agrarischen Zustände schon während des Mittelalters zu bewirken. Sie hatten Knospen getrieben, die aber nicht zur Blüte gelangt waren, wie in Belgien und Italien, in welchen Ländern übrigens, wie wir noch sehen werden, eine zweite (die Hauptblüte) doch erst in unserer Zeit sich erschliefst. Die einzige Blüte der kapitalistischen Landwirtschaft inSpanien dagegen, darf man sagen, fällt in das 16. Jahrhundert: sie wurde erzeugt durch den rasch und intensiv gesteigerten Bedarf insbesondere der plötzlich reichgewordenen Conquistadores, aber auch der Handels- und Geldmänner der spanischen Städte. Im Süden des Landes hatte der Weinbau grofse Dimensionen angenommen. Cadiz und Sevilla führten allein 140 000 Ctr. Wein nach Amerika aus. „Damals war Viertes Kapitel. Der neue Stil des Wirtschaftslebens. 89 es, dafs die grofsen Herren von der Kaufmannschaft Sevillas ihren Geschäften einen noch glänzenderen Aufschwung zu geben gedachten, indem sie selbst die Kultur der begehrtesten Artikel in die Hand nahmen. Da ihnen enorme Kapitalien zur Verfügung standen, bedurfte es nur ihres Wollens, und wie von einem Zauberstabe berührt bedeckte sich das Thal des Guadalquivir bis hinauf an die Sierra Morena mit wogenden Getreidefeldern, mit üppigen Obstund Olgärten und mit Weinbergen, deren Ertrag allein ganze Schiffsladungen füllte.“ K. Häbler, Die wirtschaftliche Blüte Spaniens im 16. Jahrhundert. 1888. S. 35. In jedem einzelnen Lande lassen sich dann der Kegel nach, wie gezeigt wurde, zwei Epochen der landwirtschaftlichen Entwicklung nachweisen: diejenige, in der das Land im Verhältnis des Koloniallandes zu anderen Ländern mit vorgeschrittenerem Kapitalismus sich befindet und diejenige, in der der Kapitalismus im eigenen Lande den Anreiz für die Industrialisierung der Landwirtschaft bildet. Letztere Epoche bringt meistens erst die entscheidende Wandlung, die Revolutionierung von Grund aus, während in der ersten in der Regel nur eine Wirkung an der Oberfläche erzielt wird. Vor allem fehlt ihr, wie List richtig erkannte, die Stabilisierung. Einen verhältnismäfsig wie geringen bezw. wenig nachhaltigen Einflufs die Ausfuhrmöglichkeit auf die Hebung der wirtschaftlichen Lage selbst an der See gelegener Provinzen, z. B in Deutschland während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, nur auszuüben vermochte, dafür liefert ein treffendes Beispiel 0 stpreufsen. Hier war um die Mitte der 1840er Jahre eine solche Stagnation des Wirtschaftslebens eingetreten, dafs kundige und besonnene Männer geradezu von einem Notstand sprechen. Vgl. F. W. Schuberts „Statistische Beurteilung und Vergleichung einiger früherer Zustände mit der Gegenwart für die Provinz Preufsen mit besonderer Berücksichtigung des jetzigen Notstandes dieser Provinz“ in der Zeitschrift des Vereins für deutsche Statistik. I (1847) S. 24—39. Schubert erblickt die Ursache des „Notstandes“ in den geringen Fort schritten der technischen Kultur und letztere werde wiederum zurück- gehal ten durch den Mangel an Städten als den Mittelpunkten für den Fort- schri tt der intellektuellen und wirtschaftlichen Entwicklung, sowie durch den Mangel an guten Verkehrsmitteln. In einer zweiten Abhandlung (10 Jahre später), „Statistische Darstellung der fortschreitenden Entwicklung der Landwirtschaft und des auswärtigen Handelsverkehrs in der Provinz Preufsen in den letzten 10 Jahren“ im: Archiv für Landeskunde der preufsischen Monarchie IV (1856) S. 247—263 kann dann derselbe Verfasser von einem entschiedenen Wandel zum Besseren berichten: alles ist in Flufs gekommen, die moderne Entwicklung hat begonnen. Diese Darstellung Schuberts wird als richtig bestätigt durch v. d. Goltz, Die Entwicklung der ostpreufsischen Landwirtschaft, a. a. 0. S. 810—813. äs*s w&ä^ea^ssmt WJMSS •***« ‘^^rS^AS-V.viSi .S^MÄv^.' ; c5sS3s&5 •䣮^ ül S^vS-v^'N^n jgf. ‘*£rM^ ‘■^s&6 Ti »>^ mhZi&aty&rzi m*. •J&V *L v?i£; ' «Mt ms. SjäfSS ■•r Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. i iii >**f: >* .> ?v(y f&~y£f?7 t z&8f r »sr;. iäf®r j '• Erster Abschnitt. Die Entstehung der modernen Landwirtschaft und die Auflösung der alten bodenständigen Wirtschaftsverfassung. . la rente est devenue la force motrice qui a lance Vidylle dans le mouvement de VMstoire.“ K. Marx, Misere de la Philosophie (1847) p. 160. Fünftes Kapitel. Deutschland. A. Das Eindringen des Erwerbsprincips in die Landwirtschaft. I. Die Steigerung der Produktionspreise. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts war ein neues Leben in die deutsche Landwirtschaft gekommen: die Preise aller Erzeugnisse gingen ganz ungeheuer in die Höhe; namentlich der Weizenpreis stieg rasch und stetig. Hatte die Tonne Weizen in Berlin im Durchschnitt der Jahre 1701—1730 84,78 Mk., die Tonne Roggen 62,72 Mk. gekostet, so wurden im Durchschnitt der Jahre 1751—1800 bezw. 125,32 und 101,42 Mk. dafür bezahlt 1 - Den Anstofs zu dieser Preissteigerung hatte England gegeben, in dem sich seit der Mitte des Jahrhunderts der gewerbliche Kapitalismus rasch zu entwickeln begann. Die Folge davon war ein stetig zunehmender Mehrbedarf an Nahrungsmitteln und Rohstoffen für die Industrie (vor allem Wolle und Flachs) bei steigenden Preisen dieser Produkte. Trotz starker Schwankungen ergiebt sich doch folgende 1 J. Conrad, Art. Getreidepreise in H.St. HI. 891. 94 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Preisskala für Weizen. Es kostete der Winchester Quarter im Durchschnitt der Jahre: 1725-1750 = 33,9 sh. 1751—1775 = 44,4 „ 1 2 3 1775—1800 = 56,1 „ 1800—1809 = 82,2 ,, 2 1810-1819 = 88,8 „ Es wurde für das Pfund Wolle in London bezahlt im Durchschnitt der Jahre 8 : 1782—1790 = 3 sh. 3 d. bis 3 sh. 9 d 1791-1800 = 4 „ - „ „ 4 „ 5 „ 1801—1808 = 6 „ 2 „ „ 6 „ 5 „ 1811-1819 = 7 „ - „ „ 8 „ - „ Der Mehrbedarf an Agrarprodukten auf dem englischen Markte stieg aber so beträchtlich, dafs die heimische Landwirtschaft, obwohl, wie noch zu zeigen sein wird, sie sich |rasch zu höherer Leistungsfähigkeit entwickelte, doch schon seit Mitte des 18. Jahrhunderts nicht imstande war, den gesamten Bedarf zu decken. Vielmehr beginnt seitdem die Einfuhr von Agrarerzeugnissen nach England stetig zu steigen. Der Durchschnitt der jährlichen Weizeneinfuhr betrug 4 * : 1760—1770 = 94000 Quarters 1770—1780 = 111000 1780—1790 = 143000 1790—1800 = 470000 1800—1810 = 555000 1 Berechnet nach der Tabelle hei Tooke und Newmarcli, Geschichte und Bestimmung der Preise. Deutsch 1862. 1, 798/99. 2 Porter, Progress of the nation. 1851. pag. 148. Für andere Lebensmittelpreise und ihre durchgängig zum Teil enorme Steigerung am Ende des vorigen Jahrhunderts vgl. das reiche Material hei W. Hasbach, Die englischen Landarbeiter in den letzten hundert Jahren. 1894. S. 123 ff. 3 Nach dem ältesten Preiskurant, der in London existiert und der bis 1782 zurückreicht, dem Princes Price Current. Mitgeteilt hei Tooke und Newmarcli, a. a. O. S. 861/62. Danach wurden obige Durchschnittszahlen berechnet. Die Jahre 1809 und 1810 mufsten weggelassen werden, weil sie Jahre einer krankhaften Preishausse waren; die Wollpreise standen in diesen Jahren zwischen 13 und 26 sh. pro Pfund. 4 W. Roscher, Über Kornhandel und Teuerungspolitik. 3. Aufl. 1852. S. 37. Fünftes Kapitel. Deutschland. 95 Und an dieser Versorgung Englands mit Nahrungsmitteln und Rohstoffen waren wenigstens die Küstengebiete Deutschlands stark beteiligt. Freilich sollte diese Blüteperiode zunächst ein Ende mit Schrecken nehmen; es ist bekannt, wie infolge übertriebener Bodenspekulation im zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts weite Gebiete des nördlichen Deutschlands von einer schweren Agrarkrisis heimgesucht wurden 1 , der dann zunächst Jahre der Stagnation folgten, die in dem Mafse empfindlicher drückten, als England begann, die Peripherie seiner Kolonialgebiete zu erweitern 2 . Da hatte Friedrich List leichtes Spiel, als er seine Agitation zu Gunsten einer nationalen Industrie von neuem begann. Er konnte an den Schicksalen der deutschen Landwirtschaft die Richtigkeit seiner Behauptung demonstrieren, dafs sich die Landwirtschaft eines Landes stets in einer prekären Lage befinde, solange sie auf den Export in fremde Länder angewiesen sei: bleibe ja doch „ihr Absatz ins Ausland . . durch natürliche Verhältnisse, wie durch gesetzliche Hemmnisse ungemein beschränkt, ungewifs und fluktuierend“, und erst die Entwicklung der Industrie im eigenen Lande leiste die erforderliche Gewähr für eine dauernde Blüte 3 . Wie gering in der That bei dem damaligen Entwicklungsgrade des gewerblichen Kapitalismus die Nachfrage nach agrarischen Produkten im eigenen Lande war, ergiebt sich aus dem Verhältnis, in dem die Erntemengen zwischen „Stadt“ und „Land“ verteilt wurden: nur etwa ein Viertel der Ernte 1 Über diese Agrarkrisis im Anfang des 19. Jahrhunderts vgl. A. Ucke, Die Agrarkrisis in Preufsen etc. 1888. 2 Das ergeben mit besonderer Deutlichkeit die Ziffern der englischen Wolleinfulir: England importierte an Wolle (nach den Angaben des Board of Trade) in Ctrn.: aus: Australien Südafrika Ostindien Deutschland 1830 19 672 334 0 264 738 1840 97 212 7 517 2 441 218 120 1850 333 523 29 599 29 599 78 134 Mitgeteilt bei Meitzen, Der Boden 2, 515. Die ausführlichste Darstellung dieser Entwicklung findet sich bei H. Janke, Die Wollproduktion unserer Erde etc. (1864), 120 ff. 186 ff. 3 Der noch heute lesenswerte Aufsatz „Über die Beziehungen der Landwirtschaft zur Industrie und zum Handel“ ist 1844 erschienen und in Lists Ges. Sehr. 2, 255 ff. abgedruckt. 90 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. wurde von städtischen Konsumenten beansprucht. Nach einer Berechnung Schubarts 1 betrug (1844) der Konsum (in Scheffeln) an: der Städter Landbewohner Weizen . . 4 263413 5 604 176 Roggen . . 12 790 239 39 229 232 Die eigentliche Hochblüte der deutschen Landwirtschaft beginnt daher auch erst mit der Ausdehnung des gewerblichen Kapitalismus in Deutschland, also wesentlich seit Mitte des vorigen Jahrhunderts, wie sich deutlich an der Preisgestaltung erkennen läfst 2 . Das dritte Viertel des vorigen Jahrhunderts ist eine Zeit fröhlich ansteigender Preise aller agrarischen Erzeugnisse. Getreide, Vieh, nebst den Erzeugnissen der Viehwirtschaft, Holz, Wolle, Flachs, Raps 3 wetteiferten mit einander, dem Landwirt die besten Erträge zu liefern. Zucker und Spiritus thaten das ihre, um die Kassen des Herrn zu füllen. Ich teile einige Ziffern mit, die das Gesagte bestätigen sollen. Es kostete 4 in Preufsen alten Bestandes die Tonne (a 1000 kg) Mk. im Durchschnitt der Jahre Weizen Roggen Gerste Hafer Erbsen 1821—30 121,4 126,8 76,6 79,8 97,0 1831—40 138,4 100,6 87,6 91,6 107,4 1841—50 167,8 123,0 111,2 100,6 130,0 1851-60 211,4 165,4 150,2 144,0 176,0 1861—70 204,6 154,6 146,0 140,2 168,2 1871-75 235,2 179,2 170,8 163,2 224,4 1 Schubart, Handbuch der allgemeinen Staatskunde des preufsischen Staats. 1846/48. Vgl. auch noch von Lengerke, Zur Statistik des deutschen Getreidebaus in der Deutschen Vierteljahrsschrift 1852. 3 Vgl. den Exkurs auf S. 87. 3 Er lieferte das für die industriellen Etablissements unentbehrliche Beleuchtungsmaterial vor Einführung des Gases oder Petroleums. Mit dem Raps, pflegte der Landwirt auf gutem Boden in den 1850 er und 1860 er Jahren zu renommieren, müssen die Hypothekenzinsen oder der Pachtschilling voll bezahlt werden können! 4 J. Conrad, Getreidepreise, im H.St. Vgl. jetzt auch die zahlreichen Preiszusammenstellungen Conrads in den Schriften des Ver. f. Soc.PoI. Bd. 90 (1900). S. 123 ff. Fünftes Kapitel. Deutschland. 97 Die Vieh- und Fleisch preise gestalteten sich folgender- mafsen. Es betrugen 1 die Preise in Berlin pro kg in Pfennigen für: im Durchschnitt der Jahre Rindfleisch Schweinefleisch 1841—50 71 79 1851—60 85 106 1861—70 100 108 1871—80 125 127 Die durchschnittlichen Preise beim Einkauf von Remonten stellen sich in Preufsen 2 bis 1838 unter 240 Mk. 1845 „ 270 1858 auf 418,50 „ 1868 „ 450,32 „ 1878 „ 665,32 „ Der Preis für Milch ist von durchschnittlich 5 Pfennige pro Quart in den 1830er Jahren auf etwa das Doppelte gestiegen. Die Butter kostete im Durchschnitte des preufsischen Staats pro Va kg 3 : 1831—40= 5 Sgr. 6 Pfge. 1841—50= 6 „ — „ 1851—60= 7 „ 4 „ 1861—70= 8 „ 11 „ 1871—74 = 11 „ 4 „ Über die Bewegung der (Bau-) Holzpreise erfahren wir dieses 4 : In Memel kostete: 1850 1860 1864 der laufende Fufs Mittelbalken Sgr. 6 12 11—42 „ „ „ Rundholz „ 4 7 7—8 1 O. Ger lach, Fleischkonsum und Fleischpreise, im H.St. Die Bewegung der Berliner Fleischpreise ist durchaus typisch, wie aus dem a. a. O. beigebrachten, reichen Zahlenmaterial hervorgeht. 2 Ernst Kirstein, Die Entwicklung der Viehzucht und die Viehnutzung im preufsischen Staat von 1816—1883. Lpz. In.Diss. 1884. S. 15. 3 Zeitschrift des Kgl. preufsischen statistischen Bureaus. 1871. S. 243 und folgende Jahrgänge. 4 Aus dem „J ahrbuch für die amtliche Statistik des preufsischen Staats“. II. Jahrgang. 1867. S. 157 f. Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 7 98 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. In Danzig bezahlte man Sgr.: 1840 1850 1859 1864 pro Fufs Kreuzholz 5—6" „ 12 14 24 24 „ Bohlen I. Sorte 4" „ 42 48 48 60 In Görlitz galt in Sgr.: das Schock mittlerer Sorte Kiefern 1840 1851 1860 1868 3" Pfosten bei 14 ' Länge 75 102 130 1 2 /3 180 Baubretter 19 20V2 25 B /a 50 Und so weiter. Überall dieselben aufsteigenden Reihen, die auch hier bis Ende der 1870er Jahre anhalten. Der Preis für das Festmeter Eichen betrug Mk. 1 : im Reg.-Bez. 1860-69 1870—74 1875—79 Königsberg. . 13,42 16,75 18,03 Breslau . . . 19,73 24,37 24,30 Münster . . . 31,63 43,88 44,77 Aachen . . . 24,61 28,64 23,78 Die Raps- und Flachspreise steigen ebenfalls wenigstens bis Ende der 1860er Jahre. Es kostete in Hamburg ein Centner (ä 50 kg) Mk. 2 : 1847—50 1851-60 1861—70 Raps . . . 12,9 15,2 15,8 Flachs. . . 44,4 50,6 73,0 Der Wollpreis hielt sich bis Ende der 1870er Jahre; er betrug in Mk. pro Ctr. 2 : 1850 3 1851—60 1861—70 1871-80 225 290 285,5 320,5 Ebenso bewahrten die Zucker- und Spirituspreise während jenes Zeitraumes eine steigende Tendenz 4 . 1 Statistisches Handbuch für den preufsischen Staat. Band I (1888) S. 236 und Band II (1893) S. 248. Vgl. U. Eggert, Die Bewegung der Holzpreise in der Zeitschrift des Kgl. preufs. statist. Bureaus. 1883. 2 J. Conrad, Agrarkrisis, a. a. O. S. 10. 3 Nach den Feststellungen Patows Hübner a. a. O. S. 16. * Reiche Preisangaben für zahlreiche Agrarerzeugnisse während der Periode von 1841/50—1871/75 enthält P. Kollmann, Das Hzgt. Oldenburg in seiner wirtschaftlichen Entwicklung während der letzten 25 Jahre. 1878. S. 315—327. Fünftes Kapitel. Deutschland. 90 II. Die Mobilisierung des Grund und Bodens. Fragen wir nun aber, wie solcherart anhaltende Preissteigerungen zu wirken pflegen, so finden wir, dafs sie zunächst wohl in den Produzenten den Erwerbstrieb wecken, die Lust erzeugen, an den, fast könnte man sagen, mühelos zu erwerbenden Schätzen teilzunehmen. Diese Änderung der Sinnesrichtung bedeutet aber bei den Landwirten eine ganz besonders grofse und bedeutsame Umgestaltung ihres gesamten Betriebes. Denn durch das Erwachen der Gewinnsucht, durch das Eindringen rationalistisch-kapitalistischen Geistes, durch die damit verbundene Umwandlung der bisherigen Bedarfsdeckungswirtschaft in eine Erwerbswirtschaft wird auch die Stellung des Eigentümers zu dem Grund und Boden, auf dem er angesessen ist, im Kern verändert. War dieser bisher als Standort und Basis standesgemäfsen Auskommens betrachtet worden, so adliger wie bäuerlicher Besitz, so wird er nunmehr als „Rentenquelle“ betrachtet, als einzig bestimmt, einen möglichst hohen Reinertrag abzuwerfen. Zu diesem Behufe mufs er mit den erforderlichen Betriebsmitteln ausgestattet werden, und das bedeutet in unserer Wirtschaftsordnung, dafs er „Kapital“ einsaugen mufs. Was das sog. Befreiungswerk der Agrarreformen rechtlich ermöglicht hatte, die freie Verwertung des Grund und Bodens zu kapitalistisch - rationalistischer Nutzung, das mufste nun, und vor allem seit dem zweiten Drittel des vorigen Jahrhunderts in Deutschland, thatsächlich vollzogen werden. Die Mittel und Wege, das gedachte Ziel zu erreichen, sind hinlänglich bekannt, um nur nötig zu haben, angedeutet zu werden. Sie bestehen zunächst in dem, was man die Trennung des Eigentums am Grund und Boden von seiner Bewirtschaftung nennen kann x , und sodann in der Bewegung des Grund und Bodens in der Richtung zum „besten Wirt“. Jener erste Vorgang findet seinen Ausdruck in zunehmender Verschuldung und Verpachtung der ländlichen Anwesen, letzterer in dem häufigen Besitzwechsel. Verschuldung und Verpachtung des Grund und Bodens sind die beiden Mittel kapitalistischer Ausbeutung, die sich bis zu einem gewissen Grade ausschliefsen. In England, wo sich erst der gewerbliche Kapitalismus und dann erst die kapitalistische Landwirtschaft entwickelt hat, war für deren Betreibung ein Stamm kapitalkräftiger 1 Der treffende Ausdruck stammt von Kautsky, Agrarfrage (1899), 91. 7* 100 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Unternehmer vorhanden, die als Pächter den landwirtschaftlichen Betrieb beginnen konnten. In rückständigeren Ländern fehlte ein solches Reserveunternehmertum, wie man es nennen möchte, und es waren die Eigentümer von Grund und Boden selber, die, so gut es ging, sich mit der Neuordnung der Dinge abzufinden suchen mufsten. Während also in England fremde kapitalistische Unternehmer als Pächter Landwirtschaft betrieben, wandelten sich in Deutschland die Eigner zu kapitalistischen Unternehmern um. Daher dort vorwiegend Verpachtung — es beträgt die Gesamtfläche des durch Eigentümer bewirtschafteten Landes in England 3894 000 acres, dagegen die des verpachteten Landes 21114000 acres, während in Deutschland die Fläche des Pachtlandes bei Grofsbetrieben (über 100 ha) 1895 nurl9,18 0, 'o ausmachte —, hier Verschuldung 1 . Die Verschuldungsstatistik ist nur sehr unvollkommen. Immerhin giebt sie uns genügenden Anhalt, um zu erkennen, dafs wachsende Verschuldung eine allgemeine Erscheinung der neueren Entwicklung ist. So betrug beispielsweise die Höhe der Pfandbriefschuld in den alten preufsischen Provinzen 2 3 : 1805= 53 891638 Thlr. 1825= 83141365 „ 1845 = 108415 763 „ 1867 = 186 601893 „ In den Jahren 1865 bis 1875 stieg dann die Verschuldungshöhe um weitere 123 Millionen Thaler, in den Jahren 1875 bis 1885 abermals um 132 Millionen Thaler 8 . Für die Anfänge der modernen landwirtschaftlichen Entwicklung, insbesondere für die 1840er und 1850er Jahre liegt über 6 Kreise verschiedener preufsischer Provinzen eine im Justizministerium gefertigte genaue Nachweisung aller Hypothekenschulden vor, die folgendes Bild giebt. Es betrug in jenen 6 Kreisen die Schuldenlast sämtlicher Güter, deren Hypothekenverhältnisse klar ersichtlich waren 4 : 1 Soweit die Landwirte das erforderliche Kapital nicht aus den Summen hatten bestreiten können, die ihnen die „befreiten“ Bauern zu zahlen verpflichtet waren. Man rechnet, dafs die Ablösungssumme im alten Preufsen 260 Mill. Mk. betrug. 2 Jahrbuch für die amtliche Statistik des preufsischen Staats I (1863), 179; III (1869), 85. 3 Vgl. H.St. I, 58. 4 Jahrbuch 1, 185. Fünftes Kapitel. Deutschland. 101 1837 = 5498284 Thlr. 1847= 8787 280 „ 1857 = 11076974 „ Sie erlitt also eine Verdoppelung in zwanzig Jahren J . Noch deutlicher tritt aber die Umwandlung des Grund und Bodens in einen Rentenfonds, der Übergang der Bedarfsdeckungsin die Erwerbswirtschaft in dem häufigen Besitzwechsel, in der „Mobilisierung“ des Grundeigentums zu Tage 1 2 . Es ist schon wieder eine Art von Rückbildung, wenn in neuerer Zeit die industrielle Bourgeoisie ihre Profitüberschüsse im Ankauf von Grund und Boden zu Luxuszwecken verwendet. Zunächst und heute auch noch in überwiegendem Mafse drückt Ankauf von Land die Absicht aus, das „Anlagekapital“ möglichst hoch zu verwerten, d. h. einen möglichst hohen Reinertrag aus dem Gute herauszuwirtschaften. Jedenfalls war das der Sinn jener häufigen Besitzwechsel in der eigentlichen Aufwärtsbewegung der deutschen Landwirtschaft um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, für welche Zeit uns, dank einem glücklichen Zufall, gerade eine der zuverlässigsten Statistiken der Besitzesänderungen zur Verfügung steht, nämlich die bekannte Aufstellung, die uns Rodbertus als Anhang zum ersten Bande seiner „Kreditnot“ mitteilt. Sie betrifft die preufsischen Provinzen Kur- und Neumark, Ostpreufsen, Pommern, Posen, Schlesien, Sachsen, Westfalen und giebt folgendes Bild: es betrug in den genannten Provinzen die Zahl der Rittergüter . . 11771. Diese unterlagen in dem Zeiträume von 1835—1864 Vererbungen. 7 903 Freiwilligen Verkäufen . . . 14404 Notwendigen Subhastationen . 1347. Mithin Besitzveränderungen überhaupt 23654, d. h. 200,9%, wovon, wie ersichtlich, weit über die Hälfte freiwillige Besitzveränderungen sind 3 . Von den gröfseren Gütern Ostpreufsens gehörten 1885 nur 154 1 Dafs die Verschuldung nicht nur Mittel zur Steigerung des Ertrages, sondern ebenso sehr und später sogar 'mehr Ausdruck bereits gesteigerten Ertrages ist, bedarf keiner besonderen Begründung. Darum bleibt es doch angebracht, das Verschuldungsphänomen zunächst in diesen Zusammenhang zu stellen. 2 Hierfür gilt ebenfalls das in Anm. 1 Bemerkte. 3 Rodbertus, Zur Erklärung und Abhilfe der heutigen Kreditnot des Grundbesitzes. Bd. I. 2. Ausgabe 1876. Anhang. 102 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. oder 12,8 °/o zum „alten“ Grundbesitz, d. h. waren länger als 50 Jahre in einer Familie. Also hatten seit 1835 77,2 °/'o ihren Besitzer gewechselt III. Das Vordringen der rationell - intensiven Betriebsweise. Was aber bedeutet das Eindringen kapitalistischen Geistes in die Landwirtschaft für deren Gestaltung selbst? Worin äufsert sich das Streben nach möglichst hohem Gewinn? Zunächst und vor allem im Übergang zu dem, was wir rationellen Landwirtschaftsbetrieb nennen, der in der Mehrzahl der Fälle auf zunehmende Intensität der Landwirtschaft hindrängt. Wenn wir uns nun im folgenden diesen Entwicklungsgang an einigen Symptomen klar zu machen suchen wollen, so müssen wir von vornherein darauf achten, dafs zwar die steigenden Preise ohne allen Zweifel den Anstofs zu jener Bewegung gegeben haben, dafs diese Bewegung aber offenbar nicht zum Stillstände gelangt ist oder gar einer rückläufigen Strömung Platz gemacht hat, nachdem seit Ende der 1870er Jahre auf der ganzen Linie der Agrarprodukte ein Rückgang der Preise eingetreten ist. Diese Erscheinung hat auch durchaus nichts Auffälliges an sich. Jetzt, nachdem infolge der früheren Preissteigerung und der dadurch hervorgerufenen Mehrproduktion sich die Grundrente gebildet und den Bodenpreis in die Höhe getrieben hat, bleibt der Stachel zur Steigerung der Erträge im Fleische der landwirtschaftlichen Unternehmer sitzen, trotzdem oder gerade weil die Preise ihrer Erzeugnisse sinken. Auf die Grundrenten-Bildung komme ich weiter unten noch zurück. Hier können wir also den Nachweis zu führen suchen, dafs seit Mitte des vorigen Jahrhunderts in ununterbrochener Entwicklung sich ein Übergang zu intensiver Kultur in unserer Landwirtschaft vollzogen hat und noch vollzieht. Die Symptome, an denen wir diese Wandlung zu erkennen vermögen, sind aber hauptsächlich folgende. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts war die Technik der landwirtschaftlichen Produktion eine wenig fortgeschrittene. Die alte Dreifelderwirtschaft war hier und da, sei es durch Besömme- rung der Brache, sei es durch Übergang zur Koppelwirtschaft (an der Küste), verbessert, herrschte aber selbst in den Gutswirtschaften nach den Zeugnissen aller Berichterstatter der Zeit, die uns in 1 J. Conrad, Agrarstatistische Untersuchungen in seinen Jahrbüchern III. F. 2, 831. Fünftes Kapitel. Deutschland. 103 reichem Mafse zur Verfügung stehen, durchaus noch vor. Der Übergang zur Stallfütterung wurde eben vollzogen; der Rübenbau war noch gering. Die Drainierung begann gerade *, die Drillkultur war noch unbekannt 1 2 , der Handdrusch noch allgemein. Die wissenschaftliche Basis des Pflanzenanbaus fehlte noch: die erste Auflage von Liebigs grundlegendem Werke erschien im Jahre 1840 3 . Zunächst hat das der Bebauung unterworfene Kulturland an Ausdehnung gewonnen: das Ödland ist verringert, das Hutungsland und teilweise das Waldgebiet haben abgenommen. Leider läfst die amtliche Statistik namentlich für die früheren Jahre manches zu wünschen übrig. Immerhin aber bringt sie doch den Entwicklungsgang im grofsen und ganzen ziffernmäfsig richtig zum Ausdruck. Danach betrug 4 in dem Preufsen alten Bestandes die Fläche des Acker- und Gartenlandes ha der ständigen Weiden (Hutungen) und des unbebauten Landes ha 1849 11 794 992 8 512 495 1858 12 973 458 4 414 671 1883 14 547 206 2 158098 1893 14 622 669 2 069 433 1 Seit 1852 in Baden: Festschrift für die Mitglieder der XXI. Versammlung deutscher. Land- und Forstwirte (1860). S. 163. Dgl. in Braun- schweig: Festschrift für die Mitgl. der XX. Vers. etc. (1858). S. 17. 2 Vgl. Ersbein, Die Drillkultur, 1863, cit. bei Fraas, Gesch. d. Landbauwissenschaft (1865) S. 437. 3 Fraas, a. a. 0. S. 340 f. 349 ff. Vgl. auch noch den bereits cit. Bericht William Jacobs, S. 97 und passim. 4 Vgl. für 1849 und 1858 Jahrbuch für die preufs. Statist. I, 114 f., für 1883 und 1893 III, 237 Stat. Han dbuch für den preufs. Staat I, 196. Etwas abweichende Ziffern für die frühere Zeit berechnet J. R. Mucke, Deutschlands Getreideertrag. 1883. S. 22. Er nimmt für die älteren Provinzen Preufsens nebst Hohenzollem als Anbaufläche des Ackerlandes an (Mill. ha): 1805 = 10,2; 1825 = 11,2; 1835 = 11,9; 1845 = 12,8; 1855 = 13,6; 1865 = 14,1; 1875 = 14,2. Seite 81 äufsert derselbe Autor die Meinung, dafs diese Ziffern für Preufsen ohne einen erheblichen Irrtum auf das ganze deutsche Reich ausgedehnt werden könnten. Für das Kgr. Sachsen enthält dessen Statistisches Jahrbuch für 1880 insbesondere folgende interessante Übersicht: Es betrug daselbst die Anbaufläche für 1843 Acker- und Gartenland . 785 180 ha Wiesen. 165 238 „ Weiden. 30 545 „ Wald. 463 306 „ Anhau von Futterpflanzen 1878 812 268 ha 186137 „ 15 529 „ 415161 „ 11 497 „ 104 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Auch die Anhaustatistik des Jahres 1893 weist also noch eine Fortsetzung dieser Tendenz auf. Auch in den Jahren seit 1883 (bezw. 1878) hat sich das Kulturland abermals noch ausgedehnt; sogar in den 8 östlichen Provinzen Preufsens hat es sich seit 1883, wie wir sehen, um weitere 80000 ha erweitert. In ganz Deutschland ist das Areal, das Getreide und Hülsenfrüchte occupierte, seit 1878 um 400000 ha, das der Hackfrüchte und Gemüse um 685000 ha, das der Futterpflanzen um 71000 ha an Umfang gestiegen. Aber diese Früchte dehnten sich aus auf Kosten der Brache und der Ackerweide, welche über 1 Mill. ha einbüfsten. Die Brache nahm 1878 noch 9°/'o der Ackerfläche ein, 1893 noch nicht 6°/o. In Preufsen ging die Brache von 1551000 ha auf 980000 ha zurück, d. i. um mehr als 30 o/o 1 . Dieser quantitativen Ausdehnung der Kultur entspricht nun aber auch durchaus die. Verbesserung der Wirtschaftsmethoden. Die alte Dreifelderwirtschaft ist allmählich völlig verdrängt; auf den grofsen Gütern ist die Fruchtwechselwirtschaft zur Regel geworden. Die Tiefkultur, der Gebrauch künstlicher Düngemittel, die Anwendung der Maschinen 2 haben eine gewaltige Aus- 1 Vgl. J. Conrad, Agrarkrisis, a. a. O. S. 20. 2 Uber die zunehmende Verwendung von Ma schin en in der Landwirtschaft vgl. A. Wüst, 25 Jahre landwirtschaftliches Maschinenwesen. Festschrift der „Deutschen landw. Presse“. 1894. 8. 18 f. Das Zeitalter der landwirtschaftlichen Maschinen läfst man füglich mit der berühmten Ausstellung solcher, die im Jahre 1838 zu Oxford im Anschlufs an die erste Tierschau der neubegründeten Royal Agriculture Society veranstaltet wurde, beginnen. Vgl. F. Bensing, Der Einflufs der landwirtschaftlichen Maschinen auf Volksund Privatwirtschaft. 1898. S. 16 ff. (ein in seinen allgemeinen Betrachtungen ebenso oberflächliches wie in seinen Details gründliches und nützliches Buch). Welch ungeheuren Aufschwung die Verwendung von Maschinen noch in den letzten Jahrzehnten, denen des „Niedergangs“ in der Landwirtschaft, genommen hat, zeigt uns die neuere Statistik. Danach betrug von den feststehenden und beweglichen Dampfmaschinen in Land- und Forstwirtschaft, Weinbau und Gärtnerei: die Zahl die Leistungsfähigkeit 1879 2 731 24 310 HP. 1897 12 856 132 805 „ Statistische Korrespondenz. Von sämtlichen landwirtschaftlichen Betrieben arbeiten (1895) 16°/o mit Maschinen, bei den Grofsbetrieben erklärlicher Weise weit mehr, 94 vom Hundert. Und zwar wurden folgende Maschinen benutzt: Fünftes Kapitel. Deutschland. 105 dehnung besonders in den letzten Jahrzehnten erfahren 1 . Was insbesondere den künstlichen Dünger anbelangt, so läfst sich seine zunehmende Verwendung ziffernmäfsig verfolgen. Anfang der 1840er Jahre beginnt die Guanoeinfuhr nach Deutschland. Im Jahre 1842 wurden in das Königreich Sachsen erst 5 Ctr. im Werte von 22.5 Thlr., 1852 dagegen schon 60483 Ctr. im Werte von 272173.5 Thlr. eingeführt 2 . In letzter Zeit hat zwar der Gebrauch von Guano abgenommen; es wurden davon nach Deutschland importiert: 1878 = 122305 t 3 1900= 39 439 „ 4 . Um ein Vielfaches jedoch wird diese Abnahme aufgewogen durch die immense Steigerung in der Verwendung der übrigen Düngersorten. An Chilisalpeter wurden eingeführt: 1878 = 50918 t 3 1900 = 484455 „ B . An Kalisalzen aber stieg die Produktion seit dem Jahre 1861, in welchem sie begann, auf 1274900 t im Jahre 1890 und 2493100 t im Jahre 1899®. Diese Mengen blieben zum gröfsten Teile in Deutsch- Art der Maschinen 1895 Gewöhnliche Dreschmaschinen .... 596 869 Dampfdreschmaschinen. 259 364 Drillmaschinen. 140 792 Mähmaschinen. 35 084 Säemaschinen. 28 673 Düngerstreumaschinen. 18 649 Dampfpflüge. 1 696 1882 268 367 75 690 vgl. Säemasch. 19 634 (63842) 836 Es zeigt sich also eine wesentliche Zunahme in der Verwendung von Maschinen; wenn bei den Säemaschinen eine Abnahme erscheint, so wird dies darauf zurückgeführt, dafs an ihrer Stelle Drillmaschinen in Gebrauch genommen wurden. Nicht berücksichtigt sind hier Hackmaschinen (zur Bodenbearbeitung) und Milchcentrifugen (zur Buttererzeugung). Stat. d. D. Reichs. N. F. Bd. 112 (1898), S. 35* f. 1 Vgl. Theod. Frh. von der Goltz, 25 Jahre landwirtschaftlicher Betrieb. Festschrift der deutschen Landw. Presse. 1894. S. 9. 2 Nach E. Engel, Das Königreich Sachsen etc. S. 292. 3 1880, 72. * 1901, 98. 6 1901, 117. 6 1901, 25. 100 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. lancl selbst; die Ausfuhr an „Abraumsalzen 11 betrug im Jahre 1899 nur 367 828 t 1 . Besondere Fortschritte hat der landwirtschaftliche Betrieb dort gemacht, wo die Zuckerrübenkultur Eingang oder weitere Verbreitung fand. Diese erfordert eine tiefe und sorgfältige Bearbeitung und reichliche Düngung des Bodens, wie sie andererseits diese nicht nur durch ihre direkten Erfolge, sondern auch dadurch bezahlt machte, dafs der Acker für die übrigen Gewächse ertragreicher wurde. Nun stieg aber seit den 1870er Jahren das mit Rüben angebaute Areal noch ganz erheblich; es waren mit Rüben bebaut: 1873/74 = 88 877 ha; 1892/93 = 352 015 ha; 1895 = 390289 ha. Ein weiteres Wachstum der Roherträge vom Ackerlande wurde durch die Ausdehnung des Zwischen- und Stoppelfruchtbaus bedingt. Beide Kulturen haben gerade in den letzten Jahrzehnten auch insofern grofse Fortschritte gemacht, als man sie auf viele Pflanzen mit Erfolg ausgedehnt hat, die man früher hierzu gar nicht oder nur ausnahmsweise benutzte: wie z. B. die Lupine, Sera- della, Senf, Wicken, Erbsen u. s. w. 2 . Gleichzeitig hat die Einsicht in die Gesetze des Pflanzenwachstums erhebliche Fortschritte gemacht; die Lehren der Chemie haben ebenso wie die Darwinschen Lehren eine weitere Verbreitung und Ausnutzung gefunden 3 . Dafs infolge aller dieser Forschritte der landwirtschaftlichen Technik eine beträchtliche Vermehrung der Ernteerträge erzielt worden ist, ist selbstverständlich. Zur Illustration mögen folgende Ziffern dienen: Nach einer aus den Wirtschaftsbüchern mehrerer Güter berechneten Erntestatistik brachten 100 ha Fläche folgenden Bruttoertrag Kornwert 4 : 1 1901, 117. Die zunehmende Düngungsintensität ist für die ältere Zeit an der Hand eines grofsen Materials nachgewiesen von J. Conrad, in seinen Agrarstatistischen Untersuchungen. Sep. 1872. S. 36 tf. 2 Vgl. von der Goltz, a. a. O. 3 Vgl. G. L i e b s c h e r, 25 Jahre allgemeiner Manzenbaulehre; W. R i m p a u, Landw. Pflanzenzüchtung; Max Maercker, Düngungswesen: sämtlich in der oben citierten Festschrift. 4 Joh. Conrad, Die Tarifreform im Deutschen Reiche nach dem Gesetz vom 15. Juli 1879. A. Die Getreidezölle in den Jahrbüchern für N.-Ö. Bd. 34 (1879) und dazu jetzt die z. T. bis auf die Gegenwart weiter geführten Tabellen in den Sehr. d. V. f. S.P. Bd. 90. Reiches Material für die frühere Zeit enthält das op. cit. von J. R. Mucke im 3., 4. und 5. Abschnitt. Vgl. ferner die Ziffern für hannoversche Güter, leider nur bis in die 1860er Jahre reichend, bei Werner Graf Goertz-Wrisberg, Die Entwicklung der Land- Fünftes Kapitel. Deutschland. 107 auf Mittelboden auf gutem Boden auf leichtem Boden 1800—1810 932,9 Ctr. — Ctr. — 1810—1820 838,9 n — 1820—1830 1195,6 n — 1830—1840 1446,5 ?? 1493,5 „ — 1840—1850 1873,8 « 2269,2 „ 1720,9 1850—1860 2054,1 2469,6 „ 1905,1 1860—1865 2681,3 2751,8 „ 2218,8 1865—1870 2720,5 2383,4 „ 2464,0 1870—1875 2440,8 >1 3127,0 „ 2883,5 Dafs aber die Intensität des Anbaus auch in den Zeiten der Depression nicht abgenommen, sondern sich weiter gesteigert hat, ist eine Thatsache, die durch Statistik und Erfahrung bestätigt wird. Für die Zeit von 1878—1893 besitzen wir dafür den genauen ziffernmäfsigen Nachweis wiederum in einer der zahlreichen Dissertationen der Universität Jena, denen wir so viel Aufschlüsse über die Entwicklung der deutschen Landwirtschaft im 19. Jahrhundert verdanken L Ebenso aber wie der Ackerbau hat sich auch die Viehzucht entsprechend gehoben: Bis in die Mitte des Jahrhunderts war ein Hauptgewicht auf die Schafzucht gelegt worden. „Die Schafzucht, so konnte ein so erfahrener Landwirt wie von Thünen feststellen, ist für den gegenwärtigen Moment die Angel, um welche sich die ganze Wirtschaftseinrichtung dreht * 1 2 .“ Man hatte sich viel Mühe gegeben, um die Wollerzeugung zu heben; die gemeinen Wirtschaft auf den Gloertz-Wrisbergschen Gütern etc. 1880. S. 28 f. Für die Jahre 1832—1854 enthält eingehende Ertragsberechnungen (für das Fürstt. Schwarzburg-Sondershausen) die Festschrift zur 17. Generalvers. des landw. Centralvereins der Prov. Sachsen etc. 1862. S. 95 ff. Sie ist jetzt in dankenswerter Weise fortgeführt worden in der gehaltvollen Jenaer Diss. von G. Oldenburg, Die Veränderungen in der landw. Betriebsweise der Unterherrschaft des Fürstent. Schwarzburg-Sondershausen. 1898. Aus der späteren Litteratur vgl. auch noch: Wagner, Die Steigerung der Koherträge in der Landwirtschaft. 1897. 1 Fel. Pickardt, Die Veränderung in der Betriebsweise der deutschen Landwirtschaft seit dem Jahre 1878 (1896). 2 von Thünen, Isol. Staat § 30. Vgl. jetzt die gründliche Arbeit von F. Dzialas, Die Entwicklung und die Bedeutung der Schafhaltung in der deutschen Landwirtschaft während des 19. Jahrhunderts. Jenaer Diss. 1898. 108 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Schafrassen wurden allmählich durch die edleren verdrängt. So betrug die Zahl der 1816 1849 Merinoschafe. 719 200 4 452 913 halbveredelten Schafe . 2 367 000 7 942 718 Landschafe. 5 174 186 3 901 277 Die Wollproduktion stieg von 18172 871 Pfd. im Jahre 1816 auf 35 853242 Pfd. im Jahre 1849 L Seit Mitte des Jahrhunderts dagegen wird die Schafhaltung stark vermindert; Rindvieh und Schweine treten mehr und mehr an ihre Stelle. Die Rassen sämtlicher Viehsorten haben sich veredelt; die Stallfütterung — begünstigt durch die Abfallproduktion der Zucker- und Spiritusindustrie — ist allgemeiner geworden; die Ausbeute vom einzelnen Stück an Fleisch, Milch etc. ist beträchtlich gestiegen. Die Viehstandsbewegung kommt durch folgende Ziffern zum Ausdruck: Es wurden gezählt 1 2 3 : Pferde Rindvieh Schafe Schweine Anfang der 1860 er Jahre 3 193 700 14 999 200 28 016 800 6 462 600 1873 3 352 231 15 776 702 24 999 406 7 124 088 1883 3 522 545 15 786 764 19 189 715 9 206 195 1892 3 836 256 17 555 694 13589 612 12 174 288 1897 4 038 485 18 490 772 10866 772 14 274 557 1900 4 184 099 19 001 106 9 672 143 16 758 436 Dieterici nimmt für die Jahre 1828 und 1840 gleichmäfsig das durchnittliche Schlachtgewicht für ein Rind mit 440 Pfd. an; danach würde das Durchschnittsgewicht seitdem um mehr als die Hälfte gestiegen sein, wenn wir heute das Rind zu einem mittleren Lebendgewicht von 8 Otrn. annehmen 8 . v. d. Goltz 4 * * * schätzt die Vermehrung des Gewichts und damit 1 Nach der vom Frlirn. von Patow verfertigteu Statistik der Wollproduktion Hübner, a. a. 0. S. 16. 2 1897, 33. 1898, 26. 1901, 20. 3 E. Kirstein, a. a. 0. S. 25 , 26. 4 A. a. 0. S. 9. Nach II. Werner, 25 Jahre Rindviehzucht, a. a. 0. S. 14 würde die Steigerung des Lebendgewichts des Rindviehs allein in den Jahren 1883—1892 18,3% betragen haben. Zu einem gleichen Ergebnis kommt man, wenn man die von einem Stück Vieh gelieferten Düngermengen in den verschiedenen Zeitpunkten miteinander vergleicht, wie es z. B. Conrad in seinen Agrarstatistischen Untersuchungen (Jahrbücher für N.-O. Bd. XVIII Fünftes Kapitel. Deutschland. lüf> der Leistungen der einzelnen Tiere durch rationellere Züchtung und Fütterung innerhalb der letzten 20 Jahre auf mindestens lO°/o. An Stelle der Schafe ist, wie obige Tabelle zu erkennen giebt, vorzugsweise Rindvieh, namentlich Milchvieh getreten. Besonders wichtig ist auch der Übergang von den langbeinigen, flachrippigen, grofshörnigen Rindviehrassen zu den Kreuzungen mit Shorthorns, deren Einführung in Norddeutschland in der Hauptsache seit der Hamburger Ausstellung im Jahre 1863 erfolgte h Endlich ist auch der Wald in intensivere Kultur übergegangen. Die früheren Schälwaldungen sind wesentlich eingeschränkt. Die Mittel- und Hochwaldkulturen werden rationeller und einträglicher betrieben. Den wesentlichsten Einflufs auf den Reinertrag der Waldungen übt die Höhe des Nutzholzprozentes. Dieses ist nun überall in den deutschen Wäldern ganz erheblich vermehrt worden. In Bayern stieg die Nutzholzausbeute von 19°/o im Jahre 1860 auf 43% im Jahre 1890; in Preufsen von 27% (1860) auf 39% (1887); in Baden von 28% (1860) auf 36,2% (1887) * 1 2 . IV. Das rasche Anwachsen der Grundrente. Drücken wir die im Vorstehenden skizzierte Entwicklung der Landwirtschaft 3 kapitalistisch aus, so haben wir zu sagen: Infolge zunehmender Mehrproduktion bei steigenden Preisen steigen S. 54) thut. Dort berechnet er für eine preufsische Domäne pro Haupt Vieh Düngerproduktion 1836—40 = 15,1 Ctr. 1840—50 = 25,9 „ 1850—60 = 26,4 „ 1860—65 = 30,5 „ 1865-70 = 35,2 „ Es ist bekannt, dafs ein gröfseres Stück Vieh mehr Futter braucht und infolge dessen mehr Dünger erzeugt. Mag also auch ein Teil jener Mehrproduktion von Dünger auf reichlichere Ernährung zurückzuführen sein: sicherlich ist ein Teil der Zunahme auf Gröfscnzunalime zu rechnen. 1 H. Werner, a. a. O. 2 Vgl. M. Endres, Forsten (Forstpolitik) im H.St. III, 618. 3 Es war nicht der Zweck dieser Skizze, eine erschöpfende Geschichte der Landwirtschaft im letzten Menschenalter zu liefern; nur auf die Feststellung der Grundzüge bei der Entwicklung kam es an. Aufser den citierten Schriften wurden für die Darstellung herangezogen und sind zu vergleichen: Th. von der Goltz, Die Entwicklung der ostpreufsischen Landwirtschaft; in Schmollers Jahrbuch VII (1888), 809—865. Boleslaw von Brodnicki, Beiträge zur Entwicklung der Landwirtschaft in der Provinz Posen während der Jahre 1815—1890. Leipz. I. D. 1893. 110 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts mindestens bis Ende der 1870er Jahre die Kein ertrage von der Flächeneinheit, und mit ihnen gehen Grundrenten und Bodenpreise naturgemäfs ebenfalls in die Höhe. Um die Steigerung der Reinerträge zu erfahren , besitzen wir zwar kein umfassendes statistisches Material, aber doch genügend reichliche Einzeldaten, die durch ihre Übereinstimmung recht beweiskräftig sind. Eine der Domänen der Grafen Stolberg-Wernigerode, deren Reinerträge im 17., 18. und während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts keine wesentliche Steigerung, wenn auch erhebliche Schwankungen aufweisen, bringt in den 1880er Jahren das Doppelte an Ertrag denn 30 Jahre vorher. Die Reinerträge betrugen im Durchschnitt der Jahre 1 : 1579—85 = 11550 Mk. 1646—56 = 7 350 1780—89 = 18 831,36 n 1830—40 = 17 486,97 „ 1840—49 = 28 258,95 „ 1880— 83 = 59077,18 „ Die Reinerträge der Schaffgotschen Herrschaft Kynast in Schlesien bezifferten sich 2 3 183140 auf 118117,86 Mk. 1851/60 „ 157 351,19 „ 1861/70 „ 199876,73 „ 1871/80 „ 245 754,39 „ Eine Reihe von Angaben macht Rudolf Meyer auf Grund persönlicher Erkundigungen in einer seiner letzten Schriften 8 . Ein Gut im Posenschen mit vorwiegendem Körnerbau und einigem Rübenbau lieferte einen Reinertrag: 1860—65 von 18000 Mk. 1866-70 „ 21000 „ 1871—75 „ 21000 „ 1876—80 „ 25000 „ 1881— 85 „ 37 000 „ 1886—90 „ 38000 „ 1 Al. Backhaus, Entwicklung der Landwirtschaft auf den Gräflich Stolberg-Wernigerodischen Domänen. 1888. S. 266/67. 2 Jos. Heisig, Die Entwicklung der landwirtschaftlichen Verhältnisse auf den v. Schaffgotschen Güterkomplexen. Hallenser Diss. 1883. S. 35. 3 Rud. Meyer, Das Sinken der Grundrente. 1894. S. 107 ff. Fünftes Kapitel. Deutschland. 111 Die andern Beispiele betreffen Güter in Österreich-Ungarn, die aber als analoge Fälle sehr wohl angeführt zu werden verdienen. Ein reines Korngut in Ungarn brachte Reinertrag: 185(3—59 = 12040 fl. 1860—05 = 12040 „ 1866—70 = 16630 „ 1871—75 = 24460 „ Von da ab beginnen die Erträge zu sinken. Ein Gut in Böhmen ergab: 1859/63 = 30324 fl. 1864/68 = 32162 „ 1868/73=33 929 „ 1874/78 = 32 891 „ Im Grofsherzogtum Hessen schätzte man den Reinertrag des Grund und Bodens 1826 auf 10 Mill. Mk., 1877 auf 32,9 Mill. Mk. den mittleren Kaufwert 1857 auf 1368 Mk. pro ha, 1877 auf 2166 Mk. 1 Die Staatsforstwirtschaft des Grofsherzogtums Oldenburg ergab einen Reinertrag im Jahre 1852/53 von 5,29 Mk. pro ha, „ „ 1876/77 „ 10,15 „ „ „ 2 . Aufserordentlich detaillierte Angaben über die Roh- und Reinerträge eines Gutes im Königreich Sachsen seit dem Jahre 1834 macht Carl F. Petermann. Er kommt zu dem Ergebnis 3 , dafs der Reinertrag pro sächsischen Acker sich bezifferte im Durchschnitt der Jahre: 1834—43 auf 30,31 Mk. 1844-53 „ 31,96 „ 1854-63 „ 41,86 „ 1864—73 „ 53,82 „ 1874-83 „ 48,76 „ 1 J. Conrad, Grundrifs zum Studium der politischen Ökonomie. 1896. 1, 31. 2 P. Kollmann, Das Hzgt. Oldenburg in seiner wirtschaftlichen Entwicklung während der letzten 25 Jahre. 1878. S. 184. 3 Carl F. Petermann, Über den Einflufs, welchen die Umgestaltung der Verkehrs- und landwirtschaftlichen Verhältnisse auf den Grad der Intensität und auf die Produktionsrichtung der sächsischen Landwirtschaft ausübt. 1885. S. 68. 112 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Sehr lehrreich sind auch die Angaben, die Th. von der Goltz über die Entwicklung der Ertragsverhältnisse in der Provinz Ost- p reu Isen macht 1 . Lehrreich besonders durch die Trennung, die er vornimmt zwischen der Verzinsung des Kaufpreises im Meliorationskapital und den darüber hinaus erzielten Reinerträgen. Danach lieferte ein bestimmtes Gut im Regierungsbezirk Königsberg, 9—10 Meilen von der deutschen Ostseeküste entfernt, Wirklich erzielter Reinertrag Mk. 4 I, 2% vom Kaufpreise nebst 5 °/o vom Meliorationskapital Mk. Überschiefsender Reinertrag Mk. 1856/57 18483 13 500 4 987 1860/61 18 592 15 000 3 592 1870/71 27 850 18 000 9 850 1880/81 30 239 19 675 10 564 Das untrüglichste Symptom vermehrter Reinerträge sind nun aber steigendePachtpreise. Nach Conrads Angaben 2 betrug die Pacht bei den Staatsdomänen in den alten preufsischen Provinzen pro ha excl. Unland 1849 = 13,90 Mk. 1864 = 20,23 „ 1869 = 26,41 „ 1879 =35,53 „ 1884 = 38,30 „ 1889/90 = 39,09 „ Dieselbe Entwicklung nahmen die Pachtpreise auf den königlich sächsischen Domänen. Es trugen Pachtgelder die Domänen in Mk. 3 * * * * 8 : 1 von der Goltz, Die Entwicklung der ostpreufsischen Landwirtschaft; im Jahrbuch für Gesetzgebung etc. VII (1883), 860. 2 Landwirtschaft III. Teil in Schönbergs Handbuch. 3. Auü. 1890. S. 212. Vgl. für die Prov. Sachsen die genauen Angaben bei E. Pommer, Beiträge zur Geschichte der Landwirtschaft im Reg.-Bez. Merseburg. 1884. Für die Provinzen Posen und Pommern enthalten noch genauere Ziffern Conrads „Agrarstatistische Untersuchungen“ in seinen Jahrbüchern III. F. Bd. VI und X. Das Ergebnis ist dasselbe: Verdreifachung der Pachtzinse seit 50 Jahren. Jetzt hat C. die verschiedenen Tabellen (bis auf die Gegenwart weitergeführt) in dem 90. Bande der Sehr, d, V. f. S.-P., S. 135, zusammengestellt. 8 Otto Böhme, Entwicklung der Landwirtschaft auf den Kgl. sächsischen Domänen. 1890. S. 47—49. Fünftes Kapitel. Deutschland. 113 Ostra Lohmen Gorbi tz 1844—56 27 000 1845—57 — — 8 700 1856—68 40 125 — _ 1857—69 — _ 18 615 1868-80 — 18 360 _ 1869-81 — — 24156 1880-92 45 000 20400 _ 1881—93 — — 29 000 Die Gräflich Stolberg-Wernigerodischen Domänen lieferten folgende Pachtpreise in Thalern 1 2 : Wasserleben Driibeck Stapelburg 1750 2 000 1600 3000 (1730) 1850 5 500 2300 3145 1870 10 355 3572 3854 1890 15 000 4975 5000 Eine statistisch besonders zuverlässige Individualermittelung für Ländereien im Oldenburgischen ergiebt folgendes Resultat. Es hat sich der Pachtzins pro ha von 1850—1875 gehoben bei 2 : Geestweideland der Gemeinde Westerstede um absolut 29,6 Mk. °/o 122,03 Geestwiese ebenda. 13,3 „ 116,09 geringer Geestwiese der Gemeinde Zetel » 6,1 „ 59,50 Marsch wiese ,, „ „ n -2,6 B — 7,71 (NB. der Über- Marschland „ „ „ » 37,6 „ 54,66 schwemmung Gestwiese der Gemeinde Osternburg . . 77 20,8 „ 26,09 ausgesetzt.) Marschfettwiese der Landgemeinde Elsfleth (Hamm I). 71 64,9 „ 57,29 Marschfettwiese der Landgemeinde Elsfleth (Hamm 3 b). 77 71,2 „ 68,23 Grodenland des Katharinengrodens (Parzelle 5). 21,0 „ 17,71 Grodenland des Katharinengrodens (Parzelle 10). 77 - 0,02 „ — 0,01 Man geht wohl nicht fehl, wenn man die Beträge der gezahlten Pachten, zumal bei grofskapitalistischen Landwirtschafts- 1 Al. Backhaus, a. a. 0. S. 86. Vgl. auch Werner, Graf Goertz- Wrisberg, a. a. 0. S. 16/17. 2 P. Kollmann, Das Hzgt. Oldenburg etc. S. 833. Sorabart, Der moderne Kapitalismus. II. 8 114 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. betrieben wie den Domänenbetrieben, als die Grundrente, also den Surplusproiit ansieht, den der Grund und Boden über den landesüblichen Unternehmerprofit abwirft h In jenen Ziffern kommt also auch annähernd das Steigen der Grundrenten seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts zum Ausdruck. Nichts anderes aber als geronnene, wie man zu sagen pflegt, kapitalisierte und in Zeiten aufsteigender Konjunktur meistens schon anticipierte Grundrente ist der Boden preis, dieser letzte Ausdruck kapitalistischer Landwirtschaft. Sein Steigen ist die Reflexbewegung der in der Vergangenheit vermehrten, bezw. wiederum der Vorwegnahme zukünftig erhoffter Reinerträge. Die Statistik der Bodenpreise, zumal wo es sich um Vergleichungen mit der Vergangenheit handelt, ist sehr unvollständig 2 . Immerhin reicht das Material, das vorliegt, für unsere Zwecke aus. Es giebt uns in so übereinstimmender Weise Belege für die deduktiv gewonnene Ansicht von der Bodenpreissteigerung seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts an die Hand, dafs wir an der Richtigkeit dieser Ansicht kaum noch zweifeln dürfen. Am besten unterrichtet sind wir über die Entwicklung der Bodenpreise während der vorletzten Jahrhunderthälfte in Baden, Sachsen, Mecklenburg-Schwerin und Oldenburg. Eine gute Übersicht über die Steigerung der Bodenpreise gewährt eine mecklenburgische Statistik, die uns den Preis der Lehn- und Allodialgüter in Mecklenburg-Schwerin während der hundert Jahre von 1770—1878 bekannt giebt. Danach betrug 3 der Durchschnittspreis der Hufe in Mk. der Allodialgüter der Lehngüter 1830—39 63 635 56 136 1840—49 93 315 90 492 1850-59 118 696 113 216 1860—69 180441 152 341 1870—78 158 245 133 046 1 Natürlich nur insoweit nicht andere Momente, wie „Landhunger“ in kleinbäuerlichen Gegenden od. dgl. preissteigernd einwirken. 2 Vgl. die erschöpfende Kritik P. Kollmanns, Die Kaufpreise des Grundeigentums im Grofsherzogtum Oldenburg von 1866 bis 1893 (S. A. aus G. von M ayrs Allgemeinem statistischen Archiv Bd. IV, 1. Halbband). 1895. S. 1 ff. Für Preufsen bis 1867 vgl. Meitzen, Der Boden etc. III, 413 f. und das abschliefsende Urteil S. 423. 3 Beiträge zur Statistik Mecklenburgs Bandl. 1880. Vgl. dazu H.Paasche, Die Entwicklung der Kaufpreise des ritterschaftlichen Grundbesitzes in Fünftes Kapitel. Deutschland. 115 Ähnliche Ziffern — für Bauernland — liegen aus dem Grofs- herzogtum Oldenburg vor * 1 . Dort wurde bei den zum Verkauf gelangenden Banerngütern der ha durchschnittlich bezahlt mit Mk.: im Jahre in der Marsch in der Geest 1840 853 357 1855 1340 331 1875 2291 1039 Eine Vergleichung der in den Jahren 1869/93 durchschnittlich erzielten Verkaufspreise mit dem Betrage des kapitalisierten Grundsteuerreinertrags (vor 1850) ergiebt für den Zeitraum 1869—93 gegenüber der Zeit vor 1850 eine Wertsteigerung im ganzen Herzogtum 2 : für: Marsch-Hofräume und Gärten . Geest- ,, ,, n Marschland. Ackerland. Wiesen. Holzungen. Unkultiviertes Land und Unland von : 684,90% 373,13 „ 110,96 „ 152,89 n 153,16 „ 142,07 „ 237,24 „ Diese Ziffern finden ihre Bestätigung in einer Reihe von Mitteilungen, die für die benachbarten hannoverschen Bezirke des Regierungsbezirks Stade bei Gelegenheit der 50jährigen Jubelfeier des Provinzial-Landwirtschafts-Vereins zu Bremervörde gemacht wurden. Aus dem Verdener Bezirke wird in der Festschrift berichtet: „Dafs die Kaufpreise von ländlichem Grundbesitze in den letzten 50 Jahren auch in der Verdener Gegend, in der Marsch wie auf der Geest, sehr erheblich, ja um das Mehrfache — öfters bis zum Siebenfachen — gestiegen sind, ist eine bekannte Thatsache.“ Dann werden einzelne Fälle angeführt: Ein Hof wurde für 40000 anfang der 1880er Jahre verkauft, dessen etwas gröfseres Pendant 50 Jahre früher 4200 Thlr. gekostet hatte; ein 5 Morgen grofses Grundstück im Dorf Hemelingen, Amt Achim, wurde 1885 Mecklenburg-Schwerin von 1770—1878 in den Jahrbüchern für N. Ö. N. F. Bd. II. S. 311. Übrigens waren in dem Exportlande M. die Preise von Ende des 18. Jahrhunderts bis in die 1830 er Jahre schon wie 100: 200 gestiegen. 1 Vgl. P. Kollmann, Die Kaufpreise etc. S. 43. 2 Kollmann, a. a. O. S. 84. 110 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. für 2000 Thlr. veräufsert und kostete 50 Jahre früher 600 Thlr. u. s. w h Aber warum ich dies alles an dieser Stelle erörtere? Wesentlich um den Kausalzusammenhang herzustellen zwischen der allgemein-kapitalistischen Entwicklung und einigen unmittelbaren Folgeerscheinungen, deren Auftreten für die Umbildung der gewerblichen Organisationsformen, wie später zu zeigen sein wird, von hervorragender Bedeutung ist. Gemeint sind: 1. die durch den Übergang zur intensiven Landwirtschaft und die Entstehung der Grundrente vielfach hervorgerufene Änderung der Produktionsrichtung; vor allem aber 2. die ebenfalls damit im engsten Zusammenhänge stehende Auflösung der überkommenen ländlichen Arbeitsverfassung; 3. der Wegfall der Markennutzung. B. Die unmittelbaren Folgen der veränderten Produktionsweise. I. Die Änderung in der Produktionsrichtung. Eine Änderung der Produktionsrichtung nenne ich zunächst die Verschiebung des Standorts für ganze Produktionszweige, wie vor allem der Waldkultur. Die moderne Entwicklung, solange sie wenigstens in aufwärts sich bewegender Richtung vor sich ging, drängte von zwei Seiten auf eine Beseitigung des Waldes aus den Centren wirtschaftlicher Hochkultur. Als die Holzpreise zu steigen anfingen, bedeutete das bei der Eigenart der Forstwirtschaft nicht etwa ein Moment zur Ausdehnung der Waldkultur, sondern einstweilen nur einen Anreiz zum Abholzen, zur Vernichtung des Waldes. Wenn auch in Deutschland eine Reihe von Umständen, namentlich wohl die That- sache, dafs ein so überwiegender Teil unserer Wälder nicht in Privatbesitz sich befindet, jener Devastationstendenz entgegengewirkt hat, der andere Länder zum Opfer gefallen sind, so ist doch ohne Zweifel in den Jahren rasch steigender Holzpreise, als die Auslandskonkurrenz noch nicht so entscheidend eingreifen konnte, ein beträchtlicher Teil des Waldes wenigstens aus der 1 Vgl. noch für das Fürstent. Schwarzburg-Sondershausen die oben S. 107 cit. Schriften; für die Provinz Posen die Arbeit von Sarrazin in Thiels Landw. Jahrb. 1897; für den Saalkreis Halle das gehaltvolle Buch von C. Steinbrück, Die Entwickelung der Preise des städt. und ländL Immobilienbesitzes etc. 1900. Fünftes Kapitel. Deutschland. 117 näheren Umgebung der Städte verschwunden. Um so mehr, als auch, abgesehen von dem Anreiz zum Schlagen, den steigende Holzpreise ausüben, die fortschreitende Intensivierung der Landwirtschaft eine Zurückdrängung der Waldkultur rentabel erscheinen läfst. In dem Mafse nämlich, wie die Bodenerträge überhaupt steigen, gewährt die Waldrente nicht mehr eine dem allgemeinen Stande des Bodenpreises entsprechende Rentabilität auf Böden, die anderer Nutzung zugänglich sind. Die Folge ist, dafs die Waldkultur sich auf die absoluten Waldhöden oder an die grundrentenlose Peripherie des wirtschaftlichen Kulturkreises zurückzieht. Ermöglicht wird diese Verschiebung durch die Verbilligung der Transportkosten infolge verbesserter Verkehrsmittel. Die angedeutete Entwicklung ist also keine Widerlegung, sondern eine Bestätigung für die Richtigkeit der Thünenschen Kreistheorie. In einer Zeit der Achsenbeförderung gehört der Wald ebenso sehr in die zweite Zone wie in unserer Zeit vervollkommneter Transporttechnik (und Produktionstechnik, denn die Einführung der Dampfsägerei, zumal der transportabeln, hat in gleicher Richtung mitgewirkt) an die Peripherie des Wirtschaftsgebiets 1 . Der Wald ist aber des ferneren auch an jener zweiten Kategorie von Vorgängen beteiligt, die ich unter der Bezeichnung einer Änderung der Produktionsrichtung zusammenfasse: nämlich an dem, was man eine Differenzierung der Produktion und Trennung des Standorts für früher einheitliche Produktionszweige nennen kann. Das Streben, eine möglichst hohe Rente bei den verbleibenden Waldungen zu erzielen, hat dazu geführt, nur die dem betreffenden Standorte jeweils entsprechende Kultur zu treiben, beispielsweise in Industriegegenden die gesamten Waldbestände auf die Lieferung von Grubenhölzern zuzuschneiden u. s. w. Wo aber ganz deutlich eine Teilung ursprünglich einheitlicher Produktion infolge gestiegener Grundrente eingetreten ist, das ist in der Viehzucht. Die steigenden Fleischpreise haben mehr und mehr bei Schaf, Schwein und Rind, soweit letzteres nicht als Milchtier genützt wii’d, also eine noch intensivere Verwendung findet, ihre Züchtung unter den Gesichtspunkt möglichst hoher Fleischgewinnung gestellt. Das bedeutet aber produktionstechnisch eine Beeinträchtigung der Quantität und Qualität dessen, was man die Nebenprodukte der Tierzucht nennen kann: das Fleischschaf liefert schlechtere Wolle, das englische „Fleischschwein“ viel 1 Vgl. hierzu auch E. Sax, Verkehrsmittel 2, 51/53. 118 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. schlechtere Borsten als z. B. das langhorstige polnische Landschwein 1 , die „Shorthorn“ - Rassen der Milch- und Fleischkühe haben eine viel geringere Hornausbeute als die früheren Landrassen. All’ diese im Centrum des Grundrentenkreises verkümmernden Nebenprodukte werden nun in einer weiteren Entfernung vom Mittelpunkte des europäischen Wirtschaftslebens gewonnen, dort, wohin auch mehr und mehr infolge einer extensiven Viehnutzung (Liebigs Fleischextrakt!) die Gewinnung des wichtigsten aller tierischen Nebenprodukte: der Haut (des Rindes) verlegt wird. Endlich will ich noch einer Veränderung in der Produktionsrichtung Erwähnung thun, das ist der Wegfall bestimmter Produktionsarten infolge ebenfalls wieder steigender Bodenrente. Hierbei habe ich vor allem zwei ganz ungemein wichtige Produktionsarten im Auge, die seit dem Übergang zu intensiver Landwirtschaft allmählich wenn nicht ganz verschwunden so stark eingeschränkt sind; der Flachsbau und die Schälwaldkultur, die beide bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts eine grofse Rolle im deutschen Wirtschaftsleben spielten. Dafs in beiden Fällen natürlich die verringerte Nachfrage bezw. die sinkenden Preise mitbestimmend für die Einschränkung gewesen sind, ist aufser Zweifel, Aber mehr noch hat das Streben, Feld und Wald für andere Produkte, die höheren Ertrag versprechen, vorteilhafter zu nutzen, zu einer Beseitigung oder starken Einschränkung der beiden Kulturen geführt. Ich mufs mich hier mit wenigen Andeutungen begnügen und verweise im übrigen auf die umfangreiche Speciallitteratur. Eine vom preufsischen Landesökonomiekollegium im Jahre 1854 herausgegebene Schrift, die den Zweck hatte, für die Anlage von Eichenschälwaldungen Stimmung zu machen, bemerkt in einer , grandiosen Periode des Vorworts, dafs „die aus der Vorzeit über- liefertenEichenwälder mehr und mehr ahn ehmen, indem der zu Eichenbaumholzzucht geeignete bessere Waldboden gröfstenteils zur landwirtschaftlichen Benutzung in Anspruch genommen wird, und der an sich weniger fruchtbare Boden, welcher früher seine Tauglichkeit für die Eichenbaumholzzucht dadurch erhielt, dafs bei der früheren geringeren Abnutzung der Waldungen, die Produktion des Waldes zum grofsen Teil dem Boden wieder zu gute kam und ihn humus- 1 „Die Produktion von deutschen Borsten geht stetig zurück und (es) wird auch die Qualität (derselben) immer geringer.“ Bericht der H.K. Frankfurt a. M. für 1897. S. 183. Fünftes Kapitel. Deutschland. 110 reich machte, gegenwärtig mehr und mehr verarmt und Eichenbaumholz nicht mehr zu produzieren vermag, nachdem die gestiegenen Bedürfnisse einer zahlreicheren Bevölkerung und beträchtlich vermehrten Ackerlandes dazu Anlafs gegeben haben, nicht allein die gesamte Holzerzeugung den Wäldern vollständig zu entnehmen, sondern an vielen Orten auch die abfallenden Blätter und Nadeln zur Benutzung als Streu und Dungmaterial oder für andere Zwecke den Waldungen zu entziehen und dadurch grofse Flächen, auf denen früher bei beträchtlichem Humusgehalt des Bodens die Eiche noch gedeihen konnte, durch Verminderung der humosen Bodenbestandteile für die Eichenbaumholzzucht untauglich geworden sind“. Diese Verminderung der Eichenwaldungen macht sich aber für die Lieferung von Eichenlohe um so mehr fühlbar, „als die dringenden Bedürfnisse an Eichenbau- und Nutzholz nicht gestatten, alles Eichenholz in der Saftzeit zu fällen, um die Rinde zur Lohnutzung zu gewinnen, oder alle Eichenbestände, auf dem zur Eichenbaumholzzucht genügenden Boden, bevor das Holz seine vollständige Nutzbarkeit erreicht hat, lediglich zum Zwecke der Lohegewinnung abzutreiben“ h Zum Rückgang des Flachsbaus hat sowohl das Streben beigetragen, die bisher mit Flachs (oder Hanf) bestandene Bodenfläche besser zu nützen, als auch der Umstand, dafs die für den Flachsbau erforderliche Arbeit mit den anderen durch die Intensität der Landwirtschaft notwendig werdenden Arbeiten kollidierte 2 . Über die mit Flachs und Hanf bestandene Fläche und ihre fortschreitende Verkleinerung geben folgen Zahlen Aufschlufs: Im Königreich Preufsen 3 betrug die Anbaufläche für: Flachs Hanf ha ha 1878 92407 3953 1883 76530 3679 1893 41 232 1955 1 Über die Anlage und Bewirtschaftung von Eichenschälwaldungen mit besonderer Berücksichtigung der mittleren Provinzen des preufsischen Staates. Nach Mitteilungen des Kgl. Oberförsters Bando zu Neustadt-Eberswalde und des Kgl. Forstmeisters von Hagen zu Berlin, herausgegeben vom Kgl. Preufsischen Landes-Ökonomie-Kollegium. 1854. 2 Vgl. A. Rüfin, Der Flachsbau und die Flachsbereitung in Deutschland. 1853. S. 1/2 f. 16. 3 Statistisches Handbuch für den preufs. Staat. Bd. III. 1898. S. 239. 120 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Im Königreich Bayern 1 sind die entsprechenden Ziffern für Flachs und Hanf zusammen: 1863 44765 ha 1878 21718 11 1883 15 543 11 1893 12 876 11 II. Die Neugestaltung der ländlichen Arbeitsverfassung. Die zweite wichtige Folgeerscheinung des Übergangs zur rationellen Landwirtschaft, von der wir hier Kenntnis nehmen wollten, ist die Neugestaltung der ländlichen Arbeitsverfassung, genauer gesprochen, die Veränderung, welche die Bedingungen der Arbeit auf dem Lande in rechtlicher wie that- sächlicher Beziehung erleiden. Hier ist in erster Linie zu erwähnen die Auflösung der alten patriarchalischen Gutswirtschaft mit Quotal-, bezw. Naturallöhnung der Arbeiter, wie sie vor allem in den preufsischen Provinzen östlich der Elbe bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts fast ausschliefslich geherrscht hatte. Diese ältere Gutswirtschaft, die wir uns noch in weitem Umfange als autonome Produktions- und Konsumtionsgenieinschaft mit Überschufsproduktion vorzustellen haben 2 , hatte auf wesentlich zwei Kategorien von Arbeitskräften sich aufgebaut: 1. dem Gesinde 3 , den Arbeitern in Haus und Hof, denen namentlich auch die Besorgung und Wartung des Viehs obliegen. Von diesen Gesindeleuten waren die Ledigen in die Wohn- und Efsgemeinschaft des Gutes selbst eingegliedert, die Verheirateten sahen den Rauch des eigenen Herdes, blieben aber insofern mit der Gutswirtschaft vereinigt, als sie feste Beträge in Naturalien als wesentlichen Bestandteil der Löhnung, vor allem auch die Wohnung in natura von der Herrschaft empfingen. 2. den „kontraktlich gebundenen Arbeitern“, denen die Feld-, d. h. die Bestell- und Erntearbeiten, nebst den Verrichtungen auf der Tenne zufielen. Unter diesen kontraktlich ge- 1 Statist. Jahrb. für das Kgr. Bayern. Erster Jahrgang 1894. S. 30. - A german farm usually supports itself, care being taken to want as possible that is not supplied by tlie ground bemerkt selbst für den Westen Deutschlands noch Banfield 1, 20. 3 Zu vergleichen sind vor allem Knapp, Bauernbefreiung, und Max W eber, Entwicklungstendenzen. Fünftes Kapitel. Deutschland. 121 bundenen Arbeitern alten Stils ragen zwei besonders wichtige Kategorien hervor: die Instleute und die Dreschgärtner; letztere in Teilen von Schlesien, erstere im übrigen Ostelbien fast allgemein verbreitet. Die Insten hatten sich wesentlich aus denjenigen handdienstpflichtigen Kleinbauern rekrutiert, die bei der Agrarreform von 1811—16 für nicht regulierbar erklärt worden waren, deren Besitztum infolgedessen von dem Gutsherrn eingezogen und ihnen nur teilweise zur Nutzung zurückgegeben wurde, nachdem sie zu den Gutsbesitzern in ein neues Arbeitsverhältnis getreten waren. Was nun die Arbeitsverfassung der Insten alten Stiles charakterisiert, ist folgendes: Der Inste ist ein kleiner Landwirt, dessen Wirtschaft in die Gutsherrschaft eingegliedert ist. Er erhält von der Herrschaft ein Haus nebst Garten und einen „Morgen“ im Felde zur Nutzung. Letzterer liegt im Gemenge mit den Äckern der Gutswirtschaft und untersteht mit diesen dem Flurzwange, hat also dieselbe Fruchtfolge wie das Gutsland. Des ferneren gehören dem Insten einige Stück Vieh, für welche er das Recht erhält, sie mit der herrschaftlichen Herde gemeinsam auf die Weide zu treiben. Der Inste ge- niefst ferner des Vorteils, die Ernte des Gutes ausdreschen zu dürfen, wofür er einen Naturalanteil, den 10.—16. „Scheffel“ erhält. Für alle diese Wohlthaten mufs er seine und seiner Familie Arbeitskraft — der Vertrag wird immer nur mit einer Familie, nie mit einer Einzelperson abgeschlossen — dem Gutsherrn zur Verfügung stellen, der damit sich sowohl die während des ganzen Jahres erforderlichen Arbeitskräfte, als auch die während einiger Wochen mehr benötigten Arbeitskräfte sichert. Die schlesischen Dreschgärtner standen in einem ähnlicheu Anteilsverhältnis zur Gutswirtschaft wie die Insten. Nur dafs sie eine andere geschichtliche Vergangenheit hatten — sie waren bereits zur Zeit der Erbunterthänigkeit vorhanden und immer Gutsarbeiter, nicht wie der Inste fron pflichtiger Bauer gewesen — und Eigentümer ihrer Stelle waren, die, meist nur 3—4 Morgen grofs, aufserhalb des Flurzwangs lag und daher „Garten“ oder Wurthe hiefs. Aber was die schlesischen Gärtner zu Verwandten der Insten machte: sie hatten nicht nur wie diese ein vertragsmäfsiges, sondern vielfach bis 1845 sogar ein gesetzliches Recht, die Ernte und den Drusch auf dem Gute zu verrichten, erstere gegen die sog. Mandel, letztere gegen die sog. Hebe, den 15.—18. Scheffel, ein Recht, das dadurch erst seine eigentliche Bedeutung erhielt, dafs die Zahl der Dreschgärtner nicht ohne ihre Zustimmung vermehrt 122 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. werden durfte. Damit war gleichsam ein dauerndes und erbliches Arbeitsverhältnis hergestellt worden; die Dreschgärtner hiefsen daher auch Erbdrescher. Die Auflösung dieser patriarchalischen Arbeitsverfassung — patriai-chalisch deshalb, weil, dank dem Anteilverhältnis des Arbeiters zur Gutswirtschaft, eine weitgehende Interessensolidarität zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer bestand, also der moderne Klassengegensatz zwischen Unternehmer und Arbeiter noch nicht zur Entfaltung gelangt war — ging auf verschiedene Weise vor sich, je nachdem es sich um die Dreschgärtner oder die Insten handelte. Für jene, deren Anteilsberechtigung ja eine gesetzliche war, mufste auch eine ausdrückliche gesetzliche Beseitigung des bestehenden Zustandes erfolgen, was durch das Gesetz, betreffend die Ablösung der Dienste in der Provinz Schlesien vom 31. Oktober 1845 geschah 1 . Diese, die Insten dagegen wurden langsam durch eine allmähliche Umbildung des Vertrages aus anteilsberechtigten Kleinlandwirten in festgelohnte Arbeiter verwandelt. Erst wurde ihnen der „Morgen im Felde“ entzogen und statt seiner ihnen Kartoffelland als Garten angewiesen; dann fiel die Berechtigung zur Mitweide der Kuh, endlich, obwohl dies letztere Stadium der Auflösung des Quotallohnverhältnisses noch nicht überall erreicht ist, auch der Anteil am Erdrusch. Die treibende Kraft in diesem Umgestaltungsprozesse war unstreitig das wirtschaftliche Interesse des zur rationalen intensiven Landwirtschaft übergehenden Unternehmers. Thatsächlich war denn auch die alte Arbeitsverfassung ein Hindernis für den technischen Fortschritt. Das trat besonders deutlich in die Erscheinung bei den schlesischen Erbdreschern, die auf ihrem Scheine bestanden und vielfach Neuerungen im landwirtschaftlichen Betriebe, weil sie ihrem Interesse widersprachen, hartnäckigsten Widerstand leisteten. Die Gutsbesitzer mufsten schliefslich jeden Fortschritt mit der Gefahr eines Prozesses erkaufen. Ganz abgesehen davon, dafs sie mit sehr vielen Verbesserungen eher die Taschen der Drescher als ihre eigenen füllten. Einer der besten Kenner der deutschen Landwirtschaft seiner Zeit fafst sein Urteil über jenen Stand der Dinge in folgenden Worten zusammen: „Bei jeder oft mit grofsen Opfern bewirkten Erhöhung des Bodenertrages mufs der Gutsherr den üb- 1 In einzelnen Gebieten hatten die Ablösungen schon früher begonnen; in Viehau z. B. schon 1340. Vgl. P. Boenisch, Die geschichtl. Entwicklung der ländlichen Verhältnisse in Mittelschlesien. Jenaer Diss. 1894. S. 85. Fünftes Kapitel. Deutschland. 123 liehen Anteil auch vom Mehrgewinn an die Gärtner abgeben, die zu dessen Erreichung nichts beigetragen haben; bei jeder Erweiterung des 01- oder sonstigen Handelsfrucht-, ja des Behack- fruchtbaus und also einer entsprechenden Verminderung des Getreidebaus , hat er den Entschädigungsprozefs von Seiten der Dreschgärtner zu gewärtigen, die dadurch ihren Anteil geschmälert sehen. Da überhaupt die Art und der Umfang der Dienstleistungen nach Mafsgabe der alten Dreifelderwirtschaft bestimmt ist, so sieht er sich fast in jeder Veränderung behindert 1 .“ Konnte das vertragsmäfsige Instenverhältnis nun auch nicht zu ähnlichen Unzuträglichkeiten wie das Gärtnerverhältnis führen, so wurde es doch mit zunehmender Intensität der Landwirtschaft dem Gutsherrn lästig. Schon der Anteil an dem Ernteertrage mufste bei steigenden Getreidepreisen als eine vom Standpunkt des rechnenden Unternehmers aus unprofitable Löhnungsart erscheinen; die Einführung des Maschinendrusches that das Übrige, um die Berechnung des Lohnes nach Anteilen am Erdrusch zu erschweren. Unerträglich aber wurde mit zunehmender Intensität die Eingliederung der Instenwirtschaft in die Gutswirtschaft. Der „Morgen im Felde“ verlor seine Berechtigung mit dem Verlassen der alten Dreifelderwirtschaft und dem Übergang zur Fruchtwechselwirtschaft; die Durchfütterung des Instenviehs mit der Gutsherde wurde in dem Momente ein Anachronismus, als an Stelle des alten Weidetriebs die Stallfütterung trat. So werden allmählich die Anteilsrechte der Insten in feste Naturalbezüge, und wo die Entwicklung noch weiter fortgeschritten ist, diese in Geldlohn umgewandelt, der der allein rationelle Ausdruck des kapitalistisch-proletarischen Arbeitsverhältnisses ist. Ergebnis des Umgestaltungsprozesses war jedenfalls überall, dafs die Wirtschaft des ländlichen Arbeiters verselbständigt, aus dem Organismus der Gutswirtschaft ausgeschieden wurde. Es entstand der völlig „freie“ ländliche Tagelöhnerstand mit oder ohne einigen Grundbesitz, eine Arbeiterbevölkerung, deren Existenz, wo sie gänzlich besitzlos ist, von der Verwertungsmöglichkeit ihrer Arbeitskraft, wo sie mit kleinen Stellen behaftet ist, von jener und den Erträgnissen dieser bedingt wird. Nun sollte aber die Revolutionierung des landwirtschaftlichen Betriebes für die ländlichen Arbeiter sich in ihren Wirkungen nicht mit jener Ausscheidung aus der Guts- 1 A. von Lengerke, Entwurf zu einer Agrikulturstatistik des preufsi- schen Staats (1847); S. 123 24. 124 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Wirtschaft erschöpfen. Sie hatte vielmehr noch einen weit entscheidenderen Umstand im Gefolge: sie erschwerte die Lebens- fristung der solcherart verselbständigten Arbeiterexistenzen auf dem Lande. Zunächst dadurch, dafs sie eine Verringerung der Arbeitsgelegenheiten mit sich brachte. Diese Behauptung erscheint zunächst unglaubhaft angesichts der Thatsache, dafs ja die Intensivisierung des landwirtschaftlichen Betriebes ohne Zweifel auch eine Steigerung des Arbeitsaufwandes auf gegebener Fläche erheischte. Der scheinbare Widerspruch löst sich auf, wenn wir in Betracht ziehen, dafs in dem Mafse, wie die Landwirtschaft intensiver wird, sie sich mehr und mehr zu einem reinen Saisongewerbe entwickelt, wodurch dann zu bestimmten Zeiten — im Winter — trotz absolut gesteigerten Arbeitsbedarfs sich Arbeitslosigkeit einstellt. Bis zu einem gewissen Grade war die Landwirtschaft stets ein Saisongewerbe gewesen, d. h. hatte im Sommer mehr Arbeit als im Winter verlangt. Das Verhältnis der Winter- zur Sommerarbeitsmenge war bei einer Könerwirtschaft alten Stils wie 1,0 zu 1,4 gewesen. Aber erst die moderne Entwicklung bringt dieses Mifsverhältnis zur Entfaltung, sofern sie auf der einen Seite die Winterarbeit zu verringern, auf der andern Seite die Sommerarbeit zu vermehren die Tendenz erzeugt. Jene Verringerung tritt ein: 1. durch den Übergang vom Hand- zum Maschinendrusch; 2. durch den Wegfall des Flachsbaus; 3. durch das Verschwinden der gewerblichen Arbeit im Winter 1 ; 4. durch die vielerorts eingetretene Verringerung der Arbeit in den Forsten. Die Vermehrung der Sommerarbeit tritt aber auf im Gefolge der Fruchtwechsel- und namentlich der Rübenwirtschaft. Bei letzterer ist das Verhältnis der Sommer- zur Winterarbeit wie 2,6 zu 1; und der Bedarf des arbeitsreichsten zum arbeitsärmsten Monats verhält sich gar wie 4 zu 1, gegen 1,6 bezw. 2 zu 1 Über diesen letzteren Punkt wird unten noch ausführlicher zu handeln sein. Der Wegfall des Flachsbaus, der auch aus anderen Gründen sich mit der intensiveren Landwirtschaft nicht vertrug, steht damit im Zusammenhang. Ich mufs es mir versagen, auf diese interessante Erscheinung näher einzugehen und begnüge mich daher, auf folgende Schriften zu verweisen: Haxthausen, Ländliche Verfassung etc. S. 131. A. von Lengerke, Entwurf einer Agrikulturstatistik S. 34. 73. A. Eufin, Die deutsche Flachszucht. 1846. S. 13 f- Derselbe, Der Flachsbau und die Flachsbereitung in Deutschland. 1853. S. 1 ff. 7. 16. Festschrift für die XXV. Versammlung der Land- und Forstwirte. 1865. S. 153. Fünftes Kapitel. Deutschland. 125 1 bei verbesserter Körner- und Fruchtwechselwirtschaft ohne Rüben. So ergiebt sich denn die entscheidend wichtige Saisonarbeit in einer Wirtschaft auf 1000 Morgen Thatsache, ist 1 dafs bei Körnerwirtschaft die Arbeit von 48 Tagen, „ Koppelwirtschaft n n 03 71 „ verbesserter Körnerwirtschaft „ Koppelwirtschaft in Kombin n n 147 71 nation mit Fruchtwechsel 11 » n 015 11 „ Fruchtwecliselwirtschaft » n 11 1103 11 „ Rübenwirtschaft n 11 n 2509 71 III. Die Verringerung der Nebeneinkünfte der ländlichen Bevölkerung aus der Markennutzung. In dem Mafse nun, wie die Landwirtschaft den Charakter eines Saisongewerbes annahm, Arbeit also in starkem Umfange nur während eines Teiles des Jahres verlangt wurde, hätten sich die Hilfsquellen vermehren müssen, aus denen der ländliche Arbeiter während seiner arbeitslosen Zeit ausserhalb seiner Stellung als Gutsarbeiter Zuschüsse zur Fristung seiner Existenz hätte beziehen können. Aber gerade im Gegenteil: diese Hilfsquellen versiegten je mehr und mehr. Noch Ende der 1850er Jahre konnte Rau für das Heidelberger Land als Quellen nennen, aus denen dem ländlichen Tagelöhner Zuschüsse flössen, die allein seine Existenz ermöglichten 2 : 1. Allmendenutzung und Holzabgaben aus dem Gemeindewalde, das Sammeln dürren Holzes und der Streu in den Gemeinde- und Domänenwaldungen; 2. das Grasholen in den Feldern; Familien, meint er, mit mehreren Kindern verschaffen sich durch dieses Mittel eine schätzbare Hilfe, um Ziegen oder selbst eine Kuh zu erhalten; 3. Zupachtung kleiner Ackerparzellen; 4. gewerblichen Nebenverdienst. Rau denkt hier an völlig besitzlose Tagelöhner, denen es doch gelingt, unter Anlehnung an die noch bestehende Dorfgemeinschaft 1 Nach den gründlichen und sehr interessanten Untersuchungen von Gr eorg Meyer, Schwankungen in dem Bedarf an Handarbeit in der deutschen Landwirtschaft etc. 1893. Vgl. auch E. Berg, Über die Beziehungen der landwirtschaftlichen Bevölkerung nach Qualität und Quantität zur Intensität des landwirtschaftlichen Betriebes. Jenaer Diss. 1898. Bergs Fragestellung ist die umgekehrte Meyersche. 2 Rau, Die Landwirtschaft der Heidelberger Gegend in der Festschrift für die Mitglieder der XXI. Vers. d. Land- und Forstwirte. 1860. S. 326 ff. 126 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. sich eine kleine Landwirtschaft zu begründen. Ganz ähnliches läfst sich aber von den kleinen Stellenbesitzern sagen, die ein paar Morgen aus der grofsen Plünderung, denen diese kleinsten der kleinen Fronbauern am stärksten ausgesetzt gewesen waren *, in die neuere Zeit herübergerettet hatten. Auch deren Existenz war ehedem ganz wesentlich erleichtert worden durch die Anteilnahme an den Benedeien der Dorfgemeinheiten, durch die mannigfachen Nutzungsrechte am Herrenland u. dergl. All’ diese kleinen Wohlthaten verschwinden nun in dem Mafse, wie die Gemeinheitsteilung und die Ablösung der Nutzungsrechte durchgeführt, die alten Gemeinschaftsbeziehungen dem rationellen Einzelbetrieb der landwirtschaftlichen Unternehmung zum Opfer gebracht werden. Sicher mit sehr verschiedener Stärke in den verschiedenen Gegenden Deutschlands — in dem grofsgrundbesitzlichen Preufsen radikaler als im kleinbäuerlichen Süden und Südwesten des Reichs —, an den einzelnen Orten zu sehr unterschiedlichen Zeiten einsetzend — man braucht nur einen Blick auf die einschlägigen Agrargesetze der einzelnen Bundesstaaten zu werfen — ganz gewifs aber überall von mehr oder weniger grofsem Einflufs auf die Proletarisierung und daher Mobilisierung der ländlichen Arbeiter ist diese Auflösung des alten Dorfverbandes — denn er ist es doch im Grunde, den wir in jedem einzelnen der erwähnten Anteil- oder Nutzungsrechte wiedererkennen — gewesen 1 2 . 1 Vgl. über die massenhafte Einziehung der Häuser, Gärten, Acker der Eigenkätner, Büdner u. a. Knapp, Bauernbefreiung 1, 284 und über die Wirkungen u. a. Neumann, Zur Lehre von den Lohngesetzen etc. (Jahrbücher III. Folge Band Y. S. 645 ff.). 2 Wie zahlreich die „abgelösten“ Nutzungsrechte waren und dafs es vor allem solche sind, die den Kleinsten der Kleinen zu Gute kamen, ergiebt sich schon aus der Aufzählung in den betreffenden Ablösungsgesetzen. Die preufs. Gemeinheitsteilungsordnung vom 7. Juni 1821 hatte in § 2 nur gesprochen im allgemeinen von „Weideberechtigungen auf Ackern, Wiesen, Angern, Forsten und sonstigen Weideplätzen“, von „Forstberechtigungen zur Mast, zum Mitgenusse des Holzes und zum Streueholen“, endlich von „Berechtigungen zum Plaggen-, Heide- und Bultenhieb“. Vgl. den Text bei Lette und Rönne, Die Landeskulturgesetzgebung des preufsischen Staats 1 (1854), 313 ff. Das Gesetz vom 2. März 1850, betreffend die Ergänzung und Abänderung der Gemeinheitsteilungsordnung vom 7. Juni 1821 etc. specifi- zierte dann einzelne Rechte in Artikel 1 noch weiter wie folgt (a. a. 0. S. 328): „Berechtigungen 1. zur Gräserei und zur Nutzung von Schilf, Binsen oder Rohr auf Ländereien und Privatgewässern aller Art; 2. zum Pflücken des Grases und des Unkrauts in den bestellten Feldern (zum Krauten); Fünftes Kapitel. Deutschland. 127 Das ist das übereinstimmende Urteil aller Sachkundigen, und es bildet eine ständige Rubrik in der einschlägigen Litteratur, namentlich um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, als sich die ersten Wirkungen fühlbar machten. Es mögen hier einige der Gewährsmänner selbst zu Worte kommen. Besonders lebendig ist die Schilderung, die uns der früher mehrfach erwähnte Pastor Funke von den Nachteilen entwirft, die die Markenteilung, wie er die agrarische Reformgesetzgebung zusammenfassend nennt, für die Heuerleute im Fürstentum Osnabrück im Gefolge gehabt habe. Wir ersehen daraus, dafs ganz ähnliche Wirkungen wie in den Gebieten des Grofsgrund- besitzes auf die Gutstagelöhner auch auf die Arbeiter in bäuerlichen Wirtschaften, wie es die Heuerlinge sind, durch die Umgestaltung des Agrarrechts und zwar schon in bemerkenswerter Weise vor Mitte des Jahrhunderts ausgeübt worden sind. „So lange noch“, heilst es in der bereits citierten Schrift „eine freie Benutzung der Strecken stattfand, nahmen die Heuerleute an allen Vorteilen, welche dieselbe gewährte, teil. . . (Es) lebten . . . viele Heuerleute fast ganz aus der Mark. Das Vieh wurde in günstigen Jahren schon im April in die Mark getrieben und ernährte sich selbst bis gegen Martini. Nur das milche Vieh wurde noch etwas, oft auch nicht einmal im Stalle zugefüttert. Leicht konnten auf diese Weise Rinder zum Verkaufe und zu eigenem Bedarfe aufgezogen werden. Auch war mit geringer Nachfütterung im Stall leicht ein Stück Vieh für den Haushalt oder auch für den Verkauf gemästet. Aus der Butter wurde ebenfalls mancher Thaler gemacht. In Bruchgegenden (um Hunteburg, an der unteren Hase) wurden Gänse oft in grofser Menge gehalten, 30, 40, ja 60 Thaler wurden daraus gemacht. . . Früher, so sprach noch vor kurzem ein Bewohner des hiesigen Kirchspiels, wufsten wir es nicht anders, als dafs die Heuer aus den Gänsen 3. zum Nachrechen auf abgeernteten Feldern, sowie zum Stoppelharken; 4. zur Nutzung fremder Äcker gegen Hergabe des Düngers; 5. zum Fruchtgewinn von einzelnen Stücken fremder Arbeit (zu Deputatbeeten) ; 6. zum Harzscharren; 7. zur Fischerei in stehenden oder fliefsendcn Privatgewiissern; 8. zur Torfnutzung.“ Eine ähnliche Liste enthält dann auch der § 1 der G.T.O. vom 19. Mai 1851 für die Rheinprovinz, mit Ausnahme der Kreise Rees und Duisburg, sowie für Neu-Vorpommern und Rügen (a. a. 0. S. 398). 1 G. L. W. Funke, Über die gegenwärtige Lage der Heuerleute im Fürstentum Osnabrück etc. 1847. S. 28 ff. 128 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. gemacht werden mufste, wogegen wir jetzt gar keine mehr halten können . . . Auch die Schweinezucht ist durch die Markenteilung beeinträchtigt; . . . (sie) kann . . gegenwärtig wohl dem Kolonen, der grofse eingefriedigte Räume besitzt, nicht aber dem Heuermanne, der die Schweine das ganze Jahr im Stalle füttern mufs, Vorteil bringen. Früher liefen die Schweine hei offenem Wetter, wenn das andere Vieh bereits zu Hause blieb, umher und suchten sich unter den grofsen, jetzt aber verschwindenden Eichbäumen .... selbst im Winter zum grofsen Teil ihre Nahrung. Grofse Schweineställe, deren Rudera an den Horsten und Brüchen noch jetzt als Denkmäler einer für die Schweinezucht günstigen Zeit hier und da gefunden werden, nahmen bei Nacht die zahlreichen Herden von Schweinen auf, welche sich bei Tage ihre Nahrung suchten. Wie leicht konnten damals Heuerleute nicht blofs Schweine zu eigenem Bedarf und zum Verkauf mästen, sondern sie auch selbst aufziehn, was jetzt gar nicht mehr oder nur in günstigen Verhältnissen geschehen kann.Aber nicht blofs an Weide, sondern auch an andern Nutzniefsungen aus der Mark haben die Heuerleute bedeutend verloren. Der freie Plaggenhieb war für die Düngung von grofsem Werte; in Moorgegenden gab die Mark nicht blofs freien Brand, sondern auch Gelegenheit, aus dem Torf etwas Geld zu machen .... Auch die Holzungen brachten manche Vorteile. Sprickholz wurde zum Brennen gesucht und das Laub zur Düngung benutzt, und von Eicheln und Buch ernährten sich oft noch im Winter die Schweine.“ All’ diese Wohlthaten, so klagt der Verfasser, sind nun dem Heuermanne genommen, während er von den unleugbaren Vorteilen, die mit der Aufteilung der Marken verbunden waren, nichts besehen hat: „dabei (sind) die Heuerleute leer ausgegangen“ (S. 33). Für die Rheinprovinz wird in gleicher Weise zunächst konstatiert, dafs insbesondere die Forstnutzungen, Streuwerk und Gras, „für die Tagelöhnerfamilien auf dem Lande von der höchsten Wichtigkeit (sind), indem die letzteren nur durch Beihilfe von Futter und Streuwerk aus dem Walde im Stande sind, eine Kuh zu ernähren 1 .“ Dann wird aber schon Mitte des Jahrhunderts über starke Beschränkung der Gemein- und Kommunalländereien, z. B. auf dem Hunsrück geklagt 2 und von den Einwohnern des Sieg- 1 Grofsholz, Über den grofsen Nutzen der Waldkultur etc. in der Zeitschrift des landwirtschaftlichen Vereins für Rheinpreufsen 1851. S. 257. 2 A. von Lengerke, Landwirtschaftliche Skizzen von Rheinpreufsen. 1853. S. 114. Fünftes Kapitel. Deutschland. 129 Kreises berichtet, dafs sie „einen wesentlichen, sehr drückenden Verlust . . . durch das Aufhören der Waldmast“ erlitten haben. „Hierdurch ist“, heifst es bei Lengerke a. a. 0. S. 74 weiter, „zuerst die früher blühende Schweinezucht zu Grunde gerichtet.“ Dasselbe Bild im Osten der preufsischen Monarchie: Aus Pommern wird berichtet: Die Lage der Häusler und Kolonisten ist wesentlich verändert dadurch, „dafs die wenigen Kühe dieser kleinen Wirte, die früher auf die Gemeindeweide getrieben wurden, nach ausgeführter Separation im Stalle gefüttert werden müssen“. „Im allgemeinen . . ist diese Klasse der bäuerlichen Tagelöhner durch das Verschwinden der Gemeindeweiden benachteiligt worden, indem ihnen die Vorteile des Austreibens einer Kuh verlustig gingen 1 .“ In Schlesien sind die Freigärtner und Häusler bei der Ablösung nach § 8 der G. T. O. vom 7. Juni 1821 benachteiligt, desgleichen die kleineren Stellenbesitzer insbesondere durch den Landtagsabschied von 1831, betreffend Aufhebung der Sichelgrubenberechtigungen, alle kleinen Leute auf dem Lande durch die Ablösung der Raff- und Leseholz-, der Waldstreuberechtigungen etc. 2 . Erschwerung seiner Existenz als Arbeiter in fremder Wirtschaft; Erschwerung seiner Existenz als selbständiger kleiner Landoder Viehwirt: das war es, was wir die moderne Entwicklung dem „kleinen Mann“ auf dem Lande bringen sahen. So lag es nahe, dafs er der letzten Hilfsquelle, aus der ihm Mittel für seinen bescheidenen Unterhalt flössen, mit erhöhtem Interesse sein Augenmerk zuwandte: dem Nebenverdienst aus gewerblicher Thätigkeit. Aber siehe da! auch hier war ihm der Gang der Dinge nicht günstig. Statt ihm vermehrte Zuschüsse zu liefern, wurde die gewerbliche Nebenbeschäftigung in weiten Kreisen der ländlichen Bevölkerung immer weniger lohnend, um schliefslich ganz zu verschwinden. Dieser 'Wegfall der gewerblichen Nebenbeschäftigung auf dem Lande greift nun aber über die Kreise des ländlichen Arbeiterstandes mit seinen revolutionierenden Wirkungen weit hinaus; er bedeutet ebenso und zum Teil in noch entscheidenderem Mafse eine Untergrabung der Existenzmöglichkeit vieler bäuer- 1 A. Padberg, Die ländliche Verfassung in der Provinz Pommern. 1861. S. 139/140. Übrigens wurde dieser Umstand als eine der nachteiligen Folgen der Separation amtlicherseits hervorgehoben in dem Bericht, den der Geh. Ob.Finanzrat von Viebahn auf der 20. Versammlung deutscher Land- und Forstwirte zu Braunschweig 1859 erstattete. 2 J. C. F. Frenzei, Praktische Ratschläge (1849) S. 8 ff. Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 9 130 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. lieber Wirtschaften und mufs deshalb in diesem gröfseren Rahmen im Zusammenhänge und ausführlicher erörtert werden. C. Der Wegfall der gewerblichen Nebenbeschäftigung auf dem Lande. Es ist wohl nicht zu viel behauptet, wenn man sagt, dafs die Existenz der Bevölkerung in den modernen Staaten seit Ausgang des Mittelalters, in der Dichtigkeit, wie sie sich allmählich herausstellte und vor allem auch in der gleiclunäfsigen Verteilung über das Land in wachsendem Umfange allein durch das Vorhandensein eines Nebenerwerbs aus gewerblicher Thätigkeit ermöglicht worden ist. Was von der ländlichen Zuwachsbevölkerung nicht auf Neuland abgeschoben werden konnte, mufste, soweit nicht eine Herabdrückung des Lebensstandards als Auskunftsmittel gewählt wurde, bei der geringen Aufnahmefähigkeit der Städte und der geringen Entwicklung der landwirtschaftlichen Technik durch Verwertung seiner Arbeitskräfte mittelst gewerblicher Thätigkeit sich am Leben zu erhalten suchen. Das galt natürlich in erster Linie von den unteren Schichten der ländlichen Bevölkerung: den Kleinlandwirten oder gänzlich Besitzlosen. Mochte es der Grundherr sein, der seine Hintersassen gewerblich thätig sein hiefs, um ihre Produkte, das Garn oder dergl. zu verkaufen; mochte der Gedanke der Erzeugung gewerblicher Gegenstände aus der eigenen Initiative der bäuerlichen Bevölkerung entsprungen sein und der Vertrieb auf eigene Faust erfolgen, wie bei den zahlreichen Hausierhandwerkern der Gebirgsgegenden, den Schwarzwälder Uhrmachern in früherer Zeit, den Pantoffelmachern, Schnitzern, Strohflechtern u. dergl., aber auch bei den landwirtschaftlichen Nebengewerben: Brennerei, Brauerei etc.; mochte es endlich das Kapital in Gestalt eines Verlegers gewesen sein, das auf der Suche nach passender Verwendung, wie allgemein bekannt, in den vergangenen Jahrhunderten mit Vorliebe auf die Dörfer ging, um hier entweder in Anknüpfung an vorhandenes bäuerliches Eigengewerbe oder durch Neueinbürgerung eines Produktionszweiges' eine der zahlreichen ländlichen Hausindustrien ins Leben zu rufen: so verschieden die Organisationsform in den verschiedenen Fällen war, der sachliche Effekt, auf den es uns hier allein ankommt, war überall derselbe: Schaffung einer Einnahmequelle aus gewerblicher Arbeit, als Zubufse zu den übrigen-Ressourcen der schwächeren Existenzen auf dem Lande. In Deutschland waren diese ländlichen Gewerbe vor allem seit Mitte des 18. Jahrhunderts zur Entwicklung gelangt, und man kann Fünftes Kapitel. Deutschland. 131 sagen, dafs bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts fast überall noch eine zunehmende Tendenz sich bemerkbar macht. Ich habe an anderer Stelle schon darauf hingewiesen, wie sehr das Bild des gewerblichen Lehens Deutschlands um die Mitte des 19. Jahrhunderls vor allem durch das starke Vor wiegen der ländlichen Hausindustrien bestimmt wird. Viele von diesen waren erst im zweiten Viertel des Jahrhunderts so recht zur Blüte gekommen, und manche waren noch im Wachsen begriffen. Den Anreiz zu der weiteren Ausdehnung der ländlichen Hausindustrien im vorigen Jahrhundert hatte das langsam wachsende Verwertungsbedürfnis des Kapitals gegeben, dem die zunehmende Uberschufsbevölkerung sich als treffliches Objekt darbot. Diese wurde gebildet zunächst durch den fast übermäfsig starken Bevölkerungszuwachs auf dem Lande, sodann aber schon durch die infolge der Ablösungen und Gemeinheitsteilungen vielfach bedrängten Kleinbauern, Büdner, Häusler etc. Insbesondere kam bei den „befreiten“ Bauern die meist sehr beträchtliche Belastung mit einer Ablösungsrente 1 hinzu, die gerade auch eine Vermehrung des Geldeinkommens aufser- ordentlich wünschenswert erscheinen liefs. Dafs unter dieser alten ländlichen Hausindustrie die Textilindustrie, Spinnerei und Weberei, eine bevorzugte Stellung einnimmt, ist ebenfalls nicht unbekannt. Immerhin dürfte es nicht überflüssig sein, mit einigen Ziffern die richtigen Quantitätsvorstellungen von der Bedeutung dieser Gewerbe als ländliche Nebenbeschäftigung im Leser hervorzurufen. Aus den Ziffern der Statistik ist leider niemals zu ersehen, ob die als Nebenbeschäftigung betriebene gewerbliche Produktion solche für den eigenen Bedarf der Familie oder für den Absatz ist. Für unsere Zwecke ist diese Unterscheidung aber auch nicht einmal so bedeutsam. Ich teile im folgenden zunächst die Zahlen für die besonders wichtige ländliche Weberei nach den Aufstellungen bei Schmoller mit 2 . Danach wurden Wollstühle als Nebenbeschäftigung gehend im preufsischen Staate gezählt: 1831 2093 1840 0072 1840 4515 1801 4447 1 Uber diese hören wir besonders häufige Klagen aus Schlesien: vgl. z. B. J. C. F. Frenzei, a. a. O. A. Sclineer, Not der Leinenarbeiter (1844) S. 137 und passim. 2 Schmoller, Kleingewerbe, 504 ff. 9 * 132 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Viel zahlreicher und vor allem in Betracht kommend sind nun aber die Leinwandstühle, die als Nebenbeschäftigung gingen, als „trauliche Nebenbeschäftigung des kleinen Mannes“, wie S ch mo 11 e r damals meinte. Sie bilden den bei weitem gröfsten Teil aller als Nebenbeschäftigung gehenden Stühle, von denen sie noch 1861 = 96°/o ausmachten. Im folgenden sind entsprechend der bei Schmoller mitgeteilten Tabelle für einige Jahre nur die sämtlichen überhaupt als Nebenbeschäftigung gehenden Stühle, für den Rest aufserdem die betreffenden Leinwandstühle aufgeführt. Man zählte in Preufsen als Nebenbeschäftigung betriebene Stühle: überhaupt davon für Leinwand 1816 164870 1819 148 820 1822 191 026 1825 202404 1828 215 415 1831 223181 216 780 1834 229 134 220343 1837 245 968 246 294 1840 266 011 254441 1843 291 426 276071 1846 291129 278122 1849 287 729 274096 1852 292041 282982 1855 299027 288031 1858 300206 288483 Aus dieser Übersicht ergiebt sich, dafs die als Nebenbeschäftigung gehenden Stühle in Preufsen bis zum Jahre 1848 noch eine wesentliche Vermehrung aufweisen, von 1819 bis 1843 eine Steigerung auf das Doppelte erfahren. Die Statistik bestätigt also die Richtigkeit der von uns oben angestellten allgemeinen Betrachtungen. Dann bleibt der Bestand während der 1840er und 1850er Jahre noch annähernd der gleiche, um später, wie wir noch sehen werden, rasch kleiner zu werden. Wie eng aber die Ausdehnung der gewerblichen Nebenbeschäftigung auf dem Lande mit dem Ganzen der gesamten agrarischen Entwicklung zusammenhängt, zeigt die Thatsache, dafs in den östlichen Provinzen Deutschlands die Zahl der Webstühle auf dem Lande sogar noch über die Mitte des vorigen Jahr- Fünftes Kapitel. Deutschland. 133 hunderts hinaus wächst, während sie im Westen schon im Rückgänge ist. Es betrug die Zahl der als Nebenbeschäftigung gehenden Stühle in den Provinzen 1816 1831 1861 Preufsen .... . 64831 91 647 118310 Posen. . 5098 12388 27 282 Brandenburg . . . 22838 23817 24331 Pommern . . . . 24105 31229 53100 Dafs aber thatsächlich ein grofser Teil der ländlichen Bevölkerung zur Fristung seiner Existenz des Zuschusses aus seiner gewerblichen Nebenbeschäftigung dringend benötigte, mögen folgende Zeugnisse für die verschiedensten Teile Deutschlands bestätigen: für Baden führte ich bereits dasjenige Professor Raus an 1 ; für Westfalen berichtet Funke (a. a. O. S. 16), dafs die Bearbeitung des Flachses und Hanfes . . „vordem die Hauptquelle des Wohlstandes der Heuerleute, wie überhaupt der ganzen ländlichen Population (des) Fürstentums (Osnabrück) gewesen sei“; „Manche Haushaltung löste auf diese Weise 2—300 Thlr.“ 2 ; vom Niederrhein, aus dem Cleveschen berichtet uns Professor Victor Jacobi folgendes 3 : „Die Weiber gehen nicht oft auf Tagelohn, weil sie dann ihr eigenes kleines Hauswesen zu sehr aufser Acht lassen müssen .... Auch mufs oft die Kuh auf den Rändern gehütet werden, oder es ist mit der Sichel Futter, auch im Busch und Wald Leseholz zu suchen, der Garten, das Feld — meist etwa 3 Morgen — zu besorgen. Zu Hause erwerben die Frauen in freien Stunden durch Spinnen, Waschen und Flicken für Bauerfrauen und Knechte immer einen Nebenverdienst. . . . Für ein Pfund [gesponnenes Flachsgarn werden aufser dem Hause, je nach Ausfall der Arbeit 5—6, für geringeres 4, für Werg 2Vz Sgr. gewährt. Durchschnittlich gab man pro Tag 4—5 Sgr. Spinnverdienst an. Wird im Hause gesponnen, so werden 2 1 /a Sgr. und die Kost gegeben“; in Kurhessen „wird Flachs hauptsächlich von den weiblichen Familiengliedern zubereitet und im Winter (was die be- 1 Rau in der Festschrift für die Mitglieder der XXV. Versammlung deutscher Land- und Forstwirte (1860). 2 S. die Schrift: Über die Entwickelung und den gegenwärtigen Stand der Landwirtschaft im Fiirstent. Osnabrück (1878), 49. 8 V. J a c o b i, Landwirtschaftl. und nationalökonom. Studien in der niederrheinischen Heimat mit Berücksichtigung des Volkslebens. 1854. S. 62. 134 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. deutenclste Nebenbeschäftigung ist) versponnen und dann in den Handel gebracht“ 1 ; für Schlesien heifst es 2 : „Hier im Gebirge, wo das Verhältnis zwischen der Ackerfläche und ihrer Fruchtbarkeit zu der darauf lebenden Einwohnerzahl ein ganz anderes ist als im flachen Lande, hier, wo der länger dauernde Winter den Feld- und Ackerarbeiten einen längeren Stillstand gebietet, können diese landwirtschaftlichen Arbeiten für den Winter nicht ausreichen, um die Masse der Einwohner zu beschäftigen; und sie sind daher gezwungen, zu irgend einer andern Beschäftigung zu greifen, um ihr Leben fortzufristen.“ Aber es war nicht nur ein Erfordernis der unfruchtbaren Gebirgsgegenden, Nebenbeschäftigung zu finden: auch aus den ebenen Teilen erfahren wir ganz dasselbe; in Pommern sitzt „nach alter Sitte der Bauer zuweilen an Spinnrocken mnd Haspelstock. Diese gedankenlose Arbeit ist ihm die liebste . . Seine Industrie reicht nicht weiter, als viel Flachs für sich und für andere Dorfweber . . . viel Segeltuch und Leinwand für den Aufkäufer, für die Stolzer und Schlawer Kaufleute und Jahrmärkte zu schaffen“ 3 . Aber wir würden irren, wollten wir annehmen, dafs mit den angeführten ländlichen Hausindustrien der Kreis von Nebenerwerbsmöglichkeiten für die ländliche Bevölkerung in frühkapitalistischer Zeit schon geschlossen gewesen wäre. Es ist vielmehr ausdrücklich festzustellen, dafs ein grofser Teil auch der übrigenlndustrien der Landbevölkerung dadurch eine Ressource gewährte, dafs sie über das Land hin zerstreut waren und damit in weiterem Umfange ihren Arbeitern Gelegenheit boten, nicht nur auf dem Lande wohnen zu bleiben, sondern sogar landwirtschaftliche Tagelöhnerei nebenbei zu treiben oder in ihrer bäuerlichen Wirtschaft thätig zu sein. Diese stark decentralistische Tendenz der frühkapitalistischen Industrien, auch derer, die schon in der Form von Fabriken oder Manufakturen auftreten, hat aber ihren entscheidenden Grund in der Eigenart der Technik, die auf weitgehender Verwendung von Holz sowie des Wassers als motorische Kraft aufgebaut war: zweck- mäfsige Verwertung des Holz- und Wasserreichtums 1 von Reden, Gewerbliche Zustände Kurhessens nach amtlichen Quellen in der Zeitschrift des Vereins für deutsche Statistik 1 (1847), 507/8. 2 Schneer, Not der Leinenarbeiter (1844) S. 137. 3 A. von Lengerke, Schilderungen der baltischen und westfälischen Landwirtschaft. 1 (1849), 215. Vgl. A. Padberg, Die ländliche Verfassung der Provinz Pommern (1861), 144. Fünftes Kapitel. Deutschland. 135 in den Wäldern 1 wurde einer der Hauptgesichtspunkte bei Anlage industrieller Unternehmungen, die dadurch naturgemäfs über das Land zerstreut wurden und die Uberschufsbevölkerung da aufnehmen konnten, wo sie erwachsen war. Diese Holz- und Wassernutzung galt in erster Linie der Eisenindustrie, was natürlich die Anwendung des alten Holzkohlenhochofens und Frischverfahrens zur Voraussetzung hat. Da wurden von den überall verbreiteten Eisenerzgruben und aus den durch die Wälder zerstreuten Köhlerhütten fuhrcnweisc die Rohstoffe zu den romantisch am rauschenden Waldbach gelegenen Eisenhütten gefahren, die, wenn vollständig, aus dem „Hochofen“, dem Pochwerk und verschiedenen „Hämmern“, dem Stahlhammer, dem Blecli- hannner, dem Zainhammer, wohl auch einer Giefserei, bestanden. Da war es, wo der Märker Eisen „reckt“: der Meister mit ein paar Gesellen, den beiden getreuen „Knechten“ der Ballade. „Des Wassers und des Feuers Kraft Verbündet sieht man hier, Das Mühlrad, von der Flut gerafft, Umwälzt sieh für und für; Die Werke klappern Nacht und Tag, Im Takte pocht der Hämmer Schlag Und bildsam von den miicht’gen Streichen Mufs selbst das Eisen sich erweichen.“ 2 Aber aufser der Eisenindustrie verdankten • noch zahlreiche andere frühkapitalistische Industrien ihre Entstehung dem Holzreichtum der Wälder und waren deshalb über das flache Land ver- 1 „Die vorteilhafteste Stellung der Fabriken ist also auf dem platten Lande und nachdem die Umstände es erfordern, unferne der Holzgebirge oder wenigstens nahe an Wässern, auf denen das Holz ohne grofse Kosten herbey- geschafft werden kann.“ Sonnenfels, Grundsätze (1771) 2, 108. „Der Besitz edler Erze im Schofse der eigenen Berge . . . mufste frühzeitig dazu auffordern, die Fülle der Wälder und die Kraft der Gefälle für die Verarbeitung der Metalle nutzbar zu machen.“ Jacobi, Berg-, Hütten- und Gewerbewesen des Reg.-Bez. Arnsberg. 1856. S. 23. „Hier und da entledigte man sich seines Holzüberflusses durch gewerbliche Anlagen, als Eisenhämmer etc.“, wird uns sogar von Pommern berichtet. A. von Lengerke, Schilderungen der baltischen und westfälischen Landwirtschaft. I (1849) S. 186. Dasselbe schreibt von der Veranlassung der sächsischen Eisenfabrikation F. G. Wiek, Industrielle Zustände Sachsens. 1840. S. 1 ff. 2 Anschauliche Schilderungen jener alten Eisenwerke linden sieh bei Bergius, Neues Policey- und Cameralmagazin Bd. II (1776) S.' 158 ft., insbes. S. 186 f. und bei Wille, Nachricht von den bey Holzminden befindlichen Eisenwerken in Beckmanns Beyträgen zur Ökonomie etc. Teil XII. 136 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. streut: so alle Holz verarbeitenden Industrien im engeren Sinne, d. h. Holzgeräte, Schnitzereien und dergl. fertigenden Gewerbe. Dann aber auch die Pottaschsiedereien, die vor der Verwendung von Soda das gebräuchliche und bei Färbereien, Glashütten, Leinwandbleichen, Fayencefabriken, Seifensiedereien etc. verwandte Alkali lieferten: die Pottasche. Ferner sind von den zuletzt genannten Industrien selbst Glashütten, Porzellan- und Fayencefabriken echte Kinder des Waldes. „Es ist als eine allgemeine Hegel anzusehen, dafs man nur da Glashütten anlegen mufs, wo Überflufs an Holz ist“ *, und „die Porzellanfabriken sind ebenfalls grofse Holzfresser“ 1 2 . In gewissem Sinne gehört auch die Gerberei hierher. Dafs bei einer solchen Decentralisation der Industrie deren Arbeiter noch vielfach oder ausschliefslich daneben oder sogar hauptberuflich in der Landwirtschaft beschäftigt waren, dürften wir ohne weiteres annehmen, auch wenn uns nicht ausdrücklich diese Verbindung zwischen Landwirtschaft und „Fabrikarbeit“ für die frühkapitalistische Periode durch mancherlei thatsächliche Angaben bestätigt würde. Aufserst lehrreich ist eine Statistik des Kreises Solingen, die die Zustände der 1830er Jahre widerspiegelt. Danach lebten 3 von insgesamt 9718 Familien von der Landwirtschaft allein. 3055 von Handel, Krämerei, Wirtschaft, Handwerk im einzelnen 1763 vom Tagelohn.1599 davon in Verbindung mit dem Ackerbau .... 933 von mehreren solcher Gewerbe ohne Landbau .... 346 von solcher Verbindung mit Landbau.2167 Aber auch für die 1840er Jahre fehlt es nicht an Anzeichen dafür, dafs noch ein erheblicher Teil der industriellen Arbeiterschaft bodenständig geblieben war. Vom Neckar und Main 4 * vernehmen wir nicht minder als aus andern Teilen Süddeutschlands 6 , aber auch 1 Bergius, a. a. 0. Bd. III s. v. Glashütte. 2 Ebenda, Bd. VI. S. 118. 3 Georg Freiherr von Hauer, Statistische Darstellung des Kreises Solingen (1832), 29/30. 4 K eu t er Verhältnisse der handarbeitenden Volksklassen in den deutschen Gegenden des mittleren Rhein- und unteren Main- und Neckargebiets (Zeitschrift des Vereins f. deutsche Statistik I, 367. 373). 6 von Reden, Die Verhältnisse der handarbeitenden Bevölkerung im Fürstentum Hohenzollern-Sigmaringen (ebenda S. 635). Fünftes Kapitel. Deutschland. 137 aus den Industriecentren Rheinland- Westfalens 1 , dafs ein grofser Teil der Fabrik- und Grubenarbeiter Landwirtschaft trieb, bezw. dafs landwirtschaftliche Tagelöhner und Bauern als Industriearbeiter in ihrer freien Zeit thätig sind 2 . Wie sehr noch der gewerbliche Arbeiter mit einem Fufs in der Landwirtschaft steht, dafür legen auch gewisse Löhnungsverhältnisse untrügliches Zeugnis ab. Wir finden nämlich noch sowohl Deputatlöhnung, als auch sogar noch Landanweisung an Industriearbeiter bis in die Mitte des Jahrhunderts erhalten. Im Hüttenwerk zu Thiergarten (Hohenzollern-Sigmaringen) erhalten die Blechwalz- meister neben ihrem Geldlohn 4 Klafter hartes Holz, 1 /a Morgen Ackernutzung und freie Wohnung; ebenso die Vorwalzer, die Schweifsofenarbeiter u. a. 3 . Es kann nun für denjenigen, der die Verhältnisse auch nur oberflächlich kennt, keinem Zweifel unterliegen, dafs alle gewerbliche Thätigkeit, die als Nebenbeschäftigung für die ländliche Bevölkerung in Frage kam, auf der ganzen Linie in einem stetigen Rückgänge befindlich ist, der teilweise schon zu einem völligen Verschwinden geführt hat. Leider vermögen wir nicht in so exakter Weise, wie es wohl wünschenswert wäre, für diese That- sache auch den ziffernmäfsigen Beweis zu erbringen. Immerhin geben einige Zahlen uns genügenden Anhalt, um Rückschlüsse auf die Gesamtlage zu machen. Dafs in einigen Gebieten Deutschlands der Rückgang der gewerblichen Nebenbeschäftigung schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen hatte, ersehen wir aus den Klagen der zeitgenössischen Littei’atur 4 , wir dürfen es aber auch schliefsen aus der Statistik der ländlichen Weberei, die wir für Preufsen wenigstens bis 1861 besitzen. Danach war, während die als Nebenbeschäftigung gehenden Stühle in den östlichen Provinzen des Staats noch bis 1861 sich vermehrten, in den westlichen Provinzen und Schlesien 1 Banfield, 1, 51/52, der wiederum eine vorzügliche Skizzierung eines in England bereits überwundenen Zustands: der „Association of agriculture witli factory labour“ giebt. 2 Ähnliches gilt für die Arbeiter in anderen Gebieten des frühkapitalistischen Wirtschaftslebens. So z. B. für die Bemannung der Seeschiffe, die in damaliger Zeit fast vollständig aus den bäuerlichen Gebieten der Küsten sich rekrutierte. Vgl. von Reden, Die deutsche Rhederei etc. (in seiner Zeitschrift Bd. I S. 385 f., insbes. S. 402 ff.) und E. Eitger, Schiffsbau und Seeschiffahrt in den letzten Jahren. 1892. 3 von Reden, a. a. 0. S. 638. 4 Vgl. vor allem wiederum Funke, a. a. 0. S. 15 ff. 138 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. seit 1831, bezw. 1837 schon ein Rückgang zu bemerken. Es betrug nämlich die Zahl der für Leinwand gehenden Stühle in: 1837 1861 Schlesien .... . . . 11620 7 936 Sachsen .... . . . 13 503 9022 Westfalen . . . . . . 26900 18369 Rheinland . . . . . . 12 974 11162 Eine Tendenz, die wir uns natürlich fortwirkend denken müssen. Für die neuere Zeit steht uns nur ein geringes Zahlenmaterial zur Verfügung. Und zudem ein solches, das sich gar nicht unmittelbar oder nicht ausschliefslich auf die uns hier interessierende Erscheinung bezieht. Hervorzuheben sind zunächst die oben S. 119/120 bereits mitgeteilten Ziffern, aus denen die mit Flachs und Hanf angebauten Flächen ersichtlich sind. Denn wenn auch natürlich ein sehr beträchtlicher Teil des angebauten, bezw. jetzt nicht mehr angebauten Flachses oder Hanfes solcher gewesen ist, der in gewerblichen Spinnereien zur Verarbeitung gelangte, so entfällt doch sicher auch ein starker Prozentsatz der Abnahme auf hausindustriell oder hausgewerblich als Nebenbeschäftigung von ländlichen Personen versponnenen und verwebten Faserstoffs. Sodann vermag uns die Statistik der ländlichen Hausindustrie ebenfalls einigen Aufschlufs zu geben. Freilich enthält sie nicht die hausgewerblich thätigen Produzenten, umfafst dagegen auch die gewerbsmäfsigen Nur-Hausindustriellen und reicht somit über den Kreis unserer Betrachtungen hinaus. Aber sicher ist für die von uns einstweilen ins Auge gefafsten Schichten der landwirtschaftlichen Bevölkerung der Wegfall der hausindustriellen Nebenbeschäftigung weit wichtiger als die der hausgewerblichen Eigenproduktion, und dann ist es vielleicht ganz nützlich, auch diese für uns seitwärts liegende Erscheinung: das Verschwinden der ländlichen Berufshausindustrie — denn auf ein solches läuft die Entwicklung hinaus — schon jetzt zu würdigen, weil sie für das Verständnis der grofsen Zusammenhänge, auf deren Blofslegung unser Hauptaugenmerk gerichtet ist, zwischen der Umgestaltung der gewerblichen Organisationsformen und den Schichtungsverhältnissen der gesamten Bevölkerung von ebenfalls grofser Wichtigkeit ist. Bedeutet sie auch nicht immer eine Verschlechterung der Existenzbedingungen der landwirtschaftlichen Bevölkerung — dort nämlich nicht, wo die hausindustrielle Thätigkeit berufsmäfsig ausgeübt wird — so doch * Fünftes Kapitel. Deutschland. 130 jedenfalls eine Verschlechterung der Existenzbedingungen auf dem Lande (und in kleinen Städten). Leider können wir aus der Statistik nicht das langsame Absterben der meisten ländlichen Hausindustrien seit Mitte des 19. Jahrhunderts verfolgen, weil die vergleichbaren Ziffern fehlen. Wir müssen uns vielmehr begnügen mit der Gegenüberstellung der Ziffern der Gewerbezählung für 1882 und 1895, die allerdings schon lehrreich genug ist. Danach ergiebt sich folgendes Bild: Es haben in dem Zeitraum von 1882—1895 eine Verminderung erfahren die hausindustriellen Gewerbearten Betriebe um Personen um Zeugschmiede, Scherenschleifer, Feilenhauer 2 006 4 044 Seiden- und Slioddyspinnerei. 2 037 2 922 Baumwollspinnerei. 4 067 3 645 Seiden. 20000 34 381 Leinenweberei. 10 660 14 667 Baumwollweberei. 18 859 19 089 Weberei von gemischten Waren .... 5 811 4 895 Strickerei und Wirkerei. 7 026 12 768 Häkelei und Stickerei. 1251 549 Strohhut-F. und Flechterei von Stroh . . 4185 2 836 All diese Hausindustrien tragen wesentlich ländlichen Charakter und werden vielfach in Verbindung mit Landwirtschaft ausgeübt. Dagegen weisen eine Zunahme fast nur solche Hausindustrien auf, die in den Städten zu Hause sind, vielleicht mit Ausnahme der Verfertigung grober Holzwaren, bei der die Personen um 634, die Betriebe um 530 zugenommen haben, während die Vermehrung der hausindustriellen Personen und Betriebe in der Wollweberei (bezw. 4072 und 645) auf eine Verschiebung der Produktionsrichtung innerhalb der Textilhausindustrie zurückzuführen ist 1 . Dafs neuerdings die Konfektionsindustrie auf dem Lande betrieben wird, ist eine Erscheinung, die einer ganz andern Entwicklungsreihe angehört als der Kreis von Phänomenen , um deren Feststellung uns einstweilen hier zu thun ist und der die Zertrümmerung der alten Existenzbasis der ländlichen - Bevölkerung in früh- und vorkapitalistischer Zeit betrifft. Die ehemals decentralisierte, weil holz- und wassernützende „Gr o fs in dus tri e“ ist aber, wie jedermann weifs, in dem Mafse, wie 1 Vgl. im übrigen den Art. „Hausindustrie“ in der 2. Aufl. der H.St., wo ich ausführlicher dieselben Ziffern besprochen habe. 140 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. sie zur Kohlen- uncl Dampfnutzung überging, immer mehr in grofsen Industriecentren vereinigt worden, wie noch in anderem Zusammenhänge zu zeigen sein wird. Das gilt vor allem von der wichtigsten jener Industrien: der Eisenindustrie, die sich heute gerade so um die Kohlenbecken lagert, wie sie ehedem in den Wäldern zerstreut lag. Zu dem allem kommt noch, dafs aus ähnlichen Gründen, wie der gewerbliche Kapitalismus seine Bodenständigkeit aufgegeben hat, die als landwi rtschaftliche Nebengewerbe im engeren Sinne bezeichneten Industrien der Brauerei und Brennerei, die bis vor einem Menschenalter in winzig kleinen Betrieben über das platte Land zerstreut waren und meist in Verbindung mit landwirtschaftlicher Thätigkeit ausgeübt wurden, nun infolge ihrer Konzentration in einer immer kleineren Anzahl von Unternehmungen der ländlichen Bevölkerung als Nebenerwerb ebenfalls verlustig gehen. Einige Ziffern werden das bestätigen. In der Brennerei läfst sich schon seit den 1830er Jahren ein Rückgang der kleinen bäuerlichen Brennereien beobachten, der im Zusammenhänge steht mit dem Übergang von der Kornbrennerei zur Kartoffelbrennerei. Es betrug die Zahl der Brennereien in Preufsen 1 : 1831 == 22988 1839 = 15 953 1854 = 10114 1865 = 7 711 Die Gegenden, wo diese Kleinbrennerei zu Hause war, waren vor allem die westlichen Provinzen mit überwiegend bäuerlichem Besitz. So entfielen im Jahre 1848 von insgesamt 11 975 Brennereien auf die Rheinprovinz allein 5317 2 . Eine gleiche Entwicklung vollzieht sich im Königreich Sachsen. Hier gab es Brennereien 3 : 1840 1862 überhaupt . . . , . 1184 636 auf dem Lande . . . 977 592 Getreide - B. . . . 265 53 Kartoffel - B. . . . 904 577 1 Nach der Zusammenstellung bei Schmoller, Kleingewerbe, 405. 2 Dieterici, Übersichten. Vierte Folge. 1851. S. 354. Vgl. auch hierzu Jacobi, Studien (1854) S. 64/65. 3 Festschrift für die XXV. Versammlung deutscher Land-und Forstwirte. 1865. S. 174. t Fünftes Kapitel. Deutschland. 141 Brauereien wurden in Preufsen auf dem Lande gezählt 1 : 1839 6890 1848 5659 1856 4509 1864 3683 Die Abnahme war hier besonders stark in den östlichen Provinzen; sie betrug von 1839—1864 in: Ostpreufsen . . . 70,0 °/o Westpreufsen . . 76,3 „ Posen.80,7 „ Pommern . . . 75,4 „ dagegegen im Durchschnitt nur . . 46,5 „ Dafs es sich bei dem Rückgang wiederum um die kleinen, meist von bäuerlichen Wirtschaften als Nebengewerbe betriebenen Brauereien handelt, ergiebt sich aus folgenden Ziffern: Es versteuerten unter 100 Ctr. Braumalz 2 3 * 1845 5926 Brauereien = 62,19 °/o 1865 3264 „ = 47,74 „ Wenn nun aber auch diesen „landwirtschaftlichen Nebengewerben“ mit den vorher erwähnten Haus- und Fabrikindustrien gemeinsam ist, dafs sie vielfach Füllarbeit für die ländliche Bevölkerung darboten, so müssen wir uns doch darüber klar sein, dafs ihr Niedergang noch wesentlich andere Kreise ebenfalls in Mitleidenschaft zog: die oberen Schichten der ländlichen Hierarchie, die wir uns doch vornehmlich als „Unternehmer“ jener landwirtschaftlichen Nebengewerbe zu denken haben. Sodafs wir mit ihrer Erörterung unversehens an die Sphäre der grofsbäuerlichen Wirtschaften herangekommen sind, denen nunmehr noch einige Aufmerksamkeit zu schenken ist. Denn auch sie erfahren in ihrer Struktur durch die moderne Entwicklung wesentliche Veränderungen. Die altbäuerliche und zumal die grofsbäuerliche Wirtschaftsverfassung hatte geruht auf der Eingliederung einer gröfseren Anzahl von Arbeitskräften — neben den Anverwandten, Söhnen und Töchtern des Wirtschaftsvorstandes einem zahlreichen Gesinde männlichen und weiblichen Geschlechts 8 — in einen einheitlichen Pro- 1 Bienengräber, Statistik des Verkehrs, 159. 2 Für 1845 Dieterici, Übersichten, 3. Fortsetzung; für 1865 Viebahn, a. a. O. 3 Wie stark in bäuerlichen Gebieten ehedem das Gesindedienstverhältnis vorwaltete, lehrt uns die Statistik: 1849 machten die Gesindepersonen im 142 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. duktions- und Konsumtionswirtscliaftsorganismus. Die Voraussetzung ihrer Lebensfälligkeit war für die eigentlich bäuerliche Familie in ganz besonders hohem Mafse die Ausführung zahlreicher Arbeiten, namentlich gewerblicher, neben den landwirtschaftlichen und eine dadurch ermöglichte Nutzung der vorhandenen Produktionskräfte, ebenso wie ihre enge Eingliederung in den Dorfverband * 1 . Dabei war die Eigenart der grofsbäuerlichen Familie gewesen, dafs sie die gewerbliche Thätigkeit, wie wir an anderer Stelle schon erwähnten, für den eigenen Bedarf also als hausgewerbliche Eigenproduktion ausübte. Diese altbäuerliche Grofsfamilienwirtschaft ist nun aber ohne Zweifel im Laufe des 19. Jahrhunderts ihrer Auflösung raschen Schrittes zugeführt worden. Aufser dem Augenschein und zahlreichen Berichten sprechen dafür eine Reihe wichtiger Symptome. Fragen wir nach den Gründen solcher Auflösung, so bietet sich uns von selbst als einer der unzweifelhaft vor allem entscheidenden Gründe der Wegfall der gewerblichen Nebenbeschäftigung und die dadurch hervorgerufene Unmöglichkeit dar, einen gröfseren Personenkreis während der landwirtschaftlich toten Saison produktiv zu beschäftigen. Aber wenn wir nun zu erfahren suchen, warum die gewerbliche Thätigkeit in der Bauernwirtschaft aufgegeben oder eingeschränkt werden mufste, so ist die Antwort nicht so leicht, wie sie manche sich gemacht haben 2 . Denn offenbar ist der Einwand richtig 3 , dafs eine zwingende Notwendigkeit zur Einstellung der hausgewerblichen Eigenproduktion nicht aus der Gestaltung der Marktpreise für die darin hergestellten gewerblichen Erzeugnisse hergeleitet werden kann, wie etwa bei der haus- Königreich Sachsen noch über 50°/o der landwirtschaftlich erwerbsthätigen Bevölkerung aus. Vgl. Engel, Das Königreich Sachsen 1, 251. 1 Diese ökonomische Verfassung hatte dann die Basis abgegeben für das sittliche Gemeinschaftsband, das alles bäuerliche Wesen dereinst umschlofs. Was uns Tönnies in seinem epochemachenden Werke Gemeinschaft und Gesellschaft (1887) als die Wesenheit der Dorfwirtschaft in so meisterhafter Weise geschildert hat, diesen Geist der Gemeinschaft finden wir in Deutschland noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts in seinen Hauptzügen erhalten. „Auf dem Lande herrscht noch im ganzen der altdeutsche Grundsatz der Gesamtbürgschaft: Alle für Einen und Einer für Alle.“ Freiherr von Holz- schuher, Die materielle Not der unteren Volksklassen (1850), 48. Holzschuher ist ein zuverlässiger Beobachtei - . 2 Z. B. Nicolai-on, Die Volkswirtschaft Rufslands. N. richtet sich im wesentlichen nach Marx. Auch Marx behandelt dieses Problem sehr flüchtig. Vgl. Kapital 1\ 711. 712. 2 Wie ihn Peter von Struve gegen Nicolai-on erhebt. Fünftes Kapitel. Deutschland. 14:’» industriellen Thätigkeit. Hausgewerbliclie Eigenproduktion braucht keineswegs zu cessieren, wenn sie auch noch so sehr hinter der gesellschaftlichen Durchschnittsproduktivität zurückbleibt. Kann mich doch kein „Marktgesetz“ hindern, mir meine Bücher selbst einzu- zubinden, oder meinen Gartenzaun selbst anzustreichen, auch wenn ich einen zehnmal so grofsen Aufwand als den „gesellschaftlich notwendigen“ mache. In welchen andern Kausalzusammenhang mufs also der Rückgang des bäuerlichen Hausgewerbes eingeordnet werden? Mir scheint, dafs wir einen Teil der Gründe dort suchen dürfen, wo wir sie für ähnliche Erscheinungen bei der Gutswirtschaft fanden: im Übergang zu rationeller und intensiver Landwirtschaft. Dafs sie ein Steigen der Güterpreise, mithin bei Besitzwechsel den Zwang zu höherer Rentenerzielung hatte, wissen wir Dieser Druck, die Gelderträge der Wirtschaft zu steigern, wurde bei den Bauernwirtschaften insonderheit noch durch die zum Teil empfindlich hohen Ablösungsrenten, die doch auch nur ein Ergebnis des in die Landwirtschaft eindringenden ökonomischen Rationalismus waren, beträchtlich gesteigert 1 . Es mufste also auch in vielen Bauernwirtschaften das Bestreben wach werden, die Nutzung des Bodens und die Gestaltung des Gesamtbetriebes im Hinblick auf möglichst hohe Reinertragserzielung so rationell wie möglich einzurichten. Dieses Streben, in Verbindung mit der fortschreitenden Gemeinheitsteilung, Servitutenablösung und Grundstückszusammenlegung führte wohl vielerorts dahin, Produktionszweige fallen zu lassen, auf denen die gewerbliche Thätigkeit sich aufgebaut hatte. Ich denke beispielsweise an die Einschränkung der Schafzucht bei Fortfall der Gemeindeweide, des Flachsbaus wiederum, der Hölzernutzung bei Aufteilung des Gemeindewaldes und dergl. mehr. Aber ich möchte das Gewicht der aus einer rationellen Betriebsgestaltung folgenden Gründe bei der eigentlichen Bauernwirtschaft, deren Wesen ja gerade in einem zähen Festhalten an der überkommenen handwerksmäßigen Produktionsweise und einem dem entsprechenden Widerwillen gegen alle kapitalistische Ratio- nalistik besteht, nicht allzu hoch anschlagen, so sehr es in einzelnen Gebieten, z. B. in allen Rübengegenden — Bördebauern! — von ausschlaggebender Bedeutung gewesen ist, möchte vielmehr der Meinung sein, dafs die altbäuerliche Familien-Wirtschaft in den meisten Fällen ihren Todesstofs mehr von aufsen her erhalten hat. 1 Darüber vgl. auch noch Knapp, Bauernbefreiung, 245 (für Schlesien). 144 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Was ihren Bestand vor allem erschütterte, war der Umstand, dafs ihr die Personen, auf denen sie ihren umfassenden Betrieb aufgebaut hatte, im Verlauf der modernen Entwicklung entrückt wurden ; sie damit also, gegen ihren eigenen Willen, aufser stand gesetzt wurde, ihre alte Wirtschaftsführung beizubehalten. Die Personen aber, die sich ihrer Machtsphäre immer mehr entzogen, waren zunächst die Kinder der Bauern selbst, die bisher sich völlig in den Familienorganismus als dienende Glieder eingefügt hatten, und dann die Gesindeleute, die als weitere Hilfsorgane der Bauernfamilie angegliedert waren. Sie hielt es nicht mehr in der alten Gemeinschaft. Und warum nicht? Weil ein „neuer Geist“ erwacht war, so lautet die Antwort; der „individualistische Geist“, weil eine Unruhe an Stelle der früheren Ständigkeit und Selbstgenügsamkeit getreten war. Ohne Zweifel wird damit ein richtiger Gedanke ausgesprochen. Wo auch immer wir nach den Gründen jener Auflösung forschen, immer stofsen wir auf das Erwachen des neuen Geistes. Schon vor der Mitte des 19. Jahrhunderts sehen aufmerksame Beobachter diesen Zerstörer am Werk. „Es ist ein Drängen und Treiben eingetreten“, urteilt der schon oft von uns zum Zeugnis aufgerufene Pastor zu Menslage, „bei dem alle sittlichen Bande, welche die einzelnen Individuen an Familie und Vaterland knüpfen, allmählich völlig gelöst werden müssen.“ „Der moderne Zeitgeist, welcher überall die vorhandenen sittlichen Bande zerreifst, hat auch hier verderblich eingewirkt; die alten Sitten und Gewohnheiten, welche das Leben fester Zusammenhalten als die bestimmtesten Gesetze, schwinden, und die Einfachheit des alten und doch ewig neuen Glaubens ist oft nur zu sehr verloren gegangen, weshalb denn auch die alle Lebensverhältnisse verklärende und die Menschen überall in Liebe einigende Gewalt fehlt 1 .“ Und es will uns das Auftreten dieses neuen, revolutionären, individualistischen Geistes gar nicht so wunderbar erscheinen, wenn wir Umschau halten nach den Gründen, die ihn erzeugt haben konnten. Denn diese sind handgreiflich. War es nicht die Landwirtschaft selber, die nach neuen Menschen, nach intelligenteren, selbständigeren Arbeitern verlangte, um den Übergang zur rationellen und intensiveren Kultur vollziehen zu können? Hatte man nicht, diesem Bedürfnis entsprechend, den Bauern, den Gutsarbeiter „befreit“ aus den alten 1 Funke, Lage der Heuerleute (1847), 70. 9. Fünftes Kapitel. Deutschland. 145 Abhäigigkeitsverhältnissen? Hatte man von ihnen nicht Selbstbestimmung verlangt und erwartet? Und heischt fortschreitende Verbesserung der landwirtschaftlichen Produktionsweise, wie sie in der zunehmenden Intensivisierung zum Ausdruck kommt, nicht immer intelligentere, selbständigere Arbeiter? War es nicht ein Bestreben der Arbeitgeber, die Leistungsfähigkeit ihrer Arbeiter durch Einführung des Accordlohns und andere Reizmittel zu steigern? So schuf sich die moderne Landwirtschaft selbst einen höheren Typ von Arbeitern, der nun aber ungeeignet wurde, ein dauerndes Glied in den überkommenen patriarchalischen Gemeinschaften zu sein. Wenn auch in geringerem Grade als bei den Guts wirtschaften, gilt dies doch auch für die Bauernwirtschaften, denn es ist unvermeidlich, dafs ein gewisser Austausch der Menschen und ihrer Anschauungen innerhalb einer und derselben Bevölkerung statttindet. Dieser Austausch ist es aber, der in noch viel umfassenderer Weise als der angedeuteten auf die Revolutionierung der ländlichen Bevölkerung Einflufs gewonnen hat. Ich meine natürlich den Austausch zwischen Stadt und Land, die Rückwirkung der städtischindustriellen Entwicklung auf die Lebensauffassung der Gesamtbevölkerung. In dem Mafse, wie sich dank dem Vorschreiten des Kapitalismus der Schwerpunkt der Kultur in die modernen Städte verlegt, wird ein neues Persönlichkeitsideal, wird ein neuer Mafs- stab für Wohlbehagen und Lebensfreude geschaffen, der nun unwiderstehlich auch in die fernsten Alpenthäler seinen Einzug hält und in dem Mafse an Geltung zunimmt, wie die Entwicklung der Verkehrsmittel den Kontakt zwischen den Städtern und Ländlern häufiger macht. Aber mit dieser Betrachtung haben wir schon ein neues Gebiet unserer Untersuchungen betreten. Denn was wir liier seine Rückwirkung ausüben sehen: die städtische Kultur ist jener zweite grofse Erscheinungskomplex, an dessen Auftreten wir die Neugestaltung des socialen Lebens im 19. Jahrhundert erkennen und den wir nunmehr erst in seiner Eigenart, in seiner Selbstentstehung betrachten müssen, ehe wir ihn in seinen Wirkungen weiter verfolgen. Dann erst werden wir im stände sein, den innigen Zusammenhang ganz zu würdigen, der zwischen ihm und den soeben aufgerollten Phänomenen besteht. Denn was unsere Untersuchung zu tage gefördert hat, war doch wohl dies: Die Bedürfnisse der modernen Landwirtschaft: ihr Bedürfnis nach klaren Eigentumsverhältnissen, ihr Bedürfnis nach bestmög- Somhart, Der moderne Kapitalismus. EI. 10 146 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. licher Ausnutzung des Grund und Bodens und deshalb rationeller Gestaltung des Wirtschaftsbetriebes, ihr Streben, auch das Arbeitsverhältnis ihrem unmittelbaren Zwecke entsprechend umzuformen — die Befriedigung all dieser Bedürfnisse hat zur Folge, dafs ein grofser Teil der früher organisch mit der Landwirtschaft verwachsenen, der gleichsam bodenständigen ländlichen Bevölkerung entwurzelt, mobilisiert, Flugsand wird. Eine Entwicklung, die durch andere Umstände Unterstützung * erfähi't: den Wegfall des gewerblichen Nebenverdienstes, das Erwachen des „individualistischen“ Geistes unter der Landbevölkerung, diesen beiden Folgeerscheinungen der Ausbreitung und Erstarkung des gewerblichen Kapitalismus. Und eine Entwicklung, die über die Kreise der Landwirtschaft treibenden Bevölkerung hinaus sich auf viele rein gewerbliche Produzenten des flachen Landes und der kleinen Landstädte erstreckt. So stellt sich denn naturgemäfs als Wirkung in breiten Schichten der ländlichen Bevölkerung ein Zustand ein, den wir als Landmüdigkeit bezeichnen können; sie mag erzwungen oder freiwillig sein. Ihren äufseren ziffermäfsigen Ausdruck findet diese Landmüdigkeit zunächst in der Übervölkerung des platten Landes, ► die wir als Ergebnis der geschilderten Entwicklung mit aller Deutlichkeit am Ende der frühkapitalistischen Periode nachweisen können. Eine Beförderung hatte diese Tendenz zur Übervölkerung erfahren durch die ungeheuer starke Bevölkerungs- zunähme während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die wir uns wohl wesentlich als eine Folge der aufsergewohnlich langen Friedenszeit zu erklären haben. In dem Menschenalter von 1816 bis 1845 wuchs die Bevölkerung (auf dem heutigen Reichsgebiet) 1 von 24,8 Millionen auf 34,4 Millionen an, d. h. um 9,6 Millionen oder 38,7 %, während sie sich im folgenden Menschenalter, von 1845 bis 1875 nur um 8,3 Millionen oder 24,1 °/o und sogar in dem Menschenalter gröfsten Aufschwungs von 1865 bis 1895 nur um 31,8°/o vermehrte. Und zwar läfst sich nachweisen, dafs es vor- 7 7 . ► wiegend die Bevölkerung in den ländlichen Gebieten, bezw. die landwirtschaftliche Bevölkerung ist, die sich besonders heftig vermehrt. Von 1816 bis 1840 hatte sich die städtische Bevölkerung im Königreich Preufsen von 1000 auf 1411, dagegen die ländliche von 1000 auf 1461 vermehrt 2 . Im Königreich Bayern hatte die 1 Stat. Jahrb. für das Deutsche Reich. 2 Jahrbuch für amtliche Statistik des preufs. Staats 1 (1863), 110. Fünftes Kapitel. Deutschland. 147 landwirtschaftliche Bevölkerung ihren Anteil an der Gesamtbevölkerung von 1840 bis 1852 sogar noch von 657 auf 679 von 1000 Seelen gesteigert 1 . Ein Vergleich der Bevölkerungsziffern der einzelnen Regierungsbezirke des preufsischen Staates für die Jahre 1834 bis 1843 ergiebt folgendes Resultat. Es betrug die Zunahme in diesem Jahrzehnt in der Stadt Berlin . . . . 33,20 °/o im Reg.Bez. Oppeln . . . . 23,96 „ 71 Marienvverder . ■ 22,50 „ 71 V Köslin . . . . 20,34 „ Yi 71 Bromberg . . ■ 19,40 „ 71 71 Düsseldorf . . . 16,78 „ 71 71 Stettin . . . . 16,54 „ 71 71 Danzig . . . . 16,42 n 71 Potsdam . . . . 15,69 „ n 71 71 Erfurt . . . . 14,69 „ 71 71 Gumbinnen . . . 14,35 „ n n 71 Stralsund . . . 14,15 „ 7) 71 Arnsberg . . • 13,17 „ » 71 71 Köln .... . 13,13 „ 71 71 71 Posen .... . 13,05 „ 71 71 71 Königsberg. . . 13,01 „ 71 71 71 Merseburg . . . 12,91 „ 1 71 71 Breslau . . . . 12,67 „ 71 71 71 Frankfurt • 12,62 „ 71 11 71 Magdeburg . . . 12,16 „ 71 71 71 Liegnitz . . . • H,78 „ 71 71 71 Minden . . . . 11,22 „ 71 71 71 Trier .... . 9,38 „ 71 71 71 Aachen . . . . 9,01 „ 71 71 71 Koblenz . . . • 8,19 „ 71 71 71 Münster . . . • 4,71 „ Im preufsischen Staat. . . . 14,52 o/o In Marienwerder, Köslin und Bromberg raschere Zunahme als in Düsseldorf; in Gumbinnen und Stralsund raschere als in Arnsberg und Köln; in Posen und Königsberg raschere als in Breslau, Magdeburg, Minden! 1 F. B. W. von Hermann, Über die Gliederung der Bevölkerung des Königreichs Bayern (1855), 13 ff. 21 ff. 10 * 148 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Auf Provinzen berechnet ergiebt sich dann folgendes noch frappantere Bild. Das jährliche Zuwachsprozent betrug (1834—1846) 1 : in der Provinz Pommern . . . 2,23 (Max.) „ „ „ Brandenburg . . 2,27 „ „ „ Schlesien . . . 2,23 „ im preufsischen Staat in der Provinz Sachsen . . „ „ „ Westfalen . „ „ Rheinprovinz . . . Und für die übrigen deutschen Staaten gilt ein Gleiches 2 . Das Königreich Sachsen erreicht in keiner Kreisdirektion die Zuwachsrate der preufsischen Provinz Pommern. Es betrug die jährliche Durchschnittszunahme in Proz.: 1,88 1,64 1,43 1,59 Kr.Direktion Dresden . . 0,66—1,44 „ „ Leipzig . . 0,71—1,74 „ „ Zwickau . . 1,27—2,02 „ „ Bautzen . . 0,31—1,55 Königreich Sachsen . 1,06—1,51 Während das Kurfürstentum Hessen eine Durchschnittszunahme von 1,37 °/o aufweist u. s. w. Ja, es ist sogar festgestellt worden, dafs beispielsweise im Königreich Preufsen die Bevölkerung in Gegenden mit ärmeren Böden sich von 1819 bis 1845 um 146%, in denen mit reicheren Böden dagegen nur um 145°/o vermehrt hat 3 . Blättern wir aber in der zeitgenössischen Litteratur, so tönt uns aus jeder Seite die Klage entgegen: es sind zu viel Menschen auf dem Lande da, die Arbeitsgelegenheit fehlt, die Zahl der Arbeitslosen und Elenden namentlich auf dem flachen Lande und in den kleinen Städten wächst. Ich teile ein paar solcher Äufserungen mit: Mark Brandenburg: „Eine dritte Ursache“ — sc. der Not und Armut auf dem Lande, deren beide ersten Ursachen (!) der 1 Frh. von Reden, Vergleichende Statistik der Bevölkerungsverhält- nisse Deutschlands und der übrigen Staaten Europas in seiner Zeitschrift Bd. I (1847) S. 1057. Über die damals stärkere Bevölkerungszunahme im Osten Deutschlands vgl. auch das reiche Material bei Fr. J. Neumann, Zur Lehre von den Lohngesetzen in den Jahrbüchern f. Nat.Ok. III. F. Bd. V (1893); namentlich S. 648 ff. 2 von Reden, S. 1058 ff. 3 Bötzow, Bodenbesehaffenheit und Bevölkerung in Preufsen in der Zeitschrift des preufs. statist. Bureaus 21, 287—91. Fünftes Kapitel. Deutschland. 140 Verfasser in der Niedrigkeit des Arbeitslohns und der Länge der Arbeitszeit erblickt — „finden wir an einzelnen Orten und in manchen Gegenden in dem Mangel an fortdauernder Arbeit und zwar entweder zufolge einer Überzahl von Arbeitern oder ungünstiger Konjunktur 1 .“ Der Landesökonomierat Koppe aber, der die Schrift, der obige Stelle entnommen ist, einleitet, warnt ausdrücklich vor einer Lohnerhöhung; denn, meint er, „eine Erhöhung des Tagelohns würde einen solchen Andrang der Arbeiter zur Folge gehabt haben, dafs ich sehr viele hätte abweisen müssen“ 2 3 . Schlesien: „Die grofse Zahl der Arbeitsuchenden hat natürlich zur Folge, dafs der tägliche Lohn gedrückt wird. . . Würde wohl der Diebstahl in den Städten und auf dem Lande in den letzten zehn Jahren so überhand genommen haben, wenn die Tagearbeiter stets Arbeit und höheren Lohn gehabt hätten?“ 8 „Zur Zeit bietet die Gesetzgebung noch kein Mittel dar, wodurch ihrer (sc. der Einlieger) reifsenden Vermehrung Einhalt gethan werden könnte 4 * .“ Ostpreufsen hat ausführlich Neumann in seiner bereits genannten Studie über die Lohngesetze behandelt; es genügt, auf die dortigen Angaben zu verweisen. Thüringen: „Die stets wachsende Bevölkerung vermehrt die Zahl der Konsumenten; die vielen müfsigen Hände . . . drücken die Arbeitslöhne herab. . . . Etwas weniger . . . fühlen die Städte diese . . . Verhältnisse . . . und doch wimmelt es von müfsigen Händen 6 ;“ von den Ortschaften des Eisenacher Oberlandes erfahren wir, dafs sie „sämtlich ein zahlreiches Proletariat enthalten und Mangel an Arbeitsgelegenheit leiden“ G . Oldenburg: „Es ist buchstäblich wahr, dafs das Münsterland eine derartige Bevölkerung — 93 Einwohner auf den Quadratkilometer — nicht zu ernähren vermochte 7 .“ 1 K. F. Schnell, Vorschläge (1849), S. 34. 2 A. a. O. S. 7. 3 C. Fr. Frenzei, Praktische Ratschläge etc. (1849), 4. 4 Einige Betrachtungen über die Einwohnerklasse der Einlieger in den „Ökonomischen Mitteilungen aus Schlesien“, herausgeg. von Gr. Hoverden und Pastor Schulz. V. Jahrg. (1843) S. 74. 6 Gesellschaftsspiegel II (1847). 33. 34. * Zuschrift der Grofsherz. S. Bezirksdirektion in Dermbach vom 11. Ok- t«ber 1865. Citiert bei Em. Sax, Die Hausindustrie in Thüringen 2(1884), 73. 7 P. Kollmann, Die Heuerleute im Oldenburgischen Münsterland« (Jahrb. f. Nat.Ök. in. F. Bd. XVI. S. 192. 193). 150 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Rheinland: Übervölkerung und Notstände im Westerwalde werden Ursachen der Landgängerei x . Westfalen: „Möge bald die Wünschelrute gefunden werden, welche den Schatz dieses Ländchens, die unverwerteten Arbeitskräfte zu segensreicher Wirksamkeit an das Licht ruft 1 2 .“ Grofshzgt. Hessen: „In der 66. und 67. diesjährigen Sitzung der ersten Kammer des Grofsherzogtums Hessen fand die Ansicht unseres verehrten hohen Staatsministers volle Anerkennung, wonach in unserem Grofsherzogtum eine Übervölkerung eingetreten ist 3 .“ Baden: „Die Anzahl dürftiger Arbeiterfamilien ist zwar vermittelst der Auswanderung vermindert worden; aber gleichwohl ist noch ein Übermafs solcher Familien vorhanden, denen es an fortdauernder Beschäftigung gebricht 4 .“ Holstein: Eine Schrift des Freiherrn von Berg, in der er die Steigerung der Pachtpreise etc. bekämpft, schliefst mit der Mahnung, die landwirtschaftlichen Arbeiten zu vermehren, „was für die reichliche Zahl der Tagelöhner fast notwendig erscheint, wenn nicht deren Verarmung immer mehr vor sich gehen soll“ 5 . Alles wirkt somit zusammen, um das Bedürfnis nach einem Abstrom eines Teils der Landbewohner wachzurufen; das Land drängt seine Kinder fort; es tritt ein Zustand des Repulsionismus ein. Und Bevölkerungsschichten, die seit Jahrhunderten so fest an ihrer Scholle geklebt hatten, wie nur irgend ein Bodengewächs, sie kommen in Bewegung, und nun lösen sich Scharen auf Scharen vom Boden los und wandern aus ihrer Heimat fort. Und diese Riesenvolksbewegung, von der man mit Recht gesagt hat, dafs sie ihres Gleichen in der Weltgeschichte nicht gesehen hat, dafs im Vergleich zu ihr die Völkerwanderung, die das europäische Mittelalter einleitete, ein Kinderspiel gewesen sei, wenn man die in Bewegung gesetzten Volksmassen in Betracht zieht: diese Be- 1 Vgl. die anschaulichen Schilderungen bei Joh. Plenge, Westerwälder Hausierer und Landgänger in den Schriften des Ver. f. Soc.Pol. 78 (1898), 24 f. 49. 2 Jacobi, Statistik des Reg.Bez. Arnsberg (1856) S. 21. 3 L. Wilkens, Die Erweiterung etc. des deutschen Gewerbebetriebs etc. (1847) S. 1. * H. Rau, Die Landwirtschaft der Heidelberger Gegend in der Festschrift für die XXI. Versammlung deutscher Land- und Forstwirte. 1860. S. 394. Vgl. dazu Banfield, 1. c. I, 208. 222. 5 Frhr. A. von Berg, Uber den landw. Betrieb im Hzgt. Holstein etc. 1852. Citiert bei J. R. Mucke, Deutschlands Getreide-Ertrag (1883). S. 44. Fünftes Kapitel. Deutschland. 151 wegung scheint nun kein Ende nehmen zu wollen, auch jetzt, nachdem längst von einer Uberschufsbevölkerung auf dem Lande keine Rede mehr ist, nachdem längst die Arbeitskräfte zu mangeln begonnen haben. Was seinen Grund wohl vornehmlich in der That- sache hat, dafs die Weiterentwicklung des Kapitalismus durch die Erzeugung dessen, was man moderne „Agrarkrisis“ heifst, dank des hohen Niveaus der Grundrente bei niedrigen Produktenpreisen, eine Tendenz zur Senkung der Profitrate in der westeuropäischen Landwirtschaft hervorgerufen hat. Darüber später. Somit haben wir den Abstrom der Bevölkerung, den Exodus vom Lande als eine mit Notwendigkeit im Gefolge kapitalistischer Produktionsweise auftretende allgemeine Erscheinung verstehen gelernt. Als eine allgemeine Erscheinung, die also gleicher- mafsen klein- und grofsbäuerliche Gegenden wie die Gebiete des Grofsgrundbesitzes betrifft, keineswegs, wie wohl behauptet worden ist, auf letztere beschränkt bleibt. Es mufste auf diese Allgemeinheit der beregten Erscheinung ohne weiteres theoretisch geschlossen werden, auch wenn wir nicht so reich an Belegen wären für die Thatsache, dafs der Abstrom der Bevölkerung aus bäuerlichen Distrikten ebenso vorhanden ist wie aus Grofsgüterdistrikten. Vielleicht, dafs er sich dort etwas schwächer erweist; aber vorhanden ist er ganz gewifs. Es genügt, zum Beweis aus dem reichen Zahlenmaterial, das uns zur Verfügung steht, die folgenden Ziffern mitzuteilen, die die Bevölkerungsbewegung durch Wanderung für die einzelnen Gebietsteile Deutschlands während des Jahrfünft 1885—1890 zum Ausdruck bringen 1 . Es ist daraus ersichtlich, dafs der Exodus in Gruppe I mit vorherrschendem Grofsgrundbesitz allerdings am stärksten, dafs er aber vorhanden ist auch in Gruppe II und III, den Agrardistrikten mit vorwiegendem Mittel- und Kleinbesitz : Gewinn oder Verlust Gruppe Geburten- überschufs Bevölkerungszunahme durch Wanderung v. d. Geburtenabsolut überschuf8 I. Östliches Preufsen . 851 770 212 666 - 639 104 —75,04% II. Westliches Preufsen u. Mitteldeutschland 611 578 531089 — 80 449 —13,15 % in. Süddeutsche Staaten 500 787 347 520 —153 267 — 30,61% IV. Industriecentren . . 937 688 1 480 191 + 542 503 + 57,86% 1 Schriften des Vereins für Socialpolitik. Band 56. Vgl. dazu die gründlichen Untersuchungen von M. Schumann, Die inneren Wanderungen in Deutschland in v. Mayrs Allg. Statist. Archiv 1 (1890), 503 ff. 152 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Aber an dem allen interessiert uns für die Zwecke unserer Untersuchung allein die Frage: wobin wenden sich die Flüchtlinge ? wo bleiben die Massen der Abwanderer? Sie haben, wie bekannt, zwei Ziele: das erste, das ihnen als neue Heimat winkte, waren die noch unbesiedelten Gebiete der bewohnbaren Erde. Es vollzog sich und vollzieht sich ja zum Teil noch heute von ganz Westeuropa aus eine Kolonisation Amerikas und Australiens, wie im 12. und 13. Jahrhundert von Westdeutschland aus die Ostlande mit Überschufsbevölkerung besiedelt worden waren. Es wurde schon darauf hingewiesen, dafs diese Kolonisationsbewegung, so lange noch terra libera vorhanden ist, als Hemmung kapitalistischer Entwicklung anzusehen ist. Sobald die terra libera verschwindet oder sich verringert, stellen sich die Massen jener Überschufsbevölkerung als Aushebungskontingente für die Armee der gewerblichen Lohnarbeiterschaft. Es fragt sich alsdann nur noch, ob sie im eigenen Lande einrolliert werden oder sich den kapitalistischen Unternehmern fremder Länder zur Verfügung stellen müssen. Das aber hängt natürlich ab von der Entwicklungsfähigkeit des gewerblichen Kapitalismus in der Heimat. Je geringer diese, desto gröfser die Auswanderungsziffer. Daher noch heute die agrarische Auswanderung eine gröfsere Rolle in Italien oder Irland als in Deutschland spielt, und eine gröfsere Rolle in dem Deutschland der 1850er Jahre als in dem heutigen gespielt hat. In dem Mafse also, wie im eigenen Lande der Kapitalismus erstarkt, wird das Wanderziel der Landmüden verschoben: die Auswanderung aufser Landes wird zur Abwanderung in die Städte und Industriebezirke. Es ist nun nicht mehr ein Ausgleich, der stattfindet zwischen übervölkerten und menschenarmen Agrargebieten, sondern eine Umschichtung der Bevölkerung im eigenen Lande, um die es sich handelt. Eine Umschichtung, die dadurch hervorgerufen wird, dafs gleichzeitig mit der zunehmenden Repulsion an einer Stelle sich eine Attraktionstendenz an andrer Stelle entwickelt, mit der Wirkung, dafs ein Land nicht mehr aufser stände ist, seine Bevölkerung zu ernähren, wohl aber in ein und demselben Lande die Unterhaltungsquellen verlegt und damit der Schwerpunkt der Bevölkerung verschoben wird 1 . 1 „Gli 6 che le sussistenze necessarie a mantenere la popolazione, resa eccessiva nelle Campagne, vengono accentrate e distribuite nelle cittä; onde a queste debbono einigrare per vivere i soprannumeri dell’ industria rurale.“ A. Loria, Costituzione economiea odierna (1899) pag. 734. Fünftes Kapitel. Deutschland. 153 Darzustellen, in welcher Weise sich dieser Umschichtungs- prozefs der Bevölkerung in den Ländern mit fortgeschrittener kapitalistischer Wirtschaftsweise vollzieht, ist die Aufgabe des folgenden Abschnitts. Hier soll nur noch die Allgemeinheit der geschilderten Entwicklungstendenzen dadurch des weiteren glaubhaft gemacht werden, dafs die analogen Erscheinungen, wie wir sie in Deutschland beobachtet haben, in Kürze wenigstens auch für einige andere Länder mit kapitalistischer Produktion nachzuweisen versucht werden. Sechstes Kapitel. Grofsbritannien. Auch in England ist es bekanntlich das Exportinteresse, das den Jahrhunderte alten Bestand der handwerksmäfsigen Landwirtschaft aus dem Schlendrian der Bedarfsdeckungswirtschaft in die Erwerbswirtschaft hinüberleitet. Wir wissen, dafs schon frühzeitig die Ausfuhr von Wolle, aber auch von Getreide Neuerungen im Landwirtschaftsbetriebe herbeiführt. Aber früher als wohl in allen modernen Grofsstaaten (also von den führenden Städtestaaten des Mittelalters abgesehen) wird die Gestaltung des inneren Marktes in England derart, dafs sie für die weitere Ausdehnung erwei’bswirtschaftlicher Principien in der Landwirtschaft einen Anreiz bildete. Was dazu beitrug, schon seit Beginn etwa des 18. Jahrhunderts stimulierend auf den landwirtschaftlichen Betrieb im eigenen Lande einzuwirken, war, wie mir scheint, nicht sowohl die aufblühende Tuchindustrie, als vielmehr die zunehmende Bedeutung Londons als Konsumtionscentrum. Wenn wir die Anfänge der modernen rationellen Landwirtschaft in England zu suchen haben, so hat das ebenso sehr seinen Grund in der eigenartigen Stellung Londons, wie Columella und Genossen dem alten Rom ihr Dasein verdanken. Noch die Schriftsteller, die uns über das ländliche England im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts unterrichten, Arthur Young 1 , die Bearbeiter Defoes, der 1788 in achter Auflage erschien 2 , und noch Eden 3 , hinterlassen uns den Eindruck, als ob 1 Von den Schriften A. Youngs kommt für unsere Zwecke namentlich in Betracht seine „Southern Tour“: A six weeks tour through the southem countries of England and Wales, die ich nach der 2. ed. von 1769 citiere. 2 Daniel De Foe, A Tour through the islands of great Britain. Zuerst erschienen 1724. 8. Auflage, nach der ich citiere. 4 Vol. 1778. Eine Art Baedecker, sehr brauchbar. 3 Sir F. M. Eden, State of the Poor or an History of the labouring Classes in England from the Conquest to the Present Period etc. 3 Vol. 1797. Sechstes Kapitel. Grofsbritannien. 155 die Landwirtschaft Englands, soweit sie neue Bahnen wandelt, aus- schliefslich London ihre Anregung verdankt, und ebenso erscheint in den Grafschaftsberichten, die auf Veranlassung des Board of Trade gegen Ende des 18. Jahrhunderts erstattet wurden, die Hauptstadt als die Centralsonne, von der allein die Provinzen Licht empfangen. Überall, wo für London produziert wird, macht die Landwirtschaft Fortschritte ; es bildeten sich theoretisch regelmäfsige Kreise der Intensität um „die Stadt“. Die Grafschaften Essex 1 , Sussex 2 , Kent 3 , Surrey 4 * , Hertfort 6 , Norfolk 6 , Suffolk 7 sind die namentlich bevorzugten, in denen die „improvements of husbandry“ ganz besonders gerühmt werden. Stöfst ein Reisender in gröfserer Entfernung von London auf intensiven Landwirtschaftsbetrieb, so ist er erstaunt, „so far from London“ ähnliches zu linden 8 , während er sich umgekehrt entrüstet, wenn ein nahe der Stadt gelegenes Gebiet von den Vorteilen seiner Lage keinen Nutzen gezogen und in den alten Geleisen der extensiven Landwirtschaft stecken bleibt 9 . Die Preise der meisten Agrarprodukte nehmen regelmäfsig von der Peripherie bis London an Höhe zu 10 ; die Bewohner der Provinz machen die richtige Beobachtung, dafs die Chausseen ihren Lebensunterhalt verteuern 11 , die Chausseen, die nämlich fast alle radial von 1 „the whole face of the country like a garden.“ Defoe 1, 101. 2 A. Toung, Southern Tour, 78 f. 3 Defoe 1, 139. 160. 4 Defoe 1, 199. 206. 8 Defoe 2, 137. 6 Defoe 1, 65; Young, 21 ff. Norfolk ist überhaupt das Paradepferd aller „rationellen Landwirte“ der damaligen Zeit. Stammt ja doch die revolutionäre Technik des modernen Landwirtschaftsbetriebs aus Norfolk, von dem sie den Namen trägt. „All the country from Holkam to Houghton was a wild sheep-walk“, schreibt Young a. a. O., „before the spirit of improve- ment seized the inliabitants and this glorious spirit was wrouglit amazing effects; for instead of boundless wilds and uncultivated wastes, inhabited by scarce any thing but sheep, the country is all cut into inclosures, cultivated in a most husband-like manner, richly manured, well peopled, and yielding an hundert (!) times the produce that it did in its former state.“ 7 A. Young, 49 ff. 8 Defoe 3, 10 in Bezug auf Lincolnshire. 9 A. Young, 200 ff. in Bezug auf die Gegend um Salisbury. 10 Young, 308 ff. 11 „I found all the sensible people attributed the dearness of their country to the tumpike - roads; and reason speeks the truth of their opinion“; Young, 317. 156 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. London aus sich über das Land verbreiteten oder dafs ihnen die Londoner die besten Lebensmittel vor der Nase wegschnappten und ihnen das Nachsebn liefsen 1 2 . Fragen wir aber, wodurch London diesen grofsen Einflufs auf den Preisstand der Agrarprodukte und damit auf die Gestaltung des Landwirtschaftsbetriebes auszuüben vermochte, so mufs die Antwort lauten, dafs es nicht eigentlich die Bevölkerungszunahme sein konnte, die revolutionierend wirkte. Denn diese war gar nicht so übermäfsig grofs während des 18. Jahrhunderts. London hatte, wenn wir den Berechnungen Pettys und Kings Vertrauen schenken wollen, schon in den achtziger Jahren des 17. Jahrhunderts etwa 700000 Einwohner 3 ; hundert Jahr später kaum mehr 4 5 und am Beginn des 19. Jahrhunderts, im Jahre 1801, dem jedoch einige Jahrzehnte ganz ungewohnten Zustroms voraufgegangen waren, 864845 Einwohner. Es mufs vielmehr in hervorragendem Mafse die Verfeinerung des Konsums der wohlhabenden Bevölkerung gewesen sein, die eine so beträchtliche Steigerung der Nachfrage nach Erzeugnissen der Landwirtschaft hervorrief. Zu demselben Schlüsse kommen wir, wenn wir die Preisbewegung bei den verschiedenen Agrarprodukten während des 18. Jahrhunderts beobachten; wir finden nämlich, dafs die Getreidepreise in England wenigstens während der ersten Hälfte des Jahrhunderts keinerlei Tendenz zum Steigen aufweisen, während die Preise der meisten anderen Erzeugnisse, vor allem des Fleisches, in die Höhe gehen®. Und was wir an Thatsachen über die wirkliche Gestaltung des Konsums besitzen, bestätigt dann jene Hypothese auch durchaus. Vor allem mufs der Fleischverzehr in London sowohl absolut ein sehr beträchtlicher während des 18. Jahrhunderts gewesen sein, als auch vor allem eine erhebliche Steigerung in dieser Zeit erfahren haben. Wenn wir auch den ziffernmäfsigen Angaben, wie sie z. B. Eden macht 6 , keine allzu grofse Be- 1 Hasbach, Die englischen Landarbeiter in den letzten hundert Jahren und die Einhegungen. 1894, S. 11 (Schriften des Vereins für Socialpolitik Band 59). 2 Defoe 1, 182. 3 Nach Petty 670000. Vgl. den ersten Essay in der Ausgabe von 1699. * Defoe 3, 265. 5 Vgl. die Zusammenstellungen bei Hasbach, 116 ff. 0 Nach Eden, 1. c. 1, 334 wurden in London verzehrt: I 28 197 700 Pfd. Ochsenfleisch, 114 411600 „ Hammelfleisch, (50 442100 „ Ochsenfleisch, 1 25 129 650 „ Hammelfleisch. Sechstes Kapitel. Grofsbritannien. 157 deutung beilegen dürfen, — danach würde der Fleischkonsum (ohne Schweine- und Kalbfleisch) gegen Ende des Jahrhunderts 1)0 Pfd. auf den Kopf der Bevölkerung erreicht haben, d. h. eine Höhe, wie sie die heutigen Grofsstädte keineswegs alle erreichen, und würde zudem in tiO Jahren um 50°/o pro Kopf der Bevölkerung gewachsen sein, wenn wir diese sich um 100 000 Seelen vermehren lassen —■ immerhin ist ein aufsergewöhnlich starker ’ Fleischkonsum unzweifelhaft. Wir ersehen das beispielsweise aus den Schilderungen, die wir von dem berühmten Viehmarkt von Smithfield besitzen 1 , der zweimal wöchentlich abgehalten wurde und der gröfste der Erde war, oder von dem nicht minder berühmten Fleischmarkt Leaden-Hall, auf dem, wie ein spanischer Gesandter bemerkte 2 3 , in einem Monat so viel Fleisch verkauft wurde, um ganz Spanien während eines Jahres zu versorgen 8 . Wir dürfen es aber auch aus den Berichten schliefsen, die uns über die ausgedehnte und zum Teil schon hochentwickelte englische Viehzucht im 18. Jahrhundert überliefert sind. Sie alle stimmen dahin überein, dafs es vor allem die Anlage von Futterweide und die intensive Viehzucht ist, auf die die entwickelte Landwirtschaft zugeschnitten wurde: in Kent wie in Norfolk, in Essex wie in Somersetshire. r Vielfach war schon eine weitgehende Specialisierung der Viehwirt- sehaft eingetreten: selbstverständlich zwischen Schaf- und Rindviehzucht, aber auch noch weitergehend in der Weise, dafs schon die Bergländer, wie Devonshire, die eigentliche Zucht übernahmen und fruchtbare Niederungen, wie Somersetshire, die Mästung 4 * * * . Dieselbe Tendenz zur Specialisierung, die uns einen Schlufs ebenso sehr auf die Verfeinerung des Konsums, wie auf die hohe Technik der land- 1 Defoe 2, 111. 2 Defoe 2, 112. 3 Es sollen um die Mitte des 18. Jahrhunderts in London nicht weniger als 17 „grofse Fleischmärkte“ „for all sorts of fine meats“ bestanden haben, auf denen auch Geflügel und Wild verkauft wurde, „beeide many Street butchers“, für die in gröfserer Entfernung von einem Markte wohnenden Familien. Miege and Bolton, The present state of Great Britain and Ire- land. 10. ed. 1745. pag. 102. 4 Defoe 1, 324. Die rasche Vervollkommnung der Viehwirtschaft ergiebt sich aus der erstaunlichen Zunahme des Durchschnittsgewichts des einzelnen Stücks Vieh. Dieses betrug auf dem Smithfield-Markt bei Ochsen Kälbern Schafen Lämmern 1710 370 Ibs. 50 lbs. 28 lbs. 18 lbs. 1795 800 „ 148 „ 80 „ 50 „ ( 58 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. wirtschaftlichen Produktion gestattet, beobachten wir bei den übrigen Erzeugnissen der Landwirtschaft. Man fühlt sich ganz lebhaft an die Schilderungen römischer Agrarschriftsteller erinnert, wenn man etwa die Bände der Defoeschen Landesbeschreibung durchblättert. Da hören wir von Gegenden, deren Specialität die Lieferung von Drinkcorn (Gerste, bezw. Malz) 1 ist, während andere den dazu gehörigen Hopfen produzieren 2 . Hier ist der Hafer 3 , dort sind die Kartoffeln 4 * 6 das vornehmlich gezüchtete Produkt. Das beste Geflügel kommt aus der Umgegend von Dorking (Surrey) B , der beste Käse aus Oxfordshire und Gloucestershire 8 , der beste Speck aus Wiltshire und Hampshire 7 , während die Gegenden längs der Themse programmgemäfs die Holzlieferanten sind 8 und in der nächsten Umgebung der Stadt in gartenmäfsigem Anbau Gemüse produziert wird 9 . Dafs neben dieser Verfeinerung der Produktion auch eine Vermehrung herging, wurde schon angedeutet und ist selbstverständlich. Auch die Getreideproduktion mufste während dieser Zeit eine beträchtliche Steigerung erfahren, wie wir das Recht haben, „deduktiv“ aus der Thatsache abzuleiten, dafs die städtische Bevölkerung sich rascher vermehrte als die ländliche. Der Bevölkerungszuwachs in 22 vorwiegend agrikolen Grafschaften von 1700 bis 1750 betrug 1 Surrey, Berks, Oxford, namentlich aber Nord-Wiltshire, wo die auf dem Lande gewonnene Gerste für den Londoner Markt — es wurde ein Specialmarkt für Malz in Queenhith abgehalten — in den Städten Abingdon, Faringdon u. a. zu Malz verarbeitet wurde; Defoe 2, 113. 2 Bei Henningham in Suffolk, A. Young, Southern Tour, 69, namentlich aber um Farnham (Surrey), wo der einst blühende Getreidebau ganz dem Hopfen hatte weichen müssen; Defoe 1, 196; Young, 217. 8 Der gröfste Hafermarkt für London war Croydon in Surrey; Defoe 1, 217. 4 Teile von Essex; Young, 266. 6 Defoe 1, 209. 6 ib. 2, 32. 181. 7 ib. 2, 32. 8 Namentlich die waldreichen Gegenden von Berkshire und Buckingham- shire; Defoe 2, 32. 55. 9 Die kitchen-gardens erstrecken sich bis nach Gravesend, wo die besten Spargel gezogen werden. Defoe 1, 120. Bei Gravesend sind wir nahe einem Ort, dessen Specialprodukt zwar kein agrarisches ist, uns also auch nichts im Zusammenhang der obigen Darstellung angeht, deyaber so lieblich,.in. die. Ohren tönt, dafs ich ihn doch nennen möchte, mit dem Hinzufügen, dafs er * schon dicTTafelfreuden des Feinschmeckers vor 150 Jahren ebenso mit seinen Erzeugnissen erhöhte, wie heute: Whitstable. Defoe (1, 138) berichtet, dafs 6—700 Schiffsladungen Austern jährlich nach London geliefert wurden. Sechstes Kapitel. Grofsbritannien. 159 10°/o, diejenige in 21 vorwiegend industriellen in derselben Zeit 24% K Aber alles dies vollzog sich doch nur ganz allmählich, so dafs auch die Umbildung der Landwirtschaft eine immerhin langsame, schrittweise und der Übergang zur intensiv-rationellen Betriebsweise, wie die Rationellen vom Schlage Arthur Youngs noch in den 1760er Jahren mit Schmerzen konstatieren mufsten 1 2 * , keineswegs ein allgemeiner auch nur in den besseren Grafschaften war 8 . Der grofse, alle bisherigen Entwicklungskeime treibhausmäfsig weiterfördernde Umschwung dagegen kam erst in den beiden letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts. Er war, wie man weifs, eine unmittelbare Folge des gewaltigen Aufschwungs der Industrie und seiner Begleiterscheinung, des Zu- sammenströmens der Bevölkerung in den Städten und Industriebezirken. Infolge dessen schnellten nun die Preise aller landwirtschaftlichen Erzeugnisse, einschliefslich der Brotfrucht, erst recht in die Höhe, und die Landwirtschaft mufste, trotz steigender Einfuhr 4 * , mit Hochdruck arbeiten, um den rasch wachsenden Mehrbedarf der gewerblich-städtischen Bevölkerung zu decken. Diese Vorgänge sind so viel besser bekannt als die in aller Stille sich vollziehende Entwicklung bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, dafs wir uns kürzer damit befassen können, obwohl die Jahre selber für unsere Untersuchungen so sehr viel wichtiger sind. Die Jahre von 1 Nach den Zusammenstellungen bei J. Goldstein, Berufsgliederung und Reichtum. 1897. S. 14. 15. Wir müssen uns mit diesen keineswegs befriedigenden Ziffern der Grafschaftsbevölkerung begnügen, da uns für jene Zeit zuverlässige Angaben über das Wachstum der städtischen und ländlichen Bevölkerung fehlen. Vgl. auch den folgenden Abschnitt. 2 A. Young, Southern Tour, passim. Weitere Belege bei A. Toynbee, Lectures on the industrial revolution of the XVIII. Century in England. 5. ed. 1896. pag. 45f. 8 Wir besitzen als besten Beleg für die Richtigkeit dieser Auffassung das meist sichere Urteil des alten Adam Smith über den Grad der landwirtschaftlichen Entwicklung Englands im achten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts. Das also lautet: „The cultivation and improvement of the country has, no doubt, been gradually advancing too; but it seems to have followed slowly and at a distance, the more rapid progress of commerce and manufactures. The greater part of the country must probably have been cultivated before the reign of Elizabeth; and a very great part of it still remains uncultivated, and the cultivation of the far greater part, much inferior to what it might be.“ B. III. Ch. IV. 4 Vgl. die betreffenden Ziffern oben S. 94. Weitere Preisangabe enthält Tooke und Newmarch (Asher, Band 1). Vgl. auch noch Hasbach, a. a. 0. 160 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. 1785/90 bis 1810/15 entsprechen etwa den 1850 er bis 1870 er Jahren in Deutschland: sie sind die eigentlich den Übergang zur rationellintensiven Landwirtschaft entscheidende Zeit. Sie sind aber auch diejenige Epoche, in der sich die uns ja vor allem interessierenden Folgeerscheinungen der agrarischen Entwicklung mit aller Wucht einstellen. Es ist zunächst die Periode des raschen Emporschnellens der Bodenerträge, des Bodenpreises und der Grundrente. Bis 1795 hatten die Bodenpreise sich in einzelnen Grafschaften wohl erhöht x , in vielen andern aber waren sie gleichgeblieben seit der Revolution. In den Jahrzehnten von 1795 bis 1833 verdoppeln sie sich oder steigen sogar auf ein Vielfaches ihrer ursprünglichen Höhe. War 1795 der Bodenertrag Schottlands auf 2000000 £ geschätzt, so bezifferte er sich 1815 auf 5 278685 Eine Farm in Essex, die vor 1793 zu 10 sh. pro acre verkauft war, brachte 1812 (nach dem Kriege!) 50 sh., 1818 immer noch 35 sh. pro acre. In Berks und Wilts war der Wert des acres von 14 sh. im Jahre 1790 auf 70 sh. im Jahre 1810 gestiegen und hielt sich auf 50 sh. im Jahre 1820. Charakterisiert wird auch in England diese Hausseperiode durch häufigen Besitzwechsel 1 2 3 . Ehe wir nun aber die für uns wichtigste Begleiterscheinung der Entwicklung zu intensiver Landwirtschaft — die Umgestaltung der Agrarverfassung — einer näheren Betrachtung unterziehen, mufs in Kürze darauf hingewiesen werden, dafs Englands Landwirtschaft in der Zeit von 1815 bis in die 1840er Jahre eine ganz eigentümliche Periode der Stagnation durchmachte, die scheinbar eine Folge des unsinnigen Protektionssystems und damit verbundener Überproduktion an Getreide war und die den Stempel der Singularität an sich trägt, wie denn überhaupt der bezeichnete Zeitraum, wie noch zu zeigen sein wird, in jeder Hinsicht durch verschrobene Zustände auf dem Lande in England gekennzeichnet wird. Mit Aufhebung der Kornzölle setzt dann der 1815 plötzlich unterbrochene Übergang zu rationeller Landwirtschaft wieder ein, um in die Depressionsperiode der 1870er Jahre auszumünden, die 1 So giebt Defoe, 1, 206 für ein Gut in Norfolk eine Steigerung von 5 sh. auf 80—40 sh. pro Jahr an. 3 Arn. Toynbee, Ind. Rev. (1896) S. 92. An der Landspekulation jener Zeit war auch Ricardo stark beteiligt. Im Vorbeigehen: Ricardo schreibt als Engländer in der gleichen Zeit wie Rodbertus fünfzig Jahre später als Deutscher: beide inmitten einer Periode exorbitanter Agrarhausse und Rentensteigerung. Sie waren dadurch berufen, die Grundrententheoretiker par excellence zu werden. Sechstes Kapitel. Großbritannien. 161 bekanntlich kein zweites Land so gründlich ausgekostet hat wie England. Und nun ist es an der Zeit, unser Augenmerk zu richten auf die Veränderungen, die seit Beginn der modernen erwerbswirt- schaftlichen Verhältnisse in der Landwirtschaft, also etwa seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts — einer Zeit, die ökonomisch dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts in Deutschland entspricht — die Eigentums-, Nutzungs- und Arbeits- und damit die Bevölkerungsverhältnisse auf dem Lande in England erfahren haben. So umfassend nämlich mufs das Problem für England gestellt werden, da es eine Eigentümlichkeit dieses Landes ist, dafs es im Begleit des modern - rationellen Landwirtschaftsbetriebes nicht nur eine Neugestaltung der Arbeitsverfassung, sondern auch im weitern Umfange eine vollständige Revolutionierung der Eigentums- und Nutzungsverhältnisse an Grund und Boden erlebt, die ebenfalls so wichtig für die gewerblich - industrielle Neuordnung ist, dafs wir nicht umhin können, mit einigen Sätzen wenigstens darauf einzugehen. Als Englands Landwirtschaft in die Ara der neuzeitlichen Entwicklung eintritt, sagen wir also zu Beginn des 18. Jahrhunderts, war seine Agrarverfassung etwa folgende: Ein nicht unbeträchtlicher Teil des Landes befand sich noch in bäuerlichem Besitz und wurde von den Yeomen in ganz derselben Weise bewirtschaftet, wie wir es von Deutschland her wissen: Dreifelderwirtschaft, Flurzwang, Allmende, Nutzungsrechte liefsen in England ebenso wie bei uns die alte Dorfgemeinschaft in ihren Wirkungen erkennen. Im Gemenge mit dem Bauernland lag das meiste Herrenland, soweit es nicht schon in den vorhergehenden Jahrhunderten 1 * * * * * zu grofsen, meist als Schafweide genutzten Komplexen 1 Man stellt sich m. A. n. die quantitative Wirkung der enclosures während des 15. und 16. Jahrhunderts meist viel zu grofs vor und hat so eine vage Vorstellung, als ob halb England damals in Schafweide verwandelt wäre. Die Klagen der Harrison und More sind ohne Zweifel tendenziös übertrieben und das Schlagwort aus der Utopia, dafs in einem sonderbaren Lande die „Schafe die Menschen auffressen“, hat viel Verwirrung angestiftet. Auch die Darstellung von Marx, Kapital l*, 684, leidet unter erheblicher Unklarheit über die quantitative Bedeutung jener Vorgänge. Ich habe einmal versucht, mir eine ziffernmäfsige Vorstellung zu verschaffen von den Flächen, die etwa in Betracht kommen können und zwar mit Hilfe der Zahlen, die wir über die Ausfuhr von Wolle in jener Zeit besitzen. Diese betrug beispielsweise im letzten Regierungsjahr (37/38) Heinrichs VIII. 4335 7 /io Sack Vj 20 Kloben 1 Fell; das macht in Schaffelle umgerechnet (1 Sack = 240 Schaffelle) rund Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 11 1(52 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. zusammengeschlagen war. Dieser Grofsgrundbesitz, der nicht zur Schafzucht diente (in welchem Fall er wohl meist von den Landlords in eigener Regie bewirtschaftet wurde), war nun entweder an bäuerliche Wirte auf Lebenszeit verpachtet * 1 oder nur an Farmers oder tenants 2 3 zur Nutzung gegen die Verpflichtung einer bestimmten Rentenzahlung überlassen. Ich sage absichtlich nicht verpachtet, weil mit diesem Wort ein zu moderner Begriff verbunden zu werden pflegt 8 . Die Farmer bewirtschafteten nur einen Teil des Landes selbst. Die Arbeitskräfte, die sie dazu brauchten, bestanden wohl zum gröfsten Teil in kleinen, meist freien, „Stellenbesitzern“, wie wir sagen würden, oder solchen Familien, die es durch Abpachtung einer kleinen Parzelle vom Gutsareal wurden, den sog. Crofters oder cottagers 4 * * * , daneben aus völlig landlosen kleinen Viehwirten, 1040 000 Schaffelle; der Import hat also eben so viel Schafe, sagen wir rund 1 Million zur Voraussetzung. Vgl. Schanz, Englische Handelspolitik 2 (1881), 84. Rechnen wir nun, was sicher eher zu hoch als zu niedrig bemessen ist, die vierfache Anzahl Schafe als Lieferanten der Wolle für die einheimische Wollindustrie, so kämen wir auf eine Ziffer von 5 Millionen Schafen. Das wäre rund ein Drittel des Bestandes an Schafen im Königreich Preufsen um die Mitte des 19. Jahrhunderts (1858 = 15 374 717; Jahrbuch 1, 275). Bei dieser Schafhaltung gab es im Königreich Preulsen (1858) 8 144 720 Morgen beständige Weide von insgesamt 93 740 144 Morgen pflanzentragenden Bodens überhaupt; also stark nach oben abgerundet: die Schafhaltung Preufsens um die Mitte des 19. Jahrhunderts beansprucht etwa 9 °/ 0 der Gesamtbodenfläche als Weideland. England und Wales ist etwa halb so grofs wie Preufsen; der dritte Teil der Schafhaltung würde also 6 °/ 0 des Landes als Weide erheischen. Rechnen wir nun auch nur die Hälfte dieser Weidefläche auf alte, doch schon vorhandene (Gemeinde-) Weide, so würde etwa 3 °/ 0 der Gesamtfläche des Ackerlandes bis Ende des 16. Jahrhunderts in Weide umgewandelt worden sein. 1 Diese Pachtungen hiefsen „freeholds“: „a lease for life of forty Shillings a year value is a freehold“ . . . „a great part of the yeomanry have freeholds of this kind“. Ad. Smith, Book III. Ch. II. 3 Diese meint wohl Ad. Smith, a. a. O. auch, wo er spricht von „those ancient english tenants, who are said by Chief Baron Gilbert and Dr. Blackstone to have been ratherbailliffs of the landlord than farmers properly so called“. 3 Von der altfränkischen Wirtschaftsweise dieser Pächter-Handwerker giebt ein anschauliches Bild J. Stewart, B. T. Ch. XVI. Noch zu den Zeiten des Adam Smith ist der Zustand offenbar der, daß erst vereinzelt der kapitalistische Großpächter (s. u. S. 164 f.) den „Pächter“ alten Schlages verdrängt hat. „Even in the present state of Europe—little stock is likely to go from any other profession to the improvement of land in the way of farming. More does perhaps in Great Britain than in any other country.“ B. III. Ch. II. * Hasbach, 86 ff. Sechstes Kapitel, Grofsbritannien. 163 den borderers oder squatters 1 oder grass - men 2 , wie sie in den verschiedenen Gegenden heifsen, den „Gärtnern“ in schlesischer Sprachweise. Beide Kategorien ländlicher Tagelöhner basierten ihre Wirtschaft aufser auf den Verdienst bei der Herrschaft: 1. auf die Anteils- und Nutzungsrechte, die sie als Mitglieder der Dorfgemeinde an Weide und Wald hatten 3 ; 2. auf die Nebeneinkünfte aus gewerblicher Thätigkeit. Letztere hat offenbar in dem frühkapitalistischen England eine noch bedeutendere Rolle gespielt als in der deutschen Volkswirtschaft der gleichen Periode. Es ist geradezu die Regel, dafs sich kleine Landwirtschaften — es gilt dies auch für selbständige Bauernwirtschaften — durch gewerblichen Nebenverdienst einen Zuschufs zu ihren Einkünften verschaffen oder aber Gewerbetreibende, namentlich Weber in grofser Zahl, sich durch Er- pachtung eines kleinen Besitztums eine nutzbringende Verwendung ihrer freien Zeit sichern. Damit sind wir zu einer letzten Kategorie landwirtschaftlicher Nutzungsverhältnisse gelangt: das ist die Weitervergebung eines Teils des „gepachteten“ Landes seitens des Farmers an kleine „Afterpächter“, meist eben Hausindustrielle oder Handwerker, die mit Hilfe ihrer gewerblichen Arbeit und deren Erträgnissen in den Stand gesetzt wurden, die Renten für die kleinen Anwesen zu zahlen. Diese „crofter-weavers“ ebenso wie diejenigen Gewerbetreibenden auf dem Lande, die etwa nicht selbst einen Landwirtschaftsbetrieb hatten, verrichteten dann vielfach auch die wenige Saisonarbeit, die auf den Gütern zu leisten war 4 . 1 Hasbach, 72 ff. 2 „A grass-man seems to liave been a day labourer or servant on -a farm, having a house and yard and a cow’s grass witb the farmer’s cattle •on the common in summer and straw with him in winter, with which they •barely brought their skins and bones oi^y through the latter, alive, to the spring.“ Rev. Harry Stuart, Agricultural Labourers as they were, are and should be in their social condition. 2. ed. 1854. pag. 23. 3 Vgl. die bei Hasbach, a. a. 0. S. 75, 87 und passim mitgeteilten zahlreichen Belegstellen. 4 Die Zeugnisse für jene durchgängige Verbindung landwirtschaftlicher und gewerblicher Thätigkeit sind ungemein zahlreich. Die Werke von Defoe, Eden, Young, Marshall u. a. Schriftstellern des 18. Jahrhunderts sind voll von Belegstellen für jene Tatsache. Es ist charakteristisch, wenn A. Young einmal ausdrücklich zu bemerken für nötig ■hält, dafs in einer Gegend (es betrifft die Textilindustrie um Witney in Oxfordshire) die gewerblichen Produzenten nicht auch nebenher landwirtschaftliche Arbeiten verrichten: „one remarkable circumstance is, that 11 * 164 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Diese alte Agrarverfassung wird während des 18. Jahrhunderts vollständig zerstört; langsam, schrittweise, bis in das letzte Viertel des Jahrhunderts hinein, gewaltsam sprunghaft während der letzten Jahrzehnte des 18. und der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts. Die zerstörenden Kräfte sind auch hier dieselben, die wir in Deutschland wirksam gefunden haben. Zunächst heischt der technische Fortschritt in der Landwirtschaft durchgreifende Änderungen. Die wachsende Nachfrage nach Agrarprodukten, wie wir sie für das ganze 18. Jahrhundert, vor allem aber für dessen letzte Jahre in England beobachtet haben, erzeugt eine Konjunktur für den kapitalistischen Grofs- betrieb in der Landwirtschaft. Damit er ins Leben treten konnte, war zunächst eine Erneuerung des überkommenen Pächtermaterials notwendig. Weder die alten Farmer, noch die zahlreichen kleinen Pächter und Afterpächter waren im stände, den Anforderungen der neuen Zeit gerecht zu werden. Sie verschwinden und machen einem neuen Geschlechte kapitalkräftiger Unternehmer Platz, dem „undertaker“, asl may call him, wie James Stewart terminologisch sehr korrekt bemerkt * 1 . Eine erste Kategorie der landwirtschaftlichen Bevölkerung wird „freigesetzt“. Nun bedarf es aber zur Inscenierung des kapitalistischen Grofs- betriebes nicht nur einer Erneuerung des Personalbestandes, sondern auch einer entsprechenden Umgestaltung des sachlichen Substrats none of the manufacturers ever work for the farmers“. A. Young, Southern Tour, 132. Sodals wir allen Grund haben, die Richtigkeit folgenden zusammen- fassenden Urteils zu bestätigen: „Before this period (d. h. etwa vor 1790) manufactures, trades and agriculture were in a great measure conjoined and in the same hands; and the females of the grass-house men and crofters and of small farmers and the numerous crofter — „customer work“ — weavers always paid their rent and some.thing more from their spinning and their knitting and from their weaving and selling their liome-made cloth both linen and wollen.“ H. Stuart, 1. c. pag. 8. 1736 wurde eine Gesellschaft in East Lothian gegründet zur Beförderung der Vereinigung von gewerblicher und landwirtschaftlicher Arbeit. Für das England der 1830er Jahre vgl. P. Gaskeil, Artisans and machinery. 1836. 1 J. Stewart, Inquiring, Book I. Ch. X. „These — die Kleinpächter — were one by one removed and their places immediately occupied by a race of men who gave an considerable increased rent . . . by improved modes of husbandry and by wringing from the soil all it could possibly yield“, Gas keil, Artisans and machinery, 30. Es widerspricht durchaus den Thatsachen, wenn Marx die „Genesis der kapitalistischen Pächter“ in England in das 16. Jahrhundert verlegt. Kapital 1*, 709. Sechstes Kapitel. Großbritannien. 105 der geplanten Unternehmung: des Grund und Bodens. Es mufs das von Nutzungsrechten befreite, wohl arrondierte Gutsareal geschaffen werden. Dazu bedarf es der Gemeinheitsteilung, der Ablösungen und Verkoppelungen, welche als „Agrarreformen“ bei uns bekannten Mafsregeln der Engländer unter dem Namen der en- closures zusammenfafst. Die Geschichte der Einhegungen während des 18. und 19. Jahrhunderts in England ist erst neuerdings wieder von Hasbach geschrieben worden. Die Zwecke unserer Darstellung verlangen ein näheres Eingehen auf die im allgemeinen bekannten Vorgänge nicht. Es genügt, wenn wir die uns interessierenden Wirkungen der enclosures, die sich am stärksten in den Jahrzehnten von 1790—1810 fühlbar machten, kurz verzeichnen. Wie anderwärts, bedeuten sie auch in England die Erschütterung der Existenz zahlreicher kleiner Land- und Viehwirte. Der Wegfall der Gemeindeweide, der Holz-, Gras- und anderer Nutzungsrechte erschwert die Viehhaltung und zerbricht damit das Rückgrat der kleinen Wirtschaften um so rascher, je kleiner sie sind: vom Bauern abwärts bis zum Gutstagelöhner, der nur gerade noch eine Kuh oder ein paar Schafe, wenn auch „their skins and bones only“, durchgefüttert hatte, ging ein grofser Rifs durch das Gefüge der alten Wirtschaften. Andere Kategorien der bodenständigen Bevölkerung: die kleinsten selbständigen Bauernwirtschaften, deren Inhaber nebenher auch gelohnarbeitet hatten, und die Tagelöhner, die sich nebenher eigene Wirtschaften zurechtgezimmert hatten, werden entwurzelt. Und ganz wie wir es in Deutschland beobachtet haben: die kapitalistische Gutswirtschaft geht noch einen Schritt weiter und sucht — zwecks rationeller Einrichtung des Betriebes im Innern — die Arbeitsverfassung thun- lichst ihrer alten naturalwirtschaftlichen Schlacken zu entkleiden und das reine Accordlohnverhältnis herzustellen: die Berechtigung zur Kuhweide auf dem Herrenland entfällt mit zunehmender Intensität der Viehwirtschaft, das Interesse des Pächters, seinen Arbeitern Parzellen in Afterpacht zu geben, erlischt in dem Mafse, wie er sein Land selber besser nutzen kann h Und rascher und radikaler als anderswo erscheint in England als Typus des ländlichen Lohnarbeiters der geldgelohnte Accord- und Wanderarbeiter 1 2 . 1 II. Stuart, a. a. 0., pag. 18 ff. Davies, The case of Laborers in Uusbandry stated and considered 1795, S. 56, citiert bei II asb ach, 130. 2 Schon in den 1850 er Jahren steht man vielfach klagend vor dem fait accompli einer völlig proletarischen ländlichen Arbeitsverfassung und 166 Zweites Bucli. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Was sich nun aber in England mit ganz besonders greifbarer Deutlichkeit bemerkbar macht, ist die Thatsache, dafs der geschilderte Proletarisierungs-, d. h. der Entwurzelungsprozefs eines grofsen Teiles der ehemals bodenständigen ländlichen Bevölkerung eine sehr erhebliche Unterstützung erfährt durch den infolge der Vervollkommnung der gewerblichen Produktionsorganisation eintretenden W egfalldergewerblichenNebenbeschäftigung. Dieser wirkt deshalb so stark auf die Lage der ländlichen Be- * völkerung ein, weil die ländlichen Hausindustrien in England wohl mehr als anderswo verbreitet waren, weil aber ein grofser Teil der Agrarverfassung, wie wir gesehen haben, geradezu auf der Existenz eines Nebenverdienstes aufgebaut war: in dem Moment, wo dieser entfiel, konnten die meisten kleinen Pächter ihre Renten nicht bezahlen. Das lag so klar zu Tage und war eine so allgemein gemachte Beobachtung, dafs viele Schriftsteller hier recht eigentlich den Schlüssel für die Revolution der agrarischen Verhältnisse zu entdecken glauben: die Zerstörung der gewerblichen Thätigkeit auf dem Lande zwänge die Grundbesitzer, in anderer Weise als bisher ihren Grund und Boden zu nutzen, zwänge sie zu enclosures etc. * 1 Das ist natürlich übertrieben und betont die eine Seite der Entwicklung zu stark. Aber aufser Zweifel ist es, dafs auch in Eng- r land agrarischer und gewerblicher Kapitalismus zusammengewirkt haben, um die „kleinen Leute“ auf dem Lande zu mobilisieren. Zieht man zu allem übrigen noch in Betracht, dafs eine Eigenart der englischen Entwicklung die Tendenz zur Viehzucht ist, dafs also der Übergang zur rationellen Landwirtschaft vielfach mit einer Verdrängung des Getreidebaus durch die Wiesenkultur identisch war, hierdurch aber eine dauernde Verringerung der Nachfrage nach Arbeitskräften bewirkt wurde, so wird es uns nur natürlich erscheinen, wenn wir schon am Ende des 18. Jahrhunderts von einer Übervölkerung des platten Landes vernehmen, die wünscht das verlorene Daradies der Naturalwirtschaft zurück: vgl. S t uart, 25 f. Wie dann eine Reformbewegung einsetzt, zu dem Zwecke, wieder bodenständige ländliche Arbeiter zu bekommen, haben wir hier nicht zu verfolgen. Vergl. ► darüber die ausführlichen Darlegungen Hasbachs, a. a. 0., S. 223 ff. 1 „it was the manufacturers themselves“, ruft der mehrfach erwähnte Rev. Stuart (a. a. 0. pag. 11) aus, „wlio first . . by substituting Arkwrights spinning jenny for the erofters „Spinning wheel and his joe Janety“ and thus withdrawing the erofters mainstay, that rendered such a move (wie die agrarische Revolution) necessary.“ In gleichem Sinne äufsert sich Gaskeil, a. a. 0. S. 12 ff. Die betreffenden Stellen bei Engels, Lage der arbeitenden Klassen, sind diesem fast wörtlich entnommen, so z. B. in der Einleitung. k Sechstes Kapitel. Grofsbritannien. 167 sich in Arbeitslosigkeit und gedrückter Lage weiter Schichten der Bevölkerung äufsert. „Im Winter war schon damals in manchen Gegenden keine Arbeit zu haben, und bereits im Jahre 1788 wurde dem Parlament ein Gesetzentwurf vorgelegt, welcher die Unterstützung der Landarbeiter im Winter bezweckte 1 .“ Davies, der in den 1790er Jahren schreibt, berichtet von „the great plenty of working hands always to be had when wanted“ 2 3 . Und bei Eden lesen wir, dafs die meisten Arbeiter auf der Suche nach Arbeit sind, d. h. von Haus zu Haus in dem Kirchsprengel herumgehen, um sich nach Arbeit umzuthun. Was uns dagegen zunächst in Erstaunen setzt, ist die Thatsache, dafs offenbar ein reichliches Menschenalter später — noch Ende der 1830er und Anfang der 1840er Jahre — ganz genau dieselbe Überfüllung des platten Lands in England herrschte, wie Ende des 18. Jahrhunderts 8 . DerNotstand der ländlichen Bevölkerung Englands in den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts, hervorgerufen durch ein Überangebot von Arbeitskräften, ist zu bekannt, als dafs es nötig wäre, ihn hier noch einmal darzustellen 4 * * * . Was uns nur interessiert, ist die Frage: wie kommt es, dafs eine Überschufs- bevölkerung so lange sich auf dem Lande erhalten konnte, trotzdem * der gewerbliche Kapitalismus in England während jener Zeit doch schon einen nicht unbeträchtlichen Stärkegrad erreicht hatte, so 1 Nach Nicholls, History of English Poor Law 2, 123. Hasbach, 134. 2 Davies, The Case of Lahorers, 57. Cit. bei Hasbach. 3 Die Bevölkerung in den Ortschaften mit weniger als 5000 Einwohnern nahm in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch um mehr als die Hälfte zu. Sie betrug 1801 6578021 Seelen, 1851 9899598 Nach der Zusammenstellung hei A. F. Weher, The growth of cities (1899) p. 43. — „.. the agricultural districts (are) over-peopled . . even to compression“ urteilt ein sehr guter Beobachter: Th. Chalmers, The Christian and civil economy of large towns. 3 (1826), 75. Ygl. auch William Ogle, The Alleged Depopulation of the Rural districts of England im Journal of stat. soc. 52 (1889), 205 ff., inshes. 212 ff. * Am berühmtesten sind wohl die Schilderungen bei Marx im dreiundzwanzigsten Kapitel des „Kapitals“, die im wesentlichen ihre Bestätigung finden durch die sehr eingehenden Ausführungen bei Hasbach, a. a. O., nam. S. 186 ff. Die Darstellung Kablukows, von denen ein Auszug deutsch 1887 erschienen ist, ist nicht selbständig, sondern fufst wesentlich auf Marx. Von deutschen Schilderungen jener Elendszustände auf dem Lande in Grofsbritannien unter dem Regime der Kornzölle ist auch noch diejenige aus Friedrich Engels, Lage, S. 311 ff. zu nennen. A 168 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. dafs also theoretisch ein viel früherer Abstrom der Bevölkerung hätte eintreten müssen. Ich sehe die Gründe für die lang anhaltende Überfüllung des Landes in England vornehmlich in folgendem: 1. die Repulsion, d. h. die Freisetzung von Arbeitskräften auf dem Lande war eine aufsergewöhnlich starke und drängte sich in kurze Zeit zusammen: zu den schon angegebenen Ursachen dieser ganz gewaltigen Abstofsungstendenz tritt in den ersten Jahrzehnten des vorletzten Jahrhunderts noch der rasche Zusammenbruch der künstlich grofsgezogenen Berufshausweberei 1 und die im zweiten Jahrzehnt sich immer stärker fühlbar machende Notlage der Landwirtschaft; 2 . die Aufnahmefähigkeit der überseeischen Kolonisationsgebiete, die vor allem die ländliche Überschufsbevölkerung zu absorbieren berufen sein sollten, war dank der unvollkommenen Verkehrstechnik noch gering 2 . 3. Ebenso hatte die Attraktionskraft des gewerblichen Kapitalismus absolut noch keine sehr grofse Höhe erreicht; sie war aber insbesondere noch in den Jahrzehnten nach dem Kriege durch häufige Störungen geschwächt gewesen und vor allem auch noch dadurch verringert, dafs der in vielen Industrien eben erst erfolgende Übergang zur Maschinentechnik zahlreiche „Hände“ auch in der Sphäre der schon vorhandenen Industriebevölkerung frei setzte und damit jenes Überangebot von gewerblichen Arbeitern schuf, das für Marx Veranlassung wurde zur Aufstellung seiner Theorie von der industriellen Reservearmee 3 . 1 Ygl. Gaskeil, 25. 37 u. passim. Der Webelohn für ein bestimmtes Gewebe betrug nach Gaskell a. a. 0. 1795 == 39 sh. 9 d. 1800 = 25 „ 0 „ 1810 = 15 „ 0 „ 1820 = 8 „ 0 „ 1830 = 5 „ 0 „ Vgl. im übrigen den Hand-loom-weaver Report von 1834/35. 2 Aus Großbritannien wanderten aus im Durchschnitt der Jahre 1815—1824 = 19535 Personen, 1841-1850 = 164889 H. St. 2. Aufl. 2, 92. 3 Natürlich fand in diesen Jahren schon eine sehr beträchtliche Abwanderung in die Städte und Industriebezirke statt, wie ziffernmäfsig weiter unten zu zeigen sein wird. Ich behaupte auch nur eine noch verliältnis- mäfsig geringe Absorptionsfähigkeit des gewerblichen Kapitalismus, verhältnis- mäfsig nämlich zur vorhandenen Bevölkerung. Und das bestätigen die Ziffern, Sechstes Kapitel. Grofsbritannien. 1(59 Aber all’ diese Umstände erscheinen mir noch nicht genügend, um das ungewöhnlich lange Verweilen einer ländlichen Uberschufs- bevölkerung in England hinreichend zu erklären. In der That finden wir denn auch, wenn wir genauer hinsehen, dafs eine Reihe ganz besonderer Ursachen wirksam gewesen ist, um jenes eigentümliche Phänomen eines dauernden Bevölkerungsüberschusses auf dem platten Lande bei immerhin schon fortgeschrittenem gewerblichem Kapitalismus hervorzurufen. Gemeint ist: 4. die Gestaltung der Armen- und Heimatsgesetze in England in den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts. Es ist bekannt, dafs auf der einen Seite eine aufserordentlich exklusive Heimatgesetzgebung das ältere englische Armenwesen charakterisiert, nach der principiell das Unterstützungswesen als Aus- flufs des Heimatsrechts zu betrachten war — ein Grundsatz, der erst im Jahre 1846 durchbrochen wurde; dafs aber auf der anderen Seite der sog. Gilbert’s Act vom Jahre 1782 eine Reihe von Mafsnahmen einleitete, die es für die ärmeren Schichten der Bevölkerung aufserordentlich leicht und reizvoll machten, die öffentliche Armenpflege in Anspruch zu nehmen. Im Anschlufs an die Bestimmung, dafs für die arbeitsfähigen Armen von den Guardians nicht nur eine geeignete Beschäftigung ausfindig gemacht, sondern auch der gewonnene Arbeitslohn eingezogen und zum Unterhalt mit verwendet werden aus denen sich beispielsweise ergiebt, dafs von der Gesamtzunalime der Bevölkerung 1821—1831 = 51 °| 0 1841-1850 = 82 °/ 0 auf die Städte über 20000 Einwohner entfiel, oder in absoluten Ziffern ausgedrückt: von den Städten nicht absorbiert wurden 1821—1831 = 921000 Personen, 1841—1851 = 354000 Ganz irreführend ist dagegen die Berechnungsweise Webers a. a. O., der immer nur die Zu wachs prozente in Stadt und Land ansiebt und auf diesem Wege zu der Annahme kommt, dafs das Jahrzehnt 1821—1831 eine ganz besonders starke Tendenz zur Konzentration der Bevölkerung in den Städten aufweist. Jedenfalls ist es sehr wohl vereinbar, dafs in einer Periode die Städte rascher wachsen als in einer anderen und trotzdem in dieser letzteren die Absorptionsfähigkeit der Städte eine gröfsere ist. Das Exempel ist einfach: Die Gesamtbevölkerung betrage 100, die städtische 10; letztere steige auf 20, erstere auf 120, so beträgt das Zuwachsprozent der städtischen Bevölkerung 100, das Absorptionsprozent 50. Vermehrt sich nun die Gesamtbevölkerung weiter auf 130, die städtische auf 30, so beträgt das Wachstum der letzteren nur 50 °/o, die Ahsorptionsrate ist jedoch auf 100 °/ 0 gestiegen. ÜberdieStagnation der englischen Baumwollindustrie in dem ersten Jahrzehnt nach dem Kriege und ihre Gründe vgl. G. von Schulze-Gaevernitz, Der Grofshetrieb (1892)S.46 ff. 170 Zweites Bach. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. solle, ein ungenügendes Erträgnis der Arbeit also aus der Armenkasse zu ergänzen sei, entwickelte sich dann seit dem Jahre 1795 ein vollständiges System von Lohnzuschüssen (Allowance System), das darin bestand, dafs nach der Höhe der Lebensmittelpreise und der Stärke der Familie eine Lohnskala fixiert und bestimmt wurde, dem Arbeiter solle, soweit er die so ermittelte Summe nicht durch eigene Arbeit oder die Thätigkeit seiner Familienmitglieder erwerbe, das Fehlende als Zuschufs (Allowance) aus der Armenkasse gezahlt werden 1 . Das war also eine Prämie auf Faulheit und, weshalb ich es hier erwähne, offenbar ein Mittel, die Abwanderung der ländlichen Bevölkerung aufzuhalten, die gar nirgends eine so sichere Existenzmöglichkeit erwarten durfte wie in ihrem Heimatsort, der sie so splendid zu unterhalten verpflichtet war. Das Armengesetz von 1834 brachte dann bekanntlich die Änderung, und kaum dafs die bis dahin „künstlich verschobenen Beziehungen der verschiedenen Klassen“ 2 * * * * * durch die Reformgesetzgebung wieder in die „natürliche“ Lage gebracht waren, d. h. die grofsen Tendenzen der kapitalistischen Wirtschaft wieder ungehindert durch Gegentendenzen zu wirken anfingen, beginnt dann der regelmäfsige und stetige Abstrom vom Lande, der bis heute nicht aufgehört hat 8 . 1 Vgl. hierüber den Artikel Armenwesen in England im II. St., 2. Auf!., Bd. I. 1898, S. 1136 und dazu das ausführliche Werk seines Verfassers Aschrott: Das englische Armenwesen und seine historische Entwicklung etc. 1886.. 2 Hasbach, 224. 8 Vgl. dazu namentlich P. A. Graham, The rural Exodus. 1892. Marx, Kapital 1 648 fF., fufsend auf den Berichten der öffentlichen Gesundheitspflege, folgert bekanntlich aus der englischen Gesetzgebung vor 1834 genau das Gegenteil: dafs sie nämlich repellierend auf das Landproletariat gewirkt habe. Diese Ansicht wird mit dem Interesse der Grundeigner motiviert, möglichst wenig Leute auf ihren Besitzungen wohnen zu haben, um die Gefahr einer ev. Unterstützungspflicht thunlichst zu vermeiden. Gewifs hat dieses Streben zur Verödung der „close villages“ geführt, aber zunächst doch nur mit der Wirkung, dafs die nächst gelegenen „open villages“ von den Weggetriebenen bevölkert wurden. Es kann also damit wohl eine Tendenz zur Entvölkerung der Gutsbezirke, aber nicht des platten Landes überhaupt bewiesen werden. Dafs für dieses im ganzen das Allowance-System übervölkernd wirkte, ist durch eine erdrückende Fülle von Gewährsmännern bestätigt. Man braucht gar nicht die Begünstigung des Kinderreichtums, wie sie die Gesetzgebung enthielt, als proliferierend wirkend anzusehen, es genügt einfach die Erwägung, dafe die Zuschüsse zu den Löhnen die Dringlichkeit, sich nach einträglicher Arbeit umzusehen, wesentlich verringern mufsten. „They are not so careful in seeking work for themselves, as the law has rendered them in some measure independent of it . . . the anxiety of the lower Orders to get employments lessened ander this System.“ Th. Chalmers, Economy of large towns 3 (1826), 74. Siebentes Kapitel. Verschiedene andere Länder. A. Belgien. Das kapitalistisch fortgeschrittene Belgien stand um die Mitte des vorigen Jahrhunderts schon am Ende der ersten Blütezeit seiner Landwirtschaft. Die Schriftsteller der 1840er und 1850er Jahre wissen nicht genug von dem allgemeinen „Aufschwung“, vor allem der Bodenpreise zu rühmen. „Wer hier zu Anfang des Jahrhunderts sein Geld in Grundstücken angelegt hätte, würde sein Kapital mehr als verdoppelt und sein Einkommen bedeutend gesteigert haben 1 .“ Trotzdem seit Mitte des Jahrhunderts die belgische Landwirtschaft schon unter der Konkurrenz fremden Getreides stark zu leiden hatte 2 , gingen die Preise der Grundstücke doch noch weiter in die Höhe. Nach dem Recensement gönöral vom Jahre 1880 betrug der mittlere Bodenpreis von Ackerland pro Hektar: 3 1846 Francs 2421 1850 „ 2715 1856 „ 3174 1866 „ 4173 1874 „ 4747 1 J. Arrivabene, „Sur la condition des laboureurs et ouvriers beiges“. 1845, pag. 4. Cit. von Vandervelde in der Anm. 2 gen. Studie S. 83. 2 Von 1830—1839 betrug die Einfuhr an Getreide (Weizen und Roggen) durchschnittlich 41 MiUionen hl jährlich; 1840—52 war dieser Durchschnitt bereits auf 102 Mill. hl gestiegen. Nach den Mitteilungen bei E. Vandervelde, ein Kapitel zur Aufsaugung des Landes durch die Stadt (Archiv für soz. Ges.-Geb. etc. XIV. 1899, S. 84). 8 Vgl. L. Sbrojavacca, Sul valore della proprietä fondiaria rustica im Bulletin de l’Institut international de Statistique. I (1886), 93 ff. und P. Kollmann, die Kaufpreise, S. 11 ff. 172 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Gerade für Belgien ist nun aber in mustergültiger Weise der urkundliche Nachweis geführt, wie infolge dieser kapitalistischen Entwicklung der Landwirtschaft, infolge aber namentlich wieder des Niedergangs der alten ländlichen Hausindustrie die ländliche Bevölkerung entwurzelt und von ihrem alten Standort vertrieben wird. Belgien ist darum ein interessantes Beispiel, weil es die analogen Entwicklungstendenzen in Deutschland und England aufweist, trotzdem es ein überwiegend bäuerliches Land ist. Die meister- * hafte Darstellung der belgischen Agrarverhältnisse, die wir besitzen — sie stammt aus der Feder Emil Vanderveldes 1 — enthebt mich der Mühe, hier näher auf die Verhältnisse jenes Landes einzugehen. B. Schweiz. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts, zum Teil noch länger herrscht in vielen Gebieten der Schweiz das naturalwirtschaftlich-patriarchalische Arbeitsverhältnis der Lehenmänner, einer Art bäuerlicher Insten, vor. An Arbeitern ist kein Mangel. Infolge dann des Übergangs von der extensiven Getreide- zur intensiven Milch- und Käsewirtschaft, beginnt seitdem eine Umwandlung des alten Naturallohnverhältnisses in ein reines Geldlohnverhältnis. Die ländliche Bevölkerung fängt an abzuströmen. Bereits seit 1850 weisen die schweizerischen Volks- v zählungen einen schnelleren Bevölkerungsrückgang der rein agrikolen Kantone und Kantonsgebiete auf. Ganz deutlich aber ist es auch hier die intensive Landwirtschaft, die den alten Arbeiterstand mobilisiert und repelliert. „Die intensiv betriebene Landwirtschaft hatte für den kleinen Lehenmann oder „Tauner“ keinen Kartoffelacker mehr und auch keine Zeit mehr übrig denselben gar noch zu pflügen, ebenfalls keinen Platz in Scheune und Stall. Es gab kein c Urlan

! n » » n n » » « » 100 2 000 Einwohnern 23 2 000— 5 000 n 115 5 000— 20 000 » 213 20 000—100 000 n 275 100 000 und mehr n 3100 Die Reichsstatistik fafst zu Mittelstädten alle Städte zwischen 20000 und 100000 Einwohnern zusammen. Ich habe die Empfindung, als ob die „Grofsstadt“ in einem weiten Sinne innerhalb dieses Spielraums ihren Anfang nähme und halte die Ziffer von 50 000 Einwohnern für eine natürliche Grenze, eine Auffassung, die in dem Jahrbuch deutscher Städte bekanntlich zu ihrem Rechte kommt. Deshalb scheint mir die veränderte Situation sich in keiner andern Ziffer so deutlich auszusprechen, als in der folgenden: Es lebten in Städten mit mehr als 50 000 Einwohnern in Deutschland 1 2 : 184 3 1 229 681 Menschen, d. h. 3,5 °/o der Gesamtbevölkerung 1900 (1. XII.) 11861924 „ „ 21,9 „ „ „ Der Löwenanteil dieser schon im weiteren Sinne grofsstädti- schen Bevölkerung entfällt freilich auf die Städte mit mehr als 100000 Einwohnern, deren Entwicklung seit 1871 folgende Ziffern zum Ausdruck bringen: Jahr Zahl der Städte Gesamtbevölkerung Anteile an der Gesamtbevölkerung des Reichs in °/o 1871 8 1968 000 5,34 1875 13 2 908 000 6,81 1880 15 3580 000 7,90 1885 21 4462 000 9,51 1890 26 6 258 000 12,47 1895 28 7 261 000 13,83 1900 33 9 209 000 16,36 1 A. F. Weber, 91. 2 Berechnet nach dem „Jahrbuch deutscher Städte“ VII. (1898), S. 251, 255; IX (1900), 371. 180 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. 2. Österreich. Von der österreichischen Bevölkerung lebten Prozent 1 : 1843 1890 in Ortschaften mit bis zu 2 000 Einw. 81,1 67,5 n „ „ 2 000— 5 000 „ 9,9 12,6 » „ „ 5 000—10 000 „ 3,2 - 4,1 1) „ „ 10 000—20 000 „ 1,6 3,8 11 „ „ über 20 000 „ 4,2 12,0 3. Frankreich. In Frankreich hatte der Agglomerationsprozefs schon während des „Enrichissez- vous, Messieurs“-Königtums beträchtliche Fortschritte gemacht. Nach einer Berechnung Legoyts im Annuaire de l’Economie politique et de la Statistique für 1853 1 2 betrug die Bevölkerungsziffer: in Städten in Orten in Orten mit über 10000 Einw. mit 3—10000 Einw. weniger als 3000 Einw. 1836 4154 725 4475 010 24 911 175 1851 5162 535 (1846:) 4 884 671 25 538 521 Vermehrte sich also um 1 007 810 409 561 627 346 = 24% =9% =2 %% (berechnet auf das Jahr 1851 = 13%) Aber die grofse Wandlung erfolgte doch auch in Frankreich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts; vor allem sah das Reaktionsjahrzehnt nach dem Staatsstreich treibhausmäfsig die grofs- städtische Bevölkerung anwachsen. Es betrug die Zunahme der 12 grofsen Städte Frankreichs 1841—1851 = 19,0 °/o im Verhältnis zur Bevölkerungszunahme ganz Frankreichs 424 1851—1861 — 33,0 „ im Verhältnis zur Bevölkerungszunahme ganz Frankreichs 1220 Die Gesamt-Verschiebung der Bevölkerung, wie sie sich während 1 Nach den Übersichten von Mayrs, a. a. O. Vgl. für Österreich das vortreffliche Werk von H. Rauchberg, Die Bevölkerung Österreichs. 1895. 2 Cit. bei H. Passy,Des systemes de Culture en France. 2. ed. Paris 1853. App. III. Achtes Kapitel. Die Tendenz zur Städtebildung. 181 des 19. Jahrhunderts in Frankreich vollzogen hat, bringt folgende Übersicht zum Ausdruck 1 : Es lebten von 100 Personen 1801 1851 1891 1896 in Städten mit über 100 000 Einw. 2,8 4,6 12,0 12,6 „ „ von 20 000—100 000 „ 3,9 6,0 9,1 9,9 „ * „ 10-20 000 „ 2,8 3,8 4,8 4,8 „ „ „ 2-10 000 „ 11,0 11,1 11,5 11,8 auf dem Lande. 79,5 74,5 62,6 60,9 4. England. In England beginnt die Anhäufung der Bevölkerung am frühesten 2 * * * * * . Schon im Anfang des 19. Jahrhunderts lebten über ein Sechstel, 1831 über ein Viertel der Bevölkerung in Städten über 20000 Einwohner, und schon von der Mitte des Jahrhunderts an überwiegt die städtische Bevölkerung an Zahl die ländliche. Hier die vollständigen Ziffern 8 : 1 Das Material der französischen Bevölkerungsstatistik ist bis 1891 verarbeitet in dem Werke von Em. Levasseur, La population fran?aise. 3 Vol. 1889—92. Die Ziifern für 1896 habe ich berechnet nach den Resultats stat. du denombrement de 1896 (1899). 2 Nach den Angaben Gregory Kings war der Stätus der englischen Bevölkerung in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts etwa der Preufsens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Nach King bezifferte sich gegen Ende des 17. Jahrhunderts die Bevölkerung Londons mit der anderer Städte und Marktflecken (market towns) auf ca. 1400000, die Bevölkerung des platten Landes (villages und hamlets) auf ca. 4100000 Personen. Das wären 25 °/o städtische Bevölkerung. Vgl. J. Goldstein, Berufsgliederung und Reichtum. 1897. S. 9/10. Und ebenso waren die Städte unbedeutend, die in Frage kamen. Macaulay hat im 3. Kapitel seiner Geschichte Englands eine anschauliche Übersicht gegeben über den Zustand der Städte Englands am Ende des 17. Jahrhunderts. Damals hatte keine Provinzialstadt im Königreich 30000 Einwohner; nur vier Provinzialstädte wiesen mehr als 10000 Einwohner auf. Dafür freilich hatte London schon damals über Vs Million Einwohner. Vgl. auch Toynbee, Lectures, 32ff. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts ist das Schichtungsverhältnis der englischen Bevölkerung noch annähernd dasselbe wie zu den Zeiten Kings. 8 A. F. Weber, 47. 182 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Von 100 Personen lebten in England und Wales in: London anderen Städten Städten Städten auf dem Gressstädten zwischen 20 000 über überLande und 100 000 20 000 haupt Einw. Einw. 1801 9,73 0 7,21 16,94 . . 1811 9,93 2,8 6,10 18,11 . . 1821 10,20 3,27 7,35 20,82 . . 1831 10,64 5,71 8,70 25,05 . . . . 1841 11,75 6,52 10,63 28,90 . . 1851 13,18 9,40 12,42 35,00 50,08 49,92 1861 13,97 11,02 13,22 38,21 54,60 44,40 1871 14,33 11,50 16,20 42,00 61,80 38,20 1881 14,69 14,91 18,40 48,00 67,90 32,10 1891 14,52 17,30 21,76 53,58 72,05 27,95 Wie aus diesen Ziffern schon ersichtlich ist, schreitet der Ur- banisierungsprozefs in England auch in der Gegenwart noch weiter fort: in dem Jahrzehnt von 1881 bis 1891 wuchs die städtische Bevölkerung um 15,4%, die ländliche nur um 3,0 °/o. Wie sich aber Bevölkerung und Bevölkerungsvermehrung auf die einzelnen Städteklassen verteilen, ergiebt folgende Tafel: in den Sanitätsdistrikten lebten 1891 von je 100 Einwohnern betrug die Bevölkerungszunahme 1881 bis 1891 600 000 Einw. und mehr . . . 14,6 10,4% 250 000—600 000 Einw. . . . 7,6 7,2 „ 100 000—250 000 „ ... 9,7 19,9 „ 50 000—100 000 „ ... 9,0 22,8 „ 20 000— 50 000 „ ... 12,7 22,1 „ 10 000— 20 000 „ ... 8,2 18,9 „ 5 000— 10 000 „ ... 6,3 11,5 „ 3 000— 5 000 „ ... 2,6 6,6 „ unter 3 000 „ ... in städtischen Sanitätsdistrikten 1,3 3,6 „ im ganzen 72,0 15,4% „ ländlichen Distrikten . . . 28,0 3,0 „ Zusammen 100,0 11,7% Frankreich und England stellen im Tempo der Urbanisierungstendenz etwa die Extreme der europäischen Kulturstaaten dar. Achtes Kapitel. Die Tendenz zur Städtebildung. 183 Aber so verschieden auch der Schnelligkeitsgrad der Entwicklung ist: deren Richtung selbst ist in beiden Ländern die nämliche. Danach ist es überflüssig, für die übrigen europäischen Staaten die entsprechenden Ziffern mitzuteilen, um so mehr, als wir in neuerer Zeit mit zwei ausgezeichneten Monographien beschenkt sind, in denen mit Sachkunde und Gewissenhaftigkeit das weitschichtige Zahlenmaterial zusammengestellt und besprochen ist. Die Werke von Paul Meuriot 1 und A. F. Weber seien jedem angelegentlichst zur Lektüre empfohlen, der sich eingehender mit der Frage der Agglomeration der Bevölkerung befassen will 2 . Genug, dafs kein europäischer Staat von der gekennzeichneten Bewegung unberührt geblieben ist. Und wenn wir nun die gesamte Bevölkerung Westeuropas während der letzten Jahrhunderte überblicken und den Anteil feststellen, den die Grofs- städte daran hatten, so ergiebt sich folgendes Gesamtbild: Es betrug in angenäherten Werten 3 im Jahre die Gesammt- die Bevölkerung der Anteil der grofsbevölkerung der Städte über städtischen Be100 000 Einwohner völkerung 1700 80 000 000 2 600 000 3,2 °/o 1800 120 000 000 3 600 000 3,0 „ 1900 280 000 000 36 000 000 13,0 n In Wirklichkeit ist der Anteil der grofsstädtischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung in der Gegenwart noch viel gröfser. Es ist mit Recht darauf hingewiesen 4 * * * 8 , dafs die Statistik, welche 1 P. Meuriot, Des agglomerations urbaines dans l’Europe contempo- raine. 1898. 2 Die beiden umfangreichen Werke, jedes über 400 Seiten stark, die kurz hinter einander, beide als erweiterte Doktordissertationen erschienen sind, ergänzen sich auf das glücklichste. Umfassender ist das Buch des Amerikaners schon räumlich, sofern es auch und gerade die aussereuropäischen Länder eingehend behandelt und den spröden Stoff durch zahlreiche Relationsberechnungen vortrefflich zu verwerten versteht. Dagegen enthält das Buch des Franzosen viele Diagramme und graphische Darstellungen und bietet damit der Anschauung willkommene Anhaltspunkte. 8 Die Ziffern für 1700 und 1800 nach J. Bel och, Die Entwicklung der Grofsstädte in Europa. VIII. Congres internat. d’ Hygiene et de Demographie tenu ä Budapest du 1 au 9 septembre 1894. Comptes rendus et mdmoires, 1896. Tome VII. pag 61; die Ziffer für 1900 berechnet nach Meuriot, 30/31. * Neuerdings mit besonderem Nachdruck in der interessanten Studie von Edmund J. James, The growth of Great Cities in Area and Population. 184 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. die Städtegröfsen nach den politischen Einheiten feststellt, noch kein richtiges Bild von den Gröfsenverhältnissen der Städte als ökonomische Einheit zu geben vermag. Denn zu letzterer gehört auch diejenige Bevölkerung, die in den weiteren, nicht mehr inkommunalisierten Vororten der Grofsstädte wohnen, ihr wirtschaftliches oder gesellschaftliches Centrum aber gleichwohl in diesen Grofsstädten selbst haben. Das „Grofs-Berlin“, „Grofs-London“, „Grofs-Paris“ etc. sind beträchtlich gröfsere Bevölkerungskomplexe als Berlin, London, Paris etc., wie sie in der Statistik erscheinen und diese „Greater- Cities“ entwickeln sich gerade erst in letzter Zeit. Zum Belege dienen folgende Ziffern *. Es betrug die Bevölkerung New-Yorks New-Yorks und seiner Neben- bezw. Vorstädte 1800 60489 62893 1850 515547 660 803 1890 1515 301 2 710125 Bevölkerung von Berlin. 1801 1875 1885 1895 Berlin (Politisch) . . . Grofs-Berlin (20 km Um- 173440 966 858 1 315 287 1 677 304 kreis vom Mittelpunkt aus). 197 112 1131 706 1 558 395 2 254 570 In gleicher Weise zählt die politische Einheit der Stadt Paris etwa 2Va, die wirtschaftliche etwa 4 Millionen Einwohner, Manchester politisch * 1 k Million, wirtschaftlich über 3 Millionen u. s. w. 2 Dafs es sich nun aber bei alledem um eine Tendenz handelt, die allen Ländern mit kapitalistischer Produktion und nur diesen gemeinsam ist, wie eingangs bemerkt wurde, erweist die Thatsache, dafs wir A study in Municipal Statistics. Paper submitted to the american Academy of Political and Social Science. 24. January 1899. Publications of the Academy etc. Nr. 243. 1 James, 11 f. 2 Ygl. über diese Frage noch E. Hasse, Die Intensität grofsstädtischer Massenanhäufungen im „Allg. Statist. Archiv“, Bd. II. 1891/92, £S. 615 ff. Brückner, Die Entwicklung der grofsstädtischen Bevölkerung im deutschen Reich ebenda Bd. I. 1890. R. William Price, The population of London from 1801 to 1881 Journ. of the R. Stat. Soc. Yol. 48 (1885) pag. 349—432. Gaetano Ferroglio, Un’ evoluzione non abbastanza avvertita in der Ri- forma sociale. 15. Gennaio 1900. Vol. X, pag. 82 seq. Paul Voigt, Grundrente nnd Wohnungsfrage in Berlin etc. 1. Bd. 1901. Achtes Kapitel. Die Tendenz zur Städtebildung. • 185 auch aufserhalb Europas eine gleiche Umschichtung der Bevölkerung beobachten überall, wo der Kapitalismus zu Hause ist, dagegen sie nicht finden in Ländern, wo dieser fehlt, mag auch sonst ihre Kultur eine so alte und so hohe sein, wie sie wolle. Demnach läfst sich eine Agglomerationstendenz in den Vereinigten Staaten von Amerika, in Australien und Japan, keine aber in Indien nachweisen, wie folgende Ziffern ersichtlich machen: In den Vereinigten Staaten betrug die städtische Bevölkerung von der Gesamtbevölkerung 1 : 1800 3,97 °/o 1850 12,49 „ 1890 29,20 „ In den australischen Kolonien lebten in Städten über 10000 Einwohner 1891 bereits 33,2 % 2 . Die Verschiebung seit 1851 erweisen folgende Ziffern: es lebten in Städten über 10 000 Einwohner in 1851 1891 Neu-Südwales.28,2 °/o 33,6% Victoria.30,0 „ 46,1 „ Queensland.0 „ 16,3 „ Südaustralien.28 „ 28,3 „ Neu-Seeland.0 „ 24,0 „ In Japan wuchs die Bevölkerung während des Jahrzehnts 1881—90 3 insgesamt um 11 % in 6 Grofsstädten „ 51 „ in 11 andern Städten „ 16 „ In Britisch-Indien dagegen, wo trotz allen englischen Einflusses der Kapitalismus noch in den Kinderschuhen steckt 4 , lebten 1 von Mayr, a. a. O. 2 F. A. Weber, 140. 3 ib. p. 130. * Wie rückständig im ganzen die Wirtscbaftsverfassung Indiens noch heute ist, lehren die Zahlen der Berufsstatistik auf das deutlichste. Danach waren von der Gesamt- von dem bevölkerung Landvolk ' in ^primitive occupations“ beschäftigt, heifst also von der Yerkehrswirtschaft noch völlig unberührt. . 84,84 % 88,26 °/o in „supplementary“ (semi - rural) occupations Beschäftigte, heilst also ländliche Hausindustrielle . 5,47 °/o — in sonstigen Beschäftigungen Thätige. 9,69 °/o 11,74 % 100 100 Census von 1891 (General-Report, p. 94). Cit. bei Weber. 186 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. im Jahre 1891 erst 9,48 °/'o der Bevölkerung überhaupt in Städten, in den urwüchsigen Gebieten gar noch weniger, z. B. in der Provinz Bengalen nur 4,82 °/o. Ein Vergleich mit früheren Ziffern er- giebt aber, dafs von einer regelmäfsigen Agglomerationstendenz einstweilen noch nicht gesprochen werden kann. Es betrug die Bevölkerungsvermehrung in Prozenten 1 : 1850—71 1871—81 1881—91 in der Provinz Bombay . . 19 18 14 in den 4 gröfsten Städten . . . — 1 25 8,8 in den Nordwestprovinzen . . 29 6,2 4,6 in den 8 gröfsten Städten . . 8,6 24,3 10,3 in der Provinz Bengalien . — 0,165 6,7 in Calcutta, Patna . . . — 0,826 8,0 in der Provinz Madras . . -1,5 15,0 in der Stadt Madras . . 3,0 12,0 im Punjab. 7,0 10,7 in den 3 gröfsten Städten . 24,0 5,0 in Oude. 1,3 11,0 in Lucknow. — 8,2 4,5 1 F. A. Weber, 127. Neuntes Kapitel. Aufgaben einer Städtetheorie. In den Versuchen, dem Phänomen der Städtebildung theoretisch gerecht zu werden, treten die Mängel des socialwissenschaftlichen Verfahrens unserer Tage so krafs hervor, dafs es wünschenswert erscheint, die folgenden Beiträge zu einer Theorie der Städtebildung mit einigen methodologischen Bemerkungen einzuleiten. Theorie eines socialen Phänomens wie jedes andern kann ja doch immer nur gleichbedeutend sein mit einer systematischen Erklärung des betreffenden Erscheinungskomplexes. Umschreibung ist aber keine Erklärung; und Tautologien sind nirgends so häufig, als dort, wo es sich um eine Theorie der Städtebildung handelt. Oder sind Sätze wie diese: „der Verkehr wirkt städtebildend“ oder: „wo der Verkehr am gröfsten, da liegen auch die gröfsten Städte“ (!) 1 etwas anderes als Umschreibungen, als Tautologien ? Man wird vielmehr die simple Wahrheit auch in unserm Falle gelten lassen müssen, dafs eine „Theorie“ die Aufgabe haben wird, darzulegen: 1. die Ursachen; 2. die objektiven Bedingungen; 3. die Wirkungen der Städtebildung. Die Ursachen! Also doch wohl die Beweggründe, die Menschen veranlassen, ihren Wohnsitz dort aufzuschlagen, wo schliefslich eine Stadt zu stehen kommt. Denn etwas anderes als Motive lebendiger Menschen, wissen wir, kann niemals Ursache socialer Erscheinungen sein. Aber mit welch souveräner Ver- 1 Sie sind einem der berühmtesten Bücher der neuen Fachlitteratur entlehnt. Jeder Kenner weifs, wie häufig ähnliche Plattheiten sich in der einschlägigen Litteratur finden. 188 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. achtung setzen sich die meisten „Theoretiker“ über diese einfache Erkenntnis hinweg. Ich mag nicht „quellenmäfsig“ all’ den Unsinn belegen, der in der Litteratur zu Tage tritt. Wir haben eine Blutenlese davon schon kennen gelernt, wo wir von der Motivation im socialen Leben im allgemeinen handelten. Ströme, Ebenen, Steinkohle, Dampf, Gewerbefreiheit, Freizügigkeit, Eisenbahnen und wie vieles anderes noch soll „städtebildend“ nach der Meinung unserer Theoretiker wirken! Eines insbesondere hat Verwirrung angerichtet: das ist der namentlich durch Ritters geniale Forschungen angeregte Gedanke, die geographische Lage der Städte bei der Erklärung ihres Daseins in Rücksicht zu ziehen. Aber statt nun zuvörderst zu fragen, in welcher Beziehung die geographische Lage zu einer etwaigen Verursachung der Städte stehe, hat man in wilder Weise Lage für Ursache genommen und kurzer Hand danach eine „Theorie der Städte“ entwickelt, um sich am Ende vielleicht ganz erstaunt zu fragen, warum denn beispielsweise so herrliche Ströme wie Mississippi, Kongo oder Zambesi nicht auch „städtebildend“ gewirkt haben, oder warum heute an einem Punkte eine Weltstadt erstanden ist, wo vor hundert Jahren ein elendes Fischerdorf gelegen hat 1 . 1 Hauptrepräsentant dieser Richtung ist J. G. Kohl, Der Verkehr und die Ansiedelungen der Menschen. 1841. Es giebt wohl in der Litteratur jeder Wissenschaft Schädlinge, Bücher, die den Fortgang der wissenschaftlichen Erkenntnis nicht fördern, sondern auf halten. Besonders zahlreich sind sie aber in dieser zerfahrenen Wissenschaft, die man Nationalökonomie nennt und den Grenzgebieten. Das grofsartigste Beispiel ist Wilhelm Roscher, dieser eminent geistvolle Mann, durch den die deutsche Nationalökonomie ein reichliches Menschenalter verloren hat. Im kleinen gehört zu der Kategorie der wissenschaftlichen Schädlinge der oben genannte Kohl, durch den die Lehre von der Städtebildung durchaus auf ein totes Geleise gefahren worden ist. Es hat kaum einen unglücklicheren Gedanken gegeben, als den, der den Inhalt der Kohl’schen Schriften ausmacht, diesen unklaren, vieldeutigen und darum absolut leeren Begriff „Verkehr“ in den Mittelpunkt der Theorie von den Ansiedlungen zu stellen, wodurch es ^glücklich gelang, die Unterschiedlichkeiten der Existenzbedingungen einer modernen Großstadt, eines Hottentottenkraals und eines Ameisenhaufens völlig auszulöschen. Aber so unfruchtbar der Gedanke war: er verfing und hat eine Generation in Schlummer gewiegt. Das macht, er und die ganze Art Kohl kam der Denkbequemlichkeit so vortrefflich entgegen. Man glaubte tiefsinnige Erkenntnis zu gewinnen, während man in einem seichten Gewässer von nichtssagenden Selbstverständlichkeiten herumplätscherte. Es ist schier unglaublich, mit welcher professoralen Breite und Gespreiztheit in jenem Kohl’schen sog. „Standard-Work“ (so nennt es z. B. noch der junge F. A. Weber) die gröfsten Trivialitäten vorgetragen werden; man lese nur z. B. S. 74 f. vom Kameel und Neuntes Kapitel. Aufgaben einer Städtetlieorie. 189 Wie aber? wenn wir auf die Motive der Menschen als einzig „städtebildende“ Ursache zurückgelien: wird es dann überhaupt möglich sein, „Sinn und Gesetz“ in der wechselnden Mannigfaltigkeit der Erscheinungen zu entdecken? Denn darüber kann kein Zweifel obwalten: tausendfach verschieden sind die Motive, die den einzelnen Menschen oder richtiger die einzelnen Gruppen gleichinteressierter Menschen in die Stadt zusammenführen. Naturgemäfs am zahlreichsten in den gröfsten Städten, diesen wundersamen Gebilden, deren Deutung uns doch gerade am meisten am Herzen liegt. „Betrachte doch einmal diese Menschenmenge, für welche kaum die Häuser der unermefslichen Stadt ausreichen. Der gröfsere Teil dieses Schwarms lebt fern von der Heimat.Einige hat der Ehrgeiz hergeführt, andere die Notwendigkeit eines öffentlichen Amtes, andere ihre Stellung als Abgeordnete, andere die Schwelgerei, die nach einem reichen und für Laster bequemen Tummelplatz sucht, andere das Streben nach Wissenschaft, andere die Schauspiele. Die hat die Freundschaft herbeigezogen, jene die Industrie, welche hier ausgedehnten Stoff findet, ihre Geschicklichkeit zu zeigen. Einige bieten ihre Schönheit feil, andere ihre Beredsamkeit. Da giebt es keine Art von Menschen, welche nicht in der Hauptstadt zusammenträfe, wo sowohl den Tugenden, wie den Lastern grofse Prämien winken.“ Diese bekannte Schilderung, die Seneca seiner Mutter von der alten Roma entwirft 1 , pafst noch heute wörtlich auf jede Grofs- Elefanten, die auf dem Eise nicht gut als Lasttiere zu gebrauchen sind, S. 183 vom Bauen unter der Erde (weshalb die Menschen nicht ebensoviel Stockwerke unter wie über der Erde bauen), S. 195/96 vom Spazierengehen (dafs die Menschen, wenn sie die freie Natur geniefsen wollen, vor die Tliore der Stadt gehen müssen), S. 406/7 (vom Ende und Anfang des Flusses) u. ä. Streicht man solche Plattheiten, an denen jede Seite ein halbes Dutzend aufweist, so bleiben von den 600 Seiten des Buches keine 60 übrig, die wirkliche wissenschaftliche Erkenntnis enthalten, und was auf diesen steht, war vor Kohl schon zehnmal besser und geistvoller von Franzosen, Engländern und Italienern gesagt worden. Ein schauerlicher Typus jener verhängnisvollen Gartenlauben-Litteratur der geistesöden Zeiten deutschen Lebens um die Mitte des 19. Jahrhunderts, die auch in die Wissenschaft eindrang und hier ebenfalls den Geruch von frischem Napfkuchen und langer Pfeife verbreitete. Echte Professorenweisheit im schlimmen Sinne; wie sie doch heute ganz gewifs der Vergangenheit angehört? 1 Cons. ad Helv. 6 nach der Übersetzung bei R. Pöhlmann, Die Übervölkerung der antiken Grofsstädte. 1884. S. 17. 190 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. stadt wie sie auf das Alexandrien des Altertums 1 2 * 4 * , das Konstantinopel des Mittelalters 1 , auf das Paris des 17. Jahrhunderts 2 oder das London des 18. Jahrhunderts 8 gepafst hat, läfst sich aber auch mit einigen Änderungen für jede einzelne, auch die kleinste Städtegründung in jedem Zeitalter recht wohl verwenden, wenn man nur dieses herausliest: unendlich mannigfaltig sind die Beweggründe der „städtebildenden Menschen“ überall und immerdar gewesen. Und der Städtetheoretiker müfste nicht nur die Ursachen der Städtegründung, sondern auch deren objektive Bedingungen aufdecken und plausibel machen. Aber auch die Frage: welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit die zur Städtegründung drängenden Motive sich verwirklichen können, wird eine unübersehbare Fülle von Antworten wecken. Denn jene objektiven Bedingungen können wiederum der mannigfaltigsten Art sein: klimatischer, bautechnischer, verkehrstechnischer, ökonomischer, popula- tionistischer und was weifs ich, welcher Art noch! Tanta moles erat, Romanam condere gentem! Und nun gar erst die Wirkungen der Städtegründung! Sind sie nicht so mannigfaltig wie die Wahrzeichen dessen, was wir als „städtisches Wesen“, Civilisation schlechthin bezeichnen? Ist es nicht offensichtlich, dafs insbesondere mit der modernen Grofsstadt eine neue Ära menschlicher Entwicklung begonnen hat; dafs die „Ville tentaculaire“, von der Emile Verhaeren singt, alles frühere vernichtet, die Geschichte der Völker in neue Bahnen geleitet hat 4 ? Ist es heute nicht schon mit Händen zu greifen, dafs Religion und Sitte, Staatsform und geselliges Leben, Litteratur und Kunst, kurz unser gesamtes inneres wie äufseres Leben auf einen neuen Boden gestellt ist, dafs eine neue Kultur, die Asphaltlcultur, begonnen hat, und damit dem einen der Anfang vom Ende aller menschlichen Gesittung 6 * , dem anderen erst die Morgenröte eines 1 Siehe die Belegstellen hei Pö hl mann, 17. 18. 2 Ich denke beispielsweise an die Schilderungen La Bruyüres in dem Kapitel der Caracteres, das er „de la Ville“ überschrieben hat; oder für das 18. Jahrhundert an die Lettres persanes Montesquieus. a Vgl. z. B. D. Hu me, Essays 2 (1793), 23. 4 The growtli of large cities constitutes perhaps the greatest of all the Problems of modern civilization. Mackenzie, Introduction to Social Philosophy (1891), p. 101. 6 „II volgo, al quäle tutto quello ch’e grande impone, ammira le grandi cittä e le capitali immense. II filosofo non vi vede altro che tanti sepolcri sontuosi che una moribonda (!) nazione innalza ed ingrandisce per riporvi con decenza e con fasto le sue ceneri istesse.“ G. Filangieri, Delle leggi poli- tiche ed economiche (1780), Custodi, P. M. 32, 178. Neuntes Kapitel. Aufgaben einer Städtetheorie. 101 verfeinerten Kulturdaseins, einer menschenwürdigen Existenz angebrochen scheint. Das alles wäre ausführlich zu behandeln, wollte man den "Wirkungen der Städtegründung auch nur einigermafsen gerecht werden. Eine Kultur- und Sittengeschichte unter dem Gesichtspunkt der Urbanisierung wäre das Ergebnis. Gewifs ein Problem des Schweifses der Besten wert. Aber wie sollen wir, die wir am Boden mit unseren Gedanken kriechen, armselige wissenschaftliche Handlanger, uns solch 1 kühnen Baues unterfangen? Wollen wir auch nur mit den Dichtern und Denkern grofsen Stils wetteifern, die uns gelegentlich schon jetzt gesungen und gesprochen haben von dem Wesen zumal der modernen Grofsstadt, dieser Blüte alles Menschtums? Was vermöchte eine trockene Registrierung von Einzel Wirkungen etwa gegen die Schilderungen, die wir vom Pariser Wesen besitzen aus den Federn der ersten Schriftsteller ihrer Zeit von den La Bruyere und Montesquieu angefangen bis zu den Zola und Prevost unserer Tage? Offenbar mufs es einen Ausweg aus diesen Wirrnissen geben. Um überhaupt eine Theorie der Städtebildung in eine erreichbare Nähe zu rücken, müssen wir das komplexe Phänomen unter nur einem Gesichtspunkte zu betrachten versuchen, wir als Nationalökonomen also unter dem wirtschaftlichen. Was wir zu erstreben uns müssen angelegen sein lassen, ist eine ökonomische Theorie der Städtebildung. Ist es nicht zum Weinen traurig, dafs heutzutage, also etwa ein und ein drittel Jahrhundert nach dem Erscheinen der Inquiry von James Stewart so etwas noch erst ausdrücklich ausgesprochen werden mufs? Wer aber, der die einschlägige Litteratur kennt, möchte zu behaupten wagen, es sei überflüssig? Und damit genug der leidigen methodologischen Spitzfindigkeiten und frisch an die Lösung des Problems herangegangen! Was ist eine Stadt, eine Stadt also im ökonomischen Sinne ? 1 Wir fassen den Begriff am besten negativ, etwa so: eine Stadt ist eine Ansiedlung von Menschen, die für ihren Unterhalt auf die Erzeugnisse fremder landwirtschaftlicher Arbeit angewiesen sind. Damit scheidet eine ganze Menge stadtähnlicher Ansiedlungen von vornherein aus unserer Betrachtung aus. Jene Zwitter zunächst, die der deutsche Sprachausdruck treffend als „Landstädte“ bezeichnet, in denen ein grofser Teil der Be- 1 Auf die vor allem den Statistiker interessierende Frage: was ist eine Stadt, will ich nicht eingehen. Die Erörterung dieses Problems hat schon wieder zu einer ganzen umfangreichen Litteratur geführt. Vgl. namentlich die S. 184 citierten Schriften. Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. wohner noch selber den Boden bearbeitet, also auch die Gebilde des Mittelalters, wie sie uns B ü c h e r in seinem Frankfurt geschildert hat. Aber auch die Riesenstädte des orientalischen Altertums, wie Ninive und Babylon, werden wir uns als Städte im ökonomischen Sinne zu betrachten abgewöhnen müssen 1 , ebenso wie wir dem alten indischen Grolsgemeinwesen, nach Art Calcuttas 2 3 oder dem modernen Teheran und ähnlichen Ansiedlungen 8 den Charakter einer Stadt kaum werden zuerkennen dürfen. Einem solcher Art umschriebenen Phänomen unter wirtschaftlichem Gesichtspunkt gerecht zu werden, ist offenbar in zweifacher Weise möglich. Man kann zunächst an eine Art von ökonomischer „Naturlehre der Städte“ denken. Zwar möchte ich darunter nicht die geistvollen Apergus 4 * * verstanden wissen, die Roscher mit diesem Namen belegte, sondern eine systematische Darlegung derjenigen ökonomischen Faktoren, die notwendig bei jeder Städtebildung, wo und wann auch immer sie erfolgt, bestimmten Einflufs ausüben. Ich wüfste nun freilich nicht, welcher Art Erscheinungen man hier namhaft machen sollte, ohne sich der Gefahr auszusetzen, Trivialitäten zu sagen, soweit es sich um die Ursachen und die Wirkungen der Städtebildung handelt. Wohl aber lassen sich einige allgemeine Wahrheiten über die ökonomischen „Na turbedingungen“ der Stadt schlechthin aussprechen, etwa in der Weise, wie es James Stewart und Adam Smith mit gewohnter Meisterschaft gethan haben, Wahrheiten, die im Grunde aber in dem einen bekannten Satze des alten Smith wie in einer gemeinsamen Hülse eingeschlossen sind. „It is the surplus produce 1 Es waren „von kolossalen Enceinten umschlossene, einen ganzen Komplex mehr oder minder lose zusammenhängender Stadtanlagen enthaltende Territorien“ mit Acker und Weide, um die Bevölkerung im Fall einer Ein- schliefsung ernähren zu können. Pöhlmann, a. a. 0. S. 3/4. 2 Die älteren indischen Städte werden uns als eine Gruppe von Dörfern geschildert, die „in der Stadt“ nur ihre gemeinsamen Weideplätze hatten. Alte Mark? Hunter, The Indian Empire. 1886. S. 46. 3 „Die ummauerten Städte Mittelasiens umschliefsen in ihren Lehmwällen viel gröfsere Räume, als für die Stadt allein notwendig sind. In Buchara, China u. a. nehmen weit mehr als die Hälfte der Bodenfläche Acker- und Gartenland, öde Plätze, Teiche und Sümpfe, Haine von Ulmen und Pappeln, ausgedehnte Viehhöfe ein . . . Man rechnet bei diesen Anlagen mit der Notwendigkeit der selbständigen inneren Erhaltung hei Belagerungen.“ F. Ratzel, Anthropogeographie 2 (1891), 447. 4 Im dritten Bande seines „Systems“ der Volkswirtschaft. Die Roschersche „Naturlehre“ findet man übrigens schon vorgearbeitet in den Schriften von Botero, Hippolitus a Collibus, Marberger u. a. Neuntes Kapitel. Aufgaben einer Städtetheorie. 103 of the country only . . that constitutes the subsistence of the town, which can therefore increase only witli the increase of this surplus produce “ 1 . Bei einigem guten Willen lassen sich aus diesem Satze eine ganze Reihe von „Gesetzen“ entwickeln, etwa in folgender Weise: 1. Die Gröfse einer Stadt wird bedingt durch die Gröfse des Produkts ihres Unterhaltsgebiets und die Höhe ihres Anteils daran, den wir Mehrprodukt nennen können; 2. Bei gegebener Gröfse des Unterhaltsgebiets und (durch Fruchtbarkeitsgrad der Gegend oder Stand der landwirtschaftlichen Technik) gegebener Gröfse des Gesamtprodukts hängt ihre Gröfse von der Höhe des Mehrprodukts ab. Daher z. B. cet. par. in despotischen Staaten mit einem hohen Ausbeutungskoefficienten des Landvolks gröfsere Städte als in Ländern mit demokratischer Verfassung. 3. Bei gegebener Gröfse des Unterhaltsgebiets und gegebener Höhe des Mehrprodukts ist die Gröfse der Stadt bedingt durch die Fruchtbarkeit des Bodens oder den Stand der landwirtschaftlichen Technik. Daher fruchtbare Länder cet. par. gröfsere Städte haben können als unfruchtbare 2 . 4. Bei gegebener Höhe des Mehrprodukts und gegebener Ergiebigkeit des Bodens ist die Gröfse der Stadt bedingt durch die Weite ihres Unterhaltsgebiets. Daher z. B. die Möglichkeit gröfserer Handelsstädte; die Möglichkeit gröfserer Hauptstädte in gröfseren Reichen. 5. Die Weite des Unterhaltsgebiets ist bedingt durch den Entwicklungsgrad der Verkehrstechnik. Daher cet. par. Flufs- oder Seelage auf die Ausdehnungsfähigkeit der Städte günstig wirkt 3 und in einem Lande mit 1 Ad. Smitb, Book III, Ch. I. Sehr ausführlich, wenn auch nicht immer sehr glücklich, ist von den Älteren das Thema behandelt in der Abhandlung des Grafen d’Arco, Dell’ armonia politico-economica tra la cittü e il suo territorio (1771) Custodi, P. M. Tomo 30. 2 J. Botero, Delle cause della grandezza delle cittä (1589), Libro I. cap. IX. 3 „On construit ordinairement les grandes villes sur le bord de la Mer ou des grandes Riviferes, pour la commoditö des transports; parce que le trans- port par eau des denrees et marchandises necessaires pour la subsistance et commodite des habitants, est ä bien meilleur marchd, que les voitures et transport par terre“ (Cantilion) Essai sur la nature du commerce. 1755. p. 22. 23. Sombart, Der moderne Kapitalismus. 11. 13 194 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Chausseen — wiederum cet. par. — die Städte gröfser sein können als dort, wo nur Feldwege sind, in einem Lande mit Eisenbahnen gröfser als wo nur Chausseen sind. Aber die Erkenntnis, die in diesen „Gesetzen“ zu Tage gefördert wird, ist doch nur dürftig. Es sind „Variationen über ein Thema“, das Thema, das in den Smithschen Worten ausgesprochen war: die Stadt lebt vom Überschufs des Landes. Das ist an sich gewifs eine sehr wichtige ökonomische Einsicht; aber sie ist doch nur der Anfang der Erkenntnis. Was wir vor allem bei der Aufzählung solcher „Gesetze“ nach Art der obigen (deren Zahl sich übrigens sehr wohl noch vermehren läfst) vermissen, ist der Hinweis auf irgend welche Notwendigkeit einer Städtegründung. Die Gröfse der Stadt ist „bedingt“; sehr schön. Aber wem fällt es nunmehr ein, diese Stadt zu gründen? Das heifst, wir suchen vergeblich nach einer Motivation. Wollen wir aber diese unter ökonomischem Gesichtspunkte betrachten, so wissen wir, was uns zu thun obliegt: wir dürfen nicht nach den überall gleichmäfsig wiederkehrenden ökonomischen Bedingungen suchen, sondern nach der jeweiligen historischen Bedingtheit des Wirtschaftslebens. Es ergiebt sich demnach als die eigentliche Aufgabe einer ökonomischen Theorie der Städtebildung der Nachweis des notwendigen Zusammenhangs des Städtephänomens mit dem herrschenden Wirtschaftssysteme. Nur wenn wir die Frage so stellen, vermeiden wir auf der einen Seite die Gefahr, uns in das Gewirr der Zuvielseitigkeit zu verlieren, auf der anderen Seite die Gefahr, der Blutarmut einer ökonomischen Naturlehre zu verfallen. Da wir nun aber in diesem Zusammenhänge nur die der kapitalistischen Entwicklung eigenen Erscheinungen zu untersuchen haben, so läfst sich nunmehr unser Problem ganz präcis formulieren: als die Frage nach dem Wesen der Stadt im System des Kapitalismus oder wie wir der Kürze halber im folgenden immer sagen wollen: nach dem Wesen der kapitalistischen Stadt. Dieses Problem enthält im einzelnen folgende Aufgaben, die ich gleich im vornherein schematisch zusammenstellen will, um die Darstellung selbst freier und im wesentlichen genetisch gestalten zu können. Es sind folgende Möglichkeiten ins Auge zu fassen: 1. Der Kapitalismus wirkt städtebildend als treibende Kraft, wenn er selbst die Motive zur Ansiedlung an einem bestimmten Ort liefert; a) direkt, wo das Interesse des kapitalistischen Unternehmers selbst Platz bestimmend wirkt; sei es, dafs die Stadt schon da ist Neuntes Kapitel. Aufgaben einer Städtetheorie. 195 und die Erwägung des Unternehmers beeinflufst, sei es, dafs sie erst entsteht; b) indirekt, wo andere Personen durch den kapitalistischen Unternehmer an den betreffenden Platz nachgezogen werden, um ihren Unterhalt durch ihn zu gewinnen a) als unmittelbare Angestellte, insbesondere Lohnarbeiter; ß ) als mittelbar Beschäftigte; vom Lieferanten gewerblicher Erzeugnisse bis zum Künstler und zur Kokotte. 2. Der Kapitalismus wirkt städtebildend als objektive Bedingung, wenn die aufserhalb der Interessensphäre der kapitalistischen Wirtschaft liegenden Beweggründe zur Ansiedlung in der Stadt zu ihrer Entstehung oder zu ihrer Verwirklichung die Existenz des kapitalistischen Wirtschaftssystems zur Voraussetzung haben. Das gilt beispielsweise von der gesamten Beamtenschaft in den modernen Staaten, von den Rentnern und ähnlichen derivativen Existenzen. Besonders wichtig für das Verständnis der früh- kapitalistischen Grofsstadt! Er ist objektive Bedingung für die Städtebildung selbstverständlich auch dort, wo er die von kapitalistischen Interessen im weiteren Sinne (vgl. oben unter 1) erfafsten Individuen erst befähigt, ihre Handlungen gemäfs ihren Interessen einzurichten. 13 * Zehntes Kapitel. Die Genesis der kapitalistischen Stadt. 1. Dafs die Mutter der modernen Stadt die Handelsstadt sei, wird nicht bezweifelt werden können. Der Kaufmann ist es, der im Laufe langer Jahrhunderte mit Hilfe seines Handelsprofits langsam den Unterhaltsspielraum der Stadt über den engen Bezirk ihrer Landschaft ausdehnt. Die so allmählich um den alten Kern der Handwerkerstadt sich bildende Handelsstadt hat ökonomisch das Eigenartige, dafs sie ihren Unterhalt in kleinen Beträgen aus einem sehr weiten Kreise bezieht L Und diese Eigenart ihrer Existenz steckt der Ausdehnung der reinen Handelsstadt enge Grenzen. Ganz grofse reine Handelsstädte hat es niemals gegeben und kann es nicht geben, denn entweder ist die Transporttechnik noch so wenig entwickelt, dafs die Extensität des Handels nur eine geringe sein kann 1 2 , oder aber bei entwickelterer Transporttechnik ist die Handelsprofitrate verhältnismäfsig so niedrig, dafs schon ungeheure Warenmengen umgesetzt werden müssen, um ein beträchtliches Wertquantum in den Händen der Kaufleute als Gewinn und damit Unterhaltsstoff für die städtische Bevölkerung zurückzulassen. Der Laie — und die meisten „Theoretiker“, die über Städtebildung geschrieben haben, sind nationalökonomisch Laien — pflegt sich nicht klar zu machen, dafs von dem Warenstrom, der durch eine Stadt hindurchgeht, noch kein Sperling in dieser Stadt leben kann, es • sei denn, er pickte sich aus den Getreide- oder Erbsensäcken sein Futter heraus. Worauf es allein ankommt, ist ja wohl doch der Wert- 1 „ils tirbrent leur subsistance de tout l’univers“: Montesquieu, Esprit des Lois. Livre XX Ch. V. 2 „extensive commerce checks itself, by raising the price of all labour and Commodities“, D. Hume, Essays 2 (1793), 207. Zehntes Kapitel. Die Genesis der kapitalistischen Stadt. 197 betrag, auf dessen Bezug sich die Kaufleute ein Recht erwerben, indem sie die Güter durch ihre Stadt bewegen, ist das, „was hängen bleibt“, was „verdient“ wird, und das pflegt bekanntlich im umgekehrten Verhältnis zu dem gehandelten Wertquantum zu stehen. Heute mufs die Kaufmannschaft einer Handelsstadt schon für eine Milliarde Waren im Handel umsetzen, um dieselbe Menge Menschen mit dem Gewinne ernähren zu können, die früher vielleicht ebensoviel abbekamen bei einem Umsatz von 500 Millionen. Aber beschränkt war der Unterhaltsspielraum und damit die Ausdehnungsfähigkeit der reinen Handelsstadt immer 1 . Denn dafür, dafs mehr an der einzelnen gehandelten Ware „verdient“ wurde, war der Betrag des gesamten Warenumsatzes ein so viel geringerer. Wie wäre es sonst zu erklären, dafs die sog. „grofsen“ Handelsstädte des Mittelalters, Deutschlands noch im 15. und 16. Jahrhundert, niemals den Rahmen einer Mittelstadt überschritten haben (NB. bei ganz derselben Transporttechnik, bei der im Altertum Millionenstädte erwachsen waren), dafs auch später reine Handelsstädte, wie beispielsweise Bristol, das ein Reisebeschreiber um die Mitte des 18. Jahrhunderts „the largest, most populous and flourishing place in the island and one of the principal cities of Europe“ nennt 2 3 , oder die anderen blühenden Handelsstädte Englands in jener Zeit Exeter, Lynn, Norwich, Yarmouth 8 etc. nicht mehr als 30—40 000 Einwohner zählten, als London längst die halbe Million überschritten hatte? 2. Es mufsten andere Quellen des Reichtums und damit des Unterhalts für gröfsere Massen erschlossen werden, damit die Fesseln gesprengt würden, die der Entwicklung der Handelsstadt Schranken setzen, damit die Bahn frei werde für die grenzenlose Ausdehnung der modernen Grofsstadt. Man ist versucht in erster Linie an die kapitalistische Industrie zu denken als Mittel, den Unterhaltsspielraum der Städte auszuweitern. Das wäre jedoch falsch. Hie und da mag in den Anfängen der kapitalistischen Wirtschaftsweise (und mit dieser haben wir es ja einstweilen noch zu thun) ein blühendes Exportgewerbe, etwa wie die Seidenindustrie in Venedig, die Existenzbasis der Stadt erweitert haben; die Regel war es nicht. Der frühkapitalistischen Industrie mit ihrer stark decentralistischen Tendenz 1 Vortrefflich behandelt diesen Gegenstand der alte Büsch in dem Aufsätze: Uber die Schwierigkeiten für einen einzelnen Handelsplatz, durch den blofsen Zwischenhandel geldreich zu werden in Sämtl. Sehr, über die Handlung 4 (1825), 173-218. 2 D efoe, 1. c. 2, 253. 3 Defoe, 2, 236 ff. 198 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. wohnt im allgemeinen keine städtebildende Kraft inne. Die Industrie- centren noch des achtzehnten Jahrhunderts: die Bergwerksstädte oder die Centralen der hausindustriellen Textilindustrie wie Leeds, Birmingham in England; Iserlohn, Paderborn, Jauer, Hirschberg in Deutschland, sind kaum Mittel-, meist Kleinstädte. Der ursprünglichen Weisen, das Mehrprodukt eines gröfseren Gebiets in eine Stadt zu leiten und damit dieser die Möglichkeit beträchtlicher Vergröfserung zu verschaffen, kennt das frühkapitalistische Zeitalter, soviel ich sehe, vielmehr folgende zwei andere: 1. die Urbanisierung des Landadels; 2. die Finanzwirtschaft des modernen Fürstentums. Jener Prozefs bewirkte, clafs die in der Stadt sich ansiedelnden Grundeigner nunmehr auch ihren immer noch wachsenden Anteil an der Produktion des Landes in Form der Grundrente der Stadt zu gute kommen liefsen; diese aber schuf in den sich rasch vermehrenden Steuern das sicherste Mittel, grofse Wertbeträge des Nationalprodukts ebenfalls zur Konsumtion in der Stadt zusammenzubringen, die teilweise direkt zum Unterhalt von Hof, Heer und Beamtenschaft, teilweise zur Befriedigung der Staatsgläubiger verwendet werden konnten. Ich stehe nicht an, zu behaupten, dafs der bedeutende Aufschwung, den namentlich die Hauptstädte der gröfseren Reiche in frühkapitalistischer Zeit nehmen, vornehmlich einer solchen Konzentration des Konsums und damit einer quantitativen und namentlich qualitativen Steigerung des Bedarfs geschuldet war, wie er sich in den genannten Schichten der Bevölkerung zunächst entwickelt. Landlords, Höflinge, Haute Finance treten jetzt zu den Kaufleuten als städtebildende Elemente hinzu und bestimmen ganz deutlich den Typus derjenigen modernen Städte, die wir zuerst füglich mit dem Namen der Grofsstadt ansprechen dürfen. Wenn wir die italienischen und spanischen Städte während des 16. Jahrhunderts sich zu einem Volksreichtum entfalten sehen, wie ihn annähernd keine andere Stadt im Mittelalter erreicht hatte *, so möchte ich diese Erscheinung schon mit den eben gekenn- 1 Im XVI. Jahrhundert wuchs Neapel zu einer Stadt von 240 000 Einwohnern empor; Mailand und Venedig zählten im Jahre 1580 gegen 200000, Rom und Palermo 1600 über 100000 Einwohner, Messina ebensoviel. „Alle diese Städte hatten im Laufe des Jahrhunderts ihre Bevölkerung etwa verdoppelt“, also in einer Zeit, als ihre Bedeutung als Handelsstädte offenbar nicht mehr wesentlich zu wachsen vermochte. J. Bel och, a. a. O. S. 53/59 Zehntes Kapitel. Die Genesis der kapitalistischen Stadt. 190 zeichneten Entwicklungsreihen in Verbindung gebracht sehen 1 . In Italien und Spanien war es, wo modernes Finanzwesen sich zuerst entwickelte, in Italien vor allem vollzog sich der Urbanisierungs- prozefs des Landadels, das „inurbamento della nobiltk“, wie wir sahen, früher und radikaler als in irgend einem anderen Lande Europas. Es wurde geschildert, wie die Feudalherren in Ober- und Mittelitalien schon seit dem 12. Jahrhundert sogar zwangsweise genötigt wurden, in der Stadt zu leben 2 , was sie in Neapel 8 und den sicilianischen Städten, wo der Hof Friedrichs II. die erste mächtige Anziehung ausgeübt hatte, freiwillig thaten. Das Bild, das wir von der Gesellschaft der blühenden Renaissancestädte Italiens empfangen 4 * 6 * , zeigt uns deutlich diese Mischung von landed und monied interest als tonangebend, wie wir es später in den grofsen Kapitalen West-Europas wiederfinden 8 . Nur, dafs selbstverständlich 1 Ich sehe nachträglich, dafs der Gedanke keineswegs den Vorzug der Neuheit hat, vielmehr schon vor recht langer Zeit ausgesprochen ist: „Quaeris qui fiat, quod in Italia magnificentiores urbes quam multis aliis in regnis reperiantur? Sed non est difficile quod respondeam. Id enim fit tum aliis, tum hac praecipue de causa: quot Italos nobiles, loquor de praecipuis non de mercatoribus, urbes inliabitare non pudet“: Hippolyt, a Collibus, In- crementa urbium sive de caussis magnitudinis urbium über unus. Editio nova. Als Anhang zu der lateinischen Übersetzung des Botero (Ilelmestadii 1665) pag. 206. 2 Vgl. die Belege Bd. I S. 313 ff. und vgl. dazu noch C. Bertagnolli, Delle vicende dell’ agricoltura in Italia. 1881. pag. 175. W. Sombart, Die römische Campagna (1888), S. 138 und E. Poggi, Cenni storici delle Leggi sull’ agricoltura. 1848. 2, 163 ff. 3 „In Neapel ist der Adel träge und giebt sich weder mit seinen Gütern, noch mit dem als schmachvoll geltenden Handel ab; entweder tagediebt er zu Hause oder sitzt zu Pferde.“ „Zu Hause“ — das heifst in der Hauptstadt. J. Burckhardt, Die Kultur der Renaissance in Italien. 2 3 (1878), 106, 166. Vgl. dazu Hippolyt, a Coli. 1. c. pag. 207. 4 Vgl. das erste Kapitel des fünften Abschnitts bei Burckhardt, a. a. 0. 6 Besondere Gründe beförderten das Wachstum Roms und Venedigs: dort die Finanzwirtschaft der Päpste, hier der frühe Kolonialbesitz. Von den Kolonistenfamilien Kretas erfahren wir schon im 15. Jahrhundert: „Eine Anzahl hatte grofse Vermögen erworben; sie lebten jetzt in Venedig und verzehrten ihre Zinsen.“ Vgl. E. Gerland, Kreta als venetianische Kolonie (1204—1669) im Historischen Jahrbuch 20 (1899), 22. In Spanien wirkte auf eine rasche Konsumkoncentration in den grofeen Städten während des XVI. Jahrhunderts vor allem auch die enorme Geld- accumulation hin, wie sie infolge der Ausbeutung der amerikanischen Berg werke eintrat. Vgl. Häbler, Wirtscliaftl. Blüte Spaniens, S. 53. 153. 155 und passim. 200 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. die Ausmafse für die Städteentwicklung bei der Kleinheit der italienischen Territorien ihre frühzeitigen Grenzen fanden. Ins Grofse wächst sich dieser Typus frühkapitalistischer Grofsstädte erst in dem England und Frankreich des 18. Jahrhunderts aus. Ich weifs nicht, oh man Quesnays Tableau 4conomique je unter wirtschaftshistorischem Gesichtspunkte betrachtet hat. Man würde dann finden, dafs dieses documentum aere perennius nicht nur das geistvollste Kompendium der nationalökonomischen Theorie des 18. Jahrhunderts, sondern ebensosehr auch eine vortreffliche Quelle für die Beurteilung der socialen Struktur des damaligen Frankreichs ist. Es deckt uns nämlich mit seinen mysteriösen Ziffern die sicher unzweifelhafte Thatsache auf, dafs eine volkswirtschaftlich bedeutsame Anhäufung dessen, was wir heute Mehrwert zu nennen gewohnt sind, im wesentlichen nur in der Form der Grundrente zu Tage trat, d. h., dafs die eigentlichen Repräsentanten des Mehrwerts die Grundeigner waren. Natürlich war es eine der Theorie vom Produit net geschuldete Übertreibung, Mehrwert nur in Grundrentenform erscheinen zu lassen; aber die Theorie vom Produit net hätte in einem so genialen Kopfe wie demjenigen Quesnays niemals entstehen können, wäre die thatsächliche Gestaltung der Dinge nicht eine solche gewesen, wie sie war und wie wir sie aus anderen Berichten bestätigt finden. Wenn wir beispielsweise uns die Tabellen Gregory Kings ansehen, in denen dieser, Quesnay an Genialität kaum nachstehende Denker, für das Jahr 1688 das Nationaleinkommen Englands veranschlagte, so fällt uns vor allem die ganz überwiegende Bedeutung auf, die in jener Zeit immer noch die Einkommen aus Grundrenten gegenüber denen aus Handelsprofiten (Industrieprofite werden überhaupt noch nicht aufgeführt) beanspruchen. Jene beziffern sich auf 5 665 000 £, diese auf nur 2 400 000 Berücksichtigt man nun aber des weiteren, dafs sich jene Summe aus wesentlich gröfseren Einkommen zusammensetzt, dafs das Durchschnittseinkommen des Grofskaufmanns von King für drei Viertel auf 200 £, für ein Viertel auf 400 £ geschätzt wurde, während die Grundrentenbezieher zwischen 280 und 2800 £ Durchschnittseinkommen haben sollen, so werden wir es begreiflich finden, dafs sich die Schriftsteller jener Zeit einen entscheidenden Einflufs auf die Gestaltung des volkswirtschaftlichen Prozesses hauptsächlich von der Verwendungsart des Einkommens der Grundrentner, insbesondere der reicheren Grundeigner versprachen und ein 1 Vgl. Goldstein, Berufsgliederung: Tab. 3 im Anhang. Zehntes Kapitel. Die Genesis der kapitalistischen Stadt. 201 grofser Teil der Erörterungen in der volkswirtschaftlichen Litteratur des 18. Jahrhunderts der Diskussion über die volkswirtschaftlich zweckmäfsigste Art, die Grundrente zu verausgaben, gewidmet ist. Denn nichts anderes haben doch wohl die zahllosen Schriften und Kapitel über den „Luxus“ zum Inhalt, die, wie bekannt, die nationalökonomische Litteratur des 18. Jahrhunderts ebenso charakterisieren wie die Traktate über die Bevölkerung. Da nun aber die Verausgabung jener volkswirtschaftlich so wichtigen Quote des Nationaleinkommens in den Städten, vornehmlich in den Grofsstädten erfolgte, so verquickt sich die Luxusfrage mit der Grofsstadtfrage : fast alle Luxusschriftsteller dehnen ihre Untersuchung auf die Erörterung des Problems aus: was macht die Städte so volkreich? was lebt in den Städten? wofür werden die Einkommen der Reichen daselbst verausgabt? wie wirkt die Art der Verausgabung auf den Gang der Volkswirtschaft? 1 Sodafs wir eine im Grunde viel geistvollere Litteratur über die volkswirtschaftliche Bedeutung der Grofsstädte aus jener als aus unserer Zeit besitzen, mafsen im achtzehnten Jahrhundert unstreitig mehr gescheite Kerle Nationalökonomie traktiert haben als im neunzehnten. Dadurch aber werden wir in den Stand gesetzt, uns ein zum Greifen deutliches Bild von dem Wesen der frühkapitalistischen Grofsstadt im 18. Jahrhundert zu machen, das durch zahlreiche Sonderbelege noch in die Einzelheiten ausgezeichnet werden kann. Überall finden wir als die eigentlich städtebildenden Faktoren die oben genannten wieder: Grundrentner und Staatsrentner, letztere als Hof nebst Höflingen und Beamte oder als Staatsgläubiger bezw. von der Führung der Staatskreditgeschäfte sich bereichernde Grofs- finanzler 2 . Um diese Trias, zu der sich natürlich als Vierter im Bunde der früheste der modernen Städtebildner, der reicher werdende 1 Siehe den Exkurs I zu diesem Kapitel. 2 Am Ende des 18. Jahrhunderts (1785/89) betrug die Staatsschuld in England schon 4800 Mill. Mk., in Frankreich 1500 Mill. Mk., in den Niederlanden 1500 Mill. Mk., in diesen kapitalistisch führenden Ländern zusammen also 7800 Mill. Mk., dagegen in allen übrigen europäischen Staaten insgesamt erst 2494 Mill. Mk. Ygl. Artikel „Staatsschulden“ im H.St. Y, 844. Im London des 17. Jahrhunderts herrschte schon ein reger Kreditverkehr. Welche ßar- summen flüssig gemacht werden konnten in kurzer Zeit, beweist die Tliatsaclie z. B., daft das Aktienkapital der Bank of England (1200900 £) vom 21. Juni bis 2. Juli 1694 vollgezeichnet wurde. Ygl. über dieses uud ähnliche Vorkommnisse : Reg.R. Sharpe, London and the Kingdom. Vol. II (1894). Das dreibändige Werk ist eine sehr fleifsige, urkundliche Geschichte der Stadt London. 202 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Kaufmann gesellt, gruppiert sich dann zunächst ein Haufen von Schmarotzern, Klienten, Künstlern, Advokaten u. dgl., dann aber vor allem die entsprechende Anzahl Gewerbetreibender, namentlich der Herstellung von Luxusartikeln obliegender Produzenten. Die Belege, die die Richtigkeit dieser Rekonstruktion der frühkapitalistischen (Grofs-) Stadt erweisen, stehen in so überreichem Mafse zu unserer Verfügung, dafs wir uns mit der Anführung der wichtigsten begnügen müssen. Zunächst gestatten die zahllosen „Städtetheorien“ des 18. Jahrhunderts Rückschlüsse auf die Natur der Städte jener Zeit. Denn wenn die meisten Autoren auch wähnten, „die“ Stadt oder „die“ Grofsstadt scheclithin in ihren Entstehungs- und Daseinsbedingungen zu schildern, so sind ihre Lehren doch nichts anderes als Verallgemeinerungen der von ihnen beobachteten thatsächlichen Gestaltungen in ihrer Umgebung. So viel ich sehe, ist in der theoretischen Konstruktion der Stadt wie auf so vielen anderen Gebieten der nationalökonomischen Wissenschaft im 18. Jahrhundert Cantilion wegweisend. Er läfst die Stadt wie folgt entstehen 1 : „Si un Prince ou Seigneur . . . fixe sa demeure dans quelque lieu agrdable et si plusieurs autres Seigneurs y viennent faire leur residence pour etre a portee de se voir souvent et jouir d’une societe agrdable, ce lieu deviendrauneVille, ony bätira de grandes Maisons pour la demeure des Seigneurs en question; on y en bätira une infinite d’autres pour les Marchands, les Artisans, et Gens de toutes sortes de professions que la rdsidence de ces Seigneurs attirera dans ce lieu. II faudra pour le Service de ces Seigneurs des Boulangers, des Bouchers, des Brasseurs, des Marchands de vins, des fabriquants de toutes especes: ces Entrepreneurs bätiront des Maisons dans le lieu de question ou loueront des Maisons bäties par d’autres Entrepreneurs; .... toutes les petites Maisons dans une Ville, teile qu’on la ddcrit ici, dependent et subsistent de la döpense des grandes Maisons. . . . La ville en question s’agrandira encore, si le Roi ou le Gouvernement y etablit des Cours de Justice . . . Une Capitale se forme de la meme maniere qu’une Ville de Province . . . toutes les terres de l’Etat contribuent plus ou moins ä la subsistance des Habitans de la Capitale.“ Dieser Gedankengang findet sich mit unwesentlicher Modifikation in fast allen die Städtebildung behandelnden Kompendien der Zeit wieder 2 , er ist allerdings von den Physiokraten besonders scharf 1 Cantillon, Essay sur la nature du Commerce. 1755. p. 17ff. 2 Siehe den Exkurs I. Zehntes Kapitel. Die Genesis der kapitalistischen Stadt. 203 herausgearbeitet, weil er ihrer Theorie als Stütze dienen soll, wird aber auch von so vielen nicht orthodox-physiokratischen Schriftstellern übernommen, dafs der obige Schlufs gestattet sein dürfte: diese Theorie sei ein Abbild dör ^tatsächlichen Entwicklung. Die Richtigkeit dieser Hypothese wird aber aufser allen Zweifel gestellt, sobald wir die Schilderungen lesen, die wir über die sociale Struktur der beiden Grofsstädte des 18. Jahrhunderts, Paris und London, besitzen, ln der Gleichförmigkeit der Entwicklung, die beide Metropolen bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts nehmen, liegt übrigens auch ein vollgültiger Beweis dafür, dafs es nicht zufällig nationalhistorische Eigenarten, sondern die in dem Wesen der kapitalistischen Wirtschaft gelegenen Bedingungen sind, die das Phänomen der modernen Grofsstadt zuerst erzeugen, das dann in späteren Stadien der kapitalistischen Entwicklung in ganz anderer Weise zu Tage treten kann. London Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts „is the mighty Rendez-vous of Nobilty, Gentry, Courtiers, Divines, Lawyes, Physicians, Merchants, Seamen and all kind of excellent Artificers, of the most refined Wits and most excellent Beauties“ 1 . Stadtbildende Kraft der Staatsschulden: „national debts cause a mighty confluence of people and riches to the Capital, by the great sums levied in the provinces to pay the interests“ 2 3 * . Aber die Hauptfaktoren bleiben doch neben dem Handel die Grundrentner: dafs letztere in so grofsen Mengen in London zusammenströmen, hat dessen Gröfse bewirkt 8 . Die besten Stadtteile sind von Palästen des Landadels eingenommen; entweder in der Stadt selbst oder in der nächsten Umgebung. Paris ist viel länger als London die Stadt nur der Höflinge und des Adels. Noch am Ende des 17. Jahrhunderts erstaunt sich La Bruyere* über den zunehmenden Luxus der Bourgeois, die es den „nobles“ gleich thun wollen. Aber die Verschmelzung des landed and monied interest hat doch schon begonnen: „si le financier manque son coup, les courtisans disent de lui: c’est un bourgeois, un homme de rien, un malotru; s’il röussit, ils lui demandent sa tille!“ Und der Verfasser des Ami des Hommes, der ältere Mirabeau, kann schon ausrufen: „Qui eüt dit autrefois a la Noblesse Fran- 1 Edw. Cliamberlayne, The second part of the Present State of England. 13. ed. 1687. p. 200. 2 D. Hume, Essays 2, 114. 3 Vgl. Exkurs II zu diesem Kapitel. •* La Bruyfere, Les caracteres; ed. Garnier Frferes. Paris o. J., 156. 204 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. gaise . . qu’un jour ses enfants eommerceraient, agioteraient meine?“ 1 Derselbe Autor nimmt aber an, dafs etwa 200 000 Personen aus Paris auswandern müfsten, wenn man seinem Vorschlag gemäfs 1. tous les Officiers Royaux qui en tirent de grands appoin- tements; 2. tous ceux des grands Propridtaires, qui certains ddsormais de ne pouvoir traiter leurs affaires contentieuses que la et assures d’y jouir en meme temps de la consideration et de l’aisance . . . voudraient bien aller jouir de la terre natale; 3. tous les plaideurs forcös in die Provinz zurückbeförderte 2 . Seiner und aller Physiokraten Meinung nach herrschte nämlich z. Z. „une mauvaise distribution des hommes et des richesses“, denn „tous les seigneurs, tous les gens riches, tous ceux qui ont des rentes ou des pensions süffisantes pour vivre commoddment fixent leur söjour ä Paris ou dans quelqu’autre grande ville oü ils ddpensent presque tous les revenus des fonds du royaume. Ces döpenses attirent une multitude de marchands, d’artisans, de domesti- ques et de manouvriers“ 3 . Um diese reichen Rentiers, zu denen sich die „financiers, dont les caisses . . ont . . trait directement au Trösor Royal“ 4 u. a. gesellen, gruppiert sich eine hochentwickelte (nach Meinung der Physiokraten überfeinerte) Luxusindustrie; denn der „Propridtaire, rustique dans la terre, devient ä Paris un arbiter elegantiarum et donne^des idees a un ouvrier, qui s’dlevant ainsi au dessus de sa sphere mechanique devient un homme illustre dans son Art“ . . . 5 . 1 Ami des Hommes 2 (1762), 201. 2 Ami des Hommes 2, 215. 8 F. Quesnay, Artikel „Fermiers“ in der Eneyclopedie. Ed. Oncken, 189. Die „Wasserkopftheorie“ datiert für Paris aus dem 16. Jahrhundert; A. d. H. 2, 215; für London aus dem 17. Jahrhundert: Graunt meint, „dafs London . . vielleicht ein allzugrofser und vielleicht auch ein zu mächtiger Kopf für seinen Leih sei“ Job. Graunt, Anmerkungen über die Toten-Zettel der Stadt London etc. (1662); deutsch 1702 in der Widmung. 4 Ami des Hommes, 2, 232. 5 Ami des Hommes, 2, 217. Angaben über die enorme Höhe der Renten der kirchlichen und weltlichen Grofsen siehe hei H. Taine, Les origines de la France contemporaine 1 14 (1885), 52. Taines Hauptquelle für den Absentiismus der französischen Seigneurs und ihren Konflux nach Paris ist merkwürdigerweise Arthur Young, der so thut, als ob es in England um dieselbe Zeit wesentlich anders gewesen wäre. Beispiele von Luxusindustrien in frühkapitalistischen Grofsstädten bei Roscher, „System“. Bd. III. § 108. Zehntes Kapitel. Die Genesis der kapitalistischen Stadt. 205 Die ökonomische Rückständigkeit Preufsen-Deutschlands im 18. Jahrhundert wird in dem unentwickelten Zustande seiner Hauptstädte , denen die Hilfsquellen von Paris und London fehlten, vortrefflich wiedergespiegelt. Berlin beginnt erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts etwas rascher Zuwachsen: erst Anfang der 1760er Jahre überschreitet die Bevölkerungsziffer das erste Hunderttausend. Aber auch noch am Ende des 18. Jahrhunderts ist Berlin fast ausschliefslich eine — darum gewifs bettelarme — Soldaten- und Beamtenstadt. Im Jahre 1783 zählte die Garnison mit ihren Weibern und Kindern nicht weniger als 33 088 Personen, das sind 23 °/o der 141 283 betragenden Gesamtbevölkerung (gegen 29 448 Personen oder 1,8 °/o im Jahre 1895). Die staatlichen und städtischen Beamten bezifferten sich auf 3433, also mit ihren Angehörigen auf rund 13 000. Dazu kam noch ein unglaublich grofser Haufen von Bedienten (10074), sodafs diese drei mit dem Hofe zusammenhängenden Bestandteile der Bevölkerung über 56,000 Personen, also über zwei Fünftel der Gesamtbevölkerung ausmachten 1 . Wie arm diese Stipendiaten des armen Preufsenkönigs waren, zeigt der Umstand, dafs sie nur etwa ebenso vielen Menschen Wohnung und Beschäftigung geben konnten. In dem London oder Paris der damaligen Zeit hätten dieselben 50 000 Söldlinge eine Stadt von mindestens 2—300 000 Seelen gebildet. 3. Einer viel späteren Periode der kapitalistischen Entwicklung gehört die Industriestadt an; ihre Entstehung bezeichnet den Übergang aus dem Früh- in den Hochkapitalismus. Die Industriestadt: darunter verstehe ich eine entsprechend mächtige Agglomeration von Menschen, die der Initiative der kapitalistischen Industriellen ihr Zusammenleben und ihren Unterhalt verdanken. Es hat lange Zeit kapitalistische Industrie gegeben, die eine dieser beiden Bedingungen erfüllte, der aber darum der städtebildende Charakter noch nicht zugesprochen werden konnte. Es gab Industrie in den Städten, die aber wesentlich nur den Bedarf der Städter selbst deckte, deren Träger also nur Anteil nahmen an den Bezügen ihrer Auftraggeber, die somit nur darum und in dem Umfange stadtständig und stadtfähig war, weil und insoweit andere Stadtbewohner für den erforderlichen Unterhaltsspielraum Sorge trugen. Merkmal der meisten früheren Luxus- 1 Nach den Normannschen Ziffern, die mitgeteilt sind bei Mirabeau d. J., De la monarchie prussienne 1 (1788), 398 f. 206 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. industriell 1 . Die Industrie aber, soweit sie sich selbst erhielt, war in früher kapitalistischer Zeit nicht städtebildend deshalb, weil sie keine Bevölkerungsmassen zu agglomerieren die Tendenz hatte. Merkmal der ländlichen Hausindustrien, der holzverarbeitenden Industrien etc. Was die Industrie bis zum Ende der frühkapitalistischen Periode ganz besonders charakterisiert, ist gerade diese weitgehende Decentralisation, wie wir sie in Deutschland noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts antreffen und zwar eine Decentralisation in dreifacher Beziehung: a) über den Ort hin, lokale Decentralisation, b) über die Gegend hin, territoriale Decentralisation, c) über das Land hin, nationale Decentralisation. Was folgendes bedeutet: Eine Decentralisation über den Ort hin folgt aus der hausindustriellen Betriebsorganisation, die noch zu keiner Vergesellschaftung der Arbeitskräfte und dementsprechend ihrer Vereinigung in geschlossenen Grofsbetrieben geführt hat. Die lokale Decentralisation wird gleichermafsen durch die Kleinheit der Manufaktur- und Fabrikbetriebe selbst befördert. Beide Momente — vor allem die hausindustrielle Organisation — wirken dann auch auf eine Decentralisation über die Gegend hin: die Arbeitskräfte werden noch dort beschäftigt, wo sie der langsam organisch fortschreitende Verpowerungsprozefs frei gesetzt hat, d. h. an beliebigen Stellen in Stadt und Land. Die rationalistische Umschichtung des Arbeitermaterials hat noch nicht stattgefunden. Ihre stärkste Stütze aber findet die territoriale Decentralisation an der Nutzung der Wasserläufe als treibender Kraft. Hierdurch wird auch dort, wo der Unternehmer schon ziel- bewufst die Arbeitermassen disponiert, eine Zusammenhäufung in wenigen Centren vermieden. Gleichermafsen wirkt in decentralistischer Richtung die erwähnte starke Holznutzung. Solange das Holz der Wälder derjenige Roh- und Hilfsstoff bleibt, um den sich die gewerbliche Thätigkeit vornehmlich gruppiert, ist bei der gleichmäfsigen Verteilung der Wälder für eine weitgehende territoriale Decentralisation gesorgt. Aus gleichen Gründen entspricht der territorialen 1 „Insofern kann die gewöhnliche Meinung für richtig angenommen werden: dafs die Prachtfabriken in die grofsen Städte gehören, weil nämlich daselbst ihr ordentlicher Absatz ist.“ Sonnenfels, Grundsätze der Polizey etc. 1771. 2, 109. Zehntes Kapitel. Die Genesis der kapitalistischen Stadt. 207 Decentralisation der Industrie in früherer Zeit eine solche über das Land hin, wie ich sie genannt habe, eine nationale Decentralisation. Denn die Wälder sind auch provinzen- und territorienweise in den meisten Ländern verhältnismäfsig gleich verbreitet. Und ebenso die arbeitsbereiten Menschen. So lange also bodenständige Produktionsmittel und Arbeitskräfte, wie es in jener Zeit stark gewöhnheitsmäfsiger Produktion der Fall ist, in erster Linie den Sitz der Industrien bestimmen, beobachten wir die aufser- ordentlich wichtige Erscheinung, dafs die einzelnen Gebiete eines Landes viel gleichmäfsiger mit Industrien bedacht sind als etwa heutzutage. Ein paar Ziffern, die der Eisen- und Textilindustrie entnommen sind, mögen dies bestätigen. Im Königreich Preufsen heutigen Umfangs betrug die Arbeiterschaft in der Eisenindustrie (ausschliefslich Erzbergbau): im Durchschnitt 1848/57 1 1895 2 43676 101908 davon in Schlesien, West-1 3()317 = 6g 0/o g52g8 = g5 0/o> falen und .Rheinland J Dieselbe Arbeiterkategorie bezifferte sich 1 im Königreich Sachsen, in Bayern, Württemberg, Baden, Braunschweig und Thüringen 1848/57 noch auf 10 727 1895 dagegen nur noch auf 8 402 Das Verteilungsverhältnis, wie es Mitte des 19. Jahrhunderts in obigen Ziffern zum Ausdruck kommt, war aber das althergebrachte und noch nicht wesentlich umgestaltet seit dem Ende des 18. Jahrhunderts. Die auf Schlesien und Westfalen entfallenden Eisenarbeiter machten aus von der (alt-)preufsischen Gesamtziffer: 1798 8 =73% 1848/57 ! = 72% 1895 2 =88% Über die entsprechenden Verschiebungen in der Textilindustrie während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geben folgende Tabellen Aufschlufs: 1 P. Miscliler, a. a. O. 1, 215. 229. 335. 541 und die oben genannten Statist. Quellen. 2 Berufszählung. 3 Krug, Nat. Wohlstand 1, 189. Übersieht der Webstühle in den einzelnen Provinzen des preui'sischen Staats im Jahre 1843 208 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. bC § 03 .S>3 3 - 03 ff m n « " »Sä® XO o no CQ rH CO XO CQ o S M CD CD CD CM r- CM I> rH <£ 3 bh^ ® CO rH CO CQ OS :d 03 2 Ä CQ H XO 43^ 3 t s N o a» 03 N ' 42 3 a? 3 h* r- CD o CQ 00 rH ^2 3 O rH r~* xO CO 1© CD CM 3! r- 'Z. r3 13 CO CO OS CD CD O XO o CO 00 CO IO OS CQ CO XO CO CD t» bß h 3 N £ os t-H CO CM CO rH CM rH Cr CQ 03 43 :3 CD CQ h- XO CQ O XO 00 XO CM rH CD rH CO CO OS OS 3 CQ CO ■S m o rH OO rH CO OS Cr CO CO CM CO CM © CQ S-< -M PÖ rH CQ 03 (D £ 43 :3 CO 3 T™t o fr CD O Cf) r- © CQ rH D- XO C4 CO O OO CQ XO P CO CD CO 00 CM o CM ÜO os i-H CQ CQ CO Tf< CO T3 13 •JJ .2 43 Ö 0) bß 03 3: 3 CQ CD OS CO CD CO OO c- 03 •S % 00 r- Cr 43 XO CQ © os «Ts H fiW ns ESI 3 CD 3 nO OS CQ CQ 05 03 o XD OO I> ^s_g 1 | | 1 rH CQ OS CQ CD rH rH . g w s O Ä s 03 «SS t£2 3 u Ph 3 pD 3 03 *Ö 3 u 03 s 3 03 *53 3 03 CQ 3 03 3 «M nS 3 d 's 3 03 s 43 d 03 03 CQ 43 03 W PU £ PU m O PU o 03 3 03 £ Ph •+j 03 1 Vgl. Dieterici, Volkswohlstand (1846) S. 215. f » Zehntes Kapitel. Die Genesis der kapitalistischen Stadt. u CD 'ö rd o cd d d 0) N d •H > o u dn d ai fl u CO •pH «2 d a) »g d o> d o CO ph 0) dH CÖ d 01 fl Ö Ph 01 •2 ® •H 1:0 © ^ pH VH © 3 fl +3 © m pH M © © fl fl pH d © •H £ © © Ü PH © fl ■d +3 fl © •pH CO Ch S 3 cö PP Ph C5 i—i 05 y-H co pH co CO 00 CO CO CO co i> oo N W uo h iT Dreizehntes Kapitel. Die Ausweitung des Konsums. 273 und der höchstbesteuerte Mann in Berlin war zu einem Einkommen von 64000 Thlr. eingeschätzt. Schlägt man auch zu allen diesen Ziffern einen entsprechenden Betrag hinzu, um den die Einschätzungssumme hinter derjenigen Einkommmenshöhe zurückblieb, die nach dem heutigen Deklarationsverfahren ermittelt sein würde, so ergiebt sich immer noch ein immenser Abstand zwischen der Wohlhabenheit Berlins vor vierzig Jahren und heute. Es waren in Berlin physische Personen zur Steuer veranlagt mit einem Einkommen von 1900 2 3 * 50132 13503 (über 9500 Mk.) 1323 039 (über 100 000 Mk.) (1898) ein Einkommen von 1898 1 über 3000 Mk. 47 475 „ 9000 „ 13986 „ 60000 „ 1245 „ 120000 „ 439 und der Höchstbesteuerte bezog 2485000 — 2490000 Mk., also mehr als zwölfmal so viel wie sein Kollege aus dem Jahre 1854. Die „Thalermillionäre“ haben sich seitdem von 6 auf 639 vermehrt, die Zahl der „Mark-Millionäre“ hat eine Steigerung um etwa 5000% erfahren. Aber auch die Zahl der wohlhabenden Leute (mit einem Einkommen von mehr als 9000 Mk.) ist in dem Zeitraum der letzten vierzig Jahre von rund 1000 auf rund 14000 gestiegen, während die leidlich situierten Personen (mit mehr als 3000 Mk. Einkommen) sich etwa verfünffacht haben: so dafs sie trotz des enormen Wachstums Berlins, das ja gröfstenteils auf den Zuzug armer Bevölkerungsmassen zurückzuführen ist, heute einen gröfseren Prozentsatz von der Gesamtbevölkerung ausmachen wie damals: Berlin hatte 1854 429389 Einwohner, 1898 dagegen 1714681, seine Bevölkerung hat sich also in diesem Zeiträume gerade nur vervierfacht. Und selbst in einer Proletenstadt wie Breslau ist der Reichtumszuwachs bemerkbar. Nach der Aufstellung der Wählerlisten im Jahre 1858 8 betrug das Einkommen von 6307 wahlberechtigten Bürgern 6 047 800 Thlr. Daran partezipierten mit je einem Drittel 351 Personen mit einem Einkommen von mehr als 2500 Thlr. 1508 » n n n n 800—2500 » 4448 i) n n » bis 800 » 1 Verwaltungsbericlit des Magistrats zu Berlin für das Etatsjahr 1899. Nr. 3. Bericht der Steuerdeputation S. 24 ff. 2 Statistik der preufs. Einkommensteuerveranlagung. 3 von Ysselstein, Lokalstatistik der Stadt Breslau (1866) 671. Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 18 I 274 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Berücksichtigen wir wieder die verschiedene Zuverlässigkeit der Einkommensermittelung damals und heute und identificieren wir die Personen, die im Jahre 1858 mehr als 2500 Thlr. Einkommen hatten, mit denen, die heute mehr als 9000 bezw. 9500 Mk. haben, so ergiebt sich, dafs deren Zahl von 351 auf 2374 bezw. 2502 im Jahre 1898 bezw. 1900 gestiegen ist 1 , sich also versiebenfacht hat, während die Bevölkerung heute nur etwa 3 1 /2 mal so zahlreich ist wie vor 40 Jahren (1858: 129 813 Einwohner). Und während die wohlhabenden Leute Breslaus im Jahre 1858 über ein Gesamteinkommen von rund 8 Millionen Mk. verfügten, beläuft sich das der gleichgestellten lebenden Generation auf 40 — 50 Millionen Mark 2 . Gerade im Tempo der Bevölkerungszunahme haben sich die mittleren Einkommen vermehrt. Im Jahre 1858 hatten ein Einkommen zwischen 2400 und 7500 Mk. 1508 Personen; im Jahre 1898 ein solches zwischen 3000 und 9000 Mk. 7675 Personen; im Jahre 1900 8542 zwischen 3000 und 9500 Mk. 3 Jene 1508 Menschen bezogen zusammen 6 Millionen Mk., diese 7675 bezw. 8542 zusammen 35—40 Millionen Mk. Worauf es aber an dieser Stelle vor allem ankommt, ist der Nachweis, dafs in einer Stadt wie Breslau vor vierzig Jahren 6 Millionen, heute 40—50 Millionen Mk. von reichen Leuten, damals 6 Millionen Mk. von leidlich situierten, heute 35—40 Millionen Mk. von annähernd gleichgestellten Haushalten zur Verausgabung gelangen können: auf diese Quantitätssteigerung der Einkommenssumme einer bestimmten Leistungskraft ist das Hauptaugenmerk zu richten. Ein Vergleich der niederen Einkommenskategorien für so weit auseinander gelegene Zeiträume ist aus bekannten Gründen nicht möglich. Es genügt aber für unsere Zwecke vollkommen, einen Überblick über die Entwicklungstendenzen zu geben und zu diesem Behufe die Ziffern für das letzte Jahrzehnt vergleichend neben einander zu stellen. Gerade in diesem Zeitraum sind, dank der günstigen Konjunktur, auch die kleinen Einkommen ganz beträchtlich an Umfang gestiegen, hat also der Massenkonsum erheblich ausgedehnt werden können. 1 Verwaltungsbericht des Magistrats der Kgl. Haupt- und Residenzstadt Breslau für die drei Etatsjahre vom 1. April 1895 bis 31. März 1898. S. 699 ff. 1900 hatten mehr als 9500 Mk. Einkommen 2502 phys. Personen. 2 Berechnet nach den veranlagten St euer summen. 3 Statistik der preufs. Einkommensteuerveranlagung. Dreizehntes Kapitel. Die Ausweitung des Konsums. 275 So stieg in Berlin 1 von 1892/93 bis 1900 die Zahl der Einkommen von 900—3000 Mk. von 254928 auf 353654 d. h. um etwa 40°/o, etwa doppelt so rasch als die Bevölkerung; diejenigen der Einkommen von 660-—900 Mk. im Jahre 1889/90 von 164312 auf 199420 im Jahre 1898 2 . In Köln hatten (nach dem Verwaltungsbericht) weniger als 900 Mk. Einkommen im Jahre 1890/91 281145 Personen = 65,3 °/o der Gesamtbevölkerung 1898 350154 „ = 55,1 „ „ Die Einkommen von 900—3000 Mk. vermehrten sich 8 1892/93 bis 1900 von 30455 auf 53403, d. h. um beinahe drei Viertel, während die Bevölkerung nur um 30°/o anwuchs. In Breslau hatten nach dem Verwaltungsberichte der Stadt Breslau ein Einkommen von weniger als 900 Mk. 1889/90 = 225663 Personen = 70,8 °/o der Gesamtbevölkerung 1898/99 = 266 711 „ = 67,3 „ „ Ein Einkommen von 900—3000 Mk. bezogen 3 * 1892/93 28351 Personen 1900 38473 heute also ein Drittel mehr als vor zehn Jahren. Endlich mögen nun aber auch noch die Gesamtziffern der preufsischen Einkommensteuerstatistik für den ganzen Staat hier Platz finden 3 . 1892 Gesamtzahl der Censiten 2,44 Mill. = 8,15°/od.Bevölkerung (also Personen mit mehr als900Mk.Eink.) Davon: in den Städten . . 1,41 „ =11,92 „ „ „ auf dem Lande . . 1,03 „ = 5,68 „ „ „ 1900 Gesamtzahl der Censiten 3,38Mill. = 10,49°/od.Bevölkerung (also Personen mit mehr als 900 Mk. Eink.) Davon: in den Städten . . 2,07 „ =14,41 „ „ „ auf dem Lande . . 1,31 „ = 6,86 „ „ „ 1892 1900 Veranlagtes Einkommen. . 5724Mill.Mk. 7841 Mill.Mk. Davon: in den Städten. . . . 3873 „ „ 5489 „ „ auf dem Lande . . . 1851 „ „ 2352 „ „ 1 Statistik der preufs. Einkommensteuerveranlagung. 2 Nach den Yerwaltungsberichten. 8 Statistik der preufsischen Einkommensteuerveranlagung für die Jahre 1892/93 und 1900. 18 * 276 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Zahl der mit mehr als 3000 Mk. Einkommen veranlagten physischen Personen vom Hundert der Bevölkerung . und zwar in den Städten .... auf dem platten Lande . Gesamteinkommen d. über 3000 Mk. Einkommen beziehenden phys. Personen. 3224 Mill. Mk. 4445 Mill. Mk. Davon: in den Städten .... 2474 „ „ 3513 „ „ auf dem platten Lande . 750 „ „ 932 „ „ Im ganzen preufsischen Staate bezogen ein Einkommen von weniger als 900 Mk. 1892 = 70,27% 1900 = 62,41 „ Es steigen also — das ist ein besonders charakteristisches Merkmal der Entwicklung in der Gegenwart — immer mehr Menschen aus den Niederungen der Notdurft auf. Das ist auch daran ersichtlich, dafs die Einkommen zwischen 900 und 3000 Mk. eine besonders starke Vermehrung aufweisen. In diesen Stufen waren veranlagt: 1892/93 2118969 Censiten = 81,89% aller Censiten 1900 2963213 „ = 87,74,, „ Also, was uns immer in erster Linie interessiert: die Entstehung kauffähiger Massen kommt auch in diesen Ziffern besonders deutlich zum Ausdruck. Wie sich aber der Zuwachs auf die einzelnen Stufen verteilt, ergiebt folgende Übersicht. Es waren veranlagt Censiten (physische Personen) mit einem Einkommen von 900 bis 1050 Mk. 1050 bis 1200 Mk. 1200 bis 1350 Mk. 1350 bis 1500 Mk. 1500 bis 1650 Mk. 1892 1900 658 811 999 270 437 003 591 483 234 756 345 466 193459 265 876 123 133 152 310 1650 bis 1800 Mk. 1800 bis 2100 Mk. 2100 bis 2400 Mk. 2400 bis 2700 Mk. 2700 bis 3000 Mk. 1892 1900 120331 150 541 128 037 160 619 106 087 132 910 71024 97 307 46 328 67 431 1892 1,060 2,010 0,438 1900 1,237 2,222 0,498 Vierzehntes Kapitel. Die Verdichtung des Konsums. Noch bedeutsamer für die Entwicklung der gewerblichen Produktionswirtschaft erscheint mir jenes andere Moment, das wir neben der Ausweitung des Konsums in neuerer Zeit ebenfalls als ein Kennzeichen der modernen Marktverhältnisse beobachten; nämlich das, was man die Verdichtung des Konsums nennen kann. Damit meine ich die Thatsache, dafs die Entfernung, in der die einzelnen Bedarfsfälle einer von dem anderen auftreten, immer geringer wird. Auf dem ökonomisch umgrenzten Versorgungsgebiet einer Produktionswirtschaft oder einer Handlung erfolgen immer mehr Konsumtionsakte. Die Verdichtung der Konsumtion entspricht also dem, was man in der Verkehrssphäre die Zunahme der Intensität nennt. Eine solche Verdichtung erfährt der Konsum in neuerer Zeit nun von zwei Seiten her. Offenbar zunächst und vor allem durch die Anhäufung der Bevölkerung in immer gröfseren Städten. Es ist dies eine der wichtigsten Folgeerscheinungen der Städtebildung, die hier aber nur erwähnt zu werden braucht, um in ihrer Bedeutung auch schon begriffen zu werden. Dagegen müssen wir ein wenig länger verweilen bei der anderen Entwicklungsreihe modernen Lebens, die in ihrem Verlauf ebenfalls zu einer Konsumverdichtung führt; ich meine natürlich die zunehmende Vervollkommnung des Personen-, Güter- und Nachrichtentransports. Dafs sie in gleicher Richtung wirkt, wie die Konzentration der Nachfrage in den Städten, dürfte nicht zweifelhaft sein. Sie verdichtet den Konsum dadurch, dafs sie die Erreichbarkeit der einzelnen über ein gröfseres Gebiet zerstreuten Konsumenten erhöht und ebenso die Zugänglichkeit der schon vorhandenen städtischen Konsumtionscentren für die Käufer steigert. 278 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Betrachten wir zunächst den letzteren Fall. Hier ist es vor allem die Entwicklung des Eisenbahnwesens, die das genannte Ergebnis herbeigeführt hat. Der Kreis von Kunden in der Umgegend der Stadt, die in dieser ihren Bedarf namentlich an gewerblichen Erzeugnissen decken können, ist infolge der Eisenbahnen in stetem Wachsen begriffen. Nicht nur, dafs eine immer gröfsere Anzahl von Personen in der suburbanen Zone der Grofsstäclte sich ansiedelt, die wirtschaftlich durchaus nach diesen gravitieren: auch aus gröfseren Entfernungen eilen die Reisenden herbei, um in den Magazinen der Grofsstadt oder Mittelstadt einzukaufen oder in den städtischen Mafsgeschäften ihre Bestellungen zu machen. Man könnte auch heute ganz gut von einer Landschaft sprechen, die wirtschaftlich in einer Stadt ihren Mittelpunkt hat, nur dafs die Grenzen des von der Stadt bedienten Gebietes immer weiter werden und die Kreise der einzelnen Landschaften sich vielfach scheiden. Statistisch diesen Prozefs zu erfassen, wird kaum möglich sein; ist aber auch nicht nötig, da er längst in seiner Wichtigkeit erkannt 1 und heute allerorts in übereinstimmender Weise beobachtet wird. Dagegen wird es nützlich sein, sich die extensive und intensive Entwicklung zu vergegenwärtigen, die die Eisenbahnen, auf deren Technik das quantitative Ausmafs jener Annäherungstendenz vor allem beruht, in neuer Zeit erfahren haben. Selbstverständlich nur in einigen besonders frappanten Hauptziffern, die der einzelne sich leicht aus den Quellen ergänzen kann 2 . Die Erfindung Stephensons hat eine Organisation des Personen- 1 Schon 1849 macht Rodbertus darauf aufmerksam, dafs „die grofsen Städte eine nachteilige Anziehungskraft auf die gute Kundschaft des ganzen Landes“ ausüben! „Wie ist dem Handwerkerstande aufzuhelfen?“ Wiederabgedruckt in den „Deutschen Worten“. 1894. S. 461. 2 Die neueste vergleichende Gesamtdarstellung enthält der Jahrgang 1899 des Archivs für Eisenbahnwesen. Ygl. dazu noch für Preufsen-Deutschland insbesondere: Joh. Gottl. Blum, Fünfzig Jahre Eisenbahnen in Preufsen (1888). II. Schwabe, Geschichtlicher Rückblick auf die ersten 50 Jahre des preufsisclien Eisenbahnwesens. 1895. Ferner die Betriehsergebnisse deutscher und ausländischer Eisenbahnen in den Jahren 1885, 1894, 1895 und 1896 in der Zeitung des Vereins deutscher Eisenbahnverwaltungen 1899. Kühn, Die historische Entwicklung des deutschen und deutsch-österreichischen Eisenbahnnetzes von 1838 bis 1881 (12. Ergänzungsheft zur Zeitschr. des preufs. Statist. Bureaus). 1882—1885 in der Zeitschrift selbst, Jahrg. 26; 1886—1893 (18. Ergänzungsheft). Gut orientierende, summarische Übersichten enthält der Artikel „Eisenbahnstatistik“ von K. W i e d e n f e 1 d im H. St. 2 Band III. 1900. Vgl. auch W. Lotz, Verkehrsentwicklung in Deutschland 1800—1900. (1900) S. 19 ff. Vierzehntes Kapitel. Die Verdichtung des Konsums. 279 und Güterverkehrs in dem Verkehrsinstitut der Eisenbahnen ermöglicht, welche vor allem nach drei Seiten hin Verbesserungen brachte. Der Verkehr wurde: 1. schneller; 2. billiger; 3. bequemer. Die Schnelligkeit des komfortabelsten Achstransports, also einer Beförderungsweise, die nur für solche Personen in Frage kam, die heute etwa die Luxuszüge benutzen, erreichte 15—16 km in der Stunde (Eilposten in England), gewöhnlich wurden 8—10 km nicht überschritten (Französische Posten), während heute die Personenbeförderung auf den Eisenbahnen mit einer Geschwindigkeit von etwa 45—90 km in der Stunde erfolgt. Die Verbilligung der Personenbeförderung durch die Eisenbahnen beträgt mindestens 50% und hat die Tendenz noch fortzuschreiten. Sie ist in Ländern wie Rufsland und Ungarn schon heute zu einer beträchtlichen Entwicklung gelangt, sucht sich aber auch in den übrigen Kulturstaaten durch allerhand Vergünstigungen auf indirektem Wege durchzusetzen. Ich erinnere an die Einführung der Kilometer- billets in Baden und Württemberg, an die Rückfahr-, Saison-, Rundreise- etc. Karten, an die besonders wichtige Einführung von Vorortzügen in den grofsen Städten mit entsprechend niedrigen Fahrpreisen. Und dafs — trotz alledem! — die Postkutsche auf Schienen, die ja unsere altfränkischen Eisenbahnwagen immer zum Teil noch darstellen, bequemer ist als die alte Postkutsche auf ungebahntem Wege, wird nicht in Frage gezogen werden. Nun stelle man eine Berechnung an über den Fortschritt, den die Konsumverdichtung infolge der Eisenbahnorganisation erfahren hat! Nach dem bekannten „Gesetz“, das alle Verkehrsentwicklung beherrscht, ist auch hier die Steigerung der Konsumverdichtung im quadratrischen Verhältnis zu der Beschleunigung und Verbilligung des Transports erfolgt. Gravitieren jetzt die Kunden bis zu einer Entfernung von 50 km und mehr nach der centralen Stadt als ihrer Bezugsquelle, während sie ehedem nicht über 20 km hinaus die Fahrt unternehmen mochten, so ist der Kundenkreis für die städtischen Lieferanten im Verhältnis von 4 zu 25 vergröfsert worden. Welche Bedeutung diese That- sache aber für die Konsumgestaltung überhaupt hat, läfst sich ermessen, wenn man die rasche Entwicklung des Eisenbahnbaus und der Leistungen der Eisenbahnen ins Auge fafst. Als Folie für das Bild, das der heutige Zustand des Verkehrswesens bezw. seine neueste Entwicklungsphase darstellt, mag eine kurze Skizze von der Entfaltung der Verkehrsmittel im vormärzlichen Preufsen voraufgeschickt werden. 280 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Die Entwicklung des Chausseebaus in Preufsen nimmt erst in der zweiten Hälfte des fünften Jahrzehnts ein rascheres Tempo an 1 . Eisenbahnen waren 1845 in Länge von 127,3 Meilen (davon nur 20,9 doppelgleisig) vorhanden. Es kamen in diesem Jahre zur Beförderung 2 4,0 Millionen Personen — soviel wie schon vor einigen Jahren an den sechs hohen Feiertagen auf den Berliner Bahnhöfen 3 ; und 9,5 Mill. Ctr. Güter — soviel wie im Jahre 1899 auf den deutschen Bahnen Schwefelsäure befördert wurde. Die Zahl der durchfahrenen Centnenneilen bezifferte sich auf 60,4 Mill. (etwa 25 Mill. tkm), die der Personenmeilen auf 15,6 Mill. (etwa 6 Mill. Personenkilometer) 2 . Wichtig für die richtige Beurteilung des Verkehrszustandes im damaligen Deutschland ist ferner die Berücksichtigung der Thatsache, dafs es natürlich zuerst nur die gröfseren Plätze waren, die eine Eisenbahnverbindung erhielten: das Netz war also noch äufserst weitmaschig 4 . Noch am Ende der 1840er Jahre war man der Meinung, dafs die Eisenbahnen ihre Hauptbedeutung für den Personenverkehr besäfsen, und man konnte in der That auch nachweisen, dafs seit ihrem Erscheinen der Frachtverkehr auf den Landstrafsen sich eher vermehrt als vermindert habe 5 * . Auf den Landstrafsen des Zollvereins mühten sich (1846) 38 349 Pferde mit 21 424 beschäftigten Personen um die Bewältigung des Fracht- und Reiseverkehrs 0 . Die Wege selbst waren noch meist Naturwege und darum im Winter meist unpassierbar 7 . Zieht man nun auch noch das Hauptverkehrsmittel jener Zeit: das Schiff in Betracht; immerhin: welche unbedeutende Verkehrsmengen konnten doch nur in Bewegung gesetzt werden auf so gering entwickelten Verkehrswegen, mit so unbedeutenden Verkehrsmitteln! 1 Vgl. Meitzen, Der Boden etc. 3, 221 ft'. 2 Meitzen, a. a. O. S. 232. 8 Vgl. Berlin und seine Eisenbaiinen 2, 123. 4 Eine eingehende Entstehungsgeschichte und statistische Übersicht des allmählichen Längenzuwachses der einzelnen Bahnlinien giebt E. Kühn, Die historische Entwicklung des deutschen und deutsch-österreichischen Eisenbahnnetzes vom Jahre 1838 bis 1881. XII. Ergänznngsheft zur Zeitschrift des Kgl. preufsisehen Statist. Bureaus. 1883. 8 Vgl. die Ziffern in der Zeitschrift des Vereins für deutsche Statistik I (1847), 92 ff. 8 von Reden, Erwerbs- und Verkehrsstatistik (1853). p. 2242. 7 Vgl. die freilich um einige Jahre frühere, sehr anschauliche Schilderung des trostlosen Zustandes der Wege im nördlichen Deutschland bei W. Jacob, Zweiter Bericht an die englische Regierung über den Anbau und Absatz des Getreides in mehreren europäischen Kontinentalstaaten. 1828. S. 2 ff. 47. Vierzehntes Kapitel. Die Verdichtung des Konsums. 281 Es gilt gewifs, was Schmoller für den Postverkehr sagt 1 , in erhöhtem Mafse für Personen- und Güterverkehr: „Die Hauptentwicklung fällt wieder nach 1850.“ Wenn im Jahre 1843 auf Schiffen in Preufsen 313 748 Lasten (ä 4000 r*H Deutschland. 469 18 450 50 961 Grofsbritannien und Irland . . . 1349 24 383 34 922 Frankreich. 427 17 462 42 437 Belgien. 333 2 906 6 209 (1898) Ver.-Staaten. . 5 344 85 288 307 050 Diese Generalziflfern empfangen nun aber ihre rechte Beleuchtung erst, wenn man sie in Beziehung setzt zu der Gröfse des Landes, wenn man sie ferner ergänzt durch die auf jenen Strecken 1 Schmoller, Kleingewerbe, 170. 2 Dieterici, Die statistischen Tabellen des preufsischen Staats (1845) S. 164 f. Im Jahre 1899 passierten allein auf dem Ilhein bei Emmerich über 12 Mill. t Güter, also der zwanzigfache Betrag (Statist. Jalirb.). Weitere detaillierte Angaben über den Verkehr auf den Binnenwasserstrafsen bei Meitzen, a. a. O. III, 251 ff. 3 129 427 875 tkm nach der Berechnungsweise Meitzens (vgl. Boden 3, 224). 4 Entsprechend niedrig war der Anteil der im Verkehrsgewerbe beschäftigten Personen an der Gesamtbevölkerung. Im fortgeschrittenen Königreich Sachsen machten die Selbstthätigen im „Verkehr“ von sämtlichen Selbstthätigen 1849 erst 0,99% aus. Vgl. E. Engel, Das Kgr. Sachsen etc. S. 254; gegen 3,25% im Durchschnitt des ganzen Deutschen Reichs im Jahre 1895. Vgl. Vierteljahrshefte der Stat. d. Deutschen Reichs. 1896. Ergänzungsheft S. 4. 5 Berechnet nach Hühner-Juraschek, Geogr.-statist. Tab. für 1901. 282 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. vollbrachten Verkehrsleistungen und wenn man endlich das Tempo der Entwicklung in den einzelnen Jahrzehnten in Betracht zieht. Dann ergiebt sich nämlich: 1. dafs das Netz, welches die Eisenbahnen (und zwar zunächst die Vollbahnen) über das Land ziehen, naturgemäfs immer engmaschiger wird; 2. dafs die Ausnutzung der vorhandenen Verkehrsmittel immer intensiver wird; 3. dafs der Hauptaufschwung in die letzten Jahrzehnte fällt; und 4. dafs eine wachsende Bedeutung der Nahverkehr gewinnt. So kamen auf 1000 qkm Eisenbahnen in Deutschland: 1880 = 74,4 km 1890 = 77,4 „ 1899 = 90,4 „ Die Verkehrsleistungen aber stellten sich wie folgt: Es wurden durchfahren auf 1 km in Deutschland (Stat. d. Eisenb. Deutschi.) Personen-km Güter-tkm 1885 216 932 430469 1899 389300 717 852 Ziffern, die sich ganz analog in den übrigen Kulturstaaten wiederholen. Die genaueren Angaben, die wir über den Betrieb der deutschen Bahnen besitzen, ergeben dann noch folgendes Bild: es betrug die Zahl (nach dem Stat. Jahrb.) 1880 1890 1899 der beförderten Personen (in Millionen) . . 215 426 804 auf 1 Einwohner. 5 9 14 der beförderten Gütertonnen (in Millionen) . 165 218 341 auf 1 Einwohner. . 3,7 4,4 6,2 Die wichtige Thatsache der Zunahme des Nahverkehrs wird aber aus folgenden Ziffern ersichtlich: Von 1890—1898 stieg der Gütertonnenverkehr innerhalb eines lokalen Verkehrsbezirks . . . . . . um 61 °/o innerhalb des Landes und zwischen den einzelnen Verkehrsbezirken .. 48 „ Die durchschnittliche Fahrt einer Person aber betrug 1880 = 30,13 km 1890 = 26,34 „ 1899 = 23,12 „ I Vierzehntes Kapitel. Die Verdichtung des Konsums. 283 Eine bedeutsame Erscheinung, deren eigentliche Entfaltung erst in das letzte Menschenalter fällt, ist die rasche Entwicklung der Kleinbahnen. In Deutschland gab es an schmalspurigen Bahnen (nach dem Stat. Jahrbuch) 1890 = 1051 km 1899 = 1713 „ Es wurden befördert zurückgelegt fr Personen Güter Personen-km Tonnen-km (in Tausend) (in Tausend t) (in Tausend) 1890 8082 3478 61581 39 649 1899 21304 6542 173 511 78961 Aber wir haben bisher nur die eine Wirkung des neuen Verkehrsinstituts auf die Gestaltung des Konsums ins Auge gefafst: dafs es immer gröfsere Kreise von Käufern und Bestellern nach einem centralen Bedarfsdeckungspunkte gravitieren macht. Nicht weniger wichtig ist die andere Seite der Entwicklung: dafs es dank der modernen Verkehrsfortschritte den Produzenten oder Händlern ermöglicht wird, an immer mehr Personen heranzukommen. Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, geht der Prophet zum Berge. In wie mannigfaltiger Art heute schon das Beschleichen der ortsfernen r Kundschaft ausgeübt wird, werden wir noch erfahren, wo von der Neugestaltung des Warenvertriebs die Rede sein wird. Hier sollen nur die durch die Verkehrsentwicklung geschaffenen objektiven Bedingungen dieses Vorgehens besprochen werden. Ein Beispiel für viele, in welcher Weise die Verbilligung der Personenbeförderung sich fühlbar macht: „Fremde Mafsgeschäfte treten erst seit dem Bau der Löbauer Anschlufsbahn (1884) mit den hiesigen — sc. Löbauer — Schneidermeistern in Wettbewerb. Vor dieser Zeit mufste, wer nach Löbau wollte, von der 2 1 /2 Meilen entfernt liegenden Bahnstation Deutsch-Eylau den Wagen benutzen. Die Kosten betrugen 7 Mk. Fuhrlohn, 60 Pf. Chausseegeld und 50 Pf. Trinkgeld für den Kutscher, zusammen 8 Mk. 10 Pf., zurück ebensoviel . . (also zusammen 16,20 Mk.) . . Da wurde die Bahn gebaut; das Fahrgeld in der III. Klasse beträgt für die Strecke Deutsch-Eylau- Löbau und zurück M. 2,20. Durch eine solche Kleinigkeit läfst sich ein eifriger Detailreisender nicht abschrecken, den Versuch zu machen, den Kundenkreis seines Geschäfts zu erweitern 1 .“ Aber was die Verdichtung des Konsums bewirkt, ist gar nicht immer notwendig nur eine Ortsveränderung der Personen, sei es 1 U. IV, 194. 284 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. der nachfragenden, sei es der anbietenden. Sie wird auch erreicht, wenn nur die Warenlieferung selbst sich leichter über einen gröfseren Kreis erstreckt. Und dafs dies im Gefolge der modernen Verkehrsgestaltung ebenfalls im weiten Umfange erreicht worden ist, weifs jedermann. Freilich hat hierbei die Entwicklung des Eisenbahnwesens nur die technische Basis abgegeben, auf der eine Organisation des Güterverkehrs, vor allem des Güterverkehrs in kleinsten Mengen, aufgebaut werden konnte, die jenen Effekt gesteigerter Beweglichkeit der Waren hervorgerufen hat. Diese Organisation besitzen wir in dem kunstvollsten Gebilde modernsocialen Lebens: in dem Sammelinstitut der modernen Post. Ihre Bedeutung liegt, wie bekannt, neben der Kleingutsammlung und Beförderung hauptsächlich in der Organisation des Nachrichtenverkehrs, dem aufser den Eisenbahnen und Dampfschiffen die specifischen Verkehrsmittel für den Nachrichtentransport Telegraphie und Telephonie dienstbar gemacht werden. Die Erleichterungen , die durch die Post in neuerer Zeit geschaffen sind, bedürfen kaum einer besonderen Nennung, weil sie in fast jedermanns Gesichtskreise liegen. Um sie voll zu würdigen, thut man gut, sich gelegentlich der Zustände zu erinnern, wie sie noch vor 50 Jahren in den europäischen Ländern, zumal in Deutschland herrschten. Man bedenke z.B., dafs der Nachrichtenverkehr in Deutschland bis in die Mitte des Jahrhunderts noch unter der unerträglichsten Buntscheckigkeit der Tarife und Beförderungswege, sowie unter hohen Tarifsätzen — bis 1844 konnte ein einfacher Brief innerhalb Preufsen noch 19 Sgr. kosten! 1 — empfindlich zu leiden hatte: „Die Hemmungen und Erschwerungen, welche für den Verkehr innerhalb Deutschlands dadurch hei’beigeführt wurden, dafs die deutschen Postverwaltungen in Absicht auf den Postdienst nach verschiedenen Grundsätzen verfuhren, sowie die Erhöhung des Portos, welche durch die Zusammensetzung der verschiedenen Portotarife für die aus einem deutschen Postgebiet in ein anderes zu befördernden Postsendungen herbeigeführt wurde, liefsen die Notwendigkeit erkennen, sich unter den deutschen Postverwaltungen über einen einfachen und billigen Portotarif und über gleichartige Verwaltungsnormen zu verständigen.“ So lautete eine officielle Mitteilung noch 1 Reiche Angaben über die exorbitant hoben Depeschengebühreu s. bei K. Knies, Der Telegraph als Verkehrsmittel. 1857. S. 161 ff. Schüttle, Der Telegraph. 1883. S. 304. Vierzehntes Kapitel. Die Verdichtung des Konsums. 285 aus dem Jahre 1850, in der der Anlafs bekannt gegeben wurde zu dem im gleichen Jahre abgeschlossenen Postvertrag Preufsens mit Österreich. An ihn gliederten sich dann erst in den folgenden Jahren die meisten übrigen deutschen Staaten an, sodafs die Zahl der verschiedenen Postgebiete in Deutschland Ende der 1850 er Jahre „glücklicherweise“ „auf 17 herabgekommen“ war ’. Demgegenüber die Neuerungen, die uns die letzten beiden Menschenalter gebracht haben: 1. die Verbilligung, Vereinheitlichung und Vereinfach ung d e s Br i efp or tos. Wir, die wir mit der Fünfpfennigpostkarte 1 2 und der Nickelpostmarke täglich umgehen und die wir es selbstverständlich finden, dafs ein Brief mit dem gleichen Markenbetrage in den Kasten geworfen ebenso gut nach Rufsland wie England oder China befördert wird, vermögen uns schwer einen Zustand der Buntscheckigkeit und Teuernis der Tarife, der lästigen Schalterbezahlung u. dgl. zu denken, wie er eben skizziert wurde. 2. die Einführung des billigen und einheitlichen Packet- portos in fast allen und jetzt auch zwischen fast allen Kulturländern 3 . 3. die Einrichtung eines Giroverkehrs durch die Post in Form der Postanweisungen 4 * , Postaufträge, Postnachnahme 6 etc. 4. die Übernahme buchhändlerischer Funktionen durch die Post in ihrem Zeitungsdebit 6 . Von welch ungeheurer Bedeutung diese und ähnliche Einrichtungen auf die Gestaltung der Art und Weise unserer Bedarfsdeckung sind, empfindet jeder, der sich ihrer bedient und wer wäre das nicht? Ich empfange früh morgens eine als Drucksache für 3 Pf. mir zugesandte Offerte eines Wurstwarenfabrikanten im anderen Teile Deutschlands, schreibe daraufhin mittels einer Postkarte für 5 Pf. meinen Auftrag, empfange in Form eines Postpackets für 50 Pf. die Ware und bezahle sie mittels einer Postanweisung für 1 Vgl. K. Knies, Der Telegraph. 1857. S. 83 ff 2 Über die Geschichte der Postkarte vgl. „Statistik der deutschen Reichspost- nnd Telegraphenverwaltung“ etc. für 1880. S. 78 ff., wo Stephan, und E. Herrmann, „Miniaturbilder“, wo dieser die Priorität der Erfindung für sich in Anspruch nimmt. 3 Vgl. über die Entwicklung des internationalen Postpacketdienstes den Aufsatz in „Statistik“ etc. für 1888. S. 90 ff. und für 1895. S. 87 ff. 4 Über deren Geschichte vgl. „Statistik“ etc. für 1886. S. 77 ff. 6 Darüber „Statistik“ Jahrg. 1878. S. 51 ff. 6 Über die Entwicklung der Zeitungsbesorgung durch die Post siehe „Statistik“ Jahrg. 1882. S. 69 ff. 28(3 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. 20 Pf., wenn der Absender es nicht vorgezogen hat, den Betrag per Nachnahme einzuziehen. Das alles spielt sich im Verlaufe von zwei bis drei Tagen ab. Und nun gar erst die Revolution, die auf dem Gebiete der Bedarfsdeckung Telegraph und Telephon hervorgerufen haben! Hat doch insbesondere das Telephon die fast völlige Indifferenz gegenüber der Entfernung des Lieferanten vom Kunden wenigstens innerhalb des Weichbilds einer Stadt bewirkt. Man vergegenwärtige sich nur, wie man heutigen Tages von seinem Zimmer aus ein opulentes Diner herbeikommandiert! Und in welchen Zustand kompletter Verlassenheit und Hilflosigkeit die Hausfrau in einer Grofsstadt versetzt wird, wenn etwa durch Schneefall oder ein Gewitter die Telephonanlage auch nur auf Stunden aufser Funktion gesetzt ist. Und wie rasch hat sich das Netz verdichtet, das die Post mit ihren Hilfsbetrieben über die modernen Kulturländer und darüber hinaus ausspannt! Der Refrain des Volksliedes: Kein Dörfchen so klein, Mufs ein Hammerschmied darinnen sein, ist längst durch die wirtschaftliche Entwicklung überholt und müfste, wollte er der Verkehrsgestaltung der Gegenwart Rechnung tragen, umgedichtet werden etwa in die Verse: Kein Dörfchen so klein, Kehrt täglich doch der Postbote ein! Zu den Ausstellungsgegenständen des Reichspostamts in Chicago gehörten auch vier grofse Wandkarten, welche die Dichtigkeit der Postanstalten und der Telegraphenanstalten im deutschen Reich je am Schlüsse des Jahres 1872 und 1892 ersichtlich machten. Sie sind im verkleinerten Mafsstabe reproduziert in der „Statistik der deutschen Reichspost- und Telegraphenverwaltung für das Kalenderjahr 1893“. Nichts lehrreicher als ein Blick auf sie, der uns je die beiden Pendants zeigt, wie hier noch viele Stellen weifs, die meisten mattfarbig und nur wenige dunkelfarbig sind, dort alles farbig und die dunkelfarbigen Quadrate in der Mehrzahl. Setzen wir gar das Jahr 1900 an die Stelle von 1892, so wird der Fortschritt der Verdichtung noch frappanter. Hier nur einige Ziffern: Im Jahre 1842 wurden im Kgr. Preufsen auf den Kopf der Bevölkerung ca. 1,5 Briefe, 1851 ca. 3 Briefe befördert 1 . Das ist kaum oder gerade ein Nachrichtenverkehr wie ihn heute Bulgarien (2,8), Griechenland (3,5), Bosnien (5,9), Rumänien (3,4), Rufsland 1 Hübner, a. a. 0. S. 68. Vierzehntes Kapitel. Die Verdichtung des Konsums. 287 incl. Sibirien (3,6), Serbien (3,5), Finnland (2,3) und ähnliche halb- barische Staaten aufweisen Die (Staats-) Telegraphen wurden überhaupt erst am Schlüsse des fünften bezw. Anfang des sechsten Jahrzehnts des vorigen Jahrhunderts dem öffentlichen Verkehr übergeben: 1849 in Preufsen; 1850 in Bayern und Sachsen; 1851 in Württemberg und Baden; 1852 in Hannover; 1854 in Mecklenburg-Schwerin und Braunschweig; 1855 in Oldenburg etc. 1 2 . Dagegen betrugen im Deutschen Reich 3 1872 1900 Gesamtzahl der Postanstalten. 7 334 37 146 1 Postanstalt kam auf qkm. 73,6 14,6 1 Verkaufsstellen für Post- Gesamtzahl der < Wertzeichen. 2 202 22 722 1 Postbriefkasten .... 39 668 120 059 Gesamtzahl der durch die Post beförderten Sendungen. 972 042 000 5 689 255 309 Gesamtbetrag der Wertangaben und des 29376486976 M. vermittelten Geldverkehrs. 15528135200 M. Gesamtgewicht der durch die Post beförderten Packereien. 169 013 000 kg 1899 4 * 752 902 800 kg 1872 1900 Gesamtzahl der Telegraphenanstalten . . . 4 038 24 456 1 Telegraphenanstalt auf qkm. Gesamtzahl der durch die Reichs- und Staats- 133,6 22,1 telegraphen beförderten Telegramme . 12 165 954 46 008 795 Dafs in allen Ländern mit derselben wirtschaftlichen Kultur eine gleiche oder annähernd gleiche Entwicklung sich vollzogen hat, bedarf erst kaum besonderer Hervorhebung. Die folgenden Ziffern liefern dafür die Bestätigung 6 . 1 „Statistik“ etc. Jahrgang 1895 für Bulgarien; Huhner-Juraschek (1901) für die übrigen Länder. 2 G. Schüttle, Der Telegraph etc. S. 8.. 13 f. 1846 bezw. 1848 waren schon die hanseatischen Linien dem allgemeinen Verkehr übergeben worden. 8 Die Ziffern für 1900 verdanke ich der gefälligen Mitteilung des Statistischen Bureaus des Reichspostamts. 4 Für 1900 nicht ermittelt. 6 Ich wähle zum Vergleich die Jahre 1878 und 1898, weil 1878 zum erstenmal die vortreffliche internationale Post- und Telegraphie-Statistik vom Reichspostamt zur Veröffentlichung gelangt. Vgl. die entsprechenden Jahrgänge der „Statistik“ etc. 288 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Länder Zahl der Postanstalten Eine Postanstalt entfällt auf qkm Auf einen Einwohner entfallen aufgegebene Postsendungen Es entfällt eine Telegraphenanstalt auf qkm Auf 100 Einwohner entfallen aufgegebene Telegramme 1878 1898 1878 1898 1878 1898 1878 1898 1878 1898 Belgien . . . 625 973 47 30,3 29,6 69,6 45 28,7 43 62,0 Frankreich . . Grofsbritannien 5 730 9 664 1 92 55 2 25,9 55,1 1 111 44,2 33 102,7 und Irland . 13881 21197 23 14,9 45,0 ca. 90 3 60 30,2 68 202,9 Italien.... 3 225 7 662 92 37,4 11,5 17,9 140 48,8 18 30,2 Niederlande 1313 1303 25 25,4 25,6 55,0 92 35,4 50 71,2 Österreich . . 4 000 5 658 75 53,0 14,7 40,6 121 60,7 19 37,2 Schweiz . . . 2 820 3472 15 11,9 45,9 112,4 38 20,3 71 84,3 Ungarn . . . 2 043 4 352 164 74,1 7,4 21,3 330 106,5 16 30,8 Über die rapide Entwicklung des Telephonwesens 4 , die ja erst in die beiden letzten Jahrzehnte fällt, geben folgende Zahlen Aufschlufs. Sie beziehen sieh auf Deutschland, das sich den Ruhm erworben hat, das Telephonwesen von seinem Beginn an mit Energie zu fordern. Ist doch Berlin heute die „gröfste Stadtfernsprecheinrichtung der Welt“. Es hat betragen die Zahl der die Zahl die Länge der Die Zahl der Orte mit Fern- der SprechLeitungen der Stadt- ausgeführten spreclianstalten stellen fernsprecheinriclitungen Verbindungen 1881 7 1504 3179 km 511354 1890 258 58183 89105 „ 249 716 555 1900 15 533 289 647 611368 „ 690 956355 (vermittelte Gespräche). Ähnlichen Aufschwung hat der Fernsprechverkehr zwischen verschiedenen Orten erfahren. Es betrug die Zahl der Verbindungsanlagen 1884 22 1900 2797 die Länge der Leitungen 1140 km 221723 „ die Zahl der ausgeführten Verbindungen 957 051 93 533314 (vermittelte Gespräche). 1 Einschliefslicli Algerien. 2 Auf Frankreich allein berechnet. 3 Es ist nur die Zahl der beförderten (also einschliefslich der vom Auslande empfangenen und im Durchgang beförderten) Sendungen bekannt. Diese betrug (1898) 3401544000. 4 Vgl. „Statistik“ etc. für die Kalenderjahre 1894 und 1898. Die Ziffern im Text verdanke ich freundl. Mitteilung des Reichspostamts. Vierzehntes Kapitel. Die Verdichtung des Konsums. 289 Von Berlin aus kann man zur Zeit (1901) nach 1007 deutschen und 74 ausländischen Orten, von Hamburg aus nach 1097 bezw. 73 Orten sprechen! Die Krönung aber gleichsam dieses mächtigen Gebäudes der modernen Verkehrsorganisation ist die Zeitung, ohne die wir uns schlechterdings kein Wirtschaftsleben mehr vorstellen können 1 . Wie sie es ist, die den feinen Mechanismus des Grofshandels, des Geld- und Kreditmarktes durch ihre immer rascher und exakter gebrachten Nachrichten im Gange erhält und vor Störungen bewahrt, so wirkt sie auch durch die Mitteilungen an das kaufende Publikum, die sie dem Produzenten und Händler ermöglicht, in eminentem Sinne konsumverdichtend: sie führt die Leser einer über ein ganzes Land verbreiteten Zeitung durch ihre Annoncen und Reklamen jeweils zu den Inserenten hin, als lebten sie mit diesen an einem und demselben Ort. Was die oben gebeispielte Offerte wirkt, wirkt tausendfach die Zeitung auf dem Kaffeetische der Hausfrau. Dafs aber das moderne Zeitungswesen mit seiner fabelhaften Promptheit und Massenhaftigkeit die Errungenschaften der modernen Produktions- und Verkehrstechnik: endloses Papier, Schnellpressen, Eisenbahnen, Telegraphen und Telephone ebenso zur notwendigen Voraussetzung hat, wie die durch die Post geschaffene Organisation, ist augenscheinlich. Die schon erwähnte Übernahme sogar des Zeitungsdebits durch die Post hat es erst ermöglicht, dafs heute thatsächlich eine Art von Allgegenwärtigkeit der Presse in allen ganz und sogar schon halbcivilisierten Ländern herrscht. Eingehende Untersuchungen sind neuerdings über die Zahl und Verbreitung der Zeitungen in Deutschland im Jahre 1897 angestellt worden 2 . Danach betrug die Zahl der in Deutschland insgesamt erscheinenden Zeitungen am 1. Juli 1897 3405. Die berechnete Gesamtauflage dieser Blätter bezifferte sich auf 12 192 780 Nummern. Von sämtlichen Zeitungen erschienen 1 und 2 mal wöchentlich 30,59 °/o 3 „ „ 30,50 „ 0 „ „ 30,68 „ 1 Über die ökonomische Bedeutung der Zeitung handelt (wohl als Erster) Knies, Der Telegraph (1857), 60—74. 2 Hjalmar Schacht, Statistische Untersuchung über die Presse Deutschlands in den Jahrbüchern für N.Ö. III. F. Band XV (1898), 503 ff. Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 19 Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung des Bedarfs. (Zur Geschichte des modernen Geschmacks.) Was an Litteratur über dieses Thema vorliegt, gehört dem Gebiete der Kunstgeschichte und Kunstgewerbegeschichte an. Ökonomische Litteratur ist mir nicht bekannt. Dagegen berührt sich vielfach mit dem hier abgehandelten Gegenstände die Litteratur über den Luxus. Und diese ist — Gott sei es geklagt — nur allzu umfangreich: Von den Gelegenheitsaussprüchen alter und mittelalterlicher Autoren gar nicht zu reden: seit zwei Jahrhunderten sprudelt ein Quell monographischer Luxuslitteratur, wie ihn reicher kaum ein zweites Gebiet ökonomischen Lebens aufweist. Aber es kann für den unbefangenen Beurteiler keinem Zweifel unterliegen, dafs die Arbeiten aus dem Jahre 1900 nicht nur nicht mehr Erkenntnis als jene aus dem Jahre 1700 enthalten, sondern meist an Geist und Witz weit hinter den Leistungen jener Zeit Zurückbleiben: oder möchte jemand behaupten, dafs die breitspurige neueste Erscheinung der Luxuslitteratur 1 auch nur annähernd das Niveau ökonomischer Einsicht erreichte, wie die Bienenfabel Mandevilles, die 1706 das Licht dieser Welt erblickte? Woher diese Unfruchtbarkeit so vieler redlicher Arbeit? Offenbar doch aus der verfehlten Problemstellung. Man hat die Untersuchungen mit der Zeit auf ein völlig totes Geleise gefahren. Im Laufe des 18. Jahrhunderts, ehe der Genfer Uhrmachersohn das Konzept verdarb, mochte die Erörterung des Themas noch leidlich anregend wirken: es war der Streit um Stadt uud Kapitalismus, wie wir an andern Stellen schon sahen, der unter dem Aushänge- 1 A. Veile mann, Der Luxus in seinen Beziehungen zur Socialökonomie, in der Zeitschrift für die ges. Staatswissenschaft. 55. Jalirg. (1899). Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung des Bedarfs. 201 Schilde des „Luxus“ ausgefocliten wurde. Man bestrebte sich, den Wirkungen der Luxuskonsumtion auf die Gestaltung des Wirtschaftslebens nachzugehen und brachte dabei immerhin einige Goldkörner nationalökonomiscber Einsicht zu Tage. Dann aber begnügte man sich bald nicht mehr mit dieser theoretischen Arbeit, sondern verfitzte das Problem dadurch, dafs man zwei Fragen aufwarf, deren Beantwortung ebenso unmöglich ist wie die der Fragen, ob die Brünetten oder die Blondinen hübscher seien, und ob es in der Welt immer besser oder immer schlechter werde — die Fragen nämlich: was Luxus sei und gar was „erlaubter“ Luxus sei und ob er mehr „schädlich“ oder mehr „nützlich“ wirke. Ethische Nationalökonomie! Selbstverständlich ist der Luxus ein absolut niemals feststellbarer Begriff, ebensowenig wie der Begriff Kälte oder Wärme. Und ebenso selbstverständlich ist der Entscheid über den Begriff des „erlaubten“ Luxus ebenso der historischen Wandelbarkeit unterworfen wie der Entscheid über Schön oder Häfslich. Als noch französische Marquis und schottische Landedelleute über den „Luxus“ schrieben, erschien ein auch noch so hoher Grad verfeinerten Lebensgenusses ebenso wenig „unerlaubt“, wie dem dann folgenden kleinbürgerlich-professoralen Geschlecht schon alles als überflüssiger Aufwand galt, was über den „Normalkonsum“ einer „gebildeten Familie des bescheidenen Mittelstandes“ hinausging. Ich finde es nur zu begreiflich, dafs der gröfste Teil der traktätchenhaften Anti-Luxuslitteratur des 19. Jahrhunderts einen unverkennbaren Armeleutegeruch ausstrahlt. Aber was lerne ich daraus für die Beurteilung des aufgeworfenen Problems? Wollen wir nicht endlich von der nichtsnutzigen, zeitraubenden Suche nach „objektiven Mafsstäben“ für das Erlaubte oder Unerlaubte im Wirtschaftsleben ablassen und einsehen, dafs das letzte Mafs aller Dinge auch hier die ganze Persönlichkeit ist: des Urteilers wie des Beurteilten? Es giebt — auf den „Luxus“ angewandt — keinen noch so verschwenderischen Aufwand, keinen noch so raffinierten Lebensgenufs, der nicht in der Persönlichkeit seines Vollbringers seine Weihe und damit seine Rechtfertigung finden könnte. Die kostbare Perle, die Kleopatra zermahlen liefs, um sie in den Wein zu schütten, den sie dem Gastfreund kredenzte, sie fehlt in keinem der Luxustraktate, um die „Auswüchse“ zu kennzeichnen. Wer aber, der auch nur einiges Empfinden für das Bestrickende aufsergewöhnlicher Menschen hat, möchte sie im Bilde dieses grofsen Weibes missen? Wer die nächtlichen Schlittenfahrten Ludwigs II ? Wer den Pomp und Glanz am Hofe des Sonnenkönigs? Während ich mir denken kann, dafs 19 * 292 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. auch schon ein bescheidener „Luxus“, den ein plumper Geselle übt, abstofsend und widerlich wirken kann: mag er nun „Harmloser“ oder Zuhälter sein. Aber hier soll beileibe nicht das sog. „Luxusproblem“ angeschnitten werden. Ich wollte nur am Ausgangspunkt, an dem wir stehen, auf die Richtung hinweisen, in der der „Holzweg“ sich verläuft; in der wir also nicht zu gehen haben. Ich will sogar den Ausdruck „Luxus“ im folgenden zu vermeiden suchen und immer statt dessen von Feinbedarf oder noch besser von Verfeinerung des Bedarfs sprechen, um das relative und gleichzeitig das historische Entwicklungsmoment in der Bezeichnung zum Ausdruck zu bringen. Und will nur einen ersten Versuch wagen, dem Entwicklungsgang des modernen Feinbedarfs und seinen Ursachen, also der Verfeinerung des Bedarfs in neuerer Zeit, in der Ära des Kapitalismus nachzuforschen. Dazu sind aber zuvor noch einige Bemerkungen allgemeinen Inhalts erforderlich. Zunächst liegt die Schranke für das Mafs der Bedarfsverfeinerung offenbar in dem Güterquantum, über das eine Person, eine Klasse, eine Gesellschaft verfügt. Es ist bekannt, dafs dieses Güterquantum durch zwei Faktoren bestimmt wird: den Grad der Produktivität der gesellschaftlichen Arbeit, oder wie wir gemeinhin zu sagen pflegen: den gesellschaftlichen Reichtum einerseits, durch das Anteilverhältnis der verschiedenen Klassen oder Personen an dem Gesamtprodukt andererseits. Die Art und Weise aber, wie das solcherart zur Verfügung gestellte Güterquantum nun zur Verfeinerung der Lebenshaltung genützt wird, ist offenbar abhängig von der Beschaffenheit der Personen, gewöhniglich der Klasse von Personen, von der jene Bedarfsgestaltung ins Werk gesetzt wird. Dafs von allen Geschmacksrichtungen abgesehen, hierbei die jedesmal herrschende Technik der Güterherstellung abermals von entscheidendem Einflufs auf den Artcharakter der Bedarfsbefriedigung ist, braucht gleichfalls nur ausgesprochen zu werden. Endlich aber müssen wir die Richtungen unterscheiden, in denen eine Verfeinerung des Bedarfs überhaupt erfolgen kann. Es sind diese drei: 1. in der Richtung des Stoffes: Bevorzugung des „echten“ Materials vor dem unechten, des kostbaren vor dem weniger kostbaren: in dieser Richtung bewegt sich die Bedarfsverfeinerung auf das Pracht- und Prunkvolle, auf Pomp und Glanz zu; 2. in der Richtung der Form: Herausbildung edler Formen der Gebrauchsgegenstände; Entwicklung des Geschmacks im engeren Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung des Bedarfs. 293 Sinne. Entwicklung zum Kunstverständnis; Bewegung auf das Kunstvolle zu; 3. in der Richtung des Zwecks: Bessere Anpassung der Gebrauchsgegenstände an ihren Gebrauchszweck; wachsende Wertschätzung der Bequemlichkeit; Herausbildung dessen, was man „Komfort“ heifst; Bewegung auf das Zweckvolle zu. Diese drei Richtungen können sämtlich in einer Zeit verfolgt werden, brauchen es aber nicht. Sehen wir also nun zu, welcherart die Entwicklung im 19. Jahrhundert verläuft. I. Deutschland. Als wir Deutschlands Wirtschaftsleben um die Mitte des 19. Jahrhunderts überblickten, sahen wir auch auf den Zustand des Geschmacks in jener Zeit einige Streiflichter fallen. Der Leser wird sich des Lehnstuhls mit Musik erinnern, der ein Prachtstück auf der ersten deutschen Gewerbeausstellung im Jahre 1844 in Berlin bildete: es war, genauer besehen, ein „vergoldeter Armlehnestuhl mit Musik, das Polster mit weifsseidenem Bezüge“, ausgestellt von dem Kgl. Hof-Tapezierer A. Hiltl in Berlin. Aber was der Sache die Krone aufsetzt, was wie mit Blitzlicht grell den Zustand schauerlichster Verwahrlosung erhellt, in dem die Zeit befangen war, ist das Urteil der Jury über jenes Monstrum, das wie folgt lautet: „Diese Arbeiten waren unstreitig die vorzüglichsten ihrer Art . . . Das Einzige (!), was als wünschenswert bezeichnet wurde, war, dafs an dem Sessel das Musikwerk statt in dem Sitz, an der Rücklehne hätte angebracht sein müssen, um es willkürlich in Thätigkeit zu setzen . . . Und das gleiche Bild boten alle übrigen Zweige gewerblicher Thätigkeit: überall ein Tiefstand des Geschmacks, wie ihn kaum ein zweites Mal die Geschichte gesehen hat. „Jeder Salon, jedes Novitätengewölbe, jeder Jahrmarkt, jede Industrieausstellung giebt Zeugnis von der Ratlosigkeit unserer von den Grazien verlassenen . . Kunstweberei 1 2 . “ Die Meifsener und Berliner Porzellanmanufakturen im Verfall 3 . Und so fort. Sodafs die in Bausch und Bogen absprechenden Urteile über jene Zeit, wie sie die Geschichten des Kunstgewerbes und Ge- 1 Amtlicher Bericht über die allgemeine deutsche Gewerbeausstellung in Berlin im Jahre 1844 ; 2 (1846), 95. 2 G. Semper, Der Stil I 2 , 179. 3 K. Rosner, Die dekorative Kunst im 19. Jahrhundert. 1898. S. 34. 294 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. schmacks übereinstimmend enthalten, vollauf berechtigt erscheinen: „So war um die Mitte des 19. Jahrhunderts alles vereinigt, den künstlerischen Zustand in der Industrie, im Geschmack so unerfreulich wie möglich zu machen. Viel gute und feine alte Technik war verloren gegangen und durch schlechtere oder gar nicht ersetzt; . . einen eigenen Stil, welcher der Zeitepoche gehört hätte, gab es nicht mehr, statt dessen nur ein Suchen und Tasten unter den Stilarten der Vergangenheit oder ein roher Naturalismus; in Industrie und Publikum, in Arbeiter, Käufer und Verkäufer war gleicherweise Gefühl und Verständnis für Form und Farbe verloren gegangen „Um die Mitte des Jahrhunderts gab es in Deutschland . . . in der Industrie weder eine Kunst noch einen Künstler 1 2 .“ Man ist auf den ersten Blick erstaunt über die Entdeckung, dafs die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Zeit des Verfalls alles künstlerischen Wesens sein soll. Man erinnert sich unwillkürlich des Hofes Ludwigs I., in dessen Aufträge die Cornelius und Genossen die riesigen Wände der Neubauten in Isarathen mit Fresken schmücken; man erinnert sich, dafs jene Jahrzehnte doch auch die Zeit der Goethe, Fichte, Schelling, Hegel war; man gedenkt der Salons der Kahel oder der Hohenhausen, in denen die beiden Humboldts, die beiden Schlegel, Tieck und Schleiermacher, Bopp, Gentz, Chamisso, Fouque, Gans, Heine und so manch anderer illustrer Gast verkehrten. Männer und Frauen feinster Bildung, vollendetsten Geschmacks, zu denen wir heute in staunender Bewunderung emporblicken. Wie war es möglich, dafs in einer Zeit, als jene den Ton angaben, der Tiefstand des deutschen Kunstgeschmacks erreicht wurde? Die Antwort auf diese Frage vermögen wir leicht zu geben, wenn wir die Eigenart der Bildung jener Zeit in Rücksicht ziehen. Es war eine ausgesprochen ästhetisch-philosophische, eine litterarische, eine idealistische, eine unsinnliche und somit unkünstlerische Geisteskultur, die in jenen Kreisen, an die wir dachten, allein für vornehm galt. Arm an materiellen Gütern, in einer armseligen Umgebung, machte man aus der Not eine Tugend, baute sich eine Welt der Ideale auf und sah mit Verachtung auf alle Sinnlichkeit und Körperlichkeit herab. Man übte Entsagung und Bescheidenheit, wie es Heine so schön ausgesprochen hat; man beugte sich demütig vor dem Unsichtbaren, 1 Jakob von Falke, Ästhetik des Kunstgewerbes (1884) S. 53. 2 Jak. von Falke, Geschichte des deutschen Kunstgewerbes, Schlußwort. Vgl. auch desselben Verfassers Geschichte des modernen Geschmacks. 2. Aufl. 1880. S. 353 und passim. Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung des Bedarfs. 295 haschte nach Schattenkiissen und blauen Blumengerüchen, entsagte und flennte. Der Gedanke, die Idee, die Gelehrsamkeit salsen als unumschränkte Herrscher auf dem Throne. Ihnen hatten die Künste, auch die bildenden Künste unterthan zu sein. Die Malerei hat den Beruf, schreibt Hallmann, „die schwere geistige Errungenschaft des Denkens zum Gemeingut aller derer zu machen . ., die der Spekulation auf ihre schwindelnden Höhen oder der Forschung in ihre tiefsten Tiefen zu folgen weder Macht noch Beruf haben“. Nach diesem Programm malten Cornelius und seine Schule, und was sie schufen, war, wie es Muther treffend nennt, gemalte Gelehrsamkeit. Und was in Düsseldorf an Gemälden entstand, kann man gemalte Litteratur und Litteraturgeschichte heifsen. Man weifs, welchen beherrschenden Einflufs diese verstandes- mäfsige Auffassung der Kunst auf alle Gebiete künstlerischen Schaffens ausgeübt hat, wie es Semper ausdrückt: durch Vermittelung der sog. Kenner und Kunstfreunde, die sich durch sie und nach ihr ein auf reine Willkür begründetes schematischpuritanisches Kunstregiment erwarben, das dort, wo es durchzudringen vermochte, eine traurige Verödung der Kunstformenwelt veranlafste; durch Begünstigung der ikonographischen Tendenz- und Zukunftskunst, der Jagd nach neuen Ideen, dem Gepränge mit Gedankenfülle, Tiefe und Reichtum der Bedeutung. Semper, der als einer der ersten den Kampf gegen dieses trotz allen Kunstverstandes doch im Grunde kunstfeindliche Geschlecht aufnahm, hat auch theoretisch am tiefsten die Schwächen jenes „tendenzelnden“ Verfahrens, das im „Anrufen des nicht künstlerischen Interesses“ seine höchste Kraft zeigte, erfafst und dargestellt. Dal's aber dieses Geschlecht von Litteraten, Philosophen und Ästhetikern, arm am Beutel, reich am Herzen, reich an „sentiments“, aber bettelarm an „sensibilite“, wie es war, sei es aus Princip, sei es aus Mangel an Mitteln oder Verständnis für materielles Wohlleben, für Ausschmückung des äufseren Daseins keinen Sinn haben konnte: wem möchte das wunderbar erscheinen? Selbst Goethe, der doch einer viel weltgewandteren Zeit angehörte, der dem Genüsse nicht abhold war, dem Sinn für das Prächtige und Glänzende gewifs nicht fehlte: selbst Goethe lebte in einem Hause, dessen Einrichtung unserem heutigen Geschmack armselig und kläglich erscheint, und Goethe selbst konnte den Gedanken äufsern, dafs eine elegante und luxuriöse Zimmerausstattung nur für Menschen sei, die keine Gedanken hätten: eine Auffassung, die theoretisch auch Schopenhauer übernimmt, so sehr er ihr praktisch, seiner ganzen Natur 296 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. gemäfs, abhold war. Im „ästhetischen Thee“ der Berliner geistreichen Kreise, in den frostigen, leeren Salons der 1830er und 1840er Jahre, in den engen, verrauchten Weinstuben der Luther und Wegner, den entsetzlichen Weifsbierlokalen, wo die halbverhungerten Genies und Schöngeister Berlins sich ein Stelldichein gaben, erreicht dann die Unempfindlichkeit auch der Gebildetsten jener Zeit gegenüber den Anforderungen von Komfort, Geschmack und Wohlleben ihren vollendeten Ausdruck. Auch die Künstler selbst wufsten nichts von dem bezaubernden Reiz einer Umgebung mit schönen Dingen, sie verstanden nichts von der Kunst, in Schönheit zu leben: sie waren Asketen oder Biedermänner. Sie kleideten sich entweder, wie die Nazarener, mit Kamelshaaren und lebten von Heuschrecken und wildem Honig oder führten das Leben eines Gymnasiallehrers oder Steuerrats, wie die Düsseldorfer. Ihr Leben war so tugendhaft und sittenrein, dafs ein Pariser Kritiker es, wie Tacitus das Leben der Germanen den Römern der Kaiserzeit, der „in die Eleganz des modernen Luxus versunkenen Pariser Künstlerwelt“ als Spiegel vor die Seele hielt. „Den ganzen Tag malte man“, erzählt Muther von den Düsseldorfern 1 , „schickte die Bilder, wenn sie fertig waren, in den Kunstverein und half sich im übrigen durch eine kleine Passion über langweilige Stunden hinweg. Hildebrandt hatte sich eine Käfersammlung angelegt. Lessing, der Jäger, sammelte Pfeifen und Hirschgeweihe und fühlte sich in dem kleinen Zimmer, das er mit Sohn zusammen bewohnte, erst wohl, als es wie die Wohnung eines alten Oberförsters aussah . . . Und hatte man am Tage gearbeitet, so wallfahrte man an Sommerabenden nach dem „Stock- kämpchen“, erquickte sich an einem Napf saurer Milch, schob Kegel und machte einen Wettlauf zwischen den Gemüsefeldern des Gartens.“ Die Farblosigkeit der einzelnen Künstlerindividualitäten, die Gedanken- und Lehrhaftigkeit ihres Strebens machte die Maler und Bildhauer jener Zeit zu geborenen Akademikern. Und der Akademismus, der immer das Zeichen minderer Geister ist, pflegt im Gefolge den Hochmut und Standesdünkel zu haben. Und das war (was uns hier vornehmlich interessiert) von ganz besonders verhängnisvoller Wirkung auf die Entwicklung der gewerblichen Produktion: denn es trennte die sog. hohe Kunst immer mehr von den sog. technischen, dekorativen, an- 1 R. Muther, Geschichte der Malerei im 19. Jahrhundert 1 (1893), 229. Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung des Bedarfs. 297 gewandten Künsten und brachte damit einen Prozefs zur Vollendung, der seit dem Ausgang der Renaissance einsetzt und ebenso verderblich für Malerei und Skulptur wie für das Kunst* gewerbe geworden ist. Einsichtsvolle Männer hatten längst begriffen, dal's diese Trennung von Künstlern und Technikern beiden Teilen Schädigungen bereiten müsse. So hatte Friedrich II. die Berliner Akademie auch kunstgewerblichen Bedürfnissen zugänglich machen wollen (Kab.O. vom 21. und 25. Januar 1786) und der Kurator derselben Akademie Freiherr von Heinitz hatte es in einem Denkschreiben an den König Friedrich Wilhelm II. vom 20. Dezember 1797 als wünschenswert bezeichnet, „nicht sowohl lauter eigentliche Künstler (als Mahler u. dgl.) durch die Akademie an- zuziehen (weil deren zu grofse Zahl dem Staat, der sie nicht alle beschäftigen und ernähren kann, im Grunde mehr schädlich als nützlich ist), sondern die Akademie hauptsächlich zur Pflegemutter und Beförderin des guten Geschmacks in allen Branchen der Nationalindustrie, die in ihren Fabricatis durch Anwendung regel- mäfsiger Zeichnungen einer Verschönerung und Vervollkommnung fähig ist, zu machen, um dadurch der Nationalindustrie eine neue Schwungkraft zu geben: damit ihre Produkte und geschmackvollen Arbeiten jeder Art, den auswärtigen nicht ferner nachstehen 1 .“ Aber diese Anregungen blieben ohne Erfolg. Der Künstler schritt auf der Bahn des Akademismus weiter, er verlor zuletzt völlig neben dem Willen auch die Fähigkeit, die Gegenstände des täglichen Gebrauchs mit künstlerischem Geiste zu durchdringen. Die Versuche, die Schinkel 2 und die romantische gotische Schule, Männer wie Heideloff und andere 3 machten, auf die gewerblichen Produzenten einzuwirken, waren Versuche mit untauglichen Mitteln: jene Künstler hatten die Kunst verlernt, dem Zweck und namentlich dem Stoff des Gegenstands entsprechend Vorlagen zu entwerfen, sie wollten meist ohne Rücksicht auf das Material und seine Bedingungen architektonische Formen den Arbeiten der verschiedenen Gewerke aufzwingen. Es komponierte der „hohe“ Künstler ein Kunstwerk, das dann unorganisch einem Gebrauchsgegenstande aufgeklatscht wurde, oder es mufste dem Stoffe Gewalt angethan werden, 1 W. Bode, Die Berliner Akademie. 1897. S. 13. 14. 2 Sammlung von Möbelentwürfen. 1835—37; N. A. 1852. Vgl. darüber P. Voigt in U. IV, 339 und neuerdings E. Groth, Das Kunstgewerbe als Nährquelle für das Handwerk im Kunstgewerbeblatt 6 (1895). S. 151. 3 Siehe den Artikel „Künstler im Kunsthandwerk“ im „Pan“, 3. Jahrg. 1897. S. 41. 298 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. weil der Künstler seine Entwürfe ohne Kenntnis der Stoffverarbeitungstechnik machte; „der Künstler ist wohl geschickt und erfinderisch in der Zeichnung und im Modelle, aber er ist weder Erzarbeiter, noch Töpfer, noch Teppichwirker, noch Goldschmied“, klagt wiederum Semper 1 . Wir können den Zustand zusammenfassend dahin kennzeichnen: das Gewerbe ist von den Künstlern völlig verlassen. Die also dazu berufen gewesen wären, den Kunstgeschmack zu veredeln, die gewerblichen Künste in gesunde Bahnen zu lenken, Künstler und Gebildete: sie versagten völlig. Sei es, weil sie zu arm am Materiellen, sei es, weil sie zu reich am Ideellen waren, was meist in Wechselwirkung unter einander zu stehen pflegt. Ein wohlhabendes Bürgertum aber, das Freude am schönen und reichen Leben gehabt hätte, fehlte noch. So entstand eine Art von Vacuum. Die kunstgewerbliche Entwicklung war führerlos geworden. Und da kam es nun, dafs sich eine Kategorie von Personen der Führung bemächtigte, die den Geschmack völlig zum Untergang brachte: das kapitalistische Unternehmertum. Die grauenhafte Verwilderung, in der die für den Feinbedarf arbeitenden Gewerbe schliefslich ausarteten, ist nur verständlich, wenn man dieses in Betracht zieht, dafs Jahrzehnte hindurch die Lieferung kostbarer oder kunstvoller Gebrauchsgegenstände nur noch unter dem Gesichtspunkte des Profits des Unternehmers und zwar eines noch völlig böotischen Unternehmertums erfolgte, und dazu erwägt, dafs in diese Zeit eine Reihe technischer Erfindungen fällt, die eine Attrappen- und Surrogatkunst in einer früher ungekannten Weise begünstigte. Das erste, was der Unternehmer vollbrachte, war die völlige Unterwerfung des technischen Beirats, des Zeichners, Modelleurs etc. unter sein Kommando. Dieser aus den oben angeführten Gründen sowohl als auch wegen der immer wachsenden Abhängigkeit von einem ungebildeten Brotherrntume schon von Hause aus niederen Ranges verkümmerte immer mehr und mehr zum geist losen Routinier. Er „liebte es leider nur allzuschnell, sich den modernen, nun einmal gegebenen Verhältnissen anzuschmiegen, er ward zahmer und zahmer, legte hübsch bescheiden seine wilde 1 G. Semper, Wissenschaft, Industrie und Kunst. 1852; datiert: London, den 11. Oktober 1851. S. 37 ff. Diese geniale Schrift Sempers ist bahnbrechend geworden für die Reform des Kunstgewerbes in Theorie und Praxis. Ihr Programm, das schon aus den angeführten Stellen ersichtlich ist, war dieses: „Es kommt alles darauf an, wieder zu vereinigen, was eine falsche Theorie früher trennte“ (S. 69). Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung iles Bedarfs. 200 Genialität ab, konnte geschniegelt und gebügelt daher scherwenzeln“ *. Ein Vorwurf ist jenen technischen Künstlern kaum daraus zu machen: sie waren wehrlos gegenüber dem interessierten Unternehmertum, dem selbst alles andere als Pflege des Schönen am Herzen lag. Vielmehr war nur noch ein Gesichtspunkt für die Produktion mafs- gebend: sie sollte marktgängige Ware liefern. Und darum mufsten die Erzeugnisse „originell“, vor allem „neu“, jedes Jahr wechselnd und meist auch billig sein. Dieses fressende Bedürfnis nach Originellem, bemerkt ein sachkundiger Beurteiler 1 2 , mufste bei so raschem Wechsel allen vernünftigen Erflndungsgeist erschöpfen; man mufste schliefslich zum reinen Unsinn seine Zuflucht nehmen, dahin auch die Vertauschung aller Stoffe zu rechnen ist, die aus derselben Quelle der Armut und Erschöpfung entsprang. Ein jeder Gewerbs- mann imitierte des andern Stoff und Weise und glaubte ein Wunder von Geschmack gethan zu haben, wenn er Porzellantassen wie vom Fafsbinder gemacht, Gläser gleich Porzellan, Goldschmuck gleich Lederriemen, Eisentische von Rohrstäben und so weiter zu stände gebracht hatte. Wie tief die Wunden waren, die die moderne industrielle Entwicklung dem Kunstgeschmack geschlagen, ersieht man daraus, dafs die Besten geradezu an einer Vereinigung von moderner Kultur und schöner Lebensgestaltung verzweifelten. Noch Ende der 1870 er Jahre schrieb Friedrich Theodor Vis eher die trostlosen Worte nieder: „Es ist ein schrecklich wahrer Satz: das Interesse der Kultur und das Interesse des Schönen, wenn man darunter das unmittelbar Schöne im Leben versteht, sie liegen im Krieg mit einander und jeder Fortschritt der Kultur ist ein tödlicher Tritt auf Blumen, die im Boden des naiv Schönen erblüht sind. Wer Vernunft und aber zugleich Leidenschaft hat, den wird man daher oft auf Kulturfortschritte grimmig schelten hören . . , 3 .“ Aber derselbe Kapitalismus, den wir hier als den Zerstörer des guten Geschmacks am Werke finden: er schafft doch wiederum auch erst die Bedingungen für eine Neugeburt der „Kunst im Handwerk“ , wie man die Durchdringung gewerblicher Gegenstände mit künstlerischen Ideen nicht gerade glücklich genannt hat. Er schafft sie dadurch, dafs er das Land in die sonnigen Gefilde des Reichtums emporführt. Und dieses Reicherwerden äufsert sich in viel- 1 Walter Crane, Forderungen der dekorativen Kunst (1896). S. 81. 206. 2 ß. von Falke, Geschichte des modernen Geschmacks. 2. Aufl. 1880. S. 352. 8 F. Th. Vis eher, Mode und Cynismus. 3. Aufl. 1888. S. 46. 300 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. facher Wirkung auf den Feinbedarf. Es ist nicht sowohl die Geld- anhäufung bei einzelnen Nabobs, die der Entwicklung des Kunstgewerbes die Förderung gewährt. Wichtiger ist es, dafs zweite und dritte Generationen reicher Bourgeois heranwachsen, die langsam sich mit Geschmack und Bildung erfüllen, dafs allmählich die Enkel und Urenkel der Kaftanmänner als Käufer auf dem Kunstmarkte erscheinen. Wichtiger ist es, dafs mit zunehmendem Reichtum auch die geistige Elite der Nation, die „Gebildeten“ im höheren Sinne, Anteil haben können an den Segnungen einer materiellen Feinkultur. Wichtiger ist es, dafs Staat, Provinz und Stadt in wachsendem Mafse Mittel flüssig machen können, um ihren Bedarf in einer Weise zu befriedigen, die Raum für das Schöne, das Glänzende, das nicht schlechthin Notwendige läfst. Aber das wichtigste ist doch dieses, dafs im Gefolge all dieser Wandlungen die gesamte Lebensauffassung eine Verschiebung erfährt. Sie wird aus einer vorwiegend litterarischen eine vorwiegend künstlerische; aus einer abstrakt-idealischen eine sinnliche. Es erwacht der Sinn für das Sichtbare auf dieser Welt, für schöne Gestaltung auch der äufseren Dinge, für Lebensfreude und Lebensgenufs. Das künstlerische Empfinden wird bestimmend für die gesamte Lebensführung, das künstlerische Ideal wegweisend auf allen Gebieten. Wie damals die Kunst im Banne des Gedankens, der litterarischen Phantasie stand, so werden jetzt Litteratur und alle Geistesbethätigungen beherrscht von dem Wesen künstlerischer Anschauung. Die Zeit einer kulturellen Hochblüte, die stets künstlerisch und unethisch war, scheint anbrechen zu wollen. Freilich sind erst leise Anzeichen dafür vorhanden, aber doch Anzeichen, die auf die Richtung der künftigen Entwicklung schliefsen lassen. Was wir seit etwa einem Menschenalter in Deutschland an Wan d- lungen des Kunstgeschmacks beobachten, ist nicht viel mehr als ein Tasten, ein Probieren. Man kennt die Bestrebungen, die seit den 1870er Jahren hervortreten zunächst in der Absicht, durch „Rückkehr zu der Väter Werke“ den Geschmack zu läutern. Das wieder erwachte Nationalbewufstsein leistet hier dem künstlerischen Bemühen Vorschub. Die Münchner Ausstellung des Jahres 1876 bildet den Markstein. Georg Hirth giebt sein „deutsches Zimmer“ heraus. Männer wie Franz von Seitz, Lorenz Gedon, Gustav von Falke setzen ihre grofse Kraft ein, um die Rückkehr zu den vergangenen Stilen, vor allem der Renaissance zu predigen 1 . Man 1 Vgl. über diese Bewegung der 1870er Jahre u. a. H. Schwabe, Kunstindustrielle Bestrebungen in Deutschland im Arbeiterfreund 1870. S. 393 f. Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung des Bedarfs. 301 erinnert sich noch jener Zeit der Ritterfrauen und Butzenscheiben, der Lutherstühle und Paneelsofas, einer Zeit, die uns heute schon abgeschmackt erscheint, die aber doch einen immensen Fortschritt bedeutete: dafs die „Mode“ jetzt altdeutsches Gepräge und Renaissancestil heischte und damit dem Produzenten doch in etwas wenigstens die Wege gewiesen wurden, die ihn aus der Verwirrung herausführten, in der wir ihn ein Menschenalter vorher antrafen. Diese retrospektive Richtung des Kunstgeschmacks wurde durch andere Entwicklungsreihen vielfach durchkreuzt. Ich denke vor allem an das Emporkommen dessen, was man Atelierstil genannt hat, was ich lieber als Zeltstiel bezeichnen möchte. Seine Geschichte ist bei uns mit dem Namen Makart aufs engste verknüpft und seine eigentliche Geburtsstunde war die überhitzte Zeit des ersten Rausches kapitalistischen Reichtums: der Gründerjahre. Die Namen Makart und Strousberg haben sich mir immer im Gedächtnis als zusammengehörige Begriffe eingeprägt. Es war ein glanzvolles, erstes Aufleuchten künstlerischer Lebensfreude, erstes jauchzendes Geniefsen. Aber es war unechte Pracht. Es war Flitter, innen und aufsen. Es war Parvenutum im schlimmsten Sinne. Heute sind die meisten Farben auf der üppig-schwülen Makartmalerei verblafst. Aber das Makartbouquet, die „malerische“ Draperie mit allerhand bunten Lappen — sie haben einige Jahrzehnte den Geschmack beherrscht. Diese Richtung fand Unterstützung, als der Orient seine Herrlichkeiten in wachsendem Umfange uns sandte und die Japanwaren den europäischen Markt zu überschwemmen begannen. So kamen Jahre, in denen der „Dekorateur“, meist ein Tapezierer, der Herrscher im Reiche des Kunstgewerbes wurde * 1 . Und sie war so bequem, diese tapezier- mäfsige Ausstattung der Wohnräume. Sie war auch dem minder Bemittelten leicht möglich, und was das wichtigste war: sie pafste zu der modernen Art zu wohnen: sie pafste für die grofsstädtische Mietswohnung alten Stils, die in nichts anderem als einer Anzahl J. Matthias, Die Formensprache des Kunstgewerbes. 1875. Ludw. Pfau, Die erste deutsche Ausstellung dekorativer Kunst, abgedruckt in Kunst und Kritik 2 (1888), 356 f. C. Landsherg, Die gegenwärtige Lage der Industrie und die Bestrebungen zur Förderung des Handwerks in Werkstatt und Schule. 1878. Stockhauer, Die Bahnbrecher unseres modernen Kunstgewerbes (Georg Hirth) in der Bayer. Gewerbe-Zeitung 1890. Nr. 3 ff. Rosner, a. a. 0. S. 59 f. 1 Vgl. über diesen z. B. J. Lessing, Das Kunstgewerbe auf der Wiener Weltausstellung. 1874. S. 41—44. Desselben Verfassers Berichte von der Pariser Weltausstellung. 1878. S. 141 ff. 302 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. leerer Kästen bestand, die am besten wirkten, wenn man sie wie ein Zelt mit Stoffen und kleinem Schmuckkram ausstaffierte. Von Künstlern und kunstverständigen Männern war der erste Anstofs zu einer Reform des Geschmacks ausgegangen. Es war aber doch nur mehr eine Anregung, eine Wegweisung geblieben. Publikum und Unternehmertum waren neue Perspektiven eröffnet. Der Erziehungsprozefs der Parvenüs, die da Bedarf hatten und jener, die ihn decken sollten, war begonnen, aber es bedurfte doch noch fast einer halben Generation, ehe der böse Dämon des Ungeschmacks wirklich besiegt war, das Regime der Schönheit seinen Anfang nehmen konnte. Was zuvor geschehen mufste, war die bedingungslose Unterwerfung des Konsumenten unter die Herrschaft des Künstlers: eine Künstlerdiktatur, unter der wir im Augenblicke in Deutschland noch stehen, konnte allein in das Reich der schönen Formen hinüberführen. So lange das Niveau des Konsumenten nicht höher ist als das einer Reichstagsbaukommission oder der immerhin doch noch ungeschulten Kommerzienratsfrauen aus BerlinW., so lange rnufs der Künstler als Autokrat sein Scepter schwingen, mufs den guten Geschmack diktieren. Es ist augenscheinlich ein Übergangsstadium, in dem wir uns noch befinden: ein Übergangsstadium, das so lange dauern wird, bis ein Stamm kauffähiger, aber trotzdem kunstverständiger Konsumenten erwachsen ist, der dem Künstler seine Wünsche unterbreitet, der wieder die Führung der kunstgewerblichen Entwicklung übernehmen kann. Aber einstweilen hat das Interregnum der Künstlerherrschaft viel Segen gestiftet. Seit etwa der Mitte der 1890 er Jahre beginnt in Deutschland ein neues Leben auf allen Gebieten kunstgewerblichen Schaffens, das wir allein der Initiative genialer Künstler zu danken haben, die es endlich nicht mehr verschmähten, auch den Gegenständen des Gebrauchs ihr Interesse zuzuwenden. Zunächst sind es zwei Architekten, die Epoche gemacht haben durch die gewissenhafte Art, mit der sie die grofsen Bauten, deren Ausführung ihnen oblag, bis in die kleinsten Details des letzten Gerätes nach ihren Plänen ausstatteten: Paul Wallot, der Schöpfer des Reichstagsgebäudes 1 und Ludwig Hoffmann, der Erbauer des Reichsgerichts in Leipzig 2 . Was Gottfried Semper als Ideal der 1 M. Rapsilber, Das Reichstagsliaus in Berlin. Eine Darstellung der Baugescliiclite und der künstlerischen Ausstattung des Hauses. 1894. 2 V. Müller, Der Bau des Reichsgerichts in Leipzig. 1895. T h. Schreiber, Das Reichsgerichtsgebäude in Leipzig im „Kunstgewerbeblatt“. N. F. Jahrg. 7 u. 8 (1896/97). Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung des Bedarfs. 303 Zukunft bezeichnet hatte : hier wurde es verwirklicht. Die Architektur war wiederum Chorage aller, auch der dekorativen Künste geworden. Sodann aber war es ein neues Geschlecht von bildenden Künstlern, das mit sicherem Griffe das verwahrloste Kunstgewerbe als Feld seiner Thätigkeit erwählte und damit eine neue Ara der technischen Künste eröffnete. Sie selbst ein Erzeugnis der kapitalistischen Entwicklung, dafern nur eine rasch zu Reichtum gelangende Nation ein solches Überangebot von „unproduktiven“ Existenzen hervorzubringen imstande gewesen war. Einer der ersten, die auf dem Plane erschienen, war Otto Eckmann, dessen dekorativer Cyklus „Die Lebensalter“ 1803 fertig wurde, der 1894 die ersten Holzschnitte und keramischen Versuche machte, 1895 im Pan seine ersten Buchschmuckstücke erscheinen liefs und seit Anbeginn in der Münchener „Jugend“ zeichnete, in der auch andere junge Künstler ihre kunstgewerblichen Versuche veröffentlichen liefsen. Aber man weifs, dafs die eigentliche Entscheidung für Deutschland doch erst das Jahr 1897 brachte: die Ausstellungen von Dresden und München enthielten zum erstenmal eigene Schöpfungen hervorragender Künstler auf dem Gebiete der angewandten Kunst 1 . Und seitdem ist es etwas selbstverständliches geworden, dafs von Berlepsch oder Fritz Erler, Eckmann oder Bruno Paul, Obrist oder Endell, van de Velde oder Pankok, Riemerschmid oder Christiansen die Hand im Spiele haben, wo ein Haus neu auszustatten, ein Möbel, eine Vase, ein Bucheinband, ein buntes Fenster oder irgend welches Gerät mit künstlerischem Geschmack zu schaffen ist. Und es ist eine Lust zu sehen, wie diese fein empfindenden Seelen den Trofs der „eminent Spinners“, der „extensive sausage makers“ und „in- fluential shoe black dealers“ dahin führen, wohin sie es für richtig halten, wie sie unser bourgeoises Parvenutum in die strenge Schule 1 Es besteht über diese neueste Phase des Kunstgeschmacks in Deutschland schon heute eine ganze Litteratur. Zu vergleichen sind sämtliche Jahrgänge der „Kunst und Dekoration“ (seit 1897), des Pan, der Innendekoration, der ('österreichischen) Monatsschrift Kunst und Kunsthandwerk (sämtlich seit 1898). Die Geburtsjahre dieser führenden Zeitschriften sprechen selber Geschichte aus. Vgl. noch zur Orientierung Georg Fuchs, VII. Internationale Kunstausstellung zu München im Magazin für Litteratur, herausgegeben von Steiner und Hartleben. 1897. Nr.30. W. Bode, Künstler im Kunsthandwerk. Die Ausstellungen in München und Dresden (1897); jetzt neugedruckt in dem Sammelbande: Kunst und Kunstgewerbe am Ende des 19. Jahrh. 1901. 304 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. künstlerischer Geschmacksbildung nehmen. Daneben doch auch für die Öffentlichkeit und für die Welt der Gebildeten hie und da wenigstens einen Strahl ihres Geistes leuchten lassend. Es gilt diese Wendung zur Verfeinerung des Geschmacks wohl in erster Linie für die Wohnungsausstattung; aber sie ist doch auf allen Gebieten des Feinbedarfs zu spüren. Sie äufsert sich in der Herstellung der Tafelgeräte, im Bucheinband, im Plakat, im weiblichen Schmuck. Die Wiedergeburt der deutschen Goldschmiedekunst reicht kaum über das letzte Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts zurück, wenn man darunter das Sichbesinnen auf naturgemäfse Stilarten verstehen will, nachdem in den Jahren von 1870 bis 1895 auch auf dem Gebiete der Goldschmiedearbeiten alle historischen Stile durchgehetzt worden waren. Für Berlin ist vor allem das Zusammenarbeiten von Hirzel und Werner epochemachend geworden 1 . Überall wird der Kampf gegen Banausentum und Protzentum siegreich aufgenommen. Die Form erlangt auf der ganzen Linie die Herrschaft über den Stoff. Wes Geistes Kind nun aber diese neubürgerliche Kunst, dieser Geschmack des 20. Jahrhunderts ist, in welcher Richtung die Entwicklung des Feinbedarfs weiter zu verlaufen verspricht: dies alles werden wir besser zu erkennen vermögen, wenn wir unsern Blick über die Grenzen des Deutschen Reichs hinaus auf die anderen Länder mit kapitalistischer Kultur lenken und deren mächtigen Einflufs auf die Entwicklung des modernen deutschen Geschmacks uns in Erinnerung zu bringen versuchen. Und weil einige dieser Länder unstreitig um Jahrzehnte der deutschen Kultur voran sind, werden wir aus ihrem Wesen auch am besten die Tendenzen der weiteren Entwicklung zu erkennen vermögen. II. England. Das Land, in dem der moderne Kapitalismus sich zuerst zu voller Blüte entfaltet hat, ist auch das Geburtsland des modernen Kunstgeschmacks geworden. Auch dem englischen Geschmack hat der Kapitalismus zunächst eine Periode des Niedergangs, eine Prüfungszeit des Tiefstandes nicht erspart. Wenn wir die Schilderungen aus der zweiten Hälfte 1 Vgl. H. Schliepmann, Moderner Schmuck in Kunst und Dekoration, Nov. 1899 und Itücklin, Pforzheimer Schmuck, ebenda, Juli 1899. Für den Nationalökonomen besonders wertvoll, weil vielfach Technik und Betriebsorganisation berücksichtigend, ist die Studie von Hans Ostwald, Moderne deutsche Goldschmiedekunst in Westermanns Monatsheften. März 1901, 797 ff. Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung des Bedarfs. 305 des 18. Jahrhunderts mit denen aus den 1830er und 1840er Jahren vergleichen, sind wir entsetzt über die Verwüstungen, die das rohe Spekulanten tum, das eine neue Technik in seinem Dienste prostituierte , angerichtet haben mufs. Auch mancher nationalökonomische Fachgelehrte weifs von der Fabrik „Etruria“, die Wedgwood 1706 in New Castle upon Tyne gründete, weifs, dafs sie — unter der geistigen Leitung des Bildhauers Flaxmann — ein Centrum des Kunstgeschmacks durch die Verbreitung ihrer Steingutwaren wurde. Von der Reichhaltigkeit der Produktion Wedgwoods legt ein Katalog Zeugnis ab, der 1772 in London erschien: in ihm waren allein zwanzig, in ihrer technischen Behandlung verschiedene Sorten von Steingut aufgeführt, deren jede wieder in vielen Einzelformen vertreten war. Und blättern wir die Vorlegeblätter der Gebrüder Adams, Chippendales 1 , Th. Sheratons 2 u. a. durch, so sind wir erstaunt, wie aufserordentlich kompliziert und mannigfaltig die Ausstattung eines Wohn- oder Schlafzimmers schon damals war und in welcher vornehmen Weise der Bedarf Befriedigung fand 3 . Es war eben noch der reiche, oft adlige Grundrentner, dieser für die frühkapitalistische Periode so charakteristische Typus, der den Ton angab. Und wie sah es fünfzig Jahre später in demselben Lande aus! Nicht viel anders als in dem Berlin der 1840 er und 1850 er Jahre mit seiner „guten Stube“. Sind es nicht liebe Erinnerungen, noch an die Einrichtungen selbst unserer Eltern und Grofseltern, die die Schilderung eines englischen Schriftstellers in uns wachrufen von den „horrors proper to the early Victorian period — the Berlin wool work and the bead mats (liebe Reisetaschen und Börsen mit den Perlenhunden!), the crochet antimacassars upon horse hair sofas (die kostbaren „Schoner“ erhielten in besonderen Fällen noch einen Extrabelag, um ihrerseits gegen Benutzung geschützt zu werden!), the wax flowers under glass shades (Bergwerke in Flaschen waren auch beliebt!), the monstruosities in stamped brass and gilded stucco (dafs sie 1900 schon verschwunden wären!); chairs, tables and 1 Thomas Chippendale, The Gentleman and Cabinet Makers Director. 1752. Neue Aufl. 1759, 1762. 2 Th. Sheraton, Cabinet Makers and Upholsterers Guid. 1789. 3 Von neuerer Litteratur zu vergleichen: P. Jessen, Der kunstgewerbliche Geschmack in England im Kunstgewerbeblatt. N. F. III (1892) S. 93 fl', und IV (1893) S. 62 ff. Hungerford-Pollen, Englische Möbel seit Heinrichs VII. Thronbesteigung in „Kunst und Kunsthandwerk“, Monatsschrift des k. k. österreichischen Museums für Kunst und Industrie I (1898). Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 20 * fr 30(5 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. otlier furniture, hideous with veneer and curly distortions, the would-be naturalistic vegetable-patterned carpets with false shadows and misplaced perspective (wie wandelte es sich so schön auf den kindskopfgrofsen Rosen und den windschiefen Gartenbänken!) and all the despicable legion of mean shanes and vulgarities which liave heen exposed and held up to ridicule times without number“ k Krisen von 1836 und 1847, neues Armengesetz 1834, Chartistenbewegung, Kinderschinderei, christlicher Socialismus, Predigten Carlyles: wie pafst alles so vortrefflich zu den Perlenhunden und den Wachsbouquets unter Glasglocken! Die Etappen in der Renaissance des englischen Kunstgeschmacks darf ich als bekannt voraussetzen: sie sind gerade auch bei uns in letzter Zeit so viel besprochen, dafs sie heute zu dem Besitzstände der allgemeinen Bildung gehören. Als das eigentliche Geburtsjahr des englischen und damit des modernen Geschmacks überhaupt möchte ich das Jahr 1849 bezeichnen: das Jahr der ersten Ausstellung der Präraphaeliten — denn an den Rossetti, Hunt und Millais entzündete John Ruskin 1 2 3 das Feuer seiner Begeisterung — und auch das Jahr der Übersiedelung Sempers nach London. 1851 die Ausstellung und gleichzeitig der Beginn des Baus des South- Kensington-Museums durch Semper, 1859 die Erbauung des Red House, 1861 die Gründung der eigenen Fabrik durch William Morris, 1862 erste Ausstellung ihrer Erzeugnisse: es waren die denkwürdigen Nr. 5783 und 6734®, von denen die neue Epoche des Geschmacks datiert! Seitdem stetige Weiterbildung, neuerdings unter Walter Cranes, De Morgans u. a. sachkundiger Leitung. Aber was uns vor allem interessiert: worin besteht die speci- fiscli englische Eigenart dieserWiedergeburt desGe- schmacks? Zunächst in dem Alter der angegebenen Daten: es ist der Anfang der neuen Ära. England — das ist für die Würdigung der modernen Entwicklung wichtig zu beachten -- geht auch auf dem Gebiete der kunstgewerblichen Renaissance um fast zwei Menschenalter den übrigen Kulturländern voraus! Es ist 1 Aymer Vallance, William Morris, his Act, his Wrightings, and his public life. 1898. pag. 55. 2 Die Bibliographie der Ruskin-Litteratur umfafst mehrere Bände! Sie ist insbesondere in den letzten Jahren nach seinem Tode ins ungemessene angeschwollen. Einen orientierenden Überblick über sein Lebenswerk giebt Paul Clemen, John Ruskin in der Zeitschrift für bildende Kunst. N. F. XI. Jahrgang. 1900. Heft 7. 3 Aymer Vallance, a. a. 0. S. 59. Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung des Bedarfs. 307 England, wo Semper zunächst seine Ideen verwirklicht, denn die (alte) Dresdener Hofoper (1837—40 erbaut) kann doch nicht als Ausdruck schon seiner reformerischen Ideen auf dem Gebiete des Kunstgewerbes gelten. Das wichtigste jedoch ist, dafs in England der neue Schlachtruf entsteht, unter dem allein unsere Zeit sich das Gebiet des Kunstgewerbes, wie jedes andere Gebiet künstlerischer Bethätigung erobern und zu eigen machen konnte, der Schlachtruf: zurück zur Natur! Noch jede Zeit, die einen neuen, ihr eigenen Stil geschaffen hat, hat es im Banne dieses Leitworts gethan. Mochten die Bahnbrecher Johann van Eyk oder Giotto, Goethe oder Hauptmann, Rossetti oder Manet heifsen. Denn dieses: zurück zur Natur will doch nichts anderes bedeuten, als dafs die Zeit erfüllet ist, die Welt mit anderen Augen zu sehen, als die vergangenen Geschlechter, dafs die Dinge sich anders in den Köpfen widerspiegeln als damals, da der alte Stil geschaffen wurde. Für die „technischen“ Künste aber bedeutet jener Appell an die Natur im Grunde nichts anderes als das Postulat, Stoff und Zweck zur Richtschnur für die Gestaltung der Gebrauchsgegenstände zu nehmen. Denn das „Natürliche“ im Reiche der dekorativen Kunst ist das Zweckmäfsige. Gewifs — man kann auch die Präraphaeliten und Ruskin-Morris als Vertreter einer „retrospektiven“ Richtung ansprechen. Aber diese Anlehnung an Vergangenes war doch nur die äufsere Form ihres Werkes, nicht sein Kern. Denn das ist eben das Charakteristische: dafs sie an solche Zeiten anknüpften, die sich durch ihren „Naturalismus“ vor anderen auszeichneten: die selbst deutlich die Spuren eines neuen Stiles trugen. Das gilt für das Quattrocento, das gilt aber auch auf dem Gebiete des Kunstgewerbes für Japan, das grofsen Einflufs gewann, wie für das 18. Jahrhundert in England, die Zeit der Chippendale und Sheraton, der Wedgwood und Adam, auf die man von neuem die Aufmerksamkeit lenkte. Was nämlich die Eigenart des englischen Kunstgewerbes schon im 18. Jahrhundert ausmachte, ist dieses: dafs es ganz unwillkürlich die überkommenen historischen Stile den Anforderungen des modernen Gebrauchszwecks entsprechend ummodelte. Zwar nahm man gern die Anregungen vom Auslande — will sagen von Frankreich und Italien — entgegen; aber man durchbrach rücksichtslos die Stilgerechtigkeit — englische Nationaleigenart ist ja die Systemlosig- keit: John Stuart Mill! —, wenn sie dem Gebrauchszweck, und dieser war von jeher die „Bequemlichkeit“, der Komfort, widersprach, ebenso wie man eklektisch aus irgend einem Stil heraus- 20 * 308 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. nahm, was man für „praktisch“ erachtete. Von den holländischfranzösischen Möbeln, welche Wilhelm III. und seine „Queen Anne“ mitbrachten lernte man die Polsterung, vom Rococco die schmiegsame Biegung. Aber was die Chippendale und Sheraton dem Publikum darboten, war alles andere als Rococco oder Barock; es war schon „englischer Stil“. So unzweifelhaft nun aber auch der englische Geschmack aus modernem Geiste geboren ist, so sicher empfängt er gleich in seinen Anfängen eine Richtung, die ihn von der einmal eingeschlagenen Bahn der Natürlichkeit abdrängen undzurManiriertheit führen mufste. Ganz ähnlich wie es unter den Präraphaeliten Rossetti war 1 2 , der die junge, gesunde Generation mit einem Krankheitskeim von Dekadence infizierte und Greisenhaftes mit Jugendfrische mischte, so ist es der Romantizismus der Ruskin und Morris, der ein gut Teil ihrer gesunden Strebungen zur Unfruchtbarkeit verdammte. Man kennt die Art, wie diese beiden Schöpfer des modernen Kunstgeschmacks doch gegen alles moderne Wesen als wahre Don Quixotes zu Felde gezogen sind, wie sie etwa im Stile des alten Riehl in Deutschland, Le Plays in Frankreich eine Wiedergeburt idyllisch-patriarchalischer Zustände erträumten: Auflösung der Städte, Rückkehr zur Handarbeit, also Verzicht auf alle Errungenschaften der neuzeitlichen Technik und was dergleichen Phantastereien mehr sind. Wenn England schon heute einen Teil seines Einflusses als führendes Volk auf dem Gebiete des Kunstgeschmacks eingebüfst und an ein anderes Land hat abtreten müssen, so ist das ganz gewifs nicht zum wenigsten jener romantisch-utopistischen Verranntheit seiner leitenden Persönlichkeiten zuzuschreiben. Denn man schaue das Land an, das heute mehr und mehr geschmackbestimmend in allen Fächern des Feinbedarfs wird: Nordamerika, und erwäge, worin die Eigenart seines Stils, wenn wir von einem solchen überhaupt sprechen wollen, beruht, und man wird nicht mehr daran zweifeln dürfen, dafs mit den Ruskin-Morris neben unendlich viel Gutem doch auch Verkehrtes, Utopisches in die englische Geschmackswelt hineingetragen ist. III. Die Vereinigten Staaten. Die Entfaltung einer eigenen Kunstindustrie in den Vereinigten Staaten beginnt kaum vor dem Jahre 1876, der Philadelphia-Aus- 1 Vgl. darüber P. Jessen, a. a. 0. S. 3. 95. s Eine sehr feine Charakteristik dieser komplizierten Psyche findet man bei Muther 3, 476 ff. Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung des Bedarfs. 309 Stellung 1 . Seitdem aber ist der Aufschwung ein immens rascher gewesen. Schon die Pariser Weltausstellung des Jahres 1889 zeigte Amerika auf dem Wege zu einem eigenen Geschmack weit vorgeschritten 2 ; die Ausstellung in Chicago iiu Jahre 1894 setzte die Welt geradezu in Erstaunen ob der Leistungen amerikanischer Firmen auf dem Gebiete der Feinbedarfsdeckung 3 . Seitdem ist der „Amerikanismus“ auf fast allen Gebieten des feinen Geschmacks geradezu Mode geworden. Die Ausstellung des Jahres 1900 erwies die komplette Überlegenheit Amerikas als Thatsache. Woher diese Sieghaftigkeit des amerikanischen Geschmacks? Mir ist die Antwort keinen Moment zweifelhaft. Ein Blick auf ein Erzeugnis der amerikanischen Industrie läfst uns deren Eigenart erkennen und diese Eigenart ist es, die ihr das Übergewicht über die anderen Länder verleiht: dafs nämlich jedes Stück, auch dasjenige, das dem verfeinertsten Bedarf dienen soll und dies vielleicht gerade am ehesten mit allen Mitteln der raffiniertesten, fortgeschrittensten Technik hergestellt ist. Es ist dem Amerikaner, der nicht den Ballast einer so grofsen Vergangenheit zu schleppen hat wie wir Europäer, von vornherein selbstverständlich erschienen, dafs sich auch und gerade der verfeinerte Geschmack die technischen Errungenschaften zu Nutze machen müsse. So ausgefallene Gedanken, wie sie sich immer wieder in die Köpfe auch der fortgeschrittensten Künstler Europas einschleichen: kleine Fensterchen zu machen, da uns doch die Technik grofse Spiegelscheiben ermöglicht, Bücher mit braunem und grauem Büttenpapier und unbeholfenen, unlesbaren Lettern herzustellen (man denke an die entsetzliche Schrift des amtlichen Katalogs der deutschen Ausstellung in Paris!), während die Papierindustrie und Lettern- 1 Vgl. Mary G. Humphreys, The progress of American decorative Arts im Art Journal, New Series. No. 37. 39. 47 (1884). Die Fortschritte der dekorativen Kunst in Nordamerika im Kunstgewerheblatt I. Jahrgang (1885), S. 217 ff. Rieh. Graul, Kunstgewerhl. Streifzüge; ebenda II. Jahrgang (1885), S. 27 ff. 2 Exposition universelle de 1889. Les industries d’art. II. Orföverie par L. Falize in der Gazette des Beaux-Arts. III. Per. Tome II (1889) p. 197 f.— Henry Havard, Les industries d’art ä l’exposition. L’ameublement. ib. p. 174 f. 407 f. 3 Jul. Lessing, Kunstgewerbe im Amtlichen Bericht über die Weltausstellung in Chicago. 1894. Band II. W. Bode, Moderne Kunst in den Ver. Staaten von Amerika im Kunstgewerbeblatt. N. F. 5 (1894). Ch. Lamh, Der amerikanische Gesichtspunkt, in der „Dekorativen Kunst“. Band II. 1898. 310 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. technik klare, augenfällige Drucke gestattet, sich auf „Handarbeit“ zu kaprizieren, wo Maschinenarbeit viel leistungsfähiger ist, kurz irgend ein altertümliches Verfahren plötzlich wieder als das allein zur „Schönheit“ führende anzusehen — solche ausgefallene Gedanken erscheinen dem Amerikaner mit Recht als Kindereien. Ohne viel zu reflektieren, hat er sich einfach der Mittel bedient, die ihm die Technik seiner Zeit an die Hand gab. Statt einen in anderer Umgebung gebildeten Geschmack der der neuen Technik entsprechenden Form und Gestalt der Gegenstände entgegenzusetzen und in stetem Kampfe mit den Fortschritten der Technik sich abzumühen, hat er vielmehr der Technik nachgegeben und die Dinge entgegengenommen, wie sie aus dem gerade vollendetsten Verfahren hervorgehen mufsten. Und siehe da: das Ergebnis war, dafs die Erzeugnisse dieser modernsten technischen Prozesse nicht nur die bequemsten, komfortabelsten, zweckmäfsigsten, sondern auch die schönsten waren: was im Grunde ja doch wohl dasselbe ist. „Weil die amerikanischen Möbel so praktisch sind, weil ihre Silberservice, ihre Eisenarbeiten etc. so zweckmäfsig sind, darum erscheinen sie uns schön, darum sind sie schön 1 .“ Geräte-, Bade-, Schlaf-, Geschäftsräume werden nur praktisch hergestellt. „Trotzdem befriedigt die Erscheinung des Raumes . . . nicht nur die Vernunft, sondern direkt auch das Auge 2 .“ Wobei man nicht nur an „Maschinentechnik“ im engeren Sinne zu denken hat, sondern vor allem auch an die Errungenschaften der chemischen Industrie, wie sie in der Revolutionierung der Glasindustrie 3 , in der vielfach neuen Verwendung der Farben 4 , in den zahlreichen Vervielfältigungsverfahren u. drgl. zum Ausdruck kommen. Was aber die Amerikaner befähigt, in Zukunft noch viel mehr als bisher die Führung auf allen Gebieten der Feinbedarfsdeckung zu übernehmen, ist ein doppelter Vorzug, den sie vor uns voraushaben. Zunächst der gröfsere Reichtum. Die Art, wie heute schon mit edlem Material, mit kostbarem Marmor, Halbedelsteinen, Gold und Silber in den Vereinigten Staaten geradezu Verschwendung ge- 1 W. Bode, Moderne Kunst in U. S. A., a. a. 0. S. 138. 2 J. Lessing, Kunstgewerbe im Amtl. Bericht über die Weltausstellung in Chicago II, 766. 3 Man denke an die Umwälzung unseres Geschmacks durch Tiffany, der als einer der ersten nach dem Patent La Farges für opalisierendes Glas gearbeitet hat. Über Tiffany vgl. Lessing, a. a. 0. S. 780—784. 4 Hierher gehören unter vielen anderen die Neuerungen auf dem Gebiete der Tapetenindustrie; über deren Entwicklung in Amerika vgl. R. Graul, a. a. 0. S. 27 f. Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung des Bedarfs. 311 trieben wird, ist imposant; die Schilderungen von der Pracht und dem Glanze der Einrichtungen *, der Toilette, der Herrichtung von Gastmählern klingen wie Erzählungen aus Tausend und Einer Nacht zu uns herüber. Berlin W. hat dagegen einen Armeleutegeruch. Sodann aber ist die Geschmacksentwicklung in den Vereinigten Staaten von jeher eine gesichertere gewesen, dank der höheren Qualitäten seines Unternehmertums. Es ist eine amerikanische Eigenart, die wohl auch nichts anderes als eine höhere Form kapitalistischer Entwicklung darstellt, dal's auch auf dem Gebiete der Feingewerbe einige wenige ganz grofse Häuser den Markt beherrschen. Dieser Monopolstellung ist es dann zu danken, dal's sich die führenden Industriellen unabhängiger von den Launen des Tages machen und künstlerischen Zwecken leichter dienen können, als wo ein Konkurrent dem anderen auf den Fersen sitzt und ihn durch „Originalität“ zu überbieten sucht. * * * So ergiebt sich denn für die Gegenwart ein buntes Bild. Allerorts liegen „Richtungen“ mit einander im Kampfe, verschwinden täglich alte und tauchen neue Stilweisen auf. Überall reget sich Bildung und Streben. Richten wir nun aber unseren Blick auf die grofsen Züge der Entwicklung, so kann es nicht zweifelhaft sein, dafs es drei Hauptströme sind, in denen der Kunstgeschmack der Gegenwart dahinfliefst: der kontinental-europäische, der englische und der amerikanische. Das kontinentale Europa repräsentiert heute mit der ganzen Schwere seiner langen und rühmlichen Vergangenheit gerade auch auf dem Gebiete des Kunstgewerbes die historische Tradition. Es fällt dem Spröfsling eines alten Geschlechtes schwer, die Ruhmesthaten seiner Vorfahren zu vergessen; er wird jede seiner Handlungen mit einem Blick auf die stolze Vergangenheit seiner Familie beginnen. Schon England ist mehr Parvenü als wir Kontinentaleuropäer. Noi eravamo grandi, e loro non eran nati! Und wie wir sahen: es hat verstanden, jeden fremden Stil rasch in seine für den Gebrauchszweck am besten geeigneten Bestandteile aufzulösen. Dieser überwiegende Zweckgedanke ist es, der dem kunstgewerblichen Geschmack Englands sein eigenartiges Gepräge giebt. Will man ein Schlagwort, so kann man den Komfort im weiteren Sinne als die Beisteuer England zu dem Reichtum modernen Feingeschmacks ansehen. Was aber 1 Über die märchenhafte Pracht der „Halls“ vgl. W. Bode, a. a. 0. S. 139. 312 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. specifisch amerikanisch ist, ist das rücksichtslose Bekenntnis zur modernen Technik. Die Herausbildung eines eigenen Geschmacks aus den Gesetzen der Technik ist das eigentliche Werk der Amerikaner und repräsentiert den dritten Strom in der kunstgewerblichen Entwicklung unserer Zeit. Läfst sich aber über diese selbst als Ganzes und Einheit schon etwas charakteristisches aussagen? Weist sie schon Züge auf, die nur ihr eigen sind und sie von anderen Zeiten unterscheiden? Ganz y gewifs sind diese Fragen in bejahendem Sinne zu beantworten; und ganz besonders dann, wenn man sich die wahrscheinliche Richtung klar macht, die die Entwicklung in der Zukunft einschlagen wird. Es läfst sich schon heute mit einiger Sicherheit ein Urteil fällen über die Eigenart der Feinbedarfsgestaltung in zwanzig oder dreifsig Jahren. Ich sehe das kommende Geschlecht nach langen Jahrhunderten der Entbehrung endlich wieder ein Leben führen* das von Schönheit und Wohlbehagen durchtränkt ist. Ein Geschlecht wird erstehen, das aus der Fülle von Reichtum, die ihm in verschwenderischem Mafse zuwächst, eine Welt des Behagens und der schönen Formen wird hervorquellen lassen. Menschen, denen Genufs, denen Lebensfreude wieder zu selbstverständlichen Begleitern auf ihrer Erdenpilgerschaft geworden sind; Menschen mit verfeinerten < Sinnen, mit einer ästhetischen Weltauffassung. Das heifst also: ** quantitativ wird der Feinbedarf Dimensionen annehmen, von denen wir uns heute auch nicht die leiseste Vorstellung machen können, er wird ins Unermessene anwachsen, zu Massenhaftigkeiten und Prächtigkeiten, gegen die der „Luxus“ des kaiserlichen Roms, der Glanz Venedigs, die Verschwendungen Versailles in nichts zusammenschwinden werden. Das dürfen wir getrost annehmen, wenn wir das Deutschland von heute und vor fünfzig Jahren, wenn wir Europa und Amerika in der Gegenwart vergleichen. Aber welches Gepräge wird dieses Gepränge tragen? Auch das läfst sich mit einiger Sicherheit aus dem Gange der bisherigen Entwicklung Voraussagen. In wachsendem Umfange werden die geschichtlich überkommenen Eigenarten der verschiedenen Nationen zurücktreten gegenüber dem ^ allgemein Menschlichen, dem persönlich Individuellen, das in dem Mafse gemeinsame Züge anzunehmen die Tendenz hat, als das Kommerzium unter den Menschen wächst. Gewifs will heute der einzelne Künstler mehr denn je er selbst und nur er sein; aber ganz unwillkürlich, ebenfalls mehr denn zu irgend einer anderen Zeit, untersteht er, wie wir schon sahen, den Einflüssen der Aufsen- i Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung des Bedarfs. 313 weit, die sich ihm in tausendfacher Gestalt, vor allem auch in den Schöpfungen anderer Künstler an anderen Orten des ganzen Erdballs aufdrängen. So werden immer schärfere Hervorkehrung des Höchstpersönlichen und zunehmende Vereinheitlichung des künstlerischen und kunstgewerblichen Schaffens auf der Erde Hand in Hand gehen. Wenn aber die specifisch national-historischen Einflüsse an Kraft verlieren, so wird der Spielraum vergröfsert für die Wirksamkeit der allerorts gleichbleibenden, geschmacksbestimmenden Faktoren: das aber sind Zweck und Technik. Es ist gar nicht anders denkbar, als dafs diese beiden Faktoren in wachsendem Umfange Inhalt und Form des kunstgewerblichen Schaffens bestimmen werden. Sodafs also dessen Eigenart im wesentlichen, soweit sich gemeinsame Grundzüge werden feststellen lassen, aus der Eigenart des Zwecks und der Eigenart der Technik sich ergeben wird. Die Eigenart des Zwecks liegt aber begründet in der Eigenart des Bedarfs und diese wiederum findet ihre Umgrenzung in der Eigenart derjenigen, denen die Gehrauchsgegenstände dienen sollen. Wer nun aber wird das in Zukunft sein? Man hat gemeint, es sei ein Charakteristikum unserer Zeit, dafs das Ideal der Kunst wieder ein dem gesamten Volke gemeinsames werde, dafs eine neue „Volkskunst“ im Werden begriffen sei. Das kann auf den ersten Blick unwahrscheinlich klingen. Es enthält aber doch, insbesondere auch für die dekorativen Künste, einen richtigen Kern. Denn ein hervorstechender Zug unserer Zeit ist, wie wir an anderer Stelle schon sahen, der rasch wachsende öffentliche Bedarf, der nun auch mit steigendem Reichtum und mit zunehmendem Kunstgeschmack immer mehr sich zu verfeinern und zu veredeln die Tendenz hat. Der Prachtbauten für Reichstag und Reichsgericht wurde schon Erwähnung gethan; und wie sie epochemachend auf die Entwicklung des deutschen Kunstgewerbes gewirkt haben. Und solcherart, wenn auch kleinere, öffentliche Schmuck- und Zierbauten, schiefsen doch wie Pilze aus der Erde: an Ministerien, Postgehäuden, Bahnhöfen, Rathäusern und Ständehäusern, Theatern und Gerichtsgebäuden : welch ein Bedarf in unserer Zeit! Und welche Wandlung in der Ausstattung dieser Bauten! Hier ist der Gebrauchszweck so deutlich in der Bestimmung des betreffenden Gebäudes vorgezeichnet, dafs an der stetigen Entwicklung eines modernen Typs kaum gezweifelt werden kann. Es wird zwar noch eine Weile dauern, ehe die Pschorrbräustile ausgelitten haben und die Wider- 314 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. sinnigkeiten in der Verwendung beliebiger historischer Formen für klar vorgeschriebene Zwecke aus der Welt verschwinden werden 1 ; aber ein Anfang ist doch auch in Deutschland schon gemacht. Und wir dürfen doch an dem bon sens unserer Künstler nicht verzweifeln, dafs es ihnen gelingen werde, ebenso ihrem Zweck entsprechend unsere öffentlichen Bauten zu errichten und auszustatten, wie ihre römischen Vorgänger die Basiliken und die mittelalterlichen Baumeister die Fondachi und Gildenhäuser unter keinem anderen Gesichtspunkt als dem des „Praktischen“ und darum auch schön hinzustellen vermochten. Aber der moderne Feinbedarf trägt den öffentlichen Charakter nicht nur dort, wo er von öffentlichen Körperschaften unterhalten wird. Was unsere Zeit schon heute von allen früheren Zeiten unterscheidet und was die kommenden Jahrzehnte noch zu viel gröfserer Ausdehnung bringen werden, das ist die aus der fortschreitenden Entwicklung der verkehrswirtschaftlichen Organisation und aus der zunehmenden Verbreitung des Kommerziums unter den Menschen folgende Steigerung dessen, was man kollektive Bedarfsbefriedigung nennen kann, ein Phänomen der Konsumentwicklung, dem wir an anderer Stelle noch genauere Aufmerksamkeit werden schenken müssen, das uns hier nur interessiert, weil es abermals eine Quelle nicht privaten Feinbedarfs ist. Ich denke an die immer kostbarere, kunstvollere und bequemere Ausstattung der Speisehäuser und Hotels, der Cafes und Bars, der Eisenbahnzüge und Dampfschiffe, der Warenhäuser, sowie aller Geschäftsräume der kapitalistischen Unternehmungen. Heute sind es Parfümerie- und Kravattengeschäfte, Wäscheläden, Salons für Damenschneiderei, Frisier- und Haarschneidesalons, Photographenateliers und dergl., die kühn auf der Bahn kunstvoller Ausstattung voranschreiten. Es vollzieht sich hier eine Durchtränkung des Verkehrs- und Geschäftslebens mit Schönheit: ein socialistisches Ideal, wenn auch in anderer Weise, als die alte Schule es voraussah, geht seiner Verwirklichung entgegen: der Künstler der Zukunft im Dienste „profitwütiger“ Handlungshäuser — dem Volke die Kunst bringend! Daneben wird natürlich der private Feinbedarf ebenfalls an Umfang und Vollkommenheit zunehmen. Technik und Demo- 1 Wie auf so vielen Gebieten bedeutete auch auf dem der Architektur die Pariser Weltausstellung von 1900 mit ihrer gräulichen „Rue des nations“ das Ende einer alten Kulturepoche, nicht den Anfang einer neuen. Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung des Bedarfs. 315 kratie werden dafür sorgen, dafs immer weitere Kreise des Volkes an den Errungenschaften des Kunstgewerbes teilnehmen. Freilich bestimmend für dessen Richtung wird der Massenkonsum kaum jemals werden. Was über den Charakter des Kunstgeschmacks der Zukunft entscheiden wird, wird der Bedarf eines an Zahl rasch wachsenden reichen Grofsbürgertums sein. Dieser aber, denke ich, wird folgende Merkmale zur Schau tragen: Er wird sich ^ schon durch die zunehmende Massigkeit von dem Feinbedarf früherer Zeiten unterscheiden. Waren es im 17. Jahrhundert im wesentlichen die Höfe, an denen die künstlerische Ausgestaltung des äufseren Lebens gepflegt werden konnte, so erweitert sich der Kreis, als im Laufe des 18. Jahrhunderts der Adel als Konsument hinzutritt. Und abermals gröfser wird der Kreis von Nachfragern nach feingewerblichen Erzeugnissen, als bei fortschreitendem Kapitalismus zunächst die oberen Schichten der Bourgeosie auf dem Markte erscheinen und nun, in dem Mafse, wie der Reichtum anschwillt, immer weitere Kreise des Bürgertums in den Stand gesetzt werden, mehr Wert auf die künstlerische Ausgestaltung ihres Milieus zu legen. Und natürlich erfährt der Geschmack mit dieser Ausweitung seines Spielraums qualitativeVerän der ungen. Anders ist der Bedarf eines modernen Bankiers als der eines französischen Marquis im 18. Jahrhundert. Im allgemeinen wird heute wohl mehr Wert auf die Behaglichkeit als auf die Repräsentation schlechthin gelegt. Die Wohnräume füllen sich mit tausenderlei Gebrauchs- und Schmuckgegenständen, von denen selbst die Boudoirs des Rococco noch keine Spur enthielten. Ein gemeinsamer Zug aller Bedarfsgestaltung ist die im Gefolge grofsstädtischer Entwicklung sich immer fühlbarer machende Verengung des Existenzspielraums: selbst die prächtige Villa eines vielfachen Millionärs in der Stadt ist doch um vieles enger als das Palais eines längst nicht so reichen Landedelmanns in früherer Zeit. Das grofsstädtische Leben bringt auch noch manche andere Umgestaltung des Bedarfs mit sich: die gröfsere Abspannung drängt auf gröfseren Komfort der Gebrauchs- ^ gegenstände, auf ruhigere Farbentöne in der Umgebung hin, auf noch viel ruhigere Linien unserer Möbel und Schmuckstücke, als sie heute noch die meisten zappelig-manierierten Künstler für „schön“ halten 1 . Ferner: das ganze Haus, die Festkleidung von 1 Sehr zutreffend äufsert sich über diesen Punkt neuerdings W. Bode, Kunst und Kunstgewerbe, 165/166: „Den Möbeln, Vorhängen, Geräten aller 316 Zweites Bucli. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Mann und Weib: alles wird immer mehr auf den Effekt bei Licht zugeschnitten werden. Denn unser Leben wird immer mehr den Genufs in die Abend- und Nachtstunden verlegen, in dem Mafse, wie unsere Beleuchtungstechnik immer mehr die Nacht zum Tage zu machen versteht. Aber viel wichtiger als alle diese Einzelheiten des modernen Feingeschmacks, die sich leicht vermehren lassen, erscheint mir ein aller Bedarfsgestaltung in Zukunft unablöslich anhaftender Charakter- V zug: ihre Unruhe, ihre Wechselhaftigkeit, ihre Erneuerungstendenz. Dadurch wird sie sich mehr als durch alles andere von früheren Zeiten unterscheiden. Es wird sich niemals auch nur auf ein Jahrzehnt ein fester Stil einbürgern können, es wird immer wieder das Bestreben nach Veränderung hervortreten. Dieser Zug steht im Zusammenhang mit zwei entscheidend wichtigen Thatsachen unseres socialen Lebens. Mit der schon erwähnten raschen Zunahme der Abnehmer feingewerblicher Erzeugnisse. In vor- und noch frühkapitalistischer Zeit war das Aufsteigen zu Reichtum, das Kaufkräftig werden an viel engere Grenzen gebunden und erfolgte in viel längeren Zwischenräumen als heute. Wer hätte wohl noch im 18. Jahrhundert auch nur die Gegenstände regelmäfsiger jährlicher kunstgewerblicher Aus- Stellungen kaufen sollen ? Heute erscheint mit jedem jungen Jahr ein neuer Trofs kauflustiger und kauffähiger Leute, für die feingewerbliche Gegenstände geliefert werden müssen. Welch ein starker Anreiz zu unausgesetzter Neuanbringung, Veränderung und Verbesserung auch bei den entwerfenden Künstlern! Aber auch diejenigen, die schon in dem Kreise der Käufer eleganter Waren gewesen sind, sehnen sich viel mehr als die Menschen der früheren Jahrhunderte nach Abwechslung. Was Gur litt in Bezug auf die Baustile sagt, dafs wir das Einerlei einer festgestellten Form nicht mehr ertragen und am Vielerlei einer formalistisch tastenden Zeit unsere Freude haben können * 1 , das gilt für die gesamte Feinbedarfsgestaltung unserer Zeit. Zunehmende Kultur bedeutet zunehmende Art, die sich heute aller Orten bei uns auf Ausstellungen breit machen, sieht man es leider nur zu oft an, dafs sie der ungezügelten Phantasie von Naturburschen entsprungen sind, die durch barocke Absonderlichkeiten einander zu überbieten suchen.“ Bandwurm- und Krötenornament! Bode bringt diese Erscheinung in Zusammenhang mit der Thatsache, dafs heute noch so viele Künstler aus kleinen Verhältnissen stammen. 1 C. Gurlitt, Deutsche Baukunst in „Deutsche Kunst und Dekoration“. Februar 1900. Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung des Bedarfs. 317 Nervosität; und diese kann nie die Stetigkeit und Ständigkeit im Gefolge haben, wie sie den Geschmack der vergangenen Jahrhunderte mehr oder weniger charakterisierte. Ich werde auf das Phänomen der Wechselfreudigkeit noch zu sprechen kommen, wo ich das Wesen der Mode abhandele. Ist solcherart die Eigenheit des modernen Kunstgeschmacks durch die Neuheit der Zwecke bestimmt, so ist nun das zweite mächtige Bildungselement: die moderne Technik gleicherweise in Betracht zu ziehen. Nicht etwa nur, dafs die moderne Technik verwertet wird, um bestimmte Arbeitsverrichtungen besser ausführen zu können, d. h. als Hilfselement. Sondern sie wird geschmackbildend wirken. Hier werden die Wege weiter verfolgt werden, die die Amerikaner, wie wir sahen, bereits betreten haben. Wir werden lernen, das schön zu finden, was technisch vollendet ist: sei es eine neue Art der Gläserbereitung, sei es eine neue Brückenkonstruktion oder Wartehalle, sei es die Form eines Schiffes oder Wagens; die Gestalt eines Möbels, dessen Schnitt und Politur mit den Mitteln einer vollendeten Maschinentechnik hergestellt sind. Dafs in dieser Richtung der einzig gangbare Weg liegt, haben auch die Verständigen unter den kunstgewerblichen und ästhetischen Fachschriftstellern längst eingesehen. Schon Semper, der doch in einer Zeit schrieb, die die Evolution des technischen Könnens erst in den Anfängen erlebte, meinte, dafs wir einen Reichtum des Wissens, der unübertroffenen Virtuosität im Technischen besitzen, die wir wahrlich nicht für halbbarbarische Weisen hingeben dürfen 1 2 . Und Männer wie Bode und Lessing betonen, gerade im Hinblick auf die wunderbaren Erfolge der Amerikaner, immer wieder, dafs allein aus dem Wesen der modernen Technik heraus die neuen, gesunden Formen und Regeln für den Kunstgeschmack hervorwachsen können ? . „In der Maschine,“ sagt ein anderer hervorragender Sachverständiger 3 , „liegt der Stil der Zukunft. Denn sie wird früher oder später allen bombastischen Schwulst, an dem die Zeit noch kränkelt, aus unseren Ziermotiven entfernen und uns zu den gediegeneren Grundformen natürlicher, praktischer Eleganz zurückführen.“ Und es ist wirklich reizvoll, zu beobachten, wie rasch sich unser Geschmack unmerklich mit den Wandlungen der Technik selber 1 6. Semper, Wissenschaft, Industrie und Kunst (1852), 26. 2 J. Lessing, Neue Wege, im Kunstgewerbeblatt 6 (1895). 3 J. Leisching, Direktor des Mährischen Gewerbemuseums in Brünn in UOe., 657. 318 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. wandelt, bis er mit einem Male das eben noch Verehrte unerträglich, das von der neuen Technik gelieferte Neue, das erst mit Reserve aufgenommen wurde, selbstverständlich schön findet. Ein sprechendes Beispiel dafür bietet die Wandlung, die unser Geschmack im Gebiet der Kunstmöbel erfahren hat. Noch vor zehn Jahren, als wir uns auf unser neuerwachtes Kunstempfinden schon viel zu gute thaten, erschien uns der reichgeschnitzte Renaissanceschrank, erschien die Intarsiakommode des 17. Jahrhunderts als das Höchste an Schönheit und Vollendung. Heute haben wir uns an die glatten, der modernen Maschinentechnik angepafsten Möbelformen so sehr gewöhnt, dafs wir die einer Handwerkerzeit entsprungenen Schnitz- und Einlegearbeiten kaum noch ansehen mögen. ? Sechzehntes Kapitel. Die Vereinheitlichung des Bedarfs und seine Urbanisierung. An anderer Stelle haben wir beobachtet, dafs der Güterbedarf die Tendenz hat, Zuwachsen. Aber nicht jede Vermehrung des Bedarfs bedeutet eine Vereinheitlichung. Er könnte ja der Menge nach wachsen und sich der Art nach immer mannigfaltiger gestalten. Nicht jeder massenhafte Bedarf ist ein Massenbedarf in dem Sinne, wie er hier verstanden wird, d. h. ein Bedarf nach gleichförmigen Gütern. Nur ob in diesem Sinne im Verlauf der modernen Entwicklung ein Massenbedarf entsteht, haben wir hier zu untersuchen. Und zwar nur, insoweit unabhängig von der Produktion die Bedarfsgestaltung sich uniformiert, interessiert es uns. Nicht dagegen sollen hier jene Fälle Berücksichtigung finden, wo der Produzent in seinem Interesse den Käufern einheitliche Gebrauchsgüter aufdrängt. Wenn beispielsweise ein Parkettfabrikant den Geschmack in der Weise beeinflufst, dafs er an Stelle kunstvoller Muster nun die sog. Kapuzinerböden einbürgert, Böden nämlich, die aus dachziegelartig schief nebeneinander gelegten, rechtwinkligen schmalen eichenen Brettchen bestehen. Diese Brettchen sind ein Artikel, der wie geschaffen für die Herstellung durch die Maschine ist. Alle haben gleiche Gröfse, und da sie massiv sind, brauchen bei der Auswahl der Bretter keine grofsen Anforderungen an die Qualität gestellt zu werden h Sondern uns interessiert nur die spontane Umformung des Bedarfs aus den Kreisen der Konsumenten heraus. Da könnte man nun daran denken, dafs eine solche Vereinheitlichung allein schon im Gefolge der Bevölkerungs- 1 Ygl. ü. VIII, 238. 4 320 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Zunahme und Reichtumsvermehrung aufträte. Und das ist gewifs auch häufig der Fall. Wenn mehr Leute als früher etwas bedürfen, ist es leicht möglich, dafs nun auch mehr Menschen denselben Artikel verlangen. Das ist besonders deutlich beispielsweise bei allem Anstaltsbedarf: wenn ein Krankenhaus früher 20 und nun 200 Betten hat, so steigert sich der Bedarf an gleicher Ware um das Zehnfache. Und wenn, dank der Zunahme der Wohlhabenheit, mehr Leute Gegenstände eines bestimmten Preises kaufen können, so mag sich ein Gebrauchsgut, das ehedem nur in einzelnen Exemplaren abgesetzt wurde, nun leicht zu einem „Massenartikel“ auswachsen. Hierher gehört alle sog. Demokratisierung alles sog. „Luxus“. Die berühmten seidenen Strümpfe bilden das Schulbeispiel. Einstmals — so erzählt schon Schopenhauer — war es ein Wahrzeichen einer Königin, wenn sie zwei Paar seidene Strümpfe besafs. Heutzutage ist eine bessere Cocotte nicht mehr auf der Höhe ihrer betriebstechnich notwendigen Ausrüstung, wenn sie der seidenen Strümpfe entbehrt. Über ein den seidenen Strümpfen entsprechendes Stück der weiblichen Kleidung — den seidenen Jupon — schreibt der „Konfektionär“ am 31. August 1899: „Man wird sich kaum der Übertreibung schuldig machen, wenn man die reinseidenen Röcke aus Moire- und Glace-Taffet in die Reihe der Stapelgenres rangiert, so bedeutend ist die Nachfrage darin bei der Engros-Konfektion. Die luxuriösen Neigungen des Publikums lassen sich gerade bei den seidenen Jupons, wenn der Konsum der Gegenwart mit dem vor wenigen Jahren nebeneinander gehalten wird, erkennen.“ Aber man würde sicher nicht von einer der modernen Zeit eigenen Tendenz zur Vereinheitlichung des Bedarfs sprechen dürfen, hätte es bei jenen selbstverständlichen Folgen der Bevölkerungszunahme und des Reicherwerdens sein Bewenden. Die durch sie geschaffene Vereinheitlichungstendenz würde ganz gewifs mehrfach durchkreuzt werden durch die im Verlauf der Kulturentwicklung immer deutlicher hervortretende Neigung zur Differenzierung des Geschmacks. Es müssen also noch besondere Kräfte am Werk sein, wenn wir thatsächlich als ein Ergebnis der Entwicklung in der Gegenwart ohne Zweifel an einzelnen Stellen wenigstens eine Zusammenballung der Bedarfsnuancen zu uniformem Massenbedarf konstatieren können. Eine solche Tendenz zur Vereinheitlichung des Bedarfs wird erzeugt: 1. durch die Entstehung grofser Unternehmungen auf dem Gebiete der Güterproduktion und des Güterabsatzes. Sechzehntes Kapitel. Die Vereinheitlichung des Bedarfs etc. 321 Solche grofsindustrielle oder grofskommerzielle Abnehmer stellen gegenüber einer früher vorhandenen Mehrzahl kleiner Produzenten, kleiner Händler oder einzelner Familien wirtschaften natürlich eine einheitlicher gestaltete Nachfrage dar. Beispielsweise: wenn das „Einmachen“ von Früchten, Gemüsen etc. von der Hausfrau und den Einzelgärtnern auf grofse Konservenfabriken übergeht und dadurch ein uniformer Blechbüchsenbedarf entsteht. Oder wenn ? eine Schuhfabrik für viele Hunderttausend Mark Leder auf einmal kauft, wo früher Tausende von Einzelschustern das Leder halbehäuteweise bezogen hatten. Oder wenn die grofsen Brauereien nun viele Fässer einer Fagon brauchen, während ehedem jede Kleinbrauerei ihre eigene Böttcherware hatte. Oder wenn die grofsen Etablissements der Textilindustrie, der Schuhwarenfabrikation, der Konfektion ganze Berge von Versandkartons einer und derselben Gröfse und Art nötig haben. Oder wenn das Vordringen moderner Geschäftsprincipien eine einheitliche Buchführung und damit die Nachfrage nach uniformen Kontobüchern erzeugt. Hierher gehören aber auch Fälle der Bedarfsverschiebung, die nicht so deutlich sich als Vereinheitlichung früher individualisierten Bedarfs darstellen, es aber im Grunde doch auch sind. Wenn die ^ Geschäfte sich zu vergröfsern die Tendenz haben, brauchen sie auch gröfsere Betriebsstätten. Die Konzentrationstendenz der industriellen und kommei’zieilen Unternehmungen bedeutet in den meisten Fällen eine Tendenz zur Ausdehnung der Baulichkeiten. Gröfsere Bauten haben aber für sehr viele Ai’tikel eine Vereinheitlichung des Bedarfs zur Folge: Steine, Thüren, Fenster, Beschläge, Fufsböden, Treppen, Beleuchtungs- und Beheizungskörper, Tische, Stühle — alles wird in gröfserer Anzahl einheitlicher Art bedurft, wenn es zur Ausstattung eines grofsen Gebäudes, statt zur Herstellung vieler kleiner dienen soll. Aber ich rechne hier auch her die dimensionale Vergröfserung, die infolge jener Grofsbetriebstendenz einzelne Gegenstände erfahren : das eiserne Gerüste einer Bahnhofshalle oder eines Ausstellungsgebäudes stellt selbst die Vereinheitlichung des Be- * darfs an früher verschiedenen kleinen Gerüsten gleicher Zweckbestimmung dar. Und wenn gröfsere Kessel, gröfsere Maschinen bedurft werden, so wird man diese Entwicklung unter demselben Gesichtspunkt betrachten dürfen. Oder liegt etwas anderes vor als eine Vereinheitlichung des Bedarfs, wenn an die Stelle von mehreren Dutzend Sensen — von denen jede einzelne individualisierte Art theoretisch wenigstens zuläfst — eine Mäh- Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 21 322 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. maschine, an die Stelle von hundert Einzelpflügen ein Dampfpflug tritt u. s. f. 2. Der Schatten, der der grofskapitalistischen Unternehmung folgt, ist das Proletariat. Seine Entstehung bedeutet aber wiederum nichts anderes, als eine neue Tendenz zur Bedarfsvereinheitlichung. Die grofsen uniformen Massen von meist unvermögenden Käufern, deren ganze bisherige Geschichte eine Uniformierung von Denken und Wollen bedeutet, die noch längst keine Zeit haben, sich zu individuellem Empfinden heraufzuentwickeln, stellen ganz begreiflicherweise Abnehmer von Massenware namentlich schlechtester Qualität dar. Man mufs diese notwendige Aufeinanderfolge der einzelnen Produktionszweige in ihrer Entwicklung zu kapitalistischer Gestalt wohl beachten. Man mufs begreifen, dafs eine kapitalistische Schuhmacherei, Schneiderei, Tischlerei u. s. w. erst möglich wurde, nachdem die alten handwerksmäfsigen Formen der Textil- und Eisenindustrie in der Mühle des Kapitalismus bereits zerrieben waren, wie noch des näheren auszuführen sein wird. 3. Zu gleicher Zeit mit der Ausdehnung der grofskapitalistischen Unternehmungen wächst der Bedarf der öffentlichen Körper, was abermals in vielen Fällen eine Vereinheitlichungstendenz erzeugt. Ist es doch stets eine Konzentrierung der Nachfrage auf wenige Stellen, wodurch die individuelle Geschmacksbethätigung, oder war es auch nur die Zufälligkeit der Einzelbedarfsdeckung, an Spielraum verlieren. In dem Mafse wie Staats- und Kommunal- thätigkeit sich ausdehnen, wird in Zukunft der Bedarf vieler Gegenstände einen einheitlicheren Charakter erlangen. Man könnte hier von einer Bureaukratisierung des Konsums reden. Ein interessantes Beispiel für einen fernerliegenden Kausalzusammenhang gedachter Art ist folgendes: in der Schweiz sind bekanntlich die Lehrmittel in den Schulen verstaatlicht. Das hat zu einer solchen Uniformierung dieser Gegenstände geführt, dafs nur noch Grofsgeschäfte als Konkurrenten bei der Lieferung in Frage kommen h 4. Wie aber die grofskapitalistische Unternehmung nicht an Ausdehnung zunehmen kann, ohne die Lohnarbeiterschaft zu vermehren, so kann die Thätigkeit öffentlicher Körper nicht gesteigert werden, ohne dafs das Heer der Beamtenschaft einen Zuwachs erhielte. Abermals ein Moment, das den Bedarf zu vereinheitlichen die Tendenz erzeugt. Denn mit dem Bureaukraten sowohl als dem 1 Vgl. Fachberichte aus dem Gebiete der schweizerischen Gewerbe (1896) S. 210. Sechzehntes Kapitel. Die Vereinheitlichung des Bedarfs etc. 323 in staatlichem oder städtischem Dienst stehenden Arbeiter wird eine Bevölkerungsschicht erzeugt, deren inneres und äufseres Wesen zunächst eine Uniformierung erfährt. Es zeigt sich das in der Gestaltung ihres Amtsbedarfs nicht minder als der ihres Privatbedarfs: die einheitliche Kleidung ist für jene der besonders markante Ausdruck. Aber es wird im allgemeinen nicht zweifelhaft sein, dafs hundert Ratsdiener oder hundert Postsekretäre oder hundert Eisen- bahnschaffner einen einförmigeren Privatbedarf haben werden als hundert Schuster, Schneider oder selbst Bauern. Die Schabionisierung ihres Gehirns wird viel weiter vorgeschritten sein dank dem völlig gleichen Milieu, in dem sie ihre Thätigkeit ausüben und damit die Vereinheitlichung ihres Geschmacks und Werturteils; aber auch ihre Einkommen sind durch die etatsmäfsige Zuweisung ganz gleicher Portionen viel mehr ausgeglichen, als es je die Einkommen nicht beamteter Personen, welchen Charakters auch immer, sein können. Ist in den bisher besprochenen Fällen die Vereinheitlichung des Bedarfs durch das Auftreten neuer eigenartiger Abnehmerkreise hervorgerufen, so ist dasjenige, was man 5. die Kollektivisierung des Konsums nennen kann, eine Erscheinung, die bei allen Konsumentenschichten, wenigstens im Gebiet der modernen Civilisation, in den Grofsstädten, gleich- mäfsig sich beobachten läfst. Darunter sind alle diejenigen Fälle zu verstehen, in denen ein früher individuell oder familienweise befriedigter Bedarf nun für eine gröfsere Anzahl von Personen einheitlich gedeckt wird. Diese Entwicklung, wie man es auch bezeichnen kann, zur Socialisierung unseres Daseins vollzieht sich, wie jeder weifs, an tausend und aber tausend Stellen zugleich: hier als ein Ergebnis der grofsstädtischen Siedlungsweise überhaupt, wie in der Entstehung der Mietskasernen, der Vergnügungslokale, dort als besondere Folge fortgeschrittener Technik in der kommunalen Wasser-, Gas-und Elektrizitätsversorgung; häufig aber insbesondere als Begleiterscheinung der im Gefolge der grofsstädtischen Entwicklung notwendig sich vollziehenden Auflösung der früheren Privatfamilienwirtschaft. Sei es, dafs weniger Familienwirtschaften überhaupt begründet werden: Zunahme des Ledigbleibens, Liebesverhältnisse oder sogar Ehen ohne das Fundamentum eines sog. häuslichen Herdes; sei es, dafs die Familien wirtschaften immer mehr sich von der Last der Güterverarbeitung, Ausbesserung etc. zu befreien streben bezw. zu befreien in der Lage sind. Der Schwerpunkt der Bedarfsbefriedigung, mehr und mehr 21 * 324 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. auch der des Nahrungsbedarfs, wird aus den Küchen und Stuben der Einzelhaushalte in die Speisehäuser und Cafds verlegt 1 , was aber noch im Hause konsumiert wird, kommt schon in fast völlig gebrauchsfertigem Zustand in die Familienwirtschaft. Alles dies wirkt wie ersichtlich in gleicher Richtung auf die Gestaltung des Bedarfs ein, indem sie ihn vereinheitlicht. Denn so sehr auch meinetwegen die Speisekarte eines Restaurants oder einer Genossenschaftsküche reichhaltiger ist, als das Menu eines Einzelhaushalts: sie ist sicher nicht so buntscheckig, wie die Gesamtheit der Menus in all den Familien sein würde, deren Glieder an einem Abend im Restaurant essen. Und selbst, wenn sie es wäre, so würde doch der Grofsbedarf an den einzelnen Bestandteilen der Nahrung: Brot, Fleisch, Kartoffeln, Geflügel, Gemüse etc. den Bezug viel gröfserer Quantitäten einer und derselben Ware ermöglichen. Was aber vielleicht bedeutsamer für die Vereinheitlichung des Bedarfs als alle vorhergehenden Entwicklungsmomente ist, ist eine innere Wandlung des Geschmacks, ist die bekannte Erscheinung der 6. Uniformierung des Geschmacks, wie sie sich im Gefolge der Ausbreitung grofsstädtischen Wesens mit dem zunehmenden Kommerzium in den modernen Staaten einzustellen pflegt. Ehedem entwickelt jede Landschaft ihren Geschmack und jeder Kleinstädter ist stolz auf seiner Väter Sitten; der Bürger trägt sich anders als der Bauer und dieser anders als der Edelmann. Die Auflösung alles ständischen und landschaftlichen Wesens durch die moderne kapitalistische Entwicklung führt auch zu einer Nivellierung alles Geschmacks: von den grofsen Centren des socialen Lebens, den Städten, aus, werden jetzt Kleidung und Wohnungseinrichtung, wie jeder anderer Güterbedarf in ihrer Eigenart für das ganze Land geregelt. Dafs hier wiederum das Interesse der Grofsproduzenten nachgeholfen hat, ist gewifs. Aber im grofsen Ganzen ist doch diese Vereinheitlichung des Geschmacks eine notwendige Folge der ökonomischen Gesamtentwicklung 2 . 1 Dafs diese Entwicklung erst in den Anfängen sieb befindet, kann für den aufmerksamen Beobachter nicht zweifelhaft sein. Eine ganz gewaltige Förderung w'ird sie erfahren in dem Mafse, wie die genossenschaftliche Wirtschaftsführung an Ausdehnung gewinnen wird. Neuerdings hat diese Idee eine ebenso geistreiche, wie energische und besonnene Vorkämpferin in Frau Lily Braun gefunden. Siehe deren Schrift Frauenarbeit und Hauswirtschaft. 1900. 2 Eine anschauliche Schilderung der Umbildung des Geschmacks in Bezug auf die Kleidung in einem kleinen westpreufsischen Städtchen (Löbau) findet man in U. IV, 195 f. 201. Die Mitwirkung der „Mode“ bei diesem Unificierungs- prozefs würd unten S. 330 ff. gewürdigt. Sechzehntes Kapitel. Die Vereinheitlichung des Bedarfs etc. 325 Wichtig ist es aber, zu beachten, wie das grofsstädtisclie Wesen den Bedarf selbst in seiner Art von Grund aus neu gestaltet. Wir hatten schon an verschiedenen Stellen Gelegenheit, die Bedeutung der grofsstädtischen Lebensweise für die Revolutionierung des Bedarfs zu würdigen. Ich nenne den Prozefs, der sich hier vollzieht , die Urbanisierung des Bedarfs oder, wenn man will, Konsums. Die Anforderungen an unsere Gebrauchsgüter werden andere und in dem Mafse, wie sich der Gebrauchszweck umgestaltet, wandelt sich auch das Werturteil über nützlich und schön. Jedermann verbindet mit dem Ausdruck bäuerischer und städtischer oder gebildeter Geschmack eine ganz bestimmte Vorstellung. Will man den Unterschied in einem Worte zusammenfassen, so kann man vielleicht sagen, dafs der Sinn für das Derbe, Solide, Dauerhafte geringer wird und an seine Stelle die Lust am Gefälligen, Leichten, Graziösen, am Chic tritt. Die Bauerndirne im schweren Faltenrock, den derben Rindslederschuhen, den bunten, dicken Wollstrümpfen, dem Mieder aus steifem Filz, dem groben Leinenhemd und dem plumpen Kopfschmuck, vielleicht gar mit Metallplatten, wie man es in Holland sieht, auf den festgeflochtenen Zöpfen, und dazu im Gegensatz die grofsstädtische Konfektioneuse in der hellen Battistblouse mit dem gelben Ledergürtel, den leichten Niederschuhen und den durchbrochenen Strümpfen, dem bunten Battisthemdchen und dem Matrosenhütchen auf dem Kopf mit der lose geschlungenen Haartocke — sie drücken frappant die Extreme der beiden Bedarfs- und Geschmacksrichtungen aus, zwischen denen sich die Entwicklung bewegt hat. Wie es vor allem der Wechsel des Gebrauchszwecks ist, der hier geschmackwandelnd gewirkt hat, dafür bietet die Geschichte des Schuhwerks ein lehrreiches Beispiel. Eine Bevölkerung, die auf dem Lande, und auch noch eine, die in schlechtgepflasterten Kleinstädten lebt, braucht vor allem dauerhaftes und wasserdichtes Schuhwerk. Der Schaftstiefel alten Stils, wie er sich noch heute auch in Grofsstädten bei alten Professoren und Rechnungsräten findet, dankt seine Entstehung einer Zeit und einer Strafsenverfassung, als es noch gelegentlich angebracht war, die Beinkleider in den Stiefelschaft zu stecken, um dem Schmutze und der Feuchtigkeit ein Paroli zu bieten. Als man noch häufig zu Pferde stieg, um über Land zu reiten, waren die hohen Reiterstiefeln die für Herren gegebene Fufsbekleidung. Heute haben sich derartige schwerfällige Kleidungsstücke mit der „Wildschur“ und den Ohrenwärmern auf wenige unwirtliche Gebiete Osteibiens zurückgezogen. Die stets saubere, wohlgepflasterte Stadt mit den 326 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. plattenbelegten Bürgersteigen, das Reisen in der geheizten Eisenbahn, die Erlindung des Gummischuhes u. s. w. haben den Bedarf nach dauerhafter und wasserdichter Fufsbekleidung eingeschränkt und statt dessen das Verlangen nach leichter, eleganter, wenn auch nicht so solider Schuhware rege werden lassen. Der alte Schaftstiefel, die „Röhre“, stirbt aus, von Gesichtspunkten der Hygiene, des Chics, der Bequemlichkeit aus erscheinen der Niederschuh, der leichte Knopf-, Schnür-, Zugstiefel als das zweckmäfsigere Kleidungsstück und ihre Herrschaftssphäre dehnt sich aus. Ebenso wie der ganz leichte Gesellschaftsschuh aus Lack oder Chevreau oder Atlas dank der schützenden Hülle der „Boots“ sich ein immer weiteres Absatzgebiet erobert; er, den ehedem nur die Damen in der Sänfte oder die Herrschaften im eigenen Gefährt riskieren konnten. Aber was mir den grofsstädtischen Bedarf vor allem zu charakterisieren scheint im Gegensatz zu dem ländlich-kleinstädtischen, ist seine viel gröfsere Unstetigkeit und Wandlungsfähigkeit. Damit kommen wir zu einer Veränderungstendenz in der modernen Bedarfsgestaltung, die allgemeineren Charakter trägt und vielfach auf Ursachen zurückzuführen ist, die nicht durch Vermittlung der Herausbildung städtischen Wesens, sondern direkter wirksam sind. Wir werden deshalb eine gesonderte Betrachtung zu widmen haben der dritten grofsen Umgestaltungstendenz im modernen Bedarf an gewerblichen Gütern, nämlich jener Entwicklungsreihe, die ich unter der Bezeichnung „Mobilisierung des Konsums (und Bedarfs)“ zusammenzufassen für zweckdienlich halte. Siebzehntes Kapitel. Die Mobilisierung des Bedarfs. (Zur Theorie der Mode.) Es ist eine allbekannte Thatsache, deren Beobachtung sich jedermann aufdrängt, dafs in unserer Zeit die meisten Güter kürzere Verbrauchsperioden haben als ehedem. Der Urväter Hausrat spielt heutzutage nur noch eine geringe Rolle. Der junge Hausstand betritt mit völlig neuer Ausstattung den Plan, und während unsere Eltern noch Möbel, Betten, Wäsche, Bestecke und alles Gerät während ihrer Ehe — und mochten sie auch die goldene Hochzeitsfeier erleben — nur ausnahmsweise erneuten, ist es heute Regel, dafs auch in besseren Häusern schon nach zehn, zwölf Jahren der Erneuerungsturnus beginnt. Wir selbst trugen noch die zurechtgemachten Kleider der Eltern und Geschwister und der berühmte „Bratenrock“ des Mannes, das Hochzeitskleid der Frau, spielten zumal in den unteren Klassen eine grofse Rolle: sie hielten ein Leben aus und schleppten von Geschlecht sich zu Geschlechte wie eine ewige Krankheit fort. Der Handel mit gebrauchten Sachen, die Auffrischung aller Gegenstände waren in früherer Zeit, noch um die Mitte des XIX. Jahrhunderts, blühende Erwerbszweige. Bildeten doch die Altwarenhändler in den meisten Städten eigene Zünfte. Und welches schwunghafte Geschäft mufs es dereinst gewesen sein, dieser Handel mit gebrauchten Sachen, wenn wir sehen, wie im 16. Jahrhundert die Notabein von Frankreich Beschwerde führen über die gefährliche Konkurrenz, die die Schiffsladungen mit alten Hüten, Stiefeln, Schuhen etc., die von England herüberkamen, den ansässigen Gewerbetreibenden bereiteten 1 ! 1 Beschwerde der Notabelnversammlung im Jahre 1597, dafs die Engländer „remplissent le royaume de leurs vieux chapeaux, hottes et savates qu’ils font 328 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Jetzt spielt der Altwarenhandel nur noch eine untergeordnete Rolle. In den Trödlerläden hängen jetzt die Reihen neuer Anzüge und Mäntel, wie sie aus der Werkstatt des Sweaters kommen, stehen neben altem Plunder immer mehr neue Tische und Spiegel aus gestrichenem Tannenholz. Überall rascher Wechsel der Gebrauchsgegenstände, der Möbel, der Kleider, der Schmucksachen. Man ist heute schon ein konservativer Mann, wenn man seine Stiefel zweimal besohlen läfst, und über die Braut wird wohl gespöttelt, die noch wie ehedem die Hemden und Tischtücher von starkem Leinen dutzendweise in ihrem Wäscheschränke aufstapelt. Was ist nun die Ursache dieser Wandelbarkeit, dieser Wechselfreudigkeit und Wechselhaftigkeit? Was ist es, das jene „Mobilisierung des Bedarfs“ bewirkt hat? Der oberflächliche Beobachter ist rasch mit der Antwort zur Hand. Er will den Grund für jene Änderung der Konsumtionsgewohnheiten ausschliefslich in der neuen Technik der Güterherstellung erblicken. „Die Sachen halten nicht mehr so gut wie früher,“ „bei den billigen Preisen lohnt es sich gar nicht, lange an einem Gegenstände herumzuflicken: man wirft ihn weg, wenn er schadhaft ist und kauft einen neuen.“ Bei näherem Hinsehen entpuppt sich dieser Erklärungsversuch als nichtssagende Phrase: dafs die Sachen heute weniger haltbar sind, für die man die entsprechenden Preise der früheren Zeit bezahlt, ist im allgemeinen sicher nicht richtig; warum man aber wechselt, wenn man dank der Preisermäfsigung wechseln kann, bedarf offenbar erst der weiteren Begründung. Eine solche mag man in den vielfach veränderten Lebensbedingungen erblicken, unter denen namentlich die Städter heutzutage leben. Von grofsem Einflufs auf die Art der Bedarfsgestaltung ist hier offenbar die Verallgemeinerung der Mietswohnung gewesen. Sie hat das moderne Nomadentum geschaffen und mit ihm die Abnahme der Lust am Dauernden, Festen, Soliden in der Wohnungseinrichtung. Schon dafs diese fast nur noch aus „Mobilien“ besteht — jetzt schon bis auf die Ofen (Dauerbrandöfen!) —, während doch ehedem die Sitze in den Fensternischen, die Ofenbank, ja selbst das Bett und mancher andere Hausrat mit dem Hause verwachsen war, hat eine Tendenz erzeugt, die Gegenporter ä pleins vaisseaux en Picardie et en Normandie“. G. D’Avenel, Le mecanisme de la vie moderne. 1896. ' p. 32. Siebzehntes Kapitel. Die Mobilisierung des Bedarfs. 329 stände leichter, weniger für die Ewigkeit berechnet zu machen. Und gar erst die Mobilisierung der Menschen selbst: dieses ewige Herumziehen von Ort zu Ort, von Strafse zu Strafse in derselben Stadt: mufs es nicht den Wunsch nach leicht transportabeln Möbeln und Gütern nahelegen ? Man hält es kaum für möglich, wenn man liest, welchen Grad von Unstetigkeit die Bevölkerung heute erreicht hat. In einer Stadt wie Breslau von 400 000 Einwohnern betrug (1899) die Zahl der umgezogenen Personen 194602, während innerhalb Hamburgs in demselben Jahre gar 212783 Parteien (!) ihr Domizil wechselten. Es wurden (1899) gemeldet (NB. ausschliefs- lich der Reisenden) 1 in Berlin . Breslau . Hamburg Zugezogene 235 611 60283 108281 Abgezogene 178654 54231 86245 Aber viel wichtiger ist doch der Umstand, dafs mit der Veränderung der Technik und der äufseren Lebensbedingungen, was wir schon an verschiedenen Stellen zu konstatieren Gelegenheit hatten, auch ein neues Geschlecht von Menschen herangewachsen ist. Menschen, die die Rastlosigkeit und Unstetigkeit ihres inneren Wesens auch in der äufseren Gestaltung ihres Daseins zum Ausdruck zu bringen trachten. Wir wollen den Wechsel unserer Gebrauchsgegenstände. Es macht uns nervös, wenn wir ewig ein und dasselbe Kleidungsstück an uns oder unserer Umgebung sehen sollen. Ein Abwechselungsbedürfnis beherrscht die Menschen, das oft geradezu zur Roheit in der Behandlung alter Gebrauchsgegenstände ausartet. Ein Ehepaar richtet sein Haus kaltlächelnd zur silbernen Hochzeit von oben bis unten neu ein, als ob die fünfundzwanzig Jahre gemeinsamer Nutzung nicht tausend Fäden zwischen den Bewohnern und ihren Möbeln gesponnen hätten, die zu zerreifsen empfindsamen Naturen als eine Barbarei erscheint. Aber das heranwachsende Geschlecht weifs nichts von der „Rührseligkeit“ und „Gefühlsduselei“ der früheren Zeit. Es ist härter geworden und damit sind auch die Beziehungen des Menschen zu den Gegenständen seines täglichen Gebrauchs jenes oft so gemütvollen und romantischen Zaubers entkleidet, der in die Zimmer unserer Eltern trotz aller ästhetischen Versündigungen doch jene Wärme hineintrug, die heute den glänzenden Salons der Enkel — ach wie häufig! — fehlt. 1 Jahrbuch deutscher Städte 9, 253. 330 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Nun ist aber endlich zu einem beträchtlichen Teil der ewige Wechsel, den wir mit unseren Gebrauchsgegenständen vornehmen, gar nicht einmal Ausflufs einer freien Entschliefsung. In aufser- ordentlich vielen Fällen untersteht der Einzelne dem Zwange, den die Sitte, den seine Gruppe auf ihn ausübt. Er wechselt, weil er wechseln mufs. Der Wechsel ist aus einer individuellen eine sociale Thatsache geworden, und damit gewinnt er erst jene weittragende Bedeutung, die ihm heute innewohnt. Der Leser sieht, bis zu welchem Punkte die Untersuchung gefördert ist 5 wir stehen vor dem Problem des Modewechsels, und das Thema, dessen Lösung uns obliegt, erheischt eine Erklärung dieses Phänomens: eine Theorie der Mode. Es ist schon manches kluge Wort über die Mode gesprochen und geschrieben worden. Von gelehrten Kulturhistorikern 1 , von tiefgründigen Psychologen 2 3 * , von geistvollen Ästhetikern 8 . Nur wie wir das so gewohnt sind, wenn wir nach den Nationalökonomen 1 fragen, die unsern Gegenstand etwa behandelt haben, so finden wir nur geringe Spuren ernsthafter Untersuchungen; meist nur Wiederholungen dessen, was Nichtfachmännner darüber geschrieben haben. Durch alle Kompendien und Lehrbücher schleppt sich der mäfsig gute Witz von Storch, der die Mode als „Meinungs- & konsumtion“ bezeichnet hat. Darüber hinaus ist man bis heute, soviel ich sehe, nicht gekommen. Man zankt sich höchstens gelegentlich einmal darüber herum, ob bezw. bis zu welchem Grade die „Mode“ unter ethischem Gesichtspunkte verdammenswert sei und damit basta. Demgegenüber sind etwa folgendes die hauptsächlichsten Momente , auf welche eine ökonomische Theorie der Mode Obacht zu geben hätte. Sie würde zunächst zu fragen haben, worin die Bedeutung der Mode für das Wirtschaftsleben zu suchen ist und würde sie alsbald finden in dem Einflufs, den sie auf die Bedarfsgestaltung ausübt. Über den Begriff der Mode wird man sich nicht 1 Vgl. die Werke, die die Geschichte der Mode und Trachten behandeln: Falke, Die deutsche Trachten- und Modenwelt. Ein Beitrag zur deutschen ^ Kulturgeschichte. 1858. Weifs, Kostümkunde. J. Lessing, Der Modeteufel, und viele andere. Eine kurzweilige, populär geschriebene Geschichte der (Kleider-) Mode enthält die Schrift von Kud. Schultze, Die Modenarrheiten. 1868. 2 Vgl. z. B. G. Simmel, Zur Psychologie der Mode in der „Zeit“, 12. Okt. 1895. 3 Friedrich Theodor Vischer hat eine seiner amüsantesten Schriften unserem Thema gewidmet: Mode und Cynismus, zuerst 1878. 3. Auflage. 1888. Siebzehntes Kapitel. Die Mobilisierung des Bedarfs. 331 lange zu streiten brauchen. Man kann die Definition Vischers: „Mode ist ein Allgemeinbegriff für einen Komplex zeitweise gültiger Kulturformen“ ohne grofse Bedenken annehmen, wenn mau den einzelnen Bestandteilen der Begriffsbestimmung nur den richtigen Sinn unterlegt. Für das Wirtschaftsleben sind es zwei notwendige Begleiterscheinungen jeder Mode, die vornehmlich in Betracht zu ziehen sind: 1. die durch sie erzeugte Wechselhaftigkeit, aber ebenso, was häufig übersehen wird, 2. die von ihr bewirkte Vereinheitlichung der Bedarfsgestaltung. Denken wir uns eine Bedarfsgestaltung, die von der Mode unabhängig ist, so würde die Nutzungsdauer für den einzelnen Gebrauchsgegenstand vermutlich länger, die Mannigfaltigkeit der einzelnen Gebrauchsgüter wahrscheinlich erheblich gröfser sein. Jede Mode zwingt immer eine grofse Anzahl von Personen, ihren Bedarf zu unificieren, ebenso wie sie sie nötigt, ihn früher zu ändern, als es der einzelne Konsument, wäre er unabhängig, für erforderlich halten würde. Beides: Vereinheitlichung und Wechsel sind relative Begriffe. Wann insbesondere letzterer beispielsweise die „Tracht“ zur „Mode“ werden läfst, ist schwerlich durch eine Zeitangabe zu bestimmen. Man wird sagen dürfen, dafs jede Geschmacksänderung, die zu einer Umgestaltung des Bedarfs während der Lebensdauer einer Generation führt, „Mode“ sei. Aber auf derartige begriffliche Unterscheidungen kommt es viel weniger an als auf die vergleichende Betrachtung der Art und Weise, wie die verschiedenen Zeiten ihre Bedarfsgestaltung Veränderungen unterworfen haben. Dies führt uns dazu, zu fragen: ob denn wirklich erst die Gegenwart es sei, die die „Mode“ in die Geschichte eingeführt habe, und mit welchem Rechte wir hier, wo es sich darum handelt, die Herausbildung des modernen Wirtschaftslebens zu schildern, die „Mode“ als einen Bestandteil der Neuerungen bezeichnet haben. Unzweifelhaft ist die „Mode“ keine dem 19. Jahrhundert eigene Erscheinung; wir werden ihre Entstehung, wenn sich von einer solchen überhaupt reden läfst, sicher in eine viel frühere Zeit verlegen müssen. Zwar möchte ich nicht so weit wie Julius Lessing gehen, der den „Modeteufel“ in allen Jahrhunderten gleichmäfsig am Werke sieht: denn das Schelten auf neu eingeführte Kleidertrachten, wie wir es in der moralisierenden Litteratur seit den Kirchenvätern finden, läfst doch nicht ohne weiteres auf die Existenz einer „Mode“ im modernen Sinne schliefsen. Dagegen begegnen wir unzweifelhaft der echten Mode in den italienischen Städten 332 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. schon des 15. Jahrhunderts 1 und während des 16. und 17. scheint auch im Norden die „Modenarrheit“ erheblich an Ausdehnung gewonnen zu haben 2 3 . In Venedig und Florenz gab es zur Zeit der Renaissance für die Männer vorgeschriebene Trachten und für die Frauen Luxusgesetze. Wo die Trachten frei waren, wie z. B. in Neapel, da konstatieren die Moralisten, sogar nicht ohne Schmerz, dafs kein Unterschied mehr zwischen Adel und Bürger zu bemerken sei. Aufserdem beklagen sie den bereits äufserst raschen Wechsel der Moden und die thörichte Verehrung alles dessen, was aus Frankreich kommt, während es doch oft ursprünglich italienische Moden seien, die man nur von den Franzosen zurückerhalte (Burckhardt). Und die für die Machthaber köstliche Zeit des ancien regime, das Jahrhundert der Watteau, Boucher, Fragonard, Greuze können wir uns gar nicht anders als unter dem launischen Scepter der Modegöttin stehend vorstellen. Wenn Mercier an einer Stelle ausruft 8 : „il est plus difficile ä Paris, de fixer l’admiration publique que de la faire naitre; on brise impitoyablement l’idole qu’on encensait la veille et des qu’on s’apper§oit qu’un homme ou qu’un parti veut dogmatiser on rit; et voilä soudain l’homme culbutd et le parti dissous“, so hätte er diese Worte seinem ganzen Werke als Motto vorsetzen können, denn sie kennzeichnen die Wesenheit alles dessen, was er uns von dem alten Paris erzählt. Und trotzdem ist man versucht zu behaupten, dafs das innerste Wesen der Mode sich erst in dem verflossenen Jahrhundert, ja erst seit einem Menschenalter voll entfaltet habe, dafs jedenfalls erst in der letzten Zeit die Eigenarten der Mode sich bis zu einem Grade ausgeprägt haben, der sie befähigte, jenen bestimmenden Einflufs auf die Gestaltung des Wirtschaftslebens auszuüben, der allein uns an dieser Stelle das Interesse für die Mode einzuflöfsen vermag. Was aber die moderne Mode vornehmlich charakterisiert und was die Mode früherer Zeiten entweder gar nicht oder doch nur in einer unendlich viel geringeren Intensität besafs, ist folgendes: 1. die unübersehbare Fülle von Gebrauchsgegenständen, auf die sie sich erstreckt. Diese Mannigfaltigkeit wird 1 Vgl. J. Burckhardt, Kultur der Renaissance. 3. Aufl. 2 (1878), 111 ff. 2 Die Litteratur beschäftigt sich immer häufiger mit der „Modenarrheit“: vgl. z. B. Ludw. Hartmannus, Der ä la mode-Teufel. 1675 (von Lessing citiert); oder die Stellen bei Horneck, Österreich über alles, wenn es nur will (1684) S. 18. 3 Mercier, Tableau de Paris 2 (1783), 75. Siebzehntes Kapitel. Die Mobilisierung des Bedarfs. 333 erzeugt einmal durch die reichere Ausgestaltung der Güterwelt überhaupt. Was beispielsweise heutzutage zur Vollendung der weiblichen Toilette, was zum Bedarf eines Löwen des Salons gehört, grenzt an das Fabelhafte. Und je unnützer der Gegenstand, desto mehr der Mode unterworfen. Was das Gigerl, wenn es in feldmarsch- mäfsiger Ausrüstung sich befindet, allein an „Gebrauchsgegenständen“ aufser der kompletten Kleidung auf dem Leibe tragen mufs, füllt zusammengelegt ein kleines Köfferchen an. Die Mannigfaltigkeit der „Modeartikel“ wird aber des weiteren auch dadurch gesteigert, dafs immer neue Kategorien von Gebrauchsgütern in den Bereich der Mode gezogen werden. So sind erst in neuerer Zeit recht eigentlich der Mode unterworfen nur von Bekleidungsgegenständen: Wäsche, Krawatten, Hüte, namentlich Strohhüte, Stiefel, Regenschirme u. a.; 2. ist es die absolute Allgemeinheit der Mode, die erst in unserer Zeit sich eingestellt hat. Während in der Renaissancezeit, trotz des beginnenden Einflusses Frankreichs, die Verschiedenheit der Mode selbst in den einzelnen Städten Italiens noch fortdauerte 1 und doch immerhin auch im grofsen Ganzen bis ins 19. Jahrhundert hinein, die Gleichförmigkeit der Bedarfsgestaltung auf je einen Stand, auf eine bestimmte sociale Klasse beschränkt blieb, ist es die Wesenheit unserer Zeit, dafs mit der Ausdehnungsintensität gasförmiger Körper sich jede Mode binnen kürzester Zeit über den Bereich der gesamten modernen Kulturwelt verbreitet. Die Egalisierungstendenz ist heute durchaus eine allgemeine und wird durch keine räumliche und keine ständische Schranke mehr aufgehalten. Endlich ist 3. das rasende Tempo des Modewechsels ein ebenfalls der Mode unserer Zeit charakteristisches Merkmal. Was wir aus vergangenen Jahrhunderten von dem Modewechsel erfahren, ist doch immer nur eine höchstens nach Jahren rechnende Verschiebung der Bedarfsgestaltung. Heute ist es kein seltener Fall mehr, dafs beispielsweise eine Damenkleidermode in einer und derselben Saison vier- bis fünfmal wechselt. Und wenn wir bei irgendeiner „Mode“ eine Lebensdauer von mehreren Jahren nachweisen zu können glauben, so setzt uns das höchlichst in Erstaunen und wir sprechen schon davon, wenn es sich um eine Kleidermode handelt, dafs die betreffende Eigenart anfange, einen Bestandteil unserer „Tracht“ zu bilden: wie beispielsweise der Frack der Herren. Aber auch in 334 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. diesem Falle betrifft die Dauer doch immer nur einen Typus als Ganzes betrachtet: an den Einzelheiten bosselt und nestelt die Mode gleichwohl immer weiter herum. Wer möchte beispielsweise den zwei- oder dreijährigen Frack nicht an der Unterschiedlichkeit in Schnitt und Stoff vom modischen Frack jederzeit zu erkennen sich anheischig machen? „Wie ein unartiges Kind, das keine Ruhe giebt, so treibt es die Mode,- sie thut’s nicht anders, sie mufs zupfen, rücken, umschieben, strecken, kürzen, einstrupfen, nesteln, krabbeln, zausen, strudeln, blähen, quirlen, schwänzeln, wedeln, kräuseln, aufbauschen, kurz, sie ist ganz des Teufels, jeder Zoll ein Affe, aber just auch darin wieder steif und tyrannisch phantasielos gleichmacherisch, wie nur irgend eine gefrorene Oberhofmeisterin spanischer Observanz; sie schreibt mit eisiger Ruhe die absolute Unruhe vor, sie ist wilde Hummel und mürrische Tante, ausgelassener Backfischrudel und Institutsvorsteherin, Pedantin und Arlekina in Einem Atem Was ist es nun aber, das alle diese der Mode eigentümlichen Züge gerade in unserer Zeit, die sich selbst mit Vorliebe das Prädikat der aufgeklärten beilegt, so scharf herausgearbeitet hat? Diese Frage ist naturgemäfs schon oft aufgeworfen und ebenso oft beantwortet worden, aber ich mufs gestehen, dafs keiner der Erklärungsversuche mich voll befriedigt. Ich meine nicht jene Deutungen des Wesens der Mode überhaupt. Hier sind die Untersuchungen Simmels und Vischers derart, dafs ihnen kaum etwas neues hinzugefügt werden könnte. In dem Grundgedanken dieser beiden Schriftsteller, dafs die Mode „eine besondere unter jenen Lebensformen darstellt, durch die man ein Kompromifs zwischen der Tendenz nach socialer Egalisierung und der nach individuellen Unterscheidungsreizen herzustellen sucht“ (Simmel), ist sicher die psychologische Eigenart modemäfsigen Verhaltens richtig zum Ausdruck gebracht. Sondern ich meine jene Theorien, die die intensive Entfaltung der Mode- haftigkeit in unserer Zeit, die Durchtränkung des gesamten socialen Lebens der Gegenwart mit Mode, die insbesondere die oben namhaft gemachten Specifika der modernen Mode zu erklären sich anheischig machen. Sie tragen alle ein ausgesprochen doktrinärgekünsteltes Gepräge: wenn Vischer beispielsweise die stark ausgeprägte Modehaftigkeit der Gegenwart als eine Frucht der scharfen Zuspitzung der Reflexion ansieht, zu welcher die Gedankenströmungen 1 Visclier, a. a. 0. S. 52. Siebzehntes Kapitel. Die Mobilisierung des Bedarfs. 335 des 18. Jahrhunderts das Bewufstsein gewetzt und geschliffen haben. Man merkt ihnen auf den ersten Blick an, dafs ihre Verfasser keine rechte Vorstellung haben von der Art und Weise, wie denn „die Mode“ heutigentags entsteht, also auch nicht von den treibenden Kräften, die bei ihrer Bildung hauptsächlich thätig sind. Mir scheint aber, als ob eine genaue Kenntnis dieser Vorgänge uns allein in Stand setzt, den unserer Zeit eigentümlichen Verumständungen bei der Bildung der Mode auf die Spur zu kommen und also auch allein die Mittel an die Hand giebt, die aufgeworfene Frage sachgemäfs zu beantworten. Um die aufserordentlich komplizierten Zusammenhänge, um die es sich bei der Entstehung der Mode handelt, möglichst deutlich zur Anschauung zu bringen, greife ich eine bestimmte Geschäftsbranche, in der die Mode ja eine hervorragenbe Rolle spielt, heraus: die Damenkleidung, und werde zunächst einfach erzählen, wie in ihr die Entwicklung der Mode sich zu vollziehen pflegt 1 . Nehmen wir zum Ausgangspunkt ein Breslauer Damenmäntel-Konfektion shaus und treten wir in seine Geschäftsräume etwa in der Pfingstwoche 1900 ein. So sehen wir die Detailverkaufsräume naturgemäfs angefüllt mit Jackets und Mänteln, die im Frühjahr und Sommer 1900 bedurft werden und deren Schicksal uns hier nicht interessieren soll; wir finden dagegen die grofsen Engrosverkaufshallen voller Kleidungsstücke, die im Winter 1900/1901 getragen zu werden bestimmt sind. Es sind einstweilen nur „Kollektionen“, „Musterungen“, nach denen die zureisenden Händler der Provinz ihre Bestellungen machen, dieselben Kollektionen, mit denen in der Woche nach Pfingsten der Schwarm der Reisenden 1 Die folgende Darstellung beruht im wesentlichen auf eigener Anschauung und Aussprache mit Grofsindustriellen und Großhändlern der verschiedenen Branchen. Das einzige, was aus der Litteratur zu verwenden ist, ist das Werk von Coffignon, Les Coulisses de la Mode (ca. 1888), dem ich viel Anregung verdanke. Es ist aber durchaus feuilletonistisch-skizzenhaft gehalten. Ferner bieten einen reichen Stoff an Einzelthatsachen, die freilich erst für die Zwecke der wissenschaftlichen Verwertung zurechtgemacht werden müssen, die zahlreichen Fachzeitschriften, deren jede Branche ein halbes Dutzend und mehr besitzt, namentlich die österreichischen, französischen und amerikanischen. Ganz besonders reichhaltig ist die deutsche Zeitschrift „Der Konfektionär“, der während der Saison zweimal wöchentlich in Nummern von je 64 Folioseiten erscheint. Die im Text gegebene Darstellung ist an der Hand des Inhalts der letzten Jahrgänge des „Konfektionärs“ auf ihre Richtigkeit hin geprüft worden. 1 336 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. auf der Suche nach Kunden aufserhalb Breslaus auszieht. Diese Mäntel und Jacken tragen eine Mode: die Mode des kommenden Winters. Wie ist sie entstanden? Zunächst sagen wir einmal auf dem Wege der Inzucht: Zeichner unseres Breslauer Hauses haben in Anlehnung an die herrschende Sommermode Entwürfe für Wintersachen gemacht, die dann zur Ausführung gebracht sind: nach Gutdünken. Aber in der Hauptsache ist es doch fremder Geist, der in den Kleiderregalen unseres heimischen Geschäftes haust: v die meisten der dort ausgestellten Stücke sind nach Berliner Modellen, die der Leiter des Geschäfts ein paar Wochen vorher in der Keichshauptstadt bei den tonangebenden Konfektionären, den Mannheimer und Konsorten eingekauft hat. Unser Weg zur Quelle der Mode führt uns also zunächst nach Berlin: welcher Eingebung verdanken die Berliner Muster ihr Dasein? Teilweise wiederum eigener Konzeption : ein gröfserer und gewandterer Stab von Dessinateuren, die im Dienste der Berliner Konfektionäre ihre Kunst verwerten, hat aus den Vorlageblättern für die Sommermode durch zweckentsprechende Abänderungen der Wintermode 1899/1900 — auf diese Änderungen kommt es vor allem an — eine neue Wintermode heraus destilliert: hat beispielsweise die durchbrochenen Ärmel der Sommermode 1900 auf die Winterkleider der kommenden Saison auf- geklatscht — nebenbei ganz unsinniger Weise und rein mechanisch, denn der Durchbruch, der in der Sommertoilette seine tiefere Bedeutung hat, wird zur Faxe bei der Wintermode. Aber auch an den Berliner Kollektionen, die den Kodex für die Provinzen Deutschlands abgeben, ist nur ein Teil eigene Erfindung. Ganz wesentlich haben auf ihre Gestaltung wiederum auswärtige Modelle eingewirkt; diesmal Pariser Modelle, die die Berliner Konfektionäre im Lauf des Winters 1899/1900 in Paris eingekauft haben. In Paris beschäftigen sich zahlreiche Geschäfte übei'haupt nur mit der Anfertigung und dem Vertrieb solcher Muster; es sind die sog. Maisons d’echantillon- i neurs. Woher haben diese Häuser ihre Mode? Auch sie haben sie nicht selbst erzeugt, auch sie leuchten im wesentlichen mit fremdem Licht. Dieses Licht aber, in dem die „Echantillonneurs“ leben, ist endlich die Centralsonne, von der alle Mode in unserer Branche & ausstrahlt: es sind die grofsen Schneider der halben Ganzwelt und ganzen Halbwelt in Paris. Sie sind es, die die Originalmode schaffen, in unserem Falle also die Wintermode 1900/1901 für Leitomischel und Krotoschin im Frühling, Sommer, Herbst 1899 geschaffen haben. Es ist ein Studium für sich, ein höchst originelles und inter- t Siebzehntes Kapitel. Die Mobilisierung des Bedarfs. 337 essantes Kapitel: die Genesis der Pariser Mode, von dem ich nur einzelne wenige Stücke hier wiedergeben kann 1 . Bekannt auf der ganzen Erde als Gebilde ganz eigenartiger Natur sind die grofsen Meister der Schneiderkunst: die „grands couturiers“, die „tapissiers des femmes“, wie sie sich selbst lieber nennen hören, von denen Mich eiet sagen zu sollen glaubte: „pour un tailleur, qui sent modele et rectifie la nature, je donnerais trois v sculpteurs classiques.“ Ihre Zahl ist nicht gering. Selbst führende Häuser giebt es fast ein Dutzend, unter denen wiederum Rouff und Lafferiere, Pingat und Worth, neuerdings vor allem Doeuillet und Doucet an Macht und Ansehn hervorragen. Diese ganz Grofsen sind in der „Kreierung“ der Mode fast autonom; ganz selten, dafs sie sich einer „Anregung“ bedienen, die ihnen die vendeurs d’id<$es, die „dessinateurs de figurines“, deren es etwa 12 in Paris giebt, gegen klingende Münze zukommen lassen. Nur in Ausnahmefällen auch folgen sie den Anweisungen ihrer Klientel. Diese ist im wesentlichen nur ihr Organ, ist nur das Instrument, auf dem sie spielen. Vor allem die grofsen tonangebenden Kokotten und nächst ihnen die Heldinnen der Bühne — im Frühjahr 1899 beispielsweise die M e Bartet als Francilion, heuer (1900) mit Vorliebe die Rejane, die der Manequin Doucets ist — dienen dazu, die meisten Schöpfungen der genannten Herren, wie der Ausdruck lautet, zu „lancieren“. Dieweil aber die Herrschaft der Demimondaine über Paris naturgemäfs im Winter geringer ist als in der guten Jahreszeit, so liegen die eigentlichen Schöpfungstage der Mode im Frühjahr und Herbst: es sind der Firnifstag im Salon, der Concours hippique, die Rennen von Auteuil und namentlich der Grand Prix in den Longchamps während des Frühjahrs, neuerdings auch ein Grand Prix im Herbst. Schlägt die neue Mode ein, so folgt die Mondaine der Demimondaine bald nach und der Fortpflanzungs- prozefs, den wir oben beobachtet haben, kann beginnen, bis er sein Ende 0/2—2 Jahr später in dem kleinen posenschen Städtchen an der russischen Grenze erreicht. Ich sagte: die europäisch - amerikanische Kleidermode sei die o ureigene Schöpfung des Pariser Schneiders. Das ist nun aber doch nur mit einiger Einschränkung richtig: es bezieht sich nämlich nur auf die „Fayon“ der Kleidungsstücke. Machen wir uns aber klar, 1 Vgl. noch aufser den bereits genannten Schriften: Circulaire Nr. 14 der Serie A. des Musee social (80. Jun. 1897) „LIndustrie de la couture et de la confection ä Paris“ und die daselbst angeführte Broschüre des Schneiderkönigs Worth. Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 22 C 338 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. dafs unser „Meister“ ja doch sein Werk komponieren mufs unter Zuhilfenahme irdischer Stoffe: er bedarf der Seide und Wolle, des Samtes und Pelzwerks, der Spitzen und Rüschen, der Passamente aller Art, der Knöpfe und Schnallen, der Federn und Blumen, kurz einer unendlichen Fülle gewerblicher Erzeugnisse, die ihre Geschichte schon hinter sich haben, wenn sie in die Hände der Couturiers gelangen, deren Mode also auch vorher schon gebildet sein mufs. Zweifellos übt der „schöpferische“ Schneider auch Einflufs auf die Moderichtung in allen Branchen aus, deren Erzeugnisse ihm für sein Werk dienen: im grofsen Ganzen aber nimmt er die Stoffe und Zuthaten, wie sie ihm die verschiedenen Industrien liefern, zum Ausgangspunkt für seine eigene Komposition. Auf unserer Wanderung ins Heimatland der Mode sind wir also abermals auf ein ferneres Ziel hingewiesen : wir müssen die Modebildung in den Hilfsindustrien der Schneiderei ins Auge fassen. Und abermals stofsen wir auf das Bureau von Dessinateurs, die im Dienste der kapitalistischen Unternehmer „Muster“ und „Modelle“, sei es für Stoffe, für Besätze, für Behang zeichnen, die von den Fabriken ausgeführt und dann in Musterkollektionen zusammengestellt der Kundschaft (die in diesem Falle nie der letzte Konsument, sondern immer nur wieder ein Fabrikant oder Händler ist) zur Auswahl vorgelegt werden. Wer sich nicht eigene Zeichner halten kann, abonniert sich auf solche neue „Dessins“. In der Textilbranche giebt es in Paris Specialgeschäfte für Musteranfertigung, bei denen die grofsen Webereien des In- und Auslands ihren Bedarf an neuen Gedanken, „Dessins“, gegen Bezahlung einer Pauschalsumme in jeder Saison zu decken in der Lage sind. In einzelnen Branchen werden die Muster der neuen Mode durch Beschlufs der Vertreterschaft der betreffenden Industrie gleichsam kanonisiert. So giebt die „Chambre syndicale des fleurs et des plumes“ alljährlich eine Farbenkarte heraus, die mafsgebend ist für alle Blumen- und Federerzeugung. Sie wird bestimmt wiederum auf Grund der Seiden bandmuster, die von den Lyoneser Seidenbandfabrikanten zur Ansicht versandt werden und ist dann zum Preise von 3 Mk. überall käuflich. So ergiebt sich schon ein Netz gegenseitiger Abhängigkeitsbeziehungen zwischen den einzelnen Industriezweigen selbst nach dieser etwas schematisierten Darstellung. In Wirklichkeit ist es ein noch unendlich komplizierterer Prozefs, in dem die Mode zum Leben und zur Verbreitung gelangt. Denn wenn es auch theoretisch und für die grofsen Züge der Damenmodeentwicklung richtig ist, dafs Siebzehntes Kapitel. Die Mobilisierung des Bedarfs. 330 im Winter 1898/99 die Stoff- und Knopfmode in den französischen Industrien kreiert wird für die Kleider und Mäntel, die das provinziale Ostdeutschland im Winter 1900/1901 trägt, so ist doch zu bedenken, dafs dieser geradlinige Entwicklungsgang durch zahlreiche Tendenzen in verschiedenster Richtung durchkreuzt wird: dadurch, dafs deutsche oder andere Schneider und Konfektionäre die französische Mode nach dem Original kopieren, ohne des umständlichen Vermittlungsmechanismus zu bedürfen, der bei obiger Schilderung hypostasiert wurde; dadurch, dafs die „Dessins“ und Musterkollektionen z. B. in der Textilindustrie eher Verbreitung finden als die daraus gefertigten Kleidungsstücke, also selbständig modebildend wirken können; dadurch, dafs die zahlreichen Fachzeitschriften und Modejournale die neue Mode schon fast im Momente ihrer Entstehung, ja teilweise noch in ihrem embryonalen Zustande in alle Welt verbreiten helfen: „Die Horcher wollen vernommen haben,“ schreibt beispielsweise der „Konfektionär“ am 1. Juni 1899, „dafs Meister Worth und Pingat für die Konfektion, die Mäntel und Paletots der Herbstsaison dem engeren Ärmel ihre Gunst entziehen .... Bei Redfern wird man Herbstmodelle schaffen, die aus zweierlei Stoff gehalten sind . . . Bei Francis in der Rue Auber will man den Karpfen sich zum Muster nehmen . . . Doucet wird versuchen mittels der M me Röjane das Empirekleid wieder zu lancieren u. s. w. u. s. w.“ Endlich bleibt auch zu bedenken, dafs neben dem Hauptcentrum Paris auch noch kleinere Centren in bescheidenen Grenzen mode- bildend wirken. Teils dadurch, dafs sie Licht von der Centralsonne des Geschmacks borgen: wenn die ausländische Gräfin oder Gesandtenfrau Dessins, die sie bei einem berühmten Pariser „dessina- teur de figurines“ erworben hat, bei ihrer Wiener, Londoner oder St. Petersburger Schneiderin zur Ausführung bringen läfst. Gelegentlich aber wohl auch durch Eigenschöpfung: mit dem Rennen zu Ascot im Juni, mit dem Wiener Derby ist immerhin zu rechnen. Es ist wenigstens möglich, dafs an diesen Tagen eine neue Mode englischer oder Wiener Inzucht das Licht der Welt erblickt und ihren Rundgang durch Europa-Amerika ausnahmsweise nicht von Paris aus beginnt. Aber das alles betrifft nun erst die eine — allerdings wohl wichtigste — Provinz des Reiches der Mode. Für die übrigen gelten vielfach abweichende Gesetze. So ist das Centrum für die Entstehung der Herrenmoden noch immer die Umgebung des (weiland) Prinzen von Wales, dessen Herrschaft namentlich für Hutformen und Kravattenfarben weit über die Grenzen beider Indien 22 * 340 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. hinausreicht. Schuh und Stiefel sind besonders kapriziös in Bezug auf die Mode. Sie empfangen ihre Weisungen vielfach aus Amerika, seitdem Wiens Einflufs zurückgegangen ist, und ihre Mode, könnte man sagen, wird auf abstraktere Weise lebendig: oft nur durch Vermittlung der Fachzeitschriften und Modejournale, ohne das Dazwischentreten (im eigentlichen Sinne) eines lebendigen Fufses oder Fiifschens. Gelegentlich lanciert aber auch dieses eine specielle Mode. So kamen die Moliereformen der Schuhe erst auf, nachdem die Otero damit den Ostender Strand im Jahre 1899 beschritten hatte u. s. f. Ich denke aber, dafs das Mitgeteilte genügen wird, um daraus Aufschlufs über die Fragen zu entnehmen, die uns beschäftigen. Was nämlich als entscheidende Thatsache aus dem Studium des Modebildungsprozesses sich ergiebt, ist die Wahrnehmung, dafs die Mitwirkung des Konsumenten dabei auf ein Minimum beschränkt bleibt, dafs vielmehr durchaus die treibende Kraft bei der Schaffung der modernen Mode der kapitalistische Unternehmer ist. Die Leistungen der Pariser Kokotte und des Prinzen von Wales tragen durchaus nur den Charakter der vermittelnden Beihilfe. Alle Eigenarten der modernen Mode, wie wir deren einige kennen gelernt haben, sind also aus dem Wesen der kapitalistischen Wirtschaftsverfassung zu erklären: eine Aufgabe, deren Lösung nunmehr nicht die geringsten Schwierigkeiten mehr bereitet. Der Unternehmer, mag er Produzent, mag er Händler sein, ist durch die Konkurrenz gezwungen, seiner Kundschaft stets das neueste vorzulegen, bei Gefahr ihres Verlustes. Wenn ein halb Dutzend Grofskonfektionäre um den Absatz bei einem kleinstädtischen Kleiderhändler sich bemühen, so ist es ganz ausgeschlossen, dafs sie sämtlich nicht mindestens auf der Höhe der neuesten Mode sind; die Tuchfabrik, die einem grofsstädtischen Schneider auch nur ein um wenige Monate älteres Dessin schicken, die Baumwollenfabrik, die dem Modewarenbazar nicht die letzte Neuheit anbieten würde, schiede von vornherein aus dem Wettbewerbe aus. Daher das weitverbreitete Streben des Unternehmers, mindestens auf dem Laufenden zu bleiben, sich stets in den Besitz der neuesten Musterkollektionen, der neuesten Vorlageblätter zu setzen. Hier liegt die Erklärung vor allem auch für die Verallgemeinerung der Mode. Und sofern es einer ganzen Kategorie von Geschäften darauf ankommen mufs, das obige „Mindestens“ zu überbieten, durch reizvolle Neuheiten den Kunden Siebzehntes Kapitel. Die Mobilisierung des Bedarfs. 341 überhaupt zum Kauf und zwar zum Kauf bei ihnen zu veranlassen , erzeugt die kapitalistische Konkurrenz die zweite Tendenz der modernen Mode: die Tendenz zum raschen Wechsel. Überall aber, wo wir den Produzenten selbst am Werke sahen, um durch eigene „Weiterbildung“ Neues zu schaffen, wo der Konfektionär oder Textilwarenfabrikant eigene Dessinateure unterhält, gar aber erst bei den Geschäften, die nur dadurch bestehen, dafs sie andere Neuheiten liefern: überall dort wird ein Herd für ein wahres Neuerungsfieber geschaffen. Man saugt sich das Blut aus den Nägeln, martert das Hirn, wie es denn möglich zu machen sei, immer wieder und wieder etwas „neues“ — und darauf kommt es im wesentlichen an — auf den Markt zu werfen. Ich will hier einen beliebig herausgegriffenen Stimmungsbericht aus der Textilbranche wiedergeben, der mut. mut. für alle Geschäftszweige zutrifft und die Situation in ein helles Licht setzt. Es heifst da in der Nummer des „Konfektionärs“ vom 11. Mai 1899, dafs die „Musterungen“ (für das Frühjahr 1900) begonnen haben, und dann weiter: „Dieser kostspielige, schwierige Teil unserer Fabrikation verursacht von Saison zu Saison. mehr und mehr Kopfzerbrechen. Die Frage: was mustern? ist eine leicht gestellte, aber ungemein schwer zu beantwortende. Neue Sachen, neue Artikel, neue Dessins sollen gebracht werden. Leicht war dies für Fabrikanten und Musterzeichner noch vor einigen Jahren, als dies Gebiet noch nicht so ausgetreten und die Nachfrage eine bessere war. Aber jetzt, wo die geradezu riesenhaften Anstrengungen allenthalben gemacht worden sind und noch gemacht werden, wo man bereits alles mögliche im Laufe der letzten Jahre gemustert und gebracht hat, wo man jede Verzierungsform, seien es nun Blätter und Blüten oder ornamentale Sachen, Diagonalen, langgestreifte und traversbildende Muster nach jeder erdenklichen Richtung hin ausgebeutet hat; jede Bindung und jeden Versatz durchprobiert und in Anwendung brachte, und jedes Garn in allen nur möglichen Bindungen und Zusammenstellungen verarbeitete, jetz ist es für Fabrikanten, Musterchef und Musterzeichner schwer, oft geradezu eine Sorge: die Zusammenstellung der neuen Kollektionen. Vor einigen Jahren genügte es vollkommen, wenn der Musterzeichner eine Kollektion abgesetzter Sachen, worunter höchstens noch einige Rheingoldstreifen sich befanden, vorlegte. Man wählte eine Anzahl Dessins für Atlasfond, Ripscreme und einige einfache Grundbildungen, bestellte noch einige Rheingoldstreifen und Trauer- 342 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. lcrepes und war mit dein Musterzeichner fertig. Tauchte einmal etwas neues auf, und das war damals nicht schwer, so wurde eine oder mehrere Saisons nebst der jetzt gänzlich verschwun- denen Nachmusterung fast weiter gar nichts gemacht, als (folgt ein*; Aufzählung stereotyper Muster). Alles dieses waren Artikel, welche andauernd und mit Erfolg gemustert wurden.“ Bei dieser Sachlage ist es leicht verständlich, dafs die Fabrikanten hocherfreut sind, wenn ihnen von irgendwoher die Möglichkeit geschaffen oder vergröfsert wird, „Neuerungen“ an einem Artikel vorzunehmen, mit anderen Worten, ihn der Mode mehr als bisher zu unterwerfen. So lesen wir in einem Bericht aus der Kravattenbranche („Konfektionär“ vom 13. VH. 1899): „Es ist nicht zu verkennen, dafs der Kravattenfabrikation ein sich immer mehr vergröfsernder Spielraum bei der Auswahl der Stoffe eingeräumt wird . . . Die früher als verpönt geltenden Nüancen schmeichelten sich allmählich ein. Je mehr die Farbenskala an Umfang gewinnt, um so interessanter und vorteilhafter dürfte sich das Geschäft für die Fabrik und den Detailleur gestalten, weil unter diesen Bedingungen häufiger ein radikaler Genrewechsel vor sich gehen kann, den die früheren Verhältnisse verboten. Die Mode ist in das Gebiet der Herrenkravatten- Konfektion eingezogen und regt alle beteiligten Faktoren zu rühriger Thätigkeit an.“ Damit nun aber dieses immer heftigere Konkurrenzstreben der Unternehmer untereinander auch wirklich immer den Effekt des Modewechsels habe, müssen noch einige andere Bedingungen in dem socialen Milieu erfüllt sein, so wie es heute der Fall ist. An sich wäre es ja möglich, dafs ein Konkurrent dem andern durch gröfsere Güte oder Billigkeit einer nach Form und Stoff unveränderten Ware zuvorzukommen suchte. Warum durch den Wechsel der Mode? Zunächst wohl deshalb, weil hierdurch noch am ehesten ein fiktiver Vorsprung erzeugt wird, wo ein wirklicher nicht möglich ist. Es ist immerhin noch leichter, eine Sache anders, als sie besser oder billiger herzustellen. Dann kommt die Erwägung hinzu, dafs die Kaufneigung vergröfsert wird, wenn das neue Angebot kleine Abweichungen gegenüber dem früheren enthielt: ein Gegenstand wird erneuert, weil er nicht mehr „modern“ ist, trotzdem er noch längst nicht abgenutzt ist: die berühmte „Meinungskonsumtion“ Storchs. Endlich wird damit der bereits gekennzeichneten Stimmung des Menschen unserer Zeit Rechnung getragen, die dank ihrer inneren Unrast auch eine gesteigerte Freude am Wechsel haben. Aber der Siebzehntes Kapitel. Die Mobilisierung des Bedarfs. 343 entscheidende Punkt ist mit alledem noch nicht getroffen; das ist vielmehr folgender: Es ist einer der Haupttricks unserer Unternehmer, ihre Ware dadurch absatzfähiger zu machen, dafs sie ihr den Schein gröfserer Eleganz, dafs sie ihr vor allem auch das Ansehen derjenigen Gegenstände geben, die dem Konsum einer social höheren Schicht der Gesellschaft dienen. Es ist der höchste Stolz des Kommis, dieselben Hemden wie der reiche Lebemann zu tragen, des Dienstmädchens, dasselbe Jackett wie seine Gnädige anzuhaben, der Fleischersmadame, dieselbe Plüschgarnitur wie Geheimrats zu besitzen u. s. w. Ein Zug, der so alt wie die sociale Differenzierung zu sein scheint, ein Streben, das aber noch niemals so vortrefflich hat befriedigt werden können, wie in unserer Zeit, in der die Technik keine Schranken mehr für die Kontrefagon kennt, in der es keinen noch so kostbaren Stoff, keine noch so komplizierte Form giebt, als dafs sie nicht zum Zehntel des ursprünglichen Preises alsobald in Talmi nachgebildet werden könnten. Nun ziehe man des weiteren in Betracht das rasend schnelle Tempo, in dem jetzt irgend eine neue Mode zur Kenntnis des Herrn Toutlemonde gelangt: mittels Zeitungen, Modejournalen, aber auch infolge des gesteigerten Reiseverkehrs etc. Wie mir ein hiesiger Konfektionär klagte: vor ein paar Jahren noch, wenn da der Reisende mit der neuen Musterkollektion in der kleinen Stadt ankam und seine Koffer auszupacken begann, da sammelte sich ein Kreis staunender Bewunderer um das Mädchen aus der Fremde und ein Ah! nach dem andern entrang sich den Lippen der Zuschauer. Jetzt heilst es: „Ja, aber ich bitte — da habe ich neulich in meinem Journal von der und der neuesten Facon gelesen: die fehlt ja ganz, wie mir’s scheint, in Ihrer Kollektion, werter Herr“ . . . Und kaum, dafs die Mode bekannt geworden, der lange Damenpaletot in den Gesichtskreis der Ostrowoer Schönen getreten ist, so liefert die Konfektion ihn, der eben noch nicht unter 80 Mark zu haben war, „genau denselben“ auch schon für 30 Mark. Und wenn eben mit Mühe und Not eine Sommer- hemdenfagon für Herren gefunden schien, die nicht jeder Ladenschwengel tragen konnte: die ungestärkten, bunten Oberhemden mit festen Manchetten, weil sie zu teuer waren, so hängen im nächsten Sommer schon gleichfarbige Vorhemdchen mit ebenfalls weichem Einsatz aus zum Preise für 1 Mark das Stück. Fühlt man sich gerade im Besitze eines Spazierstocks mit silberner Krücke geborgen vor dem nachäffenden vulgus, so preist der billige Mann schon am nächsten Tage einen ganz genau wie der V 344 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. eigene aussehenden Stock mit elender Blechkrücke für 1 Reichsmark an u. s. w. Dadurch wird nun aber ein wahres Steeple- chase nach neuen Formen und Stoffen erzeugt. Denn da es eine bekannte Eigenart der Mode ist, dafs sie in dem Augenblick ihren Wert einbüfst, in dem sie in minderwertiger Ausführung nachgeahmt wird, so zwingt diese unausgesetzte Verallgemeinerung einer Neuheit diejenigen Schichten der Bevölkerung, die etwas auf sich halten, unausgesetzt auf Abänderungen ihrer Bedarfsartikel zu sinnen. Es entsteht ein wildes Jagen nach ewig neuen Formen, dessen Tempo in dem Mafse rascher wird, als Produktionsund Verkehrstechnik sich vervollkommnen. Kaum ist in der obersten Schicht der Gesellschaft eine Mode aufgetaucht, so ist sie auch schon entwertet dadurch, dafs sie die tiefer stehende Schicht zu der ihrigen ebenfalls macht: ein ununterbrochener Kreislauf beständiger Revolutionierung des Geschmacks, des Konsums, der Produktion. Eine wichtige Rolle in diesem Prozesse, der die innerste Natur der modernen „Moderaserei“ erst zum Verständnis bringt, spielen die modernen grofsen Detailhandelsgeschäfte, namentlich die Grands magasins de nouveautds. Eins ihrer beliebtesten Manöver ist es, irgend einen Kleiderstoff oder sonstigen Modeartikel, nachdem die allererste Hochflut der Nachfrage in den führenden Kreisen der ganzen und halben Welt vorüber ist, in grofsen Posten bei den Fabrikanten zu bestellen, so dafs sie ihn erheblich billiger beziehen, und ihn dann als Lockartikel zum Selbstkostenpreise abzugeben: die Folge ist, dafs alle Damen, die gern ä la mode sich kleiden oder einrichten möchten, und deren Portemonnaie doch nicht grofs genug dazu ist, es den obersten Zehntausend nachzuthun, nun die Gelegenheit begierig ergreifen, die „derniere nouveaute“ im Bon Marche oder Louvre en masse zu kaufen, die dann natürlich aufgehört hat, überhaupt noch von „anständigen“ Menschen benutzt werden zu können. Mit dieser letzten Gedankenreihe sind wir aber schon aus dem Kreis der Betrachtungen herausgetreten, denen dieser Abschnitt gewidmet war: der Umgestaltung des Konsums, und haben schon hinübergegriffen in den Bereich des nächsten Abschnittes, der die Neugestaltung der Absatzformen zur Darstellung zu bringen hat. Wir nehmen Abschied von dem reizvollen Kapitel, das dem „a la Mode-Teufel“ und der Art gewidmet war, wie er in der Gegenwart sein oft genug drolliges Wesen treibt mit der Em- Siebzehntes Kapitel. Die Mobilisierung des Bedarfs. 345 pfindung, dafs die obigen Ausführungen den Zusammenhang in aller Deutlichkeit aufgewiesen haben, der auch zwischen dem Phänomen der Mode und unserer Wirtschaftsorganisation besteht. Man wird nicht zu fürchten brauchen, der Übertreibung geziehen zu werden, wenn man behauptet: die Mode, zumal in ihrer heutigen Gestalt, ist des Kapitalismus liebstes Kind: sie ist aus seinem innersten Wesen heraus entsprungen und bringt seine Eigenart zum Ausdruck wie wenige andere Phänomene des socialen Lebens unserer Zeit. l > Vierter Abschnitt. Die Neugestaltung des Güterabsatzes. Achtzehntes Kapitel. Die Vermehrung der Händlerschaft. Die vorangehenden Kapitel haben gezeigt, in welchen Richtungen die Bedarfsentwicklung unter dem Einflüsse des Kapitalismus neue Wege geht. Jetzt wird der Nachweis zu führen sein, dafs und wie die Organisation des Warenumsatzes und-Absatzes sich in einer der veränderten Bedarfsgestaltung entsprechenden Weise selbst einer Neugestaltung unterzieht: erst danach werden die Wirkungen der Marktveränderungen auf die Produktion in ihrer ganzen Tragweite verstanden werden können. Was aber zunächst die intensive und extensive Steigerung der Nachfrage nach marktmäfsig abgesetzten Gütern erheischte, war eine Vermehrung der Händlerschaft. Eine solche ist in der That in allen Ländern fortschreitender Kultur eingetreten und zwar mit solcher Regelmäfsigkeit, dafs wir geradezu den Anteil der handeltreibenden Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung als einen Gradmesser der wirtschaftlichen Entwicklung betrachten können. Wir finden nicht minder eine Abstufung dieser Anteilziffern in verschiedenen Zeitläuften eines und desselben Wirtschaftsgebiets als zwischen den verschieden hoch entwickelten Teilgebieten eines und desselben Landes, als endlich auch zwischen Ländern verschieden hoher Entwicklungsstufe. So wurden im Königreich Preufsen Erwerbsthätige im Handel gezählt auf 1000 Einwohner: 1843 = 9,7 (nach Dieterici) 1895 = 24 (nach der Berufszählung). Achtzehntes Kapitel. Die Vermehrung der Händlerschaft. 347 Selbst in dem hochentwickelten Königreich Sachsen betrug der Anteil der im Handel thätigen Personen von den überhaupt Erwerbstätigen vor 50 Jahren erst 2,56 “/o 1 gegen 6,37% im Durchschnitt des ganzen Reichs im Jahre 1895. In einer Stadt wie Breslau betrug der Anteil der handeltreibenden Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung 2 : 1846 = 3,1 % 1895 = 6,0 „ Und zwar können wir 'die Thatsache feststellen, dafs diese Vermehrungstendenz eine in der Gegenwart fortwirkende ist. So wurden nach den amtlichen Erhebungen der Jahre 1882 und 1895 in Deutschland ermittelt 3 : 1882 — 1364 Handelsbetriebe auf 100000 Einwohner 1895 = 1502 und 1882 entfiel ein gewerbthätiger Händler auf 59,9 Einwohner, 1895 schon auf 38,8. Vergleichen wir die Entwicklung in verkehrsextensiven (ländlichen) Gebieten, so erscheint die Zunahme der handeltreibenden Bevölkerung naturgemäfs noch bedeutender. So entfiel in 26 Landorten des H.K.Bezirks Villingen (Baden) ein Handelsgeschäft: 1866 auf 357 Einwohner 1897 „ 182 und in 14 Kleinstädten desselben Bezirks auf bezw. 180,6 und 91,7 4 5 . Dafs wir es hier aber mit einer allgemeinen Tendenz kapitalistischer Wirtschaft zu thun haben, zeigt ein Vergleich mit anderen Ländern. In Österreich stieg von 1857 —1890 die Bevölkerung von 18225 000® auf 23708000 6 Einwohner (ausschliefsl. Militär); die Zahl der sefshaften Händler jedoch (1862—1890) 7 von 157 375 auf 310518. 1 E. Engel, Das Königreich Sachsen, S. 122. 2 Nach M. von Ysselstein, Lokalstatistik der Stadt Breslau. 1866, bezw. der deutschen Berufszählung von 1895. 8 Statistik des D. R. 119, 21. i H. Schwab, Erhebungen über die Lage des Kleinhandels auf dem badischen Schwarzwald in den von der H.K. Hannover herausgegebenen Berichten 1 (1899), 159. Siehe den genauen Titel unten S. 350, Anm. 3. 5 Statistisches Handbüchlein des Kaisertums Österreich für 1865 (1867). 6 Österreichische Statistik Bd. 32 (1892). 7 Für 1862 vgl. „Tafeln zur Statistik der österreichischen Monarchie“. N. F. Bd. V. 1871; für 1890 die Ergebnisse der Berufszählung in Band XXXIII der österreichischen Statistik. 1895. 348 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Eine besonders rasche Zunahme des kommerziellen Bevölkerungsteils weisen die Vereinigten Staaten von Amerika auf. Hier betrug die Zahl 1 der Zwischenhändler der Einwohner auf 1 Zwischenhändler 1860 150 303 222 1882 852 256 61 Was hier in zeitlicher Aufeinanderfolge erscheint, stellt sich zu einer gegebenen Zeit in einem Lande als räumliches Nebeneinander dar. Besonders lehrreich sind dafür die Ziffern der deutschen Berufszählung von 1895, aus denen die berufliche Zusammensetzung der Bevölkerung nach Ortsgröfsenklassen ersichtlich wird 2 . Danach entfielen im Handel Erwerbsthätige auf 1000 Bewohner: auf dem platten Lande .... 6 in Orten von 2—5000 Einwohner 9 (etwa der Durchschnitt im „ „ „ 5—20000 „ 23 Kgr. Preufsen im Jahre 1843!) „ „ „ 20—100000 „ 34 „ „ „ über 100000 „ 49 Auf 1000 Einwohner kamen Handeltreibende (1891) 3 in Irland.40 „ Schottland.... 88 „ England und Wales 97 Ein Erwerbstätiger im Handelsgewerbe entfiel auf Einwohner in Österreich (1890) .... 79,7 4 5 Deutschland (1895) . . . 38,8® England und Wales (1891) 20,7 6 Woher stammt diese streitbare Armee von Händlern? Sind ihre Reihen „zufällig“, d. h. durch aufserhalb kapitalistischen Einflusses liegende Ursachenreihen zu der Stärke angeschwollen, in der wir sie heute antreffen? Oder läfst sich auch hier wiederum die Brücke zu der gesamtkapitalistischen Entwicklung schlagen? Unzweifelhaft das letztere. Zwar ist es erst ein späteres Stadium der Entwicklung, in dem das Kapital bewufst fördernd in den Gang 1 Mitgeteilt von Loria, Analisi, 2, 333. 2 Vgl. Band 110 und 111 der Statistik des D. R. 3 Census of 1891 im Fifth Annual Abstract of Labour Statistics of tlie U. Iv. (1898) p. 167. 4 Österr. Statistik a. a. O. 5 Stat.'des D. R. 119, 21. 6 Census of 1891. Achtzehntes Kapitel. Die Vermehrung der Händlerschaft. 340 insbesondere des Detailhandels, auf den ja unser Augenmerk in erster Linie gerichtet ist, eingreift. Aber die indirekte Wirkung kapitalistischer Wirtschaftsführung ist doch schon viel früher nachweisbar, wenn wir nach den Ursachen der Vermehrung des Händlertums in unserer Zeit fragen. Ich denke dabei vornehmlich an folgende Zusammenhänge: 1. der Kapitalismus schafft in wachsendem Mafse die Gewilltheit zahlreicher Personenkategorien, dem Handel zu dienen. Zunächst und vor allem dadurch, dafs er das sociale Werturteil der grofsen Massen zu Gunsten der Handelsthätigkeit verschieben hilft. Händler sein galt in der Zeit der handwerksmäfsigen Produktion und tauschwirtschaftlichen Absatzorganisation keineswegs als Ziel der Wünsche: die „Handwerkerehre“ war das naturgemäfse Ideal der grofsen Menge, der Ritter und Junker das der Herrschenden. Erst im Laufe der kapitalistischen Entwicklung gewinnt neben der gütererzeugenden und verzehrenden Thätigkeit auch die Handelsthätigkeit an Ansehn. Und heute gilt sie, zumal unter den Massen, als höchst erstrebenswertes Ziel: man drängt sich hinter den Ladentisch. Mit dieser Umwertung wird man auch die sog. „Emancipation der Juden“ in Verbindung bringen dürfen. Die jüdische Race ist — ob von Natur ob durch den Gang der geschichtlichen Entwicklung bleibt sich gleich — nach einer Seite ihrer Veranlagung gleichsam die Inkarnation kapitalistisch-kaufmännischen Geistes. Deshalb verachtet, so lange dieser nichts galt, geduldet und geschätzt, seit und wo er in Kurs gekommen ist. Was es für die innere Entwicklung des Handels bedeutet, dafs er grofsenteils in jüdischen Händen liegt, werden wir später noch zu erörtern haben. Hier war nur zu registrieren, dafs die freie Zulassung der Juden zu bürgerlichen Nahrungen abermals eine Stärkung der Vermehrungstendenz im Händler tum bedeutet. 2. Der Kapitalismus vermehrt aber auch das Menschenmaterial, aus dem die Händler, zumal die kleinen, sich rekrutieren können. Er vernichtet das alte Handwerk und läfst den ehemaligen Handwerker im sefshaften Detailhandel, in der Agentur etc. als Organ kapitalistischer Produzenten Unterschlupf finden: Beispiele dieserart haben wir viele in den letzten Kapiteln des ersten Bandes kennen gelernt. Er hebt den Arbeitslohn einer oberen Arbeiterschicht über das Minimum hinaus, das zur Bestreitung des notwendigen Lebensunterhalts dient und ermöglicht kleine Ersparnisse. Er vermehrt durch die Steigerung des Reichtums die Zahl derjenigen Personen, die den oberen Zehntausend zeitweilig zur Er- 350 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. leichterung und Verschönerung des Daseins sich darbieten und die nach einigen Jahren des Dienertums sich als kleine Ladeninhaber sociale Selbständigkeit erringen: Domestiken, femmes entretenues, Kokotten. Er vernichtet die alten bodenständigen Hausindustrien und Hausierhandwerke oder die alten Verkehrsgewerbe und liefert dem modernen Hausierhandel, der ihm selber dient, das Menschenmaterial *. Er wirft unausgesetzt beschäftigungslose oder abgebrauchte Elemente aus der Produktionssphäre heraus, die nun im Strafsen- handel ihren Unterhalt finden 1 2 u. s. w. u. s. w. 3. Der Kapitalismus schafft für zahlreiche Elemente, insbesondere vermögenslose Existenzen, erst die Möglichkeit, den Händlerberuf auszuüben. Dadurch zunächst, dafs er in entsprechender Weise die Absatzorganisation um wandelt: durch Schaffung der Zwischenglieder zwischen kapitalistischer Produktion und Detaillist (Engrossortimenter etc.), durch Entwicklung des Instituts der Reisenden, durch Kreierung neuer Geschäftsformen (Kommissionshandel etc.), worüber in einem anderen Zusammenhänge (vgl. unten S. 400 ff.) weiteres zu bemerken ist. Hier soll einer anderen Form Erwähnung geschehen, deren sich das Kapital bedient, um grofsen Mengen mittelloser Elemente das Händlerspielen zu ermöglichen: der direkten Förderung durch weitgehende Kreditgewährung und Erleichterungen aller Art. Von zwei Seiten her tritt hier das Kapital als Begünstiger des vermögenslosen Händlertums auf: als Produktionsund (Grofs)- Handelskapital einerseits, als Baukapital andererseits. Es ist eine allgemein bekannte Thatsache, dafs heutigentags der kleine Händler, obwohl scheinbar selbstständig, im Grunde doch nichts anderes als das Organ des Produzenten oder Grossisten ist, die ihm die Waren geradezu in den Laden tragen, gegen langfristigen Kredit zu den günstigsten Bedingungen überlassen. Die in vieler Hinsicht instruktive Enquete, die von der Handelskammer Hannover über die Lage des Kleinhandels in Deutschland 3 veran- 1 Belege hierfür liefert im reichen Mafse die Hausiererenquete des Vereins für Socialpolitik: vgl. H. 3, 25 (Erzgebirge: Vermehrung der Hausierer infolge des Niedergangs des alten Fuhrwesens); H. 4, 370 (Benneckenstein: der moderne Hausierhandel entsteht, weil die Hausierer alten Schlages beschäftigungslos werden). HOe., 219 (Nordböhmen: die gleiche Erscheinung). Siehe den genauen Titel unten S. 356. 2 H. 1, 244; HOe., 61 („der Wanderhandel erscheint somit hier als eine Versorgung arbeitsunfähig gewordener Arbeiter“). 3 Die Lage des Kleinhandels in Deutschland. Ergebnisse der auf Veranlassung von Handelskammern, Handels- und Gewerbekammern und von wirtschaftlichen Vereinen angestellten Erhebungen. Herausgegeben von der H.K. Hannover. 2 Bände. 1899 und 1900. Achtzehntes Kapitel. Die Vermehrung der Händlerschaft. 351 staltet ist, liefert zahlreiche Belege für diese Thatsache: „Kredit wird von den Fabrikanten und Grossisten in liberalster Weise gewährt“ (Danzig 1,13); es „bürgert sich mehr und mehr der Brauch ein, dafs die Waren vom Verkäufer frei ins Haus geliefert werden. — Kredit wird durchweg gerne eingeräumt“ (Emden 1,16). „Der Einkauf ist auch Nichtkaufleuten sehr leicht gemacht, weil sie von Beisenden förmlich bestürmt werden. Das Bestreben der Grossisten und Fabrikanten, möglichst viel Ware zu hohen Preisen zu verkaufen, artet häufig für die vorhandenen Geschäfte zum gröfsten Nachteil aus. Die Reisenden drängen häufig geradezu ganz unfähige Personen zur Einrichtung von Geschäften, helfen hierbei oder lassen durch anderes Personal des betreffenden Lieferanten helfen. Auf diese Weise sind hier eine grofse Zahl von Geschäften von Nichtkaufleuten entstanden. Selbstvertändlich müssen die Waren von den betreffenden Lieferanten entnommen werden, wobei in weitestgehendem Mafse Kredit gegen Wechsel gewährt wird“ u. s. w. (Kreis Gifhorn: 1,36) x . Und wie es hier das Produktions- und Zwischenhandelskapital ist, das sich um Vermehrung und Erhaltung des kleinen Händlers müht, so anderswo das Baukapital. Seit in den gröfseren Städten die Baupolizei die Souterrainwohnungen nicht mehr zuläfst, ist das Streben allgemein geworden, das Erdgeschofs um so besser auszunützen. Das Vorteilhafteste ist aber immer die Errichtung eines Ladens: einer Bäckerei oder Molkerei, einer Droguerie, eines Bäudels, eines Blumenladens, eines Cigarrengeschäfts oder drgl. Vielfach richtet der Hausbesitzer die Räume gleich zweckentsprechend ein, läfst sie mit dem notwendigen Inventar ausstatten und gewährt dem Ankömmling, der in diesen Räumen sein Geschäft betreiben will, mindestens auf ein Vierteljahr Mietskredit. Unter dem einen Arm die Krücke des Hausbesitzers, unter dem anderen die des Grossisten oder Fabrikanten, so stehen viele Vertreter des kräftigen, staatserhaltenden Mittelstands unter den Krämern heutzutage da: ein schlagendes Gegenstück zu dem Kollegen aus dem Handwerk, der, wie wir gesehen haben, auch oft nur von Kapitals Gnaden seine Mittelstandschaft aufrecht erhält 1 2 . Aber was uns hier allein inter- 1 Vgl. noch ebenda S. 95. 111. 116. 139. Band 2, S. 27. Über „Kreditverschleuderung“ speciell in der Cigarrenbranche (die aber immer mehr auch für allerhand andere gewerbliche Erzeugnisse, wie Stöcke, Pfeifenspitzen u. dgl. in Betracht kommt) siehe Martin Bürgel, Der Berliner Cigarrenhandel in Schmollers Jahrbuch 21 (1897), 1413 ft'. - Vgl. über das parasitäre Kleinkrämertum von Kapitals Gnaden noch • 352 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. essiert, ist die Beobachtung, wie aus der kapitalistischen Entwicklung heraus vielerorts eine Vermehrung des der weiteren Entfaltung des Kapitalismus dienenden Händlertums notwendig folgt, auch ehe das Kapital selbst in die Sphäre wenigstens des Detailhandels eindringt. Dafs mit diesem Moment, der jetzt fällig ist, die Handelsthätigkeit abermals an Extensität und Intensität eine wesentliche Förderung erfährt, ist naheliegend. Wir kommen damit aber schon zu einer neuen Reihe von Erscheinungen, der wichtigeren: das ist (neben der Vermehrung des Händlertums) die innere Neugestaltung der Absatzorganisation selbst, der wir in den folgenden Kapiteln unser Augenmerk zuwenden müssen * 1 . Was der gewerbliche Kapitalismus beim Eintritt in seine neueste Phase an Organisationsformen des Warenabsatzes an letzte Konsumenten vorfindet, sind: 1. die Märkte, insbesondere Jahrmärkte; 2. der Hausierhandel alten Stils; 3. der sefshafte Kramhandel. Sämtlicher drei Einrichtungen bedient er sich für seine Zwecke, freilich in sehr verschiedenem Umfange, wie nunmehr zu zeigen ist. Wolfgang Heine, Die Socialpolitik des Handelsstandes im Archiv für soc. Ges.Geb. Band XI (1897), 281 ff. 1 Wissenschaftliche Litteratur, die das Problem universell behandelte, ist mir nicht bekannt. Vieles, was im folgenden näher ausgeführt ist, habe ich skizzenhaft schon behandelt in meinem Referat auf der Generalversammlung des Vereins für Socialpolitik zu Breslau (Schriften Bd. 89). Die wichtigste Quelle für das Thatsächliche sind die bekannten Fachzeitschriften: Der Konfektionär, Der deutsche Kaufmann u. a. Hauptquelle bleibt freilich gerade hier die eigene Anschauung. Sonst wären etwa noch zu nennen: die flott geschriebene Abhandlung von Walther Borgius, Wandlungen im modernen Detailhandel in Brauns Archiv Bd. XIII und die noch zu würdigende geistvolle Studie Kuno Ilegarts. Ferner: Die Notlage des kleinen Kaufmanns und die Hilfe des Gesetzgebers; Anhang des Jahresberichts der Handels-und Gewerbekammer Stuttgart für 1892 (deren Sekretär F. C. Huber ist); L. 0. Brandt, Gelegentliche Beobachtungen über den Kleinhandel in den Grenzhoten 1898. L. Pohle, Die neuere Entwicklung des Kleinhandels. 1900. Auch Grunzei in seinem System der Handelspolitik (1901) streift das Problem. — Weitere Speciallitteratur werde ich bei Erörterung der einzelnen Punkte namhaft machen. Neunzehntes Kapitel. Der Rückgang des Wanderhandels. A. Messen und Märkte. Die marktmäfsige Organisation des Handels — sowohl des Engros- wie des Endetail-Handels — spielte noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland eine grofse Rolle. Selbst J. G. H off- rn a n n, der gern sein Preufsen in der wirtschaftlichen Entwicklung um einige Jahrzehnte vordatiert, um es nicht allzu rückständig gegenüber den Kulturnationen des Westens erscheinen zu lassen, kann doch höchstens für die „Grofsstädte“ konstatieren, dafs sie den Märkten und Messen entwachsen seien, obwohl „eine tief ge- wurzelte Gewohnheit“ die grofsen Jahrmärkte selbst dort erhält, und mufs im übrigen zugeben, dafs „weiter herab im städtischen Leben sich die Jahrmärkte noch in ihrer alten Bedeutung (erhalten) und in der Region der kleinen Städte . . ihre Wichtigkeit für die Belebung des örtlichen Verkehrs sogar noch immerfort zu (nimmt)“ \ Andere Schriftsteller jener und sogar noch einer späteren Zeit schildern uns die alte Handelsorganisation noch fast völlig erhalten. „Die Messen und Märkte bestehen noch gerade so wie vor 50 Jahren. Das ganze System bestand bisher darin, dafs jeder Mefswarenhändler seinen langsamen Turnus durchs ganze Land macht, nach dem Kalender, so wie sich die Messen und Märkte aneinander reihen. Er besucht also die Stadt A. zur Dreikönigsdult, bleibt daselbst 14 Tage, dann zieht er nach der Stadt B und C und sofort und teilt so seine ganze Zeit unter die einzelnen Mefsorte aus 1 2 .“ Hier 1 J. G. Hoff mann, Befugnis S. 377/78. 2 A. von Holzschuher, Die materielle Not der unteren Volksklassen und ihre Ursachen. 1850. S. 86 ff. Eine durch viele klare Einsichten ausgezeichnete Schrift. Kaufleute und Industrielle, die noch die 1840er Jahre miterleht haben, haben mir die Richtigkeit der Darstellung im Text häufig bestätigt. Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 23 354 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. auf den Märkten und Messen der gröfseren Städte verproviantiert sich dann auch der stehende oder wandernde Landkramhändler. Grofsenteils freilich nicht beim Grossisten, sondern beim ansässigen Gewerbsmann, der zur Zeit der Märkte ebenfalls noch nach alter Sitte das „gewöhnliche Verkaufslokal verläfst und sich in gemietete Buden hineinsetzt“. Das Bild, das der Krammarkt einer gröfseren Stadt in jener Zeit gewährt, ist daher noch ein aufserordentlich buntes und mannigfaltiges. * Der Marktverkehr nun hat bei dem modernen gewerblichen Kapitalismus die geringste Gegenliebe gefunden. Wenn wir nicht etwa die noch zu erwähnende Wanderauktion und das Wanderlager als eine Umbildung des alten Marktverkehrs ansehen wollen, was aber kaum richtig wäre, so bietet in der That die urwüchsige Marktorganisation keinerlei Handhabe, um den Anforderungen des modernen Wirtschaftslebens angepafst zu werden. Die Geschichte der Jahroder Krammärkte in hochkapitalistischer Zeit ist daher wesentlich die Geschichte ihres Niedergangs, unterbrochen hier und da durch eine Periode des Stillstands. Dafs solche Perioden sich von Zeit zu Zeit einstellen, ja, dafs gelegentlich sogar einmal ein paar Jahre des Aufschwungs Vorkommen, ist ein Beweis, dafs die kapitalistische Industrie oder der Händler kapitalistischer Ware doch zuweilen sich auch der marktmäfsigen Organisation bedient 1 und deren Auflösungs- prozefs verlangsamt. Das ist das Ergebnis der Untersuchung eines Schülers von mir über die Entwicklung der Breslauer Märkte im 19. Jahrhundert 2 . Danach ergiebt sich, dafs einige Gruppen der auf den Jahrmärkten feil gebotenen Waren ununterbrochen an Absatz verlieren, andere hingegen während der 1870er und 1880er Jahre in ihrem Niedergange aufgehalten werden und sogar eine Ausdehnungstendenz aufweisen. Ersterer Kategorie gehören an: die Schuhmacher-, Töpfer-, Leinen-, Schnitt-, Böttcher-, Tischler- und Korbwaren; letzterer die Woll-, Galanterie- und Kurzwaren, Porzellansachen, 1 Ein in solchen Dingen meist gut unterrichteter Schriftsteller meint im Jahre 1867, „dafs zu den specifisclien Jahrmarktswaren Ladenhüter und Fabrikreste neben den Erzeugnissen der Kleinindustrie gehören“. A. Emming- haus, Märkte und Messen in der Viertelj ahrsschrift für Volkswirtschaft etc. 17 (1867), 74. - P. Kara-Mursa, Die Bedeutung der Jahrmärkte in der Gegenwart mit besonderer Berücksichtigung der Breslauer Jahrmärkte. Bresl. In.Diss. 1900. Das Material, das über die Entwicklung der (Jahr-) Märkte in neuerer Zeit vorliegt, ist sehr dürftig. Aufser der genannten Arbeit ist mir eine zusammenfassende Darstellung, die vor allem statistische Angaben brächte, nicht bekannt geworden. t Neunzehntes Kapitel. Der Rückgang des Wanderhandels. 355 Barchent, Pfeffer- und Honigkuchen, Ilutinacher- und Strohwaren. Es ist nun die Annahme nicht unberechtigt, dafs die letztere Kategorie von Waren deshalb eine Neubelebung des marktmäfsigen Absatzes während der 1870er und 1880er Jahre erfährt, weil die kapitalistisch hergestellten Erzeugnisse die Lücken der abnehmenden handwerks- mäfsig hergestellten Produkte ausfüllen. Freilich auch das nur auf kurze Zeit. Jetzt ist das Interesse des Kapitalismus an den Jahr- * markten offenbar völlig erkaltet, und auf der ganzen Linie sehen wir daher ein Zurückweichen dieser Organisation, die binnen kurzem völlig der Vergangenheit angehören wird, wenn wir, was statthaft erscheint, die Breslauer Ziffern als typisch ansehen wollen. Statistik der Krammärkte und ihrer Beschickung in Breslau. Jahre Zahl der Branchen j Die Durchschnittszahl der Verkaufsstellen Krammärkten für die an den Alle Waren 1 Scluihmacher- waren Leinenwaren Töpferwaren Schnittwaren Böttcherwaren Tischlerwaren Korbwaren Porzellansachen Wollwaren Galanterie- und Kurzwaren Pfeffer- und Honigkuchen Hutmacher- . waren Strohwaren Barchent 1863—69 82 4081 704 719 397 281 235 97 86 70 85 106 115 57 52 1870—74 75 5610 683 661 307 259 190 70 55 87 106; 103 118 54 43 _ 1875—79 75 3093 634 597 210 171 116 50 35 89 87 73 93 31 35 41 1880-84 75 1954 855 360 160 81 58 19 23 61 70 37 70 3 3 1 98 1885-89 70 1858 364 226 112 64 45 6 23 60 82 84 89 44 113 1890-94 36 1371 291 180 90 52 34 5 22 58 95 100 102 36 69 1895—98 28 934 185 90 64 35 20 1 8 33 68 80 96 28 41 Der Verfall der Krammärkte, ihr Verarm ungsprozefs wird noch deutlicher, wenn wir die obigen Ziffern mit den Bevölkerungsziffern Breslaus in Vergleich stellen. Durchschnittszahl Auf 1000 Ein- Jahre der Verkaufs- der Einwohner woliner kommen stellen in Tausenden Verkaufsstellen 1863-69 4081 176,3 23,1 1870—74 3610 216,2 16,7 1875—79 3093 253,7 12,2 1880-84 1954 284,6 6,9 1885-89 1858 312,5 5,9 1890—94 1371 349,7 3,9 1895—98 934 390,4 24 1 Seit 1880 unter „Filz- und Strohhüte“ zusammenrubriciert. 23* * t 85Ü Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. B. Der Hausierhandel. Vorbemerkung. Die Litteratur ist dürftig; es fehlt vor allem an Arbeiten, die dem Hausierhandel in seiner entwieklungsgeschichtlichen Bedeutung gerecht würden. Der Mehltau der „ethischen“ Betrachtungsweise legt sich auch hier frühzeitig auf die zarten Keime wissenschaftlicher Erkenntnis. Die Folge ist, dafs die neuesten Schriften kaum über die Aufsätze Justus Mosers hinausgekommen sind, deren Titel für alle Abhandlungen über den Hausierhandel noch heute y die Art zu disponieren kennzeichnen: 1. Klage wider die Packenträger; 2. Schutzrede der Packenträger; 3. Urteil über die Packenträger. Vgl. Patriotische Phantasien. 1780. Bd. I. S. 219 f. Mir ist kein Punkt von Bedeutung gegenwärtig, den die neuere Litteratur den Möserschen Betrachtungen hinzugefügt hätte. Viel brauchbares Material hat die Enquete des Vereins für Socialpolitik zu Tage gefördert. Ihr Titel: a) „Untersuchungen über die Lage des Hausiergewerbes in Deutschland.“ 5 Bände. 1898/99. Citiert II. 1, 2 u. s. w. b) „Untersuchungen über die Lage des Hausiergewerbes in ilsterreich.“ 1899. Citiert: HOe. c) „Untersuchungen über die Lage des Hausiergewerbes in Schweden, Italien, Grofsbritannien und der Schweiz.“ 1899. Die „Untersuchungen“ bilden in obiger Reihenfolge die Bände 77 bis 83 der Schriften des Vereins für Socialpolitik. Letzterer hat das Thema auf seiner am 25., 26. und 27. September 1899 in Breslau abgehaltenen Generalversammlung abgehandelt (Referent W. Stieda). Die Verhandlungen bilden den 86.Band der f Schriften. Professor Stieda, der verdiente Leiter der eben erwähnten Enquete, hat über deren Ergebnisse aufserdem in einem Vortrage in der Gehe-Stiftung referiert, der separat u. d. T. „Das Hausiergewerbe in Deutschland“ erschienen ist (1899). Am umfassendsten ist das Thema in der neueren Litteratur behandelt von H. Röfsger, Eine Untersuchung über den Gewerbebetrieb im Umherziehen in den Jahrbüchern für Nationalökonomie. III. Folge. Band XIV (1897), S. 1-55. 204—269. Die Hausiererei ist eine uralte Form des Güterabsatzes; erheblich älter wahrscheinlich als der Marktverkehr und zu allen Zeiten auftretend, wenn es gilt, die auf dem Lande hergestellten bäuerlichen Nebenprodukte oder die Erzeugnisse specialisierter Handwerke an den Mann bezw. an die Frau zu bringen 1 . Wir 1 Sc. ehe sie der hausindustrielleii Organisation anheimfallen: „Der Packenträger ist ein wichtiger Mann für solche Fabriken (lies Handwerker), denen es an einem grofsen Verleger mangelt.“ J. Möser, a. a. 0. S. 222. Über den vorkapitalistischen Hausierhandel in Deutschland verbreitet sich Erhr. von Ulmenstein, Über einige Zweige des Handelsverkehrs, und insbesondere über den Hausierhandel in Raus Archiv der politischen Ökonomie und Polizeiwissenschaft. Bd. I (1835), S. 215 ff. Mancherlei Ergänzungen hierzu bringen die Untersuchungen des V. f. S.-P. Ein besonders ergiebiges Feld bilden die Jahrhunderte alten Klagen der ortsangesessenen Krämer und f Neunzehntes Kapitel. Der Rückgang des Wanderhandels. 357 haben früher (vgl. Band I S. 96) unterschiedliche Fälle des hausier- mäfsigen Vertriebs gewerblicher Erzeugnisse in einer Epoche kennen gelernt, in denen es andere als bäuerliche oder handwerksmäfsige Produktion überhaupt nicht gab. Und durch alle folgende Zeit hindurch, bis in unser Jahrhundert hinein, erfahren wir von Hausiererei mit selbsterzeugter oder von Handwerkern gekaufter Ware. Unter den Formen vor- und frühkapitalistischen Güterabsatzes aber nimmt der Hausierhandel fast die oberste Stufe ein. Zwar kann er selten, was die Auswahl anbetrifft, weder mit dem sefshaften Detailhandel noch mit den Jahrmärkten konkurrieren. Aber von „Auswahl“ ist in jenen Zeiten überhaupt nur in bescheidenem Umfange die Rede. Während auf der anderen Seite der Hausierhandel wesentliche Vorzüge für den Warenproduzenten vor den beiden anderen Handelsformen voraus hatte * 1 . Der Hausierer ist es, der zuerst den Konsumenten angreift; der damit nachfragesteigernd wirkt. Er ist es, der sich den Bedürfnissen, den Zahlungsfähigkeiten des Kunden am ehesten anzupassen versteht. Er ist es, der die specifisch kaufmännisch-spekulativen Charaktereigenschaften, den ökonomischen Rationalismus zuerst auch als Detailleur entwickelt, zumal ihm im Laufe der Jahrhunderte viel jüdische Elemente Zuströmen. Man vergleiche etwa den Hausierer bei Shakespeare, wo er bekanntlich eine grofse Rolle spielt 2 , mit demjenigen, den in seiner drolligen Manier der alte Möser schildert 3 , und man wird diese übereinstimmenden Züge an beiden Typen wieder iinden. Unter diesen Umständen finden wir es begreiflich, dafs die Handwerker über den Hausierhandel, die von uns als Quellen der Erkenntnis für die Ausdehnung und Art der H. H. in früherer Zeit häufig von Wert sind (vgl. z. B. II. 1, 145 f. 413 f.; 2, 62 f.; 4, 206 f. 246 f. 301). Für Österreich vgl. G. von Thaa, Das Hausierwesen in Österreich (1884) S. 51'., und HOe.; für England A. Tille, in den Schriften des Y. f. S.-P. Bd. 83, S. 56 ff.; für Italien, wo noch heute die Hausiererei wesentlich vorkapitalistische Absatzform ist, Babbeno-Conigliani, ebenda S. 19 ff. 1 Es ist daher ganz verkehrt, wenn J. G. IIoffmann, Befugnis S. 240 f. zu seiner Zeit den Hausierhandel als eine dem marktmälisigen Warenvertriebe schlechthin inferiore Absatzorganisation bezeichnet und meint, „die Fortdauer des Gewerbebetriebs im Umherziehen auf der Bildungsstufe, worauf sich Deutschland und besonders (!) auch der preufsische Staat befindet, (sei) eine merkwürdige Erscheinung“. 2 Die Stellen der Shakespearesclien Dramen, die von den I’edlars handeln, sind bei A. Tille, a. a. 0. S. 60 f. zusammengestellt. 3 A. a. 0. S. 220 f. „Kurz,“ schliefst er seinen Sermon, „der Packenträger ist der Modekrämer der Landwirtinnen, und verführt sie zu Dingen, woran sie ohne ihn niemals gedacht haben würden.“ 358 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. kapitalistische Industrie, ebenso wie der kapitalistische Zwischenhandel zunächst sich gern der Hausierer zum Vertrieb ihrer neu in den Handel gebrachten Waren bedienen, für die beim Publikum erst Stimmung gemacht werden soll. Schon unter den Beispielen, die Tille für das England des 16. und 17. Jahrhunderts, die Möser für das damalige Deutschland und Frankreich, die Ulmenstein für die 1830er Jahre an Hausiererei aufzählt, läuft mancher Fall kapitalistisch erzeugter oder vertriebener Ware mit unter. Aber auch noch in der Gegenwart stofsen wir hier und da auf Hausierer, die ganz ausgesprochen nichts anderes als Organe kapitalistischer Warenproduzenten und Händler sind. Insbesondere ist die Form des hausiermäfsigen Absatzes beliebt, um neue Artikel einzubürgern 1 , um sog. Partiekäufe unterzubringen, um der Mode stark unterworfene Gegenstände zu vertreiben und — last not least — um unverkäuflichen Schund, sog. Ausschufsware oder Ladenhüter noch loszuschlagen 2 . Wie sehr dem Kapitalismus in vielen Fällen an der Hilfe des Hausierers gelegen ist, vermag man aus der Art und Weise zu schliefsen, wie man ihn umwirbt und umschmeichelt. Scharen von Fabrikanten oder Gesellschaftsreisenden drängen sich in der Zeit, in der er an seinen Wohnort zurückgekehrt ist, um ihn zu Bestellungen zu veranlassen. Dasselbe Bild im Sauerland 3 wie in Hohen- zollern 4 5 , auf dem Eichsfeld 6 wie in der Provinz Sachsen 6 , in Köln 7 wie im Böhmerlande 8 . Und die Innigkeit des Liebeswerbens wird ersichtlich an der überaus liberalen Gestaltung der Lieferungsbedingungen, von der wir oben schon Kenntnis genommen haben. 1 Röfsger, a. a. 0. S. 245 f. Daselbst eitiert: H.K. Liegnitz 1891. H.K. Leipzig 1893. Dr. Gensei auf der Versammlung zur Bekämpfung des unlauteren Geschäftsgebalirens. 18./19. Sept. 1894. Vgl. die von R. Stegemann unter dem Titel: „Unlauteres Geselläftsgebahren“ herausgeg. Sammlung von „Typischen Fällen“, Berichten etc. 2 Bde. 1894. 2, 132. 2 II. 1, 394; 4, 148. 444. HOe., 12 ff. 130. 185. Röfsger, a. a. 0. S. 249. Mancherorts giebt es Fabriken und Handlungshäuser, namentlich der Manufaktur-, Kram-und Kurzwarenbranche, die besondere Verkaufsabteilungen für Hausierer einrichten. Für Köln vgl. H. 4, 444. 3 H. 1, 200: in Winterberg, dem Mittelpunkt des Sauerlandes, hat sich sogar eine Messe etabliert, auf welcher den Hausierern an Ort und Stelle Auswahl der Waren angeboten wird. 4 H. 4, 264. 5 H. 4, 326. 6 II. 4, 374 (Benneckenstein). 7 H. 4, 444. R HOe., passim. Neunzehntes Kapitel. Der Rückgang des Wanderhandels. 359 „Von vielen Firmen wird den Leuten der Kredit geradezu nach- seworfen,“ dieses Urteil eines der Berichterstatter in der Hausier- o / enquete des V. f. S.-P. darf getrost als typisch für aufserordentlich viele Fälle gelten 1 . Wie wirksam aber die Thätigkeit des Hausierers häufig genug für die Verbreitung von Waren kapitalistischer Herkunft ist, vermag man wiederum aus den allerorts erschallenden Klagen der Handwerker zu entnehmen 2 3 . Auch in der Statistik spiegelt sich dieses Interesse der kapitalistischen Unternehmer am Hausierhandel wider. Wir beobachten zunächst im 19. Jahrhundert allerorts ein starkes Anwachsen der Zahl der Hausierer, die überwiegend der Zunahme des kapitalistischen Hausierhandels, wenn dieser etwas saloppe Ausdruck statthaft ist, zuzuschreiben ist: geht ja doch der urwüchsige Hausierhandel in derselben Zeit vielerorts zurück. Bekannt sind die Ziffern, die die Zunahme der preufsischen Hausierer in den 1850 Jahren zum Ausdruck bringen. Während ihre Zahl von 1837—1849 nur unwesentlich gestiegen war — von 15 753 auf 16 724 — betrug sie 8 : 1852 20404 1855 21214 1858 22497 1861 44411 Der eigentlich entscheidende Aufschwung der Hausiererei liegt aber erst in den folgenden Jahrzehnten, für die uns leider die genauen Ziffern für ein gröfseres Gebiet nicht zu Gebote stehen. Aber alle Berichte stimmen darin überein, dafs namentlich seit Ende der 1860er Jahre in Deutschland die Blütezeit des modernen Hausierhandels anhebt. „Juden und Judengenossen,“ schreibt ein Schriftsteller von jener Zeit, „machten das Land mit ihren Imitationsartikeln unsicher. Die Industrie unterstützte sie darin 4 ;“ „in den 1870er Jahren ging auch der Hausierhandel mit Weifswaren und Schnittwaren bedeutend vorwärts 5 6 ;“ die Blütezeit der Leinwand- 1 Obiges Urteil bezieht sich auf das Fichtelgebirge (H. 1, 309). Analoge Verhältnisse konstatiert für Deutsch-Kravarn in Schlesien H. 1, 64; Braunschweig 1, 114; Hohenzollern 4, 264 u. a. a. O. 2 Dafür bietet die Handwerkerenquete des V. f. S.-P. zahlreiche Belege. Siehe die Stellen s. v. „Hausierhandel“ in U. IX, 709 f. 3 Schmoller, Kleingewerbe, 246. 4 H. 1, 71. 5 H. 1, 310. 6 H. 1, 458 f. Siehe umstehend Seite 360. 360 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. hausiererei fällt in die 1860er Jahre G ; bisweilen ist in übertriebener Weise hausiert worden 1 . Diese Nachblüte der kapitalistischen Hausiererei dauert — je in den verschiedenen Gebieten verschieden — bis in die 1880er, teilweise bis in die 1890er Jahre, ja sogar bis in die Gegenwart an. Im allgemeinen läfst sich aber die Behauptung aufstellen, dafs heute derHausierhandel auf der ganzenLinieim Rückgänge begriffen ist, abgesehen vielleicht von jener eigentümlichen Spielart des grofsstädtischen Strafsenhandels. Dieser jedoch, der ungefähr die gleichen Entwicklungsgesetze aufweist wie das Zuhälter- tum, die Tingeltangels oder die Syphilis, ist nur mehr eine Fäulniserscheinung grofsstädtischer Kultur, die für den normalen Verlauf des Wirtschaftslebens kaum noch ernstlich in Betracht kommt. Sieht man von diesem Grofsstadtshandel ab, so lassen die uns bekannten Ziffern keinen Zweifel darüber, dafs der Hausierhandel (der in seiner urwüchsigen Gestalt längst schon im Aussterben begriffen ist) auch als Organ kapitalistischer Wirtschaft seine Rolle ausgespielt hat. Wie gewöhnlich vermögen die Ziffern der allgemeinen Berufsund Gewerbezählung auch hier nur Annäherungswerte zu geben. Immerhin reden die Ziffern eine genügend deutliche Sprache. Die deutsche Berufszählung ermittelte Erwerbstätige im Hausierhandel (C VI = 1895) 2 3 : 1882 = 65 014 Personen 1895 = 43 947 Dafs im grol’sen Ganzen diese Ziffern den Stand der Dinge richtig widerspiegeln, ersehen wir aus den Einzelberichten der Enquete des Vereins für Socialpolitik, soweit hier Ziffern mitgeteilt werden. Diese Berichte ergeben aber das weitere Resultat, dafs seit 1895 der Auflösungsprozefs des Hausierhandels erst recht begonnen hat. Hier ein paar Belege: In Braunschweig 8 : Maximum wird 1893 erreicht (3216 Hausierer), 1 H. 1, 164. 182. 2 Statistik des Deutschen Reichs Bd. 111. S. 45*. Die in demselben Bande S. 237 ff. angestellten Berechnungen kommen für 1895 zu einer Gesamtziffer von 126885 Hausierern, indem sie alle Wanderhandwerker, alles fahrende Volk etc. zu den eigentlichen Hausierern hinzurechnen. Leider ist die entsprechende Zusammenstellung für 1882 nicht gemacht. Für unsere Zwecke genügen jedoch vollkommen die im Text angeführten Ziffern, die den Hausierhandel im eigentlichen Sinne umfassen. Was durch sie sichergestellt wird, ist der bedeutende Rückgang der Hausiererei. 3 II. 1, 90. Neunzehntes Kapitel. Der Rückgang des Wanderhandels. 361 seitdem stetiger Rückgang (1897 = 2362); in Breslau 1 : Maximum 1889: 7317 ausgestellte Scheine, dann Rückgang: 1896 = 6735 Scheine; Fichtelgebirge bis etwa 1893 Aufschwung, dann beginnen Klagen über Rückgang 2 ; im R.-B. Kassel ist der Hausierhandel neuerdings in der Abnahme begriffen 3 ; in Elsafs - Lothringen : Maximum 1895, seitdem Rückgang 4 ; Württemberg: bis 1887 ungefähr gleichbleibende Ziffern, dann Rückgang 5 ; Bayern: Maximum 1885, seitdem Abnahme oder Stillstand 6 . Anbetrachts dieser genaueren Ermittlungen erscheint die „Übersicht“ veraltet, welche dem Reichstag als Material bei Beratung der Gewerbenovelle des Jahres 1896 vorgelegt wurde 7 , in der die Zahlen der in den Jahren 1884—93 ausgestellten Wandergewerbescheine für Hausierer mitgeteilt werden. Denn seit 1893 hat der Verfall der Hausiererei, wie wir sahen, vielerorts erst recht begonnen. Immerhin bestätigen jene Ziffern die Richtigkeit der Annahme, dafs der Rückgang des Hausierhandels schon in den 1880er Jahren einsetzt. Nach jener Zusammenstellung wurden Wandergewerbescheine erteilt: 1884 212341 1885 215 272 1886 219132 1887 220770 1888 222900 1889 225 925 1890 225074 1891 224974 1892 225152 1893 226364 Zunächst ist zu bemerken, dafs die Ziffern der ausgestellten Wandergewerbescheine noch keinen sicheren Rückschlufs auf die Bewegung der Wandergewerbe selbst gestatten. Insbesondere kann eine Vermehrung der Wandergewerbescheine — und ist es häufig! — Zeichen des Rückgangs sein. Es kann nämlich unter Umständen daraus nur dieses resultieren, dafs der Hausierer genötigt ist, sein 1 H. 1, 58. 2 H. 1, 310. 3 H. 1, 164. 182. 4 H. 4, 12 ff. 5 H. 4, 137. Genauer H. 1, 464 ff. 6 Statistisches Jahrbuch für das Kgr. Bayern. 1894 ff. 7 Nr. 85 der Drucksachen des Reichstags. 9. Legislaturperiode IV. Session 1895/96. S. 22/23. I 3(52 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Absatzgebiet, seine Wanderzone auszudehnen (infolge verschlechterter Absatzverhältnisse), wodurch er in die Lage versetzt wird, mehr Wandergewerbescheine (d. h. für mehrere deutsche Bundesstaaten) als bisher zu lösen. Aber auch ohne diese Eventualität in Betracht zu ziehen, bestätigen die mitgeteilten Ziffern den auf verschiedenen Wegen übereinstimmend gefundenen Rückgang der Hausiererei: bis 1889 noch ein leises Aufsteigen, seitdem Rückgang oder Stillstand selbst in den absoluten Ziffern, geschweige erst im Verhältnis zur ’ ?T Bevölkerung oder gar (worauf es doch ankommt) zu den Gewerbetreibenden. Völlig evident aber wird der rasche Auflösungsprozefs, dem der Hausierhandel in der Gegenwart anheimgefallen ist, wenn wir in Betracht ziehen, dafs nicht nur die Zahl der Hausierer sich rapid vermindert (man denke in den 13 Jahren von 1882—1895 schon um ein Drittel!), sondern zudem sich der Umsatz des einzelnen stark verringert*, dafür enthalten die Berichte unserer Enquete abermals eine Reihe lehrreicher Belege 1 . Dieser Entwicklungsgang der Hausiererei, insbesondere der jüngeren der beiden Schwestern, der kapitalistischen Hausiererei, erscheint nun aber auch ohne weiteres für denjenigen selbstverständlich, der die Neugestaltung der Absatzorganisation in der Gegenwart mit offenem Auge verfolgt hat. Der Kapitalismus griff zur Hausiererei, weil er zunächst noch keine anderen Formen des Warenvertriebes, die ihm den gleichen Dienst leisteten, vorfand. Er mufste sie in dem Augenblick fallen lassen, in dem es ihm gelungen war, solche höhere Formen der Absatzorganisation ins Leben gerufen zu haben. Dieser Augenblick ist in Deutschland seit einer Reihe von Jahren eingetreten. Seit ein paar Jahrzehnten beobachten wir, wie auf zwei Wegen der Kapitalismus seinem Ziele sich nähert, eine seinen Intentionen gemäfse Organisation des Warenabsatzes zu schaffen: durch eine entsprechende Umgestaltung, d. h. also Modernisierung des urwüchsigen alten sefshaften Detailhandels einerseits, durch Schaffung eines Systems direkter Beziehungen zwischen Produzenten und Konsumenten andererseits. Der Fortgang unserer Untersuchungen führt uns somit zu einer Betrachtung dieser beiden gekennzeichneten Entwicklungsreihen. 1 Vgl. z. B. R.B. Düsseldorf. Zunahme der Scheine, aber Abnahme des Steuerbetruges um ca. 15 °/o in den Jahren 1889—95 (H. 1, 212 ff.); desgl. im Saargehiet (H. 1, 295), Köln (H. 4, 440), R.B. Kassel (H. 1, 164). Die gleiche Erscheinung in Österreich, für das eine Anzahl genauer Umsatz- und Verdienstberechnungen vorliegt: HOe., 140/41 (Böhmen), 274 (Galizien). Neunzehntes Kapitel. Der Rückgang des Wanderhandels. 363 Vorher möchte ich jedoch noch mit wenigen Worten einer Absatzform Erwähnung thun, die häufig im Zusammenhänge mit dem Hausierhandel genannt wird und auch mancherlei verwandte Züge mit ihm aufweist; ich meine C. Wanderlager und Wanderauktionen b ■>, Nach der neuen deutschen Gesetzgebung versteht man unter dieser Bezeichnung solche Unternehmungen, in welchen aufser- lialb des Gemeindebezirks des Wohnorts des Unternehmers, ohne Begründung einer gewerblichen Niederlassung und aufserhalb des Mefs- und Marktverkehrs von einer festen Verkaufsstelle aus (Laden, Magazin, Zimmer, Schiff oder drgl.) vorübergehend Waren — gleich ob zum Verkauf aus freier Hand oder im Wege der Versteigerung — feilgeboten werden. Es handelt sich somit um eine Art von Zwitter zwischen Hausiererei und sefshaftem Handelsbetrieb; um sefshafte Handelsunternehmungen, ist man versucht zu sagen, die im Umherziehen betrieben werden: von jenen haben die Wanderlager das Merkmal der ladenmäfsigen Auswahl und Anordnung, von diesen das Merkmal des vorübergehenden Aufenthalts. Auch wandernde Marktbuden könnte man sie heifsen. Jedenfalls ist dieses klar: es handelt sich bei dieser Absatzfonn um rein aus kapitalistischem Geiste geborene Gebilde. Und es hat eine Zeit lang den Anschein gehabt, als ob die Einrichtungen der Wanderlager und Wanderauktionen zu grofsen Dingen bestimmt seien. Wenigstens mufs man das entnehmen aus dem Interesse, das ihnen namentlich in den 1870er Jahren entgegengebracht wurde. Damals waren sie für die sefshaften Herren Krämer etwa derselbe Bubu wie heute die Bazare 1 2 . Und den Klagen der bedrohten Mittelstandspolitiker verdanken wir die einzige Erhebung, die über die Wanderlager gemacht ist. Danach wird allerdings als fest- 1 Litteratur vakat. Die Schrift von S. Marx, Die Wanderlager. Eine volkswirtschaftliche Studie (2. Aufl. 1886) ist ein dürftiger Auszug aus der p amtlichen, im Reichskanzleramt zusammengestellten Enquete des Jahres 1878 (Nr. 186 der Drucksachen des Reichstags 3. Leg.Per. II. Sess. 1878), die für die ältere Zeit unsere Hauptquelle bildet und der für die Gegenwart nichts an die Seite zu stellen ist. Einiges Material findet sich in der Hausierenquete des Y. f. S.-P.; vgl. nam. H. 5, 254 ff. (für Baden). 2 Ein Stimmungsbild aus jener Zeit giebt das Referat L. Brentanos über eine Enquete der Gewerbekammer Zittau betr. Wanderlager und Wanderauktionen in der Lausitz in seinem und Holtzendorfs Jahrbuch 1 (1877), 627 f. V 364 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. stehend angenommen (S. 5), „dafs sich die Wanderlager in neuerer Zeit nicht unerheblich vermehrt haben“, während die Wanderauktionen kaum so grofse Verbreitung gefunden haben (S. 7). Die Wanderlager handeln alle möglichen Waren: Manufaktur- und Modewaren, Kleiderstoffe und Gewebe aller Art; Weifs-, Strumpf- und Schnittwaren einschliefslich fertiger Wäsche und abgepafster Gedecke; fertige Kleider, hauptsächlich für Herren; Tisch- und Bettdecken, Teppiche; Putzsachen, Posamentierwaren, Nähutensilien; Schuhwaren, Hüte, Mützen, Schirme; Schreibmaterialien; Eisen-, Stahl- und Blechwaren; Gold-, Silber- uud Alfenidewaren, Uhren; Glas-, Porzellan-, Steingut und irdene Waren; Marmor- und Alabasterwaren; Korbwaren und Bürsten; Seifen und Parfümerien; Tabake und Cigarren; Weine und Liköre (S. 13). Für die in den Wanderlagern vorkommenden Waren werden folgende Q.uellen angegeben (S. 18): 1. Lagervorräte grofsstädtischer Magazine, welche sich der nicht mehr gangbaren, der zurückgesetzten und der nach Ablauf der Saison übrig gebliebenen Bestände durch Partienverkäufe entledigen ; 2. Warenreste, welche am Schlüsse von Messen und Jahrmärkten von den Grofshändlern abgegeben werden; 3. Warenlager solcher Geschäfte, welche zur Auflösung bestimmt sind und durch Ausverkauf sich der Bestände entledigen; 4. Konkursmassen und Warenlager solcher Geschäfte, welche vor dem Konkurse stehen oder aus anderen Gründen um jeden Preis bares Geld beschaffen müssen und durch Schleuderverkäufe zu beschaffen suchen; 5. Verkäufe aus Lombardbeständen und aus Pfand- und Rückkaufsgeschäften ; 6. Fabriken, welche für die Wanderlager unmittelbar liefern. Uber die Waren letzterer Herkunft wird noch besonders bemerkt, dafs es sich meist um fehlerhafte, um sog. „Schundware“ oder direkt um betrügerischen Zwecken dienende Ware handelt. „Für diese sind die Wanderlager die vorzüglichsten und in einzelnen Branchen vielleicht die einzigen Abnehmer“ (S. 19). Es scheint nun aber, als ob die Wanderlager und Wanderauktionen keine nachhaltige Entwicklung aufzuweisen haben, als seien es vielfach in der That schwindelhafte Unternehmungen gewesen, die einer früheren Periode des Geschäftsverkehrs angehören, oder aber als seien ihre Funktionen von den überhandnehmenden stehenden Schleuder- oder Schundbazaren in neuere Zeit über- Neunzehntes Kapitel. Der Rückgang des Wanderhandels. 365 nommen worden. Wenigstens lassen darauf die wenigen, aber sehr beweiskräftigen Ziffern scbliefsen, die wir über die weitere Entwicklung der Wanderlager und Wanderauktionen besitzen. In den 1870 er Jahren wurde konstatiert, dafs sie mit besonderer Vorliebe die gröfseren Städte aufsuchten. Dort sind sie nun aber heute offenbar gänzlich bedeutungslos geworden. So betrug beispielsweise in Breslau nach den Verwaltungsberichten dieser Stadt 1 die Zahl der Vereinnahmte Steuer in Mk. Wanderauktionen W anderlager- verkäufe beide zusammen 1889/90 10 1 ii 550 1890/91 2 1 3 1000 1891/92 3 4 7 500 1892/93 — — — — 1893'94 1 — 1 50 1894/95 3 1 4 200 1895/96 4 — 4 200 1896/97 2 4 6 300 1897/98 1 2 3 150 In den 9 Jahren) 1889/90 —1897/98 / 26 13 39 3050 Ganz ähnliche Ziffern liegen für andere Grofsstädte vor 2 3 * * * * . Aber auch in den kleineren Städten und auf dem flachen Lande sind die Wanderlager und Warenauktionen scheinbar zu keiner Bedeutung gelangt. Wenigstens lassen darauf die Ziffern schliefsen, die wir für das Grofsherzogtum Baden besitzen und die uns ein Bild von der Entwicklung während der Jahre von 1867 bis 1895 gewähren 8 . Es wurden im ganzen Grofsherzogtum Baden 1 Verwaltungsberichte der Stadt Breslau bezw. für die Jahre 1889/92, 1892/95, 1895/98. 2 So waren 1600 Mk. Einnahme aus der Wanderlagersteuer in den Etatsjahren 1880 und 1893 der Höchstbetrag seit Erlafs des Wanderlagersteuergesetzes vom 27. Febr. 1880, den die Stadtgemeinde Köln vereinnahmte. Vgl. Bericht etc. der Stadt Köln für das Etatsjahr 1898. S. 185. 3 Die Ziffern für die Jahre 1867—76 sind der Enquete des Jahres 1878 (S. 11), diejenigen für die folgenden Jahre dem Jahresbericht des Grofsherz. Ministerium des Innern 1889—96 entnommen; letztere mitgeteilt in H. 5, 259. Im Jahre 1876 werden die Wanderbetriebe schärfer zur Steuer herangezogen. 3ö6 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Wanderlager zur Steuer veranlagt von den Wanderlagern Steuer erhoben in Mk. 1867 284 782 1868 213 794 1875 244 •2180 1876 294 3122 1882/88 in maximo 184 2270,99 — in minimo 110 834,10 1889 136 1893,48 1890 158 1358,64 1891 176 1294,52 1892 144 1182,74 1893 132 1560,58 1894 79 934,05 1895 89 817,51 Also eine deutliche Tendenz zum Rückgang und in Summa heute eine Quantitd ndgligeable. Zwanzigstes Kapitel. Die Neuorganisation des sefsliaften Detailhandels. A. Der alte haiidwerksmäl'sige Detailhandel. Der sefshafte Detailhandel ist nicht viel lungeren Datums als der Markthandel oder die Hausiererei. Seit dem 13. Jahrhundert haben wir Kunde von seiner Existenz und fast auch schon von seiner Art 1 . Wir wissen bis ins einzelne, was ein „mercier“ im 14. Jahrhundert an Waren feil hatte 2 und wie der „Laden“ in den Städten des Mittelalters ausschaute. Denn offenbar handelt es sich in allen Anfängen des Detailhandels um ein noch undifferenziertes Warenlager, einen sog. Kram, in dem ungeschieden noch alles zum Verkauf stand, was überhaupt von einem besonderen Detaillistenstande vertrieben wurde 3 . Wie wir ihn noch heute in extensiven Verkehrsgebieten antreffen, wo in der „Gemischtwarenhandlung“ etwa folgende Kostbarkeiten dem Besucher in die Augen fallen, gegebenenfalls auch wohl in die Nase stechen: Kolonialien, Konfekt, Spirituosen , Cigarren , Rauch-, Kau-, Schnupftabak, Schiefertafeln, Papier und andere Schreibutensilien, Stoffe, Nähutensilien etc., Spaten, Ketten, Sensen, Peitschen, Petroleum, Farben, Heringe, Sirup etc. 4 In intensiveren Verkehrsgebieten, den gröfseren Städten, hatte sich jedoch schon in vor- bezw. früh- 1 Siehe z. B. Martin-Saint-Leon, Histoire des corporations (1897) p. 166 nach dem Livre des metiers tome IX und X. 2 Ygl. z. B. Levasseur, Hist, des classes ouvr. 1, 832. 8 Die Lübecker Bürgerrolle von 1353 erlaubt den Krämern zu verkaufen: Kolonialwaren, Bohstoffe, Manufaktur- und Kurzwaren. Wehr mann, Lüh. Zunftrollen, 272 ff. Ähnliche Zustände in Breslau. W. Borgius, Wandlungen, S. 44. 4 Vgl. auch z. B. die Liste der Waren, die ein „Dorfkrämer“ im 18. Jahrhundert führen durfte, etwa hei Herold, Rechte der Handwerker (1841). S. 85. 308 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. kapitalistischer Zeit eine Umgestaltung und Weiterbildung in der Weise vollzogen, dafs die ursprünglich einheitliche Warenhandlung sich in verschiedenen Läden differenzierte, wodurch dasjenige entstand, was wir ein „Branchengeschäft“ nennen wollen. Da von diesem Zustande, wie er durch die Existenz der Branchengeschäfte geschaffen war, die moderne Entwicklung ihren Ausgangspunkt nimmt, so sei im folgenden einer kurzen Schilderung dieses Status quo ante Raum gegeben. Das Gemeinsame aller Branchengeschäfte war, dafs sie den Kreis der von ihnen geführten Artikel nach der Herkunft der Waren umschrieben. Für den Vertrieb der Rohstoffe sorgten zwei Arten von Geschäften, von denen die einen im wesentlichen alles feilboten, was von fern her, insbesondere vom Auslande kam, die andern das übrige. Jene Auslandswarengeschäfte sind die Materialwaren-, Kolonialwaren-, Spezereiwaren- etc. Läden, deren Inhaber „Materialisten“ hiefsen. Ein Blick auf die Liste der Waren, die den „Materialisten“ nach den Berliner und Dresdener Taxordnungen vom Jahre 1764 zu führen erlaubt waren *, überzeugt uns von der ausschliefslichen Auslandsqualität fast aller gehandelten Artikel: denn auch alle Öle, die meisten Farbstoffe, der Zucker etc. sind ja in jener Zeit noch exotischer Provenienz. Die Inlandsrohstoffgeschäfte sind unter dem Namen der Landesprodukten-, Produkten-, Viktualien-, Vorkosthandlungen, der Gräupner, Bäudler etc. noch heute vielfach ihrem ursprünglichen Wesen gemäl’s gekennzeichnet. Gewerbliche Erzeugnisse wurden im wesentlichen in vier (bezw. fünf) Arten von Detailgeschäften verhieben: 1. Textilwaren in den sog. Ausschnittgeschäften, Schnittwarenhandlungen, Manufakturwarenhandlungen, wo noch ohne Unterschied alle „Ellenwaren“ gehandelt wurden oder, im Fall weitergehender Differenzierung, in besonderen Tuch-, Baumwollwaren-, Leinwandhandlungen. Was der Käufer bezw. die Käuferin hier fanden, waren also im wesentlichen die Elemente der Kleidung, die dann im Hause oder bei Lohnhandwerkern weiter verarbeitet wurden. Zur Ergänzung diente eine Reihe von Zuthat- geschäften, wie beispielsweise die Zwirnhandlungen, deren es in Breslau (nach dem Adrefsbuch) 1846 noch 28 gab, während die Nadeln im Eisenkram, die Besätze beim Posamentierer gekauft werden mufsten. Die anderen Geschäfte, in denen die gewerblichen Erzeugnisse feilgehalten wurden, waren: 1 Mitgeteilt in Bergius’ Neuem Policey- und Cameralmagazin 4(1778), 152 f. Zwanzigstes Kapitel. Die Neuorganisation d. sefshaften Detailhandels. 369 2. die Stahl-, Messing-, Eisen Warenhandlungen; 3. die Glas-, Porzellan-, S t e i n g u t handlungen; 4. die Galanterie- oder Nürnbergerwarenhandlungen, in denen alle Sorten Kurzwaren zusammengefafst waren, deren ursprünglich gemeinsame Herkunft ebenfalls noch im Namen zum Ausdruck kommt. Endlich sind hier noch zu nennen 5. die Altwarenhandlungen, die, wie schon an anderer Stelle hervorgehoben wurde, in früherer Zeit, bei den so viel längeren Abnutzungsperioden aller gewerblichen Erzeugnisse, eine erheblich viel gröfsere Rolle spielten als heute 1 . Aber wenn auch solcherart das äufsere Gepräge einer Detailhandlung aus der Mitte des 19. Jahrhunderts um einiges abwich von der, die sie ein halbes Jahrtausend früher trug: so gut wie ganz unverändert in all der Zeit war ihre Organisation, war vor allem ihr Geist geblieben. Beide bewegten sich noch durchaus in handwerksmäfsig-patriarchalischem Geleise. Die Anzahl der Hilfspersonen, wo solche überhaupt gehalten wurden, war gering. Noch 1858 wurden in Preufsen (nach Dieterici) auf 39 829 selbständige Handeltreibende nur 22907 Handlungsangestellte gezählt. Und selbst in einer grofsen Stadt wie Breslau hielten in oben genannten Branchen (einschliefslich sogar dem Grofshandel: T. O. Schröter!) 518 Inhaber nur 827 Gehilfen. Und zwar müssen wir uns die Gröfse der Handelsbetriebe ziemlich gleich vorstellen: es standen die meisten dem Durchschnitt nahe. Weder von ganz proletarischen Eintagsexistenzen, noch gar von Riesenunternehmungen war die Rede. Dafs Gehilfen- und Principalschaft in patriarchalischem Verhältnis zu einander standen, ist selbstverständlich. Es war der Kram eine Art Familieninstitution, wie die handwerksmäfsige Produktion. Die Thätigkeit der Detailleure war nach Umfang wie Inhalt seit Generationen die gleiche, rein handwerksmäfsig- mechanische geblieben. Die geringe Handelsentfaltung, wie sie die gering entwickelte Produktivität selbstverständlich machte, die Ständigkeit und Stetigkeit aller Verhältnisse, die festgefügte Kundschaft, alles wirkte zusammen, dem Detailhandel sein handwerks- mäfsiges Gepräge zu erhalten. Der Absatz war ein Gegebenes: auf ihn brauchte der Krämer-Handwerker nicht zu sinnen : ihn zu organisieren war noch weder eine Kunst oder gar eine Wissenschaft. Daher auch die Detaillisten ihrer Natur nach Handwerker 1 Über Altwarenhandlungen, namentlich Alteisenhandlungen in Breslau vgl. W. Borgius, Wandlungen, 48. Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 24 370 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. geblieben waren, fremd jeder spekulativen Sinnesrichtung und alles andere als „Kaufleute“ 1 . Der Grundgedanke, auf dem der Detailhandelskram aufgebaut war, konnte deshalb auch kein anderer sein, als der aller handwerksmäfsigen Thätigkeit, wie wir ihn als das beherrschende Wirtschaftsprincip des Mittelalters kennen gelernt haben: dafs der „Kram“ seinen Mann recht und schlecht ernähren müsse, dafs er eine „Nahrung“ sei, so gut wie das Gewerbe des Gevatter Schneider oder Handschuhmacher 2 . Ein Schriftsteller, der dank seiner reaktionären Gesinnung oft ein sehr feines Empfinden für das eigenartige Wesen vorkapitalistischer Wirtschaftsformen zeigt, trifft auch hier das Richtige, wenn er vom Detaillisten von Anno dazumal sagt 3 : Der Kleinhändler der alten Zeit hatte seine Krämerbank vom Reiche zum Lehen; er war ein Beamter des Reichs wie jeder andere Ministeriale, ein Rad im grofsen socialen Uhrwerk jener Zeit. Er hatte deshalb auch den Sittenkodex des Beamten. Er gehörte einem Reichsstande an, er gehörte zu den „ehrlichen Leuten“, nicht zu den „Freileuten“ (wie häufig die Hausierer). Es war deshalb unter seiner Würde, zu den Leuten in das Haus zu gehen und sie um Arbeit, um Kauf zu bitten. Er that seine Pflicht als öffentlicher Diener, indem er seinen Kramladen zur Zeit öffnete und schlofs und die ihm zum Verkauf übertragenen Handelsgegenstände in genügender Menge und guter Beschaffenheit zum obrigkeitlich bestimmten Preise vorrätig hielt. Wer nicht kam, liefs es eben bleiben, hatte er doch seinen sicheren Markt 4 . Glaubte jemand Klage gegen ihn führen zu müssen, so konnte er ihn beim Rat der Stadt als seiner ordentlichen Obrigkeit belangen. Sein Gewinn war der wohlerworbene 1 „Billig sollten die Kaufleute überall von den Krämern unterschieden, für sie der erste Rang, für die Krämer aber der unterste nach den Handwerkern sein. . . . Denn es gehört gewifs sehr wenig Kunst dazu, um hundert Pfund Zucker, Kaffee oder Rosinen in Empfang zu nehmen und bei kleineren Teilen wieder auszuwiegen. Die ganze Buchhaltung besteht hier im Anschreiben und Auslöschen und die ganze Rechenkunst in der armen Regel de Tri. . . .“ .T. Möser, Patriot. Pliantas. 2 (1780), 174. 75. 2 Die Hausierer sind . . . „Störer der festen, örtlichen Nahrungen der Krämer“: Art. „Hausierer“ im Ersch und Gr über (1828). 3 Eugen Niibling in H. 1, 443. 4 Das ist noch heute in Ländern mit rückständiger wirtschaftlicher Kultur die selbstverständliche Auffassung; so wird von Spanien erzählt: „Die Läden sind fast immer geschlossen. Der Spanier ist zu stolz, um auf das Geschäft zu sehen, betrachtet es als hohe Gunst, wenn er die Thüre seines Magazins öffnet.“ R. Muther, Studien und Kritiken 1 (1900), 337/38. Ähnliche Zustände in Italien, von Rom an südwärts. Zwanzigstes Kapitel. Die Neuorganisation d. sefsliaften Detailhandels. 371 Lohn für seine Mühewaltung, der Lohn für persönlichen Dienst im öffentlichen Wohl. Vansen: So seid ihr Bürgersleute: Ihr lebt nur so in den Tag hin, und wie ihr euer Gewerb’ von euren Eltern überkommen habt, so lafst ihr auch das Regiment über euch schalten und walten, wie es kann und mag . . . Soest: Wer denkt da dran? wenn Einer nur das tägliche Brot hat. B. Die Genesis des kapitalistischen Detailhandels. Und nun hat der Kapitalismus auch dieses Idyll ruhiger Beschaulichkeit, hat er auch diese Stätte behaglichen Türkentums längst in seiner rücksichtslosen Art zerstört, und hat Unrast, heberhafte Thätigkeit, Nervosität an die Stelle gesetzt, wo ehedem friedliche Genügsamkeit, gesättigtes Dasein herrschten. Das ging aber so zu. Wir wissen, wie sehr es im Wesen kapitalistischer Produktion begründet ist, dafs sie mit ihrem Angebot an Waren stets der Nachfrage vorauseilt; wir wissen, dafs die durch die Errungenschaften der modernen Technik ins Grenzenlose gesteigerte Produktivität in der eigentümlichen Organisation unseres Wirtschaftslebens zunächst eine Verschlechterung der Marktverhältnisse für den Produzenten und dementsprechend bald auch für den Händler, erst den Grofs-, dann aber auch den Kleinhändler bedeutet: es müssen mehr Waren an den Mann gebracht worden, das bedeutet für jeden einzelnen Warenbesitzer, er mufs dein anderen, der ebenfalls den Anspruch erhebt, seine Ware abzusetzen, zuvorzukommen suchen: es entsteht somit der Konkurrenzkampf, der dann seinen rechtlichen Ausdruck in der freiheitlichen Rechtsordnung findet. Der Konkurrenzkampf wird um so hitziger entbrennen, je gröfser die Zahl der um die Kundschaft Kämpfenden wird: wie wir sahen, ist aber gerade der Detaillistenstand einer starken Vermehrung ausgesetzt gewesen. Und der Konkurrenzkampf wird um so intensiver geführt, wird um so allgemeiner werden, je rascher dank der modernen Verkehrsentwicklung sich ein Ausgleich der örtlich ursprünglich verschiedenen Güterpreise durchsetzt: eine Thatsache, die sich immer mehr in unserer Zeit vollzieht. Zu dieser Erschwerung des Absatzes infolge gesteigerten Angebots kommt nun eine Erschwerung des Handelsbetriebs infolge der stetig sich steigernden Menge verschiedenartiger Waren, sowie des unausgesetzten Wechsels ihrer Beschaffenheit und ihres Preises, wie sie 24 * 372 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. die revolutionäre Produktionstechnik mit sich bringt. Zieht man zu alledem noch in Betracht, wie der Stab des Plutus auf die Menge wirkt: „Doch keiner bleibt von Flammen frei; Und wie es patscht und wie es schlägt, Wird neues Flammen aufgeregt . . dafs die auri sacra fames unter der Herrschaft des Kapitalismus in alle Poren des Volkes eindringend selbst den alten Krämer Soest nicht verschont, so vermögen wir zu ermessen, wie völlig sich für den Detailhändler die Situation verschoben hat. Auch der Absatz der Waren an die letzten Konsumenten wird zu einem Problem; aus der traditionell-handwerksmäfsig geübten Thätigkeit wird unter dem Zwang der Verhältnisse ein zielbewufstes, vernunft- gemäfses Handeln, dessen Aufgabe darin bestehen soll, das klargestellte Problem zu lösen: wie trotz Verschlechterung und Erschwerung der Absatzverhältnisse dennoch — nicht nur die „Nahrung“ zu sichern, das genügte dem erwachten Gewinnstreben nicht mehr, sondern — steigende Gewinne zu erzielen seien. I. Die neuen Geselläftsprincipien. Dafs dieses Problem nur zu lösen sei, wenn man zunächst mit den alten Geschäftsprincipien völlig brach, mufste als selbstverständlich erscheinen. Der Kunde, den man früher wohlgemut erwartet hatte und der auch sicher gekommen war, da sich für ihn keinerlei wesensverschiedene Kaufgelegenheit anderswo bot, der Kunde mufste jetzt gesucht, angegriffen, herbeigeschleppt werden. In Breslau und wohl auch anderswo liegen in manchen Strafsen fast Haus neben Haus ganze Reihen minderwertiger Herrenkleiderhandlungen. In der Ladenthüre stehen der Besitzer selbst oder sein Stellvertreter, auf Beute ausschauend. Läfst sich auch nur von fern ein Bäuerlein blicken, so geraten die Thürsteher in unseren Läden in Bewegung. Und wie sich das Bäuerlein ihnen nähert, beginnen sie es in ein Gespräch zu verwickeln und zum kaufen zu animieren. Folgt es nicht willig, so wird wohl auch eine leise Nachhilfe, ein sanftes Schieben oder ein schüchternes Zupfen nicht verschmäht. Der Nachbar aber greift den Ländling von der anderen Seite her gleicherweise an. Und es kann kommen, dafs an dem einen Rockärmel unseres Michel der Herr Cohn und am anderen der Herr Levy ziehen. „Armelausreifsgeschäfte“ nennt der Volksmund treffend diese Sorte Läden. Aber was hier in drastischer Form, in roher, handgreiflicher Manier geschieht, ist doch im Zwanzigstes Kapitel. Die Neuorganisation d. sefsliaften Detailhandels. 373 Grunde gar nichts anderes als das, was auf feinere, zartere Weise jeder moderne Detaillist, der mit der Zeit fortgeschritten ist, nicht minder thut. Und wenn Bon Marchd und Louvre auch nicht wie die beiden armen Schlucker Levy und Cohn in der schmutzigen Nebenstraffe einer armen Provinzialstadt einzelne Bauern heim Schlaffittchen packen, so ist doch ihre Geschäftspraxis ihrem Geiste nach auf demselben Grundgedanken aufgebaut: im Kampfe um den Kunden den Gegner zu besiegen. Das TloXsixog 71 uttjq ncnTCOv gilt nun aber auch hier: alles, was der moderne Detailhandel an neuen Gestaltungen und Erscheinungen aufweist, ist jenem Kampfe um den Kunden entsprungen. Wie nun an einer Reihe wichtiger Punkte zu zeigen sein wird. Es handelt sich naturgemäfs für den Händler um zweierlei: den Kunden zu veranlassen, dafs er zu ihm statt „zu der Konkurrenz“ geht: ihn anzuziehen; dann aber weiter, ihn so gut zu bedienen, dafs er auch ein zweites Mal wiederkommt: ihn zu fesseln. Ersterem Zwecke dient, wie man weifs, die Reklame. Die Reklame ist nicht ausschliefsliche Domäne des Detailhändlers; nicht nur, dafs sie auch der Arzt und der Theaterdirektor, die Kunstausstellungskommission und die Badeverwaltung sich dienstbar machen: in der Sphäre des Wirtschaftslebens ist sie heute fast schon in höherem Mafse anderen als dem Detailhändler, vor allem dem Produzenten selber eine Lebensbedingung geworden. Aber ihre Erwähnung gehört doch an diese Stelle deshalb, weil die Reklame ohne allen Zweifel im Gebiete des Detailhandels ihre Entstehung erlebt und ihre Weihe empfangen hat. Es ist kein Zufall, dafs die Reklame als ständige Einrichtung in das Wirtschaftsleben zuerst eingebürgert worden ist von den ältesten Pariser Magasins de Nouveautds. Es scheint doch wirklich, als ob die Inserate, die der Petit Saint Thomas, der Deux Edmond oder der Siege de Corinthe veröffentlichten, in denen zum erstenmal ganz schüchtern in ein paar Zeilen dem p. t. Publikum jene Geschäfte in Erinnerung gebracht wurden, die Urform der modernen Reklame darstellten. Man glaubt, ihre ersten Spuren in das Jahr 1829 verlegen zu sollen 1 , das somit als das Geburtsjahr der modernen, ständigen Geschäftsreklame zu betrachten wäre. 1 A. Coffignon, Les coulisses de la Mode (ca. 1888), 158. Eine Geschichte der modernen Reklame zu schreiben, wäre eine dankbare Aufgabe für einen geistreichen Menschen. 374 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Und heute, nach kaum zwei Menschenaltern, ist die Reklame ein unentbehrlicher Bestandteil rationeller Wirtschaftsführung geworden. „Sie gehört heute zum eisernen Bestände unseres Wirtschaftslebens : die Gesetze zur Bestrafung des unlauteren Wettbewerbs, der concurrence döloyale haben sie feierlichst sanktioniert. Für den Geschäftsmann ist die Reklame heute das, was der Lotse für das Schilf ist. Die notwendige Kraft ist da, Dampf ist in der Maschine, alles ist in Ordnung, alle Mann sind auf dem Posten, aber es kann nichts begonnen werden, wenn der richtige Wegweiser fehlt.“ Und zwar ist es die notwendige, die erzwungene Allgemeinheit der Reklamebenutzung, die unsere Zeit charakterisiert. Kein Geschäftsmann kann sich ihr mehr entziehen: bei Strafe des Untergangs. Es giebt genug Leute, die auch ohne Reklame grofs geworden sind, die aber jetzt mit einem Male zu ihrem eigenen Erstaunen gewahr werden, dafs ihr Geschäft nicht mehr so vorwärts geht, wie ehedem. Sie bemerken, dafs neben ihnen jüngere Elemente in die Höhe gekommen sind, die rücksichtslos alle Mittel einer routinierten modernen Geschäftsführung angewandt haben, und dafs unter diesen nicht zuletzt eine draufgängerische Reklame sich als wirksam erwiesen hat. So ist es gekommen, dafs heute sich niemand mehr der Reklame entziehen kann, und darin liegt ihre grundsätzliche Bedeutung. „Die Reklame selbst ist eine Wissenschaft geworden, erfolgreiche Reklame aber eine Kunst. Immer mehr tritt das Bemühen zu Tage, für die Reklame bestimmte Grundsätze aufzustellen. Mehr und mehr bricht sich die Erkenntnis Bahn, dafs auch zum Reklamemachen Methode gehört, dafs die Mittel und Wege, deren man sich zur Erreichung seines Zwecks bedienen will, wohl erwogen und geprüft sein wollen. Bei dem heutigen Stande der Reklamewissenschaft (!) genügt es nicht mehr, dafs der Kaufmann oder Fabrikant sie nebenher besorgt, sondern es ist notwendig, dafs er, wenn er auf der Höhe bleiben oder sie erreichen will, ihr seine volle Aufmerksamkeit widmet.“ Diese Worte sind einem Buche entnommen, das selbst am besten von der gewaltigen Rolle zu überzeugen vermag, die die Reklame im heutigen wirtschaftlichen Getriebe spielt: dem „Handbuch der Reklame“, das im Augenblick den besten Überblick über das besprochene Gebiet gewährt und das durch Reproduktion zahlreicher kunstvoller Plakate zugleich ein reizendes Bilderbuch geworden ist h Hier kann nicht näher auf den Inhalt jener neuen „Wissen- 1 Johannes Lemeke (P. Friese 11 hahn), Handbuch der Fieklame. 1901. Zwanzigstes Kapitel. Die Neuorganisation d. sefshaften Detailhandels. 375 schaft“ eingegangen werden. Nur einen Hinweis möchte ich mir gestatten: das ist die grofse Bedeutung, die der Verbindung der Kunst mit der Reklame beizumessen ist. Sie ist erst im letzten Menschenalter erfolgt durch die Ausbildung des künstlerischen Plakats 1 . Der Ausgangspunkt des modernen Plakats ist Frankreich, das seine Anregung wiederum von Japan erhalten hat ; sein rechtmäfsiger Vater Jules Cheret. Was seit den ersten Versuchen Cherets durch die Guillaume, Georges Meunier, Hugo d’Alesi, Th. A. Steinlen, Felix Valloton, Boutet de Monvel, Maurice Realier-Dumas und viele andere allein in Frankreich an künstlerischer Ausgestaltung der Affiche geleistet worden ist, ist ganz enorm. Seitdem ist es auch in anderen Ländern mehr und mehr üblich geworden, Plakate zu Kunstwerken auszugestalten, ln Deutschland kann man von einem Kunstplakat erst seit dem Jahre 1896 sprechen. Bahnbrechend haben bei uns vornehmlich die modernen Kunstzeitschriften gewirkt. Eines der ersten künstlerischen Plakate war das für den „Pan“, der auch bereits im Jahre 1896 einen Aufsehen erregenden Artikel über moderne Plakate brachte; es folgten die „Jugend“, der „Simplicissimus“, mit dem Thomas Theodor Heine emporgetragen wurde, vielleicht der genialste der lebenden Plakatzeichner: man erinnere sich der „Dame mit Teufel“, der beiden roten Bulldoggen auf schwarzem Felde, mit denen der „Simplicissimus“ zuerst angezeigt wurde. Neben Heine ist jetzt eine ganze Schar talentvoller Künstler im Dienste der Reklame thätig: Sütterlin, der das Hammerplakat für die Berliner Gewerbeausstellung schuf, der erfindungsreiche Edel, Carl Schnebel und viele andere, darunter die ersten Namen der Künstlerwelt. Eine mächtige Förderung hat das Plakatwesen dadurch erfahren, dafs jetzt auch eine Reihe von Kunstanstalten wie Hollerbaum und Schmidt in Berlin, Wilh. Hofmann und Leutert und Schneidewind in Dresden sich den Intentionen der modernen Künstler haben anzupassen vermocht. So ist die Reklame drauf und dran, nicht nur ein unentbehrliches Glied im wirtschaftlichen Mechanismus, sondern auch ein bestimmender Faktor in unserem modernen Kulturleben zu werden. Für die engeren Zusammenhänge aber, deren Aufdeckung uns hier in erster Linie am Herzen liegt, noch wichtiger als die Reklame, die das Publikum heranzuziehen bestimmt ist, sind doch 1 Vgl. das schöne Werk von Jean Louis Sponsel, Das moderne Plakat. 1897. 376 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. diejenigen Mafsnahmen, die dem Zwecke dienen, das einmal angelockte Publikum auch wirklich zu befriedigen: die Mafsnahmen der Kulanz im weiteren Sinne. Denn sie sind es ja vornehmlich, die eine Neuordnung des gesamten Geschäftsbetriebes herbeiführen. Hab ich die Kraft, dich anzuziehn, besessen, So hatt’ ich dich zu halten keine Kraft — ist, ins Kaufmännische übertragen, die Devise des Schwindlers; aber auf Schwindel ist dauernd noch nie ein Unternehmen begründet worden. Als Regel gilt wohl das englische Wort: „You can fool some people all the time, you can fool all people some time, but you cannot fool all the people all the time“ . . . Und darum mufs zu der Reklame, die dem ersteren der beiden Zwecke dient, die Kulanz hinzutreten, damit ein Geschäft dauernden Bestand haben könne. Da sind zunächst, wie jedermann aus eigener Erfahrung weifs, all die tausend „kleinen Mittel“, deren sich heute jeder Geschäftsmann bedient, um sich seinen Kunden angenehm zu machen: bald ist es die Ausstattung des Ladens, des Schaufensters (die ebenso auch der Reklame dienen mufs), bald die prompte und höfliche Bedienung, in denen der Händler sich hervorzuthun sucht; saubere und elegante Verpackung, Zustellung der Waren ins Haus, Rücknahme zum Umtausch, allerhand Beigaben für die Kleinen, die die Mutter beim Shopping begleiten: dies und vieles andere gehört heute schon als selbstverständlicher Zubehör zu einem Detailhandelsbetrieb, der nicht hinter den „Anforderungen der Neuzeit“ Zurückbleiben will, und wird von Kleinen und Grofsen gleichmäfsig geübt. Aber solcherlei Praktiken berühren doch immer erst die Oberfläche ; sie gestalten die Geschäftsorganisation noch nicht von Grund aus um. Dazu führen erst eine Reihe anderer Erwägungen; nicht zuletzt die folgende: der Händler, dem es gelungen ist, durch allerhand geschickte Kunstgriffe sich auch unter den veränderten Verhältnissen seine Kundschaft in gleichem Umfange wie früher nicht nur zu erhalten, sondern neue Kunden dazu zu erwerben und im ganzen mehr zu verkaufen, also mehr Ware „über den Ladentisch gehen“ zu lassen, seinen Jahresumsatz zu vergröfsern, mufste notgedrungen die Beobachtung machen, dafs ihm dieser vergröfserte Umsatz an und für sich eine ganze Reihe von Vorteilen gewährte. Wenn er bei gleichen Ausgaben für Miete, Bedienung, Beheizung, Beleuchtung etc. doppelt so viel Waren absetzte, so ergab sich für Zwanzigstes Kapitel. Die Neuorganisation d. seßhaften Detailhandels. 377 ihn entweder eine höhere Verzinsung des gleichgebliebenen Kapitals (wenn er die Aufschläge auf das einzelne Stück unverändert liefs) oder aber die Möglichkeit, ohne seinen Profit zu schmälern, am Aufschlag auf das einzelne Stück abzulassen, also die Ware billiger liefern zu können. Das war das eigentlich Entscheidende. Diese Erkenntnis wurde der Ausgangspunkt für die eigentliche Neugestaltung der Handelsunternehmung: es war gleichsam „die“ Lösung des gestellten Problems, und es wurde die Losung für allen modernen Handel: „grofser Umsatz, kleiner Nutzen.“ Auf das Streben, den Umsatz zu vergröfsern, um dadurch, wenn das Streben mit Erfolg gekrönt wird, die Konkurrenz durch billigere Lieferung aus dem Felde schlagen zu können, auf dieses Streben lassen sich fast alle grundlegenden Neuerungen im modernen Detailhandel zurückführen, von denen nunmehr die Rede sein wird. II. Neue Geschäftsformen. Ich will mich nicht aufhalten mit einer Aufzählung der massenhaft nachgewiesenen betrügerischen Mafsnahmen, zu denen sich im Drang der Verhältnisse so mancher Händler unserer Zeit hat verleiten lassen, um sein Geschäft auf Kosten des Nachbarn auszuweiten. Sie sind ebenso wie die schwindelhafte Reklame eine Kinderkrankheit und heute, zumal seit Verschärfung der Strafbestimmungen, sicher schon im Abnehmen begriffen. Gerade wie der Grofshandel, wie die Industrie eine Periode der kleinen Schmuggeleien und grofsen Betrügereien überall überwinden mufste, so ist auch dem Detailhandel eine derartige Übergangszeit nicht erspart geblieben. Wir können sie hier füglich mit Stillschweigen übergehen h 1 Wer sich für derartige sociale Pathologie interessiert, findet in dem S. 358 Anm. 1 genannten Sammelwerk eine überreiche Auslese von den Kniffen und Pfiffen, deren sich der Kleinhandel während der Zeit seiner Mauser schuldig gemacht hat. Zur weiteren Orientierung dient die reiche Litteratur über den sog. unlauteren Wettbewerb, die Concurrence deloyale. Ygl. u. a. Jul. Bachem, Der unlautere Wettbewerb im Handel und Gewerbe und dessen Bekämpfung. 1892. P. Dehn, Hinter den Kulissen des modernen Geschäfts. 1897. W. Stieda, Unlauterer Wettbewerb in den Jahrbüchern für N.Ö. III. F. Bd. XI (1896), S. 74 f. Daselbst auch noch weitere Litteraturangaben. Viel Material über eigenartige Organisationen ganzer Schwindlerbanden — Deutscher in England — enthält das Buch von Rollo- Reuschel, Moderne Raubritter. Enthüllungen über die Schlittenfahrerschwindler in London. 1895. R. fafst hier jene Artikel zusammen, die er s. Z. in der „Kölnischen Volkszeitung“ veröffentlichte. 378 /weites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Hier sollen dagegen nur diejenigen Neuerungen registriert werden, die zu einer ständigen Einrichtung des modernen Detailhandels schon geworden sind oder zu werden versprechen h Aber auch von diesen können wir mit blofser Erwähnung diejenigen abthun, die noch nicht eigentlich die Umgestaltung des inneren Betriebs des Warenabsatzes herbeizuführen bezwecken: Einrichtungen, wie die Saison- und Resterausverkaufe 1 2 und ähnliche, wenn sie auch sämtlich dem namhaft gemachten Zwecke der Umschlagsbeschleunigung und damit der Umsatz- vergröfserung dienen sollen. Sie sind für uns naturgemäfs nicht so bedeutsam, wie jene anderen Neuerungen, die den ganzen Geschäftsbetrieb in neue Bahnen zu lenken geeignet sind. Von solchen Neuschöpfungen schweben mir zunächst drei vor, denen allen drei gemeinsam ist, dafs sie durch Ausweitung des Kundenkreises ebenfalls den Umsatz vergröfsern helfen, ohne doch einstweilen die ganze Struktur der Detailhandelsunternehmung in ihren Wesenheiten zu verändern, die vielmehr nichts 1 Zu der Species ephemerer Geschäftsarten gebürt wohl auch das sog. „Gella“- oder „Hydra“-System, das darin bestellt, dafs man jemandem eine Anzahl Bons aushändigt, von denen er einen selbst bezahlt, während er den Rest an „gute Freunde“ abzusetzen suchen mufs, deren jeder wiederum die gleiche Anzahl weiter zu vertreiben sich angelegen lassen sein mufs. Der Kuponkäufer erhält die betr. Ware, wenn eine entsprechende Anzahl Scheine bei der die Bons ausstellenden Handlung eingelaufen ist. Wer das Glück hat, ein noch unabgegrastes Konsumentenfeld als erster abzuernten, mag recht wohl dabei auf seine Kosten kommen: für 10 Pf. eine Fleischmaschine, Tischlampe oder einen Tafelaufsatz, für 25 Pf. einen Sportswagen oder Damenkoffer, für 50 Ff. einen reinseidenen Regenschirm, zwei Salonstühle oder eine Säulenlampe, für 1 Mk. einen grofsen Fournierkoffer, für 2 Mk. eine Nähmaschine etc., für 2x4 Mk. eine Fahrkarte II. Klasse Berlin—Paris und zurück (alles nach dem Preiskurant des Warenhauses „Hydra“) erwerben; die Mehrzahl der Kuponskäufer dürfte jedoch naturgemäfs ihr Geld einbüfsen. Für die Leute, die nicht alle werden, eine geradezu ingeniöse Erfindung, dieses Hydra-System. Im letzten Sommer suchte das genannte Warenhaus fünf Buchhalter; das Publikum drängte sich von früh bis spät, um „Urkunden“ und „Kupons“ zu kaufen. Principiell ist diese geniale Geschäftsform darum interessant, weil sie das Publikum selber vor den Wagen des kapitalistischen Warenabsatzes spannt. Der Unternehmer sitzt schmunzelnd auf seinem Kontorstuhl und sieht, wie sich in seinem Dienst die Herren und Damen der „besten Gesellschaft“ in den Siehlen, die er ihnen übergeworfen hat, die Schultern wundreiben. Dafs es sich dabei auch nur um eine Seifenblase handelt, kann nicht zweifelhaft sein. 2 Am ausführlichsten in der Litteratur ist das Problem der Ausverkäufe behandelt von E. Sch wiedland, Ein Gesetz zur Beschränkung der freien Konkurrenz im Handel in der Zeitschrift für Volkswirtschaft, Socialpolitik und Verwaltung Bd. II (1893) S. 253—277. Zwanzigstes Kapitel. Die Neuorganisation d. seßhaften Detailhandels. 379 anderes sind, als neue Arten des Geschäftsgebarens, der Waren- übermittlung. Ich meine das Versandgeschäft, das Auktionsgeschäft und das Abzahlungsgeschäft. 1. Das Versandgeschäft. Uber die Ausdehnung dieser aufserordentlich wichtigen Form des Warenabsatzes 1 sind wir leider so gut wie gar nicht unterrichtet. Einige Ziffern liegen für die Pariser Grands Magasins vor, die das Versandgeschäft in Provinz und Ausland zu einer besonderen Specialität entwickelt haben. Im „Bon March6“ und „Louvre“ laufen täglich etwa 4000 briefliche Bestellungen ein. Man rechnet, dafs das „Louvre“ für etwa 20 Millionen Frcs. Waren in die Provinz, für etwa 10 Mill. Frcs. ins Ausland versendet; im Umsatz des „Bon Marche“ machen die Versendungen per Eisenbahn etwa 40 Mill. Frcs. aus; in der „Samaritaine“ etwa 9 Mill. Frcs.; im „Printemps“ etwa 14 Mill. Frcs.; in den genannten vier Magazinen erreichen die Versandwaren also den enormen Betrag von 93 Mill. Frcs. im Jahre 2 3 * . Aber wir wissen aus unserer täglichen Erfahrung, dafs das Versandgeschäft weder auf Frankreich, noch auch etwa nur auf die grofsen Magazine beschränkt ist. Überall blüht es auf und nimmt einen immer gröfseren Kaum unter den verschiedenen Formen der Warenzuführung ein. Es ist eines der vielen legitimen Kinder, die der Kapitalismus mit der modernen Verkehrsentwicklung gezeugt hat; es ist erst möglich geworden, nachdem Drucksachenversand, Postkarte, Postanweisung und Nachnahme, 50 Pf.-Packet- porto und ähnliche Einrichtungen des modernen Verkehrs geschaffen worden waren 8 . Es ist deshalb vielleicht auch statthaft, die Entfaltung dieser Verkehrseinrichtungen als Gradmesser für. die Ausdehnung des Versandgeschäfts zu betrachten. Sicherlich entfällt ein gut Teil der Steigerungsziffern auf die genannte Geschäftsform ; so ist namentlich die ganz gewaltige Zunahme des Nachnahmeverkehrs ganz gewifs in engen Zusammenhang mit der Entwicklung des Versandgeschäfts zu bringen. In Ermangelung anderer Ziffern 1 Über die innere Einrichtung von Versandgeschäften unterrichtet eine Reihe von Artikeln im „Konfektionär“. 1899. 2 G. D’Avenel, Le Möcanisme de la Vie moderne. 1896. p. 61/62. 3 Juristisch liegt im „Versandgeschäft“ ein Kauf nach Probe bezw. Muster in Kombination mit einem mehrfach komplizierten Kreditkauf vor. 380 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. setze ich jene des Kleingüter- und Geldverkehrs der Post hierher x . Es wurden portopflichtige Packete ohne Wertangabe von Deutschen Reichspostanstalten nach anderen Deutschen Reichspostanstalten versandt: 1880 51 752 600 1890 86 631 839 1900 137 814 536 Die Anzahl der Packete, die mit Nachnahme belastet versandt wurden, betrug 1880 3 981 200 1890 7 289 990 1900 13 403 900 Der Betrag der Nachnahmesendungen überhaupt stieg in den letzten zwanzig Jahren wie folgt: 1880 57 141 000 Mk. 1890 95 421 300 „ 1900 540 338 400 „ Die Bedeutung der Entwicklung des Versandgeschäftes liegt vor allem darin, dafs vermittels seiner ein Warenabsatz in die entlegensten Dörfer und Weiler stattfindet. Sein eigentliches Herrschaftsgebiet liegt jenseits des natürlichen Versorgungsrayons der Grofs- und selbst der Mittel- und Kleinstädte. Die Geschäftsanzeige ebenso wie das Fünfkilopacket erreichen auch den Förster im abgelegenen Walde, den Schulmeister im Bergdorfe, die Gutsbesitzersfrau in Podolien, die nun ihre Joppen und Pfeifen, ihre Trilcotagen und ihren Rucksack, ihre Jacketts und ihre Tafelservice aus den Centren des Warenverkehrs beziehen können, unter den gleichen Bedingungen reichster Auswahl wie der Grofsstädter. Helfend und fördernd stehen dem Versandgeschäft zur Seite die Fortschritte der modernen Reproduktionstechnik, die es ermöglicht, wahrheitsgetreue Wiedergaben aller Artikel in den reich ausgestatteten Katalogen jedermann vor Augen zu bringen. Es ist bekannt, welcher Aufwand in solchen Versandkatalogen entfaltet wird und dafs die Ausgaben der grofsen Versandhäuser für Kataloge viele Millionen Mark betragen. Jedenfalls ist das Versandgeschäft eine der wichtigsten Formen modernen Geschäftsbetriebes, um die an anderer Stelle 1 Sämtlich nach den betreffenden Jahrgängen der Statistik der deutschen Reichspost- und Telegraphenverwaltung. Zwanzigstes Kapitel. Die Neuorganisation d. seßhaften Detailhandels. 381 hervorgehobene Bedarfsausweitung für die Praxis des Warenabsatzes überhaupt erst nutzbar zu machen. Worin nach der Meinung eines sein eigenes Versandgeschäft anpreisenden Geschäftsmannes die epochale Bedeutung dieser neuen Geschäftsform begründet ist, mag man aus folgender Reklame ersehen 1 : „Warum kauft man von Versandgeschäften? Weil man der Unannehmlichkeit enthoben ist, aus einem Laden gehen zu müssen, ohne etwas gekauft zu haben, für den Fall, dafs man das gewünschte nicht finden konnte, und weil man der Beredsamkeit von Verkäufern nicht ausgesetzt ist. Man spart Mühe und Zeit, die der Besuch eines oder mehrerer Läden erfordern würde. Man ist vorher von den Preisen unterrichtet, wählt zu Hause un- beeinflufst und bekommt die Ware ins Haus getragen.“ 2. Das Auktionsgeschäft. Die Auktion — d. h. der öffentliche Verkauf beweglicher Sachen an den Meistbietenden — ist keine dem modernen Leben eigentümliche Geschäftsform. Trotzdem findet sie hier Erwähnung, weil sich in letzter Zeit das Auktionsgeschäft zu neuen Formen entwickelt hat, in denen es bei der Neuorganisation des Detailhandels eine nicht unbedeutende Rolle zu spielen berufen scheint. Bisher war die Auktion ein organisches Glied im Wirtschaftsleben nur als Groishandelsauktion. Als solche allerdings ist sie seit dem 17. Jahrhundert für eine Reihe wichtiger Welthandelsartikel (Baumwolle in Liverpool, Wolle in London und Antwerpen, verschiedene Kolonialwaren in London, Amsterdam und Rotterdam, Elfenbein in London, Liverpool und Antwerpen u. a.) 2 zu einer geschätzten und vielfach für unentbehrlich gehaltenen Form des Absatzes geworden. Im Detailvertrieb der Waren hatte die Auktion bisher doch eine verhältnismäfsig untergeordnete Stellung eingenommen. Sie war im wesentlichen nur als gelegentliche Veranstaltung aufgetreten: sei es im Aufträge des Gerichts- oder des Konkursverwalters (Zwangsversteigerung), sei es als freiwillige Auktion bei Waren ohne festen Marktpreis (Kunst- und Bücherauktionen), bei Erbschafts- 1 Lemclte (Friesenhahn), Handbuch der Reklame, 260. 2 Ygl. R. Elirenberg, Art. „Auktionen“ im II. St. 2 2 , 25 f. Dieser Artikel behandelt überhaupt nur die Engrosauktionen. 382 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. gut, Warenpartien, die dem Frachtführer auf dem Halse geblieben waren oder in ähnlichen Verlegenheitssituationen. Dementsprechend waren die „Auktionatoren“ nur Hilfspersonen Dritter, der eigentlichen Warenbesitzer, und ihre Stellung wurde als eine Art von Vertrauensstellung aufgefafst, wie die der gerichtlichen Sachverständigen oder der Taxatoren. Daher in den meisten Ländern den Behörden die gesetzmäfsige Befugnis zusteht, Personen, die jenes Gewerbe betreiben, auf die Beobachtung der bestehenden Vorschriften zu beeidigen und öffentlich anzustellen h Was sich nun in neuerer Zeit an diesem Stande der Dinge zu verändern im Begriffe ist, ist dieses: es entwickelt sich das Auktionsgeschäft als eine selbständige, reguläre Form des Detailvertriebs neuer Waren. Gewiegte Geschäftsmänner befassen sich damit, unausgesetzt grofse Warenposten auf ihre Rechnung zu erwerben und auf dem Wege der Auktion in eigens zu diesem Zwecke gemieteten Auktionshallen mit Gewinn weiter zu veräufsern. Mit anderen Worten: eine Klasse von Detaillisten bedient sich zum besseren Vertrieb ihrer Waren der Geschäftsform der Auktion 1 2 . Die Gründe sind leicht zu ersehen. Die Auktion ist noch heute — dank im wesentlichen ihrer historischen Tradition — eines grofsen Zuspruchs aus gewissen Volkskreisen jederzeit sicher. Die Hoffnung, einen „billigen Gelegenheitskauf“ zu machen, wirkt auf viele Leute fascinierend. Und den Anschein, als ob es sich wie ehedem um eine zufällige Veranstaltung handele, weii's der routinierte Auktionator natürlich zu erwecken; es genügt, wenn er ankündigt, dafs „er in sehr geschätztem Aufträge den Verkauf veranstalte“. So wirkt hier die Form der Veräufserung, was in anderen Fällen, oft viel schwerer, die Reklame oder die elegante Laden- und Schaufensterausstattung wirken müssen: sie zieht Massen von Käufern herbei. Gerade das unordentliche Durcheinander eines Haufens der heterogensten Dinge in dem Fenster eines Auktionslokals, die plump an die einzelnen Stücke gehefteten Nummern, die mit Blaustift auf einen weifsen Bogen geschriebene und an der Thür ausgehängte Ankündigung der Versteigerung, das Gehen und Kommen der Leute, das Gedränge im Verkaufsraum, der Lärm, der aus der geöffneten Thür auf die Strafse dringt: alles reizt den un- 1 In diesem Sinne werden die „Auktionatoren“ in den Lehrbüchern des Verwaltungsrechts abgehandelt. Vgl. den Art. „Auktionatoren“ im H. St. 2 2 . 2 Eine verdienstvolle Darstellung dieser neuen Phase des Auktionswesens für Deutschland enthält das Buch von Max Süfsheim, Das moderne Auktionsgewerbe. 1900. Zwanzigstes Kapitel. Die Neuorganisation d. seßhaften Detailhandels. 383 geübten und arglosen Käufer, namentlich der niederen Volksklasse, reizt vor allem die Frauenzimmer, sich an der Veranstaltung zu beteiligen. Wie dann, wenn das Opfer erst glücklich im Vorsteigerungslokal sich befindet, das Uberbietungsfieber alle Anwesenden sofort befällt, ist bekannt. So kommt zu der Anziehungskraft, die die Auktion übt, die Tendenz zu hohen Verkaufspreisen, die sie dem Veranstalter lukrativ erscheinen läfst. Dafs aber nun auch in zahlreichen Fällen die Auktionsware gleicher Güte billiger sein kann, als die „aus freier Hand“ im ständigen Geschäft verkaufte, dürfen wir nicht in Zweifel ziehen: vor allem ist es die erhebliche Beschleunigung des Kapitalumschlages, die eine Herabminderung der Spesen und des Zuschlags sehr wohl herbeiführen kann; es kommen Ersparnisse an Miete (für Lagerräume), an Personal, Laden- und Schaufensterausstattung und ähnlichen Kosten hinzu. So dafs wir uns — in Summa — nicht zu wundern brauchen, wenn wir eine wachsende Bedeutung des Auktionsgeschäftes in unserer Zeit beobachten. Der Vei’fasser der obengenannten Schrift hat sich der Mühe unterzogen, für die Zeit vom Juli 1898 bis Dezember 1899 eine Zusammenstellung der Waren zu machen, die nach den bei der Königl. Polizeidirektion eingereichten Versteigerungsanzeigen in München zur Versteigerung angemeldet worden sind 1 . Die Übersicht läfst deutlich erkennen, wie selbst in diesem kurzen Zeitraum die Mengen und Branchen der versteigerten Waren von Monat zu Monat anwachsen. Wer nicht aus eigener Anschauung die rasche Ausdehnung dieses modernen Auktionsgeschäfts verfolgt hat, wird verblüfft sein, wenn er die Liste der nach vielen Tausenden zählenden Gegenstände aller Branchen überblickt, die schon heute in einer einzigen Stadt auf dem Wege der Versteigerung ihrer Bestimmung zugeführt werden. 3. Das Abzahlungsgeschäft. Wir haben seiner Zeit, als ich von den Umgestaltungen der Konsumbedingungen in kapitalistischer Zeit sprach, feststellen können, dafs durch eine Reihe von Umständen grofse Massen der Bevölkerung neuerdings überhaupt erst in den Stand gesetzt werden, als Käufer gewerblicher Erzeugnisse auf dem Markte zu erscheinen. Das gilt insbesondere von den A r orstadtbewohnern unserer grofsen Städte. Diese eben kaufkräftig werdenden Schichten befinden sich 1 Max Süfsheim, a. a. 0. S. 13—26. 384 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. nun aber der Regel nach doch stets nur in einer solchen Vermögenslage, dafs sie höchstens kleine Beträge ihres Wochen- oder Monatsverdienstes zum Erwerb von Gegenständen verwenden können, die nicht zur unmittelbaren Fristung des Lebens notwendig sind. Sollten daher diese Kreise zum Ankauf wertvollerer Gebrauchsgüter herangezogen werden, so mufste der Handel Mittel und Wege finden, wie er die kleinen Einnahmepartikelchen zu gröfseren Kaufsummen zusammenfügte, ohne doch Schaden an der eigenen Seele zu nehmen. Man verfiel auf den Ratenkauf, den „Erwerb beweglicher Sachen gegen Ratenzahlung“; in England schon früh 1 , in den anderen Ländern entsprechend später. Der einfache Ratenkauf ist ein modificiertes Kreditgeschäft und bot als solches den grofsen Ubel- stand, dafs er die Sicherheit des Verkäufers angesichts der Minderwertigkeit der Kundschaft nicht unbeträchtlich gefährdet. Diese Erwägung führte zu einer den Zwecken mehr entsprechenden Umgestaltung des einfachen Ratenkaufs, zum modernen Abzahlungsgeschäft 2 . Es ist wohl richtig, wenn behauptet wird 3 * * * * 8 , dafs von einer Definition der Abzahlungsgeschäfte in juristischem Sinne keine Rede sein könne. Unter „Abzahlungsgeschäft“ hat man nicht eine bestimmte, juristisch definierbare Vertragsart zu verstehen, sondern einen dem Verkehr entwachsenen Sammelnamen für verschiedenartige 1 Bekannt unter dem Namen „Tally Trade“, der bereits von M c Culloch in seinem Dictionary of Commerce (1844) als eine sehr verbreitete Geschäftsart abgehandelt wird. 2 Die Litteratur ist reich, soweit es sich um die juristische Erörterung der neuen Vertragsformen handelt, die ökonomische Seite des Abzahlungsgeschäfts wird dagegen fast immer nur von den Juristen nebenamtlich mit behandelt. Eine Übersicht namentlich über den Stand der Gesetzgebung gieht V. Mataja, Art. „Abzahlungsgeschäft“ im H. St. Dort findet sich auch ein Teil der Litteratur vermerkt. Unter den juristischen Bearbeitungen ragen hervor die Arbeiten von A. Cohen, Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Abzahlungsgeschäfts (1891) und W. Hausmann, Die Veräufserung beweglicher Sachen gegen Katenzahlung etc. (1891). Der 21. und 22. deutsche Juristentag (1891. 92) haben sich ebenfalls mit dem Thema beschäftigt. Die neueste juristische Bearbeitung ist die umfangreiche Züricher Diss. von K. Gefsner, Das Abzahlungsgeschäft, speciell die rechtliche Natur der Ahzahlungsverträge (1898). — Stimmungsbilder aus der Praxis des Wirtschaftslebens enthalten natürlich wiederum in reicher Fülle die Jahresberichte der Handelskammern. Soweit darin bis 1890 des Abzahlungsgeschäfts Erwähnung gethan ist, hat sie W. Hausmann, a. a. 0. S. 103 ff. auszugsweise zusammengestellt. 8 K. Gefsner, a. a. 0. S. 33. , Zwanzigstes Kapitel. Die Neuorganisation d. sefshaften Detailhandels. 385 Verträge, die nur sämtlich darin übereinstimmen, dafs sie geeignet sind, die Vorteile der Ratenzahlung mit einer genügenden Sicherstellung des Verkäufers zu vereinigen. Das geschieht durch eine Reihe verschiedener Sicherungsmafsnahmen, unter denen der Eigentumsvorbehalt wohl die wichtigste ist. In dieser modernisierten Form ist nun der Ratenkauf heute eine der beliebtesten Geschäftsformen geworden, die ihr gut Teil zur Steigerung der Absatzfähigkeit gewerblicher Erzeugnisse beigetragen hat. Nach einer Zusammenstellung bei Cohen 1 wird das Abzahlungsgeschäft am häufigsten bei folgenden Gegenständen angewandt (die Gegenstände sind nach dem Grade der Häufigkeit ihres Verkaufs auf Abzahlung geordnet): Hauseinrichtungsgegenstände (Möbel, Vorhänge, Teppiche, Regulatoren, Spiegel, Öldruckbilder), Manufakturwaren und Bekleidungsgegenstände (Kleider, Stiefel, Hüte, Schirme), Taschenuhren und Pretiosen, Maschinen, musikalische Instrumente, Bücher u. a. Die Kundschaft bilden in überwiegender Anzahl Fabrikarbeiter, Tagelöhner, Subalternbeamte, kleine Kaufleute, Wirte etc. 2 3 . Genaue Angaben über die Verbreitung des Abzahlungsgeschäfts stehen uns nicht zur Verfügung. Doch lassen die übereinstimmenden Aussagen Sachverständiger darauf schliefsen, dafs es in den unteren Schichten der Bevölkerung die durchaus vorherrschende Form des Warenumsatzes geworden ist. Nach einer Schätzung Hohnes 8 , der langjähriger Dirigent der Prozefsabteilung 4 des Landgerichts I in Berlin war, sollen 8 /io der Gesamtbevölkerung Berlins mittels Abzahlungsgeschäfts kaufen. Ein anderer Sachkenner veranschlagt die in Deutschland täglich abgeschlossenen Abzahlungsgeschäfte auf rund 10 000, ein Dritter, der Inhaber eines Abzahlungsbazars in Altona, giebt die Zahl seiner Kunden ebenfalls mit 10000 an. Und zwar haben wir es hier wieder selbstverständlich mit einer allen modernen Ländern gemeinsamen Erscheinung zu thun 4 * * * . 1 A. Cohen, a. a. O. S. 24. 2 A. Cohen, 110 ff. 3 Vgl. C. Höhne, Der sog. Leihvertrag. 1885; Theorie des sog. Leihvertrags. 1886; Die gesetzliche Regelung der Raten- und Abzahlungsgeschäfte. 1891. Citiert hei K. Gefsner a. a. 0. S. X und 15. 4 Einen Überblick über die Verbreitung des A.-G. im Auslande giebt A. Cohen, in Schmollers Jahrbuch XV (1891), 909 ff.; vgl. dazu (insbes. für die Schweiz) Gefsner, 19 ff. Über die Zustände in Österreich unterrichtet eine von der Wiener Handels- und Gewerbekammer Ende der 1880er Jahre Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 38() Zweites Bucli. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Wie sehr das Abzahlungsgeschäft an Bedeutung noch immer zunimmt, vermag man auch aus der Vermehrung derjenigen Handlungen zu entnehmen, die sich selbst als „Abzahlungsgeschäfte“ bezeichnen. Während nämlich in den Anfängen der Entwicklung der Ratenverkauf nach den Grundsätzen des Abzahlungsgeschäfts im Rahmen der verschiedenen Branchen gelegentlich geübt wird, und daneben der Bar- oder Kreditkauf in den betreffenden Läden ihr Recht behalten, bilden sich im weiteren Verlauf Geschäfte aus, die aus allen beliebigen Branchen Waren auf Abzahlung verkaufen: die sog. „Abzahlungsgeschäfte“, „Abzahlungsbazare“. Hier ist das die Waren in dem betr. Laden zusammenfügende Moment die Zahlungsweise geworden. Diese reinen „Abzahlungsgeschäfte“ sind allerdings meist schwer als solche erkennbar; einen Anhalt zur Beurteilung ihrer Entwicklung haben wir dort, wo in den Adi’efs- büchern der betr. Stadt in der Übersicht der „Gewerbe“ die Rubrik „Abzahlungsgeschäfte“ bezw. „Warer.abzahlungsgeschäfte“ besonders aufgeführt ist. Da ergiebt die Vergleichung der letzten Ziffern mit denen vor 10—12 Jahren fast durchgängig eine beträchtliche Zunahme * 1 . So stieg ihre Zahl von 1888 bis 1899 in München von 12 auf 32. In Bi’eslau zähle ich: 1895 7 1898 15 1901 18 Die zuletzt gemachte Beobachtung: dafs unter dem Gesichtspunkt gemeinsamer Kaufverträge eine ganz neue Gruppierung von veranstaltete Enquete, bei der namentlich die Gerichtsbehörden zu Worte gekommen sind. Einen Auszug aus diesen Berichten giebtMataja, Ratenhandel und Abzahlungsgeschäft in Brauns Archiv, Bd. I (1888), 157—175. 1 Nur Berlin weist Stillstand bezw. leisen Rückgang der Zahl auf: 1888 = 49, 1900 = 46. Der Gründe für diese Ausnahmestellung kann man — abgesehen von der Annahme statistischer Unzuverlässigkeit — verschiedene sich denken. Es kann sich eine Konzentrationstendenz unter den Abzahlungsbazaren vollzogen haben. Es kann aber ihre Bedeutung auch tliatsächlicli zurückgegangen sein, weil das Abzahlungsgeschäft in anderen Läden weitere Verbreitung gefunden hat od. dgl. Denkbar wäre auch, obwohl mir nichts davon bekannt geworden ist, dafs Berlin in die Bahnen der Entwicklung in England eingemündet ist. Hier haben sich sog. High Furnishing Companies oder Furnishing and Finance Companies gebildet, die sich speciell damit befassen, den Verkauf auf Abzahlung zwischen den verschiedensten Geschäften und dem Publikum zu vermitteln und das Risiko auf sich zu nehmen. Vgl. A. Cohen, Die Abzahlungsgeschäfte im Auslande in Sclimollers Jahrbuch XV, 914. Zwanzigstes Kapitel. Die Neuorganisation d. sefsliaften Detailhandels. 387 Waren in einem Laden stattfindet, lenkt unser Augenmerk auf die Thatsache, dafs auch, abgesehen von den Abzahlungsgeschäften, sich ganz allgemein eine Tendenz wahrnehmen läfst, die Waren, die in einem Laden feilgehalten werden, nach neuen Kriterien zusammenzustellen. Sehen wir zu, ob auch diese Erscheinung sich in den grofsen Zusammenhang der Neugestaltung der Absatzorganisation als Glied organisch einführen läfst! III. Die Neugruppierung der Waren in den Verkaufsstätten. Es kann in der That keinem Zweifel unterliegen, dafs der Grund zu solcher Neugruppierung abermals das Streben ist, den Umsatz zu vergröfsern durch Vermehrung der Kundschaft einerseits, durch rascheren Absatz der Waren andrerseits. Denn was man bezweckt, ist nichts anderes als die Waren in solcher Beschaffenheit und Menge in einem Laden zu vereinigen, dafs das Publikum seine Freude daran hat, weil es gerade das in geeigneter Qualität bei einander findet, was es in dem Momente zu kaufen beabsichtigt, also gereizt wird, gerade in diesem Laden seine Einkäufe zu machen; des weiteren aber thunlichst keinen Artikel zu führen, der nicht oder nur selten verlangt wird, d. h. also die Anzahl der täglichen Kaufakte der Zahl der vorhandenen Artikel möglichst anzunähern. Man kann in diesem Falle von einer Konzentrierung der Nachfrage oder einer Intensivisierung des Warenvertriebs reden. Aus diesen allgemeinen Erwägungen heraus ergeben sich dann vornehmlich folgende drei Tendenzen: 1. Qualitative Differenzierung der Detailhandlungen, d. h. eine Scheidung des ehemaligen Durch- schnittsgeschäfts in das Qualitätswarengeschäft auf der einen Seite, das Schund- oder Massenartikelgeschäft auf der anderen Seite. Damit vollzieht die Handelsorganisation nur die Anpassung an die in der Konsumgestaltung sich vollziehende Differenzierung, von der bereits die Rede war. In dem Mafse, wie mit wachsendem Reichtum sich der sog. Luxus entfaltet, d. h. nach Form oder Stoff kostbare Gegenstände in gröfseren Massen nachgefragt werden, ist es ganz selbstverständlich, dafs eine Vereinigung dieser „Luxusgegenstände“ in dementsprechend elegant hergerichteten Verkaufsräumen für die dementsprechend verwöhnte Kundschaft unter Ausscheidung aller minderwertigen Waren erfolgt. Das 25 * 388 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Qualitätswarengeschäft ist auch allein im stände, sich den Anforderungen der Grundrenten in den bestgelegenen Strafsen unserer Grolsstädte auszusetzen: es vermag diesen Zoll durch Aufschlag auf seine Waren zu zahlen, weil seine Kundschaft ohne weiteres zu jeder Mehrleistung in beliebiger Höhe bereit ist, wenn sie ihr Kupee oder ihren Dog-Cart in anständiger Strafse, vor elegantem Magazine halten lassen kann. Wer je vor den Schaufenstern der Rue de la Paix oder des Strand oder der Calwer Straat gestanden hat, kennt (wenn er nicht per Zufall Millionär ist) die Schauer, die auch nur der Gedanke an die Möglichkeit erzeugt, hier selbst einmal eine Krawatte, eine Schachtel Briefpapier, oder gar einen Fächer aus Guipuire-Spitze oder eine Barbediennesche Bronze erstehen zu wollen, ja auch nur den Preis davon zu erfragen. Und ebenso natürlich ist es, dafs in dem Yorstadtladen, wo nur noch die Proletariersfrau oder die verwitwete Postsekretärsgattin ihre Einkäufe macht, von vornherein jeder Gegenstand ausgeschieden wird, der auch nur entfernt an echten Stoff oder solide Machart erinnert, damit kein Stück über das Mindestmafs von Kaufkraft hinausrage. Dieser Differenzierungsprozefs ist dann ganz wesentlich gefördert durch die Fortschritte unserer modernen Produktionstechnik. Es mufste das Kunstgewerbe erst jene hohe Entwicklungsstufe erreichen, die wir es heute einnehmen sehen, damit die Qualitätswarengeschäfte ihre Gestelle füllen konnten, und es mufste die rastlose Massenproduktionstechnik erst jenen fabelhaften Grad von Leistungsfähigkeit sich errungen haben, der sie befähigte, zu den heutigen Spottpreisen Waren über Waren auf den Markt zu werfen, die nun die Verkaufsgegenstände in den Pofelgeschäften unserer Vorstädte bilden. Zur Freude künftiger Geschlechter gebe ich hier einen Auszug aus dem Preisverzeichnis eines Breslauer billigen Ladens, der auch dem blöden Auge ersichtlich machen mufs, wie wir es doch so herrlich weit gebracht. Es werden daselbst Waren zu folgenden Preisen angeboten 1 : „Couleurte Herrenglacehandschuh zum Aussuchen . Paar 57 Pf. Weifse Ballkrawatten.Stück 3 „ Farbige Regattas mit Binde. „ 18 , Farbige Anknöpfer. „ 1 „ Weifse Seidenstoffe für Brauttoilette.Meter 75 „ 1 Zur Beglaubigung nenne ich die Nummer des Zeitungshlatts, dem ich diese Preisliste entnehme: Breslauer Morgen-Zeitung vom 26. Jan. 1899. Zwanzigstes Kapitel. Die Neuorganisation d. sefsliaften Detailhandels. 389 Küchenlampen. 29 Pf. Abgepafste Gardinen. Fenster 125 Gefärbte Ziegenfelle abgefüttert. 75 n Steppdecken . 175 Damen-Anstandsrock mit Volant. 95 Damen-Hemden. 48 Brochen . 1 Notizbücher. 9 Mt Hemdenknöpfe. 1 Fingerhüte aus Metall. 1 Hemdentuch. 17 Tischtücher. 29 Haarnadeln. 1 Stiefelknöpfer . .. . 12 „ 10 Einzelne Herrenhosen zum Aussuchen . . . Paar 250 Hüte in allen Farben. 135 Weifse Wäschespitzen. 60 Ein Posten Elsässer Hemdentuch. • 20 „ 450 Damentuche. 32 Damenregenschirme. 125 Die zweite Tendenz, die wir bei der Neugruppierung der Waren beobachten, ist eine Tendenz zur 2. Specialisierung. Sie erwächst genau aus denselben Erwägungen wie die Differenzierung; sie will ebenso wie diese zu einer Intensivisierung der Bedarfsbefriedigung' verhelfen. Jedermann vermag selbst die stark fortgeschrittene Specialisierung in unseren Detailhandelsgeschäften festzustellen, wenn er aufmerksam durch die Strafsen unserer Grofs- städte wandert. Aufs Geratewohl greife ich folgende Beispiele heraus: es giebt heute Specialgeschäfte für Cigarren und Cigarretten, Butter, Käse und andere Molkereiprodukte, Kaffee, Thee, Feinstes Obst, Kaviar, Petroleum, Konfiserie, Fahrräder, Fische, Ansichtspostkarten, Konserven, Handschuhe, Schirme und Stöcke, Kragen und Kravatten, Hüte, Seidenbänder, Chirurgische Instrumente. Voraussetzung für solcherart fortgeschrittene Specialisierung ist natürlich zunächst ein entsprechender Intensitätsgrad des Verkehrs, damit überhaupt eine gehörige Anzahl Verkaufsakte dieser bestimmten Art an einem Orte vollzogen werde. Sodann aber wiederum auch ein erhebliches Reichtumsniveau, damit die Ab- 390 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. stufung der Qualitätsunterschiede einer einzelnen Ware, wie sie thatsächlich die Gegenstände dieser Specialitätengeschäfte aufweisen, möglich werde. Denn offenbar ist der Hauptzweck solcher Läden, ihr eigenstes Produkt nun in schrankenloser Auswahl dem Publikum darbieten zu können. Wir werden daher häufig einer Kreuzung von Qualitätswaren- und Specialitätengeschäft begegnen, namentlich dort, wo es sich um eine Fortsetzung des urwüchsigen Differenzierungsprozesses handelt, der, wie wir oben sahen, zum Branchengeschäfte führt. So begegnen wir heute fast überall in den Strafsen unserer Grofsstädte beispielsweise hochqualifizierten Seidenhäusern, kunstgewerblich hervorragenden Glas- und Porzellangeschäften, Läden mit sehr feinen Eisenwaren u. dgl. Aber die bei weitem wichtigste Tendenz in der Neuordnung der Waren ist die Tendenz zur 3. Kombinierung verschiedener, ursprünglich getrennter Warengattungen. Solcherart Zusammenfügung erfolgt abermals unter dem Gesichtspunkte der Kulanz gegen das Publikum. Man will dem Käufer diejenigen Waren thunlichst in demselben Raume darbieten, nach denen er möglicherweise bei Gelegenheit eines einzelnen Kaufakts sonst noch Bedarf verspüren könnte. So entstehen die drolligsten Kombinationen: hier verkauft ein Cigarrengeschäft Spazierstöcke, dort ein Blumenladen Cigarren; hier eine Fahrradhandlung Reiselektüre, dort ein Friseur pariser Gummiartikel u. s. f. Das heifst: man gliedert irgend eine beliebige Ware an den ursprünglichen Warenbestand an, von der man voraussetzt, dafs sie vom Käufer nebenbei „mitgenommen“ wird. Mit der Zeit haben sich nun bestimmte Kombinationen herausgebildet, die einen bestimmten komplexen Bedarf zu befriedigen trachten. Es entwickeln sich aus den früheren Branchengeschäften traditionell ausstaffierte Bedarfsartikelgeschäfte, wie wir diese neue Species von Warenlagern nennen können. So entsteht aus dem alten Manufakturwarengeschäft entweder das Modewaren- und Konfektionsgeschäft oder bei noch weiterer Ausdehnung des Bedarfsgebietes das Ausstattungsgeschäft; aus dem alten Eisenkram erwächst das moderne Kücheneinrichtungs- und allgemein das Hausgerätegeschäft 1 ; aus der Kolonialwarenhandlung geht das Delikatefswaren- geschäft hervor; die alte Sattlerwerkstatt wandelt sich in den 1 Vgl. darüber W. Borgius, a. a. 0. Zwanzigstes Kapitel. Die Neuorganisation d. seßhaften Detailhandels. 391 Reisebedarfsladen um; es entsteht das Herrenartikelgeschäft 1 u. s. w. Allen diesen Neubildungen gemeinsam ist: dafs sie völlig indifferent gegenüber dem Stoff werden, aus dem die Gegenstände hergestellt sind und der Produktionssphäre, die sie liefert. Das Hausgerätegeschäft führt jetzt alle Artikel, die der Hauseinrichtung dienen, mögen sie aus Eisen, Nickel, Kupfer, Glas, Holz, Porzellan, Stroh, Rohr, Leder oder sonst etwas gefertigt sein. Die Delikatefs- handlung vereinigt in ihrem Laden: Früchte aus Italien, Gemüse aus Frankreich, Wild aus der Provinz, Kaffee aus Arabien, Schnäpse aus Holland, Hummern von Helgoland, Kartoffeln aus Malta, Austern aus England oder Holstein, Kaviar aus Rufsland, Punschextrakt aus Elberfeld, Konserven aus Braunschweig, Käse aus der Schweiz u.s.w., kurz alles, was zu einem „Diner“ gehört, das hier das bedarfsvereinigende Moment ist. Dementsprechend ist umgekehrt ein bestimmter Artikel der Kombination mit beliebigen andern Artikeln ausgesetzt und kann deshalb in den verschiedensten Läden geführt werden, er, der früher vielleicht das Rückgrat eines ganz scharf begrenzten Handwerkerkrams gebildet hat. So findet man beispielsweise die Bürste heute in Spezerei-, Droguen- und Farbwarenhandlungen, Küchen- einrichtungs- und Haushaltungsbazaren, Friseurgeschäften und Galanteriewarenläden, Eisenwaren- und Werkzeughandlungen, bei Holzwaren, Korbmacherartikeln, Seilerwaren, in Töpferwaren- und Grünzeughandlungen u. a. Läden 2 ; wir finden die Damenbluse und Damenschürze in allen Garderobe-, Weifs-, Manufakturwarenhandlungen, in den Leinen-, Wäsche-, Putz- und Posamentiergeschäften, in den Versandhäusern und Bazaren, in Special-, Strumpf- und Wollen Warenhandlungen u. s. f. 3 Wiederum ist es selbstverständlich, dafs diese zweckentsprechende Neugruppierung der Ware nur vorgenommen werden konnte, nachdem die moderne Produktions- und Verkehrstechnik die Vorbedingungen dafür geschaffen hatten. Was hauptsächlich dabei in Betracht kommt, ist dieses: 1. Einbeziehung der konfektionierten Waren in die 1 In Berlin seit den 1840er Jahren. Interessante Nachweise über seine Entstehung finden sich bei H. Grandke, Die Entstehung der Berliner Wäscheindustrie im 19. Jahrhundert in Schmollers Jahrbuch 20 (1896), 594 ff. 2 Vgl. U. VI, 535. Dasselbe für ihren Bruder, den alten braven Kamm ebenda S. 230. 3 Vgl. G. Dylirenfurth, Die hausindustriellen Arbeiterinnen etc. (1898) 8. 13. 392 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. kapitalistische Produktion; sei es auf Kosten des Handwerks, sei es auf Kosten der Hauswirtschaft. Daraus aber, dafs der Gegenstand des Detailhandels aus einem Rohstoff oder Halbfabrikat ein fertiges Genufsgut wird, folgt zweierlei: a) es wird der Zusammenhang mit einer bestimmten Produktionsbranche zerrissen, weil der Artikel, ehe er in den Laden kommt, verschiedene Produktionsgebiete durchläuft: zwischen die Weberei und das ehemalige Manufakturwarengeschäft tritt nun das Konfektionshaus oder die Wäschefabrik u. s. w. b) es wird der Zusammenhang mit dem Bedarfszweck ein engerer, weil in der konfektionierten Ware die beliebige Verwendbarkeit des Halbfabrikats aufgehoben wird: Leinewand kann zu den verschiedensten Gebrauchszwecken verwandt werden und die Leinenhandlung vermag den verschiedensten Bedarfssphären Stoff zu liefern. Ist die Leinewand aber erst einmal in einer Damenhose, einer Radfahrmütze oder einem Zeltdach gebunden, so ist die Verwendungsart des betreffenden Artikels vorgeschrieben, und wir freuen uns, die Damenhose in Gesellschaft von Strumpfbändern, die Radfahrmütze in der Nachbarschaft eines Racket, das Zeltdach neben den dazugehörigen Gartenmöbeln sicher zu finden. 2. Wachsende Gleichgültigkeit gegenüber Entfernung und Beschaffenheit des Bezugsgebiets stellt sich als natur- gemäfse Konsequenz der modernen Verkehrsfortschritte ein, wird aber erst vollständig in dem Mafse, wie die Hilfsorgane des Detailhandels sich entwickeln, von denen weiter unten noch gesprochen werden wird. 3. Revolutionierung der Produktionstechnik als Folge vor allem der Anwendung des wissenschaftlichen Verfahrens; wodurch täglich die Grenzen der alten Produktionsgebiete verschoben werden. Täglich werden Gegenstände, die dem nämlichen Gebrauch dienen, aus ganz anderem Stoffe neu hergestellt. Man denke an den „Bierfilz“, der heutzutage statt aus Filz bald aus Porzellan, bald aus Glas, bald aus Blech, bald aus Holz, bald aus Cellulose gefertigt wird; an den Bilderrahmen, der aus Holz, Stroh, Leder, Schlangenhaut, Papier, Glas, Eisen, Messing, Kupfer, Bronze, Blech, Aluminium, Seide, Plüsch in beliebiger Kombination besteht. So werden täglich seit alters her ihrer Entstehungsart nach zusammengehörige Gegenstände auseinandergerissen und mit fremden zusammengefügt. Ganz besonders deutlich tritt die Unmöglichkeit, die Waren nach Branchen zu gruppieren, hervor, wo es sich um Schaffung neuer Artikel handelt, die gar keiner Zwanzigstes Kapitel. Die Neuorganisation d. seßhaften Detailhandels. 393 früheren „Branche“ angehört haben, die also von Hause aus gar keine Tendenz in ein bestimmtes Branchengeschäft haben, folglich leicht der Anziehungskraft eines neu gruppierten Warenlagers — wie des Bedarfsartikelgeschäfts — folgen. Gerade auf solche neuen, sog. „Specialartikel“, machen aber die Händler förmlich Jagd, wodurch sie die Geneigtheit der Produktionstechnik, sie anzufertigen, erst recht stimulieren „In einer Zeit, wo die Anwendung der Geschäftsformen zweifellos die Einkünfte manches Kaufmanns schmälert, wo namentlich der Verdienst an Stapelartikeln durch Kartellierung der Fabrikanten, durch Umgehung des Zwischenhandels und durch andere Momente verringert wird, erscheint die Einführung neuer und Specialartikel als eine der gewinnbringendsten Hauptaufgaben des Kaufmanns Welchem „Branchengeschäft“ aber gehören Packungs- und Polstcrmaterial aus Holzwolle, Knöpfe aus Käse, Rahmen aus Mehl, Anzüge aus Papier oder Cellulose und jene Tausende neuer Artikel an, deren jeder Tag Dutzende auf den Markt wirft? Nun tindet aber offenbar das Streben, durch all’ solche Mafs- nahmen, wie wir sie eben kennen gelernt haben, die Waren in gefälliger Form darzubieten, durch rascheren Umsatz Ersparungen zu machen u. s. w. seine Begrenzung in dem Umfange, in der Kapitalkraft eines Geschäftes. Uber eine bestimmte Höhe hinaus läfst sich naturgemäfs der Warenvertrieb nicht steigern, so lange die Basis unverändert bleibt. Soll auf der Bahn weitergeschritten werden, die die modernen Detailhandelsprincipien weisen, so bleibt nichts anderes übrig als die Basis zu verbreitern. So ergiebt sich mit Notwendigkeit aus den gegebenen Absatzbedingungen die dritte Entwicklungstendenz des modernen Detailhandels, die wir (nicht ganz genau) bezeichnen können als IV. Konzentrationstendenz. Darunter verstehe ich also eine Tendenz, das Mafs der in einer Detailhandelswirtschaft, in einer Unternehmung zusammen- gefafsten Produktivkräfte auszuweiten: um durch elegantere Ausstattung der Läden, reichere Auswahl, Vergröfserung des Warenlagers und dergl. die Vorteile der zweckentsprechenden Differenzierung und Gruppierung der Artikel in erhöhtem Mafse auszunutzen, zugleich aber auch neue zu gewinnen, die nur eine 1 „Bezugsquellen für Specialartikel“ in der Zeitschrift „Der deutsche Kaufmann“ XI. Jahrg. 1. Juni 1900. Nr. 17. 394 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. derartige Vergröfserung des Unternehmungsspielraums zu gewähren vermag. Es sind das die Vorteile des sog. „Grofsbetriebes“, wie man sich ungenau auszudrücken pflegt. Denn es handelt sich keineswegs immer um eine grol'sbetriebliche Gestaltung, d. h. um die Zusammenfügung grofser Mengen von Produktionsmitteln und Arbeitskräften unter einem einheitlichen Kommando. Es kann jene Ausweitung des Unternehmungsspielraums vielmehr eben so gut im kleinbetrieblichen Rahmen erfolgen und erfolgt in der That oft genug darin: in Form des sog. Filialen Systems, das ein Analogon der grofskapitalistischen Handelsorganisation zu der Hausindustrie in der gewerblichen Produktionssphäre bildet 1 . Da ich dem Probleme der Überlegenheit grofskapitalistischer, vulgo „grofs- betrieblicher“ Organisation in den Kapiteln, in denen ich die Theorie der gewerblichen Konkurrenz abhandele, noch ausführliche Betrachtung angedeihen lassen werde, so erübrigt hier ein näheres Eingehen; denn die Kausalreihen sind in den beiden Sphären des Wirtschaftslebens, wie unsere Untersuchung ergeben wird, in der That in weitem Umfange identisch. Es mag genügen, wenn ich hier für die Beurteilung der Vergröfserungstendenz in ihrer that- sächlichen Gestaltung einige Anhaltspunkte gebe. Leider läfst sich die sich vollziehende Kapitalkonzentration auf direktem Wege nur schwer, richtiger gar nicht ermitteln. Denn die Ausweise etwa der Steuerbehörde sind viel zu wenig detailliert, um daraus bestimmte Schlüsse in der angedeuteten Richtung ziehen zu können. Wenn beispielsweise in einer Stadt wie Breslau das Einkommen aus Handel und Gewerbe von 28 816 083 Mark im Steuerjahre 1892/93 auf 45273020 Mark im Jahre 1900 stieg 2 , also in einem viel rascheren Tempo, als die Zahl der Gewerbe und Handelsbetriebe sich vermehrte, so lassen diese Zahlen zwar den Schlufs zu, dafs an dieser Kapitalkonzentration der Detailhandel entsprechend beteiligt ist: aber mit Sicherheit läfst sich diese That- sache daraus doch nicht ableiten. Wir sind daher immer nur auf das Urteilen nach Symptomen angewiesen. Solche Symptome bieten uns beispielsweise die durch den Augenschein wahrnehmbare Aus- 1 Das Filialensystem ist schon heute viel ausgedehnter, als es den Anschein hat, weil sehr häufig die Filiale gar nicht die Firma des Hauptgeschäfts, sondern den eines vorgeschobenen Strohmannes trägt. 2 Statistik der preufs. Einkommensteuerveranlagung für 1892/93 und 1900. Zwanzigstes Kapitel. Die Neuorganisation d. selsliaften Detailhandels. 395 Weitung uncl Verschönerung aller Läden in unseren auf blühen den Städten. Wohin wir auch den Blick lenken mögen, überall sehen wir an Stelle kleiner, schmutziger, dunkler Geschäftsräume mit klöterigen oder gar keinen Fensterauslagen grofse, lichte, elegante Verkaufshallen mit immer luxuriöser und geschmackvoller ausgestatteten Auslagen und immer reicherer Auswahl treten. Wo auch immer in deutschen Grofsstädten in belebten Stadtteilen alte Bauten niedergerissen werden, sehen wir an bevorzugter Stelle ganze Fluchten opulenter Verkaufsläden sich einrichten. Und die enorm gesteigerten Mietspreise gerade für solcherart Benutzung der Gebäude in den Centren der Städte reden eine deutliche Sprache, dafs die Tendenz nach Ausdehnung des Geschäftsumfanges im Detailhandel eine allgemeine ist. Das beliebteste, wenn auch keineswegs zuverlässigste Symptom einer sich vollziehenden Kapitalkonzentration, sind die in den einzelnen Geschäften (bezw. Betrieben) beschäftigten Personen, Hier kommt uns bekanntlich die amtliche Statistik ein wenig zu Hilfe und in Ermangelung brauchbarer Ausweise nehmen wir gern von den durch sie gebotenen Annäherungswerten Kenntnis. Ein grofser Übelstand auch unserer Berufs- und Gewerbezählung ist es nun aber, dafs sie zwischen Engros- und Detailhandel nicht unterscheidet, somit zwei Dinge zusammenwirft, die oft ganz verschiedenen Entwicklungsbedingungen unterliegen. Immerhin wird man die Ziffern der beiden deutschen Zählungen von 1882 und 1895 auch für den Detailhandel und seine Konzentrationstendenz als Beweismaterial nicht allzugering anschlagen dürfen. Für ganz Deutschland und das gesamte Handelsgewerbe ergeben sich folgende, allerdings ziemlich nichtssagende Ziffern 1 : Von 100 Betrieben Von 100 Personen kommen auf die Grüfsenklasse von . . . Personen bis 5 | 6-50 |51 und mehr bis 5 6-50 51 und mehr 1882 96 ! 3,9 1 i 0,1 76,5 21,2 2,3 1895 94,9 5,0 ! 0,1 1 70,8 25,2 4,0 Die hauptsächlich in Frage kommenden Branchen weisen im einzelnen für Deutschland folgende Ziffern auf: 1 Stat. des D. Reichs. N. F. Band 119, S. 44 und 28*, 29*. 396 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. » Im Jahre 1895 Im Jahre 1882 — sind von 100 Branche Betrieben Bei sonen in Betrieben Personen in a ’S -t-3 +■» *ss © .B ^ © "cd i sä t»; *- P C5 'S 's «23 o C u •r-t © 0) 3 ä -4-i © «ä »3 P CB rA O o ^ s o a« SH rA dm H. mit Metallen und Metallwaren . . . 84,2 15,7 0,1 47,4 48,4 4,2 88,7 11,2 0,1 59,4 37,7 2,9 H. mit Manufaktur- waren. 88,9 10,9 0,2 55,1 38,2 6,7 91,7 8,2 0,1 66,1 31,2 2,8 H. mit Kurz- und Ga- lanteriewaren . . 94,1 5,9 0,0 69,6 29,4 1,0 95,5 4,5 — 77,4 22,6 — Etwas mehr Leben gewinnen die Ziffern, wenn wir sie für ein engeres Gebiet gesondert betrachten, beispielsweise für eine Stadt wie Breslau. Alsdann ergiebt sich folgendes Bild 1 : Jahr Gesamtzahl der Betriebe Beschäftigte Personen Alleinbetriebe ohne Motoren Betriebe mit 1—5 Personen Darin beschäftigte Personen mit 6—10 Betriebe . . Personen 11—50jöl—200 In Betrieben Uber 6 Pers. beschäftigte 1 . Handel mit Kolonialwaren etc. (Statistik der Hauptbetriebe;-. 1882 1435 2840 657 574 1548 34 19 1 611 1895 1612 4170 689 807 2172 77 37 2 1309 2. Handel mit Manufaktur waren (gleiche Anordnung): 1882 682 2390 244 361 1194 37 35 _ 937 1895 1305 3991 707 442 1339 97 58 1 1945 Aus den angeführten Ziffern ergiebt sich nun zwar, dafs heute die Konzentration im Handelsgewerbe keineswegs schon einen über- mäfsig hohen Grad erreicht hat, ebenso zwingend aber doch auch, dafs die Tendenz zu ihr eine allgemeine Erscheinung ist. Wir können aber auch heute schon mit Bestimmtheit sagen, dafs sie in Zukunft andauern wird. Dafür liefert uns die Belege eine Gegenüberstellung der Ziffern für Städte verschieden hoher ökonomischer Entwicklung, beispielsweise Berlin und Breslau. Diese nämlich ergiebt ein erheblich gröfseres Mafs der Konzentration für die fortgeschrittenere Stadt. 1 Aus den betreffenden Bänden der Gewerbezählung von 1882 und 1895 zusammengestellt. Zwanzigstes Kapitel. Die Neuorganisation d. seßhaften Detailhandels. 397 Es waren beispielsweise im Handel mit Manufakturwaren Personen beschäftigt (1895) 1 in : in Betrieben mit . . . Personen insgesamt 11—21 21-50 51—200 über 200 über 11 Berlin j 20 594 Breslau j 3 991 3277=15,9 o/o 3437 = 16,6 %!2667=12,9 °/o 454=11,4 „ j 701=17,5 „ 70= 1,7 „ 1858=9,6 »io 0 „ 11239=54,4°/o 1225=30,6 „ Dafür spricht aber auch die Thatsache, dafs in den Ländern mit höherer ökonomischer Entwicklung, wie Frankreich, England, Amerika, auch die Detailshandelsorganisation notorisch heute schon einen viel höheren Grad der Kapitalkonzentration erreicht hat, als in Deutschland. Während hier nämlich erst ein einziges Grofs- magazin einen Umsatz von etwa 30 Millionen Mark erzielt, und das auch erst in den allerletzten Jahren, giebt es in dem fortgeschritteneren Ausland bereits eine ganze Reihe von Detailhandelsunternehmungen, die diesen Betrag erreichen bezw. ganz beträchtlich übergipfeln. Die grofsen Pariser Magazine haben folgenden Umsatz in Mill. Frcs.: 1896 2 1898 3 Bon Marche . 150 180 Louvre . . . 129 145 Samaritaine . 36 ? Printemps . . 35 ? In England und Amerika existieren folgende Detailhandlungen gröfseren Stils: : Whiteley, London.mit 55 Mill. Frcs. Umsatz Siegel, Cooper & Co., Chicago „ 90 „ „ „ Marshall Field, Chicago . . . „ 80 ,, „ „ Wanmaker, Philadelphia . . „ 35 „ „ „ Blooming dales, New-York „ 30 „ „ „ Dafs es sich aber in diesen Ländern nicht nur um solche Riesenunternehmungen, sondern vor allem auch um grofskapitalistische Gebilde normalen Umfanges handelt, lehren die folgenden Zahlen, in denen die Dividenden einiger Londoner Modewarenhandlungen 1 Stat. d. D. Reichs. N. F. Band 116 bezw. S. 12 und 23. 3 G. D’Avenel, Le Mecanisme de la Vie moderne, 61/62. 3 „Konfektionär“ 20. Juli 1899. 398 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. angegeben sind. Diese Firmen sind teilweise allerdings Gewerbebetriebe (Kundenschneider), grofsenteils aber auch Detaillisten. Es betrug die Dividende 1898/99 bei 1 : Crisp. 3373 Sg = 3 1 h °io Evans D. H. . . . 35 374 55 13 x / 2 „ Jays. 32652 55 7V2 „ Jones & Higgins . . 23375 55 10 „ Liberty & Co.. . . 37 369 55 16 „ Louise. 5359 5 ) 0 „ Paquin. 59163 55 10 „ Robert T. R. . . . 15 342 55 IOV 2 „ Robinson Peter . . 69564 55 12 „ Swan & Edgar . . 8666 55 6 V 4 „ Wallis Tliom. . . . 32329 55 10 „ Redfern & Co. . . 20053 55 5 „ John Barker & Co. . 55 256 55 12 V 2 „ J. R. Roberts Stores 18490 5 ) 7 „ Unter den zuletzt genannten Grofsbetrieben waren nun aber auch schon jene specifischen Repräsentanten des modernen Detailhandels vertreten: die Warenhäuser. Ein solches nämlich liegt überall dort vor, wo die drei Eigenarten der kapitalistischen Detailhandelsentwicklung sich vereinigt finden: 1. die grofskapitalistische Basis; 2. der kapitalistische Geist, d. h. die Modernität der Ge- schäftsprincipien; 3. die Neuordnung der Waren nach dem Gesichtspunkt höchster Bedarfsanpassung, somit a) Differenzierung in der Qualität; b) Kombinierung verschiedener Branchenartikel. Namentlich auch das Differenzierungsstreben ist bei den modernen Warenhäusern grofsen Stils zu beachten: sie forcieren in ganz besonderer Stärke die Umsatzgeschwindigkeit und müssen deshalb auch ganz besonders darauf bedacht sein, die Auswahl ihrer Artikel dem Bedarf einer ganz bestimmten Kundschaft genau anzupassen, also weniger begehrte Gegenstände, deren längeres Verweilen im Lager den Umsatz verlangsamt, aus ihrem Bestände immer wieder auszuscheiden. Das Ideal des Grofswarenhauses ist: von jeder Warengattung thunlichst nur einen Gegenstand führen zu müssen, wenn möglich aber alle Gegenstände, die eine bestimmte Kundschaft für ihren Gebrauch nötig hat. Dieses Programm gelangt 1 Ygl. „Konfektionär“ vom 27. April 1899. Zwanzigstes Kapitel. Die Neuorganisation d. seßhaften Detailhandels. 390 schon heute fast vollständig zur Ausführung in gewissen Warenhäusern minderer Qualität, die sich an die niedrigsten Schichten des kaufenden Publikums: die „kleinen Leute“ wenden. Ich nenne sie Bazare, zum Unterschiede von den Grofsmagazinen, d. h. Grofswarenhäusern höheren Ranges, wie das Grand Magasin de Noveautes in Paris, wo der sich formierende „wohlhäbige Mittelstand“ kapitalistischer Herkunft das ausschlaggebendePublikum bildet; wo nicht die Proletarierfrau mit dem Marktkorb am Arm, sondern wo die Mondaine und Demimondaine mittlerer Qualität den Ton angeben, herunter bis zur Offiziers- und Professorenfrau, soweit diese auch schon mit modernen Instinkten erfüllt sind. Zwischen den Extremen, wie sie einerseits etwa der Bon Marche in Paris darstellt, wo sich der Deutsche mit seiner bescheideneren Lebensführung wie in ein Luxusgeschäft versetzt vorkommt, wo der Durchschnittsverkaufserlös in der That auch 20 Francs beträgt, wie sie andererseits die Pofelbazare in den Grofsstädten des östlichen Deutschlands repräsentieren, liegt dann eine reiche Skala verschieden abgestufter Warenhaustypen. Aber alle streben sie doch auch in der Qualität wie in der Zusammenfügung der Branchen dem obersten Grundsatz moderner Detailhandelsgestaltung gerecht zu werden: die Anpassung an den Bedarf einer bestimmten Kundschaft zu einer thunlichst vollendeten zu gestalten h 1 Die Litteratur über das Wesen und die Entwicklung der modernen Warenhäuser ist dürftig. Das alle übrigen Erscheinungen noch heute überragende Meisterwerk ist Zolas Roman „Au bonheur des dames.“ In der wissenschaftlichen Litteratur nimmt einen Ehrenplatz ein die heute freilich veraltete Schrift Viktor Matajas, Grofsmagazine und Kleinhandel. 1891. Für die französischen Verhältnisse sind ferner zu vergleichen die schon genannten Werke von Coffignon undD’Avenel; ferner P. du Maroussem, Les Magasins tels qu’ils sont in der Revue d’economie politique 1892. Neuerdings hat der Gegenstand eine umfassende Bearbeitung in einer Pariser Doktordissertation gefunden: Henry Garrigues, Les Grands Magasins de Nou- veautes et le petit commerce de detail. 1898. Noch lückenhafter ist die auf deutsche Verhältnisse bezügliche Litteratur. Der Aufsatz von G. Stresemann, Die Warenhäuser, ihre Entstehung, Entwicklung und volkswirtschaftliche Bedeutung (in der Zeitsclir. f. d. ges. Staats- wiss. 56 [1900] 696 ff.) hält nicht, was der pompöse Titel verspricht. Zerstreute Bemerkungen finden sich in der umfangreichen Streitscliriftenlitteratur der letzten Jahre, aus der hervorragt: F. C. Huber, Warenhaus und Kleinhandel. 1899. Einen lehrreichen Blick hinter die Kulissen eines Berliner Grofsmagazins gestattet die Rechtfertigungsschrift des ehemaligen Direktors des bald nach seiner Begründung verkrachten Kaiser-Bazars: M. Richter, Zur Geschichte des Kaiserbazar, A.-G. zu Berlin 1889—1892 (1892). Der Kaiser-Bazar war das erste moderne Warenhaus größeren Stils in Berlin. Eirmnclzwanzigtes Kapitel. Die Hilfsorgane des modernen Detailhandels. An verschiedenen Stellen wurde bereits hervorgehoben, welcher Art Bedingungen, namentlich verkehrstechnischer und verkehrsorganisatorischer, sowie populationistischer Natur erfüllt sein müssen, damit sich der Detailhandel in der angegebenen Weise umgestalten könne. Es mufs hier nun aber noch besonders darauf hingewiesen werden, dafs seine moderne Entwicklung in quantitativer und qualitativer Hinsicht immer noch nicht denkbar ist ohne die gleichzeitige Ausbildung einer Reihe von Organisationen, deren er sich für seine Zwecke zu bedienen vermag und die ich deshalb als Hilfsorganisationen des Detailhandels bezeichne. Als solche kommen in Betracht A. Die Fachpresse. Und zwar sowohl die engere Fachpresse für einzelne Branchen und Berufszweige, als auch die allgemein kaufmännischen Blätter. Ich denke hier an Zeitschriften wie den „Manufakturist“ (Hannover, seit 1877), den oft genannten „Konfektionär“ (Berlin, seit 1886), die Halbmonatsschrift „Der deutsche Kaufmann“ (Berlin, seit 1889) u. a. Derartige Organe mit sicherlich weitester Verbreitung stellen eine Art unausgetzten Kontaktes des einzelnen Detaillisten mit den Vorgängen auf dem Warenmärkte, mit den verschiedenen Kategorien des Zwischenhändlertums, dar Fabrikanten u. s. w. her, ganz abgesehen davon, dafs sie mit ihren Leitartikeln das Wesen modernen Handels bis in die letzten Dörfer des Gebirges verbreiten helfen. Um eine Vorstellung von der Thätigkeit solcher Organe zu geben, zähle ich hier einige der Rubriken im „Deutschen Kaufmann“ (Jahrgang 1900) auf. Da linden wir Einundzwanzigstes Kapitel. Die Hilfsorgane d. modernen Detailhandels. 401 1. Verfertiger von Neuheiten, die diese anbieten, Händler, die „Offerten in Neuheiten erbitten“; 2. Listen Verbindung suchender Firmen: a) wer liefert: 765 Gummiveredelungsbänder; 766 Majolikavasen; 775 Sargüberthane; 777 Muschelkartonnagen für Canditen . . . b) Verbindungen gesucht mit: 1405 Lieferanten von Karpathen-Ziegenkäse; 1406 Lieferanten von Cigarretten-Papierhülsen und Spitzen. c) wer kauft: 494 Blutalbumin; 495 Honigblechbüchsen; 496 Kuhhaare und Hadern. 3. Aufzählung neuer Handelsartikel: „Ätna“, Petroleumkocher ohne Docht, „Oris“, Insektenvertilger. Dazu die Inserate, Reklamen etc.: in der That eine Art stummen Marktverkehrs grofsen Stils, die sich in den Spalten derartiger Blätter abspielt. Aber das gedruckte und geschriebene Wort vermag doch nur in beschränktem Umfange die persönliche Beziehung zu ersetzen. Daher von viel gröfserer Bedeutung diejenigen Organisationen sind, die auf der Basis des persönlichen Umgangs dem Detaillisten die Möglichkeit seiner Existenz in der neuen Form verschaffen. Als solche aber sind vor allem zu nennen B. Die (Geschäfts-) Reisenden. Das Institut der Geschäftsreisenden, d. h. des regelmäfsigen Besuchs der Detaillisten durch kaufmännische Angestellte von Fabrikanten (oder Händlern), die unter Vorzeigung von Mustern Offerten machen und Aufträge entgegennehmen, reicht mit seiner Lebensdauer weit in frühkapitalistische Zeit zurück. Für Deutschland berichtet schon Ulmenstein im Anfang der 1830er Jahre, dafs das „Einsammeln von Bestellungen“ „jetzt sehr gewöhnlich sei“ 1 : d. h. also das Aussenden von Reisenden hatte bereits be- 1 Ulmenstein, Über einige Zweige des Handelsverkehrs etc. in Raus Archiv der pol. Ök. 1 (1835), 211. Moderne wissenschaftliche Litteratur ist mir nicht bekannt geworden. Mancherlei interessante Notizen bringt das Fachorgan: „Die Post reisender Kaufleute Deutschlands“; seit 1891. In der Nr. 29 Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 26 402 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. gönnen. Es bildet aber für jene eisenbahnlose Zeit offenbar die Ausnahme-, die normale Form der Geschäftsvermittlung war, wie wir wissen, eine andere: der Fabrikant liefs sich entweder von den Händlern, selbstverständlich nur den kapitalkräftigen Detaillisten, in den gröfseren Orten besuchen, oder er bezog — anfangs mit seinem Lager, bei zunehmendem Verkehr mit seinen Musterkollektionen — die Messen und Märkte der gröfseren Provinzialstädte, wo dann die Händler der kleinen Orte sich mit den nötigen Artikeln versahen. Mit dem Aufkommen der Eisenbahnen ward es Sitte, dafs die Fabrikanten regelmäfsig ihre Reisenden an die Detaillisten zunächst der gröfseren Plätze, allmählich, mit dem weiteren Ausbau des Eisenbahnnetzes in immer kleinere Orte entsandten. Welche enorme Ausweitung seines Existenzspielraums, welche Erleichterung seines Geschäftsbetriebes diese Entwicklung für den Kleinhändler bedeutete, bedarf keiner besonderen Begründung. Die rasche Ausbreitung des Reisenden über immer weitere Gebiete bedeutete aber noch mehr als dies: sie war vom Standpunkt der Gesamtentwicklung aus betrachtet, eines der wirksamsten Mittel, um dem Warenabsatz jenen Grad von Extensität und Intensität zu verleihen, den wir zu konstatieren Gelegenheit hatten, war vor allem aber auch ein unfehlbares Mittel, um den modern - kapitalistischen Geist, die Geschäftsauffassung des aggressiv-spekulativen Händlers unserer Tage bis in die entlegensten Landstädte hineinzutragen. Der Geschäftsreisende ist eine der markantesten Typen unserer eigentümlichen Zeit geworden. Seine drollige Manier, mit der er die Errungenschaften neuester Kultur zur Schau trägt, die eigentümliche Legierung, in der bei ihm das Gemisch von Weltkenntnis und Halbbildung zu tage tritt, haben ihm schon häufig das Interesse von Sittenschilderern zugewandt, denen wir eine Reihe vortrefflicher Charakteristiken dieser seltsamen Spielart des homo sapiens verdanken. Eine der bekanntesten ist wohl die glänzende Schilderung, die Balzac * 1 einmal von dem Wesen und der Bedeutung des Commis voyageur entworfen hat und aus der folgende amüsante Stellen in deutscher Übersetzung hier mitgeteilt werden mögen. Sie verdienen besondere des X. Jahrgangs (19. Juli 1900) findet sich ein von patriotischem Schwung getragener Vortrag des Herausgebers Herrn. Pilz abgedruckt: Der deutsche Reisende am Anfang und Ausgang des 19. Jahrhunderts. 1 H. de Balzac, L'illustre Gaudissard, in der Ausgabe von 1895 pag. 3 f. Balzacs Held entfaltet seine Thätigkeit schon in den 1820 er und 1830 er J ahren. Einundzwanzigstes Kapitel. Die Hilfsorgane d. modernen Detailhandels. 403 Beachtung wegen der in ihnen enthaltenen Hervorkehrung der ökonomisch so überaus wichtigen Funktion des Reisenden, den Bedarf zu wecken, das Absatzgebiet der Waren extensiv und intensiv unausgesetzt auszuweiten. „Weder der Sperber, wie er auf seine Beute stöfst, noch der Hirsch, wie er plötzlich überraschende Haken schlägt, um den Hunden zu entrinnen und die Jäger zu täuschen, noch der das Wild witternde Jagdhund können verglichen werden mit der Schnelligkeit seines Erscheinens, wenn er eine Kommission vermutet, mit der Geschicklichkeit, mit der er seinem Rivalen ein Schnippchen schlägt, um ihm zuvorzukommen, und mit der Scharfsicht, womit er ein neues Absatzgebiet für seine Waren ausspäht. Wie viele hervorragende Eigenschaften mufs nicht ein solcher Mann besitzen, der als gewiegter Diplomat der bürgerlichen Klassen, als ein gewandter Vermittler seinen Einflufs zu Gunsten von Calico, Juwelen, Spitzen, Wein u. s. w. geltend macht und oft von gröfserem Nutzen ist, als mancher Gesandte mit seiner höfischen Bildung! Nicht viele haben eine Ahnung, welch’ unglaubliche Macht beständig durch die Reisenden, diese „intrdpides, affron- teurs de negation“ entfaltet wird, die selbst in dem kleinsten Dörfchen den Kampf des Genius der Civilisation und der Erfindungen mit der Beschränkung, der Unwissenheit und der ländlichen Verschlagenheit durchzufechten haben. Wie könnten wir hier die bewundernswerten Manöver und die Überredungskunst vergessen, mit denen auf das Begriffsvermögen der Bevölkerung eingewirkt wird und womit die gegen jeden Fortschritt sich Ab- schliefsenden bearbeitet werden. Man könnte diese Thätigkeit mit der Arbeit der unermüdlichen Polierer vergleichen, deren Feile schliefslich den härtesten Porphyr zu der gewünschten Form bildet. Welchen unwiderstehlichen Einflufs, welchen kräftigen Hochdruck übt nicht die Sprache dieser Missionare auf die allerwider- ■spenstigsten, in den abgelegensten ländlichen Hütten sich verbergenden Thaler aus! . . . Gleich einem kühnen Schifter fährt er, mit einigen Redensarten armiert, hinaus in die fernsten Gebiete, um ein paarmal hunderttausend Francs einzufischen, sei es im Eismeer, im Lande der Irokesen oder in Frankreich. Da gilt es, allein mit Hilfe der Intelligenz den Mammon aus den heimlichsten Verstecken der Provinz herauszulocken auf eine für den Besitzer schmerzlose Art und Weise. Denn diesem Fisch in der Provinz ist nicht mit Harpunen oder sonstigen scharfen Werkzeugen beizu- .kommen; er will sorgfältig geködert sein. Wer kann hierbei ohne 26 * 404 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. ein geheimes Grausen an die ungeheure Sintflut von Phrasen denken, die sich jeden Tag aufs neue über das Land ergiefst?“ Die Zahl der Reisenden ist aber noch heute in steter Zunahme begriffen. Für das Jahrzehnt 1884—1893 liegt eine Zusammenstellung der einschlägigen Ziffern vor in dem schon mehrfach erwähnten Motiven-Bericht der Reichsregierung zur Gewerbeordnungsnovelle vom 5. Januar 1895. Danach stieg die Zahl der ausgestellten Legitimationskarten für Reisende in Deutschland in jenem Zeiträume um 55^2 °/o; sie betrug nämlich: 1884 45 016 1893 70 018 Diese Tendenz zur Zunahme der Geschäftsreisenden hat nun aber offenbar noch länger angedauert; erst in allerletzter Zeit scheint in einigen Gebieten (Bayern!) eine Art von Sättigungszustand erreicht zu sein. Im Königreich Bayern wurden Legitimationskarten gemäfs § 114 d. G.-O. ausgestellt 1 : 1884 6 723 1894 14 051 1897 17 329 1898 17 244 1899 16 712 Im Grofsherzogtum Baden schwankte die Zahl der ausgestellten Legitimationskarten in den Jahren 2 1880/88 zwischen 2721 Min. und 3901 Max., betrug jedoch 1890 4045 1896 5284 1898 5582 Dieselbe Vermehrung des Geschäftsreisendenpersonals beobachten wir in anderen Ländern: besonders stark ist sie in der kommerziell sehr entwickelten Schweiz. Hier betrug die Zahl der Reisenden 8 : 1896 19 667 1897 21 727 1898 23 585 1899 25 697 1900 26 837 1 Statistisches Jahrbuch für (las Kgr. Bayern 1895 ff. 3 Nach dem Stat. Jahrb. für das Grhzt. Baden. * Nach den Jahresberichten des eidgenössischen Handelsdepartement». Einundzwanzigstes Kapitel. Die Hilfsorgane d. moderneu Detailhandels. 405 Von diesen waren inländische Reisende 21202, ausländische 5635. Je gröfser nun aber die Zahl der Reisenden, desto stärker die Konkurrenz, desto kleiner der Kaufmann, an den sie sich wenden, desto entlegener der Ort, wohin sie die Sekundär- und Tertiärbahn noch führt, desto extensiver und intensiver die Ausweitung des Absatzspielraums kapitalistisch produzierter Gegenstände im Rahmen des modernisierten Detailhandels. Dieser aber sieht im Laufe der Entwicklung aufser dem Institut der Reisenden noch eine Reihe nicht minder bedeutsamer Organisationen zur Vermittlung des Absatzes zwischen den Fabrikanten und sich erstehen, die wir zusammenfassend bezeichnen können als: C. Die Zwisclienhaudelsorganisationeu l . Als solche tritt zunächst auf: I. Der Grossist alten Stils. Dieser, der typische Mittler zwischen Fabrikant und De- tailleur, so lange der Schwerpunkt des Detailhandels noch im Branchengeschäft liegt, ist vielfach aus den gröfseren Detailhändlern der bedeutenderen Provinzstädte hervorgegangen. Er entstand in der Zeit, als infolge zunehmender Konkurrenz unter den Detaillisten der gröfseren Plätze, namentlich seit der Entwicklung des Reisens ein Ansporn geschaffen wurde, die vorhandene gröfsere Kapitalkraft noch in anderer Weise als dem blofsen Selbstdetaillieren zu nützen. Der Grossist trat jetzt in dasselbe Verhältnis zu den Krämern in den Landstädten ohne oder mit schlechter Bahnverbindung, in dem der Fabrikant zu ihm gestanden hatte, ehe das Reisen auf kam. Er kaufte vom Fabrikanten Waren in gröfseren Mengen und daher billiger ein und wurde von den Krämern der Landstädte regelmäfsig besucht. Mit der Vermehrung der Bahnverbindungen aber wurde es dem Grossisten möglich, auch seine Kundschaft durch Reisende besuchen zu lassen, wodurch abermals der Absatzkreis der Ware intensiv und extensiv gesteigert, dem Detaillisten die Existenz erleichtert wurde. Mit zunehmender Erleichterung des Verkehrs, wachsender 1 Ygl. vor allem den trotz seiner Kürze aufserordentlich gehaltvollen Essay von Hugo Kanter (Pseudonym Kuno Hegart), Der Zwischenhandel; in den „Grenzb oten“. 1896. II. Iv. hat, soviel ich sehe, den „Engrossortimenter“ für die Wissenschaft „entdeckt“. 406 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens. Konkurrenz unter den Fabrikanten, Vermehrung der Fabrikreisenden wurde jedoch der Grossist, der als Branchenvertreter keinerlei besondere Vorzüge vor dem Reisenden der Fabrik und dem gleich zu erwähnenden Agenten mehr bot, ausgeschaltet 1 . Das dadurch freigesetzte Kapital hat nun vielfach Verwertung gesucht und gefunden in der Ausübung einer den veränderten Verhältnissen besser angepafsten Funktion der Absatzvermittelung, nämlich in der Thätigkeit des ^ II. Engrossortimenters. Der Engrossortimenter ist ein Zwischenhändler, der an einem Platze alle irgendwie in den Geschäftszweig einschlagende Artikel aus den verschiedensten Ursprungsorten aufstapelt und sie in kleinen Partien an Detaillisten abgiebt. Er ist also vor allem der geeignete Mann, auch dem kleineren Detailhändler in Landstädten und Dörfern die Möglichkeit eines reicher assortierten Lagers zu gewähren, ihn in der Umwandlung aus dem Branchen- in das Bedarfsartikelgeschäft behülflieh zu sein, ihn also existenzfähig auch bei geringerer Kapitalkraft zu erhalten. Vor allem wirkt aber gerade der Engrossortimenter in eminentem Mafse stimulierend auf den Absatz der Ware. Denn da er natur- gemäfs nur ganz geringe Zuschläge auf diese machen kann, mufs er unausgesetzt bestrebt sein, die Menge der abgesetzten Ware zu vermehren, was ihm insbesondere auch dadurch gelingt, dafs er ganz ärmlichen Existenzen Waren auflädt. Die rasche Zunahme jener proletarischen Kleinhändler, von denen oben die Rede war, wäre vielfach undenkbar ohne die Vermittlung des Engrossortimenters 2 . Teilweise wohl aus dem Reisenden, teilweise aus dem fallit gewordenen Zwischeneigenhändler hat sich endlich eine dritte. Kategorie von Hilfsorganen des Detaillisten entwickelt, das sind III. die Agenten. Ein Agent (Generalagenten, Subagenten) als Vermittler zwischen dem Produzenten und dem Detaillisten tritt in zwei Metallwaren geprefste J 1 U. III, 120. 470 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. Höchstens, dafs wir einem Handwerker auf dem Wege der einfachen Qualitäts-Verschlechterung begegnen. Aber auch diese verträgt sich nicht mit der innersten Natur des Handwerks. Ich will gar nicht einmal soviel Wert legen auf die historische Tradition, obwohl auch diese nicht gänzlich aufser acht zu lassen ist: dafs es der Handwerkerehre zuwider ist, Schundware zu liefern. Ein Handwerker von echtem Schrot und Korn würde eher verhungern, ehe er seine von den Vätern überkommene Produktionsweise im schlimmen Sinne verändern sollte; er mag keine Schleuderware liefern, das pafst sich einfach nicht. Aber, wie gesagt, man braucht die Wirkung des alten Handwerkerstolzes nicht übermäfsig hoch zu veranschlagen und kann doch zu dem Ergebnis kommen, dafs es mit dem Principe handwerksmäfsiger Produktion unvereinbar ist, aus der systematischen Qualitätsverschlechterung ein Gewerbe zu machen. Es ist nämlich in den meisten Fällen diese doch mit einer Täuschung, mindestens einer Dupierung des Publikums verbunden. Und dazu bedarf es einer Unpersönlichkeit des Produzenten, wie sie die kapitalistische Organisation leichter mit sich bringt. Kaufe ich die Schundware im Laden beim Herrn Cohn, so kann ich diesen als Händler niemals in dem Mafse verantwortlich machen, wie ich es thue, wenn der Schuhmachermeister Schmidt oder der Tischlermeister Müller mir als Lieferanten des Schwindelstücks bekannt sind. Wo uns deshalb von systematischer Handwerkerschluderei erzählt wird, wie bei den Berliner Tischlern oder den Schustern um Ulm herum, da handelt es sich immer nur noch um bereits in Fäulnis übergegangene Reste des alten Handwerks, um handwerks- mäfsige Existenzen in indirekter Abhängigkeit vom Kapital, wie sie bei uns klassifiziert werden. Fast ganz verschlossen sind nun aber dem Handwerker die Wege der Substitution und Surrogierung; auch wenn er sich über die eben geäufsertenBedenken hinwegsetzen undjene Wege beschreiten wollte, so würde er beim ersten Schritte von der übermächtigen Konkurrenz der kapitalistischen Unternehmung zu Boden geschleudert werden. Auf dem gesamten Gebiete der Substitutionsund Surrogatindustrien befindet sich nämlich der handwerksmäfsige Produzent in entschiedenem Nachteile gegenüber dem kapitalistischen, sei es bei Bezug der Rohstoffe, sei es beim Produktionsprozesse selbst 1 : aus Gründen, die im folgenden Abschnitt ausführlich werden erörtert werden. 1 Beispiele: „Der Handwerker kann, aucli wenn er wollte, diese Surrogate (nämlich Kunstleder etc.) nicht wohl verwenden, weil diese nur bei sehr starkem Achtundzwanzigstes Kapitel. Das Surrogat. 471 Dafs dem aber so ist, dafs übereinstimmend in allen den genannten Industriezweigen die kapitalistische Produktionsweise sich im Vorteil befindet, darf nicht wundernehmen. Jene Qualitätsveränderungen, wie sie in der Substituierung und Surrogierung vor sich gehen, sind ja doch ausgedacht, ausgeklügelt von vornherein unter dem Gesichtswinkel kapitalistischer Interessen. Ob ein neuer Stoff als Ersatzstoff dienen könne, ob ein neues Verfahren die Stelle eines alten einzunehmen geeignet sei, wird doch stets nur mit der stillschweigenden Klausel geprüft: vorausgesetzt, dafs die Massenherstellung in kapitalistischer Form profitabel erscheint. Somit bewegt sich auch der Spürsinn der Erfinder von vornherein in einer ganz bestimmten Richtung. Ihre Erfindung, wissen sie, hat nur Wert für sie, wenn sie einen Kapitalisten zur Anwendung reizt: sie mufs also auf kapitalistische Produktionsweise zugeschnitten sein. Und das bedeutet natürlich in der Mehrzahl der Fälle, dafs sie unanwendbar für den Hand- werker bleibt. Aber bei dieser direkten Schädigung des Handwerks durch die Tendenz zu Qualitätsveränderung in dem bezeichneten Sinne hat es noch nicht sein Bewenden. Ein grofser Teil der Qualitätsveränderungen, alle nämlich, mit denen insoforn eine Qualitätsverschlechterung verbunden ist, als die „Solidität“ verringert ist, wirken zumal bei sehr starker Verbilligung dadurch nachteilig auf das Handwerk, dafs sie dessen letztes Rückzugsgebiet einschränken: die Reparatur- und Flickarbeit. Die modernen Waren sind teilweise so schlecht, dafs man sie nicht mehr reparieren kann, wenn sie einmal zu funktionieren aufhören: wie etwa die deutsche Reichsuhr für 2,75 Mk. oder 3 Mk .5 oder so billig, dafs man sie —• dank der von uns gewürdigten Geschmackstendenz auf das Neue und Gefällige — nicht mehr reparieren lassen will: wie etwa ganz billige Strandschuhe oder dgl. Was beides, wie ersichtlich, auf den für das Handwerk gleichen Effekt hinausläuft, dafs weniger Waren zum Reparieren kommen. Drucke, wie ihn die Maschinen ausüben, verarbeitungsfähig sind.“ U. IX, 49; die Ersatzmittel für Hanf und Flachs sind teils so zähe und wenig biegsam, dafs sie nur von der Maschine vorteilhaft verarbeitet werden. U. VI, 193. Die übrigen in der Seifensiederei eingeführten neuen Rohstoffe konnte er (sc. der Handwerksmeister) nicht benutzen, weil ihm für die Herstellung der Palmitin- und anderen Säuren die nötigen Einrichtungen und Kenntnisse fehlten. U. VI, 656. Neunundzwanzigstes Kapitel. Der Kampf um die Produktionsmittel. Damit Produktion überhaupt zu stände kommt, bedarf es der Vereinigung der sachlichen mit den persönlichen Produktionsfaktoren, wie seiner Zeit ausgeführt worden ist (vgl. Band I, S. 22 ff.), heute also der Regel nach ihres Ankaufs durch den Produktionsleiter. Wir wollen nun unsere beiden Konkurrenten — den Handwerker und kapitalistischen Unternehmer — Schritt für Schritt bei ihrem Anwerbgeschäft begleiten, das sich naturgemäfs zunächst auf den Erwerb der notwendigen sachlichen Produktionsfaktoren , der Produktionsmittel im weiteren Sinne erstreckt. Als solche unterscheiden wir: die Arbeitsbedingungen, den Arbeitsgegenstand, das Arbeitsmittel. A. Die Arbeitsbedingungen. Wir erinnern uns, dafs diese entweder von der Natur gegebene, oder erst vom Menschen in der ihm dienlichen Form hergestellte sind. Unter den ersteren ragt an Bedeutung hervor die Erde als Standort der Produktion. Dieser ist „von Natur gegeben“, volkswirtschaftlich betrachtet also eines besonderen Aufwandes zu seiner Erlangung nicht bedürftig. In unserer Rechtsordnung dagegen, die das Eigentum an Stücken der Erdoberfläche kennt, erhebt bekanntlich der Grundeigner einen Zoll für die Gestattung, auf dem ihm gehörigen Fleck zu existieren oder zu produzieren. Es wurde gezeigt, dafs dieser Zoll, der den Namen Grundrente trägt, in der Gegenwart eine besonders starke Tendenz zum Steigen hat, dafs also die Ausgabe für den Standort der Produktion einen wachsenden Bestandteil der Produktionskosten für Neunundzwanzigstes Kapitel. Der Kampf um die Produktionsmittel. 473 i I den Produzenten bildet. Und es ist nun liier festzustellen, dafs es das Steigen der städtischen Grundrente ist, das die Chancen des Handwerks zu Gunsten der kapitalistischen Unternehmung bei der Preisbildung wesentlich verschlechtert. Zunächst dadurch, dafs sie ihm das Ladengeschäft, d. li. den Vertrieb seiner Produkte im offenen Laden erschwert oder unmöglich macht. Ein Gang durch die Strafsen unserer grofsen und mittleren Städte bestätigt dies. Wir sehen fast überall den alten Handwerkerkram durch das, wie wir wissen, an Umfang und Qualität wachsende Detailverkaufgeschäft verdrängt. Unsere Quellen enthalten zahlreiche Klagen über diesen allgemeinen, selbst in kleinen Städten beobachteten Entwicklungsgang. Von den Schuhmachern in Jena lesen wir 1 : „Bei der gegenwärtigen Höhe der Ladenmieten . . . läfst nach Angabe der Meister der Geschäftsgewinn in der Regel die Haltung eines offenen Ladens, wenigstens in besserer Geschäftslage, nicht zu, zumal die Ladenmiete meistens auch eine teuerere Wohnungs- und Werkstattsmiete bedingt.“ Von den Fleischern in Düsseldorf heifst es 2 : „So weit die Ladengeschäfte bestehen, haben sich die hohen Mieten als aufser- ordentlich drückend, namentlich für kleinere Geschäfte erwiesen . . Je kleiner das Geschäft ist, desto gröfser ist der Quotalanteil des Einkommens, der für Miete gezahlt wird. Für kleine Meister beträgt sie meist 50 °/ 0 , immer aber wenigstens 40 % der nach Abzug der Kosten des Viehs Testierenden Einnahmen, für mittlere durchschnittlich 25°/o, für Grofsgeschäfte 15°/o.“ Über die Tischler in Berlin wird berichtet 3 : „Einen offenen Verkaufsladen wird der Tischlermeister meist nur dann halten können, wenn er ein eigenes Haus besitzt; und selbst dann mufs er meist noch über ziemlich bedeutende Kapitalien verfügen.“ Häufig kann nun das gröfsere Unternehmen, wie aus den mitgeteilten Ziffeim schon ersichtlich ist, sich den Luxus eines eigenen offenen Ladens sehr wohl noch gestatten, wenn es dem kleinen Produzenten längst nicht mehr möglich ist: aus Gründen, die wir weiter unten kennen lernen werden. Müssen aber beide Konkurrenten auf die Haltung eines Ladens verzichten, so ist dadurch der Handwerker natürlich wieder verhältnismäfsig stärker benachteiligt. Entweder nämlich es bleibt bei der ladenmäfsigen Feil- 1 U. IX, 51. 2 ü. I, 238. 2 U. IV, 400. 474 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. bietung der Waren, die aber Inhalt einer verselbständigten Detailhandelsunternehmung wird. Dann ist daran zu erinnern, dafs im heutigen Verkehr jede Lieferung für ein Magazin den Handwerker in die Gefahr bringt, magazinhörig zu werden, dafs aber, wie wir wissen, zudem die ganze Entwicklung des Detailhandels, der dank derselben Grundrente, die den kleinen Handwerker aus den Haupt- strafsen der Städte verbannt, in die Richtung der grofskapitalisti- schen Organisation gedrängt wird, derart ist, dem kleinen Lieferanten das Leben immer saurer zu machen. Oder es findet keine ladenmäfsige Ausstellung der fertigen Erzeugnisse statt, weil deren Natur es verbietet oder wenigstens unnötig macht. Auch dann ist der Handwerker immer noch ungünstiger gestellt. Der kapitalistische Unternehmer kann bei der gröfseren Menge seiner Produkte und seiner meist konzenti’ierteren Kundschaft zunächst viel leichter als der kleine Meister dem Druck der Grundrente dadurch ausweichen, dafs er an die Peripherie der Grundrentenmaxima seine Betriebsstätte verlegt und vielleicht die kaufmännische Gentrale im Mittelpunkt der grofsen Stadt beläfst. Zu beachten ist auch, dafs die blofse Verlegung des Standorts für den kleineren Produzenten stets ein weit gröfseres Risiko bedeutet als für den kapitalkräftigen Unternehmer 1 . Endlich aber ist der kapitalistische Unternehmer auch dann noch im Vorteil gegenüber dem Handwerk, wenn er gleich diesem in den Brennpunkten der städtischen Grundrente verbleibt. Selbstverständlich wieder deshalb, weil er imstande ist, die Grundrente einer gegebenen Fläche über eine gröfsere Anzahl Produkte zu verteilen. Aber doch auch weil er die erforderliche Fläche zu günstigeren Bedingungen als der Kleingewerbetreibende erhält. Was von den Tischlereien in Berlin sich sagen läfst, gilt gewifs für weite Kreise des Handwerks in gleicher Weise, dafs nämlich selbst dort, wo beide Teile, GrofsUnternehmer und kleiner Meister, zur Miete sitzen, erstere besser gestellt sind als letztere. „Für die Anlage von Tischlerwerkstätten gelten in Berlin besondere polizeiliche Vorschriften, die wegen der grofsen Feuersgefahr des Tischlereibetriebes 1 „Schon die Wahl eines anderen Stadtteils bringt oft fühlbare Nachteile im Einkauf und Verkauf, nicht für den mit Millionen arbeitenden Grofsbetrieb, wohl aber für die unendlich grofse Zahl der mittleren und kleineren Betriebe. Diese fürchten schon aufser Mitbewerb gesetzt zu werden, wenn sie das Stadtviertel verlassen, in dem die betreffende Branche ihren Sitz aufgeschlagen hat, wie viel mehr also die Verlegung auf’s platte Land.“ H. Freese, Wohnungsnot und Absatzkrisis. Jahrbücher für N. Ö. III. F. Bd. VI. S. 650. Neunundzwanzigstes Kapitel. Der Kampf um die Produktionsmittel. 475 im Interesse des Publikums notwendig sind. Deshalb werden die Werkstätten in den zu Fabrikzwecken eingerichteten Hinterhäusern angelegt, und zwar baut man besonders gern gröfsere Arbeitssäle, die leichter wieder an andere Fabriken vermietet werden können, falls sich einmal kein Tischler für sie findet. Meist ist ein ganzes Fabrikgebäude mit den Werkstätten von Tischlern, Drechslern, Bildhauern u. s. w. angefüllt; häufig befindet sich auch eine Lohnschneiderei in demselben Gebäude. Darum ist es für den kleinen Tischler ziemlich schwer, eine Werkstatt zu bekommen, die er auch meist teuer bezahlen mufs. Auch die Mittelbetriebe sind hinsichtlich der Werkstätten vielfach schlechter gestellt als die Grofsbetriebe; sie müssen sich teilweis mit wenig bequemen und dunklen Arbeitsräumen begnügen. Die Arbeiter klagen besonders über die mangelhafte Ventilation, die schlechte Beleuchtung und über die qualmenden Öfen, die sich häufig in den kleineren und mittleren Betrieben finden. Sie arbeiten viel lieber in den hellen, freundlichen und geräumigen Werkstätten der Grofsbetriebe 1 .“ Letztere lehrreiche Bemerkung gehört in ein anderes Kapitel: die Abspenstigmachung der besten Arbeitskräfte seitens der grofsen Unternehmungen, deren unheilvolle Folgen für das Handwerk bereits gewürdigt wurden. In besonders günstigen Fällen gelingt es nun aber dem kapitalistischen Unternehmer selbst und gerade in den gröfsten Städten die Auslagen für Grundrente, d. h. also für den Standort seiner Produktion, völlig aus seinem Ausgabeetat zu streichen und sie anderen, den Arbeitern, aufzubürden, die sie von dem Preise ihrer Arbeitskraft in Abzug zu bringen haben (Hausindustrie!). Da diese Manipulation bereits in den Bereich der Kosten der persönlichen Produktionsfaktoren hinübergreift, so soll sie dort im Zusammenhänge genau dargestellt werden. So sehen wir, wie von den verschiedensten Seiten her die steigende Grundrente schädigend auf das Handwerk einwirkt. Ihr zerstörender Einflufs nach dieser Richtung hin kann nicht leicht zu hoch veranschlagt werden. In den Grofsstädten ist der Zusammenhang zwischen Grundrentenentwicklung und Niedergang des Handwerks schon heute augenfällig. Dem Handwerker ist kaum noch ein Plätzchen gegönnt, wo er seine Hobelbank, seinen Schraubstock oder seinen Arbeitstisch aufschlagen kann. Er fristet in ihnen nur noch ein Dasein in den Ritzen und Löchern gleichsam des socialen Gebäudes: 1 U. IV, 398/99. 476 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. in dunklen Kellern, unter dem Dach, in den Hinterhäusern, auf alten Höfen, in baufälligen Schuppen, auf Korridoren, in Küchen und wo sonst ein Fleckchen übrig ist, da finden wir ihn nisten. In mittleren und kleineren Städten hat die Grundrentenentwicklung diese Wirkung noch nicht ausgeübt. Aber auch hier ist es nur eine Frage der Zeit, wann die kleingewerblichen Produzenten vor den steigenden Boden- bezw. Häuserzinsen weichen müssen. Einige Angaben über den Beginn dieser Entwicklung wenigstens für das Ladengeschäft wurden oben gemacht. Was bis heute die schädigenden Einflüsse jener Entwicklung in den kleinen Städten noch immer in bescheidenen Grenzen gehalten hat, ist der Umstand, dnfs daselbst ein grofser Teil der Handwerker von früher- her noch im Besitze von Häusern sich befindet 1 2 . Nun ist ersichtlich, dafs die Verteuerung des Standorts sich solange nicht in vollem Umfange fühlbar macht, als der Produzent auf eigenem Grund und Boden sitzt. Unvermeidlich aber mufs der Moment kommen, wo die fortschreitende Entwicklung unseres städtischen Wesens, gerade auch wieder das Steigen der Grundpreise, den Handwerker aus seinem Besitze drängt. Und dann wird auch für die kleineren Städte die verheerende Wirkung der Grundrente erst in vollem Umfange sich fühlbar machen. Dafs aber der Prozefs der Ent- hausung der Handwerker auch in mittleren und Kleinstädten bereits sich zu vollziehen begonnen hat und sogar teilweise schon recht weit vorgeschritten ist, unterliegt nach dem allgemeinen Urteil der Sachkenner keinem Zweifel. Ziffern- nnifsige Angaben besitzen wir leider nur in geringem Umfange. So weit sie jedoch vorliegen, reden sie eine deutliche Sprache. Wiederum geben uns die vortrefflichen Untersuchungen Paul Voigts über die Lage des Handwerks in Eisleben hier dankenswerten Aufschlufs. Nach seinen Ermittlungen besafsen in Eisleben 1790 fast alle Handwerksmeister ein eigenes Haus. Heute gehören von den 2200 Häusern Eislebens ca. 270—280 Handwerksmeistern; also nur die gröfsere Hälfte der Meister hat ein eigenes Haus, die übrigen wohnen zur Miete. Offenbar fällt nun der Verlust der Häuser in die letzten Jahrzehnte, und zwar sind die Handwerker seit dieser Zeit am meisten aus den eigentlichen Geschäfts- strafsen verdrängt: am Markt waren 1873 von 58 Häusern 14 1 Siehe die zahlreichen Beispiele in 17., Index s. v. Häuserbesitz. 2 U. IX, 354/55. 358. Neunundzwanzigstes Kapitel. Der Kampf um die Produktionsmittel. 477 in Besitz von Handwerkern, jetzt nur noch 85 am Plan gehörten damals 2 Häuser Handwerkern, jetzt keines mehr; in der Glocken- strafse hatten 1885 die Handwerker 8 , 1895 nur noch 5 Häuser; in der Lutherstrafse 18, jetzt 14 u. s. w. Von den übrigen „Arbeitsbedingungen“ werden es hauptsächlich die Baulichkeiten sein, deren Beschaffung eine grofse Rolle in dem Ausgabebudget des gewerblichen Produzenten spielt 1 . Es unterliegt nun keinem Zweifel, dafs hier abermals der Kapitalist im Vorteil ist. Wiederum kann er in allen Fällen, wo ihm die hausindustrielle Organisation gelingt, den Posten für Gebäude überhaupt sparen oder wo er solche herzurichten hat, wird er es zweifellos zu einem Preise können, der nicht in gleichem Verhältnis mit dem Umfang des Etablissements wächst 2 . Die Gründe dafür (billigere Beschaffung der Baumaterialien, Abschlufs mit dem Bauunternehmer im grofsen) gehören teilweise dem Kapitel der Produktionsverbilligung an, teilweise decken sie sich mit denjenigen, die ihm den billigeren Bezug der Rohstoffe u. s. w. verbürgen und also im folgenden des näheren darzulegen sind. B. Der Arbeitsgegenstand. Es darf als eine unserer Zeit eigentümliche Tendenz betrachtet werden, dafs sich für eine grofse Anzahl der wichtigsten Rohstoffe der Bezugsort vom Verarbeitungsorte immer mehr entfernt. Für die wichtige Kategorie der Rohstoffe aus organisierter Materie habe ich diese Tendenz bereits aus dem Zusammenhänge der kapitalistischen Gesamtentwicklung an anderer Stelle zu erklären versucht (vgl. oben S. 116 f.). Aber zu den dort entwickelten Gründen, die Produktion bestimmter tierischer und pflanzlicher Erzeugnisse in die Nähe der Grundrentenminima zu verlegen, treten noch andere hinzu, die in gleicher Richtung wirken: Auffindung neuer exotischer Stoffe, die die früher allein verwendeten einheimischen substituieren und surrogieren (Ersatz für Borsten, Talg u. s. w.); Verfeinerung unseres Bedarfs, die eine Vermehrung der zur Verwendung kommenden Rohstoffe heischt und deshalb nach neuen Arten in fremden Ländern Ausschau hält (feinere Pelzwaren, 1 Den Bezug der „Naturkräfte“ (Gas, Elektrizität etc.) will ich im Zusammenhänge mit den Bedingungen für die Beschaffung des Arbeitsmittels besprechen. j* Nur das steht hier in Frage, nicht der mit der Ausdehnung der Produktion abnehmende Gebäudeaufwand. 478 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. feinere Hölzer u. s. w.), die zunehmende Verwendung gewerblicher Rohstoffe überhaupt und dergl. mehr. So dafs unsere gewerblichen Produzenten, die früher überwiegend ihren Bedarf an Rohstoffen aus der näheren oder weiteren Umgegend des Produktionsortes decken konnten, mit dem Bezug ihrer Rohstoffe aus entfernten Gegenden des östlichen Europas oder überseeischen Ländern als mit einer unabänderlichen Thatsache fast in allen Branchen rechnen müssen. Die folgenden Angaben werden das bestätigen. Unter den gröfseren Holz verarbeitenden Gewerben sind von der gekennzeichneten Entwicklung in letzter Zeit besonders betroffen die Tischlerei und die Böttcherei, die heute in wachsendem Umfange auf die Verarbeitung schwedischer, russischer, ungarischer oder überseeischer Feinhölzer angewiesen sind 1 . Aber auch die Stellmacher ei, die Wagenbauerei, die Bürstenfabrikation e tutti quanti konsumieren heute schon mehr aufserdeutsches als deutsches Holz. Diese Entwicklung wird von der Statistik des Holzhandels widergespiegelt. Stieg doch der Wert der Einfuhr von Bau- und Nutzholz, roh, bezw. in Balken- oder Bretterform nach Deutschland von schon 76 Millionen Mark im Jahre 1880 auf 274 Millionen Mark im Jahre 1899. Mit letzterer Ziffer hat nach meiner Rechnung 2 der Wert des in Deutschland verbrauchten ausländischen Holzes denjenigen des aus dem Inlande stammenden überflügelt. 1 Ygl. die zahlreichen Belege in U. Index s. v. „Rohstoffbezug 11 und aufserdem die früher citierte Speciallitteratur. 2 Der Rechnung liegen folgende Ziffern zu Grunde: Die Ausfuhr an Holz betrug im Jahre 1899 nicht ganz 20 Mill. Mk.; wir können sie zur Hälfte den ausländischen, zur Hälfte den inländischen Hölzern zurechnen. Für den Verbrauch an letzteren besitzen wir keine direkten Zifferangaben; wir müssen ihn daher auf Umwegen zu ermitteln versuchen und zwar etwa wie folgt: die preußischen Staatsforsten verkauften (1892/93; jedoch ist der Betrag ziemlich konstant, die Gesamtmenge an produziertem Holz nimmt eher ab als zu, wenn man die Abnahme des Bestands an Privatwaldungen in Betracht zieht) für insgesamt 64,1 Mill. Mk. Holz (Handbuch, Bd. III, 1898); davon ziehe ich 14,1 Mill. Mk. für Stock- und Reisigholz ab (das von 9,4 Mill. Festmeter 2,1 ausmachte), bleiben rund 50 Mill. Mk.; die Staatsforsten machen in Preußen 30,0 % der Gesamtwaldfläche aus; es ist daher gewiß hoch gerechnet, wenn wir den Wert des in Preußen produzierten Holzes auf 150 Mill. Mk. veranschlagen. Preußens Waldbestand wird auf 8,2 Mill. ha beziffert. (Vergl. Stat. Jahrb. 17, 16.) Derjenige ganz Deutschlands auf 13,8 Mill. ha. Preußens Ertrag also im gleichen Verhältnis auf ganz Deutschland verteilt, würde für dieses einen Holzertragswert von ca. 250 Mill. Mk. ergeben.— Der Wertertrag der Holzeinfuhr nach Deutschland im Jahre 1900 ist geringer als der des Vorjahrs (224 Mill. Mk.). Dies hat jedoch seinen Grund wesentlich in dem starken Preisrückgang. Die Einfuhrmengen sind wieder gestiegen. Neunundzwanzigstes Kapitel. Der Kampf um die Produktionsmittel. 479 Von anderen pflanzlichen Erzeugnissen sind es namentlich die Spinnstoffe Flachs und Hanf, die langsam dem westeuropäischen Produzenten aus den Händen entschlüpft sind, ist es die Asche, die für die Seifenfabrikation in Betracht kam 1 , sind es die vegetabilischen Farbstoffe, ist es nicht am wenigsten die Eichenrinde als Hilfsstoff für die Gerberei 2 . Von tierischen Produkten kommen vor allem Felle und Häute in Betracht für die Kürschnerei bezw. Gerberei 3 ; ferner Hörner, Klauen etc. für die Kammmacherei 4 , die Drechslerei; Borsten für die Bürstenfabrikation 5 ; Talg für die Seifen- und Lichtemacherei 6 ; von der Wolle gar nicht zu reden, weil deren Entschwinden mit seinen Wirkungen schon grofsenteils der frühkapitalistischen Periode angehört. Teils werden jetzt in weiten Fernen dieselben Rohstoffe gewonnen, die der Handwerker ehedem in der Nachbarschaft kaufte, wie die Borsten, die in Rufsland, Galizien und China, die Häute, die in Südamerika und Indien, die Hörner, Klauen etc., die ebenda und in Brasilien, die Wolle, die in Kapland, Südamerika oder Australien, der Talg, der in Amerika und Australien in grofsen Massen für den Export erzeugt werden; teils sind die Ersatzstoffe exotischer Herkunft, wie die verschiedenen Faserstoffe, die die vaterländischen Borsten, wie die Kokosnufs-, Palm- und Palmkern-, Oliven-, Erdnufs-, Baumwoll- saatöle, die die einheimischen Lein- und Hanföle ersetzen sollen. Und selbst dem Mineralreich angehörige Stoffe werden in wachsenden Mengen, dank der fortschreitenden Verkehrstechnik, aus der Ferne herbeigeschleppt. So wurden nach Deutschland eingeführt Steine 7 , roh oder blofs behauen: 1880 = 274489 t 1900 = 1072433 t. Was für eine Bedeutung hat nun aber die skizzierte Entwicklung für das Problem, das uns beschäftigt? Hat sie die Chancen in dem Konkurrenzkämpfe zwischen Handwerk und Kapitalismus 1 Vgl. U. VI, 655. 2 Vgl. vor allem die Darstellung der württembergischen Verhältnisse U. VIII, 437—550. 3 Vgl. namentlieh U. IV, 6f.; V, 474 f. 4 ü. VI, 231 f. 3 VI, 536. 544. 557. IX, 321. 8 ü. VI, 665. 7 Über den Bezug von Pflastersteinen für das Berliner Strafsenpflaster aus Schweden, vgl. U. VII, 347. \ 480 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. verschoben, zu wessen Gunsten und wodurch? Kein Zweifel, dafs die Entwicklung, wie sie hier geschildert wurde, abermals dem Handwerk zum Schaden sich vollzogen hat. Man braucht nicht gerade die Fälle zu verallgemeinern, in denen die Wegnahme oder die Verteuerung des Rohstoffs die ganze Existenz eines Gewerbezweiges in Frage gestellt haben. Es sind das wohl meist Fälle lokalisierter Specialhandwerke, sog. „bäuerlicher Hausindustrie“, die in Anlehnung an den in der Gegend überreichlich vorhandenen und darum billigen Rohstoff in die Höhe gekommen sind. Solcher Art Industrien sind häufig an den Rand des Verderbens gebracht worden in dem Augenblick, wo die kapitalistische Entwicklung ihren Rohstoff auszuführen begann, weil er anderswo besser verwertet werden konnte. Tugan-Bara- n o w s k i teilt uns in seiner Geschichte der russischen Fabrik zahlreiche Beispiele solcher Handwerke mit, die insbesondere durch Verteuerung oder gänzliche Wegnahme des Holzes in Verfall geraten sind. „Als gewöhnliche Ursache des Verfalls des Gewerbes wird der Mangel an Holzmaterial angeführt. Selbst in dem an Forsten reichsten Distrikt Ostaskov verspürt man jetzt Mangel an Holzmaterial 1 .“ Ein anderes instruktives Beispiel für die nämliche Entwicklung ist folgendes: in den kleinen Gemeinden der Provinz Bologna: Lizzano, Porretta u. a. wurde eine schwungvolle Böttcherei und Stellmacherei getrieben und buchene Gebinde, Fafsdauben, landwirtschaftliche Instrumente etc. wurden in grofsen Mengen erzeugt. Da machte die Entwicklung der grofsen Industrien die Verkohlung der nahen Wälder profitabel, und nun geht das Rohmaterial der ehemals blühenden Gewerbe in Form von Holzkohle an den Nachbarorten vorbei ins Weite 2 . Ähnliche Klagen über direkte Benachteiligung handwerksmäfsiger Produzenten durch Wegnahme des Rohstoffes werden gelegentlich wohl auch für Deutschland erhoben. Insbesondere sollen die Gerber vielfach ihre Betriebe geradezu haben einstellen müssen, weil ihnen die Häute vor der Nase weg vom Agenten des grofsen Häutehändlers oder Lederfabrikanten aufgekauft wurden oder die Eichenlohe aufser Landes geführt wurde. Aber das sind doch extreme Fälle, die sich auch meist nur auf Rohstoffexportländer beziehen, also solche, die sich in 1 M. Tugan-Baranowski, Geschichte der russischen Fabrik. 1900. S. 574, vgl. S. 553. 572 f. 2 Inchiesta agraria. Vol. II. fase. 1 pag. 26. Neunundzwanzigstes Kapitel. Der Kampf um die Produktionsmittel. 481 frühkapitalistischer Entwicklungsphase befinden. Uns interessieren vielmehr jene andern Fälle, in denen durch die Veränderungen, die auf dem Rohstoffmarkte vor sich gegangen sind, zwar die davon betroffenen Gewerbe in handwerksmäfsiger Ausübung nicht vernichtet, aber doch in empfindlicher Weise geschädigt worden sind. Diese Fälle treten so allgemein auf, dafs wir sie wohl ohne weiteres als typisch anzusehen berechtigt sind 1 . Forschen wir nach den Gründen der Schädigung, so finden wir fast überall dieselben angegeben5 zunächst dies: infolge der Einbeziehung der Rohstoffe in den Welthandel sind deren Preise den Konjunkturen der Verkehrswirtschaft ausgesetzt. Der Handwerker ist aber nicht imstande, den wechselnden Konjunkturen entsprechend seine Produktion einzurichten: weder kann er sie im günstigen Falle durch raschen Ankauf gröfserer Mengen genügend ausnützen, noch ihren Widerwärtigkeiten entsprechend standhalten. Diese Seite des Problems haben wir bereits erörtert. Sodann aber wird mit Nachdruck fast durchgehends betont, dafs infolge des Laufs, den der Rohstoffhandel genommen hat, der Handwerker sein Material unter ungünstigeren Bedingungen, also teurer beziehen mufs, als der kapitalistische Unternehmer. Das ist es, was uns hier interessiert. Woher diese Benachteiligung? Die Sache ist die: so lange die Häute, Hörner, Klauen etc. einzeln beim Bauer der Umgegend aufgekauft, die Bretter in der benachbarten Sägemühle erstanden werden, erspart der Grofs- produzent offenbar nicht an Kosten, weil nicht an Aufwand, denn der Ankauf seines Rohmaterials, der Transport vom Erzeugungsort bis zur Verarbeitungsstätte setzt sich aus einer Summe von Einzelakten zusammen, deren jeder selbständigen Aufwand und selbständige Kosten verursacht, die auch durch die Summierung nicht verringert werden. Zwölf Handwerker, die jeder für sich je einen Ankauf und einen Transport vornehmen, verfahren also nicht kostspieliger als der Fabrikant, der ebensoviel Rohmaterial in zwölf verschiedenen Akten erwirbt. Findet jedoch aus irgend einem Grunde, ehe das Rohmaterial in den Handel kommt, dasjenige statt, was man eine Güter- oder Warenzusammenballung nennen kann, d. h. finden sich gröfsere Quantitäten jenes Rohstoffs an einer Stelle unter einer Verfügungsgewalt zusammen, so bedeutet nun offenbar der Bezug einer bestimmten Quantität 1 Ich verzichte auf eine Aufzählung der Fälle und verweise den Leser auf die U., in deren Index sich das Stichwort „Rohstoffbezug“ findet. Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 31 482 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. durch zwölf verschiedene oder durch einen einzigen Produzenten etwas wesensverschiedenes. In jenem Falle nämlich mufs die zusammengeballte Masse zerteilt, jede Teilquantität mufs besonders verpackt, verwogen etc., mit besonderen Adressen, Begleitpapieren versehen, mufs endlich in besonderen Akten transportiert werden; kurz, die Übermittlung der einen Masse an zwölf verschiedene Empfänger bedeutet jetzt einen erheblichen Mehraufwand gegenüber dem Versand an eine Adresse. Ob dieser Mehraufwand von dem ersten Versender oder von einer Mittelsperson (wir nennen ihn Zwischenhändler) geleistet und also an jenen oder diese bezahlt wird, bleibt sich im Effekt gleich: genug, dafs überall dann — aber auch nur dann — wenn Warenzusammenballungen stattgefunden haben, der „Bezug im grofsen“ billiger ist als in Teilpartien. Diese im Effekt jedermann geläufige Thatsache habe ich hier etwas ausführlicher zu begründen versucht, weil offenbar noch erhebliche Unklarheiten über ihr Wesen verbreitet sind. Sonst würde beispielsweise nicht so oft in stereotyper Wiederholung die absolut stumpfsinnige Bezeichnung der Kostenersparnis beim Rohstoffbezug als „wirtschaftlicher Vorteil“ gegenüber den „technischen Vorteilen“ des „Grofs- betriebs“ bei der Produktion beliebt werden. Die „Kostenersparnis“ ist in der Cirkulationssphäre nicht minder „technisch“ begründet, als in der Produktionssphäre, oder wenn man will, um kein Haar „wirtschaftlicher“ dort als hier. Eine solche Zusammenballung gröfserer Gütermengen findet nun aber notwendig statt, ganz unabhängig von dem Bedürfnis des Verarbeitens, dort, wo der Rohstoff in so weiter Entfernung von der gewerblichen Produktionsstätte gewonnen wird. Dafs durch die Fleischextraktkompagnien in Südamerika eine Zusammenfassung grofser Häutemengen oder Talgmassen erfolgt, ist das Zufällige dabei: der Hanf, der vom russischen Bauer im kleinen produziert, die Haut, die im Innern Indiens von dem einzelnen Hindu geliefert wird: sie müssen mit Notwendigkeit nicht minder eine Zusammenballung zu gröfseren Mengen erfahren, ehe sie in Europa verarbeitet werden, als die im grofsen produzierten Waren es im Produktionsprozesse erleben. Ob klein, ob grofs: der Leipziger Seifenfabrikant kann nicht in direkte Beziehung mit dem afrikanischen Negerdorfe treten, das ihm sein Palmöl liefert. Die Zusammenballung erfolgt hier durch den Exporteur bezw. Importeur. Von ihm bezieht also nun der Grofsfabrikant natürlich billiger, als der kleine Produzent, der erst noch der „zweiten Hand“ bedarf, die ihm die oft mühsam zusammengefügte Warenmasse wieder in kleinen Portionen auseinanderteilt. Neunundzwanzigstes Kapitel. Der Kampf um die Produktionsmittel. 483 Klar ist nun also dieses, dafs gegenüber einer zusammen- geballten Robstoffmasse der gröfsere Produzent sieb dem kleinen gegenüber im Vorteil befindet; klar ist ferner, dafs die Tendenz zur Entfernung des Rohstoffgewinnungsortes vom Verarbeitungsorte die Tendenz zur Warenzusammenballung in sich schliefst. Hinzugefügt mufs nun aber noch werden, dafs letztere Tendenz nicht auf jene eben besprochenen Fälle sich beschränkt, sondern auch aus anderen Ursachen hervorwächst, die in der kapitalistischen Gesamtentwicklung begründet sind. Insbesondere wird dieselbe Situation dort geschaffen, wo es sich um schon zugerichtete Rohstoffe oder um Stufenfabrikate handelt, wenn etwa der Produktionsprozefs an dieser Stelle schon eine Konzentration erfahren hat. Das ist also beispielsweise beim Leder der Fall, das in grofsen Unternehmungen erzeugt, sich also im Momente, in dem es der Schuhmacher als Arbeitsgegenstand beziehen will, bereits im Zustande starker Zusammenballung befindet. Es ist eine ständig wiederkehrende Klage, dafs der kleine Schuster im Lederbezug benachteiligt ist, weil das Leder grofskapitalistisch erzeugt wird und die Lederfabriken natürlich nicht „detaillieren“ wollen oder, falls sie es thun, dafür Extraspesen in Gestalt eines Preisaufschlags auf das Leder berechnen, der andernfalls an den Lederhändler zu entrichten ist. C. Das Arbeitsmittel. Dafs für dieses zunächst dieselben Regeln gelten wie für Arbeitsgegenstand und Arbeitsbedingung: dafs nämlich ihre Beschaffung im grofsen unter den angegebenen Bedingungen Kosten erspart, bedarf keiner besonderen Begründung. Das Gesetz aber des umgekehrten Verhältnisses zwischen Gröfse und Kosten tritt bei ihm insofern noch besonders deutlich in die Erscheinung, als die Preise der einzelnen Leistung sich wenigstens bei dem heute wichtigsten Arbeitsmittel, der Maschine, in exakter Weise ermitteln und also für die verschiedenen Gröfsenausmafse vergleichen lassen. Wohl gemerkt: es handelt sich auch hier zunächst wieder nur um den Preis einer bestimmt abgegrenzten Leistung — üblicher Weise bei Maschinen eines bestimmten durch sie nutzbaren Kraftquantums, der Pferdestärke (PS.) — nicht etwa um den Nutzeffekt dieser Leistung oder den auf sie entfallenden Anteil an dem Preise des zu erzeugenden Produkts. Der Übersichtlichkeit halber bespreche ich hier den Preis der elementaren Kraft, durch die die Maschine in Bewegung gesetzt wird, im Zu- 31* 484 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. sammenhange mit dem Preise dieser Maschine selbst. In der That ist der Kostenaufwand für einen durch eine Kraftmaschine zu erzielenden Nutzeffekt kaum anders zu berechnen, als wenn man Kosten für Leib und Seele unserer eisernen Sklaven gemeinsam veranschlagt. Es handelt sich hier nun um Dinge, die im allgemeinen der Wissenschaft bekannt sind und die ich lediglich, um den Konnex der Gesamtdarstellung nicht zu zerreifsen, hier abermals durch einige Ziffern illustriere. Man weifs nämlich heute längst, dafs jede Vermehrung der Leistungsfähigkeit einer Maschine, sei es der Arbeits-, sei es der Werkzeugmaschine, innerhalb der für die Praxis allein in Betracht kommenden Grenzen einen geringeren Kostenaufwand beansprucht, sodafs also der Preis der Leistungs-(Kraft-)Einheit im Verhältnis zur Gröfse der Maschine sinkt. Für Dampfmaschinen hat schon E. Engel erschöpfende ziffernmäfsige Darstellungen dieser Thatsache zu wiederholten Malen gegeben J . Und auch die neuere Entwicklung der Technik hat an jenen Thatsachen nichts geändert; sie hat eher den Abstand der Preise zu Gunsten der grofsen Maschinen noch vergröfsert. Eine sehr gewissenhafte Berechnung neueren Datums, bei der der Kostpreis der Pferdekraft selbst zu ermitteln versucht wird, ist von C. E. Emmery in New-York angestellt worden. Es ist dabei ein lOstündiger Betrieb während 309 Arbeitstagen angenommen und der Preis der Kohle mit 17,50 Mk. pro Tonne veranschlagt, endlich die Amortisationsdauer der ganzen Anlage auf 30 Jahre angesetzt. Unter diesen Voraussetzungen kostet die Pferdestärke im Jahr bei einer 5pferdigen Maschine 754,50 Mk. 10 » 470,20 n 20 » 315,50 » 50 n 223,50 » 100 n » 154,90 n 200 n n 123,30 » 300 n 115,50 » 500 n » 110,10 » 3000 » » 78,10 1 Vgl. die ausführlichen Tabellen bei E. Engel, Das Zeitalter [des Dampfes. 2. Aull. 1881. S. 159 ff. Neunundzwanzigstes Kapitel. Der Kampf um die Produktionsmittel. 485 Zu ähnlichen Ergebnissen kommt A. M u s i 1 1 in der dritten Auflage seines bekannten Buches über Motoren. Er legt seiner Berechnung zu gründe für Wien einen Kohlenpreis von 1,70 Mk. pro 100 kg, für Köln einen solchen von 1,25 Mk. pro 100 kg, für Berlin von 1,90 Mk. Alsdann kostet eine Pferdekraft pro Stunde in Pfennigen: bei einer in Wien in Berlin in Köln mittelgrofsen Dampfmaschine 3,4 3,8 2,5 Grofsdampfmaschine 1,2 1,3 0,9 Nun ist aber bekanntlich für die Kraftentfaltung im kleinen, wie sie der Handwerker benötigt, in neuerer Zeit die Dampfmaschine nicht mehr beliebt. Statt ihrer sind vielmehr andere Motoren in Aufnahme gekommen, namentlich die Gasmotoren und Elektromotoren. Bei diesen ergeben sich in der That nicht so beträchtliche Differenzen wie bei der Dampfmaschine zwischen den kleinen und grofsen Maschinen. Immerhin bleibt principiell die Thatsache bestehen, dafs die Kraft um so billiger wird, je gröfser ihr Vermittler ist. Die Berechnungen der Fachleute weichen selbst unter einander nicht unerheblich ab, sodafs ich mich damit begnüge, im folgenden die betreffenden Angaben mitzuteilen, ohne eine Verantwortung für ihre Richtigkeit zu übernehmen. Für Gasmotoren kommt der bekannte Technologe H. Lux zu dem auffallenden Ergebnisse, dafs sie (bei Annahme eines Gaspreises von 0,07 Mk. pro cbm) erheblich billigere Kraft liefern als die Dampfmaschine, insofern bei einer 5 pferdigen Dampfmaschine die Pferdekraft auf jährlich 754,5 Mk. (nach Emmery), dagegen bei einem gleichstarken Gasmotor auf nur 285,3 Mk. zu stehen komme 2 . Dem widersprechen die Berechnungen anderer Autoren, z. B. Musils, durchaus. Doch interessiert uns diese Gegenüberstellung nicht so sehr, wie diejenige des Kraftpreises bei den verschiedenen Gröfsen der Gasmotoren, bezw. des Preises einer Pferdekraft bei grofsen Dampfmaschinen und kleinen Gasmotoren, da doch nur diese Kategorien miteinander in Wettbewerb treten. Es ist für die Praxis vollständig wertlos, die Preise für kleine Dampfmaschinen und kleine Gas- etc. Motoren zu vergleichen, da ja kein Unter- 1 A. Musil, Die Motoren für Gewerbe und Industrie. 3. Aufl. 1897. S. 64/65. 2 II. Lux, Das Problem der Kraftverteilung unter Berücksichtigung der Versuche, das Kleingewerbe zu heben. Neue Zeit. IX. Jahrg. 2. Bd. S. 138. 480 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. nehmer sich bemüfsigt fühlen wird, die teueren Dampfmaschinen zu verwenden, wenn er den billigeren Gasmotor haben kann. Stellt man solcherart die praktisch in Betracht kommenden Konkurrenzmaschinen nebeneinander, so ergiebt sich jene Benachteiligung der kleinen Kraftvermittler, um deren Feststellung es sich hier handelt, wiederum auf das deutlichste. Zunächst stehen die Preise der Gasmotoren selbst in keinem Verhältnis zu der Zahl ihrer Pferdekräfte; just wie bei den Dampfmaschinen ist der Preis auf die einzelne Pferdekraft um so niedriger, je gröfser die Motoren sind. Musil (a. a. O. S. 184) führt folgende Preise für Gasmotoren ab Fabrik an: Es kostet ein Gasmotor es kostet also eine Pferdekraft mit 1 PS. 1000 Mk. 1000 Mk. » 2 1350 r> 675 „ n 3 Yi 1650 » 550 „ n 4 2000 n 500 „ n 6 2600 7 ) 433 x / 8 „ n 8 3000 375 „ n 10 ?? 3600 » 360 „ Ebenso ist aber der Preis für die Nutzung einer Pferdekraft bei den Gasmotoren um so höher, je kleiner der Motor ist. Lux selbst berechnet (a. a. 0. S. 205), dafs der Betrieb einer Pferdekraft jährlich kostet bei einem Gasmotor von: 2 PS. 447,0 Mk. 5 n 295,2 „ 8—10 „ 226,2 „ Damit stimmen ungefähr die Angaben überein, die Musil (a. a. O. S. 64/68) über den Preis der Pferdekraft bei Gasmotoren macht. Diese beträgt nämlich, bei einem Gaspreise von bezw. 16, 10 und 8—10 Pf. pro cbm pro Stück Pfennige: bei einer in Wien in Berlin in Köln Kleingasmaschine 13,5 8,0 8,0 Grofsgasmaschine 8,5 5,0 4,5—4,0. Und ähnliche Abstufungen weisen die Berechnungen auf, die kürzlich die Compagnie Parisienne du Gaz bei den neuen vertikalen Gasmotoren über die Kosten des Gasverbrauchs aufgestellt hat und die folgendes Ergebnis zeitigten 1 : 1 Mitgeteilt in der Neuen Zeit XVI. Jahrg. (1897/98). 2. Bd. S. 219. Auch hier stimmen die absoluten Ziffern bei den verschiedenen Autoren nicht Neunundzwanzigstes Kapitel. Der Kampf um die Produktionsmittel. 487 Größe des Motors in Pferdekräften Gaskonsum (cbm) Kosten (Francs) pro Stunde pro Stunde und Pferdekraft pro Stunde pro Stunde und Pferdekraft V* 0,30 1,20 0,09 0,36 1 1,20 1,20 0,36 0,36 3 2,10 0,70 0,63 0,21 5 3,25 0,65 0,97 0,19 10 6,50 0,65 1,95 0,19 Endlich mufs noch des Elektromotors Erwähnung geschehen, der in neuerer Zeit als die „Kleinkraftmaschine * 1 2 “ par excellence gerühmt worden ist und der auch jedenfalls vor den anderen Motoren den Vorzug besitzt, dafs er in den kleinsten Dimensionen verhältnismäfsig am billigsten sich stellt und auch wohl am bequemsten sich kleineren Betrieben einfügen läfst. Aber auch dieser bleibt dem Preisgesetz unterworfen, dem die anderen Motoren unterliegen: er wird verhältnimäfsig um so billiger, je gröfser er ist. Nach der sehr genauen Berechnung von H. Lux (a. a. O. S. 202 ff.) stellen sich in fünf verschiedenen Fällen die Kosten wie folgt: Es kostet der jährliche Betrieb einer Pferdestärke in Mark bei 2 PS. 5 PS. 8-10 PS. Elektrischem Motor 1 261,4 241,0 230,5 . » II 283,0 262,3 251,2 , „ HI 231,0 210,8 200,7 „ iv 249,6 229,1 218,8 » » V 429,0 315,2 229,2 Noch beträchtlicher ist die Verbilligung der Krafteinheit bei gröfseren Ausmessungen der Elektromotoren. Ebenfalls nach H. Lux 3 würden die jährlichen Betriebskosten einer PS. bei den überein. Um so mehr Grund, die für uns einzig relevante Thatsache der Preisabstufung, die überall annähernd dieselbe ist, als aufser allem Zweifel stehend anzunehmen. 1 Die Vaterschaft an diesem heute allgemein gebräuchlichen Ausdruck reklamiert F. Reuleaux für sich: „Kleinkraftmaschinen, wie ich die kleinen Motoren zu nennen vorgeschlagen habe.“ Siehe F. Reuleaux, Einfluß der Maschinen auf den Gewerbebetrieb in Nord und Süd 1879. S. 125. In Wirklichkeit findet sich die Bezeichnung schon früher. Vgl. Jo 11, Die wichtigsten Kleinkraftmaschinen etc. 1870. 2 H. Lux, Die wirtschaftliche Bedeutung der Gas- und Elektrizitätswerke in Deutschland. 1898. S. 120. 488 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. an das Elekrizitätswerk Oberspree angeschlossenen Elektromotoren betragen: Leistungsfähigkeit (PS.) Mk. 1 216 5 190 10 183 50 144 100 120 500 93 Eine vergleichende Zusammenstellung der Betriebskosten für die verschiedenen Kleinmotoren endlich enthält folgende Übersicht, aus der abermsls ersichtlich ist, dafs die Durchschnittskosten pro Stunde und Pferdestärke im umgekehrten Verhältnis zur Leistungsfähigkeit, aber auch zur Benutzungsdauer stehen. Es betragen nämlich nach einer Berechnung A. R i e d 1 e r s 1 die Gesamtkosten der Motoren mit einer Leistungsfähigkeit von . PS. V« 1 2 3 4 B für bei einer Betriebsdauer von . , . Stunden 5 10 5 1 io 5 10 5 10 5 10 5 10 5 10 Pf. Pf. Pf. Pf. Pf. Pf. Pf. Dampfkleinmotoren . . 43 30 31 32 26 19 23 17 19 15 Petroleummotoren . . . 80 60 35 28 25 22 Gasmotoren. 74 52 54 37 35 24 26 19 22 17 21 17 19 15 Druckluftmotoren . . . 51 41 87 30 27 23 23 20 21 19 20 18 19 17 Elektromotoren .... 81 66 67 55 56 46 51 40 49 37 — — Für Werkzeugmaschinen lassen sich'naturgemäfs nicht ebenso systematische Preisskalen aufstellen wie für Kraftmaschinen, da ihre Gröfse nicht nach Pferdestärke oder sonst einem leicht handlichen Mafsstabe gemessen zu werden pflegt. Was wir aber an Ziflernmaterial über sie besitzen, gestattet den Schlufs, dafs auch für sie als Regel die verhältnismäfsige Verbilligung mit zunehmender Gröfse angenommen werden darf. Wenn in der Zusammenstellung von Beispielen, die E. Engel giebt 2 , diese Regel zu wiederholten Malen durchbrochen zu sein scheint, so ist zu be- 1 A. Eiedler, Uber Betriebskosten von Kleinmotoren in der Zeitschrift des Vereins Deutscher Ingenieure. Jahrgang 1891. S. 299 ff. 2 E. Engel, Das Zeitalter des Dampfes. 2. Aufl. (1881). S. 161 ff. Neunundzwanzigstes Kapitel. Der Kampf um die Produktionsmittel. 489 denken, dafs die verschieden grofsen Werkzeugmaschinen keineswegs so kommensurable Gröfsen sind wie die Motoren, dafs vielmehr ihre Leistungsfähigkeit auch qualitativ je nach der Gröfse aufserordentlich verschieden sein kann: Feinheit der Ausführung, Widerstandskraft, Ansprüche an die Bedienung u. s. w. können von Maschinengröfse zu Maschinengröfse in einem so merklichen Umfange variieren, dafs ihr Preis dadurch sehr wohl eine Beeinflussung erfahren kann. Im Grunde bedarf es aber auch gar nicht erst des ziffern- mäfsigen Nachweises für die Richtigkeit der Beobachtung, dafs auch das Arbeitsmittel verhältnismäfsig um so billiger zu haben ist, je gröfser es ist. Die Gründe, warum dies der Fall sein mufs, liegen zu deutlich zu tage, als dafs sie nicht für sich allein beweiskräftig genug wären. Wenn wir nämlich bisher zu dem Ergebnis gekommen sind, dafs die sachlichen Produktionsfaktoren (von der Grundrente abgesehen, die ihrem eigenen Bewegungsgesetze folgt) durch massenhaften Bezug verbilligt werden, so geht diese That- sache im ganzen betrachtet auf keine anderen Ursachen zurück als diejenigen, die wir im weiteren Verlauf der Darstellung in ihrer produktionsverbilligenden Wirkung noch genauer kennen lernen werden. Die Gesamtheit dieser Erscheinungen unterliegt dem Grundgesetze wirtschaftlicher Thätigkeit überhaupt, nach welchem eine Zusammenfassung zahlreicher produktiver Kräfte zu einheitlicher Wirkung Aufwand erspart: eine Thatsache, die sich in unserer Wirtschaftsordnung in einer Preissenkung auszudrücken stets wenigstens die Tendenz hat. Dreifsigstes Kapitel. Der Kampf um die Arbeitskraft. Gehört es im allgemeinen zu den Wesenheiten kapitalistischer Entwicklung, durch einen kunstvoll wirkenden Mechanismus den Arbeitsmarkt meistens zu Gunsten der Nachfrage zu gestalten, so ist es eine Eigenart der modernen Phase des Kapitalismus, das Mifs- verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkte zu Ungunsten der ersteren in einer Anzahl von Punkten nicht unwesentlich vergröfsert zu haben. Wir wissen, dafs es in aller frühkapitalistischen Zeit vornehmlich das platte Land ist, das eine für gewerbliche Arbeit disponible Uberschufsbevölkerung liefert; wir sahen, wie ein grofser Teil der altkapitalistischen Industrien sich deshalb als ländliche Hausindustrie etabliert hat. Dieses Reservoir ist nun heute keineswegs schon erschöpft. Täglich wächst noch aus Gründen, die wir ebenfalls kennen gelernt haben, eine neue ländliche Uberschufsbevölkerung heran, sei sie primärer Natur, d. h. entstanden durch die in vielen Gegenden noch immer vorhandene Repulsionstendenz der Landwirtschaft, durch das Verschwinden des bäuerlichen Hausgewerbes, durch den Niedergang der alten bodenständigen Hausierhandwerke; sei sie sekundärer Natur, d. h. entstanden durch den Rückgang der alten frühkapitalistischen Hausindustrien. In der That hören wir denn auch aus verschiedenen, namentlich bäuerlichen Gegenden die Berichte von einer ländlichen Uberschufsbevölkerung in der Gegenwart erzählen, die aus gewerblicher Arbeit Nebenverdienst sich zu verschaffen bemüht ist. So aus Unterfranken, aus der weiteren Umgebung von Stuttgart und vom Regierungsbezirk Minden aus den Kreisen Bielefeld, Herford, Minden und Dreifsigstes Kapitel. Der Kampf um die Arbeitskraft. 491 Lübbecke 1 . Vom Spessart berichtet ein Arbeitgeber, dafs Nachfrage nach gewerblicher Arbeit im Überflufs vorhanden sei: „Die Arbeitskraft wächst . . . geradezu aus der Erde 2 .“ Bekannt sind ferner die schon vielfach dem Kapitalismus verfallenen Landschreiner in der Umgegend von Mainz a , Karlsruhe *, Freiburg i. B.die Landschneider um Ettlingen 6 , die Landschuster in Württemberg 7 etc. Aber die Regel bildet es doch heute nicht, dafs auf dem Lande selbst sich eine Überschufsbevölkerung aufstaut. Wir wissen vielmehr, dafs als der normale Verlauf der Entwickelung das Abströmen jener überzähligen Elemente in die Städte anzusehen ist. Was sich also heute thatsächlich in der Gesamtbevölkerung eines Landes als Reservearmee auf dem Arbeitsmarkte herausstellt, tritt meist erst in den städtischen Centren in die Erscheinung, sodafs als Signatur unserer Entwicklungsphase städtische Üb er sch ufsbe vö lker un gen sich ebenso natürlich ergeben, wie in frühkapitalistischer Zeit die ländlichen. Wurde nun aber durch die starke Einwanderung in die Städte im allgemeinen die Tendenz erzeugt, die Lage des gewerblichen Arbeitsmarktes zu Ungunsten des Angebots zu verschlechtern, so verdient es insonderheit Berücksichtigung, dafs infolge der Um- Schichtung der Bevölkerung die Verhältnisse des Arbeitsmarktes insofern eine durchgreifende Veränderung erfuhren, als eine Kategorie von Arbeitern in den Städten zu ungeheurem Umfange anschwoll, die ehedem stets nur von geringer Bedeutung gewesen war, also dafs ihr Lohnniveau keinerlei Einflufs auf den Lohnsatz für eigentlich gewerbliche Arbeit ausgeübt hatte: die Kategorie der sog. ungelernten Arbeiter, und als gleichzeitig der Lohnsatz für ungelernte Arbeit selbst dank der Eigenart der Ankömmlinge zu sinken die Tendenz zeigte. Die Elemente, aus denen sich ein neuer riesiger Stamm von un qualifizierten Arbeitern mit geringer Lohnforderung in den 1 Ygl. Zusammenstellung der Ergebnisse der Ermittlungen über die Arbeitsverbältnisse in der Kleider- und Wäscbekonfektion. Drucksachen der *4 Kommission für Arbeiterstatistik. Erhebungen Nr. 10 (1896). S. 34 ff. 2 Verhandlungen der Kommission für Arbeiterstatistik Nr. 10 (1896). Vgl. A. Weber, Hausindustrielle Gesetzgebung und Sweating-System in Schmollers Jahrbuch, XXI (1897), 300 ff. 3 ü. III, 329 f. * U. III, 122. 6 U. VIII, 244. 6 U. III, 53. 7 U. III, 320. j* 492 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. Städten zu bilden begann, waren vornehmlich unter den Einwandrern : 1. die ehemals landwirtschaftlichen Arbeiter; 2. die selbständig Erwerb suchenden Weiber. Uber erstere des längeren zu sprechen erübrigt sich. Die Einwanderungsziffern ergeben gewaltige Mengen ländlicher Bevölkerung als neue Siedelungselemente in den Städten, und es bedarf somit nur einer Erinnerung an die Thatsache, dafs jeder Landbewohner (von den wenigen Landhandwerkern abgesehen) in der Stadt jedenfalls für alle gewerbliche Produktion nur als unqualifizierter Arbeiter inBetracht kommen kann. Dagegen werden wir einen Augenblick bei der Betrachtung 1 der zweiten Gruppe der neuerstandenen Spottpreisarbeiter zu verweilen haben: bei der Gruppe der Erwerb suchenden Weiber. Seit langer Zeit weist namentlich die grofsstädtische Entwicklung die Tendenz auf, einen Überschufs an weiblicher Bevölkerung zu erzeugen; dieser ist zumal in letzter Zeit beträchtlich geworden. So waren beispielsweise in Berlin am 1. Dez. 1900 (Stat. Jahrb.) rund 80000 Frauen mehr als Männer vorhanden: 982346 gegen 901805. Frauenüberschufs hatten nach der Zählung vom 2. Dezember 1895 im ganzen 39 Städte , jedoch würde sich diese Zahl bedeutend erhöhen, wenn die Militärbevölkerung aufser Rechnung bliebe. Auf die Gründe dieses Frauenüberschusses, die bekannt sind, ist hier nicht näher einzugehen. Uns interessiert nur die Frage: giebt es auch einen „socialen“ Frauenüberschufs, und worauf ist dieser zurückzuführen? Was heute das gewaltige Heer der erwerbenden Frauen, d. h. jenen socialen Überschufs bildet, sind vornehmlich: 1. die zu wirtschaftlicher Selbstbestimmung gelangten ledigen, verwitweten, geschiedenen oder eheverlassenen Frauenspersonen der proletarischen und kleinbürgerlichen Bevölkerungsschichten; 2. die Ehefrauen und event. Haustöchter der arbeitenden Klasse; 3. die Ehefrauen und Haustöchter immer breiterer Schichten 1 Die Statistik erbringt den Nachweis einer allgemeinen und raschen Zunahme der weiblichen Erwerbsthätigkeit, namentlich auf dem Gebiete des Handels und der Industrie. Ygl. die Zusammenstellung der Ziffern im Art. „Frauenarbeit und Frauenfrage“ (Pierstorff) H. St. 3 2 , 1195 ff. Eine übersichtliche Zusammenstellung der Ergebnisse von 1882 und 1895 für Deutschland giebt R. Wuttke, Die erwerbsthätigen Frauen im Deutschen Reich. 1897. Dreißigstes Kapitel. Der Kampf um die Arbeitskraft. 493 des Kleinbürgertums bis hinauf in die untere Sphäre des sog. gebildeten Mittelstandes. Die Gründe, weshalb alle diese Elemente auf eigenen Erwerb angewiesen sind, und zwar in erheblich weiterem Umfange als früher, sind ebenfalls im allgemeinen bekannt. Sie stehen im Zusammenhänge mit der Entwicklung, die dank vor allem der Eigenart grofsstädtischer Existenzweise 1 die Gestaltung der Hauswirtschaft genommen hat. Wir wissen, dafs in dem Mafse, wie die Wohnungsräumlichkeiten infolge der steigenden Grundrente in den Städten zusammengedrängt und die gewerblichen Erzeugnisse billig werden, die Tendenz verstärkt wird, immer mehr Bestandteile der früheren hauswirtschaftlichen Thätigkeit zum Absterben zu bringen und damit die Arbeitssphäre der Frau im Haushalte einzuengen. Was also ehedem im Hause für das Haus von den Frauen erzeugt wurde, mufs jetzt gekauft werden; und die Arbeitskraft der Frauen, die ehedem sich produktiv im Hause bethätigte, mufs diejenigen Geldsummen zu erwerben trachten, mit denen ihre früheren, nun ausfallenden Produktionseffekte erworben werden können. Diese Entwicklung macht sich zuerst fühlbar für diejenigen Familienglieder, die einst über den Bestand der Eltern und ihrer Kinder hinaus Aufnahme im Hause fanden: alte Tanten, Schwägerinnen u. dgl. Wesen, die nun die Zahl der erwerbenden Frauen als Haushaltungsvorstände vermehren. Dann greift die Entwicklung hinüber auf die erwachsenen Töchter, zuletzt auf die Ehefrauen. Bei den mächtig anschwellenden Massen des städtischen Proletariats aber mufste sich von vornherein der Zustand der selbständig erwerbenden Frau als der natürliche ergeben. Denn hier war mit dem Wegfall des kleinen Land- oder Viehbesitzes, der alle früheren Arbeitsverhältnisse, wie wir sahen, charakterisierte, durch den blofsen Lohnverdienst des Mannes eine viel zu geringe Existenzbasis für eine Familie der Regel nach gegeben : der Betrag des männlichen Arbeitseinkommens genügte einerseits nicht, um Unterhalt für Weiber und Kinder mit zu bestreiten, und die mit ihm zu führende Wirtschaft war andrerseits zu winzig, um der Frau einen Lebensinhalt zu verschaffen. Was aber auch in diesen Schichten als mächtiger Hebel zur Beförderung 1 Das eigentliche Feld wenigstens gewerblicher Frauenarbeit sind die Grofsstädte. Hier machen in Deutschland (1895) von den Erwerbsthätigen die Weiber 23,6 % gegen nur 19,5% im Durchschnitt des Reiches aus; in Berlin gar 28,5%, in Breslau (Armut der Stadt!) 30,5%. Ygl. Statistik des D. R. N. F. Bd. 107. i 494 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. der weiblichen Erwerbsarbeit wirkte, war wiederum die Grundrente und die durch sie erzeugte Mietspreissteigerung in allen modernen Städten. Je höher die Mieten steigen, desto kleiner werden die Behausungen, also um so winziger die Existenzbasis für hauswirtschaftliche Thätigkeit der Frau: man denke, wie nach und nach erst der Garten, dann der Stall, dann die Speisekammern, dann der Keller, dann der Boden für immer weitere Schichten der Bevölkerung un- erschwingbare Bestandteile einer Wohnung werden. Je höher aber der Zoll wird, den die Grundeigner der städtischen Bevölkerung in Form steigender Mieten abverlangen, desto zwingender die Notwendigkeit, die Einnahmen zu erhöhen. Man kann den Effekt dieser Entwicklung also wohl dahin formulieren, dafs man sagt: ein immer gröfserer Teil der früher von ihren Männern und Vätern ernährten Weiber mufs jetzt im Dienst der städtischen Grundrentenbezieher arbeiten. Der Betrag des Verdienstes der weiblichen Arbeiter in einer Grofsstadt wird etwa dem Betrage der Grundrente gleichkommen, den derjenige Bevölkerungsteil, dem sie angehören, als Fron an einen anderen zu zahlen hat. Was nun aber weiter noch die Eigenart des modernen Frauenerwerbes charakterisiert, ist dies, dafs er ganz und gar seine Richtung verändert hat. Was früher von Frauen und Töchtern der unteren Klassen Zuschufsverdienst aufser dem Hause suchte, fand ihn überwiegend in der Verrichtung der Hilfsleistungen, die die wohlhabendere Bevölkerung für sich in Anspruch nahm: als Dienstboten, Wäscherinnen, Plätterinnen, Reinmachfrauen, Näherinnen und dergl. Diese Erwerbsquellen spielen dagegen heute nur noch eine untergeordnete Rolle ^ erstens deshalb, weil abermals im Gefolge der oben gekennzeichneten Einschränkung der hauswirtschaftlichen Thätigkeit auch der wohlhabenderen Familien viele jener Hilfsdienste nicht mehr verlangt werden; es wird weniger von fremden Personen im Hause gewaschen, geplättet, geschneidert u. s. w. Zweitens und vor allem aber deshalb, weil sich das Verhältnis zwischen den nachfragenden Familien und dem Angebot von weiblichen Arbeitskräften zu Ungunsten der letzteren naturgemäfs in dem Mafse verschoben hat, als die grofsen Haufen proletarischer Existenzen in die Städte eingeströmt sind 1 . So ergiebt sich denn der für unsere Betrachtung entscheidende 1 Siehe die interessanten Berechnungen bei A. Weber, die Entwicklungs- grundlagen der grofsstädtischen Frauenhausindustrie in den Schriften des Yer. für Soc. Pol. Band 85 (1899) XXXI f. Dreifsigstes Kapitel. Der Kampf um die Arbeitskraft. 495 Gesamteffekt, dafs das Angebot weiblicher Arbeitskräfte für aufserhaus- wirtschaftlicbe, insonderheit also gewerbliche Arbeit eine gewaltige Steigerung erfahren hat. Das bedeutet aber nichts anderes als einen ungeheueren Druck auf das Niveau der Lohnsätze für ungelernte Arbeit, und zwar aus dem doppelten Grunde: 1. weil es Weiber sind, die sich anbieten, also Personen, die schon ceteris paribus weniger fordern als die gleichwertige männliche Arbeitskraft; 2. weil es in weitem Umfange (bei Ehefrauen und Haustöchtern) Zuschufsverdienst ist, der erstrebt wird, wodurch abermals ein Motiv zu weiterer Senkung des Lohnniveaus gegeben ist 1 . Es kann nun wohl keinem Zweifel unterliegen, dafs diese Entwicklung des Arbeitsmarktes, wie sie im vorstehenden skizziert wurde, in dem Konkurrenzkämpfe, den das Handwerk mit der kapitalistischen Unternehmung kämpft, jenem zum Schaden ausschlagen mufs. Von den Produktionsvorteilen, die die Verbilligung der Arbeitskraft dem Konkurrenten gewährt, vermag in vollem Umfange nur der kapitalistische Unternehmer Nutzen zu ziehen, weil nur die Eigenart der kapitalistischen Organisation es ermöglicht, jene Scharen billiger Arbeitskräfte der gewerblichen Produktion in ausgiebigerWeise dienstbar zu machen. Was ihre Beschäftigung in der Mehrzahl der Fälle zur Voraussetzung hat, ist nämlich 1. die nur bei einer Produktion in grofsem Mafsstabe durchführbare Differenzierung der Arbeitsverrichtungen; 2. die Möglichkeit, die Arbeitskraft zu beschäftigen, ohne mit ihr eine Ortsveränderung vorzunehmen. Es ist ersichtlich, dafs beide Voraussetzungen von der kapitalistischen Unternehmung und nur von dieser erfüllt werden. Wir lernten bereits als einen der Vorzüge dieser Wirtschaftsform ihre Fähigkeit kennen, durch Einstellung hochqualifizierter Arbeitskräfte einen Produktionseffekt zu erzielen, der in qualitativer Hinsicht denjenigen des Handwerkers weit hinter sich läfst. Ich wies aber damals schon darauf hin, dafs diese Heraushebung besonders leistungsfähiger, somit auch in der Regel besonders teuerer Arbeitskräfte aus dem allgemeinen Arbeiterpöbel eine notwendige Ergänzung finden müsse in der Verbilligung der übrigen Arbeitsleistungen. Widrigenfalls würde die kapitalistische Unternehmung unter der Verteuerung der Arbeitskraft zu leiden haben, was ihr leicht Unannehmlichkeiten im Konkurrenzkampf bereiten könnte. Was sie vielmehr zu erreichen trachten mufs, ist dies: dafs ihr der Aufwand 1 Vgl. den Exkurs zu diesem Kapitel. 496 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. für die gesamte Arbeitskraft trotz Verteuerung einzelner Arbeitskräfte nicht teuerer zu stehen kommt als demjenigen Konkurrenten (Handwerker), der die Qualitätsarbeiter nicht beschäftigt. Der Preis der abstrakten Arbeitskraft, wie man den „Durchschnittslohn“ der in einem Etablissement beschäftigten Arbeiter nennen kann, darf durch Preiserhöhung einzelner Arbeitskräfte nicht gesteigert werden. Dieses Ziel erreichen helfen dem Kapitalisten nun die sich anbietenden Spottpreisarbeiter. Durch Auflösung des Produktionsprozesses in seine einzelnen Bestandteile, wodurch er die kunstvolleren Leistungen auf der einen Seite verselbständigte, schuf er auf der anderen Seite die grofse Menge der rein mechanischen Verrichtungen, die nun von dem Dümmsten ohne weiteres ausgeübt werden können. Mit der Anwendung der Maschinentechnik hat die Verwendbarkeit ungelernter und billiger Arbeitskräfte, wie man sieht, im Princip gar nichts zu thun • diese vielmehr wie jene beruht lediglich auf der Ver selb ständigung der entgeistigten Teilverrichtung im Ganzen des Produktionsprozesses. Daher sie nicht minder grofs war in Industrien, in denen die maschinelle Technik bislang gar keine wesentlichen Veränderungen des Arbeitsprozesses hervorgerufen hat, wie in der Schneiderei, als dort, wo die Produktion auf eine völlig neue technische Basis gestellt wurde, wie in der Spinnerei. Einen bedeutsamen Einflufs übt die Maschinentechnik als solche auf den Preis der Arbeitskraft nur insofern, als sie das physische Krafterfordernis verringert und damit vielfach den Ersatz der ungelernten männlichen durch die ungelernte weibliche oder jugendliche Arbeitskraft ermöglicht. Es ist nun ersichtlich, dafs der Vorsprung in der Produktionskostengestaltung ceteris paribus um so gröfser ist, je gröfsere Massen der Gesamtarbeit als unqualifizierte ausgeschieden werden können. Danach richtet sich denn auch die Bedeutung der Verbilligung der Arbeitskräfte für die einzelnen Industriezweige. Diese ist ferner um so gröfser, je weniger Anforderungen an die Arbeitsgeschicklichkeit der überqualifizierten Arbeiter gestellt werden. Doch sind das alles nur Quantitätsunterschiede, die an der principiell wichtigen Thatsache nichts ändern, dafs die kapitalistische Unternehmung infolge Auflösung des Arbeitsprozesses die Arbeitsleistungen selbst differenziert hat und damit in die Lage versetzt ist, aus der Differenzierung der Arbeitskräfte Nutzen zu ziehen. War nun diese Thatsache auch wohl im allgemeinen schon bekannt, so ist sie doch erst jetzt durch die schon erwähnte, grofsartige Publi- Dreißigstes Kapitel. Der Kampf um die Arbeitskraft. 497 kation des Washingtoner Arbeitsamtes über Hand- und Maschinenarbeit auf die sichere Unterlage eines umfassenden Zahlenmaterials gestellt und vor allem für die Beurteilung der Konkurrenzbedingungen von Handwerk und Kapitalismus fruchtbar gemacht worden. Leider ist von dem gewaltigen Material jener Untersuchungen nur ein geringer Teil für die Zwecke, die wir in diesem Augenblick verfolgen, verwendbar, da die Fragestellung ja eine ganz andere war. Immerhin bietet sich uns in einer ganzen Reihe von Fällen die Möglichkeit, dasjenige wenigstens herauszunehmen, was für die Erhebung des vorliegenden Problems dienen kann. Das ist denn von mir, soweit es das Material zuliefs, geschehen. Die Ergebnisse sind fast übereinstimmend dieselben: es wird durch die Statistik die Richtigkeit der oben aufgestellten These von der Verbilligung der abstrakten (Durschnitts)arbeitskraft erwiesen. Ich teile ein paar Fälle mit, in denen die Wirkung des Differenzierungsprozesses besonders augenfällig zu Tage tritt. 1. Bäckerei 1 . Die handwerksmäfsige Herstellung in dem zum Vergleiche herangezogenen Handwerksbetrieb erfordert im Jahre 1897 eine Arbeitskraft zum Preise von 12 $ die Woche. Die (klein-) kapitalistische Produktionsweise (es ist ein Betrieb von 12 Personen aus dem Jahre 1897 mit Dampfbetrieb zu Grunde gelegt) teilt diese Arbeitskraft wie folgt 2 : 4 Arbeitskräfte ZU 20 $ die Woche 1 TT 16 „ » tt 3 tt 15 „ n n 2 n 10 „ n tt 2 » 9 » TT Ti 5 tt 7 „ n » 5 n 6 , n tt 22 Arbeitskräfte zu 244 $ die Woche. 1 (Durchschnitts-) Arbeitskraft kostet 11,1 $ (gegen 12 $ im Handwerk). 1 XIII. Annual Report of the Commissioner of Labour. 1898. Hand and machine Labour Yol. II. 1899. pag. 596 ff. Unit 91. 2 Es sind nur die Lohnsätze der 22 verschiedenen Funktionäre mit- .geteilt, ohne Angabe, wie sich die Funktionen auf die 12 Arbeiter verteilen. Ich habe die Rechnung aufgestellt, als ob jede Funktion von einem besonderen Arbeiter verrichtet würde, was am Gesamtresultat kaum etwas ändern dürfte. Sombirt, Der moderne Kapitalismus. II. 32 498 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. 2. Schuhmacherei 1 . Verglichen wird eine handwerks- mäfsige Schusterei aus dem Jahre 1859, in der zwei Personen, Schuhmacher und Stepperin, der Erzeugung von Stiefeln obliegen, mit einer modernen Schuhfabrik aus dem Jahre 1895, die 115 Arbeiter 2 3 beschäftigt. Die Preise der Arbeitskräfte stellen sich wie folgt: A. Handwerk: 1 Schuhmacher 3 $ fürd. 10stünd. Arbeitstag 1 Stepperin 2 „ „ „ „ „ Preis der Durchschnittsarbeitskraft 8 2,50 $ für den lOstündigen Arbeitstag oder 25 Cts. pro Stunde. B. Kapitalistische Unternehmung. Es erhalten für den lOstündigen Arbeitstag 4 * * * : 1 Arbeitskraft 6,00 $ 3 Arbeitskräfte 5,00 „ 2 » 4,00 „ 10 3,50 „ 17 3,00 „ 7 » 2,75 „ 16 n 2,50 , 9 n 2,25 „ 20 r> 2,00 „ 38 n 1,75 „ 13 n 1,50 „ 13 V 1,25 „ 1 » 1,00 „ 1 Y) 0,50 „ 151 2 Arbeitskräfte 3382 1 /2 $ Preis der Durchschnittsarbeitskraft 2,24 „ 1 L. c. pag. 524 f. Unit 69. 2 Ygl. zur Erklärung der Differenz dieser beiden Zahlen die Anm. 2 auf S. 497. 3 Der Typ des Handwerksbetriebes, für den die Berechnungen gelten, hat im Jahre 1859 existiert. Es ist anzunehmen, dafs auch der Preis der Arbeitskraft jenem Jahre entspricht. Dann würde sich das Verhältnis noch beträchtlich zu Gunsten der kapitalistischen Unternehmung verschieben. 4 Zwei Wächter arbeiten 12 Stunden, zwei andere Personen 10 B /e. Wo Accord- lohnsätze angegeben waren, habe ich sie in Zeitlohnsätze umgerechnet, was möglich ist, da der Lohnsatz und die Zeit angegeben ist, in der die Produkten- einheit geliefert wird, nach der der Lohnsatz bemessen ist. Dreißigstes Kapitel. Der Kampf um die Arbeitskraft. 499 3. Schneiderei 1 . Verglichen ist ein Schneidereibetrieb mit drei Arbeitern, der jedoch nur fiktiv ist: die drei Arbeiter sind an verschiedenen Stellen thätig gewesen. Es ist offenbar an Sitz* gesellen gedacht, denen die zugeschnittene Ware geliefert wird. Es ist nun nicht angängig, die Arbeitslöhne zweier Stubenarbeiter mit dem eines Zuschneiders (er ist mit 35 $ pro Woche angegeben!) zusammenzuzählen und durch drei zu dividieren: das würde ein Lohnsatz sein, den der Handwerker nicht zu zahlen hat. Ich ziehe deshalb nur den Lohn der beiden eigentlichen Schneider in Betracht: er beträgt in Zeitlohn umgerechnet bei 12- bezw. lOstündigem Arbeitstag ca. l 3 /s bezw. 3 $, was bei 9stündiger Arbeit einen Durchschnitt von 1,45 $ ergeben würde. Dieser Betrag ist nun aber schon derjenige eines Teilarbeiters (die Funktion des Zuschneiders ist verselbständigt). Es ist also gewifs nicht zu gering gerechnet, wenn man jenen Satz als Äquivalent für die Arbeitskraft des Vollschneiders annimmt. Demgegenüber gestalten sich die Preise in einer modernen Kleiderfabrik (NB. wo derselbe Artikel gearbeitet wird), wie folgt. Es verdienen (bei 9- bezw. 9 x /4ständigem Arbeitstag) pro Tag: Arbeitskräfte je $ 1 10 1 6 2 /8 1 5 5 /6 1 4 1 /« 1 4 10 3V 3 1 3 19 2 2 /s 1 2 Vs 7 2 Vs 1 2Vs 13 2 36 l 2 /s 8 VI 2 25 lVs 6 vu 4 Vk 30 1 1 L. c. pag. 908 f. Unit 207. 32 500 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. Arbeitskräfte je $ 26 5 /s 3 3 U 36 2 /s 32 Vs 10 Vs Es verdienen 283 Personen insgesamt 363V2 $. Der Preis der Durchschnittsarbeitskraft beträgt also 1,28 $ pro Tag. 4. Böttcherei 1 . Dem Vergleiche zu Grunde gelegt ist die Produktion einer bestimmten Sorte von Zuckerfässern, die einmal im Alleinbetriebe, das andere Mal in einer Fabrik von 413 Personen erzeugt werden (Jahr 1895). Der Preis der handwerksmäfsig arbeitenden Vollkraft, also der undifferenzierten Küferarbeit, beträgt 2,50 $ pro Tag. Die in der Fabrik gezahlten Lohnsätze sind folgende: es erhielten pro Tag 8 Personen 3- $ 5 2,50 235 2- » 3 n 1,85 n 60 n 1,50 » 9 » 1,25 n 9 n 1- » 84 » 0,87 n 413 Personen erhielten zusammen 786,— $ Die Arbeitskraft kam dem Unternehmer durchschnittlich auf 1,90 $ zu stehen. 5. Möbeltischlerei 2 . Vergleich zwischen zwei handwerks- mäfsigen Stuhlproduzenten und einer Stuhlfabrik von 49 Personen (Jahr 1896). Die Arbeitskraft der beiden Handwerker kostet für einen lOstündigen Arbeitstag je 1,05V2 $. Die Fabrik bezahlt für eine Arbeitskraft 2,50 $, für zwei andere je 2 $, für vier weitere je 1 $ und für den Rest weniger als einen Dollar. 1 L. c. pag. 938/39. Unit 225. 2 L. c. pag. 1116 ff. Unit 324. Die außergewöhnlich niedrigen Lohnsätze lassen darauf schliefsen, daß der Ort der Aufnahme eine Kleinstadt gewesen ist. Da aber für die beiden Vergleichsobjekte offenbar die nämliche Umgebung gewählt wurde', so stört die Abnormität nicht die Vergleichbarkeit. Dreifsigstes Kapitel. Der Kampf um die Arbeitskraft. 501 6. Bautischlerei: Fabrikation von Fensterläden. Alleiji- arbeiter bezw. Betrieb von 14 Personen. Der Preis für lOstündige Tischlervollarbeit beträgt 1,50 $. Die kleinkapitalistische Unternehmung zahlt pro Tag an 1 Person 2,75 $ 2 Personen 1,75 „ , 3 „ 1,50 „ 2 „ 1,00 „ 6 „ 0,75 , 14 Personen 165 $ Der Durchschnittspreis der Arbeitskraft beträgt 1,18 $. Ähnlich genaue Berechnungen sind mir für andere Gewerbe nicht bekannt geworden; doch weifs man von manchen, dafs sich in ihnen die Arbeitsverhältnisse ganz ähnlich gestaltet haben. Beispielsweise ist in der Buchbinderei und den verwandten Branchen während der letzten 25 Jahre eine völlige Revolu- tionierung der Arbeitsverhältnisse durch fortgeschrittene Differenzierung erfolgt 1 . Haben wir bisher die Fähigkeit der kapitalistischen Unter- ^ nehmung kennen gelernt, sich besser dem Artcharakter des neuen Arbeitsangebots anzupassen, so müssen wir nunmehr eine gleiche Überlegenheit dieser Wirtschaftsform dort konstatieren, wo es sich um Anpassung an die eigentümlichen Ortsverhältnisse auf dem gewerblichen Arbeitsmarkte unserer Tage handelt. Wir drückten dies so aus: die kapitalistische Unternehmung habe die gröfsere Fähigkeit, die Arbeitskräfte zu beschäftigen, ohne sie zu einem Ortswechsel zu zwingen. Das heifst: sie geht der Arbeitskraft nach und vermag sich deren Existenzbedingungen völlig anzuschmiegen. Das geschieht beispiels- 1 Vgl. E. Gnauck-Kiihne, a. a. O.; ferner die Wiener Enquete, S. 15. Über die verschiedenen Lohnsätze, die in der kapitalistischen Buchbinderei gezahlt werden, unterrichtet folgende Tabelle. Nach der Lohnliste einer Berliner ^ Grofsbuchbinderei sollen die Arbeiter folgenden Verdienst bei neunstündiger Arbeitszeit haben: 1. Presser . ,. 50—65 Mark pro Woche 2. Pappenschneider. 45 n rt » 3. Bücherbeschneider. 56 4. Vorrichter. 36-39 5. Marmorierer. 44 n n 6. Hefterinnen. 25—30 7. Arbeiterinnen, Falzerinnen u. s. w. 18—28 n » D * 502 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. weise dort, wo eine Fabrik in Gegenden angelegt wird, in denen billige Arbeitskräfte aus irgend einem Grunde in gröfserer Anzahl sich vorfinden, etwa weibliche, weil sich eine Männerindustrie (Maschinenfabrikation, Bergbau) daselbst angesiedelt hat. Es ist klar, dafs das Handwerk niemals in dieser Weise beliebig seinen Standort wählen kann. Was ich aber recht eigentlich hier im Auge habe, ist noch etwas anderes: es ist die Fähigkeit der kapitalistischen Unternehmung, überhaupt auf einen eigenen Standort für ihre Produktion zu verzichten, d. h. von der Anlage einer selbständigen Arbeitsstätte absehen und den Produktionsprozefs in die Werkstätte oder die Wohnung des Arbeiters verlegen zu können. Es ist bekannt, dafs dieses der Fall ist bei der hausindustriellen Organisation. Mit dieser verknüpft sich aber ein doppelter Vorteil für den Unternehmer. Erstens kann er nun Arbeitskräfte, also in erster Linie Weiber beschäftigen, die überhaupt nur zu haben sind, wenn mau ihnen das Beneficium des „Arbeite zu Hause!“ beläfst: die Mütter, die Gebrechlichen, die Schämigen, die Bequemen, mit einem Wort: die Billigsten! Zweitens aber kann er Arbeiter an Orten beschäftigen, an denen sich die Gründung eines kompletten Produktionsunternehmens, also vor allem die Anlage einer gröfseren Betriebsstätte, verbietet; sei es weil der Ort zu entlegen von allem Verkehr ist, sei es weil er als Standort für die Produktion zu teuer ist: letzteres trifft, wie wir wissen, für die meisten Industrien, jedenfalls für alle diejenigen, deren Stärke die Billigkeit ihrer Preise ist, auf die Grofsstädte zu. Mittels der hausindustriellen Organisation gelingt nun das Kunststück, die zur Zeit billigsten Arbeitskräfte — das sind die Weiber in den gröfseren und grofsen Städten — nicht nur überhaupt ausnützen zu können, sondern sogar sie billigst, zu Bedingungen auszunützen, wie sie in keiner anderen Form annähernd erreicht werden. Der Unternehmer wälzt in der Hausindustrie die Grundrente, die Ausgaben für Baulichkeiten, Maschinen und Geräte, Beleuchtung, Beheizung u. s. w. auf die Arbeiter ab und verbilligt deren Arbeitskraft zum letzten noch dadurch, dafs er in der Dauer ihrer Beschäftigung sich von jeder Fessel befreit. Dabei bewahrt er sich die Möglichkeit, die kaufmännische Centrale seines Unternehmens dort aüfzuschlagen, wo es am vorteilhaftesten erscheint. Kurz — die hausindustrielle Organisationsform stellt in der That in jeder Hinsicht den Gipfelpunkt kapitalistischer Verschlagenheit Dreißigstes Kapitel. Der Kampf um die Arbeitskraft. 503 dar. Sie ist es, die auch ohne wesentliche Produktionsverbilligung, dank der weitestgehenden Produktionsfaktoren - verbilligung, für eine Anzahl der wichtigsten Industrien zu einer solchen Preissenkung der Produkte geführt hat, dafs jede Konkurrenz handwerksmäfsiger Produktion gänzlich aussichtslos erscheint. Es ist bekannt, dafs es vor allem die grofsen Bekleidungsindustrien, insonderheit die Kleider-, Mäntel- und Wäschekonfektion ist, auf die das Gesagte zutrifft. Alle Sachkenner, soweit ihr Urteil nicht durch irgendwelches Interesse beeinflufst wird, stimmen darin überein, dafs jene Industriezweige ganz überwiegend ihre rasend schnelle Entwicklung in unserer Zeit der eigentümlichen Gestaltung des Arbeitsmarktes verdanken, wie sie hier zu skizzieren versucht wurde. Fallen jene Bedingungen weg, so sind Industrien, wie bestimmte Teile der Konfektion, einfach nicht existenzfähig. So hat sich in München die geringere (Kinder-) Konfektion lange Zeit nicht recht entwickeln können. „Der Grund dafür ist wohl der, dafs die Lebenshaltung des Münchener Schneiders verhältnismäfsig höher ist als die seiner Kollegen in jenen Städten, zu hoch, um sich auf die Löhne in der Knabenkonfektion herabdrücken zu lassen. Der Besitzer eines (Münchener) Geschäfts, der versucht hatte, die Anfertigung von Knabenanzügen in München einzubürgern und einen Meister aus Berlin mitgenommen hatte, konnte keine Arbeiter, weder männliche noch weibliche, für sein Unternehmen dauernd gewinnen, sodafs er von seinem Plane Abstand nehmen mufste 1 .“ Das kann als typisch für die ganze Lage dieser und ähnlicher Gewerbezweige betrachtet werden. Dafs natürlich auch dort, wo es billigste Arbeitskräfte giebt, die hausindustrielle Organisationsform nicht immer anwendbar ist, versteht sich von selbst: sonst gäbe es ja überhaupt keine Fabriken, sondern nur Hausindustrien. Was letztere noch zur Voraussetzung haben, ist namentlich ein unentwickelter Grad der Technik sowie grofse Transportfähigkeit der Rohstoffe: was beides also gerade wiederum für die Konfektionsindustrien zutrifft 2 . So haben wir denn abermals einen Einblick in eine Reihe wichtiger Gründe gethan, die zur Erklärung der Überlegenheit kapitalistischer Produktionsweise dienen: sie produziert billiger, weil sie in vielen Fällen billigere Arbeitskräfte zu ihrer Verfügung hat. Abermals handelte es sich um das, was wir eine Produktions- 1 Herzberg, Schneidergewerbe in München, 34. 5 Vgl. im übrigen meinen Artikel „Hausindustrie“ im H. St. 2 . Bd. IV. 504 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. faktorenverbilligung nannten. Die folgenden Kapitel werden sicli nun mit dem Probleme zu befassen haben: wie sich die Konkurrenzverhältnisse für Handwerk und Kapitalismus bei der Produktionsverbilligung gestalten. Exkurs zu Kapitel 30. Arbeitslöhne von Weibern. Ich hatte anfangs die Absicht', einen Überblick über die thatsächlichen Lohnverhältnisse der niedrigst gelohnten Arbeiterschichten, namentlich also der Weiber, zu geben und habe zu diesem Zwecke ein umfangreiches Material gesamnelt. Nun sehe ich aber doch, dafs es gar keinen Zweck hat, die nackten Ziffern hier mitzuteilen. Erstens, weil es sehr wenig besagt, wenn ich weifs, dafs in Wien die nicht qualifizierten Arbeiterinnen etwa 4—5 fl. wöchentlich verdienen; dafs in der Berliner Kartonnageindustrie 61,80 °/o der Arbeiterinnen bei flottem Geschäftsgang einen Wochenverdienst von weniger als 12 Mk. haben, dafs in der Londoner Zuckerwarenbranche 91,6 % weniger als 12 /, 51,4 °/o weniger als 8/ Wochenlohn erhalten, oder dafs in Stockholm unter den Arbeiterinnen 30,1 °/o mit einem Jahreseinkommen über 470 Kronen, 32,2 °/o mit einem solchen von 365—470 Kronen und 37,7 % mit weniger als 365 Kronen Jahreseinkommen befunden wurden. Zweitens ist aber eine solche Statistik der effektiven Lohnhöhe für unsere Zwecke auch nicht notwendig. Hierfür genügt vielmehr die wohl von niemandem angezweifelte Thatsache, dafs durch das Angebot von ungelernten weiblichen Arbeitskräften Lohnsätze geschaffen werden, die allerorts von denjenigen der gelernten Fabrikarbeiter, der Gesellen etc. ganz erheblich abweichen, meist nur die Hälfte oder gar ein Drittel jener betragen. Es mag dazu hier noch konstatiert werden, dafs die Tendenz, den Arbeitslohn zu drücken, keineswegs abgeschwächt ist: es drückt die gelernte weibliche Arbeitskraft auf die gleichwertige männliche, die ungelernte auf die gelernte, die ungelernte weibliche auf die unqualifizierte männliche, die Ehefrau auf das ledige Mädchen, die Haustochter auf die Ehefrau, der Ankömmling auf die Kreolin, die Provinzlerin auf die Hauptstädterin. Interessante Angaben über diese Tendenz enthält die unten citierte Enquete über die Wiener Frauenarbeit auf S. 11. 41. 136. 144. 190. 224. 289. 342. 500. 619. 650. Für Berlin wird die Richtigkeit dieser Beobachtung durch mannigfache Zeugnisse bestätigt. Der „Konfektionär“ — gewifs in diesem Falle ein sicherer Gewährsmann — schrieb in seiner Nummer vom 3. September 1899 über die Lage des Arbeiterinnenmarktes: „Wenn auch billige Löhne für den Unternehmer von Nutzen sind, so fordert doch das Menschlichkeitsgefühl, den Arbeiterinnen einen solchen Verdienst zu geben, dafs sie ihr Leben (!) mit geringfügigen Ansprüchen davon fristen können. Allerdings kann man es den Unternehmern nicht verdenken, wenn sie die Arbeitslöhne nicht erhöhen ... In Posen . . existieren eine grofse Anzahl von Weifs- und Buntstickerinnen, die für Berliner Geschäfte arbeiten. Diese drücken selbst die Preise. Sie bieten sich den Berliner Geschäften zu den niedrigsten Preisen an. Eine Arbeiterin will immer billiger wie die andere arbeiten, wenn V ) Dreißigstes Kapitel. Der Kampf um die Arbeitskraft. sie nur Arbeit erhalten . . Die Unternehmer würden auch höhere Löhne zahlen, wenn eben das grofse Angebot die Arbeitslöhne nicht von selbst herabdrücken würde.“ (!) Dann macht das Blatt selbst noch folgende Angaben über Löhne: Nähterinnen für die Damenkonfektion verdienen (in Posen) im 1. Jahre — nichts; im 2. Jahre 6 bis 10 Mk. monatlich (!); nach 10 Jahren im Höchstfall 30 Mk. pro Monat. Wäschenäherinnen erhalten für 1 Dutzend einfache Damenhemden 2 Mk., elegante Herrenhemden 3 Mk. etc. Maximalleistung 5 Hemden am Tag; in der Herrenkonfektion 15—20 Pf. für eine Arbeiterhose und dergl. Für denjenigen, der sich über die Lohn Verhältnisse der weiblichen Arbeiterinnen in den Grofsstädten näher unterrichten will, gebe ich noch einige der neueren Quellen an, die trotz ihres meist nur kleinen Beobachtungsfeldes durch die durchgängige Übereinstimmung ihrer Resultate doch zuverlässige Bilder von den bestehenden Zuständen geben. Für Deutschland kommen die Erhebungen der Reichskommission für Arbeiterstatistik vornehmlich in Betracht, insbesondere diejenige über die Konfektionsindustrie: Zusammenstellung der Ergebnisse in Erhebungen Nr. 10. 1896. S. 63 ff. Für Berlin aufserdem die Monographien über die Hausindustrie der Frauen in Berlin in den Sehr. d. V. f. S. P. Bd. 85. 1899. G. Dyhrenfurth, Die Lage der hausindustriellen Arbeiterinnen in der Berliner Blusen- etc. Konfektion. 1898. E. Gnauck-Kühne, Die Lage der Arbeiterinnen in der Berliner Papierwarenindustrie in Schmollers Jahrbuch XX. 1896. S. 390 ff E. Hirschberg, Die sociale Lage der arbeitenden Klassen in Berlin. 1897. Für andere deutsche Grofsstädte die entsprechenden Arbeiten in den U., z. B. A. Winter, Das Schneidergewerbe in Breslau U. VII.; ferner zahlreiche Privatenqueten von Arbeiterverbänden und dergl. Unter ihnen ragt hervor Th. Leipart, Zur Lage der Arbeiter in Stuttgart. 1900. Viel Material enthält auch die Arbeiterinnenzeitschrift „Die Gleichheit“. Einen kurzen Überblick über den Stand unserer Kenntnisse giebt neuestens Henriette Fürth, Frauen- und Männerlöhne in der deutschen Industrie. Sociale Praxis 10, 175 f. Für Wien: Die Arbeits- und Lebensverhältnisse der Wiener Lohnarbeiterinnen. Ergebnisse und stenographisches Protokoll der Enquete über Frauenarbeit abgehalten in Wien vom 1. März bis 21. April 1896. 1897; eine reiche Fundgrube. Für Paris: La petite industrie (Salaires et duree du travail). Tome II. L’industrie du vetement. 1896. Charles Benoist, Les ouvrieres de l’aiguille ä Paris. 1895. L’industrie de la couture et de la confection ä Paris. Musöe social Circ. Ser. A. Nr. 14 (1897). Comte d’Haussonville, Salaires et miseres de femmes. 1900; fufst auf Benoist. Für London: Clara E. Collet, Womens Work in Charles Booth, Life and Labour of the People in London Vol. IV. 1893. Für Stockholm: J. A. Leffler, Zur Kenntnis von den Lebens- und Lohnverhältnissen industrieller Arbeiterinnen in Stockholm. 1898; enthält den Bericht über eine sehr brauchbare Privatenquete. 506 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. Für Amerika: Working Women in Large Cities. Fourth Annual Report of the Commission of Labour 1889 (1889), enthält ein immenses Material. * * * Dieses Kapitel samt seinem Exkurs war schon gedruckt, als das Buch der Frau Lily Braun, Die Frauenfrage, ihre geschichtliche Entwicklung und ihre wirtschaftliche Seite (1901) erschien, in dem auf der breiten Basis eines umfassenden Materials insbesondere auch das Thema der „proletarischen Frauenarbeit“ abgehandelt wird. So gern ich auch die Forschungsergebnisse der kenntnisreichen Verfasserin im einzelnen verwertet hätte, so bieten sie mir doch keinen Anlafs zu Änderungen, da sie erfreulicherweise mit meinen Resultaten im wesentlichen übereinstimmen. Ich möchte aber jedenfalls nicht unterlassen, den Leser für alles eingehendere Studium des in diesem Kapitel behandelten Problems auf das inhaltsreiche Buch Lily Brauns zu verweisen. Er wird daselbst ein Quellenmaterial verarbeitet finden, das insbesondere auch die von mir oben angegebenen Schriften über die Lage des weiblichen Arbeitsmarktes, deren Liste ich ebenfalls unverändert lasse, noch weiter zu ergänzen vermag. .Einunddreifsigstes Kapitel. Die Ökonomisierung des Produktionsprozesses. Sind die Preise der Produktionsfaktoren festgelegt, so giebt es, wie bereits gezeigt wurde, nur noch eine Möglichkeit, die Produktionskosten der Waren zu verringern: man mufs die Menge Produkt zu vergröfsern suchen; d. h. also mit einem gegebenen Aufwand für Produktionsmittel und Arbeitskraft eine gröfsere Anzahl von Produkten zu erzeugen trachten. Dieser Versuch kann unter verschiedenen Bedingungen unternommen werden: das eine Mal ohne Veränderung der Organisationsprincipien und der Verfahrungsweisen, das andere Mal mit bezw. durch eine solche Änderung. Im ersteren Fall liegt das vor, was wir eine quantitative Vervollkommnung des Produktionsprozesses oder seine Ökonomisierung nennen wollen; im zweiten Falle dasjenige, was man als qualitative Vervollkommnung oder Perfektionierung des Produktionsprozesses bezeichnen kann. Es ist nun im einzelnen zu untersuchen, welches unter diesen verschiedenen Bedingungen die Mittel und Wege sind, um zu einer Produktionsverbilligung zu gelangen und ob, bezw. weshalb bei Erstrebung jenes Zieles der Kostenermäfsigung Handwerk oder kapitalistische Unternehmung im Vorteile sind. Ersparnisse an Produktionsaufwand bei gleichbleibender Betriebsform und gleichbleibender Technik lassen sich, so viel ich sehe, auf zweifache Weise erzielen: durch Verdichtung des Produktionsprozesses oder durch dessen Ausweitung, worunter ich folgendes verstehe. I. Verdichtung des Produktionsprozesses findet dann statt, wenn ich eine bestimmte Anzahl von Produktionsakten auf eine kürzere Zeitdauer beschränke, also in einer gegebenen 508 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. Spanne Zeit eine gröfsere Menge von Produkten bei gleiehbleibender Gröfse der Produktionsbasis herzustellen vermag. Dieses Ziel kann ich entweder dadurch erreichen, dafs ich die Arbeitszeit thunlichst mit der Produktionszeit in Übereinstimmung zu bringen suche, d. h. also einen kontinuierlichen Betrieb anstrebe; oder dadurch, dafs ich das Tempo des Produktionsprozesses selbst beschleunige, also in einer Spanne Arbeitszeit eine gröfsere Anzahl von Produktionsakten zusammendränge. Je mehr sich die Arbeitszeit mit der Produktionszeit deckt, desto weniger tote Zeiten ergeben sich, in denen Gebäude, Geräte, Maschinen u. s. w. ungenützt liegen. Die Armortisationsquote des sog. fixen Kapitals, die lediglich nach der Länge der Produktionszeit bemessen wird, verteilt sich also auf eine um so gröfsere Anzahl Produkte, bildet also in dem einzelnen Produkt einen um so geringeren Kostenbetrag, je mehr Erzeugnisse während der Erneuerungsperioden der genannten Produktionsmittel mit ihnen hergestellt werden. Die Kontinuität des Betriebes bringt aber auch noch andere Ersparnisse mit sich: an Feuerungsmaterial u. dgl. Daher die Konkurrenz eine Tendenz zur Verlängerung bezw. Verewigung des Arbeitstages erzeugt, von der, wie bekannt, Karl Marx schon, wenn auch in anderem Zusammenhänge, uns eingehend unterrichtet hat. Es fragt sich nun für uns: vermag das Handwerk dieser Tendenz in gleicher Weise gerecht zu werden wie die kapitalistische Unternehmung? Offenbar nicht. Und zwar in vielen Fällen schon deshalb nicht, weil die Kontinuität des Betriebes an eine gewisse Mindestgröfse des Produktionsumfangs geknüpft ist 1 . Was aber vor allem das Handwerk verhindert, in jenem Streben nach Kontinuität des Produktionsprozesses mit dem Kapitalismus gleichen Schritt zu halten, ist das, was man die Naturwüchsigkeit seiner Organisation nennen kann, ist mit andern Worten die That- sache, dafs das Wesen handwerksmäfsiger Produktion in der Gebundenheit aller Produktionsfunktionen in der Persönlichkeit des Handwerkers beruht. Schon öfters haben wir den Vorsprung wahrnehmen können, den im Konkurrenzkämpfe die kapitalistische Unternehmung durch das gewinnt, was wir ihre Unpersönlichkeit nannten. Hier aber ist es wiederum vorhanden. Insbesondere wo 1 Meist wird allerdings wohl in diesen Fällen der Verdichtung des Produktionsprozesses eine Veränderung der Produktionsorganisation parallel gehen, wie geeigneten Orts nachzuweisen sein wird. J Einunddreifsigstes Kapitel. Die Ökonomisierung etc. 509 es sich um die Erreichung völliger Identität von Arbeits- und Produktionszeit handelt — in der Tag- und Nachtarbeit — kommt allein noch die kapitalistische Organisation in Betracht, die durch die Einrichtung des Schichtwechsels den Arbeiter von den Schranken des „natürlichen“ Arbeitstages zu befreien vermag. Was aber für die extensive Ausgestaltung des Arbeitstages gilt, behält auch bis zu einem gewissen Grade seine Gültigkeit, wo es sich um die Intensifikation der Arbeit selbst durch Beschleunigung des Tempos der Produktion handelt. Dafs hierdurch abermals beträchtliche Vorteile erzielt werden, liegt auf der Hand, und zwar wesentlich aus denselben Gründen, die wir eben kennen lernten: je mehr Produktionsakte in eine Stunde Arbeitszeit zusammengedrängt werden, desto geringer ist die Belastung des einzelnen Stücks mit Amortisations- und ähnlichen Kosten. Desto geringer ist aber auch in vielen Fällen seine Belastung mit Arbeitskosten. Zunächst nämlich überall dort, wo die Entlohnung der Arbeitskraft im Zeitlohn erfolgt. Erhält der Arbeiter für eine Stunde einen bestimmten Lohnsatz und produziert er in dieser Stunde die doppelte Menge, so ist in deren Einheit der auf die Aufwendung für Arbeitskräfte entfallende Kostenbetrag auf die Hälfte reduziert. Aber auch wo in Accord gearbeitet wird, profitiert der Unternehmer. Es ist eine bekannte Thatsache, dafs der Stücklohn auf nichts anderes im Effekt hinauskommt, als dem Durchschnittsarbeiter diejenige Vergütung zu verschaffen, die er auch im Zeitlohn erhalten würde. Steigert sich die Intensität der Arbeit (denn das bedeutet die Beschleunigung des Arbeitsprozesses), so hat das die selbstverständliche Folge, dafs die Stücklohnsätze herabgesetzt werden. Das System des Accordlohns dient also geradezu nur dem Zwecke, durch Steigerung der Arbeitsintensität die Arbeitskosten zu verringern. Hat nun der Handwerker dieselbe Freiheit, den Arbeitsprozefs zu beschleunigen, wie der kapitalistische Unternehmer? In der Theorie ja. Ich sehe wenigstens keinen principiellen Hinderungsgrund. In Wirklichkeit aber wird es ihm niemals gelingen, denselben Intensitätsgrad der Arbeit zu erreichen, wie die kapitalistische Unternehmung. Ich will gar nicht einmal die Rücksichtslosigkeit in Betracht ziehen, die das Kapital seiner Natur nach in der Ausnützung der Arbeitskräfte besitzt. Es ist sehr leicht denkbar, dafs wenigstens der Handwerker selbst, von der Not getrieben, seine Arbeit ebenso verdichtet, wie der Lohnarbeiter. Aber was nie zu erreichen sein wird, ist die gleiche Arbeitsintensität bei seinen Hilfskräften. Es ist bekannt, dafs im Handwerk mehr „gebummelt“ 510 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. wird während der Arbeit, dafs es dort „gemütlicher hergeht“, als in dem grofsen kapitalistischen Betriebe. Was letzterem seine gröfsere Strammheit verschafft, ist zunächst die kooperative Gestaltung des Arbeitsprozesses (hier also ist der Vorteil an den grofsbetrieb- liclien Charakter der Produktion gebunden), ist dann aber vor allem die Möglichkeit, durch Eingliederung des lebendigen Arbeiters in den leblosen Mechanismus eines Maschinensystems jenen durch die beliebige Beschleunigung des Tempos der Maschinen einen Intensitätsgrad von Kraftaufwand aufzunötigen, den er bei freier Beweglichkeit nie zu erreichen vermöchte x . Freilich hat uns diese letztere Erwägung schon in das Gebiet der qualitativen Veränderung des Produktionsprozesses hinübergeführt. Im ganzen werden wir feststellen müssen, dafs auch in dem Streben, durch Verdichtung des Produktionsprozesses an Kosten zu sparen, der Handwerker gröfseren Schwierigkeiten begegnet, als der kapitalistische Unternehmer, ohne dafs ihm übrigens dieser Weg zur Produktionsverbilligung völlig verschlossen wäre. Letzteres ist nun aber offenbar der Fall, wo es sich darum handelt, Ersparnisse am Produktionsaufwand zu erzielen durch II. Ausweitung des Produktionsprozesses. Wollte der Handwerker hier die Bedingungen für die Produktionsverbilligung schaffen, so würde er sich selbst negieren. Dafs aber mit der blofsen Verbreiterung der Produktionsbasis an sich erhebliche Vorteile verknüpft sind, ist eine der verhältnismäfsig bekannten Thatsachen aus dem Bereiche der Lehre von der gewerblichen Konkurrenz. Wird ja doch in der Regel der ganze Gegensatz von Handwerk und Kapitalismus in den Gegensatz von „Grofsbetrieb“ und „Kleinbetrieb“ verflacht und bei der Gegenüberstellung dieser beiden besondere Rücksicht auf die aus ihrer Gröfsendifferenz folgende Unterschiedlichkeit ihrer Produktionskosten genommen. Es genügt deshalb, hier in systematischer Folge die Reihe von Ersparnissen aufzuführen, die durch blofse Ausweitung des Produktionsprozesses sich zu ergeben pflegen. 1 Wo dem kapitalistischen Unternehmen derartige mechanisch wirkende Zwangsmittel nicht zu Gebote stehen, entsteht leicht ein Nachlassen der Arbeitsintensität hinter diejenige des Handwerks, zumal dann, wenn der Lohnarbeiter nicht unter steter Aufsicht steht und wohl gar auf Zeitlohn arbeitet. So wird von der Malerei berichtet, dafs das Handwerk zuweilen den höheren Intensitätsgrad der Arbeit erreicht. Vgl. U. YII, 121. Einunddreifsigstes Kapitel. Die Ökonomisierung etc. 511 Werden mehr produktive Kräfte zu einheitlicher Wirksamkeit zusammengefafst, so vermag 1. mit dem gleichen Aufwand für Arbeitskräfte ein gröfserer Produktionseffekt erzielt zu werden. Schon an anderer Stelle wurde auf die Steigerung der Arbeitsintensität und der Arbeitsleistung bei kooperativer Arbeitsorganisation hingewiesen. Hier ist noch ‘daran zu erinnern, dafs wenigstens dort, wo einzelne Arbeitsverrichtungen schon specialisiert sind, der Aufwand für bestimmte Arbeitsleistungen nicht im gleichen Verhältnis mit der Zahl der beschäftigten Arbeiter wächst; so der Aufwand beispielsweise für Beaufsichtigung, für Bewachung, für kaufmännische Leitung u. dergl. Freilich, sofern im Handwerk alle derartigen Funktionen noch undifferenziert in der Persönlichkeit des „Meisters“ ruhen, so kommen die Vorteile der „Betriebsvergröfserung“ in der angedeuteten Richtung mehr in Betracht für den Konkurrenzkampf zwischen klein- und grofs- kapitalistischer Unternehmung, auf den hier nicht einzugehen ist. Bedeutsamer für unser Problem ist die Thatsache, dafs 2. mit dem gleichen Aufwand für Produktionsmittel bei breiterer Basis der Produktion höhere Produktmengen erzielt werden. Diese Thatsache ist jedermann geläufig für die in einer Produktionsperiode (Tag, Woche, Jahr) oder besser während der Erzeugung einer Produkteinheit nur zum Gebrauch, nicht zum Verbrauch bestimmten Produktionsmittel 1 . Nicht nur kosten die 10000 qm Grundfläche einem Fabrikanten weniger als die 10 X 1000 qm zehn Handwerkern: jener kann auf ihnen nun auch noch doppelt oder dreifach soviel Güter hersteilen, als die zehn Handwerker zusammen; Möglichkeit des Etagenbaues! Nicht nur zahlt der Handwerker für die Herrichtung eines Kubikmeters Produktionsstätte mehr als der Fabrikant: dieser produziert nun wiederum in jedem Kubikmeter, oder auf jedem Quadratmeter Fläche doppelt so viel als jener. Die gröfsere Maschine ist nicht nur billiger pro Krafteinheit: sie schafft auch pro Krafteinheit mehr als die kleine. Und für alle übrigen Bestandteile dieser Kategorie von Produktionsmitteln, wie Gefäfse, Beleuchtungs- und Beheizungskörper gilt das Gleiche: die Anforderung an ihre Gröfse wächst nicht in gleichem Verhältnis wie ihre Leistungsfähigkeit; es kann 1 Sc. diejenigen, für deren Beschaffung der sog. fixe Teil des Kapitals aufgewandt wird. Ich mufste natürlich die kapitalistische Vorstellungsweise und die ihr entsprechende Terminologie an dieser Stelle, wo es sich zur Hälfte um vorkapitalistische Dinge handelt, zu vermeiden suchen und wählte deshalb ein der Jurisprudenz entlehntes Unterscheidungsmerkmal. 512 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. also ein gleiches Produktquantum bei Zusammenfassung zahlreicher Produktionsakte mit je einem geringeren Stoff- oder Kraftquantum erzeugt werden. Woraus dann natürlich folgt, dafs die Amortisationsquote, die durch partiellen Wertübergang jener Gebrauchsgegenstände auf das Einzelerzeugnis, der Geschäftsmann sagt „mittels Abschreibung“, in Form eines Produktionskostenpartikelchens den Preis des Produktes erhöhen hilft, um so geringer sein wird, je gröfser die Ausmessungen des Produktionsprozesses sind. Nicht ebenso deutlich zu Tage liegen die Vorteile, die der gröfseren Produktionswirtschaft bei der Verwendung der zum fortgesetzten Verbrauch gelangenden Produktionsmittel, also namentlich der Rohstoffe erwachsen. Ja, es wird sogar gelegentlich behauptet, dafs hier der Handwerker der kapitalistischen Unternehmung überlegen sei, weil er „sparsamer“ mit dem Rohstoff umzugehen pflege. Dabei vergifst man leicht, dafs auf der andern Seite erst bei entsprechender Gröfse des Produktionsumfanges die Möglichkeit geschaffen wird, diejenigen Teile des Rohstoffs, die bei bester Behandlung ungenützt bleiben, also was man gemeinhin „Abfälle“ nennt, abermals zu nützen. Es ist die der erweiterten Produktionsbasis entsprechende Massenhaftigkeit dieser Abfälle, die sie selbst wieder zu Handelsgegenständen macht. Nur als Abfälle gemeinsamer Produktion und daher der Produktion auf grofser Stufenleiter erhalten sie diese Wichtigkeit für den Produktionsprozefs, bleiben sie Träger von Tauschwert. Diese Abfälle — abgesehen von dem Dienst, den sie als neue Produktionselemente leisten — ver- wohlfeilen in dem Mafse, wie sie wieder verkaufbar werden, die Kosten des Rohstoffs, in welche immer sein normaler Abfall eingerechnet ist, nämlich das Quantum, das durchschnittlich bei seiner Bearbeitung verloren gehen mufs 1 . Aber nicht die Verdichtung des Produktionsprozesses, nicht seine Ausweitung sind es am letzten Ende, was in unserer Zeit über die Superiorität einer Produktionswirtschaft entscheidet, sind es also wohl auch nicht, die in dem Kampfe zwischen Handwerk und Kapitalismus den Ausschlag geben. Sondern worauf es vielmehr ankommt. ist die Vorzüglichkeit des Produktions- ver fahre ns. Weil offensichtlich bestimmte Verfahrungsweisen 1 Vgl. Marx, Kapital 3, I, 54 und 76if. Besondere Bedeutung liat die Verwendung der Abfälle in der chemischen Industrie erlangt. Aber auch in anderen Industrien spielt sie u. U. eine grofse Rolle, so in der Textilindustrie (Shoddy), der Miihlenindustrie u. a. Vgl. den betreffenden Artikel in 0. Luegers Lexikon d. ges. Techn. etc. Bd. I. Einunddreifsigstes Kapitel. Verdichtung und Ausweitung etc. 513 verglichen mit anderen ganz erhebliche Ersparnisse an sachlichem und persönlichem Aufwand und damit eine entsprechende Produktionskosten- und Preisverminderung ermöglichen, so müht sich der Produzent im Konkurrenzkämpfe um Anwendung der am meisten Erfolg versprechenden Yerfahrungsweisen. Der Kampf zwischen den einzelnen Produktionswirtschaften, also insbesondere auch zwischen den handwerksmäfsigen einerseits, den kapitalistischen andererseits läuft somit an den entscheidenden Stellen auf einen Kampf um die Verfall rungsweisen, auf einen Kampf um die Technik hinaus. Prüfen wir, welche specifi- schen Vorteile in diesem Kampfe die kapitalistische Organisation ihren Vertretern gewährt. Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 33 Zweiunddreifsigstes Kapitel. Der Kampf um die Technik. Diejenigen Verfahrungsweisen, deren sich die moderne gewerbliche Produktion bedient 1 , um zu höherer Leistungsfähigkeit zu gelangen, sind vornehmlich folgende vier, die hier in Betracht kommen: 1. das materialvereinigende Verfahren 5 2. das arbeitzerlegende Verfahren; 3. das wissenschaftliche Verfahren; 4. das maschinelle Verfahren. Dafs alle diese Verfahrungsweisen nicht nur höhere qualitative Leistungen ermöglichen, sondern vor allem auch den Produktionsaufwand veringern helfen, sei es durch gröfsere Raum- oder Stoffökonomie, sei es insonderheit durch gröfsere Zeitökonomie, dafs sie also zur Produktionskostenverringerung beitragen, ist eine wohl von niemand bestrittene Thatsache. Man mag sich gegen die Übertreibungen wenden, die oft genug bei der Beurteilung der durch jene Verfahrungsweisen thatsächlich herbeigeführten Kostenersparnis verübt worden sind 2 , d. h. man mag über das Mehr oder Weniger an Produktivität streiten, das die Anwendung genannter Verfahren im Gefolge hat: das ob kann nicht in Zweifel gezogen werden. Somit kann es auch nicht die Aufgabe der folgenden Darstellung sein, die allgemeinen Gründe für die Überlegenheit besagter Verfahrungsweisen etwa durch ein induktives Beweismaterial, vorausgesetzt auch, dafs ein solches zu beschaffen wäre, zu erhärten. Was vielmehr allein der Prüfung zu unterwerfen ist, ist die Frage: ob bei der Anwendung jener vollkommeneren Arbeitsweisen einer 1 Genaueres siehe in meiner Gewerbl. Arbeit, a. a. 0. S. 22 ff. 2 Siehe z. B. die verdienstvollen Untersuchungen von A. Yoigt, in U. III. passim. Zveiunddreifsigstes Kapitel. Der Kampf um die Technik. 515 der beiden im Konkurrenzkämpfe liegenden Wirtschaftsformen gröfsere oder geringere Schwierigkeiten erwachsen, wodurch ihre Stellung auf dem Markte alsdann Schaden leiden würde. I. Das materialvereinigende Verfahren. Hierbei handelt es sich um eine der die Arbeitsleistung steigernden bestimmten Arten der Materialanordnung, deren es im wesentlichen vier giebt 1 : 1. Zusammenlegung des Materials zu Bündeln, die eine gleichzeitige Behandlung von vielen Einzelgegenständen ermöglicht : Beispiele das Drahtbündel, an dem gleichzeitig en masse Stecknadelköpfe gefeilt werden; das Streichholzbündel, das zum Eintauchen in die Zündmasse zusammengefafst wird; gleichzeitiges Durchlochen mehrerer Fahrscheine 5 2. Verteilung grofser Materialmassen zwecks besserer Bearbeitung: Stearin, das man in 200 Kerzen-Grufsformen laufen läfst; 3. ein zweckmäfsiges Nacheinanderordnen des Materials, damit dieses in richtiger Reihenfolge die verschiedenen Stadien des Arbeitsprozesses passieren kann: Papier; 4. Sortieren des Materials, um es seiner Verschiedenheit entsprechend verschieden behandeln zu können: Hadern. Fafst man das Wesen dieses Verfahrens richtig auf 2 , so kann es keinem Zweifel unterliegen, dafs principiell die Anwendung dieses Verfahrens an keine bestimmte Wirtschafts- oder Betriebsform gebunden ist. Weder die Kleinheit des Umfangs handwerks- mäfsiger Produktion schliefst sie von vornherein aus, noch stellt ihr die specifische Qualität des handwerksmäfsigen Produktionsleiters unübersteigliche Hindernisse in den Weg. Anders dagegen liegen die Dinge, sobald es sich um die zweckmäfsige Anwendung des Verfahrens, um seine Nutzbarmachung handelt. Diese nämlich, so ergiebt sich, ist nur unter bestimmten Voraussetzungen möglich und diese Voraussetzungen vermag der Handwerker in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle nicht zu erfüllen. Es ist allerdings unzweifelhaft richtig, dafs theoretisch jeder Einzelschneider, der ein Dutzend Anzüge macht, den Stoff zu diesen Anzügen in einem zuschneiden, dafs jeder Tischler das Holz zu einem Dutzend Schränke in einem zusägen, dafs ein Buchbinder hundert Bücher in einem der Reihe nach heften, beschneiden, marmorieren etc. kann. 1 Herrmann, Kultur und Natur, 46. 2 Siete die ausführlichere Erörterung in: Gewerbl. Arbeit, 24 ff. 33 * 516 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. Wie aber sieht es in praxi aus? Da hat zunächst der Handwerker, wenn er die Produktion des einen Stücks anfängt, in der Regel noch gar nicht die Aufträge zur Anfertigung der anderen. Hätte er sie aber, so würden sie nur aufserordentlich selten so gleichmäfsig sein, um für alle das Material einer gleichförmigen Behandlung unterziehen zu können. Angenommen aber auch, diese Schwierigkeit wäre behoben, so stände der Anwendung des materialvereinigenden Verfahrens doch immer noch das schwerwiegende Bedenken entgegen, dafs es die handwerksmäfsige Produktion viel zu sehr verlangsamen würde. Das genannte Verfahren gehört nämlich offenbar zu denjenigen, die den Produktionsweg für eine Anzahl Produkte verlängern, um ihn im Durchschnitt für alle abzukürzen. Auch der einzelne Arbeiter wird ohne Zweifel hundert Bücher rascher einbinden, wenn er sich des materialvereinigenden Verfahrens bedient, als wenn er sie einzeln eins nach dem andern einbindet. Dafür wird aber die Produktionszeit für die ersten dreifsig oder vierzig beträchtlich verlängert. Nehmen wir an, die Produktivität der Einzelarbeit würde infolge der Anwendung des materialvereinigenden Verfahrens verdoppelt: der Handwerker gelange dahin, hundert Bücher in 25 Tagen, statt wie ehedem in 50 Tagen einzubinden, die Produktionszeit betrage also für das einzelne Buch im Durchschnitt nur noch 1 k Tag, statt V 2 Tag, so würde dieser Effekt doch nur dadurch zu erzielen gewesen sein, dafs die Produktionszeit für die ersten beiden Bücher um 24 Tage, diejenige für die beiden folgenden um 23 Tage u. s. w., d. h. die Produktionszeit der 50 ersten Bücher um einen entsprechenden Betrag verlängert worden wäre. Dieser Übelstand ist entweder für die kapitalistische Produktionsweise überhaupt von geringem Belang, oder er wird durch entgegen wirkende Mafsnahmen, deren der Handwerker nicht mächtig ist, aus der Welt geschafft: durch eine Produktion auf erweiterter Stufenleiter, wodurch das Gesamtmaterial einer gröfseren Anzahl von Produkten von zahlreichen Arbeitskräften auf einmal in Angriff genommen wird; durch Anwendung maschineller, chemischer oder anderer Verfahrungs- weisen, die die einzelnen Teile des Produktionsprozesses abkürzen u. s. w. II. Das arbeitzerlegende Verfahren. So nenne ich das Verfahren, das einen Komplex von Arbeitsverrichtungen — sage das Spinnen eines Fadens — in seine einzelnen Bestandteile mit Bewufstsein auflöst, das mit Erfolg „ver- Zweiunddreifsigstes Kapitel. Der Kampf um die Technik. 517 sucht, den Geist herauszutreiben“ und dann „die Teile in seiner Hand hat“ h Dieses Verfahren kann nun principiell wiederum vom Einzelarbeiter ebenso gut wie von einer zu gemeinsamer Produktion zusammengegliederten Vielzahl von Arbeitern angewendet werden, ist also auch dem Handwerker nicht verschlossen. Damit es aber die produktivitätsteigernde Wirkung, deren es fähig ist, thatsächlicli ausübe, mufs es 1. in Verbindung mit dem materialvereinigenden Verfahren, vor allem aber 2. unter gleichzeitiger dauernder Verteilung der durch Zerlegung entstandenen Einzelfunktionen an bestimmte Arbeiter (Specialisation), angewendet werden 1 2 . Die Erfüllung der ersten dieser beiden Bedingungen bereitet dem Handwerker die schon erörterten Schwierigkeiten, denen er bei Anwendung des materialvereinigenden Verfahrens begegnet. Die Erfüllung der zweiten Bedingung ist ihm aber geradezu in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle unmöglich. Die Specialisierung der Arbeitsverrichtungen im Rahmen eines B e t ri e b s, die wir zuerst ins Auge fassen, ist, wie wir in anderem Zusammenhänge schon feststellten, an die Voraussetzung einer das Ausmafs handwerksmäfsiger Produktion fast immer überschreitenden Mindestgröfse des Betriebsumfanges geknüpft. Soll ein Arbeiter in den Stand gesetzt werden, immer nur Stoff oder Leder zuzuschneiden, so müssen Dutzende anderer Arbeiter vorhanden sein, die den zu- 1 Das nähere siehe wieder Gewerbliche Arbeit, 22 ff. 2 „Die Arbeitszerlegung schafft aber weiter erst die Möglichkeit, qualitativ und quantitativ abgestufte Arbeitsleistungen an Stelle vollwertiger Totalleistungen zu nutzen: durch die Zerlegung des Gesamtproduktionsprozesses in einzelne Teile entstehen viele Teilarten, zu deren Ausführung Kinder, Weiber Greise, Krüppel und geistig Arme gleichermafsen sich eignen wie vollwertige Arbeitskräfte mit Kraft und Geschick; entstehen aber auch so vielerlei verschiedene Teilarbeiten, dafs die qualitativ unterschiedliche Begabung der Menschen zu voller Berücksichtigung zu gelangen vermag. Die Arbeitszerlegung verselbständigt gleichsam die Teilprozesse; sie gestattet dadurch das, was früher nur nacheinander denkbar war, nebeneinander zu legen: die gleichzeitige Inangriffnahme sämtlicher Arbeitsverrichtungen eines Gesamtarbeitsprozesses wird möglich. So lange es nur ein „Spinnen“ giebt, kann dieser Gesamtprozefs immer nur als Ganzes zu gleicher Zeit begonnen werden. Nun das „Spinnen“ in seine Bestandteile aufgelöst ist, kann a tempo nebeneinander kardiert, gestreckt, vor- und feingesponnen werden: eins der wesentlichsten Momente für die Beschleunigung des Produktionsprozesses.“ Gewerbliche Arbeit, 24. 518 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. geschnittenen Rohstoff zu Kleidern oder Stiefeln verarbeiten. Schon die Anfänge einer Specialisation erheischen eine Betriebsgröfse, die mindestens als sog. „Mittelbetrieb“ zu kennzeichnen ist und die kleinkapitalistische Unternehmung zur notwendigen ökonomischen Basis hat. Was aber von der Specialisierung der Arbeitsleistungen gilt, gilt ganz ähnlich auch für die Differenzierung der Funktionen der Produktionsmittel: auch hier ist die Voraussetzung stets eine Mindestgröfse des Betriebsumfangs 1 . Nun kennen wir aber die Specialisation auch noch in einer andern Form, in der sie betriebstechnisch im Rahmen eines kleinen Betriebes sehr wohl möglich ist und thatsächlich auch geübt wird: als Specialisation zwischen Betrieben. Überall aber, wo wir von solchen kleinen Specialbetrieben hören, wie in der Berliner Tischlerei 2 3 , in der Schneiderei 8 , handelt es sich schon gar nicht mehr um Handwerksbetriebe, sondern entweder schon um hausindustrielle oder mindestens kapitalhörige Existenzen. Wir dürfen daraus den Schlufs ziehen, dafs in unserer heutigen Wirtschaftsverfassung auch die Specialisation zwischen Betrieben sich mit der handwerksmäfsigen Produktionsweise nicht mehr ver- 1 Ein interessantes Beispiel hierfür findet sich in U. III, 41 (A. Voigt) bei der Darstellung der Konkurrenzbedingungen im Brauereigewerbe. Dort heilst es: „Sowie die Verwendung des Eises die Fortsetzung des Betriebes während des ganzen Jahres ermöglicht, so wird im Grofsbetriebe eine volle Ausnützung der täglichen Arbeitszeit, eventuell ein kontinuierlicher Betrieb in Tag- und Nachtschichten durch die Einrichtung des Sudwerks möglich. Im Kleinbetrieb besteht die Sudeinrichtung aus dem Braukessel und dem Maischbottich. Der Kessel dient sowohl zum Kochen der Maische als auch der abgeläuterten Würze, und der Maischbottich versieht ebenfalls zwei Funktionen: er dient zugleich zum Einmaischen und zum Abläutern. Im Grofsbetriebe sind diese zweifachen Funktionen beider Apparate auf je zwei verteilt. Der eine Bottich dient nur zur Bereitung der Dickmaische, und ihm entspricht der eine Kessel. Zum Abläutern kommt die Maische in den zweiten Bottich, und der zweite Kessel dient nur zum Sieden der fertigen Würze mit Hopfen. Man könnte sogar von einer dreifachen Funktion des Bottichs im Kleinbetriebe sprechen, er dient da zugleich als Hopfenseier, zum Ablassen der fertigen Würze von dem Hopfen. Diesem Zwecke dient im Grofsbetrieb ein besonderer Apparat. Die Folge dieser Teilung der Funktionen ist, dafs ein zweiter Sud begonnen werden kann, sobald nach etwa halbvollendetem ersten Sud der Maischbottich und Maischkessel frei wird. Im Kleinbetriebe kann nur ein Sud täglich vollendet werden, im Grofsbetriebe deren zwei bis drei, bei kontinuierlichem Betriebe sogar vier innerhalb 24 Stunden. Ein hiesiger Kleinbetrieb (Karlsruhe) macht jährlich 150 Sude, ein Grofsbetrieb 880—890 in derselben Zeit.“ 2 Vgl. Band I S. 502 f. 3 Vgl. Band I S. 514. Zweiunddreifsigstes Kapitel. Der Kampf um die Technik. 519 trägt. Und wenn wir nach einer Begründung dieser Thatsache Umschau halten, so brauchen wir gar nicht lange zu suchen. Der Grad der Specialisation eines Betriebes steht nämlich offenbar im geraden Verhältnis zu der Schwierigkeit des Absatzes. Je mehr Gegenstände einer und derselben Art in einem Betriebe erzeugt werden, desto gröfser wird in der Regel der Kreis der Konsumenten räumlich gezogen werden müssen. Jene modernen Specialbetriebe, von denen wir Kunde haben, erzeugen denn auch fast immer nur entweder Versandware oder Pofelware für grofsstädtische Vorstadtmagazine. In beiden Fällen nehmen sie notgedrungen die Vermittlung kaufmännischer Zwischeninstanzen in Anspruch, die hier gleichsam die Funktion der Integrierung vollziehen. Und da wissen wir nun, dafs bei der chronischen Überfüllung des Marktes, wie ihn unser Wirtschaftsleben notwendig als Begleiterscheinung hat, das Handwerk leicht in materielle und bald auch formelle Abhängigkeit vom Kapital zu geraten droht. Sodafs wir auch von dem durch Specialisation genutzten arbeitzerlegenden Verfahren sagen müssen, dafs es unter den heutigen Verhältnissen dem Handwerk als solchem nicht zugänglich ist. IH. Das wissenschaftliche Verfahren. So bedeutsam auch, wie wir wissen 1 , die Anwendung dieses Verfahrens für den Produktionserfolg ist, so kurz können wir uns hier fassen, wo es sich um seine Wertung im Konkurrenzkämpfe zwischen Handwerk und Kapitalismus handelt. Denn was hier noch einmal ausdrücklich konstatiert werden soll: dafs dem Handwerk die Anwendung geradedieses entscheidend wichtigen Förderungsmittels versagt ist, ist etwas, das wir auf Schritt und Tritt im Verlauf der gesamten Darstellung zu bemerken Gelegenheit gehabt haben. Im Grunde ist es ja eine Tautologie, zu sagen: das Handwerk kann nicht wissenschaftlich, kann nicht rationell produzieren. Denn alles, was technische und ökonomische Rationalistik heifst, ist von Natur dem Wesen des Handwerks fremd, das ja vielmehr in der Empirie seinen bezeichnenden Ausdruck findet. Sieg der Rationalistik bedeutet also schon deshalb Besiegung des Handwerks. Auch wenn die Anwendung des wissenschaftlichen Verfahrens nicht, wie es der Fall ist, aus mancherlei äufseren Gründen im Rahmen der hand- werksmäfsigen Organisation ausgeschlossen wäre. Vor allem: das 1 Ygl. hierzu die Ausführungen auf Seite 59 ff. dieses Bandes. hT S'r-iflCT 520 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. ■wissenschaftliche Verfahren bedeutet, wie wir wissen, den steten Wechsel in der Gestaltung des Produktionsprozesses. Und solcher Wechsel ist dem Handwerker seiner Natur nach unmöglich. Ersichtlich kann nun aber auch das rationelle Verfahren, überhaupt kann die Wissenschaft in der Produktion erst Anwendung linden, wenn und soweit eine kunstvolle Organisation an die Stelle des einzelnen Arbeiters oder einer Summe von Arbeitern den Gesamtarbeiter setzt. Denn, wie wir ebenfalls wissen, beruht gerade das wissenschaftliche Verfahren darin, den Produktionsprozefs ohne Rücksicht auf die Leistungsfähigkeit und Geeignetheit der menschlichen Organe in seine Bestandteile aufzulösen und die Teilprozesse in neuer Zusammenfügung zu einem Ganzen zu verbinden. Da müssen nun so viel Träger der Teilverrichtungen, so viel Beaufsichtiger von Teilprozessen geschaffen werden, wie es das Verfahren rationell erachtet, und diese Teilarbeiter fügt dann erst die gesellschaftliche Betriebsform zu einem Gesamtarbeiterorganismus, der dann den Gesamtprozefs repräsentiert, kunstvoll wieder zusammen. Das wissenschaftliche Verfahren der Produktion hat sein Substrat ebenso im Gesamtarbeiter des gesellschaftlichen Betriebes wie die Empirie in der individuellen Persönlichkeit des einzelnen Produzenten. Das wissenschaftliche Verfahren baut sich mit anderen Worten fast stets auf dem arbeitzerlegenden und material vereinigenden Verfahren auf. Alles also, was den Handwerker hindert, sich dieser Verfahren zu bedienen, hindert ihn auch, das wissenschaftliche Verfahren anzuwenden. Das liegt alles verhältnismäfsig klar zu Tage. Nicht so deutlich jedoch ist die Unfähigkeit des Handwerks zu erkennen, von dem letzten, noch nicht erörterten Verfahren der modernen Technik zweckmäfsigen Gebrauch zu machen: dem maschinellen. Wir wollen dessen Anwendbarkeit daher einer gründlichen und g e- sonderten Erörterung unterziehen. « Dreiunddreifsigstes Kapitel. Handwerk und Maschine. I. Die Kraftmaschinen. Es ist noch gar nicht lange her — und hier und da findet man wohl auch noch heute Reste dieser Auffassung —, dafs es als Glaubenssatz in Wissenschaft und Publikum galt: das Handwerk sei der Maschinentechnik zum Opfer gefallen; der Maschinentechnik, was denn in der Vorstellung der meisten Leute nichts anderes als die Dampfmaschine bedeutete. Angesichts dieses Glaubens wird man den Jubel verständlich finden, der sich in den Kreisen aller Handwerksfreunde erhob, als es der Technik gelang, durch Nutzung von Naturkräften, die gefügiger als die Dampfkraft waren, Kraftquellen in den kleinsten Dimensionen herzustellen, wie sie seit einigen Jahrzehnten in den Heifsluft-, Druckluft-, Benzin-, Petroleum-, Gas- und Elektromotoren sich allgemeine Anerkennung errungen haben. Man sah eine neue Ära handwerksmäfsiger Produktion schon vor der Thür, die „Grofsindustrie“ mit ihren centralisierten Betrieben schien dem Untergange geweiht. In Deutschland, wo man ja bis heute immer noch eine Vorliebe für das kleinlich - spiefsbürgerliche Wesen bewahrt hat, erstanden jener Auffassung von der Renaissance des Handwerks auf der Basis der Kleinkraftmaschinen besonders viele begeisterte Vertreter, zumal unter den Technikern. „Durch die Kleinkraftmaschinen,“ schrieb ein Autor im Jahre 1870*, „haben wir eine Epoche der Rückbildung, der Decentrali- sation vor uns. So wie wir seit etwa einem halben Jahrhundert das Kleingewerbe an Terrain verlieren sahen der Grofsindustrie gegenüber, die Schritt für Schritt das erstere aus einem Gewerbe- 1 Jo 11, Die wichtigsten Kleinkraftmaschinen etc. (1870). 522 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. zweige nach dem anderen hinausdrängte, so werden wir den entgegengesetzten Vorgang in dem vor uns liegenden Säkulum beobachten können.“ Solcher Stimmen wurden viele laut, und die Besten waren unter ihnen. Am bekanntesten ist die enthusiastische Vertretung jener Idee durch Reuleaux, der seit dem Erscheinen des ersten Bandes seiner Theoretischen Kinematik nicht müde wurde, die Segnungen zu preisen, die aus der Einbürgerung der Kleinkraftmaschine für das Handwerk erwachsen würden. „Hiebt man dem Kleingewerbe,“ schrieb er 1879 1 , „Elementarkraft zu ebenso wohlfeilem Einzelpreise, wie das Kapital par ex- cellence sie sich vermittelst der Dampfmaschine verschaffen kann, so hat man die Wettbewerbung wieder möglich, nämlich seiner geringen Kapitalskraft eine dieser proportionale Teilnahme an der Maschinenvergünstigung erreichbar gemacht. Auch der Kleinmeister soll und will gern sich der Arbeitsmaschinen bedienen, er soll aber diese nicht durch Menschen-, sondern durch Elementarkraft zu treiben in der Lage sein. Zugänglich und ebenfalls erschwinglich waren ihm die Arbeitsmaschinen, dieser eine Teil des Maschinenvermögens, auch bisher schon (!); allein ihr Betrieb durch Manneskraft ist so teuer, so vielfach teurer als der mit Elementarkraft, dafs er auf ihre Anwendung verzichten mufste. Wohlfeile Elementarkraft setzt ihn in den Stand, seine Werkstätte mit ihnen auszurüsten“ u. s. w. 2 3 Und in Reuleauxj’ Fufsstapfen sehen wir dann bis in die neuere Zeit hinein die bedeutendsten Vertreter der technischen Wissenschaften wandeln. Namen wie H. Grothe 8 , Knocke 4 , Werner Siemens 5 finden wir in den Reihen derer verzeichnet, die an der Wiedergeburt des Handwerks aus dem Kleinmotor geglaubt haben; und seit gar die elektrische Kraft in geringen Mengen jedermann für ein billiges Entgelt zur Verfügung gestellt werden konnte, schien es in der That, als ob jene hoffnungsfrohe, handwerksenthusiastische Auffassung ihre Richtigkeit über allen Zweifel erhoben hätte 6 * . 1 F. Reuleaux, Einflufs der Maschinen auf den Gewerbebetrieb in Nord und Süd 1879. S. 125. 2 Ygl. noch F. Reuleaux, Die Maschine in der Arbeiterfrage. 1885. 3 M. Grothe, Über die Bedeutung der Kleinmotoren für das Kleingewerbe in Schmollers Jahrbuch VIII (1884), 180. 4 Knocke, Die Kraftmaschinen des Kleingewerbes. 1887. S. 1 ff. 5 W. Siemens, Vortrag auf der 59. Versammlung deutscher Ärzte und Naturforscher (1886). 6 Vgl. an neuerer Litteratur u. a. H. Al brecht, Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Kleinkraftmaschinen in Schmollers Jahrbuch XIII (1889). Dreiunddreifsigstes Kapitel. Handwerk und Maschine. 523 Überblicken wir nun aber die Ziffern, die uns über die bereits erfolgende Verwendung von Kleinmotoren unterrichten, so bestätigen sie jene Prophezeiungen der Techniker keineswegs, sondern scheinen eher jenen Skeptikern recht zu geben, die der Entwicklung der kleinmotorischen Technik nur eine geringe Bedeutung für die Konkurrenzfähigkeit des Handwerks glaubten beimessen zu sollen. Was uns zunächst bei Betrachtung der Statistik in die Augen springt, ist der geringe Fortschritt, den die Verwendung von Motoren irgendwelcher Art in den „Kleinbetrieben“ — die Statistik kennt ja eine Unterscheidung der verschiedenen Wirtschaftsorganisationen nur nach den Kriterien der Betriebsgröfse, d. h. der in einem Betriebe beschäftigten Personen — während der letzten Jahrzehnte gemacht hat. Ein Vergleich der Zählungsergebnisse von 1882 und 1895 ergiebt folgendes Resultat. Es wurden Motorenbetriebe mit 1—5 Personen gezählt 1 : 1882 = 81 280 1895 = 95 558. Also noch heute stellt die Zahl der Motorenkleinbetriebe durchaus eine quantitd ndgligeable dar; sie bilden nur 3,3 °/o aller Kleinbetriebe. Sehen wir uns nun aber gar erst die 95 558 Motorenkleinbetriebe näher an, so bemerken wir, dafs sicherlich nur ein geringer Teil jener Kategorie solchen Handwerksbetrieben zugehört, die sich durch Einstellung von Motoren auf eine den Anforderungen der modernen Technik mehr entsprechende Stufe emporzuheben trachten. Zunächst kommen für unsere Betrachtung von jenen 95 558 überhaupt nur 75 432 Betriebe mit 414 775 PS. in Betracht, nämlich die auf Gruppe B der Statistik (Gewerbe) entfallenden Motorenkleinbetriebe. Von diesen müssen nun aber des weiteren von vornherein in Abzug gebracht werden diejenigen, bei denen die Verwendung motorischer Kraft durchaus seit altersher die Regel bildet, W. Pastor, Vom Kapitalismus zur Einzelarbeit. 1892. Paul Scheven, Die Lehrwerkstätte. Bd. I. 1894. S. 199 — 249. H. Schreiber, Die Elektrotechnik, die Retterin des Handwerks in der „Kritik“. 1896. Aufser den bereits citierten Schriften von H. Lux, desselben Aufsatz: Der Kleinmotor und das Kleingewerbe im Socialpolitischen Centralblatt IV. 309 ff. Daselbst auch zahlreiche Aussprüche optimistischer Techniker wie Slaby, Thurston, Aron. 1 Vgl. die Zusammenstellungen in Band 119 der Statistik des Deutschen Reichs. N. F. 1899. S. 116 ff. 524 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. nämlich alle durch Wasserkraft oder Wind getriebenen Mühlen, Sägewerke u. s. w., die mit zum Teil sehr grofsen Ziffern in der Statistik erscheinen. Es wurden u. a. gezählt Motorenkleinbetriebe: Getreidemühlen .... 41 258 mit 220 773 PS. Sägemühlen. 6 904 „ 58 230 „ Holzschleifereien . . . 147 „ 6 487 „ Von dem Rest gehört aber ein grofser Teil dem Handwerk in unserem Sinne überhaupt nicht an, wie etwa 99 Betriebe für Elektricitätserzeugung mit 6 822 PS. 2380 Maschinen-Lohndreschereien . . „ 21 194 „ 4302 Branntweinbrennereien . „ 31957 „ u. s. w. Wollen wir die Motorenkleinbetriebe in den alten, ehemals handwerksmäfsig betriebenen Gewerben ermitteln, so kommen wir zu ganz anderen Ziffern. Die Statistik teilt uns nämlich mit, dafs überhaupt kein Motorbetrieb mit weniger als 5 Personen gefunden wurde in folgenden gröfseren Berufszweigen: Korbflechterei und Korbmacher . mit 22 349 Kleinbetrieben. Näherei.„ 193 958 „ Schneiderei.„ 258 473 „ V Stubenmaler, Tüncher .... „ 36 086 „ Dachdecker.„ 12 423 „ also zusammen in 523 289 Kleinbetrieben. Das sind allein schon mehr denn sechsmal so viel, als es überhaupt Motorenkleinbetriebe giebt. Verschwindend gering ist aber ferner die Verwendung von Motoren in den Kleinbetrieben folgender Gewerbearten. Es waren: Motoren- von Kleinbetrieben d. h. kleinbetriebe überhaupt, Schuhmacherei . . . . . . 12 233 650 0,01 °/o Barbiere .... . . . . 3 22 549 0,01 °/o Maurer .... . . . . 3 50 216 0,01 °/o Riemer, Sattler . . .... 9 27 997 0,03 0 o Klempner .... .... 26 19 487 0,1 °o Nagelschmiede . . . . . . 4 3 463 0,1 °/o Uhrmacher . . . .... 22 15 941 0,1 ü /o Tapezierer .... .... 11 9184 0,1 °/o Kürschnerei . . . . . . . 5 5 754 0,1 °/o Dreiunddreifsigstes Kapitel. Handwerk und Maschine. 525 Motoren- von Kleinbetrieben kleinbetriebe überhaupt, cl. h. Stuckateure .... . . 2 1815 0,1 °/o Ofensetzer. . . 3 5 076 0,1 u /o Mützenmacher . . . . . 3 1 892 0,2 °/o Handschuhmacher . . . . 12 4 814 0,2 °/o Steinsetzer .... . . 5 2 778 0,2 °/o Leinenweberei . . . . . 91 34 082 0,3 °/o Seilerei. . . 21 6169 0,3 °/o Buchbinderei . . 37 10 848 0,3 °/0 Holzflechterei . . . . . 11 4198 0,3 °/o Zimmerer. . . 88 32 216 0,3 °/o Brunnenmacher . . . . . 5 1844 0,3 °/o Weberei von gemischten und anderen Waren . . . . 59 13 828 0,4 °/o Böttcherei. . . 93 23 631 0,4 °/o Bäckerei. . . 309 83 266 0,4 °/o Konditorei. . . 27 6164 0,4 % Steinmetzen .... . . 30 6 628 0,5 °/o Grob(Huf-)Schmiede . . . 359 69 450 0,5 % Büchsenmacher . . . . . 5 1 078 0,5 °/o Seidenweberei . . . . . 83 16 527 0,5 °/o Tabakfabrikation . . . . 78 15 823 0,5 °/o Wollweberei .... . . 128 22 006 0,6 °/o Stellmacherei .... . . 302 43 273 0,7 °/o Posamentiererei . . . . . 77 11 578 0,7 °/o Fleischerei .... . . 480 70 696 0,7 °/o Hutmacherei .... . . 23 2 800 0,8 °/o Strickerei, Wirkerei . . . 265 28 312 0,9 °/o 3291 809 043 0,4 °/o Das ist also abermals ein Komplex handwerksmäfsig betriebener Gewerbe mit mehr als 800 000 Kleinbetrieben, in denen die Motorenverwendung so gut wie unbekannt ist: unter je 1000 Betrieben findet sie sich in vier! Die gänzliche Bedeutungslosigkeit der Motoren für das Handwerk springt nun aber ebenso in die Augen, wenn man etwa das Gebiet gewerblicher Thätigkeit ins Auge fafst, das sich jene Motorarten erobert haben, von denen man recht eigentlich die Wiedergeburt der handwerksmäfsigen Produktion erwartete. Die Statistik zählte nämlich Kleinbetriebe, in denen verwandt wurden: 526 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. Gasmotoren . . . . 4718 Petroleummotoren . . 1186 Benzin-, Äthermotoren 638 Heifsluftmotoren . . 328 Druckluftmotoren . . 56 Elektromotoren ... 379 Zusammen 7305 Die gröfste Bedeutung hatten danach von den „modernen“ Kleinkraftmaschinen bis 1895 die Gasmotoren erlangt. Aber auch bei ihnen ist von irgend einer raschen Zunahmetendenz auch in neuerer Zeit nichts zu verspüren. Wenn wir die Ziffern aus den letzten Jahren miteinander vergleichen, die das Statistische Jahrbuch deutscher Städte über die an die öffentlichen Gaswerke in den Städten über 50000 Einwohner angeschlossenen Gaskraftmaschinen mitteilt, so ergiebt sich nur ein mäfsiger Fortschritt: die Zahl der angeschlossenen Motoren hat neuerdings sogar eher eine Tendenz zum Rückgang; sie betrug in 34 Städten 1 1896 7681, 1897 7809, 1898 bezw. 1898/99 7747, während in denselben Jahren die Zahl der Pferdekräfte um ein weniges stieg: 1896 35 979, 1897 38 714, 1888 bezw. 1898/99 39110. Daraus läfst sich nun aber nicht nur folgern, dafs die Kleingewerbe jedenfalls bisher nur sehr spärlich von den Benefizien dieser neuen Motorart Gebrauch machen, sondern des weiteren auch der Schlufs ziehen, dafs die Gasmotoren für das eigentliche Handwerk immer weniger in Betracht kommen, da die Durchschnittspferdestärke, die heute schon nicht unbeträchtlich ist, die Tendenz zur . Vergröfserung erkennen läfst. Die Durchschnittspferdekraft betrug nämlich in den 34 Städten 1896 4,3 PS. 1897 4,6 „ 1898 bezw. 1898/99 5,0 „ 1 Berechnet nach dem Statist. Jahrb. deutscher Städte bezw. YTII (1900), 384 und IX (1901), 386. Dreiunddreifsigstes Kapitel. Handwerk und Maschine. 527 Und zwar erfolgt dieser Rückgang auf Kosten der ganz kleinen Motoren bis zu 2 PS., wie die Statistik uns ebenfalls kund tbut. Dafs aber auch der Gasmotor das eigentliche Feld seiner Thätigkeit aufserhalb der eigentlichen Sphäre des Handwerks sich erobert hat, bestätigen mancherlei Anzeichen. Zunächst belehrt uns die Statistik, dafs jenen 4718 Kleinbetrieben, in denen Gas als Elementarkraft genutzt wurde, 9001 Mittel- und Grofsbetriebe gegenüberstanden, in denen Gasmotoren Verwendung fanden. Sind aber die Schätzungen von H. Lux, der für 1892 22000 Gasmotoren in Thätigkeit wissen will 1 , oder jene P. Schevens 2 , nach denen 1894 in Deutschland ca. 21 700 Gasmotoren in Funktion waren, oder diejenigen Schäfers 3 , wonach 1897 die Zahl der arbeitenden Gasmotoren mindestens 24000 betragen soll, annähernd richtig, und sie werden von Sachkennern wie Lux dafür gehalten, so würde daraus des weiteren zu folgern sein, dafs in den gröfseren Betrieben mindestens zwei bis drei Gasmotoren im Durchschnitt in Gebrauch waren. Endlich aber ergaben private Ermittelungen die Thatsache, dafs ein grofser Teil der Gasmotoren in Betrieben verwandt wird, die auch ihrer Art nach ganz und gar nicht dem Handwerke zugehören, wie Betriebe zur Erzeugung von elektrischem Licht, Pumpenbetrieb, Kaffeebrennereien, Gasanstalten, Mineralwasseranstalten, zu Ventilationszwecken, zum Betrieb von Aufzügen, Orgeln, Kühlmaschinen u. s. w. Von 13119 Gasmotoren, die die Gasmotorenfabrik Deutz in Deutschland abgesetzt hat, sollen höchstens ein Drittel dem „Kleingewerbe“, d. h. also wohl der handwerksmäfsigen Produktion zu gute kommen 4 . H. Lux nimmt an, dafs von den an die Gasanstalten angeschlossenen Pferdestärken kaum ein Viertel auf das Handwerk entfalle, und fügt hinzu: „Noch geringfügiger wird diese Zahl, wenn man die Beanspruchung oder Betriebsstundenzahl der Gasmotoren in Betracht zieht. . . Alle sicher nicht dem Kleingewerbe dienenden Gasmotoren zeigen überwiegend eine höhere Beanspruchung, als der Durchschnittsziffer entspricht, während die Gasmotoren im Kleingewerbe nur etwa ein Fünftel der Gesamtkraftausgabe beanspruchen. Nur in Ausnahmefällen wurde die Maximalbetriebs- 1 H. Lux, Der Kleinmotor und das Kleingewerbe, a. a. O., S. 310. 2 P. Scheven, Die Lehrwerkstätte. 1 (1894), 214. 3 F. Schäfer, in der Zeitschrift für Beleuchtungswesen 1897, Heft 18, citiert hei H. Lux, Gas- und Elektrizitätswerke, 26. 4 Nach F. Schäfer, Die Kraftversorgung der deutschen Städte durch Leuchtgas (1894), cit. bei Lux, a. a. O., S. 310. 528 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. dauer von 3000 Stunden im Jahre erreicht; dafür gab es aber Schlossereien, die ihren Gasmotor im ganzen Jahre nur 60 Stunden, andere, die ihn etwa 600 — 800 Stunden im Betriebe haben; nur sehr wenige nützen ihn voll aus. Für Tischlereien ergab sich eine durchschnittliche Betriebsdauer von 680 Stunden (obere Grenze 1200, untere 200).“ Wir werden die Bedeutung der letzten Ziffern weiter unten noch besser zu würdigen vermögen, wo wir nach den Gründen für die geringe Entwicklung des Kleinmotorenwesens Ausschau halten. Wenn es denn nun auch mit den Explosionsmotoren nichts rechtes geworden ist, so werden unsere Gewährsmänner denken, so bleibt ja noch der Elektromotor als Stab unserer Hoffnungen übrig. Keiner aller bisherigen Kleinmotoren scheint in der That so geeignet wie er, den Bedürfnisssen des handwerksmäfsigen Produzenten Genüge zu thun. Er schmiegt sich am besten den verschiedensten Arbeitsmaschinen an; er läfst sich zeitlich nach Belieben nützen, da es eines Handgriffs zum Ein- oder Ausschalten bedarf; er ist von geringem Umfang, sauber, leicht transportabel u. s. w. Er also scheint recht eigentlich der Motor der Zukunft für das Handwerk. Wird dieses Räsonnement durch den bisherigen Verlauf der Entwicklung unterstützt? Um darauf eine Antwort zu geben, müssen wir uns nach Ziffern umsehen, die uns den Stand der Dinge nach 1895 angeben; denn erst seit jener Zeit datiert der immense Aufschwung der Elektromotorennutzung. Betrug doch beispielsweise bei den an die Berliner Elektrizitätswerke angeschlossenen Elektromotoren 1 : die Zahl die Leistungsfähigkeit die für Berlin abgegebenen 1894^95 663 2 366 PS. Kilowattstunden 1070926 1895/96 1347 4813 „ 2219 501 1896/97 2056 7 475 „ 4008943 1897/98 2873 10502 n 5833077 1898/99 3858 13791 „ 7 758662 1899/1900 5764 23169 „ 10290905 1900/1901 7538 30011 „ 12 835381 1 Die Ziffern bis 1896/97 sind dem Bande 119 der Stat. d. D. R. ent- nommen; die neueren Daten verdanke ich der freundlichen Mitteilung der Berliner Elektrizitätswerke selbst. Dreiunddreifsigstes Kapitel. Handwerk und Maschine. 529 Es kann nun aber für den Sehenden keinem Zweifel unterliegen, dafs von diesem gewaltigen Aufschwung, den die Nutzung der elektrischen Kraft in unserer Zeit nimmt, das Handwerk wiederum nur mit einem verschwindend kleinen Bruchteile Anteil hat. Zunächst ist es offenbar die Grofsindustrie, die in wachsendem Umfange selbst zum elektrischen Antrieb übergeht, selbst und zuerst also alle Vorzüge der Elektrotechnik sich zu nutze macht, sodafs sie schon wieder einen Vorsprung vor dem Handwerker voraus hat, auch wenn dieser wirklich sich entschliefst, einen Elektromotor in seinem Betriebe einzustellen. Aber auch mit den Elektrokleinmotoren ist es wieder ein eigen Ding. Die genauere Prüfung ergiebt, dafs sie allen andern, nur nicht dem Handwerk zu gute kommen. Zunächst ist wieder wie bei den Gasmotoren festzustellen, dafs ein gröfserer Teil der in den Städten angeschlossenen Motoren überhaupt nicht Zwecken der gewerblichen Produktion dient, sondern bestimmt ist, Aufzüge, Ventilatoren, Musikinstrumente, zahnärztliche Bohrmaschinen u. dgl. zu treiben. Von den am 30. Juni 1901 in Berlin an das dortige Elektrizitätswerk angeschlossenen 6426 Elektromotoren mit 21448,5 PS. wurden für folgende aufsergewerbliche Zwecke verwendet 1 : V erwendungsart Zahl PS. Aufzüge. . 1074 6243,9 Ventilatoren. . 922 334,5 Verschiedenartige Verwendung . . 800 2253,9 2796 8832,3 Ähnlich liegen die Verhältnisse anderswo. So waren beispielsweise in Dresden Ende 1899 254 Elektromotoren mit zusammen 742,61 PS. angeschlossen 2 . Davon dienten 26 mit 89,10 PS. zum Betrieb von Aufzügen, 20 n 44,95 n n n n Gleichstrommaschinen] 24 n 22,67 n n 17 71 Ventilatoren, 10 n 20,66 n 71 11 11 Kaffeeröstereien, 2 n 4,30 11 n 11 n Orgeln, 5 n 0,52 » n n n Zahnbohrmaschinen, 1 Freundliche Mitteilung der Direktion. 2 Verwaltungsbericht des Rates der Stadt Dresden für 1899 (1901). S. 332. Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. .34 530 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. 8 mit 179,50 PS. zum Betrieb von Eismaschinen, 7 „ 16,45 „ „ „ „ Verschiedenem (wie Elektrisiermaschinen, Luftpumpen etc.). Also 102 Motoren mit 369,15 PS. kämen für die gewerbliche Produktion überhaupt nicht in Betracht. In Breslau waren angeschlossen 1 am 31. März 1899 183 Elektromotoren mit 319,95 PS. am 31. März 1900 235 „ „ 407,90 „ am 31. März 1901 331 „ „ 576,19 „ Von diesen letzteren wurden verwendet zum Betrieb von: Zellenschaltern 2 mit 2,00 PS. Ventilatoren 97 n 22,54 Zahnärztlichen Bohrmaschinen 12 n 1,06 Aufzügen 51 77 192,70 77 Reklamefiguren 4 77 0,91 77 Wasserpumpen 5 n 6,50 r> Luftpumpen 2 77 3,12 77 Musikwerken 9 77 1,10 77 Flaschenputzmaschinen 1 n 0,17 77 Sonnenschutzapparaten 2 r> 0,20 77 Kaffeeröstemaschinen 9 77 25,70 77 Mediko-mechanischen Apparaten 5 77 4,10 77 Zusatzdynamo für die Accumula- toren-Station 1 77 12,50 77 Aber man wolle sich nun nicht 200 etwa ZU 271,68 der Annahme leiten lassen, die andere Hälfte der im Betrieb befindlichen Elektrokleinmotoren — so winzig ihre Zahl im Vergleich mit dem Umfang der betreffenden Gewerbe auch ist — diene doch nun wenigstens den Zwecken des Handwerks. Denn um von jenen Motoren, die zum Betrieb von Tuchschneidemaschinen, zu galvanoplastischen Zwecken etc. bestimmt sind, ganz zu schweigen: auch von den möglicherweise für das Handwerk in Betracht kommenden Motoren findet nur ein ganz verschwindend kleiner Teil in wirklich handwerksmäfsigen Betrieben Anwendung, aus Gründen, die wir gleich kennen lernen werden. 1 Breslauer Statistik. XX. Band. 1. Heft. 1900. S. 223, bezw. freundliche Mitteilung des Herrn Direktor Neefe. Dreiunddreifsigstes Kapitel. Handwerk und Maschine. 531 II. Die Arbeitsmaschine. Alle jene Ergebnisse, die uns das Studium der Statistik liefert und die sämtlich zu dem Schlüsse führen, dafs auch der beste Kleinmotor nicht im stände sein wird, dem Verfall des Handwerks Einhalt zu thun, weil er überhaupt im Rahmen handwerksmäfsiger Produktion keine Verwendung findet: sie alle kommen demjenigen nicht überraschend, der über die Tragweite der Nutzung mechanischer Kraftquellen für die gewerbliche Produktion sich einigermafsen klare theoretische Vorstellungen gemacht hatte. Was nämlich immer im Auge behalten werden mufs, ist dieses: dafs selbstverständlich die Bedeutung einer neuen Triebkraft für die Gestaltung des Produktionsprozesses nicht für sich allein, sondern nur im Zusammenhänge mit der gesamten Produktionstechnik, also insonderheit mit der Entwicklung der Arbeitsmaschinerie gewertet werden kann. Nur wenn gleichzeitig die Anwendung einer entsprechenden Werkzeugmaschine in der Tragweite des handwerksmäfsigen Produzenten liegt, hat die Frage nach Zuführung mechanischer Kraft in kleinen Mengen für ihn überhaupt Interesse. Nun können wir aber für die in Betracht kommenden Gewerbe zwei Kategorien von Arbeitsmaschinen unterscheiden: solche, die alle wesentlichen Teile eines beruflich abgegrenzten Arbeitsprozesses in einer Maschine vereinigen (integrierende Maschinen), und solche, die auf dem Princip der Arbeitszerlegung aufgebaut sind (differenzierende Maschinen). Was zunächst die Kategorie der integrierenden Maschinen anbetrifft, so ist ihre Anwendbarkeit für die Handwerker davon abhängig, ob ihre Gröfsenausmessung seinen Produktionsund Vermögensspielraum überschreitet oder nicht: die Papiermaschine kommt für ihn ebenso wenig in Betracht wie die Rotationsmaschine in der Druckerei. Dagegen giebt es integrierende Maschinen, die auch dem kleinsten Einzelarbeiter zugänglich sind. Hierher gehören: Nähmaschinen, Webstühle, Wirk-, Strick-, Stickstühle etc. Man sieht, dafs dies Arbeitsmaschinen sind, die sich seit altersher in den Händen der meskinsten Produzenten befinden. An sie haben Männer wie Reuleaux augenscheinlich auch in erster Linie gedacht, wenn sie meinten: die Arbeitsmaschine nützt der Handwerker schon, fehlt ihm nur die Kraftmaschine. Offenbar ist nun zum Betrieb solcher Kleinarbeitsmaschinen theoretisch die Kleinkraft- 34 * 532 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. maschine in der That sehr wohl geeignet. Und es ist auch nicht ausgeschlossen, dafs mit den Fortschritten der Elektrotechnik, namentlich wenn das Problem der Kraftübertragung auf weite Strecken einer befriedigenden Lösung entgegengeführt wird, mehr Handwebstühle, mehr Fufsnähmaschinen, mehr Strick- und Stickmaschinen als bisher einen Antrieb durch mechanische Kraft erfahren werden. Mancherlei Erfahrungen der letzten Zeit lassen darauf schliefsen, dafs diese Annahme nicht unbegründet ist. Die Vorgänge in den Weberdistrikten von St. Etienne an der Loire, in den Uhrmacherdörfern des schweizer Jura werden sicher nicht vereinzelt bleiben. In St. Etienne sind etwa 18000 Webstühle im Betriebe, die über das Land hin verbreitet sind. Von diesen wird seit 1893 eine ganze Anzahl durch Elektromotoren angetrieben, denen der nötige Strom die Edison Electric Co. liefert. Da die Leistungsfähigkeit des einzelnen Stuhls dadurch um etwa 25% gestiegen ist, hat sich die Gesellschaft erboten, die übrigen Webstühle des Distrikts in gleicher Weise mit Elektromotoren zu versehen. Die für diesen Zweck errichtete elektrische Centrale liefert 900 PS. Nach den Offerten der Edison Electric Co. betragen die Ausgaben pro Stuhl 350 Frcs. einschliefslich Elektromotor und Transmission, wofür der Bewegungsmechanismus in den Besitz des Webers übergeht, der aufserdem noch 10 Frcs. pro Monat und Stuhl für Instandhaltung des maschinellen Teils seiner Anlage zu bezahlen hat. In ähnlicher Weise ist das Elektrizitätswerk La Goule, dessen Kapazität 1500 PS. beträgt, organisiert; es dient vornehmlich der Kraft- und Lichterzeugung einer Anzahl von Uhrmacherdörfern im Thale von St. Imier. Das also sind thatsächliche Erfolge, die der Elektromotor auf dem Gebiete kleingewerblicher Produktion erzielt hat 1 . Aber handelt es sich denn hier überhaupt noch um handwerks- mäfsige Existenzen ? Doch ganz und gar nicht. Der Handweber, die Hausnähterin, der Uhrmacher, denen nun etwa der elektrische Strom ihre Maschinen treiben hilft, haben längst aufgehört, Handwerker zu sein; es sind hausindustrielle Lohnarbeiter geworden. Die Verbesserung der Technik kommt also nicht ihnen, sondern dem Kapital zu gute, ebenso wie seiner Zeit nicht sie, sondern das Kapital von der Einbürgerung der Arbeitsmaschine profitiert hat. Aber selbst 1 Ygl. H. Lux, Der Kleinmotor und das Kleingewerbe im socialpolitischen Centralblatt. IV. Jahrgang. S. 309. Dreiunddreifsigstes Kapitel. Handwerk und Maschine. 533 angenommen, es fände sich noch irgendwo unter jenen Gewerbetreibenden eine Art von Handwerker, so würde ihn der elektrische Strom, der jetzt in seine Arbeitsstätte geleitet wird, sicher nicht kräftigen, er würde ihm viel eher den Garaus machen. Denn was der Handwerker gewönne, wäre die Möglichkeit, mehr wie früher zu produzieren. Er müfste also auch mehr absetzen. Und die ganze Industrie um ihn herum würde auch mehr absetzen müssen, sodafs sich die Absatznot für die einzelnen Produzenten vermehren, der Konkurrenzkampf verschärfen, die kleine, schwächliche Existenz um so eher dem stärkeren Mitbewerber zum Opfer fallen würde. Vorausgesetzt, dafs sie es nicht vorzöge, sich freiwillig ihrer ökonomischen Selbständigkeit zu begeben, d. h. sich dem Kapital zu verschreiben und damit wenigstens ihr Lehen zu retten. Was also möglicherweise als Folge weiterer Fortschritte der Kleinmotorentechnik für die genannten Gewerbezweige herausspringt, kann niemals eine Stärkung des Handwerks sein, wohl aber eine Verewigung oder wenigstens eine Daseins Verlängerung der hausindustriellen Organisation. Dieser wird in der That, unter besonders günstigen Verhältnissen, durch billige und bequeme Zuführung elementarer Kraft neues Leben eingehaucht; ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber dem geschlossenen Grofsbetriebe kann in manchen Fällen wachsen. Für das Handwerk könnte dies immer nur die Wirkung haben, dafs es nun einer um so schärferen Konkurrenz begegnete. Denn wenn es dem Unternehmer möglich ist, auf annähernd gleich hoher technischer Basis in hausindustrieller Form zu produzieren, so bedeutet das die Heranziehung billigerer Arbeitskräfte und somit abermals ein Mittel, die Warenpreise herabzusetzen. Ganz anders liegt das Problem, wo sich die maschinelle Technik auf einer vorhergehenden Arbeitszerlegung aufgebaut hat, die einzelne Arbeitsmaschine also einen abgegrenzten Teil des gesamten Produktionsprozesses übernimmt, sodafs in dem Mafse, wie dieser maschinell wird, ein System differenzierter Maschinen entsteht. Dies ist der typische Vorgang für die meisten Gewerbe, in denen die handwerksmäfsige Produktionsweise sich bis heute hie und da erhalten hat: die Schuhmacherei, Tischlerei, Schmiederei, Schlosserei, Drechslerei, Böttcherei, Buchbinderei, in denen allen schon jetzt die vollendete maschinelle Technik auf einem System von Werkzeugmaschinen sich auf baut, während in andern Gewerben, wie der Fleischerei, einstweilen nur einzelne Stücke des Produktionsprozesses von Specialmaschinen besorgt werden. Bei diesen Gewerbearten gelten nun aber für eine ökonomische Verwendung 534 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. von Arbeitsmaschinen, d. h. eine solche Verwendung, bei der eine volle Ausnutzung der Maschinen stattfinden soll, offenbar folgende einfache Regeln: 1. es genügt, um konkurrenzfähig zu sein, der Besitz von einer Teilmaschine nicht, wenn die Technik schon für andere Teilprozesse das machinale Verfahren ausgebildet hat; es bedarf vielmehr zu diesem Zwecke der Einstellung eines Systems von Arbeitsmaschinen; 2. die rationelle Betriebsgröfse wird bestimmt durch das Arbeitsquantum der verhältnismäfsig leistungsfähigsten Teilmaschine; die Mindestbetriebsgröfse ist von der Mindestgröfse dieser Teilmaschine abhängig; 3. die Mindestbetriebsgröfse entscheidet über das Mindestmafs von Produktion, somit also in unserer Wirtschaftsordnung über das Mindestmafs von Absatz, der notwendig ist, um die Vorteile des machinalen Verfahrens vollständig auszunutzen. Die Erfahrung belehrt uns nun dahin, dafs in der Regel die Ausmafse des handwerksmäfsigen Sachvermögens und des handwerksmäfsigen Betriebes nicht genügend sind, um die genannten Bedingungen einer rationellen Anwendung machinaler Technik zu erfüllen. Meist sind entweder die Anschaffungskosten der Maschinerie zu hoch, oder aber es würde der Betrieb weit über den Rahmen handwerksmäfsiger Organisation erweitert werden müssen, wenn sämtliche Arbeitsmaschinen voll genützt werden sollten, oder es fehlt an Absatz, um die volle Ausnutzung des Maschinensystems zu ermöglichen, oder es sind (und das ist wohl die Regel) alle drei Hinderungsgründe zusammen wirksam, um den Einzug des maschinellen Verfahrens in die Werkstatt des Handwerkers hintanzuhalten. Wiederum, wo der Handwerksbetrieb die Einstellung einer einzigen oder einiger Teilmaschinen rationellerweise gestatten würde, pflegt der Vorsprung, den das maschinelle Verfahren gewährt, zu gering zu sein, um eine wesentliche Rolle im Konkurrenzkämpfe zu spielen (Fleischhackmaschine, Knetmaschine). Ist aber die ökonomische Verwendung der Arbeitsmaschinerie ausgeschlossen, so ist ersichtlich, dafs auch der beste Motor dem Handwerker nichts nützen kann. Ein paar ziffermäfsige Angaben mögen das Gesagte bestätigen. Zu denjenigen Gewerben, in denen ein kompletter Set von Arbeitsmaschinen noch für leidlich niedrige Summen zu beschaffen ist, gehört die Buchbinderei. Unter der Voraussetzung, dafs sich der Betrieb schon einigermafsen specialisiert hat, etwa auf Dreiunddreifsigstes Kapitel. Handwerk und Maschine. 535 die Kontobücherfabrikation, braucht er mindestens eine Schneidemaschine, eine Heftmaschine, eineZiffriermaschine, deren Anschaffung mehrere Tausend Mark kostet. In einer mir bekannten Buchbinderei hier am Ort sind um diese drei einstweilen mit der Hand bezw. dem Fufs angetriebenen Maschinen bereits 12—15 Arbeiter, darunter 2—3 weibliche, gruppiert. Trotzdem klagt der Inhaber, dafs die Maschinen nicht genug ausgenützt würden. Sollte die Aus- ■> nützung eine vollständige sein, gar unter Verwendung eines Motors, so müfste der Betriebsumfang noch ganz beträchtlich erweitert ' werden. Und doch handelt es sich schon jetzt nicht mehr um einen Handwerksbetrieb, sondern um eine kleinkapitalistische Unternehmung. In der Kammfabrikation würde die vollständige Ausstattung eines Betriebes mit dem erforderlichen Maschinenmaterial mindestens 7000 Mark Kosten verursachen und diese Einrichtung würde zu voller Ausnützung ein Personal von 7—9 Arbeitern erheischen 1 . Aus der Übersicht über die Verwendung der Gas- und Elektromotoren ergiebt sich nun aber, dafs zu gewerblichen Produktionszwecken am meisten Kleinkraftmaschinen zum Antrieb von Holz und Metall verarbeitenden Maschinen verwandt werden, d. h. also in den Gewerben der Tischlerei, Böttcherei, Stellmacherei, der Schlosserei, Schmiederei, Klempnerei. Auch hier jedoch, wo noch am ehesten Aussicht für den Handwerker wäre, sich die moderne Maschinentechnik zu eigen zu machen, haben die Thatsachen zu seinen Ungunsten entschieden. Von der Tischlerei in München heilst es 2 * : es bleibt immer das Resultat: der kleinere Schreiner kann seine Maschinen zu wenig ausnützen. Der sehr vorsichtige Berichterstatter für Karlsruhe meint 8 : im Kleinbetriebe ist die Aufstellung von Werkzeugmaschinen durchweg unthunlich . . . Nur für ein gröfseres Sortiment von Maschinen würde der Kraftbetrieb sich lohnen. Dazu ist wiederum ein gröfserer Motor notwendig und hinreichende Beschäftigung für diesen. Über den Mindestumfang eines Tischlereibetriebes, in dem alle maschinellen Vorrichtungen vertreten sind, weichen die Auffassungen von einander ^ ab. Nach den Angaben Arthur Cohens 4 sind unter Zugrundelegung einer auf das Notwendigste beschränkten maschinellen 1 U. IV, 240. 2 Thurneyssen, a. a. 0. S. 111—115. 5 U. III, 99/100. Ähnliche Urteile liegen vor für Berlin. U. IV, 391 f. Mainz HI, 320. Köln I, 289. 4 U. IH, 550 ff. 536 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. Einrichtung (Kreissäge, Bandsäge, zwei Hobelmaschinen, Fräsmaschine, Bohrmaschine) die Maschinen in der Bauschreinerei nur bei 20, in der Möbelschreinerei gar erst bei 70 Arbeitern bis zum Sättigungspunkt beschäftigt. Mögen diese Ziffern auch zu hoch gegriffen sein: sicher ist, dafs auch in der Tischlerei die ökonomische Verwendung der vollständigen Arbeitsmaschinerie nur in Betrieben möglich ist, die den Umfang des Handwerks weit überschreiten. Die Beobachtung, dafs die Ausrüstung der eigenen Werkstatt mit der erforderlichen Arbeitsmaschinerie dem Handwerker unmöglich ist, hat zu der Institution der sog. Lohnschneidereien geführt: Unternehmungen, die gegen ein Entgelt einzelnen Handwerkern die Benützung eines kompletten Systems von Tischlereimaschinen gewähren. Die Urteile über ihre Bewährung weichen von einander ab 1 . So viel ist jedenfalls klar, dafs derjenige Produzent, der auf jene fremden Holzbearbeitungsbetriebe angewiesen ist, benachteiligt ist gegenüber einem Konkurrenten, der die Maschinen im eigenen Betriebe beschäftigt. Die Nachteile sind nämlich mindestens folgende: 1. Versäumnis von Zeit, die durch den Transport der Hölzer sowie durch gelegentliches Warten entsteht; 2. Belastung mit dem Produktionsprofit jener fremden Geschäfte. Einen wesentlichen Einflufs auf den Ausgang des Konkurrenzkampfes in der Tischlerei haben jene Lohnschneidereien offenbar nicht; können sie schon deshalb nicht haben, weil die Kostenersparnis, die durch Maschinenbenutzung entsteht, in sehr vielen Zweigen namentlich der Möbeltischlerei von keiner ausschlaggebenden Bedeutung ist 2 3 . Ganz ähnlich wie in der Tischlerei ist die Situation in der Drechslerei, von der ebenfalls bestätigt wird, dafs die Einführung der maschinellen Technik dem Handwerker durchaus unmöglich sei. „Da die motorisch bewegten Drehbänke, die er sich allenfalls anschaffen kann, nicht entscheidend sind, so müfste er mindestens auch Fräs- und Bandsäge haben. Dazu wäre aber schon ein ansehnliches Kapital erforderlich und der Betrieb rückte in die Kategorie der fabrikmäfsigen Mittelbetriebe — lies kleinkapitalistischen Unternehmungen — empor, ohne dafs es damit aus- 1 Vgl. U. I, 87. 267. 290. III, 207. 320. 544. IV, 383 f. Vgl. auch deu ersten Band dieses Werkes S. 546 f. 3 Vgl. darüber die eingehenden Berechnungen von A. Voigt in U. III und P. Voigt in U. IV. Dreiunddreilsigstes Kapitel. Handwerk und Maschine. 537 gemacht wäre, ob er sich auch dauernd gegen die grofse Fabrik halten könnte 1 2 3 .“ Andreas Voigt kommt zu einer dem Handwerker etwas günstigeren Auffassung z . Doch ergiebt sich auch nach seinen Berechnungen, dafs mindestens vier Arbeiter ständig beschäftigt sein müssen, um die allerkleinste Maschinenanlage in der Drechslerei einigermafsen rentabel zu machen. Sehr kompliziert ist die Arbeitsmaschinerie in der Böttcherei, sodafs ihre Anwendung erst auf verhältnismäfsig hoher Stufenleiter denkbar ist 8 . Was aber für die holzverarbeitenden Gewerbe gilt, gilt auch für die metallvearbeitenden. Von der Schlosserei heifst es: „Der Vorteil von Ersparung an Arbeitern durch Werkzeugmaschinen kommt nur grofsen Betrieben zugute, wie solche in Jena nicht bestehen. Ganz ähnlich wäre auch die Bedeutung von Kraftmaschinen für kleine Betriebe zu beurteilen 4 * .“ „Für Schlosser und Schmiede ist von der gröfseren Verwendung von Motoren keine wesentliche Besserung zu erwarten; jedenfalls würde eine beschränkte Anzahl besser situierter Meister alle übrigen in den Hintergrund drängen, denn die Maschinenkraft macht eben, um rentabel zu sein, eine möglichst weitgehende Ausnützung notwendig und damit einen grofsen Umsatz. Daher sehen wir auch die betreffenden Meister genötigt, eine Werkzeugmaschine nach der andern anzuschaffen. Auf diese Weise bildet sich dann der handwerksmäfsige kleinmotorische Betrieb zur Kleinfabrik aus 6 .“ „Die im Kleinbetriebe eingeführten Maschinen, wie z. B. Hobel-, Bohr- und Fräsmaschine, Drehbänke, Windflügel, Motoren etc. sind in der Konkurrenz mit dem Grofsbetriebe nicht imstande, den Zeugschmiedemeister, trotz seines besseren Arbeitsproduktes (?), vor dem Untergange zu schützen 6 .“ Endlich entgeht auch die Klempnerei dem allgemeinen Gesetze nicht: „Die Maschinen, für welche sie grofse Aufwendungen haben, machen sich nicht bezahlt“ 7 , gilt auch für die Handwerks- 1 U. VII, 523. 2 U. III 133. 3 Vgl. die Zusammenstellung der in der Böttcherei gebräuchlichen Arbeitsmaschinen in der Statistik des D. R. N. F. Bd. 119. S. 145. 4 U. IX, 74. 6 U. IV, 312 f.: Das Urteil eines Technikers, deren jüngere Generation jetzt auch anfängt, die Bedeutung der Kleinmotoren für die Rettung des Handwerks mit nüchternen Augen anzusehen. 6 Fachberichte aus dem Gebiet der schweizerischen Gewerbe, S. 168. 7 U. IX, 82. T 538 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. betriebe dieses Gewerbes. „Seit Mitte der 1850er Jahre sind in der salzwedeler Klempnerei kleine mit der Hand betriebene Maschinen eingeführt, sodafs sich heute bei allen städtischen und den meisten ländlichen Meistern die 3 oder 4 einfachsten Maschinen finden, vermöge deren nach Prof. Reuleaux eine Werkstatt das fünf bis achtfache der früheren Handarbeit bei gleicher Arbeiterzahl leisten könnte, wenn nämlich so viel Arbeit wäre, um sie regelmäfsig benützen zu können 1 .“ '» r So wird man, denke ich, wenn man diese von den verschiedensten Gewährsmännern herrührenden, übereinstimmenden Urteile überblickt, nicht mehr zweifeln dürfen an der Richtigkeit der oben aufgestellten Behauptung: dafs der Regel nach moderne maschinelle Technik trotz aller Entwicklung zu Gunsten kleiner Kraftmaschinen sich mit dem Wesen handwerksmäfsiger Produktion nicht verträgt. Sie verlangt, damit sie sich bethätigen könne, einen Körper, der die Ausmafse des Handwerksbetriebes in fast allen Fällen überschreitet; sie verlangt aber auch zu ihrer Belebung eine andere Seele, als sie im Handwerk wohnt. Es ist eine richtige Bemerkung, dafs die Maschine ein dem Handwerker heterogenes Element sei, dafs sie aus einer ihm fremden Welt von Ideen und von socialer Erziehung stamme. Die modernen Maschinen sind die legitimsten Kinder des modernen ökonomischen Rationalismus. Und der Handwerker, der davon ifst, stirbt daran. Aber nicht nur die Handhabung der betreffenden Maschinerie selbst ist es, was dem Handwerker Qualitäten ab verlangt, die er nicht besitzt: auch alles, was im Gefolge des Maschinenbetriebes an Anforderungen auftritt: die durch Vergröfserung des Arbeitspersonals notwendig werdenden organisatorischen Fähigkeiten, die durch Vermehrung der Produktion erforderlich gemachten kaufmännischen Funktionen vermag der Handwerker nicht zu prästieren. Was die moderne Technik, insbesondere wiederum die Elektrotechnik also bewirken kann, ist möglicherweise eine Vermehrung kleinkapitalistischer Existenzen. Diese aber stellen nicht die Wiedergeburt des Handwerks dar: sie dienen vielmehr nur dazu, dieses um so schneller zu vernichten, weil sie, die aus ehemals handwerksmäfsiger ° Thätigkeit erwachsen sind, das Handwerk mehr noch und rascher als die grofskapitalistische Unternehmung aus seinem ureigensten Produktionsgebiet zu verdrängen vermögen. Durch eine derartige Entwicklung, die dem Konzentrationsprozefs des Kapitals zunächst 1 U. I, 143. Dreiunddreilsigstes Kapitel. Handwerk und Maschine. entgegenwirken könnte, würde gleichsam ein zweiter Feind des Handwerks mobil gemacht, der, aus seinen eigenen Reihen erstanden, ihm in den Rücken fiele. * * * So sind wir denn in diesem Abschnitt abermals zu dem Schlufsergebnis gekommen, dafs auch die Quantitätsvorzüge der kapitalistischen Unternehmung aufser allem Zweifel sind; d. h. auch in der Preisgestaltung das Handwerk kaum an einer Stelle seinen Konkurrenten überlegen ist. Es mag sich um Produktionsfaktorenverbilligung oder Produktionsverbilligung, bei jener um die Beschaffung der sachlichen oder der persönlichen, bei dieser um Quantitäts- oder Qualitätsvorzüge handeln: immer sehen wir die Situation zu Gunsten der kapitalistischen Unternehmung sich gestalten. Sodafs uns jetzt im Grunde nur noch eines wunderbar erscheinen mufs: wie es nämlich zu erklären ist, dafs trotz dieser offenbaren Überlegenheit der kapitalistischen Produktionsweise doch noch immer so viel Handwerk standgehalten hat, wie es thatsäch- lich der Fall ist. Die Aufhellung dieses Phänomens soll im folgenden Abschnitte noch versucht werden. Es wird sich dabei um die Aufdeckung desjenigen handeln, was man die Hemmungen nennen kann, denen die natürliche kapitalistische Entwicklung in der Gegenwart ausgesetzt ist. Vierter Abschnitt. Hemmungen. Vierunddreifsigstes Kapitel. Allgemeines. Hemmungen auf Seite der Nachfrage. Hemmungen der kapitalistischen Entwicklung nenne ich solche Verumständungen, die es bewirken, dafs das Handwerk sich am Lehen zu erhalten vermag, trotzdem die objektiven (homogenen) Bedingungen kapitalistischer Produktion erfüllt sind. Dafs letztere sich dort nicht entfaltet, wo ihr die Existenzbedingungen fehlen, wo also insbesondere noch der für ihr Gedeihen erforderliche Intensitätsgrad des Wirtschaftslebens nicht erreicht ist, ist selbstverständlich, es auszusprechen, ein Truism, es im einzelnen nachzuweisen, Überflufs. Jedermann sieht, dafs die Widerstandskraft derjenigen Handwerke in extensiven Konsumtionsgebieten, deren Erzeugnisse aus physischen oder ökonomischen Gründen eine geringe oder gar keine Transportfähigkeit aufweisen, mit jener Thatsache in Verbindung steht; jedermann weifs, dafs die Flick- und Reparaturarbeit, die heute zu neun Zehntel das Arbeitsfeld der Handwerker bildet, aus denselben Gründen ihm verblieben ist. Der Zweck unserer Ausführungen war aber des ferneren der, nachzuweisen, dafs es sich in allen Fällen solcherart um Zeitfragen handelt, dafs die Tendenz der gesamten ökonomischen Entwicklung auf eine schrittweise Erfüllung der für die kapitalistische Produktionsweise unentbehrlichen Bedingungen gerichtet ist. Also darum handelt es sich nicht. Vielmehr interessiert uns hier die seltsame Beobachtung, die wir täglich machen können, dafs, auch Vierunddreifsigstes Kapitel. Allgemeines. Hemmungen etc. 541 dort, wo jene (homogenen) Bedingungen längst erfüllt sind, wo „theoretisch“ längst von handwerksmäfsiger Produktion keine Rede mehr sein sollte, wir diese doch noch antreffen. Wie in aller Welt erklärt es sich, dafs in einer Grofsstadt noch ein einziger handwerksmäfsiger Friseur, ein einziger handwerksmäfsiger Bäcker, Fleischer, Tischler, Schlosser sein Dasein fristet, die letzteren, soweit sie keine reinen Reparaturhandwerker sind? Die allgemeine Antwort auf diese Frage wird die sein müssen: dafs es offenbar noch andere als die in den beiden vorangehenden Abschnitten auseinandergesetzten Gründe für das Obsiegen im Konkurrenzkampf geben wird, anders ausgedrückt, unter Anlehnung an die im Geleitwort entwickelten Gedankengänge: dafs heterogene Bedingungen von einer Stärke sich entfalten, die im stände ist, die Wirksamkeit der homogenen Bedingungen zu paralysieren. Solcherart Hemmungen lassen sich nun zwei Gruppen unterscheiden: 1. Hemmungen, die auf seiten der Nachfrage, 2. Hemmungen, die auf seiten des Angebots wirken. Die ersteren kann ich kurz erledigen. Man begegnet hier häufig dem Hinweis, dafs eine „decen- tralisierte“ Produktion der Bequemlichkeit des Publikums entgegenkomme, dafs sich das Handwerk oft deshalb am Leben erhalte, weil jeder seinen Friseur, seinen Bäcker, seinen Fleischer in der Nähe haben wolle. Das ist unklar gedacht. Erstens will das keineswegs jedermann, die meisten lassen sich auf dem Wege aus dem Geschäft rasieren, die Hausfrauen haben sich schon lange gewöhnt, in den Markthallen ihr Fleisch zu kaufen und die Bäcker schicken in die entferntesten Stadtteile ihre Wagen oder ihre Austräger. Zweitens kann auch das kapitalistische Unternehmen sehr wohl dem Bedürfnisse einer Decentralisation seiner Betriebsstätten nachkommen: dazu sind Filialen da. Die wahren Gründe für das vielfach auffallend langsame Vordringen kapitalistischer Organisation scheinen mir, soweit sie auf Seite der Nachfrage wirken, vor allem in folgenden Konsumtionsraomenten zu liegen: 1. Überall dort, wo die kapitalistische Unternehmung uns besser, dafür aber teurer liefert, fehlen bei unserem heutigen Reichtumsniveau doch noch die Käufer, die nötig sind, um genügenden Absatz zu garantieren. Das gilt für einen grofsen Teil der qualitativ hochstehenden Tischlerei, Schlosserei, Bäckerei, Fleischerei, Schneiderei etc. etc. Erst in dem Mafse, wie die 542 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. wohlhabenden Schichten anwachsen, die über das Preisniveau des alten Handwerks hinaus zu zahlen vermögen, wird der Boden für die kapitalistische Unternehmung, soweit sie Qualitätsware liefert, bereitet. 2. Auch wo die finanzielle Möglichkeit schon heute vorläge, die Leistung der kapitalistischen Unternehmung zu bezahlen, bleibt dem Handwerk sein Bestand gesichert dank der weitverbreiteten Unempfindlichkeit der Kundschaft gegenüber seinen minderwertigen Leistungen. Es ist ja geradezu erstaunlich, bis zu welchem Grade die Langmut des Publikums, insbesondere, scheint’s mir, des deutschen sich erstreckt, wenn es gilt, die miserablen Waren oder Darbietungen handwerksmäfsiger Produzenten zu ertragen. Wie langsam wächst erst eine Generation von Leuten heran, die wirklich Empfinden haben für die Ungeheuerlichkeiten, die ihnen ihr Schneider oder Schuster alter Observanz auf den Leib hängen! Wie gänzlich verständnislos ist auch die wohlhabende, sog. gute Gesellschaft vielfach noch heute gegenüber dem, was gutes Backwerk, gutes Fleisch ist. Sie essen Tag aus, Tag ein unverdrossen denselben Frafs weiter, den ihnen ihr Handwerker ins Haus liefert. Die Leute, denen es Unbehagen bereitet, zum Nachtmahl Weifsbrot vom Morgen zu essen, lassen sich f zählen. Bei wie wenigen ist das Gefühl für Sauberkeit und Accuratesse, von Komfort und Eleganz gar nicht zu reden, so weit entwickelt, dafs es sie ekelt vor den Höhlen unserer meisten grofsstädtischen Frisierstuben. Man sehe sich doch dasselbe Publikum auf Reisen, in den Restaurationen an! Auch hier ästhetischer Stumpfsinn und nicht die leiseste Ahnung von dem, was der Kulturmensch von seiner Umgebung fordert. An diesen Kulturbarbaren hat das Handwerk vielerorts noch einen ganz vortrefflichen Rückhalt. Hier bedeutet also Fortschritt in der Civili- sierung des Publikums Umbildung der Existenzbedingungen zu Gunsten des Kapitalismus. 3. Eine dritte Hemmung durch Konsumtionseigenarten dürfen wir in dem Umstande erblicken, dafs das Publikum häufig i genug dem Handwerker einen teureren Preis bezahlt für die gleiche Leistung, die es im Laden oder in der Fabrik billiger sich verschaffen könnte. Hier profitiert also der Handwerker davon, dafs eine Preisnivellierung verhindert wird. Die mannigfachen Gründe, die zu diesem Erfolge beitragen können — Mifs- trauen, Unkenntnis, Trägheit, Gewöhnung, Anhänglichkeit — sind bekannt und ihrer Erörterung sind zahlreiche scharfsinnige Unter- Vierunddreifsigstes Kapitel. Allgemeines. Hemmungen etc. 543 suchungen gewidmet worden 1 , sodafs es sich hier erübrigt, des weiteren davon zu handeln. Zu bemerken wäre nur, dafs die einer Preisnivellierung entgegenwirkenden Tendenzen ebenfalls in dem Mafse schwächer werden, in dem die kapitalistische Entwicklung fortschreitet. Dagegen werden wir uns nun um einiges länger bei einer Erörterung der Hemmungen auf der Produktionsseite aufzuhalten haben. Hier würde es sich also um die Feststellung handeln, dass es dem Handwerk in einzelnen Fällen gelingt, die der kapitalistischen Produktionsweise eigentümlichen Qualitäts- oder Quantitätsvorzüge sich doch auf irgend eine Weise zu eigen zu machen, d. h. also allen Entwicklungstendenzen zum Trotz, die, wie wir gesehen haben, die Produktionsbedingungen durchgängig zu Ungunsten des Handwerks gestalten, sei es besser, sei es billiger als die kapitalistische Unternehmung, bezw. wenigstens ebenso gut oder ebenso billig wie diese zu produzieren. Auf die Frage, wie solches Wunder sich ereignen könne, geben Theorie und Leben, oder wenn man lieber will: Glauben und Wissen verschiedene Antworten. Danach wird die folgende Untersuchung in zwei Teile zerfallen müssen: der erste handelt dann von den imaginären Hemmungen, der zweite von den effektiven Hemmungen. In dem ersteren soll das Problem der Handwerkergenossenschaften im Zusammenhänge erörtert werden, während der andere dasjenige enthalten wird, was man die Organverkümmerung oder den Verkrüppelungsprozefs des Handwerks nennen kann. 1 Ygl. vor allem die gründlichen Auseinandersetzungen hei J. Neu- mann, Die Gestaltung des Preises in Schönhergs Handbuch der politischen Ökonomie. Band I. Fünfunddreifsigtes Kapitel. Der Traum von den Handwerkergenossenschaften. Zu den grandiosesten Irrtümern der modernen Nationalökonomie gehört der Wahnglaube, es könne das Handwerk gegenüber der kapitalistischen Unternehmung, „dem Grofsbetriebe“, konkurrenzfähig erhalten werden durch genossenschaftlichen Zusammenschlufs. Es beruht auf dem Grundgedanken, dafs viele Kleine zusammen einen Grofsen bilden, und hat als Leitmotiv die Bauernregel, dafs Einigkeit stark mache. Die Kreuzung zwischen Handwerk und Genossenschaftsidee ist specifisch deutschen Ursprungs. Sie entstand in den 1840 er Jahren, als das deutsche Handwerk als ganzes die ersten empfindlichen Stöfse auszuhalten hatte und doch nicht mehr oder nicht mehr völlig den Schutz der alten Zunftverfassung genofs. „Zwei Übelstände sind es vorzugsweise“, schreibt derjenige Autor, bei dem ich die späteren Gedankengänge zuerst in systematischer Ordnung finde 1 , „welche auf dem kleineren Handwerker heutzutage drückend lasten und denselben leicht in die geschilderte traurige Lage stürzen . . . Diese beiden Umstände sind: Mangel an Gelegenheit zu vorteilhaftem Absatz (!) und Entbehrung zureichender Geldmittel . . . Soll diesem Übelstande gesteuert werden, so mufs solchen kleinen Meistern Gelegenheit geboten werden, ihre Erzeugnisse schneller 1 Fr. Daei, Uber Association im Gewerbewesen, namentlich Industriehallen und gemeinsame Werkstätten in Rau-Hanssens, Archiv für politische Ökonomie. N. F. ßd. VIII, auch separat erschienen 1848. Die Schrift Daeis scheint keinem der Historiker des deutschen Genossenschaftswesens bekannt geworden zu sein. Wenigstens finde ich sie weder erwähnt bei H. Crüger, Die Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften in den einzelnen Ländern. 1892, noch bei H. Zeidler, Geschichte des deutschen Genossenschaftswesens. 1898, noch ist sie enthalten in der Übersicht über die ältere Genossenschaftslitteratur, die K. Knies, Der Credit 2 (1879), 288 giebt. Fünfunddreifsigstes Kap. Der Traum v. d. Handwerkergenossenschaften. 545 und besser als bisher zu verwerten. Aufserdem mufs es ihnen aber auch möglich gemacht werden, zum Ankauf von Materialien und desgleichen zur Bestreitung der Auslagen einer Haushaltung sich gegen mäfsige Zinsen die erforderlichen Geldmittel zu verschaffen. Diesen beiden Aufgaben zu genügen, hat man in neuerer Zeit ebenfalls das Mittel der Association versucht und an mehreren Orten sog. Industrie-, Gewerbs- und Verkaufshallen begründet 1 .“ Im weiteren Verlauf der Schrift finden sich dann die meisten Arten von Handwerkergenossenschaften aufgezählt und angepriesen, die man seitdem aus der Praxis kennt und als deren Vater gemeinhin Schulze aus Delitzsch genannt zu werden pflegt 2 3 * * . Es sind dies wie bekannt: 1. Kreditgenossenschaften; 2. Rohstoffgenossenschaften; 3. Werkzeuggenossenschaften; 4. Werk- (Produktiv-)genossenschaften; 5. Absatz- (Magazin-)genossensc.haften. Die letzten vier Arten kann man als Betriebsgenossenschaften zusammenfassen und den Kreditgenossenschaften gegenüberstellen. Bei einer Würdigung der genannten Bestrebungen wird man gut thun, diese beiden Kategorien getrennt zu behandeln, da sie, wie sich zeigen wird, herzlich wenig Berührungspunkte miteinander haben. Jedenfalls sind die Probleme, die sie stellen, ganz und gar von einander verschieden und nur die unglückliche Vereinigung unter den nichtssagenden Sammelbegriff der „Genossenschaft“ hat Dinge zusammengestellt, die innerlich weltenfern von einander abliegen. Während nämlich in den Betriebsgenossenschaften that- sächlich die Idee der genossenschaftlichen Produktion den Kernpunkt des Problems bildet, ist diese bei den Kreditgenossenschaften ein zufälliges Moment. Bei letzteren ist das Entscheidende die Kreditbeschaffung, die zwar meist in unserem Falle durch genossenschaftliche Organisation der Beteiligten erfolgt, aber keineswegs immer nur in dieser Form zu erfolgen braucht; vielmehr kann auch durch staatliche oder städtische Anstalten derselbe Zweck erreicht werden 8 . Haben wir also im ersteren Falle unsere wissenschaft- 1 a. a. 0. S. 10/11. 2 H. Schulze, Mitteilungen über gewerbliche und Arbeiterassociationen. 1850. Derselbe, Assoziationsbucb für deutsche Handwerker und Arbeiter, 1853 und zahlreiche spätere Schriften. 3 In dem Augenblick, in dem ich dies schreibe (Oktober 1900), liegt der Breslauer Stadtverordnetenversammlung der Antrag vor: den Magistrat zu er- Sombart, Ber moderne Kapitalismus. II. 35 546 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. liehe Untersuchung auf die Frage einzustellen: welche Bedeutung hat für die Konkurrenzfähigkeit des Handwerks der genossenschaftliche Betrieb (in einzelnen Punkten oder im ganzen), so lautet das Thema im letzteren Falle: welche Bedeutung für die Konkurrenzfähigkeit des Handwerks hat eine erleichterte Kreditbeschaffung. I. Die Bedeutung des Kredits für das Handwerk. Unterstellt wird, dafs alleäufserenHindernisse, die einer den Bedürfnissen des Handwerks entsprechenden Kreditbeschaffung im Wege stehen, sei es durch genossenschaftliche, sei es durch gemeinwirtschaftliche Veranstaltungen aus dem Wege geräumt seien *, der Handwerker somit denjenigen Kredit im vollen Mafse empfange, dessen er fähig ist. So entsteht die Frage, was ihm damit geholfen sei. Um darauf die Antwort zu geben, wird es zweckmäfsig sein, sich eine einigermafsen klare Vorstellung von den Leistungen des Kredits zu machen, eine klarere, als sie bei den meisten Theoretikern des Handwerks sich vorzufinden pflegt. Was man gemeinhin unter der Bezeichnung des produktiven Kredits zusammenfafst, ist keineswegs gleichen Wesens, wenn man die Funktion in Rücksicht zieht, die die dargeliehene Wertsumme im Produktionsprozesse auszuüben bestimmt ist. Diese Funktion suchen, hei der „Städtischen Bank“ eine Einrichtung zu treffen, wonach Gewerbetreibenden und kleineren Kaufleuten hiesiger Stadt Darlehne von 300 bis 3000 Mark gegen Bürgschaft zu mäfsigen Zinsen und zu ratenweiser Zurückzahlung gewährt werden. Hierfür soll ein Kapital von einer Million Mark in Aussicht genommen werden. (Der Antrag wurde abgelehnt.) 1 Dafs dies in Deutschland heute thatsächlich der Fall sei, unterliegt für mich keinem Zweifel. Insbesondere bieten die Schulze-Delitzschen Darlehnskassen dem Handwerker alle vernünftigerweise zu verlangende Kulanz. Die 128712 selbständigen „Handwerker“, die im Jahre 1900 Mitglieder dieser Kassen waren, stellen denn auch m. E. alles dar, was auch nur von ferne im deutschen Handwerk Kreditwürdigkeit besitzt. Dazu kommen noch in Preufsen die von den Regierungsorganen in die Höhe getriebenen Innungs- und ähnlichen Handwerkerbanken, denen als Vermittlungsstelle die durch Gesetz vom 31. Juli 1895 ins Leben gerufene staatliche Centralgenossenschaftskasse wertvolle Unterstützung leistet. Der Umsatz der C.G.K. überstieg im Etatsjahr 1901 bereits 4 Milliarden Mk. (4010 245 360,10 Mk.) S. Erläuterungen zu dem „Etat der Verwaltungs-Einnahmen und Ausgaben der preufsischen Central-Genossenschafts- kasse für das Etatsjahr 1902.“ S. 8. Vgl. über die genannte Einrichtung Heiligenstadt (jetziger Direktor), Die preüfsische Centralgenossenschaftskasse. 1897. Eine dankenswerte ausführliche Darlegung des heutigen Standes des genossenschaftlichen Kredits für Handwerker enthält die Schrift von A. Retzbach, Die Handwerker und die Kreditgenossenschaften. 1899. Fünfunddreifsigstes Kap. Der Traum v. d. Handwerkergenossenschaften. 547 kann lediglich darin bestehen, die produktive Verwendung eines vorhandenen Sachvermögens zu erleichtern, oder aber darin, den Betrag eines bestimmten produktiv angelegten Sachvermögens zu vergröfsern. Ich will den Kredit im ersteren Falle Cirkulati ons- kredit, im letzteren Produktions kr edit nennen. Der Cirkulationskredit, wie es der Name ausdrückt, soll dazu dienen, die Stadien, die das Produkt sich in der Cirkulationssphäre befindet, für den Produzenten abzukürzen. Mit anderen Worten: mittels des Cirkulationskredits soll dem Produzenten das für seine Existenz bezw. die Weiterführung seiner Produktion erforderliche Bargeld zufliefsen. Das ist der Zweck aller Lombard- und des meisten Wechselkredits. In diesen Fällen wird die Summe der Werte, über die der Produzent verfügt, für diesen nicht vergröfsert; im Gegenteil: sie wird um den Zinsbetrag verringert. Nur dafs sich die Form ändert; dafs die Werte die Metamorphose aus den Waren- in die Geldform vollziehen, eher, als es ohne die Vermittlung des Kredits der Fall sein würde. Es ist bekannt, welche bedeutsame Rolle der Kredit in dieser seiner Eigenschaft als Cirkulationskredit im modernen Geschäftsleben spielt; wie er das Schwungrad ist, das der Produktionsmaschinerie über die sonst notgedrungen eintretenden toten Punkte hinweghilft, und wie er allerdings auch dadurch produktionssteigernd wirkt, dafs er die Reproduktionsperioden des produktiven Sachvermögens (in der kapitalistischen Unternehmung des Kapitals) abkürzt und dadurch die Intensität der Produktion durch Beschleunigung des Produktionstempos vermehrt. Hat dieser Cirkulationskredit überall im modernen Wirtschaftsleben seine grofse Bedeutung, so in ganz besonders hervorragendem Mafse in der Landwirtschaft, wo er die übermäfsige Länge der natürlichen durch die Wachstumsperioden gegebenen Reproduktionsperioden abkürzen hilft. Diesen Cirkulationskredit haben nun die genossenschaftlichen Kreditorganisationen, namentlich auch die Schulzeschen Darlehenskassen, den Kleinproduzenten in erster Linie zugänglich machen wollen 1 . Und sie haben ihr Ziel in ländlichen Kreisen 1 In den Schulze’schen Vorschufsvereinen war die Frist der Kreditgewährung ursprünglich 3 Monat; erst allmählich ist sie auf 6 und 12 Monat verlängert worden. „Dies war besonders wichtig für die Heranziehung der Landwirte als Mitglieder; denn ist auch grundsätzlich zwischen gewerblichem und landwirtschaftlichem Kredit kein Unterschied (?), so kann doch nach der Natur des Betriebes der Landwirt in der Regel erst nach 9—15 Monaten an. 35* 548 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. offenbar zu Dank der Beteiligten erreicht. Der Löwenanteil der kreditgenossenschaftlichen Entwicklung fällt bekanntlich auf die Landwirtschaft. Dagegen hat in Handwerkerkreisen derartige Kreditgewährung augenscheinlicherweise die gehegten Erwartungen nicht erfüllt. So schreibt ein guter Kenner des deutschen Handwerks * 1 : „Auch wo Kreditvereine bestehen, sind keineswegs alle Hoffnungen in Erfüllung gegangen, die man im Interesse der des Personalkredits bedürftigen Erwerbsklassen gehegt hatte. In den Schulze-Delitzschen Vereinen sind die Handwerker, für die diese Kreditorganisation hauptsächlich ins Leben gerufen worden war, sehr zurückgedrängt worden. Sei es, dafs die mancherlei Krisen, die über die Kreditvereine zeitweilig hereingebrochen sind, die Handwerker abschrecken, sei es, dafs die Aufnahmebedingungen allzu sehr verschärft worden sind, dafs der heutige Handwerker die Bedingungen nicht erfüllen kann, welche diese Vereine nach ihrer Organisation stellen müssen, sei es schliefslich, dafs der kurzfristige Kredit, der dort zu haben ist, dem Handwerker wenig helfen kann, Thatsache ist, dafs die Handwerker in diesen Vereinigungen wohlhabenden Mitgliedern Platz gemacht haben. Im Jahre 1871 betrug die Zahl der Handwerker im Mitgliederbestände der Schulze-Delitzschen Kreditvereine 36,8 °/o, 1894 war der Anteil auf 26,3% zurückgegangen 2 .“ Und in der That: was sollte denn auch ein derartiger Kredit dem Handwerk nützen, das um seine Existenz kämpfte? Ein kulanter Cirkulationskredit kann wohl aus einem schlecht geführten Handwerksbetriebe einen gut geführten machen , aber was er nie vermag, ist: einen Handwerker über sich selber hinaus zu heben, einem Handwerksbetrieb diejenige Vermögensbasis zu geben, die ihn im Konkurrenzkämpfe mit dem Kapitalismus widerstandsfähiger macht, kurz einen Handwerker in einen kapitalistischen Unternehmer umzuwandeln. Und darauf kommt’s doch im Grunde an. die Rückzahlung denken, da sein Betriebskapital sich zum gröfsten Teil nur einmal im Jahre umsetzt.“ Schulze-Delitzsch (H. Crüger), Vorschufs- und Kreditvereine als Volkshanken. 6. Aufl. 1897. S. 183. 1 Hugo Böttger, Die preufsische Central-Genossenschaftskasse in Schmollers Jahrbuch XX (1896). 229/30. 2 Zu Beginn 1900 war er schon auf 25,7 °/o gesunken; zu Beginn 1901 auf 25,5%. Vgl. Jahrbuch des Allgem. Verbandes der auf Selbsthilfe beruhenden Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften für 1900. S. 143 hezw. S. XXI. Fünfunddrcifsigstes Kap. Der Traum v. d. Handwerkergenossenschaften. 540 Sollte man denn aber vom Kredit in irgend einer Form nicht doch eine derartige Transsubstantiation erwarten dürfen? Sieht man nicht täglich, wie durch die Inanspruchnahme des Kredits eine ungeheure Ausweitung des Produktionsspielraums stattfindet? Wie der Produktionskredit thatsächlich die Basis des produktiven Sachvermögens, sei es bei der Anlage, sei es bei dem Betriebe einer Produktions Wirtschaft verbreitern hilft? Wie er vermögenslosen Personen die Unterlage für die gewagtesten Unternehmungen verschafft ? Warum in aller Welt soll der Kredit nicht auch die kleine Schwäche des Handwerks, seine „Kapitallosigkeit“, mit seiner wunderthätigen Wirkung aus der Welt schaffen können? Das ist offenbar noch heute die Auffassung vieler guter Menschen. Und warum sollte sie auch nicht? Ist es doch noch gar nicht so lange her, dafs eine bestimmte Richtung der Nationalökonomie ganz ähnliche Chimären als wissenschaftliche Wahrheiten verkündete. Hat doch ein seiner Zeit gefeierter Vertreter der nationalökonomischen Wissenschaft, Bruno Hildebrand, es fertig gebracht, folgende Sätze niederzuschreiben 1 : „Es giebt 1 B. Hildebrand, Naturalwirtschaft, Geldwirtschaft und Kreditwirtschaft in seinen Jahrbüchern. Bd. II (1864), S. 22. Wenn die wissenschaftliche Nationalökonomie solche Leistungen zu Tage förderte, wie die oben citierte Entgleisung Hildebrands, so darf man sich nicht wundern, wenn in der Laien- und Halblaienwelt die abenteuerlichsten Anschauungen vom Wesen des Kredits sich bildeten, die dann den überschwenglichsten Hoffnungen Nahrung gaben. Um nur ein Beispiel aus der neuen Litteratur vorzuführen: es ist der Vorschlag gemacht, sämtliche Handwerksbetriebe auf dem Wege des Kredits gleichsam in „Stille Gesellschaften“ umzuwandeln, d. h. dem Handwerker die nötige Financierung statt mittels kündbarer Darlehen, mittels „Einlagen“ zu besorgen, die auch dann oder gerade dann nicht herausgezogen würden, wenn sich der Handwerksbetrieb nicht rentiert, „weil ja die Einlagen des Kapitalisten ebenso sinken, wie der Wert der wirtschaftlichen Anlagen der Produzenten“. Da es nun dem Verkündiger dieses rettenden Gedankens doch unsicher erscheint, ob sich unter den angegebenen Bedingungen die notwendige Anzahl von Kapitalisten finden werde, um das Handwerk wieder flott zu machen, so soll der Staat vermittelnd dazwischen treten. „Der Staat benutzt den Kredit, den er als solcher geniefst, um in der Form des festverzinslichen und in vollem Betrage jeder Zeit fälligen (!) Darlehens den Kassen Kapital zuzuführen, welche zur Unterstützung der Produktivstände eingerichtet werden; läfst es also nicht in Gestalt von Darlehen ausgehen . . ., sondern als „Einlagen“ . . . Der Staat bleibt also der Socius der Produktion, gleichen Schritt mit derselben haltend, stets zur Seite, bald schnell vorwärtsgehend, bald stillstehend, bald vielleicht einen Schritt zurückgehend; er selbst jedoch leistet seinen Gläubigern einen festen Zins“ .. . Weiter kann der absolute Blödsinn wohl nicht auf die Spitze getrieben werden. Es erscheint mir ein Gebot der Menschenfreundlichkeit, den 550 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. nicht nur einen Kredit für den, der etwas hat, sondern auch für den, der etwas ist. Auch die sittlichen (!) Eigenschaften der Menschen können den Kredit begründen und dem Verkäufer oder Darleiher als hinreichende Bürgschaft für die Wiedererstattung seiner Werte gelten. Es kann ein Umsatz im Vertrauen auf die künftigen Leistungen eines Menschen stattfinden. Wird dieser persönliche oder vielmehr moralische Kredit ausgebildet und durch Bank- oder Kreditinstitute wie die gegenwärtigen Spar- und Leihkassen der Schweiz oder die deutschen Vorschufs- und Kreditgenossenschaften realisiert, so hört das Monopol der Kapitalisten, die Kluft zwischen Eigentümern und Nichteigentümern auf. Der moralische (!) Wert des Menschen erhält die Kraft des Kapitals. Die Besitzfähigkeit wird auch auf den Besitzlosen übertragen. Der redliche und befähigte Arbeiter ist ebenso wie der Kapitalist im stände, selbst Unternehmer zu werden und aufser seinem Arbeitslöhne eine Besitzrente zu beziehen.“ In Wirklichkeit ist ungefähr das Gegenteil eingetroffen von dem, was hier prophezeit wurde. Der Kredit ist einer der mächtigsten Hebel für die Entwicklung des Kapitalismus geworden, aus Gründen, deren Erörterung nicht hierher gehört * 1 . Man hat freilich den Kredit Wunder vollbringen sehen, aber Wunder kapitalistischen Unternehmungsgeistes, bei deren Bethätigung man denn auch allmählich die Grenzen kennen gelernt hat, an die die Ausdehnungsfähigkeit eines rationellen Produktionskredits doch immerhin gebunden bleibt. Man weifs jetzt, dafs nicht „der moralische Wert des Menschen“ über seine Kreditwürdigkeit entscheidet, sondern mindestens seine kaufmännisch-organisatorischen Fähigkeiten, dafs aber auch diese keineswegs genügen, um eine schrankenlose Kreditgewährung zuzulassen. Wenn Schäffle den Satz formuliert hat: die Grenze der Kredits liegt an der Grenze der Wahrscheinlichkeit des späteren Zählens, so möchte ich ergänzend hinzufügen: und die Grenze der Wahrscheinlichkeit des späteren Zählens liegt an der Grenze der Expansionsfähigkeit eines Unternehmens: diese aber wird nicht nur durch die persönlichen Eigenschaften des Unter- Verfasser jener Schrift, der obige Stellen entnommen sind, nicht noch durch Nennung seines Namens dem Gespötte weiterer Kreise preis zu geben. 1 Man vergleiche die etwa gleichzeitig mit dem Hildebrandsclien Aufsatz geschriebenen Ausführungen bei Karl Marx, Kapital III, 1. 422 ff., die schon ein eindringendes Verständnis von dem Wesen des Kredits und seiner Bedeutung für die kapitalistische Entwicklung verraten. Fünfunddreifsigstes Kap. Der Traum v. d. Handwerkergenossenschaften. 551 nehmers, sondern mindestens ebensosehr von der Aufnahmefähigkeit des Marktes bestimmt, sodafs die Kreditgewährung neben ihrer subjektiven auch ihre objektive Schranke findet. Wenden wir nun diese selbstverständlichen Sätze auf den vorliegenden Fall an, auf die Frage nach der Kreditfähigkeit des Handwerkers, so müssen wir bei ruhiger Überlegung zu der Überzeugung gelangen, dafs es ein geradezu ungeheuerlicher Gedanke ist, die Konkurrenzfähigkeit des Handwerks mittels Gewährung von Produktionskredit steigern zu wollen. Was der Kredit hier leisten müfste, wäre nach dem, was früher ausgeführt wurde, die Umwandlung der Handwerksbetriebe zum mindesten in klein kapitalistische Unternehmungen, von denen wir wissen, dafs sie unter besonders günstigen Bedingungen widerstandsfähig sind. Ich will nun gar nicht in Betracht ziehen, dafs es selbstverständlich nicht das Handwerk retten hiefse, wenn an seine Stelle eine entsprechende Anzahl kleinkapitalistischer Unternehmungen träte; ich will auch die formale Schwierigkeit als behoben annehmen, ein paar Millionen Handwerkern die Mindestvermögen für die Durchführung je einer kleinkapitalistischen Unternehmung zu beschaffen, will vielmehr nur die Frage aufwerfen, ob principiell ein solcher Gedanke ausführbar erscheint, alle Handwerker zu Kleinkapitalisten zu machen. Denken wir uns den Plan einen Augenblick realisiert, so würde damit zunächst eine ungeheure Steigerung der Produktion auf dem dem Handwerk eigentümlichen Gebiete eintreten, d. h. also eine entsprechende Erschwerung des Absatzes, eine Verschärfung der Konkurrenz. Die neugebackenen kleinen Unternehmungen würden von vornherein einem Feuer ausgesetzt werden, dem sie nicht stand zu halten vermöchten. Die Kreditoperation würde mit einem furchtbaren Krach endigen, da vier Fünftel der neuen Gebilde zahlungsunfähig werden müfste. Der volkswirtschaftliche Effekt aber würde eine beschleunigte Etablierung grofskapitalistischer Unternehmungen sein. Diese Wirkung aber müfste um so unvermeidlicher eintreten, als von den emporgehobenen kleinen Produzenten der überwiegende Teil auch gar nicht die persönlichen Fähigkeiten mitbrächte, einen Konkurrenzkampf mit gewiegten Unternehmern auszuhalten. Denn aller Kredit vermag doch niemals einen Handwerker persönlich in einen kapitalistischen Unternehmer zu verwandeln, was er doch müfste, wenn sein Zweck voll erfüllt werden sollte. Zu glauben, dafs allein die Darreichung eines entsprechenden Sachvermögens die Konkurrenzfähigkeit begründe, heifst denn doch den 552 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. Anteil erheblich unterschätzen, den die persönlichen Qualitäten des Produktionsleiters an dem Erfolge haben. Gilt das allgemein für jede Produktionswirtschaft, so in erhöhtem Grade für die kleinsten Gebilde kapitalistischen Charakters. Man wird den Satz aufstellen können, dafs in gewissem Sinne die Anforderungen an die persönlichen Fähigkeiten des Unternehmers im umgekehrten Verhältnisse zur Gröfse seines Unternehmens stehen, dafs jedenfalls die Existenzfähigkeit dessen, was wir kleinkapitalistische Unternehmungen nennen, an die Voraussetzung einer gesteigerten persönlichen Begabung und Energie des Leiters geknüpft ist, und zwar Begabung nicht für technisches Arbeiten, sondern für die Bewältigung der von der modernen kapitalistischen Wirtschaftsweise gestellten spekulativ- kaufmännischen Aufgaben. Wie man also auch das Problem anfassen mag, immer führt eine vorurteilslose Prüfung zu demselben Ergebnis, dafs es eine Utopie ist, an die „Rettung des Handwerks“ mit Hilfe des Kredits zu glauben. Was vielmehr in Wirklichkeit der Kredit zu leisten vermag und was er bei ungehinderter Entwicklung auch thatsäch- lich leisten wird, ist eine Beschleunigung des Zersetzungsprozesses, in dem sich das Handwerk befindet. Mit seiner Hilfe nämlich wird die Bildung einer beschränkten Anzahl kleinkapitalistischer Unternehmungen, d. h. also, wird sich die Auslese der lebensfähigen Elemente unter den Handwerkern rascher vollziehen können, als es sonst der Fall sein würde. Was wir als wahrscheinliche Wirkung der modernen Maschinentechnik glaubten hinstellen zu sollen, erscheint somit auch als der einzige Effekt, den der Kredit auf die Entwicklung des Handwerks ausüben kann: seinen Todeskampf abzukürzen, dadurch, dafs man die für kapitalistische Lebensweise geeigneten Persönlichkeiten rascher von den Fesseln hand- werksmäfsiger Produktionsweise befreit. II. Die Bedeutung der Betriebsgenossenschaften für das Handwerk. Es sind hier zu behandeln die Genossenschaften für gemeinsamen Einkauf der Rohstoffe oder Werkzeuge, für gemeinsame Produktion und für gemeinsamen Absatz der Erzeugnisse. Unterstellt wird, dafs eine Verwirklichung der genossenschaftlichen Organisation thatsächlich eine Steigerung der Widerstandskraft des Handwerks im Gefolge habe 1 . Zu untersuchen ist: ob bezw. bis zu welchem 1 Dafs dies immerhin nur in beschränktem Maße der Fall sein würde, kann nach dem, was wir über die Gründe des Niedergangs handwerksmäfsiger Fünfunddreifsigstes Kap. Der Traum v. d. Handwerkergenossenschaften. 553 Umfange die Anwendung dieses Mittels für das Handwerk im Bereiche der Möglichkeit liegt. Befragen wir zunächst die Statistik, so ergiebt sich, dafs in Deutschland und Österreich, den beiden Ländern, in denen allein die Handwerkerbetriebsgenossenschaft von irgend welcher Bedeutung ist, bis heute von einer nennenswerten Entwicklung überhaupt noch nicht die Rede ist. Die praktische Handwerkergenossenschaftsbewegung nimmt in Deutschland um dieselbe Zeit ihren Anfang, in der wir die ersten Äufserungen einer theoretischen Propaganda der Genossenschaftsidee hervortreten sehen: in den 1840er Jahren. Die ersten Genossenschaften, die von Handwerkern ins Leben gerufen wurden, waren (Tischler-)Magazingenossen- schäften, sog. Gewerbehallen, von denen die frühesten die 1841 in Mainz, 1843 „ Mannheim, 1845 „ Worms und Köln, 1846 „ Frankfurt a/M. und Wiesbaden begründeten sind * 1 . Die ersten Rohstoffvereine waren wohl die von Schulze in den Jahren 1849/50 geschaffenen Rohstoff bezugs- genossenschaften der Schuhmacher und Tischler in Delitzsch. Die Entwicklung der verschiedenen Kategorien von Handwerkergenossenschaften seit jener Zeit wird durch folgende Ziffern zum Ausdruck gebracht 2 . Produktion in Erfahrung gebracht haben, keinem Zweifel mehr unterliegen. Ganz abgesehen davon, dafs immer nur einzelne Handwerker überhaupt an den Segnungen der Betriebsgenossenschaften teil haben könnten, sojdarf doch nicht vergessen werden, dafs im besten Falle auch die genossenschaftliche Organisation dem Handwerker wiederum nur den Körper der kapitalistischen Unternehmung verleihen würde, aber nicht ihre Seele: die kaufmännische spekulative Qualifikation ihres Leiters. Und unzählige andere Eigenschaften der kapitalistischen Unternehmung, die dieser den Sieg im Konkurrenzkämpfe verschaffen, werden einer Handwerkergenossenschaft immer ahgehen: vor allem ist es die Yersatilität gegenüber Konjunkturen, gegenüber neuen Verfahrungsweisen, gegenüber der Gestaltung des Arbeitsmarktes etc., die immer eine Prärogative der kapitalistischen Unternehmung bleiben wird. 1 Danach sind die Angaben in Zeidlers und Crügers Geschichtsdarstellungen zu berichtigen. Ygl. F. Daei, a. a. 0., S. 11—19; ferner: „Die Gewerbehallen, ein Mittel zur Hebung des Gewerbestandes“ in den Schlesischen Provinzialhlättern 1847, S. 31 ff. 2 Vgl. Jahrbuch des Allgemeinen Verbandes etc. für 1899. S. IX. Desgl. für 1900 S. XIII f. XXX f. 554 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. 1. Gewerbliche Rohstoffgenossenschaften. Jahr Anzahl der bestehenden gew. Rolistoff- genossensch. Berichtende Rohstoff- genossensch. Mitgliederzahl Verkaufserlös Mk. Geschäftsguthaben d. Mitglieder Mk. Angelielienes Betriebskapital Mk. 1859 60 15 764 277 623 32 043 69 009 1870 152 17 733 1 041 357 265 801 329 573 1900 145 16 618 736 570 313 242 162059 2. Gewerbliche Magazingenossenschaften. Jahr Anzahl der bestehenden Magazin- genossensch. Berichtende Magazin- genossensch. Mitgliederzahl Verkaufserlös Mk. Geschäftsguthabend. Mitglieder Mk. Angeliehenes Betriebskapital Mk. 1863 12 2 181 201 273 13 455 67 131 1880 54 2 170 208 770 29 686 167 404 1900 79 4 163 212 936 83 674 272 557 Von den 16 berichtenden Rohstoffgenossenschaften entfielen (1900) 14 auf Schuhmacher, 1 auf Schneider, 1 auf Stellmacher 1 . Die Magazingenossenschaften bezwecken in ihrer grofsen Mehrzahl den gemeinsamen Möbelverkauf. V Aufserdem bestanden 1901 noch 66 gewerbliche Werkgenossenschaften 2 3 * : Von den 1900 neu errichteten Werkgenossenschaften sind 1 Schlachthaus-, 1 Schififerlade-, 1 Metallhandwerker-, 3 Elektrizitäts-, 1 Schreiner-, 1 Tuchmacher-, 1 Wagenbauer-, 1 Buchbindergenossenschaft und 4 Genossenschaften für die vereinigten Handwerker verschiedener Gewerbe. Die gewerblichen Produktivgenossenschaften, von denen nach den Angaben des Jahrbuchs (1901) 255 bestehen — 13 berichtende mit 1979 Mitgliedern hatten einen Verkaufserlös von 2 161108 Mark — scheinen in ihrer überwiegenden Mehrzahl nicht den Kreisen der Handwerker anzugehören: von den 13 berichtenden Genossenschaften waren 3 Buchdruckereien, 1 eine Tabakfabrik, 1 ein Handelsverein, 1 eine Weberei, 2 Brennereien, 1 eine Brauerei und nur 2 Bäckereien (davon 1 eine Konsumvereinsbäckerei), 1 eine llafner- und 1 eine Schuhmachergenossenschaft 8 . 1 Jahrbuch (für 1900) S. XXXIII. a Jahrbuch, XIII. 3 Jahrbuch, XIII. XXXIV. Eine ebenso eingehende Statistik der Handwerkergenossenschaften wie für Deutschland existiert m. W. für kein anderes Fünfunddreifsigstes Kap. Der Traum v. d. Handwerkergenossenschaften. 555 Diese Ziffern erscheinen auf den ersten Blick geradezu unglaublich: trotz emsigster Agitation abseiten zahlreicher Handwerkerfreunde, trotz allerhand Beihilfe abseiten der Regierung und ihrer Organe, bei der doch handgreiflichen und sonnenklaren Nützlichkeit dieser Einrichtungen (wie die theoretischen und praktischen Vertreter der Genossenschaftsidee nicht müde werden zu versichern) ist das Ergebnis nach einem halben Jahrhundert so gut wie null. Erst wenn wir dem Schicksal einzelner solcher genossenschaftlichen Gebilde nachforschen, erst wenn wir den Gründen auf die Spur zu kommen suchen, die hier den Untergang verschuldet, dort die gedeihliche Entwicklung aufgehalten haben, vermögen wir es zu begreifen, wie jenes totale Fiasco möglich gewesen ist. Unsere Quellen bieten ein reiches Material, aus dem sich mit Sicherheit ein Urteil über die Existenzbedingungen von Plandwerker- genossenschaften bilden läfst. Fassen wir die Gründe zusammen, die immer wieder für deren Untergang oder mangelhaftes Gedeihen angeführt werden, so ergeben sich — neben Indolenz der betreffenden Kreise, schlechter Verwaltung der Genossenschaften — vornehmlich folgende zwei: 1. gegenseitiges Mifstrauen der Genossen untereinander und daraus folgende Streitereien über Bevorzugung u. dergh, 2. Unverträglichkeit, insbesondere der gröfseren, „kapitalkräftigen“ Handwerksbetriebe mit dem Gros der kleinen Normal- und Unternormalmeister, die entweder den Sieg der Kleinen und damit den Untergang der Genossenschaft, oder den der Grofsen und damit deren „kapitalistische Ausartung“ im Gefolge gehabt hat. Das mögen einige beliebig herausgegriffene Belege bestätigen: „Gegen eine Verkaufsgenossenschaft — sc. der Schmiede in Nakel (Netze) — wendet man neben dem Mangel an jedem Anfangskapital besonders die Schwierigkeiten der Verwaltung ein. Man befürchtet eine Menge von Streitigkeiten über Benachteiligung einzelner Meister zu Gunsten anderer und sonstige Mifshelligkeit zwischen den Genossen * 1 .“ Hauptgrund für die Auflösung einer unter den sächsischen Gerbern gegründeten Absatzgenossenschaft für Häute war, „dafs die Leitung in ungeeignete Hände kam. Es hat fast den Anschein, Land. Über ihre Entwicklung in Österreich-Ungarn berichtet neuerdings C. Wrabetz, Die Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften in Österreich in dem Sammelwerk „Die sociale Verwaltung in Österreich am Ende des 19. Jahrhunderts“. Bd. I. Heft III. 1900. S. 15 ff. 1 U. IV, 246. 556 Drittes Bucli. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. als wären die neuen Vorstände mehr auf ihren Vorteil bedacht gewesen, als auf den der Gesellschaft“. Seitdem sind alle kleineren Gerber mifstrauisch geworden h Die „gegenseitige Mifsgunst der Mitglieder, von denen jeder auf Kosten der Genossen für seine Person möglichst hohe Gewinne herausschlagen wollte, wie die Unehrlichkeit des Geschäftsführers veranlafsten die Auflösung der Assoziation“ sc. einer Produktivgenossenschaft der Schmiede in Prenzlau, die von 1847 bis 1864 bestand 1 2 . „Mit den Rohstoff- ^ genossenschaften — sc. in der Berliner Tischlerei — hat man . . . regelmäfsig ganz schlechte Erfahrungen gemacht, weil das Holz seiner grofsen Qualitätsunterschiede wegen zum gemeinsamen Einkauf wenig geeignet ist. Es entstand jedesmal grofser Hader unter den Beteiligten, weil jeder glaubte, betrogen zu sein und niemand die geringere Qualität nehmen wollte 3 .“ Bei den Magazingenossenschaften daselbst ist „Untergang oder kapitalistische Entartung . . . bisher stets das Loos gewesen“ 4 * . „Die Uneinigkeit und gegenseitige Mifsgunst ist unter den Gewerbetreibenden hier — sc. den Tischlern in Könitz — zu grofs, als dafs irgend eine genossenschaftliche Bestrebung, die nicht eine greifbare, gleich- mäfsige Förderung der Interessen aller erwarten liefse, sonderliche Aussicht auf Erfolg hätte 6 .“ y Bei den Nürnberger Schlossern hat keine genossenschaftliche Bildung Bestand. Der Grund dafür ist „ein tiefeingewurzeltes gegenseitiges Mifstrauen. Keiner will dem andern seine Arbeit sehen, keiner den andern irgend eine billige Bezugsquelle, einen besonderen Vorteil wissen lassen. . . . Gewöhnlich mufs man hören: Was nützt es denn, wenn wir Kleinen uns vereinigen wollen, die Grofsen, die das Geld haben, thun doch nicht mit“ 6 . Rohstoffgenossenschaften unter den Mainzer Tischlern haben sich nicht bewährt: „Die allgemeine Begründung ist die, dafs das Material sich dafür nicht eigene. Eine gleichmäfsige Verteilung des im grofsen angekauften Holzes ist unmöglich, weil kein Stück dem andern gleicht und jeder das bessere haben will, das schlechte aber keinen Abnehmer findet 7 .“ Auch die Mainzer 1 U. V, 467/69. 2 U. IV, 127. 3 ü. IV, 466 f. 4 U. IV, 469. 3 U. IV, 174. 6 ü. III, 465. 7 U. III, 338. Ort Fünfunddreifsigstes Kap. Der Traum v. d. Handwerkergenossenschaften. 557 Gevverbehalle (die älteste ihrer Art, gegründet 1841) will nicht recht gedeihen. „Neid und Kleinlichkeit treiben fortwährend ihr Spiel und eine Partei der Unzufriedenen hat stets zu nörgeln 1 .“ Eine Rohstoffgenossenschaft der Ulmer Schuster ging ein, „weil es Streit unter den Meistern gab, indem einzelne Meister die besseren Häute für sich Wegnahmen“ 2 . Eine Tischlerverkaufsgenossenschaft in Posen mifslang „infolge der Mifsgunst der Handwerker untereinander“ 3 . Eine Tapeziererrohstoffgenossenschaft in Berlin hatte dasselbe Schicksal. „Das Fehlschlagen ist in letzter Linie der Nichtbeteiligung der kapitalkräftigeren Handwerker zuzuschieben, die sich die Vorteile des direkten Rohstoffbezuges selbständig verschaffen können und auch durch das in der Genossenschaft liegende Bürgschaftsmoment Kapitalverluste befürchten 4 .“ Die Schuster in Loitz wollen nichts stoffbezug wissen: „Die Verteilung der würde zu Streitigkeiten führen 6 .“ Eine Magazingenossenschaft bestand unter den Tischlern in Augsburg von 1856 bis 1884. „Ursache des Niedergangs war der Austritt der leistungsfähigeren Mitglieder und Gründung von eigenen Magazinen durch dieselben, sowie Mifshelligkeiten unter den Mitgliedern 0 .“ Genügen diese Zeugnisse für das Verständnis der Vergangenheit und Gegenwart nun auch vollständig, so ist es, um sich ein Urteil zu bilden über die Aussichten der Handwerkergenossenschaften in der Zukunft, notwendig, den tiefer liegenden Ursachen jener Hinderungsmomente nachzuforschen, um auf die Wahrscheinlichkeit ihres Fortbestehens oder ihres Verschwindens schliefsen zu können. Die grofse Mehrzahl der Beurteiler kommt nun bei solcherart Beginnen zu folgendem Schlüsse: die Genossenschaften haben ersichtlicherweise bisher nicht floriert, weil der für ihr Gedeihen unumgänglich notwendige Gemeinschaftsgeist fehlte. Wo dieser vor- von gemeinsamem Rohungleichen Lederrollen 1 ü. III, 333. 2 U. III, 279. 3 U. I, 89. 4 U. I, 112. 6 U. I, 39. 6 U. III, 559. V=J 558 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. handen ist, wie etwa in der Landwirtschaft oder bei den Arbeitern, da beobachten wir auch eine lebhafte Entwicklung der Genossenschaften. Es gilt also nur, diesen Gemeinschaftsgeist zu pflegen, so werden auch dem Handwerk die Segnungen des Genossenschaftswesens zu teil werden können. Denn an sich ist eine Vereinigung von Gewerbetreibenden sogar leichter als die von Landwirten, „wegen ihrer geringeren lokalen Gebundenheit“. Voraussetzung sind nur „Fortschritte der Eintracht, also auch der Einsicht und Selbstbeherrschung“ h Von diesem Räsonnement enthält die erste Hälfte eine Tautologie (dafs der Mangel an Gemeingeist schuld am Niedergang der meisten Handwerkergenossenschaften ist), die zweite dagegen eine gefährliche Utopie: der Glaube, dafs dem Übelstande abzuhelfen sei durch „eine gewisse Umstimmung des ganzen Menschen hinsichtlich seines Grundcharakters“ (Kulemann). Dem Zweifler drängt sich beim Lesen solcher Worte sofort die Frage auf: wie kommt es denn, dafs in demselben Lande zu gleicher Zeit andere Gesellschaftsklassen jene Charakterstimmung schon besitzen, die man in dem Handwerkertum erst erzeugen will? Sind die Bauern, sind die Arbeiter so viel edlere Menschen, dafs sie voll des Gemeingeistes sind, der den Handwerkern mangelt? Und bethätigen diese mit vielen anderen Elementen in unseren Staaten nicht bei anderer Gelegenheit recht wohl „Gemeingeist“, beispielsweise wenn sie Konsumvereine gründen helfen? Hätte man uns nicht seit langem daran gewöhnt, in so grenzenlos oberflächlicher Weise mit der „Genossenschaftsidee“, wie mit so vielen anderen Schwesterideen zu operieren, dafs man schliefslich in weiten Kreisen die Meinung erzeugte, es handele sich um eine Art von moralischem Serum, das man nur zu injicieren brauche, um die erwünschte Heilwirkung zu erzielen, so würde man sich von vornherein klar gemacht haben, dafs sociale Institutionen wie die Genossenschaften, damit sie bestehen können, vor allem auch an bestimmte ökonomische Voraussetzungen geknüpft sind. Man würde zu der Einsicht gekommen sein, dafs diese ökonomischen Voraussetzungen — nämlich ein Überwiegen der Interessengemeinschaft über die Interessengegensätzlichkeit — in allen Fällen, wo wir Genossenschaften gedeihen sehen, wie bei den Arbeitern, den Landwirten, den Konsumenten erfüllt sind, dafs hier der gerühmte „Gemeingeist“, 1 Roscher, System BandIII, §113. Ähnlich Kulemann, Kleingewerbe (1895) S. 99/100 und viele andere Autoritäten. Fünfunddreifsigstes Kap. Der Traum v. d. Handwerkergenossenschaften. 559 das Ferment der Genossenschaften, nicht die Ursache, sondern die Wirkung jener Solidarität ist. Man würde aber ebenso deutlich wahrgenommen haben, dafs unter den Handwerkern jene Voraussetzungen solidarischen Verhaltens nicht erfüllt sind. Erstens nämlich fehlt ihren Genossenschaften die eklatante Nützlichkeit, die alle andern genannten Kategorien von Genossenschaften aufweisen. Der Landwirt, der statt vom Wucherer seinen Samen und seinen Dünger jetzt zum halben Preise von der Genossenschaft bezieht, der seine Milch in bequemster Weise zu gleichen Bedingungen wie der benachbarte Gutsbesitzer an die Molkereigenossenschaft absetzt, hat ganz andere handgreifliche Vorteile von der Genossenschaft als der Handverker, der bisher vom Grossisten zu leidlich annehmbaren Bedingungen seine Rohstoffe bezog und dessen Erzeugnisse, wenn sie in einer gemeinsamen Verkaufshalle ausgestellt sind, darum noch lange nicht verkauft werden. Dann aber eignen sich die landwirtschaftlichen Erzeugnisse und Hilfsstoffe, dank ihrer Homogenität und darum Fungibilität erheblich besser zu gemeinsamem Bezug und Absatz als die gewerblichen Rohstoffe und Fabrikate. Saatgetreide und Dünger einer bestimmten Marke sind Centner für Centner identisch; Holz, Leder u. s. w. ist von Brett zu Brett, von Haut zu Haut verschieden. Uber die Milchanteile an einer Molkereigenossenschaft kann, zumal wenn die Milch nach Gewicht verkauft wird, nie ein solcher Streit entstehen wie über die verschiedene Qualität von Möbeln oder Stiefeln. Endlich aber und vor allem sind die Landwirte, dank der eigentümlichen Preisbildung in der Landwirtschaft längst nicht in dem Mafse Konkurrenten wie die Handwerker. Letztere Eigenschaft, die der Konkurrenten, ist es aber, die mehr als irgend etwas anderes die Genossenschaftlichkeit unter den Handwerkern heutzutage ausschliefst. Dafs auch gewerbliche Produzenten unter Umständen sehr wohl Bezugs- und andere Genossenschaften bilden können, lehrt uns die Geschichte des mittelalterlichen Gewerbewesens. Wir haben aber gesehen, dafs dessen entscheidende Eigentümlichkeit gerade in dem Fehlen der Konkurrenz beruhte. Geht man solcherart dem Problem der Genossenschaftshildung auf den Grund, wozu hier nur einige skizzenhafte Fingerzeige gegeben werden konnten, so wird man zu keiner anderen Überzeugung kommen können als der: dafs das Handwerk unserer Zeit dank seiner ökonomischen Wesenheit für jetzt und alle Zukunft von den Segnungen genossenschaftlichen Betriebes wird 560 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. ausgeschlossen bleiben. Das einzige, was allenfalls Handwerkergenossenschaften an nachhaltiger Wirkung erzeugen können, ist wiederum nichts anderes als eine Beschleunigung des Auflösungsprozesses der handwerksmäfsigen Produktion: sofern auch sie den kräftigeren Existenzen, wie wir es mehrfach beobachten konnten, als Sprungbrett dienen, um sich über das Niveau des alten Handwerkers hinaus zu kleinkapitalistischen Unternehmern aufzuschwingen. Sechsunddreifsigstes Kapitel. Der Verkrüppelungsprozefs des Handwerks. Im folgenden sind die Fälle zu untersuchen, in denen es thatsächlich dem Handwerker gelingt, seinem Gegner im Konkurrenzkämpfe die Stange zu halten, weil er zu gleichen oder niedrigeren Preisen dieselbe Leistung wie jener feilbietet. Diese Eventualität tritt ein unter zwiefacher Bedingung: entweder indem der Handwerker den Preis unter die eigenen Produktionskosten herabdrückt oder indem er die Produktionskosten selbst vermindert. I. Verkauf unter den Produktionskosten mufs notwendig früher oder später zum Ruin des Produzenten führen, sobald dieser auf den Erwerb aus seiner Produktionsthätigkeit angewiesen ist. Er kann jedoch lange Zeit hindurch geübt werden, wenn der Produzent von anderswoher die Ausfälle zu decken vermag, die ihm beim Verkauf seiner Erzeugnisse erwachsen. Wir haben in anderem Zusammenhänge (vgl. das 27. Kapitel des ersten Bandes) die zahlreichen Fälle kennen gelernt, in denen der Handwerker in die Lage versetzt wird, von solcherart Zuschufs- werten zu leben. Bald ist es der ererbte Besitz namentlich von Häusern, bald sind es die Zuschüsse aus den Kreisen der wohl- häbigen Verwandtschaft 1 , bald die Einkünfte aus irgend welchem Nebenerwerb, die dem Handwerker einen Rückhalt gewähren und es ihm ermöglichen, gewerblich thätig zu Preisen zu sein, bei denen er ohne jene Zuschufswerte verkommen müfste. An das alles braucht in diesem Zusammenhänge nur erinnert zu werden. 1 Mit Recht wird die gröfsere Zähigkeit des Handwerks in reichen Bauerngegenden auf diese Zuschufswerte zurückgeführt, die die bäuerlichen Verwandten dem Handwerker in der Stadt nachwerfen. Vgl. U. IV, 492 f. Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 36 5G2 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. Aber wir sehen auch den Handwerker konkurrieren, wo jene aufserordentlichen Ressourcen nicht oder jedenfalls nicht allein die Unterlage seiner Existenz abgeben, wo er diese vielmehr zu einem beträchtlichen Teile oder ganz auf die Einkünfte aus gewerblicher Thätigkeit basiert. Hier mufs er also zu Preisen verkaufen, die ihm einen Verdienst übrig lassen, und wenn er trotzdem mit der kapitalistischen Herstellungsweise konkurrieren will, so setzt das voraus, dafs es ihm gelingt, eine II. Herabminderung der Produktionskosten herbeizuführen. Dafs eine solche in der Form der Produktionsverbilligung nicht möglich ist, bedarf nach den früheren Darlegungen keiner weiteren Begründung. Es kann sich vielmehr immer nur um eine Produktionsfaktorenverbilligung handeln. Um zu einer solchen zu gelangen, bieten sich dem Handwerker je nachdem drei verschiedene Wege dar; der erste dieserWege ist 1. die Verlegung der Produktionsstätte aus der Stadt aufs Land. Zwar haben wir gesehen, dafs eine solche nicht in der Weise erfolgen kann oder wenigstens nur in Ausnahmefällen erfolgt, dafs der städtische Handwerker, den die Grundrente aus den Centren des Verkehrs herausquetscht, nun sein Domicil in einem Vorort oder in einem benachbarten Dorfe aufschlagen könnte, wohl aber so, dafs die Stelle eines konkurrenzunfähig werdenden städtischen Handwerkers eine Zeit lang ein D orfhand- werker einnimmt. Letztere erscheinen somit in einzelnen Fällen als eine Art von Reserve, die auf dem Kampfplatze erscheint, wenn die städtische Hauptarmee bereits im Weichen begriffen ist; eine Reserve allerdings eigner Art, sofern sie nicht dazu dient, die weichenden Genossen zu stärken, sondern sie um so früher zum Untergange zu bringen. Wenn der Landhandwerker aufser seinen wohlfeileren Produktionsbedingungen, die er dem Fehlen der städtischen Grundrente verdankt, auch noch, wie es die Regel ist, über Zuschufswerte verfügt, so werden wir es begreiflich finden, was unsere Quellen des öfteren hervorzuheben wissen, dafs die Konkurrenz dieser Kollegen vom Dorfe den Genossen in der Stadt oft ebenso empfindlich wird wie die der kapitalistischen Unternehmung. „Diese durch niedrigere Lebens- und Produktionskosten begünstigte Landkonkurrenz,“ schreibt ein kundiger Berichterstatter 1 , „die 1 Pierstor ff in U. IX, 2/3. Andere Fälle, in denen über die Konkurrenz von Landhandwerkern geklagt wird, siebe in diesem Werke Bd. I S. 628. Seclisunddreifsigstes Kapitel. Der Verkrüppelungsprozets d. Handwerks. 563 häufig aus der Verbindung des Gewerbebetriebs mit landwirtschaftlichen Nebenbetrieben besondere Vorteile zieht und teilweise durch die regelmäfsigen Wochen- und Jahrmärkte vermittelt wird, tritt bisweilen gleichzeitig mit der Konkurrenz der Fabrikware auf.“ Was hier aber als Konkurrenz zwischen Handwerkern erscheint, hat in der allgemeinen Betrachtung die Bedeutung erstens einer Beschleunigung der Auflösung des städtischen Handwerks und zweitens diejenige einer Hemmung der Gesamtentwicklung, die zu der Vernichtung handwerksmäfsiger Produktion überhaupt hindrängt. Der zweite Weg, der den Handwerker zu einer Verminderung der Produktionskosten führt, ist 2. die Ersparung an den sachlichen Produktionsfaktoren durch deren Verkümmerung. Hierher gehört alles, was wir von der Unzulänglichkeit der Werkstätten, von der Unsauberkeit des Betriebes, von dem Mangel an hygienischen u. a. Schutzvorrichtungen aus den Kreisen des Handwerks erfahren. Und das ist nicht wenig. Man braucht nur an die Zustände im Bäckergewerbe zu denken 1 , man braucht nur einen beliebigen Handwerksbetrieb mit dem entsprechenden Fabrikbetriebe zu vergleichen, um sich von der Bedeutung zu überzeugen, den die Vernachlässigung alles Komforts, aller Wohlanständigkeit in der äufseren Gestaltung des Produktionsprozesses für die Bemessung der Produktionskosten gewinnen kann 2 . Parallel mit der Verkümmerung der sachlichen Produktionsfaktoren pflegt zu gehen 3. die Herabsetzung der persönlichen Lebensansprüche des Meisters und seiner Familie. Es wurde schon an 1 Zu vergleichen aufser den früher genannten Schriften die Zusammenstellung aller Mifsstände in der jüngsten Publikation über das Bäckergewerbe von W e i c h s, Brotfrage (1898). S. 16 f. insbes. 22 ff. 2 „Viele kleine Meister wohnen mitsamt ihrer Familie derart beschränkt und sanitätswidrig, dafs sie oft geradezu das Mitleid des inspicierenden Beamten herausfordern; in einem kleinen Zimmer, das Werkstätte, Wohnung und Küche darstellt, lebt die ganze Familie grofs und klein, oh gesund oder krank; hier wird im Sommer und Winter von früh morgens bis spät abends gearbeitet, gekocht, gewaschen, geschlafen, meist ohne jeden andern Luftwechsel, als das Öffnen der Thür mit sich bringt.“ Aus dem Bericht des Klagen- further Gewerheinspektors, cit. hei Waentig, 336. Daselbst auch noch weitere quellenmäfsige Belege für die „gänzliche Mittellosigkeit“ vieler Meister. 36 * 564 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. anderer Stelle auf die bekannte Erscheinung hingewiesen, dafs im weiteren Verlauf der kapitalistischen Entwicklung sich Teile des Handwerkerstandes eine Zeit lang noch dadurch über Wasser zu halten suchen, dafs sie ihre eigenen Bedürfnisse beschränken. Dem Handwerker gelingt es dadurch in der That oft genug, die Preise auf ein Niveau herabzudrücken, auf das ihm auch die kapitalistische Unternehmung nicht folgen kann. Wenn der kleine Meister bei 12 oder 14stündiger Arbeitszeit, wohl gar unter Einsetzung der Arbeitskraft seiner Familienangehörigen *, nicht mehr oder gar weniger verdient, als der Gehilfe der Fabrik, so bedeutet das für die Gestaltung der Preise eine doppelte Reduktion: 1. eine Verbilligung des persönlichen Produktionsfaktors; 2. eine Eliminierung des Profits, wenn wir diese kapitalistische Kategorie auch auf den Mehrverdienst anwenden wollen, den der Handwerksmeister in normalen Fällen über den Lohn seiner Gesellen hinaus bezieht. Auf diesen „Profit“ kann der Handwerker am letzten Ende verzichten; der kapitalistische Unternehmer nicht. Deshalb ist es auch im Princip nicht richtig, zu den Vorteilen der kapitalistischen Unternehmung die Verringerung der auf das Einzelprodukt infolge vermehrter Produktion entfallenden Profitquote zu rechnen. Zunächst bedeutet es ja einen offenbaren Vorsprung, den der kapitalistische Produzent vor dem Handwerker alten Schlages voraus hat, dafs er seinen Profit auf eine verhältnismäfsig viel gröfsere Menge Produkt verteilen kann. Wenn der Meister auf jedes Paar Stiefeln 2 Mk. aufschlug und damit, wenn er zwei Gesellen beschäftigte, zu einem „Profit“ von täglich 6 Mk. kam, so kann der Schuhwarenfabrikant diesen Aufschlag auf 50 Pfg. pro Paar ermäfsigen und hat doch bei einer Tagesproduktion von etwa 200 Paar Stiefeln, einen „Profit“ von täglich 100 Mk. Bei fortschreitender Entwicklung jedoch ändert sich, wie gesagt, oft genug das Bild: der Profitzuschlag des Handwerkers sinkt dauernd (das ist die Pointe) auf 0 und fällt damit unter die irgend noch zulässige Quote der kapitalistischen Unternehmung. 1 „Teilweise mufs die Frau im Gewerbebetrieb selbst helfen, das ist vielfach der Fall bei den Schneidern, Pantoffelmachern, Schuhmachern, Kürschnern, Mützenmachern, Buchbindern etc. Vor allem aber liegt ihr der Handel mit den erzeugten Produkten ob; die zahlreichen Ladengeschäfte werden meist von der Frau besorgt, besonders bei den Bäckern, Fleischern, Schuhmachern, Drechslern, Kammmachern, Bürstenmachern, Korbmachern, Buchbindern, auch der Hausier- und Markthandel ist bei den Gewerben, bei denen er noch vorkommt, ganz oder teilweise Sache der Frau.“ U. IX, 346. Siehe auch das Stichwort Frauenarbeit im Index der U. Sechsunddreifsigstes Kapitel. Der Verkrüppelungsprozefs d. Handwerks. 565 Aus der vereinten Wirksamkeit der beiden unter 2 und 3 gekennzeichneten Entwicklungsreihen erklärt sich dann das seltsame Phänomen: dafs den noch leidlich situierten Handwerkern aus den Reihen ihrer ärmeren und ärmsten Kollegen eine oft vernichtende Konkurrenz erwächst, eine Hungerkonkurrenz, die häufig genug schlimmer als die Konkurrenz der kapitalistischen Unternehmung ist. „Das ist die hier wie überall wiederkehrende Klage, dafs der Preis allmählich herabgedrückt werde, besonders bei den Submissionen, und zwar nicht durch die gröfseren, fest begründeten Geschäfte, sondern durch kleine, allzu bedürfnislose Meister 1 .“ „Was dem Blechner allein Sorge macht, ist . . . das stetige Fallen der Preise, verursacht durch das Unterbieten bei Submissionen und den Arbeitshunger der kleinsten Betriebe . . 2 .“ Endlich aber gelingt es, fast ist man versucht zu sagen: in wachsendem Umfange, vielen Handwerksmeistern, die noch Hilfskräfte beschäftigen, auch an diesen zu sparen. Zwar ist, wie wir gesehen haben, der Handwerker im allgemeinen in der Ausnutzung der billigen Arbeitskräfte, die von der modernen Entwicklung freigesetzt werden, der kapitalistischen Unternehmung gegenüber im Nachteile. Nur an einer einzigen Stelle haben es die Verhältnisse mit sich gebracht, dafs dem Handwerker mehr billiges Arbeitsmaterial zur Verfügung steht als jener, dort nämlich, wo es sich um lernbeflissene, jugendliche Elemente meist männlichen Geschlechts handelt, die aus alter Gewohnheit mit dem Namen Lehrlinge bezeichnet werden und von deren Verwendung als billige Arbeitskräfte, wie zu zeigen ist, das Handwerk in neuerer Zeit ausgiebigen Gebrauch macht. Die Wichtigkeit des Gegenstandes erheischt eine gründlichere Erörterung des Problems, wie sie im folgenden Kapitel versucht wird. 1 U. III, 80 (Baukandwerker in Karlsruhe). 2 ü. III, 173/74. Vgl. noch U. III, 214. IX, 491. V Siebermnddrei(sigstes Kapitel. Die Ausbeutung jugendlicher Arbeitskräfte im Handwerk. Die mifsbräucbliche Verwendung des Lehrlings ist keine erst in der Gegenwart zu tage getretene Erscheinung 1 . Uber schlechte Ausbildung der Lehrlinge, ihre Beschäftigung im Dienste der Frau Meisterin u. dgl. klagen schon die Schriftsteller des späteren Mittelalters; und im 17. und 18. Jahrhundert beginnen die Klagen immer häufiger zu werden. Aber die Vernachlässigung und Ausbeutung der Lehrlinge in früherer Zeit waren doch wesensandere, als sie heute sind, heute, d. h. in Deutschland seit knapp einem Menschenalter 1 . Sowohl die starke Verschiebung des numerischen Verhältnisses zwischen der erwachsenen Arbeitskraft und dem sog. Lehrlingspersonal zu ungunsten des letzteren als auch die eigentümliche Art der Verwendung charakterisieren die neuere Zeit. Früher, d. h. während der Zunftverfassung, blieb das Verhältnis der Lehrlingsziffer zur Zahl der Gesellen und Meiter schon in deren eigenem Interesse in bestimmten Grenzen; wir hören kaum jemals, dafs die Zahl der bei einem Meister beschäftigten Lehrlinge gröfser gewesen sei als die der Gesellen, oder dafs ein Meister mit mehreren Lehrlingen ohne alle Gesellen gearbeitet habe: Fälle, die heute an der Tagesordnung sind. Und während ehedem die Verwendung des Lehrlings als Laufbursche oder Kindermädchen eher auf einen gewissen Wohlstand des Handwerksmeisters schliefsen ^ liefs, hat heute die Not des Handwerks den Lehrling längst aus , der Kinderstube und der Zuchtgewalt der Frau Meisterin an den Schraubstock und die Hobelbank getrieben, wo der Meister seine billige Arbeitskraft im Produktionsprozesse ausnutzt. 1 Vgl. hierzu den Exkurs. Siebenunddreifsigstes Kap. Die Ausbeutung jugendl. Arbeitskräfte etc. 567 Was aber vor allem eine der neueren Zeit eigentümliche Erscheinung in dem Lehrlingswesen ist, ist ihre aufserordentlich starke Vermehrung. Aufmerksame Beobachter hatten die Zunahme der Lehrlingsausbeutung im Handwerk längst wahrgenommen; die gelegentlichen Untersuchungen und Enqueten hatten ihre rapiden Fortschritte bestätigt. Aber ein deutliches und zuverlässiges Bild von dem geradezu staunenerregenden Umfange, den sie heute erreicht hat, besitzen wir doch für Deutschland erst seit der Veröffentlichung der Ergebnisse der Gewerbezählung von 1895. Für 21 der wichtigsten alten Handwerksgebiete stelle ich danach zunächst die Zahl der Lehrlinge der Zahl der gleichzeitig beschäftigten Arbeiter beiderlei Geschlechts gegenüber 1 : Es wurden in Betrieben mit bis 5 Personen gezählt: Gewerbe Arbeiter überhaupt Lehrlinge auf 100 Arbeiter Lehrlinge 1. Schlosser. 30144 18886 62,7 2. Barbiere und Friseure 26974 12179 45,1 3. Buchdrucker . . . 5 243 2344 44,7 4. Riemer und Sattler . 21570 9236 42,8 5. Tapezierer .... 8 254 3526 42,7 6. Klempner. 19611 8134 41,5 7. Uhrmacher .... 7 859 3182 40,5 8. Kupferschmiede . . 3 284 1316 40,2 9. Buchbinder .... 9602 3856 40,2 10. Grob- (Huf-) Schmiede 68784 27 601 40,1 11. Schneider. 113514 44391 39,1 12. Tischler. 90717 34336 37,8 13. Stellmacher .... 27 307 10151 37,2 14. Stubenmaler . . , . 33281 12171 36,6 15. Konditoren .... 7082 2558 36,1 16. Drechsler .... 7 381 2 632 35,7 17. Böttcher. 12588 4439 35,3 18. Schuhmacher . . . 95 220 32740 34,4 19. Glaser. 7 030 2359 33,5 20. Bäcker. 93555 29571 31,6 21. Fleischer. 66454 20889 31,4 In 21 Gewerben 755410 286497 37,9 1 Die folgenden Ziffern, soweit nichts anderes bemerkt, sind entnommen bezw. durch Berechnung gewonnen aus den Bänden 113 und 119 der B*ichs- statistik N. F. 568 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. Diese Ziffern, so erstaunlich sie schon sind, drücken nun aber noch keineswegs das Mafs von Ausbeutung jugendlicher Arbeitskräfte aus, die heute in den verschiedenen Handwerken stattfindet. In den obigen Zahlen der „Arbeiter überhaupt“ sind nämlich auch die jugendlichen Arbeiter unter 16 Jahren mitenthalten, also jene Elemente, die man aus irgendwelchen Gründen für gut befunden hat, nicht mehr als „Lehrlinge“ zu bezeichnen. Ihre Zahl müssen wir nun aber offenbar den obigen Zahlen der „Lehrlinge“ zuzählen, um das richtige Verhältnis zu ermitteln, das im Handwerk zwischen jugendlichen und erwachsenen Arbeitern besteht. Dann ergiebt sich folgendes Bild: In Betrieben mit bis 5 Personen wurden gezählt: Er- Jugendl. Arbeiter auf 100 Er- Gewerbe wachsene unter 16 Jahren wachsene unreife Arbeiter und Lehrlinge Arbeitskräfte 1. Schlosser. 19 593 29437 150,2 2. Friseure und Barbiere 19 686 19707 100,4 3. Tapezierer .... 6160 5620 91,5 4. Buchdrucker . . . 3 968 3619 91,2 5. Riemer und Sattler . 16505 14301 86,6 6. Klempner. 14863 12 882 86,6 7. Buchbinder .... 7 245 6 213 85,6 8. Kupferschmiede . . 2522 2123 84,2 9. Schneider. 90002 67 903 75,4 10. Konditoren .... 5 513 4127 74,9 11. Uhrmacher .... 6328 4713 74,6 12. Tischler. 72303 52 750 72,9 13. Stubenmaler .... 26431 19021 72,1 14. Drechsler. 5 843 4170 71,3 15. Grob- (Huf-) Schmiede 55 874 40511 70,7 16. Böttcher. 10136 6891 67,9 17. Glaser. 5 652 3744 66,2 18. Stellmacher .... 22820 14638 65,8 19. Schuhmacher . . . 77 441 50528 65,2 20. Bäcker. 74986 48140 64,2 21. Fleischer. 54942 32401 58,9 In 21 Gewerben 598813 443039 73,9 Also im Durchschnitt sind in den aufgeführten Handwerken heute beinahe drei Siebentel aller Hilfskräfte unreife, jugendliche; in einigen Gewerben erreicht die Zahl der jugendlichen Arbeiter Siebenunddreifsigstes Kap. Die Ausbeutung jugendl. Arbeitskräfte etc. 569 beinahe die der erwachsenen: mehr als neun Zehntel betragen sie bei den Buchdruckern, Tapezierern, Barbieren, Friseuren und Schlossern; bei letzteren sind um die Hälfte mehr halberwachsene Burschen als erwachsene Hilfskräfte beschäftigt. Was das heifst, kann man ermessen, wenn man etwa die Zustände in der Grofs- industrie damit vergleicht: die Zahl der jugendlichen Arbeiter (unter 16 Jahren) und Lehrlinge beiderlei Geschlechts belief sich in den Betrieben mit mehr als 20 Arbeitern im Durchschnitt der gesamten Industrie (GruppeB) auf nur 10,1% der erwachsenen Arbeiter. In den mitgeteilten Ziffern kommt in der That meines Erachtens eines der bedeutsamsten Ergebnisse der Gewerbezählung von 1895 zum Ausdruck, der zahlenmäfsige Nachweis nämlich der Thatsache: dafs heute das Handwerk, soweit es überhaupt noch Hilfskräfte beschäftigt, seine Existenzfähigkeit grofsenteils auf der Ausbeutung unreifer Arbeitskräfte aufbaut. Denn darüber kann nach dem, was wir über Art und Erfolg ihrer Beschäftigung wissen, heutzutage kein Zweifel mehr herrschen, dafs es sich bei jenen jugendlichen Arbeitern nicht nur, sondern im wesentlichen auch bei jenen sogenannten „Lehrlingen“, nicht um junge Leute handelt, die zum Zwecke systematischer Ausbildung, sondern um solche, die lediglich im Interesse des Meisters als billige Arbeitskräfte beschäftigt werden. Selbst den besten Willen des Meisters und die Erfüllung aller sonstigen Bedingungen einer guten Lehre vorausgesetzt: müfste nicht die hohe Zahl der zum „Lernen“ angenommenen jungen Leute die fachgemäfse Ausbildung vereiteln? Schon wenn wir den Durchschnitt zu Grunde legen: wie sollen drei Lehrlinge neben vier Gesellen in einem Betriebe etwas rechtes lernen? Aber in wie viel Fällen wird dieser Durchschnitt noch um ein beträchtliches überschritten! Wer kann sich ein Lern- und Lehrverhältnis in folgenden Betrieben vorstellen? In der Nürnberger Schlosserei hat ein Meister 2 Gesellen und 6 Lehrlinge, einer einen Gesellen und 11 Lehrlinge 1 ! Auf 4 Schneidergesellen in Löbau kommen 23 Lehrlinge 2 . Die Schlosser in Eisleben beschäftigen 3 Gesellen und 33 Lehrlinge 3 , die Klempner ebendort 5 Gesellen und 17 Lehrlinge 4 ; die Tischler (Innungsmeister) in 1 U. III, 444. 480. 2 U. IY, 198 f. 3 U. IX, 331. 4 U. IX, 333. y 570 Drittes Buch. Die Theorie der gewerhlichen Konkurrenz. Lübben halten neben 11 Gesellen 25 Lehrlinge 1 u. s. w. Derartige unsinnige Zahlenverhältnisse kommen nur allzu häufig vor. Mag man nun aber auch die Uberfüllung der Werkstätte mit Lehrlingen hingehen lassen, so werden denn doch Bedenken sich erheben, ob das heutige Handwerk jene Hunderttausende junger Leute, die ihm Zuströmen, auszubilden imstande ist. Wie in aller Welt sollte eine Klasse, die mit dem Tode ringt, einen solchen Aufschlag auf die Produktionskosten vertragen können, wie sie in einer meist gratis oder gegen ein geringes Entgelt (aus Gründen, die wir noch kennen lernen werden) beanspruchten Erziehung zur Arbeit notwendig erwächst? Das heutige Handwerk ist ökonomisch aufser stände, auch nur einen normalen Lehrlingsstamm auszubilden, geschweige denn jene Armeen von jungen Leuten, die jährlich neu in die Cadres des Handwerks einrolliert werden. Es wäre auch technisch dazu ganz und gar nicht mehr geeignet. Was soll ein Lehrling in den verödenden Werkstätten des Handwerkers heutzutage lernen, in denen nur noch minderwertige Dinge oder Specialartikel hergestellt oder (was vielerorts, wie wir wissen, die Regel bildet) Reparaturen ausgeführt werden? Das Urteil, das über die „Ausbildung“ der Lehrlinge im Berliner Schlosserhandwerk gefällt wird, dafs nämlich die Meister einfach nicht imstande seien, dem Lehrling die nötigen Anweisungen zu erteilen — „einmal nötigt ihn seine gedrückte ökonomische Lage, in demselben mehr einen jugendlichen Arbeiter als einen Lernenden zu sehen und auf der anderen Seite ist sein Arbeitsgebiet zu beschränkt, um dem Lehrling hinreichende Anregung und Gelegenheit zur Erlernung aller im Schlosserhandwerk vorkommenden Arbeiten zu geben“ 2 3 — darf ohne weiteres auf aufserordentlich zahlreiche andere Fälle ausgedehnt werden. Hat nun aber der Meister unter den heutigen Verhältnissen überhaupt ein Interesse an gewissenhafter Ausbildung seiner Lehrlinge? Das Raisonnement eines Posener Tischlers: „Warum sollen die Lehrlinge ebenso viel lernen, wie wir können, um uns später als Meister Konkurrenz zu machen?“ 8 , ist gewifs das vieler seiner Kollegen, um so mehr als dem Meister noch aus einem weiteren Grunde die Lust an der Ausbildung seiner Lehrlinge genommen wird: wird ja doch, wie wir beobachten konnten, jeder Geselle, der etwas leistungsfähiger ist, sofort von der kapitalistischen Unternehmung 1 ü. VII, 508/9. 2 U. IV, 314. Für Österreich zahlreiche Belege wieder bei Waentig, 334 ff. 3 U. I, 91. Siebenunddreifsigstes Kap. Die Ausbeutung jugendl. Arbeitskräfte etc. 571 mit Beschlag belegt, so dafs er also auch von dieser Seite her zum gefürchteten Konkurrenten seines früheren Lehrherrn wird b So hat der Meister nur ein Interesse, die junge Kraft so sehr als möglich und vor allem auch so lange als möglich für sich auszunutzen. Die Lehrzeit ist, wie übereinstimmend anerkannt wird, heute fast überall erheblich länger von den Innungen normiert, als sie selbst bei idealster Lehrmethode zu sein brauchte. Das kommt u. a. zum Ausdruck in dem sehr verbreiteten köstlichen Grundsatz, dafs derjenige Lehrling, der weniger lange lernen will, mehr Lehrgeld zahlen mufs. Wollte aber nach alledem noch jemand zweifeln, dafs das Lehrverhältnis heute im Handwerk, man darf wohl ohne Übertreibung sagen, in der grofsen Mehrzahl der Fälle nur ein Deckmantel für die Ausnutzung einer jugendlichen Arbeitskraft ist, den müfsten die übereinstimmend in allen Gewerben lautwerdenden Klagen über den Mangel an tüchtigen Arbeitern vollkommen von der Richtigkeit jener Auffassung überzeugen. „Aus den Berichten der mit Beaufsichtigung der Fabriken betrauten Beamten, der Handelsund Gewerbebekammern, aus den anläfslich gewerblicher Enqueten deponierten Aussagen, aus den Spalten der Fachzeitschriften, aus den Verhandlungen technischer und gewerblicher Vereine und Verbände hört man nur zu oft die, Klage heraus, dafs die Arbeitsgeschicklichkeit und mit ihr in Wechselwirkung stehend die Arbeitslust der am Produktionsprozefs unmittelbar Beteiligten viel zu wünschen übrig lasse.“ Mit diesen Worten leitet Paul Scheven 1 2 sein verdienstliches Buch über die Lehrwerkstätte ein, in dem das ganze erste Kapitel der „quellenmäfsigen Darstellung der Klagen über Mangel an qualifizierten (gelernten) Arbeitern in Deutschland“ gewidmet ist. Nach dem dort aufgestapelten reichen Materiale, das in allen wesentlichen Punkten seine Bestätigung neuerdings wieder durch die Untersuchungen des Vereins für Socialpolitik gefunden hat, ist jener Mangel an geschulten Arbeitern thatsächlich eine allgemeine Erscheinung und, was uns hier allein angeht, der zuverlässigste Beweis für die von mir aufgestellte Behauptung, dafs es sich bei den Lehrlingen im Handwerk der Regel nach nicht mehr um Lernende handelt, sondern um billige Arbeitskräfte, deren „Schweifs 1 „Bei dieser Sachlage mufs der einzelne Meister notwendig das Interesse an der Ausbildung verlieren; kommt doch die erworbene Geschicklichkeit der jungen Gesellen nicht ihm, nicht einmal seinem Stande zu gute, sondern stärkt im Gegenteil die grofsbetriebliche Konkurrenz.“ U. IV, 314. 2 P. Scheven, a. a. 0. S. 17—79. Vgl. übrigens den Exkurs. 572 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. es in vielen Fällen nur dem Handwerksmeister ermöglicht, wenigstens noch einigermafsen der Fabrik Konkurrenz zu machen“ h Fragt man aber, wie es sich ereignet, dafs so viele Handwerker dieses eigentümliche, ausbeutungsfähige Arbeitermaterial in ihre Verfügungsgewalt bekommen, so wird die Antwort für die verschiedenen Gewerbe verschieden ausfallen, je nämlich nach der verschiedenen Rolle, die in ihnen die grofsindustrielle Organisation spielt. In denjenigen Gewerbszweigen, in denen die soi-disant hand- werksmäfsige Produktionsweise noch mit mehr oder weniger Erfolg betrieben werden kann, namentlich aber dort, wo der handwerks- mäfsige Zwergbetrieb dominiert, beobachten wir einen aufser- ordentlich starken Zustrom zu dem Gewerbe überhaupt, der sich aus dem Wunsche so vieler Personen erklärt, „selbständige“ Handwerker zu werden. Dieser Zustrom staut sich nun aber naturgemäfs zunächst einmal in Form von Lehrlingen und jugendlichen Arbeitern in den Reservoirs der Meister auf kürzere oder längere Zeit auf. Wir können diese Vorgänge deutlich verfolgen, wenn wir die oben schon mitgeteilten Ziffern der jugendlichen Arbeiter + Lehrlinge, also des Nachwuchses in dem betreffenden Gewerbe mit den „selbständigen“ Inhabern von Alleinbetrieben und Gehilfenbetrieben mit bis 5 Personen einerseits, die in allen Betrieben mit bis 5 Personen beschäftigten Erwerbsthätigen mit den in der entsprechenden Grofsindustrie thätigen Arbeitern andererseits vergleichen. Wo der Nachwuchs ein verhältnismäfsig starker ist (sage 50 % der selbständigen Kleingewerbetreibenden in obigem Sinne und darüber ausmacht), gleichzeitig aber nur ein kleiner Teil der dem Gewerbe angehörigen Personen in Grofs- betrieben beschäftigt ist, da haben wir es mit charakteristischen Typen dieser ersten Gruppe von Handwerken, nennen wir sie die übersetzten Zwerghandwerke, zu thun. Hierher gehören beispielsweise: Fleischer (Nachwuchsquote 49,9 °/o), Friseure und Barbiere (50,0 °/o), Stubenmaler (51,9 °/o), Schornsteinfeger (57,8 °/o), Tapezierer (62,2 °/o), Bäcker (66,1%) u. a. In ihnen sind (1895) noch mehr als 80 % aller Erwerbsthätigen in Betrieben mit weniger als 5 Personen beschäftigt: Fleischer 84,0 %, Friseure und Barbiere 97,3%, Bäcker 83,8%, Stubenmaler 89,8%, Tapezierer 92,7%, Schornsteinfeger 99,3 %. Diese Gewerbe weisen naturgemäfs auch eine Tendenz zur Vermehrung der Zwergbetriebe auf. 1 U. II, 78 (Drechsler in Leipzig). Siebenunddreifsigstes Kap. Die Ausbeutung jugendl. Arbeitskräfte etc. 573 Es betrug deren Zunahme (1882—95) bei Fleischern 9089, Friseuren und Barbieren 8472, Bäckern (und Konditoren) 11 705, Schornsteinfegern 315, Stubenmalern 6564, Tapezierern 2947. In anderen, und zwar den meisten Gewerben verspricht nun aber der handwerksmäfsige Zwergbetrieb kein Auskommen mehr; wenn wir in diesen starke Vertretung jugendlicher Arbeitskräfte finden, so mufs dies auf andere Ursachen zurückgehen als auf den noch immer wirksamen Reiz, sich als Handwerker eine „selbständige“ Existenz zu schaffen. Was wir bei unserer Untersuchung zunächst festzustellen haben, ist dies: dafs starke Besetzung der jugendlichen Altersklassen in einem Gewerbe nicht identisch ist mit einem starken Zustrom zu diesem Gewerbe. Jene kann vielmehr auch bei verringerter Anziehungskraft des betreffenden Gewerbes vorliegen, dann nämlich, wenn die erwachsenen Hilfskräfte sich in einer noch stärkeren Proportion vermindern, als der Nachschub erfolgt. Wir haben es in diesen Fällen mit Gewerben zu thun, die die Tendenz haben, als Handwerke abzusterben, die von den erwachsenen Arbeitskräften schon meist verlassen sind, und deren Nachwuchs vielfach nur noch aus Krüppeln, Schwachsinnigen und ähnlichen Elementen besteht 1 , die sonst nirgendswo Unterkunft finden, abgesehen natürlich von demjenigen Bestandteile, der der Schwerkraft der Tradition sein Dasein verdankt. Zu dieser Kategorie von absterbenden Handwerken möchte ich den gröfsten Teil derjenigen Gewerbe rechnen, deren kleinbetrieblicher Nachwuchs noch nicht 25% der „Selbständigen“ ausmacht; also beispielsweise: Schuhmacher 21,9 °/o Gerber 21,6 „ Kürschner 20,2 „ Seiler 18,3 „ Mützenmacher 14,8 ,, Hutmacher 13,2 „ Wollweber 8,1 „ 1 „Die Arbeiterschaft des kleinstädtischen Handwerks (rekrutiert sich) zum grofsen Teil aus Krüppeln, Blinden, Einäugigen und halben Idioten .. .“ Korbmacherei in Eisleben U. IX, 324. „Fast nur verkrüppelte oder zu ländlicher und industrieller Thätigkeit untaugliche Leute widmen sich diesem Handwerk.“ Schuhmacher in Loitz U. I, 39. 574 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. In allen diesen Gewerben geht der Klein- und Kleinstbetrieb zurück. Es verminderte sich die Zahl der Kleinbetriebe von 1882 bis 1895 der Schuhmacher um 10964 „ Gerber „ 2943 „ Kürschner „ 1110 „ Seiler „ 2038 „ Mützenmacher „ 771 „ Hutmacher „ 701 _ Wollweber „ 2343 Nun müssen wir aber noch eine dritte Kategorie von Gewerben unterscheiden, solche nämlich, in denen wir neben einem Rückgang der handwerksmäfsigen Kleinbetriebe eine übernormal starke Nachwuchsrate konstatieren. So verminderte sich beispielshalber von 1882 bis 1895 die Zahl der Kleinbetriebe in der Schlosserei um 1858, in der Grobschmiederei um 4383, in der Kupferschmiederei um 352, in der Tischlerei um 6082. Gleichwohl haben alle diese Gewerbe in der Sphäre der an Zahl abnehmenden Kleinbetriebe einen aufserordentlich starken Nachwuchs. Es machen nämlich die jugendlichen Arbeiter und Lehrlinge von der Zahl der Selbständigen aus: in der Schlosserei 142,9%, in der Grobschmiederei 63,4%, in der Kupferschmiederei 71,2 °/o, in der Tischlerei 51,7 %. Hier übt also das Handwerk eine starke Anziehungskraft aus, trotzdem es zurückgeht. Der Grund dieser Erscheinung ist dieser: ein erheblicher Teil der in diese Gewerbe als jugendliche oder lernende Arbeiter eintretenden Personen hat als Ziel den Übergang zur Grofsindustrie. Sie würden nicht daran denken, zu den Handwerksmeistern zu gehen, wenn die grofsindustriellen Unternehmungen sie aufnähmen. Dafs diese gegen die Annahme sowohl von Lehrlingen wie von jugendlichen Arbeitern heute in ihrer überwiegenden Mehrzahl noch eine unüberwindliche Abneigung haben, bewirkt es, dafs der gesamte Nachwuchs zahlreicher Grofsindustrien sich durch die enge Pforte der handwerksmäfsigen Betriebe drängen mufs, die Handwerker aber dadurch ein paar Jahre lang ein Arbeitermaterial erhalten, das ihnen auf Gnade oder Ungnade überantwortet ist, somit ein Ausbeutungsmaterial, wie es idealer kaum zu denken ist, wie es höchstens in einzelnen Hausindustrien kapitalistischen Unternehmern zur Verfügung steht. Welcher Prozentsatz von dem Gesamtbedarf der Grofsindustrie an solcherart Arbeitern von ihr selbst herangezogen wird, welcher Siebenunddreifsigstes Kap. Die Ausbeutung jugendl. Arbeitskräfte etc. 575 andere das Fegefeuer des Handwerks durchmachen mufs, läfst sich schwer ziffermäfsig feststellen, weil ja gerade die einer Ausbildung bedürftigen sog. gelernten Arbeiter vielfach in anderen „Gewerbearten“ ihre Unterkunft finden, als in der sie ausgebildet sind. So stellt die Statistik für den besonders hier in Betracht kommenden Berufszweig der Schlosser fest, dafs bis 1895 neben 72374 in Schlossereien thätigen Schlossern 122679 in anderen Gewerbearten beschäftigte Schlosser gezählt wurden 1 ; von diesen sog. betriebsfremden Schlossern entfielen 79500 auf Gewerbe der Maschinenindustrie, 16 615 „ „ „ Metallverarbeitung, 7 874 „ „ des Bergbaus und Hüttenwesens; 18690 „ verschiedene Gewerbe. Man müfste also das Prozentverhältnis, das zwischen den zu Schlossern ausgebildeten Lehrlingen + jugendlichen Arbeitern und dem Gesamtbedarf an Schlossern in den Grofsbetrieben aller dieser Gewerbe obwaltet, kennen, um ein richtiges Urteil zu fällen; was natürlich ein unerfüllbares Postulat bleiben wird. Nur um eine annähernde Vorstellung zu geben von dem Mehrbedarf, den die betreffenden Grofsindustrien über ihren eigenen Nachwuchs hinaus an gelernten Arbeitern haben, mag vermerkt werden, dafs beispielsweise in der Gewerbegruppe „Industrie der Maschinen, Instrumente etc.“ 1895 gezählt wurden in Betrieben mit 21 Personen und darüber 27 438 Lehrlinge, 20258 jugendliche Arbeiter, zusammen 47 696 Personen j ugendlicher Nachwuchs neben 342111 erwachsenen Hilfspersonen, sodafs der Nachwuchs von diesen nur 13,9% ausmachte. Ähnlich wie mit den Schlossern aber verhält es sich mit den Schmieden, den Kupferschmieden u. a. Und dafs diese Kategorie von Handwerken — wir können sie Ubergangshandwerke nennen — die der Grofsindustrie ihren Bedarf an qualifizierten Arbeitern decken helfen, nicht unbeträchlich ist, lehrt die tägliche Praxis. Endlich aber mufs noch in Rücksicht gezogen werden, dafs eine Reihe von Handwerken der ersten und dritten Kategorie der hier besprochenen Gewerbe angehört, nämlich sowohl 1 Stat. des Deutschen Reichs N. F. Bd. 119. S. 107. 576 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. Chancen für Zwergexistenzen, wie für gelernte Arbeiter in grofs- industriellen Etablissements bietet. Ich möchte hierhin beispielsweise folgende rechnen: Buchdruckerei, beschäftigt (1895) zwar 53,2°/o ihrer Erwerbstätigen in Betrieben mit 6—20, 36,9 °/o in noch gröfseren Betrieben, weist aber gleichwohl eine Vermehrung der Kleinbetriebe von 1882 bis 1895 um 1222 auf 1 ; Buchbinderei und Kartonnagefabrikation hat nur 33,6 °/o kleinbetriebliche Erwerbstätige, die Kleinbetriebe vermehrten sich aber noch um 532; Klempnerei mit 78,9 °/o kleinbetrieblichen Existenzen und einer Zunahme der Kleinbetriebe um 2314. Es betrug aber die Nachwuchsrate in den Kleinbetrieben dieser Gewerbe (d. h. es machten aus Lehrlinge +• jugendliche Arbeiter von der Zahl der Selbständigen) bezw. 141,9 °/o, 60,9%, 67,4°/o. Man mag im einzelnen Falle schwanken, ob man ein bestimmtes Gewerbe dieser oder jener der vier Kategorien, die hier skizziert wurden, zuzählen soll; sicher ist aber wohl dies, dafs bei jedem Handwerke der eine oder mehrere der angeführten Gründe als Erklärung für den starken Zulauf jugendlicher Elemente wird dienen können. Was noch einer kurzen Erläuterung bedarf, ist die Leichtigkeit, mit denen es den Kleinmeistern gelingt, die grofse Mehrzahl der gerade ihnen in die Netze gehenden jungen Leute nun auch wirklich als jugendliche Arbeiter zu nutzen, auch wo sie als Lehrlinge figurieren. Die Erklärung hiefür bietet die Stimmung der Eltern undV ormün der dieser Rekruten. Würde diesen daran gelegen sein, dafs ihre Kinder und Schutzbefohlenen in erster Linie eine tüchtige Ausbildung erhielten, und würden sie die dazu erforderlichen Mittel in Form von reichlichem Lehrgeld zur Verfügung stellen, so wären damit natur- gemäfs dem Verhalten der Meister ihren Lehrlingen gegenüber festere Grenzen gezogen. Dem ist aber nicht so. Die meisten Eltern und Vormünder, die ihre Pfleglinge bei Kleinmeistern „in die Lehre geben“, wollen nicht nur nichts draufzahlen, sondern wünschen, dafs die jungen Leute so bald als möglich „ins Verdienen kommen“; 1 „Das Druckereigewerbe, das einst in einem halben Dutzend Städten konzentriert war, hat sich heutzutage bis in die kleinsten Dörfer verbreitet, so dafs die grofse Mehrzahl der Druckereien aus winzigen Betrieben selbst- arbeitender Meister besteht“ — sc. in Grofsbritannien! Webbs, Engl, ßewerkvereine 2, 14. Siebenunddreifsigstes Kap. Die Ausbeutung jugendl. Arbeitskräfte etc. 577 sie sind also durchaus damit einverstanden, dafs diese statt als Lehrlinge als jugendliche Arbeiter behandelt werden. Diese Erscheinung hängt mit der Thatsache zusammen, dafs 1. das Niveau der Gesellschaftsschichten, aus denen sich der Nachwuchs für das Handwerk rekrutiert, im allgemeinen die Tendenz zum Sinken hat: „Der Nachwuchs des Schuhmacherstandes rekrutiert sich hier zum grofsen Teil aus den ärmsten Bevölkerungsklassen“, heifst es von Stadt und Kreis Dramburg 1 und „dafs die Rekruten dieses Handwerks den ungebildetsten Schichten der Bevölkerung angehören“, wird für die Schuhmacherei in Altona und Umgegend konstatiert 2 3 . Die Lehrlinge des Schmiedehandwerks in Erlangen entstammen heute tieferen socialen Schichten als ehedem: Kleinbauern u. dergl. 8 , diejenigen des Schmiedehandwerks in Löbau (West- preufsen) „stammen ohne Ausnahme aus dem Proletariat des Landes oder der Stadt 4 * “. „Ein fortwährender Gegenstand der Klage und Unzufriedenheit der Landmeister — sc. Töpfer im Handelskammerbezirk Dresden — ist die Herkunft und grofse Armut aller derjenigen, die das Gewerbe neu erlernen wollen. Ein Königsbrücker Meister bezeichnete den Durchschnitt als ärmliches Gesindel 6 .“ Für die Tischlerei in Könitz (Westpreufsen) „rekrutieren sich die Lehrlinge zum gröfsten Teil aus den untersten Schichten der Stadt- und namentlich Landbevölkerung 6 “. Die Ma 1 erlehrlinge in Berlin kommen seit Jahrzehnten bereits „vor allem aus den ärmsten Gesellschaftsklassen 7 “. Der Nachwuchs des Berliner Klempnergewerbes wird zum allerkleinsten Teil durch Söhne anderer Handwerker gedeckt; meist sind es Arbeiterkinder, die „aus den ärmsten Kreisen der Bevölkerung“ stammen 8 . In dem Uhrmachergewerbe in Breslau rekrutierten sich die Lehrlinge früher fast nur aus den mittleren Ständen. „Die heutigen Lehrlinge gehören zum gröfsten Teil den ärmeren Volksklassen an 9 .“ Für andere Länder wird das, was wir hier für Deutschland 1 U. I, 57. 2 U. I, 26. 3 U. III, 415 f. 4 U. IY, 199. 6 U. IY, 385. 6 ü. IV, 169. 7 U. VII, 233. 8 U. Vn, 315. 9 U. IX, 441. So mbar t, Der moderne Kapitalismus. II. 37 578 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. beobachten konnten, bestätigt. Der Berichte über das „Lehrlingsverhältnis“ in der Schweiz wurde schon Erwähnung gethan, und wie auch dort als Übelstand die Thatsache immer wieder konstatiert wird, dafs Eltern und Vormünder ihre Kinder und Mündel lieber zu notorisch schlechten Meistern in die Lehre geben, weil sie hier gleich mitverdienen helfen. Und der Grund ist derselbe wie bei uns: Senkung des Rekrutierungsniveaus. „Leute vom Mittelstände finden diese Beschäftigung (sc. Maurerei) zu gering und arme Arbeitsleute können den Lohnausfall eines Jungen von 2—2*/a Fr. täglich nicht ertragen“ 1 — das gilt für die meisten Gewerbe. Ganz dieselben Erscheinungen beobachten wir in Österreich. „Erhebungen haben (dort) ergeben, dafs sich der Nachwuchs im Handwerk vorwiegend aus den untersten Bevölkerungsschichten, aus den Abkömmlingen von Arbeitern und Tagelöhnern, Häuslern und Kleinbauern und zwar in allererster Linie aus der Landbewohnerschaft rekrutiert.“ So schwankt nach den Ergebnissen einer im Sommer 1895 durch den mährischen Gewerbeverein veranstalteten Enquete der Anteil des „gewerblichen Mittelstandes“ zwischen 5 und 30 °/o der in die Lehre tretenden Kinder. Doch wird die letztere Grenze anscheinend nur in Ausnahmefällen, wie in den nordmährischeu Städten Mähr. Trübau und Mähr. Schönberg, erreicht, während z. B. in Sternberg der gesamte gewerbliche Nachwuchs fast ausschliefslich den ärmsten Arbeiterschichten entstammt 2 . Das Material, das als „Lehrlinge“ bei kleinen Meistern eintritt, ist nun aber noch aus dem weiteren Grunde besonders ärmlich und somit auf baldiges Verdienen angewiesen, weil 2. sich ein Ausleseprozefs bei der Verteilung der Lehrlinge unter die verschiedenen Lehrherren in der Weise vollzieht, dafs alle „besseren“ Elemente, also vor allem auch die aus wohlhabenderen Schichten stammenden jungen Leute von den gröl'seren Geschäften aufgenommen werden, den kleinen Handwerksmeistern somit in der Regel nur das minderwertige Material verbleibt. Was uns über die Zustände in den Wiener Gewerben von dem dortigen Gewerbeinspektor berichtet wird, dürfen wir ohne weiteres auf die grofse Mehrzahl gerade der wichtigsten Gewerbe übertragen. „In einigen Gewerbekategorien, wie namentlich im elektrotechnischen Gewerbe, im Gewerbe der Buchdrucker, Lithographen, Mechaniker, Maschinenbauer u. s. w. ist 1 Gewerbl. Zeitfragen 11 (1895), 49. 2 Waentig, 339/40. Siebenundilreifsigstes Kap. Die Ausbeutung jugendl. Arbeitskräfte etc. 579 der Andrang von Lehrlingen so grofs, dafs es guter Empfehlungen bedarf, um einen Lehrling unterzubringen. In diesen Gewerben werden infolge des grofsen Angebots auch höhere Ansprüche an den aufzunehmenden Lehrling bezüglich Alter, Schulbildung, körperliche Entwicklung, Entrichtung eines Lehrgeldes u. s. w. gestellt, als dies im allgemeinen sonst üblich ist 1 .“ Und dafs man es keineswegs mit einer singulären Erscheinung zu thun hat, beweist z. B. der Umstand, dafs bei manchen Fabriken der Briinner Maschinenindustrie Lehrlinge oft ein bis zwei Jahre in Vormerkung stehen, ehe sie thatsächlich aufgenommen werden können, Zustände, wie sie auch bei uns täglich beobachtet werden. Wie man sieht, sind es aufserordentlich komplizierte Zusammenhänge, die dem Handwerk zur Zeit die Verfügungsgewalt über bestimmte Kategorien unreifer Arbeitskräfte verschaffen. Bei der grofsen Bedeutung, den die dargelegte Verumständung für die Widerstandsfähigkeit des Handwerks hat, ist die Frage von besonderer Wichtigkeit: ob wir es hier mit vorübergehend oder fortgesetzt wirkenden Ursachenreihen zu thun haben. Bei der Beantwortung dieser Frage wird man sich darüber klar sein müssen, dafs es sich in unserem Falle um zwei nicht unwesentlich voneinander verschiedene Probleme handelt: das Problem der Beschäftigung jugendlicher Arbeitskräfte und das Problem der gewerblichen Lehre. Es ist ersichtlich, dafs jenes erste Problem nichts als ein Problem staatlicher Zwangsgesetzgebung ist und somit völlig aus dem Rahmen dieser Betrachtung herausfällt: das Handwerk wird so lange von der Ausbeutung unreifer Arbeitskräfte sein Dasein weiter fristen, als es dem Gesetzgeber nicht beliebt, dem Ausbeutungsdrange des Handwerksmeisters dieselben Schranken wie dem des kapitalistischen Unternehmers zu setzen. Dagegen ist die andere Seite des Problems, das uns hier beschäftigt, insofern komplizierter, als es sehr wohl sich ereignen kann, dafs dem Handwerk seine letzte Stütze — die billige unreife Arbeitskraft — in Lehrlingsform auch auf anderem Wege als dem der staatlichen Arbeiterschutzgesetzgebung entzogen werde. Überall nämlich dort, wo das Handwerk nur als Durchgangsstation zur Grofsindustrie von dem jugendlichen Lehrling aufgesucht wird, würde deren Zustrom versiegen, sobald Mittel und Wege vorhanden wären, um den Bedarf der Grofsindustrie an gelernten Arbeitern 1 Berichte der Gewerbeinspektoren für 1894. S. 59 f. Cit. beLWaentig. 37* 580 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. auf andere Weise als durch „Vorbildung“ in Handwerksbetrieben zu decken. Es ist bekannt, dafs diese Frage seit Jahren die besten Männer beschäftigt, dafs seit Jahren die „Reform des gewerblichen Unterrichts“ in allen Kulturländern zur Diskussion steht. Darüber, dafs der heutige Zustand unhaltbar ist, herrscht kaum Meinungsverschiedenheit mehr. Wir kennen die vernichtenden Urteile über den Niedergang der gewerblichen Tüchtigkeit auch der Arbeiter in der Grofsindustrie und haben auch die Gründe aufzudecken versucht, weshalb das Handwerk, dem noch immer der gröfste Anteil an der Ausbildung des gewerblichen Nachwuchses zufällt, heute seiner Natur nach aufser stände ist, seinen Verpflichtungen nachzukommen. Die Grofsindustrie würde sich nun zwar viel mehr zur Anlernung moderner Qualitätsarbeiter eignen, und gute Sachkenner geben sich der Hoffnung hin, dafs die heute schon vorhandenen Beispiele musterhafter Lehrlingsausbildung in Grofsbetrieben in weiterem Umfange Nachahmung finden werden. Ich zweifele daran. Wenn wir uns nämlich die Fälle genauer ansehen, in denen die Grofsindustrie sich systematisch der Lehrlingsausbildung annimmt 1 , so bemerken wir, dafs es sich entweder um Staatsanstalten oder um solche private Unternehmungen handelt, die ihrer Natur nach eine Art von Monopolstellung auf ihrem Produktionsgebiete einnehmen. Für die grofse Mehrzahl der eigentlichen kapitalistischen Konkurrenzunternehmungen wird die Notdurft des Erwerbslebens eine gedeihliche Entwicklung des Lehrlingswesens verhindern. Wir beobachten denn beispielsweise auch in dem weiter fortgeschrittenen England, dafs die kapitalistische Industrie nicht geneigt ist, das Problem der gewerblichen Ausbildung von sich aus zu lösen. So urteilen die kenntnisreichen W e b b s über den Stand der Frage in ihrer Heimat wie folgt 2 : „Was auch die schliefsliche Wirkung der erzieherischen Lehrzeit auf die Wohlfahrt des Gewerbes oder die Zukunft des Jungen sein möge, direkt macht . . (sie sich für) die beteiligten Parteien in keiner Weise bezahlt. Der Besitzer eines grofsen Betriebes hat keine Lust, sich mit Jungen abzugeben, wenn er sie das ganze Gewerbe lehren soll. Selbst ein Lehrgeld von 20 bis 30 j£, das ihm der sparsame Vater bietet, ist keine Versuchung für den Kapitalisten von heute, der wöchentlich hunderte von Pfunden an 1 Siehe die Liste bei Scheven, a. a. 0. S. 445 ff. 2 Sidney und Beatrice Wehb, Industrial Deraocracy. Deutsche Ausgabe 2 (1898), 24. Siebenunddreifsigstes Kap. Die Ausbeutung jugendl. Arbeitskräfte etc. 581 Löhnen zahlt. Er zieht es vor, seine Arbeitsprozesse in Männerarbeit und jugendliche Arbeit einzuteilen und jeden Grad dauernd mit der ihm zugewiesenen Routinearbeit zu beschäftigen.“ So wird man mit Notwendigkeit zu der von den Zufälligkeiten individueller Arbeitsverhältnisse losgelösten Lehrwerkstätte als der einzig aussichtsreichen Lösung des Problems gewerblichen Unterrichts geführt; als derjenigen Form der Lehre, in der auch die Konsequenzen der Veränderungen der Technik (Übergang vom empirischen zum wissenschaftlichen Verfahren) einzig und allein in sachgemäfser Weise gezogen werden können. Schon heute macht das System der Lehrwerkstätte erfreuliche Fortschritte. Freilich ist ihre Benutzung einstweilen ein Privileg der bessersituierten Familien, da ihr Besuch noch höhere Ansprüche an die Börsen der Eltern und Vormünder stellt als die Lehre alten Stils mit ihrem Lehrgelde. Daher wird für unsere Frage die Weiterentwicklung der Lehrwerkstätte in ihrer heutigen Form keine wesentliche Bedeutung haben. Sie wird die Elite des gewerblichen Nachwuchses, die schon heute den Kreisen handwerksmäfsiger Ausbildung entwachsen ist, auf bessere und vollkommenere Weise ausbilden. Sie wird aber keine Veränderung schaffen für das Gros von „Lehrlingen“, das heute dem Handwerk anheimfällt, weil es nicht mehr die Mittel hat, mehrere Jahre ohne Verdienst zu leben oder gar Kosten für seine Ausbildung aufzuwenden. Man kann bei dieser Sachlage daran denken, den gewerblichen Fachunterricht seiner Kostspieligkeit zu entkleiden und jedermann auf Gemeinschaftskosten zugänglich zu machen. Dazu drängt die Erwägung, „dafs technischer Unterricht noch mehr als der gewöhnliche Schulunterricht in der Gegenwart zu grofse Kosten macht und erst in zu entfernter Zukunft seine Vorteile einbringt, als dafs die grofse Mehrzahl der Eltern Mittel dafür auf bringen könnte. Wenn die Gemeinschaft eine ununterbrochene Folge qualifizierter Arbeiter zu haben wünscht, wird sie als Ganzes für ihren Unterricht zu zahlen haben “ 1 . Damit haben wir aber schon die Grenzen unseres Untersuchungsgebiets überschritten und die Perspektive auf Probleme der socialen Politik eröffnet, deren Erörterung späteren Ausführungen Vorbehalten bleiben soll. Es mufsten hier nur kurz die möglichen Lösungen der Frage gestreift werden, um ein klares Urteil über die Bedingungen zu gewinnen, unter denen das Hand- 1 Webbs, a. a. 0. S. 29. 582 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. werk sich allen Unvollkommenheiten zum Trotz und wider alle Berechnung immer noch am Leben erhält. Wir kennen jetzt diese Bedingungen und können sie dahin formulieren, dafs wir sagen: Das heutige Handwerk, soweit es nicht gehilfenloses Scheinhandwerk ist, fristet sein Dasein weiter, so lange ihm die Gesetzgebung die Ausbeutung unreifer Arbeitskräfte in weiterem Umfange als der kapitalistischen Industrie gestattet und solange die Gesellschaft nicht Sorge dafür trägt, dafs das heutige System der Lehrlingsausbeutung, das den völligen Bankerott des gewerblichen Unterrichts bedeutet, einer den Zeitumständen besser angepafsten Form der Lehre Platz macht. Exkurs zu Kapitel 37. Einige litterarische Notizen zur Frage der Lehrlingsausbildung und Lehrlingsausbeutung. Die Klagen über schlechte Ausbildung der Lehrlinge im ausgehenden Mittelalter siehe in der Zusammenstellung bei Bücher, Gewerlil. Bildungsfrage S. 23 ff Ein Urteil aus dem 18. Jahrhundert: „Ich will itzo nur des schlechten Unterrichts erwähnen, den sie — sc. die Zünfte — ihren Lehrlingen erteilen, die dasjenige höchstens in einem Vierteljahre weit besser erlernen könnten, worüber sie drey, vier und mehr Jahre mit blofsem Absehen und Verrichtung aller Mägdearbeit zubringen müssen.“ von Justi, Staatswirtschaft 1 (1758), 292. Noch Schm oll er kennt 1870 im wesentlichen nur die früheren Ausbeutungsformen; von denen, was wir heute - „Lehrlingszüchterei“ nennen, weifs er noch so gut wie nichts. Vgl. z. B. Kleingewerbe 353/55. Auch in den deutschen Enqueten der 1870er Jahre spielt das numerische Mißverhältnis der Zahl der Lehrlinge, also die „Lehrlingszüchterei“ im eigentlichen Sinne noch keine grofse Rolle. In den Gutachten, die der Verein für Socialpolitik in jener Zeit sammelte (mitgeteilt in den Schriften des Vereins f. Soc.-Pol. Bd. X. 1875), finde ich nur mit Bezug auf die Buchdrucker und zwar im Hinblick auf gröfsere Unternehmungen überhaupt eine Erwähnung des Problems des Lehrlingsziicliterei. In der ungefähr gleichzeitig erschienenen Reichsenquete (Ergebnisse der über die Verhältnisse der Lehrlinge, Gesellen und Fabrikarbeiter auf Beschlufs des Bumlesrats an- gestellten Erhebungen, zusammengestellt im Reichskanzleramt. 1877) findet sich im Gegenteil vielfach ein Hinweis auf fühlbaren Mangel an Lehrlingen in den meisten Handwerken: vgl. a. a. 0., S. 75 ff., eine Beobachtung, die durch andere Thatsachen bestätigt wird. So nahm beispielsweise in der Berliner Tischlerei die Zahl der Lehrlinge von 1860 bis 1875 eher ab als zu. Die in der Innung befindlichen Meister nahmen in die Lehre auf Siebenunddreifsigstes Kap. Die Ausbeutung jugendl. Arbeitskräfte etc. 583 und liefsen einschreiben (berechnet nach den in den Schriften des V. f. S.P. a. a. 0. S. 39 mitgeteilten Tabellen): T Durchschnittszahl Jaür der Meister 1860/61—1864/65 1776 1865/66—1869/70 1684 1870/71-1874/75 1603 Lehrlinge 2011 1567 807 auf 100 Meister entfielen Lehrlinge 113 93 50 Eine Durchmusterung der Quellen damaliger Zeit ergiebt, dafs sich das Lehrlingsverhältnis in Deutschland in den 1870er Jahren in einem Übergangsstadium befand. Schon wird geklagt, dafs die jungen Leute, von den Fabriken angelockt, „zu früh verdienen wollen“, statt Lehrgeld zu bezahlen. Infolge davon: Kontraktbruch, „Verwilderung“ und andere Übel (Ergebnis der Gutachten des V. f. S. P. und seiner Beratungen über diesen Gegenstand: Schriften Bd. XI, 1875). Es beginnt aber als zweite Folge die Sitte des Lehrgeldnehmens gerade damals in Abnahme zu kommen. (Ergebnis der oben citierten Reichsenquete; vgl. a. a. 0. S. 75 ff.) Damit im Zusammenhang steht das ebenfalls in jene Zeit fallende Verschwinden der häuslichen Beschäftigung des Lehrlings, die mehr und mehr abnimmt, „weil (wie verschiedentlich hervorgehoben wird) die Arbeitskraft des Lehrlings für eine solche Verwendung viel zu teuer sei“ (a. a. 0. S. 69 ff.). Blieb dem Meister also nichts übrig, als entweder auf die Annahme von Lehrlingen zu verzichten, oder die Arbeitskraft des Lehrlings im Produktionsprozefs entsprechend zu nützen, ohne sie auszubilden. Letzteres bedeutete einen Bruch mit Jahrhunderte alten Überlieferungen und stand mit der Handwerkerehre alten Stils im Widerspruch. Daher zunächst es nur die „gewissenloseren“ (und meist weniger tüchtigen) Meister waren, die „Lehrlinge“ unter den neuen Bedingungen annahmen. Die fortschreitende Zersetzung des Handwerks hat dann jenen Unterschied in der Auffassung vom Wesen des Lehrlings bei den verschiedenen Meistern ausgeglichen, hat das moralische Empfinden nivelliert. Aus der umfangreichen neueren Litteratur (vgl. auch meine Übersicht in Brauns Archiv, Bd. IX) darf besonderes Interesse der Bericht des Centralvorstandes des Schweizerischen Gewerbevereins über seine diesbezüglichen Untersuchungen, Verhandlungen und Beschlüsse beanspruchen, die unter dem Titel „Die Förderung der Berufslehre beim Meister“ als Heft XI der Gewerblichen Zeitfragen (1895) erschienen ist. Hier gewinnen wir für die Zustände in der Schweiz ein Bild, das im wesentlichen mit demjenigen übereinstimmt, das Scheven für Deutschland gezeichnet hatte. Mit ganz verschwindenden Ausnahmen kommen alle Gutachten zu dem Ergebnis: dals es dem gewerblichen Nachwuchs ebenso sehr an Schulbildung, wie vor allem an Handgeschicklichkeit fehle und dafs in allen Berufszweigen bereits heute ein empfindlicher Mangel an tüchtigen Arbeitern herrsche. Auch wird als Grund in sehr vielen Fällen (obwohl es meistens Handwerker sind, die berichten) die mangelhafte Ausbildung der Lehrlinge angegeben, die großenteils von den weniger tüchtigen Meistern in Masse angenommen würden, weil sie hier kein Lehrgeld (oder geringeres) zu zahlen brauchten: a. a. 0. S. 34 (Schneider), S. 54 (Schreiner), S. 59 (Glaser), S. 64 (Schlosser), S. 77 (Sattler). „Eltern und Vormünder ziehen gar oft kurze Lehrzeit und billiges Lehrgeld vor, statt tüchtige Meister mit guter Arbeit“ (S. 77). Es scheint demnach, 584 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz. als ob die Entwicklung in der Schweiz noch etwas rückständig sei und etwa dem Stande der Dinge entspräche, den wir oben für Deutschland vor etwa 20 Jahren konstatieren konnten. Uber die analogen Zustände in Frankreich unterrichtet J. Fouque, La crise de Tapprentissage et les progres de l’enseignement professionnel. 1900. Ein resümierender Aufsatz desselben Autors in den Questions pratiques de Legislation ouvriere (20. X. 1900) beginnt mit den Worten: „L’apprentissage — et nous entendons ce mot dans son sens restreint, celui d’enseignement d’un Metier manuel — est en train de disparaitre.“ Dieser Satz wird dann des weiteren dahin erläutert: „l’idöe morale et tutelaire qui dominait 1’an eien contrat d’apprentissage tend manifestement ä s’oblitdrer chez beaucoup de patrons, qui voient dans leurs apprentis des ouvriers ä hon marche plutot que des pupilles“ . . . Ygl. neuerdings Cb. M. Limousin, L’instruction professionnelle et l’industrie nouvelle im Journal des Economistes. 15. X. 1901. pag. 16 ff. Für England sind vor allem zu vergleichen die beiden Werke von Sidney und Beatrice Webb: 1) The History of Trade Unionism. 1894; deutsche Ausgabe 1896. 2) Industrial Democracy. 1897. Deutsche Ausgabe (1898) u. d. T.: Theorie und Praxis der englischen Gewerkvereine. — Vgl. übrigens auch die Litteraturübersiclit in dem Artikel „Gewerblicher Unterricht“ (Carl Roscher) im H. St. 4 2 (1900), in der merkwürdigerweise gerade die oben genannten Quellen und Schriften sämtlich fehlen. Abkürzungen, Gewerbliche Arbeit = W. Sombart, Die gewerbliche Arbeit und ihre Organisation im Archiv für sociale Gesetzgebung und Statistik; herausgegeben von H. Braun. Bd. XIY. 1899. H. siehe Band II Seite 356 dieses Werkes. H. St. 3 == Handwörterbuch der Staatswissenschaften. 2. Aufl. 1899 ff. 7 Bände. Stat Jahrb. == Statistisches Jahrbuch des Deutschen Reichs. Erscheint jährlich; zuweilen auch nur cit. 1900, 1901. U. siehe Band I Seite 662 ff. dieses Werkes. U.B. = ürkundenbuch. Für Erklärung sonst noch gelegentlich gebrauchter Abkürzungen wird das Autorenverzeichnis zu Rate zu ziehen sein. Die ebenfalls nicht immer ausgeschriebenen Titel der Quellen und Zeitschriften wird sich der Leser bei einiger Umsicht selbst aus dem Text ergänzen können; ihre Aufführung würde zu viel Raum beanspruchen. Autorenverzeichnis r y Die beiden römischen Ziffern I und II bezeichnen den Band, die dahinter folgenden Ziffern die Seitenzahl des betreffenden Bandes. Die fremdländischen Namen mit Da, De, Di etc. sind unter D an ihrem Orte alphabetisch eingereiht- die deutschen Namen mit von dagegen unter dem betreffenden Anfangsbuchstaben des Namens selbst. Abelsdorff, Walter, 1 662.'666. Adler, Emanuel, II 22. Aebert, B., I 664. Agricola, G., II 362. Albinus I 275. Albrecht, PI., II 417. 522. Alexi, S., I 250. Alfieri, Vitt., I 393. Alidosi, Giov. Nie. Pasq., I 245. 406. Alvares, P., I 373. Alyize, da ca da Mosto, I 354. 362. 374. Amiet, J. F., I 255. 271. Ammon, 0., II 229. Anderson I 244 f. 266. 395. Andröe, K., I 144. 190. 348. 858. Apelt, Kurt, II 253. Aristoteles I 61 ff. Arnecke, Dr. A. Ch., I 665. Arnold, W., I 88. 286 f. 289 f. 301. 487 f. 526 f. II 37. Aron II 523. Arrivabene II 171. Ascher, A., I 666. Aschrott II 170. Asher II 159. Ashley I 91. 97. 99f. 119. 123f. 134. 184. 285. Aubert, L. M. B., I 301. Baader, Jos., I 133. Bachem, Jul., II 377. Backhaus, Al., I 584. II 110. 113. Baden-Powell, B. H., I 90. Bähr, Otto, I 445. 447. 465. 659. II 260. B aines II 54. Bando II 119. Banfield I 428 f. 433 f. 438. 483. 661. II 120. 137. 150. 259. Barbaro, Ermolaro, I 192. Barbazan I 123. Barbosa, Duarte, I 374. Barbosa, Odoardo, I 373. Barth, Th., II 78. Barthema, Lodovico, I 374. Beccaria II 225. Beck, L. C., I 307. 406. Beck, Th., II 51. Beckmann I 75. 109. II 135. Beer, A., I 320. 336. 357. 364. Bein, L., I 30. Beissel, St., I 147. Bel och, J., I 139. II 183. 198. Below, y. G., I 88. 94. 106. 110f. 147. 171. 177. 183. 190. 285. Benoist, Charles, II 505. Bensing, F., II 104. Berends, S., II 266. Berg, A. v., II 150. 266. Berg, E., II 125. Bergius I 117. II 135 f. 368. Bertagnolli, C., I 151. II 88. 199. Berthold II 240. Beugnot I 336. 339. Beyerle I 288 f. 301. Bianchi, G., I 151. Bienengräber II 141. Bisch off, Dr. Erich, I 664 f. Bischoff, S., I 402. Bismarck I 461. 467. Blackstone II 162. Bleicher, H., II 241. Bleton, A., I 490. Blum, Joh. Gottl., II 278. Bluntschli I 44. Boccaccio I 249. Bode, W., II 297. 303. 309 ff. 315 ff. Bodin I 329. Bodmann I 271. r w Autorenverzeichnis. 587 r v r Boehm I 73. 87. II 81. Boehm-Bawerk, E. v., I 210. II 71. 80. Böheim, W., I 106. 157. Böhme, Otto, II 112. Böhmer I 271. 286. 289. 317. Böhmert, V., I 133. 665. Boenisch, P., II 122. Böttger, Hugo, I 500. 669. II 548. Bötzow II 148. van d. Bogaerde de Ter-Brugge I 313. Bokemeyer I 190. 330. 345. 349.355. 357 f. Bolte, Alfred, I 664. Bolton II 157. 226 f. Bond I 252. Bongar I 240. Bonifaccio I 297. Bonis, Freres, I 113. 253. Bonn, J. M., I 124. 273. 329. 372. 379. 419. Bonnardot, Frau?., I 134. Booth, Ch., I 502. 505. 512. 661. II 231. 237. 505. Borght, van der, II 14. 19. Borgius, W., I 664. II352. 367. 369. 390. Bosio, J., I 252. 260 f. Botero II 192 f. 199. Bourne, Fox, I 252. II 301. Boutaric, Edg., I 241. 262. 267. Braemer, Karl, II 215. Brambilla, G., 1 393. Brandt, L. O., I 665. II 352. Brant, Sebastian, I 423. Brater I 44. Braun, H., I 1. 8. 19. 52. 342. 500. 509. 648. II 386. 583. Braun, Lily, II 324. 506. Braunagel, Emil, I 575. Brehmer, W., I 123. Brentano, L., I 101. 661. II 363. 423. Bringmann I 490. Brodnicki, Boleslawv., 1434.580.11109. Broesike, Max, I 663. Brückner, H., II 178. 184. 229. Brünneck, v., I 290. Buchardt I 663. Buchon, Ed., I 333 f. Bücher, Karl, I 28. 34. 52 ff. 82. 92 f. 120 f. 138. 291. 293. 306. 436. 524. 553. 567 ff. 571. 626. 662. 665. 669. II 192. 230. 423. 582. Büchsenschütz I 115. 124. Bürgel, Martin, II 351. Büsch, Job. Georg, 11 74. 197. Buhl, L., II 266. Buoncompagni I 218. 392. Burckhardt. J., I 396. II 199. Buxton, Th. F., I 346. 350. 354. Cahn I 188. Caissotti di Chiusano, L., II 416. Caleghan I 373. Calvin I 379. Campe, F., I 405. Cantilion II 202. 224 f. Cantor, M., I 191 f. Carlyle I 61. 461. Caro, G., I 314. Cecchetti I 315. Cellense, Vetero, I 276. Cellini, Benvenuto, I 550. Cenni I 316. Centi I 320. Chalmers, Th., II 167. 170. 226. Chamberlayne II 203. 225 f. 247. Chatillon-Plessis, B., I 158. Chaucer I 229. Cheruel I 97. Chevalier II 423. Child I XV. Chippendale, Thomas, II 305. 307. Cibrario I 245. 333. 352. Cicero II 56. Clamageran I 230. 249. 262 f. Clemen, Paul, II 306. Cliquot I 375. Coffignon, A., II 373. 399. Cohen, Arthur, 1 663. II 384 ff. 408. 535. Cohn, Adolf, I 357. Coletti, Francesco, II 416. Collet, Clara E., II 505. a Collibus, Hippolitus, II 192. 199. Colmeiro I 379. Colon I 383. Compagni, Dino, I 324. Conrad, J., I 417. 500. II 18. 93. 96. 98. 102. 104. 106. 108. 111 f. 242 f. 256. Conze, F., I 188. Cooke I 400. Cooley II 219. Corio I 245. Corradi, A., I 137. Crane, Walter, II 299. Crapelet I 112. Crooke, W., I 90. Crüger, H., II 544. 548. 553. Culloch, Mc., II 384. Cunningham, W., I 104. 136 f. 139. 154. 182. 185. 229. 250. 259. 400. Curschmann, F, I 137. Custodi II 190. 193. 225. Daei, Fr., I 467. II 544. 553. Dandolo I 317. Dante I 383. Davanzati I XV. Davidsohn I 224. 245. 252 f. 258 f. 263. 265. 274. 319 ff. 390. Davies II 165. d’Adda, Giov., II 453. d’Ajano, Broglio, I 103. 124.400.403. tl 588 Autorenverzeichnis. d’Arco II 198. d’Avenel, G., I 138. 151. 247. 255. 258. 271. 360. II 246. 328. 379. 397. 399. de Balzac I 660. II 402. d e Barros I 374. de Boissonade, P., I 101. 111. 134. 141. de Borchgrave, E., I 136. 139. de Burgo, Luc., I 193. de Camöes, Luiz, I 325. di Conti, Nie., I 373. d’Haussonville, Comte, II 505. de Jonge I 345. de Laborde, M., I 244. de Lespinasse, Renö, I 134. Defoe, Daniel, II 154 ff. 160. 163. 197. 213. 227. Degen, L., I 661. Dehn, P., II 377. Dei Benedetto I 321. Delitzsch I 90. 123. Del Mar, A., I 345. 365. des Marez I 176. 259. 269. Del Vecchio, G. S., II 175. de Veer I 330. de Wailly I 241. Denton, W., I 136 f. 190. 244. Desimoni, Corn., I 393. Deslile, Leop., I 376. Deutsch, E., II 264. Deutsch, J., I 512. Deville, A., II 454. Dieterici I 431. 453. 462. 470 f. II 45. 140 f. 281. 346. 369. Dittrich, J. J., II 266. Dixon, E., I 233. 323. Dobel, F., I 254. 280. 396. Dohna, Graf Hermann zu, II 265 f. Doren I 100 f. 107. 111. 123 f. 166. 176. 187 f. 400 ff. Douet d’Arqu I 244. Dreesbach, Emil, I 335. Duffner, Karl, I 662. Du Maroussem, P., I 490. 505. 529. 548. 565. 661. II 399. Duyse, H. v., I 157. Dyhrenfurth, G., I 515. II 391. 505. Dzialas, F., II 107. Ebers, Gust., I 89. Eberstadt, R., I 126. II 242. Eckert I 301. Eden, F. M., II 154. 156. 163. 167. 213. Eger, Leo, I 663. Eggert, U., II 98. Eheberg I 188. 250. II 256. Ehrenberg, Rieh., 1 161. 224. 280. 355. 377. 400. 414 f. II 381. 408. Ehrle I 239. Einaudi, L., II 175. Emmery II 484 f. Emminghaus, A., II 354. Endemann I 184. Endres, M., II 109. Engel, E., I 431. 442. II 12. 105. 142. 177 f. 214. 223. 240. 281. 347. 484. 488. Engels, Friedr., I 53. 65. 661. II 166 f. Ennen I 286 f., 301. 306. 321. Erasmus I 383. Ermann I 184. Ermisch, H., I 254. 276. Ersbein II 103. Ersch und Gruber I 335. II 370. Ertl-Licht II 415 f. Escher, R., II 66. Eschwege, L., I 493. Eulenburg, F., I 81. 291. Fabri, Felix, I 309. Fagniez I 134. 183. 187. Faist, R., I 663. Falconbridge I 346. Falize, L., I 41. II 309. Falke, Gustav v., I 104. 106 ff 110 f. 156. 176. 187. 229. II 300. 330. Falke, Jakob v., II 294. 299. Falkenstein, Karl, I 104. Faulhaber, C., I 280. 401. II 409. Feig I 515. 538. Ferdinand, Valentin, I 374. Ferrara I 252. Ferroglio, Gaetano, II 184. Feuerstein I 663. Fichard, Job. Carl v., I 289. Figuier, Louis, I 387. Filangieri, G., II 190. 225. Fink, E., I 254. 280. 401. Fischer, F. Ch. J., I 274. Fitger, Em., II 137. Flach I 286. Flechtner, F., I 489. 628. 664. Flor, A., I 480. Flotow, v., II 177. Förster, E., I 141. Fontane, Th., II 68. 87. Forestie I 113. Fouquö, J., II 584. Fourier, Charles, II 444. Fox Bourne, II. R., I 310. Fraas II 103. Francke, E., I 452. 510. 532. 576. 590. 629. 669. II 21. 37. 448. Francke, L., II 13. Francotte, H., I 123. Frankenberg, H. v., I 46. Frankenstein, K., I 109. 541. Franz, H., I 444. Freese, H., I 496. 499 f. II 220. 242. 474. Freiesieben I 481. Autorenverzeichnis. 589 Frensdorff I 106. 111. Frenzei, J. C. F., II 129.131.149. Frey, C., 1 286. 301. 323 f. 383. Friedemann I 357. Friedländer I 119. Friedrichowicz, Eugen, I 533 f. Friesen, Rieh. Freiherr v., II 27. 40. Fromm, E., I 133. Froumenteau I 418. Fuchs, C. J., II 78. Fuchs, Georg, II 303. Fürth, Henriette, II 505. Fugger, Ant., I 193. Fukado, Takuzo, I 125. Funk-Brentano I 230. 259. 302. 311 f. Funke, PI. L. W., I 430. 434. 661. II 127. 133. 137. 144. 266. Ctaedechens, C. F., I 286. 301. Gar den er, Willcinson J., I 28. 123. Garrigues, Henry, II 399. Gaskeil II 164. 166. 168. Gebauer I 539. Gebhardt I 91. Gedon, Lorenz, II 300. Geering I 98. 103 f. 110. 113. 133. 145. 147. 152. 157 f. 173. 177. 229. 231. 400. 403 ft'. 412. 419. 421. Geiger, L., II 56. Geifsenberger, Nicol., I 665. Geistbeck, Mich., II 13. 77. Gelcich, E., I 395. Geldersen, Viko v., I 113. 179. 191. 228 f. Gengier I 123. 176. Gensei II 358. Gerlach, O., II 97. Gerland, E., I 335. II 199. Gessner, K., II 384 f. Gförer I 316 f. Gherardi I 233. 393. Ghistele I 335. Gierke, O., I 125 f. Giesel, Joh., I 664. Giefselmann, Gust., I 665. Gilbert II 162. 169. Giulini I 395. Glücksmann I 30. Gmelin I 247. 253. 276. Gnauck-Kühne, Elisabeth, I 472. II 501. 505. Godart 1 490. Goertz-Wrisberg, Werner, Graf, II 106 f. 113. Goethe I X. XII. XXIII. XXVI. 69. 75 f. 84. 121. 163. 197 f. 248. 385. 398. 550. 630. II 1. 42. 61. 295. 371. 372. 376. 421. 435. 455. Götz I 223. Goldschmidt, L., I 119. 124. 170. 183 f. 313. 338. Goldstein, J., II 159. 181. 200. Goltz, v. d., II 89. 105 f. 109. 112. Gomara I 369. Go mb erg, Leo, I 395. Gosch, Friedr., I 665. Gossrau, W., I 319. Gothein E., I 88. 96. 101 f. 105. 127. 130. 133. 145. 276 f. 280. 381. 400. 406. Gottlob I 237 ff. 242. 250 f. 255. 263. 313. 319 f. 382. 410 f. Gottschewski, Adolf, I 664 f. Grätz, II., I 390. Graham, P. A., I 585. 598. 611. II 170. Grandke, II., I 445 f. 462. II 391. 442. Graul, Rieh., II 309 f. Graunt, John, II 204. Gregorovius I 244 f. Greiff, B., I 400. Grempe, P. M., I 490. i Grieger, F., I 664. I Grieshammer, Joh. Mart., I 665. | Grimm, Gehr., I 75 ff Grofs, Charles, I 187. Grofs, G., I 100. 111. 124. 130. 134. 185. 188. 283. 310. Grossholz II 128. Grot, Nicolas v., II 85. Groth, E., I 469. II 297. Grothe, M., II 522. Grub er (Ersch und) I 335. II 370. Grümbke I 440. Grünberg, C., I 353. Grünhagen, C., I 102. 111. 306. Grunzei II 352. Guillot I 123. Gurlitt, C., II 316. Häbler, K., I 265. 280. 343. 347 f. 354. 367 f. 372. 400. II 89. 199. Haeckel II 425. Hagec I 253. 277. Hagen, v., II 119. Hall, Hub., I 226. Hallmann II 295. i Hamilton, Terrick, I 190. 364. Hampke, Karl, I 664. Hanauer I 287. 360. Handelmann, II., I 343. Hankel, H., I 192. Hansen, G., II 229. Hanssen, G., II 235. Hantsch, Victor, I 343. Harms, Bernhard, I 644. Harrison, II 161. Hartmann, Karl, I 665. Hartmann, M. Ludo, I 124. Hartmann, Otto, Hartung, J., I 171. 224 f. 280. 403. Hartwig, 0., I 287. 320. 323. 411. Hasbach, W., II 94. 156. 159. 162 f. 165 ff 170. 590 Autorenverzeichnis. Hase, 0., I 404 f. Hasse, E., II 184. 241. 257. Kassier, Ed., I 402. Haudecour, A., I 337. 340 f. 357. Hauer, Georg Freiherr v., II 136. Haupt I 436. Hauptmann, Gerb., I 32. Haushofer I 618. Hausmann, W., II 384. Havard, Henry, II 309. Ilaverland, G., I 500. Haxthausen II 124. Hecht, M., I 441. 574. 617. 665. Hecker-Hirsch I 137. Heck sch er, Siegfr., I 664. Heerdegen, J., I 666 Heffter, W., I 46. Hegart, Kuno, II 352. Hegel, Karl, I 87. 91. 110 ff. 123 ff 133 ff 247 . 288. 307. 323. Hegel, J. W. F. 1 29. II 5. 67. Heideloff I 117. 144. Heiligenstadt II 546. Heine, Heinrich, II 430. Heine, Wolfgang, II 352. Heineccius I 124. Heinemann, Ernst, II 221. Heinke, G., I 490. Heisig, Jos., II 110. Held, A., I 482. II 423. Helmolt, Hans F., 1 172. 343. Helps, Arth., I 343. 345. Helvetius, II 225. Hermann I 190. Hermann, F. B. W. v., II 147. Herrmann, Em., II 48. 51. 65. 285. 515. Herodot I 96. Herold, G. E., I 120. II 367. H errera I 368 f. Herzberg, G., I 462. 512. 594. II. 35. 503. Hesiod I 189. Hefs, M„ I 452. II 263. Heusinger, Friedr., II 266. Heyck, Ed., I 190. 252. 313. 333. Hey d I 104 f. 223. 252. 259. 333. 335 f. 352. 362 f. Heym, Robert, I 429. 481 f. Hildebrand, Br., I 99. 147. II 549. Hirsch, Rieh., I 663. Hirsch, Th., 1 100. 104 ff 110. 112. 172. Hirschberg, E., II 505. Hirschberg, Theodor, I 664. Hirschfeld, Georg, I 29. Hirschfeld, O., I 91. Hirschfeld, P., I 561. Hirth, G.j II 300 f. Höhne, C., II 385. Höniger, R., I 137. 301. Hoffmann, Horst, I 665. Hoffmann, J. G., I 120. 442.445.451. 460. 467. 630. II 266. 353. 357. Hof mann, Arthur, I 665. Hofmannsthal, Hugo von, I XXX. Holländer, Ludw., I 526. Hollingworth, S., I 350. Holtzendorf II 363. Holzschuh er, Freiherr v., II 142. 267. 353. Homer I 90. 440. lloräCek, E., II 245. Hornig, Paul, I 444. Hotop, Max, I 665. Hoverden, Gr., II 149. Huber, F. C., II 76. 352. 399. Hübner, Otto, I 470. II 9. 11. 98. 108. 286. Hühner-Juraschek II 281 f. 287. Hüne I 356. Humboldt, A. v., I 348. 357.365.369. 384. Hume I 397. II 190. 196. 203. Humphrey, Mary G., II 309. Hungerford-Pollen II 305. Hunter II 192. Hutten, Ulr. v., I 297. Huvelin, P., I 97. Ibsen II 86. Immermann I 439. Inama-Sternegg, v., I 88. 105. 136. 360. 418. Irmer, A., I 504. «Tacini II 173. Jacob, W., I 379. II 280. Jacobi, L. H. W., I 96. 427. 431. 437. 476 f. 484. II 150. 266. Jacobi, V., II 133. 135. 140. Jacobs, William, II 103. Jäger, Carl, I 283. 301. 307 f. 403. 406 f. Jähns, Max, I 413. James, Edmund J., I 400. 402. II 183 f. Janke, H., II 95. Jänner I 117. 121. Janssen, Joh., I 87. 175. 259. 271. 274. 360. 418. Jastrow, J., I 139. Jenny, Carl, II 61. Jentsch, Karl, II 437. Jessen, P., II 305. 308. Jobard, M., II 48. Joll II 487. 521. Jordanus I 191. Junghans, Paul, I 665. Juraschek II 12 ff. Justi, v., I XV. II 582. Justus, S., II 266 f. Kablukow II 167. Kärger I 577. Autorenverzeichnis. 591 Kaiser, E., II 408. Kaiserberg, Geiler v., I 184. Kaizl, J., II 39. Kampffmeyer, Paul, I 480. Kant I XI. XVII. Kanter, Hugo (Kuno Hegart), I 664. II 405 f. Kantorowicz, Franz, I 664. Kapp, F., I 404. Kara-Mursa, P., II 354. Karmarsch I 537. II 54. 61. 63. Kautsky II 99. Kienböck, V., I 666. Kieselbach, W., I 187. 446. Kind, Hermann, I 665. King II 156. 181. 200. 226. Kingsley I 461. Kirchhoff I 253. Kirsch I 237. 250. 411. Kirstein, Ernst, II 97. 108. Kleinwächter I 10. 666. Klemm, Gust., II 56. Klöden, K. F„ I 102. 108. 111 ff. 176. Klosen I 289. Klumker, J., I 99. 664. Knackfuss II 454. 456. Knapp I 342. 347. 354. 535. II 87. 120. 126. 143. Knies, K., II 284 f. 289. 413. 544. Knocke II 522. Kpburg, Sim. Jac. v., I 192. Koch, S., II 240. Koehler, Wold., I 404. König, Albin, I 664f. Kopeke, Otto, I 664f. Kohl, J. G., II 188. Köhler, J., I 188. Kolewinck I 258. Kollmann, P., II 98. 111. 113 ff. 149. 171. 241. Kopp, H., I 386 f. Koppe, C. W., I 123. II. 149. Koppmann I 179. 228. Kostanecki, A. v., I 253. Kotschy I 357. Kovalewsky, M., I 137. 154. Kozak, K., II 245. Krakauer I 91. Krause, J. II., I 361. K r e m e r, v., 1123.125.327.335.340 f. 361. Kretzer, Max, I 470. II 435. Krepzkam, Theod., I 665. Kriegh I 169-! Kriele, Martin, 1,663 f. Krocker, A., I 429. Krünitz I 95. 117. Krug II 207. Kuczynski, R., II 229. 231. Kudelka, Th., II 416. Kühn II 278. 280. Kulemann II 558. Kulischer, Jos., I 128. 189 f. 231. Kunstmann, F., I 354. Kunze, K., I 104. 166. Kuntze, Kurt, I 153. 665. Kuppener, Chrst., I 175. Kurella, H., II 244 f. Jjaband I 183. Labat I 355. Labriola, A. F., II 53. La Bruyöre II 190. 203. Lacomblet 1 128. Ladenburg, A., II 62. Lamb, Ch., II 309. Lamprecht I 97. 136. 138. 151. 159. 259. 360. Lamouroux, M. Al., II 246. Landolt II 244. Landsberg, C., II 301. Langegg, v., I 367. Langenstein, Heinz v., I 175. Langer, Otto, I 339. 341. 347. Lappenberg I 286. Las Casas I 342. 346. Lassalle I IX. II 28. Lästig I 170. 181. 184. 269. 377. 412. Lattes I 170. 186. 252. 377. Laurea II 53. Laurent, G. A., I 30. Laves, Th., II 15. Law, Alice, I 252. 260. 262. 264. Lazari, V., I 352. Lazarus, M., II 85. Leber, C., I 241. 247. 360. 375. Leffler, J. A., II 505. Legien I 651. Legoyt II 180. Lehmann, Ernst, I 662. Lehwefs, Eduard, I 663. Leipart, Th., II 505. Leiter, F., I 666. Leisching, J., I 666. II 317. Lemcke, Joh. (P. Friesenhahn), II 374. 381 Lemke, H., I 123. Lenel, W., I 185. 252. 258. 314. 317. Lengerke, A. von, I 435. 439. 443 f. II 96. 123 f. 128. 134 f. 264. Leo I 317f. 660. Leon, Antonio de, I 343. Le Play II 308. Leroy-Beaulieu, P., I 332. 365. Leschner, K., I 137. Lespinasse-Bonnardot I 119. Lessing, J„ 1 540. 549 f. 566 f. II 301. 309 f. 317. 330. Letourneau;! 190. Lette Tü 126j Levasseur,, Em., I 79. 88. 121. 124. 130,f. 134 136 f. 139. 144. 151. 154. 187. II 181. 367. 592 Autorenverzeichnis. Levy von Halle I 489. 529. Lexis I 274f.365f.495. II 9ff. 19. 71. 81. Libri I 392. 395 f. Liebenam I 116. 123 f. 133. Liebig, Justus von, I 357. Liebmann I 91. Liebseber, G., II 106. Liedke II 266. Liefmann, R., I 509. Liesegang, E., I 141. Lietzmann 1 535. Limousin, Oh. M., II 584. Lindner II 55. Liruti I 317. List, Friedr., II 95. Litthauer, F., II 408. Lizier, A., I 188. Loebner I 246. Lobe, W., I 434. 436. Löschburg I 461. Lognon I 301. Lohr, Hermann, I 662. II 404. Lopez, Th., I 366. 374. Loria, A., I 351. 358. II 152. 175. 348. Losch, H., I 52. 71. Lotz, W., II 278. Luard, Richards, I 363. Lubnow, Adolf, I 664f. Lucan I 383. Lueders I 190. 330. Lueger, Otto, II 55. 512. Luther I 61. 73. Lux, H., II 485 ff. 523. 527. 532. Macaulay II 181. 213. Mackenzie II 190. Macpberson II 213. Madox I 259. 267. Maercker, Max, II 106. Mabaim I 124. Maier, Joseph, I 663. Main, Ad., I 334. Mandeville II 290. Mannheimer, G. K. R., II 23. Manzi, G., I 258. Marberger II 192. Marin, C. A., I 245. Markgraf, H., I 123. Mario, K., I 553. II 218. 423. Marquardt I 116. Marshall II 163. 211. 219. Martin, R., I 429. Martin-Saint-Leon I 80. 87. 91. 96f. 121. 124. 130 f. 134. 149. 169. II 367. Martius, v., I 356. Marx, K., IIX. XIV. XVII. XXTX. 22f. 38 ff. 47 f. 53. 56. 59. 72. 205 ff. 213. 215. 218. 355. 358. 372. 482. 506. 556. II 5. 57. 64. 66. 79. 82. 93. 142. 161. 164. 167 f. 170. 427. 508. 512. 550. Marx, S., II 363. Masetti-Bencini I 334. Mataja, V., II 384. 386. 399. Matthesius, Job., I 277 ff. Maue, Hermann C., I 124. Maurer, v., I 88. 96 ff. 123. 125 ff. 144. 177. 285 ff. 289. 302. Mauri, Angelo, I 124. Mayer, G., I 460. 663. Mayr, G. v., II 114. 151. 178. 180. 185. Meitzen, A., I 435 f. II 35. 114. 280 f. Mende, Kurt, I 664. Mendelson, M., 1 669. Mendelssohn, G. B., II 270. Menger, Carl, I XXIX. Merivale, H., I 325. 332. 352. 357 f. Meuriot, II 183. 248. Meyer, Ed., I 114. 305. Meyer, Emil, II 15. Meyer, Georg, II 125. Meyer, Hans, II 454. Meyer, Rud., II 110. Michaelis, Otto, II 9. Micbaud I 263. Micbelet II 337. Mi ege II 157. 226 f. Mi 11, John Stuart, I XVII. H 307. 423. Mirabeau II 203 ff. 225. Mischler, Ernst, I 648. Mischler, Peter, 1427.481.483. II207. Mocenigo I 165. Möser, Justus, I 76. 423. II 356ff. 370. Mohr, Hugo, I 526. II 215. Mollwo I 228. Molmenti, P. G., I 316. 318. Mommsen I 124. Mo ne I 82. Montesquieu II 190. 196. Moranville, Ed., I 262. More II 161. Moreau de Jonnös, A., I 347. 350f. II 45. Morris, Henry C., I 332. Moser I 305. Movers I 123. Mucke, J. R., II 103. 106. 150. Müller, Ed., I 448. II 256. 272. Müller, V., II 302. Mülmann I 476. Müntz I 237. Muffat I 253. 264. Muirbead, J. P., II 51. Mummen hoff,E., 1 121. 133. 145.423. Muratori I 250. 317 f. 395. 412. Murr, Chr. G. v., I 388. Musil, A., I 485 ff. Mutber, R., II 85. 295 f. 308. 370. BTaude, W., I 167 f. Nebenius, F., I 356. Neefe, M., II 257. 530. Nehemia I 123. Autorenverzeichnis. 593 Neu, Alfred, I 665. Neuburg I 594. Neudörffer I 405. Neukraut I 469. Neumann, Fr. J., II 148 t 543. Neumann, M., I 130. 175. 184 f. 253. 266. II 126. Neumann-Spallart, II 13. Neumarch II 94. 159. Nicholl II 167. Nicolai-on II 142. Nietzsche, Frd., II 84. Nirrnheim I 113. 228. Noback, F., II 10. Noire, L., II 47 f. Noiret, H., I 335. 337 f. 340 f. Normand, Jaq., I 259. Normann II 205. Nübling, E., 1309.400. 590.666. II370. Ochs I 287. 292. Oechelhäuser, W., I 424. 428. II 46. Oertmann, P., I 500. Ogle, William, II 167. 234. Oldenberg, K., I 464. 487. 490. 492. 495. 520. 649. Oldenburg, G., II 107. Oncken II 224. Oppenheimer, Franz, I 154. Ostwald, Hans, II 304. Ovando I 344. Paasche, H., II 14 f. 114 f. Padberg, A., 1 435. 444. II 129. Pagnini I 221. 228. 235. 250. 270. 301. 320. 396. 411. II 76. Palmieri, G., I 392. Pantaleoni, M., I 189. Pappenheim, M., I 126. Paris, Math., I 363. Passy, II., II 180. 423. Pastor, W., II 523. Paterson, John Waugh, II 229. Patow II 98. Paul, Jean, I XXXIV. Pauli, C. W., I 112. 170. 285 f. 290 f. 294. 307. 311. Paygert, C. v., I 510. Pegolotti I 179. 233. 273. 336. Pernerstorfer, E., I 488. II 172. 264. Pernice I 124. Pertile I 285. 314. Peruzzi I 233. 319 f. 321. 399. Peschei, O., I 328. 342. 346.348.357. 360. 364. Petermann, Carl F., II 111. Peters, Max, I 665. Petersen I 500. Petit-Dutailles, Ch., I 137. Petty I XV. H 156. Peytraud, Luc., 1347. 350 f. 354 ff. 420. Pez, Hier., I 274. Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. Pfau, Ludw., II 301. Philippovich, E. v., I 662. Pic I 490. Pickhardt, Fel., II 107. Pierstorff I 559. 609. 665f. H492. 562. Pigafetta, Ant., I 329. Pigeonneau I 187. 249. 274. Pilz, Herrn., II 402. Pirenne, H., I 139. 151. 190. 219. 244. 312 Pisano, Leonardo, 1191.218.226.231. Pi ton, C., I 249. 253. 258 ff. 262. 270. 319. 324. PI enge, Joh., I 665. II 150. Pöhlmann, R., I 186. II 189 f. 192. Poggi, E., I 313. 322. II 199. Pohle, L., II 352. Pommer, E., II 112. Porter II 94. Post, Julius, II 417. Prescott, William H., 1128.343. 367ff. Price-Williams, R., II 184.226.248. Proseiger I 443. Proudhon H 423. Prutz, H., I 234. 240. 250. 252. 260. 264. 333. 335. 339. Pyrard de la Val I 329. 364. 374. Quarck, M., I 490. 651. Quesnay II 200. 224 f. Quintana, M. J., I 368. 371. Rabbeno-Conigliani II 357. Radu, V. T., II 416. Ramusio I 329. 354. 362. 364. 366. 373 f. Rapsilber, M., II 302. Ratzel, F., II 192. Rau II 125. 133. 150. 356. 617. Rau-Hanssen 1467. II 177. 235. 544. Rauchberg, H., I 669. II 180. 214. 229. 231 f. Raumer I 165. Raupp 1 663. Ravenstein, E. G., II 229. Raynard, Gast., I 259. Reden, Freiherr von, I425 f. 429. 480. 642. II 45 f. 134. 136 f. 148. 177. 266. 280. Regel, F„ I 534. Rehlen, C. G., I 454. Rehme I 289. 301. Reinhardt, Emst, I 664. Reiser, Friedr., I 87. Rem, Lukas, I 178. 400. Reschauer, H., H 37. Retzbach, A., II 546. Reuleaux, F., I 47 f. H 48 ff. 53. 56. 66. 487. 522. 538. Reumont I 320 f. Reuter I 480. II 136. Räville, A., I 137. 38 594 Autorenverzeichnis. Keybaud, Louis, II 48. Rhymer I 245. 252. 266. Ricardo II 160. Ricca-Salerno, G., II 16. Richter, M., II 399. Richter, Paul, I 664. Rickert, Franz, I 662. Riedenauer, A., I 90. Riedl, R., I 489. Riedler, A., II 61. 488. Riehl II 309. Riemann I 535. Rietschel I 189. Rigord I 259. 267. Rinke, Karl, I 665. Rinkel, Richard, I 663. Robion, F., I 96. Rocke, P., I 665. Rodbertus 153.571. 1128.101.160.278. Rodocanachi, E., I 124. Rönne II 126. Rössger, H., II 356. 358. 410. R o g e r s, Th., 1136 ff. 141.151.159.223.230. Rollo-Reuschel II 377. Roscher, Carl, II 584. Roscher, W., I 329 f. 332. 357. 417. II 94. 188. 192. 204. 217. 423. 558. Rosegger I 437. Rosenthal I 289. 301. Rosin I 9 ff. Rosner, K., II. 293. 301. Roth, J. F., I 109. 294. 301. 307. Roth von Schreckenstein I 283. Roth, Hermann, II 434. Rothenacker, A., I 663. Rousiers, P. de, I 502. 505. Rousseau, J. J., I 236. Rüfin, A., I 429 f. II 119. 124. Rüge, Sophus I 331. Ruland, Ott, I 179. 402. Ruskin, John, II 306. 308. Rusticus II 172. Ryff, Andreas, I 178. 230. Saalfeld, F., I 190. 328 ff. 344 f. 364. 366. 369. 374. 445. 449. n 77. Sachs, Hans, I 116. 383. 423. Sackur I 185. 244. Saco Josö I 355. Sägemüller I 239. Saint Simon I, XIV. Saling I 493. 521. 526. 541. 561. Sandei, Joh., I 277. Sander, Clem., I 377. Sander, Paul, I 647. Sandi I 103. Santini, P., I 318 ff. 324. Sanudo I 317. Sanuto, Marino, I 165. Saravia della Calle I 372. Sarrazin II 116. Sattler, B. C., I 179. 230. Savary I 377. Sax, Emanuel, I 30. II 149. Sax, Emil, II 77. 117. Shrojavacca, L., II 171. Scaruffi I XV. Schacht, Hjalmar, II 289. Schäfer, F., II 527. Schäffle I 12. 40. 44. II 217. 220. 550. Schanz, G., I 185. II 162. Schaube I 104. 190. 229 f. 259. 261. 269. 314. 410. Scheider I 262. Scherer, II., I 328 ff. 351. 356. 415. Scheu, R., I 666. Sclieurl, A. v., I 254. 401. Scheven, Paul, II 523. 527.571.580.583. Schiller, Dr., I 664. Schiller, Friedr., I 42. 75. II 67. 135. Schirek, C., I 395. Schliepmann, H., II 304. Schlosser, J. v., I 316. Schmaler I 436. Schmid, Hans, II 172. Schmidt, Carl, I 500. Schmidt, Otto, I 665. Schmidt, Theod., I 172. Schmieder I 387. Schmoele, J., I 490. Schm oll er I XX. XXIX. 7. 53. 91 ff. 98 ff. 103. 105. 114. 120. 126. 129 ff. 136. 146. 150. 153. 167. 176. 274. 283. 318. 377. 393. 400. 406. 435. 437. 445. 455. 459. 462. 481. 483. 489. 500. 512. 515. 525. 529. 537. 559. 620. 630. II 15. 34 f. 38 f. 109. 131 f. 140. 281. 351. 359. 386. 391. 423 f. 442. 582. Schnake, Fr., II 265 f. S c h n e e r, A., 1429.477 f. II131.134.266. Schneider, C., I 663. Schneider, G., I 250 f. 256.263. 319. Schneider, H. A., I 533. Schnell, K. F., II 149. 267. Schönberg, G., I 81. 119. 126 ff. 130. 171. II 27. 112. 423. 543. Schöne, M., I 533. Schönebeck, Franz v., I 664. Schoenlank I 108. 400. Schöttle II 284. 287. Schopenhauer II 320. Schräder, O., I 144. 177. 189 f. Schreiber, H., II 523. Schreiber, Th., I 112. II 302. Schröder I 423. Schubart 11 96. Schubert, F. W., n 89. Schuemacher, Karl, I 663. Schüller, R., I 666. Schuhmacher H., II 78. Schuhmacher, Herrn. A., I 343 f. 367. 420. Autorenverzeichnis. 595 Schulte, A., I 99. 102. 104 ff. 108. 111 ff. 156 f. 166. 169. 173. 183. 187. 250. 253. 256. 259. 271. 274. 286. 300 f. 305. 307 f. 313. 319 f. II 76. Schultze, Rieh., II 330. Schulz II 149. Schulze, H., II 545. 547. Schulze-Delitzsch II 548. 553. S chulz e-Gaev er nitz,v., II79.169.211. Schumann, M., II 151. 229. Schwabe, H„ II 232. 278. 300. 347. Schwarz, 0., I 34. Schwarz, Paul, II 247. Schwendemann, Roman, I 663. Schwiedland I 529. II 35. 378. 408. Scott, Walter, II 86. Seeb ohm I 138. Seidler I 395. 666. Seitz, Franz v., II 300. Sella I 258. 271. Sello, G., I 113. Semino I 333. Semper, G., I 141. II 293. 295. 298. 303 f. 453. Sen ec a II 189. Serra, Ant., I XY. Shakespeare I 389. 660. II 356 f. Sharpe II 201. Sheraton, Th., II 305. 307 f. Siemens, Werner, II 522. Sieveking I 103. 124. 188. 252. 313 f. 318. 333. 338. 393. 400. 403. 411 f. Sievert, F., I 172. Simmel, G.,IXIX.XXII. 190.383.II330. Simonsfeld I 169. 178. 252. 316. Sinclair, John, I 241. Singer, Hans W., II 84. Singer, K., II 233. Sinzheimer I 523. 540. 553. 561. 567. 586. II 212. Sismondi I 61. Slaby H 523. Smith, Ad., I 26. 37. 40. 103. II 159. 162. 176. 192 f. Smith, John, I 283. Smith, Llewellyn, II 231. 237. Soergel, Hs. Th., I 663. Soetbeer, Ad., I 275. 362. 365 f. 368. 370. 373 f. 407. 414. Sommerlad, Theod., I 156. Sonnenfels I XV. II 135. 206. Spengler, A., I 663. Sperges, v., I 278 f. 408. Speyer, Otto, I 306. Spiethoff, A., I 663. Spix I 356. Sponsel, Jean Louis, II 375. Sprengel, M. Ch., I 346. Springer, Anton, II 455. Stahl I 119 f. 128. 138. Stamford, Raffles, I 349. Stammler I XIII. XXVIII. 1. Stampfer, F., I 666. Stegemann, R., I 117. 500. 541. Steiger, H., I 663. Stein, Philipp, I 663. Steinbeck I 254. 277. 402. 406. Steinberg, Paul, I 663. Steinbrück, C., II 116. Steinhausen I 230. Steinitz, K., I 664. Steinmann, F., II 266. Stengel I 289. 306. Stephan I 165. 223. 229. II 285. Sternberg, K., I 253. Stetten, P. v., I 287. 289. 294. 303. 305. Stewart, J„ I XIV. II 162. 164. 191 f. 217. 225. Stieda, W., I 45. 112 f. 128. 166 f. 171 f. 223 f. 229. 231. 246. 400. II 356. 377. Stobbe, Ö., I 253. 259. 261. 266. Stockbauer II 301. Stolle I 417. Storch II 330. 340. 342. Stresemann, G., II 399. Stromer, ülmann, I 231. Struve, P. v., II 88. 142. Stuart, Harry, II 163 ff. Stubbs, Will., I 241 f. 252. 309 f. Stüwe I 327. Suefs, E., I 365. Süfsheim, Max, II 382 f. Sugenheim I 322. Sumner-Maine, H., I 90. Tafel I 333. Tavernier I 374. Taylor, W., I 400. 424. Teesteye I 247. Thaa, G. von, II 357. Thiel n 116. Thiefs, Karl, I 663. Thissen, Otto, I 669. Thoma, Walter, I 665. Thomas I 333. Thorpe I 99. Thünen, v., II 107. 217. Thun, A., I 15. 30. 101. 106. 109. 127. 144. 149. 151. 400. 429 ff. 482. Thurneyssen, F., I 503. 539. 543 f. 546 f. 562. 608. II 35. 448. 535. Thurston II 523. Tiele, P. A., I 345. Tietze, Gustav, I 664. Tille, A., II 357 f. Timm, Joh., I 512. Tölner I 179. 228. Tönnies, F., I 60. II 142. Tommasi I 103. Toniolo, G., I 184. 252. Tooke I 360. II 94. 153. 38 * 596 Autorenverzeichnis. Torfs, L., I 137. Toynbee, A., I 424. II159 f. 181. 213. Tramayeres, Blaco L., I 134. Trefzer, F., II 244. Treitschke I 61. Treutlein I 392. Troeltsch 1 400. Trüdinger, Otto, I 666. Tugan-Baranowski, M., I 480. Turner, G. J., I 248. Tybaldo-Bassia I 124. Tzschoppe I 289. 306. Ticke, A., II 95. Überweg-Jürgen BonaMeyer 127. Ukland I 384. Ulmenstein, Freiherr von, II 356. 358. 401. Unger, F., I 191 f. 357. 392. 395. Üre, Andrew, I 48. II 66. Uzzano I 179. 221 f. 228 ff. Yallance, Aymer, II 306. Vandenpeereboom A., I 139. Vanderkindere, L., I 100. 124. 136. 247. 253. 259. 285 f. 292. 312. Vandervelde, E., II 171 f. 232. Varenbergh I 233. Vasari, G., II 453. Vellemann, A., II 291. Veluti I 323. Yentura, Laurentius, I 388. Verhaeren, Emile, II 190. Yianello, P., I 392. 395. Yiebahn, v., I 453. 617. II 129. 141. Yillani, I 261. 319 ff. 323. 376. 392. 411. 414. Yischer, Fr. Th., II 299. 330 f. Vitry, Jacob von, I 240. Voigt, Andreas, I 524. 593. 663. II 24. 423. 425. 514. 518. 536 f. Voigt, M., I 116. Voigt, Paul, I 501. 620 ff. 626. 633. 641. 663f. 669. II 38. 184. 233. 244. 297. 423. 441. 536. Volz I 432. Vofs, Job. Heinr., II 86. Vuitry, Ad., I 241. 247. 250. 267. Wachler, L. W., I 427. Waentig, H., I 632. 646. 648. H 37. 39 f. 447 f. 563. 570. 578 f. Wagner II 107. Wagner, Adolph, I XX. II 28. Wagner, Rudolph, II 48. Wakefield I 358. Waltershausen, Sartorius von, I 189. Warnkoenig I 286 f. 311. Washburn, Hopkins E., I 119. Wattenbach I 352. Webb, Sidney and Beatrice, I 148. II 245. 576. 580 f. 584. Weber, A., I 358. 512. 514. II 491. 494. Weber, A. F., II 167. 169. 178 f. 181. 183. 185 f. 188. 219. Weber, Max, I 171. 181. 577. II 120. Wede, Emil, I 665. Wegener, Eduard, I 663. Wehrmann I 90. 104 ff. 108. 112. 119. II 367. Weichs-Glon, Friedr. Freiherr v., I 487. II 563. Weifs II 330. Weisskirchner, R., I 666. Welp, Treumund (Ed. Pelz), I 429. Werner, H., I 130. 133. H 108 f. Weschniakoff, W., I 31. Westhaus, Wilhelm, I 664. Wetter, Joh., I 404. Wezel, E., I 124. Wiebe, G., I 360. Wiedenfeld, K., II 278. Wiedfeldt, O., 1426. 664. H 36.39. 219. Wilcke I 240. Wilkens, L., I 430. 457. H 150. Will, D., II 447. Wille II 135. Wimpheling I 383. Winter, A., I 664. II 505. Wirminghaus, A., I 664. II 229. Wiskemann I 385. Wittelshöfer, O., II 70. Wittenborg I 178. 191. 228. 230. Wöhrle, Georg, I 663. Wörner, L., I 662. Woker, Ph., I 237. Wolfram, M., I 487 f. 527 f. Wrabetz, C., II 555. Wüst, A., II 104. Wurfbain I 364. 374. Wuttke, R., II 492. Xerez I 369. Young, A., II154f. 158f. 163f. 204. 213. Ysselstein, M. v., 1431. II257.273.347. Zais, Emst, I 664. Zamboni, F., I 352. Zdekauer, L., I 186, 272. Zedier, G., I 404. Zeidler, H., II 544. 553. Ziebarth, E., I 124. Zimmer, H., I 115. Zimmermann I 102. 332. 663. Zink, Burkard, I 173. 276. 413. Zola II 86. 399. Zuckerkandl, R., I 666. Zwiedineck-Südenhorst, v., I 665f. II 251. Zycha, Ad., I 276. Sachregister, Aachen (Rgb.) I 429f. 622. II 98. 147. 214. 217. 223 f. — (Stadt) I 15. 101. 622. II 269 ff. Abfälle I 449. II 212. 512. Abflufs der Bevölkerung vom Lande in Deutschland II 150 ff.; in Grofs- britannien II 168 f.; in Belgien II 172; in der Schweiz II 172. Abingdon II 158. Ablösungder Nutzungsrechte auf dem Lande in Deutschland II126 ff. 143; in Grofsbritannien II 165. — der Renten und Zinsen in den mittelalterlichen Städten I 291. Abnormität im socialen Leben I XXII f. Ab raham, der Sohn des Rabbi, reicher englischer Jude im Mittelalter I 267. Abraumsalze II 106. Absatzfabrik I 534. Absatzgenossenschaften II 545. 555. Absatzorganisation; ihre Neugestaltung in der Gegenwart II 352 ff. 371 ff. Absatzverhältnisse im Mittelalter 1145 ff. 176.232 ff.; ihre Verschlechterung in der kapital. W. II 69. 371. 519. 533. 551. Absorption der acc. Geldbeträge durch aufserwirtschaftliche Zwecke I XXIV. 410 ff. Abhängigkeit (indirekte) vom Kapital (theoretisch) I 202 ff. — (empirisch) I 410 ff. 486 ff. II 351 f. 470. 518 f. Absterbende Handwerke II 573. Abwechslungsbedürfnis des modernen Menschen, siehe Neuerungssucht. Abzahlungsbazar II 386. Abzahlungsgeschäft 1503. 507. 564. i 607. 610. II 383 ff. 408. | Accidenzdruckerei siehe Buch- i druckerei. j Accon I 261. 332. 337. Accumulation, kollektive I 376 f.; unmittelbare I 273. 362 ff.; „ursprüngliche“ I 218 ff. Ackergeräte 1 439 f. 581 ff. Adel siehe Landadel, Fatriciat. Adelsheim I 629. Aden I 327. Adrianopel I 333. Ägypten I 28. 89. 96. 104. 119. 123. 128. 190. 340. 352. 374. Ägäisches Meer I 335. Ärmelausreifsgeschäfte II 372. Ästhetischer Stumpfsinn des grofsen Publikums II 542. Ästhetische Thees II 296. Ätolien I 333. Afrika I 326ff. 331. 334. 340. 346. 349 ff. 361.365 ff. 373; (Gold-) Süd-A. II 95. Agent I 642. II 349. 406 ff. Siehe auch Detailagent. Agglomerationder Bevölkerung siehe Bevölkerung. Agrarhausse in Deutschland II 94ff.; in Grofsbritannien II 154 ff. 160 ff.; in Belgien II 171 ff. Agrarkrisis II 85. 151. 236. Agrarproduktenpreise siehePreise. Agrarreform in Deutschland II 126 f.; in Grofsbritannien II 165 f.; in Italien II 173 f. Agrarverfassung Englands zu Beginn des 18. Jahrh. II 161 ff.; ihre Auflösung 164 ff; in Italien II 173 f.; in der Schweiz II 172. Agrarwesen als Objekt der socialen Wissenschaft I XXIII. XXXHI. Aigues-mortes I 230. Akademismus II 296. Akarnanien I 333. Alabasterwaren II 364. Ala^er Kebir, Schlacht von I 327. Alaunbergwerke I. 336. 338. Alchemie I 385ff. 598 Sachregister. Aleppo I 327f. Alexandria I 170. 328. 360. II 190. Alfenide II 469. — waren II 364. Algerien II 288. Algier I 223. Alkohol II 44. Alleinbetrieh I 26. 28ff. 450f. Allmende in Deutschland II 125ff.; in Grofsbritannien II 161. Allowancesystem II 170. Almadön I 280. Alteisenhandlung II 369. Altenburg I 434. Altinum I 315. Altona I 480. 510. 537. 664. 668. II 223 f. 385. 577. Altstadt-Waldenburg I 664. 669. Altwarenhandlung II 327 f. 369. Amerika I (spanisch) 329. 331. 337. 342 f. 346. 351. 366 f. 428. 529. II 23. 77 f. 88. 152. 183. 185. 199. 309 f. 337. 339 f. 348. 397. 479. 506. Mittel- I 346. Nord- II 23. 308f. Süd- II 21 ff. 479. Amerikanismus im modernen Kunstgewerbe II 309. Amsterdam I 352. 355. II 381. Anbaustatistik (Deutschland) II 103 f. Anbringungsgew r erbe I 35. 521. 525. 542. 561. 603 ff. 616. Ancona II 174. Andreasberg I 274. Angliederung früher selbständiger Handwerke I 554 ff. — anderer Industriezweige an eine vorhandene Industrie II 211 f. Anilin II 44. Anklam I 102. 105. 108. 112. 444. Annab erg I 274. 277. Anleihen (öffentliche) I 246ff. 411. 415. II 201. Annonce II 413. Anpassungsfähigkeit im socialen Kampfe ums Dasein II 424. Anschläger (beim Baugewerbe) 1603. Ansichtspostkarten II 389. Anstreicher I 16. 89. 464f. 605. 657. Anti-Luxuslitteratur II 291. Antillen I. 346. 350. 355. 420. Antinomien der kapitalistischen Wirtschaft II 68 ff. 463. Antiochia I 335. 366. Antwerpen I 223. 230. 246. II 381. Apolda I 651. Appretur I 145. Apulien II 174. Aquileja I 315. Araber, arabische Kultur etc. I 192. 327 f. 334 ff. 361. 392. Arabien I 326 ff. 334 f. 339 f. 347. 360. 363. 365. 374. 382. 391. Arabische Ziffern I 392. • Aragonien I 334. Arbeit, wirtschaftliche, ihre Ordnung I, 3 ff. 10; ihre beiden Organisations- principien I 23 ff. Arbeiterbewegung I 4. 649, II 219. 450. Arbeiterkategorien: 1. Stabsoffiziere der kapit. Unternehmung (höhere Angestellte, Chemiker, Ingenieure, Zeichner etc.) I 17. 43. 642. II 298 f. 336. 340 f. 443. 449. 458 f. — 2. Specialisten der Ausführung II 41. 444 f. 449. — 3. sog. gelernte, „qualifizierte“ A. I 41. 522. II 218. 230. 436. 442 ff. 446 f. 440. 459. 495. 570 f. 575. 579 f. 581. — 4. sog. ungelernte A. (Tagelöhner etc.) I 17. 150. 163. 230. 267. 385. 438. 441. II 125. 133. 136 f. 491 f. 497 ff. 504 f. 578. — 5. jugendliche A. I 42. 648. II 496. 565 ff. — 6. weibliche A. I 29. 30. 96. 405 ff. 510 ff. 538. II 212. 220. 492 ff. 502. 504 ff. 535. 564. Siehe auch Arbeits- verfasstmg. Arbeiterkonfektion I 537. Arbeitermangel im 16., 17. und 18. Jahrhundert I 419. Arbeiterschutz II 579. Arbeiterstadt II 215. Arbeiterverhältn isse,sieheA.r&e£H. II 74. 78; Klein- (Detail-)H. I 489. II 371 ff. 434. 438. 4t 0. 475. Handelsprofit, siehe Profit. Handelsstadt, siehe Stadt. Handschuhe 1 112. 456. 537. II 440; -geschäft II 389. Handschuhmacher 1 455. 537. 638. II 525. Handschuhmacherei I 455 f. 537. 590. Sachregister. 615 Handwerk: Absatzformen I 95 ff. Absatz: durch Hausiererei I 96; auf Märkten und Messen I 96 ff.; an Zwischenhändler I 98 ff. — Art handwerlü. Wirkens: in der ge- werbl. Produktion I 113 ff.; II 135. 452 f. 470. 508 f. 514 ff.; im Handel I 175 ff. II 369 ff. — Begriff I 75 ff. — Betriebs formen I 117 ff. — Existenzbedingungen: formale 1122 f.; reale I 135 ff. (Gestaltung der Bevölkerungsverhältnisse I 136ff.; desgl. der Technik 140 ff.; infolgedessen der Absatzverhältnisse I 145 ff.). Ihre Veränderungen zu Ungunsten des H. siehe Inhaltsverzeichnis des zweiten Bandes. — Lage am Ende der frühkapital. Epoche I 422 f. 433 ff. 447 ff.; in der Gegenwart 570 ff. 615 ff. (Zusammenfassung). — Verbreitung, historische I 88 f. ■— Wesen der handwerksmäfsigen Organisation des Gewerbes I 79 ff. 198. 517 f. II 434 f. 453. 465. 470. 508. 516. 519 f. 555 ff.; des Handels I 174 ff. 180 ff. 187. II 369 f. Vgl. auch LandS. Handwerkerbanken I 546. Handwerkerbewegung I 423. 461. 475. 478. 646. Handwerkerehre I 143. II 349. 470. 583. 659. Handwerkergenossenschaften: ihre bisherige Entwicklung II 263. 544 ff. — ihre Aussichten für die Zukunft II 557 ff. Handwerkerstrafs en I 123 f. Handwerksgesellen, siehe Arbeitsverfassung im Handwerk. Hanf I 435. 438 f. 574 f. II 119 f. 133. 138. 253. 471. 479. 482. Hanffaser II 44. 471. Hannover (Prov.) I 577. 664. II 177. 287 -- (Stadt) I 521. 527.536. 652. II 223 f. 350. 409. Harburg I 536. Hard (bad.) I 441. 574. 617. Harze II 45. Haspelstock II 134. Hauseinrichtungsgegenstände II 385. Hausgenossen (Mittelalter) 253. 286. Hausgeräte (Mitte des 19. Jahrh.) I 446. II 417 f. Hausgerätegeschäft II 390 f. Hausgesinde, siehe Dienstboten. Hausgewerbe, hausgewerbl. Eigenproduktion, siehe Eigenwirtschaft. Hausiererei: im Mittelalter I 96. II 370; in frühkapital. Zeit I 441. II 150; in der Gegenwart I 505. 577. 616. II 350. 356 ff. 490. 564; Zunahme der kapital. II. im 19. Jahrh. n 359; Rückgang in letzter Zeit II 360; als Objekt der Socialwissenschaft I XXV. Hausierhandwerker II 130. Hausindustrie (theoretisch) I 7. 10. 12 f. 21. 30 f. 45. 92. 204. II 206. 220. 394. 475. 477. 502 f. — (empirisch) I 402 ff. 419. 425. 429 f. 436. 445. 460 f. 467. 501 ff. 507. 509 ff. 519. 581. 595 f. 606. 611. 614. 639. II 130 ff. 138 ff. 163. 166. 168. 172. 210. 220. 234. 350. 490. 499. 518. 532. 574. Hauskommunionen I 67. Hausmontage I 542. Hausscklächter I 433. 624. Hausschlächterei, siehe Fleischerei. Hausschmieden I 556. Hauswirtschaft, ihre Auflösung in der Gegenwart I XXVI. II 323 f. 493. Haute Finance als städtebildender Faktor in frühkapitalistischer Zeit II 198 ff 201 ff Hawking (Höckerei) I 505. Heide I 442. 628. Heidelberg I 81. II 125. 150. Heidenheim I 575. Heidschnucken wolle I 577. Heilbronn I 266. 307. 548. 575. 651. Heiligenstadt I 436. Heimarbeit siehe Hausindustrie. Heimatsgesetzgebung in Grofs- britannien II 169 f. Heimatskunst II 84. Heifsluftmotoren II 521. 526. Heizstoffe II 16. 44. Helgoland II 391. Hemdenfabrik I 537. Hemelingen II 115. Hemmungen der kapitalistischen Entwicklung, theoretisch I XXV.; empirisch I 409 ff II 169 ff Henningham II 158. Herdfrischen II 75. Herford I 310. 513. II 490. Heringe II 367. Herrenartikelgeschäft I 625. II 391. Herrengarderobengeschäft 1445. 596. Herren konfektionsiehe Konfektion. Herrschergeschlechter: Abbassiden I 327. Ghibellinen I 320. Hohenzollern II 64. Plantagenets I 242. (516 Sachregister. Hertford II 155. Hessen (Grofsherzogtum) I 425. 430. 452. 578. 663. II 51. 111. 150. 177. Hessen (Kurfürstentum) II 148. Hessen-Nassau I 664. Heudorf I 258. Heuerleute I 661. II 127ff. 133. Hildesheim I 652. Hilfsindustrien II 212. Hilfsstoffe II 559. Hirschberg II 198. Historische Psychologie I XXI. Historische Social theorien I XXI. Historismus, historische Methode, historische Schule in der Nationalökonomie I XXIX f. Hobelwerk I 561. Hochepoche I 71. Hochkapitalismus I 72. 654. II 8. Hochöfen (Hochofenwerk) I 14. 17. 20. 406. 427 f. II 135. 212. Hoerde II 214. Hof, Höflinge als städtebildender Faktor in frühkapitalistischer Zeit II 200 ff. Hofoper, alte Dresdner II 307. Hohenzollern II 358f. Hohenzollern-SigmaringenI 480. II 137. Hohlgeräte, hölzerne (Böttcherei) I 469 f. Holkam II 155. Holland I 326. 330 f. 341. 344. 353; (Kolonien) 364. 415 f. II 21. 77. 391. Holstein 1 530. II 150. Holz I 146. 178. 539. II 16. 43f. 96f. 125. 134 ff. 158. 254. 391. 469. 478. 480. 556. 559. Holzbearbeitungsgeschäftl 546f. Holzborke I 453f. Holzdreher I 657. Holzeinfuhr II 478. Holzflechterei II 525. Holzgerätewaren I 110. 430. 469 f. 638. II 136. 391. Holzgerätschaftsgewerbe I 539. Holzhändler I 490. Holzhandel II 478. Holzindustrie I 400. Holzkohle I 427. II 44. 480; -frischverfahren II 44. Holzkohlenhochofen I 427. II 135. Holzmodelle für Giefsereien, Maschinenfabriken I 546. Holznutzung, liecht der II 143. Holzpreise siehe Preise. Holzreichtum der Wälder, Anziehungspunkt für frühkapitalistische Industrie II 135. 206 ff. Holzsägewerke I 557. Holzschleifereien II 524. Holztafeln (zum Drucken) I 402. Holzungen II 115. 119. 128. Holzwaren siehe Holzgerätewaren; H.-industrie I 638. Holzziegel I 542. Holzzurichtfabriken 1 539. Homo sapiens lombardstrada- rius I 396. Hongkong II 77. Honig II 43. Honigkuchen II 355. Honigblechbüchsen II 401. Horn I 550. II 469. Homberg I 662. 667. 669. Hörner II 479. 481. Hormus I 327. Hornkämme I 110. Hosen I 112. 229. Hosenarbeiter siehe Konfektion. Hotel I 199. II 314. 417; H.-besitzer II 411. Houghton II 155. Hudson II 220. Hudsonbay-Company I 329. Hufschmied siehe Schmied. Hülsenfrüchte (-Anbau) II 104. 106. Hüte I 112. 457 f. 537. 593. II 327. 355. 364. 385. 389. 410. H u t f a b r i k a t i o n I 537. 593. 638. n 414. Hüttenproduktion I 474. „Hüttentage“ (Montanindustrie)1484. Hüttenwesen I 637. II 16. 19. 137. 254. 575. Hufbeschlag I 556. 581 f. Hufeisen I 581. Hüll II 213. Humiliaten-Mönche II 64. Hummern II 391. Hundeführer I 420. Hungerkonkurrenz siehe Konkurrenz. Hungersnöte im Mittelalterl 137f.; in frühkapitalistischer Zeit I 417. II 265. Hunsrück I 444. II 129. Hunteburg II 127. Hutmacher I 80. 98. 458. 593. 622. 625. 658. II 36. 418. 573 f. Hutmacherei I 457 f. 537. 593f. 663. 665 ff. II 36. 525. Hutwaren I 457. II 355. Hydrasystem II 378. Ideal der wirtschaftlichen Freiheit als ordnendes Princip der klassischen Nationalökonomie I XV f. Ideale, sociale, der Arbeiterschaft in der Wandlung begriffen II 449 f. Ideen, sociale, als treibende Kräfte II 5 ff. Iglau I 130. 133. 274. Sachregister. 617 Indien I 90. 111. 115. 119. 327 ff. 342. n 77. 185. 192. 253. 339. 479. Indischer Archipel I 331. 333. Illuministen I 405. Imber I 283. Indigo I 328. 335. II 44. Individualbetrieb 126; im grofsen I 34 ff. 204. Individualismus I 396. II 5. 31. 144. 237 f. Individualistische Rechtsordnung I XVI. II 27 ff. Individualwirtschaft I 59. 67. Industrie, frühkapitalistische II206 ff.; als städtebildeuder Faktor II 210 ff. IndustrielleEntwicklung Deutschlands Mitte des 19. Jahrh. I 424 ff.; in der Gegenwart I 486 ff. Industrielle Reservearmee: Entstehung II 491; Theorie II 168. Industriestadt, siehe Stadt. Ingenieure II 64. Inka I 368. Inkareich I 128. Innungsbanken I 546. Insbruck I 157. Insektenvertilger II 401. Installationsgeschäft I 522. 556. Installationsgewerbe I 521 f.; Haus- I 521; Strafsen- I 521. Insten, Instleute I 616. II 121 f. Instrumente II 575; Musik- I 638. II 385. 410. 529. Instrumentenindustrie I 614. II 254; -macherei I 30. 556. 665. Instrumentenmacher I 622. Integrierende Maschinen II 531. I ntensifikation, Intensivierung der Arbeit II 509 f.; der Lebensführung II 86; des Warenvertriebes II 387. Interlokalisierung des Hausbaus I 542. Inurbamento della nobiltä I 295. 302. 313 ff. II 199. Irdene Waren, siehe Töpferwaren. Irland II 281. 288. 348. Irrationalität der Preisbildung II 69. 466. Isaac von Norwich, reicher englischer Jude im Mittelalter I 267. Iserlohn II 198. Isolierende Methode in der Socialwissenschaft I XXII. Italien I 108. 112 f. 124. 137. 151. 154. 157. 166. 191 f. 224. 227. 245. 249. 256 ff. 262. 274. 294. 296. 313 ff. (Kapitalbildung) 331 ff. (Kolonien) 339. 347. 359. 362. 377 . 380 ff. 390. 392. 395 f. 399 f. 405. 410 f. 413. 415 f. 418. II 5. 88. 173 ff. (Agrarentwicklung) 189. 198 f. 225. 256. 288. 307. 331 ff. 356. 370. 391. 416. 426; Mittel- II 173. 199; Nord- 1 104. 295. 321. II 173. 199; Süd- II 173 f. Jacken II 336. 380. Jagst I 575. Jahrmärkte, siehe Märkte. Jamaika I 348. Janowo I 362. Japan I 125. 366. II 185. 301. 375. Jauer II 198. Java I 345. 349. Jena I 442. 503. 511. 518. 526. 543. 559. 590. 596. 609. 613. 625. 627 f. 647 f. 665 ff. II 37. 107. 446. 473. Jerusalem I 90. 270. Jesolo I 315. Jever II 241. Joachims thal I 274. 278 f. 401. Joiners I 543. Joppen II 380. Juden I 90. 184 f. 253. 258 f. 266 ff. 271. 384. 390. 412. 493. 596. 598. 610. 615 f. II 300. 349. 357. 359. 372. Jüdischer Tempel (Wirtschaft) I 90. Jütland I 442. Jura I 43. Jura (Schweizer) II 532. Jute II 253. Juweliere I 54. Kacheln I 523. 541. Kämmer (Spinnerei) I 481. Kärnthen I 105. 253. Käufler (Trödler) I 503. Käse II 158. 389. 391. 401. Käsebereiter I 249. Kaffa I 334. Kaffee I 527. II 389. 391. Kaffeeanbau I 345. 356. Kaffeebrennerei II 527. Kaffeehausbesitzer II 411. Kaffeeröstereien II 530. Kaffeeröstmaschinen II 530. Kaffeeschenken II 417. Kahla I 510. Kaiserbazar II 399. Kaiserslautern I 652. Kaiser und Könige. Aufsereuro- päische: Anahuac I 361. Atahualpa I 368. 371. Härün alrasid I 361. Kleopatra II 291. Maldiron (Sultan) I 190. Montezuma I 361. 367. König von Pegu I 327. König von Siam I 327. 618 Sachregister. Bayern: Ludwig I. II 294. Ludwig II. I 565. II 291. Böhmen: Rudolf I 253. Wenzel II. I 253. Deutschland: Karl M. I 76. 99. 316. Karl der Dicke I 316. Lothar I 316. Otto III. I 317. Friedrich II. II 199. Karl IV. I 412. Sigismund I 175. 242. 253. 266. 423. Maximilian I 254. Karl V. I 123. 309. 413. England: Wilhelm der Eroberer 1311. Richard Löwenherz I 240. Johann I 252. 267. Heinrich II. I 267. Heinrich III. I 252. 267. Eduard I. I 249. Eduard III. I 87. 414. Eduard IV. I 243. Heinrich VII. II 305. Wilhelm III. II 226. 308. Anna II 226. 306. Georg I. II 226. Georg II. II 226. Eduard VII. (als Prinz von Wales) II 339 f. Frankreich: Philipp II. Augustus I * 241 259 267 Ludwig IX., der Heilige I 261. 269. 314. Philipp IV., der Schöne I 130. 230. 241. 247. 249. 262. 267. Philipp VI. I 262. Karl V. I 241. Karl VII. I 241. Ludwig XII. I 375. Franz 1. I 413. Heinrich II. I 414. Heinrich III. I 418. Ludwig XIV. I 418. II 291. Napoleon III. II 11. Portugal-Spanien: Heinrich der Seefahrer I 330. Isabella I 383. Philipp II. I 372. Preußen: Friedrich II. II 6. 297. Friedrich Wilhelm II. II 297. Siehe auch Herrschergeschlechter. K a 1 a u I 452. Kalifenreich I 124 f. 327. 340. 361. Kalisalze II 105. Kalk I 542. Kalkulation, siehe Kapitalistischer Geist. Kaltschmiede I 96. Kalw 1 536. Kamelotweber, siehe Weher. Kammfabrikation II 407. 535. Kammgarnspinnerei I 481. Kammhäuser im Mittelalter I 127. Kammhandel II 410. Kammmacher I 94. 617. 625. II 36. 479. 564. Kammmacherei I 665. 667. Kammwaren II 468. Kandia I 333. Kannenbäckerland a. d. Westerwalde I 664. 669. Kapital: Begriff und Wesen I 196; Formen I 204. II 72; Entstehung I 218 ff.; K. im Puppenstand I 202; technische Arbeiter (Bauer, Handwerker, Krämer) in Abhängigkeit vom K. I 202. 401 ff. 486 ff. II 350 ff.; Umschlagsperiode II 71 ff. 80 ff.; Verwertungsstreben des K. als treibende Kraft modernen Wirtschaftslebens II 7 ff., insbesondere als Bau-K. 1487. II 350; als Handels- K. I 487. II 350. Kapitalismus: Anfänge I 399 ff.; Begriff und Wesen I 195 ff.; Epochen I 71 f.; Geburtsjahr des modernen K. I 392; Gründe für die starke Entfaltung in Europa I 359; Stufenfolge der kapital. Entwicklung II 87 ff.; Theorie des K. nur in historischer Beschränkung möglich I XXVIII. 71. 236. 359. Vgl. auch Kapital; Kapitalistischer Geist; Kapitalistische Unternehmung. Im übrigen ist für dieses Stichwort auf das Inhaltsverzeichnis zu verweisen. Kapitalistischer Geist (Erwerbstrieb, Gewinnstreben, Kalkulation, Spekulation, Ökonom. Rational.) I XXII. XXVIII. XXXI. 196 ff. 208. 378 ff. 390. 391 ff. 399. 482 ff. 653. H 30 ff. 68 ff. 86 f. 99. 145. 164 f. 345. 349. 357. 371. 372 ff. 402 f. 406 f. 434 ff. 441 f. 464 ff 509. 519. 538. 552. Kapitalistische Unternehmung: Arten I 199 f.; Begriff und Wesen I 195 ff.; subjektive Voraussetzungen I 206 ff; deren Erfüllung I 218 ff; objektive Bedingungen 1208 ff.; deren Erfüllung siehe im zweiten Bande dieses Werkes: Einleitung, I. und II. Buch; Überlegenheit der k. U. im Konkurrenzkämpfe siehe ebenda: III. Buch. Vgl. Kapital, Kapitalismus, Kapitalistischer Geist. Kapland II 479. Kap Verde I 374. Kapuziner!)öden, siehe Parkett. Karlsruhe I 462 f. 486. 488. 491. 493. 495. 503. 508. 511. 518. 522. 529 f. Sachregister. 619 540. 544. 574. 588. 593. 603 ff. 609. 612. 616. 624. 628. 662. 667 ff. II 260. 434. 491. 518. 535. 565. Kartelle II 425. 460. Kartenmaler II 454. Kartoffeln II 17. 324. 391. 417. Kartonnagefabriken I 472; -fabri- kation I 576; -gewerbe I 663. 667. II 504. Kar üben I 335. Kassel (Rgbz.) II 361 f. (Stadt) I 464. 659. II 260. Kastenmacher I 504. Kattowitz (O.-Schl.) I 530. Kattundruckerei I 538. Kaufhandwerker I 95. Kaufkraft der Massen, ihre Steigerung im 19. Jahrli. II 257 ff. 383. Kaufmann, siehe Iliindlerschafl. Kaufmannsgenossenschaften, K.-gilden im Mittelalter I 186 f. 283. Kausalität, siehe Kausalprinzip. Kausalprinzip: in der Socialwissen- schaft I XIV ff. XVI ff.; als innerster Kern kapitalistischer Wirtschaft und damit der modernen Weltanschauung I 199. Kaviar II 389. 391. Kawersche I 259. 271. Kaziken (Volksstamm) I 368. Kehlleisten I 546. Ken t II 155. 157. Keramik II 456. Kerzen I 449. Kessel II 321. Kesselschmiede, siehe Schmiede. Kefsler I 96. Ketten II 367. Kiefern II 98. Kinematographie II 85. Kirn I 536. Kistenbauer I 559. Kistenfabrik I 546. Klagenfurt II 563. Klassenbewufstsein, proletarisches I 408 f. 648 f. II 449 f. Klassenbildung: im Mittelalter I 249; am Ende der frühkapital. Epoche I 475 ff.; in der Gegenwart I 638 ff. Klassiker der Nationalökonomie I XIV. Klauen II 479. 481. Klavierbauereien I 559. Kleiderfabrik I 537. Kleiderkonfektion 1511 ff. II 491. 503. Kleidermagazin I 597 f. Kleider-Mafsgeschäftl 511. 597ff. Kleiderschneiderei I 459 ff. Kleiderstoffe II 364. Kleidung I 446. 515. 597. 666. II 321. 324. 364. 385. 392. 410. 418. Kleie I 434. Kleinasien I 325. 362 f. Kleinbahnen I 382. II 283. 405. Kleinbetrieb I 26. 28 ff. 33; Motorenanwendung II 283. 523. Kleineisenindustrie 1 54. 109. 283. 424. 581. Kleinhandel, siehe Handel, H.organi- sation. Kleinkapitalistische Unterneh- ' mung I 201. (Begriff) 483. 512. 527 f. 544 f. 551. 568 f. 606. 608. 645. 649. II 268. 465. 497. 501. 511. 518. 536. 538. 551 f. 560. Kleinkraftmaschinen als Konkurrenzfaktor II 485 ff. 521 ff. Kleinkredit im Mittelalter I 271 f. Kleinmotoren, siehe Kleinkraftma- sch/fitcyt Kleinstadt I 586. 615. II 234 f. 250. 264. 326. 343. 347. 353. 476. 500. Klempner I 83. 95. 114. 464 ff. 483. 521 f. 557 ff. 603. 617. 622. 624 f. 640. 643 f. 658. II 34. 446. 448. 524. 535. 537 f. 567 ff. 577. Klempnerei I 32. 84. 467. 470 f. 496. 522 f. 545. 547. 551. 614. 663. 665. 667. II 576. Klempnerinnung I 499. Klima, seine Bedeutung für das Wirtschaftsleben I 380. Klingenhandel I 106. Kloppenburg II 241. Klosterwirtschaften I 89 f. Knabenkonfektions - Geschäft I 513. 597. Knechte I 477. 480. Knopfmacher I 617. Knoppern II 45. Koblenz (Rgbz.) II 147. Koburg I 404. 652. Kochherde II 410. Köln (Rgbz.) II 147. 362. (Stadt) I 82. 98 ff. (Tuchhandel) 127. 133. 139. 157. 169. 175. 228. 266. 282. 287 ff. 297. 301. 306. 503 ff. 515. 529. 536. 540. 544. 547. 591. 607. 616. 652. 664. 667. 669. II 23. 76. 223 f. 269 ff. 358. 365. 446. 448. 485. 535. 553. Kölsch (gestreiftes Zeug für Tischdecken etc.) I 439. Könige, siehe Kaiser. Königsberg (Rgbz.) II 98. 112. 147. (Stadt) I 167. 536. II 10. 223 f. Königsbrück 1 442. 665. 669. II 577. Königshütte (O.-Schl.) II 214 ff. Körnerbau II 110. 124 f. <320 Sachregister. Körnerwirtschaft II 125. Köslin (Rgbz.) II 147. Kohlenderivate II 44. Kohlen II 13. 415. 417. Kohlenhandel II 410. Kohlenindustrie II 13. Kohlennutzung II 140. Kohren I 665. 669. Kokerei I 14. 16 f. Kokesöfen I 427. II 44. Kokotten II 195. 215. 320. 337. 340. 350. 365. 399. KollektiveBedarfsbefriedigung II 314. Kolonialkriege I 416 f. Kolonialprodukte I 233. Kolonialwaren (Handel) I 283. II 367 f. 381. 396. 417. Kolonialwarenhandlung II 368 390 f. Kolonialwirtschaft: der Holländer 1 344 f. 349; der Italiener I 331 ff. 356 f. II 199; der Portugiesen und Spanier I 342 ff. 348. — Bedeutung für die Entstehung des Kapitalismus I 325 f. 347 ff. 390. Koloquinten I 335. Komfort II 293. 307 f. 311. 315. 542. Kommissionär II 407. Kommissionshandel II 350. Komplementärindustrien II 212. Konditoren I 83. 624. 640. II 567f. 573. Konditorgewerbe I 447. 665. Konditorei I 447. 665. II 525. Kondrau I 580. Konfekt II 367. 389. Konfektion, -industrie I XXV. 13. 24. 36 f. 460 ff. 511 ff. 537 f. 595 ff 638. 663. II 20. 22 ff. 320. 312. 335 f. 339. 364. 390. 503. 505. Konfektionsgeschäft, -haus I 461. 595. II 390. 392. Konfektionswaren I 514. 597 f. Kongo II 188. Könitz I 174. 503 f. 508. 583. 609. 615. 629. 647. 664. 668 f. II 556. 577. Konjunktur als Konkurrenzfaktor II 466. 481. Konkurrenz: Aufgaben einer Theorie der Iv. II 430 f.; K.-Schema II 428 f. — Bedingungen (formale und materiale) der K. II 425. 559; Fehlen der K. im Mittelalter I 129 f. 154 f. 187. II 426. 559; ihre Verschärfung als Folge kapitalist. Einwirkung II 68 f. 371. 405. 464. 533; als wahrscheinliche Folge einer Expansion des Handwerkerkredits II 551; Hunger-K. der ärmeren Handwerker II 565. Konkurrenz: Begriff II 424 ff.; K. keine Naturthatsache II 425; K. als sociale Erscheinung II 426; Träger des modernen K.-kampfes nicht Betriebs-, sondern Wirtschaftsformen II 429 f. — freie K. , Idee der fr. K. I 396. II 29 ff.; Rechtssystem der fr. K. II 27 ff Konservenfabrik I 557. II 321. 391. Konservengeschäft II 389. Konstantinopel 1 91. 139. 264. 333. 363. 392. II 190. Konstanz I 98. 101 f. 187. 231. 288. 295. 663. 666 f. Konsum, siehe Bedarf und Inhaltsverzeichnis. Konsumanstalten industrieller Etablissements II 417 f. Konsumentenorganisation II 414 ff. Konsumtionsstadt, siehe Stadt. Konsumvereine II 418 f.; landwirtschaftliche II 415 f. Kontobücher II 321. Kontobücherfabrikation II 535. Kontraktion des Wirtschaftslebens II 8. K oncentrationsten denz des Kapitals im 15. Jahrh. I 407; im modernen Detailhandel II 393 ff.; Hemmungen in der Gegenwart II 538 f. Kooperation als Prinzip der Arbeitsorganisation I 23. 25; arbeitsteilige K. I 25; K. im alten Ägypten I 28; einfache K. I 25. Kopenhagen I 135. Koppelwirtschaft II 102. 125. Korbmacher 1 559. 640. 657. II 446. 524. 564. Korbmöbel-, Korbwagenmanufaktur I 559. Korbmacher ei, (-flechterei) I 638. 665. 667. II 524. Korb waren II 354 f. 364. 391. 418. Kornbrennerei, siehe Brennerei. Korsetfabrikation I 638. II 410. Korsika I 334. 338. Kostnitz I 231. Kotowo I 362. Kosten (theoretisch), siehe Preis (theo- Qph 1 Krämer I 98. 177. 186. 201. 343. Krämerei II 136. Siehe im übrigen Händlerschaft, Handelsorganisation. Kraftfuttermittel II 414. Kragen- und Manschettenfabrikation I 538. Krakau II 231. Krallenriemen I 539. Sachregister. 621 Kramhandwerker I 94. Krammärkte, siehe Märkte. Krampitz (N.-Schl.) I 581. 601. 630. 647. 668. Krapp I 435. II 44. Kravatten II 333. 440. Kravattenfabrikation I 638. II 342. Kravattengeschäfte II 314. Kredit, Kreditverkehr: Arten des produktiven Kr.: Cirkulations-Kr. und Produktiöns-Kr. II 546 ff. — Bedeutung des Kr. für die Beschleunigung des wirtschaftl. Prozesses II 74. 597; für die Kapitalbildung im Mittelalter 251 ff. 255 ff. 271; für die Entwicklung des Kapitalismus II 550; als Konkurrenzfaktor in der Gegenwart II 350 f. 358 f. 406. 546 ff. 552; für die Städtebildung im 17. und 18. Jahrh. II 201; im 19. Jahrh. II. 221. — Expansion im 19. Jahrh. II 9 ff. — Leistungen (theoretisch) II 546 ff. Kredit, öffentlicher, siehe Anleihen. Kreditgenossenschaften, gewerbliche II 545. 546 ff.; landwirtschaftliche II 415. 548. Kreditinstitute, siehe Banken. Krefeld I 15. Kreta I 335. 337 f. 340 f. 357. Kreuzfahrer, Kreuzzüge I 240. 257. 259 f. 261. 263. 269 f. 332 ff. 356. 363. 382. 410 f. Kr euzfahr er Staat en I 332. Kriege, ihre Bedeutung für das Wirtschaftsleben I 410 ff. 416. 418. Krim 1 333. Krisen II 8. 269. 306. Krotoschin I 174. II 336. Kuba I 345. 348. Kücheneinrichtungsgeschäft I 625. II 390 f. Küchengeräte II 418. 468. Küblerei (Gefäfse aus weichem Holz) I 469. Küfer ei (Fafsmacherei und Kellerarbeit) I 469. 555. 612. 663. Kühe, siehe Viehwirtschaß. Kühlmaschinen II 527. Künstler: Beziehungen zur gewerbl. Produktion ; während des Mittelalters und der Renaissancezeit I 85. II 314. 452 ff.; im 19. Jahrh. II 297. 302 f. 315 f. 375. 451 ff.; in der Zukunft II 314. 460. — Eigenart der K. im Anfang des 19. Jahrh. II 296. Künsterdiktatur II 302. Künstler und Mäcene (Architekten, Bildhauer, Dichter, Kunsthand- iverker, Maler, Musiker, Schauspieler etc.) Adams, Gehr. II 305. 307. Antiparos II 57. Bartet, Me. II 337. Behrens II 458. von Berlepsch II 303. Boucher II 332. Boutet de Monvel II 375. Brunelleschi II 453. Byron I 198. Cellini Benvenuto I 550. II 452. 455. Chamisso II 294. Chöret Jules II 375. Chippendale II 305. 307 f. Christiansen II 303. 458. Cornelius II 294 f. Crane Walter II 306. d’Alesi, Hugo II 375. Deila Rohbia II 455. Dello II 453. De Morgan II 306. Donatello II 453. Dürer, Albrecht II 455. Eckmann, Otto II 303. 309. 458. Edel II 375. Endell II 303. Erler, Fritz II 303. van Eyk, Johann II 307. 454. Flaxmann II 305. Fouquö II 294. Fragonard II 332. Gedon, Lorenz II 300. Ghiberti I 141. II 453. Giotto II 307. Goethe II 294 f. 307. Goujou, Jean 452. Greuze II 332. Grosso Caparra Niccolo II 452 f. Hauptmann, Gerhart II 307. Haydn II 86. Heideloff II 297. Heine, Heinrich II 294. Heine, Thomas Theodor IIf375. Hildebrandt II 296. Hirzel II 304. Iloffmann, Ludwig II 302. Hohenhausen II 294. Homer I 90 189. 440. Jamnitzer II 452. Ibsen II 86. Jehau Barbe II 454. Israel von Mecheln II 452. Kingsley I 461. Kraft, Adam II 452. Krüger (Direktor der Ver. Werkstätten) II 458. Länger II 458. Lessing (Maler) II 296. 622 Sachregister. Liane de Pougy II 215. Liszt II 86. Lucan I 383. Makart II 301. Manet II 307. Meckenem, Israel von I 218. Meunier, Georges II 375. Millais II 306. Morris, William, II 306. 308. Mozart II 86. Obrist II 303. 459. Orcagna II 453. Otero, Me. II 340. Pankok II 303. 459. Paul, Bruno II 303. Pilon, Germain II 452. Prevost II 191. Primaticcio II 452. Rahcl II 294. Realier-Dumas, Maurice II 375. Röjane, Me. II 337. 339. Riemerschmid II 303. Rosegger I 437. Rossetti II 306 ff. Rosso II 452. Ruskin, John II 306. 308. Schinkel I 469. II 297. Schnebel, Carl II 375. Schühlein, Hans II 454. Scott, Walter II 86. von Seitz, Franz II 300. Semper, Gottfried II 302. 307. Sheraton, Th. II 305. 307 f. Simone il Cronaca II 453. Sohn II 296. Steinlein, Th. A. II 375. Stöwer, Willy I I 172. Stofs, Veit II 452. Straufs, Richard II 86. Sütterlin II 375. Tieck II 294. Tiepolo, Lorenzo I 317. Unger, Hans II 82. Valerio, Vincentino II 452. Vallotou, Felix 11 375. van de Velde II 303. Veronese, Paolo II 452. Vischer, Peter II 452. Vofs, Job. Heinr. II 86. Wallot, Paul II 302. Watteau II 332. Werner II 304. Wolgemut, Michael II 452. 455. Zola II 86. 191. Künzelsau I 575. Kürschner I 81. 83. 133. 147. 516. 557. 592 f. 617. 622. 624 f. 640. II 564. 573 f. Kürschnerei I 32. 131. 455 f. 436 f. 591 ff. 665. 667. II 479. 524. Kürschnerartikel I 516. 537. 592. Kürschnerei (Edel-, Galanterie-, Grob -) I 456 f. 592. Kuhhaare II 401. Kuhschwänze II 469. Kulanz II 376f. 438. Kulturbarbarei des grofsen Publikums II 542. Kundenmüller I 580. Kundenmüllerei I 580. Kundenproduktion I 54. 92ff. 148f. Kundenhandwerker I 94. Kundenschneiderei s. • Schneiderei. Kunst, bildende, ihre Emancipation aus den Fesseln des Handwerks II 455; ihre abstrakt philosophische Richtung im Anfang des 19. Jahrh. II 294ff.; ihre Abhängigkeit vom modernen Wirtschaftsleben II 84. Kunstanstalt II 375. Kunstausstellungen siehe Ausstellungen. Kunstgeschmack, Wandlungen im 19. Jahrh. in Deutschland II 293 ff.; seine Entwicklung in der Zukunft II 312 ff. Kunstgewerbe: Leistungen: während des Mittelalters und der Renaissancezeit I 85. 141. 157. II 452 f. ; am Ende der frühkapitalistischen Epoche I 469. II 260. 293 f. 304 f.; in der Gegenwart I 47. II 299 ff. 306 ff. 308 ff. 388. — Organisation: während des Mittelalters und der Renaissancezeit I 85. II 452 ff.; in der Gegenwart I 41 ff. 547ff. 607. 611. II 220. 456ff.; in der Zukunft II 459 ff, Kunstgewerbliche Versuchsanstalten II 460. Kunstgiefserei (Bronce- und Eisen-) I 550. Kunsthandwerk siehe Kunstgewerbe. Kunstklempnerei siehe Klempnerei. Kunstmöbelmanufaktur I 42. Kunstplakat II 375. Kunstschlosser I 559. Kunstschlosserei I 550 f. Kunsttischler I 467 f. 607 f. Kunsttischlerei I 469f. 608. Kunstverfahren (in der Technik) I 142 f. Siehe übrigens Empirie , empirisches Verfahren. Kupfer I 104. 283. 548f. II 254. 391. Kupferschiniederei, siehe Schmie- aerei. Kurhessen I 425. 452. II 133f. Kurmark I 435. 464. II 101. Kurzwaren I 111. 430. II 354f. 358. 367. 369. 396. 417 f. Kuttelhöfe I 448. Kuttenberg I 253. 274. Sachregister. 623 Kutschenmanufaktur II 557. 559. Kutscher I 17. II 230. Kynast II 110. ^Lackier er (Tischler) 143.558f. 565.622. Lackiererinnung I 499. Lagny I 98. 102. Lags I 112. Lahr I 663. 667. Lampen I 470 f. Lampenfabrik I 471. Lampenniederlage I 625. Lancaskire II 212. Landadel als Kapitalbildner im Mittel- alter I 284 ff. 295. 299. 303 ff.; als Städtebildner im Mittelalter siehe vorige Stellen, in friihkapitalistischer Zeit II 138 ff. 225; seine Stellung zum Wirtschaftsleben in den verschiedenen Ländern I 296 ff. 384 f. Landesproduktengeschäft II 368. Landhandwerk, Landhandwerker I 439 f. 572 f. 580 ff. 629 ff. 646. II 264. 562 f. Landkramhändler II 354. Landmüdigkeit II 146. Siehe auch Abflufs der Bevölkerung vom Lande; Exodus vom Lande. Landsberg a. W. I 540. Landstädte II 191 f. Land Wirtschaft im Mittelalter II 88 f. —, moderne , ihre Entwicklung in Deutschland II 93 ff. 102 ff.; in Grofsbri- tannien II 154 ff. —, Verbindung mit dem Handwerk I 629 ff.; mit industrieller Thätigkeit II 130 ff. 136 ff. Siehe auch die Stichworte Agrar-. Landwirtschaftliche Arbeiter, siehe Arbeitsverfassung. Landwirtschaftliche Geräte I 439 f. 581 ff. Landwirtschaftliches Genossenschaftswesen II 415 f. Langensalza I 436. Laudanumliarz I 335. Lauenburg I 444. Laufburschen II 230. Lausitz, Ober- I 437. 577; Nieder- I 437. 464. Leaden Hall II 157. Law John I 198. Lebensideal des modernen Menschen II 145. Leder I 37. 110. 450 ff. 532 f. 535 f. 552. 576. 590. II 75. 118. 391. 469. 483. 559; -arbeiter I 115; Kunst-L. II 469. Lederausschnitthandlung I 451. 532. Lederbekleidungsgewerbe I 457. Lederfabrikant II 480. Ledergeschäft (en gros) I 532. 534. Lederindustrie I 425 f. 453. 456. 535 f. 560. 666. II 16. 20. 75. 254.483. Lederwaren I 111. 638. II 469. Lederwarenindustrie I 425 f. 453. Leeds II 198. 213. 219. Leer I 167. Lehrling (Idee) I 119 f. 128. 142. Lehrlingsausbeutung (-züchterei) I XXIV. 507. 648. II 459. 565 ff. 582 ff — Ausbildung im Handwerk I 648. II 569 ff. 582 f.; in der Grofsindustrie II 580; in Lehrwerkstätten II 581 f. Lehrmittel, vom Staate unentgeltlich gelieferte II 322. Lehrwerkstätten II 581 ff. Leichenbestattungs-Unternehm- ung II 410. Leicester I 91. Leimsiederei I 425. II 212. Lein I 436. Leinen (Leinwand) I 102. 187.575. II 132. 134. 418. Leinenbleichen II 136. Leinengarn II 80. Leinenhändler I 101 f. Leinenhandlung I 515. II 368.391. Leinenindustrie im Mittelalter 101; in frühkapitalistischer Zeit I 429; in der Gegenwart I 538. Leinenwaren II 354 f. Leinöl I 578. Leinwandhausiererei II 359 f. Leinwandstühle, s. Leinenweberei. Leinweber I 81. 98. 102. 403. II 68. Leinweberei I 102. II 132. 138f. 525. Leipzig I 82. 153. 447 ff 458. 462 f. 466. 471. 486. 489 ff. 499. 508. 510. 523. 527. 529 ff. 536 f. 539 ff 545. 561. 567. 588. 594. 603 ff 612 ft 624. 627. 632. 651 f. 662. 665 ff. II 9. 34. 36. 40. 76. 148. 178. 223 f. 241. 255. 263. 302. 433 f. 442. 447. 482. 572. Leisnig I 442. Leistenfabrik I 534. Leitmotiv des Wirtschaftslebens I 61 f. Leitomischel II 336. Lemberg II 231. Leonberg I 534. 560. 575. Leuchtstoffe II 16. 44. Levante I 331 f. 336 f. 342. 352. 359 f. 362 ff. Lichtemacherei II 469. Liebstadt I 442. Lieferungsfristen, Tendenz zur Abkürzung II 433 f. Liegnitz, Rgbz. II 147; Stadt I 537. Ligurien II 174. Likör II 364. 391. 624 Sachregister. Lille I 112. 173. 311. Limisso 1 335. Lincolnsliire II 155. Lissabon I 230. 246. 328. 330. 346. 364. II 77. Lithographen II 578. Lithographie I 567. Lithographiegewerbe I 663. 667. Lithographische Anstalt I 16; Industrie II 46. Litterarische Bureaus I 199. Liverpool 1 352. II 79. 381. Livorno II 76. Lizzano II 480. Löbau (Westpreufsen) I 511. 597. 600. 647. 664. 668. II 446. 569. 577. Lohgerber, siehe Gerber. Lohgerber ei, siehe Gerberei. Lohmen II 113. Lohngewerbe, s. Lohnhandwerlc etc. Lohnhandwerk, Lohnhandwerker I 94. 107. 433 ff. 448 f. 454. 460. 462 ff. 573 ff. 598 f. 600 ff. 615. II. 250. Loknmiiller, siehe Müller. Lohnschlächterei, siehe Fleischerei. Lohn Schneiderei (f. Tischler) I 7. 546 f. II 536. Lohn werk, Lohnwerker, siehe Lohn- handirerle etc. Lohr I 576. Loitz a. d. Peene I 442. 454. 510. 536. 591. 647. II 557. 573. 664. 668. Lombardei I 229. 231. II 173. Lombarden I 185. 251 ff. 258 ff. 261 ff. Lombardkredit=Cirkulationskredit, siehe Kredit. Lommatzsch I 442. London I 91. 139. 219. 223. 229.246. 259. 282. 286. 311. 327. 395. 432. 452. 502. 505 f. 536. 661. II 77. 94. 154 ff. 181 f. 184. 190. 201. 203 ff. 225 ff. 230. 245. 248. 298. 305. 339. 377. 381. 397. 504 f. Loquard (Ostfriesland) I 526. 581. 598. 601. 664. 666 ff. Lucca I 103. 157. 226. 251 f. 390. 406. II 174. Lucknow II 186. Ludwigsburg I 549. 575. Ludwigshafen I 652. Lübecker Patriciat I 307. Lübbecke I 513. II 491. Lübben II 570. Lübeck I 104 ff. 108. 112 f. 120. 123. 133. 139. 167. 170. 172. 183. 191. 219. 226. 230 f. 243. 246. 261. 285 f. 301. 307. II 367. Luftpumpen II 530. Lupine II 106. Luxus I 257. II 201. 203. 224. 290 ff. 312. 320. 387. 451. Luxusgeschäft II 387 f. 399. Luxusgesetze II 332. Luxusindustrie II 202. 204. 206. 220. 225. Luxuslitteratur II 201. 290 ff. Lyon I 231. 490. 536. II 338. Machinofaktur I 47. Madras (Provinz) II 186. — (Stadt) II 186. Mägdesprung i. Harz I 550. Mähren I 458. 666. Mälzerei I 559. Mäntel II 336. 503. Mäntelfabrik I 557. Männerkleidererzeugung, siehe Kleidung. Märkte im Mittelalter I 96 ff.; in frühkapitalistischer Zeit I 441. 458. II 353. 402; ihre Abnahme in der Gegenwart II 354 ff. 564. Magazingenossenschaften für Handwerker II 263. 438. 545. 553 ff. 556 f. Magazinhörigkeit I 467. II 474. Magazinmeister (Schuhmacherei) I 450. Magdeburg (Rgbz.) I 99. 286. II147. — (Stadt) I 521. II 76. 223 f. Mailand I 106. 113. 139. 157. 186. 230. 241. 245. 395. 411. II 76. 198. Main II 136. Mainz I 286. 452. 469. 482. 503. 508. 534. 536. 547. 565. 608. 663. 669. II 35. 76. 446. 491. 535. 553. 556. Majolikavasen II 401. Maisons d’öehantillons II 336. Major es, minores (in den mittelalterlichen Städten) I 282. Makler, siehe Handelsmakler. Malabar I 330. 364. Malakka I 327. 329 f. 364. 373 f. Malakka, Eroberung von (1511) 1327. Maler, Malergewerbe 1 14. 43. 464f. 479. 519 ff. 605. 633. 640. 645. 662 f. 668. II 230. 446. 448. 510. 524. 567 f. 572 f 577 Malereigeschäft I 34ff. 81. 519. Maler (Kunst-), siehe Künstler. Malerinnung I 499. Malines I 312. Malborough I 230. M a 1 m e d y 1 536. Malta II 391. Malz I 230. II 158. Manchester I 43. II 79. 184. 213. 219. Mangan I 145. Manghäuser im Mittelalter I 7. 127. Mannheim I 663. 668. II 18. 76. 553. Mansfeld I 274. Mantua I 390. II 174. Sachregister. 625 f 9 t I Manufaktur (theoretisch) I 26. 38 ff. 204; (empirisch) I 405 f. 524 ff. 557 ff. 565 f. Manufakturperiode des Wirtschaftslebens I 38 f. Manufakturwaren II 358. 364. 367f. 385. 396 f. 410. 417 f. Manufakturwarengeschäft II 390. Marienwerder (Rgbz.) II 147. — (Stadt) II 264. Marmarameer I 330. Marokko I 223. 374. Marseille I 229. Mafs- und Gewichtswesen im Mittel- alter I 180: seine Rationalisierung I 395. Maon a I 337 f. Marmorblöcke I 542. Marmortafeln 1 542. Marmorwaren II 364. Martin Siemensverfahren II 44. Martinswerke I 16. Maschine: Anfänge II 56; Begriff II 49 f.; Einteilung II 50. 531; Entwicklung, äufsere II 56 f., innere II 48. 50 ff 66. 73; M. als Konkurrenzfaktor I 599. II 49. 436. 441. 445. 471. 483 ff 496. 510. 521 ff.; als Produktionsfaktor I 23; als treibende Kraft des Wirtschaftslebens I 3 f. Maschinen, einzelne: Dampfhammer II 52. Dampf-M. I 431. 538 ff II 3 f. 51. 58 f. 140. 211. 431. 483 ff 521 ff Flaschenputz-M. II 530. Holzbearbeitungs-M. I 546. 565. Kleinkraft-M., siehe diese. Lokomotive II 76. 278 f. Näh-M. I 462. 515. 532. 595. II 66. 410. 418. — in einzelnen Branchen: Bäckerei II 534. Bauschlosserei, siehe Schlosserei. Bauschreinerei, siehe Tischlerei. Böttcherei II 537. Buchbinderei II 534 f. Buchdruckerei I 404. (16. 50) II 531. Drechslerei II 536 f. Fleischerei II 534. Gerberei I 535. Gewehrfabr. II 55. Kammfabr. II 535. Kleiderkonfektion I 514. Klempnerei II 537 f. Landwirtschaft II 104 ff 321. 410. 415 f. 551. Maschinenfabr. II 55. Montanindustrie (Mittelalter) I 406 f. Müllerei II 57. Näherei II 531. Nähmaschinenfabr. II 55. Nagelfabr. II 56. Papierfahr. II 58. 531. Papierverarbeitung II 56. Seidenspinnerei I 406 (14. Jahrh.). Schlosserei I 545 f. II 537. Schubfabr. I 450. 533. II 55. Spinnerei I 429. II 52 ff Strickerei II 531. Tischlerei I 42. II 535 f. 546. Wäschefabr. I 538. Weberei I 481. II 131 f. 531. Wirkerei II 531. Zeugsclimiederei II 537. Zündhölzchenfabr. II 55. Maschinenbauer II 230. 578. Maschinenindustrie I 426. 431. 556 f. 637. 668. II 16. 55. 58. 212. 219. 254. 310. 502. 554. 575. Maschinentechnik: Bedeutung für die Beschleunigung des Produktionsprozesses II 75; desgl. für dessen Verlängerung II 81; als Betriebsform- kriterium I 20. 29. 47; für die Entwicklung des modernen Geschmacks II 310. 317; für die Intensifikation der Arbeit II 510; als Konkurrenzfaktor I 599. II 441. 521 ff — Genesis: Anfänge in der Urzeit des Menschengeschlechts II 56; neue Ära seit Mitte des 18. Jahrh. II 58 f.; Widerstand der Arbeiter gegen die M. I 481 f. Maschinenzeitalter II 56f. Maschinerie, Bestandteile der modernen M. I 48. Massenartikelgeschäft II 387. Massenbedarf, siehe Bedarf. Mafsgescliäft (Schneiderei) I 594 ff. Mafsmünster I 274. Mataram I 357. Mastixhandel I 338. II „Materialist“ II 368. Materialistische Geschichtsauffassung I 21. Material vereinigendes Verfahren II 515 f. Materialwarengeschäft I 447. II 368. Maurer I 17. 81. 435. 479. 493. 517 ff 578 f. 601. 605. 617. 622. 633. 640. II 230. 524. Maurerei I 462ff 496f. 517ff 560ff 600 ff 664. 668. II 578. Siehe auch Baugewerbe; Bauhandwerker. „Mechanismus“ des Wirtschaftslebens I 60. Mechanische Werkstätten I 16. 559. Mechaniker II 578. Mechanikergewerbe I 663. 668. Mechoacan I 368. Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. 40 626 Sachregister. Me eklen bürg-Schwerin II114. 267. 287 Medebach I 169. Medico - mechanische Apparate II 530. Mehl 1 434. 448. 487. 525 ff. 657. II 410. Mehlbereitungsverfahren II 57. Mehlhandel I 448. 487. 580. Mehrwerttheorie bei Karl Marx I 213. Meinungskonsumtion II 330. 342. Meilsen I 41. 276. 551. Mekka I 328. Memel II 97. Memingen I 413. Memphis I 89. Menusiers I 543. Mercator im Mittelalter I 189. 283ff. Mergentheim I 575. Merkantilisten I XV. Merseburg (Rgbz.) II 112. — (Stadt) I 536. Messina II 174. 198. Messen im Mittelalter I 96ff,; in frühkapitalistischer Zeit I 431. II 9 f. 353. 402; ihre abnehmende Bedeutung in der Gegenwart II 354 ff. Messerfabrik I 109. Messing I 104. Messinggiefserei I 16. Messingwarenhandlung II 369. Mefskirch i. B. I 518. 526. 580f. 583. 597. 601 f. 663. 648. II 446. Messung von Raum und Zeit, Fortschritte seit Ende des Mittelalters I 395 f. Metalldreher, -drücker I 559. Metallindustrie (M.warenin- dustrie I 431. 483. 549. 559. 637. II 218. 254. 449. 537. 575. Metall Warengeschäft 1549; -handel II 396. 469. Metallwarenindustrie siehe Metallindustrie. Methode der socialwissenschaftlichen Forschung; historisch I XIV ff.; kritisch I XVI ff. II 186 f. Siehe im übrigen das Geleitwort. Metzger, Metzgerzunft etc. siehe Fleischer etc. Metzingen I 591. Mexiko I 123. 274. 348. 355. 367f. 370. Midassage I 381. Middleton I 230. Mietspreise, siehe Preise. Milch II 97. 108. 559. Milchvieh II 109. Milliardensegen II 12. Mindanao I 373. Minas I 357. Minden (Rgbz.) I 513. II 147. 490. Minen, siehe Bergbau; Edelmetalle. Mineralwasseranstalten II 527. Mississippi I 188. Mittelstand I 600. 607. 609. II 258. 262. 268 f. 351. 362. 399. 578. Mittweida I 546. Mobilisierung des Bedarfs II 327ff.; des Grund und Bodens II 101 ff.; der landwirtschaftlichen Bevölkerung in Deutschland II 126; in Grofs- britannien II 166; der städtischen Bevölkerung II 329. Mode I 150. 615. II 301. 317. 324. 330 ff.; Begriff der M. II 331 ff.; ihre Entstehung II 331 f.; M. im Renaissancezeitalter II 332; während des ancien regime II 332; Eigenartender modernen M. II 332 f.; deren Erklärung aus der Struktur der kapitalistischen Wirtschaft II 86 f. 335 ff. 340ff.; Genesis der Pariser Mode II 337 ff. Modelleure I 17. II 298. 443. Modelleurgewerbe II 212. Modelltischlerei I 553. Möbel I 468. 501 ff 561. 606. 609ff. II 23 f. 385. 392. 410. 418. 440. 452. 559 Möbelfabrik I 467. 555. 559. 609f. II 414. 438. Möbelhändler I 501. 506. II 411. Möbelindustrie I 609. II 23. Möbelmagazin I 468. 501 ff. 555. 564. 607. 609 f. Möbelmanufaktur I 546. 564ff. 607 ff. Möbeltischler I 467f. 501 ff. 555. 609. 614. Möbeltischlerei I 467ff. 500ff. 552. 563 ff 606 ff. 610. 663. II 23. 220. 441. 453. 500. 536. Mönchenstein I 152. Mohairwolle II 469. Moldau I 458. Molkerei II 351; -genossenschaft II 415 f.; -produkte II 389. Molukken I 190. 329f. 357. Montanindustrie I 17. 400. 406. 424. 483 ff. II 20. 45 f. 212. Montauban I 113. Monteure I 558. Montpellier I 230. 252. 282. Morea I 317. 336. Mosbach I 663. 668f. Mosel I 536. Motivation socialen Geschehens I XVIII ff 61 ff II 3 ff 188. Motorwagen I 582. Mozambique I 369. 374. Muckenschopf 1 575. Sachregister. 627 Mühlen I 94. 289. 425. 431. 434. 448. 474. 525 f. 556. 580. II 417; Bockwind- I 448; Dampfmahl- I 448.; Getreide- II 524; Holländer Wind- I 448; Hofs- I 448; Säge- II 524; Wasser- I 448. 526. 580; Wind- I 526. 580. 657. Mühlenindustrie II 512. Mühlhausen I 436. 536. Müller I 433f. 578. 618. 622. 657; Wasser- I 657; Wind- 657. II 230. 250. (Lohnmüller II 250). Müllerei I 7. 289. 525ff. 556. 559. 573. 579; Lohn- I 657. Müllereitechnik II 57. Müllheim I 663. 668. München I 430. 462. 487 f. 503. 513. 5261'. 537. 543 f. 547. 550 f. 562. 565. 594. 607. 647. 652. II 34 ff. 223 f. 233. 303. 4331'. 448. 452. 458 f. 503 535 Münster (Rgbz.) I 277. II 98. 147. 149. Mugello I 321. Münze, Münzerfim Mittelalter) I 249. 251.263. 266. 283; Verpachtung bezw. Verwaltung der Münze I 251 ff. 302. 320. Mützen I 229. 457. II 364. Mützenmacher I 593. 622. II 525. 564. 573 f. Mützenmacherei I 457. Muffs I 457. Muschelkartonnagen II 401. Musikanten I 642. Musikwerke (mechanische) II 530. Muskatbaum I 345; -blüte I 328. 330; -nüsse I 328. 330. Muster karten (Schneiderei) I 598 f. Musterreisende I 455 f. 577. Musterzeichner, siehe Arbeiter - katcgorien; Zeichner. ]¥achnah meverkehr II 379 f. Nachrichtenverkehr II 284 f. 379 f. Nachwuchs des Handwerks II 571 ff. 577 ff. Nadler I 622. Nägel I 581. Nähmaschinen, siehe Maschinen, einzelne. Näherei I 513. II 524. Näherin I 15. 21. 638. II 437. 494. 505. 532. Nähutensilien II 364. 367 f. Nagelschmiede (rei), siehe Schmiede (rei). Nagolder Bezirk I 575. Nahrung, Idee der, als Kennzeichen handwerksmässiger Organisation I 73. 86 ff. 174. 187. 283. II 370. Nahrungsmittel I 525 ff. 631. 11 44. 87. 93 ff. 410. Nahrungsmittelindustrie I 637. II 16. 62. Nährungsmittelkonsum II 254. Nahrungssurrogate II 42. Nakel (Netze) I 440 f. 503. 511. 518. 523. 541. 578 f. 571. 583 f. 589. 593. 596. 610. 614 ff. 647. 664. 668. II 446. 555. „Napftheorie“ Büchers I 71. Naphatalinfarben II 44. Narbonne I 252. Nationalökonomie, Richtungen, Schulen: Ästhetische N.-Ö. ein Programm der Zukunft I XXIX. Ethische N.-Ö. I XXV f. II 291. 330. Historische Schule I XXIX f. Klassiker I XIV. Merkantilisten I XV. Österreichische Schule I XXVII. XXIX. Natur in ihrer Bedeutung für die Gestaltung des Wirtschaftslebens I XXV. XXVIII; als Produktionsfaktor I 22 f. Naturalismus des modernen Kunstgewerbes II 307 f. Naturallöhnung ländlicher Arbeiten I 443 f. Naturrecht II 6. Naturwissenschaft, moderne I 199. II 60 ff 83 ff. Navigationsakte Cromwells I 416. Neapel I 139. 223. 245. 252. II 198 f. Nebenbeschäftigung, gewerbliche, der Landbevölkerung in Deutschland II 130 ff.; in Grofsbritannien II 163; ihr Wegfall II 166. Nebeneinkünfte der Handwerker I 624 ff. II 561; der ländlichen Bevölkerung aus der Markennutzung: in Deutschland II 125; in Grofsbritannien II 561; desgl. aus gewerblicher Thätigkeit: in Deutschland II 130 ff.; in Grofsbritannien II 163. Nebenerwerb der Handwerker, siehe Nebeneinkünfte. Nebengewerbe, landwirtschaftliche II 140 ff. Neckar I 575. II 136. Neger in ihrer Bedeutung für die Kapitalbildung in Europa I 349 ff. Neisse I 604. 625. 664. 668. Nelken (Gewürz) I 328. Neubürgerliche Kunst II 304. Neuburg I 254. 396. Neudorf bei Strafsburg I 504. 663. 669. Neuenburg I 575. 40 628 Sachregister. Neuerungssucht des modernen Menschen II 86. 316. 329. 342; des Produzenten und Händlers II 435. Neu-Granada I 370. Neuhaldensleben I 436. Neumark I 435. II 101. Neumarkt I 442. 464. Neu-Providence I 348. Neu-Seeland II 185. N e u s i 1 b e r II 469. Neusohl I 279. Neustadt (O.-S.) I 442. Neustadt-Eberswalde II 119. Neu-Siidwales II 185. Neu-Vorpommern I 442. II 127. Neuwied II 415. New Castle upon Tyne II 305. New Jersey II 220. 3 New York II 77 f. 184. 212. 244. 248. 397. 484. Nickel II 391. Niederlande I 137. 227. 349. 416. II 21. 288. Niello I 549. Nienport I 295. Nikäa I 338. Nikaria I 334. Ninive II 192. Ni tri um I 338. Nöttingen - Darmsbach (Baden) I 526. 580 f. 589. 597. 601 f. 611. 629. 657. 663. 666 ff. Nördlingen I 413. Norddithmarschen I 442. Nordhausen I 97. Norfolk II 155. 157. 160. Normandie I 582. Northof I 530. Norwegen I 274. Norwick II 197. Nossen I 442. 665. 667. N o t s t an d der grofsen Massen am Ende der frühkapitalistischen Epoche: in Deutschland II 89. 265 ff.; in Grofs- britannien II 167 f. Notstandslitteratur II 266 f. Nottingham II 213. Nowgorod I 174. Nowobrdo I 362. Nürnberg I 108 f. 111. 121. 133. 139. 157. 230. 246. 266. 271. 297. 307. 404 f. 412. 489. 513. 544. 550. 603 f. 663. 668. II 223 f. 369. 556. 569. Nürnberger Patriciat I 307. Nürnberger Waren I 109. Nürnberger Warenhandlung II 369. Nuovole I 321. Nutzholz II 101. Nutzungsrechte (aus der Markenverfassung) und die Wirkungen ihrer Beseitigung: in Deutschland II125 ff.; in Großbritannien II 163. 165. Oaxaca I 345. 369. Ober franken I 576. Oberhessen I 258. Oberrhätien I 112. Oberndorf (Würt.) I 591. Obstgärten II 89. Obstgeschäft II 389. Ochsen fleisch II 156. Oehringen I 591. Öl I 229. 335. 637. II 44. 368. 415. 479. Öldruckbilder II 385. Ö1: Baumwollsaat-, Erdnuß-, Hanf-, Kokosnuß-, Lein-, Palm-, Palmkern-, Oliven- II 479. Ölfruchtbau II 123. Ölgarten II 89. Ölraffinerie I 555. ökonomische Propädeutik I XXVIII. Ökonomischer Sinn als treibende Kraft des Wirtschaftslebens I XXI. 4. II 5. Önussa I 334. 338. Österreich I 461. 467. 510. 512. 514. 529. 556. 632. 646. 648. 660 ff. II II. 20 ff. 37. 40. 111. 180 (städtische Bevölkerung) 214. 229. 256. 288. 332. 347. 357. 362. 385. 408. 411. 553. 555. 570. 578; Nieder- I 666. H 35. 448. Österreich-Ungarn I 274. 370. II 555. Österreichische Schule der Nationalökonomie I XXVII. Oeynhausen I 540. Ofen I 523. 541. 605. II 418. Ofenfabrik I 466. 523. 541. 605. Ofenfabrikation I 657. Ofensetzer I 605. II 525. Ofensetzerei I 657. Ofen teile I 605. Ofentöpferei I 657. Offenbach I 537. II 415 f. Öffenburg i. B. I 551. Offiziersvereine II 418. Oikos I 7. 68. Oldenburg (Grhzgt.) I 577. II 98. III. 113 ff. 149. 241. 287. — (Stadt) II 241. Oltrarno, Sesto d’ I 323. Oppeln (Rgbz.) II 147. Optische Industrie II 46. Optische Werkstätten I 529. Oran I 223. Orient I 125. 327. 353. 383. 392. 416. II 192. 301. Orleans I 267. Sachregister. 629 Osch atz I 442. 526. 665. 667. Osnabrück (Fürstentum) I 106. 430. 434. II 127. 133. 266. 0 stasko w II 480. Ostelbien II 121. Ostende II 340. Ostindien I 190. 224. 326 ff. (Kolonien) 364. II 77. 95. Ostra II 113. Ostrach I 229. Ostrowo II 343. Ordnung des empirischen Stoffes in der Socialwissenschaft I XIII ff. — sociale I 3. 21. Ordnungsprincip in der Socialwissenschaft I XIII ff. „Organismus“ des Wirtschaftslebens I 60. Orgeln II 527. 530. Orgelbauereien I 559. Orientalische Produkte I 234. Ornamentenfabrik I 551. 604. Oude II 186. Oxfordshire II 158. 163. Pachtpreise, siehe Preise. Pachtverhältnisse in Grofsbritan- nien II 162. Packenträger, siehe Hausiererei. Paderborn II 198. Padua I 315. Päpste: Benedikt XI. I 262. Bonifacius VIII. I 262. Clemens V. I 239 f. Gregor IX. I 250. Hadrian I 316. Ilonorius III. I 238. Innocenz III. I 237. Innocenz IV. I 411. Johann XXII. I 239. Nikolaus IV. I 320. Pius II. I 239. Sixtus IV. I 239. Päpstliches Finanzwesen I 237. 250. 262 f. Pächter, alte und neue, in Grofsbri- tannien II 164. Palästina I 123. 250. 334. 337. 356. Palermo I 139. II 174. 198. Palmitinsäure II 469. Pankow II 269. Pantoffelmacher II 130. 564. Papierhandel II 367. 410; -Herstellung I 20. 401. 405. 425. 472. 556. 637. II 16. 58. 62. 254. 309. 456. 505. 515. Papierstuck I 541. Papierwarenhandlung I 625. Papparbeiten I 614. Pappe II 469. Parfümerien II 364; -geschäft II 314. Paris I 21. 54. 80. 91. 101. 112. 123. 134. 139. 149. 241. 246. 261 f. 301. 450. 452. 487. 504. 510. 512. 529. 549. 660. II 76. 184. 203 ff. 215. 218. 248. 296. 309. 332. 336 ff. 340. 378 f. 390. 397. 399. 505. Parkett I 465. 539. II 319. Parkettfabrikation I 465. 539. 561. 638. II 319. Parma I 230. Parvenutum II 298 f. 303. 305 f. Pas sau I 157. 539. 652. Passementer I 152. Patenterteilungen II 425. Paternosterer I 112. Patna II "386. P a t r i c i a t, städtisches I 282 ff. — in Deutschland I 302 ff. — in England I 309 ff. — in Belgien I 311 ff. — in Italien I 313 ff. Siehe auch Städtische Geschlechter. Patschkau I 442. Pauperes (in den mittelalterlichen Städten) I 282. Pegau I 442. 510. Pegu I 327. Peitschen II 367. Peleponnes I 333. Pelze I 457. 515. 592. Pelzgalanteriewaren I 592. Pelzmützen I 457. Pelzwaren I 515. 592. Pelzwarenmagazin I 515. 592. Pelz werk 361. 515 f. 592. Pera I 333. Perleberg I 536. Permenter II 454. Pernau I 171. Perrotinen I 481. Perrückenmachergewerbe, siehe Friseurgewerbe. Persisches Meer I 327. Personalkapital I 205. Peru I 128. 274. 348. 355. 367 ff. Pesaro I 186. Pest im Mittelalter I 137 f.; in frühkapitalistischer Zeit I 417. Peterswaldau II 10. Petroleum II 44. 215. 367. 389. Petroleumkocher II 401. Petroleummotoren II 488. 521. 526. Petroleumraffinerie I 49. Pevensey I 230. Pfaidler I 459. 515; -gewerbe I 666. 668 . Pfalz I 442; Ober- I 580. Pfeffer I 229. 231. 328 ff. 364. <330 Sachregister. Pfefferkuchen II 355. Pfefferküchlerei I 627. Pfeifen I 470. II 380. Pfeil und Bogen (Erfindung) II 56. Pferde I 582. II 108. Pferdebahnbetriehe I 556. Pferdewärter I 420. Pflanzenfaser II 252. Pflug als frühzeitige machinale Vorrichtung II 56. Pforzheim I 127. 548. 663. 667. Pfosten II 98. Pfullendorf I 229. Philadelphia II 308. 397. Philippinen I 373. Phönizien I 123. P h o k ä a I 336 ff. Phonograph II 85. Photographie II 85. Photographische Anstalt I 16. Photographische Salons II 314. Piacenza I 313. Piassava II 469. Piemont I 229. II 174. Piesberg I 13. Piombina I 230. Pirmasens I 442. 534. II 21. 212. Piraterie, Piratengewerbe etc. I 163. Pirna I 106 f. Pisa I 190. 226. 230. 252. 261. 270. 321. 333 f. (Kolonien) 390. Pistoja I 141. 251. 272. 313. Plakatkunst II 375. Plattner II 453. Plättanstalt II 418. Plätterei II 237. Plätterinnen II 494. Platzagent II 407. Plauen I 536. Plebs (in den mittelalterlichen Städten) I 282. Plön I 442. Plofs I 467. Pochwerk II 135. Podolien II 380. Pofelbazare II 399. Poiton I 101. 111. Polierer (Tischler) I 43. 493 (Bauhandwerker). Polizei II 39. Polizist II 230. Polsterarbeiten I 565. Polstergestellmacher I 504. Polster material I 507. Polsterwerkstätten I 565 f. Polygraphische Gewerbe II 16. 62. 254. 456. Pommern I 434 f. 444. 536. 664. II 11. 101. 112. 129. 133 f. 141. 148. 208 f. Pont de l’Arche I 413. Pontoise I 134. Poorters I 282. 311 f. Pop fingen I 413. Popolo grasso, P. minuto (in den mittelalterlichen Städten) I 282. Populäres et impotentes(immittelalterlichen Köln) I 282. Porretta II 480. Portefeuiller I 456. Portugal I 223. 240. 326 ff. (Kol.- Handel) 341. 344. 533 f. (Kolonien) 364 f. 369. 373 ff. 416. II 77. I Porzellanmalerei I 665. 668. i Porzellanmanufaktur(Betriebsorganisation) I 41 ff. 665. 668. — Berliner I 41. 551. II 293. — Meißner I 41. 551. II 293. — von Sövres I 41. Porzellan waren: Handel II 354 f. 364. 369. 380. 390 f.; Herstellung I 41. 400. 551 f. 557. II 136. 414. Posamentenfabrikation I 638. II 525. Posamentierer 143.152. 622; -waren II 364. 368. 410. Posamentierwarengeschäft II 391. Posen (Prov.) I 580. 664. II 101. 109. 112. 116. 133. 141. 147. 208 f. 337. 409. 434. — (Stadt) I 169. 504. 597. 609. 616. 647. 664. 666 f. 669. II 23. 446. 505. 557. 570. Positionssystem I 392. Post II 284 ff. 380. Postbeamte II 230. Potosi I 370. Potsdam (Rgbz.) 1426. II 147. (Stadt) I 520. II 223. Pottaschesiederei II 136. Präraphaeliten II 306. 308. Prag I 467. 506. 666. 668 f. II 231. 245. 412. Priegnitz I 663. 667. Prinz-Kegenten-Theater in München, seine Erbauung II 433 f. Prinz von Wales (Eduard VII), in seiner Bedeutung für die Mode der Herrenkleidung II 339 f. Preetz I 442. 510. 664. 668. | Preis (theoretisch) I XXVin. 147. 149. j 158 f. 220 f. 231 ff. II 8. 69. 102. I 114. 155. 236. 371. 376 f. 383. 425 ff. 1 438. 445. 463 ff. 466. 481 ff. 508 ff. I 533. 542 f. 559. 561 ff 570. • Preisbildung, siehe Preis (theoretisch', I. Preise für Arbeitskräfte, siehe Arbeitslohn. — für die abstrakte Arbeitskraft II 496. Sachregister. 031 Preise für Grundstücke: landwirtschaftlich genutzte im 19. Jahrh. II 110ff. 114ff. 160. 171 f.; städtische: im Mittelalter I 290. 318. 323 f.; desgl. im 19. Jahrh. II 239 ff. — für Häusermieten: im Mittelalter I 318; in der Gegenwart II 239 ff. 395. 473. 493 f. — für Pachtungen II 112 ff. — für Transport von Gütern im Mittel- alter I 222. 230 f.; von Nachrichten in der Gegenwart II 284; von Personen II 279. 283. — für Waren: Agrarprodukte im Mittel- alter I 147. 149. 228 ff.; im 19. Jahrh. II 94 ff. 155 ff.; gewerbl. Erzeugnisse im Mittelalter U 140 f. 147. 149. 158 f. 228 ff.; im Kolonialhandel II 327 ff.; Arbeitsmaschinen II 535; Kraftmaschinen II 484 ff. Preishandwerker II 95. Prenzlau I 461. 511. 591. 596. 663. 668. II 448. Prefsburg II 412. Pretiosen II 385. Pr eu fs en (Kgr.) I 230. 425. 428. 431 f. 435. 452 f. 462. 464. 470. 481. 537. 636. 642. 644 f. 662 f. II 9 f. 13. 18. 35. 38. 45. 89. 95 ff. 100 f. 103. 105. 109. 112. 119. 125. 129. 131 ff. 137. 140 f. 146 ff. 162. 176 ff. 181. 205. 207 f. 213. 216. 225. 232. 256 f. 270. 273 ff. 278. 280 f. 286 f. 346. 348. 353. 357. 359. 369. 394. 478; Ost- I 434. 578. II 89. 101. 109. 112. 141. 149. 151. 208 f.; West- I 504. 578. 664. II 141. 151. 208 f. Produit net-Theorie II 200. Produktengeschäft II 368. Produktionsdauer, siehe Produktionszeit. Produktionserzwingung, siehe Sklaverei. Produktionsfaktoren 122 II427f. 473. Produktionsfaktorenverbilligung: Begriff II 427; als Konkurrenzfaktor II 507 ff. Produktionskosten, siehe Preis (theoretisch). Produktionskredit, siehe Kredit. Produktionsmittel als Produktionsfaktor I 23. II 427; als Konkurrenzfaktor II 427. 473 ff. Produktionsverbilligung: Begriff II428; als Konkurrenzfaktor II 507 ff. Produktionsverschiebung I 570 ff. Produktionszeit im Mittelalter I 141; in neuerer Zeit II 70. 75. 508. 516. 547. Produktivgenossenschaften I 68. H 545. 554. 656. Produktivität der Arbeit (theoretisch) I 37. 56 f. 140. 154. 185. 213. 290. II 69. 236. 292. 371. 425 f. 516; •— (empirisch) I 37. 141. 426 ff. 432. II 42 ff. 63 ff. 371. 426 f. 448. Profit (theoretisch)! 210ff. II 7. 196. 236. 376 f. 427 f. 536. 564. Pro fite(empirisch): Handels-im Mittel- alter 1 219 ff.; im 18. Jahrh. II 226; im Kolonialhandel I 327 ff. 372; im Sklavenhandel I 352 ff.; in der Produktionswirtschaft mit Sklaverei I 355 ff Profosse I 420. Profsnitz 666. 668. Provins I 98. 102. Pschorrbräustile II 313. Psychologie, historische I XXI. Puddeln I 427. II 44. 75. Puddelwerlc I 14. 16 f. Puerto Rico I 346. Pulsnitz I 442. Punjab II 186. Pumpenbetrieb II 527. Punschextrakt II 391. Puppenausstattung I 338. Purpur II 44. Putzmacherei I 638. Putzwaren I 112 f. 514. II 364. Qualifizierte Arbeiter, Qualitätsarbeiter etc., siehe Arbeiterkategorien. Qualitätsverschlechterung (in der gewerblichen Produktion) II 467 f. Qualitätswarengeschäft II 387f. Quebrachoholz I 535. Quecksilber I 280. Queenhith II 158. Queensland II 185. Quincailleriewarenladen I 445. Rabenau I 546. Radfahrsport I 582. II 85. 368. Radeburg I 442. Radolfzell I 109. Rahmen I 546. Raps II 96. Rasse, ihre Bedeutung für das Wirtschaftsleben I XXV. XXVIII. 380. Rassen, gelbe, in ihrer Bedeutung für die Kapitalbildung in Europa I 349f.; rote, ihr Verlöschen I 348; schwarze (Neger), in ihrer Bedeutung für die Kapitalbildung I 349 ff Rationalismus, ökonomischer, siehe Kapitalistischer Geist; technischer, siehe Wissenschaftliches Verfahren. 632 Sachregister. Raubbau in (len Kolonien I 356f. Raubhandel I 162. 180. 189. Raubrittertum im Mittelalter I 384f.; in der Gegenwart II 377. Rauchwaren ! 457. 516. 536f. Raum, seine Überwindung II 84. Realkapital I 205. Rechenkunst im Mittelalter I 178. 191 ff. 392 f. Red House II 306. Rechtsordnung, ihre Bedeutung für das Wirtschaftsleben I.XXVI1. 208 ff. II 3 f. 28 ff 32 ff Recklingshausen II 214. p p q TT 1 07 Regensburg I 99. 253. 261. Regenschirme II 332. Reggio di Calabria II 174. Reggio nell’ Emilia II 174. Reichelsheim I 663. Reichenstein I 40f. 254. Reichs|erichtsgebäude (Erbauung) Reichstagbaukommission II 302. Reichstagsgebäude (Erbauung) II 302. 313. Reichtum im Mittelalter I 237 ff. 257 ff. 264 ff. 276 ff. 282 ff. 348 ff 360 ff.; sein Tiefstand am Ende der frühkapitalistischen Epoche II 258 ff.; seine Zunahme im 19. Jahrh. II 257 ff. 297 f. 316. 320. 333. 349; in der Zukunft II 312 ff. 316. Rei der, siehe Schwertfabrik. Reinerträge (in der landwirtschaftlichen Produktion) II 110 ff. Reis I 356. Reisebedarfsladen II 391. Reisebureau I 199. Reiselektüre II 390. Reisende, siehe Detailreisende, Geschäftsreisende. Reitsport I 582. Reklame II 373ff. 401; künstlerische II 378; schwindelhafte II 377. Reklamefiguren II 530. Reklamewissenschaft II 374. Religion, ihre Bedeutung für das Wirtschaftsleben I 380 f. 420. Remscheid I 109. 127. 431. II 214. Renaissance des Handwerks, siehe Wiedergeburt. Renaissance des Kunstgewerbes in der Gegenwart II 302 ff. 306 ff. 458 ff Renaissancezeitalter I 85. II 332 f. 452 f. Rennen von Ascot II 339. — von Auteuil II 327. — „ Hamburg II 269. — „ Wien II 269. 339. Rentenkauf I 291. 293. Reparatur landwirtschaftlicher Geräte I 582. Reparaturarbeit des Handwerks I 471. 582 ff 580 f. 592 f. 596. 612 ff. 616. 618. II 449. 470 f. 540. 570. der Böttcher I 613. „ Drechsler I 613. „ Hutmacher I 593 f. „ Kürschner I 592 f. „ Schlosser I 556. „ Schmiede 1 556. 583 f. „ Schuhmacher I 590. „ Stellmacher I 583 f. „ Tischler I 536. 609. 512. „ Uhrmacher I 614. Reparaturwerkstätten I 16. 556. 609. II 211 f. Repassage (der Uhren) I 614. Restaurants I 199 f. II 417. Rettung des Handwerks, siehe Wiedergeburt. Retrospektive Richtung des Kunstgeschmacks II 300f. 307. Reutlingen I 591. Reval I 166f. 171 ff. 223. 226. 261. Rheder ei II 137. Rhein 1 104. 156. 406. 428. 433. 438. 536. II 270; Nieder- I 15. 30. 144. 149. 151. 429 ff. 482. II 133; Ober- I 98. Rheinfelden I 98. Rheinland-Westfalen 1 426. 428. 513. Rheinpfalz I 534. Rheinpreufsen I 439. 444. Rheinprovinz I 109. 664. II 127. 137 f. 140. 148. 150. 207 ff 270. Rhodes I 411. Rheydt II 214. R i c h e, r i c h e s (in den mittelalterlichen Städten) I 282. Richtplatten (Bauschlosserei) I 545. Riemer II 524. 567 f. Riesa I 526. Riga I 167. 171. 173. 223. Rigveda I 441. Rinder, siehe Fleischerei. Rindviehzucht II 108. 117. 157. RingderNibelungenals Symbol der menschlichen Goldsehnsucht I 381. Ringofenziegelei I 16. Ritterorden I 240. 252. 260. Röhren II 410. Röhrenfabrikanten I 522. Röhrenfabrikation I 17. Rörerbühl I 278. Roheisen, siehe Eisen. Roggen II 93. 96. Rohr II 391. Sachregister. (333 Rohstoff II 79. 87. 93. 367f. 470. 476. 479 ff. 512. 553. Rohstoffbezug II 477ff. Rohstoff genösse n schäften II414. 545. 553 ff. Rohstoffhandel II 479f. Roh Stoff vereine II 553. Rom I 89. 91. 115f. 119. 123f. 191. 230. , 235. 239. 262. 333. 359. II 154. 158. 189 f. 198 f. 246 ff. 370. Romantizismus im Kunstgewerbe II 297. 308. Ronsdorf II 214. Rosenkränze I 402. Rosettenfabrik I 534. Roskilde I 135. Rofshaare II 469. Rofsleder I 536. Rostock I 140. 167. 179. 228. II 11. Rofswein (Kgr. Sachsen) I 518. 545. 589. 665. 667 ff II 40. Rotationsprincip I 50. Rote Meer I 327. Rotgiefserei II 452. Rothenhuch I 576. Rottenburg I 575. Rotterdam II 381. Rouen I 134 Rovigo II 174. Rucksack II 380. Rühen II 15. 17 f. 44. Rübenbau II 110. 124f. 143. Rübenzuckerindustrie I 637. II 17. 62. Rückzugsgebiete (für das Handwerk) 1615ff II451. Siehe auch Beparatur- arbeit, Wiedergeburt des Ilandwerlcs. Rügen I 440. Il 127. Rügenwalde I 167. Rum I 356. Rumänien I 542. II 21 ff 286. 416. Rundholz II 98. Rufsland I 31. 232. 265. 326. 415. 428. 522. II 9 f. 21 ff. 88. 256. 279. 286. 337. 391. 478 ff Saal feid I 445. 652. 665. 667. Saarbrücken II 214. 270. Saargebiet II 362. Saarlouis II 270. Saat (Handelsartikel) II 410. Saatgetreide II 414. 559. Saazig I 444. Sachsen (Kgr.) I 425 f. 428 f. 431. 442. 453 f. 456. 518. 537. 539. 577. 591. 662. 664f. II 105. Ulf. 114. 138. 142. 148. 177. 207. 214. 235. 255. 287. 347. (Prov.) I 435. 464. 489. 542. 664. II 36. 101. 103. 107.148. 208 f. 358. 555; Nieder- II 11. Sachsen-Meiningen I 665. — -Weimar I 665. Säckler I 98. Säckler II 453. Säge (Band-) II 48. Sägerei II 117. Sägemühlen II 524. Sägewerk I 17. 539. II 524. Sämereien II 414. 559. Sämischgerberei I 534. 590. Saflor II 44. Safran I 231. Saida I 442. Salazar l 368. Salinenwesen I 637. II 16. 19. 254. Salisbury II 155. Salmannenrecht I 301. Salz I 230. 315. II 415. Salzburg I 401. Salzwedel I 526. 596. 604. 614f. 628. 643 f. 664. 667. II 446. 448. 538. Samenkauf = Engroskauf (im Mittel- alter) I 282. San Biagio I 406. San Domingo I 346. 357. San Donato I 320. St. Etienne II 532. St. Gilgenhof I 405. St. Imier II 532. St. Johann II 270. St. Panagia I 334. 338. St. Petersburg I 567. II 339. St. Pölten II 412. St. Simeon I 104. St. Thomas I 344. Sandsteine I 542. Sanguin I 373. Saranger I 373. Sardinien I 274. 334. II 174. Sargüberthane II 401. Sattler I 81. 83. 114. 454ffi 558. 617 f. 622. 624 f. 633. 640. 657 f. 663. II 230. 453 f. 524. 567 f. 583. Sattlerei I 16. 456ff. 547. 590. 627. 638. 664. 668. Sattlerwerkstatt II 390. Sattlerwaren I 547. Sauerland II 358. Savannah (Schiff) II 77. Savoyen I 258. Schädlinge in der Wissenschaft II 188 f. Schäfte I 532. Schäftefabrik I 532. Schafe, siehe Schafzucht. Schafleder I 536. II 162. Schafzucht I 435. II 107ff 117. 143. 157. 161 f. Scharte II 44. Schaufeln I 110. Schaumburg-Lippe I 578. 634 Sachregister. Scherenschleifer I 638. II 139. Scherer (Weberei) I 81: Schererei I 14. Schermessorer I 108. Schemniz II 274. Schieferdecker I 520. Schieferhandel I 523. Schiefertafeln II 367. Schiffergenossenschaften im Mittelalter I 183. Schiffsbau I 637. II 41. 44. 137. Schiffsbaumeister I 89. Schiffsleute I 133. II 230. Schiffsverkehr im Mittelalter I 167. 171 f. 223; im 16. Jahrh. I 328 f.; im 18. Jalirli. II 225 f.; im 19. Jahrh. II 77. 281. Schilderer (Sehilterer) II 453f. Schildpatt I 550. Schirme II 364. 385. 389. 418. Schirmfabrik II 414. Schirmmachergewerbe I 663. 666. 668 . Schirrvogt, Schirrkammer I 443. Schlachtgeschäft I 528. Schlaggenwalde I 401. Schleifer (Schleiferei) I 7. 106. 109. 127. 144. 559. Schlesien I 30. 102. 113. 134. 254. 277. 280. 400. 406. 429. 432. 435. 442. 461. 464. 478 f. 482. 510. 540. 581. 628. 664. II 9 ff. 101. 121 f. 129. 131. 134. 137 f. 143. 148 f. 207 ff. 266. 359; Mittel- II 122; Nieder- I 578. 664; Ober- I 17. 427. 567. II 215. 265. Schleswig I 442. Schleswig-Holstein (Prov.) I 578. 664. Schlosser I 17. 54. 83. 95. 114. 464ff. 496. 499. 521 f. 540 f. 544 f. 556 ff. 565. 573. 603. 617 f. 622. 624 ff. 633. 640. 645. 649. II 34. 37. 446. 537. 556. 567 ff. 575. 583. Schlosserartikel I 540. 603. Schlosserei I 24f. 32. 54. 152. 489. 496. 540 ff. 544 f. 550 f. 566 662 ff. 662. II 220. 452. 457. 533. 535. 537. 541. 569 f. 574. Schmalkalden I 109. Schmied I 17. 76. 81. 144. 272. 420. 439 f. 442 f. 477. 480. 556 ff. 573. 578. 580 ff. 603. 617 f. 627. 647. 650. 657. 663. II 230. 446. 537. 555 f.; Gabel- I 108; Gold- I 115. 141. 581. 622. II 289. 453f.; Grob- I 90. 115. 581. 638. 640. II 525. 567 f. 574 f.; Harnisch- I 107 f. II 454; Hauben- I 108; Huf- I 16. 573. 581. 633. II 525. 567 f.; Kessel- I 16; Ketten- I 108. 581; Klingen I 108; Knauf- I 107; Kreuz- I 107; Kupfer-1 115. 581. 640. II 567 f. 574 f. ; Messer- I 581. 663; Nagel- I 95. 581. 617. 622. II 524; Panzerhemden- I 108; Schwert- I 105 f. 144; Sensen- I 25. 108 f.; Speer- I 107; Waffen- I 108; Wagen- I 573; Werkzeug- I 581; Zeug- I 638. II 139. 537; Zirkel- I 108. 581. Schmiedeeisen I 550. Schmiedeeiserne Hausgeräte I 550 f. Schmiederei I 7. 24. 32. 556. 573. 581 ff. 627. 663. 668. II 533. 535. 574. 577. Schmiedezunft I 81. Schmuckwaron II 410. Schneeberg I 274. 277. Schneider I 7. 16. 32. 36 f. 43. 54. 81. 83. 91. 95. 99 f. 101. 113. 133. 441. 480. 513. 594 ff. 622. 624. 633. 639 f. 645. 657. II 35. 230. 337 ff. 398. 412. 438. 440. 445 f. 491. 499. 503. 515. 542. 554. 564. 567 ff. 583; Damen- II 337 ff'.; Herren- I 596. II 412 f. Schneiderei I 148. 459 ff. 510. 511 ff. 537 f. 594 ff. 638. 651. 658. 663 ff. 668. II 22. 37. 411. 445. 496. 505. 518. 524. 541; Damen- I 459 f. H 314. 338. 412. (Wien) 499. Schneiderin I 459. 513. II 437. Schneiderinnung I 461. Schneiderwerkstatt II 417 f. Schnittwaren II 354f. 359. 364. 410. Schnittwarenhandlung II 368. Schnitzer (Bild-) II 130. 453f. Schnitzereien I 638. II 136. Schönberg (mähr.) II 578. Schöneberg II 243. Schönfärber, siehe Färber. Schornsteinfeger II 572f. Schottland I 240. II 160. 229. 419. Schreibmaschinenfabrik II 414. Schreibmaterialien II 364. 367. Schreibtischtischler I 504. Schreibwarenhandlung I 625. Schreiner, Schreinerei, siehe Tischler etc. Schriftgiefserei I 567. Schürlitz I 157; -weberei I 103. Schürzen II 440. Schüsseln I 110. Schuhe I 50 f. 142. 510f. 533. 560. II 80. 340. 385. 498. 559. 564. Schuhfabrik I 111. 133. 511. 532 ff. 588 ff. II 55. 80. 321. 414. 498. Schuhwarenfabrikant II 564. Schuhflickerei I 588. Schuhmacher I 21. 44. 83. 89 ff. 91. 94. 97. 110. 113 ff. 142. 212. 384. Sachregister. (335 420 . 451. 454. 480. 510 f. 587 ff. 617 f. 622. 624 ff. 628. 633. 638. 640. 647. 649 f. 657 f. 666. II 37. 230. 321. 438 f. 445 f. 473. 483. 491. 498. 542. 554. 557. 564. 567 f. 573 f. Schuhmacher-Bedarfsartikel I 451. 534. 546. Schuhmacherei I 24. 50. 135. 449ff. 510 f. 532 ff. 559. 587 ff. 658. 668. II 20 ff. 37. 40. 54. 80. 212. 251. 447. 498. 524. 533. 577. Schuhmacherinnung I 650. II 39. Schuhmacherwerkstatt II 417 ff. Schuhmaschinenfabrik I 534. Schuhwaren (Handel) I 442. 449 ff. 510 f. 533 f. 589. II 354. 364. 417. 438. 468 f. 559. 564. Schuhwarenbazar I 589. 626. II 438 f. 440. Schuster, Schusterei etc., siehe Schuhmacher etc. Schwaben I 254. 396. Schwäbisch Hall I 266. Schwäbisch Gmünd I 548 f. Schwarzburg-Sondershausen II 107. 116. Schwarzfärber, siehe Färber. Schwarzwald I 88. 96. 101. 105. 273. 277. 280. 406. 421. 441. 471. 574 f. 617. II 130. 347. Schwaz I 274. 279. 408. Schweden I 111. 274. 416. 540. II 356. 478 f. Schweidnitz I 111 f. 599. II 9. Schweine 1489.529 ff.H 108.118.128. Schweineborsten II 469. Schweiz I 30. 103. 249. 255. 257 ff 400. 471. 522. 545. 581. 591. 612. II 20 f. 23. 88. 172 (Agrarverfassung) 245. 288. 322. 356. 391. 404. 433. 578. 583. Schwelm II 214. Schwertfabrik I 106f. Schwertfeger I 105. 108. Schwitzhöllen I 514. Schwitzmeister (Konfektion) I 595. Sealskin I 536. Seegras II 469. Seeschiffsbemannung II 137. Seeschiffahrt, Organisation in frühkapitalistischer Zeit II 137. Siehe übrigens Schiffsverkehr. Seide, Roh- I 328. II 139. 338. 469. Seidenbänder II 389. Seidenbandfabrikant II 338. Seidenbandmuster II 338. Seidengeschäfte II 390. Seidenhüte, siehe Hüte. Seidenindustrie I 15. 103. 157. 335 f. 406. II 197. Seidennähter II 454. Seidenspinner II 64. 139. Seidenwarenfabrik I 414. Seidenweber I 336 f. II 64. Seidenweberei II 210. 525. Seidenzunft I 186. Seife I 449. 637. II 364. Seifenfabrik I 555. 613. II 230. Seifensiederei I 449. 622. 665. 668. II 136. 471. 479. Seile (Hanf- und Draht-) II 44. 468. Seiler I 640. II 573 f. Seilerei I 665. 668. II 525. Seilerwaren II 391. Sembrancher (am St. Bernhard) 1271. Sdndgal I 354. 373 f. Senf II 106. Sensen II 321. 367. Seradella II 106. Serbien I 362. II 287. Sevilla I 246. 368. 372. II 89. Sövres I 41. 551. Sheffield II 213. Shirtingweberei I 147. Shoddy H 469. 512. Shorthorns II 109. 118. Siam I 373. Sibirien II 287. Sicilien I 180. 223. 240. 336. 347. II 173 f. 199. Sidon I 333. Siebenleben I 442. Sieg II 128. Siegen I 437. 483 f. II 214. Siena I 313. 411. Sierra Leone I 374. Sierra Morena II 89. Siracusa II 174. Silber I 104. 254. 274 f. 364 ff. 370. 408. II 401. 469. Siehe auch Edelmetalle. Silbe rarbeiten I 549. Silbergräber I 371. Silbergruben I 37. 274. 278. 280. 314. 401. Silberwaren II 220. 364. 410. Silberwarengeschäfte I 626. Silber Warenindustrie I 426. 548. Sitzgeselle I 15. Skandinavien II 21. Sklaverei im Mittelalter I 331 ff. 347 f.; in der neuen Zeit I 342 ff. 348 ff Sklavenhandel I 340 ff. 352 ff. Sklaven Wirtschaft I 64. 67. 355 ff. Smithfield II 157. Sneek I 110. Socialismus, socialistische Wirtschaft etc. I 67. 72. Socialpsychologie I XXI. Socialwissenschaft, Bedingungen ihrer Selbständigkeit I XXVII. 636 Sachregister. Soda II 136. Söldnertum I 216. 411. 419. Sohlleder I 536. Sohlledergerberei I 560. Soest I 286. Sofala I 366. 373 f. Solingen I 106. 109. 144. II 136. 214. Sollbach I 580. Solor, Insel I 373. Somersetsliire II 157. Sommerkonfektion I 537. Sonderbildung im socialen Leben I XXIII f. XXXIII. Sonnenschutzapparate II 530. South - Kensington Museum II 306. Spätkapitalistische Epoche I 72. Spandau I 520. Spanien I 124. 134. 139. 223. 265. 271. 274. 280. 326. 329. 331. 334. 337. 341. 344. 348 (Kolonialwirtschaft) 355. 367 ff. (Kolonien) 382. 416. 418 f. II 85. 88 f. 157. 198 f. 370. Sparkassen, ländliche II 415. Spaten II 367. Specerei waren, siehe Kolonialwaren. Specialarheiter, Specialisten etc., siehe Arbeiterkategorien. Specialartikel II 393. Specialbetriebe, s. Spetialisation. Specialisation der Arbeit innerhalb eines Betriebes I 24 f. II 517; zwischen Betrieben I 23. II 518. Specialitätengescliäft II 389 ff. Speck I 531. II 158. Spei er I 286. Speisehäuser II 314. 324. Spekulation (kaufmännische), siehe Kapitalistischer Geist. Spekulationsbau (Baugewerbe) I 491. 494. Spesen im mittelalterlichen Handel I 221 f. 223 ff Spessart II 491. Spiegel II 385. Spiegler II 454. Spiel Warenindustrie I 30. Spindel I 424 f. 428. II 53. 56. Spinner I 622. II 79; Seiden- II 64. 139; Slioddy- II 139; Baumwoll- II 139 Spinnerei I 13. 15. 43. 424. 426. 429 ff 437 ff 459. 474. 556. 637. II 53. 131. 138. 312. 496. 554; Seiden- I 638; Slioddy- 1638; Baumwoll- I 638; Kammgarn- I 481. Spinnerinnen I 406. Spinnmaschine II 53 f. Spinnrad II 53. 133 f. Spinnstube I 436. Spirituosen II 367. Spiritusbrennerei II 17. Spiritusindustrie I 470. II 14. 108. Spitzen verfertigun g I 638. Sport: Radfahr- I 582; Reit- 585; Renn- I XXII; Yacht- I XXII. Spreewald I 503f. 578. 614. 647. 663 f. 669. Spremberg I 599. Spritfabrik I 612. Spulerei (Weberei) I 14. Staatenbildung (moderne), wirkt hemmend auf wirtschaftliche Entwicklung I 415 ff. Staatsschulden, siehe Anleihen. Stab so ff i eiere der Industrie, siehe Arbeiterkategorien. Stade I 188. ll 115. Stadt im ökonomischen Sinne (Begriff) II 191; kapitalistische Stadt II 194 f.; Handelsstadt II 196 ff 222; früh- kapitalistische Grofsstadt II 197 ff.; Konsumtionsstadt II 198 ff 221 ff.; Industriestadt II 205 ff.; primäre Industriestadt II 213. 417; sekundäre Industriestadt II 217; industrielle Teilstadt II 215. 222; industrielle Yollstadt II 216. 222; Überblick über die modernen Stadttypen II222f. Siehe auch Großstadt, Kleinstadt. Stadtadel, siehe Patriciat. Stadtpläne I 395. Stadtwirtschaft I 53. 67. 71. Städtebildung (theoretisch) I XXIV. II 187 ff; „Naturlehre“ der St. II 192 ff; städtebildende Faktoren im kapitalistischen Zeitalter II 196 ff.; Dogmengeschichte II 202. 224 ff.; Existenzbedingungen (ökonomische) II 228 ff. (sachliche) II 228. (persönliche) II 229 ff — (statistisch) siehe Bevölkerungsagglomeration. Städtetheorien, siehe Städtebildung. Städtisches Wesen I XXVI. II 145. 190. 218. 238. 308. 315. 324 ff. 328 f. Städtische Geschlechter, Händler, Industrielle etc. des Mittelalters: Abbati I 263. 313. 318. Acciauoli I 252. 319. Adimari I 319. Aislingen I 303. Albeiti I 319. Albizzi I 319. Aldobrandeschi I 319. Aldobrandini I 319. Alfani I 251. 319. Alpishofer I 303. Altoviti I 319. Amerbach, Johann I 404. Amieri I 319. 376. 414. Sachregister. 637 Ammanati I 263. 313. Angelotti I 319. Ardingki I 319. Argon, von I 303. Armbruster I 551. Artevelde I 101. 311. Arzt (Familie) I 303. Bacarelli I 313. Baldi I 313. Baidinger I 308 f. Bambrecht I 303. Bardi I 224. 242. 251 f. 261 f. 322. 324. 376. 399. 414. Barozi Tribanus I 314. Barthen I 303. Barucci I 319. Baumgartner I 303. Becken von Beckenstein I 304. Behaim I 307. Bellincioni I 319. Bernardini I 320. Berthout I 312. Besserer I 308 f. Beuscker I 304. Blake I 311. Blume I 306. Bolognino di Bargliesano da Luca I 406. Breyschub I 304. Brom I 306. Büttrick I 304. Buondelmonte (Montebuoni) I 320. 323. Buonfanti I 320. Cämerer I 286. Caponsacchi I 320. Cavalcanti I 320. Cecchi I 322 ff. Centarioni I 334. Cerchi I 251. 262. 322 ff. Chiarenti I 263 320. Chirckeman I 266. Christ. Reyffer Erben I 408. Cindal I 306. Clarenti I 313. Colner I 306. Colonna I 244. 320. Cornaro I 335. Crepin aus Arras I 253. Dachs (Familie) I 304. Dandolo Gaton I 314. Deila Bella I 319. de la Bresa I 354. de Camilla I 314. de Fossatelli I 314. de la Pole I 266. 310. de Marino I 314. de Nigro I 314. Dendrich I 304. de Pomerio I 306. Digne Rapponde I 255. Doria I 314. Drechsler I 304. Ebner I 307. Ebriaci I 257. Eggenberg, von I 305. Eggenberger I 304. Ehingen, von I 305. Ehinger I 308 f. 343. Endorffer I 304. Engelschalk von Murnau I 304. Episcopius (Drucker) I 404. Eringer I 304. Erlinger I 304. Falconieri I 320. Faletrus Leo I 314. Fieschi I 314. Fifanti I 320. Firmian I 279. Frankfurter Patriciat I 306. Franzesi I 322. — Masciatto I 324. Frescobaldi I 242. 249. 252. 321 f. 324. Froben, Hans (Drucker) I 404. — Hieronymus I 178. Fueger I 279. Füllenbach, von I 304. Fugger I 224. 254. 264 f. 279 f. 305. 343. 372. 396. 400 1. 403. 408. 414 f. — Anton I 254. 396. — Jacob I 193. 396. Fust, Johann I 404. Galliziani I 405. Gandulphus de Arcellis I 258. 261 f. Geldersen I 191. 293. Genus, Nicolao I 338. Gefsler I 309. Gherardi I 233. 324. Gherardini I 322. Giustiniani I 244. Gossembrot I 304. Greiduscher I 304. Gresham I 311. — John I 311. — Thomas I 311. Grilli I 314. Grimaldi I 314. Grimolt I 304. Grundier I 304. Grundherr I 307. Günzburger I 308 f. Guidi I 320. — Biccio I 320. — Carus I 320. — Simon I 320. Gwärlich I 308. Hagen, Jan. I 403. Haibisen 1 405. Hans Punzl & Christ. Herwart I 408. Hang & Link I 225. 279. 413. Hawkinse I 311. 638 Sachregister. Heinitz, von II 297. Herrgott, Hans I 404. Herwart, Werner I 304. Hewett I 311. Hirschvogel I 307. Hirzelin, Johann I 253. Hörner I 304. Höchstetter I 377. — Ambrosius I 377. Holzheim I 308. Holzschuher I 307. Hotter I 304. Hoy, von I 304. Huldrich the Torn I 311. Hunold (Houold) I 304. Hunt Holman II 306. Huntpifs I 324. 401. Ildebrandini 1 313. Ilsung I 304. Imhof I 304. 307. 401. Isaac von Norwich I 267. Italienische Geschlechter I 313 ff. Jöchel von Jöchelsthurn I 279. Karg I 304. Kaspar von Domeck I 402. Iioberger I 231. 405. Kölner Patriciat I 306. Kraft I 308 f. Krafft, Hans Ulrich I 357. Kramer, Jos. I 173. Kürbier I 308. Lamberti I 320. Lauginger I 304. Lechner I 308. Leins, Simprecht I 308. Lercuri I 314. Lichtenstein I 279. Lieber I 309. Löwen I 309. Lupin, Matthäus I 308. Macci I 257. Malipiero Orio I 314. Marchthal er I 308. Medici I 251. Meuchinger I 304. Meuting I 304. Michael Rainer I 278. Mörlin I 308. Mouchet Lombarde I 262. Mozzi I 263. 322. 324. Mühlheim I 306. Münzmeister I 304. Myddelton I 311. Neithart I 308 f. Nordlingen I 304. Notnagel I 304. Nürnberger Patriciat I 307. Opizio de Farignano I 313. Oreto Giovanni I 406. Orsini I 244. Osborne I 311. Pappenheim I 305. Partecipazi I 316. Paternustrer Pernhart I 402. Paumgarten, Hans I 408. Paumgärtner I 307. Pazzi I 270. 320. Pegolotti I 257. Peruzzi I 224. 242. 252 f. 261. 322. 324. 376. 399. 414. Peutinger I 304. Pfinzig I 307. Pfister I 304. Philipot I 266. Pillio I 320. Pirlcheimer I 307. Plessel I 306. Plossen I 304. Podelicote, Richard I 225. Portner I 305. Pulci I 251. 321. Pulteney I 266. Pulteney, Sir John de I 310. Quirino Ananias I 314. — Petrus I 338. — Thomas I 338. Rechstab I 304. Reicher I 304. Reinbot I 304. Rehm I 308 f. Rem I 224. 304. — Lukas I 400. 405. Reste, von I 306. Reym & Ant. Hier. Fugger I 408. Riederer I 304. Rörerbühl I 278. Rinuccini I 320 f. — Franceso I 320. Röfsler I 304. Rolandus de Ripalta I 313. Rollo I 311. Rorbach I 306. Rosen, von der I 304. Rossi I 322. 324. Roth I 304. 308 f. Rottengatter I 308. Rückingen, von I 306. Ryff, Andreas I 178. San Piero Scheraggio I 323. Saphir I 286. Scali I 320. 376. 414. Schaden I 309. Scheler I 308. Schermaier I 309. Scheurl I 224. 279. — Christoph I 254. Schmucker I 304. Schönecker I 304. Schongauer I 304. Schürstab I 307. Sensheim I 304. Simon Francis I 310. Sachregister. 639 Sir Lioneil Duckett I 311. Sir Hugh Fitzwarren I 310. Soranzo, Gebr. I 318. 393. Spinola I 314. Spini I 251. 263. 320. Spigliati I 251. Stallburg I 306. Stammler I 308 f. Stöckel I 279. — Hans I 408. Strölin I 308; f. Stromer I 307. — Ulman I 405. Strozzi I 224. 321. Sulzer I 304. Tanzl, Gebr. I 408. Tänzel von Tratzberg I 279. Tettingen I 305. Tliorne I 311. Thurzo, Jörg I 396. Tignosi I 257. Tischler, Fricz I 402. Transmair I 304. Tremo'ille, Sire de I 255. Tücher I 307. Turchi I 271 f. Uberti I 321. Ubertim I 321. Ughi I 321. Ugolino I 321. Ulmer Patriciat I 307. Ungelder I 309. Yainaken I 308. Yaizo, Joh. I 314. Varn, Ewik I 312. Vecklinchusen I 231. Yelmann I 304. Vittel I 304. Vöhlin I 304. Volkwein I 305. Vollrammer I 305. Walworth I 266. Wartensee, von I 305. Welser I 224. 305. 324. 343. 367. 400 f. 403. Wenemar I 312. Werimbold I 219. Wessibrunner I 305. Whittington I 266. Whittington, Sir Richard I 310. Wieland I 305. Wildeck, von I 305. Winter I 305. Wittenborg I 191. 293. Wittolf I 305. Wolf, Heinrich I 254. Wolfen von Wolfsthal I 305. Zeller von Kaltenberg und Epsach 1305. Ziani, Seb. I 314. Zink, B. I 224. Zottmann I 305. Staffordshire II 212. Stahlgraveure I 17. Stahlwalzwerk I 540. Stahlwaren II 364. Stahlwarenhandlung II 369. Stallknechte II 230. Stammbaum der gesellschaftlichen Grofsbetriebe I 39. Standort der gewerblichen Produktion II 135. 217 ff. 235; der landwirtschaftlichen Produktion II 116 f. 217. 477; der Produktion als Konkurrenzfaktor II 473 f. 502. 562 f. Stapelburg II 113. Stafsfurt II 214. Statistik, Anfänge I 396. Statistische Gesetze I XVII. Statistische Methode, ihre Vorherrschaft in der Nationalökonomie der Gegenwart I 656; die Grenzen ihrer Verwendbarkeit I 656 ff. Stearin II 43. 515. Steckenknechte I 420. Stecknadelmanufaktur I 39f. II 515. Stehende Heere I 413. Steiermark I 105. 437. 666. II 411; Ober- I 666. Steinbrüche I 16. Stein decken I 133. Steindrucker I 17. Steine, Industrie (Kunst-) I 523. 637. (Erden) II 16. 45. 254. 321. 410. (Pflaster-) II 479. Steingutfabrik I 457. Stein gut waren II 364. 389. Steinhauer I 617. Steinhauerei I 668. Steinkohlen II 13. 44. 46. Steinmetzen I 89. 121. 520. 622. II 453. 525. Steinsetzer I 640. II 230. 525. Steinsetzerei I 520. 522. 663. 668. Steinsetzgeschäfte I 520. Stellenbesitzer II 126. 129. Stellmacher I 16. 89f. 115. 439. 442 f. 479 f. 558. 573. 578. 583 f. 622. 627. 638. 640. 657. II 230. 446. 554. 567 f. 663. Stellmacherei I 583. 663 f. 668. II 478. 480. 525. 535. Stepper (Schuhmacher) I 511. Stepperinnen II 498. Sternberg II 578. Stettin (Rgbz.) I 167f. 513f. II 147. — (Stadt) I 520. II 223 f. Steuerpacht im Mittelalter I 251 ff. 264 ff. Stickerei I 638. II 139. Stickereiindustrie II 54. Stiefel, siehe Schuhe. 040 Sachregister. Stil des modernen Kunstgewerbes: amerikanischer Stil II 309. 317; englischer Stil II 308. 311; japanischer Stil II 307; kontinentaleuropäischer Stil II 311; Stil des Kunstgewerbes der Zukunft II 312 f. •— des modernen Wirtschaftslebens II 68 ff. Stockach I 229. Stockholm II 504f. Stöcke I 470. II 389 f. Stör, Störer, Störarbeit etc. I 442. 573. 576. 578. 598. Stoffe II 367; Buckskin- 410; Gradel- 411; Kleider- 410; Ledertuch- 411; Möbel- 410; Peluche- 411; Tuch- 410. Stollen I 581. Stolpen I 442. Stolpmünde I 167. Strandrecht I 180. Stralsund (Rgbz.) I 167. II 147. Strafsburg I 91. 93. 98. 112 f. 139. 146 f. 253. 286. 289. 301. 504. 536. 663. II 76. 223 f. 454. Strafsenbahnen I 556. Strafsenhandel II 350. 360. Streichhölzer II 515. Streichinstrumenten Verfertigung, siehe Instrumente etc. Stickerei I 30. II 139. 525. Stroh II 391. 417. Strohflechten I 537. Strohflechter II 130. Strohflechterei I 638. II 139. Strohhüte, siehe Hüte. Strumpfwaren II 364. Stuckateure I 633. II 525. Stückmeister (Konfektion) I 514. 594. 622. Stufenfabrikat I 23. II 483. Stühle I 504. II 321. 546. Stuhlfabrikation I 546. Stuhlfabrik II 500. Stuhlmacher I 504. II 500. Stumpen (Hutmacherei) I 537. 593. Stumpenfabrikation I 593. Stuttgart I 513. 546. (Stuttg.-Berg 550). 561. 565. 567. 590. 652. 666 f. II 223 f. 352. 490. Submissionswesen I 494ff II 465. 565. Substitution (in der gewerblichen Produktion) II 467 f. Suezkanal II 13. Suffolk II 155. 158. Sulz I 575. Sumach II 44. Sumatra I 373. Suratte I 330. Supplementärindustrie II 212. Surrogat, Surrogierung (in der gewerblichen Produktion) .II 467 ff Surrogate (Stoffe) II 469. Surrey II 155. 158. Sussex II 155. Sweating System I 505. 512. 514 ff. II 491. Siehe auch Hausindustrie. Syrien I 250. 334. 336 f. 356. Syrup I 356. II 367. Systematik der wirtschaftlichen Organisation 1 70. Syphilis II 360. Tabak I 356. II 364. 367. Tabakindustrie I 425 f. 637 f. II 525. 554. Tableaueconomiquein wirtschaftshistorischer Bedeutung II 200. Täschner I 455. Täschnerei I 456 f. Täschnerwaren I 456. Tagelöhner, siehe Arbeiterkategorien. Talg II 477. 479. Talgschmelze I 15. II 554. Tallytrade II 384. Talmi II 469. Tanger I 223. Tapetenfabrikation II 456 f. Tapetenhändler II 411. Tapezierer 1456. 464 f. 506 f. 558f. 565. 610. 617. 622. 633. II 524. 567 f. 572 f. Tapeziererei I 507. 555. 563 f. 627. 663. 669. II 457. Tapezierwaren II 411. Tapissiers de femmes II 337. Tarifvereinbarungen II 450. Tarnowitz I 274. II 214. Taucha I 442. Taue II 44. Tauschwirtschaft I 67. Technik: Begriff I 21. — Bedeutung für Beschaffenheit und Preis der Güter II 371 f. 388. 392 f.; für die Geschmacksbildung I 43. II 309 f. 317 f.; für die Gestaltung des Wirtschaftslebens I XXY. XXVHI. 21; als Konkurrenzfaktor II 514 ff; für die Länge der Verbrauchsperioden der Güter II 327; für die Organisation des Kunstgewerbes II 454. 456 ff; für das Tempo des Modewechsels II 343; als treibende Kraft des Wirtschaftslebens II 4. — Stand im Mittelalter I 140 ff; am Ende der frühkapital. Epoche I 426; 431; ihre Entwicklung in der neueren Zeit II 42 ff Siehe auch Empirie, empirisches Verfahren; Transporttechnik; Wissenschaftliches Verfahren. Sachregister. 641 Techniker II 64. 453. 523. Technische Hochschulen II 61. Technologie in ihrer Stellung zur theoretischen Naturforschung II 61. Teheran II 192. Teilhau Wirtschaft I 321 f. II 173. Telegraphie II 218. 286 f. Teleologische Betrachtungsweise in der Socialwissenschaft I XIII ff. Telephonie II 218. 286. 288. Tempobeschleunigung des Wirtschaftslebens II 73 ff. 433 f.; des Produktionsprozesses als Konkurrenzfaktor II 509; als Wirkung des Kredits H 547. Teppiche II 364. 385. Teppiehlager I 566. Teppichweberei II 456. Teppichwirker II 298. Terra libera im Mittelalter I 138; in frühkapitalistischer Zeit 1420; in den Kolonialgebieten I 358; Lorias Theorie von der T. 1. ibid. Terraingesellschaften I 493. Testhen I 280. Textilarbeiter im Altertum I 115. Textilhausindustrie II 139. Textilindustrie I 145. 157. 400. 405. 424. 432. 458 f. 485. 552. 637. n 16. 20. 28. 62. 131. 163. 198. 207 ff. 218. 321. 338 ff 512. Textilwaren II 368. Theater I 199 f. Thee I 527. II 389. Themse II 158. Theorie, sociale I XIII. XVIII ff. 209. 655. II 187. 430 f. Thon- und Gipsteile des Hauses, Fabriken für I 541. Thonindustrie I 664. II 212. Thüren I 540. 543. 561. 603. II 321. Thüren- und Fensterfabriken I 540. Thüringen 130. 417. 425. 443f. 453. 534. 542. II 149. 207. Tiefbau I 562 f. Tiefbaugeschäfte I 521. 563. Tiergarten (Hohenzollem) II 137. Tingeltangel II 237. 268. 360. Timbuktu I 354. Tirol I 253. 278 £ Tischdecken II 364. Tische II 321. Tischler I 7. 17. 43. 272. 441. 464 f. 467. 477. 480. 493. 495. 500 ff. 546 f. 555 ff 559. 565 f. 578. 603. 605 f. 608 ff 617. 622. 624. 627. 633. 640. 645. 647. 649. 657. 663. II 17. 446. 448. 473 ff 515. 535. 541. 553 f. 556. 567 f. 570. 583. Sombart, Der moderne Kapitalismus. II. Tischlerei I 7. 32. 42 f. 83. 89 467 ff 469. 477. 496. 500 ff 539 f. 542. 544. 546 f. 555 ff 561. 563 f. 601 f. 608 ff. 638. 658. 662 ff 666. 669. II 20. 23. 34 f. 220. 251. 468. 474. 457. 459. 478. 518. 528. 533. 535 f. 541. 556. 577. Tischlerinnung I 497. Tischler waren I 609. II 354 f. Tischmacher I 504. Todtnau I 277. Töpfer I 89. 115. 464 ff. 617 f. 622. 625. II 298. 577. Töpferei I 24. 496. 523. 542. 664 f. 669. ■ Töpferindustrie I 336. Töpferscheibe (Erfindung) I 57. II 56. Töpferwaren II 354 f. 364. 391. Toilettenartikelhandlung I 626. Toledo I 157. 369. Tomback II 469. Tonnen (Hamburger) I 110. Topfhändler I 625. Torcello I 315. Torf II 44. Toskana II 173. Toulouse I 267. Tournay I 241. Tracht II 331. 333. T r a n s p or t, Transportverhältnisse etc.: im Mittelalter I 140 ff 156 ff 221 ff 229 ff.; in frühkapital. Zeit I 432. II 280 f.; in der Gegenwart II 277 ff. Transportkosten, siehe Preis (theoretisch). Transporttechnik (theoretisch) II 193. 196 f. 218. 234 f. 371. 379. 391 f. 413. 419. 426; ihre Vervollkommnung in neuerer Zeit II 75 f. 277 ff Trapezunt I 363. Treibende Kräfte im Wirtschaftsleben I XVIII ff II 3 ff Treppen I 540. 543. II 321. Treptow a. Toll I 454. „Trieb zur wirtschaftlichen Thätigkeit“ als treibende Kraft des Wirtschaftslebens I XXI. Trient I 274. Trier (Bgbz.) I 439. II 147. Triest I 264. II 231. 248. 412. Trikotagen II 380. Trikotkonfektion I 515. Tripolis I 223. 334 ff 347. Troyes I 98. 102. 229. 231. Trödler I 503. Trödlerläden I 610. II 328. Tr öle I 344. 505 ff Trübau (mähr.) II 578. 41 (542 Sachregister. Tuch, Tücher (Handelsartikel) I 54. 82. 91. 99. 127. 141. 170. 228. 230. 283. 511. 574 f. 596 f. II 410. Tucherzunft (Mittelalter) I 91. 98. 133. 153. Tuchfabrik I 100. 483. II 340. Tuchhändler I 177. 186. 599. Tuchhandlung I 599. II 368. Tuchindustrie, Tuchmacherei I 100 f. 133. 146. 157. 166. 323. 400. 403. Tuchmacher I 80. 100. II 64. Tuchmacher ei, siehe Tuchindustrie. Tuchrollen I 7. 127. Tuchweberei I 439. Tübingen I 575. Tücher als Handelsartikel, siehe Tuch. Tüncher I 617. II 524. Türkei I 336. 339. 362. 411. Tunis I 170. 223. 374. Tunja I 367. Tyrus I 333. 335 f. Ubi quität der modernen Produktion II 59. 211. Übergangsbetriebe I 26. 32 ff. Übergangswirtschaft I 59. 67. Übe rgangshandwerke II 574 ff. Überschufsbevölkerung (theoretisch) I 138. 216. II 175. — (empirisch) ländliche: in Deutschland II 148 ff. 152; in Grofsbritan- nien II 167; in Italien II 175. — städtische: II 491 ff.; weibliche .. in den Städten II 492 f. Übervölkerung des platten Landes am Ende der frühkapitalistischen Epoche: in Deutschland II 146 ff.; in Grofsbritannien II 166 ff.; in Italien II 174 f. Siehe auch Überschufsbevölkerung. U h r e n (Geschichte) 1395; als Handelsartikel II 364. 385. 410; als Symptom gesteigerter Zeitwertung II 85. Uhrenindustrie I 43. 471. 665.669. II 468; (Fourniturenhandlung) I 614. II 20. Uhrenniederlage I 626. Uhrmacher I 83. 617. 622. 624 ff. 633. 640. 658. 664 f. 669. H 130. 524. 567 f. Uhrmacherei I 468. 471. 614. 665. 669. II 577. Ulm I 139. 157. 229. 266. 307 ff. 406. 412. 628. II 557. Umbrien II 173. Umsatz; Höhe des U. im mittelalterlichen Handel I 167 f. 261. 265; Streben nach Vergröfserung im modernen Detailhandel II 376 ff.; besonders beim Engrossortimenter II 406; beim Agenten II 409. Umschlagsperioden im Mittelalter I 223; ihre Beschleunigung in der kapitalistischen Organisation II 71 ff. Umzüge in den Städten II 329. Ungarn I 254. 279. 396. 514. 526. II 111. 279. 288. 478. Ungelernte Arbeiter, s. Arbeiterkategorien. Uniformen II 410. Unlauterer Wettbewerb II 374. 377. Unseburg I 489. 628. Unstetigkeit des modernen Bedarfs II 326; des modernen Menschen II 329; des modernen Wirtschaftslebens II 435. Unterfranken II 490. Unternehmer, kapitalistische I 196ff. 482 ff. 653. II 298. 551 ff. Unternehmung (Begriff) I 69; siehe im übrigen Kapitalistische und Kleinkapitalistische Unternehmung. Unternehmung, kombinierte I 553ff. Unterrockkonfektion I 515. Un sch litt I 449. II 44. Urbanisierung des Bedarfs II 325 f.; des Landadels I 256. 295 ff. 303. 306. 311. 313 ff. II 191. 198 ff. Utrecht I 353. "Vaihingen I 575. Valencia I 134. Varel II 241. Vechta II 241. Velbert II 214. Vendeurs d’idöes H 337. Venedig I 103. 105. 113. 134. 139. 165 f. 169. 173. 178. 185. 191. 219. 223. 228. 231. 241. 245. 252. 258. 295. 314 ff. 333 ff. (Kolonien) 352. 357. 359 ff. 390. 392 f. 403. 412. 552. II 197 ff. 332. Veneti en II 173. Venezuela I 342. 367. Ventilatoren II 527. 529 ff. Verarmungspr ozefs der Handwerker I 631 ff. Verbindung der Landwirtschaft mit anderen Berufskategorien, s. Landwirtschaft. Verbrauchs periode der Güter, kürzer in der Gegenwart H 327. 331. Verden II 115. Vereinigte Staaten (U.S.A.) I 542. 549. 552. 584. II 9. 16 f. 23. 75. 78. 185. 254. 281. 308 ff. (Kunstgewerbe) 348. Verdichtung des Produktionsprozesses II 507 ff. Sachregister. <343 Vereine zum Wöhle der arbeitenden Klassen II 268 Verfahren, Verfahrungsweise, siehe Technik. Verfeinerung des Bedarfs, siehe Bedarf. Vergesellschaftung der Arbeit in den gesellschaftlichen Betrieben I 26; auch der künstlerisch-schöpferischen Arbeit in der Manufaktur I 43; der Menschen I XXV; des Wirtschaftslebens I 58 ff. Vergolder (Tischler) I 43. 559. 565. 622. Verhüttungsverfahren II 14. Verkehr (theoretisch) als Slädtebildner n 188 f. 238. Verkehrsinstitute II 12. Verkehrsorganisation II 74. 277 ff. 379. Verkehrstechnik, siehe Transport- technik. Verlagsmagazin (Schuhwaren) I 510 f. 515. Verlagssystem, siehe Hausindustrie. Verlagsunternehmungen I 567. Verleger (von Gewerken) I 401; (von Buchdruckern) I 403. Vermögensbildung, vorkapitalistische I 235 ff Siehe Kapital. Entstehung. Verpachtung des Grund und Bodens als Symptom kapitalistischer Entwicklung II 99 f. Verpfändung offentl. Einkünfte etc. im Mittelalter I 251 ff. Versandfabriken(Wurstwaren)I 530. VersandgeschäftI540 (Bautischlerei) 599 (Stoffe). II 379 f. 391. Versatilitätder kapitalistischen Unternehmung II 435. 553. Verschuldung des Grund und Bodens als Symptom kapitalistischer Entwicklung II 99 f. Versicherungs - Anstalt. V. - Gesellschaft I 199 f. II 16. 19. , Verstaatlichung der Lehrmittel II 322. Victoria II 185. Victualienhandlung II 368. Vieh an II 122. Viehhandel I 448. 489. 587. II 473; Hammel- II 157; Rinder- I 489; Schweine- II 157. Viehhändler I 488 f. Viehpreise, siehe Preise. Viehwirtschaft II 16. 96 f. 107. 109. 117 f. 128. 157 f. (englische, im 18. Jahrhundert) 165. Viersen II 214. Villa, Villenwirtschaft etc. I 68. 89. Ville tentaculaire II 190. 237. Violinsaiten I 112. Völkerpsychologie I XXI. Vogesen I 523. Voigtland (sächsisches) I 30. Volkstrachten I 437 f. 574. 594. Vollarbeiter II 299. 501. Vorarlberg I 30. Vorhänge II 385. Vorkosthandlung II 368. Vorortsverkehr II 232 f. Vorwalzer (Hüttenwerk) II 137. Vulgares (in den mittelalterlichen Städten) I 284. Wachs I 229. 231. 283. II 43. Wäscheartikel I 515. 538. II 333. 364. 392. 410 (Handel) 505. Wäs ch eauss t att ungs geschäft I 566. Wäschefabrik I 538. II 392. Wäschekonfektion I 39. 462. 511. 515. II 410. 491. 503. 505. Wäscheläden I 566. II 314. 391. Wäscherei I 638. II 237. Wäscheschneiderei I 459. Waffenhandel im Mittelalter I 105 ff. 149. 157. 178. Wagen I 558 f. II 56. Wagenbau I 583. 627. 637. II 219. 478. Wagenbauer I 83. 617. 666. Wagenfabrik I 425f. Wagenfette II 415. Wagenräder II 56. Wagenteile I 583. Waggonmanufaktur (Betriebsorganisation I 14. 557 f. Wagner, siehe Stellmacher. Waiblingen I 575. Waid II 44. Walachei I 458. Wald II 214. Waldeck I 578. Waldenburg II 214. Waldheim I 546. Waldwirtschaft II 109. 116f. Wales II 163. 339. 348. Waldkultur II 109.116 f.; Hoch- 109; Mittel- 109; Schäl- 109. 118. Walker (Weberei) I 91. 115. Walkerei I 431. Walkmühlen I 7. 127. Waltershausen I 530. Walzwerk II 212. Wanderauktion II 354. 361 f. Wanderbewegung (moderne), siehe Binnenwanderung. Wandergewerbescheine II 361. 41 * 644 Sachregister. Wanderhandel II 350fF. Siehe im übrigen Hausierer ei, Märkte, Messen, Wanderauktionen, Wanderlager. Wanderhandwerker I 95. II 360. 490. Wanderlager I 597. II 354. 363ff. Wanderproletariat (gewerbliches) II 447. Wand schneidergilde (Tuchhandel im Mittelalter) I 99. Wangara I 374. Wappensticker LI 454. Warenabzahlungsgeschäft, siehe Abzahlungsgeschäft. Warenhäuser II 398. Warenpreise, siehe Preise. Warenzusammenballung II 481ff. Warwickshire I 310. Wasser (als motorische Kraft) I 405f. II 59. 134 f. 206 ff. 211. Wasseralfingen I 550. Wasserleben II 113. W a s s e r k o p f t h e o r i e (Städtebildung) Wasserräder (Erfindung) II 57. Wassergewinnungsanlagen I 16. Wassermotoren II 535. Wasserpumpen II 530. Washerman I 90. Washington II 497. Weher I 82. 91. 97 f. 100 f. 133. 141. 272. 402. 436 ff. 481 f. 575 f. 577. 622. II 10. 64. 532; I-Iand- I 21. 638; II 532; Haus- 1 34. 638; Ivamelot I 326. 638; Leinen- I 81. 102. 129. 638; Seiden- I 103. 336 f. 482. 638; Woll- I 129. 638. II 573 f. Weberei I 14. 30. 39. 127. 131. 149. 402. 424 f. 429 ff. 436 ff. (bäuerliche Eigenwirtschaft) 459. 474. 579. 638. 662. 669. II 131. 137. 139. 168. 212. 338. 458. 525. 532; Barchent-1103; Baumwoll- I 47. 103. 426; Halbwoll- I 426; W. gemischter Waren II 525; Kunst- I 90; Lein- I 102. 426. II 132. 138 f.; Schürlitz- 1 103. 157. 403; Seidenzeug- I 426. II 525; Woll- II 139. 525. Weherpolitik Friedrichs II. II 6. Weberzunft I 81. 91. 98. W e b s t ü h 1 e I 14. 425. 481. 483. II132. 531 f. Wechsel (Anfänge) I 183. Wechselfreudigkeit, -kaftigkeit, ein Charakterzug des modernen Menschen II 316 f. 342; ihre Ursachen II 328 ff. Wechselkredit = Cirkulationskredit, siehe Kredit. Weimar I 526. 652. II 11 f. Wein (Handelsartikel) I 230. 329. II 88. 364. Weinbau II 88. Weinberg II 89. Weinfabrik I 555. Weinhandlung I 612. II 410. Weinsberg I 575. Weinzapf I 302. Weifsenburg i. S. I 540. Weifsensee I 436. Weifsgerberei I 534. 590f. 657. 666. Weifs- und Buntstickerinnen II 504. Weifswaren II 359. 364. 418. W ei fs Warenhandlung II 391. Weifszeugstickerei I 638. Weizen II 93f. 96. Weizenschale I 434. Welsheim I 575. Weltausstellungen, siehe Ausstellungen. Werg (Kuder) I 436. Werkgenossenschaften II 545. 554. Werkstattmeister (Schuhmacherei) I 451. Werkzeug und seine Entwicklung I 23. II 47 f. 52. Werkzeughandlung II 391. Werkzeugmaschine, siehe Arbeitsmaschine. Wefs I 253. Westerwald II 150. Westfalen I 426. 428. 484. 504. 522. 538. 540. 578. II 101. 133. 137 f. 148. 150. 207 ff. Westindien I 331. 346. 357. Wicken II 106. Wiedergeburt des Handwerks als Kunsthandwerk II 451. 457; auf der Basis der Kleinkraftmaschinen II 521 ff. 538; mit Hülfe des Kredits II 548 ff. 552. Wiefel (halbwollenes, feines Tuch für Trauersachen) I 439. Wien I 99. 458 f. 462. 467 f. 487ff. 510 ff. 515. 527 f. 546. 549. 567. 591. 594 f. 662. 666 ff. II 20. 22. 37. 218 f. ,231 f. 242. 246 ff. 269. 301. 339 f. 385. 410 ff. 485. 505. 578. Wiener Neustadt II 412. Wiltshire II 158. 160. Wild II 391. Wiesbaden II 223. 553. Wiesloch I 663. 667. Winchelsea I 190. Winchester I 97. Winsheim I 266. Winterberg II 358. Wirkerei I 30. 638. II 139. 525. Wirtschaft (Begriff) I 3 f. 62. Wirtschaftlicher Sinn II 5. Wirtschafts-Einheit I 5 f. 50 f. — -Epochen I 70 ff. Sachregister. 645 Wirtschafts-Form I 5. -Geschichte, Aufgaben für die Zukunft I 299. —■ -Ordnung I 3. — -Politik der modernen Staaten als Fortsetzung der stadtwirtschaftlichen Politik I XV f. -Prinzip I 4. 61 ff. -Stufen I 58 ff. — -Subjekt I XXII. 4. — -System I 4. 60 ff. Wisby I 135. Wismar I 167. Wissenschaftliches Verfahren (in der Technik) II 60 ff.; sein Eindringen in die Landwirtschaft II 103. 106; als Konkurrenzfaktor II 519 f. Witten II 214. Wittgenstein I 578. Witney II 163. Wittow (Rügen) I 440. Wohnungseinrichtungen des englischen Adels im 18. Jahrhundert II 305; bürgerliche, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts II 295 f. 305 f.; in der Gegenwart I 563 ff. II 300 ff. 324. 328 f. 411; in der Zukunft II 315 f. Wohnungsverhältnisse in den modernen Städten II 301. 323. 328. 351. 493 f. Wolgast I 540. Wollhüte, siehe Hüte. Wolle (Handel) I 166. 168 f. 172 f. 221 f. 230. 233. 252. 261. 283. 591. II 151. 253. 381. 469. 479; (Produktion) I 591. II 93 ff. 108. 117. Wollkämmer 1 436. Wollküehen I 7. 127. Wollschläger I 146. Wollspinnerei I 426. Wo 11 w a r e n (Handel) 1431. II 354 f. 418. Wollweberei II 139. Siehe auch Tuchindustrie. Wo rbis I 436. Worms I 286. 523. II 553. Wucher im Mittelalter I 184 ff. 255 ff. 258 ff. Württemberg I 17 f. 430. 442. 454f. 510. 532. 534 f. 549 f. 560 f. 575 f. 590. 629. 644 f. 666 ff. II 21. 177. 207. 279. 287. 361. 479. 491. Würzburg I 289. Wupperthal I 452. Wurst I 449. Wurstwaren I 530. 587. Wurstfabrik I 529 f. Wurstfabrikant II 285. Wurstmacherei I 528. 529 f. 587. Wurzen I 526 f. Tarmouth II 197. Ypern I 139. 176. 259. 269. 296. 311. Sambesi II 188. Zaque (Völkerschaft) I 367. Z a w y 1 a I 340. Zeichengwerbe II 212. Zeichner, siehe Arbeiterkategorien. Zeit, Messung der Z. I 39ES; Überwindung der Z. 1184; Wertung, gesteigerte, der II 85. Zeitbewufstsein, individuelles II 85. Zeitung I 199. II 289. Zeitungsinserat II 401. 413. Zellenschalter II 530. Zelt Stil II 301. Zeugschmied I 638. II 139. Ziegeldecker I 520. Ziegelei I 561. Ziegelsteine I 542. Ziegelstreicher I 89. Ziegenrück I 436. Zimmerei I 496 f. 517 ff. 539. 543. 555. 560 ff. 573. 600 ff. 627. Zimmerleute I 81. 89. 115. 272. 420. 435. 441. 462 ff. 479. 493. 517. 578. 601 f. 617. 622. 627. 633. 640. 657. II 230. 454. 525. Zimmtgewinnung I 354. Zink II 254. Zinkwaren 471. Zinn I 283. 400f. Zinngiefser I 617. Zinnwaren I 471. Zinngeräte I 104. 229. Zinngiefserei I 17. Zinslose Darlehen I 185. 389. Zinsverbot,.kanonisches I184f. 209. Zittau II 363. Zippa von Bogota (Volksstamm) I 367. Zölle im Mittelalter I 156. 221 f. 229; deren Verpachtung I 249. 259 ff. Zollverwaltung im Mittelalterl 248. 251 ff. 266. 282. Zucker, -Anbau I 335. 356. II 43f.; -Handel I 231. II 98. 368. Zuckerbäcker I 617. Zuckerbäckerei I 666. Zuckerfabrik (indische) 1425; Rübenzucker- I 425. 556. II 14 ff. Zuckerfässer II 500. Zuckerindustrie I 470.11 14f. 108. Zuckerplantagen I 335. 338. 344ff. 356 f. Zuckerrüben II 15. 44. 106. Zuckerwaren 1 527; -branche II 504. Zündhölzchen (Fabrikation) II 55. Zürich I 286. II 212. Zug nach der Stadt II 228ff. Zuhälter II 360. (346 Sachregister. Zunftorganisation: theoretisch I 122 f. 127 f. II 30; historisch im Mittelalter: des Handwerks I 15. 124 ff.; des Handels I 186 ff.; der Künstler II 453 f.; im 19. Jahrh. II 33 ff. 566. Zurichter ei, siehe Kürschnerei. Zurzach I 98. Zusammenballung der Bedarfsnuancen II 320 ff.; der Güter oder Waren II 481 f. Zusammengliederung früher selbständiger Handwerker I 554 ff. Zusammennäher, siehe Konfelction. Zuschneider, siehe Arheiterlcatego- rien, 2. auch Konfelction. Zuschufsbevölkerung I 216. Zuwanderung der Bevölkerung in die Städte II 159. 229 ff. Zwangsarbeit, siehe Sklaverei. 'Zwangsinnungen I 652f. Zweckbestimmtheit des Kunstgewerbes der Zukunft II 313 ff. Zwerghandwerke (übersetzte, mit hoher Kachwuchsquote) II 572. Zwickau I 277. II 40. 148. 214. Zwillich (Hosenstoff) I 439. Zwirnhandlung II 368. Zwischenmeister (in der Konfektionsindustrie) I 514. 595. Zwischenmeisterwerkstätten (in der Hausindustrie) I 13. Zwischenunternehmer (im Baugewerbe) I 492 ff. 497. 606. Pierer’sche Hofbuchdruckerei Stephan Geibel & Co. in Altenburg. Verlag von DUNCKER & HUMBLOT in Leipzig. Zur Litteraturgeschichte der Staats- und Socialwissenschaften. Inhalt: Friedrich v. Schillers ethischer und kulturgeschichtlicher Standpunkt (1863). — Johann . Gottlieb Fichte. Eine Studie aus dem Gebiete der Ethik und der Nationalökonomie (1864—65). — Friedrich List (1884). — Henry C. Carey (1886). — Lorenz von Stein (1866). — Wilhelm Koscher (1888). — Die neueren Ansichten über Bevölkerungs- und Moralstatistik (1869). — Karl Knies (1883). — Albert E. Fr. Schäffle (1879—88). — Th. Funck-Brentano (1876). — Henry George (1882). — Theodor Hertzka. Freihändlerischer Socialismus (1886). — Die Schriften von K. Menger und W. Dilthey zur Methodologie der Staats- und Socialwissenschaften (1883). Zur Social- und Gewerbepolitik der Gegenwart. Inhalt: Kede zur Eröffnung der Besprechung über die sociale Frage in Eisenach den 6. Oktober 1872. — Der moderne Verkehr im Verhältnis zum wirtschaftlichen, socialen und sittlichen Fortschritt. 1873. — Die sociale Frage und der preufsische Staat. 1874. — Die Natur des Arbeitsvertrags und der Kontraktbruch. 1874. — Die Reform der Gewerbeordnung. Rede, gehalten in der Generalversammlung des Vereins für Socialpolitik am 10. Okt. 1877. — Der Übergang Deutschlands zum Schutzzollsystem. Rede, gehalten in der Generalversammlung des Vereins für Socialpolitik am 21. April 1879. — Die Wissenschaft, die Parteiprincipien und die praktischen Ziele der deutschen Politik. Einleitende Worte bei Übernahme des Jahrbuches für Gesetzgebung etc. 1880. — Die Gerechtigkeit in der Volkswirtschaft. 1880. — Das untere und mittlere gewerbliche Schulwesen in Preufsen. 1881. — Der Deutsche Verein gegen den Mifsbrauch geistiger Getränke und die Frage der Schankkonzessionen. 1883. — Hermann Schulze-Delitzsch und Eduard Lasker. 1884. — Ein Mahnruf in der Wohnungsfrage. 1887. — Über Wesen und Verfassung der grofsen Unternehmungen. 1839. — Über Gewinnbeteiligung. 1890. — Die kaiserlichen Erlasse vom 4. Februar 1890 im Lichte der deutschen Wirtschaftspolitik von 1866—90. der Socialpolitik und der Volkswirtschaftslehre. Inhalt: Über einige Grundfragen des Rechts und der Volkswirtschaft. 1874—75. — Die Volkswirtschaft, die Volkswirtschaftslehre und ihre Methode. 1893. — Wechselnde Theorieen und feststehende Wahrheiten im Gebiete der Staats- und Socialwissenschafton und die heutige deutsche Volkswirtschaftslehre. 1897. zur Verfassungs-, Verwaltungs- und Wirtschaftsgeschichte besonders des Preufsischen Staates im 17. und 18. Jahrhundert. Von Gustav Sehmoller. 1898. Preis 13 M.; gebunden 14 M. 60 Pf. Inhalt: I. Das Merkantilsystem in seiner historischen Bedeutung: städtische, territoriale und staatliche Wirtsohattspolitik.— II. Die Handelssperre zwischen Brandenburg und Pommern im Jahre 1562. — III. Die Epochen der preufsischen Finanzpolitik bis zur Gründung des deutschen Reiches. — IV. Die Entstehung des preufsischen Heeres von 1640—1740. — V. Der deutsche Beamtenstaat vom 16. bis 18. Jahrhundert. — VI. Das brandenburgisch-preufsische Innungswesen von 1640 bis 1800, hauptsächlich die Reform unter Friedrich Wilhelm I. — VII. Die russische Compagnie in Berlin. 1724—1738. — VIII. Die preufsische Seidenindustrie im 18. Jahrhundert uud ihre Begründung durch Friedrich den Grofsen. — IX. Die preufsische Einwanderung und ländliche Kolonisation des 17. und 18. Jahrhunderts. — X. Die Epochen der Getreidehandelsverfassung und -Politik. mit besonderer Berücksichtigung des Minimallohnes. Von Otto von Zwiedineek-Südenhorst. 1900. Preis 9 M. Von Gustav Sehmoller. 1888. Preis 6 M.; gebunden 7 M. 60 Pf. Reden und Aufsätze. Von Gustav Sehmoller. 1890. Preis 9 M.; gebunden 10 M. 60 Pf. Über einige Grundfragen Von Gustav Sehmoller. 1898. Preis 6 M. 40 Pf.; gebunden 8 M. Umrisse und Untersuchungen Lohnpolitik und Lohntheorie Verlag von DUNCKER & HUMBLOT in Leipzig. Gewerbliche Mittelstandspolitik Eine reclitshistorisck-wirtschaftspolitische Studie auf Grund österreichischer Quellen. Von Heinrich Waentig. 1898. Preis 9 M. 60 Pf. Schriften des Vereins für Socialpolitik. Band 62 bis 71. Untersuchungen über die Lage des Handwerks in Deutschland mit besonderer Rücksicht auf seine Konkurrenzfähigkeit gegenüber der Grossindustrie. I. Band. Königreich Preufsen. I. Teil. 1895. Preis 10 M. II. = Königreich Sachsen. I. Teil. 1895. Preis 9 M. III. = Süddeutschland. I. Teil. 1895. Preis 12 M. IV. = Königreich Preufsen. II. Teil. 1895. Preis 12 M. V. * Königreich Sachsen. II. Teil. 1896. Preis 13 M. VI. = Königreich Sachsen. III. Teil. 1897. Preis 16 M. VII. = Königreich Preufsen. III. Teil. 1896. Preis 12 M. 60 Pf. VIII. = Süddeutschland. II. Teil. 1897. Preis 12 M. IX. » Verschiedene Staaten. 1897. Preis 16 M. 60 Pf. Untersuchungen über die Lage des Handwerks in Österreich mit besonderer Rücksicht auf seine Konkurrenzfähigkeit gegenüber der Grofsindustrie. 1896. Preis 16 M. Die Bauern-Befreiung und der Ursprung der Landarbeiter in den älteren Teilen Preufsen s. Von Georg Friedrich Knapp. Zwei Teile. 1887. Preis 16 M. I. Überblick der Entwicklung. II. Die Regulierung der gutsherrlich - bäuerlichen Verhältnisse von 1706 bis 1857, nach den Akten. Der Großbetrieb ein wirtschaftlicher und socialer Fortschritt. Eine Studie auf dem Gebiete der Baum Wollindustrie. Von Gerhart von Schulze-Gävernitz. 1892. Preis 5 M. 60 Pf. Kleingewerbe und Hausindustrie in Österreich. Beiträge zur Kenntnis ihrer Existenzbedingungen. Von Eugen Sehwiedland. 2 Teile. 1894. Preis 12 M. I. Teil. Allgemeiner Teil: Die wirtschaftliche Stellung der Hausindustrie und des Kleingewerbes. Preis 4 M. 40 Pf. II. Teil. Besonderer Teil: Die Wiener Muscheldrechsler. Preis 7 M. 60 Pf iws?« 4 . &sJa&tÄfci£iS 5rf**iife£.iS*' ^rrrr Äfii.'C'KtS'-i' \J?h£x:i*A ■Mt& :*.w i-I fc&ssr •.. • vV ^ ‘.'•j.vci'^rl sg$£*ä$ sä«## -fts® : «Ä ^ISpl ^ * ,.ilp§s&J ^ ■&&* 5^ Mi ’. fe-jVivA- ■%&S Wirfi' .**». W* V^' ESSgg Ä=Ä - ;*ÄjiÄr£r £5few£S? ^2® S5§Ä*? s^sr #; '4-i <*2 *?2Sü ■•**••'* tfl*- sfbAjt ■b&äf '-’SSAi *t>ß. ' *. .1 -7/f . ;r^rt! : 3 B asm MaBsp> MsaMö ^ij'T irJßiiw :» »wjjir iWV- ;!-:X w '| 3&» äSStti'Ä'MiSS'i ««551 WERNER SOMßART Der moderne Kapitalismus Historisch-systematische Darstellung des gesamteuropäischen Wirtschaftslebens von seinen Anfängen bis zur Gegenwart DRITTER BAND Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus Erster Halbband MÜNCHEN UND LEIPZIG / I 9 27 VERLAG VON DÜNCKER 4 HUMBLOT WERNER SOMRART Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus Erster Halbband Die Grundlagen - Der Aufbau MÜNCHEN UND LEIPZIG / 1927 VERLAG VON DUNCKER & HUMBLOT Copyright by Duncker & Humblot, Verlagsbuchhandlung, München und Leipzig 1927 Pierersehe Hofbuchdruckerei Stephan Geihel & Co., Altenburg, Tliilr. V Inhaltsverzeichnis Seite Geleitwort.XI Erster Hauptabschnitt Die Grundlagen Erster Abschnitt Die treibenden Kräfte Quellen und Literatur.3 Erstes Kapitel: Die Bedeutung des kapitalistischen Unternehmers .6 I. Treibende Kräfte im Wirtschaftsleben.6 II. Historische Triebkräfte.9 III. Die Wirtsckaftsfükrer in den verschiedenen Epochen . . 10 Zweites Kapitel: Die neuen Führer.14 I. Der äußere Wirkungskreis.14 II. Die Unternehmertypen.15 III. Die Herkunft. 19 Drittes Kapitel: Die Entfaltung der wirtschaftlichen Energie 23 I. Die Tatsachen der Energieentfaltung.23 II. Gründe der Energieentfaltung.26 1. Der neue Menschentyp.26 2. Äußere Einflüsse.29 3. Die Versachlichung des kapitalistischen Geistes ... 35 III. Person und Sache.39 Zweiter Abschnitt Der Staat Quellen und Literatur.42 Viertes Kapitel: Das Wesen des modernen Staates .... 48 I. Das Untersuchungsgebiet.48 II. Die Zwieschlächtigkeit des modernen Staates .... 48 III. Die Grundzüge des modernen Staates.49 Fünftes Kapitel: Die innere Wirtschaftspolitik.51 I. Allgemeine Züge.51 II. Die Maßnahmen der liberalen Gesetzgebung und Verwaltung 52 IH. Geschichte.55 VI Inhaltsverzeichnis Seite Sechstes Kapitel: Die äu&ere Wirtschaftspolitik.60 I. Die Episode des Freihandels.60 II. Der Neu-Merkantilismus.63 Tatsachen des Expansionspolitik .64 III. Das Zeitalter des Imperialismus.66 1. Der Begriff des Imperialismus.66 2. Die Gründe des Imperialismus.67 3. Die Bedeutung des Imperialismus.69 Anhang: Die zwischenstaatlichen Organisationen .... 71 Dritter Abschnitt Die Technik Quellen und Literatur.74 Siebentes Kapitel: Der neue Geist.78 I. Technik und Naturwissenschaft. 78 II. Das wissenschaftliche Verfahren.80 III. Die Bewegungsgesetze des technischen Wissens (Erfindung und' Erfinder).82 1. Allgemeines.82 2. Die objektiven Bedingungen.84 3. Die subjektiven Bedingungen.89 Achtes Kapitel: Der neue Weg.97 I. Die neuen Stoffe.97 1. Werkstoffe.97 2. Heiz- und Leuchtstoffe.98 3. Hilfs- oder Arheitsstoffe.98 II. Die neuen Kräfte.100 III. Die neuen Verfahrungsweisen.101 1. Allgemeines.101 2. Das chemische Verfahren.102 3. Das mechanische Verfahren.103 a) Begriff der Maschine.103 b) Die äußere Entwicklung des Maschinenwesens . . 104 Die Entwicklung der Bewegungsmaschine . . . . 105 Die Entwicklung der Arbeitsmaschine .107 c) Die innere Entwicklung der Maschine.108 Neuntes Kapitel: Die ökonomische Bedeutung der modernen Technik.111 I. Die Ausweitung des Wissens ..111 II. Die Ausweitung des Könnens.113 1. Die zunehmende Beherrschung des Lebens .... 114 2. Die Steigerung der Einzelleistung.116 3. Die Vermehrung des Stoff- und Kraftvorrats. . . . 121 IH. Die Ausweitung des technischen Apparates.123 Inhaltsverzeichnis VII Zweiter Hauptabschnitt Der Aufbau Erster Abschnitt Das Kapital Erster Unterabschnitt Zur Theorie des Kapitals im allgemeinen Seite Quellen und Literatur.127 Zehntes Kapitel: Begriff und Wesen des Kapitals .... 129 Elftes Kapitel: Die Arten des Kapitals.135 Zwölftes Kapitel: Die Verwertung des Kapitals.139 I. Begriff und Wesen des Mehrwerts.139 II. Die Bildung des Mehrwerts.141 III. Die Reproduktion des Kapitals.144 Zweiter Unterabschnitt Das Geldkapital Quellen und Literatur.147 Dreizehntes Kapitel: Die Entstehung des (leldkapitals im allgemeinen.152 I. Zur Einortung.152 II. Die Gestaltung der Bedingungen der Kapitalentstehung . 153 1. Die Entstehung des potentiellen Kapitals.153 2. Die Verwandlung des potentiellen Kapitals in aktuelles 168 3. Die direkte Kapitalbildung.171 III. Das Anwachsen des Kapitals.172 Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung . . 175 I. Das Wesen des Kredits.175 1. Der Begriff.175 2. Arten des Kredits. 175 3. Grenzen des Kredits.179 II. Die Vervollkommnung der Kreditwirtschaft.183 1. Das Bankprinzip.183 2. Das Effektenprinzip.185 3. Das Prinzip der bargeldlosen Zahlung.187 III. Die geschichtliche Entwicklung der Kreditwirtschaft . . 188 1. Die extensive Entwicklung der Kreditwirtschaft. . . 189 2. Die intensive Entwicklung der Kreditwirtschaft . . . 192 a) Die Banken.192 b) Die Effekten.200 c) Der bargeldlose Verkehr.202 3. Die Entwicklung der Kreditwirtschaft im Zahlenbilde 204 Fünfzehntes Kapitel: Die Bedeutung des Kredits für die kapitalistische Wirtschaft.218 VIII Inhaltsverzeichnis Dritter Unterabschnitt Das Sachkapital Seite Quellen und Literatur.225 Sechzehntes Kapitel: Grundsätzliches.230 Siebzehntes Kapitel: Die Entfaltung der Produktion . . . 235 I. Der Ausbau.235 II. Der Anbau.251 III. Der Abbau.260 Achtzehntes Kapitel: Die Mobilisierung der Güterwelt. . . 273 I. Die Steigerung der Transportfähigkeit der Güter . . . 273 1. Übersicht.273 2. Die Steigerung der natürlichen Transportfähigkeit . . 273 3. Die Steigerung der ökonomischen Transportfähigkeit . 278 II. Die Entfaltung des modernen Verkehrswesens .... 282 1. Die Seeschiffahrt.282 2. Die Binnenschiffahrt.284 3. Die Eisenbahnen.285 a) Die Ausbreitung des Eisenbahnnetzes.286 b) Die Verkehrsleistungen der Eisenbahnen .... 288 c) Die Eisenbahnen als produktive Leistung . . . 289 III. Die Bedeutung der Verkehrsumwälzung für die Entwicklung des Kapitalismus.292 Statistik der Bewegung des Sachkapiials auf der Erde . . 296 Zweiter Abschnitt Die Arbeitskräfte Erster Unterabschnitt Zur Typologie der Bevölkerungstheorien Literatur.304 Neunzehntes Kapitel: Die naturalistische Theorie.305 Zwanzigstes Kapitel: Die ökonomistische Theorie .... 310 Einundzwanzigstes Kapitel: Die soziologische Theorie . . . 316 Zweiter Unterabschnitt Die Beschaffung der Arbeitermasse (Die Entstehung des potentiellen Proletariats) Quellen und Literatur.322 Zweiundzwanzigstes Kapitel: Die unfreien Arbeitskräfte . . 325 Dreiundzwanzigstes Kapitel: Die freie Zuschußbevölkerung 331 (Die Auflösung der alten Wirtschaftsverfassungen) I. Die Auflösung der Dorfgemeinschaften.331 1. Die Wirkungen der Agrarreform.332 Inhaltsverzeichnis IX Seite 2. Der Wegfall des gewerblichen Nebenverdienstes . . 338 3. Die Erschwerung der Tagelöhnerarbeit.345 II. Die Auflösung der Arbeitsgemeinschaften.346 III. Die Auflösung der Hausgemeinschaften.350 Yierundzwiinzigstes Kapitel: Die freie Übersoll u febcvölkcrung 354 (Die Bevölkerungsvermehrung) I. Übersicht.354 II. Statistik der Bevölkerungsvermehrung.354 III. Die Ursachen der Bevölkerungsvermehrung.357 Dritter Unterabschnitt Die Anpassung der Bevölkerung an die Bedürfnisse des Kapitalismus {Die Entstehung des aktuellen Proletariats) Quellen und Literatur.363 Fiinfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung . . . 372 I. Die Übervölkerung des platten Landes.372 II. Die Wanderungen. 383 1. Die Auswanderung.384 2. Die Binnenwanderungen.386 3. Die periodischen Wanderungen.391 III. Die Bedeutung der Bevölkerungsumschichtung für den Kapitalismus.392 1. Die Kolonialliinder.392 2. Die europäischen Länder.396 3. Die Stadt.399 Sechsundzwanzigstes Kapitel: Die technische Anpassung . 424 I. Die Erfüllung der Arbeiterschaft mit kapitalistischem Geiste 424 II. Die Umstellung des Arbeitsprozesses.430 III. Die Beschaffung geeigneter Arbeitskräfte.434 Siebenundzwanzigstes Kapitel: Die ökonomische Anpassung 444 I. Theoretische Übersicht.444 II. Die Bestimmungsgründe des Arbeitslohnes.446 1. Das Angebot von Arbeitskräften.446 a) Der natürliche Zuwachs der Bevölkerung .... 447 b) Die rückständigen Rassen und Völker.447 c) Die billigen Arbeitskräfte im eigenen Laude . . 452 a) Die Kinder.452 ß) Die Weiber.454 y) Die Landlinge.458 2. Die Nachfrage nach Arbeitskräften.459 3. Der Preis der Arbeit.464 III. Die Bewegung des Arbeitslohnes.. . 466 X Inhaltsverzeichn is Seite Dritter Abschnitt Der Absatz Quellen und Literatur.470 Achtundzwanzigstes Kapitel: Zur theoretischen Besinnung . 472 I. Die Aufgabe.472 II. Die Lehrmeinungen Uber die Ausdehnungsfähigkeit des Kapitalismus.472 III. Nutzanwendung.479 Neunundzwanzigstes Kapitel: Die exogene Nachfrage . . . 482 I. Die alten Käuferschichten.482 Die Internationalisierung des Kapitals .491 II. Neue Käuferschichten.499 III. Die schöpferische Nachfrage.503 Dreißigstes Kapitel: Die endogene Nachfrage .504 I. Übersicht.504 II. Die Nachfrage nach Produktionsmitteln (Stufengang der Wirtschaft).505 III. Die Nachfrage nach Konsumtionsmitteln (Die Kaufkraft der Lohnarbeiter).512 XI Geleitwort i. Hiermit übergebe ich der Öffentlichkeit den dritten — und einstweilen letzten — Band meines „Modernen Kapitalismus“, der den „Hochkapitalismus“ zum Gegenstände hat. Als einen der (in ihrer Gesamtheit mageren) Gewinne meiner Wirksamkeit erachte ich den Umstand, daß die von mir gesehenen Tatbe- tände und danach geprägten und benannten Begriffe: Frühkapitalismus, Hochkapitalismus, Spätkapitalismus Gemeingut der Wissenschaft geworden und die Ausdrücke in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen sind. Das überhebt mich wenigstens der Notwendigkeit, hier noch einmal zu sagen, was ich unter Hochkapitalismus verstehe. Auch über die einzelnen Merkmale dieser Wirtschaftsverfassung brauche ich nach dem, was ich im Geleitwort zu dem ersten Bande der Neubearbeitung darüber bemerkt habe, mich nicht weiter auszulassen. Endlich habe ich aber auch (an derselben Stelle) gesagt, was nötig ist, um den Anfang der hochkapitalistischen Epoche, richtiger: der hochkapitalistischen Periode, schöner: des hochkapitalistischen Zeitalters (diese drei Ausdrücke gebrauche ich im gleichen Sinne) zu bestimmen und diesen Zeitraum somit gegen das Zeitalter des Frühkapitalismus abzugrenzen. Wir sahen, daß es etwa die 1760 er Jahre sind (die vor allem die erste Anwendung des Koksverfahrens erleben, dieser doch letzten Endes entscheidenden technischen Erfindung), in denen der moderne Kapitalismus sich anschickt, seine Idee zur vollen Entfaltung zu bringen und das herrschende Wirtschaftssystem zu werden. Die Darstellung in diesem Bande umfaßt die Zeitspanne der 150 Jahre, die seit dem Beginne des Hochkapitalismus bis zum August 1914 verflossen ist. Zwar werfe ich hier und da noch einen Blick in die spätere Zeit; aber im großen und ganzen führe ich die Entwicklungsreihen doch nur bis zum Ausbruche des Weltkrieges. Zu dieser Begrenzung veranlassen mich zunächst äußere Gründe, die in den Umständen liegen: zahlreiche Entwicklungsreihen brechen mit jenem Zeitpunkte ab und gestalten sich neu; die Lagerung der wirtschaftlichen Kräfte auf der XII Geleitwort Erde verändert sich von Grund auf; die Neubildungen sind einstweilen noch zu unbestimmt, um sie in ihrer typischen Geltung zu erfassen u. a. m. Sodann hat mich zu der Begrenzung der Wunsch bestimmt, dieses Werk zu einem in sich geschlossenen Ganzen zu gestalten und es vor der Gefahr des Yeraltens zu bewahren. Hätte ich die Untersuchung in die Kriegs- und Nachkriegszeit hinein fortgeführt, so wäre sie vergattert, im Sande verlaufen, im Nebel untergetaucht, da ihr kein fester Abschluß hätte zuteil werden können. Und vor allem: jede Ziffer, jede Feststellung, die das Jahr 1926 betrifft, hat im Jahre 1927 schon keine Gültigkeit mehr. Jedes Jahr nach 1914 ist ein völlig willkürlich angenommener Zeitpunkt, der ebensogut ein anderer sein könnte. Aber ich glaube, daß auch ein i nn erer Grund die Begrenzung durch den Kriegsausbruch rechtfertigt: mit ihm ist das Zeitalter des Hochkapitalismus plötzlich zu Ende gegangen, nachdem es während der letzten Jahre vor 1914 schon Anzeichen seines Ablaufs aufzuweisen hatte. Diese Anzeichen sind: die Durchsetzung der rein naturalistischen Daseinsweise des Kapitalismus mit normativen Ideen; die Entthronung des Gewinnstrebens als des allein bestimmenden Richtpunkts des wirtschaftlichen Verhaltens; das Nachlassen der wirtschaftlichen Spannkraft; das Aufhören der Sprunghaftigkeit in der Entwicklung; die Ersetzung der freien Konkurrenz durch das Prinzip der Verständigung; die konstitutionelle Verfassung der Betriebe. Das alles sind, wenn man den Vergleich beliebt, Alterserscheinungen : der erste ausfallende Zahn, der erste Ansatz zum Embonpoint, das erste graue Haar. Wer die Entwicklung seit dem Kriege aufmerksam verfolgt, kann nicht im Zweifel darüber sein, daß der Kapitalismus in das geruhsame Zeitalter, ganz gewiß noch nicht: des Greisentums, aber der „besten Jahre des Mannes“ eingetreten ist. Die Zeit des tatkräftigsten Mannesalters ist vorbei: die letzten „Vierziger“ haben begonnen. Die Epochenbildung, wie ich sie hier vornehme, folgt aus der Grundeinstellung dieses Werkes: wonach es der Geist ist, der der Zeit, auch der Wirtschaftsperiode, ihr Gepräge gibt. Und der kapitalistische Geist ist es, der eine Wandlung erfahren hat. Von anderen Grundeinstellungen aus kommt man zu andern Einteilungen. So würde nach den Auffassungen etwa Friedrich Naumanns oder JohannPlen- ges der Hochkapitalismus wohl eigentlich erst in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts oder gar erst während des Krieges b e - Geleitwort XIII ginnen, weil in dieser Zeit die Beherrschung des Marktes, die Organisation der Industrie, die Durchrationalisierung aller wirtschaftlichen Beziehungen: Erscheinungen, die jene Denker als Wahrzeichen des Hochkapitalismus betrachten, erst recht ihren Anfang nehmen. Was zugunsten meiner Auffassung spricht, ist dieses: daß mit den eben genannten Merkmalen die besondere Eigenart des kapitalistischen Wirtschaftssystems nicht bezeichnet wird. Das „organisatorische Denken“ ist doch gewiß nichts spezifisch Kapitalistisches, wie es das freie Walten des kapitalistischen Unternehmers, das frische Draufgängertum, der Primat des Gewinnstrebens sind. Sonst wäre ja die kommunistische Planwirtschaft der höchste Ausdruck des Kapitalismus. Ganz im Gegenteil: wo die Grundsätze normativer Ordnung anfangen, bestimmenden Einfluß zu gewinnen, schwindet der Kapitalismus langsam dahin. II. Die Eigenart dieses Bandes, durch die er sich von den ersten beiden unterscheidet, wird durch zwei Umstände bestimmt: die erdrückende Fülle des Stoffes und das immer schärfere Hervortreten der kapitalistischen Wesenszüge. Beide Umstände drängten eine straffere Linienführung auf: die Fülle des Stoffes machte sie notwendig, die fortschreitende Verwirklichung der kapitalistischen Idee machte sie möglich. Zugute kam mir dabei der Umstand, daß der Stoff, der zu verarbeiten war, im wesentlichen, dem Fachmann wenigstens, bekannt und in leicht erreichbaren Nachschlagewerken oder einschlägigen Monographien zusammengestellt ist, während ich ihn für die frühere Zeit großenteils erst selbst herbeischaffen und vor dem Leser ausbreiten mußte. Der vorliegende Band ist deshalb — bis zu einem gewissen Grade — stoffärmer als die beiden vorausgehenden und in demselben Maße „theoretischer“, „konstruktiver“ als diese. Die Leitgedanken, die das Buch durchziehen, ergeben sich danach von selbst; es sind diese: 1. Dargestellt wird die Entfaltung des Kapitalismus, den wir als Einheit fassen, so daß alle volkswirtschaftliche Betrachtung, aller Länderkampf ausgeschaltet werden; der moderne Kapitalismus wird in seinem Ablauf als einmalige Erscheinung, als „historisches Individuum“ betrachtet. Er ist mit keiner andern Wirtschaftsepoche vergleichbar. Gilt das schon für den Frühkapitalismus, der immerhin verwandte Züge mit der Wirtschaftsentwicklung andrer Kulturen XIV Geleitwort auf weist, so in abschließender Weise vom Hochkapitalismus. Das Zeitalter des Hochkapitalismus steht völlig einzig in der Geschichte da; keine vergangene Epoche hat irgend etwas mit ihm gemeinsam. Es wird aber auch nie wieder in gleichem Maße wieder erlebt oder auch nur fortgesetzt werden können: es ist eine absonderliche Episode in der Geschichte der Menschheit, die diese vielleicht nur geträumt hat. 2. Die Entfaltung des Kapitalismus hat eine grundstürzende Veränderung des Wirtschaftslebens zur Folge. Dieses ist das Wunder, das sich in unserer Zeit vollzogen hat. Denn solches ist ja doch wohl der Zusammenhang: unter einem Leitmotiv oder kraft einer Zwecksetzung, die, wie schon Aristoteles wußte, im Grunde mit dem Wirtschaftsleben nichts zu tun haben: dem Gewinnstreben ist ein Wirtschaftsleben von einem Umfang, einer Größe, einer Mächtigkeit entsprungen, wie es keine frühere Zeit gesehen hat; in der Verfolgung eines so unwirtschaftlihen Zieles wie dem Gewinn ist es gelungen, Hunderten von Millionen Menschen, die früher nicht da waren, zum Leben zu verhelfen, ist es gelungen, die Kultur von Grund auf umzugestalten, sind Reiche gegründet und zerstört, Zauberwelten der Technik aufgebaut, ist die Erde in ihrem Aspekt verändert worden. Alles nur, weil eine Handvoll Menschen von der Leidenschaft ergriffen war, Geld zu verdienen. Zu zeigen ist, wie dies möglich war oder auch — was auf dasselbe hinausläuft — weshalb alle diese Werke, die das 19. Jahrhundert geschaffen hat, um durchgeführt zu werden, das Geldverdienen als Triebkraft voraussetzen. 3. Der Umgestaltungsprozeß hat sich vollzogen, indem an einer winzig kleinen Stelle der Erdoberfläche der Kapitalismus sich intensiv zu seinen höchsten Formen entwickelt und von hier aus sich die übrige Welt nutzbar gemacht hat. Wir müssen, um uns in dem Wirrwarr der einzelnen Geschehnisse zurechtzufinden, ein kapitalistisches Zentrum, kapitalistisch zentrale Länder und eine von diesem Zentrum aus gesehene Masse peripherer Länder unterscheiden; jene sind die führenden, aktiven Nationen, diese die dienenden, passiven Länder. Das kapitalistische Zentrum war während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts England, dann während der längsten Zeit des Hochkapitalismus „Westeuropa“, das heißt außer England ein Gebiet, das durch eine Linie abgegrenzt wird, die etwa von Südschweden über Antwerpen, Amiens, Paris, Mülhausen, Mailand, Vorarlberg, Niederösterreich, Mähren, Lodz, Berlin zurück nach Schweden verläuft; endlich ist während des letzten Menschenalters der Osten der Vereinigten Staaten von Amerika als Geleitwort XV Teil eines solchen Zentrums hinzugetreten, wodurch die weltwirtschaftlichen Beziehungen verwickelter geworden sind. III. Das größte Problem, das sich dem Erforscher des Wirtschaftslebens entgegenstellt, ist dieses: in welchem Umfange und — soweit es der Fall ist — aus welchem Grunde nähert sich die Wirklichkeit der Idee, für uns also: die Gestaltung des Wirtschaftslebens der Entwicklungsidee des Kapitalismus, da doch Wirklichkeit und Idee an sich nichts miteinander zu tun haben und jedenfalls in keinem Kausalverhältnis zueinander stehen. Der vorliegende Band sucht das Problem in dieser Weise zu lösen, daß er unter dreifachem Gesichtspunkte die Annäherung der Wirklichkeit an die Idee untersucht, und zwar wie folgt: 1. Gewisse Grundtatsachen der wirtschaftlichen Entwicklung haben wir als historisch-zufällige Gegebenheiten hinzunehmen. Daß diese in unsrer Epoche den Prämissen der Idee des Kapitalismus im weitem Umfange entsprechen, ist als der erste (und wohl wichtigste) Grund dafür anzusehen, daß sich die Entwicklung des Wirtschaftslebens in der Richtung bewegt, die die Idee des Kapitalismus aufweist: Menschenart, Staatswesen, Technik. Ich nenne sie die Grundlagen. 2. Im Verlaufe der Entwicklung erfüllen sich die Bedingungen, von deren Gestaltung diese abhängt: sie können sie fördern oder hemmen. Es ist nun das Kennzeichen der abgelaufenen Zeitspanne, daß diese Entwicklungsbedingungen sich in einer der Entfaltung kapitalistischen Wesens optimalen Gestalt erfüllt haben. Teilweise, müssen wir sagen, zufällig: wie etwa die Goldproduktion, die Bevölkerungszunahme, die Erschließung jungfräulicher Gebiete; teilweise aber doch als Folge der Entfaltung der primär wirkenden Kräfte, wie etwa die Steigerung der Produktivität, die Entfaltung des Kreditsystems, die Mobilisierung der Güterwelt. Was der Kapitalismus braucht, um sich voll zu entfalten, ist dreierlei: Kapital, Arbeitskräfte, Absatz. Die Erfüllung dieser drei Bedingungskomplexe nenne ich bildhaft seinen Aufbau. 3. Der kapitalistische Prozeß selbst, indem er sich entfaltet, zwingt die Entwicklung zwangsläufig in die Richtung, die seiner Idee gemäß ist, indem er die Vorgänge des Wirtschaftslebens rationalisiert: wie das geschieht und wie hierdurch eine gleichförmig-kapitalistische Gestaltung des Wirtschaftslebens bewirkt wird, zeige ich im 36. Kapitel auf. XVI Geleitwort Die Gliederung des vorliegenden Bandes läßt erkennen, daß die Erörterung dieser drei Punkte den Inhalt der drei Hauptabschnitte bildet. Verglichen mit den ersten beiden Bänden ist dieser Band wohl einheitlicher in seinem Aufbau,. stärker mit „Theorie“ durchsetzt, straffer in seiner Gedankenführung aus Gründen, die ich oben bereits andeutete. Die Anlage aber ist dieselbe wie in dem ganzen Werk: die theoretische und historische Betrachtung des Gegenstandes sind ineinander verwoben, ohne vermischt zu sein. Immer bleibt das Reich der Idee (und der ihr entsprechenden Begriffe) von dem der Wirklichkeit, bleiben Geist und Leben getrennter Behandlung unterworfen. Nichts schädlicher für die richtige Erfassung des Tatbestandes, wie das fortgesetzte Wechseln von einer Ebene zur andern, wie das Vermischen der beiden. Seinssphären: jenes Verfahren, das den Erkenntniswert des großen Werkes von Karl Marx so stark mindert. Was auf der höheren Ebene der metaphysischen Behandlung Notwendigkeit wird: die Verschmelzung der beiden Seinssphären bedeutet für die Lösung erfahrungswissenschaftlicher Aufgaben, wie die hier gesteckte eine ist, eine peinliche Erschwerung. IV. Bisher war nur vom Kapitalismus und seiner Entwicklung die Rede. Um Mißverständnissen vorzubeugen, will ich noch kurz bemerken, daß das abgelaufene Zeitalter zwar als das Zeitalter des Hoch- kapitalismüs anzusehen ist, weil der Kapitalismus in ihm zur höchsten Entfaltung seines Wesens gelangte und das vorherrschende Wirtschaftssystem war. Darum aber war es natürlich nicht das einzige Wirtschaftssystem, nach dem sich das Wirtschaftsleben in den verflossenen anderthalb Jahrhunderten gestaltet hat: selbstverständlich nicht in den kapitalistisch-peripheren Ländern, aber auch nicht in den Ländern, in denen der Kapitalismus vorherrschte. Neben ihm hat das Handwerk, hat das Bauerntum weiter bestanden und haben sich Wirtschaftsgebilde entwickelt, die von einem neuen Geiste erfüllt und offenbar berufen sind, in der Wirtschaft der Zukunft eine bedeutende Stellung einzunehmen: gemeinwirtschaftlich-genossenschaftliche Formen der Wirtschaft. Das Schicksal dieser nicht-kapitalistischen Wirtschaftssysteme im Zeitalter des Hochkapitalismus mit derselben Gründlichkeit zu behandeln wie den Kapitalismus und sie selbst zum Teil in den früheren Wirt- Geleitwort XVII Schaftsperioden, lag nicht im Plane dieses Bandes. Aber erwähnt sollen sie werden um der Vollständigkeit des Bildes willen: wie der Leser sieht, gebe ich in dem Schluß-Abschnitte einen bündigen Überblick über die verschiedenen Wirtschaftsweisen, die im Zeitalter des Hochkapitalismus die „Gesamtwirtschaft“ ausmachen. Aber auch vorher schon, namentlich im dritten Hauptabschnitte, bietet sich öfters Gelegenheit, der nicht-kapitalistischen Formen der Wirtschaft zu gedenken. Allgemeine Literatur Wenn es auch meines Wissens kein Werk gibt, das diesem in der Zielsetzung und Anlage gleicht, so haben doch zahlreiche Schriftsteller auf ihre Weise versucht, ein Bild von der verflossenen Wirtschaftsperiode zu zeichnen. In deutscher Sprache kommen hier — außer etwa dem wesentlich polemisch-moralisierenden Jugendwerke Julius Wolfs: Sozialismus und Kapitalistische Gesellschaftsordnung (1892), dem stoffreichen „Grundriß“ Gustav Schmollers (zuerst 1901) und der genialen Skizze, die Max Weber in seiner posthumen „Wirtschaftsgeschichte“ (1923) entworfen hat — eigentlich nur die Marxisten in Betracht als solche, die sich unterfangen haben, die hochkapitalistische Epoche — ganz oder teilweise— in zusammenfassender Darstellung zu behandeln. Ihren Schriften ist nachzurühmen die geschlossene Gedankenführung, die auf der Annahme des Marx sehen Entwicklungsschemas als richtunggebender Idee beruht. Sie haben auch über Marx hinaus manchen wertvollen Einblick in den Zusammenhang der hochkapitalistischen Entwicklung getan und vermittelt. Die Schranke ihrer Leistung liegt in der Unzulänglichkeit der Marx sehen Konzeption. Ich denke an die Schriften von R. Hilferding, R. Luxemburg, K. Renner, K. Kautsky, Edmund Fischer, Ed. Bernstein u. a., die ich alle am passenden Orte nennen werde. Von neueren Schriften in französischer Sprache sind zu erwähnen die gediegene Arbeit von MauriceBourgouin, Les systemes socia- listes et Involution economique. Deutsch 1906 von L. Katzenstein, die im wesentlichen eine Auseinandersetzung mit der Marx- schen „Entwicklungstheorie“ ist; die geistreiche, aber nicht sehr tiefe Vortragsreihe von Germ. Martin, Conference sur Involution des grandes nations. 1910, sowie zwei wackere Bücher aus der von Georges Renard u. d. T. Histoire universelle du Travail herausgegebenen Sombart, Hochkapitalismus. II XVIII Geleitwort Reihe: G. Renard et A. Dulac, L’Kvolution industrielle et agricole depuis cent cinquante ans. 1912 und B. Nogaro et W. 0 u a 1 i d , L’Evolution du commerce, du credit et des trans- ports depuis cent cinquante ans. 1914. Die mit Abbildungen versehenen Schriften breiten in anmutiger Form eine Fülle von Stoff vor dem Leser aus, ohne ihn (den Stoff) eigentlich geistig zu verarbeiten. Engländer zu Verfassern haben folgende Werke: W. Cun- ningham, An Essay in Western Civilization in its economic aspects. 2 Vol. 1898—1900, eine Überschau aus der Feder des bekannten Historikers der englischen Volkswirtschaft, sodann vor allem das bekannte Buch von John A. Hobson, The Evolution of Modern Capitalism, das 1917 in 2. erheblich vervollkommneter Auflage erschienen ist und durch seinen Untertitel A Study of Machine Production gekennzeichnet wird, eine der besten Bearbeitungen des Gegenstandes, die, von meinen früheren Arbeiten beeinflußt, manchen Berührungspunkt mit der Darstellung in diesem Bande hat. Das Buch von T. E. Gregory, mit dem viel versprechenden Titel: The Philosophy (!) of Capitalism ist angekündigt, aber zurzeit (1926) noch nicht erschienen. Von amerikanischen Autoren stammen: Frank L. MacVey, Modern Industrialism. 1910. 2. ed. 1923, eine Sammlung von Leitartikeln, von einem verständigen Manne geschrieben. FredA. Ogg, Economic Development of Modern Europe. 1917. Auch die Werke von Th. V eb 1 en, die ich öfters erwähnen werde, gehören hierher. H. deGibbins, Economic and industrial Progress of the Century (1903) war mir nicht zugänglich. Aus der italienischen Literatur verdienen Beachtung die großen Werke von Achille Loria, die ich am rechten Orte nennen werde, sowie das gescheidte Buch von Arturo Labriola, Capi- talismo 1926. Beide Gelehrte folgen den Spuren von Karl Marx. Eine sachliche Auseinandersetzung mit den genannten Autoren, von denen jeder eine andere Einstellung hat, die nicht die meinige ist, halte ich für zwecklos. Jeder tut, was er kann, und die Geschichte muß entscheiden, welche Arbeit bleibenden Wert hat. VI, Nur über mein Verhältnis zu Karl Marx und seinem Werke will ich zum Schluß noch ein paar Worte bemerken, was um so notwendiger ist, als es nach der Veröffentlichung meines „Proletarischen Geleitwort XIX Sozialismus“ den Anschein gewinnen könnte, als stände ich durchgängig in einem grundsätzlichen Gegensätze zu diesem Genius. Davon ist so wenig die Rede, daß ich vielmehr versichern kann: dieses Werk will nichts anderes als eine Fortsetzung und in einem gewissen Sinne die Vollendung des Marx sehen Werkes sein. So schroff ich die Weltanschauung jenes Mannes ablehne und damit alles, was man jetzt zusammenfassend und wertbetonend als „Marxismus“ bezeichnet, so rückhaltlos bewundere ich ihn als Theoretiker und Historiker des Kapitalismus. (Eine Zwiespältigkeit der Beurteilung, die ich von meinen ersten Zeilen an, die ich über Marx geschrieben habe, als möglich anerkennen mußte.) Und alles, was etwa Gutes in meinem Werke ist, verdankt es dem Geiste Marx. Was gewiß nicht ausschließt, daß ich nicht nur in Einzelheiten, ja in den meisten einzelnen Ansichten, sondern auch in wesentlichen Punkten der Gesamtauffassung von ihm abweiche. Die Verschiedenheit der ganzen Anlage unserer Systeme und der Ergebnisse, zu denen wir gelangen, ergibt sich mit einer gewissen inneren Notwendigkeit aus der Verschiedenheit der Zeiten, in denen wir unsere Bücher geschrieben haben. Als Marx seine Gedanken empfing (in den 1840 er Jahren), war der Kapitalismus Neuland, das Marx entdeckte und als erster betrat: eine ungeheure Fülle neuer Eindrücke strömte auf ihn ein. Ohne Bild gesprochen: wohin immer er blickte, boten sich neue, unerhörte Probleme seinem geistigen Auge dar. Fragen über Fragen ließen sich tun. Und daß M a r x so meisterhaft zu fragen verstand, machte sein größtes Talent aus. Von seinen Fragen leben wir heute noch. Mit seiner genialen Fragestellung hat er der ökonomischen Wissenschaft für ein Jahrhundert die Wege fruchtbarer Forschung gewiesen. Alle Sozialökonomen, die sich diese Fragestellung nicht zu eigen zu machen wußten, waren zur Unfruchtbarkeit verdammt, wie wir heute schon mit Sicherheit feststellen können. Aber auch was Marx an sachlicher Erkenntnis zutage gefördert hat, ergab sich, wenn wir der Eigenart des Mannes genügend Rechnung tragen, aus den Zeitumständen, in denen er sein System entwarf. Damals war der Kapitalismus noch ein Chaos, ein wildes Durcheinander, von dem sich noch nicht mit Gewißheit sagenließ, was aus ihm werden würde. Wer an ihn mit der Leitidee der Entwicklung heran trat — und sie gerade war das Licht, das Marx brachte —, konnte seinen Werdegang, man darf sagen: nach persönlichem Gutdünken, bestimmen. Er konnte aus ihm die herrlichsten Dinge hervorgehen sehen, konnte das Chaos mit einer Wunderwelt trächtig sein lassen, konnte den Kapitalismus als XX Geleitwort die notwendige Vorstufe einer besseren, einer idealen Gesellschaft betrachten. Und das eben hat M a r x ja getan. Für ihn war der Kapitalismus der willkommene Stoff, aus dem er die Zukunftswelt aufbaute. Was er an Entwicklungstheorien zusammenschaute, waren die Linien, in denen die Entwicklung seinem Willen gemäß verlaufen sollte. Und die Zustände waren noch so unbestimmt, der Möglichkeiten gab es noch so viele, daß der Glaube leicht geweckt werden konnte: die Linien seien richtig gezogen. Unter diesem Gesichtspunkte müssen wir seine seltsamen Fehlurteile über die schrankenlose Steigerung der Produktivität, über die allgemeine „Konzentration“ der Betriebe, über den notwendigen Zusammenbruch des Wirtschaftsgebäudes und vieles andere, was er lehrte, betrachten, um ihm gerecht zu werden. Das noch unbestimmte Wesen des Kapitalismus machte diesen geeignet, zum Vollstrecker der Wünsche, die Marx im Herzen trug, zu werden. Darum aber, weil Marx ihm diese hohe Aufgabe stellte, aus sich das herauszutreiben, was er ersehnte, 1 i e b t e er im Grunde seiner Seele den Kapitalismus: Marx hat, was nicht scharf genug betont werden kann, zu allem Wesentlichen der kapitalistischen Welt eine positive, bejahende Stellung eingenommen. Wie hätte er die Mutter, um sein eigenes Bild zu gebrauchen, verachten und hassen können, die ja in ihrem Schoße das heißersehnte Kind: die neue, bessere Welt austrug. Marx war also durchaus Kulturoptimist. Aus seiner gesamten Einstellung folgte nun aber, daß die ganze „Wissenschaft“, die er trieb, ausschließlich auf praktische Ziele gerichtet war: das ganze System wurde ja nur aufgebaut, um dem Vollstrecker seines Willens, dem Proletariat, eine wirksame Waffe in seinem Befreiungskämpfe zu schmieden. Zieht man alle diese Umstände in Betracht, unter denen Marx schuf, so wird man — die geniale Veranlagung des Mannes vorausgesetzt — den unvergleichlichen Zauber verstehen, der das Marx sehe Werk umwebt, wird aber auch die nachhaltige Wirkung begreiflich finden, die es bis heute auszuüben imstande gewesen ist. Wie vieles hat sich nun aber in dem halben Jahrhundert verändert, seit Marx schaute, dachte und schrieb! Das Land des Kapitalismus ist erforscht, mit Wegen durchzogen, mit Ansiedlungen bedeckt: von einem Ende zum andern in allen Teilen vermessen und mit trigonometrischen Punkten bezeichnet. Fragen, die den Zauber der Neuheit haben, können wir nicht mehr stellen. Wir müssen uns mit Antworten begnügen. Probleme gibt es nur noch für Geleitwort XXI den „praktischen Volkswirt“. Die großen welthistorischen Entwicklungslinien, soweit sie durch die Wirtschaft allein bestimmt werden, liegen deutlich zutage: bis zur Gegenwart, aber auch in die Zukunft hinein. Unserem Erkennen und der schöpferischen Kraft der System- und Theoriebildung sind dadurch Schranken gesetzt: die Fülle der unerbittlichen Tatsachen zwingt unser Denken in ganz bestimmte Bahnen. Deshalb aber, weil wir so viel mehr wissen als die Früheren, können wir auch nicht mehr an die schöpferische Kraft des Kapitalismus glauben, wie Marx es konnte, der am Anfang des Weges stand. Wir wissen, daß bei dem ganzen, lauten Gebaren nichts von irgendwelchem Kulturbelange herausgekommen ist, und daß auch in aller Zukunft nichts dabei herauskommen wird. Gewiß: wir brauchen darum keine Kulturpessimisten zu sein, brauchen an der Zukunft der Menschheit nicht zu verzweifeln. Aber wir müssen dann imsern Optimismus anderswoher als aus dem Ideenbereiche der kapitalistischen Welt heraus begründen, wie Marx es tat: wir können nicht mehr in derselben Bichtung weiterblicken, in der sich die Weltgeschichte bewegt, nicht mehr an das glauben, was sich zwangsläufig aus dem Kapitalismus ergibt; wir können das Heil nur in einer Umkehr und Abkehr von ihm erblicken. Wir können deshalb auch den Kapitalismus nicht mehr als die heilige Mutter verehren, die den Erlöser im Schoße trägt. Und aus allen diesen Gründen können unsere Erkenntnisse vom Wesen des Kapitalismus auch nicht mehr zu großen, praktisch-politischen Programmen ausgewertet werden, wie es etwa die Systeme der „Klassiker“ oder eben auch und gerade das Evolutionsschema von Marx wurden. Deren Gesicht war vorwärts gerichtet, das unsere schaut zurück. Unnütz zu sagen, daß dadurch jede Darstellung der kapitalistischen Welt heute ein nüchternes Gepräge tragen muß, ganz unabhängig von der Begabung des Darstellers selbst. Auch ein Marx vermöchte heute, wenn er sich überhaupt dieser mühseligen Aufgabe unterziehen und ein System der kapitalistischen Wirtschaft schreiben wollte, nichts anderes als ein in sich selbst ruhendes Erkenntnisgebilde zu schaffen. Daß auch das Werk eines genialen Menschen, der sich heute mit dem Wirtschaftsleben theoretisch und historisch befaßt, jenes Zaubers der Älteren entbehrt, hat Max Weber uns gezeigt. So können wir zusammenfassend sagen: was Marx sprach, war das stolze erste Wort über den Kapitalismus, in diesem Werke wird xxir Geleitwort das bescheidene letzte Wort über dieses Wirtschaftssystem, soweit es rein ökonomisch in Betracht kommt, gesprochen. Damals war es Morgen und die Lerche sang, heute will es Abend werden und die Eule der Minerva beginnt ihren Flug. Will man aber ohne Bild das Verhältnis dieses Werkes zu dem Marx sehen mit einem Worte bezeichnen, so kann man vielleicht sagen, daß in ihm Marx entzaubert wird. Entzauberung bedeutet aber dasselbe wie Verwissenschaftlichung in dem nüchternen Sinne, den ich diesem Worte beimesse. Es ist das gewiß nicht beneidenswerteLos unseres ganzen Geschlechts, daß es im Bereiche des Kulturwissens etwas anderes als Erkenntnis nicht zu gewinnen vermag. Doch ist es besser, wenn eine Zeit und die Menschen einer Zeit sich der Begrenztheit ihrer Leistungsfähigkeit bewußt werden, statt daß sie — demDaidalus gleich — sich Ziele stecken, deren Erreichung ihnen versagt ist. Ihr Schaffen wird dadurch vor Künstlichkeit und Unwahrhaftigkeit bewahrt. Und Resignation ist ja des Menschen bestes Teil. Immer aber wird es auch in unserer trüben Zeit, und vielleicht wieder mehr als in der jüngsten Vergangenheit, Menschen geben, die an praktisch-zweckloser Erkenntnis ihre Freude haben, die nichts anderes in einem Buchesuchen als innere Erleuchtung, und die ein wissenschaftliches Werk mit der reinen Freude in sich aufnehmen, die das Anschauen eines wohlgelungenen Kunstwerkes gewährt. Diese lade ich ein in das Geistgebäude,, das ich in diesem Werke als schlichter Geistbaumeister errichtet habe. Introite, nam et hic Dii sunt! Erster Hauptabschnitt Die Grundlagen rt, Hoelikapitaliamua. iflSffifflißBtMffiHHH® 3 Erster Abschnitt Die treibenden Kräfte Quellen und Literatur Es kommen drei Problemkreise in Frage: 1. das Fiibrerproblem im allgemeinen; 2. das Problem des kapitalistischen Unternehmers im besonderen; 3. biographische Schriften. 1. Pas Führerproblem im allgemeinen habe ich in meinem „Proletarischen Sozialismus“ (2 Bände 1924) behandelt. Ich verweise den Leser auf die dort gegebene Darstellung und die dort verzeichnete Literatur. 2. Über die Wesenheit des kapitalistischen Unternehmers habe ich mich zuerst und am ausführlichsten ausgelassen im Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik (zitiert: Archiv) Band XXIX (1910). Außerdem in meinem „Bourgeois“; zuerst 1913 sowie in meinem Beitrag zum Grundriß der Sozialökonomik (zit. GdS) Band IY, 1. Von der anderweitigen Literatur sind besonders reich an Schriften die deutsche und die amerikanische. Von Werken in deutscher Sprache verdienen Erwähnung: Th. Vogelstein, Der Stil des amerikanischen Wirtschaftslebens. Südd. Monatshefte Juli 1906; W. Rathenau, Reflexionen. 1908; Jos. Schumpeter, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. 1912; Felix Kuh, Der selbständige Unternehmer usw. 1918; K. Wiedenfeld, Das Persönliche im modernen Unternehmertum. 2. Aufl. 1920; Derselbe, Arbeiterschaft und Unternehmertum in Wirtschaft und Staat 1923; H. Schumacher, Unternehmertum und Sozialismus. Schmollers Jahrbuch XLIII (1919); H. G. Haenel, Wertbeeinflussung und Unternehmertätigkeit. 1922; Ernst Schult ze, Organisatoren und Wirtschaftsführer. 19 23; F r a n z M ül le r, Funktionen undPsychologie des modernen Groß - Unternehmertums in der Monatsschrift „Soziale Revue“, Heft 1—6. 1924; auch als selbständige Schrift erschienen 1926; E. Stadtier, Der Unter nehmer als Führerpersönlichkeit. 1924; Sachsenberg-Kuhn, Führerauswahl und Verwendung in der neuen Industrie. 1925. Aus der amerikanischen Literatur kommen vornehmlich in Betracht: F. B. Hawley, Enterprise and the productive process 1907, ein Buch, dessen mir erst kürzlich bekannt gewordenen Ansichten sich vielfach mit den ineinigen berühren; die verschiedenen Werke Thorstein Veblens, die immer geistvoll, deren Argumente aber nicht durchgängig stichhaltig sind, namentlich: das grundlegende Werk The Theory of Business Enterprise; zuerst 1904; dann: The Instinct of Workmanship; zuerst 1914; zuletzt: Absentee Ownership and business enterprise in recent times 1923. V. scheint mir im ganzen die Bedeutung der besonderen Unternehmer - 1 * 4 Erster Abschnitt: Die treibenden Kräfte tätigkeit zu unterschätzen. F. W. Taussig, Inventors and money-makers 1915; Kob. S. Brookings, Industrial ownership, its economic and social significance 1925; deutsch von E. Kuczynski u. d. T. Die Demokratisierung der amerikanischen Wirtschaft. 1925. — Aus den übrigen Literaturen nenne ich noch die sehr nützliche Untersuchung von S. J. Chapman u. F. J. Marquis, The Eecruiting of the Emploing Classes from the Eanks of the Wage-Earners in the Cotton Industry. Journal of the Eoyal Statistical Soc. V. 75. P. III. Febr. 1912; ferner das Werk von Maurice Dobb, Capitalist enterprise and social progress. 1925. Das 400 Seiten starke Buch zerfällt in einen theoretischen, einen historischen und einen praktischen Teil. Der Yerf. kennt nur die Literatur in englischer Sprache, daher von mir nur „Juden“ und „Bourgeois“. Angesichts dessen ist das Buch eine ganz respektable Leistung. S. S. Hammersley, Industrial Leadership, s. a. (1925), enthält Betrachtungen eines englischen Politikers. Sehr beachtenswert, zwar privatwirtschaftlich gedacht, doch mit weitem Blick geschrieben ist das Buch von J. Carlioz, Le gouver- nement des entreprises commerciales et industrielles. 1921. F. M. Wibaut, De nieuwste ontwikkeling van het kapitalisme (1913) ist eine polemische Auseinandersetzung mit mir. 3. Unübersehbar ist die biographische Literatur. Es gibt keinen namhaften Wirtschaftsführer, der nicht seinen Biographen gefunden hätte, wenn er nicht selbst der Welt sein Leben geschildert hat. Es ist unmöglich, hier auch nur die wichtigsten Unternehmerbiographien oder Selbstbiographien aufzuzählen. Ich begnüge mich damit, auf einige Sammelwerke hinzuweisen. Meist englische Unternehmer der älteren Generation (28) behandeln die Bücher von Samuel Smiles, Men of Invention and Industry, 1884 und Life and Labour. 1887. Die Lebensgeschichten älterer englischer Bankiers enthält das lehrreiche Buch John Hughes, Liverpool Banks and Bankers. 1906. Ebenfalls der älteren Generation (Anfang des 19. Jahrhunderts) gehören diejenigen amerikanischen Kaufleute an, über deren Schicksale in der zweibändigen Sammlung Walter Barrett, The old merchants of New York City (1862/63) berichtet wird. Eine große Anzahl amerikanischer Unternehmer der letzten Generation schildert in ihrem Entwicklungsgänge das Werk von Gustavus Myers, History of the Great American For- tunes. 3 Vol. 1911. Leider läßt sich der kenntnisreiche Verfasser dazu verleiten, allzusehr nach betrügerischen Machenschaften zu fahnden, so daß sein Buch eine Art von Hintertreppengeschichte des amerikanischen Kapitalismus geworden ist. Sehr viel bescheidener ist die Sammlung von Lebensbeschreibungen der führenden Männer in der Petroleum-, Stahl-, Telephon-, Gas- und Wasser-, landwirtschaftlichen Maschinen- und Automobilindustrie, die aber alle anschaulich und aus guten Quellen geschrieben sind, in dem Buch von Burton J. Hendrick, The age of big business. 1920. Erster Abschnitt: Die treibenden Kräfte 5 Ein gescheites Buch, in dem Lehen und Werk von etwa drei Dutzend deutscher Unternehmer der letzten und vorletzten Generation dargestellt werden, ist das von Felix Pinner (Frank Fassland), Deutsche Wirt- schaftsführer. 1924. Neuerdings gibt Kurt Wiedenfeld ein Sammelwerk heraus unter dem Titel „Die deutsche Wirtschaft und ihre Führer“, in dem die einzelnen Industriezweige je in einem Bande behandelt werden. In dem von A. Bozi und 0. Sartorius zusammengestellten Handbuch „Die deutsche Wirtschaft“ (1926) befinden sich 80 Bildnisse deutscher Wirtschaftsführer mit kurzen, biographischen Notizen. Die wichtigsten Einzelbiographien finden in der Darstellung selbst am geeigneten Ort Berücksichtigung. 6 Erstes Kapitel Die Bedeutung des kapitalistischen Unternehmers I. Treibende Kräfte im Wirtschaftsleben Wir wollen die geschichtlichen Zusammenhänge „verstehen“ auf Grund unserer Kenntnis der menschlichen Ratio und der menschlichen Triebwelt, wie wir sie in unserm Bewußtsein erfahren. Deshalb bleiben alle metaphysischen Betrachtungen ausgeschlossen. Zu diesen aber gehört die Frage: ob treibende Kräfte im gesellschaftlichen Handeln der Menschen „letzten Endes“ etwa überempirische Wesenheiten sind, die über unsere Köpfe hinweg mit uns spielen, man mag sie sich spiritualistisch als „Geist“ oder materialistisch als „Naturgewalt“ Vorstehern Womit auch die Frage nach einer Geist- oder Natur„gesetz- mäßigkeit“ unbeantwortet bleibt. Aber auch so verschwommene Begriffe wie „die Anforderung der Zeit“ oder „das volkswirtschaftliche Bedürfnis“ sagen uns nichts, wenn wir nach den treibenden Kräften im \ sozialen Geschehen Ausschau halten. Übrigens soll sich auch der Sozialphilosoph, dessen Aufgabe die Metahistorie ist, klar darüber sein, daß alle überempirischen Wesenheiten, wenn sie in der Geschichte wirken sollen, konkretisiert werden, Gestalt gewinnen, also durch das Seelenleben lebendiger Menschen hindurchgehen müssen. Dasselbe sollen sich diejenigen gesagt sein lassen, die allzu vorschnell den „ Sinn“ ‘ einer Geschichtsepoche, wie der des Kapitalismus mit den Kräften, die in ihr wirksam sind, gleichsetzen. Wirklichkeitsferne Philosophie- und Theologieprofessoren beglücken uns immer wieder mit sehr tiefsinnigen Konstruktionen, in denen etwa der moderne Wirtschaftsmensch aus irgendeiner Weltanschauung heraus in seiner Eigenart gedeutet, zu „verstehen“ versucht wird. Die Deutung mag richtig sein, so sagt sie immer noch nichts darüber aus, ob das Geschehen in dieser Zeit, ob die Handlungen des wirkenden Menschen mm auch an dieser Weltanschauung orientiert gewesen sind, und wenn ja: in welchem Umfange sie es waren. Hier liegt auch der Mißbrauch, der mit der Max Web ersehen Kalvinismus-Theorie von ungenügend unterrichteten Laien immer wieder ge- Erstes Kapitel: Die Bedeutung des kapitalistischen Unternehmers 7 trieben wird. Selbst zugegeben, daß der Sinn der kapitalistischen Wirtschaft eine innere Verwandtschaft mit der puritanischen Frömmigkeit aufweist, so ist damit noch nicht bewiesen, daß auch nur ein einzigesBerg- werk abgeteuft, ein einziger Hochofen angeblasen ist aus Triebkräften heraus, die in j ener Frömmigkeit ihre stärkste oder überhaupt eine Wurzel haben. Man wird deshalb, wenn man die geschichtlichen Zusammenhänge überblickt, immer geneigt sein, solche „Sinnmotive“ zu relativieren, wie ich es bei der Darstellung der Entstehung des Kapitalismus in meinem „Bourgeois“ getan habe und hier wieder tun werde. Ebenfalls auf einer unstatthaften Gleichsetzung von Sinnverstehen und Geschichtsverstehen (noetischem und genetischem Verstehen, wie ich sie genannt habe: vgl. näheres in meinem „Proletarischen Sozialismus“ Band I) beruht die im marxistischen System beliebte Einstellung von Kategorien wie etwa dem „Verwertungsstreben des Kapitals“'als Kausalfaktoren in die Erklärung eines geschichtlichen Vorgangs. Obgleich Marx und seine Schule die treibenden Kräfte der Geschichte in der richtigen Ebene gesucht und größtenteils gefunden haben, nämlich in der Vitalsphäre, so begehen sie doch oft genug den Fehler der einseitigen Spiritua- listen, daß sie Sinnzusammenhänge ohne weiteres als wirksame Kräfte ansprechen. Ein solcher Sinnzusammenhang und nicht mehr ist aber zweifellos das vielberufene „Verwertungsstreben des Kapitals“, das sich nämlich als der innerste Kern des kapitalistischen Wirtschaftssystems enthüllt. Als solcher aber — darin haben die Gegner des Marxismus zweifellos recht — kann er nicht treibende Kraft wirtschaftlichen Geschehens sein. Es ist schiere „Mystik“, „das Kapital“ irgendetwas bewirken lassen zu wollen, das heißt also, ein gesellschaftliches Beziehungsverhältnis zu einer treibenden Kraft im sozialen Leben zu erklären. Welcher Zwischenglieder es bedarf, um jenen Sinnkern des kapitalistischen Wirtschaftssystems nun auch tatsächlich als Wirkungskern des nach dem Bild dieses Wirtschaftssystems gestalteten Wirtschaftslebens verstehen zu können, habe ich früher des öfteren schon dargelegt und werde ich im folgenden wiederum zu zeigen haben. Als wirksame Kräfte im Ablauf der Geschichte können wir aber auch nicht gelten lassen Zustände irgendwelcher Art, selbst wenn sie empirische sind. Es ist erstaunlich, wie leichtfertig oft genug irgendwelche gesellschaftliche Verumständung als Ursache sozialen Geschehens angesprochen wird. Als ob „Arbeitsteilung“ oder „Konkurrenz“ oder ähnliche Erscheinungen, die doch selbst nichts als Wirkungen sind, ihrerseits „Ur- 8 Erster Abschnitt: Die treibenden Kräfte Sachen“ sein könnten 1 . Aber auch dort, wo von bestimmten objektiven Gegebenheiten offenbar Wirkungen ausgehen, müssen wir uns hüten, in ihnen „treibende Kräfte“ des Geschehens zu erblicken. So liebt man es, vornehmlich die Rechtsordnung, die Technik, die Bevölkerungsvermehrung für den Verlauf des Wirtschaftslebens, zumal im Zeitalter des Hochkapitalismus, verantwortlich zu machen. Gewiß mit Recht, wie ausführlich im folgenden zu begründen sein wird, wenn man diese Umstände als notwendige Bedingungen des Geschehens ansieht. Sehr zu Unrecht, wenn man in ihnen irgend eine treibende, veranlassende, bestim- mendeKraft glaubt feststellen zu können. Denn alle diese Dinge oder Verhältnisse setzen, um zur Wirksamkeit zu gelangen, irgend etwas hinter ihnen Wirksames voraus. Die Rechtsordnung gibt doch nur Verhaltungsmaßregeln, wenn etwas geschieht. Sie ist Wegweisern und Warnungstafeln zu vergleichen, die wandernden Menschen die Richtung ihrer Wanderung weisen. Die Erfahrung lehrt, daß der bloße Rechtszustand gar nichts zu „bewirken“ vermag: eine freiheitliche Gewerbeordnung, wie etwa die preußische von 1810—1811 bleibt ein toter Buchstabe, wenn keine Menschen da sind, die eine Wirtschaft schaffen und betreiben wollen. Dasselbe gilt von der Technik. Die treibende Kraft in der Dampfmaschine ist der Dampf: aber wer stellt die Dampfmaschine auf? Die technische Möglichkeit muß von irgend einer Kraft, die außerhalb der Technik wirksam ist, erst verwirklicht werden. Die „Technik“ muß angewandt werden. Ein Volk kann über technisches Können in potentia verfügen und doch von ihm keinen Gebrauch machen wollen: die Chinesen, sagt man, stellen ihre technischen „Erfindungen“ in das Museum, ohne sie praktisch zu nutzen. Aber auch die Bevölkerungsvermehrung, die gescheite Männer als die wesentliche Ursache der modernen, wirtschaftlichen Entwicklung angesehen haben, kann immer nur die Veranlassung zu irgendwelchen entscheidenden Handlungen werden: sie kann zur Völkerwanderung, zur Besiedlung neuer Länder, zur Ersinnung neuer Wirtschaftsweisen führen und dadurch einen wesentlichen Einfluß auf den Gang der Geschichte ausüben. Sie kann aber auch auch ohne alle solche 1 Daß wir von Ursachen und Wirkungen, Kräften und Bedingungen sprechen können, was die Naturwissenschafter längst aufgehört haben zu tun, ist das Privilegium der „verstehenden“ Wissenschaften, die, wie schon Schopenhauer wußte, im Gegensatz zu den Naturwissenschaften hinter den Kulissen des Geschehens ihre Beobachtungen anstellen. Erstes Kapitel: Die Bedeutung des kapitalistischen Unternehmers 9 Wirkung bleiben: man denke an China oder Indien, wo die Bevölkerungszunahme nichts als Überfüllung und Elend erzeugt hat. Also, müssen wir schließen, muß dort, wo wir sie starke umgestaltende Wirkungen ausüben sehen, wiederum etwas anderes, das hinter dem Phänomen der Bevölkerungsvermehrung steckt, die eigentliche treibende Kraft gewesen sein. Was das ist, geht aus den bisherigen Betrachtungen schon von selbst hervor: es ist der lebendige Mensch mit seinen Strebungen, seinen Zielsetzungen, seinen Willensregungen; der lebendige Mensch mit seinen Gedanken und Leidenschaften. II. Historische Triebkräfte Wie können wir der Tatsache, daß wie alle Geschichte, so auch das Wirtschaftsleben von lebendigen Menschen und nur von diesen gemacht wird, wissenschaftlich-darstellend Herr werden? Wie können wir geschichtliche Abläufe als die Wirkungen dieser allein treibenden Kräfte uns verständlich machen? Welche Gesichtspunkte werden wir bei der Betrachtung besonderer historischer Wirksamkeiten ins Auge zu fassen haben ? Es leuchtet ein (oder sollte doch einleuchten!), daß zur Erklärung solcher historisch-bestimmter Wirksamkeiten, wie es der Ablauf einer einzelner Wirtschaftsepoche, wie des Hochkapitalismus ist, die Aufdeckung der allgemein-menschlichen Yeranlagung wenig beiträgt. Die menschlichen Motive — man mag sie rationalistisch fassen und etwa Egoismus und Altruismus, den ökonomischen Sinn, das Streben nach Bedürfnisbefriedigung darunter begreifen oder — wie es jetzt unter dem Einfluß Mc. Dougalls die große Mode in den Vereinigten Staaten (und in den von dort ihreWeisheit beziehendenLändern) ist—irrationalistisch- emotional-voluntaristisch und den Erfindungstrieb, den Machttrieb, den Trieb zu wirtschaftlicher Tätigkeit als die großen Beweger der Geschichte ansprechen — vermögen in dieser Allgemeinheit zwar die immer gleiche Struktur der menschlichen Gesellschaft zu erklären, niemals aber ein besonders Geschehen in einer besonderen Spanne Zeit der Geschichte. Um dieses zu verstehen, müssen wir vielmehr scharf umrissene, bestimmte, eben auch besondere Triebkräfte auffinden, das heißt Motive, die eine besondere Erscheinung, wie es in unserem Falle der Hochkapitalismus ist, „verständlich“ machen. Das heißt: wir müssen historisch eigenartige Beweggründe entdecken. Diese Beweggründe, wenn sie auch historisch eigenartig sind, werden dort, wo sie eine Massenerscheinung, wie einen wirtschaftlichen Zustand 10 Erster Abschnitt: Die treibenden Kräfte erklären sollen, auch in Masse auf treten und als Träger bestimmte Gruppen der Bevölkerung erkennen lassen. Unser Augenmerk muß also darauf gerichtet sein, diese Massenmotive in ihrem typischen Gepräge kenntlich zu machen und sie von etwaigen Zufalls- oder Singulärmotiven zu unterscheiden. Damit sie ihre Wirksamkeit ausüben können, müssen sie die entscheidenden, vorwiegenden, überlegenen, übermächtigen, prävalenten sein. Wir müssen sie also abermals unterscheiden von etwa vorhandenen, vielleicht auch typischen Massenbeweggründen, die aber ohne Einfluß bleiben: wie etwa den Konsumenten- oder Arbeiterinteressen in der kapitalistischen Wirtschaft, die wir höchstens als Nebenursachen bei einem geschichtlichenGeschehen gelten lassen können. Innerhalb dieser von den prävalenten Motiven beherrschten Gruppen der Bevölkerung gilt nun eine allgemeine Regel: daß einige wenige führen, die große Masse geführt wird. Wir stoßen also auf einen, aber nur scheinbaren, Widerspruch in der Mechanik des geschichtlichen Massengeschehens: daß dieses nämlich einerseits nur als Ausdruck eines Massenwillens zu verstehen ist und daß doch immer nur einzelne Hervorragende die Richtung weisen. Der Widerspruch löst sich auf, wenn wir das geschichtliche Geschehen als die unausgesetzte Spannung zwischen dem kräftigen Einzelwillen und seiner Verallgemeinerung in einem Massenwillen begreifen, eine Spannung, die in den verschiedenen Zeitläuften verschiedene Formen und vor allem einen sehr verschiedenen Stärkegrad annehmen kann, die aber doch immer vorhanden ist. Wir können danach mehr demokratisch-kollektivistisch-traditionalistisch und mehr aristokratisch - individualistisch - revulutionär gestaltete Wirtschafts- und Geschichtsverfassungen überhaupt unterscheiden (neuerdings ist dieses Problem urteilsvoll behandelt worden von Kurt Breysig in seinem Buche: Individuum und Masse. 1925). III. Die Wirtschaftsführer in den verschiedenen Epochen Ein Überblick über die bisher in der Wirtschaftsgeschichte wirksam gewesenen Triebkräfte wird uns das Verständnis für die allgemeinen Zusammenhänge und für die Besonderheit des hochkapitalistischen Zeitalters erleichtern. Welches sind denn die treibenden Kräfte, das heißt also die führenden Schichten, die wir auch als „Träger“ des Wirtschaftslebens bezeichnen können, bisher gewesen und welche sind es heute ? Für die früheren Wirtschaftsepochen enthalten die beiden ersten Bände dieses Werkes zahlreiche Hinweise. Wir wissen, daß das Mittelalter ein Zeitalter stark Erstes Kapitel: Die Bedeutung des kapitalistischen Unternehmers H kollektivistisch gebundener, traditionalistischer Wirtschaft war. Trotzdem lassen sich natürlich auch für diese Zeit diejenigen Schichten bezeichnen, von deren Entscheide die Gestaltung der Wirtschaft abhing. Es waren auf dem Lande die Grundherren und deren Vögte (man denke an Neusiedelungen!), die Klosterherrn, die Bauernältesten; in der Stadt die patrizischen Kaufherrn, hervorragende Zunftälteste, die energischen Stadträte. Dann kam die Neuordnung des Wirtschaftslebens im Zeitalter des Erühkapitalismus. Diese ist, wie ich das ausführlich dargestellt habe, des Werk zunächst einzelner weniger, unternehmender Geschäftsmänner, die aus allen Schichten der Bevölkerung: Adel, Abenteurer, Kaufleute, Handwerker hervorwuchsen, die aber lange Zeit hindurch zu schwach waren, um das Wirtschaftsleben in neue Bahnen zu lenken. Neben ihnen müssen wir als die maßgebenden Wirtschaftsführer jener Zeit die energischen Fürsten, wie Gustav Wasa, Friedrich M., Franz I. und namentlich deren leitende Beamte wie Colbert ansprechen. Das wirtschaftliche Energiezentrum hat lange Zeit hindurch in den Regierungsstuben gelegen. Wir müssen, um die Mechanik der frühkapitalistischen Wirtschaft zu verstehen, uns Aussprüche wie den jenes klugen, deutschen Kameralisten gegenwärtig halten, der meinte: zur Verbesserung der Manufakturen gehörten Klugheit, Nachdenken, Kosten und Belohnungen und der dann zu dem Schlüsse kommt: „Das sind Staatsbeschäftigungen; der Kaufmann aber bleibt bei dem, was er gelernt hat und wie er es gewohnt ist. Er bekümmert sich nicht um die allgemeinen Vorteile seinesVaterlandes.“ Der Staat ist es, der vielmals die Privaten an den Ohren herbeizieht, damit sie sich als kapitalistische Unternehmer betätigen. Er stößt und treibt sie mit Gewalt und Überredung in den Kapitalismus hinein. Das Bild der körperlichen Nötigung, das ich hier gebrauchte, ist der Schrift eines anderen kameraüstischen Schriftstellers des 18. Jahrhunderts entlehnt, der da meint: „daß der Plebs von seiner alten Leier nicht abgeht, bis man ihn bei Nase und Arme zu seinem neuen Vorteile hinschleppe.“ Vgl. Band I. Seite 844 ff. Es ist nun das besondere Kennzeichen des hochkapitalistischen Zeitalters, daß in ihm die gesamte Leitung im Wirtschaftsleben auf die kapitalistischen Unternehmer übergegangen ist, die nunmehr, der Gängelung durch Staatsorgane entwachsen, als die Wirtschaftssub- j ekte der inneren Wesenheit der kapitalistischen Wirtschaft entsprechend die alleinigen Organisatoren des wirtschaftlichen Prozesses geworden sind, soweit dieser sich im Rahmen des kapitalistischen Wirtschafts- 12 Erster Abschnitt: Die treibenden Kräfte Systems abspielt. Es versteht sich, daß überall dort, wo heute der Kapitalismus noch nicht oder nicht mehr das herrschende Wirtschaftssystem ist — also in der Sphäre der Bauernwirtschaft, des Handwerks, der Gemeinwirtschaft — auch andere Wirtschaftssubjekte die Entscheidung treffen. Von ihnen wird an einer anderen Stelle zu sprechen sein. Hier beschäftigen uns zunächst die kapitalistischen Wirtschaftssubjekte als diejenigen, deren Geist dem gesamten Zeitalter seinen Stempel aufdrückt. Aus dem, was ich in den ersten beiden Bänden über das Wesen der kapitalistischen Wirtschaft und die Stellung des Unternehmers in ihr ausgeführt habe, kennt der Leser dessen Funktionen: Kapital und Arbeit zusammenzubringen, Richtung und Umfang der Produktion zu bestimmen, die Verbindung zwischen Produktion und Konsumtion herzustellen. Wir bezeichnen die kapitalistische Art der Wirtschaftsführung wohl auch als unternehmungsweise Wirtschaft und meinen damit, daß sie auf das Risiko des Unternehmers erfolgt, das heißt: daß dieser alle Gewinn- und Verlustchancen trägt. Die „treibende Kraft“ in der modernen, kapitalistischen Wirtschaft ist also der kapitalistische Unternehmer und nur er. Ohne ihn geschieht nichts. Er ist darum aber auch die einzige „produktive“, das heißt schaffende, schöpferische Kraft, was sich unmittelbar aus seinen Funktionen ergibt. Alle übrigen Produktionsfaktoren: Arbeit und Kapital befinden sich ihm gegenüber im Verhältnis der Abhängigkeit, werden durch seine schöpferische Tat erst zum Leben erweckt. Auch alle technischen Erfindungen werden erst durch ihn lebendig. Wenn ich den Unternehmer als solchen schöpferisch nenne, so hat das den Sinn, daß tatsächlich in jedem einzelnen Falle, auch dort, wo es sich um eine beliebige, kleineUnternehmung handelt, die in ausgefahrenen Bahnen fährt, irgendwelche produktive Tätigkeit nicht anders zustande kommt, als durch die Mittlerschaft des kapitalistischen Wirtschaftssubjekts. Zwischen diesen gibt es nun aber natürlich wesentliche Unterschiede im Grade der Produktivität. Wie in allen Massen gibt es auch in der Unternehmerschaft immer wenige Eminenzen mit eigenen Gedanken und eigenen Entschlüssen, die ihre eigenen Wege gehen und denen die vielen andern nachfolgen. Die innere Struktur des kapitalistischen Wirtschaftssystems bringt es mit sich, daß der Entschluß- und Tatkraft der Wenigen ein weiterer Spielraum gelassen ist als in andern Wirtschaftssystemen. Man kann deshalb sagen, daß gerade die hochkapitalistische Wirtschaft in ihrem gesamten Bau aus der schöpferischen Initiative der Wenigen hervorgewachsen ist. Zweites Kapitel: Die neuen Führer 13 Derjenige Mann, von dem das Schicksal einer Unternehmung abhängt, braucht nicht immer der formell als Unternehmer erscheinende legitimierte Eigentümer oder „Leiter“ (Direktor) dieser Unternehmung zu sein: die entscheidende Unternehmertätigkeit kann unter Umständen auch ausgeübt werden von einem Prokuristen, einem Reisenden, einem Geldgeber, einem Aufsichtsratsmitgliede oder andern. Läuft die Leitung einer Unternehmung in mehrere Spitzen aus, so wird einer oder werden einige die Führer sein: unter verschiedenen Kompagnons, verschiedenen Direktoren einer Aktiengesellschaft usw. ■ Alles das gilt im allgemeinen vom kapitalistischen Unternehmer, der, wie hier nur festgestellt werden sollte, einzigen treibenden Kraft in der hochkapitalistischen Wirtschaft und führt nur Gedanken aus, die ich in früherem Zusammenhänge schon geäußert habe. Nun weist aber das kapitalistische Unternehmertum im Zeitalter des Hochkapitalismus besondere Eigenarten auf, die es von dem des Frühkapitalismus deutlich unterscheiden: es sind neue Führer aufgestanden und die Wirkungsweise dieser neuen Führer unterscheidet sich wesentlich von derjenigen des kapitalistischen Unternehmers der früheren Epochen. Von diesen besonderen Eigenarten ist in den beiden folgenden Kapiteln zu handeln. Zweites Kapitel Die neuen Führer I. Der äußere Wirkungskreis Neu gestaltet sich in wesentlichen Punkten zunächst der äußere Wirkungskreis des kapitalistischen Unternehmers. Wir beobachten folgende Tendenzen: 1. eine Tendenz zur Loslösung des Unternehmertums vom Kapitalbesitz oder was dasselbe ist: eine Bewegung von der Eigenoder Einzelunternehmung weg zur gesellschaftlichen Unternehmung, namentlich der Aktiengesellschaft und damit vom Eigentümer-Unternehmer zum angestellten Leiter, „Direktor“. Die Aktiengesellschaft nimmt einen immer breiteren Baum als Unternehmungsform ein, wie am geeigneten Orte ziffermäßig nachgewiesen werden wird: siehe das 46. Kapitel. Wir beobachten 2. eine Tendenz zunehmender Spezialisierung der Unternehmertätigkeit, nicht aber etwa nach Branchen, sondern (im Gegenteil) nach Funktionen. Vor allem äußert sich diese Tendenz in einer immer mehr zutage tretenden Herausbildung des reinen Unternehmertums, das heißt: einer Abstreifung aller Nebenfunktionen. Diesen Prozeß hatten wir in seinen Anfängen schon in der frühkapitalistischen Epoche feststellen können. Jetzt kommt er zum Ende. Um was noch vor einem Menschenalter der Unternehmer selbst sich hatte kümmern müssen: wie die Aufsichtführung, die Vervollkommnung der Technik, die kaufmännische Organisation: alles das besorgen jetzt in seinem Dienste tätige Spezialisten. Selbst die Rentabilitätsberechnung, die Kalkulation und Gewinn- und Verlustabwägung läßt der Unternehmer von besonderen Angestellten vornehmen: den „efficiency engineers“ in den Vereinigten Staaten, von denen uns Veblen in einem seiner Bücher (The Instinkt of workmanship [1914], 222ff., 345ff.) so erbauliche Dinge zu berichten weiß (wir müssen uns aber immer gegenwärtig halten, was z. B. Veblen nicht immer tut, daß alle diese Spezialisten keine Unternehmer sind, weil sie keine der spezifischen Unternehmertätigkeiten ausüben). Vgl. auch das 53. Kapitel. Zweites Kapitel: Die neuen Führer 15 Innerhalb dieses immer mehr zur Reinheit sich herausbildenden Unternehmertums spezialisieren sich dann die Einzelnen noch auf bestimmte Tätigkeiten: in den Banken entwickeln sich Spezialisten für die Beziehungen mit der Industrie, für das Depositenwesen, für die Emissionstätigkeit usw.: in der Industrie Spezialisten für die Werkorganisation, für die Absatzorganisation., für Kapital- und Kreditbeschaffung usw. Neben dieser Tendenz zur Spezialisierung geht nun (wie so oft im Wirtschaftsleben) nebenher: 3. eine Tendenz zur Integrierung der Funktionen. Es entsteht eine (geringe) Anzahl universell funktionierender Großunternehmer, die namentlich bankmäßige und industrielle organisatorische Tätigkeit in Einem ausüben. Der beliebteste Weg zu dieser umfassenden Tätigkeit ist die mehrfache Vertretung in Aufsichtsräten von Aktiengesellschaften. Über diese vielbeschäftigten und vielumfassenden Großunte rnehm er spreche ich ausführlich im 47. Kapitel. Im Zusammenhänge mit dieser äußeren Verschiebung in der Stellung des modernen Unternehmers steht nun die innere Einstellung, die in der Herausbildung verschiedener, nach ihrer Geisteshaltimg, ihrer Interessenlage, ihrer Wirksamkeit bestimmter, Unternehmertypen ihren Ausdruck findet. II. Die Unternehmertypen Solcher unterscheide ich drei: den Fachmann, den Kaufmann, den Finanzmann. 1. Der Fachmann geht von seinem Erzeugnis aus, dem er zum Erfolge verhelfen will. Er ist branchem-gebanden. Diese Gebundenheit tritt besonders deutlich zutage hei dem Erfiw der-TTnt eraehTw er (der sehr wohl von dem reinen Erfinder durch die Beimischung einer Umtemehmer- begabung zu unterscheiden ist). Dieser will seiner Erfindung zum leben verhelfen, indem er sie in möglichst: großem Rahmen zur Ausführung (und dann natürlich auch zum Absatz) bringt Im Mittelpunkt der Interessen des Fachmannes und seiner Bemühungen steht die Organisation des Werkbetriebes. Auf die Beschaffung und zweckmäßige Verwendung der richtigen Arbeitskräfte ist sein Hauptaugenmerk gerichtet: der Arbeitsmaibt ist vou den drei Märkten derjenige, der ihn vor allem angeht. In seiner Gesamttätigkeit ist er «nriimemönnal - bohrend. Von den drei verschiedenen MögHchkeiten der Konkurrenz (siehe Kapitel 34) neigt er der Leästungskonkurrenz zdl Man hat diesen Typus Oaptain of Industry genannt 16 Erster Abschnitt: Die treibenden Kräfte 2. Der Kaufmann geht vom Marktbedürfnis aus und entschließt sich zur Herstellung derjenigen Produkte, die er für die absatzfähigsten hält. Er hat „Zukunftsaugen“ (Pinner), mit denen er die wahrscheinliche Bedürfnisgestaltung voraussieht, der er dann durch geschickte Propaganda nachhilft. Der ideale Kaufmann ist der, der Bedürfnisse schafft, für die er dann die Befriedigungsmittel herstellt. Nicht der Arbeitsmarkt, sondern der Warenmarkt ist das Hauptfeld seiner Tätigkeit, nicht die Werkorganisation, sondern die Absatzorganisation ist seine entscheidende Schöpfung. Zum Unterschiede vom eindimensionalen Fachmann ist der Kaufmann zweidimensional: flächenhaft, ausweitend. Seinen Neigungen und Fähigkeiten entspricht die Suggestionskonkurrenz Die englische Sprache bezeichnet ihn als Business man. 3. Der Finanzmann geht vom Kapitalbedürfnis aus: Kapitalbeschaffung und Kapitalzusammenfügung namentlich mittels börsentechnischer Maßnahmen ist seine Haupttätigkeit. Er beherrscht daher von den drei Märkten vornehmlich den Kapitalmarkt: er lebt sich in Gründungen, Fusionen, Konzernbildungen aus. Er betreibt mit besonderer Vorliebe den Aufbau von Unternehmungen, er ist konstruktiv tätig: drei- dimensial. Er bevorzugt die Gewaltkonkurrenz. In den angelsächsischen Ländern, insbesondere jetzt in den Vereinigten Staaten nennt man ihn Corporation financier. Die drei Typen stellen in obiger Reihe eine Stufenfolge fortschreitender Entkonkretisierung der Unternehmertätigkeit dar. Unnötig, noch ausdrücklich darauf hinzuweisen, daß diese Typen in den seltensten Fällen rein, vielmehr der Regel nach gemischt auftreten. Und zwar finden sich am häufigsten Mischungen zwischen Fachmann und Kaufmann und zwischen Kaufmann und Finanzmann. In gewissem Sinne folgen sich die drei Typen in der hier gewählten Reihenfolge auch zeitlich aufeinander. Der reine Fachmann gehört mehr der frühkapitalistischen als der hochkapitaüstischen Epoche an, in der vielmehr die beiden andern Typen immer häufiger erscheinen. Der Finanzmann wird um so bedeutsamer, je mehr die Konzentrationsbewegung im Wirtschaftsleben an Ausdehnung gewinnt. Ebenso selbstverständlich ist es, daß die verschiedenen Gebiete des Wirtschaftslebens verschiedene Anforderungen an die Unternehmerfunktion stellen und deshalb auch den verschiedenen Typen verschiedene Chancen der Betätigung gewähren. Auf dem Gebiete der Feinmechanik wird der Fachmann, auf dem der Massengüterherstellung oder bei dem Betriebe von Warenhäusern der Kaufmann, bei der Begründung Zweites Kapitel: Die neuen Führer 17 von Eisenbahnlinien der Finanzmann eher Gelegenheit sich zu betätigen haben. Es ist reizvoll, an einigen hervorragenden Unternehmerpersönlichkeiten sich die mehr oder weniger vollkommene Verwirklichung der verschiedenen Idealtypen zu veranschaulichen. Auf dem Gebiete der Industrie sind vorwiegend Fachmänner beispielmäßig: Alfred Krupp, Werner Siemens, Ernst Abbe, Robert Bosch; vorwiegend Kaufmänner: Emil Rathenau, Felix Deutsch; vorwiegend Finanzmänner: die amerikanischen Trustmagnaten, in Europa etwa Loucheur oder Stinnes oder Otto Wolff. Henry Ford ist eine eigentümliche Mischung von Fachmann und Kaufmann und man kann sagen Anti-Finanzmann, insofern vom modern-amerikanischen Standpunkt aus gesehen a-typisch. Besonders deutlich unterscheiden sich die Typen im Bereiche des Seeverkehrswesens: Männer wie H. H. Meier oder Slomann haben kaum noch gemeinsame Züge mit einem Mann wie Ballin, und von den beiden Typen hebt sich ein Name wie Harriman wiederum scharf ab. Den Gegensatz zwischen Fachmann und Kaufmann vermögen wir mit Händen zu greifen, wenn wir das Wesen der beiden Begründer der deutschen elektrischen Industrie: Werner Siemens und Emil Rathenau miteinander vergleichen. Die Selbstbiographien und Biographien dieser beiden Männer gewähren uns einen ganz klaren Einblick in die Eigenart ihrer Persönlichkeiten, von der im folgenden einige Züge festgehalten werden mögen. Siemens geht aus von seinen persönlichen Erfindungen: Durch seine wissenschaftlichen Arbeiten, durch neue Apparate, durch die Entdeckung und Anwendung der Selbsterregung der Dynamomagnete, des „dynamoelektrischen Prinzips“, das den Bau und Betrieb von Dynamomaschinen vollständig umgestaltete und industriellen Betrieb ermöglichte, durch die Ausführung der ersten gangbaren elektrisch betriebenen Fahrzeuge auf Schienenbahn wurde Siemens bahnbrechender Erfinder. Siemens war aber nicht bloß Forscher und Bahnbrecher, er war auch ein außerordentlich starker Geschäftsgeist seltener Art. Er gehörte aber „der Geschäftsführung nach mit den meisten Maschinenfabrikanten seiner Zeit zur alten Generation von Technikern, die Geschäfte im gewöhnlichen Sinne nicht lieben, die bloße Unternehmer wenig schätzen, die zwar selbst Geschäfte durchführen, mit ihrer persönlichen Betätigung dabei aber ganz im Hintergrund bleiben und diese Betätigung gegenüber der wissenschaftlichen und technischen als minderwertig ansehen, deshalb auch wenig davon sprechen. Die damalige Atmosphäre verlangte Betonung des Fortschritts, nicht des Ertrages“. „Geschäfte machen oder gar sich um Geschäfte bemühen nur um des Erwerbes willen, für sich oder andere, galt früher und gilt vielen noch jetzt als bedenklich. . .“ Das Siemenssche Unternehmen war ein „Mittelding zwischen einem wissenschaftlichen Institut und einer Behörde. Viele Kunden des alten Geschäftes waren auch eigenartig, waren Leiter wissenschaftlicher Anstalten, oft angesehene Persönlichkeiten, Gelehrte, die sich aber wie Sombart, Hochkapitalismus. 2 18 Erster Abschnitt: Die treibenden'Kräfte Bittsteller in Ministerien verhielten, die Gestaltung ihrer Apparate erbaten und den Bescheid darüber entgegennahmen, wann die Sache etwa fertiggestellt werden könne. Erörterungen über Preis und Lieferzeit waren mehr theoretischer Art.“ . . . „Siemens ging nicht selbst darauf aus, Bedürfnisse zu schaffen und zu vermehren oder Abnehmer für seine Erzeugnisse zu gewinnen.“ A. Riedler, Emil Rathenau (1916), S. 55—62. Diese Biographie R.’s ist sehr anmutig und besonders wertvoll, weil sie von einer großen Liebe zu Rathenau getragen ist und aus dem Quell persönlicher Beziehungen schöpft, wodurch es dem Verfasser gelungen ist, die Besonderheiten des Rathenauschen Wesens deutlich herauszufühlen und zur Darstellung zu bringen. In wie schroffem Gegensatz dieses Wesen zu dem eben skizzierten Siemensschen stand, ergibt sich schon aus der Art und Weise, wie Rathenau an seine Stelle als Mitbegründer der elektrischen Industrie gelangt. Rathenau ist zwar — zum Unterschiede von Siemens — von Beruf Ingenieur. Aber, wie seine von Riedler mitgeteilte Selbstbiographie erweist, ohne rechte Lust und Liebe zu seinem Beruf. Er war auf technischem Gebiete unproduktiv. Er hat deshalb auch keine eigene Erfindung gemacht, von der er zu seiner Unternehmertätigkeit hätte gelangen können. Diese, zu der er eine besondere Veranlagung besaß, beginnt er vielmehr mit allerhand Versuchen auf den verschiedensten Gebieten, von denen er sich einen pekuniären Erfolg verspricht. Vor 1883 wirft er sich der Reihe nach auf folgende Gegenstände: 1. die Type einer Kleindampfmaschine; 2. einen Panzerturm 3. Eeldbefestigungen 4. Baracken 5. Minentorpedos 6. Stahlkessel; 7. Verarbeitung von Wellblechen; 8. die ersten Dampfheizungen in den Waggons; 9. die ersten Niederdruck-Wasserheizungen in Wohnungen; 10. Kompressoren; 11. Dampfturbinen; 12. Umänderung des Visiers auf den veränderten Chassepotgewehren; 13. Schraubenschneidemaschinen; 14. Telephon; 15. Bogenlicht. Dann begründet er im Jahre 1883 die Deutsche Edison-Gesellschaft, und zwar bezeichnenderweise dadurch, daß er die Edison-Patente erwirbt, danach sich in den Besitz von zahlreichen städtischen Konzessionen setzt und günstige Verträge mit Siemens schließt. Sein Hauptaugenmerk ist aber von vornherein auf die Ausweitung seines Unternehmens gerichtet. Hören wir, wie sein Biograph die Wesenheit des Geschäftsmannes Rathenau beschreibt! Sein „Zukunftsauge“: „Rathenau erkannte, daß dem Glühlicht die Zukunft gehöre, daß es nicht nur die Lampe des Luxus sei, sondern auch Kriegskonjunktur 1870/71 Zweites Kapitel: Die neuen Führer 19 der Kleinbeleuchtung, selbst für Dachkammern und Stallungen, während das Bogenlicht keines von beiden sein könne.“ (Diese Einsicht stand der Überzeugung auch der ersten Fachleute, wie Siemens, stracks entgegen.) Sein Ziel von Anfang an: die Organisation der Massenfabrikation und des Massenabsatzes: „Er hat mir, “schreibt Riedler a. a. 0. S. 37, „und vielen andern eingehend auseinandergesetzt, wie er sich richtige Massenfabrikation denke, welche Maschinen, welche Organisation hierzu erforderlich seien, was an Kosten auflaufe, was erspart, wie Verbilligung und Großbetrieb erreicht werden . ..“ „Rathenau hat die amerikanische Massenherstellung auf elektrotechnische Bedarfsgegenstände erfolgreich angewendet und ist der Bahnbrecher der Großfabrikation, des Großbetriebs der Elektrotechnik geworden“ (62). Sehr treffend das zusammenfassende Urteil: „Er war Erfinder von Industrien, hat den industriellen Aufbau von Fabrikationen und Unternehmungen erdacht und durchgeführt, wie andere Maschinen erfinden und ausführen“ (126). In Siemens und Rathenau sind also, wie wir sehen, zwei grundverschiedene Auffassungen vom Sinn und der Bedeutung des Unternehmertums verkörpert; sie stellen in denkbarer Reinheit die beiden Typen des Fachmanns und des Kaufmanns dar. Diese beiden Richtungen haben eine Zeit lang scharf um die Vorherrschaft gekämpft und keine der beiden hat es an entwertenden Urteilen über die andere fehlen lassen. Die Rathenauer nannten die Siemensianer „rückständig“, „bureaukratisch verknöchert“; diese bezeichneten das Gebaren der andern als „Machenschaften von Handelsleuten“ und brandmarkten das wirtschaftliche Streben der Gegner als „Unternehmung“ im üblen Sinne. Besonders deutlich trat der Gegensatz in der verschiedenen Auffassung von der Beziehung zur Kundschaft zutage: die „alte“ Richtung huldigte dem noch wesentlich handwerklichen Grundsatz der fest abgegrenzten Kundschaft, die man an sich herankommen lassen müsse; die neue dem Prinzip der Eroberung, des Kundenfangs. Es entsprach durchaus der Siemensschen Auffassung, wenn diese „den plötzlichen Einbruch in sein unbestrittenes Arbeitsgebiet... als frevelhaften Eingriff . . ., als einen Einbruch in sein Haus“ empfand, wie uns wiederum Riedler (a. a. 0. S. 55—62) berichtet. III. Die Herkunft Neu sind die Wirtschaftsführer im Zeitalter des Hochkapitalismus endlich auch noch ihrer Herkunft nach. 1. Betrachten wir zunächst das Rekrutierungsgebiet der Unternehmerschaft innerhalb eines bestimmten Volkskörpers, also ihre soziale Herkunft, so läßt sich als das wichtigste Kennzeichen unserer Epoche eine weitgehende Demokratisierung des Führertums feststellen: die leitenden Männer des Wirtschaftslebens steigen aus immer breiteren und somit immer tieferen Schichten der Bevölkerung auf. 2 * 20 Erster Abschnitt: Die treibenden Kräfte Das einzige zuverlässige Ziffernmaterial, das wir besitzen, um diese wichtige Wandlung statistisch nachweisen zu können, ist meines Wissens dasjenige, das Chapman und Marquis in ihrem obengenannten Aufsatz zutage gefördert haben. Es bezieht sich auf die englische Textilindustrie und weist folgende Ergebnisse auf: Von 63 Unternehmern in der englischen Baumwollweberei, die bei einer Umfrage antworteten (von 80 befragten), gehörten 48 oder 76% der „ersten Generation“ an. Unter erster Generation verstehen die Verfasser: „employers, mana- gers and others . . . who have themselves risen from the operative classes or from classes earning no more than operatives“. In einer Industriestadt mit 100000 Einwohnern wurden 139 Unternehmer ermittelt, denen 93400 Webstühle gehörten; davon waren 88 oder 63% „erste Generation“; diese Vertreter der ersten Generation besaßen 49% der Webstühle; andere Privatunternehmer „ 44 „ „ „ Aktiengesellschaften „ 7 ,, ,, ,, In der Baumwollspinnerei, die im wesentlichen von Aktiengesellschaften betrieben wird, lagen die Dinge wie folgt: bei der Befragung ganzer Boards of Directors wurden 65 Direktoren befragt, von denen 45 antworteten. Von diesen 45 gehörten 33 oder 73% zur „ersten Generation“. Ferner wurden 65 mill managers, also geschäftsführende Direktoren befragt. Von diesen antworteten wiederum 45, und von diesen 45 waren 38 oder 84% Angehörige der „ersten Generation“. Eine Spezialuntersuchung betraf 20 Baumwollspinnereien in einer Baumwollstadt. Hier gehörten der „ersten Generation“ an: von den managing directors 13% ,, ,, managers (salary 200—800 £) 42 „ „ „ assistant managers (salary 100—150 £) 67 „ Aber auch der Augenschein läßt keinen Zweifel an der Richtigkeit unsrer Feststellung aufkommen und eine oberflächliche Erwägung macht die Tatsache der Demokratisierung einleuchtend. Früher — das heißt während der ganzen frühkapitalistischen Periode — mußte der Unternehmer selbst reich sein oder er mußte der Sohn eines reichen Mannes sein oder er mußte sich reichen Leuten verbinden. Sehr häufig also mußte sich der Fall ergeben, daß der eine Unternehmerfähigkeiten und kein Geld, der andere dieses aber keine Unternehmerfähigkeit oder keinen Unternehmerwillen besaß. Heute kann der reiche Mann sein Geld mit Leichtigkeit als Kapital verwenden, ohne selbst Unternehmer zu sein, der Mittellose aber kann sich leichter Geld verschaffen. Die Wege, um den mittellosen Unternehmer in den Besitz des notwendigen Kapitals zu setzen, sind, wie man weiß, die Aktiengesellschaften und das Kreditsystem, von denen noch ausführlich die Rede sein wird. Vor allem das Kreditsystem ist es, das die Ausübung der Unternehmertätigkeit Zweites Kapitel: Die neuen Führer 21 auch dem kapitalarmen Manne ermöglicht: „Kreditanstalten sind die Stützen für das Genie“, ist ein oft angeführtes Wort, das von der Bremer Handelszeitung im Jahre 1856 geprägt wurde. Der Aufstieg zum Unternehmertum erfolgt, soviel wir zu sehen vermögen, meist in generationsweisen Staffeln: die vorletzte Staffel ist der (alte und neue) Mittelstand. Daß auch die großen Führer unserer Tage häufig sehr klein angefangen haben, lehren uns die Lebensbeschreibungen dieser Männer, die wir ja in großer Zahl besitzen. Beispiele: In Deutschland stammen von den Großen aus dem Mittelstände, teilweise aus dessen unterster Schicht und fangen in kleinen, abhängigen Stellungen an: Ballin (Auswandereragent), Bosch (Bauernsohn, fängt mit 10000 Mk. an), Dernburg, Helfferich (beide aus Gelehrtenfamilien), Deutsch (Vater Kantor), Fürstenberg (Kommis), Kirdorf (fängt, nachdem das väterliche Vermögen verlorengegangen, als kaufmännischer Leiter einer kleinen Kohlenzeche an), Isidor und Ludwig Löwe (Vater Gemeindeschullehrer), Emil Rathenau (Ingenieur in bescheidenen bürgerlichen Verhältnissen), Werner Siemens (Artillerie-Leutnant: gründet mit 6000 geborgten Talern die „Telegraphenbauanstalt“). Die großen Warenhausbegründer: Jandorf, Tietz, Wertheim (fangen als kleine Ladner in östlichen Provinzstädten an). In Amerika ist die Zahl der großen Emporkömmlinge vielleicht noch größer: Carnegie (Sohn eines armen schottischen Webers), Ford (Sohn eines kleinen Farmers), Harriman (Sohn eines Hungerpastors auf Long Island), Rockefeller, H. H. Rogers und viele andre sind hier zu nennen. 2. Eine sehr wesentliche Verschiebung hat die Zusammensetzung der internationalen Unternehmerschaft in völkischer Hinsicht erfahren, dadurch, daß die Führerschaft im Laufe des hochkapitalistischen Zeitalters immer mehr auf die in ihrem Kern germanischen Nationen übergegangen ist (während, wie wir früher feststellen konnten, der Schwerpunkt des Wirtschaftslebens während der frühkapitalistischen Epoche in den wesentlich romanischen Völkern gelegen hatte). Im Jahre 1910/11 nahmen Deutschland, England und die Vereinigten Staaten an der Erzeugung der wichtigsten Rohstoffe und Halbfabrikate in folgendem Verhältnis teil: Zink 65%, Blei 71%, Rohöl 71 °/ 0 , Baumwollgarn 75% (Anteil der Spindelzahl), Kupfer 76%, Stahl 78%, Roheisen 79%, Baumwolle (ohne Ägypten) 80%, Steinkohle 82%, Koks 84%. Ein anderer, wichtiger Umstand, dessen hier Erwähnung zu tun ist, ist der: daß in allen Ländern einen wachsenden Anteil an der Leitung des Wirtschaftslebens die Juden sich erobert haben. In Deutschland waren vor dem Kriege von den Direktoren industrieller Unternehmungen 13,3% Juden (die selbst nur etwa 1% der Bevölkerung 22 Erster Abschnitt: Die treibenden Kräfte ausmachen). Der Anteil der jüdischen Direktoren an der Gesamtzahl stieg in der elektrischen Industrie auf 23,1, in der Metallindustrie auf 25,0, in der Leder- und Kautschukindustrie auf 31,5%. Von den Mitgliedern der Aufsichtsräte in industriellen Aktiengesellschaften waren 24,4% Juden (in den Kaliwerken 29,4, in der Metallindustrie 30,7, in den Brauereien 31,5%). Genauere Nachweise siehe in meinem Buche: Die Juden und das Wirtschaftsleben. Zuerst 1911. Weit größer ist der Anteil der Juden an der Leitung der Banken, die heute zum größten Teil in jüdischen Händen sich befinden. Ebenso überwiegen die Juden im großkapitalistischen Detailhandel: die meisten Warenhäuser, die in Deutschland fast sämtlich nach dem System Tietz eingerichtet sind, sind von jüdischen Kaufleuten begründet worden. Vgl. F. Pinner, Deutsche Wirtschaftsführer (1924), 2/3. Was für Deutschland gilt, gilt in höherem oder geringerem Grade für alle Länder mit kapitalistischer Kultur. 3. verdient die Tatsache Erwähnung, daß die moderne Unternehmerschaft in kultureller Hinsicht dort, wo sie die (kapitalistisch) größten Erfolge errungen hat (wie in den Vereinigten Staaten und teilweise in Deutschland) vielfach koloniales Gepräge trägt. Freilich ist in dieser Kichtung nur eine Entwicklung weiter gediehen, die schon in früh kapitalistischer Zeit ihren Anfang genommen hatte. Absichtlich habe ich in diesem Kapitel nur die Tatsachen aufgezählt, aus denen wir zu erkennen vermögen, daß neue Führer an die Spitze der Wirtschaft getreten sind, ohne die Bedeutung dieser Erscheinung abzumessen. Diese Bedeutung liegt vor allem in der Steigerung der Energie, die in der Wirtschaft zur Entfaltung kommt. Da dieses Phänomen aber über dasjenige der Erneuerung des wirtschaftlichen Führertums hinausgreift, so soll es in einem besonderen Kapitel behandelt werden. 23 Drittes Kapitel Die Entfaltung der wirtschaftlichen Energie I. Die Tatsachen der Energieentfaltung Wir stellen zunächst die Tatsache der Energieentfaltung in der hochkapitalistischen Epoche fest. 1. sind mächtigste Triebe in den Dienst der Wirtschaft getreten und zur vollen Entfaltung gelangt: stärkste Willensimpulse, brennende Leidenschaften, sehnendes Drängen. Unter diesen dein Wirtschaftsleben dienstbar gemachten Trieben nimmt zweifellos den ersten Kang ein das Erwerbsstreben, das heißt das Streben, den Geldbesitz durch wirtschaftliche Tätigkeit zu mehren. Dieses Erwerbsstreben drängt nach a) schrankenloser, b) unbedingter, c) rücksichtsloser Entfaltung, wie ich das an andrer Stelle näher ausgeführt habe. Verwandt dem Erwerbstriebe ist der Machttrieb, das heißt das Streben, viele Menschen und Dinge in Abhängigkeit von sich zu bringen. Erwerbsstreben und Machtstreben gleichen sich darin, daß sie beide ein Streben nach Expansion enthalten, das heißt nach Ausdehnung der individuellen Lebenssphäre. Ihnen gesellt sich als mächtiger Trieb bei der Gestaltung der Wirtschaft hinzu der Tätigkeitsdrang, der im Gegensatz zu den beiden eben genannten Trieben für Intensivisierung der Tätigkeit sorgt. Er tritt besonders deutlich hervor in dem Drange nach Beschleunigung des Lebenstempos, der dem Zeitalter des Hochkapitalismus eigentümlich ist. Dieser Drang nach Beschleunigung äußert sich einerseits in einer Hochbewertung der Zeit, wie sie bisher nirgends zutage getreten ist: „Zeit geht vor Baum“. Zeit gehört zu den wertvollsten Dingen. Ja: die gemeine Meinung hat ihr die höchste Würde verliehen, die sie verleihen kann: sie hat Zeit und Geld in ihrem Werte gleichgesetzt: time is money. Wie hoch man die Zeit bewertet, geht mit besonderer Deutlichkeit aus der Vervollkommnung der Zeitmessung und der allgemeinen Verbreitung der Zeitmaßinstrumente hervor. Ich habe am ge- 24 Erster Abschnitt: Die treibenden Kräfte hörigen Orte nachgewiesen, wie die Zeitmessung in ihrer exakten Form mittels der modernen Uhren eine Begleiterscheinung des Aufkommens der kapitalistischen Wirtschaft überhaupt ist: siehe den 1. Band Seite 506f. und den 2. Band Seite 127f. dieses Werkes; sowie meinen „Bourgeois“ Seite 421. Hier ist nun zu vermerken, daß erst das Zeitalter des Hochkapitalismus das Uhrenwesen recht zur Entfaltung kommen sieht: intensiv, sofern die Uhren auf den höchsten Grad der Vervollkommnung gebracht werden, so daß sie Tausendstel Sekunden zu messen vermögen; extensiv, sofern das Bedürfnis, die Zeit genau zu messen sich zu einem allgemeinen ausgeweitet hat: es vollzieht sich kein Akt heute mehr, der nicht der Zeitbestimmung und Zeitbemessung unterworfen wäre und der letzte Arbeiter hält es für notwendig, selbst im Besitze eines Zeitmeßinstrumentes zu sein, für deren Verbreitung in der Öffentlichkeit zudem die Behörden oder betriebsame Uhrmacher Sorge tragen. Andrerseits aber tritt der Drang nach Beschleunigung zutage in dem immer weitere Kreise erfassenden Streben nach Beschleunigung der Lebensführung selbst. Man hält es für wichtig, wertvoll, notwendig — und richtet danach sein Handeln ein — : rasch zu gehen und zu reisen, am liebsten zu fliegen; rasch zu produzieren, zu transportieren, zu konsumieren; rasch zu sprechen (Bildung von Wortungeheuern aus den Anfangsbuchstaben mehrerer Worte! Telegrammstil!), rasch zu schreiben (Kurzschrift!). Mit Vorliebe setzt man das Wort „Schnell“ vor alle möglichen Vorgänge und Vornahmen: Schnellzug, Schnelldampfer, Schnellpresse, Schnellbleiche, Schnellphotographie. In welche ganz eigentümliche Vorstellungswelt uns dieser Beschleunigungsdrang versetzt hat, dessen werden wir uns meist erst bewußt, wenn wir unser Zeitalter mit andern Zeitaltern, unsere Kultur mit andern Kulturen in Vergleich setzen: etwa mit dem Zeitbewußtsein der Naturvölker oder auch der früheren europäischen Kulturzeitalter, des Mittelalters und noch des frühkapitalistischen, in dem, wie ich seinerzeit ausgeführt habe, insbesondere das Wirtschaftsleben sich noch in einem langsamen, gemächlichen Tempo abspielte, so daß ein scharfer Beobachter noch im 18. Jahrhundert die Bemerkung machen konnte: in Paris laufe man, weil so viele Müßiggänger auf der Straße seien, in Lyon aber gehe man gemessenen Schrittes, weil die Leute hier alle „zu tun“ hätten. Aber auch im Vergleich mit den außereuropäischen Kulturen, wie sie noch heute bestehen, erscheint die unsrige deutlich als eine hastige, eilende, unruhige. Im Orient brauchen alle Arbeiten Zeit: Seide, Tee, Lack, Stickerei, Teppiche. Dort malt man die Schrift, Drittes Kapitel: Die Entfaltung der wirtschaftlichen Energie 25 spricht und schreibt man unendlich umständlich. Langsam, gravitätisch schreitet man daher. Man weiß noch, was Würde des Auftretens bedeutet. Allen bisher hervorgehobenen, dem hochkapitalistischen Zeitalter eigentümlichen Strebungen gemeinsam ist der Unendlichkeitsdrang, ist die Grenzenlosigkeit der Zielsetzung, ist die Kraft, die über alles organische Maß hinausstrebt. Es liegt hier eine jener inneren Widersprüche zutage, von denen die moderne Kultur erfüllt ist: daß das Leben in seiner höchsten und stärksten Betätigung über sich selber hinausgreift und, wie wir noch feststellen werden, sich selber zerstört. Was uns hier aber an dieser Tatsache fesselt, ist die Wirkung, die sie auf das Wirtschaftsleben ausübt. Alle jene ins Unbestimmte hinausstrebenden Kräfte verleihen der hochkapitalistischen Wirtschaft ihren ausgesprochen dynamischen Charakter. Auch diese wohnt allem Kapitalismus seiner Idee nach inne: ein Werk der in der neuen Zeit zur Entfaltung kommenden Lebenskräfte ist es, diese Bestandteile der Idee zur Verwirklichung zu bringen. 2. Nun äußert sich aber die Steigerung der wirtschaftlichen Energie im Zeitalter des Hochkapitalismus keineswegs nur in der Entfaltung jener eben gekennzeichneten Triebe. Vielmehr wirkt in gleicher Bichtung wie diese eine Tatsache, die in einem sonderbaren Gegensätze zu der kraftvollen Äußerung jener höchst irrationalen Mächte steht; das ist die sublimste Ausbildung gerade des ökonomischen Rationalismus, das heißt: die Durchdringung aller Wirtschaft mit den feinsten Methoden rationaler Zweckgedanken. Sodaß dem immer stürmischeren Willen nach Ausweitung der wirtschaftlichen Energie eine Steigerung der Intelligenz, des Wissens und Könnens, diese Energie zur wirkungsvoller Anwendung zu bringen, entspricht. 3. Dieser (innerlich) zur völligen Reinheit gelangte kapitalistische Geist, dieses seltsame Gemisch von leidenschaftlichem Unendlichkeitsdrang und kühler rationaler Überlegung, dehnt sich nun (äußerlich) immer weiter aus. Und diese intensive und extensive Verwirklichung des kapitalistischen Geistes ist eben das kennzeichnende Merkmal, das das Zeitalter des Hochkapitalismus von dem des Frühkapitalismusunterscheidet. Die extensive Verallgemeinung ist in einem mehrfachen Sinne zu verstehen: zunächst wird das gesamte Unternehmertum von ihm ergriffen. Dann aber werden auch die Angestellten und schließlich immer weitere Kreise der Arbeiterschaft von ihm angesteckt. Endlich ist die Ausdehnung im geographischen Verstände zu fassen: die ganze 26 Erster Abschnitt: Die treibenden Kräfte Erde — bis in das Innere von Afrika, Indien und China — wird dem Dämon des kapitalistischen Geistes unterworfen. II. Gründe der Energieentfaltung Die Gründe, die zu jener intensiven und extensiven Hochentwicklung des kapitalistischen Geistes geführt haben, haben wir zu suchen: 1. in der biologisch-seelisch-geistigen Eigenart der neuen Männer, die jetzt das Wirtschaftsleben gestalten; 2. in bestimmten Einflüssen äußerer Umstände, denen ihre Tätigkeit unterliegt; 3. in dem eigentümlichen Prozeß der Versachlichung des wirtschaftlichen Prozesses, der dem Zeitalter des Hochkapitalismus eigentümlich ist und der, wie zu zeigen sein wird, bewirkt hat, daß eine Steigerung der wirtschaftlichen Energie über die in den Einzelpersonen sich entfaltenden Kräfte hinaus eingetreten ist. 1. Der neue Menschentyp 1. Durch den von mir im vorigen Kapitel geschilderten Ausleseprozeß sind Männer zur Herrschaft gelangt, die ihrer Veranlagung nach Höchstleistungen wirtschaftlicher Energie in intellektueller wie voluntaristischer Hinsicht zu entfalten berufen waren. a) Die Demokratisierung des Unternehmertums mußte bewirken, daß — bei einem gegebenen Prozentsatz von Unternehmernaturen in einer Bevölkerungsmasse — mehr Personen mit Unternehmerwillen und Unternehmerfähigkeiten zur Betätigung gelangten als in einer Gesellschaft, in der die Unternehmerfunktion noch an die Bedingung des Geldbesitzes gebunden war. b) Durch die rassenmäßige Verschiebung des Schwerpunkts des Kapitalismus, wodurch dieser, wie wir sahen, mehr und mehr eine germanisch-jüdische Angelegenheit geworden ist, sind offenbar Volksstämme an die Front gekommen, die stärkere Unternehmerbegabungen in sich schließen: die germanische Basse bringt für die Entfaltung des kapitalistischen Geistes mit das unternehmende Vorwärtsdrängen, das „Faustische“, die zähe Ausdauer, die konstruktive, architektonische Veranlagung, die jüdische Basse die große Betriebsamkeit, den spekulativen Spürsinn, die starke Bechenhaftigkeit, die Einfühlungsfähigkeit, den Fortschrittshunger. c) Die kolonialen Menschen stellen eine Energieauslese dar und sind ihrem Wesen nach auf ein Streben nach Neuem eingestellt. Drittes Kapitel: Die Entfaltung der wirtschaftlichen Energie 27 Alle diese Zusammenhänge habe ich teils im ersten Bande dieses Werkes, teils in meinem „Bourgeois“ so ausführlich behandelt, daß ich mich hier mit diesen wenigen Bemerkungen begnügen kann. 2. Die Neuregelung des Funktionenkreises der neuen Wirtschaftsführer, den wir ebenfalls bereits festzustellen Gelegenheit hatten, hat bewirkt, daß mm innerhalb der in der angedeuteten Weise ausgelesenen Unternehmer jeder an seinen Platz gelangte, an dem er ein Maximum von Leistung hervorzubringen vermochte. a) Durch die Abtrennung aller Nebenfunktionen wird die ausschließliche Pflege der Unternehmertätigkeit möglich: der „reine“ Unternehmer gelangt zur Wirksamkeit. b) Durch die Spezialisierung der Funktionen kommen besondere Talente zur besonderen Tätigkeit. Übung und Einarbeitung steigern die Leistungsfähigkeit. c) Die Kooperation in Direktorenkollegien fördert die Leistungen der einzelnen und steigert die Gesamtleistung. 3. In den neuen Männern vollzieht sich eine weltanschauliche Neuorientierung, die sie geeignet macht, höchste Leistungen im Rahmen der kapitalistischen Wirtschaft zu vollbringen. Lächerlich, heute noch — selbst in den äußerlich jüdisch oder christlich „fromm“ gebliebenen Unternehmerkreisen — irgendwelche wesentliche Beeinflussung der Unternehmertätigkeit durch den alten Glauben anzunehmen. Dieser ist durchaus eine Sonntagsangelegenheit geworden. Das Alltagsleben wird vielmehr aus einer ganz und gar neuen Geisteshaltung heraus bestimmt. Dort wo die Lebensführung nicht rein naturalistisch, triebhaft gestaltet ist — und ich bin geneigt, anzunehmen, daß das heute die Regel bildet —, wo also nicht Erwerbstrieb, Machttrieb, Tätigkeitstrieb das Handeln bestimmen, wo vielmehr irgendwelche normhafte, überindividuelle Regelung Platz greift, sind es vornehmlich folgende Ideen, die Einfluß auf das Gehaben des kapitalistischen Unternehmers ausüben: a) Der Glaube an den Fortschritt, an die humanitäre Mission der wirtschaftlichen Expansion, der sich vielleicht sogar zu der Vorstellung auswächst: einen Dienst am Gemeinwohl zu verrichten. Aus diesem wichtigsten Religionsersatz folgen: a) der Wille zum Erfolge, das heißt: das Bemühen, wirtschaftlich große Erfolge zu erzielen: eine Seelenstimmung, die beispielsmäßig allen Amerikanern vom Trustmagneten bis zum letzten Laufburschen eigentümlich ist; 28 Erster Abschnitt: Die treibenden Kräfte ß) ein unerschütterlicher Optimismus; y) ein Pflichtbewußtsein, soweit dieses sich nicht — was der häufigere Fall sein wird — ergibt aus b) der Herausbildung eines besonderen, modern bürgerlichkapitalistischen Pflichtbegriffs. Einen solchen gibt es in der Tat. Er ist ursprünglich wohl religiös untermauert gewesen (hier besteht in der Tat ein Zusammenhang zwischen moderner Berufsethik und Bewährungsglauben), ruht aber seit langem auf einer aus Parvenü-Ressentiment und Gewissensbeschwichtigungsbestreben gebildeten Grundlage. Diese besteht in einer Betonung der Leistungswerte, einer Überschätzung der Arbeit als solcher und ihrer Anerkennung als einziger Quelle irdischen Wohlergehens. Verdienst gilt nur insoweit als Verdienst, als es auf harter Arbeit aufgebaut ist. „Arbeit ist des Bürgers Zierde Segen ist der Mühe Preis“. Es ist ein durchaus europäisch-amerikanisches, genauer nordisches Ideal, das in dieser Pflichtenlehre verkündet wird, und das stimmt überein mit der von uns bereits gewürdigten Tatsache, daß der moderne Kapitalismus seine Wurzeln in den nordischen Rassen hat, die auch dem Verbürgerlichungsprozesse sich am ehesten zugänglich erwiesen haben. c) Nun wird aber das Handeln des modernen Wirtschaftsmenschen in ganz unkantischer Weise keineswegs nur durch das Pflichtbewußtsein bewegt, sondern — so seltsam es klingt — doch auch durch die Liebe. Freilich einer eigentümlichen Abart der Liebe, nämlich der Liebe zu seinem Geschäft. Psychologisch werden wir uns diese Pervertierung der geistigen Haltungen damit erklären müssen, daß in der Seele des Unternehmers infolge eines Übermaßes von Arbeit und insonderheit von Beschäftigung mit geschäftlichen Dingen, die ihm für nichts anderes Zeit läßt, alle übrigen Seiten verkümmern, daß Natur, Kunst, Literatur, Staat, Freunde, Familie keine Reize mehr auszuüben vermögen, daß er infolgedessen von einem unerträglichen Gefühl der Leere und Öde ergriffen wird, sobald er aus der schützenden, wärmenden, belebenden Welt der Zahlen heraustritt. In dieser Welt der Geschäfte hingegen findet er alles, was ihn erfrischt, ermuntert, beglückt; er empfindet sie als seine wahre Heimat, als den Jungbrunnen, aus dem er neue Kräfte schöpft, als die Quelle, die denVerdurstenden neu belebt. Kein Wunder, daß er dieser Welt schließlich auch seine Liebe widmet. Und kein Zweifel, daß durch diesen Prozeß, der sich in dem modernen Wirtschaftsmenschen abspielt, dem Wirtschaftsleben eine Fülle von Lebensenergie zugeführt Drittes Kapitel: Die Entfaltung der wirtschaftlichen Energie 29 wird, die durch nichts anderes entbunden werden könnte. Es ist von unermeßlicher Bedeutung für die Entfaltung kapitalistischen Wesens geworden, daß der Wirtschaftsorganismus nicht nur bewegt wird durch den aus dem Pflichtbewußtsein fließenden Willen des Unlustigen, sondern daß in ihm die ganze Liebe, deren der moderne Mensch noch fähig ist, ihr fruchtbares Werk verrichtet. 2. Äußere Einflüsse 1. Eine erste Wirkung übt die Umwelt auf den kapitalistischen Unternehmer der neuen Zeit dadurch aus, daß er sich in ihr von all den vielen Schranken befreit sieht, die das Wirtschaftssubjekt der früheren Jahrhunderte, auch noch, wie ich gezeigt habe, den frühkapitalistischen Unternehmer in seiner Handlungsfreiheit beengten. a) Die neuen Männer sind als solche frei von der Rücksichtnahme auf die Tradition der Familie, des Geschäftes, der kaufmännischen Sitten. Früher lag das große Geschäft meist in den Händen aristokratischer Famiüen mit seigneurialen Neigungen, die eine ängstliche Scheu vor unsoliden Machenschaften erfüllte, die die Absicht hatten, viel eher zu erhalten als zu erobern, die daher neophob waren, von einer starken Vorliebe für Überlieferung erfüllt. Daß die über die einzelnen Geschäftsleute hinweg deren Verhalten regelnden Sitten und Gebräuche streng waren, stand im engen Zusammenhang mit dieser wesentlich tradionalistisch gesinnten Unternehmerschaft. Von allen diesen Bindungen und Hemmungen ist der Emporkömmling frei: er gestaltet die Welt nach seinen Zwecken beliebig um. Diesen wichtigen Zusammenhang in seiner ganzen Bedeutung als erster erkannt zu haben, ist, soviel ich sehe, das Verdienst Bagehots, der im ersten Kapitel seines Buches „Lombard Street“, das zuerst 1872 erschien, ausführlich davon handelt. Es ist sehr bezeichnend, daß er damals „die neuen Männer“ und ihre Wirksamkeit nur — in England glaubt feststellen zu können. Angesichts der Wichtigkeit des Problems mögen hier einzelne Stellen aus Bagehot Platz finden: Früher (das heißt in Bagehots richtiger Auffassung: vor der Ausbildung der modernen Kreditwirtschaft, die damals noch in den ersten Anfängen war — B. denkt immer nur an Zirkulations- (= Diskont) kredit — mußten die unternehmungslustigen, tüchtigen Männer sich langsam heraufarbeiten, und wenn sie überhaupt Erfolg hatten, kamen sie meist nicht über das Mittelmaß heraus. Nun werden sie sofort in die Höhe getragen. Dadurch bekommt die wirtschaftliche Gesellschaft „a democratic structure“ und damit einen neuen Geist. Die früheren, alten Kaufmannsfamilien „who inherited nice cultivation as well as great wealth and who, to some extend, combined the tastes of an aristocracy with the insiglit and verve 30 Erster Abschnitt: Die treibenden Kräfte of men of business . . . are pushed out, so to say, by the dirty crowd of little men . . . Tbis constant levelling of our commerce bouses is . . . unfavorable to commerce morality: die alten Familien leben in der Kontinuität des Geschäfts, bei der unsolide Praktiken entdeckt werden, die neuen Männer sind skrupellos: tbese men want business at once and tbey produce an inferior article to get it. They rely on cbeapness and rely successfully. Sie sind „little sleepy prompts to seize new advantages . .Der Alte, Große denkt: ,,I bave a great income and I want to keep it. If tbings go on as tbey are, I sball containly keep it; but if tbey cbange, I may not keep it. Consequently be considers every cbange of cireumstances a ,bore‘ (Belästigung) and thinks of such changes as little as be can . . But a new man, wbo bas his way to make in the world, knows that such changes as bis opportunities; be is always on tbe look-out for tbem and always beads tbem, wben be finds tbem . . Solche Wirtscbaftssubjekte haben „tbe propensity to variations . . b) Die Direktoren von Aktiengesellschaften sind zudem befreit von der Rücksichtnahme auf das eigene Vermögen. Es ist eine schon von Marx festgestellte Erfahrung, daß die Verwalter fremden Kapitals „als solche ganz anders ins Zeug (gehen) als der ängstlich die Schranken seines Privatkapitals erwägende Eigentümer, soweit er selbst funktioniert“. c) Sind die modernen Unternehmer sämtlich, bis auf verschwindende Ausnahmen, befreit von den überaus lästigen Bindungen durch die Religion und einer an der Religion verankerten Moral. Diese Säkularisation des kapitalistischen Geistes, die ich vorhin schon in ihren positiven Auswirkungen gekennzeichnet habe, muß als eine der wichtigsten Erscheinungen der modernen Zeit betrachtet werden. Denn sie erst ist es, die dem ganzen Dämonion von Leidenschaften freie Bahn schafft, die heute über die Wirtschaft hereingebrochen sind. Es ist unzweifelhaft richtig, daß in den Anfängen des Kapitalismus die Religion in bestimmten Prägungen: als puritanische und jüdische der Entfaltung des kapitalistischen Geistes Förderung hat zuteil werden lassen. Aber nicht weniger richtig ist, daß in jenen frommen Zeiten die Religion sich der freien Auswirkung dieses Geistes hemmend in den Weg gestellt hat, wie ich das wiederum bei früheren Gelegenheiten ausführlich dargetan habe: nicht nur, daß sie doch den Sinn der Menschen in hohem Grade von den irdischen Dingen ablenkte (die Puritaner hatten wegen der vielen Gottesdienste in den ersten Jahrhunderten überhaupt keine Zeit, sich viel mit Geschäften abzugeben): sie schuf auch — und gerade die jüdisch-puritanische Religion — so unermeßlich viele Hemmungen der freien Entschließung in den unzähligen religiösen und moralischen Drittes Kapitel: Die Entfaltung der wirtschaftlichen Energie 31 Geboten und Verboten, daß von einer freien, das beißt rücksichtslosen Entfaltung des Erwerbsstrebens keine Rede sein konnte. Erst mit dem Wegfall der religiösen Bindungen wurde diese möglich. Heute ist der Grundzug alles wirtschaftlichen Verhaltens „die Skrupellosigkeit“, und sie verträgt sich schlecht mit irgendeinem Religionssystem, das aus sich auch der bürgerlichen Moral die Richtlinien vorschreibt. Daß mit dieser allgemeinen Entfesselung des kapitalistischen Geistes auch die „unsoliden“ Machenschaften, selbst die Gesetzesbeugungen ebenso wie die Zahl der auch im Sinne der bürgerlichen Moral nicht einwandfreien Wirtschaftssubjekte eine Vermehrung erfahren haben, ist selbstverständlich. Unsinn ist es aber, wie es von manchem Historiker des kapitalistischen Zeitalters geschieht (in abschreckender Weise arbeitet Myers in seiner Geschichte der großen amerikanischen Vermögen mit diesem Mittel) nun den gesamten modernen Kapitalismus als einen Ausfluß verbrechischer Handlungen zu schildern. Daß er das nicht ist und nicht zu sein brauchte: dafür sorgte schon, wie im folgenden Abschnitt zu zeigen sein wird, der moderne Gesetzgeber, der in seinen Gesetzen einen so weiten Spielraum für die freie Betätigung des kapitalistischen Wesens schuf, daß dieses meist nicht nötig hatte, auch noch die wenigen Gesetze, die ihm Schranken auferlegten, zu übertreten. Wir haben uns die Entfaltung des kapitalistischen Geistes und damit die Steigerung der wirtschaftlichen Energie als einen Prozeß vorzustellen, in dessen Verlauf durch eine stete Wechselwirkung zwischen innerer Entwicklung und äußeren Einflüssen immer neue Seiten jenes Geistes sich ausbreiten, immer neue Quellen der Kraft erschlossen werden. Diese äußeren Einflüsse, denen wir nunmehr nach ihrer positiven Seite hin unser Augenmerk zuzuwenden haben, können wir uns am besten als Reize vorstellen, die auf das Seelenleben der Wirtschaftssubjekte einwirken und die zu Anreizen für eine weitere Häufung und Auswirkung der in diesen schlummernden Energien werden. Diese Reize sind doppelter Natur: sie erscheinen einerseits als Hemmungen, die sich dem Handeln entgegenstellen, die aber von dem Handelnden überwunden werden durch einen größeren Kraftaufwand, als er ohne das Dazwischentreten dieser Hemmungen zu machen gehabt hätte, andererseits als Förderungen des Verhaltens der Wirtschaftssubjekte. Wir nennen jene negative, diese positive Anreize. 2. Die negativen Anreiz e sind gemeinsam dadurch gekennzeichnet, daß sie eine Erschwerung der Wirtschaftsführung bedeuten, der zum 32 Erster Abschnitt: Die treibenden Kräfte Trotz der kapitalistischen Unternehmer sein Ziel verfolgen muß. Solche Erschwerungen sind: a) Erschwerung der Warenmarktbedingungen, wie sie das 19. Jahrhundert in vielen Richtungen gebracht hat: Verschärfung der Konkurrenz, infolgedessen: Notwendigkeit, sich ihr gegenüber zu behaupten, sich durchzusetzen, die Ellbogen zu gebrauchen, Notwendigkeit, nach Bruchteilen von Pfennigen zu rechnen, Notwendigkeit, immer lauter zu schreien u. a. b) Erschwerung der Arbeitsmarktbedingungen, das heißt im wesentlichen: Verteuerung der Arbeitskraft. a) Eine solche trat wegen Knappheit der Arbeitskräfte von selbst ein in allen kolonialen Gebieten, einer der Gründe, warum in diesen, namentlich in Nordamerika der Kapitalismus eine so viel intensivere Entwicklung erlebt hat, als in alten Gebieten. Bekannt ist der Zwang zur frühen Maschinisierung, den die amerikanische Wirtschaft unterlegen gewesen ist. Und — was uns hier angeht — in diesem äußeren Vorgang bekundet sich eine so viel regere Unternehmungslust als in andern Ländern. über den Vorsprung, den die Vereinigten Staaten auf dem Gebiet der Arbeitsmaschinerie noch vor einem Menschenalter hatten, berichtet Emil Rathenau nach einem Besuche der Philadelphia-Ausstellung im Jahre 1876: der Dampfmaschinenbau stand damals in U. S. A. nicht auf der Höhe des europäischen. „Dahingegen leisteten sie auf andern Gebieten des Maschinenbaus schon Hervorragendes. Holzbearbeitungs- und Werkzeugmaschinen für Präzisionsarbeiten, automatische Maschinen zur Herstellung von Zahnrädern, Uhren, Schrauben, Waffen, Näh- und Schreibmaschinen, feine Instrumente zum Messen, wie sie unsere Fabriken nicht einmal kannten, waren in reicher Zahl und vollendeter Ausführung vorhanden, daneben Spezialmaschinen aus fast jedem Gebiet der Industrie.“ Selbstbiographie in A. Riedler, Ernst Rathenau (1916), 28. Anderswo ist die Verteuerung der Arbeitskraft auf künstlichem Wege erfolgt. Die Mittel, sie herbeizuführen, waren vornehmlich folgende: ß) Die Arbeiterbewegung, die dem modernen Unternehmer soviel Verdruß bereitet hat und die doch wie jene Kraft gewirkt hat, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. Auch sie ist letzten Endes wie alles, was sich in unserer Zeit ereignet hat, dem Kapitalismus zum Heile ausgeschlagen, indem sie den Unternehmer zwang, trotzdem die Arbeitskraft sich schrittweise verteuerte, seine Profite zu steigern und zu diesem Ende mehr wirtschaftliche Energie zu entfalten. Drittes Kapitel: Die Entfaltung der wirtschaftlichen Energie 33 Treffend gibt diesem Gedanken Ausdruck H. Lagardelle in seiner Schrift Syndicalisme et socialisme, wo er auf Seite 52—53 wie folgt sich äußert: „Le socialisme et syndicalisme . . . est, au moment oü je parle, l’agent essentiel de la civilisation dans le monde. II jette le capitalisme dans les voies du plus haut perfectionnement possible. Plus les exigences de la classe ouvriere sont pressantes, plus les injustices deviennent hardies, et plus le developpement technique s’accelere et s’intensifie. Les conquetes du Proletariat ne supportent pas une industrie coutumifere, attardee aux vieilles methodes, sans initiative ni audace. Heureux le capitalismes qui trouve devant lui un Proletariat combatif et exigeant.“ Eine gleiche Wirkung, wie die Arbeiterbewegung haben ausgeübt y) die Arbeiterschutzgesetze. Durch Beschränkung der Frauen- und Kinderarbeit, durch Verkürzung der Arbeitszeit, durch Verbesserung der hygienischen und anderen Arbeitsbedingungen fand abermals eine Verteuerung der Arbeitskraft statt und abermals mußte der Unternehmer seine Intelligenz und seinen Willen mehr anstrengen, um immer wieder mehr Profite zu machen. Vgl. auch das 27. Kapitel. In einen etwas größeren Zusammenhang, aber doch auch hierher, gehört c) die Bevölkerungszunahme, deren (für die Ausbildung des Kapitalismus) so segensreiche Wirkung wir noch oft festzustellen haben werden. Sie ist auch bedeutsam geworden für die Entfaltung der wirtschaftlichen Energie, sofern eine reichere Kinderzahl zum Erwerb, zum Schaffen und Wirken zwingt. Die Möglichkeit, den Kindern „ein gesichertes Auskommen“ nach dem Tode der Eltern ohne Arbeit zu verschaffen, verringert sich mit der Zahl der Kinder. Die Gesinnung der Eltern aber nimmt auch andere Gestalt an, wenn fünf Kinder als wenn zwei im Hause sind. Man läßt die Kinder etwas „lernen“, damit sie sich durchs Leben bringen können und gewöhnt sie an den Gedanken, daß nur durch stete Betriebsamkeit der einzelne sich eine Existenz bereiten kann. Die Denkweise des Rentners wird ausgeschlossen 1 ). 3. Die positiven Anreize entspringen aus der Eigenart der modernen Wirtschaftsführung selbst. a) Jede sich ausdehnende Wirtschaft gibt Anlaß, die wirtschaftliche Energie zu steigern: mit dem Aufgabekreise wachsen — eine bestimmte Menge potentieller Energie vorausgesetzt — die Fähigkeiten und der Wille zu einer stärkeren Betätigung; anders ausgedrückt: mit *) Vgl. meine Deutsche Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert. 6. Kapitel. Sombart, Hochkapitalismus. 3 34 Erster Abschnitt: Die treibenden Kräfte der Ausdehnung der Geschäfte wachsen Betriebsamkeit und Tätigkeit. Dazu kommt als energiesteigernder Umstand hinzu die fortschreitende Anhäufung von Erfahrungen. fi- ■ Nun bietet aber die moderne Wirtschaft dank der Eigenart der in ihr zur Anwendung gelangenden Technik und dank der Eigenart der kapitalistischen Organisation besondere Anreize zur Entfaltung der wirtschaftlichen Energie dar. b) Die Anreize, die von der modernen Technik ausgehen, vermögen wir erst ganz in ihrer Wesenheit zu würdigen, nachdem wir die Besonderheiten der modernen Technik werden kennen gelernt haben. Immerhin werden einige Hinweise auch hier schon verständlich sein. a) Jede technische Neuerung weckt und weitet den Unternehmungsgeist: man denke etwa an die Wirkung, die die Erfindung des Kompasses auf die Entwicklung der Seeschiffahrt ausgeübt hat. Es ist aber eines der wesentlichen Kennzeichen der heutigen Technik, daß sie sich in ihren Neuerungen überstürzt, also Anreize über Anreize zu Neugründungen und Umgestaltungen des Betriebes schafft. Ihre Möglichkeiten sind unbegrenzt und das Unendlichkeitsstreben des kapitalistischen Unternehmers findet in ihnen das geeignete Betätigungsgebiet. Die gewaltigen Anforderungen, die die moderne Technik stellt, wenn die in ihr ruhenden Möglichkeiten verwirklicht werden sollen, heischen stärkste Unternehmerkräfte. Die Intensivisierung der wirtschaftliche Tätigkeit (Eiltempo!) wird von der modernen Technik befördert, ja erzwungen. ß) Die auf Wissenschaftlichkeit aufgebaute Technik entwickelt das rationale Denken, macht es genauer und pünktlicher. Es besteht eine Parallelität zwischen der Rationalität der Technik und der der Wirtschaft. y) Als ein Werk der Technik werden wir die Verschiebung des Zentrums der Lebenswerte in das Materielle (Nützlichkeits- und Annehmlichkeitswerte!) kennen lernen: damit leistet sie der Entwicklung des Erwerbstriebes Vorschub. c) Die besonderen Anreize, die aus der kapitalistischen Organisation als solcher folgen, sind vornehmlich diese: a) die immer wachsende Größe der wirtschaftlichen Einheiten heischt immer größere Leistung ihrer Leiter; ß) die Hinausprojizierung des Wirkens und des Erfolges in die Zukunft, die (aus später von uns zu erschließenden Gründen) im Wesen der kapitalistischen Wirtschaft liegt, steigert die Betriebsamkeit, die Unrast, die Dynamik des kapitalistischen Unternehmers; Drittes Kapitel: Die Entfaltung der wirtschaftlichen Energie 35 y) die Anforderungen des Kapitals nach, raschem Umschlag ist (neben der bereits erwähnten Anforderung der modernen Technik) eine der äußeren Gründe für die Steigerung des Beschleunigungsdranges; S) die Vermehrung des Reichtums, die der einzelne erfährt, erzeugt den Drang in ihm nach immer weiterer Vermehrung: Pleonexie! e) die Verallgemeinerung des Erfolges, des Aufstieges, des Reicherwerdens wirkt ansteckend; 0) die Aussicht auf Extraprofit — der bei dem revolutionären Charakter der Wirtschaft in deren Wesen liegt — steigert die Energie ins Unermeßliche und bringt das rastlose Jagen und Hasten hervor, das unserer Wirtschaft eigentümhch ist: weil jeder Unternehmer durch Verbesserung des Verfahrens oder der Betriebsorganisation einen Vorsprung vor dem Nachbar und dadurch eben einen Extraprofit hofft erringen zu können, ist sein Dichten und Trachten auf stete Neuerung gerichtet, wird sein Unternehmerwillen stets aufs neue gestrafft, bleibt seine Spannkraft stets aufs äußerste gesteigert. In diesem Streben nach Extraprofit liegt, wie wir noch des öfteren festzustellen Gelegenheit haben werden, das innerste Geheimnis der ihrem Wesen nach im höchsten Sinne dynamischen Wirtschaftsführung des Hochkapitalismus eingeschlossen. 3. Die Versachlichung des kapitalistischen Geistes 1. Als ich die Entstehung des modernen Kapitalismus zu schildern unternahm, habe ich darauf hingewiesen, daß er ins Leben tritt mit der Ausbildung dessen, was wir die kapitalistische Unternehmung nennen: siehe namentlich das zehnte Kapitel des zweiten Bandes dieses Werkes. Dort habe ich als die Eigenart der kapitalistischen Vermögensorganisation die in der kapitalistischen Unternehmung erfolgende Verselbständigung des Geschäfts bezeichnet, das heißt: die Emporhebung eines selbständigen Wirtschaftsorganismus über die einzelnen wirtschaftenden Menschen hinaus, die Zusammenfassung aller neben- und nacheinander sich vollziehenden geschäftlichen Vorgänge in einer Wirtschaft zu einer begrifflichen Einheit, die aber dann selbst als der Träger der einzelnen Wirtschaftsakte erscheint und gleichsam ein eigenes, das Leben der Individuen überdauerndes Leben führt. In der kapitalistischen Unternehmung, dem „Geschäft“, hat man ein kunstvolles Geist- und Zweckgebilde geschaffen, das in der Firma zur Rechtseinheit, in der wissenschaftlichen Buchführung zur Rechnungseinheit, in der Ditta zur Krediteinheit emporgehoben wird und als solches ein- 3 * 36 Erster Abschnitt: Die treibenden Kräfte heitliches System von Beziehungen unabhängig von dem jeweiligen Inhaber sich Zwecke setzt, sich Mittel zu ihrer Durchführung wählt und den lebendigen Menschen in seinen Bann zwingt und mit sich fortreißt. Wir werden uns das Wirken dieses sachlichen Ungeheuers deutlicher vergegenwärtigen müssen, um einzusehen — worum es uns hier zu tun ist —, wodurch es ihm gelingt, die in der Wirtschaft zur Entfaltung gelangende Energie abermals und dieses Mal über das Ausmaß der Einzelkräfte hinaus zu steigern. 2. a) Die kapitalistische Unternehmung hat ihre eigenen Zwecke, richtiger: sie hat einen einzigen, ganz bestimmten Zweck, oder wenn man die in diesem Falle genauere Bezeichnung vorzieht: ein einziges, ganz bestimmtes Ziel: den Gewinn. Die kapitalistische Unternehmung hat nur dieses eine Ziel, weil sie nur dieses eine Ziel haben kann, da es sinnhaft allein ihrem Wesen entspricht. Es ist nur ein analytischer Satz, wenn wir sagen: das einzige Ziel der kapitalistischen Unternehmung ist der Gewinn. Denn sie ist begrifflich nichts anderes als eine Veranstaltung zum Zwecke der Gewinnerzielung. In diesem Gebilde ger langen nun, das ist das wichtige, der Sinn der kapitalistischen Wirtschaft und die Zwecksetzungen ihrer einzelnen Wirtschaftssubjekte zur Einheit. Diese Zwecksetzungen sind ihrem Wesen nach beliebige, weil individuell bestimmte. Es ist nur ein Zufall, wenn unter ihnen der der kapitalistischen Wirtschaft immanente Zweck: das Gewinnstreben auch — und vielleicht in besonderer Stärke und Verbreitung — als subjektives Motiv, nämlich als Erwerbsstreben erscheint. Im übrigen nehmen wir, wenn wir die Motive der kapitalistischen Unternehmer überblicken, eine bunte Fülle wahr: Machtstreben, Ehrgeiz, Pflichtbewußtsein, Gemeinnützigkeit, Betätigungsdrang usw. Indem mm aber alle diese Motive in der kapitalistischen Unternehmung sich auswirken, werden sie mit innerer Notwendigkeit einem höchsten Zweck: eben dem Gewinnstreben untertan gemacht. Denn eine nähere Prüfung ergibt, daß kein einziges der Motive, von denen das Handeln der Unternehmer geleitet wird, irgendwelche Möglichkeit des erfolgreichen Wirkens hat, ohne daß die kapitalistische Unternehmung selbst in ihrem Wirken von Erfolg gekrönt ist. Dieser Erfolg aber kann in nichts anderem bestehen als in der Erzielung eines Gewinnes, das heißt eines Überschusses über dieKosten. Was also auch immer der Unternehmer sonst noch wollen mag, welchem Zweck auch immer sein Wirken subjektiv unterstehen mag: immer muß er, weil er kapitalistischer Unternehmer ist, das Gedeihen, das erfolgreiche Wirken der kapitalistischen Unternehmung Drittes Kapitel: Die Entfaltung der wirtschaftlichen Energie 37 wollen, das ist aber die Gewinnerzielung. Ich habe diese Mediatisierung des subjektiven Zweckes des kapitalistischen Unternehmers in der kapitalistischen Unternehmung die Objektivierung des Gewinnstrebens genannt und habe damit, wie mir scheint, Unklarheiten beseitigt, die bisher in der Auffassung von Sinn und Wesen der kapitalistischen Wirtschaft bestanden. Was ich oben als die unerlaubte Hereinziehung des „Sinnes“ dieser Wirtschaft in den Kausalzusammenhang ihrer Wirklichwerdung bezeichnete, findet hier seine Aufklärung und erfährt seine bedingte Anerkennung. Sieht man die Zusammenhänge in der Weise, wie ich sie eben gezeigt habe, so kann man auch getrost den Marxschen Ausdruck: „das Gewinnstreben des Kapitals“ gebrauchen. Man entfernt sich nicht von dem Boden der Wirklichkeit, indem man diese Sinnbezeichnung des kapitalistischen Wirtschaftens in ihrer Beziehung zu den real treibenden Kräften: der Motivation des kapitalistischen Unternehmers bringt dadurch, daß man diese als eine den Sinn der kapitalistischen Wirtschaft notwendig, das heißt eben durch die Objektierung des Gewinnstrebens, erfüllende aufweist. Diese Auffassung vom Sinn und Zweck der kapitalistischen Unternehmung, die ich zuerst und ausführlicher in dem Aufsatz über den kapitalistischen Unternehmer entwickelt habe, wird von allen kapitalistischen Unternehmern, sie mögen persönlich dem Gelderwerb so fern stehen wie möglich, in vollem Umfange geteilt. Wie sollte es auch anders sein, als daß der Unternehmer in der „Blüte des Geschäfts“, das heißt eben im „Rentieren“ des Geschäfts, den Sinn seines Strebens erblickt? So heißt es, um nur ein paar prominente Stimmen sprechen zu lassen, von Emil Rathenau: „Sein strenger Grundsatz, den er auch allen Mitarbeitern einschärfte, war: wir müssen für die Aktionäre Geld verdienen, eine andre Aufgabe haben wir nicht, dafür sind wir angestellt; wir haben nur dann unsere Schuldigkeit getan, wenn das Unternehmen großen Gewinn bringt.“ A. Riedler, a. a. 0. S. 207. Henry Ford, der als sein persönliches Motiv immer wieder den „Dienst am Gemeinwohl“ bezeichnet, äußert sich dazu wie folgt: „Mein Werk würde nicht als erfolgreich, sondern im Gegenteil als ein glatter Mißerfolg gelten können, wenn ich nicht auch einen angemessenen Gewinn für mich und meine Geschäftsteilnehmer herauswirtschaftete.“ Mein Leben und Werk, S. 190. b) Das Ungeheuer, das wir kapitalistische Unternehmung nennen, hat nun aber auch einen eigenen Verstand. Denn in ihm haust der ökonomische Rationalismus ganz losgelöst von der Person des Inhabers und des Personals. Dieses bedeutet — seiner Mystik entkleidet — folgendes: Ökonomisch rationelle — das heißt der Rentabilität der Unternehmung objektiv angemessene — Geschäftsmethoden bilden sich im Laufe der Zeit aus — allein durch Erfahrung. Nun ist es aber ein Kenn- 38 Erster Abschnitt: Die treibenden Kräfte Zeichen der hochkapitalistischen Wirtschaftsepoche, daß in ihr der Umfang jener Geschäftsmethoden unausgesetzt bewußt und geflissentlich -ausgeweitet wird durch selbständige, haupt- und nebenberuflich, zum Teil erwerbsmäßig, das heißt selbst zum Zwecke des Gewinns geübte Tätigkeit zur künstlichenErzeugung von ökonomischem Rationalismus; vom Professor der Betriebswissenschaft über die Bücherrevisoren, Kalkulatoren bis zu den Fabrikanten von allerhand Bürobedarf, wie Schreib-, Rechen- und Zählmaschinen, Briefordner, Kontormöbel zermartern sich täglich Tausende und Abertausende von Menschen das Hirn, um Mittel und Wege ausfindig zu machen, durch die der ökonomische Rationalismus gesteigert werden könnte. Es bestehen schon eigene Organisationen zur Verfolgung dieses Zieles, wie die Arbeitsgemeinschaft deutscher Betriebsingenieure (ADB) u. a. Das Ergebnis dieser vielfachen Bemühungen ist ein heute schon hoch entwickeltes, stetig sich vervollkommnendes System zweckmäßiger Verhaltungsmaßregeln (einschließlich der zu ihrer Durchführung notwendigen Sach- mittel) für die Gestaltung eines rentabeln Geschäfts: ein System (das ist die Gedankenspitze), das für sich besteht: selbständig und das infolgedessen übertragbar ist. Diesen ökonomischen Rationalismus kauft der Unternehmer und setzt ihn in seine Unternehmung ein wie ein Uhrwerk. Und nach diesem Uhrwerk vollzieht sich der Gang der Geschäfte. Genaueres siehe im 52. und 53. Kapitel, (Zum vollkommen glatten Ablauf dieser Geschäfte gehört dann noch ein anderer Komplex von objektivem Rationalismus, der in den Einrichtungen des Marktes niedergeschlagen ist, und dessen sich, wie an seinem Orte zu zeigen sein wird, der einzelne Unternehmer ebenfalls für seine Zwecke nach bequemen Methoden bedient.) c) Die kapitalistische Unternehmung, dieses hier beschriebene Wundertier, hat endlich aber auch noch Tugenden: die bürgerlichen Tugenden, deren sich in den Anfängen des Kapitalismus der Unternehmer in höchsteigener Person befleißigen mußte, wenn er Erfolg haben wollte, die jetzt aber auf das Geschäft übertragen sind und denen heute der Unternehmer selbst völlig imbeteiligt gegenüber steht (das heißt: er kann sie auch haben; wenn er sie nicht hat, schadet’s nichts). Diese bürgerlichen Tugenden, mit denen das erfolgreiche Unternehmen unserer Tage geschmückt ist, sind vornehmlich: Fleiß, Sparsamkeit, Solidität. 3. Die B edeutung dieser Versachlichung des kapitalistischen Geistes für die Entfaltung der wirtschaftlichen Energie liegt auf der Hand und Drittes Kapitel: Die Entfaltung der wirtschaftlichen Energie 39 wurde im Vorbeigehen an verschiedenen Stellen von mir schon auf- gewiesen. Sie besteht in folgendem: a) Der Unternehmerwille wird intensiver: die Zwecksetzung einheitlicher, zäher. Die Eingliederung in einen Sachzusammenhang erzwingt einen Mindestaufwand von Energie: den einzelnen vom Chef bis zum letzten Laufburschen wird durch die äußere Ordnung das Tempo vorgeschrieben, wie dem Arbeiter durch den Lauf der Maschine. Ebenso wird das Unternehmerkönnen gesteigert: der Unternehmer verfügt über ein Wissen, das sein eigenes weit überschreitet; er wird trotzdem nicht mehr mit der Sorge für die vollkommene Organisation seines Geschäftes beschwert, die früher einen großen Teil seiner Energie aufbrauchte, er wird von allerhand unnützer Tätigkeit entlastet und dadurch für seine eigentliche Unternehmertätigkeit frei. b) Die Versachlichung bewirkt ebensosehr eine Extensivisierung des kapitalistischen Geistes: daß dieser sich über die ganze Erde ebenso wie über alle Schichten der Unternehmerschaft verbreitet, wie wir feststellen konnten, hat in der Versachlichung einen sehr wichtigen Grund: leichte Übertragbarkeit des ökonomischen Rationalismus! c) endlich erklärt sich aus dem Versachlichungsprozeß auch die immer weiter fortschreitende Vereinheitlichung der Wirtschaft: da die Methoden der Wirtschaftsführung objektiv zweckmäßig sind, so sind sie, in Anbetracht der Einheitlichkeit des Zwecks, notwendig gleich: immanente (= Mittel-) Gesetzmäßigkeit! Vgl. das 36. Kapitel. III. Person und Sache Aus den zuletzt gemachten Ausführungen könnten Mißverständnisse hervorwachsen über die Stellung des kapitalistischen Unternehmers in der hochkapitalistischen Wirtschaft, die ich gleich in der Wurzel zerstören will. Zweifellos ist dieses: der wirtschaftliche Prozeß ist übertragen auf einen selbsttätigen, höchstleistungsfähigen Organismus, der zeitlichräumlich unbeschränkt — das heißt nicht beschränkt durch irgendwelche persönliche, das ist organische Begrenztheit in Wollen und Können — sich zu betätigen vermag. In ihn ist der einzelne — auch der einzelne Unternehmer — zwangsmäßig eingeordnet. Die ganze Erde ist bedeckt von unzähligen, nach dem gleichen System eingerichteten Fabriken mit subtilen Präzisionsmaschinen — zur Erzielung von Gewinn. Alle Zufälligkeit, alle individuelle, alle nationale Buntheit ist ausgeschaltet. 40 Erster Abschnitt: Die treibenden Kräfte Es herrschen in dieser Welt der Zahlen Notwendigkeit, Einförmigkeit, Einheitlichkeit. Vgl. wiederum das 36. Kapitel. Und doch! Es wäre ein unverzeihlicher Irrtum, wollte man annehmen, daß in dieser mechanisierten Welt die Bedeutung der menschlichen Persönlichkeit herabgesetzt wäre. Das genaue Gegenteil ist der Fall: die Bedeutung der Einzelperson, freilich der überragenden, ist heute im Wirtschaftsleben größer denn je. Und eine einfache Be sinn ung macht das einleuchtend. Zwar muß notwendig etwas gewollt und getan werden, aber darum bleibt doch die schlichte Tatsache bestehen: daß überhaupt etwas gewollt und getan werden muß. Wenn ich vorhin mich des Vergleiches des modernen ökonomischen Rationalismus mit einem Uhrwerk bediente, so mag hier der Vergleich fortgesetzt werden: es muß jemand da sein, der das Uhrwerk aufzieht. Oder in einem andern Vergleich: die kapitalistische Unternehmung als Ganzes wird eine immer größere, immer kompliziertere Maschine. Aber es ist auch — wie bei jeder Maschine — ein Mann nötig, der sie bedient, und der muß um so intelligenter sein, je komplizierter die Maschine ist. Analog zum Wirtschaftsleben ist die Entwicklung des Staats- und Kriegswesens verlaufen: auch hier ein ungeheurer mechanisierter Apparat und doch die Unentbehrlichkeit der führenden Persönlichkeit! Nur freilich ist die Kräfteverteilung heute eine andere wie früher: an Stelle zahlreicher kleiner Kraftspender ist eine große Kraftzentrale getreten — wenigstens in den großen Wirtschaftseinheiten —: das ist der Kopf des leitenden Unternehmers. Diesem Gedanken gibt einer der erfolgreichsten Unternehmer der neueren Zeit, dessen Unternehmen zu den mechanisiertesten auf der Erde gehört und das doch bis in die kleinste Einzelheit hinein das Werk seines Schöpfers und Leiters ist, Henry Ford, in folgenden Worten Ausdruck: „Das moderne' System braucht zu seiner Durchführung eine höhere Intelligenz als das alte. Die Intelligenzansprüche sind heute höher denn je, wenn sie vielleicht auch an andrer Stelle gestellt werden. Es ist mit der Intelligenz genau wie mit der Betriebskraft: früher wurde jede Maschine durch Menschenkraft betrieben; die Kraftzentrale stand unmittelbar an der Maschine. Heute aber haben wir sie nach hinten, nach der Kraftanlage, verlegt und sie dort konzentriert. Ebenso erübrigt es sich heute, daß die höchste Form menschlicher Intelligenz unmittelbar bei jeder Funktion in der Fabrik beteiligt ist. Ihr höchster Typ ist in der geistigen Betriebsanlage konzentriert.“ Und das ist eben der Unternehmer. Mein Leben und Werk, Seite 327. Drittes Kapitel: Die Entfaltung der wirtschaftlichen Energie 41 Am schlechtesten haben den eigentümlichen Organismus der kapitalistischen Wirtschaft die Russen begriffen, als sie den kapitalistischen Unternehmer aus ihm entfernten und dadurch das ganze Getriebe zum Stillstand brachten. Am besten verstehen sich auf das Wesen des Kapitalismus die Amerikaner. Darum findet man auch gerade in den Vereinigten Staaten eine besonders hohe Bewertung der Persönlichkeit im Wirtschaftsleben: nicht die Firmen, nicht die Familie, nicht das Kapital, sondern letzten Endes der einzelne Mann gilt als die treibende Kraft in der Wirtschaft. Nirgends, so berichtet ein vorzüglicher Kenner des amerikanischen Wirtschaftslebens (Th. Vogelstein), ist die persönliche Einwirkung größer als in den großen Trusts. „Man will in Amerika mit einzelnen Männern zu tun haben, man setzt sein Vertrauen in den Mann und will mit ihm verhandeln“. Die Aktiengesellschaften gehen häufig hei Inseraten die Namen ihrer Leiter an. Man adressiert Briefe häufiger an bestimmte Partner oder Prokuristen. In den großen Konzernen herrschen einige, hervorragende Persönlichkeiten unbeschränkt. Die Fama erzählt von H. Rogers, einst dem geistigen Haupt der Standard Oil Gruppe, dem Präsidenten der Amal- gamated Copper Co., daß er das Wort gesprochen habe: „in Gesellschaften, in denen ich im Aufsichtsrat sitze, wird erst abgestimmt und danach, wenn ich fort bin, geredet.“ Zusammenfassend werden wir also die ungeheure Energieentfaltung, durch die der moderne Kapitalismus groß geworden ist, aus mehrfachen Gründen ableiten: aus der Entwicklung der Einzelleistungen, aus der Objektivierung des kapitalistischen Geistes und aus dem ganz eigenartigen Zusammenwirken oder Zusammenstimmen von Person und Sache. Wir werden im weiteren Verlauf dieser Darstellung immer wieder die Richtigkeit dieser Deutung bestätigt finden. Hier galt es zunächst einmal die Kräfte herauszustellen, die wir im modernen Wirtschaftsleben wirkend finden. Zweiter Abschnitt Der Staat Quellen und Literatur I. Das Wesen des modernen Staates. Von älteren Werken vgl. etwa: A. Tocqueville, L’ancien regime et la revolution. 1856. 0. Giercke, Das Genossenschaftsrecht. 4 Bände. 1868 ff. A. Schäffle, Bau und Leben des sozialen Körpers. 2. und 3. Band. 1881. F. Tönnies, Gemeinschaft und Gesellschaft. 1887. Adolph Wagner, Grundlegung der politischen Ökonomie. 3. Aufl. 1892. 5. und 6. Buch. G. Jellineck, Allgemeine Staatslehre. 3. Aufl. 1914. Und aus der neueren Literatur: Othm. Spann, Der wahre Staat. 1922. Friedr. Meinecke, Die Idee der Staatsräson in der neueren Geschichte. 1924. Alfr. Weber, Die Krise des modernen Staatsgedankens in Europa. 1925. Hans Kelsen, Allgemeine Staatslehre. 1925. II. Die innere Wirtschaftspolitik: Zu Rate zu ziehen sind alle Geschichtsdarstellungen des 19. Jahrhunderts. Für die Geschichte des Liberalismus besitzen wir jetzt eine zusammenfassende Darstellung in dem schönen Buche von Guido De Ruggiero, Storia del Liberalismo europeo. 1925. Da das Werk eine ausführliche und mit großem Geschick zusammengestellte Bibliographie enthält, so erübrigt es, noch weitere Literatur anzuführen. Ergänzend füge ich nur hinzu einige Bücher, die die liberale Wirtschaftspolitik während des 19. Jahrhunderts im Überblick darzustellen sich zur besonderen Aufgabe gemacht haben. Das sind etwa: für England W. Cunningham, The Growth of English Industry and Commerce in modern times. 2 Vol. 1903. In Betracht kommt die zweite Hälfte des ersten Bandes (1689-—1776) und der ganze dritte Band, der bis 1850 reicht. Für das nicht einbezogene Agrarwesen :RussellM.Garnier, Annals of the British Peasantry. 1908. Einen guten Gesamtüberblick über die englische Wirtschaftspolitik' gibt die Vortragsammlung von James E. Thorold Rogers, The Industrial and Commercial History of England. 2 Vol. 1895; Vgl. auch das Quellenwerk: W. Smart, Economic Annals of the XIX. Century. 1910 ff.; für Frankreich: E. Levasseur, Historie des classes ouvrieres et de l’industrie en France de 1789 a 1870. 2. ed. (entierement refondue) 2 Vol. 1903. Gerade für die legislativ-administrative Seite der Wirtschaftsgeschichte ist Levasseurs Werk erschöpfend; für Deutschland: Materialsammlung: A. Sartorius von Waltershausen, Deutsche Wirtschaftsgeschichte 1815—1914. 1920; Darstellung: meine Deutsche Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert. 6. Aufl. 1925. — Quellen und Literatur 43 Die Anpassung der Privatrechtsordnung an die Interessen des Kapitalismus behandeln (allerdings im wesentlichen nur für das Kreditrecht) das Werk von Al. Leist, Privatrecht und Kapitalismus im 19. Jahrhundert, 1911 und die Abhandlung von A. Leist(f)-H. Nipperdey, Die moderne Privatrechtsordnung und der Kapitalismus im GdS Band IV, 1. Einen Überblick über das agrarische Befreiungswerk in den europäischen Staaten gibt skizzenhaft Henri See, Esquisse d’une Histoire du regime agraire en Europe aux XVIII. et XIX. siecles. 192L Vgl. zu diesem Problem auch die zum 2. Unterabschnitt des 2. Abschnitts des 2. Hauptabschnitts angeführte Literatur. Die Maßnahmen insbesondere, die zur Herstellung eines rationellen Geldwesens führen, sind in der unübersehbaren Literatur über das Geldproblem dargestellt. Die maßgebenden geldtheoretischen Schriften habe ich auf Seite 398 ff. des 1. Bandes bereits angegeben. In der neuesten Zeit ist eine Elut von Büchern über das Geldwesen auf den Markt geströmt, die aber — von den nominalistischen Extravaganzen, die als natürliche Eolge der Inflationszeit zu betrachten sind, abgesehen — nichts wesentlich Neues zur Lehre beigebracht haben. Siehe die dankenswerte Zusammenstellung bei Herbert Döring, Die Geldtheorien seit Knapp. 2. Aufl. 1922. In der deutschen Literatur ergänzen sich jetzt in glücklicher Weise die Werke folgender Autoren: Ludw. Mises, Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel. 1911. 2. Aufl. 1924. Ernst Wagemann, Allgemeine Geldlehre. I. Band. Theorie des Geldwertes und der Währung. 1923. Hero Moeller, Die Lehre vom Gelde. 1925. Alle drei formen die Grundsätze eines kapitalistisch-rationellen Geldwesens ungefähr in der Weise, wie es in diesem Werke geschieht. Wagemann enthält ausführliche Literaturübersichten, aus denen die Spezialschriften, die die Geldgeschichte in den einzelnen Ländern behandeln, leicht zu ersehen sind. Die Literatur über das Bankwesen siehe unten auf Seite 149 f. Uber positive, den Kapitalismus fördernde Maßregeln: Otto Sug ar, Die Industrialisierung Ungarns unter Beihilfe des Staates und der Kommune 1908. Ernst Picard, Die Finanzierung nordamerikanischer Eisenbahngesellschaften. 1912. G. Myers, History of the great American fortunes. 3 Vol. 1911. III. Die äußere Wirtschaftspolitik: 1. Über das Wesen des modernen Machtstaats unterrichten noch außer den unter I. bereits genannten Werken: Banke, Die großen Mächte. Max Weber, Der Nationalstaat und die Volkswirtschaftspolitik. 1895. Max Lenz, Die großen Mächte. 1900. Friedrich Lenz, Macht und Wirtschaft. 1916. W. Morton-Fullarton, Problems of Power. Vgl. auch die unten unter III, 3 a aufgeführten Schriften. 2. Geschichte der Handels-, Zoll- und Kolonialpolitik im allgemeinen. Mehrere Staaten umfassend: Lammers, Die geschichtliche Entwicklung des Freihandels. 1869. Die Handelspolitik der wichtigen Kulturstaaten in 44 Zweiter Abschnitt: Der Staat den Schriften des Vereins für Sozialpolitik (zit. Sehr. d. VfSP), Band 49 bis 51 und 57. 1892/93. G. Schm oller, Wandlungen in der europäischen Handelspolitik im 19. Jahrhundert in seinem Jahrbuch 24 (1900). Alfr. Zimmermann, Die europäischen Kolonien. 1896—1903. A. Supan, Die territoriale Entwicklung der europäischen Kolonien. 1906. — P. P. Leroy- Beaulieu, De la colonisation chez les peuples modernes. 6. ed. 1908. P. Ashley, Modern Tariff History. 2. ed. 1910. C. F. Bastable, The Commerce of Nations. Zuerst 1891. 9. ed. Revised by T. E. Gregory, 1923. William Smith Culbertson, International economics poli- tics 1923. Gute Übersicht. Großbritannien: Richelot, Histoire de la reforme commerciale en Angleterre. 2 Vol. 1853. R. Cobden, Political writings 2 Vol in 1. 1886. John Morley, The Life of R. Cobden. 6. Thous. 1903. Mit Literaturverzeichnis. W. Cunningham, Rise and decline of the Free Trade Movement. 1904. G. v. Schulze-Gaevernitz, Britischer Imperialismus und englischer Freihandel. 1906. H. Becker, Zur Entwicklung der englischen Freihandelstheorie. 1922. Vgl. A. P. C. Griffin, Select List of Reference on the British Tariff Movement. 1904. Frankreich: Ame, Etudes sur les tarifs de douanes et les traites de commerce. 2 Vol. 1857. H. O. Meredith, Protection in France. 1904. A. Arnaune, Le commerce exterieur et les tarifs de douane. 1911. Augier et A. Marvaud, La politique douaniere de la France. 1911. Deutschland: A. Zimmermann, Die Handelspolitik des Deutschen Reichs vom Frankfurter Frieden bis zur Gegenwart. 1899 ff. Beiträge zur neuesten Handelspolitik Deutschlands in den Sehr. d. VfSP, Band 90 bis 92. 1900/01. A. Zimmermann, Geschichte der deutschen Kolonialpolitik. 1914. U. S. A.: F. W. Taussig, The Tariff History of the U. S. Zuerst 1884. U. Rabbeno, Protezionismo americano. 1893. Für die genannten und alle nicht genannten Länder sind die oben verzeichneten allgemeinen Darstellungen, die sich auf mehrere Länder beziehen, sowie die unter III. 3. c vermerkten Werke zu vergleichen. 3. Besondere Literatur über den Imperialismus: a) Begriff und Wesen: H. Dietzel, Die Theorie von den drei Weltreichen. 1900. J. A. Hobson, Imperialism. A Study 1902; 2. ed. 1905. Erich Mareks, Die imperialistische Idee in der Gegenwart. 1903. Imperialismus. Beiträge zur Analyse des ■wirtschaftlichen und politischen Lebens der Gegenwart. Eine Sammlung von Gutachten, herausgegeben von W. Borgius. 1905. M. J. Bonn, Der moderne Imperialismus. Veröffentlichungen der Handelshochschule München. 1913. C. Grasso, Im- perialismo e nazionalismo. 1917. A. Lauffenberg und F. Wolffheim, Imperialismus und Demokratie. 1918 (Nationalbolschewistischer Standpunkt). Adolf Lenz, Der Wirtschaftskampf der Völker und seine internationale Regelung. 1920. Mit reicher Bibliographie. J. Schumpeter, Zur Soziologie der Imperialismen im Archiv Band 46 (1918/19). Just. Hashagen, Der Imperialismus als Begriff im Weltwirtschaftlichen Archiv Band 15 (1919). Othm. Spann, Artikel Imperialismus im Handwörter- Quellen und Literatur 45 buch der Staatswissenschaften (zit. HSt.) im 5. Band der 4. Auflage. 1923. A. Löwe, Zur ökonomischen Theorie des Imperialismus. 1924. Eine „Philosophie de lTmperialisme“ nennt sein großes, vierbändiges Werk (1903—1908) Ernest Seillere. Doch enthält es nur wenig über das, was hier unter Imperialismus verstanden wird. Die Schriften der marxistischen Theoretiker erwähne ich im Zusammenhang mit den dem marxistischen Ideenkreise angehörigen historischen Schriften über den Imperialismus weiter unten in einer besonderen Abteilung. b) Allgemeine, d. h. mehrere Länder umfassende, Geschichte: Jahrbuch des Deutschen Flottenvereins. 1900ff. Jahrbuch der Weltwirtschaft, hersg. von E. v. Halle. 2 Bände. 1906/07. In beiden Werken ist ein reiches Material verarbeitet. R. Kjeilen, Die Großmächte der Gegenwart, 1914; Derselbe, Die politischen Probleme des Weltkrieges. 1916. Beides hervorragende Werke. Gustaf F. Steffen, Weltkrieg und Imperialismus. 1915. F. Carli, Gli imperialismi in conflitto e la loro psicologia economica. 1915. Friedjung, Das Zeitalter des Imperialismus. 3 Bände. 1919 ff. Allgemeinste, wesentlich politische Geschichtsdarstellung. Zu a und b gehört die außerordentliche umfangreiche und zum Teil vorzügliche Literatur der Marxisten, das heißt der Vertreter der sogenannten mateiialistischen Geschichtsauffassung. Jahrzehntelang sind die sozialistischen Zeitschriften, in Deutschland namentlich die ,Neue Zeit 1 und die Sozialistischen Monatshefte 1 , angefüllt gewesen mit Aufsätzen, in denen das Problem des Imperialismus theoretisch, historisch und auch polemisch abgehandelt wurde. Von den zahlreichen Einzelwerken hebe ich als belangvoll folgende hervor: K. Kautsky, Sozialismus und Kolonialpolitik. 1907. Parvus (Helphand), Die Kolonialpolitik und der Zusammenbruch. 1907. Rosa Luxemburg, Die Akkumulation des Kapitals. 1912. Wohl die glänzendste Vertretung des marxistischen Standpunkts. K. Radek, Der deutsche Imperialismus. 1912; Derselbe, Der Zusammenbruch des Imperialismus. 1918. H. Gorter, Het Imperialisme. 1915. Deutsche Übersetzung 1915. 3. Aufl. 1918. M. Nachimson, Imperialismus und Handelskriege. 1917. E. Szabö, Freihandel und Imperialismus. 1918. S. Marek, Imperialismus und Pazifismus als Weltanschauung. 1918. N. Lenin, Der Imperialismus als jüngste Etappe des Kapitalismus. 1921. Eine recht schwache, wissenschaftlich ganz minderwertige Leistung des großen Politikers. Scott Nearing and Joseph Freemann, Dollar Diplomacy. A Study in American Imperalism. s. a. (1925). Ein trotz seiner Einseitigkeit sehr gutes Buch. Eine besondere Gruppe bilden die Austro-Marxisten: Otto Bauer, Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie. 1907. R. Hilferding, Das Finanzkapital. 1910. Beides auch wissenschaftlich wertvolle Bücher. J. Hammer (K. Renner), Was ist Imperialismus? im „Kampf“ 1915. Karl Renner, Marxismus, Krieg und Internationale. 1917. 2. Aufl. 1918. c) Spezialliteratur über einzelne Länder: Großbritannien: J. R. Seeley, The expansion of England. Zuerst 1883. Ch. Dilke, Problems of Greater Britain. Zuerst 1890. Diese beiden Werke 46 Zweiter Abschnitt: Der Staat sind grundlegend und eröffnen die Diskussion über das imperialistische Problem in England. Y. Berard, L’Angleterre et Plmperialisme. 1900. J. Chamberlain, Imperial Union and Tariff Reform. 1903. Eröffnet die politische Agitation für den imperialistischen Gedanken. B. Br au de, Die Grundlagen und Grenzen des Chamberlainismus. 1905. W. E. Mony- penny, The Imperial Idea. 1905. G. Drage, The Imperial Organization of Trade. 1911. J. A. Cramb, The Origins and Destiny of Imperialism. 1915. Felix Salomon, Der britische Imperialismus. 1915. Guter Überblick der englischen Politik von Anbeginn bis zum Weltkriege. S. Crine, L’imperialismo economico inglese. 1915. Hobson, The new Protectionism. 1916. J. Hashagen, Zur Ideengeschichte des englischen Imperialismus im Weltwirtschaftlichen Archiv Band 10 (1917). L. C. A. Knowles, The economic Development of the British Overseas Empire. 1924. Brauchbare Zusammenstellung des statistischen Tatsachenmaterials. Zum vertieften Studium ist die Literatur über die einzelnen, von England ausgebeuteten Länder heranzuziehen: Indien, Südafrika, Ägypten. Namentlich die Spezialliteratur über Ägypten gewährt klare Einblick in die Wesenheit des modernen Imperialismus in seiner verschleierten Form. Ygl. etwa Earl of Cromer, Modern Egypt. Th. Rothstein, Egypts Ruin. 1910. Die Hauptquelle für die einschlägigen Kapitel des Werkes von Rosa Luxemburg. Adolf Hasenclever, Geschichte Ägyptens im 19. Jahrhundert. 1798—1914. 1917. Frankreich: Roumans, L’I. frangais. 1913. Comte de Felsen, L’ I. frangais. 1916. Probus, La plus grande France. 1916. Ph. Hilte- brandt, Der französische Imperialismus. 1916. L. Madelin, L’expansion frangaise. 1918. Deutschland: Handels- und Machtpolitik. Reden und Aufsätze, herausgegeben von Schmoller, Sering und Wagner. 2 Bände. 1900. A. Dix, Deutschland auf den Hochstraßen des Weltwirtschaftsverkehrs. 1901. E. v. Halle, Volks- und Seewirtschaft. 2 Bände. 1902. P. Rohrbach, Deutschland unter den Weltvölkern. 1903. 3. Aufl. 1911. Die Entwicklung der deutschen Seeinteressen im letzten Jahrzehnt. Zusammengestellt vom Reichsmarineamt. 1905. Vgl. auch die Schriften der Marxisten auf S. 45. Während des Krieges ist in den Feindländern eine umfangreiche Märchenliteratur über ein sagenhaftes Volk der Boches oder Huns entstanden, die im Gegensatz zu allen übrigen „zivilisierten“ Völkern von einem Blutrausch erfüllt, um die Wende des 19. Jahrhunderts nach der „Weltherrschaft“ gestrebt haben. Es lohnt nicht, auch nur die namhaftesten dieser wissenschaftlich völlig wertlosen Machwerke hier anzuführen. Aber auch unter den Werken wohlgesinnter Ausländer über die äußere Wirtschaftspolitik Deutschlands ist kaum eine, die ein Verständnis für die Eigenart deutschen Wesens verriete. Verhältnismäßig vernünftig ist das Buch von Thorstein Veblen, Imperial Germany. 1918. Aber auch für Vehlen bleibt das deutsche Wesen ein undurchdringliches Geheimnis. Übrigens kommt es für die in diesem Werk behandelten Probleme, die die der allgemeinen kapitalistischen Entwicklung sind, nicht so sehr auf die Hervorhebung der besonderen Eigenart der einzelnen Völker an. Quellen und Literatur 47 Italien: R. Michels, Die Entstehungsgeschichte des italienischen Imperialismus im Archiv Band 34 (1912); Derselbe, L’ Imperialismo italiano. 1915. A. Dauzat, L’expansion italienne. 1914. W. K. Wallace, Greater Italy. 1917. Amerika: Morrison J. Swift, Imperialism and Liberty. 1899. Eine leidenschaftliche Anklageschrift gegen die Anfänge des Imperialismus in den Vereinigten Staaten. Henry Hauser, Imperialisme Americain. 1905. A. Cary Coolidge, Die Vereinigten Staaten als Weltmacht. Übersetzt von Lichtenstein. 1908. G. Usher, Pan-Americanism. 1915. Scott Nearing, The American Empire. 1921. A. Salz, Der Imperialismus der Vereinigten Staaten im Archiv Band 50 (1923) Gute Zusammenfassung. Das schon genannte Werk von ScottNearing and Joseph Free- m a n. Vgl. auch die unter III 2 und III 3 b genannten Werke. Zum Anhang: Zwischenstaatliche Organisationen: Außer den Werken über Völkerrecht vgl. etwa noch: Alfr. H. Fried, Annuaire de la vie internationale. 1905 ff. Derselbe, Das internationale Leben der Gegenwart. 1908. R. Kobatsch, Internationale Wirtschaftspolitik. 1907. W. Schücking, Die Organisation der Welt. 1909. B. Harms, Volkswirtschaft und Weltwirtschaft. 1912. Ausführlichste Darstellung mit Verzeichnissen der internationalen Abkommen etc. — A. J. Grant and others, Anintro- duction to the study of international relations. 1916. Paul S. Reinsch, Public international Unions. 1916. L. S. Woolf, International Government 1916. Jessie Wallace Hughan, A Study of international govern- ment (1925). Die zuletzt genannten (3) Werke englischer Zunge stehen im Dienste der pazifistischen Ideen und beschäftigen sich größtenteils mit den für das Wirtschaftsleben belanglosen Fragen der Schiedsgerichte, Völkerbünde etc., kommen doch aber auch auf die (schon vor dem Kriege bestehenden) zwischenstaatlichen Organisationen zu sprechen. Viertes Kapitel Das Wesen des modernen Staates I. Das Untersuchungsgebiet Wir grenzen unser Untersuchungsgebiet wie folgt ab: 1. Wir betrachten den Staat nicht in seiner Selbständigkeit undEigen- gesetzlichkeit, sondern nur in seiner Bedeutung für den Aufbau der modernen Wirtschaft. 2. Wir sehen ab von allen Staats formen, und ich glaube uns dazu berechtigt, weil diese offenbar nicht von Bedeutung waren oder sind für den Geist des Staates, für seine Handlungen nach außen und seine Gesetzgebung im Innern, soweit diese auf den Gang des Wirtschaftslebens Einfluß geübt haben. England hat das ganze 19. Jahrhundert hindurch eine parlamentarische Verfassung gehabt, die bis in die 1880er Jahre auf aristokratischer Grundlage ruht, seit 1832 mit etwas größerem Anteil der industriellen Kreise. Frankreich hat die ganze Reihe der möglichen Verfassungen an sich erproben müssen: Zäsarismus, Feudalismus, Oligarchie (während des Julikönigtums Zensus von 200 Frcs.: 300000 Wähler zum Parlament!), dann wieder Zäsarismus und schließlich Demokratie verschiedener Prägung. Vereinigte Staaten von Amerika haben während des ganzen Zeitraums sich einer strengen Demokratie erfreut. Deutschland ist bis 1867 aristokratisch-oligarchisch, dann konstitutionell- monarchisch, unter Ausschaltung des Parlaments, regiert worden. Rußlands Verfassungsform bis 1905 war nach einem bekannten Ausspruch die Autokratie, gemildert durch den Meuchelmord, nach 1905 ein „Scheinkonstitutionalismus“ (Max Weber). Und überall ist dieselbe Außenpolitik getrieben, sind dieselben Gesetze erlassen, die den Kapitalismus förderten. 3. Unsere Untersuchung muß den Aufbau des Staates im Innern und seine Außenpolitik trennen, da 1 in ihnen verschiedene Geistesströmungen zutage treten. II. Zwieschlächtigkeit des modernen Staates Das Wesen des modernen Staates ist zwieschlächtig: er stellt die Vereinigung zweier im Grunde sich ausschließender Gestaltungsprinzipien dar: des machtpolitischen und des liberalen Prinzips. Viertes Kapitel: Das Wesen des modernen Staates 49 Die Quelle für das machtpolitische Prinzip ist der urwüchsige Naturalismus, der sich seit dem Beginne der neuen Zeit (Macchia- velli!) eine Ideologie in der Idee der Staatsräson schafft. Wir sind der Herrschaft dieser Ideologie begegnet, als wir den Staat des frühkapitalistischen Zeitalters kennen lernten. Die sog. liberalen Ideen hingegen sind aus drei Strömen zusammengeflossen: (1.) einem naturrechtlichen Strome: Berufung auf die unveräußerlichen (wirtschaftlichen!) Menschenrechte; (2.) einem philosophisch-metaphysischen Strome: Glaube an die prästabilierte Harmonie in dem atomistisch gestalteten Gemeinwesen; (3.) einem utilitarischen Strome: Interessen namentlich der kapitalistischen Unternehmer, der nicht zünftigen Handwerker, der Händler. III. Die Grundzüge des modernen Staates Die Grundzüge des modernen Staates lassen sich wie folgt bestimmen: 1. Der moderne Staat ist naturalistisch-säkulari- siert, will sagen: aus allen überstaatlichen Verbindungen und Bindungen herausgelöst, „souverän“, ipse Deus. Eine wichtige Folge: er ist im Innern „tolerant“, das heißt: die Berechtigung im Staate ist losgetrennt vom Glaubensbekenntnis: man kann einem Staate angehören, ohne der Staatsreligion anzugehören. Ein Schritt weiter führt dann zur Trennung von Staat und Kirche. 2. In seinem inneren Aufbau ist der moderne Staat individua- listisch-atomistisch-nominalistisch. Diese Grundsätze werden in der absolutistischen Zeit gezeugt, in der liberalen entbunden. Diese Kennzeichnung besagt im einzelnen folgendes: a) die Herstellung des freien Staatsbürgers, das heißt die Herauslösung des Individuums (bzw. der Individualfamilie) aus allen öffentlichen und halböffentlichen Verbänden, in die es früher mit seinem ganzen Wesen eingegliedert war, und durch die es erst seine Beziehungen zum Staate gewonnen hatte: Lehnsverband, Gutsverband, Dorfverband, Stadtgemeinde, Zunft, Genossenschaften aller Art u. dgl. Jetzt steht jeder für sich und nimmt nur mit einem scharf umrissenen Teil seiner Kraft und Habe an zahlreichen öffentlichen Verbänden und freien Genossenschaften teil. Früher war jeder zunächst Bauer, Gutsuntertan, Zunftmitglied und dadurch ge- Sombart, Hochkapitalismus. 4 50 Zweiter Abschnitt: Der Staat gebenenfalls Bürger. Heute ist er zunächst und ohne weiteres Bürger und als solcher mit einem Teilchen seines Ichs Wähler, Steuerzahler, Kartellmitglied, Mitglied einer Molkereigenossenschaft usw. b) Jeder verfolgt seine „Interessen“. Will sagen: die „gemeinschaftlich“-solidarischen Bindungen, die auf dem Grundsätze ruhten: „alle für alle“ sind beseitigt und führen nur innerhalb der Familie noch ein ziemlich kümmerliches Dasein, das langsam aber unabänderlich seinem Ende zuzugehen scheint. Vielmehr stehen die Einzelnen im „gesellschaftlich“-vertraglichen Verhältnisse zueinander und huldigen dem Grundsätze: „jeder für sich“. Das bedeutet aber nichts anderes als dieses, daß die Menschen durch „Interessen“ irgendwelcher Art (das heißt aus Eigennutz fließenden Zwecksetzungen) nicht mehr durch Gefühle, Sympathien, Pflichten untereinander verbunden sind. c) Der Staat steht diesem Interessenkampf „schwach“ gegenüber. Es herrscht die Neigung vor, den stärkeren Interessengruppen nachzugeben, schließlich also die Staatsleitung oder wenigstens die Beeinflussung dieser Staatsleitung den Vertretern der stärksten Interessengruppe zu überantworten. Als höchstes Ideal der inneren Staatspolitik erscheint allenfalls ein „Ausgleich“ der verschiedenen Einzel- oder Gruppeninteressen oder die „Wohlfahrt“ der einzelnen Staatsbürger. Das heißt eben: die Einstellung des Staates ist, was sein Verhalten im Innern anbetrifft, ausgesprochen nommalistisch-individualistisch. 3. Nach etwas andern Grundsätzen gestaltet sich die auswärtige Politik des Staates. Diese ruht formal auf dem Souve- ränitätsprinzipe, das im wesentlichen einer realistischen Auffassung des Staates entspricht. Inhaltlich aber ist die moderne Staatspolitik in ihrem Verhalten nach außen zwiespältig. Teilweise ist sie unzweifelhaft realistisch, das heißt vom Ganzen bestimmt, auf das Ganze blickend, teilweise aber ebenso unzweifelhaft nominalistisch: im Banne von Teilinteressen einzelner Gruppen. Diese in groben Strichen entworfene Skizze von den Grundzügen des modernen Staates wird etwas mehr Substanz erhalten und deutlicher werden, wenn wir nunmehr die Maßnahmen des modernen Staates auf dem Gebiete der inneren und der äußeren Politik in ihren Einzelheiten kennen lernen werden. 51 Fünftes Kapitel Die innere Wirtschaftspolitik I. Allgemeine Züge Allgemeine Züge der inneren Wirtschaftspolitik in den modernen Staaten sind folgende: 1. Es ist eine scharfe Trennungzwischenöffentlichem und privatem Rechte durchgeführt: die wirtschaftliche Tätigkeit des Einzelnen ist grundsätzlich der Sphäre des Privatrechts überantwortet. 2. Damit hat sich die rechtliche Ordnung des Wirtschaftslebens in ein System von subjektiven Rechten aufgelöst, dem keine Pflichten gegenüberstehen. Das Wirtschaftsrecht hat die Grenzen für das willkürliche Verhalten der Wirtschaftssubjekte soweit wie möglich hinausgeschoben, so daß, wie wir schon festzustellen Gelegenheit hatten (siehe oben Seite 31), der einzelne recht viel tun kann, ohne gegen die Gesetze zu verstoßen. Das Wirtschaftsrecht stellt sich formal also dar als ein System individueller Ereiheitsrechte. Wohlverstanden: grundsätzlich. Im einzelnen natürlich bestehen zahlreiche Einschränkungen, es genügt, etwa an die Arbeiterschutzgesetze zu erinnern. Aber diese Einschränkungen erscheinen als solche und werden als solche subjektiv empfunden, als womit sie das Bestehen des Grundsatzes individueller Freiheit bestätigen. „Alles ist erlaubt, was nicht ausdrücklich verboten ist“ im Gegensatz etwa zu dem Grundgedanken des mittelalterlichen Wirtschaftsrechts: „Getan werden darf nur, was ausdrücklich erlaubt ist.“ 3. Inhaltlich wird das moderne Wirtschaftsrecht gekennzeichnet durch eine weitgehende Rücksichtnahme auf die kapitalistischen Interessen. Es enthält nämlich: a) die Freiheit des Erwerbs, die sog. Gewerbefreiheit im engeren Sinne, das heißt die Freiheit, zu wirtschaften wie, wann, wo der einzelne will; die Freiheit des „wo“ schließt die sog. Freizügigkeit ein; b) die Freiheit vertraglicher Vereinbarungen, die sog. Vertragsfreiheit; 4 * 52 Zweiter Abschnitt: Der Staat c) die Freiheit des Eigentums, die ihrerseits wiederum umfaßt: a) die Freiheit der Verwendung; ß) die Freiheit der Veräußerung; y) die Freiheit der Verschuldung; d) die Freiheit der Vererbung; e) den Schutz der wohlerworbenen Privatrechte. Das Recht der Vererbung enthält die Möglichkeit, den Herrschaftswillen über den Tod hinaus fortzusetzen, der Schutz der wohlerworbenen Privatrechte die Verewigung der individuellen Wirtschaftsinteressen über alle Generationenfolge hinaus, ln diesen Rechten kommt der endgültige Sieg des Einzelwillens über den Gesamtwillen zum deutlichen Ausdruck. II. Die Maßnahmen der liberalen Gesetzgebung und Verwaltung im einzelnen betrachten wir zunächst ebenfalls in abstrakter Allgemeinheit oder idealtypischer Reinheit, d. h. ohne Rücksicht auf ihre zufällige historische Verwirklichung. Wir können unterscheiden: Befreiungen, Sicherungen des Verkehrs und positive Förderung der kapitalistischen Interessen. 1. Das Befreiungswerk betrifft die Landwirtschaft, das Gewerbe sowieHandel und Verkehr und umfaßt im wesentlichen folgende Maßnahmen: a) in der Landwirtschaft handelte es sich um die gesetzlichadministrative Beseitigung der alten Agrarverfassung, die, wie ich zu zeigen versucht habe, bis zum Ende der frühkapitalistischen Epoche in fast allen Ländern noch zu Recht bestand: siehe Band II Kapitel 41 dieses Werks. Im einzelnen kommen dabei folgende Maßnahmen in Betracht: a) Die Herauslösung der Individualwirtschaft aus dem Gutsverband: Beseitigung der Hörigkeit, das heißt Aufhebung der (Hand- und Spann-)-Dienstpflicht, der Abgabenpflicht, der Gebundenheit und Schollenpflichtigkeit; ß) die Herauslösung aus dem Dorfverbande: Beseitigung des Flurzwanges, Auflösung der Gemeinheiten, Zusammenlegung der Grundstücke; Y) die Beseitigung der Besitzprivilegien, z. B. der Rittergüter gegenüber Bürgerlichen und Juden. b) Die Befreiungen im Gewerbe betrafen: a) die Aufhebung der Zunftverfassung, namentlich der wichtigen Fünftes Kapitel: Die innere Wirtschaftspolitik 53 Vorschriften, wodurch die Zahl der Betriebe und die Zahl der Hilfskräfte begrenzt war; ß) die Beseitigung der Monopole, Privilegien und Reglementierungen; y) die Beseitigung der Beschränkungen des Niederlassungsrechts. c) Im Gebiete des Handels und Transports schritt man zu a) der Beseitigung der Stapel-, 'Markt- und Straßenrechte; ß) der Binnenzollschranken; y) der Herstellung eines einheitlichen Wirtschaftsgebiets. Diesem Zwecke dienten aber vor allem auch die Maßnahmen der Gesetzgebung und Verwaltung, mittels deren man, wie ich es nannte, 2. die SicherungdeswirtschaftlichenProzesses herbeizuführen sich angelegen sein ließ. Diese bezogen sich namentlich auf folgende Punkte: a) die Herstellung der Sicherheit zu Lande und zu Wasser (Seeräuberei!) durch eine gute Polizei; b) die Herstellung der Sicherheit der Rechtsverfolgung durch eine „zweckmäßige“ (heißt immer vornehmlich den Bedürfnissen des Kapitalismus angemessenen) Gestaltung der (Piivat-)Rechtsordnung und Rechtspflege, also a) Einführung eines zweckmäßigen Geschäftsrechts (Handels-, Wechsel-, Gesellschaftsrechts); ß) Einführung einer rasch arbeitenden Prozeßmaschinerie: Handelsgerichte! y) Einführung eines Patent-, Muster- und Markenschutzes. c) Die Herstellung der Sicherheit des Wirtschaftslebens selber durch Neugestaltung des (öffentlichen) Wirtschaftsrechtes. Hier galt es a) die Schaffung eines rationellen Geldwesens. Die Grundsätze eines rationellen Geldwesens sind folgende: 1. Vereinheitlichung des Geldwesens für das ganze Staatsgebiet; 2. Loslösung des Geldwesens aus dem fiskalischen Nexus: Herstellung einer nur dem (kapitalistischen) Wirtschaftsleben dienenden Geldverfassung, die vor allem stabil ist; 3. Gestaltung dieser rationellen Geldverfassung selber durch: a) Einführung der Goldwährung, das heißt Erklärung des Goldes zum einzigen Vollgelde; b) Herstellung eines festen Wertverhältnisses zwischen Geld und Metall („Hylodromie“ in der Knappschen Sprechweise). Die Mittel hierfür sind: rationelle Prägung (Randprägung! Billige Prägung!); Einführung des sog. Passiergewichtes, das heißt Aufhebung der Zahlungskraft derjenigen Münzen, die einen bestimmten Metallwert unterschreiten; 54 Zweiter Abschnitt: Der Staat c) Herstellung eines Währungssystems, das auf der Grundlage der Goldwährung ruhend, doch eine dem Bedarf des Verkehrs angepaßte Vielheit der Geldarten aufweist; d) Schaffung von Scheidemünzen, das heißt „unterwertiger, in eine Hauptmünze einlösbarer Münzen mit beschränkter Zahlungskraft 1 ‘(Cassel); e) Schaffung einlösbaren Papiergeldes; i) Schaffung einlösbarer Banknoten, die sämtlich als Geldsurrogate neben dem Golde funktionieren. Der Rationalisierung des Geldwesens muß entsprechen ß) die Schaffung eines rationellen Notenbankwesens. Die Grundsätze eines rationellen Notenbankwesens sind folgende: 1. Monopolisierung, wenn möglich Zentralisierung und Reglementierung durch den Staat; 2. Regelung der Deckung, die eine „bankmäßige“ sein muß, da die Note eine stets fällige Verbindlichkeit darstellt. Die Deckung muß also in kurzfristigen Forderungen (das heißt in der Regel Wechseln mit kurzer Verfallfrist, woneben in beschränktem Umfange Lombardierung börsenfähiger Werte zulässig ist) bestehen. Zur Erhöhung der Sicherheit dient die Metallreserve; 3. Regelung der Notenmenge, die eine Bank ausgeben darf. Diese Regelung erfolgt bekanntermaßen nach drei verschiedenen Systemen, über deren Zweckmäßigkeit die Meinungen auseinandergehen; diese Systeme sind: a) die absolute Begrenzung auch der bar ausgegebenen Noten; b) die Begrenzung der nicht bar ausgegebenen Noten: direkte Kontingentierung ; c) die Erschwerung der Ausgabe nicht voll gedeckter Noten: indirekte Kontingentierung. Die glatte Abwicklung des Verkehrs erheischte: y) die Schaffung eines rationellen Maß-, Gewichts- und Zeitsystems (Standardisierung der Zeit!). Alle diese bisher erwähnten Maßnahmen der liberalen Gesetzgebung und Verwaltung, sowohl die Befreiungen als die Sicherungen, dienten, wie der aufmerksame Leser selbst festgestellt haben wird, dazu, die mannigfachen Hemmungen politischer Natur zu beseitigen, die, wie wir sahen, die freiere Entfaltung kapitalistischen Wesens hinderten. Eine dritte Gruppe von Maßnahmen trägt ein anderes Gepräge: sie setzen in gewissem Sinne die Politik des Merkantilismus fort, indem sie 3. die positive Förderung der kapitalistischen Interessen sich angelegen sein lassen. Hierher gehören vornehmlich folgende Maßnahmen: a) die Pflege des Unterrichts, namentlich des technischen Unterrichts; Fünftes Kapitel: Die innere Wirtschaftspolitik 55 b) die Förderung des Ausstel lungswesens; c ) die — doch auch im Zeitalter des Hochkapitalismus nicht völlig beseitigte und nicht völlig unwesentliche — Erteilung von Privilegien, Konzessionen, Lizenzen etwa zum Betrieb einer Eisenbahn, einer Straßenbahn oder zur Einrichtung einer Beleuchtungsanlage. Die positive Förderung hat in manchen osteuropäischen Ländern, wie Ungarn, und dann in überseeischen Staaten, wie Nordamerika, eine größere Rolle gespielt. So ist das Eisenbahnwesen in den Vereinigten Staaten wesentlich durch die staatlichen und kommunalen Unterstützungsmaßregeln (Steuererlaß! Beteiligung an dem Aktien- und Obligationenkapital! Landschenkungen!) zu seiner raschen Entwicklung gelangt. Ich verweise auf die in der Literaturübersicht genannten Werke. III. Geschichte Die Verwirklichung der liberalen Gesetzgebung und Verwaltung in den verschiedenen Staaten darzustellen, ist die Aufgabe der nationalen Geschichtsschreibung, die das Besondere im Allgemeinen zu erfassen trachtet. Aber auch in diesem Zusammenhänge, in dem nur die überall wiederkehrenden Züge der Entwicklung festgehalten werden, können wir nicht auf jegliche Anschauung verzichten, die ja immer nur durch das sinnlich-historische Einzelphänomen vermittelt wird. Ich gebe deshalb einen ganz bündigen Überblick über den Vollzug der wichtigsten Ereignisse in den drei europäischen Hauptstaaten, deren Geschichte ich dabei in ihrer typischen Eigenart zu verstehen suche, also daß wir drei in ihren Grundzügen verschiedene Typen der wirtschaftspolitischen Entwicklung nebeneinander unterscheiden können. England. Formal vollzieht sich die Entwicklung so, daß das Befreiungswerk durch allmähliches Obsoletwerden vollendet wird: Leibeigenschaft und Hörigkeit sind in Großbritannien bis heute noch nicht durch eigenes Gesetz aufgehoben. Inhaltlich ist die englische Wirtschaftspolitik vor allem dadurch vor der aller übrigen Länder ausgezeichnet, daß sie zeitlich am frühesten wichtige Teile der Wirtschaftsordnung neu, das heißt den Interessen der kapitalistischen Wirtschaft angemessen, gestaltet. Bereits seit dem 16. Jahrhundert werden Leibeigenschaft und Hörigkeit obsolet. England ist von den großen Nationen dasjenige Land, das am frühesten (schon 1655—1656) die Juden wieder zuläßt. Seit dem 17. Jahrhundert wird das System der Privilegierungen und Reglementierungen abgebaut: schon 1656 vernehmen wir Klagen im Golden Fleece über die völlige Freiheit der Land-Tuchmacher. Dann aber werden auch frühzeitig — meist schon im Laufe des 17. Jahr- 56 Zweiter Abschnitt: Der Staat Hunderts — jene Sicherungsmaßregeln getroffen, von denen oben die Rede war, und zwar fast durchgängig in einem optimal-rationellen Sinne. Eine Parlamentsakte von 1623 regelt das Patentwesen in einem durchaus neuzeitlichen Geiste: an die Stelle der willkürlichen Erteilung von Gewerbsprivilegien und Monopolen durch die Krone tritt die Gewährung eines Erfindungspatents an den Erfinder für die Dauer von 14 Jahren. Durch 10 Will. 3 erfolgt eine Regelung des Wechselverkehrs, die allen Ansprüchen der Geschäftswelt gerecht wird. Ebenso beginnt bereits im 17. Jahrhundert die Gesundung des Finanzwesens: die Münzverschlechterungen hören auf, und die Schaffung eines rationellen Geldwesens wird angebahnt: durch eine günstige Schickung geht England bereits am Ende des 18. Jahrhunderts gleichsam auf automatischem Wege zur Goldwährung über. Im Jahre 1694 wird die Bank of England gegründet: die erste auf modernen Grundsätzen aufgebaute Notenbank. Einer späteren Periode, im wesentlichen dem Zeitalter des Hochkapita- lismus, gehört auch in England die Durchführung des „Befreiungswerkes“ wenigstens für Landwirtschaft und Gewerbe an. Die Befreiung der Landwirtschaft erfolgte in England durch die sog. Enclosure acts. Darunter versteht man sowohl die Gemeinheits- teilungs- wie die Zusammenlegungsgesetzgebung: enclosure of land pre- viously uncultivated = enclosure of waste of manor = enclosure of com- mons einerseits; enclosure of common fields = acts for extinguishing village communities anderseits. Jene bilden etwa ein Drittel, diese zwei Drittel sämtlicher „Befreiungsgesetze“. Wann sind diese Enclosure acts erlassen ? Nach einer früheren Auffassung, die im wesentlichen noch von Ashley vertreten wird, fällt ein sehr beträchtlicher Teil der Agrargesetze in das 16. Jahrhundert, als nach der hyperbolischen Redensart des Thomas Morus das Schaf den Menschen in England aufgefressen haben soll. Ich hatte schon in der ersten Auflage dieses Werkes auf Grund allgemeiner Erwägungen davor gewarnt, die Bedeutung der Enclosures im 16. Jahrhundert zu überschätzen und hatte 3% der Fläche als ihren mutmaßlichen Umfang angenommen. Neuere Untersuchungen englischer Forscher haben meine Ansicht in vollem Umfange bestätigt. Siehe die Ausführungen in Band I der Neubearbeitung Seite 792 ff. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts liegt also der englische Grund und Boden im wesentlichen noch im Gemenge und bestehen die Gemeinländereien noch fast in ihrem vollen Umfange. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts, darf man sagen, beginnt das agrarische Reformwerk in England und wird im wesentlichen in der Zeit zwischen 1760 und 1820 durchgeführt. Die erste Enclosure Bill ist 1710 erlassen. Ihre Zahl seit der Mitte des 18. Jahrhunderts ist folgende: 1760-1769 . 385 1810—1819 853 1770—1779 . 660 1820—1829 ..... 205 1780—1789 . 246 1830—1839 136 1790—1799 . 469 1840—1844 66 1800—1809 . 847 Fünftes Kapitel: Die innere Wirtschaftspolitik 57 Nach Porter, Progress of the Nation (1851), 148. Vgl. die gute, zusammenfassende Darstellung hei Gilbert Slater, The english peasantry and the enclosure of Common fields. 1907. Auf dem Gebiete des Gewerbewesens bestand die alte Elisabethsche Ordnung formell bis ins 19. Jahrhundert hinein: das Lehrlingsgesetz wurde erst durch 54 Georg III c. 96 (1814) aufgehoben. Aber es macht sich hier die oben erwähnte Eigenart der englischen Entwicklung geltend: die Bestimmungen sind vielfach obsolet geworden, ehe sie durch den Gesetzgeber beseitigt wurden. Frankreich vollzieht formal das Befreiungswerk feierlich, prunkhaft, mit großer Geste in der großen Revolution: 4. Augustnacht! Erklärung der Menschenrechte! doktrinär-naturrechtliche Einstellung! In Wirklichkeit hatte man schon während des Ancien regime mit dem Abbau der alten Ordnungen begonnen. Turgot namentlich hatte schon zahlreiche Erleichterungen auf dem Gebiete des Gewerbewesens eingeführt: siehe etwa den Artikel Reglement der M e Roland in der Enc. meth. Man. Revolution und Kaiserreich besorgten dann das Aufräumungswerk in sehr gründlicher Weise. Napoleon regelt das Geldwesen, gründet (1800) die Banque de France und gibt dem Lande in der Gestalt des Code nap. ein im kapitalistischen Sinne ideales Gesetzbuch. Am 22. September 1791 wird die Gleichberechtigung der Juden verkündet. 1794 wird die erste Fcole polytechnique in Paris begründet. Deutschlands Stil ist der der bureaukratisch-legalen, zum Teil sehr radikalen Reform oder, wie es Hardenberg nannte: „der Revolution von oben“. Sehr bezeichnend ist die Tatsache, daß die armen deutschen Lande nur in einem Punkte ihren glücklicheren Rivalen im Westen voraus sind: in der Ordnung des Unterrichtswesens. Nirgends so früh wie in Deutschland wird der Elementarunterricht obligatorisch, und 1745 wird die Carola Wilhelmina, die herzoglich-technische Hochschule in Braunschweig, begründet: die erste technische Hochschule' der Welt. Vgl. F. Lenz, Das technische Bildungsproblem in Rücksicht auf Staat und Wirtschaft. 1913. Im übrigen fallen die Reformmaßnahmen der deutschen Staaten fast durchgängig erst in das 19. Jahrhundert, meist sogar erst in dessen zweite Hälfte. Ich erinnere an die wichtigsten Tatsachen: 1808—1812 Emanzipation der Juden in den einzelnen Ländern, wird endgültig erst 1848. 1807—1811 Stein-Hardenbergsche Agrarreform, gerät 1816 ins Stocken und wird erst 1850 ff. vollendet. 1810 Gewerbefreiheit in Preußen, bleibt auf dem Papier, wird noch einmal rückgängig gemacht und erst 1865 für den Bergbau, 1869 allgemein und für ganz Deutschland verkündet. 1833 ff. Gründung des Zollvereins, wodurch erst — sehr allmählich — die Zollschranken zwischen den einzelnen Staaten beseitigt werden. 1765 kgl. preußische Bank, 1846 preußische Bank, aber erst 1875 Reichsbank. 58 Zweiter Abschnitt: Der Staat Das Geldwesen: zersplittert bis zur Gründung des Norddeutschen Bundes, endgültig geregelt durch Reichsgesetz von 1873. Das Privatrecht wird erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einheitlich neugeordnet, nachdem 1847 eine Allgemeine Deutsche Wechselordnung erlassen war: 1857—1861 Allgemeines Deutsches Handelsgesetzbuch, 1900 Bürgerliches Gesetzbuch. 1868 Maß- und Gewichtsordnung usw. * * * Ein Wort muß noch gesagt werden über die Bedeutung der liberalen Gesetzgebung für den Verlauf des Wirtschaftslebens, insonderheit für die Entwicklung des Kapitalismus, da diese Bedeutung, wie mir scheint, nicht immer richtig abgeschätzt wird. Abzulehnen ist diejenige Auffassung, die man als die Legal- t h e ö r i e bezeichnen kann, wonach die liberalen Gesetze, insbesondere die Gewerbefreiheit, den Niedergang der alten Wirtschaftsverfassung und das Aufkommen des Kapitalismus verursacht oder — wie es von den Vertretern dieser Theorie meist in wertbetonter Form ausgedrückt wird — „verschuldet“ sein soll. Davon ist natürlich keine Rede, kann keine Rede sein, weil die Kausalbeziehungen grundsätzlich falsch gesehen sind, wie ich das im 1. Kapitel ausgeführt habe. Aber auch nur in dem beschränkten Sinne: daß durch die Einführung der Gewerbefreiheit der Kapitalismus erst die Möglichkeit der Betätigung erhalten habe, ist diese Ansicht falsch. Ihr widerspricht ja die Geschichte der voraufgehenden Jahrhunderte, in denen, wie wir wissen, schon eine recht kräftige kapitalistische Entwicklung sich zu vollziehen angefangen hatte. Der Kapitalismus hat zu allen Zeiten Mittel und Wege gefunden, um de lege, praeter legem und contra legem sich durchzusetzen. Abzulehnen ist nun aber auch diejenige Auffassung, der wir schon in anderm Zusammenhänge begegnet sind (siehe Seite 31) und die man die Illegitimitätstheorie benamsen kann, nach der umgekehrt alle kapitalistische Entwicklung ausschließlich auf dem Wege der Gesetzesbeugung, der Bestechung und des Schwindels sich vollzogen haben soll. Die Bedeutung der liberalen Gesetzgebung Hegt gerade darin, daß diese Illegitimität keine notwendige Bedingung des Emporkommens des KapitaHsmus im 19. Jahrhundert mehr war. Im übrigen müssen wir die einzelnen Gebiete der liberalen Reformen unterscheiden, wenn wir deren wirkhche Bedeutung für den Gang des Wirtschaftslebens richtig einschätzen wollen. Das Befreiungswerk zunächst bedeutet sehr Verschiedenes für die Fünftes Kapitel: Die innere Wirtschaftspolitik 59 verschiedenen Gebiete des Wirtschaftslebens. Für die gewerbliche Produktion brachte es nicht viel mehr als die Beseitigung von lästigen Schikanen, also eine Erleichterung der Wirtschaftsführung. Für das Agrarwesen bedeutete es mehr: hier ermöglichte es vielfach erst eine rationellere Betriebsweise. Auch der Warenaustausch konnte sich erst frei entwickeln, nachdem wenigstens die lästigsten Schranken gefallen waren. Von einschneidender Bedeutung aber sind zweifellos diejenigen Maßnahmen gewesen, die der Sicherung des wirtschaftlichen Prozesses dienten: wir können uns schwer vorstellen, wie sich eine so mächtige Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft hätte vollziehen sollen ohne Sicherheit zu Lande und zu Wasser, ohne ein geordnetes Geld-, ein geordnetes Bankwesen. Die Bedeutung der positiven Förderung der kapitalistischen Interessen liegt auf der Hand. Über die Bedeutung der Emanzipation der Juden habe ich mich ausführlich in meinem Judenbuche ausgelassen. Sechstes Kapitel Die äußere Wirtschaftspolitik I. Die Episode des Freihandels Der moderne Staat, so haben wir feststellen können: siehe das 21. bis 28. Kapitel des ersten Bandes dieses Werkes, ist als Machtgemeinschaft in die Erscheinung getreten: er erkannte keine Rechtsetzende Gewalt außer sich, aber auch keine sein Verhalten bestimmende Norm an. Er war ein eigenwilliges Machtzentrum. Als solches hat er sich in der Form des absoluten, in England schon konstitutionellen Staates, vom 15. bis zum 18. Jahrhundert entwickelt. Die Wirtschaftspolitik dieses Staates, sahen wir gleichfalls, war eindeutig durch seine Interessen bestimmt. Der Staat setzte seine ganze Macht zugunsten der kräftigsten Wirtschaftsformen ein und vertrat seine Untertanen nach außen hin rücksichtslos. Macht und Wirtschaft sind im merkantilistischen Zeitalter eine unzertrennliche Einheit. Es gilt der Satz: soviel Macht, soviel Wirtschaft. Deshalb in der äußeren Politik: Niederkämpfung aller entgegenstehenden Mächte mit allen Mitteln der List und Gewalt. Anlegung überseeischer Kolonien durch Spanier, Portugiesen, Franzosen, Holländer, Engländer auf der Grundlage unbekümmerten Länder- und Menschenraubs. Durchsetzung der Interessen gegenüber den konkurrierenden Staaten mittels brutaler Zolltarife, brutaler Schiffahrtsgesetze, letzten Endes mittels Waffengewalt. Bei all diesen Maßnahmen war das Leitmotiv: das Staatsinteresse, „die Staatsräson“, der sacro egoismo des Staates (nachdem vielleicht noch die Spanier, auf denen als letzten ein Abglanz des Mittelalters gelegen hat, von der Idee eines Kampfes für das Christentum bei ihren Unternehmungen mitbestimmt worden waren). Dieses alles schien sich ändern zu wollen mit dem Beginn der Revolutionskriege, denn diese wurden ja wieder im Namen einer Idee geführt. Und auch Napoleon erklärte sich zum Sachwalter einer Idee: der Idee Europa. Und wiederum die Mittel- und Ostmächte stellten sich ihm im Namen einer andern Idee: der der Legitimität entgegen. Sechstes Kapitel: Die äußere Wirtschaftspolitik 61 Aber auch die Hoch-Zeiten der Kriegsspannung schien diese übernaturalistische St imm ung überdauern zu sollen, und es schien, als ob auch die ruhige Alltagspolitik der Staaten einer Idee tributpflichtig werden sollte: derselben Idee, die im Innern der Staaten ihre Herrschaft begonnen hatte, der Idee des Liberalismus. Denn offenbar war diese Idee im Spiele, als — einsetzend bald nach der Bendigung der Napo- leonischen Kriege — gegen die Mitte des 19. Jahrhunderts die staatliche Außenpolitik der europäischen Staaten in der Richtung des Freihandels einzuschwenken begann, also der Idee einer durch den freien Verkehr verbundenen friedlichen Tauschgemeinschaft aller Völker, die in Atome aufgelöst gedacht wurden, somit richtiger: aller Einzelmenschen oder Einzelwirtschaften, die sich auf dem Wege des ungehinderten Warenaustausches zu einem sozialen Kosmos zusammenschließen sollten, jenem Prunkstück des sozialen Newtonismus, dessen letzter Ausläufer die Freihandelsidee ist. England ist es, das in den 1840er Jahren zum Free Trade übergeht. Ihm folgen andre Länder: während der ersten Hälfte der 1850er Jahre haben die meisten Länder Europas ihre Tarife im liberalen Sinne umgestellt: Preußen, Schweden-Norwegen, Dänemark, Sardinien oder wenigstens gemäßigt: Spanien, Frankreich. 1860 wird der englisch-französische Handelsvertrag abgeschlossen, der Epoche macht: es folgen ähnliche Verträge mit Belgien, Italien, dem Zollverein, Österreich, der Schweiz. Vielfach war die Idee des wirtschaftlichen Freihandels verwoben mit der demokratischen Nationalitätsidee, die weite Kreise des damaligen Europa durchglühte, jener Idee, nach welcher die staatlosen, gleichsam hautlosen Nationalitäten, vor allem die kleinen, sämtlich selbständig werden und unter einander in friedliche Beziehungen treten sollten. Das Jahr 1845 bedeutete mit dem Fest der Nationen in London einen Höhepunkt dieser Bewegung, die dann in der Revolution des Jahres 1848 sich zu Tode lief. Sehr tief war auch die eigentliche Freihandelsbewegung wohl nie gedrungen: die vitalen Interessen und Instinkte der großen Staaten waren nie durch sie berührt worden. Rußland war immer seine eigenen Wege gegangen, und England, von dem die Bewegung angeregt war, hatte keinen Augenblick daran gedacht, seine Staatsinteressen der Freihandelsidee zu opfern. Als Cobden, der Träger dieser Idee, im Anschluß an seine Anti-Kornzollagitation die Aufgabe des englischen Kolonialreichs forderte, wurde er vom englischen Volke völlig im Stich 62 Zweiter Abschnitt: Der Staat gelassen. Er klagt (1849): „Die Mittelklasse hängt dem Kolonialsystem nicht minder an als die Aristokratie, und die Arbeiter sind auch nicht, klüger.“ Derselbe Cobden äußerte dann (nach Blatchford)im Jahre 1861: „Ich würde lieber für 100 Millionen £ stimmen, als der französischen Flotte erlauben, daß sie die unsere überwächst, weil ich der Meinung bin, daß ein derartiger Versuch ohne irgendwelchen triftigen Grund schlechte Hintergedanken in bezug auf unser Land einschließt.“ Wir müssen uns, um die Tragweite der Freihandelsbewegung richtig abzuschätzen, immer gegenwärtig halten, daß England als Nation am Freihandel interessiert war. Freihandel als Idee und Freihandel als Interesse sind aber sehr genau voneinander zu trennen. Die Lage ist bekannt: England war nach den Napoleonischen Kriegen, dank seinem raschen industriellen Aufschwung die „Werkstatt des Welt“ geworden, infolgedessen mit Industrieerzeugnissen, die es nicht alle selbst verbrauchen konnte, überfüllt und auf das lebhafteste daran interessiert, daß sich ihm die Märkte überall öffneten; es selbst aber brauchte die Einfuhr nicht zu fürchten, da kein anderes Land mit ihm in Wettbewerb treten konnte. Auch als Kolonialland stand es, nachdem es Frankreich niedergezwungen hatte, einzig da. England konnte also auch ohne Bedenken den engeren Gehalt der Freihandelspolitik — die freie Warenbewegung zwischen den einzelnen Ländern — als Bestandteil seiner Außenpolitik beibehalten, auch wenn diese Politik sich wieder nach dem „rein staatspolitischen Gesichtspunkte“ zu richten begann. Das aber sollte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein- treten, als die große europäische Politik mittels einer Achsendrehung sich zum Leitmotiv der Staatsinteressen wieder zurückfand, nicht zuletzt gerade auch durch englische Staatsmänner, wie Palmerston und Disraeli, die eben im Grunde nie aufgehört haben, wirkliche Staatspolitik zu treiben, wenn es ihnen auch immer wieder gelingt, mittels des von ihnen zur Meisterschaft ausgebildeten Cants dem englischen Staatsinteresse irgendwelches ideologisches Mäntelchen umzuhängen und die weniger gerissenen Politiker der andern Mächte zu täuschen. Nur der größeren Ehrlichkeit der Deutschen ist es zu danken, wenn als der Vertreter der nun wieder allgemein befolgten „Realpolitik“ Bismarck erscheint, der vielleicht nur am bewußtesten und zielsichersten tat, was alle andern auch taten: das Staatsinteresse ohne Rücksicht auf irgendwelche übergeordnete Idee zu verfolgen. Daß er diesen Grundsatz schwerer als die Staatsmänner andrer Länder in seinem Vater- Sechstes Kapitel: Die äußere Wirtschaftspolitik 63 lande zur Anerkennung brachte: siehe seine Korrespondenz mit v. Ger- lach und Roon schon in den 1850er und 1860er Jahren, die beide die Idee der Legitimität gegen die reine Staatsidee verfochten und beispielsweise das Bündnis mit Napoleon verabscheuten, wogegen Bismarck den Grundsatz vertrat: ich würde mich auch mit dem Teufel verbünden, wenn es das Wohl Preußens erheischte — wenn, sage ich, Bismarck länger um die Anerkennung des Staatsräsonprinzips in Preußen-Deutschland zu kämpfen hatte als andre Staatsmänner in ihren Ländern, so hängt auch das mit der doktrinären Veranlagung der Deutschen zusammen, die immer ein Faible für „Ideen“, auch die impraktischsten, gehabt haben. Und nicht minder eine nationaldeutsche Eigenart tritt in dem Verhalten Bismarcks zutage, wenn selbst er nicht dem Grundsatz huldigte: „So was tut man, sagt man aber nicht.“ Genug: Nach verschiedenen Methoden in den verschiedenen Staaten, im Endergebnis gleich, tritt etwa im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts in der auswärtigen Politik Europas ein völliger Wechsel ein, der nun auch die äußere Wirtschaftspolitik von Grund aus änderte, wie im folgenden zu zeigen sein wird. II. Der Neu-Merkantilismus ' Man nennt die äußere Wirtschaftspolitik, die etwa seit der Mitte der 1880er Jahre befolgt worden ist, nicht mit Unrecht Neu-Merkantilismus, da sie in der Tat eine Art von Wiedergeburt des Merkantilismus darstellt: sie nimmt die Fäden dort wieder auf, wo in der Mitte des 18. Jahrhunderts die Staatsmänner des merkantilistischen Zeitalters sie hatten fallen lassen: der Gedanke des nationalen Wirtschaftsgebietes taucht wieder auf und der Grundsatz, die einheimische Wirtschaft, namentlich die kapitalistischen Interessen, mit allen Machtmitteln des Staates zu fördern, wird wieder befolgt. Dabei muß man sich des Unterschiedes bewußt werden, der doch trotz aller Gleichheit zwischen dem alten und dem neuen Merkantilismus obwaltet: der neue Merkantilismus ist doch in weit größerem Umfange von den Interessen des Kapitalismus unmittelbar bestimmt. Früher führte der Staat die Wirtschaft, jetzt leitet die Wirtschaft den Staat. Sehen wir uns nun die Maßnahmen an, zu denen die neue Wirtschaftspolitik griff, nm die nationalen Wirtschaftsinteressen zu fördern! Da begegnet uns als erste Tat: 1. die Rückkehr zum Schutzzollsystem. Ihn vollziehen in den 1880er Jahren, eins vom andern getrieben, alle Länder 64 Zweiter Abschnitt: Der Staat (mit Ausnahme Englands). Von starkem Einfluß erweist sich die wirtschaftliche Depression jener Jahre, die den alten Freihandelsoptimismus überwindet. Das „Schutzzollsystem“ bestand zumeist aus einem Zollschutz namentlich der nationalen Industrie (die Agrarzölle sind eine durch eine vorübergehende Kalamität hervorgerufene ephemere Erscheinung) verbunden mit Exportprämien in der Höhe des Schutzzolles. Nun ist die Zollpolitik für den großen Gang des Wirtschaftslebens niemals von erheblicher Bedeutung gewesen, und es hätte sich wenig geändert, wenn sich nur die Zollpolitik geändert hätte. Aber die neue außenpolitische Einstellung hatte auch wichtige Maßnahmen in ihrem Gefolge. Aus ihr ergaben sich vor allem 2. Expansionstendenzen der führenden Großmächte, das heißt Bestrebungen der Staaten, ihren Wirtschaftsbereich über die Grenzen des Mutterlandes hinaus auszudehnen. Dabei wurden verschiedene Methoden angewandt, um die fremden Gebiete den eigenen Interessen dienstbar zu machen. Die lockerste Form der Abhängigkeit ist die der nur finanziellen Abhängigkeit, durch die ein moralischer Druck auf den fremden Staat ausgeübt wird: Beispiele Südamerika, Portugal, Balkan. Etwas fester wird das Band zwischen Mutterland und Tochterland dort, wo der fremde Staat sich förmlich einer politischen Beeinflussung unterwerfen muß, wo er auch politisch „kontrolliert“ wird: Beispiele Ägypten, Persien, neuerdings Deutschland. Man spricht hier von „Ägyptisierung“ und meint die Verwandlung halbzivilisierter Völker in eine Kolonie des herrschenden Staates. Eine wirkliche Kolonisierung liegt dagegen vor, wenn unzivilisierte Völker der Staatshoheit eines Herrenstaates unterworfen werden. Tatsachen der Expansionspolitik Die Eroberungspolitik der europäischen Staaten setzt in den 1880 er Jahren ein. Sie beginnt mit den Beutezügen Cecil Rhodes in Südafrika, wo 1889 die British South African Co, „Chartered Rhodesia“ begründet wird. In die gleiche Zeit fallen die Angriffe Englands auf Ägypten (1882 Bombardement Alexandrias!), die mit der Okkupation endigen. Es folgen die deutschen Kolonialerwerbungen in Afrika; die französische Okkupation von Tunis, die Expedition nach Tonking und Madagaskar; die italienischen Vorstöße in Assab und Massaua, der abessinische Krieg; das russische Vordringen bis an die Grenzen Persiens und Afghanistans, nach Kiachta und in das Amurgebiet. Sechstes Kapitel: Die äußere Wirtschaftspolitik. 65 Betrachten wir das Ergebnis vom geographischen oder, wie es jetzt heißt: „geopolitischen“ Gesichtspunkt aus, so handelt es sich um eine Neueinteilung der Erde, genauer um die Aufteilung Afrikas und Polynesiens unter die europäischen Großmächte (nachdem die andern Erdteile schon aufgeteilt waren). Nach der Zusammenstellung bei Supan gehörten den europäischen Kolonialmächten (einschließlich die Vereinigten Staaten): 1876 1900 Zuwachs in Afrika . . . . . . 10,8% 90,4% 79,6% „ Polynesien . . . . 56,8 „ 98,9 ,, 42,1 „ „ Asien . . . . . . 51,5 „ 56,5 ,, 5,0 „ ,, Australien . . . . 100,0 „ 100,0 „ — „ Amerika . . . . . 27,5 „ 27,2 „ Abnahme 0,30% Die Ausdehnung der Herrschaftssphären der einzelnen Staaten ergibt sich aus folgenden Ziffern. Es gehörten den verschiedenen Staaten: Englische Quadratmeilen Mill. Einwohner 1862 1912 1910 Großbritannien. 5,3 11,5 421 Rußland. 7,6 10,2 167 Vereinigte Staaten . . . 1,5 3,7 103 Frankreich. 0,4 4,8 86 Deutschland. 0,24 1,2 78 Japan . 0,15 0,26 70 Italien. 0,1 0,7 36 Insgesamt 15,0 32,36 961 Anteil an der gesamten Erdoberfläche bzw. ihren Bewohnern. 28,4% 62,3% 60% China. 4,3 2,9 431 Erde. 52 52 1600 Nach der Zusammenstellung bei P. Lenz, Macht und Wirtschaft. Zum Vergleich: Das römische Reich beim Tode des Augustus umfaßte 3,3 Mill. qkm = 1,2 Mill. engl. Quadratmeilen mit 54 Millionen Einwohnern. Die stärkste Konzentration der modernen Weltreiche fällt in den Zeitraum von 1894 bis 1900. Eine weitere, sehr bedeutsame Begleiterscheinung des neuen außenpolitischen Kurses war 3. die Militarisierung der Staaten, in der ein „Neo- Militarismus“ (AlfredWeber) zutage tritt: Steigerung der Heeresausgaben infolge Wettrüstens mit einer gewissen Zwangsläufigkeit. Es trat neben die kapitalistische eine militärische Entwicklung, die ebenso wie jene eine Eigengesetzlichkeit hatte und sich nach dieser, Sombart, Hochkapitalismus. 5 66 Zweiter Abschnitt: Der Staat vielfach unabhängig von der -wirtschaftlichen, durchsetzte. Es handelt sich, wie man es ausgedrückt hat, um ein „Ralliierung des machtpolitisch gewordenen Kapitalismus mit der aus ganz natürlichen Eigentendenzen im politischen Effekt gleichgerichteten und immer wesentlicher werdenden Staatsmilitarisierung.“ Steigerung der Ausgaben für Heeresziveclce in Ziffern Die ordentlichen Ausgaben für Heer und Flotte betrugen in Millionen Mark in: (a) (b) (c) 1875 1907f08 1913/14 Großbritannien . . . 532,9 1165,1 1540 1873 1908 Frankreich. 549,5 974,9 1109 1881/82 1908 Deutsches Reich. . . 426,1 1162,1 1411 Auf den Kopf der Bevölkerung betrugen die Ausgab en in den geführten Jahren in Mark: in (a) (b) (c) Großbritannien . . . 16,0 26,42 34,2 Frankreich. 15,2 24,81 28,4 Deutsches Reich. . . 9,43 18,44 23,5 III. „D as Zeitalter des Imperialismus“ nennt man das letzte Menschenalter vor dem Kriege, in dem die vorher berichteten Geschehnisse sich zugetragen haben, mit Vorliebe. Das legt den Wunsch nahe, noch etwas Näheres und Grundlegendes über Sinn und Bedeutung des Begriffes „Imperialismus“, der die ganze Zeitspanne zu kennzeichnen für gut befunden wird, in Erfahrung zu bringen. Wir werden dann erst, und wenn wir zudem noch den Gründen auf die Spur gekommen sind, die die imperialistische Bewegung hervorgerufen haben, imstande sein, uns ein Urteil über die Bedeutung zu bilden, den die neumerkantilistische Außenpolitik für den Verlauf des Wirtschaftslebens, insonderheit des Kapitalismus, gehabt hat. 1. Begriff des Imperialismus Den Begriff des Imperialismus habe ich oben, wo ich den Sinn der modernen Expansionspolitik kennzeichnete, schon bestimmt. Während das Wort ursprünglich soviel wie die Bildung großer Weltreiche bedeutete, so daß es alle auf das „Imperium“ etwa Großbritanniens, der Vereinigten Staaten, Rußlands (namentlich aber des Sechstes Kapitel: Die äußere Wirtschaftspolitik 67 englischen „empire“) bezüglichen Vorgänge und Erscheinungen be- zeichnete, ist sein Sinn im Laufe der Zeit darüber hinausgewachsen, so daß es nunmehr die Ausdehnung der Machtsphäre eines Staates über die Grenzen des Mutterlandes hinaus besagen will. Immer sollte man das Wort nur gebrauchen, um damit eine Angelegenheit des Staates auszudrücken, dessen Wesenheit im Imperialismus, wenn auch übersteigert, zur Verwirklichung gelangt. Abwegig und sinnverwirrend ist es, von einem Kulturimperialismus, einem Sozialimperialismus, einem Volksimperialismus, einem Imperialismus der mittelalterlichen Kirche, der Mönchsorden usw. zu reden. 2. Die Gründe des Imperialismus Die heute am meisten verbreitete Theorie des Imperialismus ist die marxistische. Danach ist der Imperialismus eine Funktion des Kapitalismus in einem bestimmten Entwicklungsstadium: sei es des Industriekapitalismus im Stadium der Kartellbildung, sei es des Finanzkapitalismus, eines etwas verschwommenen Begriffes, der aber ganz allgemein in der sozialistischen Literatur zur Bezeichnung der letzten Entwicklungsphase des Hochkapitalismus dient: „Der Imperialismus oder die Herrschaft des Finanzkapitals“ (L e n i n). Diese Theorie ist falsch oder doch wenigstens einseitig. Ihr Irrtum läßt sich schon auf rein empirischem Wege nachweisen: es gibt Imperialismus auch dort, wo jene Entwicklungserscheinungen des Kapitalismus keineswegs die Lage kennzeichnen: weder Rußland noch Japan hatten bis zum Kriege eine wesentliche Kartellbildung oder einen ausgesprochenen „Finanzkapitalismus“ ; in England ist die Kartellbildung niemals von großer Bedeutung gewesen, und das „Finanzkapital“ war dort nicht der Förderer der Weltreichsiäee, die vielmehr von den Interessenten der Exportindustrie vertreten wurde; umgekehrt: es gibt jene Entwicklungserscheinungen des Kapitalismus, ohne daß sie igrendwelche imperialistische Tendenzen im Gefolge haben: Hauptbeispiel die Schweiz. Der Irrtum der marxistischen Theorie des Imperialismus liegt, wie nicht des näheren dargetan werden kann und braucht, in der grundsätzlich falschen Auffassung des Marxismus vom Werdegang der Geschichte verwurzelt: es ist eben nicht angängig, eine so mächtige Erscheinung wie den Imperialismus restlos aus der Geltendmachung von Klasseninteressen zu erklären, seine „Massenhafte Gebundenheit“ zu behaupten, das heißt also letzten Endes: n u r ökonomische Motive 5 * 68 Zweiter Abschnitt: Der Staat zu seiner Deutung zuzulassen. Der Haupteinwand gegen die materialistische Geschichtsauffassung, soweit sie mehr als eine „Fiktion“ sein will, bleibt immer der: daß sie armselig, weil blind gegenüber der Fülle der Motive ist, aus denen sich die Welt der Geschichte aufbaut. Es ist eine dogmatische Voreingenommenheit, angesichts des Reichtums des Geschehens, in diesem immer nur Eine Kraft wirksam zu sehen, deren Vorherrschaft oder Alleinherrschaft zu behaupten durch kein a priori zwingendes Moment gerechtfertigt ist. Wer einmal die marxistische Brille von den Augen nimmt, der steht zunächst geblendet vor der Fülle der Welt und blickt in eine Buntheit des Kräftespiels dort, wo er vorher nur ein einheitliches, gleichfarbiges Grau gesehen hatte. An keinem Beispiel läßt sich besser die Kurzsichtigkeit oder Grausichtigkeit der marxistischen Theoretiker erweisen als an dem Beispiel des Imperialismus. Vielleicht auch läßt sich an keinem Beispiel so deutlich machen, was diese Kurzsichtigkeit veranlaßt: es ist die Verwechslung der Erscheinungsform mit dem Wesen der Sache. Hier wie in fast allen andern Fällen, wo eine Deutung der Geschichte mit Hilfe des Ökonomismus versucht wird. Zweifellos nämlich hat der Kapitalismus eine überragende Bedeutung für die Herausbildung des modernen Imperialismus gehabt; aber nicht deshalb, weil er der einzige Grund dieser Erscheinung gewesen ist, sondern weil er in weitestem Umfange die Form ihrer Auswirkung bestimmt hat. Treten wir ohne Voreingenommenheit an die Deutung des Imperialismus (in dem oben gekennzeichneten Sinn, also als Expansionstendenz der modernen Großstaaten) heran, so strömen uns die Motive in Fülle zu, aus denen wir diese Bewegung ableiten können. Ich zähle die wichtigsten auf. Es sind folgende: a) politische, also reine Machtinteressen, sei es in der Offensive: abstrakte Ausweitungstendenz des Staates, sei es in der Defensive: Sicherungsbedürfnis nach außen (Frankreich!); Sicherungsbedürfnis nach innen (Rußland!); b) militärische: die Militärmaschine treibt automatisch weiter; so die Schumpetersche Auffassung; c) nationale: der Drang, den Angehörigen einer bestimmten Nation oder Rasse mehr Geltung auf der Erde zu verschaffen: immanente Tendenz des Slawentums (Panslawismus!), des Angelsachsentums, des Italienertums, nur nicht des Germanentums (es gibt alle Pan-ismen, nur keinen Pangermanismus); Sechstes Kapitel: Die äußere Wirtschaftspolitik 69 d) religiöse: Rußlands Trachten nach Konstantinopel; früher: der Expansionsdrang muhammedanischer Staaten; e) populationistische: in weitestem Umfange. Die Bevölkerungsinteressen bewirken imperialistische Tendenzen in sehr verschiedener Weise: a) als Streben nach Siedlungsland, um der überschüssigen Bauernbevölkerung Lebensmöglichkeiten zu schaffen: Japan! Rußland! Italien! ß) als Streben nach Kolonialerwerb, Interessensphären usw., um den überschüssigen, namentlich den intellektuellen, Mittelstand unterzubringen : Deutschland! y) als Streben, die eigene Staatsbevölkerung zu — vermehren. Das ist der paradoxe Fall Frankreichs: Imperialismus aus Untervölkerung: Ergänzung der weißen Franzosenschaft durch 60 Millionen Neger! f) endlich — und gewiß nicht zum wenigsten —: kapitalistische. Indem wir die kapitalistischen Motive des modernen Imperialismus uns vergegenwärtigen, bestimmen wir gleichzeitig 3. die Bedeutung des Imperialismus für die Entwicklung des Hochkapitalismus, der wir unser besonderes Augenmerk widmen müssen. Denn das ist ja die Fragestellung, die uns in diesem Zusammenhänge in erster Reihe angeht: nicht, welche Bedeutung hat die Wirtschaft für die Entstehung und Entfaltung des Imperialismus, sondern umgekehrt: was bedeutet dieser für jene. Das läßt sich zusammenfassend etwa in folgenden Sätzen sagen. Der Imperialismus, dessen ökonomischer Ausdruck der Neumerkantilismus ist, hat — dies gilt zunächst im allgemeinen — dem Kapitalismus die Hilfsmittel einer starken Staatsgewalt zur Verfügung gestellt: wie dieser aus einem starken Staatensystem hervorgegangen ist, so reift er in einem starken Staatensystem aus. Die liberalen Ideen von der freischwebenden Konkurrenz von Einzelwirtschaften haben sich für den Kapitalismus (in seiner Auswirkung auf dem Weltmärkte) als ungeeignet erwiesen. Im Innern hat er sich aus eigner Kraft die nötigen Machtmittel geschaffen, indem er größtenteils die Funktionen des Staates auf sich übernommen hat. Im Verkehr mit dem Auslande konnte er diese selbständigen, staatlichen Machtmittel nicht entbehren, und erst durch sie ist er zu der formidabeln Größe erwachsen, die er heute erreicht hat. 70 Zweiter Abschnitt: Der Staat Das läßt sich im einzelnen nach den verschiedenen Seiten hin, nach denen sich der Neumerkantilismus entfaltet, unschwer nachweisen. Die Schutzzollpolitik hat überall die Halbfabrikatsindustrien, in denen sich die größte Macht des Hochkapitalismus darstellt, zur Entfaltung gebracht oder hat doch wenigstens ihre Entwicklung gefördert. Sie hat die Ausbildung des Kartellwesens, das in jener Sphäre seinen Hauptsitz hat, beschleunigt und hat durch die Exportprämien den Markt auszuweiten geholfen. Größer ist die Bedeutung der im engeren Sinne imperialistischen Tendenz zur Expansion der modernen Staaten für die Entwicklung des Kapitalismus. Man darf freilich diese Bedeutung nicht in erster Linie darin erblicken, daß durch die Schaffung von Interessensphären der Absatz der im Mutterlande erzeugten Produkte ausgedehnt worden wäre. Die Ziffern der Statistik, auf die die Gegner der Expansionspolitik oft hingewiesen haben, belehren uns dahin, daß die Ausfuhr der Staaten in die von ihnen politisch beherrschten Gebiete sich vielfach in geringerem Umfange ausgedehnt hat als die Ausfuhr der anderen Staaten dorthin, bzw. daß die Ausfuhr der einzelnen Länder in die von ihnen politisch nicht beherrschten Gebiete rascher gewachsen ist als die in ihre Kolonien. Eher kommt als eine Wirkung der politischen Herrschaft in Betracht die durch sie herbeigeführte Sicherung des Rohstoffbezuges. Aber auch die Einfuhrstatistik erweist, daß die Bezüge aus den politisch beherrschten Ländern, insonderheit den Kolonien, in dieMutter- länder nicht rascher gewachsen sind als die aus dem freien Auslande. Hier sind einige Ziffern: Die Einfuhr nach Kanada steigt von 1904—1913 aus England um 124%, aus den Kolonien um 114%, aus andern Ländern um 186%. Die Einfuhr nach Neuseeland steigt von 1899—1913 aus England um 140%, aus fremden Ländern um 232%. Die Einfuhr nach Indien steigt von 1904—1913 aus England um 70,9%, aus fremden Ländern um 181%. Die Gesamteinfuhr in die englischen Kolonien steigt von 1899—1913 aus England um 73%, aus fremden Ländern um 140%. Sechstes Kapitel: Die äußere Wirtschaftspolitik 71 Umgekehrt steigt die Einfuhr aus sämtlichen englischen Kolonien von 1899—1913 nach England um 122%, nach andern Ländern um 170%. Aber es wäre sehr kurzsichtig, aus diesen Ziffern, selbst wenn man ihnen Allgemeingültigkeit für alle kolonialen und halbkolonialen Beziehungen zuerkennen wollte, was m. E. nicht ohne weiteres zulässig ist (die Ziffern z. B. für die französischen Kolonien lauten wesentlich anders), die Bedeutungslosigkeit der politischen Expansion für die kapitalistische Entwicklung folgern zu wollen. Und zwar deshalb, weil die Hauptbedeutung dieser Bewegung gar nicht auf dem Gebiete des Warenhandels zu suchen ist. Die Hauptbedeutung des wirtschaftlichen Imperialismus liegt nämlich, wie kein Zweifel sein kann, darin, daß durch die Ausdehnung der politischen Machtsphäre den kapitalistischen Ländern die Möglichkeit geboten worden ist, die Anlagesphäre für ihre überschüssigen Kapitalien auszuweiten. Diesen Prozeß der Internationalisierung der Kapitalanlage und seine besondere Bedeutung für die Entfaltung des Hochkapitalismus werde ich aber in anderm Zusammenhänge (siehe das 29. Kapitel) noch ausführlich zu behandeln haben, so daß hier einstweilen der Hinweis genügen mag. Was aber endüch die Bedeutung der im Gefolge der imperialistischen Bewegung auftretenden Militarisierung der Staaten für die Ausbreitung des Kapitalismus anbelangt, so liegt sie, scheint mir, auf der Hand: die verstärkte Nachfrage nach Kriegsmaterial hat die „Rüstungsindustrien“ geschaffen und damit dem wichtigsten Gliede des Kapitalismus, der Schwerindustrie, in außerordentlicher Weise zu rascher, kräftiger Entfaltung verholfen. * * * Anhangsweise behandle ich in diesem Zusammenhänge noch die zwischenstaatlichen Organisationen. 1. Während die große Politik der Staaten im letzten Menschenalter meist mehr auf selbstherrliche Machtbehauptung gerichtet war, hat der zunehmende Wirtschaftsverkehr der Staaten untereinander zu einer internationalen Verständigung, einer „Interessengemeinschaft“ geführt, die ebenfalls dem Kapitalismus zugute gekommen ist. 2. Der Inhalt dieser Verständigung — das sollte immer festgehalten werden — hat ganz und gar nichts mit einer kosmopolitischen, auf Liebes- und Friedensgemeinschaft beruhenden „Verbrüderung“ der 72 Zweiter Abschnitt: Der Staat Menschen zu tun. Sie ist vielmehr durchaus eine Schöpfung des Interesses und rein rational begründet. Wie wenig sie gegen die großen, feindseligen Strömungen standzuhalten vermag, hat der Weltkrieg erwiesen. Internationalismus ist eben kein Weg zum Frieden. Im Gegenteil. Im einzelnen besteht der wirtschaftliche Internationalismus aus folgenden Bestandteilen: a) aus dem formalen Teile des sog. Völkerrechts; b) aus dem internationalen Privatrecht; c) aus den einzelnen Konventionen. Das Neue in diesen internationalen Vereinbarungen, die uns an dieser Stelle vornehmlich angehen, ist ihr Inhalt: früher hatten die internationalen Abkommen im wesentlichen einen politischen Inhalt: sie dienten dazu, die Wirkungen des internationalen Antagonismus zu regeln (Führung der Kriege, Bündnisse zur Kriegführung, Friedensschlüsse usw.). Seit etwa drei bis vier Jahrzehnten treten an die Stelle der politischen Abmachungen Verkehrsverträge, die das wirtschaftliche und soziale Leben der Völker regeln sollen. Früher wurden die Verträge meist zwischen nur zwei Kontrahenten abgeschlossen, jetzt sind es universelle Verträge. Früher waren sie ungeregelt, heute in der Regel mit einer ständigen Verwaltung (internationale Bureaus!) verknüpft. 3. Es gab solche internationale Organisationen, die größtenteils Opfer des Weltkrieges geworden sind, nach ihrem Gründungsjahre: Gegründet bis 1857 . 7 1850-1870 . 17 1870-1880 . 20 1880-1890 . 31 1890-1900 . 61 1900-1910 . 108 Für die kapitalistische Entwicklung kommen bis zum Ausbruch des Weltkrieges vornehmlich folgende wichtigeren Konventionen in Betracht: 1856 Internationale Donaukommission; 1865 Internationale Union der Telegraphenverwaltungen nebst späteren Abmachungen über drahtlose Telegraphie, Unterseekabel u. dgl.; — Lateinische Münzunion; Sechstes Kapitel: Die äußere Wirtschaftspolitik 73 1874 Weltpostverein; 1875 Internationale Meterkommission (Organ: das Internationale Maß- und Gewichtsbureau in Sevres); 1879 Internationale Regelung der Seerouten; 1883 Internationale Union für den Schutz des industriellen Eigentums (Organ: Int. Bureau für das industrielle Eigentum in Bern); 1884/85 Kongokonferenz; 1888 Verständigung über Neutralisierung des Suezkanals; 1890 Übereinkommen über den jinternationalen jEisenbahn- frachtverkehr; — Internationale Union für die V eröffentlichung der Zolltarife. Einer besonderen Begründung der Bedeutung dieser Abmachungen für die Entwicklung des Kapitalismus bedarf es offensichtlich nicht. 74 Dritter Abschnitt Die Technik Quellen und Literatur 1. Naturwissenschaft und Technik in ihrem geschichtlichen Zusammenhänge: E. Dühring, Kritische Geschichte der allgemeinen Prinzipien der Mechanik. 3. Aufl. 1887. Ernst Mach, Eie Mechanik in ihrer Entwicklung. 8. Aufl. 1921. Sigm. Müller, Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften. 1901. Chronistische Darstellung. Max Planck, Die Einheit des physikalischen Weltbildes. Physikal. Zeitschrift X. 1909. W. Windelband, Lehrbuch der Geschichte der Philosophie. 7. Aufl. 1916. IV. Teil. Leopold Ziegler, Gestaltwandel der Götter. 2 Bde. 1922. 5. Betrachtung. Beste Erfassung des Wesens der modernen Naturwissenschaften. Max Scheler, Die Wissensformen und die Gesellschaft. 1926. Hierher würden auch die theoretischen Werke über Technologie gehören, die hier zu erwähnen unnütz ist. Ich begnüge mich, auf zwei Schriften hinzuweisen, die sich für den technologischen Laien als Einführung in das Wissensgebiet eignen, und zwar je der chemischen und der mechanischen Technologie: Arthur Binz, Chemische Technologie, 1925 und G. v. Hanffstengel, Technisches Denken und Schaffen. 3. Aufl. 1922. 2. Erfindung und Erfinder: Emile Capitaine, Das Wesen des Erfinders. 1895. Sehr allgemein. R. Escher, Erfinden und Erfinder in der Zeitschrift für Sozialwissenschaft II (1899). Die Geschäftstätigkeit des K. Patentamts. Ergänzungsband zum Blatt für Patent-, Muster- und Zeichenwesen. 1902. Sehr interessante Übersichten über die Entwicklung des Patentwesens auf den verschiedenen Gebieten. Josef Kulischer, Zur Entwicklungsgeschichte des Kapitalzinses in den Jahrb. f. NÖ. Dritte Folge. Bd. 25 (1903). Aus den Anfängen der modernen Industrie. Max Eyth, Zur Philosophie des Erfinders in dem Buch: Lebendige Kräfte. 1905. Aphoristisch. Arved Jürgensohn, Patentgesetzgebung und Erfinderschicksale. 1906. Reiches, aber ungeordnetes Material. A. du Bois- Reymond, Erfindung und Erfinder. 1907. Grundlegendes Werk. P. K. von Engelmeyer, Der Dreitakt als Lehre von der Technik und der Erfindung (sc. Wollen, Wissen, Können) in der Zeitschrift: Gewerblicher Rechtsschutz und Urheberrecht. Nov. 1909. Wegen der Einführung durch E. Mach beachtenswert. Th. Veblen, The instinct of workmanship. 1914. F. W. Taussig, Inventors and money-makers. 1915. Beide Werke stehen unter dem Einfluß der Modetheorie Mc Dougalls, möchten gern einen Erfindertrieb als Urtrieb aufdecken und bieten daher für die neue Zeit keine erhebliche Ausbeute. R. Müller-Liebman, Das Wesen der Er- Quellen und Literatur 75 findung. 1924. Sehr tiefgründige Begriffsanalyse mit Hilfe der Schopen- hauerschen Philosophie. G. Lippert, Wissenschaftliche Arbeit und Forschung in der Zeitschrift des VDI. 1924. 3. Biographien und Selbstbiographien von Technikern sind besonders lehrreich, um die Entstehung von Erfindungen sowie die Art und Weise ihrer Verwirklichung kennen zu lernen. Max Eyth, Hinter Pflug und Schraubstock. Zuerst 1880; Derselbe, Lebendige Kräfte. 1908. Ludwig Brinkmann, Der Ingenieur (1908); Derselbe, Die Erweckung der Maria Carmen (sc. Grube). 1911. W. Siemens, Lebensermnerungen. 12. Aufl. 1922. R. Ehrenberg, Die Unternehmungen der Gebr. Siemens. 2 Bde. 1905 ff. Oberingenieur Herrn. Meyer, Fünfzig Jahre bei Siemens. 1920. A. Riedler, Ernst Rathenau. 1916. F. Pinner, Emil Rathenau und das elektrische Zeitalter. 1918. R. Diesel, Die Entstehung des Dieselmotors. 1912. Ch. T. Porter, Lebenserinnerungen eines Ingenieurs. 1912. J. Popper-Lynkeus, Selbstbiographie. 1920. Eine Sammlung der Lebensgeschichten der älteren englischen Erfinder enthalten die schon genannten Werke von Samuel Smiles; siehe Seite 43 und vergleiche dazu James Muirhead, The origin progress of the mechanical invention of James Watt. 3 Vol. 1854. G. and Biedenkamp, James Watt und die Erfindung der Dampfmaschine. 191]. 4. Darstellungen des Standes der modernen Technik und ihrer geschichtlichen Entwicklung (rein technologisch). Ein großer Teil der zum 30. Kapitel des ersten Bandes angeführten Literatur reicht in die hochkapitalistische Periode hinein und wird hier nicht wieder genannt. Zu den dort genannten Chroniken der Erfindungen gesellt sich jetzt noch die sehr fleißige, nicht immer geordnete und nur selten quellenmäßig belegte Zusammenstellung von Etienne Pacoret, Le machinisme universel ancien, moderne et contemporain (1925), die bis 1923 reicht und die neueste Zeit seit 1900 besonders berücksichtigt. Vgl. noch G. Neudeck, Geschichte der Technik. 1923. In neuerer Zeit haben sich die Werke gehäuft, in denen über die Wunder der modernen Technik, meist mit wertvollem Bilderschmuck, allgemeiner Bericht erstattet wird. Ich hebe hervor: M. Geitel, Der Siegeslauf der Technik. 3 Bde. 1909. Die Technik im 20. Jahrhundert. Herausgegeben von A. Miethe. 4 Bde. 1911/12. Beiträge zur Geschichte der Technik und Industrie. Jahrbuch des VDI. Herausgegeben von C. Matschoss. Taten der Technik. Ein Buch unserer Zeit. Herausgegeben von Hanns Günther (W. de Haas). 2 Bde. 1923/24. Alle die genannten Werke haben verschiedene Mitarbeiter. Die Literatur über einzelne Zweige der ökonomischen Technik ist unübersehbar. Ich nenne nur ganz wenige Richtwerke. C. Matschoss, Geschichte der Dampfmaschine. 1901; Derselbe, Die Entwicklung der Dampfmaschine. 1. Band. 1908. — L. Beck, Die Geschichte des Eisens. In Betracht kommen Band III und folgende.—A. Ladenburg, Vorträge über die Entwicklung der Chemie. 2. Aufl. 1887. A. Binz, Ursprung und Entwicklung der chemischen Industrie. 1910. Derselbe, Geist und Materie in der chemischen Industrie. 1922. Kleine, aber durch ihren weiten Blick 76 Dritter Abschnitt: Die Technik besonders anregende Schriften. Sie ragen auch in den unter 5 bezeich- neten Systemkreis hinein. — M. Buhle, Massentransport. Ein Hand- und Lehrbuch für Förder- und Lagermittel für Sammelgut. 1908. Otto Kämmerer, Die Technik der Lastenförderung einst und jetzt. 1909. 5. Soziologisch-, insbesondere ökonomisch-technologische Literatur, das heißt Schriften, die sich bemühen, die soziologische, namentlich aber ökonomische Bedeutung der modernen Technik zur Darstellung zu bringen, also Werke über „angewandte Technik“. In der älteren Literatur ragen die Werke der Engländer hervor, von denen einige für alle spätere Zeit grundlegend sind. Sie beschäftigen sich fast ausschließlich mit der Textiltechnik. Ich nenne von diesen klassischen Schriften: Ch. Babbage, On the economy of machinery andmanufactures. 1832. 4. ed. 1846. Andrew Ure, The Philosophy of manufactures. 1835. 3. ed. 1861. E. Baines, History of cotton manufacture in England. 1835. Frei bearbeitet von Ch. Bernoulli. 1836. In der neueren Literatur scheinen mir die deutschen Schriften am meisten Beachtung zu verdienen. Aus dem letzten Menschenalter kommen etwa folgende in Betracht: E. v. Halle, Grundriß zu Vorlesungen über die volkswirtschaftliche Bedeutung der Maschinen. 1898. Max Kraft, System der technischen Arbeit. 1902. Allzu weit ausgreifende Betrachtungen, daher vielfach dilettantisch; Derselbe, Güterherstellung und Ingenieur in der Volkswirtschaft. 1910. G. Zoepfl, Nationalökonomie der technischen Betriebskraft. 1. Buch. Grundlegung 1903. Joh. Olshausen, Geschwindigkeiten in der organischen und anorganischen Welt. 1903. Auf 488 Seiten wird die Geschwindigkeit von allem, was sich in der Welt bewegt, angegeben. Gustav Müller, Handwerkszeug und Handwerksmaschine. 1906. Interessante Berechnungen der Leistungen beider Arbeitsmittel. Besonders fruchtbar auf dem Gebiete der ökonomisch-technologischen Literatur sind die Jahre 1909—1912. In sie fallen die in ihrer Mehrzahl vorzüglichen 10 Bände der von L. Sinzheimer herausgegebenen „Technisch-volkswirtschaftlichen Monographien“, in denen folgende Industrien behandelt werden: Schwefelsäurefabrikation, Glasindustrie, Seeschifffahrt, Zuckerindustrie, Papierfabrikation, Zelluloseindustrie, Uhrenindustrie, Schuhfabrikation, Wollindustrie, Ziegelindustrie. Ferner: die Schriften des Verbandes D. Diplomingenieure. Und von Einzelveröffentlichungen: Otto Kämmerer, Uber den Einfluß des technischen Fortschritts auf die Produktivität in den Sehr. d. VfSPBd. 132 (1909). E. Reier, Kraft. 1910. Graphische Darstellungen. Ludw. Brake, Werkzeugmaschinen und Arbeitszerlegung. 1911. K. B. Schmidt, Ökonomik der Wärmeenergien. 1911. H. Schott, Die irdischen Energieschätze und ihre Verwendung. 1912. Die Schrift von Otto Wiener, Physik und Kulturentwicklung (2. Aufl. 1921) ist eine volkstümliche, aber sehr lehrreiche Übersicht. In letzter Zeit haben auch die übrigen Nationen sich wieder eifriger mit dem ökonomisch-technologischen Problem beschäftigt. Siehe z. B. für England die lange Reihe der Publications of the Manchester University Press. Quellen und Literatur 77 6. Ein. Literaturzweig, der, soviel ich sehe, nur in Deutschland zur Entfaltung gekommen ist, ist derjenige, der sich — wie man es ausdrücken könnte — mit der Prinzipienlehre der Technik, insbesondere der modernen Technik, befaßt. Hier ist als erstes — in seinen Ergebnissen fehlgehendes — Werk zu nennen: E. Kapp, Grundlinien einer Philosophie der Technik. 1877. In fruchtbarem, wenn auch aphoristischem Schaffen ist das Problem dann behandelt worden von Emanuel Herrmann, in zahlreichen Büchern, von denen namentlich in Betracht kommen: Kultur und Natur. 2. Aufl. 1887; Sein und Werden in Raum und Zeit, 2. Aufl. 1889; Miniaturbilder aus dem Gebiete der Wirtschaft. 1891. Dann habe ich selber des Problems mich angenommen, zuerst in meinem Aufsatze: Die gewerbliche Arbeit im Archiv Bd. XIV (1899) und weiter in der ersten Auflage dieses Werkes (1902), in der Deutschen Volkswirtschaft (1903) und abschließend in dem hier folgenden Abschnitt. Eine vielfach auf Mißverstehen beruhende Auseinandersetzung mit mir versucht Eranz Matare, Die Arbeitsmittel, Maschine, Apparat, Werkzeug. 1913. Zu einem mächtigen Systeme ist jetzt die Disziplin ausgebaut von F. v. Gottl-Ottlilienfeld in seinem Beitrag zum GdS II. 2, 2. Aufl. 1923. Vgl. auch A. Voigt, Technische Ökonomik in „Wirtschaft und Recht der Gegenwart“; herausgegeben von L. v. Wiese. 1912. Über die Kidturbedeutung der modernen Technik handelnde Schriften gehören nicht in diesen Zusammenhang. Theoretische Schriften über die Wirkung der Maschine siehe unten in der Literaturübersicht zum 3. Unterabschnitte des 2. Abschnittes des 2. Hauptabschnittes. Siebentes Kapitel Der neue Geist I. Technik und Naturwissenschaft Die moderne Technik ist das echte Kind des revolutionären, faustischen, europäischen Geistes, aus dem, wie ich das in dem 1916 erschienenen ersten Bande nachgewiesen habe, unsere Kulturphase hervorgegangen ist. Und sie ist eine Zwillingsschwester der modernen Naturwissenschaft. Ja — beide sind im Grunde dasselbe Wesen: die moderne Ansicht von der Natur: das eine Mal unter theoretischem, das andre Mal unter praktischem Gesichtswinkel gesehen. • Das besondere Kennzeichen dieser europäischen Geisteshaltung ist dieses: daß Theorie und Praxis ungetrennt sind, ineinander- fließen, sich gegenseitig bedingen. Die moderne Naturwissenschaft ist die Schöpfung des praktischen Erobererwillens. Als die Menschen, von denen Francis Bacon in seiner „Nova Atlantis“ träumt, eine Akademie — Salomons House — errichten, wird als deren Zweck bezeichnet: „die geheimen Bewegungen der Dinge zu erforschen, um dadurch die Grenzen der menschlichen Herrschaft zu erweitern ...“ Und so ist die Denkart aller maßgebenden Männer bis heute geblieben. Nur die allgemeine Überzeugung sprach Werner von Siemens aus, als er in seiner Eröffnungsrede in der Akademie sagte: „Nicht allein im eigenen Interesse der Wissenschaft hegt es, in engere Verbindung mit der Anwendung ihrer Eorschungsresultate im praktischen Leben zu treten, weil dasselbe ihr nachträglich zuriickbringt, was es empfängt: es ist für sie ein Gebot der Pflicht. Denn dadurch erhält die Wissenschaft erst ihre höhere Weihe (!), das gibt ihr erst ein Anrecht auf die dankbare Liebe und Verehrung der Völker (!), daß sie nicht ihrer selbst wegen besteht, zur Befriedigung des Wissensdranges der beschränkten Zahl ihrer Bekenner, sondern daß ihre Aufgabe die ist, den Schatz des Wissens und Könnens des ganzen Menschengeschlechtes zu erhöhen und dasselbe einer höheren Kulturstufe zuzuführen ...“ Durch diese Ausrichtung auf praktische Zwecke bekommt die moderne Naturwissenschaft, kann man noch viel grundsätzlicher sagen, überaus erst Siebentes Kapitel: Der neue Geist 79 einen tieferen Sinn. Denn da sie bewußt auf wirkliche Erkenntnis verzichtet, so wäre ihr Verfahren, die Welt in ein Beziehungssystem aufzulösen, ein müßiges Spiel, wenn es eben nicht sehr handfeste praktische Erfolge erzielte. Umgekehrt kann und will die moderne Technik keinen Schritt ohne das Rüstzeug naturwissenschaftlicher Erkenntnis tim. Wie eng die beiden Geistesgebilde Naturwissenschaft und Technik Zusammenhängen, erweist mit besonderer Deutlichkeit das Verhältnis ihrer Betätigungsformen zueinander: die Naturwissenschaft baut sich auf „Entdeckungen“ auf, das heißt neuen Einsichten in die Zusammenhänge der Natur, richtiger: neuen Formeln für diese Zusammenhänge; die Technik auf „Erfindungen“, das heißt neuer Verwendung (Zusammenfügung, Kombination) natürlicher Dinge zu praktischen Zwecken. Nun ist nachweislich nie eine wesentliche Entdeckung gemacht ohne daraus fließende Erfindung; nie eine Erfindung ohne vorauf gegangene Entdeckung; oft ist die Entdeckung geradezu das Ergebnis der voraufgegangenen Erfindung, wie bei mehreren Galilei sehen Gesetzen; oft aber ist die Entdeckung selbst schon eine Erfindung, wie häufig in der Chemie: Entdeckung der Synthese eines nützlichen Stoffes! Angesichts dieser wesenhaften Verknüpfung von Naturwissenschaft und Technik ist es eine müßige, ja falsche Frage (die ich selbst einst gestellt habe): welche von beiden genetisch die frühere sei, welche die andere erzeugt habe. Sie sind eben eins, und dadurch ist ihr Entwicklungsgang derselbe. Wir können deshalb die Etappen der modernen Technik in großen Zügen aus den Etappen der Ausbildung naturwissenschaftlicher Erkenntnis bestimmen. Etwa so: In der Mechanik: Grundlegung der neuzeitlichen Mechanik durch Galilei-Newton; Begründung der analytischen Mechanik durch Euler- Maclaurin-Lagrange; Begründung der Kräftelehre durch Poinsot (Rotationstheorie!) Robert Mayer u. a.; in der Chemie: Begründung der modernen Chemie durch Lavoisier- Priestly; Eindringen der Chemie in die organische Welt: Wöhler, Justus v. Liebig; Begründung der Stereochemie durch Kekule-van t’ Hoff; in der Elektrizität: Begründung der Elektrizitätslehre durch Fara- day-Ampere; Begründung der Leitungslehre durch Gauß-Weber; Begründung der Lehre von den elektrischen Wellen durch Maxwell-Hertz. 80 Dritter Abschnitt: Die Technik II. Das wissenschaftliche Verfahren Man kann das wissenschaftliche Verfahren einstweilen definieren als das auf wissenschaftlicher Erkenntnis aufgebaute Verfahren: dieses ist (formal) das Kennzeichen der modernen Technik. Wissenschaftlich ist es im Gegensatz zu dem empirischen Verfahren, das auf Erfahrung ruht. Seine Wesenheit liegt also in seiner objektiven Begründung. Das wissensehaftliche Verfahren ist zu unterscheiden vom rationalen (oder wie es meist in ungenauer Wortgebung heißt: rationellen) Verfahren, das lediglich durch die subjektive Einstellung (auf höchste Zweckmäßigkeit) bestimmt und dessen Gegensatz das traditionale Verfahren ist, das auf dem Herkommen beruht. Wir bekommen also zwei Gegensatzpaare, die auf verschiedenen Ebenen liegen: wissenschaftlich-empirisch und rational-traditional. Das rationale Verfahren ist ebenso charakteristisch für den Frühkapitalismus, wie das wissenschaftliche Verfahren für den Hochkapitalismus. Zu vergleichen ist die Darstellung der Technik im Zeitalter des Frühkapitalismus im ersten Bande dieses Werkes. Die Wesensbestimmungdeswissenschaftlichen V erfahrens werden wir am besten vornehmen, wenn wir es in seiner Gleichrichtung mit den Grundzügen des naturwissenschaftlichen Denkens zu erfassen suchen. Der Grundgedanke der anorganisch-exakten Wissenschaft ist doch wohl der: das Weltall nicht mehr als das zweckmäßige Werk eines Handwerkergottes (der sechs Tage, wie der irdische Handwerker arbeitet, wie dieser am siebenten Tage ruht und feststellt, das es „gut“ war, was er gemacht hat) zu erfassen — unter dem Gesichtspunkte also der Finalität und des Ausflusses höchstpersönlichen Schaffens, sondern: als ein System von Beziehungen, dessen einzelne Teile wie das Ganze seelenlos sind, und das zusammengehalten wird durch innewohnende „Naturgesetzmäßigkeit' ‘. „Fühllos selbst für ihres Künstlers Ehre Gleich dem toten Schlag der Pendeluhr, Folgt sie knechtisch dem Gesetz der Schwere Die entgötterte Natur.“ Ganz ebenso faßt die moderne Technik den Produktionsprozeß als eine Welt im kleinen auf, die ebenfalls losgelöst von der persönlichen Schöpferkraft und der Mitwirkung des Menschen sich nach Naturgesetzen abwickelt. An die Stelle der durch die lebendige Persönlich- Siebentes Kapitel: Der neue Geist 81 keit des arbeitenden Menschen gegebene Gliederung des Produktionsprozesses tritt die nur im Hinblick auf den gewollten Erfolg zweckmäßig eingerichtete und dann selbständig funktionierende Gliedbildung. Als die Aufgabe erscheint: „to substitute mechanical Science for hand skill“ (U r e). Der Entgöttlichung im Naturdenken entspricht die Entmenschlichung im technischen Denken. Die ideale Vollendung des entmenschlichten, selbsttätigen technischen Prozesses erscheint in der chemischen Industrie; aber auch die mechanische Industrie nähert sich diesem Ideal, indem sie die ehedem durch persönliches Wirken zur Einheit gebrachte Arbeitsvornahme in Teilprozesse auflöst und einen naturgesetzlich konstruierten Mechanismus zur Ausführung dieser Teilprozesse schafft, wie das im folgenden Kapitel gezeigt werden wird. Denkt die Naturwissenschaft die Welt als Maschinismus oder Chemismus, so schafft die Technik künstlich eine Welt, die nach den von der Naturwissenschaft für das Weltganze aufgestellten Formeln abläuft. Die praktischenFolgendieserneuenGrundauf- f a s s u n g für das Verhalten des Menschen zum technischen Prozesse sind nun außerordentlich einschneidende. 1. ist von nun ab alles technische Wissen obj ektiviert, das heißt losgelöst von einem persönlichen Besitze, niedergelegt in verselbständigten Geistgebilden, dargestellt in Lehrsystemen. Also daß keine Übertragung des Wissensstoffes mehr von Meister zu Meister stattfindet, es keine eigentliche persönliche „Lehre“ (wie in aller früheren Zeit: Handwerk!) mehr giebt, daß vielmehr der Wissensstoff durch Gelehrte, den Sammlern und Verwaltern des objektiven Wissens, an Studierende übertragen wird oder diese sich ihn aus Lehrbüchern unmittelbar aneignen: an die Stelle der „Lehre“ tritt das „Studium“. 2. Da der Produktionsvorgang als „gesetzmäßig“ sich abwickelnder Prozeß angesehen wird, so erfolgt alles Handeln nach Gesetzen, die man kennt, nicht nach Regeln, die man beachtet. Das Leitmotiv der modernen Technik ist: „ich weiß“, nämlich nach welchen Gesetzen ein Prozeß verläuft und passe mein Verhalten diesem Wissen an. Dagegen früher: als zuerst das Eisen im Hochofen gewonnen, das heißt in flüssigen Zustand gebracht wurde durch stärkere Luftzufuhr, ergab sich ein zur Verarbeitung (Schmieden) unbrauchbares Eisen. Es floß auf dem Amboß auseinander und schien gar keinen Wert zu haben. Man hielt Sombart, Hochkapitalismus. 6 82 Dritter Abschnitt: Die Technik es im Anfang des Hochofenprozesses für ein mißglücktes Erzeugnis, das durch Nachlässigkeit der Arbeiter verdorben sei und bestrafte die Arbeiter. Man wußte eben noch nicht, daß durch den Hochofenprozeß eine größere Menge Kohlenstoff (bis 5%) im Eisen gebunden wird, und daß infolgedessen das Eisen brüchig ist. Bei der früheren Art der Herstellung hatte der Kohlenstoff 1,6% betragen, und das war das richtige gewesen: man hatte es getroffen, ohne es zu wissen. Vgl. A. Binz, Kohle und Eisen 2 , 35/36. 3. Alle Leitung, Ausführung, Kontrolle werden — nach Möglichkeit — der unmittelbaren menschlichen Einflußnahme entzogen und ebenfalls versachlicht, das heißt einem System automatisch wirkender Mechanismen übertragen. Automatisch erfolgt die Feststellung des Wärmegrades oder der chemischen Zusammensetzung eines Körpers (Eisen!); automatisch die Messung, Wägung, Zählung; automatisch der Maschinenprozeß (Wattsche Dampfmaschine!). Analog wiederum den exakten Naturwissenschaften: „in der physikalischen Akustik, Optik und Wärmelehre sind die spezifischen Sinnes- empfindungen geradezu ausgeschaltet. Die physikalischen Definitionen des Tons, der Farbe, der Temperatur werden heute keineswegs mehr der unmittelbaren Wahrnehmung durch die entsprechenden Sinne entnommen, sondern Ton und Farbe werden durch Schwingungszahlen usw. definiert“. Max Planck, Die Einheit des physikalischen Weltbildes. Physikalische Zeitschrift. X. 1909. III. Die Bewegungsgesetze des technischen Wissens (Erfindung und Erfinder) 1. Allgemeines Jede Zeit, jedes Volk haben ihren bestimmten Besitzstand an technischem Wissen und Können. Er bezeichnet die Höhenlage ihrer materiellen Kultur und wird mehr oder weniger rasch vermehrt. Die Vermehrung erfolgt durch „Erfindungen“ (siehe oben Seite 74). Das Wort „Erfindung“ hat einen Doppelsinn, wie wir nun bei genauerem Hinsehen feststellen müssen. Es bezeichnet nämlich einerseits einen Zustand: es beruht auf einer Erfindung, ist eine Erfindung, daß man etwas so und so machen kann; andererseits einen Vorgang: jemand macht eine Erfindung. Derjenige Forscher (A. Dubois Reymond), der auf diesem Doppelsinn sein System aufbaut, hat zur Unterscheidung dieser beiden Bedeutungen, die in dem Einen Wort „Erfindung“ enthalten sind, die Verwendung zweier (leider fremdsprachiger!) Worte vorgeschlagen: Inventat und Invention. Auch ich werde mich dieser Ausdrücke bedienen. Siebentes Kapitel: Der neue Geist 83 Durch die Doppelsinnigkeit des Wortes Erfindung werden wir auf die Tatsache hingewiesen, daß auch das Problem des Zustandekommens von Erfindungen ein doppeltes ist, daß eine Erfindung aus dem Zusammenwirken eines persönlichen und eines sachlichen Faktors hervorgeht, daß ihre Entstehung von subjektiven und objektiven Bedingungen abhängt. Wenn wir uns nun die Frage stellen: wie kommen Erfindungen zustande, das heißt also: welche Bewegungsgesetze beherrschen die materielle Kultur der Menschen, so müssen wir uns bewußt werden, daß man diese Frage in sehr verschiedener Weise beantworten kann (und beantwortet hat). Man kann nämlich feststellen: entweder die Bedingungen und Vorgänge, die bei allen Erfindungen, zu a 11 e n Zeiten, bei allen Völkern erfüllt sein müssen bzw. sich beobachten lassen oder diejenigen, die bestimmten Völkern (Rassen, Nationen) oder diejenigen, die bestimmten Zeitaltern (Kulturphasen) eigentümlich sind. Am häufigsten ist die Frage nach dem Zustandekommen von Erfindungen im ersten Sinne gestellt worden. Wir besitzen eine stattliche Literatur, namentlich amerikanischer Herkunft, in der die allgemeinen Begleiterscheinungen und Voraussetzungen des Erfindens dargelegt werden, ein „Erfindungstrieb“ =instinct of contrivance als der Erreger nachgewiesen wird und die Ergebnisse der Untersuchungen an Beispielen aus allen Zeiten und Orten von dem Pithekanthropos bis Edison nachgeprüft werden. Ein ziemlich unfruchtbares Beginnen. Denn man kommt, wenn man Irrtümer vermeiden will, über nichtssagende Allgemeinheiten nicht heraus. Der Grundfehler dieses Verfahrens besteht darin: eine allerzeits und allerorts gleiche Einstellung zum Erfindungsproblem anzunehmen. Das Gegenteil ist richtig. Man vermeidet diese tötende Allgemeinheit, wenn man sein Augenmerk richtet auf das verschiedene Verhältnis, in dem die verschiedenen Völker zum Erfindungswesen stehen. Ein sehr interessantes, aber, wie es scheint, fast unlösbares Problem. Haben doch dieselben Völker zu verschiedenen Zeiten in ganz verschiedener Weise sich als Erfinder betätigt, haben sie doch in verschiedenen Epochen der Geschichte eine sehr verschiedene Begabung für und Hinneigung zu Erfindungen gezeigt. So wird z. B. von patriotisch gesinnten Engländern ihrem Volke eine ganz besonders starke Erfinderfähigkeit zugesprochen. Der genialen Veranlagung der Engländer auf technischem Gebiete soll vor allem der große industrielle Aufschwung um die Wende des 18. Jahrhunderts zuzuschreiben 6 * 84 Dritter Abschnitt: Die Technik sein. Das ist z. B. der Gedankengang in Hobsons Buche über den modernen Kapitalismus. Aber das stimmt nun leider nicht mit den Tatsachen überein. Wir erfahren aus dem Munde sehr urteilsfähiger Beobachter im Anfänge des 18. Jahrhunderts, daß die Erfindungsgabe der damaligen Engländer gerade sehr niedrig eingeschätzt wurde. So heißt es bei dem immer richtig sehenden B. Mandeville in seinen Pensees libres sur la religion (1729), 459: ,,les habitans de la Grande Bretagne . . sont appliques et in- dustrieux, belliqueux (!) quand ils sont bien disciplines et fermes jusqu’ ä l’opiniätrete quand quelque passion irrite leur valeur. Ce sont d’admirables artisans de toute la manibre, mais moins propres ä inventer qu’ä rencherir sur les inventions des autres“ (!). Diese Beobachtung stimmt sehr gut mit der Tatsache überein, daß in der damaligen Zeit — Deutschland als die Heimat der Erfindergenies galt. Und doch wurden alle entscheidenden Erfindungen des späteren 18. und frühen 19. Jahrhunderts nicht in Deutschland, nicht in Erankreich, sondern in England gemacht. Mindestens wird man aus den Lehren der Geschichte den Schluß ziehen müssen, daß etwa vorhandene Begabungen in einem Volke doch nur zur Betätigung gelangen, wenn ganz bestimmte äußere Bedingungen erfüllt sind. Diese Feststellung gibt aber der dritten Art zu fragen ihre Bedeutung. Diese Frage nach der Ergiebigkeit der Erfindertätigkeit zu bestimmten Zeiten ist nun gerade am seltensten — wenn überhaupt je — gestellt worden. Es ist diejenige, die hier zu beantworten ist; sie lautet also mit der geziemenden zeitlichen Einschränkung: welches sind im Zeitalter des Hochkapitalismus und — wie wir gleich zum besseren Verständnis ergänzend hinzufügen wollen — im Zeitalter des wissenschaftlichen Verfahrens die Bedingungen der Erfindertätigkeit? Was mit der Frage übereinstimmt: woraus erklärt sich die Überfülle von Erfindungen in unserer Zeit? Gemäß der Doppelseitigkeit des Problems, auf die oben hingewiesen wurde, werden wir die Frage teilen müssen in die Frage nach den objektiven und die nach den subjektiven Bedingungen des Erfindungswesens. Die beiden folgenden Unterabschnitte versuchen, die Antwort auf diese beiden Fragen zu geben. 2. Die objektiven Bedingungen stimmen im Zeitalter des Hochkapitalismus sämtlich dahin überein, daß sie die Erfindungen erleichtern wie nie zuvor. Sie sind der Vermehrung der Erfindungen ebenso homogen, wie sie früher heterogen waren. Siebentes Kapitel: Der neue Geist 85 Die günstigen Bedingungen haben wir vornehmlich in folgenden Umständen zu erblicken: 1. der wissenschaftlichen Grundlage der modernen Technik. a) Die Obj ektivierung des technischen Wissens gewährleistet die Erhaltung eines vorhandenen Besitzstandes an solchem Wissen, das heißt: es beseitigt die Gefahr, die früher immer drohte, daß ein technisches Wissen verloren ging, sie ermöglicht die leichte Übertragung und damit die Verallgemeinerung des Wissens und der noch vorhandenen Probleme. b) Die Systematisierung des technischen Wissens und seine Einordnung in den allgemeinen Naturkausalzusammenhang gestattet die systematische Weiterbildung des vorhandenen Wissens, die an die Stelle des früheren systemlosen Probierens tritt, v. G o 111 spricht in zutreffender Weise von einem „einheitlichen System der technischen Fragestellung“ und meint damit die Tatsache, daß jede Lösung eines technischen Problems als Teillösung des Gesamtproblems erscheint, jede Lösung neue Probleme stellt und gleichzeitig die Hinweise auf ihre Lösung in sich enthält. Das besagt, daß durch eine technische Erfindung sofort die Möglichkeit neuer Erfindungen erkannt wird. Man denke an die Problematik der Elektrizität und ihrer Nutzung, die sofort immer nach drei Seiten hin: in das Gebiet des Lichts, der Wärme und der Kraft ihre Strahlen wirft. Wir können also von einer der wissenschaftlich unterbauten Technik innewohnenden (immanenten) Tendenz zu grenzenloser und fast automatischer Ausweitung des technischen Wissens sprechen. c) Die Mathematisierung gibt in manchen Fällen dieser Tendenz eine zwangsläufige Richtung, indem sie die Problemstellung schematisiert. Ein lehrreiches Beispiel für diese Zwangsläufigkeit des Erfindens sind die Erfindungen auf dem Gebiete der Anilinfarbentechnik. Hier ist bekanntlich der Ausgangspunkt die berühmte Benzolstrukturformel August Kekules. Aus dieser Strukturformel ergab sich, nach dem Gesetze der „Substituierung“, eine unermeßlich große Anzahl von „Benzolderivaten“, das heißt mathematisch vorausbestimmbarer Substitutionsmöglichkeiten. Es entsprang also aus der Kekuleschen Theorie die Anregung zu tausendfältigen Experimenten, die nun systematisch von dem ungeheuren Stabe wissenschaftlich gebildeter Chemiker angestellt werden konnte, über den, wie wir noch sehen werden, unsere Zeit verfügt. Siehe die für chemische Laien vortreffliche Darstellung dieser Zusammenhänge bei A. Binz, Kohle und Eisen 2 , 94—Ul. 86 Dritter Abschnitt: Die Technik Ein Seitcnstiick zu diesem Beispiel aus der mechanischen Industrie bildet die Wirkung der von Reuleaux so glänzend entwickelten Zwangslauflehre, die „eine Flut von Erfindungen auslöste, denn mit ihrer Hilfe konnte man ja planmäßig erfinden.“ A. Biedler, EmilRathenau (1916), 107. Die objektiven Bedingungen gestalten sich in einer der Erfindertätigkeit homogenen Weise ferner dadurch, daß 2. die günstige Aufnahme der Erfindung in unserer Zeit gewährleistet ist. Dafür sorgt a) die auf Technik eingestellte Zeitstimmung. Die geistige Atmosphäre ist heutzutage gleichsam von Technik, technischen Problemen, technischen Ideen geschwängert. Die Zeit wartet auf Erfindungen. Der Technik werden „Ruhmeskränze“ geflochten: der Techniker wird gefeiert und geehrt. Nicht wie in früheren Kulturen ignoriert, mißachtet oder gar gekreuzigt und verbrannt. Man denke etwa an das Verhältnis des Griechentums oder des europäischen Mittelalters zur Technik. Man erinnere sich aber auch, daß noch im Zeitalter des Frühkapitalismus eine ausgesprochen feindselige Stimmung gegenüber dem Erfinder und allen technischen Neuerungen herrschte: siehe Band I Seite 463 f., Band II Seite 50 f. Die günstige Aufnahme, der in unserer Zeit die Erfindung gewiß ist, wird ferner b) dem auf die Ausweitung der materiellen Kultur gerichteten Streben unserer Zeit geschuldet. Die Bedürfnisse der Menschen vermehren sich in „geometrischer Progression“, so daß j ede neue Erfindung, die abermals ein materielles Bedürfnis zu befriedigen verspricht, leicht verwertet werden kann. Ja man kann sagen, daß die Erfindungen ihrerseits zu dieser Ausdehnung der Bedürfnisse wesentlich beitragen, sofern jede neue Erfindung neue Bedürfnisse schafft und damit wiederum ein Betätigungsfeld für neue Erfindungen. A. Dubois-Reymond ist diesem Gedanken in seinem schönen Buche nachgegangen und hat viel Beachtenswertes über dieses Problem des Zusammenhanges zwischen Bedürfnis und Erfindung gesagt, ohne es jedoch zu erschöpfen. Man kann folgende Fälle feststellen, in denen Bedürfnisse, durch Erfindungen geweckt werden: 1. den Fall, in dem das Bedürfnis gleichsam aus dem Nichts entsteht: Messung des Blutdrucks seit der Erfindung des Barometers; 2. den Fall, in dem die partielle Befriedigung eines Bedürfnisses durch eine Erfindung zur Verwöhnung führt und auf immer weitere Vervollkommnung drängt: Beleuchtungstechnik; 3. den Fall, in dem eine Erfindung, wie es Dubois-Reymond nennt, „Unterbedürfnisse“ schafft, wie z. B. die Erfindung des Telephons einen Bedarf an zahlreichen Gegenständen (von denen man vorher nichts gewußt hatte) erst ins Siebentes Kapitel: Der neue Geist 87 Leben rief: Mikrophon, Schalter, Stöpselkontakte, Kondensatoren, Drosselspulen, Schaltungssysteme, Telephonkabel u. a. Eine günstige Aufnahme bereitet einer jeden neuen Erfindung auch c) der Kapitalismus, in dessen Struktur es begründet liegt, daß er jede Neuerung, wie sie eine neue Erfindung ermöglicht oder er- . zwingt, willkommen heißt. Ganz im Gegensatz zu andern Wirtschaftssystemen, z.B. zumHandwerk, das seiner innerenNatur nach neuerungs- und darum erfinderfeindlich gesinnt ist, da ihm jede technische Änderung eine unerwünschte Belästigung bedeutet, ist der Kapitalismus nach Neuerungen süchtig, sei es, um mit ihrer Hilfe die Konkurrenz auszuschalten, sei es, um sich auf ihrer Grundlage überhaupt erst zu betätigen (Neugründungen!), sei es — vor allem! — um unter Verwendung neuer (rentablerer) Verfahren sein innerstes Sehnen zu stillen: Extraprofite zu machen. Die Freude des Kapitalismus über jede neue Erfindung, die gemacht wird, äußert sich in seiner Geneigtheit, Mittel zur Verfügung zu stellen, um die Erfindung auszubeuten, worüber gleich Weiteres noch zu berichten ist. Gleichsam ein äußerer Ausdruck für die Gunst, die das Erfindungswesen in unserer Zeit erfährt, ist das Verhalten der Rechtsordnung, die durch die Ausgestaltung insbesondere eines zweckmäßigen Patentrechts die Möglichkeit einer ungehinderten Ausnutzung der Erfindung und damit für den Kapitalismus die Möglichkeit, sich ihrer zu bedienen, schafft. Das führt uns schon hinüber zu der dritten Gruppe objektiver Bedingungen, die sich in unserer Zeit dem Erfindungswesen günstig gestalten, das ist 3. die positiveFörderung der Erfinderarbeit durch öffentliche Körper und Private. Hier denke ich vornehmlich an folgende Maßnahmen: a) die Errichtung technischer Lehranstalten mit besonderen Versuchsstationen. In dieser Richtung schreiten allen übrigen Nationen voran die Vereinigten Staaten von Amerika. Hier bestehen das Bureau of Standards, das eine Papierfabrik, eine Spinnerei, eine Gummifabrik, eine Glasfabrikusw. besitzt; der National Research Council, eine große, von der Regierung geschaffene Organisation zwecks Förderung und Organisierung der wissenschaftlich-technischen Forschung. Alle diese Einrichtungen verfolgen ausgesprochen praktische Tendenzen. Im Augenblick (1925) sind sie z. B. damit beschäftigt, die deutschen Patente zu entschleiern. 88 Dritter Abschnitt: Die Technik b) die Errichtung besonderer Erfinderbureaus in allen großen Unternehmungen. Auch hier weisen die Vereinigten Staaten dank ihrem großen Reichtum wieder die größten Leistungen auf. Nur beispielsweise seien folgende Eälle erwähnt: 1906 wurde vom Tabaktrust in Brooklyn eine Gesellschaft mit 300 Arbeitern gegründet: „at its shops the different machines controlled by the American Tobacco Company directly and those controlled by the International Cigar Machinery Co. are being developped“. Rep. of the Comm. of Corporations on the Tobacco Industry 1 (1909), 266/67. Die General Electric Co. in Schenectady gibt jetzt (1924) jährlich 6 Milk $ für technisch-wissenschaftliche Forschungsarbeit aus. Ihr Forschungsinstitut in Schenectady, das im wesentlichen der Radiovervollkommnung dient, verfügt über 260 ausgesuchte Mitarbeiter, unter denen sich weltbekannte Köpfe finden. Die National Electric Light Association in der Nähe von Cleveland, deren umfangreiche Ver suchslab Oratorien die University of Light (!) genannt werden, stellen eine Versuchsstation für alle das Licht betreffenden Fragen wissenschaftlichen und technischen Charakters dar, von deren Größe wir uns keinen rechten Begriff machen können. 900 Personen sind unausgesetzt in diesen Laboratorien tätig. Siehe den Bericht Professor Nägels in den Mitt. d. Verb. d. Deutschen Hochschulen Mai 1925. Aber auch in anderen Ländern begegnen wir ähnlichen Einrichtungen. Bekannt ist die Fürsorge der deutschen chemischen Fabriken für die Pflege des Erfindungswesens. Jede von ihnen beschäftigt einen Stab von 200 Chemikern, die Tag und Nacht experimentieren, um gemachte Erfindungen auszuprobieren oder zu neuen Erfindungen zu gelangen. Auch die Banken richten besondere Studiengesellschaften ein, wie das Zentralbureau für wissenschaftlich-technische Forschung u. a. c) die Subventionierung der freien Erfindertätigkeit. Eine solche kann erfolgen: a) durch den Ankauf von Patenten durch Privatunternehmungen; Die 152 Patente, die 1880—1900 für die Synthese künstlicher Indigos genommen wurden, sind sämtlich teils von der Badischen Anilin- und Sodafabrik, teils von den Farbewerken vorm. Meister Lucius und Brüning durchgearbeitet worden. Vom amerikanischen Tobacco Trust wiederum erfahren wir: „The Company has spent large amounts of money in develop- ping the machines covered by patents to a point of practical utility.“ Es werden eine große Anzahl Maschinenpatente namhaft gemacht, die solcherweise bearbeitet sind. Rep. of the Comm. of Corp. 1. c. ß) durch Unterstützung von Erfindern außerhalb der Fabrik; y) durch Preisausschreiben seitens öffentlicher Körper und Privater, in den U. S. A. auch durch Prämiierung von Angestellten und Arbeitern. Siebentes Kapitel: Der neue Geist 89 3. Die subjektiven Bedingungen Unter subjektiven Bedingungen, von denen die Entfaltung des Erfindungswesens abhängig ist, verstehe ich alle diejenigen Bedingungen, die sich in der Person des Erfinders erfüllen. Unnötig zu sagen, daß objektive und subjektive Bedingungen vielfach im Verhältnis eines unlöslichen Zusammenhangs stehen und sich häufig gar nicht rein als die eine oder die andre Axt erkennen lassen. Aber darum können wir sie doch begr iffli ch voneinander trennen, und auch in der Wirklichkeit wird man sie meist voneinander unterscheiden können. Allgemein nun läßt sich dieses sagen, daß in unserer Zeit sich alles vereinigt, um auch die subjektiven Bedingungen in einem früher nie dagewesenen Maße der Vermehrung der Erfindungen günstig zu gestalten, und zwar sowohl durch Vermehrung der Zahl der Erfinder, als durch bessere Auslese der Erfinder, als endlich durch Intensivi- sierung ihres Erfinderwillens. Um die Eigenart der heutigen Lage recht einzusehen, tun wir gut, uns die Verhältnisse der früheren, das heißt aller vorkapitalistischen Zeiten zu vergegenwärtigen. Der Stand der Dinge war ehedem folgender: Große, entscheidende Erfindungen zu machen galt als eine den Göttern und Göttersöhnen vorbehaltene Beschäftigung. Man nahm sie als Geschenk des Himmels hin und staunte das „Wunder“ an. Von den Sterblichen kümmerten sich die feineren Geister überhaupt nicht um „Technik“, die der Vervollkommnung des wirtschaftlichen Prozesses diente, überließen diese vielmehr ganz den „Banausen“. Allenfalls fand die Kriegstechnik Liebhaber. Der Alltagsarbeiter aber, das heißt eben der Banause, machte die Sache, wie er es gelernt hatte: er arbeitete traditionalistisch und wollte weder noch konnte er viel ändern. Siehe, was ich oben über die objektiven Bedingungen im Zeitalter des Handwerks gesagt habe. Dasselbe gilt für die eigenwirtschaftliche Epoche. Eine eigentliche „Erfinderzunft“ fehlte also in aller früheren Zeit. In diesen Verhältnissen trat ein Wandel erst mit dem Anbruch der neuen Zeit ein. Jetzt entsteht ein Wille zur Erfindung, der freilich zunächst ganz und gar irrationale, das heißt romantische oder (der Zeit seiner Betätigung angemessen gesprochen) barocke Formen annimmt. Es wimmelt von Gelegenkeits-, von Amateurerfindern, daneben von Vielerfindern ohne fachliche Begrenzung und Schulung: den ersten „Berufserfindem“. Ich habe diese Zustände, wie sie sich 90 Dritter Abschnitt: Die Technik im Zeitalter des Frühkapitalismus gestalten, ausführlich im 29. Kapitel des ersten Bandes dieses Werkes geschildert. Demgegenüber weisen die Erfindertypen des hochkapitalistischen Zeitalters folgendes Gepräge auf. Wir können unterscheiden: Erfindergenies, Laienerfinder und Berufserfinder. Alle drei Typen, das ist das Kennzeichen unserer Zeit, sind in Hülle und Fülle vorhanden. Sie lassen sich im einzelnen etwa so kennzeichnen: (1.) die Erfindergenies erscheinen auch heute noch gelegentlich in der Gestalt der alten Romantiker, das heißt als Nicht-Fachmänner. Erscheinungen wie Cartwright oder Henry Cort wird man noch der frühkapitalistischen Ära zurechnen können. Aber durchaus dem Zeitalter des Hochkapitalismus gehört doch an ein Erfinder wie Bessern er, der ein Bronzewarenfabrikant ohne alle chemischen Kenntnisse war. Oder ein Mann wie Ernst Solvay, von dem wir erfahren, daß er keine chemischen Bücher las und von der Chemie nur wußte, was er bei seinem Vater, einem Kochsalzraffineur, und bei seinem Onkel, dem Leiter einer Gasanstalt, gesehen hatte. Er war, wie er selbst von sich sagte, „ni ingenieur, nichimiste“; ,,avec la foi de l’inventeur“ begann er den Bau einer kleinen Fabrik. Aber die Regel ist das heute und schon seit langem doch nicht. Die Regel ist vielmehr die, daß auch der hervorragende Erfinder Fachmann, strenger Fachmann ist. Als solcher erscheint er uns zunächst in der Gestalt des Entdecker-Erfinders, das heißt des Mannes, der den wissenschaftlichen Forscher und den Erfinder in einer Person vereinigt. Diesem Typus begegnen wir am häufigsten in der chemischen Industrie, in der, wie ich schon hervorhob, vielfach Entdeckung und Erfindung ein und dasselbe ist. Ich erinnere an Männer wie Hofmann, den Entdecker-Erfinder der Anilinfarben, an Bayer, den Entdecker- Erfinder des künstlichen Indigo, an Haber, den Entdecker-Erfinder der Stickstoffgewinnung aus der Luft. Aber auch in der mechanischen, namentlich in der elektrischen Industrie, fehlt dieser Typus nicht: man denke an Männer wie Gauß-Weber, Werner Siemens, Nernst u. a. Ebenso häufig aber findet wohl eine Differenzierung zwischen Entdecker und Erfinder statt, so daß dann noch die oft nicht geringe Distanz zwischen Entdecker und Erfinder überwunden werden muß. Typisch für diesen Fall ist etwa das Verhältnis zwischen Hertz und Marconi. Siebentes Kapitel: Der neue Geist 91 Neben dem Erfindergenie begegnen wir (2.) dem Laienerfinder, der als Gelegenheitserfinder der Einen- Erfindung oder aber auch als krauser Yielerfinder in die Erscheinung tritt. Die Berichte des K. Patentamts enthalten höchst ergötzliche Beschreibungen dieses Erfindertypus, dem unsere Zeit aber wohl nur in seltenen Ausnahmen wichtige Erfindungen verdankt. Dagegen ist nun der eigentliche Träger des modernen Erfindungswesens ein Typus, den keine frühere Zeit auch nur in vereinzelten Exemplaren besaß und der heute den Hauptanteil an der raschen Vermehrung der Erfindungen hat; das ist (3.) der fachmännische Berufserfinder, also derjenige Mann, dessen Lebensaufgabe „das Erfinden“ ist. Er erscheint vereinzelt als Privaterfinder mit eigenem Bureau und Laboratorium: Typus Edison, der sich in kleinerem Maßstabe in allen Ländern findet. Aber wichtiger ist der technisch ausgebildete Angestellte großer Unternehmungen: der Berufschemiker und Berufsingenieur. Aus den ungezählten Scharen dieser Männer besteht das Gros der heutigen Erfinder. Und wir müssen, um unsre Zeit recht zu verstehen, der Tatsache ins Auge schauen, daß Tag für Tag Tausende und aber Tausende intelligenter und sachkundiger Männer sich ihr Hirn zermartern, um unsern Bestand an technischem Wissen, wenn auch nur jeder zu einem bescheidenen Teilchen, zu vermehren. Hie und da gesellt sich dem akademisch gebildeten Angestellten wohl auch der einfache Arbeiter hinzu, um die Schar der Berufserfinder zu vergrößern: ein Fall, der in den Vereinigten Staaten nicht zu den Seltenheiten zu gehören scheint. Was wir bisher feststellen konnten, ist dieses: daß das Zeitalter des Hochkapitalismus gekennzeichnet wird durch eine ungeheure Vermehrung und gleichzeitig eine bessere Auslese der Erfinder. Was noch zu zeigen ist, ist dieses: daß in dem modernen Erfinder nun auch der Erfinderwillen mächtiger denn je zur Entfaltung gekommen ist. Die folgende Darstellung soll diesen Beweis erbringen. Wenn der Personenkreis und die in ihm eingeschlossene potentielle Energie gegeben sind, so wird — das konnten wir schon bei der Analyse des modernen Unternehmertums feststellen — die Menge der durch diesen Personenkreis zur Entfaltung kommenden Energie durch die Stärke der Willensimpulse bestimmt, die selbst wiederum in der Eigenart der Motive ihren Grund hat. Wir tun deshalb gut, um die in der modernen Erfinderschaft zur Betätigung gelangende Kräftemenge richtig abzuschätzen, uns nach den Motiven umzusehen, von 92 Dritter Abschnitt: Die Technik denen sich der Erfinder unserer Zeit leiten läßt. Die Kenntnis dieser Motive gibt uns auch allerbeste Einblicke in das Verhältnis, in dem die moderne Technik zur Wirtschaft und zu den übrigen Kulturerscheinungen steht, so daß wir nirgends besser den Geist dieser modernen Technik erfühlen können als gerade hier bei den Motiven ihrer Schöpfer. Ehe wir die Quellen feststellen können, aus denen in Wahrheit der Erfinderdrang fließt, müssen wir auch hier wiederum einige sehr verbreitete Auffassungen als falsch zurückweisen. Eine sehr verschwommene Vorstellung ist es, wonach Erfindungen gemacht werden, „um Bedürfnisse zu befriedigen“. Wir müssen fragen, was das heißen soll. Denn es kann sehr Verschiedenes bedeuten. Es kann damit gesagt sein sollen, daß durch die Erfindung ein objektives „Bedürfnis“ befriedigt wird (falls man überhaupt von objektiven Bedürfnissen sprechen will und statt dessen nicht vorzieht, zu sagen: es wird eine technische Wirkung erzielt: z. B. ein Schiff mittels Dampfkraft fortbewegt, eine Stube erleuchtet, ein Rock blau gefärbt): in diesem Sinne ist die Behauptung, daß die Bedürfnisbefriedigung der Zweck des Erfindens sei, ein identischer Satz. Man kann aber mit dieser Behauptung auch meinen, daß das „Bedürfnis“, das die Erfindung befriedigt, subjektiv vom Erfinder gehabt sei, dieser also durch dieses (subjektive) Bedürfnis dazu getrieben sei, die Erfindung zu machen: daß also Zeppelin das Luftschiff erfunden habe, weil er fliegen, Hargreaves die Spinnmaschine, weil er billigere Hemden und Bessemer das Luftpreßverfahren, weil er billigere Taschenmesser haben wollte. Den dieser Behauptung zugrunde liegenden Gedanken durchdenken, heißt ihn in seiner Unsinnigkeit erweisen. Bleibt noch die Möglichkeit, den Satz „das Bedürfnis schafft die Erfindung“ dahin zu deuten, daß den Erfinder das Bestreben geleitet habe, die Bedürfnisse andrer zu befriedigen. Dann aber kann das Bedürfnis, das die Erfindung befriedigen soll, nicht selbst das Motiv des Erfinders sein, sondern dieses höchstens auslösen. Wir sind also damit erst recht vor die Frage gestellt, welches denn nun in Wirklichkeit die treibenden Kräfte bei der Entstehung der Erfindung, nämlich die Motivedes Erfinders sind, da3 heißt die in Wahrheit von ihm gehabten Bedürfnisse, die er durch den Akt des Erfindens befriedigen will. Solcher Erfindermotive, das ist die erste Feststellung, gibt es sehr Siebentes Kapitel: Der neue Geist 93 zahlreiche und unter ihnen sehr mächtige. Wir können etwa folgende Gruppen unterscheiden: (1.) die Lust amErfinden, also der rein technische Betätigungsdrang: er wird in einem „technischen“ Zeitalter wie dem unsrigen sehr verbreitet sein; (2.) die verschiedensten an den Erfolg geknüpften Interessen: Gemeinnützigkeit, Menschenliebe, Fortschrittsenthusiasmus, militärisches Interesse, Ruhmsucht, Ehrgeiz und wohl noch manche andere; nicht zuletzt (3.) der Erwerbstrieb, welcher nun wohl ohne Zweifel die mächtigste Triebkraft in der heutigen Erfinderschaft ist. Dieses Vorwiegen des Erwerbstriebes unter den Motiven, die zum Erfinden antreiben, läßt sich auf verschiedene Weise erkennen: wir können darauf aus allgemeinen Erwägungen schließen (allgemeines Erwerbsfieber! materieller Zeitgeist! ärmliche Lage der meisten „Erfinder“!); wir finden unsre Annahme durch die allgemeine Erfahrung bestätigt, und wir können eine Menge Tatsachen anführen, die den Beweis für die Richtigkeit dieser Annahme ausdrücklich erbringen. Der Erfinder kann auf verschiedene Weise für seine Erfindung in Geld entschädigt werden, so daß die Anregung und Befriedigung seines Erwerbstriebs ebenfalls von verschiedenen Seiten herkommen kann. (1.) Er kann Geld verdienen unmittelbar durch Verkauf seines Patents, durch Erlangung von Prämien, die auf Erfindungen ausgesetzt sind. Diese bieten häufig einen Anreiz. So berichtet das Patentamt: Der elektrische Betrieb brachte eine größere Anzahl von Unfällen mit sich, und eine Hochflut von Vorschlägen zur Verhütung entstand. Hinzu kam, daß Preise auf die beste Leistung ausgesetzt wurden, wodurch die Erfindertätigkeit aufs höchste angeregt wurde. Nicht weniger als 48 Anmeldungen gingen in einem Monat für Klasse 21 d ein, von denen die meisten sich auf Schutzvorrichtungen bezogen. (2.) Der Gewinn kann ihm in Gestalt von Unternehmerprofit zufließen. Diese bestimmte Aussicht auf Steigerung des Gewinns, auf Erzielung von Extraprofit ist die Triebkraft, die die kapitalistischen Unternehmungen, die, wie wir gesehen haben, sich eine große Erfinderschaft einverleibt haben, auf den Weg des Erfindens drängt. Ich verweise auf die Angaben, die ich oben über den Erwerb von Patenten durch interessierte Unternehmungen gemacht habe. Was dort als günstige objektive Bedingung für die Unterbringung von Erfindungen erschien, tritt uns hier als ein wesentliches Motiv des Erfinders entgegen. (3.) können wir an der Hand von Tatsachen verfolgen, wie einen starken Anreiz, Erfindungen zu machen, die unbestimmte Aussicht, reich zu werden, bietet. 94 Dritter Abschnitt: Die Technik Im Jahre 1838 wurde das Monopol des Schwefelverkaufs in Sizilien einer Marseiller Firma übertragen, die den Preis sofort von 100 auf 280 M. erhöhte. Dadurch entstand für die rasch erblühende Schwefelsäureindustrie das dringende Bedürfnis, einen billigen Rohstoff dem Schwefel unterzuschieben, und der Erfindungseifer stürzte sich auf das Problem. Man fand als Schwefelersatzmittel die Pyrite (schwefelhaltige Erze). Bereits 1839 lagen in England, dem hauptsächlich interessierten Lande, 15 Patente für Pyritverwendung vor. Ellino Drösser, Die technische Entwicklung der Schwefelsäurefabrikation (1908), 35. Die rasche Kurssteigerung und die größte Hausse der Aktien der Auer- gesellschaft fallen kurz vor das Ansteigen und das Maximum der Häufigkeit der Patentanmeldungen auf Azetylenentwickler. Bericht des K. Patentamts. Ygl. A. Dubois-Reymond a. a. 0. Seite 174. Deutlich schiebt sich die Erfindertätigkeit von einem weniger aussichtsreich gewordenen Gebiet auf ein gewinnversprechendes: das wird vom Patentamt festgestellt z. B. für die Verringerung der angemeldeten Patente für Petroleumlampen und die Vermehrung der Patente für Glühlichtbeleuchtung. Ich habe von den Bedürfnissen gesprochen, die durch Erfindungen befriedigt werden und dann von Motiven, die zu Erfindungen führen. Die Doppelsinnigkeit des Wortes Erfindung half uns die Unklarheiten beseitigen, die in der Auffassung dieses Sachverhaltes häufig noch herrschen. Das Ergebnis unserer Untersuchung war: das Inventat dient der Befriedigung eines Bedürfnisses dessen, der sich seiner bedient, die Invention geht auf ein Motiv zurück. In welchem Zusammenhänge stehen nun aber Bedürfnis und Motiv? Die Befriedigung welcher Bedürfnisse löst das Motiv zur Erfindung aus ? Welche Erfindungen werden gemacht? Eine Frage von größter Bedeutung, die bisher kaum gestellt wurde. Um die Frage zu beantworten, müssen wir zwei Gebiete von Erfindungen unterscheiden: Erfindungen, mittels deren neue oder verbesserte individuelle (oder kollektive) letzte Gebrauchsgüter, Konsumtionsmittel hergestellt werden und Erfindungen, die zur Vervollkommnung der Herstellung (des Verfahrens zur Herstellung) eines bekannten Gebrauchsgutes dienen, also zur Erzeugung von Produktionsmitteln, wie wir der Einfachheit halber sagen können. Die ErfindungenvonProduktionsmitteln zur Erzeugung bekannter Gebrauchsgüter interessieren nun offenbar ausschließlich den kapitalistischen Unternehmer. Ihr „Wert“ wird daher rein rational bestimmt. Ob eine Erfindung „gut“ ist, ist ein Rechenexempel der Rentabilität. Das heißt also: die Bedürfnisse des kapitalistischen Unternehmers, genauer: das Bedürfnis der Profiterzielung Siebentes Kapitel: Der neue Geist 95 entscheidet unmittelbar und allein. Ein irrationales Moment wird in diese ziffernmäßige Bewertung nur getragen durch die Unbestimmtheit des Absatzes, der seinerseits wiederum abhängt von der Zahlungsfähigkeit der letzten Konsumenten. Die Erfindungen zur Herstellung neuer Konsumtionsmittel interessieren eigentlich nur den letzten Konsumenten, so daß in einer vernünftigen Wirtschaft dieser über ihre Wertigkeit zu entscheiden hätte. Nun ist aber die wichtige Feststellung zu machen, daß in der kapitalistischen Wirtschaftsverfassung der B e - darfdesPublikums,dasheißtdesletztenKonsu- menten, unmittelbar gar keinen Einfluß auf Erfindungen ausübt, da ja keine direkte Beziehung zwischen ihm und dem Erfinder besteht. (Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel: wenn etwa weite Kreise des deutschen Volkes den Wunsch äußerten, daß das Luftschiff erfunden werden sollte und zur Durchführung dieser Erfindung dem Grafen Zeppelin eine Nationalspende zur Verfügung stellten.) Der Bedarf des Publikums hat vielmehr nur insofern Bedeutung beim Zustandekommen einer Erfindung, als ihn der kapitalistische Unternehmer für Gewinnerzielung nutzen kann. Also — das ist die wichtige Schlußfolgerung — entscheidet der Unternehmer, ob eine Erfindung „gut“ ist, das heißt: ob sie eine solche Verwendung finden kann, daß sie Gewinn ab wirft. Also werden nur solche Erfindungen gemacht (bzw. genutzt), die diese Aussicht gewähren. „Gute“ Erfindungen sind „rentable“ Erfindungen. Rentabel aber sind der Regel nach alle Erfindungen, die ein Massenbedürfnis befriedigen: ob dieses objektiv wertvoll, das heißt, wert ist, befriedigt zu werden: sei es im Interesse der Würde der Menschheit, sei es auch nur im Interesse individuellen Glücks, bleibt sich gleich. Das Publikum erduldet also diejenigen Erfindungen, die der kapitalistische Unternehmer ihm oktroiert. Es wird nach seinem Urteile, ob es eine neue Erfindung für wertvoll hält, ebenso wenig gefragt, wie das Urteil Sachverständiger (in Kulturfragen) eingeholt wird. Die meisten Erfindungen sind nie begehrt. Daher die völlige Irrationalität, die Ziel- und Sinnlosigkeit unsrer materiellen Kultur; daher aber auch die Tendenz zur Gemeinheit in der qualitativen Gestaltung dieser Kultur. 96 Dritter Abschnitt: Die Technik Aber das sind Erwägungen, die uns an dieser Stelle nichts angehen, wo wir die Grundlagen untersuchen, auf dem sich der Bau des Kapitalismus erhebt. Für diejenigen Fragen, die uns hier interessieren, ist das wichtige Ergebnis, zu dem uns unsre Untersuchungen geführt haben, vielmehr dieses: das einzige Bedürfnis, das in unsrer Wirtschaftsverfassung rational befriedigt wird, weil es Grund der Erfindung ist, dieser voraufgeht, sie bewirkt, ist das Profitstreben des kapitalistischen Unternehmers. Das versteht sich von selbst bei allen Erfindungen von Produktionsmitteln, es gilt aber auch, wie wir gesehen haben, in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle für die Erfindung von Konsumtionsmitteln. So bedeutet, das ist die Schlußfolgerung, die gesamte technische Entwicklung unsrer Zeit vor allem eine unermeßliche Förderung der kapitalistischen Interessen. Das ergibt sich schon aus dem Geist dieser Entwicklung. Wir werden nunmehr in den folgenden Kapiteln zu prüfen haben, inwiefern es auch vom Inhalt gilt. Diese Ausführungen gelten natürlich nur für den Bereich der kapitalistischen Wirtschaft, um den wir uns hier allein zu kümmern haben. Wo eine Gütererzeugung in einem andern Wirtschaftssystem — etwa im Rahmen der Gemeinwirtschaft — stattfindet, gelten andere Grundsätze. So etwa bei der Erzeugung von Heeresbedarf und Kriegsmaterial in Staatsbetrieben. Siehe über die Bedeutung der militärischen Interessen für die Entwicklung der modernen Technik Blume in der Zeitschrift des Vereins deirtscher Ingenieure vom 22. VII. 1911 und dazu F. Lenz, Macht und Wirtschaft (1915), 68. Auch die zu humanitären Zwecken (Verhütung oder Heilung von Krankheiten) gemachten Erfindungen, soweit sie nicht zu ihrer Vermittlung der kapitalistischen Maschinerie bedürfen, haben ihre besonderen Entwicklungsbedingungen. Achtes Kapitel Der neue Weg Es gilt in diesem Kapitel, die sachliche Wesenheit der modernen Technik zu bestimmen. Das kann nun offenbar nicht durch die Aufzählung von tausend Einzelerfindungen und tausend Fortschritten der Technik geschehen. Eine solche Aufzählung wäre ermüdend und würde doch nicht erkennen lassen, worin das Besondere, das Eigenartige, das „Spezifische“ dieser Technik besteht. Dazu ist vielmehr notwendig, daß wir die „Grundzüge“ der modernen Technik, ihre „Prinzipien“, also das Allgemeine im Besondem nachweisen. In dieser Richtung haben sich schon alle meine früheren Untersuchungen bewegt, deren Ergebnis jetzt wohl von der Wissenschaft übernommen ist und das sich dahin zusammenfassen läßt: die moderne Technik wird von einem Grundprinzip beherrscht: dem der Ent- waltung (Emanzipation) von den Schranken der lebendigen Natur. Diese Entwaltung läßt sich nach den drei Seiten hin verfolgen, die bei jedem technischen Prozeß in Frage kommen: in der Benutzung von Stoffen, in der Anwendung von Kräften und in der Wahl der Yer- fahrungsweisen. Die folgenden drei Unterabschnitte sollen in diesen drei Beziehungen den Nachweis führen, daß meine These richtig ist. I. Die neuen Stoffe Ich stelle der Übersichtlichkeit wegen in schematischer Form eine Liste der Ersetzungen zusammen, die ich in der Weise anordne, daß links diejenigen Stoffe aufgeführt werden, die ehedem von der Technik für ihre verschiedenen Zwecke genutzt wurden, rechts dagegen diejenigen, die heute an ihre Stelle getreten sind, die früheren Stoffe also ersetzt haben. 1. Werlcstojfe: Holz vor allem (benutzt als Werkstoff für Schiffe, Brücken, Häuser, Werkzeuge, Gefäße, Schienen) Leder (Riemen) Hanf (Taue, Seile) Sombart, Hochkapitalismus. Eisen, Stahl, Emaille, Blech Stahltrosse Draht, Stahltrosse, Kette Eisen 7 98 Dritter Abschnitt: Die Technik 2. Heiz- und Leuchtstoffe: Holz, Torf Fette Wachs Rüböl Olivenöl 3. Hilfs- oder Arbeitsstoffe: a) Erschmelzungsstoffe Holz: Holzkohle - Hochofen Frischprozeß Kohle, Koks Gas aus Steinkohlenteer (1. Gasbeleuchtung 1792. Murdoch.) Mineralöl (Petroleum 1859) Kohlenöl Gichtgase: 1837 Gasfeuerung: 1839 )i der Eisengewinnung: Kokshochofen (1713: Abraham Darby stellt Koks her; 1760 Carron-Werke von Roe- bukerrichten Kokshochöfen; 1766 das Verfahren von Gebr. Carnages durchgeführt) Puddelverfahren: Gewinnung von Schmiedeeisen und Stahl mittels Koks (1783/84 Henry Cort) b) Farbstoffe: Krapp, Waid, Indigo, Farbhölzer, Anilinfarben aus Steinkohlenteer Purpurschnecke (1834 Runge) Naturdünger c) Düngstoffe: Chilesalpeter 1 phosnhate Thomasschlacke J iop Kalisalze (Ergebnis der Justus v. Liebigschen Entdeckungen der Pflanzenwachstumsprozesse in den 1840er Jahren). Verwendung künstlichen Düngers d) Bleich- und Ätzstoffe: Pottasche, Ammoniak aus animali- Künstliche Soda lischen und pflanzlichen Stoffen (1784/86 Le Blancs Erfindungen; 1791 Erteilung des französischen Patents, um Soda aus Kochsalz und Schwefelsäure zu erzeugen; 1863 Solvays Erfindung: Soda aus Ammoniak, der aus Kohle gewonnen wird, zu erzeugen Chlor (1774) Chlorkalk (1799) Achtes Kapitel: Der neue Weg 99 e) Verschiedene Stoffe: Vegetabilische und animalische Schmierstoffe Natürliche Eiech- (Duft-) Stoffe Natürlicher Kampfer Schmierstoffe aus anorganischen Ölen Künstliche Eiech- (Duft-) stoffe Synthetischer Kampfer. Ein Blick in diese Liste erweist die Tatsache, daß auf allen Gebieten, für alle Verwendungsarten an die Stelle ehedem organischer, das heißt dem Pflanzen- und Tierreich angehöriger Stoffe jetzt anorganische, dem Mineralreich, der leblosen Natur entnommene Stoffe getreten sind. Versuchen wir die Wandlung in einer noch einfacheren Linie zu zeichnen, so können wir sagen, daß das Zentrum der Stoffwelt sich aus einem in einen andern Punkt verschoben habe. Das stoffliche Zentrum aller früheren Zeit, das heißt eben aller Technik, die der modernen voraufgegangen ist, war das Holz: aus dem Walde war die materielle Kultur ehedem entsprungen: sie trug ein ausgesprochen hölzernes Gepräge. Das stoffliche Zentrum der modernen Technik hingegen ist die Kohle geworden, von der aus nach allen Seiten hin die erwärmenden und erleuchtenden Strahlen ausgehen. Geben wir diesem Gedanken wiederum einen schematischen Ausdruck, so können wir feststellen: als was das Holz ersetzt wird und was die Kohle ersetzt. Holz wird ersetzt: 1. als Werkstoff: durch Eisen und Kohle; 2. als Heiz- und Leuchtstoff: durch Kohle (und Kohlenfaden); 3. als Hilfsstoff: durch Kohle bei der Erschmelzung usw. Kohle ersetzt: 1. sämtliche animalische und vegetabilische Leuchtstoffe; 2. sämtliche animalische und vegetabilische Heizstoffe; 3. das Holz als Hilfsstoff (bei der Eisengewinnung). Hier — diese Überzeugung drängt sich uns immer wieder auf — in der Erfindung des Koksverfahrens liegt der Schlüssel für das Verständnis der modernen Zeit: wir werden noch einsehen weshalb. Über die Mannigfaltigkeit der Verwertungsarten der Kohle gibt folgende Statistik Aufschluß. (Die Ziffern beziehen sich auf Deutschland in den letzten Jahren vor dem Kriege): 100 Dritter Abschnitt: Die Technik Metallhütten aller Art, Eisenhütten, Eisenwerke und die Industrie der Maschinen, Instrumente und Apparate . 42,58 % Hausbrand .12,85 ,, Eisenbahn- und Straßenbahnbau und -betrieb . . . 10,87 ,, ' Selbstverbrauch der Steinkohlenwerke nebst Herstellung von Koks und Briketts... 7,00 ,, Binnenschiffahrt, See- und Küstenschiffahrt, Hochseefischerei, Hafen- und Lootsendienst. 4,63 ,, Industrie der Steine und Erden. 4,38 „ Gasanstalten. 3,33 ,, Chemische Industrie. 3,03 ., Textilindustrie, Bekleidungs- und Reinigungsgewerbe. 2,82 „ Elektrische Industrie. 1,58 ,, Kriegsmarine . 1,28,, Papierindustrie und polygraphische Gewerbe . . . . 1,32 ,, Brauerei und Branntweinbrennerei. 0,92 ,, Glasindustrie. 0,70 ,, Zuckerfabriken. 0,61 „ Salzgewinnung. 0,45 ,, Erzgewinnung. 0,41 ,, Wasserversorgungsanlagen, Bade- und Waschanstalten 0,38 ,, Leder-, Gummi- und Guttaperchaindustrie. 0,30 ,, Industrie der Holz- und Schnitzstoffe. 0,11 ,, Aus: HSt 5 4 , 756. 100,00 % II. Die neuen Kräfte Früher, das heißt: ehe denn die neue Technik Wandel geschaffen hatte, war die Kräftenutzung in dieser Weise erfolgt: soweit die Kräfte, die man nutzte, frei erzeugbar und vermehrbar gewesen waren, waren sie organisch gebunden gewesen: Mensch oder Tier! Soweit sie nicht organisch gebunden waren, waren sie naturgegeben, das heißt nicht frei erzeugbar und vermehrbar gewesen: das Wehen des Windes oder das Fallen des Wassers! Die moderne Technik verfügt dagegen über Kräfte, die sowohl frei erzeugbar und vermehrbar sind als auch künstlich geschaffen werden können ohne die Zuhilfenahme des Organisierungsprozesses der Natur. Diese Art Kräfte nennen wir mechanische Kräfte. In der Nutzung dieser Kräfte vollzieht sich also derselbe Vorgang der Entwaltung, den wir bei der Nutzung der Stoffe beobachten konnten. Die von der modernen Technik genutzten mechanischen Kräfte sind bekanntlich: 1. die Dampfkraft: die Spannung des Wasserdampfes; Achtes Kapitel: Der neue Weg 101 2. die Elektrizitätskraft: die Spannung des elektrischen Stromes; 3. die Explosionskraft: die Kraft, die durch rasche Verbrennung bestimmter Gase erzeugt wird. Die wichtigsten Explosionsstoffe sind: a) Petroleum, das Erdöl und sein Derivat, das Benzin, das heißt das Destillat des Petroleums; b) Gas, ein Erzeugnis der Kohle; c) Benzol, ein Erzeugnis der Kohle gleichermaßen, das Destillat des Steinkohlenteers. Näheres über die Wesenheit und die Geschichte der mechanischen Kräfte und ihre Nutzung berichte ich im folgenden Unterabschnitt bei der Darstellung der Kraftmaschinen. III. Die neuen Verfahrungsweisen 1. Allgemeines Über den Begriff des Verfahrens habe ich das Nötige schon im ersten Kapitel des ersten Bandes ausgeführt. Danach wollten wir verstehen: unter Technik jedes System von Mitteln zur Erreichung eines Zweckes, unter Instrumentaltechnik eine Technik, bei der Sach- dinge zur Verwendung gelangen, unter ökonomischer Technik die Technik zum Zwecke der Gütererzeugung. Zum besseren Verständnis füge ich noch folgende Bemerkungen hinzu: Nicht zur ökonomischen Technik gehört das Verfahren zur Benutzung (Anwendung) von fertigen Sachgütern: die medizinische (ärztliche) Technik, Medikamente oder chirurgische Instrumente zu verwenden; die Technik des Mikroskopierens und andre Untersuchungsmethoden; die Waffen-, das heißt Waffenverwertungstechnik (Fechttechnik, Schießtechnik, Ballistik); die musikalische Technik (Geigenoder Flötenspielen); die Kunst des Kadfahrens usw. Grenzfälle liegen namentlich auf dem Gebiete der Transport-, das heißt Transportiertechnik. Güter- Transport gehört ohne weiteres zur Güter-Produktion; also, daß auch die Gütertransport-Technik, die in der Handhabung fertiger Transportmittel besteht, zur ökonomischen Technik gehört. Soweit jedoch keine Güter transportiert werden, würde die Transporttechnik, wie das Navigieren, die Ruder- und Segelkunst, die Flugtechnik usw., nicht zur ökonomischen Technik gehören. Meist jedoch wird diese Unterscheidung der Transportzwecke nicht gemacht und alle Transportiertechnik der ökonomischen Technik zugezählt. So geschieht es auch im folgenden. Wir unterscheiden füglich folgende Arten des Verfahrens der ökonomischen Technik: 102 Dritter Abschnitt: Die Technik a) das organische: Arbeitenlassen der Natur: Land- und Forstwirtschaft; b) das chemische: künstliche Veränderung der inneren Zusammensetzung der Stoffe; c) das mechanische: künstliche Veränderung der äußeren Form der Stoffe. Die zweite und dritte Art (b und c) sind häufig gemischt: Eisenerzeugung ! In der Gestaltung des Verfahrens beobachten wir in der heutigen Zeit folgende Tendenzen: Während das organische Verfahren grundsätzlich unverändert bleibt, weisen das chemische und das mechanische Verfahren ebenfalls eine Tendenz auf zur Emanzipation von den Schranken der lebendigen Natur. Diese Tendenz macht sich bemerkbar einerseits in der Verwendung anorganischer Stoffe und Kräfte (siehe oben unter I), die begreiflicherweise die Natur auch des Verfahrens bestimmen und erst im Verfahren in ihrer praktischen Verwendbarkeit erkannt werden; andrerseits in der Ent- waltung vom menschlichen Organismus durch Ausschaltung der menschlichen Mitwirkung. Das soll nun im ei n zelnen sowohl für das chemische wie für das mechanische Verfahren nachgewiesen werden. 2. Das chemische Verfahren weist im einzelnen vornehmlich folgende Tendenzen in der modernen Zeit auf: 1. die Tendenz zur Autonomisierung. Darunter verstehe ich das Bestreben der chemischen Industrie, sich von der Beimischung mechanischer Bestandteile bei ihrem Verfahren zu befreien. Wir beobachten also eine Entmechanisierung des chemischen Verfahrens, sein Vordringen auf Kosten des mechanischen: die Rüben- zuckergewinnung, bei der man das Preßverfahren durch das Diffusionsverfahren (1865) ersetzt; diePapierbereitung,bei der man immer mehr das Zelluloseverfahren (1873) statt desHolzschliffverfahrens(1843) verwendet. 2. die Tendenz zur Anorganisierung. Darunter verstehe ich die Befreiung des chemischen Prozesses von der Beimischung organischer Bestandteile. Diese Entwaltung kann bestehen: a) in der Ausschaltung der organischen Hilfsstoffe. Hauptfall: Ersatz des Holzes durch Kohle beim Erschmelzungsprozeß; b) in der Ausschaltung der menschlichen Mitwirkung: als Folge des wissenschaftlichen Verfahrens (siehe das vorige Kapitel). Also: Achtes Kapitel: Der neue Weg 103 Einführung automatischer Meß- und Prüfungsapparate: Feststellung des Hitzegrades durch elektrische Öfen, automatische Feststellung des Schwefelgehaltes des Eisens u. dgl. c) in der Ausschaltung des Pflanzenwachstums und der direkten Sonnenbestrahlung: Gewinnung des Stickstoffs aus der Luft mit Hilfe des elektrischen Flammbogens; künstliche Bleiche statt Rasenbleiche. 3. die Tendenz zur Kontinuisierung, das heißt zur Herbeiführung eines ununterbrochenen Produktionsprozesses durch Vervollkommnung des Apparatewesens: Hochofen; Kalkofen; Ziegelbrennerei seit der Erfindung des Ringofens durch Hofmann (1858); Schwefelsäurefabrikation: seit der Erfindung des kombinierten Ofens durch Chaptal (Anfang des 19. Jahrhunderts) usw. Vgl. auch Seite 106, wo die Fortschritte der Chemie im Rahmen des mechanischen Verfahrens gewürdigt werden. 3. Das mechanische Verfahren a) Begriff die elektrischen Thermometer Vioooooo 0 C. Gehör: Es braucht nur an die Leistungen des Telephons erinnert zu werden, die es ermöglicht haben, die menschliche Stimme über Länder und Meere hinweg vernehmbar zu machen. Gesicht: Das Auge sieht 5500 Sterne, das Fernrohr 100000000. Das Mikroskop hat unser räumliches Unterscheidungsvermögen — des Auges — auf das 200fache gesteigert. Es läßt uns zwei Striche im Abstand des siebenten Teils von Viooo mm noc h getrennt wahrnehmen, während das natürliche Auge bei 1 / 40 mm Abstand versagt. Diese Erfolge werden bei Benutzung der ultravioletten Strahlen und durch das moderne. Zeißsche Ultrumikroskop noch übertroffen. Neuntes Kapitel: Die ökonomische Bedeutung der modernen Technik H7 Für ökonomisch-praktische Zwecke besonders wichtig ist die Sichtbarmachung von Signalen, z. B. auf Leuchttürmen. Die neuen Leuchttürme sind 30—40 km weit sichtbar, an Hauptansteuerungs- und Orientierungspunkten bis 70 km und mehr. Das Leuchtfeuer von Helgoland hat eine Kerzenstärke von 3500 Kerzen; durch genaue Parabolspiegel wird aber sein Blinklicht so zusammengehalten, als ob es für die großen Entfernungen, in denen es schon gesehen werden soll, eine Stärke von 30 Millionen Kerzen besäße. O. Wiener, a. a. O. Seite 79. Daselbst zahlreiche andere Angaben. „Unser Organismus besitzt also nur für eine beschränkte Anzahl von Kräften Wahrnehmungsorgane, für eine Reihe anderer Kräfte oder Schwingungszustände haben wir von der Technik geschaffene Instrumente, mit deren Hilfe wir das Vorhandensein dieser Kräfte nachweisen können. So weisen wir die elektrischen Strahlen mittels des Kohärers, die magnetischen Strahlen mittels der Wismutspirale, die chemischen Strahlen mittels der photographischen Platte und die X-Strahlen mittels de3 Baryum- platinzyanürschirmes nach. Diese Instrumente vertreten . . . die Stelle der natürlichen Organe.“ Jos. Löwy, Was sind und wie entstehen Erfindungen? (1907), 3. b) Die aktive Leistungssteigerung bedeutet die Steigerung der Wirksamkeit. Sie äußert sich in a) einer Steigerung der Kraftleistung. Um die ungeheuren Kraftleistungen der modernen Technik richtig einschätzen zu können, muß man sie in Vergleich mit denen früherer Zeiten stellen. Zwar verfügten auch diese über mächtige, ja übermächtige Kräfte (Wind und Wasser), aber sie standen, wie wir schon festgestellt haben, nicht zur freien Verfügung des Menschen. Das taten nur Tiere und Menschen. Diese stellen vereinzelt je eine bestimmte, in ihrem Organismus gebundene Kraftmenge dar. Man bemißt die menschliche Kraft bei Dauerarbeit auf etwa V 13 V 14 normaler (natürlicher) Pferdestärken (P. S.), die ihrerseits eine Leistung von 25 kgm (= Kilogrammeter = 1 kg 1 m hoch zu heben) in einer Sekunde darstellt, das ist % der heute als Maß verwendeten mechanischen P. S., die bekanntlich bestimmt wurde nach dem bei der Abnahme der Wattschen Dampfmaschine von gerissenen Händlern verwendeten Überpferde, wie Fama erzählt. Die Höchstleistung an organisch gebundener Kraft vollbringt der Elefant. Wollte man nun in früherer Zeit eine Kraft entfalten, die über die des einzelnen Menschen, des einzelnen Pferdes, ja des einzelnen Elefanten (den man auch nicht immer gleich zur Hand hatte) hinausging, so blieb kein anderer Ausweg als der: die Einzelkräfte zu summieren, das heißt zahlreiche Menschen oder Tiere Zusammenwirken zu lassen. Dieser Ausweg ist denn auch beschritten worden. So gelangte man (in außergewöhnlichen Fällen) dazu, auch große Lasten zu bewegen: zum Transport der Denkmäler für Amon unter Ramses II. wurden 8368 Personen aufgeboten; der Gouverneur Amenemhet verwendete 3000 Leute zur Fortschaffung eines Blocks, dessen Größe uns sogar überliefert ist: sie betrug 4,2 m in der Länge, 2,1 m in der Breite und 1 m in der Höhe. 118 Dritter Abschnitt: Die Technik Demgegenüber nun die Leistungen der modernen Technik! Ihr ist es gelungen, große Krafteinheiten zu schaffen in den durch mechanische Kräfte bewegten Maschinen. Diese vereinigen jetzt in einem einzelnen Stück bis zu 60000 P.S. (Schiffsmaschinen!). Die modernen Lokomotiven leisten 2000 P.S.; auf der Pensylvanischen Bahn ist eine Höchstleistung von 3200 P.S. erzielt worden. Dadurch ist es möglich geworden, große Zug-, Stoß-, Hubleistungen zu vollbringen. Über die Steigerung der Kapazität der Transportleistung wird weiter unten Genaueres mitgeteilt werden: siehe Kap. 18. Für die Gütererzeugung war von entscheidender Bedeutung die Bewältigung großer Stoffmassen: die Hubkraft der modernen Krane beträgt bis 250 t (5000 Zentner). Die heutigen Walzenzugmaschinen mit einer Kraftleistung von 20000 P.S. gestatten das Auswalzen riesiger Stahlblöcke, Dampfhammer und Schmiedepresse deren Aushämmerung. James Nasmvth wurde zur Erfindung seines Dampfhammers gedrängt, weil er ein Stück von damals unerhörter Größe zu schmieden hatte: eine Schiffswelle von 60 cm Durchmesser und 22 Fuß Länge. Der erste Dampfhammer („Bär“) hatte ein Gewicht von 2000 Pfund und konnte 4 Fuß hochgehoben werden. Die Größe steigerte sich bis 50 t (Krupps „Fritz“!). Da setzte die hydraulische Schmiedepresse ein, bei der Preßdrucke bis 15000 t zur Wirkung kommen. So können Blöcke bis 70 t Schwere geschmiedet werden. Sehr wichtig ist das Gegeneinander Emporsteigen der Größe des herstellenden und des herzustellenden Arbeitsmittels: je größer die Leistung der Schmiedepressen, desto größer die Kolben der Kraftmaschinen, mit deren Hilfe wiederum größere Druckmaschinen hergestellt und bewegt werden können usw. Neben der Steigerung der aktiven Kraftpotenz in den Kraftmaschinen kommt wesentlich in Betracht auch die Steigerung der Widerstandskraft der Stoffe: z. B. des Eisenbahn-, Brücken- oder Häuserbaues. Seile! Das schwere Hanfseil versagt beim Bergbau in großer Tiefe; die leichte Stahltrosse reicht bis in eine Tiefe von 1800 m. Ja — als Ankerseil noch viel tiefer: Das deutsche Untersuchungsschiff „Meteor“ (1824/25) war mit einem Ankerseil von 7000 m Länge verseilen und hat bei 5400 m Tiefe Anker geworfen. Die zweite Richtung, in der sicli die aktive Leistungssteigerung bemerkbar macht, ist ß) die Steigerung der Schnelligkeit. Im Produktionsprozeß: Statt vierzig Jahre oder länger auf das Heranwachsen eines Baumes warten zu müssen, erzeugt man Eisen und Stahl, den herzustellen nach dem alten Verfahren 3 Wochen, nach dem Puddel- verfahren 1% Tage, nach dem Bessemerverfahren 20 Minuten dauert. Die Ziegelfertigung dauerte ehedem % Jahr, jetzt 2—3 Wochen; die Bereitung von Leder früher 1 Jahr, jetzt wenige Tage. Und so fort in zahlreichen Industrien. Im Transport: Früher war die schnellste Möglichkeit, selbst eine Nachricht zu Lande zu befördern (sofern nicht Zeichen, wie Feuer, vorher vereinbart waren oder eine Rücksendung mittels Brieftauben erfolgen Neuntes Kapitel: Die ökonomische Bedeutung der modernen Technik H9 konnte) das Relais des schnellsten Reiters. Jetzt werden Briefe, Güter, Menschen auf dem Wasser mit einer Geschwindigkeit von 40 km, auf dem Lande von 60—80 km und mehr, in der Luft von 200 km und mehr in der Stunde fortgeschafft. In 12 Stunden konnten zurückgelegt werden: 1800 mit Postwagen rund 50 km 1850 ,, Extrapost ,, 100 ,, 1850 ,, Eisenbahn ,, 400 ,, 1900 „ „ „ 800 „ Weitere Ziffern teile ich später noch mit: siehe das 18. Kapitel. Die größere Wirksamkeit der modernen Technik äußert sich endlich in y) der Steigerung der Genauigkeit. Die Uhr unter dem Dampfhammer wird berührt, ohne das Glas zu zertrümmern! Wichtig ist diese Steigerung der Genauigkeit z. B. für die Münzprägung: ein rationelles Geldwesen ist erst möglich geworden, seit die Münzen so genau ausgeprägt werden können, wie es mittels der modernen Technik geschieht. Wichtig ist sie für alle verwickelteren Maschinenanlagen, namentlich für Ergänzung und Erneuerung von Stücken, die mit den übrigen zusammenpassen müssen. Das Interchangeable System, das heißt die Auswechselbarkeit der einzelnen Stücke, setzt schlechthin die heutige exakte Technik voraus. Alle diese Leistungen, die uns heute selbstverständlich erscheinen, werden in ihrer weittragenden Bedeutung erst erkennbar, wenn wir sie mit den Zuständen vergleichen, wie sie der empirischen Technik eigen waren. Ich füge zur Ergänzung dessen, was ich darüber in den früheren Bänden bemerkt habe, noch die Schilderung hinzu, die A. Riedler von dem Stande der „Präzisionstechnik“ noch in seiner Jugendzeit gibt. Er erzählt uns folgendes: „Genauarbeiten war unbekannt; das ,Zimmermannshaar 1 , auf einen Zoll genau, war sprichwörtlich für schlechte Arbeit. Was gedreht oder gebohrt war, galt als rund, als genau. Eine gewollte Genauigkeit von x / 10 mm hätte als Phantasie gegolten, eine solche von 1 / 100 mm als Verrücktheit. Meist hatte ein Werkmeister die Herstellung der einzelnen Stücke zu überwachen und auch dafür zu sorgen, daß sie durch Nacharbeit richtig zusammengepaßt und die Maschine gangbar gemacht wurde. Bei der Ingangsetzung großer Maschinen waren Brüche nicht selten, sog. ,Kinderkrankheiten 1 und Nacharbeiten die Regel. Anstandsloser Lauf der Maschine sofort nach Aufstellung wurde nicht erreicht, war doch fast jede Maschine anders als ihre Vorgängerin. Wenn sich die Maschine drehte, einigermaßen die verlangte Arbeit leistete, nicht allzu viel Störungen verursachte, dann galt sie als hervorragend.“ Emil Rathenau (1916), 34/35. Vgl. damit die anmutigen Bilder, die M. Eyth von seiner Arbeit in Ägypten entwirft. Mit der Steigerung der Leistung geht Hand in Hand c) die Steigerung der Unabhängigkeit vom Standort und von der Jahreszeit. 120 Dritter Abschnitt: Die Technik Ortsgebundenhe.it: Ehedem mußte man die großen Kräfte aufsuchen und konnte sie nur dort nutzen, wo sie sich fanden. Das galt vor allem von der Wasserkraft, die, wie wir gesehen haben (neben dem Holze) den Standort der frühkapitalistischen Industrie bestimmte. Aber auch der Windkraft zog man nach: auf dem Lande, wenn man Windmühlen errichten wollte, auf dem Meere, wenn man nach den natürlichen Luftströmungen die Schiffahrt ordnete. Die mechanischen Kräfte kann man überall gleichmäßig nutzen. Aucb auf andere Weise hat die moderne Technik die Bewegung auf der Erdoberfläche freier gemacht: auf dem Meere schon längst durch den Kompaß, das Astrolabium, die Seekarten, deren Erfindung schon der frühkapitalistischen Epoche angehört; in der neueren Zeit namentlich durch die Entwicklung der Beleuchtungstechnik usw. In einer besonderen Weise verringert das Öl als Feuerungsmaterial auf den Seeschiffen deren Ortsgebundenheit, indem es sie der Notwendigkeit enthebt, auf langen Fahrten bestimmte Orte anzulaufen, um Kohle einzunehmen. Ein Schiff von 8000 Begistertonnen Laderaum und einem Kohlenraum von 650 t mußte auf der Reise von Hamburg nach Japan und zurück achtmal bunkern. Ein gleichgroßes Schiff mit Ölbetrieb kann bei einer Aufnahmefähigkeit von 700 t Brennstoff die Hin- und Rückfahrt ohne Brennstoffaufnahme machen. Das Luftschiff durchkreuzt die Luft, ohne an eine bestimmte Fahrstraße wie der Landverkehr (und bis zu einem gewissen Grade auch der Seeverkehr) gebunden zu sein. Die Einführung der Maschinerie hat die Industrie von den gelernten Arbeitskräften unabhängiger gemacht, die sie früher an deren Wohnort sich anzusiedeln zwangen. Ebenso ist die Industrie weniger an den Standort von Hilfsindustrien gebunden, da sie alle Produktionsmittel, insbesondere Maschinen und Maschinenteile, von fern her beziehen oder selbst Reparaturwerkstätten einrichten kann. Wirkung der Genauigkeit! Siehe Carnegie, Rector. Adress at St Andrew’s 1902 und vgl. Marshall, Industry and Trade, 169 f. Zeitgebundenheit: Die frühere Arbeit war im weiten Umfange an die Tageszeit gebunden, das heißt, sie konnte — der Regel nach — zweckmäßig nur bei Tageslicht ausgeführt werden. Die Natürlichkeit allen früheren Wirtschaftslebens hat in dieser Gebundenheit an die helle Tageszeit eine ihrer Hauptwurzeln. Mit der fortschreitenden Verbesserung der Beleuchtungstechnik änderte sich das. Es bestand nun die Möglichkeit, Tag und Nacht zu arbeiten. Und der Kapitalismus hat sich diese Möglichkeit sehr zunutze gemacht und würde es nach wie vor tun, wenn ihn nicht äußere Gewalten daran verhinderten. Ebenso wie von der Tageszeit hat die moderne Technik die menschliche Arbeit von der Bindung an die Jahreszeit befreit. Manche Gewerbe konnten ehedem füglich nur im Winter verrichtet werden, wie die Bierbrauerei; andere nur im Sommer, wie die Ziegelbrennerei, die Blumen- und Gemüsezucht, die Geflügelzucht. Jetzt besteht eine solche zeitliche Beschränkung nicht mehr. Neuntes Kapitel: Die ökonomische Bedeutung der modernen Technik 121 Auch in der Nutzung der Kräfte ist die Industrie nicht mehr abhängig von der Jahreszeit wie ehedem, als namentlich die Flußläufe in bestimmten Monaten unbrauchbar zu werden pflegten. Alfred Krupp wurde, wie uns seine Biographen berichten, zur Aufstellung seiner ersten Dampfmaschine veranlaßt, als ihn wieder einmal das Ausbleiben des Flußwassers hinderte, einen wichtigen Auftrag rechtzeitig auszuführen. Dasselbe gilt, in vielleicht noch stärkerem Maße, für das Transportwesen: die Segelschiffahrt ruhte fast immer den Winter über, und Windstille brachte das Schiff auf hoher See zum Stillstehen. Die Dampfschiffahrt kennt solche Störungen nicht. Der Achstransport mußte in der schlechten Jahreszeit unterbrochen werden; für die Eisenbahn gibt es keine guten und schlechten Jahreszeiten. Nun ist aber mit den bisherigen Ausführungen die ökonomisch bedeutsamste Wirkung der modernen Technik noch gar nicht gewürdigt worden. Diese nämlich ist 3. die Vermehrung des Stoff- und Kraftvorrats, die durch sie herbeigeführt worden ist. Diese verursacht sie: a) durch die Ökonomisierung jedes Stoff- und Kraftteils infolge immer weiter fortschreitender Vervollkommnung des Verfahrens. Siehe z. B. die Wirkung der Elektrifizierung der Maschinerie! „Durch den sorgfältig ausgeführten organischen Zusammenbau jeder einzelnen Werkzeugmaschine mit einem für sie besonders geeigneten Elektromotor wird viel Kraft und Arbeit erspart, Leerlauf Verlust (NB. der bei dem alten Riemenantriebsverfahren unvermeidlich war, W. S.) vermieden, die Bedienung der Maschine vereinfacht und erleichtert. — Der Wirkungsgrad von Werkzeugmaschinen kann mit Hilfe des technisch richtig durchgebildeten Einzelantriebes um 50% verbessert werden.“ Dr. Jacobi in Siemens’ Mitteilungen Nr. 71, S. 12. b) durch die bessere Ausnutzung der vorhandenen, organischen Stoffe und Kräfte: Wasser (Anlage von Elektrizitätswerken!), Wind (Anlage von technisch vollkommenen Windmotoren!), Boden (Vervollkommnung der Bearbeitung, Be- und Entwässerung und Düngung: künstlicher Dünger!). Das alles aber tritt an Bedeutung weit zurück hinter die durchgreifende Einwirkung, die die moderne Technik auf den Stoff- und Kraftvorrat ausübt c) durch den Abbau der anorganischen Bodenschätze: der Salze, Erze, Öle, Tone und Kalke und natürlich vor allem der Kohle. Ich hatte oben gesagt, im Koksverfahren liege der Schlüssel für das Verständnis der modernen Zeit. Jetzt vermögen wir einzusehen warum. 122 Dritter Abschnitt: Die Technik Das Koksverfahren ist vertretungsweise dasjenige Verfahren, durch welches die Menschheit sich den Zutritt zu der Schatzkammer verschafft hat, die im Schoß der Erde in der Gestalt von Mineralschätzen verborgen lag. Und damit den Zugang zu einem Reichtum, wie ihn kein früheres Zeitalter nur annähernd gekannt hatte. Die Menschheit des 19. Jahrhunderts gleicht dem Manne, der bis dahin ein kümmerliches Dasein geführt hat, sehr langsam durch Fleiß und Ausdauer seine Verhältnisse aufbessernd, und dem nun plötzlich durch die Lotterie oder durch Erbgang ein großes Vermögen zufällt. Denn so ist es ohne jedes Bild gesprochen: die Menschheit hatte bis zum Ende des frühkapitalistischen Zeitalters von ihrem Einkommen gelebt, das ihr in Form von Sonnenenergien jährlich zugeflossen war und sich ausgewirkt hatte in den Pflanzen und Bäumen, die in diesen Jahren gewachsen waren, das heißt jene Sonnenenergien in lebendige Stoffe und Kräfte umgesetzt hatten. Und nun — und nun standen in den Schätzen im Erdinnern derselben Menschheit Sonnenenergien zu Gebote, die im Laufe von Jahrmillionen auf die Erde niedergestrahlt waren, die also in der Tat ein Vermögen darstellen, das zu verzehren (neben ihrem Jahreseinkommen) die Menschheit nunmehr befähigt worden war durch die Erfindungen der modernen Technik. Damit tritt die Zeitspanne des 19. Jahrhunderts aus jedem, aber auch jedem Vergleich mit irgendeiner früheren Kulturepoche. Sie steht völlig einzig da als das Zeitalter, in dem die Menschheit ihr Vermögen an Stoffen und Kräften aufgezehrt und damit einen unerhörten Glanz und Reichtum erzeugt hat. Alles, was wir Hochkapitalismus nennen, findet hier, in diesem plötzlichen Vermögenszuwachs der Menschheit, seine Erklärung. Eine einzige Ziffer mag hier angeführt werden, um zu zeigen, wie die Erde gleichsam trächtig wurde und mehrere Erden aus ihrem Schoße gebar: die Statistik der Motoren. Nach Saitzeff gab es vor dem Kriege: Feststehende Primärmotoren der Welt . . 75 Millionen PS Lokomotiven.100 ,, ,, Schiffsmaschinen. 25 ,, ,, Zusammen 200 Millionen PS. Diese 200 Millionen PS stellen, wie wir wissen, die Kraft von 600 Millionen natürlichen Pferden dar. Fast siebenmal soviel, als es Pferde auf der Erde gab. Siebenmal soviel Bodenfläche hätte also mit Hafer und Heu bestellt werden müssen, um dieselbe Menge von Pferdekräften aus den heutigen Sonnenenergien zu ernähren. In Deutschland aber wurde schon für die Ernährung seiner nicht ganz 4 Millionen Pferde eine Fläche von 6—7 Millionen Hektar benötigt; siebenmal soviel Pferde würden also 42 bis Neuntes Kapitel: Die ökonomische Bedeutung der modernen Technik 123 49 Millionen Hektar Bodenfläche benötigen, während die landwirtschaftlich genutzte Fläche Deutschlands (in den neuen Grenzen) im ganzen nur 27 Millionen Hektar umfaßt; ein doppelt so großes Deutschland würde also erforderlich sein, um die auf seinen Teil entfallenden Pferde zu ernähren (in Wirklichkeit müßte die Fläche, die erforderlich wäre, um die in Deutschland allein genutzten mechanischen Kräfte in Gestalt von Organismen zu erzeugen, noch um ein Vielfaches größer sein, da ja Deutschlands Bestand an Motoren weit über dem Erddurchschnitt liegt). Und so ist es auf allen Gebieten: es sind neue Erden zugewachsen, aus denen der Hochkapitalismus emporgesproßt ist. Wie ich eingangs zu diesem Kapitel sagte: ich wollte hier nur die Richtung angeben, in der wir die ökonomische Bedeutung der modernen Technik zu suchen haben. Ich habe mich deshalb auch mit ganz wenig zahlenmäßigen Belegen begnügt und verweise den Leser für diese und alle weiteren Ausführungen auf die spätere Darstellung, namentlich im 17. und 18. Kapitel. Hier muß die Bedeutung der modernen Technik für den Verlauf des Wirtschaftslebens nur noch nach einer Richtung gewürdigt werden, in der man sie meist nicht sucht, und in der sie doch ebenfalls sehr erheblich ist. Das ist — im Gegensatz zu der bisher betrachteten Welt der Erfolge, die diese Technik gezeitigt hat — die Welt der Mittel, deren sie sich bedient, um zu ihren Erfolgen zu gelangen. III. Die Ausweitung des technischen Apparates Das nämlich ist es, worauf ich eben anspielte: damit die moderne Technik ihre Wünsche erreichen kann, muß sie einen immer größeren Aufwand an Sachgütern machen, muß sie immer größere Vorrichtungen treffen, muß sie, wie ich es in der Überschrift nenne, ihren „Apparat“ immer mehr ausweiten. Diese Neugestaltung der technischen Mittelwahl hat aber, wie ich später ebenfalls in zahlreichen Fällen feststellen werde, eine sehr große Bedeutung für den Verlauf des Wirtschaftslebens gehabt. Hier wollen wir uns wiederum nur vergegenwärtigen, wie sich die Ausweitung des technischen Apparates äußert. Das geschieht 1. in der zunehmenden Größe der einzelnen Produktionsmitt e 1 und ihrer Verwendung in immer größeren Gesamtheiten technischer Werke: siehe darüber Genaueres im 51. Kapitel. 2. Eine Begleiterscheinung dieser Tendenz zur Vergrößerung der einzelnen Produktionsmittel ist die Zunahme des Produktionsmittelanteils am Gesamtaufwand: siehe darüber Genaueres im 39. Kapitel. 124 Dritter Abschnitt: Die Technik In der Spinnerei und Weberei München-Gladbachs betrug das Maschinenkapital auf den Kopf des Arbeiters: 1868. 1308 Mk. 1879/1889 . 2672 „ 1889/1899 . 3948 „ 1899/1909 . 5531 „ Das Bau- und Maschinenkapital bezifferte sich auf den Kopf des Arbeiters auf: 1879/1889 . 4504 Mk. 1889/1899 . 5965 „ 1899/1909 . 8033 „ Nach Geschäftsberichten M. Bernays in Schriften des V. f. S. P., Band 133, Seite 8 ff. Da nun der immer größer werdende Sachmittelapparat, mit dem die moderne Technik arbeitet, im wesentlichen aus Stein, Eisen, Kupfer besteht, also in der Sphäre der anorganischen Produktion hergestellt wird, so bedeutet seine beständige Ausweitung 3. die Verlegung des Schwerpunkts des Wirtschaftslebens aus der Sphäre der Land- und Forstwirtschaft in die Sphäre der mechanisch-anorganischen Produktion. Wir lernten als ein Merkmal aller vorkapitalistischen, aber auch noch der frühkapitalistischen Wirtschaftsstruktur das Überwiegen der landwirtschaftlichen Bevölkerung kennen: siehe das 39. Kapitel des zweiten Bandes! Noch im Jahre 1843 ergibt sich für den preußischen Staat ein Anteil der landwirtschaftlichen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung von 60,84—61,34 %, während die gewerbliche Bevölkerung nur 23,36 % ausmachte. Das hat sich nun im wesentlichen als Folgeerscheinung der modernen Technik von Grund auf geändert: im Jahre 1907 betrug der Anteil der landwirtschaftlichen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung des Deutschen Reiches nur noch 28,6%, während der Anteil der gewerblichen Bevölkerung auf 42,8 gestiegen war. Damit sind auch ganz andere Industrien die Richtindustrien geworden : noch in der frühkapitalistischen Epoche war, nächst der Landwirtschaft, die auf organischer Grundlage ruhende Textilindustrie die führende Industrie. Heute sind die führenden Industrien die chemische Industrie, die Elektrizitätsindustrie und namentlich die Montanindustrie. Genaueres siehe über diesen Umschichtungsprozeß im 17., 23., 49. Kapitel. Zweiter Hauptabschnitt Der Aufbau Jtftf • t *® 1 Erster Abschnitt Das Kapital Erster Unterabschnitt Zur Theorie des Kapitals im allgemeinen Quellen und Literatur 1. Kapitalbegriff und Dogmengeschichte: Karl Rodbertus, Zur Erkenntnis unserer staatswirtschaftlichen Zustände. 1842; Derselbe, Das Kapital; herausgegeben von Th. Kozak. 1884. Karl Marx, Das Kapital. 3 Bände 1867—1894; Derselbe, Theorie über den Mehrwert. 3 Bände; herausgegeben von K. Kautsky. 1905 bis 1910. Notizensammlung. Viel Scholastik. Michael Hainisch, Die Entstehung des Kapitalzinses 1907. E. v. Böhm-Bawerk, Geschichte und Kritik der Kapitalzinstheorien. Zuerst 1884. Bietet wenig Erkenntnis wegen der ethisierend-apologetischen Grundrichtung. Irving Fisher, Precedents for defining capital. The Quarterly Journal of Economics. May 1904. A. Spiethoff, Die Lehre vom Kapital in dem Sammelwerk: Die Entwicklung der deutschen Volkswirtschaftslehre im 19. Jahrhundert. 1 (1908), 37 ff. W. Jacoby, Der Streit um den Kapitalbegriff. 1908. Schülerarbeit. Götz Briefs, Untersuchungen über die klassische Nationalökonomie. 1915. Das Beste über den Gegenstand. Wilh. Hohoff, Zur Geschichte des Wortes und Begriffes „Kapital“. Vierteljahrsschrift für Soz. und W.-Gesch. Band XIV/XV (1918 ff.). Gelehrt. R. Passow, „Kapitalismus“. 1918. Gute Übersicht. Über die neueste Entwicklung des Kapitalbegriffes: Schumpeter in einem Nachtrag zu dem Artikel „Kapital“ in HSt 5 4 , 582 ff. 2. Zur Theorie des Kapitals im allgemeinen ist nach Marx wenig von Belang geschrieben worden. Von Bedeutung immerhin sind die Werke einiger Marxisten wie namentlich R. Hilferding, Das Finanzkapital. Zuerst 1910; Rosa Luxemburg, Die Akkumulation des Kapitals. 1912. Dieses Buch ist zweifellos eine hervorragende Leistung. Den demagogischen Kitsch, mit dem die Darstellung durchflochten ist, muß man leider mit in Kauf nehmen. Daß die Grundansichten der Verfasserin falsch sind, tut nicht allzu viel zur Sache. Auch einige Amerikaner, die sich durch das Irrlicht der Grenznutzentheorie nicht haben in den Sumpf locken lassen, haben Bemerkenswertes zur Theorie des Kapitals beigebracht. Ich nenne Th. Veblen, The Theory 128 Erster Abschnitt: Das Kapital of Business enterprise. 1904. F. B. Hawley, Enterprise and the productive process. 1907. J. B. Clark, Essential of economic theory 1907 (soweit er sich frei von grenznutzlerischen Sentiments hält und nicht ins Apologetische fällt). Endlich verdienen aus der neueren deutschen Literatur Erwähnung: F. Oppenheimer, Wert und Kapitalprofit. 1916. R. Liefmann, Kapital und Kapitalismus. Zeitschrift für die ges. Staatswiss. 72. Jahrgang (1916/17). Mit Vorsicht zu benutzen! K. Muhs, Begriff und Funktion des Kapitals. 1919. Das bekannte Buch von E. v. Böhm-Bawerk, Kapital und Kapitalzins, 2 Bände, zuerst 1884 und 1889, dessen ersten, die Dogmengeschichte enthaltenden, Band ich bereits nannte, liegt außerhalb des Bereichs dessen, was ich für fruchtbare ökonomische Theorie halte. 3. Sonderprobleme: a) Rentenfonds, sog. „fiktives'''' oder „ negative. a“ Kapital: Der Ausdruck „fiktives“ Kapital und die erste Monographie über den Gegenstand, die aber von der früheren Literatur nichts weiß, stammt von Alfred Offermann, Das fiktive Kapital als Ursache niedrigen Arbeitslohns. 1896. Zuerst auf das Problem gestoßen ist Sismondi, Nouveaux principes d’economie politique. Vol. II. Dann ist es gründlich erörtert worden von Marx im „Kapital“, namentlich Band III, 2. Neuerdings am besten von R. Hilferding, a. a. 0. Besonders gründlich hat sich die italienische Literatur mit dem Problem beschäftigt; vgl. C. Supino, La borsa e il capitale improduttiva. 1898. Achille Loria, La costituzione economica odierna. 1899, und die sehr beachtenswerte Schrift von Arturo Labriola, La speculazione economica. 1907. b) Zurechnung: Eine sinnvolle Zusammenfassung der Lehre, in der alle Gründe aufgeführt sind, die sich irgendwie zugunsten der Zurechnungstheorie geltend machen lassen, bringt jetzt das Buch von Carl Landauer, Grundprobleme der funktionellen Verteilung des wirtschaftlichen Wertes. 1923. Bündig widerlegt ist die Theorie von F. Oppenheimer, Wert und Kapitalprofit (1916), 113ff.; Friedr. v. Kleinwächter, Die Lehre vom Grenznutzen und das sog. Zurechnungsproblem in den Jahrbüchern für NÖ. III. Folge, Band 59 (1920) und in*der Schrift von H. Hefendahl, Das Problem der ökonomischen Zurechnung. 1922. Im übrigen vgl. W. Mohrmann, Dogmengeschichte der Zurechnungslehre. 1914. c) Reproduktion des Kapitals: Marx, „Kapital“, vor allem Band II, aber auch III. Rosa Luxemburg, a. a. O. Paul Ernst, Die gesellschaftliche Reproduktion des Kapitals bei gesteigerter Produktivität der Arbeit. 1893. Die Iü.-Diss. des berühmten Dichters. Weitere Literatur führe ich im 3. Abschnitt dieses Hauptabschnittes an. 129 Zehntes Kapitel Begriff und Wesen des Kapitals 1. Kapital habe ich (Band I Seite 324) diejenige Tauschwertsumme genannt, die einer kapitalistischen Unternehmung als sachliche Unterlage dient. Das Wort soll also gleichbedeutend mit dem von der doppelten Buchhaltung erfaßten Geschäftsvermögen sein und bezeichnet zunächst eine einzelwirtschaftliche Erscheinung. Das gesellschaftliche Gesamtkapital ist nichts andres als die begrifflich als Einheit gefaßte Summe der Einzelkapitale. Eine höchst unvollkommene und doch, wie sich zeigen wird, unvermeidliche, weil einzig mögliche Begriffsbestimmung. 2. Die Analyse des Begriffs ergibt folgenden Tatbestand: a) Der Begriff ist ein ,,F u n k t i o n s b e g r i f f“: er drückt die Beziehung einer Tauschwertsumme in einem bestimmten Zweckzusammenhang aus. Ist also kein „Dingbegriff“, der etwa irgendwelche Sachgüter bezeichnete. Diese sind vielmehr immer nur Symbole des Kapitals. Es gibt so viele Symbole als es Sachgüter gibt, die beim Aufbau einer kapitalistischen Unternehmung mitwirken: Geld, Produktionsmittel, Lebensmittel, Waren. Alles dieses kann Kapital sein, braucht es aber nicht. Alle diese Sachdinge sind Erscheinungsformen des Kapitals, Kleider, in die das Kapital sich hüllt, „eingekleidet“ („investiert“) wird. Oder wie es J. St. M i 11 in einer Formel bedeutungsvoll ausgedrückt hat: „the distinction between Capital and not Capital does not lie in the k i n d of commodity, but in the m i n d of the owner“. b) Der Kapitalbegriff ist ein historisch- ökonomischer Begriff, das heißt ein solcher, der aus dem Zweckzusammenhange eines bestimmten Wirtschaftssystems — des kapitalistischen — heraus gebildet ist. Es ist irreführend, den Begriff für andre Wirtschaftssysteme zu verwenden. Erst seit im kapitalistischen Denken das Geschäftsvermögen verselbständigt worden ist, hat dieses einen bestimmten, klar umschriebenen Sinn bekommen, während vordem und ohnedem die Kategorien Produktionsmittel und Subsistenzfonds selbständig nebeneinander bestanden. Ist ursprünglich und seiner strengen Be- Sombart, Hochkapitalismus. 9 130 Erster Abschnitt: Das Kapital deutung nach der Kapitalbegriff auf kapitalistische Wirtschaft bezogen, so wird man ihn per analogiam ausdehnen können auf Wirtschaftsverhältnisse, die nach dem Vorbilde des Kapitalismus organisiert sind, etwa einen rationalistisch-rechenhaft-buchmäßig geführten nach-kapita- listischen öffentlichen Wirtschaftsbetrieb. Beim Naturmenschen, aber auch beim Bauern und Handwerker, von „Kapital“ zu sprechen ist unzweckmäßig. Vergleiche noch, was ich auf Seite 134 darüber bemerke. c) Daß die von mir gegebene Begriffsbestimmung unvollkommen sei, gab ich schon zu. Allerdings: den Vorwurf, daß sie idem per idem definiere (Kapital durch die kapitalistische Unternehmung) kann ich nicht gelten lassen, es sei denn in einem rein formalen Verstände. Sachlich ist aber mein Verfahren einwandfrei —= und zwar deshalb, weil der Begriff der kapitalistischen Unternehmung ganz ohne Zuhilfenahme des Begriffs des Kapitals, völlig selbständig bestimmt wird. Daß dieses Etwas dann mit dem Beiwort „kapitalistisch“ belegt wird, tut nichts zur Sache. Dagegen unterliegt es keinem Zweifel, daß der Kapitalbegriff, wie er hier gefaßt wird, andre Mängel enthält. Der wichtigste scheint mir der zu sein, daß er (als Gesellschaftskapital) auch den Kapitalprofit (Mehrwert) einschließt, sofern das Kapital einer Unternehmung zur Realisierung des Mehrwerts auf der vorhergehenden Produktionsstufe dient. Dieser Fehler würde nur verschwinden, wenn es nur Eine kapitalistische Unternehmung gäbe. In diesem Falle wäre das Kapital leicht zu bestimmen: es wäre nämlich dasselbe wie der Lohnfonds, während es bei der heutigen Fügung des Wirtschaftslebens wesentliche Teile des Mehrwerts mit umfaßt. Und umfassen soll. Denn diese Einbeziehung des Kapitalprofits in den Kapitalbegriff ist unerläßlich, weil der Kapitalprofit auf einer bestimmten Stufe des wirtschaftlichen Prozesses notwendig die Form des Kapitals annimmt: derjenige Betrag, mit dem eine Weberei ihr Garn einkauft, gehört doch wohl zum Kapitale dieser Weberei, und trotzdem stecken in ihm die Profite des Spinners, Baumwollproduzenten, Reeders usw. Zur Verdeutlichung des Gesagten führe ich noch einige verwandte Bestimmungen des Kapitalbegriffs an, von denen sich die meinige unterscheidet : Zu weit fassen folgende Definitionen den Begriff: Senior: „Economists are agreed that whatever gives a Profit is properly termed Capital“. Mc Leod: „Capital is any Economy Quantity used for the purpose of Profit“. Zehntes Kapitel: Begriff und Wesen des Kapitals 131 Diese Definitionen sind richtig, wenn unter Profit Ertrag einer kapitalistischen Unternehmung, unrichtig (weil zu weit), wenn darunter der Ertrag eines Erwerbsvermögens schlechthin verstanden wird. Denn das Wuchervermögen (beispielsmäßig) ist kein Kapital. Erwerbsvermögen und Kapital sind nicht gleichbedeutend. Zu eng fassen den Begriff: Jevons, der das „eigentliche“ Kapital, das „free Capital“, im Gegensatz zum „fixierten“ Kapital, bezeichnet als „the wages of labour either in its transitory form of money or its real form of food and other necessities of life“. Hier ist der Mehrwert unberücksichtigt gelassen (siehe oben) und außerdem sind die Anlagen ausgeschlossen, was mir willkürlich erscheint. Schumpeter definiert (nach F. B. Hawley): „eine Summe von Geld oder von Zahlungsmitteln, welche zur Überlassung an Unternehmer in jedem Zeitpunkt verfügbar ist“, „Zahlungskraft des Unternehmers“. Das könnte gelten, wenn der Begriff des Unternehmers nicht auf den „schöpferischen“ Wirtschaftsleiter eingeschränkt wäre. Eine traditionalistisch arbeitende Aktiengesellschaft hat aber doch wohl auch ein „Kapital“ ? Am nächsten kommen meiner Kapitaldefinition die Auffassungen einiger Klassiker, namentlich Ricardos und diejenige von Karl Marx. 3. Bei der Wichtigkeit des Gegenstands will ich ausnahmsweise einen Überblick über die dogmengeschichtliche Entwicklung des Kapitalbegriffes geben. Ob der Ursprung des Begriffes im Sicherstellungsvertrage liegt, wonach Capita das Stammvieh bedeuten würden, wie es die geistvolle Studie von Michael Hainisch will, lasse ich dahingestellt. Die Annahme hat viel, das für sie spricht. Die historisch verbürgten Bedeutungen sind folgende: (1) Im Altertum und Mittelalter ist Kapital die Stammsumme im Gelddarlehen = xscpaXeiov, capitalis pars debiti im Gegensatz zu den Zinsen, bedeutet also soviel wie Erwerbsvermögen. Noch bei Krünitz wird Kapital definiert als eine „Summe Geldes, sofern sie dazu bestimmt ist, Gewinn zu bringen im Gegensatz dieses Gewinnes“. (2) Bei den Klassikern bleibt diese Auffassung im wesentlichen bestehen, nur daß sie statt „Geld“ „Tauschwertsumme“ setzen: Turgot: „la somme des capitaux, c’est-ä-dire la somme actuelles des valeurs mobiliaires de toute espece, accumules . . . pour etre employes ä procurer au possesseur de nouveaux revenus et de nouveaux profits.“ Ad. Smith: „his whole stock is distinguished into two parts. That part which he expects is to afford him this revenue is called his capita]. The other is that which supplies his immediate consumption . . . The general stock of any country or society is the same with that of all its inhabitants or members and therefore naturally divides itself into the same . . . portions.“ 132 Erster Abschnitt: Das Kapital (3) In dieser Begriffsbestimmung durch Ad. Smith steckt nun aber der Keim zu einer höchst unglücklichen Auffassung vom Kapital, die lange Zeit hindurch namentlich in der deutschen Professorenliteratur geherrscht hat, und der man noch heutigentags in rückständigen Lehrbüchern begegnet, zu der Auffassung nämlich, wonach Kapital soviel wie „Produktionsmittel“ oder „produzierte Produktionsmittel“ sein soll. Die Lehre von den „drei Produktionsfaktoren“ „Natur, Arbeit, Kapital“ schließt sich dann füglich an diese Begriffsbestimmung an. Der Unfug ist wie folgt entstanden: Wenn man, wie es Ad. Smith tut, den „Stock for immediate consumption“ dem Kapital gegenüb erstellte, so lag die Annahme nahe, daß das Kapital ein „stock for production“ sei. Das war auch die Ansicht der Klassiker gewesen. Nur daß sie darunter, weil sie stillschweigend bei ihrer Begriffsbestimmung von der kapitalistischen Produktionsweise ausgingen, auch die Lebensmittel (Einkommensgüter) der Lohnarbeiter mitverstanden. Solange man also Produktion und kapitalistische Produktion gleichsetzte, konnte es bei der Begriffsbestimmung Kapital = Produktionsfonds sein Bewenden haben: man traf das Richtige; man erfaßte mit der Begriffsbestimmung jenes lebendige Etwas, das heute im Mittelpunkt alles Wirtschaftslebens steht und gemeint ist, wenn man von dem Kapital einer Aktiengesellschaft spricht. In dem im wesentlichen noch handwerkerlichen Deutschland des frühen 19. Jahrhunderts fiel nun aber die Gleichsetzung von Produktion und kapitalistischer Produktion dahin. Man hörte infolgedessen auf, Produktion als einen historisch - ökonomischen Begriff zu fassen und bemühte sich, eine allgemeine Produktionslehre zu schaffen. Für eine solche konnte aber — zumal, wenn man in das Technische abbog — der stock for production, der Produktionsfonds, nicht auch Einkommensgüter mit umfassen. Man beschränkte den Begriff also auf die zur Produktion bestimmten Güter, und das sind eben die Produktionsmittel oder — wenn man genauer sein will — die Arbeitsmittel. Die Folgen dieser imsinnigen Begriffsbestimmung waren verheerend: man kam dazu, einerseits meinen Federhalter Kapital zu nennen, denn offenbar ist er ein „produziertes Produktionsmittel“, andrerseits vermochte man das Kapital einer Aktiengesellschaft nicht mehr als Kapital zu bestimmen. Denn derjenige Betrag dieses Kapitals, der für Arbeitslöhne und somit für Einkommensgüter auf gewendet wird, fiel ja nicht mehr unter den Schulbegriff „Kapital“, da er nicht aus „produzierten Produktionsmitteln“ bestand. Zehntes Kapitel: Begriff und Wesen des Kapitals 133 (4) Gegenüber dieser Begriffsverwirrung bedeutet es einen unzweifelhaften Fortschritt in der Erkenntnis, als man einzusehen begann, daß in der deutschen Sprache das Wort Kapital für zwei sehr verschiedene Begriffe gebraucht wurde. Diese Einsicht taucht schon bei Storch (1819) und Rau (1826) auf, ist aber zu voller Klarheit erst von ßo dbertus (1842) entwickelt worden. Man unterschied nun zwei Kapitalbegriffe: einen ökonomischen und einen historischen (richtig: allgemein-ökonomischen und historisch-ökonomischen) nach dem Vorgänge von Rodbertus:soAd. Wagner,soWittels- h ö f e r , der die Ausdrücke objektives und subjektives Kapital prägte, so Böhm-Bawerk, der an die Stelle dieser Ausdrücke die irreführenden Worte soziales und privates Kapital setzte (irreführend, weil beide Kapitalbegriffe sozial- und privatwirtschaftlich gefaßt werden können). Im wesentlichen verstand man unter dem einen Kapitalbegriff produzierte Produktionsmittel, unter dem andern Erwerbsvermögen. (5) Diese Einteilung mußte nun verfeinert, bzw. ergänzt werden: weder produzierte Produktionsmittel noch Erwerbsvermögen decken die in Betracht kommenden Erscheinungen. Will man von objektivem und subjektivem Kapital sprechen, so muß man dem objektiven mindestens noch den Subsistenzmittelfonds hinzufügen und innerhalb des subjektiven Kapitals neben dem Erwerbsvermögen noch das Kapital in dem hier gebrauchten Sinne unterscheiden. Denn offenbar trennt eine Welt das einer kapitalistischen Unternehmung zugrunde liegende Substrat von der Summe Geldes, die mir durch Ausleihung Darlehnszinsen trägt. (6) Ist man solcherweise zu einer sachgemäßen Unterscheidung von 2 (4) grundverschiedenen Begriffen gelangt, so bleibt jetzt nur noch die Frage zu beantworten: wie man diese verschiedenen Begriffe benennen will, genauer: ob man alle diese Begriffe „Kapital“ mit einem sie unterscheidenden Beiwort benamsen will, oder ob man es für richtiger hält, das Wort Kapital für einen der Begriffe zu verwenden und die andern anders zu bezeichnen. Die übliche Ausdrucksweise fußt auf dem ersten Entscheide, während in diesem Werke die zweite Möglichkeit gewählt ist. Die Gründe, die mich bestimmen, das Wort Kapital für einen der vier Begriffe zu verwenden und die andern drei anders zu benennen, sind folgende: (a) Bei der entgegengesetzten Übung fehlt der Oberbegriff Kapital: wenn ich vom Kapital als „historische“ und „ökonomische“ Kategorie, 134 Erster Abschnitt: Das Kapital von sozialem und privatem, von objektivem und subjektivem Kapital spreche, muß ich — das verlangt nun einmal die Logik — wissen, was Kapital ohne das einschränkende Beiwort bedeutet. Das aber würde keiner, der jene Doppelausdrücke gebraucht, anzugeben vermögen. (b) Wir besitzen für drei Begriffe gute (oder schlechte, aber treffende) Ausdrücke, die ihren Sinn bestimmen: Pioduktions-(Arbeits-)mittel, Subsistenzmittelfonds, Erwerbsvermögen; für den vierten Begriff aber: sachliches Substrat der kapitalistischen Unternehmung keinen außer dem Worte Kapital. (c) Das Wort Kapital in dem hier vorgeschlagenen Sinne allein zu verwenden, empfiehlt sich deshalb, weil wir damit dem Sprachgebrauch am weitesten entgegenkommen. Sowohl dem Sprachgebrauch des Alltags- und Geschäftslebens, der in der Tat, wenn er von dem Kapital einer Aktiengesellschaft spricht, nichts andres im Sinne hat als das, was wir hier unter Kapital verstehen wollen. Als auch dem wissenschaftlichen ' Sprachgebrauch. Denn wie sehr man sich auch in gewissen Kreisen gegen die Annahme der Bezeichnungen Kapitalismus und kapitalistisches Wirtschaftssystem sträuben mag: man wird sich daran gewöhnen müssen, sie als gesicherten Besitzstand der Wissenschaft anzusehen. Gewöhnt man sich aber an diese Ausdrücke, dann scheint es mir geboten, auch das Wort Kapital für ein Verhältnis aufzubehalten, das dem historischen Zusammenhänge dieses besonderen Wirtschaftssystemes eigen ist. Es ist eine Lächerlichkeit, zu der sich die abweichende Auffassung gezwungen sieht, das Beerensammeln eines Kindes, das sich dabei eines Korbes bedient, eine „kapitalistische Produktionsweise“ zu nennen, wie es Böhm-Bawerk in der Tat fertig bringt. Elftes Kapitel Die Arten des Kapitals 1. Nach dem Entwiclclungsstadium der Kapitalhildung unterscheiden wir: aktuelles und potentielles Kapital. ' Das aktuelle Kapital ist dasjenige, das bereits zur Bewerkstelligung einer Unternehmung dient, das bereits „arbeitet“. Potentielles Kapital nenne ich denjenigen Geldbetrag, der sich schon vom Einkommen losgelöst hat und nach Anlage als Kapital strebt. 2. Nach den Erscheinungsformen unterscheiden wir: a) Geldkapital und Sachkapital, je nachdem es die Form des Geldes oder irgendeines Sachgutes annimmt. Die Geldform ist immer die erste und ist ebenso immer die letzte Form, in die sich das Kapital notwendig kleidet: „vom Gelde kommt’s, zum Gelde strömt’s“, wie das in der Lehre vom wirtschaftlichen Prozeß noch ausführlicher dargetan werden wird. Sachkapital kann alles sein: vom Rohstoff bis zum Fertigfabrikat, Produktiv- und Konsumtivgüter. Die Grundverschiedenheit der Probleme, die je bei der Beschaffung des Geldkapitals und des Sachkapitals auftauchen, veranlaßt mich, sie in zwei gesonderten Unterabschnitten zu behandeln. b) Personalkapital und Realkapital. Jenes ist derjenige Betrag des (Einzel-) Kapitals, der zum Ankauf von Arbeitskräften, dieses derjenige, der zum Ankauf von Rohstoffen, Hilfsstoffen und Arbeitsmitteln, also von Produktionsmitteln dient: bei Marx heißen diese beiden Kapitalarten variables und konstantes Kapital. Der Unterschied zwischen dieser Einteilung und der ersten ist der, daß hier die Zweckbestimmung, dort die jeweilige Form das Unterscheidungsmerkmal ist: sowohl Personal- wie Realkapital kann jeweils Geld- oder Sachkapital sein; sowohl Geld- wie Sachkapital kann als Personal- wie als Realkapital dienen. c) Stehendes (fixes) und umlaufendes („Betriebs-“) Kapital in der üblichen Unterscheidung, also je nachdem ein Kapitalteil mit seinem vollen Betrage während einer Produktionsperiode (Jahr) in den Verwertungsprozeß eingeht oder nicht, 136 Erster Abschnitt: Das Kapital Das Verhältnis dieser Unterscheidung zu der ersten und zweiten ist dieses: sowohl stehendes wie umlaufendes Kapital ist entweder Geld- oder Sachkapital. Das Personalkapital ist immer umlaufendes, das Realkapital ist entweder umlaufendes oder fixes Kapital: umlaufendes Kapital sind die Roh- und Hilfstoffe, stehendes Kapital alle Anlagen und Arbeitsmittel bis auf diejenigen, die sich etwa im Laufe eines Jahres verschleißen, das heißt also ebenfalls mit ihrem vollen Wertbetrage in den Verwertungsprozeß eingehen. 3. Nach der Betätigungssphäre unterscheiden wir zunächst die beiden großen Begriffsformen des produktiven oder primären und des distributiven oder sekundären Kapitals. Produktives oder primäres Kapital nenne ich dasjenige Kapital, das zur Gütererzeugung im weitesten Sinne, das heißt: zur Aufrechterhaltung des wirtschaftlichen Kreislaufes dient. Das produktive Kapital zerfällt wiederum nach der Anlagesphäre in Produktions-, Handels-, Transport-, Bankkapital usw.; nach der Stellung zum geschäftlichen Risiko in Untemehmungskapital und Leihoder Beteiligungskapital, je nachdem es also am Gewinn und Verlust vollen Anteil hat oder ihm nur eine ihrem Betrage nach festgesetzte Vergütung zufällt, wofür es das Risiko des Verlustes nur in abgeschwächtem Maße trägt (Aktienkapital-Obligationenkapital). Unter distributivem oder sekundärem Kapital verstehe ich dasjenige Kapital, das dem Besitzer ein Einkommen verschafft, ohne beim Güterbeschaffungsprozesse beteiligt zu sein; dessen Funktion vielmehr darin besteht, vorhandene Güter in der Geldform aus einer Wirtschaft in die andere zu übertragen. In reiner Form erscheint das distributive Kapital etwa in dem Kapital einer Spielbank oder eines Totalisators. Aber auch Lombardgeschäfte, Pfandhäuser (soweit sie Konsumtivkredit gewähren), Lebensversicherungen gehören hierher (während das Kapital in Feuer-, Hagel-, Diebstahl- u. a. Versicherungen Produktivkapital ist). Damit wir von Kapital sprechen können, muß das Erwerbsvermögen im Rahmen einer kapitalistischen Unternehmung Verwendung finden. Das Geld, das der private Wucherer ausleiht, ist natürlich in keinem Sinne Kapital. * * * Nun muß hier aber eines Gebildes noch Erwähnung geschehen, das zwar im strengen Verstände kein Kapital ist, also auch nicht unter den Arten des Kapitals aufgezählt werden kann, das aber von vielen irrtümlicherweise für Kapital gehalten und häufig mit diesem ver- Elftes Kapitel: Die Arten des Kapitals 137 wechselt wird, weil es eine Anzahl von Merkmalen mit dem echten Kapitale gemeinsam hat. Ich meine Geldsummen (rechtlich gesprochen: Vermögen), die zum Bezüge von Renten berechtigen, ohne daß sie einer kapitalistischen Unternehmung als Unterlage dienen. Es sind im Grunde nur fiktive Größen, denen kein Wert in der Wirklichkeit entspricht, die vielmehr nur rechnungsmäßig durch Kapitalisierung der Rente entstehen und deshalb nach der Höhe des Zinsfußes oder des Profitsatzes oder des Kapitalisierungsverhältnisses verschieden groß sind. Es sind diejenigen Gebilde, auf die wohl Sismondi (2, 229) zuerst aufmerksam gemacht und die er Capital imaginaire genannt hat. Sie sind dann vor allem von Marx (vgl. Kapital III 2 , 3ff., 14ff. 342ff.) eingehend und tiefgründig behandelt worden und sind seitdem unter dem Namen „fiktives Kapital“ bekannt. Die Bezeichnung scheint mir nicht sehr glücklich. Will man das Wort Kapital zu ihrer Bezeichnung verwenden, so täte man besser sie negatives Kapital oder vielleicht — nach dem Vorgänge der Kaufmannsprache — passives Kapital zu nennen. Das Beste aber scheint mir zu sein, die Bezeichnung Kapital ganz fallen zu lassen und von Rentenfonds, Rentenstock, Rentenvermögen zu sprechen. Sachlich handelt es sich um Erwerbsvermögen, soweit sie kein Kapital sind. Es kommen hier hauptsächlich folgende Beträge in Frage: 1. Geld, das zu konsumtiven Zwecken geliehen wird, sei es öffentlichen Körpern, sei es Privaten, selbstverständlich nur insoweit, als es nicht selbst eine kapitalistische Unternehmung ist, die das Darlehn gibt. In diesem Falle würde es sich um echtes, wenn auch nur distributives Kapital handeln. 2. Geld, das zum Ankauf gewinnbringender Unternehmungen oder rententragender Grundstücke Verwendung findet. 3. Geld, das zum Ankauf von Effekten aller Art dient. In diesen letzten beiden Fällen tritt die Summe, um die es sich handelt, neben das Kapital; gleichsam als sein Doppelgänger. Geht die Aktie einer industriellen Unternehmung oder auch die Gesamtheit dieser Aktien aus einer Hand in die andere über, so erleidet das Kapital, mit dem die Unternehmung begründet wurde und betrieben wird, keinerlei Veränderung. Trotzdem wird eine Geldsumme ausgegeben und eingenommen, die aber zu nichts anderem dient, als die Bezugsrechte von dem einen Aktienbesitzer auf den andern zu übertragen. Das Hochofenwerk in Oberschlesien oder die Spinnerei in Bayern be- 138 Erster Abschnitt: Das Kapital kommen keinen Pfennig zu sehen von denjenigen Geldbeträgen, die an der Berliner Börse umgesetzt werden, um ihre Aktien zu kaufen und zu verkaufen. Die Beträge, die hier umgesetzt werden, können bald zum Kapitaldasein erweckt werden, wenn etwa der Empfänger (Verkäufer einer privaten Unternehmung, eines Grundstücks, eines Effekts) die erhaltene Summe zu kapitalistischen Zwecken verwendet: etwa um eine kapitalistische Unternehmung zu begründen oder das Kapital einer andern auszuweiten oder neu ausgegebene Aktien oder Obligationen zu kaufen. Die Beträge können aber auch konsumtiven Zwecken dienen und dann dem Kapital verloren gehen oder erst auf langen Umwegen der Kapitalbestimmung zugeführt werden. Um einzusehen, daß es sich hier um Summen handelt, die völlig verschieden vom Kapital sind, setze man den Fall: ein Unternehmer verkaufe seine Unternehmung für eine Million in bar. Er stecke die Summe in seine Tasche in der Absicht, sie bald in Kapital zu verwandeln, etwa in Amerika ein Geschäft zu begründen; sein Schiff gehe dann unter und mit ihm die Million Mk. oder $. Dann ist dieser Wertbetrag aus der Welt verschwunden, ohne daß an einer Stelle der Erde der Kapitalbetrag eine Verminderung erfahren hätte. Ein praktisch wichtiger Fall ist endlich der, daß die Beträge dieser Rentenfonds weder in Kapital verwandelt noch individuell verzehrt werden, daß sie vielmehr immer von neuem den Besitzer wechseln und immer von neuem Umsätze von Effekten bewirken, also ewig ruhelos umherirren — der Ort ihres Erscheinens ist die Börse —, weil sie den Kapitaltod oder Verzehrtod nicht finden können: imerlöste Seelen! Der größte Teil derjenigen Beträge, die, wie es im Börsenjargon heißt, den „Kapitalmarkt“ bilden, sind solche Rentenfonds, sind solches negatives Kapital, Beträge, die mit echtem Kapital ganz und gar nichts zu tun haben. 139 Zwölftes Kapitel Die Verwertung des Kapitals Ich habe im ersten Bande des Werkes (Seite 324ff.) ein Schema der Verwertung des Kapitals gegeben, das, wie es den dort verfolgten Zwek- ken entsprach, im wesentlichen unter privatwirtschaftlichem Gesichtspunkte diesen Verwertungsprozeß betrachtete. Hier wo es sich um die Aufdeckung auch der Volks- oder besser: (ge)samt-wirtschaftlichen Zusammenhänge der kapitalistischen Wirtschaft handelt, muß eine demgemäß anders ausgerichtete Betrachtungsweise jener früheren (und später noch einmal bevorzugten) ergänzend zur Seite treten, die dann zu folgenden Ergebnissen führt. I. Begriff und Wesen des Mehrwerts 1. Der „Sinn“ der kapitalistischen Produktion ist, wie wir wissen, die Erzielung von Gewinn. Gewinn heißt Überschuß: das vorgeschossene Kapital muß mit einem Aufschlag, einem Zuwachs (Inkrement) zu seinem Ausgangspunkte zurückkehren. Dann hat es sich „verwertet“. Diesen Aufschlag (Zuwachs, Gewinn) nennen wir Mehrwert, wenn wir ihn auf das Gesamtkapital einer Gesellschaft, Profit, wenn wir ihn auf die Einzelkapitale beziehen. Mehrwert erzeugen heißt: daß der Tauschwert (Preis) sämtlicher in einer Produktionsperiode (Jahr) erzeugten Einkommensgüter höher ist als der Entgelt der Lohnarbeiterklasse, das ist der Arbeitslohn oder Tauschwert (Preis) der Arbeitskraft, das ist der Lohnfonds. 2. Daß die Lohnarbeiterklasse im Arbeitslohn weniger erhält als den Gesamtertrag der gesellschaftlichen Arbeit, ist eine Tautologie, denn es heißt: kapitalistisch wirtschaften. Daß sie weniger erhält als den von ihr erzeugten Wert, das heißt weniger als ihren Arbeitsertrag, ist Unsinn, da es einen solchen ausscheidbaren Betrag nicht gibt. In der kapitalistischen Wirtschaft ist der Gesamtertrag das Erzeugnis aller bei der Produktion notwendig beteiligten Faktoren. Notwendig in der kapitalistischen Wirtschaft daran beteiligt sind aber Unternehmer, Kapital und Arbeiter, was 140 Erster Abschnitt: Das Kapital wiederum ein identischer Satz ist: kapitalistische Wirtschaft heißt ja diejenige, bei der die drei Faktoren notwendig Zusammenwirken. Alle Bemühungen, von dem Gesamterträge der gesellschaftlichen Produktion einen bestimmten Anteil den beteiligten Faktoren „zuzurechnen“, sind grundsätzlich verfehlt. Sie entstammen apologetischen Absichten und sollten nicht länger in wissenschaftlichen Traktaten ihr Wesen treiben. Das Problem der „Zurechnung“ ist eines jener falsch gestellten Probleme, an denen jede Wissenschaft krankt. Es ist unlösbar aus dem einfachen Grunde, weil in keinem Ganzen, das sich aus dem Zusammenwirken einzelner Elemente aufbaut, der Wirkungsanteil eines dieser Elemente sich feststellen läßt. Das wäre immer nur möglich, wenn man diese Wirkung isolieren könnte, und das kann man nicht, da dann der Wirkungszusammenhang aufhören würde, derselbe zu sein. Es ist hier nicht der Platz, die Irr- tümer der Zurechnungstheoretiker im einzelnen aufzudecken. Auch Clark hat die Zurechnungstheorie durch seine Unterscheidung von funktioneller und personeller Verteilung nicht zu retten vermocht. Das Problem mit dem des Gegensatzes zwischen „Macht“ und „ökonomischem Gesetz“ zu verquicken, ist ganz abwegig. Siehe im übrigen die Literaturübersicht. 3. Die Verdunkelung dieser so überaus klaren Tatbestände ist nur herbeigeführt worden durch die unselige Ethisierung der Wirtschaft. Daß man in Zusammenhänge, die lediglich durch die Auswirkung bestimmter ökonomischer Notwendigkeiten zustande kommen, sittliche Postulate hineintrug, hat den Schaden angerichtet. Man soll die gewiß brennende sittliche Frage nach der Berechtigung kapitalistischer Produktions- und Verteilungsweisen ebensowenig wie die praktischpolitische Frage: ob Wirtschaft ohne kapitalistische Prägung möglich und erwünscht sei, mit dem Erkenntnisproblem, die kapitalistische Wirtschaft zu verstehen, verquicken. Das Verständnis dieser Wirtschaftsweise ist nun aber auch der Schlüssel zum Verständnis des Mehrwerts. Man hat nichts anderes einzusehen als dieses: daß der Mehrwert ein wesentlicher Bestandteil der kapitalistischen Wirtschaft ist, und daß also seine „Begründung“ in der „Begründung“ des Systemes eingeschlossen ist, das heißt: daß seine Voraussetzungen die Voraussetzungen des ganzen Kapitalismus sind. Deshalb können wir als die Daseinsgründe des Mehrwerts folgende anführen: (1) einen bestimmten Produktivitätsgrad der gesellschaftlichen Arbeit, der die Differenzierung in leitende und ausführende Arbeit und die Absonderung eines gesellschaftlichen Einkommensteils, der technisch nicht mitarbeitenden Personen zufällt, möglich macht; Zwölftes Kapitel: Die Verwertung des Kapitals 141 (2) die tatsächliche Trennung der Bevölkerung in Kapitalbesitzer, Unternehmer und besitzlose Nur-Arbeiter; (3) die marktmäßige Verknüpfung der Wirtschaften, durch die der Mehrwert realisiert wird und die naturalistische Bestimmung der Einkommensanteile durch die Preisbildung auf dem Markte. Der Mehrwert erscheint dann völlig ungezwungen als der Ausdruck des ökonomischen Machtverhältnisses (ein Begriff, der die scheinbaren Gegensätze „Macht“ und „ökonomisches Gesetz“ in sich vereinigt) zwischen Lohnarbeiterklasse und Kapitalistenklasse bei frei sich abwickelndem Verkehr. Welchen Bedingungen die tatsächliche Gestaltung des Mehrwerts unterworfen ist, ergibt sich aus folgenden Erwägungen. II. Die Bildung des Mehrwerts 1. Um die Höhe des Mehrwerts — wie irgend eines Anteils am gesellschaftlichen Einkommen — zu bestimmen, das heißt zu bemessen, müssen wir die Einkommensgüter als reine Menge fassen, sie, die sich uns zunächst in der bunten Mannigfaltigkeit ihrer Gebrauchsgütereigenschaft darstellen. Wir wissen, daß wir zu dieser reinen Menge nicht durch das physikalische Hilfsmittel des Wiegens gelangen, da es sich selbstverständlich um eine ökonomische Größe handelt, die wir bestimmen wollen. Wir müssen uns aber auch überzeugen, daß etwa auf dem Wege der subjektiven Wertbemessung niemals eine objektiv faßbare und bestimmbare Quantität entstehen kann. Und müssen endlich einsehen, daß der Preisausdruck zwar die gewünschte ökonomische Größe darstellt, uns aber deshalb nicht viel nützt, weil er uns keinen Zugang zu den Bestimmungsgründen unserer Menge gewährt. Immer noch erweist sich der viel begangene Weg, den uns die alte Arbeitswerttheorie gewiesen hat, als derjenige, der am sichersten zum Ziele führt. Man muß nur all die dunklen Vorstellungen, die sich mit dem Worte „Wert“ verbinden, abstreifen und das Problem in seiner großen Schlichtheit zu erfassen sich bemühen. Dann ergibt sich als der Sinn dieser Auffassung der: daß wir die wirtschaftlichen Güter als das Erzeugnis oder Ergebnis eines bestimmten, ebenfalls nur als Menge gedachten Arbeitsaufwandes uns vorstellen. Daß die wirtschaftlichen Güter — die Naturbedingungen als gegeben angenommen — das Erzeugnis der menschlichen Arbeit und nur dieser sind, ist eine Tatsache, deren Feststellung heute nicht mehr als ein Gemeinplatz sein würde. Daß der gemachte Arbeitsaufwand eine (in Zeitlängen) 142 Erster Abschnitt: Das Kapital meßbare Größe sei, die sich in der erzeugten Gütermenge in ihrer Gänze und in ihren Teilen darstelle, ist eine Fiktion, deren wir für die Lösung einer ganzen Reihe nationalökonomischer Probleme benötigen, wie zum Beispiel des hier zur Erörterung stehenden Problems der Größenbemessung des Mehrwerts. Mit Hilfe der eben erwähnten Fiktion können wir nämlich folgende, uns zum Ziele führende Feststellungen machen: Der gesellschaftliche Gesamtarbeitsaufwand stellt eine in Arbeitsstunden meßbare Größe dar: in einem Lande wie Deutschland sind es etwa 40 Milliarden Arbeitsstunden jährlich. Diese Größe mag in alter Anhänglichkeit mit dem Namen „Wert“ (w) bezeichnet werden, ohne daß damit irgendwelche geheimnisvollen Nebengedanken verknüpft wären. Dieser Gesamtarbeitsaufwand dient dazu: 1. die Einkommensgüter der Arbeiterklasse, 2. diejenigen der Kapitalistenklasse (einschließlich der Unternehmerklasse), 3. die zur Herstellung beider erforderlichen Arbeitsmittel zu erzeugen („idealtypische“ Reinheit des kapitalistischen Produktionsverhältnisses selbstverständlich vorausgesetzt). Die dritte Gruppe der erzeugten Güter können wir anteilmäßig auf die beiden ersten aufrechnen, so daß sich nur zwei Gruppen von Gütern: die Einkommensgüter der beiden Klassen ergeben, die sich in den Gesamtarbeitsaufwand teilen. Wir wollen denjenigen Arbeitsaufwand, der zur Erzeugung der Arbeitereinkommensgüter dient, a, denjenigen, mittels dessen die Einkommensgüter der Kapitalistenklasse hergestellt werden, m nennen. Dann ist w = a + m und: m = w — a. 2. Über die Bestimmungsgründe für die Höhe des Mehrwerts lassen sich folgende — und nur diese — Aussagen machen: a) Die Höhe des Mehrwerts ist — unter sonst gleichen Umständen — abhängig von der Menge der insgesamt aufgewandten, gesellschaftlichen Arbeit, also von der Größe von w. Beispielsmäßig: =40 — 30 = 10 ra 2 = 50 — 30 = 20 b) Die Höhe des Mehrwerts wird — unter sonst gleichenUmständen — bestimmt durch das Anteilsverhältnis zwischen a und m. Beispielsmäßig: m 1 — 40 — 30 = 10 m 2 = 40 — 20 = 20 c) Die Gütermasse, in der sich der Mehrwert darstellt, wird bestimmt durch die Leistungsfähigkeit der Arbeit. Die Leistungsfähigkeit ihrerseits ist abhängig von der Größe dreier Variablen: der Produktivität, Zwölftes Kapitel: Die Verwertung des Kapitals 143 der Intensität und der Ökonomität der Arbeit, über die im weiteren Verlauf dieser Darstellung das Nähere mitgeteilt wird. Hier muß der Hinweis genügen, daß alle drei Variablen durch natürliche und soziale Umstände in ihrer Größe bestimmt werden. 3. Nicht zufrieden mit diesen dürftigen, allgemeinen Feststellungen, hat man immer wieder versucht, bestimmte Aussagen über die tatsächliche Höhe des Mehrwerts zu machen. Man hat sich insbesondere immer wieder dazu verleiten lassen, Gestaltungsgesetze des Mehr- Werts aufzuweisen. Wir können zwei in ihren Ansichten sich widersprechende Auffassungen unterscheiden: solche, die ein Sinken und solche, die ein Steigen des Mehrwerts als in seinem Wesen begründet annehmen. Vertreter der (vom kapitalistischen Standpunkt aus) pessimistischen Auffassung sind die meisten Klassiker (Ricardo) und ihre Epigonen (Bastiat), Vertreter der optimistischen Auffassung sind die meisten Sozialisten, allen voran Marx. Wenn wir von den Oberflächlichen, wie Bastiat, absehen, der das Sinken des Kapitalertrages von der Vermehrung und Konkurrenz der Einzellcapitalien unter sich ableitete, so geht die Verschiedenheit der Auffassung auf die verschiedene Beurteilung des Ganges zurück, den, nach der Meinung der einzelnen Denker, die Produktivität der Arbeit nimmt. Die Klassiker nehmen ein Sinken, die Sozialisten ein Steigen an, und auf der Verschiedenheit dieser Annahmen beruht im wesentlichen der Unterschied zwischen den klassischen und den sozialistischen Systemen der Nationalökonomie. Ricardo: „Das natürliche Streben des Gewinstes ist demnach, zu sinken; denn bei dem Fortschreiten der Gesellschaft und des Volkswohlstandes erlangt man den erforderlichen Mehrbedarf an Nahrungsmitteln durch Aufopferung von mehr und mehr Arbeit.“ Grundsätze, 92. Marx: „Die Produktionskraft der Arbeit... entwickelt sich fortwährend mit dem ununterbrochenen Fluß der Wissenschaft und Technik . . . Gleich vermehrter Ausbeutung des Naturreichtums durch bloß höhere Spannung der Arbeitskraft bilden Wissenschaft und Technik eine von der gegebenen Größe des funktionierenden Kapitals unabhängige Potenz seiner Expansion.“ Kapital l 4 , 569. Gegenüber diesen Theorien ist zu sagen, daß es unmöglich ist, eine bestimmte Entwicklung des Mehrwerts (wie irgendeines Anteils am gesellschaftlichen Produkt) von vornherein, auf Grund allgemeiner Vernunftschlüsse, also wie man es zu nennen pflegt, „deduktiv“ festzustellen. Aus dem sehr einfachen Grunde, weil die oben aufgezählten 144 Erster Abschnitt: Das Kapital Bestimmungsgründe drei historisch wandelbare Variable sind, es also theoretisch so viele Entwicklungsmöglichkeiten wie Gestaltungs- und Kombinationsmöglichkeiten der drei Variabein gibt. Etwas anderes ist die Behauptung, daß sich die bestimmenden Umstände in einer bestimmten Weise gestaltet haben und auch: daß sie in einer bestimmten Weise sich wahrscheinlich gestalten werden. Auf Grund solcher Wahrscheinlichkeitsfeststellungen kann man Entwicklungstendenzen behaupten. Bei der Verwickeltheit der Zusammenhänge ist auch die Aufstellung von Gestaltungstendenzen des Mehrwerts so gut wie unmöglich. Einheitliche Entwicklung und einheitliche Entwicklungstendenzen hat es historisch nicht gegeben. Ricardo und Marx haben beide Recht, je für bestimmte Zeiten und Orte. Wir werden im Verlauf der Darstellung öfters Gelegenheit haben, das hier Gesagte bestätigt zu finden. Es mag hier wiederholt darauf hingewiesen werden, wie unerläßlich für eine klare Erfassung des Sachverhaltes es ist, jederzeit scharf zwischen „Theorie“ und „Empirie“ zu unterscheiden. Erst unsre Generation hat die Notwendigkeit dieser Unterscheidung in ihrer ganzen Tragweite begriffen. Die Systeme unserer größten Meister, selbst (und vielleicht gerade) die von Ricardo und Marx, werden in ihrer Geltungskraft nicht zuletzt beeinträchtigt durch eine immer wieder sich peinlich geltend machende Vermengung theoretischer und empirischer Betrachtungsweise. III. Die Reproduktion des Kapitals 1. Unter Reproduktion des Kapitals verstehen wir die Wiedererzeugung eines vorhandenen Kapitals seinem Wertbetrage nach oder die Vermehrung dieses Kapitals im Verlaufe und mittels des wirtschaftlichen Prozesses. Über diesen Vorgang werden wir uns an verschiedenen Stellen eingehend zu verständigen haben. Hier soll nur ein Schema dieses Reproduktionsvorganges, das heißt eine Übersicht über die theoretischen Möglichkeiten gegeben werden, um unnütze Wiederholungen bei den verschiedenen, späteren Erörterungen des Problemes zu vermeiden. 2. Wir können folgende Arten der Reproduktion unterscheiden: a) Einfache Reproduktion. Darunter verstehen wir die Wiederherstellung desselben Kapitalbetrages in gleicher Zusammensetzung. Sie erfolgt durch die Verausgabung des gesellschaftlichen Einkommens: indem Arbeitslohn und Mehrwert zum Ankauf der auf sie entfallenden Zwölftes Kapitel: Die Verwertung des Kapitals 145 Einkommensgüter verwendet werden, erhalten die Produzenten sämtlicher Güter ihre vorgeschossenen Kapitalheträge ersetzt. b) Erweiterte Reproduktion. Darunter verstehen wir die Wiederherstellung desselben Kapitalbetrages und Schaffung eines Zusatzkapitals, also Steigerung der Kaufkraft der Unternehmer. Wir werden sehen, daß diese das Ergebnis eines kunstvollen Verfahrens ist, über das im folgenden Abschnitt ausführlich zu sprechen sein wird. c) Reproduktion auf erweiterter Stufenleiter. Darunter verstehen wir die relative Vermehrung des in der Arbeitsmittelindustrie angelegten Kapitals, durch welche Vermehrung eine Steigerung der gesellschaftlichen Produktivkraft erstrebt und meistens erreicht wird. Zu Unklarheiten führt häufig die Vermengung bzw. Verwechslung der unter b und c verzeichneten Formen der Reproduktion. Sie sind scharf voneinander zu trennen. Ihr Verhältnis zueinander ist das grundsätzlicher, wenn auch meist nicht geschichtlicher Selbständigkeit: b ist ohne c, c ohne b möglich. In den empirisch meisten Fällen sind allerdings b und c miteinander verbunden, das heißt: es findet eine erweiterte Reproduktion auf erweiterter Stufenleiter statt. 3. Dieses empirische Überwiegen der zuletzt erwähnten Verknüpfung im Zeitalter des Hochkapitalismus läßt sich imschwer aus dessen Daseinsbedingungen erklären, sodaß wir berechtigt sind, von einer (historischen) Entwicklung des Kapitalismus zur erweiterten Reproduktion und Reproduktion auf erweiterter Stufenleiter zu sprechen. Die Erklärung enthalten folgende Erwägungen: Intensives Streben nach Vergrößerimg der Mehrwertrate fand am Widerstande der Arbeiterklasse seine Schranke. Wir werden am gehörigen Ort eine Tendenz und tatsächliche Entwicklung zur Verteuerung der Arbeitskraft festzustellen haben: siehe das 27. Kapitel. Blieb dem Kapital also nur die Möglichkeit, um den Mehrwert zu steigern, das intensive Streben nach Vergrößerung der Mehrwertmasse, das heißt also nach erweiterter Reproduktion. Dieses Streben hatte Erfolg, weil das Zeitalter des Hochkapitalismus durch einen starken Bevölkerungszuwachs gekennzeichnet ist, wie wir später sehen werden: siehe das 23. und 24. Kapitel. Daß sich nun mit der erweiterten Reproduktion in der Regel ein Streben nach Reproduktion auf erweiterter Stufenleiter verband, hat folgende Gründe: a) die uns bekannte revolutionäre Eigenart der modernen Technik, die es mit sich bringt, daß der Produktionsmittelapparat immerfort 5ombart, Hochkapitalismus. 146 Erster Abschnitt: Das Kapital entwertet wird und neugestaltet — dann natürlich in vollkommenerer Weise — werden muß; b) die uns ebenfalls bekannte Tatsache, daß die Anwendung der . modernen Technik der Regel nach eine Ausweitung des Produktionsmittelapparates erheischt, wodurch an sich schon die Vermehrung des auf die Erzeugung von Arbeitsmitteln verwandten Kapitals notwendig wird; c) die Zwangslage, in der sich der einzelne Unternehmer befindet, auf dem der Druck der Konkurrenz lastet. Diese Wirkung der Konkurrenz nehme ich hier vorweg, wo im Allgemeinen die Vorgänge ohne das Hineinspielen des Konkurrenzfaktors betrachtet werden. Zweiter Unterabschnitt Das Geldkapital Quellen und Literatur I. Die Entstehung des Kapitals im allgemeinen: 1. Allgemeine Literatur: Nach den Klassikern hat im Grunde doch nur Marx das Problem der Kapitalbildung nach allen seinen Seiten und in allen seinen Tiefen behandelt. Auch die Marxisten haben nicht viel Neues hinzuzutun vermocht. Das bedeutende Buch von Rosa Luxemburg führt zwar den Titel: „Die Akkumulation des Kapitals“, behandelt aber doch mehr das Problem der Marktbildung. Was sich in den heutigen nationalökonomischen Lehrbüchern zum Thema vermerkt findet, kommt über nichtssagende Gemeinplätze fast nie heraus. Nirgends wird das Problem in seiner historischen Eigenart erfaßt. Was soll man selbst über die Ausführungen bei Marshall, der ihm ein eigenes Kapitel widmet, sagen, wenn er als die letzte Quelle der Kapitalbildung nichts anderes als die „family affection“ anzugeben weiß? Vgl. auch A. Salz, Kapital, Kapitalformen, Kapitalbildung, Kapitaldynamik. GdS. IV, 1. 1925. 2. Einzelne Probleme: Über das Sparproblem handeln einige beachtenswerte Monographien: Robertson, The fallacy of Saving. 1892. Montemartini, II risparmio nell’economia pura. 1896. v. Manteuffel, Das Sparen. 1900. Das Problem der Vermögensbildung hat wiederholt eine monographische Behandlung erfahren. So (für Amerika) in dem schon erwähnten Buche von Gustavus Myers; ferner in der Aufsatzreihe von Lawson, Frenzied Finance in Every bodys Magazine, July 1904ff., und der von Burton J. Hendrick, Great American Fortunes and their Making in McClures Magazine, Novembre 1907 — Jan. 1908. Für Europa siehe z. B. R. Ehrenberg, Große Vermögen. Ihre Entstehung und ihre Bedeutung. 2. Aufl. 1905. (Rothschild, Krupp.) Eine mehr allgemeine Betrachtung haben dem Gegenstand der Vermögensbildung angedeihen lassen die folgenden Werke: Für das Ende des 18. und den Anfang des 19. Jahrhunderts: M. Cape- figue, Banquiers, fournisseurs, acquereurs des hiens nationaux etc. 1856. Oscar de Vallee, Les manieurs d’argent. Etudes historiques et morales. 1720—1857, 1858. Das große Werk des Vicomte G, D’Avenel, Histoire economique de la propriete etc., greift nur mit gelegentlichen Vergleichen in das 19. Jahrhundert hinein. In Betracht kommt der 5. Volume 1919. Vgl. desselben Autors Büchlein: La fortune privee ä travers sept siöcles, 1895. 10 * 148 Erster Abschnitt: Das Kapital Die Extraprofite der Industrie, namentlich in ihren Anfängen, behandelt: Jos. Kulischer, Zur Entwicklungsgeschichte des Kapitalzinses. III. Abteilung. Der Kapitalgewinn im 19. Jahrhundert in den Jahrb. f. NÖ. III. Folge Band XXV (1903). Ganz allgemein, aber wenig ergiebig, ist G. P. Watkins, The growtli of large fortunes (1907). Ygl. auch A. Salz, Vermögen und Vermögensbildung in der vorkapitalistischen und in der modernen kapitalistischen Wirtschaft. GdS. IV. 1. 1925. Das Buch von E. Schmidt-Weißenfels, Geschichte des modernen Reichtums in biographischen und sachlichen Beispielen (1893) ist anekdotisch. Seine Hauptquelle: Varigny, Les grandes fortunes (1889) war mir nicht zugänglich. 3. Statistik: Methodisches: Ad. Wagner, Zur Methodik der Statistik des Volkseinkommens und Volksvermögens. Ausgearbeites und erweitertes Referat in der Sitzung des Intern. Statist. Institutes. 1903. G. Schnapper-Arndt, Sozialstatistik (1908), 257—297. Fedor Weinschenk, Das Volks vermögen. 1896. (Dogmengeschichte des Begriffes.) Darstellungen aus neuerer Zeit: Rob. Giffen, The growth of Capital. 1889. Chiozza-Money, Riehes and poverty. 1910; idem, The nations wealth. 1914. Karl Helfferich, Deutschlands Volkswohlstand 1888—-1913. 1913. Corrado Gini, L’ammontare e la composizione della ricchezza delle nazioni. 1914. Hauptwerk. G. Cassel, Theoretische Sozialökonomik. 191.8. §§ 54ff. Wilford Isbell King, The wealth and income of the people of the United States. 1923. Wl. Woytinsky, Die Welt in Zahlen. 1. Buch. 1925. II. Allgemeine Darstellungen des Kreditwesens, Kredittheorien: Von jeher sind zwei grundverschiedene Auffassungen vom Wesen des Kredits nebeneinander hergegangen, die man als die englische und die schottische oder als die statische und die dynamische einander gegenüberstellen kann. Die Werke, in denen diese beiden Richtungen ihren klassischen Ausdruck gefunden haben, sind: Karl Knies, Geld und Kredit Band II, Der Kredit 1876—79, und H. D. McLeod, Theory of Credit. 2 Vol. 1889. Bis vor kurzem schien die statische Auffsasung vom Wesen des Kredits die Oberherrschaft, ja man kann sagen: die Alleinherrschaft gewonnen zu haben: in der dicksten Monographie über den Gegenstand, dem Buche von J. v. Komorzynski, Die nationalökomische Lehre vom Kredit (1903), 375, heißt es ohne Umschweife: „der einstmalige Irrtum von der kapitalschaffenden Kraft des Kredits kann wohl heute als überwunden gelten.“ Seitdem hat sich das Blatt gewandt. Heute kann man getrost behaupten, daß die dynamische Kreditlehre im siegreichen Vordringen begriffen ist. Sie wird jetzt in der deutschen Literatur vertreten von J. Schumpeter, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. 1912; L. A. Hahn, Theorie des Bankkredits. 1920 u. a. Sie hat ebenso in der ausländischen, namentlich der amerikanischen und französischen Literatur, zahlreiche Anhänger. Verwiesen sei auf W. G. Langworthy Taylor, The credit system. 1913. Alb. Despaux, Principes de dynamique monetaire. 1925. Quellen und Literatur 149 Auch die in der folgenden Darstellung vorgetragenen Ansichten erkennen die Dichtigkeit der dynamischen Kredittheorien grundsätzlich an. Mein Bestreben war es, die beiden Auffassungen zu einer Synthese zu vereinigen — die Funktionen des Kredits sind in der Tat zweifache: Erhaltung und Erweiterung -—■ die dynamische Theorie selbst aber besser zu begründen und sie von ihren Irrtümern zu reinigen. Von gegnerischen Schriften aus neuerer Zeit seien erwähnt: L. v. Bortkiewicz, Das Wesen, die Grenzen und die Wirkungen des Bankkredits im Weltwirtschaftlichen Archiv Bd. 17 (1921/22) und Djelal, Die Hahn’sche Banktheorie. Berl. Diss. 1925. Dogmengeschichtlicher Stoff findet sich massenhaft bei Komorzynski a. a. 0. Das Buch von V. Avril, Histoire philosophique du Credit, Tome I re (1849), hält leider gar nicht, was der schöne Titel verspricht. Es ist nur als Zeichen der Zeit interessant, weil es die Honigmondstimmung wiedergibt, aus der heraus der Credit foncier und der Credit mobilier gegründet wurden. III. Teilgebiete bzw. Teilprobleme des Kreditwesens: 1. Gold und Kredit: Hier kommt einerseits die Literatur über die geschichtliche Entuncklung der Edelmetallp-oduktion in Betracht. Vor allem also Del Mar, History of the precious metals 2. ed., 1902, neben dem als zuverlässige Quelle die statistischen Zusammenstellungen des amerikanischen Münzamtes und von Soetbeer-Lexis zu Rate zu ziehen sind. Siehe den Artikel ,Gold’ im HSt. Bd. IV. Über die neueren Phasen der Goldproduktion insbesondere unterrichten: Welton, Practical gold-mining 1902; Curie, Gold mines of the world 2. ed., 1902; Walter R. Crane, Gold and silver 1908. Das lehrreiche, 727 Seiten umfassende Werk behandelt hauptsächlich die Gold- und Silbergewinnung in USA. Max Epstein, Die englische Goldminenindustrie 1909. Andererseits gehört hierher die Literatur über die Beziehungen zwischen Gold (Geld) und Kredit. Diese ist nun außerordentlich dürftig. Man begnügt sich fast immer nur damit, den Einfluß der Geldzirkulation auf die Preise zu untersuchen und behandelt die Frage, welche Bedeutung die Geld-(Gold-) menge auf die Ausgestaltung des Kredits hat, sehr nebenbei. Von neueren Autoren gehen dem Problem am weitesten nach: Irving Fischer, Thepur- chasing power of money. Zuerst 1911. Robertson, Das Geld, deutsch von M. Palyi 1924. Kurt A. Herrmann, Die Zukunft des Goldes 1925. Fritz Schwarz, Segen und Fluch des Goldes in der Geschichte der Völker. 1925. Populär, aber mit viel Literatur- und Tatsachenbelegen. Am meisten findet man darüber in der Konjunktur- und Krisenliteratur, auf die zu verweisen ist. 2. Bankwesen: a) Allgemeine Literatur, Banktheorie: Je älter, desto besser! (Die Banktheorie stirbt langsam ab: Das HSt. hat nur noch die Stichworte „Bankbetrieb“ und „Bankpolitik“.) Also etwa: J. W. Gilbart, The history and principles of banking 1835 und andere Werke desselben Autors. H. D. McLeod, Theory and practice of banking. 2 Vol. 1855/56. Ad. Wagner, Beiträge zur Lehre von den Banken. 1857. Dazu ein Kapitel aus Ricardo, Marx im 3. Bande (vielfach ungeordnet), auch Mill. 150 Erster Abschnitt: Das Kapital Die Fruchtbarkeit des Entwicklungsgedankens in seiner Anwendung auf das Bankwesen erweist die Studie von Sven Helander, Theorie der Zentralisation im Notenbankwesen. 1916. Moderne Banktechnik: F. Leitner, Bankbetrieb und Bankgeschäfte. 6. Aufl. 1923. Zahlreiche Monographien, namentlich auch in der neueren amerikanischen Literatur, z. B. Leonard Le Marchant Minty, American Banking Methods. 1923. b) Eine allgemeine Bankgeschichte ist mir nicht bekannt. Dagegen gibt es zahlreiche Werke, die sich mit der Geschichte der Banken in verschiedenen Ländern beschäftigen. Ich nenne das inhaltsreiche Buch von Otto Hübner, Die Banken 1854; Charles A. Conant, A History of modern banks of issue 1896. Dann das große, von 13 Autoren geschriebene Sammelwerk: A History of Banking in all the leading nations. 4 Vol. 1896. Ungleich! (Die Vereinigten Staaten hat W. G. Sumner, Großbritannien McLeod, die lateinischen Staaten Pierre des Essars, Deutschland Österreich, die Schweiz Max Wirth bearbeitet.). Gute vergleichende Studien sind: Ad. Weber, Depositen- und Spekulationsbanken. Ein Vergleich deutschen und englischen Bankwesens. 1902. 3. Aufl. 1922. Otto Schwarz, Diskontpolitik. Gedanken über englische, französische und deutsche Bank-, Kredit- und Goldpolitik. 1911. W. Huth,. Die Entwicklung der deutschen und französischen Großbanken im Zusammenhänge mit der Entwicklung der Nationalwirtschaft. 1918. c) Darstellungen des Bankwesens in den einzelnen Ländern gibt es unzählige. Ich treffe eine kleine Auswahl: Großbritannien. Verschiedene Bankenqueten 1848, 1858 u. ö. Will. J. Lawson, The History of Banking (England, Ireland and Scotland). 2. ed. 1855. Walter Bagehot, Lombard Street. 1873. New edition 1917. E. Jaffe, Das englische Bankwesen. 1904. 2. Aufl. 1912. Andreadös, Histoire de la Banque d’Angleterre, 2 Vol. 1904. John Hughes, Liverpool Bank and Bankers. 1760—1837. 1906. Bringt sehr viel interessanten Stoff zur frühen Geschichte des Bankwesens. W. R. Bisschop, The rise of the London money market. 1910. Reicht nur bis in die 1820er Jahre. C. W. Frh. v. Wieser, Der finanzielle Aufbau der englischen Industrie.1919. Frankreich: Aycard, Histoire du Credit mobilier. 1867. Joh. Plenge, Gründung und Geschichte des Credit mobiliers. 1903. A. Courtois, Histoire des Banques en France. 1905. A. E. Sayous, Les banques de depöt, les banques de credit et les societes financieres. 2. ed. 1906. Testis, Le röle des etablissements de credit en France. 1909. E. Kaufmann, Das französische Bankwesen. 1911. Br. Mehrens, Die Entstehung und Entwicklung der großen französischen Kreditinstitute. 1911. Deutschland: Die Reichsbank 1876—1900. Desgl. 1900—-1910. Amtliche Denkschriften. Sehr reichhaltig. Bankenquete 1908. Zahlreiche Jubiläumsschriften großer Banken. H. Poschinger, Die Banken im Deutschen Reiche, Österreich und der Schweiz. 1877. Joh. Plenge, Von der Diskontpolitik zur Herrschaft über den Geldmarkt. 1913. Paul Model, Die großen Berliner Effektenbanken. 1896. Rießer, Zur Entwicklungsgeschichte der deutschen Großbanken. Zuerst 1905. Ludw. Quellen und Literatur 151 Metzler, Studien zur Geschichte des deutschen Effektenbankwesens. 1911. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Gute Übersicht. G. Motschmann, Das Depositengeschäft der Berliner Großbanken. 1915 (Sehr. d. V. f. SP., Band 154, I). Ungeheuer ausführlich. L. F. Hecht, Die deutschen Hypothekenbanken. Bd. 1.1903 (Statistik). Fritz Schulte, Die Hypothekenbanken. 1918 (Sehr. d. V. f. SP. 154, II). Weyermann, Geschichte des Immobilienkredits in Preußen. A. Nu ß b a um, Lehrbuch des deutschen Hypothekenwesens. 1913. 2. Aufl. 1921. USA.: Knos, History of Banking in US. 1900. Ad. Hasenkamp, Die Geldverfassung und das Notenbankwesen der Vereinigten Staaten. 1906. Derselbe, über die neuere Zeit im HSt. 2 4 , s. v. Banken (Ver. St.). Eine reiche Literatur besteht über das eigentümliche Verhältnis zwischen Bank- und Industriekapital, die ich an ihrem Ort anführen werde: siehe das Literaturverzeichnis zum 3. Unterabschnitt des 3. Abschnittes des 3. Hauptabschnitts. 3. Das Effektenwesen : Eine Theorie des Effektenwesens ist mir nicht bekannt. Ich selbst habe meine Auffassung vom Wesen und der Bedeutung des Effektenprinzips zuerst in meiner „Deutschen Volkswirtschaft“ (1903) niedergelegt, dann in meinem Buche „Die Juden und das Wirtschaftsleben“. 1911. Eine grundsätzliche Betrachtung findet sich auch in der Einleitung zu R. Lief- mann, Beteiligungs- und Finanzierungsgesellschaften. 1909. 4. Aufl. 1923. L. hat den Ausdruck „Effektenkapitalismus“ geprägt. Vgl. noch R. Hilfer- ding, Das Finanzkapital. 1910. Einen Überblick über die geschichtliche Entwicklung des Effektenwesens habe ich in meinem oben zitierten Judenbuch gegebon. Dortselbst findet man auch die übrige Literatur verzeichnet. Zur Geschichte des Pfandbriefes liegen neuere Untersuchungen vor von Ed. Wegener, Died. Ernst Bühring und sein Plan einer Generallandschaftskasse. 1918. Für die Geschichte der Banknote kommt natürlich die ganze bankgeschichtliche Literatur in Betracht: siehe oben Seite 150. Unübersehbar groß ist die Literatur über die Technik des Effektenhandels und seine Organisation in der Börse. Siehe den Artikel „Börse“ (W. Prion) im HSt. 4 4 und die dort verzeichneten Schriften. Die Literatur über Aktiengesellschaften siehe in der Literaturübersicht zum 3. Unterabschnitt des 3. Abschnittes des 3. Hauptabschnittes.' Dreizehntes Kapitel Die Entstehung des Geldkapitals im allgemeinen I. Zur Einortung 1. Kapital (was in diesem Abschnitt also immer Geldkapital bedeutet) „entsteht“ wenn eine Geldsumme zur Begründung, Inbetriebsetzung oder Erweiterung einer kapitalistischen Unternehmung Verwendung findet. Es handelt sich immer um neues Kapital, wenn wir von der Entstehung des Kapitals sprechen: das alte „erneuert“ sich s elbst, das heißt wird, reproduziert“ ‘ durch Versilberung der Einkommensgüter, wie das im vorigen Kapitel auseinandergesetzt ist. Der Begriff: „neues“ Kapital hat einen doppelten Sinn, je nachdem wir ihn volkswirtschaftlich oder privatwirtschaftlich fassen. Im volkswirtschaftlichen Sinne „neues“ Kapital ist immer zusätzliches Kapital, das zu dem vorhandenen gesellschaftlichen Gesamtkapital hinzukommt. Es bedeutet eine „Akkumulation“ von Kapital und setzt immer eine erweiterte Produktion, will sagen Zusatzarbeit voraus. Privatwirtschaftlich „neu“ ist jeder Kapitalteil, der zu einem Einzelkapital hinzukommt oder auch dieses Einzelkapital erst bilden hilft. Er kann auch ohne Akkumulation „entstehen“: dann aber nur unter derVoraussetzung, daß er an einer andern Stelle dem wirtschaftlichen Prozeß entzogen wird, also an dieser Stelle eine Einschränkung der Produktion erfolgt. Angesichts dieses Doppelsinns des Begriffes „Entstehung“ müssen wir unterscheiden: Kapitalentstehung durch Kapital Verschiebung und Kapitalentstehung durch Kapitalvermehrung. Im folgenden soll nur dieser, für die hochkapitalistische Periode merkwürdige Fall der Kapitalentstehung, also die Kapitalvermehrung untersucht werden. 2. Die Herkunft des neuen Kapitals läßt sich wiederum in einem doppelten Sinne bestimmen: von der einzelnen Unternehmung aus gesehen, stammt es entweder aus den Überschüssen dieser Unternehmung bzw. aus dem (Privat-) Vermögen der Besitzer oder Leiter dieser Unternehmung, oder es ist vom Standpunkt der einzelnen Unternehmung aus fremdes Kapital. Volkswirtschaftlich oder wie wir immer genauer Dreizehntes Kapitel: Die Entstehung des Geldkapitals im allgemeinen ]53 sagen müßten (da es sich ja in all den hier und sonst behandelten Fällen gar nicht um eine „volkswirtschaftliche“ Erscheinung im strengen Wortsinne handelt) (ge)samtwirtschaftlich betrachtet, entsteht Kapital entweder auf dem Umwege über das (und aus dem) Einkommen, indem es den Stufengang: potentielles — aktuelles Kapital durchmacht oder auf dem geraden Wege, indem es sofort als aktuelles Kapital auftritt, ohne vorher Einkommen gebildet zu haben. Indirekte — direkte Kapitalentstehung. 3. Unter Bedingungen der Kapitalentstehung sollen verstanden werden diejenigen subjektiven und objektiven Gegebenheiten, die die Bildung des Kapitals fördern oder hemmen: homogene — heterogene Bedingungen. Es ist das hervorstechende Kennzeichen der hochkapitalistischen Epoche, daß die Bedingungen der Kapitalentstehung optimale waren, was im folgenden zu zeigen ist. II. Die Gestaltung der Bedingungen der Kapitalentstehung Wir suchen dem Problem beizukommen, indem wir unsre Betrachtung in folgender Ordnung anstellen: zunächst wird der Weg der indirekten Kapitalbildung verfolgt, der also zwei Staffeln hat: 1. die Entstehung des potentiellen Kapitals; 2. die Verwandlung des potentiellen in aktuelles Kapitals; sodann erörtern wir, was in diesem Kapitel nur kurz geschehen kann, 3. den Fall der direkten Kapitalbildung. 1. Die Entstehung des 'potentiellen Kapitals 1. Darunter haben wir also zu verstehen: den Vorgang der Lostrennung von Teilen des Einkommens, die Kapital werden können. Diesen Vorgang der Lostrennung bezeichnen wir üblicherweise mit dem Worte „Ersparung“, einem Worte, dem eine Fülle von Unklarheiten und Zweideutigkeiten anhaftet, die es erst zu beseitigen gilt, um zu seinem möglichen Sinne vorzudringen. Sparen ganz allgemein und darum ganz unbestimmt heißt: Einkommensteile nicht verzehren. Das bedeutet nun etwas Grundverschiedenes im Rahmen der verschiedenen Wirtschaftssysteme. In der Eigenwirtschaft sparen ist soviel wie Einkommensgüter in ihrem natürlichen Zustande aufbewahren: statt vier Speckseiten nur zwei im Verlaufe eines Winters verzehren. Dasselbe gilt natürlich von jeder Konsum Wirtschaft sowie überhaupt für alle Fälle, in denen eine Vorratsbewirtschaftung stattfindet. In einer sozialistischen Wirtschaft würde sparen gleichbedeutend sein mit der Regierungsanweisung, die 154 Erster Abschnitt: Das Kapital’ Produktion an irgendeiner Stelle auszuweiten (sofern es sich nicht um einfache Vorratsbewirtschaftung handelt, in welchem Falle das Schema der Eigenwirtschaft zutrifft). In jeder Verkehrswirtschaft heißt sparen: nicht Verausgabung von Geld zu Verbrauchszwecken. Sei es daß man das Geld einfach zurückbehält, wie es in unentwickelten Wirtschaftszuständen, später nur noch in unruhigen Zeitläufen, der Fall ist; sei es daß man — und das ist die Regel für alle entwickelte Verkehrswirtschaft, in der Kreditverkehr herrscht — die eigene Geldforderung auf andre überträgt, oder — das sachlich-ökonomische Moment mehr betonend — seine Ansprüche auf Einkommensbezüge anderen überläßt. Diese Zurückstellung der Ansprüche (Abtretung der Forderungsrechte) kann einen doppelten Sinn haben: entweder beabsichtigt man, die Ansprüche auf Einkommen selbst in nächster Zeit geltend zu machen; oder man verzichtet auf absehbare Zeit darauf, die Summe zu verzehren, man „legt sie an“. Für die Kapitalbildung kommt der zweite Fall ganz, der erste nur insoweit in Betracht, als ein gewisser Betrag dieser gestundeten Einkommensforderungen dauernd nicht geltend gemacht wird und alsdann Kapitalfunktion annehmen kann. (Hauptbeispiele: die Bankdepositen, die Prämien der Lebensversicherungen: siehe das folgende Kapitel, wo ich die Kreditbeziehungen ausführlicher erörtere. Ganz vermeiden läßt sich ein Bezug auf sie auch in diesem Kapitel nicht, was kein Bedenken hat, da ich ein bestimmtes Maß von Kenntnissen bei meinen Lesern voraussetzen darf. Sachlich bilden die drei Kapitel dieses Abschnittes ein untrennbares Ganze, da die Probleme der Kapitalentstehung und die der Kreditwartschaft in weitem Umfange dieselben sind.) Immer aber muß man sich bei der Betrachtung verkehrswirtschaftlicher Zustände von der eigenwirtschaftlichen Verhältnissen entlehnten Vorstellung frei machen, als bedeute Sparen soviel wie ein Verzicht auf den Verzehr schon vorhandener Güter. Während der Sparakt nichts anderes enthält als den Entscheid über die Richtung der Produktion. Was im Zeitpunkt des Sparens vorhanden ist, sind keine Güter, sondern Produktionsmöglichkeiten, das heißt ein Arbeitsfonds, den nun der Sparer in der Richtung der Produktionserweiterung beeinflußt. Ob der Geschäftsmann Teile seines Profits „spart“ und sie zur Ausweitung seines Geschäfts verwendet, oder ob der Nicht-Geschäftsmann „spart“, indem er Teile seines Einkommens andern ab- Dreizehntes Kapitel: Die Entstehung des Geldkapitals im allgemeinen 155 tritt: immer ist der wesentliche Inhalt derselbe: es wird bestimmt, daß irgend etwas neu produziert werde, was bis dahin noch nicht produziert wurde. Dieses Irgendetwas kann ein Beliebiges sein: Automobile, Eisenbahnschienen, Spitzenhemden: es muß immer auch ein Bestimmtes sein: Unterhaltsmittel für die neu zu beschäftigenden Arbeitskräfte. Denn es muß gegenwärtig bleiben, daß die Gesamtheit der „ersparten“ Beträge den Lohnfonds vergrößert, und daß sparen zunächst nichts anderes bedeutet, als die Abtretung von Einkommensrechten an die Lohnarbeiter. Spart die Kapitalistenklasse, spart die Arbeiterklasse: es bleibt sich gleich: in beiden Fällen bedeutet es, daß man seine Ansprüche an das gesellschaftliche Einkommen herabsetzen will, um Zu- satzarbeitem die Existenz zu ermöglichen. Einen Abzug von den „ersparten“ Beträgen bilden die Anleihen zu konsumtiven Zwecken, die die Einkommensbeträge späterer Jahre jetzt verzehren. Falls sie zurückgezahlt werden, vermehren sie um den zurückgezahlten Betrag die Sparbeträge des späteren Jahres. Diese Beträge bilden unter Umständen einen sehr wichtigen Zuwachs des Kapitalfonds. Haussezeiten werden häufig durch Rückzahlungen öffentlicher Anleihen eingeleitet. Ich habe das für die deutschen Verhältnisse in meinem Referat auf der Generalversammlung des V. f. SP. 1903 ziffernmäßig nachgewiesen. Allgemein behandelt diese Zusammenhänge in anschaulicherWeise Cassel, Theoretische Sozialökonomik, §§ 6, 22, 25. 2. Über die „Bedeutung“ des „Sparens“ für die Kapitalbildung sind ganze Bibliotheken geschrieben worden. Töricht ist es, sie völlig leugnen zu wollen, wie es manche Sozialisten tim, denn es kann keinem Zweifel unterliegen, daß ein sehr beträchtlicher Teil des Kapitals auf dem Wege entsteht, den ich eben als den des „Sparens“ gekennzeichnet habe. Ebenso töricht ist es, das Sparen als den einzigen Grund der Kapitalbildung anzusehen. Alle direkte Kapitalbildung erfolgt ohne irgendwelchen Sparakt. Offenbar ist die Diskussion dadurch in ihrer Klarheit und Ergiebigkeit stark beeinträchtigt worden, daß man auch hier wieder ethische mit rein ökonomischen Gesichtspunkten verquickte. Mit Recht hat sich der ganze Spott der sozialistischen Theoretiker auf diejenigen Apologeten der kapitalistischen Wirtschaft entladen, die in jedem Sparakt eine sittlich wertvolle Handlung erblickten und den Kapitalzins als „Entbehrungslohn“ zu rechtfertigen versuchten. Wenn ein Trustmagnat mehrere Dutzend Millionen Dollar im Jahre vereinnahmt, so liegt wahrhaftig keine irgendwie ethisch zu belobigende Tat vor, wenn 156 Erster Abschnitt: Das Kapital er davon die Hälfte nicht zum Verzehr bringt, sondern wieder in Geschäften anlegt. Und ganz gewiß ist es lächerlich, die Dividenden und Zinsen, die er aus diesem als Kapital verwandten Betrage erzielt, als „Entbehrungslohn“ zu kennzeichnen und damit „rechtfertigen“ zu wollen. Aber die Tatsache bleibt als Tatsache bestehen, daß er — wenn er von einem Einkommen von 20 Millionen 10 Millionen nicht zu konsumtiven Zwecken verwendet —, 10 Millionen „erspart“ hat. Man entkleide also den Begriff des Sparens jedes ethischen Behanges, fasse ihn in seiner rein ökonomischen Bedeutung und er wird gute Dienste tun. Das zeigt sich erst in voller Klarheit, wenn wir nunmehr Ausschau halten nach den Bedingungen, von denen die Höhe der ersparten Beträge, also in unserer Wortgebung: die Höhe des potentiellen Kapitals abhängig ist. 3. Die Umstände, von deren Gestaltung die Höhe des potentiellen Kapitals, also die Größe der ersparten Beträge abhängt, sind folgende: a) die erste und wichtigste Voraussetzung der Kapitalentstehung ist die Ausweitung der gesellschaftlichen Produktion (bei gleichbleibender Produktion findet keine Kapitalneubildung statt). Die Ausweitung der gesellschaftlichen Produktion hängt ab von der gesellschaftlichen Produktivkraft. Je größer diese, desto größer also — unter sonst gleichen Umständen — das potentielle Kapital. Das Verbindungsglied, das diesen Zusammenhang herstellt, ist die Höhe des Einkommens, in Sonderheit des Mehrwertes, dessen absolute Erhöhung die Sparmöglichkeit steigert. Daß die gesellschaftliche Produktivkraft während der hochkapitalistischen Periode eine Steigerung erfahren hat, ist evident. Am Schlüsse dieses Kapitels werde ich die Tatsache in einigen Ziffern noch zum Ausdruck bringen. Im übrigen verweise ich auf den ganzen folgenden Unterabschnitt. b) Ist durch den Umfang der gesellschaftlichen Mehrproduktion der absolute Betrag der sparbaren Teile des Einkommens gegeben, so wird des weiteren die Höhe der ersparten Summe beeinflußt durch die Einkommensverteilung und demgemäß die Vermögensbildung. Es gilt der Satz: je größer die Einzeleinkommen (Vermögen), desto größer — unter sonst gleichen Umständen — das' potentielle Kapital. Die Begründung ist einfach: je größer das Einkommen (Vermögen) einer Person, desto leichter ist, bei einem Sparwillen von gegebener Stärke, der Verzicht auf individuellen Verzehr. Dreizehntes Kapitel: Die Entstehung des Geldkapitals im allgemeinen J57 Deshalb sind von ganz besonderer Bedeutung für die Kapitälbildung die großen Einkommen (Vermögen). Und daß die Kapitalbildung im Zeitalter des Hochkapitalismus so rasche Fortschritte gemacht hat, hat nicht zuletzt seinen Grund in der Tatsache, daß in dieser Periode sich in weitem Umfange große Einkommen (Vermögen) gebildet haben. Wir können drei Hauptfälle der Bildung großer Einkommen (Vermögen) in unserer Zeit unterscheiden, auf die ich wenigstens mit einigen Worten hin weisen will, ohne imstande zu sein, in irgendwie zureichender Weise die Bedeutung dieser großen Ansammlungen von Einkommensberechtigungen an einzelnen Stellen für die Kapitalbildung ziffernmäßig feststellen zu können. Die drei wichtigsten Quellen, aus denen große Einkommen fließen, sind a) die Grundrente aus Land- und Häuserbesitz. Als Beispiele mag einerseits der Kaiser von Rußland dienen, als Vertreter im wesentlichen seigneurialen Reichtums, andererseits eine Reihe amerikanischer Milliardäre als Vertreter bürgerlichen Reichtums. Uber das Einkommen des Zaren in den letzten Jahren vor dem Kriege sind folgende Ziffern bekannt: Sein Jahreseinkommen betrug mindestens 150 Millionen Mark. Und dabei konnten zahlreiche große Rrongüter nicht mitgerechnet werden, weil sie kaum erschlossen und daher nicht ausgebeutet waren. Das Vermögen des Zaren bestand aus seiner Zivilliste, seinen industriellen Etablissements, den kaiserlichen Rrongütern und den Ländereien, die durch Erbschaft oder Kauf zu seinem persönlichen Eigentum geworden waren und einen Flächeraum bedeckten, welcher so groß war wie ganz Deutschland. Die Zivilliste betrug mehr als 32 Millionen Mark. Von dieser Summe wurden mehr als 4 Millionen für die kaiserlichen Theater und für die Akademien aufgewendet. Die Großfürsten und Großfürstinnen erhielten mehr als 2 Millionen, die Kaiserin-Witwe und die Zarin jede etwa 520000 Mark als Taschengeld. Ferner legte der Zar jedes Jahr für jede seiner Töchter bis zu ihrer Großjährigkeit 80000 Mark zurück und 200000 Mark für den jungen Alexis, den mutmaßlichen Thronerben. Für sich selbst also behielt der Zar jährlich 24 Millionen zurück. Sicher ist, daß er einen großen Teil dieser Summe „anlegte“, denn alle Welt weiß, daß seine Lebenshaltung schlicht und einfach war. Man geht wohl nicht fehl, wenn man annimmt, daß das Grundkapital durch Ersparnisse jährlich um 15 bis 16 Millionen vermehrt wurde. Aus einer im Jahre 1906 veröffentlichten „Abrechnung“ erfuhr man, daß die persönlichen Ersparnisse des Zaren damals 192 Millionen betrugen; seitdem dürften sie bis zu seinem Ende wahrscheinlich auf 240 bis 250 Millionen angewachsen sein. Die kaiserlichen Krongüter waren so groß wie Irland und umfaßten die schönsten Wälder Europas. Die Wälder wurden methodisch ausgebeutet, und der Zar verkaufte Unmengen Brennholz, Bauholz usw.; ein Drittel 158 Erster Abschnitt: Das Kapital der Ländereien war bebaut und an Landwirte oder Winzer verpachtet; an andern Stellen befanden sich große Wind- und Wassermühlen, Fischereibetriebe, Bergwerke usw. Kurz, das Ganze entsprach einem Jahreseinkommen von 80 Millionen, von welchen etwa 24 den Großfürsten zuflossen. Und dazu kamen noch die in Sibirien liegenden Privatgüter des Zaren mit ihren großen Platin-, Gold-, Silber-, Kupfer- und Eisenbergwerken. Sie repräsentierten ein Einkommen von ungefähr 30 Millionen. Unter den amerikanischen Grundrentenbeziehern ragen die Astor hervor. John Jac. Astor, der den Grund zu den Vermögen der Astor gelegt hat, kaufte in Wisconsin, Missouri, Jowa, vor allem aber auf Manhattan, dem späteren Weichbild New Yorks, große Flächen an. Auf Manhattan hat sich deren Wert seit den 1830 er und 1840 er Jahren bis heute etwa vertausendfacht. Bei seinem Tode (1848) hinterließ John Jacob ein Vermögen von 20 Millionen $. Einer seiner Söhne, William B. Astor, starb (1875) mit einer Hinterlassenschaft von 100 Millionen $: er war Eigentümer von mehr als 700 Gebäuden in New York. Bis 1892 hatte sich das Astorsche Vermögen durch Neuankauf von Land und weiterer Steigerung der Grundrente auf 225 Millionen $, bis 1912 auf 450 Millionen $ vergrößert. Andere große Vermögen in den Vereinigten Staaten, die aus Grundrentenakkumulation stammen, sind die der Goelet (auf Manhattan allein 200 Millionen $), der Rhinelander (100 Millionen $ auf Manhattan), der Schermerhorn (ebenfalls Manhattan), der Longworth (in Cincinatti 100 Millionen $), der Marshall Field und Leiter, der großen Warenhausbesitzer in Chicago. Die Ziffern bei Myers 1. c. Eine sehr große Bedeutung für die Vermögensbildung in den Vereinigten Staaten haben die Gewinne, die aus dem Verkauf der Wälder gemacht worden sind. Diese sind meist zu billigen Preisen erworben worden — die bekannten $ 1.25 für den acre ■—■ und zum großen Teil in die Hände von Spekulanten übergegangen, die das Holz im Laufe der Zeit herausschlagen. Die Waldgesellschaften sind überwiegend große Betriebe: drei von ihnen verfügen über einen Holzbesitz von 237,5 Milliarden Fuß. Um welche Beträge, die bei diesen Waldspekulationen gewonnen werden, es sich handelt, erhellt aus folgender Aufstellung: In Anwendung des sog. „timber and stoneact“ von 1878 sind 12 Millionen acres Waldland (valuable timberland) verkauft. Die Regierungen haben dafür 30 Millionen $ bekommen. Der Verkaufspreis des Holzes hat 240 Millionen $ betragen. Der Gewinn von mehr als 200 Millionen $ ist aber höchstens zu 1 % den Siedlern zugute gekommen. Der Rest ist von Aufkäufern eingestrichen, die sich (sehr gegen den Willen des Gesetzgebers) in den Besitz des Siedlerlandes zu setzen gewußt haben. Siehe den außerordentlich interessanten Bericht des Bureau of Corporations über „The Lumber Industry. Part. I Standing Timber“. 1913. pag. 15f., 205 u. ö. Ebenfalls hierher gehören die Riesenvermögen, die auf dem Umwege über die Effektenspekulation von den „Gründern“ der amerikanischen Eisenbahnen aus den Landschenkungen gemacht sind, die bei Ausführung eines Bahnbaues als Subvention durch die Staaten üblich waren. Die Berechnungen der gesamten Landschenkungen, die den Eisenbahnen Dreizehntes Kapitel: Die Entstehung des Geldkapitals im allgemeinen 159 der Union gemacht wurden, schwanken zwischen 108 und 208 Millionen acres (Deutschland mißt etwa 125 Millionen acres). Siehe darüber die eingehende Darstellung bei Ernst Picard, Die Finanzierung amerikanischer Eisenbahngesellschaften. 1912. ß) Spekulationsgewinne. Allen voran stehen hier (1) die Agiogewinne. Das Emissionsagio hat in Deutschland im Durchschnitt betragen (nach dem „Deutschen Ökonomist“) in Millionen Mark: 1890 1891 1S92 1893 1894 1895 1896 1897 1898 1899 1900 bei Bankaktien . . 32,6 23,6 25,0 57,5 14,5 26,6 35,3 53,5 36,7 30,6 26,5 „ Industrieaktien 31,5 20,0 14,7 29,1 31,0 38,6 36,1 66,7 67,7 66,9 55,2 In den 4 Jahren von 1897—1900 wurden an Emissionen deutscher Papiere 1093 Mill. Mk. verdient. Ygl. meine Deutsche Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert. 1. und 2. Aufl. Anl. 8, 9, und für die frühere Zeit das reiche Material bei Ch.Wilson, De l’influence des capitaux anglais. 1847, und Capefigue, Banquiers, fournisseurs usw. 1856. Da es sich nur um die Erfassung der funktionellen Bedeutung dieser Einkommensquellen handelt, so ist es gleichgültig, ob das Material alt oder neu ist. Dem Agiogewinn der emittierenden Gesellschaften verwandt ist (2) der eigentliche Gründergewinn, der dadurch entsteht, daß die in die neue Gesellschaft eingebrachten Sacheinlagen überwertet werden. In den Vereinigten Staaten von Amerika sind gerade auf diesem Wege Rieseneinkommen gebildet worden. Beispiele: Die Gruben und Anlagen, aus denen nur eine der Sektionen der Amalgamated Copper Company gebildet wurde, waren aufgekauft für 39 Millionen $ und wurden wenige Tage darauf in der Am. Copp. Comp, mit 75 Millionen $ kapitalisiert und dem Publikum angeboten. Es ergab sich also mit einem Schlage ein Gewinn von 36 Millionen $. Siehe Th. W. Lawson, Frenzied Finance. Every Bodys Magazine, July 1904ff. Daß die Zahlen vielleicht nicht ganz genau sind, ändert natürlich nichts an ihrer Beweiskraft. Im übrigen ist dieser Fall typisch. Die Gründergewinne, die bei der Errichtung der Steel Corporation gemacht sind, und die zum größten Teil der Morgangruppe zufielen, werden auf 150 Millionen $ veranschlagt. Rep. on the Steel Ind. 1, 251. Siehe dortselbst die vielen, interessanten Einzelangaben unter den Stichworten Promotors and Underwriters sowie Profits. Bei der Gründung einiger anderer Trusts wurden von Promotor, Underwriter oder Industriellen selbst folgende Gewinne gemacht: Tabaktrust $ 5502800. Rep. on the Tabacco Industry 2, 101 ff. Zinnkannentrust 8 y 2 Millionen $• E. Jones, 1. c. pag. 293. International Harvester Company (Bankprofit) $ 2957143. Rep. on the International Harvester Co. 160 Zweiter Abschnitt: Das Kapital (1913), 67ff. Glucose- (Stärkezucker-)Trust 4% Millionen $. Jones, 296. Malztrust 3% Millionen $ ib. usw. Hierher gehören auch (3) die Konjunkturgewinne, die namentlich in Aufschwungzeiten viele kleine Vermögen in die Tasche einiger weniger Börsenmagnaten überzuleiten die Funktion haben: siehe darüber meine Deutsche Volkswirtschaft, Seite 230 f. In den letzten Jahren sind Kriegs-, Revolutions- und Infla- ionsgewinne hinzugekommen, die aber — von der früheren Zeiten der napoleonischen Kriege und einigen späteren Einzelfällen abgesehen — für die Vermögensbildung im Zeitalter des Hochkapitales keine überragende Bedeutung gehabt haben. y) Extraprofite kapitalistischer Unternehmungen. Extraprofite müssen es sein. Aus den Durchschnittsprofiten ist eine wesentliche Akkumulation nicht möglich. Jedenfalls bleibt sie in sehr bescheidenen Grenzen und vollzieht sich infolgedessen sehr langsam. Eine Ausweitung, wie sie die Kapitalbildung im 19. Jahrhundert erfahren hat, kann — soweit der Profit überhaupt die Quelle war, und daß er es gewesen ist, bestätigen zahlreiche Zeugnisse — nur mit Hilfe von Extraprofiten bewirkt worden sein. Und wir brauchen auch nicht lange zu suchen, um solche Fälle von Extraprofiten in Hülle und Fülle anzutreffen. Extraprofite entstehen im Rahmen der kapitalistischen Wirtschaft auf drei verschiedene Weisen: Drei Weisen, die alle auf eine Grundtatsache zurückgehen: die Ausschaltung der Konkurrenz, also die Monopolstellung. Es ist hier noch nicht der Ort, das Monopolproblem eingehender zu erörtern. Deshalb begnüge ich mich damit, die drei wichtigsten Ursachen der Monopolstellung, die zum Extraprofit führen, summarisch anzugeben. Es sind A. technische Neuerungen; B. künstliche Einschnürung des Absatzes durch Verabredung; C. Goldproduktion. ZuA. Extraprofite stellen sich im Gefolge technischer Neuerungen mit Notwendigkeit deshalb ein, weil die technische Neuerung sich nicht allmälig, sondern schrittweise durchsetzt und während ihrer Einbürgerung dem, der sie anwendet, naturgemäß einen Vorsprung in der Produktionskostengestaltung und somit Extraprofite gewährt, solange die Preise noch nach dem alten Verfahren geregelt sind. Die Zeit, während welcher die Neuerer eine Vorzugsstellung genossen und darum Extraprofite bezogen, dauerte in den Anfängen der modernen Technik mehrere Menschenalter, heute ist sie kürzer und fällt ungefähr Dreizehntes Kapitel: Die Entstehung des Geldkapitals im allgemeinen 161 mit der Dauer des Patentschutzes zusammen. Entscheidend ist auch, in wie langer Zeit die Anlagen errichtet werden können, in denen ein neues Verfahren oder ein neues Organisationsprinzip zur Anwendung gelangen. Ein paar Beispiele mögen das Gesagte veranschaulichen: Begreiflicherweise sind diejenigen Gewerbezweige besonders lehrreich, in denen die moderne Technik zum überhaupt ersten Male eingeführt wird bzw. der Zeitpunkt, in dem dies geschieht. Die Erfindungen auf dem Gebiete der Baumwollspinnerei wurden, wie wir wissen, bereits um die Mitte des 18. Jahrhunderts gemacht und führten in England selbst in auffallend kurzer Zeit zu einer Umgestaltung der Industrie. Bereits 1788 gab es dort 142 Baumwollspinnereien mit 2 Millionen Spindeln. Dagegen bleiben das Festland Europa und Amerika bis zum Ende der napoleonischen Kriege von der neuen Technik so gut wie unberührt. Siehe die genauen Angaben bei A. Ure, The Cotton Manu- facture of Great Britain. Introduction to first edition. Erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts bürgert sich die Maschinenspinnerei außerhalb Englands ein. Wie groß der Vorsprung Englands aber noch um diese Zeit war, ersieht man aus folgender Übersicht über den Stand der Baumwollindustrie im Jahre 1851: Land Zahl der Spindeln Millionen Millionen K erzeugtes Garn und Stoffe ilogramm Verbrauch im Innern England. 18 277 73 Frankreich. 4,5 64 52 Rußland. 31 30 Österreich. 1,4 30 | 96 Zollverein. 0,9 18 Belgien. 0,4 10 8 Spanien. 0,7 10 12% Italien. 0,7 10 13% Schweiz. 0,9 9 4 Vereinigte Staaten. . 5,5 110 60 33,0 569 — Nach dem Bericht Mimereis zur Weltausstellung von 1851, mitgeteilt bei Levasseur, Hist, de l’industrie etc. de 1789 ä 1870. 2. ed. 2, 179. Also zwei Menschenalter lang dauerte die Vorzugsstellung Englands. Während dieser Zeit paßt sich sehr langsam der Preis der neuen Technik an, so daß jahrzehntelang die englischen Baumwollspinner hohe Extraprofite zu machen in der Lage waren. Das läßt sich ziffernmäßig feststellen, wenn wir etwa folgende Tabelle zu Rate ziehen. Für das Pfund Garn Nr. 100 betrugen: flombart, Hochkapitalismus. 11 162 Erster Abschnitt: Das Kapital Jahr Unkosten des Fabrikanten für ßohbaumwolle und Spinnen V erkaufspreis Differenz 1788 12/ 35/ 23/ 1800 3/2 9/ 5/io 1830 1 / 274 . 3/ 1/97* Nach G. Steffen, Studien zur Geschichte der englischen Lohnarbeiter 2, 158/59. Aber auch die Vervollkommnung der mechanischen Spinnerei setzt sich ebenso langsam durch: der Selfaktor, in den 1830er Jahren zuerst angewandt, kam in England etwa 20 Jahre später zur Herrschaft; in Deutschland dagegen erst in den 1870er Jahren: 1877 gab es hier erst- 79,9% Selfaktors. G.v. Schulze-Gaevernitz, Der Großbetrieb, S. 161 und Anm. 1. Über die Vermögensbildung bei den Manchester Spinnern im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts siehe noch Dr. Aikin, Description of the Country from 30 to 40miles around Manchester. 1795 und vgl. Marx, Kapital l 4 , 558. Die mechanische Baum Wollweberei brauchte ebenfalls 50 Jahre, um sich einzubürgern. Noch langsamer waren die Fortschritte auf dem Gebiete der Wollindustrie, die erst in den letzten 30 Jahren des 19. Jahrhunderts zum rein maschinellen Betriebe übergegangen ist. Deshalb hören wir auch gerade auf diesem Gebiete von hohen Extraprofiten bzw. außergewöhnlich hohen Profitraten. In England rechnete man Ende des 18. Jahrhunderts 40% als normalen Gewinn. Siehe z. B. James, Worsted Manufacture, 307. In Deutschland nahm lange Zeit Aachen eine Vorzugsstellung ein, weil es die moderne Technik zuerst einführte; während dieser Zeit hören wir von der Entstehung großer Vermögen in der Tuchindustrie. Siehe Alf. Thun, Industrie am Niederrhein. Bd. I. 1879. Ganz ähnlich liegen die Verhältnisse in den andern Produktionszweigen. So haben auch in der Eisen- und Stahlindustrie die neuen Erfindungen mehrere Menschenalter gebraucht, um sich durchzusetzen, und mehrere Menschenalter hindurch erfreuten sich diejenigen, die sie anwandten, der beregten Vorzugsstellung. Die Umwandlung des Frischprozesses in den Puddelprozeß beginnt in den 1780er Jahren, wird in den 1820 er Jahren erst recht ausführbar, vollzieht sich aber auf dem Festlande erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Flußstahl breitet sich 1860—-1890 aus. Aber noch 1890 werden von allem Eisen in England 32,3%, in Deutschland 41,2% in Puddelöfen zu Stahl verarbeitet. Auch die langsame Einbürgerung der Dampfmaschine gehört hierher: im preußischen Staate gab es 1849 erst 1100 Dampfmaschinen mit 16000 PS; in Österreich im Jahre 1851 647 Maschinen mit 8500 PS; in in Frankreich: 1830 10000 PS, 1850 62000 PS. Vgl. die Ziffern bei Kulischer, a. a. O. Seite 169 f. Noch in der letzten Vergangenheit haben wir beobachtet, wie langsam sich der elektrische Antrieb durchgesetzt hat. Und so fort auf allen Gebieten. Was nun aber das Wichtige ist, ist dieses: daß sich dieser Vorgang, Dreizehntes Kapitel: Die Entstehung des Geldkapitals im allgemeinen lß3 wie ich ihn eben für die Anfänge der modernen Technik in einigen Produktionszweigen geschildert habe, sich im kleinen jeden Augenblick, und zwar in allen Wirtschaftsgebieten, wiederholt, so daß sich immer wieder Gelegenheit zu Extraprofiten ergibt, solange die Technik revolutionär ist und so lange technische Neuerungen eine wesentliche Steigerung der Produktivität oder Ökonomität bewirken. Daß das erste der Fall ist, hat unser Überblick über die Fortschritte der modernen Technik ergeben, inwieweit die zweite Bedingung im Laufe des 19. Jahrhunderts erfüllt ist, werden wir im 17. Kapitel in Erfahrung bringen. Kein Zweifel, daß beide Bedingungen in so weitem Umfange erfüllt waren, um die Quellen der Extraprofite im 19. Jahrhundert reichlich fließen zu lassen und damit eine der ergiebigsten Quellen der Vermögensbildung. Ein Blick auf die Ertragsstatistik der Aktiengesellschaften bestätigt die Richtigkeit dieser Ausführungen. Von dem Aktienkapital der deutschen Aktiengesellschaften bezog im Jahre 1912—1913 eine Dividende von mehr als 10% mehr als ein Viertel (25,2%). Dieser Anteil der Aktiengesellschaften, die einen Extraprofit abwarfen, stieg im Bergbau-, Hütten- und Salinenwesen auf 47,74%, im Steinkohlenbergbau allein auf 65,69%, im Braunkohlenbergbau auf 56,44%, in der chemischen Industrie auf 65,72%. (Stat. Jahrb.) Die vier leitenden chemischen Fabriken verteilten von 1902 bis 1911 je 196, 255, 259, 300% Dividende bei einem Gesamtkapital von 122 Millionen Mark. J. Singer, Das Land der Monopole (1913), 211. In Österreich, verteilten von 100 Aktiengesellschaften mehr als 20% Dividende: 1909 5,1 ,1910 4,2 ,1911 3,9 ,1912 4,2 ,1913 2,3%. HSt l 4 , 163. Daß auch heute noch vorübergehend sehr hohe Extraprofite in der Industrie erzielt werden, lehrt der Kurszettel. Die Auergesellschaft zahlte jahrelang über 100% Jahresdividende. Die Kontinental-Kautschuk-Gesellschaft zahlte von 1892 bis 1911 860% Dividende. Henry Fords Nettobargewinn belief sich nach seinen eigenen Angaben in den letzten Jahren auf über 50 Millionen $ jährlich. Zu einem Extraprofit führen wegen .der Größe ihrer Anlagen häufig die modernen Verkehrsunternehmungen, namentlich die Eisenbahnen. Es kommt nicht darauf an, daß sämtliche Anlagen hohe Profite abwerfen — viele werden unrentabel sein, und der Durchschnittsprofit aller Eisenbahnunternehmungen ist gar nicht übermäßig groß. Es genügt, daß einige in hohem Maße gewinnbringend gewesen sind, wie es tatsächlich der Fall war. So zahlten die Bahnen im Jahre 1869 Dividende: Leipzig—Dresden .... 25% Sächsische Kohlenbahn . 23—24 ,, Nürnberg—Fürth .... 19 ,, Magdeburg-Leipzig ... 18 „ Berlin—Potsdam—Magdeburg.17% K. Ferdinand Nordbahn . 15 „ usw. Nach W. F. Carl Schmeidler, Geschichte des deutschen Eisenbahnwesens (1871), 183. Zu B. In der Regel rührt die Überlegenheit, die einer Unternehmung eine Vorzugsstellung auf dem Markte gewährt, von irgendwelchen tech- 11 * 164 Erster Abschnitt: Das Kapital nischen oder organisatorischen Neuerungen her, deren sie sich bedient. Es ist aber auch der Fall nicht selten, daß das Monopol ohne solche Mehrleistungen errungen wird, wie bei zahlreichen Kartellen (und Trusts). Es wird im Einzelfalle schwer festzustellen sein, ob ein materialer oder bloß formaler Grund der Überlegenheit vorliegt. Häufig werden beide Zusammentreffen. So wohl beim Standard Oil Trust, dessen Erträgnisse in folgenden Ziffern zum Ausdruck kommen: Von 1882 bis 1906 wurden an Dividende bezahlt 548436446 $ oder durchschnittlich im Jahre 24%. Während der 10 Jahre von 1897 bis 1906 schwankte die Jahresdividende sogar zwischen 30 und 48% und betrug im Durchschnitt 39,7%. Höher noch als die Dividende ist der Nettogewinn, der in der angegebenen Periode sich auf 838 783 783 $ belief, also die Dividende um 290 Mill. $ übertraf; er betrug in den letzten 10 Jahren vor 1906 im Durchschnitt 61%. Rep. of the Comm. of Corpor. on the Petroleum Industry 2 (1907), 39/40. Hierher gehört auch der Bergbau, wo auf Grund dauernd verschiedener Produktionsbedingungen auch dauernd überdurchschnittliche Profite und somit Differentialrenten im eigentlichen Sinne häufig sind. Für die Vermögensbildung kommt also der Bergbau in hervorragendem Maße in Betracht. Ein besonders lehrreiches Beispiel liefert der amerikanische Kupferbergbau. Nach einem Prospekt der Arizona Morenci Copper Company vom 20. April 1910 (mitgeteilt bei Gerhard Hildebrand, a. a. O. Seite 95) waren die Ertragsverhältnisse der großen Bergwerke folgende: Mine Gesamtdividende bis 1908 Prozent des Kapitals Durchschnittsdividende im Jahr Anzahl der Jahre 1 59875000 $ 1510 126 12 2 108350000 „ 4334 114 38 3 10300000 „ 575 103 5 4 7782000 „ 519 65 8 5 25605680 „ 854 50 17 6 25136750 „ 683 49 14 7 5100000 „ 340 31 11 8 7400000 „ 124 31 4 9 9420000 „ 627 30 21 10 18450000 „ 738 16 47 11 30750000 „ 103 12 9 12 7612650 „ 319 10 31 315782080 $ | Zu C. Einen Sonderfall bildet die Goldproduktion. Sie zeichnet sich bekanntermaßen dadurch vor allen übrigen Produktionszweigen aus, daß ihr Produkt nicht Angebot, sondern Nachfrage schafft und nicht durch Verkauf, sondern durch Ausmünzung verwertet wird. Sie nimmt aber vor allem dadurch eine Sonderstellung ein, daß der Ertrag völlig vom Zufall des Goldvorkommens abhängt und daher völlig unbestimmt ist. Die Dreizehntes Kapitel: Die Entstehung des Geldkapitals im allgemeinen 165 Folge von alledem ist ein in keinem andern Produktionszweig annähernd so starkes Schwanken der Gewinne, die in zahlreichen Fällen überhaupt ausbleiben, um in andern Fällen zu märchenhaften Beträgen sich aufzugipfeln. Diese günstigen Fälle sind es, die für die Vermögensbildung eine hervorragende Bedeutung haben. Nicht wenige der großen Vermögen, die sich in den letzten Menschenaltern gebildet haben, verdanken der Goldproduktion ihr Dasein. Im Jahre 1900 gab es in Südafrika 13, in Australien 20 Goldminengesellschaften, die mehr als 25% Dividende im Jahre zahlten; von diesen 33 Gesellschaften zahlten zwischen 30 und 40% 14, zwischen 40 und 50% 6, zwischen 50 und 70% 5, zwischen 70 und 100% 2, über 100% 3 (112,5, 156, 185%). Siehe William S. Welton, Practical Gold-Mining etc. 1902. Im Jahre 1910 bezahlte Premier Deffered 200%, Rand Mines 220%, Ferreira 300% (1909: 600%). In andern Gebieten, und namentlich in den Waschgoldbezirken, sind die Gewinne noch höher gewesen. — Ich teile noch eine Zusammenstellung mit, die sich bei G. d’Avenel 1. c. Vol. V, p. 352 findet. D’Avenel hat den Ursprung der 100 größten französischen Vermögen ermittelt und kommt zu folgendem Ergebnis (die Einteilung in die drei Kategorien stammt von mir): Ihren Ursprung verdanken : 1. Grundrentenakkumulation . . 5 2. Spekulationsgewinn.37 3. Extraprofiten.58 Der dritte Umstand, von dem die Höhe des potentiellen Kapitals abhängt ist c) das Maß der Wirtschaftlichkeit. Hier gilt wiederum der Satz: je größer die Wirtschaftlichkeit, desto größer ist — unter sonst gleichen Umständen, also insbesondere bei gegebenem Umfange der Mehrproduktion und bei gegebener Einkommensbildung — die Ersparung. Was ohne weiteres einleuchtend ist: die Stärke des Sparentschlusses entscheidet letzten Endes über die Höhe der wirklich „ersparten“ Beträge, das heißt — was immer festzuhalten ist — über die Häufigkeit der Entschlüsse: Lohnarbeiter zu unterhalten, die Zusatzgüter: herstellen, statt mehr Konsumgüter zu kaufen. Der Grad der Wirtschaftlichkeit wiederum wird durch eine Reihe von Umständen bestimmt, von denen die wichtigsten folgende sind; a) die objektiven Bedingungen des Wirtschaftslebens, die namentlich die Sicherheit und Stetigkeit des Wirtschaftens verbürgen müssen. Nur wo eine sichere Aussicht besteht, daß die ersparten Beträge nicht verloren gehen, sondern bleiben und „Frucht tragen“, wird sich ein Sparwille entwickeln können. Wo diese Aussicht fehlt, wird das Einkommen aufgezehrt. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben 166 Erster Abschnitt: Das Kapital das wieder einmal deutlich gemacht. Nun ist es aber eine Eigenart des hochkapitalistischen Zeitalters, daß die Bedingungen in der angedeuteten Richtung in optimaler Weise erfüllt waren: der moderne Staat, haben wir gesehen, hatte Ruhe und Ordnung im Innern seiner Gremien und auf dem Weltmeere geschaffen und Friedenszeiten von einer Länge, wie sie Europa seit der Zeit der Pax romana nicht gekannt hatte, wiegten die Menschen in Sicherheit und Vertrauensseligkeit. ß) Der zweite Umstand ist psychologischer Natur: die objektive Wirtschaftlichkeit ist um so größer, je stärker der „Sparsinn“ entwickelt ist, dieser ist aber um so mehr nach seiner extensiven wie intensiven Seite hin entwickelt, je weiter der bürgerliche Menschentypus auf Kosten des Seigneur einerseits, des Lazzarone andererseits sich bildet und verbreitet. Ich habe in meinem Buche „Der Bourgeois“, im achten Kapitel daselbst, ausführlich dargestellt, was wir unter einem „Bürger“ zu verstehen haben, und wie die bürgerlichen Anschauungen in die Welt gekommen sind. Unter den den „Bürger“ kennzeichnenden Tugenden steht aber obenan jene Haltung, die die Ökonomisierung der Wirtschaftsführung zum Ziele hat und sie aus freien Stücken, nicht aus Zwang und Not, erstrebt. Das was einmal in der Geschichte des menschlichen Geistes das Neue, das Unerhörte gewesen war: daß jemand Mittel hatte und sie doch zu Rate hielt. Denn alsbald kam zu dem obersten Grundsätze aller bürgerlichen Moral: nicht mehr auszugeben als einzunehmen, der weitere hierzu: weniger auszugeben als einzunehmen, also: zu sparen. Der sparsame Wirt wird nun das Ideal selbst der Reichen, soweit sie Bürger geworden waren. Nicht das seigneuriale Auftreten ehrt den tüchtigen Mann, sondern daß er Ordnung in seiner Wirtschaft hält. Sparsamkeit wird nun so sehr geachtet, daß der Begriff der Wirtschaftlichkeit oft geradezu mit dem der Sparsamkeit gleichgesetzt wird. Ich habe in dem genannten Werke gezeigt, wie weit der Weg vom Seigneur zum Bürger war, und wie viele Umstände Zusammenwirken mußten, um den neuen Typus des sparsamen Wirts herauszuzüchten: im 19. Jahrhundert steht er vollendet da und verbreitet er sich rasch, bis er unter den Geschäftsleuten der herrschende wird. Also damit findet auch die zweite Bedingung, von der eine vollendete Wirtschaftlichkeit abhängig ist, ihre optimale Erfüllung. In dem früheren und mittleren Abschnitte dieses Jahrhunderts vielleicht noch in einem höheren Grade als im letzten Menschenalter. Die Generation der Wirtschaftsführer, die das hochkapitalistische Wirtschaftssystem recht eigentlich Dreizehntes Kapitel: Die Entstehung des Geldkapitals im allgemeinen Jß7 b egiündet haben: die Männer, die vor dem Beginn des imperialistischen Zeitalters lebten, besaßen die bürgerlichen Tugenden vielleicht noch in größerer Reinheit als die kommende Generation. Ihre Lebenshaltung trug jenes einfache, „puritanische“ Gepräge, das ein Kennzeichen des guten Bürgers ist. Unzweifelhaft hat diese haushälterische Lebensweise der älteren Unternehmergeneration, aber auch der für die Kapitalbildung in Betracht kommenden Schichten des wohlhabenden Mittelstandes, nicht unwesentlich zu dem raschen Anwachsen des Kapitals beigetragen. Wenn dieses noch rascher angewachsen ist, nachdem jene „puritanischen“ Typen unter den Unternehmern schon seltener zu werden anfingen und nachdem in der reichgewordenen Geschäftswelt sich der Luxus schon breit zu machen begonnen hatte, so hängt das mit einer Entwicklung zusammen, die ich ausführlich im neunten Kapitel dieses Werkes geschildert habe: mit jener Tendenz zur Versachlichung der wirtschaftlichen Beziehungen, insbesondere zur Verselbständigung des Kapitalverhältnisses in der kapitalistischen Unternehmung. Diese Entwicklung, sahen wir, hat es bewirkt, daß der Unternehmer persönlich gar nicht mehr die „bürgerlichen“ Tugenden zu haben braucht, daß es völlig genügt, wenn sein Geschäft sie hat. Und damit berühre ich einen dritten Punkt, der mir Beachtung zu verdienen scheint, wenn wir nach den Gründen fragen, weshalb sich die Wirtschaftlichkeit und mit ihr die Neigung zum Sparen in unserer Zeit immer mehr gesteigert haben. Es sind nämlich y) rationale, sachliche, geschäftliche Erwägungen, die zum „Sparen“ drängen. Das heißt: die Unternehmung selbst hält das „Sparen“ für eine im Interesse einer ersprießlichen Geschäftsführung gebotene Maßnahme. Worauf ich hinziele, ist klar: es ist die immer mehr zur Anwendung gelangende Politik, namentlich der Aktiengesellschaften, ihre Gewinne nicht voll zur Auszahlung zu bringen, sondern „aufzusparen“, das heißt also zur Anlage von „Reserven“ zu verwenden. Die rationelle Dividendenpolitik der Aktiengesellschaften ist heute der vielleicht wesentlichste Faktor der Kapitalbildung geworden. Ich werde einige Ziffernangaben darüber machen, wenn wir nunmehr die indirekte Kapitalbildung auf ihrer zweiten Etappe verfolgen. Bisher hatten wir die Bedingungen kennen gelernt, von denen die Bildung des potentiellen Kapitals abhängig ist, das heißt, von denen die Höhe der ersparten Beträge bestimmt wird. Nim bedeutet aber „Sparen“ noch nicht Kapitalbildung, wie ich bereits gesagt habe. Man kann auch 168 Erster Abschnitt: Das Kapital „sparen“, um selbst später zu konsumieren oder aber um anderen die Mittel, ihren Konsumtionsfonds auszuweiten, zu verschaffen. Alle diese Beträge, wie beispielsweise die Anlage der ersparten Beträge zum Ankauf öffentlicher Schuldverschreibungen, kommt für die Kapitalbildung gar nicht oder nur auf Umwegen in Betracht. Wollen wir die Gesetze kennen lernen, die diese beherrschen, so müssen wir nicht nur in Erfahrung bringen, von welchen Umständen die Entstehung des potentiellen Kapitals abhängig ist, sondern müssen auch diejenigen Bedingungen kennen lernen, die erfüllt sein müssen, damit die Verwandlung des potentiellen Kapitals in aktuelles erfolge. Von ihnen ist im folgenden die Bede. 2. Die Verwandlung des 'potentiellen Kapitals in aktuelles Darunter ist also zu verstehen: die Anlage der ersparten Beträge zu produktiven Zwecken, das heißt in kapitalistischen Unternehmungen. Der Leser der früheren Bände dieses Werkes wird sich erinnern, daß ich als eine wesentliche Hemmung, der die Entwicklung des Kapitalismus im frühkapitalistischen Zeitalter ausgesetzt war, die Verwendung der Einkommensüberschüsse zu unproduktiven Zwecken nachweisen konnte: siehe den zweiten Band Seite 1115 ff. Der sich ansammelnde Keichtum wurde der Verwendung als Kapital auf drei verschiedene Weisen entzogen: 1. durch Verwandlung in Gebrauchsgüter: Luxusentfaltung; 2. durch Verwandlung in Grundbesitz; 3. durch Verwandlung in Bente. Zumal die letzte Gelegenheit bot sich namentlich seit dem 16. Jahrhundert in immer ausgiebigerem Umfange dar; sei es, daß die Bente durch Ankauf öffentlicher Anleihen, sei es, daß sie durch Ämterkauf erworben wurde. Diese „Hemmung“ ist nun im Laufe des 19. Jahrhunderts, wenn nicht weggefallen so, auß er ordentlich verringert worden und hat, angesichts der anschwellenden Sparbeträge eine immer geringere Bedeutung bekommen: das potentielle Kapital hat in immer größerem Umfange seinen Weg zum aktuellen Kapital gefunden. Folgende Umstände aber sind es vornehmlich, die die Verwandlung des potentiellen Kapitals in aktuelles begünstigt haben: a) der zunehmende Unternehmungsgeist und Wagemut, die den „Sparer“ veranlassen, sein Geld in eigenen oder fremden Unternehmungen anzulegen. Der Bentnertypus unter den Unternehmern, der Dreizehntes Kapitel: Die Entstehung des Geldkapitals im allgemeinen X(J9 das Bestreben bat, sieb mögbcbst bald aus dem Geschäft zurückzuziehen, der deshalb seine Geschäftsüberschüsse lieber in sicheren, zinstragenden Rentenpapieren anlegt, statt sie zur Erweiterung seines Geschäfts zu verwenden und der, wie wir früher gesehen haben, für die frühkapitalistische Periode noch bezeichnend war, ist allmählich ausgestorben. Heute hat, wie wir ebenfalls wissen, die große Mehrzahl der Unternehmer ein wahrer Geschäftsfanatismus ergriffen, aus dem heraus sie den Drang fühlen, ihr anwachsendes Vermögen als Kapital, wenn möglich in der eigenen Unternehmung zu verwenden. Der Dienst am Unternehmen fordert diese Haltung. „Ich betrachte jeden einen gewissen, niedrigen Prozentsatz übersteigenden Gewinn als mehr dem Geschäft als den Aktionären gehörig“, spricht Henry Eord im Namen der meisten seiner Standesgenossen (a. a. 0. Seite 189.). Aber auch das Anlage suchende große Publikum hat die Scheu vor der Beteiligung an gewinnbringenden Unternehmungen zum großen Teil aufgegeben. Es kauft Aktien, Obligationen und Hypotheken auch und mit Vorliebe aus erster Hand, das heißt in einem Zeitpunkte, in dem es sein Geld dadurch noch in echtes Kapital verwandelt. Daß auch das „negative“ Kapital, das heißt die zum Ankauf schon vorhandener Effekten verwandten Geldsummen, zu einem beträchtlichen Teil für das Kapitalverhältnis gerettet werden, werden wir festzustellen später noch Gelegenheit haben. Ein weiterer Umstand, der die Kapitalbildung befördert, ist b) die zunehmende Ausdehnung des Kapitalverhältnisses. Diese bewirkt, daß die Möglichkeiten der Kapitalverwertung immer zahlreicher werden und damit die Leichtigkeit und der Anreiz, Sparbeträge in Kapital zu verwandeln, wachsen. Man kann also sagen, daß automatisch mit der Ausweitung des Kapitalismus die Chancen der Kapitalbildung sich verbessern. Damit im Zusammenhänge steht derjenige Vorgang, den man als Funktionswechsel der Anleihen bezeichnen kann. In dem Maße nämlich, in dem sich die kapitalistische Produktion ausdehnt, werden die Gelder, die öffentliche Körper vereinnahmen, doch wieder als Kapital verwandt, während sie früher in viel größerem Umfange entweder unmittelbar zu konsumtiven Zwecken verwandt wurden oder dem Handwerk zuflossen. Man denke an die Verwendung von Anleihen namentlich der Gemeinden zu öffentlichen Bauten, zu Verkehrsanlagen, zur Anlage von Gas-, Wasser- oder Elektrizitätswerken usw. Immer treten die geliehenen Gelder in das Kapitalverhältnis ein. Aber selbst die 170 Erster Abschnitt: Das Kapital Anleihen zu Heereszwecken nehmen heute fast durchgängig die Kapitalform an, sobald mit ihnen Bestellungen bei kapitalistischen Unternehmungen gemacht werden. Endlich ist hier zu erwähnen c) die Ausbildung der Technik, potentielles Kapital in aktuelles'' zu verwandeln. Ich denke dabei an folgende Entwicklungsreihen: a) die’Zunahme der Kapitalbildung im Bahmen einer und derselben Unternehmung. Diese findet statt sowohl weil die kapitalistischen Unternehmungen zahlreicher als auch weil sie größer werden. Dadurch geschieht es, daß — unter dem Einfluß der oben Seite 167 geschilderten Geschäftsmaximen — immer häufiger Geschäftsüberschüsse des eigenen Geschäfts dem Kapital zugeschlagen werden: Rücklagen der Aktiengesellschaften! Nach Berechnungen amerikanischer Forscher werden neun Zehntel des „corporate surplus“, das heißt des Reinertrages, der übrig bleibt nach Ausschüttung der Dividenden, verwendet zum Zweck der Geschäftserweiterung („for the extension or safe guarding of business“). Um welche Riesenbeträge es sich dabei handelt, ist aus folgenden Ziffern ersichtlich: Der Corporate Surplus betrug: 1913 . 1000000000 $ 1914 . 500000000 „ 1915 . 1600000000 „ 1916 . 3900000000 „ 1917 . 3400000000 „ 1918 . 1700000000 „ 1919 . 1300000000 „ 1921 . 500000000 „ Bureau of Economic Research. Inccme in the U. S. A. pag. 33, 46. Andere Ziffern, aus denen der Umfang der „Selbstfinanzierung“ amerikanischer Gesellschaften hervorgeht, sind folgende: Eine Anzahl von Unternehmungen, deren Kapitalprofit 1911 bis 1918 6010000000 $ betrug, verteilten davon 3240000000 $ als Dividende und behielten den Rest für die Ausweitung ihres Geschäftes zurück. 144 führende Gesellschaften (im Wall Street Journal aufgeführt) steckten von ihren Profiten ins Geschäft: 1915 . .... 354 Millionen $ 1916 .... 921 33 33 1917 .... 695 ?3 33 1918 .... 445 53 33 1919 .... 463 33 3 3 1920 . .... 382 33 33 Ziffern bei Lincoln, Applied Business Finance 2 (1923), 723 ff. Dreizehntes Kapitel: Die Entstehung des Geldkapitals im allgemeinen 171 Für Standard Oil liegen folgende Ziffern vor: Von 1882 bis 1906 betrug, wie wir sahen, der Nettogewinn 838783783 $, er überstieg den an Dividenden ausgeschütteten Betrag um 290347337 $; das ist diejenige Summe, die zur Ausweitung der eigenen Anlagen Verwendung gefunden hat. Während der Jahre 1897 -—1906 waren das jährlich 20 Millionen $, die solcherweise durch „Selbstfinanzierung“ bei dieser einen Gesellschaft aufgebracht wurden. Rep. on Petroleum, 1. c. und E. Jones, 1. c. Interessant ist der Vergleich zwischen Amerika und europäischen Staaten. Auch hier findet in wachsendem Umfange eine Verwendung des Reinertrages der Aktiengesellschaften zu Geschäftserweiterungen statt, aber doch in geringerem Maße, wenigstens in England, für das allein mir genaue Ziffern bekannt sind. Größerer Unternehmungsdrang in U. S. A.! Für eine größere Anzahl englischer und amerikanischer A.-G. liegen folgende Ermittlungen vor: Im Durchschnitt der Jahre 1912—1921 entfielen von dem Reinerträge Prozente auf: Preferreds Commons Surplus Vereinigte Staaten . . . 18,5 36,8 44,6 England. 22,5 51,5 26,0 Der nicht ausgeschüttete Betrag (Surplus) steigt in England bis 36,7 0 / 0 , in U. S. A. bis 58,3 %. Siehe die Tabelle bei Charles W. Gerstenberg, Financial Organization (1924), 524. ß) Eine wesentliche Erleichterung der Kapitalbildung ist ferner dadurch herbeigeführt, daß diese eine kollektive geworden ist, wie man die Kapitalbeschaffung auf dem Wege der Gesellschaftsbildung nennen kann. Es ist bekannt, daß hier namentlich die Entstehung und Vervollkommnung der Aktiengesellschaft von außerordentlich weit- tragender Bedeutung gewesen ist. Über die Aktiengesellschaften und ihnen verwandte Gesellschaftsformen spreche ich in anderem Zusammenhänge noch ausführlich: siehe das 14., 46. und 47. Kapitel. y) Ebenso erwähne ich hier nur die Weise, wodurch die Technik, potentielles Kapital in aktuelles zu verwandeln, vervollkommnet ist: die Erleichterung der Überführung fremder, namentlich auch kleiner Sparbeträge an den kapitalistischen Unternehmer, also der Zusammenballung kleinster Partikelchen von Unternehmerwillen zu einem großen wirksamen Unternehmerwillen durch die Organisation des Kreditverkehrs, um mich darüber im folgenden Kapitel näher auszulassen. Wenn wir nun schließlich noch feststellen müssen, daß 3. die direkte Kapitalbildung in ihrer Gänze ein Werk der Kreditgewährung ist, so drängt unser Interesse immer mehr auf das nächste Kapitel hin, in dem das Kreditproblem im Zusammenhänge behandelt werden soll. 172 Erster Abschnitt: Das Kapital Zuvor will ich in diesem Kapitel nur kurz einen Blick auf die Möglichkeiten werfen, die tatsächlich vollzogene Kapitalbildung in ihrem Umfange ziffernmäßig zu erfassen. III. Das Anwachsen des Kapitals Wir haben drei Möglichkeiten, die tatsächlich erfolgte Anhäufung des Kapitals ziffernmäßig zu erfassen. 1. Die genauesten Ergebnisse liefern uns die Ziffern, in denen die Entwicklung eines bestimmten Wirtschaftsgebietes, einer bestimmten wirtschaftlichen Erscheinung zum Ausdruck gebracht wird. Also Ziffern über die Ausdehnung der Produktion, des Warenumsatzes, des Güterverkehrs; oder Ziffern über die Emission von Effekten, die Höhe der Depositen oder des Clearingverkehrs. Und wir werden am rechten Ort von diesen Ziffern ausgiebigen Gebrauch machen. Hier jedoch nützen sie uns wenig. Denn sie geben kein Gesamtbild. Was wir brauchen, ist eine Ziffer, die die Wertsteigerung des gesellschaftlichen Gütervorrats zum Ausdruck bringt, in der alle Einzelziffern auf einen Generalnenner gebracht sind. 2. Die übliche Methode, um zu dieser einen Ziffer zu gelangen, besteht in der Ermittlung dessen, was man das Volksvermögen oder Volkseinkommen genannt hat. Die Mängel dieses Verfahrens sind bekannt: weil man alle Werte in Geld ausdrückt, berücksichtigt man die Veränderungen des Geldwertes nicht; man kann Doppelzählungen schwer vermeiden; man arbeitet mit ganz schiefen Begriffen, wie z. B. dem „automatischen Wertzuwachs“ des Grund und Bodens, der natürlich nie und nimmer einen Zuwachs des gesellschaftlichen Kapitals bedeutet u. a. m. Dennoch werden wir die Ergebnisse, zu denen man auf diesem Wege gelangt, nicht unbeachtet lassen dürfen. Sie geben uns immerhin Annäherungswerte, mit denen wir uns begnügen müssen, und gewinnen dadurch an Geltungswert, daß sie mit Ziffern, die auf anderem Wege gewonnen sind, wie wir sehen werden, ziemlich übereinstimmen. Ich wähle die Ziffern, die sich auf England und Deutschland beziehen, weil sie mir die zuverlässigsten zu sein scheinen. Die englischen Ziffern sind zudem besonders wertvoll, weil sie am weitesten in die Vergangenheit zurückreichen. Die Quellen sind jetzt zusammengestellt und gewürdigt bei W o y t i n s k i a. a. 0. Dreizehntes Kapitel: Die Entstehung des Geldkapitals im allgemeinen 173 Großbritanniens (United Kingdom) Volksvermögen („Property“) betrug: 1812. 2,7 Milliarden £ 1833 . 3,6 J? 1845 . 4,0 5 > 1865 . 6,0 JJ 1875 . 8,5 >> 1885 . 10,0 J Vor dem Kriege. 13-15 „ JJ Also: langsame Vermehrung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts: um etwa 1,5% im Jahresdurchschnitt, raschere Vermehrung seitdem: um etwa 3,3% jährlich. Deutschlands Volksvermögen: 1886 . 175 Milliarden Mk. (Becker) 1895 . 200 ,, ,, (Schmoller) 1910-1911 . . . 300-320 „ „ (Helfferich). Das bedeutet für die 25 Jahre von 1886 bis 1910 einen jährlichen Zuwachs von durchschnittlich 3—3%%> für die 15 Jahre von 1895 bis 1910 von 3—4%. Einen anderen Entwicklungstypus, den ich zum Vergleich heranziehe, stellen naturgemäß die Vereinigten Staaten von Amerika dar. Sie sind ein Land, in dem — dank der Einwanderung — die Bevölkerung bis vor kurzem in einem unnatürlichen Verhältnis gewachsen ist: bis zum Ende des 19. Jahrhunderts um 3—4% jährlich. Demgemäß ist auch das Volksvermögen rascher gewachsen als in den europäischen Ländern, zumal der normale Zuwachs — dank nun wiederum dem größeren Reichtum des Landes — ebenfalls größer ist als in Europa. Neuerdings scheint auch in den Vereinigten Staaten das Schrittmaß der Kapitalakkumulation etwas verlangsamt zu sein und sich dem europäischen mehr anzunähem (dank der verringerten Zuwachsrate der Bevölkerung, die in den letzten drei Jahrzehnten je 2%, 2%, 1,4% betragen hat). Nach den neuesten Feststellungen amerikanischer Forscher hat sich die amerikanische Produktion in den letzten dreißig Jahren um 3%.—4% im Jahre vermehrt. Siehe Lionel D. Edie, The Stabilization of business (1923), 237. Damit würde also die Reichtumsvermehrung in den Vereinigten Staaten sich derjenigen angenähert haben, die die europäischen Staaten in den letzten Jahrzehnten vor dem Kriege aufwiesen. 174 Erster Abschnitt: Das Kapital 3. Einen andern Weg, um zu einer Gesamtwertzuwachsziffer und also zu einer Erfassung der Kapitalakkumulation zu gelangen, hat in letzter Zeit mit glücklichem Erfolge Gustav Cassel beschritten: den Weg über die Größe der Goldproduktion. Die Erwägungen, die es angängig erscheinen lassen, mit Hilfe der Goldproduktionsstatistik auf den Umfang der Güterproduktion zu schließen, sind folgende: Wenn die Goldproduktion der Preisbildung parallel geht, das heißt, wenn die Preise nicht steigen, obwohl die Goldproduktion zunimmt, so beweist das, daß sich der Warenumfang in gleichem Verhältnis wie die Goldproduktion vergrößert hat: vorausgesetzt, daß zu den Zahlungen die gleiche Menge Gold gebraucht wird. Wird weniger gebraucht — durch Beschleunigung des Geldumlaufs und Ausbildung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs — so ist die Steigerung des Warenumsatzes entsprechend größer. Die Tatsachen sind mm folgende: Während des Zeitraums von 1850 bis 1910 hat sich der Goldvorrat von 10 auf 52 Milliarden Mk. vermehrt, das heißt um durchschnittlich 2,8% (unter Berücksichtigung der Abnutzung um 3%) im Jahre. Der Preisstand ist 1850 und 1910 derselbe; nach dem Sauerbeck- Index 1848-1851: 76; 1908-1911: 761/4. Daraus schließen wir, daß sich der Warenumsatz während dieses Zeitraums mindestens verfünffacht hat. Die Steigerung fällt hauptsächlich in den Zeitraum von Mitte der 1890 er Jahre bis zum Jahre 1910. Denn die Goldproduktion (und also der Warenumsatz) stieg: von 1850 bis 1893 (in 43 Jahren) von 3 auf 9 „ 1893 „ 1910 („ 17 „ ) „ 3 „ 5. Das sind nun nach dem Gesagten Mindestziffern, da sicherlich der Bedarf an Gold in diesen Zeiträumen durch die angegebenen Mittel verringert worden ist, das heißt: mehr Umsätze mit derselben Goldmenge bewerkstelligt worden sind. Immerhin besitzen wir auch in diesen Ziffern einen annähernd sicheren Anhaltspunkt, um die Steigerung der Umsätze und damit die Höhe der Kapitalbildung zu bemessen. Unser Vertrauen in die Richtigkeit der Ziffern wird aber verstärkt, wenn wir feststellen können, daß- sie mit den auf dem Wege der Volksvermögen- und Volkseinkommenermittlung gewonnenen fast genau übereinstimmen. 175 Vierzehntes Kapitel Der Kredit und seine Entwicklung I. Das Wesen des Kredits 1. Der Begriff Kredit ist: Kaufkraft ohne Geldbesitz. Man „hat“ Kredit, Kredit wird „gegeben“ vom Kreditgeber, creditor, „genommen“ vom Kreditnehmer, debitor. Der Akt des Kreditgebens und Kreditnehmens bedeutet: Gewährung (Entgegennahme) von Kaufkraft gegen das Versprechen der künftigen Gegenleistung. Kredit im Sinne von Kreditgeschäften oder Kreditverkehr ist diejenige Form des Verkehrs (der marktmäßigen Wirtschaft), bei der einer Leistung nicht sofort die Gegenleistung, sondern nur das Versprechen einer solchen in der Zukunft entspricht. Dies die lehrbuchmäßige Begriffsbestimmung. Zum Wesen des Kredits gehörig erachte ich (unter Ablehnung einer heute weitverbreiteten Ansicht) die Vereinigung des objektiven Momentes der zeitlichen Trennung von Leistung und Gegenleistung mit dem subjektiven Bestandteil der Erwartung: dem „Vertrauen“, daß die künftige Gegenleistung erfolgen werde. Das „Vertrauen“ braucht kein Vertrauen in die persönliche Sicherheit des Kreditnehmers zu sein (sonst gäbe es keinen Realkredit); es kann auch in objektiven Verhältnissen gründen. Ob eine „Zwangsanleihe“ ein Kreditgeschäft sei, ist eine Doktorfrage, deren Beantwortung je nach den besonderen Umständen verschieden lauten wird. 2. Arten des Kredits Unter teilweiser Anlehnung an die herrschende Begriffsbildung und Namengebung, in wesentlichen Punkten jedoch von ihnen abweichend, unterscheide ich folgende Arten des Kredits: a) Nach dem Verwendungszweck: Konsumtivkredit, der zu Zwecken des individuellen Verzehrens, und Produktivkredit, der zu Geschäftszwecken gegeben wird. Nur um diesen ist es uns hier zu tun. 176 Erster Abschnitt: Das Kapital Produktivkredit ist entweder „langfristig“, das ist der zur Beschaffung des stehenden Kapitals gegebene Kredit, oder „kurzfristig“, wenn er zur Beschaffung des umlaufenden Kapitals dient. Die wichtigste Unterscheidung, die für diese beiden Kreditarten gleichermaßen gilt, ist aber die in Zirkulations- und Produktionskredits, wie ich die auch von andern (wenigen) gesehenen Arten nennen will. Die Unterscheidung ist vom Standpunkt des Einzelunternehmens getroffen und besagt folgendes: daß Kredit entweder genommen wird, lediglich, um Kapitalbestandteile in eine andere Form zu verwandeln, oder um den Kapitalbetrag, über den eine Unternehmung verfügt, auszuweiten, zu vergrößern. Oder — unter etwas anderem Gesichtswinkel dasselbe gesehen — entweder „to transfer Commodities which already are in existence“ oder „to bring new products in existence“ (M° Leod). Jenes ist der Zirkulationskredit, auch als Beschleunig- ungs = Liquidationskredit zu bezeichnen, üblicherweise auf Grund von Diskontierung von Warenwechseln oder Lombardierung von Waren gegeben; dieses der Produktionskredit, auch Erweiterungs- = Ausdehnungskredit nennbar, als Buchkredit, Akzeptkredit usw. in die Erscheinung tretend. Die Unterscheidung von Zirkulationskredit und Produktionskredit ist, wie gesagt, von entscheidender Wichtigkeit und wird uns als bestes Einordnungsmittel dienen. Diese erste Einteilungsweise stellt sich abrißmäßig wie folgt dar: Konsumtivkredit — Produktivkredit Langfristiger Kredit Kurzfristiger Kredit Zirkulationskredit Produktionskredit b) Nach dem Ursprung des Kreditgeschäfts gibt es: Warenkredit, der in der Stundung der Kaufsumme für eine Ware besteht, also mit der Hingabe einer Ware seinen Anfang nimmt: der übliche Warenwechselkredit der Geschäftsleute untereinander; Darlehnskredit, der in der Verleihung einer Geldsumme seitens des Kreditors oder in der Anweisung auf eine solche besteht, also mit der Hingabe einer Geldsumme seinen Anfang nimmt. c) Nach der Herkunft der Kreditmittel lassen sich wichtige Unterscheidungen treffen, die gleichzeitig auch Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung 177 die Verschiedenheit des „Entsprechungsverhältnisses“ oder „Deckungsverhältnisses“ der einzelnen Kreditarten zum Ausdruck bringen. Der Begriff der „Deckung“ wird hier im samtwirtschaftlichen Sinne gefaßt, nicht im privatwirtschaftlichen, in dem er nichts andres bedeutet, als Sicherung der Forderung und zu der für uns belanglosen Gegenüberstellung von Personal- und Realkredit (mit seiner Unterteilung in Faustpfand-, Verschreibungs- und Gewahrsamskredit in der Knies- schen Sprachweise) führt. Die Mittel, mittels deren Kredit gegeben, also eine Kaufkraft dem Nicht-Geldbesitzer verschafft wird, stammen entweder aus dem gesellschaftlichen Einkommen oder dem (umlaufenden) Kapital oder dem Nichts. Die beiden ersten Ursprünge gehören zusammen und stehen dem dritten gegenüber. Ich bezeichne sie als Übertragungskredit im Gegensatz zu dem Anweisungskredit, wie wir denjenigen Kredit nennen wollen, der dem Nichts entspringt. Übertragungskredit liegt also vor, wenn der Wert eines schon erworbenen Einkommensanspruchs oder eines schon entstandenen Kapitalgutes dazu dient, einem Unternehmer Kaufkraft zu verleihen. Also wenn ich meinen Gehalt dem Bankier borge, der ihn weiter verleiht; oder — der deutlichste Fall — aller Warenwechsel- und Lombardkredit; oder die Deponierung der zurückströmenden Bestandteile des sich langsam amortisierenden stehenden Kapitals bei der Bank. Von Anweisungskredit dagegen wollen wir dann sprechen, wenn der Kredit auf nichts anderem beruht, aus nichts anderem entspringt, als der bloßen Verfügung des Kreditgebers. In diesem Falle haben wir es also mit demjenigen zu tun, was wohl auch als Kreditschöpfung bezeichnet wird. Da aber dieser Begriff keineswegs zu völliger Klarheit entwickelt ist, so müssen wir versuchen, ihn noch etwas genauer zu bestimmen. Eine Kreditschöpfung liegt auch schon vor, wenn noch nicht dasjenige vorliegt, was ich als Anweisungskredit bezeichnet hatte. Man kann von Kreditschöpfung sprechen, wenn der gewährte Kredit hinausgeht: a) über die Aktiva des Kreditnehmers; das ist der Fall bei allem Produktionskredit: siehe oben Seite 176; oder b) über die Aktiva des Kreditgebers; das trifft dann zu, wenn die Summe der kreditierten Beträge die Summe der Anrechte des Kreditgebers an effektive Einkommens- oder Warenbeträge übersteigt; oder endlich Sombart, Hoehkapitalismus. 12 178 Erster Abschnitt: Das Kapital. c) über die Aktiva der Gesellschaft. Nur in diesem letzten Falle liegt Anweisungskredit, liegt echter schöpferischer Kredit vor. Was aber bezeichnen wir füglich als Aktiva der Gesellschaft ? Nicht, wie gleich bemerkt sein mag, produzierte Güter, sondern Produktivkraft, das heißt: Arbeitsleistung eines bestimmten Ausmaßes, wie sie in der bisher aufgewandten Arbeitsmenge zum Ausdruck kommt. Machen wir uns folgendes klar: auch im Falle des Übertragungskredits, wenn Einkommensanrechte von dem einen auf den andern übertragen werden, sind noch keine Einkommensgüter für den Zedenten produziert, brauchen es wenigstens noch nicht zu sein. Aber es stehen Arbeitskräfte zur Verfügung, die sie produzieren könnten, und die die Einkommensgüter für den Kreditgeber erzeugen würden, wenn dieser nicht den Entschluß gefaßt hätte, auf die Erzeugung dieser Einkommensgüter zu verzichten und statt dessen Produktionsmittel oder Einkommensgüter für die Lohnarbeiterklasse produzieren zu lassen. Der Kreditakt bewirkt hier nichts andres, als daß die Verwendung der vorhandenen Arbeitskräfte in einer andern Richtung erfolgt, als es ohne sein Dazwischentreten der Fall wäre: die Richtung der Produktion wird beeinflußt, ihr Ausmaß bleibt unverändert: vgl. was ich oben über die Bedeutung des Sparaktes gesagt habe. Nicht so beim echten Anweisungskredit. Hier geht die gewährte Kaufkraft über den in Tätigkeit befindlichen Vorrat an Arbeitskräften hinaus. Er stellt also immer Kaufkraft dar, die nur durch Zusatzarbeit befriedigt werden kann, sei es, daß diese durch Längerbeschäftigung der vorhandenen Arbeitskräfte, sei es, daß sie durch Einstellung neuer Arbeitskräfte beschafft wird. Daraus wird ersichtlich, daß der Anweisungskredit eine sehr wesentliche Bedeutung für die Entstehung neuen Kapitals hat. Er stellt den Weg der direkten Kapitalbildung dar, den ich oben bereits aufgewiesen hatte. Man könnte auf den Gedanken kommen, daß die Gewährung von Anweisungskredit die einzige Form der Kapitalakkumulation wäre. Aber man würde damit einem Irrtum verfallen. Gesellschaftlich betrachtet gibt es noch eine andere Möglichkeit, das vorhandene Kapital zu vergrößern, auf die ich im vorigen Kapitel bereits hingedeutet habe. Es ist die Ausweitung des Kapitals infolge gesteigerter Produktivität der Arbeit. Wenn diese nämlich steigt, so entsteht die Möglichkeit, die vorhandene Arbeiterschaft mit einem geringeren Güterbetrage zu unterhalten, als er dem bisherigen Betrage des gesellschaftlichen Ein- Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung 179 kommens entspricht. Vorausgesetzt, daß sich die Preise der gesteigerten Produktivität noch nicht angepaßt haben und also eine Erhöhung des Reallohnes in einem der gestiegenen Produktivität entsprechenden Umfange noch nicht stattgefunden hat. Alsdann bleiben Einkommensbeträge frei, die zur Vermehrung des Kapitals Verwendung finden können. Sie zusammen mit der Höhe des Anweisungskredits bestimmen das Ausmaß der tatsächlich möglichen Kapitalakkumulation. Ich sagte vorhin, daß der Begriff der Kreditschöpfung bisher unklar geblieben sei. Wir vermögen jetzt einzusehen, worin die Unklarheit ihren Grund hat. Offenbar nämlich in der Vermengung privatwirtschaftlicher und samtwirtschaftlicher Gesichtspunkte. Behauptungen, wie wir sie bei Schumpeter und Hahn finden, daß sieben Achtel aller Bankkredite „schöpferischer“ Kredit seien, sind nur verständlich, wenn wir berücksichtigen, daß diese Autoren als schöpferischen Kredit auch jenen bezeichnen, der über die Aktiva des Kreditgebers oder Kreditnehmers hinausgeht und nicht scharf genug davon den echten schöpferischen Kredit unterscheiden, den ich als Anweisungskredit bezeichnet habe und dessen Eigenart, wie wir nun erkannt haben, darin besteht, daß er eine Kaufkraft über die jeweilig zur Verfügung stehende oder richtiger: in Tätigkeit befindliche gesellschaftliche Arbeitskraft darstellt. 3. Grenzen des Kredits Den interessantesten Teil des Kreditproblems enthält die Erage nach den Grenzen des Kredits; die Frage also: wieweit der Kredit ausgedehnt werden kann, ohne daß das Wirtschaftsgefüge in Unordnung gerät. Man hat gesagt (Hahn), daß allein das subjektive Ermessen des Kreditgebers (in Gestalt des Bankiers) über die Höhe des Kredits zu entscheiden habe. Soll damit gesagt sein (was ich bei einem so urteilsfähigen Schriftsteller, wie dem Genannten, nicht annehme), daß den Entscheid über die Ausdehnung des Kredits die an keine objektiven Bedingungen gebundene Willkür des Kreditgebers treffe, so enthält der Satz natürlich schieren Unsinn. Soll aber damit ausgedrückt werden, daß der die objektiven Bedingungen richtig beurteilende Entschluß des Kreditgebers maßgebend sei, das heißt also: daß die objektiv richtige Entscheidung des Bankiers dem Kredit die zulässigen Grenzen steckt, so mag er gelten. Dann aber ist unsere Frage noch nicht sachlich beantwortet. Die Antwort ist nur hinausgeschoben; denn es hat sich 12 * 180 Erster Abschnitt: Das Kapital eine neue Frage ergeben: nach den objektiven Bedingungen, denen die gesunde Kreditgewährung unterliegt. Welches sind nun diese objektiven Bedingungen? Man hat sie damit bestimmen zu können geglaubt, daß man gesagt hat: Kredit kann solange gewährt werden, als die Sicherheit besteht, daß die kreditierten Beträge einmal zurückgezahlt werden. Das ist der Gedanke M°Leods : „Credit is never excessive whatever its absolute amount, as long as it always return to itself.“ 1. c. pag. 276 ff. Danach Schumpeter, a. a. 0. Seite 219f. Der Gedanke ist richtig, nur zu eng gefaßt: es bestehen noch andere Schranken für die Ausdehnung des Kredits. Aber die Hauptsache: soweit der Gedanke richtig ist: wann besteht denn die Gewißheit oder Wahrscheinlichkeit, also Möglichkeit für den Kreditnehmer, daß er den geschuldeten Betrag zurückzahle? Doch offenbar dann, wenn ganz bestimmte objektive Bedingungen erfüllt sind. Man sieht: wir sind wieder auf die Frage zurückverwiesen: welches denn nun diese objektiven Bedingungen zulässiger, das heißt möglicher Kreditgewährung sind. Wir können deren drei verschiedene Gruppen unterscheiden oder richtiger: es gibt drei verschiedene Arten von Schranken, die der Kreditausdehnung gesetzt sind: solche, die für allen Kredit, solche, die für den Übertragungskredit und solche, die für den Anweisungskredit gelten. 1. Für allen Kredit besteht eine Schranke in der Größe des Bargeldvorrates eines Landes, also in normalen Zeiten in der Größe des Goldvorrates, da die Ausgabe vonNoten in einem bestimmtenMengen- verhältnis zum Gold Vorrat erfolgt. „Es muß nie vergessen werden, daß .. . das Geld — in der Form der edlen Metalle — die Unterlage bleibt, wovon das Kreditwesen der Natur der Sache nach nie loskommen kann.“ (Marx, Kapital III. 2, 145.). (Die überragende Bedeutung, die das Ausmaß der Goldproduktion auch für die Entfaltung des Hochkapitalismus besitzt, und die wir an verschiedenen Stellen schon bemerken konnten, läßt sich hier wieder ahnen: siehe die Ausführungen im geschichtlichen Teil.) Der Grund, weshalb die Spannweite des Kreditbogens durch die Ausdehnung der Goldunterlagen bestimmt wird, liegt nahe: unser kapitalistisches Wirtschaftsleben ist bisher nicht völlig bargeldlos gewesen, das heißt, hat an bestimmten Stellen der Bargeldzahlungen benötigt, und wird ihrer voraussichtlich auch in Zukunft benötigen. Und solange ein Rest von Bargeldzahlungen bestehen bleibt, gilt der Satz von der Begrenztheit des Kredits durch die Größe des Goldvorrats. Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung 181 Wie stark heute noch der Bargeldverkehr selbst in den kapitalistisch höchstentwickelten Ländern ist, erweist die Statistik. Nach Robertson, Geld (1924), 43 ist das Verhältnis des Bargeldes zu den Depositen in England wie 1:9; nach Irving Fisher, Purchase power of money, 12 für die Vereinigten Staaten sogar wie 1% : 7. Die Verhältniszahlen drücken für dieses Land gleichzeitig die absoluten Ziffern in Milliarden $ aus, wobei von den 1% Milliarden Bargeld % Milliarde Gold ist. Der verhältnismäßig hohe Bedarf an Bargeld wird uns verständlich, wenn w r ir die zahlreichen Fälle uns vergegenwärtigen, in denen Bargeld benötigt wird. Es sind folgende: I. Saldierungen zwischen den einzelnen Ländern zur Ausgleichung der Zahlungsbilanz; II. Saldierung zwischen den einzelnen Banken; III. Zahlungen im Kleinverkehr: Straßenbahnen, Theater, Restaurants, Trinkgelder, Almosen usw. Man hat sehr treffend gesagt: das Scheckbuch kann (und soll) die Kasse ersetzen, aber nicht das Portemonnaie. Im Vorbeigehen mag festgestellt werden, daß diejenigen einer großen Täuschung unterliegen, die glauben, daß der Scheck berufen sei, Geld zu ersetzen, das heißt als Geldsurrogat wie die Banknote zu funktionieren. Das wird er nie können aus folgenden Gründen: 1. Der Scheck empfängt seinen inneren Wert und damit seine Zahlungskraft durch den Aussteller, der in weiteren Kreisen unbekannt ist; 2. der Scheck hat keine Beziehung zum Gelde; 3. der Scheck lautet nicht auf runde Summen. Ist in den aufgezählten drei Fällen die Beseitigung des Bargeldverkehrs grundsätzlich unmöglich, so wird man für die folgenden zwei Fälle eine solche Beseitigung grundsätzlich für möglich halten müssen, wird aber gleichzeitig festzustellen haben, daß die Beseitigung in der Praxis so gut wie unmöglich erscheint. Die Fälle, die ich im Auge habe, sind: IV. Die Lohnzahlungen. Selbst in den Vereinigten Staaten, in denen der Scheckverkehr einen sehr hohen Grad der Entwicklung erreicht hat, werden einstweilen doch nur etwa 30% der Arbeitslöhne in Schecks bezahlt. V. Die Zahlungen an die Landwirte, insbesondere dort, wo diese Kleinwirte (Bauern) sind. Bekannt ist, daß diese Zahlungen im Herbste besonders hohe Anforderungen an das Bargeld stellen (der autumnal drain). Und zwar sowohl im Rahmen der einzelnen Volkswirtschaften (sehr fühlbar in Ländern wie Vereinigte Staaten, Rußland, Ungarn); als auch im internationalen Verbrauch, wo in denjenigen Ländern, die 182 Erster Abschnitt: Das Kapital Agrarprodukte (Nahrungsmittel und Kohstoffe) einführen, die Handelsbilanz (und häufig die Zahlungsbilanz) während der Herbstmonate stark passiv wird und die Notwendigkeit der Goldausfuhr entsteht. 2. Einfach läßt sich die Formel aufstellen für die Grenze, die der Ausdehnimg des Übertragungskredits gesteckt ist. Da dieser nämlich, wie wir gesehen haben, die Funktion hat, potentielles in aktuelles Kapital zu verwandeln, so kann er immer nur bis zur Höhe des potentiellen Kapitals gewährt werden: der Umfang der Sparbeträge ist die Grenze, die er niemals überschreiten kann. Wie aber steht es 3. mit dem Anweisungskredit, der in seiner Selbstherrlichkeit aller Schranken zu spotten scheint? Auch er ist natürlich erdengebunden, wenn sich auch die Grenzen seiner Ausdehnungsfähigkeit nicht so ziffernmäßig angeben lassen, wie es beim Übertragungskredit der Fall ist. Daß auch der Anweisungskredit, wie aller Kredit, die Grenzen ein- halten muß, die durch die Größe des Bargeldvorrates gezogen sind, haben wir bereits festgestellt. Im übrigen aber bildet für ihn die einzige — freilich sehr feste — Schranke: die Ausdehnungsfähigkeit der kapitalistischen Wirtschaft. Diese läßt sich a) nach ihrer subjektiven Seite hin bezeichnen als die Leistungsfähigkeit der kapitalistischen Unternehmer in intellektueller wie moralischer Hinsicht; als „das technische und moralische Niveau der Unternehmer und überhaupt aller Wirtschaftssubjekte, auch die konkrete Natur der neuen Unternehmungen“ (Schumpeter); b) nach ihrer objektiven Seite hin wird die Ausdehnungsfähigkeit der kapitalistischen Wirtschaft bestimmt durch die Ausdehnungs- (Entwicklungs-)fähigkeit: a) des Sachkapitals, ß) der Arbeitskräfte, y) des Absatzes. Wie sich auf diesen drei Gebieten die Entwicklungsmöglichkeiten theoretisch gestalten und empirisch im Laufe der hochkapitalistischen Epoche gestaltet haben, darzustellen, ist die Aufgabe der nächsten Abschnitte. Die Ausdehnungsfähigkeit der kapitalistischen Wirtschaft hängt aber c) noch ab von dem glatten, reibungslosen Arbeiten der kapitalistischen Maschinerie, das heißt, von dem richtigen Ablauf des wirtschaftlichen Prozesses, insbesondere von der Voraussetzung einer steten Proportionalität der Produktion, damit keine „Störungen“ entstehen. Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung ][§3 Von diesen Zusammenhängen handelt der dritte Hauptabschnitt dieses Buches. II. Die Vervollkommnung der Kredit-Wirtschaft Die bisher entwickelten Züge sind allem Kredit eigentümlich,, deshalb bilden sie sein Wesen. Der Kredit im Zeitalter des Hochkapitalismus trägt nun aber zudem noch ein besonderes Gepräge. Es haben sich während dieser Periode eigenartige Formen herausgebildet, die zu einer außerordentlichen Vervollkommnung der Kreditwirtschaft beigetragen haben. Drei Prinzipien sind in unserer Zeit im Kreditverkehr zur Geltung gekommen, deren Anwendung jene Wirkung gehabt hat: das Bankprinzip, das Effektenprinzip und das Prinzip der bargeldlosen Zahlung. Sie müssen wir jetzt näher kennen lernen. Und zwar betrachten wir sie auch zunächst theoretisch, das heißt in ihrer „idealtypischen“ Reinheit, um sie nachher im Zusammenhänge in ihrer historischen Gestaltung zu verfolgen. 1. Das Bankprinzip Unter dem Bankprinzip ist, wenn man sich sauberer Begriffsbildung befleißigt, zu verstehen: das Prinzip der Kreditgewährung unter Benutzung eines kollektiven Leihfonds. Dieses Prinzip ist deshalb für die Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft von so entscheidender Bedeutung, weil es die erste Staffel auf dem Wege zur Entpersönlichung des Kreditverkehrs ist. Eine Bank ist danach ein Institut, das das Bankprinzip anwendet. Was heute im Firmenregister als Banken eingetragen ist, sind — selbst wenn man auf ihre vielfachen Nebengeschäfte keine Rücksicht nimmt —■ Veranstaltungen zum Abschluß von Kreditgeschäften, die dreifacher Art sind: Kreditgewährung: aus dem eigenen Kapital; Kreditschöpfung: aus dem Nichts; Kreditvermittlung: aus fremdem Gelde. Von diesen drei Tätigkeiten sind nun die zwei ersten sicher der Art, daß sie kein Kreditinstitut als Bank bestimmen können. Jede Finanzierungsgesellschaft, jeder Privatfinanzier tut dasselbe. Die dritte Tätigkeit, die Kreditvermittlung, ist allerdings eher der Bank eigentümlich. Weshalb man die Bank etwas vorschnell als „kreditvermittelndes“ Institut definiert. Sieht man aber genauer hin, so findet man, daß auch die Kreditvermittlung als solche nichts ist, was eine Bank von andern Kreditinstituten unterscheidet: jeder Wechselmakler, jedes Hypothekenkommissionsgeschäft treibt auch Kreditvermittlung und ist doch keine Bank. Eine Bank ist 184 Erster Abschnitt: Das Kapital eben ein kreditvermittelndes Institut besonderer Art, nämlich ein solches, das, wie ich oben sagte, sich bei dieser Kreditvermittlung des Bankprinzips bedient. Um zu verstehen, was ich mit dieser Begriffsbestimmung meine, müssen wir uns das Baugefüge einer Bank vergegenwärtigen: Die Tätigkeit einer Bank besteht darin, daß sie von möglichst vielen Personen sich deren Sparbeträge kreditieren läßt, die sie als „irreguläre“ Depositen bei sich ansammelt. Die Depositen bestehen aus: (1.) Einkommensteilen jeder Art, (2.) Kapitalbestandteilen, (3.) sogenanntem negativen oder fiktiven Kapital, Rentenfonds, das sind die Geldbeträge, die aus dem Kauf und Verkauf von Effekten stammen: sogenanntes Ultimogeld, aus dem Kauf und Verkauf von Grundstücken und Häusern, aus Erbschaften u. ä. Mittels dieser durch das Passivgeschäft hereingekommenen Depositen wird ein großer Teil der Aktivgeschäfte der Banken finanziert, indem sie kreditsuchenden Unternehmungen zugeführt werden, sei es zum Zwecke der Beschaffung von Umlaufskapital (sogenannter kurzfristiger Kredit); und zwar sowohl als Zirkulationskredit (Wechseldiskontierung, Warenlombardierung), wie als Produktionskredit (Buchkredit, Akzeptkredit); sei es zum Zwecke der Beschaffung von Anlagekapital, in Gestalt sogenannten langfristigen Kredits. Diese Gewährung von Anlagekredit durch die Banken ist wohl in einzelnen Ländern (Vereinigte Staaten, Deutschland) ausgeprägter und allgemeiner, findet aber in allen Ländern gleicherweise statt: in Gestalt von Buch- oder Akzeptkredit bei der eigentlichen Depositenbank, in Gestalt von Hypothekarkredit bei den Hypothekenbanken, Lebensversicherungsgesellschaften, Sparkassen. Der Gegensatz zwischen dem englischen und deutschen Bankwesen, der bei uns üblicherweise gelehrt wird und der darin bestehen sollte, daß die deutschen Kreditbanken Anlagekredit gewährten, die englischen Depositenbanken nicht, ist ursprünglich wohl stark hervorgetreten, allmählich immer schwächer geworden und heute nur noch in einem sehr geringen Maße vorhanden. Siehe jetzt für England v. Wieser, Die Finanzierung der englischen Industrie. 1919. Vgl. die Ausführungen im geschichtlichen Teil. Wir sehen also: die Kreditvermittlung, die die Banken betreiben, ist besonderer Art: sie findet nicht statt zwischen einer Einzelperson als Kreditgeber und einer anderen Einzelperson, sondern: zwischen jener und einer Kollektivität von Kreditgebern. Es ist damit, Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung 185 wie ich oben schon sagte, der erste Schritt zur Entpersönlichung (Versachlichung) des Kreditverhältnisses getan: die persönliche Beziehung zwischen Kreditor und Debitor ist zerschnitten (die trotz der vermittelnden Tätigkeit des Wechselmaklers oder des Hypothekenkommissionsgeschäfts noch bestehen bleibt: A leiht dem B): dazwischen tritt die Bank, die Eigentümerin des Leihgeldes wird. Die Leihgelder sind zu einem — in seinen einzelnen Bestandteilen, den Depositen, fungibel gewordenen — unpersönlichen Leihfonds verschmolzen, der — ohne Rücksicht auf die Besonderheit seiner Bestandteile — nach Menge und Zeit beliebig verwendet wird. Die überragende Bedeutung, die der Anwendung des Bankprinzips für die Ausbildung des Kreditverkehrs zukommt, springt in die Augen. Sie besteht vornehmlich in folgendem: (1.) die Begegnung von Kreditnehmern und Kreditgebern wird formell erleichtert; (2.) die Unangemessenheit (Inadäquatheit) nach Größe und Leihfrist zwischen den Summen, die gegeben und genommen werden, verschwindet; (3.) der Leihfonds erfährt eine gewaltige Vergrößerung durch die Aufsaugung und Nutzbarmachung auch der kleinsten Sparbeträge. Nun haftet aber der bankmäßigen Beschaffung des Kapitals auf dem Wege der Depositen ein Mangel an: die zeitliche Beschränktheit der Passivgeschäfte. Die Depositen sind größtenteils kurzfristig, ein Teil ist auf Abruf gegeben; sie sind also — wenn man an dem Grundsatz der Liquidität der Banken festhält — ungeeignet für Anlagekredit. Diesem Mangel hilft ein zweites Prinzip ab, das während des 19. Jahrhunderts immer mehr zur Anwendung gelangt: 2. Das Effektenprinzip Das Effektenprinzip besteht in der vollständigen Versachlichung des Schuld- (bezw. Forderungs-)Verhältnisses und seiner Vergegenständlichung in einer Urkunde, dem sogenannten Wertpapier oder Effekt, dessen Innehabe die Berechtigung ausweist. Diese Urkunden sind vertretbare Werte und deshalb leicht übertragbar: bequeme Handelsartikel. Die Arten der Effekten, die für die Kapitalbildung vornehmlich in Betracht kommen, sind folgende: (1.) die Geldnote, das Papiergeld; (2.) der indossierte (girierte) Wechsel; 186 Erster Abschnitt: Das Kapital (3.) die Anteilberechtigungsscheine, das heißt: Urkunden (Wertpapiere), in denen das liecht auf den Teilbetrag eines Kapitals und auf den Bezug des diesem Teilbetrag entfließenden Profits verbrieft ist. Die wichtigsten dieser Anteilberechtigungsscheine sind: (a) die Aktie: der Dividendenschein; (b) die Obligation 1 . , , die Zinsberechtigungsscheine. (c) der Pfandbrief J ° Die Bedeutung der Effektifizierung des Schuldverhältnisses für die Ausgestaltung der Kreditwirtschaft ist verscheiden bei den verschiedenen Arten: Zu ( 1): die Geldnote, die ihrer leichten Übertragbarkeit und völligen Sicherheit wegen Geldqualität hat, weitet den Betrag des Geldes aus und ermöglicht dadurch eine weitere „Ausladung“ des Kreditbaues. Zu (2). Der indossable Wechsel erleichtert die Übertragung von Wechselschulden und weitet damit den Bereich ihrer Anwendung aus: der Wechsel wird ein beliebtes Zahlungsmittel. Das Indossament macht das Erscheinen der Interessenten an bestimmten Ausgleichstagen (Meßwechsel!) unnötig. Zu (3). DaB System der Anteilscheine bewirkt: (a) daß eine aufzubringende Kapitalmasse geteilt wird und also von mehreren (vielen) Personen aufgebracht werden kann, ohne den Umweg über den Bankkredit nehmen zu müssen. Dadurch wird der Kreis der Kreditgeber bereits ausgeweitet; (b) daß der Geldgeber sich jederzeit leicht aus dem eingegangenen Verpflichtungsverhältnis lösen kann durch Verkauf der Anteilscheine, ohne daß der Geldnehmer die Aufkündigung des Schuldverhältnisses zu gewärtigen hätte. Dadurch wird abermals der Kreis der Geldgeber ausgeweitet, weil sich nun auch solche beteiligen können, die sich nicht lange binden wollen; (c) daß sich Kreditgeber und Kreditnehmer leichter treffen, weil oft erst durch einen häufigen Besitzwechsel der Endbesitzer in den Besitz der neuen Kapitaltitel gelangt. Der Kreditnehmer und der wirkliche, endgültige Kreditgeber würden sich häufig nicht finden ohne den Umlauf der Forderungsrechte, welche die vorläufige Befriedigung des Kreditbedarfs an der Börse möglich macht, wo er aus dem „Geldmarkt“ gedeckt werden kann: Effekten sind häufig auch kurzfristige Anlagen. Gut ausgeführt bei Herb. v. Beckerath, Kapitalmarkt, Seite 23 f. Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung 187 3. Das Prinzip der bargeldlosen Zählung Unter bargeldloser Zahlung im engeren Sinne verstehen wir Zahlung ohne substantielle Zahlungsmittel durch bloße Buchung. Da Buchung soviel wie Eintragung der zu zahlenden Summe auf Soll- oder Habenseite eines zu diesem Behufe geführten Kontos (bzw. Umschreibung von einem Konto auf ein anderes) bedeutet, so ist die Voraussetzung der bargeldlosen Zahlung immer mindestens ein „Konto“, bei Umschreibungen zwei, deren Führung an beliebigen Stellen erfolgen kann: Bank, Post, Genossenschaft. Auch die Abrechnung zwischen verschiedenen Kontenführern, die notwendig wird, wenn die Umschreibung nicht innerhalb des Bereiches eines und desselben Kontoführers erfolgt, das Clearing (Klirieren), für das zuweilen besondere Einrichtungen geschaffen werden in den Abrechnungshäusern (Clearing- houses), fällt unter den Begriff der bargeldlosen Zahlung. Dagegen ist Zahlung mittels Schecks, das heißt einer Anweisung auf ein Guthaben, nur so lange bargeldlose Zahlung, als der Scheck nicht eingelöst wird. Die Bedeutung des bargeldlosen Verkehrs für die Kreditwirtschaft ist ebenso groß wie einleuchtend. Dadurch, daß er Kreditgewährung ohne Bargeld möglich macht, diese also von der Geldschranke ent- waltet oder doch die Grenzen, wo der Kreditverkehr auf diese Schranken stößt, weiter hinausgeschoben hat, hat er zu dessen Ausdehnung, vor allem zur Ausdehnung des Anweisungskredits, unermeßlich viel beigetragen. Bildlich gesprochen: die Schnur, an der der Kreditballon hängt, ist sehr erheblich verlängert worden. Nun sind aber in unserer Zeit die größten Wirkungen erzielt worden durch eine Vereinigung mehrerer der genannten drei Grundsätze, worin die heutige Kreditwirtschaft erst ihre Vollendung findet. Die Vereinigung des Bankprinzips mit dem Effekten- prinzip erfolgt in der Weise, daß die Banken sich das Effektenprinzip vielfältig zunutze machen. Und zwar wie folgt: 1. Die Banken bauen selber auf dem Effektenprinzip, sofern sie als Aktienbanken ins Leben treten. Die Folge ist eine Ausweitung ihres Wirkungskreises. 2. Die Banken bedienen sich des Effektenprinzips zur besseren Durchführung ihrer Geschäfte durch Girierung der Wechsel, Ausstellung von Akzeptwechseln usw. Die Bedeutung dieser Geschäftsformen liegt darin, daß die Geschäftsführung der Bank liquider wird. Gut ausgeführt bei Hahn, Bankkredit, 94 f,' 188 Erster Abschnitt: Das Kapital 3. Die Banken entwickeln selber das Effektenwesen, indem sie selber Effekten schaffen oder unterbringen. Zu erinnern ist an die Notenausgabe, an die Pfandbriefausgabe, an die Ausgabe („Emission“) von Aktien und Obligationen. Die Bedeutung dieser Pflege des Effektenwesens durch die Banken ist wiederum groß. Es erfolgt dadurch eine Ausdehnung des Kreditkörpers der Bank; der Kreditgeberkreis wird abermals ausgeweitet und (was für die Kreditmächtigkeit der Banken von hervorragender Wichtigkeit ist) die Bank erreicht eine Liquidisierung, eine Verflüssigung ihres Geschäftsbetriebes, beseitigt gleichsam das ihr so leicht drohende Leiden der Verstopfung. Sie erzielt diese Wirkung, indem sie etwa eine Konsortialbeteiligung in Aktienbesitz oder einen langfristigen Buchkredit in Obligationen umwandelt. Das Bankprinzip wird mit dem Prinzip der bargeldlosen Zahlung in jedem größeren Bankbetriebe vereinigt. Ja man darf sagen, daß beide Grundsätze in ihrer Vereinigung und durch ihre Vereinigung erst recht zur vollen Entfaltung gelangt sind. Das Prinzip der bargeldlosen Zahlung ermöglicht der Bank erst die volle Ausnutzung aller Kreditmöglichkeiten, sowohl nach der Seite der Aktiv- wie der Passivgeschäfte: man denke an die Förderung des Depositenwesens durch die bargeldlose Zahlung, wodurch die Konzentration der Kassenführung erst möglich gemacht worden ist. Aber den Gipfel ihrer Vollendung erreicht die moderne Kreditwirtschaft erst in der Vereinigung aller drei Prinzipien zu einem einzigen, wirkungsvollen Gebilde, wie es uns in der Gestalt der allseitig entwickelten modernen Kreditbank, namentlich deutschen Gepräges, machtvoll vor Augen tritt. Es braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden, daß alle Wirkungen, die wir den einzelnen Prinzipien und der Vereinigung einiger beigemessen haben, eine Steigerung erfahren, wenn nun die drei Prinzipien in bewußter Pflege und systematischer Benutzung nach einem einheitlichen Plane zur Gesamtbetätigung aufgerufen werden. III. Die geschichtliche Entwicklung der Kreditwirtschaft Daß es sich hier nur um einen Überblick aus der Vogelschau handeln kann, in dem auf die hervorragenden Punkte hingewiesen werden soll, versteht sich bei der Anlage dieses Werkes von selbst. Ich verfolge zunächst die extensive, dann die intensive Entwicklung Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung 189 der modernen Kreditwirtschaft, um schließlich diese Entwicklung in einigen vertretenden Ziffern festzuhalten. 1. Die extensive Entwicklung der Kreditwirtschaft Darunter verstehe ich die absolute und relative Ausdehnung des Kreditverkehrs, die auf die zunehmende Verwendung fremden Kapitals zurückzuführen ist. Dieser Vorgang ist nur mittels Zahlen zu erfassen und wird also in dem dritten — statistischen — Teile zur Anschauung gebracht werden können. Hier jedoch müssen wir die Gründe uns zum Ber wußtsein bringen, die ihn herbeigeführt haben. Die Gründe aber, weshalb während der hochkapitalistischen Epoche in wachsendem Umfange fremdes Kapital zur Verwendung gelangt ist, sind folgende: (1.) die veränderte Einstellung der Geschäftswelt. Wir müssen uns erinnern, daß bis zur Mitte, ja bis ins dritte Viertel des 18. Jahrhunderts hinein selbst in großen Handelsplätzen, wie London und Hamburg, die Ansicht allgemein verbreitet war, daß ein solider Händler oder Gewerbetreibender nur mit eigenem Kapital, nicht mit fremden, seine Geschäfte betreiben dürfe. Und noch zu Anfang des 19. Jahrhunderts drückte Huskisson im Parlament sein Staunen aus über die Änderung, die sich unter seinen Augen vollzogen hatte: die Unternehmungen erfuhren eine erhebliche Ausdehnung mittels erborgter Kapitalien (Einleitung zu P. Rota, Geschichte des Bankwesens, Seite XV, zit. bei J. Kulischer in Schmollers Jahrbuch XXX, 76). Den Anstoß scheinen hier, wie so oft, die Schotten gegeben zu haben, die wir — soweit nicht die Juden in Betracht kommen — als die Begründer der modernen Kreditwirtschaft in mehr als einer Hinsicht anzusehen haben: „The Scotch hate Gold“ ist ein englisches Wort geworden. Sie fangen schon um die Mitte des 18. Jahrhunderts an, ihre umwälzenden Geschäftsgrundsätze, die alle auf eine Förderung der kreditwirtschaftlichen Beziehungen hinauslaufen, zur Anwendung zu bringen. Aber es dauert lange, ehe sich das Unternehmertum dazu bequemt, mit fremdem Gelde zu arbeiten. Noch Bagehot, wie ich schon sagte, stellt den New Trader dem Old fashioned Trader — the man who trades on his own Capital — gegenüber und glaubt erst für seine Zeit (1860 er Jahre) eine stärkere Hinneigung zur Verwendung fremder Kapitalien beobachten zu können. „In modern english business, owing to the certainty of obtaining loans on discount of bills or otherwise at a moderate rate of interest, there is a steady bounty 190 Erster Abschnitt: Das Kapital ön trading with borrowed Capital and a constant discouragement to confine yourself solely or mainly to your own Capital“. Lombard Street. Cb. I. Vgl. Seite 20/21 und 29/30 in diesem Bande. Heute, und das Heute ist schon die Zeit vor dem Kriege, ist die Verwendung fremden Kapitals, darf man sagen, zu einer allgemeinen Einrichtung geworden: der Unternehmer scheut sich nicht nur nicht mehr, fremdes Kapital zu beschäftigen, er strebt es mit allen Kräften an. Wie wir uns auch diese Achsendrehung in der Auffassung des kapitalistischen Unternehmens erklären wollen: sicher ist, daß der Wandel der Anschauungen (und Gepflogenheiten) sehr stark durch objektive Umstände begünstigt worden ist. Unter diesen steht obenan: (2.) das wachsende Bedürfnis des kapitalistischen Unternehmers, fremdes Kapital zu beschäftigen; oder: wenn wir den Einfluß äußerer Umstände noch deutlicher hervorkehren wollen: der Zwang, es zu tun. Dieser wurde durch folgende Tatsachen ausgeübt: a) die fortschreitende Demokratisierung des Unternehmertums. Als ich bei der Besprechung des modernen Wirtschaftsführertums diese wichtige Erscheinung feststellte, wies ich schon darauf hin, daß sie im engsten Zusammenhänge mit der Entwicklung des Kreditwesens stehe. Hier können wir umgekehrt sagen: der mittellose Unternehmer ist gezwungen, fremdes Kapital heranzuziehen, um überhaupt bestehen zu können. b) Die rasche Ausdehnung des Wirtschaftskörpers ist ein zweiter Grund, der den Unternehmer zur Verwendung fremden Kapitals zwingt; je stabiler die Wirtschaft, desto weniger, je revolutionärer, desto mehr Veranlassung liegt vor, das eigene Kapital — das auch das Kapital einer Aktiengesellschaft sein kann — durch Hinzunahme von fremdem auszuweiten. c) Es sind Vorteile der Konkurrenz, die das Arbeiten mit fremdem Kapital gewährt und die es dem Unternehmer nahelegen, tunlichst viel fremdes Kapital heranzuziehen. Schon Bagehot stellt die Rechnung auf, wie viel mehr Profit ein Unternehmer machen oder wie viel billiger er liefern kann, wenn er fremdes Geld borgt: 50000 £ bei einer Profitrate von 10% ergeben 5000 £ Gesamtprofit. Besitzt der Unternehmer nur 10000 £ und borgt er 40000 £ zu 5% hinzu, für die er also 2000 £ Zinsen zahlen muß, so verdient er mit seinem eigenen Kapital statt 10% 30%. In dem Maß nun, wie der aus subjektiven wie objektiven Gründen gewährte Drang des Unternehmers nach der Verwendung fremden Vierzehntes Kapitel: Der Kredit uhd seine Entwicklung 191 Kapitals wuchs, wurde es ihm immer leichter gemacht, diesen Drang zu stillen durch: (3.) die zunehmende Erleichterung der Kapitalbeschaffung. Diese war eine Folge: a) der größeren Sicherheit aller Verkehrsbeziehungen, wie sie der moderne Staat herstellte; b) der Vermehrung der Goldproduktion. Da nach unsern Feststellungen im theoretischen Teil der Umfang des Kredits eine Funktion der Geldmenge, diese der Goldmenge ist, so mußte eine rasch ansteigende Vermehrung der Goldproduktion von entscheidendem Einfluß auf die Ausdehnung der Kreditwirtschaft sein. Wer immer noch nicht eingesehen hat, daß die tatsächlich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzende Steigerung der Goldproduktion eine notwendige Voraussetzung für die Ausbildung des Kreditwesens und damit für die Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft überhaupt gewesen ist, hat wirklich die Elemente wirtschaftswissenschaftlicher Erkenntnis noch nicht erfaßt und sollte sich sein Lehrgeld zurückgebeu lassen. Die theoretische Begründung der Gebundenheit des Kredits und damit des gesamten modernen Wirtschaftslebens an das Ausmaß der Goldproduktion habe ich im vorstehenden gegeben. Ich will noch hinzufügen, daß meines Wissens der erste Forscher, der klar eingesehen hat, daß die Entwicklung des modernen Kreditsystems von der Vermehrung der Edelmetalle abhängig ist, J. de Pinto ist, der in seinem Traite de la circulation (1771), öfters, z. B. pag. 55. 59. 95 auf diesen Zusammenhang hinweist. Hier sei nur noch an einigen Fällen aus der Praxis die Einwirkung nachgewiesen, die die abnehmende oder zunehmende Edelmetallproduktion auf das Wirtschaftsleben (durch das Zwischenglied des Kredits) ausgeübt haben. Die Depression der 1820er, 1830er und 1840er Jahre wird von allen Sachkennern der Zeit auf die Geldknappheit zurückgeführt. Siehe Jacob in seinem Bericht über den Getreidehandel; von Seuter, Über das bisherige Sinken der Getreidepreise 1826; Al. Lips, Deutschlands Nationalökonomie usw. 1830 u. a. Diese Einsicht führte zu dem Vorschläge, die Umlaufsmittel künstlich durch die Ausgabe von Papiergeld zu steigern. Einen solchen Vorschlag machen u. a. Lips, Graf v. Soden, v. Bülow, v. Seuter, Gail, Faust. Und nun das Gegenstück! Ein Bild aus den ersten Jahren nach der Erschließung der australisch-kalifornischen Minen: In den Jahren 1853, 1854, 1855, 1856 (der großen Aufschwungszeit) wurden in der Geschäfts- 192 Erster Abschnitt: Das Kapital weit immer wieder Besorgnisse rege, weil die Bank von England ihren Diskont in bedenklicher Weise erhöhte und damit der Ausdehnung des Wirtschaftslebens Grenzen setzte. Jedesmal — viermal in den vier Jahren hintereinander — wurden die Besorgnisse zerstreut: die drohende, weitere Erhöhung des Diskontsatzes blieb aus, weil — eine Goldsendung aus Australien eintraf, sagte ein Sachverständiger in der Bankenquete aus: „Kurz, ich könnte ganz wohl an die Erfahrung fast jedes Mitgliedes des Ausschusses appellieren, ob wir uns nicht schon gewöhnt haben, bei irgendwelcher finanzieller Klemme die natürliche, komplette Abhilfe zu sehen in der Ankunft des Goldschiffes.“ Antwort 1509 (W. Newmarch) in den Reports . . on Bank Acts 1857—1858. Zit. bei Marx, Kapital III. 2, 105. Für Amerika hören wir das Urteil des „New York Herald“: „The large rcceipts of gold from California gave the first important impetus to the present System of credits . . . The receipts of gold-dust of the U. S. Mint from California, up to the present period . . , have been large enough to form a legitimate basis for the expansion of public and private credits to the extent already realized. Whether the supply will continue at tliis rate or not is a most important question, as upon that point alone (!) depends the continuance of our present prosperity . . .“ Bei Evans, Commercial Crisis 1857—1858. pag. 109. Einen dritten Fall: die Ausweitung des Kredites unter dem Einfluß der neuen Goldfunde, in den 1890er Jahren habe ich eingehend analysiert in meinem Referat auf der Generalversammlung des Vereins für Sozialpolitik im Jahre 1903 (Sehr. d. Vf SP. Band 113), auf das ich hier verweise. Vgl. im übrigen die Ausführungen im 35. Kapitel dieses Bandes über das „Krisen“-(Konjunktur-)Problem. Eine unmittelbare und sehr fühlbare Erleichterung der Kapitalbeschaffung wurde dann herbeigeführt durch: c) die Vervollkommnung der kreditwirtschaftlichen Organisation, wie sie im Laufe unserer Zeitspanne durch die fortschreitende Ausbildung und Anwendung der von mir aufgewiesenen Vervollkommnungsprinzipien eintrat. Hand in Hand mit ihr ging ein Laxerwerden der Kreditgewährung, ein Unterbieten der Banken, die ihren Kunden den Kredit ins Haus trugen. Von dieser Vervollkommnung der kreditwirtschaftlichen Organisation soll nun im folgenden die Rede sein. Ich bezeichnete sie als: 2. die intensive Entwicklung der Kreditwirtschajt a) Die Banken Wir verfolgen ihre Entwicklung zunächst nach der Seite ihrer Passivgeschäfte. 1. Den Anfang machen die Notenbanken; man kann sagen, daß sie bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts die Alleinherrschaft haben. Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung 193 Ich habe seines Orts ausführlich dargestellt, mit welchen Schwierigkeiten die Entstehung des Notenbankwesens wie allen Papiergeldes verknüpft war, und daß während der frühkapitalistischen Epoche die Entwicklung dieser Kreditpapiere in den Anfängen steckenbleibt: siehe das 26. Kapitel des ersten Bandes. Selbst die Noten der 1694 gegründeten Bank von England, die, wie wir sahen, die erste moderne Notenbank war, haben bis zum Ende des 18. Jahrhunderts nur eine verhältnismäßig geringe Ausdehnung genommen. Der Betrag der ausgegebenen Noten betrug die längste Zeit im 18. Jahrhundert nicht viel mehr als 2 Mill. £ (entsprechend der Höhe des Bankkapitals). Das änderte sich nun mit dem Beginn der hochkapitalistischen Ära: in allen Ländern entstehen zahlreiche Notenbanken, die erst langsam nach den von mir im 5. Kapitel entwickelten Grundsätzen eine kapitalistisch-rationelle Form erhalten und dann ihre vorgeschriebene Funktion im Wirtschaftsleben ausüben. Die interessanteste Periode der Notenbanken ist ihre Sturm- und Drangzeit, die in Europa in das späte 18. und das frühe 19. Jahrhundert fällt, in den Vereinigten Staaten viel länger dauert, als noch Bankfreiheit herrschte und nun die Notenbanken und Notenbankiers sich rasch vermehrten. So entstanden in England neben der Bank von England bis 1776 150 kleine private Banken, die Noten ausgaben, und deren Zahl bis 1790 in der Periode des Aufschwungs nach dem amerikanischen Kriege auf 350 stieg. Noch rascher entwickelte sich das Notenbankwesen in Schottland — dem Heimatlande des modernen Kreditwesens: die beiden großen Schöpfer der ersten mächtigen Kreditorganisationen waren Schotten: John Law und William Patterson —, wo die Banknoten früher als anderswo zu einem allgemeinen Zahlungsmittel wurden. In seiner Frühzeit verquickt sich das Notenbankwesen auf das engste mit dem Depositenbankwesen und wird uns bei dessen Darstellung noch einmal beschäftigen. Die gesittete Notenbank wird ein Regulator des Wirtschaftslebens, in dessen Geschäftsziffern sich der Verlauf des Wirtschaftslebens widerspiegelt. Wo ein rationell geordnetes Notenbankwesen besteht, beobachten wir ein stetes Ansteigen der Notenausgabe während des 19. Jahrhunderts, eine rasche Ausdehnung des Banknotenumlaufs seit dem Beginn der 1890er Jahre bis zum Kriege (und natürlich — aus außerwirtschaftlichen Gründen — darüber hinaus). Ich verweise auf Sombart, Hoctikapitulismus. 13 194 Erster Abschnitt: Das Kapital die Ziffern, die ich in dem statistischen Teile dieses Kapitels zusammengestellt habe. 2. Auch wenn wir annehmen wollen, daß sich im Verlaufe der frühkapitalistischen Periode schon Ansätze zu einer Einrichtung finden, die wir heute Depositenbanken nennen — ich habe selbst im zweiten Bande Seite 168 f. auf solche Ansätze hingewiesen. Galiani bei Custodi. PM. 4, 208 ff. will in den Girobanken die ersten Depositenbanken sehen; Genovesi ebenda 8, 346 knüpft ihre Entstehung an die Monti di Pieta (nicht die alten Staatsgläubiger in Monti, sondern die auf frommen Stiftungen beruhenden Leihhäuser), diese „primi stabilimenti umani fatti nel fervore della virtü“, die deshalb s o gut verwaltet waren, daß sich Private veranlaßt sahen, daselbst ihre Gelder zu deponieren, das heißt Darlehen zu geben gegen Ausstellung von Empfangsbescheinigungen, die fedi di credita, die allmählich sogar anfingen, im Lande an Geldes Statt umzulaufen — so werden wir doch keinen Augenblick zweifelhaft sein dürfen, daß die Depositenbanken ihrem Geist nach dem Zeitalter der Kreditwirtschaft, das heißt des Hochkapitalismus, angehören. Es ist ein kümmerliches Verfahren unserer Historiker, in irgendwelchen entlegenen Zeiten eine Einrichtung oder einen Vorgang festzustellen, die außerhalb des Sinnzusammenhangs dieser Zeiten liegen und dann deren „Geschichte“ von diesem ersten Auftauchen an laufen zu lassen. Die innere Zusammengehörigkeit namentlich wirtschaftlicher Erscheinungen gilt es zu begreifen (zu welchem Behufe man freilich von dem Sinnzusammen- hange einer Zeit eine theoretisch gut begründete Vorstellung haben muß), wenn man verständig Geschichte schreiben will. So ist es sinnvoll, das Depositenbankwesen im Anfang oder in der Mitte des 18. Jahrhunderts in England und namentlich Schottland beginnen zu lassen, als dort auch das Notenwesen seine ersten Schritte in die Welt tat. In den 1830er Jahren bürgert sich die Depositenbank, meist in Verbindung mit der Notenbank, in Schottland, England, den Vereinigten Staaten ein; Frankreich folgt in den 1860er Jahren, Deutschland in den 1880 er Jahren. Im Jahre 1825 gab es in Schottland bereits 167 Depositenbanken, von denen 133 Zweigbanken waren. Es entfielen auf eine Bank nur 17000 Einwohner. 1855 war die Zahl der Banken auf 380, davon 343 Zweigbanken angewachsen, die 27 Millionzn £ Depositen hatten: ein für die damalige Zeit gewaltiger Betrag, wenn wir die geringe Einwohnerzahl Schottlands (2,9 Millionen) berücksichtigen. Es kamen also 10 £ = 200 Mk. Depositen auf den Kopf der Bevölkerung, gegen nur 300 Mk. in den Vereinigten Staaten im Jahre 1910. W. J. Lawson, History of Banking, 1875. Chapter X. Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung 195 ln England erfolgte die Gründung zahlreicher Depositenbanken in den 1830er Jahren. Im Jahre 1836 wurden allein 48 Banken gegründet. Rep. from the Select Committee on Joint Stock Banks 1837. App. II. Zit. bei Tugan-Baranowski, Geschichte der Handelskrisen (1901), 90. In den Vereinigten Staaten sind in den Jahren 1835-—1836 61 Banken mit 52 Millionen £ Kapital neu entstanden. Sumner, History of American Currency (1875), 123; ebenda Seite 87. Wir können die äußere Entwicklung der Depositenbanken in Deutschland an der Ausbildung des Filialensystems abmessen. Die fünf Berliner Großbanken hatten Depositenkassen: 1885 . 7 1910 159 1895 . 14 1914 169 1900 . 30 Bei Motschmann in den Sehr. d. VfSP., Band 154, Anl. III. Gegen das Ende des 19. Jahrhunderts haben die Depositenbanken die Notenbanken überflügelt. Der Bank of England galten die Depositenbanken zunächst als unliebsame Konkurrenten, die sie boykottierte; sie lehnte die Rediskontierung ihrer Wechsel ab und schloß sie vom Clearing-House aus. Mitte des 19. Jahrhunderts haben sie sich durchgekämpft. Aber selbst im Anfang der 1870 er Jahre hat die Bank von England noch immer die maßgebende Stellung in der City. Heute haben drei Depositenbanken dem absoluten Betrage nach die Bank of England überholt. In Frankreich verläuft die Entwicklung ganz ähnlich. Sie endet mit dem starken Übergewicht der Depositenbanken über die Banque de France. Das Wechselportefeuille betrug in Millionen Francs in: den vier großen Depositenbanken 1881 . 1324 451 1912 . 1719 3346 der Banque de France Auch in Deutschland vollzieht sich dieselbe Verschiebung: Das Wechselportefeuille betrug in Millionen Mark bei: 1880 1912 der Reichsbank . 376 . 1238 den vier großen Depositenbanken 85 1085 Die Ziffern bei F. Somary, Bankpolitik (1915), 127 f. Gedenken wir noch der Tatsache, daß sich im Laufe des 19. Jahrhunderts in wachsendem Umfange bankähnliche Institute des Depositenwesens annehmen, wie Sparkassen, Genossenschaften, Versicherungsanstalten, so haben wir damit die äußere Geschichte der Depositenbanken Umrissen. Wie sich diese Entwicklung in einer starken Zunahme der Depositen äußert, erweisen die Ziffern, die ich im statistischen Teile verzeichne. 13 * 196 Erster Abschnitt: Das Kapital Hier müssen wir versuchen, erst wieder den Gründen auf die Spur zu kommen, die die rasche und bedeutende Entwicklung des Depositenbankwesens bewirkt haben. Das heißt also, müssen festzustellen versuchen, worin die Zunahme der Depositen während des 19. Jahrhunderts gründet. Es ist das gleichsam die innere Geschichte dieser Banken, da uns ihr organisatorischer Aufbau hier noch nicht interessiert. Die Depositen — und ich spreche einstweilen von sog. echten Depositen, also Einlagen, Einzahlungen, Überlassung von irgendwelchen Anrechten auf Wertbezüge seitens der Deponenten, die ausgesprochen Gläubiger der Bank werden wegen der Hingabe eines reellen Wertes — die Depositen, sage ich, haben sich während der letzten Menschenalter deshalb so stark vermehrt, weil alle drei Bestandteile, die sie bilden, eine Vergrößerung erfahren haben, nämlich: (1.) die Einkommensbeträge. Diese erfahren eine Ausweitung: a) wegen der Zunahme der Sparbeträge, worüber oben das Nötige gesagt ist; b) wegen der Gewöhnung des Publikums und namentlich der Behörden an die Banküberweisung: Gehälter! Steuern! Rechnungen! c) wegen der Ausbreitung der Aktiengesellschaften, die genötigt sind, ihre Dividende ein Jahr lang aufzuspeichern. Ferner vermehren sich (2.) die den Banken als Depositen zufließenden Kapitalbeträge wegen der Verlängerung der Umschlagsperioden des fixen Kapitals. Diejenigen Beträge, die zur Wiederergänzung (Entwertung, Amortisation) eines festen Kapitalteils dienen, müssen aus dem Jahreserträgnis genommen und so lange verwahrt werden, bis der feste Kapitalteil abgenutzt ist und erneuert werden muß. Während dieser Wartezeit werden sich die abgeschriebenen Beträge nur zum kleinen Teil in der Geldform aufhalten: die Regel ist, daß sie als befristete Depots, als Ultimo-Geld usw. den Banken überlassen werden, deren Depositen sie also zu vermehren bestimmt sind (soweit sie nicht in leicht realisierbare Wertpapiere, die sog. stillen Reserven, verwandelt werden). Einen sehr beträchtlichen Anteil an der Ausweitung der Depositen hat (3.) der Rentenfonds, das „fiktive“, „negative“ Kapital. Dieser vergrößert sich und erscheint in Depositenform: a) wegen der zunehmenden Mobilisierung unseres materiellen Daseins: Wechsel der Vermögensanlage; Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung 197 b) wegen der zunehmenden, spekulativen Tätigkeit, wodurch die Umsätze sich stark vermehren und immer größere Beträge in den Banken dauernd (das heißt als Strom, „flow“, wie jetzt die Engländer und Amerikaner mit Vorliebe sagen) zurückgehalten werden; c) wegen der zunehmenden Neigung, sich der Banken als Vermittler bei Grundstückserwerb, Erbteilung usw. zu bedienen. Nun schwellen aber seit einigen Jahrzehnten die Depositenreihen der Banken Beträge an, die mit echten Depositen, deren Namen sie tragen, nichts gemein haben als eine gewisse formale Buchungstechnik. Das sind die, wohl zuerst in den Vereinigten Staaten von Amerika, und zwar seit dem Ausgange des 19. Jahrhunderts, als Massenerscheinung auftretenden Kredite, die eine Bank einem Kunden, sei es mit oder ohne Deckung, in der Weise einräumt, daß er darüber verfügen kann, als ob er (die Zeit des Fiktionalismus hat auch in der Geschäftswelt begonnen) selbst den Betrag bei der Bank eingezahlt hätte. Diese Art von „Depositen“, die man nach dem Vorgang des „negativen“ Kapitals auch als „negative“ Depositen bezeichnen könnte, während man sie einstweilen „unechte“ Depositen nennt, finden ihren buchmäßigen Gegenposten auf der Aktivseite also keineswegs in baren Einzahlungen — es ist ja gar nichts eingelegt, „deponiert“ — vielmehr zum größten Teil in Forderungen der Bank, die in Amerika z. B. als „Ausleihungen und Diskontierungen“ zusammengefaßt Werden. Diese „Depositen“ entstehen also nicht dadurch, daß die Bank etwas erhält, das sie nun schuldet, entspringen also gar nicht einem Passivgeschäft, sondern werden Anlaß zu einem „Aktivgeschäft“, dem die Bank die Fiktion einer Verpflichtung zugrunde legt. Wir werden ihnen daher bei der Übersicht über die Entwicklung der Aktivgeschäfte der Banken noch einmal begegnen. Hier mußten sie nur schon erwähnt werden, weil sie auf die dargelegte Weise auch zur Ausweitung der „Depositen“beträge beisteuern. Erwähnt werden muß nun noch an dieser Stelle, wo wir die Entwicklung des modernen Bankwesens nach der Seite der Passivgeschäfte verfolgen, daß neben Notenbanken und Depositenbanken eine eigenartige Erscheinung gerade der neuesten Zeit 3. die Hypothekenbanken sind. Da jedoch die Bedeutung der Hypothekenbanken, soweit ihr Passivgeschäft in Frage kommt, in der Benutzung des Effektenprinzips besteht, so werde ich dort, wo ich dessen Entwicklung verfolge, das Nötige auch über die Entwicklung mmmmm 198 Erster Abschnitt: Das Kapital . der Hypothekenbanken sagen, soweit wir sie nicht schon bei der Besprechung der Aktivgeschäfte erledigen werden. Fragen wir, wie sich die Aktivgeschäfte der Banken entwickelt haben, so finden wir, daß die Banktätigkeit überall beginnt mit: 1. der Gewährung von Zirkulationskredit; das heißt, alle Kreditbanken sind in ihren Anfängen „Diskonto“- oder ,,Lombard“banken. Ihre Bedeutung für die kapitalistische Entwicklung wächst nun in dem Maße, in dem sie 2. Produktionskredit zu geben anfangen, den sie im wesentlichen in der Form von Kontokorrent-, Akzept- und Hypothekarkredit erteilen. Eine Bezeichnung der Banken, die den entscheidenden Schritt zur Produktionskreditgewährung tun, besitzen wir nicht. Wir müßten von Produktiouskredit-Banken sprechen, wenn wir die ganze Bedeutung dieser Tätigkeit zum Ausdruck bringen wollten. Anlagebanken ist jedenfalls zu eng, da es sich um die Gewährung sowohl von Anlage- als auch von Umlaufskredit handelt. Die französische Sprache nennt die Produktions-Kreditbanken (oder nannte sie ursprünglich) Credit mobilier- und Credit foncier-Banken; neuerdings hat sie dafür den treffenden Ausdruck Banques d’affaires. Die Anfänge auch dieser Kreditform (des Produktionskredits) liegen in der Heimat William Pattersons und John Laws. Wir wissen aus Adam Smith (Book II ch. II), daß in Schottland bereits zu seiner Zeit die Banken die Gepflogenheit hatten, „Vorschüsse in laufender“ Rechnung, sog. Cash accounts, meist in der Form von Akzeptkredit zu geben an solche Personen, die zwei zuverlässige, vermögende Bürgen stellen konnten. Der Kredit war also sachlich, vom banktechnischen Standpunkte aus, „ungedeckt“. Es war vom Standpunkt des Kreditnehmers und des Kreditgebers, vermutlich aber auch vom samtwirtschaftlichen Standpunkt aus gesehen, der erste Anweisungskredit, den die kapitalistische Wirtschaft erlebte. Und der— nach dem Bilde, das Mc Leod gebraucht (399 ff., 583 ff.) ■—■ dasselbe für Schottland bedeutete wie der Nil für Ägypten: die Kultivierung der Moore, die Manufakturen des Landes, die Dampfschiffe des Clyde, unzählige Verkehrseinrichtungen verdanken dem Cash credit der schottischen Banken ihre Entstehung. Die Entwicklung dieses Aktivgeschäfts hängt aufs engste zusammen mit der oben erwähnten frühen Entwicklung des Notenbankwesens in Schottland. Auf dem Kontinent scheint die früheste Produktionskreditbank die 1822 begründete Societe generale des Pays Bas pour favoriser l’industrie nationale gewesen zu sein, der 1835 die Banque de Beige folgte. Sie werden von den Sachkennern als die eigentlichen Triebkräfte für den industriellen Aufschwung Belgiens bezeichnet. Waxweiler, Quelques pages de notre evolution industrielle, pag. 3/4. Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung 199 Um die Mitte des 19. Jahrhunderts bekommt Frankreich ein unzweifelhaftes Übergewicht auf dem Gebiete der Bankorganisation. Dank seinen Juden, unter denen die Gebrüder Pereire und Wolowski hervorragen, schafft es eine Reihe von Banktypen, die bestimmend für die ganze folgende Entwicklung werden. Im Jahre 1852 werden der Credit mobilier und der Credit foncier gegründet. Beides Produktionskreditbanken, von denen die erste den Eisenbahnen und der Großindustrie, die zweite vor allem dem großstädtischen Baugewerbe die erforderlichen Kapitalien zuführen sollte. Die Ziele waren weit gesteckt, und der Credit mobilier versprach in seinem Geschäftsbericht von 1855: „Hinfort wird es keine große Entfaltung des Staatskredits, keine bemerkenswerten Fortschritte in Industrie und Handel mehr geben, ohne eine Kreditorganisation, wie sie Frankreich jetzt zum ersten Male geschaffen hat.“ Aber wenn auch eine der Hauptaufgaben der beiden neuen Bankinstitute die Gewährung von Produktionskredit war: ihre grundsätzliche und epochemachende Bedeutung liegt darin nicht. Denn mindestens die schottischen Banken waren den französischen Credits in dieser Richtung schon voraufgegangen. Wir werden sogleich feststellen können, welches die epochale Leistung der Credits ist. Immerhin bedeuteten sie auch für die Entwicklung des bankmäßigen Produktionskredits eine erhebliche Förderung: die Größe der Institute allein wirkte belebend; der Gedanke, die aufstrebende Industrie mit Produktionskredit zu unterstützen, verschaffte sich rasch und in immer weiteren Kreisen Geltung, und in den 1850 er Jahren folgen sich in allen Ländern Gründungen von Produktionskreditbanken oder nehmen bestehende Banken das Akzeptkredit- und Kontokorrentkreditgeschäft auf. Die Steigerung der Umsätze bilden auch hier den wesentlichen Kern der Geschichte. Der Leser findet die Ziffern im statistischen Teile. 3. Die weitere Entwicklung des Bankwesens wird dann dadurch gekennzeichnet, daß immer mehr Banken die Gewährung von Zir- kulations- und Produktionskredit vereinigen. Den ersten Schritt in dieser Richtung haben wohl die deutschen Aktienbanken getan, die, wie wir noch sehen werden, alle erdenklichen Bankgeschäfte und Nichtbankgeschäfte in sich vereinigten und den Typus der modernen Kreditvollbank schufen. In England hat sich die Trennung der Zirkulationskredit- von den Produktionskreditgeschäften länger erhalten und die Kreditinstitute haben sich länger auf die eine oder die andere Geschäftsart beschränkt, weshalb man dem deutschen Kreditbanktypus den englischen Depositenbanktypus gegenüberstellte. Wie ich aber schon erwähnte, ist dieser Gegensatz sehr stark abgeschwächt, und auch in England betreiben jetzt die großen Banken neben dem Diskont- und Lombard- das Kontokorrent- und Akzeptkreditgeschäft. Was endlich die äußere Organisation der Banken anbetrifft, so ist 200 Erster Abschnitt: Das Kapital der große und entscheidende Zug der Entwicklung der, daß sie als Privatbanken anfangen und im Laufe der Zeit sich in Aktienbanken um wandeln. Die Aktienbank taucht in Großbritannien vereinzelt schon im 18. Jahrhundert auf, gewinnt aber eine beachtenswerte Stellung erst seit den 1830 er Jahren, in denen sich die Joint stock Banks rasch vermehren. In Deutschland und den meisten andern europäischen Ländern beginnt die Aktienbank ihren Lauf in den 1850 er Jahren. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Aktienbank, namentlich als Großbank, durchgesetzt und bildet heute den herrschenden Typus der Bankorganisation. Die Gründe für dieses sieghafte Vordringen werden wir erst sehr viel später erfahren, dort, wo wir die Betriebsgestaltung in der hochkapitalistischen Wirtschaft verfolgen. Hier ist nur das Endergebnis des Entwicklungsprozesses zu verzeichnen, das uns deshalb vor allem interessiert, weil es wiederum eine Staffel in der Vervollkommnung der Kreditwirtschaft bildet. Kein Zweifel, daß die große Aktienbank einen ganz andern Wirkungsradius besitzt als die Privatbank, die nur in wenigen Ausnahmen sich eine ähnliche Geltung im Kreditverkehr zu verschaffen gewußt hat wie die Aktienbank. Soweit sich das Vordringen der Aktienbank ziffernmäßig erfassen läßt, mache ich die nötigen Angaben im statistischen Teile dieses Kapitels. b) Die Effekten Der Ursprung aller Effekten, vor allem der oben aufgezählten Gruppen, die für die Kapitalbildung in Frage kommen, reicht in die frühkapitalistische Zeit zurück, wie ich das in meinem Buche „Die Juden und das Wirtschaftsleben“ quellenmäßig glaube nachgewiesen zu haben. Das Zeitalter der Effekten ist aber erst das des Hochkapitalismus, in dem das Effekten wesen zur vollen Ausgestaltung gelangt. Das 19. Jahrhundert bringt zunächst die innere Vervollkommnung des Effektenwesens, die darauf hinausläuft, seine Leistungen in der modernen Kreditwirtschaft, insbesondere bei der Aufbringung des Kapitals, zu steigern. Ich hebe die wichtigsten Punkte dieser Entwicklung hervor: 1. das Aktienprinzip bildet sich zu voller Reinheit aus: das Aktienkapital wird vollkommen verselbständigt; die Haftung wird beschränkt; die Inhaberaktie wird der herrschende Typus. Was diese scheinbar geringfügigen Änderungen bedeuten, vermag man erst ganz zu er- Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung 201 messen, wenn man die Unzuträglichkeiten kennt, die mit dem Aktienwesen im Zeitalter des Frühkapitalismus noch verbunden waren: siehe darüber meine Ausführungen im zweiten Bande Seite 156 ff., und die noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts großenteils andauerten; siehe z. B. die Schilderung, die W. J. Lawson (The History of Banking. 2. ed. 1855. Ch. VIII.) von den „deep rooted prejudices and petty jalousies“ entwirft, die namentlich gegen die Errichtung von .Aktienbanken in London zu sprechen pflegten. 2. Insbesondere hat die Kleinaktie ungemein zur Erleichterung der Kapitalbeschaffung beigetragen. 3. sei noch des Aufschwunges Erwähnung getan, den der Pfandbrief im 19. Jahrhundert genommen hat. Seine Entstehung habe ich im 18. Jahrhundert in Holland nachgewiesen. Diejenigen, die dort und damals Pfandbriefe ausgaben, waren Privatbankiers. Dann brachte ihn Büring nach Preußen, wo Friedrich M. auf seiner Grundlage die Landschaften begründete: die Ausgeber waren Genossenschaften. Den entscheidenden Schritt, der erst recht die Entwicklungsmöglichkeiten, die im Pfandbrief schlummern, zur Entfaltung brachte, war seine Verbindung mit dem Aktienprinzip; diesen Schritt taten die französischen Juden in den 1850er Jahren, als sie den Credit foncier gründeten: die erste Hypothebenaktienbank. Das 19. Jahrhundert bringt aber vor allem die durch ihre innere Vervollkommnung ermöglichte ungeheure Verbreitung der Effekten, die zu einer völlig neuen Gestaltung des Wirtschaftslebens führen. Dieses erfährt, wie ich es genannt habe, den Prozeß der Kom- merizialisierung oder Versachlichung aller Kreditbeziehungen: die Ziffern siehe unten im statistischen Teil. Zu dieser Ausdehnung des Effektenwesens hat wesentlich beigetragen ein Vorgang, dem auch sonst eine große grundsätzliche Bedeutungbeiwohnt: die gewerbsmäßige Erzeugung von Effekten. Ich fasse unter diesem Begriffe eine Reihe verschiedenartiger Maßnahmen zusammen: die Gründung von Aktiengesellschaften, die Emission von Aktien und Obligationen, die schon erwähnte Gründung von Hypothekenbanken. Allen gemeinsam ist, daß aus der Erzeugung von Effekten eine gewinnbringende Beschäftigung gemacht wird. Die Anfänge dieser Entwicklung reichen wohl nicht weiter als bis in die 1850er Jahre zurück. Denn was vorher an Emissionstätigkeit vorhanden war, beschränkte sich auf die Herausbringung öffentlicher Anleihen und kam für die Kapitalbildung nicht in Betracht. Erst der 202 Erster Abschnitt: Das Kapital Credit mobilier machte auch in dieser Beziehung Epoche, sofern er als eine seiner Hauptaufgaben betrachtete, mittels Gründung von Aktiengesellschaften und Emission von Aktien und Obligationen der Industrie Kapitalien zuzuführen. Er vereinigte also die Tätigkeit einer Produktionskreditbank mit der eines Emissionshauses. Und diese Vereinigung ist dann typisch geworden für die meisten Bankunternehmungen großen Stils. Es leuchtet ein, daß mit dieser Neubildung die Kapitalbeschaffung außerordentlich gefördert werden mußte. Die eigentümlichen Organisationsformen, die sich dadurch wie durch alle die besprochenen Mittel der Kapitalbildung ergeben und die dem modernen Wirtschaftsleben äußerlich sein Gepräge gaben, werden uns erst dort beschäftigen, wo wir die Betriebsgestaltung zu untersuchen uns unterfangen werden: siehe das 48. Kapitel. c) Der bargeldlose Verkehr hatte sich im Zeitalter des Frühkapitalismus bereits zu entwickeln angefangen. Die Weiterentwicklung während der hochkapitalistischen Epoche besteht im wesentlichen in einer den neuen Zeitverhältnissen entsprechenden Umbildung der alten Formen. Ich kann deshalb meine Darstellung an die verschiedenen bargeldlosen Zahlungsweisen der frühkapitalistischen Zeit anknüpfen. Diese waren, soweit sie sich im 19. Jahrhundert erhalten und fortgebildet haben, die folgenden: 1. die Zahlungmittels Wechsels. Diese kommt in einem dem heutigen verwandten Sinne seit dem Ende des 17. Jahrhunderts auf, das heißt, seit derZeit, in welcher derWechsel indossabel wurde; siehe BandII Seite 527 ff. Die Scheu vor der völligen Versachlichung des Schuldverhältnisses, die im Anfang noch bestanden hatte, verlor sich im Laufe des 18. Jahrhunderts, und es hat fast den Anschein, als ob der Wechsel während des späteren 18. Jahrhunderts eine starke Rolle als Zahlungsmittel gespielt hätte, eine stärkere als heute, da vollkommenere Zahlungsmethoden den Wechselverkehr in den Hintergrund gedrängt haben. Die Beliebtheit des Wechsels als Zahlungsmittel trat besonders deutlich in die Erscheinung in Zeiten, in denen das Geldwesen eines Landes im Argen lag. So erfahren wir aus Lancashire, daß dort der Wechsel in den 1820er Jahren als Umlaufsmittel das Übergewicht über alle andern Zahlungsmittel genommen hatte; es kamen damals Wechsel über 10 £ mit 120 Indossierungen vor, und man schätzte, daß in Manchester neun Zehntel des Geldumlaufes durch Wechsel uad nur ein Zehntel durch Gold und Banknoten vermittelt wurde (Lexis im HSt 8 3 , 657). Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung 203 Das ist nun heute anders geworden. Die Bedeutung des Wechsels als Zahlungsmittel hat sich erheblich verringert. Die Funktion des Warenwechsels hat heute in weitem Umfange die Umschreibung übernommen, und nur als Finanzwechsel wächst sein Anwendungsgebiet. Ygl. W. Prion, Das Wechseldiskontgeschäft (1916), 120 und die Ziffern des Wechselverkehrs auf Seite 210 und 215 f. Das Entscheidende ist aber, daß der Wechsel ein selbständiges Zahlungsmittel nur noch ausnahmsweise ist, vielmehr der Regel nach, was früher nicht der Fall war, mit den übrigen Weisen des bargeldlosen Verkehrs zu einer Einheit verbunden ist. Diese waren auch schon im Zeitalter des Frühkapitalismus 2. die Zahlung mittels Giro in den Banken. Solche Banken in Gestalt von Girobanken bestanden etwa ein Dutzend vor dem 19. Jahrhundert. Sie waren dadurch gekennzeichnet, daß in ihnen die Kaufleute große und kleine Geldsummen in bar hinterlegten, um deren Betrag sie alsdann Anweisungen, die als Zahlung galten, ausstellten: siehe Band I Seite 424 ff. Was sich im 19. Jahrhundert an diesem Verhältnis änderte, war dieses, daß die Einlagen in Bargeld bei den Banken wegfallen und an ihre Stelle das „Guthaben ‘ tritt, das, wie wir wissen, auf verschiedene Weise entstanden sein kann: sei es durch Einzahlung, sei es durch bloße Gutschrift, und um dessen Betrag nun der Kunde durch Überweisung zahlen kann. Neben diesen beiden Formen des bargeldlosen Verkehrs bestand aber auch schon im Zeitalter des Frühkapitalismus 3. die Zahlung mittels Ausgleichs der Forderungen (Skontrierung, Clearing), die offenbar ziemlich verbreitet war. Marperger belehrt uns, daß am Schlüsse der Messen die Kaufleute ihre Forderungen „riskontrieren“. „Aus welcher Rescontra so viel zu ersehen, daß drey Kauffleute einander ohne Geld Und nur durch Anweisung bezahlet haben, also ist keiner dem andern nichts schuldig geblieben . . .“ Die ,Rescontra' ist voa den Kaufleuten gar weislich erfunden, um „die Cassa Zahlung zu ersparen.“ Vgl. Band II Seite 520f. Die Kaufleute „reskontierteu“ (auf den Messen) untereinander; daß sie es heute nicht mehr selbst tun, bedeutet den Wandel, den die Einrichtung im 19. Jahrhundert erfahren hat. An ihre Stelle sind die Banken getreten, bei denen die Geschäftsleute ihre Guthaben haben. Und was sich ehedem ein- bis zweimal im Jahre, bei Gelegenheit der Zusammenkünfte auf den Messen vollzog, ist heute zu einer das ganze 204 Erster Abschnitt: Das Kapital Jahr hindurch geübten Tätigkeit geworden. Die Zunahme der Abrechrechnungsvornahmen hat dann im Laufe der Zeit zur Einrichtung besonderer Abrechnungsstellen, der Clearing-Häuser, geführt, deren heute jeder große Kreditmittelpunkt eines besitzt: Der Abrechnungsverkehr des Bankiers nimmt seinen Anfang in England, wo bereits 1760 die Beauftragten eines Teiles der 50 am Scheckverkehr hauptsächlich beteiligten Bankiers an einer im voraus bestimmten, wechselnden Stelle sich getroffen haben sollen. Sicheres wissen wir über diese Zusammenkünfte seit dem Jahre 1771. Im Jahre 1853 errichtete man das erste Clearing-House. In dasselbe Jahr fällt die Gründung eines Clearing-House in den Vereinigten Staaten, 1872 in Frankreich, 1883 in Deutschland. Der bargeldlose Verkehr enthält in sich die Neigung, über sich selbst hinauszuwachsen und immer weitere Gebiete des Wirtschaftslebens zu umgreifen. Eine solche Weiterbildung stellen die Abrechnungsleihscheine, die Clearing House Loan Certificates dar, die in den Vereinigten Staaten seit mehreren Jahrzehnten entstanden sind und folgendes Verhältnis ausdrücken: auf einen Beschluß hin kann jede einem Clearing-House angehörige Bank Effekten oder Wechsel aus ihren Beständen zur Hinterlegung bei der Abrechnungsstelle einreichen, woraufhin sie Zertifikate erhält, die im Abrechnungsverkehr innerhalb des Clearing-House angenommen werden. Das Mitglied bekommt damit die Möglichkeit, einen erheblichen Teil seiner Verbindlichkeiten ohne Barmittel zu erfüllen. Im Krisenjahr 1907 sind die Banken dazu übergegangen, die Barzahlungen auch im sonstigen Verkehr einzustellen. Diese Abrechnungszertifikate, und was sich an sie anschloß, sind ein besonders lehrreiches Beispiel, um die letzthinige Abhängigkeit des Kredits von der Bargeldmenge zu erweisen. Die Folge einer allzu starken Ausdehnung des - bargeldlosen Verkehrs, die doch letzten Endes auf einer Kreditüberspannung beruht, war nämlich die, daß ein Aufgeld auf bare Zahlungsmittel und schließlich — aus Mangel an Umlaufsmitteln, die aus dem Verkehr verschwanden — Betriebseinschränkungen und Arbeiterentlassungen entstanden. Vgl. A. Hasencamp im HSt. 2 3 4 , 323. 3. Die Entwicklung der Kreditwirtschaft im Zahlenbilde 1. Die Goldproduktion Die Geschichte der Goldgewinnung während der hochkapita- sistischen Epoche zerfällt in drei deutlich voneinander unterschiedene Abschnitte: 1. die Zeit bis zur Entdeckung der australischen und kalifornischen Gruben, also bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts: geringe Gold- Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung 205 droduktion — der Jahresdurchschnitt beträgt 20000 kg und weniger — und geringe kapitalistische Entwicklung trotz aller technischen Fortschritte; 2. die Zeit von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Erschließung der nordamerikanischen und namentlich südafrikanischen Gruben, sowie der damit zeitlich zusammenfallenden Erfindung des Zyanidprozesses (siehe oben S. 106f.), also bis in den Anfang der 1890er Jahre: beträchtlich gesteigerte Goldproduktion ■—■ der Jahresdurchschnitt liegt zwischen 150000 und 200000 kg — und erste Äufschwungsperiode des Hochkapitalismus; endlich 3. die Zeit von Anfang der 1890er Jahre bis zum Ausbruch des Weltkrieges: gewaltig vermehrte Goldproduktion — die Jahresausbeute steigt beständig bis auf den Rekordbetrag von mehr als 700000 kg im Jahre 1912 — und dementsprechend reißend schnelle Ausdehnung und Verfestigung der kapitalistischen Wirtschaft: das Zeitalter des Imperialismus, dessen einzigartige Größenverhältnisse uns immer wieder in die Augen springen. Die Ziffern der Goldproduktion für die einzelnen Jahre sind folgende (nach den Zusammenstellungen der Statistischen Abteilung der Reichsbank). Die Produktion betrug im Jahresdurchschnitt: 1761—1780 . 20705 kg 1781—1800 . 17790 „ 1801—1820 . 14612 „ 1821—1830 . 14216 „ 1831—1840 . 20289 „ 1841—1850 . 54759 „ 1851—1855 . 199388 kg 1856—1860 . 201750 „ 1861—1865 . 185057 „ 186&—1870 . 195026 „ 1871—1875 . 173904 „ 1876—1880 . 172414 „ 1881—1885 . 154959 „ (Depressions- 1886—1890 . 169869 „ jahre) 1891—1895 . 245175 kg 1896—1900 . 387143 „ 1901 . 392705 „ 1902 . 446490 „ 1903 . 493083 „ 1904 . 522686 „ 1905 . 568232 „ 1906 . 605632 „ 1907 . 621375 „ 1908 . 666574 „ 1909 . 683748 „ 1910 . 684757 „ 1911 . 695111 „ 1912 . 701363 „ 206 Erster Abschnitt: Das Kapital 2. Der Notenumlauf 1. Großbritannien Die Notenausgabe der Bank of England betrug: 1780 . 8,41 Millionen £ 1790 . 11,43 1800 . 15,06 1810.24,79 Seitdem ist der Betrag bis in den Anfang der 1890er Jahre ungefähr gleich geblieben, von da an steigt er bis zum Kriege auf etwa 30 bis 32 Millionen £. Der den englischen Privatbanken und Aktienbanken im Jahre 1844 zugestandene Betrag in Noten belief sich auf 8648000 £. Er ist nie voll in Anspruch genommen. Die tatsächlich von den Privatbanken ausgegebenen Noten vermindern sich rasch und sinken seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts auf weniger als 1 Million £, Im Jahre 1845 wurde in England, Schottland und Irland gleichmäßig die weitere Ausdehnung der Notenausgabe wie die Gründung neuer Notenbanken gesetzlich unterbunden. Damals gab es in Schottland 19 Zettelbanken, denen das Recht zugebilligt wurde, für 3087209 £ Noten auszugeben. Gegenwärtig sind davon 11 übriggeblieben, die die Berechtigung zur Ausgabe von 2676350 £ ungedeckte Noten besitzen. Der Gesamtnotenumlauf beträgt etwa das Doppelte. In Irland ist wie in England die Notenausgabe stark zentralisiert. Weit über die Hälfte der insgesamt. 6 354 494 £ ungedeckt auszugebenden Noten wird von der Bank of Ireland emittiert. 2. Frankreich Hier hat die zentrale Notenbank (Banque de France) von Anfang an eine vorherrschende Stellung eingenommen. Ihr Notenumlauf entwickelt sich wie folgt: das Maximum der Noten- ausgabe betrug in den Jahren: 1800 .... 23 Millionen Fr. 1870 ... 1841 Millionen Fr. 1810 .... 117 1880 . . . 2481 1820 .... 172 1890 ... 3052 >> >5 1830 .... 239 1900 . . . . 4147 5 J >> 1840 .... 251 „ ,, 1910 . ... 5184 >> }> 1850 .... 504 1913 . ... 5714 >> J> 1860 .... 801 Daß Frankreich von allen Bändern sowohl absolut als auch auf den Kopf der Bevölkerung gerechnet deji stärksten. Notenumlauf hatte, hängt mit der eigentümlichen Kreditorganisation des Landes zusammen, in denen die übrigen Zahlungsmethoden nur eine geringe Entwicklung erfahren haben. In größeren Dimensionen weist der Notenumlauf dieselben Linien auf wie in anderen geordneten Staaten*. 207 Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung 3. Deutschland, Gemäß der ökonomischen Rückständigkeit des Landes bleibt auch das Banknotenwesen bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts schwach entwickelt. Der durchschnittliche Betrag der zu Anfang der 1850er Jahre in ganz Deutschland in Umlauf befindlichen Banknoten wird mit höchstens 120 Mill. Mk. (worunter nur etwa 15 Mill. ungedeckt) angenommen. Erst seit dieser Zeit nimmt auch in Deutschland das Notenwesen einen raschen Aufschwung. Der Umlauf der ungedeckten Noten der deutschen Zettelbanken, abgesehen von Bayern, betrug durchschnittlich: 1867 . 202296000 Mk. 1874 .. etwa 480000000 „ Von nun an vereinigt sich das deutsche Notenbankwesen immer mehr in der Reichsbank, deren Notenumlauf im Jahresdurchschnitt folgende Ziffern auf weist: 1876 .. 684,9 Mill. Mk. 1896 . 1083,5 „ „ 1906 . 1387,2 „ „ 1913 . 1958,2 „ „ Eine Sonderstellung zum Notenwesen nehmen die Vereinigten Staaten von Amerika ein. Hier ist das Banknotenwesen erst spät, man darf sagen erst seit dem Federal Reserve Act von 1913, in einem kapitalistisch-rationellen Sinne gestaltet worden. Die Folge war, daß eine Zeitlang unter dem System der Bankfreiheit die Notenausgabe wild gewuchert hat, um dann seit den 1880er Jahren verschwindend klein zu werden. (Der Notenumlauf ging von 1882-bis 1891 von 332,4 Mill. auf 125,7 Mill. $ zurück.) Seitdem ist die Notenausgabe zwar gestiegen: bis auf etwa 600 Mill. $ im Durchschnitt der Jahre vor dem Kriege. Aber auch dieser Betrag ist verhältnismäßig gering. Der Grund dieser geringen Entwicklung des Notenwesens in den Vereinigten Staaten ist, sagte , ich, die unvollkommene Regelung dieses Gebietes durch den Gesetzgeber, die es mit sich gebracht hat, daß die Banknote disqualifiziert ist und das Wirtschaftsleben sich auf andere Weise als durch Banknotenverkehr zu helfen gewußt hat. Offenbar hängen nämlich mit der ungenügenden Ausbildung dieser Seite des Kreditwesens einige in die Augen springende Eigentümlichkeiten der amerikanischen Volkswirtschaft zusammen. Das ist einerseits ein noch in weiterem Umfange als in sonst einem kapitalistischen Lande beibehaltener Bargeldverkehr in der Abwicklung der Geschäfte mit dem agrarischen Westen, an den während der Herbstzahlungen oft 100—200 Mill. $ in bar ausgezahlt werden, andererseits eine Übersteigerung des Prinzips der bargeldlosen Zahlung, wie wir sie in den Einrichtungen der „unechten“ Depositen und der Clearing-House-Zertifikate kennengelernt haben. Die mitgeteilten Ziffern sind sämtlich den amtlichen Veröffentlichungen entnommen. Übersichtliche Zusammenstellungen findet man in den Artikeln „Banken“ im H.St. in den verschiedenen Auflagen. 208 Erster Abschnitt: Das Kapital 3. Das Depositenwesen A. Die Banken 1. England (nach den Ziffern des „Economist“): Bank von England: 1890 .. . 39,8 Mill. $ 1900 . 43,8 „ „ 1913.71,3 „ „ Andere Banken: Zahl der Banken Betrag der Depositen Verhältnis in Mill $ 1890 . 104 368 100 1900 . 77 586 159 1912 . 44 772 210 2. Deutschland (nach den Ziffern des „Deutschen Ökonomist“): Zahl der Banken Betrag der Depositen Verhältnis in Mill. Mk. 1890 . 92 1291 100 1900 . 118 2291 178 1912 . 156 9436 731 Die „fremden Gelder“, also Depositen, Kreditoren und Akzepte, bei den acht Berliner Großbanken betrugen in Millionen Mark: 1880 1890 1895 1900 1905 1910 1914 328.1 799.1 1235,8 1927.3 3670.4 5626,1 6336,6 Ein Vergleich der deutschen mit den englischen Ziffern ergibt die verhältnismäßig geringe Entwicklung der Depositen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, der eine rasche Steigerung seit 1900 entspricht. Trotz dieser bleibt der Depositenbetrag der deutschen Banken auch 1912 noch erheblich hinter dem der englischen zurück. Das ist aber kein Beweis, daß der Kreditverkehr in Deutschland, soweit er auf Depositeneinlagen beruht, noch nicht die Höhe des englischen erreicht habe, sondern hat in eigenartigen englischen Gewohnheiten seinen Grund. Vor allem darin, daß in England die Bank offenbar in weitem Umfange die Stelle vertritt, die bei uns die Sparkasse einnimmt. (Siehe die auffallend geringe Entwicklung des englischen Sparkassenwesens in der folgenden Übersicht!) 3. Frankreich: In den drei großen Depositenbanken war der Gesamtbetrag an fremden Geldern: 1872 ......... 427 Mill. Fr. 1880 . 953 „ 1890 . 1245 „ 1900 . 2300 „ 1909 . 4363 „ Bei Kaufmann, Franz. Bankwesen. Tabelle VI. Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung 209 4. U.S.A.: Die Depositen betrugen in Millionen $ in Nationalbanken Staatsbanken Leih- und Trust- Privatbanken (private Einlagen) Gesellschaften 1880 . 833,7 208,8 90,0 182,7 1890 . 1521,7 553,1 336,5 99,7 1900 . 2458,1 1266,7 1028,2 96,2 1905 . 3783,7 2365,2 1980,9 127,9 1910 . 5287,2 2727,9 3073,1 124,6 1914 . 6268,7 3277,8 4204,6 134,4 Statistical Abstract of the United States. B. Die Sparkassen Summe der Einlagen Höhe der Einlagen auf den Kopf der Bevölkerung 1. Deutschland: 1875 . . 1869 Mill.' Mk. 44 Mk 1890 . . 5137 99 99 104 „ 1900 . . 8839 99 9 9 158 „ 1910 . . 16781 JJ 99 259 „ 2. Österreich: 1870 . . 572 „ K. 28 K. 1890 . . 2566 99 108 „ 1910 . . 6045 9 9 9 9 211 „ 3. Ungarn: 1870 . . 236 99 99 15 „ 1890 . . 858 99 9 9 49 „ 1910 . . 2109 9 9 9 9 102 „ 4. Frankreich: 1870 . . 632 „ Fr. 18 Fr. 1890 . . 2912 99 99 76 „ 1910 . . 3833 9 9 99 98 „ 5. Großbritannien: 1870 . 37,6 „ £ 1 sh. 1890 . 43,6 99 99 1 „ 1910 . 52,3 99 99 1 „ 6. Vereinigte Staaten 1870 . . 550 „ $ 15 $ von Amerika: 1890 . . 1550 99 9 9 25 „ 1910 . . 4070 9 9 9 9 44 „ Die Zahlen sind den Zusammenstellungen entnommen, die sich in der Arbeit von Seidel und Pfitzner in den Sehr. d. V. f. S.-P. Bd. 137, III finden. Dortselbst noch weiteres, reiches Material über Sparkassen. C. Die Versicherungsanstalten Ein wachsender Teil der aufgehäuften „Sparbeträge“ sammelt sich bei den Versicherungsanstalten an, von denen hauptsächlich die Anstalten für Sozialversicherung und Lebensversicherung in Frage kommen. In Deutschland betrug der Vermögensbestand (ohne Inventar) sämtlicher Sozialversicherungsanstalten: 1900 . 777,8 Mill. Mk. 1905 . 1722,3 „ 1910 . 2521,1 „ 1913 . 3077,2 „ Sombart, Hochkapitalismus. 14 210 Erster Abschnitt: Das Kapital Die Kapitalanlage der Lebensversicherungsanstalten bezifferte sich auf: 1905 . .... 3402 Mill. Mk. 1910. .... 4635 yy yy 1912. .... 5237 yy yy Nach den Zusammenstellungen im Stat. Jahrb. f. d. D. R. Während in Deutschland die Gelder der Versicherungsgesellschaften vornehmlich für den Hypothekenmarkt in Betracht kommen, werden sie z. B. in den Vereinigten Staaten von Amerika bald in die Eisenbahnen, bald in die Industrie, bald in die Schiffahrt geleitet: die Direktoren der National City Bank sind Präsidenten, Vizepräsidenten, Trustees der „New York Life“, „Mutual Life“ u. a. Die Beträge, um die es sich dabei handelt, sind noch viel gewaltiger als etwa in Deutschland: die Aktiva, sämtlicher amerikanischer Lebensversicherungen betrugen in Tausend Dollar: 1880 . 452681 1890 . 770972 1900 . 1 742414 1905 . 2 706187 1910 . 3 875877 1915 . 5190310 1920 . 7 319997 Statistical Abstract. U. S. 4. Der Akzeptkredit Neun Berliner Großbanken hatten folgenden Akzeptumlauf (inMill.Mk.): 1860 . . 8,2 1870 . . 18,9 1880 . . 80,3 1890 . . 281,8 1900 . . 670,9 1910. .1140,2 1913. .1391,8 Das heißt: der Akzeptkredit fängt erst Anfang der 1890er Jahre an, eine Rolle zu spielen, seit 1900 nimmt er einen rascheren Aufschwung. Die Tabelle findet sich bei R. Brenninkmeyer, Der Akzeptkredit der Banken (1916), 94. 5. Die Aktienbanken Kreditinstitute und Banken in Form von Aktiengesellschaften gab es. in Deutschland: Zahl Kapital (Millionen Mark) 1886/87 . . . . . . . 248 1598,0 1891/92 . . . . . . . 390 1635,8 1896 . . . . . 400 2136,4 1902 . . . . . 419 3289,1 1909 . . . . . 461 3848,1 H.St. 1«, 148. Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung 211 in Österreich: Zahl Kapital 1890 . 40 593 1900 . 45 777 1905 . 52 883 1910 . 69 1267 H.St. I 4 , 162. In TJ.S.A. belief sich im Jahre 1914 die Zahl aller Banken auf 26765 mit einem Gesamtmittelapparat von 26971,4 Mill. $; davon waren Privatbanken 1064 mit 196,5 Mill. Gesamtmitteln. Allerdings werden die Ziffern der Privatbanken von der Statistik als unvollständig bezeichnet, da ein großer Teil der nicht unter Staatsaufsicht stehenden Banken keinen Bericht erstatte. Nach amtlicher Schätzung gab es Privatbanken im Jahre 1910 4000, 1922 1200. Aber auch wenn man die obige Ziffer der Gesamtmittel aller Privatbanken vervierfacht, bleibt der Betrag ganz verschwindend klein gegenüber allen übrigen Banken. Zudem wird, wie die obige Schätzung besagt, die Bedeutung der Privatbanken immer geringer. Die Ziffern finden sich im Statistical Abstract of the U.S. 6. Das Effektenwesen im allgemeinen Die beste, allgemeine Übersicht über den Effektenbetrag in den letzten Jahren vor dem Kriege enthält die Statistik der Emissionen, die Alfr. Neymarck im Bulletin de l’Institut international de Statistique Vol. XIX, II (1912) veröffentlicht hat. Danach betrug die Summe aller Emissionen: 1871—1880 . 74,0 Milliarden Franken 1881—1890 . 64,5 1891—1900 . 100,4 1901—1910.114,1 Die Gesamtsumme aller Wertpapiere, die an den Börsen gehandelt werden, bezifferte sich im Jahre 1910 auf 815 Milliarden Franken, abzüglich der Doppelzählungen auf 575—600 Milliarden Franken. Davon entfielen auf: Großbritannien. 140—142 Milliarden Franken Vereinigte Staaten . . . 130—132 Frankreich. 106—110 Deutschland. 90-95 Rußland. 29-31 Österreich-Ungarn .... 23-24 Italien. 13-14 Japan . 9-12 Übrige Länder. 35 40 ,, ,, Insgesamt. 575—600 Millionen Franken Der größte Teil dieser Summe dient der Kapitalbildung. So wurden emittiert in den Jahren 1909/10 für 45 Milliarden Franken Wertpapiere; davon entfielen auf öffentliche Anleihen . . 17,56 Milliarden Franken auf Erwerbsgesellschaften . . 27,47 14 * 212 Erster Abschnitt: Das Kapital In einem ganz ähnlichen Verhältnis (5:8) teilten sich die deutschen Effekten im Jahre 1912 auf, von denen 25 Milliarden Mk. öffentliche Anleihen, 40 Milliarden Mk. Kapital darstellten. Uber Deutschland insbesondere unterrichten folgende Ziffern: Der Berliner Effektenmarkt 1870—1910 (Mitteilung der Korp. der Kaufm.) Anzahl der Werte, am Berliner Kurszettel ar 1870 [ 1880 1890 .lieh notiert im n 31. Dezember 1900 11910 Deutsche Fonds- und Staatspapiere einschließlich Deutsche Städte- und Rentenbriefe . 64 114 125 279 587 Ausländische Fonds- und Staatspapiere. 35 89 197 252 373 Eisenbahn-Aktien und -Obligationen . . 175 294 224 209 213 Deutsch.Kleinbahn-Aktienu.-Obligationen — — — 62 73 Schiffahrts-Aktien und -Obligationen . . — — 9 19 21 Bank-Aktien und -Obligationen .... 3 98 113 134 147 Industrie-Aktien und -Obligationen. . . 9 41 300 753 1101 Versieh erungs-Aktien . — — — 48 51 Wechsel, Gold- und Silber. 33 26 46 52 59 Hypotheken-Pfandbriefe. — — — — 204 Wechsel-Diskonte. — — — — 15 1 359 1 662 1 1014 1 1808 2844 Eine „Statistik der Schuldverschreibungen der Aktiengesellschaften und sonstigen privatrechtlichen Schuldner nach dem Stande vom 31. Dezember 1910“ hat das K. Statistische Amt veröffentlicht. Danach gab es in Deutschland Industrieobligationen in Höhe von rund 4 Milliarden Mk., davon entfielen 80% auf Aktiengesellschaften, und zwar: 235 Millionen Mk. auf die elektrische Industrie, 157 ,, ,, ,, „ Textilindustrie, 193 „ „ ,, „ Bierbrauerei und Mälzerei, 1000 ,, ,, „ Bergbau und Hüttenindustrie. Ferner gab es für 15,8 Milliarden Mk. Pfandbriefe, davon 10 Milliarden Mk. Pfandbriefe von Hypothekenbanken. Siehe Stat. Jahrbuch 1912. Die Gesamtsumme der in Deutschland emittierten Wertpapiere schätzt jene Veröffentlichung auf 58 Milliarden Mk. Anfangs der 1890er Jahre bezifferte Schmoller das in Effekten angelegte Vermögen der preußischen Staatsangehörigen auf 16—20 Milliarden Mk. Da dieser Betrag sicher größer war als der der deutschen Effekten, so würde sich deren Betrag in den für den Kapitalismus entscheidenden 20 Jahren von 1890—1910 mehr als verdreifacht haben. Welche große Bedeutung das Effektenwesen für die moderne Wirtschaft besitzt, bringt man sich am besten ins Gefühl, wenn man den Anteil der Effekten am gesamten Nationalvermögen berechnet. Nach einer Zusammenstellung bei Kurt Frh. v. Reibnitz, Amerikas inter- Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung 213 nationale Kapitalwanderungen (1926), waren die Ziffern für die vier kapitalistischen Großmächte vor dem Kriege folgende (in Milliarden Mark): , T „ .. Gesamt- Volksvermogen effektenbetrag Deutschland. 300 60 Vereinigte Staaten . . 530 163 England. 260 110 Frankreich. 230 118 Anteil der Effekten am Volksvermögen 20 % 30% 42% 51% 7. Die Aktiengesellschaften insbesondere 1. Großbritannien: Die Gesamtzahl aller im Betrieb befindlichen Aktiengesellschaften (all registered Companies having a share Capital) betrug am 31. April des Jahres 475,5 Mill. £ Kapital 775,1 ,, ,, ,, 1622,6 „ „ 1954,3 „ „ ,, 2178.6 „ „ „ 2425.7 ,, ,, ,, 8692 mit 13323 „ 29730 39616 51787 60754 1885: 1890: 1900: 1905: 1910: 1913: Statistical Abstract of the U. K. 2. Frankreich: In den Jahren 1889—1913 wurden neu errichtet: 25451 Handelsgesellschaften auf Aktien mit 20312 Mill. Franken Kapital. HSt. I 4 , 173. 3. Niederlande: Es waren vorhanden Aktiengesellschaften: 1885/86: 653 mit 356,4 Mill. fl. Kapital 1890/91: 1900/01: 957 „ 455,9 3366 „ 1011,4 4745 „ 1279,4 6874 „ 1644,7 9431 „ 2132,0 HSt. I 4 , 177. 4. Österreich: Die Zahl der am Jahresschluß vorhandenen Aktiengesellschaften belief sich auf: 1885: 414 mit 2982 Mill. Kr. Kapital 435 „ 3030 „ „ „ 629 „ 2986 „ „ „ 713 „ 3400 „ „ 868 „ 3303 „ „ „ 812 „ 4167 „ „ 5. Deutschland: Es wurden Aktiengesellschaften gegründet in den Jahren: 1871—1875: 620 mit 595 Mill. Mk. Kapital 1886—1890: 1061 „ 1100 „ 1891—1895: 635 „ 586 „ 1896—1900: 1390 „ 1997 „ 1910/11: 1913/14: 1890: 1900: 1905: 1910: 1913: 214 Erster Abschnitt: Das Kapital 1901—1905: 625 mit 1103 Mill. Mk. Kapital 1906—1910: 944 „ 1389 „ „ 1911: 169 „ 236 ,, „ ,, 1912: 179 „ 245 „ 1913: 175 „ 217 „ „ Nach privaten Berechnungen HSt. I 4 , 155/56. Die Gesamtzahl der tätigen Aktiengesellschaften in Deutschland belief sich am 30. November 1909 auf: 5222 mit 14737,3 Mill. Mk. Kapital. Stat. Jahrb. f. d. D. R. 6. USA: Hier hat die Entwicklung des Aktiengesellschaftswesens ihre höchste Stufe erreicht. Die „Corporations“ erzeugten von sämtlichen Produkten in der Industrie: 1904 73,7%, 1909 79,0%, 1914 83,3%, 1919 87,9%, im Bergbau (1909) 91,4% und beschäftigten von der Lohn- arbeiterschaft dort bzw. 70,6, 75,6, 80,3, 86,5%, hier 90,6%. Statistical Abstract of the Census. Über die Verbreitung der Aktien, das heißt die durch die Effektifi- zierung erfolgte Zerteilung der in einer Unternehmung dargestellten Kapitaleinheit, sind wir in letzter Zeit gut unterrichtet. Anfangs ist diese wichtige Frage nur von einzelnen Forschern untersucht worden. Die Ergebnisse sind folgende: Der englische Nähgarn-Trust zählte (Ende des 19. Jahrhunderts) 12300 Anteilhaber. Davon: 6000 Inhaber von Stammaktien mit 1200 Mk. Durchschnittskapital 4500 „ „ Prioritätsaktien „ 3000 ,, „ 1800 „ ,, Obligationen „ 6300 „ „ Der Trust der Feingarnspinner hatte 5454 Anteilsinhaber. Davon: 2904 Inhaber von Stammaktien mit 6000 Mk. Durchschnittskapital 1870 „ „ Prioritätsaktien „ 10000 ,, „ 680 „ „ Obligationen „ 26000 „ „ Ähnliche Verhältnisse weist der Baumwoll-Trust P. & T. Coats auf. Die Zahl der Aktionäre des großen Manchester Schiffskanals belief sich, als unser Gewährsmann schrieb (1899), auf rund 40 000, die des großen Provisionsgeschäfts T. Lipton auf 74 262. Das Warenhaus Spiers & Pond in London hatte bei einem Gesamtkapital von 26 Mill. Mk. 4650 Aktionäre, davon nur 550, deren Aktienbesitz je 10 000 Mk. überstieg. Ed. Bernstein, Die Voraussetzungen des Sozialismus (1899), 48. Alfr. Neymarck hat im Jahre 1902 die Besitzverteilung von mehr als 100 000 Namensaktien der großen französischen Eisenbahngesellschaften und von über 500 000 auf den Namen lautenden Obligationen dieser Gesellschaften ermittelt. Das Ergebnis, zu dem er gelangt, ist folgendes: 18,3 % der Aktien hatten je einen Besitzer, 53,2 ,, ,, ,, entfielen auf Besitzer von 2—10 Aktien, ifS 7 11_ 94 12 ,, ,, ,, ,, ,, ,, ,, 500 und mehr Aktien. Von 520 000 Obligationen entfielen 354 731 auf Besitzer von 1—-24 Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung 215 Stück, 137 681 auf Besitzer von 25—100 Stück. A. Neymarck, Une Statistique nouvelle sur le morcellement des valeurs mobilieres. 1903. Felix Deutsch nimmt für Deutschland in einer 1919 von der Handelskammer zu Berlin veröffentlichten Statistik, auf Grund von Auszählungen einiger größerer Aktiengesellschaften an, daß der durchschnittliche Besitz des einzelnen Aktionärs sich nicht höher als auf 3000—5000 Mk. beläuft. (Eine meines Erachtens zu niedrige Durchschnittssumme.) In ihrem Geschäftsbericht für 1920 schätzt die Deutsche Bank den durchschnittlichen Besitz ihrer Aktionäre auf 9000 Mk. Nennwert. Über Amerika, das immer noch als vorwiegenden Typ die Namenaktie hat, sind wir am besten unterrichtet. Bei drei amerikanischen Telephongesellschaften besitzen 97 833 Aktionäre, die 98 Berufen angehören, 560 033 Aktien, das sind durchschnittlich etwa 6 Aktien für jeden Aktionär. Annähernd 11000 Bureauangestellte besitzen durchschnittlich etwa 4 Aktien, etwa 10 000 Telegraphen- und Telephonangestellte desgleichen, etwa 20 000 Hausfrauen 6, 4300 verantwortliche Angestellte 10 Aktien. B.. S. Brookings, Demokratisierung d. amerik. Wirtschaft (1925), 38f. Eine umfassendere Statistik bezieht sich auf die Jahre nach dem Kriege. Sie ergab, daß die Zunahme der Aktieninhaber von 1918—1925 betrug bei: Eisenbahnen. 318 481 Expreß und Pullman. 10 823 Straßenbahnen. 275 000 Gas- und Elektrizitätsgesellschaften. 1 361 279 Telephon- und Telegraphengesellschaften . . . 264 571 Verpackungsgesellschaften. 35 000 10 Ölgesellschaften. 137 677 5 Eisen- und Stahlgesellschaften. 92 226 10 anderen Unternehmungen .. 19 357 2 514 394 Mitgeteilt vom „Heimatdienst“, 15. Februar 1926. Die Gruppen, unter denen die Aktien verteilt werden, sind die „Kunden“ und die Angestellten. Siehe noch andere Ziffern bei E. E. Lincoln, Applied Business Finance (2. ed. 1923), Ch. XII und Carver, Industrial Owner-ship. 1926. 8. Der Wecliselkredit Aus den im Text angeführten Gründen entwickelt sich der Wechselverkehr nicht annähernd im Verhältnis zur Ausdehnung der gesamten Kreditwirtschaft. Ja, der Warenwechselverkehr zeigte schon vor dem Kriege (in Deutschland) eine leise Tendenz zur (absoluten!) Verringerung. Der Wechselumlauf betrug in Deutschland: 1885: 12,06 Milliarden Mk., davon Bankakzepte 2,1 Milliarden Mk. 1905: 25,50 1910: 33,39 1912: 36,68 1913: 36,24 8,5 11,2 12,7 13,1 216 Erster Abschnitt: Das Kapital In Frankreich war er — aus naheliegenden Gründen — verhältnismäßig etwas höher, zeigte aber auch hier keine wesentliche Neigung zu steigen. Er betrug: 1881: 27,3 Milliarden Franken 1905: 31,1 Bei den englischen Depositenbanken betrugen die Wechsel nach Angabe des Vizepräsidenten Birch im Institute of Bankers bei sieben Banken: 1880 = 26 % der Gesamtaktien 1912 = 12 % „ Deutlicher noch spricht das Verhältnis der Wechsel zu den Depositen. Ende 1912 betrugen die Depositen 365 Mill. £, die Wechsel 56,8 Mill. £, das sind 15,6% der Depositen. Vgl. Somary, Bankpolitik (1915), 31. Das Wechseldiskontgeschäft umfaßte in Deutschland (Mill. Mark): T, . , , . t, , , , Diskonto- Dresdner Darmstädter Reichsbank Deutsche Bank „ , ,, n i -di gesell schaft Bank Bank 1880: 376 37 37 4 7 1912: 1238 646 232 286 121 in Frankreich (Mill. Frcs.): Banque de n ,, T u Cred. Lyonais Soc. generale Comptoir France v ' iOU - d’Escompte 1881: 1324 178 111 98 1912: 1719 1411 947 864 Die Ziffern bei R. B r e n n i n k m e y e r , a. a. 0. Seite 5/8. Credit industriel 64 124 9. Bargeldloser Verkehr (Giro- und Clearingwesen) 1. England: Umsätze des Londoner Clearing House (in Milliarden £): 1868: 3,4 100 1880: 5,8 169 1890: 7,8 228 1900: 9,0 262 1905: 12,3 — 1910: 14,5 428 1912: 16,0 466 Statistical Abstract U. K. An der Entwicklung des Clearing-Verkehrs kann man am besten die Ausdehnung der Kreditwirtschaft ermessen: in den Jahren 1894—1912 stiegen in England: die Kohlengewinnung.um 38,3 % der Wert der Ausfuhr.,, 125,4 „ die Umsätze des Clearing House . . . „ 151,9 ,, Aufstellung nach den Berechnungen bei E. H. V o g e 1, Theorie des volkswirtschaftlichen Entwicklungsprozesses (1917), 83. 2. Deutschland: Umsätze (Giroverkehr) der Reichsbank (in Milliarden 1883: 43,8 1890: 79,7 1895: 93,7 Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung 217 1900: 163,6, davon für Private 135,2 1905: 222,1, .. „ „ 178,6 1910: 314,2 ,, ,, ,, 239,3 1913: 379,1 „ „ „ 287,1 Gesamteinlieferungen bei den deutschen Abrechnungsstellen (in Milliarden Mark): 1884: 12,1 1900: 29,5 1913: 73,6 1890: 18,0 1910: 54,3 Umsätze im Postscheckverkehr (in Milliarden Mark): 1910: 21,8 1913: 41,6 (Erst seit 1909.) Stat. Jahrb. f. d. D. R. In denselben Jahren stieg der Geldumlauf in Deutschland wie folgt. Er betrug in Millionen Mk.: 1883: 1870,0 1900: 3005,3 1890: 2068,3 1913: 6088,1 Stat. Jahrbuch f. d. D. R. Der Geldumlauf hat sich also in demselben Zeitraum verdreifacht, in dem der Abrechnungsverkehr sich versechsfacht, der Giroverkehr der Reichsbank (für Private) versiebenfacht hat. In diesem Maße ist die Barkassendeckung der Kreditbanken zurückgegangen; sie betrug (nach dem D. Ökonomist): 1883: 13,5% 1903: 10,0% 1893: 16,2% 1913: 7,5% 3. U. S. A.: Die Entwicklung des New-Yorker sowie des gesamten Clearingverkehrs in den Vereinigten Staaten spiegelt sich in folgenden Ziffern, die durch ihre Vollständigkeit besonders lehrreich sind. Die Bank- Clearings betrugen (in Milliarden $) in: 1855 New York 5,6 U. S. 1860 7,2 — 1865 26,0 — 1870 27,8 — 1875 25,0 — 1880 37,2 — 1885 25,3 — 1890 37,7 58,8 1895 28,3 51,0 1900 52,0 84,6 1905 92,9 140,6 1910 102,6 169,0 1913 98,1 173,2 Statistical Abstract of the U. S. Zu beachten: das starke Schwanken der Beträge und die verhältnismäßige Beständigkeit der Summen in dem Menschenalter von 1865—1895. Dann plötzliches Ansteigen in wenigen Jahren fast auf das Vierfache. 218 Fünfzehntes Kapitel Die Bedeutung des Kredits für die kapitalistische Wirtschaft Ich habe im vorigen Kapitel schon an verschiedenen Stellen auf die Bedeutung hingewiesen, die einzelnen Kreditgeschäften oder kreditwirtschaftlichen Einrichtungen für die Entfaltung kapitalistischen Wesens zukommt. Bei der großen Wichtigkeit des Problems halte ich es für geboten, in einem besonderen Kapitel noch einmal im Zusammenhang diese Bedeutung des Kredits, in dem sich gleichsam der Geist der hochkapitalistischen Wirtschaft verkörpert, herauszustellen, teilweise früher Gesagtes wiederholend und einzelne Bemerkungen miteinander verbindend, teilweise unter neuen Gesichtspunkten denselben Gegenstand betrachtend. I. Der Kredit hat die Ausdehnung der kapitalistischen Wirtschaft möglich gemacht. Sein Mittel war die Ausweitung des Kapitals, worimter wir immer nur dieses zu verstehen haben: "Vermehrung der Möglichkeiten, mehr Arbeit in Bewegung zu setzen. Gerade auf diese Leistung des Kredits habe ich den Leser an verschiedenen Stellen in der vorhergehenden Darstellung schon aufmerksam gemacht. Der Kredit vollbringt diese Gesamtleistung durch folgende Einzelleistungen: 1. Beschleunigung des Kapitalumschlages. Sie bewirkt der Zirkulationskredit in der Gestalt der (Waren-) Wechseldiskontierung und Warenlombardierung: ehe der in einer Ware gebundene Wert auf dem Wege des normalen Umlaufs in die "V erfügungs- gewalt des Unternehmers zurückgelangt, erhält dieser durch den Zirkulationskredit die Mittel, den Produktionsprozeß fortzusetzen. 2. Nutzbarmachung der „Sparbeträge“: über diesen Punkt habe ich ausführlich gesprochen. 3. „Rettung“ von potentiellem Kapital vor der Verwendung zu konsumtiven Zwecken: dieses ist vor allem die Leistung des Agiogewinnes bei Emissionen. Da ich über diese samtwirtschaftliche Funktion des Emissionsge- Fünfzehntes Kap.: Die Bedeutung d. Kredits f. d. kapitalistische Wirtsch. 219 schäftes noch nicht gesprochen habe und ihre Bedeutung, soviel ich sehe, bisher überhaupt noch nicht erkannt ist, sei folgendes bemerkt: Daß die Emissionstätigkeit der Banken und Bankiers kapitalbildend wirkt, sofern sie dazu beiträgt, potentielles Kapital in aktuelles zu verwandeln durch Ausgabe von Aktien oder Obligationen oder Pfandbriefen, leuchtet ein und bedarf keiner besonderen Begründung. Dagegen ist es auf den ersten Blick weniger einleuchtend, daß gerade der Agiogewinn, den die Emissionshäuser zu machen pflegen, zur Kapitalbildung erheblich beiträgt. Um welche großen Beträge es sich dabei handelt, ist bekannt und habe ich oben in einigen Ziffern angegeben. Was bedeuten die im Agiogewinn den Banken zufließenden Beträge ? Offenbar ganz allgemein zunächst dieses, daß es Summen sind, die denjenigen, die die überwerteten Papiere kaufen, also sagen wir den „Sparern“, abgenommen und den Banken oder den Gründerkonsortien zugeführt werden. Das heißt aber: Stellen, an denen sie mit Sicherheit sofort wieder in Kapital verwandelt werden, während sie in den Taschen der Sparer möglicherweise noch länger als potentielles Kapital geruht hätten, wenn sie nicht gar zu konsumtiven Zwecken verwandt worden wären. Koch deutlicher ist die kapitalbildende Wirkung des Agiogewinnes bei Emissionen, wo es sich um öffentliche Anleihen handelt, die vielleicht nicht oder nicht in vollem Umfange oder auf sehr weiten Umwegen zu produktiven Zwecken verbraucht werden. Hier „rettet“ ganz offensichtlich die Bank in der Gestalt ihres Agiogewinnes einen Teil des zur „Anlage“ herbeigebrachten, potentiellen Kapitals vor dem Verderben, das heißt eben im kapitalistischen Sinne: vor seiner Verwendung zu konsumtiven Zwecken. Wobei wiederum die (selbstverständliche) Voraussetzung zu machen ist, daß der von den Banken oder anderen Emissionshäusern zurückbehaltene Betrag sofort als Kapital angelegt wird. Daß diese Voraussetzung in den meisten Fällen zutrifft, dürfte nicht zweifelhaft sein. Die beiden letzten noch zu erwähnenden Mittel, wodurch der Kredit zur Ausweitung des Kapitals beiträgt, sind ausführlich von mir besprochen worden und brauchen hier nur aufgezählt zu werden. Es sind: 4. die Erteilung von Anweisungskredit; 5. die Entwaltung von der Geld-(Gold-)Schranke. II. Der Kredit hat die Ausdehnung der kapitalistischen Wirtschaft zur Wirklichkeit gemacht, indem er die Kräfte entband, die diese Ausdehnung bewirkt haben. Der Kredit verhalf dazu, die wirtschaftliche Energie in den führenden Wirtschafts- 220 Erster Abschnitt; Das Kapital Subjekten zu steigern. Er brachte das Dynamische in den Wirtschaftsprozeß und drängte auf immer größere Beschleunigung des wirtschaftlichen Umlaufes hin. Er blähte die Segel, steigerte den Atmosphärendruck des Dampfes, verstärkte die Kraft des elektrischen Stromes, auf daß die Fahrt immer rascher voranginge. Er ist das wirtschaftliche Gegenstück zu der modernen Technik: grenzenlos wie diese in seinen Zielen, revolutionär und revolutierend in seinen Mitteln wie sie. Moderne Technik und Kreditwirtschaft, die Seele wurden in der von ihnen beherrschten Mittelsperson des Unternehmers, haben das hochkapitalistische Wirtschaftssystem aufgebaut: sie beide, der Ausdruck jenes Unendlichkeitsdranges, den wir als das Wesen des europäischen Geistes erkannt haben, und den wir überall als jene Kraft wiederfinden, die die alte Welt in Trümmer geschlagen hat und daran ist, die Grundlage einer neuen Welt zu legen. Fragen wir, mit welchen Mitteln der Kredit diese umstürzende Wirkung erzielt hat, so stoßen wir auch hier auf Zusammenhänge, die uns teilweise schon bekannt sind. Das ist nämlich: 1. Die Emporhebung der Vermögenslosen zur Unternehmertätigkeit, wodurch die Zufälligkeiten der früheren Zeit, in der deren Ausübung an den Geldbesitz gebunden war, beseitigt worden sind. Das Kapital kommt zum besten Wirt. Die Tüchtigsten (freilich nur im kapitalistischen Sinne!) werden ausgewählt. „Kreditanstalten sind die Stützen für das Genie.“ Ich führe zur Ergänzung dessen, was ich über diesen Punkt bereits früher bemerkt habe, noch eine Stelle aus McLeods Geschichte des großbritannischen Bankwesens (in „AHistory of Banking“ usw. 2 [1896], 213ff.) an, wo er die Wirkungen des schottischen Cash credits mit folgenden Worten schildert: „Almost every young man in Scotland commencing business does it by means of a cash credit. . . These credits are granted to all classes of society; to the poor as freely as to the rieh. Everything depends upon character. Young men in the humblest walks of life may inspire their friends with confidence in their steadiness and judgment and they become securities for them on a cash credit. This is in all respects of equal value to them as money; and thus the have the means placed within their reach of rising to any extent that their abilities and industry permit them. Multi- tudes of men who have raised themselves to immense wealth, began life with nothing but a cash credit.“ 2. treibt der Kredit dadurch, daß er — vor allem in der Form des Produktionskredits — den Unternehmer zur Ausweitung der Produktion und zur Vervollkommnung der Produktionsmethoden zwingt. Denn offenbar findet der Produktionskredit seine Rechtfertigung allein darin, Fünfzehntes Kap.: Die Bedeutung d. Kredits f. d. kapitalistische Wirtseh. 221 daß die Produktion in der Zukunft vermehrt wird. Es kann immer nur so viel Produktionskredit -erteilt werden, als Mehrproduktion in der Zukunft stattfindet; denn nur mit den Mehrprodukten kann die geliehene Summe zurückbezahlt werden. Ein Produzent, der auf Kredit kauft, bezahlt (wenn der Kredit Produktionskredit war) mit einem Versprechen, das er aus künftiger Produktion erfüllen wird. So lautet die Regel für den einzelnen Unternehmer, in den dadurch der Ausdehnungsdrang gepflanzt und zum Ausdehnungszwang gewandelt wird. Handelt es sich um echten Anweisungskredit, das heißt in unserer Sprechweise um Kredit, der über die Aktiven der Gesellschaft hinausgeht, so bedeutet das Mehr an Produktion, das der einzelne Unternehmer bewirkt, auch einen Zuwachs der samtwirtschaftlichen Produktion, die auf einer Steigerung der samtwirtschaftlichen Produktionskräfte beruht. Alles das wußte schon J. St. Mill, wenn er sagte: „Money is the property in gold already acquired, credit is the property in gold to be acquired.“ Und McLeod baut auf diesem Gedanken sein System auf: „The true function of credit is to bring into commerce the present value of future profits“ (a. a. 0. S. 80). Man hat gesagt (Dühring), die wesentliche Funktion des Kredits bestehe darin, die Gegenwart mit der Zukunft zu verbinden. Das ist richtig, aber es ist zu wenig. Es drückt die Kräftespannung nicht deutlich genug aus, die in dieser Verbindung der Gegenwart mit der Zukunft geschaffen wird. Man müßte sagen: der Kredit zieht die Zukunft in die Gegenwart herein und reißt den Werteschaffenden, den Unternehmer, in die Zukunft hinaus: das ist das Entscheidende: er macht ihn zukunftstoll. Damit im engsten Zusammenhänge steht dann die letzte hier zu würdigende Leistung des Kredits: er übt nämlich 3. eine schöpferische Kraft dadurch aus, daß er — und in unserer Wirtschaftsordnung er allein — produktive Anlagen auf lange Sicht ermöglicht. Ob es sich um die Anlage industrieller Werke handelt, die, wie Bergwerke oder Hochöfen, erst nach Jahren Ertrag liefern, ob um die Vornahme landwirtschaftlicher Meliorationen, ob gar um den Bau der Eisenbahnen oder Kanäle: immer bedarf es der Vermittlung des Kredits, um sie ins Werk zu setzen. Das ist seine „befruchtende“ Wirkung, die McLeod mit den Wirkungen des Nilschlammes verglich, und die schon viele dazu getrieben hat, Lobeshymnen auf den langfristigen Kredit anzustimmen. Ich erinnere an die unvergleichlich geistvollste Würdigung, 222 Erster Abschnitt: Das Kapital jener, die Emile Zola durch den Mund seines Helden Saccard im „L’Argent“ dem Kredit zuteil werden läßt. III. Der Kredit hat die Künstlichkeit und Verwickeltheit der wirtschaftlichen Beziehungen auf den höchstmöglichen Grad gesteigert: er hat vollendet, was das Geld begonnen hatte: die Entkonkretisierung, Entnaturalisierung, Entpersönlichung der Wirtschaft. 1. Durch den Kredit ist das kapitalistische V erhältnis verallgemeinert worden: „Jedermann ein Kapitalist!“ Immer weitere Kreise geraten in den Zauberbann des Kapitalismus. Sei es auf dem Wege des Depositen-, sei es auf dem des Effektenwesens. Zumal dieses hat eine weitgehende Demokratisierung des kapitalistischen Anteilsverhältnisses bewirkt dadurch, daß es die Zahl der Aktien- und Obligationenbesitzer stark vergrößert hat. Was uns gelegentliche Mitteilungen, von denen ich oben einige verzeichnet habe, erkennen lassen, bestätigt die Richtigkeit dieser Feststellung. Jedenfalls läßt sich dieses mit Bestimmtheit sagen: es gibt für die Ausdehnung des Kapitalverhältnisses keine sozialen Schranken mehr. Und, wie wir hinzufügen können, auch keine räumlichen Schranken mehr. Durch die Einführung des Effektenprinzips, insbesondere des Systems der Anteilscheine, ist die Beschränkung der Kapitalbeschaffung auf einen lokalisierten Interessentenkreis beseitigt. Ich habe ausgeführt (Band II Seite 168 f.), wie im Zeitalter des Frühkapitalismus als Regel galt, daß das Fremdkapital, mochte es sich um Vermögenseinlagen zu Gewinn und Verlust, mochte es sich um festverzinsliche Darlehen oder (in Ausnahmefällen auch) Depositen handeln, von den Verwandten und Freunden des Unternehmers aufgebracht wurde, daß aber auch dann, wenn Fremde sich an der Aufbringung beteiligten, wie etwa im Bergbau oder in der Seeschiffahrt, die Teilhaber sich meist auf einen engen Nachbarschaftskreis beschränkten. Das heißt: die Kapitalbildung war lokalisiert. „Home is . . the centre . . round which the capitals are conti nually circulating and towards which they are always tending“ (Ad. Smith, B. IV. ch. II). Und nun durchbricht sie diese Schranke: sie wird national und schließlich international, dank im wesentlichen dem Aufkommen der Effekten: die Schiffahrtsaktien werden im Binnenlande untergebracht, die amerikanischen Industriepapiere in Europa, die Goldshares auf der ganzen Erde usw. Fünfzehntes Kap.: Die Bedeutung d. Kredits f. d. kapitalistische Wirtsch. 223 Die Statistik der Kapitalwanderungen erweist es, in welch weitem Umfange die Kapitalbildung internationalisiert ist: siehe die Ziffern unten in Kapitel 23. 2. Was ich oben die Entkonkretisierung der Wirtschaft nannte, die der Kredit wesentlich gefördert hat, bedeutet folgendes: zunächst eine Entpersönlichung, das heißt Versachlichung der geschäftlichen Beziehungen, wie sie sowohl im Bankprinzip als (vor allem) im Effekten- prinzip in die Erscheinung tritt: die persönlichen Schuld- und Forderungsverhältnisse weichen einem kollektiven Verschuldetsein. Da die Urkunden, in denen die Tatsache des Verschuldetseins verbrieft ist, leicht den Besitzer wechseln und durch Kauf und Verkauf verwertet werden können, so ergibt sich daraus dasjenige, was ich die Kommerzialisierung des Wirtschaftslebens nannte: alle wirtschaftlichen Beziehungen lösen sich in Handelsgeschäfte auf. Endlich kommt noch, um die Entkonkretisierung der wirtschaftlichen Beziehungen vollständig zu machen, dasjenige hinzu, was man die Verflüchtigung des Vermögens nennen könnte: Vermögen bedeutet nun nicht mehr wie früher die Verfügung über ein fest umschriebenes, substantielles Wertobjekt, wie ein Grundstück oder ein industrielles Unternehmen oder ein Transportmittel (dieses Grundstück, diese Fabrik, dieses Schiff sind mein), sondern immer mehr nur noch den Anspruch auf einen bestimmt hohen Anteil am gesellschaftlichen Einkommen, zu dem mich die Innehabe eines Anteilsscheins in der Gestalt eines Inhaberpapiers berechtigt. 3. Durch alle diese Wandlungen wird es bewirkt, daß in wachsendem Umfange alle von allen wirtschaftlich abhängig werden: das normale Funktionieren der Wirtschaft und damit die wirtschaftliche Existenz jedes einzelnen setzen das Gelingen aller Wirtschaftspläne der Wirtschaftssubjekte voraus und ruhen auf dem „Vertrauen“ in dieses Gelingen. Das durch die Einführung des Geldes- — für das schon der Satz gilt: nonaes, sed fides — angebahnte gesellschaftliche Ineinanderverwobensein aller Glieder der Gesellschaft wird durch die Kreditwirtschaft zu einer vollendeten Tatsache: die Wirtschaft wird immer verwickelter, immer kunstvoller, immer empfindlicher gegen äußere Störungen. Das aber sind schon Gedankengänge, die uns hinüberführen in das Problemgebiet, das die Betrachtung des wirtschaftlichen Prozesses eröffnet, und sie können erst dort, wo wir diesen in seinem Verlaufe verfolgen, zu Ende gegangen werden: siehe den dritten Hauptabschnitt. 224 Erster Abschnitt: Das Kapital Zum Schlüsse möchte ich an dieser Stelle nur noch einiger geistreicher Ausführungen gedenken, in denen Marx zusammenfassend die Bedeutung der Kreditwirtschaft in ähnlicher Weise, wie es hier versucht wurde, zum Ausdruck bringt. Er sagt („Kapital“ III, 2,132):,,Das Monetarsystem ist wesentlich katholisch, das Kreditsystem wesentlich protestantisch. Als Papier hat das Gelddasein der Waren ein gesellschaftliches Dasein. Es ist der Glaube, der selig macht. Der Glaube an den Geldwert als immanenten Geist der Waren, der Glaube in die Produktionsweise, ihre prädestinierte Ordnung, der Glaube an die einzelnen Agenten der Produktion als bloße Personifikationen des sich selbst verwertenden Kapitals. So wenig aber der Protestantismus von den Grundlagen des Katholizismus sich emanzipiert, so wenig das Kreditsystem von der Basis des Monetarsystems“, ein Gedanke, den ich oben eingehend zu begründen versucht habe. 225 Dritter Unterabschnitt Das Sachkapital Quellen und Literatur I. Quellen. Als solche kommen die Veröffentlichungen der amtlichen Statistik in Betracht. Sie sind für die wichtigsten Länder in Jahrbüchern zusammengestellt, aus denen im wesentlichen die folgende Darstellung schöpft. Benutzt sind vornehmlich: 1. Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich, herausgegeben vom Kaiserlichen Statistischen Amt (abgekürzt: Stat. Jahrb.). 2. Annuaire Statistique. Statistique Generale de la France (abgekürzt: Annuaire). 3. Statistical Abstract f or the United Kingdom. Presented to both Houses of Parliament by Command of His Maj esty (abgekürzt: Abstract U. K.). 4. Statistical Abstract for the British Empire. Presented to both Houses of Parliament by Command of HisMajesty (abgekürzt: AbstractEmp.). 5. Statistical Abstract of the United States. Departement of Commerce (abgekürzt: Abstract U. S.). Durch ihre Übersichtlichkeit und ihren Reichtum (sie enthalten in jedem Jahrgange auch internationale Übersichten) zeichnen sich die Statistischen Jahrbücher für Deutschland und die Vereinigten Staaten aus. II. Zusammenfassende Darstellungen statistischen Inhalts aus der Hand privater Verfasser nehmen eine Zwischenstellung zwischen den Quellen und der eigentlichen Literatur ein. Sie sind sehr nützlich für die Vergleichung der verschiedenen Länder und durch die Übersichten über meist längere Zeiträume. Sie enthalten zum Teil ausführliche Erläuterungen des Zahlenstoffes und nähern sich dadurch der Literatur. Ich nenne die wichtigsten: VerschiedeneFVmew geben Übersichten über die Produktion ihrer Artikel heraus. Dahin gehören die statistischen Zusammenstellungen über Aluminium, Blei, Kupfer, Nickel, Quecksilber, Silber, Zink und Zinn; herausgegeben von der Metallgesellschaft. Metallbank und metallurgische Gesellschaft A.-G. in Frankfurt a. M.; ferner die Übersichten über Kupferproduktion usw., herausgegeben-von der Kupferhandelsfirma Hirsch in Halberstadt u. a. Eine sehr übersichtliche Zusammenstellung des reinen Zahlenstoffes enthalten die leider nur bis zum Jahre 1907 (XI® annee) gediehenen, von dem verstorbenen schwedischen Statistiker Gustav Sundbärg herausgegebenen „Apergus statistiques internationaux“. Stockholm. Eine ausführliche Agrarstatistik bringt das „Annuaire international de Statistique agricole“, das das Institut international d’Agriculture in Rom herausgibt. Sombart, Hochkapitalismus. 15 226 Erster Abschnitt: Das Kapital Unter den mit Erläuterungen versehenen Übersichten ragen hervor die bekannten „Übersichten der Weltwirtschaft“, die von F. Neumann- Spallart begründet, von F. v. Juraschek fortgesetzt, im siebenten Band (1905) steckengeblieben sind. Die mit den „Übersichten“ vereinigten Hübners Stat. Tabellen bieten für wissenschaftliche Zwecke zu wenig. Dagegen bedeuten eine erwünschte Wiederbelebung der „Übersichten“ die von Woytinski u. d. T. „Die Welt in Zahlen“ 1925ff. veröffentlichten Bände. Die bei weitem großartigste, leider auch nicht fortgesetzte Zusammenstellung statistischer Daten mit weiten geschichtlichen Rückblicken findet sich bei M. G. Mulhall, The Dictionnary of Statistics. Letzte Ausgabe 1899. Von älteren Werken der bezeichneten Art behält seinen Wert: Ernst Engel, Das Zeitalter des Dampfes, 1881, das jetzt eine Art von Erneuerung gefunden hat in dem bedeutenden Werk von M. Saitzeff, Die Motorenstatistik. Ihre Methode und ihre Ergebnisse. 1918. Auch K. Apelt, Die Konsumtion der wichtigsten Kulturländer (1899), läßt sich weiter mit Nutzen verwerten. Vgl. auch Richard Calwer, Jahrbuch der Weltwirtschaft 1911/12. Aus der neueren Spezialliteratur seien genannt: A. Schulte im Hofe, Die Welterzeugung von Lebensmitteln und Rohstoffen (im wesentlichen der Land- und Forstwirtschaft), 1916. Enthält viel brauchbare, zum Teil er- rechnete Gegenüberstellungen der Ziffern für 1893 und 1913. J. Russell Smith, The Worlds Food Resources. 1919. Bringt außer den Ziffern eine Darstellung der Produktionsverhältnisse. Paul Hermberg, Der Kampf um den Weltmarkt. Handelstatistisches Material, herausgeg. vom Institut für Weltwirtschaft und Seeverkehr an der Universität Kiel, 1920. Wertvoll vor allem wegen der gründlichen Quellenkritik. Ad. Reichwein, Die Rohstoffe der Erde. 2. Aufl. 1924. Die Versorgung der Weltwirtschaft mit Bergwerkserzeugnissen 1860—1922. I. Kohle, Erdöle und Salze, o. J. Forest Resources of the World. 1923. Richtwerk. Wichtig für das Verständnis des Erkenntniswertes der Quellen, auch selbst Hinweise auf die Quellen enthaltend, ist Rud. Meerwarth,, Nationalökonomie und Statistik. 1925. Zusammenstellungen des statistischen Materials für einzelne für unsere Betrachtung wichtige Länder mit Erläuterungen bringen folgende Werke: La Roumanie. 1866—1906. 1907. Das Russische Reich in Europa und Asien. Ein Handbuch über seine wirtschaftlichen Verhältnisse. (1910.) Annales de la Sociedad Rural Argentina 1910. Die Fülle der einschlägigen Quellenliteratur hat Anlaß gegeben zur Herausgabe'eines „Nachschlagebuchs der Nachschlagewerke“ auf Veranlassung des hamburgischen Weltwirtschaftsarchivs durch Dr. Paul Heile. 1925. III. Literatur, die das Problem, wie es hier gestellt ist, zusammenfassend behandelte, gibt es nicht. Wohl aber ist der Gegenstand unter anderem Gesichtspunkt natürlich häufig und ausgiebig erörtert worden. Es kommen drei Gruppen von Schriften vornehmlich in Betracht: 1. solche, Quellen und Literatur 227 die das Produktions- und Transportproblem, sei es theoretisch, sei es empirisch, behandeln; 2. Schriften, die bei wesentlich politischer Fragestellung sich namentlich in Deutschland zu dem Zweifall: „Agrar- oder Industriestaat?“ geäußert haben; 3. Schriften, die sich mit der sog. „Weltwirtschaft“ befassen. 1. Schriften über Produktion und Transport im allgemeinen und im besonderen. A. Theoretisch-grundsätzliches: A. Nordenholz, Allgemeine Theorieder gesellschaftlichen Produktion. 1902. Die beste Gesamtübersicht. Daneben: Marshall, Principles und — mit Abstand — Industry and Trade. B .Ertragsbedingungen insbesondere: Hierher gehört die Literatur über Ertragsgesetze, die ich an anderer Stelle angebe: siehe die Literaturübersicht zur Betriebslehre. Empirische Feststellungen von Erträgen und Steigerung der Produktivität finden sich in der zum dritten Abschnitt des ersten Hauptabschnittes unter 5. und 6. genannten Literatur. Ein Schulbeispiel für falsche Produktivitätsberechnungen bildet der Aufsatz von K. Ballod, Die Produktivität der industriellen Arbeit in Schmollers Jahrbuch. Jahrgang 34, 1910. Aus der älteren Literatur vgl. noch Hermann Losch, Nationale Produktion und nationale Berufsgliederung. 1892. C. Geschichte der Preisbildung: Aus der älteren deutschen Literatur seien genannt: Lindsay, Die Preisbewegung der Edelmetalle seit 1850, verglichen mit der der anderen Metalle unter besonderer Berücksichtigung der Preis- und Konsumtionsverhältnisse. 1893. Wilh. Schulze, Die Produktion und Preisentwicklung der Rohprodukte der Textilindustrie seit 1852. 1896. Karl Grauer, Die Preisbewegung der Chemikalien seit dem Jahre 1861. 1901. J. W. Kockerscheidt, Über die Preisbewegung chemischer Produkte unter besonderer Berücksichtigung de3 Einflusses neuerer- Erfindungen und technischer Fortschritte. 1905. Der Titel ist das Beste. Zur Ergänzung dienen die in den Schriften des Vereins für Sozialpolitik Band 139—144 veröffentlichten „Untersuchungen über Preisbildung“. Unter ihnen ragen als für unseren Zweck vornehmlich geeignet hervor die Arbeiten von Carl Bertenburg (Druckereigewerbe), Ernst Ilgen (Baumwollfabrikate) und namentlich Manuel Saitzeff (Steinkohlenbergbau und Dampfkraft). In dieser Sammlung finden sich zahlreiche Hinweise auf weitere Literatur. D. Geschichte der Entwicklung einzelner Produktionsgebiete: Hier kann ich mich beziehen auf die sehr ausführliche Übersicht über die Quellen und die Literatur betreffend Landwirtschaft und Gewerbe, die ich auf Seite 589—622 des zweiten Bandes gegeben habe. Eine große Anzahl der dort genannten Schriften, die der Leser leicht festzustellen in der Lage ist, bezieht sich auch auf die hochkapitalistische Periode. Zu vergleichen ist auch die auf Seite 75ff. dieses Bandes angeführte technologische Literatur. E. Die Produktionsverhältnisse in den peripheren Gebieten der Erde. Hier kommen in Betracht: Nordamerika: Max Sering, Die landwirtschaftliche Konkurrenz Nordamerikas. 1887. E. von Halle, Baumwollproduktion und Pflan- 15* 228 Erster Abschnitt. Das Kapital. zungswirtschaft in den nordamerikanischen Südstaaten. 2 Bände. 1897 bis 1906. Beicht bis 1880. Anton A. Fleck, Kanada. Volkswirtschaftliche Grundlagen und weltwirtschaftliche Beziehungen. 1912. Südamerika: Ernst Wilhelm Schmidt, Die agrarische Exportwirtschaft Argentiniens. Ihre Entwicklung und Bedeutung. 1920. Auch in den vorhin genannten Sehr. d. V. f. S.-P. sind Nord- und Südamerika behandelt. Australasien: Ugo Rabbeno, La questione agraria nei paesi nuovi. 1. Australasia. 1898. Rob. Schachner, Australien in Politik, Wirtschaft, Kultur. 1909. Nicht sehr ausgiebig. Rußland: G. v. Schulze-Gävernitz, Volkswirtschaftliche Studien aus Rußland. 1899. Nicolai-on, Die Volkswirtschaft in Rußland nach der Bauernemanzipation. Übersetzt von G. Polansky. 1899. C. Lehmann und Parvus, Das hungernde Rußland. 1900. Kurt Wiedenfeld, Sibirien in Kultur und Wirtschaft. 1916. Indien: Reports of theIndianFamine Commission. 1882. 1901. G. Watt, The commercial products of India. 1908. Th. H. Engelbrecht, Die Feldfrüchte Indiens. 1914. W. Gerckens, Die Grundlage der landwirtschaftlichen Produktion in Indien im Weltwirtschaftlichen Archiv. Band 10. 1917. H.M.Leake, The foundations of Indian agriculture. 1923. Z.Husain, Landwirtschaft und Agrarverfassung Britisch-Indiens. Berliner In.-Diss. 1926. F. Transportwesen: I. Über das Transportwesen unterrichten theoretisch und allgemein geschichtlich: E m. S a x, Die Verkehrsmittel in Volks- und Staatswirtschaft. 2. Aufl. 1918ff. Das Hauptwerk. Adam W. Kirkaldy and Alfred Dudley Evans, The History and Economics of Transport (1915). Gut, vor allem für die finanzielle Seite. Neuerdings hat subtile Untersuchungen über allerhand theoretische Möglichkeiten angestellt Oskar Engländer, Theorie des Güterverkehrs. 1924. II. Uber die Bedeutung der Eisenbahnen insbesondere besitzen wir zwei meisterhafte Darstellungen aus der Frühzeit des Eisenbahnwesens: Dionysius Lardner, Railway Economy 1850, ein epochemachendes Buch, und Karl Knies, Die Eisenbahnen und ihre Wirkungen. 1853. Seitdem ist über den Gegenstand grundsätzlich Neues nicht gesagt worden. Vgl. die gute Zusammenfassung von Bruno Schultz, Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Eisenbahnen. 1922. III. Die empirische Gestaltung des Verkehrswesens in einzelnen Ländern und auf der Erde ist begreiflicherweise oft geschildert worden. Ich begnüge mich damit, auf einige neuere zusammenfassende Darstellungen hinzu weisen: Deutschland: W. Lotz, Verkehrsentwicklung in Deutschland seit 1800 (fortgeführt bis zur Gegenwart). 4. Aufl. 1920. Großbritannien: W. T. Jackmann, The Development of Transportation in modern England. 2 Vol. 1916. Wertvoll vor allem für die den Eisenbahnen vorhergehende Zeit und die Anfänge des Eisenbahnwesens. L. C. A. Knowless, The industrial and commercial revolutions in Great Britain during the nineteenth Century. 2. ed. 1922. K. G. Fenelon, The Economics of Road Transport. 1925. (Landtransport außer Eisenbahnen.) Quellen und Literatur 229 Rußland: Mertens, 1882—1911. Dreißig Jahre russischer Eisenbahnpolitik usw. im Archiv für Eisenbahnwesen 40—42 (1917—1919). Auch als Sonderdruck erschienen. Eine besonders gründliche und lehrreiche Studie. Vereinigte Staaten von Amerika: v. d. Leyen, Die amerikanischen Eisenbahnen. 1885. Haney, A congressional history of Railways in the U. S. 2 Vol. 1908. 1910. William Z. Ripley, Railroads Rates and Regulation; idem, Railroads Einance and Organization. 1915. IV. Über den Seeverkehr und seine Entwicklung enthält jetzt eine zusammenfassende Darstellung der Art. „Seeschiffahrt“ im HSt. 7 4 (Verf. Sven Hel an der). Ein interessantes Spezialproblem erörtert in ausgezeichneter Weise Kurt Giese, Das Seefracht-Tarifwesen. 1919. V. Das Problem der Steigerung der natürlichen Transportfähigkeit behandeln: Curt Wagner, Konserven und Konservenindustrie in Deutschland. 1907. J. T. Critchell and J. Raymond, A History of the Frozen Meat Trade. 1912. Vgl. auch die Artikel „Kälteindustrie“ und „Konserven“ in Ullmanns Enzyklopädie der chemischen Technologie. 2. Das Problem der nationalen Selbstgenügsamkeit (,, Agrar-oder Industriestaat V‘) ist in Deutschland um die Jahrhundertwende eifrig erörtert worden, und aus der Diskussion sind eine Reihe von Arbeiten mit dauerndem Wert hervorgegangen, in denen die in diesem Abschnitte beliebte Fragestellung naturgemäß im Vordergründe stand. Zu nennen sind: K. Oldenberg, Deutschland als Industriestaat. 1897. H. Dietzel, Weltwirtschaft und Volkswirtschaft. 1900. A. Wagner, Agrar- und Industriestaat. 1902. L. Pohle, Deutschland am Scheidewege. 1902. Zu vergleichen meine Deutsche Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert. 1903. Dann behandeln dasselbe Problem etwas später Alfr. Jacobssohn, Zur Entwicklung des Verhältnisses zwischen der deutschen Volkswirtschaft und dem Weltmarkt in der Zeitschrift f. d. ges. Staatswissenschaft 64 (1908) (Problem der „fallenden Exportquote“). G. Hildebrand, Die Erschütterung der Industrieherrschaft und des Industriesozialismus. 1910. Eine tiefschürfende Untersuchung. Carl von Tyszka, Das weltwirtschaftliche Problem der modernen Industriestaaten. 1916. Freihändlerisch-optimistisch. Vgl. den Artikel „Agrar-Industriestaat oder Industriestaat“ (H. Dietzel) in HSt. I 4 . 3. Die „ weltwirtschaftliche “ Literatur (deutscher Zunge), die bis zum Jahre 1912 erschienen war, ist angeführt in dem Werke von Bernhard Harms, Volkswirtschaft und Weltwirtschaft. 1912. (Die späteren Auflagen sind unveränderte Abdrucke.) Von später erschienenen Werken seien genannt: S. Schilder, Entwicklungstendenzen der Weltwirtschaft. 2Bände. 1912—1915. C. v. Tyszka, Das weltwirtschaftliche Problem der modernen Industriestaaten. 1916. Ernst Schultze, Die Zerrüttung der Weltwirtschaft. 1922. Hermann Levy, Die Grundlagen der Weltwirtschaft. 1924. Aber die beste „Literatur“ bleiben doch die Statistischen Jahrbücher. WlC*. 230 Sechzehntes Kapitel Grundsätzliches I. Wir wollten unter Sachkapital alle Sachgüter verstehen, in denen sich das Kapital jeweils niederschlägt, in die es sich „einkleidet“. Das sind also alle Produktionsmittel und Produkte kapitalistischer Unternehmungen, bis sie zum Verzehr gelangen. Der Umfang und die Größe des Sachkapitals hängen ab von dem Umfang und der Größe der gesellschaftlichen Produktion, wie diese von dem Umfang und der Größe des Sachkapitals. Das Sachkapital ist Ursache und Wirkung in einem: Produktionsbedingung und Produkt. II. Zusammensetzung des Sachkapitals: 1. nach dem Festigkeitszustande: a) Produktionsmittel aus früheren Produktionsperioden: „Anlagen“, Arbeitsmittel, Vorräte; b) werdende Güter: Rohstoffe, Hilfsstoffe, Halbfabrikate; c) fertige Güter, solange sie aus dem Kapitalnexus noch nicht entlassen sind. ’p Ich halte es für unzweckmäßig, nur „umlaufendes Kapital“ als Kapital anzusehen, wie es namentlich in der älteren, englischen Nationalökonomie üblich war. Für die Produktions Wirkung sind die „Anlagen“ ebenso bedeutsam wie das umlaufende Kapital; 2. nach dem Verwendungszweck: a) der Subsistenz(Unterhalts-)mittelfonds der Lohnarbeiter, Einkommensgüter der Lohnarbeiter, „Lohnfonds“. Von den Klassikern oft als einziger Bestandteil des Sachkapitals betrachtet, während zu diesem zweifellos ebenfalls gehört: b) der Subsistenzmittelfonds der Kapitalisten-Klasse. Sowohl, weil er ebenso unentbehrlich für die Aufrechterhaltung der kapitalistischen Wirtschaft ist, als auch, weil er zum allergrößten Teile jeweils die Kapitalform annimmt: das Realkapital jedes Nachproduzenten enthält den realisierten Mehrwert des Vorproduzenten; c) die Arbeitsmittel, die zur Erzeugung von a und b dienen. Selbstverständlich erscheinen diese drei Arten des Sachkapitals in allen drei Festigkeitsstadien; Sechzehntes Kapitel: Grundsätzliches 231 3: nach dem Produktionsgebiet: a) organische Urstoffe: land- und forstwirtschaftliche Erzeugnisse; b) unorganische Urstoffe: Bergbauerzeugnisse; c) gewerbliche Erzeugnisse. III. Das Problem, woher das Sachkapital kommt, also das Problem seiner Beschaffung und — in dem uns vor allem angehenden Falle der erweiterten Reproduktion — Vermehrung ist ein reines Produktionsproblem. Es ist kein anderes als das Gesamtproblem der Produktion, in Sonderheit der Produktionssteigerung, in der hochkapitalistischen Wirtschaft. Angesichts der unermeßlichen Größe dieses Problems werden wir gut tun, um uns in der Fülle des Stoffes nicht zu verlieren, ganz bestimmte Fragen aufzustellen und zu diesem Behufe uns zunächst einmal die Möglichkeiten zu vergegenwärtigen, die für eine Produktionssteigerung bestehen, und welche Bedeutung jeder einzelnen im Rahmen der Gesamtproduktion grundsätzlich zukommt. Ich will drei solcher Möglichkeiten unterscheiden und sie schlagwortmäßig — damit sie sich besser dem Gedächtnis einprägen — als Ausbau, Anbau, Abbau bezeichnen. 1. Eine Ausweitung der Produktion kann eintreten dadurch, daß eine Gesellschaft auf gegebener Bodenfläche die produktiven Kräfte entfaltet und dadurch die vorhandenen Möglichkeiten der Güterbeschaffung besser ausnützt. Ich nenne das den Ausbau (einer Wirtschaft). Diese Vervollkommnung kann erfolgen: a) durch die Hebung der Arbeitsleistungen auf dem Gebiete der gewerblichen Produktion. Diese wird sich immer am ehesten bewerkstelligen lassen, und zwar dadurch, daß man Produktivität Intensität Ökonomität der Produktion steigert. Ich verstehe unter (Arbeits-) Intensität den Energieaufwand innerhalb einer bestimmten Zeit, unter (Arbeits-) Produktivität die Ergiebigkeit der Arbeit bei einem gegebenen Intensi- ’ tätsgrade, unter Ökonomität das Haushalten mit Vorräten. Die Frage, die sofort auftaucht, ist die, ob Fortschritte auf dem ’ Gebiete der Stoffverarbeitung überhaupt zur Ausweitung (Vermehrung) der Produktion oder des Gütervorrates beitragen können,, da deren 232 Erster Abschnitt: Das Kapital Ausmaß doch offenbar durch den Umfang der Urstoffpro- duktion bedingt wird. Wir können durch die Stoffverarbeitung zwar unsere Güterwelt verfeinern, wir können ihr aber durch sie nicht um ein Gramm oder einen Zentimeter an Größe zusetzen. Nehmen wir also an, einer Gesellschaft gelänge es, die Leistungsfähigkeit der gewerblichen Arbeit auf das Zehnfache zu steigern, ohne daß ihr Urstoff- vorrat sich vergrößerte, so würde dieser Fortschritt an und für sich nicht ausreichen, den Subsistenzfonds auch nur für einen Arbeiter mehr zu beschaffen, das Sachkapital auch nur um ein kleines auszuweiten. Wohl kann aber eine Vervollkommnung der gewerblichen Produktion auf Umwegen zur Vermehrung des Sachkapitals beitragen, indem sie bewirkt daß Arbeitskräfte für die Urstoffproduktion frei werden; daß mehr Urstoffe mit einem gegebenen Arbeitsaufwande verarbeitet werden können; daß mit derselben Stoffmenge mehr Bedarf befriedigt werden bann; b) eine andere Möglichkeit, eine Wirtschaft von gegebener Raumgröße auszubauen, bietet die Vervollkommnung des Transportwesens und die dadurch herbeigeführte Steigerung der Mobilisierbarkeit (Bewegbarkeit) der Güter. Unter Mobilisierbarkeit verstehe ich die Verwendbarkeit der Güter an einem anderen Orte als dem der Produktion. Sie ist abhängig von zwei Faktoren: der natürlichen und der ökonomischen Transportierbar- keit der Güter. Die natürliche Transportfähigkeit wiederum ist abhängig von der natürlichen Beschaffenheit des Gegenstandes, von der Kunst, den Gegenstand bewegbar zu machen, und von der Beschaffenheit der Transportmittel; die ökonomische Transportfähigkeit wird ausschließlich bestimmt durch die Höhe der Transportkosten. Man hat für die ökonomische Transportfähigkeit eine ganze Reihe von „Gesetzen“ aufgestellt (die bei Lichte besehen gar keine Gesetze in irgendwelchem vernünftigen Sinne des Wortes sind, sondern schlichte analytische Sätze): Das Lardnersche Gesetz: daß die Absatzfähigkeit eines Gutes im quadratischen Verhältnis zu seiner Transportfähigkeit wächst: „Lardners Law of Squares in transport and trade“ (siehe Marshall, Industry and Trade, 27). Das Gesetz ist zuerst aufgestellt in Lardners Railway Economy (1850); das Kniessche Gesetz: daß jede Erniedrigung der Transportkosten die Transportfähigkeit der Güter in umgekehrtem Verhältnis zu ihrem Werte steigert (siehe Knies, Eisenbahnen, 79); das Gesetz: daß die Transportfähigkeit eines Gutes im geraden Verhältnis zur Höhe seines spezifischen Wertes steht. Sechzehntes Kapitel: Grundsätzliches 233 Das ist alles recht gut und schön. Aber bedeutet die Steigerung der Mobilisierbarkeit der Güter irgend etwas für die Vermehrung des Gütervorrats und somit für die Ausweitung des Sachkapitals ? Ja, und zwar in einer wichtigen Hinsicht: Die Steigerung der Mobilisierbarkeit der Güter macht es möglich, die Produktion an den Ort der höchsten Produktivität zu verlegen („Freihandelsargument“). Aber eine unmittelbare Ausweitung des Gütervorrats bewirkt auch die größte Vervollkommnung des Transportwesens nicht. Zu dieser führt ausschließlich: c) die Steigerung der Leistungsfähigkeit des Bodens. Diese wird bewirkt: a) durch Produktionsverschiebung, das heißt Anbau ergiebigerer Pflanzen: aus demselben Naturreich: Nadelhölzer statt Laubhölzer, Kartoffeln oder Mais statt Getreide, Baumwolle statt Flachs; oder: durch Ersatz sekundärer durch primäre Rohstoffe: Baumwolle statt Wolle oder Seide; ß) durch Steigerung der Bodenproduktivität, das heißt der Leistung einer bestimmten Bodenfläche an Ernteerzeugnissen; Y) durch Intensivisierung der Viehzucht. 2. Eine Ausweitung der Produktion mittels Anbaues erfolgt dann, wenn eine Gesellschaft ihre Daseinsgrundlage verbreitert und neuen Boden in den Kreis ihrer Wirtschaft hineinzieht. Wir nehmen an, daß im ersten und zweiten Falle die Wirtschaft ein rein organisch-mechanisches Gepräge trägt und in der Weise betrieben wird, daß die dem Boden entzogenen Stoffe und Kräfte ihm regelmäßig wieder zugeführt werden, das heißt also Stoffersatzwirtschaft herrscht. Alsdann trifft für beide Teile zu, daß die Menschen von dem „Einkommen“ leben, das ihnen die Natur gewährt in Gestalt der jährlich von der Sonne ausstrahlenden und von den Pflanzen aufgenommenen Sonnenenergien. In einen scharfen Gegensatz zu dieser Art zu wirtschaften tritt die 3. Möglichkeit, die Produktion auszuweiten, das ist die mittels Abbaues. Sie wird dadurch gekennzeichnet, daß die Menschen in den Bereich der Güterproduktion Kräfte und Stoffe ziehen, die in früherer Zeit — vor der jedesmaligen Produktionsperiode — von der Natur auf- gespeichert sind, also Natur-,,Vermögen“ darstellen. Beim Abbausystem lebt die wirtschaftende Gesellschaft also von der Substanz. 234 Erster Abschnitt: Das Kapital Eine solche ■wird gebildet: a) durch die in der Ackerkrume aufgespeicherten Stoffe und Kräfte; b) durch bereits zum Leben erweckte Bestände von Pflanzen und Tieren: Wälder, Jagd- und Fischreviere; c) durch Schätze im Innern des Bodens: Erze, Kohle, Salze und Kalke. Ist es bei a und b eine rein soziale Erscheinung, daß statt Ersatzoder Ergänzungswirtschaft „Raubbau“ getrieben wird, so liegt dieser als Notwendigkeit bei c vor, weshalb man beim Bergbau auch ohne Wertbetonung von „Abbau“ spricht. Das Entscheidende ist: daß in allen drei Fällen die Ausweitung der Produktion durch einen Zuschuß erfolgt, der außerhalb des Bereiches der jährlich wiederkehrenden Produktionsmöglichkeiten liegt. Da die Probleme für die Gütererzeugung und den Gütertransport verschieden gelagert sind, so werde ich den Stoff in der folgenden Darstellung in der Weise anordnen, daß ich die beiden Gebiete gesondert betrachte, wie es die beiden nächsten Kapitel ausweisen. 235 Siebzehntes Kapitel Die Entfaltung der Produktion I. Der Ausbau 1. Die moderne Technik mit ihren Errungenschaften drängt zunächst auf eine Vervollkommnung der Stoffverarbeitung hin. Und es ist sehr wahrscheinlich, daß während der hochkapitalistischen Epoche wesentliche Fortschritte in der ökonomischen Leistungsfähigkeit nach dieser Richtung erzielt worden sind. Fast durchgängig ist die Intensität der Arbeit gesteigert, in zahlreichen Fällen ist gewiß auch die Produktivität der Arbeit gestiegen, und ebenfalls ist häufig eine Stoffersparnis erzielt worden. Können wir für die Vermutung, daß die ökonomische Leistungsfähigkeit auf dem Gebiete der gewerblichen Produktion — sagen wir der Einfachheit halber: in der Industrie — eine Steigerung erfahren hat, auch ziffernmäßige Belege beibringeu % Können wir, was wir doch gern 'möchten, ihr einen Größenausdruck geben ? Die Laien, zu denen in diesem Falle so gut wie alle „Techniker“ gehören, werden über diese Frage selbst erstaunt sein und glauben, daß sich der Beweis für die Steigerung der ökonomischen Leistungsfähigkeit tausendfältig erbringen lasse. Der Kenner weiß, wie schwer dieser Beweis ist, und daß er vielleicht gar nicht gelingt und wir uns mit Wahrscheinlichkeitsannahmen begnügen müssen. Ich gebe im folgenden kurz an, welche Methoden angewandt werden, um jenen Beweis zu erbringen, und welche großen Fehler sie fast durchgängig enthalten. (Daß die Beispiele zum Teil aus dem Gebiete der anorganischen Industrie genommen sind, die es im Bereiche des „Ausbaues“ noch nicht gibt, verschlägt nichts, da an ihnen die Fehler ebenfalls beobachtet werden können.) , Das beliebteste (und oberflächlichste) Verfahren, die Steigerung der Leistungsfähigkeit der Industrie, in diesem Falle sogar der Produktivität der Arbeit, zu erweisen, ist der Vergleich der Produktenm enge, die ein Arbeiter im Durchschnitt (die Gesamtmenge des Produkts dividiert durch die Zahl der beschäftigten Arbeiter) liefert, in verschiedenen Zeiten oder bei verschiedenen Techniken. : : . 236 Erster Abschnitt: Das Kapital So findet man häufig folgende Ziffern angeführt in dem Glauben, aus ihnen eine Steigerung der Arbeitsproduktivität ableiten zUj können: In Deutschland betrug in der Hochofenindustrie die vom einzelnen Arbeiter durchschnittlich erzeugte Menge Koheisen: 1860 .... 26,3 t 1906 .... 295,0 t 1872/73 . . 100,0 1 1910 .... 326,6 t 1884 .... 156,0 t 1913 .... 400,0 t 1901/02 . . 254,0 t in den Eisengießereien die Menge Eisenguß auf den Arbeiter: 1871 .... 12,0 t 1888 .... 18,0 t 1880 .... 16,3 t 1910 .... 24,3 t in der Flußeisenerzeugung die Menge des vom einzelnen Arbeiter hergestellten Flußeisens: 1877 .... 41,8 t 1907 .... 77,8 t 1888 .... 56,4 t 1910 .... 82,3 t Nach dem Statistischen Jahrbuch für das Deutsche Eeich. Oder: In einer Augsburgischen Baumwollspinnerei betrug die Jahresproduktion auf einen Arbeiter des Betriebes: 1865 .... 1559 kg 1895 .... 4119 kg 1875 .... 1847 „ 1912 .... 4375 „ 1885 .... 2425 „ Schriften d. V. f. S.-P., Bd. 142, III, Seite 105. Oder: In einer niederrheinischen Weberei entfielen auf den einzelnen Arbeiter hergestellte Stücke: 1891 .... 272 1900 .... 352 1909 .... 583 Schriften des Y. f. S.-P., Bd. 133, Seite 11. Oder: In der Bäckerei liefert ein Arbeiter: bei handwerksmäßigem Betriebe in 12 ständiger Arbeitszeit . 300 Pfd. Brot in einer Brotmanufaktur. 600 „ ,, in einer Brotfabrik.1000 ,, „ GdS. 6, 43. Es ist aber — man darf sagen: offensichtlich — unstatthaft, aus der Zunahme der Durchschnittsproduktion des Arbeiters in einem Betriebe auf irgendwelche Steigerung der Arbeitsproduktivität (und selbst Arbeitsintensität) zu schließen, da ja dabei der Sachaufwand (und also die in ihm enthaltene Arbeitsmenge) imberücksichtigt bleibt. Welche Erweiterung der Hochofenanlagen, welche Vervollkommnung der Webstühle, welche Vermehrung der Bäckereimaschinen ist erfolgt, um die Steigerung der Leistung des einzelnen Arbeiters zu erzielen ? Die Produktionsziffern sagen es uns nicht. Sie sind völlig wertlos. Fast ebenso wertlos ist eine andere Zifferoreihe, die man ebenfalls gern benutzt, um die Steigerung der Leistungsfähigkeit der Industrie Siebzehntes Kapitel: Die Entfaltung der Produktion 237 zu erweisen. Das ist die Zunahme der in ihr zur Verwendung kommenden mechanischen Kräfte. Es ist leicht, mit Hilfe der Statistik festzustellen, daß die Zahl der Pferdestärken sich im Laufe namentlich der letzten Jahrzehnte vermehrt habe: siehe die Ziffern im 52. Kapitel. Ein Beweis für die Steigerung der Leistungsfähigkeit, insonderheit der Arbeitsproduktivität? Keineswegs. Da wiederum unbekannt bleibt das Verhältnis zwischen dem Arbeitsaufwand, der zur Herstellung einer Pferdestärke gemacht werden mußte, und demjenigen, den sie erspart. Es ist wahrscheinlich, daß dieser Betrag größer ist als jener. Aber die Statistik der Dampfmaschinen weiß darüber nichts zu berichten. Dasselbe gilt endlich für eine dritte Art der Schlußfolgerung aus einer Allgemeinbetrachtung des sachlichen Produktionsherganges, die ich noch erwähnen will: die Verwertung der Abkürzung des Produktionsprozesses als Beweis für die Steigerimg der Produktivität. Wenn wir erfahren, daß das Frischen 3 Wochen, das Puddeln 1—2 Tage, das Bessemern 20 Minuten dauert, so sind wir in bezug auf die von uns aufgeworfene Frage um nichts klüger, da die Anlagen in den drei Fällen ganz verschieden groß sind. Nicht einmal über die Umschlagsdauer des Kapitals sagen jene Ziffern etwas aus. Wahrscheinlich war sie beim Frischen sehr erheblich — kürzer als beim Bessemern. Aber ziffernmäßig ist es nicht feststellbar. So ist man darauf verfallen, die Preisgestaltung heranzuziehen, um den Grad der Leistungsfähigkeit, insbesondere wiederum den Grad der Arbeitsproduktivität zu bestimmen: Sinkende Preise sollten oder sollen auf eine entsprechende Erhöhung der Arbeitsproduktivität schließen lassen. Nichts verkehrter als dieser Schluß. Natürlich ist es wiederum möglich, ja in vielen Fällen sehr wahrscheinlich, daß sich in der Entwicklung der Preise die Entwicklung der Produktivität widerspiegelt. So ist es wohl möglich, daß in den Hamburger Preisnotierungen für Stahl undEisen- oder Stahlwaren, wonach der Doppelzentner inReichsmark kostete: Stahl Nägel Eisendraht Schienen 1851/55 . . . 60,58 40,17 35,19 16,48 1901/05 . . . 40,97 34,20 24,05 15,53 die Tatsache zum Ausdruck kommt: Steigerung der Produktivität bei Stahl, Nägeln, Eisendraht in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts um 33%—50%, so gut wie keine bei Schienen. 238 Erster Abschnitt: Das Kapital Oder: wenn nach Duns Review in New-York der Index für Kleider 1861—1865 43,6, 1901—1905 16,5, für Metalle beziehungsweise 36,2 und 15,8 war, so dürfen wir auf eine beträchtliche Steigerung der Produktivität in diesen Artikeln während des angegebenen Zeitraumes schließen. Oder: die Preise, die bei der Ausfuhr aus Großbritannien bezahlt wurden für Baumwollgarn Leinengarn Nähgarn Leder (Pence per Pfd.) (£ per Ztr.) 1871—1875 . . . 17,15 15,74 41,93 8,74 1901—1905 . . . 11,70 14,68 30,18 10,29 dürften zu der Schlußfolgerung berechtigen, daß — vielleicht wahrscheinlich — die Produktivität in der Baumwollspinnerei und in der Nähgarnfabrikation in den dreißig Jahren noch um etwa 33%—50% gestiegen, in der Leinengarnherstellung sich gleichgeblieben, in der Lederproduktion gesunken ist. Aber schon die völlige Ungleichheit der Preisentwicklung in den verschiedenen Industriezweigen läßt darauf schließen, daß die Preise ebenso von anderen Umständen als von dem Grade der Produktivität abhängen. In der Tat ist die Preisbewegung ein völlig ungeeignetes Mittel, um die Entwicklung der Produktivität (und Intensität) in einem Industriezweige festzustellen. Um das einzusehen, brauchen wir uns nur folgender Tatsachen zu erinnern: 1. daß die Preise durch das Schwanken des Geldwertes beeinflußt werden; 2. daß dauernde Abweichungen vom Kostpreise sehr wohl möglich sind; 3. daß in allen Preisen gewerblicher Erzeugnisse die Preise der Ur- stoffe einbegriffen sind. Also auch die Preisgestaltung gibt uns — von ganz wenigen, gleich zu erwähnenden Ausnahmen abgesehen — keine Möglichkeit an die Hand, die etwaige Steigerung der Leistungsfähigkeit der Industrie mit Sicherheit zu bestimmen. Am sichersten kommt man noch zum Ziel, wenn man Einzelfeststellungen macht. Obwohl auch hier Vorsicht geboten ist. Die meisten, namentlich die von Technikern gemachten, taugen nichts. Beispiele unbrauchbarer Einzelfeststellungen: Angebliche Steigerung der Produktivität: Kämmerer berichtet in den Sehr. d.V. f. S.-P., Bd. 132, 379 folgenden Fall: Der Lohnbetrag in einem Kesselhaus sinkt durch Einführung von Kettenrosten und von Transportbändern von 0,164 Mk. pro Tonne Dampf auf 0,095 Mk., also auf zwei Drittel des ursprünglichen Betrages. Aber wieviel haben die Kettenroste und Transportbänder gekostet? Siebzehntes Kapitel: Die Entfaltung der Produktion 239 Oder: die bekannte Berechnung der Mehrleistung des mechanischen Spinnstuhls, die sich z. B. Marx („Kapital“ l 4 , 355) zu eigen macht: Zu B aynes Zeiten wurden von jeder Selfacting-mule-Spindel bei lOstündiger Arbeitszeit 12 Unzen Garn der Durchschnittsnummer, also in der Woche 366 Pfund Garn von 2% Arbeitern gesponnen: ein Arbeiter erspann also rund 150 Pfund in der Woche, während sein Wochenerzeugnis auf dem Spinnrade 13 Unzen betrug. Um die 366 Pfund Garn zu spinnen, waren bei der mechanischen Spinnerei 2% Arbeiter eine Woche lang beschäftigt, wurden also 150 Spinnarbeitsstunden aufgewendet; bei der Handspinnerei hätten 475 Arbeiter eine Woche lang spinnen müssen, es wären also 27000 Arbeitsstunden nötig gewesen. Die Aufstellung ist aus denselben Gründen wie die vorige wertlos. Angebliche Stoffersparung: Kämmerer stellt fest: In den Jahren 1846—1900 sank auf den Schiffsmaschinen des Norddeutschen Lloyd und der Hapag der Kohlenverbrauch von 3,5 kg auf 1,5 kg für 1 P S., während die Kesselspannung von 1 Atmossphäre auf 10 stieg. Aber wieviel Kohle mehr ist verbraucht worden, um die so sehr viel größeren Schiffe und Schiffsmaschinen herzustellen? Auf 1000 Stück Vollziegel wurden Steinkohle verbraucht beim offenen, deutschen Ofen .10,0 Zentner, deutschen Ofen mit Gewölbe und Schornstein . 8,5 ,, Kasseler Flammofen.7,0 „ runden Hoffmannschen Ringofen mit 12 Kammern 3,0 ,, oblongen Ringofen mit 16—18 Kammern .... 2,25 „ Br. Heinemann-Braunschweig, Die deutsche Ziegeleiindustrie (1909), 16. Sehr wahrscheinlich liegt hier eine Materialersparung vor. Aber bewiesen ist sie durch diese Zahlen ganz und gar nicht. Dazu bedürfte es eines Nachweises, daß zur Herstellung des so sehr viel kostbareren Ofens, in dem weniger Kohle verbraucht wird, keine ebenso große Menge Kohle verwandt worden ist. Aber es gibt nun gewiß auch einwandfreie Feststellungen von Einzelfällen, in denen nachweislich eine Steigerung der ökonomischen Leistungsfähigkeit der Industrie nach einer der drei Seiten hin eingetreten ist. Beispiele brauchbarer Einzelfeststellungen: Steigerung der Arbeitsintensität: In einer großen Augsburger Baumwollspinnerei entfielen Arbeiter auf 1000 Spindeln: 1865 . . . 13,0 1895 ... 6,3 1875 . . . 11,6 1912 . . . 6,3. 1885 ... 9,7 Schriften d. V. f. S.-P. 142, III, Seite 105. In der Weberei bediente ein Arbeiter nach allgemeiner Schätzung: in den 1850er Jahren weniger als 1 Webstuhl, „ „ 1870er „ . 1 „ 1900 . 2—4 Webstühle. jetzt.12—16 (automatische) Webstühle. 240 Erster Abschnitt: Das Kapital (Steigerung der Arbeitsproduktivität ist aus den mehrmals geltend gemachten Gründen aus diesen Ziffern nicht abzulesen.) Ersparung von Stoff ist in allen denjenigen Fällen mit Sicherheit nachgewiesen, in denen früher ungenutzte Abfälle oder Altmaterial noch Verwendung finden oder die Ausbeute (Rendement) steigt. Also wenn in Deutschland für die phosphorhaltige Schlacke des Thomasverfahrens, die ehdem verloren ging, ein Nutzwert von 40 Mill. Mk. erzielt wird. Bei Kraft, Güterherstellung, 31; woselbst noch weitere Beispiele fortgeschrittener Ökonomität angeführt sind. Oder: wenn in wachsendem Umfange Schrott als Rohstoff genutzt wird. So waren von der in den Schweiß- und Flußeisenwerken und Gießereien im Jahre 1908 verarbeiteten Gesamteisenmenge von 15,3 Mill. t 26,7% Schrott. A. Geliert, Eisen- und Alteisen (1912), 12. Etwas abweichende Ziffern bei Th. Sehmer, Die Eisenerzversorgung Europas. Probleme der Weltwirtschaft 2 [1911], 344ff. Danach betrug der gesamte Alt- und Neuschrottverbrauch: 1900 . . . 2,20 Mill. Tonnen, 1905 . . . 3,25 „ 1908 . . . 3,40 „ Nach den Berechnungen von A. Tille betrug der Schrottverbrauch in tausend Tonnen: 1885 ... 725 1895 . . . 1793 1905 . . . 3669. Seit dem Jahre 1908 liegen genaue Produktionserhebungen des Reichsamts für Statistik vor. Danach betrug der Verbrauch von Schrott in tausend Tonnen: 1908 . . . 4223,7 1910 . . . 4923,1 1913 , . . 6785,7. Siehe den Artikel „Eisen und Stahl“ im HSt. 3 4 , 559. Verf. v. Juraschek-Voelcker. Oder: wenn bei einem Hochofen von 10001 täglicher Roheisenerzeugung täglich 675 t Steinkohle erspart werden durch Nutzbarmachung der Gichtgase. G. Schulz in „Stahl und Eisen“, 3. Februar 1921. Oder: wenn das Ausbeuteverhältnis der Zuckerrüben von 6 auf 18%, das der mehlhaltigen Stoffe für die Alkoholgewinnung von 58 auf 85% gestiegen ist. (Obwohl, samtwirtschaftlich betrachtet, die Steigerung des Ausbeuteverhältnisses keinen reinen Gewinn darstellt, da wahrscheinlich an anderen Stoffen mehr verbraucht worden ist, um das höhere Rendement zu erzielen.) Steigerung der Produktivität: In einer Hochofenanlage waren ehedem 228 Mann mit einem Lohnaufwand von 0,91 Mk. auf die Tonne Roheisen beschäftigt; nach Einbau von Schrägaufzügen 82 Mann, so daß der Lohnaufwand auf 0,28 Mk. auf die Tonne sank. Bis hierher wertlos. Die Angabe bekommt ihren Wert durch folgende weitere Feststellung: Die Siebzehntes Kapitel: Die Eutfaltung der Produktion 241 Anlagekosten haben sich von 1,24 auf 1,75 Mill. Mk. vergrößert, der Mehraufwand beträgt auf die Tonne 0,35—0,25 = 0,10 Mk. Insgesamt haben sich die Betriebskosten von 1,29 auf 0,82 Mk. verringert, „wobei die Ersparnis durch Ausschaltung der Handlanger erzielt wurde“ Kämmerer, a. a. O., Seite 416. Sehr gründliche Berechnungen sind angestellt worden über die Kostenersparnis, die durch die Setzmaschine bewirkt worden ist. Vgl. die Schriften von J. Rauert, Ausbau und Leistungen der Tarifgemeinschaft der deutschen Buchdrucker, 1910; F. Ch. Beyer, Die volkswirtschaftliche und sozialpolitische Bedeutung der Einführung der Setzmaschine im Buchdruckgewerbe, 1910; A. Heller, Das Buchdruckgewerbe, die wirtschaftliche Bedeutung seiner technischen Entwicklung, 1911, und die zusammenfassende kritische Darstellung von Carl Bertenburg, Die Preisgestaltung im Druckereigewerbe, in den Sehr. d.V. f. S.-P., Band 142, II. Die Ansichten der verschiedenen Autoren weichen stark voneinander ab. Während Heller überhaupt keine Verbilligung annimmt, womit er sich der Auffassung des deutschen Buchdruckpreistarifs von 1907 anschließt, kommen die anderen zu dem Ergebnis, daß die Setzmaschine doch eine Kostenersparnis bewirkt habe, die zwischen 20 und 40% schwanke. Voraussetzung dabei ist eine volle Ausnutzung der neuen Maschine in fortgesetztem Betriebe. Auch Preisangaben können unter ganz bestimmten V oraussetzungen als Beweismaterial Verwendung finden. So lassen z. B. die Ziffern, die Th. Ellison in seinem Buch über den Cotton Trade of Great Britain (1886) mitteilt, einen ziemlich sicheren Schluß auf die Steigerung der Produktivität in der Spinnerei, namentlich infolge der Einführung des mechanischen Spinnstuhls, zu. Ellison stellt zusammen: 1. den Verkaufspreis für 1 Pfund Garn (Nr. 40), 2. den Baumwollpreis, und berechnet danach 3. den auf die Verarbeitung entfallenden Betrag des Preises. Die Ziffern sind folgende: 1779 1784 1799 1812 1830 1882 s d s d s d s d s d s d Garnpreis. 16,0 10,11 7,6 2.6 w 2 0,10% Baumwollpreis . . 2,0 2,0 3,4 1,6 0,7% 0,7% Aufschlag durch die Verarbeitung . . 14,0 8,11 4,2 1,0 0,6% 0,3%. Der Baumwollpreis fällt also in dem Zeitraum von 1779—1882 von 2 auf %, der Garnpreis von 16 auf 5 / 6 . Demgemäß der Aufschlag von 14 auf %—%• Diese Verringerung darf zu einem guten Teil der gestiegenen Produktivität zugeschrieben werden. Zu beachten: Der Aufschlag sinkt: in den 33 Jahren von 1779—1812 von 100 auf 7 „ „ 70 „ „ 1812—1882 „ 100 „ 28. Nun müssen wir aber der Tatsache stets eingedenk bleiben, daß es sich in solchen wie den hier verzeichneten Fällen um Einzelfälle handelt: vielleicht nur um Teilprozesse in einer Industrie, im günstigsten Sombart, Hochkapitalismus. 16 242 Erster Abschnitt : Das Kapital Fall um einen ganzen Industriezweig (wie etwa die Baumwollspinnerei). Damit ist uns für unsere Zwecke wenig geholfen. Zu einem Urteil über die Entwicklung der ökonomischen Leistungsfähigkeit der Industrie gelangen wir auf diesem Wege nimmer. Denn geradezu verbrecherisch ist das Unterfangen, irgendwelchen besonders krassen Einzelfall etwa starker Produktivitätssteigerung zu verallgemeinern. Welcher Unfug ist schon angerichtet worden mit den Ziffern der Baumwollspinnerei, aus denen man eine tausendfache (so Friedrich Engels) Steigerung der allgemeinen (!) Produktivität glaubte ableiten zu können! Zunächst hat sich die Produktivität in diesem Industriezweig selbst — wenn wir einmal die obigen Preisziffern als Ausdruck der Produktivitätssteigerung anerkennen wollen, sie drücken jedenfalls einenHöchst- satz aus — in dem ersten Menschenalter nach der Einführung der Spinnereimaschine nicht mehr als vervierzehnfacht, seitdem vielleicht noch einmal verdreifacht. Nun steht aber der Fall der Baumwollspinnerei ganz vereinzelt da. Schon in der Woll- und Flachsspinnerei ist die Produktivitätssteigerung sehr viel geringer, in der Weberei ist sie sehr unbedeutend. Und andere Industrien weisen ganz und gar andere Verhältnisse auf. Eine große Reihe hat jedenfalls gar keine oder nur eine geringe Steigerung ihrer Produktivität erfahren. Wie sollte man also zu einem Gesamturteil auf induktivem Wege gelangen? Die einzige Ziffer, die ein solches begründen könnte, ist meinesWissens die Produktionsziffer, die für die Vereinigten Staaten von Amerika im „Zensus“ mitgeteilt wird. Obgleich auch sie zu zahlreichen Bedenken Anlaß gibt, läßt sie sich doch, wie ich glaube, verwenden, um eine ganz ungefähre Vorstellung von der Entwicklung der Produktivität der Industrie zu gewinnen. Leider reichen die Ziffern nicht weiter als bis 1899 zurück, so daß sich nur die letzten 20 Jahre überblicken lassen. In diesem Zeitraum stieg die Produktionsmenge in 42 Industrien (die etwa die Hälfte des gesamten Produktionswertes erzeugen) von 100 auf 198; die Zahl der Lohnarbeiter von 100 auf 161. Setzen wir voraus, daß die Länge der Arbeitszeit und die Arbeitsintensität dieselben geblieben seien, so würden wir für die ersten 20 Jahre dieses Jahrhunderts in der Tat eine leise Steigerung der Produktivität um 15—20% anzunehmen berechtigt sein. Würden wir dieses Steigerungsverhältnis auf das ganze 19. Jahrhundert übertragen, so würden wir auf eine Zunahme der Produktivität in der Industrie auf etwa 75—100% in 100 Jahren kommen. Nun ist allerdings das Tempo der industriellen Entwicklung niemals und Siebzehntes Kapitel: Die Entfaltung der Produktion 243 nirgends so stürmisch gewesen wie während der ersten zehn Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten. Andererseits ist zu berücksichtigen, daß in den Anfängen der modernen Industrie, als man von der Handarbeit zur Maschinenarbeit erstmalig überging, in manchen Produktionszweigen noch größere Steigerungen der Produktivität mögen vorgekommen sein, und daß die Produktivitätssteigerung während der letzten zehn Jahre in der amerikanischen Industrie zweifellos sehr verlangsamt ist. Alles in allem berücksichtigt, wird man eine Zunahme der Produktivität in der Industrie während der hochkapitalistischen Epoche um 100% wohl annehmen dürfen. Jedenfalls kann die Wahrheit nicht sehr weit von dieser Ziffer entfernt liegen, weder nach unten noch nach oben hin. Glücklicherweise verschlägt diese Ungewißheit über die tatsächlich erfolgte Steigerung der Leistungsfähigkeit in der gewerblichen Produktion nicht allzuviel. Denn wie wir von unseren theoretischen Besinnungen her wissen, hat dieser Umstand für den Aufbau des Kapitalismus nur eine untergeordnete Bedeutung. Hätte dieser mit seiner Entwicklung auf die Steigerung der Leistungsfähigkeit in der Industrie zu warten gehabt, so hätte er lange warten müssen. Viel bedeutsamer waren für die Beschaffung des Sachkapitals schon 2. die Fortschritte in der Mobilisierbarkeit der Güterwelt, über die im folgenden Kapitel zu berichten sein wird. Aber auch sie brachten — ebenso wie die Fortschritte der Industrie — kein Brot auf den Tisch und keine Rohstoffe in die Werkstatt, worauf es doch ankam, wenn der kapitalistische Körper wachsen sollte. Deshalb mußte man, wenn man dessen Wachstum (im Rahmen des Ausbaues) fördern wollte, die bestehende Wirtschaft nach einer dritten Seite hin auszubauen trachten. Man mußte 3. die Leistungsfähigkeit des Bodens zu steigern versuchen. Da bieten sich, wie wir gesehen haben, drei Möglichkeiten dar, und alle drei Möglichkeiten sind mit Leidenschaft ergriffen worden, um dem sich weitenden Kapitalismus Spielraum zu schaffen. a) Die Produktionsverschiebung, der man zunächst sein Augenmerk zuwandte, sollte das Sachkapital vermehren durch Anbau ertragreicherer Pflanzen oder Ersatz kostspieligerer Stoffe durch billigere zur Befriedigung eines bestimmten Bedarfs. Mittels dieser Maßregeln erreichte man also, daß man — auch ohne Vervollkommnung der 16 * 244 Erster Abschnitt * Das Kapital Anbauweisen — von einer gegebenen Fläche mehr Nahrungsmittel oder mehr Rohstoffe gewann. Man darf diese Auskunft der Produktionsverschiebung nicht gering veranschlagen. Sie hat manchen Ländern eine ganz erhebliche Ausweitung ihres Nahrungsspielraums und ihrer Rohstoffversorgung gebracht, wie die folgenden Beispiele deutlich genug erkennen lassen. Wir müssen, wie ich sagte, zwei Fälle voneinander unterscheiden: den Ersatz teurer Stoffe durch billigere aus demselben Naturreich (Pflanzenreich) und den Ersatz sekundär-organischer (tierischer) durch primärorganische (pflanzliche) Stoffe. Hauptfälle des Ersatzes teurer Pflanzen durch billigere (weil ergiebiger im Anbau): Die Kartoffel ersetzt Weizen und Roggen. Der dadurch erzielte Vorteil ist beträchtlich. Auf 1 ha werden geerntet: 16 dz Roggen bei 65% Stärkegehalt 1040 kg Stärkemehl 160 „ Kartoffeln „ 18 ,, ,, 2880 ,, ,, Nach J. Grunzei, Der Sieg des Industrialismus (1911), 46. Der Kartoffelbau hat namentlich für den deutschen Kapitalismus eine große Bedeutung. Deutschlands Ernte betrug (1910—1914 im Durchschnitt) an: Brotgetreide 15,7 Mill. t mit 11,12 Mill. t Stärkewert Kartoffeln 45,5 „ „ „ 8,65 „ „ „ Die Welternte betrug an: = ca. 100 Mill. t Stärkewert Kartoffeln 145,0 „ „ = 29 Mill. t Stärkewert. Nach HSt. 5 4 „Kartoffel“ und Stat. Jahrb. Eine ähnliche Rolle wie die Kartoffel in den nordischen Ländern spielt der Mais als Volksnahrungsmittel in den südlichen Ländern. Baumwolle und Jute ersetzen den Flachs. Ziffern siehe unten. Nadelhölzer ersetzen die Laubhölzer. * Hauptfälle des Ersatzes tierischer Stoffe durch pflanzliche: Baumwolle ersetzt Wolle und Seide. Der Anteil der Spinnstoffe am Gesamtverbrauch in den verschiedenen Zeiten ist folgender: Anfang des 19. Jahrhunderts Vor dem Kriege Weizen 105,7 Mill. t Roggen 36,1 „ ,, Flachs . . . • 50,0% 10% Wolle . . . • 32,5,, 20 „ Baumwolle . • 17,5 „ 50 „ Jute .... . — 20 „ 100 100 } Wertverhältnis 4:1 Vgl. die graphische Darstellung bei Reier, Kraft (1910), 104. Zelluloid ersetzt Horn, Elfenbein, Schildpatt, Korallen. Der Beginn der Verwertung des außerordentlich wichtigen Zelluloids, ohne das eine moderne „Kultur“ gar nicht mehr denkbar ist, fällt ungefähr Siebzehntes Kapitel: Die Entfaltung der Produktion 245 in den Anfang der 1880 er Jahre. 18 verschiedene. Industrien verarbeiten bzw. benutzen jetzt Zelluloid. Allen voran die Kammindustrie, die mit 40% beteiligt ist. Dann die Spielwarenindustrie, die Galanterie- und Kurzwarenindustrie, die Bürstenindustrie usw. Vgl. J. Ertel, Die volkswirtschaftliche Bedeutung der technischen Entwicklung der Zelluloidindustrie (1909), 85ff. Holzschliff, Zellulose ersetzen Hadern aus Wolle (aber auch aus Pflanzenfasern: voriger Fall!); Papier, Wachstuch ersetzen Leder; Agave, Manilahanf, Seegras ersetzen Roßhaar; Kunstseide (aus Kollodium, Zellulose usw.) ersetzt Seide. Um die Leistungsfähigkeit des Bodens nach den beiden anderen, oben verzeichneten Richtungen: Steigerung der Bodenproduktivität und Intensivierung der Viehzucht, zu erhöhen, bedurfte es der Neugestaltung der europäischen Landwirtschaft, wie sie sich im Zeitalter des Hochkapitalismus vollzogen hat. Sie darzustellen, ist hier noch nicht der Ort, da es eine Angelegenheit der Betriebsorganisation ist, der wir in einem anderen Zusammenhänge, in der Betriebslehre, unser Augenmerk zuzuwenden haben. Hier handelt es sich darum, wie in diesem ganzen Abschnitte überhaupt, die samtwirtschaftlich bedeutsamen Wirkungen kennenzulernen, die sich aus jener Umgestaltung ergeben haben, und denen es zu danken ist, daß eine Ausweitung des Produktionsspielraums herbeigeführt und die Beschaffung des Sachkapitals erleichtert worden ist. Wir versuchen wiederum, uns von diesen Wirkungen in ihrer ziffernmäßigen Größe an der Hand einiger Beispiele eine annähernde Vorstellung zu machen. b) Die Steigerung der Bodenproduktivität Deutschland (ältere Zeit): Nach einer aus den Wirtschaftsbüchern mehrerer Güter berechneten Erntestatistik brachten 100 ha Fläche folgenden Bruttoertrag Kornwert: auf Mittelboden auf gutem Boden auf leichtem Boden 1800—1810 932,9 Ztr. — Ztr. — Ztr. 1810—1820 838,9 „ — 33 .—. 33 1820—1830 1195,6 „ — 33 — j j 1830—1840 1446,5 „ 1493,5 3 3 .— 3 3 1840—1850 1873,8 „ 2269,2 33 1720,9 3 3 1850—1860 2054,1 „ 2469,6 33 1905,1 33 1860—1865 2681,3 ., 2751,8 33 2218,8 33 1865—1870 2720,5 „ 2383,4 33 2464,0 3 > 1870—1875 2440,8 „ 3127,0 33 2883,5 33 Joh. Conrad, Die Tarifreform im Deutschen Reiche nach dem Gesetz vom 15. Juli 1879. A. Die Getreidezölle; in den Jahrbüchern für N.-ö. 246 Erster Abschnitt: Das Kapital Bd. 34 (1879) und dazu die Tabellen in den Sehr. d. V. f. SP., Bd. 90. Reiches Material für die frühere Zeit enthält das Werk von J. R. Mucke, Deutschlands Getreideertrag, 1883, im 3., 4. und 5. Abschnitt. Vgl. ferner die Ziffern für hannoversche Güter, bis in die 1860er Jahre reichend, bei Werner Graf Goertz-Wrisberg, Die Entwicklung der Landwirtschaft auf den Goertz-Wrisbergschen Gütern usw., 1880, S. 28f. Für die Jahre 1832—1854 enthält eingehende Ertragsberechnungen (für das Fürstentum Schwarzburg-Sondershausen) die Festschrift zur 17. Generalvers. des landw. Zentralvereins der Prov. Sachsen usw., 1862, S. 95ff. Sie ist in dankenswerter Weise fortgeführt worden in der gehaltvollen Jenaer Diss. von G. Oldenburg, Die Veränderungen in der landw. Betriebsweise der Unterherrschaft des Fürstentums Schwarzburg-Sondershausen, 1898. Neuere Zeit: Die Ernteerträge betrugen vom Hektar: 1884/93 1904/13 Zunahme für Roggen . . . . 10,2 ■ 17,2 68,6% ,, Weizen . . . . 13,8 20,6 49,3 „ ,, Gerste . . . . 13,1 19,8 51,1 „ ,, Hafer . . . . 11,5 19,0 65,1 „ ,, Kartoffeln . . 86,3 135,0 56,4 „ ,, Zucker . . . . 34,8 43,1 23,8 „ ,, Wiesenheu . . 28,3 43,0 51,9 „ Vom Zucker abgesehen, betrug die Ertragssteigerung durchschnittlich 57%. Nach dem Stat. Jahrb. Die Steigerungsziffern in Deutschland sind Höchstzahlen. Kein anderes Land kommt Deutschland gleich. In Deutschland wurden für die Volksernährung angebaut: 1893: 14354000 ha 1913: 14450000 „ Auf dieser sich ungefähr gleichbleibenden Fläche wurden geerntet für: 1893: 4665549000 Mk. 1913: 6651611000 „ (Aber die Preissteigerung ist zu beachten!) Nach A. Schulte im Hofe, Die Weltproduktion (1916), 29/30. Frankreich: Der Durchschnittsertrag des Weizens betrug vom Hektar: 1816—20: 10,2 hl 1871—80: 14,6 hl 1821—30: 11,9 „ 1891—95: 15,6 „ 1851—60: 13,9 „ HSt. I 3 , 253. Schweden: Der Durchschnittsertrag vom Hektar betrug in Zentnern: Weizen Roggen Gerste Hafer 1871/80: 14,29 13,62 14,73 13,12 1901/05: 16,85 14,48 14,45 11,80 Belgien: Weizen Roggen Gerste Hafer 1871/80: 16,68 14,75 18,72 16,70 1901/05: 22,33 21,31 27,12 23,30 Siebzehntes Kapitel: Die Entfaltung der Produktion 247 Immerhin ergibt sich für ganz Westeuropa, um das es uns einstweilen zu tun ist, eine nicht unerhebliche Steigerung der Bodenproduktivität in den letzten Jahrzehnten vor dem Kriege. Der Durchschnittsertrag in ganz Westeuropa betrug vom Hektar: Weizen Koggen Gerste Hafer Mais treidearten 1871/70 (1876/80) 10,84 10,90 12,79 12,37 — 11,52 1891/1900: 11,60 12,65 13,38 13,11 10,83 12,37 1901—1905: 12,50 13,97 14,84 14,06 12,13 13,47 Nach den Zusammenstellungen bei Gustav Sundbärg, Apercus statistiques internationaux, XI. annee, 1908. Ebenso wie der landwirtschaftliche Ertrag ist der Ertrag der Forsten von der Einheit gestiegen. Die Höhe des Nutzholzprozentes betrug beispielsweise in den Staatswaldungen in: Preußen Bayern Sachsen 1820 — 15 17 1830 19 16 25 1850 26 17 35 1870 30 32 61 1890 47 48 80 1900 60 53 83 HSt. 4 3 , 398 (M. Endres). Der Holzertrag an Derbholz der deutschen Forsten betrug b gleichem Bestände Festmeter: 1900: 37868542 1913: 47872257. Stat. Jahrb. 1915, 1919. c) Die Intensivierung der Viehwirtscha Ich begnüge mich damit, einige Ziffern für Deutschland a die — abgeschwächt — für alle Länder Westeuropas gelten. Bis in die Mitte des Jahrhunderts war ein Hauptgewicht auf die Schafzucht gelegt worden. „Die Schafzucht, so konnte ein so erfahrener Landwirt wie von Thünen feststellen, ist für den gegenwärtigen Moment die Angel, um welche sich die ganze Wirtschaftseinrichtung dreht.“ von Thünen, Isol. Staat § 30. Vgl. die gründliche Arbeit von F. Dzialas, Die Entwicklung und die Bedeutung der Schafhaltung in der deutschen Landwirtschaft während des 19. Jahrhunderts. Jenaer Diss. 1898. Man hatte sich viel Mühe gegeben, um die Wollerzeugungzu heben: die gemeinen Schafrassen wurden allmählich durch die edleren verdrängt. So betrug die Zahl der 1816 1849 Merinoschafe. 719200 4452913 halbveredelten Schafe . 2367000 7942718 Landschafe. 5174186 3901277 Die Wollproduktion stieg von 18172871 Pfund im Jahre 1816 auf 35853242 Pfund im Jahre 1849 (nach der vonFrhr. v. Patow verfertigten Statistik der Wollproduktion). 248 Erster Abschnitt: Das Kapital Seit Mitte des Jahrhunderts dagegen wird die Schafhaltung stark vermindert: Rindvieh und Schweine treten mehr und mehr an ihre Stelle. Die Rassen sämtlicher Viehsorten haben sich veredelt; die Stallfütterung — begünstigt durch die Abfallproduktion der Zucker- und Spiritusindustrie sowie die künstlichen Futtermittel — ist allgemeiner geworden; die Ausbeute vom einzelnen Stück an Fleisch, Milch usw. ist beträchtlich gestiegen. Die Viehstandsbewegung kommt durch folgende Ziffern zum Ausdruck. Es wurden gezählt: Pferde Rindvieh Schafe Schweine Anfang der 1860er Jahre 3193700 14999200 28016800 6462600 1873 3352231 15776702 24999406 7124088 1883 3522545 15786764 19189715 9206195 1892 3836256 17555694 13589612 12174288 1900 4184099 19001106 9672143 16758436 1912 4523059 20182021 5803445 21923707 Nach dem Stat. Jahrb. Die für die Viehhaltung benutzte Landfläche bleibt sich von 1893 bis 1913 gleich: 20,8—20,4 Mill. ha. Der Ertrag steigt von: 1893: 238702000 Doppelzentner auf 1913: 554703000 A. Schulte im Hofe, a. a. O., Seite 60/61. Es wurde Fleisch in Schlachtungen gewonnen: 1893: 20256000 dz 1913: 31503700 „ (Zuwachs nur durch Schweinefleisch.) Federvieh wurde geschlachtet: 1893: 1886500 dz 1913: 2443500 „ Milch wurde gewonnen: 1893: 17423 Mill. Liter 1913: 21303 „ Eier: 1893: 3646 Mill. Stück 1913: 5952 „ Butter und Käse unwesentlich vermehrt. Nach A. Schulte im Hofe, a. a. O., Seite 33ff. Nun darf aber freilich nicht verschwiegen werden, daß dieser beträchtliche Ausbau der europäischen Wirtschaft in der eben geschilderten Richtung nicht wohl denkbar gewesen wäre, ohne daß gleichzeitig Anbau und Abbau in dem von mir angegebenen Sinne eingetreten wären. Denn um jene Steigerung der Bodenproduktivität und jene Hebung der Viehwirtschaft zu bewirken, bedurfte es erstens der Einfuhr von unentbehrlichen agrarischen Hilfsstoffen, den künstlichen Futtermitteln aus den neubesiedelten Gebieten; zweitens der Verwendung von Siebzehntes Kapitel: Die Entfaltung der Produktion 249 anorganischen Stoffen in Gestalt der künstlichen Dünger, also von Erzeugnissen des Bergbaues oder von Industrien, die Bergbauerzeugnisse verarbeiten; drittens der Einfuhr aller in extensiver Wirtschaft gewonnenen Rohstoffe und Hölzer, durch deren Wegfall im Innern der europäischen Länder erst Platz für die Steigerung der Lebensmittelproduktion geschaffen wurde. Was insbesondere den künstlichen Dünger anbelangt, so läßt sich seine zunehmende Verwendung ziffernmäßig verfolgen. Anfang der 1840 er Jahre beginnt die Guanoeinfuhr (Guanoverwendung: rascher Abbau!) nach Deutschland. Im Jahre 1842 wurden in das Königreich Sachsen erst 5 Zentner im Werte von 22,5 Talern, 1852 dagegen schon 60483 Zentner im Werte von 272173,5 Talern eingeführt. Nach E. Engel, Das Königreich Sachsen (1853), 292. In letzter Zeit hat zwar der Gebrauch von Guano abgenommen; es wurden davon nach Deutschland eingeführt: 1878: 122305 t 1900: 39439 „ 1913: 36840 „ Um ein Vielfaches jedoch wird diese Abnahme aufgewogen durch die starke Steigerung in der Verwendung der übrigen Düngersorten. An Chilesalpeter wurden eingeführt (nach dem Stat. Jahrbuch): 1878: 50918 t 1900: 484455 „ 1913: 774318 „ An Kalisalzen aber stieg die Produktion seit dem Jahre 1861, in welchem sie begann, auf 1274900 t im Jahre 1890 und 8311700 t im Jahre 1910. Diese Mengen blieben zum größten Teile in Deutschland. An Thomasphosphatmehl betrug im Jahre 1913 die Einfuhr nach Deutschland 441069 t im Werte von 17,6 Mill. Mk., die Ausfuhr 713879 t im Werte von 29,2 Mill. Mk. Der Wert des vor dem Kriege in Deutschland verbrauchten Thomasmehls wurde auf 40 Mill. Mk. geschätzt. (Siehe oben Seite 240). Zur Vervollständigung setze ich noch die Ziffern hierher, die Th. Brinkmann, im Artikel „Ackerbau“ im H St l 4 über den Düngerverbrauch Deutschlands im letzten Menschenalter mitteilt: Verwendung von Dünger: an reinem Kali (K 2 0): 1889 . 234551 dz 1900 . 1177121 „ 1910 . 3 595160 „ an Superphosphat: 1893 . 6 000000 dz 1899 . 8 350 000 „ 1910 . 12 670 000 „ 250 Erster Abschnitt: Das Kapital an Thomaschlacke : 1885 . 50000 dz 1900 . 9 000 000 „ 1910 . 18000000 „ an Chilesalpeter: 1880—84 ... . 957000 dz 1901—05 . 3 635 000 „ 1912 . 8 498 000 „ an schwefelsaurem Amoniak: 1890 . 650 000 dz 1900 . 1180 000 „ 1910 . 3 000000 „ Nach den Berechnungen von Prof. Honcamp-Rostock betrug der Gesamtverbrauch an Kunstdünger in Deutschland: 1890 .... 16 Mill. dz 1900 .... 31 „ „ 1910 .... 59 „ „ 1913 .... 80 „ „ Das heißt: Er verfünffachte sich in dem Zeitraum von 1890—1913, in dem sich der Ertrag nur verdreifachte. Wäre die westeuropäische Landwirtschaft sich selbst überlassen geblieben, auf ihr Produktionsgebiet und die rein organische Produktionstechnik, so wäre sie bald an einem Punkte angelangt der der Entfaltung des Kapitalismus Schranken gesetzt hätte. Da die Mehrproduktion nur mit sinkendem Ertrage bewirkt werden konnte, so war die unausbleibliche Folge ein rasches Steigen der Agrar- produktenpreise. Dieses erlebte England, schon seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts, als dort die Intensivisierung der Landwirtschaft begann. Das Winchester Quarter Weizen kostete am Marientage im Durchschnitt der Jahre in Schilling: 1725—1750: 33,9 1751—1775: 44,4 1776—1800: 56,1 1800—1825: 90,3 Berechnet nach den Tabellen bei Tooke und Newmarch, Deutsche Ausgabe 1 (1862), 798/99. In den kontinentalen Staaten setzte die Preissteigerung erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein und dauerte bis in den Anfang der 1870er Jahre. In Preußen alten Bestandes betrug der Preis für die Tonne in Mark: Weizen Roggen Gerste Hafer 1821—1830: 121,4 126,8 76,6 79,8 1871—1875: 235,2 179,2 170,8 163,2 Nach den Zusammenstellungen Conrads im HSt. 3 \ 892. Siebzehntes Kapitel: Die Entfaltung der Produktion 251 Also dieses war der Fernsehern: Steigen der Preise der notwendigen Lebensmittel, Verteuerung der Arbeitskraft, Sinken des Mehrwertes: Ende der kapitalistischen Herrlichkeit. Daß diese von einer anderen Seite her bedroht war, der des zunehmenden Holzmangels, also des wichtigsten Stoffes im Bereiche der alten, organischen Technik, habe ich früher schon nachgewiesen. Was wollte die Steigerung der Nutzholzprozente besagen gegenüber der allgemeinen Holznot, in die sich die Wirtschaft beim Beginn der hoch- kapitalistischen Ära versetzt sah! So können wir recht gut begreifen, daß klar- und weitblickende Beobachter jener frühen Zeiten die Zukunft in dunklen Farben malten. Ricardo glaubte den Untergang des Kapitalismus vorauszusehen, und zweifellos wäre dieser in sehr kurzer Frist eingetreten, wenn der europäischen Wirtschaft keine anderen Wege zur Ausweitung ihres Daseinsraumes zur Verfügung gestanden hätten als die, die wir bisher verfolgt haben, kein anderes Auskunftsmittel als das, das ich den Ausbau der Wirtschaft genannt habe. Nutzlos die Fortschritte der Technik, nutzlos die Fortschritte der Landwirtschaft, wenn nicht irgendwoher neuer Stoff zugeführt, Korn in die Mühle gebracht wurde, die ohne diese Zufuhr leer zu laufen drohte. Wir wissen aus dem theoretischen Überblick, auf welchen Wegen diese „Substanz“ zu beschaffen war: auf dem Wege des Anbaues und dem des Abbaues. Wiederum stürzten sich die profithungrigen Menschen in wilder Hast auf diese Wege. Wir verfolgen sie auf ihnen. II. Der Anbau 1. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war noch in Westeuropa eine Menge unbesiedelten Bodens vorhanden, auf den man nun zunächst den Anbau ausdehnte. Das Ackerland in den alten Provinzen Preußens betrug: 1802 . 10 Mill. ha 1893 . 14,5 „ „ Aber vom letzten Drittel des Jahrhunderts an ist Westeuropa voll besiedelt; die fünf wichtigsten Zerealien (Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Mais) nahmen daselbst ein eine Fläche von 1000 ha: 1871—1875 . 54243 ha 1901—1905 . 54159 „ Bei Sundbärg, a. a. O. 252 Erster Abschnitt: Das Kapital 2. Das erste Anbaugebiet außerhalb Westeuropas, auf das der Kapitalismus die Hand legt, findet sich in den Ländern alter Kultur, zunächst Osteuropas. Hier betrug (nach derselben Quelle) das Anbauareal der fünf Getreidearten 1000 ha: 1871-1875: 77867 ha 1901-1905: 96814 „ 1906: 100615 „ In Rußland betrug die Anbaufläche für Weizen, Roggen, Gerste, Hafer und Kartoffeln: 1871/1875: 61,1 Mill. ha 1896/1900: 70,1 „ „ 1913: 88,1 „ „ Nach Sundbärg und Stat. Jahrb. In Rumänien standen unter dem Pfluge: 1860: 2494220 ha 1901/05: 5236332 „ Amtliche Denkschrift: La Roumanie 1866—1906 (1907), S. 267f. An Osteuropa reihten sich andere Länder des ferneren Ostens mit ebenfalls alter Kultur, in denen aber die Anbauflächen noch weitere Ausdehnung erfuhren,. indem teilweise früher besiedelte, dann verlassene Gebiete durch Bewässerung der Bodenkultur zurückgewonnen wurden. In Ägypten wurden mit Baumwolle bestellt (ohne den Umfang des Getreidelandes einzuschränken): 1894: 965946 Feddam 1904: 1436708 1908: 1640415 G. Martin, L’evolution economique (1910), S. 117. Die Anbaufläche für Weizen betrug in Britisch-Indien: 1896/1900: 8813000 ha 1912: 11966200 „ Sundbärg und Stat. Jahrbuch. Und dann — das ist natürlich der springende Punkt — kam der große Griff in 3. die unbesiedelten Gebiete des Westens, die ihre weiten, unbebauten Flächen dem europäischen Kapitalismus zur Benutzung darboten. Sundbärg berechnet, daß in den „anderen Ländern“, das heißt in den außereuropäischen Ländern, unter denen Amerika und Australien Siebzehntes Kapitel: Die Entfaltung der Produktion 253 die wichtigsten sind, die Anbauflächen für die fünf Getreidearten folgende waren: 1871/75: 64109000 ha 1901/05: 125025000 „ 1906: 136231000 „ Für Weizen insbesondere betrug die Fläche (die Zahl für 1913 aus dem Stat. Jahrbuch): 1871/75: 27252000 ha 1913: 102658000 „ Über 75 Millionen Hektar sind allein dem Weizenanbau neu gewonnen; zum Vergleich: in Deutschland betrug in den letzten Jahren vor dem Kriege die Anbaufläche für Weizen nicht ganz 2 Millionen Hektar. Diese eindrucksvolle Ziffer verdient es, daß wir sie ein wenig genauer betrachten und Zusehen, aus welchen Einzelziffern sie aufgebaut wird. Die angebaute Fläche umfaßte Millionen acres in den Vereinigten Staaten von Amerika (nach dem Zensus): 1850: 113 1890: 358 1860: 163 1900: 414 1870: 189 1910: 478 1880: 285 Die Zunahme der Weizen erzeugung insbesondere findet in folgenden .Ziffern ihren Ausdruck: Durchschnitt Mit Weizen angebaute Menge des erzeugten der Jahre Fläche (1000 acres) Weizens (1000 busheis) 1866—1875 . . . . . 20470 244672 1876—1885 . .... 34433 424708 1886—1895 . .... 37500 476788 1896—1900 . .... 48989 633074 1901—1905 . .... 50194 700274 1906—1910 . .... 45766 675077 1911—1915 . .... 51910 806361 Also: keine wesentliche Ausdehnung der Anbaufläche seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, dagegen seitdem Beginn eines intensiven Anbaues (oder gute Erntejahre ?)• (Ina letzten Jahrzehnt hat die Anbaufläche übrigens wieder zugenommen.) Die entsprechenden Ziffern für Baumwolle sind folgende: Durchschnitt Mit Baumwolle angebaute Menge der geernteten der Jahre Fläche (1000 acres) Baumwolle (1000 Ballen) 1866—1875 . 8810 3250 1876—1885 . 15209 5652 1886—1895 . 19421 7637 1896—1900 . 24364 10012 1901—1905 . 27865 10801 1906—1910 . 31364 11847 1911—1915 . 35132 14176 Nach dem Stat. Abstract U. S. 254 Erster Abschnitt: Das Kapital In Kanada betrug die Anbaufläche von Weizen 1881—1885 . 925000 ha 1896—1900 . 1307000 „ 1913 . 4457000 „ Sundbärg und Stat. Jahrbuch. In Argentinien waren mit Weizen angebaut: 1891—1895: 1592000 ha. 1896—1900: 2762000 „ 1901—1905: 3919000 „ 1913: 6918500 „ Desgleichen in Australien: 1876—1880: 1881—1885: 1886—1890: 1891—1895: 1896—1900: 1901—1905: 1913: Die Quellen sind wieder dieselben. 1034000 ha. 1428000 „ 1535000 „ 1567000 „ 2177000 „ 2372000 „ 3437100 „ Hafer 1525000 ha 4222000 „ Zur Ergänzung füge ich noch einige Zahlen hinzu, aus denen die Ausdehnung der Viehzucht, insbesondere der Schafzucht in den neuen Anbaugebieten ersichtlich ist. Die Zahl der Rinder bezifferte sich in Argentinien: um 1880 auf 14,2 Millionen „ 1900 „ 21,7 1911 „ 28,8 Die Zahl der Schafe betrug in 1 in Argentinien: in Uruguay: in Australien: in Südafrika: Schafe betrug in Millionen Stück: 1830: 2,5 1882: 72,6 1850: 7,0 1911: 80,0 1870: 41,0 1860: 2,5 1886: 17,0 1908: 26,0 1860: 22,5 1900: 90,0 1910—1912: 107,5 1891 1900 1911 16.5 14,2 30.5 Quellen außer den vorhergenannten: HSt. 7 3 , 399, 938f. Siebzehntes Kapitel: Die Entfaltung der Produktion 255 Der gesamte HSt. 8 3 , 941. Sehafbestand der Erde war: in den 1880er Jahren: 383618034 1900—1910: 482105343. Nun erst, nachdem wir die Ausdehnung der Anbauflächen während des 19. Jahrhunderts kennengelernt haben, verstehen wir, wie es möglich war, jene ungeheuren Mengen von Nahrungsmitteln und (organischen) Rohstoffen zu erzeugen, die dem europäischen Kapitalismus seine stürmische Entwicklung verstatteten. Denn nichts als Sach- kapital war es, das von diesen dem Anbau neu erschlossenen Flächen herbeiströmte und den Kapitalismus wachsen und wachsen und wachsen ließ. Wir wollen uns eine ziffernmäßige Vorstellung von der Weltproduktion an Agrarerzeugnissen machen, zu denen natürlich zu ihrem Teile auch die westeuropäischen Länder selbst, in denen der Kapitalismus hauste, beigetragen haben. Die Anteilsziffern der einzelnen Produktionsgebiete werden es aber deutlich machen, daß nur mittels des Anbaues neuen Landes die rasche Ausdehnung des Kapitalismus ermöglicht worden ist. Statistik der Weltproduklion in Agrarerzeugnissen Die Getreideproduktion der Erde weist folgende Mengen auf (in 1000 dz) Weizen Roggen Gerste Hafer Mais Alle 5 Getreidearten 1866—1870: 500323 297290 — — 370000 1988679 1876—1880: 583315 330995 211351 332547 530471 —• 1886—1890: 647207 354102 231522 408248 618053 2259132 1896—1900: 742490 392370 253739 464777 747606 2600982 1901—1905: — — — — 817257 2941708 1913: 1056740 361080 330620 678640 — — Den Hauptanteil an dieser Produktion hatte Rußland (1913) mit 22% der Weizenproduktion, 68% der Roggenproduktion, 40% der Gerstenproduktion, 23% der Haferproduktion. Danach kamen die Vereinigten Staaten von Amerika: 20% Weizen, 11% Gerste, 23% Hafer. Vgl. Sundbärg, HSt. 4 3 806 ff., Stat. Jahrbuch. Der Verbrauch der wichtigsten Textilstoffe betrug in Millionen Kilogramm: vor dem Kriege im Beginne des 19. Jahrhunderts in den 1880er Jahren Baumwolle . . . . 108 2000 über 4000 Wolle. . . 222 850 1200 Flachs .... . . 285 640 700—800 Hanf. . . 286 450 500—600 Jute. . . 2 400 1600 901 4340 8000—8200 256 Erster Abschnitt: Das Kapital K. Apelt, Die Produktionsentwicklung der Baumwolle in den Sehr, d. V. f. S.-P., Bd. 142, 4. Teil, Seite 32. Die Entwicklung der Baumwollproduktion insbesondere spiegeln folgende Ziffern wieder: 1826—1830: 67900 t 1846—1850: 503800 t 1866—1870: 911300 t 1886—1890: 1869100 t 1896—1900: 2491000 t 1912/13: 4380000 t Von dieser Menge lieferten die U. S. A. etwa die Hälfte. Die beiden nächstwichtigen Produktionsgebiete sind Ostindien (20%) und Ägypten (3—5 %, so daß für die übrigen Länder (Brasilien, China, Rußland, Kleinasien) etwa 25% verbleiben. Ebenda. Die Wollproduktion der Erde stieg von 853,88 Mill. kg in den 1880er Jahren auf 1262,10 ,, ,, in den Jahren 1900—1910. Von dieser Menge lieferte Europa etwa 25 %, Australien und Neuseeland zusammen 32%, Südamerika 20%, die Vereinigten Staaten 11%, Kap- land 5%. Vgl. auch Seite 296 ff. ts ; Nun ist ja aber diese an sich schon gewaltige Erscheinung der räumlichen Ausdehnung des Aabaugebietes noch keineswegs die entscheidende und wichtigste Tatsache, wenn man die Bedeutung dieser Entwicklung für die Entfaltung des Hochkapitalismus ab schätzen will. Was noch viel mehr ins Gewicht fiel, war dieses: daß auf den neu dem Anbau erschlossenen Gebieten — mochten sie in alten Kulturländern, mochten sie in neuem Siedlungslande liegen — die Erzeugungskosten außergewöhnlich niedrige waren. Es strömten also dem westeuropäischen Kapitalismus nicht nur große Massen von Gütern zu, sondern — und nur darum konnten sie so massenhaft geliefert werden — unerhört billige. Die Gründe, weshalb die Agrarprodukte in den neuerschlossenen Gebieten so billig hergestellt werden konnten, waren: (1) produktionstechnischer Natur. Überall stieß man auf ungewöhnlich fruchtbare Ländereien; das gilt für Osteuropa, das gilt vor allem für Amerika. Überall waren die Bodenpreise — im Vergleich zu den westeuropäischen — niedrig. Überall konnte die Wirtschaft daher sehr extensiv betrieben werden. Als Max Sering sein schönes Buch über die landwirtschaftliche Konkurrenz Nordamerikas schrieb (1887), stellte er folgende Bodenpreise fest: westliches Oregon und Washington bestes Marschenland 60 $ für den Acker; östliches Oregon: „Grundstücke, welche sechs Jahre Siebzehntes Kapitel: Die Entfaltung der Produktion 257 Vorher entweder umsonst öder für 2%$ per acre erworben worden waren, wurden im Jahre 1883 für 25—50$ per acre verkauft“; außerhalb des Walla-Walla-Distriktes wurden im nördlichen Teile des fruchtbaren Präriegürtels durchschnittlich 4—5 $ per acre verlangt a. a. 0. S. 268f., 293f. Und für die Gegenden westlich vom Mississippi allgemein: die Grundstücke kosten überhaupt nichts oder nicht mehr als 1%—2% $ per acre = 12,94 bzw. 25,88 Mk. pro Hektar, je nachdem die betreffenden Grundstücke außerhalb oder zwischen reservierten Eisenbahnländereien gelegen sind. Die Eisenbahnkompagnien verkaufen in derselben Gegend ihr Land regelmäßig für 5 $ per acre = 51,77 Mk. pro Hektar. Der Durchschnittspreis für private Grundstücke beträgt 50—120 Mk. pro Hektar. A. a. 0. S. 182. Zum Vergleich: In Mecklenburg-Schwerin betrug der durchschnittliche Landpreis bei Allodialgütern 1875—1879 882 Mk. pro Hektar. Für den preußischen Staat ergaben die Domänenveräußerungen in den beiden Jahren 1879—1881 einen Durchschnittsertrag von 1497,63 Mk. pro Hektar. In der Provinz Sachsen wurden um jene Zeit bei Privatverkäufen 3000 bis 3600 Mk. pro Hektar einschließlich des lebenden und toten Inventars gezahlt, was einem Preise von 2400—2800 Mk. für den Hektar bloßen Landes entsprechen dürfte. In den kleinbäuerlichen Gegenden des Rheinlandes kostete der Hektar Land damals zwischen 4000 und 8000 Mk. Ebenda. Ähnliche Verhältnisse wie in Nordamerika bestanden in allen neubesiedelten Ländern. Aber auch in den Ländern alter Kultur, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts mit ihrem Boden in die Verfügungsgewalt des westeuropäischen Kapitalismus gerieten, waren die Bodenpreise verglichen mit den westeuropäischen niedrig. Die Folge dieser niedrigen Bodenpreise war aber die, daß überall die Wirtschaft extensiv blieb. Sering stellt a. a. O. S. 472 die Ernteerträge in den wichtigsten Getreide erzeugenden Ländern zusammen. Danach war zu seiner Zeit der durchschnittliche Weizenertrag (Hektoliter vom Hektar): Großbritannien.. 26,9 Belgien.24,3 Holland .. . 21,6 Norwegen . ... 20,3 Deutschland .. . 17,0 Dänemark . ..17,0 Finnland.15,5 Frankreich .14,9 Rumänien.. 12,0 Portugal.11,5 Ungarn . ..11,0 Vereinigte Staaten.10,7. Seitdem ist die Intensität der Landwirtschaft in den westeuropäischen Ländern fast durchgängig beträchtlich gestiegen; dagegen sind die „Kornkammern“ Westeuropas bis zum Kriege auf einer sehr extensiven Stnfe Sombart, Hochkapitalismus. 17 258 Erster Abschnitt: Das Kapital der Landwirtschaft stehen geblieben. Die Ziffern für die letzten Jahre vor dem Kriege (1911—1913) sind folgende: Der Weizenertrag betrug vom Hektar (1 hl == 76 kg): Belgien.26,0 dz Niederlande.24,6 „ Deutschland.23,6 ,, Schweiz.22,0 ,, England.21,0 ,, Schweden.20,9 ,,. Dagegen: Vereinigte Staaten von Amerika 10,2 (im Durchschnitt!) Europäisches Rußland.9,1 (schon als Wirkung der Stolypinsclien Reform, bis kurz vorher 5—-6) Britisch-Indien.8,2 Argentinien.7,8 Australien.7—8. Stat. Jahrb. Für die Viehzucht, namentlich die Schafhaltung, liegt die Extensität auf der Hand. „Ungeheure in extensiver Viehwirtschaft betriebene Besitzungen, deutschen Königreichen gleich, finden sich in allen australischen Ländern. Wo Tausende sich mit arbeitslustigen Händen in Ackerbau und intensiver Viehzucht mühen, Herde schaffen, Familien gründen und eine Nation aufbauen könnten, treiben einige reitende Hirten das Vieh im Dienste fremder Herren, die in England sitzen oder allerwärts zerstreut die Aktienkupons schneiden.“ Rob. Schachner, Australasien in Politik, Wirtschaft, Kultur. 1909. S. 248. Die Durchschnittszahl der Schafherden in Queensland betrug 1907 6091 Stück. In Neusüdwales umfaßten (1905) die Herden von 1—1000 . . . . 4066162 1001—2000 . . . 3787648 2001—5000 . . . . 5746793 5001—10000 . . . 4580497 10001—20000 . . . 6522915 20001—50000 . . .10001922 50001—100000 . . . 3779240. In Argentinien herrschen ähnliche Verhältnisse. Das Klima läßt während des ganzen Jahres die Weidung der Tiere auf freiem Felde zu. Dieses ist die natürliche Grasnarbe, die erst in den letzten zwanzig Jahren vor dem Kriege durch Ansaat von Alfalfa und anderen Futterpflanzen hier und da verbessert wird. E. Pfannenschmidt, Die landwirtschaftlichen Produktionsverhältnisse Argentiniens in den Sehr. d. V. f. S.-P., Bd. 141, I. S. 64ff. Neben den produktionstechnischen Gründen kommen in den meisten peripheren I ändern als preisverbilligende Umstände ferner in Betracht: Siebzehntes Kapitel: Die Entfaltung der Produktion 259 (2) Verteilungsgründe. Die Bauern haben überall eine sehr geringe Quote ihres Erzeugnisses als Entgelt ihrer Arbeit erhalten. In fast allen Ländern, aus denen Europa seine Nahrungsmittel (und Rohstoffe) bezogen hat, haben sich die Produzenten nicht satt gegessen. Darüber wird Näheres in Erfahrung gebracht werden, wo ich die Stellung des Bauern im Zeitalter des Hochkapitalismus erörtere: siehe das 58. Kapitel. Endlich kanu man noch anführen als Ursache billiger Produktionskosten : (3) Umsatzgründe. In verschiedenen Ländern, die uns ihre Bodenerzeugnisse geliefert haben — Indien, Südamerika, Nordamerika —, hat kürzere oder längere Zeit eine unterwertige Valuta geherrscht, wodurch die in Gold ausgedrückten Preise so lange gesenkt wurden, als sich die Kaufkraft des einheimischen Geldes nicht im Verhältnis zu seiner Entwertung verringerte. Der belebende Einfluß der Valutaverschlechterung auf die Ausfuhr aus den Bodenländern ist ziffernmäßig festgestellt worden und braucht hier nicht nachgewiesen zu werden. Siehe z. B. Max Becker, Derargrew- tinische Weizen im Weltmärkte (1903). Hier findet man auf S. 234 folgende lehrreiche Ziffernreihe (Indexnummern): Goldkurs 1886/87 .... 100 1890/91 .... 186 1895/96 .... 248 Generalindex Angebaute Fläche in Santa Fe Entre Rios 100 100 131 258 263 550. Der Generalindex für 28 Ausfuhrgüter stand in Indien 1895 111 (1873 = 100), die Kaufkraft der Rupie war also um 10%, der Kurs aber in derselben Zeit um 41,5 gesunken. Die Weizenausfuhr aus Indien stieg von 1870/71 bis 1891/92 von 248000 cwt. auf über 31 Millionen cwt. Brij Narain, Exchange and Prices in India 1873—1924 im Weltwirtschaftliche Archiv 23 (1926). 2. Heft. S. 251, 255. Das Ergebnis waren überall billige Produktionskosten: siehe für Nordamerika die Angaben bei Sering, a. a. O. S. 249, 293. 389, 442, 573 u. ö. Die amtlichen Preisfestsetzungen ergeben daselbst einen durchschnittlichen Preis loco Farm für den Bushel in Cents: Durchschnitt Weizen Mais 1870—1879 . . . ... 105 43 1880—1889 . . . ... 83 40 1890—1899 . . . ... 65 35 1900 . ... 62 36 Seitdem steigende Preise. Nach den Berechnungen des statistischen Departements für Landwirtschaft mitgeteilt bei v. Juraschek, Übersichten, 18. 17 * 260 Erster Abschnitt: Das Kapital . - Und soinit: billige Preise der Rohstoffe und Nahrungsmittel — billiges Sachkapital für den europäischen Kapitalismus. Da aber die niedrigen Preise am Verbräuchsorte noch von einem zweiten Umstande bestimmt wurden: den Transportkosten, so werde ich weitere Preisangaben erst machen, nachdem ich die Entwicklung' der Transportkosten dargestellt habe : siehe unten Seite 281 f. Alle diese Wirkungen würden — wenngleich in abgeschwächtem Maße — auch eingetreten sein, wenn die Wirtschaft in den neuen Anbaugebieten Ersatzwirtschaft gewesen wäre. Offenbar war sie es aber in weitem Umfange nicht. Das heißt: vielerorts artete der Anbau in Abbau aus. Da uns dieser als eine besonders interessante Erscheinung für sich beschäftigen wird, erörtere ich das Problem des landwirtschaftlichen Raubbaues im Zusammenhänge mit den anderen Abbaufällen. 7 III. Der Abbau 1. Die erste Möglichkeit, von der „Substanz“ zu leben, das heißt also, das natürliche Einkommen zu überschreiten, ist, wie wir sahen, der nicht ersetzte Verbrauch von Nährstoffen in der Ackerkrume. Wir nennen eine Landwirtschaft, die sich dieses Mittels bedient, um zu billigen Erzeugnissen zu gelangen, eine Raubwirtschaft. Und Raubbau ist in wohl all den Gebieten' getrieben worden, aus denen der Zuschuß von Agrarprodukten zu den Erzeugnissen Westeuropas im 19. und 20. Jahrhundert kam. Von den Getreide produzierenden Weststaaten der nordamerikanischen Union schreibt Sering in den 1880er Jahren: „Es ist eine allgemeine Klage in diesen Ländern, daß ... die Fruchtbarkeit (sich) durch Raubbau vermindert hat. . . Die Weizenerträge werden immer mehr unsicherer und sind auf vielen länger kultivierten, aber nie ausgeruhten oder gedüngten Grundstücken auf 5—12 busheis vom Acker (335—670 kg per Hektar) gesunken. . . Man bestellt zu viel Land in der bekannten, ganz oberflächlichen Weise, wirft den Dünger in den Fluß oder verschleudert ihn auf andere Weise; es ist ganz gewöhnlich, daß man mehrere Ernten Mais oder Weizen hintereinander von demselben Acker nimmt.“ A. a. 0. S. 481, 489. Der Raubbau äußerte sich in der Abnahme der Erträge von der Einheit der Bodenfläche. So betrug die durchschnittliche Erntemenge Mais vom Acre (nach dem Stat. Abstract U. S.): 1866—1875: 26,1 busheis 1876—1885: 25,5 1886—1893: 24,0 1894—1898: 24,5 1899—1903: 23,9 Siebzehntes Kapitel: Die Entfaltung der Produktion 261 Ebenso ist die Baumwollkultur in den Vereinigten Staaten raubwirtschaftlich betrieben worden. Folge: ein fortwährendes Sinken des Ertrages. Vom acre wurden Ballen Baumwolle geerntet (nach dem Zensus): 1880: 0,48 1900: 0,39 1910: 0,33. Etwa seit dem Anfänge des 20. Jahrhunderts geht man in weiterem Umfange zur Ersatzwirtschäft über. Siehe den Bericht von Max Augstin in den Sehr. d. V.f.S.-P., Bd. 141. In besonders hohem Maße ist in Kanada Raubbau am Boden getrieben worden. Der Report of the Superintendent of Experimental Farms (Department of Agriculture, 1913) ist eine vernichtende Anklage gegen die kanadischen Farmer: „The utterly unscientific and wasteful methods of agriculture too long pursued by farmers in the West have impoverished the soil and the average yield per acre of wheat is steadily dropping.“ Die Nordwestprovinzen näherten sich damals der Zeit, in der die wundervolle Schwarzerde der Prärie erschöpft war infolge ununterbrochenen Anbaues von Weizen und der völligen Vernachlässigung der Düngung und die Felder „dirty“ wurden, das heißt verunkrauteten. „Manitoba has been a farming country for barely forty years and during that short spae'e •of time her prodigious natural resources have been dissipated and abused . j . The land has been cropped with feverish haste and the precious ingredients •of the soil wasted with an utter lack of prudence if only money might be made quickly . . .“ Die Sache verschlimmerte sich in dem Maße, wie die alten Siedler, die noch auf Freiland gesessen hatten, durch die- Pächterfarmer ersetzt wurden. Diese hatten nur das eine Bestreben, Während der Pachtperiode soviel als möglich aus dem- Boden herauszupressen und dann westwärts weiterzuziehen. . Erst 1906 wurde ein Agricultural College eingesetzt,: das der völligeil Auspowerung des Bodens steuern soll. Seinem Einfluß ist es zu danken; wenn noch in den letzten Jahren vor- dem Kriege einige Reformen im landwirtschaftlichen Betriebe durchgeführt worden sind. Siehe Humfrey Michell, Economic conditiöns in North-West-Canada in The Economic Review 15. Oktober 1913. Bd. XXIII. Nr. 4. In Argentinien war noch in der -letzten Zeit vor dem Kriege Raüb- wirtschaft ebenfalls die Regel. „Der Boden wird andauernd in oberflächlicher Weise bearbeitet, und unvermeidlich ist daher, daß er enorm verunkrautet und die Ackerkrume stark ausgesogen wird. Da der typische Weizenbauer seinen Boden nur einmal im Jahre und in geringer Tiefe von wenigen Zentimetern pflügt, ist eine Erschließung der Nährstoffe unmöglich, und eine Verarmung dieser schwachen Ackerkrume kann nicht ausbleiben, in deren Folge die Erträge äußerst niedrig und sehr unsicher- sind-.“ E. Pf annenschmidt in Sehr. d. V.f.S.-P., Bd. 141, I, S. 34. Neuerdings wird durch den Anbau von Alfalfa (Luzerne) und eine Vereinigung von Viehwirtschaft und Weizenbau Wandel zu schaffen versucht. Indien: „Ungenügende Düngung ist der Hauptfehler des indischen Ackerbaues. Das Zeugnis für die Erschöpfung des Bodens ist von vielen 262 Erster Abschnitt: Das Kapital Sachverständigen erbracht und meist als endgültig angesehen worden. Der allmähliche Einschluß von Weideland hat die Erhaltung eines größeren Viehbestandes erschwert und die Menge verfügbaren Kuhdungs vermindert. Selbst dieser wird nicht allein zu Düngungszwecken verwandt, denn der Mangel an Feuerungsmaterial macht es notwendig, ihn in Feuerung zu verwandeln. Der große Verlust, den der indische Ackerbau dadurch erleidet, ist ausführlich vonLupton in seinem Buche,Happy India‘behandelt worden.“ Siehe Zakir Husain, Landwirtschaft und Agrarverfassung in Britisch-Indien. Berliner Inaugural-Diss. 1926. Von Neu-Seeland erfahren wir: „The manure bills, which is such a heavy item of annual expenditure with the British farmer, presses as yet very lightly on the farmers of the colony.“ The New Zealand Official Year- Bookl906, pag. 600. Damals begann die Düngung. Ebenda. Die Fruchtbarkeit des Landes ist so groß, daß man ohne Ersatz aus dem Vorrat schöpfen kann, ohne — einstweilen! — das Land auszusaugen: „So full is the soil of plant-food, that several crops of potatoes or cereals may be taken with little apparent (!) exhaustion“. A. a. 0. S. 590. In ganz Australien war die landwirtschaftliche Produktion bis ins 20. Jahrhundert hinein noch „Raubbau an jungfräulichem Boden“. Victoria, das in Australien die intensivste Bodenkultur zeigt, hatte 1898 erst auf 7318 Besitzungen mit 225830 Acres Düngung. Im folgenden Jahrzehnt wird Düngung üblich: 1907 waren 2 Millionen acres von etwa 2% Millionen acres angebauten Landes gedüngt. Westaustralien düngte 1906/07 73,86% seiner unter Anbau stehenden Fläche. Rob. Schachner, Australasien (1909), S. 282. Aber auch hier setzt die Ersatzwirtschaft erst mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts ein, als sich infolgedessen die Agrarprodukten- preise schon zu heben begannen. Bekannt ist die Mißwirtschaft, die im zaristischen Rußland beim Bodenanbau herrschte: „Gedüngt wird nicht (in der Bauernwirtschaft) oder in äußerst seltenen Ausnahmefällen. Folge ist bei der oberflächlichen Pflügung die Erschöpfung der Bauernäcker . ..“ „Düngung fanden wir in der von uns besuchten Kolonie (deutscher Ansiedler) so wenig in Anwendung wie bei den russischen Bauern.“ Von der Ukraine: „In den meisten Fällen . . . (bebaut der Bauer) alljährlich unausgesetzt und ohne Düngung das gesamte Areal des Dorfes mit Getreide . . . Nach der Statistik der Landschaft bebauen von 270 Gutsbauerngemeinden 145 ununterbrochen das Ackerfeld in der angegebenen Weise. . . Folge der bezeichneten Wirtschaftsweise ist eine zunehmende Erschöpfung . . . des Bauernlandes.“ G. v. Schulze-Gaevernitz, Volkswirtschaftliche Studien aus Rußland (1899), S. 417, 422, 433, 434 u. ö. Vgl. J. S. Bloch, Meliorationskredit und der Stand der Landwirtschaft in Rußland, (russ.) Auszüge bei Mertens, a. a. O. S. 41, 459 f. sowie die Ergebnisse der amtlichen Enqueten, die in den 1880 er und 1890 er Jahren für das Gouvernement Ssamara, das wichtigste Getreidegebiet des Wolgabeckens, veranstaltet worden sind: unter Sommergetreide wird überhaupt nicht gedüngt; das gedüngte Land bildet bei den Gutsbesitzern 0,4 %, bei den Bauern 0,7% des gesamten Ackerlands. „Alle bäuerlichen Ackerfelder werden von der Siebzehntes Kapitel: Die Entfaltung der Produktion 263 Bevölkerung selbst als ,alter“, ,weicher“, ,ausgeackerter“ Boden bezeichnet. Wir sehen denn auch auf unserm Boden eine welke Vegetation, eine allmählige Ausartung der Kulturpflanzen.“ Der Ertrag ging zurück: nach den Feststellungen von Lossizky betrug im Gebiet der Schwarzerde die Roggenernte pro Dessjatine auf den Bauernäckern in Tschetwert: in den 1850 er Jahren 5.96 ,, ,, 1880 er Jahren 4.93. Mitgeteilt bei C. Lehmann und Parvus, Das hungernde Rußland (1900), 230f. 337. Wenn diese Länder, aus denen wir uns satt gegessen haben, nicht einmal den natürlichen Dünger zweckentsprechend verwerteten, so dürfen wir uns nicht wundern, wenn die Anwendung künstlichen Düngers so gut wie unbekannt in ihnen war. Auch die rationeller bewirtschafteten Gutsbetriebe hatten einen außerordentlich geringen Bedarf an künstlichem Dünger. Während vor dem Kriege in Deutschland 1,68 Doppelzentner davon auf den Hektar verbraucht wurden, bezifferte sich der Verbrauch in Rußland auf 0,06 dz ,, Rumänien ,, 0,01 ,, „ Kanada „ 0,03 ,, ,, Argentinien ,, 0,003 ,, A. Schulte im Hofe, a. a. 0., S. 70. 2. Die andere Form, in der sich ein Abbau aufgespeicherter Vorräte vollzieht, ist der ersatzlose Verbrauch vorhandener Pflanzen- und Tierbestände. Leider versagen hier die Mittel der Statistik fast völlig, um uns von diesem Vorgang eine ziffernmäßige Vorstellung zu machen. Daß Abbau in der genannten Weise in sehr weitem Umfange getrieben ist und daß er für die Entfaltung des Kapitalismus von nicht zu unterschätzender Bedeutung war, wird trotzdem nicht in Abrede gestellt werden dürfen. Es ist vielleicht von geringem Belang, daß die Reichen ihren Pelzoder ihren Federschmuck sich durch die Vernichtung der sie liefernden Tierarten beschafft haben. Immerhin: die kommenden Geschlechter haben auch hier das Nachsehen, wenn sie sich nicht mit den Erzeugnissen gezüchteter Tiere begnügen wollen. Es ist auch keine sehr wichtige Tatsache, daß wir die Hirsche und Rehe und Wildschweine und Fasanen und Rebhühner und Hummern und Austern mit der Zeit aufgegessen haben, obwohl auch sie zur Erklärung unseres Reichtums in der vergangenen Zeit nicht ganz außer acht zu lassen ist. Aber ich will von allen solchen nebensächlichen Fällen absehen und nur an einen Vorgang erinnern, der für die Entfaltung des Hochkapitalismus von entscheidender Bedeutung ist. Ich meine: das Abholzen der Wälder. Was uns die Statistik über diese Form des Verzehrs vorhandenen 264 • ^Erster Abschnitt: Das Kapital Vermögens zu berichten weiß, genügt so ziemlich, um den Vorgang in seiner ganzen Tragweite wenigstens ahnen zu lassen. Wir besitzen die'Holzäusfuhrziffern der Waldländer. Die Ausfuhr an nicht, bearbeiteten Hölzern aus Schweden, Norwegen, Finnland, Österreich-Ungarn, Rußland, Vereinigten Staaten, Kanada betrug (nach Sundbärg, S. 286) im Durchschnitt der Jahre: 1891—1895. 723,4 Millionen Franken 1896—1900. 1003,8 1901-1905. .1186,9 ln diesen denkwürdigen Ziffern (1 Milliarde entnahm der westeuropäische Kapitalismus schon im Anf ang dieses Jahrhunderts [seitdem ist die Ziffer beträchtlich gewachsen] aus dem Naturvermögen allein an Holz, um sein Sachkapital auszuweiten), ist mm aber nicht berücksichtigt der Selbstverbrauch der holzerzeugenden Länder. Und dieser ist vor allem für die Vereinigten Staaten ein ganz gewaltiger. Man rechnet, daß der Gesamtverbrauch an Holz auf den Kopf drüben achtmal so groß ist als der europäische Durchschnitt. Bekanntlich hat die materielle Kultur Amerikas bis in unsere Tage hinein ihr „hölzernes“ Gepräge, das in Europa die früheren Zeitalter kennzeichnet, nicht völlig abgestreift. In weitem Umfange ist das amerikanische Wohnhaus in kleineren Städten und auf dem Lande noch heute aus Holz (im Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in den Vereinigten Staaten noch 12 Millionen Holzhäuser neben 1 Million Steinhäuser), und auch die sogenannte „Pracht“ der großstädtischen Bauten besteht drüben großenteils in der verschwenderischenVerwendung edler Hölzer. Selbst die Fabriken werden noch teilweise aus Holz gebaut. Auch heizt man in weitem Umfange noch mit Holz. Alle diese hölzernen Dinge, zu denen nicht als geringste Posten das Papier (fünf mal so großer Bedarf auf den Kopf als in Deutschland!), die Bahnschwelle und -brücke und die Grubenhölzer kommen, stammen mm nicht nur aus dem Einkommen, sondern sind zum großen Teil einmaliger Verbrauch alten Vermögensbesitzes. Die mit Wald bestandene Fläche in den Vereinigten Staaten hat einst 822238000 acres betragen; davon ist etwa die Hälfte verschwunden. Die gegenwärtige Waldfläche beträgt 469475000 acres. Die Produktion von Holz ist wie folgt gestiegen: sie betrug (in Millionen Bretterfuß): 1869: 12756 1899: 34787 1879: 18091 1909: 44510. 1889: 23842 1 Alle Ziffern aus dem Abstract U.S. Man rechnet, daß in Amerika der Siebzehntes Kapitel: Die Entfaltung der Produktion 265 Ersatz des geschlagenen Holzes durch Nachwuchs 200 Millionen Tonnen, der tatsächliche Verbrauch aber das Dreifache hiervon beträgt. Th. Francken in Sehr. d. V.f.S.-P. 142, I, S. 13. Ein nicht unwesentlicher Teil des Reichtums der Vereinigten Staaten ist also aus dem Holzbestande aufgebaut, den man bei der Besiedlung im Lande vorfand. Mittlerweile sind auch die Vereinigten Staaten bereits holzbedürftig geworden: es lohnt mehr, in die holzfressenden Oststaaten Holz aus dem benachbarten Kanada als aus dem fernen Westen einzuführen. So ist man denn jetzt darauf aus, Kanada abzuholzen. Im Jahre 1924 betrug die Mehr- ausführ von Holz und Holzerzeugnissen (einschließlich Papier) aus Kanada 220087616 $, also wiederum 1 Milliarde Mark. Davon gingen für 186 721924 $ in die Vereinigten Staaten. Board of Trade Journal, 19. Februar 1925. Vgl. im übrigen den bereits angeführten Bericht des Bureau of Cor- porations über den Waldbestand in U.S.A.: The Lumber Industry, Part I, 1913. Aber was will das alles besagen verglichen mit der unermeßlichen .Bereicherung an Sachkapital, die die europäische Wirtschaft dadurch erfuhr, daß es ihr, dank der modernen Technik, gelang, die im Erd- iunem aufgespeicherten Mineralschätze für ihre Zwecke nutzbar zu machen. Ich habe an einer anderen Stelle schon auf die grundlegende Bedeutung hingewiesen, die diese Aneignung uralten Erdvermögens für die Ausgestaltung des Kapitalismus gehabt hat, und habe die Ansicht geäußert, daß Abbau der Bodenschätze und Hochkapitalismus im Grunde nur zwei verschiedene Ausdrücke — der naturale und der soziale — für ein und dieselbe Sache seien. So daß es uns jetzt nur noch obliegt, die Wege zu verfolgen, auf denen der Kapitalismus die ihm von der Technik gegebene Möglichkeit zur Wirklichkeit gemacht hat. 3. Von dem Abbau der Bodenschätze vermögen wir uns ein ziemlich deutliches Bild zu machen, da gute Statistiken vorliegen. Ich gebe einen Überblick über die Gewinnung der wichtigsten Bergbauerzeugnisse. Erdöl: Die Gewinnung von Petroleum beginnt in den 1850er Jahren. 1859 erzeugen die Vereinigten Staaten 2000 barreis. Die auf der ganzen Erde geförderten Mengen betrugen in Millionen Kilogramm: 1890: 10,3 1905: 27,0 1900: 18,6 1913: 53,3. Während im Jahre 1900 die amerikanische Erzeugung noch nicht die Hälfte der Gesamtproduktion ausmacht, stellt sie jetzt etwa zwei Drittel davon dar. Bis 1905 aus Annual British Rep. on Mines and Quarries, seitdem (The Mineral Industry, ed. by Ch. of NY. j . .. . 266 Erster Abschnitt: Das Kapital Düngemittel: Kalisalze wurden in Deutschland erzeugt im Jahresdurch- schnitt tausend Tonnen: 1861—1865: 58,1 1901—1905: 3916,0 1881—1885: 1037,3 1912: 7477,8. Stat. Jahrb. Chilesalpeter: Die Produktion bzw. Ausfuhr betrug im Jahresdurchschnitt in Millionen Kilogramm: 1830—1835: 16,6 1890—1894: 958,5 1860—1864: 321,0 1906: 1805,6 HSt. 2 3 , 771. Vgl. auch die Ziffern oben auf Seite 249 f. Steinkohle wurde gefördert in Millionen Tonnen: auf der Erde in England in Deutschland in den Ver. Staaten 3,5 485. 1800: 15 10 1 1850: 75 50 6 1912: 1245 265 259 Eisenerzförderung auf der Erde in Millionen Tonnen 1850 11,5 1900: 92,2 1860 18,0 1905: 117,1 1880 43,7 1912: 157,2. HSt. 2 3 , S. 768 und Stat. Jahrb. •Eisengewinnung auf der Erde in tausend Tonnen: 1850 4187 1890: 27427 1860 7446 1900: 40972 1870 12021 1910: 54000. 1880 18021 Für 1850—1900 aus B. Neumann, Die Metalle (1904), S. 57; für 1910 aus Stat. Jahrb. 1912. Änp/ergewinnung auf der Erde in Millionen Tonnen: Anfang der 1890er Jahre 350—400000, vor dem Kriege etwa 1 Million. Den Hauptanteil an der Zunahme der Produktion haben Süd- und Nordamerika, insonderheit die Vereinigten Staaten. Hier hat sich die Produktion wie folgt entwickelt. Sie betrug Tonnen: 1840: 100 1890: 115966 1860: 7200 1900: 270588 1880: 27000 1911: 541743. Nach dem Stat. Abstr. U.S. Es ist natürlich schwer, aus diesen trockenen Ziffernreihen sich ein lebensvolles Bild von der überragenden Bedeutung zu machen, die die Hereinziehung der anorganischen Stoffe für den Aufbau der Güterwelt hat. Vielleicht tritt die Bedeutung dieses Vorganges etwas klarer ins Bewußtsein, wenn wir sie an einzelnen Beziehungen zu ermessen trachten. Ein Weg, von dem Umfang der anorganischen Güterwelt in unserer Wirtschaft sich eine Vorstellung zu verschaffen, führt über die Be- Siebzehntes Kapitel: Die Entfaltung der Produktion 267 rufsstatistik. Wir können diejenigen Berufsgruppen herausheben, deren Produktionsmittel ausschließlich der anorganische^, das heißt hier immer: der leblosen, Welt angehören, und können ihre Besetzung mit der Gesamtzahl der Industriearbeiter vergleichen, auch die progressive "Vermehrung der in der anorganischen Industrie erwerbstätigen Personen im Ablauf der Zeiten feststellen. Als rein oder fast rein anorganische Berufsgruppen kann man folgende ansprechen: Bergbau und Hüttenbetrieb, Industrie der Steine und Erden, Metallverarbeitung, Maschinenindustrie (zu etwa neun Zehntel), chemische Industrie. Die Arbeiterzahl in diesen fünf Gruppen im Vergleich mit der Gesamtzahl der in Industrie und Bergbau Beschäftigten war in den Jahren der deutschen Berufszählungen in Deutschland folgende: Gesamtzahl der Er- Erwerbstätige in den Anteil der werbstätigen in In- anorganischen anorganischen dustrie und Bergbau Industrien Industrien 1882 . . . 6396465 1644462 25,7% 1895 . . . 8281220 2419268 29,2% 1907 . . . 11256254 3929721 34,9% Nach Übersicht 9 in Band 211 der Statistik des Deutschen Reiches. Man ermesse, was das heißt: mehr als ein Drittel unserer gesamten gewerblichen Produktion hat ihre Heimat unter der Erde! Womit nun aber der Anteil der anorganischen Stoffe an der gesamten Güterwelt noch keineswegs völlig angegeben ist. Denn wir müssen berücksichtigen, daß ein sehr wesentlicher Teil der Produktionsmittel aller Gewerbe anorganischen Ursprungs ist: alle Maschinen und Apparate und viele Werkstoffe: Eisenkonstruktion, Mauerwerk in den Bauten usw. Wir müssen ferner in Betracht ziehen, daß der Anteil der anorganischen Produktion an der Großindustrie viel beträchtlicher ist als der Anteil an der gesamten gewerblichen Produktion, da gerade die „organischen“ Gewerbegruppen (Industrie der Holz- und Schnitzstoffe, Industrie der Nahrungs- und Genußmittel, Bekleidungsgewerbe) das Betätigungsfeld der kleineren Betriebe sind. Zählen wir dagegen nur die der Gewerbeaufsicht (in Deutschland) unterworfenen Betriebe, das sind diejenigen mit mehr als zehn Arbeitern, so ändert sich das Bild gewaltig: der Anteil der anorganischen Industrie (die obigen Gewerbegruppen III, IV, V, VI, VII) steigt auf über die Hälfte. Nach den Berichten der Ge- 268 Erster Abschnitt: Das Kapital Werbeaufsichtsbeamten betrug 1913 die Gesamtzahl der Arbeiter in den ihrer Aufsicht unterstellten Betrieben 7386173. Davon waren in der anorganischen Industrie (wie oben) beschäftigt 3878550, das sind 52,5%- Stat. Jahrb. 1915, S. 70/71. Man muß endlich bedenken, daß fast das gesamte Transport- wesen auf anorganischer Grundlage ruht. Und man wird allmählich verstehen, welche Bedeutung für die Sachkapitalbeschaffung die Erschließung der Bergwerke gehabt hat, daß vielleicht schon heute — wenigstens in der Stoffbearbeitung und dem Transport — der größere Teil des Sachkapitals dem Abbau seine Entstehung dankt, also verzehrtes Vermögen, nicht verzehrtes Einkommen, ist. Ein anderer Weg, auf dem man zu einer greifbaren Vorstellung gelangen kann von der Bedeutung des Anorganisierungsprozesses, den unsere Wirtschaft durchgemacht hat, führt über die Produktionsstatistik. Wir können ihn auf dem Gebiete der Farbentechnik beschreiten. Was hat der künstliche Indigo an Ackerland freigesetzt? Wie rasch sich seine Erzeugung im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ausgedehnt hat, lehren die Ziffern der Ausfuhr aus Deutschland. Diese betrug: 190Ö 1873 t 1908 15456 t 1901 2673 „ 1909 16106 „ 1902 5284 „ 1910 17564 „ 1903 7233 „ 1911 21618 „ 1904 8730 „ 1912 24827 „ 1905 1906 11165 „ - 12733 ,, •1913 33353 „ im Werte von 53 Millionen Mark; nach dem Stat., Jahrb. In dieser Zeit ging die Ausfuhr von Pflanzenindigo aus Britisch-Indien wie folgt zurück; sie betrug: 1896: 9430 t 1900: 5596 t 1898: 6758 „ 1905/06: 1500;,, 1913/14: -547 „ Und dementsprechend die Anbaufläche. Diese hatte noch 1896—1900 durchschnittlich 1200000 acres betragen, sank schon 1901/02 auf 791200, 1902/03 auf 574700 acres und ist seitdem immer weiter eingeschränkt. 1913/14 betrug sie noch 169 221 acres. Ebenso verfiel die Indigoproduktion auf Java rasch. Sie sank von ■ 12580 Kisten im Jahre 1898 auf 2506 „ „ „ 1907. Die Ziffern für 1896—1905/6 aus „J. rein B. A. S. F.“ Schrift , der Badischen Anilin und Soda-Fabrik (1909). Zitiert bei Binz, Kohle und Eisen (1909), 120; für 1913/14 nach dem Stat. Abstract of British India, 1924. . - , ■ Siebzehntes Kapitel: Die Entfaltung der Produktion 269 . Ebenso wie der künstliche Indigo den Anbau des Pflanzenindigos -vernichtet, zerstört die rote Alizarinfarbe die Krappkultur. Eine lehrreiche Zusammenstellung zeigt die Zunahme der Teerfarbenerzeugung, das Sinken des Preises für Alizarinfarben und damit gleichen Schrittes die Verringerung der Krappgewinnung. ; .: Fabrikation von Preis für. i. ^Französische Preis für Jahr Alizarin (20%ige ikg t Krappernte 100 kg Paste) in Tonnen in Franken in Tonnen in Franken 1870 20 34 15900 '• 76 1871 100 32 15850 80 1872 250 34 25000 73 1873 500 12 23150 55 1874 625 11 22000 49 1875 630 9. 21000 39 1876 2000 6 14750 27 1877 4000 4 7000 23 1878 4500 3 2500 15 1892 12500 2 — — G. F Jaubei't, La garance et l’indigo, 55. Zitiert bei A. Binz, a. a. O., 2. Aufl., S. 107. Zu beachten ist der viel höhere Nutzeffekt des künstlichen Stoffes: der Färbewert von 18 t Krappwurzel ist derselbe wie der von 11 20%iger Alizarinpaste. Ein dritter Weg endlich zur sinnhaften Erfassung des uns hier beschäftigenden .Tatbestandes ist der über die Konsumstatistik. Wir wissen, daß Kohle und Eisen in erster Linie dazu bestimmt sind, als Heiz-, Hilfs- und Werkstoff das Holz zu ersetzen. Wie hat sich nun der Holzverbrauch im letzten Jahrhundert entwickelt? Man verbrauchte in England (vgl. HSt 4 3 , S. 426): Anfang des 19. Jahrhunderts . 0,224 cbm auf den Kopf der Bevölkerung, Mitte des 19. Jahrhunderts . . ... 0,168 ,, „ „ ,, „ „ in der Gegenwart. . 0,336 ,, „ „ „ „ „ in Deutschland, einem noch etwas „organischeren“ Lande, 0,532 cbm auf den Kopf. Wahrscheinlich hat sich der Verbrauch auf den Kopf nicht wesentlich vergrößert; man verbraucht also in einem Lande wie Deutschland heute 2—3 mal so viel Holz wie vor 100 Jahren. Heute machen die Forsten 17,8% der Gesamtfläche in Deutschland aus; das Ackerland 56,7%, die Wiesen 15,8%. Den heutigen Holzertrag der Forsten zugrunde gelegt, würde also eine Verdoppelung der Holzerzeugung schon ein Viertel des Acker- und Wiesenlandes beanspruchen. 270 Erster Abschnitt: Das Kapital Und nun halte man dagegen die Steigerung, die im vergangenen Jahrhundert der Eisenverbrauch erfahren hat! Er betrug in Deutschland auf den Kopf der Bevölkerung: 1834-1835: 5,8 kg 1901-1905: 157,1 kg 1866-1870: 35,4 „ 1910: 218,5 „ 1891—1895: 100,2 „ 1913: 276,5 „ HSt 3 3 , 798. Die Vereinigten Staaten waren schon vor dem Kriege Deutschland im Eisenverbrauch vorangeeilt; dieser war über 300 kg auf den Kopf gestiegen und beträgt jetzt über 400 kg. Der Eisenverbrauch nähert sich dem Holzverbrauch an. Wobei nun aber wiederum zu berücksichtigen ist, daß der Nutzeffekt des Eisens ein viel größerer ist als der des Holzes. Man wird sagen können: als Werkstoff erspart sein Eisen, das es erzeugt, einem Lande wie Deutschland mindestens einen zweiten Wald von der jetzigen Größe. Um wieviel mehr aber erspart die Kohle an Holz! Sei es als Hilfsstoff, sei es als Heizstoff. Der Steinkohlenverbrauch in Deutschland stieg wie folgt. Er betrug auf den Kopf der Bevölkerung: Anfang des 19. Jahrhunderts rund 15 kg Mitte „ 19. ,, „ 100 , } vor dem Kriege. „ 2300 , } Wiederum sind die Vereinigten Staaten im Kohlenverzehr voraus gewesen. Er betrug hier auf den Kopf der Bevölkerung: 1816-1825: 3,5 kg 1897-1905: 3,5 t 1910-1913: 5-5,5 t. Hier sind also zehn Wälder vom Umfang der heutigen aus der Steinkohlenzeit hervorgeholt worden. Neben der Steinkohle darf die Braunkohle nicht vergessen werden, deren Heizwert allerdings nur etwa ein Drittel von derjenigen der Steinkohle beträgt, die aber doch auch sehr erhebliche Massen von Holz als Heizmaterial erspart. Der Verbrauch von Braunkohle beträgt in Deutschland etwa die Hälfte des Steinkohlenverzehrs, nimmt aber rascher zu als dieser. Es wurden verbraucht Kilogramm auf den Kopf: 1876-1880 . 850 Steinkohle 320 Braunkohle 1901-1905 . 1787 „ 931 1909-1913 . 2260 „ 1229 Stat. Jahrbuch. Siebzehnte« Kapitel: Die Entfaltung der Produktion 271 Und nicht nur in großen Mengen — das gilt auch hier — sind die Bodenschätze zutage gefördert worden und haben das notwendige Sach- kapital zu liefern vermocht: auch zu immer günstigeren Bedingungen sind sie gewonnen worden. (Deshalb eben konnten sie so massenhaft produziert werden!) Mag schuld daran die Tatsache sein, daß man gleichsam den Rahm abschöpfen, das heißt die günstig anstehenden Lager abbauen konnte (das gilt allgemein für die Anfänge), mag man auch beim Fortschreiten der Produktion auf immer günstigere Abbauverhältnisse gestoßen sein (das gilt in hohem Maße von Nordamerika, wo noch heute die Steinkohle teilweise im Tagebau gewonnen wird, und auch der Tiefbau unter verhältnismäßig sehr günstigen Bedingungen erfolgt). „Die Steinkohlenvorkommen sind (in den Vereinigten Staaten) für die Gewinnung äußerst günstig. In der Regel liegen starke, oft 6—7 Fuß mächtige Flöze dicht unter der Oberfläche in gleichmäßiger, fast ebener, für die Gewinnung sehr vorteilhafter Lage. Tiefe Schächte, wie bei uns, kommen kaum vor. Im Gegenteil, oft kann das Flöz durch horizontalen Stollenbetrieb erreicht werden, so wie es sich bei Tälern, die in Plateaus eingewachsen sind, ergiebt. Dann macht auch die Wasserbewältigung keine Schwierigkeiten.“ C. Koettgen, Das wirtschaftliche Amerika (1925), 23. So ergiebt sich drüben eine viel größere Arbeitsproduktivität im Kohlenbergbau als bei uns, die — zum Teil wenigstens — aus der Mehrförderung des einzelnen Arbeiters ersichtlich ist. Der amerikanische Bergmann förderte (1913) im Jahre 692 t gegen 289 im Ruhrbezirk, 259 in Großbritanien, 200 in Frankreich usw. Bergbauverein Essen. Statist. Hefte Dez. 1924. „Auch im amerikanischen Erzbergbau liegen die Verhältnisse günstig: reichhaltige, ausgedehnte Eisererz- vorkommen, leicht abbaubar und ebenso reiche Kupferlagerstätten.“ C. Koettgen, a. a. 0. Seite 24. Mag man vielfach die Lager im „Raubbau“ abgebaut haben (imBerg* bau versteht man unter Raubwirtschaft einen Abbau, bei dem beispielsweise große Teile der Kohle einer Grube gar nicht hereingenommen werden, wie es in den Vereinigten Staaten vielfach der Fall ist [siehe Walter Giesen, Die Vergeudung der natürlichen Hilfsquellen in den Vereinigten Staaten, „Technik und Wirtschaft“, 1910, S. 102ff.], Bruchbau statt Versatzbau stattfindet, die notwendigen Sicherheitsvor- kehrungen nicht getroffen werden usw.), mag die Vervollkommnung der Gewinnung dazu beigetragen haben, genug: die Mineralien und Kohlen sind bis zum Ende des 19. Jahrhunderts mit gleichem, vielleicht sogar mit steigendem, jedenfalls nicht mit sinkendem Ertrage gewonnen worden. Den Beweis dafür erbringt — in ganz grober Weise — die Preisstatistik. 272 Erster Abschnitt: Das Kapital Der Sauerbecksclie Index verzeichnet für „mineralische Rohstoffe“ folgende Ziffern: 1818—1827 128 1871—1875 116 1828—1837 97 1876—1880 80 1838—1847 93 1881—1885 73 1846—1850 84 1886—1890 74 1851—1855 97 1891—1895 68 1856—1860 102 1896—1900 80 1861—1865 92 1901—1905 54. 1866—1870 88 Und die Tonne Steinkohle kostete in Hamburg nach der amtlichen Preisstatistik Mark: 1851—1855: 15,60 1881—1885: 12,10 1856—1860: 15,90 1886—1890: 12,70 1861—1865: 15,80 1891—1895: 14,00 1866—1870: 15,50 1896—1900: 13,80 1871—1875: 1876—1880: 20,70 13,80 1901—1905: 14,20. Setzen wir die Preise im Durchschnitt der Jahre 1847—1880 = 100, so kosteten im Jahre 1904: Eisen, Blei, Zinn, Kupfer . . . 76,17 Steinkohlen .. 79,52. Von da ab beginnt die Preissteigerung. Siehe auch die Übersichten bei Lothar Hertel in den Sehr. d. V.f. S.-P., Band 142, I, S. 115, 129, 140, 164ff. In den Vereinigten Staaten dauerte der niedrige Preisstand sogar bis zum Kriege an; z. B. für Steinkohle, deren Durchschnittspreis bei der Ausfuhr für die Tonne war: 1870—1879: 4,01 $ 1900—1904: 2,54 $ 1880—1889: 3,12 „ 1905—1909: 2,58 „ 1890—1899: 2,55 „ 1910—1914: 2,50 „ Berechnet nach Abstract U. S. Alles also, so haben wir nun gesehen, traf während des 19. Jahrhunderts zusammen, um die Produktion so zu gestalten, daß der Kapitalismus über ein immer größeres Sachkapital zu immer günstigeren Bedingungen verfügen konnte. Indem er mit vollen Händen in die Sparbüchse der Erde hineingriff, gelang es ihm, einen Reichtum hervorzü- zaubern, der imerhört war. j Nur eins fehlte noch: er mußte Mittel und Wege finden, die an den verschiedenen Stellen der Erde entdeckten Schätze nach Belieben an einen anderen Ort, wo sie gebraucht wurden, überzuführen. Um dieses zu erreichen, mußten die Güter „bewegbar“ gemacht, mobilisiert werden. Davon handelt das folgende Kapitel. Achtzehntes Kapitel Die Mobilisierung der Güterwelt I. Die Steigerung der Transportfähigkeit der Güter 1. Übersicht Als wir uns auf die theoretischen Möglichkeiten des' Transportwesens besannen, stellten wir fest, daß die Beweglichkeit oder richtiger: Beweg- harkeit der Güter, das heißt ihre Eigenschaft, an einem anderen Ort als dem der Erzeugung verwandt werden zu können, von ihrer Transportfähigkeit abhänge, und daß diese eine natürliche oder eine ökonomische sei. Es obliegt uns nun an dieser Stelle, wo wir die geschichtliche Entwicklung der Güterbewegung verfolgen, nachzuweisen, daß während der hochkapitalistischen Epoche sowohl die natürliche wie die ökonomische Transportfähigkeit der Güter eine Steigerung erfahren habe. Diese Steigerung ist bewirkt worden vor allem durch die Vervollkomm- nung der Technik auf dem Gebiete der Produktion und des Transports, der einer Vervollkom mnun g der Organisation entsprochen hat. Wir werden, um die Zusammenhänge zu verstehen, uns vieler Einsichten bedienen können, die wir bei der Betrachtung der modernen Technik schon gewonnen haben, müssen aber diese Einsichten in mancher Einzelheit ergänzen und vor allem unser Augenwerk auf die Wirkung richten, die gewisse technische Erfindungen in der bedeuteten Richtung ausgeübt haben. Die organisatorischen Mittel lassen wir einstweilen unberücksichtigt und begnügen uns mit der Feststellung der Erfolge, wie immer in diesem Zusammenhänge. 2. Die Steigerung der natürlichen Transportfähigkeit 1. Unter natürlicher Transportfähigkeit eines Gutes verstehen wir dessen Eigenschaft, ohne an seiner Gebrauchsfähigkeit Schaden zu leiden, von einem Ort zum andern geschafft werden zu können. Und zwar ohne Rücksicht auf die Kosten, die die Ortsveränderung verursacht. Die natürliche Transportfähigkeit gründet also in der physikalischchemischen Beschaffenheit des Gegenstandes. Ein Pflasterstein hat eine imbegrenzte natürliche Transportfähigkeit, während die der Milch sehr Sombart, Hochkapitaliamus. 18 274 Erster Abschnitt: Das Kapital beschränkt ist. Eisen ist transportfähiger als Glas. Lebende Tiere, die selber sich bewegen können, haben auf gangbaren Wegen eine hohe, natürliche Transportfähigkeit usw. Die natürliche Transportfähigkeit hat nun im vergangene q Jahrhundert eine erhebliche Steigerung erfahren sowohl durch die Vervollkommnung der Gütererzeugungs- und Gütererhaltungstechnik als durch die Vervollkommnung der Gütertransporttechnik, wie jetzt zu zeigen ist. 2. Die Produktions-(Erhaltungs-)Technik hat die natürliche Transportfähigekit der Güter durch folgende Errungenschaften gesteigert : a) die Verringerung des Gewichtes einzelner Güter. Gewisse Maschinen, Apparate, Baustücke können jetzt beispielsweise mittels Tragtieren in Gegenden gebracht werden, die ihnen früher verschlossen waren. (Anwendung von Leichtmetall!) Meistens ist aber die Gewichtsverminderung dadurch herbeigeführt worden, daß b) die Zerlegbarkeit eines Gebrauchsgutes in einzelne Teile gesteigert ist. Dadurch können Häuser, Schiffe, Maschinen transportfähig gemacht werden, die es früher nicht waren. Voraussetzung dieser Zerlegbarkeit ist die Genauigkeit der Herstellung, die eine leichte Zusammenfügung der einzelnen Teile gewährleistet, aber auch die Nachlieferung von Ersatzteilen ermöglicht. Die natürliche Transportfähigkeit zahlreicher Güter ist gesteigert worden durch c) die Ausbildung der Konservierungsmethoden. Solche sind während des letzten Jahrhunderts teilweise ganz neu erfunden, teilweise vervollkommnet worden. Sie finden Anwendung ebensowohl auf pflanzliche als auch auf tierische Erzeugnisse. Erhaltung ‘pflanzlicher Erzeugnisse erfolgt durch Verwandlung von Gemüse und Obst in Dörrgemüse und Dörrobst, durch „Einmachen“ oder Verarbeitung zu Marmelade usw., durch „Pasteurisieren“ gegorener Getränke, wie Bier u. a. Erhaltung tierischer Erzeugnisse erfolgt seit alters her (15. Jahrhundert) durch „Einpökeln“. Auf der Pökeltechnik und dem Sauerkraut beruht die lange Seeschiffahrt seit dem 16. Jahrhundert. Hinzugekommen ist die Erfindung des Büchsenfleisches und des Fleischextraktes. Die Gewinnung von Fleischextrakt wird praktisch seit Liebig (1857), sie erfolgt fabrikmäßig in Südamerika seit 1864. Pasteurisiert wird auch die Milch. Eier werden in Kalkwasser frisch erhalten usw. Achtzehntes Kapitel: Die Mobilisierung der Güterwelt 275 Die Konserven- und Präservenindustrie hat eine große Ausdehnung gewonnen. In Deutschland gab es im Jahre 1914 etwa 2500 Betriebe, die sich mit der Herstellung verschiedener Nahrungsmittelkonserven beschäftigten. Nach dem Adreßbuch für die Konservenindustrie (1913), dem obige Zahl entnommen ist, entfielen davon auf Gemüse-, Obst- und Pilzkonservenfabriken sowie Präservenfabriken (Herstellung von Dörrobst und Dörrgemüse) 290—300, Marmelade-, Gelee- usw. Fabriken 380—400, Essigkonserven, Sauerkraut- und Gurkeneinlegereien 400—430, Fischkonservenfabriken, Fischräuchereien u. dgl. 640—700, Fleisch-, Wurst- usw. Konservenfabriken 200—250, Bouillonwürfel-, Suppenpräparate- und Nährmittel-Industrie 125—140, Milch-, Butter-, Käse-, Eier- und Brotkonservierungsfabriken 80—85. Ygl. den Artikel „Konserven“ in Ull- manns Enzyklopädie der technischen Chemie, Band 7 (1919), und Kurt Wagner, Konserven und Konservenindustrie in Deutschland, 1907. Die Erhaltung sowohl pflanzlicher wie tierischer Erzeugnisse ist sehr erleichtert worden durch die Entwicklung der Gefriertechnik. Die Erzeugung künstlichen Eises durch Ammoniak ist 1860 durch den Franzosen Ferd. Carre erfunden, 1877 durch den Deutschen v. Linde vervollkommnet worden. Die Gefriertechnik ist bedeutsam geworden für den Transport von Blumen, Obst, Eiern, Seefischen, vor allem aber von Fleisch. Uber die Entwicklung der Gefrierfleischindustrie ist folgendes zu bemerken. Der erste Versuch, Fleisch durch Gefrieren transportfähig zu machen, wurde im Jahre 1861 unternommen, als der Engländer Thomas Mort in Sidney die ersten Gefrierwerke gründete. Offenbar ist aus der Gründung nichts Lebensfähiges hervorgegangen, weil die Technik noch nicht genügend ausgebildet war. Auch die Unternehmungen französischer Techniker und Industrieller in den 1870 er Jahren in Argentinien scheitern. Einen Anfang der praktischen Verwirklichung des Planes macht erst die 1883 mit englischem Kapital in Argentinien gegründete River Plate Fresh Meat Co., die erste Gefrierfleischfabrik in Argentinien. Ihr folgen weitere Gründungen auf dem Fuße. Nach Ernst Wilhelm Schmidt, Die agrarische Exportwirtschaft Argentiniens. Probl. d. Weltwirtschaft 33 (1920), 275 ff. Die Gefrierfleischindustrie hat dann rasch eine große Ausdehnung gewonnen. Bereits 1911 zählte man in U.S.A. 860 öffentliche Kühlhäuser mit einem Anlagekapital von 300 Mill. Mk. und einem durchschnittlichen Inhalt von 2—2,8 Milliarden Mk.; dazu Kühlwagen, Kühlwaggons, Kühlschiffe usw. Annals Vol. 50 bei Hirsch im GdS. 5, 110. In Argentinien gab es vor dem Kriege sieben große Schlacht- und Gefrierhäuser, in welchen 83750000 Fr. angelegt waren, und die einen Umsatz von 273350000 Fr. hatten. Anales de la Sociedad Rural Argentina 1910. Zitiert bei E. Pfannenschmidt in den Sehr. d. V.f.S.-P., Bd. 141,1. Teil, S. 85. In England bestanden um dieselbe Zeit in London 750000 Kubikfuß, in Hüll 680000 Kubikfuß Kühlräume. Neuerdings tritt für die Verwertung der Rinder die Herstellung von 18 * 276 Erster Abschnitt: Das Kapital gekühltem Fleisch (chilled beef [Erfindung des Franzosen Charles Tellier 1876]) immer mehr in den Vordergrund, weil dieses im Geschmack dem frischen Fleisch mehr gleichkommt als das gefrorene Fleisch (frozen beef). Uber den Handel in Gefrierfleisch teile ich auf Seite 296 und 301 noch einige weitere Ziffern mit. 3. Die Transporttechnik hat durch ihre Vervollkommnung, wie sie im Gefolge der uns bekannten Erfindungen (siehe oben S. 105 ff.) und der Verbesserung der Land- und Wasserstraßen (Durchstiche der Landengen! Seekanäle! Sicherungsmaßnahmen!) sich einstellte, ebenfalls die natürliche Transportfähigkeit der Güter beträchtlich gesteigert, und zwar vornehmlich in folgenden Richtungen: a) Die Fassungskraft (Kapazität) der Transportmittel ist ausgeweitet werden. Die Fassungskraft der Transportmittel wird bestimmt: (1.) durch die größere Einzelleistung (eines Schiffes, eines Wagens, eines Eisenbahnzuges); (2.) durch die Vermehrung der Einzelleistungen nebeneinander (mehr Schiffslinien, mehr Eisenbahnverbindungen, mehr Straßenbahnen) ; (3.) durch die Vermehrung der Einzelleistungen nacheinander, sei es durch Häufung der Transportgelegenheiten, sei es durch die Beschleunigung der Transportleistung. In allen drei Richtungen sind wesentliche Fortschritte während des 19. Jahrhunderts gemacht worden. Einzelleistungen: Die letzten großen Frachtfuhren vor den Eisenbahnen luden im Höchstfälle 150 Ztr., ein alter Güterzug beförderte 80 t, ein heutiger befördert 1500 t (30000 Ztr.). Ein Rheindampfer schleppt 6000 t. Der gewöhnliche Seeschifftypus waren für die europäische Fahrt Schiffe von 100 Reg.-Tonnen, für die lange Fahrt 300 bis höchstens (Ostindienfahrer) 6—700 t: siehe Bd. 2, S. 281 f. Der heutige Uberseefrachtdampfer mißt 3—5000 Reg.-Tonnen. Die Durchschnittsgröße der Hamburger und Altonaer Seeschiffe betrug nach der amtlichen Hamburger Statistik Reg.-Tonnen (zu 2,83 cbm.) 1815: 72 1841—1845: 184 1871—1875: 456 1890: 902 1900 ff.: 12- Der Nettoraumgehalt sämtlicher deutschen Seeschiffe, die Fahrten machten, betrug im Durchschnitt: 1873: 186 Reg.-T. Achtzehntes Kapitel: Die Mobilisierung der Güterwelt 277 der nach außerdeutschen Häfen gefahrenen 1873: 411 Reg.-T. 1913: 1659 Stat. Jahrb. 1915, S. 177. Intensivisierung: Auf den schwedischen Staats -Eisenbahnen wurden am Tag und auf den Bahnkilometer befördert Tonnen: 1870: 1,56 1900: 4,99 1910: 7,28. Bei Cassel, Theor. Soz.-Ökon., 504. Auf eine Lokomotive entfielen in Deutschland Lokomotivnutzkilometer in Tausenden im Durchschnitt: 1888—1892: 23,6 1907—1911: 27,7. Auf 1 km geleistete Auf 1 km geleistete Personenkilometer Gütertonnenkilometer (in Tausend) (in Tausend) 1895 1910—1913 1895 1910—1913 Deutschland. 315,4 673,6 560,4 1072,9 Frankreich. Niederlande (Hollän- 294,0 432,6 355,8 581,5 dische Eisenbahn) . Schweden 291,8 713,2 232,0 436,2 (Staatsbahnen) . . . Vereinigte Staaten von 76,5 221,7 137,2 436,7 Amerika. 68,6 138,2 479,5 1071,1 Auf je 100 km Betriebslänge kamen Lokomotiven Personenwagen Güterwagen 1895 1910 13 1895 1910-13 1895 1910-13 Deutschland . . . 35 50 69 110 727 1175 Frankreich .... Großbritannien und 28 33 71 76 743 886 Irland. Niederlande (Hollän- 55 61 124 140 1862 2122 dische Eisenbahn) Schweden 25 32 64 85 299 528 (Staatsbahnen) . Vereinigte Staaten 13 19 26 35 324 489 von Amerika . . 12 15 12 12 418 551 Aus dem Stat. Jahrb. 1915 und 1920 zusammengestellt. 278 Erster Abschnitt: Das Kapital Überall dieselbe Steigerung der Intensität, wenn auch in sehr verschiedenem Schrittmaß! In der Betriebsmittelintensität stehen Großbritannien und Deutschland obenan, während die Vereinigten Staaten — bei verhältnismäßig geringer Ausstattung mit Betriebsmitteln — das Ungeheuere an Leistungsintensität aufweisen. Die amerikanischen Eisenbahnen fahren mit dem dritten Teil der Lokomotiven und der Hälfte der Güterwagen die gleiche Anzahl Gütertonnenkilometer wie Deutschland. Ein deutsches Seeschiff machte Seereisen durchschnittlich im Jahre: 1871: 8,1 1913: 19,7. Ebendaher. b) Die Schnelligkeit der Transportleistung ist gesteigert worden. Das ist (für den Güterversand) vor allem im Seeverkehr von bedeutsamen Wirkungen begleitet gewesen. Die Kapazität ist, wie wir schon sahen, durch die zunehmende Schnelligkeit vermehrt; Gegenstände, die früher überhaupt nicht auf weite Strecken transportfähig waren, sind es geworden: lebendes Vieh! Früchte (Bananen!), frische Blumen! Plötzliche Bedarfsdeckung ist ermöglicht. Länge von Seefahrten: zwischen Amerika und Europa: Benjamin Franklin brauchte ... 42 Tage, die „Savannah“. 26 „ der heutige Schnelldampfer . . . 5—12 „ zwischen Indien und Europa (wo durch die Abkürzung des Seeweges die Beschleunigung erheblich größer ist): Vasco de Gama war unterwegs . . . 314 Tage, der erste Dampfer nach Kalkutta (1825) 4 Monate, der heutige Dampfer (über Suez) . . 18 Tage. Allgemein: in 12 Stunden konnten zurückgelegt werden: 1860 mit Segelschiff 200 km, 1870 mit Dampfer 300 km, 1900 mit Dampfer 400 km. c) Die Sicherheit der Transportleistung ist erhöht worden. Die „Gefahren zur See“ sind vermindert; gebrechliche Waren können auch über Land befördert werden; die Beschädigung und die Zerstörung der Güter sind auf ein Mindestmaß eingeschränkt worden. Im 18. Jahrhundert kamen von 72 Spiegelscheiben von nur 1 qm Größe, die — sogar zu Wasser! — von Chauny nach Paris geschafft wurden, durchschnittlich nur 12 heil an. Siehe Bd. II, S. 345. Heute gehen Spiegelscheiben von mehreren Quadratmetern Umfang unversehrt bis ins Innere von Japan. 3. Steigerung der ökonomischen Transportfähigkeit 1. Die Transportkosten sind bei allen Transportarten während der hochkapitalistischen Periode wesentlich verringert worden, Achtzehntes Kapitel: Die Mobilisierung der Güterwelt 279 nicht überall in gleichstarkem Maße und nicht in einem Verhältnis, wie der Laie anzunehmen bereit ist, aber doch überall merklich. Zum Vergleich verweise ich auf die Angaben, die ich über Transportkosten im Zeitalter des Frühkapitalismus gemacht habe. Danach ergibt sich folgende Ermäßigung: Die Seefrachten sind im letzten Jahrhundert auf etwa die Hälfte gesunken, infolge des Wegfalles der hohen Versicherungsprämien betragen aber die Transportkosten nur noch etwa ein Viertel der Sätze am Ende der frühkapitalistischen Epoche. Die Binnenwasserfrachtsätze sind auf deutschen Strömen bis auf 0,7—0,9 Pfennige für den Tonnenkilometer (tkm), auf den amerikanischen Seen noch tiefer herabgegangen. Der Achstransport kostete in der letzten Zeit vor der Einführung der Eisenbahnen nach meinen Berechnungen 30—40 Pfennige der Tonnenkilometer. Die Frachtsätze auf den deutschen Eisenbahnen vor dem Kriege betrugen für Schwergut 2,2—4,5 Pfennige pro Tonnenkilometer, in Ausnahmetarifen 1,29 Pfennig, auf den amerikanischen Eisenbahnen 1 Pfennig. Übrigens scheint die Verbilligung vielfach auf Kosten der Rentabilität der Eisenbahnunternehmungen herbeigeführt zu sein, da — eine samtwirtschaftlich höchst bedeutsame Feststellung — die Eisenbahnen, z. B. in Großbritannien, seit längerer Zeit mit sinkendem Ertrage arbeiten. Die Kosten (Working Expenses) der englischen Bahnen machten aus vom Roherträge: 1870: 48% 1905: 62 0/ /o 1875: 54% 1910: 62 % 1885: 53% 1912: 63 % 1895: 56% Siehe Kirkaldy-Dudley, History and Economics of Transport (1915), 95 ff. 2. Die eingetretenen Veränderungen werden greifbarer, wenn wir sie auf bestimmte Fälle beziehen. So bekommt man einen guten Eindruck von der Wirkung verbilligter Transportkosten, wenn man die Länge der Strecke abmißt, über die bei einem bestimmten Frachtsätze bzw. bei einer bestimmten Beförderungsart ein Gut absetzbar ist. Beis'piele: Wenn der Erzeugungspreis des Weizens 120 Mk. für die Tonne beträgt und die Tonne zu 240 Mk. verkauft werden kann, so ist er transportabel auf schlechten Straßen.bis 100 km „ guten Kunststraßen.„ 400 „ „ den früheren Bahnen mit hohen Tarifen . „ 1500 „ „ den heutigen amerikanischen Bahnen . . . „ 4500 „ „ dem Meere.. 25000 „ Nach einer Zusammenstellung von Al. Peez. 280 Erster Abschnitt: Das Kapital Oder: Bei einem Aufwand von 50 Mk. Fracht auf die Tonne konnten durchlaufen werden: 1800 mit Wagen. 100 km 1850 mit Eisenbahn. 400 ,, 1910 mit Eisenbahn. 2500 ,, Nach Matschoss, Gesch. d. Dampfmaschine. Einzelne Frachtsätze von besonderer Bedeutung: Getreidefracht von Chicago nach Liverpool für den Bushel Weizen: Durchschnitt Chicago-New-Y ork New-York-Liverpool der Jahre (Cents) (Pence) 1866—1870 . .... 23,40 5,92 1871—1875 . .... 17,89 8,76 1876—1880 . .... 10,77 6,93 1881—1885 . .... 7,33 3,81 1886—1890 . .... 7,18 2,96 1891—1895 . .... 5,29 2,53 1896—1900 . .... 4,84 3,05 1901—1905 . .... 5,21 1,38 Der Transport von Australien nach England kostete vor dem Kriege: für 1 Pfund Gefrierfleisch . . Ö /l6 Pence „ 1 „ frische Früchte . . . 7 / s » „ 1 „ Butter.V 2 „Thus . .. the cost of oceantransport has, from a marketingpoint of view, become a negligible quantity.“ Edw. A. Pratt, Agricultural Organisation (1912), 9. Die Fracht auf dem Rhein für Getreide von Baden nach Mannheim betrug für die Tonne: 1877: 7,20 Mk. 1885—1887: 4,80 „ 1900—1903: 3,15 „ 1913: 2,32 „ für eine Tonne Kohle von den Ruhrhäfen nach Mannheim: 1885—1887: 3,28 Mk. 1900—1902: 2,24 „ 1913: 1,79 „ „Wirtschaft und Statistik“ 1 (1921), 519. Beziehung der Transportkosten zu bestimmten Einkommensbezügen: Von Mineapolis nach New-York (2100 km) kostete vor dem Kriege ein Faß Mehl (90 kg) 2 Mk. Fracht; von Minneapolis bis Liverpool 3 Mk. Ein englischer Arbeiter konnte den Transport des Getreides, das er und seine Familie während eines Jahres verbrauchten, von dem Produktionsort in den Vereinigten Staaten bis an seinen Konsumort mit dem Lohne eines Tages bezahlen. Vgl. Reier, Kraft, 199. Achtzehntes Kapitel: Die Mobilisierung der Güterwelt 281 3. Die Hauptsache bleibt aber, daß wir die Verringerung der Transportkosten in ihrer Auswirkung auf die Preisbildung verfolgen. In dieser äußern sich natürlich neben den Transportkosten die Produktionskosten am Ort der Erzeugung. Ich habe bereits die Veränderungen, die diese erfahren haben, dargetan (siehe oben Seite 259 f.) und habe die Mitteilung von Preisen bis hierher verschoben, wo wir auch die Einwirkung der Transportkosten verfolgen können. Das für die kapitalistische Entwicklung Wichtige ist dieses: daß zu gleicher Zeit die Erzeugungskosten und die Beförderungskosten für die hauptsächlich in Betracht kommenden Güter (Agrarprodukte der außer- und osteuropäischen Länder) während des letzten Jahrhunderts sehr wesentlich sich verringert haben, was sich in einer Preissenkung der wichtigsten Sachkapitalgüter äußerte. Die folgenden Übersichten werden vertretungsweise die Entwicklung der Preise während des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts zum Ausdruck bringen. Indexziffern für Brotgetreide in New-York: 1866—1870: 32 1886—1890: 15 1871—1875: 23 1891—1895: 16 1876—1880: 18 1895—1900: 12 1881—1885: 20 (dann steigend) Nach Duns Review: Stat. Abstr. U.S. 1904, p. 461. Indexziffern nach Sauerbeck für Großbritannien (1867/77 — 100). Vegetabilische Animalische Zucker Textil- Lebensmittel Lebensmitte' Kaffee, Thee Stoffe 1871—1875 . . . . 100 104 103 100 1876—1880 . . . . 93 101 93 81 1881—1885 . . . . 78 99 73 71 1886—1890 .... 65 83 67 66 1891—1895 .... 62 82 68 56 1896—1900 .... 60 79 54 56 1901—1905 .... 63 85 47 66 Nach dem Journal of the Royal Stat. Soc. Indexziffern für Großbritannien (1896—1900 = 100) Jahr Weizenbrot Rindfleisch Butter Kartoffeln 1873—1880 . . . . 136,4 156,0 135,3 169,0 1881—1885 . . . . 128,0 123,4 127,8 145,7 1886—1890 . . . . 110,0 122,4 131,5 122,5 1891—1895 . . . . 107,2 104,0 110,8 126,4 1896—1900 . . . . 100,0 100,0 100,0 100,0 1901—1905 . . . . 101,9 106,0 101,7 100,7 1906—1910 . . . . 108,6 109,2 106,6 92,9 Mitgeteilt bei v. Tyszka, Das weltwirtschaftliche Problem (1916), 193. 282 Erster Abschnitt: Das Kapital Einfuhrpreise in Hamburg in Mark: Weizen Roggen Gerste Hafer Wolle Baumwolle dz dz dz dz kg kg 1871—1875 . 24,46 16,27 16,44 15,79 3,47 1,50 1876—1880 . 20,97 16,88 14,09 15,65 2,95 1,14 1881—1885 . 18,02 13,83 12,18 13,54 2,32 1,06 1886—1890 . . 14,73 11,24 10,15 11,11 1,70 0,98 1891—1895 . 13,45 12,43 9,74 11,76 1,55 0,79 1896—1900 . . 13,60 10,38 9,29 11,09 1,48 0,70 1901—1905 . 13,30 10,62 9,78 12,04 1,48 0,78 Nach der Amtlichen Hamburgischen Statistik. II. Die Entfaltung des modernen Verkehrswesens Hier soll in einigen Ziffern eine Übersicht gegeben werden über die tatsächliche Gestaltung des Verkehrswesens in den Hauptländern, das heißt also, über die Verwirklichung der in der modernen Transporttechnik enthaltenen Möglichkeiten, wie sich die Verkehrsmittel vermehrt und was sie an Leistungen vollbracht haben. 1. Die Seeschiffahrt Der Schiffsbestand (der Umfang der Handelsflotte) vermehrte sich in einzelnen Ländern wie folgt: Großbritannien: Schiffe überhaupt Darunter Dampfschiffe Millionen Tonnen 1800 . 1,7 0 1850 . 3,1 0,1 1900 . 9,2 7,1 1912.11,9 11,0. Deutschland: Segelschiffe Dampfschiffe Reg.-T. netto 1871 . 900000 82000 1891 . 693000 724000 1901 . 525000 1348000 1914 . 428000 2832000. HSt. 7 3 , 290ff. und Stat. Jahrb. Die Vermehrung der Tonnage im letzten Jahrzehnt vor dem Kriege bringen folgende Ziffern zum Ausdruck: Zahl der Schiffe Reg.-T. netto 1900 (1901) 1911—1914 1900 (1901) 1911—1914 Deutschland . . . Großbritannien und 3883 5935 1941645 3320071 Irland. 19751 20737 9280164 • 11878807 Frankreich .... 15585 17670 9037726 1518518 Achtzehntes Kapitel: Die Mobilisierung der Güterwelt 283 Vereinigte Staaten Zahl der Schiffe Reg.-T. netto von Amerika 18749 21662 3340796 4800424 Japan . 5179 10767 (brutto) 863936 1833354 Stat. Jahrb. Die ganze Erde hatte folgenden Schiffsbestand (brutto) Schiffe Tonnage 1890 . . . . . 32174 21118528 1900 . . . . . 27840 28947258 1913 . . . . . 30591 46970113 Nach Lloyd’s Register of British and Foreign Shipping Yol. 1925/26. II. HSt 7«, 412. Da, wie wir sahen, die Intensität des Schiffsverkehrs beträchtlich gesteigert ist, so hat sich die Transportleistung der Schiffe in einem viel größeren Maße vermehrt, als die Zunahme der Tonnage zum Ausdruck bringt. Die Seereisen deutscher Schiffe weisen folgendes Bild der Entwicklung auf: Von deutschen Schiffen Nettoraumgehalt gemachte Fahrten in Reg.-T. 1873 . 36602 6798104 1903 . 76035 30263670 1913 . 96078 49928323. Der Tonnengehalt der angekommenen Schiffe betrug in Großbritannien und Irland: Schiffe überhaupt Darunter Dampfschiffe Millionen Reg.-T. 1800 . ... 2,1 — 1850 . . . . 7,1 1,1 1875 . . . . 22,7 12,3 1900 . . . . 49,2 45,2 1912 . . . . 76,2 73,6 Der Schiffsverkehr im Hamburger Hafen: Durchschnitt der Jahre Schiffe Raumgehalt 1851—1860 .... . 9301 1512354 1861—1870 .... . 10177 2516455 1871—1880 .... . 11015 4414014 1881—1890 .... . 14036 7745695 1891—1900 .... . 21058 13232618 1913. — 28625000 Nach der Amtlichen Hamburgischen Statistik und HSt 7 4 , 419. Die Entwicklung der europäischen Schiffahrt während der letzten beiden Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts spiegelt folgende Zusammenstellung Sundbärgs wider: Der Tonnengehalt sämtlicher in europäischen 284 Erster Abschnitt: Das Kapital Häfen ein- und ausgelaufenen Schiffe betrug in Millionen Registertonnen im Durchschnitt der Jahre: 1881—1885: 189,5 1891—1895: 249,3 1886—1890: 218,3 1896—1900: 306,9. Die Zunahme des Schiffsverkehrs in den einzelnen Ländern während der letzten 10—15 Jahre vor dem Kriege bringen folgende Ziffern zum Ausdruck, aus denen sich ersehen läßt, daß in fast allen Ländern während dieses Zeitraumes noch eine Verdoppelung eingetreten ist: Der Raumgehalt der angekommenen Schiffe betrug in Millionen Registertonnen netto: Deutschland . . . . 1900 14,6 1912 (1913) 27,0 Rußland. 8,9 23,4 Großbritannien und Irland . . . 49,2 76,1 Niederlande. 9,3 17,5 Belgien. 8,5 16,9 Frankreich. 18,9 31,3 Italien. 10,0 18,3 Vereinigte Staaten von Amerika 29,8 50,5 Japan . 9,8 21,7 Stat. Jahrb. 1915. Den Suezkanal durchfuhren: Schiffe mit einem Raumgehalt Reg.- ■T. (netto) von: 1871—1875 . 1156 1384892 1876—1880 . 1643 2408730 1881—1885 .■ 3229 5438941 1886—1890 . 3298 6396959 1891—1895 . 3579 8111486 1896—1900 . 3389 9066409 1901—1905 . 3904 12103096 1913. 5085 20034000 Nach Sundbärg und HSt 7*, 413. 2. Die Binnenschiffahrt Obwohl für den Binnenverkehr die Eisenbahnen eine überragende Bedeutung gewonnen haben, hat sich doch auch die Binnenschiffahrt, dank ihrer größeren Billigkeit, für den Massengutverkehr im Schwange erhalten. Ja, ihr Anteil am Gesamtverkehr ist während des letzten Menschenalters vor dem Kriege im 'Verhältnis zu den Eisenbahnen sogar wieder etwas gestiegen. Er betrug (am Gesamtgüterverkehr in Deutschland) im Jahre 1875 21%, im Jahre 1910 25%. Im folgenden teile ich einige Ziffern mit, aus denen die Zunahme der Binnenschiffahrt ersichtlich ist. Ich beschränke mich auf die beiden Länder Deutschland und Vereinigte Staaten, die je einen besonderen Achtzehntes Kapitel: Die Mobilisierung der Güterwelt 285 Typus verkörpern und für die übrigen Länder stellvertretungsweise stehen können. Deutschland,: Der Bestand der deutschen Binnenschiffe Zahl der Schiffe Tragfähigkeit 1887 . 20390 2100705 1897 . 22564 3370447 1902 . 24839 4877509 1907 . 26235 5914020 1912 . 29533 7394657 Statistisches Jahrbuch. Verkehrsleistungen der Wasserstraßen in Millionen Tonnenkilometern: 1875: 2900 1905: 15 000 1885: 4400 1910: 19 000. Nach Sympher HSt. 2 3 , 10. Vereinigte Staaten von Amerika: Raumgehalt der Schiffe, die durch den Sankt-Marie-Kanal gefahren sind (in Netto-Reg.-T.): 1860: 403657 1900: 22315834 1870: 690826 1910: 49856123 1880: 1734890 1913: 57989715. 1890: 8454435 Gütermengen, die durch denselben Kanal befördert wurden: 1890 1900 1905 1913: Insgesamt (1000 t) 9041 25643 44271 79718 mittels Dampfern (1000 t) 6292 19587 37725 75174 Gefahrene Meilentonnen (Tausend) 7207299 21179229 36892798 65330717. Welche Bedeutung der Binnenschiffahrtsverkehr in U. S. A. hat, ersehen wir, wenn wir seinen Umfang mit dem des Seeschiffahrtsverkehrs vergleichen. Da ergibt sich, daß jener etwa drei Viertel des Umfanges von diesem erreicht hat. Im Jahre 1920 betrug der Verkehr in Tausend Tonnen: in den Seehäfen. 214941 auf Flüssen, Kanälen und Binnenseen 154328. Stat. Abstract U. S. 3. Die Eisenbahnen Um den Verkehr in seiner Gänze zu erfassen, müßte neben See- schiffabrts- und Binnenschiffahrtsverkehr der gesamte Überland- sowie der Luftverkehr zur Darstellung gebracht werden. Ich beschränke mich jedoch auf den Eisenbahnverkehr aus folgenden Gründen: (1.) Die Entwicklung des Landstraßenwesens kann als eine Ergänzung zur Entwicklung des Eisenbahnwesens angesehen werden. 286 Erster Abschnitt: Das Kapital Zweifellos ist es für die Vervollkommnung des Gütertransports von großer Wichtigkeit gewesen, daß während des 19. Jahrhunderts das Kunststraßennetz in manchen Ländern erst ausgebaut worden ist. Man halte folgende Zahlen gegeneinander: Im ganzen Königreich Preußen waren 1816 erst 523% Meilen (3913 km) Chausseen vorhanden, davon drei Fünftel in Westfalen und Rheinland, während die Provinzen Pommern und Posen überhaupt noch keine Chaussen hatten, Preußen immerhin schon eine Meile. Dagegen gab es im Königreich Preußen am Ende des Jahres 1912 Kunststraßen mit einer Länge von 100500,7 km, von denen etwa drei Viertel auf das Preußen alten Bestandes entfielen; die 4000 km hatten sich also in 100 Jahren auf 75000 km ausgeweitet. Aber die Bedeutung dieses Landstraßennetzes liegt doch ausschließlich darin, daß es bequemere Zufahrtswege zu den Eisenbahnstationen geschaffen hat. (2.) Die Beförderungsmittel auf den Landstraßen sind bis zum Beginn des Krieges ungefähr dieselben geblieben, die sie immer waren: die von Tieren gezogene Lastfuhre bleibt vorherrschend. Die Entwicklung des Lastautomobils setzt erst mit dem Kriege ein. Sie wird zweifellos eine große Umwälzung des Binnenverkehrs bringen, die aber hier nicht zu verfolgen ist. Die Entwicklung des Lastautomobils spiegelt sich in folgenden Ziffern wieder. In den Vereinigten Staaten von Amerika — dem Lande des Automobilverkehrs — wurden gebaut: Personenautomobile Lastautomobile 1904: 20261 1431 1913: 461500 23500 1920: 1883158 322039. Nach den Angaben der amerikanischen Statistik gab es aml. Januar 1924: Personenautomobile Lastautomobile auf der ganzen Erde. 15847824 2175760 davon in den Vereinigten Staaten 13464608 1627569. Stat. Abstract U. S. (3.) Der Luftverkehr hat bisher-überhaupt noch keine Bedeutung für den Gütertransport erlangt. 1. Die Ausbreitung des Eisenbahnnetzes Die Jahresz una hme der Eisenbahnen betrug in runden Ziffern: auf der Erde in Europa außerhalb Europas 1841-1850 3000 2000 1000 1851-1860 7000 2800 4200 1861-1870 10000 5300 4700 1871-1880 16000 6400 9600 Achtzehntes Kapitel: Die Mobilisierung der Güterwelt 287 auf der Erde in Europa außerhalb Europas 1881—1890: 24000 5500 ■> 19500 1891—1900: 17000 6000 " ^ 11000 seit 1900: 24000 5000 ‘ ' 19000. Obwohl sich in allen Ländern das Eisenbahnnetz vom Anfang der Eisenbahnära an bis heute immerfort ausgeweitet hat, so lassen sich doch bestimmte Staffeln im Ausbau des Eisenbahnnetzes unterscheiden. a) Den ersten großen Aufschwung erlebt das Eisenbahnwesen in Großbritannien. Dieses setzt sofort mächtig mit dem Bau ein und läßt bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts alle anderen Länder weit hinter sich. Ende des Jahres 1852 waren für die Anlage von Eisenbahnen verwendet worden in England 1699 Millionen Taler, dagegen in U. S. A. 550, Deutschland 400, Frankreich 350, Belgien 45, zusammen in diesen vier Ländern also 1345 Millionen, das heißt weniger als in England allein. Die Ziffern finden sich bei Knies, Eisenbahnen (1853), 71. Großbritannien baut sein Vollbahnnetz im wesentlichen in den 1830er bis 1870er Jahren aus; den Höhepunkt erreicht die Bautätigkeit in den 1840er Jahren. b) Es folgt Kontinentaleuropa, das sein Vollbahnnetz in den 1850 er bis 1880 er Jahren entwickelt, mit dem Höhepunkt der Bautätigkeit in den 1870er Jahren. c) Von den außereuropäischen Ländern hatte zuerst nur Nordamerika Eisenbahnen gebaut. Die Vereinigten Staaten dehnen seit den 1850 er Jahren ihr Netz rasch aus. Der Höhepunkt der Bautätigkeit liegt zwischen 1875 und 1895. Hier sind die Ziffern. Die Länge des in Betrieb befindlichen Eisenbahnnetzes betrug in U. S. A (Meilen): 1835 1766 1885 128320 1842 4026 1890 156404 1850 9021 1895 177746 1860 30626 1900 192556 1870 52922 1910 240831 1875 74096 1915 257569 1880 93262 Stat. Abstract US. Seit den 1880 er und namentlich den 1890 er Jahren setzt dann der Bau der Eisenbahnen in den außereuropäischen Ländern außerhalb Nordamerikas ein. Während die Bahnstrecken in Europa und den Vereinigten Staaten von 1890 bis 1913 nur um 51 und 52% anwachsen, erfahren diejenigen der übrigen Länder in diesem Zeiträume eine Vermehrung um beinahe 180%. 288 Erster Abschnitt: Das Kapital Die Länge des Eisenbahnnetzes auf der Erde betrug Kilometer: 1890 1913 Europa. . 223869 346235 Amerika. . 331417 570103 davon U. S. A. . , 268409 410918 Asien. . 33724 108147 Afrika. 9386 44309 Australien . . . . . 18889 35418 Erde. Stat. Jahrb. 617885 1104217 2. Die Verkehrsleistungen der Eisenbahnen Wie bei den übrigen Verkehrsmitteln, in gesteigertem Maße, sind die Verkehrsleistungen der Eisenbahnen größer, als die Ziffern ihrer äußeren Verbreitung errechnen lassen, da ja, wie wir gesehen haben, auch bei ihnen der extensiven eine intensive Entwicklung zur Seite geht. Die Steigerung der Leistungen während der entscheidenden Jahrzehnte von 1895 bis 1911/13 kommt in folgenden Ziffern zum Ausdruck, die mit den Kilometerziffem zu vervielfältigen sind, um die absoluten Leistungen zu ermitteln. Auf 1 km geleistete Gütertonnen-Kilometer: 1895 1911—1913 Deutschland . 560,4 1072,9 Österreich-Ungarn. 412,5 620,3 Rußland. 640,4 935,0 Schweiz. 179,9 279,0 Frankreich. 355,8 581,5 Niederlande. 232,0 436,2 Dänemark. 99,8 284,5 Schweden. 137,2 436,7 Vereinigte Staaten von Amerika 479,5 1071,1 Zusammenstellungen im Stat. Jahrb. 1915 und 1920. Einige absolute Ziffern mögen das Bild noch lebendiger machen. Für Deutschland habe ich berechnet (siehe Band II Seite 341), daß vor der Eisenbahnära die Frachtfuhren theoretisch etwa 200 (Druckfehler: 500) Millionen Tonnenkilometer leisten konnten. Diesen ist die tatsächliche Leistung der deutschen Eisenbahnen gegenüberzustellen, die folgende Summen von Millionen Tonnenkilometern auf weist: 1875: 10393 1900: 36911 1880: 13053 1905: 44567 1885: 15965 1910: 56276 1890: 22237 1913: 67515. 1895: 26537 Stat. Jahrb. Achtzehntes Kapitel: Die Mobilisierung der Güterwelt 289 Frachtgüter (petite vitesse) wurden auf den französischen Bahnen Tausend Tonnen befördert: 1861: 27897 1891: 96554 1910: 173242. Stat. annuelle des chemins de fer frangais, Yol. I. In den Vereinigten Staaten betrug: die Menge der beförderten der von den Eisenbahnen Frachtgüter geleisteten Tonnen(Millionen Tonnen) meilen (Millionen) 1890 631,7 77207,0 1895 686,6 85227,5 1900 1082,0 141596,6 1905 1427,7 186463,1 1910 1849,9 255016,9 1913 2058,0 301398,8. Stat. Abstract of the US. Nach den Zusammenstellungen Sundbärgs belief sieb die Zahl der von den Eisenbahnen geleisteten Tonnenkilometer (Millionen): im Durchschnitt der Jahre 1891—1895 1896—1900 1901—1905 in Europa 96903,8 126783,7 151543,1 in außereuropäischen Ländern 223482.0 328290.0 auf der Erde 350265,7 479833,1. Zum Vergleich: Wollte man annehmen, daß sämtliche vierbeinigen Pferde auf der Erde zum Gütertransport verwendet würden und ihre theoretisch mögliche Leistung (50 Zentnermeilen am Tage = etwa 15000 Tonnenkilometer im Jahre) wirklich vollbrächten, so würden sie, da ihre Gesamtzahl nach demselben Gewährsmann im Jahre 1900 etwa 83 Millionen betrug, 415 Milliarden Tonnenkilometer schaffen. Die Eisenbahnen würden dann eine zweite Garnitur Pferde darstellen. In Wirklichkeit ist ihre Leistung viel größer. Vgl. die Ziffern auf Seite 122, 123. 3. Die Eisenbahnen als produktive Leistung Um die in der Menschheitsgeschichte einzige Kiesenhaftigkeit der Erscheinung „Eisenbahn“ völlig abzumessen, muß man nicht nur, wie es eben geschah, die Verkehrsleistungen dieses Transportmittels in Ziffern darstellen, sondern muß sich auch eine Vorstellung machen von der Größe des Werkes selber, das in den Eisenbahnanlagen geschaffen worden ist. Man wird sich dann überzeugen, daß der Eisenbahnbau die — mit Abstand — größte produktive Leistung ist, die die Menschheit bisher vollbracht hat. Betrachten wir diese Leistung zunächst unter kapitalistischem Gesichtspunkte, so müssen wir den Kapitalaufwand bestimmen, der nötig Sombart, Hochkapitalismus. 19 290 Erster Abschnitt: Das Kapital war, um die Eisenbahnen zu bauen. Wir können ihn errechnen, wenn wir die Länge der gebauten Strecken mit dem Kostensätze für einen Kilometer vervielfältigen. Wenn man diesen für Europa mit 336000 Mk., für die übrige Erde mit 157000 Mk. im Durchschnitt annimmt, dann ergeben sich folgende Beträge für die durchschnittlich in jedem Jahr gemachte Kapitalanlage in Eisenbahnen (Millionen Mk.) Erde Europa übrige Erdteile 1841-1850 829 672 157 1851—1860 1600 941 659 1861-1870 1919 1181 738 1871-1880 3656 2150 1506 1881-1890 4927 1855 3072 1891-1900 3743 2016 1727 1900-1913 4769 1686 2983. Für die letzten Jahrzehnte ist der Kostenbetrag für den Kilometer sicher zu niedrig mit den oben angegebenen Sätzen bemessen. Man wird ihn seit den 1890er Jahren für die europäischen Bahnen um 10 °/ 0 , für die außereuropäischen Bahnen um 25% höher annehmen müssen. Dann ergäbe sich also für Europa eine jährliche Anlage von etwa 2200 und 1815, für Außereuropa von 2200 und 3700 Millionen Mi. im Durchschnitt der letzten zwanzig Jahre. Das Bild wird wieder lebendiger, wenn wir das tatsächliche Anwachsen des Anlagekapitals in einzelnen Ländern verfolgen. Das Land, das die verhältnismäßig größten Kapitalbeträge im Eisenbahnbau (und -ausbau, was immer mit in Betracht kommt) angelegt hat, ist Großbritannien. Hier betrug das eingezahlte Kapital („Capital paid up“) in Millionen £: 1860: 348,1 1890: 897,5 1870: 529,9 1900: 1176,0 1880: 728,3 1913: 1282,0. Nach der amtlichen Eisenbahnstatistik und dem Stat. Abstract for the U.K. In den Jahrzehnten von 1860—1900 wurden also im Durchschnitt jährlich bzw. 18,2, 19,8, 16,9, 27,8 Mill. £, von 1900—1913 10,6 Mill. £ im Eisenbahnbau angelegt. Für Deutschland gelten folgende Ziffern. Das im Eisenbahnbau „verwendete Anlagekapital“ betrug Milliarden Mark: 1875: 6,1 1900: 12,7 1880: 8,8 1905: 14,6 1885: 9,7 1910: 17,3 1890: 10,5 1913: 19,2. 1895: 11,4 Nach dem Stat. Jahrbuch f. d. D. R. Achtzehntes Kapitel: Die Mobilisierung der Güterwelt 291 Die Zunahme betrug also von 1880—1890 jährlich 170 Mill. Mk., von 1890—1900 jährlich 220, von 1900—1913 jährlich 460 Mill. Mk. In den Vereinigten Staaten von Amerika waren in den Eisenbahnen insgesamt eingekleidet Milliarden Dollar: 1875: 4,4 1900: 11,9 1880: 5,4 1910: 18,4 1890: 10,0 1913: 19,8. Zunahme im Durchschnitt der Jahre: 1880—1890 460, 1890—1900 190, 1900—1910 850 Mill. $. Stat. Abstr. U. S. Noch greifbarer tritt uns die Größe des Eisenbahnbaues als produktive Leistung entgegen, wenn wir ihn „durch den Geldschleier hindurch“ in seiner natürlichen Gestalt betrachten, das heißt die Arbeitsleistung ermessen, die aufgewendet werden mußte, um das Riesenwerk zu vollbringen. Man hat berechnet, daß mit der Herstellung der Eisenbahnen beschäftigt waren im Jahresdurchschnitt Arbeiter (siehe HSt 2 3 , 903): 1841—1850: 600000 1851-1860: 1400000 1861-1870: 2000000 1871—1880: 3000000 1881-1890: 5000000 1891—1900: 3500000 1901—1913: 5000000. Zum Vergleich: Nach den Angaben Herodots (II, 124) sollen beim Bau der Cheopspyramide 100000 Arbeiter 20 Jahre lang tätig gewesen sein. Selbst wenn man diese Ziffer als richtig anerkennen wollte — wahrscheinlich ist sie um eine Null zu groß —, so würde die Bedeutung des größten technischen Werkes des Altertums zu nichts sich wandeln im Vergleich mit dem Werke der Eisenbahnen. Fragen wir, wie es möglich war, eine solche Leistung zu vollbringen, jährlich 3—5 Millionen Menschen an einer „Anlage“ arbeiten zu lassen, so müssen wir antworten, daß dazu die Gesamtheit der Bedingungen des Hochkapitalismus erfüllt sein mußte, das heißt also die beträchtliche Steigerung der Produktivkräfte notwendig war, die in dieser Periode eingetreten ist. An diesem Erfolge sind nun aber die Eisenbahner zu einem guten Teile schuld. Denn sie sind es, die nicht zuletzt jene für ihre Erbauung unumgängliche Steigerung der volkswirtschaftlichen Produktivität bewirkt haben. Man hat diesen Tatbestand richtig mit den Worten zum Ausdruck gebracht, daß „die Eisenbahnen sich selbst erbaut haben“. 19 * 292 Erster Abschnitt: Das Kapital Um das in voller Klarheit einzusehen, müssen wir nunmehr noch die Wirkung genauer feststellen, die die Vervollkommnung des gesamten Transportwesens im Zeitalter des Hochkapitalismus, insonderheit die Eisenbahnen, auf die Entwicklung des Wirtschaftslebens ausgeübt haben. IIJ. Die Bedeutung der Verkehrsumwälzung für die Entwicklung des Kapitalismus Von dieser Bedeutung haben die im vorstehenden mitgeteilten Tatsachen schon Kunde gegeben. Hier sollen in einem Überblick die bedeutungsvollen Wirkungen der Neugestaltung des Verkehrswesens zu- sammengestellt werden, von denen wir einen Teil erst später ganz werden verstehen können. Unter den modernen Verkehrsmitteln — das muß immer bedacht werden — nehmen die Eisenbahnen den weithervorragenden Platz ein. Sie sind es, die dem Verkehrswesen des Hochkapitalimus ihr Gepräge geben, ja, wir dürfen getrost sagen: ohne sie wäre dieser überhaupt nicht zur Entfaltung gekommen. Das Zeitalter des Hochkapitalismus ist auch das Zeitalter der Eisenbahnen. „Epoche gemacht“ hat nur dieses Verkehrsmittel. Der hellsehende Heinrich Heine hatte schon recht, als er ganz im Beginne der Eisenbahnära (am 5. Mai 1843) aus Paris schrieb: „Die Eisenbahnen sind wieder ein solches bestimmendes Ereignis — wie die Erfindung des Pulvers, die Entdeckung Amerikas, die Erfindung der Buchdruckerkunst —: es beginnt ein neuer Abschnitt in der Weltgeschichte.“ Die im folgenden dargestellte Bedeutung der modernen Verkehrsmittel ist also im wesentlichen die Bedeutung der Eisenbahnen. 1. Die Verkehrsmittel haben als Marktbildner gewirkt auf folgende Weise: a) ganz allgemein, indem sie den Warenumlauf gesteigert haben. Warum diese Wirkung eintreten mußte, ergibt sich, wenn man die im 18 Kapilel theoretisch gewonnenen Einsichten mit den in diesem Kapitel n.itgeteilten Ziffern zusammenstellt. Der Warenumlauf hat sich sowohl innerhalb der einzelnen Länder vermehrt — wofür ich bereits statistische Belege angeführt habe: man erinnere sich vor allem der ungeheuren Steigerung des Güterverkehrs in U. S. A. —, als auch zwischen den einzelnen Volkswirtschaften. Man pflegt diese Bewegung als „Welthandel“ zu bezeichnen. Dessen Achtzehntes Kapitel: Die Mobilisierung der Güterwelt 293 Umfang hat sich während der hochkapitalistischen Periode wie folgt ausgeweitet: Der Wert der in Einfuhr und Ausfuhr umgesetzten Werte (daß hier eine Doppelzählung vorliegt, verschlägt nichts, da uns nur die Steigerung der Ziffern angeht) betrug Milliarden Mk.: 1800 etwa 2 (nach meiner Berechnung im zweiten Bande) 1830 . . 6,5 1850 . . 14,5 1870 . . 37,5 1890 . . 61 1900 . . 79 1905 . . 101 1912 . . 169. Die Verkehrsmittel wirkten als Marktbildner, indem sie b) eine sehr beträchtliche Nachfrage nach Baumaterialien im Innern der Länder schufen, die sich c) auf dem Wege der Anleihen auf die auswärtigen Länder erstreckte. Über beide Vorgänge wird im dritten Abschnitt dieses Hauptabschnittes ausführlich berichtet werden. 2. DieVerkehrsmittel wirkten als Sprengstoff bei dem Auseinandertreiben der alten Gesellschaftsstruktur und insbesondere Wirtschaftsverfassung. Diese Wirkung vollbrachten sie, indem sie a) die alte Eigenwirtschaft, die Dorf- und Gutsverfassung und größtenteils das Handwerk zur Auflösung brachten, b) die Bevölkerungsumschichtung ermöglichten, c) die Produktionsstandorte verschieben halfen. Auch darüber kann ich hier noch nicht ausführlicher sprechen, und ich muß den Leser auf die Darstellung im folgenden Abschnitte verweisen. 3. Den modernen Verkehrsmitteln verdankt es der Kapitalismus, wenn er in den Besitz des für seine Ausweitung nötigen Sachkapitals gelangte. Das ist ja diejenige Wirkung, die uns an dieser Stelle in erster Linie interessiert. Wie es den modernen Verkehrsmitteln gelang, diese entscheidende Wirkung auszuüben, werden wir verstehen, wenn wir die ganz einzigartige Lage, in die die Gütererzeugung während des 19. Jahrhunderts versetzt worden war, und die ich ausführlich im vorigen Kapitel geschildert habe, in Berücksichtigung ziehen. Wir müssen ein- sehen, daß dieser Sonderzustand der Produktion nur ermöglicht worden ist durch die Revolutionierung der Transportmittel, und daß diese mit der Umstellung und Eigentümlichkeit der Produktion zusammen einen 294 Erster Abschnitt: Das Kapital einheitlichen Wirkungskomplex bildet, der erst die Möglichkeit schuf, den Kapitalismus in der reichlichen Weise, wie es geschehen ist, mit Sachkapital zu versorgen. Es gilt hier nun, die bereits gewonnenen Einsichten zusammenzustellen und sinnhaft zu ordnen. Dann ergibt sich das Folgende: a) Ganz allgemein haben die Verkehrsmittel dazu beigetragen, die Arbeitsproduktivität zu steigern dadurch, daß sie die Produktion an den Ort der höchsten Ergiebigkeit zu verlegen gestatteten. Das gilt vor allem für die land- und forstwirtschaftlichen Erzeugnisse des Bodens und ihre Verschiebung untereinander. Ein Schulbeispiel zur Verdeutlichung dieses Vorgangs bietet Ägypten. Hier hat die Erzeugung von Baumwolle in den letzten Jahrzehnten beträchtlich zugenommen. Gleichzeitig ist aber eine Unterproduktion an Lebensmitteln eingetreten, so daß Lebensmittel eingeführt werden mußten. Mehl (von Getreide und Mais): 1905: 121422037 kg 1907: 140680720 „ 1909: 170381459 „ Getreide: 1890 für 762934 ägyptische Pfund 1900 „ 1532000 1906 „ 3000000 De Chambert, La condition du fellah egyptien, p. 70—73; zitiert bei G. Martin, 114. Die Verbilligung der Transportkosten hat bewirkt, daß die Erzeugung der Rohstoffe an dem günstigsten Produktionsorte stattfinden kann. Die Verschiebung der Produktion an den optimalen Standort hat sich aber ebenso innerhalb der Stoffverarbeitung vollzogen und kann nicht im einzelnen dargestellt werden. Ich verweise auf die von Alfred Weber angeregten und herausgegebenen Studien über die Veränderungen des Standortes verschiedener Industrien. Die durch die Entwicklung der Transporttechnik ermöglichte Verschiebung der Produktion hat aber erst ihre überragende Bedeutung gewonnen dadurch, daß eine irdische Aufteilung der Produktionsgebiete in „Agrar-“ und „Industrie“ ‘länder stattgefunden hat. Oder, wie ich es lieber ausdrücke: in Bodenländer, das heißt solche Länder, die einen Überschuß an Boden haben und von diesem an andere abgeben können, und Arbeitsländer, das heißt solche Länder, die mehr Arbeitskräfte haben, als ihrer Bodenfläche entspricht, und die deshalb genötigt sind, sich fremde Bodenerzeugnisse zu verschaffen, um leben zu können. Achtzehntes Kapitel: Die Mobilisierung der Güterwelt 295 Diese Arbeitsländer sind die eigentlichen Sitze des Hochkapitalismus, sind im wesentlichen die Länder Westeuropas und der Osten des Erdteiles Nordamerikas. Wir werden noch sehen, wie sich in diesen Punkten während der letzten hundert Jahre eine ungeheure Menschenmasse angehäuft hat, aus deren Knochen der Kapitalismus sein Gebäude aufzubauen vermochte. Damit diese stark übervölkerten Gebiete leben und arbeiten konnten, bedurfte r es aber jener großen Massen von Sach- kapital, die aus aller Herren Länder herbeigeschleppt werden mußten. Und das eben besorgten die modernen Verkehrsmittel. Verfolgen wir ihre Wirkungen genauer, so beobachten wir, daß sie es sind, denen b) die Erschließung des neuen Siedlungslandes zu danken ist, das der Kapitalismus in seinen Bereich, wie wir gesehen haben, ziehen mußte. Die Eisenbahnen schafften die Siedler in großen Massen in das Innere der Kontinente, sie versorgten diese Siedler mit den notwendigen Produktionsmitteln, und sie schafften die Erzeugnisse dieser Siedler aus der Wildnis heraus, so daß sie die Märkte Philadelphias, Londons und Berlins füllen konnten. Ebenso aber, wie die modernen Verkehrsmittel die Neubesiedlung der westlichen Erdteile erst ermöglicht haben, so bewirken sie c) die Aufschließung der alten Kulturländer, aus denen, wie wir ebenfalls feststellen konnten, der Kapitalismus sich beträchtliche Mengen von Sachkapital herausgeholt hat. Nur in dem Maße, in dem die Eisenbahnen in das Innere von Rußland, der Balkanstaaten, Ostindiens vordrangen, wurden diese in den Stand gesetzt, ihre Erzeugnisse auf den westeuropäischen Märkten zu verwerten. Und auch die zivilisierten Länder Westeiuropas haben erst die großen Massen Agrarprodukte liefern können, seit ihnen die Vervollkommnung der Transportmittel den Übergang zur intensiven Wirtschaft ermöglichte. Siehe Belege bei Aeroboe, Landw. Betriebslehre l 3 , 224ff. Wir wollen nunmehr noch an einigen Ziffern zu ermessen trachten, welchen Umfang diese Versorgung der kapitalistisch-zentralen Länder mit den Bodenerzeugnissen der kapitalistisch-peripheren Länder im Laufe der letzten Menschenalter angenommen hat. Aus diesen Ziffern leuchtet in wundervoller Klarheit die überragende Bedeutung hervor, die die Verkehrsmittelumwälzung für die Ausgestaltung des Kapitalismus gehabt hat. Denn ohne diese Umwälzung — halten wir diesen Gedanken immer fest! — wäre jene Güterbewegung, die dem Kapitalismus die Lebenssäfte zuführte, nicht möglich gewesen. 296 Erster Abschnitt: Das Kapital Statistik der Bewegung des Sachkapitals auf der Erde I. Bewegung von den Bodenländern her 1. Für pflanzliche Lebensmittel mag die Weizen ausfuhr stellvertretend stehen. Das erste Weizenausfuhrland war, nachdem, wie wir noch genauer verfolgen werden, die Vereinigten Staaten von Amerika nicht mehr einen so großen Teil ihrer Erzeugung an das Ausland abgeben konnten, Argentinien geworden. Nach der argentinischen „Estadistica agricola 1910“ betrug die Ausfuhr der wichtigsten Exportländer an Weizen in Tausend Tonnen: Argentinien. 2980 Vereinigte Staaten . . . 2952 Rußland. 2625. Danach kommen Kanada, Britisch-Indien, die Donauländer als Weizenausfuhrländer in Betracht. Die Bedeutung der Steigerung der natürlichen Transportfähigkeit erweisen die Ziffern, die die rasche Ausdehnung der Konserven erkennen lassen. So betrug die Ausfuhr aus Kalifornien an: Fruchtkonserven Gemüsekonserven 1909 .... 3037001 Kisten 1242730 Kisten 1910 .... 4008549 „ 2250645 „ 1911 .... 4182650 „ 2516655 „ Intern, agrartechnische Rundschau, April 1913, Seite 501. 2. Tierische Lebensmittel kamen aus folgenden Ländern: a) Gefrierfleisch führten aus im Jahre 1910: gekühltes Rindfleisch (in Tiervierteln): Argentinien. 2710747 Vereinigte Staaten .... 477147 Kanada. 8672 gefrorenes Rindfleisch (in Tiervierteln): Argentinien. 1336 757 Australien. 537442 Neu-Seeland. 344048 Uruguay . 148084 gefrorene Schafe (Stück): Australien. 2723148 Argentinien. 2 454 401 Neu-Seeland.1991115 Uruguay und Chile .... 384313 gefrorene Lämmer (Stück): Neu-Seeland. 3416359 Australien. 1496660 Argentinien. 352501 Uruguay und Chile .... 162547. Nach einer Propagandanummer der Annales de la Sociedad Rural Argen- tina 1910 bei E. Pfannenschmidt in den Sehr. d. V.f.S.-P., Band 141, I, Seite 86. Achtzehntes Kapitel: Die Mobilisierung der Güterwelt 297 b) Die Ausfuhr von Molkereierzeugnissen aus den peripherischen Ländern hatte erst in den letzten Jahrzehnten vor dem Kriege einen stärkeren Aufschwung genommen. Aus Australien und Kanada ging im Durchschnitt der Jahre 1908—1913 nach England 1 Million Zentner Butter. Käse wurde von Neu-Seeland ausgeführt: 1906: 131000 Zentner 1913: 612000 Ziffern bei H. Levy, Grundlagen der Weltwirtschaft (1924), 44. Eine starke Butterausfuhr hatte sich aus dem Russischen Reiche entwickelt. In den letzten Jahren vor dem Kriege ging Butter: aus dem europäischen Rußland im Gewichte von 3—4 Millionen Pud im Werte von 40—50 Mill. Rubel; aus Finnland im Gewichte von 100—150000 dz im Werte von 30 bis 40 Mill. finnische Mark. Die Butterproduktion Sibiriens, die fast völlig für den westeuropäischen Markt erfolgte, war besonders rasch gestiegen. Sie betrug: 1898: 149000 Pud 1905: 2600000 „ 1909: 8600000 „ Das Russische Reich in Europa und Asien (1910). Nach Mertens, a. a. O. 41, 587—89, betrug die Butterausfuhr Rußlands 1903 2516, 1913 4763 Tausend Pud, davon aus Sibirien 3661,1 Tausend Pud. c) Eier lieferten vor allem Rußland und die Länder der österreichischen Monarchie. Die Eierausfuhr aus Rußland betrug: 1852: 250000 Stück 1913: 3571000000 „ Mertens, a. a. O. 42, 147. 3. Handelte es sich um die Herbeischaffung der nötigen Rohstoffe für di eEmährung des Viehes, die Herstellung der Kleidung und anderer Bedarfsgegenstände. a) Unter den Futtermitteln steht obenan der Mais und unter den Mais exportierenden Ländern war das weitaus bedeutendste wiederum Argentinien. Im Jahre 1908/09 gelangten nach der obengenannten Quelle zur Ausfuhr in Tausend Tonnen aus: Argentinien. 2276 Donauländern, namentlich Rumänien . . . 848 Vereinigten Staaten. 753 Rußland. 536. Kleielieferanten waren vornehmlich Rußland, Argentinien, Vereinigte Staaten. Ölkuchen und ähnliche Futterstoffe kamen aus den Vereinigten Staaten, Rußland, Britisch-Indien. b) Unter den Bekleidungsrohstoffen sind vor allem die Textilstoffe zu nennen. 298 Erster Abschnitt: Das Kapital Die wichtigsten Wollausfuhrgebiete vor dem Kriege waren folgende (1908/09): Australien .... 291 Argentinien . . . • 5 5 182 Vereinigte Staaten * >> 149 Neu-Seeland . . . • JJ 86 Kapland (Natal) . • >J 60 Uruguay .... 58 Diese Länder lieferten 65% der gesamten auf der Erde erzeugten Wolle. Die Hauptproduktionsländer für Baumwolle waren, wie wir schon wissen: Vereinigte Staaten.mit etwa 50% i Ostindien.. ,, 20 %Ü! Ägypten.. „ 3—5% Brasilien, China, Rußland, Kleinasien . . „ 25%. Ein größerer Teil der Ernte (30—40%) wurde nur in den Vereinigten Staaten für die Verarbeitung im eigenen Lande zurückbehalten. Die Produktionsmenge der übrigen Gebiete gelangte fast vollständig in die kapitalistisch-zentralen Länder. Vgl. auch Seite 255 f. und 302. c) Sowohl zur Bekleidung als zur Herstellung anderer Bedarfsgegenstände dienen die Tierhäute: Hauptausfuhrgebiete waren Ostindien und Südamerika. Vgl. auch Seite 300 f. Über die Holzausfuhr aus den wichtigsten Waldländern habe ich oben Seite 264 schon Ziffern mitgeteilt. II. Die Bewegung in die Arbeitsländer hin Die Bedeutung, die die Zufuhr aus den Bodenländern für die Beschaffung des Sachkapitals in den kapitalistischen Ländern vor dem Kriege gewonnen hatte, wird man am besten ermessen können, wenn man sich die Bezüge der einzelnen Volkswirtschaft vor Augen führt. Ich wähle als Beispiele die deutsche und die englische Volkswirtschaft, von denen jene einen für Westeuropa wohl durchschnittlichen, diese einen Höchstbedarf an fremden Bodenerzeugnissen hatte. Deutschland: Die mehr eingeführten pflanzlichen Nahrungs- und Genußmittel kosteten: 1893: 304185000 Mk. 1913: 846441000 „ Die für die Hervorbringung dieser Erzeugnisse im Auslande erforderliche Landfläche betrug: 1893: 1152000 ha 1913: 1948000 „ A. Schulte im Hofe, a. a. O., Seite 29/30. Das sind im Verhältnis zur Anbaufläche in Deutschland: 1893: 8% 1913: 13,5%. Die Versorgung Deutschlands mit tierischen T Nahrungsmitteln durch die Inlandsproduktion bezifferte sich auf Tausend Mark: 1893: 3932586 1913: 7892393. Achtzehntes Kapitel: Die Mobilisierung der Güterwelt 299 Demgegenüber steht eine Mehreinfuhr von: 1893: 310333000 Mk. 1913: 807925000 „ A. a. 0., Seite 41. Dabei ist eine Preissteigerung von etwa 50% zu berücksichtigen. Diese Mehreinfuhr betrug vom Gesamtbedarf: 1893: 8,1% 1913: 10,3%. Deutschlands Bedarf an ausländischen Fetten insbesondere wird durch folgende Ziffern ausgedrückt: die Reineinfuhr betrug: Mill. kg = Mill. kg Milch Butter. 54,2 1447 Käse. 25,5 225 Milch. 20,4 20,4 Rahm. 44,4 355,2 Zusammen: 2077,6 Ausfuhr an eingedickter Milch 8,3 Mill. kg rund.24,1 Es fehlten in Deutschland also jährlich. 2053,5 oder etwa 9°/ 0 der eigenen Erzeugung. Art Milchwirtschaft (W. v. A11 r o c k) im HSt VI 4 , 577. Diese Ziffern stimmen ungefähr überein mit den Berechnungen Kuczynskis, wonach im Jahre 1912/13 etwa 10% der im Inlande erzeugten Kalorien der menschlichen Nahrung durch Zuschuß vom Auslande beschafft wurden. R. Kuczynski, Unsere bisherige und unsere künftige Ernährung im Kriege (1915), 2. An Futtermitteln betrug die Mehreinfuhr nach Deutschland: 1893: 31294500 dz 1913: 75182000 „ Die dafür benötigte Fläche betrug: 1893: 2695000 ha 1913: 5325000 „ Von der in Deutschland dafür verwandten Fläche sind das: 1893: 11,4% 1913: 16,5% A. Schulte im Hofe, a. a. O., Seite 61. Viel beträchtlicher als bei der Nahrungsmittel- und Futtermittelerzeugung ist die Hereinnahme fremden Bodens bei der Deckung des Bedarfs an Rohstoffen für die gewerbliche Produktion. Daß die Holzeinfuhr Deutschlands vor dem Kriege nur hätte durch Eigenproduktion ausgeschaltet werden können, wenn der Waldbestand etwa verdoppelt worden wäre, habe ich oben schon dargetan. Von den Textilrohstoffen ist Deutschland für die Verwendung von Seide, Jute und Baumwolle völlig auf die fremden Böden angewiesen- Wieviel Hektar das für Baumwolle sind, läßt sich ungefähr berechnen, 300 Erster Abschnitt: Das Kapital wenn wir etwa den Anteil der deutschen Einfuhr an der Gesamterzeugung der Vereinigten Staaten veranschlagen und somit auch den Anteil an der mit Baumwolle bestandenen Fläche Nordamerikas. Dann ergibt sich folgende Rechnung (nach den Ziffern des Stat. Abstr. U. S.) Gesamterzeugung derVereinigten Staaten an Baumwolle (Tausend Ballen) Davon gingen nach Deutschland (Tausend Ballen) Anteil der deutschen Einfuhr an der amerikanischen Ernte 1912 14313 3156 22% 1913 14795 2444 16,5% 1914 16992 2884 16% Die Anbaufläche betrug in diesen Jahren etwa 33 Millionen acres. Die nach Deutschland ausgeführte Baumwolle hatte also eine Fläche von 5—7 Millionen acres eingenommen, das sind 2—2 y 2 Millionen Hektar. Nun betrug aber die Mehreinfuhr an Baumwolle nach Deutschland (1913) 429,5, die aus Nordamerika nur 369,4 Tausend Tonnen, es wurden also noch etwa 17% der Menge der amerikanischen Baumwolle mehr eingeführt, deren Anbaufläche jenen 2—2 y 2 Millionen Hektar noch hinzuzufügen wären. Zum Vergleich: Die mit Weizen bestandene Fläche in Deutschland betrug (1913) 1974098 ha. Wollen wir für Jute ein ähnliches Rechenexempel anstellen, so kommen wir zu folgendem Ergebnis: 10 Mill. Ballen Jute werden auf der Erde erzeugt, davon 99% in Nord-Ostindien. Dieser Anbau nimmt 3 Mill. acres in Anspruch. Deutschland bezieht etwa ein Viertel der Gesamtproduktion, belegt also etwa % Mill. acres Anbaufläche. Die Ziffern nach Magdalene Willms, Zur Frage der Rohstoffversorgung der deutschen Juteindustrie, Probleme der Weltwirtschaft, 34, 1920. Da im letzten Jahre vor dem Kriege etwa 100000 t an Flachs und Hanf (nebst Hede) mehr eingeführt als ausgeführt wurden und man in Rußland — dem Hauptgesteller — eine Ernte von 800 kg vom Hektar rechnet, so sparte Deutschland etwa 100000 ha durch diese Einfuhr. Bei der Schafwolle müssen wir ausrechnen, wieviel Schafe außerhalb Deutschlands weiden, die das Rohmaterial für seine Wollindustrie liefern. Denn für dieses kommt die im Inlande erzeugte Wolle kaum in Betracht. Die Rechnung ist diese: Am 1. Dezember 1913 weideten in Deutschland 5520837 Schafe. Den Wollertrag des Schafes kann man — hoch — mit 2 kg im Jahre rechnen. Die Schur der deutschen Schafe liefert also rund 11000 t Wolle. Im Jahre 1913 betrug die Mehreinfuhr an Schafwolle nach Deutschland 182500 t, das sind 17 mal soviel wie die deutschen Schafe liefern. Fast 100 Millionen fremde Schafe sind neben den 6 Millionen deutschen Schafen nötig, um für die deutsche Wollindustrie das Rohmaterial herbeizuschaffen. Einen wichtigen Posten in der Versorgung Deutschlands mit Erzeugnissen fremder Böden bilden die Felle und Häute. Achtzehntes Kapitel: Die Mobilisierung der Güterwelt 301 Stellen wir die Rechnung nur für die Kalbfelle und Rindshäute auf. Der Rindviehbestand in Deutschland am 1. Dezember 1913 war 20994344 Stück. Nach der üblichen Annahme fällt jährlich etwa ein Achtel des Rindviehbestandes eines Landes wie Deutschland, alle Arten Rindvieh durcheinander gerechnet. Das ergäbe bei rund 21 Millionen Stück rund 2,6 Millionen Häute im Jahre. Man rechnet 4 auf den Zentner, das wären 650000 Zentner oder- 32500 t. Die Mehreinfuhr ausländischer Kalbfelle und Rindshäute nach Deutschland im Jahre 1913 betrug 140500 t. Der deutsche Rindviehbestand müßte also mehr als verfünffacht werden, um den inländischen Häutebedarf zu decken. Großbritannien: (Quelle, soweit nichts anderes vermerkt, Abstract U.K.) In ausgeprägterer Form noch ruht die englische Volkswirtschaft auf fremden Böden. Nicht nur die meisten pflanzlichen Rohstoffe des Gewerbes, sondern auch die überwiegenden Teile der Nahrungsmittel sind Erzeugnisse der peripherischen Länder. Wie die Einfuhr fremder Lebensmittel während der letzten beiden Menschenalter gestiegen ist, läßt folgende Zusammenstellung erkennen: Jahr Weizen cwts. (Mill.) Mehl cwts. (Mill.) Rinder Stück Schafe Stück Frisches Rindfleisch Frisches Schaffleisch 1 Auf d Kopf d. Bevölkerung Weizen u. Mi-hl 1I)S. Fleisch ibs. 1861—65 27,9 5,4 174177 490719 15772 _ 135 5,9 1870—75 43,8 5,4 215990 864516 34421 — 178 10,9 1881—85 58,9 14,3 387282 974316 773469 — 244 18,9 1891—95 69,7 19,3 448139 407260 2020668 2048192 281 30,4 1901—05 86.8 17,8 510468 319272 4352658 3718060 296 46,4 1906—10 96,7 12,3 391452 59284 6005255 4642962 289 47,9 Bei v. Tyszka, Das weltwirtschaftliche Problem (1916), 48. Der Weizen- und Mehleinfuhr von 110 Millionen Zentnern stand eine Weizenernte von 50—60 Millionen bushel, also etwa 30—35 Millionen Zentnern, gegenüber; das heißt das Ausland lieferte England mehr als dreimal so viel Brotfrucht, als es selbst erzeugte. Uber den Anteil der eingeführten Mengen Fleisch an der Deckung des Gesamtfleischbedarfs gibt folgende Tabelle noch genaueren Aufschluß. Englands Fleischmarkt war vor dem Kriege wie folgt beschickt: (Gefrorenes, gekühltes, gesalzenes, geräuchertes) Aus Rindfleisch Hammelfleisch Schweinefleisch Großbritannien selbst . . 37,60% 21,00% 60,80% Australien und Südafrika 9,00% 66,20% 0,40% U. S. A. und Kanada . . . 5,80% 0,05% 10,10% Südamerika. 44,80% 10,80% 2,60% Holland, Dänemark usw. . 2,80% 1,95% 26,10% Ziffern bei H. Levy, Grundlagen der Weltwirtschaft (1924), 58. 1 ) Einschließlich gekühltem und gefrorenem. 302 Erster Abschnitt: Das Kapital Der Anteil der einzelnen Lebensmittel an der Gesamteinfuhr war folgender: Im Jahre 1913 hatte die Gesamteinfuhr nach Großbritannien einen Wert von insgesamt 768,7 Millionen £. Davon entfielen auf Nahrungsmittel 290,2 Mill., und zwar auf: Korn und Mehl.85,5 davon Weizen und Weizenmehl . . . 50,2 Fleisch.56,7 Butter.24,1 Zucker.12,4 Tee.13,8. Bei der Beschaffung der gewerblichen Rohstoffe ist in Großbritannien das eigene Land etwas mehr beteiligt, soweit die Schafwolle in Frage kommt. England hat einen beträchtlich größeren Schafbestand als Deutschland: vor dem Kriege 23—25 Millionen Stück. Dafür ist aber auch der Bedarf seiner Wollindustrie an Rohstoff größer als der der deutschen. Die Mehreinfuhr nach Großbritannien an Wolle betrug in den letzten Jahren vor dem Kriege in Zentnern (Centais of lbs.): 1908: 3975081 1911: 4953703 1909: 4180149 1912: 4725534 1910: 4680725 1913: 4995932. Mehr als doppelt so viel wie Deutschland verbraucht Großbritannien an Baumwolle. Von diesem Rohstoffe wurden in den letzten Jahren vor dem Kriege 17—19 Millionen Zentner (im Rekordjahr 1912 sogar 24820167 Zentner) mehr eingeführt. Insgesamt führte Großbritannien (1913) für 281,8 Millionen £ gewerbliche Rohstoffe ein: ungefähr so viel wie für Nahrungsmittel. Davon entfielen auf: Nutz- und Bauholz.33,8 Rohstoffe für die Textilindustrie.128,1 Baumwolle.70,6 Wolle.37,7 Andere Rohstoffe.19,8 Ölsaat, Nüsse, öle, Fette, Gummi .... 41,6 Häute und unbearbeitete Felle.15,1 Kautschuk.20,5. III. Die Vereinigten Staaten von Amerika verdienen eine besondere Behandlung. Sie sind ein Kontinent und vereinigen bis heute Bodenländer und Arbeitsländer in sich. In ihrem wirtschaftlichen Gefüge haben sie aber während der letzten Menschenalter eine gestaltverändernde Umwälzung erfahren. Bis in das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts waren die Vereinigten Staaten überwiegend Kolonialland: sie gehörten zu den kapitalistisch-peripheren Ländern wie noch heute Rußland, Südamerika, Ostindien. Sie lieferten dem westeuropäischen Kapitalismus das nötige Sachkapital in Gestalt von Nahrungsmitteln und Rohstoffen. Das tun sie nun zwar in beträchtlichem Maße bis heute noch. Aber mittlerweile hat der Kapitalismus im eigenen Lande mächtig sein Achtzehntes Kapitel: Die Mobilisierung der Gäterwelt 303 Haupt erhoben und stellt nun dieselben Ansprüche wie früher Westeuropa allein: er heischt aus den nunmehr zum amerikanischen Kapitalismus selbst peripheren Gebieten das erforderliche Sachkapital. Die Folge ist, daß jetzt inAmerikaeine doppelte StrömungdieWarenbewegung beherrscht: Lebensmittel und Rohstoffe strömen aus den vom Kapitalismus noch nicht ergriffenen Gebieten in die kapitalistisch-zentralen Staaten sowohl des eigenen Landes als auch Westeuropas. Nur daß der Strom, der den eigenen Kapitalismus speist, immer größer, der nach Europa strömende, jedenfalls verhältnismäßig, teilweise auch schon absolut, entsprechend kleiner wird. Diese wichtige Wandlung läßt sich ziffernmäßig genau verfolgen; die Anzeichen sind vornehmlich diese: 1. Die in der Landwirtschaft beschäftigten Personen nehmen an Zahl ab. Die letzten Zensuszählungen bestimmen den Anteil der in der Landwirtschaft Erwerbstätigen an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen so: 1880: 44,3% 1910: 33,2% 1890: 37,7% 1920: 26,3% 1900: 35,7% 2. Der Anteil der Agrarprodukte an der Gesamtausfuhr verringert sich. Der Wert der Ausfuhr an Weizen und Weizenmehl, Mais, Fleisch, Baumwolle machte von der Gesamtausfuhr aus im Durchschnitt der Jahre: 1861—1865: 67,6% 1881—1885: 66,1% 1891—1895: 61,0% 1906—1910: 43,9% 1913: 35,8%. Der Rückgang ist noch deutlicher, wenn wir die Baumwolle, deren Anteil annähernd gleich geblieben ist, ausscheiden. Dann bleiben im wesentlichen die Lebensmittel übrig, deren Ausfuhr von der Gesamtausfuhr ausmachte: 1861—1865: 60,7% (Baumwollsperre!) 1881—1885: 38,1% 1891—1895: 34,7% 1906—1910: 18,9% 1913: 13,3%. 3. Von der Gesamternte bleiben immer größere Beträge (Anteile) im Lande, das heißt: die Exportquote sinkt. Während sich das von dem Hauptausfuhrgegenstande: Baumwolle bis heute nicht sagen läßt (der Anteil der Ausfuhr schwankt seit 50 Jahren zwischen 60 und 70%), tritt die verringerte Bedeutung der Ausfuhr an den wichtigen Nahrungsmitteln schon klar zutage. So betrug die Exportquote bei Weizen im Durchschnitt der Jahre: 1871—1880: 26,2% 1881—1890: 28,1% 1891—1900: 34,5%, steigt also rasch an, um dann noch rascher zu sinken; denn sie beträgt: 1901—1910: 21,9% 1910—1913: 14,4%. Alle Ziffern aus Stat. Abstr. U. S. 304 Zweiter Abschnitt Die Arbeitskräfte Erster Unterabschnitt Zur Typologie der Bevölkerungstheorien Literatur Das Problem einer Typologie der Bevölkerungstheorien, wie ich es hier stelle, ist bis jetzt meines Wissens überhaupt nicht erörtert worden. Jeder Theoretiker verkündet seine Bevölkerungstheorie, ohne zu fragen, wes Geistes Kind sie ist. Die allgemeine Literatur über das Bevölkerungswesen ist dagegen sehr umfangreich. Es genügt, wenn ich einige der neuesten Zusammenfassungen hier nenne, die einen guten Überblick über die Problematik des Gebietes geben und meist eine reiche Literaturübersicht enthalten. Paul Mombert, Bevölkerungslehre im GdS II. 1. 2. Aufl. 1923. P. Leroy-Beaulieu, La question de la population. 1913. Harald Wright, Population. Deutsch von M. Palyi. 1925 (mit vielen hübschen Ansätzen zu vertiefter Auffassung des Problems). Art. Bevölkerungswesen im HSt 2 1 . (Verf. L. Elster.) Das Buch von Rene Gonnard, Histoire des doctrines de la population (1923) ist bedeutsam für die ältere Theorie (vor Malthus). Die bedeutendste Bearbeitung des Gegenstandes von marxistischer Seite ist die Schrift von Karl Kautsky, Vermehrung und Entwicklung in Natur und Gesellschaft. 1910. Neunzehntes Kapitel Die naturalistische Theorie Das Problem, dessen Lösung in diesem Abschnitte versucht werden soll, drückt sich in der Präge aus: woher sind die Arbeitskräfte gekommen, deren der Kapitalismus benötigte, Utn das ihm zuströmende Sachkapital zu verwerten. Das Problem schneidet sich mit dem „Bevölkerungsproblem“, ist zu einem guten Teile ein Bevölkerungsproblem und nur von diesem aus gesehen in seiner ganzen Fülle faßbar. Das Bevölkerungsproblem stand im Zeitalter des Frühkapitalismus, wie wir wissen, im Zeichen der Bevölkerungsknappheit. Überall empfand man den Mangel an Menschen: als Soldaten, als Steuerzahler und so auch — nicht am wenigsten — als Arbeitskräfte im Dienste der emporkommenden kapitalistischen Wirtschaft. Wie sich Theorie und Praxis in jener Zeit mit dem Problem auseinandersetzten, habe ich ausführlich im 53. und 54. Kapitel des ersten Bandes dieses Werkes geschildert. Das Gemeinsame in der Auffassung aller Beteiligten (Theoretiker, Staatsmänner, Unternehmer) war dieses: sie alle sahen den Mangel an Arbeitskräften, sie alle erblickten darin ein Problem, und die Leiter des Staates erkannten es als ihre Pflicht an, durch ihr Eingreifen der Arbeiternot zu steuern. Wir haben gesehen, daß sich aus dieser Einstellung ein kunstvolles System von Maßnahmen zur Beschaffung von Arbeitskräften ergab. Aber — das möchte ich noch hervorheben — es ergaben sich aus dieser Einstellung auch glückliche Gesichtspunkte für eine fruchtbare — das heißt soziologische — Behandlung des Bevölkerungsproblems. Man nehme als Beispiel Montesquieu! In der 112. Lettre persane drückt er sein Entsetzen aus über die rasch fortschreitende Entvölkerung der Erde, die seines Erachtens — „apres un calcul aussi exact qu’il peut l’etre dans ces sortes de choses“ — heute höchstens noch ein Zehntel der Menschen ernährt, die einst auf ihr gelebt haben. „Oe qu’il y a d’etonnant, c’est qu’elle se depeuple tous les jours, et si cela continue, dans dix siecles eile ne sera plus qu’un desert, Yoilä, mon eher Usbeck, Sombart, Hochkapitalismus. 20 306 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte la plus terrible catastrophe qui soit jamais arrivee daus le Monde.“ Und diese Feststellung wird nun zur Veranlassung, nach den Gründen dieser beklagenswerten Erscheinung zu suchen, die offenbar beruht auf einem ,,vice interieur, un venin secret et cache, une maladie de langueur, qui afflige la nature humaine“. Die folgenden Briefe versuchen die Antwort auf die Frage nach den Ursachen der Entvölkerung zu geben. Dabei ist der Leitgedanke der: ,,tu cherches la raison pourquoi la terre est moins peuplee qu’elle ne l’etait autrefois: et si tu y fais bien attention, tu verras que la grande difförence vient de celle qui est arriv4e dans les mceurs“ (114). Solche Bemerkimgen wie diese: „la f6condit6 d’un peuple depend quelquefois des plus petites circonstances du monde, de maniere qu’il ne faut souvent qu’un nouveau tour dans son imagination, pour le rendre beaucoup plus nombreux qu’il n’6tait“ (119) — enthielten wertvolle Ansätze zu einer erschöpfenden Erörterung des Bevölkerungsproblems. Anknüpfend an Montesquieu behandelt den Gegenstand in geistreichster Weise der ausführliche Artikel „Population“ in der Ency- clopedie. Auch Quesnay wußte sehr interessante „Fragen“ nach den Ursachen der Bevölkerungsbewegung zu stellen, in denen er seinen weiten geschichtlichen Blick offenbart. Siehe die „Questions interessantes sur la population, l’agriculture et le commerce“ in der Ausgabe von Auguste Oncken (1888), 263 ff. Die Lage änderte sich mit dem Beginne der hochkapitalistischen Epoche von Grund aus; man kann sagen: Meinungen und Taten verkehrten sich in das Gegenteil. Zwar hörten die Klagen der Unternehmer über Mangel an Arbeitskräften, und namentlich an geeigneten Arbeitskräften, nicht auf. Wir werden im weiteren Verlauf der Darstellung diesen Klagen häufig begegnen. Aber die Stellung der Theoretiker und der Staatsmänner war eine andere geworden: sie kümmerten sich um die Klagen der Unternehmer nicht mehr. Sie ließen sie allein in ihrer Not, und die Staatsmänner verwiesen sie auf den Weg der Selbsthilfe. Diese veränderte Stellung war nun gewiß zum guten Teil Wirkung der veränderten wirtschaftspolitischen Grundgesinnung: der liberale Doktrinarismus begann sich fühlbar zu machen. Aber zu einem ebensogroßen Teile war sie der Ausfluß eines Wandels in der Beurteilung des Arbeiterproblems selbst. Hatte man dieses in den vorhergehenden Jahrhunderten darin erblickt, daß zu wenig Arbeitskräfte da seien, so fand man jetzt, daß genug, ja sehr bald: daß zu viel Arbeitskräfte — Menschen überhaupt — im Lande seien. Die Theoretiker suchten sssm ZESaSSSä KHBHE '•4ff •>»»*' .♦*«* rrl Neunzehntes Kapitel: Die naturalistische Theorie 307 nun nicht mehr nach den Gründen, warum so wenig, sondern warum so viel Menschen auf der Welt seien, und die Praktiker erwogen nicht mehr Maßnahmen, mittels deren die Bevölkerung vermehrt werden konnte, sondern höchstens solche, die eine weitere Vermehrung hintanzuhalten oder doch das Land von dem Überschuß zu befreien geeignet seien. Anlaß zu dieser Achsendrehung der Meinungen boten gewisse Übervölkerungserscheinungen auf dem flachen Lande, namentlich in Großbritannien, denen wir in ihrer Tatsächlichkeit und Ursächlichkeit später nachgehen werden. Diese in England durch ganz besondere Gesetzgebungsmaßregeln verschärften Übervölkerungserscheinungen sind es denn auch offenbar gewesen, die Robert Malthus den Traum Godwins als ganz besonders töricht und gefährlich erscheinen ließen und ihn dazu bewogen, das luftige Gebäude seiner Bevölkerungstheorie auf die grüne Wiese hinzustellen. Was Malthus schuf, war die erste ausgebaute allgemeine Bevölkerungstheorie, oder besser: Übervölkerungstheorie auf naturalistischer Grundlage. Das Problem wird im wesentlichen als ein biologisches gefaßt, und in dem Zeugungsoptimismus, dem der Verfasser dieser Theorie huldigt, gehen die früheren bevölkerungspolitischen Probleme, geht vor allem auch das Problem der Arbeiterbeschaffung völlig unter. Es wird als feststehende Tatsache angenommen, daß die Natur zu allen Zeiten und an allen Orten reichliches und überreichliches Menschenmaterial liefert, so daß auch der Kapitalismus stets aus einem vollen, sich immer wieder füllenden Fasse schöpfen könne, wenn es ihm darauf ankomme, die Reihen seiner Lohnarbeiterschaft zu schließen. Die plumpe These, daß überall dieselbe „Tendenz“ zur Bevölkerungsvermehrung herrsche, mußte aber auch alle die Ansätze zu einer ursächlichen Erklärung der Bevölkerungsbewegung, die wir bei den Theoretikern des 18. Jahrhunderts finden, im Keime ersticken. Ein Jahrhundert lang hat die Malthussche „Theorie“ jede sinnvolle Erörterung des Bevölkerungsproblems hintangehalten. Daß die Malthussche Theorie „falsch“ sei, oder — um es in der klassisch gewordenen Formel auszudrücken — „daß Robert Malthus in allem Wesentlichen nicht recht behält“, sollte auch von den „Malthusianern“ heute nicht mehr bestritten werden. Denn das, was Wahrheit in dem Gedankengewirre dieses Erzkonfusionarius ist: daß der Nahrungsspielraum die Bevölkerungsmenge beschränkt, hat mit der Malthusschen Theorie nichts zu tun. Und die andere Wahrheit: 20 * 308 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte daß die Menschheit heute — am Ende des hochkapitalistischen Zeitalters — an die Schranke des Nahrungsspielraums stößt, konnte Malthus zu seiner Zeit nicht einmal ahnen. Statt nun aber diese Wahrheiten in ein kulturwissenschaftliches Gewand zu kleiden, das heißt in ihrer geschichtlichen Bedingtheit zu erfassen und demgemäß zu begründen, schuf er jene allgemeine, naturalistische Theorie, die uns hundert Jahre lang das Problem verdunkelt hat. Die „Fehler“ dieser Theorie, die, wie gesagt, alle in ihrem Naturalismus gründen, liegen allzu offen zutage. Ich stelle sie noch einmal zusammen. 1. In unerträglicher Weise werden die Begriffe „Gesetz“ und „Tendenz“ durcheinandergewirrt. Also ein hypothetisches Urteil, in dem die funktionelle Verknüpfung bestimmter Größen behauptet wird und ein faktizisches Urteil, in dem entweder der historische Ablauf bestimmter Erscheinungen oder der wahrscheinliche Verlauf einer zukünftigen Entwicklung zur Feststellung gelangen. Daß ein „Gesetz“ niemals (das gilt sogar für die naturwissenschaftlichen Gesetze) auch nur die geringste Aussage über die Wirklichkeit enthält, ist Malthus und seinen blinden Anhängern offenbar gar nicht zum Bewußtsein gekommen. 2. Will man die „Gesetze“ formen, die in dem Malthusschen Wust angedeutet sind, so kommt man zu folgenden drei Hauptsätzen: a) Wenn die Bevölkerung rascher wächst als der Nahrungsspielraum, wächst sie über diesen hinaus. b) Wenn aus irgendwelchen Gründen die Bevölkerungszunahme entsprechend der Größe des Nahrungsspielraums beschränkt wird, bleibt ihre Menge innerhalb der Grenzen des Nahrungsspielraums. c) Wenn diese vorherige Beschränkung nicht stattfindet und mehr Personen da sind, als leben können, müssen sie sterben. Über die „Richtigkeit“ dieser Gesetze wird kein Zweifel herrschen können, ebensowenig wie über ihre völlige Leerheit. Es sind nicht einmal analytische, es sind einfach identische Sätze. Truism. Binsenwahrheiten, zu deren Feststellung es keiner dreibändigen Theorie bedurft hätte. Aber — so werden Unbekehrbare einwenden: Malthus hat keine „Gesetze“ (hypothetische Urteile), sondern „Tendenzen“ (faktizische Urteile) gelehrt. Was ist es mit diesen „Tendenzen“ ? 3. Die „Tendenzen“, deren Bestehen Malthus behauptet, sind dreifacher Art: Tendenzen der Bevölkerungsbewegung, Tendenzen in der Gestaltung des Nahrungsmittelspielraums und Tendenzen, die sich aus der Vereinigung jener beiden andern Tendenzen ergeben. Nun muß Neunzehntes Kapitel: Die naturalistische Theorie 309 aber mit aller Entschiedenheit festgestellt werden, daß es allgemeine — das heißt im Wesen der Erscheinung begründete und darum zu allen Zeiten und an allen Orten gleiche — Tendenzen weder in der Bevölkerungsbewegung noch in der Gestaltung des Nahrungsmittelspielraums und somit auch in der Vereinigung beider nicht gibt. Wir wissen heute, daß die Zunahme der Bevölkerung — ganz unabhängig vom Nahrungsspielraum — ihren eigenen Bedingungen unterworfen ist, und daß diese ebensogut einer Vermehrung (in ganz verschiedenen Raten) oder einer Verminderung oder einem Stillstände günstig sein können. Es ist eine aller Erfahrung widersprechende Annahme, daß zu jeder Zeit und an allen Orten — die Möglichkeit der Erhaltung gegeben — eine rasche Vermehrung der Menschen — von der geometrischen Progression ganz zu schweigen — stattfinden müsse. Es ist unzulässig, in allen Beschränkungen der Fortpflanzung nur ökonomische Beweggründe zu sehen; der Gedanke kann nur von einem Anhänger der materialistischen Geschichtsauffassung, der Malthus im Grunde war, gedacht werden. Aber vir wissen heute ebensogut, daß auch in der Gestaltung des Nahrungsspielraums zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten ganz verschiedene „Tendenzen“ herrschen. Wir wissen, daß das Gesetz vom abnehmenden Ertrage (aller wirtschaftlichen Tätigkeit) zuweilen wirksam ist, zuweilen nicht, daß in jenem Falle also der Nahrungsspielraum nicht wächst, in diesem Falle aber sehr wohl. Was bleibt also von den „Tendenzen“ im Malthusschen Systeme übrig, wenn wir an ihre Prüfung mit unserm heutigen Wissen herantreten ? Will man ihnen die allgemeine Form geben, die Malthus ihnen geben möchte, so müssen sie so ausgedrückt werden: a) Manchmal besteht die Tendenz der Bevölkerung, zu wachsen, manchmal, stabil zu bleiben, manchmal, sich zu verringern. b) Manchmal besteht die Tendenz, daß der Nahrungsspielraum einschrumpft, manchmal, daß er derselbe bleibt, manchmal, daß er sich ausweitet. c) Manchmal also wird die Bevölkerung die Tendenz haben, den Nahrungsspielraum zu überschreiten, manchmal, ihn auszufüllen, manchmal, hinter den Möglichkeiten, die ihr der Nahrungsspielraum gewährt, zurückzubleiben. Man sieht: auch diese Feststellungen enthalten nicht allzuviel Erkenntnis. 310 Zwanzigstes Kapitel Die ökonomistische Theorie Für die Malthusianer, sahen wir, gibt es kein Problem: wie die nötige Menge Lohnarbeiter zu beschaffen sei. Sie ist immer da. Denn wenn die Bevölkerung die „Tendenz“ hat, den Nahrungsspielraum immer zum mindesten auszufüllen — wie ein unerschöpflicher Strom in das Bett sich zu ergießen, das ihm die Möglichkeit, sich zu ernähren, bereitet —, dann wächst sie also auch immer mindestens im Verhältnis zur Höhe des Lohnfonds an (wahrscheinlich darüber hinaus). Alle Malthusianer sind also ausgesprochene Optimisten gegenüber dem Bevölkerungsproblem des Kapitalismus. Malthusianer und somit Optimisten in dem bezeichneten Sinne waren die „Klassiker“ bis einschließlich J. St. Mill. (Und natürlich auch alle Nachbeter des Malthus in der späteren Zeit, die „historischen“ Nationalökonomen und was sonst noch.) Der Satz von Adam Smith: „the liberal reward of labour . . is the cause (!) of increasing population“ (B. I. ch. 8) blieb maßgebend für alle Ökonomisten. „Hätte ich Nahrungs- und andere Bedürfnismittel zur Verfügung, so würde es mir nicht lange an Arbeitern fehlen, die mich in Besitz mancher von denjenigen Gegenständen setzen, welche mir am brauchbarsten und erwünschtesten sind,“ ruft der von der Malthusschen Idee geblendete Bicardo (XXL Hauptstück) aus in einer Zeit, in der die englischen Baumwollspinner verzweifelt die Hände rangen, weil ihnen die nötigen Arbeitskräfte fehlten. Einen bedeutenden Fortschritt über aiese völlig lebensblinde Auffassung hinaus bezeichnet die Theorie Sismondis. Er hat, wie mir scheint als erster, das Problem der Bevölkerungszunahme mit dem herrschenden Wirtschaftssystem in Verbindung gebracht. Und nicht nur in der Weise, daß er die Gegenbewegung gegen die Bevölkerungsbewegung — die Gestaltung des Nahrungsspielraums — von diesem abhängig machte: das hatten, wie wir sahen, die Klassiker auch schon getan. Sondern indem er die Bevölkerungsbewe- Zwanzigstes Kapitel: Die ökonomistische Theorie 311 gung selbst in funktionale Abhängigkeit von der bestehenden Wirtschaftsverfassungbrachte. Für ihn wird — seiner allgemeinen Haltung entsprechend — das Vermehrungsproblem zu einem Verteilungsproblem. Er läßt die Vermehrung der Bevölkerung bestimmt werden durch den — freien — Entschluß zur Heirat, diesen aber von der größeren oder geringeren Vorsicht und Bedenklichkeit abhängen. Diese sind seiner Meinung nach groß genug bei allen wohlhabenden Klassen, um eine zu starke Vermehrung hintanzuhalten. Dagegen sind sie gering bei der Lohnarbeiterklasse, die niemals ein sicheres Einkommen besitzt und deshalb auch nicht daran denkt, dieses für die Kinder zu erhalten; sie ist deshalb im römischen Sinne „Proletariat“: „ad prolem generandum“ auf der Welt. (N. Pr. Livre VII. ch. II). Der fruchtbare Keim, der in dieser Betrachtungsweise liegt, wurde erstickt durch den doch letzten Endes auch wieder Malthusschen Irrtum, den Sismondiin der Beurteilung wenigstens des Proletariates beibehält. Dieses ist doch immer in beliebiger Menge vorhanden. Der Kapitalismus wird nie Mangel an Lohnarbeitern leiden. Das ist der Zeugungsoptimismus aller Malthusianer, der das Problem der Arbeiterbeschaffung nicht kennt. „La population se mesure toujours, en dernier analyse, sur la demande du travail. Toutes les fois que le travail sera demande et qu’un salaire süffisant lui sera offert, Pouvrier naitra pour le gagner“. N. Pr. 2 2 , 286. Einen Schritt weiter weg von Malthus tut dann Karl Marx, dessen Verdienste um die Entwicklung einer Bevölkerungstheorie zweifellos bedeutend sind. Was Marx sah und leistete über das, was seine Vorgänger gesehen und geleistet hatten, hinaus, ist vornehmlich dieses: 1. betonte er mit Entschiedenheit, daß es nur sinnvoll sei, „Bevölkerungsgesetze“ für bestimmte Zeitabschnitte, also historisch begrenzten Inhalts, aufzustellen. „Ein abstraktes Populationsgesetz existiert nur für Pflanze und Tier, soweit nicht der Mensch geschichtlich eingreift“ („Kapital“ I 4 ,596). Gedacht in diesem Sinne hatten zwar die Bevölkerungstheoretiker, ehe Malthus ihnen das Konzept verdarb, schon immer. Aber die klare und ausdrückliche Feststellung ist doch das Verdienst von Marx. 2. Mit besonderem Bezug auf das Problem der Arbeiterbeschaffung erkannte er den Unterschied zwischen potentieller (biologischer) und aktueller (ökonomischer) Arbeitermasse, einen Unterschied, über den im folgenden Kapitel noch Genaueres festzustellen ist. 312 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte 3. hat er beachtenswerte Feststellungen über „die Entstehung des Proletariats“ gemacht, über deren bedingte Richtigkeit ich schon an anderer Stelle (siehe Band I Seite 792 ff.) mich ausgelassen habe. Dann aber, als es darauf ankam, das „Bevölkerungsgesetz“ für die hochkapitalistische Periode zu formen, ich würde lieber sagen: die Bedingungen und Tendenzen der Bevölkerungsbewegung im Zeitalter des Hochkapitalismus festzulegen, geriet er in den Nebel und verlor die Wegrichtung. Wir werden sehen, wie unbestimmt seine Aussagen sind. Als den Mittelpunkt seiner Bevölkerungstheorie betrachtet Marx selbst „ein der kapitalistischen Produktionsweise eigentümliches Populationsgesetz“ (596), das man als ökonomistische Bevölkerungstheorie bezeichnen kann, weil in ihr der Versuch gemacht wird, die Bevölkerungsbewegung von ihrer biologischen Grundlage loszulösen und als ausschließliche Folge wirtschaftlicher Vorgänge zu deuten. Der Inhalt dieses „Populationsgesetzes“ ist dieser: Die Bevölkerung, das heißt das Proletariat, wächst immer rascher als das Verwertungsbedürfnis des Kapitals; diesem stehen also immer reichliche Arbeitermassen zur Verfügung. Der Beweis für diese These wird mit Hilfe der anderen These geführt, gemäß der jede Akkumulation des Käpitals mit einer Veränderung ln der „organischen“ Zusammensetzung des Kapitals verbunden ist, so zwar, daß das „konstante“ Kapital (c) einen immer größeren Anteil am Gesamtkapital ausmacht, das „variable“ Kapital (v), der Lohnfonds also immer kleiner wird. Wenn aber der Lohnfonds immer kleiner wird, werden immer weniger Arbeiter Beschäftigung finden; Arbeiter werden entlassen werden, und diese bilden die „industrielle Reservearmee“, die „relative Übervölkerung“. Bestimmter läßt sich das „Gesetz“ im Marxschen Sinne nicht fassen, wie ein Überblick über die Stellen, in denen er es formt, ersichtlich macht. Ich setze die wichtigsten hierher. Die Unterstreichungen rühren meist von mir her. Die einfachen Ziffern in Klammern verweisen auf die Seitenzahl des ersten Bandes des „Kapitals“ in vierter Auflage, die Ziffern mit Vorsatz des Bandes auf die übrigen Bände des „Kapitals“. „Die mehr oder minder günstigen Umstände, worin sich die Lohnarbeiter erhalten und vermehren, ändern . . . nichts am Grundcharakter der kapitalistischen Produktion. Wie die einfache Reproduktion fortwährend das Kapitalverhältnis selbst reproduziert, Kapitalisten auf der einen Seite, Lohnarbeiter auf der anderen, so reproduziert die Reproduktion auf erweiterter Stufenleiter oder (!) die Akkumulation das Kapitalverhältnis auf erweiterter Stufenleiter, mehr Kapitalisten auf diesem Pol, Zwanzigstes Kapitel: Die ökonomistische Theorie 313 mehr Lohnarbeiter auf jenem. Die Reproduktion der Arbeitskraft . . . bildet in der Tat ein Moment der Reproduktion des Kapitals selbst. Akkumulation des Kapitals ist also Vermehrung des Proletariats“ (677/78). „Was Mandeville, ein ehrlicher Mann und heller Kopf, noch nicht begreift (vielleicht, weil er beides ist? W. S.), ist, daß der Mechanismus des Akkumulationsprozesses selbst mit dem Kapital die Masse der ,arbeitsamen Armen 1 vermehrt, das heißt der Lohnarbeiter“ (579). „Die disponible Arbeitskraft wird durch dieselben Ursachen entwickelt wie die Expansivkraft des Kapitals“ (609). „Es ist in Buch I weitläufig auseinandergesetzt, wie Arbeitskraft auf Basis der kapitalistischen Produktion immer vorrätig ist“ (2, 503). „In (dem) Wachstum der Produktionsmittel ist . . . eingeschlossen das Wachstum der Arbeiterbevölkerung, die Schöpfung einer dem Surpluskapital entsprechenden und sogar seine Bedürfnisse im ganzen und großen stets überflutenden Bevölkerung von Arbeitern . . . Aus der Natur des kapitalistischen Akkumulationsprozesses . . . folgt . . . von selbst, daß die gesteigerte Masse der Produktionsmittel, die bestimmt sind, in Kapital verwandelt zu werden, eine entsprechend gesteigerte und selbst überschüssige, exploitierbare Arbeiterbevölkerung stets zur Hand findet“ (3 1 , 1981). Und zur Erläuterung bzw. zum Beweise der These: „Das Gesetz, wonach eine immer wachsende Masse von Produktionsmitteln, dank dem Fortschritt in der Produktivität der gesellschaftlichen Arbeit, mit einer progressiv abnehmenden Ausgabe von Menschenkraft in Bewegung gesetzt werden kann — dies Gesetz drückt sich auf kapitalistischer Grundlage, wo nicht der Arbeiter die Arbeitsmittel, sondern die Arbeitsmittel den Arbeiter anwenden, darin aus, daß, je höher die Produktivkraft der Arbeit, desto größer der Druck der Arbeiter auf ihre Beschäftigungsmittel, desto prekärer also ihre Existenzbedingung: Verkauf der eigenen Kraft zur Vermehrung des fremden Reichtums oder zur Selbstverwertung des Kapitals. Rascheres Wachstum der Produktionsmittel und der Produktivität der Arbeit als der produktiven Bevölkerung drückt sich kapitalistisch also umgekehrt so aus, daß die Arbeiterbevölkerung stets rascher wächst als das Verwertungsbedürfnis des Kapitals“ (610). Ich verweise noch auf folgende Stellen, an denen der Gedanke fast immer mit denselben Worten wiederholt wird: 593ff., 596, 602ff., 3 1 , 21 ff. Die Kritik hat gegenüber der Marx sehen Theorie folgendes zu bemerken: Unzweifelhaft richtig ist seine Lehre von der „industriellen Reservearmee“, das heißt die Feststellung einer der hochkapitalistischen Wirtschaft innewohnende Tendenz zur immerfort sich wiederholenden Abstoßung von .Arbeitskräften aus dem Produktionsprozeß. Auch die Erklärung dieser Tatsache, die Marx gibt, ist im wesentlichen richtig: 314 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Vervollkommnung des Verfahrens und Expansionskonjunktur sind die Ursachen dieser periodischen Überzähligmachung von Arbeitern, deren Umfang aus den Ziffern der Arbeitslosenstatistik abgelesen werden kann. Ebenso richtig wie diese Feststellung einer stets sich erneuernden relativen“ Übervölkerung ist, ebenso ungeheuerlich ist der Gedanke, aus denselben Ursachen, die zur Bildung einer industriellen Reservearmee führen, das Wachsen der Durchschnittsgröße des Proletariats ableiten zu wollen. Diese Durchschnittsgröße aber muß wachsen, wenn die Produktion sich ausdehnen, kapitalistisch gesprochen: wenn „akkumuliert“ werden soll. Man kann nicht akkumulieren, ohne daß der Lohnfonds wächst. Denn aus nichts anderem als aus diesem wird akkumuliert. Man kann wirklich die Produktion nicht ausdehnen, indem man immer mehr Arbeiter entläßt. Und schließlich sollten doch auch die Ziffern unserer Berufs- und Gewerbezählungen oder die Statistiken der zur Auszahlung gelangenden Arbeitslöhne uns nicht darüber im Zweifel lassen, daß heute mehr Lohnarbeiter beschäftigt und mehr Arbeitslöhne bezahlt werden als vor hundert Jahren. Die Sache liegt also so: Will man das Marxsche „Populationsgesetz“ für die absolute Zunahme des Proletariats gelten lassen, so enthält es schieren Unsinn; will man es auf die Bildung einer relativen (periodischen) Überzähligmachung von Arbeitern beschränken, so gilt es (als „Tendenz“), ist aber — und das muß nun hinzugefügt werden — als „Populationsgesetz der kapitalistischen Produktionsweise“ unzureichend. Die entscheidenden Vorgänge der Bevölkerungsbewegung berührt es nicht. Es ist eine dogmengeschichtlich nicht uninteressante Frage, die bis heute noch nicht einwandfrei in einem eindeutigen Sinne beantwortet ist und vielleicht angesichts der unbestimmten Ausdrucksweise von Marx nie beantwortet werden kann: wie Marx selbst den Geltungsbereich seines „Gesetzes“ habe abgrenzen wollen. Vor langen Jahren habe ich darüber mit Julius Wolf gestritten; siehe das Archiv Band VI. Wolf hatte in seinem Buche: „Sozialismus und kapitalistische Wirtschaftsordnung“ (1892) angenommen, daß Marx den Unsinn wirklich behauptet habe, das variable Kapital und somit die Lohnarbeitermenge nehme absolut beständig ab. Ich verteidigte Marx und versuchte den Nachweis zu führen, daß Marx immer nur die Bildung einer „relativen“ Uberschußbevölkerung im Sinne gehabt habe. Ich muß heute zugeben, daß der Text bei Marx beide Auffassungen zuläßt. Immerhin lassen sich, wie ich auch heute noch glaube, Gründe dafür beibringen, daß Marx sein Gesetz doch nur für die Bildung der „relativen“ Übervölkerung habe gelten lassen wollen. Zwanzigstes Kapitel: Die ökonomistische Theorie 315 Dafür sprechen zunächst einige Stellen des Textes, an denen er ausdrücklich von der Schaffung einer „relativen, das heißt mit Bezug auf das mittlere Verwertungsbedürfnis des Kapitals überschüssigen Bevölkerung“ spricht; siehe z. B. I 4 , 594, 598. Vgl. auch noch die Stelle in den „Theorien über den Mehrwert“ Bd. II Teil II Seite 243: „Soll die Akkumulation ein stetiger, fortlaufender Prozeß sein, so ist dieses absolute Wachstum der Bevölkerung, obgleich sie relativ gegen das angewandte Kapital abnimmt, Bedingung. Vermehrung der Bevölkerung erscheint als Grundlage der Akkumulation als eines stetigen Prozesses.“ Wichtiger noch und beweiskräftiger scheint mir die Tatsache zu sein, daß Marx selbst das Bedürfnis gefühlt hat, über die absolute Vermehrung des Proletariats Sätze aufzustellen, die mit seinem „Populationsgesetz“ in gar keiner Beziehung stehen. Sie gipfeln im wesentlichen in dem schon bei den Klassikern vorhandenen Zeugungsoptimismus, nach dem, wie wir sahen, die Lohnarbeiter sich mindestens in dem Maße vermehren werden, in dem es ihnen der Arbeitslohn gestattet (siehe z. B. I 4 , 544, Theorien über den Mehrwert II, 2, 243) sowie in der von Sismondi besonders vertretenen, aber auch schon vor ihm geäußerten Ansicht, daß die Bevölkerungszunahme im umgekehrten Verhältnis zur Höhe des Einkommens erfolge, nach dem Satze von Adam Smith: „Poverty seem favourable to generation“. Siehe z. B. I 4 , 607, 608. Neben diesen kritiklos übernommenen Gemeinplätzen finden sich dann bei Marx auch Ansätze zu einer soziologischen Theorie der Bevölkerung, die aber nicht zur Entfaltung gelangt sind; siehe z. B. I 4 , 607. Wir sehen also an dem Beispiele von Marx (dem natürlich alle marxistischere Bevölkerungstheoretiker, wie Kautsky, Loria u. a., gefolgt sind), daß eine rein ökonomistische Theorie, auch wenn sie richtig ist, nicht genügt, um das Problem der Arbeiterbeschaffung aufzuhalten. Dazu bedarf es einer soziologischen Theorie. Ich versuche nun, im folgenden Kapitel zunächst einmal die Fragen zu stellen, auf die eine solche Theorie Antwort geben muß, um dann in den beiden folgenden Abschnitten die Antworten selbst zu geben. 316 Einundzwanzigstes Kapitel Die soziologische Theorie Ich spreche von einer soziologischen Theorie der Bevölkerung, obwohl es vielleicht weder eine Theorie noch etwas Soziologisches ist, was ich im Sinne habe. Wir werden sehen. Zunächst will ich sagen, welche Aufgaben ich einer Lehre von der Bevölkerung stelle. 1. Sie soll sich dadurch von allen anderen Bevölkerungslehren unterscheiden, daß sie allseitig ist. Das heißt: sie muß alle Seiten des Bevölkerungsproblems (im soziologischen Sinne selbstverständlich, denn ohne diese Beschränkung verirren wir uns in Geburtshilfe, Säuglingspflege und Seuchenschutz) in Betracht ziehen, muß alle Umstände berücksichtigen, die auf die Gestaltung der Bevölkerung Einfluß ausüben können und muß alle Wirkungen verfolgen, die von dieser ausgehen können. 2. Diese allseitige Bevölkerungslehre wird zum Ausgangspunkt ihrer Betrachtung die Einsicht nehmen, daß die Bevölkerungsbewegung das Ergebnis des Zusammenwirkens dreier Ursachenreihen ist: a) einer biologisch-technologischen, in der alle diejenigen Einwirkungen enthalten sind, die aus der natürlichen Beschaffenheit der Rassen und Völker und ihrer Zeugungsfähigkeit, aber auch aus den technischen Hilfsmitteln sich ergeben, über die eine Bevölkerung zwecks Verhütung von Tod oder Leben verfügt: Berücksichtigung der Hygiene gehört ebenso hierher wie die der antikonzeptionellen Technik u. dgl. Die zweite Ursachenreihe, von deren Wirkung die Gestaltung der Bevölkerung abhängig ist, ist (b) die psychologische. Hierhin gehören alle Einflüsse, die aus der seelischen Haltung der Menschen für die Bevölkerungsbewegung sich ergeben: Wille zur Fortpflanzung, Stellung zmn Familienproblem, zu den Kindern usw. Die dritte Ursachenreihe endlich, die in Betracht zu ziehen ist, ist (c) die soziologische. Unter den soziologischen Bedingungen, die für die Bevölkerung von Bedeutung sind, stehen natürlich die Verhältnisse der Wirtschaft obenan. Man darf aber nicht nur an den Nahrungsspielraum denken, der durch die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft Einundzwanzigstes Kapitel: Die soziologische Theorie 317 bestimmt wird. Von ebenso großer Bedeutung sind die durch die Eigenart der Produktion und Verteilung geschaffenen Lebensbedingungen. Und es würde selbstverständlich eine durch nichts gerechtfertigte Einseitigkeit sein, wollte man die aus den gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen folgenden Einwirkungen auf den Gang und Stand der Bevölkerung auf den Umkreis der wirtschaftlichen Erscheinungen beschränken. Es ergeben sich unzählige Möglichkeiten der Beeinflussung aus anderen Zusammenhängen her: Stand, Beruf, Partei, Familie, Kirche, Sekte.- Es ist nun die Aufgabe jeder guten Bevölkerungslehre, diese drei Ursachenreihen und innerhalb jeder einzelnen die verschiedenen Ursachenkomplexe zwar in ihrer gegenseitigen Bedingtheit und somit Abhängigkeit voneinander, aber doch — das ist der Springpunkt — in ihrer Eigengesetzlichkeit zu erfassen. Aus diesen Anforderungen ergeben sich ohne weiteres eine Reihe von Grundgedanken, von denen jede lebendige Bevölkerungstheorie getragen sein muß. Erstens und vor allem müssen wir uns klar sein, daß sich über Bevölkerungswesen immer nur zeitlich und örtlich bedingte Aussagen machen lassen. Der Gedanke Marxens, daß es nur historische, keine allgemeinen „Bevölkerungstheorien“ oder, wie er in seiner Sprechweise sagte, „Populationsgesetze“ geben kann, ist durchaus richtig und hat als Grundlage jedes Räsonnements über die Bevölkerung zu dienen. Wie man die zeitliche und räumliche Abgrenzung vornehmen will, hängt vom wissenschaftlichen Takte ab. „Kulturperioden“ werden sich als solche Bereiche am ehesten eignen. Das „Zeitalter des Hochkapitalismus“ ist zum Beispiel eine solche Kulturperiode, die ihre Bezeichnung vom Wirtschaftlichen her empfängt, nicht aber, weil dieses ganz allgemein der primär bestimmende Faktor im Kulturleben ist, wie eine einseitige und falsche Geschichtsphilosophie will, sondern weil es das Schicksal unserer Zeit ist, daß in ihr — und vielleicht für alle Ewigkeit nur in ihr — ein Primat der Wirtschaft besteht. Aber ich glaube, man wird noch weiter gehen müssen als Marx und den Bereich, innerhalb dessen sich allgemeine Sätze über den Gang und Stand der Bevölkerung aussagen lassen, noch weiter einengen und ihn auf einzelne Gruppen der Bevölkerung: Schichten, Klassen, Religionsgemeinschaften usw., beschränken müssen. Jede dieser Gruppen hat ihr eigenes „Bevölkerungsgesetz“ oder hat wenigstens eigenartige Tendenzen, die die Gestaltung der Bevölkerung beherrschen. Es kann hier eine Übervölkerung, dort eine Untervölkerung, 318 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte hier eine starke Bevölkerungszunahme, dort ein Bevölkerungsstillstand oder eine Tendenz zur Abnahme sich beobachten lassen. Allgemeine Aussagen über das Bevölkerungswesen (selbstverständlich immer in dem jeder Bevölkerungstheorie gesteckten Rahmen der Kulturperiode) würden dann also beruhen auf einer Berücksichtigung des Zusammenspiels der einzelnen Bevölkerungskreise. Es könnten unter ganz bestimmten Gesichtspunkten Folgerungen für das Ganze aus den eigenartigen Bedingungen gezogen werden, unter denen die Bevölkerungsbewegung in den einzelnen Kreisen steht. Die Gesichtspunkte richtig zu wählen, unter denen man irgendeine Bevölkerungserscheinung beurteilen will, gehört zu den wichtigsten Aufgaben einer gesunden Bevölkerungstheorie. Eine solche wird sich immer gegenwärtig halten müssen, daß das Bevölkerungsproblem nicht nur eine quantitative, sondern auch eine qualitative Seite hat. Bevölkerungstheorie? Ich denke dnch, trotz alledem. Denn was diesen Betrachtungen das theoretische Gepräge gibt, ist dieses: daß es sich nicht um empirische Feststellungen, sondern nur um die Herausarbeitung von Möglichkeiten handelt, die zu einem System zusammengeschaut werden; daß diese Möglichkeiten nicht in ihrer individuellen Zufälligkeit, sondern in ihrer typischen Gesetzmäßigkeit erfaßt werden; daß sich endlich sogar bestimmte Beziehungen zu „Gesetzen“, das heißt hypothetischen Urteilen über wesensnotwendige Funktionsverhältnisse, formen lassen. Und soziologisch mag diese Art zu sehen heißen, obwohl bei der Erklärung der Bevölkerungsvorgänge auch andere als soziologische Umstände in Rücksicht gezogen werden. Aber der soziologische Gesichtspunkt steht doch im Mittelpunkte, nicht nur weil, wie ich schon ausführte, das Bevölkerungsproblem selber seine Bestimmung erst durch eine soziologische Einstellung findet, sondern auch, weil die verschiedenen anderen Gesichtspunkte, unter denen das Bevölkerungsproblem betrachtet werden muß: der biologisch-technologische und der psychologische, in der soziologischen Betrachtung und mittels dieser erst zur Einheit zusammengefaßt werden. Aber es handelt sich ja an dieser Stelle gar nicht um eine methodologische Neubegründung der Bevölkerungslehre, sondern nur darum, die Aussicht freizumachen für das Spezialproblem, das uns hier beschäftigt: die Herbeischaffung der für die Entfaltung des Hochkapitalismus notwendigen Arbeitskräfte. Wir haben durch die vorangehenden Erwägungen den richtigen Standpunkt gewonnen, von dem Einundzwanzigstes Kapitel: Die soziologische Theorie 319 aus dieses Problem mit der Aussicht auf erfolgreiche Behandlung angegriffen werden muß. Und ich will, ehe ich in die sachliche Erörterung eintrete, nur noch einen kurzen Überblick geben über die Fragen, deren Beantwortung die Lösung jenes Problems erheischt. Der Leser wird durch diese Übersicht besser vorbereitet für das Studium der beiden Unterabschnitte, in denen ich die Antwort auf die verschiedenen Fragen zu geben versuche. Unseren Ausgangspunkt müssen wir nehmen von der Einsicht, zu der auch schon Marx gelangt war, daß es für den Kapitalismus zwei praktische Probleme gibt, oder daß sich sein Problem: woher bekomme ich die notwendigen Arbeitskräfte in doppelter Gestalt gleichsam in zwei Stufen der Erfüllung darstellt: 1. Woher kommt die erforderliche Zahl der Menschen? (Mengenproblem); 2. Woher kommt die erforderliche Zahl der geeigneten Menschen? (Eignungsproblem). Jenes ist die Frage nach der Entstehung des virtuellen, dieses die Frage nach der Entstehung des aktuellen Proletariats. Die Menschenmasse, aus denen geeignete Lohnarbeiter hervorgehen können, besteht entweder aus Unfreien oder Freien. Die Freien wiederum sind zweifacher Herkunft: sie entstammen, wie ich es genannt habe, entweder der Zuschußbevölkerung oder der Überschußbevölkerung. Zuschußbevölkerung nenne ich diejenigen Elemente der Bevölkerung, die ihre wirtschaftliche Selbständigkeit verlieren und einen neuen Erwerb suchen müssen: das sind selbständige Produzenten (Handwerker, Bauern), die gewaltsam aus ihrer Stellung vertrieben werden, oder deren Daseinsmöglichkeit durch widrige Umstände untergraben wird; das sind ferner Existenzen, die zwar nicht selbständige Produzenten, aber doch sonst irgendwie unterhalten waren, so daß sie der Lohnarbeit nicht bedurften, um leben zu können, und die nun durch irgendwelche Verumständung ihren Unterhalt verlieren und dem Kapitalismus anheimfallen. Hierher gehören etwa: entlassene Krieger oder Beamte, nicht mehr unterstützte Almosenempfänger, auf Nebenverdienst angewiesene Familienglieder, die ehedem in der Hauswirtschaft ihre Arbeitskraft verwerten konnten usw. Überschußbevölkerung dagegen nenne ich diejenige Bevölkerungsmasse, die selbständige Produzenten (oder was dem gleich kommt) nicht werden können. Hier handelt es sich also um eine Bevölkerungsschicht, die noch nicht selbständig war, aber auch von der ökonomisch selbständigen Bevölkerung nicht aufgesogen wird, also um Bevölkerungsbestandteile außerhalb, neben den selbständigen Existenzen. Es ist 320 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte ersichtlich, daß diese Mengen durch den Nachwuchs gebildet werden, somit in ihrem Umfange durch den Bevölkerungszuwachs bestimmt werden, sobald die Zahl der selbständigen Produzenten oder sonstwie Erwerbenden keine der Zuwachsrate der Bevölkerung entsprechende Vermehrung mehr erfährt. Das ist auf dem Lande der Fall, wenn die Rodungen aufhören, die Terra libera ihr Ende erreicht, aber auch auf dem besiedelten Gebiete keine weitere Teilung der bäuerlichen Nahrung und keine Ansiedlung von Bauern auf Gutsland mehr stattfindet und die Bevölkerung gleichwohl anwächst. Das trifft im städtischen Erwerbsleben zu, wenn die Handwerke künstlich „geschlossen“ werden oder doch wenigstens schon die Erlangung einer Meisterstelle an erschwerte Bedingungen geknüpft ist. Das trifft nicht minder zu, wenn im Laufe der wirtschaftlichen Entwicklung das Handwerk durch die kapitalistische Konkurrenz auf denjenigen Umfang beschränkt wird, den es einmal einnimmt, oder wenn es gar an Boden verliert, immer unter der Voraussetzung einer zunehmenden Bevölkerung. Überschußbevölkerung ist nun gewiß während der hochkapitalistischen Epoche nicht der gesamte Bevölkerungsüberschuß, der während dieser Zeit zu der in Europa vorhandenen Bevölkerung hinzukommt, weil wesentliche Teile davon namentlich durch die Besiedlung Amerikas und Australiens dem Kapitalismus verloren gehen (obwohl gerade sie dem europäisch-amerikanischen Kapitalismus auf Umwegen wieder von größten Nutzem werden). Im großen und ganzen aber werden wir Vermehrung der Bevölkerung und Entstehung von Überschußbevölkerung im Laufe des 19. Jahrhunderts gleichsetzen dürfen vor allem auch deshalb, weil in derselben Zeit, in der die Bevölkerung anwächst, die Bildung der Zuschuß bevölkerung nicht nachläßt. Zuschußbevölkerung aber, die sich aus einer zuwachsenden Bevölkerung bildet, können wir ebensogut als Überschußbevölkerung ansehen (zum Beispiel Familienangehörige, die von der Familie ausgeschieden werden). Es versteht sich nun nach dem vorhin Bemerkten von selbst, daß wir den Gründen der Entstehung sowohl der Zuschußbevölkerung wie der Überschußbevölkerung in allen ihren Verzweigungen nachgehen, daß wir die biologisch-technischen wie die soziologischen, wie die psychologischen Lagen gleichermaßen auf ihre Wirksamkeit hin untersuchen müssen. Die Fragestellung im einzelnen wird sich im Verlauf unserer Arbeit von selbst ergeben. Dem quantitativen Problem der Arbeiterbeschaffung ist der folgende Unterabschnitt gewidmet. Einundzwanzigstes Kapitel: Die soziologische Theorie 321 Das qualitative Problem der Entstehung des Proletariats als einer für die kapitalistischen Zwecke geeigneten Lohnarbeiterschaft, mit dem sich der dritte Unterabschnitt beschäftigt, erscheint als ein Problem der Anpassung, nämlich der potentiellen Arbeitermassen an die Bedürfnisse des Kapitalismus. Geeignet ist aber eine Bevölkerung erst dann für den Kapitalismus, das heißt Lohnarbeiterschaft werden kann eine Menschenmasse erst dann, wenn sie 1. sich dort befindet, wo sie gebraucht wird (örtliche Anpassung), 2. diejenigen Arbeiten verrichten will und kann, die von ihr verlangt werden (technische Anpassung), 3. zu denjenigen Lohnsätzen arbeitet, die ihre Verwendung für den Unternehmer profitabel erscheinen lassen (ökonomische Anpassung). Man sieht, daß die drei Kapitel des dritten Unterabschnittes diesen drei Einzelproblemen gewidmet sind. Sombart, Hochkapitalismus. 21 322 Zweiter Unterabschnitt Die Beschaffung der Arbeitermasse {Die Entstehung des potentiellen Proletariats) Quellen und Literatur I, Die Unfreien {Farbigen): Hier kommt noch zum großen Teil die umfangreiche Literatur über die echte {Neger-) Sklaverei in Betracht, soweit sie die Zustände bis ins 19. Jahrhundert hinein schildert. Also etwa an hervorragenden Werken: A. Moreau de Jonnes, Recherches statistiques sur l’esclavage colonial. 1842. Beste Statistik der Sklaverei. Edward Gibbon Wakefield A view of the art of colonization, (1849), weist die Bedeutung der Sklaverei für die Entwicklung der Kolonien nach. J. E. Cairnes, The Slave Power. 2. ed. 1863. Henry Wilson, History of the rise and fall of the slave power in America. 4. ed. 3 vol. 1875f. Ernst von Halle, Baumwollproduktion und Pflanzungswirtschaft in den nordamerikanischen Südstaaten. 2 Bde. 1897. 1906. Der erste Band behandelt die Sklavenzeit. A. M. Simons, Klassenkämpfe in der Geschichte Amerikas. 10. Erg.-Heft zur Neuen Zeit. 1911. Vgl. auch die Literaturangaben zum 46. Kapitel des ersten Bandes. Über neuzeitliche Formen der unfreien Arbeit (Kontraktarbeit usw.) ist die Literatur viel weniger ergiebig. In dem allgemeinen Schrifttum über Kolonisation wird das Problem der Arbeiterbeschaffung ziemlich obenhin behandelt. Immerhin findet man einiges bei P. Leroy-Beaulieu, De la colonisation chez les peuples modernes. 6. ed. 2 Vol. 1908. Vgl. auch die unten auf Seite 365 angeführte Literatur. Aus der besonderen Literatur seien genannt: Die große Veröffentlichung des Institut Colonial International: ,,La main d’oeuvre aux Colonies“ Tome I. 1895; enthält nur die „documents officiels sur le contrat de travail et le louage d’ouvrage aux Colonies“ (für die deutschen, belgischen, französischen und niederländischen K.). James Bryce, Impressions of South Africa 1897. Deutsch 1900. Al. Del Mar, History of the Precious Metals. 2. ed. 1902. Max Schippel, Die fremden Arbeitskräfte und die Gesetzgebung der verschiedenen Länder. Neue Zeit XX, 2. 1907. Christian Eckert, Die Bevölkerung tropischer Kolonien insbes. Deutsch-Ostafrikas in Schmollers Jahrbuch 33. Band(1919). Th. Rothstein, Die Engländer in Ägypten. 10. Erg.-Heft zur Neuen Zeit. 1911. E. Bailland, La politique indigene de l’Angleterre en Afrique occidentale (1912); das umfangreiche Werk betrifft im wesentlichen die Vertragspolitik gegenüber den Häuptlingen. R. Luxemburg, Die Akkumulation des Kapitals 1913. 26. Kapitel ff. und die dort angeführte Literatur. K. L. Weigand, Der Tabakbau in Niederländisch-Indien. 1911. Abt. VI. Quellen und Literatur 323 Fritz Weidner, Die Haussklaverei in Ostafrika. 1915. Eine gründliche und ausführliche Arbeit. II. Die freie Zuschußbevölkerung (Auflösung der alten Wirtschaftsverfassungen). Keine allgemeinen Darstellungen. Die Literatur bezieht sich auf einzelne Länder. 1. Großbritannien: Außer den allgemeinen Wirtschaftsgeschichten von Cunningham, Bry, Toynbee u. a. etwa noch P. Gaskell, Artisans and machinery. 1836. Rev. Harry Stuart, Agricultural Labourers etc. 2. ed. 1854. W. Hasbach, Die englischen Landarbeiter in den letzten hundert Jahren und die Einhegungen. Sehr. d. V. f. S.-P. Band 59.1894. Abschließende Darstellung. Rüssel M. Gfarnier, History of the English Landed Interest. 2 vol. 1893; idem, Annals of the British Peasantry. 1908. Weitschweifig, aber stoffreich. H. Levy, Die Not der englischen Landwirte zur Zeit der hohen Getreidezölle; derselbe, Entstehung und Rückgang des landwirtschaftlichen Großbetriebes in England. 1904. In Betracht kommt der erste Abschnitt. J. L. Hamond and Barbara Hamond, The Village Labourer 1760 tili 1832. (1919). War mir nicht zugänglich. 2. Deutschland: G. F. Knapp, Die Bauernbefreiung und der Ursprung der Landarbeiter. 2 Teile. 1887; derselbe, Die Landarbeiter in Knechtschaft und Freiheit. 2. Aufl. 1909. Die Verhältnisse der Landarbeiter in den Sehr. d. V. f. S.-P. Bd. 53—55. 1892; darin vor allem von größter Bedeutung der dritte Band, in dem Max Weber die Lage der Landarbeiter im Osten Deutschlands dargestellt hat. Th. Frh. v. d. Goltz, Die ländliche Arbeiterklasse und der preußische Staat. 1893. M. Sering, Innere Kolonisation. Sehr. d. V. f. S.-P. Bd. 56.1893. Eugen Katz, Landarbeiter und Landwirtschaft in Oberhessen. 1904. Geht bis ins 18. Jahrhundert zurück. Th. Gramer, Kleinbesitz und ländliche Arbeiter in Marsch und Geest des Reg.-Bez. Stade. Tübinger Diss. 1906. Behandelt nur die neuere Zeit. — G. Schmoller, Zur Geschichte der deutschen Kleingewerbe im 19. Jahrhundert. 1870. Zahlreiche Hinweise auf einzelne Monographien finden sich im Text. 3. Verschiedene Länder: a) Belgien: J. Arrivabene, Sur lesconditionsdeslaboureurset ouvriers beiges. 1845. E. Vandervelde, L’influence des villes sur les campagnes. 1898; idem, Aufsätze im Mouvement socialiste. I. 1899 und Archiv XIV. 1899; idem, La propriete fonciere en Belgique. 1900; idem, L’exode rural et le retour aux champs. 1903. Jan St. Lewinski, L’evolution industrielle de la Belgique. 1911. b) Italien: Atti della Giunta per la Inchiesta agraria e sulle condizioni della classe agricola. 15 vol. 1881—1885. Der 15. Band enthält die zusammenfassende Darstellung aus der Feder des Conte Stef. Jacini. c) Rußland: Nicolai-on, Die Volkswirtschaft in Rußland nach der Bauernemanzipation. Deutsch von G. Polansky. 1899. Dazu die beim nächsten Abschnitt genannten Arbeiten P. v. Struves. W. D. Preyer, Die russische Agrarreform. 1914. 21 * 324 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Vielfach befaßt sich mit dem hier in Frage stehenden Auflösungsproblem auch die zum folgenden Unterabschnitte unter II genannte Literatur. III. Die freie Überschußbevölkerung (die Bevölkerungsvermehrung). Da es in diesem Zusammenhänge vor allem auf die Tatsachen der Bevölkerungsstatistik ankommt, so genügt es, die Quellen dieser Statistik zu Bäte zu ziehen, das sind die Veröffentlichungen der statistischen Ämter in den verschiedenen Staaten. Übersichtliche Zusammenstellungen der Ergebnisse dieser Veröffentlichungen enthält das schon mehrfach erwähnte Buch von Sundbärg. Auch die statistischen Jahrbücher enthalten die wichtigsten Angaben. Einige davon, wie das deutsche und amerikanische, bringen auch internationale Übersichten. Die Literatur über die Ursachen der Häufigkeit der Geburten- und Sterbefälle siehe bei Paul Mombert a. a. 0. Vgl. noch das dort nicht genannte, besonders gründliche Werk von Giorgio Mortara, Le popolazioni delle grandi cittä italiane, 1908, sowie die zum vorigen Unterabschnitt angeführte Literatur. Zweiundzwanzigstes Kapitel Die unfreien Arbeitskräfte Wenn ich in einem besonderen Kapitel die unfreien Arbeitskräfte behandle, so bin ich mir bewußt, damit keine streng logische Einteilung des Stoffes vorzunehmen. Wir hatten die Beschaffung der Arbeitskräfte für den Kapitalismus als einen Teil des allgemeinen Bevölkerungsproblems erkannt, das durch die Frage gebildet wird: woher die Arbeitskräfte als biologische Erscheinungen kommen. Und mit derBeantwortung dieser Frage beschäftigen sich in der Tat die beiden folgenden Kapitel. Dagegen weist die Überschrift dieses Kapitels auf ein reines Rechts- problem hin, ohne sich um die populationistischen Ursprünge der fraglichen Arbeitermassen zu kümmern. Aber die Sonderbehandlung dieser Gruppe von Arbeitskräften wird sich rechtfertigen lassen, weil es sich um farbige Rassen handelt, deren Bevölkerungsverhältnisse uns im allgemeinen unbekannt sind. Wir können uns also die Lage so vorstellen, daß der Kapitalismus vor einer gegebenen Menge farbiger Menschen stand, aus der er auf dem Wege des Zwanges sich eine Anzahl herausgeholt hat. Hier hat er nicht abwarten brauchen wie in Europa, bis Teile der Bevölkerung freiwillig in seinen Dienst traten. Die fremden Völker stellten einen Behälter voll mit Arbeitskräften dar, in den er nur hineinzugreifen brauchte, um sie sich dienstbar zu machen. Aber dazu bedurfte er des Zwanges, und er konnte sich dazu des Zwanges bedienen, was ihm in Europa versagt war. Daher die andere Problemstellung. 1. Eine große Masse von Arbeitskräften ist dem Kapitalismus auf dem Wege der echten Sklaverei zugeflossen, als diese noch zu Recht bestand. Denn das Rechtsinstitut der Sklaverei reicht ja bis tief in das Zeitalter des Hochkapitalismus hinein; in zahlreichen Gebieten ist die Sklaverei erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts förmlich aufgehoben worden, und Reste der Sklaverei haben sich bis in die neueste Zeit hinein erhalten. a. Der für die Entwicklung des Hochkapitalismus wichtigste Fall, in der Sklaven verwendet wurden, ist die Baumwollproduktion in den Vereinigten Staaten. Wir müssen uns immer gegenwärtig 326 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte halten, daß die rasche Ausdehnung, die die europäische und namentlich die englische Baumwollindustrie während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfahren hat, natürlich an die Voraussetzung einer entsprechend raschen Ausweitung der Baumwollerzeugung geknüpft war, daß diese aber nur durch eine ebenso rasche Ausdehnung der Negersklaverei ermöglicht worden ist. Die Erfüllung der Südstaaten der Union mit einer nach Millionen zählenden aus Afrika herühergeholten Negerbevölkerung war die notwendige Bedingung, damit der europäische Kapitalismus, der, wie wir noch genauer feststellen werden, nicht zuletzt durch die Entwicklung der Baumwollindustrie in sein Hochstadium hineingetrieben ist, sich so rasch entfalten konnte. Aus dem amerikanischen Zensus lassen sich folgende Zahlenreihen nebeneinanderstellen, aus denen der Zusammenhang zwischen Steigerung der Baumwollproduktion und Zunahme der Neger-(Sklaven-) Bevölkerung ersichtlich ist. Menge der erzeugten Zahl der Neger Baumwolle (in 500 U Ballen) 1790 . 757208 - 1800 . 1002037 73222 1810 . 1377808 177824 1820 . 1771656 334728 1830 . 2328642 732218 1840 . 2873648 1347640 1850 . 3638808 2136083 1860 . 4441830 3841416 Daß ein kleiner Teil der Neger frei war und nicht alle Neger in der Baumwollkultur Verwendung fanden, ändert nichts an der Tatsache, daß sich Baumwollproduktion und Neger Sklaverei gleichen Schrittes entfaltet haben. b. Verglichen mit dem Umfang der Sklaverei in den Vereinigten Staaten, tritt die Bedeutung der Sklavenarbeit in den übrigen Ländern zurück. Immerhin weist die Statistik in den 1840 er Jahren noch folgenden Bestand an unfreien Arbeitern auf: in den Sklavenkolonien sämtlicher europäischen Staaten, in Brasilien und am Kap der Guten Hoffnung betrug die Zahl der Sklaven 3411354 oder 57% der gesamten Bevölkerung, von der die Freigelassenen 18% ausmachten (Al. Moreau de Jonnes, a. a. O. S. 52.) c. Die Sklaverei wurde gesetzlich in den englischen Kolonien schon 1833, in den französischen Kolonien 1848, in den Vereinigten Staaten 1864 aufgehoben. In den übrigen Ländern bestand sie weiter, in Kuba Zweiundzwanzigstes Kapitel: Die unfreien Arbeitskräfte 327 bis 1880, in Brasilien bis 1888, inÄgypten bis 1895, und im Innern Afrikas, kann man sagen, bestellt sie noch. Die europäischen Mächte haben verschiedene Maßnahmen getroffen, um den (Neger-) Sklavenhandel zu bekämpfen (Brüsseler Antisklavereiakte von 1890 u. a.); doch ist die völlige Beseitigung dieser Einrichtung bis heute nicht gelungen. In Ostafrika besteht noch heute eine Art von Sklaverei zu Recht — bei Muselmanen wie Negern —, die man ihres milden Gepräges willen als „Hörigkeit“ oder „Haussklaverei“ zu bezeichnen beliebt. Die letzten Zählungen (oder Schätzungen) vor dem Kriege ergaben einen Sklavenbestand in Zanzibar von über 50 % der Bevölkerung, in Britisch-Ostafrika von 70%, in Deutsch-Ostafrika von 205000 Köpfen. „Die gesamte Nelkenkultur in Zanzibar beruhte auf der Sklaverei, ferner die Zucker- und Reispflanzungen vonPangani und amRufidji, die Kultur der Kokospalme usw.“ Fritz Weidner a. a. O. Seite 36ff., 145. Sogar die Sklavenjagden und Sklavenausfuliren aus Ostafrika haben jedenfalls bis 1888 in voller Blüte gestanden; a. a. O. Seite 64ff., 91 ff. Wie lange und in welchem Umfange der Kolonialkapitalismus von der echten Sklaverei auch in der neueren Zeit Nutzen gezogen hat, wird sich ziffernmäßig schwer feststellen lassen. Immerhin steht außer Zweifel, daß sie ihm bei der Beschaffung der nötigen Arbeitskräfte große Erleichterungen gewährt hat. „Colonial slavery in its various forms has been the principal means of raising that great produce for exportation, for which prosperous colonies are remarkable. Until lately, nearly the whole of the exported produce of the United States, consisting of sugar, rice, tabacco and cotton was raised by the combined and constant labour of slaves; and it could not have been raised under the circumstances by any other means. The like cases of the West India and Brazil would have occurred to you without being mentioned.“ Wakefield, a. a. O. S. 176. Die Bedeutung der Sklaverei für den Aufbau des Hochkapitalismus können wir uns am ehesten ins Gefühl bringen, wenn wir an das Zustandekommen größerer Werke denken. Zum Beispiel an die Tatsache, daß der Suezkanal noch von echten Sklaven erbaut ist. In dem Vertrage, den Lesseps mit dem Kediven abschloß, war die kostenlose Lieferung von 20000 Fellachen vorgesehen, die erst später gegen eine Geldzahlung von 67 Mill. Franken abgelöst wurde. Auch die ägyptische Baumwollkultur mitsamt ihren Bewässerungsanlagen ist mit Sklavenarbeit ins Leben gerufen. Im Jahre 1848 zählte die der Zwangsarbeit unterliegende Bevölkerung in Ägypten noch 684000 Köpfe, 1880 188000. Nach englischen Blaubüchern. Th. Rothstein a. a. O. Seite 20. Sehr interessante Schlüsse lassen sich auch aus den Gesetzen und Verordnungen ziehen, die in neuerer Zeit zum „Schutze der Eingeborenen“ erlassen werden. Aus ihnen spricht die Tatsache, daß fast überall in den tropischen Kolonien noch heute irgendwelche Formen der Unfreiheit er- 328 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte halten sind. Siehe die Zusammenstellung in der oben angeführten Veröffentlichung des Internationalen Kolonialinstituts. 2. Man würde nun aber irren, wenn man glaubte, daß nach Aufhebung der Sklaverei auf dem Gesetzeswege die unfreie Arbeit aufgehört hätte zu bestehen. Sie nahm nur andere Formen an. Eine dieser Formen war die sogenannte Kontraktarbeit. In den 1860er Jahren erfuhr die Welt zuerst von diesem neuen System, das bei dem Verkehr zwischen den Südseeinseln, Neukaladonien und den Niederlassungen der Weißen auf Fidji zur Anwendung gelangte. Es wurden Arbeitskräfte auf Grund langfristiger Verträge angeworben. „Ursprünglich scheint es sich um wirklich freiwillige Verträge gehandelt zu haben, aber bald wandten (die) Händler Betrug und Gewalt an. Man lockte die Eingeborenen unter falschen Vorspiegelungen auf die Arbeitsschiffe und behielt sie wider ihren Willen zurück, oder man ergriff sie am Ufer oder in ihren Kähnen und schleppte sie an Bord. Man erklärte ihnen die Natur ihrer Pflichten und Rechte aus dem ihnen aufgezwungenen Arbeitsverhältnis nicht genügend und mietete sie auf längere Fristen als die gesetzlich gestatteten.“ Der Wirkungskreis dieses neuen Systems wurde bald erweitert. 1884 lenkte der berüchtigte Hopeful-Prozeß die öffentliche Aufmerksamkeit in hohem Maße auf den queensländischen Handel mit Südseeinsulanern. Aber auch über das Gebiet der Südsee griff die Kontraktarbeit hinaus, und das System wurde namentlich in den englischen Besitzungen ganz allgemein verbreitet. Von den Zuständen im Anfang dieses Jahrhunderts entwirft ein kundiger Beobachter folgende Schilderung: „The System of employing contract labourers, Indians, Chineses, Malays, Kanakas and Africans . . . prevails to-day in nearly all the British de- pendencies, from Mysore (Madras) to Honduras, and from Borneo to Johannesburg. A recent writer in a London periodical, describing a British tobacco estate in Borneo, represents the manager as being constantly employed in devising means to prevent the scape of the ,coolies‘, who seize every opportunity to regain their freedom, each escape ,meaning a loss of about £ 8 to the estate 1 . . . These properties (the mines) are worked by natives, who are practically bought- from headmen for a premium and forcibly condemned to work in the mines for a pittance which is scarcely sufficient to keep them alive and cover their nakedness.“ Del Mar, a. a. 0. S. 429/30. Kontraktarbeiter, meist Chinesen, verrichten in immer größerem Umfange die Arbeit auch in Niederländisch-Indien. So betrug die Zahl der in die Tabakplantagen in Deli überführten Kulis 1888 erst 1152, 1908 bereits 9462. Die Arbeiter werden häufig von der Familie geliefert. K. L. Weigand, a. a. 0. Seite 104ff. Zweiundzwauzigstes Kapitel: Die unfreien Arbeitskräfte 329 Ein Land, in dem die neuzeitliche Form der Sklaverei ein besonders reiches Feld der Betätigung gefunden hat, ist Südafrika. Sowohl die Diamantgruben wie die Goldbergwerke sind von solchen „Kontraktarbeitern“, die tatsächlich nichts anderes als Sklaven sind, ausgebeutet worden. Von den Zuständen in den Diamantgruben entwirft James Bryce ein anschauliches Bild in einem Bericht, den er über eine Beise in jene Gegenden verfaßt hat: in dem Kimberley-Distrikt finden sich Angehörige aller Stämme Afrikas zusammen. Es sind zwar formell „freie“ Lohnarbeiter. Aber sie werden wie Sklaven gehalten in den sog. „Compounds“. Das sind „ungeheure Einfriedigungen ohne Dach, aber mit einem Drahtnetz überspannt, um zu verhindern, daß etwas über die Mauern geworfen wird“. Wir würden heute sagen: „Konzentrationslager“. „Alle Eingänge werden streng bewacht und keine Besucher, weder Eingeborene noch Weiße, erhalten Zutritt; die Lebensmittel werden von einem innerhalb der Mauern befindlichen der Gesellschaft gehörigen Laden geliefert.“ James Bryce, a. a. 0. S. 206. „Angeworben“ werden diese Arb eitermassen, nachdem man ihnen alles Land und alles Vieh, also die Möglichkeit einer eigenen Wirtschaft, vorher weggenommen hat. Der kürzeste Weg zur Erzeugung einer „Zuschußbevölkerung“. Viel größer aber als der Arbeiterbedarf der Diamantgruben war der der Goldminen. Während Bryce in den Pfergen der größten Diamant- gruben-Gesellschaft nur 2600 Arbeiter antraf, weist die Statistik folgende Vermehrung der Bergleute in den Goldgruben Südafrikas auf: 1887 . 1000 1894 60000 1888 . 5000 1895 60000 1889 . 10000 1896 65000 1890 . 15000 1897 80000 1891 . 20000 1898 120000 1892 . 40000 1899 100000 1893 . 45000 Ziffern bei Del Mar, Hist, of Prec. Met., 2. ed., p. 296. Während bis zum Zeitpunkt, an dem diese Statistik endet, das Arbeitermaterial aus Afrika selbst herbeigeschafft war, griff man seit dem Beginne des 20. Jahrhunderts bei immer mehr sich ausweitendem Bedarf nach Indien und China hinüber und holte sich von dort „Kontraktarbeiter“, die sich in einer noch viel unfreieren Lage als die Einheimischen befanden. Von einer Kündigungsbefugnis dieser meist auf drei Jahre an- geworbenen Coolies war insofern keine Rede, als alle andern Erwerbsgelegenheiten ihnen versperrt waren. Der Kontraktarbeiter kann höchstens dann nach China zurück, wenn er seinem Anwender die Zuführungs- wie die Rücktransportkosten auf Heller und Pfennig vergütet hat. Zur Unterbringung dieser Asiaten wurden besondere Massenquartiere geschaffen, aus denen der Austritt nur auf kurze Zeit gegen Erlaubnisschein möglich war (und ist). Die Kulizufuhr fängt 1904 an. Die Zahl der Chinesen erreichte im Oktober 1906 ihre Höchstziffer mit 53134. Vgl. Max Schippel, Die fremden Arbeitskräfte usw. Seitdem hat man die Kontrakte nicht wieder erneuert, und dieChinesen sollen seit 19.10 ganz vom Witwaterstrand verschwunden sein. 330 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Es verdient immerhin der Erwähnung, daß einzelne Kolonien, wie namentlich Australien, ihren ersten Aufschwung der Zufuhr von Strafgefangenen verdanken. Siehe z. B. P. Leroy-Be aulieu, op. cit. 2 5 (1902), 364ff. 3. Ein drittes System der unfreien Arbeit, das wir aus dem Zeitalter des Frühkapitalismus her kennen (siehe Band I Seite 697), hat sich bis in unsere Zeit im Schwange erhalten: das System des indirekten Zwanges, des Produktionszwanges, das zuerst in den holländischen Kolonien zur Anwendung gelangt und unter dem Namen des Systems van den Boschs bekannt geworden ist. Es besteht in einer Art von Fronoder Abgabenpflicht, die den Erzeugern auferlegt wird zur Lieferung bestimmter Mengen von Produkten. Das System van den Bosch ist in den holländischen Kolonien in seiner ganzen Strenge zur Anwendung gelangt in den Jahren von 1830 bis 1850. Seitdem ist es mehrfach geändert, das heißt gemildert worden: die Fronden sind fest begrenzt und verringert. Aber es hat weiter fortbestanden und ist von anderen Nationen übernommen worden. So besteht es im Kongostaal als „devoir du caoutchouc“, c’est-ä-dire l’obligation pour chaque village, dans les regions, oü poussecette plante, d’en fournir regulierement une rpiantite determinee aux agents de l’Etat“. P. Leroy-Beaulieu, op. cit. 5. ed., 1, 363. Über dieses Fronarbeitssystem unterrichtet uns der Bericht eines Augenzeugen genauer, wie folgt: „A modified slavery has been established; the people are compelled to seil their rubber or ivory to the State for what lt chooses to give; and their land have been added to the public domain . . . They are at the mercy of Europeans who consider themselves entitledto all the ivory, rubber and other produce that the natives cän be induced, by any process, to bring them . . .“ Bericht des Rev. John B. Murphy, mitgeteilt bei Del Mar, a. a. 0. S. 301. 331 Dreiundzwanzigstes Kapitel Die freie Zuschußbevölkerung (Die Auflösung der alten Wirtschaftsverfassungen) Die freie Zuschußbevölkerung im Zeitalter des Hochkapitalismus ist entstanden durch die Auflösung der alten Wirtschaftsgemeinschaften, in denen bis zum Ende der frühkapitalistischen Periode die Menschen gelebt hatten. Die Auflösung war eine Folge des Vordringens modern- rationaler Wirtschaftsgrundsätze in Gesetzgebung, Verwaltung und Wirtschaftsführung, des Erstarkens der kapitalistischen Produktionsweise und — was für die Landwirtschaft entscheidend wichtig ist — der zunehmenden Intensivierung der Wirtschaft, die wir als eine allgemeine Erscheinung in England seit der Mitte des 18., iii Kontinentaleuropa seit Beginn des 19. Jahrhunderts bereits feststellen konnten. Die Gemeinschaften aber, um deren Auflösung es sich handelt, sind die Dorfgemeinschaften, die Arbeitsgemeinschaften auf den Gütern, in den größeren Bauernwirtschaften und im Handwerk, endlich — ganz allgemein — die Hausgemeinschaften. Wir verfolgen den Auflösungsprozeß nach diesen drei Richtungen hin. I. Die Auflösung der Dorfgemeinschaften Durch die Auflösung der Dorfgemeinschaften wird die Grundlage erschüttert, auf der das Dasein der kleinsten Bauernwirtschaften geruht hatte. Ich habe im zweiten Bande dieses Werkes (siehe das 40. und 41. Kap.) sehr ausführlich die alte Agrarverfassung geschildert, wie sie sich in den europäischen Staaten ziemlich gleichmäßig bis zum Ende des frühkapitalistischen Zeitalters erhalten hatte. Wir haben dort feststellen können, daß die Siedlungsverhältnisse auf dem flachen Lande, vor allem das Dasein einer breiten Schicht von Zwergbauern, zur Voraussetzung ein kunstvolles System von Erwerbsmöglichkeiten verschiedenster Art hatten. Die große Zahl kleinster Bauernwirtschaften vermochte sich nur zu erhalten dadurch, daß sie (1.) Anteilsrechte an dem Gemeindebesitz und zahlreiche Nutzungsrechte gemeindlichen 332 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Charakters genossen, (2.) Nebenerwerb in gewerblicher Tätigkeit fanden, (3.) Gelegenheits-(Saison-) Arbeit in größeren Bauern- und Gutswirtschaften verrichteten. Es ist nun das entscheidende Ereignis, daß seit dem Beginn des hochkapitalistischen Zeitalters diese Quellen, aus denen die Kleinen ihren Unterhalt bestritten hatten, sämtlich versiegen, und daß damit die wirtschaftliche Existenz weiter Kreise der ländlichen Bevölkerung in ihren Grundlagen erschüttert wurde. Diese Entwicklung müssen wir uns in ihrem Verlauf klarzumachen versuchen. 1. Die Wirkungen der Agrarreform Wir haben gesehen (siehe das zweite Kapitel dieses Bandes), daß in allen Ländern gleicherweise die moderne Agrargesetzgebung die Herausschälung der einzelnen Guts- und Bauernwirtschaften zum Ziele hatte. Um dieses Ziel zu erreichen, mußten die alten Gemeindeländereien aufgeteilt, mußten die zahllosen Nutzungsrechte, die die kleinbäuerlichen Wirte an dem Besitze der Größeren gehabt hatten, beseitigt werden. Dies gilt, wie gesagt, für alle europäischen Länder. Sicher in sehr verschiedener Stärke in den verschiedenen Ländern — in den großgrundbesitzlichen Gebieten radikaler als in den kleinbäuerlichen —, an den einzelnen Orten zu sehr unterschiedlichen Zeiten einsetzend — man braucht nur einen Blick auf die einschlägigen Agrargesetze der einzelnen Staaten zu werfen —, ganz gewiß aber überall von mehr oder weniger großem Einfluß auf die Proletarisierung der Kleinbauern und ländlichen Arbeiter ist diese Auflösung des alten Dorfverbandes — denn er ist es doch im Grunde, den wir in jedem einzelnen der erwähnten Anteil- oder Nutzungsrechte wiedererkennen — gewesen. Das ist das übereinstimmende Urteil aller Sachkundigen, und es bildet eine ständige Abteilung in der einschlägigen Literatur, namentlich in der Zeit, als sich die ersten Wirkungen fühlbar machten. Es mögen hier einige der Gewährsmänner selbst zu Worte kommen: 1. Deutschland Besonders lebendig ist die Schilderung, die uns Pastor Funke von den Nachteilen entwirft, die die Markenteilung, wie er die agrarische Reformgesetzgebung zusammenfassend nennt, für die Heuerleute im Fürstentum Osnabrück im Gefolge gehabt habe. „Solange noch“, heißt es, „eine freie Benutzung der Strecken stattfand, nahmen die Heuerleute an allen Vorteilen, welche dieselbe gewährte, teil. .. (Es) lebten . . . viele Heuerleute fast ganz aus der Mark. Das Vieh wurde in günstigen Jahren schon im April in die Mark getrieben und ernährte sich selbst Dreiundzwanzigstes Kapitel: Die freie Zuschußbevölkerung 333 bis gegen Martini. Nur das milcheVieh wurde noch etwas, oft auch nicht einmal im Stalle zugefüttert. Leicht konnten auf diese Weise Rinder zum Verkaufe und zu eigenem Bedarfe aufgezogen werden. Auch war mit geringer Nachfütterung im Stall leicht ein Stück Vieh für den Haushalt oder auch für den Verkauf gemästet. Aus der Butter wurde ebenfalls mancher Taler gemacht. In Bruchgegenden (um Hunteburg, an der unteren Hase) wurden Gänse oft in großer Menge gehalten, 30, 40, ja 60 Taler wurden daraus gemacht. . . Früher, so sprach noch vor kurzem ein Bewohner des hiesigen Kirchspiels, wußten wir es nicht anders, als daß die Heuer aus den Gänsen gemacht werden mußte, wogegen wir j etzt gar keine mehr halten können. . . Auch die Schweinezucht ist durch die Markenteilung beeinträchtigt; .. . (sie) kann . . . gegenwärtig wohl dem Kolonen, der große eingefriedigte Räume besitzt, nicht aber dem Heuermanne, der die Schweine das ganze Jahr im Stalle füttern muß, Vorteil bringen. Früher liefen die Schweine bei offenem Wetter, wenn das andere Vieh bereits zu Hause blieb, umher und suchten sich unter den großen, jetzt aber verschwindenden Eichbäumen.. . selbst im Winter zum großen Teil ihre Nahrung. Große Schweineställe, deren Rudera an den Horsten und Brüchen noch jetzt als Denkmäler einer für die Schweinzucht günstigen Zeit hier und da gefunden werden, nahmen bei Nacht die zahlreichen Herden von Schweinen auf, welche sich bei Tage ihre Nahrung suchten. Wie leicht konnten damals Heuerleute nicht bloß Schweine zu eigenem Bedarf und zum Verkauf mästen, sondern sie auch selbst aufziehen, was jetzt gar nicht mehr oder nur in günstigen Verhältnissen geschehen kann .. . Aber nicht bloß an Weide, sondern auch an anderen Nutznießungen aus der Mark haben die Heuerleute bedeutend verloren. Der freie Plaggenhieb war für die Düngung von großem Werte; in Moorgegenden gab die Mark nicht bloß freien Brand, sondern auch Gelegenheit, aus dem Torf etwas Geld zu machen . . . Auch die Holzungen brachten manche Vorteile. Sprickholz wurde zum Brennen gesucht und das Laub zur Düngung benutzt, und von Eicheln und Buch ernährten sich oft noch im Winter die Schweine.“ All’ diese Wohltaten, so klagt der Verfasser, sind nun dem Heuermanne genommen, während er von den unleugbaren Vorteilen, die mit der Aufteilung der Marken verbunden waren, nichts besehen hat; „dabei (sind) die Heuerleute leer ausgegangen“. G. W. L. Funke, Über die gegenwärtige Lage der Heuerleute im Fürstentum Osnabrück usw., 1847. (S. 33). Für die Rheinprovinz wird in gleicher Weise zunächst festgestellt, daß insbesondere die Forstnutzungen, Streuwerk und Gras, „für die Tagelöhnerfamilien auf dem Lande von der höchsten Wichtigkeit (sind), indem die letzteren nur durch Beihilfe von Futter und Streuwerk aus dem Walde imstande sind, eine Kuh zu ernähren“. Großholz, Über den großen Nutzen der Waldkultur usw. in der Zeitschrift des landwirtschaftlichen Vereins für Rheinpreußen, 1851, S. 257. Dann wird aber schonMitte des J ahrhunderts über starke Beschränkung der Gemein- und Kommunalländereien, z. B. auf dem Hunsrück, geklagt und von den Einwohnern des Sieg-Kreises berichtet, daß sie „einen wesentlichen, sehr drückenden Verlust. . . durch ■das Aufhören der Waldmast“ erlitten haben. A. von Lengerke, Land- 334 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte wirtschaftliche Skizzen von Rheinpreußen. 1853, S. 114. „Hierdurch ist“, heißt es bei Lengerke a. a. 0. S. 74 weiter, „zuerst die früher blühende Schweinezucht zugrunde gerichtet.“ Dasselbe Bild im Osten der preußischen Monarchie. Aus Pommern wird berichtet: Die Lage der Häusler und Kolonisten ist wesentlich verändert dadurch, „daß die wenigen Kühe dieser kleinen Wirte, die früher auf die Gemeindeweide getrieben wurden, nach ausgeführter Separation im Stalle gefüttert werden müssen“. „Im allgemeinen.. ist diese Klasse der bäuerlichen Tagelöhner durch das Verschwinden der Gemeindeweiden benachteiligt worden, indem ihnen die Vorteile des Austreibens einer Kuh verlustig gingen.“ A. Padberg, Die ländliche Verfassung in der Provinz Pommern, 1861, S. 139/140. Übrigens wurde dieser Umstand als eine der nachteiligen Folgen der Separation amtlicherseits hervorgehoben in dem Bericht, den der Geh. Oberfinanzrat von Viebahn auf der 20. Versammlung deutscher Land- und Forstwirte zu Braunschweig 1859 erstattete. In Schlesien sind die Freigärtner und Häusler bei der Ablösung nach § 8 der G. T. 0. vom 7. Juni 1821 benachteiligt, desgleichen die kleineren Stelleubesitzer insbesondere durch den Landtagsabschied von 1831, betreffend Aufhebung der Sichelgrubenberechtigungen, alle kleinen Leute auf dem Lande durch die Ablösung der Raff- und Leseholz-, der Waldstreuberechtigungen usw. J. C. F. Frenzei, Praktische Ratschläge (1849), S. 8ff. Waren die Stellenbesitzer und Lohnarbeiter im Dorfe vor allem durch die Aufteilung der Gemeindeweide und den Fortfall der Nutzungsrechte geschädigt worden, so hatte die Agrarreform doch auch viele klein-bäuerliche Wirte in eine Notlage gebracht. Diese waren mit einer Ablösungssummebelastet, deren AufbringungeineintensivereBewirtschaftung erheischt hätte, als sie sie mit ihren beschränkten Mitteln durchzuführen imstande waren. So wurden sie ebenfalls vielfach zur Aufgabe ihres Besitzes genötigt. Allen diesen Nöten der Kleinen standen nun das gesteigerte Wollen und Können der Großen gegenüber. Die aufsteigende Konjunktur reizte zum Übergang zur intensiven Wirtschaft, vor allem zur Ausdehnung des Getreidebaues. Die Wirtschaftsführung der Gutswirtschaften nimmt ein neues Gepräge an: der Grund und Boden verwandelt sich in einen „Rentenfonds“, die Bedarfsdeckungswirtschaft geht in die Erwerbswirtschaft über. Wir vermögen das an dem häufigen Besitzwechsel zu erkennen. Nach einer Statistik, die Rodbertus mitteilt, betrug in den preußischen Provinzen Kur- und Neumark, Ostpreußen, Pommern, Schlesien, Sachsen und Westfalen die Zahl der Rittergüter.11771. Diese unterlagen in dem Zeiträume von 1835—1864 Vererbungen. 7903 freiwilligen Verkäufen . . . 14404 notwendigen Subhastationen 1347. Dreiundzwanzigstes Kapitel: Die freie Zuschußbevölkerung 335 Mithin Besitzveränderungen überhaupt 23 654, das heißt 200,9 %, wovon, wie ersichtlich, weit über die Hälfte freiwillige Besitzveränderungen sind. K. Rodbertus, Zur Erklärung und Abhilfe der heutigen Kreditnot des Grundbesitzes, I (1876), Anhang. Von den größeren Gütern Ostpreußens gehörten 1885 nur 154 oder 12,8% zum „alten“ Grundbesitz, das heißt waren länger als 50 Jahre in einer Familie. Also hatten seit 1835 77,2% ihren Besitzer gewechselt. J. Conrad, Agrarstatistische Untersuchungen in seinen Jahrbüchern, III, F. 2, 831. Die Geldmittel, die Wirtschaft zu intensivieren, standen eben reichlich zur Verfügung. Da waren zunächst die Ablösungssummen, die die befreiten Bauern zu bezahlen hatten; man hat ihren Betrag im alten Preußen auf 260 Millionen Mark berechnet. Dann aber setzte die Verschuldung des Grundbesitzes ein, die in Deutschland — im Gegensatz zu England, in dem das Pachtverhältnis vorherrschend war — die Form war, die Landwirtschaft mit Kapital zu befruchten. So betrug beispielsweise die Höhe der Pfandbrief schuld in den alten preußischen Provinzen: 1805 = 53891638 Taler, 1825 = 83141365 „ 1845 = 108415763 „ 1867 = 186601893 „ Jahrbuch für die amtliche Statistik des preußischen Staates I (1863), 179; III (1869), 85. In den Jahren 1865 bis 1875 stieg dann die Verschuldungshöhe um weitere 123 Millionen Taler, in den Jahren 1875 bis 1885 abermals um 132 Millionen Taler. H.St, l 1 , 58. Für die Anfänge der modernen landwirtschaftlichen Entwicklung, insbesondere für die 1840 er und 1850 er Jahre liegt über sechs Kreise verschiedener preußischer Provinzen eine im Justizministerium gefertigte genaue Nachweisung aller Hypothekenschulden vor, die folgendes Bild gibt. Es betrug in jenen sechs Kreisen die Schuldenlast sämtlicher Güter, deren Hypothekenverhältnisse klar ersichtlich waren: 1837 = 5498284 Taler, 1847 = 8787280 „ 1857 = 11076974 „ Sie erlitt also eine Verdoppelung in zwanzig Jahren. Jahrbuch 1, 185. So darf es uns nicht wundernehmen, wenn wir in den nächsten beiden Menschenaltern nach den Freiheitskriegen in allen Teilen Deutschlands von einer Bewegung zur Aufsaugung kleiner Wirtschaften durch die Großen hören. In Hessen „entstanden größere Betriebe, wie sie vorher nie in diesen Gegenden bestanden hatten“. Die Abnahme der selbständigen Bauern betrug in Oberhessen von 1846 bis 1856 mehr als 7%. Ganze Dorf- schaften verschwanden. InHübners Jahrbuch für Volkswirtschaft und Statistik (1855) heißt es z. B., daß Ende 1853 dasDorf Wernings seit 8—10 Jahren ganz verschwunden sei, da die Bauern ihre Besitzungen an den Grafen 386 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte von Solms-Laubach verkauft hätten; ähnliches wird von zwei anderen Ortschaften in Hessen berichtet. Eugen Katz, Landarbeiter und Landwirtschaft in Oberhessen (1904), 29f., 39. Ygl. W. Mönckmeier, Die deutsche überseeische Auswanderung (1912), 39f. Dasselbe erfahren wir aus Nord- und Ostdeutschland. Uber die Verschiebungen in den östlichen Provinzen Preußens gibt uns die Statistik Aufschluß. Hier haben sich die bäuerlichen Besitzungen in den Jahren von 1816 bis 1859 um 5111 Stellen mit 1356604 Morgen Landes verringert; in Pommern und Schlesien war dieser Eückgang besonders stark: hier betrug er 13,18 und 12,80% der gesamten landwirtschaftlichen Fläche. Vgl. Sering, Innere Kolonisation im östlichen Deutschland. Sehr. d. V. f. S.-P., Bd. 56 (1893), 67ff. Aber auch von den 1850 er bis in die 1880 er Jahre sind in Schlesien noch mehr als 100000 ha Bauernland durch Auskauf zu den Großbetrieben geschlagen worden. Sering in den Landw. Jahrb.,Bd. 39, Erg.-Bd. 4, S. 615 und 627. 2. England Die Entwicklung der Agrarverfassung in England ist besonders lehrreich, weil die Auflösung zuerst sich hier zeigt, und weil der Einfluß, den der Übergang zur modernen Landwirtschaft auf die Umgestaltung der Betriebsverhältnisse ausübt, sich ohne jede ideologische Verbrämung wie in Deutschland bemerkbar macht. Eine besondere Note erhält die Entwicklung in England durch das starke Vorwiegen des Pachtverhältnisses. Die ziemlich verwickelten Verhältnisse weisen etwa folgende Grundzüge auf: I. Seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts beobachten wir ein rasches Ansteigen der Agrarproduktenpreise, seit der Mitte des Jahrhunderts vor allem der Getreidepreise: eine Folge der zunehmenden gewerblichen Produktion und Städtebildung. Dieses Steigen der Getreidepreise führt zu einer stetigen Ausdehnung des Getreidebaues auf Kosten des Weidelandes. Forbes spricht schon im Jahre 1778 von der „allgemeinen Leidenschaft Weizen zu bauen“. Siehe weitere Zeugnisse bei Levy, Entstehung, S. 17ff. Die steigenden Preise ermöglichen und veranlassen den Übergang zu intensiverem Anbau: seit der Mitte des Jahrhunderts entwickelt sich die „rationelle“ Landwirtschaft in England. Die unmittelbare Folge der zunehmenden Intensität ist das Steigen der Grundrente und der Pachtpreise, namentlich seit dem Ende des Jahrhunderts. Bis 1795 hatten die Bodenpreise sich in einzelnen Grafschaften wohl erhöht, in vielen anderen aber waren sie gleichgeblieben seit der Revolution. In den Jahrzehnten von 1795 bis 1833 verdoppeln sie sich oder steigen sogar auf ein Vielfaches ihrer ursprünglichen Höhe. War 1795 der Bodenertrag Schottlands auf 2000000 £ geschätzt, so bezifferte er sich 1815 auf 5278685 £. Eine Farm in Essex, die vor 1793 zu 10 sh. pro acre verkauft war, brachte 1812 (nach dem Kriege!) 50 sh., 1818 immer noch 35 sh. ■ pro acre. In Berks und Wilts war der Wert des acres von 14 sh. im Jahre -1790 auf 70 sh. im Jahre 1810 gestiegen und hielt sich auf 50 sh. im Jahre 1820. Charakterisiert wird auch in England diese Hausseperiode durch häufigen Besitzwechsel. Arnold Toynbee, Ind. Rev. (1896), 92. Andere Dreiundzwanzigstes Kapitel: Die freie Zuschußbevölkerung 337 Zahlenangaben bei Levy, Not, 6/7. Im allgemeinen kann man annebmen, daß die Pacbtrente von den 1790 er Jahren bis zum Ende der napoleonischen Kriege auf das Doppelte und Dreifache, oft auf das Vier- und Fünffache dessen stieg, was sie in den 1770er Jahren betragen hatte. Arthur Y oung berechnete die gesamte englische Grundrente 1776 auf 16 Millionen £, McCulloch im Jahre 1815 auf 34 y 3 Millionen £. Nach Mulhall. 2. Diesen veränderten Produktionsverhältnissen paßten sich nun die Besitz- und Betriebsverhältnisse an. Sie erfuhren eine vollständige Umwälzung dadurch, daß die Grundeigentümer ihr Land in der vorteilhaftesten Weise auszunutzen trachteten, anstelle des Traditionalismus den ökonomischen Rationalismus setzten und anfingen, den Grund und Boden ausschließlich als Rentenquelle anzusehen. Die Maßnahmen, die sich aus dieser psychologischen Umstellung ergaben, waren folgende: Der Grundherr sah nach kapitalkräftigen Pächtern aus, die imstande waren, den Betrieb intensiv zu gestalten und die Pachtsumme zu erhöhen: ,,undertaker“, as I may call him, wie sich James Stewart sehr richtig ausdrückt. Inquiry, Book I ch. X. Das war, wie ein anderer englischer Schriftsteller sie kennzeichnet ,,a race of men who gave an considerable increased rent. . . by improved modes of husbandry and by wringing from the soil all it could possibly yield“. Gaskeil, Artisans and machinery, 30. Diese „kapitalistischen Pächter“ kommen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf, nicht wie Marx, Kapital l 4 , 709, will, im 16. Jahrhundert. Sodann suchte der Grundherr seinen Besitz so zu „arrondieren“, daß auf ihm eine rationelle Landwirtschaft möglich war, das heißt aus der Gemengelage herauszuziehen, in der er sich in sehr vielen Fällen noch befand. Endlich war der Grundherr bemüht, seinen Besitz tunlichst zu vergrößern: durch Zukauf von Land und durch Beschlagnahme des alten Gemeindelands. Diesem letzten Zweck sowie dem Zweck der Arrondierung dienen bekanntlich die „Enclosures“, die wir in der Zeit von 1760 bis 1820 sich rasch vermehren sahen. Es ist zu bemerken, daß die „Einhegungen“ in dieser ihrer Hauptzeit nicht mehr dazu dienten, Ackerland in Weideland, sondern umgekehrt: dieses in jenes zu verwandeln. 3. Die Folgen dieser Umwälzungen für die Lebensbedingungen der Bevölkerung auf dem Lande liegen klar zutage: die Neuordnung bedeutete für zahlreiche kleine Wirtschaften das Ende ihres Daseins. Zunächst verschwand der kleine Pächter, der seit Jahrhunderten das Land in seiner altväterischen Art bewirtschaftet hatte und eigentlich nicht Pächter im modern-rationellen Sinne, sondern mehr ein abgabepflichtiger Hintersasse auf dem Grund und Boden des „Squire“ gewesen war, mit dem ihn auch eine noch halb feudale Gemeinschaft verbunden hatte. Er verschwand einfach deshalb, weil ihn der neugesonnene Grundherr ohne viel Umschweife entließ, um an seine Stelle den „undertaker-farmer“ zu setzen. Aber es verschwand auch in weitem Umfange der selbständige Bauer, der free-holder, der in England um die Mitte des Jahrhunderts noch gelebt hatte. Sombart, Hochkapitalismus. 22 338 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Und es verschwand endlich der Zwergbauer, der durch Nebenerwerb, sei es als landwirtschaftlicher Tagelöhner, sei es als gewerblicher Produzent, sein Dasein gefristet hatte. Das Verschwinden dieser beiden zuletzt genannten Gruppen von kleinen Landwirten hatte verschiedene Ursachen, die wir noch kennen lernen werden. Eine Ursache aber, die das Verschwinden aller Gruppen mitbewirkt hat, geht uns hier besonders an: das ist die durch die „Einhegungen“, also die Aufteilung der Gemeindeländereien und die Verkoppelungen herbeigeführte Schädigung. Wie anderwärts, bedeuten diese Maßnahmen auch in England die Erschütterung der Existenz aller dieser kleinen Land- und Vieh wirte. Der Wegfall der Gemeindeweide, der Holz-, Gras- und anderer Nutzungsrechte erschwert die Viehhaltung und zerbricht damit das Rückgrat der kleinen Wirtschaften um so rascher, je kleiner sie sind: vom Bauern abwärts bis zum Gutstagelöhner, der nur gerade noch eine Kuh oder ein paar Schafe, wenn auch „their skins and bones only“, durchgefüttert hatte, ging ein großer Riß durch das Gefüge der alten Wirtschaften. Ein zusammenfassendes Urteil finden wir bei dem in diesem Falle besonders glaubwürdigen Arthur Young, wenn er sagt: „by 19 out of 20 enclosure bills the poors are injured and some grossly injured.“ Inquiry into the Propriety of Applying Wastes etc. (1801). Zit. bei Fred. Austin Ogg, 1. c. pag. 127. Vgl. im übrigen die zahlreichen Belege bei Hasbach und Levy. 3. Rußland Rußland — als dritter Typ — ist dasjenige Land Europas, in dem die Agrarreform am spätesten durchgeführt worden ist. Das Werk Stolypins war deshalb von besonders einschneidender Wirkung, weil der kleine, russische Bauer in noch viel stärkerem Maße, als in den westeuropäischen Ländern in den Gemeindeverband eingegliedert gewesen war, aus dem er nun herausgerissen wurde. Wir erfahren von der Zertrümmerung zahlreicher kleiner bäuerlicher Existenzen, die in der Lohnarbeit ihren Unterhalt suchen müssen. Vor allem hatte die Stolypinsche Agrarreform die Folge, daß der Zusammenhang zwischen dem in den Städten befindlichen Proletariat und dem Dorfe zerschnitten wurde. Bis dahin waren die Ausgewanderten dem Dorfe „angeschrieben“ geblieben und hatten hier einen Rückhalt gehabt: durch das Kollektiveigentum waren sie mit dem Lande verbunden gewesen. Man hat berechnet, daß 5—6 Millionen Seelen durch die endgültige Lostrennung vom Lande proletarisiert worden sind. 2. Der Wegfall des gewerblichen Nebenverdienstes Es ist wohl nicht zu viel behauptet, wenn man sagt, daß das Dasein der Bevölkerung in den modernen Staaten seit dem Ausgang des Mittelalters, in der Dichtigkeit, wie sie sich allmählich herausstellte und vor allem auch in der gleichmäßigen Verteilung über das Land in wachsendem Umfange allein durch das Vorhandensein eines Nebenerwerbs Dreiundzwanzigstes Kapitel: Die freie Zuschußbevölkerung 339 aus gewerblicher Tätigkeit ermöglicht worden ist. Was von der ländlichen Zuwachsbevölkerung nicht auf Neuland abgeschoben werden konnte, mußte, soweit nicht eine Herabdrückung der Lebenshaltung als Auskunftsmittel gewählt wurde, bei der geringen Aufnahmefähigkeit der Städte und der geringen Entwicklung der landwirtschaftlichen Technik durch Verwertung seiner Arbeitskraft mittels gewerblicher Tätigkeit sich am Leben zu erhalten suchen. Das galt natürlich in erster Linie von den unteren Schichten der ländlichen Bevölkerung: den Kleinlandwirten oder gänzlich Besitzlosen. Mochte es der Grundherr sein, der seine Hintersassen gewerblich tätig sein hieß, um ihre Produkte, das Garn oder dergleichen zu verkaufen; mochte der Gedanke der Erzeugung gewerblicher Gegenstände aus der eigenen Initiative der bäuerlichen Bevölkerung entsprungen sein und der Vertrieb auf eigene Faust erfolgen, wie bei den zahlreichen Hausierhandwerkern, den Uhrmachern, den Schuhmachern, den Pantoffelmachern, Schnitzern, Strohflechtern und dergleichen, aber auch bei den landwirtschaftlichen Nebengewerben: Brennerei, Brauerei usw.; mochte es endlich das Kapital in Gestalt eines Verlegers gewesen sein, das auf der Suche nach passender Verwendung, wie wir wissen, in den vergangenen Jahrhunderten mit Vorliebe auf die Dörfer ging, um hier entweder in Anknüpfung an vorhandenes bäuerliches Eigengewerbe oder durch Neueinbürgerung eines Produktionszweiges eine der zahlreichen ländlichen Hausindustrien ins Leben zu rufen: so verschieden die Organisationsform in den verschiedenen Fällen war, der sachliche Erfolg, auf den es uns hier allein ankommt, war überall derselbe: Schaffung einer Einnahmequelle aus gewerblicher Arbeit, als Zuschuß zu dem übrigen Erwerb der schwächeren Existenzen auf dem Lande. Aber wir würden irren, wollten wir annehmen, daß mit den angeführten ländlichen Industrien der Kreis von Nebenerwerbsmöglichkeiten für die ländliche Bevölkerung in frühkapitalistischer Zeit schon geschlossen gewesen wäre. Es ist vielmehr ausdrücklich festzustellen, daß ein großer Teil auch der übrigen Industrien der Landbevölkerung dadurch eine Lebensquelle gewährte, daß sie über das Land hin zerstreut waren und damit in weitem Umfange ihren Arbeitern Gelegenheit boten, nicht nur auf dem Lande wohnen zu bleiben, sondern sogar landwirtschaftliche Tagelöhnerei nebenbei zu treiben oder in ihrer bäuerlichen Wirtschaft tätig zu sein. Diese stark dezentralistische Tendenz der frühkapitalistischen Industrien, auch 22 * 340 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte derer, die schon in der Form von Fabriken oder Manufakturen auftreten, hat aber ihren entscheidenden Grund in der Eigenart der Technik, die auf weitgehender Verwendung von Holz sowie des Wassers als motorischer Kraft aufgebaut war: zweckmäßige Verwertung des Holz- und Wasserreichtums in den Wäldern wurde einer der Hauptgesichtspunkte bei Anlage industrieller Unternehmungen, wie ich das im zweiten Bande dieses Werkes ausführlich dargetan habe. Es kann nun keinem Zweifel unterliegen, daß alle gewerbliche Tätigkeit, die als Nebenbeschäftigung für die ländliche Bevölkerung in Frage kam, auf der ganzen Linie in einem stetigen Rückgänge befindlich ist, der teilweise schon zu einem völligen Verschwinden geführt hat. Leider vermögen wir nicht in so genauer Weise, wie es wohl wünschenswert wäre, für diese Tatsache auch den ziffernmäßigen Beweis zu erbringen. Immerhin geben einige Zahlen und andere Daten, die ich im folgenden zusammengestellt habe, uns genügenden Anhalt, um Rückschlüsse auf die Gesamtlage zu machen. 1. Deutschland In Deutschland waren die ländlichen Gewerbe vor allem seit Mitte des 18. Jahrhunderts zur Entwicklung gelangt, und man kann sagen, daß bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts fast überall noch eine zunehmende Tendenz sich bemerkbar macht. Ich habe an anderer Stelle schon darauf hingewiesen, wie sehr das Bild des gewerblichen Lebens Deutschlands um die Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem durch das starke Vorwiegen der ländlichen Hausindustrien bestimmt wird. Viele von diesen waren erst im zweiten Viertel des Jahrhunderts so recht zur Blüte gekommen, und manche waren noch im Wachsen begriffen. Den Anreiz zu der weiteren Ausdehnung der ländlichen Hausindustrien im vorigen Jahrhundert hatte das langsam wachsende Verwertungsbedürfnis des Kapitals gegeben, dem die zunehmende Überschußbevölkerung sich als treffliches Objekt darbot. Diese wurde gebildet zunächst durch den fast übermäßig starken Bevölkerungszuwachs auf dem Lande, sodann aber schon durch die infolge der Ablösungen und Gemeinheitsteilungen vielfach bedrängten Kleinbauern, Büdner, Häusler usw. Insbesondere kam bei den „befreiten“ Bauern die meist sehr beträchtliche Belastung mit einer Ablösungsrente hinzu, die gerade auch eine Vermehrung des Geldeinkommens außerordentlich wünschenswert erscheinen ließ. Daß in einigen Gebieten Deutschlands der Rückgang der gewerblichen Nebenbeschäftigung schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen hatte, ersehen wir, aus den Klagen der zeitgenössischen Literatur, wir dürfen es aber auch schließen aus der Statistik der ländlichen Weberei, die wir für Preußen wenigstens bis 1861 besitzen. Danach war, während die als Nebenbeschäftigung gehenden Stühle in den östlichen Provinzen Dreiundzwanzigstes Kapitel: Die freie Zuschußbevölkerung 341 des Staates noch bis 1861 sich vermehrten, in den westlichen Provinzen und Schlesien seit 1831, bzw. 1837 schon ein Rückgang zu bemerken. Es betrug nämlich die Zahl der für Leinwand gehenden Stühle in: 1837 1861 Schlesien. . 11620 7936 Sachsen . . 13503 9022 Westfalen. . 26900 18369 Rheinland. . 12974 11162 Eine Tendenz, die wir uns natürlich fortwirkend denken müssen. Beziehen sich diese Ziffern sowohl auf die hausindustrielle wie auf die hausgewerbliche Weberei, so können wir aus der Berufs- und Gewerbestatistik wenigstens für die Zeit nach 1882 den Rückgang der eigentlich hausindustriellen Tätigkeit auf dem Lande für sämtliche Gewerbe genau verfolgen. Die im folgenden zusammengestellten Ziffern betreffen Hausindustrien, die ihren Sitz fast ausschließlich auf dem platten Lande hatten und in der Regel in Verbindung mit einer kleinen Landwirtschaft betrieben wurden, deren Verschwinden also ein Wegfall gewerblicher Nebenbeschäftigung bedeutet. Gewerbearten Abnahme von 1882-1895 Abnahme von 1895—1907 Betriebe um Personenzahl um Betriebe um Personenzahl um Zeugschmiede, Scherenschleifer, . Feilenhauer. 2 006 4044 1270 2 465 Seiden- und Shoddyspinnerei . 2 037 2 922 998 1451 Baumwollspinnerei. 4 067 3 645 1056 925 Seidenweberei ........ 20 000 34 381 6 938 5 392 Leinenweberei. 10 660 14 667 11387 12 075 Baumwollenweberei. 18 859 19 089 11729 11850 Wollweberei. 645 4072 10107 14 066 Weberei von gemischten Waren 5 811 4 895 7 082 9 026 Strickerei und Wirkerei . . . 7 026 12 768 2 992 5 693 4118 4 301 68 461 96 411 57 675 67 244 Von 1882—1907 haben abgenommen: Betriebe um 126136, Personenzahl um 163655. Noch bedeutsamer vielleicht fürdieLebensbedingungenderländlichenBe- völkerung war die Verschiebung des Standortes, den die „Großindustrie“ während des 19. Jahrhunderts erfahren hat. Hier handelt es sich vor allem um die örtliche Zentralisation der Montanindustrie, die mit dem Übergang zum Koksverfahren sich ja mehr und mehr um die Kohlenbergwerke herumgelagert hat. Die Statistik ergibt, daß auf die Provinzen Schlesien, Westfalen und Rheinland von der Gesamtzahl der in der Eisenindustrie (ausschließlich dem Erzbergbau) beschäftigten Personen entfielen im Durchschnitt der Jahre 1848—1857 . . 69% 1895 .. . .. 95%. 342 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Zu dem allem kommt noch, daß aus ähnlichen Gründen, wie der gewerbliche Kapitalismus seine Bodenständigkeit aufgegeben hat, die als landwirtschaftliche Nebengewerbe im engeren Sinne bezeichneten Industrien der Brauerei und Brennerei, die bis vor ein Paar Menschenaltern in winzig kleinen Betrieben über das platte Land zerstreut waren und meist in Verbindung mit landwirtschaftlicher Tätigkeit ausgeübt wurden, nun infolge ihrer Konzentration in einer immer kleineren Anzahl von Unternehmungen der ländlichen Bevölkerung als Nebenerwerb ebenfalls verlustig gingen. Einige Ziffern werden das bestätigen. In der Brennerei läßt sich schon seit den 1830er Jahren ein Rückgang der kleinen bäuerlichen Brennereien beobachten, der im Zusammenhänge steht mit dem Übergang von der Kornbrennerei zur Kartoffelbrennerei. Es betrug die Zahl der Brennereien in Preußen: 1831 = 22988 1839 = 15953 1854 = 10114 1865 = 7711. Nach der Zusammenstellung bei Schmoller, Kleingewerbe, 405. Die Gegenden, wo diese Kleinbrennerei zu Hause war, waren vor allem die westlichen Provinzen mit überwiegend bäuerlichem Besitz. So entfielen im Jahre 1848 von insgesamt 11975 Brennereien auf die Rheinprovinz allein 5317. Dieterici, Übersichten. Vierte Folge. 1851. S. 354. Vgl. auch hierzu Jacobi, Studien (1854). S. 64/65. Eine gleiche Entwicklung vollzieht sich im Königreich Sachsen. Hier gab es Brennereien (Festschrift für die XXV. Versammlung deutscher Land- und Forstwirte. 1865. S. 174): 1840 1862 überhaupt. . . . . 1184 636 auf dem Lande .... . . . . 977 592 Getreide-B. . . . . 265 53 Kartoffel-B. . . . . 904 577 Brauereien wurden in Preußen auf dem Lande gezählt: 1839 . 6890 1848 . 5659 1856 . 4509 1864 . 3683. Die Abnahme war hier besonders stark in den östlichen Provinzen; sie betrug von 1839 bis 1864 in: Ostpreußen.70,0% Westpreußen.76,3% Posen.80,7% Pommern.75,4% dagegen im Durchschnitt nur 46,6%. Bienengräber, Statistik des Verkehrs, 159. Dreiundzwanzigstes Kapitel: Die freie Zuschußbevölkerung 348 Daß es sich bei dem Rückgang wiederum um die kleinen, meist von bäuerlichen Wirtschaften als Nebengewerbe betriebenen Brauereien handelt, ergibt sich aus folgenden Ziffern: Es versteuerten unter 100 Zentner Braumalz 1845: 5926 Brauereien = 62,19% 1865: 3264 „ = 47,74%. Für 1845 Dieterici, Übersichten, 3. Forts.; für 1865 Viebahn, a. a. 0. 2. England In keinem Land ist der gewerbliche Nebenverdienst von solcher grundlegenden Bedeutung für den Aufbau der ländlichen Verfassung gewesen wie in England, weil in keinem Land die Industrie in größerem Umfange auf dem platten Lande verbreitet gewesen ist als dort. Vor allem war die stolze englische Wollindustrie bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts hinein eine durchaus ländliche Hausindustrie. Und man wird die Verbreitung industrieller Tätigkeit nach der Größe dieser Industrie bemessen können. Zählte man doch noch in den 1830 er Jahren eine Million Handweber, von denen ein großer Teil auf dem Lande tätig war oder doch gewesen war. Der Zusammenbruch der ländlichen Industrien und damit der Wegfall des gewerblichen Nebenverdienstes für den kleinen Landwirt beginnt in der Mitte des 18. Jahrhunderts, und die Umwälzung ist annähernd vollendet in den 1830er Jahren, als in andern Ländern wie Deutschland die Entwicklung der ländlichen Industrien vielfach erst begann. Auch deshalb gewährt uns das Studium der englischen Verhältnisse ein besonderes Interesse, das endlich noch gesteigert wird durch die vielfach eigenartigen Verschlingungen zwischen gewerblicher und landwirtschaftlicher Tätigkeit, die wir überall beobachten. Ich begnüge mich damit, den Verfall der ländlichen hausindustriellen Spinnerei und Weberei etwas genauer zu schildern. Es kann als typisch für die andern Gewerbe gelten. Der alte Typ war der Kötter-Spinner und -Weber (the cottage-spinner, cottage-weaver) gewesen, den man auch als „domestic manufacturer“ oder „farm and cottage-manufacturer“ bebezeichnete: der Textilarbeiter, der alle Stufen des Produktionsprozesses in seinem Hause vereinigte und daneben eine kleine Landwirtschaft betrieb: „the Clipper, the comber, the Spinner, the weaver, the worker, the scourer, the dyer, the setter, the drawer, the packer, the merchant, the middleman, and the customer of wool or woollen goods as all members of one small cottage household.“ Garnier, Annals, 173. Die kleine Landwirtschaft wurde meist auf gepachtetem Lande betrieben. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als der Bedarf an Garn und Geweben steigt und die Spinnerei schon mit Maschinen, der Mule und Jenny, ausgeführt wurde, findet eine Trennung zwischen Spinnerei und Weberei statt: die Anschaffung der Spinnereimaschinen erheischte größere Geldmittel. 344 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Gleichzeitig fallen die landwirtschaftliche und die gewerbliche Tätigkeit wieder auseinander: der Weber findet es vorteilhafter nur zu weben und gibt deshalb seinen Landwirtschaftsbetrieb auf. Aber die Vereinigung von Landwirtschaft und Textilindustrie sollte sich noch einmal von neuem vollziehen: in dem Maße, wie die alten Freibauern als Landwirte durch alle die Umstände, die ich oben dargelegt habe, erschüttert zu werden anfangen, sehen sie sich nach einem Nebenerwerb um und glauben ihn in der Spinnerei finden zu können. Sie schaffen sich das ziemlich teure Spinnzeug an — meist auf Kredit — nud graben sich damit selbst das Grab. Als nämlich sich die Spinnerei nun bald zum Fabrikbetriebe mit mechanischem Kraftbetrieb umwandelt (offenbar war auch die ländliche Hausindustrie allmählich von der reinen Wolle zn gemischten Garnen und Stoffen und teilweise zur Baumwolle übergegangeu), wurden die alten „farm and cottage manufacturers“ um ihren Verdienst gebracht. Diese gewerbliche Nebenbeschäftigung hielt also den Untergang der kleinen Pächter und kleinen Freibauern nicht auf; ja sie trug dazu bei, ihn zu beschleunigen. Erstens hinderten sie die Männer, sich voll der Landwirtschaft zu widmen und den Betrieb den Anforderungen der Neuzeit anzupassen (die primitive Viehwirtschalt hatte im wesentlichen die Frau besorgt: „die Frauen übernehmen die ganze Pflege der Kühe und der Mann geht zur täglichen Arbeit“, Billin gsley, General View of the Ägriculture of Somersetshire, [1798], 34; bei Levy, Entstehung, 23). Zweitens gewährten sie immer geringeren Verdienst und die Pächter-Weber waren nicht in der Lage, die Pachten zu zahlen. Drittens hatte die Anschaffung der nötigen Maschinen die kleinen Bauern so sehr in Schulden gestürzt, daß sie jetzt, sobald die Garnpreise sanken, in Zahbmgsstockungen gerieten. Ihre Maschinen waren wertlos geworden, ihr Anwesen überschuldet. In den Jahren 1790—1810 findet ein häufiger Besitzwechsel statt. Vielfach batten die Grnndherrem nur darauf gewartet, die kleine überschuldete Besitzung in ihr Eigentum zu bringen. Ziehen wir alle diese Umstände, in Betracht, so werden wir es verständlich finden, wenn manche Schriftsteller den Zusammenbruch der ländlichen Verfassung — insbesondere also den Untergang der Heimen Pächter und der Heinen Freibauern — in erster Linie dem Wegfall bzw. Versagen des gewerblichen Nebenverdienstes zuschreiben. Der Zusammenbruch des Bpinngesehäftes, schreibt der Huge und kenntnisreiche Gaskeil, Artisaus, 32, auf Grund einer eingehenden Prüfung aller Verhältnisse und Quellen, „was the first, step towards the abdlitiom of the small freeholders or yeomen in lu&uy dästriets.“ Ln 8 Grafschaften habe eine Verminderung der Cottages um 20000 stattgelfundem; „partly by belog deprived of bome mamufacture“ (p. 51). Und ein anderer Forscher weint: „it was the manufaeturers themselves, who first.... by smbstÄimtiBg Aikwrights spimning jemmy for the enafteis ,Bpimning whedi and hk jjoe Janeity* and ihms withdrawing the eroftets mainstay, that remdered such a naove (wie. die agrarische Revolution) meeessary.. 8 * Bev, Harry Stuart* Dreiundzwanzigstes Kapitel: Die freie Zuschußbevölkerung 345 Agriculture Labourers as tbey were, are and sbould be in their social condition. 2. ed. 1854. p. 11. Etwas später — in den 1840 er Jahren — vollzog sich die Auflösung der ländlichen Weberei in Schottland. Siehe J. W. Paterson, Rural de- population in Scotland (1896), 43. 3. Belgien stellt einen dritten Typus dar als ein überwiegend kleinbäuerliches Land. Trotz der vielfach abweichenden Struktur seiner Agrarverhältnisse ist der Entwicklungsgang annähernd derselbe wie in Deutschland und England. Mit aller Härte hat sich der Prozeß einer Zerstörung der ländlichen Industrien auch hier durchgesetzt, hat wesentlich dazu beigetragen, die Bevölkerung zu entwurzeln und an ihrem alten Standort lebensunfähig zu machen. Ich verweise auf die in der Literaturübersicht genannten eindringenden Studien Emil Vanderveldes, in denen gerade diese Zusammenhänge mit besonderer Liebe aufgedeckt sind. 2. Die Erschwerung der Tagelöhnerarbeit Ich betrachte hier die ländliche Lohnarbeit: auf den Gutshöfen in den größeren Bauernwirtschaften, in den Forsten als eines der Hilfsmittel, dem das Bestehen einer großen Anzahl kleinster Land- und Viehwirte im Dorfe zu danken gewesen war. Wir sind dieser Vereinigung von Lohnarbeit und Landwirtschaftsbetrieb schon an verschiedenen Stellen in der vorhergehenden Darstellung begegnet. Zum Teil sahen wir, daß eine Folge der agrarischen Umwälzung die Verwandlung von selbständigen Bauern in stellenbesitzende Tagelöhner war. So lange nun diese Verwandlung sich vollzog, blieb eine gleiche Anzahl Landbewohner seßhaft und wurzelhaft. Nun müssen wir aber feststellen, daß dieses bodenständige Arbeitsverhältnis selbst ins Wanken kam und daß damit wiederum ein letzter Bestandteil der bäuerlichen Bevölkerung — deren niedrigste Schicht — dem Proletarisierungsprozeß anheim fiel. Man kann aber dieselben Vorgänge auch von der andern Seite her betrachten: vom Standpunkt des Lohnarbeiters und seiner Stellung als solcher aus. Dann handelt es sich um die Auflösung einer anderen als der Dorfgemeinschaft, nämlich der Arbeitsgemeinschaft. Da dieser Prozeß an und für sich von weittragender Bedeutung ist, so will ich ihn — losgelöst von seiner Beziehung zur Auflösung der Dorfgemeinschaft — im folgenden einer gesonderten Darstellung unterziehen. Die Auflösung der Arbeitsgemeinschaft greift, wie wir sehen werden, über den Bereich der Landwirtschaft hinaus und vollzieht sich in gleicher Weise in den übrigen Sphären des Wirtschaftslebens. 346 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte II. Die Auflösung der Arbeitsgemeinschaften Die Arbeitsverfassung auf den Gütern und in den größeren Bauernwirtschaften hatte bis zum Ende des frühkapitalistischen Zeitalters in allen europäischen Ländern ein ziemlich gleichartiges, patriarchalisches Gepräge getragen, wie ich das ausführlich im einundvierzigsten Kapitel des zweiten Bandes geschildert habe. „Patriarchalisch“ war die Arbeitsverfassung deshalb gewesen, weil dank dem Anteilverhältnis, in dem der Arbeiter zur Guts- und Bauernwirtschaft sich befand, eine weitgehende Interessengemeinschaft zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer bestanden hatte, also der Interessengegensatz zwischen Unternehmer und Lohnarbeiter noch nicht zur Entfaltung gelangt war. Diese alte Arbeitsverfassung löst sich nun mit dem Beginne des Hochkapitalismus wiederum in allen Ländern in ziemlich gleicher Weise auf. Und zwar vollzieht sich die Auflösung in drei Stufen: Erst fällt der Anteilslohn weg, dann wird der Naturallohn in Geldlohn verwandelt, endlich tritt an die Stelle des langfristigen (Jahres-) Vertrages mit einer ganzen Familie der kurzfristige Vertrag mit dem einzelnen Arbeiter oder einer Gruppe von Arbeitern. Die treibende Kraft in diesem Umgestaltungsprozeß war zunächst das wirtschaftliche Interesse des zur rationellen, intensiven Landwirtschaft übergehenden Arbeitsherrn. Die alte Arbeitsverfassung, vor allem der Arbeitslohn, stellte sich als ein Hindernis für den technischen Fortschritt dar. Schon der Anteil an dem Ernteertrage mußte bei steigenden Getreidepreisen als eine vom Standpunkt des rechnenden Unternehmers aus unprofitable Löhnungsart erscheinen; die Einführung des Maschinendrusches tat das Übrige, um die Berechnung des Lohnes nach Anteilen am Erdrusch zu erschweren. Unerträglich aber wurde mit zunehmender Intensität die Eingliederung der Instenwirtschaft in die Gutswirtschaft. Der „Morgen im Felde“ verlor seine Berechtigung mit dem Verlassen der alten Dreifelderwirtschaft und dem Übergang zur Fruchtwechselwirtschaft; die Durchfütterung des Instenviehes mit der Gutsherde wurde in dem Augenblick ein Anachronismus, als an die Stelle des alten Weidetriebs die Stallfütterung trat. So werden allmählich die Anteilsrechte der Insten in feste Naturalbezüge und, wo die Entwicklung noch weiter fortgeschritten ist, diese in Geldlohn umgewandelt, der der allein rationelle Ausdruck des kapitalistisch-proletarischen Arbeitsverhältnisses ist. Dreiundzwanzigstes Kapitel: Die freie Zuschußbevölkerung 347 „Die intensiv betriebene Landwirtschaft hatte für den kleinen Lehenmann oder ,Tauner* keinen Kartoffelacker mehr und auch keine Zeit mehr übrig, denselben gar noch zu pflügen, ebenfalls keinen Platz in Scheune und Stall. Es gab kein ,Urland‘ mehr, wo er für seine Kuh oder Ziege Futter gewinnen konnte, auch andere Naturalnutzungen haben aufgehört, alles hat Geldwert erhalten und wird von den Bauern selbst verwertet. Also zog der Lehenmann als gewöhnlicher Mieter ins Dorf“ usw. Was hier von Hans Schmid für die bäuerliche Schweiz berichtet wird, vernehmen wir mit denselben Worten aus allen übrigen Ländern. Was der landwirtschaftliche Unternehmer aus wohlverstandenem Interesse anstrebt, das wollte aber auch der Arbeiter selbst: „Befreiung“ aus den Fesseln eines patriarchalischen Arbeitsverhältnisses. Und wenn wir die Auflösung der alten Agrarverfassung in ihrer vollen Tragweite verstehen wollen, müssen wir sie einordnen in den großen Zusammenhang der allgemeinen Entwicklungsbestrebungen, die das 19. Jahrhundert kennzeichnen. Der „neue Geist“, der „individualistische Geist“, der sich immer mehr ausbreitete, zerbrach auch die ländliche Arbeitsgemeinschaft. Und die moderne Landwirtschaft selbst trug dazu bei, diesen Geist zu pflegen. Die Landwirtschaft selber war es, die nach neuen Menschen, nach intelligenteren, selbständigeren Arbeitern verlangte, um den Übergang zur rationellen und intensiven Kultur vollziehen zu können. Hatte man nicht, diesem Bedürfnis entsprechend, den Bauern, den Gutsarbeiter „befreit“ aus den alten Abhängigkeitsverhältnissen? Hatte man von ihnen nicht Selbstbestimmung verlangt und erwartet? Und heischt fortschreitende Verbesserung der landwirtschaftlichen Produktionsweise, wie sie in der zunehmenden Intensivisierung zum Ausdruck kommt, nicht immer intelligentere, selbständigere Arbeiter? War es nicht ein Bestreben der Arbeitgeber, die Leistungsfähigkeit ihrer Arbeiter durch Einführung des Akkordlohns und andere Reiz* mittel zu steigern? So schuf sich die moderne Landwirtschaft selbst einen höheren Typ von Arbeitern, der nun aber imgeeignet wurde, ein dauerndes Glied in den überkommenen, patriarchalischen Gemeinschaften zu sein. Das gilt für die Gutswirtschaften und auch für die Bauernwirtschaften; denn es ist unvermeidlich, daß ein gewisser Austausch der Menschen und ihrer Anschauungen innerhalb einer und derselben Bevölkerung stattfindet. Dieser Austausch ist es aber, der in noch viel umfassenderer Weise als der angedeuteten auf die Revolutionie- 348 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte rung der ländlichen Bevölkerung Einfluß gewonnen hat. Ich meine den Austausch zwischen Stadt und Land, die Rückwirkung der städtischindustriellen Entwicklung auf die Lebensauffassung der Gesamtbevölkerung. In dem Maße, wie sich dank dem Vorschreiten des Kapitalismus der Schwerpunkt der Kultur in die modernen Städte verlegt, wird ein neues Persönlichkeitsideal, wird ein neuer Maßstab für Wohlbehagen und Lebensfreude geschaffen, der nun unwiderstehlich auch in die fernsten Alpentäler seinen Einzug hält und in dem Maße an Geltung zunimmt, wie die Entwicklung der Verkehrsmittel die Berührung zwischen den Städtern und Ländlern häufiger macht. Ergebnis des Umgestaltungsprozesses war jedenfalls überall, daß die Wirtschaft des ländlichen Arbeiters verselbständigt, aus dem Organismus der Gutswirtschaft ausgeschieden wurde. Es entstand der völlig „freie“ ländliche Tagelöhnerstand mit oder ohne einigen Grundbesitz, eine Arbeiterbevölkerung, deren Existenz, wo sie gänzlich besitzlos ist, von der Verwertungsmöglichkeit ihrer Arbeitskraft, wo sie mit kleinen Stellen behaftet ist, von jener und den Erträgnissen dieser bedingt wird. Es ist nun eine verhängnisvolle, weitere Folge des Überganges zur modernen Landwirtschaft, daß die Verwertungsmöglichkeit der Arbeitskraft des ländlichen Arbeiters sich verschlechterte dadurch, daß eine Verringerung der Arbeitsgelegenheiten eintrat. Diese Behauptung erscheint zunächst unglaubhaft angesichts der Tatsache, daß ja die Intensivisierung des landwirtschaftlichen Betriebes ohne Zweifel auch eine Steigerung des Arbeitsaufwandes auf gegebener Fläche erheischte. Der scheinbare Widerspruch löst sich auf, wenn wir in Betracht ziehen, daß in dem Maße, wie die Landwirtschaft intensiver wird, sie sich mehr und mehr zu einem reinen Saisongewerbe entwickelt, wodurch dann zu bestimmten Zeiten — im Winter — trotz absolut gesteigerten Arbeitsbedarfs sich Arbeitslosigkeit einstellt. Bis zu einem gewissen Grade war die Landwirtschaft stets ein Saisongewerbe gewesen, das heißt hatte im Sommer mehr Arbeit als im Winter verlangt. Das Verhältnis der Winter- zur Sommerarbeitsmenge war bei einer Körnerwirtschaft alten Stils wie 1,0 zu 1,4 gewesen. Aber erst die moderne Entwicklung bringt dieses Mißverhältnis zur Entfaltung, sofern sie auf der einen Seite die Winterarbeit zu verringern, auf der andern Seite die Sommerarbeit zu vermehren die Tendenz erzeugt. Jene Verringerung tritt ein: 1. durch den Übergang vom Hand- zum Maschinendrusch; Dreiundzwanzigstes Kapitel: Die freie Zuschußbevölkerung 349 2. durch den Wegfall des Flachsbaues und seiner Verarbeitung im Winter; 3. durch die vielerorts eingetretene Verringerung der Arbeit in den Forsten. Die Vermehrung der Sommerarbeit tritt aber auf im Gefolge der Fruchtwechsel- und namentlich der Rübenwirtschaft. Bei dieser ist das Verhältnis der Sommer- zur Winterarbeit wie 2,6 zu 1; und der Bedarf des arbeitsreichsten zum arbeitsärmsten Monats verhält sich gar wie 4 zu 1, gegen 1,6 bzw. 2 zu 1 bei verbesserter Körner- und Fruchtwechselwirtschaft ohne Rüben. So ergibt sich denn die entscheidend wichtige Tatsache, daß Saisonarbeit in einer Wirtschaft auf 1000 Morgen ist bei Körnerwirtschaft .die Arbeit von 48 Tagen, Koppelwirtschaft. „ 63 verbesserter Körnerwirtschaft . „ 147 Koppelwirtschaft in Kombination mit Fruchtwechsel. >; >> „ 615 Fruchtwechselwirtschaft . . . >j >> „ 1193 Rübenwirtschaft. >> j> „ 2569 Siehe z. B. die gründliche und lehrreiche Studie von Georg Meyer, Schwankungen in dem Bedarf an Handarbeit in der deutschen Landwirtschaft usw. 1893. Nach einer andern Berechnung beschäftigen: Arten der Betriebe Gesinde Sonst. Ständige Nichtständige männlich 0/0 weiblich 0/0 männlich 0/0 weiblich % männlich 0/0 weiblich °/o 1. Starker Rübenbau: a) Großbetrieb. 5,7 6,3 29,3 11,5 15,8 31,4 b) Mittelbetrieb. 19,5 19,7 23,4 7,7 16,5 13,2 2. Starker Futterbau . . . 14,0 12,0 37,7 22,0 10,7 3,6 3. Größte Güter a) mit Rübenbau .... 5,5 4,5 36,0 20,4 12,6 21,0 b) ohne Rübenbau . . . 8,6 6,9 41,3 22,2 12,0 9,0 Über das Verhältnis der Ständigen zu den Nichtständigen gibt die folgende Zusammenstellung noch besseren Aufschluß: Ständige Nichtständige Starker Rübenbau a) Großbetrieb. . . . . 55,4% 44,6% b) Mittelbetrieb.. . . . . 67,6% 32,4% Starker Futterbau. . . . . . . . 83,0% 17,0% Größte Güter: a) mit Rübenbau . . . . . . - . 68,0% 32,0% b) ohne Rübenbau . . . . . . . 79,0% 21,0% 350 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Beide Tabellen sind entnommen der fleißigen Arbeit von Friedr. Dettweiler, Die Handarbeit in der Landwirtschaft (1905), 149, 153. Der Unternehmer hatte also einen wachsenden Bedarf an Saisonarbeitern auf der einen Seite, konnte aber dauernde (Jahres-) Arbeit einer immer geringeren Anzahl von Arbeitern auf der andern Seite gewähren. So wie sich die ländliche ArbeitsVerfassung auflöste mit fortschreitender Intensivisierung der Landwirtschaft, so zerbrach auch die Arbeitsgemeinschaft in den übrigen Zweigen des Wirtschaftslebens, in denen das Wirtschaftssystem des Handwerks geherrscht hatte. Ich kann hier diesen Niedergang des Handwerks, der eine Folgeerscheinung der kapitalistischen Wirtschaft ist, einstweilen nur als Tatsache verzeichnen, und zwar als eine der Tatsachen, die für die Entstehung einer Zuschußbevölkerung ebenfalls von entscheidender Bedeutung ist. DieBegründung des Vorgangs muß ich mir für eine spätere Gelegenheit aufsparen, da sie nur mit Hilfe einer Gesamtdarstellung des Entwicklungsganges des Handwerks gegeben werden kann: siehe den dritten Haupabtschnitt. III. Die Auflösung der Hausgemeinschaften In aller früheren Zeit bis zum Ende der frühkapitalistischen Ära hatte sich das Wirtschaftsleben in weitem Umfange im Rahmen der Familie abgespielt. Diese war nicht nur Konsumwirtschaft, sondern auch Produktionswirtschaft gewesen, sofern ein sehr wesentlicher Teil der gewerblichen Erzeugnisse im Hause hergestellt worden war. Ich habe im zweiundvierzigsten Kapitel des zweiten Bandes einen genauen Bericht über die Reste der gewerblichen Eigenproduktion erstattet, die am Ende des frühkapitalistischen Zeitalters nicht nur auf dem Lande, sondern auch in der Stadt sich noch vorfanden. Auf dieser gewerblichen Tätigkeit hatte die Unterhaltmöglichkeit ganz allgemein der Ehe-Frauen, oft der erwachsenen Kinder und anderer Anverwandter, die dauernd in der Familie lebten, beruht. Diese Bevölkerungsteile hatten mittels der produktiven Arbeit im Hause sich ihren Lebensunterhalt verdient. Und nun brach auch diese Wirtschaftsgemeinschaft zusammen und setzte abermals eine breite Bevölkerungsschicht frei. Die Gründe für die Auflösung der alten Hauswirtschaft als Produktionswirtschaft liegen deutlich zutage. Ganz allgemein bedeutete die zunehmende Verbilligung vieler gewerblicher Erzeugnisse und die Vermehrung der Gelegenheiten, sie auf dem Markte einkaufen zu können, einen starken Anreiz, die gewerbliche Tätigkeit im Hause einzustellen. Dreiundzwanzigstes Kapitel: Die freie Zuschußbevölkerung 351 Nun ist geltend gemacht worden, z. B. von P. von Struve in seinen Auseinandersetzungen mit Nicolai-on, daß eine zwingende Notwendigkeit zur Einschränkung der hausgewerblichen Eigenproduktion nicht aus der Gestaltung der Marktpreise für die darin hergestellten gewerblichen Erzeugnisse hergeleitet werden kann, wie etwa bei der hausindustriellen Tätigkeit. Hausgewerbliche Eigenproduktion braucht keineswegs aufzuhören, wenn sie auch noch so sehr hinter der gesellschaftlichen Durchschnittproduktivität zurückbleibt. Kann mich doch kein „Marktgesetz“ hindern, mir meine Bücher selbst einzubinden, oder meinen Gartenzaun selbst anzustreichen, auch wenn ich einen zehnmal so großen Aufwand als den „gesellschaftlich notwendigen“ mache. Dieser Einwand wird aber offenbar hinfällig dort, wo ein bestimmter Wirtschaftsertrag erzielt werden oder die Arbeitskraft bestmöglich ausgenutzt werden soll. Dieser Fall traf nun zu für alle ländlichen Gutsund Großbauernwirtschaften. In dem Maße, wie sie in den Strudel der Verkehrs Wirtschaft gezogen wurden, einen Besitzwechsel erlebten, sahen sie sich genötigt, einen bestimmten Ertrag in Geld herauszuwirtschaften und mußten also ihren Betrieb rationalisieren. Dieser Druck, die Gelderträge der Wirtschaft zu steigern, wurde bei den Bauernwirtschaften insonderheit noch durch die zum Teil empfindlich hohen Ablösungsrenten, die doch auch nur ein Ergebnis des in die Landwirtschaft eindringenden ökonomischen Rationalismus waren, beträchtlich gesteigert. Es mußte also auch in vielen Bauernwirtschaften das Bestreben wach werden, die Nutzung des Bodens und die Gestaltung des Gesamtbetriebes im Hinblick auf möglichst hohe Reinertragserzielung so rationell wie möglich einzurichten. Dieses Streben, in Verbindung mit der fortschreitenden Gemeinheitsteilung, Servitutenablösung und Grundstückszusammenlegung führte wohl vielerorts dahin, Produktionszweige fallen zu lassen, auf denen die gewerbliche Tätigkeit sich aufgebaut hatte. Ich denke beispielsweise an die Einschränkung der Schafzucht bei Fortfall der Gemeindeweide, des Flachsbaues wiederum, der Hölzernutzung bei Aufteilung des Gemeindewaldes und dergleichen mehr. Außer diesen ökonomisch-rationalen Gründen der teueren Produktion, haben noch andere Umstände dazu beigetragen, die gewerbliche Tätigkeit in den Hauswirtschaften einzustellen oder auf ein Mindestmaß einzuschränken. Was etwa den Fortbestand der gewerblichen Produktion in den Großbauernwirtschaft vor allem erschütterte, war dieses, daß ihnen 352 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte die Personen, auf denen sie ihren umfassenden Betrieb aufgebaut hatten, im Verlauf der modernen Entwicklung entrückt, sie damit also gegen ihren eigenen Willen außerstand gesetzt wurden, ihre alte Wirtschaftsführung beizubehalten. Die Personen aber, die sich ihrer Machtsphäre immer mehr entzogen, waren zunächst die Kinder der Bauern selbst, die bisher sich völlig in den Familienorganismus als dienende Glieder eingefügt hatten, und dann die Gesindeleute, die als weitere Hilfsorgane der Bauernfamilie angegliedert waren. Sie hielt es nicht mehr in der alten Gemeinschaft. Wir wissen schon, aus welchen Gründen. Was aber in allen städtischen Haushalten die Weiterführung einer ausgedehnten Eigenwirtschaft unmöglich machte, war die fortschreitende Verringerung ihrer räumlichen Ausdehnung. Eine Bedingung hausgewerblicher Eigenproduktion nach der andern verschwand: nacheinander der Garten, der Hof, der Stall, der Keller, der Boden, die Waschküche, die Vorratskammer, die Speisekammer, der Herd. In einer großstädtischen Mietwohnung ist einfach kein Raum mehr für irgendwelche erzeugerische Tätigkeit. Kaum, daß noch die halbfertig eingekauften Nahrungsmittel notdürftig genußreif gemacht und ein Paar Löcher gestopft werden können. Über den fortschreitenden Verfall der alten Hauswirtschaft gibt uns die Berufsstatistik einigen Aufschluß, sofern sie die „berufslosen Angehörigen“ verzeichnet. Deren Verringerung läßt aber den Schluß auf Abnahme der hauswirtschaftlichen Beschäftigung zu. Unter 100 Einwohnern gab es in Deutschland: Erwerbstätige Angehörige 1882 . 38,99 55,08 1895 . 40,12 53,15 1907 . 43,46 48,97 Männer: 1882 . 60,38 36,49 1895 . 61,03 34,83 1907 . 61,01 33,65 Frauen: 1882 . 18,46 72,94 1895 . 19,97 70,81 1907 . 26,38 63,89 Die Zahl der berufslosen Angehörigen von 14 Jahren und darüber weiblichen Geschlechts betrug in Deutschland: 1882 . 40,1% 1895 . 39,6% 1907 . 32,8% Dreiundzwanzigstes Kapitel: Die freie Zuschußbevölkerung 353 Die Landwirtschaft insbesondere gewährt folgendes Bild: In Deutschland haben die Angehörigen in der Landwirtschaft ohne Hauptberuf von 1895 bis 1907 um rund 2200000 abgenommen; in derselben Zeit die bei der Herrschaft lebenden Dienenden um 211000; beide Gruppen zusammen also um 2411000. Die Gruppe der Erwerbstätigen hat sich von 8293000 auf 9883000, also um rund 1590000 vermehrt. In der schwedischen Landwirtschaft gab es „unproduktive“ Angehörige: männliche weibliche 1870 . 549803 563357 1900 . 474749 498761 Die Ziffern bei Cassel, Theor. Soz. ökon. 485. * * * In der vor auf geh enden Darstellung ist Rücksicht genommen, vor allem auf die Entwicklung Westeuropas. Es ist nun aber daran zu erinnern, daß in zahlreichen Ländern alter Kultur außerhalb Westeuropas, wie in Rußland, den Balkanländern, den Ländern des nahen und zum Teil auch des fernen Orients, in den Reichen der altamerikanischen Völker ähnliche Vorgänge sich abgespielt haben wie in Westeuropa, sodaß auch hier, nicht zuletzt unter dem Einfluß des eindringenden Kapitalismus (Anleihen! Eisenbahnen!), sich die Daseinsbedingungen zu ungunsten zahlreicher Bevölkerungsschichten verschoben haben. Der Kapitalismus fand daher auch hier willige Arbeitskräfte vor, als er anfing, seine Hand auf diese peripheren Gebiete zu legen und in ihnen selbst kapitalistische Unternehmungen zu begründen. Vgl. übrigens das 18. und 29. Kapitel. Sombart, Hochkapitalisnuis. 23 354 Vierundzwanzigstes Kapitel • • Die freie Uberschußbevölkerung (Die Bevölkerungsvermehrung) I. Übersicht Die andere Quelle, aus der der Kapitalismus die Arbeitskräfte schöpfte, war, wie wir sahen, die Überschußbevölkerung, das heißt die über die vorhandenen Unterhaltsstellen hinaus wachsende Bevölkerungsmenge, kurz: der natürliche Bevölkerungszuwachs. Es ist nun das entscheidende Ereignis, daß diese Quelle während des 19. Jahrhunderts überreichlich geflossen ist. Noch niemals, seit Menschen auf der Erde leben, haben sie sich auch nur in annähernd gleichen Mengen vermehrt vie seit dem Beginn des hochkapitalistischen Zeitalters. Ich stelle zunächst die wichtigsten Ziffern zusammen und versuche dann, den Gründen der starken Bevölkerungsvermehrung auf die Spur zu kommen. II. Statistik der Bevölkerungsvermehrung 1. Die Bevölkerung, die wir ins Auge zu fassen haben, ist zunächst die Bevölkerung Europas. Über die Zahl der Einwohner Europas vor dem 19. Jahrhundert besitzen wir keine zuverlässigen statistischen Angaben. Die Schätzungen der Fachmänner weichen nicht imerheblich voneinander ab. Nach Sundbärg betrug die Bevölkerung im Jahre 1700 130 Millionen, nach Süßmilch (1741) 150 Milhonen, nach andern Forschern um die Mitte des Jahrhunderts erst 127—130 Milhonen. Die Schätzungen für das Jahr 1800 schwanken zwischen 175 Millionen (W. F. Willcox, The Expansion of Europe in Population in Am. Economic Review, Dec. 1915) und 187 Millionen (Sundbärg). Wir wohen das ungefähre Mittel dieser beiden Schätzungen annehmen und den Stand der Bevölkerung Europas im Jahre 1800 auf rund 180 Millionen ansetzen. Vierundzwanzigstes Kapitel: Die freie Überschußbevölkerung 355 Die Bevölkerungszunahme drückt sich dann in folgenden Ziffern aus. Die Zahl der Einwohner Europas betrug: 1800 . . . . . 180000000 1850 . . . 1882 . . . . . 327743000 (Willcox) 1905 . . . 1910 . . . 1914 . . . Indexziffern sind folgende: 1800 . 100 1905 . 233 1850 . 147 1910. 237 1882 . 182 1914. 251 Und in absoluten Ziffern der Zuwachs zum Einprägen: Von allen Anfängen des europäischen Volkslebens an bis zum Jahre 1800 hatte es diese Menschengruppe auf 180 Millionen gebracht; das eine 19. Jahrhundert tat das Anderthalbfache — 270 Millionen — hinzu. Ein Jahrhundert! 2. Aber mit dieser Ziffer ist keineswegs schon der gesamte Zuwachs dieser Menschengruppe zum Ausdruck gebracht: Europas Bevölkerung ist noch längst nicht dasselbe wie die europäische Bevölkerung. Wir dürfen nicht vergessen, daß europäische Menschen gerade während des vergangenen Jahrhunderts fremde Erdteile besiedelt und sich dort weiter vermehrt haben. Diesen Zuwachs an europäischen Menschen in außereuropäischen Ländern müssen wir zu der Bevölkerung Europas hinzunehmen, um die Vermehrung der europäischen Bevölkerung richtig zu beziffern. Die Berechnung des außereuropäischen Zuwachses der europäischen Menschheit ist deshalb nicht in genauen Ziffern vorzunehmen, weil ja in den von den Auswanderern und ihren Nachkommen jetzt bewohnten Ländern vielfach andere Menschen als Europäer wohnen. Immerhin wird man zu leidlich richtigen Annäherungswerten gelangen, wenn man die Bevölkerung der sechs wichtigsten Siedlungsgebiete in Anschlag bringt und die Europäer in den übrigen außereuropäischen Ländern unberücksichtigt läßt. Deren Zahl wird sicher die Zahl der in den sechs Hauptgebieten lebenden Nichteuropäer übersteigen, so daß die im folgenden zusammengestellten Bevölkerungsziffern als Mindestziffern des außereuropäischen Europäerzuwachses anzusehen sind. Die in der Übersicht berücksichtigten Länder sind: Kanada, Vereinigte Staaten, Südamerika (Argentinien, Uruguay), Südafrika (Gebiet der südafrikanischen Union), Australien und Sibirien. 23 * 356 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Land Bevölkerungsmenge Anfang des Mitte des 1910 19. Jahrhunderts 19. Jahrhunderts Kanada . . . . 360000 2400000 7204838 Ver. Staaten von Amerika . . . 5308000 23192000 91972266 Südamerika . . — etwa 1500000 etwa 7000000 Südafrika . . . — „ 500000 5973394 Australien . . . 7000 431000 5603014 Sibirien . . . . — 3000000 14000000 Insgesamt: 5675000 29023000 131753512. (Die Ziffern für 1910 sind dem Stat. Jahrbuch entnommen, mit Aus- nähme der für Sibirien, die in dem Werke „Das Russische Reich“ (S. 172) angegeben wird; die Ziffer der 3 Millionen für Sibirien in der Mitte des Jahrhunderts ist von mir eingesetzt: sie drückt die Menge der heute in Sibirien lebenden Nichteuropäer aus, stellt also sicher einen Höchstbetrag der Bevölkerung Sibiriens im Jahre 1850 dar. Die früheren Ziffern für die Vereinigten Staaten sind dem Zensus, die übrigen Sundbärg entnommen.) Zählen wir nun diese Ziffern mit den vorhin für die Bevölkerung Europas gefundenen zusammen, so ergibt sich erst die Vermehrung der europäischen Bevölkerung in ihrem vollen Umfange. Diese betrug: 1800 rund 185000000 = 100 1850 „ 295000000 = 159 1910 „ 559000000 = 300. 3. Ich stelle schließlich die Bevölkerungsziffer für die drei Hauptländer zusammen, in denen der Hochkapitalismus recht eigentlich zur Entfaltung gelangt ist: England und Wales, Deutschland und Vereinigte Staaten. Deren Bevölkerung vermehrte sich während des 19. Jahrhunderts wie folgt. Die Zahl der Einwohner betrug: in Anfang des Mitte des 19. Jahrhunderts 19. Jahrhunderts 1910 England und Wales. 8892536 17927609 36075269 Deutschland .... 24833396 35130398 64925993 U. S.A. 5308000 23192000 91972266 Insgesamt 39033932 76250007 192973528. Der Index lautet alsdann für die Bevölkerungszunahme dieser drei Länder: 1800 .... 100 1850 .... 195 1910 .... 495 Vierundzwanzigstes Kapitel: Die freie Überschußbevölkerung 357 III. Die Ursachen der Bevölkerungsvermehrung 1. Wir besinnen uns auf folgenden Tatbestand: das Maß der Bevölkerungszunahme in einem Lande — wenn wir die Ein- und Auswanderungen unberücksichtigt lassen — hängt ab von der Höhe der Zuwachsrate, das heißt des Verhältnisses, in dem die Mehrgeburten (Geburten abzüglich Todesfälle) zu der Menge der Bevölkerung stehen. Die Zuwachsrate wird bestimmt durch zwei Größen: die Geburtenrate, das h eißt die Menge der Geborenen im Verhältnis zur Bevölkerung, und die Sterberate, das heißt die Menge der Gestorbenen im Verhältnis zur Bevölkerung. Die Differenz zwischen Geburtenrate und Sterberate ergibt die Zuwachsrate. Diese kann also steigen: entweder, weil die Geburtenrate steigt bei gleichbleibender Sterberate, oder weil die Sterberate sinkt bei gleichbleibender Geburtenrate. Sie steigt rascher, wenn die Geburtenrate steigt und die Sterberate gleichzeitig sinkt. Wenn wir also eine BevölkerungsVermehrung, das heißt die Höhe oder das Steigen der Zuwachsrate erklären sollen, so müssen wir prüfen, ob dieses Steigen eine Folge des Steigens der Geburtenrate oder des Sinkens der Sterberate ist. Diese Prüfung ist im folgenden mit Bezug auf die oben festgestellte Vermehrung der europäischen Bevölkerung vorzunehmen. Liegen die Ursachen dieser Vermehrung auf der Seite des Lebens oder auf der des Todes? 2. Es hat nicht an Stimmen gefehlt, die angesichts der märchenhaften Zunahme der europäischen Menschheit im Zeitalter des Hochkapitalismus von einer — manche meinten sogar: aus dem Geiste des Kapitalismus genährten — Steigerung der Fruchtbarkeit dieses Geschlechts gesprochen haben. Ein waschechter Malthusianer konnte gar nicht anders schließen: Ausdehnung des Nahrungsspielraums, darum mehr Ehen, mehr Kinder, daher die Bevölkerungszunahme. Die Statistik bietet keine Veranlassung, diese Schlüsse für richtig zu halten. Die Ziffern für die Bevölkerungsbewegung im 19. Jahrhundert sind folgende: Die Zahl der Eheschließungen im Durchschnitt sämtlicher europäischen Länder betrug auf 1000 Einwohner im Durchschnitt wiederum der Jahrzehnte (nach Sundbärg): 1841-1850 . 8,28 1871-1880 8,45 1851-1860 . 8,24 1881-1890 8,02 1861-1870 . 8,60 1891-1900 8,08 358 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Dieselben Ziffern nur für Westeuropa lauten: 1841—1850 . 7,63 1881—1890 . 7,45 1851-1860 . 7,70 1891-1895 . 7,51 1861-1870 . 7,87 1895-1900 . 7,73 1871-1880 . 7,93 1901-1905 . 7,64 An Lebendgeburten kamen dabei heraus: ganz Europa Westeuropa 1841-1850 . 37,9 33,7 1851-1860 . 37,9 33,4 1861-1870 . 38,6 34,1 1871-1880 . 38,9 34,3 1881-1890 . 38,1 32,8 1891-1900 . 37,0 31,4 1901-1905 . - 30,2 Will man aus diesen Ziffern überhaupt etwas anderes herauslesen als Konstanz, so kann es nur sein: ein leises Ansteigen der Zahl der Eheschließungen bis in die 1860er Jahre, derjenigen der Lebendgeburten bis in die 1870 er Jahre, danach ein unmerkliches Schwanken der Eheziffern und ein merklicher Rückgang der Geburtenziffern. Es ist hier nicht der Ort, den Gründen dieser Richtungsänderungen der Bevölkerungsbewegung nachzugehen. Man müßte zu diesem Behuf e jene allgemeinen Ziffern in die Ziffern für die einzelnen Länder auflösen und dann den Fortpflanzungsbedingungen in diesen einzelnen Ländern, wahrscheinlich sogar in den einzelnen Teilen der Länder nachspüren, um zu einem gesicherten Ergebnis zu gelangen. Warum erreicht in den skandinavischen Ländern die Zahl der Lebendgeburten bereits in den 1850 er Jahren, in Frankreich sogar schon in den 1840 er Jahren, dagegen in Rußland, England, Schottland, Italien in den 1860er Jahren, in den Niederlanden, Belgien, Deutschland, Österreich-Ungarn, Schweiz in den 1870 er Jahren ihren Höhepunkt, um von diesem Zeitpunkt ab zu fallen? Ehen- und geburtensteigernde Umstände waren: die Aufhebung der Leibeigenschaft, die Aufhebung der Zunftordnung (Selbständigmachung der Gesellen!), fortschreitende Proletarisierung der Bevölkerung — schon Sismondi und Marx haben die Gründe entwickelt, die eine stärkere Proliferierungstendenz bei den Lohnarbeitern auf ihrer untersten Entwicklungsstufe erklären —. Aber offenbar sind diese die Fortpflanzung befördernden Kräfte zusammen mit den alten in Religion, Sitte und Traditionalismus wurzelnden Heirats- und Zeugungsgewohn- Vierundzwanzigstes Kapitel: Die freie Überschußbevölkerung 359 beiten nicht stark genug gewesen, um den Rückgang der Geburtenziffer, der das Kennzeichen der letzten 40—60 Jahre ist, aufzuhalten. Ich werde später noch Gelegenheit haben, auf die Ursachen dieser bedeutsamen Erscheinung zu sprechen zu kommen. Hier gehen sie uns noch nichts an, wo es uns darum zu tun ist, den Gründen der Bevölkerungszunahme auf die Spur zu kommen. Also wir wissen nun: Bevölkerungszunahme hat in ungewöhnlicher Weise stattgefunden, trotzdem in den Fortpflanzungsverhältnissen sich nichts geändert hat, ja sogar trotz eines Rückganges der Geburtenziffer. Der Schluß, den wir, wenn wir uns der eingangs gemachten Besinnungen erinnern, aus diesen Feststellungen ziehen müssen, liegt auf der Hand: die Gründe der Bevölkerungszunahme während der hochkapitalistischen Periode sind nicht auf der Seite des Lehens, sie sind auf der Seite des Todes zu suchen. 3. Die Bevölkerungszunahme während des 19. Jahrhunderts ist fast in ihrer vollen Ausdehnung eine Folge des Sinkens der Sterberate. Diese betrug im Durchschnitt: ganz Europa Westeuropa 1841-1850 . 31,0 26,6 1851-1860 . 30,6 26,2 1861-1870 . 29,7 26,1 1871-1880 . 29,6 25,7 1881-1890 . 27,5 24,0 1891-1900 . 25,9 22,1 1901-1905 . - 19,9 1912-1913. - 14,9 (8 Länder). (Die Ziffer für 1912/13 ist nach dem Stat. Jahrbuch berechnet, die übrigen sind Sundbärg entnommen.) Wiederum haben auf den Fall der Sterberate ebenso wie auf die Höhe der Geburtenrate örtliche Umstände Einfluß ausgeübt. Sonst wäre es wohl nicht zu erklären, warum der Fall in den verschiedenen Ländern in verschiedenen Zeitpunkten einsetzt: in Norwegen, Dänemark, in den Niederlanden, in Belgien, Rußland bereits in den 1840er Jahren, in Schweden in den 1850 er Jahren, in Finnland, Großbritannien, Italien in den 1860 er Jahren, dagegen in Deutschland, Österreich- Ungarn, in der Schweiz, in Frankreich erst in den 1870 er Jahren. Aber neben den örtlichen Gründen sind doch offenbar ganz allgemein wirksame Kräfte am Werke gewesen, um den Rückgang der Sterblichkeit herbeizuführen. 360 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Welches diese Kräfte waren, kann nicht zweifelhaft sein. Es sind: a) die Fortschritte der theoretischen Hygiene und der Medizin. Über sie habe ich schon gesprochen: siehe oben Seite 114 ff; b) die Fortschritte der praktischen Hygiene und praktischen Medizin. Sie äußern sich namentlich in der hygienischen Prophylaxe und deren Verbesserung (systematische Bekämpfung der Seuchen usw.); in der Vermehrung der Ärzte und Krankenhäuser; in der Verbesserung des Städtebaues (hygienischere Wohnungen, Kanalisation, Wasserversorgung usw.): siehe einige Angaben über diesen Punkt in Prin- zing, Handbuch der Hygiene, 537 ff. Die Wirkungen dieser Fortschritte auf dem Gebiet der Hygiene und der Medizin erkennen wir in der Abnahme bestimmter Krankheiten, wie der Seuchen und in der Verringerung der Tödlichkeit anderer. So hat die Impfung fast ganz die Pocken beseitigt. Von 100 Sterbefällen wurden in Schweden durch Pocken bedingt: 1751-1770 . 13,2% 1771-1800 . 8,0% 1801-1850 . 1,2%. Nach Angaben bei Westergaard bei Prinzing, a. a. O. In England starben an den Pocken auf eine Million Einwohner: 1866-1870 . 104,8 1871-1875 . 410,8 1876-1880 . 78,4 1881-1885 . 78,0 1886-1890 . 13,6 1891-1895 . 20,0 1896-1900 . 6,6 1901-1905 . 25,4. Die Cholera ist seit 1892 in Westeuropa nicht wieder erschienen. Es ereigneten sich Todesfälle auf eine Million Einwohner in England an folgenden Krankheiten (nach Sundbärg): Durchschnitt der Jahre Scharlachfieber Typhus und typhöses Fieber Keuchhusten Croup Schwindsucht 1866-1870 . . 959,8 849,8 545,0 208,0 2447,8 1871-1875 . . 758,6 595,4 498,6 184,2 2218,0 1876-1880 . . 679,6 380,6 527,0 154,2 2039,8 1881-1885 . . 435,8 273,0 458,6 163,4 1830,4 1886-1890 . . 240,6 202,4 443,6 125,8 1635,4 1891-1895 . . 182,2 185,4 397,8 70,0 1462,2 1896-1900 . . 134,6 180,4 358,6 34,2 1322,6 1901-1905 . . 125,8 116,4 300,4 16,8 1215,2 Eine Statistik, die wir für Italien besitzen, macht es wahrscheinlich, daß die Ziffern für England typisch sind. Es starben an Pocken, Scharlach, Typhus, Diphtherie von 10000 Einwohnern: Vierundzwanzigstes Kapitel: Die freie Überschußbevölkerung 361 Stadt Catania. Messina. Venedig. Florenz . Mailand. Palermo .... Turin. Bologna .... Genua . Neapel. 1884-1886 . 25,8 . 42,9 . 22,5 . 17,9 . 24,7 . 31,5 . 27,3 . 21,7 . 21,0 . 25,9 1905 19.7 16.8 9.6 8.5 7.0 6.7 6.5 6.0 5,4 2.8 G. Mortara, 1. c. pag. 263. Zweifelhaft ist es, ob die Fortschritte der Medizin und Hygiene sich besonders bemerkbar machen in der verringerten Kindersterblichkeit. Diese betrug z. B. in Frankreich vom Tausend: im Durchschnitt bei Kindern bei Kindern bei Kindern der Jahre unter 4 Jahren von 5-9 Jahren von 10-14 Jahren 1867-1870 . . . 128,5 10,6 5,2 1901-1904 . . . 55,3 5,1 2,9 L’Illustration. Janvier 26. 1907. Sie betrug in Schweden bei Kindern unter einem Jahre vom Tausend: 1751-1800 . 203,5 1801-1850 . 172,1 1851-1860 . 146,0 1861-1870 . 138,9 1871-1880 . 129,9 1881-1890 . 110,5 1891-1900 . 101,6. Andere Länder weisen jedoch — merkwürdiger Weise—andere Ziffer auf, sodaß Prinzing eine besondere Verringerung der Kindersterblichkeit anzunehmen nicht geneigt ist. Neben diesen außerökonomischen Ursachen kommen für die Verringerung der Sterberate natürlich auch ökonomische Ursachen in Betracht. Einen wesentlichen Einfluß übt aus: c) die Reichtumssteigerung und die dadurch bewirkte Ausweitung des Nahrungsspielraums. Alle die Ziffern, die ich im vorigen Abschnitte beigebracht habe, um die Vermehrung des Sachkapitals zu erweisen, sind ebensoviel Belege für die Vermehrung der Lebenschancen. Der Kapitalismus ist es also letzten Endes selbst, der sich sein Proletariat herbeischafft, wenn auch nicht in der Weise, wie Marx es wollte. Die Ausweitung des Nahrungsspielraums, oder anders ausgedrückt, die Vermehrung der Unterhaltsmittel, bewirkt auf verschiedene Weise die Senkung der Sterberate. Erstens dadurch, daß sie eine bessere Kinder- 362 ' Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte pflege sowie eine bessere Krankenpflege ermöglicht, auch durch bessere Ernährung das Krankwerden verhindert; zweitens dadurch, daß sie die Hungersnöte vermindert, die früher immer von Zeit zu Zeit auftraten und die Bevölkerung dezimierten; drittens dadurch, daß sie die Widerstandskraft gegen Seuchen steigert. Die Epidemien, namentlich die Typhusepidemien, traten früher sehr häufig im Gefolge von Hungersnöten auf, weil durch diese der Organismus geschwächt war. So begegnen uns Hungersnot und Typhus in Schlesien 1701—1705, 1806 bis 1807, 1846—1847. Diese Vereinigung von Hungersnot und Typhus hat man dann als „Hungertyphus“ bezeichnet. 363 Dritter Unterabschnitt Die Anpassung der Bevölkerung an die Bedürfnisse des Kapitalismus (Die Entstehung des aktuellen Proletariats ) Quellen und Literatur A. Die örtlicheAnpassung Die Quellen sind hier wiederum die Veröffentlichungen der amtlichen Statistik. Die Literatur läßt sich in drei Hauptgruppen einteilen: Schriften, die die Wanderbewegung im allgemeinen, vorwiegend unter dem Gesichtspunkte der Abwanderung, behandeln; 2. Schriften, die sich insbesondere mit der überseeischen Auswanderung beschäftigen und 3. Schriften, die das Problem der Städtebildung vor allem ins Auge fassen. Naturgemäß läuft der Inhalt zahlreicher Schriften dieser drei Gruppen ineinander über. I. Die WanderbeweguTig im allgemeinen, die Binnenwanderungen und die Abwanderung vom Lande im besonderen. 1. Eine Art von Theorie der Wanderungen versuchen zu geben: E. G. Ravenstein, The Laws of Migration in Vol. 48 (1885) und Vol. 52 (1889) des Journal of the Royal Statistical Society. Franz Oppenheimer, Großgrundeigentum und soziale Frage. Zuerst 1898. J. S. Nicholson, The Relations of Rent, Wages and Profits in Agriculture and their bearing on Rural Depopulation. 1906. Zu allgemein, um Aufschluß zu gewähren. Vgl. den Compte rendu du Congres de la Societe d’Üconomie sociale sur la desertion des Campagnes (1909), von dessen Inhalt ich nur aus zweiter Hand Kenntnis erhalten habe und jetzt auch die ausgezeichnete Zusammenfassung in dem 1. Kapitel des schönen Buches von M. Hainisch, Die Landflucht. 1924. 2. Einzelne Länder behandeln folgende Schriften: Großbritannien. E. G. Ravenstein, 1. c. P. A. Graham, The Rural Exodus. 1892. John Waugh Paterson, Rural Depopulation of Scotland. Leipzig. Diss. 1896. P. M. Roxby, Rural Depopulation in England during the XIX. Century; inNineteenth Century. Vol. 71.1912. Sehr urteilsvolle, gedrängte Übersicht über das Problem. Deutschland. K. Kaerger, Die Sachsengängerei 1890. M. Broesicke, Die Binnenwanderungen usw. in der Zeitschrift des K. Preuß. Stat. Bureaus. 42. und 47. Jahrgang. 1902 und 1907. Sehr gründliche und aufschlußreiche Untersuchungen. N. Bodenstein und M. v. Stojentin, Der Arbeitsmarkt in Industrie und Landwirtschaft. 1909. Gute Zusammenfassung mit graphischen Darstellungen. M. Sering, Die Verteilung des Grundbesitzes und die Abwanderung vom Lande. Rede, geh. im Pr. Landes- 364 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Ökonomie-Kollegium am 11. Februar 1910. Mit reichem Zahlen- und Kartenmaterial. Zu vergleichen sind die Arbeiten in den Sehr. d. VfSP., Bd. 53—56 und 58.1892—1893; insbesondere Bd. 58, der das Referat von G. v. Mayr über die Statistik der Binnenwanderungen enthält. Frankreich. V. Turquan, Les courants de migration interieure en France. 1895. Compte rendu du Congres de la Societe d’Fconomie sociale sur la desertion des campagnes. 2 Yol. 1909. Emil Usquin, La depo- pulation des campagnes. 1910. Sehr allgemein gehalten. A. Souchon, La crise de la main d’oeuvre agricole en France. 1914. Eine gründliche Arbeit. Italien. P. Sitta, Le migrazioni interne. 1893. Belgien. E. Vandervelde, L’exode rural etc. 1903. 3. Über die proletarischen Wanderbewegungen im nationalen und internationalen Rahmen insbesondere lassen sich vernehmen: Max Schippel, Die fremden Arbeitskräfte und die Gesetzgebung der verschiedenen Länder. Beilage Nr. 41 der Neuen Zeit, Bd. XXV, 2. 1907. Otto Bauer, Proletarische Wanderungen. Neue Zeit, Bd. XXV, 2. 1907. Verhandlungen des siebenten Internationalen Sozialistenkongresses in Stuttgart. 1907. Anton Knoke, Ausländische Wanderarbeiter in Deutschland. 1911. A. Sartorius von Waltershausen, Die Wanderarbeit als welthistorisches Problem. Zeitschrift für Sozialwissenschaft. 1911. Aphoristisch. E. Ferenczi, Die ArbeitslosigkeitunddieinternationalenWanderungen. 1913. Graf S. Jacini, Die italienische Auswanderung nach Deutschland, im Weltwirtschaftlichen Archiv, Bd. V. 1915. InaBritschgi-Schimmer, Die wirtschaftliche und soziale Lage der italienischen Arbeiter in Deutschland. 1916. Reiches Material. Wygodzinski, Die ausländischen Wanderarbeiter in der deutschen Landwirtschaft, im Weltwirtschaftlichen Archiv, Bd. VII. 1916. Friedrich Syrup, Die ausländischen Industriearbeiter vor dem Kriege. Thünen-Archiv, Bd. IX. 1919. Schötzel, Internationale Arbeiterwanderungen. 1919. Marcel Paon, L’immigration en France. 1926. Behandelt vorwiegend die neuere Zeit im wesentlichen unter dem Gesichtspunkte der Einwanderungspolitik. II. Die überseeische Auswanderung und die Kolonisation Quellen: Die Statistik ist am vollständigsten in den Veröffentlichungen des italienischen statistischen Amtes, wo die Statistik der italienischen Auswanderung durch ,,Confronti internazionali“ eingeleitet wird. Fortlaufende Übersichten über die internationalen Wanderbewegungen bringt das Weltwirtschaftliche Archiv, 1913 ff. Gute Einblicke in die Lage der Neueingewanderten, ihre erste Beschäftigung usw. gewähren die Reports of the Bureau of Industrie and Immigration. 1911 ff., die den lange zurückreichenden Reports of the Immigration Commission zur Seite treten. Sehr aufschlußreich ist auch die österreichische Auswanderungsenquete, die 1912 veranstaltet wurde. Vgl. dazu Otto Neurath, Zum österreichischen Auswanderungsgesetzentwurf. Zeitschrift für Volksw., Soz. Pol. und Verwaltung, Bd. XXIII. 1914. Von der Literatur kommen sowohl die Schriften über Aus- und Einwanderung als auch die über die Kolonisation in Betracht. Quellen und Literatur 365 1. Aus- und Einwanderung im allgemeinen. Hier ist grundlegend das BuchvonRichm.Mayo Smith, Emigration and Immigration. Zuerstl890. Aus der neueren Literatur verdienen Beachtung als allgemeine Darstellungen: R. Gonnard, L’emigration europeenne au XIX. siöcle. 1906. H. P. Fairchild, Immigration; a world movement and its American Significance. 1913. Gute Räsonements über das Auswanderungsproblem grundsätzlicher Natur enthalten die Aufsätze von A. Salz, Auswanderung und Schiffahrt im Archiv, Bd. 39 (1915) und 42 (1916/17), namentlich der erste. Ygl. auch den Art. „Auswanderung“ im HSt. 2 4 . 2. Einzelne Länder oder Volksstämme behandeln: Großbritannien. C. Kimloch-Cooke, Emigration and Immigration an Imperial Problem, in Oxford and Cambridge Review. Oct. 1911. S. C. Johnson, A History of Emigration from the United Kingdom to North America 1763—1912. 1914. Deutschland. Wilh. Mönckmeier, Die deutsche überseeische Auswanderung. 1912. Erschöpfende Darstellung, die die ältere Literatur überflüssig macht. Italien hat eine besonders gute Literatur über das Auswanderungsproblem. Sie gipfelt in dem abschließenden Werke von Franc. Coletti, Dell’ emigrazione italiana in: „Cinquanta anni di Storia italiana“. Vol. III. 1911. Neuerdings ist das Problem noch einmal sehr gründlich (auf 556 Seiten) behänd, v. Rob. F. Foerster, The Italian Emigration of ourtimes. 1924. Juden. W. Kaplun-Kogan, Die Wanderbewegungen der Juden. 1913. Derselbe, Die jüdischen Wanderbewegungen in der neuesten Zeit (1880-1914). 1919. 3. Das Kolonisationsgiohlem ist in einer Reihe älterer Schriften nach seiner grundsätzlichen Seite bereits erschöpfend erörtert worden. Aus der englischen Literatur ragen die Werke von Merivale, Lectures on colonization and colonies (1841 und 1861) und E. G. Wakefield, View of the art of colonization (1849) hervor. Das Buch von Wakefield, andern Marx seine Ansichten entwickelt hat, stellt das Arbeiterproblem in den Mittelpunkt. Mehr kulturgeschichtlich und kulturphilosophisch eingestellt ist die Schrift von W. Roscher über Kolonien, die in dritter, von R. Jannasch umgearbeiteter Auflage 1885 unter dem Titel „Kolonien, Kolonialpolitik und Auswanderung“ erschienen ist. Sowohl theoretisch wie historisch wird das Thema behandelt in dem bedeutenden Werke von P. Leroy- Beaulien, De la colonisation chez les peuples modernes. 6. ed. 2 Vol. 1908. (Von mir wurde die fünfte Auflage von 1902 benutzt.) Die neuere Literatur hat eine Reihe ausführlicher Geschichtsdarstellungen des Kolonial wesens hervorgebracht: Alfred Zimmermann, Die europäischen Kolonien. Mit guten Literaturübersichten. 1896—1903. Veit Valentin, Kolonialgeschichte der Neuzeit. 1915. Gute Zusammenfassung. Paul Leutwein, Die afrikanischen Kolonialreiche im Weltwirtschaftlichen Archiv. 1918—1922. Eine „Einführung“ in die Kolonialpolitik schrieb der sachkundige Otto Koebner. 1908. 366 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Über das deutsche Kolonialreich unterrichtet das Sammelwerk von Hans Meyer unter diesem Titel. 2 Bde. 1909/10. Zur raschen Orientierung über Einzelprobleme dient das Deutsche Koloniallexikon von Heinrich Schnee. 3 Bde. 1920. Die kolonialwirtschaftlichen Artikel stammen meist von K. Rathgen. Zu vergleichen ist die auf Seite 44 ff., 227 f., 322 f. bereits angeführte Literatur. III. Die Städtebildung 1. Zur Theorie der Städtebildung haben das Beste schon gesagt die ökonomischen Theoretiker des 18. Jahrhunderts. Aus der neueren Literatur sind zunennendasSammelwerk „DieGroßstadt“ (1903), in demH. Wae ntig die wirtschaftliche Bedeutung der Großstädte behandelt; ferner Rene Maunier, L’origine et la fonction economique des villes. 1910. Ein ernstes, etwas zu allgemein gehaltenes Buch, dessen Hauptthema der Standort der Gewerbe innerhalb der Städte ist. Eine dankenswerte Auszählung der Ziffern unserer Berufszählung von 1907 nach der von mir empfohlenen Methode enthält die Heidelberger Diss. von G. Gassert, Die berufliche Struktur der deutschen Großstädte usw. 1907. 2. Im wesentlichen mit der statistischen Tatsache der Städtebildung in der modernen Zeit beschäftigt sich eine Reihe vortrefflicher Werke der neueren Literatur, von denen ich folgende namhaft mache: Grundlegend ist das Buch von Legoyt, Du progres des agglomerations urbaines et de l’emigration rurale. 1870. Einen guten Überblick gewährt Beiochs Referat über: „Die Entwicklung der Großstädte“ auf dem Internationalen Kongreß für Hygiene und Demographie 1894. Comptes rendus et memoires. 1896. Tome VII. In erfreulicher Weise ergänzen sich die beiden folgenden Werke, die das Problem erschöpfend behandeln: P. Meuriot, Des agglomerations urbaines dans l’Europe contemporaine. 1897, und A. F. Weber, The Growth of the Cities inthe XIX. Century. 1899. P. Meuriot hat auf dem 1. Congrfes international etc. des villes (1913) noch ein Referat erstattet über die „Relations des grandes villes ä la population generale de l’Europe de 1800 ä nos jours“. P. Beusch, Wanderungen und Stadtkultur. 1916. Vorzügliche Zusammenstellung des Tatsachenmaterials und der Gründe des „Zuges nach der Stadt“. Das Problem der „Agglomeration“ über den Bereich der Stadt im politischen Sinne hinaus haben vornehmlich behandelt: Edm. J. James, The Growth of Great Cities in den Annals of Am. Academy of Pol. and Soc. Science (Jan. 1899) und S. Schott, Die großstädtische Agglomeration des Deutschen Reiches. 1912. 3. Unverwendbar für unsere Zwecke ist leider die geographische Literatur über das Städtewesen. Sie hat eine so verschiedene Fragestellung, daß sie sich mit unsern Problemen überhaupt nicht berührt (Kohl!). Siehe den Überblick über diese Literatur z. B. bei K. Hassert, Die Städte geographisch betrachtet. 1907. Quellen und Literatur 367 B. Die technische Anpassung I. Die seelisch-geistige Anpassung des Arbeiters im allgemeinen: Andrew Ure, Philosophy of Mannfactures (3. ed. 1861) ist für die Einsiebt in die Problematik der Arbeitereignung die beste Quelle. Daneben kommen die Biographien und Selbstbiographien der Unternehmer und zum Teil auch der Techniker (E y dt!) in Betracht, von denen ich verschiedene zum ersten und dritten Abschnitt des ersten Hauptabschnittes namhaft gemachthabe. Literarische Verarbeitungen bringen R. Ehrenberg, Krupp- Studien imThünen-Archiv, Bd. II undIII. 1910/11. Em. Lederer, Zum sozialpsychologischen Habitus der Gegenwart im Archiv, Bd. 46. 1918/19. R. Michels, Wirtschaft und Rasse. GdS. II, 1. Zweite Auflage 1923. Obwohl der Aufsatz zum Zielpunkt hat, die nationale oder völkische Verschiedenheit der leiblich-seelisch-geistigen Eignung für den Kapitalismus nachzuweisen, kommt er doch vielfach zu dem Ergebnis, daß die Unterschiede genetisch begründet sind und liefert dadurch wertvolle Beiträge auch zur Aufhellung des hier gesteckten Problems. Ich selbst habe an verschiedenen Stellen früher das Thema behandelt; siehe: Studien zur Entwicklungsgeschichte des italienischen Proletariats. Archiv, Bd. VI. Deutsche Volkswirtschaft. Zuerst 1903. Warum gibt es in den Vereinigten Staaten keinen Sozialismus? 1906. Für die Beschaffenheit des Arbeiters im Zeitalter des Frühkapitalismus siehe: Bd. 1,53. Kapitel. Für den Einfluß der Religion: Max Weber, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. Zuerst im Archiv, Bd. XX. 1905. II. Die Neubildung des Arbeitsprozesses. Als Quellen können die Berufsund Gewerbezählungen der verschiedenen Länder dienen, vor allem die deutsche und der amerikanische Zensus. Literatur: K. Bücher, Art. Gewerbe im HSt. Untersuchungen über Auslese und Anpassung . . der Arbeiter in den verschiedenen Zweigen der Großindustrie. 3Bde. Sehr. d. VfSP, Bd. 133—135.1910/11. Darüber die Verhandlungen der Generalversammlung des Vereins in Nürnberg. 1911. Band 138. 1912. Dazu die vorbereitende Studie von Max Weber, Erhebung über Auslese und Anpassung (Berufswahl und Berufsschicksal) der Arbeiterschaft in der geschlossenen Großindustrie. 1908. Als Manuskript gedruckt. Willy Hellpach, Die Arbeitsteilung im geistigen Leben. Archiv Band 35 und 36. 1912/13. Die von demselben herausgegebenen Sozialpsychologischen Forschungen. Erster Band: R. Lang und W. Hellpach, Gruppenfabrikation. 1922. Zweiter Band: Eug. Rosenstock, Werkstattaussiedlung. 1922. v. Gottl-Ottlilienfeld, Wirtschaft und Technik im GdS. II, 2. 2. Aufl. 1923. Zu vergleichen ist die unter III, 1 angeführte Literatur. III. 1. Berufsberatung und Eignungsprüfung: Hugo Münsterberg, Psychologie und Wirtschaftsleben. 1912. Grundlegendes Werk. Aus der neueren amerikanischen Literatur: Chas. S. Myers, Mind and Work: The psychological Factor in Industry and Commerce. 1921; A. S. Snow, Psychology in Business Relations. 1925. Mit reicherLiteraturangabe. Vgl. noch Board of Education. Psychological Tests. 1924. 368 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Aus der neueren deutschen Literatur: W. Moede, Experimentelle Massenpsychologie. 1923. E. Giese, Theorie der Psychotechnik. 1924; derselbe gibt eine gute zusammenfassende Darstellung in dem Sammelwerk „Arbeitskunde“. 1925. Vgl. die Schriften zur Psychologie der Berufseignung und des Wirtschaftslebens. Herausgegeben von 0. Lipmann und W. Stern. 1918ff. Über Berufsberatung: zusammenfassende Darstellung von Job. Handrick in „Arbeitskunde“ (1925) und E. Schindler im HSt. 2 4 . 2. Die Lehre {Ausbildung): Bernh. Jauch, Das gewerbliche Lehrlingswesen in Deutschland. 1911. Wilh. Rech, Die Arbeiter- und Beamtenschaft im deutschen Maschinenbau; herausgegeben vom Verein deutscher Maschinenbauanstalten. 1920. W. Hellpach, Gruppenfabrikation. 1922. Seite 83 ff., nam. Anm. 68. Handbuch für das Berufs- und Fachschulwesen; herausgegeben von A. Kühne. 1923. Friedrich Bernet, Lehrlingsausbildung und Lehrlingsfürsorge in einigen Großbetrieben der schweizerischen Metall- und Maschinenindustrie. Züricher Diss. 1923. Gertrud Tollkühn, Die planmäßige Ausbildung des gewerblichen Fabriklehrlings in den metall- und holzverarbeitenden Industrien. 1926; mit einem ausführlichen Literaturverzeichnis. Diese beiden, unabhängig voneinander entstandenen, Arbeiten sind jede in ihrer Art vortrefflich. J. Riedel, Die Schulung angelernter und ungelernter Arbeitskraft; in dem Sammelwerk „Arbeitskunde“. 1925. Vgl. den Art. Lehrlingswesen (E. Schindler) im HSt. 6 4 und die Abhandlungen und Berichte über technisches Schulwesen, namentlich Band III. 3. Wechsel und Beständigkeit im Arbeitsverhältnis: Verschiedene Aufsätze von R. Ehrenberg im Thünen-Archiv, Band II, III, IV. F. Syrup, Studien üder den industriellen Arbeitswechsel. Thünen-Archiv, Band IV. 1912. Gerh. Krüger, Arbeitswechsel und Wege zur Stärkung der Arbeitsgemeinschaft. Rostocker Inaug.-Diss. 1920. H.S. P. F. Brissenden and E. Frankel, Labor Turnover in Industry. A Statistical Analysis. 1922. Uber „Patriarchalismus u siehe die zusammenfassende Darstellung bei H. Herkner, Die Arbeiterfrage. 8. Aufl. 1922. Band I. Uber Krupp insbesondere besteht eine große Literatur. Siehe daraus namentlich die Festschrift: „Zum 100jährigen Bestehen der Firma Krupp und der Gußstahlfabrik zu Essen-Ruhr“. 1913. C. Die ökonomische Anpassung I. Zur Theorie des Arbeitslohns: Wir besitzen jetzt eine Reihe von wissenschaftlichen Herbarien, in denen die bekanntesten Lohntheorien gesammelt sind, sog. Dogmengeschichten: G. Ricca-Salerno, La teoria del salario nella storia delle dottrine. 1900. A. Salz, Beiträge zur Geschichte und Kritik der Lohnfondstheorie. 1905; Mary Schrey, Kritische Dogmengeschichte des ehernen Lohngesetzes. 1913. Carl Ergang, Untersuchungen zum Maschinenproblem usw. Eine dogmengeschichtliche Studie mit besonderer Berücksichtigung der klassischen Schule. 1911. Mit Literaturnachweis. Quellen und Literatur 369 In neuerer Zeit sind einige beachtenswerte Monographien über den Arbeitslohn erschienen; so Chr. Cornelissen, Theorie du Salaire et du Travail salarie. 1908: die — mit Abstand — beste Bearbeitung des Gegenstandes. David Lewin, Der Arbeitslohn. 1913. Otto v. Zwiedeneck- Südenhorst, Die Lohnpreisbildung. GdS. IV, 1. Übersicht. Eine Theorie der Arbeitslöhne haben verschiedene Grenznutzler aufzustellen versucht, unter denen hervorragen: J. B. Clark, The Distribution of Wealth, 1902; idem, Essential of Economics. 1907. R. Schüller, zwei Aufsätze im Archiv, Band 33. Uber das Problem des Preises der Arbeit (Verhältnis von Arbeitslohn zur Arbeitsleistung) insbesondere: T. Brassey, Work and Wages. 1872. Völlig neugearbeitete Auflage. 2 Vol. 1904/08. In Betracht kommt Band II. G. v. Schulze-Gävernitz, Der Großbetrieb. 1892. J. Schoenhoff, The Economy of High Wages. 1893. Leo von Buch, Intensität der Arbeit usw. 1896. Herbig, Das Verhältnis des Lohnes zur Leistung, unter besonderer Berücksichtigung des Bergbaus in Schmollers Jahrbuch, Band 32. 1908. Max Weber, Zur Psychophysik der industriellen Arbeit. Archiv, Band 28, 29. 1908/09. Vgl. John A. Hobson, Evolution of Capitalism. 2 , Ch. XIV. II. Bestimmungsgründe des Arbeitslohns im einzelnen: 1. Rückständige Völker: siehe die oben Seite 227 f. 322 ff. genannte Literatur. 2. Frauenarbeit und Frauenlöhne: vgl. außer den im »Text genannten Schriften noch das 30. Kapitel des 2. Bandes in der 1. Auflage dieses Werkes. Eine sehr wertvolle Quelle ist das stenographische Protokoll der Enquete über Frauenarbeit, abgehalten vom 1. März bis 21. April 1896. Wien 1897. Außerdem kommen natürlich die amtlichen statistischen Werke über Betriebsgestaltung, Lohnverhältnisse usw. in Betracht. Die Literatur ist unübersehbar: sozialpolitische und frauenrechtlerische Interessen haben sie anschwellen lassen. Ich nenne ein paar bemerkenswerte Werke: Mme. J. V. Daubie, La femme päuvre au XIX. siede. 1866. Eine der ältesten und besten Gesamtdarstellungen. II. Lange und G. Bäumer, Handbuch der Frauenfrage. 1901. Lily Braun, Die Frauenfrage, ihre geschichtliche Entwicklung und ihre wirtschaftliche Seite. 1901. Mrs. John van Vorst and Marie van Vorst, The woman who toils. 1903. R. Wilbrandt, Die Frauenfrage, ein Problem des Kapitalismus. 1906. Verschiedene Arbeiten in den Schriften des VfSP., Band 133ff. Vgl. die Artikelreihe in den Sozialistischen Monatsheften. 1916ff. Statistik: Zahn, Die Frau im Erwerbsleben der Hauptkulturstaaten. Bulletin de Tlnstitut International de Statistique XX, 2 (1915). Uber Frauenlöhne insbesondere: E. Levasseur, L’ouvrier americain. 2 Vol. 1897. Amerikanische Ausgabe. 1900. Ch. XII. Le Comte d’Haus- sonville, Salaires et misüres de femmes. 1900. Chr. Cornelissen, Theorie du salaire (1908). Ch. XII. Alice Salomon, Die Ursachen der ungleichen Entlohnung von Männer- und Frauenarbeit. 1906. Sombart, Hochkapitalismus. 24 370 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte 3. Industrielle Reservearmee: Die Marxsche Theorie ist schon fertig in seiner Rede über den Freihandel. 1849. Anhang zur deutschen Ausgabe der „Misere.“ Uber Marx: J. Wolf, Sozialismus und kapitalistische Gesellschaftsordnung. 1892. Dazu meine Kritik und Wolfs Antikritik in Band 5 und 6 des Archivs. 1893. In der späteren Literatur ist das Problem meist behandelt unter dem Gesichtspunkt der Arbeitslosigkeit. Wertvolles Material ist durch eine Reihe von amtlichen und privaten Untersuchungen beigebracht worden. So in denDocuments sur la question du chömage. Office duTravaill896; in dem von J. Jastrow herausgegebenen Band 109 der Schriften des V.f.S.P. Fortlaufende Berichte in den amtlichen Zeitschriften der verschiedenen Länder: Labour Gazette, Reichsarbeitsblatt, Bulletin del’Office du Travail etc. Zu verschiedenen Malen ist die Frage der Arbeitslosigkeit auf Kongressen behandelt worden, deren Berichte uns gutes Material liefern. Siehe den „Bericht über den am 8. und 9. Oktober 1893 vom Freien Deutschen Hochstift zu Frankfurt a. M. veranstalteten sozialen Kongreß“. 1894; und namentlich den sehr reichhaltigen Band: „La dissoccupazione. Re- lazioni e discussioni del 1° Congresso internazionale per la lotta contro la disoccupazione 2. 3. ottobre 1906. Milano. Unter den zahlreichen „Berichten“ sind einige wirklich wertvolle. Das Werk ist in der Literatur völlig unbeachtet geblieben. Aus der Literatur seien hervorgehoben Geoffrey Drage, The Un- employed. 1894; eine wesentlich auf praktische Fragen eingestellte Untersuchung. W. Troeltsch, Das Problem der Arbeitslosigkeit. 1897. Paul Alterthum, Die Entstehungsgründe und Folgeerscheinungen der Arbeitslosigkeit in ihrem historischen Zusammenhänge mit der Entwicklung des Wirtschaftslebens im 19. Jahrhundert. Erlanger Diss. 1911. Petrenz, Die Arbeitslosigkeit und ihre statistische Erfassung. 1911. Beveridge, Unemployment, a Problem of Industry. 3. ed. 1912. K. Kumpmann, Die Arbeitslosigkeit und ihre Bekämpfung. 1920; Derselbe, Artikel „Arbeitslosigkeit“ im HSt l 4 . Über das Maschinenproblem („Kompensationstheorie “) insbesondere: Aug. Graziani, Studii sulla teoria economica delle macchine. 1891. J. Shield Nicholson, The effects of machinery New ed. 1892. H. Mann- städt, Die kapitalistische Anwendung der Maschinerie. 1905. Hauptwerk. Über den Einfluß der Konjunktur auf die Gestaltung der Arbeitsverhältnisse siehe die zum zweiten Abschnitt des dritten Hauptabschnittes angeführte Literatur. III. Die Bewegung des Arbeitslohns: Hier ist vor allem auf die Quellen zu verweisen, über die eine vollständige Übersicht gibt v. Zwiedeneck-Südenhorst in dem Artikel Lohnstatistik im HSt. 6 4 . Vgl. noch R. Meerwarth, Einleitung in die Wirtschaftsstatistik 1920. 8. Abschnitt und denselben, Nationalökonomie und Statistik. 1925. 6. Kapitel. Die neueste Veröffentlichung ist die des Internationalen Arbeitsamts vom Jahre 1926. Bearbeitungen liegen ebenfalls in großer Menge vor. Das umfassendste Quellen und Literatur 371 Werk ist E. Kuczynski, Arbeitslohn und Arbeitszeit in Europa und Amerika, 1870—1909 (1913), das auf 817 Seiten Lexikonformat eine schreckhafte Fülle von Ziffern enthält, die aber leider ohne jede Ordnung geblieben sind. Etwas mehr verarbeitet ist der Urstoff in der Darstellung von Carl v. Tyszka, Löhne und Lebenskosten in Westeuropa im 19. Jahrhundert. Schriften des V.f.S.P, Band 145.1914. Für die in diesem Kapitel verfolgten Zwecke bietet aber auch diese Arbeit nur wenig Ausbeute; dagegen ist sie brauchbar unter dem im dreißigsten Kapitel gewählten Gesichtspunkte. Einzelne Länder: Großbritannien: J. D. Tuckett, A History of the Past and Present State of the Labouring Population. 2 Yol. 1846. Enthält eine umfangreiche Untersuchung über die Lage der englischen Arbeiter in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Bevan, The Industrial Classes and Industrial Statistics. 2 Vol. 1876/77. Bowley, Wages in the United Kingdom in the 19. Century 1900; idem, Changes in the Distribution of the National income. 1880—1913. Ygl. die Aufsätze über Lohnstatistik im Journal of the Eoyal Statistical Society. March 1909; im Economic Journal. Sept. 1923 und in der Eeview of Econ. Statistics. Oct. 1923. Suppl. Deutschland: Jüngst, Arbeitslohn und Unternehmergewinn im rheinisch-westfälischen Steinkohlenbergbau. Glückauf. 1906. Heft 37—40. Vereinigte Staaten von Amerika: A. Schäffle, Der Geld- und Eeal- lohn in den Vereinigten Staaten. Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft. Band 45. 1900. Meine Studie: Warum gibt es in den Vereinigten Staaten keinen Sozialismus? 1906. J. M. Eubinow, The Eecent Trend of Eeal Wages. The American Economic Eeview. Dec. 1914; Paul H. Douglas and Frances Lamberson, The Movement of Eeal Wages. 1890—1918. Ib. Sept. 1921. Alvin H. Hansen, Factors affecting the Trend of Eeal Wages. Ib. March 1915. 24 * 372 Fünfundzwanzigstes Kapitel Die örtliche Anpassung I. Die Übervölkerung des platten Landes Was unsere Untersuchung an allgemeinen Entwicklungstendenzen im vorigen Unterabschnitt zutage gefördert hat, war dies: Die Bedürfnisse der modernen Landwirtschaft: ihr Bedürfnis nach klaren Eigentumsverhältnissen, ihr Bedürfnis nach bestmöglicher Ausnutzung des Grund und Bodens und deshalb rationeller Gestaltung des Wirtschaftsbetriebes, ihr Streben, auch das Arbeitsverhältnis ihrem immittelbaren Zwecke entsprechend umzuformen — die Befriedigung all dieser Bedürfnisse hat zur Folge, daß ein großer Teil der früher organisch mit der Landwirtschaft verwachsenen, der gleichsam bodenständigen ländlichen Bevölkerung entwurzelt, mobilisiert, Flugsand wird. Eine Entwicklung, die durch andere Umstände Unterstützung erfährt: den Wegfall des gewerblichen Nebenverdienstes, das Erwachen des individualistischen Geistes unter der Landbevölkerung, diesen beiden Begleiterscheinungen der Ausbreitung und Erstarkung des gewerblichen Kapitalismus. Und eine Entwicklung, die über die Kreise der Landwirtschaft treibenden Bevölkerung hinaus sich auf viele rein gewerbliche Produzenten des flachen Landes und der kleinen Landstädte erstreckt. So stellt sich denn naturgemäß als Wirkung in breiten Schichten der ländlichen Bevölkerung ein Zustand ein, den wir als Landmüdigkeit bezeichnen können; sie mag erzwungen oder freiwillig sein. Das zweite Ergebnis unserer Untersuchungen war die Feststellung einer überaus starken Bevölkerungszunahme seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts. Diese Bevölkerungszunahme hatte sich aber, wie ein näheres Zusehen ergibt, ganz besonders stark in den ländlichen Distrikten vollzogen. Das Ergebnis dieser beiden Entwicklungsreihen war eine ausgesprochene Übervölkerung des platten Landes, der wir überall am Ende der frühkapitalistischen Periode begegnen. Was aber für das platte Land gilt, gilt teils aus denselben, teils aus Füufundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 373 anderen Gründen in teilweise verschärftem Maße für die Kleinstädte. Sehr richtig bemerkt der Engländer Ogle in einer interessanten Studie, The Alleged Depopulation of the Rural Districts of England (Journ. of the Stat. Soc. 52, 205 f.), daß man plattes Land und Kleinstädte ruhig als eine homogene, wirtschaftlich zusammengehörige Masse betrachten dürfe: ,,for these smaller country towns, with their markets and shops, are in fact quite as much integral portions of the rural Organisation as are the villages and hamlets“ (S. 209). Unter Landstädten dieser Art will er sogar alle Städte unter 10000 Einwohnern verstanden wissen. Die Gründe, denen der Niedergang der Kleinstädte zu danken ist, sind aber vornehmlich diese: a) die Schwächung der Kaufkraft der ländlichen Bevölkerung, wo diese aus den oben angeführten Gründen im Rückgänge ist; b) die Umgestaltung der Verkehrstechnik, der Übergang vom Landstraßen- zum Eisenbahntransport, wodurch die früheren Poststationen, Kreuzungspunkte usw. an Bedeutung einbüßen, und die eine Verschiebung des Standorts der Industrie zur Folge hatte; c) der Rückgang der handwerksmäßigen Produktions- und Handelsweise. Diese Vorgänge, die teilweise ein ganz lokales Gepräge tragen, müssen wir mm für einige Länder gesondert verfolgen. Ich wähle zu diesem Behufe drei Länder oder Gruppen von Ländern aus, die sich — von Verschiedenheiten im einzelnen abgesehen — vor allem dadurch voneinander unterscheiden, daß die Erscheinung der Übervölkerung entsprechend ihrer ökonomischen Entwicklungsstufe bei ihnen je im Abstande von ein paar Menschenaltern hintereinander auftritt: 1800— 1850—1900 ganz grob gesprochen; nämlich England — Deutschland — Süd- und Osteuropa. 1. Großbritannien In England macht sich, entsprechend seiner fortgeschrittenen Entwicklung, die Übervölkerung des platten Landes bereits in der letzten Hälfte des 18. Jahrhunderts deutlich bemerkbar in Arbeitslosigkeit und gedrückter Lage weiter Schichten der Bevölkerung. „Im Winter war schon damals in manchen Gegenden keine Arbeit zu haben, und bereits im Jahre 1788 wurde dem Parlament ein Gesetzentwurf vorgelegt, welcher die Unterstützung der Landarbeiter im Winter bezweckte.“ Nach Nicholls, History of English Poor Law 2 (1857), 123, Hasbach 134. Davies, der in den 1790er Jahren schreibt, berichtet von „the great plenty of working hands always to be had when wanted“. Und bei Eden lesen wir, daß die meisten Arbeiter auf der Suche nach Arbeit sind, das heißt von Haus zu Haus in 374 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte dem Kirchsprengel herumgehen, um sieb nacb Arbeit umzutun. Das alles finden wir sehr begreiflich. Was uns dagegen zunächst in Erstaunen setzt, ist die Tatsache, daß offenbar ein reichliches Menschenalter später — noch Ende der 1830er und Anfang der 1840er Jahre, ja sogar darüber hinaus — ganz genau dieselbe Uberfüllung des platten Landes in England herrschte wie Ende des 18. Jahrhunderts. Die in der Landwirtschaft beschäftigten Familien betrugen in Großbritannien: 1811. , . . . 895998 1821. . . . . 978656 1831. Die Bevölkerung in den Ortschaften mit weniger als 5000 Einwohnern nahm in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch um mehr als die Hälfte zu. Sie betrug: 1801 . 6578021 Seelen 1851 . 9899598 „ Nach der Zusammenstellung bei A. F. Weber, The growth of cities (1899), S. 43. — „. . the agricultural districts (are) over-peopled . . even to com- pression“ urteilt ein sehr guter Beobachter: Th. Chalmers, The Christian and civil economy of large towns. 3 (1826), 75. Neuerdings hat Percy M. Roxby eingehende Untersuchungen für fünf nach der Verschiedenheit ihrer agrarischen Verhältnisse ausgewählte Landschaften angestellt und ist dabei zu dem Ergebnis gekommen, daß die Zunahme der Bevölkerung des platten Landes in diesen fünf Landschaften von 1801 bis 1851 bzw. 24,5, 42,2 52,5, 57,4, 108,2% betragen habe; a. a. O. Seite 177. Vgl. auch William Ogle, The Alleged Depopulation of the Rural districts of England im Journal of stat. soc. 52 (1889), 205ff., insbes. 212ff. In Schottland vermehrt sich die ländliche Bevölkerung ebenfalls bis zur Mitte des Jahrhunderts. Sie betrug nach dem Zensus: 1841 . 1437316 Köpfe 1851 . 1442018 „ Von da ab vermindert sie sich. Vgl. J. W. Paterson, a. a. O. Seite 14ff. Die Entwicklung Irlands ist a-typisch: hier ist die Übervölkerung ein dauernder Zustand. Der Notstand der ländlichen Bevölkerung Großbritanniens in den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts, der durch diese Übervölkerung hervorgerufen wurde, ist zu bekannt, als daß es nötig wäre, ihn hier noch einmal darzustellen. Am berühmtesten sind wohl die Schilderungen bei Marx im dreiundzwanzigsten Kapitel des „Kapitals“, die im wesentlichen ihre Bestätigung finden durch die sehr eingehenden Ausführungen bei Hasbach a. a. O., namentlich S. 186ff. Die Darstellung Kablukows, von denen ein Auszug deutsch 1887 erschienen ist, ist nicht selbständig, sondern fußt wesentlich auf Marx. Von deutschen Schilderungen jener Elendszustände auf dem Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 375 Lande in Großbritannien zur Zeit der Kornzölle ist auch noch diejenige aus Friedrich Engels, Lage, S. 311ff. zu nennen. Was uns nur interessiert, ist die Frage: Wie kommt es, daß eine Uber- schußbevölkerung so lange sich auf dem Lande erhalten konnte, trotzdem der gewerbliche Kapitalismus in England während jener Zeit doch schon einen nicht unbeträchtlichen Stärkegrad erreicht hatte, so daß also theoretisch ein viel früherer Abstrom der Bevölkerung hätte eintreten müssen. Ich sehe die Gründe für die lang anhaltende Überfüllung des Landes in England und Schottland vornehmlich in folgendem: 1. Die Repulsion, das heißt die Freisetzung von Arbeitskräften auf dem Lande war eine außergewöhnlich starke und drängte sich in kurze Zeit zusammen: zu den schon angegebenen Ursachen dieser ganz gewaltigen Abstoßungstendenz: rascher Übergang zum intensiven Getreidebau und ebenso rascher Zusammenbruch der künstlich großgezogenen Berufshausweberei, tritt die im zweiten Jahrzehnt sich immer stärker fühlbar machende Notlage der Landwirtschaft. 2. Die Aufnahmefähigkeit der überseeischen Kolonisationsgebiete, die einen Teil der ländlichen Überschußbevölkerung aufzusaugen berufen sein sollten, war dank der unvollkommenen Verkehrstechnik noch gering: aus Großbritannien wanderten 1815—1824 im Durchschnitt der Jahre nur 19535 Personen aus. Ebenso hatte die Anziehungskraft des gewerblichen Kapitalismus noch keine sehr große Höhe erreicht; sie war, insbesondere in den Jahrzehnten nach dem Kriege, durch häufige Störungen geschwächt gewesen und vor allem auch noch dadurch verringert, daß der in vielen Industrien eben erst erfolgende Übergang zur Maschinentechnik zahlreiche „Hände“ auch in der Sphäre der schon vorhandenen Industriebevölkerung freisetzte und damit jenes Überangebot von gewerblichen Arbeitern schuf, das für Marx Veranlassung wurde zur Aufstellung seiner Theorie von der industriellen Reservearmee. Natürlich fand in diesen Jahren schon eine sehr beträchtliche Abwanderung in die Städte und Industriebezirke statt, wie ziffernmäßig weiter unten zu zeigen sein wird. Ich behaupte auch nur eine noch verhältnismäßig geringe Absorptionsfähigkeit des gewerblichen Kapitalismus, verhältnismäßig nämlich zur vorhandenen Bevölkerung. Und das bestätigen die Ziffern, aus denen sich beispielsweise ergibt, daß von der Gesamtzunahme der Bevölkerung 1821-1831 = 51% 1841-1850 = 82 „ auf die Städte über 20000 Einwohner entfiel oder, in absoluten Ziffern ausgedrückt, von den Städten nicht absorbiert wurden: 1821-1831 = 921000 Personen 1841-1851 = 354000 Ganz irreführend ist dagegen die Berechnungsweise Webers a. a. O., der immer nur die Zuwachsprozente in Stadt und Land ansieht und auf diesem Wege zu der Annahme kommt, daß das Jahrzehnt 1821—1831 eine ganz besonders starke Tendenz zur Zusammenballung der Bevölkerung 376 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte in den Städten aufweist. Jedenfalls ist es sehr wohl vereinbar, daß in einer Periode die Städte rascher wachsen als in einer anderen und trotzdem in dieser die Absorptionsfähigkeit der Städte eine größere ist. Das Exempel ist einfach: Die Gesamtbevölkerung betrage 100, die städtische 10; letztere steige auf 20, erstere auf 120, so beträgt das Zuwachsprozent der städtischen Bevölkerung 100, das Absorptionsprozent 50. Vermehrt sich nun die Gesamtbevölkerung weiter auf 130, die städtische auf 30, so beträgt deren Wachstum nur 50%, die Absorptionsrate ist jedoch auf 100% gestiegen. Über die Stagnation der englischen Baumwollindustrie in dem ersten Jahrzehnt nach dem Kriege und ihre Gründe vgl. G. von Schulze-Gaevernitz, Der Großbetrieb (1892), S. 46ff. Aber all diese Umstände erscheinen mir noch nicht genügend, um das ungewöhnlich lange Verweilen einer ländlichen Uberschußbevölkerung in England hinreichend zu erklären. In der Tat finden wir denn auch, wenn wir genauer hinsehen, daß eine Reihe ganz besonderer Ursachen wirksam gewesen ist, um jenes eigentümliche Phänomen eines dauernden Bevölkerungsüberschusses auf dem platten Lande bei immerhin schon fortgeschrittenem, gewerblichem Kapitalismus hervorzurufen. Gemeint ist: 3. die Gestaltung der Armen- und Heimatgesetze in England in den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts. Es ist bekannt, daß auf der einen Seite eine außerordentlich strenge Heimatgesetzgebung das ältere englische Armenwesen kennzeichnet, nach der grundsätzlich das Unterstützungswesen als Ausfluß des Heimatrechts zu betrachten war — ein Grundsatz, der erst im Jahre 1846 durchbrochen wurde; daß aber auf der anderen Seite der sogenannte Gilbert’s Act vom Jahre 1782 eine Reihe von Maßnahmen einleitete, die es für die ärmeren Schichten der Bevölkerung außerordentlich leicht und reizvoll machten, die öffentliche Armenpflege in Anspruch zu nehmen. Im Anschluß an die Bestimmung, daß für die arbeitsfähigen Armen von den Guardians nicht nur eine geeignete Beschäftigung ausfindig gemacht, sondern auch der gewonnene Arbeitslohn eingezogen und zum Unterhalt mit verwendet werden solle, ein ungenügendes Erträgnis der Arbeit also aus der Armenkasse zu ergänzen sei, entwickelte sich dann seit dem Jahre 1795 ein vollständiges System von Lohnzuschüssen (Allowance System), das darin bestand, daß nach der Höhe der Lebensmittelpreise und der Stärke der Familie eine Lohnskala festgesetzt und bestimmt wurde, dem Arbeiter solle, soweit er die so ermittelte Summe nicht durch eigene Arbeit oder die Tätigkeit seiner Familienmitglieder erwerbe, das Fehlende als Zuschuß (Allowance) aus der Armenkasse gezahlt werden. Das war also eine Prämie auf Faulheit und, weshalb ich es hier erwähne, offenbar ein Mittel, die Abwanderung der ländlichen Bevölkerung aufzuhalten, die gar nirgends eine so sichere Existenzmöglichkeit erwarten durfte wie in ihrem Heimatort, der sie zu unterhalten verpflichtet war. ,,They are not so careful in seeking work for tliemselves, as the law has rendered them in some measure independent of it . . . the anxiety of the lower Orders to get employments lessened under this System.“ Th. Chalmers, Economy of large towns 3 (1826), 74. Daß übrigens das Armengesetz von 1834, das die Zuschüsse beseitigte, Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 377 keineswegs sofort Wandel zu schaffen vermochte, geht aus den amtlichen Berichten hervor, die wir noch aus den 1850 er und 1860 er Jahren über das Elend auf dem platten Lande in England besitzen, und mit deren dunklen Farbtönen Marx seine Palette ausgestattet hat, als er uns die englischen Arbeiterzustände jener Jahre schilderte: siehe das „Kapital“ l 4 , 648 ff. Es bedurfte fast der Zeitspanne eines Menschenalters, bis die „künstlich verschobenen Beziehungen der verschiedenen Klassen“ (Hasbach) wieder in die „natürliche“ Lage gebracht waren, das heißt: bis die großen Tendenzen der kapitalistischen Wirtschaft ungehindert durch Gegenkräfte wieder zu wirken beginnen konnten. Die oben mitgeteilten Ziffern über die Bevölkerungsbewegung erbringen dafür den Beweis. 2. Deutschland In dem Menschenalter von 1816 bis 1845 wuchs die Bevölkerung auf dem Reichsgebiet des Jahres 1914 von 24,8 Millionen auf 34,4 Millionen an, das heißt um 9,6 Millionen oder 38,7%, während sie sich im folgenden Menschenalter, von 1845 bis 1875, nur um 8,3 Millionen oder 24,1% und sogar in dem Menschenalter größten Aufschwungs, von 1865 bis 1895, nur um 31,8% vermehrte. Und zwar war es die Bevölkerung in den ländlichen Gebieten bzw. die landwirtschaftliche Bevölkerung, die sich besonders heftig vermehrte. Von 1816 bis 1840 nahm die städtische Bevölkerung im Königreich Preußen von 1000 auf 1411, dagegen die ländliche von 1000 auf 1461 zu. Jahrbuch für die amtliche Statistik des preuß. Staates 1 (1863), 110. Ein Vergleich der Bevölkerungsbewegung in den einzelnen Regierungsbezirken des preußischen Staates für die Jahre 1834—1843 führt zu folgendem Ergebnis: in Marienwerder, Köslin und Bromberg raschere Zunahme als in Düsseldorf, in Gumbinnen und Stralsund raschere als in Arnsberg und Köln, in Posen und Königsberg raschere als in Breslau, Magdeburg, Minden. Auf Provinzen berechnet ergibt sich dann folgendes noch eindrucksvollere Bild. Das jährliche Zuwachsprozent betrug (1834—1846): in der Provinz Pommern .... 2,23 (Max.) 3 5 „ „ Brandenburg . . 2,27 33 33 ,, ,, Schlesien .... 2,23 33 im preußischen Staate . . . 1,88 33 in der Provinz Sachsen. 1,64 33 33 „ „ Westfalen .... 1,43 33 33 „ Rheinprovinz. 1,59 33 Frhr. von Reden, Vergleichende Statistik der Bevölkerungsverhältnisse Deutschlands und der übrigen Staaten Europas, in seiner Zeitschrift Bd. I (1847) S. 1057. Uber die damals stärkere Bevölkerungszunahme im Osten Deutschlands vgl. auch das reiche Material bei Fr. J. Neumann, Zur Lehre von den Lohngesetzen in den Jahrbüchern f. Nat.Ök. III. F. Bd. V (1893); namentlich S. 648ff. Dasselbe gilt bei einem Vergleich der übrigen Staaten Deutschlands. 378 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Im Königreich Bayern hatte die landwirtschaftliche Bevölkerung ihren Anteil an der Gesamtbevölkerung von 1840 bis 1852 noch von 657 auf 679 von 1000 Seelen gesteigert. F. B. W. Hermann, Uber die Gliederung der Bevölkerung des Königreichs Bayern (1855), 13 ff., 21 ff. 5*1 Ziehen wir aber die zeitgenössische Literatur zu Rate, so tönt uns aus jeder Seite die Klage entgegen: es sind zu viel Menschen auf dem Lande da, die Arbeitsgelegenheit fehlt, die Zahl der Arbeitslosen und Elenden namentlich auf dem flachen Lande und in den kleinen Städten wächst. Ich teile ein paar solcher Äußerungen mit: Mark Brandenburg: „Eine dritte Ursache“ — sc. der Not und Armut auf dem Lande, deren beide ersten Ursachen (!) der Verfasser in der Niedrigkeit des Arbeitslohns und der Länge der Arbeitszeit erblickt — „finden wir an einzelnen Orten und in manchen Gegenden in dem Mangel an fortdauernder Arbeit und zwar entweder zufolge einer Überzahl von Arbeitern oder ungünstiger Konjunktur“. K. F. Schnell, Vorschläge (1849), S. 34. Der Landesökonomierat Koppe aber, der die Schrift, der obige Stelle entnommen ist, einleitet, warnt ausdrücklich vor einer Lohnerhöhung; denn, meint er, „eine Erhöhung des Tagelohns würde einen solchen Andrang der Arbeiter zur Folge gehabt haben, daß ich sehr viele hätte abweisen müssen“. Schlesien: „Die große Zahl der Arbeitsuchenden hat natürlich zur Folge, daß der tägliche Lohn gedrückt wird . . . Würde wohl der Diebstahl in den Städten und auf dem Lande in den letzten zehn Jahren so überhandgenommen haben, wenn die Tagearbeiter stets Arbeit und höheren Lohn gehabt hätten?“ C. Fr. Frenzei, Praktische Ratschläge usw. (1849), 4. „Zurzeit bietet die Gesetzgebung noch kein Mittel dar, wodurch ihrer (sc. der Einlieger) reißenden Vermehrung Einhalt getan werden könnte.“ Einige Betrachtungen über die Einwohnerklasse der Einlieger in den „ökonomischen Mitteilungen aus Schlesien“, herausgegeben von Gr. Hoverden und Pastor Schulz. V. Jahrg. (1843), S. 74. Ostpreußen hat ausführlich Neumann in seiner bereits genannten Studie über die Lohngesetze behandelt; es genügt, auf die dortigen Angaben zu verweisen. Thüringen: „Die stets wachsende Bevölkerung vermehrt die Zahl der Konsumenten; die vielen müßigen Hände . . . drücken die Arbeitslöhne herab . . . Etwas weniger . . . fühlen die Städte diese . . . Verhältnisse . . . und doch wimmelt es von müßigen Händen.“ Gesellschaftsspiegel II (1847), 33, 34. Von den Ortschaften des Eisenacher Oberlandes erfahren wir, daß sie „sämtlich ein zahlreiches Proletariat enthalten und Mangel an Arbeitsgelegenheit leiden“. Zuschrift der Großherz. S. Bezirksdirektion in Dermbach vom 11. Oktober 1855. Zitiert bei Em. Sax, Die Hausindustrie in Thüringen 2 (1884), 73. Oldenburg: „Es ist buchstäblich wahr, daß das Münsterland eine derartige Bevölkerung — 93 Einwohner auf den Quadratkilometer — nicht zu ernähren vermochte.“ P. Kollmann, Die Heuerleute im Oldenburgi- schen Münsterlande (Jahrb. f. Nat.Ök. III. F. Bd. XVI. S. 192, 193). Holstein: Eine Schrift des Freiherrn von Berg, in der er die Steigerung Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 379 der Pachtpreise usw. bekämpft, schließt mit der Mahnung, die landwirtschaftlichen Arbeiten zu vermehren, „was für die reichliche Zahl der Tagelöhner fast notwendig erscheint, wenn nicht deren Verarmung immer mehr vor sich gehen soll“. Frhr. A. von Berg, Uber den landw. Betrieb im Hzgt. Holstein usw. 1852. Zitiert bei J. B. Mucke, Deutschlands Getreideertrag (1883), S. 44. Rheinland: Übervölkerung und Notstände im Westerwalde werden Ursachen der Landgängerei. Siehe die anschaulichen Schilderungen bei Joh. Plenge, Westerwälder Hausierer und Landgänger in den Schriften d. V. f. S. P. Band 78 (1898) 24f., 49. Westfalen: „Möge bald die Wünschelrute gefunden werden, welche den Schatz dieses Ländchens, die unverwerteten Arbeitskräfte, zu segensreicher Wirksamkeit an das Licht ruft.“ Jacobi, Statistik des Beg.-Bez. Arnsberg (1856), 21. Großherzogtum Hessen: „In der 66. und 67. diesjährigen Sitzung der Ersten Kammer des Großherzogtums Hessen fand die Ansicht unseres verehrten hohen Staatsministers volle Anerkennung, wonach in unserem Großherzogtum eine Übervölkerung eingetreten ist.“ L. Wilkens, Die Erweiterung usw. des deutschen Gewerbebetriebes usw. (1847), 1.' Baden: „Die Anzahl dürftiger Arbeiterfamilien ist zwar vermittelst der Auswanderung vermindert worden, aber gleichwohl ist noch ein Übermaß solcher Familien vorhanden, denen es an fortdauernder Beschäftigung gebricht.“ H. Bau, Die Landwirtschaft der Heidelberger Gegend in der Festschrift für die XXI. Versammlung deutscher Land- und Forstwirte. 1860. S. 394. Vgl. dazu Banfield, Industry on the Bhine 1 (1846), 208. 222, und Philippovich im Archiv 5, 32. Die südwestdeutschen Staaten mit vorwiegend kleinbäuerlichem Besitz: Baden, Hessen, Württemberg, Pfalz galten als die Übervölkerungsbezirke schlechthin. Sie sind es übrigens bis in die neuere Zeit hinein geblieben. Was bei ihnen zur Übervölkerung Anlaß bot, war die übermäßige Zerstücklung des Grund und Bodens, die zu einer unrationellen Zwergwirtschaft führte. Bekannt sind die Schilderungen, die Friedrich List von der Lage dieser Zwergbauern in Südwestdeutschland entwirft. Er vergleicht die Zustände dieser Länder „am Ehein, am Neckar, am Main“ mit denjenigen Irlands: „Jetzt schon gibt es große Dorfschaften, wo die gesamte Einwohnerschaft nur in der Auswanderung mit Kind und Gesind ihre Bettung zu finden glaubt.“ Ges. Schriften 2, 163. 3. Süd- und Osteuropa Gemeinsam dem Gebiete Süd- und Osteuropas und ihm eigentümlich ist der Umstand, daß hier die Übervölkerung um ein halbes Jahrhundert später als in West- und Mitteleuropa — man kann nicht sagen: eintritt, aber doch als solche empfunden wird und zu wirken beginnt. Die allgemeinen Ursachen der Übervölkerung sind auch in diesen Ländern Auflösung der alten Gemeinschaften, verringerte Erwerbsmöglichkeit in der Landwirtschaft und im Handwerk bei gleichzeitiger starker Vermehrung 380 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte der Bevölkerung. Im einzelnen ergeben sieb zahlreiche Verschiedenheiten in den verschiedenen Gebieten, die ich im folgenden an drei Typen nur andeutungsweise veranschaulichen kann. Es kommt uns ja in diesem Zu- sammmenhange auch nicht so sehr auf die Besonderheiten an als auf die großen Züge der allgemeinen Entwicklung. a. Italien: Die typische Form der italienischen Agrarverfassung für Mittel- und Norditalien ist die Mezzadria; sie ist seit der Mitte des 19. Jahrhunderts aus ganz ähnlichen Gründen, wie sie in den übrigen Ländern die Zersetzung der patriarchalischen Wirtschaftsformen zur Folge gehabt haben, in der Auflösung begriffen. Am fortgeschrittensten ist der Prozeß in der Lombardei, wo sie schon Jacini in den 1850er Jahren in der Auflösung antraf, in Emilia und den Marken, am rückständigsten sind die Zustände in Toskana und Umbrien: genau parallel dem Entwicklungsgrade der kapitalistischen Landwirtschaft. In dem Maße, wie die alte patriarchalische Teilbauwirtschaft zerfällt, wird die ländliche Bevölkerung mobilisiert und rebelliert. Dieselbe Wirkung übte in den kleinbäuerlichen Distrikten, namentlich des gebirgigen Mittelitaliens, die „Agrarreform“, die wie allerwärts Nutzrechte ablöste, Allmende aufteilte usw. und seit der Einigung Italiens ihr Werk erst recht begonnen hat. Endlich haben auch Sizilien und Süditalien einen Auflösungsprozeß infolge Eindringens der kapitalistischen Landwirtschaft durchgemacht, der zu keinem anderen Ergebnis geführt hat als die Entwicklung anderswo: einer Entwurzelung vieler bodenständiger Elemente. Und dazu dieselbe rasche Bevölkerungszunahme wie anderwärts. Ganz entsprechend der Entwicklung Deutschlands bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts sind es auch in Italien die vorwiegend agrikolen Gebiete, die die stärkste Vermehrung aufweisen, und zwar zum Unterschied von Deutschland bis in den Anfang des 20. Jahrhunderts hinein. So betrug die Bevölkerungszunahme während des Jahrzehnts 1871—1881 im Durchschnitt des Königsreichs 6,19 %, während der Jahre von 1882 bis 1901 7,38 %. Dagegen die Bevölkerungszunahme in: 1871-1881 1882-1901 Sardinien. 7,12% 8,42% Apulien. 11,84% 12,20% Sizilien. J 13,30% 10,76% Das Urteil sachkundiger Beobachter stimmt denn auch dahinüberein, daß jedenfalls für das letzte Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts noch, aber auch darüber hinaus eine Überbevölkerung vorhanden ist, deren der Kapitalismus noch nicht hat Herr werden können: „il vedere tutto ciö persuade certo ognuno, il quäle non sia dominato da alcun pregiudizio contrario, che in Italia nascono molti di piü che non possano esservi fisicamente e civilmente mantenuti.“ Giulio Salvatore Del Vecchio, Gli Analfa- beti e le nascite nelle varie parti d’ Italia (1894), 61. ,,L’ elevata feconditä italiana, associata alla scarsa produttivitä della nostra agricoltura fa che 1’ eccesso di popolazione malthusiano abbia tuttora in qualche provincia d’ Italia applicazione e realtä.“ Achille Loria, La costituzione economica Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die Örtliche Anpassung 381 odierna (1899), 272. „Una delle cause principali per cui il tenore di vita delle classi operaie in Italia e inferiore a quello degli altri paesi, per cui i salari rimangono a un livello bassissimo e non sono frequenti ne di solito fortunati gli scioperi per la elevazione delle mercedi, si e la eccessiva po- polazione del nostro paese.“ L. Binaudi, La politica economica delle olassi operaie italiane nel momento presente im ersten Heft der Critica sociale 1. VII. 1899. „Anche le Campagne hanno visto diminuire rapi- damente la mortalitä . . . la loro popolazione va aumentando in modo sproporzionato al bisogno ed alle risorse: sproporzionato in quanto nelle attuali condizioni della nostra agricoltura il numero degli individui cui e dato trarne diretto sostentamento non puö aumentare con molta rapi- ditä. Da ciö un’ eccedenza di popolazione nelle parti rurali del paese.“ G. Mortara, Le popolazioni nelle grandi citta italiane (1908), 408. b. Rußland bat bis zum Ausbruch des Krieges an einer steigenden Überbevölkerung des platten Landes gelitten. Schuld daran war zunächst die bei der Bauernbefreiung zu knapp bemessene Landzuweisung. Die Staatsbauern erhielten damals 6,7 Deßjatinen (ha), die Apanagebauern 4,9, die Gutsbauern 3,2, im Schwarzerdegebiet jedoch nur 2,2, im Gouvernement Podolien 1,9, in den Gouvernements Poltawa und Kiew 1,2. Vielfach begnügten sich die Bauern, um den hohen Zinslasten zu entgehen, mit den zinsfreien sogenannten Bettelanteilen im Umfang von 0,9 bis 1,1 Deßjatinen. Und nun setzte auch und gerade in Rußland die Bevölkerungsvermehrung ein, die die Bauernschaft seit der Bauernbefreiung bis zur Revolution von 45 auf 110 Millionen Köpfe anwachsen ließ. Der Nahrungsspielraum für den einzelnen wurde also immer noch mehr eingeengt und weitete sich auch nicht durch Verbesserung der Wirtschaft aus, die vielmehr bis zur Stolypinschen Agrarreform die denkbar schlechteste blieb. Diese Agrarreform selbst bedeutete, wie wir schon sahen, in Rußland wie überall eine Verbesserung für die kräftigen Wirte, eine weitere Verschlechterung für die große Masse der Kleinen und Kleinsten auf dem Lande. In den letzten Jahren vor dem Kriege konnte deshalb ein aufmerksamer Beobachter schreiben: „Die Frage der männlichen Arbeitslosigkeit gewinnt in Rußland immer akutere Bedeutung. Schon im Jahre 1900 hatten rund 48% der Bauernbevölkerung ausreichende Arbeitsgelegenheit, die übrigen 52 % befanden sich im chronischen Zustande der halben bzw. vollständigen Arbeitslosigkeit: sie fanden für ihre Arbeitskraft weder im Landbau noch in der Industrie Verwendung. Seit jener Zeit ist ihre Zahl um Millionen gestiegen.“ Rasskoje Bogatstwo 1910. XII, 47, zitiert von Maria Raich im Archiv Bd. 33 (1911), 816. c. Juden: Die Übervölkerung der von den Ostjuden bewohnten Gebiete ist zwar keine Übervölkerung des platten Landes, da ein großer Teil in den Städten haust, steht aber mit den Vorgängen in der Landwirtschaft in engem Zusammenhänge und ist letzten Endes doch auch eine Folgeerscheinung der allgemeinen Auflösungs- und Bevölkerungszuwachstendenzen, von denen im vorigen Abschnitt die Rede war. Die russischen Juden wurden erst seit der Aufhebung der Leibeigenschaft 382 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte und der feudalen Landwirtschaft in eine Notlage versetzt. Solange jene bestanden, fanden sie als Händler und Vermittler, sog. Faktoren, ihr gutes Auskommen. Seit der Aufhebung versuchte der jüdische Händler und Makler durch Übergang zum Handwerk sich Ersatz für jene Ausfälle zu Erwerbsmöglichkeiten zu schaffen. Aber dieser Ausweg führte ihn nicht zum Ziel. „Das Handwerk war nicht imstande, das Problem vollständig zu lösen, das heißt die Juden, welche durch die Umwälzung in der Landwirtschaft brotlos geworden waren, zu versorgen; dazu kam noch, daß dem Handwerk selbst in der allgemeinen Entwicklung der Industrie. . . eine scharfe Konkurrenz erwuchs. Die Folge dieser Erscheinungen war, daß die jüdische Auswanderung entstand.“ N. W. Goldstein, Die Bedeutung des jüdischen Proletariats für die englische Industrie. Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden. 5 (1911), 123. Eine Reihe von Gründen, die namentlich Kaplun-Kogan auseinandergesetzt hat, verhinderte aber die Aufsaugung der jüdischen Arbeitermasse durch die Industrie. Vgl. Wlad.W. Kaplun-Kogan, DieW anderb ewegung derJuden(1913),101ff. Die Übervölkerung der jüdischen Distrikte wurde in Rußland noch dadurch verschärft, daß die Juden auf den Ansiedlungsrayon beschränkt blieben, wodurch eine Verteilung über ein weiteres Gebiet unmöglich gemacht wurde. Die Folge war, daß einzelne Gewerbe, die von den Juden bevorzugt wurden, stark übersetzt waren: in zwei Gouvernements des Ansiedlungsbezirks waren im Handel 52,9, in den Bekleidungsgewerben 24,3, im Fuhrwesen 6,8, im Unterricht 6,0 von tausend Personen tätig, während in zwei außerhalb dieses Rayons gelegenen, also „normalen“ Gouvernements die entsprechenden Ziffern waren: 19,5,11,3,1,7, 2,3. B. Brutzkus, Im russischen Ansiedlungsgebiet und außerhalb desselben; in der eben erwähnten Zeitschrift 4 (1908), 81. Außerdem aber gab es im Ansiedlungsgebiet, zahlreiche Juden, denen es an jedem festen Erwerb fehlte, die heute als Makler, morgen als Schreiber, übermorgen als Lehrer tätig waren. Das Elend und die Not dieser russischen Juden, die auf ein viel zu kleines Nahrungsgebiet zusammengedrängt waren, waren sprichwörtlich. Qalizien bot ein ganz ähnliches Bild. Die agrarische Verfassung des Landes, dessen ökonomische Rückständigkeit einerseits, die Ausschließung der Juden von zahlreichen Stellen als Beamte usw., die zunehmende Beteiligung der polnischen und ruthenischen Bevölkerung am Kleingewerbe und Kleinhandel andererseits, alles dies wirkte zusammen, um den Nahrungsspielraum der sich weiter vermehrenden Juden in Galizien immer mehr einzuschränken. Nur ein Bruchteil hatte eine halbwegs gesicherte Existenz, die meisten lebten von der Hand in den Mund und wußten am Morgen noch nicht, wo sie am Mittag eine Mahlzeit für sich und ihre Familie hernehmen sollten. Max Nordau hat für diese Existenzen das Wort „Luftmenschen“ geprägt. In der Statistik erscheinen diese Luftmenschen unter der Rubrik „Lohndienste wechselnder Art“ oder „Selbständige ohne Berufsangabe“. Aber auch die jüdischen Handwerker und Händler lebten der Regel nach im Elend. Von 100 befugten Handwerkerfamilien hatte im Jahre 1903 die Mehrzahl einen Wochenverdienst von 5 bis 7 Gulden, wovon für Wohnungsmiete und den hebräischen Unterricht der Kinder 1—1 y 2 Gulden abgingen, ' Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 383 so daß 4—5 Gulden für Kleidung und Ernährung einer Familie von 5 bis 8 Köpfen übrigblieben. A. Ruppin, Die Juden der Gegenwart. 2. Aufl. 1911. S. 54ff. Vgl. Leo Wengierow, Die Juden im Königreich Polen, in dem Sammelwerk „Jüdische Statistik“. 1903. S. 293ff. Vielleicht noch schlechter als in Galizien ist die Lage der Juden in Rumänien. Sie hat sich vor allem durch den Zuzug aus Galizien und Rußland seit den 1880 er Jahren wesentlich verschlechtert. Das gilt natürlich nur für die Unterschicht, während gleichzeitig eine glückliche Oberschicht darüber her ist, Rumänien ökonomisch zu erobern. Aber unter den jüdischen Kleinhändlern und Handwerkern Rumäniens herrscht tatsächlich Übervölkerung, i Man wird den Worten eines (antisemitischen) Autors zustimmen müssen, I wenn er schreibt: „II y a certainement plethore de certaines categories I d’artisan dans les villes: il y a trop de tailleurs, trop de bottiers, trop de magons, les professions sont encombrees par les Juifs, qui, par consequent, travaillent ä de vrais prix de famine et, malgre leur sobriete exemplaire, malgre l’appui et les facilites qu’ils trouvent chez leurs correligionnaires, qui ne se fournissent que chez eux et leur vendent les matieres premiferes au plus bas prix possible, ils ne parviennent que difficilement ä nourrir leurs familles.“ Verax, La Roumanie et les Juifs (1903), 265. II. Die Wanderungen Alles, haben wir nun gesehen, wirkt zusammen, um großen Teilen | der Bevölkerung des platten Landes und der kleinen Städte den Auf- | enthalt an ihrem bisherigen Wohnort zu verleiden. Alles wirkt somit zusammen, um das Bedürfnis nach einem Abstrom eines Teils i der Landbewohner wachzurufen; das Land drängt seine Kinder i fort. Und was notwendig ist, geschieht: Bevölkerungsschichten, die seit Jahrhunderten so fest an ihrer Scholle geklebt hatten wie nur irgendein Bodengewächs, sie kommen in Bewegung, und nun lösen sich Scharen auf Scharen vom Boden los und wandern aus ihrer Heimat ! fort. Und diese Riesen Volksbewegung, von der man mit Recht gesagt ; hat, daß sie ihresgleichen in der Weltgeschichte nicht gesehen hat, j daß im Vergleich zu ihr die „Völkerwanderung“, die das europäische Mittelalter einleitete, ein Kinderspiel gewesen sei, wenn man die in Bewegung gesetzten Volksmassen in Betracht zieht: diese Bewegung , scheint nun kein Ende nehmen zu wollen, auch jetzt, nachdem vieler- | orts von einer Uberschußbevölkerung auf dem Lande keine Rede mehr ! ist, nachdem dort längst die Arbeitskräfte zu mangeln begonnen haben, i Der Abstrom der Bevölkerung vom Lande ist eine mit Notwendig- i keit im Gefolge kapitalistischer Produktionsweise und rascher Ver- j mehrung der Bevölkerung auftretende allgemeine Erscheinung. Eine i allgemeine Erscheinung, die also gleichermaßen klein- und groß- M |' 884 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte bäuerliche Gegenden wie die Gebiete des Großgrundbesitzes betrifft, keineswegs, wie wohl behauptet worden ist, auf diese beschränkt bleibt. Es muß auf diese Allgemeinheit der beregten Erscheinung ohne weiteres theoretisch geschlossen werden, auch wenn wir nicht so reich an Belegen wären für die Tatsache, daß der Abstrom der Bevölkerung aus bäuerlichen Gegend ebenso vorhanden ist wie aus Großgüterbezirken. Vielleicht, daß er sich dort etwas schwächer erweist; aber vorhanden ist er ganz gewiß. Die Abwanderung vom platten Lande vollzieht sich in drei Formen: als endgültige Auswanderung, als endgültige Binnenwanderung und als vorübergehende, meist regelmäßig wiederkehrende (periodische) Wanderung. Wir wollen uns zunächst von der tatsächlichen Gestaltung dieser drei Wanderbewegimgen eine möglichst genaue Vorstellung zu machen suchen, um sie nachher in ihrer Zielbestimmtheit verstehen zu lernen. 1. Die Auswanderung Man versteht unter Auswanderung die Verlegung des Wohnorts (für immer oder für längere Zeit) aus dem Heimat Staate in einen fremden Staat. Vom europäischen Standpunkte aus können wir dreierlei Auswandenmgsmögliclikeiten unterscheiden: 1. Auswanderung aus einem europäischen Staat in einen anderen; ihrer werde ich bei der Betrachtung der Wanderziele gerecht zu werden versuchen; 2. Auswanderung über die Landgrenze nach Asien: von 1896 bis 1913 sind über den Ural aus Rußland nach Sibirien ausgewandert 4804343 Personen. Bote für Finanzen usw. (ross.), mitgeteilt von Mertens, a. u. O. 42, 703 (das asiatische Rußland wird hier als selbständiger Staat betrachtet); 3. Übersee-Auswanderung. Sie vor allem ist es, an die wir denken, wenn wir von Auswanderung schlechthin sprechen. Die Gesamtziffem, die für die Auswanderungen angegeben werden, weichen beträchtlich voneinander ab. Sundbärg berechnet dm Verlust sämtüeher europäischer Länder von 1801 bis 1906 auf 33,3 Millionen, v. Fireks nimmt für die Zeitspanne von 1821 bis 1890 24 MüMionen, Mönekmeier für den Zeitraum von 1821 bis 1910 allein für Großbritannien und Irland, Deutschland, Italien, Skandinavien, Spanien und Portugal 31,8 Millionen an. Eis kommt auch auf ein paar MiDionm mehr ©der weniger nicht an. Wir können grob sagen: daß eine Menschenmenge vssa 30—35 Millionen während der letzten 100 Jahre aus Europa, Iber See ausg^wandert ist. h Die ©narepäisEhe Auswanderung ist im großen Durchschnitt der Lände® bis zum Kriege fast ununterbrochen amg^waehsen, Sie betrug Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 385 nach Sundbärg und dem Statistischen Jahrbuch (für 1911—1913) Durchschnitt: Gesamtzahl auf 1000 Einwohner im Jahr 1801-1820 . 300000 0,08 1821-1830 . . 310000 0,14 1831-1840 . . 970000 0,40 1841-1850 . . 2500000 0,96 1851-1860 . . 3470000 1,27 1861-1870 . . 3450000 1,17 1871-1880 . . 3570000 1,10 1881-1890 . . 7141000 2,06 1891-1900 . . 6328371 1,67 1901-1905 . . 5568873 2,72 1906 . . 1694693 4,02 1913 (1911, 1912) . . . 1999693 — Die Steigerung der Ziffern im letzten Menschenalter ist fast ausschließlich der Zunahme der Auswanderung aus den Ländern Süd- und Osteuropas zuzuschreiben. Denn die Auswanderung aus Nord-, West- und Mitteleuropa (Deutschland) ist während der letzten 30 bis 40 Jahre vor dem Kriege entweder gleichgroß geblieben oder sogar zurückgegangen. Dieser Fall trifft vor allem für Deutschland zu, von wo noch in den 1880 er Jahren zuweilen über 200000 Personen im Jahre auswanderten, während die Zahl der Auswanderer in den letzten 20 Jahren vor dem Kriege auf 25—30000 im Jahre gesunken war. Dagegen steigen die Ziffern der Auswanderer aus Süd- und Osteuropa (einschließlich Österreich-Ungarn) gerade erst in diesen letzten Jahrzehnten mächtig an. So betrug die Auswanderungsziffer für Italien: 1885 1890 1895 1900 1905 1913 78961 115595 187908 171735 447083 711446 Für Spanien (nach den Angaben des Consejo supremo de Emigration) lauten die Ziffern: 1882 . 1895 . 1908 . 1913 . für Portugal (1913) . . Soxnbart, Hochkapitalismus. 71806 121166 159137 2033541 88920 Stat. Jahrbuch. 25 386 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Aus Österreich wanderten 1912 131227, aus Ungarn in demselben Jahre 116239 Personen aus. Stat. Jahrbuch. Für Rußland besteht, da die Auswanderung im Zarenreich verboten war, keine amtliche Auswanderungsstatistik. Wir sind auf die Angaben der Einwanderungsländer und der Durchwanderungsländer angewiesen. In den Vereinigten Staaten von Amerika allein betrug die Zahl der einwandernden Russen (Juden!) in den Jahren 1879—1890 höchstens 8850, 1902 85257, 1910 186792, 1913 291040. In diesem Jahre nahmen ihren Weg über deutsche Häfen 208719 russische Auswanderer. Die Zahl der Auswanderer aus den genannten Ländern Süd- und Osteuropas betrug im Jahre 1913 (1911, 1912) 1422118. Also drei Viertel sämtlicher europäischer Auswanderer stammen zuletzt aus Süd- und Osteuropa. Rechnen wir noch dazu die Auswanderung aus Großbritannien und Irland, das heißt also im wesentlichen aus Irland, diesem Lande mit den Sonderbedingungen, in Höhe von 467762, so ergibt sich, daß fast die gesamte europäische Auswanderung kurz vor dem Kriege aus Südeuropa, Osteuropa und Irland hervorging. 2. Die Binnenwanderungen 1. Unter Binnenwanderungen versteht man den Ortswechsel (Domizilwechsel) innerhalb der Grenzen eines Staates. Also wer von Leitomischl nach Neiße umsiedelt, wandert aus; wer von Memel nach Metz in den guten Zeiten zog, wanderte binnen, heute wieder: aus. Es ergeben sich also sehr merkwürdige Tatbestände bei dieser begrifflichen Unterscheidung. Aber unter volkswirtschaftlichem Gesichtspunkt (diesen ernst genommen) hat der Gegensatz zwischen Aus- und Binnenwanderung doch seine weittragende Bedeutung, maßen die Strukturveränderung eines volkswirtschaftlichen Organismus naturgemäß grundverschieden in dem einen und in dem anderen Falle ist. Man wird füglich Umschichtungen der Bevölkerung eines Landes innerhalb der einzelnen Landesteile und solche zwischen dem platten Lande und den Städten unterscheiden. 2. Eine Verschiebung der Bevölkerung zwischen den einzelnen Landesteilen ist während der hochkapitalistischen Periode in weitem I mfange derart erfolgt-, daß Gebiete mit rein landwirtschaftlichem Gepräge ihre Bevölkerung an die industriellen Gebiete abgegeben haben. Es wird genügen, wenn wir diesen Vorgang, der wohl ein allgemein- europäischer ist, in demjenigen Lande verfolgen, in dem er sich vielleicht am deutlichsten und schärfsten vollzogen hat: Deutschland. Nach der letzten Berufszählung (1907) betrug innerhalb der Grenzen Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 33^ des Deutschen Reiches der Wanderungsverlust Ostdeutschlands ohne Berlin und Brandenburg 2068743 Personen. Diesem stand ein Wanderungsgewinn Westdeutschlands in Höhe von 903298 Personen gegenüber. An diesem Wanderungsgewinn waren besonders stark beteiligt: Rheinland.mit 355547 Personen Hamburg. 315741 „ Westfalen. 288390 „ Königreich Sachsen . . ,, 228641 ,, Stat. d. D. Reiches, Bd. 211, S. 29. Noch deutlicher wird der Gegensatz zwischen den agrarischen und den industriellen Gebieten, wenn wir alle agrarischen Gebiete Deutschlands den industriellen gegenüberstellen, wie es in folgender Zusammenstellung geschieht, die die Bevölkerungsbewegung durch Wanderung für die einzelnen Gebietsteile Deutschlands während des Jahrfünft 1885—1890 zum Ausdruck bringt. Es ist daraus ersichtlich, daß der Exodus in Gruppe I mit vorherrschendem Großgrundbesitz allerdings am stärksten, daß er aber vorhanden ist auch in Gruppe II und III, den Agrarbezirken mit vorwiegendem Mittel- und Kleinbesitz: Be- Gewinn oder Verlust Geburten- völkerungs- durch Wanderung Gruppe Überschuß Zunahme absolut V ' d. Geburtenüberschuß I. Östliches Preußen . 851770 212666 - 639104 - 75,04% II. Westliches Preußen u. Mitteldeutschland 611578 531089 - 80499 - 13,15% III. Süddeutsche Staaten 500787 347520 - 153267 -30,61% IV. Industriezentren . . 937688 1480191 + 542503 + 57,86% Schriften d. VfSP., Bd. 56. Vgl. dazu die gründlichen Untersuchungen von M. Schumann, Die inneren Wanderungen in Deutschland in v. May rs Allg. Statist. Archiv 1 (1890), 503ff. 3. Der andere bedeutsame Vorgang, der sich während der hochkapitalistischen Periode in den Ländern mit kapitalistischer Kultur vollzieht, ist die Urbanisierung der Bevölkerung, die Zusammenballung (Agglomeration) in Städten überhaupt und in Großstädten insbesondere. Die gesamteuropäische Entwicklung, die also einen Durchschnitt aus sehr verschiedenen Anteilziffern in den verschiedenen Ländern darstellt, kommt in folgenden Zahlen zum Ausdruck: Der Anteil an der Gesamtbevölkerung in ganz Europa betrug: Anfang 1860 des 20. Jahrhunderts der Städte überhaupt.25,7% 35,7% der Städte über 50000 Einwohner . . 7,8% 16,5% Deutlicher wird die starke Agglomerationstendenz, wenn wir Westeuropa für sich allein betrachten. Hier betrug der Anteil: 25 * 388 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte 1860 Anfang des 20. Jahrhunderts der Städte über 50000 Einwohner . . 10,3% der Städte überhaupt 48,0% 22,3% Die Ziffern nach den Zusammenstellungen bei Sundbärg. Eine andere Zusammenstellung ergibt folgendes Gesamtbild für Westeuropa: Es betrug in angenäherten Werten: Die Ziffern für 1700 und 1800 nach J. Bel och, Die Entwicklung der Großstädte in Europa. VIII. Congrbs internat. d’Hygiene et de Demographie tenu ä Budapest du 1 au 9 septembre 1894. Comptes rendus et memoires, 1896. Tome VII. pag. 61; die Ziffer für 1900 berechnet nach Meuriot, 30/31. Zu beachten, daß wir während der frühkapitalistischen Periode noch keine Agglomerationstendenz beobachten! Über die damaligen Zustände habe ich ausführlich im 39. Kapitel des 2. Bandes berichtet. In Wirklichkeit ist der Anteil der großstädtischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung in der Gegenwart noch viel beträchtlicher. Es ist mit Hecht darauf hingewiesen, daß die Statistik, welche die Städtegrößen nach den politischen Einheiten feststellt, noch kein richtiges Bild von den Größenverhältnissen der Städte aisökonomische Einheit zu geben vermag. Denn zu dieser gehört auch diejenige Bevölkerung, die in den weiteren, nicht mehr eingemeindeten Vororten der Großstädte wohnen, ihren wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Mittelpunkt aber gleichwohl in diesen Großstädten selbst haben. Das „Groß-Berlin“, „Groß-London“, „Groß- Paris“ usw. sind beträchtlich größere Bevölkerungskomplexe als Berlin, London, Paris usw., wie sie in der Statistik erscheinen, und diese „Greater- Cities“ entwickeln sich gerade erst in letzter Zeit. Nach den Berechnungen des Statistikers Schott-Mannheim ergibt sich beispielsweise für Deutschland um des Jahrhunderts Wende, daß unter Berücksichtigung des Kreises von Vororten, der sich um jede Großstadt legt, eine fast um die Hälfte (44,2%) größere Einheit für jede Großstadt herauskommt. Siehe den Bericht an die XVI. Konferenz der deutschen Städtestatistiker 1902. Vgl. auch die ausführlichen Berechnungen des genannten Statistikers in der im Literaturverzeichnis angeführten Schrift. Besonders in die Augen fallende Beispiele solcher Spannungen zwischen Stadt im politischen und Stadtim ökonomischen Sinne sind etwa New York, Manchester, Berlin, London. Es betrug die Bevölkerung im Jahre die Gesamtbevölkerung die Bevölkerung ! der Städte über 100000 Einwohner der Anteil der großstädtischen Bevölkerung 1700 1800 1900 80000000 120000000 280000000 2600000 3600000 36000000 New Yorks New Yorks und seiner Neben- bzw. Vorstädte 1800 1850 1890 60489 515547 1515301 62893 660803 2710125 Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung B89 Nach den Berechnungen von Edm. J. James in den Publications of the American Academy of Political and Social Science. Nr. 243, pag. 11 f. Manchester hatte vor dem Kriege als politische Einheit 8—900000Ein- wohner, als ökonomische über 3 Millionen, Berlin als politische Gemeinde zählte 2 Millionen, „Groß-Berlin“, je nachdem man es als wirtschaftliche Einheit erstrecken will, 3—4 Millionen. Uber das größte städtische Ungeheuer — London — gehen folgende Ziffern Aufschluß: ■d • ■i Bevölkerungsziffern 1901 1911 Verwaltungsbezirk der Stadt London (Administrative County of London) und City of London 4 536 267 4 521685 Äußerer Ring. 2 045135 2 729 673 Groß London (Greater London). 6581401 7 251358 Zensusziffern, entnommen dem Peoples Year Book 1922. pag. 302. Von den westeuropäischen Großstaaten stellen die äußersten Gegensätze Großbritannien und Frankreich dar: dort ist die Zusammenballung in Städten und Großstädten am weitesten, hier am wenigsten fortgeschritten. In Großbritannien lebten im Jahre 1851 bereits 50,08 % der Bevölkerung in Städten, 22,58% in Großstädten über 100000 Einwohner, 1891 72,05 und 31,82%, 1911 (England und Wales) 78,1 und 37,9 %. fl In Frankreich dagegen betrug der Anteil der ländlichen Bevölkerung (in Orten unter 2000 Einwohner) 1851 74,5, aber auch 1910 noch 53%. In Großstädten über 100000 Einwohner lebten 1851 4,6, 1911 auch erst 13,4%, davon die Hälfte in Paris. Über Deutschland, das ungefähr die Mitte zwischen England und Frankreich hält, unterrichten folgende Zahlen: im Deutschen Reich lebten in Städten, das heißt Orten über 2000 Einwohner: 1871 . 36,1% i 1880 . 41,4% 1890 . 47,0% 1900 . 54,3% 1905 . 57,4% 1910.60,0%. Von 1000 Einwohnern des Deutschen Reiches lebten in 1871 1880 1890 1900 1905 1910 1925 Großstädten über (100000 Einwohner). 48 72 121 162 190 212 267 Mittelstädten (20—100000 Einwohner) 72 89 98 126 129 133 Kleinstädten (5—20000 Einwohner) . 112 126 131 135 137 141 Landstädten (2—5000 Einwohner) 124 127 120 121 118 112 Man sieht: der Löwenanteil der Zunahme der städtischen Bevölkerung entfällt auf die Großstädte. 390 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Ziehen wir die Agglomeration um die Stadtkerne in Betracht, so lebten in einem Umkreis von 10 km um die jeweils über 100000 Seelen zählenden Städte von 1000 Einwohnern des Deutschen Reiches 1871 1880 1890 1900 1910 62 101 163 225 278 Die Gesamtbevölkerung der zugehörigen Agglomerationen betrug bei den 37 Großstädten Deutschlands: 1871 1910 5971500 18014200 100 301,7 Nach den Berechnungen Schotts, a. a. 0. S. 28, 32. Diesen Ziffern der Volkszählung füge ich noch diejenigen hinzu, die uns die Berufszählungen liefern, in denen die Großstadtbildung noch deutlicher — vielleicht in etwas übersteigerterWeisewegenderBerechnungsart — erscheint: DieZunahme (+) bzw. Abnahme (—) war im Zeitraum von 1882 bis 1907 auf dem Lande.— 435334 — 1,7% in den Städten.+ 16933750 + 89,6% davon: in Klein- und Mittelstädten . . . + 8469166 + 54,4% in Großstädten.8404584 + 254,4% Reichsbevölkerung überhaupt ... -|- 16498416 -| 36,5%. Statistik des D. Reichs, Bd. 211, S. 23. Einen Gesamtüberblick über die Großstadtbildung in Europa während des 19. Jahrhunderts geben folgende von Meuriot in seinem Kongreß- bepcht zusammengestellten Ziffern: In Städten über 100000 Einwohner lebten in Europa: 1850 1880 1913 Zahl Bevölkerung Zahl Bevölkerung Zahl Bevölkerung 42 12400000 95 28700000 183 60800000 Von 1000 Einwohnern lebten in Städten über 100000 Einwohner: Staaten 1800 1850 1880 1910 Großbritannien. ... 70 192 262 355 Niederlande. ... 70 73 161 233 Deutschland. ... 10 28 80 212 Belgien. . . — 75 153 195 Dänemark. ... 100 102 133 164 Frankreich. ... 27 44 100 145 Schweiz. — — — 119 Italien. ... 55 63 84 117 Portugal. ... 33 58 82 106 Norwegen.. ... - — — 100 Schweden. — — 43 93 Balkan. _ 52 90 Österreich-Ungarn. ... 9 23 50 85 Spanien. ... 21 48 70 82 Rußland. ... 16 20 36 60 Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 391 3. Die 'periodischen Wanderungen 1. Verlegt ein Wanderer seinen Herd nicht an einen andern Ort, sondern kehrt er von seinem Wanderziel zu den Penaten zurück, so liegt eine vorübergehende Wanderung vor, die zu einer periodischen wird, wenn sie sich regelmäßig — meist im Jahreswechsel — wiederholt. Diese periodischen Wanderungen von Arbeitskräften, die also an einem andern Ort als ihrem ständigen Wohnort ihre Arbeit verrichten, haben seit alters her bestanden: wir begegnen ihnen schon während des europäischen Mittelalters in verschiedenen Formen. Es heißt aber jedes Sinnes für geschichtliche Zusammenhänge bar sein, wenn man nicht einsieht, daß erst die hochkapitalistische Periode diese periodischen Wanderungen zu einer allgemein verbreiteten Massenerscheinung gemacht hat, die ihre Erklärung in denselben Ursachen findet, die den Abstrom der Bevölkerung vom platten Lande in dieser Zeitspanne überhaupt bewirkt haben. Die große Masse der periodischen Wanderer gehört einer ganz bestimmten Gruppe der ländlichen Bevölkerung an: derjenigen, die Zwerglandwirtschaften in ihrer Heimat betreiben, die ihnen den vollen Unterhalt nicht gewähren. Von der Familie dieser kleinen Landwirte suchen während eines Teiles des Jahres einige Glieder Arbeit an fremden Orten auf, während der Landwirtschaftsbetrieb daheim von dem meist kümmerlichen Reste der Familie aufrechterhalten wird. 2. Nicht eigentlich zur Gruppe der periodischen Wanderarbeiter gehören deshalb diejenigen Arbeiter, die aus einer größeren Entfernung — bis 20 Kilometer — täglich zu ihrem Arbeitsorte mittels eines modernen Verkehrsmittels sich begeben. Die Zahl dieser Fernarbeiter ist sehr beträchtlich und wächst sicherlich beständig an: im Jahre 1900 sollen es in Deutschland bereits 1% Milhonen oder 5,3 % der ganzen erwerbstätigen Bevölkerung gewesen sein, die solcherart von ihrem Wohnorte sich an einen entfernten Arbeitsort begeben haben. Siehe H. Wolff in den Jahrb. f. NÖ. III. F. 39, 172. Aber es handelt sich in diesem Falle wohl meist schon um reine Lohnarbeiter. Ebensowenig möchte ich zu den periodischen Wanderarbeitern diejenigen Arbeiter rechnen, die am Anfänge einer Woche zu einem fernen Arbeitsorte fahren und von hier am Ende der Woche zurückkehren, wie etwa die Bauarbeiter, die im Oderbruch wohnen und in Berlin beschäftigt sind. Auch das sind reine Lohnarbeiter. 3. Eigentliche periodische Wanderarbeiter sind, wie gesagt, solche Elemente, die das platte Land abstößt und die zu ihrem Einkommen 392 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte aus der Landwirtschaft einen Nebenverdienst suchen. Wir können unter ihnen drei verschiedene Gruppen unterscheiden: a) solche, die innerhalb des Heimatlandes wandern; b) solche, die aus einem europäischen in ein anderes europäisches Land wandern; c) solche, die zwischen Europa und überseeischen Ländern hin- und herwandern. Innerhalb ihres Heimatlandes wandern zahlreiche Deutsche aus dem Osten nach dem Westen Deutschlands und zurück. Wandert fast eine Milhon Italiener. Wandern aber in allen Ländern beträchtliche Teile der Bevölkerung, die sich statistisch nicht erfassen lassen. Zwischen den europäischen Ländern wandern wiederum namentlich die Italiener. Aus Italien wanderten, wohl größtenteils „periodisch“, während der Jahre 1903—1911 jährlich 200—300000 Personen aus; davon ein Viertel nach Deutschland, ein Fünftel bis ein Drittel (zunehmend) in die Schweiz, ein Fünftel bis ein Viertel nach Frankreich. Ina Britschgi-Schimmer, a. a. O., S. 9. Im Jahre 1913 wurden in Italien 313032 freie Reisepässe nach Europa ausgestellt, davon 81947 für Deutschland. Graf S. Jacini, a. a. O., S. 127 ff. Dann aber sind es vor allem die Bewohner der osteuropäischen Länder: Rußland, Polen, Österreich, die große Massen ihres Bevölkerungsüberschusses regelmäßig nach Westeuropa entsenden: siehe darüber die Bemerkungen weiter unten unter III. 2. Auch zwischen Europa und den überseeischen Ländern haben sich in den letzten Jahrzehnten vor dem Kriege Wanderströme gebildet, von denen wir ebenfalls nicht viel mehr wissen, als daß sie da sind. Die Schwierigkeit, die zweite und dritte Gruppe statistisch zu bestimmen, liegt darin, daß die amtliche Statistik nur in seltenen Fällen die Möglichkeit bietet, die periodischen Wanderarbeiter von den endgültigen Aus- und Rückwanderern zu unterscheiden. Was sich an zuverlässigen Feststellungen machen läßt, werde ich in dem hier folgenden Unterabschnitte mitteilen. III. Die Bedeutung der Bevölkerungsumschichtung für den Kapitalismus 1. Die Kolonialländer Unzweifelhaft bedeutet die Besiedelung der Kolonialländer durch europäische Auswanderer zunächst eine empfindliche Hemmung für den Kapitalismus: sie entzieht ihm die — ach! — so nötigen Arbeits- Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 393 kräfte. Die terra libera saugt sie auf. Das beißt: die Auswanderer bleiben entweder durch die Erwerbung eigenen Grund und Bodens vor dem Sturz in das kapitalistische Abhängigkeitsverhältnis bewahrt oder scheiden sogar — wenn sie aus Lohnarbeitern freie Siedler werden, was sicher in zahlreichen Fällen, namentlich bei ländlichen Arbeitern, zutrifft — aus dem kapitalistischen Nexus aus. Dort hegt für den kapitalistischen Unternehmer lediglich ein lucrum cessans, hier ein damnum immergens vor. Wie sich die Aufsaugung der Einwanderer durch die Ansiedlung auf Neuland in der früheren Zeit vollzieht, können wir an dem Beispiel der Vereinigten Staaten von Amerika, für die eine so vorzügliche, weit zurückreichende Statistik vorhegt, ziffernmäßig verfolgen, wenn wir die Zahl der Einwanderer der Zahl der neugeschaffenen Farmen gegenüberstellen. Ich will annehmen, daß eine neubegründete Farm nur drei Einwanderer beansprucht, also drei Personen die Möglichkeit eines Daseins als freie Siedler schafft, und komme dann auf Grund einer Berechnung an der Hand der im Statistical Abstract US. mitgeteilten Ziffern zu folgendem Ergebnis: J ahrzehnt Zahl der Einwanderer Zahl der Farmen am Ende des Jahrzehnts Zunahme der Zahl der Farmen während des Jahrzehnts Von 1000 Einwanderern konnten Farmer werden 1820-1830 143 439 _ _ _ 1831-1840 599125 — — — 1841-1850 1 713 251 1449 073 — — 1851-1860 2511060 2 044077 595004 714 1861-1870 2 377 279 2 659 985 615 909 779 1871-1880 2 812191 4008 907 1348 922 1442 1881-1890 5 246 613 4564 641 555 734 316 1891-1900 3 687564 5 737 372 1172 731 926 Rechnen wir diese Jahrzehnte des alten Jahrhunderts ineinander und ziehen den Durchschnitt (ein solches Verfahren wird, scheint mir, den wirklichen Vorgängen am ehesten gerecht), so ergibt sich, daß in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts 83,5 % der Auswanderer noch Siedler werden konnten, wenn wir die Farmerfamilie zu drei Personen veranschlagen. 394 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Ich sagte: diese Menschenmassen verlor der Kapitalismus. Aber gewiß nicht — das müssen wir nun feststellen — zu seinem Schaden. Denn sie wurden ihm — auf Umwegen — viel wichtiger, als sie ihm in ihrer Eigenschaft als Lohnarbeiter gewesen wären: diese 20 Millionen Menschen waren es ja, die durch die Erschließung von Neuland ihm die Möglichkeiten für die Beschaffung des nötigen Sachkapitals schufen und für den nötigen Absatz seiner Erzeugnisse sorgten: s. d. 29. Kap. Die Lage ändert sich nun mit des Jahrhunderts Wende von Grund aus: die terra libera ist im wesentlichen vergeben, der Strom der Einwanderer schwillt gleichwohl immer stärker an, wie folgende Ziffern erweisen: Von Zahl der Zunahme 1000 Ein- Jahrzehnt Zahl der Farmen am der Farmen Wanderern Einwanderer Ende des Jahrzehnts während des Jahrzehnts konnten Farmer werden 1901-1910 8 795 386 6 361502 624130 213 1911-1920 5 735 811 6448 342 86 841 45 In Jahrfünften stieg der Strom der Einwanderer bis zum Kriege wie folgt; es wanderten ein: 1900—1904 . 3255149 Personen 1905-1909 . 4947239 1910-1914 . 5174701 Das heißt also: was jetzt in die Vereinigten Staaten einwandert, kommt für die Besiedelung des Landes nur noch in ganz geringem Ausmaße in Betracht. Die Einwanderer müssen etwas anderes werden als Farmer. Was werden sie? Die amerikanische Statistik gibt uns darüber Aufschluß. Und zwar getrennt für zwei Gruppen von Einwanderern, die sie jetzt unterscheidet: sogenannte alte und neue Einwanderer. Damit hat es folgendes auf sich. Ungefähr gleichzeitig mit der Schließung des Siedlungslandes hat sich in der Zusammensetzung des Einwanderungsmaterials eine wesentliche Veränderung vollzogen: an Stelle der vorwiegend germanischkeltischen Einwanderer aus Nordwesteuropa und Deutschland sind Romanen, Slaven, Juden aus Süd- und Osteuropa getreten, das heißt aus jenen europäischen Gebieten, in denen gegen das Ende des 19. Jahr- Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 395 hunderts, wie wir feststellen konnten, sich eine wachsende Übervölkerung bemerkbar macht. Die amerikanische Einwanderungsstatistik bezeichnet nun jene als „alte“, diese als „neue“ Einwanderung. Die Verlegung des Schwerpunktes aus der alten in die neue Einwanderung ist aus folgenden Ziffern ersichtlich: es machte in den Jahren ihres höchsten Standes (vor 1910) von der Gesamteinwanderung aus: die alte Einwanderung die neue Einwanderung 1882 .... 87,1% 12,9% 1907 .... 18,9% 81,1%. Die Nationalitäten, die im letzten Jahrzehnt vor dem Kriege am stärksten an der Einwanderung beteiligt waren, sind Süditaliener (die die amerikanische Statistik von den Norditalienern trennt: die Norditaliener selber bedienen sich gern des doppelsinnigen Wortes: „i sudici“, um ihre Landsleute von da unten zu bezeichnen), Juden und Polen. Die Zahl ihrer Einwanderer betrug von 1899 bis 1914: absolut in Proz. Süditaliener. 2690626 19,2 Juden. 1485641 10,6 Polen. 1402695 10,0 Vgl. Kaplun-Kogan a. a. O. S. 11. Die Berufe, denen sich die Einwanderer zuwenden, sind nun verschieden, je nachdem es sich um alte oder neue Einwanderung handelt, wie aus folgender Übersicht hervorgeht, die Aufschluß gibt über die Beschäftigung, die die Einwanderer in den Jahren 1899—1909 ergriffen haben: Beschäftigung Alte Einwanderung Neue Einwanderung Zahl Anteil Zahl Anteil 1. Geistige Berufe . . . 56406 2,5 17080 0,3 2. Gelernte Arbeiter . . . 442754 19,5 441984 8,9 3. Ländliche Arbeiter . 138598 6,1 1142064 23,1 4. Landwirte. 40633 1,8 42605 0,9 5. Erdarbeiter. . 402074 17,7 1814180 36,7 6. Dienstboten .... 424698 18,7 403784 8,2 7. Verschiedene Berufe. 90109 4,0 46324 0,9 8. Ohne Beruf .... 678510 29,8 1041049 21,0 9. Insgesamt ..... . 2273782 100,0 4949070 100,0 Die Tabelle läßt vor allem erkennen, was das Wichtigste ist, daß Siedler so gut wie gar nicht mehr ein wandern: Landwirte machten 1,8 und 0,9 % der Gesamtheit aus. Von den geistigen Berufen und den Dienstboten abgesehen (die Gruppe 8 umfaßt die Angehörigen, ist also unter Gruppe 1—7 zu vertielen), bestehen die Einwanderer nur 396 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte noch aus Lohnarbeitern: die neue Einwanderung liefert mehr ländliche und Erdarbeiter, die alte mehr „gelernte“ Arbeiter, beide aber liefern im wesentlichen Lohnarbeiter. Die 4381654 Personen der Gruppen 2, 3 und 5, die in dem Jahrzehnt 1899—1909 in die Vereinigten Staaten aus Europa eingewandert sind, bedeuten also für den amerikani- schenKapitalismus einen reinen Zuwachs an Arbeitskräften, und man kann nicht scharf genug betonen, daß dessen rasche Blüte zum guten Teile dieser Zufuhr von Arbeitskräften aus Europa zu danken ist. Natürlich hat diese Mästung des amerikanischen Kapitalismus mit Europäern schon vor der Jahrhundertwende, wenn auch in geringerem Umfange, stattgefunden. Und was für den Kapitalismus der Vereinigten Staaten gilt, gilt für allen Kapitalismus der Kolonialländer: er baut sich in weitem Umfange auf dem Arbeitermaterial auf, das ihm Europa liefert. 2. Die europäischen Länder Wir haben eben gesehen: Europas Kapitalismus verliert Dutzende von Millionen Arbeitskräfte durch die Auswanderung, mit deren Hilfe der Kapitalismus in den Kolonialländern zur Entwicklung gebracht wird. Aber der Schaden — das müssen wir nun einsehen — wird zum guten Teil ausgeglichen durch die Wanderungen, die, wie wir wissen, innerhalb Europas selbst stattfinden. Die Struktur des europäischen Wirtschaftslebens bringt es mit sich, daß in einzelnen Ländern der Kapitalismus höher entwickelt ist als in andern. Diese unentwickelten Länder leiden nach dem, was wir feststellen konnten, an der Übervölkerung des platten Landes und können Arbeitskräfte in die Länder mit fortgeschrittener, kapitalistischer Kultur abgeben. Dieser Zuzug fremder Arbeitskräfte in die führenden Länder des Kapitalismus: Großbritannien, Frankreich, Deutschland, wiegt den Abgang durch Auswanderung wenigstens im letzten Menschenalter reichlich auf. Diese Staaten verschlucken viel mehr fremde Arbeitskräfte, als sie einheimische ausspeien. Und wiederum: nur diese Hereinziehung fremder Arbeitskräfte hat die rasche Entwicklung des westeuropäischen Kapitalismus im letzten Menschenalter möglich gemacht. Man kann getrost behaupten, daß ebensowenig wie der Kapitalismus der Vereinigten Staaten, Kanadas, Australiens ohne den Zuzug europäischer Arbeiter, so der Kapitalismus Englands, Frankreichs, Deutschlands ohne die Einfuhr von Arbeitskräften aus den übrigen europäischen Ländern gedacht werden kann. Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 397 Seit langem beschäftigt Großbritannien fremde Arbeiter. Und zwar in den meisten Berufen: im Bergbau, in der Konfektionsindustrie (Londoner East-End mit seinen Juden und Slaven!), im Handelsgewerbe (deutsche Clerks!), im Gastwirtsgewerbe (deutsche Kellner!) u. a. Selbst in der Handelsmarine steigt die Zahl der Fremden beständig an: von 1890 bis 1904 beispielshalber sank die Zahl der beschäftigten Briten von 186147 auf 176975, während die Zahl der beschäftigten Fremden weißer Abstammung von 27227 auf 39832 stieg, das heißt von 14,6 auf 22,5%. Bericht der 1904 eingesetzten australischen Schiffahrtskommission bei M. Schippel in der Beilage zu Nr. 41 der Neuen Zeit XXV, 2, 56. Ebenso wie in Großbritannien sind in Frankreich (und der Schweiz) die immer wiederkehrenden Beschwerden der Arbeiterkongresse über die lästige Konkurrenz der fremden Arbeitskräfte Zeugnis genug für deren Verbreitung in den genannten Ländern. In Frankreich (und der Schweiz) sind es vor allem Italiener, die hereingezogen werden. Von 1000 in der Schweiz beschäftigten, gewerblichen Arbeitern waren Ausländer (nach der Betriebszählung von 1905) zwischen 146 (Metall- und Maschinenindustrie) und 556 (Baugewerbe). Vgl. J. Landmann, Kapitalexport, 77. Uber die in Frankreich überhaupt lebenden Fremden unterrichtet uns die Statistik wie folgt; es gab deren: 1851 . 379289 1881 . 1000454 1911 . 1132696 Man schätzt, daß davon 60% in der Industrie beschäftigt waren. Statistique generale de la France. Vgl. Marcel Paon, 1. c. pag. 172f. Gut sind wir auch über die Verhältnisse in Deutschland unterrichtet, über das deshalb, aber auch weil es vielleicht das in dieser Beziehung interessanteste Land ist, noch einige Mitteilungen gemacht werden mögen. Die Zahl der in Deutschland bei Gelegenheit der Volkszählungen ermittelten Ausländer betrug insgesamt: 1900 . 778737 1905 . 1028560 1910 . 1259880 Davon stammten aus: Österreich. 634989 den Niederlanden .... 144181 Rußland. 137668 Italien. 104265 der Schweiz. 68 233 Ungarn. 32087 Diese 1% Millionen sind nun natürlich nicht alle Lohnarbeiter. Wir werden sicher die Viertelmillion abrechnen können, um deren Zahl zu ermitteln. Auf der andern Seite stellt diese Million keineswegs die einzige Truppe dar, die die Reihen der einheimischen Lohnarbeiter auszuweiten berufen ist. Vielmehr müssen wir auch diejenigen fremden Arbeitskräfte in Anschlag bringen, die vorübergehend in Deutschland Arbeit verrichten. Das sind wohl diejenigen Personen, die von der Deutschen Arbeiter- 398 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte zentrale zur Einwanderung legitimiert werden. Das waren aber nach dem Bericht dieser Anstalt im Geschäftsjahre 1912/13 im ganzen 767000. Deren Zusammensetzung war folgende: 283000 Polen aus Rußland 76000 „ „ Österreich 91000 Ruthenen aus Österreich 60000 Deutsche „ „ 20000 „ „ Rußland Der größere Teil dieses Fremdvolkes wurde von der Landwirtschaft beansprucht, die bekanntlich ihren intensiven Saisonbetrieh auf den großen Gütern nur durch den Zuzug fremder Wanderarbeiter aufrechterhalten konnte. Die Zahl der von der deutschen Arbeiterzentrale ausgestellten Legitimationskarten für landwirtschaftliche Arbeiter betrug: 1911/1912 . 397 364 1912/1913.411706 Dazu sind noch diejenigen Fremden zu zählen, die in der Landwirtschaft tätig waren, aber dauernd ihren Wohnsitz in Deutschland hatten, jedenfalls am Tage der Volkszählung (1. Dezember), wenn die landwirtschaftlichen Wanderarbeiter bereits abgezogen sind, sich in Deutschland aufhielten: es waren im Jahre 1910 158404. Also rund 570000 fremde (östliche) Arbeitskräfte besorgten die Arbeit in der kapitalistischen Landwirtschaft Deutschlands. Da am 12. Juni 1907 in den Betrieben mit 100 ha und mehr Fläche, also in den Gutsbetrieben, 833912 Personen ständig beschäftigt waren (siehe Statistik d. D. R. Band 212, 2, 61), so machten die fremden Arbeiter über die Hälfte der ständigen (unter denen auch noch fremde gewesen sein werden) aus. In der Industrie waren im Jahre 1910 am Tage der Volkszählung 384317 fremde Arbeiter beschäftigt; davon entfielen auf: Bergbau, Hütten- und Salinenwesen. 72650 Baugewerbe. 67 600 Textilindustrie. 52 693 Bekleidungsgewerbe. 38455 Industrie der Steine und Erden. 35173 Metallindustrie. 25772 Industrie der Nahrungs- und Genußmittel . . . 21447 Maschinenindustrie. 17 905 Industrie der Holz- und Schnitzstoffe. 15821 Will man ins Gefühl bekommen, welche Bedeutung der fremde Arbeiter vor dem Kriege für die deutsche Industrie hatte, so muß man etwa die Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten lesen. Man findet dann kaum eine Industrie, die, namentlich in den Zeiten der Hochkonjunktur, nicht die Reihen ihrer Lohnarbeiter mit fremdem Arbeitermaterial aufgefüllt hätte. Zu berücksichtigen bleibt noch, daß die westliche Industrie ihren Arbeiterbedarf vielfach aus den agrarischen Gebieten des Deutschen Reiches gedeckt hat, wodurch die Polonifizierung z. B. des rheinisch-westfälischen Fiinfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 399 Industriebezirks noch beschleunigt wurde. Die Polen vermehrten sich in diesem Gebiet von 28391 im Jahre 1890 auf 247028 „ „ 1910 Auf den Werken des Allgemeinen Knappschaftsvereins in Bochum waren (1907) beschäftigt: 351532 Arbeiter insgesamt, davon 31875 Ausländer 130079 Arbeiter aus den östlichen Provinzen, darunter 85000 Polen. Von 1893—1908 stieg die Gesamtbelegschaft.um 128% die Zahl der Arbeiter aus den östlichen Provinzen.,, 231% die Zahl der Ausländer.„ 750% Vgl. Dr. Broesicke, Die Binnenwanderungen im preußischen Staat a. a. O. 3. Die Stadt Hier soll nicht nur die Bedeutung der Stadt für die Entwicklung des Hochkapitalismus, sondern das Problem der Städtebildung in dieser Zeitspanne ganz allgemein abgehandelt, also auch die Frage aufgeworfen werden nach den Typen der hochkapitalistischen Städte, nach ihrem Entstehungsgrunde und ihren Daseinsbedingungen. Die Untersuchung wird geführt an der Hand meiner Städtetheorie, die dem Leser der früheren Bände dieses Werkes bekannt ist (siehe Bd. I S. 124ff.) und die, wie sich immer mehr herausstellt, die einzige Handhabe bietet, den Tatsachenstoff sinnvoll zu ordnen. a. Die Typen der lioclikapitalistisclien Stadt So vieles sich auch im Zeitalter des Hochkapitalismus im Städtewesen geändert hat (die größte Änderung ist, wie wir sahen, die Ausdehnung und Verallgemeinerung der städtischen Siedlungsweise): die Grundtypen der Stadt im ökonomischen Sinne, die hier immer allein in Frage steht, sind dieselben geblieben, wie sie im Zeitalter des Frühkapitalismus, ja selbst des Mittelalters waren. Wir konnten deren zu jeder Zeit der europäischen Geschichte (seit es überhaupt Städte gibt) zwei nebst einer Mischform unterscheiden: Konsumtionsstädte, in denen Überschüsse der Urproduktion ohne eigene im wirtschaftlichen Verstände produktive Leistung herbeigezogen werden konnten, Produktionsstädte, in denen wirtschaftlich produktive Leistungen der Städter zum Eintausch jener Überschüsse genutzt und eben Konsumtions-Produktionsstädte, in denen diese beiden Mittel zur Be- 400 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Schaffung der für das Dasein der Städtebewohner notwendigen Überschüsse angewandt wurden. 6* Die verschiedenen Einzeltypen der Städte ergaben sich dann (und ergeben sich immer) durch die verschiedenen Möglichkeiten, über die, sei es die Konsumenten, sei es die Produzenten als primäre Städtebildner oder Städtegründer verfügen, um sich in den Besitz des notwendigen Lebensunterhaltes zu setzen. Ich vereinfache das Schema der Städtetypen im Zeitalter des Hochkapitalismus, indem ich drei Haupttypen hervorhebe: die Handelsund Verkehrsstadt, die Industriestadt und die „Großstadt“. a. Die Handels- und Verkehrsstadt Von den drei Typen der frühkapitalistischen Handelsstadt (siehe Bd. II S. 582ff.) ist — entsprechend der später zu besprechenden Umwandlung der Handelsorganisation — vor allem der dritte Typus: der Dispositionsplatz, wie ich ihn genannt habe, in der modernen Zeit zur Entwicklung gelangt: es sind diejenigen Städte, die vornehmlich vom Handels p r o f i t leben. Diese haben einen größeren Umfang einnehmen können in dem Maße, als die Mobilisierbarkeit und somit Mobilisierung der Güterwelt fortgeschritten ist (siehe das 18. Kapitel dieses Bandes). Zu der Quelle des Handelsprofits treten dann auch in unserer Zeit die übrigen Einnahmequellen, die die Tätigkeit des Warenumsatzes erschließt: Handelshilfsgeschäfte, Kontorarbeit, Spedition usw. Während es die Organisation des modernen Landverkehrs mit sich bringt, daß dessen Träger sich über das ganze Land zerstreuen und als Städtebildner schwer zu erfassen sind: — von dem Hauptverkehrsmittel, den Eisenbahnen, wohnt das Personal an Orten ganz verschiedener Art, und der Betriebsüberschuß wird dort, wo die Eisenbahnen verstaatlicht sind, in Gestalt von Beamtengehältern oder anderweiten Zuwendungendes Staates ebenfalls an wer weiß welchem Orte verzehrt —, befinden sich die Anstalten für den Schiffsverkehr, sei es des Binnen-, sei es des Seeschiffsverkehrs, häufig an bestimmten Plätzen, und zwar meist in größeren Handelsplätzen, vereinigt, wodurch dann die Verkehrs- oder die Verkehrs- und Handelsstädte entstehen. Beispiele etwa Liverpool, Marseille, Hamburg im großen Stil. Aber auch kleinere Städte dieses Typs gibt es natürlich. Ausgesprochene Handelsstädte (die Seestädte: Handels- u n d Verkehrs- städte) sind in Deutschland von den großen Städten die Hansastädte nebst Altona und etwa Franfurt a. M. mit einem Anteil der Erwerbs- Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 401 tätigen in C (Handel und Verkehr) an der Gesamtzahl der Erwerbs? tätigen (1907) von mehr als 30% (Höchstzahl Hamburg 40,6%); ihnen kommen nahe Stettin (27,8%), Köln (28,3%), Mannheim (28,4%), während der Durchschnitt des Anteils der genannten Berufsabteilung in allen (42) Städten über 100000 Einwohner 25,7%, im Reich 13% betrug. Ehedem, wie ich das seinerzeit ausgeführt habe, war die Bankierstadt eine Form der Handelsstadt, da die normale Kreditgewährung lediglich die Finanzierung des Warenhandels zum Gegenstände hatte. Das ist jetzt anders geworden, seit der Kredit, der der Indurtrie gewährt wird, sich viel bedeutender als der eigentliche Handelskredit entwickelt hat. Das Kreditgeschäft als Städtebildner hat daher in sehr verschiedenen Städtetypen Unterkunft gefunden: außer in der Handels- und Verkehrsstadt auch in der Industriestadt (für lokale Kreditgewährung) und in der „Großstadt“ (für nationale und internationale Kreditgewährung). ß. Die Industriestadt Die Industriestadt, worunter wir eine entsprechend mächtige Anhäufung von Menschen, die der Initiative der kapitalistischen Industrie ihr Zusammenleben und ihren Unterhalt verdanken, zu verstehen haben, entspricht der Handwerkerstadt des Mittelalters, die ebenfalls durch den Absatz gewerblicher Erzeugnisse ihr Dasein fristete und in kleinstem Ausmaße verharrte, wenn ihr Absatzgebiet die umliegende Landschaft war, zur Größe einer heutigen kleinen Mittelstadt gelangte, wenn ihr Feld die Welt war, wie etwa Nürnberg, Mailand, Florenz im 15. Jahrhundert. Als dann die kapitalistische Industrie aufkam, hatte sie zunächst gar keine städtebildende Kraft. Entweder nämlich sie war über das Land zerstreut, wie wir das für alle wichtigen Industrien haben feststellen können, die entweder hausindustriell organisiert waren oder des Rohstoffes oder der bewegenden Kraft wegen in die Wälder und an die Flußläufe gingen. Oder, wo der gewerbliche Kapitalismus schon großbetrieblich organisiert und von den beiden genannten Fesseln befreit war, deckte er im wesentlichen nur den Bedarf der Städter selbst, so daß also die gewerblichen Produzenten nur Anteil nahmen an den Bezügen ihrer Auftraggeber, somit nur darum und in dem Umfange stadtständig und stadtfähig waren, weil und insoweit andere Stadtbewohner für den erforderlichen Unterhaltsspielraum Sorge trugen. Sombart, Hoehkapitalismus. 26 402 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Das ist die Lage der meisten früheren Luxusindustrien. „Insofern kann die gewöhnliche Meinung für richtig angenommen werden, daß die Prachtfabriken in die großen Städte gehören, weil nämlich daselbst ihr ordentlicher Absatz ist“, meint Sonnenfels (Grundsätze der Polizey usw. [1771] 2, 109). Erst mit dem Eintritt in die hochkapitalistische Epoche beginnt die Industrie städtebildend zu wirken. Sie verdankt diese Kraft dem Zusammentreffen folgender Umstände: (1) Der Übergang zur Dampftechnik bewirkt oder befördert die Entstehung der geschlossenen Großbetriebe: die Hausindustriellen werden aus ihrer Vereinzelung gerissen und nun entweder in dem bisher nur handelsorganisatorischen Mittelpunkte (der Verlegerstadt) oder an einem sonst geeignet erscheinenden Punkte zusammengehäuft. (2) Dieser Punkt ist häufig das Kohlenlager, das mm zum Anziehungspunkte, vor allem auch für die zum Koksverfahren übergehende Eisenindustrie wird. (3) Vergrößert wird der Industriekern durch die Neigung zur Angliederung anderer Industriezweige an eine vorhandene Industrie. Die wichtigsten Fälle sind diese: (a) die Entstehung von Hilfsindustrien: namentlich von Maschinenbau- und -reparaturanstalten. Über die Gründe, die zur Zentralisation der großbritannischen Baumwollindustrie in der Umgegend von Manchester führten, bemerkt Schulze- Gävernitz, Großbetrieb, 51: „Die Vorteile sind augenscheinlich; so Vermeidung von kostspieligen Reparaturwerkstätten und Reservevorräten von Maschinenteilen, deren die einzeln liegende nicht entbehren kann. (Heute auch Vermeidung von besonderen Gasanstalten usw.) Allenthalben siedelten sich in den Mittelpunkten der Baumwollindustrie neben den Spinnereien die zugehörigen Maschinenwerkstätten an . . . Die örtliche Konzentrierung machte ferner erst einen zur Arbeit erzogenen, hochgelernten Arbeiterstand möglich.“ In gleicher Weise ist die Entwicklung der Züricher oder Augsburger oder Chemnitzer Maschinenfabrikation eine Folge der dortigen Spinnerei und Weberei, diejenige von Pirmasens eine Folge der dortigen Schusterei usw. Andere Beispiele sind: gewisse Chemikalienindustrien, Zeichen-, Modelleur- und Graveurgewerbe u. dgl. (b) die Entstehung von Komplementärindustrien, wie ich zusammenfassend diejenigen bezeichnen will, die sich entweder vorteilhaft an den Produktionsprozeß einer bestehenden Industrie anschließen (Walzwerk oder Gießerei an den Hochofen, Bleicherei und Färberei an die AVeberei), oder die Abfallprodukte einer Industrie verarbeiten (Gerberei und Leimsiederei), oder die zwei in der Nachbarschaft ge- .Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 403 fundene Rohmaterialien in ihrem Produktionsprozeß vereinigen (der wichtige Hauptfall ist die Ansiedlung der Eisenindustrie in der Nähe der Kohlen und Eisenerze, aber auch die Tonindustrie [Staffordshire!] wo Ton und Kohle nebeneinander ruhen, gehört hierher). (c) die Entstehung von Supplementärindustrien, wie ich jene Industriezweige zu nennen vorschlage, die eine bestehende Industrie gleichsam ergänzen durch Nutzung der von dieser vernachlässigten Elemente. Hauptfall: die Niederlassung von Weiberindustrien (Spinnerei, Weberei) neben Männerindustrien (Bergbau, Montan- und andere Industrien). (Über alle diese Dinge wird noch ausführlich zu handeln sein, wo die Betriebsgestaltung zur Darstellung gelangt. Siehe den dritten Abschnitt des dritten Hauptabschnittes.) Endlich muß man den letzten wichtigen Umstand in Betracht ziehen, um die städtebildende Kraft der modernen Industrie einzusehen: das ist die in allen solcherart zusammengeführten Industriezweigen bewirkte rasche Steigerung der Produktion, wie sie als eine notwendige Folge nicht nur der ökonomischen Entwicklung (Expansionsbedürfnis des Kapitals), sondern auch bestimmter Verschiebungen in der Gestaltung unseres Bedarfs sich einstellen muß. Die wichtigsten dieser, auf die Vermehrung der Industriebevölkerung hindrängenden Momente sind aber folgende: (1) die noch immer fortschreitende Verdrängung der längst noch nicht verschwundenen hausgewerblichen Eigenproduktion; (2) die zunehmenden Ansprüche an den Komfort des Lebens, die im wesentlichen nur durch Ausdehnung der gewerblichen Produktion befriedigt werden können; (3) der im achten Kapitel dieses Bandes (S. 97 f.) geschilderte wachsende Verzicht auf den Organisierungsprozeß der Natur, wodurch immer größere Gebiete unserer Gesamtproduktion der gewerblichen Arbeit zugewiesen werden. Was auf diese Weise entsteht, ist die reine oder, wie wir mit Rücksicht auf die Entstehungsart auch sagen können, primäre Industriestadt. In ihr nehmen die Erwerbstätigen der Abteilung B (Industrie) naturgemäß den breitesten Raum ein. Leider besitzen wir für kleine und mittlere Industriestädte keine zuverlässige Statistik, um den Anteil der in der Industrie beschäftigten Personen an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen genau feststellen zu können. Ich bin sicher, daß er 26 * 404 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte vier Fünftel, fünf Sechstel und mehr beträgt. Denn auch noch in denjenigen großen Industriestäten (über 100000 Einwohner), in denen sich schon andere Städtebildner den Industriellen zugesellen, macht der Anteil der in der Industrie Beschäftigten zwei Drittel und mehr aus (gegenüber — in Deutschland — dem Durchschnitt aller [42] großen Städte von 52,1 % und dem Reichsdurchschnitt von 42,8 %), wie folgende Zusammenstellung erweist: (1) Bergbau- und Hütten-Städte: Gelsenkirchen . . . ..77,0% Bochum.69,9 % Duisburg.66,8 %. (2) Metall- und Maschinenindustrie-Städte: Essen.69,9% Chemnitz ..68,7 % Nürnberg (?).64,0%. (3) Textilindustrie-Städte: Plauen.77,0 % Barmen.71,9% Krefeld.■ . . . 68,1%. (Stat. d. D. R. Bd. 211, Seite 164.) Die Industriestadt ist in ihrem Wesen ferner dadurch gekennzeichnet, daß sie am raschesten sich ausdehnt. Über den teilweise erstaunlich schnellen Wachstumsprozeß dieses Städtetypus unterrichten folgende Zahlenangaben: 1. Deutschland: Quellen: Für das Jahr 1816 bei den preußischen Städten nach dem Jahrbuch I (1863), 49ff., für die zweite Ziffer bei den Städten über 50000 Einwohner nach dem Jahrbuch deutscher Städte VII (1898), 251; hier ist das Jahr 1843 Zähltermin. Für die andern preußischen Städte ist die zweite Zahl für 1849 den „Tabellen . . . über den preußischen Staat für das Jahr 1849. Herausgegeben von dem statistischen Bureau zu Berlin I (1851)“, die dritte Zahl dem Stat. Jahrbuch entnommen. Chemnitz (1800) Gelsenkirchen (1880), nach Sundbärg, Ludwigshafen (1840) aus Stat. d. Dtsch. Reichs, Band 150 (1903), 186, Zwickau (1849) aus E. Engel, Das Königreich Sachsen 1 (1853), 164. 1816 1843 bzw. 1849 1900 1910 Aachen . . . . . 32072 46585 135235 156143 Barmen . . . . . 19030 32984 141947 169214 Beuthen . . . . . 1976 5912 51409 67718 Bochum . . . . . 2148 4067 65554 136931 Crefeld . . . . . 14373 29713 106928 129406 Chemnitz . . . . 14000 (1800) 26010 206584 287807 Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 405 1816 1843 bzw. 1849 1900 1910 Dortmund . . . 4465 7620 142418 214226 Düsseldorf . . . 14100 26134 213767 358728 Duisburg. . . . 4508 7506 92729 229483 Düren. 4777 8037 27171 32511 Elberfeld. . . . 21710 34956 156937 170195 Essen. 4721 7175 118863 294653 Gelsenkirchen . — 14615 (1880) 36935 169513 M.-Gladbach . . 1524 3150 58014 66414 Gleiwitz .... 3163 8099 52373 66981 Hagen .... 2555 5226 50609 88605 Hörde .... 1116 2936 25152 32791 Königshütte . . — 9000 (1868) 57875 72641 Ludwigshafen . — 1511 (1840) 61914 83301 Lüdenscheid . . 1896 4239 25250 32301 Recklinghausen 2441 3893 34042 41087 Remscheid . . . 1173 12467 58108 72159 Rheydt .... 3637 4309 34034 43999 Ronsdorf.... 2189 6764 13299 15365 Saarbrücken . . 5902 8804 23242 105089 Schwelm.... 2891 4288 16892 20438 Siegen .... 3275 6626 22111 27416 Solingen .... 3093 6973 45249 50536 Stassfurt . . . 1644 2356 20031 16794 Tarnowitz . . . 2152 4304 11854 13582 Velbert .... 525 765 16689 23134 Viersen .... 3307 5596 24797 30172 Wald. 2705 4863 18627 25274 Waldenburg . . 1768 3928 15106 19681 Witten .... ? 3960 33514 37450 Zwickau .... 2 12708 55825 75542 Wie man sieht, erleben die Textil- und Kleineisenstädte ihren Auf- schwung vor dem Ende des 19. Jahrhunderts, während die Chemie- und namentlich die Kohlen- und Eisenstädte erst recht seit 1900 mit ihrer Einwohnerzahl in die Höhe schnellen. Aber wie bescheiden ist die Entwicklung unserer Industriestädte im Vergleich mit den amerikanischen und selbst den englischen! Die geringere Ausdehnung erklärt sich zum Teil daher, daß es sich hier größtenteils um reine Industriestädte handelt und daß sie viel mehr in einem Gebiet von gegebener Größe liegen als etwa in den Vereinigten Staaten. 2. Vereinigte Staaten von Amerika: Wie alles in diesem Wunderlande, so geht auch die Städtebildung ins „Gigantische“, um ein drüben gern verwandtes Wort zu gebrauchen. Die Entwicklung der meisten Industriestädte setzt erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts ein, vollzieht sich dann aber so rasch, daß heute — ich setze für die Vereinigten Staaten die Ziffer von 1920 ein, da in diesem Lande die Entwicklungslinie des Kapitalismus nicht unterbrochen ist — 406 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte die großen Industrieorte erheblich zahlreicher sind als in ganz Europa zusammen. Ein beträchtlicher Teil der unten genannten Industriestädte ist dadurch gekennzeichnet, zum Unterschiede von den meisten europäischen, daß sie zugleich auch große Handels- und Verkehrsplätze sind, was mit der weiten Ausdehnung des Landes und seinem bis in die neueste Zeit stark landwirtschaftlichen Gepräge im Zusammenhänge steht. Ich füge bei den Orten, bei denen diese Doppelseitigkeit besonders in die Augen springt, ein (H) hinzu. Die Einwohnerziffern sind die Zensuszahlen. Ein Strich bedeutet, daß die Stadt in dem betreffenden Jahre noch ganz klein war oder überhaupt noch nicht existierte. 1840 1880 1920 Bayonne, N. J. . . . — 9372 76754 Berkeley, Cal. — - (1890: 5101) 56036 Buffalo, N.-Y. (H). . . 18213 155134 506775 Cincinnati, Ohio (H) . . 46338 255139 401247 Cleveland, Ohio (H) . . 6071 160146 796841 Denver, Colo. (H) . . gegründet 1858 35629 256491 Detroit, Mich. (H) . 9102 116340 993678 Indianapolis, Ind. . . . 2700 75056 314194 Jersey City, N.-J. (H) . 3072 120722 298103 Milwauky, Wis. (H) . . 1712 115587 457147 Minneapolis, Minn. (H) . 1860: 2564 46887 380582 Oklahoma City, Okla. — 1890: 4151 91295 Pittsburg, Pa. . . . . 21115 156389 588343 Portland, Oreg. . . . gegründet 1843 1870. 8293 17577 258288 Seattle, Wash .... — 3533 315312 Spokane, Wash . . . — 350 104437 Tulsa, Okla. — 1900: 1390 72075 Youngstown, Ohio . . — 15435 132358 3. Verschiedene Länder: a) England: 1760 1800 1850 1880 1910 Manchester . . . 30- -45000 94876 401321 638538 710000 Birmingham . . 28- -30000 70670 232841 400774 840000 Leeds. 17117 (1775) 53162 172270 309119 454000 Sheffield .... 20- -30000 45755 135310 284508 460000 Nottingham . . . 17711 28801 57407 186575 260000 Oldham .... — 21766 72357 111343 147000 Die Quellen für 1760 siehe im 2. Bande Seite 625. Das übrige sind die Zensuszahlen nach Sundbärg und dem Stat. Jahrbuch (für 1910). b) Frankreich: 1800 1850 1900 1910 Lyon. 109500 177190 459099 524000 Lille. 54756 75 795 210696 218000 Roubaix . . . 8000 34698 124365 123000 c) Polen: 1800 1870 1900 1910 Lodz. 200 34328 351570 404000 Nach Sundbärg und dem Stat. Jahrbuch (für 1910). Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 407 Das gemeinsame ökonomische Merkmal aller reinen Industriestädte ist ihre, wenn wir uns des Vergleichs bedienen wollen, aktive Handelsbilanz. Der Wertbetrag ihres Verzehrs wird durch die von ihnen gelieferten Erzeugnisse mindestens gedeckt. Bei genauerem Zusehen lassen sich dann zwei charakteristische Typen unterscheiden: sie können als industrielle Teilstadt und industrielle Vollstadt bezeichnet werden. Die industrielle Teilstadt ist diejenige, in der der Regel nach der in ihr gewonnene Unternehmerprofit nicht zum Verzehr gelangt. In diesem Falle trägt also die Industriestadt nicht nur zur Erhaltung ihrer eigenen Existenz bei, sondern ermöglicht die städtische Daseinsweise für andere, unter Umständen recht viele Personen. Die industrielle Teilstadt ist somit eine reine Arbeiterstadt, in der außer dem Industrieproletariat nur gerade soviel Direktoren und Beamte wohnen, als die Werke zu ihrer technischen Leitung durchaus gebrauchen. Ein ausgesprochener Typus einer solchen Proletarierstadt ist in Deutschland beispielsweise Königshütte in Oberschlesien, über dessen soziale Schichtungsverhältnisse ich in der ersten Auflage (2, 215f.) einige Angaben gemacht habe. Daß nun solcherart Städte quantitativ wie namentlich qualitativ in ihrer Entwicklung eine gewisse Grenze nicht überschreiten können, ist einleuchtend. Reine Arbeiterstädte ragen selten über das Niveau einer Mittelstadt hinaus, während der andere Typus der Industriestadt, derjenige, den wir die industrielle Vollstadt nennen wollten, die Neigung hat, sich zur Großstadt auszuwachsen. Hier bildet der Unternehmerprofit, der an Ort und Stelle zur Verausgabung gelangt, zunächst den Anreiz zur Entstehung eines neuen Stadtringes um den ursprünglichen industriellen Kern: der Stadt der Lieferanten für die wohlhabende Bevölkerung, und es ist dann ein natürlicher Vorgang in der Städteentwicklung, daß ein Ring neuer städtischer Bevölkerung einen zweiten, dritten usf. gleichsam aus sich hervorwachsen läßt. Ist dann die Stadt erst groß genug, um Mittelpunkt für Staatsrentner, das heißt Beamte und Militär, und ferner für den Handels- und Kreditverkehr der Umgegend abzugeben, so wird das Schrittmaß ihrer Ausweitung ein immer rascheres: die aus kleinen Anfängen erwachsene primäre Industriestadt hat die Bahn der „Großstadt“ beschritten. Vertreter dieses Typus sind beispielsweise in Deutschland von den aufgezählten Städten etwa Aachen, Barmen-Elberfeld, Krefeld, Chemnitz, Dortmund, Düsseldorf, Essen; von den amerikanischen Städten alle mit (H) bezeichneten; ferner die meisten der genannten englischen Industriezentren; in Frankreich Lyon. 408 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte y. Die „Großstadt“ Die Großstadt ist nicht dasselbe wie eine große Stadt: es gibt-Städte, die größer sind als eine Großstadt und die doch keine Großstadt sind. Will sagen: die Großstadt ist kein statistischer, sondern — an dieser Stelle — ein ökonomischer Begriff. Großstädte sind meist nur die Kapitalen großer Länder, die Kapitalen, zu deutsch: Hauptstädte, die nicht notwendig auch der Sitz der Zentralverwaltung eines Staates zu sein brauchen. Oder anders ausgedruckt: die Großstädte sind die Hauptstädte des Landes, nicht des Staates: Amsterdam, nicht der Haag, New-York, nicht Washington. Manche Länder sind reicher an Großstädten als andere, auch wenn die Zahl ihrer großen Städte geringer ist: je zentralisierter Kultur- und Wirtschaftsleben eines Landes, desto geringer die Zahl der Großstädte: Frankreich hat nur eine Großstadt: Paris; Deutschland hat deren mehrere: außer Berlin noch etwa München, Köln, Dresden, Leipzig, Hamburg. Die Vereinigten Staaten haben außer New-York noch Philadelphia, Chicago, San Franzisco. Ein sicheres Merkmal, das wie die Einwohnerzahl eine Stadt zur kleinen, mittleren, großen Stadt (natürlich auch auf gewaltsame Weise) stempelt, gibt es zur Bestimmung einer Großstadt begreiflicherweise nicht. Es wird immer Fälle geben, in denen es zweifelhaft ist, ob eine große Stadt eine Großstadt ist. Die einwandfreien Erscheinungsformen der Großstadt sind nur die ganz großen Hauptstädte ganz großer Länder: Berlin, Paris, Wien, einst St. Petersburg, London, New-York. An ihnen müssen wir beobachten, was das ökonomische Wesen dieses eigenartigen, in seiner vollen Entwicklung nur im Zeitalter des Hochkapitalismus auftretenden Städtetypus ausmacht. Eine genauere Untersuchung, die vor allem Berlin zum Gegenstand hat, liefert folgenden Befund. Die Großstadt ist ein mehrgliedriger Typ: sie ist „Industrie-, Handelsund Verkehrsstadt, kapitalistisches Dispositionslager, jedoch vor allem auch Konsumtionsstadt“; ihr wirtschaftliches Gefüge läßt sich im einzelnen etwa so beschreiben: Die Großstadt ist Industriestadt in dem Sinne, daß in ihrer Mitte gewerbliche Tätigkeit für die Ausfuhr (aus der Stadt) verrichtet wird. Sie ist aber Industriestadt zum geringsten Teile. Was eine Industrie, die Stadt zu bilden vermag (also nicht für den Absatz an die Städter arbeitet), in eine Großstadt führt, kann sehr verschiedener Art sein: (1) Wo Großstädte aus Industriestädten erwachsen sind, sind es die Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 409 Gründe, die wir kennen gelernt haben, als wir den Entwicklungsursachen einer Industriestadt nachgingen. (2) Vielfach verdanken die Industrien in den Großstädten einem reinen „Zufall“ ihr Dasein: wie etwa die in Berlin von den Königen im 18. Jahrhundert großgezogene Textilindustrie. (3) Aber die große Stadt ist auch aus ökonomisch-rationalen Erwägungen als Standort aufgesucht worden. Die Zweckmäßigkeitsgründe waren: (a) Vorzüge des Arbeitsmarktes: daß in den großen Städten die besten oder die billigsten oder überhaupt Arbeitskräfte sich vorfanden: so führt noch Marl o (Untersuchungen 3, 404), der in den 1850er Jahren allerdings inDeutschland schrieb, den Maschinenbau als einen städtischen Industriezweig an, weil er einen „.außergewöhnlich großen Betrieb erheische“. Die Berliner Maschinenindustrie verdankt ihr Dasein teilweise den irrationalen Gründen, daß sie durch tüchtige Berliner Schlosserin eister begründet worden ist, teilweise der rationalen Erwägung, daß sich nur in Berlin die nötige Anzahl gelernter Schlosser vorfand. Die Lieblingsindustrie der Großstädte — die Konfektion — ist ausschließlich wegen der billigen weiblichen Arbeitskräfte hier angesiedelt; (b) die Nähe der Handels- -und Kreditunternehmungen: (c) die Nähe wissenschaftlicher und technischer Hilfskräfte. Ein großer Teil dieser Gründe hat nun aber heute, sei es infolge der zunehmenden Intensität der kapitalistischen Wirtschaftsweise, sei es insbesondere dank der Vervollkommnung unserer Transporttechnik, seine Bedeutung verloren. Die auch außerhalb der Großstädte zunehmende städtische Kultur hebt das Niveau der Arbeiterbevölkerung so sehr, daß auch in kleineren Orten qualifizierte Arbeiter in großer Menge gefunden werden; das Telephon und der Telegraph haben die Verbindung mit den Handels- und Bankfirmen der Großstädte so erleichtert, daß eine sofortige Verständigung auf große Entfernungen möglich ist; wenn aber nicht zwischen den Handelsfirmen und der industriellen Unternehmung, so zwischen deren Eabrikbetriebe und ihrem geschäftlichen Kontor, ihrer Verkaufsstelle, die sie in der Großstadt unterhält. Während solcherweise die moderne Entwicklung die Notwendigkeit für die kapitalistische Industrie verringerte, sich in den Mittelpunkten des Verkehrs anzusiedeln, schuf sie eine Reihe von Umständen, die dieser Großstadtstendenz geradezu entgegenwirkten. 410 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Da der Produzent dank der zunehmenden Verschärfung der Konkurrenz immer mehr auf Verbilligung seiner Herstellungsweise zu achten hatte, wurde ihm die Verteuerung der Produktion durch die Verteuerung des Standortes in den großen Städten, wie sie infolge raschen Steigens der städtischen Grundrente sich überall einstellt, durch die Verteuerung der qualifizierten Arbeitskraft, namentlich infolge besserer Gewerkschaftsorganisation (Zuschläge zu den Tarifen in den Großstädten!) lästig. Was also an Vorteilen die Großstadt etwa noch bot, wurde in vielen Fällen reichlich aufgewogen durch jenen Übelstand zunehmender Verteuerung des Standorts und der Arbeitskraft. Deshalb beobachten wir schon seit einigen Jahrzehnten als eine allgemeine Erscheinung in allen Kulturländern den Auszug wichtiger Industrien aus den größten Städten und können selbstverständlich daraus schließen, daß sich neue Industrien dieser Art nicht etwa eigens in den großstädtischen Mittelpunkten neu ansiedeln werden. Für Manchester und Leeds: vgl. Marshall, Principles, 332; für New- York: F. A. Weber, a. a. 0. S. 202; für Berlin: 0. Wiedfeldt, Berliner Industrie (1898), 161 (Textil-Ind.), 254 ff. (Maschinen-Ind.), 262 (Wagenbau); für Wien: Ergebnisse und stenographisches Protokoll der Enquete über Frauenarbeit, abgehalten in Wien 1896, 1897; „der größte Teil der Großindustrie hat Wien verlassen“ (S. VIII). Die wichtigste Gegentendenz gegen die Entstadtlichungstendenz der Industrie ist der Widerstand der organisierten Arbeiter, sich von ihrem Nährboden, der Großstadt, losreißen zu lassen. Was wir heute also an Industrien in den Großstädten antreffen — immer abgesehen selbstverständlich von der ständig wachsenden Industrie, die den lokalen Bedarf deckt — werden wir füglich in drei Kategorien teilen können: (1) solche, die dem Beharrungsgesetz ihr Weiterbestehen an dem einmal gewählten Standort verdanken, und das sind gewiß nicht die wenigsten: kommt doch auch in Betracht, daß ein bestehendes U nter- nehmen so lange nicht unmittelbar unter den Geißelschlägen der Grundrente zu leiden hat, als es auf erbangesessenem Grund und Boden steht; (2) solche, die gegen die Schädigungen durch die Grundrente unempfindlich sind, sei es, daß sie die durch diese bewirkte Verteuerung nicht zu fürchten brauchen (Industrien, die sehr kostbaren Rohstoff verarbeiten, wie Gold- und Silberwarenfabriken, oder die durch Qualitätsarbeit dem Rohstoff einen sehr hohen Wert zusetzen, wie viele Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 411 Luxusindustrien, namentlich aber die Kunstgewerbe: Kunsttischlerei, Kunstschlosserei, Klavierbau usw.), sei es, daß sie imstande sind, die Lasten der Grundrente auf andere (Arbeiter!) abzuwälzen: das ist der Fall bei allen Hausindustrien, die deshalb, begünstigt durch das Vorhandensein eines besonders billigen Menschenmaterials — Weiber! tieferstehende Kassen! — heute zu den Hauptvertretern der großstädtischen Industrien gehören; (3) solche, die ihrer Natur nach die Großstadt nicht entbehren können, vielleicht wegen des hier allein vorhandenen hochentwickelten Geschmacksgefühls, wegen der Vorteile, die ich Fühlungsvorteile nenne (Maßschneiderei, Zeitungsdruckerei) oder dergleichen. Der Industrien, die dieser Gruppe angehören, gibt es aber sicher heute nur noch wenige und ihre Zahl wird wiederum in dem Maße geringer, als die Kultur sich auch außerhalb der großen Städte verbreitet. Die Großstadt ist also in immer geringerem Maße „Industriestadt“, das heißt: lebt in immer geringerem Umfange von ihrer gewerblichen Tätigkeit. Ich versuche das an dem Beispiele Berlin ziffermäßig nachzuweisen. Die „ Industriestadt “ Berlin Wenn E. Engel das Ergebnis seiner sehr zu Unrecht vielgerühmten Studie über die Industrie der großen Städte in die Worte zusammenfaßt: ,,An der Stadt Berlin bewahrheitet sich sonach, was jetzt wohl von jeder großen Stadt zu behaupten steht, daß sie im wesentlichen eine Industriestadt und ihr rapides Wachstum eine Folge dieser Eigenschaft ist, wie auch das staunenswerte Wachstum aller übrigen Großstädte sich ganz entschieden auf diese Ursache zurückführen läßt“ (Berlin und seine Entwicklung. Gemeindekalender und städt. Jahrbuch für 1868. S. 143), so war das schon für die damalige Zeit entschieden falsch. Heute ist eher das Gegenteil richtig. Gleichwohl schleppt sich diese Ansicht wie eine ewige Krankheit durch unsere Literatur fort. Und Männer vom Range Karl Büchers machen sie sich unbesehen zu eigen. Siehe seinen Vortrag in dem Sammelwerke: „Die Großstadt“. 1903. Keiner aber nimmt sich die Mühe, einmal mit dem Rechenstift in der Hand sich an die Zahlen der Berufsstatistik heranzusetzen und nachzurechnen, was denn in einer Stadt wie Berlin an städtebildenden Industrien etwa vorhanden ist. Die Gesamtzahl der Berufsstatistik, die uns die in der gewerblichen Produktion Erwerbstätigen angibt, besagt natürlich gar nichts, da sie ja sämtliche Lokalgewerbe, die für die Städtebildung nicht in Betracht kommen, mit umfaßt. Es handelt sich darum, in jedem einzelnen Gewerbefalle festzustellen, wieviel davon für den Ortsverbrauch, wieviel für die 412 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Ausfuhr aus der Stadt arbeitet. Diese Ziffer ist dann die städtebildende Quote des einzelnen Gewerbes. Genau läßt sich diese Quote naturgemäß nur mit Hilfe einer weitgespannten Enquete ermitteln. Aber eine annähernd richtige Vorstellung von dem Anteile der Ausfuhrindustrie an der gesamten gewerblichen Tätigkeit läßt sich doch schon durch eine genaue Prüfung des in der Berufszählung vorliegenden Ziffernmaterials gewinnen. Ich habe eine solche Prüfung in der Weise vorgenommen, daß ich zunächst einmal die unzweifelhaft örtlichen Bestandteile eines Gewerbes aus der Gesamtziffer des Gewerbes ausschied und für den Rest den Anteil der Ausfuhrindustrie schätzte, immer zugunsten dieser entscheidend, so daß die für die Größe der Ausfuhrindustrie gewonnenen Ziffern als Höchstbeträge angesehen werden müssen. Den Stoff für diese Untersuchung bieten die Zusammenstellungen in Band 211 der Statistik des Deutschen Reichs, S. 126ff. und 240ff. Das Ergebnis ist folgendes: (Siehe S. 413). Also: von den 54,3%, die alle gewerblichen Produzenten von der erwerbstätigen Bevölkerung Berlins (rund 1 Million) ausmachen, gehört höchstens die Hälfte — 25,8% — zu den Städtebildnern. Angesichts dieser Tatsache Berlin eine „Industriestadt“ zu nennen, ist höchst lächerlich. Mindestens den gleichen, wenn nicht einen höheren Anteil an der Bildung der Großstädte nehmen Handel und Verkehr, zumal wenn man dazu die Kreditgeschäfte rechnet. Daß die Hauptstädte der Sitz der Hochfinanz sind und es immer mehr werden, ist für deren Bestand von erheblich größerer Bedeutung als edle ihre gewerbliche Produktion. Ziffern zum Belege hierfür lassen sich schwer anführen (obwohl es meines Erachtens nicht ausgeschlossen ist, mit Hilfe der Einkommens- und Berufsstatistik zu ihnen zu gelangen). Wir stehen aber einerseits vor der Tatsache des immer mehr sich ausweitenden Kreditverkehrs, für die ich in früheren Kapiteln hinreichende Belege beigebracht habe; andrerseits vor der ebenso unbestreitbaren Tatsache, daß sich dieser Kreditverkehr immer mehr in den Hauptstädten der Länder zusammenballt. So lehrt uns beispielsweise die Statistik, daß in zehn deutschen Großstädten (im statistischen Sinne) im Jahre 1858 im Geld- und Kredithandel 741 Personen, davon in Berlin 244 Personen, im Jahre 1907 dagegen 21835 Personen, wovon 16943 in Berlin, beschäftigt waren. Damals betrug der Anteil Berlins 32,9 %, 1907 betrug er 77,6%: siehe meine „Deutsche Volkswirtschaft“. Die bisher betrachteten Quellen des großstädtischen Unterhalts sind (im kapitalistischen Sinne) produktiver Natur. Das heißt: der Unterhalt fließt aus den Arbeitslöhnen und dem Kapitalprofit kapitalistischer Unternehmungen, die in der Großstadt ihren Sitz haben. Zu diesen auf dem Wege der Produktion gewonnenen Mitteln zur Städtebildung treten nun aber in ganz erheblichem Umfange Anrechte Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 413 Gewerbe Hauptberuflich in Berlin Erwerbstätige Davon sind unzweifelhaft Lokalgewerbe 1 <13 0«z -13 <13 In der Ausfuhr- industrie beschäftigte Erwerbstätige Industrie der Steine Ziegelei (im Reich und Erden .... 5 741 36 °/o der Gewerbe- % gruppe) Metallindustrie . . . 63 554 Schlosserei Schmiederei Klempnerei Vs (im Reich 60°/o) Maschinenindustrie . 66 958 Stellmacherei Elektrotechnik Automobil- und % Fahrradherstellung (teilweise) Chemische Industrie 5 531 Apotheken (im Reich 11,3 °/o) % Forstwirtschaftliche 5 857 Gasanstalten V 2 Nebenprodukte, Leuchtstoffe usw. . (43%) Textilindustrie . . . 12 232 Färberei 9 /io Papierindustrie . . . 15 965 Buchbinderei und Kartonnagenfabri- Vs kation (45 %) Lederindustrie . . . 14 764 Sattlerei und Tape- Vs Ziererei (59%) Industrie der Holz- 44018 Tischlerei (größten- Vs und Schnitzstoffe . teils), Böttcherei, Drechslerei (70,7 %) Industrie der Nah- 46 163 Bäckerei, Kon- Vs rungs- und Genuß- ditorei, Fleischerei, mittel. Brauerei (sicher zu 4 / 6 ), Müllerei, W asserversorgung (66,6%) Bekleidungsgewerbe 143 593 Schusterei, Kürschnerei, Putzmacherei % und von der Schneiderei und Näherei doch immerhin ein beträchtlicher Teil, z. B. die ganze Maß- und Flickschneiderei sowie die Hausnäherei Reinigungsgewerbe . 22 692 ganz 0 Baugewerbe .... Polygraphische Gewerbe . 70 003 21685 ganz Zeitungsdruckerei (zum größten Teil), 0 Vs • Steindruckerei, | Photographie Künstler. Gewerbe . 4 294 | ganz 0 Insgesamt. 543050 - — 3 826 31 777 50 217 4 424 2 928 11000 7 982 4 921 14 673 15 387 107 169 7 228 257 725 414 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte auf Güterbezüge von auswärts, die auf andere Weise als durch produktive Tätigkeit in der Großstadt selber erworben sind. Und insoweit diese Anrechte zur Städtebildung beitragen, kann man sagen, daß die Großstadt Konsumtionsstadt ist. Solche Anrechte stammen: (1.) aus Kapitalprofit, der in auswärtigen Unternehmungen gewonnen ist. Und das ist sicher ein großer und immer wachsender Betrag; (2.) aus Gehältern und Pensionen staatlicher und städtischer Beamter, die eine um so größere Summe ausmachen, je mehr sich die Landesverwaltung in den Hauptstädten zusammenballt und diese zugleich von den Pensionären aufgesncht werden; (3.) aus den Einkommen der Fremden, die die Großstadt aufsuchen. Dieser Posten spielt in mancher der Hauptstädte eine sehr große Rolle: allen voran in Paris, wohin sich die Reichen aus aller Herren Länder zurückziehen, in geringerem Maße auch in einer Stadt wie Berlin, in dem aber (1911) immerhin 1348835 Fremde einkehrten (Stat. Jahrbuch deutscher Städte). Alles in allem ist es ein buntes Bild, das die Großstädte darbieten, die, wie ich oben sagte, ihre Eigenart aus der Vielgliedrigkeit ihrer Bildner ziehen. b. Die Existenzbedingungen der Städte: „Der Zug nach der Stadt“ Überblicken wir die ökonomischen Existenzbedingungen der Städte im allgemeinen und der modernen Städte, zumal der Großstädte, im besonderen, so werden wir sachliche und persönliche Existenzbedingungen unterscheiden können. Unter den sachlichen Existenzbedingungen steht an erster Stelle die Ermöglichung des Unterhalts wachsender städtischer Bevölkerungsmassen, also das entsprechende Wachstum eines zu freier Verfügung stehenden Überschußerzeugnisses der Landwirtschaft. Ein solches aber ist auf zwei Wegen herbeigeschafft worden: (1.) durch die zunehmende Ergiebigkeit der landwirtschaftlichen Produktion, wie wir sie im vorigen Abschnitt als eines der wichtigsten Ergebnisse modern-kapitalistischer Entwicklung kennengelernt haben; diese zunehmende Ergiebigkeit ist entweder das Ergebnis gesteigerter Produktivität der landwirtschaftlichen Arbeit oder eines Mehraufwands von Kapital; dieses in Form von Produktionsmitteln, deren Herstellung abermals eine städtische Beschäftigung geworden ist. Intensive Steigerung des Überschußproduktes; Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 415 (2.) durch zunehmende Ausweitung des Unterhaltsgebietes, von dem das Überschußprodukt genommen werden kann. Diese Ausweitung ist die Folge der vervollkommneten Transporttechnik, und hier — zum erstenmal — erscheint diese als ein Faktor der modernen Städtebildung. Ihre Bedeutung ist eine rein quantitative, keine grundsätzliche. Extensive Steigerung des Überschußproduktes. Die moderne Verkehrstechnik hat aber zur Städtebildung noch auf eine andere Weise beigetragen, indem sie nämlich (3.) das Zusammenleben und namentlich Zusammenarbeiten so vieler Menschen erst ermöglicht oder doch wenigstens ganz un- gemein erleichtert hat. Die Entfernung von der Porta San Sebastiano zum Forum oder Colosseum oder Circus Maximus beträgt zwar auch an die drei Kilometer. Aber der Weg war doch nicht täglich zurückzulegen. Und wenn er gemacht werden mußte, nahm man sich Zeit, wie heute etwa, wenn die Familie eine Landpartie macht. Die moderne Bevölkerung in den großen Städten hat aber Eile und muß doch jeden Tag mindestens zweimal kilometerlange Strecken durchlaufen. Da sind ihr nun die moderne Verkehrstechnik und Verkehrsorganisation zu Hilfe gekommen, und ein ganzes System von Verkehrsmitteln dient der Beförderung unserer Großstadtbevölkerung: zwangsläufige (Straßenbahn, Hochbahn, Untergrundbahn) und freiläufige (Pferdeomnibus, Kraftomnibus, Droschke). Öffentliche Verkehrsmittel für gemeinsame Personenbeförderung — der „Omnibus“ — sind zuerst in Paris (1819), dann in London (1829) eingeführt. Mit der Anlage zwangsläufiger Straßenbahnen — Trambahnen — ist Amerika vorangegangen (1832 New York—Harlem). Die erste Untergrundbahn wurde 1861—1863 in London erbaut, die erste Hochbahn 1878 in New York dem Verkehr übergeben. Im Jahre 1905 hatte London 67,5, Paris 106,0, Berlin 116,6 km Straßenbahn auf je 1 Million Einwohner. Über die Entwicklung der Verkehrsmittel in den größten Städten geben folgende Ziffern Aufschluß. a. Berlin Beförderte Personen: Omnibus Straßenbahn Stadt- und Bingbahn Hoch- und Untergrundbahn Bevölkerung Fahrten auf einen Einw. 1866 12502337 960551 665632 20,2 1902 78670498 342775474 77268634 18800000 1911665 272,4 1913 169655083 623113425 167737968 73098855 2079156 516,7 416 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte. b. London Beförderte Personen: Stadtbahnen, ohne den Stadtverkehr d. Hauptbahnen Straßenbahnen Omnibusse Bevölkerung Fahrten auf einen Einwohner 1876 40547398 41424428 _ 3605510 22,7 1901 236506162 269933750 340772414 6581402 128,7 1911 436498785 346000000 821819741 7251358 221,2 Ziffern bei R. Eberstadt, Handbuch des Wohnungswesens, 4. Aufl. (1920), 441, 447, 448 f. c. amerikanische Städte Fahrten auf einen Einwohner: New York . 396 Chicago . . 462 Philadelphia 480 Die Ziffern gelten für 1908 und wurden auf der Berliner Städtebauausstellung bekannt gegeben. Als persönliche Existenzbedingung der Städtebildung können wir die Möglichkeit bezeichnen, über eine dem Wachstum der Städte entsprechend große Menschenmasse zu verfügen, die gewillt oder genötigt ist, in der Stadt zu leben. Das sind aber zum überwiegenden Teile Menschen, die in die Stadt eingewandert sind, da sich der rasche Zuwachs der städtischen Bevölkerung selbstverständlich nicht aus der früher vorhandenen Bevölkerung in den Städten ergeben konnte. Wer waren die Massen, die während des 19. Jahrhunderts in die Städte strömten, und was bewog sie, hier ihren Wohnsitz aufzuschlagen ? (1.) Wer wanderte in die Städte? Diese Frage habe ich schon im wesentlichen beantwortet, als ich die Gründe auseinanderlegte, die die Menschen vom Lande und aus den kleinen Städten wegtrieb: was dort wegzog, finden wir, soweit es nicht auswanderte, hier wieder. Der Qualität nach gehören insbesondere die in die Großstadt einwandernden Personen entweder den obersten Schichten der gelernten Arbeiter oder den völlig ungelernten Arbeitern (Tagelöhner, Mädchen) an; jene liefern die Klein- und Mittelstädte, diese das Land. Eine der besten Untersuchungen über den Beruf der Eingewanderten vor und nach der Wanderung ist die von H. Llewellyn Smith, Influx of Population in Charles Booth, Life and Labour of the people in Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 417 London 3, 58ff. Der genannte Verfasser hat von 1000 Einwohnern, deren Hauptmasse nach London ging, früheren und späteren Beruf wie folgt ermittelt (a. a. 0. S. 140): vor der nach der Einwanderung Einwanderung Tagelöhner. 640 169 Gärtner. 17 52 B eschäf tigungen Eisenbahnarbeiter .... 5 92 im Freien Fuhrleute und Kutscher . 19 68 Brauknechte ....... 5 9 Träger, Laufburschen usw. 9 31 Gesinde < Bediente, Stallknechte usw. 16 75 Hausgesinde. 42 83 ■ Polizisten usw. — 34 Öffentlicher Soldaten, Schiffsleute. . . — 108 Dienst Postbeamte. Zimmerleute u. a. Holz- — 3 Baugewerbe arbeiter. Steinsetzer und Maurer . . 38 9 40 3 Maler. 36 21 Schuhmacher. 11 12 Schneider. 14 12 andere Müller. 7 — „gelernte“ Stellmacher und Schmiede 28 24 gewerbliche Gerber, Sattler usw. . . . 16 13 Arbeiter Maschinenbauer. Seifen-, Gas- u. a. che- — 9 mische Fabriken . . . Ladeninhaber und Hand- — 21 lungsgehilfen. 71 81 Detaillisten Restaurateure u. Angestellte Pfandleiher und deren An- 7 13 gestellte. Kaufmännisches Personal — 3 Verschiedene (Clerk). 7 15 Berufe [ Lehrer, Prediger usw. . . 3 9 1000 1000 Die Zuwanderung erfolgt meist im jugendkräftigen Alter, insbesondere zwischen 20 und 25 Jahren; die Folge ist eine Verschiebung des Altersaufbaues in den Städten zugunsten der produktiven Altersklassen. Von 295 Einwanderern, deren Alter Llewellyn Smith bei der Abwanderung feststellte (a. a. O. p. 139), waren: unter 15 Jahren. 16 15—25 Jahre .235 25-30 „ 27 über 30 ,, 17 Sombart, Hochkapitalismns. 27 418 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Es standen im Alter von Jahren: in: bis einschließlich 14 15—60 über 60 Wien. 261 680 59 Graz. 201 700 99 Triest. 287 638 75 Prag. 224 700 76 Brünn. 247 685 68 Lemberg. 246 698 56 Krakau. 247 694 59 im Staatsdurchschnitt 342 588 70 Rauchberg, Zug nach der Stadt, 145. Nach der Berufszählung (1907) gestaltete sich der Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland wie folgt; von 100 Personen standen: im Alter von in den außerhalb der in der in der in Handel Großstädten Großstädte Landwirtschaft Industrie u. Verkehr 20-30 20,5 15,6 18,3 28,0 24,7 30-40 16,2 13,1 18,0 24,0 27,2 20-40 W W "löj “527T lüpf Stat. d. Deutschen Reiches 211, 22; Stat. Jahrb. 1915, 21. (2.) Was die Wanderer antreibt, die Stadt als Wanderziel zn wählen, sind vor allem wirtschaftliche Vorteile, die sie sich versprechen: die Stadt ist der bessere Arbeitsmarkt, das ist es, was für die große Masse sie so anziehend macht. Diese Erleichterung des Fortkommens wird durch folgende Umstände bewirkt: ,a) die im großen Ganzen stets wachsende Nachfrage nach gewerblichen Arbeitskräften in den Städten und Industriebezirken. Dieser wachsenden Nachfrage ist die Landwirtschaft nicht fähig, weil sie keine beliebige Steigerung ihrer Produktion bei gleichbleibendem oder sogar erhöhtem Produktivitätsgrad vornehmen kann wie die Industrie; b) die stets wachsende Nachfrage nach persönlichen oder ihnen verwandten Dienstleistungen namentlich in den Großstädten, die in dem Maße stärker wird, wie diese immer mehr Reichtümer aufsaugen und zum Verzehr bringen; c) die höhere Entlohnung für gleiche Arbeitsleistung in den Städten. Diese aber ist tatsächlich in vielen Fällen höher als auf dem Lande aus verschiedenen Gründen: a) weil die Landwirtschaft im allgemeinen dem Gesetz des fallenden Ertrages untersteht, die europäische Landwirtschaft im besonderen aber in den letzten Menschenaltern unter dem Druck der überseeischen Konkurrenz zu leiden gehabt hat und deshalb angesichts der hohen Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 419 Bodenpreise „notleidend“ war, Industrie und Handel und Verkehr aber „im Aufschwünge“ waren, das heißt unter dem Gesetze des zunehmenden Ertrages arbeiteten; Das gilt namentlich für die Anfänge der Großindustrie, das heißt für jene Zeit, als die Produktivität der industriellen Arbeit plötzlich eine rasche Steigerung erfährt. So erfahren wir aus der Frühzeit der englischen Maschinenspinnerei, daß die Spinner nicht selten einen Wochenlohn von 30 s hatten, daß dieser in einem Etablissement z. B., dessen Besitzer Aussagen vor der Factory Commission machte, durchschnittlich 2 £ 13 s 5 d im Jahre 1830/31 in der Woche betrug: das war aber das Dreifache dessen, was ein Landarbeiter oder Handweber in derselben Zeit bei gleicher Arbeitszeit verdiente. Siehe Ure, Philosophy of Manufacture. 3. ed. p. 281, 283, 307. Das war der Lohn der erwachsenen Männer. Aber er genügte als Reizmittel, um die Massen anzuziehen. ß) weil mangels einer weitgehenden Zerlegung der Arbeitsverrichtungen in der Landwirtschaft keine Löhne für Elitearbeiter bezahlt werden können; y) weil in der Stadt — abgesehen von der Höhe der Individuallöhnung — ein höherer Familienverdienst als auf dem Lande erzielt werden kann: tausenderlei lohnende Beschäftigungen ergeben sich für die Frau und die Kinder, denen früher auf dem Lande oder in der Kleinstadt die heute dort weggefallene hausgewerbliche Tätigkeit der Familienglieder entsprach: Hausindustrie, Wäscherei, Plätterei, Hausbesorgung, Aufwartung, Kleinhandel, Botendienste u. dgl. für die Frauen; in den Anfängen Fabrikarbeit, Laufburschendienste u. dgl. schon für die jüngsten Kinder; Prostitution, Ladnerinnendienst und ähnliches für die erwachsene Haustochter: kurz Zuschuß verdienst von allen Seiten her erhöhen das Familieneinkommen meist weit über dasjenige der Familie auf dem Lande oder in der Kleinstadt. (3.) Neben den wirtschaftlichen wirken dann außer-wirtschaft- liche Beweggründe mit, die die vom Lande abgeflossenen Massen in die Stadt führen. Vielfach erscheint ihnen die städtische Arbeit leichter als die schwere Arbeit auf dem Lande: das Mistfahren hat schon manchen Burschen, das Melken schon manches Mädchen zur Stadt getrieben. Auch das Wort Bismarcks: der Tingeltangel sei schuld, daß das Land verödete, wird — in zeitgemäßer Ersetzung des Tingeltangels durch das „Kino“ — seine beschränkte Geltung bewahren. Daß alles, was die Großstadt an sogenannten Vergnügungen bietet, dem gemeinsten 27* 420 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Geschmack entspricht, ist ein Haupterklärungsgrund für die starke Anziehungskraft, die die Stadt auf die Masse ausübt, deren Geschmack naturgemäß immer auf der niedrigsten Stufe steht. Vor allem aber, das ist oft genug und mit vollem Rechte betont worden, ist es das Bedürfnis nach individueller Freiheit, was das Stadtleben reizvoll erscheinen läßt. Die „Freiheit“, die früher auf den Bergen wohnte, ist heute in die Städte verzogen, und ihr ziehen die Massen nach. Individuelle Freiheit bedeutet aber als Massenideal immer nur die Freiheit „wovon“, die Ungebundenheit, die Befreiung von dem Zwange der Nachbarschaft, der Familie, der Herrschaft. Der Grund, warum das Freiheitsideal sich so rasch unter die Massen verbreitet hat, ist — soweit nicht die bewußte Agitation, sondern der natürliche Lauf der Dinge zu seiner Verallgemeinerung beigetragen hat — ein zwiefacher: erstens ist das Freiheitsideal erst durch die Städteentwicklung zunächst einmal ein Massenideal geworden. Erst die Stadt emanzipierte das Individuum, und erst in dem Maße, wie die Stadt wächst, wächst das Empfinden großer Massen für den Wert der persönlichen Ungebundenheit. So entsteht ein neuer Maßstab für die Wertung des Lebens in den Städten und durch die Städte. Daß aber dieser Maßstab so schnell allgemeine Verbreitung findet, das ist gewiß das Werk unserer modernen Verkehrsentwicklung. Ihre größte Wirkung liegt in der Revolutionierung der Geister, die rascher, als es in früheren Zeiten ie der Fall war, von dem neuen Ideal städtischen Kulturlebens ergriffen werden. Es mag hier noch zur Bestätigung des Gesagten das Ergebnis einer Rundfrage mitgeteilt werden, die die Societe d’Economie sociale bei 240 Kürassieren veranstaltet hat über die Ursachen der Landflucht. Die Urteile der Befragten stimmen dahin überein, daß diese Ursachen seien „le manque de capitaux neeessaires ä un etablissement rural, le desir d’une profession assurant une retraite, les salaires de la ville, la durete de l’austerite de la vie rurale, la negligence des instituteurs ä donner une instruction technique agricole, leur insistence ä vanter la ville, enfin l’in- fluence des femmes qui ne veulent pas se marier pour habiter la Campagne“. Compte rendu du Congres de la Societe d’Economie sociale sur la desertion des campagnes en 1909. 2, 15, zitiert bei A. Souclion, 1. c. pag. 123—24. c. Die Bedeutung der Städtebildung Die Bedeutung der Städtebildung für die Entfaltung des kapitalistischen Wesens greift über die Bedeutung als Quelle von Arbeitskräften, wie ich schon andeutete, weit hinaus. Die hauptsächlichen Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 421 Wirkungen, die von den Städten ausgehen, lassen sich wie folgt umschreiben : 1. Die im letzten Absätze gemachte Bemerkung weist schon darauf hin, daß eine erste bedeutsame Wirkung der Städte im Bereich des Geistigen liegt. Wenn wir dort feststellen konnten, daß sie zur Entfaltung des Massenindividualismus ihr erhebliches Teil beigetragen haben, so war damit schon ausgesprochen, daß also die Entfaltung des kapitalistischen Geistes teilweise ihnen zu danken ist. Denn dieser Individualismus bildet ja von diesem einen Bestandteil. Und wie der Individualismus durch die Städte gefördert worden ist, so sind auch andere Züge des kapitalistischen Geistes erst in den Städten recht ausgeprägt worden: der Intellektualismus, die Rationalität, die Rechenhaftigkeit. Man kann sich schwer vorstellen, daß ohne die Städte, und zwar die Städte des hochkapitalistischen Zeitalters, das moderne Unternehmertum zur vollen Blüte sich hätte entfalten können. Man kann sich aber auch den modernen Kontormenschen und die ganze Kontorwissenschaft nicht ohne Städte denken. Man hat es ebenso deutlich im Gefühl, daß der Erfinder und Konstrukteur und Ingenieur und die ganze moderne Technik in den Städten den ihrer Natur gemäßen Lebenskreis gefunden haben. 2. Bedeutsam für den Kapitalismus werden die Städte auch dadurch, daß sie ihm ein Feld der Betätigung für die Ausdehnung seiner Produktion und des Absatzes seiner Waren schaffen, wie er es ohne sie kaum hätte finden können. Dem Emporkommen der Städte ist die Entstehung des größten aller Gewerbe zu danken: des Baugewerbes, das in wachsendem Maße dem Kapitalismus anheimgefallen ist. Von der Größe des Baugewerbes und seiner Bedeutung in der heutigen Wirtschaft macht man sich selten eine genug große Vorstellung. Man vergegenwärtige sich folgende Ziffern, um diese Bedeutung zu ermessen: Nach der letzten Berufszählung umfaßte das deutsche Baugewerbe 1905987 Erwerbstätige, die sich von 1882—1895 um 43, von 1895 bis 1907 um 40,8% vermehrt hatten. Es steht, wie gesagt, mit dieser Ziffer an der Spitze aller Gewerbegruppen. Die in ihm Erwerbstätigen machen 68%, aller Erwerbstätigen aus. Seine Sachleistung drückt sich darin aus, daß es im normalen Falle (in Deutschland) jährlich 200000 Wohnungen neu und 40000 umzubauen hat. Dazu kommen noch die Fabrik-, Industrie- und öffentlichen Bauten. 422 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Am deutlichsten aber tritt uns die Bedeutung des Baugewerbes vor die Augen, wenn wir die Höhe seines Kapitalbedarfs feststellen. Dieser betrug in Deutschland (nach Eberstadt) für den Wohnungsbau allein vor dem Kriege jährlich l x / 4 Milliarden Mark, im ganzen also sicher nicht weniger als iy 2 Milliarden Mark, während der Nennbetrag aller inländischen und ausländischen Industrieaktien und Industrieschuldverschreibungen, die 1913 an der Berliner Börse zugelassen wurden, sich auf nur 550 Milllionen Mark, also ein Drittel, belief. Wenn wir mit Helfferich den in den letzten 15 Jahren vor dem Kriege in Deutschland akkumulierten Betrag auf 6—7 Milliarden veranschlagen so würde die zur Befruchtung des Baugewerbes allein bestimmte Summe ein Fünftel bis ein Viertel davon ausmachen. Das wird uns nicht in Erstaunen setzen, wenn wir erwägen, wie viele Gewerbezweige Zusammenwirken, um die Baumaterialien zu liefern, die doch von dem obigen Kapitalbetrag bezahlt werden müssen: Die Industrie der Steine und Erden arbeitet fast ganz für das Baugewerbe, ebenso große Teile der Eisenindustrie und der Holzindustrie, aber auch die ganze Binnenschiffahrt um die großen Städte, z. B. Berlin, herum dient nur dazu, die Baumaterialien herbeizuschleppen. Und das alles ist so gut wie ausschließlich das Werk der Städte! (in deren Wachstum sich natürlich nur das natürliche Wachstum der Bevölkerung spiegelt, die sich aber in der Bauweise der modernen Städte ein sehr teures Schneckenhaus geschaffen hat). Außer dem Baugewerbe sind aber noch andere Gewerbe erst durch die Städte zur Entwicklung gelangt und gewähren heute dem Kapitalismus ein reiches Feld der Betätigung. Allen voran steht hier die Kinoindustrie, die allerdings erst in den letzten beiden Jahrzehnten zur vollen Entfaltung gelangt ist. Sie soll heute die größte aller Industrien sein. Aber längst schon ist das Gasthofgewerbe durch die Städte ausgebildet worden. Als Marktort im engeren Sinne ist die Stadt und vor allem, wenn nicht ausschließlich, die große Stadt, für den Kapitalismus deshalb von so großer Bedeutung geworden, weil in den großen Städten ein zentralisierter Massenbedarf sich entwickelt hat, der eine der kapitalistischen Produktion und dem kapitalistischen Handel angemessene Form des Absatzes begünstigt. Darüber kann ich erst später ausführlicher sprechen, wenn ich zur Darstellung des wirtschaftlichen Prozesses im Zeitalter des Hochkapitalismus komme. 3. Ebenso kurz kann ich hier den dritten Punkt erledigen: die Bedeutung der Städte als Arbeitsmarkt, auf den ja die Darstellung in diesem ganzen Abschnitte hinzielt. Ich habe oben schon darauf hingewiesen, daß die Städte unter Umständen für den Kapitalismus Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 423 dadurch bedeutsam werden, daß sie Arbeitskräfte in beliebiger Menge oder aber im besonderen: entweder sehr hochwertige oder sehr billige Arbeitskräfte liefern. Hier verschlingt sich das Problem der räumlichen Anpassung des Arbeiterbedarfs mit dem Problem der technischen und ökonomischen Anpassung an das YerWertungsbedürfnis des Kapitals. Ich ziehe es vor, das, was über die Stellung der Städte zu diesem Problem zu sagen ist, in den beiden folgenden Kapiteln zu berichten, die der Erörterung dieser Seite des Arbeiterproblems gewidmet sind. Sechsundzwanzigstes Kapitel Die technische Anpassung I. Die Erfüllung der Arbeiterschaft mit kapitalistischem Geiste 1. Was der Kapitalismus für seine Zwecke brauchte, war ein „neues Geschlecht“ von Menschen. Menschen, die imstande waren, sich in ein großes Ganze: eine kapitalistische Unternehmung oder gar eine Fabrik einzuordnen, diese Wunderwerke von Über- und Unter- und Nebenordnungsbeziehungen, diese kunstvollen Gebilde aus Teilmenschen 1 ). Solcher Teilmenschen bedurfte die neue Wirtschaftsverfassung: entseelter, entpersönlichter, ver- geisteter Wesen, die Glieder, besser Rädchen in einem verwickelten Mechanismus zu sein vermochten. Denn aus dem Zusammenhang und Ineinanderspielen vieler sollte die gewaltige Steigerung der Kräfte- wirkung entspringen, die der Kapitalismus herbeizuführen berufen war. Der einzelne wird dabei in ein Arbeitssystem eingeordnet, in dem er die ihm zufallende Teilaufgabe pünktlich, regelmäßig, gleichmäßig ausüben muß, damit der ganze Mechanismus nicht ins Stocken gerät. Er muß auf seine individuelle Freiheit verzichten: „he must necessarily renounce his old prerogative of stopping when he pleases, because he would thereby throw the whole establishment into disordre“ (Ure). Man kann diese Arbeits- und Wirkensweise Präzisierung, man kann sie Disziplinierung, man kann sie auch Automatisierung nennen, je nach dem Standpunkt, von dem aus man sie betrachtet 1 ). Ure, der alle diese Dinge am frühesten, aber auch schon am tiefsten gesehen hat, meint: was den Arbeitern in der Fabrik nottue, sei: „to identify themselves with the unvarying regularity of the complex automaton“ (p. 15). Zu dieser Art der Betätigung sind aber Menschen auf die Dauer nur fähig, wenn sie innerlich zur Arbeit eine ganz eigenartige Stellung einnehmen: wenn sie sich, wie es Max Weber einmal ausgedrückt J ) Die erschöpfende Darstellung der Betriebsgestaltung im Zeitalter des Hochkapitalismus kann erst später gegeben werden: siehe namentlich das 53. Kapitel. Sechsundzwanzigstes Kapitel: Die technische Anpassung 42b hat, der Arbeit gegenüber verpflichtet fühlen, die Arbeit als Selbstzweck, als „Beruf“ erfassen oder wenigstens sie als eine ernste Sache betrachten. Und ganz dem kapitalistischen Arbeitssystem sind die Massen erst dann gewonnen, wenn sie von der Frucht des Kapitalismus selbst gegessen haben: wenn sie, wie dieser, auf das Erwerben, das Geldverdienen, das Ausweiten ihrer Daseinsgrundlage ihr Sinnen richten und bereit sind, die Bedingungen anzunehmen, unter denen dieses Streben im Rahmen des kapitalistischen Wirtschaftssystems erfolgt, wenn sie durch eigene Tüchtigkeit sich die bessere Lebensstellung erringen wollen. Und nicht zum geringsten: wenn sie bei alledem ein Teilchen jener Rechenhaftigkeit sich ein verleibt haben, die für den echten kapitalistischen Geist Kennzeichen ist. 2. Diesen Anforderungen entsprachen nun aber die Massen — sie mochten aus der Landwirtschaft oder aus dem Handwerk oder aus der Hauswirtschaft kommen, das blieb sich gleich — ganz und gar nicht. Diese Menschen widerstrebten zunächst einmal der strengen Disziplin der kapitalistischen Unternehmung. Sie waren „nicht gewöhnt an die in den Fabriken und Steinkohlenzechen beanspruchte, anhaltende, einförmige Arbeit“, wie Ehrenberg von den Arbeitskräften berichtet, die noch in den 1850 er Jahren zu Krupp kamen. Sie hatten noch nicht verzichtet auf ihre sprunghafte Art, zu arbeiten, „their desultory habits of work“, sie waren noch widerspenstige Charaktere, gewohnt an einen imregelmäßigen Paroxismus des Arbeitseifers, „refractory tempers of work-people accostumed to irregulär paroxysms of dili- gence“, wie es Ure. ausdrückt. Sie ahnen noch nicht, meint derselbe Gewährsmann, daß sie mit ihrer zügellosen Art den wundervollen Kosmos der Fabrik zerstören und damit Unfug stiften wie die Menschen, die Gottes moralisches Gesetz durchbrechen. „Of the amount of the injury resulting from the violation of the rules of automatic labour he can hardly ever be a proper judge; just as mankind at large can never fully estimate the evils consequent upon an infraction of God’s moral law“ (S. 279). Ure kommt auf Grund seiner Kenntnisse zu dem pessimistischen Ergebnis, daß mit solchen Menschen überhaupt nichts anzufangen ist: „it is found nearly impossible to convert persons past the age of puberty, whether drawn from rural or from handicraft occupations, into useful factory hands. After struggling for a while to conquer their 426 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte listless or restive habits, they either renounce the employment sponta- neously or are dismissed by the overlookers on account of inattention“ (15/16). Aber wenn sie nun auch in das Joch der Fabrik oder irgendeines anderen Großbetriebes, etwa eines Warenhauses, eingespannt waren, so verrichteten diese urwüchsigen Menschen ihre Arbeit doch noch ganz und gar nicht mit dem kapitalistischen Ethos, das von ihnen erheischt wurde. Sie verharrten im Schlendrian, im Traditionalismus. Bemerkt wird in allen Arbeitern der Frühzeit auch noch der hochkapitalistischen Epoche der völlige Mangel an Fähigkeit und Willigkeit, überkommene, einmal erlernte Arten des Arbeitens zugunsten anderer, praktischerer aufzugeben, sich neuen Arbeitsformen anzupassen, zu lernen und den Verstand zu konzentrieren oder nur überhaupt zu brauchen. Auseinandersetzungen über die Möglichkeit, sich die Arbeit leichter, vor allem einträglicher zu machen, pflegten bei ihnen auf völliges Unverständnis zu stoßen usw. Max Weber hat auf diese Züge bei deutschen Arbeiterinnen hingewiesen. Sie sind aber ein gemeinsames Kennzeichen aller Arbeiter, die sich in den Anfängen dem Kapitalismus zur Verfügung stellten. Vor allem — das ist die durchgängige Klage der Unternehmer — hat der Arbeiter, worauf ich schon früher hingewiesen habe, als ich den frühkapitalistischen Lohnarbeiter schilderte, gar keinen Erwerbssinn. Es gehört zu den dümmsten Ansichten im Bestände unserer herrschenden Lehrmeinung, den „Erwerbstrieb“ als einen Urtrieb der Menschen anzusehen. Das Gegenteil ist richtig. Der natürliche Mensch denkt gar nicht daran, Geld und möglichst viel Geld zu verdienen. Er will nicht erwerben, um des Erwerbes willen, sondern will gerade so viel erwerben, um davon in gewohnter Weise leben zu können. Er will nicht einmal „immer besser leben“. Hat er im Lohnverhältnis diesen Betrag erreicht, so denkt er nicht daran, weiter zu arbeiten, sondern er hört einfach zu arbeiten auf: das ist die Erfahrung, die alle Unternehmer, zu ihrem nicht geringen Leidwesen, bei der Beschäftigung unerzogener Arbeiter gemacht haben, die sie heute noch machen in allen Gegenden, in denen der Geist des Kapitalismus die Masse noch nicht erfaßt hat. Der gemeine Mann ist seiner Natur nach Lazzarone, herzerquickend faul, und weiß noch nichts von jenem „industrious life“, das heute auch der Proletarier führt. Begreiflicherweise aber bedeutet dieser Mangel an Erwerbssinn eine schwere Not für den kapitalistischen Unternehmer. Denn er hindert den Arbeiter, extensiv Sechsundzwanzigstes Kapitel: Die technische Anpassung 427 wie intensiv dasjenige Maß von Arbeit zu leisten, das ein kapitalistischer Unternehmer als selbstverständlich voraussetzen muß. Wie waren nun diese widerhaarigen Menschen in „useful factory hands“ zu verwandeln? Auf welche Weise konnte das „irrationale“ Wesen des natürlichen Menschen „rationalisiert“ werden? 3. Zunächst haben die Unternehmer selbst sich weidlich gequält, diese ungefüge Masse ihren Zwecken anzupassen, indem sie sie mit kapitalistischem Geist erfüllten. Sie haben versucht, ihren Arbeitswillen zu wecken durch allerhand lohnpolitische Maßnahmen. Im Zeitalter des Frühkapitalismus, sahen wir, hielt man es für zweckmäßig, möglichst niedrige Arbeitslöhne zu zahlen, weil man sich sagte, eingedenk des richtig erkannten Wesens jener Arbeitergeneration, daß der Arbeiter nur bei niedrigem Verdienst überhaupt dazu zu bekommen war, ununterbrochen zu arbeiten. Aber wenn man vielleicht auch auf diesem Wege dazu kam, einen regelmäßigen Betrieb ins Leben zu rufen, also den Arbeiter zu einer gewissen Extensität der Arbeit zu bewegen: die Intensität dieser Arbeit zu steigern, war das Mittel der niedrigen Löhne außerstande. Und hochwertige Arbeit konnte man auf diese Weise erst gar nicht erzwingen. So verfiel man auf das Mittel, den Lohn so zu bemessen, daß der Arbeiter bei intensiver Arbeit mehr verdiente: man führte den Akkordlohn und allerhand Prämienlöhne ein, von denen man sich eine durchschlagende Wirkung versprach. Es wird „eine eigentliche Telegraphenfabrik eingerichtet,“ schreibt Werner Siemens an seinen Bruder Karl am 27. März 1858, „wo Akkordarbeit allgemein eingeführt wird. Ich freue mich sehr auf die Durchführung, durch die ein ganz anderes Leben eintreten wird“. Haben die Erfahrungen, die Siemens mit der Einführung des Akkordsystems gemacht hat, seine Hoffnungen enttäuscht? Wir hören, daß am Ende der 1860 er Jahre in seinen Werken der Akkordlohn immer noch nicht allgemein eingeführt war. (Siehe R. Ehrenberg, Die Unternehmungen der Brüder Siemens 1 [1906], 469 S.) Verständlich wäre es, wenn wir an die schlimmen Erfahrungen denken, die anderwärts mit der Annahme des Akkordsystems gemacht wurden, und etwa uns jener Schnitter erinnern, von denen Max Weber berichtet, und deren Arbeitsleistung nach der Einführung des Akkordlohns — znrückging: sie hatten 1 Mk. für den Morgen zu mähen bekommen und hatten 2% Morgen gemäht und erhielten nun 1,25 Mk. Aber sie mähten am Tage nicht, wie man erwartet hatte, mm 3, sondern nur noch 2 Morgen. Damit hatten sie denselben Verdienst erreicht wie früher bei dem niedrigeren Akkord- 428 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte satze. Immerhin hat der Akkordlohn, und was ihm gleichkommt, zweifellos dazu beigetragen, in Gemeinschaft mit andern Mitteln, den Arbeiter aus seiner Lethargie aufzurütteln. Die grundsätzliche Bedeutung des Akkord- und Prämienlohns für die Herausbildung der kapitalistischen Wirtschaft ist mit diesen Bemerkungen, die sich nur auf die Anfänge des kapitalistisch-proletarischen Arbeitsverhältnisses beziehen, selbstverständlich nicht erschöpft. Ich werde in anderem Zusammenhänge noch ausführlich darüber sprechen: siehe das 41. 42. und 54. Kapitel. Was in den Anfängen des Großbetriebes dem Unternehmer nur übrig blieb, um einen einigermaßen geordneten Betrieb aufrechtzuerhalten und den Arbeiter zur regelmäßigen und angestrengten Arbeit zu zwingen, war das rein äußerliche Mittel einer strengen Zucht. Die Fabrikordnungen der Frühzeit sind drakonisch. „To devise and administer a successful Code of factory discipline, suited to the necessities of factory diligence, was the Herculean enterprise, the noble achievement of Arkwright.“ Ure, 15. „Die Fabrikanten begannen (in der rheinischwestfälischen Industrie), durch stramme Disziplin, andrerseits durch Prämien und Wohlfahrtspflege sie (die Arbeiter) in Gemeinschaft zu erziehen, dem sich die Arbeiter eine Zeitlang willig einfügten.“ R. Ehrenberg, Krupp-Studien III im Thünen-Archiv 3 (1911), 136. In den italienischen Fabriken wurden als letztes Auskunftmittel noch in der neueren Zeit strenge Fabrikordnungen erlassen, welche der Libertinität der Arbeiter steuern sollten. Siehe meine Studien zur Entwicklungsgeschichte des italienischen Proletariats im Archiv 6, 195 ff. Aber der äußere Zwang, die Dressur, ist doch immer nur ein sehr unvollkommenes Mittel, wenn es gilt, einen neuen Geist zu verbreiten. Da ist denn nun dem Kapitalismus eine andere Macht zu Hilfe gekommen, die von innen heraus den Menschen umzubilden imstande und gesonnen war: die Religion, und zwar in der Prägung, die das Christentum innerhalb des Protestantismus bei einigen Richtungen, wie den Puritanern, den Mennoniten, den Quäkern, den Methodisten, den Herrnhutern u. a. erfahren hat, die sich sämtlich, um den Max Web ersehen Ausdruck zu gebrauchen, zur „innerweltlichen Askese“ bekehrt und dadurch insbesondere zur Arbeit und zum Erwerbe diejenige Seelenhaltung gewonnen hatten, die der Kapitalismus gerade brauchte. So beschränkt richtig die Web er sehe These, daß der Puritanismus (im weiteren Sinne) den kapitalistischen Geist habe bilden helfen, für den Unternehmerstand ist, so weitgehend, scheint mir, ist sie zutreffend für den Arbeiterstand. Hier bedeutet die asketische Ein- Sechsundzwanzigstes Kapitel: Die technische Anpassung 429 Stellung tatsächlich eine wesentliche Förderung der kapitalistischen Gesinnung. Was Weber aus seiner Bielefelder Erfahrung berichtet, wird von vielen andern Beobachtern in seiner Richtigkeit bestätigt: daß Arbeiter dieser Bekenntnisse die günstigsten Chancen wirtschaftlicher Erziehung aufwiesen. „Die Fähigkeit der Konzentration der Gedanken sowohl als die absolut zentrale Fähigkeit, sich der Arbeit gegenüber verpflichtet zu fühlen, finden sich hier besonders oft vereinigt mit strenger Wirtschaftlichkeit, die mit dem Verdienst und seiner Höhe überhaupt rechnet und mit einer nüchternen Selbstbeherrschung und Mäßigkeit, welche die Leistungsfähigkeit ungemein steigert. Der Boden für jene Auffassung der Arbeit als Selbstzweck . ., wie sie der Kapitalismus fordert, ist hier am günstigsten, die Chance, den traditionalistischen Schlendrian zu überwinden, infolge der religiösen Erziehung am größten.“ (M. Weber im Archiv 20, 24.) Nun muß man aber natürlich bedenken, daß die solcherart religiös erzogenen Arbeiter einen winzigen Bruchteil der Lohnarbeiterschaft selbst in der früheren Zeit ausmachten und heute kaum noch mitzählen. Ihre Bedeutung für die Ausbildung des kapitalistischen Geistes in der Lohnarbeiterschaft kann höchstens die des Senfkorns sein: es ist möglich und wahrscheinüch, daß sie durch ihr Beispiel aufrüttelnd gewirkt und andere nach sich gezogen haben. Aber ich möchte doch glauben, daß die Entwicklung und Ausbreitung dieses Geistes im Proletariate ebenso wie in der Unternehmerschaft überwiegend dem natürlichen Gang der Dinge geschuldet sind: der Kapitalismus schafft sich allmählich aus sich heraus auch die ihm angemessene Arbeiterschaft: die erzieherische Kraft des Automatismus haben wir schon wiederholt kennenzulernen Gelegenheit gehabt. Der Arbeiter muß, will er nicht im engsten Sinne des Wortes, „unter die Räder kommen“, ein gewisses Maß von äußerer und innerer Zucht sich zu eigen machen. Und der Tanz um das goldene Kalb, den der Kapitalismus entfesselt hat, reißt ihn gegen seinen Willen in seinen Strudel. Die Nachahmung, das Beispiel, endlich die Überheferung helfen, bestimmte Gesinnungen verbreiten. Schließlich bildet sich ein Dunstkreis kapitalistischen Geistes heraus, den derjenige, der auf die Welt kommt, mit dem ersten Atemzuge einatmet, und in dem jeder lebt bis zu seinem Tode. Daß besondere Organisationen, wie die Gewerkschaften, noch sich zur Aufgabe stellen, den kapitalistischen Geist zu pflegen, trägt natürlich zu seiner Verbreitung und zu seiner Versteifung wesentlich bei. 430 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte II. Die Umstellung des Arbeitsprozesses Das Problem der technischen Anpassung des Arbeiters an die Bedürfnisse des Kapitalismus ist damit noch nicht erschöpft, daß der Arbeiter mit kapitalistischem Geiste erfüllt wird. Er muß doch auch die Arbeit verrichten können, die ihmzu bewältigen obhegt. Rein technisch. Und da ergeben sich neue Schwierigkeiten noch umfassenderer Art. Die Schwierigkeiten waren besonders groß, wo es sich um hochwertige Arbeit und somit um ausgebildete, sog. „gelernte“ Arbeiter handelte. Ich habe ausführlich über die Schwierigkeiten berichtet, die dem Kapitalismus in seiner Erühzeit aus diesem Mangel an gelernten Arbeitern erwuchsen. (Siehe das 54. Kapitel IV des 1. Bandes.) Damals, sahen wir, behalfen sich die Unternehmer, indem sie sich die Arbeitskräfte in Person herbeiholten, und diesen Ausweg beschritten sie auch noch bis tief in die hochkapitalistische Periode hinein. Aber mit der Ausbreitung des Kapitalismus wurde dieses Verfahren immer weniger anwendbar. Was sollte man tun, wenn die „gelernten“ Arbeiter an Ort und Stelle gebraucht wurden? Sollten die Millionen Arbeitskräfte, die der industrielle und kommerzielle Kapitalismus in sich hereinschlang, alle zu der technischen Leistungsfähigkeit emporgehoben werden, die der Handwerksmeister alten Stiles besaß ? Unmöglich. Nicht nur, daß diese Ausbildung zu lange gedauert hätte: sie war auch aus ökonomischen Gründen nicht denkbar. Wie hätte ein Volk die große Masse seiner arbeitenden Bevölkerung mit einer technischen Ausbildung ausstatten sollen, die ein halbes Jahrzehnt und länger die Arbeitskraft brach legte ? Hier mußte von Grund aus Wandel geschaffen werden, indem man den gesamten Arbeitsprozeß umgestaltete und wenigstens die meisten der einzelnen Arbeitsverrichtungen dem Vermögen der großen Masse anpaßte. Man vollzog also den Akt der Anpassung in der Weise, daß man die Funktion veränderte und damit die Möglichkeit ausweitete, sie auszuüben. Kam der Berg nicht zum Propheten, so mußte eben der Prophet zum Berge kommen. Diese Umgestaltung des Arbeitsprozesses bestand aber ihrem Wesen nach in einer Auflösung der früheren vielgliedrigen Arbeit in ihre einzelnen Bestandteile. Was früher Einheit gewesen war, wurde jetzt Vielheit: es gab keine „Mechaniker“arbeit mehr, sondern nur noch Schraubendrehen, Fräsen, Nieten usw., keine Schusterarbeit mehr, sondern nur noch Sohlen schneiden, Schäfte steppen, Hacken polieren usw., keine Kaufmannsarbeit mehr, sondern nur noch Buchführen, Lagerhalten, Verkaufen usw. Sechsundzwanzigstes Kapitel: Die technische Anpassung 431 Ich verfolge den für alle Kulturentwicklung entscheidend wichtigen Vorgang der Zertrümmerung alter, beseelter Vollarbeit einstweilen nur in seinen Auswirkungen auf die Arbeiterschaft, das heißt, insoweit als dadurch die Arbeitsleistung sich verändert und andere Anforderungen an den Arbeiter gestellt, somit andere Auslesegrundsätze geschaffen werden. Später wird seine innere Wesenheit noch genauer zu bestimmen und wird seine Bedeutung für den Aufbau des vergeisteten Betriebes zu würdigen sein. Die hier zunächst folgenden Ausführungen sind also durch die spätere Darstellung in der Betriebslehre zu ergänzen: siehe namentlich das 53. Kapitel. Durch diesen Truc der Zerlegung ursprünglich komplexer Arbeitsverrichtungen erreichte man vor allem eins: man machte die Arbeit zum größten Teile zu einer kunstlosen Arbeit, die jedes Kind verrichten konnte oder zu der jedes Bauernmädchen in kurzer Zeit „angelernt“ werden konnte. Die Höhenlage der Arbeit war der Leistungsfähigkeit der großen Masse angepaßt. Aus der Zerschlagung der alten komplexen Arbeitsweise ergibt sich eine unübersehbare Fülle von Teilverrichtungen, die ihren Anforderungen an die Leistungsfähigkeit des Arbeiters nach eine Skala von Kunstfertigkeiten darstellen: von den höchstwertigen und schwierigsten Arbeiten bis zu den allergewöhnlichsten und einfachsten Arbeiten. Man hat die Arbeiter, die ein hohes Maß von Kunstfertigkeit besitzen, qualifizierte Arbeiter und, weil sie eine längere Lehrzeit brauchen, um die ihnen eigene Kunstfertigkeit zu erlernen, gelernte Arbeiter genannt und ihnen die gewöhnlichen Handarbeiter, Handlanger oder ungelernten Arbeiter entgegengesetzt. Zwischen diesen beiden äußersten Gegensätzen liegen dann zahlreiche Abstufungen der Kunstfertigkeit, deren Träger man als „angelernte“ Arbeiter bezeichnet. hat. Will man einen grundsätzlichen (nicht nur einen gradweisen) Unterschied zwischen gelernten und angelernten Arbeitern machen, so kann es nur der sein, daß der gelernte Arbeiter eine komplexe, vielgliedrige Arbeit nach Art der alten Handwerksarbeit versteht, eine Arbeit, die ihre Einheit durch ihre Beziehung auf die arbeitende Persönlichkeit empfängt, während der angelernte Arbeiter nur eine Teilverrichtung, eine Spezialarbeit auszuüben vermag, eine Arbeit, die unter rein sach-rationalem Gesichtspunkte abgegrenzt ist. In der Maschinenindustrie z. B. rechnet Bernet (a. a. 0. Seite 17) zu den gelernten Berufen Gießer, Schmiede, Maschinenschlosser, Werkzeugschlosser, Dreher, Modellschreiner, Monteure; dagegen zu den angelernten Hobler, Bohrer, Stanzer, Fräser, Schleifer, Wickler. 482 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Das Interesse des Unternehmers besteht offensichtlich darin, die HöhenlagederArbeitnachMöglichkeitzusenken, da dadurch das Arbeitermaterial, das ihm zur Verfügung steht, ausgeweitet wird. Und man kann sagen, daß im großen ganzen die Entwicklung in der Richtung dieser Interessen verlaufen ist. Die Anforderungen der modernen Technik, insonderheit die Anwendung von Maschinen, bringen es mit sich, daß immer mehr gelernte Arbeit in angelernte oder gar ungelernte verwandelt wird, die angelernte Arbeit aber fortschreitend vereinfacht wird, so daß die Anlernling in immer kürzerer Zeit erfolgen kann. Diese Tendenz ziffernmäßig nachzuweisen, werden wir uns versagen müssen angesichts der verschwimmenden Übergänge zwischen gelernter, angelernter und ungelernter Arbeit. Was beispielsmäßig die deutsche Berufszählung von 1907 (die immer noch die beste ist) an Zahlenstoff bei- bringt, ist nicht zu verwerten. Auch wenn man den von ihr als „gelernt“ bezeichneten Arbeitergruppen alle „angelernten“ zuzählen wollte, würde ihre Unterscheidung in gelernte und ungelernte Arbeit wenig besagen, da ihre Merkmale, mittels deren sie diese Unterscheidung trifft, nicht sehr glücklich gewählt sind. Sie rechnet z. B. die Ladenmädchen in einem Warenhause zu den gelernten, die Packer, Fuhrleute usw. daselbst zu den ungelernten, weil jene „die dem Beruf eigentümlichen Leistungen verrichten“, diese nur Hilfstätigkeiten in dem Beruf erfüllen, die auch in andern Berufen Vorkommen können, während es sich in Wirklichkeit mit dem Gelernt- und Ungelerntsein umgekehrt verhalten dürfte. Imgleichen sind — um noch ein Beispiel anzuführen — im Gastgewerbe die Köche im Sinne der Statistik ungelernte Arbeiter, die Kellner hingegen gelernte. Man wird natürlich eher geneigt sein, einen Koch bei Hiller für einen „gelernteren“ Arbeiter anzusehen als einen Sonntag-Aushilfskellner in einem V orort- Garten,,lokal“. Ich verzichte deshalb auf die Mitteilung allgemeiner Ziffern. Aber auch wo gelernte und angelernte Arbeit weiter unentbehrlich ist — und das wird natürlich immer ein breites Feld der gesamten Tätigkeit bleiben, — hat die Entwicklung namentlich der Maschinentechnik bewirkt, daß das Arbeitermaterial besser an die Bedürfnisse des Kapitalismus angepaßt ist, als es früher der Fall war, weil nämlich die Übergänge aus einem „Beruf“, besser Erwerbszweig, in einen andern leichter sich vollziehen, als es bei der handwerksmäßigen Gliederung der Arbeiter der Fall war. Von den angelernten Arbeitern hat man zwar behauptet, daß sie ein trauriges Spezialistentum darstellen, das nur für bestimmte Arbeiten ausgebildet und deshalb unfähig zum Beschäftigungswechsel sei. Das mag in manchen Fällen zutreffen. Im allgemeinen aber wirkt dieser Sechsundzwanzigstes Kapitel: Die technische Anpassung 438 Einengung der Berufseignung entgegen die Typisierung der Spezialarbeiten, die es mit sich bringt, daß bestimmte Teilarbeiter jedenfalls für diese Teilverrichtung in allen Produktionszweigen verwendbar sind, wo diese Teilverrichtung vorkommt: sage das Fräsen. Die Verwendung gleicher oder ähnlicher Maschinen in den verschiedenen Zweigen, welche Maschinen zu bedienen in der Regel ja der Arbeiter „angelernt“ wird, gestattet ihm, sich in verschiedenen Zweigen zu betätigen. Aber schon innerhalb eines Zweiges — Maschinenindustrie! — ist die Zahl der Spezialisten einer bestimmten Prägung so groß, daß der Unternehmer über eine genügende Menge von geeigneten, „angepaßten“ Arbeitskräften jederzeit verfügen kann. Ähnlich hat sich unter dem Einfluß der modernen Technik auch die „gelernte“ Arbeit in der Richtung einer größeren Ausgleichung entwickelt. Die Bedienung der Maschine erfordert weniger spezielle Branchenkenntnis und Branchenfertigkeit, weil sie weniger auf sinnlicher, manueller Ausübung einer Tätigkeit als auf geistiger Beherrschung eines Mechanismus beruht. Diese aber wird viel mehr durch allgemein-technologische Ausbildung als durch besondere Fachausbildung gewonnen. Für einen gelernten Maschinenarbeiter ist das Entscheidende, daß er an einer Maschine arbeitet. Das Maschinelle ist aber etwas, was dann in allen möglichen Verwendungsgebieten das gleiche bleibt. Jeder gute Mechaniker kann sich ohne viel Mühe in jeden beliebigen Mechanismus hineinarbeiten. Und damit wird der moderne gelernte Arbeiter doch in viel weiterem Umfange „auswechselbar“ mit jedem andern gelernten Arbeiter, als es in der früheren handwerksmäßigen Arbeitsgliederung der Fall war: gewiß kann ein Maschinensetzer nicht morgen eine Sohlennähmaschine bedienen, ein Monteur in einer Maschinenfabrik nicht morgen an einer Spinnmaschine arbeiten. Aber jeder Maschinenarbeiter kann sich doch binnen kurzem in eine andere Maschine einarbeiten. Und jedenfalls ist die Kluft zwischen den gegenübergestellten Typen moderner gelernter Arbeiter unsagbar viel kleiner als die zwischen Schuster und Buchdrucker, zwischen Schlosser und Spinner. Und wenn auch auf so weit auseinanderliegenden Produktionsgebieten wie den angeführten nur in seltenen Fällen derselbe mechanisch geschulte Arbeiter tätig sein wird: der Übergang zwischen nähergelegenen Gebieten, etwa von der optischen zur elektrischen und medizinischen Feinmechanik oder zur Herstellung von Taxametern, Phonographen usw., ist durchaus üblich. Wozu noch der Umstand kommt, um die Ubiquisierung des modernen gelernten Arb eit fers zu Sombart, Hochkapitalismus. 28 434 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte steigern, daß in allen Gewerben immer mehr Schlosser, Dreher, Mechaniker gebraucht werden, um die sich immerfort ausweitende Maschinerie auszubessern und instand zu halten. III. Die Beschaffung geeigneter Arbeitskräfte 1. Das Mittel, das sich zunächst darbietet, um ein gegebenes Arbeitermaterial an die Bedürfnisse der Wirtschaft anzupassen, ist die Auslese der Tüchtigsten, das heißt: die Fürsorge, daß jeder und jede die ihren Fähigkeiten am meisten entsprechende Stelle im wirtschaftlichen Prozesse erhalte. Diese Auslese erfolgte in aller vorkapitalistischen Zeit, aber auch noch im Zeitalter des Frühkapitalismus und fast auch noch während der ganzen hochkapitalistischen Periode, in durchaus traditionalistisch- empirischer Weise auf dem Wege der „Berufswahl“: der junge Mensch wählte aus eigenem Antrieb oder auf Anraten der Verwandten und Bekannten seinen „Beruf“, ohne sich viel darum zu kümmern, ob er dafür geeignet sei oder nicht. Soweit eine Erwägung über die Eignung überhaupt stattfand, bewegte sie sich in überkommenen Formen, die sich im Laufe der Zeit aus Erfahrung, Urteil und Vorurteil herausgebildet hatten. Aber die hochkapitalistische Epoche sollte nicht zu Ende gehen, ohne daß auch das Problem der Berufsauslese der Rationalisierung anheimgefallen wäre, das heißt: ohne daß man angefangen hätte, es durchzudenken und mit Zweckmäßigkeitsgehalt zu erfüllen; es aus einem sittlichen Problem der Berufswahl zu einem technischen Problem der Funktionseignung umzugestalten. Und, was sich von selbst versteht, gleichzeitig es dem empiristischen Halbdunkel zu entziehen und in das helle und grelle Licht moderner Wissenschaft zu stellen. „Es gilt, so formt der Begründer dieser neuesten Wissenschaft, Hugo Münsterberg, das Problem, bestimmte wirtschaftliche Aufgaben unter dem Gesichtspunkt der für sie notwendigen oder wünschenswerten psychischen Eigenschaften zu analysieren und gleichzeitig Methoden zu finden, um diese Eigenschaften zu prüfen.“ Die Rationalisierung und Verwissenschaftlichung der Berufsauslese reichen nicht weiter als in das letzte Jahrzehnt vor dem Kriege zurück. Natürlich sind sie in den Vereinigten Staaten von Amerika zuerst aufgetaucht. Nach den Angaben Münsterbergs ist die erste Anregung von Professor Parsons ausgegangen, der im Jahre 1908 in Boston ein Sechsundzwanzigstes Kapitel: Die technische Anpassung 435 kleines Bureau für „wissenschaftliche Berufsberatung“ eröffnete, das bald Nachahmung in andern Städten fand. Etwa ebenso alt sind die Bestrebungen Professor Münsterbergs selbst, die experimentelle Psychologie für die Berufsauslese nutzbar zu machen, „die für den Beruf gültigen Ansprüche an das Seelensystem“ festzustellen und, soweit möglich, „abzustufen“, „so daß die eigentlich entscheidenden Faktoren hervortreten“ und für diese „dann mit experimenteller Methode einen exakten Maßstab“ zu gewinnen. Die epochalen Experimente Münsterbergs erstreckten sich: 1. auf Wagenführer elektrischer Straßenbahnen, deren „einheitliche Gesamtleistung“ er zum Gegenstände der Untersuchung macht; 2. auf Schiffsoffiziere beim Kommando auf der Schiffsbrücke; 3. auf Telephonistinnen, deren „Gesamtfunktion“ (?) er in ihre Bestandteile auflöste, um sie zu prüfen. Diese Bestandteile waren: a) das Gedächtnis; b) die Aufmerksamkeit; c) die Intelligenz; d) die Genauigkeit; e) die Schnelligkeit. Im Mittelpunkte aller Untersuchungen, für die ganze große Systeme der sinnreichsten Apparate erfunden wurden, stand immer die Prüfung der Aufmerksamkeit. Das Ergebnis der Prüfung sind dann die sog. „Tests“. Die Anregungen von Parsons und Münsterberg sind in ihrem Lande auf fruchtbaren Boden gefallen. Entsprechend der Vorliebe des Amerikaners für das Sensationelle und allen Spaß hat sich in der kurzen Spanne, die seit jenen ersten Anfängen verstrichen ist, drüben die „wissenschaftliche“ Berufsauslese zu voller Blüte entwickelt. Nicht nur, daß die psychologischen Laboratorien der „Universitäten“ mit Vorliebe ihre Tätigkeit in den Dienst des guten Zwecks stellen: auch private Unternehmungen (wie die Gas, Electric Light and Power Company) lassen schon Eignungsatteste ausfüllen, in denen die neuesten Methoden der Test-Ermittlung Berücksichtigung finden; oder sie haben schon eigene Untersuchungsanstalten eingerichtet, wie das Psycological Labora- tory of the Yellow Cab Company in Chicago, in denen die Methoden der Universitätsinstitute zur Anwendung gelangen; ja, es gibt schon „Consulting Psychologists“, wie Mr. A. J. Snow in Chicago, der Verfasser des in der Literaturübersicht genannten neuesten Elaborats über die „Psycology in Business Relations“. Auch das müde Europa bemüht sich nach Kräften, mit dem „rastlos fortschreitenden“ Amerika Schritt zu halten und die Berufsauslese auf den roch er de Bronze der „Wissenschaft“ zu stabilieren. Durch 28 * 4m Zwsätor Atedhumitt; IMe AAelMfasäfte MlimmOTr wi® F. Griese, O. Lipimamm, W. lloede, CI Pioikowiski, William Stemm Sand die MeÄ®den juamemtiMi im DmÜmMmd fiel- fadk TOn»lfcnBi)MiMiiffitt raumd vertieft weiden- Die gnmdsätzliidie Haltmsg MdM aker Äerfl düesellke. Wöme wir mms dm „Simm“ dieser meraesfom Errumgemseliaft der kaptaLfetiaElim Knltar s den „Teft“-WIssemsdlrffe, kbrmackm wollen, ,«ffl fainrmr das mar gssdhelkm, imdenm wir säe dimoidmem im dem großen Zn- aammmmtiaimg des EatismmlliäramigffipmKOse®. dem die Welt mmterliegfe. Bot mulsaem wir mms siker rar alram bewußt werden, daß die ganze experämMärnttjefe WmrlteEiialilffipBpiadkigiie zu Voramssetzmmg dis im ’waanstbAfflmdm ymAMeirfr® Zmrwhftg mrniig daraMmÄrSmtewdseliat. Dernm w®mm drar „Test“ iSbrfiaiiiipft «mm Simm labern mrnd. seöm® Feffitstefcmg äng^nndwdlAffi pafetiaeke Bedmtmmg labern adBL, » rnraß dar Arheifavffir- igBimg mdejr, sagjem wir besser: di® im jaae madk ram sadi- ijdb-tednmäädliifflE Gemiitepmilkfam mmmimiefosmm TAverridhtmmgem iMü^diiöÄ Mm, fir dram AntHäibiiiimg mmm meSote melr als bestimmte, feummiallffi ]LmttnnnDgfHni, disr Araffilfilmß Ibffiffilfcninminntttjisr fanmalfer FMni^eitem im Bdtafflbtt hwmiimiiienii, wie A w i feiiT waifaiSimTbäfc, Gtedädrtmis, Wilemsreattiom «ff gjEwik« KmdÄfe unmd Ekffiahmmgem m. dgL Diese Fähigkeiten. kämm. iVriln ffflitinnTTti im dar Taft muesBim mmd danadh aiffiftmfom. „Tests“ für Berrafs- «ffii® Bernd® v«8ffibwi!nmd«ii sind, „Bann䮓 als tiimmvoJle, Lebern ent- aBprnnmgpaiDffi id liebem A MIIWiid© ., mgairaisEke Betätignmg^weisem, im denen JCisiH» ™d &de des HMHadigHa Memsdnom. sidk ausznwirken vermögen. Fiffi fr, nmmfte di® Banmfesiteiitfc im ToIhremnAtmmganL aufgelöst werden, A® gKn® drar ®v] pffräwneimfrAlfflfn Tk ylmnila ign® amkeimfallgini kommte. Ulni wa« ffimr affamlDaift© Handgriff© es tick iiamdA, «aff die die Apparate «fajr jffipEÜxdkgiMiifflm labamaftaMem «rsft Icsgetesem werden können, berichtet urmm Miinisttffiirbeirg ritat im srnmiHiia Bmeke. ^ MAftäMabnilk: sdoieübtt mniär, daß die Arbeiterinnen in einer Ab- tfffriünnmjgr sftrite »St Änraim Gbriiffi e5m Dutzend Bleistifte amigretfen müssen, miiduft jnmäktt' mnad mmelk wemigHr. Manche lernen das sofort spielend, nnd vtaniffimHii Wh® Unc. And.«® Hermen es niemals, trotz fortgesetzter Üfenng. Wffiidiam ifci, wffiDck® im dfosar Abtdiminig versagen, in eine andere hinüber- ^ gmnumnnninqm ; w® *5© di© GlüiMpIlSitteliieDL seng^am aalzntragem haben, damit diiffi BDfflisttiifit® gestemmpA weiden kömmem, so erweisen sie sich oft als sehr tindnttiig, ®lisw«M die Aifedit große Gmamlgksit verlangt. 4 “ Ckfar: „km den Akieehnnngsrännien (einer der größten Fabriken) fet sim® gmdB® AmauM Midekem damit besdhSftigt, Zettel, anf denen die Lokn- akDifdtommmi^m sttekem, andern Zetteln znznordnen, anf denen die einzelnen ifänidkis vmnedimiiKtt ämd. Von jeder Beteiligten wird verlangt, die »§e- StX'hsuiHlizwaiiaigstes Kapitel: Die technische Anpassung 437 hörigen Zettel so schnell me möglich herauszusuchen. Dafür geeignete 4 t - heiterinmen bewegen die Zettel so schnell, daß ein Danebenstehender überhaupt keine einzige Zahl lesen kann, und trotzdem zeigt sich, daß kaum ein Fehler auf 10000 Zettel vorkommt. Eine zweite Operation verlangt aber, daß von den Zetteln, sobald sie geordnet sind, die Zahl so schnell wie möglich auf eine Addiermaschine übertragen wird, deren Tasten wie die dimer Schreib maschine arbeiten, und mm ergibt sich, daß die Mädchen, die bei dem Sortieren die schnellsten, zuverlässigsten und fehlerfreiesten (ä) sind, für die schnelle Übertragung auf die Tasten der Maschine oft gänzlich unbrauchbar sind.“ Oder; „Ich habe in Amerika ... die Verhältnisse einer Fabrik studiert, im der nmr eine einzige Maschine hergestellt wird. Diese Maschine besteht aus S50 Teilen, die aus den verschiedensten Materialien gearbeitet werden müssen. Fast jeder dieser Teile verlangt verschiedene Bearbeitungsprozesae, so daß sicherlich mehr als ein halbes Tausend verschiedenartiger Arbeiten im denn einen Fabrikkomplex verrichtet werden, und jede setzt, wenn auch viele von ungelernten Arbeitern erledigt werden können, doch zur guten Durchführung besondere psychophysische Eigenschaften voraus . . Für solcherart „Berufe“ kann die Eignung aller dings mittels experimenteller Methoden festgestellt werden. Für solche Berufe gibt es Tests. Und darüber hinaus auch noch für Maschinenschreiben, Telephonieren. Straßenbahnfahren und ähnliches. Aber dann halt! Sobald es sieh bei einer Tätigkeit um irgend etwas Lebendiges, irgend etwas Seelisches, ja selbst nur um etwas Alleibliehes handelt, versagt der psychotechnische Apparat. Es wäre lächerlich, einen „Test“ für die Arbeit eines Handwerkers alten Stils oder selbst nur für einen Pferdeknecht oder einen Krämer aufs teilen zu wollen. Für dem großen Umkreis von Tätigkeiten aber, der der Entseelung amheimgefallen ist, hat die „wissenschaftliche“ Berufeberatung ihren guten Sinn, und es zeugt von einem erstaunlichen Maße von Tradi- tlomalisrmns, dar dem Hochkapitalismus so wenig amsteht, und für den ich wi rklich keime Erklärung weiß, außer eben den — Traditionalismus, daß nicht schon ein paar Menschenalter früher diese Gedanken auf- getawsht sind und damit der experimentellen Psychologie, die so ganz mnmtz- nnd zieJlos in der Welt herumzmirren schien, eine ihrer würdige Aufgabe gestellt worden ist. Der Begriff der Berufsberatung deckt sieb nicht völlig mit dem der experimentellem Eignungsprüfung. Die Berufsberatung kann sich auch amdeser Verfahren als der Eignungsprüfung, wie namentlich der Be- obaditfiiiigsbogem, bedienen, mittels deren sie imstande zu sein glaubt, mA seelische Ganzheiten und ihre Beziehungen zu echten Berufen fest- sttefaa za kSumen. Das mag in manchen Fällen zutreffen. Aber dann wird 438 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte die Richtigkeit des Urteils immer im umgekehrten Verhältnis zu der Anwendung experimenteller, das heißt im heutigen Sinne, „wissenschaftlicher“ Methoden stehen. Im übrigen geht uns das Problem hier nicht näher an: der Hochkapitalismus ist im wesentlichen auch ohne Berufsberatung zur Entfaltung gelangt. 2. Ist nun der Arbeiter — so oder so — an seinen Platz gelangt, so gilt es nunmehr, wenn es sich um „gelernte“ (ein greuliches Wort, das man durch ein anderes Wort, etwa geschult, ersetzen sollte) und „angelernte“ Arbeitskräfte handelt, ihn zu seiner Arbeit geeignet zu machen: es beginnt die Aufgabe der Ausbildung. Auch um dieses Problem hat sich der kapitalistische Unternehmer auffallend lange Zeit gar nicht oder wenig gekümmert. Insbesondere hat er sich um den Nachwuchs der Facharbeiter wenig gesorgt. Er hat nur immer geklagt, daß es keinen vollwertigen und ausreichenden Nachwuchs gebe; aber ihn selbst heranzuziehen, daran hat er nicht gedacht. Man fand diese Vernachlässigung der eigentlichen Lehrtätigkeit selbstverständlich. Noch in den 1890er Jahren konnten die Webbs von England schreiben: „Was auch die schließliche Wirkung der erzieherischen Lehrzeit auf die Wohlfahrt des Gewerbes oder die Zukunft der Jungen sein möge, direkt macht. . . (sie sich für) die beteiligten Parteien in keiner Weise bezahlt. Der Besitzer eines großen Betriebes hat keine Lust, sich mit Jungen abzugeben, wenn er sie das ganze Gewerbe lehren soll. Selbst ein Lehrgeld von 20 bis 30 £, das ihm der sparsame Vater bietet, ist keine Versuchung für die Kapitalisten von heute, der wöchentlich Hunderte von Pfund an Löhnen zahlt. Er zieht es vor, seinen Arbeitsprozeß in Männerarbeit und jugendliche Arbeit einzuteilen und jeden Grad dauernd mit der ihm zugewiesenen Routinearbeit zu beschäftigen.“ (Sidney and Beatrice Webb, Industrial Democracy. Deutsche Ausgabe 2 [1898], 24.) Wenn trotzdem die Großindustrie immer doch noch über eine große Menge geschulter Arbeitskräfte verfügen konnte — und der Bedarf mancher Industrie ist bis heute groß daran: noch im Jahre 1920 berechnete ein Fachmann (Rech) den Anteil der Facharbeiter an der gesamten Arbeiterschaft im Maschinenbau für normale Zeiten auf 51 % —, so ist das nur so zu erklären, daß dem Kapitalismus diese Arbeiter von anderswoher geliefert wurden. Da waren zunächst die Fachschulen, die sich mit der Ausbildung jugendlicher Arbeiter befaßten. Sie sind freilich auch erst in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts zur Blüte gelangt (1910 I Sechsundzwanzigstes Kapitel: Die technische Anpassung 439 allerdings bestanden in Deutschland etwa 3800 gewerbliche Berufsschulen mit 540000 Schülern), kommen also für die frühere Zeit kaum in Betracht. Da waren dann gewisse Staatsbetriebe, die namentlich für die Heranbildung von geschulten Kräften in der Maschinenindustrie Sorge trugen. So haben z. B. die preußisch-hessischen Eisenbahnwerkstätten seit der Verstaatlichung der Eisenbahnen Lehrlinge eingestellt, deren Zahl bis zum Jahre 1914 zwischen 4 und 6% der gesamten Arbeiterschaft schwankte. Da war vor allem das Handwerk, das bis in die neueste Zeit hinein die Hauptpflanzstätte für die in regelrechter Lehre geschulten Arbeiter gebildet hat. Nach der deutschen Berufszählung von 1895 wurden in 21 Handwerken in Betrieben mit bis 5 Personen auf 100 Arbeiter 37,9 Lehrlinge gezählt. In der als „Arbeiter“ gezählten Gruppe befanden sich aber auch noch die jugendlichen Arbeiter unter 16 Jahren, die nicht Lehrlinge waren. Sie und die Lehrlinge zusammen machten in den 21 Handwerken 73,9% der Erwachsenen aus. Dieser Prozentsatz stieg in einzelnen Handwerken, wie z. B. (und vor allem) in der Schlosserei, auf 142,9%. Das war also eine Besetzung der jugendlichen Altersklassen, die außer allem Verhältnisse zu dem Bedarf des Handwerks selbst an Gesellen und Meistern stand. Und mit Recht hat man in dieser „Lehrlingszüchterei“ eine Krankheitserscheinung des Handwerks erblickt. Siehe das 37. Kapitel des 2. Bandes in der ersten Auflage dieses Werkes. Aber diese Lehrlingszüchterei ist es doch eben gewesen, die der Großindustrie dazu mitverholfen hat, ihren Bedarf an Facharbeitern zu decken. Im Jahre 1907 hatte sich an diesem Verhältnis noch nicht viel geändert. Es betrug die Zahl der Lehrlinge von 100 Arbeitern: Gewerbegruppe in Kleinbetrieben in Mittel- u. Großbetrieben Metallverarbeitung.44,9 10,1 Industrie der Maschinen usw. . 33,1 8,9 Papierindustrie. 24,5 2,5 Lederindustrie. 36,8 6,6 Industrie der Holz- und Schnitzstoffe . 32,3 9,3 Stat. des Deutschen Reiches, Band 221/22, 125f. Diese Ziffern der Gewerbezählung sind zuverlässiger als einzelne Sonderstatistiken, deren wir mehrere für jene Zeit besitzen: siehe die Zusammenstellung bei G. Tollkühn a. a. 0. Seite 17f. Zum Vergleich teile ich noch eine Statistik mit, die im Jahre 1911 Geh.-Rat Kühne veranlaßt hat, bei der die Zahlen der Fabrik- und Hand- 440 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Werkslehrlinge in einigen größeren Fortbildungsschulen festgestellt wurden. Danach waren in der Metallindustrie beschäftigt: Ort in der Fabrik im Handwerk Berlin. . . 4000 2600 Danzig. . . 437 527 Magdeburg .... . . 998 750 Frankfurt a. M. . . . . 698 466 Duisburg. . . 790 361 München. . . 815 1975 Abhandlungen und Berichte für technisches Schulwesen 3, 27. Zufälligkeiten sind auch bei diesen Ziffern nicht ausgeschlossen, doch drücken sie wohl richtig die Zunahmetendenz der Fabriklehrlinge aus. In der Gegenwart hat sich der Anteil der Großbetriebe an der Lehrlingsausbildung noch mehr gehoben. In dem Verein deutscher Maschinenbauanstalten kamen nach der Zusammenstellung Rechs auf je 100 Arbeiter in Betrieben von 1—50 Beschäftigten 31,5 Lehrlinge 3 3 „ 51-100 33 23,1 33 „ 101-250 33 22,4 33 „ 251-500 33 18,2 33 über 500 33 10,6 3 ) „ 3000 33 8,6 Immerhin bildet auch jetzt noch der Kleinbetrieb verhältnismäßig mehr Lehrlinge aus als der Großbetrieb. Aber in diesem ist doch die Anzahl der Lehrlinge beträchtlich gestiegen. Das heißt: er kümmert sich mehr um die Ausbildung des Nachwuchses, wie im folgenden noch mit einigen Worten nachgewiesen werden soll. 3. Der Unternehmer selbst hatte sich von jeher um „An- lernung“ seiner Spezialisten kümmern müssen. Allmählich hat sich diese Tätigkeit in allen Werken zu einem wohlgeordneten System ausgebildet. Dann aber hat er sich auch, wie die eben mitgeteilten Ziffern erweisen, in wachsendem Umfange dem Problem der Aufzucht geschulter Arbeiter zugewandt, in dem Maße, wie mit der fortschreitenden Revolutionierung des Arbeitsprozesses die Ausbildung im Handwerk qualitativ wie quantitativ immer unzulänglicher wurde. Die Zahl der Werke nimmt unausgesetzt zu, die Lehrlinge einstellen und diese in sachgemäßer Weise einen regelmäßigen Lehrgang durchmachen lassen. Ebenso vermehrt sich die Zahl der Werke, die eigene Werkschulen und Lehrlingswerkstätten eingerichtet haben, in denen d_ie theoretische und die praktische Unterweisung erfolgt. Einzelne Verbände industrieller Unternehmungen haben Musterlehrverträge herausgegeben, wie der Verband der Berliner Metallindustriellen, der Verein deutscher Maschinenbauanstalten oder der Arbeitgeberverband Schweizerischer Maschinen- und Metallindustrieller. Sechsundzwanzigstes Kapitel: Die technische Anpassung 441 Am fortgeschrittensten ist die Lehrorganisation im Metallgewerbe. So werden in den Betrieben des Verbandes Berliner Metallindustrieller als Lehrlinge ausgebildet: Mechaniker, Optiker, Maschinenbauer, Werkzeugmacher, Schlosser, Dreher, Kesselschmiede, Kupferschmiede, Hammerschmiede, Walzer, Drahtzieher, Gürtler, Drücker, Gelbgießer, Former, Kernmacher für Metallguß, Elektroinstallateure, Gas- und Wasserinstallateure, Klempner, ’ Graveure, Ziseleure, Galvaniseure, Stechzeugschleifer, Universal- und Rundschleifer, Glasbläser. Ein Teil dieser „Berufe“ gehört aber wohl zu den „angelernten“. Aber nicht nur die Metallindustrie, sondern ebenso) wenn auch mit Abstand, die Holzindustrie, das Druckgewerbe, neuerdings auch der Bergbau haben angefangen, sich um die Lehrlingsausbildung zu kümmern. Einzelheiten interessieren hier nicht. Wer sich über sie unterrichten will, sei auf die tüchtige Fachliteratur verwiesen. Für Deutschland zählt Gertrud Tollkühn a. a. 0. im Anhang auf: 133 Betriebe (darunter 93 Werkstätten unter der Reichsbahn) mit psycho- technischer Eignungsprüfung, 175 Betriebe (darunter 108 der Reichsbahn) mit Lehrwerkstätten und 158 (74 w. o.) mit Werkschulen. Wenn es sich dabei auch meist um ganz große Betriebe handelt, so bezeugen diese Zahlen einstweilen doch erst eine sehr unvollkommene Entwicklung der Fabriklehre. Endlich sei noch das Augenmerk gelenkt auf die Bestrebungen zahlreicher Unternehmer, sich einen Stamm tüchtiger Arbeiter zu erhalten. Diesem Zwecke dient ein wohlausgedachtes System von Vergünstigungen, die solchen Arbeitern zuteil werden, die längere Zeit im Dienste bleiben. Die Regel bildet ja das längere Verweilen des Arbeiters an einer und derselben Arbeitsstelle nicht. Die Ziffern, in denen der Stellenwechsel zum Ausdruck kommt, sind ganz erstaunlich hohe. Die umfangreichste und beste Bearbeitung des Problems des Stellenwechsels in den kapitalistischen Industrien besitzen wir in dem Buche von P. F. Brissenden und Emil Frankel, das sich auf das reiche Material der amtlichen Statistik der Vereinigten Staaten stützt. Danach betrug beispielsweise für das Jahr 1913—1914 in 84 Werken die Zahl der Vollarbeiter. 244814 „ „ ,, Zugänge .. 227008 „ „ „ Abgänge. 243707 ,, „ ,, Wechsel. 470715. Auf jeden Arbeiter entfielen also im Durchschnitt 1,92 Wechselfälle. Diese Zahl steigt in Jahren der Hochkonjunktur, wie 1917/18, bis auf 4,08. In diesem Jahre wechselte also die gesamte Arbeiterschaft zweimal. Die einzelnen Gewerbe sind an diesem Kommen und Gehen in verschieden hohem Grade beteiligt. Auch darüber berichten unsere Autoren. Die Wechsel- 442 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte rate schwankt (in 1913/14) zwischen 0,75 (Feinmechanik) und 5,73 (Schlachthausarbeiter). „Unnötig“, das heißt freiwillig von diesen Wechseln waren nach der Berechnung unserer Autoren im Jahre 1913/14 70%. Nicht ganz so häufig wie in den Vereinigten Staaten, aber doch noch häufig genug ist der Arbeiterwechsel in den europäischen Staaten, z. B. Deutschland. Für dieses gewähren uns die genannten Untersuchungen R. Ehrenbergs, F. Syrups, Gerh. Krügers wertvolle Aufschlüsse. In der Glasindustrie fand Ehrenberg als Untergrenze der Mobilität. 20—25% Obergrenze „ „ . 100% Durchschnittlichen Ab- und Zugang . . 50%. Nach Syrup betrug der jährliche Abgang für 100 Mann: 1906 1907 Hüttenindustrie. 91 86 Metallindustrie. 86 88 Maschinenindustrie. 98 103 Chemische Industrie .... 158 182 Textilindustrie. 53 55 Die Gründe des häufigen Wechsels sind zahlreich. Doch kehrt ein Grundmotiv immer wieder: Es hat den Anschein, als ob der moderne Arbeiter die Qual seiner Arbeit dadurch erleichtern wollte, daß er die Stelle häufig wechselt: wie sich der Fieberkranke im Bette von einer Seite auf die andere wälzt. Diese Annahme wird bestätigt durch die Beobachtung, daß die Neigung zum Wechsel der Arbeitsstelle in dem Maße zunimmt, in dem die Arbeit lästiger wird. Namentlich in den gesundheitsschädlichen Betrieben begegnen wir einem besonders häufigen Wechsel: wir sahen schon, daß die chemische Industrie eine zwei- bis dreimal so hohe Wechselrate aufweist als andere Industrien. Die Mobilität steigert sich noch in ausgesprochen gesundheitsschädlichen Betrieben; sie betrug (1909) in den Thomasschlackenmühlen 362%, in den Bleiweißfabriken 284%; a. a. O. S. 270. Allerdings muß in Rücksicht gezogen werden, daß in diesen Betrieben die „Ungelernten“ überwiegen, und daß diese eine stärkere Neigung zum Wechseln haben als die „Gelernten“. Es gehören also gewiß mächtige Anreize dazu, dieser dem Proletariat innewohnende Neigung zum Wechseln seines Arbeitsplatzes zum Trotze, ihn an eine Unternehmung zu fesseln. Die Erfahrung lehrt, daß es in zahlreichen Fällen in der Tat gelingt, den Arbeiter seßhaft zu machen: Ansiedelung ist einer der gangbarsten Wege, das Ziel zu erreichen. Unterstützungskassen sind ein arideres Mittel, den Arbeiter zum Bleiben zu bewegen. Und allerhand Imponderabilien tun das übrige, um die gewünschte Wirkung herbeizuführen. Sechsundzwanzigstes Kapitel: Die technische Anpassung 443 Werke wie die Kruppschen sind Zeugnis, daß es besonders genialen und besonders weitsichtigen und besonders wohlwollenden Unternehmern unter besonders günstigen Umständen gelingt, einen Stamm erprobter Arbeiter an das Unternehmen zu fesseln. In den Syrupschen Untersuchungen ist der ziffernmäßige Nachweis für die stabilisierende Wirkung der Wohlfahrtseinrichtungen erbracht, sofern die Statistik ausreicht, und wir können feststellen, daß z. B. in einem Werk wie dem Kruppschen der Wechsel der Arbeiterschaft geringer ist als in den umliegenden Werken desselben Bezirks. Er betrug im Monat a. a. 0. S. 294. In der allgemeinen Entwicklungslinie des Hochkapitalismus aber liegt die „patriarchalische Gestaltung“ des Arbeitsverhältnisses, wie man diese friedliche Form der Beziehungen zwischen Unternehmer und Lohnarbeiter nennt, nicht. bei Krupp allgemein im Reg.-Bez. 1906 . . 1907 . . 4,64 4,78 Düsseldorf 7,62 7,68. 444 Siebenundzwanzigstes Kapitel Die ökonomische Anpassung I. Theoretische Übersicht 1. Unter ökonomischer Anpassung sollte die Anpassung der Arbeitermassen an das Verwertungsbedürfnis des Kapitals verstanden werden. Dem Unternehmer nützt es nichts, daß die Arbeitskraft räumlich da ist, nützt es nichts, daß sie technisch imstande ist, eine bestimmte Arbeit zu verrichten, wenn ihre Lohnansprüche nicht auch zu gleicher Zeit solcher Art sind, daß ihre Verwendung einen Profit verspricht. Dabei müssen wir genau auf das merken, was den Unternehmer an dem Problem der Entlohnung der Arbeiter unmittelbar interessiert. Es ist nicht in erster Linie und jedenfalls nicht ausschließlich die absolute Höhe des dem Arbeiter gezahlten Entgelts. Es ist vielmehr die Differenz zwischen dem Werte des Gesamterzeugnisses und dem Arbeitslohn, das heißt die Höhe seines Profits. Der Idealfall für den Unternehmer ist natürlich der: großes Gesamterzeugnis — niedriger Arbeitslohn. Aber es ist ihm gleichgültig, wenn dieser Idealfall sich nicht verwirklichen läßt, ob er seinen Profit erhält (oder steigert) durch ein großes (vergrößertes) Gesamtprodukt bei gleichbleibender Höhe der Bezüge der Lohnarbeiter oder durch ein kleines (kleineres) Gesamtprodukt bei niedrigen (sinkenden) Arbeitslöhnen. Mit andern Worten: worauf es dem Unternehmer ankommt, ist das Verhältnis zwischen der Leistung des Arbeiters und der Höhe des Arbeitslohns. Dieses Verhältnis drückt sich rechnerisch in der Privatwirtschaft aus in dem Preis der Arbeit, das heißt demjenigen Kostenbeträge, der in einem Produkt von gegebenem Tauschwert auf die Auslagen für Arbeitslöhne entfällt. Der Preis der Arbeit wird also bestimmt durch die beiden Variabein: Leistung des Arbeiters und Arbeitslohn oder, wie wir statt Arbeitslohn auch sagen können: Preis der Arbeitskraft. Der Preis der Arbeit in einem Stück Produkt ist derselbe, wenn der Arbeiter, der 5 Mk. Arbeitslohn in einer gegebenen Zeit (ob er nach Zeit oder nach Stück bezahlt wird, bleibt sich gleich) erhält, in dieser Zeit 10 Stück fertigt, als wenn der Arbeiter, Siebenundzwanzigstes Kapitel: Die ökonomische Anpassung 445 der 10 Mk. Lohn empfängt, dafür 20 Stück liefert: in beiden Fällen steckt in jedem Stück ein Arbeitspreis von 50 Pfg. Und der Unternehmer kann sogar — Beschleunigung des Kapitalumschlags vorausgesetzt — mit demselben Kapital einen höheren Profit erzielen, wenngleich der Arbeitslohn gestiegen ist. Gesamtwirtschaftlich gesprochen heißt das: Bleibt die Höhe des Gesamtwerts (w) dieselbe und ist die Profitrate gegeben, so erhält der Unternehmer in beiden Fällen einen dem Werte nach gleichgroßen Mehrwert, der sich im zweiten Falle in der doppelten Menge Güter darstellt, während der Arbeiter ebenfalls einen gleichgroßen Wertbetrag erhält bei verdoppeltem Reallohn; beides, weil die Gesamtleistung, sei es infolge gesteigerter Produktivität oder gesteigerter Intensität oder gesteigerter Ökonomität der gesellschaftlichen Arbeit sich vergrößert hat. 2. Eine Theorie des Arbeitslohns — soweit es sich nicht um eine Theorie der Arbeitslöhne handelt, auf die alle Erörterungen der subjektivistischen Werttheoretiker doch letzten Endes allein abzielen — hat also die doppelte Aufgabe: die Möglichkeiten und etwaigen Gesetzmäßigkeiten in der Gestaltung des Preises der Arbeitskraft einerseits, des Preises der Arbeit anderseits aufzustellen. Der früheren Theorie hat es gefallen, Sätze zu formen, in denen die Gestaltung des Arbeitslohns in der kapitalistischen Gesellschaft festen, unveränderlichen, allgemein wirksamen Notwendigkeiten unterworfen wurde. Sie hat diese Notwendigkeiten in „Gesetzen“ ausgedrückt, von denen wir heute wissen, daß sie entweder falsch sind — wie das sog. „eherne Lohngesetz“ — oder analytische Sätze enthalten wie die Lohnfondstheorie bei Annahme einer Ausdehnungsfähigkeit des Lohnfonds (ohne diese Annahme ist sie falsch) oder in ganz beschränktem Umfange Geltung haben, wie die Brasseyschen Theorien über das Verhältnis von Arbeitslohn, Arbeitszeit und Arbeitsleistung. Das einzige „Gesetz“, das (außer den Gesetzen, die die Verwertung des Kapitals im allgemeinen beherrschen und die wir kennen) auf die Gestaltung des Arbeitslohns Anwendung findet, ist das erste allgemeine Preisgesetz von Angebot und Nachfrage. Im übrigen wird man sich damit begnügen müssen, in bescheidenem Umfange Tendenzen festzustellen, die die Bildung des Arbeitslohns unter bestimmten historischen Voraussetzungen beherrschen. 3. Worauf es uns an dieser Stelle ankommt, ist der Nachweis, daß im Verlaufe der hochkapitalistischen Periode — also geschichtlich — 446 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte die Gestaltung des Arbeitslohns sich nicht zu ungunsten des Kapitalismus vollzogen hat, das heißt: daß er niemals so hoch gestiegen ist, daß die Verwertung des Kapitals unmöglich geworden wäre. Damit dieser für den Kapitalismus günstige und seine Entfaltung bedingende Erfolg erzielt wurde, mußten mächtige Kräfte am Werke sein, die einer übermäßigen Steigerung entgegenwirkten, denn in der Ausdehnung des Kapitalismus, die eine ebenso rasche Ausdehnung der Nachfrage nach Arbeitskräften bedeutete, lag ein starker Anreiz zur Erhöhung des Arbeitslohns. Es wird zu zeigen sein, wodurch diese Erhöhung über ein dem Kapitalismus erträgliches Maß hinaus aufgehalten worden ist. Die Gründe liegen teilweise in dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage von und nach Arbeitskräften, betreffen dann also die Gestaltung des Preises der Arbeitskraft; teilweise in der Gestaltung der Betriebsverhältnisse und beziehen sich dann auf den Preis der Arbeit. Das heißt also: der Lauf der Dinge gestaltete sich für den Kapitalismus zunächst insofern günstig, als genug Kräfte am Werke waren, den Arbeitslohn niedrig zu halten. Stieg dieser aber trotzdem in einer unbequemen Weise, so gelang es dem Kapitalismus, durch Vervollkommnung der Betriebsorganisation den Preis der Arbeit zu senken und damit die fatalen Wirkungen des Steigens des Arbeitslohns unschädlich zu machen. Im folgenden soll diesen beiden Ursachenreihen näher nachgegangen werden. x ) II. Die Bestimmungsgründe des Arbeitslohnes Der Preis der Arbeitskraft, also der Arbeitslohn im engeren Sinne, ist niedrig gehalten worden infolge sowohl der Gestaltung des Angebots als der Nachfrage. 1. Das Angebot von Arbeitskräften Dieses ist durch drei Umstände in einem für den Kapitalismus günstigen Sinne beeinflußt worden. Diese sind: 1 ) Obwohl in der folgenden Darstellung schon von der Gestaltung des Marktes die Rede ist, gehört sie doch in diesen Zusammenhang, wo der Aufbau der hochkapitalistischen Wirtschaft geschildert wird, weil es sich um die Beschaffung der Arbeitskräfte (oder deren Anpassung) handelt, bei der die Marktverhältnisse nur einer der bestimmenden Faktoren sind. Alles was die „Mechanik des Marktes“ betrifft, kommt erst später zur Erörterung. Bis zu einem gewissen Maße sind Wiederholungen oder richtiger: Überschneidungen leider nicht zu vermeiden. Siebenundzwanzigstes Kapitel: Die ökonomische Anpassung 447 1. die starke Bevölkerungszunahme in Europa während des hochkapitalistischen Zeitalters; 2. das Vorhandensein äußerer Hilfsvölker; 3. das Vorhandensein innerer Hilfsvölker des Kapitalismus, wenn ich mich dieser abgekürzten Ausdrucksweise einstweilen bedienen darf, um diejenigen Arbeitskräfte zu bezeichnen, die dem Unternehmer helfen, den Gesamtarbeitslohn niedrig zu halten. Von diesen drei Umständen ist a) der natürliche Zuwachs der Bevölkerung der, wie ich es nannte, die Überschußbevölkerung bildet, bereits ausführlich erörtert worden. Ich kann mich daher hier auf das im vierundzwanzigsten Kapitel Gesagte beziehen. Daß in der raschen Bevölkerungszunahme eine Tendenz zur Verschlechterung des Arbeitsmarktes, das heißt einer Verschiebung des Verhältnisses zwischen Angebot und Nachfrage zu ungunsten des Angebots und somit zur Senkung des Arbeitslohnes liegt, bedarf keiner weiteren Begründung. Dagegen soll im folgenden den beiden anderen Umständen noch eine eingehende Betrachtung gewidmet werden. b) Die rückständigen Bassen und Völker Auswärtige Hilfsvölker des Kapitalismus nenne ich die Farbigen: Schwarzen, Braunen, Gelben, die sich der Kapitalismus aus Afrika, Indien, Ostasien herbeiholte, um seine Plantagen und seine Gold- und Diamantenminen zu bewirtschaften; nenne ich aber auch alle jene Massen, die wir aus Ländern mit rückständiger wirtschaftlicher Kultur in die höher entwickelten Länder haben strömen sehen: jene kontinentalen Westeuropäer, die nach England und dann in die Kolonialländer auswanderten, jene Süd- und Osteuropäer, die ihnen folgten und teilweise die in Westeuropa entstandenen Lücken ausfüllten; nenne ich endlich jene periodischen Wanderarbeiter, die wir zwischen den europäischen Ländern, ja teilweise schon zwischen europäischen und überseeischen Staaten hin- und herwogend fanden. Warum hat der Kapitalismus diese Hilfsvölker herangezogen ? Gewiß zunächst und vielleicht hauptsächlich, weil er ohne sie sich nicht ausweiten konnte. Aber daneben hat zweifelsohne sehr stark die Erwägung mitgesprochen, daß dieseHilfsvölker zu günstigeren Bedingungen als die Arbeiter des eigenen Volkes ihre Arbeit zu verrichten gewillt waren. Und auch wenn die Unternehmer diese Beeinflussung des Lohnstandes nicht bewußt erstrebt haben — und bei aller freiwilligen Ein- 448 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Wanderung fällt ja diese Erwägung sowieso weg —: immer ist sie doch eine gern gesehene Wirkung des Zustromes jenes fremden Volkes gewesen. Ich habe schon oben darauf hingewiesen, daß die zahlreichen Proteste der einheimischen Arbeiterschaften in den westeuropäischen Staaten, in Amerika und Australien auf die von der Statistik nicht immer erfaßbare weite Verbreitung des Eremdvolkes schließen lassen. Hier möchte ich bemerken, daß sie noch beweiskräftiger sind, ja in diesem Falle den besten Beweis, der überhaupt möglich ist, erbringen, für die lohndrückende Wirkung, die jene Hilfsvölker ausgeübt haben. Die Frage war in den letzten Jahrzehnten des hochkapitalistischen Zeitalters so brennend geworden, daß sich auch die Arbeiterkongresse und schließlich der Internationale Sozialistenkongreß in Stuttgart 1907 mit dem Problem der proletarischen Wanderungen beschäftigten. Nun sind dieBerichte, die die Sozialdemokraten der beteiligtenLänder erstatteten und die Verhandlungen, insbesondere auf dem Stuttgarter Kongreß, deshalb von besonderem Interesse, weil ja die meisten Berichterstatter und Redner von der Fiktion einer Interessensolidarität der Proletarier aller Länder ihren Ausgangspunkt nehmen mußten und eigentlich gar keinen Interessengegensatz zwischen dem einwandernden Proletariat minderer Wirtschaftsgebiete und der organisierten Arbeiterschaft in den hochentwickelten Einwanderungsländern zugeben durften. Wenn nun trotzdem in ihren Äußerungen die schweren Schädigungen anerkannt wurden, die die Fremdvölker der einheimischen Arbeiterschaft zufügten, so geht daraus mit Deutlichkeit hervor, welche große Bedeutung dem Zuzug der Hilfsvölker für die Gestaltung der Lohnverhältnisse beizumessen ist. Von besonderer Sachkunde zeugen die von den deutschen und österreichischen Genossen: Max Schippel und Otto Bauer verfaßten ausführlichen Gutachten, die als Vorbereitung auf die Verhandlungen in Stuttgart dienen sollten. Ich bringe hier einige der wichtigsten Schlußfolgerungen, zu denen das Referat Bauers gelangt, zum Abdruck, weil sie mir die Sachlage in besonders klarer Weise darzutun scheinen. Bauer unterscheidet richtig die freie Einwanderung und die organisierte „Lohndrücker“- Einfuhr, die aber in ihren Wirkungen auf dasselbe hinauslaufen, nur daß im ersten Falle, in denen der Ausgangspunkt das Angebot ist, der Lohndruck nur Wirkung, im zweiten Falle, in denen die Bewegung von der Nachfrage ausgeht, der Lohndruck auch Zweck ist. Von dieser zweiten Form der Einwanderung schreibt Bauer: „Die Unternehmer senden ihre Agenten in wirtschaftlich rückständige Gebiete, werben dort Arbeiter an, verpflichten sie schon in der Heimat zu bestimmten Arbeitsbedingungen für bestimmte Arbeitsstellen und importieren dann die angeworbenen Ar- Siebenundzwanzigstes Kapitel: Die ökonomische Anpassung 449 beiter in das Einwanderungsland... Die primitivste und am weitesten verbreitete Erscheinung des organisierten Lohndrückerimports ist die Einfuhr von Streikbrechern. Allmählich wird der Lohndrückerimport zur Massenerscheinung: wenn beispielsweise in Zeiten der Hochkonjunktur der rheinischwestfälische Kohlenbergbau einen beträchtlichen Teil der industriellen Reservearmee aufgesaugt hat und die Unternehmer fürchten, daß die Arbeiter die günstige Situation ausnutzen und sich günstigere Arbeitsbedingungen erkämpfen werden, dann erscheinen in Schlesien, in Böhmen, in Steiermark Emissäre der Unternehmer, welche Arbeiter für den westfälischen Kohlenbergbau anwerben und in die Kohlengebiete importieren... Ebenso sucht man, so oft größere Bauten, insbesondere Eisenbahn-, Kanaloder Hafenbauten unternommen werden, fremde Arbeiter heranzuziehen, um zu verhindern, daß die große Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt nicht nur die Unternehmer dieser Bauten, sondern auch die in industriellen und landwirtschaftlichen Unternehmen der Nachbarschaft zwinge, den Arbeitern höhere Löhne und günstigere Arbeitsbedingungen zuzugestehen. Zu demselben Zwecke wird — mit staatlicher Unterstützung — der Import sla- vischer Landarbeiter nach Ostdeutschland betrieben; man will dadurch verhindern, daß die preußischen Junker durch die ,Leutenot 1 gezwungen werden, höhere Löhne zu bezahlen. Den größten Umfang hat aber das System des Arbeiterimports erst erreicht, seit eine gewaltige wirtschaftliche Umwälzung die Menschenmassen des Orients in Bewegung gesetzt hat; das ungeheuerlichste Beispiel eines kapitalistisch organisierten Lohndrückerimports über den Ozean hinüber bot in jüngster Zeit die Einfuhr chinesischer Kulis nach Südafrika.“ Auf dem Stuttgarter Kongreß stießen die Interessen der ausgesprochenen Einwanderungsländer: England, Vereinigte Staaten, Australien mit denen der Auswanderungsländer naturgemäß heftig aufeinander. Das Ergebnis war ein Kompromißbeschluß, der — wie das damals so üblich war — von den Deutschen beantragt worden war. Er lautet in seinen wichtigen Teilen wie folgt: „Der Kongreß erklärt: Die Ein- und Auswanderung der Arbeiter sind vom Wesen des Kapitalismus ebenso unzertrennliche Erscheinungen wie die Arbeitslosigkeit, Überproduktion und Unterkonsumtion der Arbeiter. Sie sind oft ein Mittel, den Anteil der Arbeiter an der Arbeitsproduktion herabzusetzen und nehmen zeitweise durch politische, religiöse und nationale Verfolgungen anormale Dimensionen an. Der Kongreß vermag ein Mittel zur Abhilfe der von der Aus- und Einwanderung für die Arbeiterschaft etwa drohenden Folgen nicht in irgendwelchen ökonomischen oder politischen Ausnahmemaßregeln zu erblicken, da diese fruchtlos und ihrem Wesen nach reaktionär sind, also insbesondere nicht in einer Beschränkung der Freizügigkeit und in einem Ausschluß fremder Nationalitäten oder Rassen. Dagegen erklärt es der Kongreß für eine Pflicht der organisierten Arbeiterschaft, sich gegen die im Gefolge des Massenimports unorganisierter Arbeiter vielfach eintretende Herabdrückung ihrer Lebenshaltung zu wehren, Soipbart, Hochkapitalismus. 29 450 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte und erklärt es außerdem für ihre Pflicht, die Ein- und Ausfuhr von Streikbrechern zu verhindern. Der Kongreß erkennt die Schwierigkeiten, welche in vielen Fällen dem Proletariat eines auf einer hohen Entwicklungsstufe des Kapitalismus stehenden Landes aus der massenhaften Einwanderung unorganisierter und an niedere Lebenshaltung gewöhnter Arbeiter aus Ländern mit vorwiegend agrarischer und (?) landwirtschaftlicher Kultur erwachsen, sowie die Gefahren, welche ihm aus einer bestimmten Form der Einwanderung entstehen. Er sieht jedoch in der übrigens (!) auch vom Standpunkt der proletarischen Solidarität verwerflichen Ausschließung bestimmter Nationen oder Kassen von der Einwanderung kein geeignetes Mittel, sie zu bekämpfen“. (War schon gesagt worden.) Fs folgt die Aufzählung der vorgeschlagenen Maßnahmen. Die Resolution wurde unter Protest der englischen Delegation zum Beschluß erhoben. Wenn ich den Beweis für die lohndrückende Wirkung der Fremdvölker auf Umwegen — durch die Feststellung einer Gegenbewegung seitens der bedrohten, einheimischen Arbeiterschaften — zu erbringen versucht habe, so geschah es deshalb, weil er mir schlüssiger zu sein scheint, als ein unmittelbarer Nachweis der Lohnunterschiede zwischen den Einwanderungs- und den Auswanderungsländern. Denn dieser stößt begreiflicherweise auf Schwierigkeiten, da wirklich vergleichbare Ziffern für Einzelfälle nur schwer beizuhringen sind. Muß man auf den statistischen Beweis verzichten, so muß man sich mit den ganz allgemeinen Angaben begnügen, die wir für die durchschnittliche Lohnhöhe und die Lebenshaltung in den verschiedenen Ländern besitzen. Ich will der Vollständigkeit halber einige dieser Angaben noch mitteilen. Ein besonders lehrreicher Fall sind die Vereinigten Staaten. Wir besitzen hier die sehr gewissenhaften und eingehenden Berichte der Einwanderungskommission, deren Ergebnis von A. Salz (a. a. 0. 39, 113) wie folgt zusammengefaßt wird: Die Konkurrenz der süd- und osteuropäischen Einwanderer übt auf die qualifizierte, gelernte Arbeit nur geringen Einfluß aus, um so größeren auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen der angelernten und ungelernten Arbeit. Die Folge davon, daß die Grenzarbeiterschicht, die für das nationale Lohnniveau in gewisser Weise bestimmend ist, durch die Einwanderer mit niedriger Lebenshaltung gestellt wird, ist: Verschlechterung der Arbeitsbedingungen für die Gesamtheit der Arbeiter gleicher Kategorie, Druck auf die Lebenshaltung, Verdrängung des eingeborenen amerikanischen und älteren fremden Arbeiters aus bestimmten Berufen und Arbeitsstellen, Schwächung der alten Arbeiterorganisationen in einigen, ihre gänzliche Demoralisation und Verderbnis in andern Erwerbszweigen. Ein Beispiel •der höchst merkwürdigen Verdrängung einer lohnarbeitenden Völkerschaft Siebenundzwanzigstes Kapitel: Die ökonomische Anpassung 451 durch eine nachdringende andere, die mit schlechterenBedingungen zufrieden ist, ein anschauliches Bild proletarischer Völkerwanderung, ist in den Kohlenfeldern Pensylvaniens zu beobachten. Hier, in einem der frühesten Einwanderungsgebiete, verdrängen und überschwemmen seit 1880 Slowaken die früheren englischen und nordeuropäischen Arbeiter, die noch bis 1890 in Überzahl bleiben. Den Slowaken folgen Magyaren, Polen, Italiener, Bussen, Rumänen, Buthenen, Syrier, Armenier und Serben. Manche von den alten Arbeitern sind in andere Berufe übergegangen, viele sind nach den Kohlendistrikten des mittleren Westens ausgewandert. Auch hier wurden sie von den nachdringenden Einwanderern brotlos gemacht, so daß sie genötigt waren, in die Bergwerke des Südwestens abzuziehen, wo sie jetzt noch sind. Die Wirkung der neuen Einwanderung zeigt sich besonders deutlich in den Kohlenfeldern West-Pensylvaniens, wo der durchschnittliche Tagelohn um 42 Cents hinter dem Durchschnittslohn in den Feldern des mittleren Westens und Süd Westens zurückbleibt bei längerer Arbeitszeit und schlechteren Arbeitsbedingungen. Zur Ergänzung: Das Department of Commerce and Labour in Washington berechnet für 1905/07, daß bei voller Beschäftigung während eines Jahres erübrigen können, wenn sie ohne Familie leben: ein Italiener. 79,49% ein Ungar. 69,23%, ein anderer europäischer Arbeiter .... 53,85%. Ein anderes Verfahren, die lohndrückende Wirkung der europäischen Einwanderung zu ermessen, besteht in der Gegenüberstellung der in Europa und Amerika bezahlten Löhne. Eine solche hat Kuczynski in seiner lohnstatistischen Übersicht versucht. Leider nur für die Nominallöhne. Das Ergebnis ist beispielsmäßig: daß der durchschnittliche Stundenlohn der Bauhandwerker und der Bauhilfsarbeiter im Jahrzehnt 1890—1899 in den Vereinigten Staaten folgendes Mehrfache der Löhne in europäischen Städten und Ländern betrug: 2—3 Berlin, 3—5 Nürnberg, 3%—5 Elberfeld, 4—6 Lüttich, 1 2 / 3 —3 Paris, 2—4 Lyon, 1 y 2 —2% Großbritannien; a. a. O. S. 147. Ich habe dann in meiner Studie: „Warum gibt es in den USA. keinen Sozialismus“ eine Berechnung der Reallöhne vorgenommen und bin zu dem Ergebnis gelangt, daß dieser etwa doppelt so hoch in den Vereinigten Staaten war wie etwa in Deutschland. Im Anfang der südafrikanischen Goldgewinnung waren in Witwatersrand 1896 . 70000 Farbige, 7430 Weiße 1898 . 88000 „ 9476 „ beschäftigt. Der durchschnittliche Monatslohn betrug: für Farbige für Weiße 1896 .£ 3. 0. 10 £ 24.- 1898 . „ 2. 9. 9 „ 26.-. „The dream of the mine manager is to cut down the cost of native labour by getting a larger and more regulär supply as well as by obtaining cheaper 29* 452 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte maize to feed the workmen ... So white labour migbt be rauch cheapened James Bryce, Impressions of South Africa. 3. ed. 1900. pag. 303. Daß die Fremdvölker auch in den europäischen Ländern in zahlreichen Fällen zu billigeren Sätzen und für den Unternehmer günstigeren Arbeitsbedingungen arbeiteten, ist durch zahlreiche Belege erwiesen. Von den Italienern heißt es z. B. bei Britschgi-Schimmer, 113: „Was . . . die neuere Zeit betrifft, so wird von Arbeitgeberseite wiederholt zugegeben, daß sie sich durch höhere Lohnansprüche seitens der deutschen Arbeiter veranlaßt gesehen haben, Italiener einzustellen.“ Und Graf S. Jacini meint: „Theoretisch sollten sie (die eingewanderten Italiener) den gleichen Tariflohn wie die deutschen Handlanger erhalten, praktisch dagegen erhalten sie 10 Pfennige weniger pro Stunde, weil sie nicht organisiert sind.“ A. a. 0. Seite 131. c) Die billigen Arbeitskräfte im eigenen Lande „Innere Hilfskräfte“ stellten sich dem Kapitalismus zur Verfügung in Gestalt a) der Kinder, ß) der Frauen und y) der Landlinge. Es sind die wichtigsten Gruppen aus dem Heer der Zuschußbevölkerung: siehe das 23. Kapitel. a. Die Kinder Obwohl, wie ich nachgewiesen habe (siehe Band II Seite 836 ff.), die Kinderarbeit während der frühkapitalistischen Epoche ziemlich verbreitet war, also mit dem „Aufkommen der Maschine“ grundsätzlich nichts zu schaffen hat, ist es doch eine richtige Vorstellung, daß erst im Zeitalter des Hochkapitalismus die Zeit der Kinderarbeit erfüllt ist. Die maschinelle Entwicklung namentlich in der Textilindustrie, wo der Hauptsitz der Kinderarbeit in ihrer Blüte war, mag dazu beigetragen haben, die Kinderarbeit zu vermehren. Die Wandlungen im Bereiche der Bevölkerung, die uns bekannt sind, werden eine weitere Ursache dieser Ausdehnung gewesen sein, die aber vor allem doch als eine Wirkung der raschen Erstarkung des Kapitalismus angesehen werden muß. Dieser griff mit vollen Händen in die Kindermassen, die in den schnell sich entwickelnden Industriestädten sich aufhäuften, hinein, weil er hier Arbeitskräfte überhaupt, aber vor allem billigste Arbeitskräfte, fand. Er konnte aber seine Bedürfnisse nach Herzenslust befriedigen, solange noch keinerlei Beschränkung in der Verwendung unreifer Arbeitskräfte seitens des Staates ausgeübt wurde. So sehen ■wir denn bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts und zum Teil darüber hinaus die Zahl der in der Industrie beschäftigten Kinder rasch anwachsen, vornehmlich, wie ich schon sagte, auf dem Gebiete der Textilindustrie. Siebenundzwanzigstes Kapitel: Dis ökonomische Anpassung 453 In Großbritannien und Irland waren beschäftigt Kinder unter 13 Jahren: Baumwoll- Fabriken Woll- Fabriken Kamgarn- Fabriken Flachs- und Leinenindustrie Seidenindustrie Textilindustrie überhaupt 1847 1875 18298 66900 7415 8588 7337 29828 2029 12678 7804 42983 117994 Die erste Zahlenreihe nach Ure, 481; die zweite nach den Aufstellungen Redgraves, des Hauptinspektors der Fabriken in den 1880er Jahren. Zit. bei Max Schippel, Das moderne Elend (1883), 44. Seitdem geht die Zahl zurück. Schon als v. Schulze-Gävernitz seinen „Großbetrieb“ schrieb (Anfang der 1890er Jahre) konnte er bei einem Vergleich mit Ures Ziffern feststellen, daß in einer gleichgroßen Baumwollspinnerei zu Ures Zeiten von 653 Arbeitern 444, das sind 68,3% Kinder, zu seiner Zeit jedoch von 163 Arbeitern nur 83, das sind 50,9% „Kinder und jugendliche Arbeiter“ beschäftigt waren. Siehe,Großbetrieb“ (1892), S. 124. Am Schlüsse der hochkapitalistischen Epoche war die Kinderarbeit in den meisten zivilisierten Ländern, dank vor allem der sich verschärfenden Arbeiterschutzgesetzgebung, aber zum Teil auch aus andern, später noch zu erörternden Gründen, bis auf kleine Reste verschwunden. Der Anteil der erwerbstätigen Kinder unter 14 Jahren betrug bei der deutschen Berufszählung in der Industrie bei den Lohnarbeitern (c ohne cl [= mithelfenden Familienmitgliedern] Personen) 0,7% bei den Jungens, 0,8% bei den Mädchen, während für die „Jugendlichen“ im 14.—16. Jahre die entsprechenden Ziffern 6,7 und 9,9% waren. In den Vereinigten Staaten von Amerika ist das Anteilsverhältnis der kindlichen und jugendlichen Arbeitskräfte noch geringer: Kinder unter 15 Jahren waren in der Industrie im Jahre 1880 noch 6,7% beschäftigt, dagegen 1909 Kinder unter 16 Jahren nur noch 2,4%. Die höchste Ziffer weist die Baumwollindustrie auf. Aber auch hier geht die Kinderarbeit zurück: der Anteil der Kinder unter 16 Jahren betrug 1899 13,3%, 1909 dagegen nur noch 10,4% (Zensus). Zweifellos hat die Beschäftigung billiger, kindlicher Arbeitskräfte dem Kapitalismus, namentlich in seiner Frühzeit, große Vorteile gewährt. Er hätte sonst nicht so verzweifelt gegen jede Beschränkung der Kinderarbeit gekämpft. Aber wir haben auch genug Zeugnisse, die die Vorteile der Kinderarbeit ziffernmäßig nachweisen. Ure teilt auf Seite 307 eine Lohntabelle mit, aus der wir ersehen können, welche lächerlich niedrigen Lohnsätze man in der guten alten Zeit Kindern zahlte, für deren Arbeitstag wohlgemerkt noch keine Beschränkung bestand, und die, wie alle übrigen Arbeiter, ihre 14 oder 16 Stunden in der Fabrik tätig sein mußten. Der durchschnittliche Wochenlohn (!) in der Baumwollindustrie in Manchester betrug in den 1830er Jahren: 454 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Alter Zahl der beschäftigten männlichen Personen Lohn für männliche Arbeitskräfte s. d. Zahl der beschäftigten weiblichen Personen Lohn für weibliche Arbeitskräfte s. d. 9-10 498 2 9 3 A 290 2 11 3 A 10-12 819 3 8 538 3 9% 12-14 1021 5 oy. 761 4 10 1 /. 14-16 853 6 5y 2 797 6 4 3 /i 16-18 708 8 2% 1068 8 0 1 /, 18-21 758 10 4 1582 8 11 21 u. darüber 3632 22 5 3 A 3910 9 6 1 / 2 Ure singt denn auch in den höchsten Tönen, mit dem Eechenstift in der Hand, das Lob der Kinderarbeit: „The proprietor of a factory near Stockport states, in evidence to the commissioners, that by such Substitution, he would save £ 50 a week in wages in consequence of dispensing with nearly 40 male Spinner at about 25 s. of wages each. This tendency to employ merely children with watchful eyes and nimble fingers (!), instead of journeymen of long experience, shows how the scholastic dogma of the division of labour into degrees of skill has been exploded by our enlightened manufacturers.“ 1. c. p. 23. (i. Die Weiber Wir haben oben Seite 350 ff. gesehen, wie durch die Auflösung der Hausgemeinschaften, insbesondere durch den Wegfall der hausgewerblichen Eigenproduktion, die Frauen aus dem Hause vertrieben werden. Die Frau, die ihren Unterhalt bis dahin durch die Verwertung ihrer Arbeitskraft in der Hauswirtschaft verdient hatte, muß diese ihre Arbeitskraft immer mehr auf dem Markte verwerten: das ist der sehr einfache Tatbestand, dessen Problematik man als „Frauenfrage“ (im ökonomischen Sinne) zu bezeichnen pflegt. Und die aus dem Hause Verstoßenen nahm nun der aufstrebende Kapitalismus mit offenen Armen auf. Er bot ihnen die erwünschte Gelegenheit, sich einen Verdienst außerhalb des Hauses zu verschaffen in reichstem Maße, indem er die untersten Schichten in den Fabriken und der Hausindustrie, die mittleren Schichten im Handelsgewerbe unterbrachte. Daß auch für die kapitalistische Frauenarbeit der Grund nicht die aufkommende Maschinenarbeit war, habe ich ebenfalls schon dargetan (siehe Band II Seite 836ff.). Denn es gab längst Frauenarbeit, ehe der Betrieb maschinell gestaltet wurde. Ja — teilweise hat der Maschinenbetrieb sogar die Frauenarbeit zurückgedrängt: wie in der Spinnerei, die vor der Einführung der Maschinenspinnerei so gut wie Siebenundzwaüzigstes Kapitel: Die ökonomische Anpassung 455 ausschließlich Frauenarbeit, später nur noch in starkem Maße Frauen- aberit war oder, wie in der jüngsten Zeit in der Rohzuckerindustrie, die gerade im Fortschreiten zum maschinellen Betrieb die Frauenarbeit mehr und mehr abgestoßen hat. Und Industrien, die fast vollständig maschinell betrieben werden, wie die Maschinenindustrie selbst, sind ausgesprochene Männerindustrien, in denen die Frauenarbeit ganz zurücktritt: 1907 waren in der deutschen Maschinenindustrie 469301 Männer und nur 9528 Frauen beschäftigt. Also die Maschine hat der Frau den Weg in die Industrie nicht geebnet — in das Handelsgewerbe doch wohl noch weniger. Was vielmehr die Einstellung der Beschäftigung suchenden Frauen erheblich erleichtert, ja vielfach erst ermöglicht hat, ist jener Prozeß der Auflösung vielgliedriger Arbeiten in einfache Teilverrichtungen, von dem ich auf Seite 430 ff. gesprochen habe. Dadurch sind Arbeitsverrichtungen in Hülle und Fülle geschaffen worden, die der geringeren Leistungsfähigkeit des weiblichen Geschlechts in körperlicher und zum Teil wohl auch geistiger Hinsicht angemessen waren: der „gelernte“ Arbeiter, der Handwerker alten Stils wurde vielfach, wie wir gesehen haben, ausgeschaltet, und damit wurden der Frau auf ihrem Wege in das Erwerbsleben lästige Hindernisse weggeräumt: Schuster oder Schneider oder Kaufmann wäre die Frau sicher erst sehr viel später geworden. Aber Stepperin oder Nähterin oder Verkäuferin konnte sie jeden Tag werden. Die Frauenarbeit hat denn auch in allen Ländern mit kapitalistischer Kultur während des letztvergangenen Jahrhunderts eine sehr beträchtliche Ausdehnung angenommen und scheint noch immer mehr anzuwachsen. Der Krieg hat ihr einen neuen Anstoß gegeben, dessen Wirkung wir aber hier nicht zu verfolgen haben. Er stammt aus einer ganz andern Gründewelt als diejenige ist, die bis zum Kriege aus sich heraus die Frauenarbeit geboren hat. Über deren Entwicklung im Zeitalter des Hochkapitalismus, insbesondere während des letzten Menschenalters vor dem Kriege, möchte ich noch einige ziffernmäßige Angaben machen. Statistik der Frauenarbeit 1. Deutschland: Hauptberuflich Erwerbstätige weiblichen Geschlechts gab es: 1882 . 4259103 = 18,5%. 1895 . 5264393 = 20,0% 1907 . 8243498 = 26,4%. 456 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte In den Industrien, die von den Frauen bevorzugt werden, betrug der Anteil des weiblichen Geschlechts vom Hundert: Gewerbegruppe 1907 1895 1882 Bekleidungsgewerbe .... 50,7 44,5 39,7 Spinnstoffgewerbe. 50,0 45,3 38,1 Papierindustrie. 32,6 28,9 28,7 Nahrungsmittelgewerbe. . . 22,1 16,0 9,9 Vervielfältigungsgewerbe . . 19,2 12,5 9,8 Chemische Industrie .... 16,2 14,3 11,1 Im Handelsgewerbe waren hauptberuflich Erwerbstätige weiblichen Geschlechts von 1000 Erwerbstätigen überhaupt: 1882 . 209 1895. 249 1907. 313. Der Anteil der Weiber an der Gesamtzahl der Arbeiter (c-Personen) insbesondere betrug: 1907 1895 1882 in der Industrie.19,8% 18,4% 16,2% in Handel und Verkehr . . 51,6% 49,3% 34,5% Quellen : Die Berufszählungen. Zusammengefaßt in den Bänden 211, 220/21 der Stat. f. d. D. R. 2. England'. In der Textilindustrie waren von 1000 Personen insgesamt weiblichen Geschlechts: Gewerbezweig 1861 1871 1881 1891 1901 1911 Baumwolle. 567 598 620 609 628 614 Wolle. 461 513 561 557 582 571 Seide. 642 676 691 667 702 693 Hanf und Jute .... 265 304 374 393 492 530 Bänder, Litzen, Kordeln . 829 826 743 625 653 630 Teppiche . 183 312 362 440 517 544 Strickerei und Wirkerei . 468 468 533 629 713 735 In andern Industrien war das Anteilverhältnis folgendes: Gewerbezweig 1861 1871 1881 1891 1901 1911 Photographie. 66 147 197 234 257 297 Kautschukindustrie . . . 206 200 275 391 398 370 Bürsten-usw.-Industrie. . 321 346 382 389 431 440 Schuhmacherei. 154 115 160 185 210 226 Tabakindustrie. 221 296 435 548 601 596 Siebenundzwanzigstes Kapitel: Die ökonomische Anpassung 457 In Handel und Verkehr ergeben sich folgende Ziffern für die Weiber: Gewerbezweig 1861 1871 1881 1891 1901 1911 Kaufmännische Angestellte (Commercial Clerks) . . 5 16 33 72 153 245 Telegraph und Telephon . 82 76 236 291 406 522 Buchhandel (Stationery) . Schnittwarenhandel (Dra- 345 380 531 600 643 653 pers, mercers) .... 208 257 349 433 504 560 Quelle: General Report of Census. 3. Vereinigte Staaten von Amerika: Die Gesamtzahl der Erwerbstätigen weiblichen Geschlechts betrug: 1890 . 3914571 = 14,9% 1900 . 5319397 = 17,4,, 1910 . 8075772 = 21,1,, Das koloniale Gepräge des Landes, das bis zum Ende des 19. Jahrhunderts in der verhältnismäßig geringeren Beteiligung der Frauen an der Erwerbsarbeit sich aussprach, ist verschwunden: Amerika hat jetzt fast ebensoviel erwerbstätige Frauen als die europäischen Länder. Der Anteil des weiblichen Geschlechts an der industriellen Lohnarbeiterschaft ist seit 1880 sich fast völlig gleichgeblieben: 19,5%. Die zehn größten Weiberindustrien (mit mehr als 50000 Lohnarbeitern weiblichen Geschlechts), gleichzeitig auch diejenigen mit dem größten Anteil der Frauen an der Gesamtarbeiterschaft, sind (1910) nach der Höhe des Anteilverhältnisses geordnet folgende: Gewerbezweig Anteil der Zahl der beschäftigten Frauen Frauen Strickerei und Wirkerei. . 64,5 88183 Frauenkleiderindustrie. . 63,3 103063 Seidenindustrie. . 57,1 58441 Männerkleiderindustrie. , 55,5 142781 Konservenindustrie. . 49,8 77593 Tabakindustrie. . 46,5 84193 Woll- und Kammgarnindustrie . , . 41,3 72409 Baumwollindustrie. , 38,7 150057 Schuhindustrie. , 33,3 70457 Buchdruckerei und Buchhandel . , . 22,4 60973 Quelle: Abstract of the (XII. XIII.) Census und Abstract U. S. Der Frauenlohn verhält sich zum Männerlohn für die gleiche Arbeitsleistung etwa wie 3 : 5 (4—5), beträgt also drei Fünftel bis drei Viertel des Männerlohns. So wenigstens lehrt es die umfangreiche Aufstellung der Ortslöhne in Deutschland, die gemäß § 149—152 der Reichsversicherungsordnung (vor dem Kriege) festgesetzt wurden. Sie ist vollständig veröffentlicht in der Beilage zu Nr. 5 des Zentralblatts für das Deutsche Reich vom 16. Januar 458 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte 1914 nach dem Stande vom 1. Januar 1914. Für die Arbeiter in den Gemeinden über lOOOO Einwohner findet sich die Übersicht im Stat. Jahrbuch. Als Ortslohn gilt der ortsübliche Tagesentgelt gewöhnlicher Tagarbeiter. Die Löhne schwanken zwischen 1.60 Mk. und 4.20 Mk. bei Männern und 0.96 Mk. und 3 Mk. bei Frauen. Diese Ziffern stimmen ungefähr überein mit den in andern Ländern: Frankreich, Belgien, Großbritannien, Vereinigte Staaten gemachten Feststellungen. Siehe die Ergebnisse der verschiedenen Erhebungen bei Ch. Cornelissen, 1. c. Ch. XIII. Die Gründe, weshalb die Frauenlöhne niedriger sind als die Männerlöhne, liegen zutage, nämlich in folgendem: 1. der größeren Bedürfnislosigkeit der Frau; 2. der geringeren Machtstellung der Frau; 3. dem Umstande, daß Frauenarbeit in zahlreichen Fällen nur Zuschußarbeit, der Arbeitslohn also nur Zuschußverdienst ist, sei es zu dem Arbeitsverdienst des Mannes, sei es zu dem Einkommen der Eltern, wenn die Haustochter gewerblich tätig ist. y. Die Landlinge Landling nenne ich den vom Lande, richtiger aus der Landwirtschaft, noch genauer aus der Gutswirtschaft herstammenden Arbeiter in den europäischen Ländern. Er bildet die einzige Arbeitskraft in der kapitalistischen Landwirtschaft, solange er nicht landflüchtig geworden ist und bildet nachher den Stamm der ungelernten, aber auch zum Teil der angelernten Arbeiter in Industrie, Handel und Verkehr. Seine Ansprüche üben deshalb einen entscheidenden Einfluß auf den Stand des Gesamtarbeitslohns aus. Sie sind aber erheblich niedriger als diejenigen des städtischen Arbeiters. Wenn wir die deutschen Verhältnisse zugrunde legen, so ergibt sich nach der vorhin genannten Aufstellung der ortsüblichen Tagelöhne selbst innerhalb Deutschlands eine Spannung zwischen (östlichem) Landlohn und (westlichem) Stadtlchn für dieselbe Art von Arbeit von mehr als 1 zu 2, nämlich wie 2 zu 5. So betrugen beispielsweise die Ortslöhne für erwachsene männliche Arbeiter 4 Mark in Berlin, Harburg, Geestemünde (Höchstsatz 4.20 Mark), Emden, Lüdenscheidt, Duisburg, Oberhausen, Solingen usw., dagegen (selbst in den Städten) in Memel 2.75, Hastenburg 2.30, Gumbinnen 2.40, Marienwerder 2.30, Culm 1.90, Kreuzburg 1.60, Leobschütz 1.85, Neisse 1.85 Mark usw. In den Landkreisen kehren die Lohnsätze zwischen 1.60 und 1.80 noch häufiger wieder. Ein Tagelohn von weniger als 2 M. für Männer wurde in 14 Kreisen Ost- und Westpreußens und 42 Kreisen Schlesiens bezahlt. I Siebenundzwanzigstes Kapitel: Die ökonomische Anpassung 459 Die Gründe dieser niedrigeren Löhne sind historische: alle diese Arbeitskräfte sind die unmittelbaren Nachkommen der alten Hörigen. 2. Die Nachfrage nach Arbeitskräften 1. Zweifellos herrscht, wenn wir die große Linie der Entwicklung ins Auge fassen, in der hochkapitalistischen Periode eine starke und nachhaltige Tendenz zur Steigerung der Nachfrage nach Arbeitskräften. Die tatsächliche Ausweitung der kapitalistischen Wirtschaft, die Zunahme des Sachkapitals, die Vermehrung der Lohnarbeiterschaft: alles zusammen, das ja im Grunde nur eins ist, beweisen es. Der Lohnfonds, wie wir es auch ausdrücken können, wächst unaufhörlich an. Die von Marx behauptete Tatsache, daß v (der Lohnfonds) im Verhältnis zum Gesamtkapital ständig abnähme, berührt diesen Sachverhalt nicht im mindesten. Das alles werden wir genauer verfolgen, wo es uns angeht: siehe den folgenden Abschnitt. Hier stellen wir diese Tendenz zur Steigerung der Nachfrage nur fest, um daran die Bemerkung zu knüpfen, daß trotzdem das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkte keineswegs immer zugunsten des Arbeiters sich gestaltet. 2. Der Kapitalismus hat nämlich unter vielen Heil- und Kräftigungsmitteln auch dieses, das es ihm ermöglicht, den natürlichen Verlauf der Nachfrage in sein Gegenteil zu verkehren. Obwohl, wie gesagt, die große Bewegung auf Vermehrung des Bedarfs an Arbeitskräften geht, bringt er es fertig, daß der Arbeitsmarkt doch immer oder fast immer oder sehr häufig überfüllt ist, das heißt also, die Nachfrage hinter dem Angebot auf ihm zurückbleibt. Die Beobachtung dieser Tatsache eines beständig oder sehr oft überfüllten Arbeitsmarktes veranlaßte Marx zur Aufstellung der uns bekannten Bevölkerungstheorie, nach der der Kapitalismus selbst sich die von ihm benötigten Arbeitskräfte erzeugt. Und zweifellos richtig an dieser These ist die Tatsache, daß — wenn auch nicht immer, so doch vorübergehend — sich überschüssige Arbeitskräfte auf dem Markte befinden, die der Kapitalismus abgestoßen hat, die dann die Scharen der Arbeitslosen bilden, die natürlich durch ihr bloßes Dasein einen Druck auf die beschäftigten Lohnarbeiter ausüben, einen Druck, dem man spät und auch nur zum Teil durch künstliche Maßnahmen (gewerkschaftliche Organisation! Arbeitslosenfürsorge!) entgegenzuwirken unternommen hat. Das ist die „industrielle Reservearmee“, wie sie Marx genannt hat, das wichtigste Instrument in der Hand des Unternehmertums, um zu verhindern, daß die Bäume nicht 460 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte in den Himmel wachsen: die Arbeitslöhne nicht über ein geziemendes Maß hinaus steigen. Man kann über die Entstehungsursachen dieser industriellen Reservearmee, von denen gleich die Rede sein wird, verschiedener Meinung sein: ihr Dasein wegleugnen zu wollen, wäre töricht. Denn die Statistik verbürgt es. Ein paar allgemeine Ziffern aus der Statistik der Arbeitslosigkeit mögen hier Platz finden: Nach den Angaben des englischen Handelsministeriums betrug die monatliche Arbeitslosigkeit im ganzen Lande: 1901 .3,0% 1907 . 3,7% 1902 . 4,0 „ 1908 7,8 „ 1903 . 4,7 „ 1909 7,7 „ 1904 . 6,0 „ 1910.4,7 „ 1905 . 5,0 „ 1911. 3,0 „ 1906 . 3,6 „ Nach den Mitteilungen des Reichsarbeitsblattes waren in Deutschland von allen Beschäftigten im Dezember arbeitslos: 1903 . 2,6% 1908 . 4,4% 1904 . 2,4 „ 1909 2,6 „ 1905 . 1,8 „ 1910.2,1 „ 1906 . 1,6 „ 1911.2,4 „ 1907 . 2,7 „ 1912. 2,8 „ Nach der Zusammenstellung des Stat. Jahrbuchs gab es im Durchschnitt des Jahres 1913 Arbeitslose in: Deutschland. 2,9 % Großbritannien. 2,1 ,, Frankreich. 5,3 ,, Belgien. 2,0,, Niederlande. 5,2 „ Schweden. 4,4 „ Dänemark. 7,3 ,, Staat New York. 20,8 „ Massachusetts. 8,7 „ Unter „Arbeitslosen“ im Sinne der Statistik sind immer nur diejenigen Personen verstanden, die arbeiten wollen und arbeiten können und doch keine Arbeit haben, also ausgeschlossen sind einerseits die Streikenden (und Ausgesperrten), andererseits die durch Krankheit u. dgl. Arbeitsunfähigen. 3. Fragen wir nach den Ursachen dieser seltsamen Erscheinung, der Arbeitslosigkeit, so kommen wir leicht in die Gefahr, die Richtung des Weges, der ins Helle führt, zu verlieren angesichts der Fülle von Ursachen, auf die sich Arbeitslosigkeit zurückführen läßt. Eine amtliche französische Enquete hat festgestellt, daß es über vierzig verschiedene Siebenundzwanzigstes Kapitel: Die ökonomische Anpassung 461 Gründe der Arbeitslosigkeit gibt. Wir müssen versuchen, diese zahlreichen Gründe nach Gruppen zu ordnen und die wichtigsten herauszuheben. Dann ergeben sich, soviel ich sehe, drei Hauptgruppen von Gründen der Arbeitslosigkeit, nämlich: a) personale; b) technisch-soziale; c) ökonomisch-soziale. Zu a. Personale Gründe der Arbeitslosigkeit (die zum Teil gar keine Arbeitslosigkeit im technischen Sinne ist) sind Alter, Kränklichkeit, Entlassung (und Schwierigkeit der Einstellung) infolge Unbeliebtheit, Ungeschicklichkeit, Faulheit. Aus personalen Gründen arbeitslos sind ferner alle diejenigen Personen, die ihre Stelle wechseln wollen und noch keine neue gefunden oder die gefundene noch nicht angetreten haben u. a. Die Arbeitslosigkeit aus persönlichen Gründen stellt sozusagen den Mindestbetrag der Arbeitslosigkeit dar, der in jeder verkehrswirtschaft- lich organisierten Gesellschaft bestehen muß, damit diese richtig funktioniert (wie es aus gleichem Grunde immer eine Anzahl leerstehender Wob rmngen geben muß, wenn die Deckung des Wohnbedarfs normal vor sich gehen soll). Die 1—2% Arbeitslose, die wir zu jeder Zeit in den Ländern mit kapitalistischer Kultur antreffen, werden diese notwendig Arbeitslosen sein. Das Mehr erheischt andere Erklärungen und hat seine Gründe in einer der beiden folgenden Eigenarten der kapitalistischen Wirtschaft. Zu b. Die revolutionäre Technik, die dem Zeitalter des Hochkapitalismus eigen ist, bringt es mit sich, daß in jedem Gewerbe — ganz gleich, ob Urproduktion, Stoffverarbeitung oder Transport — von Zeit zu Zeit Änderungen des Verfahrens eintreten, die die Arbeitskräfte überzählig machen, weil zur Herstellung oder zum Transport derselben Gütermenge ein größerer Sachmittelapparat und ein kleinerer Aufwand an lebendiger Arbeit gehört. Der bekannteste — aber keineswegs einzige Fall — ist die Ersetzung der Handarbeit durch die Maschine. Naturgemäß machen sich solche technischen Umwälzungen am fühlbarsten geltend in den Anfängen der Entwicklung eines Gewerbezweiges : wenn dieser gerade anfängt, arbeitersetzende Verfahren einzuführen: Arbeitslosigkeit der Handspinner und Handweber in den Anfängen der Maschinenspinnerei und Weberei! Arbeitslosigkeit der Drescher infolge der Einführung der Dreschmaschine! Arbeitslosigkeit der Handsetzer beim Übergang zum Maschinensatz! usw. Aber in 462 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte kleinerem Maße vollzieht sich die Abstoßung von Arbeitskräften ununterbrochen mit dem Portschreiten der Technik in den einzelnen Gewerben. Nun hat man geglaubt, die Richtigkeit dieser Behauptung einer Arbeiter freisetzenden Tendenz der modernen Technik mit dem Hinweis auf die Tatsache bestreiten zu können, daß die freigesetzten Arbeiter entweder an einer andern Stelle in der Wirtschaft (wo nämlich nun die sie verdrängenden Maschinen und Apparate erzeugt werden) oder gar an derselben Stelle (wenn nämlich die Produktion entsprechend ausgeweitet wird) wieder eingestellt würden, so daß es im Grunde gar keine beschäftigungslos werdenden Arbeiter gebe (sog. Kompensationstheorie). Diese Ansicht ist falsch für den Fall gleichbleibender Produktion, da alsdann in den Produktionsmittel (Maschinen) erzeugenden Industrien weniger Arbeiter eingestellt werden, als an der andern Stelle entlassen sind (andernfalls würde ja die technische Neuerung keine Steigerung der Produktivität bedeuten). Sie ist richtig für den Fall der vermehrten Produktion. Es ist jedoch folgendes zu bemerken: Wenn die Ausweitung der Produktion an derselben Stelle, an der die Freisetzung erfolgen mußte, in gleichem Verhältnis, in dem die Produktivität der Arbeit gesteigert ist, und sofort eintritt, so gibt es in der Tat gar keine Arbeiterentlassung. Da jedoch diese Voraussetzungen keineswegs immer zutreffen, so ist Arbeitslosigkeit infolge technischer Neuerungen keineswegs unmöglich, und die Erfahrung lehrt, daß sie in der Tat häufig genug auf tritt. Denn wenn ein Betrieb, der eine neue, Arbeit sparende Maschine einführt, auch nur einen Monat braucht, um seinen Absatz entsprechend auszuweiten, so sind während dieses einen Monats jedenfalls Arbeitskräfte freigesetzt worden. Tritt aber die Ausweitung der Produktion nicht an demselben Orte und in gleichem Verhältnis zur gesteigerten Produktion ein, so tritt — vorübergehend — Arbeitslosigkeit erst recht ein. Denn es ist ein langer Weg, der den Drescher in die Drechmaschinenfabrik, den Handspinner in die Spinnmaschinenfabrik, den Handsetzer in die Setzmaschinenfabrik oder sie alle an eine andere Stelle, wo die Produktion gesteigert ist, führt. Vorausgesetzt, daß der Entlassene überhaupt zum Ziele gelangt. Auf alle Fälle ist er eine Zeitlang arbeitslos und darauf allein kommt es an. Zu c. Der Rhythmus des kapitalistischen Wirtschaftslebens bringt es mit sich, daß der Bedarf an Arbeitskräften zu verschiedener Zeit Siebenundzwanzigstes Kapitel: Die ökonomische Anpassung 453 ein verschieden hoher ist; anders ausgedrückt: daß der kapitalistische Betrieb in unregelmäßigem oder regelmäßigem Wechsel Arbeitskräfte anzieht und abstößt; jedesmal, wenn er dieses tut — im Zeitpunkt der Ausatmung — entsteht Arbeitslosigkeit, wird die industrielle Reservearmee vergrößert. Die Ursachen der Abstoßung von Arbeitskräften aus ökonomischen Gründen sind mehrere. a) Der Grund kann in dem individuellen Schicksal eines Unternehmens liegen, sei es, daß dieses seinen Betrieb einschränkt oder ganz einstellt wegen irgendwelcher geschäftlicher Schwierigkeiten, sei es, daß eine Fabrik abbrennt oder sonstwie betriebsunfähig wird und deshalb ihre Arbeiter entläßt; dieser Grund ist ersichtlich von nebensächlicher Bedeutung. ß) Wichtiger ist die allgemeine Erscheinung der Saisonarbeit. Zahlreiche Gewerbe verteilen ihre Arbeit imgleichmäßig auf das Jahr, arbeiten viel in einem Teile, wenig oder gar nicht im andern; teils aus natürlichen Gründen, wie die moderne Landwirtschaft, das Baugewerbe, die Flußschifferei, teils aus sozialen Gründen, wie die Konfektion, die Konservenindustrie, die Zuckerrübenindustrie. In allen diesen Industrien sind die Arbeiter während eines Teils des Jahres arbeitslos. Wenn sie nicht, was bei regelmäßigem Saisonbetriebe der Fall zu sein pflegt, während der toten Zeit einem andern Berufe nachgehen. y) Bei weitem am wichtigsten ist der dritte Grund der ökonomischsozialen Arbeitslosigkeit: der Konjunkturwechsel. Dieser bildet, wie erst später zu zeigen ist (siehe das 35. Kapitel), eine der hochkapitalistischen Wirtschaft innewohnende Eigenart. Er führt, was hier einstweilen als Ergebnis hinzunehmen ist, dessen Zustandekommen erst in einem andern Zusammenhänge auf ged eckt werden kann, dort, wo das innere Gefüge der Marktvorgänge zur Abhandlung gelangt, also im dritten Hauptabschnitt, zu periodischen Arbeiterentlassungen im großen Stile. Und die hohen Ziffern der Arbeitslosen, wie wir sie in bestimmten Zeiten antreffen, finden ihreErklärung in diesenKonjunktur- schwankungen. Ich mache im folgenden einige Angaben über Arbeitslosigkeit in sog. Niedergangsjahren und stelle die Ziffern für einige Aufschwungs- und Niedergangsjahre gegenüber: Die Statistik läßt mit unfehlbarer Sicherheit den Zusammenhang zwischen den Konjunkturschwankungen und dem Umfang der Arbeitslosigkeit erkennen. 464 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte In England wurde in den Niedergangsjahren folgender Durchschnitt von Arbeitslosen gezählt: 1858 . 11,9% 1886 . 10,2% 1862 . 8,4 „ 1893 7,5 „ 1868 . 7,9 „ 1904 6,0 „ 1879 . 11,4 „ 1908 7,8 „ während in Aufschwungszeiten die Arbeitslosigkeit bis auf 0,9% zurückgeht. Ziffern bei Aftalion, Crises periodiques 1 (1913). 166. Noch deutlicher tritt die Wirkung der Konjunktur in einzelnen, besonders anfälligen Industrien zutage; z. B. im Schiffbau. Hier betrug die Arbeitslosigkeit in England: Auf schwungsj ahre Niedergangsj ahre 1872 . 1,0% 1879 . 9,5% 1882 . 0,7 „ 1885 22,2 „ 1889 . 2,0 „ 1893 17,0 „ 1899 . 2,1 „ 1904 14,0 „ 1908 . 22,7 „ 1. c. 2, 59. In der Produktionsmittel herstellenden Industrie Schwedens war die Bewegung des Zu- (+) und Abstroms (—) der Arbeiter folgende: 1896-1900 . + 29,5% 1900-1902 . - 5,1 „ 1902-1907 . + 12,9 „ 1907-1909 . - 10,0 „ Bei Cassel, Theor. Soz.-Ök., 477. Im Eisenhochofenbetriebe in Deutschland betrug die mittlere Belegschaft in Tausenden: 1899 . 36,3 1907 . 45,2 1900 . 34,7 1908 . 43,5 Statistisches Jahrbuch. 3. Der Preis der Arbeit 1. Daß in zahlreichen Fällen während der verflossenen hochkapitalistischen Periode die Steigerung des Arbeitslohns durch Steigerung der Leistung des Arbeiters wettgemacht worden ist, kann nicht in Zweifel gezogen werden. Der Nachweis ist in vielen monographischen Behandlungen einzelner Gewerbezweige erbracht worden. Ein beliebtes Studienfeld für diese Art Untersuchungen hat von jeher die Textilindustrie, insonderheit die Baumwollindustrie, abgegeben. Und sie eignet sich in der Tat in hervorragendem Maße, um den Nachweis einer Senkung des Arbeitspreises trotz zunehmenden Steigens des Preises der Arbeitskraft zu erbringen, dank der namentlich in der Spinnerei stark gestiegenen Produktivität der Arbeit, dank der zweifellos gesteigerten In- Siebenundzwanzigstes Kapitel: Die ökonomische Anpassung 465 tensität der Arbeitsleistung und dank endlich der bequemen Berechnungsweise der Produktionsergebnisse. So besitzen wir aus diesem Gewerbezweige eine Reihe sehr in die Augen springender Zusammenstellungen, von denen ich einige mitteilen will. Baumwollspinnerei in England: Garnerzeugung Jahre pro Arbeiter in lbs. 1819-1821 .... 968 1829-1831 .... 1546 1844-1846 .... 2754 1859-1861 .... 3671 1880-1882 .... 5520 Nach Ellison, Cotton Trade. 1886. Kosten der Durchschnittlicher Arbeit pro Jahresverdienst Pfund Garn pro Arbeiter 6,4 d 26 £ 13 sh 4,2 „ 27 „ 6 „ 2,3 „ 28 „ 12 „ 2,1 „ 32 „ 10 „ 1,9 „ 44 „ 4 „ Spinnen der No. 200: Kosten der WochenJahr W ochenleistung Wöchentliche Arbeit (Spinner verdienst pro Spinner Arbeitszeit und Gehilfen) des pro 1000 hanks Spinners 1837 . . . 3 800 hanks 72 Stunden 200 d 42 sh 1891 . . . 34500 „ 54% „ 23 „ 44 „ Bei v. Schulze-Gaevernitz, Der Großbetrieb (1892), 131. Baumwollweberei in England: T , Leistung pro Arbeiter Jaär in lbs. Kosten der Arbeit im lb. J ahreseinkommen pro Arbeiter 1829-1831 . . 322 15,5 d 20 £ 18 sh 1829-1831 . . 521 9,0 „ 19 „ 8 „ 1844-1846 . . 1658 3,5 „ 24 „ 10 „ 1859-1861 . . 3206 2,9 „ 30 „ 15 „ 1880-1882 . . 4039 2,3 „ 39 „ — „ Nach den Zusammenstellungen bei Ellison, 1. c. Aus einer großen Weberei in Hyde, die seit Einführung des Kraftstuhls derselben Fabrikantenfamilie gehört: Wochenproduktion Kosten der Arbeitszeit WochenJ ahr Arbeit in der Woche verdienst pro Arbeiter pro Yard (Stunden) des Webers 1814 . . . 130,7 Yards 1,3 d 80 14 sh 1832 . . . 221,2 „ 0,6 „ 72 12 „ 1890 ... 540 0,13 „ 54% 17,2-22,5 sh Bei v. Schulze-Gaevernitz a. a. O. Seite 148/49. Aus zwei amerikanischen Fabriken, welche seit 1830 dieselbe Ware hersteilen und Spinnerei und Weberei vereinigen: Sombart, Hochkapitalisnuis. 30 460 Jahr 1830 . 1850 . 1870 . 1884 .... 28032 „ 1,07 „ 290 „ Nach Edw. Atkinson, mitgeteilt von v. Schulze-Gävernitz a. a. 0. Seite 150. Natürlich muß, was' ich an anderer Stelle schon ausführte, bei diesen Aufstellungen in Rücksicht gezogen werden der außerordentlich große Mehraufwand an Arbeitsmitteln, der die Erzeugnisse belastete und zu dem Arbeitspreise hinzugerechnet werden muß. Immerhin wird man eine Steigerung der Arbeitsleistung in diesen Industrien annehmen dürfen, die stärker ist als die Steigerung des Arbeitslohns. Nur darf man natürlich aus solchen besonderen Fällen keine allgemeinen Schlüsse ziehen. 2. Auf allgemeine, ziffernmäßige Feststellungen jener Verbilligung der Arbeit durch Steigerung der Axbeitswirkung werden wir verzichten müssen. Eine ungefähre Vorstellung von der Bedeutung des Vorgangs kann man vielleicht gewinnen, wenn man die Ziffern in Betracht zieht, die ich oben Seite 235 ff. über die allgemeine Steigerung der Produktivität und Intensität der Arbeit angeführt habe. 3. Die Wirkung, um die es sich hier handelt, ist erzielt worden durch Vervollkommnung der Technik und der Betriebsorganisation. Wie sie zustande gekommen ist, werden wir deshalb wiederum erst dort genauer feststellen können, wo wir der Entwicklung des wirtschaftlichen Prozesses, insonderheit der Betriebe, unser Augenmerk zuwenden. III. Die Bewegung des Arbeitslohnes Wir möchten jetzt nach alledem, was wir über die die Höhe des Arbeitslohnes bestimmenden Kräfte in Erfahrung gebracht haben, gern wissen, wie sich denn nun in der Wirklichkeit der Arbeitslohn gestaltet hat. Ob diejenigen Einflüsse, die ihn in die Höhe zu reißen imstande waren oder diejenigen, die ihn in die Tiefe zu ziehen strebten, die stärkeren gewesen sind und ob — worauf es uns an dieser Stelle allein ankommt — die Bewegung des Arbeitslohns derart gewesen ist, daß er dem Profit Eintrag getan hat oder nicht. Genauer gesagt, unter Berücksichtigung der in diesem Kapitel beliebten Problemstellung: ob und in welchem Umfange die dem Kapitalismus während des verflossenen Jahrhunderts zur Verfügung gestellten Arbeitskräfte sich ihm auch ökonomisch so weit angepaßt haben, daß sie sein Verwertungs- Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte t , ••er, J.T., Durchschnittlicher Jahreserzeugnis Kosten der Arbeit T , ,. , a , -Ir t Jahresverdienst des Arbeiters pro Yard 4321 Yards 12164 „ 19293 „ 1,9 cts. 1,55 „ 1,24 „ des Arbeiters 164 $ 190 „ 240 „ Siebenunilzwanzigstes Kapitel: Die Ökonomische Anpassung 407 streben nicht aufgehalten haben. Antwort auf diese Fragen gewährt uns eine Statistik, die nur die Bewegung des Arbeitslohns — sei es des Nominal-, sei es des Reallohns — aufweist, offenbar nicht. Es interessiert uns in diesem Zusammenhänge noch nicht — erst im nächsten Abschnitt tritt diese Seite des Problems in das Licht —, ob der Arbeiter heute mehr oder weniger an Geld oder Sachgütern erhält als vor hundert Jahren; das heißt, es interessiert uns nicht die absolute Höhe seines Lohnes. Was wir vielmehr wissen müssen, ist dessen relative Höhe: relativ zum Unternehmerprofit (dem Mehrwert). Nur wenn wir dieses Beziehungsverhältnis kennen, können wir uns ein Urteil bilden, ob sich die Arbeiterschaft dem Verwertungsbedürfnis des Kapitals angepaßt hat oder nicht. Woher aber eine solche Ziffer nehmen? Soviel ich sehe, sind die einzigen, für unsere Zwecke verwertbaren Zahlen diejenigen des amerikanischen Zensus. Dieser enthält bekanntermaßen Zusammenstellungen mit Bezug auf die gewerbliche Produktion („Manufactures“, bis zum Zensus von 1889 Handwerk und Fabriken, seitdem nur diese umfassend) über: 1. die Höhe sämtlicher bezahlten Löhne; 2. die Preise der von den gewerblichen Produzenten verarbeiteten Roh- und Hilfsstoffe; 3. den Verkaufswert des gefertigten Produkts. Die Summen von 1 und 2 stellen die Kosten dar, die der Unternehmer zu machen hat (zu denen noch die „verschiedenen“ Kosten, wie Steuern, Versicherungsprämien usw., hinzutreten, die aber für die früheren Zählungen nicht mitgeteilt sind und die wir deshalb außer Betracht lassen wollen: wir können sie als verhältnismäßig gleichbleibenden Betrag ansehen und mit Null in unsere Rechnung einsetzen). Dann ergibt der Unterschied zwischen dem Verkaufswert und den Kosten die Höhe des Kapitalprofits oder den im Bereiche der gewerblichen Produktion erzielten Mehrwert. Die Herausgeber des Zensus warnen nun selbst davor, die mitgeteilten Beträge als genauen Ausdruck der verschiedenen Bestandteile des jährlichen Produkts anzusehen. Und gewiß dürfen Schlüsse aus ihrer absoluten Höhe nur mit größter Vorsicht gemacht werden. Wo es sich dagegen um den Nachweis einer Bewegung handelt, wie für uns, erscheinen mir die Ziffern, da die Erhebungsmethode seit 1850 im wesentlichen dieselbe geblieben ist, doch sehr wohl geeignet, Aufschluß zu gewähren. Zweifellos weisen sie in ganz groben Zügen doch richtig die großen Linien der Bewegung auf, die Arbeitslohn und Mehrwert durchgemacht haben. Ich stehe deshalb nicht an, sie als Beweismaterial hier zu verwenden. 30 * 468 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Ich habe aus den genannten drei Ziffern die Ziffern für die Arbeitslöhne herausgenommen und die Differenz zwischen den beiden andern errechnet, die also die Höhe des Mehrwerts darstellt. Dann habe ich für die Veränderungen dieser beiden Größen die Indexzahlen ermittelt. Da es uns, wie gesagt, nur um die Bewegung und das Verhältnis der beiden Größen zueinander zu tun ist, so verzichte ich auf die Mitteilung jeder absoluten Ziffer und verzeichne hier nur die Indexzahlen. Die Höhe des Gesamtarbeitslohns und des Gesamtmehrwerts im Jahre 1850 mit 100 angesetzt, ergehen sich bis 1915 folgende Ziffern: Löhne Profite 1850 . 100 100 1860 . 160 209 1870 . 261 341 1880 . 400 464 1890 . 800 1021 1900 . 1000 1469 1905 . 1100 1636 1910 . 1446 2248 1915 . 1721 2555 Die absoluten Ziffern findet man im Stat. Abstr. U S. Berechnen wir nach demselben Verfahren auch die verhältnismäßige Zunahme der beiden Beträge zwischen zwei Zensusjahren, so ergeben sich folgende Ziffern: Es betrug die Steigerung: Löhne Profite 1850-1860 .... . . . . 60,0% 109,0% 1860-1870 .... . . . . 63,3 „ 63,1 „ 1870-1880 .... . . . . 53,4 „ 36,0 „ 1880-1890 .... . . . . 100,0 „ 35,6 „ 1890-1900 .... . . . . 25,0 „ 43,9 „ 1900-1905 .... . . . . 10,0 „ 11,3 „ 1905-1910 .... . . . . 31,5 „ 37,4 „ 1910-1915 .... . . . . 18,8 „ 13,6 „ 1900-1910 .... . . . . 44,6 „ 52,9 „ 1905-1915 .... . . . . 56,3 „ 55,9 „ Im Jahresdurchschnitt 1850—1915 betrug die Steigerung der Löhne.2,52 % Profite.3,08 „ Siebenundzwanzigstes Kapitel: Die ökonomische Anpassung 469 Diese Ziffern sind außerordentlich lehrreich, vor allem wegen der Schwankungen, die sie aufweisen. Man kann die ganze Industrie- und sogar Wirtschaftsgeschichte der Vereinigten Staaten aus ihnen ablesen. Was uns aber an dieser Stelle allein angeht, ist das Verhältnis, in dem die beiden Größen: Arbeitslohn und Mehrwert, angewachsen sind. Da weisen denn die Ziffern auf einen aufregenden Wettlauf zwischen den beiden Partnern hin: bald läuft der eine, bald der andere rascher. Aber — der Mehrwert hat doch die stärkeren Lungen und die rascheren Füße: er bleibt in dem Wettlauf Sieger. So sehr auch die Arbeitslöhne gestiegen sind: der Mehrwert ist im großen Ganzen rascher gestiegen. Er läuft im Durchschnitt der Jahre mit einer Geschwindigkeit von 3,08 gegen eine solche von 2,52, die der Arbeitslohn aufbringt. Die Arbeiterschaft hat sich dem Kapitalismus auch ökonomisch angepaßt: das war es, was wir feststellen wollten. Um die Glaubwürdigkeit meiner obigen Berechnung zu erhöhen, will ich noch auf die Berechnung eines Amerikaners aus der letzten Zeit hin- weisen, die ganz andere Größen zum Gegenstände hat und doch fast genau zu demselben Ergebnis kommt wie meine. Alwin H. Hansen nimmt die Produktion als Ganzes und stellt ihr den von ihm errechneten Betrag der Reallöhne gegenüber. Dann ergibt sich, daß von 1820 bis zur Gegenwart gestiegen ist im Jahresdurchschnitt: die Produktion um 1,29% der Reallohn „ 1,04 ,, Wie man sieht, stehen diese beiden Größen in fast genau demselben Verhältnis wie meine Ziffern: 3,08 und 2,52. Alwin H. Hansen, Factors affecting trend of Real wages im Am. Econ. Journal. March 1925. 470 Dritter Abschnitt Der Absatz Quellen und Literatur I. Das Problem des Absatzes wird theoretisch in allen besseren, national- ökonomischen Werken behandelt. Aus der älteren Literatur kommen vornehmlich in Betracht die Schriften von Say, Ricardo, Mc Culloch einerseits, von Sismondi, Rodbertus, Marx andererseits. An dem Streit in der russischen Literatur am Ende des 19. Jahrhunderts waren beteiligt: von den russischen Nationalisten Woronzow und Nicolai-on (Danielson), von den Neumarxisten Struve, Bulga- kow und Tugan-Baranowski, von den orthodoxen Marxisten Lenin, Maslow u. a. Von ihren Schriften, soweit sie in deutscher Sprache erschienen sind, ragen hervor: Nicolai-on, Die Volkswirtschaft in Rußland. Übers, v. G. Polonski. 1899. M. v. Tugan-Baranowski, Studien zur Theorie und Geschichte der Handelskrisen in England. 1901. Peter Maslow, Theorie der Volkswirtschaft. 1912. Über den Stand der russischen Kontroverse in ihren Anfängen schrieb: Achille Loria, La controversia del Capitalismo in Russia; in der Nuova Antologia 16. XI. 1896. Eine Zusammenfassung der Streitpunkte und glänzende Verteidigung des orthodox-marxistischen Standpunktes enthält das öfters zitierte Werk von Rosa Luxemburg, Die Akkumulation des Kapitals. 1912. II. Die exogene Nachfrage, soweit sie in die frühkapitalistische Zeit hineinragt, habe ich ausführlich im 1. und 2. Band dieses Werkes behandelt. Die öffentlichen Körper: Ad. Wagner, Grundlegung. 3. Aufl. 1891. 6. Buch. 3. Kapitel. Fr. Zahn, Die Finanzen der Großmächte. 1908. Al. Papacostea, L’accroissement des budgets de l’Etat. 1912. War mir nicht zugänglich. Vgl. den Artikel Finanzstatistik im HSt. 3 Bd. IV. Die Exoten: für den Warenhandel siehe die auf Seite 225 f. genannten Werke über Handelsstatistik. Das Problem des Kapitalexports ist in einer reichen, z. T. vortrefflichen Literatur abgehandelt, aus der ich folgende Schriften nenne: Ch. Wilson, De l’influence des capitaux anglais sur l’industrie europeenne depuis la revolution de 1688 jusqu’en 1846. 1847. Ein wenig beachtetes, ganz erstaunlich aufschlußreiches Buch. A. Sartorius Frh. v. Waltershausen, Das volkswirtschaftliche System der Kapitalanlage im Auslande. 1907. Theo- Quellen und Literatur 471 retisch wie historisch gleich gut. J. A. Hobson, der Ältere, The economic interpretation of investment. 1911. E. Becque, L’internationalisation des capitaux. 1912. Vor allem für Frankreich sehr gründlich. C. K. Hobson, der Jüngere, The export of Capital. 1914. Das Urteil Hobsons, des Vaters: „the füllest historical and Statistical treatment of the subject up to 1914“, ist zutreffend, wenn wir hinzufügen: von den Veröffentlichungen in englischer Sprache. Julius Landmann, Der schweizerische Kapitalexport. S.-A. aus der Zeitschrift für Schweizerische Statistik und Volkswirtschaft. 52. Jahrg. 1916. Gewährt trotz seiner Einstellung auf die augenblickliche, durch den Krieg geschaffene, Lage vielfache Belehrung allgemeiner Natur. Friedrich Lenz, Wesen und Struktur des deutschen Kapitalexports vor 1914 im Weltwirtschaftlichen Archiv. Band 18. 1922. Sieht das Problem unter wesentlich politischem Gesichtspunkt. Kurt Frh. v. Reibnitz, Amerikas internationale Kapitalwanderungen. 1926. Das sehr gründliche Werk beschäftigt sich hauptsächlich mit den Vorgängen in der Kriegsund Nachkriegszeit. Ebenfalls fällt zeitlich aus dem Bereiche unseres Untersuchungsgebiets, ist aber auch für uns durch seine theoretischen Erörterungen wertvoll: M. Palyi, Zur Frage der Kapitalwanderungen nach dem Kriege in den Sehr. d. VfSP. Bd. 171. III. 1926. Vgl. auch die auf S. 45 ff. angeführte Literatur. Unter den Statistiken des Kapitalexports ragen hervor die Zusammenstellungen, die Alfred Neymarck für das Institut international de Statistique auf zahlreichen Tagungen gemacht hat. Der letzte Bericht vor dem Kriege war der neunte und findet sich im Bulletin des Instituts Vol. XIX. II auf Seite 201—475 abgedruckt. Als besondere Quellen sind die Enqueten anzusehen, die verschiedene Regierungen veranstaltet haben. Für Deutschland insbesondere siehe die Zusammenstellung des Reichsmarineamts : Die Entwicklung der deutschen Seeinteressen im letzten Jahrzehnt. 1905. Die neuen Käuferschichten: siehe die Literatur zum „Auflösungsproblem“ auf Seite 323. III. Endogene Nachfrage: Den Stufengang der Wirtschaft sollten alle im Geleitwort genannten allgemeinen Darstellungen der wirtschaftlichen Entwicklung im Zeitalter des Hochkapitalismus schildern. Hier und da tun sie es; leider meist sehr unzulänglich. Dann ist man auf die unabsehbare Menge der monographischen Literatur angewiesen, die hier auch nur in ihren Hauptwerken zu nennen, der Raum verbietet. Vgl. die auf Seite 74ff. und 227 unter D zitierten Werke. Über die Kaufkraft der Lohnarbeiter siehe die auf Seite 370 f. angeführten Schriften. 472 Achtundzwanzigstes Kapitel Zur theoretischen Besinnung I. Die Aufgabe Wir wollen in diesem Abschnitt Antwort auf die Fragen finden: Wie hat sich die dritte Bedingung erfüllt, die erfüllt werden mußte, damit der Hochkapitalismus zu voller Entfaltung kommen konnte? Wer hat ihm die Erzeugnisse abgenommen, die er in Massen hervorbrachte? Wie ist das Problem des Massenabsatzes gelöst worden? Behufs Erleichterung unserer Aufgabe werden wir wieder einige „theoretische“ Erörterungen anstellen, ehe wir an die geschichtliche Untersuchung herangehen. Das heißt: wir werden das rationale Schema entwerfen, das sich bei idealtypischer Reinheit des Sachverhaltes ergibt. Welches ist aber der reine Sachverhalt ? Offenbar eine Wirtschaft rein kapitalistischen Gepräges. Also eine solche, bei der als Abnehmer der Erzeugnisse nur die Kapitalisten und die Lohnarbeiter in Betracht kommen, in der also die Nachfrage ausschließlich durch die Summe des Mehrwerts und der Arbeitslöhne gebildet wird. Die Frage ist dann die: Vermag der Kapitalismus sich auszuweiten oder was, wie wir wissen, auf dasselbe hinausläuft: Ist Akkumulation des Kapitals in einer rein kapitalistischen Wirtschaft dauernd möglich ? Wenn ja: Auf welche Weise vollzieht sich die erweiterte Reproduktion des Kapitals nach der Seite des Absatzes hin betrachtet? Auf diese Fragen sind sehr verschiedene Antworten erteilt worden, an die wir im folgenden anknüpfen wollen. II. Die Lehrmeinungen üder die Ausdehnungsfähigkeit des Kapitalismus Seit altersher stehen sich zwei Ansichten schroff gegenüber, die wir als optimistische und pessimistische bezeichnen können. 1. Die optimistische Auffassung wird von den meisten „Klassikern“, namentlich und in besonders ausgeprägter Form von J. B. Say, Ricardo und etwa noch Mc Culloch vertreten. Sie ist begründet worden durch Say in seiner „Theorie des debouches“, Achtuudzwaiizigstes Kapitel: Zur theoretischen Besinnung 473 der ,, Lekre von den Absatzwegen“. Nach dieser Lehre gibt es keine Überproduktion, aus dem einfachen Grunde, weil jeder Produzent auch Konsument, jeder Arbeiter auch Nachfrager ist, so daß also die Nachfrage nach Produkten um so größer ist, je mehr Produkte auf den Markt gebracht werden. Für die Richtigkeit dieser Lehre setzte dann Ricardo seine ganze, große Autorität ein, wenn er schrieb (Principles, Ch. XXI): „Say hat. . . dargetan, daß es keinen Kapitalbetrag gibt, der nicht in einem Lande angewendet werden kann, weil die Nachfrage in der Hervorbringung ihre Grenzen hat. Niemand bringt hervor, ausgenommen in der Absicht zu verbrauchen oder zu verkaufen, und niemand verkauft jemals außer in der Absicht, andere Güter zu kaufen, welche für ihn unmittelbar brauchbar sind oder zu künftiger Hervorbringung beitragen können. Dadurch, daß er hervorbringt, wird er notwendigerweise entweder Verzehrer seiner eigenen Güter oder Verzehrer der Güter irgendeiner anderen Person.“ „Es kann in einem Lande kein Kapitalbetrag angesammelt werden, welcher nicht hervorbringend angelegt werden kann . . . Erzeugnisse werden stets durch Erzeugnisse gekauft.“ 2. Die pessimistische Auffassung stellt demgegenüber die Behauptung auf, daß in der kapitalistischen Wirtschaft die Nachfrage nach Gütern mit zunehmender Produktion nicht wachse, da die Kaufkraft sich nicht im gleichen Verhältnisse wie die Produktion ausdehne: von dem gesellschaftlichen Jahreseinkommen bleibe infolge der Akkumulation eines Teiles des Mehrwertes stets ein Teil unverzehrt, während gerade infolge der Akkumulation die Produktion ausgeweitet werde. Es trete ein Zustand der Unterkonsumtion und also der Überproduktion als notwendige Begleiterscheinung der Ausdehnung der kapitalistischen Produktion ein. Wenn der Kapitalismus an diesem inneren Gebrechen nicht längst zugrundegegangen sei, so liege das daran, daß er immer noch außerhalb seines eigenen Bereichs Abnehmer gefunden habe. Sismondi war der erste Theoretiker, der diese pessimistische Auffassung vertrat und ausführlich begründete: siehe das II. und III. Livre der Nouveaux Principes. Seine Ansicht ist in folgendem Satze enthalten: „Par la concentration des fortunes entre un petit nornbre de proprietaires, le marche interieur se reserre toujours plus, et l’industrie est toujours plus reduite ä chercher ses debouches dans les marches etrangers, oü de plus grandes revolutions la menacent.“ N. Pr. I 2 (1827), 361. Die Begründung, die er diesem Satze gibt, läßt die Eigenart der Umwelt, aus der heraus er 474 Dritter Abschnitt: Der Absatz schrieb, deutlich erkennen: seine Reichen, an deren Unterkonsumtion der Kapitalismus scheitern soll, sind die Seigneurs alten Stils, die ihren Bedarf mit Vorliebe im Auslande decken, und zwar vermittels Handarbeit: sie lehnen die Fabrikware ab, sie wollen keinen Maschinentüll, sondern Hand- Spitzen. Die Kaufkraft der Lohnarbeiter verringert sich aber beständig, da ihre Menge abnimmt und zudem „tout progres tend . . ä reduire l’aisance de ceux qui n’ont pour vivre que leur travail“. N. Pr. L. III. ch. 8. Rodbertus, der dann ein bedeutender Verfechter der Unterkonsumtionstheorie wurde, legt den Schwerpunkt seiner Beweisführung auf die ungenügende Entlohnung der Arbeiter. Er nimmt das „eherne Lohngesetz“ als erwiesen an, wonach der Arbeitslohn auf dem Existenzminimum festgehalten werde, das er in einer gegebenen Menge von Sachgütern verkörpert sieht. Da diese festgegebene Sachgütermenge bei einer Zunahme der gesellschaftlichen Produktivität einen immer kleineren Wertbetrag darstellt, so macht sie auch von dem Gesamtwertbetrag eine immer kleinere Quote aus. Der Mehrwert schwillt deshalb immer mehr an und kann von seinen Beziehern nicht mehr verzehrt werden, so daß ein immer größerer Betrag akkumuliert, die Produktion also immer mehr ausgedehnt wird, während die Konsumkraft sinkt. Am interessantesten ist die Begründung der pessimistischen Auffassung von der Lebensfähigkeit der kapitalistischen Wirtschaft bei Marx. Sie hängt mit seiner allgemeinen Lehre von der Reproduktion des Kapitals zusammen, von der wir schon früher einzelne Bestandteile kennengelernt haben und die wir hier im ganzen uns vergegenwärtigen müssen. Marx betrachtet es als eine seiner wichtigsten wissenschaftlichen Entdeckungen, daß er den Irrtum des Adam Smith erkannt habe, der das gesamte Jahresprodukt in Arbeitslöhne, Kapitalzins und Grundrente auflöste: Smith habe übersehen, daß daneben ein Sachkapital erzeugt werde, das sich nicht in jene drei Bestandteile auflösen lasse. Sein Fehler bestehe darin, „daß er den jährlichen Produktenwert gleichsetzt dem jährlichen Wertprodukt. Das letztere ist nur Produkt der Arbeit des vergangenen Jahres; der erstere schließt außerdem alle Wertelemente ein, die zur Herstellung des Jahresproduktes verbraucht, aber im vorhergehenden und zum Teil in noch früher verflossenen Jahren produziert wurden: Produktionsmittel, deren Wert nur wieder erscheint, die, was ihren Wert betrifft, weder produziert noch reproduziert worden sind durch während des letzten Jahres verausgabte Arbeit“. Kürzer: Smith vergißt, „daß das Wertprodukt kleiner ist als der Produktenwert“. Dies die Hauptstelle: „Kapital“ 2, 370 f. Doch zieht sich der Gedankengang wie ein roter Faden durch das ganze Marxsche System. Und nun weiter in unbegreiflicher Verblendung: Also teilt sich auch der akkumulierte Mehrwert, das neu anzulegende Kapital, in c (den zu reproduzierenden Teil des aus der früheren Produktionsperiode überkommenden Sachkapitalbetrags) und v (die für lebendige Zusatzarbeit zu verausgabende Summe). Nun ist es aber eine Tendenz der (technisch fortschreitenden) kapitalistischen Wirtschaft, daß der Sach- mittelapparat im Vergleich zu der lebendigen Arbeit, die ihn in Bewegung Achtundzwanzigstes Kapitel: Zur theoretischen Besinnung 475 setzt, immer größer wird, also auch c rascher wächst als v. Somit fällt auch die Nachfrage nach Arbeit. „Da die Nachfrage nach Arbeit nicht durch den Umfang des Gesamtkapitals, sondern durch den seines variablen Bestandteils (v) bestimmt wird, fällt sie also progressiv mit dem Wachstum des Gesamtkapitals . . . Sie fällt relativ zur Größe des Gesamtkapitals und in beschleunigter Progression mit dem Wachstum dieser Größe. Mit dem Wachstum des Gesamtkapitals wächst auch sein variabler Bestandteil oder die ihm einverleibte Arbeitskraft, aber in beständig abnehmender Proportion“. „Kapital“ l 4 ,593. Ygl. auch die oben Seite 312 ff. angeführten Stellen. Was hier von dieser Lehre in Betracht kommt, ist der Schluß: daß infolge dieser Abnahme von v die Kaufkraft der Lohnarbeiterschaft, die durch v (den Lohnfonds) gebildet wird, nicht in gleichem Maße sich vergrößert wie die Produktion steigt; daß also die Lohnarbeiter immer weniger in den Stand gesetzt sind, die Warenmengen, die sie erzeugt haben, zurückzukaufen. Marx drückt das dann so aus, daß er sagt: die modernen Produktivkräfte wachsen den Formen des kapitalistischen Warenaustausches über den Kopf. Und an diesem „inneren Widerspruch“ läßt er die kapitalistische Wirtschaft zugrunde gehen. 3. Stellen wir die Frage so: Ob zunehmende Akkumulation des Kapitals notwendig zur Unterkonsumtion und damit Überproduktion fuhren müsse, so haben die Klassiker mit ihrer verneinenden Antwort zweifellos recht, die Sozialisten also unrecht. Und es ist nur der Trübung des Blickes durch Willensimpulse zuzuschreiben, wenn so kluge Männer wie die genannten, diesen einfachen Tatbestand nicht erfassen konnten, daß in der Tat jede Mehrproduktion — auch und gerade im kapitalistischen Nexus — Mehrnachfrage bedeutet. Wie sehr die Verblendung der Katastrophentheoretiker allein schuld an der ungeheuerlichen Reproduktionstheorie Marxens und vieler Marxisten ist, zeigt das Beispiel der Rosa Luxemburg, die alle diese Streitpunkte auf die äußerste Spitze getrieben hat. „Es ist klar, schreibt sie, wenn man die schrankenlose Akkumulation des Kapitals annimmt, man auch die schrankenlose Lebensfähigkeit des Kapitals bewiesen hat. . . Ist die kapitalistische Produktionsweise imstande, schrankenlos die Steigerung der Produktivkräfte, den ökonomischen Fortschritt zu sichern, dann ist sie unüberwindlich.“ „Der wichtigste objektive Pfeiler der wissenschaftlichen sozialistischen Theorie bricht dann zusammen, die politische Aktion des Sozialismus, der Ideengehalt des proletarischen Klassenkampfes hört auf, ein Reflex ökonomischer Vorgänge, der Sozialismus hört auf, eine historische Notwendigkeit zu sein. Die Beweisführung, die von der Möglichkeit des Kapitalismus ausging, landet bei der Unmöglichkeit des Sozialismus“; a. a. 0. Seite 296. Also: der Kapitalismus muß an „inneren“, das heißt ökonomischen Widersprüchen zugrunde gehen; die Theorie hat die Aufgabe, diese festzustellen. Man beachte übrigens die a.mselig materialistischnaturalistische Begründung des Sozialismus! Wenn der Verbrecher physiologisch gesund ist, ist er kein Verbrecher mehr! 476 Dritter Abschnitt: Der Absatz Das gesamte, im Laufe eines Jahres neu zur Verwendung gelangende Kapital geht in Arbeitslöhnen auf, bildet also um seinen vollen Betrag neue Nachfrage: sei es, daß es den schon beschäftigten Arbeitern, weil sie Zusatzarbeit leisten, zufließt, sei es, daß es (was die Regel ist, wie wir wissen) zur Anwerbung neuer Arbeiter dient. Daß der zur Anschaffung von c (was hier übrigens nicht den sonst bei Marx üblichen Sinn von Sachkapital, sondern den von stehendem Kapital hat) verwandte Betrag nicht auch aus Arbeitslöhnen bestehe, ist eine Täuschung. Läßt der Unternehmer eine Fabrik bauen, kauft er Maschinen, weitet er seine Apparate aus: wie anders könnte er in den Besitz dieser neuen Bestandteile seines fixen Kapitals gelangen, als dadurch, daß andere Arbeiter sie für ihn herstellen ? Und zwar werden der Regel nach während der Produktionsperiode, in der das Kapital zur Verausgabung gelangt, diese Dinge neu hergestellt. Nicht anders als die Unterhaltsmittel der Arbeiter. Daß ein Teil aus einer früheren Produktionsperiode stammt, gilt für stehendes und umlaufendes Kapital in gleichem Maße. Auch die Kleidung, die Wohnung, die Nahrung der Arbeiter, die doch wohl sämtlich auch in der Marxschen Auffassung mit v gekauft werden, stammen zum Teil aus früheren Produktionsperioden. Wir müssen, der Deutlichkeit halber, für beide Bestandteile fingieren, daß sie sämtlich in der laufenden Produktionsperiode hergestellt werden. Dasselbe gilt nun aber auch für den einzigen Fall, der die Richtigkeit der Marxschen Auffassung zu bestätigen scheint: die Reproduktion des vorhandenen stehenden Kapitals. Diese beansprucht in der Tat einen immer größeren Bestandteil des zur Verausgabung gelangenden Jahreskapitals. Und vom Standpunkt des einzelnen Unternehmers aus wächst der auf „Abschreibung“ entfallende Betrag rascher als der Lohnfonds. Vom gesamtwirtschaftlichen Standpunkt aus gesehen, bedeutet aber auch diese „Abschreibung“, das heißt also die Erneuerung des stehenden Kapitals, nur wiederum Verausgabung von Löhnen. Denn wie anders als durch lebendige Arbeit soll die Erneuerung stattfinden ? Der Irrtum von Marx und seinen Nachfolgern besteht darin, daß sie die richtig beobachtete Tatsache einer Abnahme des Lohnfonds (umlaufenden Kapitals) im Verhältnis zum Gesamtkapital mit der Verwendung des neu akkumulierten Kapitals in Verbindung brachten; daß sie die Zusammensetzung des Kapitals im ganzen, wie sie sich ergibt aus der allmählichen Festlegung lebendiger Arbeit in fixem Kapital, Achtundzwanzigstes Kapitel: Zur theoretischen Besinnung 477 gleich stellten mit der Zusammensetzung des Zusatzkapitals einer Wirtschaftsperiode, sage eines Jahres. Dieses, wie gesagt, ist nur Lohnfonds, nur umlaufendes Kapital, seinem absoluten Betrage nach, der nur darum eine immer kleinere Quote des Gesamtkapitals ausmacht, weil zu diesem der Gesamtbetrag des sich stetig vermehrenden festen Kapitals ebenfalls gehört. Diese Abnahme ist aber ohne jede Bedeutung für die jährliche Zusatzsumme, die immer die ganze akkumulierte (und angelegte) Menge umfaßt. Übrigens ist die Marx sehe Reproduktionstheorie schon vollentwickelt bei Ricardo vorhanden: ,,the demand for labour will continue to increase with an increase of Capital, but not in proportion to its increase; the ratio will necessarily be a diminishing ratio.“ Und dazu die Entgegnung auf eine Stelle bei Barton. Siehe Principles Ch. XXXI. Natürlich! Diese Feststellung enthält ja eine Selbstverständlichkeit. Aber sie ändert nichts an der entscheidenden Tatsache, daß alles Neukapital zunächst einmal Lohnfonds ist. Also das Ergebnis für die Lösung des hier in Frage stehenden Problems ist dieses: Aus der fortschreitenden Akkumulation — das heißt Ausweitung der Produktion, heißt erweiterte Reproduktion — können dem Kapitalismus niemals Absatzschwierigkeiten erwachsen, da er das Gegengift immer bei sich hat: so viel Ausdehnung, so viel neue Nachfrage. Die Sismondischen und Rodbertusschen Ausführungen bedürfen keiner ausdrücklichen Widerlegung, da sie von einer unverrückbaren Größe des Arbeitslohns und zudem von einem stationären Zustande der Wirtschaft ausgehen. Aber mit dieser Feststellung kann sich eine Theorie der Absatzwege noch nicht begnügen. Ist es sicher falsch, aus fortschreitender Akkumulation im Wesen des Kapitalismus gelegene Schwierigkeiten der Absatzbildung abzuleiten, so ist noch nicht erwiesen, daß dem Kapitalismus solche Schwierigkeiten nicht von anderswo her erwachsen. Das ist denn auch in der Tat der Fall. Zunächst liegt für den Kapitalismus eine Gefahr in der Möglichkeit, daß potentielles Kapital nicht in aktuelles verwandelt, also nicht investiert wird. Die Gefahr besteht also gerade in der Nicht- akkumulation. In den meisten Fällen tritt aber auch dann keine Verringerung der Nachfrage auf, weil die anders als zur Bezahlung von Lohnarbeitern verwandten Summen doch nicht als Kaufkraft verschwinden. So, wenn der Unternehmer einen Teil seines Kapitals zum Ankauf des Grund und Bodens verwendet, also Grundrente bezahlt. So wenn der Sparer öffentliche Anleihen kauft. Immer wird nach 478 Dritter Abschnitt: Der Absatz kurzer Zeit der für diese Zwecke verausgabte Betrag als Kaufkraft wieder erscheinen. Nur zwei Fälle sind denkbar, in denen potentielles Kapital für den Warenmarkt als Kaufkraft ausscheidet: wenn der Geldbetrag in natura thesauriert und wenn er in dem Rachen des Börsenmolochs verschwindet: Geldbeträge, die sich spekulierend an der Börse herumtreiben, sind allerdings als nützliche Glieder der kapitalistischen Wirtschaft verloren, kommen als Lohnfonds nicht mehr in Betracht. Man wird aber sagen müssen, daß diese Gefahren nicht im Wesen der kapitalistischen Wirtschaft begründet sind, also für eine Theorie der Absatzwege bedeutungslos sind. Dasselbe gilt von dem andern Gefahrenkomplex, der dem Kapitalismus droht. Eine — praktisch höchst wichtige — Erschwerung seines Absatzes erwächst diesem nämlich aus der Möglichkeit, daß die fertigen Erzeugnisse nicht verkauft werden, es also zu keiner Verwertung des angelegten Kapitals, somit zu keiner Mehrwertbildung, somit zu keiner Akkumulation kommt. Dieser Fall tritt unter folgenden Bedingungen ein: (1.) Wenn die Preissumme der Einkommensgüter höher ist als Lohn plus Mehrwert. Das kann eintreten, wenn bei steigender Produktivität der Arbeit die Preisbildung noch unter dem Einfluß der früheren Produktionsbedingungen erfolgt; (2.) wenn eine Disproportionalität der Produktion eintritt infolge der Steigerung der Produktivität und damit — bei gleichbleibender Arbeiterzahl — der Produktion in einem Produktionszweige: das war der Fall in der englischen Baumwollindustrie von 1815 bis 1840, den Sismondi vor Augen sah; (3.) wenn eine Disproportionalität der Produktion eintritt infolge der Übersetzung eines Produktionszweiges mit Arbeitern und dementsprechender Überproduktion in diesem einen Produktionszweige: das ist der Fall der Expansionskonjunktur, den wir später noch genauer untersuchen werden: siehe das 35. Kapitel. Aber haben die Say-Ricardo darum mit ihrer Theorie des de- bouches unrecht? Nein. Wenn wir uns auch ihre Beweisführung, mit der sie diese Möglichkeit der Absatzstockung aus der Welt zu schaffen wußten, nicht zu eigen machen können. (Siehe das XXI. Kapitel der Ricardoschen Principles). Es genügt, wie ich schon sagte, der Hinweis auf die Tatsache, daß alle die aufgezählten Schwierigkeiten der Verwertung der fertigen Er- Achtundzwanzigstes Kapitel: Zur theoretischen Besinnung 479 Zeugnisse nicht im Wesen dei; kapitalistischen Wirtschaft begründet, somit vermeidbar sind, also bei der Aufstellung einer Theorie weggedacht werden — nicht nur können, sondern — müssen. Was aber ergibt sich aus diesen Feststellungen als unsere Aufgabe, wenn wir die Frage nach der geschichtlichen Gestaltung der Absatzverhältnisse im Zeitalter des Hochkapitalismus zu beantworten unternehmen ? III. Nutzanwendung Die eben gemachten Ausführungen lehren uns wieder einmal, wie wichtig es ist, zwischen Theorie und Empirie scharf zu unterscheiden, und daß aus der unzulässigen Vermengung beider Betrachtungsweisen sich Unklarheiten über Unklarheiten ergeben. Theoretisch vollzieht sich der Akkumulationsprozeß, also die erweiterte Reproduktion des Kapitals und somit auch sein Kreislauf auch bei wachsender Produktion, durchaus ohne Hemmung. Empirisch begegnet dieser Vorgang zahlreichen Schwierigkeiten, die nicht durch die Akkumulation als solche, sondern durch (theoretisch zufällige) Hemmungen beim Verwertungsprozeß entstehen. Muß der Kapitalismus alle seine Waren an Mehrwertbezieher und Lohnempfänger absetzen, so ergeben sich immer wieder von neuem Stockungen, weil die Anpassung der Nachfrage an die vermehrte Produktion immer wieder unterbrochen wird. Praktisch ist für den Absatz der Erzeugnisse der Umstand ebenso verhängnisvoll, daß er von Zeit zu Zeit — vorübergehend — gestört wird, als es eine dauernde Unmöglichkeit, die Mehrproduktion unterzubringen, sein würde. Es ist dem Patienten am Ende gleichgültig, daß der Arzt ihm versichert, seiner Konstitution entspreche eine regelmäßige Verdauung, wenn er doch immer wieder an Obstipation zu leiden hat. Er wird sich dann nicht auf seine gute Konstitution verlassen, sondern wird alles mögliche tun, um das immer wieder drohende Leiden nach Möglichkeit zu vermindern oder, wenn es bereits eingetreten ist, so rasch wie möglich zu beseitigen. Unbildlich gesprochen: es ist begreiflich, daß der Kapitalismus, statt auf die Anpassung der Nachfrage innerhalb seiner eigenen Wirtschaft zu warten, seinen Absatz auszudehnen versucht hat, wohin immer es ihm möglich war. Das war aber möglich, wenn er sich an diejenigen Abnehmer wandte, die in der russischen Literatur als die „dritten Personen“ bezeichnet werden, das heißt an Käufer, die nicht Mehrwertbezieher und nicht Lohnempfänger sind, und die sich sowohl im eigenen 480 Dritter Abschnitt: Der Absatz Lande wie auswärts finden lassen. Wir.können sie — vom Standpunkt des Kapitalismus aus — als exogene Nachfrage bezeichnen und sie der aus den Reihen des Kapitalismus selbst hervorgehenden endogenen Nachfrage gegenüberstellen. Wollen wir hier schon den Begriff des Marktes verwenden, der dann in der äußerlichen Bedeutung als Absatzgebiet zu fassen wäre, so können wir einen innern und einen äußern Markt im kapitalistischen Sinne unterscheiden, indem wir uns gegenwärtig halten, daß diese Unterscheidung keine räumliche, sondern eine sachliche ist: der innere Markt kann auch im Auslande, der äußere auch im Inlande liegen. Es ist nun gewiß eine richtig beobachtete Tatsache, daß der Kapitalismus in seiner Hochepoche sich mit allen Kräften die Ausweitung des äußeren Marktes hat angelegen sein lassen. Und die Marxisten, vor allem die Luxemburg, haben viel wertvolles Material beigebracht, um dieses Streben des Kapitalismus nach Erweiterung seines äußeren Marktes ersichtlich zu machen. Die Ausdehnung kann auf zwei verschiedene Weisen erfolgen: durch Absatz von Konsumgütern über den Bedarf der Arbeiter und Kapitalisten hinaus: das ist der Fall bei der englischen Baumwollindustrie, die an das Bauern- und Kleinbürgertum der ganzen Erde ihre Erzeugnisse abgesetzt hat. Oder die Ausdehnung erfolgt durch Lieferung von Produktionsmitteln: der Fall der Eisenindustrie, die in den Kolonialländern die Eisenbahnen gebaut hat oder der deutschen chemischen Industrie, die ein Fünftel ihrer Produktion an künstlichem Indigo an Länder wie China, Japan oder Britischindien absetzt. Man muß das nur nicht als eine notwendige Maßnahme, die aus dem Wesen der Kapitalakkumulation folgt, ansehen und meinen: „das Schema der erweiterten Reproduktion (weist) in allen seinen Beziehungen über sich selbst hinaus auf Verhältnisse, die außerhalb der kapitalistischen Produktion und Akkumulation liegen“; die Realisierung des Mehrwertes fordere als erste Bedingung einen Kreis von Abnehmern außerhalb der kapitalistischen Gesellschaft; der Mehrwert könne weder durch Arbeiter noch durch Kapitalisten realisiert werden, sondern nur durch Gesellschaftsschichten oder Gesellschaften, die selbst nicht kapitalistisch produzieren (Luxemburg, a. a. 0. S. 322 u. ö.). Das eben ist falsch, wie wir gesehen haben: gerade das Schema der erweiterten Reproduktion weist nicht auf den äußeren Markt hin, wohl aber war es ein lebhaftes Interesse des Kapitalismus, das in empirischen Zufälligkeiten begründet war, die exogene Nachfrage nach Möglichkeit zu vermehren. Gleichzeitig entwickelte sich, Achtundzwanzigstes Kapitel: Zur theoretischen Besinnung 481 was die orthodoxen Marxisten ebenfalls nicht sehen, der innere Markt des Kapitalismus, so daß dieser mit zwei Pferden fahren konnte: er hat das Absatzproblem dadurch gelöst, daß er sowohl den innern als den äußern Markt zur möglichst reichen Entwicklung zu bringen suchte. Somit ergibt sich für die folgende Darstellung eine doppelte Aufgabe: wir haben die Entwicklung der exogenen und der endogenen Nachfrage getrennt zu verfolgen. Der Lösung dieser Aufgabe unterziehen sich die beiden nächsten Kapitel. Sombart, Hochkapitalismns. 31 482 Neunundzwanzigstes Kapitel Die exogene Nachfrage Ich beginne meine Darstellung mit der Übersicht über die Ursprünge der exogenen Nachfrage, nicht, weil es die wichtigere, sondern weil es die ältere von beiden ist. Wie meine Ausführungen im ersten und zweiten Bande ergeben haben, ist der Absatz der kapitalistisch erzeugten Waren während der ganzen Epoche des Frühkapitalismus im wesentlichen ein Absatz an außerkapitalistische Käufer gewesen. Dieser setzt sich nun in der hochkapitalistischen Zeit fort. Und zwar sind es zunächst dieselben Abnehmer, die auch jetzt noch als Nachfrage in Betracht kommen. I. Die alten Käuferschichten 1. Zu den exogenen Käufern, die von jeher eine große Rolle bei der Genesis des Kapitalismus gespielt haben, gehören in erster Linie die Reichen, deren Reichtum nicht selbst kapitalistisches Gepräge trägt, also nicht Kapitalbesitz ist. Das sind zunächst einmal alle Großgrundbesitzer, wie immer auch sie ihren Grundbesitz mögen erworben haben. Selbstverständlich nur als Großgrundbesitzer, nicht auch als kapitalistische Unternehmer, wenn sie etwa selbst Landwirtschaft auf ihren Gütern betreiben. Ob es sich um städtischen, ob um ländlichen Grundbesitz handelt, bleibt sich gleich. Ebenso, ob es altererbter oder neugewonnener Grundbesitz ist. Auch der neuerworbene Grundbesitz scheidet aus dem kapitalistischen Nexus aus und seine Inhaber erscheinen, wann und wo auch immer, als exogene Nachfrage für die kapitalistische Wirtschaft, selbst dann, wenn ihr Einkommen aus dem in dieser erzeugten Mehrwert stammt. Der Einkommensbetrag, um den es sich hier handelt und der ungefähr gleichbedeutend mit der Grundrente ist, ist noch heute sehr bedeutend. Wir können ihn am besten in Großbritannien erfassen, wo er durch die Einkommensteuer besonders besteuert wird. Es ist diejenige Einkommenssumme, die den Steuerpflichtigen der Schedule A zufließt: „from the ownership of Lands, Houses“ „etc.“ (?) Diese betrug Neunundzwanzigstes Kapitel: Die exogene Nachfrage 483 im Jahre 1913/14 £ 175661668 und machte 18% der gesamten von der Einkommensteuer erfaßten Einkommenssumme (£ 951040487) aus. Dazu kommt die Haute Finance (Hochfinanz), die ebenfalls als solche nichts mit dem kapitalistischen Wirtschaftssystem zu tun hat, wenn wir darunter Agioteure, Spekulanten, Publikaner verstehen. Derart Leute hat es längst gegeben, ehe es Kapitalismus gab, und gibt es, wo es diesen nicht gibt. Ihr Einkommen ist kein Kapitalprofit und kann, braucht aber nicht aus diesem zu stammen. Die Nachfrage, die sie mit ihrem Einkommen schaffen, ist also für den Kapitalismus ebenfalls exogenen Ursprungs. Daß sich heutzutage die Hochfinanz vielfach in Personalunion mit dem kapitalistischen Unternehmertum befindet und ihr Vermögen zum großen Teil Kapitalform angenommen hat, so daß ihr Einkommen aus diesem als Kapitalprofit erscheint, ändert nichts an der Tatsache, daß ihr spezifisches Einkommen aus Agiotage, Spekulation und PublikanenWirtschaft kein kapitalistisches Einkommen ist. Bestes Mittel, sich die beiden genannten Gruppen als exogene Nachfrage vorzustellen: man kann sie wegdenken, ohne die kapitalistische Wirtschaft zu gefährden. 2. Die andere Gruppe außerkapitalistischer Abnehmer, die von jeher einen wesentlichen Teil der Nachfrage nach kapitalistischen Erzeugnissen gebildet haben, sind die öffentlichen Körper. Sie erlangen Kaufkraft, wie bekannt, durch Erhebung von Steuern und Aufnahme von Anleihen. Der Vorgang, der sich dabei abspielt, wenn die öffentlichen Körper in einer der beiden Richtungen sich betätigt haben und daraufhin, nach Vereinnahmung der Steuer- und Anleihebeträge, als Käufer auf dem Markte erscheinen, ist dieser: sie haben (wenigstens vorübergehend) die Kapitalakkumulation pro tanto verhindert und damit die endogene Nachfrage in eine exogene verwandelt. Statt daß — im Wege der Akkumulation — die entsprechenden Beträge den Lohnarbeitern zugeflossen wären, sind sie in die Hände der Staats- und Gemeindeverwaltungen gelangt und erscheinen nun in der Form von Beamtengehältern als Nachfrage nach Konsumtionsmitteln, in der Gestalt von Bestellungen auf Kriegsbedarf, Schiffe, Bauten usw. als Nachfrage nach Produktionsmitteln — ohne (das ist das Entscheidende) mit dem Nachfrageakte gleichzeitig (wie im andern Falle) einen Produktionsakt zu verbinden. Dadurch wirken sie offenbar laxierend auf die kapitalistische Wirt- 31* 484 Dritter Abschnitt: Der Absatz Schaft. Und wir müssen diese Form der Marktbildung als eine wesentliche Förderung des Absatzes kapitalistischer Waren ansehen. Die Nachfrage der öffentlichen Körper ist nun zweifellos eine stetig und rascher als die Produktion wachsende. Man hat sogar ein „Gesetz der wachsenden Ausdehnung der öffentlichen bzw. der Staatstätigkeiten“ aufs teilen zu sollen gemeint. So Adolph Wagner, der ein besonderes Kapitel seiner „Grundlegung“ (das dritte des sechsten Buches) also überschreibt. Sieht man von der mißbräuchlichen Verwendung des Begriffes „Gesetz“ ab, so bleibt die richtige Beobachtung übrig, daß sich in der kapitalistischen Epoche eine Tendenz zu jener Ausdehnung in der Tat nachweisen läßt. Was Adolph Wagner darüber bemerkt hat, ist grundlegend und abschließend und mag hier im Auszuge mitgeteilt werden, um es der Vergessenheit zu entreißen. „Geschichtliche (zeitliche) und räumliche, verschiedene Länder umfassende Vergleiche zeigen, daß bei fortschreitenden Kulturvölkern, mit denen wir es hier allein zu tun haben [gemeint sind: die Länder mit kapitalistischer Kultur; W. S.] regelmäßig eine Ausdehnung der Staatstätigkeiten und der gesamten öffentlichen, durch die Selbstverwaltungskörper neben dem Staate ausgeführte Tätigkeit erfolgt. Dies offenbart sich in extensiver und intensiver Hinsicht: der Staat und diese Körper übernehmen immer mehr Tätigkeiten, und sie führen die alten und neuen Tätigkeiten immer reichlicher und vollkommener aus. Es werden auf diese Weise immer mehr wirtschaftliche Bedürfnisse der Bevölkerung, namentlich Gemeinbedürfnisse, zugleich stets besser durch den Staat und jene Körper befriedigt. Der deutliche Beweis dafür liegt ziffernmäßig in der Steigerung des finanziellen Staats- und Kommunalbedarfs vor. [Siehe die Ziffern auf Seite 486 f.; W. S.] ... Die Ausdehnung der öffentlichen Tätigkeiten zeigt sich auf dem Gebiete beider Staatszwecke [nämlich des Rechts- und Macht- und des Kultur- und Wohlfahrtszweckes; W. S.j. Produktionstechnische Gründe führen dabei immer mehr zu einer gesteigerten Tätigkeit des Staats, der Gemeinde usw. selbst in der Sphäre der materiellen und Individualbedürfnisse ... Die inneren Gründe für diese Ausdehnung der Staatsund der zwangsgemeinwirtschaftlichen oder „öffentlichen“ Tätigkeiten überhaupt lassen sich zum Teil aus dem erfahrungsmäßig feststehenden Wesen des Staats, der Gemeinde bei fortschreitenden Kulturvölkern [siehe oben; W. S.] (a priori) ableiten, zum Teil ergeben sie sich induktiv aus den einzelnen Tatsachen, in welchen die Ausdehnung jener Tätig- Neunundzwanzigstes Kapitel: Die exogene Nachfrage 485 keiten hervortritt. Ihre Kenntnis berechtigt uns, von einem (volkswirtschaftlichen) Gesetz [siehe oben; W. S.] der wachsenden Ausdehnung der öffentlichen und speziell der Staatstätigkeiten zu sprechen, ein Gesetz, welches für die Finanzwirtschaft als Gesetz des wachsenden öffentlichen Finanzbedarfs des Staates und der Selbstverwaltungskörper zu formulieren ist... Die Ausdehnung der Staatsleistungen auf dem Gebiete des Recht- und Machtzweckes zeigt sich einmal in der Ersetzung anderer Tätigkeiten durch diejenige des Staats, sodann in vermehrter Staatstätigkeit wegen neuer Bedürfnisse. Im wachsenden Finanzbedarf liegt die Wirkung dieser Entwicklung und der Beleg dafür. Ihre Erklärung und Begründung finden diese Vorgänge auf folgende Weise: A. Ersetzung von Privat- und sonstiger gemeinwirtschaftlicher durch Staatstätigkeit bei gleichbleibendem Bedürfnisstand. Es wird immer mehr Prinzip, die bezüglichen Leistungen allein dem Staat zu übertragen und sie nur in einzelnen Fällen in seinem Aufträge und unter seiner Kontrolle von andern Gemeinwirtschaften oder Einzelnen ausüben zu lassen . .. B. Auftreten neuer Bedürfnisse, welche vermehrte Staatstätigkeit nötig oder zweckmäßig macht. Dasselbe pflegt in größerem Umfange zu erfolgen als Wegfall von solchen Bedürfnissen einer niedrigeren Entwicklungsstufe auf einer höheren. . . Die Ausdehnung der Staatstätigkeiten auf dem Gebiete des Kultur- und Wohlfahrtszweckes ... ist (auch) im großen und ganzen bei fortschreitenden Völkern eine ebenso regelmäßige, wenn auch im einzelnen hier mehr Änderungen auf diesem Gebiete, daher mitunter auch wieder Einschränkungen öfters Vorkommen und die zeitlichen und örtlichen Verschiedenheiten bedeutende sind . . . Die Ausdehnung erfolgt 1. auf dem Gebiete der Sachgüterproduktion; 2. auf andern Kulturgebieten. Auf diesen tritt die Tendenz einer extensiven und intensiven Steigerung der Staatstätigkeiten vollends unzweifelhaft hervor. (1) Eine äußere Ausdehnung erfolgt in großem Umfange auf eine doppelte Weise: es werden bisherige Tätigkeiten der Privatwirtschaften oder anderer Gemeinwirtschaften vom Staate übernommen, und es entstehen ganz neue Bedürfnisse, für welche der Staat allein oder vorzugsweise die Fürsorge trägt. So nimmt die zwangsgemein wirtschaftliche Bedürfnisbefriedigung durch die Vermittlung des Staats absolut und oft auch relativ in der Volkswirtschaft zu . . . Die Ausdehnung der 486 Dritter Abschnitt: Der Absatz Staatstätigkeit hängt auch öfters mit dem Bedürfnis nach höheren, vollkommeneren, feineren Leistungen zusammen, als sie Private und andere Gemeinwirtschaften liefern können . .. (2) Eine intensive Steigerung der Staatstätigkeiten auf diesem Gebiete liegt noch mehr in der notwendigen Entwicklung auf der einmal betretenen Bahn als die äußere Ausdehnung jener Tätigkeiten. Denn der Zivilisierungsprozeß bewirkt immer steigende Anforderungen hinsichtlich der Befriedigung der bezüglichen Gemein- und Kulturbedürfnisse: dieselben müssen allgemeiner, reichlicher, vollkommener befriedigt, leichter zugänglich, die Befriedigung dem einzelnen wohlfeiler, wenn nicht unentgeltlich möglich werden.“ Mit Bezug auf die Lebensstellung und Lebenshaltung der lohn- arbeitenden Schichten hat diese Gedanken K. Renner in seinem Buche: „Marxismus und Internationale“ (2. Aufl. 1918) S. 44ff. ausgeführt. Renner unterscheidet Kollektiv- und Individuallohn und behauptet, „daß das, was der einzelne Arbeiter seinen Lohn nennt, der größte Teil, aber nicht das Ganze seines Lohnes ist. Die Entwicklung geht dahin, einen immer größeren Teil des Lohnes zu kollektivieren, damit die gemeinsamen Erhaltungs- und Nachzuchtkosten der Klasse von den individuellen Erhaltungskosten zu scheiden und nur die letzte direkt zur Auszahlung zu bringen. Die Lage der Arbeiterklasse ist darum nicht mehr erschöpfend geschildert durch die Lohnziffern; immer gewichtiger werden für sie die öffentlichen Anstalten, die Versicherung, die Schulen, aber auch die Gemeinde- und Staatseinrichtungen. Der Arbeiter führt heute nur zum Teil das Leben eines privaten und individuellen Produktionsagenten, zum andern Teil ist er Subjekt und Objekt öffentlicher Anstalten, die auf sein Schicksal bestimmend, oft entscheidend wirken. Der Sozialisierungsprozeß fügt ihn dem Staate als Glied ein und diese Gliedschaft ist ganz real wie sein Krankenkassenbeitrag und wie der Schulbesuch seiner Kinder.“ Das heißt also: wachsende exogene Nachfrage. Die Ausgaben der öffentlichen Körper sind zwar nicht rascher als der Reichtum, aber doch rascher als dieBevölkerung in allen Ländern gewachsen, wie ein paar Ziffern ersichtlich machen mögen. Deutsches Reich: Gesamtausgaben des ordentlichen Etats Bevölkerung 1876 . . . . 770 Milk Mark 42,5 Millionen 1890 . • ■ • 1257 „ 49,2 1913 . . . . 3403 „ |„ 66,9 Neunundzwanzigstes Kapitel: Die exogene Nachfrage 487 Die Bevölkerung stieg in dem Zeitraum von 1875 bis 1913 um 57%, die Beichsausgaben um 342%. (Besonderer Fall aus budgettechnischen Gründen.) Königreich Preußen: Ausgaben Bevölkerung 1846 . 282 Mill. Mark 16,1 Millionen 1865 . 507 „ „ 19,3 1884 . 993 „ „ 28,1 1891/92 1721 „ „ 30,3 1900 . 2688 „ „ 34,5 1910.4195 „ „ 40,1 Die Ausgaben steigen von 1846 bis 1891/92 um 510%, von 1891/92 bis 1910 um 143%, die Bevölkerung steigt um bezw. 88% und 32% in diesen beiden Zeiträumen. Quelle: die statistischen Jahrbücher. Frankreich: Ausgaben Bevölkerung 1816/28 (durchschnittlich) 960 Mill. Fr. 30,0 Millionen (1810) 1840/48 „ . 1432 „ „ 33,4 „ (1840) 1862. 1970 „ „ 35,7 „ (1860) 1893 . 3291 „ „ 38,3 ., (1890) 1913. 4665 ., „ 39,2 „ (1910) Die Ausgaben steigen während eines Jahrhunderts um 386%; die Bevölkerung steigt während desselben Zeitraums um 31%. Quelle: wie oben. Nach einer Schätzung Kolbs für die Jahre 1786 und 1880, mitgeteilt bei Th. v. Eheberg, Finanzwissenschaft (1920), § 23, einerseits, nach der Zusammenstellung bei Sundbärg für die Jahre 1907/08 andererseits betrugen die Einnahmen (1786, 1880) bzw. Ausgaben 1907 (1907—1908) sämtlicher europäischen Staaten sowie deren Bevölkerung: Auf den Kopf der Einnahme (Ausgabe) Bevölkerung 1786 . . . 2550 Mill. Fr. 167 Mill. 15 1880 . . .15000 „ ,, 313 „ 47 1907/08 34389 „ 434 „ 79 Bevölkerung Fr. Selbst in einem Koloniallande wie den Vereinigten Staaten von Amerika eilen die öffentlichen Ausgaben deren Bevölkerungszuwachs voraus: öffentliche Ausgaben Bevölkerung 1850 . 60 23 1880 . 267 50 1890 . 318 63 1900 . 520 76 1912 . 689 95 In dem Zeitraum von 1850 bis 1912 wuchsen die Bevölkerung um 313, die Ausgaben um 1048%, zwischen 1880 und 1912 die Bevölkerung um 90, die Ausgaben um 159%. Nach dem Stat.-Abstr. U. S. 488 Dritter Abschnitt: Der Absatz 3. Seit seinen Anfängen hatte der Kapitalismus sich eifrig darum bemüht, seine Erzeugnisse bei den außereuropäischen Völkerschaften, nennen wir sie die Exoten, unterzubringen. Ich habe ausführlich im ersten und zweiten Bande geschildert, welcher zum Teil recht gewaltsamen Mittel er sich bediente, um den Naturvölkern sowohl als den Völkern fremder Zivilisation, also den Afrikanern und Altamerikanern und Asiaten, die oft gar nicht begehrten europäischen Schundwaren aufzudrängen; wie es ihm aber gelang, den Absatz in jene Länder beträchtlich auszuweiten. Mit dem Eintritt in das Zeitalter des Hochkapitalismus hörten jene Bemühungen nicht auf und blieben weitere Erfolge nicht aus. Es kam vor allem die Lieferung von Produktionsmitteln hinzu. Die Methoden waren auch im 19. Jahrhundert teilweise noch recht brutale. Das Schulbeispiel rücksichtslosen, ja grausamen Vorgehens im Interesse des kapitalistischen Ausfuhrlandes ist das bekannte Verhalten Englands gegenüber der ostindischen Textilindustrie. Diese stand bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts in hoher Blüte und führte selbst ihre kostbaren Erzeugnisse nach Europa aus. Den Schund der englischen Baumwollindustrie bedurfte Indien nicht und wollte ihn nicht. Aber Indien sollte ein Markt für die englischen „Cotton goods“ werden, zumal als seit den europäischen Kriegen England mit ihnen überfüllt zu werden anfing. Da setzte man eine Untersuchungskommission ein, die die Frage prüfen sollte: wie den englischen Baumwollwaren ein Absatzgebiet in Indien eröffnet werden könne. Die Kommission kam zu dem Ergebnis: um das erstrebte Ziel zu erreichen, muß die ostindische Textilindustrie zerstört werden. Die Regierung machte sich die Ansicht der Kommission zu eigen, und nun beginnt ein Verwüstungsfeldzug gegen die verhaßte Rivalin: durch Zoll- und Steuermaßregeln gelingt es, sie zur Strecke zur bringen. Die indischen Weber verhungerten. „Das Elend findet kaum eine Parallele in der Geschichte des Handels. Die Knochen der Baumwollweber bleichen die Ebene von Indien.“ So schreibt der Generalgouverneur in einem Bericht aus dem Jahre 1834/35, den Marx Kapital“ 1 4 , 397) anführt. Aber das Ziel war erreicht: der englische Kattun füllte die Lücke aus, die die dahinsiechende einheimische Industrie ließ: die Ausfuhr englischer Baumwoll- gewebe nach Ostindien stieg von Jahr zu Jahr: ihr Anteil an der Gesamtausfuhr aus Großbritannien betrug: 1820 .... 6% 1840 .... 18% .1830 .... 13% 1850 .... 25% Neunundzwanzigstes Kapitel: Die exogene Nachfrage 489 Ellison, Cotton Trade [1886], 64. Vgl. etwa noch Romesh Dutt, The Economic History of India under British Rule. 3. ed. 1908. Ch. XVI. In anderen Fällen erreicht man seinen Zweck, der europäischen Ware Eingang in den exotischen Ländern zn verschaffen, wohl auf weniger schmerzhafte Weise. Man „weckt“ den Bedarf und nutzt Unerfahrenheit, Leichtsinn, Lasterhaftigkeit der Bevölkerung (Opium! Branntwein! Pulver!) aus, um seine Erzeugnisse los zu werden. Ein Verfahren endlich, den Absatz in den exotischen Ländern auszuweiten, das immer beliebter geworden ist, verdankt der Technik des modernen Kreditverkehrs seine Entstehung. Es besteht darin, daß durch Übertragung von Werten in Gestalt von Kapitalanlagen oder Anleihen in ein Land dieses zur Steigerung seiner Wareneinfuhr aus dem Gläubigerstaate angereizt wird. Es ist zwar theoretisch möglich, kommt auch in Wirklichkeit nicht selten vor, daß eine „Kapitalwanderung“, wie man ungenau jene Wertübertragungen nennt, ohne Warenverschiebung stattfindet: die Kaufkraft im eigenen Lande kann durch Auslandskredite angeregt werden, ohne daß fremde Waren eingeführt werden, auch ist die Übertragung von Bargeld (Gold) ein gar nicht unwesentlicher Fall, der z. B. eintritt, wenn eine Anleihe im Auslande aufgenommen wird, um die einheimische Währung zu verbessern. Als Regel darf jedoch angenommen werden, zumal im Verkehr zwischen Ländern mit hoher kapitalistischer Kultur und ökonomisch rückständigen Ländern und früher noch häufiger als jetzt, daß mit der Übertragung der Wertsumme aus einem Lande in das andere, sei es in Gestalt von Kapital, sei es als Rentenfonds, eine Warenausfuhr in das aufnehmende Land verbunden ist. Dieser Zusammenhang zwischen „Kapital“-Ausfuhr und Waren- ausfuhr tritt nur besonders deutlich in die Erscheinung, wenn an die Gewährung von Anleihen, die öffentliche Körper oder private Gesellschaften in Europa aufzunehmen veranlaßt sind, die Bedingung geknüpft ist, für den ganzen oder einen sehr großen Betrag der Anleihe Bestellungen in dem Lande zu machen, das das Geld leiht. Der Zwang besteht dann für das borgende Land nur darin, daß es sich genötigt sieht, die Bestellungen, die es zu machen beabsichtigt, dem darleihenden Lande zukommen zu lassen: in irgendeinem kapitalistischen Lande würde sie diese auf jeden Fall gemacht haben, wenn das eigene Land noch keine Industrie, die ihm die notwendigen Produktionsmittel zur 490 Dritter Abschnitt: Der Absatz Anlage von Fabriken, Kanälen, Eisenbahnen liefern könnte, besitzt. Und auf diese Anlage zielt man doch bei den meisten Anleihen ab. Vor allem sind es die Eisenbahnen, die auf der ganzen Erde (einschließlich Amerika) mit europäischem „Kapital“, das heißt aber im wesentlichen mit europäischen Industrieerzeugnissen erbaut worden sind. Durch den Geldschleier' hindurch auf den Sachverhalt gesehen, ist der Vorgang, um den es sich hier handelt,dieser: Deutsche (englische, französische usw.) Sparer stellen deutsche (w. o.) Einkommensbeträge zur Verfügung. Damit werden deutsche (w. o.) Arbeiter bezahlt, um Fabrikate herzustellen, die dem Schuldnerlande leihweise überlassen werden. Dieses hat diese Beträge zu „verzinsen“, das heißt ratenweise zu erstatten aus seinem Nationaleinkommen, aus dem es die Zinsen für seine Anleihe oder die Dividende auf das Kapital bezahlt. Was bedeuten nun aber diese „Kapitalwanderungen“, die zu einer „Internationalisierung des Kapitals“ geführt haben, für die Entwicklung des Kapitalismus? Eigentlich gar nichts, wenn wir etwa nach einer besonderen, „spezifischen“ Bedeutung Ausschau halten. Weshalb ich sie auch bei der Erörterung des Problems der Kapitalbeschaffung gar nicht erwähnt habe. Denn wir müssen uns doch klar darüber sein, daß für die Gesamterscheinung „Kapitalismus“ die Grenzen der Staaten und auch der Volkswirtschaften keine Rolle spielen. Für die Entfaltung des Kapitalismus als solchem ist es ganz gleichgültig, ob eine Automobilfabrik in Italien mit deutschem oder englischem oder italienischem Kapital errichtet wird, und gewiß noch mehr, ob der argentinische Staat eine Anleihe in London oder Paris oder Buenos Aires unterbringt. Immerhin sind die Kapitalwanderungen für den Kapitalismus zu einem nicht unwesentlichen Mittel für seine kräftige Entwicklung geworden, was wir einsehen werden, wenn wir etwa folgende Betrachtungen anstellen. (1) Soweit es sich um Kapitalanlagen im eigentlichen Sinne handelt, hat das Kapital, das ins Ausland und vor allem natürlich in kapitalistisch noch nicht allzu durchgearbeitete Gebiete ging, von dem reicheren Bestände an Arbeitskräften und von der Billigkeit dieser Arbeitskräfte Nutzen gezogen, den es in jenen Ländern vorfand: der Betätigungsbereich ist extensiv wie intensiv ausgeweitet worden. (2) Soweit das im Auslande angelegte Kapital in Gestalt von Produktionsmitteln auswanderte, hat die Gesamtproduktion das Maß von Proportionalität erreicht, das ihm bei einer Beschränkung auf das eigene Neunundzwanzigstes Kapitel: Die exogene Nachfrage 491 Land nicht beschieden gewesen wäre, und hat dadurch eine „Überproduktion“ an bestimmten Gütern aufgehalten, die sonst unvermeidlich eingetreten wäre. Man denke an die Erleichterungen, die die westeuropäische Montanindustrie durch den Bau von Eisenbahnen auf der ganzen Erde erfahren hat! (3) Soweit die überwiesenen Wertbeträge sich nicht in Kapital verwandelten, wie bei einem erheblichen Teile der Anleihen, und nur benutzt wurden, um kapitalistisch hergestellte Waren zu beziehen, wie etwa bei der Ausstattung der Heere, ist um den Betrag der Leihsumme tatsächlich exogene Nachfrage geschaffen worden, um deret- willen ich dieses Vorganges an dieser Stelle Erwähnung getan habe. Um welche Beträge es sich dabei handelte, wird die folgende Übersicht erkennen lassen. Die Internationalisierung des Kapitals 1. Allgemeine Ziffern: Im Jahre 1914 schätzte man die Anlagen im Auslande bei den drei wichtigsten Gläubigerländern auf folgende Beträge: Großbritannien . . 70 Milliarden Mark Frankreich .... 36 ,, ,, Deutschland ... 24 „ „ Während der letzten Jahre vor dem Kriege legten in ihren Kolonien und im Auslande jährlich an: Großbritannien . . . 2000—4000 Millionen Mark Frankreich. 1600'—2000 „ „ Deutschland. 800—1200 ,, „ Über die Entwicklung der Auslandsanlagen der einzelnen Länder unterrichten folgende Ziffern, die erkennen lassen, daß der Anteil der Auslandsanlagen in den verschiedenen Staaten verschieden war: Großbritannien wird mehr und mehr ein Bentnerstaat und verwendet sein Kapital in wachsendem Umfange im Auslande, in Frankreich bleibt der Anteil der auswärtigen Kapitalanlagen, der immer schon hoch gewesen war, seit den 1870er Jahren ziemlich unverändert, während er in Deutschland, dem kapitalistisch tatkräftigsten Lande Europas, sinkt. Großbritannien: Jahr 1875 1885 1895 1905 1909 In Großbritannien angelegtes Kapital 8735 9063 11009 11654 Im Auslande Gesamtkapital angelegtes Kapital — 8545 1302 10037 1600 10663 2025 13036 (4?) 2332 13986 Bei C. K. Hobson, 1. r. pag. 207. 492 Dritter Abschnitt: Der Absatz Die starke Zunahme der Auslandsanlagen zehnts macht folgende Tabelle ersichtlich: In 1000 £ betrugen: während des letzten Jahr- Jahr Inlandsanlagen Auslandsai 1900 100121 26069 1901 106585 26978 1902 75124 62214 1903 44868 60013 1904 50083 64616 1905 48426 110617 1906 39314 72995 1907 32988 79334 1908 50520 117871 1909 18681 150468 1910 60296 179832 1911 26146 142740 1912 45335 144560 1913 35951 149735 Nach demselben, Seite 214ff. Die Verteilung der Anlagen auf die einzelnen Länder war folgende. Nach Paish waren im Auslande 1910 angelegt: 3200 Millionen 1700 688 372,5 „ 269,8 „ 94,4 „ 87,3 „ 500 365,4 „ 53.7 „ 26.8 „ 455 387 150 Die Verteilung auf die Übersicht. £, davon: „ in Amerika = 53%, und zwar „ „ USA. ,, ,, Kanada ,, ,, Argentinien ,, ,, Brasilien ,, ,, Mexiko ,, „ Asien = 16%, davon ,, ,, Indien und Ceylon „ „ Japan ,, ,, China ,, „ Afrika = 14% „ „ Australien = 12% ,, ,, Europa = 5%. einzelnen Werte ergibt sich aus folgender Am 1. Januar 1907 wurden an der Londoner Börse notiert Werte im Betrage von 9324,4 Millionen £. Davon waren: Staatsanleihen der Kolonien. Fremde Staatsanleihen: Kupons einlösbar in London. . . . ,, ,, im Auslande . . Indische Eisenbahnen. Eisenbahnen anderer Kolonien . . . . 356 Mill. £ 1181 „ „ 1668 „ „ 129,5 „ „ 195,4 „ „ Neunundzwanzigstes Kapitel: Die exogene Nachfrage 493 Amerikanische Eisenbahnen: Aktien. 676,7 Mill. £ Obligationen. 665,5 „ ,, Fremde Eisenbahnen. 543,6 „ „ Bergwerke. 33,5 ,, ,, Tee- und Kaffeeplantagen. 16 „ ,, Bull, de l’Inst. int. de Stat. t. XVI. 2« livr. p. 64. Cf. t. XIII. Liv. 3 p. 176. Frankreich: Im Besitze von Franzosen befanden sich Werte in Milliarden Frcs.: Jahr Insgesamt Davon ausländische Werte 1850 9 — 1860 31 — 1869 33 10 1880 56 15 1890 74 20 1911 105—110 35—40 Nach Neymarck: Becque, 1. c. pag. 68. Die Zahl der fremden Werte, die an der Pariser Börse gehandelt wurden, betrug: Jahr Aktien Obligationen Staatspapiere Insgesamt 1850 2 2 24 28 1869 24 27 58 109 1880 26 26 85 137 1890 39 40 104 183 1900 58 65 150 273 1912 120 114 230 464 Bei Becque , 1. c. pag. 17. Der Nennwert der an der Pariser Börse (1908) gehandelten Werte betrug: Französische. 60383 MiU. Frcs. Fremde. 74312 ff JJ Davon: Staatsanleihen, russ. . 11305 ff ff „ andere. 49487 ff ff Versicherung, Banken. 2165 ff ff Eisenbahnen .... 4927 ff ff Verschiedene .... 1289 ff ff Neymarck im Bull, de Plnst. int. de Stat. 1909. Im Jahre 1902 verteilten sich die von Franzosen im Auslande angelegten Werte nach einer Enquete des Auswärtigen Amtes (bei Becque, 62f.) wie folgt: Europa .21812 Millionen Frcs. Davon: Rußland. 6966 ,, ,, Spanien. 2974 „ „ Österreich-Ungarn . 2850 ,, ,, Asien . 1121 „ „ Davon: China. 651 ,, ,, Asiatische Türkei . 354 „ „ 494 Dritter Abschnitt: Der Absatz Afrika . 3693 Millionen Frcs. Davon: Ägypten .... . 1436 3 3 Englisch-Afrika . . 1592 D Amerika. . 3972 Davon: Nordamerika . . . 1058 Südamerika . . . . 2624 „ 33 Zentralamerika . 290 Ozeanien usw . 57 „ Insgesamt . . 29855 3 3 Verteilung nach der Anlage war folgende: Handelsunternehmungen . . 995,25 Millionen Frcs, Grundbesitz . 2183,25 Banken u. Versicherungen . 551 33 Eisenbahnen . 4544 Bergwerke und Industrie . . 3631 33 Schiffahrt . 461 Staatsanleihen u. Kommunen 16553,50 Verschiedenes . 936 > 33 29855 Millionen Fr cs. Deutschland: Im Jahre 1868 wurden an der Berliner Börse folgende ausländischen Werte notiert: 26 Staatsschuldverschreibungen, 5 Bahnaktien, 19 Bahnobligationen, 3 Banken, 2 Pfandbriefe. Nach A. Saling bei Sartorius von Waltershausen, a. a. 0. S. 43. Deutschland emittierte fremde Werte in Millionen Mark: 1886—1890 2322 = 34,7 % sämtlicher Emissionen 1891—1895 1462 = 23,2 % 33 33 1896—1900 2420 = 22,7% 33 33 1901—1905 2147 = 20,5% 33 33 1906—1910 1497 = 10,6% 33 33 Nach einer Zusammenstellung Helfferichs, die Becque, 1. c. pag. 24 mitteilt. Deutschlands Auslandsanlagen betrugen: 1893 10 Milliarden (Schmoller) 1893/94 12 33 (v. Koch) 1905 16 33 (Denkschr. d. Reichs-Marineamts) 1913 20 33 (Helfferich) — 30 33 (Steinmann-Bucher) 1914 20 Effekten | T 11 33 nicht vergesellsch. Kapital J ' ' enz ' Die an den deutschen Börsen zum Handel zugelassenen ausländischen Wertpapiere verteilten sich im Jahre 1913 auf die einzelnen Anlagen wie folgt in Millionen Mark: Neuniunlzwanzigstes Kapitel: Die exogene Nachfrage 495 Staatsanleihen.1055 Anleihen von Provinzen, Städten usw. 83 Bankaktien. 13 Eisenbahnaktien. 84 Eisenbahnschuldverschreibungen. 39 Industrieaktien. 20 Industrieschuldverschreibungen. 15 Insgesamt 1309 Nach dem Statistischen Jahrbuch. 2. Zur Erhellung und Belebung des Bildes will ich noch einige Ziffern aus der europäischen Kapitalausfuhrstatistik mitteilen, aus denen die Verwendung für Eisenbahnbauzwecke hervorgeht. Nach dem Bericht der Parlamentskommission von 1858 besaßen die englischen Kapitalisten bereits 1857 für 80 Millionen £ amerikanische Wertpapiere (Comm. on the Bank Act., p. VIII), offenbar größtenteils Eisenbahnwerte. Denn im Jahre 1910 war der englische Besitz an nordamerikanischen Wertpapieren auf die einzelnen Arten wie folgt verteilt: Staatspapiere. — Städteanleihen. 7 896 000 £ Eisenbahnwerte. 586227000 ,, Bankwerte. 930000 ,, Brauerei- und Brennereiwerte. . . 11505000 ,, George Paish, Great Britains Capital Investments in individual colonial and foreign countries, im Journal of the Royal Statistical Society. Vol. 74 (1911), p. 176. Vgl. die abweichenden — viel höheren! — Ziffern nach der Schätzung von Speare bei Ernst Picard, Die Finanzierung nordamerikanischer Eisenbahngesellschaften (1912), 3f.: 4 Milliarden $ amerikanischer Eisenbahnwerte in englischem Besitz! Darin sind offenbar die südamerikanischen Bahnen einbegriffen. In südamerikanischen Eisenbahnen nämlich hatte England vor dem Kriege 260 Millionen £ investiert; das macht mit den obigen 586 Millionen £ zusammen etwa die 4 Milliarden $ Speares aus. In den Kolonien und Indien hatte es bis 1909 1554 Millionen £ angelegt; in Australien bis 1910 380 Millionen £: „the money lend to the Australian Governments has mainly employed by them in railway building.“ Indien hatte 365 Millionen £ aufgesogen: „the largest part of which was for the construction of railways“, teils den Regierungen, die damit Eisenbahnen bauten, teils den Eisenbahnen direkt geliehen. L. C. A. Knowles, The economic Development of the British Overseas Empire (1924), 37 ff. Der Verfasser stützt sich für seine Zahlenangaben auf die von mir ebenfalls benutzte Zusammenstellung von Paish, a. a. O. Ebenso wie die australischen und indischen sind die kanadischen Bahnen mit englischem Gelde erbaut. Und — umgekehrt — ein Bild von der Ankunftseite: wie sich ein Balkanland, das wir auch zu den Exoten rechnen müssen, mit europäischem Kapital vollsaugt, vornehmlich, um damit Eisenbahnen zu bauen. 496 Dritter Abschnitt: Die Absatz Nach amtlichen Quellen entwickelte sich die Verschuldung Bulgariens in den letzten Jahrzehnten vor dem Kriege wie folgt: Anleihe Nominalwert Effektivwert Davon für Bahnen verwandt 1888 . 46777500 46777500 46777500 1889 . 30000000 25650500 10212366 1892 . 124962000 108899275 101377072 1900 . 85000000 82000000 43294347 1904 . 99980000 81982000 16183800 1907 . 145000000 123350000 31044267 1909 . 100000000 86000000 35466511 3. Die Frage endlich, um welchen Anteil an den investierten Beträgen das aufnehmende Land Käufer im Auslande wird, ist ziffernmäßig nur schwer zu beantworten. Wir wissen nur aus der Erfahrung, daß es in weitem Umfange der Fall ist und noch mehr war. Vor allem hat England seinen Markt in den früheren Jahrzehnten auf diesem Wege immer offen gehalten. Nach Lord Brasseys Feststellungen wurden um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Aufträge auf Brücken, Lokomotiven, Schienen aller fremden Nationen in Europa, Indien und Australien englischen Firmen erteilt. Vgl. C. K. Hobson, 7. Bei einem Eisenbahnbau in Indien im Jahre 1857 wurde festgestellt, daß zwei Drittel des Kapitals in England, ein Drittel in Indien verausgabt wurde. Neuerdings ist geschätzt, daß von 12Millionen £, die in südamerikanischen Eisenbahnen angelegt waren, 33% zum Ankauf von Eisenbahnmaterial in Großbritannien und 4% in andern Staaten außer Landes gegangen sind. C. K. Hobson, 1. c. Vom gesamtkapitalistischen Standpunkt aus ist es natürlich gleichgültig, ob die Käufe in dem investierten Lande oder in anderen gemacht werden. C. K. Hobson hat in seinem Buche einige dankenswerte Zusammenstellungen der Anlageziffern einerseits, der Einfuhrziffern für Eisenbahnmaterial andrerseits für einige exotische Länder gemacht, die ich hier noch mitteilen will. Argentinien: Jahr Emissionen von Eisenbahnwerten in London £ Meilenzahl der gebauten Eisenbahnen Einfuhr von Eisenbahnmaterial aus fremden Ländern £ 1901 4 465 000 214 793 272 1902 3 040 250 292 720 290 1903 732 500 638 1 018 402 1904 3 331 250 636 1 682 002 1905 18 698 910 158 2 558 816 1906 3 783 375 602 3 882 809 1907 8 842 750 865 5 614 793 1908 13 257 090 1053 3 181 671 1909 11 948 000 646 3 638 343 1910 10 815 000 1992 4 129 345 1911 10 025 000 2230 4 395 890 Neummdzwanzigstes Kapitel: Die exogene Nachfrage 497 Indien: Emissionen indischer Eisen- Anwachsen der indischen ReEinfuhr von EisenbahnRegierungseinfuhr von Jahr bahngesell- schaften in London £ gierungsschulden in England £ material für Eisenbahngesellschaften £ Eisenbahnmaterial £ 1901—1902 300 000 + 871 711 ] 028 386 2 366 440 1902—1903 3 033 800 — 510 829 1 074 481 2 499 015 1903—1904 750 000 — 750 417 934 643 2 823 359 1904—1905 1 790 000 — 158 653 939 772 2 803 343 1905—1906 2 113 000 + 13 570 248 1 081 745 3 410 855 1906—1907 100 000 -f 1 061 195 2 772 260 2 889 682 1907—1908 2 200 000 + 9 962 440 4 800 550 1 791 081 1908—1909 6 894 200 -f- 9 492 295 4 946 600 3 012 991 1909—1910 3 183 900 + 9 132 542 3 627 064 1 966 756 1910—1911 3 100 000 + 6 892 424 2 830 221 1 293 802 1911—1912 800 000 — 11738 2 957 970 1 679 971 Neun Zehntel und mehr der Einfuhr stammt aus Großbritannien. Australien: Emission von Meilenzahl der von australischen den Regierungen Einfuhr von Jahr Staatsanleihen gebauten Schienen in London f» Eisenbahnen £ 1903 2D 725 000 520 494 588 1904 — 103 184 036 1905 3 341 000 251 206 091 1906 1 990 000 161 340 435 1907 970 000 303 628 931 1908 2 470 000 468 792 928 1909 9 221 900 415 803 160 1910 4 759 800 394 820 677 1911 1 950 000 612 1 079 928 Südafrika: Jahr 1906 1907 1908 1909 1910 1911 Emission von Minenwerten in London £ 1 446 400 248 800 2 828 300 4 340 700 2 595 700 3 883 000 Einfuhr von Bergwerksmaschinerie in Südafrika £ 712 495 802 263 740 994 1 001 717 1 279 403 947 283 Welche ziffernmäßige Bedeutung daun schließlich die Exoten als Absatzgebiet für die europäischen Erzeugnisse im Laufe der Zeit Sombart, Hochkapitalismus. 32 498 Dritter Abschnitt: Der Absatz gewonnen haben, vermag uns allein die allgemeine Ausfuhr Statistik zu sagen. Sie belehrt uns, daß der Absatz in die exotischen Länder, zu denen ich Asien, Afrika, Latein-Amerika, den Balkan und Rußland rechnen will, namentlich im letzten Menschenalter vor dem Kriege nicht nur in absoluten Ziffern beständig zugenommen, sondern auch einen beständig wachsenden Anteil am Ausfuhrhandel der hochkapitalistischen Länder genommen hat. Die Einfuhr der Welthandelsvölker (Deutschland, Großbritannien, Vereinigte Staaten, Frankreich) betrug in die folgenden Länder (im Jahresdurchschnitt) : Rußland: 1886-1890 . . . . 415 Millionen Rubel 1913-1890 . . . . • 1375 Finnland: 1886 . 118 Mill. finnische Mark 1913. 495 „ Balkan: 1886-1890 .... 563 Millionen Franken 1912. . 1115 Südamerika: 1901-1905 .... 406 Millionen $ 1913. . 1020 Mittelamerika: 1901—1905 . . . . 175 Millionen $ 1913. 302 Japan: 1881-1885 .... 30 Millionen Yen 1913. 729 China: 1888-1890 .... 74 Millionen Tael 1913. 586 Riederl.-Ostindien: 1898-1900 .... 166 Millionen fl. 1913. 437 Französische Kolonien: 1881-1885 .... 183 Millionen Fr. (ohne Tunis, Algier und 1901—1905 .... 449 Marokko) Indo-China: 1881-1885 .... 62 Millionen Frc. 1906-1910 .... • 256 ,, ,, Tunis: 1886-1890 .... 30 Millionen Fr. 1912. 156 Algier: 1876-1880 .... 211 Millionen Fr. 1912. 670 Ägypten: 1886-1890 .... 5 Millionen Sequin 1913. 28 Marokko: 1902 . 53 Millionen Fr. 1913. 231 Der Anteil der Ausfuhr der hochkapitalistischenLänder in die exotischen Länder betrug von ihrer Gesamtausfuhr in Hundertteilen: Deutschland nach Latein-Amerika Asien Afrika 1889-1890 . 5,7 2,7 0,7 1913. 7,6 5,4 2,1 Neunundzwanzigstes Kapitel: Die exogene Nachfrage 499 Großbritannien nach Latein-Amerika Asien Afrika 1855-1859 . ... 5,6 13,8 2,9 1900-1904 . ... 5,8 16,5 9,1 Frankreich nach Latein-Amerika Asien Afrika 1871-1875 . , . . . 10,7 • 0,9 6,1 1913. 7,0 2,7 13,6 Vereinigte Staaten von Amerika nach Latein-Amerika Asien Afrika 1891-1895 . ... 8,9 2,2 0,7 1913. ... 17,9 4,7 1,2 Nach den vom Institut für Weltwirtschaft und Seeverkehr (Paul Hermberg) 1920 herausgegebenen Zusammenstellungen. II. Neue Käuferschichten 1. Es entsprach, wie wir gesehen haben, der ökonomischen Struktur der frühkapitalistischen Wirtschaft, daß die Mittelschichten, die Bauern und die Handwerker, als Kundschaft für den Kapitalismus noch nicht in Betracht kamen. Sie deckten ihren Güterbedarf im wesentlichen auf dem Wege der Eigenproduktion und des Handwerks. Die entscheidende Wandlung tritt erst im hochkapitalistischen Zeitalter ein, als diese Schichten aus den alten Wirtschaftsgemeinschaften herausgerissen werden und damit ihren Halt verlieren. Wir haben diesen Prozeß der Auflösung genau verfolgt (siehe das 23. Kapitel) und haben damals als die eine wichtige Eolge der Umwandlung die Freisetzung zahlreicher Arbeitskräfte kennengelernt. Hier stellen wir fest, daß die andere bedeutsame Wirkung der Auflösung die war: Verzehrer, die ehedem ihren Bedarf in der eigenen Wirtschaft oder beim Handwerker deckten, zu Marktbesuchern, das heißt aber in wachsendem Umfange zu Abnehmern kapitalistischer Erzeugnisse zu machen. Was sich hier abspielte, können wir auch die Kommerzialisierung des Wirtschaftslebens nennen: dessen Auflösung in Tauschvorgänge, die Verwandlung der Güter in Waren. Der Vorgang ist bekannt, so daß es genügt, auf einige der wichtigsten Punkte hinzuweisen, in denen seine Eigenart besonders deutlich in die Erscheinung tritt. Ich verfolge die Kommerzialisierung auf dem Gebiete der Nahrungs-, Kleidungs- und Wohnungsbeschaffung. Die Nahrung wurde früher in der bäuerlichen Wirtschaft fast ausschließlich, in der bürgerlichen Wirtschaft in weitem Umfange durch Eigenerzeugung gewonnen, solange man noch selber buk (oder beim 32* 500 Dritter Abschnitt: Der Absatz Bäcker backen ließ), selber schlachtete, selber Kartoffeln, Gemüse und Obst vom eigenen Grund und Boden erntete, selber Geflügel im Hühnerhof hatte, die Milch von eigenen Kühen und Ziegen gewann und sie selber zu Butter und Käse verarbeitete und alle diese selbstgewonnenen Erzeugnisse, wenn sie nicht sofort verzehrt wurden, in den Zustand der Unverderblichkeit oder Dauerhaftigkeit überführte, das heißt einkochte, einmachte, einpökelte usw. Mit der Auflösung der Hauswirtschaft mußten alle diese Dinge auf dem Markte gekauft werden, so daß sich die gewerbsmäßige Erzeugung von Nahrungs- und Genußmitteln immer mehr ausdehnte. In Deutschland beispielsweise waren in den Nahrungs- und Genußmittelgewerben 1882 3,5%, 1907 schon 4% aller hauptberuflich Erwerbstätigen beschäftigt. Das sind nun zwar in weitem Umfange noch handwerkerliche Produzenten. Aber die kapitalistische Produktion macht doch auch auf diesem Gebiete Fortschritte. In einem Neulande wie den Vereinigten Staaten von Amerika werden die Nahrungs- und Genußmittelgewerbe schon heute in wachsendem Umfange großindustriell betrieben. Die Zahl der nicht handwerksmäßig in ihnen beschäftigten Lohnarbeiter betrug 1914 496234, 1919 schon 684672 Personen; auf einen Betrieb entfielen in den beiden Zensusjahren 8,4 und 11,2 Personen, so daß die Betriebsgröße um 33,3 % in dem kurzen Zeiträume von fünf Jahren gewachsen ist. Dazu kommt, daß der Nahrungsbedarf in zunehmendem Maße, wie wir noch genauer verfolgen werden, außer dem Hause befriedigt wird: in Restaurants, Hotels, Einküchenhäusern usw., so daß selbst in einem Lande wie Deutschland die Zahl der im Gast- und Schankgewerbe beschäftigten Personen in den Jahren 1882—1907 von 1,5 auf 2,3 vom Hundert aller Erwerbstätigen steigen konnte. Dadurch wird aber wiederum gerade für die Produktion auf kapitalistischer Grundlage ein neues Absatzfeld eröffnet. Dasselbe gilt für die Belieferung der Hotels, die ebenfalls immer zahlreicher werden in dem Maße, wie das Reisen zunimmt. Auch die Kleidung wurde, wie wir wissen, ehedem zu einem sehr beträchtlichen Teile im Hause hergestellt und wird jetzt fast völlig auf dem Markte gekauft. Die Erzeugung ist aber auf dem Gebiete der Kleidung in noch viel stärkerem Umfange als auf dem der Nahrung, dem Kapitalismus anheimgefallen. Das gilt vor allem für die Herstellung der Rohstoffe in der Textilindustrie, die heute durchgehends großindustriell betrieben wird, aber doch immer mehr auch für die Eertig- industrie des Bekleidungsgewerbes: Wirkerei, Wäscheanfertigung, Neunundzwanzigstes Kapitel: Die exogene Nachfrage 501 Kleidermacherei, die noch am meisten dem Handwerk verblieben ist. Daß Hüte, Stiefeln, Handschuhe, Schirme, Stöcke, Krawatten längst in kapitalistischen Betrieben hergestellt werden, ist bekannt. Endlich ist auch die Wohnungserzeugung im Laufe der hochkapitalistischen Ära immer mehr eine marktmäßige geworden. Wir können in ihr drei Stufen der Entwicklung unterscheiden: (1.) die volle Eigenproduktion; (2.) die Produktion für den Eigentümer durch gewerbsmäßige Produzenten: Bestellungsbau; (3.) die Produktion für den Verkauf oder die Vermietung: Herstellung des Hauses als Ware, Spekulationsbau. Er ist in diesem Zusammenhänge das entscheidende Ereignis. Ich schloß meine geschichtliche Darstellung des Baugewerbes im Zeitalter des Frühkapitalismus mit den Worten (Band II, S. 778): ,,Im allgemeinen dürfen wir sagen: Der Spekulationsbau taucht am Schlüsse der frühkapitalistischen Epoche auf, er schließt sie, wie ich sagte, ab. Er gehört seinem Geiste nach durchaus dem Zeitalter des Hochkapitalismus an.“ Durch einen Hinweis bei Marx („Kapital“ II, 215) bin ich mittlerweile auf eine Quelle aufmerksam gemacht, aus der wir mit ziemlicher Sicherheit schließen können, daß der Spekulationsbau jedenfalls in London nicht vor dem 19. Jahrhundert auftritt, daß er sich wahrscheinlich erst nach den Napoleonischen Kriegen zu entwickeln beginnt. Die Quelle ist die Aussage eines Bauunternehmers vor der Bankkommission des Jahres 1857. Er sagt aus: in seiner Jugend seien die Häuser auf Bestellung gebaut und sei der Betrag dem Unternehmer ratenweise während des Baues bezahlt; auf Spekulation hätten diese nur gebaut, um ihre Arbeiter zusammenzuhalten. Seit den letzten 40 Jahren habe sich das alles geändert: auf Bestellung wurde nur noch selten gebaut: wer ein neues Haus brauche, suche es sich unter den auf Spekulation gebauten aus. Der Unternehmer arbeite nicht mehr für Kunden, sondern für den Markt. Siehe den Rep. from the Select Committee on Bank Acts. Part. 1,1857. Evidence. Qu. 5413—18; 5535—36. Es ist wahrscheinlich, daß in anderen Großstädten, in denen die gemietete Einzelwohnung im Gegensatz zum bewohnten ganzen Hause den Wohntyp bildet, der Bestellungsbau noch etwas früher verschwunden ist. Heute bildet der Spekulationsbau in den meisten Großstädten, aber auch schon in den Mittelstädten die Regel. Nach einer Zählung vom 5. Dezember 1900 sind in den deutschen Großstädten weniger als 25% Eigenwohnungen. In Berlin sind von 1000 Wohnungen 25,7 Eigentümerwohnungen, 36,4 Dienstwohnungen, 937,9 Mietwohnungen. Grundstücks- und Wohnungsaufnahmc 1900 (1903), 11. 502 Dritter Abschnitt: Der Absatz In den Vereinigten Staaten von Amerika gab es nach dem Zensus im Jahre 1900 im Lande 63,7% Mietwohnungen (außer den Farmhäusern), in New York 87,9%. Was aber für unsere Zwecke das Entscheidende ist: durch diesen Übergang zu marktmäßiger Produktion auch der Wohnungen sind Schichten der Bevölkerung, die außerhalb des kapitalistischen Nexus stehen (und nur um diese handelt es sich an dieser Stelle), zu Abnehmern von kapitalistisch erzeugten Produkten geworden, die es früher nicht waren. 2. Dieser eben geschilderte Auflösungsprozeß hat sich nun, wie wir wissen, nicht nur in den Ländern mit kapitalistischer Kultur vollzogen, sondern begann auch in den exotischen Ländern sich anzubahnen. Diese vermehrten dadurch ebenfalls ihre Käuferschichten für die Abnahme kapitalistischer Waren. Und zum guten Teil erklärt sich die Zunahme ihrer Kaufkraft, die ich oben in einigen Ziffern darstellte, aus der Tatsache, daß auch in ihnen die alten Wirtschaftsgemeinschaften in Verfall geraten, vor allem die Bauern in die Marktwirtschaft einbezogen sind. Das ist die geheime, mittelbare, unsichtbare Wirkung der Anleihen, die jene ärmeren Staaten bei den reichen auf genommen haben. Nicht nur wirkten die Eisenbahnen und Industrieanlagen, die mit ihrer Hilfe gebaut werden, auflösend, noch mehr tun es die Steuern, die die Bauern zahlen müssen, um jene Anleihen zu verzinsen. Die Verpflichtung zur Steuerzahlung bedeutet einen Zwang zur marktmäßigen Produktion. Sie wirkt wie ein Sprengstoff auf die alten Gemeinschaften. Mit besonderer Ausführlichkeit und Gründlichkeit sind diese Zusammenhänge in der in der Literaturübersicht genannten Streitschriftenliteratur für Rußland aufgedeckt worden. Sie bestehen aber in gleicher Weise überall, wo das Anleihewesen Wurzel gefaßt hat. 3. Ebenso wie die Arbeitskräfte für den Bedarf des Kapitalismus nicht nur aus der durch Auflösungsprozesse entstandenen Zuschuß- bevölkerung entstammen, sondern auch durch den natürlichen Bevölkerungszuwachs in reichstem Maße geliefert werden, so erwachsen ihm neue (exogene) Käuferschichten nicht nur aus den früher eigenwirtschaftlich oder handwerklich versorgten Verzehrern, sondern es erstehen auch große und mächtige Absatzgebiete durch eben jene Überschußbevölkerung, die auch die fehlenden Arbeitskräfte liefert. Wohlverstanden: nur diejenige Überschußbevölkerung kommt an dieser Stelle als Nachfrage in Betracht, die vom Kapitalismus nicht aufgesogen wird, ihm also von außen entgegentritt. Das sind nun vor Neunundzwanzigstes Kapitel: Die exogene Nachfrage 503 allem die Bauern, die in den neuen Siedlungsgebieten während des 19. Jahrhunderts aus dem Boden gewachsen sind. Ich habe über den Umfang dieser Neusiedlung schon dort gesprochen, wo wir sie als die notwendige Vorbedingung für die Herbeischaffung des Sach- kapitals würdigen mußten, und verweise den Leser auf die dortige Darstellung. Hier haben wir uns nur zum Bewußtsein zu bringen, daß die exogene Nachfrage für den Kapitalismus sich um eben dieselbe Menschenmenge vermehrte, die ihm die Nahrungsmittel und Rohstoffe zuführte. Im übrigen werde ich in einem anderen Zusammenhänge das Bauerntum noch einmal zu betrachten Gelegenheit finden: siehe das 57. Kapitel. III. Die schöpferische Nachfrage Bei der Betrachtung der Absatzbedingungen darf niemals übersehen werden, daß Nachfrage nicht nur aus produktiver Tätigkeit entspringt, das heißt, daß nicht nur um so viel nachgefragt werden kann, als man zur Erzeugung des gesellschaftlichen Einkommens beigetragen, will sagen: selbst Güter in die Masse hineingeworfen hat, wie es in all den bisher betrachteten Fällen in Wirklichkeit zutrifft (bei dem Einkommen beziehenden Staatsbeamten übernimmt der Staat durch sein Steuerrecht die Vermittlung mit dem tatsächlichen Produzenten, an dessen Statt der Beamte Kaufkraft ausübt): daß der Fall vielmehr denkbar und gerade in der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts häufig genug eingetroffen ist, in dem Kaufkraft ohne vorherige Einlage ausgeübt werden kann. Ich habe in anderem Zusammenhänge, als ich die Entstehung des Kapitals untersuchte, verschiedene solcher Fälle festzustellen Gelegenheit gehabt. Das waren: 1. die Goldproduktion, 2. die Ausgabe ungedeckten Papiergeldes, 3 der Anweisungskredit. Da ich namentlich den letzten Fall, in dem das Wesen der schöpferischen Nachfrage am klarsten hervortritt, eingehend besprochen habe, so genügt hier die Erinnerung an diese drei Möglichkeiten, Nachfrage, der keine Produktion entspricht, gleichsam Überschußnachfrage oder reine Nachfrage zu schaffen, zu erinnern und gleichzeitig festzustellen, daß um den erheblichen Betrag dieser reinen Nachfrage der Kapitalismus Waren hat absetzen können, deren Unverkäuflichkeit ihm Beschwerden verursacht haben würde. 504 Dreifsigstes Kapitel Die endogene Nachfrage I. Übersicht 1. Unter endogener Nachfrage wollten wir diejenige Nachfrage verstehen, die dem Kapitalismus innerhalb seiner selbst erwächst: auf dem inneren Markte vom Standpunkt des Kapitalismus aus gesehen. Die Unterscheidung zwischen exogener und endogener Nachfrage ist eine theoretische, sie läßt sich in Gedanken scharf durchführen. Wir müssen uns aber klarmachen, daß jene Trennung in inneren und äußeren Markt im geschichtlichen Leben nicht besteht. So daß auch die empirische Darstellung mit fließenden Grenzen rechnen muß. Die endogene Nachfrage erscheint in doppelter Gestalt: als eine Nachfrage nach Produktionsmitteln der kapitalistischen Betriebe und als eine Nachfrage nach Konsumtionsmitteln für Kapitalisten- (Unternehmer-) und Arbeiterklasse. Die beiden folgenden Unterabschnitte dieses Kapitels werden dieser zweifachen Nachfrage nachspüren. 2. Die Nachfrage nach Produktionsmitteln soll in der Weise betrachtet werden, daß wir sie als Nachfrage auffassen, die je von einem bestimmten Produktionszweige oder allgemeiner: von einer besonderen Gruppe wirtschaftlicher Tätigkeit ausgeht. Wir stellen damit die Gesamtheit der Wirtschaft während des hochkapitalistischen Zeitalters in einen inneren Zusammenhang derart, daß jede zeitlich folgende wirtschaftliche Tätigkeit als Auswirkung einer vorhergehenden erscheint. Es ergibt sich ein Stufenbau der Wirtschaft, eine wirtschaftliche „Entwicklung“, indem jede nächste Gruppe aus der vorhergehenden zu folgen scheint. Würde es sich darum handeln, eine Geschichte der hochkapitalistischen Wirtschaft zu schreiben, so würde sich kein Leitfaden besser eignen, um die einzelnen wirtschaftlichen Geschehnisse an ihm aufzuweisen, als dieser Gesichtspunkt der fortschreitenden Bedingtheit der Wirtschaftsstufen. Hier, wo es gilt, das Phänomen des Hochkapitalismus in seiner architekturalen Eigenart zu erfassen, hat die genetische Betrachtungsweise nur eine beispielsmäßige Bedeutung: sie soll uns die Punktion eines Gliedes in dem gesamten Organismus dieser Wirtschaft: der Absatzgestaltung, zum Bewußtsein Dreißigstes Kapitel: Die endogene Nachfrage 505 bringen. Deshalb genügen verhältnismäßig kurze Hinweise auf den Tatbestand. Um den Zusammenhang der Entwicklung aber nicht zu zerreißen, werde ich auch diejenigen Glieder einfügen, in denen es sich bei der Förderung eines Produktionszweiges durch voraufgehende Nachfrage eines anderen offensichtlich nicht um endogene, sondern um exogene Nachfrage handelt, wie bei der Einwirkung, die die Ausweitung und Verdichtung der landwirtschaftlichen Produktion auf die Entstehung neuer Industrien ausgeübt hat. 3. Die Nachfrage nach Konsumtionsmitteln entscheidet letzten Endes über den Umfang der Nachfrage überhaupt. Es war ein verwegener Gedanke, die Gesamtnachfrage, auf die der Kapitalismus angewiesen ist, auf die Nachfrage nach Produktionsmitteln zu beschränken. Tugan-Baranowski, der diesen Gedanken zum Träger seines Systems gemacht hat, war ein so besonnener Denker, daß wir fast annehmen müssen, er habe etwas gesehen, was wir nicht sehen, um es verständlich zu machen, warum er eine für den gewöhnlichen Betrachter geradezu absurde Ansicht zu der seinigen machen konnte. Genug: die Ansicht, daß der Kapitalismus vom bloßen Produktionsmittelabsatz leben könne, ist absurd. Die Nachfrage nach Unterhaltsmitteln von seiten der Kapitalisten und Lohnarbeiterklasse bleibt die Hauptsache. Und unsere Aufgabe wird es sein, sie in ihrem Ausmaße und ihrer Entwicklung während der hochkapitalistischen Epoche so genau wie möglich zu erfassen. Daß auch hierbei sich Schwierigkeiten ergeben werden, eine scharfe Grenze zwischen endogener und exogener Nachfrage einzuhalten, wird die Darstellung selbst erweisen. II. Die Nachfrage nach Produktionsmitteln (Stufengang der Wirtschaft) Schon im zweiten Bande (Seite 884ff.) habe ich den Punkt aufgewiesen, von dem die industrielle Revolutionierung des 18. Jahrhunderts ihren Ausgang nimmt: das Aufkommen des Zeugdrucks. Dort habe ich auch bereits meine Ansicht geäußert, daß mit der hier einsetzenden Entwicklung der Übergang in die hochkapitalistische Periode vollzogen wird. Ich zeigte, daß den Anlaß zu jener entscheidenden Entwicklung eine Modelaune der eleganten Welt bot, die sich rasch über weitere Kreise verbreitete: die Vorliebe für indische Musseline und Kattune, die „Indiennes“, die am Ende des 17. Jahrhunderts einsetzt und ein halbes Jahrhundert anhält; noch im Jahre 1746 spricht ein französischer Autor (Dufresne de Francheville) von dem „entetement de la 506 Dritter Abschnitt: Der Absatz nation“ für bedruckte Baumwollstoffe: für Möbelbezüge, spanische Wände, Bettdecken, Vorhänge, Frauenkleider, Taschentücher usw. finden die Indiennes allgemeine Verwendung. Wir wissen: weder Trianon noch Wetzlar sind ohne diese „Indiennes“ denkbar, die aber nun schon längst aufgehört hatten, aus Indien eingeführt zu werden, weil mittlerweile unter dem Einfluß der steigenden Nachfrage sich der Zeugdruck auch in Europa entwickelt hatte, wie ich das im ersten Bande (Seite 499) dargestellt habe. Ich habe dann des weiteren nachgewiesen (Band II, Seite 762f.), wie die Indiennedruckereien während des 18. Jahrhunderts alsobald wie Pilze aus der Erde schossen: in Frankreich (Elsaß), in England (Manchester), in der Schweiz (Ostschweiz), Oberaargau, in Augsburg und an anderen Orten. Von dieser Finierindustrie, der Druckerei, ging die Nachfrage nach weißen Geweben aus, namentlich nach Baumwollstoffen, die sich für das Drucken besser eigneten als die Leinenstoffe. Die wachsende Nachfrage zu befriedigen, war bei dem damaligen Stande der Technik schwer, vor allem das Spinn- und das Bleichverfahren setzten der Ausdehnung der Produktion enge Grenzen. Da kamen nun die entscheidenden Erfindungen, die ich in dem achten Kapitel verzeichnet habe: die Erfindung der Spinnmaschine und der künstlichen Bleiche. Das Weben wurde durch die Erfindung des mechanischen Webstuhls erleichtert, konnte aber jahrzehntelang durch die Handweberei noch zur Genüge vollzogen werden: der mechanische Webstuhl bürgert sich selbst in England erst im Laufe des 19. Jahrhunderts ein: 1820 14000, 1830 55000 mechanische Webstühle in England. Dagegen mußte an einer anderen Stelle noch eine Hemmung beseitigt werden, damit der Strom der Baumwollindustrie sich frei ergießen konnte: die Entkapselung der Rohbaumwolle, die übermäßig viel Arbeit erheischte, mußte ebenfalls auf mechanischem Wege vollzogen werden, was durch die Erfindung der Cottongin ermöglicht wurde. Nunmehr konnten — mit Hilfe der rasch sich ausdehnenden Sklavenarbeit — immer größere Baumwollmengen nach England gebracht werden, um hier ihre Verarbeitung zu erleben. Die Menge der Rohbaumwolle, die im Vereinigten Königreich eingeführt wurde, betrug in Millionen Pfund: 1771—1775 durchschnittlich . 4,8 1776—1780 „ 6,7 1790 . 31,4 1800 . 56,0 1810. 132,5 Dreißigstes Kapitel: Die endogene Nachfrage 507 1820 151,6 1830 263,9 1844—1846 durchschnittlich. 5,880 (Verbrauch). J. R. McCulloch, Stat. Account of the British Empire 2, 68/69. Die Erfindungen auf dem Gebiete der Spinnerei und Weberei, die ursprünglich nur für die Baumwollindustrie galten, werden bald, da es sich um das gleiche Verfahren handelt, für die anderen Zweige der Textilindustrie ebenfalls nutzbar gemacht, so daß diese nun als ein Ganzes sich rasch ausdehnt und mächtige Nachfragestrahlen nach allen Seiten hin aussenden kann. Entscheidend ist natürlich die Tatsache, daß die Umwälzung des Produktionsprozesses auf dem Gebiete der Textilindustrie erfolgt war, die damals der bei weitem bedeutendste Gewerbezweig war. Der Anstoß, den die Textilindustrie durch ihre Nachfrage gab, läßt sich nach drei verschiedenen Richtungen deutlich wahrnehmen; von ihr geht aus: die Entwicklung der mechanischen Industrie, der chemischen Industrie — beiden folgend: des Bergbaues — und der Landwirtschaft. Verfolgen wir diesen Werdegang im einzelnen! Das erste, was man nunmehr in wachsendem Umfange brauchte, waren Maschinen: Arbeitsmaschinen und Kraftmaschinen. Dieses waren in den ersten Anfängen Mühlen, wurden aber bald (seit 1790) Dampfmaschinen. Also Entwicklung der Maschinenindustrie, die eine wachsende Nachfrage nach Eisen erzeugte. Die Möglichkeit, dieses in größeren Mengen zu gewinnen, hatte die Erfindung des über allen bedeutsamen Koks-Hochofenverfahrens gegeben und gab die nun bald folgende Erfindung des Koks-Stahlbereitungs-, des sogenannten Puddel- verfahrens. So entfaltete sich die Hüttenindustrie rasch, die — dank der neuen Verfahren — eine zunehmende Nachfrage nach Kohle, Erzen und Kalkstein im Gefolge hatte, was eine Ausdehnung des Bergbaues und damit wiederum eine wachsendeNachfrage nach Maschinen zur Folge hatte. Die Ausdehnung der Industrie machte eine künstliche Beleuchtung notwendig, die durch die Erfindung der Gasbeleuchtung geschaffen wurde; sie aber bedeutete abermals eine Steigerung der Nachfrage nach Kohle, die noch einmal vermehrt wurde, als man das Abfallprodukt der Kokserzeugung, den Steinkohlenteer, zur Erzeugung der Anilinfarben nutzbar zu machen lernte. Von dieser Erfindung nimmt der eine große Zweig der chemischen Industrie, die auf der sogenannten „organischen“ Chemie fußt, ihren Ausgangspunkt. Die 508 Dritter Abschnitt: Der Absatz Zahl der Kohlengruben in Northumberland und Durham betrug: 1753 14, 1800 40, 1836 76, 1843 130. Mittlerweile hatte aber das neue, künstliche Bleichverfahren Anlaß geboten, den anderen Zweig dieser Industrie, den sogenannten anorganischen, zu entwickeln, der die notwendige Voraussetzung auch für die Entwicklung der Farbenindustrie ist. Aus dem Bedarfe an künstlichen Bleichstoffen war die Schwefelsäureindustrie entstanden, der sich seit der Erschließung der chilenischen Salpeterlager (etwa 1825) die Salpetersäurefabrikation anschloß: aus Chilesalpeter und Schwefelsäure gewann man billige Salpetersäure und verbreiterte damit die Grundlage, auf der eine große Anzahl neuer Industrien erwuchs. Schwefel- oder Salpetersäure wurde nachgefragt: 1. von der Sodaindustrie, 2. von der Sprengstoffindustrie, 3. von der Farbindustrie; 4. von der Metallurgie des Kupfers, Silbers, Goldes usw., 5. (seit der Entdeckung der Petroleumlager) von der Mineralölreinigungsindustrie, 6. von der Düngerindustrie. Die zuletzt genannte Industrie beginnt mit den wissenschaftlichen Entdeckungen Liebigs und bedeutet ein Glied in der dritten Entwicklungsreihe, die ihren Anfang bzw. ihre raschere Entfaltung von der industriellen Revolution auf dem Gebiete der Textilindustrie nimmt: der Ausdehnung und Intensivisierung der Landwirtschaft, die wir an anderer Stelle bereits verfolgt haben. Den ersten Anstoß zur Modernisierung der Landwirtschaft hatten schon in der frühkapitalistischen Epoche die Großstädte, hatte vor allem London gegeben. Wenn wir die Anfänge der modernen rationellen Landwirtschaft in England zu suchen haben, so hat das ebenso sehr seinen Grund in der eigenartigen Stellung Londons, wie Columella und Genossen dem alten Rom ihr Dasein verdanken. Noch die Schriftsteller, die uns über das ländliche England im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts unterrichten, Arthur Young, die Bearbeiter Def oes, der 1788 in achter Auflage erschien, und noch Eden, hinterlassen uns den Eindruck, als ob die Landwirtschaft Englands, soweit sie neue Bahnen wandelt, ausschließlich ihre Anregung London verdankt, und ebenso erscheint in den Grafschaftsberichten, die auf Veranlassung des Board of Trade gegen Ende des 18. Jahrhunderts erstattet wurden, die Hauptstadt als die Zentralsonne, von der allein die Provinzen Licht empfangen. Überall, wo für London produziert wird, macht die Landwirtschaft Fortschritte; es bilden sich theoretisch regelmäßige Kreise der Intensität um „die Stadt“. Die Grafschaften Essex, Sussex, Kent, Surrey, Hertfort, Norfolk, Suffolk sind die namentlich bevorzugten, in denen die „improve- ments of husbandry“ ganz besonders gerühmt werden. Stößt ein Reisender Dreißigstes Kapitel: Die endogene Nachfrage 509 in größerer Entfernung von London auf intensiven Landwirtschaftsbetrieb, so ist er erstaunt, „so far from London“ Ähnliches zu finden, während ersieh umgekehrt entrüstet, wenn ein nahe der Stadt gelegenes Gebiet von den Vorteilen seiner Lage keinen Nutzen gezogen und in den alten Geleisen der extensiven Landwirtschaft steckengeblieben ist. Siehe die Belege und die ausführliche Darstellung in der ersten Auflage dieses Werkes: Bd. II, S. 164ff. Aber alles dies vollzog sich doch nur ganz allmählich, so daß auch die Umbildung der Landwirtschaft eine immerhin langsame, schrittweise und der Übergang zur intensiv-rationellen Betriebsweise, wie die Kationellen vom Schlage Arthur Youngs noch in den 1760er Jahren mit Schmerzen feststellen mußten, keineswegs ein allgemeiner auch nur in den besseren Grafschaften war. Der große, alle bisherigen Entwicklungskeime treibhausmäßig weiterfördernde Umschwung dagegen kam erst in den beiden letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts. Er aber war eine unmittelbare Folge des gewaltigen Aufschwungs der Industrie und seiner Begleiterscheinung: des Zusammenströmens der Bevölkerung in den Städten und Industriebezirken. Infolgedessen wuchs die Nachfrage nach Agrarprodukten rasch und schnellten die Preise aller landwirtschaftlichen Erzeugnisse, einschließlich der Brotfrucht, erst recht in die Höhe, und die Landwirtschaft mußte, trotz steigender Einfuhr, mit Hochdruck arbeiten, um den rasch wachsenden Mehrbedarf der gewerblich-städtischen Bevölkerung zu decken. Zu der Nachfrage nach Nahrungsmitteln abseiten der rasch wachsenden Industriebevölkerung kam die Nachfrage nach industriellen Rohstoffen: Spinnstoffen, Häuten, Holz (Grubenhölzer!). Und nun vergegenwärtigen wir uns, welche starke Nachfrage nach Industrieerzeugnissen diese Zunahme der landwirtschaftlichen Produktion auslöste! Die neue Landwirtschaft brauchte vor allem in wachsendem Maße Geräte und Maschinen: ein völlig neuer Industriezweig blüht empor, der in den Vereinigten Staaten (1914) Erzeugnisse im Werte von 164086835 $ herstellte und in Deutschland (1913) Produkte im Werte von 35 Millionen Mark in das Ausland senden konnte: die Erzeugung landwirtschaftlicher Maschinen. Wie belebend die Entfaltung der landwirtschaftlichen Produktion auf bestimmte Industriezweige wirkte, bekommen wir in das Gefühl, wenn wir Einzelfälle genauer betrachten. So enthalten die anmutigen Erinnerungen Max Eydts lebendige Schilderungen von dem Einflüsse, den die rasche Entwicklung der ägyptischen Baumwollkultur und später des Zuckerrohrbaues auf den Gang der europäischen, namentlich englischen Maschinenindustrie ausübte. 510 Dritter Abschnitt: Der Absatz Zahlreiche Fabriken in England und Frankreich wurden veranlaßt, Dampfpflüge zu liefern: bei Fowler liefen auf einmal Bestellungen in Höhe von 7 y 2 Millionen Mark ein, so daß er seine Fabrik erweitern mußte; ferner Pumpen und Lokomobilen für die Anlagen der Bewässerungsarbeiten; endlich die Bestandteile für die Ginfabriken: eine kleine Ginfabrik mußte auf jedem großen Gute errichtet werden, und Dutzende von Engländern, Franzosen, Italienern und Griechen errichteten größere Anlagen dieser Art in den Städten des Deltas. M. Eydt, Lebendige Kräfte (1905), 21 Off., 218f. Die Landwirtschaft bedurfte ferner der künstlichen Dünger, wodurch ein wichtiger Zweig des Bergbaues (Kali) und der chemischen Großindustrie zur Entwicklung gebracht wurde. Im Jahre 1910 erzeugte Deutschland an Kalisalzen für 90364733 Mark, an Düngesalzen für 28035965 Mark; es führte (1913) aus an Thomasphosphatmehl für 29185000 Mark, an Superphosphaten für 21409000 Mark usw. Um die zum Teil in weiter Ferne erzeugten landwirtschaftlichen Produkte herbeizuschaffen, bedurfte es aber einer Ausweitung der Transportmöglichkeiten. Da setzen die großen Erfindungen des Dampfschiffes, des Eisen- und Stahlschiffes, der Eisenbahn ein. Und nun strömte von den neuen Transportmitteln wiederum ein gewaltiger Nachfragestrom aus: zurück in den Bereich der Landwirtschaft, genauer der Forstwirtschaft und vorwärts in den Bereich der Industrie. Die Eisenbahnen brauchten in großem Umfange Holz für ihren Bau. Man rechnet, daß ein europäischer Großstaat allein für das Auswechseln der Bahnschwellen jährlich % — 1 Million Bäume benötigt. So daß Holz, das, wie wir sahen, von dem sich ausweitenden Bergbau, dazu nach der Erfindung des Holzschliff- und Zelluloseverfahrens in immer größeren Mengen von der Papierindustrie und in noch größeren Mengen vom Baugewerbe gebraucht wurde, wieder ein stark nachgefragtes Gut war. Ich habe an anderer Stelle die Ziffern des internationalen Holzhandels mitgeteilt: siehe oben Seite 264. Aber noch viel größer war infolge der Umgestaltung des Verkehrswesens die Nachfrage nach Eisen. Schon in den Jahren 1846—1848 berechnete man, daß die auf dem inneren Markte Englands durch die Eisenbahnen geschaffene Nachfrage zwei Drittel der gesamten ausländischen Nachfrage nach britischen Erzeugnissen gleichkam. Neuerdings hat man für die Vereinigten Staaten von Amerika festgestellt, daß 25—30% der gesamten Eisen- und Stahlproduktion von den Eisenbahnen auf genommen werden. (The Stabilization of Business, 117 f.) Daß Dreißigstes Kapitel: Die endogene Naehfrage 511 ohne die Erfindung Bessemers die Eisenbahnen nicht hätten gebaut werden können, liegt auf der Hand. Eine ähnliche Wirkung wie die Einführung der neuen Verkehrsmittel übte die Elektrifizierung der Welt, die als Ausstattung mit Schwachstrom bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückreicht (Telegraphie seit 1833), als Starkstromära jedoch erst im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts beginnt und dem Zeitalter vor dem Kriege technisch recht eigentlich seinen Stempel aufdrückt: die elektrische Beleuchtung, die elektrischen Bahnen und die elektrischen Kraftmaschinen erobern in wenigen Jahrzehnten das Feld. Während des kurzen Zeitraumes von 1895 bis 1907 steigt in Deutschland die Zahl der Betriebe mit elektrischer Kraftverwendung von 2003 auf 71316. Stat. Jahrb. 1916. In den Vereinigten Staaten von Amerika betrug nach den Angaben des Zensus die elektrische Kraft (eigene und fremde) in Pferdekräften: 1889 . 16000 1899 . 492936 1904 . 1592475 1909 . 4817140 1914 . 8836000 1919 . 16317000. Um alle diese Anlagen herzustellen, wurde eine neue Industrie förmlich aus dem Boden gestampft: die Elektrizitätsindustrie, die sich in Deutschland besonders rasch, und zwar wie folgt entwickelte: Zahl der Zahl der Hauptbetriebe beschäftigten Personen 1895 . 1143 26321 1907 . 5391 142171. In den Vereinigten Staaten von Amerika umfaßte sie: Betriebe Arbeiter 1880 . 76 1271 1890 . 189 8802 1900 . 1742 46839 1914 . 1030 118078 1919 . 1404 212374. Abermals: Nachfrage nach Eisen, nach Kohle, nun auch vor allem nach Kupfer. Um welche Beträge? Um Hunderte von Millionen. Auf der letzten Entwicklungsstaffel kaum weniger als um eine Milliarde Mark jährlich in jedem größeren Lande. Denn der amerikanische Zensus verzeichnet schon im Jahre 1914 „Rohstoffkosten“ für die Elektrizitäts- industrie: 154728076 §>, das sind über 600 Millionen Mark bei einer Ausdehnung der Industrie von höchstens zwei Dritteln der deutschen. 512 Dritter Abschnitt: Der Absatz Endlich ist noch eines Produktionszweiges Erwähnung zu tun, der von allen übrigen Anregung empfängt, der durch alle gleichmäßig gefördert wird und sie schließlich alle an Größe und Bedeutung überwächst: des Baugewerbes: siehe, was ich darüber auf Seite 421 f. bemerkt habe. Mit der Erwähnung des Baugewerbes habe ich die Untersuchung zum Teil schon auf das Gebiet der Konsumtionsmittelbeschaffung weitergeschoben, der wir nunmehr noch unsere Betrachtung zu widmen haben. III. Die Nachfrage nach Konsumtionsmitteln (Die Kaufkraft der Lohnarbeiter) Das Problem, dessen Lösung uns hier gestellt ist, ist dieses: ob die Kaufkraft der Unternehmer und Arbeiter in gleichem Verhältnis zur Mehrerzeugung gestiegen ist oder nicht. Daß wir theoretisch die Anfrage bejahen müssen, habe ich schon dargelegt. Die einwandfreie Schlußkette ist diese: Der Mehrwert wird entweder kapitalisiert oder verzehrt: wenn dieses, schafft er Nachfrage der Unternehmerklasse nach Einkommensgütern dieser Klasse, wenn jenes — Nachfrage nach Konsumtionsgütern der Lohnarbeiterklasse. Bezweifelt kann nicht werden die Dichtigkeit dieser theoretischen Feststellungen, sondern nur, daß in der Wirklichkeit die Entwicklungen diesen (theoretisch „richtigen“) Verlauf genommen haben. Es wird genügen, wenn ich für den eigentlich strittigen Teil des Problems, die Kaufkraft der Lohnarbeiter, den Nachweis erbringe, daß dieses doch der Fall ist, daß also die empirische Gestaltimg dem idealtypischen Aufriß doch ungefähr entspricht. Zu diesem Behufe werden wir uns zunächst noch genauer über den Entwicklungsgang des Arbeitslohnes während unseres Zeitabschnittes unterrichten müssen, als wir es bereits (im 27. Kapitel unter III.) getan haben. Dort handelte es sich darum, festzustellen, in welchem Verhältnis zum Profit der Arbeitslohn sich gestaltet habe. Diese Feststellung genügt aber offenbar nicht, um etwas über die Kaufkraft des Arbeitslohnes auszusagen. Diese vermögen wir erst zu ermessen, wenn wir die Bewegung des Keallohns in seiner unbedingten Höhe ermittelt haben. Über die Gestaltung des Reallohnes für ein ganzes Jahrhundert liegen Ziffern vor für Frankreich, Großbritannien und die Vereinigten Staaten von Amerika, die ich hier vertretungsweise mitteilen will. Dreißigstes Kapitel: Die endogene Nachfrage 513 Frankreich: Indexziffern; 1900 = 100. 1810. 1820 . 1830 . 1840 . 1850 .. 1860 . 1870 . 1880 . 1890 . 1900 . 1910. 55.5 53.5 54.0 57.0 59.5 63.0 69.0 74.5 89.5 100,0 106,0. Mitgeteilt bei C. von Tyszka in den Sehr. d. V.f.S.-P. 145, 64. Großbritannien U.8.A. Indexziffern; 1913 = 100. 1790-1799 . 37 - 1800-1809 .. . 41 - 1810-1819.41 - 1820-1829 . 47 - 1830-1839 . 47 48 1840-1849 . 49 56 1850-1859 . 58 52 1860-1869 . 63 53 1870-1879 . 74 77 1880-1889 . 84 85 1890-1899 . 98 103 1900-1909 ........ 102 103 1913 .100 100. Die Ziffern für England aus Economic Journal, Sept. 1923; Journal of Statistical Society, March 1909; Review of Econ. Statistics, Oct. 1923, Suppl.; für U. S. A. aus Amer. Economic Review, March 1925. Die drei Ziffernreihen stimmen fast völlig miteinander überein. Da sie unabhängig voneinander entstanden sind, ist ihre Glaubhaftigkeit sehr groß. Das Ergebnis ist dieses: der Reallohn hat sich während der hochkapitalistischen Epoche oder wenigstens seit dem Beginne des 19. Jahrhunderts bis zum Weltkriege reichlich verdoppelt. Das heißt also: die Kaufkraft der Lohnarbeiterklasse ist jetzt zweimal so groß, als sie vor hundert Jahren war. Wie aber hat sich der Wert, gemessen in Arbeitszeit, der dieser Kaufkraft entspricht, in diesem Zeitraum verändert 1 ? Darauf muß die Antwort lauten: gar nicht. Denn dieser Verdoppelung der Kaufkraft des Reallohns entspricht gerade die Steigerung der Produktivität der Arbeit, bei der ich ebenfalls auf Grund anderer Berechnungen zu dem Ergebnis gekommen war, daß sie während der Sombnrt, Hochkapitalismus. 33 514 Dritter Abschnitt: Der Absatz letzten hundert Jahre sich etwa verdoppelt habe. Ich halte die Gleichläufigkeit dieser beiden Entwicklungsreihen für außerordentlich beweiskräftig und die Erkenntnis, die wir aus ihr gewinnen, für ungemein wichtig. Die Lohnarbeiterklasse würde danach also auch den gleichen Anteil aus der gesellschaftlichen Produktenmasse jetzt und vor hundert Jahren gezogen haben. Hat sie das wirklich ? Die Annahme ist richtig unter einer bestimmten Voraussetzung: daß nämlich die Gesamtwertmasse des gesellschaftlichen Produkts während dieses Zeitraums gleichgroß geblieben ist. Das ist sie nun aber offenbar nicht. Denn wenn sie es wäre, müßte ja der Mehrwert (Profit) in genau demselben Verhältnis wie der Reallohn sich entwickelt haben. Das hat er aber nicht, wie ich das an der Stelle, auf die ich den Leser soeben aufmerksam machte, nachgewiesen habe. Der Mehrwert ist rascher gestiegen als der Arbeitslohn. Daraus müssen wir also den Schluß ziehen, daß die Mehrwertmasse (natürlich immer in ihrem Verhältnis zu der Arbeiterzahl, also, wie wir auch sagen können: die einem einzelnen Arbeiter durchschnittlich entsprechende Mehrwertmasse) größer geworden ist. Woraus werden wir diese Vergrößerung ableiten können? Die nächstliegende Vermutung, daß das Ausmaß der gesellschaftlichen Arbeit während dieser Zeit zugenommen habe, werden wir durch die Tatsachen nicht bestätigt finden: die Stundenzahl, während welcher, sei es im Lauf eines Tages, sei es einer Woche, sei es eines Jahres, gearbeitet wird, ist sicher nicht größer gewesen im Jahre 1913, als sie hundert oder siebzig oder fünfzig Jahre vorher war. So bleibt, scheint mir, nur eine Möglichkeit der Deutung über: der Zuwachs der Mehrwertmasse und damit (bei gleich hohem Arbeitslohn) auch die Vergrößerung der Mehrwertrate stammen aus dem außerkapitalistischen Arbeitsfonds: der Austausch mit nichtkapitalistischen Wirtschaften (Bauern, Exoten) ist in jenem Umfange, der die Ausweitung der Mehrwertmasse bezeichnet, kein Äquivalenztausch gewesen: die Kapitalistenklasse hat sich das Erzeugnis der Arbeit jener Elemente um den angegebenen Differenzbetrag imentgeltlich angeeignet. Das aber ändert nichts an der Richtigkeit der uns hier allein angehenden Tatsache, daß die Kaufkraft der Lohnarbeiter im gleichen Verhältnis zur Ausdehnung der kapitalistischen Produktion gestiegen ist. Was die theoretische Deduktion forderte, bestätigt die Entwicklung der historischen Wirtschaft. üüü HÜH ‘mm A'r. *)Ü v*- A •*4'f; .y'V,'* iitgQls sgsSÄSi mm ■%Kret?$&->i£i Sli®SS W$ßM 1^» * \t'* ?*-£ SS*®; :-7 j?j Mffl * '«r^ -is^sgjs® MgS sSsäÜSffi rS’SsshSSL Stas'&W iiäeöiJhWÄäli^MsiiiSiÖM ®Ä?t‘ r***s£*- * w ~ * J-y •~ ~~^'' 7 *~'‘ mm '••sSfJLÄä^V y. rig. :j!3 '’äS^?- äs **’ v^- 4 >-/•’ — r^J jfr’ ■*$? -VVJ Ä'" -vj fi*r. *MJ * 2 kl« äwxwöoüc: 5^V /■ '■vg^v , M ? 3 gggf£ i«s§® I 8 PP sSs&sSSg titit-i'iw : HiliSi I filAr. fl ":' ^i^s&Ss Mp «te;Sw stk ■\-n^RNBRr SOMBARJ: : ; DAS; WI RTSC H A FT B TEBEM : IM ZEITAETER DES H O C H K A EI T A E I & M U S J I sörKFy** «.-äs V 3 * jislglg •^SF , 45 ^ >j&r„-T a jfclH«**- tsß k&S&j i W E R N ER SO VI B A R T Der moderne Kapitalismus Historisch-systematische Darstellung' des gesamteuropäischen Wirtschaftslebens von seinen Anfängen bis zur Gegenwart DRITTER BAND Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hoehkapitalismus Zweiter Halbband Mit mehreren Namens- und Sachregistern zu Hand III nebst Druckfeblerbcrichtigung zu Haibband I MÜNCHEN UND LEIPZIG / 1927 VERLAG VON DU N C KE R & IIU MBLO T WERNERSOMBART Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus Zweiter Halbband Der Hergang der hochkapitalistischen Wirtschaft Die Gesamtwirtschaft Mit mehreren Namens- and Sachregistern zu Kami lll nebst Dnickfehlcrbcrichtigung za Halbband f M Ü N G II K N UND LEII^Ki / 1927 , v !•: R LA (t ..VON D U N C K E R Sc 11 V M It L O T Alle Rechte Vorbehalten Copyright by Duncker & Iiuinblot, Verlagsbuchhandlung, München und Leipzig 1927 Pierersche Hofbuchdruekcrei Stepban Gcibel & Co., Altenburg, Thtlr. V Inhaltsverzeichnis des 2. Halbbandes Dritter Hauptabschnitt Der Hergang Seite Übersicht.517 Erster Abschnitt Die Elemente des wirtschaftlichen Prozesses Literatur.520 Einunddreißigstes Kapitel: Die Elemente der Bedarfsbildung . 522 I. Die Entstehungsarten des Bedarfs.522 II. Die Entstehungsgründe des Bedarfs ... .... 524 III. Besondere Arten des Bedarfs.525 Zweiunddreißigstes Kapitel: Die Elemente der Marktbildung . 527 I. Begriff und Arten des Marktes.527 II. Die Preisgesetze.529 III. Die künstliche Beeinflussung des Marktes.530 Dreiunddreißigstes Kapitel: Die Elemente der Betriebsbildung 533 I. Die Gesetzmäßigkeit der Betriebsbildung ...... 533 II. Die Gestaltung des einzelnen Betriebes.535 1. Die Abgrenzung der Arbeitsgebiete in den Betrieben . 535 2. Die Betriebsgröße.539 a) Betriebsgröße und Großbetrieb.539 b) Die Betriebsvergrößerung.544 c) Die Konzentration.546 3. Die innere Ausgestaltung der Betriebe.547 III. Die Betriebsvereiniguug.548 Zweiter Abschnitt Die Beweguugsformen des wirtschaftlichen Prozesses Quellen und Literatur.551 Vierunddreißigstes Kapitel: Die Konkurrenz.556 Die Leistuugskonkurreuz.557 Die Suggestionskonkurrenz (Reklame).557 Die Gewaltkonkurrenz.557 Fünfunddreißigstes Kapitel: Die Konjunktur.563 I. Begriff und äußere Gestalt der Expansionskonjunktur . . 563 II. Die inneren Zusammenhänge der Expansionskonjunktur . 568 j mmm VI Inhaltsverzeichnis Seite 568 577 582 1. Der Aufschwung. 2. Der Niedergang-. 3. Der Wechsel. III. Die Bedeutung der Expansionskonjunktur für die Entwicklung des Hochkapitalismus.. Sechsund dreißigstes Kapitel: Die Gleichförmigkeit . . . Dritter Abschnitt Die Gestaltung des wirtschaftlichen Prozesses in der Geschichte Erster Unterabschnitt Die Rationalisierung des Güterbedarfs ( Konsumtion ) Quellen und Literatur.594 Siebenunddreißigstes Kapitel: Die Träger des Bedarfs. . . 596 Achtunddreißigstes Kapitel: Die Art und Weise der Bedarfsbefriedigung . 603 Neununddreißigstes Kapitel: Die ArtheschafPenhcit der Güter 617 Zweiter Unterabschnitt Die Rationalisierung des Marktes ( Zirkulation) Quellen und Literatur.. 637 Vierzigstes Kapitel: Erweiterung und Erhellung des Marktes 640 I. Die Erweiterung.640 1. Der Kapitalmarkt.. . 640 2. Der Arbeitsmarkt.642 3. Der Warenmarkt ..642 II. Die Erhellung.. 643 Die Geschäftsanzeige.644 Die Handelsnachricht.647 III. Die Ermöglichung.650 Einundvierzigstes Kapitel: Die Versachlichung der Geschäftsformen . ..... 657 I. Auf dem Kapitalmärkte.657 II. Auf dem Arbeitsmarkte.658 III. Auf dem Warenmärkte.660 Zweiundvierzigstes Kapitel: Die Rationalisierung der Preisbildung . 666 I. Auf dem Kapitalmärkte.666 II. Auf dem Arbeitsmarkte., . 670 III. Auf dem Warenmärkte. 672 Inhaltsverzeichnis VII Seite Dreiundvierzigstes Kapitel: Das Risiko und seine Bekämpfung 680 I. Die Entstehung der Verlustgefahr.680 II. Die Verhütung der Verlustgefahr.681 III. Die Verteilung des Risikos (Versicherung).682 Vierundvierzigstes Kapitel: Die Bindung des Marktes. . . 685 I. Der Kapitalmarkt.685 II. Der Arbeitsmarkt (die gewerkschaftliche Arbeiterorganisation) 687 III. Der Warenmarkt (die Kartellbewegung).693 Fünf und vierzigstes Kapitel: Die Stabilisierung der Konjunktur 701 I. Ansichten und Tatsachen.701 II. Gründe.707 III. Bedeutung.711 Dritter Unterabschnitt Die Rationalisierung der Betriebe {Produktion) Quellen und Literatur.712 Übersicht.724 A, Die kapitalistischen Formen Sechsundvierzigstes Kapitel: Die Geschäftsformen der Unternehmung .728 I. Die verschiedenen Geschäftsformen und ihre Eigenart . . 728 II. Die Verbreitung der verschiedenen Geschäftsformen . . 729 III. Der Aufbau der Aktiengesellschaft.735 Siebenundvierzigstes Kapitel: Das Flechtwerk der Aktiengesellschaften .740 I. Die persönliche Verflechtung.740 II. Die sachliche Verflechtung.742 III. Die Bedeutung des Flechtwerks.746 Achtundvierzigstes Kapitel: Die Finanzierung fremder Wirtschaften .748 I. Die Finanzierung durch Private.748 II. Die Finanzierung durch Banken.752 1. Die Finanzierung der Großindustrie.752 2. Die Finanzierung des Baugewerbes.754 3. Die Finanzierung des Großhandels.757 III. Die Bedeutung der Finanzierung.759 B. Die äussere Gestaltung der Betriebe Keunundvierzigstes Kapitel: Die Betriebsformen.761 I. Betriebe mit zerstreuten Werkstätten.761 II. Die Manufaktur. 767 III. Die Fabrik.771 VHI Inhaltsverzeichnis Seite Fünfzigstes Kapitel: Die Abgrenzung der Betriebe gegeneinander .776 A. Übersicht.776 B. Die Spezialisation.776 I. Der bisherige Verlauf der Entwicklung im Allgemeinen . 776 II. Die Funktionenteilung.777 1. Überblick.777 2. Die Spezialisation im Geld- und Kreditgeschäft. . . 778 3. Die Einschaltung der Handelsfunktion und ihre Verselbständigung . .... 782 III. Die Werkteilung.786 1. Verschiedenheiten und Gleichheiten der Entwicklung . 786 2. Die Spezialisation im Warenhandel.788 3. Die Spezialisation in der gewerblichen Produktion . . 791 C. Die Kombination.796 I. Allgemeine Züge der Entwicklung.796 II. Die Funktionenvereiniguug.797 1. Produktion und Handel.797 2. Produktion und Transport.806 3. Handel und Transport.808 4. Produktion und Bankwesen.808 5. Handel und Bankwesen.808 6. Die Vollkombination.808 III. Die Werkvereinigung.809 1. Produktion.809 2. Handel.813 3. Banken.815 Einundfünfzigstes Kapitel: Die Konzentration.816 I. Das Problem.816 1. Die Fragestellung.816 2. Die treibenden Kräfte.819 3. Die Erfüllung der Bedingungen.821 II. Die Landwirtschaft. 822 IH. Das Gewerbe.827 1. Die Formen der Konzentration.827 2. Die Gründe der Konzentration.829 3. Die Verschiedenheit der Entwicklung (Verlauf der Konzentrationsbewegung im Gewerbe).835 IV. Der Transport.851 V. Der Handel.858 1. Das Handelsgewerbe im Allgemeinen . . . . . . 858 2. Der Großhandel.860 3. Der Detailhandel.861 Anhang: Die Gast- und Schaukwirtschaft.870 VI. Das Bankwesen.872 I nhaltsverzei chnis IX Seite C. Der innere Ausbau der Betriebe Zweiundfünfzigstes Kapitel: Die Verwissenschaftlichung der Betriebsführung.884 I. Was unter wissenschaftlicher Bestriebsfiihrung zu verstehen ist.884 II. Die Entwicklung der Betriebswissenschaft.886 III. Die Durchdringung des Wirtschaftslebens mit Wissenschaftlichkeit .889 Dreiundfünfzigstes Kapitel: Die Vergeistung der Betriebe . 895 I. Der beseelte Betrieb.896 II. Die Wandlung.899 1. Die Ausschließung der Seele aus dem Betriebe . . . 899 2. Die dreifache Systembildung.901 a) Das Verwaltungssystem.901 b) Das Rechnungssystem.909 c) Das Instrumentalsystem.912 3. Die Verwirklichung des vergeisteten Betriebes . . . 916 III. Die Bedeutung des VergeistungsVorganges.925 Vierundfünfzigstes Kapitel: Die Verdichtung der Betriebe . 928 I. Die Erscheinungsformen der Betriebsverdichtung . . . 928 1. Die Raumökonomie.928 2. Die Sacliökonomie.930 3. Die Zeitökonomie.930 II. Die Wege, die zur Verdichtung führen . . . . . . 932 1. Die Vergrößerung der Betriebe.932 2. Die Verkürzung der Arbeitszeit.933 3. Die Antriebsmittel.935 a) Die Kontrollieruug der Arbeiter.935 b) Die Löknungsraethoden.935 c) Die Hilfe der Maschinerie.939 III. Die Verdichtung der Betriebe und die kapitalistischen Interessen. Das Problem des Kapital Umschlags .... 940 Schluß Die Gesamtwirtschaft Übersicht.950 Fünfundfünfzigstes Kapitel: Der Kapitalismus.951 Sechsundfünfzigstes Kapitel: Die vorkapitalistischen Wirtschaftssysteme (das Handwerk) . . . :.957 Siebenundfünfzigstes Kapitel: Die Bauernwirtschaft . . . 967 I. Was eine Bauernwirtschaft ist.967 H. Die Verteilung der Bauernwirtschaft auf der Erde . . 967 III. Die Lage des Bauerntums.969 \ X Inhaltsverzeichnis Seite 1. Die Konstanz.969 2. Die Mannigfaltigkeit seiner Gestalt.969 3. Die gleiche, ökonomische Lage der Bauern .... 971 a) West- und Mitteleuropa.972 b) Die alten Kulturländer des Ostens.976 c) Der koloniale Westen.981 Achtundfiinfzigstes Kapitel: Die Genossenscliaftswirtschaft . 985 I. Begriff und Arten der Genossenschaft.985 II. Die Verbreitung der Genossenschaftswirtschaft .... 988 1. Die Kreditgenossenschaften.988 2. Die Produktionsgenossenschaften.990 3. Die Konsumtionsgenossenschaften.992 III. Die Bedeutung der Genossenschaftswirtschaft.995 Neunundfünfzigstes Kapitel: Die Gemeinwirtscliaft . . . 999 I. Die Einmischung des Staates.999 II. Die öffentlichen Betriebe.999 III. Die gemischt-öffentlichen Betriebe.1003 Sechzigstes Kapitel: Das Wirtschaftsleben der Zukunft . . 1008 I. Schriftstellerverzeichnis. 1025 II. Ortsverzeichnis.1036 III. Sachverzeichnis.1043 Druckfehlerberichtigung.1063 Dritter Hauptabschnitt mmmsmm -S03?i*^Ä,l>'' SSiSÄiSäesl: r ^r + SPSS? , »'#? ! %r igte?: ^ayäss&v»' säüHlsll^j hm nii « nag Übersicht 1. Die Aufgabe dieses Hauptabschnittes soll sein: den „Hergang“ des Wirtschaftslebens im Zeitalter des Hochkapitalismus zu schildern. Das Wort Hergang ist eine Verdeutschung des Wortes „Prozeß“ und soll den Inbegriff aller jener Erscheinungen bezeichnen, die sich aus der Betätigung der einzelnen Wirtschaften und ihrer Inbeziehungsetzung ergeben, und die man einzeln die Vorgänge im Wirtschaftsleben nennen kann. Ganz hat dieses Hinblicks auf den wirtschaftlichen Prozeß auch die Darstellung im vorigen Hauptabschnitt sich nicht entschlagen können; mochte es sich um die Beschaffung des Kapitals, die Beschaffung der Arbeitskräfte oder die Beschaffung des Absatzes handeln: immer haben wir gelegentlich auch uns davon überzeugen müssen, wie die Ergebnisse, um die es uns zu tun war, zustande gekommen waren, und haben von Kreditgewährung der Banken, von Bestimmungsgründen des Arbeitslohnes und Beziehungen zwischen den verschiedenen Produktionsstufen und Produktionszweigen reden müssen. Aber was dort nur gelegentlicher Hinblick war, wird hier angelegentliches Studium, was dort peripherisch war, wird hier zentral. Damit wollen wir die Möglichkeit gewinnen, die wirtschaftlichen Vorgänge in ihrem Sinn- und Ursachenzusammenhange, in ihrer inneren Notwendigkeit und äußeren Bedingtheit und den wirtschaftlichen Prozeß als ein in sich gegliedertes Ganzes zu verstehen. Um unser Erkenntnisobjekt richtig zu bestimmen, müssen wir uns zunächst noch einmal die Bauart der kapitalistischen Wirtschaft recht deutlich zum Bewußtsein bringen und sie in ihrer Zweckhaftigkeit einerseits, ihrer Sinnhaftigkeit andererseits zu erfassen trachten — früher Gesagtes wiederholend, ergänzend, vertiefend. 2. Wenn wir, was wohl notwendig ist, den Zweck der kapitalistischen Wirtschaft von den Intentionen ihrer Wirtschaftssubjekte aus bestimmen, so kann er in nichts anderem gefunden werden als in der Gewinnerzielung abseiten selbstverantwortlicher, privater Unternehmungen. Zur Verwirklichung dieses Zweckes dienenüls Mittel: die vorteilhaften Vertragsabschlüsse über geldwerte Leistungen und Gegenleistungen. *33* 518 Dritter Hauptabschnitt: Der Hergang In solchen Vertragsabschlüssen, wissen wir, löst sich alles kapitalistische Wirtschaften auf. Erst wird das Geldkapital auf dem Wege des Vertragsabschlussesbeschafft: Ausgabe von Aktien und Obligationen, Aufnahme von Bankkrediten, Abschluß eines Gesellschaftsvertrages usw. Dann wird das Sachkapital hereingezogen: Erpachtung eines Grundstückes, Erbauung einer Fabrik, Ankauf von Rohstoffen und Maschinen usw. Dann gilt es, Arbeitskräfte mittels Arbeitsvertrages anzuwerben. Endlich: die fertigen Erzeugnisse mittels des Kaufvertrages zu verwerten. Dazwischen werden vertragsmäßige Beziehungen zu anderen Unternehmungen angeknüpft: das Kartell, die Fusion, der Konzern entstehen und so fort. Alle diese Vertragsabschlüsse kommen auf dem „Markte“ zustande, „freihändig“, durch das Gegenübertreten von Angebot und Nachfrage. Das Wirtschaften erfolgt „marktmäßig“, die kapitalistische Wirtschaft ist eine „Verkehrswirtschaft“: alle Produktionsfaktoren kommen „aus dem Verkehr“, alle Produkte gehen „in den Verkehr“. Da der Zweck der kapitalistischen Unternehmung die Erzielung von Gewinn und das Mittel zur Verwirklichung dieses Zweckes die Vertragschließung ist, so ergibt sich als der Leitgedanke bei allen wirtschaftlichen Vornahmen das Bestreben: alle Vertragschlüsse so vorteilhaft wie möglich zu gestalten. Das Organ aber, das dieser Mittel zur Herbeiführung des genannten Zweckes sich zu bedienen hat, ist der kapitalistische Unternehmer, der unter Berücksichtigung der wißbaren Umstände mittels „Kalkulation“ sowie unter Abwägung der unbekannten Größen mittels „Spekulation“ unter alleiniger Verantwortung gegen sein Unternehmen, das heißt mit vollem „Risiko“, die Gewinnchance abwägt, den Entscheid trifft und die wirtschaftlichen Kräfte in Bewegung setzt: sei es zur Herbeiführung eines Austausches auf dem Markte, sei es zur Gestaltung seines Betriebes. 3. In sinnhafter Betrachtung erscheint uns das Gefüge der kapitalistischen Wirtschaft in einer etwas anderen Gestalt. Hier tritt uns ein Widerspruch als erstes und deutlichstes Merkmal entgegen: der Widerspruch zwischen der Zwecksetzung der einzelnen Unternehmungen und der Aufgabe, die diese in ihrer Gesamtheit zu erfüllen haben. Der Zweck der Unternehmung ist, wie wir wissen, die Erzielung von Gewinn; an irgendwelche Bedarfsbefriedigung denkt sie nicht, kann sie nicht denken, darf sie nicht denken. Und doch soll der Bedarf befriedigt, sollen Hunderte von Millionen täglich mit dem Nötigen versehen werden. Übersicht 519 Ein Wunder! Wie die auf ganz andere Ziele gerichteten Unternehmungen doch dieses Werk in einer — man darf im großen ganzen sagen — unvergleichlich vollkommenen Weise vollbringen. Und doch kein Wunder, wenn wir den Punkt kennen, an dem sich Zwecksetzung und Aufgabe der Unternehmungen berühren: die Preisbildung auf dem Markte. Sie ist der Regulator des wirtschaftlichen Getriebes. Der Preis gibt an, wo ein Bedarf ist, und der Preis bestimmt gleichzeitig die Gewinnchance und damit den Entschluß des kapitalistischen Unternehmers, seinen Beitrag zur Bedarfsdeckung zu liefern. Der wirtschaftliche Prozeß in kapitalistischer Form ist also nichts anderes als die beständige Anpassung der Einzelunternehmung an die Anforderungen der Gesamtheit an der Hand der Preisgestaltung. Oder in anderen Worten: Der Sinn der Vorgänge in der kapitalistischen Wirtschaft — der Hergang dieser Wirtschaft — ist die Bedarfsbefriedigung durch die Vermittelung des Marktes zwecks Gewinnerzielung in Betrieben. Daraus ergeben sich drei „Elemente“ — in Gedanken trennbare Bestandteile — des wirtschaftlichen Prozesses: 1. der Bedarf, 2. der Markt, 3. der Betrieb. Die sich auch fassen lassen als die üblicherweise unterschiedenen drei Staffeln jeder Wirtschaft: 1. die Konsumtion (Verzehr), 2. die Zirkulation (Umlauf), 3. die Produktion (Erzeugung) der Güter. Dieser Hauptabschnitt ist nun in der Weise gegliedert, daß diese drei Problemkomplexe gesondert abgehandelt werden sollen: zunächst in ihrer idealtypischen Reinheit (Erster Abschnitt), nachher in ihrer historischen Gestaltung (Dritter Abschnitt). Indem dazwischenliegenden Zweiten Abschnitt weiden wir die Bewegungsformen des wirtschaftlichen Prozesses im Zeitalter des Hochkapitalismus kennen lernen, durch die bewirkt wird, daß die reinen Formen des Prozesses ihre geschichtlich eigenartige Prägung erhalten. Erster Abschnitt Die Elemente des wirtschaftlichen Prozesses Literatur I. Bedarfsbildung: Wenn man von den Grenznutzlern absieht, wenig theoretische Literatur. Vgl. etwa A. Kraus, Das Bedürfnis. 1894; B. Gur e witsch, Die ^Entwicklung der menschlichen Bedürfnisse. 1901 (soziologisch); Franz Cuhel, Zur Lehre von den Bedürfnissen. 1907. Neuerdings ist in Amerika eine gute, zusammenfassende Darstellung des Problemkreises erschienen: Hazel Kyrk, The theory of consumption. 1923. Dortselbst auch Hinweise auf weitere Literatur. Diejenigen Schriften, die sich mit der empirischen Bedarfsgestaltung beschäftigen, nenne ich unten auf Seite 594 f. II. Marktbildung: Reiche Literatur. Im allgemeinen beschäftigt sich jedes Lehrbuch mit dem Problem der Marktbildung. Hervor ragen aus der neuen Literatur: Marshall, Principles; G. Cassel, System der theoretischen Sozialökonomik. Das Preisproblem behandelt zusammenfassend: F. Eulenburg, Die Preisbildung in der modernen Wirtschaft, im GdS. Abt. IV, 1. Über Preisbildung auf dem Kapitalmärkte insbesondere: A. Spiethoff, verschiedene Aufsätze in Schmollers Jahrbuch 33 (1909); R. Hilferding, Das Finanzkapital; zuerst 1910; Somary, Bankpolitik. 1916; Herb. v. Beckerath, Kapitalmarkt und Geldmarkt. 1916. Auf dem Arbeitsmarkte (Arbeitslohn): siehe oben Seite 368f. Gewerkschaften: Sidney and Beatrice Webb, Industrial Demo- cracy. 1897. Deutsch von C. Hugo u. d. T. Theorie und Praxis der englischen Gewerkvereine. 2 Bd. 1897; meine Studie: Dennoch! 1900; Adolf Weber, Der Kampf zwischen Kapital und Arbeit. 1910. 2. Aufl. 1921; S. Nestriepke, Gewerkschaftslehre. 1921. Vgl. auch das Schriftenverzeichnis in meinem Proletarischen Sozialismus (1924), 451. Kartelle: Friedr. Kleinwächter, Die Kartelle. 1883 (Entdecker dieses Problems); R. T. Ely, Monopolies and Trusts. 1900; Jer. Whipple Jenks, The Trust Problem. 1901. 4. ed. 1925. Diese Werke sind grundlegend und enthalten bereits alles theoretisch Wissenswerte über Kartelle. Vgl. noch R. Liefmann, Kartelle und Trusts. 1905. 6. Aufl. 1924; G. de Leener, L’organisation syndicale des Chefs d’industrie. 2 Vol. 1909. Der zweite Band enthält die ausführlichste, zum Teil recht gute „Theorie“ der Kartellbildung. R. Hilferding, Das Finanzkapital. 1910. Literatur 521 3. Abschnitt; Th. Vogelstein, Die finanzielle Organisation der kapitalistischen Industrie und die Monopolbildung, im GdS. VI. Abt.; vortrefflich wie alles aus der Feder dieses Autors; S. Tschierschky, Kartell und Trust. 1911; J. Schär, Allgemeine Handelsbetriebslehre. 1. Bd. 1913. Beide zuletzt genannten Werke sind gute Zusammenfassungen. Ferner aus der neueren Literatur: Heinrich Mannstädt, Ursachen und Ziele des Zusammenschlusses im Gewerbe. 1916; H. v. Beckerath, Ziele und Gestaltungen in der deutschen Industriewirtschaft. 2. Aufl. 1924; Kurt Neu, Uber einige kapitalistische Zweckverbände, in Schmollers Jahrbuch Bd. 49 (1925). Weitere Literatur: siehe unten Seite 639. III. Betriebsbildung: siehe meine „Ordnung des Wirtschaftslebens' 4 (1925) und die dort genannte Literatur. Später erschien: Richard Passow, Betrieb, Unternehmung, Konzern. 1925; mit kritischen Übersichten über die bisherige Literatur. Über den Begriff der optimalen Betriebsgröße und das Ertragsproblem insbesondere: A. Marshall, Principles l 2 (1891); Ludwig Sinzheimer, Über die Grenzen der Weiterbildung des fabrikmäßigen Großbetriebs in Deutschland. 1893; A. Labriola, im Mouvement socialiste Nr. 198. 201. 206. 1908/09 (gegen den altmarxistischen Plechanow); Black, Das Gesetz des abnehmenden Bodenertrages bis J. St. Mill. 1904; B. Eßlen, Das Gesetz des abnehmenden Bodenertrages. 1905; derselbe im Archiv Bd.30,32. Th. Vogelstein, Das Ertragsgesetz in der Industrie, im Archiv Bd. 34; daselbst weitere Literatur; derselbe im GdS. VI; K. Bücher, Das Gesetz der Massenproduktion in der Zeitschrift f. d. ges. Staatswissenschaft. Bd. 34; H. Mannstädt, Das Gesetz des abnehmenden Ertrags in der Landwirtschaft und das des zunehmenden Ertrags im Gewerbe, in der Zeitschrift für Sozialwissenschaft. N. F. 4. Jahrg. Heft 6; S. J. Chap- man and T. S. Ashton, The Size of Business mainly in the Textil Industries, im Journal of the Royal Statistical Society. April 1914; Hans Ne iß er, Das Gesetz vom abnehmenden Bodenertrag und die wirtschaftliche Entwicklung, im Archiv Bd. 49 (1922); John Maurice Clark, Studies in the Economics of overhead costs. 1923. Über die V orteile des Großbetriebs insbesondere handeln :G. v. Schulze- Gävernitz, Der Großbetrieb. 1892; Kurt Rathenau, Der Einfluß der Kapitals- und Produktionsvermehrung in der deutschen Maschinenindustrie. 1906; gut; Karl Urbahn, Ermittelung der billigsten Betriebskraft für Fabriken. 1907; P. Rott, Unkosten und Lohnverschiebungen bei wechselnder Produktion. Technik und Wirtschaft. 7. Jahrg.; John A. Hobson, The evolution of modern capitalism. 2. ed. 1917; Karl Muhs, Begriff undFunktion des Kapitals (1919), Seite 52 ff.; M. R.Weyermann, Die ökonomische Eigenart der modernen Technik. GdS. VI. 2. Aufl. 1923. Weitere Literatur führe ich noch im empirischen Teil auf: siehe Seite 712 ff. namentlich Seite 715 ff. (s. v. Abgrenzung). Einunddreissigstes Kapitel Die Elemente der Bedarfsbildung Bedarf — im Sinne von Güterbedarf — ist entweder der Inbegriff der Bestrebungen zur Beschaffung dinglicher Befriedigungsmittel oder der Inbegriff dieser dinglichen Befriedigungsmittel selbst, auf die sich unser Streben richtet. I. Die Entstehungsarten des Bedarf s Wir unterscheiden drei Gegensatzpaare: 1. Endogen oder exogen ist der Bedarf, je nachdem das Bedürfnis den Bedarf oder dieser jenes erzeugt. Es wird wohl die Ansicht vertreten, daß aller Bedarf exogenen Ursprungs sei: so von Max Scheie r. Sehelers Theorie der Bedürfnisse ist diese: Bedürfnis im Unterschied zu einer bloßen Triebregung (Hunger) ist das (Unlust-) Gefühl am Nicht- Dasein eines Gutes festbestimmter Art oder eines qualitativ festumschriebenen „Ermangelns“ eines solchen Gutes und auf dieses eigenartige Erleben des „Ermangelns“ aufgebaut: das Streben nach einem solchen Gute. Zwar muß nun dabei das positive „Was“ des mangelnden Gutes nicht vorgesteckt und erdacht sein. Aber 1. muß der spezifisch positive Wert, der die Einheit der Güter, nach denen ein Bedürfnis vorliegt, ausmacht, bereits im Fühlen vorgegeben sein, damit es zu jenem Ermangelungserlebnis kommen kann; 2. muß die Triebregung (auf der jedes Bedürfnis beruht) eine irgendwie wiederkehrende sein; wonach uns einmal im Leben gelüstet, ist kein Bedürfnis; 3. muß die Triebbewegung oder besser: das auf ihr aufgebaute „Verlangen nach“ schon in irgendeiner Form gestillt worden sein und gleichzeitig jene Stillung gewohnheitsmäßig geworden sein, wenn es zu einem „Bedürfnis“ kommen soll. Im Unterschiede von naturgegebenen „Trieben“ sind alle „Bedürfnisse“ historisch und psychologisch geworden. Es gibt keine angeborenen Bedürfnisse. Aus „Bedürfnissen“ kann man also nicht Erfindungen und Entdeckungen erklären, nur umgekehrt jene aus diesen. Die Erzeugung neuer Güter kann niemals durch die Triebkraft eines Bedürfnisses erklärt werden, da vielmehr die Tatsache, daß sie zu Bedürfnissen werden konnten, Überall diese Produktion und ihre Gefühlsquellen und den Übergang des Einunddreißigstes Kapitel: Die Elemente der Bedarfsbildung 523 Verzehrs jener Produkte in eine gewohnheitsmäßige Form voraussetzt. „Ethik“ (1916), 363 ff. Für alle Bedürfnisse, die aus „Trieben“ entstehen, trifft das zu. Aber schon die individuellen Bedürfnisse gehen nicht nur aus Trieben, sondern auch aus rationalen Erwägungen hervor. In diesem Falle kann sowohl das Bedürfnis, als der Bedarf, als auch das zu ihrer Befriedigung dienende Gut vorgestellt werden. Das gilt in gesteigertem Maße für allen Bedarf an Produktionsmitteln; zweifellos ist das „Bedürfnis“ nach einer Spinnmaschine früher dagewesen als diese selbst. Ich habe das Nötige über das Verhältnis zwischen Bedarf und Erfindung im siebenten Kapitel bemerkt. 2. Die Entstehung des Bedarfs ist entweder autonom oder heteronom. Autonome Bedarfsgestaltung liegt vor, wenn eine bedürftige Person ihren Bedarf nach Menge und Art selbst bestimmt; heteronome Bedarfsgestaltung findet dagegen in allen denjenigen Fällen statt, in denen ein anderer für eine Person den Bedarf bestimmt: bei Kindern, Soldaten, Gefangenen, aber auch dann, wenn etwa der Produzent uns Güter einer bestimmten Art aufdrängt (oktroyiert). 3. Die Bedarfsgestaltung in ihrem Ausmaß und in ihrer Zusammensetzung ist entweder rational oder irrational (zum Unterschied von der oben erwähnten Entstehung eines Bedürfnisses aus Trieben oder aus Verstandeserwägungen). Rational nennen wir einen Bedarf, wenn er nach Quantum und Qualität „zweckmäßig“ gestaltet ist. Die Zweckmäßigkeit kann eine nur subjektive sein, wenn die Bedarfsgestaltung planmäßig erfolgt (rationalistisch); oder sie ist eine objektive. Das trifft dann zu, wenn sie einem irgendwelchen objektiven Zwecke entspricht (rationell ist): z. B. den Anforderungen der Hygiene, der Ökonomität, des Geschmackes gemäß ist. Irrational ist die Bedarfsgestaltung im entgegengesetzten Falle: objektiv irrational, wenn sie jenen Anforderungen zuwiderläuft, subjektiv irrational, wenn sie durch Tradition, Nachahmung oder Laune bestimmt wird. Subjektive Rationalität kann mit objektiver Irrationalität verbunden sein; ein Haushalt kann auf peinlichster Ordnung und Planmäßigkeit beruhen, und doch kann die Bedarfsgestaltung allen Anforderungen objektiver Zweckmäßigkeit zuwiderlaufen. 524 Erster Abschnitt: Die Elemente des wirtschaftlichen Prozesses II. Die Entstellungsgründe des Bedarfs Die Entstehungsarteu weisen die formale, die Entstellungsgründe die inhaltliche Bedingtheit der Bedarfsgestaltung auf. Folgende Entstehungsgründe lassen sich unterscheiden: 1. Die Produktionbestimmtden Bedarf; das bedeutet folgendes: a) Der Umfang der Produktion bestimmt den Umfang des Bedarfs: je mehr Güter erzeugt werden, desto mehr werden bedurft. b) Die Art der Produktion bestimmt der Bedarf: je nach der Technik sind die bedurften Güter verschieden. Das leuchtet ohne weiteres ein bei dem Bedarf an Produktionsmitteln: erst mit dem Aufkommen des Verbrennungsmotors entsteht ein Bedarf an Verbrennungsstoffen, erst nach Erfindung des Luftschiffes ein Bedarf an Aluminium, erst nach Erfindung des Automobils ein Bedarf an Gummireifen usw. Aber auch für letzte Konsumtionsgüter trifft es zu: die veränderte Technik hat den Bedarf an Spinnrädern, an Wassereimern, an Pökelfässern verschwinden lassen. c) Die Art der erzeugten Güter bestimmt der Bedarf; hierher gehören alle Fälle der exogenen Bedarfsgestaltung. Billige, reizvolle, neue Güter wecken Bedürfnisse und erzeugen Bedarf. Der Bedarf an Tabak, anMotorrädern, an Radioapparaten ist natürlich erst entstanden, nachdem diese Güter erzeugt waren. So kommt es, daß jede Produktionsverschiebung mit einer Bedarfsverschiebung verbunden zu sein pflegt. Das Aufkommen von „Ersatzgütern“ wandelt die Bedarfsgestaltung. Welch völlig verändertes Bild bot unsere Bedarfsgestaltung während des Krieges dar, gewiß nur, weil bestimmte Güter nicht mehr erzeugt wurden und andere die Lücke ausfüllen mußten. 2. Die Verteilung bestimmt den Bedarf: ist diese gleichmäßig, so werden gleichartige Güter durchschnittlicher Güte (Mittelgut) bedurft werden, ist sie ungleichmäßig, das heißt: gibt es wenige Reiche neben vielen Armen, so entsteht ein Bedarf an Luxus- gütem einerseits, an Schundwaren andererseits. Aber auch die Eigenart der Einkommensempfänger übt Einfluß auf die Bedarfsgestaltung aus: ob diese Fürsten oder Bürger oder Proleten sind; ob ihr Geschmack kultiviert oder roh, differenziert oder uniform, ihre Nachfrage stetig oder wechselnd ist. Unter welchen Umständen ein einheitlicher Massenbedarf entsteht, werde ich weiter unten noch angeben. Einunddreißigstes Kapitel: Die Elemente der Bedarfsbilduug 525 3. Der Bedarf bestimmt Produktion und Verteilung: a) Die Größe des Bedarfs bestimmt Umfang und Art der Produktion: der Grad der Konzentration, Kombination und Spezialisation ist abhängig von der Menge der nachgefragten Güter; b) die Art des Bedarfs bestimmt die Richtung der Produktion; c) der Bedarf bestimmt die Verteilung: eine bedürfnislose oder eine verwöhnte Masse wird eine ganz verschiedene Aufteilung des gesellschaftlichen Produkts zur Folge haben. III. Besondere Arten des Bedarfs Hier will ich nur einige in der hochkapitalistischen Ara besonders häufig auftretende Bedarfsfälle begrifflich kurz bestimmen. 1. Kollektivbedarf — Gegenteil: Individualbedarf — ist der Bedarf eines Kollektivums oder der Bedarf nach Gütern, die einer kollektiven Bedarfsbefriedigung dienen. Dahin gehören: öffentliche Parks, Plätze und Straßen, Theater Kirchen, Museen, Verwaltungsgebäude, Verkehrsmittel, wie Straßenbahnen, Omnibusse, Eisenbahnen usw. und viele andere Güter. 2. Massenbedarf — Gegenteil: vereinzelter Bedarf — liegt vor, wenn viele Menschen gleichartige Güter bedürfen. Er erscheint: a) als dezentralisierter Massenbedarf oder Massenbedarf im „uneigentlichen“ Sinne. Das sind die Fälle, in denen gleichartige Güter in großen Mengen, aber an verschiedenen, voneinander unabhängigen, das heißt in ihrer Versorgung selbständigen Stellen bedurft werden. Wie etwa dasselbe Roggenbrot, das in hunderttausend Backöfen in hunderttausend Städten und Dörfern gebacken wird; der Flachs, der an ebenso vielen Stellen gehechelt, der Mörtel, der an ebenso vielen Stellen verbaut wird. Von Massenbedarf im eigentlichen, technischen Sinne reden wir füglich erst, wenn vorliegt: b) zentralisierter Massenbedarf. Von diesem wollen wir sprechen, wenn die massenhaft bedurften Güter von einer Stelle aus beschafft werden. Ein Massenbedarf in diesem Sinne bildet sich wiederum in verschiedenen Fällen: «) wenn auf dem Wege der Organisation große Bedarfseinheiten geschaffen werden, die viele, gleichartige Güter bedürfen und geschlossen 526 Erster Abschnitt: Die Elemente des wirtschaftlichen Prozesses beziehen: Bedarf eines Krankenhauses, einer Verwaltungsbehörde, Schulbedarf einer Gemeinde; ß) wenn die Bevölkerung auf so engem Raume zusammengedrängt ist, daß ihre Versorgung auf einheitliche Weise erfolgen kann: Großstadtbedarf; y) wenn die Verkehrsmittel und die Vertriebsorganisation so hoch entwickelt sind, daß gleichförmige Waren in großen Massen von einer Stelle aus auch weit über die Lande zerstreut werden können: Versand eines Warenhauses, Zeitung, die an tausend Stellen gelesen wird, aber auch Ford gehören hierher. Von dem zentralisierten Massenbedarf unterscheide ich noch: c) den konzentrierten Massenbedarf, der dann vorliegt, wenn der Massenbedarf durch einen Produktionsvorgang erzeugt wird. Konzentrierter Massenbedarf entsteht zum Beispiel beim Bau eines großen Gebäudes, eines großen Schiffes, bei der Anlage eines großen Bergwerks, eines Kanals, einer Eisenbahn. Endlich verdient einer besonderen Erwähnung der Begriff 3. des spekulativen Bedarfs — Gegenteil: effektiver Bedarf. Spekulativen Bedarf nennen wir den Bedarf an Gütern, für die es eine Verwendung noch nicht gibt. Das ist also in erster Linie der Fall, wo ein Bedarf an Produktionsmitteln entsteht zur Produktion von individuellen Konsumtionsgütern, die man absetzen zu können hofft, die aber das bisherige Ausmaß der Produktion überschreiten. Aller Bedarf auf Grund einer Nachfrage aus Produktionskredit gehört hierher. 527 Zweiunddreissigstes Kapitel Die Elemente der Marktbildung* Zu wiederholten Malen habe ich im ersten und zweiten Bande dieses Werkes meine Ansichten über die Elemente der Marktbildung: Begriff und Arten des Marktes, Preisbildung usw. dargelegt. Ich verweise den Leser auf jene Stellen, die er an der Hand des Sachverzeichnisses leicht finden wird, und will hier nur einige zusammenfassende Bemerkungen machen, die das früher Gesagte teilweise ergänzen. I. Begriff und Arten des Marktes 1. Unter einem Markt wollen wir den Inbegriff einer größeren Anzahl in Beziehung stehender Tauschvorgänge verstehen. Nicht jede Begegnung von Angebot und Nachfrage bildet also schon einen Markt. Ausgeschlossen bleiben vielmehr die gelegentlichen und voneinander imabhängigen Tauschvorgänge. 2. Bestandteile jedes entwickelten Marktes sind folgende: • a) eine Markt gesinnung. Das ist das Fluidum, die geistige Atmosphäre oder Stimmung, innerhalb deren eine Wechselwirkung zwischen den einzelnen Tauschakten obwaltet. Sie stellt das innere Abhängigkeitsverhältnis zwischen den einzelnen Tauschakten her und bildet das, was wir den inneren Markt nennen können; b) eine Marktordnung. Ist diese bewußt geschaffen und niedergeschlagen in einer Veranstaltung zur Begegnung von Angebot und Nachfrage, so sprechen wir von einem organisierten Markte; diesen Markt können wir auch als äußeren Markt bezeichnen; c) eine Markttechnik. Das ist das bestimmte Verfahren zur Abwicklung der Marktvorgänge. Ein Markt ist das Gebiet, auf dem die Austauschbedingungen (insbesondere die Preise) sich rasch und leicht ausgleichen (C o u r n o t), wie etwa: der Wohnungsmarkt einer Stadt, der Arbeitsmarkt eines Gewerbes, der Hypothekenmarkt eines Landes, der Weltmarkt für Devisen. 528 Erster Abschnitt: Die Elemente des wirtschaftlichen Prozesses 3. Arten des Marktes können wir unter verschiedenen Gesichtspunkten verschiedene unterscheiden: a) nach den äußeren Beziehungen der Marktteilnehmer untereinander: konkrete und abstrakte Märkte. Konkrete Märkte sind diejenigen, auf denen eine wirkliche, persönliche, ortsnahe Berührung stattfindet: Wochen- oder Jahrmärkte; Vieh-, Topf-, Wollmärkte; Messen. Abstrakte Märkte sind diejenigen, bei denen nur eine gedachte, ortsferne Beziehung besteht: Branchenmärkte (Eisenmarkt); geographische Märkte (provinzielle, nationale, internationale Märkte); b) nach der inneren Beschaffenheit der ausgetauschten Werte: Märkte für individuelle, nicht vertretbare Werte: Pferde, Rauchwaren, Kunstwerke, zweite Hypotheken, Qualitätsarbeiter, und Märkte für generelle, vertretbare (fungible) Werte: Massengüter, Effekten, ungelernte Arbeiter. Märkte für fungible Werte heißen Börsen; c) nach der äußeren Beschaffenheit der ausge- tauschtenW erte: Kapitalmärkte, Arbeitsmärkte, Warenmärkte. Kapitalmärkte, richtig: Geldkapitalmärkte sind diejenigen, auf denen Kapital angeboten und nachgefragt wird. Die übliche (börsentechnische) Unterscheidung ist die in Geld- und Kapitalmarkt, wobei unter Geldmarkt derjenige verstanden wird, auf dem kurzfristige, seien es Betriebs-, seien es Spekulations- (konsumtive) Kredite, nachgefragt und angeboten werden, während man Kapitalmarkt den Markt für Anlagewerte und langfristige Kredite nennt. Diese Unterscheidung genügt den wissenschaftlichen Anforderungen nicht, da sie die Begriffe Geld und Kapital in einer unzulässigen Weise verwendet. Will man die Unterscheidung in Geld- und Kapitalmarkt beibehalten, so muß man als Geldmarkt denjenigen Markt bezeichnen, auf dem Wertpapiere gehandelt oder Kreditgeschäfte abgeschlossen werden, die kein Kapital beschaffen, mag es sich dabei um kurz- oder langfristigen Kredit handeln. Diesem Geldmarkt würde dann der Kapitalmarkt in dem hier gemeinten Sinne gegenüberstehen, auf dem dann also ebenfalls sowohl kurz- wie langfristige Kreditgeschäfte abgeschlossen werden. Arbeitsmärkte sind diejenigen Märkte, auf denen Arbeitsleistungen angeboten und nachgefragt werden, auf denen also die Lohn- und Anstellungsverträge zwischen Unternehmern und Arbeitern zustande kommen. Warenmärkte sind diejenigen Märkte, auf denen „Waren“ angeboten und nachgefragt werden, das heißt Sachgüter, die zum Zwecke des Austausches erzeugt worden sind. Zweiunddreißigstes Kapitel: Die Elemente der Marktbildung 529 II. Die Preisgesetze 1. Über das Wesen und die Aufgabe der Preisgesetze habe ich mich ebenfalls schon ausführlich geäußert. Da ich jedoch früher nur den Warenmarkt im Auge hatte, hier jedoch alle drei Märkte: Kapital-, Arbeits- und Warenmarkt, in die Untersuchung einbeziehe, so will ich zwischen solchen „Preisgesetzen“ unterscheiden, die für alle drei Märkte Gültigkeit haben, und solchen Grundsätzen, die sich für die Preisbildung auf den einzelnen Märkten gesondert feststellen lassen. 2. Pür alle drei Märkte gleichmäßig gelten: das Gesetz von Angebot und Nachfrage und das Geldwertgesetz, lassen sich also die drei Sätze formen: (1) Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis; (2) der Preis bestimmt Angebot und Nachfrage; (3) die Menge des zur Ausgabe gelangenden Geldes (die Höhe der Kaufkraft) übt selbständigen Einfluß auf die Preisbildung aus. 3. Besondere Preisbildungen auf den einzelnen Märkten a) Für das Verständnis der Preisbildung auf dem Kapitalmärkte genügen im wesentlichen die allgemeinen Preisgesetze. Es kommt dann nur darauf an, festzustellen, von welchen Umständen die Höhe des Angebots und der Nachfrage abhängen. Das habe ich versucht in dem dreizehnten Kapitel dieses Bandes. b) Dasselbe gilt vom Arbeitsmarkte: vgl. das siebenundzwanzigste Kapitel dieses Bandes. Die Besonderheit des Arbeitsmarktes besteht darin, daß sich der Preis für die vom Arbeiter gebotene Dienstleistung bildet, a 1 s o b sie eine Ware wäre, während sie es in Wirklichkeit nicht ist. Weder sie noch ihr Träger ist eine Ware. c) Für die Preisbildung auf dem W arenmarkte müssen wir aber ein „Gesetz“ aufstellen, das für ihn allein gilt: das Produktionskostengesetz. Aus ihm ergibt sich die wichtige Folgerung, daß wir drei verschiedene Arten von Warenpreisen unterscheiden: (1) die Konkurrenzpreise, die um die Produktionskosten pendeln; (2) die dauernd von den Produktionskosten abweichenden Preise, das sind die Preise für nicht vermehrbare und nicht beliebig vermehrbare Güter, die zur Entstehimg der absoluten und der differentiellen Rente führen; (3) die vorübergehend von den Produktionskosten abweichenden 530 Erster Abschnitt: Die Elemente des wirtschaftlichen Prozesses Preise, unter denen eine besonders wichtige Rolle spielen die vorübergehend über den Produktionskosten stehenden Preise beliebig vermehrbarer Güter: siehe das dreizehnte Kapitel Bd. III. III. Die künstliche Beeinflussung des Marktes Eine „künstliche“ Beeinflussung des — als frei fingierten — Tauschverkehrs auf dem Markte erfolgt unausgesetzt durch die Rechtsetzende Gewalt, den Staat und alle übrigen Verwaltungskörper: sei es auf geradem Wege durch Erhebung von Steuern oder Zöllen, Preistaxen, Patenterteilungen und dergleichen, sei es auf Umwegen durch Gesetze und Verordnungen, die das freie Handeln beschränken, aller Art: Arbeiterschutzgesetze, Sozialversicherung, Börsenordnungen u. a., sei es endlich durch bewußt regelndes Eingreifen in den „natürlichen“ (das heißt: ausschließlich durch die Handlungen des Einzelnen bestimmten) Verlauf des wirtschaftlichen Prozesses, wie etwa durch eine bestimmte Tarifpolitik bei den Verkehrsanstalten, eine bestimmte Diskontpolitik bei den Zentralbanken. Von diesen Maßnahmen ist schon in anderem Zusammenhänge die Rede gewesen. Hier soll jener künstlichen Beeinflussung des freien Marktverkehrs gedacht werden, die von den Marktteilnehmern selber ausgeht. 1. Auf dem Kapitalmärkte findet eine künstliche Beeinflussung der Marktlage entweder nur vorübergehend oder dauernd statt. Vorübergehend erfolgt sie in spekulativer Absicht, zur Durchführung eines einzelnen Schlages. Die Mittel sind der Corner und, wenn es sich um das gemeinsame Vorgehen mehrerer Personen handelt, der „Ring“, die Hausse- und Baisse-„Partei“, „Mine“ und „Kontermine“. Dauernd kann die Beeinflussung des Kapitalmarktes erfolgen durch Bildung von Spekulationsgesellschaften oder durch Kartellierung der kapitalbeschaffenden Unternehmungen, namentlich der Banken. 2. Auf dem Arbeitsmarkte stoßen wir auf eine alte, großartige und ständige Einrichtung, die den Zweck verfolgt, die Marktlage (zugunsten des Arbeiters) dauernd zu beeinflussen: die g e - werkschaftliche Arbeiterorganisation. Sie versucht durch den Zusammenschluß der Lohnarbeiter in Verbände diese zu einem gemeinsamen Vorgehen zu veranlassen und will durch Arbeitsnachweis (siehe unten Seite 648), Reiseunterstützung und Arbeitslosenunterstützung das Angebot von Arbeitskräften und damit den Druck auf den Markt verringern. Zweiunddreißigstes Kapitel: Die Elemente der Marktbilduug 531 Die Gewerkschaften gehen darüber hinaus, indem sie sich bemühen, auch bei ausgeglichener Marktlage die Macht läge des Lohnarbeiters zu stärken durch Ermöglichung gemeinsamen Handelns insbesondere durch Arbeitseinstellungen, die durch die Anlage von Streikkassen ermöglicht werden sollen. Der empirische Teil wird einen Überblick über die Verbreitung dieser Einrichtungen enthalten. Dortselbst werden wir uns auch ein Urteil über die praktische Wirksamkeit der gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung, insbesondere ihrer Lohnpolitik zu bilden versuchen. 3. Die bei weitem bedeutendste und nachhaltigste Beeinflussung des freien Tauschverkehrs findet auf dem Warenmärkte im weiteren Sinne, in dem er den Markt für alle Leistungen außer den Arbeitsleistungen umfaßt, statt. Wobei ich nicht sowohl an die hier ebenfalls zu spekulativen Zwecken erfolgenden Eingriffe durch Corner, Ringe usw., als vielmehr an die ständige Beeinflussung der Marktlage durch die Einrichtung der Kartelle denke, über die hier einige grundsätzliche Bemerkungen zu machen sind. Unter Kartellen verstehen wir Zweckverbände selbständiger Unternehmer gleicher Erwerbszweige zu fortgesetzter Regelung der Marktverhältnisse ihres Gewerbes mit konkurrenzausschließender Tendenz. Wir können folgende Arten von Kartellen unterscheiden: (1) nach der Artbeschaffenheit der Teilnehmer: Produktions-, Händler-, Transportkartelle usw.; lokale, nationale, internationale; Käufer- Abnehmer-), Verkäufer- (Arbeiter-) Kartelle; (2) nach der Artbeschaffenheit der vereinbarten Mittel (inhaltlich bestimmte Eigenart): a) Konditionenkartelle: Regelung der Verkaufsbedingungen (Zahlungsfristen, Rabatte, Musterlieferungen usw.); b) Preiskartelle: Feststellung von Mindestpreisen (Mindesttarifen, Mindestprämien); c) Rayonierungskartelle: Verteilung des Absatzes, sei es in räumlicher, sei es in sachlicher Hinsicht; d) Mengenkartelle mit Produktionseinschränkung; e) Mengenkartelle mit Kontingentierung; f) Vollkartelle: die mehrere oder alle der aufgestellten Maßnahmen vereinigen: meist zwangsweise, da die Mittel zur Beschränkung des freien Wettbewerbs vereinzelt wirkungslos sind (vor allem zieht das Preiskartell immer die Mengenfestsetzung nach sich); Sombart, Hochkapitalisnvus II. 34 532 Erster Abschnitt: Die Elemente des wirtschaftlichen Prozesses (3) nach der Artbeschaffenheit der Struktur des Verbandes, insbesondere der Festigkeit seines Gefüges (formell bestimmte Eigenart): a) reine Vereinbarungskartelle: gentlemen’s agreements; b) kontrollierte Kartelle: Errichtung von Kontrollbureaus, Genehmigungsinstanzen usw.; c) gebundene Kartelle: Verkaufskartelle oder Syndikate; bei ihnen ist die unmittelbare Beziehung zwischen Werk und Kundschaft gelöst: der Verkauf ist auf eine gemeinsame Verkaufsstelle, ein Verkaufskontor, übertragen. Bedingungen der Kartellbildung sind alle diejenigen Tatbestände, von deren Gestaltung die Kartellbildung abhängig ist. Sie sind: (1.) seelische, sofern die Kartellbildung von dem Willen und der Fähigkeit der Unternehmer zum Zusammenschluß abhängt; (2.) betriebsorganisatorische: die Wahrscheinlichkeit der Kartellbildung steht im geraden Verhältnis zur Größe der Unternehmungen (je größer die Unternehmungen, desto erbitterter der Kampf, desto leichter die Verständigung: Aktiengesellschaften!), zum Verhältnisanteil des Anlagekapitals (je mehr Kapital festgelegt ist, desto schwieriger sind Betriebseinschränkungen) und zur Ausgeglichenheit des Organisationsgrades (je gleicher dieser, desto leichter der Zusammenschluß, da bei Ungleichheit die Stärkeren auf ihre Stärke vertrauen); dagegen im umgekehrten Verhältnis zur Zahl der Unternehmungen, die zusammenzuschließen sind. Endlich werden die Bedingungen der Kartellbildung geschaffen durch (3.) die Eigenart des Produkts und seines Absatzes: je gleichförmiger das Erzeugnis, desto leichter die Kartellierung, da sowohl die Eifersucht der einzelnen Unternehmungen untereinander als die Schwierigkeit der Tarifierung geringer sind bei gleichförmigen (womöglich vertretbaren) Produkten als bei individuell sehr verschiedenen; je konzentrierter die Nachfrage, desto leichter ebenfalls die Kartellierung, und endlich: um so leichter diese, je monopolistischer die Absatzbedingungen eines Gewerbes als Ganzes gestaltet sind. Deshalb sind begünstigende (homogene) Bedingungen der Kartellbildung: günstige Lage zu Rohstoffen oder Absatzgebieten, Schwere der Güter („Frachtschutz“!), räumliche Geschlossenheit (rheinisch-westfälische Kohle!), abgegrenzter Transportbezirk, hochwertige Leistungen (englische Textilindustrie!), Patente, Zollschutz. 533 Dreiunddreissigstes Kapitel Die Elemente der Betriebsbildung Auch über die Grundsätze der Betriebsgestaltung habe ich an verschiedenen Orten in diesem Werke mich ausführlich vernehmen lassen, wie wiederum das Sachregister ausweist. Zudem habe ich in einer besonderen Studie „Die Ordnung des Wirtschaftslebens“ (1925) ein sehr genaues Schema der Betriebsproblematik entworfen. Endlich will ich einen Teil der schematischen Betrachtungen in die empirische Darstellung verweben, da diese vielfach erst das richtige Verständnis für bestimmte grundsätzliche Zusammenhänge vermittelt. Der Überblick, den ich in diesem Kapitel gebe, soll früher Gesagtes kurz wiederholen, soweit es notwendig ist, es in Erinnerung zu bringen, soll ferner einige Kategorien der Betriebsbildung, die erst in der hochkapitalistischen Wirtschaft Bedeutung erlangen, neu entwickeln, alles aber unter Bei- seitelassung von Einzelheiten auch theoretischer Natur, die vielmehr in der Darstellung der empirischen Betriebsgestaltung ihre Erledigung finden werden. Ich bediene mich dabei des Schemas, das ich in der obengenannten Arbeit benutzt habe, und in das ich an den gegebenen Stellen Ausführungen über Vorteile, Nachteile und Bedingungen der einzelnen Betriebsgestaltungen einfügen werde. I, Die Gesetzmäßigkeit der Betriebsbildung Die Betriebsformen sind nicht nur tatsächlich voneinander verschieden, ihre Verschiedenheit ist auch großenteils eine notwendige, durch „die Natur der Sache“, das heißt durch rationale Momente bedingte. Die Bedingtheit ist erstens eine solche durch den Zweck, dem der Betrieb dient. Der Zweck macht — oft, nicht immer — die Anwendung einer bestimmten Technik und einer bestimmten Betriebsorganisation notwendig. So kann die Art des herzustellenden Produktes zwangsläufig eine bestimmte Betriebsgestaltung herbeiführen. Um Stickstoff aus der Luft zu gewinnen, ist eine ganz bestimmte Anlage notwendig mit einem gegebenen Satz von Produktionsmitteln und Arbeitern; der 34 * 534 Erster Abschnitt: Die Elemente des wirtschaftlichen Prozesses Betrieb einer Eisenbahn zwischen zwei Orten oder einer städtischen Untergrundbahn stellt — innerhalb gewisser Grenzen — ganz bestimmte Anforderungen an die Betriebsgestaltung. Aber auch die Modalität der Herstellung oder der Darbietung eines Produktes oder einer Gruppe von Produkten kann eine bestimmte Betriebsgestaltung erzwingen: beispielsweise die rasche Lieferung (Zeitung!) oder die Anpassung an den Bedarf der Kundschaft (Detailhandelsgeschäft!). Unter Umständen gibt es nur eine technische Möglichkeit, eine bestimmte Leistung zu erzielen; dann bestimmt also der Zweck die Betriebsgestaltung im ganzen. Sehr häufig aber bestehen verschiedene Möglichkeiten: man kann Hemden oder Schuhe in großen automatischen Betrieben oder in kleinen Handbetrieben hersteilen, transportieren oder verkaufen. Welche Möglichkeit man wählt, hängt von Erwägungen wirtschaftlicher Natur ab. Hat man sich für eine Möglichkeit entschieden, so ist die Betriebsgestaltung abermals in zahlreichen Fällen vorherbestimmt. Denn wir beobachten zweitens eine Bedingtheit der Betriebsgestaltung durch die T e c h n i k , deren man sich bedient. Die Technik schreibt Art und Größe der Produktionsmittel vor. Diese aber machen einen Betrieb von bestimmter Größe und Art notwendig, um sie in Gang zu setzen. Will ich Schuhe maschinell hersteilen, so benötige ich eines Satzes von Maschinen, vor allem auch der komplizierten Zwickmaschine und Sohlennähmaschine. Diese Maschinen setzen einen bestimmten Grad von Spezialisation und — zu ihrer vollen Ausnutzung — eine bestimmte Anzahl von Arbeitern voraus. Es ergibt sich also jedenfalls eine Mindestspezialisation und eine Mindestgröße des Betriebes mit innerer Notwendigkeit. Im engen Zusammenhänge mit der Abhängigkeit der Betriebsgestaltung von der angewandten Technik steht nun aber drittens die Bedingtheit der Betriebsformen durch die Organisationsprinzipien (Spezialisation und Kooperation). Diese Bedingtheit äußert sich darin, daß Spezialisation nicht nur grundsätzlich Kooperation notwendig macht, sondern daß auch das Maß der Spezialisation den Umfang der Kooperation und damit die Größe des Betriebes bestimmt. Zerlege ich den Arbeitsprozeß, der in einem Betriebe bewältigt werden soll, in 30 Teilvorrichtungen, so muß ich mindestens 30 Arbeiter beschäftigen. In der Kegel aber mehr, weil die Ausführung der einzelnen Teilarbeiten eine verschieden lange Zeit beansprucht. Nehmen wir an, daß 10 Teilvorrichtungen je 3 Stunden, 10 je 2 Stunden, 10 je 1 Stunde dauern, so muß der Betrieb mindestens 60 Arbeiter umfassen. Er kann Dreiunddreißigstes Kapitel: Die Elemente der Betriebsbildung 535 sich auch immer nur in einem gleichen Verhältnis vergrößern, solange der Grad der Spezialisation und die Arbeitsdauer der einzelnen Arbeitsverrichtungen dieselben bleiben. Aus den eben analysierten Elementen einer gesetzmäßigen Betriebsbildung setzt sich der wichtige Begriff der optimalen Betriebsgröße zusammen. Er besagt, daß es eine Größe des Betriebes gibt, bei welcher der gewünschte Erfolg am besten erzielt, insbesondere das Maximum der (Arbeits-) Produktivität erreicht wird. Das geschieht aber, wenn drei Bedingungen erfüllt werden: (1.) das produktivste Verfahren angewandt wird; (2.) sämtliche Produktionsfaktoren optimal genutzt werden; (3.) sämtliche Produktionsfaktoren in einem richtigen Größenverhältnis zueinander stehen, „proportional“ sind. Die Erfüllung dieser Bedingungen führt zu einer bestimmten Betriebsgröße; dieses ist die optimale Betriebsgröße. Es gibt ein absolutes und ein relatives Optimum der Betriebsgröße. Dieses wird bestimmt unter Berücksichtigung der Menge der herzustellenden Produkte; jenes ohne diese Rücksichtnahme, so daß als das zu lösende Problem sich ergibt: ein einzelnes Gut (eine einzelne Leistung) unter den dem jeweiligen Stand der Technik entsprechenden günstigsten Bedingungen herzustellen. II. Die Gestaltung des einzelnen Betriebes 1. Die Abgrenzung der Arbeitsgebiete in den Betrieben Hier kommen die beiden Kategorien Spezialisation und Kombination in Betracht. Die Spezialisation erscheint als Funktionenteilung, das heißt als Verselbständigung der einzelnen Teile des kapitalistischen Verwertungsprozesses oder als Werk- (Sach-) Teilung, das heißt als die Spezialisation bestimmter Tätigkeitskomplexe bei Ausübung einer der Funktionen. Typisierung nenne ich die Steigerung der Spezialisation der Werkverrichtung, nämlich Spezialisierung auf wenige nach bestimmten Normalmaßen hergestellte gleichförmige Typen einer Warengattung (Nähmaschinen in drei Größen), während ich die Bezeichnung Normalisierung für die Vereinheitlichung einzelner Teile eines Fabrikates verwenden will. Die kapitalistischen Vorteile der Spezialisation lassen sich in allgemeine, die aller Spezialisation anhaften, und besondere, die die Spezialisation der Produktion aufweist, unterscheiden. 536 Erster Abschnitt: Die Elemente des wirtschaftlichen Prozesses Allgemeine Vorteile sind: (1) Verringerung der Mindestgröße des Kapitals; (2) genauere Kenntnis der Marktlage: Vorteil z. B. des selbständigen Handels, der eine größere Vertrautheit mit Absatz-, Kunden-, Kreditverhältnissen besitzt; (3) bessere Beherrschung der Technik; (4) Vereinheitlichung und Vervollkommnung der Geschäftsführung: bessere, leichtere, genauere Kalkulation; (5) Verbesserung der Einzelleistung; (6) Verbilligung der Einzelleistung, weil die spezialisierte Verrichtung schneller vorgenommen wird. Die besonderen Produktionsvorteile sind: (1) Verringerung bestimmter Hilfsarbeiten und Hilfsvorrichtungen: Ersparung an Zeichnungen, Modellen, Schablonen; Verkleinerung des Lagers an Modellen usw.; Die Vorarbeiten betragen z. B. für eine Bohrmaschine 4000 Mk.; kann man auf ihrer Grundlage gleich 100 Maschinen gleicher Art anfertigen, so verringern sich die Kosten auf 40 Mk. Eine Schreibmaschinenfabrik berechnete ihre Selbstkosten an Material, Arbeitslöhnen und Betriebskosten für die erste Schreibmaschine auf. 4500 Mk. für die nächsten 100 Schreibmaschinen auf. 200 „ für weitere Schreibmaschinen auf.125 „ Kurt Rathenau, Der Einfluß der Kapitals- und Produktionsvermehrung auf die Produktionskosten (1906), 18. Zum Teil wird hier die Verbilligung auch durch das Mengenmoment (Betriebsgröße) bestimmt; siehe darüber weiter unten Seite 540ff. (2) Erleichterung der Anbringung technischer Verbesserungen bei der Anwendung von Spezialmaschinen; (3) Vermeidung des Wechsels der Arbeit, wodurch vermieden wird: a) das Neuanlernen von Arbeitern und die damit verbundene Verringerung der Anfangsleistung; b) das Umändern und Stillstehen der Maschinen; c) der Verschleiß von Maschinen durch das Ungeschick der Arbeiter. Den Vorteilen der Spezialisation stehen Nachteile gegenüber, unter denen der Gewinnentgang (bei Funktionenteilung) und die Risikovergrößerung die wichtigsten sind. Die Spezialisation und namentlich ihr Grad ist an bestimmte Bedingungen geknüpft: die Tätigkeit muß ununterbrochen (kontinuierlich) ausgeübt werden können, und es muß einMindestmaß von Verrichtungen, Dreiunddreißigstes Kapitel: Die Elemente der Betriebsbildung 537 eine Mindestgröße des Tätigkeitskomplexes gegeben sein, bei dem die Verwendung eines Mindestkapitals nnd die Erzielung eines Mindestprofits gewährleistet sind. Die Kombination ist das Gegenstück zur Spezialisation. In dem hier gemeinten Sinne ist Kombination die Vereinigung mehrerer früher selbständiger (oder anderwärts selbständiger) Betriebe verschiedenen Inhalts zu einem Betriebe: das Werk desselben rational-kapitalistischen Geistes, der auch die Spezialisation aus sich heraustreibt. Diese wird beim Vorgang der Kombination vorausgesetzt, durch ihn ergänzt und weitergebildet. Wir unterscheiden (1) Funktionenvereinigung; (2) Werkvereinigung in der Form der Angliederung: wenn ein unwichtiger „Neben“-Betrieb mit einem wichtigen ,,Haupt“-Betriebe verbunden wird; eine Böttcherei mit einer Brauerei; eine Druckerei mit einer Schokoladenfabrik; (3) Werkvereinigung in der Form der Zusammengliederung: wemi zwei oder mehrere gleich wichtige Betriebe vereinigt werden; Hochofen — Stahlwerk; Spinnerei — Weberei. Die Kombination in dieser Form der Zusammengliederung ist: a) horizontal, wenn Produktionszweige verbunden werden: zwei Detailhandelszweige, zwei Walzwerke mit verschiedenen Walzenstraßen; b) vertikal aufwärts, wenn eine niedere Produktionsstufe sich mit einer höheren zusammengliedert: Bergwerk — Hochofen; c) vertikal abwärts im bezugsweise umgekehrten Falle. Ein anderes Schema legt der Bearbeiter des amerikanischen Zensus seiner wertvollen Darstellung der Betriebskombination zugrunde, das Beachtung verdient. 1. Vereinigung divergenter Produktionsprozesse: a) Erzeugung verschiedener Produkte (joint products), das heißt: Produkte aus demselben Rohstoff: / Fleischkonserven Rindvieh —kondensierte Milch" \ Butter b) Erzeugung von Nebenprodukten: Baumwollsamen (Baumwollsamenöl, Baumwollsamenkuchen); c) Erzeugung von Produkten verschiedener Substanz mit gleichem Verfahren: Spinnerei / Wolle \ Baumwolle. 538 Erster Abschnitt: Die Elemente des wirtschaftlichen Prozesses 2. Vereinigung konvergenter Produktionsprozesse: a) Erzeugung von Komplementärgütern: Holzbearbeitung \ T , . , , . „. n ° > Landwirtschaftliche Maschinen. Gießerei / b) Erzeugung von Hilfsprodukten: Fischkonservierung (Schiffsreparatur). c) Erzeugung verschiedener Güter mit gleichem Verwendungszweck (meet in single markt): Zahnärztliche Apparate \ Za]mbehandl Künstliche Zahne / ° 3. Vereinigung verschiedener Produktions stufen: vertikale Kombination oder Integration. Willard L, Thorp, The Integration of Industrial Coperations. Census Monograph. III (1924), 159ff. Die Vorteile der Kombination sind folgende: (1) Steigerung der Güte der Leistung: bessere Darbietung der Waren im Laden! Ausführung verschiedener Geschäfte durch ein Werk! Anpassung des Vorprodukts an die Erfordernisse des Fertigprodukts! (2) Kostenersparnis: a) allgemein: Ersparung (Einheimsung) der Zwischenprofite; b) im Erzeugungsprozeß: bessere Ausnutzung der Stoffe und Kräfte: Gichtgase! Hitze! Abfälle! Beispiele: Ausnutzung in der Eisenverarbeitung der Gase, die beim Kokerei- und Hochofenbetrieb erzeugt werden. Man rechnet bei der Kokerei 300 cbm auf die Tonne Koks, beim Hochofen 4500 ,, „ ,, ,, Roheisen. Nach Hüben er, Deutsche Eisenindustrie, 53. Davon werden genutzt: im Hochofen zur Erhitzung des Gebläsewindes, Betreiben der Gichtaufzüge usw. 37 PS., so daß 23 für das Stahl- und Walzwerk frei bleiben. Diese werden genutzt, wenn Hochofen, Stahl- und Walzwerk kombiniert sind, während sie beim „reinen“ Hochofenwerk verloren gehen. Ein westfälisches Thomaswerk berechnet die Verbilligung der Produktion infolge einer Ausnutzung der Gichtgase auf 4 Mk. pro Tonne Rohstahl. Verwertung der Hitze: Durch sofortiges Auswalzen der heißen Stahlblöcke erzielt ein rheinisches Werk 2—3 Mk. pro Tonne Kohlen- crsparnis. Vereinfachung der chemischen Prozesse: Bei einer Kombination zwischen Rohzuckerfabrik und Raffinerie kann der Dicksaft gleich in die Raffinerie hinuntergeleitet und verarbeitet werden, wodurch die Rohzuckerarbeit und der Auflösungsprozeß auf Kosten einer wenig verwickelten Behandlung des Dicksaftes in der Raffinerie wegfällt. c) Im Umlaufprozeß: Verringerung der Lagerhaltung! Ersparung eines etwaigen Zolls! Ersparung der Produktionskosten! Dreiunddreißigstes Kapitel: Die Elemente der Betriebsbildung 539 (3) Sicherung: a) Sicherung des Absatzes: Verarbeitung der Vorprodukte! Errichtung eines Ausschankes abseiten einer Brauerei, eines Ladens ab- seiten einer Schuhfabrik! b) Sicherung des Bezuges: Kohle für Hochofen! Rüben für Zuckerfabrik! Elektrischer Strom für Straßenbahn! Sicherheit des Bezuges (daß ein Vorprodukt erhältlich ist) und Anpassung der Qualität des Vorprodukts an den Bedarf (in welcher Beschaffenheit es erhältlich ist) werden oft durch die Kombination zugleich erreicht. So begründet Bord seine weitreichende Kombinationspolitik wie folgt: „When we cannot depend on prompt deliveries or when quality of products furnished by suppliers is not suitable, we are forced to go into that ourselves. The cost, if we make it, may be slightly more, but we don’t care. We must be assured first of all that we can get the materials when we want them. That is the main reason we have done so much expanding.“ Wall Street Journal Nr. 97 vom 26. Oct. 1923. Zitiert bei Emil Honermeier a. a. 0. Seite 61. (Sperrungen von mir.) c) Sicherung gegen Konjunkturschwankungen: Verteilung des Absatzrisikos! Sicherung gegen Preisschwankungen der Rohprodukte! Sicherungen gegen erpresserische Tarifpolitik der Verkehrsinstitute! Die Bedingungen (und damit Grenzen) der Kombination sind teils persönlicher, teils sachlicher Natur. Die persönliche Bedingung ist das Vorhandensein von Unternehmern, die fähig sind, einem kombinierten Betriebe, der naturgemäß vielseitige Betätigung erheischt, vorzustehen, und die gleichzeitig gewillt sind, die Last einer erschwerten Leitung auf sich zu nehmen. Die sachlichen Bedingungen sind folgende: (1) genügendeEinfachheit und Übersichtlichkeit der zu einem Ganzen vereinigten Tätigkeit; (2) Stetigkeit der Produktion oder des Absatzes; (3) Proportionalität der Betriebsoptima bei der Werkvereinigung. 2. Die Betriebsgröße a) Betriebsgröße und Großbetrieb Die Größe eines Betriebes — sei es eines Werkbetriebes oder eines Wirtschaftsbetriebes (Unternehmung) — läßt sich nach verschiedenen Merkmalen bestimmen. Die Merkmale können sein: (1) personale: Zahl der beschäftigten Personen: ein sicheres, aber sehr trügerisches Merkmal angesichts der verschiedenen „organischen“ Zusammensetzung des Kapitals; 540 Erster Abschnitt: Die Elemente des wirtschaftlichen Prozesses (2) reale: das sind a) Größe (Zahl) der Arbeitsmittel: Spindeln! Lokomotiven! Tonnen- gelialt der Schiffe! b) Menge der verarbeiteten Rohstoffe (Malz, Rüben, Erze) oder der erzeugten Güter oder sonst vollzogener Leistungen (Tonnenkilometer! Wechseldiskonte! vermittelte Gespräche!); c) Größe der genutzten Bodenfläche (bei den landwirtschaftlichen Betrieben). (3) kapitale: die Größe des aufgewandten Kapitals: das zuverlässigste Merkmal. Ein Betrieb ist „groß“, ist ein „Großbetrieb“, wenn die Funktion der Leitung verselbständigt ist. Der Großbetrieb und Größerbetrieb (bis zu seiner „optimalen“ Größe; siehe oben Seite 535) weist bestimmte Vorzüge auf, die sich in folgendes Schema bringen lassen: (1) Ausweitung des Kapitalspielraums; (2) Steigerung der Qualität der Leistungen. Diese Qualität kann bestehen in einer Qualität der Darbietung: massenhafte Lieferung! rasche Lieferung! gefällige Vertriebsstätten! oder in einer Qualität des Dargebotenen. Diese erzielt der Großbetrieb durch folgende Mittel: a) die Differenzierung der Arbeitskräfte: Diese, die wir in einem andern Zusammenhänge schon kennengelernt haben, hat neben andern Wirkungen auch eine Steigerung der Leistungsfähigkeit im Gefolge: bessere Unternehmer! bessere wissenschaftliche (Experimente! Laboratorien!), künstlerische, leitende Hilfskräfte! bessere Qualitätsarbeiter (Zuschneider in einem Schneidergeschäft)! b) die Dimensionierung: Lieferung großer Stücke (Welle für einen Riesendampfer)! Leistungsfähigkeit von Transportanstalten! Aufnahmefähigkeit eines Gebäudes! c) die Anwendung besserer Techniken: Schmelzen! Färben! Vergolden! Ausnutzung eines Patentes! Die Vorteile des Großbetriebes liegen (3) in der Verringerung der Kosten. Diese tritt ein a) durch Ersparnisse bei der Beschaffung der sachlichen Produktionsfaktoren (Produktionsmittel), die erzielt werden a) durch den Bezug der Rohstoffe, Warenlager, Hilfsstoffe im großen, der mit einem geringeren Auf wände an Arbeit (Reisespesen! Fracht! kaufmännische Tätigkeit!) bewerkstelligt werden kann, bessere Verwertung der Abfälle usw.; hierher gehört auch die billigere Kreditbeschaffung; Dreiunddreißigstes Kapitel: Die Elemente der Betriebsbilduug 541 ß) durch die billigere Herstellung des Gefäßsystems, angefangen mit dem Gebäude, endend mit dem schlichtesten Kasten oder Bottich. Nach einem physikalischen „Gesetz“ kann eine Raumeinheit um so billiger hergestellt werden, je größer das Volumen ist. Ein Kubikmeter braucht in Würfelform als Hülle: bei 1 cbm Größe 6 qm, bei 1000 cbm 0,6 qm Blech. Ein Arbeitsraum für 10 Maschinen verlangt Mauern von 4 X 25 = 100 m Gesamtlänge und 5 m Höhe = 500 qm; ein doppelt so großer Raum, da ja die Höhe nicht wächst, nur 707 qm = 40%. Dieses „Gesetz“ macht sich besonders fühlbar im Transportgewerbe, wo sich das größere Transportgefäß als billiger erweist. Ein paar Ziffern aus dem Binnenschiffahrtsgewerbe werden das erweisen. Die Herstellung eines Schleppkahns von 2000 t kostete. 100000 Mk. 400 „ „ . 24000 „ Das heißt die Tonne kostet im großen.50 Mk. ,, kleinen.60 ,, Ebenso beim Betrieb: Der 400-t-Kahn erfordert 2 Mann Besatzung, „ 2000 „ „ 4 „ Ein großer Kahn leistet beim Schleppen nicht so viel Widerstand wie zwei kleine. Der Tiefgang nimmt nicht entsprechend zu; er beträgt: bei 2000 t.2,72 m „ 3580 „.2,85 „ Beträgt der zulässige Tiefgang 1,23 m, so ladet ein Kahn von 1700 t. 650 t „ 650 „. 300 „ usw. Auch hier natürlich besteht ein „Optimum“, das bei der Rheinschiffahrt z. B. zwischen 1500 und 1800 t liegt. y) durch die billigere Herstellung des Maschinensystems. Auch hier gilt der Satz, daß die Krafteinheit (RS.) in einer Bewegungsmaschine um so weniger kostet, je größer die Maschine ist. Gesamtbetriebskosten bei einer Betriebsdauer von 360 X 24 = 8640 Stunden und einem Steinkohlenpreis von 12 Mk. für 1000 kg: für 1 PS.-Stunde: Dampfmaschine Dampfturbine 50 PS 3,69 Mk. — Mk. 100 s> 2,79 „ 2,52 „ 200 >> 2,19 „ 1,96 „ 500 1,67 „ 1,53 „ 1000 >> 1,48 „ 1,23 „ 1500 >} 1,41 „ — 2000 }> 1,34 „ — 2500 1,26 „ — 3000 J 5 1,24 „ 1,03 „ 6000 ) 3 — 0,93 „ 10000 >> — 0,88 „ 542 Erster Abschnitt: Die Elemente des wirtschaftlichen Prozesses M. Saitzeff, Steinkohlenpreise und Dampfkraftkosten, in Sehr. d. VfSV 143 II, 359, 378, 380. „The larger the size of a fool, the smaller its cost per unit of capa- city“ (K o t a n y). Eine Verringerung der Kosten tritt beim Großbetriebe ferner ein: b) durch Ersparung bei der Beschaffung der Arbeitskräfte. Wieder ist es jene Differenzierung der Arbeitsleistung, von der wir zu wiederholten Malen Kenntnis genommen haben, die sich dem Unternehmer und dieses Mal dem Großbetriebe von Nutzen erweist; durch sie wird der Durchschnittspreis der Arbeitskraft gesenkt, die also um so niedriger zu stehen kommt, in je weiterem Umfange die Differenzierung erfolgt, das heißt je größer der Betrieb ist. Die gründlichsten Untersuchungen über diese lohnsenkende Wirkung der Differenzierung der Arbeitsleistung hat das Washingtoner Arbeitsamt in seinem XIII. Annual Report (1899) für die Vereinigten Staaten angestellt, über deren Ergebnisse ich ausführlich in der ersten Auflage dieses Werkes (Bd. II, Seite 497ff.) berichtet habe. Danach kostete die Durchschnittsarbeitskraft beispielsmäßig Dollar: Gewerbe im Kleinbetriebe im Großbetriebe Bäckerei (Wochenlohn).12,00 11,10 Schuhmacherei (Tagelohn) . . . 2,50 2,24 Schneiderei (Tagelohn).1,45 1,28 Böttcherei (Tagelohn).2,50 1,90 Bautischlerei (Tagelohn).1,50 1,18 Die Lohnsätze für den Großbetrieb beziehen sich auf verhältnismäßig kleine Betriebe, so daß bei einem optimalen Großbetriebe der Abstand zum Kleinbetriebe noch viel beträchtlicher sein würde. Eine andere Untersuchung ist von privater Seite für Deutschland für eine größere Anzahl von Betrieben angestellt worden und kommt zu folgenden Durchschnittsergebnissen für sämtliche untersuchte Betriebe, deren Umsatz zwischen 2 und 14 Mill. Mark schwankte. Die Ausgaben für Löhne, bezogen auf einen Produktwert von 100 Mk., betrug bei einer Gesamtproduktion von 10 Mill. Mk. 22,70 Mk. 9 „ „. 23,00 „ 8 „ „ 23,75 „ ,, ,, 24,20 „ 7 „ „. 24,75 „ 6 „ „. 26,25 „ 5 ,, ,,. 27,80 ,, die Normalproduktion mit 7,5 Mill. Mk. im Jahre angesetzt. P. Rott, Unkosten- und Lohnverschiebung bei wechselnder Produktion. Technik und Wirtschaft, 7. Jahrg., 8. Heft. Dreiunddreißigstes Kapitel: Die Elemente der Betriebsbildung 543 Die unter a) und b) genannten Wege zur Verbilligung habe ich die Produktionsfaktorenverbilligung genannt, zu der nun noch hinzutritt dasjenige, was ich c) die Produktionsverbilligung nenne, das heißt Verbilligung durch Steigerung der Arbeitsproduktivität, zu der ebenfalls der Großbetrieb in erheblichem Maße fähig ist. Und zwar a) durch Annäherung an die optimale Ausnutzung aller Produktionsfaktoren; der Arbeitskräfte: auf eine Verkäuferin entfällt in einem großen Konsumverein ein Jahresumsatz von etwa 60 000 Mark, in einem kleinen Detailgeschäft kaum 10 000 Mark (Schär); der Maschinen: sie können ununterbrochen im Betriebe sein; hierher gehört auch die billigere Herstellung der Reklame, der Verwaltung, der Buckführung u. ä.; ß) durch Anwendung einer vollkommneren Technik, die vielfach an eine Mindestgröße des Betriebes gebunden ist; y) durch die Durchführung einer vollkommneren Arbeitsorganisation, die ebenfalls häufig, besonders deutlich im Verkehrsgewerbe, (Post!) eine Mindestgröße des Betriebes zur Voraussetzung hat. Zur Veranschaulichung des Gesagten führe ich noch einige Ziffern aus der Praxis an, aus denen die Überlegenheit des größeren Betriebes bei der Kostengestaltung ersichtlich ist. Für den Warenhandel macht Schär (a. a. O. Seite 233) Angaben über zwei ihm persönlich bekannte Betriebe, einen Großbetrieb und einen gutgeleiteten Kleinbetrieb des Detailhandels. Die Kostenrechnung stellt sich wie folgt: Großbetrieb Kleinbetrieb Ankauf . . 100,0 108,5 Einkaufskosten ....... . 0,5 1,5 Zinsverlust . . 1,5 2,5 Mietzins . . 5,0 11,5 Arbeitslöhne. . 15,0 7,0 Handlungsunkosten. . 3,4 5,0 Generalunkosten. • 1,4 2,0 Propaganda (Reklame) . . . . 0,7 1,0 Verluste aus Kreditverkäufen . 0,0 1,0 Summe Selbstkosten . . . . . . 127,5 140,0 Gewinn. . . 6,0 10,0 Verkaufspreis. . 133,5 150,0 Hierzu ist zu bemerken, daß beim Kleinbetriebe die Arbeitslöhne nur für das Aushilfspersonal berechnet sind, die Entlohnung der Hauptarbeitskraft, des Inhabers, aber nicht in Ansatz gebracht ist. Sie steckt in dem Gewinn, ist also nur mit 4 angesetzt, das heißt nur wenig mehr als halb 544 Erster Abschnitt: Die Elemente des wirtschaftlichen Prozesses so hoch wie die der Hilfskraft. Würde die Entlohnung der Arbeitskraft des Inhabers entsprechend höher angenommen werden, so würde die Überlegenheit des Großbetriebes noch deutlicher in die Erscheinung treten. Für die’ 1 gewerbliche Produktion seien einige Beispiele aus der Maschinenindustrie beigebracht. Bei ,der Steigerung der Produktion um 50% sank der Preis bei gleicher Technik eines Pumpenmodells A von Mk. 197 auf Mk. 162 B „ „ 880 ,, „ 738 „ _ C „ „ 1593 „ „ 1345 In einer Schreibmaschinenfabrik kostete eine Maschine bei einer Erzeugung von 100 ... . Mk. 220,— 500 „ 160,— 1000 „ 140,— 2000 „ 125,— Desgleichen Bohrwerkzeuge bei einer Erzeugung von 1200 .... Mk. 1,84 3430 .... „ 1,76 8560 .... „ 1,51 12400 .... ., 1,40 Kurt Rathenau, a. a. O. Seite 17f. Dortselbst auch noch andere interessante Zahlenangaben. Daß alle diese Vorteile nur bis zur Grenze der optimalen Betriebsgröße fühlbar sind, mag noch einmal ausdrücklich hervorgehoben werden. Auch die Ausdehnung des Betriebes ist an bestimmte Bedingungen geknüpft. Diese sind (1) die Größe des zur Verfügung stehenden Kapitals; (2) die persönliche Eignung der Leiter, Unterleiter xmd Spezialarbeiter; die Menge der zur Verfügung stehenden Arbeiter; (3) die Größe des Verwendungs-, insonderheit des Absatzminimums. Aus der Anpassung der Betriebsgröße an diese Bedingungen ergibt sich der Begriff des relativen Optimums. Eine Betriebsvergrößerung ist mit steigendem Ertrage (wachsendem Profite) verknüpft, solange sie sich bis zu dem Optimum hin bewegt; sobald sie das Optimum überschreitet, sinkt der Ertrag (verringert sich der Profit). b) Die Betriebsvergrößerung Diese kann erfolgen: (1) durch Ausweitung eines einzelnen Betriebes an Ort und Stelle; (2) durch Errichtung eines neuen Betriebes, der mit einem bestehenden zu einem Gesamtbetriebe vereinigt wird, und zwar: Dreiunddreißigstes Kapitel: Die Elemente der Betriebsbildung 545 a) eines Betriebes gleichen Inhalts: hierher gehört auch die Einrichtung von Filialen; b) eines Betriebes verschiedenen Inhalts, wodurch ein kombinierter Betrieb entsteht; c) eines Nebenbetriebes; (3) durch Vereinigung zweier oder mehrerer schon bestehender Betriebe zu einer neuen Betriebseinheit. Der Begriff der „Betriebsvergrößerung“ bekommt einen sehr verschiedenen Sinn, je nachdem man den Vorgang unter dem Gesichtspunkte des einzelnen Betriebes oder unter dem der V erteilung der Gesamtproduktion (Leistung) unter die einzelnen Größenklassen der Betriebe betrachtet. Vom Standpunkt des einzelnen Betriebes aus gesehen bedeutet „Vergrößerung“ dreierlei: (1) Wachsen der Durchschnittsgröße, z. B. des Kapitalaufwandes oder der Zahl der Iiilfspersonen; (2) Wachsen der optimalen Betriebsgröße: eines idealen Hochofens „modernster“ Konstruktion; (3) Wachsen der größten bestehenden Betriebe zum Optimum hin oder über das Optimum hinaus. Bei der Betrachtung des Vergrößerungsvorganges unter dem Gesichtspunkt der Verteilung der Gesamtproduktion unter die einzelnen Größenklassen dagegen ergeben sich folgende Möglichkeiten: (1) bei gleich bleibender Produktion: die „großen“ Betriebe nehmen zu (werden auch eventuell selbst größer); dann müssen die kleinen weniger werden, das heißt ihr Absatzgebiet muß zusammenschrumpfen; (2) bei zunehmender Produktion: die großen Betriebe nehmen zu, ohne daß die kleinen weniger werden, also so daß sie ihr Absatzgebiet ungeschmälert erhalten (vielleicht sogar ausweiten); das sich ausdehnende Absatzgebiet der Großen ist alles Neuproduktion, von dem im zweiten Falle (daß die Kleinen trotz Anwachsen der Großen mehr werden) ein Teil den Kleinen zufällt; (3) bei zunehmender Produktion: Die großen Betriebe dehnen sich aus auf Kosten der Kleinen, deren Absatzgebiet sich also (trotz der Produktionssteigerung) verkleinert: a) im Verhältnis zur Zahl der Betriebe, b) rascher als die Zahl der Betriebe, c) langsamer als die Zahl der Betriebe. 546 Erster Abschnitt: Die Elemente des wirtschaftlichen Prozesses Die Verschiebung zuungunsten der kleinen Betriebe kann sich in drei verschiedenen Formen vollziehen: entweder die kleinen verschwinden, während die großen neu entstehen; oder der einzelne kleine Betrieb wird in einen großen umgewandelt; oder mehrere früher selbständige kleinere Betriebe gehen in einen größeren auf. Wir müssen nun aber auch noch scharf ins Auge fassen, was sich vergrößert. Das ist der „Betrieb“. Wir wissen aber, daß sich mit diesem Worte die beiden Begriffe des Werkbetriebes und des Wirtschaftsbetriebes (Unternehmung) verbinden. Dazu kommt nun, daß die „Vergrößerung“ vielfach auch über den Wirtschaftsbetrieb hinausgreift und Gebilde schafft, die in der Vereinigung selbständiger Unternehmungen bestehen (Konzerne: siehe unten). Wollen wir hier auch von Betriebsvergrößerung sprechen, so müssen wir einen dritten Betriebsbegriff bilden, den wir als Wirtschaftsbetriebe höherer Ordnung (Finanzbetrieb) bezeichnen können. Dann würde sich also die Vergrößerung beziehen auf: (1) Werkbetriebe, (2) Wirtschaftsbetriebe erster Ordnung, (3) Wirtschaftsbetriebe höherer Ordnung (Finanzbetriebe). Nach dieser Feststellung des Begriffes der „Vergrößerung“ können wir nun den der c) Konzentration bestimmen. Auch dieses Wort kann in drei verschiedenen Bedeutungen verwendet werden (und wird so verwendet). (1) Konzentration im uneigentlichen Sinne (für den man also das Wort nicht gebrauchen sollte) ist so viel wie Vergrößerung der Einzelbetriebe, also gleichbedeutend mit Entstehen größerer Betriebe. Wenn wir diesen Gebrauch des Wortes Konzentration ablehnen, so heißt das, daß sich vom Standpunkt des Einzelbetriebes aus überhaupt kein sinnvoller Begriff „Konzentration“ bilden läßt. Das ist vielmehr nur möglich vom Standpunkt der Verteilung der Gesamtproduktion aus. Von daher kommen wir zu dem Begriff (2) der Konzentration im weiteren Sinne. Das ist eine Vergrößerung des Anteils der höheren Betriebsklassen am Gesamtbeträge der Produktion ohne Einschränkung des Lebensspielraums der Kleinen; währenddem (3) Konzentration im engeren Sinne gleichbedeutend ist mit einem Anwachsen des Anteils der größeren Betriebe auf Kosten der kleineren. Dreiunddreißigstes Kapitel: Die Elemente der Betriebsbildung 547 Auch die Konzentration erstreckt sich auf Werkbetriebe, Wirtschaftsbetriebe und Finanzbetriebe. Der Begriff der Konzentration wird noch dadurch verwirrt, daß man unter „Kapitalkonzentration“ sehr häufig sowohl die eben besprochene Betriebskonzentration wie auch Vermögenskonzentration, also Anhäufung größerer Vermögen in wenigen Händen versteht. Den Begriff der Vermögenskonzentration kann man nach demselben Schema bilden wie den der Betriebskonzentration. Man muß sich aber immer gegenwärtig halten, daß Betriebskonzentration und Vermögenskonzentration zwei ganz verschiedene Vorgänge sind, die zusammenfallen, aber auch nicht zusammenfaden können. Möglich ist eine Betriebskonzentration, auch im engeren Sinne, bei Verringerung der Vermögenskonzentration, wie etwa im folgenden Falle: 3 Privatunternehmungen mit je 1 Million Vermögen werden in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Nach einiger Zeit verarmen die drei Millionäre, und die Aktiengesellschaft wird von 1000 Aktionären besessen. Möglich ist ebenso umgekehrt eine Vermögenskonzentration auch im engeren Sinne bei Verringerung der Betriebskonzentration: wenn etwa ein reicher Mann drei Rittergüter aufkauft, die je einen Betrieb bildeten, und sie verwertet durch Verwandlung in kleine Pachtbetriebe. 3. Die innere Ausgestaltung der Betriebe Eine Vervollkommnung der inneren Betriebsorganisation enthält folgende Bestandteile: a) die Mechanisierung. Darunter verstehen wir die Ent- seelung oder Vergeistigung des Betriebes, das heißt seine Verwandlung in ein System kunstvoll ineinandergreifender Arbeitsleistungen, deren Vollbringer auswechselbare Funktionäre in Menschengestalt sind. Die Mechanisierung wird bewirkt durch folgende Mittel: (1) die Separierung der einzelnen Arbeitsleistungen, das heißt die Zerlegung eines komplexen Arbeitsprozesses in einzelne nach rein sachlichen Gesichtspunkten abgegrenzte Teilverrichtungen; (2) die Normalisierung dieser Teilverrichtungen, so daß sie entweder für alle Betriebe (Verwaltungsfunktionen!) oder wenigstens in jedem Betriebe gleicher Art dieselben sind; (3) die Spezialisierung, das heißt die dauernde Übertragung dieser sachlich abgegliederten Teilprozesse an besondere Funktionäre; (4) die Automatisierung, das heißt die Übertragung der Teilverrichtungen auf einen Mechanismus (Maschinen), oder, wo das nicht möglich ist, doch wenigstens Zwangläufigmachung der Arbeit durch Eingliederung des Arbeiters in eine Gruppe; (5) die Schematisierung, das heißt Ersetzung der lebendigen Aufsicht, Sombart, Hochkapitalismus II. 35 548 Erster Abschnitt: Die Elemente des wirtschaftlichen Prozesses Leitung und Kontrolle durch ein kunstvolles System von Vorschriften. Anweisungen und Kontrollvorrichtungen, das automatisch funktioniert; (6) die Taylorisierung, wie wir nach dem Amerikaner Taylor ein Verfahren nennen, mittels dessen auch die Einzelarbeit rationalisiert und verwissenschaftlicht wird. b) Die Intensivisierung. Darunter verstehen wir die Steigerung des Energieaufwands in einem Betriebe von gegebener Grobe. Diese wird erreicht: (1) durch Zusammendrängung von mehr Arbeit in einer gegebenen Zeit; (2) durch Vervollkommnung des Produktionsmittelapp arates; (3) durch Einstellung höher qualifizierter Arbeiter. c) Die Ökonomisierung. Darunter verstehen wir die möglichst sparsame Verwendung der Produktionsfaktoren. Eine Belebung dieses trockenen Schemas wird die empirische Darstellung der Betriebsgestaltung im Zeitalter des Hochkapitalismus bringen: siehe vor allem das 53. und 54. Kapitel. III. Die BetriebsVereinigung In der Benennung der Formen, in denen selbständige Unternehmungen sich vereinigen, besteht keinerlei Übereinstimmung. Wenn man eine Stufenfolge von Vereinigungsformen nach dem Grade der Festigkeit des Verbandes auf stellen will, wird man etwa folgende Formen unterscheiden können: 1. die einfache Interessengemeinschaft. Sie besteht lediglich in der gemeinsamen Gewinnverrechnung und Gewinnverteilung nach einem bestimmten Schlüssel. Sie kommt meist auf dem Wege des Aktienaustausches zustande, hat aber auch andere Möglichkeiten der Verbindung. Ihr Zweck ist die Risikoversicherung und Ausschaltung der Konkurrenz. Damit greift sie in den Zweckbereich der Kartellbildung hinüber; siehe oben Seite 531f. 2. Von einem Konzern sollten wir immer nur dann sprechen, wenn eine irgendwelche Vereinheitlichung der Betriebsführung selbständiger Unternehmungen vorliegt, das heißt also ein einheitlicher Unternehmerwille und ein einheitlicher Plan. Das Wesen des Konzerns beruht darin, daß mehrere rechtlich selbständige Unternehmungen zu einer wirtschaftlichen Einheit zusammengefaßt werden; es entsteht das, w r as ich einen Wirtschaftsbetrieb höherer Ordnung oder Finanzbetrieb nennen wollte. Dreiunddreißigstes Kapitel: Die Elemente der Betriebsbildung 549 Dieses Ziel kann auf sehr verschiedenen Wegen erreicht werden; der Arten der Konzernbildung gibt es viele. In das flutende Meer der sich täglich neu gruppierenden Erscheinungen bauen wir folgendes Schema hinein. Wir unterscheiden Konzerne: a) nach dem Abhängigkeitsverhältnis: mehrere Unternehmungen haben den gleichen Inhaber; mehrere Unternehmungen unterstellen sich einer einheitlichen Leitung; ein Unternehmen besitzt ein anderes oder mehrere andere Unternehmen vollständig; b) nach dem Grad der Festigkeit der Verbindung: von ganz lockeren Vereinigungen, bei denen auf zwanglosen Zusammenkünften ein gemeinsames Vorgehen beschlossen wird (amerikanischer Beef Trust), bis zu gemeinsamer Geschäftsführung durch eine aus den verschiedenen Firmen gebildete Gesamtdirektion (AEG. und Union) kommen alle Schattierungen vor; c) nach dem Inhalt der geregelten Tätigkeit: Arbeitsteilung, Verschmelzung der auswärtigen Organisation, Bestimmungen über Lieferung und Abnahme. 3. Eine Fusion liegt vor, wenn mehrere bisher selbständige Unternehmungen zu einer Unternehmung (einem Wirtschaftsbetrieb) verschmolzen werden. Diese Unternehmungen sind meistens Aktiengesellschaften, bei denen die Fusion durch Aktienübertragung am leichtesten erfolgt, brauchen es aber nicht zu sein. Die Form der Fusion ist entweder die, daß eine Unternehmung in die andere aufgeht, oder daß aus der Fusion eine neue Unternehmung entsteht. Die volle Verschmelzung der in einem Konzern zusammengeschlossenen Firmen zu einer Unternehmung findet häufig nur aus äußeren Gründen (Steuern!) nicht statt. 1 jd.j t Das Wort Trust wird in ganz verschiedenem Sinne gebraucht: bald für Konzern schlechthin, bald für Fusion. Während es ratsam ist, ihn für Gebilde wie die amerikanischen Zusammenschlüsse, für die er zuerst auf kam, zu verwenden und damit eine durch Fusion zu einer einheitlichen Unternehmung zusammengeschlossene Gruppe früher selbständiger Unternehmungen zu bezeichnen, die kartellistische Zwecke verfolgen und somit ein mehr oder weniger monopolistisches Gepräge tragen. So wird der Begriff jetzt meist in der amerikanischen Literatur und Rechtsprechung bestimmt: „the trust . . means industrial monopoly“; und genauer: Trust is „a combination of a sufficient number of plants to secure practical control over the supply 35 * 550 Erster Abschnitt: Die Elemente des wirtschaftlichen Prozesses and thus over the price“. (Eliot Jones) Übrigens gibt es auch in Amerika zahlreiche „Trusts“, auf die diese Begriffsbestimmung nicht paßt, die vielmehr einfach als Konzern oder als Fusion zu kennzeichnen sind. Eine etwas verschiedene Systematik der Yereinigungsformen ergibt sich, wenn wir sie als Wirkungen des Aktienerwerbs oder Aktientausches betrachten; siehe darüber die Ausführungen im 47. Kapitel. 551 Zweiter Abschnitt Die Bewegungsformen des wirtschaftlichen Prozesses Quellen und Literatur I. Konkurrenz 1. Allgemeines und Leistungskonkurrenz: Eine die Konkurrenz als Ganzes verstehende, das heißt sie als notwendigen Bestandteil des kapitalistischen Wirtschaftssystems in ihren verschiedenen Erscheinungsformen würdigende Literatur gibt es meines Wissens nicht. Dagegen ist viel über das „Konkurrenzprinzip“ geschrieben worden unter sozialphilosophischen, allgemeinsoziologischen und sozialpolitischen Gesichtspunkten. Siehe die Bibliographie bei Park und Burgeß, Intro- duction to the Science of Sociology (1921), 562—570 und vgl. L. v. Wiese, Artikel „Konkurrenz“ im"HSt. 5 4 . Die Nationalökonomen haben sich für das Problem der Konkurrenz vor allem unter dem wirtschaftspolitischen Gesichtspunkte interessiert. Dafür ist das klassische Muster die Darstellung bei Ad. Wagner, Grundlegung 3 5. Buch 2. Kapitel 2. Abschnitt. Ausführlich werden dargestellt: 1. die günstigen Folgen der freien Konkurrenz, 2. die bei ihr hervortretenden Übelstände, dann folgt 3. Abwägung der Vorzüge und Nachteile nebst Reformvorschlägen. Vgl. zur Ergänzung etwa noch den auf den gleichen Ton abgestimmten Rieh. T. Ely, Evolution of Industrial Society (1905) P. II. Ch. I und II und die dort aufgeführte Literatur, ferner G. Schmoller, Grundriß, 500ff.; I. F. Schär, Allgemeine Handelsbetriebslehre l 2 (1913), 235ff., sowie das amüsante Buch von Benno Jaroslaw, Ideal und Geschäft (1912), worin offenbar aus großer Sachkenntnis heraus die Kniffe und Pfiffe der Leistungskonkurrenz verraten werden. Neuerdings ist eine gute Gesamtdarstellung des Konkurrenzproblems, allerdings unter besonderer Berücksichtigung der Suggestions- und Gewaltkonkurrenz in den Vereinigten Staaten, von dem National Industrial Conference Board in New York veröffentlicht worden unter dem Titel: Public Regulation of Competitive Practices. 1925. 2. Suggestionskonkurrenz {Reklame): In Betracht kommt die allgemeine Literatur über Suggestion, sowie diejenige über praktische Psychologie, soweit sie sich mit dem Wirtschaftsleben beschäftigt. Siehe die oben auf Seite 367 unter III. 1 genannten Schriften, die meist auch von der Beeinflussung der Käufer handeln. 552 Zweiter Abschnitt: Die Bewegungsformen des wirtschaftlichen Prozesses Die besondere Literatur über Reklame, ist in den 25 Jahren, die vergangen sind, seitdem ich diese Erscheinung dem nationalökonomisch-soziologischen Denken einzufügen versucht habe, ins Unübersehbare angewachsen. Die damals im Entstehen begriffene „ReklameWissenschaft“ hat sich zu einer allgemeinen „Werbewissenschaft“ ausgewachsen und beansprucht heute Fachleute zu ihrer Beherrschung. Es muß genügen, wenn ich auf einige hervorragende, zusammenfassende Darstellungen des Problems hinweise. Das Richtwerk ist V. Mataja, Die Reklame. 4. Auflage 1927. Andere wissenschaftliche Werke der neuen Zeit aus der deutschen Literatur sind: Gerh. Schultze-Pfaelzer, Propaganda, Agitation, Reklame, 1923; Ludw. König, Psychologie der Reklame, 1924 (aus dem Marbe-Institut); Kurt Th. Friedländer, Der Weg zum Käufer. Eine Theorie der praktischen Reklame. 2., verbesserte Auflage. 1926. Mehr dem Bedürfnis der Praktiker dient das „Handbuch der Reklame“, 2 Bände, 1925. I. Handbuch, II. Adreßbuch. Schon früh und mit besonderer Vorliebe hat sich die Wissenschaft mit dem Problem der Reklame in den Vereinigten Staaten beschäftigt. Bereits Th. Veblen widmet ihr in seiner Theory of Business enterprise (1905) einen Abschnitt (S. 55ff.) und führt weitere Literatur an. Aus der neueren Literatur erwähne ich Harry Tipper and others, Advertising its principles andpractice, 2. ed., 1921; Edw. L. Bernays, Crystallizing public opinion, 1923, wo auch die ökonomische und psychologische Seite der Reklame behandelt wird, während das Werk von Otto Kleppner, Advertising procedure (1925) nur die Technik des Anzeigenwesens umfaßt. Das Thema der Reklame bildete den Verhandlungsgegenstand der 37. Jahresversammlung der American Economic Association (1924). Die sehr interessanten Referate und Aussprachen sind mitgeteilt in dem Supplement des Vol. XVI der American Economic Review. March 1925. Vgl. die unter 1. genannte Veröffentlichung des National Industrial Conference Board. Aus der neueren französischen Literatur ragt hervor: G. Albuchez, La publicite commerciale et son role economique, 1923. Ältere Literatur siehe in dem genannten Buch von V. M a t a j a und in seinem Artikel „Reklame“ im HSt. 6 4 sowie bei J. J. Kaindl, Bibliographie der deutschen Reklame-, Plakat- und Zeitungsliteratur, 1918. 3. Gewaltkonkurrenz: Hier kommt vor allem das umfangreiche Schrifttum in Frage, das sich mit den großen amerikanischen Gesellschaften und Konzernen beschäftigt. Die beste Quelle sind die amtlichen Enqueten: Report of the Industrial Commission, 19 Vol., 1900—1902 und Report of the Commissioner of Corporations, 1905—1913. Dazu vgl. Th. W. Lawson, Frenzied Finance, in Every BodysMagazin, 1904; W. J. Ghent, Mass and Class, 1904; Ch. VII: The Reign of Graft; C. Mencke, Die Geschäftsmethode der Standard Oil Company, 1908; Th. Duimchen, Monarchen und Mammonarchen, 1908; Gustavus Myers, History of the Great American Fortunes, 3 Vol., 1911 (siehe die Bemerkung auf Seite 4); Th. Vogelstein, Die finanzielle Organisation der kapitalistischen Industrie usw. im GdS. Abt. VI., Quellen und Literatur 553 zuerst 1910,2. Aufl., 1925; Fritz Kestner, Organisationszwang. 1912.Eine Untersuchung über die Kämpfe zwischen Kartell und Außenseiter namentlich in Deutschland; William S. Stevens, Industrial Combinations and Trusts, 1913, Ch. XII. Eliot Jones, The Trust Problem in the U. S., zuerst 1922, pag. 65, et passim. Public Regulation of Competitive Practices, 1925. II. Konjunktur Das Schrifttum ist unübersehbar. Übersichten über die Literatur findet man in den Artikeln „Krisen“ im HSt., in den Sehr. d. YfSP. Bd. 105, beiP. Mombert, Einführung in das Studium der Konjunktur. 2. Aufl. 1925. Eine vollständige und geordnete Bibliographie fehlt und wäre zu wünschen. Ich gebe im folgenden einen bündigen Überblick über die wichtigsten Erscheinungen : 1. Materialsammlungen: a) Amtliche Enqueten sind vornehmlich in England veranstaltet worden: Report (Commons Committee) on Commercial Distress, 1848; Report of the Royal Commission appointed to inquire into the Depression of Trade and Industry, 2 Vol., 1886. Wichtig sind auch die verschiedenen Bankenqueten, z. B. der Jahre 1848 und 1858. b) Amtliche und halbamtliche, statistische Übersichten sind erst in neuerer Zeit gemacht worden: in Deutschland die Veröffentlichungen des „Wirtschaftdienstes“, der Frankfurter Zeitung („Wirtschaftskurve“), des Statistischen Reichsamts (die Zeitschrift „Wirtschaft und Statistik“, „Die weltwirtschaftliche Lage Ende 1925“); in den Vereinigten Staaten: die Publications des National Bureaus of Economic Research, des Harvard- Committee on Economic Research u. a. c) Private Arbeiten: D. Morier Evans, The commercial crisis 1847/48. 2. ed. 1849; idem, The History of the Commercial Crisis 1857/58 etc., 1859. Beide Schriften enthalten sehr wertvolles Material auch über die Schicksale einzelner Unternehmungen. Max Wirth, Geschichte der Handelskrisen. 3. Aufl. 1883. Die von mir herausgegebenen Untersuchungen des YfSP. Band 105—112. M. von Tugan-Baranowski, Studien zur Theorie und Geschichte der Handelskrisen in England. 1901. Auch theoretisch wertvoll. Mentor Bouniatian, Geschichte der Handelskrisen in England 1640—1840. 1908. Verworren, aber sehr eingehend. Jean Lescure, Des crises generales et periodiques de surproduction. 2. ed. 1910. Beschreibend. J. Eßlen, Konjunktur und Geldmarkt 1902—1908. 1909. A. Aftalion, Les crises periodiques de surproduction. 2 Vol. 1913. Statistisch. Arthur Feiler, Die Konjunkturperiode 1907—1913 in Deutschland. 1914. Wesley Clair Mitchell, Business Cycles. 1913. Hervorragend. An Mitchells Werk knüpfen zahlreiche Schriften in den Vereinigten Staaten an. Unter ihnen sind besonders beachtenswert: A. H. Hansen, Cycles of Prosperity and Depression in the U. S., Great Britain and Germany. 1921. O. Lightner, History of Business Depressions. 1922. Eine gute Übersicht gewährt auch das genannte Buch von P. Mombert. Tokuzo Fukuda, „La cyclicite“ de la vie economique et de la politique economique eclairee par l’exemple de lAvolution japonaise de 1898 ä 1925 dans ses rapports avec l’etranger. Journal des ficonomistes. Avril 1926. 554 Zweiter Abschnitt: Die Bewegungsformcn des wirtschaftlichen Prozesses 2. Allgemeine theoretische Literatur: a) Dogmengeschichte: E. v. Bergmann, Geschichte der nationalökonomischen Krisentheorien. 1895. N. Pinkus, Das Problem des Normalen in der Nationalökonomie. 1906. Walter Pischer, Das Problem der Wirtschaftskrisen im Lichte der neuesten nationalökonomischen Forschung. 1911. b) Die Herausbildung der Konjunktur- {Krisen-) Theorie erfolgt im Verlaufe des 19. Jahrhunderts. Die Erörterungen beginnen mit den Theorien über den Absatz: siehe die oben Seite 470 genannten Schriften; sie bleiben dann eine Zeitlang stecken im banktechnischen Problem; bis sie schließlich zur Festlegung der richtigen Grundgedanken Vordringen: 1. Es handelt sich nicht sowohl um eine Krisen- als eine Konjunkturtheorie. 2. Die Konjunkturen sind exogenen oder endogenen Ursprungs. 3. Die Expansionskonjunktur besteht in Aufschwung und Niedergang; der Grund des Aufschwungs ist Steigerung der Kaufkraft; der Grund des Zusammenbruchs der Hausse ist eine verschieden geartete Disproportionalität. Den Abschluß dieser Entwicklung bringen die Verhandlungen des Vf SP. in Hamburg im Jahre 1903. c) Die neuere Literatur enthält—soweit sie nicht hinter den Erkenntnisstand von 1903 zurückgeht — zahlreiche Aufhellungen in einzelnen Punkten, fördert aber wesentlich neue theoretische Erkenntnisse nicht zutage und hat ihr Verdienst in der Zusammenfassung der Erscheinungen unter dem allgemeinen Gesichtspunkt der „Konjunktur“ und (teilweise) in der Vertiefung der methodologischen Grundlagen. Recht gut ist Dennis Holme Robertson, A Study of Industrial Fluctuation, 1915, und der beste Abschnitt in G. Cassels Theoretischer Sozialökonomik ist der über die Konjunktur (Buch IV). Außerdem sind von zusammenfassenden Darstellungen noch zu nennen: J. Schumpeter, Die Wellenbewegung des Wirtschaftslebens, im Archiv Band 39 (1914/15). Em. Hugo Vogel, Die Theorie des volkswirtschaftlichen Entwicklungsprozesses und das Krisenproblem. 1917. W. Röpke, Die Konjunktur. 1922. Aug. Uhl, Arbeitsgliederung und Arbeitsverschiebung. 1924. Emil Lederer, Konjunktur und Krisen, im GdS. IV, 1 (1925). Art. Krisen im HSt. (immer noch [1925!], statt Konjunktur; der Art. Konjunktur fehlt wahrhaftig!). Rudolf Stucken, Theorie der Konjunkturschwankungen. 1926. Adolf Löwe, Wie ist Konjunkturtheorie überhaupt möglich? Weltwirtsch. Archiv. 24. Band, Heft 2. Oktober 1926. 3. Unter den Spezialproblemen ragt hervor die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Edelmetall- (Gold-) Produktion und Expansionskonjunktur. Die Literatur darüber ist zum Teil dieselbe, die den Zusammenhang zwischen Goldmenge und Kredit und Goldmenge und Preisen behandelt, und ist von mir bei der Betrachtung jener Erscheinungen zum Teil schon erwähnt worden (siehe oben Seite 149). Ich trage noch folgende Schriften nach: Sehr gründlich untersucht den Einfluß der kalifornischen und australischen Goldfunde auf die Konjunkturgestaltung namentlich in England das inhaltreiche Werk von R. Hogarth Patterson, The new goldeD age, 2 Vol., 1882. Beachtenswert sind die Aussagen von Marshall vor der Quellen und Literatur 555 Gold- und Silberkommission 1887 und vor dem Indian Currency Committee 1898. Vgl. dazu Schumpeter, Rechenpfennige, im Archiv 44, 688ff. 692. Kn. Wickseil, Geldzins und Güterpreise. 1898. A. Spiethoff, Die Quantitätstheorie insbesondere in ihrer Verwertbarkeit als Haussetheorie, in den Festgaben für Adolph Wagner. 1905. Gegnerisch. Irving Fischer, The purchasing power of money. Zuerst 1911. Sir D. Barbour, The influence of gold supply on prices and profits. 1913. Verschiedene Aufsätze (vonEugen Varga, R. Hilferding, Otto Bauer u. a.) in der Neuen Zeit. XXX. 1912/13. XXXI. 1913. Dazu Karl Kautsky, Die Wandlungen der Goldproduktion und der wechselnde Charakter der Teuerung. Ergänzungsheft zur Neuen Zeit. Nr. 16. 1913. Eine ausführliche Auseinandersetzung mit den Quantitätstheoretikern und ihren Gegnern enthält das Buch des „vermittelnden“ B. M. Anderson, The Value of money. 1917. Eine kritische Darstellung meiner eigenen Theorien gibt Marianne Herzfeld, Die Geschichte als Funktion der Geldbewegung (zum Problem der inflationistischen Geschichtstheorie [!]) im Archiv Bd. 56. 1926. Vgl. den Artikel „Quantitätstheorie“ im HSt. (Altmann). Eine große Hoffnung ist der schon lange angekündigte, aber bisher (Anfang 1927) noch nicht erschienene Band 149 der Schriften des VfSP, der den verheißungsvollen Titel trägt: „Der Einfluß der Golderzeugung auf die Preisbewegung 1815—1913“ und dessen Herausgabe in den bewährten Händen Arthur Spiethoffs liegt. III. Gleichförmigkeit In der hier beliebten Fragestellung ist das Problem in der nationalökonomischen Literatur noch nicht behandelt worden. Vielfach haben sich die Philosophen mit dem Problem der „Gleichförmigkeit in der Welt“ befaßt. Siehe zum Beispiel das unter diesem Titel 1916 erschienene Werk von Karl Marbe, aus dessen Schule noch andere Arbeiten zu dem gleichen Thema hervorgegangen sind. Das hier aufgeworfene Problem berührt sich mit dem Problem der sozialen, insonderheit wirtschaftlichen „Gesetzmäßigkeit“. Siehe über diese die zusammenfassende Studie von Franz Eulenburg in der Erinnerungsgabe für Max Weber Band I, 1923, und vgl. meine Ausführungen über aie Gesetzmäßigkeit bei Karl Marx in meinem Werke: Der proletarische Sozialismus. 1924. Band I, Kapitel 15. 556 Vierunddreissigstes Kapitel Die Konkurrenz 1. Es entsprach, wie wir wissen, dem Geiste der vorkapitalistischen, aber auch noch der frühkapitalistischen Wirtschaft, der Betätigung der Wirtschaftssubjekte im Verkehr mit andern Wirtschaften Bindungen aufzuerlegen, sie überindividuellen Normen zu unterwerfen, den freien Wettbewerb auszuschließen. Alles, was die Ausschaltung der andern Wirtschaft zum Ziele hatte, alles Unterbieten im Preise, alle Maßregeln die den Kundenfang und die Kundenabtreibung zum Zwecke hatten, waren strengstens verpönt. Die kaufmännische Sitte entsprach diesen Anschauungen: alle Kaufmanns- und Handlungsbücher bis ins 19. Jahrhundert hinein warnen ihre Leser vor den Versuchungen der Konkurrenz: „Wende keinem seine Kunden ab, denn was du nicht willst, daß man dir thun soll, das thu einem andern auch nicht“; so schreibt der vielgelesene Marperger. Die andern wiederholen es. Ja, selbst die bloße Geschäftsanzeige hatte noch im 18. Jahrhundert gegen den Widerstand der öffentlichen Meinung sowie gegen die kaufmännischen Anschauungen von Schicklichkeit, und Anstand zu kämpfen. Die Geschäftsmoral gebot vielmehr mit aller Entschiedenheit, ruhig in seinem Geschäft der Kundschaft zu harren, die aller Voraussicht nach sich einstellen mußte. So schließt D e f o e seinen Sermon mit den Worten: „and then with God’s blessing and his own care, he may expect his share of trade with his neighbours“. Und der Meßbesucher im 18. Jahrhundert „wartet Tag und Nacht seines Gewölbs wol ab“. Siehe die ausführliche Darstellung im sechsten Kapitel des zweiten Bandes dieses Werkes. 2. Dem hochkapitalistischen Zeitalter bleibt es Vorbehalten, mit dem kapitalistischen Geiste auch dem „Konkurrenzprinzip“, wie wir es nennen, zum Siege zu verhelfen. Dieses Prinzip, das wir auch als Machtprinzip oder Willkürprinzip bezeichnen können, folgt aus der naturalistischen Grundeinstellung Yierunddreißigstes Kapitel: Die Konkurrenz 557 des kapitalistischen Geistes von selbst. Sein Sinn ist bekannt: Die Wirtschaft fängt jeden Tag neu an; es gibt kein dauerndes Sein, nur beständiges Werden, keine festen Formen, nur ein unausgesetztes Fließen, keine Überlieferung, nur Neugestaltung. Schöpfer des ewig Neuen sind die einzelnen Wirtschaftssubjekte, ihrem Wollen allein verdankt die Wirtschaft ihr Dasein. Jedes Wirtschaftssubjekt ist auf sich selbst gestellt, „es tritt kein anderer für ihn ein“, es muß dabei sein, wenn es etwas erlangen will. Jeder erobert sich täglich seine Stellung von neuem und verteidigt sie allein gegen Angriffe. Jeder hat die volle Freiheit, seine Kraft, seine Macht zu betätigen; sein Herrschaftsgebiet reicht soweit, als er es sich selbst abzugrenzen vermag. Objektive Grenzen der persönlichen Willkür setzt nur das Strafgesetzbuch. Erlaubt ist, was rentabel ist. Aber wenn nun auch der Grundgedanke des Konkurrenzpfinzips einfach ist, so ist damit nicht gesagt, daß er sich nun auch in der gleichen Form betätige. Was wir Konkurrenzwirtschaft nennen, also ein Yerhalten der Wirtschaftssubjekte, das dem Konkurrenzprinzip gemäß ist, erscheint keineswegs in einer und derselben Gestalt. Deshalb müssen wir uns erst noch genauere Kenntnis verschaffen von den Formen, Arten, Möglichkeiten der Konkurrenz selbst. 3. Ich glaube, daß man drei Typen der Konkurrenz unterscheiden muß, um der Mannigfaltigkeit des Verhaltens der Wirtschaftssubjekte bei ihrer Betätigung auf dem Markte gemäß dem Konkurrenzprinzip gerecht zu werden. Ich will sie als a) Leistungskonkurrenz, b) Suggestionskonkurrenz, c) Gewaltkonkurrenz bezeichnen. a) Die Leistungskonkurrenz ist „Konkurrenz“ im eigentlichen, engeren, man kann auch sagen idealen Sinne, wenn man unter Konkurrenz dem Wortsinn gemäß Wettbewerb versteht. Das heißt; ein „Mit-einander-um-die-Wette-Laufen“, bei dem einer der Sieger bleibt. Das Bild ist aus der Arena genommen. Preisrichter ist „das Publikum“. Die Leistung, deren Feststellung gilt, ist die beste und billigste Lieferung von Waren und Diensten. Der Preis ist, die Auszeichnung durch den Kauf. Zweifellos ist dieser Wettbewerb für, den Aufbau des modernen Wirtschaftslebens nicht ohne Bedeutung gewesen. Und zweifellos ist auch ein großer Teil der Folgen eingetreten, die seine Befürworter rn?'< f : 4 : ! *■ § •;•! 558 Zweiter Abschnitt: Die Beweguugsformen des wirtschaftlichen Prozesses — die Freihandelsleute und „Manchestermänner“ — in Aussicht gestellt haben. Wie die Einrichtung des Pferderennens zur Hebung der Pferdezucht beiträgt, so hat die „freie Konkurrenz“ zur Hebung des Wirtschaftslebens beigetragen, indem sie die einzelne Wirtschaft anspornte zu höheren Leistungen: Verbilligung oder Verbesserung der zu liefernden Ware durch Vervollkommnung der Technik oder der Organisation. „Hätte die elektrische Glühlampe nicht das gewöhnliche Gaslicht zu verdrängen gedroht, so wäre man jedenfalls nicht so schnell zum Gasglühlicht, zum Auerbrenner gelangt; und wäre dadurch nicht die Gasbeleuchtung gegenüber der elektrischen Beleuchtung so außerordentlich verbilligt worden, so wären wir heute vielleicht noch nicht im Besitze der modernen, elektrischen Metallfadenlampe, die den älteren Lampen gegenüber weniger als die Hälfte des Stromes verbrauchen. Der scharfe Wettbewerb führte weiterhin dazu, daß eine Reihe von Lampen auftauchten, die den anfangs bei der Metallfadenlampe vorhandenen Übelstand beseitigten, daß der Faden leicht durch Erschütterung zerstört wurde.“ G. v. Hanffstengel, Technisches Denken und Schaffen 2 (1920), 175. Nur soll man die Wirkung der „freien Koukurrenz“ nicht überschätzen. Sie ist immer nur ein Faktor von nebensächlicher Bedeutung für den Kapitalismus gewesen. Dieser hatte genug eigene Triebkraft im Leibe, um auch ohne das Reizmittel der freien Konkurrenz zum Ziele zu kommen. Daß auch beim „freien Wettbewerb“ allerhand Kniffe angewendet worden sind, um eine Leistung vorzuspiegeln, die nicht da war, versteht sich von selbst. Bei Wettkämpfen in der Arena ist es nicht anders. Und mancher Wettlauf ist gewiß ein Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Swinegel gewesen. Soweit dies ins Moralische abführt, geht es uns hier nichts an. Das Streben, auch mit geringeren Leistungen obzusiegen, hat aber auch sehr wichtige wirtschaftliche Folgen gehabt. Ihm ist die Entwicklung zum Surrogat, der wir noch unsere Aufmerksamkeit werden schenken müssen, ebenso wie zum Schund- und Ramschgeschäft zum guten Teil zu danken: man verkaufte minderwertige oder fehlerhafte oder untergewichtige und darum billigere Ware. Und der souveräne Preisrichter, das p. t. Publikum, merkte es nicht, merkte nicht, daß die Garnrolle darum statt 10 Pfennige nur 8 kostete, weil sie statt 1000 nur 800 Yards enthielt usf. Immer bleibt bei der Leistungskonkurrenz die Fiktion aufrechterhalten, daß das Publikum, sachkundig und unbeeinflußt, allein bestimmt, wer Sieger im Wettbewerb auf dem Markte bleibt, ausschließlich den Leistungen gemäß. Die Wettbewerber hätten dabei auf nichts Mi Vierunddreißigstes Kapitel: Die Konkurrenz 559 anderes zu achten, als die besten Leistungen zu vollbringen und hätten auf die Preisrichter, das Publikum, im übrigen keinerlei Rücksicht zu nehmen. Wie der Läufer oder der Diskuswerfer in der Arena. Nun bleibt es aber nicht immer bei dieser rein sachlichen Haltung des Konkurrenten. Er weiß, daß das Publikum — zumal, wo es aus Frauen besteht, wie der Regel nach im Verkehr mit letzten Verbrauchern — beeinflußt werden kann auch durch andere als rein sachliche Erwägungen, und so kommt es zu einer ganz anderen Form des Wettbewerbs, derjenigen, die ich b) die Suggestionskonkurrenz nenne. Hier will der Konkurrent auf das Urteil des Kunden nicht nur durch seine Leistungen wirken, sondern strebt, ihn auf andere Weise für sich einzunehmen, indem er dessen selbständiges Denken, die eigene Über- zeugungs- und Entschlußfähigkeit möglichst auszuschalten sucht, indem er zwangsweise die von ihm beabsichtigten Vorstellungsweisen und Gefühlstöne im andern zu erwecken trachtet, indem er diesem mit einem Wort den Kauf „suggeriert“. Diese Suggestionskonkurrenz hat es nun offenbar gegeben, seitdem Verträge abgeschlossen sind, jedenfalls immer, wo ein Händler Waren feilgeboten hat. Der gute Händler, der geschickte Verhandler ist eben immer derjenige gewesen, der die größte suggestive Kraft besaß, wie ich das an anderem Orte ausführlich dargetan habe. Auch in die strenge Ordnung des vor- und frühkapitalistischen Wirtschaftslebens wird sich im persönlichen Verkehr diese spezifische Händlertätigkeit eingeschlichen haben, und mancher Ritter wird sein Schwert, manches Edelfräulein wird sein Schmucktäschchen, gebannt durch die Überredungskünste des Verkäufers, erworben haben. Kam die Entpersönlichung, die Versachlichung oder Vergeistung aller wirtschaftlichen Beziehungen mid mit ihr die Versachlichung oder Vergeistung der Suggestionskonkurrenz. Für die versachlichte Suggestionskonkurrenz haben wir ein Wort, das heute in aller Munde ist: Reklame. Die Aufgabe der Reklame besteht darin, auf einen unbekannten Käuferkreis, das ist eben das „Publikum“, suggestiv in der Richtung einzuwirken, daß es sich für einen bestimmten Konkurrenten entscheidet. Gegenüber der persönlichen Suggestion hat sich der Aufgabenkreis der Reklame insofern erweitert, als das Opfer der Überredungskünste erst gewonnen, erst aus Tausenden herausgeholt werden muß. Zu diesem Behufe muß die Reklame zunächst darauf ausgehen, 560 Zweiter Abschnitt: Die Bewegungsformen des wirtschaftlichen Prozesses die Aufmerksamkeit auf einen besonderen Fall hinzulenken. Das geschieht durch allerhand Reizungen, die auf die Sinne, namentlich das Auge, ausgeübt werden. Da dasselbe von einer immer wachsenden Schar von Konkurrenten versucht v»ird, so folgt daraus die Notwendigkeit, immer stärkere Reizmittel anzuwenden, tim überhaupt erst einmal beachtet zu werden. „Der heutige Kaufmann und Industrielle ist sich bewußt, daß er nicht allein, sondern zahlreiche Konkurrenten und außerdem Millionen anderer Gewerbetreibenden aller möglichen Branchen in der gleichen Zeitung, auf der gleichen Straße ihre Anzeigen veröffentlichen. Weiter weiß er auch, daß jeder einzelne, an den er sich richtet, noch etwas anderes zu tun hat, als gerade dieses oder jenes Inserat zu lesen. Will deshalb jemand, der eine Anzeige veröffentlicht, daß sie auch gelesen wird — und das ist doch von jedem normalen Menschen anzunehmen —, so ist er geradezu gezwungen, diese Veröffentlichung in einer Weise zu veranlassen, daß der von Zehntausenden von Eindrücken überstürmte als Konsument in Frage kommende Einzelne trotzdem auf jene Anzeige aufmerksam wird und sie liest.“ Aber mit dem Auffallen ist es nicht getan. Das Gesehene oder Gelesene muß sich dem Leser oder Beschauer einprägen; er muß es in seinem Gedächtnis „behalten“. Diesem Zwecke dienen wiederum besondere Mittel der Reklame, vor allem die Wiederholung. Aber auch die einprägsame Fassung des Textes oder Bildes. Das Suchen nach seltsamen Namen gehört hierher. Selbstverständlich muß der Inhalt der Reklame die Anpreisung sein, die wegen der Kürze der Zeit, die für die Beeinflussung des voraussichtlichen Käufers zur Verfügung steht, sich in wenigen schlagwortmäßig ausgestoßenen Superlativen zur höchstmöglichen Wirksamkeit zu steigern sucht. Voraussetzung aller erfolgreichen Reklame ist der Schwachsinn der großen Masse, die sich tatsächlich suggestiv beeinflussen läßt und doch offenbar wirklich Dinge beim Kauf oder Besuch bevorzugt, die es in der angedeuteten Weise hat anpreisen sehen oder hören. Würde das Publikum auf die Reklame so reagieren, wie es der Verständige tut: daß es nämlich die angepriesenen Dinge gerade nicht kauft, so würde die Nutzlosigkeit der Reklame bald eingesehen sein und diese ihr Ende erreicht haben. Aber von dieser Seite her droht ihrem Bestände keine Gefahr. Wohl aber trägt sie in sich selber eine gewisse Tendenz zur Auflösung, sofern bei immer stärkeren Reizmitteln diese schließlich ihre Vierunddreißigstes Kapitel: Die Konkurrent 5Ö1 Wirkung versagen. Wenn alle laut schreien, hört man keinen mehr. Und es scheint, als ob wirklich hier und da auf diesem Wege über die Übersteigerung die Reklame sich selber überwunden habe. (Wenn Theater, Kinos, Warenhäuser kollektive Anzeigen machen.) Doch im großen ganzen ist eine Abnahme des Reklamewesens bisher noch nicht zu verspüren gewesen. In den Vereinigten Staaten, der Geburtsstätte der Barnums, hat es immer größeren Umfang angenommen, wie in anderem Zusammenhänge, dort, wo ich die Entwicklung des Anzeigenwesens (das sich mit dem Reklamewesen überschneidet) darstelle, an einigen Ziffern erwiesen werden soll. Hier war nur der „Geist“ der modernen Geschäftereklame zu würdigen und diese als der Ausdruck einer bseonderen Form der Konkurrenz — der Suggestionskonkurrenz — zu kennzeichnen. Die Wirkungen dieser Suggestionskonkurrenz können niemals wie bei der Leislangskonkurrenz Steigerungen der Leistungen selber sein. Es sei denn auf dem Umwege einer Ausweitung einzelner Betriebe, auf die die Suggestionskonkurrenz ihrem inneren Wesen nach vor allem abzielt. Ihr eigentlicher Sinn besteht ja darin, Käufer gerade auch zu finden ohne Leistung. Die Suggestionskonkurrenz beruht immer noch auf dem Grundsätze des „Konkurrierens“ um die Gunst des Käufers. Jedem Wettbewerber wird die Freiheit gelassen, sich wirtschaftlich weiter zu betätigen. Diese Freiheit wird nun bei der dritten Form der Konkurrenz, der Gewaltkonkurrenz, wie wir sie nennen wollen, aufgehoben. c) Die Gewaltkonkurrenz zielt darauf ab, durch Gewaltmittel den Konkurrenten auszuschalten. Wollen wir wiederum ein Beispiel aus der Arena als Vergleich heranziehen, so wäre es der Fall des Turniers oder seiner heutigen gemeinen Form, des Boxkampfes, der hier in Frage käme, nur daß auch der besiegte Ritter oder der niedergeschlagene Boxkämpfer sich doch wieder erholen und dann abermals zum Kampfe antreten können, während der vernichtete Konkurrent als Leiche auf dem Blachfelde zurückbleibt. Also wäre der blutige Krieg das einzig passende Gleichnis. Die Gewaltkonkurrenz ist im Zeitalter des Frühkapitalismus die beliebte Form des „Wettbewerbs“ gewesen. Was sie jedoch von der modernen Gewaltkonkurrenz unterscheidet, ist dieses: daß sie ihre Erfolge mit Hilfe der Staatsgewalt erzielte, während sich die moderne Gewaltkonkurrenz der Wirtschaftsgewalt bedient. In dieser Form ist auch sie wohl in den Vereinigten Staaten von Amerika zuerst auf- 562 Zweiter Abschnitt: Die Bewegungsformen des wirtschaftlichen Prozesses getreten. Sie hat hier auch ihre Bezeichnung gefunden als „cut throat competition“, deren Ziel es ist, „to undermine competitors“. Einer der ersten, der die Gewaltkonkurrenz zur Anwendung brachte, ist Cornelius Vanderbilt, von dem erzählt wird, daß er schon in den 1830er Jahren viele der später beliebt gewordenen Kunstgriffe angewandt habe, seinen Mitbewerbern „den Hals umzudrehen“. Die Gewaltkonkurrenz ist dann namentlich bei den großen amerikanischen Kartellen und nach dem Monopol strebenden Riesenunternehmungen in Übung gekommen und hat sich von da auch über Europa zu verbreiten begonnen. Die Fülle der Maßnahmen, deren man sich bedient, um unliebsame Konkurrenten aus dem Wege zu schaffen, ist erstaunlich. Ich führe ein paar an: Preisüberbietung beim Einkauf: Standard Oil Company; Preisunterbietung beim Verkauf: Errichtung von Schleuderläden, sogenannten Cutting shops: englischer Tapetentrust, Standard Oil Company, amerikanischer Tabaktrust, amerikanische und englische Schuh Warenfabriken. Hierher gehört auch das Vorgehen des transatlantischen Schiffahrtskartells (1904), das Kampfschiffe laufen ließ, um die Konkurrenz niederzukämpfen. Ferner: Bestrafung der Kunden, die von andern als den Kartellmitgliedern beziehen: rheinischwestfälisches Kohlensyndikat; Verbot, von anderen zu beziehen. Dann aber vor allem auch: Unterbindung der Produktion selber durch Sperre des Materials, der Maschinen, der Arbeitskräfte (wobei zuweilen die Arbeiter selbst mithelfen), der Verkehrsmittel, des Kapitals und Kredite u. dgl. Zusammenfassend hat das Vorgehen der amerikanischen Trusts ein Urteil des höchsten Gerichtshofs gegen den Tabaktrust im Jahre 1911 mit den Worten gekennzeichnet: „Im Falle der Konkurrenz wurde jedes menschliche Wesen, das infolge seiner Tatkraft oder seiner Fähigkeiten dem Trust Ungelegenheiten hätte bereiten können, unbarmherzig beiseite geschoben.“ Die Wirkung der Gewaltkonkurrenz ist häufig die Aufhebung der Konkurrenz, das heißt das Monopol, bei dem es nur noch einen Kampf um die Kundschaft insofern gibt, als mehr oder weniger Abnehmer gewonnen werden. Hier tritt dann die Suggestion, wenn auch nicht mehr als Suggestivkonkurrenz, wieder in ihr Recht. Fünfund dreissigstes Kapitel Die Konjunktur I. Begriff und äußere Gestalt der Expansions- konj unktur 1. Im sechzehnten und siebzehnten Kapitel des zweiten Bandes, wo ich das Nötige über die Konjunktur im allgemeinen—Konjunktur: „die jeweilige Gesamtgestaltung der Marktverhältnisse, soweit diese bestimmend wird für das Schicksal der Einzelwirtschaft, das sich durch das Zusammenwirken innerer und äußerer Ursachen vollendet“ — bemerkt habe, habe ich vor allem auf den Unterschied hinweisen zu sollen geglaubt, der obwaltet zwischen der Gestaltung der Konjunktur in vor- und auch noch frühkapitalistischer Zeit einerseits, im Zeitalter des Hochkapitalismus andererseits. Wie es dort nur Abwärtsbewegungen, nur Niedergangskonjunkturen und damit im Zusammenhang stehende Absatzstockungen, einfache Absatzkrisen, hier dagegen (neben jenen Detraktioriskonjunk- turen) zum erstenmal in der Geschichte auch Aufwärtsbewegungen, Aufschwungkonjunkturen, Expansionskonjunkturen mit daran anschließenden Kontraktions- oder Kapital, ,krisen“ gibt. Die Einsicht in diese Verschiedenheiten des Konjunkturstiles in den verschiedenen Epochen des Wirtschaftslebens ist grundlegend und Vorbedingung für jedes Verständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge. (Wieviel Mißverständnisse hätte man vermeiden können, wenn man zum Beispiel nicht die Torheit begangen hätte, zwischen der gegenwärtigen Welt- „krisis“ und den Expansionskonjunkturen der hochkapitalistischen Zeit irgendwelche innere Verwandtschaft zu vermuten, die nicht besteht. Die gegenwärtige Weltkrisis ist eine „einfache“ Absatzkrisis, wie sie im Gefolge jedes größeren Krieges aufgetreten ist, seit es eine marktverbundene Verkehrswirtschaft gibt; der Kapitalismus ist an ihr völlig unschuldig.) Vor allem ist der Prozeß in der hochkapitalistischen Wirtschaft nur richtig in seiner Eigenart zu erfassen, wenn man in ihm jene rhythmische Bewegung erkennt, wie sie sich mit dem Auf und Ab, der Systole und der Diastole der Expansionskonjunktur ergibt. Sombart, Hochkapitalismtis II. 36 5(54 Zweiter Abschnitt: Die Bewegungsformen des wirtschaftlichen Prozesses 2. Überblicken wir den Zeitraum des Hochkapitalismus, so bemerken wir in den hundert Jahren, die dem Weltkriege vorangehen, einen immer Wiederkehr enden raschen Anstieg der Wirtschaftskurve, dem ein plötzliches Fallen folgt; ein immer wieder Ins-Unermeßliche- Hinausstreben und darauf ein Zurückfallen und Erlahmen der Kräfte; einen Wechsel mit einem Wort von Aufschwungs- und Niedergangsperioden. In den letzten hundert Jahren vor unserer Zeit — nicht früher. Keinesfalls vor den Napoleonischen Kriegen. Deutlich erkennbar, mit allen späteren Zügen, erst im Jahre 1825. Die Höhepunkte der Kurve liegen danach eine Reihe von Jahrzehnten hindurch ziemlich genau in jedem zehnten Jahre: 1836, 1847, 1857, wonach der Verlauf der Konjunkturen unregelmäßig wird, ohne den eigentümlichen Rhythmus völlig einzubüßen: Hoch-Zeiten fallen in die Jahre 1872/73, 1888/89, 1895/99, 1905/07, 1910/12. Sieht man von den kleineren Bewegungen ab, so kann man vier Abschnitte in der hochkapitalistischen Wirtschaft unterscheiden, in denen der Atem des Ungeheuers in ganz großen Zügen wahrnehmbar ist: 1822—1842 Niedergang, 1843—1873 Aufschwung, 1874—1894 Niedergang, 1895—1913 Aufschwung. Entsprechend der Ausweitung des Kapitalismus hat der Verlauf des Wirtschaftslebens sich über ein immer größeres Gebiet gleichförmig vollzogen, das heißt die Konjunktur hat ein immer internationaleres Gepräge angenommen. Man hat in der regelmäßigen Abfolge von Auf-und-Ab-Bewegungen, von Expansion und Kontraktion das Walten eines Naturgesetzes erblicken zu sollen geglaubt. Der kluge Jevons hat als Erster den Rhythmus der hochkapitalistischen Wirtschaft mit dem Auftreten der Sonnenflecke in Verbindung gebracht, eine Hypothese, die von den neueren amerikanischen Forschern wieder aufgegriffen ist. Andere haben die zehnjährige Dauer der Konjunkturperiode aus der zehnjährigen Lebensdauer der Eisenbahnschienen hergeleitet; so wohl als Erster Marx, neuerdings D. H. Robertson (a. a. 0. S. 39f.). Gegen alle diese Konstruktionen ist zunächst einmal geltend zu machen, daß eine auch nur ungefähre Regelmäßigkeit in der Wiederkehr der Aufschwungszeiten jedenfalls seit 1857 nicht mehr besteht. Von diesem Einwande, der ja zur Widerlegung der genannten Hypothesen schon genügt, abgesehen, spricht gegen diese der Umstand, daß wir hinreichende Erklärungsgründe des Konjunkturverlaufs besitzen, die weder mit den Sonnenflecken noch mit dem Schienenverschleiß in Verbindung stehen. Fünfunddreißigstes Kapitel: Die Konjunktur 565 2. Wir wollen uns nun den typischen V erlauf einer hochkapitalistischen Konjunkturperiode vergegenwärtigen. Die Ziffern entnehme ich derjenigen von 1895—1900 bzw. 1901/02 in Deutschland. Die Wahrzeichen des Aufschwungs sind folgende: (1) rasches Steigen der Preise, namentlich derErzeugnisse der Montanindustrie, aber auch der Maschinen-, der Haus-und Schiffbauindustrie: Preise der Steinkohle (trotz Syndikats!): Niederschlesische Gas-Stück- Flamm-Förderkohle und Kleinkohle Saarbrücken 1896 . 12,6 9,4 1900 . 17,1 11,9 Preise des Roheisens ab Werk Düsseldorf: 1896 . 65,3 1900 ..... 101,4 Quelle: Stat. Jahrbuch. Sauerbecks Index für mineralische Rohstoffe: 1895 . 62 1896 . 63 1897 . 66 1898 . 70 1899 . 92 1900 ..... .108 (2) rasches Steigen der Profite: Nach den Berechnungen von Calwer (Das deutsche Wirtschaftsjahr 1902, I) betrug die Durchschnittsdividende der Industriegesellschaften Deutschlands: 1895 . 7,34% 1896 . 8,89% 1897 . 9,32% 1898 . 9,82% 1899 . 9,94% 1900 . 10,96% (3) rasche Ausdehnung der Produktion der obengenannten Güter: eine Folge teilweise der eingelegten Überstunden, teilweise der Neueinstellung von Arbeitern: Die Produktion betrug in Millionen Tonnen: Braun- und Steinkohle alle Bergwerkserzeugnisse 1894 . 98,8 115,3 1896 . 112,5 131,1 1897 . 120,5 140,5 1898 . 128,0 148,7 1899 . 135,8 159,1 1900 . 149,8 174,7 36 * 566 Zweiter Abschnitt: Die Bewegungsformen des wirtschaftlichen Prozesses Roheisen sämtliche Hüttenerzeugnisse (Millionen Tonnen): (Millionen Tonnen): 1894 . 5,4 6,3 1896 . 6,4 7,4 1898 . 7,3 8,4 1900 . 8,5 9,7 Quelle: wie oben. Der Eisen bedarf, in Roheisen umgerechnet, beziffert sich nach der Statistik des Vereins deutscher Eisen- und Stahlindustrieller, auf den Kopf der Bevölkerung in Kilogramm: 1895 . 71,9 1898 105,8 1896 . 90,1 1899 128,0 1897 . 104,1 1900 131,7 Die Belegschaft betrug Köpfe: Bergwerksindustrie Hüttenindustrie 1894 . .. 426781 46858 1895 . 430155 47401 1896 . 445048 50080 1897 . 471203 54855 1898 . 497340 55411 1899 . 526184 61268 1900 . 570078 59664 Quelle: wie oben. (4) rasche Zunahme der Neugründungen: Es wurden gegründet Aktiengesellschaften: 1894 . 92 mit 88,3 Millionen Mark Kapital 1895 . 161 „ 250,7 1896 . 182 „ 268,6 1897 . 254 „ 380,5 1898 . 329 „ 463,6 1899 . 364 „ 544,4 Berechnungen von Christians im „Deutschen Ökonomist“. (5) rasche Kurssteigerung der Dividendenpapiere und wilde Spekulation auf dem Aktienmärkte: Die Reichsstempelabgabe für Wertpapiere erbrachte bei Gleichheit der Erhebungssätze vom 27. April 1894 bis 14. Juni 1900: 1894 . 9,0 Millionen Mark 1895 . 15,5 1896 . 15,0 1897 . 15,9 1898 . 18,5 1899 . 17,9 1900 . 21,1 Fünfunddreißigstes Kapitel: Die Konjunktur 567 (6) rasche Vermehrung der Umsätze: Die Umsätze an den Abrechnungsstellen betrugen: 1895 . 18,0 Millionen Mark 1900 . 30,0 Der Ertrag der Wechselstempelsteuer stieg von 8,1 Millionen Mark im Jahre 1894 auf 13 Millionen Mark im Jahre 1900, das heißt auf den Kopf der Bevölkerung berechnet von 15,8 auf 23,2 Mark. Quelle für (5) und (6): wie oben. Der Beginn des Niedergangs macht sich in einem plötzlichen Halt der Aufwärtsbewegung in all den bedeuteten Richtungen bemerkbar, die sich alsobald in eine Rückwärtsbewegung verwandelt. Ich führe auf allen in unsere Betrachtung einbezogenen Gebieten die Ziffern für das erste Jahr der Kontraktion (1901, in einzelnen Fällen schon 1900, in anderen 1902) an. (1) Preissturz: Steinkohle: Die Preise der deutschen Kohle fallen — dank dem Fallschirm des Kartells — von 1900—1903 nur ganz unmerklich; dagegen stürzen die Preise der englischen (Zusatz-) Kohle in Hamburg sofort beim Beginn des Niederganges um verschiedene Grade. West Hartley Steam- Kohle (grobe) kostete ab Bord Hamburg die Tonne: 1900 . 22,4 Mark 1901. 17,4 5 J 1902 . 16,7 J J Roheisen: Gießereieisen bestes Gießereieisen ab Werk Breslau ab Werk Düsseldorf 1900 . . .90,7 101,4 1901 . . .66,5 76,9 Der Sauerbecksche Index number für mineralische Rohstoffe betrug: 1900 . 108 1901 .89 (2) Verringerung oder Wegfall der Dividenden: Von den im Handbuch der Deutschen Aktiengesellschaften für 1902/03 bearbeiteten 5500 Gesellschaften blieben in dem Geschäftsjahr 1901 bzw. 1901/02 1869 Firmen dividendenlos, von denen 1003 mit einer Unterbilanz abschlossen; 866 glichen zwar die Rechnung ohne ein Verlustkonto aus, verteilten aber ebenfalls keine Dividende. „Der Verlust wurde hier meistens durch Heranziehung der Reserven, durch Zusammenlegung des Aktienkapitals oder auch durch Zuzahlungen bereits vor dem Abschlüsse gedeckt.“ 568 Zweiter Abschnitt: Die Bewegungsformen des wirtschaftlichen Prozesses (3) Einschränkung der Produktion, Entlassung von Arbeitern: Summe aller Bergwerkserzeugnisse: Millionen Tonnen 1901 (Höchststand) . . 176,1 1902. 171,9 Roheisen sämtliche Hüttenerzeugnisse Millionen Tonnen Millionen Tonnen 1900 . 8,5 9,7 1901 . 7,9 9,1 Belegschaft: in der in der Bergwerksindustrie Hüttenindustrie 1901 . 612781 (1899) 61268 1902 . 608872 58730 (4) Abnahme der Neugründungen: es wurden gegründet 1899 . 364 mit 544 Millionen Mark Kapital 1900 . 261 „ 340 1901 . 158 „ 158 1902 . 87 „ 118 (5) Kursrückgang der Dividendenpapiere, Zusammenbruch der Spekulation: Die Reichsstempelabgabe für Wertpapiere betrug bei gleichem Erhebungssatz : 1900 ....... 21,1 Millionen Mark 1901 .14,5 (6) 'Verringerung der Umsätze: Ertrag der Wechselstempelsteuer: Einnahme Millionen Mark auf den Kopf der Bevölkerung 1900 . 13,0 23,2 1901 . 12,4 21,8 1902 . 12,1 21,0 Quelle, soweit nichts besonderes vermerkt: Stat. Jahrbuch. II. Die inneren Zusammenhänge der Expansionskonjunktur 1. Der Aufschwung Da nach der hier vertretenen Ansicht letzte Ursachen sozialen Geschehens immer nur Beweggründe (Motive) frei handelnder Menschen sein können, so müssen wir den tiefsten Grund auch der Erscheinung der Expansionskonjunktur in irgendwelcher Seelenverfassung oder Fünfunddreißigstes Kapitel: Die Konjunktur 569 irgendwelchem Seelenvorgang der Wirtschaftssubjekte, also der kapitalistischen Unternehmer suchen. Der Seelenvorgang, der den Anstoß zur Expansionskonjunktur gibt, ist aber kein anderer als der in unserer Wirtschaftsepoche immer wirkende Unternehmungsdrang, der wohl eine Zeitlang — während der Tiefdruckzeiten — schlummern kann, der aber doch immer wieder erwacht und mm zu neuen Taten drängt. Dieser Unternehmungsdrang, der immer als Wille zum Erwerbe erscheint, äußert sich sowohl bei den industriellen und kommerziellen Unternehmern wie bei den Kreditgebern, den Banken, die einer dem andern Mut zusprechen. Man ist der stillen Zeiten müde. Hoffnungsfreudige Stimmungen kommen wieder auf. Man will endlich wieder etwas wagen. Aber freilich: wir dürfen nicht außer acht lassen, daß dieses Wiedererwachen des Unternehmungsgeistes von einer ganzen Reihe von Erscheinungen und Vorgängen in der Umwelt begleitet ist, die ihm günstig sind; Es erfolgt zur rechten Zeit. Der Optimismus der Geschäftswelt, aus der das Neue geboren werden soll, wurzelt fest in den Zeitumständen, die alle Zusammentreffen, um ein Gelingen neuer Unternehmungstaten zu verbürgen. Unter diesen den neuerwachenden Unternehmungsgeist anregenden, bestärkenden, steigernden Zeitumständen verdienen unsere Aufmerksamkeit zunächst alle diejenigen, die man unter der Bezeichnung günstige Produktionsbedingungen zusammenfassen kann. Das sind vornehmlich folgende: (1) der niedrige Zinsfuß. Dieser ermutigt: a) zur Ausweitung der Produktion bei gegebenen Preisen; b) zur Herstellung gewinnbringender Dauergüter, die bei gegebenen Preisen höheren Ertrag liefern und c) als Anlagen teuer sind, daher beim Verkauf Gewinn verheißen. Hierher gehören Verkehrsmittel, Industrieanlagen, Mietshäuser, deren Herstellung ganz besonders vom Zinsfuß (der Hypotheken!) abhängig ist. Was aber bewirkt den niedrigen Zinsfuß ? (I) nicht, wie man wohl gesagt hat, die angehäuften „Ersparnisse“; denn diese sind nicht vorhanden, da in unserer modernen Wirtschaft nicht eigentlich „gespart“ oder „aufgespeichert“, sondern jeder potentielle Kapitalbetrag sofort „angelegt“ wird, wie wir wissen. (II) Vielmehr liegt der Hauptgrund des niedrigen Zinsfußes in dieser Art der „Anlage“ in Tiefdruckzeiten, in denen wohl festverzinsliche Papiere, aber keine Aktien ausgegeben werden. Das heißt: der größte 570 Zweiter Abschnitt: Die Bewegungsformen des wirtschaftlichen Prozesses Teil des potentiellen Kapitals wird vom Rentenfonds aufgesogen und verhindert, Kapital zu werden. Infolgedessen wird weniger gearbeitet, und die Profitrate ist niedrig. Infolgedessen auch der Zinsfuß. (III) Wenn in diesen Zeiten der Flaute, in denen wegen mangelnden Wagemuts die Nachfrage nach Kapital gering ist, in die Zentralnotenbanken noch große Massen Gold einströmen, wie es seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in wachsendem Maße der Fall war (siehe die Ziffern oben Seite 204ff.), so wird abermals ein Grund des niedrigen Zinsfußes geschaffen. Die Bewegung des Diskontsatzes in den Jahren, die der hier als Typ gewählten Aufschwungsperiode vorausgehen, war nach den Angaben des Stat. Jahrbuchs folgende: Satz der nationalen Banken Satz im freien Verkehr (Bankdiskont) (Privatdiskont) England Deutschland Frankreich London Berlin Paris 1890. . . 4,54 4,52 3,00 3,71 3,78 2,68 1891. . . 3,32 3,78 3,00 1,50 3,02 2,63 1892. . . 2,52 3,20 2,69 1,33 1,80 1,75 1893. . . 3,05 4,07 2,50 1,67 3,17 2,25 1894. . . 2,11 3,12 2,50 1,69 1,74 1,63 1895. . . 2,00 3,14 2,10 0,81 2,01 1,63 Dann beginnt die Steigerung. Ähnlich anreizend wie der niedrige Zinsfuß wirkt auf den Unternehmungsgeist (der eine Preissteigerung voraus sieht) (2) der niedrige Preisstand aller Waren, vor allem der Rohstoffe und Halbfabrikate, zumal in der Dauergüterindustrie. Der Index Sauerbecks gibt folgende Ziffern für die Zeit vor der 1890er Aufschwungsperiode an: Nahrungsmittel Rohstoffe (Mittel) mineralische textile verschiedene Durchschnitt 1890. . 73 80 66 69 71 1895. . 64 62 52 Dazu kommt häufig (3) der niedrige Arbeitslohn. 65 60 So sanken die Arbeitslöhne der Bergarbeiter in den letzten Jahren vor dem Aufschwünge wie folgt: Oberbergamtsbezirk Staatswerke Bezirk Dortmund bei Saarbrücken Aachen Mark Index Mark Index Mark Index 1891 . . . . 4,08 79,1 4,21 102,4 3,56 80,0 1892 . . . . 3,87 75,0 4,23 102,9 3,28 73,7 1893 . . . . 3,71 71,9 3,83 93,2 3,18 71,5 1894 . . . . 3,73 72,3 3,68 89,5 3,15 70,8 Fünfunddreißigstes Kapitel: Die Konjunktur 571 Die Maurerlöhne betrugen in Dresden: Mark Index 1890 . 36 80,0 1893 . 34 75,6 Nach den Erhebungen Kuczynskis. Alle die genannten Umstände, die Spiethoff wohl im Auge hat, wenn er von „Stockungskräften“ spricht, gewährleisten nun aber nur dann einen Profit, wenn die unter so günstigen Bedingungen hergestellten Güter oder Anlagen auch wirklich ihrer erhofften Bestimmung zugeführt werden. Damit der Unternehmungsgeist sich betätige, muß auch die Aussicht bestehen, daß dies der Fall sein werde. Und deshalb muß zu den bisherigen Bedingungen noch hinzukommen als ein den Unternehmungsgeist (und was immer dazu gehört: die Neigung, Kredit zu gewähren) anregendes und steigerndes Moment die präsumtive Ausweitung des Absatzes. Eine solche Ausweitung läßt sich auf verschiedene Weise denken und ist in den verschiedenen Aufschwungsperioden denn auch wirklich auf verschiedene Weise erfolgt. Die wichtigsten Fälle sind folgende: (1) die Erschließung neuer Märkte in fremden Ländern. Diese Form der Absatzerweiterung hat namentlich für die ersten Expansionskonjunkturen des Jahrhunderts eine große Bedeutung gehabt, während später immer mehr in den Vordergrund rückte (2) der Umbau und Neubau des technischen Apparates der Volkswirtschaft infolge neuer Erfindungen. Hier lassen sich drei Etappen unterscheiden, die die Aufschwungszeiten in drei große Gruppen gliedern. Bis in die 1870er Jahre hinein handelt es sich um die Einführung der Dampfmaschine, die zunehmende Maschinisierung der Industrie und Landwirtschaft und — vor allem — den Bau der Eisenbahnen; die große Aufschwungsperiode der 1890er Jahre wird begleitet durch die zunehmende Elektrisierung der Beleuchtung, der Verkehrsmittel und der Industriebetriebe, den Übergang zum Eisen- und Stahlschiffbau (der schon früher begonnen hatte) und die Einführung der Großgasmaschine in Bergbau und Industrie; in der letzten Zeit, etwa von 1907 ab, kommen die rasche Verbreitung des Automobilismus, der Luftschiffahrt und der Ölfeuerung hinzu. Hier ist auch des fördernden Einflusses Erwähnung zu tun, den eine gute Ernte im eigenen Lande auf den Gang des Wirtschaftslebens auszuüben vermag. Dieser Einfluß ist besonders groß, wo der Anteil der landwirtschaftlichen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung sehr 572 Zweiter Abschnitt: Die Bewegungsformen des wirtschaftlichen Prozesses beträchtlich und andererseits der industrielle Kapitalismus schon hoch- entwickelt ist. Schulfall: die Vereinigten Staaten von Amerika, deren Expansionskonjunkturen (zu einseitig!) mit Vorliebe auf günstige Ernten zurückgeführt werden. Während die Erschließung neuer Märkte und die Erneuerung der technischen Ausrüstung stoßweise erfolgte, hat während der ganzen hochkapitalistischen Periode ein regelmäßig und sicher sich erweiterndes Betätigungsgebiet gebildet (3) der Wohnungsbau, der durch das rasche Anwachsen der Bevölkerung in den Großstädten notwendig wurde. Vielleicht läßt sich auch ein Zusammenhang zwischen manchen Aufschwungszeiten und der Erweiterung der Heeresrüstungen nach- weisen. Daß die Expansionskonjunktur während des Weltkrieges (die wohlgemerkt nichts zu tun hat mit der heutigen Weltkrisis, die, wie ich schon sagte, eine „einfache Absatzkrisis“ ist) im wesentlichen durch die Notwendigkeit, den wachsenden Heeresbedarf zu befriedigen, hervorgerufen worden ist, ist bekannt und läßt sich in den Vereinigten Staaten von Amerika besonders deutlich verfolgen. Wenn ich oben den niedrigen Preisstand namentlich der Rohstoffe und Halbfabrikate als einen den Unternehmungsgeist zur Entfaltung bringenden Umstand bezeichnet habe, so bedeutet es keinen Widerspruch, wenn ich nun unter den den Aufschwung mächtig fördernden Ereignissen die mit ihm sofort einsetzende Steigerung der Preise auf allen Produktionsgebieten, auf dem die Aufschwungsgüter hergestellt werden, namhaft mache. Wie man dort gewinnbringend zu produzieren hoffte, weil man mit niedrigen Kosten rechnete, so hier, weil man die fertigen Erzeugnisse teuer zu verwerten sicher ist. Bei der Wirkung, die die Preissteigerung auf die Unternehmertätigkeit ausübt, ist die rein gefühlsmäßig-irrationale Berauschung durch die allgemeine Preishausse in Anschlag zu bringen, die auch deshalb noch mächtiger den Expansionsdrang unterstützt, weil man sie als einen Dauerzustand in der Folgezeit denkt. Fragen wir aber, wodurch die Preissteigerung bewirkt wird, so liegen auch hier die Zusammenhänge offen vor unseren Augen. Es tritt teilweise sofort mit dem Beginn, teilweise im weiteren Verlauf des Aufschwungs eine Steigerung der Kaufkraft ein, die drei Gründe hat: (1) die Vermehrung der Goldzufuhr, die ihre preissteigernde Wirkung schon äußert, während der Diskontsatz noch fällt; Fünfuuddreißigstes Kapitel: Die Konjunktur 573 (2) die Vermehrung der Kredite, in der sich recht eigentlich die Veränderung der Wirtschaftslage äußert; (3) die Vermehrung der Nachfrage infolge einer ersten Mehrproduktion an einer Stelle. Mit dieser letzten Bemerkung ist unsere Untersuchung über die Gründe des Aufschwungs schon zu der Betrachtung des zweiten Teiles des Problems fortgeschritten: zu der Betrachtung der Wirkungen nämlich, die der wiedererwachte Unternehmungstrieb im Gefolge hat. Unter diesen Wirkungen kommt als wichtigste in Betracht die rasche Steigerung der Produktion einer ganz bestimmten Art von Gütern, auf die ich schon bei der Symptomatologie der Expansionskonjunktur kurz hingewiesen hatte, und über deren Natur wir uns jetzt noch genauere Kenntnis verschaffen müssen. Worauf die spekulative Produktion — und zunächst ist die Produktion, die eine Aufschwungsperiode einleitet, durchgängig spekulativ — vor allem ihr Augenmerk richtet, ist die Erzeugung dessen, was ich anorganische Dauergüter genannt habe. Unter ihnen ragen die rententragenden Güter hervor. Dieses können „Anlagen“ in der üblichen Bedeutung des Wortes sein, wie Bahnen, Beleuchtungsanlagen, Kraftwerke; aber auch rententragende Güter, die wir nicht gut als „Anlagen“ bezeichnen können, wie Mietshäuser, Schiffe u. dgl. Ferner kommen aber als solche anorganischen Dauergüter, auf die sich die Produktion stürzt, auch letzte Gebrauchsgüter in Betracht, wie Fahrräder, Automobile, Flugzeuge. In ihrer Beziehung zum Konjunkturproblem können wir diese Güter auch primäre Aufschwungsgüter nennen. Der Ausdruck zur Bezeichnung dieser bevorzugten Güterart, die ich anorganische Dauergüter zu nennen vorschlage, steht nicht fest. Offenbar haben die neueren Krisen- oder Konjunkturtheoretiker, wenigstens diejenigen, deren Ansichten Beachtung verdienen, sämtlich dieselben Güter, die ich eben aufgezählt habe, im Auge. Sie benamsen sie aber ganz verschieden. Der eine spricht von „Erzeugungs- und langdauernden Nutzungsanlagen“, der andere von „Gütern des mittelbaren Verbrauchs und Ertragsgütem“ (Spiethoff). Das ist einerseits zu eng, da auch letzte Konsumtionsgüter in Frage kommen, andererseits nicht scharf genug in der Unterscheidung, da Ertragsgüter doch auch Güter des mittelbaren Verbrauchs sind; falls aber unter diesen nur Produktionsmittel verstanden werden sollen, ist es keine glückliche Zusammenstellung, da es sich zunächst darum handelt, nur die erzeugten Fertiggüter zu nennen. Ein zweiter spricht von „Erweiterungsindustrien“ und „Produktionsmittelindustrien“, deren Ausweitung den Aufschwung zunächst hervorrufen 574 Zweiter Abschnitt: Die Bewegungsformen des wirtschaftlichen Prozesses sollen. Ist zu unbestimmt (zu eins), zu eng (zu zwei). Ein dritter spricht von „Industrien zur Erzeugung des festen Kapitals“ (Cassel). Ist zu eng. Mir scheint, diesen Benennungen gegenüber ist mein Ausdruck der beste, da er den Kreis der zu bezeichnenden Güter nicht zu weit und nicht zu eng abgrenzt. Die Engländer (z. B. Robertson) sprechen von Constructional Industries im Gegensatz zu Consumptive Industries. Zum Teil liegt übrigens bei den verschiedenen Autoren eine Vermengung der primären und sekundären Aufschwungsgüter vor. Die zweite Gruppe von Gütern nämlich, deren Erzeugung ausgeweitet wird, sind nun die für die Herstellung jener Güter der ersten Gruppe erforderlichen Produktionsmittel. Es sind die Erzeugnisse der Maschinenindustrie (soweit die Dauergüter nicht selbst in dieser hervorgebracht werden) und folglich der Montanindustrie, deren Erzeugnisse aber auch ohne den Umweg über die Maschine von der Dauergüterindustrie nachgefragt werden (Panzerplatten, Schiffsschrauben, eiserne Träger usw.), und folglich des Bergbaues. Daneben aber auch Baumaterialien, wie Ziegel, Zement, Kalk. Wir wollen sie sekundäre Aufschwungsgüter nennen. Die Ausweitung der Produktion der Güter der ersten und zweiten Gruppe führt mm aber — das ist vielleicht die Hauptsache — zur Neuanlage von meist großdimensionierten Werken der Montanindustrie, der Baumaterialindustrie und des Bergbaues, in denen die benötigten Produktionsmittel hergestellt werden, sowie von Werken, in denen einzelne Güter der ersten Kategorie erzeugt werden, wie Schiffswerften, Fahrrad-, Automobilfabriken usw. Es ist eine wichtige, der Beachtung werte Tatsache, auf die Cassel besonders aufmerksam macht, daß im Hochschwang der Gefühle, wie sie die Aufschwungsperiode mit sich bringt, weniger genau gerechnet wird, auch wem'ger rentable Anlagen gemacht werden, angesichts vor allem des niedrigen Zinsfußes. Ja — es werden unrentabel gewordene Betriebe des Bergbaues, der Hüttenindustrie wieder in Gang gesetzt, weil die Produktion, diesmal angesichts der steigenden Preise, wieder als lohnend erscheint. Die interessanteste Frage in dem ganzen Konjunkturproblem, die meist gar nicht gestellt und fast immer ungenügend beantwortet wird, ist nun die: Wie ist die plötzliche nachhaltige Ausweitung der Produktion möglich? Diese Frage nach den Bedingungen der Expansion führt uns von selbst zu der Würdigung der eigentümlichen Lage, in der sich gerade die von der Aufschwungskonjunktur bevorzugten Produktionszweige befinden, und damit zu der Fünfunddreißigstes Kapitel: Die Konjunktur 575 Lösung des Rätsels, war u m die Ausdehnung immer nur in dieser einen Richtung — der anorganischen Dauergüter — erfolgt und nur erfolgen kann. Da müssen wir uns besinnen, welches die Bedingungen für das Funktionieren der kapitalistischen Wirtschaft überhaupt sind. Wir lernten als solche die Beschaffung von Kapital, Arbeitskräften und Absatz kennen. Wenn wir jetzt nach den Bedingungen einer starken und plötzlichen Ausweitung der Wirtschaft fragen, so heißt das also nach den Bedingungen fragen, unter denen eine starke und plötzliche Vermehrung des Kapitals, der Arbeitskräfte und der Absatzgelegenheiten möglich ist. Wodurch die letzte Bedingung erfüllt wird, wenn eine Aufschwungsperiode beginnt, habe ich schon dargetan, als ich von den Reizungen sprach, die der Unternehmungsgeist erfährt. Bliebe die Frage nach der Kapital- und Arbeiterbeschaffung offen, die wir nunmehr zu beantworten versuchen müssen. Und zwar ist zu trennen die Frage nach der Geldkapital- und die nach der Sachkapital- beschaffung. Offensichtlich ist nun zunächst die Beschaffung des Geldkapitals allen denjenigen Wirtschaftsstellen, die recht eigentlich als die Sitze des Aufschwungs zu betrachten sind, leicht; leichter als anderen, und allen gleich leicht, obwohl die Formen, in denen ihnen Kapital zugeführt wird, verschieden bei den verschiedenen Wirtschaften ist. Ein Teil wird durch Aufnahme von öffentlichen Anleihen finanziert, wie städtische Anlagen; ein anderer Teil erhält sein Kapital durch Ausgabe von Aktien, Obligationen und Pfandbriefen, wie Eisenbahnen, Kanalbauten, der Wohnungsbau, die Werften, die Werke der Montanindustrie und des Bergbaues, der Maschinenindustrie usw. Allen fließt ein weiterer Betrag auf dem Wege des Produktionskredits zu, den die Banken gewähren. Der Grund aber, warum gerade an diese Stellen, die Vollzugsstätten des Aufschwungs, mehr und leichter Kapital hinfließt als an übrige Stellen der Volkswirtschaft, ist ebenfalls einleuchtend: sie genießen entweder das Prestige der öffentlichen Unternehmungen, oder sie sind Aktiengesellschaften, alle aber sind große, kreditwürdige Werke. Es ist oft darauf hingewiesen worden, daß insbesondere der Bankkredit leichter gewährt wird an Aktiengesellschaften und um so reichlicher und williger, je größer sie sind. Die Beschaffung des Sachkapitalsist aber der Aufschwungsindustrie deshalb leicht, leichter als anderen, weil ihre Urstoffe nicht durch Anbau, sondern durch Abbau gewonnen werden, nicht aus dem 576 Zweiter Abschnitt: Die Bewegungsformen des wirtschaftlichen Prozesses Einkommen, sondern aus dem Vermögen der Gesellschaft stammen, deshalb aber jederzeit in beliebiger Menge herbeigeschafft werden können. Das gilt vor allem für die Herkunft der anorganischen Ur- stoffe — Kohle, Erze, Kalk, Ton, Steine —, aus denen im wesentlichen die Aufschwungsgüter aufgebaut werden. Es gilt aber auch in be- grenzterem Umfange für denjenigen Werk- oder Hilfsstoff, den auch die sonst anorganischen Dauergüter bei ihrer eigenen Herstellung oder bei der Herstellung ihrer Produktionsmittel nicht ganz entbehren können: das Holz, da dieses, wie wir wissen, während der hochkapitalistischen Epoche ebenfalls großenteils den vorhandenen Beständen entnommen wird. Die Entwicklung der Verkehrsmittel ist eine weitere Voraussetzung für die rasche Ausweitungsmöglichkeit dieser Industrien, soweit sie an die Beschaffung des Sachkapitals gebunden ist. Man begreift nun auch, wenn man diese sachliche Grundlage der plötzlichen Industrieausweitung erkannt hat, warum es vor dem 19. Jahrhundert keine Expansionskonjunktur geben konnte. Aber es konnte sie auch deshalb früher nicht geben, weil die dritte Bedingung ihrer Entstehung noch nicht erfüllt war: die rasche Vermehrbarkeit der Lohnarbeiterschaft. Diese aber ist bewirkt worden durch eine Reihe von Umständen, die wir alle ebenfalls kennen. Zunächst nämlich durch die Umstellung des Arbeitsprozesses, die gerade wiederum im Bereiche der Aufschwungsindustrie in weitestem Umfange die Verwendung ungelernter und angelernter Arbeitskräfte möglich gemacht hat. Wichtige Zweige der Produktionsmittelindustrie, wie der Kohlen- und Erzbergbau, die Eisengewinnung, die Erzeugung von Zement und Ziegeln, das Fällen der Bäume sind von vornherein solche gewesen, die vorwiegend ungelernte Arbeiter beschäftigt haben. Nun ist' aber natürlich — unter sonst gleichen Umständen — die Zahl der Ungelernten und Angelernten rascher vermehrbar als die der geschulten Arbeiter. Kommt dazu, daß, wie wir wissen, im allgemeinen der Zustrom von Arbeitskräften während der hochkapitalistischen Epoche immer reichlicher geworden ist. Teils wegen des Anwachsens der Zuschußbevölkerung, teils wegen der Zunahme der Überschußbevölkerung. Die Beweglichkeit der Arbeitskräfte, wie sie die Vervollkommnung der Verkehrsmittel bewirkt hat, ermöglicht es, die Arbeiterschaft an einzelnen Stellen plötzlich zu vermehren, indem man sie von verschiedenen Punkten heranzieht. Da letzten Endes aller Aufschwung, das heißt also alle plötzliche Ausweitung des Wirtschaftskörpers nichts anderes bedeutet als Mehr- Fünfunddreißigstes Kapitel: Die Konjunktur 577 arbeit, die meist auch soviel wie Beschäftigung von Mehrarbeitem ist, so ist dieser Umstand der leichten Beschaffung eines zusätzlichen Arbeitermaterials wohl der bedeutendste für das Zustandekommen einer Expansionskonjunktur. Wenn beispielsweise die Vereinigten Staaten das klassische Land dieser Konjunkturen sind, so hat das (unter anderen) seinen sehr begreiflichen Grund in dem Zustrom von Arbeitskräften, den die Einwanderung bewirkt. 2. Der Niedergang Die Ursachen, die den Niedergang herbeiführen, sind sämtlich in den Vorgängen des Aufstiegs enthalten: es sind ausschließlich innere, keine äußeren Gründe, die ihn veranlassen. Der Niedergang könnte nicht eintreten, wenn der Aufschwung nicht vorhergegangen wäre. Wie der Katzenjammer nicht möglich ist ohne den Rausch. Der Krankheitserreger ist endogenen, nicht exogenen Ursprungs, wie ich es genannt habe. Um den Ursachen des Niedergangs auf die Spur zu kommen, brauchen wir deshalb die Zusammenhänge der Hausse nur sehr genau zu betrachten und in ihrer Bedeutung zu würdigen. Wir werden dann auf ganz bestimmte Mängel der Entwicklung stoßen, die den Keim des Übels, das ist der Rückschlag, im Schoße tragen. Welche sind das ? Die Antwort auf diese Frage wird verschieden lauten (ohne dem Sinn nach verschieden zu sein), je nachdem wir die Dinge kapitalistisch oder naturalwirtschaftlich betrachten. Kapitalistisch gesehen kommt es zu einem Abbruch der Aufwärtsbewegung, weil zwischen den verschiedenen Bestandteilen des Kapitals: zwischen festem und umlaufendem Kapital einerseits, zwischen Sachkapital und Geldkapital andererseits ein schädliches Mißverhältnis eintritt. Es beginnt an umlaufendem Kapital, insonderheit an Geldkapital zu fehlen. Nicht an Kapital schlechthin, wie einzelne Krisentheoretiker, darunter Cassel (556 ff.), meinen. Kapital im Zustande des festen Kapitals ist gewiß in Überfülle vorhanden, aber im Verhältnis zu diesem wird das umlaufende (Geld-) Kapital unzulänglich. Der Grund dieser Knappheit liegt vor allem in der unausgesetzten Steigerung der Umsätze: der Vermehrung der bedurften Rohstoffe und Halbfabrikate, dem An- schwellen der Arbeitslöhne. Dazu kommt, daß, wie wir wissen, die wirtschaftliche Aufschwungsbewegung von einer Spekulationsbewegung an der Börse begleitet zu sein pflegt. Diese beansprucht ebenfalls in wachsendem Umfange Geld, das der Kapitalverwendung verloren geht. Warum hilft aber der Kredit nicht immer weiter aus ? Weil er an 578 Zweiter Abschnitt: Die Bewegungsformen des wirtschaftlichen Prozesses die uns bekannte Schranke stößt, die er nicht durchbrechen oder übersteigen kann, ohne den Bestand des gesamten Kreditbaues zu gefährden; siehe oben Seite 179ff. Die Weite des Kreditspielraums wird, wie wir ebenfalls wissen, letzten Endes durch die Menge des Goldes bestimmt. Dadurch, daß diese anwächst, wird die Grenze des Kredits immer wieder hinausgeschoben und die verhältnismäßige Weite der Ausdehnung, die das Wirtschaftsleben während der Aufschwungsperiode erfährt, ist ja eben durch die vermehrte Goldzufuhr bewirkt worden; siehe oben Seite 191 f; 204 f. Aber die Expansionslust steigert sich rascher, als die Goldzufuhr wächst, und damit erreicht die Kreditgewährung jenen Punkt, an dem sie ihrerseits nicht mehr ausgedehnt werden kann. Schon während der letzten Jahre des Aufschwungs fängt der Kredit an, immer „teurer“ zu werden, wodurch den schwächeren Unternehmungen wachsende Schwierigkeiten bereitet werden, bis der Augenblick eintritt, in dem weder Geld (für Spekulationszwecke) noch Geldkapital (für produktive Zwecke) auf dem Markte mehr aufzutreiben ist. Das bedeutet für immer mehr Geschäfte die Unfähigkeit, ihren Verbindlichkeiten nachzukommen, bedeutet die ersten Rückschläge in der Kette der Nachfrage. Nun hat sich aber mittlerweile hinter dem Geld- und Kreditschleier ein anderes Mißverhältnis herausgebildet: ein Mißverhältnis dieses Mal zwischen den verschiedenen Wirkungskreisen des Wirtschaftslebens, genauer: zwischen den Produktionsleistungen verschiedener Produktionszweige. Auf der einen Seite ist eine „Überproduktion“ entstanden, weil die Produktion sich hier rascher ausgedehnt hat als auf anderen Gebieten. Welches sind die Wirtschaftskreise, in denen die Gütererzeugung rascher — und damit zu rasch — gewachsen ist? Nun, es sind eben die Industrien, in denen die Aufschwungsgüter erster und zweiter Ordnung hergestellt werden, Industrien, die in dem einen Punkte übereinstimmen, daß sie im wesentlichen auf anorganischer Grundlage ruhen und deshalb, wie wir sahen, einer plötzlichen Ausweitung fähig sind. Das aber ist eben die Gütererzeugung auf den Gebieten der organischen Produktion nicht. Nicht also die Land- und Forstwirtschaft, soweit sie auf Anbau ruht, nicht diejenige Industrie, die Agrarprodukte verarbeitet, wie namentlich die Textilindustrie. Auf diesem Gebiete vermag also die Produktion nicht im gleichen Schrittmaße voranzuschreiten wie in der anorganischen Industrie und im Bergbau, und deshalb muß sich mit Notwendigkeit nach Verlauf einiger Zeit ein Mißverhältnis zwischen Fünfunddreißigstes Kapitel: Die Konjunktur 579 den Leistungen der einen und der anderen Gruppe einstellen. Und dieses Mißverhältnis bezeichnen wir eben als Überproduktion auf der einen, Unterproduktion auf der anderen Seite. Es sind zu viele Bahnen, Elektrizitätsanlagen, Schiffe, Automobile, dann aber auch Mengen von Eisen, Kohle, Ziegeln, Zement, Häusern und zu wenig Kleider und namentlich zu wenig Lebensmittel vorhanden. Die Gesellschaft kann die zur Erzeugung der Aufschwungsgüter abgeordneten Arbeitermassen nicht mehr ernähren und kleiden. Diese Disproportionalität zwischen den Produktionsmengen der organischen und der anorganischen Produktionszweige, auf die ich bereits im Jahre 1903 hingewiesen habe (wie ich glaubte als erster; mittlerweile habe ich mich überzeugt, daß bereits Marx den Gedanken geäußert hat, freilich ohne ihm eine tragende Bedeutung im Aufbau seiner Krisentheorie beizumessen), halte ich für diejenige Tatsache, die für die gesamte Gestaltung der Konjunktur, insbesondere für den Eintritt des Niedergangs entscheidend ist. Sie läßt sich auch statistisch leicht erweisen. Beweismaterial liefern z. B. die von Cassel (473) berechneten Transportziffern für Amerika. Hier vermehrte sich während der Hochkonjunktur von 1894—1907 die Tonnenzahl des Güterverkehrs von 1310 auf 1796 Millionen Tonnen, das ist um 37%. Dagegen vermehrte sich diejenige für alle anorganischen Güter um ein mehrfaches, nämlich um folgende Prozentsätze: Koks 75, Erze 92, Steine 54, Schienen 42, Maschinen 49, Stabeisen und Bleche 76, Zement, Ziegel und Kalksteine 58, Wagen und Werkzeuge 48. Wir können vor allem ziffernmäßig feststellen, daß sowohl die Landwirtschaft wie die Textilindustrie von den Expansionskonjunkturen völlig unberührt bleiben. Zum Belege zunächst noch eine Ziffernreihe, die wiederum Cassel (476/77) zusammenstellte. Während die Arbeiterschaft Schwedens in den anorganischen Produktionsindustrien große Schwankungen aufweist: 1896—1900: Zunahme um 29,5%, 1900—1902: Abnahme ,, 5,1%, 1902—1907: Zunahme „ 12,9%, 1907—1909: Abnahme „ 10,0%, verläuft die Kurve der Arbeiterzahl in den übrigen Industrien fast ohne jeden Rhythmus: langsam ansteigend. Während sich in der oft herbeigezogenen Periode von 1895—1901 die anorganische Industrie Deutschlands in Krämpfen windet, wie wir das statistisch festgestellt haben, weiß weder die Landwirtschaft noch die Textilindustrie von irgendeinem manisch-depressiven Zustande; sie gehen ihren Gang, unbeirrt um die Vorgänge rings um sie herum. Ebensowenig ändert sich etwas in der Einfuhr von Lebensmitteln, von der man denken könnte, daß sie den Ernährungsspielraum gemäß dem industriellen Aufschwung auszuweiten beigetragen hätte. Die Ziffern (aus dem Stat. Jahrbuch) sind folgende: Sombart, Hochkapitalismus II. 37 580 Zweiter Abschnitt: Die Bewegungsformen des wirtschaftlichen Prozesses Produktion (Millionen Tonnen): Koggen Weizen Kartoffeln 1895. . ... 7,7 3,2 37,8 1896. . ... 8,5 3,4 32,3 1897. . ... 8,2 3,3 33,8 1898. . ... 9,0 3,6 36,7 1899. . ... 8,7 3,8 38,5 1900. . ... 8,6 3,8 40,6 1901. . ... 8,2 2,5 48,7 Einfuhr (Millionen Tonnen): Roggen Weizen Kartoffeln 1895 . . ... 1,0 1,3 0,1 1896 . . ... 1,0 1,7 0,2 1897 . . ... 0,9 1,2 0,2 1898 . . ... 0,9 1,5 0,2 1899 . . ... 0,6 1,4 0,2 1900 . . ... 1,0 1,3 0,2 1901 . . ... 1,0 2,1 0,1 Einfuhr nach Deutschland in Tonnen: Baumwolle Schafwolle 1895 . 300887 183302 1896 . 281489 170245 1897 . 302469 163294 1898 . 357025 176805 1899 . 330728 177644 1900 . 313155 138114 1901 . 332879 150171 Fällt die Zeit der höchsten Expansion in den anorganischen Pro- duktionszweigen mit einer Mißernte zusammen, so äußert sich die Unverhältnismäßigkeit der Produktionsleistungen plötzlich und Verhängnis- voll: es kommt zu einem jähen Zusammenbruch des Kreditbaues und recht eigentlich zu dem, was man eine Wirtschaftskrise nennt. Das war zum Beispiel der Fall in England im Jahre 1847, als eine Mißernte im Lande mit einer Mißernte in Baumwolle zusammentraf. „There has been a general concurrence of opinion among the witnesses examined before your Committee, that the primary cause of the distress was the deficient harvest, especially of the potatoe crop, in the year 1846 and the necessity of providing the means of payment in the year 1847, for the unprecedented importations of various descriptions of food which took place in that year. Among other causes the deficient supply of cotton, the diversion of Capital from its ordinary employment in com- mercial transactions to the construction of railways, the undue extension of credit, especially in our transactions with the East, and exaggerated expectations of an enlarged trade, have been stated, by some of the witnesses, as having contributed to the same result. Your committee see no reason to doubt that these causes have in different degrees, in different Fünfunddreißigstes Kapitel: Die Konjunktur 581 parts of the country, produced the effect thus ascribed to them.“ First Report (Commons Committee) on Commercial Distress. Vgl. Evans, Commercial Crisis 1847/48. S. 53/54. Andererseits können besonders gute Ernten die Katastrophe hinausschieben. Es erübrigt nun nur noch, darzustellen, wiederZusammen- bruch erfolgt, wie die oben aufgezählten äußeren Anzeichen des Niedergangs innerlich untereinander verbunden sind. Dort, wo der Aufschwung begonnen hatte, setzt auch der Rückschlag ein: in der Erzeugung jener Dauergüter, die ich als primäre Aufschwungsgüter bezeichnet habe. Mangels Kapitals, genauer: Betriebskapitals, werden die Eisenbahnen, Straßenbahnen, Elektrizitätswerke, Kanäle, Theater, Mietshäuser nicht weitergebaut, die Umwandlung von industriellen Anlagen wird unterbrochen, die schon geplante Neugründung unterbleibt. Damit aber fällt die erste und entscheidende Nachfrage aus. Alle jene Erzeugnisse, die für die Ausführung jener Anlagen und Herstellung jener Dauergüter bestimmt waren, also alle Erzeugnisse der Produktionsmittelindustrie im engeren Sinne, die Aufschwungsgüter zweiter Ordnung, bleiben unverkäuflich. Der Stoß wird fortgesetzt. Preissenkungen, Arbeitseinschränkungen, Arbeiterentlassungen, Zusammenbrüche folgen. Dadurch wird abermals eine Menge von Kaufkraft ausgeschaltet, bis der gesamte Bau zusammengestürzt ist. Beschleunigt wird dieser Rückbildungs- oder Schrumpfungshergang dadurch, daß in einem bestimmten Zeitpunkt die produktiven Anlagen, die zur Mehrproduktion der sekundären Aufschwungsgüter neu geschaffen waren, und die, solange sie sich im Bau befanden, selbst wieder Nachfrage gebildet hatten, fertig werden und nun das Angebot vergrößern. Die erste Stockung pflegt im Baugewerbe einzutreten. Wohl aus zwei Gründen: weil hier der Abbruch der Tätigkeit am leichtesten erfolgen kann, und weil das Baugewerbe auf die kunstvollste Weise finanziert ist. Weil aber das Baugewerbe das größte Gewerbe ist, übt sein Verhalten auf dem Markte den größten Einfluß aus und bestimmt geradezu die Konjunktur. In sehr einprägsamer Weise schildert dieses entscheidende Eingreifen des Baugewerbes und die weiteren Folgen dieses ersten Stoßes Arthur Feiler in seiner Studie über die Konjunkturperiode 1907—1913 in Deutschland (1914) Seite 25f.: „Die Teuerung der Lebenshaltung, die Teuerung der Waren und insbesondere der Rohstoffe und die Teuerung des Geldes zwangen zum Rückgang der Konjunktur (sc. 1907). Und die letzte vor allem und mit zwingender Gewalt. Die Einschränkung der Bautätigkeit machte den Anfang. Denn hier wirkte die fortgesetzt wachsende und schließlich zur Unmöglichkeit werdende Schwierigkeit, 37* 582 Zweiter Abschnitt: Die Bewegungsformen des wirtschaftlichen Prozesses Hypotheken und Baugelder zu beschaffen, geradezu prohibitiv; sollen doch allein in Berlin am 1. Juli 1907 über 100 Millionen Mark fällige Hypotheken unreguliert geblieben sein, die zur Subhastation der be- liebenen Häuser führten, soweit nicht Bankgelder zu drückendsten Bedingungen über die Verlegenheit zeitweise binwegbalfen. Diese Stockung der Bautätigkeit führte zu einem Rückgang des Trägerverbrauchs (in den drei Monaten September, Oktober und November betrug der Versand des Stahlwerksverbandes an Trägern nur noch 332371 Tonnen gegen 474357 Tonnen gleichzeitig 1906) und bald zu einer Erschütterung des Eisenmarktes überhaupt. Schon in den ersten Monaten des Jahres 1907 zeigte sich hier eine Zurückhaltung der Käufer, die man zunächst mit der Unsicherheit über die Verlängerung des Stahlwerksverbandes erklären wollte. Als aber am 30. April der Verband nun wirklich in zwölfter Stunde wieder zustande gekommen war, schwand diese Zurückhaltung nicht, sondern sie verschärfte sich nur; die Preise, namentlich für Stabeisen und Bleche, sanken fortgesetzt, und auch der Stahlwerksverband mußte dem schließlich Rechnung tragen, indem er seine Formeisen- und Halbzeugpreise um 10 Mark herabsetzte; auch die Roheisenpreise sind um annähernd den gleichen Betrag ermäßigt worden — Thomas-Eisen notierte hei Jahresende 65,60—66,40 gegen etwa 75 bei Jahresbeginn —, der Rückgang der weiterverfeinerten Eisenwaren aber war (verhängnisvoll namentlich für die auf den Kauf von Halbzeug angewiesenen „reinen“ Werke) sehr erheblich größer, er betrug in den Hauptartikeln schon 40% und darüber. Mitten aus der stärksten Arbeitsüberlastung, aus der stärksten Nachfrage heraus ist der Rückgang gekommen; während die Werke noch auf Monate hinaus mit Aufträgen versehen waren, sahen sie sich plötzlich einer Stockung im Eingänge neuer Aufträge, einem Aufhören des weiteren Bestandes gegenüber — die Erweiterungen, zu deren Ausführung die Werke selbst ihre besten Kunden gewesen sind, waren zu Ende, der Handel mußte angesichts des hohen Geldstandes die teueren Lager zu verringern suchen, die erhöhte Produktionsfähigkeit der Werke drängte zu stärkerem Angebot, und wo noch vor einigen Monaten Aufträge nur unter riesigen Lieferungsfristen hereingenommen wurden, da herrschte nun ein stürmisches Suchen nach Aufträgen, um die die Werke sich gegenseitig unterboten.“ 3. Der Wechsel Ich habe oben bereits davon berichtet, daß einzelne Konjunkturtheoretiker eine „Gesetzmäßigkeit“ in dem Eintritt der Expansionskonjunkturen gefunden zu haben glauben. Ich habe dort auch bereits meine Bedenken gegen diese Ansichten geäußert. Wenn wir während der hochkapitalistischen Epoche tatsächlich so etwas wie' einen Rhythmus der Konjunkturen beobachten können, einen Rhythmus, der freilich immer schwächer (wie wir noch genauer feststellen werden) und Fünfimddreißigates Kapitel: Die Konjunktur 583 immer unregelmäßiger wird, so liegt der Grund dafür in der sich immer wiederholenden Aufschwungstendenz, die dem Hochkapitalismus innewohnt, und in der bisher — geschichtlich, nicht wesensnotwendig — stets erfolgten Übersteigerung der Produktion auf einzelnen Gebieten. Wir haben festgestellt, daß diese, wenn sie einmal eingetreten ist, allerdings mit innerer Notwendigkeit zu einem Zusammenbruche führen muß. Somit birgt das regelmäßige Auf und Ab der Konjunkturen während der hochkapitalistischen Epoche nichts Geheimnisvolles mehr in sich. Ebensowenig wie der verhältnismäßig gleichförmige Ablauf der Ereignisse, der in der Gleichheit der Bedingungen seinen zureichenden Grund hat. Ich komme auf diese Zusammenhänge noch einmal im nächsten Kapitel zu sprechen. Hier müssen wir uns erst noch die Bedeutung, die die Expansionskonjunktur für die Entwicklung des Hochkapitalismus gehabt hat, zum Bewußtsein bringen. III. Die Bedeutung der Expansionskonjunktur für die Entwicklung des Hochkapitalismus In dem Wunderbau des Hochkapitalismus ist die Expansionskonjunktur eine tragende Säule. Wir können uns jenen ohne diese kaum vorstellen. Jedenfalls wäre die Entfaltung hochkapitalistischen Wesens eine unendlich viel langsamere gewesen ohne die Förderung, die dieses durch den Mechanismus der Expansionskonjunktur erfahren hat. Das, von dem Marx prophezeit hatte, daß es den Untergang des Kapitalismus herbeiführen würde: die „Krisen“ und was zu ihnen gehört, haben umgekehrt den Kapitalismus eher aufgebaut und erhalten. Die Bedeutung der Expansionskonjunktur für die Entwicklung des Hochkapitalismus tritt in dem besonderen Einfluß zutage, den sowohl der Aufschwung, als der Niedergang, als auch der Wechsel auf den Gang des Wirtschaftslebens auszuüben berufen sind. Die Aufschwungszeiten sind die Zeiten der extensiven Entwicklung kapitalistischen Wesens, wie man es nennen kann. Sie erhöhen die Begeisterungsenergie, steigern die Unternehmungslust, den Schwung, das Schrittmaß. In ihnen kommen die spekulativen Fähigkeiten zur Entfaltung. Der Bereich der kapitalistischen Tätigkeit wird ausgeweitet. Neue Handelsbeziehungen werden angeknüpft, neue Gebiete dem Unternehmungsgeiste erschlossen. Keine Vornahme erscheint zu kühn, um nicht in Angriff genommen zu werden. An allen Ecken und Enden keimen neue Unternehmungen, eine immer ge- 584 Zweiter Abschnitt: Die Bewegungsformen des wirtschaftlichen Prozesses wagter wie die andere, hervor. Ich habe diese Epochen die lyrisch- dramatischen Zeiten moderner Wirtschaft genannt. Und die führenden Geister sind die spekulativen Köpfe. Menschen mit Ideen, mit Wagemut, ohne allzuviel Skrupel und Bedachtsamkeit. Es sind die Zeiten, in denen das Wirtschaftsleben vom französischen Geiste seinen Stempel trägt. Der Elan ist der Grundzug aller wirtschaftlichen Vornahmen. Die Aufschwungszeiten sind aber auch die Zeiten, in denen die Kapitalbildung rascher fortschreitet als sonst: auf dem unmittelbaren Wege der Kreditschöpfung und auf dem Umwege über die Bildung potentiellen Kapitals. Genaue Untersuchungen der letzten Zeit haben ergeben, daß in den Aufschwungszeiten die Preise rascher steigen als die Geldlöhne, daß in ihnen also der Reallohn sinkt, das heißt aber der Anteil des Arbeiters am gesellschaftlichen Einkommen, das heißt der Mehrwert, das heißt die Chance der Kapitalakkumulation. Endlich äußern die Aufschwungszeiten ihre Wirkung dadurch, daß sie kapitalistischen Geist verbreiten helfen, und zwar nach seiner Seite des Gewinnstrebens hin, sofern sie eine Art von Erwerbsparoxismus erzeugen, nicht nur in den Kreisen der durch die steigenden Gewinnchancen toll gemachten Unternehmer, sondern auch in den Kreisen der Arbeiterschaft und des Bürgertums, dem der Giftstoff durch den Mechanismus der Börsenspekulation eingeimpft wird. Diese Verallgemeinerung kapitalistischen Geistes ist aber für die Entfaltung der kapitalistischen Wirtschaft von nicht zu unterschätzender Bedeutung, da er das Publikum an die Einrichtungen und Anforderungen dieser Wirtschaft gewöhnt. East noch wichtiger für die Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft sind aber die Niedergangszeiten: die Zeiten der intensiven Entwicklung. Jene Zeiten des Überschwangs hinterlassen als Erbschaft einen mächtig erweiterten Wirkungskreis für den kapitalistischen Unternehmer: neue Gründungen, erweiterte Betriebe, vervielfachte Handelsbeziehungen. Das alles soll nun unter ungünstigeren Bedingungen erhalten werden. Da gilt es zu rechnen, auf vorteilhafteste Organisation, Verbesserung der Technik bei Tag und Nacht zu sinnen. Wo man ehedem der Mark nicht achtete, muß man des Bruchteils eines Pfennigs gedenken, um den eine Ware billiger oder teurer werden kann. Der Unternehmer fühlt sich aber nicht nur genötigt, Verbesserungen in seinem Betriebe vorzunehmen: er kann es auch, weil er Zeit für eine grundlegende Neugestaltung seines Unternehmens hat. Daher diese stillen Zeiten Zeiten der inneren Vervollkommnung des Fünfunddreißigstes Kapitel: Die Konjunktur 585 kapitalistischen Wirtschaftssystems, Zeiten technischer Fortschritte in der Industrie zu sein pflegen. Diejenigen Fähigkeiten aber, die in diesen Zeiten entfaltet werden, sind die kalkulatorisch-organisatorischen. Was gesteigert wird, ist die Verzweiflungsenergie. Die Führung des Wirtschaftslebens geht von den großen Eroberern auf die stillen Ordner über. Aber gleichzeitig findet eine Musterung unter den Unternehmern und den Unternehmungen statt: nur die Kräftigen bleiben am Leben, alles Morsche, Faule, Schwächliche, das in den Aufschwungszeiten mitgeschwommen war, verschwindet; das Tüchtige, Lebensfähige wird erhalten. _ Daß die Niedergangszeiten die Zeiten namentlich des technischen Fortschritts sind, wird uns durch Zeugnisse sachkundiger Männer ebenso wie durch die Erfahrung bestätigt. Ein Axiom, pflegte einer der Väter der englischen Baum Wollindustrie, Kennedy, zu sagen, ist es, daß die Verbesserungen in der Produktion nur während eines starken Sinkens des Profits gemacht werden. In gleichem Sinne äußerte sich einmal der englische Fabrikinspektor A. Red- grave: „Wenn das Geschäft gut geht und alle Waren Käufer finden, dann kümmert sich niemand um die Vervollkommnung und Erfindungen neuer Produktionsmaschinen; aber wenn das Geschäft aus irgendwelchen Gründen, welche, durch Anstrengungen des Geistes und der Energie beseitigt werden können, ins Stocken gerät, dann finden Vervollkommnungen der Produktion statt.“ Und der erfolgreichste der lebenden Industriellen meint: „Wenn wir nur klar sehen wollen, so müssen wir erkennen, daß jede Depression auf dem Wirtschaftsmarkte einen Ansporn für den Produzenten bedeutet, mehr Gehirn in sein Geschäft zu stecken . . . Jede sogenannte Geschäftsdepression (kann man) als eine direkte Herausforderung an Geist und Kopf der Geschäftswelt betrachten.“ H. Ford, Mein Leben und Werk, 159, 161. Prüfen wir aber die Produktionsleistungen während der Aufschwungsund der Niedergangszeit, so kommen wir auf Grund eigenen Urteils zu denselben Ergebnissen, zu denen die Männer der Praxis gelangt sind. So steigt z. B. die Durchschnittsleistung des französischen Arbeiters in dem Zeitraum von 1857—1909 während der Niedergangzeiten durchschnittlich : im Kohlenbergbau am Tage um 69 kg, im Erzbergbau im Jahre um 113 t, im Hochofenbetrieb im Jahre um 27 t, während sie in den Aufschwungsjahren um bzw. 52—40—4 sinkt. A. Af- talion, der (a. a. 0. S. 138) diese Ziffern mitteilt, führt als Gründe der besseren Produktionsergebnisse in den Rückgangszeiten richtig an: (1) die Verringerung der Arbeiterzahl, wodurch eine bessere Ausstattung des Arbeiters mit Produktionsmitteln möglich ist; (2) die Verbesserung der Technik und Organisation; (3) die strengere Auslese der Arbeiter. 586 Zweiter Abschnitt: Die Bewegungsformen des wirtschaftlichen Prozesses Für die deutsche Hochofenindustrie hat G. Cassel (a. a. 0. Seite 500f.) lehrreiche Berechnungen angestellt. Danach steigt die Leistungsfähigkeit des einzelnen Hochofens in dem Zeitraum von 1872—1909 durchschnittlich von 7560 t auf 51320 t. Diese Steigerung entfällt im wesentlichen auf die 19 „schlechten“ Jahre. In diesen steigt die Leistungsfähigkeit durchschnittlich um 1555 t im Jahre, während die Steigerung in den 18 „guten“ Jahren durchschnittlich nur 789 t beträgt. So steigt beispielsmäßig in den Niedergangsjahren nach 1900, wo die Roheisenproduktion von 1900—1901 von 8520000 auf 7880000 t sinkt, die Leistungsfähigkeit von 33430 t im Jahre 1900 auf 35580 t im Jahre 1901, auf 40520 t im Jahre 1902. In derselben Zeit vollzieht sich der Untergang zahlreicher „reiner“ Werke und die Entstehung der gemischten Werke. Aber es wäre unbillig, wollten wir nicht auch der Tatsache des Wechsels zwischen Aufschwung und Niedergang ihren Anteil an der Förderung des Kapitalismus zuerkennen. Ihre Bedeutung liegt zunächst einfach darin, daß sie dazu verhilft, beide Seiten des Kapitalismus, die spekulativ-gewinnerische und die kalkulatorisch-organisatorische, gleichmäßig zur Entwicklung zu bringen. Der Wechsel der Konjunktur bringt aber außerdem noch besondere Vorteile für den Kapitalismus, indem er nämlich dazu beiträgt, jene ökonomische Anpassung der Lohnarbeiterschaft an die Verwertungsbedürfnisse des Kapitals, von der ich ausführlich gesprochen habe, herbeizuführen. Wenn es dem Kapitalismus gelungen ist, während seiner ganzen Hochperiode den Arbeitslohn trotz des raschen Schrittmaßes der Kapitalsakkumulation in den angemessenen Grenzen zu halten und damit seine eigene Lebens- und Entwicklungsfähigkeit zu bewahren, so verdankt er das — wie ich schon ausgeführt habe — nicht zuletzt dem eigentümlichen Rhythmus der Expansionskonjunktur. Diese ist es, die in den Aufschwungszeiten dafür sorgt, daß der Arbeitslohn dank der raschen Preissteigerung nicht im gleichen Maße wie der Mehrwert wächst; sie ist es aber auch, die durch die regehnäßige Kontraktionsbewegung, durch Abstoßung von Arbeitskräften den Arbeitsmarkt in erwünschter Weise überfüllt und damit die industrielle Reservearmee schafft, die ein ungebührliches Steigen des Arbeitslohnes verhindert. Also: Segen über Segen, der für den Kapitalismus aus dem Dasein und Ablauf der Expansionskonjunktur fließt. 587 Sechsunddreissigstes Kapitel Die Gleichförmigkeit 1. Wenn wir die wirtschaftlichen Vorgänge beobachten, so nehmen wir solche wahr, die untereinander verschieden, und solche, die untereinander gleich sind. Die Einzelfälle wecken unsere Teilnahme als Sozialwissenschaftler nicht. Es interessiert uns als solche nicht, ob eine Unternehmung bankrott wird oder sich mit einer andern verschmilzt oder eingeht; ob ein Arbeiter arbeitslos wird; ob eine Ware in diesem Laden billiger ist als im andern usw. Also gerade die lebensnächsten Erscheinungen gehen uns nichts an, solange sie vereinzelt auftreten. Erst wo sie „typisch“ werden, als „Massenerscheinungen“ ziehen wir sie in den Kreis unserer Betrachtungen. „Massenerscheinungen“ aber sind diejenigen Fälle, in denen sich bestimmte Merkmale an den Einzelerscheinungen wiederholen, in denen „Gleichförmigkeit“ auf tritt. Die Gleichförmigkeit der wirtschaftlichen Erscheinungen kann sich auf größere oder kleinere Kreise erstrecken. Erst bei einer bestimmten Größe des Kreises sind wir gewohnt, die Erscheinungen wissenschaftlich zu werten. Es kommt auf die Einstellung an, wie wir die Grenzen der Gleichförmigkeitskreise ziehen wollen. Treiben wir Volkswirtschaftslehre, so ist die einzelne Volkswirtschaft der Bereich, innerhalb dessen wir nach Gleichförmigkeit ausschauen, die dann gegen die abweichende Gestaltung in anderen Volkswirtschaften abstechen. Betrachten wir die Wirtschaft unter sozialökonomischen Gesichtspunkten, so werden wir unser Augenmerk richten auf diejenigen Gleichförmigkeiten, die sich innerhalb des Geltungsbezirks eines Wirtschaftssystems beobachten lassen. Vom Standpunkt endlich einer allgemeinen Wirtschaftslehre wird der Gegenstand unserer Aufmerksamkeit die Gleichförmigkeit bilden, die sich über alle Landesgrenzen hinaus und jenseits aller Wirtschaftssysteme in aller Wirtschaft wiederfindet. 2. Wenn der Naturforscher auf Gleichförmigkeiten im Naturgeschehen stößt, so bleibt ihm nichts anderes übrig, als diese Gleichförmigkeit auf eine Formel zu bringen, das heißt sie äußerlich zu beschreiben oder, wie wir es auch nennen, für sie ein „.Gesetz“ aufzustellen. Die Geist- 588 Zweiter Abschnitt: Die Bewegungsformen des wirtschaftlichen Prozesses forscher, zu denen wir Sozialwissenschaftler doch wohl gehören, brauchen sich mit diesem Erkenntnisersatz nicht zu begnügen, da ihnen wirkliche Einsicht in die inneren Zusammenhänge vergönnt ist; da sie im Gegensatz zum Naturforscher erkennen „was die Welt Im Innersten zusammenhält“, eben den Geist und die im Geiste wirkenden Seelen der Menschen, aus denen sich die Kultur und also auch die Wirtschaft aufbaut. Wir sagen, wenn wir Kulturerscheinungen erkennen, daß wir sie verstehen. Und so gilt es auch die Gleichförmigkeit (und, was dasselbe ist: die Ungleichförmigkeit) im Wirtschaftsleben zu „verstehen“, das heißt ihre Gründe aufzudecken. Soviel ich sehe, lassen sich drei Gründe (oder Gruppen von Gründen) anführen, die die Gleichförmigkeit verständlich machen: a) die Gleichheit der Zwecke, b) die Gleichheit der Mittel, c) die Gleichheit der Bedingungen. a) Gleichförmig gestaltet sich das Wirtschaftsleben, weil die Menschen gleiche Zwecke verfolgen. Wodurch diese Gleichheit der Zwecksetzung wiederum begründet wird, können wir dahingestellt sein lassen; sie kann von der Gleichheit der menschlichen Urveranlagung kommen: daß sie ihren Hunger stillen, sich kleiden, sich schmücken wollen; sie kann aber auch aus einer geschichtlich bedingten Geisteshaltung folgen: daß sie Gewinn erzielen wollen; oder aus einer ihnen auf gedrungenen Lage: daß sie einen Krieg gewinnen wollen. b) Gleichförmig gestaltet sich das Wirtschaftsleben, weil die Menschen bei der Verwirklichung ihrer Zwecke sich gleicher Mittel bedienen. Auch diese Gleichheit der Mittelwahl kann wiederum in sehr verschiedener Weise begründet sein: physikalisch - chemisch - physiologisch, wenn es sich um die Wahl bestimmter Naturerzeugnisse handelt, die das Ernährungs- oder Kleidungs- oder Wohnungsbedürfnis befriedigen sollen. Es gibt nun einmal nur eine beschränkte Anzahl solcher Stoffe, deren wir uns bedienen können, und deshalb kommen die Menschen immer wieder darauf hinaus, die Erde zu bebauen und Bäume zu pflanzen und Steine zu brechen oder Lehm zu brennen. Die Gleichheit der Mittelwahl kann aber auch rational-ökonomische Ursachen haben: den Käufer heranzulocken, gibt es wiederum nur eine bestimmt begrenzte Anzahl von Möglichkeiten; wenn der Betrieb ergiebiger gestaltet werden soll, kann ich nur gewisse Maßnahmen treffen; wenn ich die Austausch Vorgänge auf dem Ma rkte erleichtern und beschleu- Sechsunddreißigstes Kapitel: Die Gleichförmigkeit 589 nigen will, ebenso usw. Endlich aber kann eine bestimmte Technik zwangsläufig bestimmte Mittel zur Durchführung eines Verfahrens notwendig machen: Ein Bahnhof hat — innerhalb eines gewissen Spielraumes — bestimmte Bedingungen nach einem ganz bestimmten Vorbild zu erfüllen; will ich in der früheren Weise telegraphieren, muß ich Drähte legen; um Stahl nach dem Bessemerverfahren herzustellen, muß ich Birnen ganz bestimmter Anordnung bauen, darum eine ganz bestimmte Anzahl bestimmt geschulter Arbeiter in einem Raume eines bestimmten Grundrisses gruppieren usw. c) Unter Gleichheit der Bedingungen, die zur Gleichförmigkeit der Erscheinungen führen, verstehe ich die Gleichheit aller jener objektiven Gegebenheiten, die für die Menschen bei der Durchführung ihrer Zwecke bestimmend werden. Das können natürliche Bedingungen sein, wie die Veranlagung eines Volkes, die Beschaffenheit des Bodens und der Bodenschätze, die Eigenart des Klimas; oder Kulturbedingungen. Unter diesen steht obenan die Gestaltung des Wirtschaftssystems, das bei allen wirtschaftlichen Maßnahmen als gegeben anzusehen ist. Wir wissen, daß in jedem Wirtschaftssystem die drei Seiten: der Geist, die Form und die Technik zu unterscheiden sind. Entscheidend für das wirtschaftliche Verhalten und somit für eine etwaige Gleichförmigkeit dieses Verhaltens ist also etwa: das Vorwiegen bestimmter Zwecksetzungen (die hier als objektive Bedingung, nicht wie oben als Äußerungen des Eigenwillens erscheinen) oder das Obwalten bestimmter religiöser oder moralischer Grundsätze, das Maß von Kenntnissen u. dgl.; ist der Inbegriff aller Normen, die die Kirche, der Staat, die Sitte dem Wirtschaftenden vorschreiben — man denke etwa an die Gleichförmigkeit, die das Zinsverbot, die Zunftordnung, der Flurzwang geschaffen haben, oder die eine sozialistisch-kommunistische Staats- und Rechtsordnung bewirken muß —; ist endlich der Stand der Technik, das heißt des technischen Wissens und Könnens einer Zeit oder eines Landes: Gleichförmigkeit als Folge des Koksverfahrens, der Dampf- oder Elektrizitätsnutzung. Neben dem Wirtschaftssystem kommen als objektive Kulturbedingungen des wirtschaftlichen Verhaltens noch in Betracht: die Geschichte eines Volkes und die gegenwärtige Gesamtlage, wie etwa die durch den Weltkrieg geschaffene Lage der Völker der Erde. 3. Diese allgemeinen Betrachtungen waren notwendig, um das Verständnis zu wecken für die Feststellung, die ich nunmehr zu machen und deren Richtigkeit ich zu erweisen habe, daß nämlich im Zeit- ? : 590 Zweiter Abschnitt: Die Bewegungsformen des wirtschaftlichen Prozesses alter des Hochkapitalismus die Vorgänge des Wirtschaftslebens von einer starken Tendenz zueinerfortschreitenden Gleichförmigkeit erfüllt sind. Um das einzusehen, müssen wir uns zunächst darüber verständigen, in welchem Sinne die Gleichförmigkeit gemeint sei, auf welche Gleichförmigkeit hin also sich die Gestaltung des wirtschaftlichen Prozesses bewegen soll. Fortschreitende Gleichförmigkeit bedeutet, so kann man es schlagwortartig ausdrücken, fortschreitende nationalisiert! ng. Was aber wiederum ist unter dieser zu verstehen ? Das heutzutage so oft und so oft in einem gar nicht scharf umschriebenen Sinne gebrauchte W 7 ort „Rationalisierung“ deckt offenbar sehr verschiedene Begriffe. Vor allem wird damit bezeichnet ein subjektives, seelisches Verhalten einerseits und eine objektive, geistige Gestaltungstendenz andererseits. Wir begegneten dieser Unterscheidung schon bei der Lehre von den Elementen der Bedarfsgestaltung. Das ■dort Gesagte ist hier auf die wirtschaftlichen Handlungen überhaupt auszudehnen. Im subjektiven (formalen) Sinne bedeutet Rationalisierung so viel wie das Bestreben, die Absicht, die Gepflogenheit, Handlungen und Einrichtungen tunlichst zweckmäßig zu gestalten. Der Gegensatz zu dem rationalistischen Verhalten in diesem Sinne ist das traditiona- üstische, bei dem man etwas macht, nicht weil es zweckmäßig, sondern weil es üblich ist. Im objektiven (materialen) Verstände hingegen haben wir unter Rationalisierung zu verstehen die Annäherung eines Vorgangs, eines Verfahrens, einer Einrichtung an die vollendete Zweckmäßigkeit, die ihrerseits bestimmt wird durch einen irgendwie zur Anerkennung gebrachten objektiven Wert. Wir sprechen, wenn wir ausdrücken wollen, daß die Rationalisierung in diesem zweiten Sinne erfolgreich gewesen sei, von einem rationellen Zustande oder Verfahren. Wenn wir nun von einer geschichtlichen Zeitspanne wie dem Zeitalter des Hochkapitalismus aussagen, daß in ihr eine Richtung auf Rationalisierung herrsche, so soll das heißen einerseits, daß das wirtschaftliche Verhalten der einzelnen Wirtschaftssubjekte ein mehr und mehr rationalistisches sei, andrerseits, daß die Wirtschaft immer rationeller gestaltet werde. Nur müssen wir hinzufügen: in welchem Verstände, mit bezug auf welche Werte rationeller? Die Antwort muß lauten (im Rahmen der hier beliebten Betrachtungsweise): kapitalistisch rationeller. Was wiederum entweder so viel bedeutet wie privatwirtschaftlich rationeller, das heißt immer mehr den Rentabilitätszwecken der einzelnen kapitalistischen Unternehmung an- Sechsunddreißigstes Kapitel: Die Gleichförmigkeit 591 gepaßt, oder gesamtwirtschaftlich rationeller, das heißt in fortschreitender Annäherung an die Idee des Kapitalismus. Dieser Vorgang der Rationalisierung in unserer Zeitepoche tritt min aber nach allen den Seiten hin zutage, die für die Gestaltung der Gleichförmigkeit, wie wir oben festgestellt haben, in Betracht kommen, so daß diese durch den Vollzug des Rationalisierungsprozesses dreifach bewirkt wird. Wir beobachten zunächst eine immer größere Gleichförmigkeit in der Zwecksetzung: immer mehr und immer ausschließlicher wird die Wirtschaftsführung auf die Gewinnerzielung eingestellt. Sodann nehmen wir eine immer peinlichere Auswahl der zweckmäßigsten Mittel zur Erreichung dieses Zieles wahr, womit denn auch die Ausführung des Zweckes immer gleichförmiger wird. Und endlich stellen wir fest, daß die Bedingungen, unter denen gewirtschaftet wird, sich ebenfalls immer mehr angleichen, weil sie immer mehr aus dem Geiste des Kapitalismus heraus selbst erst geschaffen werden. In dem Maße, wie sich das kapitalistische Wirtschaftssystem ausweitet und innerlich erstarkt, vereinheitlicht sich die Umwelt, in der sich das wirtschaftliche Handeln abspielt. Je mehr Kapitalismus, desto größer die Wahrscheinlichkeit kapitalistisch-rationeller und subjektivistisch-rationalistischer Gestaltung. Offenbar ist nun aber diese Entwicklung des Wirtschaftslebens im Zeitalter des Kapitalismus zu fortschreitender Rationalisierung und darum Gleichförmigkeit keine zufällige, sondern eine irgendwie notwendige. Fragen wir nach den Gründen der Notwendigkeit, so bieten sich uns deren mehrere an. Die Zwangsläufigkeit kann psychologisch begründet sein, das heißt sie kann in einer sich immer mehr durchsetzenden, inneren Nötigung zur Verfolgung bestimmter (gleicher) Zwecke, in einer immer stärkeren Neigung zur Bevorzugung zweckmäßiger Verfahrungsweisen und in einer immer mehr wachsenden Fähigkeit zur Anwendung der rationellsten Methode wurzeln. Diese psychologische Begründung eines bestimmten Verhaltens enthält die schwächste Bindung, die größte Gefahr der Willkür und damit das geringste Maß der Zwangsläufigkeit. Immerhin bedeutet die Vereinheitlichung der Menschentypen in der Richtung kapitalistischer Prägung eine gewisse Gewähr für die Gleichförmigkeit des Handelns und erklärt dessen Zunahme während der abgelaufenen Periode in erheblichem Maße. Aber die Zwangsläufigkeit des wirtschaftlichen Handelns in unserer 592 Zweiter Abschnitt: Die BeweguDgsformen des wirtschaftlichen Prozesses Zeit hat noch zwingendere Ursachen. Sie ist auch sachlich begründet. Damit meine ich jene Bindung des menschlichen Verhaltens, die aus der „Natur der Sache“ der vorzunehmenden Handlungen folgt. Eine solche Bindung folgt offensichtlich aus der Bindung an bestimmte Mittel zur Durchführung eines bestimmten Zweckes. Sobald dieser gegeben ist und ebenso gegeben ist die Absicht, ihn so rasch und so gut wie möglich zu verwirklichen, so, sahen wir, ergibt sich eine Zwangsläufigkeit mit Bezug auf die Mittelwahl. Ist nun der Zweck der kapitalistischen Wirtschaft eindeutig bestimmt, und wird die Verwirklichung dieses Zweckes gewollt, so bleibt dem Handelnden nur ein beschränktes Maß von Freiheit: er kann ein Bankhaus, kann eine Fabrik, kann ein Warenhaus im wesentlichen nicht anders wie sein Nachbar einrichten, wenn anders er den größten Profit herauswirtschaften will. Nun kommt aber ein wichtiger Umstand noch hinzu, der die sachliche Gebundenheit der Wirtschaftssubjekte im kapitalistischen Zeitalter noch wesentlich erhöht. Das ist der Umstand, daß auch ihre Zwecksetzung durch die Eigentümlichkeit der wirtschaftlichen Organisation in eine ganz bestimmte Richtung — nämlich der Gewinnerzielung — aus sachlichen Gründen gedrängt wird. Das geschieht mittels jenes Prozesses, den ich die Objek- tionierung des Gewinnstrebens nenne, und den ich oben (Seite 37) ausführlich beschrieben habe. Das Gewinnstreben wird also nicht nur aus psychologischer, sondern auch aus sachlicher Notwendigkeit zum immer mehr einzigen Zweck der kapitalistischen Wirtschaft gemacht. Zu diesen — nennen wir sie zusammenfassend: inneren — Zwängen tritt aber in unserer Wirtschaftsverfassung verstärkend noch ein äußerer Grund einheitlichen Verhaltens hinzu: die Eingeschlossenheit in die Marktzusammenhänge. Überall dort, wo die einzelne Wirtschaft den „Gesetzen des Marktes“ unterworfen ist, das heißt, wo sie im Preise durch eine andere Wirtschaft unterboten werden oder, wenn die Konkurrenz ausgeschaltet ist, wie im Falle des Monopols, doch wenigstens durch zu hohe Preise die Kundschaft verlieren kann, ist sie genötigt, ihr Verhalten den Anforderungen der billigsten Preisbemessung gemäß zu gestalten. Diese Markthörigkeit, wie wir diesen Zustand der Abhängigkeit von der Preisbildung nennen können, bedeutet nun aber die stärkste Beschränkung ihrer Willkür und zwingt die Gleichförmigkeit des Gebarens von außen den einzelnen Wirtschaften auf. Es gibt also, wie wir sehen, genug Gründe, die die Einzelwirtschaften im kapitalistischen Nexus in die Richtung der Rationalisierung und somit der Gleichförmigkeit drängen. Sechsunddreißigstes Kapitel: Die Gleichförmigkeit 593 Freilich, das muß zum Schlüsse noch hervorgehoben werden: in den verschiedenen Bereichen des Wirtschaftslebens in verschieden hohem Grade. Es gibt eine Abstufung in der Gleichförmigkeit, wenn wir etwa Landwirtschaft, Gewerbe, Kreditorganisation miteinander vergleichen. In dieser Reihenfolge ist der Zwang zur Rationalisierung immer stärker in jedem nächsten Bereich. Jeder frühere bietet einen größeren Spielraum für das Verharren in der Irrationalität. Insbesondere bietet die Landwirtschaft für diese noch ein sehr weites Betätigungsfeld, wie das an anderer Stelle noch darzutun sein wird. Hier galt es zunächst, die übereinstimmende Bewegung zur Rationalisierung als eine der Formen aufzuweisen, in denen sich der wirtschaftliche Prozeß im Zeitalter des Hochkapitalismus vollzieht, und die wir nun im nächsten Abschnitt in ihrer empirischen Gestaltung zu verfolgen haben. 594 Dritter Abschnitt Die Gestaltung* des wirtschaftlichen Prozesses in der Geschichte Erster Unterabschnitt Die Rationalisierung des Güterbedarfs (Konsumtion) Quellen und Literatur Obwohl natürlich über die Bedarfsgestaltung im Zeitalter des Hochkapitalismus an allen möglichen Orten allerhand geschrieben ist, so hält es doch schwer, eine besondere Literatur anzuführen. Die folgenden Betrachtungen sind fast durchgängig durch eigene Beobachtung und eigenes Nachdenken entstanden und ergeben sich ja eigentlich für jeden leidlichen Kenner unserer kulturellen, insonderheit wirtschaftlichen Zustände von selbst. Einige Spezialprobleme haben auch anderweitig eine gründliche Erörterung erfahren, wie die folgende Zusammenstellung ergibt. 1. Die allgemeine Literatur (soweit nicht unter „Theorie der Bedarfsgestaltung“ schon erledigt) behandelt fast ausschließlich den Nahrungskonsum; so A. Grotjahn, Wandlungen in der Volksernährung 1902. K. Oldenberg, Die Konsumtion in GdS. Abt. II. Vortrefflich. G. D’Avenel, Histoire economique etc. Tome VI enthält gelegentliche Ausblicke in das 19. Jahrhundert. Uber die Entwicklung des Bedarfs an gewerblichen Gütern habe ich ausführlich in der 1. Auflage (Band II Kapitel 15) gehandelt. Dortselbst ist auch weitere Literatur angeführt. 2. Mode: ich nenne nur die wichtigsten derjenigen Schriften, die sich mit der Mode vom sozialökonomischen Standpunkt aus befassen. Chr. Garve im 1. Teil seiner „Versuche über verschiedene Gegenstände aus der Moral, der Literatur und dem gesellschaftlichen Leben“. 1792. Coffignon, Les coulisses de la mode (ca. 1888). A. Rasch, Das Eibenstocker Stickereigewerbe unter der Einwirkung der Mode. 1910. W. Troeltsch, Volkswirtschaftliche Betrachtungen über die Mode. 1912. 0. Neuburger, Die Mode. Wesen, Entstehen und Wirken. 1913. Alexander Elster, Wirtschaft und Mode in den Jahrb. f. NÖ. 3. F. Bd. 46; derselbe, Artikel „Mode“ im HSt. 6 4 . Dortselbst weitere Literatur. Neuestens S. R. Steinmetz, Die Mode, in den Kölner Vierteljahrsheften für Soziologie. 5. u. 6. Jahrg. 1925/26. Quellen und Literatur 595 Ygl. auch die 1. Auflage dieses Werkes Band II, Kap. 17, das auch selbständig u. d. T. „Wirtschaft und Mode“ 1902 erschienen ist. 3. Gebrauchswechsel und leichte Güter: W. Borgius, Die Lebensdauer der Waren. Frankfurter Zeitung vom 9. IX. 1910. Auseinandersetzung mit H. Pudor. 4. Einfluß der Frau: K. Scheffler, Die Frau und die Kunst. 1908. Wilh. Wirz-Zürich, Frau und Qualität in „Wohlfahrt und Wirtschaft“. I. Jahrgang. 5. Surrogat: Eine alte Literatur besteht über das Problem der Lebensmittelverfälschung, dem sogar eine Reihe englischer Reports aus den Jahren 1855—1866 gewidmet sind. Vgl. z. B. das von Marx erwähnte, auf deutschen Bibliotheken nicht vorhandene Buch von Ronard de Card, De la falsification des substances sacramentelles. 1856. Die neuere Literatur ist außerordentlich reich, aber völlig zersplittert; eine auch nur einige Gebiete zusammenfaßende Darstellung fehlt m.eines Wissens ganz (und wäre doch so nützlich). Ich verzichte deshalb auf die Aufzählung einzelner Werke und verweise den beflissenen Leser etwa auf den Katalog der Bibliothek des Reichspatentamts. Dortselbst wird er unter den Stich Worten: Ersatz (E. mittel, E. stoff) — Künstlich . . — Surrogat hunderte von Sonderschriften verzeichnet finden. 6. Bestrebungen zur Vereinheitlichung der Güterformen: Czolbe, Die wirtschaftliche Funktion der Normalisierung in der deutschen Maschinenindustrie, im Thünen-Archiv Band VII. Georg Garbotz, Vereinheitlichung in der Industrie. 1920. E. Schuster, Typisierung als Wirtschaftsorganisation im Weltwirtschaftlichen Archiv 4 Band 19, 1923. Fritz Wegeleben, Die Rationalisierung im deutschen Werkzeugmaschinenbau. 1924. IV. Teil. C. Koettgen, Das wirtschaftliche Amerika. 1925. Vgl. Sinner, Betriebswissenschaft, 121 ff. und die Veröffentlichungen des Ausschusses für wirtschaftliche Fertigung (für Deutschland), des Bureau of Standards (für Vereinigte Staaten) und ähnlicher Organisationen. Sombart, Hochkapitalismus II. 38 596 Siebenunddreissigstes Kapitel Die Träger dies Bedarfs Unter Trägern des Bedarfs verstehe ich diejenigen Personen, die für die Gestaltung des Bedarfs bestimmend sind. Wir können sie auch die Bildner des Bedarfs nennen. Es sind 1. DieEinzelpersonen als letzte Verbraucher. Solcher kannte der Kapitalismus in seiner Erühzeit nur Verbraucher von Luxusgütern oder Träger von Eeinbedarf. Wer das war, habe ich im 48. Kapitel des ersten Bandes ausführlich dargestellt: Könige, Fürsten, Adlige; geistliche Würdenträger: Päpste, Kardinäle, Bischöfe; daneben im wachsenden Umfange reich gewordene Bürger, die meist der Hochfinanz angehörten. Allen diesen Luxusgüterverbrauchern gemeinsam war ihre strenge Geschmacksschulung: sie unterstanden den Regeln eines „Stils“, in denen sie sich einzuordnen hatten. Wir können dahingestellt lassen, wer diesen Stil schuf und weiterbildete: es werden auch damals im wesentlichen die Künstler gewesen sein. Das Wichtigste ist, daß ein Stil bestand, und daß die Verbraucher im' Banne dieses Stiles standen. Das änderte sich mit dem 19. Jahrhundert in dem Maße, wie die neuen Reichen an Zahl Zunahmen. Der Prozeß der Verbürgerlichung der obersten Verbraucherschicht, der seit Jahrhunderten begonnen hatte, kommt jetzt zum Abschluß: jene Schicht besteht nun nur noch aus reichen Bürgern, und zwar immer der Mehrzahl nach — dank der raschen Entwicklung des Kapitalismus — aus reich gewordenen Bürgern. Mit dieser Verbürgerlichung der Reichen geht gleichen Schritt der Zerfall der alten, seigneurialen Kultur mit ihrem festen Kulturstil. Die neuen Reichen, die früher auch schon dagewesen waren, aber in so kleinem Umfange, daß sie von der Herrenschicht aufgesogen und unter die Regeln des Geschmackstils gebeugt werden konnten, sind nun bald unter sich und fangen an, ihren Bedarf ohne Stil zu gestalten. Dieser Prozeß der Auflösung der alten Geschmacksformen wurde Siebenunddreißigstes Kapitel: Die Träger des Bedarfs 597 dadurch beschleunigt, daß die Berater der früheren Geschlechter, die Künstler, sich aus der Welt der „angewandten Künste“ zurückgezogen hatten und ein reines Akademikerleben lebten. Kunst und Gewerbe hatten sich getrennt. Die neuen Reichen bleiben sich selbst überlassen und den Launen des kapitalistischen Produzenten, der unter Mithilfe dienstfertiger Zeichner und Konstrukteure herstellte, was seinen geschäftlichen Interessen angemessen erschien. Die Folge war eine vollständige Verrohung des Geschmacks, die in allen Ländern um die Mitte des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreichte. Um diese Zeit begann zuerst in England, später auch anderswo (in Deutschland seit den 1890er Jahren), ein Wandel sich anzubahnen: die bildenden Künstler fingen wieder an, sich um die Gestaltung der Gegenstände des täglichen Gebrauchs zu kümmern, und ein „Kunstgewerbe“ unter künstlerischer Leitung begann sich wieder zu entwickeln. Die Bildner des Feinbedarfs wurden damit wiederum — zum Teil wenigstens — die Künstler, wie sie es ehedem gewesen waren, vielleicht mit dem Unterschiede gegen früher, daß sie selbstherrlicher den Auftraggebern gegenübertraten, die nicht mehr wie ehedem selbst ein Urteil in Geschmacksfragen besaßen. Ich habe diese Versuche, die reichen Verbraucher wieder unter die Botmäßigkeit der Künstler zu bringen, einen Vorgang, den man wohl auch als „Renaissance des Kunstgewerbes“ bezeichnet, sehr ausführlich (mit sehr viel schiefen Urteilen) in der ersten Auflage zur Darstellung gebracht. (Siehe das 15. Kapitel des zweiten Bandes.) Bei der Fragestellung, die in der ersten Auflage im Vordergründe stand: wodurch der Kapitalismus den Sieg über das Handwerk errungen hatte, lagen mir diese Probleme weit mehr am Herzen als jetzt, wo es sich für mich vielmehr darum handelt, die Entfaltung des Kapitalismus selbst zu schildern. Für diese hat aber jene Verschiebung in der Bedarfsgestaltung eine untergeordnete Bedeutung: dem Kapitalismus ist es im Grunde gleichgültig, ob er schöne oder häßliche Güter erzeugt; es genügt ihm, daß er mit ihrem Verkauf Profite erzielt. Und das tut er unter Umständen bei der Herstellung von geschmacklosen Waren eher, als wenn er sich den Geschmacksanweisungen des Künstlers fügt. Deshalb ist auch jene Veredelung des Geschmacks, wie sie vor einigen Menschenaltern einsetzte, längst nicht so tief gedrungen, als hoffnungsfreudige Künstler und Kunstgewerbler geglaubt haben. Wenn wir die Läden unserer Tage durchmustern, so finden wir, daß unter den ausgestellten Waren die Scheuß- 88 * 598 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschafte Prozesses i. d. Geschichte lichkeiten durchaus noch den breiteren Rauin einnehmen, und je höher im Preise die Waren stehen, desto geschmackloser werden sie oft. Weshalb auch Tiffany in New York den Gipfel der Geschmacklosigkeit darstellt. Ich komme darauf bei der Besprechung der Arten der heute bedurften Güter (im 39. Kapitel) noch einmal zurück. Die Reichen mit oder ohne Geschmack bilden also noch heute, wie seit jeher, eine Käuferschicht, die für den Kapitalismus ins Gewicht fällt. Während aber der Frühkapitalismus fast nur die reichen Leute unter den Privatpersonen als die Abnehmer seiner Erzeugnisse hatte, verliert diese Gruppe im Laufe der hochkapitalistischen Epoche immer mehr an Bedeutung. Nicht, weil der Anteil der Reichen am gesellschaftlichen Einkommen geringer wurde, sondern weil die Personen mit mittlerem und kleinem Einkommen, die früher als Kunde der kapitalistischen Produktion so gut wie gar nicht in Betracht kamen, weil sie ihren Güterbedarf beim Handwerker oder in der Eigenwirtschaft deckten, jetzt als Käufer auftreten. Damit verschiebt sich die Rangordnung der verschiedenen Kundengruppen vollständig; die Reichen treten an Bedeutung ganz zurück, die Wohlhabenden und Armen, der alte und neue „Mittelstand“, die Beamten, die Bauern, die Lohnarbeiter bilden die entscheidende Kundschaft im Lande. Ich versuche im folgenden diese Verschiebung bezw. den heutigen Anteil der verschiedenen Verzehrergruppen an der Hand einiger Ziffern der preußischen Einkommensstatistik zu veranschaulichen. Daß die Masse der reichen Verzehrer auch in unserer Zeit noch gewachsen ist, unterliegt keinem Zweifel. In Preußen stieg die Zahl der reichen Leute (mit mehr als 100000 Mk. Jahreseinkommen) von 1659 im Jahre 1892 auf 5212 „ „ 1914. Und ihr Einkommen betrug 1892 377,6 Mill. Mk. 1914 1258,6 „ „ Trotzdem ist ihr Anteil am gesellschaftlichen Einkommen gering. Und der Betrag, der für Luxusausgaben gemacht wird, noch erheblich geringer, da ja gerade auf diesen Einkommensstufen die Akkumulation verhältnismäßig groß ist. Der akkumulierte Betrag würde aber den niederen Einkommen, insbesondere den Arbeitereinkommen, zuzuzählen sein. Setzen wir den „gesparten“ Betrag auch nur mit 50% des Einkommens an, so würden in den Jahren 1892 bezw. 1914 rund 190 und 630 Mill. Mk. von den Reichen für ihren Verzehr verausgabt sein. Von diesen Summen sind ja nun aber auch die Ausgaben für den Grobbedarf, der in jedem Haushalt zu befriedigen ist (Ausgabe für Nahrung! Dienstboten! usw.) zu be- Sicbenunddreißigstes Kapitel: Die Träger des Bedarfs 599 streiten. Nehmen wir an, sie machten ein Drittel der gesamten Ansgaben aus, so bleiben für die Befriedigung des eigentlichen Luxusbedarfs 90 bezw. 420 Mill. Mk. zur Verfügung. Diesen Beträgen stehen gegenüber die Einkommen der Personen mit weniger als 100000 Mk. Einkommen; das waren 1892 5 322,-3 Mill. Mk. 1914 15423,0 „ „ Wollte man aber in den Ausgaben bei Einkommen unter 100000 Mk. noch Ausgaben für Luxusgüter vermuten, so setze man die Grenzen des Einkommens, bei dem nur der Grobbedarf befriedigt wird, tiefer an. Gehen wir ganz sicher und nehmen wir nur die Einkommen unter 6000 Mk., so bringen diese zum Verzehr 1892 3744,4 Mill. Mk. 1914 12821,9 „ „ die Einkommen unter 3000 Mk.: 1892 2912,0 Mill. Mk. 1914 10298,0 „ Demgegenüber verschwindet offensichtlich aller Luxusverzehr, selbst wenn man zu den oben berechneten Ziffern von 1892 90 Mill. Mk. 1914 420 „ „ Teile der Einkommen zwischen 30000 und 100000 Mk. zu zählen wollte, die eine Gesamtsumme von 451,6 bezw. 1257,0 Mill. Mk. ausmachten. Die Zahl dieser wohlhabenden Leute, die zwischen 30000 und 100000 Mk. Einkommen hatten, betrug in den beiden Stichjahren 9039 und 24551. Die Ziffern sind dem Statistischen Handbuch für den preußischen Staat Band II für 1892/93, dem Statistischen Jahrbuch für den preußischen Staat Band XII für 1914 entnommen, die Höhe der veranlagten Einkommen, die für 1914 nicht angegeben ist, ist errechnet. Selbst in einem so „reichen“ Lande wie den heutigen Vereinigten Staaten von Amerika ist der Anteil des Luxuskonsums nicht sehr viel größer. Die Einkommensverteilung im Jahre 1922 gewährt folgendes Bild: Einkommensstufe Gesamteinkommen Vom Hundert unter 2000 $ (in Tausend Dollar) 4792118 19,3 2000- 5000 „ 10740898 43,1 5000- 25000 „ 5814283 23,4 25000—100000 „ 2432208 9,8 100000-500000 „ 793624 3,2 über 500000 „ 298777 1,2 24871908 100 United States Bureau of Internal Revenue Statistics of Income. 1922. pag. 8. Zu berücksichtigen ist bei der Bewertung dieser Ziffern, insbesondere bei einem Vergleich mit den deutschen, daß die Kaufkraft des Geldes in Amerika jetzt im großen Ganzen 1 / 2 bis 3 / s der deutschen ist (Schätzungen von Koettgen und Hirsch aus neuerer Zeit), daß aber die Kaufkraft mit der Qualität' der Güter rasch sinkt, das heißt, daß sie bei Luxusgütern '600 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte um ein Vielfaches geringer ist als in Europa. Siehe darüber meine Schrift: Warum gibt es in den Vereinigten Staaten keinen Sozialismus ? 1906. Was die privaten Verzehrer oder genauer: die Käufer aller Einkommensstufen von heute kennzeichnet und was für die Art der Bedarfsgestaltung bezw. Bedarfsdeckung und für die Arten der bedurften Güter von erheblicher Bedeutung ist, ist folgender Umstand: Reiche wie Arme wie „Mittelständler“ gehören in wachsendem Umfange der Gruppe der Städter und zwar der Großstädter und der Gruppe der Frauen an. Es sind also je mehr und mehr großstädtische Frauen, die als „Letztkonsumenten“ auf dem Markte auftreten. Welche Folgen diese Tatsache für die Bedarfsgestaltung hat, wird in den beiden nächsten Kapiteln zu untersuchen sein. Halten wir nach andern Verzehrer- oder Käufergruppen Ausschau, so stoßen wir auf 2. die öffentlichen Körper, Behörden, Anstalten, wie Schulen u. dgl. Diese Abnehmer haben auch schon früher bestanden. Sowohl das Mittelalter wie die frühkapitalistische Zeit kannten sie. Aber ihre Bedeutung hat zweifellos zugenommen. Die Ziffern, die ich zum Belege der Ausdehnung des Bedarfs öffentlicher Körper bereits mitgeteilt habe (siehe oben S. 483ff. 486ff.), machten das ersichtlich. Ich werde dort, wo ich von der zunehmenden Kollektivierung des Bedarfs sprechen werde, noch weitere Zahlen beibringen, aus denen die wachsende Bedeutung dieser Verzehrergruppe zu entnehmen ist. Aber der wichtigsten Gruppe der Träger oder Bildner des Bedarfs habe ich bisher noch keine Erwähnung getan. Das sind 3. die Unternehmer: Produzenten und Händler. Daß diese bestimmend in die Gestaltung des Bedarfs eingreifen, ist die wichtigste Neuerung, die diese während der hochkapitalistischen Epoche erfährt. Früher sind natürlich die Produzenten und Händler ebenfalls schon als Käufer aufgetreten. Aber sie handelten gleichsam nur als Abgesandte, Beauftragte der letzten Konsumenten: Umfang und Art des Bedarfs wurde von diesen bestimmt. Die Unternehmer sorgten nur dafür, daß er in sachgemäßer Weise gedeckt wurde. Für die frühkapitalistische Epoche habe ich nachzuweisen versucht, daß dieses die leitenden Grundsätze waren. (Siehe das 14. Kapitel des II. Bandes.) Das ändert sich nun von Grund auf: nach drei Seiten hin, in drei Formen beginnt der Unternehmer Einfluß auf die Bedarfsgestaltung zu gewinnen und zwar Siebenunddreißigstes KapitelDie Träger des Bedarfs f601 (a) durch seine spekulative Nachfrage , wie wir diejenige nennen wollten, die nach Produktionsmitteln stattfindet, wenn diese zur Erzeugung von Gütern bestimmt sind, von denen man nur annimmt, daß sie dereinst bedurft werden. Alle Ausweitung der Produktion, soweit sie nicht auf unmittelbare Anregung letzter Konsumenten beruht, beruht auf solcher spekulativen Grundlage, und wir müssen uns klar sein, daß damit der Entscheid, was wir konsumieren sollen, in die Hand des Unternehmers gelegt wird. Die Spekulation kann sich auf die Menge der bedurften Güter beschränken; auch hier bedeutet sie einen erheblichen Eingriff in die Bedarfsgestaltung der letzten Konsumenten, deren Bedarfssystem auf diesem Wege offenbar in seinem Aufbau beeinflußt wird, wenn die Nachfrage auf einen Gegenstand hingelenkt und nach ihm gesteigert wird, der sonst in geringerem Umfange zum Verzehr gelangt wäre. Die Spekulation kann sich aber auch auf die Art der bedurften Güter beziehen, und dann berührt sich diese Form der Einflußnahme durch den Unternehmer mit einer zweiten, (b) der Finanzierung neuer Erfindungen. Wir haben, als wir uns das Schicksal der Erfindungen im Zeitalter des Hochkapitalismus vergegenwärtigten, feststellen können, daß im wesentlichen nur solche Erfindungen zur Anerkennung und Durchführung gelangen, von denen sich der Geschäftsmann einen Erfolg, das heißt also einen Gewinn verspricht. Die Auslese unter den Erfindungen erfolgt also unter rein kapitalistischem Gesichtspunkte. Wenn dem aber so ist, so werden doch auch nur diejenigen Güter hergestellt, die die Billigung des Unternehmers finden, und wir haben so zu essen, uns so zu kleiden, so zu reinigen, so unsere Wohnungen zu beleuchten, so unsere Reise zu gestalten, so unsere Vergnügungen einzurichten, wie es dem Unternehmer beliebt. Es ist gar nicht zu ermessen, in wie hohem Grade es dem Geschäftsmanne auf diesem Wege gelingt, den Güterbedarf der Menschheit, die in dem Bann der kapitalistischen Wirtschaft lebt, nach seinem Gutdünken zu gestalten. Aber die Herrschgewalt des Unternehmers auf dem Gütermarkte hat damit ihr Ende noch nicht erreicht. Nicht nur bestimmt er in weitem Umfange, welche Art von Gütern wir bedürfen sollen: er schreibt uns immer mehr auch vor, in welcher Form wir sie bedürfen sollen. Das tut er (c) durch seine unmittelbare Beeinflussung der Produktion .und des Absatzes, die er aus irgendwelchen Rentabilitätsinteressen 602 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte in einer bestimmten Weise gestaltet, so daß Güter einer ganz bestimmten Prägung zum Verkauf gelangen. Diese hat dann der Kunde zu kaufen, bei Gefahr, seinen Bedarf überhaupt nicht befriedigen zu können. Die Suggestionskonkurrenz ist das Mittel, das der Unternehmer anwendet, die ihm (nicht dem Kunden) genehmen Güter abzusetzen. Wir werden bei der Darstellung der heute üblichen Art der Bedarfsbefriedigung sowie bei der Aufzählung der Arten der heute nachgefragten Güter öfters Gelegenheit haben, den bestimmenden Einfluß des Unternehmers auf die Bedarfsgestaltung nachzuweisen. 603 Achtunddreissigstes Kapitel Die Art und Weise der Bedarfsbefriedigung In diesem Kapitel will ich noch nicht berichten von den Veränderungen, die die Güter selbst während der hochkapitalistischen Periode erfahren haben. Will ich vielmehr nur auf einige Neugestaltungen in der Art, wie der Bedarf befriedigt wird, Neugestaltungen in den Modalitäten der Bedarfsgestaltung, hinweisen. Als ein der hochkapitalistischen Epoche eigentümlicher Zug erscheint : 1. der häufigere Wechsel der Bedarfsgegenstände. Ihm begegnen wir bei der Versorgung mit Produktionsmitteln wie mit Konsumtionsgütern gleichermaßen. Und wir werden ihn aus den Bedingungen, unter denen in dieser Zeit die Bedarfsbefriedigung erfolgt, aus dem Drang und dem Zwang, dem der einzelne Bedürfende untersteht, ohne viel Mühe verstehen. Dem Produzenten zwingt allein die revolutionäre Technik den häufigen Wechsel seiner Maschinen und Apparate auf; er muß, will er seinen Betrieb nicht veralten lassen, seine Arbeitsmittel den jeweils neuesten Erfindungen anzupassen bestrebt sein. Es hängt vom Reich- tumsgrade der einzelnen Unternehmung und für das Ganze einer Volkswirtschaft vom gesellschaftlichen Reichtumsgrade ab, in welchem Schrittmaße der Unternehmer den stets neuen Anforderungen der Technik gerecht werden kann. Dadurch wird wohl ein Unterschied in der Zeitfolge des Wechsels begründet (die Vereinigten Staaten erneuern ihren Arbeitsmittelapparat häufiger als die europäischen Länder). Aber abgesehen von der Verschiedenheit des Schrittmaßes bleibt dieser Zug des beschleunigten Wechsels der Produktionsmittel im Gegensatz zu allen früheren Wirtschaftsepochen dem Zeitalter des Hochkapitalismus eigentümlich. Auch der Käufer von Konsumgütern untersteht zum Teil diesem Zwange, der in der revolutionären Technik begründet ist. Freilich wird er zu der Erneuerung nicht durch irgendwelche Konkurrenzrücksicht genötigt. Aber er wird seine Gebrauchsgegenstände wechseln müssen, (504 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. -wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte wenn er den Vorteil der besseren Bedarfsbefriedigung genießen will, den ihm die neue Erfindung ermöglicht: er wird die Ölbeleuchtung durch die Petroleumbeleuchtung, diese durch die Gasbeleuchtung, diese durch das elektrische Licht ersetzen und wird noch von allen Vervollkommnungen einer bestimmten Beleuchtungstechnik Nutzen ziehen wollen, indem er jedesmal die vollkommensten Beleuchtungskörper sich anschafft. So ist es gekommen, daß unsere Generation im Verlaufe eines Menschenalters vielleicht zwanzig verschiedene Lampenformen nacheinander im Gebrauch gehabt hat, während unsere Eltern mit einer oder zwei Lampenformen auskamen. Und wie auf dem Gebiete der Beleuchtung,, so geht es auf den meisten andern Gebieten des Güterbedarfs auch: immer wieder gibt es eine neue Form, die angeblich „praktischer“ oder „schöner“ oder beides ist, es mag sich um Schreibtische, um Waschtische, um Schränke, um Koffer, um Kochapparate, um Reinigungswerkzeuge oder was sonst immer handeln. Häufig ist der Übergang zu einer neuen Form gar nicht in das Belieben des Einzelnen gesteht; auch wenn er bei der alten Form bleiben wollte, so würde ihm die Ausbesserung eines schadhaften Gegenstandes oder die Beschaffung der notwendigen Ersatzteile und Hilfsstoffe die größten Schwierigkeiten bereiten; etwa die Dochte und das Öl zu bekommen, die zu einer Öllampe gehören u. dgl. Aber in den meisten Fällen will der moderne Mensch gar nicht bei dem alten Gegenstände verharren. In den meisten Fällen will er den Wechsel, freut er sich des Wechsels, unterstützt er also die von der Technik her nahegelegte Tendenz zur häufigen Erneuerung aus eigenem Willen. Jenes Verwachsen mit einem Gebrauchsgegenstande, wie es den früheren Geschlechtern eigen war, ist ihm fremd. Er richtet zur silbernen Hochzeit sein Haus neu ein, ohne durch irgendein Gefühl der Pietät behindert zu sein. Seine innere Ungebundenheit, seine Nervosität, seine Unrast lassen ihm den Wechsel seiner dinglichen Umgebung nicht als ein Ungemach, sondern eher als ein Mittel zur Steigerung seines Lebensgefühls erscheinen. Dazu kommt, daß die Menschen der neuen Zeit, in der die soziale Neuschichtung zu den täglichen Vorkommnissen gehört, viel häufiger auf eine andere Stufe der Lebenshaltung gehoben oder hinabgedrückt werden als früher. Daraus aber ergibt sich wiederum eine neue Gelegenheit, ja häufig, ein neuer Zwang, die Güterwelt, in der sie leben, häufig in ihrer gesamten Zusammensetzung zu verändern; der Verarmte muß kostbare Besitztümer verkaufen, um sich Plunder dafür anzuschaffen; der neue Reiche 'Achtunddreißigstes Kapitel: Die Art und Weise der Bedarfsbefrredigung 605 muß seine schmutzige Hülle, in der er bis dahin gelebt hatte, wegwerfen und sich neue Kleider, neue Möbel, neuen Schmuck kaufen. Daß die Beschaffenheit der Güter selbst zum häufigen Wechsel Anlaß gibt, werden wir erkennen, wenn wir die Neugestaltung der Güterwelt selbst in unserer Zeit untersuchen werden. Für den Kapitalismus ergab sich aus dieser Tendenz zum Wechsel wiederum ein reicher Segen. Denn sie weitete seinen Absatz aus und half den Kapitalumschlag beschleunigen, da anzunehmen ist, daß ein erheblicher Teil der Güter, an deren Stelle andere treten, ohne diese Ersetzung länger gedient hätte (man denke an Maschinen!). Wir werden es deshalb begreiflich finden, wenn wir beobachten, daß der Unternehmer alles aufbietet, tun den Wechsel der Bedarfsgegenstände zu beschleunigen. Mittel dazu gibt es zahlreiche: Annahme alter Artikel im Tausch gegen neue, Anpreisung der neuen Artikel. Das wirksamste Mittel aber, dessen sich der Unternehmer bedient, um diesen Zweck zu erreichen, ist die Mode. Vom Wesen und Sinn der Mode habe ich im ersten Bande auf S. 743 ff. bereits ausführlich gesprochen. Ich habe dortselbst auch ihre Entstehung und Verbreitung bis zum Ende der frühkapitalistischen Epoche verfolgt. Hier gilt es, den dort fallen gelassenen Faden wieder aufzunehmen und bis zur Gegenwart fortzuspinnen. Was also ist es, das die Mode im Zeitalter des Hochkapitalismus kennzeichnet ? Mir scheinen es vor allem drei Eigenarten zu sein, die der Mode der neueren Zeit, der „modernen Mode“ anhaften und sie von der der früheren Jahrhunderte unterscheiden. Das ist (a) ihre Verallgemeinerung und zwar in persönlicher, sachlicher und räumlicher Hinsicht. In persönlicher Hinsicht: während es ehedem nur eine Oberschicht war, innerhalb deren sich die Launen der Mode austobten, erfaßt sie heute immer breitere Kreise der Bevölkerung; noch im 18. Jahrhundert war der rasche Modewechsel im wesentlichen auf die kleine Oberschicht der „Gesellschaft“ beschränkt, auch das bessere Bürgertum war davon unabhängig; die Bäuerin noch des frühen 19. Jahrhunderts trug ihre „Tracht“, die Proletarierfrau unserer Zeit trägt sich „modern“. In sachlicher Hinsicht: die Zahl der Güterarten, auf die sich die Mode erstreckt, wird immer größer. Erst in neuer Zeit sind recht eigentlich der Mode unterworfen nur von Bekleidungsgegenständen: Wäsche, Krawatten, Hüte, Stiefel, Regenschirme; und von der Bekleidung 606 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtBchaftl. Prozesses i. d. Geschichte dehnt sich die Herrschaft der Mode auf immer weitere Bereiche aus; erst im letzten Menschenalter sind die Möbel und was sonst zur Hauseinrichtung gehört, einbezogen usw. In räumlicher Hinsicht: während in der Renaissancezeit, trotz des beginnenden Einflusses Frankreichs, die Verschiedenheit der Mode selbst in den einzelnen Städten Italiens noch fortdauerte, wie uns Jakob Burckhardt berichtet, und sich doch bis tief ins 19. Jahrhundert hinein immerhin eine gewisse lokale oder wenigstens nationale Eigenart der Mode wahrnehmen läßt, ist es ein Kennzeichen der neuen Zeit, daß mit der Ausdehnungskraft gasförmiger Körper sich jede Mode binnen kurzem über den Bereich der gesamten zivilisierten Welt verbreitet. Von der Kleidung, namentlich der Damenkleidung (als es noch eine Dame gab) gilt das wortwörtlich: keine Schleife, kein Knopf, kein Besatz ist an dem Kleide einer Amerikanerin oder Französin oder Russin verschieden. Die Frauenkleidung und größtenteils auch die Herrenkleidung ist „Uniform“ der „zivilisierten“ Menschheit geworden. Eine andere Eigenart der neueren Mode ist (b) die Beschleunigung des Schrittmaßes im Modewechsel. Wir vernehmen zwar von einem häufigen Modewechsel, selbst einem mehrfachen in einem Jahre, schon in früher Zeit (Belege siehe Band I Seite 745 f.). Aber wir dürfen annehmen, daß das Ausnahmen waren oder sagen wir lieber Übertreibungen, die sich die Sittenprediger ihrer Zeit zuschulden kommen ließen, denn sie sind die Quelle, aus denen wir diese Erkenntnis schöpfen. Wenn wir dagegen objektive Zeugnisse sprechen lassen, so bekommen wir doch den Eindruck, daß selbst die Frauenkleidermode, die ja der empfindlichste Punkt im Reich der Mode ist, sich während einer längeren Zeit, vielleicht während einiger Jahre annähernd gleich blieb. Solche unparteiischen Zeugen sind z. B. die Bildnisse oder Genrebilder einer Zeit. Es gibt doch immerhin ein Zeitalter oder eine Zeit des Velasquez oder Watteaus oder Gainsboroughs, während welcher die dargestellten Personen sich so ziemlich gleich gekleidet haben, während innerhalb des Lebenswerkes eines modernen Künstlers die allerverschiedenartigsten Kleidermoden sich drängen. Es ist heute kein seltener Fall mehr, daß die Kleidermode in einer und derselben Saison vier bis fünfmal wechselt. Und häufig so wechselt, daß sie von einem Extrem ins andere fällt: kurz—lang, weit—eng, schlicht—überladen, oben nackt—unten nackt, angeklebt— ausgebauscht usf. Und was das Seltsame des Schauspiels steigert: Achtunddreißigstes Kapitel: Die Art und Weise der Bedarfsbefriedigung 607 so lange eine Mode dauert, herrscht sie unumschränkt, gibt es nicht die geringste Abweichung, ist sie pedantisch streng. Es ist also nicht etwa ein ewiger Fluß, den die Modeentwicklung darstellt, sondern — bildmäßig — eine Treppe mit immer niedrigeren Stufen, auf der aber von Absatz zu Absatz völlige Gradheit, Gleichförmigkeit herrscht. Auf diese moderne Mode paßt das lustige Wort Vischers, das ich hier noch mitteilen will: „Wie ein unartiges Kind, das keine Ruhe gibt, so treibt es die Mode, sie tut’s nicht anders, sie muß zupfen, rücken, umschieben, strecken, kürzen, einstrupfen, nesteln, krabbeln, zausen, strudeln, blähen, quirlen, schwänzeln, wedeln, kräuseln, aufbauschen, kurz, sie ist ganz des Teufels, jeder Zoll ein Affe, aber just auch darin wieder steif und tyrannisch phantasielos gleichmacherisch, wie nur irgendeine gefrorene Oberhofmeisterin spanischer Observanz; sie schreibt mit eisiger Ruhe die absolute Unruhe vor, sie ist wilde Hummel und mürrische Tante, ausgelassener Backfischrudel und Institutsvorsteherin, Pedantin und Arle- kina in einem Atem.“ (Fr. Th. Yischer, Mode und Zynismus 3. Aufl. 1888. Seite 52.) Aber während die beiden bisher angeführten Merkmale der modernen Mode doch im Grunde nur Gradunterschiede gegen früher darstellen, ist nun das letzte Merkmal ein solches, das die Mode im Zeitalter des Hochkapitalismus scharf und grundsätzlich von allen früheren Moden unterscheidet; das ist (c) ihre Unterwerfung unter die Botmäßigkeit des kapitalistischen Unternehmers. Hier also ist der erste Fall, in dem sich der Einfluß des Geschäftsmannes auf unsere Bedarfsgestaltung und zwar in sehr entschiedener Weise äußert. Aus dieser Abhängigkeit des „Kunden“ vom Produzenten oder Händler erklären sich auch alle Eigenarten, die sonst die heutige Mode auf weist, und von denen ich im Vorstehenden zwei auf- gezählt habe. Noch am Ende des frühkapitalistischen Zeitalters sahen wir den Konsumenten durchaus als den Bildner wie aller Bedarfsgestaltung so auch der Mode. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts verliert er die Herrschaft und der Produzent oder der Händler tritt an seine Stelle. Ich habe in der ersten Auflage (im 17. Kapitel des II. Bandes) an dem Beispiele der Damen- und Herrenkleidermode gezeigt, auf welche Weise sie heutzutage „kreiert“ wird. Es ist das „Genie“ des großen 608 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschieht«!' Pariser Schneiders oder die sachkundige Boutine der Musterzeichner,, oder der gewichtige Beschluß einer Branchen Vertretung: der Vereinigten Strohhutmacher oder des Verbandes der Bänder-Litzen-Kordelfabri- kanten oder des Kartells der Samtwebereien, die selbstherrisch bestimmen, was in der nächsten Saison der europäisch-amerikanische Mensch an Güterbedarf zu haben hat. Nicht den geringsten Einfluß übt dieser europäisch-amerikanische Mensch auf die Gestaltung seiner Güterw'elt aus, soweit sie dem Einfluß der Mode unterworfen ist. Selbst die ganz wenigen großen Modedamen oder Modeherren (wie Eduard VII. und in sehr viel geringerem Maße sein Sohn und Enkel), die die Mode zu bestimmen scheinen, weil sie das zuerst tragen, was später die Millionen tragen, sind doch nur Puppen in der Hand der Geschäftsleute, denen sie dazu dienen, ihre „Dessins“ zu „lancieren“. Die Erfolglosigkeit der Bemühungen eigensinniger und künstlerisch begabter Frauen, sich aus der Umklammerung einer ihnen von Gewinn erstrebenden Unternehmern aufgedrungenen Mode zu befreien, wie sie namentlich in Deutschland gemacht worden sind, als man das „Eigenkleid“ propagierte, zeugen von der Festigkeit der Herrschaft, die die großen Schneider und ihre Trabanten und Helfershelfer ausüben. Wie weibliche Don Quichottes laufen die paar Unentwegten mit ihren ausgeklügelten Absonderlichkeiten in der „großen“ Welt herum, und nur auf der Stufe der Turnlehrerin oder Sozialpolitikerin hat der viel gepriesene „Hänger“ sich einbürgern können und wirkt hier wie das Zeugnis von der Niederlage im Befreiungskämpfe gegen die allmächtige Mode. Die hier vertretene Ansicht, daß der Geschäftsmann und nicht der Verzehrer die Mode macht, ist von verschiedenen Seiten bekämpft worden, neuerdings wieder mit besonderer Heftigkeit von dem holländischen Soziologen Steinmetz. Ich frage den verehrten Gegner: wenn er einen Einfluß des Publikums auf die Gestaltung der Mode, insonderheit der Kleidermode, annimmt: an welcher Stelle des Gestehungsvorganges sollte er sich geltend machen ? Man könnte allenfalls an den Kreis der intimen Freundinnen des Pariser Grand Couturier denken, wo sich Konsumenten-Eigenmacht hervorwagt, also daß etwa die Freundin Poirets diesen bei seinen Schöpfungen „inspiriert“. Mag sein, daß hier und da die Laune einer kapriziösen Pariser Frau dem Modeschöpfer eine „Eingebung“ verschafft. Groß wird die Einflußnahme bei der Selbständigkeit und Eigenwilligkeit dieser, Herren nicht sein. Bliebe also — da ein unmittelbar schöpferischer Einfluß des Konsumenten auf die Gestaltung der Mode aus rein äußerlichen, betriebstechnischen Gründen nicht möglich ist — das Vetorecht des Trägers, nötigenfalls seine’ Achtunddreißigstes Kapitel: Die Art und Weise der Bedarfsbefriedigung 609 passive Resistenz. Lehnt die Weiblichkeit zuweilen eine ihr oktroyierte Mode ab? Ich wüßte nur einen Fall zu nennen, und der ist auch noch nicht endgültig entschieden: das ist der Hosenrock. Im übrigen aber beugt sich Männlein und Weiblein, soweit sie der Modeherrschaft unterstehen (natürlich sind ein alter Professor und eine Institutsvorsteherin „selbstherrlich“ in der Gestaltung ihrer Kleidung), wenn auch mit knirschenden Zähnen, unter das oft genug drückende Modejoch. Ich empfehle Herrn Kollegen Steinmetz dringend, gelegentlich eine junge, elegante Frau auf ihren Einkäufen in einem Modeatelier zu begleiten, um zu verstehen, wer heute die Mode macht. Die Dame tritt — beispielshalber — mit einem Hut ein, den sie vor vier Wochen an derselben Stelle gekauft hat. Sage: niedrige Tockenform, ihrem Gesicht sehr gemäß. Der Verkäufer mit einem halb vorwurfsvollen, halb spöttischen Blick, während sie ihr Kleid anprobiert: „Gnädige Frau werden sich auch einen neuen Hut aussuchen müssen: wir haben wundervolle Modelle soeben hereinbekommen.“ Die Kundin: „Ja, aber mein Hut ist ja ganz neu und steht mir so gut.“ Der Verkäufer: „Aber gnädige Frau werden nicht auffallen wollen. Die niedrige Form trägt heute niemand 1 mehr.“ Ihr ein neues Modell reichend, eine riesige Tiara mit Eselsohren: „Wenn gnädige Frau einmal probieren möchten.“ Die Kundin: „Dies Scheusal, wo mein Hüterl mich so gut kleidet, nie!“ Setzt das Modell auf und beschaut sich im Spiegel: „Gräulich, wie eine Vogelscheuche seh ich aus.“ Der Verkäufer: „Der Hut kleidet gnädige Frau ganz vorzüglich,“ und seine letzte Karte ausspielend: „gnädige Frau sehen viel jünger darin aus.“ Die Kundin bleibt zwar dabei: „Der Hut sei scheußlich, stünde ihr gar nicht und koste sündhaft viel Geld.“ Innerlich ist sie bereits umgestimmt: 1. weil es mal wieder was Neues ist, das eben aus Paris angekommen war; 2. weil sie doch gern ein paar Jahre jünger aus- sehen und 3. weil sie um keinen Preis der Welt unter ihren Freundinnen „auffallen“ möchte als eine, die eine Mode von gestern zu tragen sich einfallen lassen könnte. Sie verläßt den Laden mit dem Neubau, den ihr durch das Zwischenglied eines Berliner Verkäufers eine Pariser Modistin völlig gegen ihren Willen (und noch viel mehr gegen den Willen ihres Begleiters) auf den Kopf gestülpt hat. Und so geht es mit allen Dingen, Kollege Steinmetz, glauben Sie mir. Daß auch der Modeschöpfer an gewisse „Gesetze“ gebunden ist, die in dem Wesen der Mode mitgegeben sind, versteht sich von selbst. Ich wüßte allerdings nur ein Gesetz anzugeben, das bisher streng innegehalten wurde: die Frauenmode muß sexuell aufreizend sein. Das sucht sie zu sein, indem sie irgendeinen Körperteil der Frau entweder entblößt oder „heraustreibt“. Geschichte der Mode heißt im wesentlichen: Wechsel des zur Schau gestellten Körperteils der Frau. Jetzt sind’s die Unterschenkel und der Rücken, früher waren’s einmal die Oberschenkel oder die Brüste oder der Hals oder der Leib oder die Hüften (Krinoline!) oder das Hinterteil (Cul de Paris) usw. Es könnte sein, daß der Tapissier de femme an dieses Gesetz gebunden ist, und daß eine Nonnentracht ebenso „abgelehnt“ würde wie der Hosenrock. Es käme auf den Versuch an. Bisher haben die 610 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte Modeschöpfer stillschweigend, wie auf Grund gemeinsamer Verständigung, einen bestimmten Geist als den herrschenden anerkannt und in ihm ihre Werke geschaffen: den Geist der Weltlichkeit und Frivolität. Sittlichkeitsapostel oder Schönheitsfanatiker sind unter ihnen bisher nicht aufgetreten. Ich halte es aber bei der Veranlagung unserer Frauen nicht für ausgeschlossen, daß sie sich gelegentlich auch einmal „anständig“ oder „schön“ anziehen würden, wenn es die Pariser Diktatoren so wollten. Schon weil es mal etwas anderes wäre. Wirklich: ich sehe nicht, wo etwas wie „Eigenwilligkeit“ des Verzehrers bei der Schaffung der Mode heute zutage träte. Um dieses Bestreben des Unternehmers, sich die Mode untertan zu machen, zu verstehen, brauchen wir uns nur der Bedingungen zu erinnern, unter denen die kapitalistische Welt steht. Der Unternehmer, mag er Produzent, mag er Händler sein, ist durch die Konkurrenz gezwungen, seiner Kundschaft stets das neueste vorzulegen, bei Gefahr ihres Verlustes. Wenn ein halb Dutzend Großkonfektionäre um den Absatz bei einem kleinstädtischen Kleiderhändler sich bemühen, so ist es ganz ausgeschlossen, daß sie sämtlich nicht mindestens auf der Höhe der neuesten Mode sind; die Tuchfabrik, die einem großstädtischen Schneider auch nur ein um wenige Monate älteres Dessin schicken, die Baumwollenfabrik, die dem Modewarenbazar nicht die letzte Neuheit anbieten würde, schiede von vornherein aus dem Wettbewerbe aus. Daher das weitverbreitete Streben des Unternehmers, mindestens auf dem Laufenden zu bleiben, sich stets in den Besitz der neuesten Musterkollektionen, der neuesten Vorlageblätter zu setzen. Hier liegt die Erklärung vor allem auch für die Verallgemeinerung der Mode. Und sofern es einer ganzen Kategorie von Geschäften darauf ankommen muß, das obige „Mindestens“ zu überbieten, durch reizvolle Neuheiten den Kunden überhaupt zum Kauf und zwar zum Kauf bei ihnen zu veranlassen, erzeugt die kapitalistische Konkurrenz die zweite Tendenz der modernen Mode: die Tendenz zum raschen Wechsel. Überall aber, wo wir den Produzenten selbst am Werke sehen, um durch eigene „Weiterbildung“ Neues zu schaffen, wo der Konfektionär oder Textilwarenfabrikant eigene Dessinateure unterhält, gar aber erst bei den Geschäften, die nur dadurch bestehen, daß sie andern Neuheiten liefern: überall dort wird ein Herd für ein wahres Neuerung- O fieber geschaffen. Man saugt sich das Blut aus den Nägeln, martert das Hirn, wie es denn möglich zu machen sei, immer wieder und wieder etwas „Neues“ — und darauf kommt es im wesentlichen an — auf den Markt zu werfen. Achtundrlreißigstes Kapitel: Die Art und Weise der Bedarfsbefriedigung 611 Damit nun aber dieses immer heftigere Konkurrenzbestreben der Unternehmer untereinander auch wirklich immer die Wirkung des Modewechsels habe, müssen noch einige andere Bedingungen in der sozialen Umwelt erfüllt sein, so wie es heute der Fall ist. An sich wäre es ja möglich, daß ein Konkurrent dem andern durch größere Güte oder Billigkeit einer nach Form und Stoff unveränderten Ware zuvorzukommen suchte. Warum durch den Wechsel der Mode? Zunächst wohl deshalb, weil hierdurch noch am ehesten ein fiktiver Vorsprung erzeugt wird, wo ein wirklicher nicht möglich ist. Es ist immerhin noch leichter, eine Sache anders, als sie besser oder billiger herzustellen. Dann kommt die Erwägung hinzu, daß die Kaufneigung vergrößert wird, wenn das neue Angebot Meine Abweichungen gegenüber dem früheren enthält; ein Gegenstand wird erneuert, weil er nicht mehr „modern“ ist, trotzdem er noch längst nicht abgenutzt ist: (die „Meinungskonsumtion“ Storchs). Endlich wird damit der bereits gekennzeichneten Stimmung der Menschen unserer Zeit Rechnung getragen, die dank ihrer inneren Unrast auch eine gesteigerte Freude am Wechsel haben. Wir werden in einem andern Zusammenhänge noch feststellen können, daß die Mode in dem Organismus der kapitalistischen Wirtschaft noch eine zweite Funktion hat: die der Vereinheitlichung des Bedarfs. Hier war zunächst einmal ihre Bedeutung als treibende Kraft für den häufigen Wechsel der Bedarfsgegenstände aufzuweisen. Schon hier wird ersichtlich, daß die Mode ein unentbehrliches Glied gerade auch in der hochkapitalistischen Wirtschaft spielt. Und es war gewiß ein Fehlurteil, das Marx fällte, als er — unter Berufung auf eine Schrift John Bellers aus dem Jahre 1699! — schrieb, daß „die Flatterlaunen der Mode“ dem System der großen Industrie nicht angemessen seien. Wir dürfen eben nicht vergessen, daß zu allen Zeiten, auch unter der Herrschaft des Systems der großen Industrie, die Erzeugung der letzten Gebrauchsgüter doch den größten Teil der gesellschaftlichen Produktionskraft in Anspruch nimmt, und daß die Bedarfsgestaltung, soweit diese letzten Gebrauchsgüter in Frage kommen, den Entschließungen der schwachsinnigen Masse und zumeist der schwachsinnigen Frauenwelt überlassen bleibt. Da nun in der kapitalistischen Wirtschaft die einzig Verständigen, will sagen die einzig rationalistisch ihr Handeln Begründenden inmitten einer völlig kopflosen und willenlosen Menge die Unternehmer sind, und da ihnen das Mittel der Modesuggestion außerordentlich nützliche Dienste leistet bei Verfolgung Sombart, Hochkapitalisirms II. og 612 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte ihrer klaren Ziele, warum erstaunen, daß wir dieses Mittel heute in weiterem Umfange und in wirksamerer Weise angewandt finden denn je % Konnten wir bisher als den eigentümlichen Zug in der Art der Bedarfsbefriedigung in unserer Zeit die Abkürzung der Erneuerungsperiode der Güter feststellen, so lernen wir jetzt als eine Eigenart dieser Bedarfsbefriedigung 2. dieBeschleunigung und damit Abkürzung des einzelnen Befriedigungsaktes kennen. Die Tatsachen sind bekannt. Wir legen eine Wegstrecke im sechsten oder zehnten oder zwanzigsten Teil der Zeit zurück, die man früher brauchte; Goethe saß drei Stunden bei Tisch, der amerikanische Clerk ißt in zehn Minuten; eine lange Pfeife zu rauchen dauert eine Stunde, eine Zigarette fünf Minuten usw. Die Folge dieser Beschleunigung ist die, daß in derselben Zeitspanne mehr Bedürfnisse oder öfters dasselbe Bedürfnis befriedigt werden können (ich fingiere, daß die in mehr oder weniger Zeit erfolgende Bedarfsbefriedigung der Art nach gleich bleibt). Es findet eine Intensivisierung der Bedarfsbefriedigung statt. Damit aber die Bedarfsbefriedigung rascher sich vollziehen kann, müssen Produktion und Transport dieselbe Beschleunigung erfahren. Am deutlichsten tritt dieser Zusammenhang in die Erscheinung, wo es sich um die Intensivisierung der Bedarfsbefriedigung durch Beschleunigung der Transportleistung handelt; die „Dame“ auf Motorrad kann in derselben Zeitspanne eine Tennispartie, einen Tee und einen Vortrag erledigen, in der sie früher vielleicht gerade Zeit zu einem Eendezvous gehabt hätte. Aber auch die Beschleunigung der Produktion läßt ihre Einwirkung auf die Bedarfsgestaltung verspüren; der Untergrundbahnhäftling frißt vielmal soviel Nachrichtenstoff in sich hinein, weil die Rotationspressen vielmal soviel Futter binnen vierundzwanzig Stunden liefern, als der Plattendruck vermöchte. Nun entsteht aber ein Bedarf nicht nur an Konsumgütern, sondern ebenso an Produktionsmitteln. Wo also aus irgendwelchem Grunde der Erzeugungshergang beschleunigt wird, wird auch der Verbrauchshergang, soweit Produktionsmittel in Frage kommen, beschleunigt. Beschleunigung der Produktion bedeutet also immer auch Intensivisierung der Bedarfsbefriedigung. Das tritt wiederum besonders deutlich zutage bei der Errichtung von Bauten, vielleicht, weil sie sich vor aller Augen sichtbar abspielt. Welche Hast beim Wiederaufbau zerstörter Städte (wenn es sich nicht gerade um Nordfrankreich handelt, Achtunddreißigstes Kapitel: Die Art und Weise der Bedarfsbefriedigung 613 das einen a-typischen Fall darstellt), beim Bau von Bahnhöfen, Bahnen, Kanälen, bei der Errichtung von Fabriken! Das Woolworth-Building — ein Haus von 236 m Höhe (Kölner Domtürme 156 m) mit 55 Stockwerken, das 7—8000 Menschen in Bureaus unterbringt, — ist erbaut vom 20. Juli 1911 bis Ende Januar 1913, also in 18 Monaten. Hanns Günther in Taten der Technik, 1, 214/15. Die Gründe dieser Beschleunigungstendenz auf dem Gebiete der Bedarfsbefriedigung sind von mir schon aufgedeckt worden, als ich den Sinn für Schnelligkeit als einen allgemeinen Zug des modernen Wirtschaftsgeistes nachwies: siehe oben Seite 23f. 34f. Denn die Bedarfsbefriedigung bildet nur einen Teil der gesamten Wirtschaftsführung. Wir stellten dort fest, daß es erstens ein sich überallhin verbreitendes Gefühl für den Wert der Zeit sei, was den heutigen Menschen zur Schnelligkeit treibt; die Zeit ist ihm ein kostbares Gut. Deshalb „hat er keine Zeit“. Goethe hatte „Zeit“, drei Stunden bei Tisch zu sitzen, der Clerk in New York nicht, weil er besseres zu tun hat als zu tafeln. Zweitens treibt das kapitalistische Interesse unmittelbar zur Hast; die Beschleunigung des Verbrauchsaktes bedeutet eine Beschleunigung des Kapitalumschlages, diese eine Profitsteigerung. Drittens wird das Schrittmaß dem Einzelnen durch den Gang des Mechanismus abgezwungen, in den er eingeordnet ist; will ich die Schnellbahn benutzen, darf ich beim Aus- und Einsteigen ein bestimmtes Zeitmaß nicht überschreiten. Immer aber — und das ist die Hauptsache — bedeutet auch dieser Zug der Entwicklung in der Art und Weise unserer Bedarfsbefriedigung einen Segen für den Kapitalismus; er weitet dessen Betätigungsfeld aus. Ebenfalls den kapitalistischen Interessen fördersam, wenn auch die Förderung teilweise auf Umwegen erfolgt, ist die letzte Eigenart, die die Bedarfsgestaltung während der hochkapitalistischen Periode immer mehr annimmt, nämlich 3. die Kollektivisierung der Bedarfsbefriedigung, das heißt also die fortschreitende Tendenz, den Bedarf „collective“ zu decken, worüber ich in der theoretischen Übersicht schon einige Beispiele beigebracht habe (siehe oben Seite 525). Es wäre nun hier unsere Aufgabe, die zunehmende Kollektivisierung im Zeitalter des Hochkapitalismus ziffernmäßig nachzuweisen. Leider gestattet die Statistik die Lösung dieser Aufgabe nur in recht unvollkommener Weise. Immerhin lassen sich einige Belege beibringen, die vertretungsweise hier Platz finden mögen. Die Kollektivisierung der Bedarfsgestaltung läßt sich auf fast 39* 614 Dritter Abschnitt.: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte allen Gebieten verfolgen. Ich greife die sechs wichtigsten heraus: Bildungswesen, Gesundheitspflege, Vergnügungswesen, Beherbergung und Erquickung, Hauseinrichtungen, Verkehrsmittel. (a) Bildungsmittel: Zunahme der öffentlichen Schulen, Bibliotheken, Museen. Die Zahl der auf diesem Felde Erwerbstätigen betrug in Deutschland: 1882 186513 1895 243165 1907 317988 Stat. d. D. Reiches 211,48* (b) Gesundheitspflege und Krankendienst: Zunahme der Kranken-, Irren-, Siechenhäuser. Die den obigen unter (a) mitgeteilten entsprechenden Ziffern sind: 1882 80523 1895 136163 1907 231759 ebenda. In Deutschland, gab es: öffentliche private Krankenhäuser Krankenhäuser 1877 1506 316 1901 2076 — 1910 2254 1697 Auf 10000 Einwohner entfielen Betten in Krankenhäusern (öffentliche Anstalten und Privatanstalten zusammen): 1877 24,5 1882 28,6 1891 37,9 1900 46,4 1910 62,8 Veröffentlichungen des Reicbsgesundheitsamts, mitgeteilt im Stat. Jahrb. f. das Deutsche Reich. Desgleichen in Österreich: 1848 . 7,1 1870 . 11,8 1900 . 17,94. Friedr. Prinzing, Handbuch der medizinischen Statistik (1906) 543. (c) Vergnügungsstätten: Zunahme der Theater, Konzerte, Kinos. In diesen Gewerben waren in Deutschland beschäftigt Erwerbstätige : 1882 . . . . . . 64522 1895 . . . . . . 82 741 1907 . . . . . . 119585. Quelle: siehe bei (a). (d) Beherbergung und Erquickung: Zunahme der Restaurants, Hotels, Boarding-Häuser. AchtunddreilSigstes Kapitel: Die Art und Weise der Bedarfsbefriedigung (315 Die Statistik weist für Deutschland folgenden Bestand an Erwerbs* tätigen in der Gast- und Schankwirtschaft auf: 1882 . 422458 1895 . 700919 1907 . 939306. Quelle: siehe bei (a). Einen genauen Bericht besitzen wir über die Entwicklung der Hotelindustrie in der Schweiz. Danach hatte die Gesellschaft schweizerischer Gastwirte 1882 . 169 Mitglieder mit 13668 Zimmern 1905 . 1090 „ „ 91654 während die Gesamtzahl der Betten in schweizerischen Hotels in diesem Jahre 124000 betrug. Die Durchschnittszahl der Betten in einem Hotel war: 1894 . 52 1905 . 64. Die Zahl der Angestellten im Gastwirtsgewerbe bezifferte sich auf 1880 . 16022 1894 . 23997 1905 . 33480. Die Höhe der in der Hotelindustrie angelegten Kapitalien betrug: 1880 . 319500000 Franks 1894 . 518927000 „ 1905 . 777507000 „ Bericht des französischen Konsuls in Basel im „Fconomiste europeen“, mitgeteilt in der „Schweizerischen Zeitschrift für kaufmännisches Bildungswesen“, 2. Jahrg., S. 29f. (e) Hauseinrichtung: Zunahme der kollektiven Versorgung mit Wasser, Gas, Elektrizität. Vor dem Kriege nahm man an, daß die Bevölkerung Deutschlands ihren Beleuchtungsbedarf wie folgt befriedigte: Gas.63,7% Elektrizität.22,0% Petroleum.14,3%. Berechnung des Oberingenieurs Othmer bei Walter Le Coutre in den Sehr. f. VfSP. 142. III, 12. Danach würde also die kollektive Bedarfsbefriedigung schon damals die bei weitem verbreitetste Form (85,7%) gewesen sein. (f) Verkehrsmittel: Zunahme der Eisenbahnen, Straßenbahnen, Dampfschiffe; aber auch der Leistungen der Post, Telegraphie und Telephonie. Hierfür habe ich bereits in anderem Zusammenhänge ein reichhaltiges Beweismaterial beigebracht (siehe oben Seite 282ff., unten Seite 652ff.). Ich will noch die Ziffern nachtragen, die die Zahl der in den Verkehrsgewerben, soweit sie hier in Betracht kommen, beschäftigten Erwerbstätigen für Deutschland angeben. 616 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft! Prozesses i. d. Geschichte Das waren im Post- und Telegraphenbetrieb sowie Eisenbahnbetrieb mit Ausnahme des Straßenbahnbetriebes: 1882 .... . . 247275 1895 .... . . 402059 1907 .... . . 683496. Im Straßenbahnbetrieb wurden Berufszugehörige gezählt: 1895 .... . . 48061 1907 .... . . 132917. Quelle: wie zu (a). Ich habe überall von „Zunahme“ gesprochen; das bedeutet natür- lieh „progressive“ Zunahme, das heißt Zunahme in einem rascheren Verhältnis als die Bevölkerung in diesem Zeitraum anwuchs. Wir sehen, daß die Zahl der Erwerbstätigen in den angeführten Gewerben in Deutschland von 1882—1907 sich mindestens verdoppelt, in einzelnen Fällen verdrei- und vervierfacht hat. Demgegenüber betrug die Einwohnerzahl des deutschen Reichs Millionen 1882 . . . . . . 45,7 1895 . . . . . . 52,0 1907 . . . . . . 62,0. Die Bedeutung dieser Entwicklung zur kollektiven Bedarfsbefriedigung für den Kapitalismus liegt teilweise in der unmittelbaren Förderung, die er durch sie erfährt, sofern sich ihm neue Betätigungsfelder öffnen; die kollektive Bedarfshefriedigung erheischt immer einen größeren Betrieb als die individuale und eignet sich deshalb für die kapitalistische Organisation besser als diese. Freilich ist deren Betätigung auf dem neu erschlossenen Gebiete dadurch eingeschränkt worden, daß die kollektive Bedarfshefriedigung zu einem nicht unbeträchtlichen Teile von öffentlichen Körpern ausgeübt wird. Für manche Länder (wie Deutschland) mag das ins Gewicht fallen; in anderen Ländern (wie den Vereinigten Staaten) hat die öffentliche Unternehmung dem Kapitalismus auf dem Gebiete der kollektiven Bedarfsbefriedigung nur geringen Abbruch getan. Immer aber bleibt die gekennzeichnete Entwicklung von größter Bedeut un g für den Kapitalismus dadurch, daß sie einen entscheidenden Einfluß auf die Artbeschaffenheit der Güter in einer Richtung ausgeübt hat, in der eine beträchtliche Förderung der kapitalistischen Interessen erfolgt ist. Diese Zusammenhänge sollen im folgenden Kapitel aufgedeckt werden. 617 Neununddreissigstes Kapitel Die Artbeschaftenheit der Güter Während der hochkapitalistischen Periode ändert sich natürlich die Artbeschaffenheit der bedurften Güter grundsätzlich nicht, so viele nicht bedurfte einzelne Güter nun auch nicht mehr nachgefragt und so viele neue Einzelgüter nun auch bedurft werden. Aber die ökonomische Art dieser Güter, die verschwinden und neu auftauchen, bleibt dieselbe; der Spinnrocken und die Nähmaschine sind beides Arbeitsmittel und Hirse und Kokain beides Genußmittel. Auch die Unterarten bleiben dieselben; zu allen Zeiten sind grobe und feine, leichte und schwere, gleichförmige und ungleichförmige Güter bedurft. Aber was sich im Laufe der Zeit ändert, das ist die Bedeutung der einzelnen Art oder Unterart und das Mengenverhältnis, in dem die verschiedenen Arten und Unterarten zueinander stehen. Da können sich in der Tat Verschiebungen ergeben, die das ganze Bild des Güterbedarfs von Grund auf umgestalten. Solche Verschiebungen in dem Verhältnis der einzelnen Güterarten und -Unterarten untereinander haben sich nun auch während unserer Wirtschaftsperiode vollzogen, und zwar in recht beträchtlichem Umfange. Und diesen Verschiebungen wollen wir im Folgenden unser Augenmerk zuwenden. Was das Zeitalter des Hochkapitalismus kennzeichnet, ist folgendes: 1. der zunehmende Bedarf an Arbeitsmitteln, das heißt also an Gütern, die zur Erzeugung anderer Güter dienen, mit Ausnahme der Roh- und Hilfsstoffe (die selbst im Verhältnis zur wachsenden Menge der Güter zunehmen und in unserer Zeit, wie wir noch sehen werden, sogar in verhältnismäßig geringerem Umfange bedurft werden). (Zunahme bedeutet auch im folgenden immer verhältnismäßige Zunahme, verhältnismäßig zur Gesamtmenge der Güter.) Dieser zunehmende Bedarf an Arbeitsmitteln, der sich etwa aus der raschen Vermehrung der in den anorganischen Industrien beschäftigten Personen (siehe oben Seite 267 f.) ersehen läßt, erklärt sich einerseits aus der uns bekannten Mobilisierung der Güterwelt, wodurch ein ungeheuerer Bedarf an Verkehrsmitteln (Eisenbahnen, Dampf- 018 Dritter A schnitt: Die Gestaltung d. wirtsehaftl. Prozesses i. d. Geschichte schiffe!) entstanden ist; andererseits aus der uns ebenfalls bekannten Vervollkommnung des Produktionsprozesses, der, wie wir wissen, immer mehr „auf Umwegen“ erfolgt, eine Wirkung der modernen Technik (siehe oben Seite 123). Dieser „Umweg“ bedeutet, daß große „Anlagen“ gemacht werden, ein großes Maschinen- und Apparatesystem geschaffen wird, das „fixe Kapital“ an Umfang verhältnismäßig wächst; je tiefer die Produktionsstufe, desto größer der Anteil des fixen Kapitals am Gesamtkapital; er steigt (Verhältnis zum Arbeitslohn) auf 10 : 1 im Steinkohlenbergbau, 12 : 1 in der Bleiraffinerie usw. Zu diesen in der modernen Technik gelegenen Gründen der Zunahme des Bedarfs an Arbeitsmitteln kommt noch ein besonderer Grund, der aus einer anderen Bedarfsverschiebung folgt, das ist 2. der zunehmende Bedarf an Grobwaren. Grobwaren, das heißt minderwertige Güter, Massenbedarfsartikel, bedürfen nämlich zu ihrer Erzeugung eines verhältnismäßig größeren Aufwandes von Arbeitsmitteln als hochwertige Feinwaren. Aus dem sehr naheliegenden Grunde, weil ihre Herstellung mehr auf maschinellem Wege unter Ausschaltung der Handarbeit erfolgt. Nach dem amerikanischen Zensus ergibt sich (1905) das fixe Kapital zu den Arbeitslöhnen in einer Beihe von Luxusartikelindustrien einerseits, von Massengebrauchsartikelindustrien andererseits wie folgt: Künstliche Blumen und Federn 1,84:1 Schreibwaren. . . .8,70:1 Bronzewaren.2,75 :1 Baumwollerzeugnisse 6,37:1 kostbare Teppiche.1,63:1 einfache Teppiche. . 4,36:1 Pelzwerk.1,70:1 Wollwaren.5,00:1 Nach den Zusammenstellungen bei P. Maß low, Die Theorie der Volkswirtschaft (1912), 216. Wenn ich nun eine Zunahme des Grobbedarfs behaupte, so kann das einen dreifachen Sinn haben. Es kann erstens die absolute Zunahme bedeuten, die selbstverständlich ist und hier nicht in Betracht kommt; zweitens die verhältnismäßige Zunahme, verhältnismäßig zur Gesamtmenge der erzeugten Güter. Ob eine solche Zunahme also des Anteils des Grobbedarfs am Gesamtbedarf besteht, ist fraglich und nicht feststellbar (da bei der internationalen Verflechtung des Wirtschaftslebens auch die Einkommenstatistik eines Landes keinen Aufschluß gibt, noch viel weniger natürlich das uns bekannte Verhältnis, in dem Arbeitslohn und Mehrwert zueinander gestiegen sind, da ja „die dritten Personen“ bei dem Gesamtgüterbedarf selbstverständlich mit berücksichtigt werden müssen). Aber es bedarf auch keines Entscheids in der Frage nach dem Verhältnis des Grobbedarfs zum Gesamtbedarf, da Xeuuunddreißigates Kapitel: Die Artbeschaffenheit der Güter (jlU liier die Zunahme des Grobbedarfes in einem dritten Sinne gemeint ist, nämlich im Verhältnis zu dem vom Kapitalismus zu befriedigenden Güterbedarf, der uns hier allein angeht. Daß in diesem Sinne aber ohne jeden Zweifel eine Zunahme des Grobbedarfs stattgefunden hat, folgt ohne weiteres aus der öfters von mir hervorgehobenen Tatsache, daß in der Zeit vor dem Beginn der hochkapitalistischen Epoche der Grobbedarf für den Kapitalismus nur in sehr geringem Umfange überhaupt in Frage kam, weil er damals im wesentlichen in der Eigenwirtschaft oder vom Handwerk gedeckt wurde. Daß heutzutage der Grobbedarf eine unvergleichlich viel größere Bedeutung für den Kapitalismus besitzt als der Feinbedarf, geht aus den Ziffern hervor, die ich im 37. Kapitel über die Verteilung des gesellschaftlichen Einkommens mitgeteilt habe. Daß aber durch diese Verschiebung in der Bedarfsgestaltung ebenso wie durch die oben besprochene Zunahme des Arbeitsmittelbedarfs der Kapitalismus eine Förderung erfahren hat, oder drücken wir es so aus: daß diese Verschiebungen eine dem Wesen des Kapitalismus angemessene Bedarfsgestaltung bewirkt haben, bedarf nicht erst noch des Beweises. Nicht zu verwechseln mit dem Gegensatz grob (minderwertig) — fein (hochwertig) ist der andere: schwer (dauerhaft) — leicht (weniger dauerhaft). Und es decken sich nicht etwa die Begriffe grob und schwer oder fein und leicht. Eine weitere Untersuchung der Wandlungen, die die Gestaltung des Güterbedarfs im Zeitalter des Hochkapitalismus erfahren hat, ergibt nämlich, daß der Zunahme des Grobbedarfs keineswegs eine Zunahme des Bedarfs an schweren Gütern entspricht, daß wir vielmehr das gerade Gegenteil beobachten können. Eine weitere Eigenart der Bedarfsgestaltung in unserer Zeit ist nämlich 3. die Zunahme des Bedarfs an leichten Gütern. Die „frühere“ Zeit — „früher“ in sehr verschiedenen Zeitabständen und verschieden in den einzelnen sozialen Schichten — hatte einen Bedarf an schweren Gütern, die, wenn sie Gebrauchsgut sind, Dauer haben und „solide“ heißen. Die Nahrung war voluminös, reich an Kohlehydraten. Die Kleidung wurde aus schweren, dauerhaften Stoffen hergestellt: Wolle, Leinen, Filz, Brokat, Atlas, Pelz. Die Kleidung des Bauern: der lange Wollrock, der Filzhut, die großen Metallknöpfe; der Bäuerin: der schwere Faltenrock, die dicken, 620 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte gestrickten Wollstrümpfe, das grobe Leinenhemd, das Mieder aus Filz, der plumpe Kopfschmuck, vielleicht gar mit Metallplatten belegt. Die Kleidung des Bürgers: nicht minder „solide“, so daß der Rock des Vaters auf Generationen vererbte. Die Kleidung des Reichen: prächtig, überladen mit Gold- und Silberstickerei, aus Brokat und Atlas (Velasquez! Louis XIV!). Das Schuhwerk: aus Roß- oder Rindsleder, hohe Schäfte, Stulpenstiefel. Leib-, Bett-, Tischwäsche aus derbem Leinen oder schwerem Damast, so daß sie Jahrhunderte überdauerte. Wir haben in unseren Schränken heute noch Tisch- und Mundtücher aus dem 17. Jahrhundert. In riesigen Formaten: Hemden bis auf die Knöchel, Servietten von der Größe eines Tischtuches, Schnupftücher von dem Umfang eines Halstuches. Ein Ausdruck und eine Folge dieser Dauerhaftigkeit aller Kleidungsstücke war der Altwarenhandel. Der Handel mit gebrauchten Sachen, die Auffrischung alter Gegenstände waren in früherer Zeit, noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts, blühende Erwerbszweige. Bildeten doch die Altwarenhändler in den meisten Städten eigene Zünfte. Und welches schwunghafte Geschäft muß es dereinst gewesen sein, dieser Handel mit gebrauchten Sachen, wenn wir sehen, wie im 16. Jahrhundert die Notabeln von Frankreich Beschwerde führen über die gefährliche Konkurrenz, die die Schiffsladungen mit alten Hüten, Stiefeln, Schuhen usw., die von England herüberkamen, den ansässigen Gewerbetreibenden bereiteten! Beschwerde der Notabelnversammlung im Jahre 1597, daß die Engländer „remplissent le royaume de leurs vieux chapeaux, bottes et savates qu’ils font porter ä pleins vaisseaux en Picardie et en Normandie. G. D’Avenel, Le mecanisme de la vie moderne, 1896, 32. Die Wohnung und der Hausrat nicht minder „solide“: dicke Wände, dicke Türen, dicke Fenster. Eingebaute Betten, Öfen, Bänke. Schwere, massive Tische, Stühle, Schränke. Riesige Schlüsseln. Haltbares Geschirr aus Holz, Zinn, Steingut. Und dagegen heute! Die Nahrung ist „leicht“ geworden: wenig Kohlehydrate, dagegen viel Fleisch, viel Reizmittel. Statt schwerem Roggenbrot leichtes Weizenbrot. Die Kleidung besteht meist aus leichten, rasch abgetragenen Stoffen, die keine Ausbesserungen zulassen. Die Wandlung in der Frauenkleidung beginnt wohl mit dem Aufkommen der Musseline im 18. Jahrhundert. Sie ist immer „leichter“ geworden. Die Stoffe der Kleider, Wäsche, Strümpfe sind Baumwolle, Battist, dünne Seide. Das Festkleid ein Neununddreißigstes Kapitel: Die Artbeschaffenheit der Güter 621 Spinngewebe. Was für die Frauenkleidung gilt, gilt auch für die Männer- kleidung; der „Cheviot“, eine leichter Wollstoff, oft mit Baumwolle gemischt, hat alle schweren Wollstoffe verdrängt. Das Schuhwerk besteht aus Kalb- oder Ziegenleder oder Leinwand oder Seide. Das alles auch in den unteren Schichten. Und wie Nahrung und Kleidung, so sind Wohnung und Hausgerät auf „Leichtigkeit“ abgestellt: handbreite Wände, fingerdicke Türen. In den Wohnräumen nur noch „Möbel“, bewegliche Sachen einschließlich die Öfen. Und alles aus dünnem, in besserer Aufmachung „furniertem“ Holz. Viel leichter Tand und Kram als Schmuck. Auf dem Tisch Halbleinen, durchsichtige Tisch- und (winzige) Mundtücher, Geschirr aus feinem Glas und Porzellan. Fragen wir nach den Gründen dieser Wandlung, so werden wir zunächst jenes bereits gekennzeichneten „Zuges der Zeit“ nach raschem Wechsel der Gebrauchsgegenstände gedenken. Wer den häufigenWechsel dem Dauerbesitz vorzieht, muß auch die leichten Gegenstände wollen. Alle die Seelenstimmungen, die zum häufigen Wechsel drängen, fördern die Vorliebe für leichte Bedarfsgüter. Daneben mag das Gefühl mitsprechen, daß leichter = feiner ist, „eleganter“; schwer erscheint als plump, als bäuerisch. Das heißt der „Geschmack“ der Zeit wandelt sich in der Richtung des Leichten, ein unbestimmter und unbestimmbarer Vorgang. Für die Einbürgerung des leichten Stils in die Wohnung wird man zu einem guten Teil die Frau verantwortlich machen dürfen, der namentlich in der Stadt immer mehr die Einrichtung zufällt. Man hat — wohl mit Recht — gesagt, daß der Frau der Sinn für das Tektonisch-Strenge abgeht. Sie liebt das Dekorative, das Gefällige, das sich in der modernen Wohnung in dem, was ich den „Zeltstil“ genannt habe, auswirkt. (Eine Reaktionserscheinung wäre das moderne, deutsche Kunstgewerbe, das seinen Mangel in der ausschließlichen Männlichkeit der Orientierung [Verstand!] hat; daher keine Intimität, keine Wohnlichkeit, kein Komfort!) Auf festeren Boden treten wir, wenn wir die Bewegung der leichten Güter in Verbindung bringen mit den Wandlungen, die während des 19. Jahrhunderts die Siedlungsweise der zivilisierten Menschheit erfahren hat mit ihrer Verpflanzung in die Städte und deren Entwicklung zu Großstädten. Diese Umschichtung hat das bewirkt, was man die Urbanisierung der B edarfssitten nennen kann. Und mit dieser ist der Mehrverbrauch leichter Güter auf das engste verknüpft. 622 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung cl. Wirtschaft! Prozesses i. d. Geschichte Die Anforderungen an unsere Gebrauchsgüter sind andere geworden, und in dem Maße, wie sich der Gebrauchszweck umgestaltet, wandelt sich das Werturteil über nützlich und schön. Die Zusammenhänge liegen deutlich vor unseren Augen. Die sitzende Lebensweise des Städters läßt die schwere, an Kohlehydraten reiche Kost der früheren Zeit nicht zu; sein unruhiges Leben erheischt Reizmittel und macht die Fleischnahrung zur Notwendigkeit. Unsere Wohnung in den Städten ist ein leerer Mietkubus geworden, in dem wir unser „Zelt“ aufschlagen. Er bietet keinen Kaum mehr für große Schränke, in denen wir Kleider und Wäsche aufstapeln. Und wie der Nomade suchen wir nach kurzer Käst einen neuen Standort für unser Zelt. Die Angst vor dem „Umzug“ erstickt alle Wünsche nach Dauergütern in uns. Unser Hausgestühl wird für den Möbelwagen produziert. Man hält es kaum für möglich, wenn man liest, welchen Grad von Unstetigkeit die Bevölkerung heute erreicht hat. Beispielsmäßig: In einer Stadt wie Breslau von 400000 Einwohnern betrug (1899) die Zahl der umgezogenen Personen 194602, während innerhalb Hamburgs in demselben Jahre gar 212783 Parteien (!) ihr Domizil wechselten. Es wurden (1899) gemeldet (NB. ausschließlich der Reisenden): iu Zugezogene Abgezogene Berlin . • • . . 235611 178654 Breslau . . . . 60283 54231 Hamburg . Stat. Jahrb. deutscher Städte. . . 108281 86245 Und ebenso sind unsere Anforderungen an die Kleidung andere geworden, seit wir in wohlgepflegten Straßen und gutgeheizten Zimmern hausen, denen sich die geheizten Bahnen zugesellen. Wie hätte es der Kaufherr früherer Zeiten in seinen kalten Arbeitsstuben, wie die Dame in den ungeheizten oder kaum geheizten Sälen von Versailles in der heutigen leichten Kleidung aushalten können! Und der Reisende im Postwagen ohne dicke Schals und Pelze und Fußsäcke! Wie es der Wechsel des Gebrauchszwecks ist, der hier geschmackwandelnd gewirkt hat, dafür bietet die Geschichte des Schuhwerks ein lehrreiches Beispiel. Eine Bevölkerung, die auf dem Lande, und auch noch eine, die in schlechtgepflasterten Kleinstädten lebt, braucht vor allem dauerhaftes Schuhwerk. Der Schaftstiefel alten Stils, wie er sich heute in Städten nur noch vereinzelt findet, dankt seine Entstehung einer Zeit und einer Straßenverfassung, als es noch gelegentlich angebracht war, die Beinkleider in den Stiefelschaft zu stecken, um dem Schmutze und der Feuchtigkeit ein Paroli zu bieten. Als man noch häufig zu Pferde stieg, um über Land zu reiten, waren die hohen Reiterstiefeln die für Neununddreißigstes Kapitel: Die Artbeschaffenheit der Güter (323 Herren gegebene Fußbekleidung. Heute haben sieb derartige schwerfällige Kleidungsstücke mit der „Wildschur“ und den Ohrenwärmern auf wenige unwirtliche Landgebiete zurückgezogen. Die stets saubere, wohlgepflasterte Stadt mit den plattenbelegten Bürgersteigen, das Reisen in der geheizten Eisenbahn, die Erfindung des Gummischuhes usw. haben den Bedarf nach dauerhafter und wasserdichter Fußbekleidung eingeschränkt und statt dessen das Verlangen nach leichter, eleganter, wenn auch nicht so solider Schuhware rege werden lassen. Der alte Schaftstiefel, die „Röhre“, stirbt aus, von Gesichtspunkten der Hygiene, des Schicks, der Bequemlichkeit aus erscheinen der Niederschuh, der leichte Knopf-, Schnür-, Zugstiefel als das zweckmäßigere Kleidungsstück, und ihre Herrschaftssphäre dehnt sich aus. Ebenso wie der ganz leichte Gesellschaftsschuh aus Lack oder Chevreau oder Atlas dank der schützenden Hülle der „Boots“ sich ein immer weiteres Absatzgebiet erobert; er, den ehedem nur die Damen in der Sänfte oder die Herrschaften im eigenen Gefährt tragen konnten. Zweifellos hat die moderne Technik den Übergang zu den leichten Gebrauchsgegenständen stark begünstigt, wie wir das bei der Besprechung des nächsten Pimktes — der Tendenz unserer Zeit zur Surrogierung — noch genauer werden feststellen können. Damit sind wir aber bei der Frage angelangt: inwiefern dieser Teil der Bedarfsentwicklung dem kapitalistischen Unternehmer Vorteile bot. Sie tat es eben zunächst dadurch, daß sie auf der Anwendung einer Technik fußte, die sich leichter — teilweise überhaupt nur — in Großbetrieben verwerten ließ. Leichte Ware bedeutet großenteils Fabrikware im Gegensatz zur Handwerkerware, die schwer ist. Aber dem Kapitalismus gewährte der Übergang zum leichten Gebrauchsgegenstand auch andere Vorteile: er beschleunigte den Kapitalumschlag. Und er schuf in den Großstädten die Bedingungen, unter denen hier das Bauspekulantentum zur Entfaltung gelangen konnte. Verwandt mit der oben beschriebenen Tendenz, schwere Güter durch leichte zu verdrängen, ist dann die andere schon erwähnte: 4. der zunehmende Bedarf an Ersatzgütern (Surrogaten). Unter Surrogierung kann man verschiedenes verstehen: (a) die Ersetzung des früheren Stoffes oder der früheren Form durch neue ohne Qualitätsverschlechterung (Substitution). Beispiele: Ersatz des Lederüberschuhs durch den Gummischuh; des Hornkamms durch den Kautschukkamm; des eisernen oder tönernen Topfes durch den Emailletopf; des Hanfseils durch das Drahtseil; des ledernen Treibriemens durch die Drahttriebseile; des Steinpflasters durch den Asphalt; des Holzzauns durch das Drahtgitter; vieler hölzerner Gefäße durch gläserne oder irdene. 624 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtscliaftl. Prozesses i. d. Geschichte (b) Die Verscblecbterung der Qualität, sei es des Stoffes, sei es seiner Bearbeitung, während Stoff und Art der Herrichtung einstweilen dieselben bleiben (einfache Qualitätsverschlechterung). Beispiele: Die Nahrungsmittelverfälschung und alle gewerbliche Schundproduktion. (c) Die Ersetzung von Stoff und Form durch minderwertige Surrogate (Surrogierung im engeren Sinne). Beispiele: (a) Nahrungsmittel: es werden ersetzt: Kaffee durch Zichorie, Butter „ Margarine, Tierfette ,, Pflanzenfette. (ß) Surrogierung der Stoffe gewerblicher Erzeugnisse. Es werden ersetzt: Gold.durch Talmi, Tomback; Silber. ,, Neusilber, Alfenide, Christofle usw.; Seide. ,, glänzende Mohairwolle, Baumwolle; Wolle. ,, Baumwolle, Shoddy; Haarfilz. „ Wollfilz; Leder. „ Kunstleder, Pappe, Kaliko; Elfenbein, Horn, Bernstein „ Zelluloid, Gipsmasse u. a.; Roßhaare. ,, Seegras; Schweinsborsten .... ,, Roßhaare, Kuhschwänze, Fischbein; Piassava u. a ; (y) Surrogierung der Formen. Es werden ersetzt: genähte Schuhe.durch genagelte Schuhe; getriebene oder geschmie- ” gegossene ^ dete Metallwaren ...” § estan R ? e } Metallwaren; 3 , gepreßte y geschnittene Lederwaren . „ gepreßte Lederwaren; gewebte Muster. „ gedruckte Muster; genähte Bücher. „ genietete Bücher. Vgl. auch Seite 244 f. Die hier gegebenen Beispiele lassen sich leicht um ein Vielfaches vermehren. Und es ist nicht übertrieben, wenn man sagt, daß ein sehr großer Teil unserer Güterwelt schon heute aus Surrogaten besteht, „Talmi“ ist, auf Täuschung beruht. Wie sollen wir diese Erscheinung erklären? Zunächst wohl mit dem Wunsche der ärmeren Bevölkerung, Bedürfnisse zu befriedigen, zu deren Befriedigung mit echten Dingen die Mittel fehlen: man möchte Fleisch essen, und der Beutel reicht nur zur Ausgabe für Pferdefleisch aus; man möchte Bilder ins Zimmer hängen und kann ke ine Ölbilder oder Kupferstiche bezahlen, man möchte zwei Anzüge haben und hat doch nur die Mittel, einen guten sich anzuschaffen usw. Neununddreißigstes Kapitel: Die Artbeschafienlieit der Güter 625 Wiederum wird mau hier den Einfluß der Frau spüren; ihr Sinn für das Unechte hat zweifellos der Entartung des Geschmacks, namentlich in der Zimmerausstattung, Vorschub geleistet. „Ausgebildetes Dekoreteur- talent im Verein mit Unverständnis für Struktur wird den mit diesen Dingen Ausgestatteten dazu verleiten, den Effekt dem organisch Gewordenen, den Schein dem Inhalt vorzuziehen, sobald etwa eine zeitweilige wirtschaftliche Ersparnis mit der Wahl des Effektgutes verknüpft ist“ (Wirz). „Die Frau sucht fast immer mehr zu scheinen als sie ist, und deshalb umgibt sie sich auch mit einer Welt von Talmi und Imitation“ (Else Warlich). „Ihr geringes Interesse für Struktur und Konstruktion kommt der eigenartigen Qualitätsverschiebung des modernen Produkts in erstaunlicher Weise entgegen“ (Walter Rathenau). Zu diesem Wunsche, ein bestimmtes Bedürfnis zu befriedigen, weil man das Bedürfnis empfindet, tritt in den meisten Fällen der Wunsch hinzu, es den Bessergestellten gleich zu tun, auch Wein zu trinken, auch in einer Villa zu wohnen, auch „seidene“ Blusen und Strümpfe, auch „goldene“ Schlipsnadeln oder Ringe, auch Diamanten und Perlen zu tragen. Unterstützt wird dieses Bestreben der breiten Masse nach Scheinluxus, Scheinkomfort, Scheineleganz durch die listenreiche Technik, die täglich neue Stoffe verwendbar, neue Verfahren zur Herstellung von Ersatzgütern ausfindig macht. Im engsten Zusammenhänge stehen dieser Surrogierungsdrang und diese Surrogierungskunst mit dem raschen Modewechsel, von dem oben die Rede war. Es ist einer der Haupttricks unserer Unternehmer, ihre Ware dadurch absatzfähiger zu machen, daß sie ihr den Schein größerer Eleganz, daß sie ihr vor allem auch das Aussehen derjenigen Gegenstände geben, die dem Konsum einer sozial höheren Schicht der Gesellschaft dienen. Es ist der höchste Stolz des Kommis, dieselben Hemden wie der reiche Lebemann zu tragen, des Dienstmädchens, dasselbe Jackett wie seine Gnädige anzuhaben, der Fleischersmadame, dieselbe Plüschgarnitur wie Geheimrats zu besitzen usw. Ein Zug, der so alt wie die soziale Differenzierung zu sein scheint, ein Streben, das aber noch niemals so vortrefflich hat befriedigt werden können wie in unserer Zeit, in der die Technik keine Schranken mehr für die Nachahmung kennt, in der es keinen noch so kostbaren Stoff, keine noch so künstliche Form gibt, als daß sie nicht zum Zehntel des ursprünglichen Preises alsobald in Talmi nachgebildet werden könnten. Nun ziehe man des weiteren in Betracht das rasend schnelle Tempo, in dem jetzt irgendeine neue Mode zur Kenntnis des Herrn Toutlemonde gelangt: mittels Zeitungen, Modejournalen, aber auch infolge des gesteigerten Reiseverkehrs usw. Dadurch wird nun aber ein wahres Steeplechase nach neuen Formen und Stoffen erzeugt. Denn da 026 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte es eine bekannte Eigenart der Mode ist, daß sie in dem Augenblick ihren Wert einbüßt, in dem sie in minderwertiger Ausführung nachgeahmt wird, so zwingt diese unausgesetzte Verallgemeinerung einer Neuheit diejenigen Schichten der Bevölkerung, „die etwas auf sich halten“, unausgesetzt auf Abänderungen ihrer Bedarfsartikel zu sinnen. Es entsteht ein wildes Jagen nach ewig neuen Formen, dessen Tempo in dem Maße rascher wird, als Produktions- und Verkehrstechnik sich vervollkommnen. Kaum ist in der obersten Schicht der Gesellschaft eine Mode aufgetaucht, so ist sie auch schon entwertet dadurch, daß sie die tiefer stehende Schicht zu der ihrigen ebenfalls macht — ein ununterbrochener Kreislauf beständiger Umwälzung des Geschmacks, des Konsums, der Produktion. Mit den letzten Ausführungen habe ich auch schon wieder auf die Gründe hingewiesen, weshalb die Tendenz zur Surrogierung dem Kapitalismus zugute kommt, weshalb er sie nach Kräften unterstützt (Suggestionskonkurrenz!); es wird dadurch der Kapitalumschlag beschleunigt. Dazu kommt, daß gerade auch die Produktionstechnik bei der Herstellung von Surrogaten dem kapitalistischen Betriebe, das heißt insonderheit der Herstellung im großen angemessen ist. Wenn wir die Sinnesart der Surrogierung (im weiteren Sinne) richtig verstehen wollen, so müssen wür uns gegenwärtig halten, daß sie zum großen Teil als eine Waffe des Kapitalismus im Kampfe mit dem gewerblichenHandwerk genutzt worden ist; man verlegte die Güterherstellung auf ein Gebiet, auf das der Handwerker nicht zu folgen vermochte. Schon die einfache Qualitätsverschlechterung verträgt sich nicht mit der innersten Natur des Handwerks. Ich will gar nicht einmal soviel Wert legen auf die historische Tradition, obwohl auch diese nicht gänzlich außer acht zu lassen ist, daß es der Handwerkerehre zuwider ist, Schundware zu liefern. Ein Handwerker von echtem Schrot und Korn würde eher verhungern, ehe er seine von den Vätern überkommene Produktionsweise im schlimmen Sinne verändern sollte; er mag keine Schleuderware liefern, das paßt sich einfach nicht. Aber, wie gesagt, man braucht die Wirkung des alten Handwerkerstolzes nicht übermäßig hoch zu veranschlagen und kann doch zu dem Ergebnis kommen, daß es mit dem Grundsätze handwerksmäßiger Produktion unvereinbar ist, aus der systematischen Qualitätsverschlechterang ein Gewerbe zu machen. Es ist nämlich in den meisten Fällen diese doch mit einer Täuschung, mindestens einer Überlistung des Publikums verbunden. Und dazu bedarf es einer Unpersönlichkeit des Produzenten, wie sie die kapitalistische Organisation leichter mit sich bringt. Kaufe Neununddreißigstes Kapitel: Die Artbeschaffenheit der Güter 627 ich die Schundware im Laden, so kann ich den Ladeninhaber als Händler niemals in dem Maße verantwortlich machen, wie ich es tue, wenn der Schuhmachermeister Schmidt oder der Tischlermeister Müller mir als Lieferanten des Schwindelstücks bekannt sind. Fast ganz verschlossen sind nun aber dem Handwerker die Wege der Substitution und Surrogierung im engeren Sinne; auch wenn er sich über die eben geäußerten Bedenken hinwegsetzen und jene Wege beschreiten wollte, so würde er beim ersten Schritte von der übermächtigen Konkurrenz der kapitalistischen Unternehmung zu Boden geschleudert werden. Auf dem gesamten Gebiete der Substitutionsund Surrogatindustrien befindet sich nämlich der handwerksmäßige Produzent in entschiedenem Nachteile gegenüber dem kapitalistischen, sei es bei Bezug der Rohstoffe, sei es beim Produktionsprozesse selbst. Beispiele: Der Handwerker — Schuster — kann, auch wenn er wollte, Kunstleder nicht wohl verwenden, weil dieses nur bei sehr starkem Drucke, wie ihn die Maschinen ausüben, verarbeitungsfähig ist; die Ersatzmittel für Hanf und Flachs sind teils so zähe und wenig biegsam, daß sie nur von der Maschine vorteilhaft verarbeitet werden. Die in der Seifensiederei cingeführten neuen Rohstoffe konnte der Handwerksmeister nicht benutzen, weil ihm für die Herstellung der Palmitin- und anderen Säuren die nötigen Einrichtungen und Kenntnisse fehlten usf. Daß dem aber so ist, daß übereinstimmend in allen den genannten Industriezweigen die kapitalistische Produktionsweise sich im Vorteil befindet, darf nicht wundernehmen. Jene Qualitätsveränderungen, wie sie in der Substituierung und Surrogierung vor sich gehen, sind ja doch ausgedacht, ausgeklügelt von vornherein unter dem Gesichtswinkel kapitalistischer Interessen. Ob ein neuer Stoff als Ersatzstoff dienen könne, ob ein neues Verfahren die Stelle eines alten einzunehmen geeignet sei, wird doch stets nur mit der stillschweigenden Klausel geprüft: vorausgesetzt, daß die Massenherstellung in kapitalistischer Form profitabel erscheint. Somit bewegt sich auch der Spürsinn der Erfinder von vornherein in einer ganz bestimmten Richtung. Ihre Erfindung, wissen wir, hat nur Wert für sie, wenn sie einen Kapitalisten zur Anwendung reizt; sie muß also auf kapitalistische Produktionsweise zugeschnitten sein. Aber des für die kapitalistische Entwicklung vielleicht bedeutsamsten Zuges in der Neugestaltung des Güterbedarfes haben wir jetzt erst Erwähnung zu tun, ich meine 5. den zunehmenden Bedarf an gleichförmigen Gütern, die Tendenz zur Uniformierung des Bedarfs. Sombart, Hochkapitalisrnng TT. 40 628 Dritter Abschnitt: Die Gestaltnng d. wirtsehaftl. Prozesses i. d. Geschichte Wir werden dieser wichtigen Erscheinung am ehesten gerecht werden, wenn wir sie sogleich in ihrer kausalen Verknüpftheit betrachten, das heißt, die einzelnen Vorgänge der Uniformierung nach den Gründen ordnen, die sie hervorgerufen haben. Der zunehmende Bedarf an gleichförmigen Gütern ist (a) eine Folge (Begleiterscheinung) der Kultur, insonderheit Wirtschaftsentwicklung unserer Zeit. Da ist zunächst der allgemeinen Ausgleichung des Geschmacks (und damit Bedarfs) zu gedenken, die sich durch das zunehmende Kommerzium der Menschen untereinander einstellt, und die man als Zivilisierung oder Entnaturalisierung des Bedarfs bezeichnen kann. Sie besteht in einer Auflösung der alten Sitten und Gebräuche und stellt sich dar in der Vereinheitlichung der Kost (Wegfall der lokalen, provinzialen und nationalen Gerichte), der Kleidung (Wegfall der lokalen, provinzialen und nationalen Trachten) und der Wohnung (Ersetzung aller ländlichen, mannigfaltigen Baustile durch den städtischen Haustyp). Einen besonderen Fall dieser allgemeinen Nivellierung des Bedarfs bildet das, was man seine Bureaukratisierung nennen mag. Ich meine damit die Tendenz zur Vereinheitlichung des Bedarfs, die durch die zunehmende Bedeutung der Beamtenschaft erzeugt wird, der Beamtenschaft im weiteren Sinne, zu der auch die Angestellten der großen Verkehrsanstalten, die im staatlichen und städtischen Dienste stehenden Arbeiter u. a. gehören. Dieses Beamtenheer stellt eine Bevölkerungsschicht dar, deren inneres und äußeres Wesen eine Uniformierung erfährt. Es zeigt sich das in der Gestaltung ihres Amtsbedarfs nicht minder als der ihres Privatbedarfs; die einheitliche Kleidung ist für jene der besonders markante Ausdruck. Aber es wird im allgemeinen nicht zweifelhaft sein, daß hundert Ratsdiener oder hundert Postsekretäre oder hundert Eisenbahnschaffner einen einförmigeren Privatbedarf haben werden als hundert Schuster, Schneider oder selbst Bauern. Die Schabionisierung ihres Gehirns wird viel weiter vorgeschritten sein dank der völlig gleichen Umwelt, in der sie ihre Tätigkeit ausüben und damit die Vereinheitlichung ihres Geschmacks und Werturteils; aber auch ihre Einkommen sind durch die etatsmäßige Zuweisung ganz gleicher Portionen viel mehr ausgeglichen, als es je die Einkommen nicht beamteter Personen, welchen Charakters auch immer, sein können. Neununddreißigstes Kapitel: Die Artbeseliaffenlieit der Güter 029 Die Statistik vermag uns über diese Zunahme der Beamtenschaft (im weiteren Sinne) in den modernen Staaten nur sehr unvollständige Auskunft zu geben. Aber auch schon aus der zunehmenden Besetzung derjenigen Gruppen, die sie ausdrücklich aufführt, und in denen nur beamtete Personen stecken, läßt sich mit ziemlicher Sicherheit auf die wachsende Bedeutung der Beamtenschaft schließen. So betrug die Zahl der Berufstätigen in Deutschland '“Pf*- Telegraphen-, und Hof Reichs-, staats- Eisenbahnbetrieb mit Ausschluß und Geme indedienst des Straßenbahnbetriebes 1882 ..... 247275 258353 1895 . 402059 332399 1907 . 683496 440958 Eine der Bureaukratisierung des Verzehrs verwandte Erscheinung ist seine in unserer Zeit sich ebenfalls reißend schnell vollziehende Proletarisierung, die durch das Auftreten der groß en lohna r beit enden Schichten als Käufer entsteht. Auch sie haben einen einförmigen Bedarf dank der Gleichheit ihrer äußeren (gedrückten) Lebenslage und der Gleichförmigkeit ihrer Seelenvorgänge. Wenn man Scharen von Lohnarbeitern auf ihrem Heimwege von der Arbeitsstätte begegnet, so machen sie den Eindruck von uniformierten Soldaten: dieselbe Kleidung, dieselbe Kopfbedeckung, dieselbe blaue Emaillekanne in der Hand. Und ebenso ist ihr dürftiger Hausrat, ist ihr mageres Essen von einer erschreckenden Gleichförmigkeit. Ebenso nun wie in dem Bedarf der letzten Verbraucher sich von selbst, durch den Gang der Ereignisse bewirkt, eine Ausgleichung vollzieht, ebenso beobachten wir diesen Vorgang in der Produktionsund Verkehrssphäre, wo zunächst die bloße Ausweitung des Tätigkeitsumfanges ohne weiteres den Bedarf an gleichförmigen Gütern, die in diesem Falle Produktionsmittel sind, steigert. Wenn immer mehr Urstoffe, Kohle, Erze, Holz, Steine, Spinnstoffe, immer mehr Stufenerzeugnisse, Eisen, Schienen, Gespinst, immer mehr Verkehrsmittel, Eisenbahnen, Schiffe, Flugzeuge verlangt werden, so bedeutet das eben zu gleicher Zeit, daß immer mehr gleichförmige Güter bedurft werden. Aber dieser Bedarf an gleichförmigen Gütern wird noch gesteigert durch die Ausweitung der Abmessung der einzelnen Produktionsund Verkehrsanlagen. Man denke an die Masse von gleichförmigen Gütern, die der Bau von Eisenbahnen, Kanälen, Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerken erheischt. Ferner: wenn die Geschäfte sich zu vergrößern die Tendenz haben, brauchen sie auch größere Betriebsstätten. 40 * 630 - Dritter Abschnitt: Die Gestaltung <3. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte Die Konzentrationstendenz der industriellen und kommerziellen Unternehmungen bedeutet in den meisten Fällen eine Tendenz zur Ausdehnung der Baulichkeiten. Größere Bauten haben aber für sehr viel Artikel eine Vereinheitlichung des Bedarfs zur Folge. Steine, Türen, Fenster-Beschläge, Fußböden, Treppen, Beleuchtungs- und Beheizungskörper, Tische, Stühle — alles wird in größerer Anzahl einheitlicher Art bedurft, wenn es zur Ausstattung eines großen Gebäudes, statt zur Herstellung vieler kleiner dienen soll. Auch die Tendenz zur Vergrößerung der Wohngebäude, wie sie sich während des 19. Jahrhunderts in den meisten Großstädten vollzogen hat und zum Teil noch vollzieht, hat zur Vereinheitlichung des Güterbedarfs beigetragen. Das schon erwähnte Woolworth Building, zurzeit (1926) das größte Haus der Erde, hat zu bauen 7 Mill. $ gekostet. Im Gerippe dieses Gebäudes wurden 23000 t Stahl und Schmiedeeisen verbaut, die Fundierung beanspruchte 46000 cbm Beton; gebraucht wurden 17 Millionen Ziegeln, 7500 t hohle, gebrannte Steine aus Ton. Und wieviel Tausend völlig gleiche Bestandteile, wie ich sie oben aufzählte! Einem Zeitungsbericht entnehme ich noch folgende Angaben über Zahl und Ausmaße der Riesenbauten in den amerikanischen Städten: Das Woolworth-Gebäude in Neu- york ist 792 Fuß hoch, das Haus der Equitable-Versicherungsgesellschaft am Broadway 545; jenes hat 29 Aufzüge, das Equitable gar 69, das Gebäude der „General Motors Company“ in Detroit 27, das „Union Trust“ Building 28. Im Equitable sind 11000 Fensterscheiben und 4800 Telephone. Aber ich rechne hierher auch die dimensionale Vergrößerung, die infolge der Großbetriebstendenz einzelne Gegenstände erfahren. Das eiserne Gerüste einer Bahnhofshalle oder eines Ausstellungsgebäudes stellt selbst die Vereinheitlichung des Bedarfs an früher verschiedenen kleinen Gerüsten gleicher Zweckbestimmung dar. Und wenn größere Kessel, größere Maschinen bedurft werden, so wird man diese Entwicklung unter demselben Gesichtspunkt betrachten dürfen. Es liegt nichts anderes vor als eine Vereinheitlichung des Bedarfs, wenn an die Stelle von mehreren Dutzend Sensen — von denen jede einzelne individualisierte Art theoretisch wenigstens zuläßt — eine Mähmaschine, an die Stelle von hundert Einzelpflügen ein Dampf pflüg, an die Stelle von zehn Dampfmaschinen eine große tritt usf. Das alles ist konzentrierter Massenbedarf (siehe Seite 526). Eine andere Ursachenreihe, die zur Vereinheitlichung des Bedarfs führt, ist (b) die zunehmende Organisation des Verzehrs (der Bedarfsdeckung), wie sie im Gefolge uns bekannter Tendenzen auftritt, der Neununddreißigstes Kapitel: Die Artbeschaffenheit der Güter 631 Tendenz zur Zentralisierung des Bedarfs (Zunahme der öffentlichen Körper und Anstalten als seiner Träger), zu seiner Kollektivisierung sowie zur Vergrößerung des Betriebsumfanges der einzelnen Unternehmungen. Dadurch entstehen große Mittelpunkte eines einheitlichen Bedarfs ganz ähnlich, wie wir sie zuletzt durch die bloße technische Tatsache einer Vergrößerung der einzelnen Anlagen und Produktionsmittel erwachsen sahen, sei es, daß den Mittelpunkt eine Verwaltungsbehörde oder eine Anstalt oder eine Großunternehmung bildet. Große Verwaltungsbehörden haben einen einheitlichen Bureaubedarf; wo die Lehrmittel in den Schulen unentgeltlich geliefert werden, auch einen einheitlichen Schulmittelbedarf. Gleichförmig ist die Beleuchtung der Straßen, gleichförmig die Ausstattung öffentlicher Parks, gleichförmig die Anlage der öffentlichen Gebäude usw., gleichförmig ist der Bedarf der Heeresverwaltung usw. Die Krankenhäuser, Irrenanstalten, Gefängnisse sind nicht nur alle nach einem bestimmten Plan gebaut, auch ihre innere Ausstattung mit Betten, Wäsche, Kleidung u. dgl. ist gleichförmig. Großindustrielle oder großkommerzielle Abnehmer stellen gegenüber einer früher vorhandenen Mehrzahl kleiner Produzenten, kleiner Händler oder einzelner Familienwirtschaften eine einheitlicher gestaltete Nachfrage dar. Beispielsweise, wenn das „Einmachen“ von Früchten, Gemüsen usw. von der Hausfrau und den Einzelgärtnern auf große Konservenfabriken übergeht und dadurch ein gleichförmiger Blechbüchsenbedarf entsteht. Oder wenn eine Schuhfabrik für viele hunderttausend Mark Leder auf einmal kauft, wo früher Tausende von Einzelschustern das Leder halbehäuteweise bezogen hatten. Oder wenn die großen Brauereien nun viele Fässer einer Fa9on brauchen, während ehedem jede Kleinbrauerei ihre eigene Böttcherware hatte. Oder wenn die großen Etablissements der Textilindustrie, der Schuhwarenfabrikation, der Konfektion ganze Berge von Versandkartons einer und derselben Größe und Art nötig haben. Oder wenn das Vordringen moderner Geschäftsprinzipien eine einheitliche Buchführung und damit die Nachfrage nach gleichförmigen Kontobüchern und allem anderen Kontorbedarf erzeugt. Große Restaurants wirken auf eine Vereinheitlichung des Nahrungsbedarfs hin. Denn so sehr auch die Speisekarte eines Restaurants oder einer Genossenschaftsküche reichhaltiger ist, als diejenige eines Einzelhaushalts, sie ist sicher nicht so buntscheckig wie die Gesamtheit der 632 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte Menüs in all den Familien sein würde, deren Glieder an einem Abend im Restaurant essen. Und selbst wenn sie es wäre, so würde doch der Großbedarf an den einzelnen Bestandteilen der Nahrung, Brot, Fleisch, Kartoffeln, Geflügel, Gemüse usw., den Bezug viel größerer Mengen einer und derselben Ware ermöglichen. Restaurants und Hotels haben aber selbst wieder einen gleichförmigen Bedarf an Ausstattungsgegenständen aller Art: Tische, Stühle, Beleuchtungskörper, Betten, Wäsche usw. Das alles ist zentralisierter Massenbedarf (siehe Seite 525). Die beiden bisher betrachteten Entwicklungsreihen ergaben die zunehmende Gleichförmigkeit der Güter als nicht ausdrücklich bezweckte Begleiterscheinung anderer Bestrebungen. Nun müssen wir aber feststellen, daß diese Uniformierung zum nicht geringen Teile (c) die Folge des bewußten Willens zur Gleichförmigkeit ist. Dieser Wille zur Gleichförmigkeit, der aller vorkapitalistischen Kultur fremd ist, gelangt in Europa zur ersten Betätigung in dem Bestreben der modernen Staaten, in ihren Heeren Zucht und Ordnung zu schaffen („Uniform“!) und sie mit wirksamen Waffen auszustatten (Kaliber!). (Vgl. meine ausführliche Darstellung in „Krieg und Kapitalismus“.) Eine ganz moderne Form, in der vom Staate jetzt wieder eine Einwirkung auf die Gleichförmigkeit der Erzeugung ausgeübt wird, ist die Schaffung von einheitlichen Lieferungsve"trägen in den Vereinigten Staaten, eine Schöpfung H. C. Hoovers. „Aus dem Bedürfnis der verschiedenen Regierungsstellen heraus, die Material zu beschaffen und Arbeiten zu vergeben hatten, erstand zuerst das Bureau of the Budget. Es sollte prüfen, ob eine Zusammenfi ssung und Vereinfachung der Regierungsausgaben möglich wäre. Das führte dazu, gewisse immer wiederkehrende Materialien zentral zu beschaffen. Dazu waren einheitliche Lieferungsbedingungen — specifications — notwendig. So gliederte Hoover seinem Ministerium das ,Bureau of Specifications’ an.“ Jetzt bedient auch die Privatindustrie sich dieser staatlichen Lieferungsformulare. Vgl. C. Koettgen a. a. 0. Seite 54. Aber erst im 19. Jahrhundert entsteht außerhalb des Bereiches dieser rationalen Staatszwecke auch in der Bevölkerung ein solcher Wille zur Gleichförmigkeit in der Bedarfsgestaltung. Vor allem im Angelsachsentum, wo er namentlich in der Kleidung eine so weitgehende Übereinstimmung der Formen erzielt, daß man von einer „Uniform“ sprechen kann. Man hat wohl nicht mit Unrecht gesagt, daß die strenge Zucht, die sich der Angelsachse in seiner Kleiderform auferlegt und deren Durchbrechung (etwa den Strohhut in Neuyork Neununddreißigstes Kapitel: Die Artbeschaffenheit der Güter (333 nach dem 15. September zu tragen) mit gesellschaftlicher Ächtung bestraft wird, ihm die staatliche Disziplinierung ersetzt, deren sich andere Länder erfreuten. Oder steckt im Angelsachsen ein besonderer „Trieb“ zur Gleichförmigkeit? Tatsache ist jedenfalls, daß sie sich auf allen Gebieten betätigt; zwölf Bücher über Betriebswirtschaftslehre gleichen jedes dem andern ebenso genau wie zwölf Gibson-Girls oder zwölf Yazzbandstücke. Erinnern wollen wir uns, daß dieser Wille zur Gleichförmigkeit der Bedarfsgestaltung beim einzelnen Verzehrer sehr wesentlich versteift wird durch seine Abhängigkeit von der Mode, und daß diese von ihr bewirkte Vereinheitlichung der Bedarfsgestaltung die andere neben der ersten, mehr in die Augen springende Aufgabe, Wechselhaftigkeit zu erzeugen, häufig vergessene Funktion im Organismus der kapitalistischen Wirtschaft ist. Denken wir uns eine Bedarfsgestaltung, die von der Mode unabhängig wäre, so würde die Nutzungsdauer für den einzelnen Gebrauchsgegenstand vermutlich länger, die Mannigfaltigkeit der einzelnen Gebrauchsgüter hingegen wahrscheinlich erheblich größer sein. Was in allen diesen Fällen den Wunsch nach Gleichförmigkeit der Güter erzeugt, mag dahingestellt bleiben. Wahrscheinlich ist stark dabei beteiligt das Streben des in der aufgelösten Gesellschaft vereinzelten und verwaisten Individuums nach irgendwelcher, wenn auch noch so äußerlicher Gemeinschaftsbildung, sein Bedürfnis, in die Masse unterzutauchen, zu verschwinden, sich zu verbergen, um nur nicht als ewig Vereinsamter durchs Leben gehen zu müssen. Die Bindung, die die alten Verbände von innen heraus ihm gewährten, sieht er — unbewußt —im Äußerlichen. Ganz davon verschieden ist das Bedürfnis einiger Idealisten nach Gleichförmigkeit der Güterwelt, die wähnen, auf diesem Wege wiederum zu einem „Stil“ gelangen zu können, der ja im Verlauf der kapitalistischen Entwicklung abhanden gekommen ist. Als ob ein Stil, der nur aus Einheitsgeist entspringen kann, durch irgendwelche Äußerlichkeit, wie es die Gleichgestaltung der Gebrauchsgüter ist, künstlich erzeugt werden könnte! Immerhin wird die Tendenz zur Uniformierung unserer Güterwelt auch durch diese absonderlichen Stilsucher verstärkt. Aber die Gleichförmigkeit unserer Güterwelt wäre wahrscheinlich nicht annähernd so groß als sie in Wirklichkeit ist, wenn nicht die Unternehmer, die an ihr das größte Interesse haben, von sich aus sie gefördert hätten. 634 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft! Prozesses i. d. Geschichte Dem echten Unternehmer schwebt als leuchtendes Zukunftsbild vor die Befriedigung je eines Bedürfnisses — womöglich mehrerer Bedürfnisse — durch einen Gegenstand von derselben Form. So träumte der alte Withworth (der geistige Stammvater der Vereinheitlichungsidee in der Privatindustrie) von der einen Kerze und der einen Leuchtergröße, der bekannte „Typen-Schmidt“ in Hellerau von dem einen Weltstuhl, Henry Ford von dem einen Automobiltypus usw. Ihr Ideal ist noch nicht verwirklicht. Aber auf dem Wege dazu sind wir, und wir marschieren rasch. Vor allem wirksam hat der angelsächsische, namentlich amerikanische Unternehmer gewaltige Erfolge errungen in seinem Kampfe für die Vereinheitlichung der letzten Gebrauchsgüter. Auf allen Gebieten, der Nahrung, der Kleidung, der Wohnung, werden die einheitlichen Typen, sogenannte „Markenartikel“ (siehe unten), dem Publikum aufgedrängt. Wir sind auch hier — ebenso wie bei der Gestaltung der Mode — in völliger Abhängigkeit vom Unternehmerinteresse; dieses schreibt uns vor, welche Stiefel- oder Hut- oder Mantelform wir tragen sollen. Und es läßt uns die Wahl zwischen nur ganz wenigen Mustern. Die Ausstattung der Wohnungen erfolgt längst ganz systematisch gemäß dem Wunsch der Lieferanten; neuerdings wird auch der Häuserbau selbst systematisch von den Produzenten auf Einförmigkeit hingedrängt. Die Steel Corporation in den Vereinigten Staaten hat einen Stab von Ingenieur-Architekten geschaffen, dem die Aufgabe gestellt ist, Pläne für Gebäude zu entwerfen, für die die gleichen Stahlbestandteile passend sind. Wohin der Weg geht, zeigen uns die Erfolge der Division of Simplified Practice, die seit einiger Zeit dem amerikanischen Bureau of Standards mit der Aufgabe angegliedert ist, Vereinfachungen, die dieses ausdenkt, in der Praxis herbeizuführen. Unter den zahlreichen Arbeiten, die schon durchgeführt oder vorbereitet sind, seien als Beispiele die folgenden erwähnt: Gegenstand Typenzahl verringert voll auf Feilen und Raspeln. . . . 2351 496 Geschmiedete Werkzeuge. ... 665 351 Drahtgeflecht für Zäune. ... 552 69 Betten mit Sprungfedern und Matratzen . ... 78 4 Hospitalbetten. ... 40 1 Bettdecken und Bettücher (Größe) . . . ... 78 12 Rauhe Ziegelsteine. ... 39 ] Glatte Ziegelsteine. ... 36 > 119 ] Gewöhnliche Ziegelsteine. ... 44 ' Neununddreißigstes Kapitel: Die Artbeschaifenlieit dei Güter ()35 Gegenstand Typenzahl verringert von Plattenbelag für Fußböden. 66 Dachlatten aus Metall.125 Dachziegel, Größen. 60 „ Dicken. 21 Milchgefäße. 16 Verschlüsse dazu. 29 Waschgeschirre aus Metall.1114 Hotelgeschirr, Stärke.700 Kessel für Dampfheizungen.130 Asphaltsorten. 38 Warmwasserbehälter.120 Wandtafeln. 60 Ausgüsse und ähnliches für Hausbedarf.1114 Weckeruhren.— Stand- und Hängeuhren.— Fahrräder.— Stahlfedern.132 Waschmaschinen.446 Steife Stroh- u. Panamahüte (Formen u. Maße [!]) — Filzhüte für Männer, Farben.1000 Taschenmesser.300 Keisekoffer, Größen . — Schrankkoffer, Größen. — auf 5 24 30 10 9 1 72 160 13 9 14 3 72 4 1 3 30 18 6 9 45 3 Aus dem Managements Handbook mitgeteilt von C. Koettgen, a. a. O. S. 160 ff. Vgl. den vielgelesenen Roman von Sinclair Lewis, Babbitt, der die aus der Gleichförmigkeit der Güterwelt folgende Verödung des amerikanischen Lebens sehr anschaulich schildert. Im Zusammenhänge mit dieser Tendenz zur Typisierung der fertigen Produkte steht jene zur Normalisierung der einzelnen Produktteile und der Produktionsmittel, auf die teilweise die angeführten Beispiele schon hinweisen. Beide Erscheinungen werden uns in dem Unterabschnitt, der vom Betriebe handelt, noch weiter beschäftigen (siehe namentlich das 53. Kapitel). Überall ist es das Streben nach größerer technischer oder kaufmännischer Exaktheit oder aber — und das vor allem! — das Streben nach Verbilligung der Produktion und des Transports, was den Unternehmer (oder die ihn vertretenden öffentlichen Instanzen) zum Förderer der Gleichförmigkeit macht. Daß diese ebenso wie die vier vorher besprochenen Tendenzen zur Rationalisierung der Bedarfsgestaltung (im kapitalistischen Sinne) gehört, dürfte nicht zweifelhaft sein. 636 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte Welche Ersparung an Kostenaufwand mit der Typisierung verbunden ist, wird uns in verschiedenen Fällen von dem amerikanischen Institut ebenfalls mitgeteilt: Fahrräder: Ersparnis von etwa 13000 t Stahl; ferner erspart an Brennstoff, Arbeitslöhnen, Fracht- und Transportlöhnen je 10%, an Frachtraum 25%. Bettstellen und Betten: 33 l / 3 % Kosten am Stück erspart. Särge: Materialersparnis: 6000 t Eisen, 285 t Zinn, 125 t Kupfer, 40 t Messing, 33 t Bronze, 8 t Nickel, 3200 t Kohle, 312000 m Holz. Kinderwagen: 1700 t Eisen und 36 t Zinn erspart. Backgerät: Ersparnis 600000 Faß Mehl. Das Bild, das ich von der Gestaltung des Bedarfs im Zeitalter des Hochkapitalismus entworfen habe, wäre unvollständig, wenn ich nicht erwähnen wollte, daß es auch (6) eine Tendenz zur Vermannigfaltigung der Güterwelt gibt, eine Tendenz also, die der eben dargestellten zuwiderläuft. Sie wird erzeugt dadurch, daß immer neue Arten von Gebrauchsgütern auftauchen und doch auch dadurch, daß hier und da der Geschmack sich differenziert und die Einwirkung des Unternehmers nicht stark genug ist, diese Neigung des Publikums zur Geschmackszersplitterung zu unterdrücken. Aber wie der Kapitalismus aus allen Blumen Honig saugt, das zeigt sich hier. Er bedient sich dieser Tendenz zur Vermannigfaltigung ebenfalls zur Durchsetzung seiner Zwecke, indem er sie im Wettbewerb mit seinen Konkurrenten ausnutzt. Neue Artikel helfen ihm, den Abnehmerkreis auszuweiten, und eine etwa vorhandene Differenzierung des Geschmacks nützt er, um durch Übersteigerung der Mannigfaltigkeit des Gebotenen seinen Mitbewerber aus dem Felde zu schlagen. So stellen die Farbenfabriken der Seidenindustrie angeblich gegen 20000 Farbennuancen zur Verfügung, und die Seidenindustriellen revanchieren sich dadurch, daß sie ihren Abnehmern Tausende von Musterungen zur Auswahl bieten. 637 Zweiter Unterabschnitt Die Rationalisierung des Marktes (Zirkulation) Quellen und Literatur Die Darstellung in diesem Unterabschnitte greift vielfach auf Gebiete über, die die Privatwirtschaftler oder Betriebswirtschaftler oder Handelswissenschaftler anbauen. Ein großer Teil der Literatur, die hier in Betracht kommt, ist deshalb privatwirtschaftlicher oder betriebswirtschaftlicher oder handelswissenschaftlicher Natur. Namentlich kommen die Technologien des internationalen Warenhandelsverkehrs in Betracht, wie Sonndorfer- Ottel, Technik des Welthandels. 4. Aufl. 2 Bde. 1912; J. Hellauer, System der Welthandelslehre. 3. Aufl. 1920. u. a. Ferner die Handbücher des Geld-, Bank- und Börsenwesens, sowie die eigentlichen Börsenhandbücher, deren jedes Land einige besitzt wie Deutschland Salings Börsenpapiere u. a. Vgl. auch H. Schumacher, Weltwirtschaftliche Studien. 1911. Zu den einzelnen Kapiteln und Problemenkreisen sind noch folgende Anführungen zu machen. I. (40. Kapitel.) Allgemeines über Erhellung: K. Knies, Der Telegraph. 1857; Erwin Steinitzer, Die allgemeine Bedeutung des modernen Nachrichtenwesens. GdS. IV, 1. (1925). Vgl. die Darstellung im zweiten Bande dieses Werkes im dritten Hauptabschnitt. Kaufmännisches Auskunftwesen: Artikel „Auskunftwesen (Kaufm.)“ im HSt. 2 4 (Rieh. Ehrenberg); E. Sutro, Die kaufm. Krediterkundigung. 1906. W. Stets, Die kaufmännische Auskunfterteilung. 1921. Arbeitsnachweise: Bibliographie der Arbeitsvermittlung in der Zeitschrift „Der Arbeitsmarkt“. 14. Jahrgang; W. Lins, Artikel „Arbeitsmarkt“ im HSt. I 4 ; Ernst Berger, Arbeitsmarktpolitik 1926 und die an beiden Orten genannte Literatur. Eine besonders ausführliche Behandlung haben die Probleme des Arbeitsmarkts erfahren in dem Werke: The Public Organisation of the Labour Market. Ed. with Introduction by Sidney and Beatrice Webb. 1909. Vgl. auch die auf Seite 370 genannten Schriften, sowie die auf Seite 638 angeführte Arbeit von Lederer und Marschak. Arbeitskammem: Artikel s. h. v. im HSt. I 3 (Harms), l 4 (Joh. Feig) und das dort angeführte Schrifttum. Geschäftsanzeige: siehe die oben Seite 552 genannten Werke über Reklame. Handelsnachrichten: Herrn. Bode, Die Anfänge der wirtschaftlichen Berichterstattung. Heidelberger In.-Diss. 1908; Norden, Die Berichterstattung über Welthandelsartikel. 1910. Oswald Schneider, Po- (338 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtsehaftl. Prozesses i. d. Geschichte litische und wirtschaftliche Berichterstattung im Weltwirtschaftlichen Archiv Bd. 17. 1921/22. Fritz Moses, Amerikanische Geschäftsmethoden in der Zeitschrift für Betriebswissenschaft. 2. Jahrgg. 1925. Behandelt die private Organisation der Nachrichtenübermittlung. Auf die Anführung der umfänglichen allgemeinen Literatur über die Geschichte der Zeitung, die hier zum Teil hineinschlägt, verzichte ich. II. (41. Kapitel.) Versachlichung: Auf dem Gebiete des Kapitalmarktes: siehe die oben Seite 151 genannte Literatur über Effektenwesen. Ferner die allgemeinen Werke über Börsenverkehr. Vgl. noch Aupetit-Brocard, Les grands marches financiers. 1913. Auf dem Gebiete des Arbeitsmarktes: siehe namentlich die Literatur über die Geschichte des kollektiven Arbeitsvertrages. Zusammenfassende Darstellungen aus neuerer Zeit: S. and B. Webb, History of Trade Unionism. 1920; H. Herkner, Arbeiterfrage. Band I. 8. Aufl. 1922; W. Kaskel, Arbeitsrecht. 1925 (juristisch). Dazu die Tagesliteratur. Siehe z. B. Richard Seidel, Der kollektive Arbeitsvertrag in Deutschland (1921) und die dort genannten Schriften. Auf dem Warenmärkte: Außer den oben genannten allgemeinen Werken über Welthandelslehre siehe die vortreffliche Arbeit von Julius Hirsch im GdS. Abt. V. III. (42. Kcvpitel): Die Rationalisierung der Preise wird in der allgemeinen Literatur über Preisbildung meist mitbehandelt (siehe diese auf Seite 520). Ferner gehört hierher die Literatur über Tarifbildung im Verkehrswesen insbesondere. Zusammenfassende Darstellung mit vielen Literaturhinweisen bei Emil Sax, a. a. 0. Vor allem die amerikanische Literatur ist hier wichtig. Siehe namentlich die schon genannten Werke von Ripley. Von hervorragender, auch allgemeiner Bedeutung ist das Werk von Kurt Giese, Das Seefrachttarifwesen. 1919. IV. (43. Kapitel): Außer den allgemeinen betriebswissenschaftlichen Werken: F. Leitner, Die Unternehmungsrisiken. 1915; Derselbe im GdS. VI. Abteilung; Charles 0. Hardy, Risk and Risk-bearing; Alfred Manes, Versicherungswesen. 4. Aufl. 1924.; Paul Moldenhauer, Versicherungswesen im GdS. VII. 1922. Versicherungslexikon. 2. Aufl. 1924. V. (44. Kapitel.) Gewerkschaftsbewegung: Außer den schon genannten Schriften verdienen folgende zusammenfassende Darstellungen hervorgehoben zu werden: S. and B. Webb, History of Trade Unionism. 1890. 2, Aufl. 1920; W. Kulemann, Die Berufsvereine. 2. Aufl. 3 Bde. 1908; Paul Louis, Histoire du mouvement syndicaliste. Deutsch 1912; S. Ne- striepke, Die Gewerkschaftsbewegung. 3 Bände. 1922/23; Th. Cassau, Die Gewerkschaftsbewegung, ihre Soziologie und ihr Kampf. 1925. Beide Werke sind vom Standpunkt der „freien“ (sozialistischen) Gewerkschaften aus gesehen. E. Lederer und J. Marschak, Die Klassen auf dem Arbeitsmarkte u. ihre Organisation, im Gd.S. IX. 2.1927. Beste Gesamtdarstellung. Kartellbewegung: Während ich auf Seite 520f. die wichtigsten theoretischen Kartellschriften angegeben habe, verzeichne ich hier noch einige Werke Quellen und Literatur 689 die über den geschichtlichen Verlauf der Kartellbewegung unterrichten. Vor allem kommen hier als Quellen die verschiedenen Enqueten und anderen amtlichen Feststellungen in Betracht. Die umfassendste Übersicht enthält der Report on Cooperation in American Export Trade. 2 Vol. 1916. Der Titel läßt nicht erkennen, daß es sich in dem Werke u. a. um eine Bestandsaufnahme der Kartelle in sämtlichen Ländern der Erde handelt. Deutschland: Kontradiktorische Verhandlungen über deutsche Kartelle. 6 Bde. 1903—1906. Denkschrift über das Kartellwesen, bearbeitet im Reichsamt des Innern. 1906. Vereinigte Staaten: Report of Commissioner of Corporation. 15 Vol. 1905—1913. Großbritannien: Report of committee on Trusts. 1919. Reprinted 1924. Hauptsächlich auf Kriegs- und Nachkriegsverhältnisse bezüglich. Kartelle und Konzerne wirr durcheinander. Dürftig. Viel Tatsachenstoff enthalten auch verschiedene private Untersuchungen. England: Henry W. Macrosty, The Trust Movement in British Industries. Deutsch von Felicitas Leo. 1910 (Kartelle und Konzerne durcheinandergeworfen); H. Levy, Monopole, Kartelle und Truste usw. 1909; Th. Vogelstein, Organisationsformen der Eisenindustrie und Textilindustrie usw. 1910. Deutschland: J. Singer, Das Land der Monopole usw. 1913; W. Hecht, Organisationsformen in der deutschen Rohstoffindustrie. I. Die Kohle. 1924; Arthur Klotzbach, Der Roheisen-Verband. Ein geschichtlicher Rückblick auf die Zusammenschlußbewegungen in der deutschen Hochofenindustrie. 1925. Beide Werke enthalten gute Rückblicke auch auf die Entwicklung in der hochkapitalistischen Periode. ' Vereinigte Staaten von Amerika: Moody, The Truth about the Trust. 1904; William S. Stevens, Industrial Combinations etc. 1913; J. Singer a. a. 0. Das stoffreiche Buch behandelt zu gleichen Teilen Deutschland und Amerika. Über (meist internationale) Schiffahrtskartelle: K. Thiess, Deutsche Schiffahrt und Schiffahrtspolitik der Gegenwart. 1907. XI. Vgl. auch die von S. Tschierschky vortrefflich geleitete „Kartellrundschau“ und die regelmäßigen Übersichten im Weltwirtschaftlichen Archiv. Eine jetzt veraltete Bibliographie ist Griffon, A list of books relating to Trusts. 1907. Die unten anzugebende Literatur über Konzerne und Trusts greift auch häufig auf die Kartellbewegung über. VI (45. Kapitel): Außer der gesamten bisher zu diesem Unterabschnitt genannten Literatur gehört hierher die oben Seite 553 ff. angeführte Literatur über die Konjunktur im allgemeinen. Über die neueren Bestrebungen namentlich in Amerika zur Stabilisierung der Konjunktur unterrichtet das Sammelwerk: The Stabilization of Business. Ed. by Lionel D. Edie. 1923. Dazu David F. Jordan, Business Forecasting. 1921. Neue Ausgabe. 1925. Sir Chas. W. Macara, Trade Stability and how to obtain it. 2. ed. 1925. Eine Sammlung von Aufsätzen eines englischen Baumwollindustriellen. I. M. Clark, Social control of Business. 1926 Vierzigstes Kapitel Erweiterung und Erhellung des Marktes Es tändelt sich um die Gestaltung der äußeren Bedingungen, unter denen der Verkehr auf dem (Kapital-, Arbeits- und Waren-) Markt stattfindet, und deren Veränderungen im Zeitalter des Hochkapitalismus (Markt im geistigen Sinne einer Tauschbezogenheit, einer Marktgemeinschaft, einer Ausgleichung gefaßt). Was sich hier in der Marktgestaltung vollzogen hat, findet sein Gegenstück in der Umbildung unseres Städtebildes und unserer Bauweise, mit der es sogar zum Teil in einem ursächlichen Zusammenhänge steht. Der frühere Marktverkehr spielte sich — bildlich und in Wirklichkeit — in kleinen Lichtkreisen ab, die selber nur im Zwielicht lagen, in engen, winkligen Gäßchen, Läden, Buden, in denen alles Marktwissen auf persönlicher Ertastung und Erkundung beruhte. Im matten Scheine der Öllampe. An deren Stelle ist heute die elektrische Bogenlampe getreten, die ihr Licht weithin über große, freigelegte Plätze ausgießt. Auf ihnen (oder in taghell erleuchteten Palästen) wickelt sich der heutige Marktverkehr (im, wirklichen und noch mehr im bildlichen Sinne) ab. Erweiterung und Erhellung gehen bei dieser Umbildung Hand in Hand. Die Entstehung großer, einheitlicher Märkte ist teils Vorbedingung für die Erhellung, teils schafft sie diese, teils wird sie durch die Erhellung auf anderen Gebieten erst möglich. Das alles soll im folgenden im einzelnen aufgewiesen werden. I. Die Erweiterung 1. Der Kapitalmarkt In den Anfängen besteht kein „Markt“ für Kapitalien; diese werden unberührt voneinander einzeln beschafft. Dieser Zustand herrscht noch heute etwa im Hypothekenverkehr in kleinen Städten. Auch das Beteiligungskapital für Privatunternehmungen wird nicht auf dem Markte besorgt, es liegt vielmehr immer ein Sonderabkommen mit Sonderbedingungen vor. Ein Fall nichtmarktmäßiger Kapitalbeschaffung ist aber auch Vierzigstes Kapitel: Erweiterung und Erhellung des Marktes 641 noch das Hausiergeschäft der englischen Discount-Broker, die in der City von Bank zu Bank laufen, Akzepte nehmen und begeben. Die Zunahme der Verkehrsakte führt dann zu einer Marktbildung — im doppelten Sinne —, die sich über ein beschränktes Gebiet erstreckt; es entsteht ein lokaler Markt. So etwa für Hypotheken innerhalb einer Provinzstadt, für Pachtungen innerhalb einer Provinz, für Industrieanlagekredit innerhalb einer Branche in einem Industriebezirk (Seide um Krefeld, Stahl um Solingen, Schuhe um Pirmasens). Endlich entwickelt sich — allmählich, schon im Mittelalter beginnend — ein nationaler und dann internationaler Markt für o fungible Werte: Geldsorten, erstklassige Devisen, Aktien oder Obligationen großer Unternehmungen. Ebenso für Rentenfonds. Mit der Vereinheitlichung und Ausweitung der Märkte im geistigen Sinne geht gleichen Schritt die Ausbildung großer Zentralmärkte im Sinne einer Zusammenballung von Absatzgelegenheiten, einer Häufung von Angebot und Nachfrage an einzelnen, bevorzugten Plätzen. Unnötig zu sagen, daß derartige Stellen nicht nur Zentralmärkte für die Beschaffung von Kapital, sondern ebensosehr für Geld zu Anleihezwecken usw. sind. Solche zentrale Geld- und Kapitalmärkte von internationaler Bedeutung waren vor dem Kriege Berlin, Paris und vor allem London, während seit dem Kriege Neuyork mehr und mehr in den Vordergrund getreten ist. Die Vorzugsstellung Londons beruhte vornehmlich auf folgenden Gründen: 1. London war der Mittelpunkt eines Reiches, das die älteste Handelsmacht mit den weitesten Beziehungen umschloß. 2. London war die Hauptstadt desjenigen Landes, das zuerst zu einer kapitalistisch-rationellen Währung, nämlich zur Goldwährung übergegangen war und diese Währung unentwegt festgehalten hatte. Das Pfund Sterling war immer 7,988 g (113 grains) Gold gewesen, und dadurch hatte der Pfund Sterling-Wechsel eine Vorzugsstellung erlangt, dem ein unbedingtes Vertrauen in die Londoner City entsprach. Das Pfund Sterling war vor dem Kriege „Weltgeld“ schlechthin, der einzig sichere Wertmesser. 3. London hatte den größten Geldzufluß, da hier Import und Export der halben Erde bevorschußt und große Summen ausgeliehen wurden. Daher standen in London stets große Guthaben aus allen Ländern zur Verfügung, die eine große Geldflüssigkeit bewirkten. Gegenüber London trat Neuyork als Anleihemarkt ganz in den Hintergrund. Ausländische Anleihen wurden aufgelegt (in Mill. Pfund Sterling): in England in den Vereinigten Staaten 1911 . 503 31 1912 . 465 71 1913 . 422 78 (542 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte Das hat sich erst während des Krieges geändert. Ausländische An- leihen wurden aufgelegt (wie oben): in England in den Vereinigten Staaten 1920 . . 40 464 1921 . .111 396 1922 . .276 652 Nach dem Monatsbulletin (Februar 1923) der Guaranty Trust Company: Ei. Strasser, Deutsche Banken im Auslande. 2. Auflage. 1925. Seite 34. Vgl. auch die sachkundigen Ausführungen daselbst auf Seite 32. Neben jenen „Weltmärkten“ für Geld- und Kapitalbeschaffung haben sich dann für die einzelnen Länder Zentralmärkte in den Hauptstädten (und — wie in Deutschland — in den größeren Provinzstädten) herausgebildet. 2. Der Arbeitsmarkt Die Marktbildung für die Beschaffung der Arbeitskraft ist noch heute in den Anfängen steckengeblieben. Dank der eigentümlichen Natur der „Ware“ Arbeitskraft ist noch heute der isolierte Vertragsabschluß (wenn auch zwischen den Organisationen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer) die Begeh Darüber hinaus hat sich ein Arbeitsmarkt für „ungelernte“ und „angelernte“ Arbeiter in den Großstädten und vielleicht ein Arbeitsmarkt innerhalb eines Gewerbes über ein ganzes Land hin (Baugewerbe!) entwickelt. Wir werden besonderen Eigenarten des Arbeitsmarktes noch bei der Besprechung des Arbeitsnachweises und der gewerkschaftlichen Arbeiterorganisation gerecht zu werden haben. 3. Der Warenmarkt Die einzige Gelegenheit der Marktbildung war ehedem der lokale Markt oder die Messe, wo Käufer und Verkäufer zusammenkamen und durch persönliche Fühlungnahme einen Ausgleich herbeiführten. Im Laufe der kapitalistischen Entwicklung hat sich der Großhandel Märkte geschaffen, die unabhängig von der persönlichen Zusammenkunft sind. Er hat es getan durch die Begrenzung auf einen Artikel meist vertretbarer Natur (s. u. S. 662 f,), für den er dann einen Ausgleich über ein ganzes Land, wenn möglich die Erde, schafft. So entstehen abstrakte „Weltmärkte“ für die großen Handelsartikel, wie Baumwolle, Eisen, Kaffee, deren Zahl sich immer weiter vermehrt. Neben diesen abstrakten Weltmärkten entwickeln sich dann, ganz ähnlich, wie wir es bei den Geld- und Kapitalmärkten beobachten konnten, einzelne Handelsplätze zu konkreten Weltmärkten in Vierzigstes Kapitel: Erweiterung und Erhellung des Marktes 648 -einem bestimmten Artikel oder in einer geringeren oder größeren Anzahl solcher Welthandelsgegenstände. Das heißt: Angebot und Nachfrage in diesen Artikeln ballen sich an einzelnen Orten der Erde zusammen. Häufig befindet sich an diesen Welthandelsplätzen auch die Organisationszentrale für den abstrakten Markt einer bestimmten Ware, die fälschlich so genannten „Börsen“, in denen Aufsicht über die Einhaltung der für eine bestimmte Branche aufgestellten Handelsbedingungen geübt und meist auch der Terminhandel (s. u. S. 664f.) beaufsichtigt wird: die Baumwollbörse in Bremen, die Kaffeebörse in Hamburg, die Kupferbörse in Berlin usw. Der Detailhandel hat nur eine unvollkommene Marktbildung, im Rahmen einer Großstadt und vielleicht in besonderen Fällen innerhalb des Wirkungskreises eines Versandgeschäftes. II. Die Erhellung Auf diese erweiterten und vereinheitlichten Märkte fällt nun heute das Licht eines vollendeten Wissens der Marktteilnehmer; Käufer und Verkäufer sind über die Marktlage bestens unterrichtet. Wie ist das bewirkt worden? Zur Erhellung des Marktes dienen teilweise dieselben Mittel, die auch früher schon im Gebrauch waren, und die sich im Laufe der Zeit sehr vervollkommnet haben, teilweise sind neue Mittel in Anwendung gelangt. Wir unterscheiden: 1. die persönliche Erkundung, die früher üblichste Form der Aufhellung. Auch heute noch reist der Chef, reist der Geschäftsreisende. Und beide geben und nehmen Marktwissen; 2. die individuelle Nachrichtenübermittlung. Darunter verstehe ich diejenige Form der Nachrichtenübermittelung, die die Nachricht an individuell bestimmte Personen weitergibt, es mag eine Person, es mögen deren viele sein; tausend Rundschreiben an tausend bestimmte Personen gerichtet, bleiben individuelle Nachrichtenübermittlung. Der individuellen Nachrichtenübermittelung dienen: a) der Brief, auch also das Rundschreiben, der Prospekt; b) der Telegraph; c) das Telephon. Der Effektenmarkt zum Beispiel wird ausschließlich durch dieses beherrscht; während der Börsenstunden schießt das Wissen von Börse zu Börse unausgesetzt hinüber und herüber; •Sombart, Hochknpitalismus II. 644 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte 3. die Nachrichtenpublikation oder kollektive Nachrichtenübermittlung, worunter ich diejenige Nachrichtenübermittlung verstehe, die eine Nachricht an individuell nicht bestimmte Personen gelangen läßt, es mögen unzählbare Massen sein, es mag sich um ganz wenige handeln, ja, es mag überhaupt kein Mensch mehr die Nachricht in Empfang nehmen. Ein Ausruf, der auf einem leeren Platze etwas verkündet, ein Anschlag, den nie ein Mensch liest, sind Akte der kollektiven Nachrichtenübermittlung oder Nachrichtenpublikation. Ich habe im zweiten Bande auf Seite 398/99 ein Schema der Nachrichtenpublikation entworfen, auf das ich hier verweise. Diese Nachrichtenpublikation ist nun im Zeitalter des Hochkapitalismus recht eigentlich die beliebte Form der Nachrichtenübermittlung geworden, wenn es sich darum handelt, die Marktverhältnisse bekanntzumachen. Die Aufhellung der Marktlage wird dadurch zu einer sachlichen Angelegenheit, sie wird versachlicht und objektiviert. Die Nachrichtenpublikation, die dazu dient, den Markt zu erhellen, erscheint in zwei Formen: als Geschäftsanzeige und als Handelsnachricht. Jene hat die Aufgabe, Wissen vom Geschäftsmanne fort (zum Kunden), diese, Wissen zum Geschäftsmann hin (vom Markte) zu bewegen. Über die Entwicklung dieser beiden Formen der kapitalistischen Nachrichtenpublikation müssen wir uns nunmehr etwas genauer unterrichten. Die Geschäftsanzeige Die (unmittelbare, akustische) Ankündigung durch Ausrufer, die in der Zeit vor der Erfindung der Druckkunst eine große Bedeutung hatte, ist heute stark zurückgedrängt worden. Kleinhändler, wandernde Handwerker, Schaubudenbesitzer sind die wichtigsten Gruppen von Anbietern, die sich ihrer bedienen. Es scheint, daß sie durch die Entwicklung des Badios wieder eine größere Bedeutung gewinnt. Dagegen ist nun die mittelbare, offene Ankündigung mittels der (Druck-) Schrift zu einer der beliebtesten Formen der Nachrichtenpublikation in unserer Zeit geworden. Ich spreche vom Anschlag, von der Affiche, vom Plakat, die uns bis in die verschwiegensten Orte auf Schritt und Tritt verfolgen, die, wie ein Lepraausschlag das Gesicht, so alle Häuser, Fahrzeuge, Landschaften bedecken; aber auch von der „Lichtreklame“, die selbst in der Dunkelheit die Augen nicht in Ruhe läßt. Vierzigstes Kapitel: Erweiterung und Erhellung des Marktes 645 Wie sehr verbreitet das Anschlag wesen ist, weiß jedermann. Leider haben wir gar keine Möglichkeit, uns von seiner Ausdehnung und Bedeutung eine ziffernmäßige Vorstellung zu machen. Der einzige Maßstab, an dem wir seine Verbreitung messen können, ist die Größe der Unternehmungen, die sich gewerbsmäßig mit der Vermittlung und Anbringung von Anschlägen und anderen Formen der mittelbaren, offenen Nachrichtenpublikation befassen. Aber noch bedeutsamer als das Anschlagwesen ist für die Entwicklung des modernen Wirtschaftslebens wohl das Annoncenwesen geworden. Unter einer Annonce oder einer „Geschäftsanzeige“ im engeren Sinne verstehen wir eine mittelbare, geschlossene Nachrichtenpublikation. Über die Geschichte der Annonce habe ich im zweiten Band Seite 403 ff. das Nötige mitgeteilt. Danach beginnt sie ihren Lauf im Anfang des 17. Jahrhunderts, bleibt aber bis zum Ende der frühkapitalistischen Periode eine Ausnahmeerscheinung. Nur Gegenstände, die notwendig der öffentlichen Anzeige bedurften, weil man ohne diese nichts von ihnen wissen würde, werden mittels Annoncen angeboten; der alltägliche, übliche Geschäftsverkehr wickelt sich noch ohne Anzeige ab. Konkurrenzanzeigen tauchen vereinzelt am Ende des 18. Jahrhunderts auf; in der ersten Nummer der „Times“ vom 1. Januar 1788 finden sich deren drei. Während des 19. Jahrhunderts ist dann die Geschäftsanzeige zu einer gewaltigen Ausdehnung gelangt. Sie erscheint: a) in der politischen Tagespresse, die namentlich für den Detailhandel oder Einzelverkauf ab seiten des Produzenten das wichtige Insertionsorgan ist, aber auch für Arbeitsstellenvermittlung und Kapitalleihe in Betracht kommt; b) in den populären Zeitschriften, den „Revuen“ aller Art, illustrierten Blättern, Magazinen usw. Vielfach (namentlich in den Vereinigten Staaten, in wachsendem Umfange auch in Europa) sind diese Blätter nur da, um Annoncen aufzunehmen, der Inhalt ist Nebensache; c) in den Fachblättern, deren Zahl unübersehbar ist. Zur Statistik des Annoncenwesens: Das größte amerikanische Annoncenbureau hat einen Jahresumsatz von 15 Mill. $. Nach Angabe des New York Council of the American Association of Advertising Agencies (AAAA): Vehlen, Absentee Ownership (1923), 314. Im Jahre 1922 betrugen die Kosten für Landesanzeigen (im Gegensatz zu den Ortsanzeigen) über 600 Mill. $. Die Außenreklame (outdoor advertising) kostete bis 1919 etwa 5 Mill. $ im Jahre; seitdem steigt sie rasch und betrug 1921 schon 30 Mill. $. 41* 646 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte E. 0. Perrin, The Development of outdoor advertising in The J. Walter Thompson News. Februar 1922. A. a. 0. S. 315. Die Annonceneinnahmen von 72 „Magazines“ betrugen (a. a. 0. S. 317): 1918 .t 61,3 Mill. $ 1919 ." 97,2 „ „ 1920 . 132,4 „ „ Ein guter Kenner (Lincoln) schätzt die Gesamtausgabe für Reklame in den Vereinigten Staaten von Amerika auf jährlich 1—1,2 Milliarden $. Davon entfallen x / 2 Milliarde auf Zeitungsannoncen, %. Milliarde auf Versand von Prospekten usw. Die Ausgaben für Reklame machen etwa 1—5% des Verkaufspreises der Waren, 10—40% der Verkaufsspesen aus. Für 1489 typische Gewerbebetriebe war der Anteil der Reklamekosten und der Verkaufskosten vom Hundert folgender: Reklamekosten Verkaufskosten Kofferfabriken. .5,0 12,25 Eisenwarenfabriken . . . , .4,29 8,0 Schnittwarenhandel . . . . .1,6 7,33 Wirkwarenherstellung . . . .1,88 10,0 Lebensmittelerzeugung . . . .4,55 14,3 Lincoln, Applied Business Finance 2 (1923), 653. In den vom Harvard-Forschungsinstitut untersuchten Schuhgeschäften betrugen (nach dem Umsatz verschieden): die gesamten Verkaufsspesen . . . 12,6—13,9% die Reklamekosten . 1,1— 3,7% des Umsatzes. Harvard Bureau of Business Research. Bull. No. 31. Opera- ting Expenses in Retail Shoe Stores in 1921. S. 18. Von Reklamefachleuten werden folgende Beträge genannt, die von dem Bruttoerlös für Reklamezwecke zurückgestellt werden sollten (das ist also wohl das noch unerreichte höchste Ziel des Reklamisten): Warenhäuser. 3%% Frauenartikel-Läden (Women’s speciality shops) . . 5%% Schuhläden.4 % Modewarengeschäfte.4 % Musikinstrumentengeschäfte.5/4% Möbelmagazine.5%% Elektrizitätsartikelgeschäfte ..6 % Juwelierläden.5%% Herrenkonfektionsgeschäfte.5 % Verschiedenes.4 % Lincoln, a. a. 0. S. 654. Das Ergebnis aller dieser Machenschaften ist das gewünschte: der Käufer — sei er letzter Verbraucher oder Geschäftsmann, das heißt Erzeuger oder Händler — ist über die Lage des Marktes, den Stand des Angebots, was Preis, Auswahl, Qualität betrifft, stets auf das beste unterrichtet. Aber auch der Anbieter bedarf des Wissens vom Markte; ihm vermittelt es Vierzigstes Kapitel: Erweiterung und Erhellung des Marktes 647 die Handelsnachricht Auch die Handelsnachrichtenvermittlung, namentlich in ihrer kollektiven Form, ist erst im 19. Jahrhundert zur vollen Entfaltung gelangt. Über die Entwicklung bis zum 19. Jahrhundert siehe Band II, Seite411ff. Heute stellt sich die Vermittlung von Handelsnachrichten als ein mächtiges, wohldurchgebildetes System dar, dessen einzelne Betandteile folgende sind: 1. Auskunftsorganisationen aller Art. Diese betreiben teilweise die individuelle Nachrichtenvermittelung. Als solche kommen in Betracht: a) die Kreditauskunftsbureaus: Erwerbsunternehmungen, die mit der Erteilung über Kreditwürdigkeit usw. einzelner Firmen Geschäfte machen. „Zuerst ist in England Ende der 1830 er Jahre ein Auskunftsbureau entstanden aus gewissen, schon erheblich früher begonnenen Aufzeichnungen der Konkurse und sonstiger geschäftlich wichtiger Gerichtssachen, Aufzeichnungen, die Abonnenten gegen Entgelt mitgeteilt worden waren. Im Jahre 1841 begründete sodann ein Neuyorker Anwalt für denVerkehr mit den Südstaaten das erste festorganisierte System interlokaler Auskunftseinholung, während das älteste französische Bureau sich erst 1857 aus einer aufgelösten Kreditversicherungsgesellschaft bildet und in Deutschland ein Stettiner Makler 1860 anfing, auf die häufig von ihm beanspruchten geschäftsfreundlichen Auskunftserteilungen eine kleine Gebühr zu erheben. Doch erst in den 1860er Jahren begann die eigentliche Entwicklung des Auskunftsbureaus. . . Das Hauptverdienst um die Entwicklung dieser Anstalten in Deutschland gebührt (seit 1872) W. Schimmelpfeng in Berlin.“ (Ehrenberg.) 1887 erfolgt die Vereinigung der „Auskunfteien“ von Schimmelpfeng und Bradstreet Comp. Entwicklung dieses Bureaus (nach Stets, a. a. 0. S. 23.) Zahl der schriftlichen Auskünfte 1890 750000 1914 8000000 Zahl der Zahl des Geschäftsstellen Personals 15 106 100 2400 b) Eine Sitte, die früher allgemein verbreitet war, wird noch heute von manchen Geschäfts-, namentlich Bankhäusern gepflegt: ihrer Kundschaft Berichte über die geschäftliche Lage im allgemeinen oder über die Zustände in einem einzelnen Geschäftszweige zu erstatten. In der Form der Nachrichtenpublikation erteilen Auskünfte über die allgemeine Lage des Marktes die Institute für Konjunkturforschung, die neuerdings in verschiedenen Ländern begründet sind. Namentlich in den Vereinigten Staaten sind diese Institute zahlreich. Unter Mitchells Leitung arbeitet das National Bureau of Economic Research; daneben bestehen solche ökonomische Wetterwarten an den einzelnen Universitäten, wie das Harvard Committee on Economic 648 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte Research u. a. In Deutschland ist im Jahre 1925 im Anschluß an das Statistische Reichsamt ebenfalls ein Institut für Konjunkturforschung begründet worden. c) Besonders beliebt ist die Erteilung von Marktwissen durch Auskunftsorganisationen auf dem Arbeitsmarkte. Hier sind es die Arbeitsnachweise, die die Stellenvermittlung betreiben, teilweise als Erwerbsanstalten, dann ist ihre Nachrichtenvermittlung individuell, teils auf anderer Grundlage, dann ist ihre Nachrichtenvermittelung kollektiv (Nachrichtenpublikation). In einzelnen Ländern haben besondere Anstalten (Arbeitskammern, Arbeiterkammern, Arbeitsbörsen) in verschiedener Form unter ihre Funktionen auch die der Auskunftserteilung über die Lage des Marktes aufgenommen. Die früheste Form der Stellenvermittlung, die heute noch, wie schon bemerkt wurde, nicht ohne Bedeutung ist, war das Inserat in der Zeitung. Zu diesem gesellte sich dann die gewerbsmäßige Stellenvermittlung, die heute noch für bestimmte Berufe (Dienstboten, Kellner, Seeleute, ungelernte Arbeiter, persönliche Dienste u. a.) die wichtigste Form des Arbeitsnachweises ist. Als dritte Organisation, die sich der Arbeitsvermittlung annahm, erschienen die Verbände der Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Beide begründeten Arbeitsnachweise, nicht zuletzt, um die Arbeitsvermittlung den Interessen der eigenen Gruppe dienstbar zu machen. Da alle drei Formen Übelstände zeitigten, entschlossen sich zuletzt die öffentlichen Körper, namentlich die Gemeinden, den Arbeitsnachweis von sich aus zu organisieren durch die Errichtung öffentlicher Arbeitsnachweise, meist unter paritätischer Mitwirkung der Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Teilweise schlossen sich diese Arbeitsnachweise zu größeren Verbänden zusammen, die in Deutschland unter dem „Verband deutscher Arbeitsnachweise“ vereinigt wurden. Über die Entwicklung der Arbeitsnachweise in den verschiedenen Ländern geben die folgenden Ziffern Aufschluß: Zahl der erfaßten Vermittlungen Arbeitsnachweise im Jahre 1911 Deutschland. . 2224 3424799 davon öffentliche A.-N. . . 781 1677660 Österreich. . 518 554853 davon öffentliche A.-N. . . 374 460146 Frankreich. . 754 812867 davon öffentliche A.-N. . . 229 115815 Großbritannien. . 404 593739 davon öffentliche A.-N. . . 404 593739 Ver. Staaten von Amerika. . 65 362037 davon öffentliche A.-N. . . 65 362037 Ungarn. . 36 207412 davon öffentliche A.-N. . 5 61250 Vierzigstes Kapitel: Erweiterung und Erhellung des Marktes 649 Die übrigen Länder weisen weniger als 100000 Vermittlungen aus. Bulletin trimestriel de l’Association Internationale pour la Lutte contre le chömage. III. Annee. Band 3. 1913. In Deutschland war die Verteilung der Vermittlungen auf die verschiedenen Arten von Arbeitsnachweisen im Jahre 1914 folgende: Männer Frauen % % Gemeindliche und gemeindlich unterstützte A.-N. . 58,6 89,6 Andere allgemeine oder gemeinnützige A.-N. ... 1,1 4,1 Paritätische Fach-A.-N. 1,9 0,6 Arbeitgebernachweise. 23,8 3,6 Innungsnachweise. 5,1 0,7 Arbeitnehmernachweise. 9,5 1,4 100,0 100,0 Stat. Jahrbuch. Durch die Ereignisse des Krieges und der Nachkriegszeit hat sich die Bedeutung der öffentlichen A.-N. immer mehr gehoben, so daß sie jetzt neun Zehntel aller Stellen vermitteln. Neben die Auskunftsorganisationen treten als ein Organ zur Verbreitung von Handelsnachrichten 2. die Fachzeitschriften, die sich der besondern Aufgabe widmen, den Stoff, der zur Beurteilung der Marktlage dient, in mehr oder weniger verarbeiteter Form ihrem Leserkreise zu übermitteln. Ihre Zahl ist Legion,und eine Aufzählung erübrigt sich. Manche dieser Nachrichtenblätter tragen halbamtliches oder amtliches Gepräge, wie die „Labour Gazette“, das „Reichsarbeitsblatt“, die Konsulatsberichte, die „Baro- metres economiques“, die seit 1924 das Internationale Arbeitsamt in Genf herausgibt, die Zeitschrift „Wirtschaft und Statistik“. Andere sind private Veröffentlichungen und erfreuen sich gleichwohl hohen Ansehens, wie das älteste dieser Blätter, der englische „Economist“, der „Deutsche Ökonomist“ u. a. Auch die Veröffentlichungen der ökonomischen „Wetterwarten“ gehören hierher, wie der „Wirtschaftsdienst“, die „Wirtschaftskurve“, die von dem Harvard Committee herausgegebene „Review of Economic Statistics“ u. a. Das vielleicht wichtigste Glied in der Kette von Maßnahmen zur Verbreitung von Handelsnachrichten ist 3. der Handelsteil der Tagespresse, in dem über die Vorgänge auf dem Kapital- und Warenmarkt (und in noch unvollkommener Weise auf dem Arbeitsmarkt) regelmäßig und fortlaufend Bericht erstattet wird. Dieser Zweig der Handelsnachrichtenvermittlung ist in Deutschland zu besonderer Blüte gelangt. 650 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte Das Ergebnis aller dieser Bemühungen ist aber dieses, daß der Geschäftsmann — Produzent, Händler, Spekulant — morgens, mittags, abends, nachts — in den Vereinigten Staaten laufen die Depeschenbänder in den Clubs und Hotels die halbe Nacht ab — über die Marktlage in seiner Branche sowie über die allgemeine Wirtschaftslage unterrichtet wird. Und nicht nur der Mann in der City wird unterrichtet, auch der Gutsherr im fernen Winkel der Provinz liest beim Frühstück die Weizennotierungen an der Chikagoer Börse, die ihm seine Zeitung vermeldet. Vor dem Kriege wurden die Preisnotierungen der Berliner Getreidebörse jeden Morgen in den Bauerndörfern Sibiriens angeschlagen. Und der Arbeiter in der kleinen Provinzstadt kann aus seinem Fachblättchen ersehen, welches die Lage auf dem Arbeitsmarkte in seinem Berufskreise ist. Der großstädtische stellungslose Arbeiter aber erfährt von den verschiedenen Stellen aus die vorhandenen Arbeitsgelegenheiten. III. Die Ermöglichung Wie ist es möglich geworden, die Märkte in der geschilderten Weise auszuweiten, zu vereinheitlichen und zu erhellen? Da werden wir drei Bedingungen unterscheiden müssen, von deren Erfüllung jene Entwicklung abgehangen hat. 1. Die Psychologie der handelnden Menschen. Erst mußten diese einmal jene Belichtung des Verkehrs wollen. Das aber taten sie in früherer Zeit keineswegs. Ich habe im zweiten Band auf Seite 416 darauf hingewiesen, auf welche Schwierigkeit bei der Händlerschaft diejenigen Männer stießen, die zuerst so etwas wie allgemeine Handelsberichte veröffentlichen wollten. Nun — heute hat sich der Geschäftsmann daran gewöhnt, im grellen Lichte der Öffentlichkeit zu arbeiten. 2. mußten zum Teil die gehandelten Werte eine Wandlung erfahren, damit die Märkte groß und hell werden konnten. Über diese Entwicklung unterrichtet das folgende Kapitel. 3. — und nicht zum mindesten — war die Ausweitung und die Erhellung der Märkte gebunden an die Fortschritte der Produktions- und Transporttechnik und an die Vervollkommnung der Verkehrsorganisation. Über diesen Punkt müssen wir uns noch etwas genauer unterrichten. Was hier bestimmend eingewirkt hat, ist vor allem folgendes: a) Die Erleichterung des Reisens. Dieses ist durch die ünB be- Vierzigstes Kapitel: Erweiterung und Erhellung des Marktes 651 kannten Erfindungen und Einrichtungen der modernen Zeit beschleunigt, erleichtert, verbilligt worden, verbilligt nicht sowohl durch die Herabsetzung der Fahrpreise (die vielmehr für dieselbe Strecke bei Post und Eisenbahn dieselben geblieben sind), als vielmehr durch die Abkürzung der Reisedauer. Heute kann man eine Reise von Berlin nach Hamburg und zurück an einem Tage unternehmen, wozu man früher vier bis sechs Tage brauchte. Dadurch spart man Aufenthaltskosten. So ist es dem Geschäftsmann möglich geworden, ohne Schwierigkeiten ein paarmal im Jahre die Hauptstadt oder die große Provinzstadt oder vielleicht sogar die Hauptstadt eines fremden Landes aufzusuchen, und dem Geschäftsreisenden, das ganze Jahr lang unterwegs zu sein; siehe darüber das nächste Kapitel. Zur Statistik des Reisens: Man rechnet, daß vier Fünftel der Reisenden zu geschäftlichen Zwecken reisen. Um die Zunahme des Reiseverkehrs in den letzten 100 Jahren zu ermessen, muß man die Zahl der Postreisenden von ehedem zusammen mit denen, die zu Pferde ritten oder im eigenen Wagen fuhren, den heutigen Benutzern der Eisenbahn und den Automobilfahrern gegenüberstellen. Leider ist die Zahl für die Vergangenheit ebensowenig wie für die Gegenwart zu beschaffen. Wir kennen nur die Postreisenden einerseits, die Eisenbahnreisenden andererseits. Aber das ist wohl in beiden Fällen der Hauptteil. Reisende mit der Post wurden im Jahre 1831 in Preußen eine halbe Million Menschen befördert (nach v. Reden). In Deutschland können wir annehmen rund 1 Million. Diesen stehen Eisenbahnreisende im Jahre 1912 1744 Millionen gegenüber. (Stat. Jahrbuch.) Die Gesamtziffern der Eisenbahnreisenden betrugen (nach Sundbärg) in Tausenden: Durchschnitt Europa Erde 1891/95 . 2258775 — 1896/1900 . 2926240 3960659 1901/05 . 3623473 4976698 Die zweite Wirkung, die die Vervollkommnung der Transporttechnik und der Transportorganisation im Gefolge hatte, und die für die Umgestaltung der Marktverhältnisse bedeutsam wurde, war b) die Erleichterung der individuellen Nachrichtenübermittlung, also der Beförderung von Briefen (Drucksachen, Postkarten [seit 1869]), Telegrammen und Telephongesprächen. Besonders wichtig war hier die Verbilligung des Portos. Ich habe die Entwicklung des Portowesens bis zum Ende der frühkapitalistischen Periode im zweiten Bande Seite 393 ff. verfolgt. Noch im Jahre 1844 konnte ein einfacher Brief innerhalb Preußens 19 Silbergroschen kosten. 652 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte Die große Reform setzt im Jahre 1840 in England ein, wo auf Anregung Rowland Hills, dessen Schrift: Post office reform, its importance and practicability (1837) den Anstoß gegeben hatte, das sogenannte „Pennyporto“ eingeführt wird. Ein bis y 2 Unze schwerer Brief kostete durch ganz England zu befördern 1 Penny. In Deutschland wurde seit Errichtung des deutsch-österreichischen Postvereins im Jahre 1850 das Briefporto ermäßigt auf 10 Pfennige bis 10 Meilen >> 20 ,, ,, 20 ,, „ 30 ,, über 20 „ Seit Einrichtung des norddeutschen Postwesens kostete der einfache Brief 10 Pfennige durch ganz Deutschland. Seit Begründung des Weltpostvereins im Jahre 1874 betrug das Porto für den einfachen Brief über die ganze Erde 20 Pfennige. Um von der Entwicklung und der heutigen Ausdehnung der individuellen Nachrichtenübermittlung auf der Erde eine Größenvorstellung zu geben, teile ich im folgenden noch einige der wichtigen Ziffern aus der Post-, Telegraphen- und Tdephonstatistik mit. 1. Poststatistik: a) Weltpostverkehr: Zahl der Zahl der angeschlossenen Länder abgesandten Briefsendungen 1875 . 15 143958799 1990 . 41 592363083 1900 . 62 1151700680 1913 . 84 2439288306 Archiv f. Post u. Telegraphie 1924 S. 84. (HSt. 6 4 , 978.) b) Entwicklung des Postverkehrs in verschiedenen Ländern: Eine Postanstalt trifft auf Quadratkilometer: 1878 1898 1920 Belgien. . 47 30,3 17,6 Italien. . 92 37,4 24,8 Niederlande. . 25 25,4 19,8 Schweiz. . 15 11,9 10,3 Großbritannien und Irland . 23 14,9 13,3 Ungarn. . 164 74,1 40,6 einen Einwohner aufgegebene Postsendungen: 1878 1898 1920/21 Belgien. . 29,6 69,6 125,5 Italien. . 11,5 17,9 53,7 Niederlande. . 25,6 55,0 119,3 Schweiz. . 45,9 112,4 191,6 Großbritannien und Irland . 45,0 90,0 116,7 Ungarn. • 7,4 21,3 36,2 Stat. generale du Service postal. Bern. Statistik der Reichspost- und Telegraphenverwaltung. Vierzigstes Kapitel: Erweiterung und Erhellung des Marktes 653 c) Deutschlands Postverkehr: Im Königreich Preußen wurden auf den Kopf der Bevölkerung 1842 . 1,5 1851.3,0 Briefe befördert. 1. Aufl. dieses Werkes 2, 286. Eingegangene Briefsendungen auf den Kopf der Bevölkerung in Deutschland: 1872 . 12,1 1880 . 18,7 1890 . 33,2 1895 . 40,5 1900 . 58,6 1905 . 73,3 1910.87,9 1912.97,7 Stat. Jahrbuch. d) Postverkehr der Vereinigten Staaten von Amerika: Verkaufte Briefmarken: Stück: 1850 . 1,5 Mill. 1870 . 498,1 „ 1880 . 954,1 „ 1890 . 2219,7 „ 1900 . 3998,5 „ 1910 . 9067,2 „ 1915 . 11226,4 „ Zahl sämtlicher beförderter Poststücke: 1890 . 4005,4 Mill. 1900 . 7130,0 „ 1910 . 14850,1 „ 1913 . 18567,4 „ Stat. Abstr. U.S. 2. Telegraphenstatistik: a) Europa: Länge der Durchschnitt Stationen Drähte (Kilometer) 1891/95 ... 63265 — 1895/1900 . . 76193 — 1901/05 . . . 91896 3635799 Anzahl der Telegramme (Tausend) 49054 57043 68100 Telegramme auf 100 Einwohner 57 64 67 b) Außereuropäische Länder: Länge der Leitungen in Kilometern Asien. 232222 Afrika . 93037 Amerika. 695042 Australien .... 89300 Insgesamt 1109601 Nach Sundbärg. 654 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte c) Deutschland: Anstalten Länge der Drähte (m 1000 km) 1872 . . . 4033 125,3 1880 ... 9980 255,9 ; > * • 1890 . . . 17452 351,9 1900 . . . 24456 483,6 : 1905 . ■ . 32312 542,8 1910 . . . 45116 1837,9 (einschl. Telephondrähte) 1912 . . . 48167 1991,5 99 Stat. Handbuch und Stat. Jahrbuch. 3. Telephonstatistik: a) Erde: In den Jahren 1905—1907 hatten Apparate Leitungslänge Stück km Europa . . .... 1847666 8001047 Asien . . . .... 56390 367079 Afrika . . .... 9281 19828 Australien . . ; . . 53059 145000 Amerika . . .... 7682430 11629937 Nach Sundbärg. 9648826 20162891 b) Deutschland: Zahl der Orte mit Gesamtzahl der vermittelten Gespräche Zahl der Verbindungsanlagen zwischen den Eernsprechanstalten Ortsfernsprechnetzen verschiedener Orte 1881 .... 7 511354 (1884) 22 1890 .... 258 249716655 281 1900 .... 15533 690956355 2797 1905 .... 25548 1207400000 6350 1912 .... 39503 2326700000 9691 Die Ziffern für 1881—1884 freundliche Mitteilung des Reichspostamts, die übrigen Ziffern aus Stat. Handb. f. d. Deutsche Reich I [1905] und Statist. Jahrbuch. c) Vereinigte Staaten von Amerika: 1898 . 919121 1902 . 2371044 1912 . 8729592 (1922 . 14347395) Länge der Leitungen (Meilen): 1902 .. . 4900451 1912 ....... 20248326 (1922 . 37265958) Zahl der vermittelten Gespräche (Tausend): 1902 .: . 5070555 1912 .. . 13735658 Stat. Abstr. U.S. (1922 . 21901387) : 1 , : Vierzigstes Kapitel: Erweiterung und Erhellung des Marktes (355 - Aber die Fortschritte der Technik und der Organisation brachten nicht minder c) die Erleichterung der Nachrichtenpublikation. Diese wurde gefördert (1.) durch die Vervollkommnung der Anzeigetecknik, wie sie in der Lichtreklame, der Überlandreklame, dem Radio vorliegt; (2.) durch die Vervollkommnung der Organisation des Anzeigewesens und der Handelsnachrichtenbeschaffung; (3.) durch die Vervollkommnung der Herstellung und Verbreitung der periodischen Druckschriften, vor allem der Zeitung. Um die moderne Zeitung, die recht eigentlich Schöpfung, Organ und Ausdruck hochkapitalistischen Wesens ist, zur Entwicklung zu bringen, haben viele Kräfte Zusammenwirken müssen. Zunächst bedurfte es zu ihrer literarischen Herstellung der Entstehung und Ausbildung des Zeitungsgewerbes, jener Organisation kaufmännischer, schriftstellerischer und technischer Hilfskräfte, die heute an der Erzeugung einer Zeitung beteiligt sind, und die, unter Ausnutzung wiederum der modernen Nachrichtentechnik, namentlich des Telegraphen, des Telephons und des Rundfunks, ihr eiliges Werk vollbringen. Man muß sich immer gegenwärtig halten, daß die Nummer einer größeren Zeitung den Druckumfang einer Broschüre und häufig eines Buches von mehreren hundert Seiten hat, und daß täglich ein solches Druckwerk neu geschrieben, gesetzt, gedruckt werden muß. Eine in jeder anderen Zeit imdenkbare, gewaltige Leistung des menschlichen Geistes. Damit diese intensive geistige Tätigkeit Form gewinnen kann, bedarf es der technischen Herstellung der Zeitung, die auch erst durch die umstürzenden Erfindungen des 19. Jahrhunderts möglich geworden ist. Erst mußte die Papiermaschine (1799), erst die Rotationsschnellpresse (1811), erst die Verwendung von Holzstoff zur Papiererzeugung (1850 er Jahre) erfunden werden, ehe die Zeitung in der schnellen Zeit eines Tages oder weniger Stunden und in dem Umfange, den sie heute erreicht hat, erscheinen konnte. Um welche Mengen von Papier, das von den Zeitungen bedruckt wird, es sich handelt, haben neuere Ermittlungen festgestellt. Der Papierverbrauch der amerikanischen Zeitungen wird jetzt auf 2600000 t im Jahre geschätzt. Nach Mitteilungen auf einer Versammlung der Canadian Paper- Association bei Veblen, Absentee Ownership (1923), 317. Diese Ilolz- menge ist der Gesamtertrag einer Waldfläche von etwa 600000 ha, also eines Geländes von der Größe des Großherzogtums Oldenburg. Daß dieser 656 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte erstaunliche Holzverbrauch nur möglich ist, weil Amerika seinen Holzbestand ab baut (ohne an Ergänzung zu denken), habe ich an anderer Stelle bereits ausgeführt (siehe Seite 264 f.). Damit nun aber diese Menge einzelner Zeitungsnummern auch wirklich ihrem Verwendungszweck, gelesen zu werden, zugeführt werde, dazu bedarf es wieder des gewaltigen Apparates der modernen Verkehrsorganisation: der Eisenbahnen, Dampfschiffe, Automobile, Flugzeuge, der Post usw., die dafür sorgen, daß täglich von der Erzeugungsstelle aus Millionen und aber Millionen von Zeitungen über das Land verbreitet werden. Denn erst durch diese Verbreitung des Lesestoffes wird die Publizität des Marktes gewährleistet, deren Ausbildung wir in diesem Kapitel verfolgt haben. Zeitungsversandstatistik: In ganz Europa gelangten durch die Post zum Versand: Durchschnitt Tausend Zeitungsnummern 1891/95 . 1587180 1896/1900 . 2134140 1901/05 . 2650690 1906 . 3093800 Nach Sundbärg. Seitdem noch weiter rasche Zunahme! Die Zahl der versandten Zeitungsnummern betrug: 1913/14 in Großbritannien und Irland 1379,0 Millionen 1913 in Deutschland. 2406,2 • „ Stat. Jahrbuch. Die große Bedeutung, die die in diesem Kapitel dargestellte Entwicklung für die Entfaltung des kapitalistischen Wesens gehabt hat, bedarf keiner besonderen Begründung. 657 Einundvierzigstes Kapitel Die Versachlichung der Geschäftsformen Alle früheren Marktbeziehungen, wissen wir, waren höchst persönlicher Art. Mochte es sich um den Abschluß von Kreditgeschäften, von Warenhandelsgeschäften oder von Arbeitsvertragen handeln: immer traten sich zwei lebendige Menschen gegenüber und trafen in mündlicher Verhandlung — Auge in Auge, Hand in Hand — ihre Vereinbarungen. Die entscheidende Wandlung dieser Verhältnisse, die recht eigentlich die hochkapitalistische Form des Marktverkehrs kennzeichnet, bringt die Versachlichung der Beziehungen. Unter Versachlichung (Entpersönlichung, Vergeistung) der Geschäftsformen verstehe ich die Ersetzung jener seelenvollen Abmachungen durch Vertragsformen, bei denen der einzelne Vertragschließende in ein System objektiver, die Vertragschließung von vornherein regelnder Bestimmungen ein- tritt, deren er sich für seine persönlichen Zwecke wie eines Mechanismus bedient. Das Vertragsschema — ein Geistgebilde überindividueller Natur — ist bereits da, ehe die einzelnen Kontrahenten den Entschluß zu einer Vereinbarung fassen. Diese Versachlichung ist aber die Form, in der die Marktvorgänge im kapitalistischen Sinne „rationalisiert“ werden. Sie vollzieht sich während der hochkapitalistischen Epoche auf allen drei Märkten gleichermaßen: auf dem Kapitalmarkt, auf dem Arbeitsmarkt und auf dem Warenmarkt. Das haben wir in diesem Kapitel im einzelnen zu verfolgen (soweit wir nicht schon in einem anderen Zusammenhänge von diesem Vorgänge Kenntnis genommen haben). I. Auf dem Kapitalmärkte Für diesen gilt die einschränkende Bemerkung des letzten Satzes. Ich habe nämlich den Prozeß der Versachlichung der Kreditgeschäfte bereits im vierzehnten Kapitel ausführlich zur Darstellung gebracht. Das ließ sich nicht vermeiden, weil dieser Vorgang eine überragend große Bedeutung für die Entstehung des Kapitals hat, die ich an jener Stelle im Zusammenhänge behandeln wollte. 658 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte Der Leser erinnert sich, daß ich die Versachlichung des Kreditverkehrs in der Ausbildung dreier Grundsätze fand, die die neuzeitliche Kreditwirtschaft kennzeichnen, nämlich: 1. des Bankprinzips, 2. des Effektenprinzips, 3. des Prinzips der bargeldlosen Zahlung. Für alle Einzelheiten muß ich auf die frühere Darstellung verweisen. II. Auf dem Arbeitsmarkte Der Arbeitsvertrag hat verschiedene Staffeln durchlaufen. Das Handwerk ebenso wie die feudale Landwirtschaft kennen das gebundene Arbeitsverhältnis. Bei diesem tritt der Arbeiter in ein Gemeinschaftsverhältnis ein, das nach überindividuellen Normen gestaltet ist. Die Arbeitsbedingungen sind durch Gesetz, Sitte oder Überlieferung festgesetzt und bestimmt, Beziehungen herzustellen, die ebenso den Bestand des Ganzen wie das leibliche und seelische Wohl des Einzelnen verbürgen. Jede rationale Zweckmäßigkeitserwägung liegt den Vertragschließenden fern. Das ökonomische Interesse ist eingebettet in ein Gefüge sittlicher Normen. Dieses Gefüge zerstört der Kapitalismus, indem er den ökonomischen Inhalt des Arbeitsvertrages verabsolutiert. Dieser dient jetzt nur noch dazu, den Betrieb der kapitalistischen Wirtschaft aufrechtzuerhalten, der erste Schritt zur Rationalisierung. Der Arbeitsvertrag ist nun zunächst ein „freier“, „individueller“, den jeder einzelne Arbeiter mit jedem einzelnen Unternehmer nach freiem Ermessen abschließt. Bei dem „freien“ Arbeitsvertrag ist es nun aber nicht geblieben. Auch er ist der Versachlichung anheimgefallen und hat damit die höchste Stufe der Rationalität erreicht. Der versachlichte Arbeitsvertrag ist der kollektive Arbeitsvertrag oder der Tarifvertrag. Er besteht darin, daß maßgebend für die Gestaltung der Vertragsbedingungen nicht mehr die willkürlichen Abmachungen der beiden Vertragschließenden, sondern Vereinbarungen sind, die man ein für allemal (für eine bestimmte Branche, einen bestimmten Ort, eine bestimmte Zeit) festgesetzt hat, und die nun als Norm gelten bei jedem einzelnen Vertragsabschluß. Das Entscheidende ist dabei dieses, daß dieser nicht mehr durch die unmittelbare Inbeziehungsetzung von Seele zu Seele, sondern durch das Dazwischentreten eines Geistgebildes zustande kommt. Von nebensächlicher Bedeutung für die Geschäftsform (wenn auch nicht für die praktischen Ziele der beteiligten Per- Einundvierzigstes Kapitel: Die Versachlichung der Geschäftsformen 659 sonen) ist der Umstand, daß dieses Geistgebilde — der Tarif — das Werk einer Gruppe von Arbeitern und Arbeitgebern, der in Verbänden organisierten Angehörigen des Gewerbes, ist. Siehe darüber das vierundvierzigste Kapitel. Man könnte daran denken, diese Bindung des einzelnen durch den Tarif mit der Bindung zu vergleichen, die für den Arbeitsvertrag in vorkapitalistischer Zeit bestand. Die Gleichheit ist aber rein äußerlich. Innerlich trennt den gebundenen Arbeitsvertrag des Gesellen und des Knechtes von dem Tarifvertrag eine Welt; während jener seine Bindung dem Gemeinschaftsverhältnis verdankte und auf üb er individuellen, letztlich außerökonomischen Normen ruhte, ist dieser ein rein rationales Zweckgebilde, aus kapitalistischem Geiste geboren, von Interessengesichtspunkten beherrscht. Ich nannte ihn deshalb auch die höhere Stufe kapitalistischer Rationalität, weil er dem Bedürfnisse kapitalistischer Zwecke angepaßter ist als der freie Arbeitsvertrag, vor allem wegen der größeren Beständigkeit, die er den Arbeitsabmachungen verleiht, und die dadurch gewährleistete Sicherheit der Kalkulation. . Es ist mit Recht darauf hingewiesen worden, daß schon die Einführung des Akkordlohnes in gewissem Sinne einen Bruch mit dem individuellen Arbeitsvertrag bedeutet. Der Lohn wird nicht mehr mit jedem Arbeiter für sich vereinbart, sondern einheitlich für alle festgesetzt; der Unternehmer zahlt jedem für ein bestimmtes fertiggestelltes Produkt einen bestimmten, von vornherein festgesetzten Preis, und die individuelle Leistung wird nicht mehr als Qualität, sondern nur noch als Massenleistung gewertet. Richard Seidel, Der kollektive Arbeitsvertrag in Deutschland (o. J.), 8/9. Vgl. auch unten Seite 671. Der Akkordlohn ist also der erste Schritt auf dem Wege zur Versachlichung des Arbeitsvertrages. Angesichts dieser offenbaren Rationalität ist es auffallend, daß der kollektive Arbeitsvertrag so verhältnismäßig spät zur Anerkennung gelangt ist. Bei näherem Zusehen lassen sich aber sehr wohl Gründe anführen, die seine Einbürgerung und Verbreitung aufgehalten haben. Da ist erstens der Umstand zu berücksichtigen, daß der Tarifvertrag praktisch nur auf der Grundlage einer starken Arbeiterorganisation ins Leben treten konnte, daß diese aber nur das Werk einer langen Entwicklung gewesen ist. Ferner ist zu bedenken, daß wegen dieses Ursprungs aus einer Arbeiterinteressenbewegung der Tarifvertrag auch kapitalistisch unzweckmäßige Erscheinungen mit heraufbrachte, wie namentlich die Tendenz zu Lohnerhöhung, aber auch die Beschränkung der Entschlußfreiheit des Unternehmers in mannigfacher Hinsicht (bei der Anstellung von Arbeitern u. dgl.). Als ein besonderer Übelstand Sombart, Hochkapitalismus II. jq 660 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte des Tarifvertrages wurde in der deutschen Unternehmerpresse seine Starrheit geltend gemacht, die geeignet sei, den technischen Fortschritt aufzuhalten. Endlich ist das irrationale Moment nicht zu unterschätzen, das den Unternehmer lange Zeit zum Gegner des Tarifvertrages gemacht hat: sein Machtdünkel, der ihn „Herr im Hause“ sein lassen wollte. So ist es gekommen, daß der Tarifvertrag bis zum Ausbruch des Krieges eine geringe Ausbreitung aufweist und erst nach dem Kriege sich rascher entwickelt hat. Zur Statistik der Tarifverträge: Deutschland: Bestand am 31. Dezember 1913: davon Baugewerbe Tarifgemeinschaften . 10885 1825 Mit Geltung für Betriebe . . . 143088 41651 „ „ „ Personen . . . 1398597 408462 Großbritannien: Bestand 1910: davon Textil- Bergbau Verkehrs- Baugewerbe industrie gewerbe Tarifverträge . 1696 803 113 56 92 Für Personen . 2400000 200000 460000 900000 500000 eh Schweden: Bestand am 1. Januar 1914 : Tarifverträge . 1448 Für Betriebe . 8300 Für Personen. 233020 Österreich: In den Jahren 1910—1912 wurden für 413711 Personen Tarifverträge abgeschlossen. Frankreich: Tarifverträge wurden abgeschlossen: 1910 .252 1911 .202 Übersicht im Stat. Jahrbuch 1915 Seite 82*, 83*. Die rasche Entwicklung na,ch dem Kriege lassen folgende Ziffern für Deutschland erkennen: Tarifverträge Betriebe Beschäftigte Personen 1907 . . 5324 111050 974564 1913. 13446 218033 2072456 1922 . 10768 890237 14261106 Davon Landwirtschaft . 448 307178 1996917 Ziffern für 1907 und 1913 Stat. Jahrb. 1915; für 1922 Stat. Jahrbuch 1924/25. Die höhere Ziffer für 1913 verglichen mit der vorher angegebenen erklärt sich daraus, daß hier „Tarifverträge“, dort „Tarifgemeinschaften“ gezählt sind. III. Auf dem Warenmärkte Ausführlich habe ich im zweiunddreißigsten Kapitel des zweiten Bandes den ersten Schritt der Warenhandelsformen zur Versach- Einundvierzigstes Kapitel: Die VersachlicliuDg der Geschäftsformen ßßl lichuEg geschildert: den Übergang vom Handkanf zum Fernkauf, das heißt vom „Lokohandel mit prompter Ware“ zum Lieferungshandel nach Probe oder Muster. Dort habe ich auch die große Bedeutung hervorgehoben, die dieser Übergang für die Entfaltung des Wirtschaftslebens gehabt hat, habe dargetan, wie durch die neuen Handelsformen dieses sein dynamisches Gepräge erhält, oder richtiger, wie diese dazu verhelfen, daß die durch die Kreditwirtschaft und den Expansionsdrang des Kapitals erzeugten Ausdehnungskräfte sich entfalten können. Ich muß den Leser bitten, die wichtigen Ausführungen, die ich dort gemacht habe, sich wieder zu vergegenwärtigen. Denn hier muß ich mich mit der Feststellung begnügen, daß diese neue Handelsform, die am Ende der frühkapitalistischen Epoche sich auszubilden anfängt, der Fernkauf, diejenige ist, die während der Periode des Hochkapitalismus fast zur Alleinherrschaft gelangt. (Bis auf wenige unbedeutende Reste, wie den Juwelenhandel, den Rauchwarenhandel, den [für die Grenznutzenlehre so notwendigen] Pferdehandel u. e. a., verschwindet der Handkauf völlig.) Eine Begleiterscheinung des Fernkaufs ist, wie wir ebenfalls schon wissen, der Geschäftsreisende, an dessen Vermehrung wir die Ausweitung des Lieferungshandels ermessen können. Es gab Geschäftsreisende : in Preußen .... . . . 1896 27334 1910 68689 in Bayern. . . . 1884/88 7125 1906/10 25656 in der Schweiz . . . . . . 1904 31417 1910 35028 In den letzten Jahrzehnten hat eine Bewegung eingesetzt zur Beseitigung des Geschäftsreisenden, der zu teuer wurde. Eine der wichtigsten Erscheinungsformen dieser Bewegung sind die rasch in Aufnahme gekommenen Mustermessen, die nicht zu verwechseln sind mit den alten Partiemessen. Diese waren eine Form der Handelsorganisation, die dem Handverkauf ebenso entsprach, wie die Mustermessen ein Glied in der Organisation des Fernkaufs sind. Daß der Fernkauf die beliebte Form des Warenhandels geworden ist, ist angesichts der Vorteile, die er dem kapitalistischen Unternehmer bietet, nicht verwunderlich. Diese Vorteile sind vornehmlich folgende: (1.) die Beschleunigung des Kapitalumschlags, (2.) die Verringerung der Spesen, (3.) die Verkleinerung des Risikos. 42 * 662 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte Diese Vorteile — oder richtiger: die Nachteile des alten Handkaufs — machten sich um so fühlbarer, je mehr der Warenumsatz sein neuzeitliches Gepräge annahm, das heißt: (1.) der Umfang der gehandelten Waren zunahm; (2.) die Entfernung zwischen Erzeugungsort und Verwendungsort wuchs; (3.) der spezifische Wert der umgesetzten Waren sank. Ermöglicht aber wurde die Verallgemeinerung des Fernkaufs durch die Vervollkommnung, die die Produktions- und Transporttechnik, sowie die Verkehrsorganisation im 19. Jahrhundert erfahren haben. Dadurch wurde eine Reihe von Bedingungen erfüllt, ohne die der Fernkauf gar nicht oder nur schwer ausführbar ist. Diese Bedingungen sind folgende: (1.) die Übersichtlichkeit des Marktes: siehe das ganze vorigeKapitel; (2.) die Leichtigkeit der Verständigung: briefliche, telegraphische, telephonische Beorderung; Versendung von Proben, Geschäftsanzeigen, Katalogen usw.; (3.) die Sicherheit der Ausführung in der Produktion: nach Menge, Beschaffenheit, Zeit; (4.) die Sicherheit der Ausführung im Transport: Exaktheit der Fahrten; Leichtigkeit des Versands von Stückgütern, von Paketen usw.; (5.) die Sicherheit der Kalkulation für Produktion und Transport; (6.) die Massenhaftigkeit der Waren: Ermöglichung des (subjektiven) Blankoverkaufs u. dgl. m. Nun bleibt aber der Prozeß der Versachlichung, dem die Handelsgeschäftsformen unterliegen, beim Fernkauf, wie wir ihn bisher kennen gelernt haben, nicht stehen; die Entwicklung schreitet fort, die Versachlichung wird vollständig durch eine Reihe von Neubildungen, die wir nunmehr noch kennen lernen müssen. Diese sind: 1. Das generelle Lieferungsgeschäft. Dieses entsteht aus dem individuellen Lieferungsgeschäft durch Verwandlung der Proben in Typen oder Standards. Während die Probe eine bestimmte Warenpartie vertreten hatte, vertritt die Type eine Gattung gleichförmiger Waren, deren einzelne Stücke oder Mengen untereinander vertretbar sind. Solche gleichförmigen Waren sind die meisten Rohstoffe und zahlreiche Halbfabrikate des Welthandels geworden, deren Gattungseigenschaften nunmehr durch Interessengruppen („Börsen“: siehe oben Seite 643) oder durch den Handelsgebrauch festgestellt und in den Gattungsproben (Typen) ausgedrückt werden können. Einundvierzigstes Kapitel: Die Versachlichung der Geschäftsformen 663 Die Typen oder Standards werden unter verschiedenen Gesichtspunkten gebildet: der mechanischen oder chemischen Beschaffenheit des Gegenstandes. Sie bestehen für Baumwolle, Wolle (zum Teil), Petroleum, Kaffee, Zucker, Getreide (zum Teil), Öle, Hölzer, Kupfer, Bisen, Träger, Profileisen, bestimmte Garnnummern u. a. Mit Hilfe der Typen werden nun die Handelsgeschäfte nicht mehr über bestimmte, individuelle Warenpartien, sondern über vertretbare Warenmengen (Stückzahlen) abgeschlossen. Ein Gegenstück zur Type im Rohstoff- und Stufenfabrikathandel bildet im Handel mit Fertigfabrikaten der Markenartikel, der in immer mehr Produktionszweigen sich einbiirgert. Beispiele: Seife, Drogen, Parfümerien; pharmazeutische Artikel; Stiefel, Hüte; Fahrräder, Automobile; Zigaretten; Kakes, Schokolade, Tee, Extrakte, Liköre, Mineralwasser. Siehe das im nächsten Kapitel darüber Gesagte. Auf Standardisierung der Waren zielen auch die in neuerer Zeit gegründeten Organisationen zur Aufstellung einheitlicher Lieferbedingungen ab, wie der deutsche Reichsausschuß für Lieferbedingungen (RAL) u. a., die uns bereits begegnet sind (siehe oben Seite 632 ff.) und in der Lehre vom Betriebe uns noch einmal begegnen werden. Die Vorteile des generellen Lieferungsgeschäfts, wo es möglich ist, liegen auf der Hand. Der Probenversand wird überflüssig, ebenso die Verhandlung über die Beschaffenheit der Ware; dadurch erfährt der Warenumsatz die erwünschte Verbilligung und Beschleunigung. Möglich aber ist es, wo hinreichend große Massen gleichförmiger Güter in den Handel kommen, auf deren Entstehung, wie wir wissen, verschiedene Kräfte in unserer Zeit hingearbeitet haben. Wird mit der Einbürgerung des generellen Lieferungsgeschäfts das freie Ermessen der vertragschließenden Parteien hinsichtlich der Bestimmung der Qualität der Waren ausgeschaltet, so findet eine noch weitere Beschränkung der Vertragsfreiheit statt durch 2. die Typisierung der Vertragsbedingungen. Zunächst werden die Kaufverträge immer mehr nach einheitlichen, von den verschiedenen „Börsen“ aufgestellten Kontraktformularen abgeschlossen — so namentlich im internationalen Verkehr. Sodann werden die Bedingungen, unter denen die Lieferung zu erfolgen hat, immer mehr vereinheitlicht und stereotypiert: CF (Cost-Fright), Cif (Cost- Insurance-Freight), FOB (Free on Board) sind die bekannten Formeln. Endlich werden auch die Transportverträge demselben Vorgang der Schematisierung unterworfen und einheitliche Durchfrachtbriefe für (564 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d, Geschichte Stückgüter oder einheitliche Durchfrachtkonossemente für Massengüter ausgegeben. Damit gelangt die Ware mit einer einzigen Frachturkunde zu einem feststehenden Satze aus dem Innern des Produktionslandes über Land und See und Fluß bis an den Bestimmungsort. Wiederum sind die Vorteile, die diese Typisierung der Vertragsbedingungen dem Unternehmer bietet, augenscheinlich: Vereinfachung, Vereinheitlichung, dadurch Verbilligung, Beschleunigung des Kapitalumschlags und — vor allem — Ermöglichung einer sicheren Kalkulation. Man bedenke, von wieviel Scherereien und Ungewißheiten allein die Cif-Klausel, mittels der der Preis einschließlich der Kosten für Verladung, Seefracht und Versicherung frei im Ankunftshafen in einer sicheren Währung festgesetzt wird, den Besteller befreit! Er braucht sich nicht um die Frachtkosten zu Wasser und Lande, nicht um die ihm unbekannten Quaispesen und Speditionsgebühren, nicht um die Schwankungen der fremden Valuta zu kümmern. Die höchste Stufe der Versachlichung stellt dar: 3. Das Termingeschäft im engeren Sinne, worunter wir verstehen ein börsenusancemäßiges Lieferungsgeschäft, bei dem dem Belieben der Vertragschließenden entzogen sind: die Bestimmungen über Quantität, die nur in bestimmten Mengen und deren Vielfachen (,,Schluß“) festgesetzt werden kann, über Qualität, die durch bestimmte Typen („Terminware“) dargestellt wird und über Lieferzeit, die nur der Monat (frühestens der erste, spätestens der letzte Tag des Monats) sein kann. Wieweit der Terminhandel dem effektiven Handel dient, und ob er eine und, wenn ja, welche Funktion er im Organismus der kapitalistischen Wirtschaft erfüllt, ist eine vielerörterte und bis heute noch nicht einwandfrei beantwortete Frage. Sicher ist, daß seine Bedeutung darin besteht, die „Spekulation“ zu ermöglichen, das heißt hier dasjenige Geschäft, das nicht abgeschlossen wird, um die Ware „effektiv“ zu kaufen, sondern nur, um an der Preisdifferenz zu gewinnen. Mit dieser Feststellung ist aber noch nicht allzuviel gewonnen. Denn es fragt sich nun weiter, ob die Spekulation eine Funktion zu erfüllen hat und im Bejahungsfälle welche. Sicher ist wohl dieses, daß die Spekulation (in Waren und auch in Effekten) zu einem sehr beträchtlichen Teile keine wirtschaftlich- produktive Funktion erfüllt, sondern ausschließlich dem Spieltrieb Genüge tut. Aber ebenso unbestreitbar scheint mir die Tatsache zu sein, daß ein anderer Teil der Spekulationsgeschäfte — wenigstens an Einundvierzigstes Kapitel: Die Versachlichung der Geschäftsformen 665 der Warenbörse — diese Funktion erfüllt. Das Termingeschäft dient einerseits dem Zwecke, den Produzenten oder Händler gegen das Risiko der Preisverschiebungen zu versichern. Andererseits übt es eine starke Anziehung auf den effektiven Handel aus, wodurch die Umsätze an dem Platze der Terminbörse vermehrt und dadurch der Kapitalumschlag beschleunigt wird. Diese zweite Wirkung des Terminhandels würde allerdings nur eine Verschiebung der Chancen zwischen zwei Plätzen bedeuten. Immerhin aber läßt sich denken, daß durch die Zusammenballung des Handels an wenigen Punkten Vorteile für diesen erwachsen, die auch dem Kapitalismus als Ganzem zugute kommen. Drittens aber befördert der Terminhandel zweifellos die Ausgleichung der Preise. Wieviel von den ungeheuren Umsätzen an den Warenterminbörsen — an der Chikagoer Getreidebörse wird der mehrhundertfache Betrag der Zufuhr, der mehrdutzendfache Betrag der gesamten Ernte umgesetzt — Spiel sind, wieviel von soliden Unternehmern für den oben angedeuteten Zweck gemacht werden, wird sich ebensowenig feststellen lassen, wie der Anteil, den das Vorhandensein einer Terminbörse an dem effektiven Umsätze des Platzes hat. Eher schon läßt sich die preisausgleichende Wirkung des Terminhandels ziffernmässig erfassen (siehe unten Seite 678f.). 666 Zweiundvierzigstes Kapitel Die Rationalisierung der Preisbildung Die Rationalisierung der Preisbildung beginnt ebenfalls schon im Zeitalter des Frühkapitalismus. Deshalb habe ich mich mit ihr bereits beschäftigt und bitte den Leser, das fünfzehnte Kapitel des zweiten Bandes zu wiederholen. Besonders deutlich tritt gerade hier der Doppelsinn des Wortes „Kationalisierung“, auf den ich seinerzeit aufmerksam gemacht habe, nämlich die (subjektive) Absicht, zu rationalisieren, und die (objektive) Verwirklichung rationeller Grundsätze zutage. Die Preisbildung folgt einerseits dem allgemeinen „Zuge der Zeit“ nach höchstmöglicher ökonomischer Zweckmäßigkeit, erfolgt immer mehr unter rein ökonomischen Gesichtspunkten und sucht sich deshalb von allen außerökonomischen Bestimmungsgründen, Überlieferung, Gefühlsmäßigkeit, Moral und Religion, die noch die ganze frühkapitalistische Epoche hindurch maßgebend gewesen waren, freizumachen. Aus diesem Streben nach höchst rationaler Gestaltung ergeben sich dann andererseits jene Tendenzen der Preisgestaltung, die wir als den Sachinhalt der Rationalisierung bereits kennen: die Tendenz zur Mechanisierung, die Tendenz zur Schematisierung, die man vielleicht besser als Tendenz zur Fixierung oder Objektivierung bezeichnen könnte, und — vor allem — die Tendenz zur Nivellierung (Ausgleichung), die wiederum eine persönliche, eine räumliche und eine zeitliche Ausgleichung sein kann. Alles in allem bedeutet auch hier Rationalisierung soviel wie Versachlichung. Da sich jedoch die Rationalisierung der Preise (in ihrem doppelten Verstände) auf den drei verschiedenen Märkten verschieden äußert, so werde ich sie im Folgenden getrennt auf den einzelnen Märkten verfolgen. 1. Auf dem Kapitalmärkte 1. Das neunzehnte Jahrhundert beseitigt alle Rücksichten, die bis zum Ende der frühkapitalistischen Epoche bei der Preisbildung auf außerökonomische Mächte genommen waren. Die Zinsbeschränkungen fallen sämtlich fort. Das „ökonomische Gesetz“, wie man dummerweise sagt, herrscht allem. Zweiundvierzigstes Kapitel: Die Rationalisierung der Preisbildung 667 2. Auf bestimmten Gebieten des Kapitalmarktes, denjenigen, auf denen vertretbare Werte gebandelt werden, das heißt solche, bei denen sich die Unterhandlung auf den Preis beschränken kann (Geldsorten; Aktien, Obligationen einer Unternehmung; von den Wechseln solche von „Prima“-Akzeptanten: Banken und allerersten Industriefirmen), gelangt die Mechanisierung der Preisbildung zur höchsten Vollendung im sogenannten Börsenpreise. Der Börsenpreis entsteht — gleichsam automatisch — aus zahlreichen individuellen Preismeinungen, die sofort, sobald sie „getätigt“ sind, bekannt werden und sich gegenseitig beeinflussen, in denen sich der Einfluß vergangener, gegenwärtiger und zukünftiger Umstände niederschlägt, und die sich zu einer Art von Durchschnittspreis verdichten, einen Preis, den keiner (und jeder) bestimmt hat und einen Preis, der sich dem „richtigen“, das heißt dem der Marktlage entsprechenden Preise nach Möglichkeit annähert. Dieser Durchschnittspreis wird festgehalten, herausgehoben, gleichsam objektiviert und tritt als ein selbständiger Preis in die Erscheinung durch eine — ebenfalls meist automatisch durch die Makler erfolgende — „Notierung“. Als solcher bekannter, notierter Börsenpreis tritt der Preis jedem Vertragschließenden bestimmend entgegen; er beherrscht nunmehr den Markt. Die überindividuelle Preisfestsetzung wird für den einzelnen verbindlich; der Preis steht am Anfang der Verhandlung, während ehedem der persönliche Preis deren Abschluß gebildet hatte. 3. Eine Ausgleichung (Nivellierung) der Preise findet zunächst in persönlicher Hinsicht statt, sofern einerseits die Zahl der vertretbaren Werte zunimmt (Effektifizierung!), andererseits auch dort, wo Einzelfälle der Kreditgewährung vorliegen, diese schematischer beurteilt und klassifiziert werden können dank der Ausgleichung der Bedingungen, unter denen die einzelnen Unternehmungen arbeiten (Banken! Aktiengesellschaften!). Räumlich erfolgt eine weitgehende Ausgleichung der Preise aller börsenmäßig gehandelten Werte durch die Arbitrage, das heißt „diejenige Handelstätigkeit, die aus den Preisunterschieden der gleichen Börsenwerte an verschiedenen Plätzen Nutzen zu ziehen sucht“. I)ie Arbitrage ist dank der modernen Verkehrstechnik und Verkehrsorganisation — die einzelnen Börsen sind durch eigene Telephonleitungen während der Börsenzeiten untereinander verbunden — zu einem außerordentlich vollkommenen Werkzeug der Ausgleichung ge- 6ß8 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte worden. Aber auch die Preise für andere Werte gleichen sich räumlich in dem Maße aus, als der Umfang der „offenen“ Märkte sich ausweitet (siehe das 40. Kapitel). In zeitlicher Hinsicht findet eine Ausgleichung der Preise auf dem (Geld- und) Kapitalmarkt in mehrfacher Hinsicht statt. Zunächst übt der Diskontosatz, den die Zentralnotenbanken aufstellen, einen beträchtlichen Einfluß auf die Preisbildung auf dem gesamten Kapitalmärkte aus, die um so gleichmäßiger verläuft, je seltener sich jener Diskontsatz ändert. Es ist nun aber ein Kennzeichen der neuzeitlichen Entwicklung, daß der Bankdiskont für längere Zeiträume unverändert bleibt oder nur geringfügige Änderungen erfährt. Die Bewegung der Diskontsätze der wichtigsten Notenbanken während der letzten 20 Jahre vor dem Kriege drückt sich in folgenden Ziffern aus: Jahr Deutsche Reichsbank Bank von England Bank von Frankreich Durchschnitt Disko höchster ntsatz niedrigster Durchschnitt Disko höchster ntsatz niedrigster Durchschnitt Disko höchster ntsatz niedrigster 1894 3,12 5 3 2,11 3 2 2Va 2Va 2 1/2 1895 3,14 4 3 2 2 2 2,10 2 1 /a 2 1896 3,66 5 3 2,48 4 2 2 2 2 1897 3,81 5 3 2,64 4 2 3 2 2 1898 4,27 6 3 3,25 4 2Va 2,20 2 2 1899 5,04 7 4 3,75 6 3 3,06 4’/a 3 1900 5,33 7 5 3,96 6 3 3,25 4'/a 3 1901 4,10 5 3Va 3,72 5 3 3 3 3 1902 3,32 4 3 3,33 4 3 3 3 3 1903 3,84 4 3'/a 3,75 4 3 3 3 3 1904 4,22 5 4 3,30 4 3 3 3 3 1905 3,82 6 3 3,01 4 2Va 3 3 3 1906 5,15 7 4'/2 4,27 6 3Va 3 3 3 1907 6,03 7Vs 5Va 4,93 7 4 3,46 4 3 1908 4,76 7Va 4 3,01 7 2Va 3,04 4 3 1909 3,93 5 3Va 3,10 5 2'/2 3 3 3 1910 4,35 5 4 3,72 5 3 3 3 3 1911 4,40 5 4 3,47 4Va 3 3,14 3Va 3 1912 4,95 6 4'/2 3,77 5 3 3,38 4 3 1913 5,88 6 5 4,77 5 4 V 2 4 4 4 Stat. Jahrb. verschiedener Jahrgänge. Sodann hat das Verhalten der Unternehmer selbst dazu beigetragen, die Preisbildung auf dem Kapitalmärkte auszugleichen, sofern man zu dieser die Dividendenfestsetzung rechnen will. Diese nämlich ist zweifellos seit einem Menschenalter — etwa seit dem Anfang der 1880er Jahre — eine stetigere geworden; die großen Sprünge, die früher beliebt waren — die Dividenden der einen Bank beispielsweise schwankten von einem Jahre zum andern zwischen 15 und 78% —, sind verschwunden; die Dividenden einer Unternehmung sind gleichmäßiger Zweiundvierzigstes Kapitel: Die Rationalisierung der Preisbildung 669 über eine Reibe von Jabren verteilt. Das gilt namentlich von den Banken, die diese Politik der stabilen Dividenden zuerst getrieben haben: die Deutsche Bank, die Österreichische Boden-Kreditanstalt, der Credit Lyonnais, die belgische Societe generale voran, und bei denen sie am strengsten durch geführt wird. Der Rückgang einer Bankdividende galt vor dem Kriege geradezu als unliebsam. Die Dividenden der Deutschen Bank schwanken in den Jahren von 1880 bis 1912 zwischen 8 (zweimal) und 12%%, von 1895 bis 1902 zwischen 10 und 12%, von 1899 bis 1903 betragen sie 11 %, von 1904 bis 1908 12%, von 1909 bis 1912 12%%. Diejenigen der Dresdener Bank betrugen zwischen 1903 und 1912 in je 2 Jahren 7 und 7%%, in 6 Jahren 8%%. Von 1891 bis 1912 schwankten die Dividenden von London Joint Stock Bank zwischen 9 und 12%%, von London and County Bank zwischen 20 und 22%, von London City and Midland Bank zwischen 15 und 18%%; von Barclay & Co. wurden von 1902 bis 1909 stets 15%, von 1910 bis 1912 12%% Dividende verteilt. Nach Ad. Weher, Depositenbanken usw. 3. Aufl., 1922. Die Industrieunternehmungen sind gefolgt, zum Teil unter dem Einfluß der Kartellbildung. Was die Gesellschaften befähigte, diese Politik zu treiben, war die bessere Verteilung der Gewinne und Verluste. Man hat mit Recht gesagt, daß jetzt nicht mehr das Gewinn- und Verlustkonto die Dividende bestimmt, sondern erst die Dividende von den Direktoren festgesetzt und danach das zu veröffentlichende Gewinn- und Verlustkonto angelegt wird. Daß dieses durch stille und offene Rücklagen bzw. deren Hereinnahme, durch Vermehrungen der Gewinne aus einmaligen Geschäften, namentlich Konsortial- und Effektentransaktionen, durch verschieden starke Abschreibungen auf das fixe Kapital, durch verschieden hohe Bewertung von Effekten und Lägern u. a. nach Belieben gestaltet werden kann, weiß man. Worauf es ankam, war nur der Entschluß der Unternehmer, die Politik Josefs am Hofe des Pharao zu befolgen: in den fetten Jahren zurückzulegen, um in den mageren darauflegen zu können. Ich führe noch das Urteil eines Leiters der großen amerikanischen Trusts an, um zu zeigen, daß auch in diesem „wilden“ Lande heute die Unternehmer dieselben „soliden“ Ansichten zu bekommen anfangen wie in Europa. „Es ist die gegenwärtige Politik dieser Gesellschaft, einen gleichmäßigen Dividendensatz aufrechtzuerhalten, der nach Ansicht des Aufsichtsrats dauernd aufrechterhalten werden kann. Wenn in irgendeinem Jahre der Reingewinn die Erfordernisse für die Dividende überschreitet, wird der Überschuß an die Reserven ab- (370 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte geführt. Wenn der laufende Reingewinn geringer ist als die Erfordernisse an die Dividende, zahlen wir die Dividenden anstandslos aus früher verdienten Überschüssen in dem Glauben, daß der geringere Gewinn in einem einzelnen Jahre vorübergebend ist. Das Ergebnis ist, daß es keine heftigen Schwankungen in dem Marktwert unserer Aktien gibt . . .“ R. S. Brookings, 1. c. pag. 15. Die Dividendenstatistik der amerikanischen Bank- und Industrieunternehmungen weist dem auch neben großen fortgesetzten Schwankungen eine wachsende Anzahl von Betrieben auf, die ihre Dividendensätze sehr stark ausgeglichen haben. Die Bevorzugung des Vorzugsaktiensystems unterstützt die Nivellierungstendenz natürlich sehr erheblich. Vgl. auch das 44. Kapitel. II. Auf dem Arbeitsmarkte 1. Der Arbeitslohn hat von allen Preisen am längsten gebraucht, um zu einem rein ökonomisch-rationalen Gebilde zu werden. Entsprechend der Wesenheit des Arbeitsverhältnisses, über die ich im vorigen Kapitel gehandelt habe, war der Arbeitslohn in vorkapitalistischer und großenteils noch in frühkapitalistischer Zeit stark durch außerökonomische Mächte, durch Gesetz (Lohntaxen!) oder Sitte, bestimmt. Die Idee des „gerechten Arbeitslohnes“ hatte ihre Wirksamkeit noch nicht völlig verloren. Sofern aber wirtschaftliche Gesichtspunkte maßgebend waren, entschied über die Höhe des Arbeitslohnes im wesentlichen das Nahrungsideal, die Idee des standesgemäßen Unterhalts. Das heißt, die Höhe des Lohnes wurde bestimmt durch den terminus a quo; der Lohn war, wie ich es nenne, Unterhaltslohn. Was die für den Unternehmer sehr wichtige (und sehr mißliche) Folge hatte, daß der Arbeiter dann zu arbeiten aufhörte, wem er genug hatte. Mit der Natur des Arbeitsverhältnisses wandelt sich auch — wem auch nicht so rasch — die Auffassmg vom Sinne des Arbeitslohnes. Wie die Abmachungen zwischen Arbeitgeber md Arbeitnehmer zu einer reinen Marktangelegenheit werden, so wird nm auch der Arbeitslohn je mehr md mehr zu einem reinen Marktpreis für die „Ware“ Arbeitskraft, der mter dem Einfluß der Erwerbsidee festgesetzt wird; der Arbeiter will so teuer wie möglich verkaufen, der Unternehmer so billig wie möglich kaufen. In dem Maße, wie diese Anschaumgen obsiegen, wird es gleichgültig, was der Arbeiter zum standesgemäßen Lebensunterhalt braucht md entscheidet allein, was er dem Unternehmer „trägt“; der Arbeitslohn wird durch den terminus ad quem bestimmt, er wird Leistungslohn. Zweiundvierzigstes Kapitel: Die Rationalisierung der Preisbildung (371 Diese Wandlung vom Unterhalts- zum Leistungslohn — gegen die erst im letzten Menschenalter von der Arbeiterseite eine Gegenbewegung ins Leben gerufen ist unter dem Schlachtruf: „living wages!“ — ist einer der bedeutsamsten Vorgänge des 19. Jahrhunderts. Sie mußte sich mit Notwendigkeit vollziehen, wenn der Kapitalismus zur Entfaltung kommen sollte und hat als weitere Früchte die Herausarbeitung bestimmter Lohnformen gezeitigt, deren der Kapitalismus z um Zwecke eines reibungslosen Funktionierens seines Mechanismus bedurfte. Vor allem ist hier die Ersetzung des Zeitlohnes durch den Akkord- oder Stücklohn zu erwähnen, durch die die Rationalisierung der Preisbildung auf dem Arbeitsmarkte eine wesentliche Steigerung erfährt. Die Gründe für die Rationalität des Akkordlohnes hat schon Marx ausführlich dargetan. Sie liegen vornehmlich in folgenden Eigenarten des Stücklohnes: 1. „Die Qualität der Arbeit ist hier durch das Werk selbst kontrolliert, das die durchschnittliche Güte besitzen muß, soll der Stückzins voll bezahlt werden;“ 2. „er bietet dem Kapitalisten ein ganz bestimmtes Maß für die Intensität der Arbeit. Nur Arbeitszeit, die sich in einem vorher bestimmten und erfahrungsmäßig festgesetzten Warenquantum verkörpert, gilt als gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit und wird als solche bezahlt;“ 37 „der Arbeiter hat ein Interesse an der Steigerung seiner Arbeitsintensität; daher ist auch keine Aufsicht mehr nötig.“ (Marx, Kapital l 4 , 515ff.) Vgl. im übrigen das 48. Kapitel. 2. Eine Schematisierung der Preisbildung auf dem Arbeitsmarkte bedeutete die Einführung des Tariflohnes, der sich als eine selbstverständliche Folge der Tarifverträge ergab. Die Preisbildung ist nun nicht mehr das Ergebnis individueller Abmachungen, sondern kommt zustande, ohne daß der einzelne Unternehmer oder Arbeiter dabei anders mitzusprechen hat als durch den Mund seiner Vertreter. Der so festgestellte Arbeitslohn bestimmt aber seinerseits die Höhe desjenigen Preises, der in dem einzelnen Arbeitsvertrage vereinbart wird. 3. Eine Nivellierung des Arbeitslohnes findet — unter persönlichem Gesichtspunkte — statt, wenn die einzelnen Leistungen nicht mehr verschieden gelohnt werden. Solche Nivellierung enthält zwar keinerlei kapitalistisch-rationellen Sinn, sondern wird dem Unternehmer durch die — irrationale — Politik der Arbeiterorganisationen aufgedrängt, soweit es sich um die Ausgleichung der Löhne zwischen verschieden- 672 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte wertigen Arbeiterkategorien bandelt. Sie bedeutet aber eine große Förderung der kapitalistischen Interessen, wo sie sich auf die Ausgleichung der Lohnsätze innerhalb derselben Aibeitsart bezieht; hier wird der einzelne Arbeiter durch sie vertretbar gemacht. Ebenso kommen dem Kapitalismus zugute die Ausgleichungen, die der Arbeitslohn in räumlicher wie zeitlicher Hinsicht erfährt. Räumlich findet eine Nivellierung statt durch die Entwicklung der Arbeitsnachweise, den Austausch der Arbeiter, die Wanderungen usw. Zeitlich wiederum durch die Einführung der Tarifverträge, sofern durch diese die Lohnsätze immerhin für einige Zeit gebunden werden. Auch die Lohnpolitik der Gewerkschaften sorgt für eine gleichmäßigere Gestaltung der Löhne über einen längeren Zeitraum und wirkt ganz ähnlich wie die Preispolitik der Kartelle auf die Warenpreise. Beispielsmäßig betrugen nach der amtlichen Statistik die Arbeitslöhne für Bergarbeiter im Oberbergamtsbezirk Dortmund auf eine Schicht durchschnittlich in Mark: 1871 . 3,00 1901 4,98 1872 . 4,50 1902 4,57 1873 . 5,00 1903 4,64 1874 . 4,00 1904 4,78 1875 . 3,80 1905 4,84 1876 . 3,00 1906 5,29 1877 . 2,56 1907 5,98 1878 . 2,66 1908 5,86 1879 . 2,55 1909 5,33 1880 . 2,70 1910 5,37 Im ersten Jahrzehnt verhält sich der höchste zum niedrigsten Jahresdurchschnittslohn wie 100 zu 196,5, im zweiten wie 100 zu 130,8. III. Auf dem Warenmärkte 1. Auch für die vertretbaren Waren bildet sich ein Börsenpreis; die Mechanisierung der Preisbildung vollzieht sich hier also in derselben Weise, wie wir es bei der Preisbildung auf dem Kapitalmarkt beobachtet haben. 2. Von großer Bedeutung für die Bildung der Warenpreise ist ihre Festsetzung außerhalb des Vorganges des einzelnen Kaufes, jener Prozeß, den ich die Schematisierung, Fixierung oder Objektivierung der Preise nannte, den ich bei einer besonderen Gelegenheit einmal auch als Taxametrisierung bezeichnet habe, obwohl keines der Worte völlig dem Sinne gerecht wird. Die entscheidende Tatsache, um die es sich handelt, ist, wie ich schon sagte, die, daß der Preis bereits feststeht, wenn der Kaufvertrag abgeschlossen ist, und zwar un- Zweinndvierzigstes Kapitel: Die Rationalisierung der Preisbildung 673 veränderlich feststellt, so daß irgendwelche Preisvereinbarungen oder Preisverabredungen ausgeschlossen sind. Das ist nun überall dort der Fall, wo der Unternehmer einseitig den Preis festsetzt und nicht „mit sich handeln läßt“. Also, man kann sagen, heute fast durchgängig im Verkehr zwischen Geschäftsleuten und im Verkehr mit letzten Konsumenten, wo „feste Preise“ bestehen, die der Detailhändler bestimmt, oder wo „Markenartikel“ verkauft werden, deren Preise über den Kopf des Detaillisten hinweg der Produzent vorschreibt. Die „festen Preise“ im Geschäftsverkehr sind wohl eine Folgeerscheinung des Fernkaufes, während sie im Detailhandel sich selbständig im Laufe des 19. Jahrhunderts durchgesetzt haben. Uber ihre vermutlichen Anfänge gegen das Ende des 18. Jahrhunderts habe ich im zweiten Bande berichtet. Sie bürgern sich dann langsam, scheinbar zuerst in England, ein und werden während des letzten Menschenalters, nicht zuletzt unter dem Einfluß der Warenhäuser, eine fast allgemeine Einrichtung. In den früheren Auflagen des Roscherschen Lehrbuchs (Bd. I, § 115) findet sich noch folgende Bemerkung: „Im heutigen England ist die Sitte weit verbreitet, daß die Kleinhändler auf jede Ware den Preis schreiben. Über die Schnelligkeit und Wortkargheit der Preisverhandlungen im dortigen Großverkehr, wo man nicht einmal mehr grüßt („Entpersönlichung!“ W. S.), siehe C. G. Simon, Observations recueillies en Angleterre. 1 (1835), 129 f.“ Einen weiteren Schritt der Entfernung der Preisbildung aus dem Bereiche der Vertragschließenden bedeutet die Festsetzung eines Preises seitens eines Verbandes von Unternehmern; der Verbandpreis wird nicht nur über die Köpfe der Käufer, sondern auch über die Köpfe der (einzelnen) Verkäufer hinweg bestimmt. Hierher gehört dann auch der Tarif, das ist die Festsetzung eines Preises für eine gegebenenfalls später auszuführende Leistung. Der Tarif hat, aus naheliegenden Gründen, sein hauptsächlichstes Anwendungsgebiet in den Transportgewerben, gewinnt aber auch für die Erzeugung von Gütern immer mehr an Bedeutung. Man denke an die Versorgung mit Wasser, Elektrizität, Gas in den Großstädten, an die Preisbildung bei Badeanstalten, Wäschereien, Theatern, Ausstellungen. An der Entwicklung des Tarifwesens können wir am deutlichsten den Sinn und die Bedeutung dieser Bewegung zur Schematisierung der Preisbildung erkennen. Wir begreifen, daß das Bedürfnis nach Vereinfachung und Abkürzung der Vertragschließung sie erzeugt hat. In manchen Fällen hat die bloße Vergrößerung der einzelnen Pro- 674 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte duktions oder Transportbetriebe sie erzwungen; eine Eisenbahn, eine Post, ein Warenhaus, ein Fordwerk, eine Gasanstalt können gar nicht anders als mittels dieser Schematisierung der Preisbildung bestehen. Diese trat deshalb teilweise mit dem Beginne des Betriebes automatisch in Kraft, teilweise wuchs sie aus diesem hervor, in dem Maße, wie er sich ausdehnte. Teilweise mußte erst eine ganze Reihe von Bedingungen erfüllt werden, damit die Preisbildung schematisiert werde, damit insbesondere der Tarif entstehen konnte. Wir besitzen eine besonders gehaltvolle Untersuchung über die Geschichte des Seefrachttarif Wesens, in der diese Entwicklung vorzüglich dargestellt ist. Danach geht die Schematisierung des Seefrachtwesens auf folgende Gründe zurück: 1. das Aufkommen vertretbarer Beförderungsleistungen, also die „Versachlichung“ der Transportbedingungen. Früher war alles beim Schiffsverkehr individuell verschieden: die Bauart des Schiffes, der Grad seiner Seetüchtigkeit, die Vertrauenswürdigkeit des Kapitäns und der Mannschaft. Erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, insbesondere durch die Entwicklung der Schiffsbautechnik kommt Einheitlichkeit in diese Dinge; 2. das Aufkommen eines regelmäßigen, aus großen Mengen von Einzelsendungen bestehenden Güterverkehrs sowie des Personenverkehrs; 3. das Aufkommen der Linienschiffahrt. Diese selbst, deren Anfänge in das 17. Jahrhundert fallen (wie ich das im zweiten Bande nachgewiesen habe), bleibt bis in die 1860er Jahre sehr unbedeutend und auf wenige europäische Häfen, London, Liverpool, Le Havre, Antwerpen, Rotterdam, Amsterdam, Bremen, Hamburg, beschränkt. Sie dehnt sich aus in dem Maße, wie sich folgende Bedingungen erfüllen: a) Entwicklung des Stückgutverkehrs, b) Ausdehnung des Personenverkehrs, c) Ersetzung des Seglers durch den Dampfer, der allein die Gewähr der Pünktlichkeit bietet. Kartellierung und Vertrustung helfen nach. Erst mit dem Vordringen des Tarifs auch im Seeverkehr oder, wie die Engländer sehr bezeichnend sagen, des Systems of uniform rates, das an die Stelle der „freien Preisbildung“ tritt (die noch heute beim Chartern ganzer Schiffe die Regel bildet), wird den Anforderungen der Beteiligten Genüge getan; es werden herbeigeführt gleichmäßige Behandlung, Öffentlichkeit, Stetigkeit, Einfachheit, Klarheit, Übersichtlichkeit, Wohlfeilheit. Vor allem bietet der feste Tarif die Vorteile der genauen Kalkulation und des Abschlusses von Verträgen auf lange Zeit. Kurt Giese, a. a. 0. Seite 44ff, 108, 114f., 130ff. 3. Die Nivellierung (Ausgleichung) der Warenpreise ist ebenfalls in weitem Umfange während der hochkapitalistischen Periode nach allen drei Seiten hin, nach denen sie eintreten kann, vollzogen worden. a) In persönlicher Hinsicht gelten besondere Umstände weder mehr beim Produzenten (Verkäufer) noch beim Kunden (Käufer). Zweiund vierzigstes Kapitel: Die Rationalisierung der Preisbildung 675 Ehedem, kann man sagen, war jeder Verkaufspreis mitbestimmt durch die individuellen Produktionsbedingungen, unter denen der Gegenstand hergestellt war: besondere Wertschätzung, besondere Geschicklichkeit, besondere Transportbedingungen usw. kamen in dem Preise zur Anerkennung. Davon ist immer weniger die Rede gewesen. Nunmehr hat sich der Begriff der „gesellschaftlich notwendigen“ Produktionskosten als vornehmlich bestimmender Faktor durchgesetzt: die Preisbildung erfolgt in wachsender Annäherung an das (rationale) Schema der Preisgesetze. Ebensowenig bestimmen mehr die persönlichen Bedingungen des Käufers den Preis, wie es ehedem der Fall war, als der Verkäufer im Laden verschiedene Preise machte, je nachdem er einen Armen oder einen Reichen, einen Fremden oder einen bekannten „Kunden“ vor sich hatte. Auf diese Ausgleichung der Verkaufspreise dem Käufer gegenüber drängt schon die Schematisierung der Preise hin, von der vorher die Rede war. b) Der räumliche Ausgleich der Warenpreise ist selbst für Bodenerzeugnisse erfolgt, die infolge der Verschiedenheit der Ernten ehedem beträchtliche Unterschiede von Ort zu Ort aufwiesen. Die Differenz des Getreidepreises zwischen der Provinz Preußen und der Provinz Westfalen betrug im Durchschnitt der Jahre: 1816—1820 . 59% 1821—1830 . 23,4% dagegen: 1896—1900 . 12,5% 1901—1905 . 4,7% Die Schwankungen zwischen den einzelnen Orten desselben Landes werden umso größer, je weiter wir sie in die Vergangenheit zurückverfolgen. Sie treten zutage in den Schwankungen der Preise von Jahr zu Jahr. So schwankten in England die Getreidepreise dagegen in Berlin: HSt. 4 3 , 804. im 15. Jahrhundert wie 100 : 2000 >> lb* ,) >> 100 : 800 „ 17- 33 100 : 350 >. 18. 33 100 : 450 1801—1810 33 100 : 214 1816—1825 33 100 : 237 1905—1914 für Roggen 33 100 : 125 „ Weizen 33 100 : 135 den preußischen Staatsforsten wiesen der Durchschnittspreise zwischen dem Bezirke mit den niedrigsten und dem Bezirke mit den höchsten Preisen folgende Spannungen auf: Sombart, HochkapitaHsmns IT. 48 676 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte 1860 . 100 : 594 1870 . 100 : 380 1880 . 100 : 300 1890 . 100 : 222 1900 . 100 : 174 HSt. 4 3 , 414. Viel größer ist die örtliche Annäherung der Preise bei gewerblichen Erzeugnissen, oder etwa Seetarifsätzen (Giese a. a. 0. S. 1141) Ebensosehr wie die räumliche ist c) die zeitliche Nivellierung der Warenpreise während des 19. Jahrhunderts gefördert worden, sei es bei Bodenerzeugnissen, sei es bei gewerblichen Produkten. Die Schwankungen der Weizenpreise innerhalb eines Jahres waren noch im Anfänge des 19. Jahrhunderts recht beträchtlich. So betrug z. B. 1835 bis 1836 der monatliche Durchschnittspreis für den Quarter Weizen in England: im 3. Monat nach der Ernte.35 sh. 8 d im letzten Monat vor der neuen Ernte . . - .48 ,, 11 ,, Tooke-Newmarcli, History of Prices; deutsche Ausgabe 1, 800. Im Durchschnitt des preußischen Staates betrug die Differenz zwischen dem höchsten und dem niedrigsten Monatspreise bei Koggen: 1816—1865 . 8,1 1865—1893 . 3,6 J. Conrad, Die Monatspreise des Getreides in den Jahrb. für NÖ. III. Folge, Bd. IX. Aber auch die Schwankungen der Agrarproduktenpreise von Jahr zu Jahr werden — trotz verschiedener Erntemengen — immer geringer, selbst wenn wir nur die Zeit der 1860er oder 1870er Jahre mit dem ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts in Vergleich stellen. So betrug beispielsweise der in Hamburg bei der Einfuhr notierte Preis für den Zentner in Reichsmark bei 1861 . . . Weizen . 24,72 1897 . . Weizen . . 14,58 1862 . . . . 21,94 1898 . . . . 15,54 1863 . . . . 20,18 1899 . . . . 13,00 1864 . .- . . 17,17 1900 . . . . 13,13 1865 . . . . 18,81 1901 . . . . 12,84 1866 . . . . 21,05 1902 . . . . 13,00 1867 . .- . . 24,33 1903 . . . . 13,08 1868 . . . . 25,78 1904 . . . . 13,55 1869 . . . . 21,11 1905 . . . . 14,04 1870 . . . . 20,61 1906 . . . . 13,93 Sundbärg. 1861—1870: 100:150,1 1897- -1906: 100 Zweiundvierzigstes Kapitel: Die Rationalisierung der Preisbildung 677 Der bei der Einfuhr in Großbritannien festgestellte Preis in Schilling für den Cwt betrug bei Hafer: 1870 .... 8,09 1897 . . . . 5,01 1871 .... 7,64 1898 . . . . 5,63 1872 .... 7,28 1899 . . . . 5,38 1873 .... 8,06 1900 . . . . 5,21 1874 .... 8,99 1901 . . . . 5,65 1875 .... 8,70 1902 . . . . 6,36 1876 .... 8,24 1903 . . . . 5,24 1877 .... 7,73 1904 . . . . 5,29 1878 .... 7,14 1905 . . . . 5,51 Dieselbe Quelle. 1879 .... 6,68 1906 . . . . 5,93 Spannung: 1870— 1879: 100:134,6 1897—1906: 100:126,7. Unter Weglassung des teuersten Jahres: 1870—1879: 100:130,5 1897—1906: 100:118,3. Noch deutlicher tritt der zeitliche Ausgleich der Preise von Jahr zu Jahr bei gewerblichen Erzeugnissen in die Erscheinun ?* So betrug der Preis in Hamburg für den Zentner Eisen in Reichsmark nach derselben Quelle: 1871 . . . . 7,27 1895 . . . . 5,29 1872 . . . . 12,54 1896 . . . . 5,12 1873 . . . . 14,55 1897 . . . . 5,51 1874 . . . . 10,33 1898 . . . . 5,41 1875 . . . . 8,20 1899 . . . . 6,60 1876 . . . . 8,10 1900 . . . . 7,71 1877 . . . . 7,09 1901 . . . . 6,49 1878 . . . . 6,39 1902 . . . . 6,11 1879 . . . . 5,62 1903 . . . . 5,89 1880 . . . . 6,31 1904 . . . . 5,78 Spannung: 1871— 1880: 100:258,8 1895- -1904: 100 150,6. Beide Jahrzehnte umspannen gleichermaßen Zeiten der Hoch- konjunktur und des Niedergangs. Desgleichen in Großbritannien (£ die engl. Tonne) 1870 . . . . 9,00 1895 . . . . 8,11 1871 . . . . 9,52 1896 . . . . 8,09 1872 . . . . 11,19 1897 . . . . 7,92 1873 . . . . 13,24 1898 . . . . 8,04 1874 . . • - 14,41 1899 . . . . 7,89 1875 . . . . 14,70 1900 . . . . 8,19 1876 . . . . 12,84 1901 . . . . 7,49 1877 . . . . 10,65 1902 . . . . 6,31 1878 . . . . 9,90 1903 . . . . 5,97 1879 . . . . 9,19 1904 . . . . 6,57 Spannung: 1870—1879: 100 : 163,3 1895- -1904: 100 : 138,8. Der Steinkohlenpreis schwankte in Deutschland in den zwei Jahrzehnten 1873—1893 wie 100:243, in den beiden Jahrzehnten 1893—1914 wie 100:152. 43 * (578 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtsckaftl. Prozesses i. d. Geschichte Fragen wir nach den Gründen dieser zunehmenden Ausgleichung der Warenpreise in der Zeit, so haben wir für alle Fälle in Rechnung zu ziehen die Zunahme der kaufmännischen Kenntnisse und Fertigkeiten. Ich habe gezeigt, wie noch am Ende des 18. Jahrhunderts die Kunst, Produktionskosten und Gestehungskosten richtig zu kalkulieren, keineswegs so allgemein verbreitet war, wie sie es heute ist. Im übrigen werden wir zwischen gewerblichen Erzeugnissen und Ernteerzeugnissen unterscheiden müssen. Der Preis jener ist ausgeglichener geworden im wesentlichen, weil die Konjunktur stabilisiert ist, wie das im 45. Kapitel zu zeigen sein wird. Daß aber auch die Preise für Agrarprodukte eine immer größere zeitliche Nivellierung erfahren haben, hat verschiedene Gründe. Die wichtigsten sind folgende: (1.) Die Entwicklung eines gutorganisierten Großhandels. Dieser sorgt durch Aufkauf und Stapelung für den Ausgleich der Mengen und damit der Preise, sei es von Monat zu Monat, sei es auch von Jahr zu Jahr. Indem er Teile einer reichen Ernte zurückbehält, vermehrt er das im nächsten Jahre im Falle einer schlechteren Ernte geringere zur Verfügung stehende Quantum. Das Bild der Weizenernte der Erde und ihres Verzehrs während der letzten 20 Jahre vor dem Kriege kommt in folgenden Ziffern zum Ausdruck: 1894 . . Weizenernte der Erde (Millionen Ars) .... 326,9 Sichtbarer Lagerbestand am 1. August 21,7 Verfügbar für Verzehr im Erntejahr (1. 8.-31. 7.) 348,6 Verzehrt im Erntejahr 328,9 1895 . . .... 305,3 19,7 325,0 309,5 1896 . . .... 298,4 15,5 313,9 304,3 1897 . • .... 286,4 9,6 296,0 287,3 1898 . . .... 366,1 8,7 374,8 358,1 1899 . ■ .... 328,4 16,7 345,1 326,4 1900 . • .... 332,9 18,7 351,6 335,1 1901 . • .... 348,6 16,5 . 364,5 352,8 1902 . . .... 396,9 11,7 408,6 397,6 1903 . • .... 393,3 11,0 404,0 382,2 1904 . . .... 362,9 21,S 384,7 364,9 1905 . • .... 406,6 19,8 426,4 409,9 1906 . • .... 414,9 16,5 431,5 412,0 1907 • • .... 368,9 19,4 388,3 376,1 1908 . ■ .... 386,7 12,2 398,9 389,0 1909 . • .... 451,2 9,9 461,1 447,6 1910 . . .... 442,8 13,5 456,3 436,8 1911 . • .... 126,0 19,5 445,5 429,8 1912 . . .... 441,9 15,7 457,6 439,8 1913 . . .... 483,9 17,8 501,7 — Zweiundvierzigstes Kapitel: Die Rationalisierung der Preisbildung (j7fl Nach dem Corn Trade Year Book und Annual Review of the Grain Trade. Wie dieser Ausgleich im einzelnen durch den Handel vor sich geht, zeigt folgende Ausführung, die den wichtigen Fall Argentinien betrifft: „Formerly the practice in Argentina was to ship practically the wholo surplus in the first seven months of the Argentine cereal year; for instance, in 1908, out of a total of 17400000 quarters, 15200000 were exported by the end of July. However now that futures markets are in existence in Buenos Ayres and Rosario the grower is no longer solely dependent on the export market; if he thinks well of the future he can hold his actual produce and hedge, if necessary, with futures.“ Annual Review of Grain Trade 1910, p. 43. Zit. bei Robertson, Ind. Fluctuation (1915), 139. Nun wird aber der Handel bei seinen Ausgleichsbestrebungen durch eine Reihe von Tatsachen unterstützt, die erst in dem letzten Menschenalter sich völlig haben auswirken können, das ist: (2.) die Ausweitung des Erntegebiets, das heute die ganze Erde umfaßt. Der Ausfall der Ernten in den verschiedenen Ländern pflegt eben nicht gleichmäßig zu sein, dadurch kann der Mangel an einer Stelle durch den Überfluß an einer anderen beglichen werden. Diese Auswechselung der Ernten verschiedener Länder wird teilweise planmäßig betrieben. So waren die schlechten Weizenernten der Jahre 1904 und 1908 in U.S.A. gefolgt von einer Ausdehnung des Weizenbaues in Argentinien, da hier die Ernte im Dezember, die Aussaat im Juli/August stattfindet, wenn man den Ernteausfall auf der nördlichen Hemisphäre bereits überblicken kann. Es stieg die Anbaufläche von Weizen in Argentinien 1904 von 10550000 auf 12110000 acres; 1908 „ 14225000 „ 15326000 „ Ziffern aus derselben Quelle entnommen. Damit aber alle diese Machenschaften Erfolg haben konnten, war die notwendige Voraussetzung natürlich (3.) die Entwicklung der Transporttechnik und Transportorganisation mit all den uns zur Genüge bekannten Begleiterscheinungen, nämlich a) die Übersichtlichkeit des Marktes, b) die leichte Verständigung, c) 'die Bewegbarkeit der Güter. Dreiundvierzigstes Kapitel Das Risiko und seine Bekämpfung Alle die bisher besprochenen Entwicklungen und Maßregeln verhelfen dazu, den Ablauf der Geschäfte auf dem Markte möglichst glatt zu gestalten, trotzdem oder vielleicht gerade weil der wirtschaftliche Verkehr seine Freiheit bewahrte. Trotz aller Rationalisierungstendenzen ist nun aber dem Unternehmer auf dem freien Markte doch nicht ganz wohl. Er begegnet dort nach wie vor allerhand Unzuträglichkeiten, die ihm das Dasein verbittern. Aber sie verringern sich. Die folgenden drei Kapitel behandeln Entwicklungen und Maßregeln, die die Wirkung haben, die Nachteile, die sich aus einem ungehinderten Verlauf des wirtschaftlichen Prozesses ergeben, zu beseitigen. Sie tun es teilweise, indem sie die Freiheit dieses Prozesses aufheben — das sind die im 44. Kapitel behandelten Entwicklungen und Maßregeln —, teilweise ohne dieses letzte Mittel in Anwendung zu bringen. Das ist der Fall dieses (48.) Kapitels, in dem das Risiko und seine Bekämpfung zur Darstellung gelangt. * * ❖ I. Die Entstehung der Verlustgefahr Das Geschäftsrisiko, das heißt die Verlustgefahr, kann einen ganzen Geschäftszweig betreffen, der infolge einer ungünstigen Konjunktur Not leidet. Dieser Fall scheidet hier aus der Betrachtung aus. Dasjenige, was zu seiner Entstehung führt, wurde im 38. Kapitel erörtert, dasjenige, was zu seiner Beseitigung beiträgt, wird im 45. Kapitel ausgeführt werden. Hier handelt es sich um die Verlustgefahren, denen die einzelneUnternehmung ausgesetzt ist, und die ein sozialökonomisches Interesse zwar nicht als solche, wohl aber als mögliche Ursache von allgemeinen Störungen des wirtschaftlichen Prozesses bieten. Die Veranlassung zu Verlusten können sowohl Vorgänge 'in der Natur als Vorgänge in der Gesellschaft bieten. Naturereignisse können zur Zerstörung von Waren, Transportmitteln, Gebäuden führen. Solche Naturereignisse sind: Feuersbrunst Dreiundvierzigstes Kapitel: Das Risiko und seine Bekämpfung 081 Überschwemmung, Feuchtigkeit, Hagel, Blitz, Erdbeben, Sturm, Unwegsamkeit, übermäßige Hitze oder Kälte u. a. Gesellschaftliche Vorgänge, die eine Unternehmung gefährden können, sind entweder Verbrechen: Unterschlagung, Diebstahl, Raub, (man denke an die verheerende Wirkung des Seeraubes in früherer Zeit!), oder wirtschaftliche Unfälle: Preisveränderung, Mietsverluste, Arbeitseinstellungen, Boykott, Lohnerhöhungen, Zahlungsunfähigkeit des Schuldners, Valutaschwankungen. II. Die Verhütung der Verlustgefahr Vorbeugende Maßregeln, die dazu dienen sollen, den Eintritt des Schadens zu verhüten, sind während der ganzen hochkapitalistischen Epoche bewußt vom Staate getroffen und von mir schon erwähnt worden, als ich die Entwicklung der Staatstätigkeit in ihrer grundlegenden Bedeutung für den Aufbau des Kapitalismus gewürdigt habe (siehe das 6. Kapitel). Was hier in Betracht kommt, ist die Beseitigung der „Hemmungen“ politischer Natur, die sich der Staat angelegen sein läßt durch Vermehrung der Sicherheit zu Wasser und zu Lande, ist die Vervollkommnung des Beobachtungs- und Erkundungswesens, namentlich zur See, durch Seekarten, Sturmsignale, Betonnung und Befeuerung der Küsten, ist die Ausbildung des Feuerlöschwesens, ist die Regulierung der Ströme (Anlage von Staubecken), ist die Verbesserung der Straßen u. dgl. m. Dann tragen bestimmte Umwandlungen der Technik unwillkürlich dazu bei, die Verlustgefahren, namentlich die Feuersgefahr, zu verringern. Ich denke an die Erfindung des Blitzableiters, an die Entwicklung der modernen Bauweise, die sich in wachsendem Umfange der Steine und des Eisens statt des Holzes, der Schindeln, des Strohes bedient, an die Erfindung der Zentralheizung, der elektrischen Beleuchtung u. a. Aber in dem Maße, wie die natürlichen Veranlassungen zu Verlustgefahren sich verringern, vermehren sich die sozialen Anlässe des Risikos. Und sie zu verhüten, werden zahlreiche Maßregeln aus privater Entschließung getroffen, deren hier noch Erwähnung zu tun ist. Soweit sie darauf abzielen, die Freiheit des Marktverkehrs zu beschränken oder im allgemeinen die Konjunktur zu stabilisieren, werde ich sie in den beiden folgenden Kapiteln aufführen. Hier dagegen ist einer Gruppe von Maßregeln zu gedenken, die das Ziel der Risiko- 682 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschafte Prozesses i. d. Geschichte Verhütung bei voller Freiheit des wirtschaftlichen Prozesses zu erreichen suchen, das sind die Maßregeln zur Herbeiführung eines Kreditschutzes, das heißt also: Maßregeln, die den Zweck haben, die einzelne Unternehmung gegen die Gefahren zu sichern, die ihr aus der Kreditunwürdigkeit des Schuldners erwachsen können. Einen Teil dieser Maßregeln haben wir schon kennen gelernt, als ich die Mittel zur Erhellung des Marktes besprach; es ist die Begründung von Auskunfteien, die gegen Entgelt über die geschäftliche Lage der einzelnen Unternehmungen Aufschluß erteilen. Daneben bestehen genossenschaftliche „Gläubigerschutzverbände“, wie in der deutschen Textilindustrie, die durch Ausgabe von „schwarzen Listen“, durch Bekanntgabe der „Manifestanten“ (Personen, die den Offenbarungseid geleistet haben ) u. dgl. ihre Mitglieder vor Geschäften mit säumigen oder kreditunwürdigen Schuldnern warnen. Die Produzenten werden unterstützt durch die Wechselprotestliste des Zentralverbandes des deutschen Bank- und Bankiergewerbes, das heißt durch die Zusammenstellung einer Liste aller derjenigen Akzeptanten, deren Wechsel mangels Zahlung protestiert werden mußten. Und so. (Alle diese Maßregeln könnte man unter die Mittel zur Erhellung des Marktes rubrizieren.) III. Die Verteilung des Risikos Ist der Schaden eingetreten, so muß man .trachten, den Verlust zu vermindern. Das kann geschehen durch Abwälzung des Schadens von einer Wirtschaft auf die andere. Und man hat in der Tat eine ganze Reihe von Tricks ausgebildet, um eine solche Abwälzung zu bewirken: entsprechende Vertragsklauseln, Pfandbestellung, Termingeschäfte. Diese Maßnahmen interessieren uns hier aber nicht, wo uns nicht das Schicksal der einzelnen Wirtschaft, sondern das der Gesamtwirtschaft am Herzen liegt. Samtwirtschartliche Bedeutung könnten sie höchstens dadurch gewinnen, daß die abschiebende Wirtschaft für den Bestand des Ganzen wertvoller ist als diejenige, die den Schaden trägt, wen« etwa eine Bank sich durch Pfandbestellung sichert gegenüber einer Einzelwirtschaft. Wichtiger ist eine andere Gruppe von Gepflogenheiten des Geschäftslebens, mittels deren der Schaden vermindert werden kann, das ist seine Verteilung. Diese Verteilung des eingetretenen Schadens kann innerhalb der einzelnen Unternehmung erfolgen, sei es durch Vermannigf altigung der Geschäfte in sachlicher, räumlicher und persönlicher Hinsicht. Di-eiuncl vierzigstes Kapitel: Das Kisiko und seine Bekämpfung (388 wovon in der Betriebslehre noch zu sprechen sein wird, sei es durch Anlegung von Reservefonds, was man sehr fälschlicher Weise „Selbstversicherung“ nennt. Fälschlicherweise, weil das entscheidende Merkmal der „Versicherung“ fehlt (es sei denn, man wollte die Konten etwa einzelner Schiffe verselbständigt und als besondere Unternehmungen sich gegenüberstehend denken), das ist nämlich die Verteilung des Schadens auf eine größere Zahl von Unternehmungen. Versicherung im eigentlichen Sinne liegt dann vor, wenn diejenigen Wirtschaften, das heißt eine größere Anzahl von Wirtschaften mit gleicher Verlustgefahr, die nicht vom Schaden betroffen sind, diejenigen entschädigen, die den Schaden gehabt haben. Dabei ist es gleichgültig für den hier allein beobachteten Enderfolg — eine Darstellung des hochentwickelten Versicherungswesens fällt aus dem Rahmen dieses Werkes heraus, wie jede eingehende Behandlung eines bestimmten Zweiges der Wirtschaft —, ob die Versicherten, unter die der Schaden verteilt wird, auf genossenschaftlicher, erwerbswirtschaftlicher oder gemeinwirtschaftlicher Grundlage zusammengefaßt werden; ebenso wie es gleichgültig ist, nach welchem Verfahren die Aufbringung der Entschädigungssumme erfolgt, ob mittels Erhebung von Prämien oder mittels Umlagen. Die Versicherung bildet heute ein unentbehrliches Teilstück in dem Räderwerke der kapitalistischen Wirtschaft. Selbst die Sicherung der Lage des Arbeiters mittels der sogenannten Sozialversicherung könnte der Kapitalismus nur schwer entbehren. Während die weit ausgedehntere Privatversicherung ihm schlechthin notwendig für ein reibungsloses Arbeiten der Maschinerie ist. Die Gegenstände, auf die sich die Versicherung bezieht, sind fast so zahlreich wie die Anlässe zur Verlustgefahr. Es gibt: (1.) Versicherung gegen Elementarschäden: Wasser-, Feuer-, Sturm-, Transportschäden-V ersicherung; (2.) Versicherung gegen Schäden, die aus Verbrechen erwachsen: Unterschlagungs-, Diebstahl-, Raubversicherung; (3.) Versicherung gegen wirtschaftliche Schäden: gegen Mietverluste (das heißt Leerstehen der Wohnungen: als Erwerbsuntemehmen schon seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, aber ohne Erfolg, versucht, seit 1905 in Christiania auf der Grundlage der Gegenseitigkeit, seit 1910 auch in Deutschland mit Erfolg durchgeführt), gegen Kursverluste (bei Auslosungen), gegen Preisverluste (384 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtscbaftl. Prozesses i. d. Geschichte (in der Zuckerbranclie), gegen Streiks und Boykott, gegen Hypothekenverlust, gegen Kreditschäden (del credere-Versicherung) u. a. m. Warum die Versicherung jene große Bedeutung für die kapitalistische Wirtschaft erlangt hat, braucht nicht erst ausführlich begründet zu werden. Die Gründe liegen auf der Hand. Durch sie wird die Stetigkeit der Wirtschaftsführung gewährleistet, durch sie die Sicherheit der Kalkulation ermöglicht und — weil sie mit Erfolg an einer Verringerung der Verlustgefahr im allgemeinen arbeitet — Verbilligung und Freisetzung von Kapital bewirkt. Daß in allen diesen Richtungen die Verhütung der Verlustgefahr eine noch größere Bedeutung hat, ist offensichtlich. (585 Vierundvierzigstes Kapitel Die Bindung des Marktes Der Rationalisierungsprozeß führt an einem bestimmten Punkte zur Aufhebung der freien Betätigung auf dem Markte. Dieser erfährt pi n e Bindung“, die Willkür der einzelnen Wirtschaften wird beseitigt, nicht durch Eingriffe von außen her, sondern durch Verabredungen zwischen den Marktteilnehmern selbst, die sich damit aus eigener Machtvollkommenheit ihrer wirtschaftlichen Freiheit begeben. Diese Bindungen wachsen durchaus aus dem Geiste des kapitalistischen Wirtschaftssystems heraus, dessen Wesenheit, wie wir sehen werden, sie erst zur vollen Entfaltung bringen, und sind nicht zu verwechseln mit den Bindungen, die dem Kapitalismus von höheren Mächten — wie etwa dem Staate — auf erlegt werden und die berufen sind, das innere Wesen dieses Wirtschaftssystems zu verändern, weil sie seinem Geiste Bestandteile eines fremden Geistes beimischen. Wir verfolgen diese Vorgänge auf den drei verschiedenen Märkten. Dabei werden wir als Leitfaden, der uns durch die Fülle der Tatsachen hindurchführen soll, die theoretischen Feststellungen benutzen können, die wir im 32. Kapitel über „die künstliche Beeinflussung des Marktes“ gemacht haben. 1. Der Kapitalmarkt Hier ist nicht allzuviel zu berichten. Die Bestrebungen zur vorübergehenden Bindung — Corners, Hinge — haben keine Geschichte. Sie würden uns aber auch nicht interessieren, wenn sie eine hätten, da sie für den Verlauf des Wirtschaftslebens im großen ohne Bedeutung sind: sie betreffen fast ausschließlich die Spekulation in Rentenfonds („negativem“ Kapital) und kommen höchstens als Hemmungen der kapitalistischen Entwicklung in Betracht. Auch die Geschichte jener „Spekulationsgesellschaften“, die eine dauernde Beherrschung des Kapitalmarktes bezwecken, und die nach Art der alten Räuberbanden auf systematische Plünderung ausgehen, wie etwa die sogenannte „andere“ Standard Oil Company, deren 68G Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte Machenschaften uns Lawson mit so viel Liebe und Eindringlichkeit geschildert hat, hat mit dem Problem einer Bindung des Marktes nur einen losen Zusammenhang. Wir werden ihrer bei der Betrachtung der kapitalistischen Formen der Betriebsgestaltung noch zu gedenken haben. Interesse bieten uns nur Kartelle der kapitalschaffenden oder kapitalvermittelnden Unternehmungen, insbesondere der Banken, die auf eine systematische Beherrschung des Geld- und Kreditmarktes unter Anwendung gesetzlicher Mittel abzielen. Deren gibt es nun in der Tat eine Reihe, die hier kurz erwähnt werden mögen. Die schottischen Banken sind seit länger als einem Jahrhundert kartelliert, da die Einrichtung neuer Banken dort unmöglich war. Die englischen Banken haben für das reguläre Geschäft — nicht für die Kredite des offenen Geldmarktes — formlose Übereinkommen getroffen. Die französischen Banken setzen die Bedingungen für den Privatsatz und Reportkredit einheitlich fest. Österreich hatte vor dem Kriege ein ausgebildetes Konditionenkartell. Im kaiserlichen Rußland war das Bankkartell unter Mitwirkung der Regierung zustande gekommen (Somary). Kurz vor dem Ende des hochkapitalistischen Zeitalters wurde in der deutschen Bankwelt unter Führung der Reichsbank ein Schlagwort ausgegeben, das Johann PI enge sogar zum Titel eines Buches machte, das Schlagwort: „Von der Diskontpolitik zu der Herrschaft über den Geldmarkt!“ In diesem Schlagwort und in dem Problemkomplex, dem es zum Ausdruck verhelfen wollte, waren nun freilich vielerlei verschiedenartige Dinge durcheinandergeworfen: systematischere Verwendung der Reichsbankdiskontpolitik zur Beeinflussung der Konjunktur; Aufsicht der Zentralbank über die anderen Banken; Aufhebung der Konkurrenz zwischen den einzelnen Banken u. a. m. Nur dieser letzte Teil der mit dem Schlagwort angedeuteten Bestrebungen geht uns hier an. ln der Tat erlebten wir in jener Zeit den ersten Schritt der deutschen Banken zu einer kartellartigen Bindung. Dieser erste Schritt — der auch der letzte geblieben ist — wurde getan durch die 1913 getroffenen „Allgemeinen Abmachungen der Banken und Bankiers“. Das mit diesem Namen belegte Bankenkartell wurde geschlossen zwischen der Berliner Stempelvereinigung und einigen 'Provinzbanken und war ein Konditionenkartell, in dem der Versuch gemacht wurde, Mindestsätze für Akzeptkredite und ähnliche Verträge ■ estzustellen. Eine große Bedeutung hat es nicht gehabt. Das ist aber der allen Kartellbildungen auf dem Kapitalmärkte Vierundvierzigstes Kapitel: Die Bindung des Marktes 687 eigentümliche Zug, daß sie über die Festsetzung von Konditionen nicht hinausgekommen sind. Man hat aber mit Recht gesagt, daß, nachdem man sich in bezug auf die Konditionen gebunden habe, man nun erst recht in einen Konkurrenzkampf um die Kundschaft eingetreten sei. Eine wirkliche Bindung des Kapitalmarktes hat es also wohl bisher nicht gegeben. Auch der amerikanische sogenannte Money Trust, der zum Gegenstand einer eingehenden Untersuchung gemacht worden ist (1912), hat sich nicht als ein Kartell, sondern allenfalls als ein Konzern erwiesen. Ein ganz anderes Problem als das der „Bindung“ des Marktes ist dessen Beherrschung etwa durch mächtige Kapitalgruppen. Davon wird in einem anderen Zusammenhänge noch die Rede sein (siehe das einundfünfzigste Kapitel unter VI.). II. Der Arbeitsmarkt 1. Eine Bindung des Arbeitsmarktes erfolgt, wie wir von unseren theoretischen Besinnungen her wissen, durch die gewerkschaftliche Arbeiterorganisation. Gehört ihre Darstellung hierher? Wenn wir nur den Bindungen nachspüren wollen, die der Markt in irgendeinem seiner Bereiche erfährt, ganz gewiß. Worin sollte sich die Gewerkschaftsbewegung in dieser Hinsicht von der Kartellbewegung unterscheiden ? Liegt uns aber eine Berücksichtigung der Gewerkschaftsbewegung auch dann ob, wenn wir die gesamte Neugestaltung der Marktverhältnisse unter dem Gesichtspunkte der Rationalisierung im kapitalistischen Sinne betrachten? Ja — auch dann. Natürlich bedeutet die Bindung des Arbeitsmarktes durch die Gewerkschaften keine Rationalisierung in dem Verstände, daß der Kapitalismus sie — wie so viele andere — erstrebt habe. Wohl aber in dem Sinne, daß sie — objektiv — rationell für ihn gewesen ist. Sie hat ganz ohne Zweifel letzten Endes den Interessen des Kapitalismus in sehr beträchtlichem Umfange gedient. Ja, dieser wäre ohne die Gewerkschaftsbewegung ebensowenig wie ohne die Kartellbewegung zu voller Entfaltung seines Wesens gelangt. Das ausgebildete kapitalistische Wirtschaftssystem hat diese beiden Entwicklungsreihen, Gewerkschaften und Kartelle, als notwendige Bestandteile. Diese Rationalität der Gewerkschaftsbewegung wird mit ein paar Worten auf gewiesen werden müssen. Was die Gewerkschaften zur Förderung des kapitalistischen Wesens — auf Umwegen — beigetragen haben, habe ich in einem anderen Zusammenhänge schon einmal ausgeführt: dort, wo ich den Gründen i 688 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft! Prozesses i. d. Geschichte nachgegangen bin, die die ungeheure Entfaltung der wirtschaftlichen Energie, wie sie dem Zeitalter des Hochkapitalismus eignet, bewirkt haben. Unter diesen Gründen lernten wir die anstachelnde Wirkung kennen, die von der Gewerkschaftsbewegung ausgeht. Seit durch sie die Ansprüche des Arbeiters gesteigert werden, sieht sich der Unternehmer gezwungen, auf Mittel und Wege zu sinnen, wie er die Leistungsfähigkeit des Arbeiters steigern könne. Die Gewerkschaften erzwingen geradezu (nicht überall, aber häufig genug) den Übergang zu vollkommener Organisation der Betriebe und Verbesserung der technischen Verfahren. Auf der anderen Seite haben die Gewerkschaften vielfach erst den Arbeiter zu den Leistungen fähig gemacht, die er vollbracht hat. Sie waren es, die ihn mit kapitalistischem Geiste erfüllt, die aus dem triebhaften Faulenzer den rechnenden, erwerbenden Economical Man gemacht, die ihn zu systematischer Arbeit erzogen haben. Jedenfalls haben sie zu jenem technischen Anpassungsprozeß, den der Arbeiter durchmachen mußte, imd der eine der notwendigen Voraussetzungen kapitalistischer Wirtschaft war, wie ich im sechsundzwanzigsten Kapitel glaube nachgewiesen zu haben, ihr gutes Teil beigetragen. Aber auch auf die Gestaltung des kapitalistischen Prozesses selbst haben die Gewerkschaften fördernd eingewirkt. Machen wir uns klar, daß die notwendige Bedingung für das Zustandekommen des kollektiven Arbeitsvertrags eine starke Arbeiterorganisation ist, die über die Innehaltung des Vertrages wacht. Alles also, was wir an der Versachlichung des Arbeitsverhältnisses und damit an der Einführung einer dem Kapitalismus angemessenen Arbeitsverfassung zu loben wußten, müssen wir dem Konto der Gewerkschaften gutschreiben. Diese sind es aber nachweislich auch gewesen, die die mit dem Tarifvertrag notwendig verbundene Form des Akkordlohns, also wiederum die dem Kapitalismus angemessene Lohnform, vielfach gegen die doktrinäre und instinktive Gegnerschaft der Arbeiter zur Anerkennung gebracht haben. Weil durch den Tarifvertrag die Akkordarbeit „aus einer einseitigen, willkürlichen Festsetzung zu einer paritätischen Lohnregelung geworden ist“ (Cassau), haben die organisierten Arbeiter schließlich ihren grundsätzlichen Widerstand gegen diese Lohnform aufgegeben. Endlich ist erst durch die Fortschritte der Gewerkschaftsbewegung die Stetigkeit des wirtschaftlichen Prozesses gewährleistet worden, die im Interesse des Kapitalismus liegt: die Unterbrechung durch Streikes, die ohne gewerkschaftliche Organisation „wdlde“ Streiks Vierundvierzigstes Kapitel: Die Bindung des Marktes 689 sein würden, wäre beträchtlich häufiger, wenn die Gewerkschaften nicht da wären. Es gibt in der Welt keine bessere Sicherung gegen unsinnige und mutwillige Streiks als eine wohlgefüllte Gewerkvereinskasse. Die Statistik bestätigt diese aus allgemeinen Gründen hergeleitete Ansicht: die Häufigkeit der Arbeitseinstellungen steht im umgekehrten Verhältnis zu der Zahl und Festigkeit der Arbeiterorganisationen. Dieser heilsame Einfluß, den die Gewerkschaften auf den Gang des Kapitalismus ausgeübt haben, ist von einsichtigen Unternehmern selbst auch oft genug und immer häufiger anerkannt worden. Das Urteil des größten Grubenbesitzers Englands, David Dale, das zu seiner Zeit als ein vereinzeltes gelten mußte, ist heute das Urteil der überwiegenden Mehrzahl der Unternehmer geworden: „Ich möchte“, sagte Dale, „auf das ausdrücklichste erklären, als Ergebnis langer und verschiedenartiger Erfahrung, daß die beste Sicherheit der Arbeitgeber für die Herrschaft der Vernunft und die Beachtung der Verträge seitens der Arbeiter ein an Zahl starker Gewerkverein ist, mit einer fähigen, das Vertrauen der Arbeiter besitzenden Exekution.“ (Aus Sehr. d. Vf SP. 45, 247 f.) 2. Die gewerkschaftliche Arbeiterbewegung hat sich während der hochkapitalistischen Epoche zu einem großen und mächtigen Gebilde entwickelt. Ihre Anfänge reichen in das 18. Jahrhundert zurück: die Webbs weisen uns Trade Unions sogar in der ersten Hälfte jenes Jahrhunderts auf. Immer natürlich entstehen sie erst, wo und insoweit kapitalistisches Wesen sich entfaltet hatte. Denn aus kapitalistischem Geiste sind die Gewerkschaften geboren: als rein rationale Zweckverbände auf natura- listisch-individualistisch-chrematistischer Grundlage. Sie mit den mittelalterlichen Bruderschaften in irgendwelche innere Verbindung bringen zu wollen, ist ebenso töricht, als wenn man Wesensbeziehungen zwischen Kartellen und Zünften glaubt herstellen zu sollen. Derartige Konstruktionen legen ein sehr schlechtes Zeugnis ab für das Maß von Verständnis für die geistigen Strukturen der verschiedenen Zeiten bei dem, der sie macht. Seiner inneren wie äußeren Geschichte nach war England berufen, die Gewerkschaftsidee zur Entwicklung zu bringen. Hier liegen die Anfänge, hier erfolgt auch die innere Ausgestaltung, die in die Zeitspanne etwa zwischen den 1850er und 1880er Jahren fällt. Während dieser Jahrzehnte beginnen dann auch die anderen Länder die Arbeiterorganisationen zu entwickeln, jedes auf seine Weise, was uns hier nichts (590 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtsehaftl. Prozesses i. d. Geschichte- angeht. Bis schließlich eine Reihe gemeinsamer Züge sich ergibt, die ich in der theoretischen Übersicht schon aufgewiesen habe. In den Jahren nach dem Wiederaufleben der Arbeiterinternationale beginnt dann der Siegeszug der Gewerkschaften über die ganze zivilisierte Erde. Und in dem Maße, wie sie sich ausdehnen, wächst auch ihre Macht, wächst die Anerkennung durch Gesetzgebung und Unternehmertum, bis sie, was schon bei Beginn des Krieges der Fall war, in das Wirtschaftsleben als imentbehrliches Glied sich eingefügt hatten. Während des Krieges und noch mehr seit seinem Ende ist dann die Gewerkschaftsbewegung äußerlich sehr angewachsen, ist aber gleichzeitig in eine innere Krisis eingetreten, in der sie sich heute (1926) noch befindet. Doch gehen uns diese späteren Entwicklungserscheinungen an dieser Stelle nichts an, sie fallen bereits in das Zeitalter des Spätkapitalismus, in dem zweifellos auch die Gewerkschaften tiefgehende Umbildungen erleben werden. Hier wollen wir nur noch ihren Siegeszug bis zum Ausbruch des Krieges in einigen Zahlen verfolgen. 3. Zur Statistik der gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung: a) Gesamtzahl der in sämtlichen Ländern der Erde 1912 organisiert gewesenen Arbeiter: Deutschland. 3753807 Stat. Australischer Bund. Belgien. Dänemark. Finnland. Frankreich.' . . , Großbritannien. Italien. Neuseeland. Niederlande. Norwegen. Österreich. Ungarn. Kroatien-Slawonien. Bosnien-Herzegowina. Rumänien. Rußland. Schweden. Schweiz. Serbien. Spanien. Vereinigte Staaten von Amerika . 433224 . 231835 . 139012 23839 . 1027059 . 3281003 . 971667 60622 . 189030 67318 . 692681 . 111966 ■ 6783 5522 9708 3000 (?!) . 121866 . 131380 5000 . 100000 . 2526112 Jahrbuch 1915. Insgesamt 13892434 Vierundvierzigstes Kapitel: Die Bindung des Marktes 691 b) Großbritannien: Mitgliederzahl der wichtigsten Trade Unions: 15 Societies: 1850 . . . . . 24737 1860 . . . . . 61084 28 1870 . . . . . 142530 34 1880 . . . . . 251453 1890 . . . . . 456373 47 1900 . . . . . 814270 1910 . . . . . 961413 Alle Unions: 1892 . . . . . 1502358 1895 . . . . . 1407836 1900 . . . . . 1955704 1910 . . . . . 2446342 1914 . . . . . 3918809 Zusammenstellung in S. and B. Webb, The History of Trade Unionism, 1919. App. VI. c) Deutschland: Hier ist die Entwicklung während der letzten 20 bis 25 Jahre vor dem Kriege, dank dem raschen Schrittmaß des Kapitalismus, eine ganz besonders gewaltige gewesen, wie folgende Ziffern erweisen: Jahr Mitgliede „freien“ Gev insgesamt rzahl der 'erkschaften davon weibliche Einnahmen Mk. Ausgaben Mk. Vermögensbestand der Zentralverbände Mk. 1891 277659 _ - 1116588 1606534 425845 1892 237094 4355 2031922 1786271 646415 1893 223530 5384 2246366 2036025 800579 1894 246494 5251 2685564 2135606 1319295 1895 259175 6697 3036803 2488015 1640437 1896 329230 15265 3616444 3323713 2323678 1897 412359 14644 4083696 3542807 2951425 1898 493742 13481 5508667 4279726 4373313 1899 680473 19280 7687154 6450876 5577547 1900 580427 22844 9454075 8,088021 7745902 1901 577510 23699 9722720 8967168 8798333 1902 733206 28218 11097744 10005528 10253559 1903 887698 40666 16419991 13724336 12973726 1904 1052108 48604 20190630 17738756 16109903 1905 1344803 74411 27812257 25024234 19635850 1906 1689709 118908 41602939 36963413 25312634 1907 1865506 136929 51396784 43122519 33242545 1908 1831731 138443 48544396 42057516 40839791 1909 1832667 133888 50529114 46264031 43480932 1910 2017298 161512 64372190 57926566 52575505 1911 2339735 191332 72171990 60108716 62125132 1912 2553162 222809 80375597 61238421 80833168 1913 2573718 230347 82176747 75036306 88110855 Somburt, Hochkapitalisinus n. 44 692 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte Außer in den „freien“ (sozialdemokratischen) Verbänden waren im Jahre 1913 organisiert in den Christlichen Gewerkschaften. 342 785 Deutschen Gewerkvereinen (Hirsch-Duncker) . 106 618 Unabhängigen Vereinen. 318 508 Wirtschaftsfriedlichen Vereinen. 273 725 Gesamtübersicht über die Arbeiterverbände im Jahre 1913: Mitgliederzahl Freie Gewerkschaften . 2525042 Christliche Gewerkschaften . 314735 Deutsche Gewerkvereine 106618 Unabhängige Vereine . 318508 WirtschaftsfriedlicheVer- eine .... .... 273725 Insgesamt: 3565628 Zusammenstellungen im Stat. Gesamt- Gesamt- Vermögen einnahme ausgabe Ende 1913 Mark Mark Mark 82176747 75036306 88110855 7177764 6102688 9682796 2866892 2620865 4465341 2618232 2063693 2624268 2717544 2137050 2714098 97557179 87960602 107597358 Jahrbuch 1892—1915. d) Frankreich: Sehr ungenaue Statistik. Auch die hier mitgeteilten Ziffern des amtlichen Office du Travail sollen unzuverlässig sein (siehe Paul Louis Geschichte der Gewerkschaftsbewegung in Frankreich [1912], 216). Jahr Zahl der Zahl der Gewerkschaften Mitglieder 1884 . . . 68 — 1889 . . .821 — 1893 . . .1926 402125 1899 . . . 2685 492647 1903 . . . 3934 643757 1905 . . . 4665 781344 1908 . . . 5354 957000 1909 . . . 5260 977000 e) Vereinigte Staaten von Amerika: Prof. George E. Barnett in seinem Aufsatz „Growth of Labor Organization“ im Quarterly Journal of Economics XXX, 846. Appendix berechnet die Gesamtzahl der organisierten Arbeiter in den einzelnen Jahren wie folgt: 1897 . 444500 1906 1906300 1898 . 497100 1907 2077600 1899 . 604100 1908 2090400 1900 . 865400 1910 2003100 1901 . 1123600 1911 2138000 1902 . 1374300 1912 2440800 1903 . 1912900 1913 2701000 1904 . 2072600 1914 2674400 1905 . 1945000 Vierundvierzigstes Kapitel: Die Bindung des Marktes 693 Den Löwenanteil an dieser ebenfalls rapiden Entwicklung hat ein Verband: die American Federation of Labour, die Schöpfung des verewigten Samuel Gompers. Diese Vereinigung vermehrte ihre Mitgliederzahl wie folgt: 1898 . 280000 1899 . 350000 1900 . 550000 1901 . 790000 1902 . 1037000 1903 . 1478000 1904 . 1676000 1905—1910 ca. 1480000 History of Labour in the United States. 2 [1921], 522. III. Der Warenmarkt Der Warenmarkt im weitesten Sinne, also einschließlich desLeistungs- marktes, erfährt seine Bindung durch die Kartelle, über deren Wesenheit wir uns bereits unterrichtet haben (siehe Kapitel 32), und deren Entwicklung wir nunmehr verfolgen wollen. 1. Die der Kartellbildung nach unserer Übersicht günstigen Bedingungen erfüllen sich in wachsendem Maße mit dem Fortschreiten des Kapitalismus. Im Laufe der zweiten Hälfte und noch mehr im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts nehmen sowohl die Notwendigkeit als die Möglichkeit, den Zustand der freien Konkurrenz zu beseitigen, rasch zu. Aus folgenden Gründen: a) Große Unternehmungen entstehen entweder aus dem Nichts, wie namentlich die Eisenbahnen, oder entwickeln sich auf dem Wege der Konzentration (siehe über diese das 51. Kapitel) aus einer gewissen Anzahl kleinerer Betriebe. In der Montanindustrie, aber auch in anderen Massengüterindustrien, wie Zement, Ziegel, Zucker, Petroleum, ballt sich die Produktion in immer größeren Werken zusammen. Das bedeutet, gemäß unseren theoretischen Besinnungen, einerseits eine größere Nötigung zur Beseitigung einer mörderischen Konkurrenz, andererseits eine größere Möglichkeit der Verständigung wegen der kleineren Zahl der Beteiligten, aber auch der Uniformierung der Produkte, der Konzentration der Nachfrage usw. Solange die Großunternehmungen dem Handwerk oder kleinen kapitalistischen Unternehmungen gegenüberstehen, können sie ihren Absatz erst einmal durch Niederringung der Schwächeren ausweiten. Sind alle annähernd gleich stark geworden, so geht es auf Leben und Tod auch der großen Unternehmungen. 44 * 694 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte Beispiel: Vor der Begründung des Zuckerkartells in den Vereinigten Staaten (1887) bestanden dort nur noch 40 Fabriken, jede mit einem Aktienkapital von 3 bis 5 Millionen Dollar; davon machten 18 vor der Kartellierung Bankerott. b) Die Unternehmungen nahmen je mehr und mehr die Form der Aktiengesellschaft an und steigerten dadurch wiederum ihre Fähigkeit (und Geneigtheit), sich zu kartellieren. c) Seit den 1880er Jahren gingen, wie wir wissen, immer mehr . Länder zum Schutzzollsystem über, das zwar keine notwendige Bedingung, aber doch eine wesentliche Erleichterung der Kartellbildung ist. d) Während des letzten Menschenalters stieg, wie später noch zu zeigen sein wird, der Einfluß der Banken auf die Transport- und Industrieunternehmungen. Das bedeutete aber abermals eine wesentliche Förderung der Kartellbewegung. Die Banken nämlich haben aus verschiedenen Gründen ein Interesse an der Verständigung konkurrierender Unternehmungen, weil die Zeit des erbitterten Konkurrenzkampfes für alle Beteiligten, also auch die Banken, eine Schädigung bedeutet; weil ein Totkonkurrieren der einen Unternehmung, die ebenfalls eine Kundin der Bank ist, dieser Verlust bringt; weil die Bank an dem Monopol und den dadurch ermöglichten höheren Profiten selbst interessiert ist usw. Dazu kommt, daß die Bank durch ihren Einfluß die Macht bekommt, das Kartell im Notfall zu erzwingen. e) Seit der Mitte der 1890er Jahre trat der Kapitalismus in eine Periode der Hochkonjunktur ein, die mit geringen Unterbrechungen bis zum Beginn des Weltkrieges anhielt. Damit aber wurde der Anreiz zur Kartellbildung offenbar gesteigert, da auf steigende Konjunkturen ihr günstiger sind als niedergehende. Die Ansichten, ob dem so sei, sind oder vielleicht richtiger, waren geteilt. Ja — früher war die Meinung sehr verbreitet, daß die Kartelle geradezu „Kinder der Not“ seien. In dem Jahresbericht der Handelskammer zu Duisburg vom Jahre 1894 z. B. heißt es: „Man kann heute nicht mehr im Zweifel sein, daß diese Verbände der gewerblichen Unternehmer geradezu eine Lebensfrage für die Industrie geworden sind. Nur der heftigste Druck der darniederliegenden Verhältnisse hat die Unternehmer dazu veranlaßt, einen Teil ihrer Selbständigkeit aufzugeben und einer gemeinsamen Leitung zu übertragen. Schließlich besteht auch nur die Wahl zwischen dauernd unlohnenden oder verlustbringenden Betrieben und einer wenigstens einigermaßen die Mühe und Sorge entschädigenden gemeinsamen Betriebsweise . .“ Es ist eine „durch den geschäftlichen Druck sich aufzwingende Erkenntnis, daß ohne Vereinbarungen nicht mehr auszukommen sei. . Vierundvierzigstes Kapitel: Die Bindung des Marktes 695 Demgegenüber hat sich allmählich die entgegengesetzte Auffassung, wie ich sie oben vertrat, Geltung verschafft, daß nämlich der Aufschwung der günstigere Boden für Kartelle sei, denn, wie ein vortrefflicher Kenner des Wirtschaftslebens, Dr. Voelcker, sehr richtig bemerkt, „die Aussicht auf Erhaltung günstiger Preise, verbunden mit starker Nachfrage, bildet die stärkste Triebfeder zur Vereinigung gemeinsamer Interessen. Das Bestreben dagegen, um jeden, auch den niedrigsten Preis Aufträge zu erlangen und diese dem Konkurrenten wegzunehmen, erschwert ein gemeinsames Vorgehen.“ Diese beiden Äußerungen sachkundiger Männer sind bezeichnend für den Zeitpunkt, in dem sie gefällt wurden; jene steht am Anfang, diese am Schlüsse der großen Kartellbewegung in Deutschland. Jene konnte sich auf wenige, diese kann sich auf zahlreiche Zeugnisse stützen. Und die Statistik gibt ihr, wie wir allsobald sehen werden, jedenfalls recht. 2. Eine genaue Statistik, aus der wir die Verbreitung der Kartelle ersehen könnten, fehlt leider. Immerhin vermögen wir an der Hand des uns zur Verfügung stehenden Stoffes zu erkennen, daß und wie sich (in großen Zügen) entsprechend der Erfüllung ihrer Daseinsbedingungen die Kartelle entwickelt haben, daß sie auf allen Gebieten des Wirtschaftslebens mit Ausnahme der Landwirtschaft, wo sie einerseits schwieriger, andererseits entbehrlicher (wegen der fehlenden Konkurrenz) sind, sich entwickelt haben, besonders stark auf denen der gewerblichen Produktion. Internationale Kartelle gab es (nach einer amerikanischen Statistik) beim Ausbruch des Weltkrieges etwa 80 ; der beste Beweis für die Irrtümlichkeit der Annahme, daß der Schutzzoll notwendige Bedingung für die Kartellbildung sei. Und zwar begegnen wir den internationalen Kartellen auf allen Gebieten: im Warenhandel (Eier!) und im Transportgewerbe. Hier war das „Schiffahrtsabkommen“ (Shipping Trust), das im Jahre 1908 zwischen deutschen, englischen und amerikanischen Reedereifirmen geschlossen, um den Zwischendeck- Passagierverkehr aufzuteilen, der bedeutsamste Fall. Über andere internationale Schiffahrtskartelle unterrichtet K. Thieß a. a. 0. Zahlreich waren die internationalen Kartelle, von denen die meisten erst in den letzten 10 bis 15 Jahren vor dem Kriege entstanden sind, auf dem Gebiete der Industrie: in Metallen, Eisenwaren, Maschinen, Chemikalien, Glas (Flaschenkartell!) und Porzellan, Nahrungs- und Genußmitteln, Textilerzeugnissen, Schiffsausrüstungsgegenständen (Na- val Stores) u. a. ■ ■ Nationale (beziehungsweise lokale) Kartelle sind in allen Ländern mit kapitalistischer Kultur auf allen Gebieten verbreitet. Soweit ß96 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte Industriekartelle in Frage kommen, darf man sagen, daß ihre Zahl im umgekehrten Verhältnis zur Entfernung vom Fertigprodukt steht. Die Gründe dafür habe ich oben angegeben. Im übrigen ist die Entwicklung der Kartelle in den verschiedenen Ländern verschieden stark, am geringsten in England und den Vereinigten Staaten, weil hier die Vertrustung vorherrscht, am stärksten in Deutschland und Österreich, weil hier vor allem die subjektiven Bedingungen optimale sind: ein gebildetes, in zahlreichen Vereinen schon vorher zusammengeschlossenes, wohlgeschultes Unternehmertum. In Deutschland hat die Kartellbildung auch ihre höchste Form erreicht. Ich führe für Deutschland noch einige Zahlen besonders an, aus denen hervorgeht, in welchen Zeitpunkten sich die Entwicklung der Kartelle schwächer und stärker vollzogen hat. Die Statistik bestätigt die Richtigkeit der oben vertretenen Ansicht, daß die Kartelle „Kinder des Glücks“ sind. Industriekartelle gab es in Deutschland: 1865 . 4 1875 . 8 1885 . 90 1890 . 210 (erste Aufschwungsperiode) 1906 . 385 (laut amtlicher Denkschrift) 1911 . 550—600 (nach Tschierschky). Die Hauptgebiete sind: Ziegelei-, Zement-, Kalk-, Kohlen- und Eisenindustrie; 1906 gab es 19 Kohlen- und 62 Eisenkartelle. Typen höchstentwickelter Kartelle („Syndikate“) sind: das 1888 gegründete Kalisyndikat, das schon 1910 unter staatlichen Einfluß kam; das 1893 gegründete Rheinisch-westfälische Kohlensyndikat •— das Muster aller Kartelle —, das 95% der Ruhrkohle und etwa die Hälfte der gesamten in Deutschland geförderten Steinkohle umfaßt; der 1904 gegründete Deutsche Stahl werksverband, der in seiner Blütezeit 89 Firmen mit 1% Milliarde Kapital und eine Jahresproduktion von 11 Millionen Tonnen, das heißt fast die gesamte deutsche Stahlproduktion in sich schloß. Weitere Einzelheiten interessieren in diesem Zusammenhänge nicht, in dem wir vielmehr uns nur noch ein Urteil bilden müssen über 3. die Bedeutung der Kartellbildung für die Entwicklung des Kapitalismus. Die offensichtlichste Wirkung der Kartelle ist: a) die veränderte Preisgestaltung. Diese paßt sich zunächst der Marktlage besser an; durch wiederholte freie Aussprache, Nachrichtendienst und Aufklärung über diese seitens der Verbandsorgane wird eine größere Übersicht ermöglicht. Sodann wird sie gleichmäßiger; Vierundvierzigstes Kapitel: Die Bindung des Marktes 697 die oben von mir nachgewiesene zunehmende zeitliche Ausgleichung der Preise ist nicht zum mindesten das Werk der Kartelle. Welche Vorteile mit dieser Nivellierung der Preise verbunden sind, haben wir gesehen. Endlich gestalten die Kartelle die Preise vorteilhafter für ihre Teilnehmer: höher im Inlande, niedriger im Auslande. Durch die höheren Preise im Inlande wird für eine ganze Reihe von Unternehmungen — alle diejenigen, deren Produktionskosten niedriger als die der schwächsten Kartellmitglieder sind — ein Extraprofit erzielt, der immer einen Anreiz zur Kapitalbildung bedeutet. Die Extraprofite in den kartellierten Industrien locken aber das Kapital in diese Zweige des Wirtschaftslebens oder halten es in ihnen fest. Da nun die kartellierten Industrien die für die Entfaltung des Kapitalismus wichtigsten sind, so wirkt die Preisbeeinflussung durch die Kartelle auch fördernd auf dessen Gesamtentwicklung ein. Die niedrigen Preise, die im Auslande gefordert werden, dienen hingegen dazu, den Absatz auszuweiten und dadurch den Profit zu steigern. In derselben Richtung wirkt die zweite Leistung der Kartelle, b) die Verbilligung des Absatzes. Durch die Kartelle werden folgende Kosten erspart: a) Kosten des Geschäftsreisen: durch Verringerung der Zahl der Geschäftsreisenden; durch Verringerung der Zahl der Besuche, die immer häufiger, zuletzt alle zwei Monate, wiederholt wurden; durch Verringerung der Kosten des übrigbleibenden Reisenden, der nicht mehr „Überredungskünstler“ zu sein braucht. Bei Gründung des amerikanischen Whiskykartells wurden 300 Reisende entlassen, so daß im amerikanischen Alkoholhandel 1 Million Dollar durch Gründung des Kartells erspart wurden. Die American Steel and Wire Company verringerte die Zahl der Reisenden um 200. Der amerikanische Stahltrust soll 37 000 (?!) Handelsreisende überflüssig gemacht haben. Diese unwahrscheinliche Zahl finde ich bei Schär, Handelsbetriebslehre l 2 , 99; ß) die Kosten der Reklame: in Zeitungen, Plakaten, Prämien usw.; y) die Kosten des übermäßigen und oft unsicheren Kreditgebens; S) die Kosten des unnötigen Transports (bei Gebietskartellen); e) die Kosten der zersplitterten Bedarfsdeckung; 0) die Kosten der komplizierteren Buchhaltung. Diese Verbilligung bewirkt Freisetzung von Kapital oder Steigerung der Profitrate. Endlich tragen die Kartelle zur Entwicklung des Kapitalismus bei, sofern sie wesentliche Beförderungsmittel für die Ausbildung vollkommenerer Methoden sind, durch 698 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte c) die Rationalisierung der Betriebsgestaltung. Daß die Kartelle diese Wirkung ausüben, ist allerdings von frei“- händlerischer und — auffallenderweise! — auch von sozialistischer Seite bestritten worden. So von niemand geringerem als Kautsky. Dieser meinte: Durch Kartelle und Truste „wurde ein mächtiger Antrieb auf Vermehrung der Produktivität der Arbeit zum großen Teil ausgeschaltet. . Je weiter das Kartellwesen sich entwickelt und ausdehnt, desto deutlicher bezeugt es, daß die kapitalistische Produktionsweise jene Phase überschritten hat, in der sie das mächtigste Mittel zur Entfaltung der Produktivkräfte wurde, daß sie immer mehr zum Hindernis dieser Entfaltung wird. . wie das Eldorado der Truste, Amerika, deutlich beweist (?) . . Seit den 1880er Jahren wird die ökonomische Situation geschaffen, „die den Kapitalismus aus einem Mittel, die höchste Produktivität zu entfalten, immer mehr in ein Mittel verwandelt, dessen Entfaltung zu hemmen“. Sozialismus und Kolonialpolitik (1907), 36f., 65. Daß diese Ansicht irrig ist, lehrt schon die Überlegung: Nachdem dem einzelnen Werke bestimmte Beschränkungen auferlegt sind, nachdem es behindert ist, seinen Absatz beliebig auszudehnen, die Preise nach Belieben festzusetzen, spekulative Gewinne durch Ausnutzung der Marktlage zu machen usw., muß es doch — wenn es bei seinem Streben nach dem höchsten Gewinn beharren will, und das tut es doch wohl — all sein Sinnen und Trachten gerade auf die Rationalisierung des Betriebes, das heißt auf eine Steigerung der Produktivität, der Intensität und der Ökonomität richten. Daß aber diese Erwägung richtig ist, bestätigt die Erfahrung. Diese lehrt, daß durch die Kartellbildung verstärkt werden: a) die Tendenz zu besserer Außenorganisation, das heißt zu besserer Abgrenzung der Betriebe: zu Konzentration und Kombination. Die Konzentration wird nachweislich befördert durch die Quotenpolitik der Kartelle. Die Beteiligungsziffern werden hoch bemessen; damit wird ein Anreiz geschaffen, in diese Beteiligungsziffern hineinzuwachsen, um die in den Beteiligungsziffern enthaltenen Renten auch ganz auszunützen. Zur Kombination sind durch die Kartelle viele Werke gedrängt worden, gerade um dem Einfluß der Kartelle zu entgehen. Wenn ein Hochofen eine Kohlenzeche erwirbt, entzieht er diese den einschränkenden Bestimmungen des Kohlensyndikats; wenn ein Walzwerk sich ein Stahlwerk angliedert, macht es dieses von den Bindungen des Stahlwerksverbandes frei usw. Die Komhinationshewegung werden wir in anderem Zusammenhänge genauer verfolgen. Dort werden wir auch ihre mannigfaltigen Gründe kennenlernen, die natürlich zum größten Teil ganz außerhalb aller Beziehung zu der Kartellbildung liegen. Fragt sich nur, ob diese nicht auch eine Vierundvierzigstes Kapitel: Die Bindung des Marktes 699 Triebkraft für die Kombinationsbestrebungen gewesen ist. Daß sie es in der Tat war, lehren genug Zeugnisse. Ein Beispiel für viele: Am 30. September 1904 beschloß die Deutsch-Luxemburgische Bergwerks- und Hütten-A.-G., die dem neuen Kohlensyndikat mit der Zeche Dannenbaum als Hüttenzecbe beigetreten war, behufs besserer Kohlenversorgung ihrer Hüttenwerke die Fusion mit der an Dannebaum angrenzenden Stinnesscben Bergbau-A.-G. „Friedlicher Nachbar“. Deutsch-Luxemburg beanspruchte nun die Übertragung des Hüttenzechenvorrechts auf die Zeche „Friedlicher Nachbar“ und die ebenfalls damals erworbene Zeche „Hasenwinkel“. Es verlangte also, den Kohlenbedarf für seinen Hüttenbetrieb aus den genannten zwei Zechen im Wege des Selbstverbrauchs ohne Abgabenpflicht und ohne Anrechnung auf die Beteiligungsziffer decken zu dürfen, und strengte zu diesem Zwecke einen Prozeß an. Im Jahre 1905 beschloß Deutsch-Luxemburg die Fusion mit dem Bergwerksverein Friedrich Wilhelmshütte in Mülheim an der Ruhr, um auch diesem Hüttenwerk, bis dahin einem Abnehmer des Syndikats, umlagefrei und ohne Anrechnung auf die Beteiligungsziffer seinen Brennstoff zu liefern. Am 10. November 1906 entschied das Reichsgericht gegen das Kohlensyndikat und zugunsten von Deutsch-Luxemburg, daß die dieser Gesellschaft als Hüttenzeche eingeräumten Rechte ihr auch für die von ihr erworbene Zeche „Hasenwinkel“ und „Friedlicher Nachbar“ zustehen. Durch die Angliederung an Hüttenzechen erhielten demnach auch die reinen Zechen den Charakter und die Vorrechte der Hüttenzechen. Durch dieses Urteil erhielt der Drang zum gemischten Betriebe, zur Vereinigung von Eisenwerken mit Kohlengruben neue Nahrung, indem den reinen Zechen die leichte Möglichkeit und damit der Antrieb geboten wurde, durch Verschmelzung mit Hüttenzechen die großen Vorrechte zu erlangen. Der Jahresbericht des Syndikats vom Jahre 1906 erkannte diese Wirkung des Kartells unumwunden an, wenn er sie auch nicht für heilsam hielt. Nach dem Bericht bei J. Singer, a. a. O. Seite 135/36. Die Erfahrung lehrt aber, daß durch die Kartelle auch ß) die Tendenz zur Vervollkommnung des Verfahrens und zur besseren Innenorganisation der Industriebetriebe verstärkt wird. So entsandte das Kohlensyndikat bald nach seiner Gründung eine Kommission nach den Vereinigten Staaten, die das in Anwendung gekommene Verfahren maschinellen Abbaues der Flöze prüfen sollte. Dieses Verfahren wurde daraufhin mit Erfolg im Ruhrbergbau eingeführt. Auch andere technische Verbesserungen sind unmittelbar durch das Syndikat angeregt worden, wie der Abbau mit Bergeversatz, Einführung des Schlemmverfahrens, Umbau der vielfach veralteten Aufbereitungs- und Wäschereianlagen usw. Das Spirituskartell hat Bemühungen gemacht zur Herbeiführung der Spiritusbeleuchtung und -heizung. Andere Kartelle sind dazu übergegangen, die Produktion im Sinne einer Typisierung und Vereinfachung der Warenherstellung zu regeln, 700 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtscliaftl. Prozesses i. d. Geschichte einen gemeinsamen Rohstoffeinkauf zu organisieren, Gewinnausgleich herbeizuführen usw. Vgl. Tschierscbky, Zur Reform der Industriekartelle 1920. 83ff., 87f. Mit diesen Maßregeln überschreiten jedoch die Kartelle schon den ihnen eigentümlichen Aufgabenkreis, hören auf, bloße Kartelle zu sein, und fangen an, Konzerne zu werden. Von diesen ist erst später zu handeln. Nur eine letzte Wirkung, die von den Kartellen als solchen ausgeht, ist hier noch zu verzeichnen, das ist y) die Tendenz zur Vervollkommnung des kaufmännischen Betriebes. „Die Möglichkeit, eine Konjunktur beim Einkauf auszunutzen, wird einem fest organisierten Kartell gegenüber fast völlig ausgeschaltet, da das Streben des Kartells gerade darauf gerichtet sein muß, die Konjunkturschwankungen nach Möglichkeit einzuengen oder aber, sofern das nicht in ihrer Macht liegt, jedenfalls so lange wie möglich die Preise zu halten. Die Tätigkeit des Kaufmanns wird infolgedessen, wie bei den Produzentenkartellen, im wesentlichen darauf gerichtet sein müssen, die Technik des Betriebes zu verbessern. Sodann wird vor allem die kaufmännische Intelligenz auf den Verkauf und seine Erweiterung zu konzentrieren sein.“ Tschierschky, Kartelle und Trusts, 103. Aus all dem Gesagten geht zur Genüge deutlich hervor, daß die Kartelle, trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer bindenden Tendenz, echte Kinder des Hochkapitalismus sind und diesen in seinen höchsten Entwicklungsstaffeln vor Augen stellen. Freilich aber auch, daß sie mit manchem ihrer Züge schon über diesen hinausweisen. Das gilt noch mehr von dem letzten Vorgang im Bereiche der Rationalisierung des Marktes, dem wir mm noch unser Augenmerk zuzuwenden haben: von der Stabilisierung der Konjunktur. Fünfundvierzigstes Kapitel Die Stabilisierung der Konjunktur I. Ansichten und Tatsachen Der Rhythmus der hochkapitalistischen Wirtschaft wird, wie wir wissen, durch die Auf-und-ab-Bewegung der Expansionskonjunktur bestimmt (neben der die „reinen Absatzkrisen“ an Bedeutung zurücktreten). Die Frage entsteht, wenn wir den Gesamtverlauf der hochkapitalistischen Wirtschaft überblicken: Läßt sich in der Gestaltung dieses Rhythmus eine Veränderung nachweisen ? Etwa eine Neigung, ihn abzuschwächen oder zu verstärken? Man weiß, daß dieses Problem vor allem durch Marx und seine Schüler einstens in den Mittelpunkt des Interesses und der wissenschaftlichen Erörterung gerückt worden ist. Das war die Zeit, als man sich in Theorie und Praxis für nichts mehr als für das „Krisenproblem“ entflammte. Marx hatte durch die Aufstellung seiner „Zusammenbruchstheorie“ die Frage auf das äußerste zugespitzt und ihr zugleich einen praktisch-politischen Sinn untergelegt, der sie so bedeutsam für die wirtschaftliche, ja für die allgemeine gesellschaftliche und staatliche Zukunft der kapitalistischen Welt erscheinen ließ. Nach dieser Marx- schen Krisentheorie sollten die Ausschläge des Konjunkturpendels immer stärker, dadurch die Niedergangszeiten immer verhängnisvoller, die Zusammenbrüche immer schwerer und allgemeiner werden. Immer mehr Werte würden in diesen „Krisen“ zerstört werden, bis die Maschine selbst in Unordnung geraten werde und nicht wieder hergestellt werden könne. , „Die Handelskrisen (stellen) in ihrer periodischen Wiederkehr immer drohender die Existenz der ganzen bürgerlichen Gesellschaft in Frage... In den Handelskrisen wird ein großer Teil nicht nur der erzeugten Produkte, sondern der bereits geschaffenen Produktivkräfte regelmäßig vernichtet. . . Wodurch überwindet die Bourgeoisie die Krisen ? .. . Dadurch, daß sie allseitigere und gewaltigere Krisen vorbereitet und die Mittel, den Krisen vorzubeugen, vermindert.“ So 702 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte geschrieben im „Kommunistischen Manifest“, also im Krisenjahre 1847. Aber noch im Jahre 1894 (!) prophezeite Engels (bei der Herausgabe des dritten Bandes des „Kapitals“) „eine weit gewaltigere, künftige Krisis“'. Was lehrt die Erfahrung? Daß — jedenfalls für Europa, auf das sich jene Voraussagen bezogen — das Gegenteil der Marxschen Annahme richtig ist. Als Marx seine Krisentheorie entwarf — im Augenblick der schwersten „Krisis“, die je namentlich England, aber auch den Kontinent heimgesucht hatte —, konnte man in der Tat auf den Gedanken kommen, die Rückschläge, die auf den Aufschwung folgten, würden immer schwerer. Man konnte die Linie 1825—1836—1847 fortgesetzt denken und kam dann eben zu der Katastrophentheorie, wie sie Marx entwarf. Aber auch die Krisis von 1857 paßte noch in das Bild hinein. Wir erfahren aus dem Briefwechsel zwischen Engels und Marx, wie die beiden, ganz toll vor Freude, im Zimmer herumtanzten, als sie von dem Niederbruch der Konjunktur im Jahre 1857 erfuhren und damit die Richtigkeit ihrer Krisentheorie bestätigt fanden. Aber nun war es auch vorbei. Die Krisis von 1857 war die letzte Katastrophe großen Stils, die England erlebte; Deutschland und Österreich erfuhren dann noch im Jahre 1873 eine schwere Krisis. Und seitdem besteht die deutliche Neigung im europäischen Wirtschaftsleben, die Gegensätze auszugleichen, abzumildern, zum Verschwinden zu bringen; eine Tendenz, die bis zum Weltkriege angehalten hat und auch durch diesen selbst, und was ihm folgte, nicht etwa abgeschwächt oder in ihr Gegenteil verkehrt worden ist. Es gibt zwar strenggläubige Marxisten, die noch heute an der Katastrophentheorie des Meisters festhalten und gerade im Weltkriege, als „der größten und allgemeinsten Katastrophe“, eine Bestätigung ihrer Richtigkeit finden. Aber mit solchen Leuten kann man sich nicht in einen Streit einlassen. Es ist entweder Irrsinn oder Unverschämtheit, den Weltkrieg als eine der von Marx prognostizierten Kapitalkrisen anzusehen, die ja doch als „immanente“, aus dem Wesen des Kapitalismus mit innerer Notwendigkeit hervorwachsende Erscheinungen konstruiert waren. Was solcherweise aus dem sich selbst überlassenen Kapitalismus hervorwuchs, war aber wie gesagt das Gegenteil der prophezeiten Verschärfung der Krisen; es war deren Beseitigung, es war mit einem in der letzten Zeit geprägten Worte die Stabilisierung der Konjunktur. Fünfundvierzigstes Kapitel: Die Stabilisierung der Konjunktur 703 Dieser allgemeinen Beobachtung der abnehmenden Krisengefahr entspricht die andere, daß sich die Gegensätze der Hoch- und Tiefkonjunktur in einer und derselben Zeit in verschieden hohem Grade in den verschiedenen Ländern Europas bemerkbar machen. In den Ländern Europas: damit will ich die Tatsache hervorkehren, daß sich die behauptete Stabilisierungstendenz auf diese beschränkt, dagegen in den Vereinigten Staaten von Amerika bislang sich nicht nachweisen läßt. Hier ist vielmehr das „Krisenproblem“ noch sehr praktisch, weshalb denn auch die ökonomische Wissenschaft jenes Landes mit eben demselben Eifer sich dieses Problems in den letzten Jahrzehnten angenommen hat, wie die europäische Nationalökonomie in der Zeit von etwa 1825 bis 1860, als sich alles wissenschaftliche Interesse tatsächlich um das Krisenproblem drehte, das heute bei uns nur noch geringe Teilnahme erweckt. Ich versuche, die Richtigkeit meiner Auffassung durch einige Ziffern zu belegen. 1. England. Die ganze Wildheit des ungezähmten Kapitalismus tritt eigentlich zum letzten Male in den 1840er Jahren zutage. Damals betrugen die ersten Eintragungen von Aktiengesellschaften: 1844 . 119 1845 . 1520 1846 . 292 • 1847 . 215 1848 . 123 (Min.) Was die Sinne damals verwirrte, ment wurden autorisiert: 1844 . . . . . 805 1845 . . . . . 2700 1846 . . . . . 4538 1847 . . . . . 1354 1848 . . . . . 330 war die „Railwav mania“. Im Paria- Meilen Eisenbahnen 39 99 99 93 99 93 19 99 Scrivenor, History of the Iron Trade (1854), 296. Die Eisenerzeugung erlebte eine unerhört rasche Ausweitung unter dem Einfluß dieser plötzlich gesteigerten Nachfrage: von 1,2 auf 2 Millionen Tonnen, also um 66% % in den Jahren 1844—1846. Scrivenor, a. a. 0. S. 295. Schon in den 1850er Jahren ist die Expansionssucht schwächer und damit auch der Rückschlag. In den 1870er Jahren und 1890er Jahren begegnen wir dagegen einem sehr gemäßigten Schrittmaße, welche Ziffern wir auch immer als Symptom nehmen: 704 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte Zahl der Gründungen von Aktiengesellschaften (Lim. Comp.) Nominales Aktienkapital Millionen £ 1870 . 573 38,3 1871 . 794 69,5 1872 .1090 133,0 1873 .1207 152,1 (Max.) 1874 . .1201 110,5 1875 .1135 82,4 1876 . 955 48,3 (Min.) 1893 . 2528 96,6 1896 . 4664 309,5 (Max.) 1897 .5156 291,1 1904 . 3766 92,5 (Min.) Die Gründungsziffern sind dem Artikel „Aktiengesellschaften“ im HSt. (erste und vierte Auflage) entnommen. Die Pendelschwingung während der beiden letzten Konjunkturperioden ist ungefähr dieselbe; das Verhältnis des Mindestbetrages, zu dem das Gründungskapital nach dem Aufschwung zusammenschrumpft, zu dem Höchstbetrage, den es im glücklichsten Jahr erreicht hatte, beträgt 100:318 und 100:334. Die Entwicklung der Eisenproduktion in diesen beiden Zeiträumen verlief wie folgt: Erzeugt wurden 1000 t Roheisen: 1870 . 6733 1895 7827 1872 . 6850 1899 9454 1873 . 6672 1900 9052 1874 . 6087 1901 8056 1875 . 6467 1902 8818 Nach Sundbärg. Also Schwankungen kaum der Rede wert. 2. Deutschland. Hier zeigt der Kapitalismus noch in den 1870er Jahren die Wildheit, die er in England in den 1840er und zum Teil noch in den 1850er Jahren besessen hatte. Die Gründungen betrugen: Gesellschaften Aktienkapital (Mill. Mk.) 1871 . 259 759 1872 . 504 1478 1873 . 242 544 1874 . 90 106 1875 . 55 46 1876 . 42 18 Ziffern nach Max Wirth. Die Roheisenproduktion in 1000 t: 1870 . 1873 . 1876 . Stat. Handbuch 1, 259. 1390 2241 1846 Fünfundvierzigstes Kapitel: Die Stabilisierung der Konjunktur 705 Die Dividenden im Kohlenbergbau: Nach Wagon, Die finanzielle Entwicklung der deutschen Aktiengesellschaften von 1870—1900 [1903]. Demgegenüber erscheinen die Bewegungen in den 1890er Jahren gemessen : Unter diesen Mindestsatz sinkt die Summe nicht herunter. Stat. Jahrbuch. Die Spannung zwischen Höchstsatz und Niedrigstsatz ist hier beinahe dieselbe geworden wie in England (160 : 461). Die Ziffern der Roheisenerzeugung sind diese (1000 t): Nach Sundbärg. Der Rückgang vom höchsten Betrage zum niedrigsten des „Krisenjahres“ beträgt 7,5 (!) % und ist im nächsten Jahre schon wieder wettgemacht. Die Dividenden im Kohlenbergbau betrugen Nach Wag on. Würde man nichts als diese Ziffern (und nicht auch das Geschrei, das sich an sie anknüpft) kennen, man käme überhaupt nicht auf den Gedanken, daß Deutschland in den Jahren 1900/01 eine „Krisis“ —- die schwerste in den 30 Jahren von 1873 bis 1914! — durchlebt habe. 3. Die Vereinigten Staaten von Amerika. Hier allerdings hat der Kapitalismus noch nichts von der Gemessenheit des Schrittes angenommen, die ihn in Europa seit dem letzten Menschenalter kennzeichnet. Hier sind die Aufwärtsbewegungen, aber auch die Rückschläge von einer Maßlosigkeit, die in Europa schon einige Zeit zurückliegt. Ja, es scheint fast, als ob hier die Unausgeglichenheit zunähme, die Pendelschwünge größer würden. Das wenigstens lehren die Ziffern der Eisenerzeugung. 1873 1874 1875 1M1% Gründungen Kapital (Mill. Mk.) 1894 . . 88 251 544 340 158 118 1895 1899 1900 1901 1902 1890 . . . . 4658 1895 1900 1901 1902 5465 8521 7880 8530 1900 1901 1902 13,65% 11,33% 11,17% 706 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtscliaftl. Prozesses i. d. Geschichte Die Produktion in Roheisen betrug (in 1000 t): 1892 . 9157 1893 . 7125 1894 . 6658 1895 . 9446 1903 . 18009 1904 . 16497 1905 . 22992 1907 . 25781 1908 . 15936 1909 ...... 25795 1920 . 35710 1921 . 16038 1922 .... . 27670 Stat. Jahrbuch. 1923 . 38364 Der tollste Hexensabbat, den das kapitalistische Zeitalter bisher erlebt hat, mit dem verglichen die Aufs und Abs der 1840er und 1850er Jahre in England, der 1870er Jahre in Deutschland und Österreich Kinderspiele waren, hat sich in Amerika während der Jahre 1920—1921 ereignet. Ein unerhörter Preisfall vollzog sich während des Jahres 1920/21 (1919—1922): Kalbshäute Rohkautschuk Baumwolle Elektrolytisches Kupfer Zucker Bankrotte: 1921 Erstes Vierteljahr 1922 das Pfund: Januar 80 Cents, Dez. 15 Cents „ ., 1920 40 „ 1921 18 „ „ „ 1920 40 „ 1921 12—15 „ „ „ 1920 37 „ 1921 12—13 „ „ „ Mai 1920 22 „ Dez. 1920 5 „ 20014 mit $ 756000000 Schulden. 7111 „ „ 230000000 Dividenden der Naticmalbanken: 1920 25% 1921 7ao% Beispiel: General Motors Corporation: 1920 $ 37000000 Profit, 1921 „ 39000000 Verlust, Central Leather Company: 1919 „ 30000000 Profit, 1920/21 „ 10000000 Verlust. Automobile wurden im Jahre 1920 für $ 3500000000 verkauft, das sind also 15 Milliarden Mark. (Der Höchststand des Preisindex betrug im Mai 1920 272; die 15 Milliarden sind also 5—6 Milliarden Goldmark.) Ziffern aus E. E. Lincoln, Applied Business Finance. 2. ed. 1923. Vgl. die allgemeinen Preisziffern des Bureau of Labour Statistics in „Wirtschaft und Statistik“ 1 (1921), 533. Die außerordentliche Spann- und Lebenskraft des amerikanischen Kapitalismus lassen aber nicht nur diese tollen Sprünge an und für sich erkennen, sondern in vielleicht noch höherem Maße die Schnelligkeit, mit der ein Rückgang überwunden wird. Auf das „Krisenjahr“ folgt fast immer ein Jahr mit abermals beträchtlich gesteigerter Produktion. Fünfundvierzigstes Kapitel: Die Stabilisierung der Konjunktur 707 II. Gründe Wir werden die im vorstehenden festgestellten Tatsachen am besten verstehen, wenn wir uns zunächst die Gründe vergegenwärtigen, die auf eine Stabilisierung der Konjunktur hinwirken, und dann diejenigen Gründe daneben stellen, die eine solche in den Vereinigten Staaten bisher aufgehalten haben. Bei diesem Verfahren wird uns auch verständlich werden, warum die einzelnen Länder Europas eine verschieden starke Neigung zur Stabilisierung aufzuweisen haben. Was zur Stabilisierung der Konjunktur führt, ist zu einem guten Teile derjenige Prozeß, den wir in diesem Unterabschnitte auf allen Gebieten des Marktverkehrs verfolgt haben: die Rationalisierung. Also kommen in Betracht: 1. die zunehmende Einsicht in die Zusammenhänge des Marktes, die auch ohne die Errichtung der „ökonomischen Wetterwarten“ Fortschritte genug gemacht hatte, um Einfluß auf die Konjunktur auszuüben; 2. bestimmte Vorgänge in der Umlaufssphäre, als da sind: a) die rationelle Gestaltung des Geld- und Zahlungswesens: die Festigung der Währimg und die Ausdehnung des bargeldlosen Verkehrs (der Störungen durch Geldknappheit vermindert). Diesen hat Amerika zwar stark entwickelt; seine Währung ist aber doch erst 1914 stabilisiert worden; b) die rationelle Gestaltung des Notenbankwesens, eine besonnene Diskontpolitik der Zentralbanken: fehlte in Amerika bis 1914; c) die rationelle Gestaltung des privaten Bankwesens. Hier hat wohl das zaghaftere Bankwesen Englands in der Richtung einer früheren Stabilisierung gewirkt, während ganz allgemein in Europa die starke Konzentration im Bankgewerbe Sicherheitsfaktoren geschaffen hat. 1 Im großen ganzen wird man sagen können, daß früher in England als in Deutschand, früher in Europa als in Amerika „an Stelle chaotischer Gestaltung der Kreditbeziehungen ... bewußte Regelung durch ökonomisch geschulten Willen“ (H. v. Beckerath) getreten ist, und daß dieser Wandel sehr wesentlich zur Verringerung der Krisengefahr und damit zu einer Stabilisierung der Konjunktur beigetragen hat. Es haben aber in derselben Richtung gewirkt: 3. Gründe auf der Produktionsseite. Solche sind: a) die Umgestaltung der Produktionsbedingungen, wodurch automatisch die Ausschläge verkleinert werdeD. Sombart, Itochkapitalisrinis II. 45 708 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte Die Ausdehnung des wirtschaftlichen Körpers und damit seine Sättigung an Produktionsmitteln bedeutet, daß jede Ausweitung der Dauergüterproduktion (wodurch, wie wir wissen, alle Expansionskonjunktur beginnt) einen verhältnismäßig immer kleineren Teil des gesamten Wirtschaftslebens bildet. Man ermesse, was für eine verschieden große Wirkung der Zuwachs von 1000 km Eisenbahnen in den 1840er und in den 1890er Jahren ausüben mußte! Je unfertiger also der Wirtschaftsbau, desto größer die Chance extremer Ausdehnung und entsprechender Rückschläge. Hier liegt wohl einer der wichtigsten Gründe vor, weshalb die Vereinigten Staaten so viel später zur Stabilisierung der Konjunktur gelangen als Europa. An dieser Stelle ist aber auch eine andere Eigenart der amerikanischen Volkswirtschaft zu berücksichtigen, deren ich bereits bei der Lehre von der Konjunkturbildung Erwähnung getan habe: daß die Wirtschaftslage in Amerika nämlich in viel weiterem Umfange als etwa in England oder Deutschland von den Ernteergebnissen im eigenen Lande abhängig ist. Die ungeheueren Extreme der industriellen Produktion, wie sie die Jahre 1907 und 1908 oder 1920 und 1921 aufweisen, finden zum guten Teil ihre Erklärung in den Ernteschwankungen: Es betrug: die Getreideernte die Baumwollernte 1906 ..... 2 927 Mill. bush. 12 983 Ballen 1907 2 592 „ „ 11 057 „ 1920 . 3 208 „ „ 13 270 „ 1921 . 3 068 „ „ 7 977 Die Krisengefahr wird vermindert durch die Veränderungen, die die Organisation der Betriebe erfährt: deren Konzentration, die wir später noch genauer verfolgen werden, wirkt ebenso stabilisierend wie der Übergang zur Aktiengesellschaftsform. Große Betriebe halten schlechte Zeiten leichter aus als kleine, und Aktiengesellschaften können leichter Reserven ansammeln. In dem schwarzen Jahre 1921 fallierten in den Vereinigten Staaten doch nur 7 Unternehmungen mit mehr als 1 Mill. $ Kapital, während die Bankrotte in der Gruppe mit weniger als 5000 $ Kapital 19730 oder 88,1% aller Bankrotte dieses Jahres betrugen. Nur 1,1% der fallierenden Firmen hatte mehr als 50000 $ Kapital. E. E. Lincoln, a. a. O. S. 31 f. Die Ansammlung von Reserven bei den deutschen Aktiengesellschaften beispielsweise tritt in folgenden Ziffern zutage. Die „echten“ Reserven betrugen in Prozent des eingezahlten Kapitals: Fünfundvicrzigstes Kapitel: Die Stabilisierung der Konjunktur 709 bei sämtlichen bei den tätigen Gesellschaften Aktienbanken 1907/08 . 20,80 24,59 1908/09 . 21,66 25,50 1909/10 . 21,96 26,15 1910/11 . 22,87 27,33 1911/12 . 23,62 28,00 1912/13 . 24,44 28,43 1913/14 . 25,17 28,74 Bei R. Passow, Die Aktiengesellschaften. 2. Aufl. 1922. Seite 281. Ein Umstand, der endlich auch noch automatisch verlangsamend und damit ausgleichend wirkt, ist die Verringerung der Zahl der Zusatzarbeiter, namentlich die Abnahme der Zuschußbevölkerung. Auch diese erfolgt früher in England als in Deutschland, früher in Westeuropa als in Amerika. Die gewaltigen Ausschläge Amerikas insbesondere sind ohne die starke Einwanderung schwer zu denken. Man kann die „Booms“ fast noch besser aus den Ein- wandenmgsziffern als aus der Erntestatistik ablesen. So stieg beispielsweise in den Jahren 1904 bis 1907 die Einwanderermenge wie folgt: 1904 . 812870 1905 . 1026499 1906 . 1100735 1907 . 1285349 und fiel plötzlich 1908 auf . 782870. In den Jahren vor 1920 hatte die Einwanderung fast völlig auf- gehört, um dann im Jahre 1920 sich fast zu vervierfachen: 1918 . 110618 1919 . 141132 1920 . 430001. Natürlich — das sei den unentwegten Milieutheoretikern zugegeben — ist zum Teil das Ursachen Verhältnis umgekehrt: die Einwanderung steigt und fällt entsprechend der Wirtschaftslage. Aber daß die rasch steigende Einwanderung die ebenso rasche Ausdehnung des Wirtschaftskörpers erst möglich macht, dürfte von niemand bezweifelt werden. Die Stabilisierung der Konjunktur ist gefördert worden 4. durch äußeres Eingreifen. Hier kommt in Betracht: die Verschärfung der Aktiengesetzgebung, wodurch Vorschriften über Abfassung und Einrichtung von Prospekten, Kontrolle über die Einlagen, Einzahlungen usw., Kontrolle über die Zulassung der Aktien an der Börse u. a. geschaffen werden. Hier hat England schon durch 45* 710 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft! Prozesses i. d. Geschichte sein Gesetz von 1856 die Schwindelunternelimungen der früheren Zeit einzuschränken gewußt, während Deutschlands Reform des Aktienwesens erst nach den Sturm- und Drangjahren 1872/73 durchgeführt wurde (Gesetz vom 18. Juli 1884) und Amerika bis heute weitester Freiheit auf dem Gebiete des Gründungswesens sich erfreut. Außer durch die Regelung des Gründungswesens hat der Staat auf den Gang der Konjunktur — meist ohne Absicht — Einfluß ausgeübt durch seine Arbeiterschutzgesetze, die vielfach eine aufhaltende, hemmende Wirkung ausgeübt haben (Beschränkung der Nachtarbeit, der Frauen- und Kinderarbeit, der Länge des Arbeitstages usw.). Und in gleicher Richtung haben sich häufig die Arbeiterorganisationen beteiligt, deren Politik oft bewußt auf eine Mäßigung des Aufschwungsschrittmaßes hingearbeitet hat: in England mehr als in Deutschland, in Europa mehr als in Amerika. Endlich wäre zu erwähnen: 5. das bewußte Bestreben der Unternehmer, die Konjunktur zu stabilisieren. Hier haben Einzelunternehmungen oder öffentliche Körper — wenn auch selten — einen besänftigenden Einfluß ausgeübt durch eine planmäßige Verteilung der Aufträge: Zurückhalten in Zeiten des Aufschwunges. Da aber jede Maßnahme zur Stabilisierung ein Handicap im Wettbewerb bedeutet, weshalb sie so selten getroffen wird, so hat das Streben der Unternehmerschaft nach Stetigkeit vielfach die Tendenz zu Zusammenschlüssen verstärkt. Trusts wie Kartelle sind häufig aus der Absicht hervorgegangen, stabilisierend auf den Gang der Konjunktur einzuwirken. So haben aber auch — unabhängig von diesem Vorhaben — die Kartelle mehr als die Trusts die Wirkung der Stabilisierung gehabt. Andere Maßregeln, wie sie jetzt in Amerika geplant werden, können hier keine Berücksichtigung finden, wo wir eine Rückschau halten. Die interessanteste dieser Maßregeln, die große Wirkung ausüben kann, ist der Arbeitslosenversicherungszwang, der durch Gesetz bereits in einigen Staaten, wie Massachusetts und Wiscounsin, eingeführt ist. Danach sind die Unternehmer verpflichtet, die entlassenen Arbeiter 13 Wochen lang zu unterhalten (mit 1 $ pro Tag). Man will dadurch einerseits sinnloser Einstellung von Arbeitern während der Hochkonjunktur steuern, andererseits die Kaufkraft verteilen, indem Beträge während der Hochkonjunktur zurückbehalten und später (an die Arbeitslosen) ausbezahlt werden. Fünfuudvierzigates Kapitel: Die Stabilisierung der Konjunktur 711 III. Bedeutung Maßregeln wie die zuletzt besprochenen atmen schon einen anderen Geist als den des Hochkapitalismus. Und in gewissem Sinne gilt das von aller Stabilisierung der Konjunktur. Es ist mit dieser ein eigen Ding. Auf der einen Seite ist sie das letzte Wort der Rationalisierung des Wirtschaftslebens, drängt auf sie das kapitalistische Interesse — bewußt und noch mehr unbewußt — hin. Auf der anderen Seite aber bedeutet sie eine große Gefahr für den Bestand des Kapitalismus in seiner bisherigen Form. Daß dieser seine beste Kraft aus dem Rhythmus der Expansionskonjunktur gezogen hat, haben wir schon des öfteren festzustellen Gelegenheit gehabt. Nirgends so sehr wie an dieser Stelle wird es deutlich, daß auch für die Wirtschaftssysteme gilt, was für das Menschenleben Geltung hat: daß nämlich Rationalisierung doch letzten Endes Altern bedeutet. Wenn erst das Wirtschaftsleben ausgeglichen und ruhig und gemessen geworden ist, läuft es dann nicht rettungslos in die Falle der Reglementierung und Bureaukratisierung ? So steht die Stabilisierung der Konjunktur mit Recht am Ende dieser Darstellung der Rationalisierung des Marktes: dort nämlich, wo diese den Kapitalismus aus seiner Hochepoche in seine Spätepoche überzuführen berufen ist. Aber davon ist hier nicht weiter zu reden. 712 Dritter Unterabschnitt Die Rationalisierung der Betriebe (Produktion) Quellen und Literatur I. Bibliographien—Quellen 1. Das Schrifttum, das sich mit der Gestaltung der Betriebe — sei es vom nationalökonomischen, sei es vom sog. „betriebswissenschaftlichen“ Standpunkt — befaßt, ist während der letzten Jahrzehnte mächtig ins Kraut geschossen. Um welche unüberblickbaren Mengen an Schriften es sich handelt, lassen die Bibliographien erkennen, deren mehrere in letzter Zeit erschienen sind. In deutscher Sprache besitzen wir die Zusammenstellung von Georg Sinner, Betriebswissenschaft. 2., erweiterte Auflage 1920. Sie verzeichnet die Bücher und (größeren) Zeitschriftenaufsätze, die von 1908 bis 1920 in deutscher (und, „soweit erreichbar“, in englischer und französischer) Sprache zum Thema, das ziemlich eng privatwirtschaftlich gefaßt ist, erschienen sind — mit Ausschluß des Schrifttums über landwirtschaftliche Betriebe. Die Bibliographie enthält über 900 Titel. Das will aber noch gar nichts besagen. Ein Verzeichnis von Cannons, das mir glücklicherweise nicht bekannt geworden ist, soll 3500 Schriften allein zum Problem der Arbeitsorganisation, meist in englischer Sprache, die Bibliographie der London Association zur Förderung der Wissenschaft 1700 Titel zum Ermüdungsproblem enthalten. Eine geschickte Auswahl der deutschen, französischen und englischen Literatur (meist nur auf die Arbeitsorganisation, die Vergeistung bezüglich) findet sich bei J. Ermanski, Wissenschaftliche Betriebsorganisation und Taylor-System. Aus dem Russischen von Judith Grünfeld. 1925. Eine allerneueste Erscheinung ist eine bibliographische Zeitschrift: Das betriebswirtschaftliche (!) Schrifttum. Nachweis und Auswertung der in- und ausländischen Fachliteratur. Herausgegeben vom Ausschuß für wirtschaftliche Verwaltung. 1. Jahrgg. 1. Heft Sept. 1926. Erscheint 12 mal im Jahre im Umfang von 102 Spalten in 4° jedes Heft. Die betriebswissenschaftliche Literatur im weiteren Sinne bildet nun aber auch noch den Inhalt der allgemeinen sozialwissenschaftlichen Bibliographien wie der deutschen, im amtlichen Aufträge erscheinenden „Bibliographie für Sozialwissenschaft“ (die übrigens mangels eines Stichwortverzeichnisses für wissenschaftliche Zwecke so gut wie unbrauchbar ist). Quellen und Literatur 713 Laß es sich angesichts dieser überreichen Literatur in der folgenden Übersicht nur um die Hervorhebung der wichtigsten oder richtiger: der mir am brauchbarsten erscheinenden oder aus irgendwelchen besonderen Gründen erwähnenswerten Schrift handeln kann, ist selbstverständlich. 2. Als Quellen kommen in Betracht vor allem die amtlichen Statistiken, die besonders für Deutschland und die Vereinigten Staaten ergiebig sind. Von den zahlreichen Bearbeitungen verdienen hervorgehoben zu werden J. Conrad-A. Hesse, Statistik; besonders Band III. Berufsund Gewerbestatistik. 4. Aufl. 1925 sowie die amerikanischen Census Monographs. Methodologisch-kritisch wertvoll ist Rudolf Meerwarth, Einleitung in die Wirtschaftsstatistik. 1920; erweitert und vertieft wieder erschienen u. d. T. Nationalökonomie und Statistik. 1925. Ferner enthalten auch die auf Seite 639 bereits genannten „Kartell“- Enqueten viel wertvolles Material zur Beurteilung des Betriebsproblems. Endlich wird man die zahlreichen privaten Materialsammlungen zu den Quellen rechnen dürfen, wie sie in den Jubiläumsschriften der einzelnen Firmen oder in gelegentlichen Zusammenstellungen wie etwa der vom Vorstand des Deutschen Metallarbeiterverbandes herausgegebenen Schrift: „Konzerne der Metallindustrie“ (1923) vorliegen. 3. Zur Quellenliteratur rechne ich die umfangreiche Spezies der über den Zustand oder die Geschichte einzelner Werke oder einzelner Gegenden oder einzelner Gewerbezweige schlicht berichtenden Schriften, die um so wertvoller sind, je weniger sie den Ehrgeiz haben, allgemeine Urteile zu fällen. Besonders in Deutschland ist diese Literaturart sehr verbreitet, weil es hier jahrzehntelang Übung war, derartige Beschreibungen als Doktordissertationen zu verwenden. Jeder bessere Universitäte- professor gab „Sammlungen“ solcher Monographien heraus, deren Zahl heute Legion ist. Unmöglich, sie auch nur in einer Auswahl hier aufzuzählen. Einen Teil — diejenigen, die Anfänge der Typisierung enthalten — werde ich unter der Literatur verzeichnen. Hier sei auf die Übersichten über zahlreiche dieser Schriften hingewiesen, die sich in dem oben genannten Werk von Conrad-Hesse befinden. II. Allgemeine Schriften über Betriebsgestaltung Zwischen „nationalökonomischer“ und „privatwirtschaftswissenschaftlicher“ oder „betriebswissenschaftlicher“ Literatur läßt sich bei der unklaren Grenzbestimmung kein Unterschied machen. Solange sich die „Privatwirtschaftler“ nicht streng „zweckrational“ einstellen, vielmehr allerhand empirische Feststellungen machen und fakt husche Urteile fällen, wird sich eine scharfe Sonderung der beiden Disziplinen auch nie vornehmen lassen. Was ja im Grunde auch gar nicht so wichtig ist. In neuerer Zeit sind zwei amerikanische Bücher erschienen, die mir in gedrängter Fassung das Beste zu bieten scheinen, was sich jetzt über Betriebsgestaltung in allen ihren Verzweigungen sagen läßt: Edm. Earle Lincoln, Applied Business Finance. 2. ed., 1923. und J. Maurice Clark (der Sohn), Studies in the economics of overhead costs, 1923. Lincoln behandelt das gesamte Betriebsproblem wesentlich unter dem 714 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte Gesichtspunkt der Finanzierung, Clark unter dem Gesichtspunkt der Kosten. Allerdings bringen sie für deutsche Leser nichts wesentlich Neues. Beide Verfasser kennen die nicht-englische (nicht-amerikanische) Literatur leider gar nicht. Einen reichen Stoff enthält auch das Sammelwerk von H. A. Overstreet and others: Scientific Foundations of Business Administration. Edited by Henry C. Metcalf. 1926. Es besteht aus folgenden Abteilungen , deren j ede von verschiedenen Autoren bearbeitet ist: The Philosophical Foundations; The Biological Foundations; The Psychological Foundations; Basis Principles of Administration and of Management; Practical Applications of Scientific Principles to Business Management. Aus der englischen Literatur ragen noch heute hervor die bekannten, öfters genannten Bücher von Marshall, zu denen sich die verschiedenen Schriften von John Lee gesellen, die aber mehr privatwirtschaftlichen Inhalts sind. Die letzte ist: An Introduction to industrial administration. 1925. Neuerdings hat der bekannte Wirtschaftshistoriker Sir William Ashley seine Ansichten über die „Geschäftswissenschaft“, wie er recht passend unsere Betriebswissenschaft nennt, niedergelegt in der Schrift: Business Economics. 1926. In der französischen Literatur verdienen Beachtung die mehr privat- wirtschaftlich gedachten Schriften von A. Liesse, Les entreprises industrielles, fondation et direction. 1919 und I. Carlioz, Le gouverne- ment des entreprises commerciales et industrielles. 1921. Einen höheren Rang nimmt ein das Werk von Jean Paul Palewski, Le röle du chef d’entreprise dans la grande industrie. Etüde de Psychologie eco- nomique. s. a. (1924.) Das gehaltvolle Buch bewegt sich vielfach in meinen Gedankengängen, die der Verfasser aber, wie er mir schreibt, erst nachträglich aus den in den letzten Jahren erschienenen, französischen Übersetzungen meiner Werke kennengelernt hat. Über Fayol: siehe unten S. 720. In der deutschen Literatur kommen die schon des öfteren angeführten ausgezeichneten Werke der Nationalökonomen J. Hirsch und Th. Vogelstein vornehmlich in Betracht. Legen diese den Nachdruck auf den Handels- und den Industriebetrieb, so wäre als dritter für die Lehre vom Bankbetrieb noch G. v. Schulze-Gaevernitz mit seiner Arbeit über Bankwesen im GdS. Band V zu nennen. Unter den Werken der „Privatwirtschaftler“ (mit keineswegs immer privatwirtschaftlichem Inhalt) verdienen genannt zu werden: G. Peiseler, Zeitgemäße Betriebswirtschaft. I. Teil. Grundlagen. 1921. (Standpunkt des Ingenieurs); H. Nicklisch, Wirtschaftliche Betriebslehre. 6. Aufl. 1923 (wesentlich buchhalterisch gesehen); A. Schilling, Die Lehre vom Wirtschaften. 1925 (sehr „grundsätzlich“). Die besten Darstellungen für die drei Hauptgebiete des Wirtschaftslebens sind jetzt wohl: F. Aereboe, Allgemeine landwirtschaftliche Betriebslehre. Zuerst 1917; F. Leitner, Betriebslehre der kapitalistischen Großindustrie, im GdS VI. 2. Aufl. 1923 (völlig umgearbeitet); J. F. Schär, Allgemeine Handelsbetriebslehre. 1. Band, 4. Aufl. 1921 (anschaulich). Quellen und Literatur 715 Das umfangreichste Werk über Betriebsgestaltung in deutscher Sprache: Rud. Dietrich, Betriebswissenschaft. 1914 (800 Seiten, Lexikonoktav) bietet — wohl wegen zu allgemeiner Fassung und mangelnder Problemstellung — wenig. Erwähnt seien noch die betriebswissenschaftlichen Zeitschriften deutscher Zunge: Zeitschrift für Handelswissenschaftliche Forschung (Schmalenbach). Seit 1906; Zeitschrift für Handelswissenschaft und Handelspraxis (Nicklisch-Obst). Seit 1908/09; Der Organisator, Schweizerische Monatsschrift für moderne Geschäftsführung, Organisation und Propaganda. Seit 1919/20; Zeitschrift für Betriebswirtschaft (F. Schmidt). Seit 1924; Betrieb und Organisation. Monatsschrift 1924f. Die Unternehmung. Zeitschrift für Betriebswirtschaft und Steuer. Her. von H. Gering. 1925 f. Zeitschrift für Organisation. (Herausgeber Ges. f. Org.) Seit 1927. Sie treten jetzt neben die bekannten nationalökonomischen Zeitschriften. Im Jahre 1926 beginnt das von H. Nicklisch herausgegebene Handwörterbuch der Betriebswissenschaft zu erscheinen. III. Schriften über einzelne Probleme Da die einzelnen Problemkreise, deren Behandlung in Frage kommt, sich nicht immer mit den Kapitelüberschriften decken, vielmehr teils über mehrere Kapitel sich erstrecken, teils innerhalb eines Kapitels nur einen beschränkten Raum einnehmen, so will ich sie in alphabetischer Folge anordnen, was, wie mir scheint, die Benutzung erleichtert. Abgrenzung (Funktionenteilung und -Vereinigung, Fusion, Kombination, Konzentration, Konzernbildung, Spezialisation, Werkteilung und -Vereinigung, „Zusammenschlußbewegung“). Alle die in der Klammer genannten Probleme werden meist oder doch sehr häufig ganz oder teilweise in einer und derselben Schrift behandelt; die Literatur läßt sich also nicht systematisch einteilen. Ich werde die erwähnenswerten Schriften, die ich aus einer besonders großen Fülle herausgreife, nach großen Wirtschaftsgebieten und innerhalb dieser, wenn nötig, nach Ländern anordnen. Landwirtschaft: Backhaus, Arbeitsteilung in der Landwirtschaft in Jahrb. f. NÖ. III. F. Band VIII. 1894; K. Kautsky, Die Agrarfrage. 1899. 2. Aufl. 1902; E. Stumpfe, Der landwirtschaftliche Groß-, Mittelund Kleinbetrieb. 1902; Keup und Mührer, Die volkswirtschaftliche Bedeutung vom Klein- und Großbetrieb in der Landwirtschaft. 1913; Ed. David, Sozialismus und Landwirtschaft. 2. Aufl. 1922; Walther Schiff, Uber Wesen und Besonderheiten der Agrarpolitik, im Archiv 53. Band (1925). Gute Zusammenfassung. A. M. Simons, The American Farmer. 1903; E. A. Goldenweiser und L. E. Traesdell, Farm tenancy in U. S. A. 1920. Analysis of the results of the 1920 census relative to farms classified by tenure etc. Census Monographs IV. 1924. Gewerbe: Deutschland'. Henry Völker, Vereinigungsformen und Interessenbeteiligungen in der deutschen Großindustrie in Schmollers Jahrbuch Band 33. 1909; Marquardt, Die Interessengemeinschaften. 716 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte Eine Ergänzung zur Entwicklungsgeschichte der Zusammenschlußbewegung von Unternehmungen. 1910; R. Passow, Der Aufbau der größeren industriellen Betriebe auf den Ergebnissen der gewerblichen Betriebsstatistik von 1907, im Thünen-Archiv 1912; Derselbe, Der Anteil der großen industriellen Unternehmungen am gewerblichen Leben der Gegenwart in Deutschland, England und den Ver. Staaten, in der Zeitschrift für Sozialwissenschaft. YI. 1915. Statistische Mitteilungen über das Land Baden. 1923; Seite 105 ff. Enthält eine Statistik über Konzerne, Trusts usw. in Baden. Hans Gideon Heymann, Die gemischten Werke in der deutschen Großeisenindustrie. 1904. Grundlegendes Werk; W. Jutzi, Die deutsche Montanindustrie auf dem Wege zum Trust. 1905. Die Schwereisenindustrie im deutschen Zollgebiet, ihre Entwicklung und ihre Arbeiter. Nach vorgenommenen Erhebungen im Jahre 1910 bearbeitet und herausgegeben vom Vorstand des deutschen Metallarbeiterverbandes. 1912; K. Goldschmidt, Uber die Konzentration im deutschen Kohlenbergbau. 1912; Kurt Wiedenfeld, Ein Jahrhundert rheinischer Montanindustrie. 1916; AVortmann, Die rheinisch-westphälischen Montankonzerne, im Weltwirtschaftlichen Archiv, Band 18; Arnold Troß, Der Aufbau der Eisen- und Eisenverarbeitenden Industriekonzerne Deutschlands. 1923; Paul Ufermann und Carl Hügelin, Der Stinneskonzern. 1924. Konzerne der Metallindustrie. Herausgegeben vom Deutschen Metallarbeiterverband. 2. Aufl. 1924. Felix Pinner, Emil Rathenau und das elektrische Zeitalter. 1918; Rudolf Berthold, Die Konzentrationsbewegung in der Elektrizitätsindustrie und die Großbanken. Berliner In.-Diss. 1922. Mit guter Literaturübersicht; Paul Ufermann und Carl Hügelin, Die AEG. Eine Darstellung der Konzerne der AEG. 1922. Siehe auch den Bericht des Deutschen Metallarbeiterverbandes, der zur Hälfte d. Elektrizitätsindustrie gewidmet ist. Großbritannien: Senechall, La concentration industrielle et commer- ciale en Angleterre. 1909; Deseille, Le developpement des Trusts en Angleterre. 1909; Th. Vogelstein, Organisationsformen der Eisenindustrie in England und Amerika. 1910. (Eisen- und Textilindustrie.) Report of committee on Trusts. 1919. Enthält verschiedene wissenschaftliche Abhandlungen. D. I. Williams, Capitalist Combination in the Coal Indu- stry. 1924. Vereinigte Staaten von Amerika: E. L. von Halle, Trusts or industrial combinations and coalitions in the U. S.A. 1899; Ida M. Tarbell, The History of the Standard Oil Company. 2 Vol. 1904; H. Levy, Die Stahlindustrie der Vereinigten Staaten. 1905; dazu Th. Vogelstein im Archiv Band 22 (1906), woselbst auch eine sehr lehrreiche Übersicht über die Trust-Literatur der wichtigen Jahre 1902—1905 gegeben wird. Abr. Berglund, The United Steel Corporation. 1907; Paul L. Vogt, The Sugar Refining Industry in the U.S.A. 1907; Th. Vogelstein, Organisationsformen usw. 1910. (Eisen- und Textilindustrie); Fernand Braun, Des Societes des Capitaux aux Etats-unis et leur importance economique. 1923; Eliot Jones, The Trust Problem in the United States. 1924. Quellen und Literatur 717 Die zur Zeit beste Gesamtdarstellung des Problems; Willard L. Thorp, The Integration of industrial operations. Census Monographs III. 1924. Ausgezeichnet. Siehe auch die Literatur über Kartelle auf Seite 520f. und 639 und über Finanzierung. Handel: Hugo Bonikowski, Der Einfluß der industriellen Kartelle auf den Handel in Deutschland. 1907; Kurt Wiedenfeld, Der Handel imd die Industriekartelle, in Schmollers Jahrbuch Band 33. (1909); Edgar Landauer, Handel und Produktion in der Baumwollindustrie. 1912; derselbe, Uber die Stellung des Handels in der modernen industriellen Entwicklung, im Archiv Band 34. 1912. Diese Schriften behandeln nur das Problem der Funktionenteilung oder -Vereinigung. Uber Konzentrationsbewegung im Handel siehe die Literatur s. v. Detailhandel. Transport: Seeschiffahrt: Karl Thieß, Deutsche Schiffahrt und Schiffahrtspolitik der Gegenwart. 1907; Overzier, Der amerikanischenglische Schiffahrtstrust. 1912; Paul Lenz, Die Konzentration im Seeschiffahrtsgewerbe. 1913; Erich Murken, Die großen transatlantischen Linienreederei-Verbände, Pools und Interessengemeinschaften bis zum Weltkriege. 1922. Diese beiden Werke, deren erstes das Problem mehr grundsätzlich, deren zweites es mehr historisch behandelt, ergänzen einander vortrefflich; Walt. Eucken, Die Verbandsbildung in der Seeschiffahrt. 1924. Binnenschiffahrt: W. Tietze, Die Oderschiffahrt. 1907; K. Fischer, Eine Studie über die Elbschiffahrt. 1907; H. Meier zu Selhausen, Die Schiffahrt auf der Weser und ihren Nebenflüssen. 1911; A. Wirminghaus, Denkschrift zur Beurteilung der wirtschaftlichen Lage und Organisationsbestrebungen in der Rheinschiffahrt. Beilage zum Jahresbericht der Handelskammer zu Köln. 1913; derselbe, Gemeinwirtschaftliche Organisation der deutschen Binnenschiffahrt in den Jahrb. f. NO. Band 114. 1920; E. Pleißner, Die Konzentration der Güterschiffahrt auf der Elbe. 1914. Banken: Notenbanken: Sven Helander, Theorie und Politik der Zentralnotenbanken in ihrer Entwicklung. 1916. Kreditbanken: Depitre, Le mouvement de concentration dans les banques allemandes. 1905; Jul. Riesser, Die deutschen Großbanken und ihre Konzentration im Zusammenhang mit der Entwicklung der Gesamtwirtschaft in Deutschland. Zuerst 1905. In seiner erweiterten Form erschöpfend. — L. Barety, La concentration de la bauque en province, in Annales de l’Ucole des Sciences Politiques. 1910. — Raffard, Le mouvement de concentration dans les banques de depots en Angleterre. 1910. — Vgl. die auf Seite 149ff. und Seite 637ff. angeführte Literatur über Bankwesen und Kapitalmarkt. Eine Schriftenart ganz besonderen Gepräges bilden die Abhandlungen der Marxisten über die angeblich allgemeine „Konzentrationsbewegung“ im Zeitalter des Hochkapitalismus. Hierher gehören die schon öfters genannten Werke von K. Kautsky, R. Luxemburg, R. Hilferding, 718 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte Iv. Renner, E. Fischer; ferner P. Maßlow, Theorie der Volkswirtschaft. 1912; J. M. Rubinow, Marxens Prophezeiungen im Lichte der modernen Statistik im Archiv für die Geschichte des Sozialismus usw., herausgeg. v. C. Grünberg. VI. Jahrgang 1916 (gegen Simkhovitch) und viele andere. Der Typus verändert sich nicht. Die neueste Erscheinung dieser Art ist M. Rubinstein, Die Konzentration des Kapitals und die Aufgaben der Arbeiterklasse. 1924. Aktiengesellschaften: Quelle: Handbuch der Aktiengesellschaften. Besteht auch für andere Länder. Literatur: E. Steinitzer, Ökonomische Theorie der A.G. 1908; Enke, Das Anwachsen der A.G. in der Elektrizitäts- und Textilindustrie. 1912; R. Passow, Die A.G. 2. Aufl. 1922. Hauptwerk; W. Rathenau, Vom Aktienwesen. 1917.; A. Cushing, Voting Trusts. 1915. G. Franke- Fahle, Die Stimmrechtsaktie. 1923. Siehe im übrigen die Literatur über Finanzierung. Vgl. auch das über A.G. im Band II dieses Werkes angeführte Schrifttum. Amerika, amerikanische Geschäftsmethoden (Schriften von Europäern aus neuester Zeit): Carl Köttgen, Das wirtschaftliche Amerika. 1925; Arthur Feiler, Amerika-Europa. 1926; Kurt Th. Friedländer, Verkäufer, Firma, Kunde. Wie Amerika Verkaufskunst lehrt. 1926; Julius Hirsch, Das amerikanische Wirtschaftswunder. 1926. Amerikareise deutscher Gewerkschaftsführer. 1926; W. Müller (Dr. Ing.), Soziale und technische Wirtschaftsführung in Amerika. 1926. Vgl. auch die bereits angeführte Literatur über Konkurrenz sowie in dieser Übersicht die Stichworte: Ford, Konzentration, Taylor. Arbeitsorganisation: siehe Vergeistung. Auslandsbanken: R. Rosendorff, Zur neuesten Entwicklung des deutschen Auslandsbankwesens, in Schmollers Jahrbuch Band 30 (1906); Anton P. Brüning, Die Entwicklung des ausländischen, speziell des überseeischen Bankwesens. 1907; R. Hauser, Die deutschen Uberseebanken. 1907; G. Diouritch, L’expansion des banques allemandes ä l’etranger. 1909. Das Werk, das das meiste Material enthält; es umfaßt 798 Seiten Lexikonoktav; E. Agahd, Großbanken und Weltmarkt. 1914; Karl Strasser. Die deutschen Banken im Auslande. 2. verm. Aufl. 1925. Betriebsformen: Landwirtschaftliche: v. d. Goltz, Landwirtschaft in Schönbergs Handbuch der pol. Ökonomie; Otto Pringsheim, Landwirtschaftliche Manufaktur und elektrische Landwirtschaft im Archiv Band 15 (1900); Theodor Brinkmann, Die Ökonomik des landwirtschaftlichen Betriebs, im GdS Band VII; Georg Stieger, Der Mensch in der Landwirtschaft. Grundlage der Landarbeitslehre. 1922. Umfassendes, bedeutendes Werk; Tschajanoff, Die Lehre von der bäuerlichen Wirtschaft. 1923; Blunk, Fabrikmäßig betriebene Landwirtschaft. 1926; Theodor Hackert, Industrialisierung in der Landwirtschaft. 1926. Vgl. die unter Allgemeiner Betriebslehre sowie unter den Stichworten Abgrenzung und Vergeistung angeführten Schriften. Quellen und Literatur 719 Uber die Maschine, in der Landwirtschaft im besonderen: E. Per eis, Uber die Bedeutung des Maschinenwesens in der Landwirtschaft. 1867; E. Dyhrenfurth, Untersuchungen über die Anwendung der Dampfkraft in der Landwirtschaft. 1886; Max Eyth, Die Entwicklung des landwirtschaftlichen Maschinenwesens in Deutschland, England und Amerika. 1893; W. Hartmann, Die neueren Kraftmaschinen und ihre Bedeutung für die Landwirtschaft. 1895; F. Bensing, Der Einfluß der landwirtschaftlichen Maschinen auf Volks- und Privatwirtschaft. 1898; G. Fischer, Die soziale Bedeutung der landwirtschaftlichen Maschinen. 1902; H. W. Quaintance, The Influence of Farm Machinery on Production and Labour. 1904; Heinrich Lanz. 50 Jahre des Wirkens in Landwirtschaft und Industrie, 1859—1909. Dargestellt von Paul Neubaur. 1909. Die Entwicklung des landwirtschaftlichen Maschinenwesens in Deutschland. Festschrift zum 25jährigen Bestehen der D. Landw. Gesellschaft. 1910. (Verschiedene Verfasser.) Gewerbliche: Andrew Ure, Philosophy of Manufacturs. 3. ed. 1861; K. Marx, Das Kapital. 1. Band. IV. Abschnitt; K. Bücher, Die gewerblichen Betriebssysteme in seiner Schrift: Die Entstehung der Volkswirtschaft. Zuerst 1893 und im HSt. s. v. Gewerbe. Vgl. auch die im 1. und 2. Bande dieses Werkes von mir angeführte Literatur. Hausindustrie insbesondere: Bibliographie generale des industries ä domicile. 1908. Die spätere Literatur im HSt. s. h. v. Die Literatur über Betriebsformen berührt sich vielfach mit der über die Vergeistung der Betriebe (s. d.) und deckt sich sogar teilweise mit ihr. Natürlich behandeln auch die meisten allgemeinen Schriften zur Betriebslehre die Betriebsformen. Detailhandel: Bis 1902 siehe die Literatur in der 1. Auflage dieses Werkes. Aus dem später erschienenen Schrifttum nenne ich: Julius Hirsch, Das Warenhaus in Westdeutschland. 1910; F. Schär, Konsumverein und Warenhaus im Archiv Band 31. 1910; Käthe Lux, Studien über die Entwicklung der Warenhäuser in Deutschland. 1910; J. Wer- nicke, Warenhaus, Industrie und Mittelstand. 1911; Jul. Hirsch, Die Filialbetriebe im Detailhandel. 1913; Hoschke, Das Detaillisten-Kaufhaus. 1917; Langlotz, Der Kleinhandel in Eisenwaren. 1918. Leon Duclos, Les transformations du commerce de detail en France au XIX. sibcle. 1902; Poupart, Les grands bazars, in der Revue Politique et Parlementaire. 1908; Chaudin, Les formes modernes du commerce de detail dans une ville de province (Lille). 1909; Et. Martin Saint- Leon, Le petit commerce frangais. 1911. Moride, Les Maisons ä succur- sales multiples etc. 1913; Historique des Magazins du Bon Marche. 1913. Swett, Principles of the mail Ordersbusiness. Chicago 1905; Nystroem, The Economics of Retail. New York. 1922; L. B. Mann, The importance of Retail Trade in U. S.A. in The American Economic Review. Vol. XIII. Nr. 4. Dec. 1923. Retail advertising and selling. 1924. L. M. Comstock, Modern retail methods. 1926. Vielfach behandelt auch die Literatur über Konsumgenossenschaften das Problem der Betriebsgestaltung im Detailhandel. Ich nenne aus 720 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung cl. Wirtschaft]. Prozesses i. d. Geschichte dem reichen Schrifttum nur einige zusammenfassende Schriften allgemeinen Inhalts: Ch. Gide, Les cooperatives de consommation. 1904. 2. ed. 1917. Bern. Lavergne, Le regime cooperativ. Etüde generale de la Cooperation de consommation en Europe. 1908. (Das neueste Werk dieses ausgezeichneten Autors: L’ordre cooperatif. Etüde generale de la cooperation de consommation [1926] beschäftigt sich vorwiegend mit den gemischt-öffentlichen Unternehmungen, in denen Konsumenten Aktionäre sind.) V. Totomianz, Theorie, Geschichte und Praxis der Konsumentenorganisation. 1914. Vgl. auch die Schriften unter den Stich Worten: Amerika, Funktionenteilung, Kombination und die allgemeine Literatur über Betriebswesen. Ertragsgesetze: siehe oben Seite 521. Fayol, Fayolismus: H. Fayol, Administration industrielle et generale. 1916. Uber F. unterrichtet J. P. Palewski, a. a. 0. Seite 479ff. Fabrik: siehe Betriebsformen, Vergeistung. Finanzierung: Allgemein: Handel: George W. Edwards, International Trade Finance. 1924. Industrie: S. Herzog, Handbuch der industriellen Finanzierungen. 1914; R. Liefmann, Beteiligungs- und Finanzierungsgesellschaften. 4. Aufl. 1923 (reiches Material); E. Schmalenbach, Finanzierungen. 3. Aufl. 1922. Vorwiegend auf deutsche Verhältnisse ist zugeschnitten das Buch von Otto Jeidels, Das Verhältnis der deutschen Großbanken zur Industrie. 1905. Neue unveränderte Auflage 1913. Trotz seines beschränkten Untersuchungsgebietes ist das Jeidelssche Buch auch von hervorragender theoretischer Bedeutung. Es ist grundlegend für alle späteren Arbeiten, die kaum etwas Neues zur Klärung des Problems beibringen. F. Delaisi, La democratie et les financiers. Mehr kulturpolitisch eingestellt. M. Caillez, L’organisation du credit au commerce exterieur en France et h l’etranger. 1923. L. Joseph, Industrial Finance. A comparison between home (sc. Cb'eat- Britain ) andforeigndevelopment. 1911. Carl WolfgangFrhr. v. Wieser, Der finanzielle Aufbau der englischen Industrie. 1919. Besonders interessant Ungarn und Balkan: Otto Sugar, Die Industrialisierung Ungarns. 1908; Offergeld, Grundlagen und Ursachen der industriellen Entwicklung Ungarns (Probleme der Weltwirtschaft Band 17). 1914; Ödön Makai, Gründungswesen und Finanzierung in Ungarn, Bulgarien und der Türkei. 1916. Behandelt °ind die rechtlichen und wirtschaftlichen Bedingungen des Gründungswesens, nicht dieses selbst. Die umfangreichste Literatur über Finanzierung, namentlich von Industrieunternehmungen, ist die amerikanische, die sich auch fast ausschließlich auf amerikanische Verhältnisse bezieht. Eine hervorragende Stellung nehmen die schon öfters angeführten Werke von Th. Veblen ein, in denen das Finanzierungsproblem meist im Mittelpunkte steht. Ebenfalls schon genannt sind die auch hier in Betracht kommenden Werke von Duimchen, Myers, Mencke, Lawson. Aus der älteren Literatur sind noch zu nennen: E. S. Me ade, Trust Finance. 1903; idem, Corporation Finance. 1912. Quellen und Literatur 721 Eine zusammenfassende Darstellung aus der jüngsten Zeit ist Charles W. Gerstenberg, Financial Organisation and Management of Business. 1924. Das ausführlichste Werk ist Arthur Stone Dewing, The Financial Policy of Corporations. 5 (!) Vol. 1920. 2. ed. 1921. Ein willkommener Berater in den außerordentlich verwickelten Finanzierungsverhältnissen der Ver. Staaten ist jetzt das von Bob. H. Montgomery herausgegebene Financial Handbook. (1925.) Das Handbuch gibt vor allem auch den erwünschten Aufschluß über die namentlich für den Fremden oft völlig unverständlichen Ausdrücke des amerikanischen Geschäftsjargon. Aus der älteren deutschen Literatur über U. S. A. erwähne ich: Ernst Picard, Die Finanzierung nordamerikanischer Eisenbahnen. 1912; J. Singer, Das Land der Monopole. 1913. Über die Finanzierung des Handwerks siehe die in der ersten Auflage dieses Werkes genannten Schriften; über die des Baugewerbes insbesondere: Emmy Reich, Der Wohnungsmarkt in Berlin 1840—1910. 1912; Vilma Carthaus, Zur Geschichte und Theorie der Grundstückskrisen in deutschen Großstädten. 1917. Dortselbst ist die ältere Literatur vollständig verzeichnet. Vgl. auch die unter Aktiengesellschaft genannten Schriften. Ford, Fordismus: Quellen: HenryFord, Life and Work. 1922. Deutsch von Curt und Marg. Thesing; 1923; The Ford Industries. Facts about the Ford Motor Company and its Subsidiaries, 1924. Aus der umfangreichen Literatur: F. v. Gottl-Ottlilienfeld, Fordismus? 3. Aufl., 1927; derselbe, Art. Fordismus, im Handwörterbuch für Kaufleute. Herausarbeitung der Grundsätze; Emil Honermeier, Die Ford Motor Company, ihre Organisation und ihre Methode, o. J. (1925). Beste Gesamtdarstellung mit Literaturverzeichnis; Paul Rieppel, Ford-Betrieb und Ford-Methoden. 1925. Wertvoll wegen der (60) Abbildungen und ihrer sachkundigen Beschreibung, die einen guten Überblick über die Ordnung des Betriebes geben. Funktionenteilung und -Vereinigung: siehe Abgrenzung. Großbetrieb: siehe Abgrenzung und die auf Seite 521 genannte Literatur. Hausindustrie: siehe Betriebsformen. Ingenieur: Ludwig Brinkmann, Der Ingenieur, o. J. (1908); Max Kraft, Güterherstellung und Ingenieur in der Volkswirtschaft, in deren Lehre und Politik. 1910; A. Riedler, Emil Rathenau. 1916; Th. Veblen, Absentee Ownership. 1917; Hermann Meyer, Fünfzig Jahre bei Siemens. 1920. Vgl. auch die Lebenserinnerungen von Werner Siemens und die verschiedenen Schriften von Max Eydt. Intensivisierung: siehe Verdichtung. Kombimdion: siehe Abgrenzung. Konzentration: siehe Abgrenzung. Konzembildung: siehe Abgrenzung. Löhnungsmethoden: siehe Verdichtung. Manufaktur: siehe Betriebsformen. Normalisienmg: siehe die auf Seite 595 genannten Schriften. 722 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte Optimale Betriebsgestaltung: siehe die auf Seite 521 genannten Schriften Salemanship: siehe Amerika. Spezialisation: siehe Abgrenzung. Symbiosen: siehe Finanzierung. Taylor, Taylorismus: Eine Übersicht über die Wiegendrucke des Taylorismus (1886—1908) findet sich am Schlüsse des Mehrheitsberichtes des Unterausschusses für Verwaltung der American Society of Mechanical Engineers, der abgedruckt ist als Anhang zu einem Vortrage von James Mapes Dodge auf der 54. Hauptversammlung des VDI. in Leipzig 1913. Siehe „Technik und Wirtschaft“. 6. Jahrgang. 1913. Heft 8. Auch besonders erschienen. Die Hauptschriften Frederick W. Taylors, die auch in deutscher Übersetzung erschienen sind, sind folgende: Shop management. Zuerst 1903. Deutsch u. d. T. Die Betriebsleitung von A. Wallichs, 2. Aufl. 1912; Principles of scientific management. Deutsch u. d. T. Die Grundsätze der wissenschaftlichen Betriebsführung von Rud. Roesler. Neue Ausgabe 1917; Frank B. Gilbreth, Taylor-Ingenieur, Primer of scientific management. Deutsch u. d. T. Das Abc der wissenschaftlichen Betriebsführung von Colin Roß. 4. Aufl. 1925. Enthält eine kurze Einführung in das „System“ des Taylorismus. Aus der reichen Literatur über Taylor in deutscher Zunge verdienen hervorgehoben zu werden: Rud. Seubert, Aus der Praxis des Taylorsystems. 4. Aufl. 1920; bringt ein reiches Material an Formularen, eingehende Berechnungen, Abbildungen usw.; Fritz Söllheim, Taylorsystem für Deutschland. 1922. Behandelt den Taylorismus unter allen möglichen Gesichtspunkten ; reiche Stoffsammlung. Schon genannt wurde J. E r m ans ki, Wissenschaftliche Betriebsorganisation und Taylorsystem. 1925. Enthält eine sehr eingehende Darstellung und Würdigung des Systems vom Standpunkt des Lohnarbeiters aus. W. Eliasberg, Richtungen u. Entw. Tend. i. d. Arbeitswissenschaft, im Archiv Bd. 56. 1926. Trusts: siehe Abgrenzung, Finanzierung. Untemehmungsformen: R. Liefmann, Die U. 3. Aufl. 1923; Franz Findeisen, Die U. als Rentabilitätsfaktor des Betriebes. 1924; derselbe in der Zeitschrift für Betriebswirtschaft. 1. Jahrg. 1924; Melchior Palyi, Das Problem der U., im Grundriß der Betriebswirtschaftslehre. Bd. II. 1926. Vgl. die Literatur unter Abgrenzung, Aktiengesellschaft, Betriebsformen. Verdichtung: Zunahme der Intensität des landwirtschaftlichen Betriebes: A. Mitscherlich, Die Schwankungen der landwirtschaftlichen Reinerträge. 1903; B. Skaiweit, Die ökonomischen Grenzen der Intensivi- sierung der Landwirtschaft. 1903. Siehe darüber Ballod in Schmollers Jahrbuch, Band 28 (1904), 785; Jos. Rybark, Die Steigerung der Produktivität der deutschen Landwirtschaft. 1905; Kellermann, in Thiels Landwirtschaftlichen Jahrbüchern. 1906; Wehrdede, ebenda 1907; Waterstradt, Die Rentabilität der Wirtschaftssysteme. 1909. Arbeiten der D. Landwirtschaftsgesellschaft, Heft 167: Neuere Erfahrungen auf Quellen und Literatur 723 dem Gebiete des landwirtschaftlichen Betriebswesens. 1910; Karl Ritter, Die Einwirkung des weltwirtschaftlichen Verkehrs auf die Entwicklung und den Betrieb der Landwirtschaft, insbesondere in Deutschland. 1921. EranzBrinkmann, Die Grundlagen der englischen Landwirtschaft u nd die Entwicklung ihrer Produktion seit Auftreten der internationalen Konkurrenz. 1909; zum Teil Rückgang der Intensität; Brisse, Crise et l’evolution de l’agriculture en Angleterre. 1910; K. E. Prothero, English Farming. Past and Present. 1912. f~ Über die Verdichtung des industriellen und kommerziellen Betriebes gibt es keine besondere Literatur. Sie wird abgehandelt in jeder Monographie und findet Erwähnung insbesondere in der Literatur über Abgrenzung und Vergeistung. Über die Mittel zur Verdichtung des (industriellen) Betriebes: siehe Marx, Kapital, Band I, Kapitel 13. Über die Wirkung der Verkürzung des Arbeitstages insbesondere: Lord Brassey, Works and Wages. Zuerst 1872; L. Brentano, Über das Verhältnis von Arbeitslohn und Arbeitszeit zur Arbeitsleistung. 1876. 2. Aufl. 1893. Weitere Literatur siehe bei H. Herkner, Die Arbeiterfrage, Band I § 24 und in dem von demselben verfaßten Artikel „Arbeitszeit“ im HSt. I 4 . Vgl. daselbst auch den Artikel „Achtstundentag“ (St. Bauer). Über Löhnungsmetkoden insbesondere: David F. Schloß, Methods of Industrial Remuneration. Zuerst 1898; Ludwig Bernhard, Handbuch der Löhnungsmethoden. 1906 (im Anschluß an Schloß). Vgl. die Schriften unter Amerika, Ford, Taylor. Versachlichung: siehe Vergeistung. Vergeistung: Um sich eine Vorstellung von dem Betriebe alten Stils zu machen, kann man die älteren Lehrbücher der Betriebswissenschaft zu Rate ziehen, die allerdings meist nur den Handelsbetrieb zum Gegenstände haben. Aber man darf schon von diesem auf andere Betriebe schließen. Sehr lehrreich sind z. B. noch aus der Mitte des 19. Jahrhunderts die Bücher von Friedrich Noback, etwa: Der Kommis in den verschiedenen Kreisen seines Wirkens als Buchhalter, Kassierer, Korrespondent, Lagerdiener, Reisender, Disponent und im Kleinverkehr. 1848 u. a. Man kann aber auch die Schilderungen von Handel und Gewerbe in früherer Zeit lesen, wobei die Romanliteratur nicht zu vergessen ist: Gustav Freytags „Soll und Haben“ bietet einen reicheren Erkenntnisstoff als zehn langweilige Handels- und Industriegeschichten. Endlich gibt es vereinzelte Schriftsteller in der Gegenwart, die sich mit jener früheren Organisation grundsätzlich beschäftigen. Unter ihnen verdient Rieh. Woldt besonders genannt zu werden, der eine klare Anschauung von dem Gegensatz zwischen „Einst“ und „Jetzt“ hat. Siehe besonders seinen Aufsatz: Frühkapitalistische Organisation im Corresp.- Blatt der deutschen Gewerkschaften, 18. Jahrg., Nr. 43. Die Organisation des modernen Betriebes, insbesondere der Fabrik selbst, behandeln alle bereits genannten allgemeinen Schriften über Betriebslehre. Ich füge noch einige neuere Werke hinzu, die den Vergeistungsvorgang besonders deutlich vor Augen stellen: Rieh. Woldt, Sombart, Hochkapitalismus II. 46 724 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte Der industrielle Großbetrieb. 1913. Interessant auch wegen des Standpunkts, von dem aus die moderne Fabrikorganisation gesehen ist; E. Heidebroek, Industriebetriebslehre. 1923; Walter Bucerius, Grundlagen der rationellen Betriebsführung. 1924; Fritz Wegeleben, Die Rationalisierung im deutschen Werkzeugmaschinenbau. 1924. Der Verf. hat die Organisation der Ludwig Loewe & Co. A.-G. in Berlin, eines der fortgeschrittensten Betriebe Deutschlands, zur Grundlage seiner wohldurchdachten Arbeit genommen. — J. Carlioz, Le gouvernement des entreprises commerciales et industrielles. 1921. Wertvoll durch die Beschreibung verschiedener Musterorganisationen großer industrieller und kommerzieller Betriebe. L. G. Deloge, L’organisation commerciale et industrielle. Zuerst 1924. Sehr beliebt im französischen Sprachgebiet. — Edw. D. Jones, The Administration of Industrial Enterprises with special Reference of Factory Practice. New edition. 1925. (Englisch); Hugo Diemer, Factory Organization and adminstration. 1921; Henry Post Dutton, Factory management. 1924; idem, Business Organization and management. 1926. Dexter S. Kimball, Principles of Industrial Organization. 3. ed. 1925. Diese drei Schriften stammen von Amerikanern. Die Verfasser dieser modernen Betriebslehren, zumal die amerikanischen, wenden die Grundsätze der rationellen Fabrikorganisation auf ihre Schriften mit gutem Erfolge an: diese werden sich einander immer ähnlicher in Gegenstand, Aufbau, Schreibweise, so daß man fast schon zu einer „inter- changeability of parts“ gelangt ist. Es ist völlig standardisierte, exakt gearbeitete Fabrikware. Über die Art der Arbeit im vergeisteten Betriebe insbesondere unterrichten folgende Schriften: Hanns Deutsch, Qualifizierte Arbeit und Kapitalismus. 1904; Kämmerer, in seinen verschiedenen, bereits genannten Werken; Max Weber, Zur Psychophysik der industriellen Arbeit, im Archiv, Band 27 und 28. 1908. 1909; Die Erhebungen des VfSP. über Auslese und Anpassung und die Diskussion darüber auf seiner Generalversammlung zu Nürnberg 1911, in seinen Schriften Band 133ff., 138; W. Hellpach im ersten Bande der von ihm herausgegehenen Sozialpsychologischen Forschungen. 1922; das von Joli. Riedel herausgegebene Sammelwerk „Arbeitskunde“ 1925. Vgl. auch die unter „Verdichtung“ genannten Arbeiten Herkners und das dort angeführte Schrifttum; ferner in diesem Verzeichnis: unter den Stich Worten Betriebsfonnen, Ford und Taylor. Warenhäuser: siehe Detailhandel. Werkteilung und -Vereinigung: siehe Abgrenzung. Wissenschaftliche Betriebsführung: siehe außer den Literaturangaben im Text die beiden vortrefflichen Dogmengeschichten der Betriebswirtschaftswissenschaft : C. Fr aas, Geschichte der Landbau- und Forstwissenschaft. 1865 und Eduard Weber, Literaturgeschichte der Handelsbetriebslehre. 1914. Übersicht 725 Übersicht 1. In diesem Unterabschnitte soll die Neugestaltung der Betriebe behandelt werden, das heißt also hn wesentlichen: es sollen die Ratio- nalisierungstendenzen, die dem hochkapitalistischen Wirtschaftssystem innewohnen, unter dem Gesichtspunkte der Betriebsgestaltung auf- gewiesen werden. Auf welches Ziel diese Rationalisierungstendenzen gerichtet sind, wenn sie die Gestaltung der Betriebe betreffen, sagt uns vielleicht am besten ein Privatwirtschaftler. „Oberster Grundsatz einer jeden Organisation der wertschaffenden, das heißt arbeitstechnischen Tätigkeit ist: größtmögliche Beschleunigung des Arbeitsprozesses, Ausnutzung der menschlichen und mechanischen Arbeitsfähigkeit, rationelle und sichere Rührung des Betriebes. Der Fabrikationsbetrieb (imd das Gesagte gilt für jeden Betrieb mit sinnvoller Änderung. W. S.) soll ein nach Qualität und Preis konkurrenzfähiges Produkt liefern, auf möglichste Verminderung des Stoffverbrauchs bzw. höchstmögliche Ausbeute sowie auf beste und sparsamste Herstellung bedacht sein. Für jede Arbeitsstufe ist das Verhältnis zwischen Arbeitsleistung und Leistungsmöglichkeit der maschinellen Einrichtungen, der Qualität und dem Wirkungsgrad der geleisteten Arbeit festzustellen. Stetige Minderung der Herstellungskosten ist das Leitmotiv der Betriebsorganisation, das durch Verbesserungen und Vereinfachung in der Herstellung, Änderung der Arbeitsorganisation und Arbeitsmethode erreicht werden kann.“ (F. L e i t n e r.) Diese Strebungen in ihrer grundsätzlichen Wesenheit zu erfassen, wird unsere Aufgabe sein. Wir werden das Streben nach Rationalisierung in drei Richtungen verfolgen müssen, um es in seiner ganzen Fülle zu ermessen. Zunächst müssen wir die kapitalistischen Formen kennenlernen, in denen sich der Betrieb in unserer Epoche abspielt. Diese Formen zu beschreiben ist die Aufgabe der ersten drei Kapitel dieses Unterabschnittes (46.-48.): Teil A. Sodann werden wir untersuchen, auf welche Weise die äußere GestaltungderBetriebe erfolgt, um den Anforderungen der Rationalität gerecht zu werden. Die folgenden drei Kapitel (49.—51.) werden diese äußere Betriebspolitik (wie man sagen könnte) darzustellen haben: Teil B. Endlich werden wir die Rationalisierungstendenz in ihren Einwirkungen auf den inneren Aufbau der Betriebe, gleich- 46 * 726 Dritter Abschnitt : Die Gestaltung d. wirtschafte. Prozesses i. d. Geschichte s a.m die innere Betriebspolitik, zu betrachten haben, was in den drei letzten Kapiteln (52.-54.) geschehen soll: Teil C. 2. So klar und bestimmt nun aber die Zielsetzung hochkapitalistischer Betriebsgestaltung auch ist, so müssen wir auch hier des Satzes eingedenk bleiben, daß viele Wege nach Rom führen. Ich meine: der Einheitlichkeit des Zweckes entspricht keineswegs eine Gleichförmigkeit der Mittel. Wir werden deshalb darauf gefaßt sein müssen, in allen drei auf gewiesenen Richtungen sehrverschiedenartigen Gestaltungen zu begegnen, in so vielen Punkten auch die einzelnen Gebilde, auf die wir stoßen, übereinstimmen mögen. Nichts ist törichter und widerspricht dem Reichtum des Lebens mehr als die Annahme, daß überall dieselben Formen in der Gestaltung des Wirtschaftslebens anzutreffen seien. 3. Daß wir die Rationalisierungstendenz, auch und gerade im Bereiche der Betriebsgestaltung, als einen wesentlichen Zug des Hochkapitalismus ansehen, darf uns über die Grenzen der Wirksamkeit dieser Tendenz nicht täuschen. Wir müssen uns vielmehr zum Bewußtsein bringen, daß sie weder eine allgemeine noch eine durchdringende, das heißt, daß sie extensiv wie intensiv beschränkt ist. Zunächst ist sie überhaupt nicht viel älter als ein oder zwei Menschenalter, wenn wir sie in ihrer ganzen, dem Unternehmer zum vollen Bewußtsein gelangten Tragweite ermessen wollen. „Vorausschauende wirtschaftliche Überlegungen über den Alltagsbedarf hinaus waren selbst noch während der achtziger Jahre wenig üblich. Die Fragen: ,Was kostet 1 leg Dampf V, ,Was kostet der Transport der Werkstücke?', ,Was sind die Selbstkosten dieses Maschinenteils V wurden meist nur durch den Hinweis auf die Buchhaltung beantwortet, die ja an der Jahreswende aufweisen werde, was verdient wurde.“ (A. Riedl er, Emil Rathenau [1916], 35.) Aber auch in der Gegenwart und in den fortgeschrittensten Ländern ist die Gestaltung der Betriebe von ihrem rationalen Ideal noch weit entfernt. Für England stellt der Bericht des Committee on Trusts of the British Ministry of Reconstruction 1919 fest: „It should be stated at once that no association among the many hundred existing in the United Kingdom at the present time, and few of the numerous mammoth amalgamations have come as yet anywhere near realizing them (die Grundsätze der Rationalität) in full.“ Übersicht 727 Selbst aber für die Vereinigten Staaten von Amerika, das Musterland der Rationalisierung, gilt der Satz, daß die Wirklichkeit von dem Ideal noch beträchtlich entfernt ist. Der Hoover-Bericht des Jahres 1921: Waste in Industry publ. by the McGraw Hill Book Company, kommt zu folgendem Ergebnis: Es waren zu machen: Ausstellungen Ausstellungen Verhältnis des bei dem besten beim Durchbesten zum Betriebe schnittsbetriebe Durchschnitts- betricbe Männerkleidung 26,73 63,78 1:2 Baugewerbe . . 30,15 53,00 1:1% Buchdruck . . 30,50 57,61 1:2 Schuhfabrikation 12,50 40,83 1:3 Metallindustrie . 6,00 28,66 1:41/2 Textilindustrie . 28,00 49,20 1:1 % Dabei handelt es sich in diesen Fällen wohl immer um kapita- listische Rationalität. Daß diese unter Umständen erheblich von der ökonomischen Rationalität abweichen kann, haben wir bereits festgestellt. Alle diese Abweichungen vom Ideal wird die folgende Darstellung, die ein möglichst getreues Bild der Wirklichkeit entwerfen will, zum Ausdruck bringen müssen. 728 A. Die kapitalistischen Formen Sechsundvierzigstes Kapitel Die Geschäftsformen der Unternehmung I. Die verschiedenen Geschäftsformen und ihre Eigenart Daß überall, wo Kapitalismus ist, die kapitalistische Unternehmung die Wirtschaftsform bildet, wissen wir und wissen auch, daß sie nach außen hin als „Firma“ in die Erscheinung tritt. Auch die verschiedenen Gestalten, in denen sie erscheint, sind uns aus früheren Betrachtungen vertraut. Wir haben verfolgt, wie neben der Einzelunternehmung sich schon im Zeitalter des Frühkapitalismus die gesellschaftlichen Unternehmungsformen entwickeln: die Personenvereinigung (Offene Handelsgesellschaft), die Beteiligungsgesellschaft (Stille Gesellschaft, Kommanditgesellschaft) und die reine Kapitalgesellschaft (die Aktiengesellschaft). Von dem allen handelt das elfte Kapitel des zweiten Bandes. Dort haben wir auch schon die Eignung der verschiedenen Geschäftsformen für kapitalistische Zwecke festgestellt und haben wir die Aktiengesellschaft als die dem Wesen des Kapitalismus angemessene Form der Unternehmung — ihrer Versachlichung wegen — kennengelernt. Den Vorteilen, die sie dem Kapitalismus bietet: Dauer des Bestandes, leichtere Beschaffung des Grundkapitals, größere Ausweitungsfähigkeit mittels des Kredits, steht nur der (allmählich schwindende) Nachteil einer verhältnismäßig größeren Schwerfälligkeit gegenüber. Endlich haben wir auch schon die innere Entwicklung der verschiedenen Geschäfts-, insonderheit Gesellschaftsformen zu der ihnen innewohnenden Idee verfolgt; auf der Folie der Zustände des 18. Jahrhunderts sahen -wir namentlich die Aktiengesellschaft sich zu reineren Formen entfalten. (Vgl. auch das vierzehnte Kapitel dieses Bandes.) Die Aktiengesellschaft weist heute noch Verschiedenheiten zwischen den einzelnen Ländern auf hinsichtlich der Gründungsweisen, der Höhe der Aktien, der B,echtsform der Aktien usw. In den Vereinigten- Staaten unterscheidet man die Corporation von der Joint Stock Com- Sechsundvierzigstes Kapitel: Die Geschäftsformen der Unternehmung 729 pany, sofern j ene staatlich anerkannt und registriert ist, einen,,Charter‘ ‘, einen „Certificate of incorporation“ besitzt, diese nicht. Dazu sind in manchen Staaten aktiengesellschaftsähnliche Gebilde mit besonderen Eigenarten entstanden, wie die „Gesellschaften mit beschränkter Haftung“ in Deutschland. Alle diese Unterschiedlichkeiten gehen uns hier nichts an. Sie ändern nichts am Wesen der reinen Kapitalgesellschaft und ihrem Gegensatz zu der Personalgesellschaft einerseits, der Einzelunternehmung andererseits. Im folgenden werden alle Geschäftsformen unter diese drei Typen untergebracht. II. Die Verbreitung der verschiedenen Geschäftsformen Noch heute ist in allen Ländern die Einzelunternehmung der Zahl nach überwiegend, der Bedeutung nach aber in den kapitalistisch fortgeschrittenen Staaten (außer in der Landwirtschaft) von den Gesellschaftsformen längst überholt. Auch beobachten wir überall eine Tendenz zur Ausbreitung der kollektiven Unternehmung. Ich gebe die Ziffern für Deutschland und die Vereinigten Staaten von Amerika. Zu vergleichen ist die bereits mitgeteilte allgemeine Statistik der Aktiengesellschaften auf Seite 213 ff. Für Deutschland liegen einstweilen nur die Ziffern bis 1907 vor. Der Anteil der Gesellschaften erscheint deshalb geringer. Zweifellos hat sich die Kollektivunternehmung seit 1907 noch beträchtlich ausgedehnt. Die Gesellschafts- öder Kollektivbetriebe machten von beschäftigten von 1000 Gehilfen- 1000 in Gehilfenbetrieben betrieben aus tätigen Personen 1895 . 49,6 315,9 1907 . 66,5 397,8 Hierbei sind nun alle Handwerksbetriebe mitgezählt. Beschränken wir uns auf die Großbetriebe, so ändert sich das Bild wesentlich. Bei den Mittelbetrieben (6—50) betrug (1907) die Zahl der Gesellschaftsbetriebe...201,5 %« die Zahl der in Gesellschaftsbetrieben beschäftigten Personen 261,2%o Von Betrieben mit 51—1000 Personen entfallen der Zahl nach auf Gesellschaftsbetriebe. ..571 %n beschäftigte Personen auf diese. 668,9°/ 00 Endlich für die Betriebe mit über 1000 Personen sind die entsprechenden Zahlen: 946,1 und 964,6. Die Ziffern sind entnommen dem Bande 220/21 der Stat. des D. B. Seite 141 ff. 780 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte In den Vereinigten Staaten beträgt der Anteil der Gesellschaften (im Gewerbewesen) vom Hundert nach dem Zensus: an der Zahl an der Zahl der an der Menge sämtlicher beschäftigten des erzeugten Unternehmungen Lohnarbeiter Wertes 1904. 47,3 86,4 88,5 1909 . 47,6 87,8 91,1 1914 . 48,4 89,9 92,1 il919 . 52,4 93,1 94,3 Von den Gesellschaftsbetrieben machen die Aktiengesellschaften den größten und immer wachsenden Anteil aus. In Deutschland waren in Aktiengesellschaften beschäftigt: 1895 . 95,8 % 0 1907 ..... 141,8°/o 0 aller in Gehilfenbetrieben tätigen Personen. Dieser Anteil betrug 1907: bei Betrieben von 6—50 Personen 23,7 „ „ „ 51-1000 „ 214,9 „ ,, über 1000 ,, 648,9 Quelle: wie oben. In den Vereinigten Staaten lauten die Ziffern für die Aktiengesellschaften (Corporations) wie folgt. Ihr Anteil betrug: an der Zahl an der Zahl der an der Menge sämtlicher beschäftigten des erzeugten Unternehmungen Lohnarbeiter Wertes 1904 23,6 70,6 73,7 1909 25,9 75,6 79,0 1914 . 28,3 80,3 • 83,2 1919 31,6 86,6 87,7 Fragen wir, ob sich die Kollektivunternehmung in allen Produktionszweigen verbreitet hat oder sich auf einzelne beschränkt, so lautet die Antwort: Ein Wirtschaftsgebiet, in dem sie nicht Wurzel gefaßt hätte, gibt es nicht. Auch die Aktiengesellschaft, die Adam Smith noch auf Giro- und Notenbanken, Versicherungsanstalten, Kanalbaugesellschaften und die städtische Wasserleitung beschränkt wissen wollte, begegnet uns heute überall. Allerdings ist die Verbreitung der Gesellschaftsunternehmung in den verschiedenen Wirtschaftszweigen verschieden stark sowie der Anteil der einzelnen Gesellschaftsformen verschieden groß. Nur vereinzelt finden wir die Gesellschaftsunternehmung überhaupt und die Aktiengesellschaft insbesondere in der Landwirtschaft. Auch der Warenhandel zeigt eine verhältnismäßig geringe Neigung für die Kollektivunternehmung. Soweit sie hier vorkommt, erscheint sie als Personalvereinigung (Offene Handelsgesellschaft) im Großhandel, als Aktiengesellschaft im Kleinhandel (Warenhäuser). In der Industrie ist die Aktiengesellschaft in raschem Vor- Sechsundvierzigstes Kapitel: Die Geschäftsformen der Unternehmung 731 dringen begriffen. Sie tritt überall dort als die herrschende Unter- nehmungsform auf, wo das Anlagekapital gegenüber dem umlaufenden Kapital eine große Rolle spielt, wo also die erste Kapitalbeschaffung das größte Problem ist. Sie ist in einzelnen Ländern (Deutschland) die beliebte Form der Bankorganisation geworden und herrscht überall fast unumschränkt im Versieherungsgewerbe. Auch das Verkehrsgewerbe, soweit es großbetrieblich gestaltet ist, bevorzugt die Aktiengesellschaft. Einige Ziffern, die ich wiederum für Deutschland und die Vereinigten Staaten (die Länder mit der übersichtlichsten Statistik) anführe, werden das Gesagte noch deutlicher machen. Zur Statistik der Untemehmungsformen und ihrer Verbreitung im einzelnen: Man kann die Bedeutung einer Unternehmungsform im Wirtschaftsleben auf zweifache Weise feststellen: indem man die Verteilungsquoten für die Unternehmungsform und indem man deren Anteil an der Gesamtzahl der Unternehmungen auf einem Wirtschaftsgebiete ermittelt. Beide Wege gestattet uns die Statistik zu gehen. Die Aktiengesellschaften verteilen sich in Deutschland auf die einzelnen Gewerbegruppen wie folgt. Von den 14,7 Milliarden Aktienkapital, das die gesamten (5222) deutschen Aktiengesellschaften im Jahre 1909 besaßen, entfielen auf: Bergbau-, Hütten- und Salinenwesen . . 1,3 desgl. verbunden mit anderen Betrieben . 1,0 Maschinenindustrie.1,6 Spinnstoffe.0,6 Nahrungs- und Genußmittel.1,1 Handelsgewerbe.4,5 darunter: Geld- und Kreditwesen .... 3,8 Versicherungsgewerbe.0,6 Verkehrsgewerbe.1,5 16,0 Seitdem hat sich das Verhältnis etwas verschoben. Während die Aktiengesellschaften in den Spinnstoff-, Nahrungs- und Genußmittel-, Handels- und Versicherungsgewerben nur geringfügigen Zuwachs erfahren haben, hat sich ihr Kapital in der Maschinenindustrie fast verdoppelt (1919: 3,0), in der chemischen Industrie aber sogar verdreifacht(1919:1,5). Stat. Jahrb. Für Amerika besitzen wir eine gleiche Statistik. Danach betrug im Jahre 1919 die Gesamtzahl der Corporations 320198, die sich auf die einzelnen Produktionszweige wie folgt verteilten: Bankwesen, Versicherungswesen usw.22,7% Handel (Trade).22,0% Gewerbe. 21,2% 65,9% 732 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte Davon: Übertrag: 65,9% Metallindustrie.4,1% Nahrungs- und Genußmittel.3,9% Textilindustrie.2,7% Holzindustrie.2,7% Buchdruckerei und Verlagsgeschäft ..... 2,2% Transportgewerbe. 6,4 % Bergbau und Steinbrüche. 5,8% Öffentliche Dienste, Hotels usw. 4,9% Konzerne, die sich über verschiedene Industriegruppen erstrecken. 3,0 % Baugewerbe. 2,6% Landwirtschaftliche Industrie. 2,6% In Liquidation und außer Betrieb. 8,8% 100 , 0 % Naturgemäß besagen diese Ziffern noch nicht viel, solange wir die Höhe des Kapitalbetrages nicht kennen, mit denen die Aktiengesellschaften an den verschiedenen Gewerbegruppen beteiligt sind. Den Kapitalbetrag kennen wir aber nur für etwa die Hälfte der amerikanischen Aktiengesellschaften: 192037 von den obigen 320198. Danach war der Anteil in absoluten Ziffern in den wichtigsten Gewerbegruppen folgender: Gesamtkapital der berichtenden Gesellschaften: 66,1 Milliarden Dollar. Davon entfielen auf: Gewerbliche Produktion.26,2 Davon: Metallindustrie.10,1 Textilindustrie.3,3 Chemische Industrie.2,8 Nahrungs- und Genußmittel . 2,6 Holzindustrie.1,7 Transportanstalten und öffentliche Dienste.14,8 Banken, Versicherungsanstalten usw.10,4 Handel.7,2 Bergbau und Steinbrüche.4,2 62,8 Nach den Zusammenstellungen bei Lincoln, a. a. O. S. 28—30. Ein völlig getreues Bild von der Bedeutung der Aktiengesellschaften in den und für die einzelnen Gewerbegruppen vermögen aber diese Ziffern doch noch nicht zu geben angesichts der so sehr verschiedenen Größe der Gewerbegruppen. Da muß uns die Statistik mit anderen Zahlen zu Hilfe kommen. Das sind diejenigen, die den Anteil dieser Unternehmungsform an der Gesamtheit der Wirtschaften einer Gewerbegruppe zum Ausdruck bringen. Auch sie besitzen wir für unsere beiden Länder; die Gewerbezählung enthält sie für Deutschland, der Zensus für die Vereinigten Staaten. In Deutschland betrug, wie wir gesehen haben, der Durchschnitt der in Aktiengesellschaften beschäftigten Personen für alle Gewerbe im Jahre 1907: 141, 8 0 l m . Sechsundvierzigstes Kapitel: Die Geschäftsformen der Unternehmung 733 Über diesem Durchschnitt lagen folgende Gewerbegruppen: Bergbau- Hütten- und Salinen wesen.mit 563,2 %o Yersicherungsgewerbe. „ 450,3 °/ 00 Chemische Industrie. 411,6°/o 0 Maschinenindustrie.„ 345,4 °/oo Verkehrsgewerbe... . . „ 302,9% 0 Industrie der forstwirtschaftlichen Nebenprodukte. „ 271,1 %o Textilindustrie.„ 194,9°/o 0 Papierindustrie.„ 175,9°/oo Industrie der Steine und Erden.„ 173,1 %o Metallverarbeitung.„ 154,3%o Einen geringen Anteil haben die Aktiengesellschaften an folgenden Gewerbegruppen: Nahrungs- und Genußmittel.75,3% 0 Handelsgewerbe.39,9 °/ 00 Industrie der Holz- und Schnitzstoffe.29,3 % 0 Baugewerbe.23,0% 0 Gast- und Schankwirtschaft.12,1 °/ 00 Bekleidungsgewerbe.ll,6%o Reinigungsgewerbe.10,4% 0 Künstlerische Gewerbe.9,8% 0 Der Grund dieser niedrigen Ziffern ist bei den verschiedenen Gewerbegruppen ein verschiedener; bei den einen wird der Anteil der Aktiengesellschaften gedrückt durch die große Anzahl von Kleinbetrieben in diesen Gewerben. Das gilt für die Industrie der Nahrungs- und Genußmittel, für das Handelsgewerbe, für die Gast- und Schankwirtschaft. In diesen Gewerbegruppen ist nämlich der Großbetrieb gar nicht so sehr der Form der Aktiengesellschaft abgeneigt. Von den Betrieben mit 51 bis 1000 Personen waren nämlich in Aktiengesellschaften beschäftigt in der Industrie der Nahrungs- und Genußmittel (Brauereien, Brennereien!). 257,9% Gast- und Schankwirtschaft (Hotels!). 229,4% Handelsgewerbe (Banken!).136,3% Bei den anderen Gewerben aber widerstreitet offenbar die Natur des Gewerbes der Form der Aktiengesellschaft, da auch der Großbetrieb sieh ihrer nicht bedient. So waren in Betrieben mit 51—1000 Personen beschäftigt in der Industrie der Holz- und Schnitzstoffe . . 89,5 %o Künstlerische Gewerbe.: • 52,1 °/ 00 Reinigungsgewerbe.45,5°/ 0 o Bekleidungsgewerbe.35,5°/o 0 Baugewerbe.32,2 %o Die Ziffern sind der 21. Übersicht in Band 220/21 der Stat. des D. R. entnommen. Die Ziffern des amerikanischen Zensus sind nicht ohne weiteres vergleichbar, da die Abgrenzung der Gewerbegruppen verschieden ist. Trotzdem lassen sie ein annähernd gleiches Verhältnis der einzelnen Gewerbe 734 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte zueinander in ihrer Stellung zu der Form der Aktiengesellschaft erkennen. Der Anteil der Aktiengesellschaften an dem Gesamtprodukt betrug, wie wir festgestellt haben, im Durchschnitt für alle Gewerbe im Jahre 1909 79,0%. Erheblich über diesem Durchschnitt liegt der Anteil der Aktiengesellschaften in folgenden Gewerben und Gewerbegruppen: Zinkindustrie.100,0 Stahl- und Walzwerke.99,5 Glasindustrie..99,0 Hochöfen.98,7 Petroleumraffinerie.98,1 Chemische Industrie.98,0 Waggonindustrie.97,4 Elektrizitätsindustrie .96,3 Industrie Landwirtschaftlicher Maschinen.96,1 Öl-, Baumwollsamen- und Baumwollkuchenindustrie. . 95,8 Baumwollindustrie.95,3 Automobilindustrie.94,6 Papierindustrie.92,8 Zuckerindustrie.91,6 Brennerei- und Malzindustrie.90,3 Die niedrigsten Ziffern weisen auf: Erzeugung von Butter, Käse und kondensierter Milch . 41,3% Brotbäckerei.35,3 % Männerkonfektion.32,9% Frauenkonfektion.23,6% Putzmacherei, Juweliergewerbe usw. Abstract of the Census 1910, pag. 462. Vgl. Census Monogr. (1920) III. 96. Uber den Anteil der übrigen Gesellschaftsformen gibt meines Wissens nur die deutsche Gewerbezählung nähere Auskunft. Ich begnüge mich damit, das Verbreitungsgebiet der Offenen Handelsgesellschaft mit einigen Ziffern abzustecken. Von 1000 Personen der Gehilfenbetriebe wurden 1907 beschäftigt in Betrieben von „mehreren Gesellschaftern“ im Durschschnitt aller Gewerbe 173,2. (Im Jahre 1895 waren es 176,3 Personen gewesen.) Es waren damals in Deutschland also noch mehr Personen in Offenen Handelsgesellschaften als in Aktiengesellschaften (141,8) beschäftigt. Gewerbegruppen mit überdurchschnittlichem Anteil sind folgende: Textilindustrie. 348,4 °/ 00 Polygraphische Gewerbe. 288,8°/ 00 Papierindustrie.281,2 °/ 0 o Industrie der forstwirtschaftlichen Nebenprodukte. . 255,3°/ 00 Lederindustrie. 226,4%o Künstlerische Gewerbe.221,9°/oo Industrie der Steine und Erden.2I7,2°/ 00 Sechsuudvierzigstes Kapitel: Die Geschäftsformeu der Unternehmung 735 Metallverarbeitung.211 ) 3°/ 00 Maschinenindustrie. 205,5 °/oo Industrie der Holz- und Schnitzstoffe.194,0°/ 00 Handelsgewerbe.176,4°/ 00 Die Gewerbegruppen, die die Offene Handelsgesellschaft bevorzugen, sind meist solche, in denen der mittlere Großbetrieb vorherrscht. Häufig — das dürfen wir nicht unberücksichtigt lassen — sind es aber auch rein zufällige, das heißt „irrationale“ Gründe, die das Vorwiegen der einen oder der anderen Unternehmungsform bewirken. Wir können das mit ziemlicher Deutlichkeit in der deutschen Textilindustrie verfolgen. In dieser zeigen sich im Anteilsverhältnis der verschiedenen Unternehmungsformen von Bundesstaat zu Bundesstaat die größten Abweichungen. So betrug vor dem Kriege der Anteil der Aktiengesellschaften an der süddeutschen Textilindustrie Spindeln Webstühle in Baden.40% 50% „ Württemberg.25% 12% „ Bayern.86% 65% „ Süddeutschland.65% 45% Als Grund der Verschiedenheit müssen wir die historische Zufälligkeit ansehen. In Bayern fängt die Textilindustrie mit Aktiengesellschaften an, in Württemberg entwickelt sie sich aus kleinen Anfängen. Die Aktiengesellschaften sind meist Familiengesellschaften; die Generaldirektoren sind die Hauptaktionäre. Diese letzte Feststellung weist schon in den nächsten Unterabschnitt hinüber, wo wir den Aufbau der wichtigsten Unternehmungsform, der Aktiengesellschaft, noch etwas genauer untersuchen wollen. III. Der Aufbau de.r Aktiengesellschaft Die Aktiengesellschaft ist das Spiegelbild der modernen Demokratie; in der Fiktion herrscht das Volk (die Aktionäre), in Wirklichkeit ein kleiner Klüngel von Machthabern, der in der Aktiengesellschaft verschieden zusammengesetzt ist. Um den inneren Aufbau der Aktiengesellschaft richtig beurteilen zu können, müssen wir zunächst uns darüber Klarheit verschaffen, auf welche Weise das Kapital zusammengebracht wird, und was sich hierbei etwa verändert hat. Die ursprüngliche und natürlichste Form der Kapitalbeschaffung ist die Ausgabe von Aktien mit einem ihrer Größe entsprechenden Anteilsrechte an dem schwankenden Ertrage der Gesellschaft (der Dividende). Neben solchen „gewöhnlichen Anteilen“ (Common shares) sind nun aber in wachsendem Umfange Anteilscheine getreten, die ein Anrecht auf eine vor der Ausschüttung der Dividende zu zahlende feste Vergütung verbriefen. Sie erscheinen teils in der Form von Aktien 736 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschafte Prozesses i. d. Geschichte (Vorzugsaktien, preferred shares), teils in der Form von Schuldverschreibungen (Obligationen, Bonds), teils in der Form von Hypotheken (Mortgages). Der Anteil der Schuldverschreibungen und Hypotheken an dem Gesamtkapital der Aktiengesellschaften beträgt im heutigen Stadium der Entwicklung etwa 20%, in Deutschland und Amerika ziemlich übereinstimmend (siehe für jenes das Stat. Jahrbuch, für dieses die Zusammenstellungen bei Lincoln). Die Verschiebung auf Kosten der gewöhnlichen Aktien ist in den Vereinigten Staaten teilweise bis zur völligen Ausschaltung der „Commons“ als Mittel der ursprünglichen Kapitalbeschaffung fortgeschritten; in das Unternehmen wird nur das durch Ausgabe der Vorzugsaktien eingegangene Kapital gesteckt, während die gewöhnlichen Aktien über diesen Betrag hinaus ausgegeben werden. Dem durch sie gebildeten Passivum stehen dann buchmäßig nur fiktive Größen wie Firmenansehen, Kundschaft („good-will“) und anderes gegenüber. Die Gründe dieser Umbildung sind mannigfache. Zunächst hat sie wohl die Aussicht, auf diesem Wege leichter das Kapital beschaffen zu können, begünstigt. Die Commons-Praxis der Amerikaner wird wohl geradezu als ein Ersatz des europäischen langfristigen Bankkredits angesehen; die Überkapitalisation soll dem Unternehmer eine Kapitalreserve schaffen, da er — namentlich in Krisenzeiten — nicht leicht Bankkredit bekommt. Daneben hat wohl der Wunsch, einen möglichst großen Gründergewinn zu machen, zu der heutigen Aktienpolitik der Amerikaner Anlaß gegeben. Endlich — und gewiß nicht zuletzt — aber ist der Umstand bestimmend gewesen, daß durch die angedeutete Verschiebung die Möglichkeit geschaffen worden ist, den kleinen Kapitalistenklüngel, der zu herrschen entschlossen und berufen war, die Macht in die Hand zu spielen. Um das zu verstehen, müssen wir uns erst noch über die Personen Klarheit verschaffen, die bei der Leitung einer Aktiengesellschaft in Betracht kommen, das heißt über deren formale und reale Verfassung. Das der Verfassung nach zur Herrschaft berufene souveräne Volk ist die Gesamtheit der Aktionäre, der Inhaber der Aktien, die in der Generalversammlung ihren souveränen Willen äußern soll. Was tut dieses souveräne Volk, um seine Herrschaft auszuüben? Nichts. Es macht nämlich von seinem verfassungsmäßigen Rechte zur Willensäußerung überhaupt keinen Gebrauch, indem es gar nicht in der Generalversammlung erscheint; beispielsweise waren bei den Sechsundvierzigstes Kapitel: Die Gescbäftsfonnen der Unternehmung 737 Generalversammlungen in den Jahren 1903—1905 vom gesamten Aktienkapital vertreten: der Deutschen Bank 18,32—21,39%, der Dresdner Bank 9,59—19,55%, der Darmstädter Bank 4,55—8.15% (nach den Ermittlungen Passows). Was sollte die Masse der Aktionäre auch in der Generalversammlung ? Sie setzt sich zum großen Teil aus Leuten zusammen, denen ihr Berater am Bankschalter eine Aktie aufgehalst hat, von der sie meist nicht einmal wissen, zu welcher Unternehmung sie gehört, und die sicher keine Ahnung haben, was diese Unternehmung tut und treibt, geschweige denn, daß sie irgendwelche Kenntnis von deren Geschäftsbetriebe hätten. Und ganz ohne solche Kenntnis kann man in einer Generalversammlung doch wohl nichts ausrichten, selbst wenn man die Absicht hätte, zu herrschen. Aber wer sind nun diejenigen Aktionäre, die in der Generalversammlung erscheinen oder sich wirksam vertreten lassen ? P a s s o w hat sie richtig als die Großaktionäre bezeichnet und sie dem unsichtbaren Haufen der Kleinaktionäre gegenübergestellt. Was sie hinter sich haben, ist immer ein recht beträchtlicher Aktienbesitz; auf den schon herangezogenen Generalversammlungen der genannten drei Großbanken betrug bei der Dresdner Bank die Zahl der erschienenen Aktionäre und Aktionärvertreter 41—53, auf die im Durchschnitt ein Aktienkapital im Nennwerte von 304 000—556 000 Mark entfiel, während bei der Darmstädter Bank 29—71 Aktionäre mit einem Aktienkapital von je 152 000—377 000 Mark anwesend waren. Sind diese Großaktionäre die Beherrscher der Aktiengesellschaften ? Oder was dasselbe ist — üben sie die Unternehmertätigkeit aus ? Denn herrschen im Bereiche der kapitalistischen Wirtschaft heißt eben Unternehmer sein. Und auch ein Großaktionär kann diese Herrschtätigkeit nur ausüben, wenn er im vollen Besitze des Unternehmerwissens und Unternehmerkönnens ist. Zweifellos kann mm in einer Aktiengesellschaft die Macht bei einigen wenigen Großaktionären oder bei einem liegen. Sicher schon nicht bei den Dutzenden, die doch immer auf der Generalversammlung vertreten sind. Und sie kann ausgeübt werden in Gegnerschaft gegen die verfassungsmäßigen Vertreter der Gesellschaft oder in Übereinstimmung mit ihnen. Das sind also der Vorstand oder der Aufsichtsrat gemäß dem deutschen Aktienrecht, der Verwaltungsrat (board of directors, von dem einige Mitglieder managing directors sind) wie in England oder Amerika. Immer aber ist es einer oder sind es wenige 738 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte die herrschen, und es ist eine Personenfrage, wie im öffentlichen Leben auch, wo dieser Eine oder diese wenigen sitzen, ob unter den Großaktionären oder im Vorstande oder im Aufsichtsrate, deren Mitglieder übrigens häufig auch Großaktionäre sind. Worauf es ankommt, ist dieses, daß die Form der Aktiengesellschaft sich besonders dazu eignet, die willensstarken und begabten Unternehmernaturen zur Herrschaft zu bringen. Wenn nun aber auch die Leiter — das sind eben die Unternehmer — auf die Regierungsfähigkeit des in der Generalversammlung dargestellten, zersplitterten, nichtorganisierten, mit den Betriebsnotwendigkeiten nicht vertrauten, meist indifferenten souveränen Volkes rechnen können, so bleibt doch immer die (rechtliche) Notwendigkeit bestehen (was früher übrigens nicht immer der Fall war), eine Mehrheit zu bilden. Diesem Zwecke dient eine ganze Menge von Maßregeln, die sich im Laufe der Zeit ausgebildet haben. Ich führe die wichtigsten auf: (1.) eigener Aktienbesitz, wovon schon die Rede war; (2.) Lombardierung der Aktien und Verfügung über diese; (3.) Terminkäufe von Aktien; (4.) Schaffung eines Stammes zuverlässiger Aktionäre, z. B. in den Angestellten; (5.) Gewinnung einer Anzahl von Aktionären durch Überredung; (6.) formelle Übertragung der Stimmen, z. B. der bei den Banken hinterlegten Aktien an die Depositare. Bei allen diesen Mitteln fehlt aber die schlechthinnige Sicherheit. Solche wird durch eine Reihe von Systemen erzielt, die bisher vor allem in den Vereinigten Staaten zur Ausbildung und Anwendung gelangt sind, jetzt aber auch in Europa rasch an Verbreitung gewinnen. Da kommen in Betracht: (7.) die Ausgabe vieler nicht stimmberechtigter Anteile in Gestalt von „stimmlosen Genußscheinen“, Obligationen, Bonds. Auf diese Funktion der Schuldverschreibungen in der Ökonomie der Aktiengesellschaften wurde oben schon hingewiesen. Natürlich verschlägt dieses Mittel nur, wenn das Anteilverhältnis des Obligationenkapitals weit über den oben angegebenen Durchschnitt hinausgeht. Das trifft aber bei mancher amerikanischen Gesellschaft in der Tat zu. So hatte der amerikanische Tabaktrust 214,7 Millionen Dollar nichtstimmberechtigtes neben nur 40 Millionen Dollar stimmberechtigtem Kapital; die Deutschamerikanische Petroleumgesellschaft neben 20 Sechsundvierzigstes Kapitel: Die Geschäftsformen der Unternehmung 739 Millionen Mark „stimmloser Genußscheine“ nur 9 Millionen stimmberechtigte Aktien. Den gleichen Zweck verfolgt vielfach, wie ebenfalls schon angedeutet wurde, (8.) die Ausgabe der Common shares. Diese nämlich werden unter die Gründer verteilt, erhalten Stimmrecht (trotzdem ihnen gar kein reales Aktivum in der Bilanz gegenübersteht) und ermöglichen ihren Inhabern, die Herrschaft über die wirklichen Kapitalanteilseigner auszuüben. Man kann dasselbe Ziel erreichen, indem man (9.) das Stimmrecht auf einige zuverlässige Treuhänder (voting trustees) überträgt. Neuerdings ist, namentlich in Deutschland, (10.) das Mittel der sogenannten Schutzaktien erfunden worden, das heißt die Ausgabe von Aktien mit mehrfachem, oft vielfachem Stimmrecht. Mit dieser Maßnahme ist denn auch mit der Fiktion der Demokratie im Aktienrecht gebrochen. Es gibt noch andere Wege, auf denen man dazu gelangen kann, sich die Majorität in einer Aktiengesellschaft zu sichern, wie den Austausch der Aktien zwischen zwei Gesellschaften, die Errichtung einer Holding-Company u. a. Aber sie greifen schon in das Problemgebiet hinüber, auf dem sich das folgende Kapitel bewegen soll, sofern sie mehrere Gesellschaften miteinander in Beziehung bringen. Dieses kunstvolle Flechtwerk der Aktiengesellschaften müssen wir, da es auch unter anderen Gesichtspunkten als den hier hervorgekehrten von Wichtigkeit ist, nunmehr einer genauen Prüfung unterziehen. Was wir als das Ergebnis der bisherigen Untersuchung über die einzelne Unternehmung gewonnen haben, können wir dahin zusammenfassen, daß insbesondere in der Aktiengesellschaft ein den Anforderungen des Kapitalismus entsprechender Körper geschaffen ist, in dem der kapitalistische Geist sich erst völlig frei entfalten kann. Die Aktiengesellschaft ist groß, widerstandsfähig, elastisch, unsterblich. Sie ist der Weg, auf dem die Unternehmertalente am leichtesten zur Wirksamkeit gelangen. Und sie ist der Boden, auf dem die wagende Unternehmertätigkeit am freiesten schalten kann. Sombart, IToehkapitalismus II. 47 740 Siebenundvierzigstes Kapitel Das Fleclitwerk der Aktiengesellschaften Ein Vorteil, den die Aktiengesellschaft dem Kapitalismus gewährt, und der nicht gering anzuschlagen ist, besteht in ihrer Eignung, wirkungsvolle Verbindungen zwischen selbständigen Unternehmungen herzustellen. Man hat von dieser Möglichkeit reichlichen Gebrauch gemacht: es hat sich eine weitgehende Verschlingung der einzelnen Unternehmungen herausgestellt, deren Ergebnis das ist, was ich in der Überschrift zu diesem Kapitel das Eiechtwerk der Aktiengesellschaften genannt habe, rmd dem wir nunmehr unsere Aufmerksamkeit schenken müssen. Wir betrachten zunächst die beiden Formen der Verflechtung, um danach ihre Bedeutung für die kapitalistische Entwicklung festzustellen. I. Die persönliche Verflechtung Eine solche vollzieht sich durch den Austausch von Aufsichtsratstellen der verschiedenen Aktiengesellschaften untereinander. Diese Form der Verflechtung ist in allen Ländern, am meisten in den Vereinigten Staaten und Deutschland, zur Entwicklung gelangt. Zur Statistik der Aufsichtsratstellen: Deutschland: Mit Vorliebe lassen sich die Banken in den Aufsichtsräten anderer Banken oder industrieller u. a. Gesellschaften vertreten. So hatte in der letzten Zeit vor dem Kriege — die Ziffern gelten für 1913/14 — die Deutsche Bank Vertreter in 186 anderen Gesellschaften, die Diskonto- Gesellschaft in 161, die Nationalbank für Deutschland in 100, die Bank für Handel und Gewerbe in 81. Die Verteilung der Aufsichtsratstellen, die die Berliner Großbanken in den industriellen Aktiengesellschaften im Jahre 1910 innehatten, auf die einzelnen Gewerbegruppen war (nach den Zusammenstellungen des ,.Deutschen Ökonomist“) folgende: (Siehe Tabelle Seite 741.) Aber auch die Industriegesellschaften sind umgekehrt in den Banken und in anderen Gesellschaften vertreten. So hatte die Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft (A. E. G.) durch die Mitglieder ihres eigenen Direktoriums und Aufsichtsrates Sitz und Stimme in den Aufsichtsräten von 174 Aktiengesellschaften. Allein die Banken, in denen sie sich vertreten ließ, verfügten über ein Kapital von 2,3 Milliarden Mark. Siebenundvierzigstes Kapitel: Das Flechtwerk der Aktiengesellschaften 741 Industrie nach Branchen geordnet Deutsche Bank. Zahl der Auf- sichtsrat-St. t u "3 'S® 0 jJ... O «• d) M *2 09 -C - s Dresdner Bank. Zahl der Auf- sh-htsrat-St. Schaff haus. Bankverein. Zahl der Aufsichtsrat-St. | “'S 2® 5 ö t. ce pj'-'O « •l-sS 'S ®«.2 © SO 09 Bank für Handel u. Ind. Zahl dor Aufsichtsrat-St. Nationalbank für Deutschi. Zahl der Aufsichtsrat-St. Commerz- und Diskonto-Bank. Zahl der Aufsichtsrat-St. Bergbau, Hütten und Salinen . 13 21 13 26 18 10 13 i Industrie der Steine und Erden 1 2 2 2 i 4 4 2 Metallverarbeitung. Industrie der Maschinen und 3 2 3 4 8 2 3 2 Instrumente. 27 10 14 16 10 16 18 8 Chemische Industrie .... 1 7 1 2 7 3 3 1 Leuchtstoffe, Seifen, Fette, Öle 5 4 — 1 1 2 3 ■- Textilindustrie. 6 — 2 5 — 5 ■— 1 Papierindustrie. 1 — 1 —• — 2 — — Gummiindustrie. 1 — — — — — 1 — Nahrungs- und Genußmittel . 3 1 2 1 3 7 7 3 Baugewerbe . 2 — — 4 2 — 2 1 Künstlerische Gewerbe. . . . 2 -- — 1 ■- — 4 — Handelsgewerbe. 34 43 40 27 19 30 25 9 Versicherungsgewerbe .... 8 2 3 1 — 3 1 2 Verkehrsgewerbe. 6 4 12 16 12 10 9 3 Ausländische Gesellschaften . 21 25 8 6 20 6 6 1 Gast- und Schankwirtschaft . — -- 1 ■— — — — 1 Holz- und Schnitzstoffe . . . — — — — — 1 — — Schaustellungsgewerbe .... — 1 — — — — — — Plantagen-Gesellschaften . . . — 2 — — — — 2 — 134 124 102 112 101 1101 1 101 35 Siemens- Schlickert saß in 128 Gesellschaften mit einem Gesamtkapital von 4 Milliarden Mark. 1 Da es sich immer nur um eine kleine Anzahl von Direktoren und Auf- sichtsratmitgliedern handelt, durch die sich eine Gesellschaft in so vielen anderen vertreten lassen kann, so häufen sich die Aufsichtsratstellen in den Händen einzelner Personen an. So saßen 25 Mitglieder der A. E. G. in 481 Aufsichtsräten. Und Einzelne Matadore hatten folgende Anzahl von Aufsichtsratstellen inne: Louis Hagen.44 Karl Fürstenberg.39 S. A. v. Oppenheim.38 Walther Rathenau.35 Eugen Gutmann ..30 v. Klitzing ..30 Die Quelle, denen diese Ziffern entnommen sind, ist Salings Börsen- Jahrhuch. Die Auszählung haben vorgenommen J. Singer a. a. 0. 742 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschafte Prozesses i. d. Geschichte Seite 285f. und William J. Clark in dem Report on Cooperation in American Export Trade. Part I. pag. 275 ff. und Part II. Exhibit VI. An der ersten Stelle des Reports finden sich auch sehr lehrreiche graphische Darstellungen dieser Verflechtungen nach dem Plane von 0. C. Merrill. Vereinigte Staaten von Amerika: Die Geldtrustkommission (The Con- gressional Comittee on Banking and Currency) hat 1912 feststellen lassen, daß 18 Konzerne von Banken durch 180 Firmenmitglieder bzw. Aufsichtsräte 746 Aufsichtsratsposten in 134 Gesellschaften mit einem Gesamt- kapital von 25325 Millionen Dollar innehatten. Von den Gesellschaften waren 41 Banken, 31 Bahnen, 28 Industriegesellschaften. Die Firma J. P. Morgan & Co., die 10 Mitglieder zählt, hatte 63 Aufsichtsratsposten bei 38 Gesellschaften mit 10036 Millionen Dollar Kapital inne. Die Mitglieder des Aufsichtsrates der U. S. Steel Corporation waren in 213 anderen Gesellschaften mit einem Gesamtkapital von 15,2 Milliarden Dollar vertreten. Vgl. J. Singer a. a. 0. Seite 283/84. In Holland hatten 9 Großbanken Vertreter in 300 Aufsichtsräten F. M. Wibaut, De niewste ontwikkeling van het Kapitalisme. 1913 Seite 33 und Anhang. II. Die sachliche Verflechtung Diese findet statt durch Übernahme der Aktien einer Gesellschaft durch die andere oder durch Austausch der Aktien mehrerer Gesellschaften untereinander. Die wichtigsten Gebilde, die dadurch entstehen, sind folgende: 1. die Tochtergesellschaft (Subsidiary Company). Von einer solchen sprechen wir, wenn eine Aktiengesellschaft ein neues Unternehmen dadurch ins Leben ruft, daß sie es neu schafft oder einen vorhandenen Betrieb verselbständigt und die Aktien dieses neuen Unternehmens vollständig besitzt. Tochtergesellschaften werden auf allen Gebieten des Wirtschaftslebens zahlreich gegründet. Ihr klassischer Boden ist die Elektrizitätsindustrie. (Siehe die Übersicht z. B. bei R. Lief mann, Beteiligungsgesellschaften, Seite 113 ff.) Eine andere Gruppe von Gesellschaften der genannten Art könnte man bezeichnen als 2. die Einstandsgesellschaft, das ist eine Gesellschaft, deren Aktien für die Aktien anderer Gesellschaften stehen, diese gleichsam vertreten. Liefmann spricht hier von Effektensubstitutions- gesellschaften. Die Einstands- oder Vertretungsgesellschaft nimmt verschiedene Formen an. Die bedeutsamste ist die Kontrollgesellschaft (Holding-Company). Eine solche liegt vor, wenn eine Gesellschaft andere Gesellschaften in sich aufnimmt dadurch, daß sie sich in den Siebenundvierzigstes Kapitel: Das Flechtwerk der Aktiengesellschaften 743 Besitz der Aktienmajorität dieser Gesellschaften setzt und statt ihrer eigene Werte (Aktien oder Obligationen) ausgibt. Die Kontrollgesellschaf ten sind zuerst in den Vereinigten Staaten zur Entwicklung gelangt und haben von dort ihren W eg nach Europa gefunden. Das Hauptfeld der Betätigung der Holding Companies bildet das amerikanische Eisenbahnwesen. Als Beispiel einer durch Kontrollgesell- schaften bewirkten Verflechtung mag daher das Rock-Island-Francisco- system gelten, das sich durch Übersichtlichkeit auszeichnet. Die Hauptbestandteile bilden zwei Eisenbahngesellschaften, die Chicago-Rock-Island und Pacific Railway Co. mit 75 Millionen Dollar Aktienkapital und die St. Louis-San Francisco Railroad Co. mit 50 Millionen Dollar Aktienkapital. Jede dieser beiden Gesellschaften hat bereits verschiedene kleinere Eisenbahngesellschaften und industrielle Unternehmungen in sich aufgenommen. Die Aktien beider Gesellschaften liegen bei der sie umschließenden Holding Company der Chicago-Rock-Island und Pacific Railroad Holding Co., die ihrerseits für 145 Millionen Dollar Aktien ausgegeben und eine Menge anderer Unternehmungen sich angegliedert hat oder doch „kontrolliert“; ihre Aktien liegen bei der sie umschließenden Rock-Island Holding Co., die für 150 Millionen Dollar Aktien ausgegeben hat. Auf den Markt kommen nur die Aktien dieser letzten Gesellschaft. Kontrollgesellschaften sind (zum Teil erst geworden) die großen amerikanischen Industrie-,,Trusts“, wie Standard Oil, U. S. Steel Corporation, die Whisky-, Zigaretten- u. a. Trusts, soweit sie nicht reine Fusionen darstellen: „property owning trusts“ im Gegensatz zu „holding Company trusts“, wie die American Tobacco Co. oder die American Sugar Refining Co. Auch in anderen Ländern begegnen wir in neuerer Zeit den Kontrollgesellschaften wieder häufiger. Siehe das reiche Material bei Lief mann, a. a. 0. Seite 205 ff. Vgl. für Amerika Eliot Jones, a, a 0., Ch. IV. Verwandt mit diesen Kontrollgesellschaften sind die von großen Industrieunternehmungen, namentlich denen der Elektrizitätsindustrie, ins Leben gerufenen „Banke n“, wie etwa die Tochtergesellschaft der A. E. G.: die Bank für elektrische Unternehmungen in Zürich. Diese arbeitete 1913 mit einem Aktienkapital von 60 Millionen Franken und einem Obligationenkapital von 60 Millionen Franken und war an 34 Aktiengesellschaften in Deutschland, der Schweiz, in Italien, Frankreich, Spanien, im Orient usw. mit etwa 120 Millionen Franken beteiligt. Hier bleiben die eingeschachtelten Unternehmungen scheinbar selbständig; ein Teil ihrer Aktien ruht auch in fremden Händen und wird an der Börse gehandelt. Die Bank besitzt von einem Teil der angeschlossenen Gesellschaften die Aktienmajorität, von einem anderen Teile einen mehr oder weniger großen Prozentsatz. Die Bilanz der genannten Bank für 1911 weist es auf. 744 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte Allgeschlossene Werke, an denen die Bank beteiligt ist Betrag der Beteiligung Gesamtkapital der angeschlossenen Gesellschaft I. Elektrizitätswerke Officine Elettriche Genovesi, Genua . . . L. 4000000 L. 17000000 Companea Sevillana de Electricidad, Sevilla Pes. 4968500 Pes. 1000000 Companea Barcelonesa de Electricidad, Barcelona. >> 4441500 „ 18000000 Elektrizitätswerk Straßburg i. E. Mk. 2190200 Mk. 11750000 Kraftübertragungswerke Rheinfelden. . . }> 3321000 „ 10000000 Deutsch-Überseeische Elektr.-Ges., Berlin und Buenos Ayres. 4000000 „ 120000000 Schlesische Elektrizitäts- und Gas-A.-G., Breslau. 629400. „ 11040000 Märkisches Elektrizitätswerk, Berlin . . . 1332000 „ 4000000 Ges. für elektrische Beleuchtung vom Jahre 1886, St. Petersburg. Rb. 2322500 Rb. 30000000 Elektr. Werk Abo A.-G., Berlin .... Mk. 1000000 Mk. 2000000 Elektr. Werk Rathausen, Luzern, Vorzugsaktien . Fr. 489500 Fr. 4150000 Kraftwerk Laufenburg.. }! 810000 „ 15500000 Schwarzwälder Elektr.-Gesellschaft m. b. H. Villingen. Mk. 25000 Mk. 500000 Soc. Meridionale di Elettricitä, Neapel. . . L. 2000000 L. 10000000 Soc. Idroelettrica Ligure, Mailand . . . )> 2007500 „ 6000000 Compagnie Centrale d’ Energie electrique, Paris. Fr. 1530000 Fr. 15000000 Oberrheinische Kraftwerke A.-G., Mühlhausen i. E. Mk. 4448000 Mk. 20000000 Elektr. Werk u. Straßenbahn Königsberg A.-G., Königsberg i. Pr. 5 > 667000 „ 2000000 II. Transportunternehmungen Unione Italiana dei Tramways Elettrici, Genua. L. 4000000 L. 18000000 Solinger Kleinbahn-A.-G., Solingen . . . Mk. 2500000 Mk. 2500000 Ges. für elektr. Hoch- und Untergrundbahnen, Berlin. 1200000 „ 50000000 Schlesische Kleinbahn-A.-G., Kattowitz . 2442000 „ 10000000 III. Elektrochemische Industrie Elektrochemische Werke G. m. b. H., Bitterfeld. Mk. 5500000 Mk. 5500000 Brandenburgische Karbid- und Elektr.- Werke A.-G., Berlin. 400000 „ 3500000 „Nitrum“ A.-G., Bodio, Kanton Tessin (Schweiz).. Fr. 250000 Fr. 100000 Siebonundvierzigstes Kapitel: Das Flechtwerk der Aktiengesellschaften 745 Angeschlossene Werke, an denen die Bank beteiligt ist Betrag der Beteiligung Gesamtkapital der angeschlossenen Gesellschaft IV. Fabrikationsunternehmungen A.-G. Brow Boveri & Co., Baden . . . 500000 „ 28000000 Felten & Guilleaume Carlswerke A.-G., Mühlheim a. Ith. Mk. 3476000 Mk. 55000000 V. Finanzierungsgesellschaften A.-G. „Motor“, Baden. Fr. 250000 Fr. 20000000 „Dinamo“, Soc. Italiana per Impreso Elettriche, Mailand. L. 250000 L. 5000000 „Watt“, A.-G. für elektrische Unternehmungen, Glarus . Fr. 3500000 Fr. 10000000 „Union Ottomane“, Soc. pour Entreprises electr. en Orient, Zürich. J I700000 „ 12000000 Soc. Centrale pour l’Industrie electrique, Paris.. . 5 2000000 „ 20000000 Soc. per lo Sviluppo delle Imprese elettr. in Italia, Mailand. L. 1800000 L. 4000000 Elektr.-A.-G., vorm. Lahmeyer & Co., Frankfurt a. M. Mk. 21720000 Mk. 25000000 In den bisher betrachteten beiden Fällen dienten der Erwerb und der Austausch der Aktie dazu, eine Unternehmung von einer anderen in Abhängigkeit zu bringen, ein Über-Unterordnungsverhältnis zu schaffen. Es bleibt nun aber noch die ebenfalls wichtige Möglichkeit zu besprechen, mehrere gleichberechtigte Firmen in Beziehung zu setzen dadurch, daß man die Aktien tauscht, ohne sie in ihrer äußeren Selbständigkeit zu beeinträchtigen. Was auf diese Weise entsteht, ist 3. die Verbandsgesellschaft. Die Verflechtung, durch die eine solche zustande kommt, kann sehr bunt sein: Die Gesellschaft A gibt ihre Aktien an B, B an C, C an D, BCD an A usw.; die Beteiligung kann eine teilweise oder eine vollständige sein, die teilweise Beteiligung kann die Mehrheit der Aktienstimmen oder weniger umfassen usw. Ebenso kann der Verband sehr verschiedene Inhalte mnschließen, worauf aber hier noch nicht zu rücksichtigen ist, wo wir nur die kapitalistischen Formen untersuchen, in denen sich die Betriebsführung abspielt. Daß die sachliche Verflechtung der Aktiengesellschaften während des letzten Menschenalters vor dem Kriege in allen Ländern, in denen der Kapitalismus zu Hause ist, eine immer beliebtere Form der Zu- 746 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte sammenarbeit selbständiger Unternehmungen geworden ist (und seitdem noch weiter vorgedrungen ist), ist eine unbestrittene Tatsache. Leider vermögen wir nicht das Ausbreitungsgebiet dieser Vereinigungsformen in irgendwie zureichender Weise zahlenmäßig zu ermessen. III. Die Bedeutung des Flechtwerks Der (subjektive) Zweck, der den Unternehmer bestimmt, seine Gesellschaft mit einer anderen in Beziehung zu setzen, ist eine irgendwelche Ausweitung seiner Machtsphäre, der nun wiederum verschiedene Absichten zugrunde liegen können. Es kann nur auf die Erhöhung des Profits abgezielt sein, oder es können irgendwelche geschäftlichen Vorteile für das eigene Unternehmen erstrebt werden, oder es kann auf die Verbesserung und Vervollkommnung der Leistungen in den einzelnen Betrieben abgesehen sein. Der (objektive) Sinn, den die Vereinigung vom Standpunkt der Gesamtinteressen des Kapitalismus aus gesehen hat, beruht aber in der Ermöglichung solcher sachlichen Rationalisierung des Betriebes, wie er eben als Absicht des einzelnen Unternehmens gedacht war. Erst wenn diese Wirkung eintritt, gewinnt die Verflechtung der Aktiengesellschaften ein irgendwelches gesamtwirtschaftliches Interesse. Daß sie aber in der Tat in zahlreichen Fällen eintritt, kann nicht in Zweifel gezogen werden. Alle die in den folgenden Kapiteln eingehend zu würdigenden Vorgänge der Spezialisation, der Kombination, der Konzentration, der Rationalisierung der Betriebe im Innern wurde vielfach erst möglich oder wurde doch sehr erleichtert durch die Verbindung mehrerer selbständiger Unternehmungen, zumal dann, wenn diese Verbindung zur Schaffung eines einheitlichen Unternehmerwillens und eines Gesamtwirtschaftsplanes für die zusammengeschlossenen Betriebe führt. Wir werden diese Zusammenhänge im folgenden noch des öfteren festzustellen Gelegenheit haben. Eine immittelbare handgreifliche Wirkung der Verflechtung aber können wir hier schon würdigen. Das ist der Einfluß, den diese auf die Stellung des Unternehmers in der hochkapitalistischen Wirtschaft ausübt. Offenbar nämlich werden durch die Verflechtung abermals eine kleinere Anzahl besonders tüchtiger Wirtschaftsführer mit größeren Machtvollkommenheiten ausgestattet. Der Kreis der leitenden. Persönlichkeiten wird verkleinert. Zu ihm aber werden nur diepassendsten zugelassen. Die Auslese wird abermals verschärft und den Befähigten wird ein ihrer Begabung entsprechend weiter Wirkungskreis gewähr- Siebenundvierzigstes Kapitel: Das Flechtwerk der Aktiengesellschaften 747 leistet. Als Walther Rathenau einmal davon gesprochen hat, daß drei- bis vierhundert Männer das gesamte europäisch-amerikanische Wirtschaftsleben leiten, hat man wohl gesagt, er habe ein Geheimnis ausgeplaudert. Für jeden aber, der etwas mit der Organisation des modernen Wirtschaftslebens Bescheid weiß, war die Tatsache, die Rathenau feststellte, ganz und gar kein Geheimnis. Sie war ihm wohlbekannt und selbstverständlich angesichts der Struktur der hochkapitalistischen Wirtschaft. Er wußte auch, wie diese Herrschaft zustande kommt, eben durch das Flechtwerk der Aktiengesellschaften, wie ich es in diesem Kapitel beschrieben habe. Daß durch die Machtkonzentration in den Händen weniger, befähigter Großmeister des Unternehmertums dem Kapitalismus eine wesentliche Förderung zuteil geworden ist, dürfte von niemandem bezweifelt werden. Eine andere Frage ist es, ob dieser Vorgang nicht zu denen gehört, die wir als die ersten Alterserscheinungen des Kapitalismus zu betrachten haben. Die ersten grauen Haare! Denn sicherlich bedeutet jene Machtkonzentration einen bedenklichen Schritt in der Richtung der Monopolisierung. Und daß mit dieser (sehr häufig wenigstens) eine Verringerung der Lebenskraft verbunden ist, lehren Besinnung und Erfahrung. Worte wie die, die einer der besten Kenner des modernen Wirtschaftslebens, FelixSomary, über die Wirkung der „Bankenkonzentration“ schreibt, scheinen mir höchster Beachtung wert, wenn ich auch glaube, daß S o m a r y die lähmende Wirkung der Unternehmerkonzentration, wie man den hier in Frage stehenden Vorgang nennen mag, etwas überschätzt und der zweifellos belebenden Wirkung zu wenig Platz einräumt (siehe seine „Bankpolitik“, Seite 277). Die Bedeutung, die die Verflechtung, namentlich die Bildung von Em Standsgesellschaften dank der mit ihrer Gründung meist verbundenen Gründergewinne (die häufig der alleinige subjektive Zweck der Transaktionen ist), für die V ermögensbildung und damit die Kapitalbildung hat, habe ich an einer anderen Stelle schon gewürdigt (siehe Seite 159 f.) Achtundvierzigstes Kapitel Die Finanzierung fremder Wirtschaften Unter Finanzierung verstehen wir die Gewährung (Verwendung) von Fremdkapital an einen (in einem) Wirtschaftsbetrieb. Wir können sie als einen abstrakten Vorgang, eine Markterscheinung betrachten und haben sie als solche bereits an verschiedenen Stellen dieses Werkes gewürdigt; wir können sie aber auch in ihrem bestimmenden Einfluß auf und in ihrer Bedeutung für die Betriebsgestaltung als den Anlaß für eine Dauerbeziehung zwischen Geldgeber und Betriebsleiter verfolgen und denken alsdann an die häufig Wirklichkeit werdende Möglichkeit, daß sich der Kräftemittelpunkt des leihenden Betriebes verschiebt, daß die Selbständigkeit des Produzenten oder Händlers durch den Geldgeber eine Beschränkung erfährt. Es ergibt sich dann häufig ein Zusammenleben oder Zusammenwirken von Geldgeber und Wirtschaftsleiter, das sich noch nicht als eine neue Betriebsform ansehen läßt, und das wir seiner Unbestimmtheit halber bildhaft als eine Symbiose zwischen jenen beiden bezeichnen können. Wesentliche Unterschiede in der Gestaltung dieses Verhältnisses ergeben sich, je nachdem der Geldgeber eine Einzelperson oder eine Bank ist. Ich werde deshalb die Finanzierungsvorgänge, wie sie sich in diesen beiden Fällen ergeben, getrennt zur Darstellung bringen. I. Die Finanzierung durch Private Manche Fälle dieser Art der Finanzierung ragen nun gar nicht in den kapitalistischen Nexus hinein, sofern weder der Geldgeber noch der Geldnehmer kapitalistische Unternehmer sind und folgeweise auch das dargeliehene Geld kein Kapital ist. Sie haben aber gleichwohl, wie wir noch sehen werden, eine (mittelbare) Bedeutung für den Kapitalismus und müssen deshalb hier erwähnt werden. In anderen Fällenist der Geldgeber, in anderen wiederum der Geldnehmer, in noch anderen sind beide kapitalistische Unternehmer. Dann natürlich gehören sie an sich an diese Stelle. Um was es sich handelt, sind folgende Vorgänge: Achtundvierzigstes Kapitel: Die Finanzierung fremder Wirtschaften 740 1. die Bevorschussung des Bauern, mit der — moralisch oder vertraglich erzwungenen — Verpflichtung zur Lieferung an den Geldgeber. Sie hat in Westeuropa, wo sie später als „Wucher“ gebrandmarkt wurde, während fast der ganzen hochkapitalistischen Epoche eine beträchtliche Rolle gespielt und ist dort erst gegen das Ende des 19. Jahrhunderts durch eine auf genossenschaftlicher und gemeinwirtschaftlicher Grundlage ruhende Kreditwirtschaft abgelöst worden. In den peripherischen Ländern hat sie eine noch größere Bedeutung gehabt und sie bis zum Ende des hochkapitalistischen Zeitalters bewahrt. Wir haben von dieser Abhängigmacbung des ländlichen Produzenten vom Geldgeber schon zu verschiedenen Malen Kenntnis genommen, und ich werde in einem anderen Zusammenhänge noch einmal darauf zu sprechen kommen. 2. Die Bevorschussung des Handwerkers ist die Form gewesen, in der mit Vorliebe der Kapitalismus in das europäische Wirtschaftsleben sich Eingang zu verschaffen gewußt hat. Wir nennen diese Symbiose zwischen Geldgeber und Handwerker ,,V e r 1 a g“, und ich habe von diesem Abhängigkeitsverhältnis, seiner Entstehung und seiner Entwicklung während der frühkapitalistischen Epoche sehr ausführlich im zweiten Bande dieses Werkes gehandelt, siehe namentlich das fünfundvierzigste Kapitel daselbst. Aber auch im Zeitalter des Hochkapitalismus sind diese Fälle der indirekten Abhängigkeit des Handwerkers vom Kapital, wie ich sie genannt habe, keineswegs verschwunden. Sie haben bis in die letzte Zeit eine gewisse Rolle gespielt, und es ist nicht überflüssig, daß wir uns wenigstens an einigen typischen Beispielen das Verhältnis, um das es sich hier handelt, klarmachen. Es wird genügen, wenn ich die Beispiele aus Deutschland wähle; in den übrigen Ländern mit kapitalistischer Kultur liegen die Dinge ganz ähnlich. Betrachten wir zunächst einige gewerbliche Handwerke! Die Zeit, für die die Angaben gelten, ist das letzte Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts. Im wesentlichen hat sich aber in den folgenden Jahrzehnten an den geschilderten Zuständen nichts geändert. In einem Verhältnis indirekter, aber darum nicht weniger fester Abhängigkeit vom Kapital befinden sich zahlreiche Bäcker in den Großstädten. Die Statistik weist fast überall eine bedeutende Vermehrung der Bäckereibetriebe, und zwar gerade der allerkleinsten, insonderheit der Alleinbetriebe auf. Diese Bäckereibetriebe haben nur die Lebensdauer der Eintagsfliegen: es sind ephemere Produkte kapitalistischer Spekulation auf Bäckermeister und Gesellen mit Etablierungsdrang. 750 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte Diese „Bäckermeister“ sind durchaus als Arbeiter im Dienste des Kapitals zu betrachten. Dieses drängt sich von zwei Seiten an sie heran: von der Seite der Mehlhändler und von der Seite der Bauspekulanten her. Eine ähnliche Erscheinung wie der Kleinbäcker in Abhängigkeit vom Mehlhändler ist der Kleinfleischer von Viehhändlers oder Kommissionärs Gnaden. Das Monopol, das auf einzelnen großstädtischen Viehmärkten die größeren Händler und Kommissionäre besitzen, nutzen sie zuweilen aus, um kleine Fleischer ihrem Willen zu unterwerfen. Auch in der Schlosserei kommen, wenn auch nur vereinzelt, analoge Abhängigkeitsverhältnisse vor, wie wir sie für die Bäckerei kennengelernt haben. So sollen Nürnberger Eisenhandlungen im Kreditgewähren so weit gehen, daß sie selbst solchen bereitwillig Werkzeuge und Material zur Verfügung stellen, die ihnen nicht die geringste Garantie bieten. (Sehr. d.V. f. S. P. 64, 472/73.) Dasselbeerfahren wir von der Kleineisenindustrie. Siehe z. B. Kontradiktorische Verhandlungen über deutsche Kartelle. 3 1 (1904), 444. Ein typischer Fall, wie ein Verlags Verhältnis entsteht. Ganz allgemein kommen wiederum diejenigen Gebiete der Möbeltischlerei in Betracht, die nicht mehr rein handwerksmäßig und noch nicht rein kapitalistisch organisiert sind, Kleinmeister also, die sich, um ihre Erzeugnisse abzusetzen, genötigt sehen, die Hilfe des Kapitals in Anspruch zu nehmen, und dadurch in dessen Botmäßigkeit geraten. Dieses wird — wo es sich nicht um Export handelt — vertreten durch das Möbelmagazin, „für das der Meister arbeitet“. Es springt nun in die Augen, daß der Grad der Abhängigkeit, in der sich der Tischler von diesem Magazin befindet, ein sehr verschiedener sein kann: von fast völliger Freiheit im Abschluß der Lieferungsverträge bis zur völligen und reinen Heimarbeitschaft, wenn der Magazininhaber sogar den Rohstoff und die Werkstatteinrichtung liefert. Die Mehrzahl der Fälle wird durch eine Art indirekter Abhängigkeit gebildet werden. In allen Großstädten verbreitet ist die hausierende Tischlerei, dasjenige, was die Franzosen „tröle“ nennen, die Engländer als Hökerei („hawking“) bezeichnen. Es ist dies der Fall, in dem kleine Tischler „auf Vorrat“ und gegen Vorschuß des Möbelmagazins arbeiten und ihre Ware dann an einem bestimmten Tage Laden für Laden feilbieten. Marx beschreibt dieses „System“ auf Grund in England gewonnener Anschauungen schon im Jahre 1865. Ende des 19. Jahrhunderts finden wir genau dieselben Zustände in allen festländischen Großstädten wieder. In einer ganz ähnlichen Stellung wie der für das Magazin arbeitende Möbeltischler befindet sich der Tapezierer, der die Polsterungen an den Möbeln zu besorgen hat. Auch er bleibt nominell selbständiger Handwerksmeister, steht aber in mehr oder minder fester Abhängigkeit von der kapitalistischen Unternehmung, die ebenfalls entweder ein großes Ausstattungsgeschäft oder ein einfaches Möbelmagazin ist. Zwischen dem Unternehmer und einem Meister herrscht zuweilen eine Art von dauerndem Produktionsverhältnisse. Dann ist der Meister verpflichtet, ausschließlich für den einen Unternehmer zu arbeiten, und dieser, seinen Bedarf bei dem Meister zu decken. Achtundvierzigstes Kapitel: Die Finanzierung fremderWirtschaften 751 Endlich gehört in diesen Zusammenhang der kleine Bauhandwerker. Da jedoch die Finanzierung des modernen Baugewerbes meistens durch Banken erfolgt, so werde ich sie weiter unten im Zusammenhänge darstellen. Mit den „Fällen indirekter Abhängigkeit vom Kapital“, in die so viele gewerbliche Handwerker geraten, habe ich mich ausführlich in der ersten Auflage dieses Werkes beschäftigt, wo das einundzwanzigste Kapitel des ersten Bandes dem Gegenstände gewidmet ist. Dort findet der Leser noch weiteren Stoff und auch, soweit sie nicht angegeben sind, die Quellenbelege für die hier als Beispiel angeführten Fälle. Ebenso wie der gewerbliche Handwerker werden auch auf anderen Gebieten handwerkerliche Wirtschaften von Geldgebern verschiedenster Herkunft finanziert, und ebenso wie jene gelangen sie in eine gewisse Abhängigkeit von ihren Geldgebern. Ich denke an die Darbieter persönlicher „Dienste“, wie die Friseure, denen Laden und Ladenausstattung auf Kredit geliefert werden; an kleine Wirte (Budiker), die vielfach als Angestellte der großen Brauereien auzusehen sind; an Krämer, die ihr Geschäft mit wucherischen Vorschüssen betreiben, wie der polnische „Dorfgeher“, der „Wocher“, der für 30—50 Rubel am Freitag 2—3 % Wochenzinsen bezahlt oder an solche, denen der Großhändler oder Fabrikant ihren ganzen Warenvorrat auf Vorschuß liefert, wie es üblich ist im deutschen Uhren-, Zigarren-, Drogenhandel, im englischen Juwelenhandel oder im französischen Kolonialwaren-, Parfümerienhandel: „devenu le debiteux du nögociant, le detaillant est oblige de se fournir chezlui; il subitsa loi“ (Et. Martin St. Leon), und ähnliche Fälle. 3. Private finanzieren auch kapitalistische Unternehmen und stellen dann häufig eine Symbiose zwischen sich und diesen her. Ich erwähne folgende Fälle: a) Gründung von Detailhandelsgesellschaften (meist in der Form der G. m. b. H.) unter Kapitalbeteiligung eines Produktionsunternehmens und eines selbständigen Detailhändlers. So hat eine deutsche Schuhfabrik in mehr als hundert Städten (1927: 130) Verkaufsstellen unter fremder Firma errichtet; ebenso gründen in anderen Ländern die großen Schuhfabriken derartige Verkaufsgesellschaften mit Filialenbetrieb; in Frankreich hat „L’Incroyable“ 20 Filialen, Fayard 30 usw. Diese Geschäfte verkaufen Schuhe verschiedener Schuhfabriken. Im größten Stil hat diese Finanzierung großer Detailhandelsgesellschaften der amerikanische Tabaktrust betrieben, als er sich an der United Cigar Stores Company beteiligte, die 1907 bereits 392 Verkaufsläden besaß (siehe den Rep. on the Tobacco Industry I [1909], 88, 312 f.); 752 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschafte Prozesses i. d. Geschichte b) Pachtverträge der Brauereien auch mit großen, kapitalistischen Schank- und Speisewirtschaften; c) das unter dem Fremdnamen Support-Account bekannte Einrichtungsgeschäft im Überseehandel, bei dem ein europäisches Haus einem jungen, tüchtigen Anfänger über See sein Geschäft vollständig einrichtet mit der ihm auf erlegten Verpflichtung, seine Bestellungen nur beim „Mutterhaus“, das heißt also dem Geldgeber, zu machen. II. Die Finanzierung durch Banken 1. Die Finanzierung der Großindustrie Welche große Ausdehnung im Laufe der Entwicklung die bankmäßige Finanzierung für die meisten Industrien, allen voran die Montan- und Elektrizitätsindustrie, aber auch für die chemische Industrie, die Textilindustrie, die Brauereien u. a., gewonnen hat, haben wir schon erfahren, als ich die Mittel zur Beschaffung des Geldkapitals besprochen habe. Wir wollen uns nur noch einmal zum Bewußtsein bringen, daß die Industrie in dem Maße eine Kundin der Banken wird, als ihre Geschäftsform die Aktiengesellschaft ist. Man kann deutlich wahrnehmen, wie die Finanzierung der Industrie durch die Banken erfolgt, wo und insoweit das Aktienprinzip zur Herrschaft gelangt: Unterschied zwischen der oberschlesischen und der rheinisch-westfälischen Montanindustrie! Und das aus naheliegenden Gründen. Die Aktiengesellschaft steht ihrem Wesen nach von ihrer Wiege (Gründung) bis zur Bahre (Sanierung) in regelmäßigen Beziehungen zu den Banken. Schon ihr Grundkapital ist Fremdkapital, bei dessen Beschaffung die Mithilfe der Banken fast unentbehrlich ist. Dann wird das Grundkapital durch Kredit ausgeweitet, den am besten auch die Bank besorgt. Und diese leiht lieber der Aktiengesellschaft als dem Privatunternehmen, weil diese — wie ich schon angedeutet habe — kreditwürdiger ist. Die größere Kreditwürdigkeit der Aktiengesellschaft begründen folgende Eigenarten dieser Unternehmungsform: (1) die Versachlichung des Kapital Verhältnisses, das heißt dessen Loslösung von der Person und deren Zufälligkeiten. „Die juristischen Personen (spielen) nicht Karten, haben keine heimlichen Gebebten, reisen nicht nach Monaco, übertragen ihr Vermögen nicht auf ihre Frauen“ usw. (Petrazycki); (2) die gesetzliche Sicherung ihrer Substanz: Bindung des Grundkapitals, gesetzliche Reserven; Achtundvierzigstes Kapitel: Die Finanzierung fremder Wirtschaften 753 (3) die Publizität ihres Geschäftsgebarens. Will die Aktiengesellschaft ihren aufgesummten Anlagekredit, den ihr die Bank gegeben hat, durch Ausgabe neuer Aktien oder Obligationen abstoßen, will sie ihr Aktienkapital Zusammenlegen, muß sie saniert werden, immer bietet sich die Bank als willkommene Helferin an. Und andererseits wird die Bank immer befähigter, dem Industrieunternehmen mit Rat und Tat beizustehen. Zuerst waren es wohl die deutschen Banken (wenn wir von dem Versuch des Credit mobilier absehen), die sich in die Bedürfnisse der Industrie einlebten und durch Ausbildung besonderer Abteilungen und besonderer Fachmänner den nötigen Einblick in die Lage ihrer Schuldner verschafften. Allmählich haben in allen Ländern die Banken diese Seite ihres Betriebes entwickelt. So hören wir auch von den Banken in den Vereinigten Staaten, daß sie „industrial Service departments“ einrichten, und vernehmen ihre Ankündigungen und Anpreisungen als Berater der Industrie. „We are business counsellors. The efficient performance of our duties demands. that we constantly keep in touch with all factors affecting the financial side of business. Markets, buying trends, credit, transportation and foreign trade or conditions are such factors. This intimate contact with basic branches of commerce and industry often enables us to give business men practical information of value.“ Aus einer Sammlung von Bankprospekten, mitgeteilt bei E. E. Lincoln, a. a. 0. Seite 419. Mit diesen letzten Bemerkungen habe ich den Punkt berührt, der im Mittelpunkt unseres Interesses steht, das ist die Herstellung von Symbiosen zwischen Bank und Industrieunternehmen. Im Verlauf der Entwicklung jener Beziehungen zwischen diesen beiden beobachten wir nämlich die Tendenz, daß diese Dauerbeziehungen werden, das heißt, zu persönlichen Beziehungen einer Industrieunternehmung zu einer Bank sich verdichten. Das ist zunächst die natürliche Folge einer Ausdehnung des Anlagekredits, dessen Gewährung eine mehr persönliche Fühlungnahme als die anderen Kredite verlangt, und der die beiden Parteien länger aneinander fesselt. Im Interesse der Sicherheit, Rentabilität und Dauerhaftigkeit eines Kreditinstituts, das eine seiner Hauptaufgaben in der Beleihung gewerblicher Unternehmungen erblickt, liegt es nun aber, sämtliche Kreditgeschäfte einer Unternehmung von ihrer Entstehung bis zur Auflösung zu besorgen. Was zur Folge hat, daß das Kontokorrentgeschäft immer mehr zum Angelpunkt des gesamten Geschäftsverkehrs zwischen Bank und Industrieunternehmen wird. „Alle Geschäfte der Bank mit 754 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft. Prozesses i. d. Geschichte dem industriellen Kunden werden zu einer Einheit, deren Wesen weniger durch die einzelnen Geschäfte als durch die Person des Kunden bestimmt wird, woraus sich die enge Verbindung zwischen Banken und Industrie ohne weiteres ergibt.“ (J e i d e 1 s.) Die Symbiose, die solcherweise zwischen diesen beiden entsteht, fi n det ihren Ausdruck in der persönlichen oder sachlichen Verflechtung der Gesellschaften, wie ich sie im vorigen Kapitel dargestellt habe. Man hat diese Beziehungen zwischen Banken und Industrieunternehmungen wohl als ein Herrschaftsverhältnis bezeichnet, in dem die Banken sich die Produktionsunternehmungen unterwerfen, und hat von einer „Verbankung“ der Industrie, von einem „Primat des Finanzkapitals“ gesprochen. Das ist falsch. Man könnte ebensogut von einer Beherrschung der Banken durch die Industrie reden. Jeder Fall liegt anders. Das eine Mal wird sich ein Übergewicht der Bank, ein anderes Mal ein Übergewicht der Industrieunternehmung ergeben. W e r im einzelnen Falle herrscht, entscheiden ebensosehr sachliche wie persönliche Gründe. Von bestimmendem Einfluß ist das Entwicklungsstadium der Wirtschaft; je später eine Industrie sich entwickelt, desto leichter kommt sie unter die Botmäßigkeit der Banken (Ungarn!). Ganz allgemein läßt sich sagen: Geben bei einem Geschäft kaufmännisch-technische Erwägungen den Ausschlag, so wird der Industrielle, bei Finanzfragen hingegen wird der Bankmann entscheiden. Und immer ist es im Zweifelsfalle die stärkere Persönlichkeit, die die Herrschaft ausüben wird. 2. Die Finanzierung des Baugewerbes ist so eigenartig und so verwickelt, daß es sich empfiehlt, sie gesondert im Zusammenhänge darzustellen. Die Kevolutionierung des Baugewerbes ist auf das engste verknüpft mit dem Vordringen des Spekulationsbaues, das heißt des nicht mehr auf Bestellung, sondern als Ware für den Markt produzierten Baues. Die marktmäßige Häuserproduktion nimmt ihren Anfang, wiewir gesehenhaben, inEngland nach den Napoleonischen Kriegen, in Frankreich seit der Julirevolution, in Deutschland seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Eigenart der marktmäßigen Häuserproduktion liegt nun vor allem darin, daß sie fast stets im unmittelbaren Zusammenhänge mit der Baugrundspekulation steht, das heißt, daß ein Gewinn meist nicht nur aus der Bautätigkeit allein, sondern gleichzeitig auch aus der Verwertung spekulativ erworbener Grundstücke erstrebt wird. Diese Doppelnatur der Häuserspekulation bringt es nun Achtundvierzigstes Kapitel: Die Finanzierung fremder Wirtschaften 755 aber mit sich, daß das Geld in das Baugewerbe von zwei ganz verschiedenen Seiten her eindringt; einmal nämlich von der Seite der Häuserproduzenten, sodann von der Seite der Baugrundbesitzer her. Dort wird die Vornahme des Häuserbaues kapitalistisch umgestaltet, die Verwertung des Kapitals in der kapitalistischen Gestaltung der Produktion angestrebt, was zur Entwicklung des großen Baugeschäftes, der kapitalistischen Bauunternehmung im strengen Sinne des Wortes führt. Wenn das Kapital von der Baugrundspekulation seinen Ausgangspunkt nimmt, so sind wiederum zwei Fälle der V erwertung in der Produktionssphäre möglich: entweder nämlich das Kapital baut in eigener Regie, das heißt beschäftigt im eigenen, direkten Aufträge die Bauarbeiter — sei es wiederum ein großes Baugeschäft, sei es die einzelnen Bauhandwerke —, oder es 1 ä ß t bauen. In diesem letzten Falle erscheint ein formell selbständiger „Bauunternehmer“ als Bauleiter auf der Bildfläche, der aber in Wirklichkeit meistens nichts anderes als ein Strohmann ist, den das Kapital vorschiebt, um sein eigenes Risiko so viel als möglich zu verringern. Diese Kreatur will ich „Zwischenunternehmer“ nennen. Es ist nun eine häufig wiederkehrende Erscheinung, daß die produktive Verwertung des Baugrundkapitals anfänglich vermittels des Bauens in eigener Regie versucht worden ist. So entstanden in zahlreichen Städten sogenannte Baubanken, deren Zweck die Organisation der gewerblichen Unternehmung auf kapitalistischer Grundlage war. Diese Baubanken erwarben weite Flächen Bauareal, führten darauf die Kanalisierungs-, Pflasterungs- und sonstigen Arbeiten aus, parzellierten den Baugrund auf beiden Seiten der neugeschaffenen Straße und ließen die Grundstücke auf ihre eigene Rechnung bebauen. Sie stellten aber diese Tätigkeit sehr bald ein und beschränkten sich in Zukunft auf die Grundstücksspekulation und die sogleich näher zu beschreibende Subventionierung von Zwischenunternehmern. Der Hauptgrund ihres Zurücktretens vom Eigenbau liegt wohl darin, daß sie die indirekte Verwertung ihres Kapitals erheblich vorteilhafter fanden, um so mehr, als sie damit ihr Risiko auf ein ganz geringes Maß einschränken konnten. Die meisten kapitalistischen Baugrundspekulationsunternehmen nennen sich heute schon nur „Terraingesellschaften“. Die überwiegende Mehrzahl aller Spekulationsbauten wird mit Hilfe eines solchen Zwischenunternehmers ausgeführt. Hinter ihm steht der Geldgeber. Die unmittelbaren Geldgeber sind gegenwärtig — das heißt in der letzten Zeit vor dem Kriege — entweder die Terraingesellschaften, deren es 1912 in Deutschland 157 mit 386 Millionen Somliart, Hochkapitalismus II. 48 756 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte Mark Kapital gab, oder private Spekulanten. Ihr Hauptgeschäft und Verdienst besteht im An- und Verkauf imbebauter Grundstücke. Mit dem Häuserbau stehen sie, wie gesagt, durch jene Zwischenunternehmer in Verbindung, die sie subventionieren. Dieser Zwischenunternehmer ist der Regel nach mittellos. Um den Bau überhaupt beginnen zu können, erhält er vom Geldgeber die sogenannten Bauhilfsgelder. Diese reichen nun meist nicht hin, um sämtliche Bauarbeiten zu bezahlen. So werden denn vor allem die Maurerund Zimmerarbeiten bezahlt. Dagegen bemüht man sich, die Arbeiten der „kleinen“ Bauhandwerker möglichst auf Kredit zu erhalten; dank der Konkurrenz dieser meist armseligen Existenzen untereinander gelingt es häufig genug. Verfolgen wir nun das Schicksal der solcherart kreditierten Beträge. Dazu bedarf es nochmals eines Blickes auf die Beziehungen zwischen Geldgeber und Zwischenunternehmer. Jener ist, wie wir sahen, in den meisten Fällen Bodenspekulant. Er muß also vor allem trachten, sein Grundstück vorteilhaft zu verwerten. Das tut er, indem er es dem Zwischenunternehmer verkauft. Da der Unternehmer von dem Geldgeber vollständig abhängig ist,, muß er das Grundstück, das er bebauen will, um jeden Preis annehmen, den jener festzusetzen für gut befindet. Der „Unternehmer“ aber leistet keinerlei Anzahlung, da er ja gewöhnlich mittellos ist; der Geldgeber muß daher den Preis des Grundstücks als Hypothek eintragen lassen.. Ferner muß er dem „Unternehmer“, damit dieser den Bau ausführei. kann, wie wir schon sahen, sogenannte Bauhilfsgelder geben. Diese werden ebenfalls zusammen mit etwaigen anderen Unkosten, die gleich von vornherein veranschlagt werden, als Hypothek auf das zu erbauende Haus eingetragen. Der Geldgeber will nun natürlich das vorgestreckte Geld so bald als möglich zurückerhalten, um es in gleicher Weise wieder verwenden zu können. Er sucht daher seine Hypothek entweder auf einen Privatmann zu übertragen oder aber, was bei weitem das häufigste ist, auf eine Hypothekenbank, die somit die eigentliche Geldquelle für das Baugewerbe bildet. Wir finden also folgende Personen und Gesellschaften an dem Zustandekommen eines modernen Spekulationsbaues beteiligt: (1) die eigentlichen Geldgeber, die durch endgültiges Darleihen des notwendigen Kapitals Gewinn machen: Private oder (meist) Banken; (2) diej enigen Geschäfte oder Personen, die die Wohnungsproduktion selbst besorgen: Achtundvierzigstes Kapitel: Die Finanzierung fremder Wirtschaften 757 a) die Terraingesellschaften oder Baubanken, die im wesentlichen Handel in Grundstücken treiben, daneben wohl auch die Bebauung dieser Grundstücke durch Anlegen von Straßen, Wasserleitung, Beleuchtung usw. vorbereiten; b) kapitalistische Baugeschäfte, die Bauten im Aufträge aufführen; c) Bauhandwerker; (3) Mittelspersonen, die sogenannten Bauunternehm er oder Zwischenunternehmer. Eine eingehendere Darstellung dieser Verhältnisse, namentlich der aus ihnen sich ergebenden Folgen für die Bauhandwerker, die häufig die Geschädigten sind, findet sich im einundzwanzigsten Kapitel der ersten Auflage dieses Werkes. 3. Die Finanzierung des Großhandels Im allgemeinen spielen sich die Kreditvorgänge im Handel innerhalb des Handelsgewerbes selbst ab. Aber in den höchsten Spitzen des Großhandels, namentlich im Überseehandel, hat sich allmählich doch eine Loslösung des Kreditgeschäfts und seine Verselbständigung in den Banken vollzogen. Die früheste Form der Finanzierung des Handels ist die Warenbeleihung mittels Lombardierung, wobei aber die Bank die Mühe hat, die Waren in Mitverschluß zu nehmen. Eine höhere Form der Finanzierung stellt die Beleihung mittels Warrant beim Doppelscheinsystem dar. Die höchste im Überseehandel beliebte Form der Finanzierung ist der Rembourskredit, bei dem der Exporteur von einer Bank Kredit gegen Ablieferung der Ladescheine bei Versendung meist auf Vorschuß erhält. Alle diese Kredite, vor allem der Rembourskredit, ermöglichen eine ungemeine Beschleunigung des Kapitalumschlages. Die Finanzierung des überseeischen Importhandels durch den Rembourskredit ist im wesentlichen das Werk der sogenannten Übersee- oder Auslandsbanken, über deren Organisation und Entwicklung, angesichts der wichtigen Rolle, die sie im kapitalistischen Drama spielen, noch einige Bemerkungen zu machen sind. Das Bankkapital besitzt verschiedene Möglichkeiten der Aus- landsexpansion, die sämtlich zur Anwendung gelangt sind: 48 * 758 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte (1.) die Kommandite: Beteiligung einer einheimischen Bank an einer Auslandsbank durch eine Kapitaleinlage. Der Nachteil dieser Organisation besteht darin, daß die kommanditierte Bank doch immer eine fremde Bank bleibt und deshalb die heimische Bank wenig Bewegungsfreiheit besitzt; (2.) die Auslandsfiliale: die engste Form der Interessenvertretung auf fremden Plätzen. Sie ist namentlich von den französischen Großbanken beliebt worden, die seit den 1860er Jahren zahlreiche Filialen im Auslande errichtet haben, so der Credit Lyonnais, das Comptoir national d’Escompte, die Societe Generale. Der Nachteil dieser Organisation besteht darin, daß die Filiale sich nicht leicht ausdehnen kann. (3.) die Gründung von Tochtergesellschaften: das englisch-deutsche System. „Eine oder mehrere Großbanken gründeten völlig neue Spezialinstitute, um im Auslande Bankgeschäfte zu betreiben. Die Gründerbanken lieferten das Kapital. Die Aktien gingen entweder ganz oder zur Mehrheit auf die Dauer in ihren Besitz über, so daß die Leitung des neuen Instituts — der Tochtergesellschaft — in ihren Händen blieb imd gegen ihren Willen ihnen nicht entwunden werden konnte.“ Diese Form der Bankenausdehnung hat sich als besonders fruchtbar erwiesen, weil sie die Anlage eines großzügigen Planes und die augenblickliche Anpassung an die Wirtschaftslage in dem fremden Lande gewährleistete. Die Tochtergesellschaft kann ihren Sitz in der Heimat oder drüben haben. Wichtige Typen der ersten Art in Deutschland waren die Brasilianische Bank für Deutschland mit dem Sitz in Hamburg und die Deutsche Überseebank in Berlin, deren Hauptbetätigungsfeld Südamerika war; den zweiten Typus vertrat die Deutsch-Asiatische Bank, die ihren Sitz in Schanghai hatte. Das Heimatland der Auslands-, Übersee- und Exportbanken ist England, das lange Zeit wegen des frühen Anfanges eine monopolartige Stellung auf dem Weltmärkte hatte. (Vgl. was darüber auf Seite 641 bemerkt worden ist.) Im Jahre 1913 gab es in England 42 foreign und 37 Colonial Banks. Die Zahl der Bankstellen der (31) Colonial Banks des Jahres 1921 betrug 6212. In Deutschland gab es rein deutsche Banken im Auslande: 1890: 5 mit 27 Niederlassungen, 1913: 12 „ 106 Frankreich hat, wie ich schon bemerkte, sein Filialensystem. Aehtundvierzigstes Kapitel: Die Finanzierung fremder Wirtschaften 759 Im ganzen gab es im Jahre 1914 europäische Bankfilialen oder Banken: in Südamerika.100 „ Asien.800 ,, Afrika.400 ,, Australien, Neuseeland und auf den pazifischen Inseln 700 Nach einem Referat des Professors Emery R. Johnson auf der Versammlung der American Economic Association, Dezember 1915. III. Die Bedeutung der Finanzierung 1. Die handgreiflichste Wirkung der Finanzierung, die ich in anderem Zusammenhänge schon ausgiebig gewürdigt habe, ist die Ausweitung des Wirkungsbereichs des Kapitals, das um den Betrag des Finanzkapitals vergrößert wird. Daneben gibt es aber eine Reihe von Wirkungen, die nicht so an der Oberfläche liegen, und die doch sehr wohl Beachtung verdienen. Das sind vornehmlich folgende: 2. Wo es sich um die Finanzierung handwerkerlicher Existenzen handelt, bedeutet diese sehr häufig eine Vorstufe der kapitalistischen Organisation. Es beginnt hier ein Zusammenwirken zwischen Handwerker und Geldgeber, es werden Anstöße gegeben, die leicht zu einer Umbildung der handwerksmäßigen Organisation führen. Die Wirtschaftsgeschichte ist reich an solchen Fällen. Was sich während der ganzen frühkapitalistischen Epoche abgespielt hat, setzt sich bis in unsere Zeit fort; der vom Geldgeber beliehene Handwerker verliert am Ende seine Selbständigkeit völlig, hört auf, auch äußerlich als Handwerker zu erscheinen und wird Lohnarbeiter in einer kapitalistischen Unternehmung, häufig erst in der Form der Hausindustrie, später des Fabrikarbeiters. Vgl. auch das zweiundfünfzigste Kapitel. 3. Die größte Bedeutung der Finanzierungsvorgänge erblicke ich aber darin, daß durch sie ein neuer Typus von Wirtschaftsleiter geschaffen wird. Dieser neue Typus sind Unternehmer, die der Branche mehr oder weniger gleichgültig gegenüberstehen, die von Bankoperationen und Industrieoperationen gleichermaßen etwas verstehen müssen, die gleichsam das besondere kapitalistische Prinzip vertreten, weil sie das Technische des einzelnen Branchenbetriebes abgestreift haben. Es sind jene Unternehmer, die ich in dem ersten Abschnitte als Finanzmänner bezeichnet hatte, denen wir bei der Betrachtung des Flechtwerkes der Aktiengesellschaften begegneten und deren Entstehung und Bedingtheit wir nunmehr verstehen gelernt haben. Das Wirtschaftsleben kommt dadurch unter die Leitung weitaus- schauender Männer, die nicht nur für die Ausgestaltung der einzelnen 760 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte Unternehmung über große Gesichtspunkte und große Mittel verfügen, sondern vor allem auch, was das Bedeutsamere ist, verschiedene Unternehmungen in Verbindung zu bringen und ganze Produktionszweige zu überblicken und zu beherrschen vermögen. Insbesondere bringt die Bank die Beziehungen zwischen den einzelnen Industrieunternehmungen zustande; sie verkörpert gleichsam den inneren Zusammenhang, der zwischen einer großen Anzahl von Unternehmungen besteht; Kartellbestrebungen, Umwandlungsbestrebungen, Fusionsbestrebungen fördert sie gleichermaßen. So bewirken die Finanzierungen ebenso wie die Verflechtungen, daß die kapitalistische Wirtschaftsorganisation auf eine höhere Stufe ihrer Entwicklung — die höchste, deren sie fähig ist — emporgehoben wird. B. Die äussere Gestattung der Betriebe Neunund vierzigstes Kapitel Die Betriebsformen 761 In einem weiteren Sinne gehören auch Spezialisation, Kombination, Konzentration, die Gestaltungsweisen, die wir in den beiden folgenden Kapiteln kennenlernen werden, zu denjenigen Erscheinungen, die die „Form“ des Betriebes bestimmen. Daneben gibt es aber Beziehungen, die in einem strengeren Sinne erst die Betriebsform ausmachen. In deren Gestaltung, könnte man sagen, die „reine“ Betriebsform zutage tritt. Diese Beziehungen werden durch das Verhältnis der beiden Produktionsfaktoren, des sachlichen und des persönlichen, zueinander bestimmt, sofern es sich um gesellschaftliche Betriebe handelt, die selbst schon gegen die Individualbetriebe durch die Stellung des Arbeiters zu seinem Werke abgegrenzt sind. Von diesen reinen Betriebsformen und ihren Gestaltungsneigungen im Zeitalter des Hochkapitalismus soll in diesem Kapitel die Rede sein. Es sind ihrer drei, die wir in Betracht ziehen müssen: die Betriebe mit zerstreuten Betriebsstätten, die Manufaktur und die Fabrik. Über die Wesenheit dieser drei Betriebsformen brauche ich mich hier nicht auszulassen, da ich das Nötige früher bereits vermerkt habe. Siehe das Stichwort „Betriebsformen“ im Sachregister zu den beiden ersten Bänden, und vergleiche das im dreiunddreißigsten Kapitel dieses Bandes Gesagte. I. Betriebe mit zerstreuten Werkstätten In Betracht kommen hier nur Fälle, in denen die zerstreuten Werkstätten nicht etwa selbst schon wieder gesellschaftliche Betriebe sind, sondern Kleinbetriebe bleiben und doch in irgendeiner Weise zu einheitlichen (gesellschaftlichen) Werkbetrieben zusammengeschlossen sind, also nicht nur im Wirtschaftsbetrieb ihre Einheit finden. Solcher dezentralisierter Betriebe (wie ich der Kürze halber in nicht ganz zutreffender Ausdrucksweise sagen will) haben sich in der Landwirtschaft wenige entwickelt. Man könnte an die holländischen 762 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft! Prozesses i. d. Geschichte Tabakbauern denken, deren Stellung zu den Faktoren 0. Prings- h eim beschreibt; oder an die Rübenbauern, die ihre Rüben an die Zuckerfabriken liefern; oder an manche Fälle von Kleinpächtern (Mezzadria!), die von einer Zentrale aus geleitet werden. Aber alle diese landwirtschaftlichen Betriebe bleiben im wesentlichen doch selbständige Kleinbetriebe, denen nur bestimmte Verpflichtungen auferlegt sind, ohne in einen größeren Betrieb eingegliedert zu sein. Eine sehr beliebte Form ist dagegen der dezentralisierte Betrieb im Geld- und Kredit - sowie im Warenhandel, wo wir ihn in Gestalt des Filialenbetriebes im vorigen Kapitel bereits kennengelernt haben. Im Bereiche der gewerblichen Produktion ist der dezentralisierte Betrieb bekannt unter dem Namen der Hausindustrie. Wir sind dieser Betriebsform schon einmal begegnet: dort, wo wir den Gründen nachgingen, die zu einer Verminderung der gewerblichen Nebenbeschäftigung auf dem Lande und damit zur Entwurzelung des Landvolkes geführt haben. Hier müssen wir uns ein Bild von dem Bestände der Hausindustrie als Ganzem verschaffen und müssen den Entwicklungstendenzen auf die Spur zu kommen suchen, die sie etwa beherrschen. Ich halte mich zu diesem Behuf an die Ziffern der deutschen Berufs- und Gewerbezählungen, weil sie die weitaus genauesten sind, die wir besitzen. Im großen und ganzen wird man die Zustände in Deutschland als typisch für alle kapitalistischen Länder ansehen dürfen. Statistik der Hausindustrie in Deutschland: Fassen wir die Gesamtzahl der hausindustriellen Betriebe oder der hausindustriell beschäftigten Personen ins Auge, so ergibt sich übereinstimmend nach allen drei Zählmethoden eine Abnahme während des Zeitraums von 1882—1895 und von 1895—1907. (Siehe Tabelle Seite 763.) Es ist bekannt, daß die richtige Erfassung der Hausindustrie für die Statistik ein unlösbares Problem bedeutet. Die mitgeteilten Zahlen sind aller Wahrscheinlichkeit nach zu niedrig. Immerhin lassen sich aus ihnen folgende Schlüsse ziehen: 1. daß etwa y 2 Million Menschen in Deutschland der Hausindustrie angehörten, eine Schätzung, die auch noch für die Zeit unmittelbar vor dem Kriege gilt; 2. daß sich diese Ziffer in dem Zeitraum von 1882 bis 1907 vermindert hat. Im folgenden soll diese Verminderung im einzelnen dargelegt werden. Es ist vor allem zu untersuchen, ob sie sich etwa auf alle Gewerbezweige gleichmäßig erstreckt oder nur einzelne betrifft, während andere vielleicht sogar eine Vermehrung aufweisen. In der Tat ist dies der Fall. Schon wenn wir die großen Gewerbegruppen gesondert betrachten, ergibt sich eine ganz verschiedene Entwicklung in den einzelnen Gruppen. Neunundvierzigstes Kapitel: Die Betriebsformen Die Zahl der hausindustriell erwerbstätigen Personen betrug: 763 nach den Angaben der Berufszählung nach den Angaben d. Hausgewerbetreibenden b.d.Ge- werbezählung nach den Angaben d. Unternehmer bei der Gewerbezählung 1882 nicht ermittelt; darunter 476080 544980 1895 Selbständige 339644 342622; darunter 457984 490711 1907 Selbständige 287389 nicht ermittelt; darunter 405262 482436 Selbständige 247655 Es wurden nämlich in den hausindustriellen Hauptbetrieben beschäftigte Personen gezählt: Gewerbegruppe 1882 1895 1907 IV. Industrie der Steine und Erden .... 3170 4236 7816 V. Metallverarbeitung. VI. Industrie der Maschinen, Instrumente und 16930 20105 19248 Apparate. 4489 9093 8405 VII. Chemische Industrie. 171 299 284 IX. Textilindustrie. 285102 195780 138281 X. Papierindustrie. XI. Lederindustrie und Industrie lederartiger 3473 5843 7511 Stoffe. 1820 5106 5335 XII. Industrie der Holz- und Schnitzstoffe . 19111 37140 31481 XIII. Industrie der Nahrungs- und Genußmittel 8346 15918 19590 XIV. Bekleidungsgewerbe. 129138 154384 163875 XV. Keinigungsgewerbe. 2723 4976 1514 XVII. Polygraphische Gewerbe. 739 2136 545 XVIII. Künstlerische Gewerbe. 785 1835 997 Unter Berechnung des Verhältnisses der in hausindustriellen Betrieben beschäftigten Personen zu den in den betreffenden Gewerbegruppen über- 764 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. u. eschichte haupt tätigen Personen und unter Berücksichtigung der Wichtigkeit, den die hausindustrielle Betriebsform für die einzelnen Gewerbegruppen hat, ergibt sich folgendes Bild. Es waren hausindustriell in Gewerbegruppe unter Betrieben 18S2 | 1895 | 1907 ie 100 Personen 1882 | 1895 | 1907 Textilindustrie. 57,9 65,3 70,1 31,3 19,7 12,7 Bekleidungsgewerbe . 13,1 14,5 18,0 11,6 12,6 12,6 Papierindustrie. 10,5 14,4 20,5 3,5 3,8 3,3 Metallverarbeitung . Industrie der Holz- und Schnitz- 5,6 6,2 6,9 3,7 3,1 2,1 stoffe. 5,4 8,9 9,8 4,1 6,2 4,1 Künstlerische Gewerbe .... 4,5 8,1 5,3 5,1 9,2 3,3 Industrie der Steine und Erden 4,2 4,3 7,7 0,9 0,8 1,0 Polygraphische Gewerbe .... Industrie der Maschinen, Instru- 3,6 4,3 2,2 1,1 1,7 0,3 mente und Apparate. Lederindustrie und Industrie 2,7 5,6 5,0 1,3 1,6 0,8 lederartiger Stoffe. 2,3 5,4 6,0 1,5 3,2 2,6 Industrie der Nahrungs- und Ge- — — — — — — nußmittel. 2,2 3,2 4,4 1,1 1,6 1,6 Reinigungsgewerbe. 1,9 3,1 0,9 1,8 3,0 0,6 Chemische Industrie . 1,4 2,8 2,0 0,2 0.3 0,2 Bei dieser Tabelle ist zu berücksichtigen, daß die Betriebe der Hausindustriellen von der Gewerbestatistik als selbständige Betriebe, und zwar auch selbständig im wirtschaftlichen Sinne gezählt werden. Nach den beiden Übersichten bewahren Textilindustrie und Bekleidungsgewerbe, was die Zahl der hausindustriellen Personen angeht, ihr Übergewicht gegenüber den anderen Gewerbegruppen, ihre Entwicklung aber verläuft in entgegengesetzter Richtung. Jedoch ist auch diese Spezialisierung der Gewerbe nach Gruppen noch nicht genügend, um ein wirklich deutliches Bild sowohl von der heute noch vorhandenen Bedeutung der Hausindustrie für die einzelnen Gewerbe als auch vor allen von dem Entwicklungsgänge dieser Betriebsform in den verschiedenen Sphären des gewerblichen Lebens sich zu machen. Dazu wird es nötig, die Spezialisierung mindestens bis zu den einzelnen Gewerbearten zu treiben. Tut man das, so bemerkt man bald, daß es zwei grundsätzlich verschiedene Typen von Hausindustrien gibt, die ganz verschiedene Entwicklungsbedingungen aufweisen, und die ich als ältere und als moderne Hausindustrien bezeichnet habe. Die älteren Hausindustrien entstehen in den Anfängen der kapitalistischen Wirtschaft, in einer Zeit, in der der Auflösungsprozeß der alten Wirtschaftsverfassung noch eben erst beginnt, in einer groß- Neunundvierzigstes Kapitel: Die Betriebsformen 765 stadtlosen Zeit, häufig in Anknüpfung an bäuerliche Eigenproduktion. Ihr Arbeitermangel rekrutierte sich aus der im langsamen Verlauf organischen Wachstums sich ergebenden Überschußbevölkerung. Wichtigste Typen dieser älteren Hausindustrien: sämtliche Zweige der Textilindustrie, früher Spinnerei, heute noch (im Aussterben) Weberei, die sog. Kleineisenindustrie, die Fabrikation sog. „Nürnberger Waren“, die sich später zu Kurzwaren auswachsen, Spielwarenindustrie, Instrumentenmacherei, Uhrmacherei u. a. Die modernen Hausindustrien entstehen zu einer Zeit schon hochentwickelter kapitalistischer Wirtschaftsweise. In einer Zeit, die in zunehmendem Maße von der Großstadt beherrscht wird, vielfach und besonders gern in Großstädten, von denen sie sich dann erst über Kleinstädte und plattes Land verbreiten. Was sie besonders kennzeichnet, ist die ganz andere Beschaffenheit ihres Arbeitermaterials; sie ruhen auf den infolge des immer rascher sich abwickelnden Auflösungsprozesses aller früheren sozialen Verfassung (Bauernwirtschaft, Gutswirtschaft, Handwerk, Familie) in großen Mengen freigesetzten und auf den Markt geworfenen Bevölkerungsmassen: deklassierte Handwerksmeister, bäuerliche Uberschußbevölkerung, vor allem aber Frauen in den Großstädten; Frauen in Gestalt berufsmäßiger Gewerbetreibender, Frauen in Form von AVitwen .(heute vor allem Kriegerwitwen und -waisen) und Ehegattinnen, die ihre früher in der Konsumtionswirtschaft verwandte Arbeitskraft jetzt durch gewerbliche Lohnarbeit als Füllarbeit zu verwerten suchen, Frauen in Gestalt von Zuschußverdienst suchenden Haustöchtern u. dgl. Die bedeutendsten dieser modernen Hausindustrien sind die Totengräber der letzten großen Handwerke: Tischlerei, Schuhmacherei, Schneiderei. Die Lage ist nun diese: Jene älteren Hausindustrien — das sind aber diejenigen, denen wir früher bereits begegnet sind — nehmen, wie wir feststellen konnten, auf der ganzen Linie ab, die neueren, „modernen“ Hausindustrien nehmen im Gegenteil zu. Das gilt allgemein für die Zeitspanne von 1882 bis 1895. (Siehe Tabelle Seite 766.) In der Hauptsache hat die Entwicklung von 1895 auf 1907 die gleiche Richtung eingeschlagen wie in dem Zeitraum 1882 auf 1895. Unter den Hausindustrien mit Verminderungstendenz stehen auch jetzt noch die verschiedenen Zweige der Textilindustrie obenan, die sich um 54785 Personen vermindert haben. Dann aber stehen auf der Verminderungsliste zwei Gewerbe, für welche die Kennzeichnung als „alte Hausindustrie“ nicht zutrifft: Tischlerei (mit Drechslerei) und Schuhmacherei, die beide sehr beträchtlich (um 11000 und 8000 Personen) abgenommen haben. Das bedeutet aber nichts anderes, als daß diese „neuen Hausindustrien“ den Gipfelpunkt ihrer Entwicklung bereits überschritten haben und im Begriff sind, in die fabrikmäßige Organisation überzugehen. Was sich früher im Verlauf von mehreren Jahrhunderten abspielte: Vernichtung eines Handwerks durch eine kapitalistische Hausindustrie und Verwandlung der Hausindustrie in eine Fabrikindustrie, das erleben wir jetzt in einem kurzen Menschenalter. 7(30 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtscliaftl. Prozesses i. d. Geschichte Hausindustrien mit Vermehrungstendenz im Zeitraum 1882—1895 Gewerbearten Seit 1882 haben zugenommen Betriebe | Personen- um | zahl um Grobschmiede. 1394 2638 Schlosser. 1126 2903 Stellmacher. 986 1519 Musikinstrumente. 1383 1955 Wollenweberei. 645 4072 Gummi- und Haarflechterei . 1712 889 Spitzenverfertigung und Weißzeugstickerei . . 2091 5560 Sattlerei, einschl. Spielwaren aus Leder . . . 1041 1673 Verfertigung grober Holzwaren. 530 634 Tischlerei und Parkettfabrikation. 3934 9338 Korbmacherei. 3903 6007 Dreh- und Schnitzwaren. 1805 3526 Tabakfabrikation. 3400 6949 Schneiderei. 17268 30106 Konfektion. 382 ’ 885 Putzmacherei. 376 96 Schuhmacherei. 7099 7765 Wäscherei. 1353 2388 50228 88883 Alle Angaben sind dem von Meerwarth und mir verfaßten Artikel „Hausindustrie“ im HSt 1 entnommen. Fragen wir nach den Gründen dieser Entwicklung, wie sie in den oben mitgeteilten Ziffern zum Ausdruck kommt, so brauchen wir sie nicht weit zu suchen. Es sind folgende: Hausindustrien, die sich in ihrem Bestände verringern, sind solche, aus denen die Seele des Unternehmers geflohen ist; sie sterben langsam ab wie Bäume, in denen der Saft nicht mehr treibt. Sie sind Überbleibsel einer früheren Zeit, die noch nicht verschwunden sind dank dem ihnen innewohnenden Beharrungsvermögen. Sie sind vom kapitalistischen Standpunkt aus gesehen völlig „irrational“. Der Unternehmer hat aber deshalb kein Interesse mehr an ihnen, weil die Produktionstechnik in diesen Gewerbezweigen so sehr vervollkommnet ist, daß auch bei allemiedrigsten Löhnen der handarbeitende Hausindustrielle zu teuer arbeitet. Nur in Zeiten der plötzlichen Aufwärtsbewegung der Industrie, wenn die Aufträge sich rasch mehren und die Preise rasch steigen, finden die alten Hausindustrien auch für den Unternehmer noch lohnende Beschäftigung. Xeunund vierzigstes Kapitel: Die Betriebsformen 767 Die modernen Hausindustrien sind dagegen solche, in denen die fabrikmäßige Produktion keine übermäßig großen Vorteile durch ihre maschinelle Gestaltung aufweist, wie namentlich im Bekleidungsgewerbe. Hier schätzt auch der Unternehmer die hausindustrielle Betriebsform noch und stellt sie sogar über den geschlossenen Großbetrieb vornehmlich aus drei Gründen: (1.) weil die hausindustrielle Organisation billiger ist; (2.) weil sie beweglicher ist: die Arbeitskräfte können leichter angezogen und abgestoßen werden, das Gewerbe kann einen ausgesprochenen Saisoncharakter erhalten: (3.) weil der Unternehmer mittels dieser Betriebsform an Arbeitskräfte herankommt, die ihm sonst unerreichbar wären. II. Die Manufaktur Unter Manufaktur wird gewöhnlich (auch von mir) eine besondere Form des gewerblichen Großbetriebes verstanden. Hier will ich den Ausdruck anwenden auf alle gesellschaftlichen Großbetriebe, in denen wesentliche Teile des Produktionsprozesses durch Handarbeit ausgeführt werden. Auf der Stufe der Manufaktur verharrt ihrer Natur gemäß im wesentlichen die Landwirtschaft, wo sie im großen betrieben wird. Zwar ist die Verwendung von Maschinen in der Landwirtschaft immer allgemeiner geworden. Die Geschichte der landwirtschaftlichen Maschinen nimmt ihren Anfang gleichzeitig in England und in den Vereinigten Staaten von Amerika; an beiden Orten wurde die Maschinisierung der landwirtschaftlichen Arbeit durch denselben Umstand angeregt und befördert: den Mangel an Arbeitskräften. In England setzt man in das Jahr 1838 den Beginn des landwirtschaftlichen Maschinenwesens, als die Koyal Agricultural Society in Oxford ihre erste Ausstellung landwirtschaftlicher Maschinen und Geräte veranstaltete. Auf der Londoner Weltausstellung im Jahre 1851 wurden die Fortschritte auf diesem Gebiete der Technik der übrigen Welt gezeigt. Und von da ab beginnt der Siegeslauf des landwirtschaftlichen Maschinenwesens über die Erde. Gleichzeitig war die andere Entwicklungsquelle in den Vereinigten Staaten aufgebrochen, und schon auf der Londoner Ausstellung 1851, noch mehr auf der Pariser 1855 zeigten die Amerikaner ihr teilweise überlegenes Können. Siehe die in der Literaturübersicht angeführten Schriften. Heute wimmelt es von Maschinen in jedem größeren Landwirtschaftsbetriebe. Wir finden dort den Pflug, der selbst in seiner primitivsten Form eine Maschine ist, heute als Dampfpflug zu höchster 768 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte Vervollkommnung gebracht; die Sämaschinen (Drillmaschinen), die Erntemaschinen (Mähmaschinen, Selbstbinder), die Dreschmaschinen, die mannigfaltigsten Verarbeitungs- und Hilfsmaschinen, als: Reiniger, Mahl- und Schrotmaschinen, Eutterbereinigungsmaschinen, wie Häckselmaschinen, Haferquetschen, Rübenschneider, Olkuchenbrecher; die Milchzentrifugen, die Sägemaschinen, Knochenmühlen, Flachs- und Hanfbrechmaschinen, Ziegelpressen, Torfpressen usw. Im Jahre 1907 benutzten nach der landwirtschaftlichen Betriebszählung in Deutschland 98,2% aller Betriebe über 200 ha Arbeitsmaschinen (und was war mit den 1,8%, die in der Statistik fehlen?); 84,9% hatten Mähmaschinen (1895 erst 34,4%), 83,2% Dampfdreschmaschinen (1895:73,6%), 73,2% breitwürfige Sämaschinen, 44,7% Drill- und Dibbelmaschinen usw. Und doch — trotz alledem werden wir auch den vollkommensten Landwirtschaftsbetrieb heute noch keine „Fabrik“ nennen können, er bleibt „Manufaktur“: (1.) weil wichtige Teile des Produktionsprozesses noch mit der Hand ausgeführt werden, wie Pflege und Wartung des Viehes; (2.) weil die meisten Arbeitsmaschinen noch nicht mittels mechanischer Kräfte bewegt werden; (3.) weil es bei der Natur der landwirtschaftlichen Arbeit keine Maschinensysteme und keine Vereinheitlichung der Kraftquelle geben kann. Die Form der Manufaktur haben auch die Großbetriebe im Handelsgewerbe, trotzdem auch hier, namentlich im Detailhandel, eine Menge von Arbeitsverrichtungen heute von der Maschine besorgt werden: pneumatische Transportvorrichtungen! Wanderbänder! automatische Kassen! Aber es bleibt doch einstweilen dabei: die wesentlichen Teile des Arbeitsprozesses, namentlich die Verkaufsarbeit, sind der Hand Vorbehalten. Einen Ansatz zur Detailhandelsfabrik stellen die „Piggly-Wiggly- Stores“ in den Vereinigten Staaten dar: „Durch ein Drehkreuz geht man, mit einem der bereitstehenden Körbe bewaffnet, in das Innere des Ladens, sucht sich von den abgepackten Kolonialwaren, Getränken, Schokoladen oder auch einigen frischen Lebensmitteln aus, was man zu haben wünscht. Beim Herausgehen stellt der Kassierer fest, was gekauft worden ist, und kassiert den Betrag . . . Das System beginnt erst — die amerikanische Kaufmannschaft sagt ihm vielfach eine große Zukunft voraus. Im Jahre 1925 begann man in Chicago auch beim Verkauf der Konfektion mit gleichartigem Versuch.“ Julius Hirsch, Wunder, 175. Neunuudvierzigstes Kapitel: Die Betriebsformen 769 Immerhin: die hochkapitalistische Epoche ist über den Mannfakturbetrieb im Handel nicht hinausgekommen. Wie aber liegen die Dinge auf dem Gebiete der gewerblichen Produktion, für das, wie wir wissen, der Ausdruck „Manufaktur“ vornehmlich Verwendung findet? Da habe ich schon früher (siehe den zweiten Band Seite 731 ff. und vgl. meine „Ordnung des Wirtschaftslebens“, Seite 42) darauf aufmerksam gemacht, daß vor allem durch die Darstellung bei Marx sich der Irrtum verbreitet hat, die Manufaktur sei in allen Fällen ein Durchgangsstadium zur Fabrik, sei immer eine Noch-nicht-Fabrik. Das ist falsch. Die Funktion, die die Manufaktur in der Entwicklung der gewerblichen Betriebsformen zu erfüllen hat, ist zweifacher Natur. Einerseits besteht ihre Aufgabe in der Tat darin, die Fabrik vorzubereiten. Andererseits aber soll sie dazu dienen, die Vorteile des gesellschaftlichen Betriebes mit den Vorteilen individueller, insonderheit künstlerischer Werkverrichtung zu vereinigen. Die Geschichte weist deshalb eine ganze Reihe wichtiger Gewerbezweige auf, in denen die Entwicklung nicht über die Manufaktur hinausgeht, sondern bei dieser verharrt. Das ist die Gruppe der Kunstmanufakturen, die überall dort zur Entfaltung gelangt sind, wo an entscheidenden Stellen des Produktionsprozesses die Mitwirkung des fremden Arbeiters nicht entbehrt werden kann (oder soll). Da es sich hier um einen sehr wichtigen Punkt im Ablauf der gewerblichen Betriebsformen handelt, so ist es nötig, daß ich an einigen Beispielen verdeutliche, in welcher Weise diese Verbindung von Handarbeit und chemisch-mechanischer Automatisierung des Produktionsprozesses erfolgt. Ich wähle als solche: die Porzellanmanufaktur, die Bronzewarenmanufaktur und die Kunstmöbelmanufaktur. Die Herstellung des Porzellans umfaßt vier unterschiedliche Teilprozesse der Produktion: 1. die Herrichtung des Materials, 2. die Formgebung, 3. den Brennprozeß, 4. die Farbengebung. Von diesen Teilprozessen sind — in einem großen Betriebe, wie er hier allein in Betracht kommt — zwei (1. und 3.) vollständig gesellschaftlich organisiert, zwei (2. und 4.) fast überall der Individualarbeit Vorbehalten. Eine Reihe mächtiger Maschinen hilft das Rohmaterial für die Porzellanbereitung zerkleinern, das dann wiederum auf maschinelle Weise in riesigen Mischkesseln die rechte Zusammensetzung und Durchnässung empfängt. Aus der zurechtgekneteten Tonmasse wird nunmehr ein Kubus losgetrennt: das Material für die Tätigkeit des Formers. Diese ist durchaus individualisierte Handarbeit; selbst bei der rohesten Ware, die an der Drehscheibe zu Hunderten von Dutzenden gleicher Größe und Form abgedreht wird. Geschweige 770 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte denn bei kunstvolleren Gebilden, für die recht eigentlich die Individualarbeit ihre Bedeutung empfängt. Hier sitzt Künstler neben Künstler mit Griffel und Spartel in der Hand und formt die Lieblichkeiten, deren wir uns als der Erzeugnisse Berliner, Meißener, Sevrescher Kunst erfreuen. Hat er sein Werk vollendet und seine Seele ihm eingehaucht, so wird es nun wieder in den Strudel gesellschaftlicher Produktion hineingerissen und wandert mit vielen Brüdern in den Brennofen, dieses mächtige, an Hochöfen erinnernde Gebilde, das, selbst das kunstvolle Werk vieler, zu seiner Bedienung eines Stabes geschulter Arbeitskräfte und reichlichen Materials im großen bedarf. Und nun öffnet sich nach 12- oder 14stündigem Brand der Ofen. Ist das Stück gelungen in diesem so durchaus gesellschaftlich betriebenen Teil der Produktion, in dem jede individuelle Machtvollkommenheit verschwindet, so wandert es nun wieder in die Hände des Einzelarbeiters zurück, um mit Farben geschmückt zu werden. Ist es ein einfaches Gebilde, so werden es halbreife Arbeitskräfte sein, die ihre Abziehbilder auf die Tassen und Teller abklatschen; ist es eine jener kunstvollen Vasen, Schalen, Teller, Nippes, so muß die Künstlerhand wiederum dem Stück sein individuelles Gepräge verleihen. Eine eigenartige Begabung gibt hier die Farbe, eine andere hatte die Form gegeben, beide in voller Entfaltung ihrer künstlerischen Individualität. Dann kommt das Glasieren und noch mancherlei Verrichtung, die sämtlich abermals auf gesellschaftlicher Organisation beruhen. Ähnlich ist die Organisation der großen Bronzewarenmanufakturen. Die Werke von Christofle z. B. beschreibt ein guter Beobachter wie folgt: ,,C’est l’orfevrerie moderne aux puissantes machines, le chef d’usine qui transforme le minerai en lingot, qui fait tourner ses laminoirs ä la vapeur, qui par jour estampe 5000 couverts, qui a des bains d’argent et qui produit, en cuivre galvanique, des statues colossales, c’est lui qui se complait ä faire une mignonne Statuette d’ivoire elegante et fine, ä l’habiller d’or fin, ä la camper sur un socle d’argent aux ciselures delicates et pour ces precieux ouvrages, Mercie lui prete son concours. Ces deux puissances s’entr’aident, l’artiste eminent et le maitre de forges savant s’unissent pour cette ceuvre d’orfevre; voilä de l’art industrielle et du bon.“ L. Falize, Orfhvrerie d’art in der Gazette des Beaux Arts III. Per. Tome II. S. 435/36. Dieselbe Verschlingung individualer und gesellschaftlicher Produktion stellt endlich die Kunstmöbelmanufaktur dar, und zwar schon in ihrer einfachsten Gestaltung, in der wir sie betrachten wollen, schon als Holzmöbelmanufaktur. Im Prozeß der Kunstmöbelherstellung lassen sich drei Hauptteile unterscheiden, die wir als Holzbearbeitung, Montage und Verzierung bezeichnen können. Von ihnen ist der erste Teilprozeß, der aber nicht notwendig nur in einen Zeitpunkt der Produktion zu fallen braucht, sondern sich meistens sogar über die ganze Produktionszeit verteilt, sich also mit den beiden anderen zum Teil kreuzt, durchaus der individualen Arbeit entzogen und auf gesellschaftliche Basis gestellt; die beiden anderen dagegen sind, wo es sich tatsächlich um die Erzeugung kunstvoller Möbel handelt, im Bereiche persönlichen Wirkens geblieben. Neunundyierzigstes Kapitel: Die Betriebsfonnen 771 Leider gibt es keinerlei Handhabe, den Umfang der Manufaktur auf dem Gebiete der gewerblichen Produktion ziffernmäßig festzustellen. Mit Sicherheit läßt sich sagen, daß er nicht klein ist, und daß er bei dem Bestreben der Zeit nach Durchdringung der gewerblichen Erzeugnisse mit persönlicher Arbeit sich eher auszuweiten als einzuschrumpfen die Neigung hat. Außer in den erwähnten drei Gewerbezweigen ist die Handarbeit noch in folgenden Produktionsprozessen Bedingung: Herstellung von Luxuspapier (Büttenverfahren!), guten Bucheinbänden, rauhen Handstreichziegeln, besseren Ledersorten, kostbaren Stoffen, Kunstgläsern u. a. III. D i e F a b r i k Überall dort, wo überhaupt die Fabrik möglich ist, also namentlich auf dem Gebiete des Gewerbewesens, und wo sie aus Geschmacksgründen nicht ausgeschaltet werden s o 11, ist sie heute die herrschende Betriebsform geworden. Sie beruht, wie wir wissen, auf dem Prinzip der Automatisierung; in ihr kommt ein System lebloser, aufeinander wirkender Körper zur unbehinderten Entfaltung, sei es als chemisches, sei es als mechanisches Gebilde. Die Fabrik ist aber deshalb die siegreiche Betriebsform, weil sie der Idee des Kapitalismus am besten angepaßt ist. In ihr lassen sich Betriebsgliederung und Betriebsführung in der für den Kapitalismus rationellsten Weise gestalten. Sie entspricht in ihrem Aufbau völlig der kapitalistischen Unternehmung. Wie diese, ist sie ein in sich ruhendes, selbständiges Geistgebilde, aus dem alles Seelische bis auf verschwindende Beste verbannt ist. Und das eben ist es, was der Kapitalismus braucht, um sich unbehindert entfalten zu können (siehe das Nähere im dreiundfünfzigsten Kapitel!). Den allseitigen Übergang zur Fabrik lehrt die auf Beobachtung des Wirtschaftslebens aufgebaute Erfahrung. Wenn wir etwa die Liste der Manufakturen überblicken, in der ich den Bestand dieser Betriebsform am Ende des frühkapitalistischen Zeitalters zum Ausdruck gebracht habe (siehe immer das wichtige sechsundvierzigste Kapitel des zweiten Bandes), und damit das Bild vergleichen, das uns heute das Gewerbewesen darbietet, so springt die Verringerung der Manufaktur, die Ausdehnung des Fabrikbetriebes in die Augen. Daß dort, wo schon früher die Fabrik die herrschende Betriebsform war, sie es geblieben ist, versteht sich von selbst. Aber auch in den meisten Gewerben, die vor 150 Jahren noch manufakturmäßig organisiert waren, herrscht heute die Fabrik vor. Außer der Kunstmanufaktur ist keine der in meiner Liste auf- Sombart, HochkapitalismusIX. 49 772 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte gezählten Manufakturen noch in dieser Form beharrt. Und gerade die neueste Zeit — das letzte Menschenalter — hat den Übergang wichtigster Gewerbe zur Betriebsform der Fabrik erlebt: die Buchdruckerei, die Tischlerei, die Schuhmacherei, der Bergbau, der Hochofenbetrieb, der Walzwerkbetrieb, die Gießerei und viele andere sind heute fabrikmäßig gestaltet. Wiederum bietet sich uns keine Möglichkeit, diesen erfahrungsmäßig erkannten Vorgang statistisch zu erfassen. Denn die Statistik, die nur äußere Merkmale feststellen kann, vermag in das innere Wesen der Betriebsgestaltung keinen Einblick zu gewähren. Einen Ersatz der fehlenden „Fabrikstatistik“ bietet immerhin die Statistik der Verwendung mechanischer Kräfte. Denn offenbar ist diese wenigstens ein Merkmal der fabrikmäßigen Entwicklung. Zur Statistik der Verwendung mechanischer Kräfte: In Deutschland fällt der Übergang zum Fabrikbetrieb, soweit er sich an der Verwendung mechanischer Kräfte ermessen läßt, in das letzte Menschenalter. Während im Königreich Preußen im Jahre 1875 erst etwa 600000 PS in den stehenden Dampfmaschinen gezählt wurden, waren es 1912 deren 6182116. Und zwar sind es wiederum die letzten 15—20 Jahre vor dem Kriege, in die die Ausbreitung der Dampfkraft hauptsächlich fällt. Nach den Ermittlungen der Gewerbezählung betrug die Zahl der Pferdestärken in den Dampfmaschinen: 1895 . . . 2721218 1907 . . . 6711363 Stat. d. D. R. Band 220/21. Seite 132. Alle Pferdestärken zusammen einschließlich der elektrischen betrugen 9856914 (in der Industrie). Bei 8863437 Hilfspersonen entfallen auf eine Hilfsperson 1,11 PS. Diese allgemeinen Ziffern besagen natürlich sehr wenig. Wir müssen versuchen, intimere Bilder zu bekommen. Da haben wir die Ziffern der Gewerbestatistik, die die Zahl der Motorenbetriebe angeben. Die lehren nun zwar auch die rasche Ausbreitung der Antriebsmaschinen. Von 1882 bis 1907 verdoppelt und verdreifacht sich die Zahl der Motorenbetriebe in manchen Gewerbegruppen. Aber was uns an diesen Ziffern vor allem in Erstaunen setzt, ist ihre verblüffende Niedrigkeit auch noch im Jahre 1907. Man sollte es kaum glauben, daß damals noch in keiner Gewerbegruppe auch nur die Hälfte sämtlicher Betriebe Motorenbetriebe waren, d. h. irgendeine mechanische Kraft benutzten. Selbst im Bergbau, Hütten- und Salinenwesen betrug die Zahl der Motorenbetriebe nur 42,5 %, in der Maschinenindustrie 17,4 %, in der Textilindustrie 10,8 % usw. Diese niedrigen Zahlen erklären sich natürlich durch die große Zahl von Kleinbetrieben, die (siehe das 51. Kapitel) in allen Gewerbegruppen sich noch vorfinden, und die keine Antriebsmaschinen nötig haben. Aber auch wenn Neunundvierzigstes Kapitel: Die Betriebsformen 773 wir nur die Großbetriebe (mit mehr als 50 Hilfspersonen) in Rücksicht ziehen, fällt es auf, daß 1907 noch nicht einmal alle Großbetriebe Motorenbetriebe waren. Man ist bei mancher Gewerbegruppe versucht, zu fragen: was sonst? Wie kann ein Bergwerk, ein Hochofenwerk, eine chemische Fabrik, die mehr als 50 Arbeiter beschäftigen, ohne j eden Motor auskommen ?) Die Gewerbegruppen mit der größten Anzahl Motoren-( Großbetriebe waren folgende: Bergbau usw.96,2 % Metallverarbeitung.96,4 % Polygraphische Gewerbe.95,3 % Maschinenindustrie.94,8 % Textilindustrie.93,9 % Industrie der Leuchtstoffe usw.93,4 % Chemische Industrie...92,7 % Papierindustrie.'.92,1 % Industrie der Holz- und Schnitzstoffe.89,5 % Lederindustrie.88,7 % Industrie der Steine und Erden.86,4 % Reinigungsgewerbe.85,5 % In den übrigen Gewerbegruppen sind selbst unter den Großbetrieben weniger als 80 % Motorenbetriebe. A. a. 0. Seite 136. Aber die Motoren dringen doch rasch vor. Das erkennt man am besten, wenn man in den verschiedenen Jahren die Zahl der beschäftigten Personen mit der Zahl der ihnen zur Verfügung stehenden Pferdestärken vergleicht. Ich habe aus den Ziffern der Gewerbezählung für eine Reihe von Ge- werhegruppen und Gewerbearten die Indexziffern der beiden Reihen für 1895 und 1907 berechnet und bekomme dann folgendes Bild: Zahl der Gewerbetätigen und der Pferdestärken im Jahre 1895 = 100 gesetzt, ergibt sich für das Jahr 1907 folgende Steigerung: der Gewerbetätigen der Pferdestärken Bergbau usw. ............ 160 212 Industrie der Steine und Erden . . . 138 255 Metallverarbeitung. 147 375 Maschinenindustrie. 192 691 Chemische Industrie. 149 232 Industrie der Fette und Öle usw. . . . 163 239 Schuhmacherei. 95 360 Nach dieser Methode kann man, wenn man noch mehr ins einzelne geht, einen ganz leidlichen Ersatz für die fehlende Fabrikenstatistik schaffen. Zum Vergleich führe ich noch die Ziffern für die Vereinigten Staaten von Amerika an, wo die Anwendung mechanischer Kraft in viel größerem Umfange als in Deutschland, wir dürfen annehmen: im größten Umfange aller Länder überhaupt erfolgt, sonach also auch der Fabrikbetrieb eine stärkere Verbreitung gefunden hat als irgendwo sonst. Die absoluten 49* 774 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte Ziffern der in der Industrie ermittelten Pferdestärken aller Art sind folgende: 1869 2346142 1879 . . . 3410837 1889 . . . 5938635 1899 . . . 10097893 1904 . . . 13487707 1909 . . . 18675376 1914 . . . 22437072 Zensuszahlen, mitgeteilt im Abstract U. S. Berechnet man die Zahl der Pferdestärken, die auf eine Hilfsperson (Wage-earner) entfällt, so ergibt sich folgende Reihe: 1869 . . 1,17 1879 . . 1,24 1889 . . 1,39 1899 . . 1,90 1904 . . 2,45 1909 . . 2,79 1914 . . 3,20 Also: die Ausrüstung des Arbeiters mit mechanischer Kraft war (die Vergleichbarkeit der Ziffern vorausgesetzt) schon im Jahre 1869 größer als 1907 in Deutschland; sie war 1914 dreimal so groß. Interessant, daß der Sättigungspunkt in U. S.A. erreicht zu sein scheint; von 1914 bis 1919 ist die Menge der mechanischen Kräfte fast unverändert geblieben (1919 = 3,27). Und das, trotzdem die industrielle Entwicklung nie so stürmisch gewesen ist wie in dem Lustrum des Krieges. Abermals ein wichtiges Symptom für die beginnende Stabilisierung des Wirtschaftslebens Einen anderen Anhaltspunkt, um die fortschreitende Automatisierung der Betriebe, also den Übergang zur Fabrik und die immer reinere Ausbildung dieser Betriebsform festzustellen, bietet das Verhältnis des Sachkapitals zum Personalkapital einerseits, des Anlagekapitals zum Umlaufskapital andererseits. Wenn sich nämlich das Sach- und Anlagekapital rascher ausweiten als das Gesamtkapital, so daß also ihr Anteil wächst, so läßt das in den meisten — nicht in allen — Fällen auf fabrikmäßigere Gestaltung des Betriebes schließen. Leider liegen nun aber zu wenig Angaben vor, um aus jener Verschiebung allgemeine Schlüsse auf die Umwandlung der Betriebsformen zu ziehen. Immerhin lassen die Materialfetzen, die wir besitzen, die auch auf andere Weise gemachte Erfahrung, daß sich auf zahlreichen Gebieten der gewerblichen Produktion ein Übergang zur Fabrik vollzieht, als gerechtfertigt erscheinen. Am umfassendsten, aber auch am unbestimmtesten sind die Ziffern des amerikanischen Zensus, der uns bekanntlich sowohl die Höhe des in der Neunundvierzigstes Kapitel: Die ßetriebsformen 775 Industrie angelegten Kapitals als auch die Höhe der bezahlten Arbeitslöhne angibt. Aus diesen beiden Zahlenreihen läßt sich folgender Anteil der Arbeitslöhne am Gesamtkapital berechnen (die absoluten Ziffern im Stat. Abstr. U.S.): 1849 . 44,4% einschließlich Handwerk 1859 . 37,9% 1869 . 36,6% 1879 . 33,9% 1889 . 29,0% 1899 . 23,6% 1899 . 22,3 % ausschließlich Handwerk 1904 . 20,6% 1909 . 18,5% 1914.17,9% 1919.23,6% Die Ziffern zeigen also ein stetiges Sinken des Anteils des Personalkapitals bis 1914, dann ein Steigen von 1914 bis 1919. Dieses Ansteigen seit 1914 bestätigt die Richtigkeit des schon vorhin (bei der Statistik der Verwendung mechanischer Kräfte) gewagten Schlusses, daß die Industrie der Vereinigten Staaten ihren Sättigungspunkt erreicht habe. Für andere Länder liegen nur gelegentliche Einzelfeststellungen vor, die keine allgemeinen Schlüsse zulassen. In der englischen Baumwollspinnerei betrug das fixe Kapital in einem gut ausgerüsteten Betriebe in den 1830er Jahren etwa das Zweifache der jährlichen Arbeitslöhne, Ende der 1840er Jahre das Vierundeinhalbfache (nach Mc. Culloch bei Porter, Progress 8 , 212), im Jahre 1890 das Fünffache (nach Marshall, Principles 2 , 282). Es war also damals schon der Sättigungspunkt ungefähr erreicht. In der Weberei hat die Einführung der Nortthropstühle noch eine starke Vermehrung des fixen Kapitals und in diesem Falle ganz deutlich eine Automatisierung des Betriebes bewirkt. Vor der Einführung betrug die Lohnquote 15 % des Anlagekapitals, nach ihr 5 %. Die Anteilssätze der Lohnarbeit an den gesamten jährlichen Veredlungskosten (ausschließlich Rohmaterial) betrugen in der Weberei: bei Verwendung gewöhnlicher, mechanischer Webstühle etwa 61%, hei Verwendung automatischer Webstühle etwa 30%. Private Ermittlungen von Weyermann; siehe dessen Beitrag im GdS. 6, 146. 776 Fünfzigstes Kapitel Die Abgrenzung der Betriebe gegeneinander A. Übersicht In diesem Kapitel will ich die Grundsätze besprechen, nach denen die Betriebe sich gegeneinander abgrenzen, das heißt also, nach denen der Inhalt ihrer Tätigkeit bestimmt wird. Selbstverständlich kann es nicht die Aufgabe sein, die inhaltliche Bestimmung der Betriebe nach den einzelnen Tätigkeitszweigen zu verfolgen, so daß wir festzustellen hätten, warum sich Käsehandlungen und Krawattenläden, Weinbaubetriebe und Viehwirtschaften, Schuhfabriken und Hochöfen entwickeln. Vielmehr kann es nur darauf ankommen, die großenZüge zu bestimmen, die diese Aufteilung der Inhalte aufweist. Solcher entscheidend wichtiger Züge lassen sich zwei unterscheiden: ein Zug nach Beschränkung auf wenig oder einen Tätigkeitskreis und ein Zug nach Vereinigung mehrerer oder vieler Tätigkeitskreise. Wir haben uns gewöhnt, diese beiden Entwicklungstendenzen als S p e z i a 1 i s a. 1 1 o n und Kombination zu bezeichnen. Von ihnen also handelt dieses Kapitel. B. Die Spezialisation ’ I. Der bisherige Verlauf der Entwicklung im allgemeinen Was Spezialisation sei, welchen Beweggründen sie ihr Dasein verdanke (soweit sie rationalen Ursprungs ist), an welche Bedingungen sie sich geknüpft finde, das alles habe ich im dreiunddreißigsten Kapitel erörtert. Hier gilt es, einen Überblick über die tatsächliche Durchführung der Spezialisation in den Betrieben zu gewinnen. Die Spezialisation zwischen Betrieben, mit der wir es einstweilen allein zu tun haben, das heißt also die dauernde Ausführung einer bestimmten Art von Arbeit in einem und demselben Betriebe ist uralt. Sie reicht zurück bis in die ältesten uns bekannten Zeiten menschlicher Wirtschaft, als diese noch eigenwirtschaftlich organisiert war. Als zum ersten Male der Schmied oder der Töpfer — das sind wohl die beiden Urspezialarbeiter — ihre Werkstatt aus der allgemeinen Pro- Fünfzigstes Kapitel: Die Abgrenzung der Betriebe gegeneinander 777 duktions- und Konsum tionswirtschait heraus verlegten, war der Anfang der Betriebsspezialisation gemacht. Als dann die handwerksmäßige Organisation kam, erlebte die Spezialisation einen großen Fortschritt. Auch im Zeitalter des Frühkapitalismus vollzogen sich abermals wichtige Differenzierungsprozesse in der Betriebsorganisation. Das alles habe ich ausführlich im ersten und zweiten Bande dieses Werkes geschildert. Und nun erleben wir in unserer Wirtschaftsperiode erst recht eine weitere Entwicklung zur Spezialisation: in einer früher ungeahnten Ausdehnung differenzieren sich die einzelnen Betriebe und mit ihnen die einzelnen Berufe. Wollen wir aber in das innere Wesen der Spezialisation im Zeitalter des Hochkapitalismus näheren Einblick gewinnen, so werden wir gut tun, die Spezialisation nach den beiden Richtungen, in denen, wie wir wissen, sie sich verwirklichen kann, getrennt zu verfolgen, nämlich als Funktionenteilung einerseits, als Werk- oder Sacliteilung andererseits. II. Die Fixnktionenteilung 1. Überblick Unter Funktionenteilung wollten wir die Verselbständigung der einzelnen Teile des kapitalistischen Verwertungsprozesses verstehen. Ganz schematisch würden danach folgende Gebiete zu betrachten sein unter dem Gesichtspunkte fortschreitender Spezialisation: (1.) die Beschaffung des Geldkapitals, (2.) die Beschaffung des Sachkapitals, (3.) die Beschaffung der Arbeitskräfte, (4.) der Warenabsatz, (5.) der Warentransport, (6.) die Warenproduktion. Betriebsorganisatorisch decken und überschneiden sich aber diese Gebiete zum Teil, so daß Wiederholungen unvermeidlich wären, wollten wir sie der Reihe nach abschreiten; zum Teil ist nichts Neues zu bemerken (wie z. B. für die Betriebsspezialisation auf dem Gebiete des Arbeitsmarktes, wo das Nötige schon gesagt worden ist), so daß wir die Darstellung im folgenden vereinfachen können, indem wir die Spezialisierungsvorgänge nur nach zwei Richtungen hin verfolgen und alles Bemerkenswerte unter nur zwei Gesichtspunkten ver- 778 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte zeichnen. Das ist die Spezialisation im Geld- und Kreditgeschäft und die Verselbständigung der Handelsfunktionen. Jene wird uns nicht nur die Differenzierung der Funktionen innerhalb des Bereichs des Geld- und Kreditwesens, sondern gleichzeitig auch die zwischen diesem und anderen Zweigen des Wirtschaftslebens, namentlich dem Warenhandel, diese die Funktionenteilung zwischen diesem und dem Warentransport oder der Warenproduktion nahebringen. 2. Die Spezialisation im Geld- und Kreditgeschäft Uber die Stellung der ,,Geldleute“ in der frühkapitalistischen Wirtschaft habe ich ausführlich gehandelt im vierunddreißigsten Kapitel des zweiten Bandes. Wir konnten dort feststellen, daß das Geld-und Kreditgeschäft in den Händen zweier verschiedener Gruppen von Personen lag: einerseits bei den Finanzleuten, die Finanziers, Partitanti, Partisans, Trai- tans, Asientistas, Finantzer genannt wurden, und denen die eigentlichen Finanzierungsgeschäfte, namentlich mit den Staaten und Fürsten, oblagen, andererseits bei den „Bankiers“, die in der Mehrzahl der Fälle eine bunte Fülle der scheinbar verschiedenartigsten, aber doch in einem inneren Zusammenhänge stehenden Geschäfte in ihrem Betriebe vereinigten, mit Vorliebe „Wechsel, Kommission und Spedition“. Die größeren unter diesen Bankiers betrieben einen schwungvollen „Spekulationshandel“ in dem Sinne „wagender Kaufleute“, die es riskierten, Waren im Vorrat zu kaufen und zu lagern zwecks späteren Wiederverkaufs an Grossisten und Detaillisten. Das waren die „Spekulationshandlungen“ nach Art der heute noch in England bestehenden „General Merchants“. Noch andere waren nebenbei „Verleger“ und , .Hofbankiers“, das heißt Geschäftsverwalter und Geldgeber der Fürsten, vereinigten also mit ihrer Bankiertätigkeit die Funktion der obengenannten Finanzleute. Ein Haus dieser Art mit einem sehr umfassenden Tätigkeitsgebiet sind die Gebrüder Schickler, die folgende Geschäfte betrieben: 1. Warenspedition, 2. Warenkommission, 3. Verlag (Eisenindustrie, Gewehrfabrik), 4. Wechselhandel (richtiger : Wechselvermittlung), 5. Verwaltung des Vermögens der preußischen Könige, 6. Finanzunternehmung, 7. Schiffsreederei (allein oder in Parten). Was sich an diesen Zuständen während der hochkapitalistischen Periode ändert, ist nun zunächst die Verselbständigung des .Bankierberufs, das heißt die Beschränkung einer Anzahl von Betrieben auf Geld- und Kreditgeschäfte» Fünfzigotes Kapitel: Die Abgrenzung der Betriebe gegeneinander 779 In England beginnt diese Verselbständigung des Bankierberufes bereits gegen das Jahr 1760. (Siehe z. B. die anschauliche Schilderung bei John Hughes, Liverpool Bank and Bankers [1906], Preface, 38ff.) Auf dem Festlande begegnen wir jedoch noch im 19. Jahrhundert dem komplexen Geschäfte, das „Wechsel, Kommission und Spedition“ umschloß. In Frankfurt a. M., einem der höchstentwickelten Kreditorte, gab es im Jahre 1823 doch noch 275 Kaufleute, die sich mit den genannten drei Tätigkeiten befaßten. In Deutschland setzt die Verselbständigung des Bankierberufes nicht vor der Mitte des 19. Jahrhunderts ein, in Frankreich etwa mit der Julirevolution. Gemäß der raschen Ausdehnung der Kreditwirtschaft hat sich denn auch die Zahl der sich mit Geld- und Kreditgeschäften berufsmäßig befassenden Personen rasch vermehrt. Im Königreich Preußen alten Bestandes beträgt die Zahl der im Geld- und Kredithandel erwerbstätigen Personen im Jahre 1846 insgesamt ■— d. li. Selbständige und Gehilfen — nur 1100, selbst 1858 (nach den Zeiten des Aufschwungs) erst 1774, dagegen 1895 in demselben Gebiet 17896. Sie hat sich also in diesen fünfzig Jahren verzehnfacht, während die Bevölkerung in demselben Zeitraum noch nicht um die Hälfte sich vermehrt hat. Der Löwenanteil dieser Zunahme entfällt sogar auf die letzten Jahrzehnte. Im ganzen Deutschen Reich stieg die Zahl der Erwerbstätigen im Geld- und Kredithandel bloß von 1882—1895 von 22673 auf 36175, also um 13502 Personen, das sind annähernd 60%, während die Bevölkerung sich unterdessen nur um 14% vermehrte. Von 1895—1907 vermehrten sich die Erwerbstätigen in dieser Berufsart weiter auf 67282, also in zwölf Jahren nochmals um 86%. Ganz besonders markant ist die Zunahme natürlich in den größten Städten, die sich immer mehr zu Zentren des Kreditverkehrs entwickeln. Gab es doch beispielsweise in Berlin am Ende der 1850er Jahre erst 244 Personen, die sich mit Geld- und Kredithandel befaßten, während 1895 deren 7448 und 1907 16943 ermittelt wurden, das ist mehr als die siebzigfache Zahl. Die Entwicklung innerhalb des solcherweise verselbständigten Geld- und Kreditgeschäfts hat sich nun, wie wir schon festzustellen Gelegenheit hatten, verschieden vollzogen. In einzelnen Ländern (England) beobachten wir eine weitere Spezialisation, namentlich in Geschäfte, die Zirkulationskredit, und solche, die Produktionskredit geben; in anderen Ländern (Deutschland) entsteht der komplexe Banktypus. Was das Gründungsgeschäft insbesondere anlangt, um das es uns in diesem Zusammenhänge am meisten zu tun ist, also die Aufbringung des Kapitals (einschließlich seiner späteren Vermehrung) fÜT Aktiengesellschaften, so ist es anfänglich entweder von privaten Geldgebern oder Privatbankiers (Rothschilds!) besorgt worden, meist in Verbindung mit anderen Geld- und Kreditgeschäften. 780 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte Der „Privatfinanzier“ spielte bis vor kurzem in den Vereinigten Staaten noch eine große Rolle. Nach Vogelstein, dem wir eine gute Charakteristik des Finanziers verdanken, bildet er sogar „den Höhepunkt des Kapitalismus“, ist er „der personifizierte Kapitalismus“, weil das Abstrakte des Kapitalismus durch ihn zur höchsten Entwicklung gebracht werde. Der „Finanzier“ ist ein Mann, der bereit ist, Geld anzulegen, wenn dabei gut zu verdienen ist. Man kennt solche Leute und geht zu ihnen, um ihnen Vorschläge zu machen. Heute kauft er eine bedeutende Beteiligung an einer Privatmine, morgen macht er Vorschußgeschäfte an einer Aktiengesellschaft; einmal gründet er mit einigen Freunden ein Unternehmen und bringt die Anleihe an die Börse; das andere Mal ist er nur Underwriter, das heißt nimmt in einem Gesamtsyndikat einen Anteil an einer Emission usw. Heute ist der Privatfinanzier auch in den Vereinigten Staaten hinter dem Bankier zurückgetreten. Wie ich schon in meiner Übersicht über die Entwicklung des Bankwesens in diesem Bande ausgeführt habe, war hier das große epochale Ereignis die Errichtung wiederum von Aktiengesellschaften zum Zwecke der Effektenerzeugung und der Schaffung von Aktien imd Obligationen kapitalistischer Unternehmungen im besonderen, wie sie sich vorbildlich im Credit mobilier darstellen. Nach dem Muster des Credit mobilier entstanden dann ähnliche Gesellschaften in England und Amerika (siehe die interessante Geschichte von The Credit Mobilier of America bei Liefmann, Beteiligungs- und Einanzierungsgesellschaften, 502 ff.), wo sie den Namen Financial Companies und Trust Companies erhielten und sich in scharfer Trennung von den eigentlichen „Banken“, die sich auf die Zirkulationskreditgeschäfte beschränkten, unter Aufnahme der meisten Produktionskreditgeschäfte entwickelten. In Deutschland, wo ebenfalls, wie wir sahen, der Credit Mobilier Nachahmer fand, waren es die großen, allumfassenden Banken, denen auch das Gründungsgeschäft oblag. Neben den großen Produktionsunternehmungen, die ebenfalls (wie etwa die A. E. G.) sich an Gründungen zu beteiligen pflegen. Alles dies bedeutet Funktionenhäufung, wenn auch innerhalb der durch Spezialisation abgegrenzten Sphäre des Geld- und Kredithandels. Im letzten Menschenalter beobachten wir nun aber wiederum eine Neigung zur Spezialisation, die gerade die Emissionstätigkeit betrifft; es entstehen nämlich in allen Ländern besondere Gründungsgeschäfte in Gestalt von Aktiengesellschaften. Diese sind ins Leben gerufen von drei verschiedenen Mächten: erstens von Spekulanten schlechthin, sodann von Banken „für diejenigen Gründungen, Fünfzigstes Kapitel: Die Abgrenzung der Betriebe gegeneinander 781 deren Effekten voraussichtlich in absehbarer Zeit überhaupt nicht emittiert werden könnten“ (L i e f m a n n), die deshalb die Banken nicht übernehmen wollen, um ihr Portefeuille nicht zu stark zu belasten; endlich von Produktionsunternehmungen, die ein großes Interesse an der Errichtung von Unternehmungen haben, aber nicht in der Lage sind, solche selbst ins Leben zu rufen. Es lassen sich nun auch drei verschiedene Typen von Gründungsgesellschaften unterscheiden, denen allen gemeinsam ist, daß sie sich ausschließlich mit der Schaffung von Aktiengesellschaften befassen, sei es in der Form der Emission, sei es in der Form der „Effekten- substitution“, weshalb es nicht angängig ist, sie als eine Unterart der „Beteiligungsgesellschaften“ oder Einstandgesellschaften, wie ich diejenigen Gesellschaften nannte, deren Aktien die Aktien anderer Gesellschaften vertreten, zu bezeichnen. Die Typen unterscheiden sich nach dem Umfang ihrer Geschäfte wie folgt: (1.) Gesellschaften mit spekulativem Zweck und der Aufgabe, Gründungen aller Art zu bewerkstelligen. Beispiele: in Deutschland die Bank für Bergbau und Industrie, die Gesellschaft für Industrielle Unternehmungen in Frankfurt a. M., in England: die Promoting Companies. (2.) Gesellschaften zur Gründung von Unternehmungen eines bestimmten Wirtschaftszweiges. Diejenigen Gebiete, auf denen sich diese Gründungsgesellschaften betätigen, sind vornehmlich: a) die Kleinbahnen, b) die Elektrizitätswerke, c) die Petroleumunternehmungen, d) die Goldminen, e) die Montanunternehmungen, f) die Kautschukindustrie. (3.) Gesellschaften, die von einer einzelnen industriellen Unternehmung ins Leben gerufen sind zu dem Zwecke, Unternehmungen zu gründen, die der Muttergesellschaft den Absatz sichern sollen. Beispiele: die von der A. E. G. gegründete Allgemeine Lokal- und Straßen- bahngesellschaft. Im übrigen sei wiederum auf das reiche Material verwiesen, das in dem L i e f m a n n sehen Buche zusammengetragen ist. Eine Statistik der Gründungsgesellschaften gibt es neuerdings für die Vereinigten Staaten, wo die Inhaber der sog. „Investment Banks“ in der Investment Bankers Association of American zusammengeschlossen sind. Diese zählte (1922) 555 Häuser und 258 Branch Members, zusammen 813 Mitglieder. Man unterscheidet drei Gruppen von Geschäften unter diesen „Banken“: 1. Haupthäuser, die Emissionen „kreieren“ und nur im großen mit anderen Investment Houses handeln; 782 l)ritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte 2. Teilnehmer (participating houses), die kleinere Emissionen selbständig unternehmen, meist aber sich nur an den Emissionen der Großen beteiligen und im übrigen von den Großen Aktien kaufen und im Lande vertreiben; 3. Kleinhändler in Effekten (retailers), die den lokalen Markt versorgen. Vgl. Lincoln, Business Finance, 217. Eine Abart der Gründungsgesellschaften sind die schon erwähnten Vereinigungen, deren ausgesprochener Zweck die betrügerische Gründung (mittels Uberkapitalisation) ist. Sie sind in den Vereinigten Staaten vornehmlich zur Entwicklung gelangt und gleichen nach innerem Aufbau und Tätigkeitsbereich den früher beliebten und verbreiteten Räuberbanden. Sie haben einen in seiner Verfügungsgewalt unbeschränkten Hauptmann an der Spitze, verpflichten ihre Mitglieder zum Schweigen, ahnden Treubruch und Verrat auf das schärfste und sind vielfach Geheimverbände. Sie unterscheiden sich von den alten Räuberbanden des Fra Diavolo in folgenden Punkten; (1.) Sie gehen nicht mehr mit Säbel und Flinte in die Wälder, Postkutschen auszurauben, sondern üben von Klubsesseln und Bureaustühlen „FernWirkungen“ aus; ihre Waffe ist das Börsenmanöver; die Räuber sind keine Verfehmten, sondern wohlrangierte, ehrenwerte Geschäftsmänner, ihr Hauptmann ist der angesehenste Bürger der Stadt. (2.) Nicht mehr rauben die Armen die Reichen aus, sondern umgekehrt: die Reichen die Armen oder mäßig Wohlhabenden. (3.) Die Wirkung ihrer Räubertätigkeit ist für den Gang des Wirtschaftslebens eine andere als die der alten Räuberbanden: sie fördern die Kapitalbildung, die ehedem aufgehalten wurde. Die modernen Räuber bilden potentielles Kapital, die alten vernichteten es, wenn sie etwa Geldsummen aus den Börsen von Geschäftsmännern in die Taschen von armen Teufeln überleiteten. Der gute Typus einer solchen modernen Räuberbande ist der „andere“ Standard Oil, den uns L a w s o n in seiner Frenzied Finance beschrieben hat. Erwähnt mußten diese Organisationen hier werden, weil sie einen interessanten Fall von Spezialisation auf dem Gebiete des Geld- und Kreditverkehrs bilden. 3. Die Einschaltung der Handelsfunktion und ihre Verselbständigung Es ist eine allgemeine Erscheinung, daß während der hochkapitalistischen Periode die Zahl der Handeltreibenden rascher wächst als die Bevölkerung. Diese Entwicklung bringt zum Ausdruck die fort- Fünfzigstes Kapitel: Die Abgrenzung der Betriebe gegeneinander 783 schreitende Verselbständigung der Handelsfunktion, die ehedem vom Produzenten nebenbei ausgeübt wurde. Man hat mit Unrecht aus der progressiven Zunahme der berufsmäßigen Händler auf eine „Übersetzung“ des Handelsgewerbes geschlossen. Eine solche kann mit jener Zunahme verbunden sein, ist es auch oft, braucht es aber nicht und ist es zweifellos in zahlreichen Fällen auch wirklich nicht. Denn die starke Vermehrung der Handeltreibenden ist eine notwendige Folge der Neugestaltung unseres Wirtschaftslebens. Sie ergibt sich aus einer Reihe von Umständen ohne weiteres von selbst. Diese Umstände sind! (1.) die Vermehrung der in den Handel gebrachten Waren, das heißt also die fortschreitende Kommerzialisierung des Wirtschaftslebens, von der oben Seite 499ff. die Rede war; (2.) die Zusammenballung der Produktion, die eine zerstreuende Tätigkeit, wie sie der Handel ausübt, nötig macht; (3.) die räumliche Trennung von Produktion und Konsumtion sowie der einzelnen Produzenten' untereinander, wodurch eine verbindende Tätigkeit, die ebenfalls der Handel ausübt, erforderlich wird. Die Zunahme de)' Handeltreibenden ist aus folgenden Ziffern ersichtlich: Im Königreich Preußen wurden Erwerbstätige im Handel auf 10000 Einwohner 1843 (nach Dieterici) 97, 1895 (nach der Berufsstatistik) 240 gezählt. Selbst in dem hochentwickelten Königreich Sachsen waren vor sechzig Jahren von 10000 überhaupt Erwerbstätigen erst 256, 1895 dagegen 637 Handeltreibende. Und in einer Stadt wie Breslau betrug deren Anteil an der Gesamtbevölkerung 1846 3,1%, 1895 aber 6%. Auch von 1895—1907 hat sich die Händlerschaft im Deutschen Reiche wiederum rascher als die Bevölkerung vermehrt, so daß 1895 erst jeder neununddreißigste Mensch (38,8), 1907 aber schon jeder dreißigste (29,9) ein Händler war. Die absoluten Ziffern der deutschen Berufszählungen sind folgende: Die Zahl der hauptberuflich Erwerbstätigen im Handelsgewerbe (Berufsgruppe XX) betrug (nach Stat. d. D. Reiches Band 211 Seite 144): 1882 . 842269 1895 . 1205134 1907 . 1739910 Die Zunahme von 1882 bis 1907 betrug 106,5%, während die Bevölkerung während dieses Zeitraumes sich nur um 40 % vermehrte. In den Vereinigten Staaten umfaßten die Gruppen „Handel und Verkehr“ Personen (nach dem Stat. Abstr. U.S.): 1890 . 3326122 1900 . 4766964 1910 . 6252090 1920 . 7306561 784 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte Zunahme 1890—1920= 119,0%, der Bevölkerung 68,0%. Die Erwerbstätigen im Handelsgewerbe (Trade) allein, die erst seit 1910 ausgeschieden werden, betrugen: 1910 . 3614670 1920 . 4242979 Zunahme = 17,4%, der Bevölkerung = 14,9%. Gleichzeitig mit dieser Zunahme der Händlerschaft kommt es aber des weiteren zu einer Verselbständigung der eigentlichen Handelsfunktion. Schon im Laufe der frühkapitalistischen Epoche hat sich die Abstoßung aller Nebenfunktionen, die der Kaufmann vordem hatte verrichten müssen, angebahnt und zum großen Teil vollzogen Dieser Hergang der Verselbständigung der rein händlerischen Funktion setzt sich nun während der hochkapitalistischen Periode fort und kommt in ihr im wesentlichen zum Abschluß. Ich stelle im folgenden (unter Anlehnung an die Darlegungen bei Julius Hirsch und J. F. Schär) diejenigen „Hilfstätigkeiten“ des Handels zusammen, die früher der Kaufmann hatte mit ausüben müssen, und die nunmehr Inhalt besonderer Erwerbsunternehmungen werden (soweit nicht öffentliche Körper sich mit ihnen befassen, wie etwa der Staat mit dem Transportwesen, die Stadt mit dem Lagerwesen usw.): 1. Personen-, Güter-, Nachrichtentransport; 2. Spedition; 3. Lagerung und Erhaltung; 4. Geld- und Kreditgeschäfte; 5. Versicherung; 6. Beherbergung und Erquickung. Diese sechs „Nebenfunktionen“ des Handels sind schon seit längerer Zeit abgestoßen und verselbständigt; im wesentlichen schon während der frühkapitalistischen Periode. In der neueren Zeit haben sich noch folgende „Hilfstätigkeiten“ zu selbständigen Erwerbszweigen ausgewachsen und sind damit dem Kaufmann abgenommen: 7. Packerei: Gesellschaften für Packung der Baumwolle, des Kaffees, der Butter (Dänemark), der Südfrüchte (Italien), des Hopfens (Nürnberg), der Baumwollwaren (1911 gab es in Manchester 49 Verpackungsgesellschaften, darunter solche mit eigenen Kistenfabriken); ein Sackverleih-Trust in Ungarn! 8. Verladung: Gesellschaften für Verladung von Getreide in Hamburg, für Kohle in London; Fünfzigstes Kapitel: Die Abgrenzung der Betriebe gegeneinander 785' 9. Qualitätsfeststellung: vereidigte Kornumstecher in Hamburg, vereidigte Nutzholzmesser in Bremen; 10. Sortierung: besondere „Verlesereifirmen“ im Hamburger Kaffeehandel; besondere Sortieragenten im Rigaer Holzhandel; 11. Adressenbesorgung; 12. Krediterkundigung; 13. Geldeinziehung; 14. Ladeneinrichtung; 15. Reklame und Reklamemittelbeschaffung: Apparate, Gestelle, Figuren; 16. Schaufensterdekoration: seit 1906 Verband der Schaufensterdekorateure in Berlin; 17. Buchhaltung: selbständige Buchhalter, die gegen Honorar für verschiedene Geschäfte Buch führen; 18. Bücherrevision; 19. Berechnung und Revision: durch Treuhandgesellschaften; 20. Inkasso. Auch diese Entwicklung können wir an der Hand der Statistik ziffernmäßig darstellen, sofern diese einerseits die Zunahme der Händlerschaft im engeren Sinne, andererseits die Vermehrung derjenigen Personen zum Ausdruck bringt, die die Handelshilfsgeschäfte (im weiteren Sinne) betreiben. In der deutschen Berufsstatistik (Stat. d. D. Reichs Band 211 Seite 144), auf die ich mich beschränken kann, da die Verhältnisse in allen kapitalistischen Ländern ähnlich liegen, sind bereits einige Berufsgruppen, in denen ,,Nebenfunktionen“ des Handels ausgeübt werden, vom Handelsgewerbe losgetrennt und verselbständigt, das sind: das Versicherungsgewerbe, das Verkehrsgewerbe und das Gastwirtschaftsgewerbe. Über deren Entwicklung haben wir uns schon in einem anderen Zusammenhänge unterrichtet (siehe oben Seite 614ff.). In der Berufsgruppe XX, die das „Handelsgewerbe“ umfaßt, sind 10 Berufsarten unterschieden, von denen mehrere die eigentliche Händlertätigkeit ausüben, während andere „Handelshilfsgeschäfte“ betreiben. An der gleichmäßigen Entwicklung der beiden Gruppen erkennen wir die Tendenz zur Verselbständigung der eigentlichen Handelsfunktion. Die Ziffern für 1895 und 1907 sind folgende (in der Reihenfolge der Besetzung für 1907): 1895 1907 CI Waren-, Produktenhandel. — 1454842 01 +5 (1895= 01 + 6). 1035223 1491780 0 2 Geld- und Kredithandel. 33689 66338 0 6 Handelsvermittelung. 41281 55885 0 7 Hilfsgewerbe des Handels. 32018 47746 0 3 Buch-, Kunst- und Musikhandel. 21694 37 910 786 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtsckaftl. Prozesses i. d. Geschiehte 1895 1907 C 5 Hausierhandel. — 36 938 C 4 Zeitungsverlag und Spedition. 7666 17300 C 8 Versteigerung, Verleihung, Aufbewahrung — 10824 0 8—10 (1895 = 0 9). 12715 22951 0 9 Stellenvermittlung. — 6 494 C10 Annoncenvermittlung, Auskunftsbureaus — 5633 III. Die Werkteilung 1. Verschiedenheiten und Gleichheiten der Entwicklung Die Spezialisationstendenz macht vor einigen Gebieten des Wirtschaftslebens überhaupt halt. So namentlich vor der Landwirtschaft. Für diese gilt, ,,daß der Landwirt sowohl um der Betriebsmittelais auch um der Bodenausnutzung willen eine vielgestaltige Organisation seines Betriebes braucht. Jede Einseitigkeit muß sich hingegen rächen. Daraus ergibt sich dann weiter, daß der landwirtschaftliche Betrieb, soweit die Bodennutzung in Frage steht, einer weitgehenden Arbeitsteilung zwischen den einzelnen Landgütern unmöglich zugänglich sein kann. Es kann nicht ein Landwirt nur Roggen, der andere nur Hafer, der dritte nur Kartoffeln bauen, um sich in diesen Zweigen eine besondere Sachkenntnis zuzulegen, sondern alle müssen verschiedene Getreidearten und andere Kulturpflanzen nebeneinander anbauen. Eine weitgehende Arbeitsteilung beim Fruchtbau zwischen verschiedenen Landgütern widerspricht demWesen des landwirtschaftlichen Betriebes.“ (F. A e r e b o e.) Die Gründe, die einer Spezialisation in der Landwirtschaft im Wege stehen, sind vornehmlich folgende: (1.) das Klima beeinflußt Kulturpflanzen und Haustiere; (2.) der Boden tut das gleiche; (3.) die Beschränkung auf wenige Anbaugewächse (oder gar nur auf ein einziges) würde die volle Ausnützung der Bodenkräfte verhindern; (4.) die Spezialisation würde die Unsicherheit der Betriebsergebnisse steigern; (5.) die Spezialisation verhindert die volle Ausnutzung der Arbeitskräfte, da sie die Arbeit auf bestimmte Zeiten anhäuft; (6.) die Spezialisation macht eine zweckmäßige Ausnutzung von Nebenprodukten aller Art unmöglich. (Schweinezucht! Schafzucht!) So hat sich denn auch, wenn wir von den wenigen, auf Sonderbedingungen aufgebauten Fällen von spezialisierten Farmen im Westen der Vereinigten Staaten absehen, im Laufe der Entwicklung, von frühen Zeiten angefangen bis heute, die Vielseitigkeit der landwirtschaftlichen Produktion, also die Komplexität der Betriebe, nicht verringert, sondern immer Fünfzigstes Kapitel: Die Abgrenzung der Betriebe gegeneinander 787 mehr gesteigert. Eine Untersuchung, die sich auf das Großherzogtum Baden erstreckte, hat z. B. ergeben, daß dieselben Güter, die 1592 6 Produktarten erzeugten, 1879 deren 15 und mehr hervorbrachten. Von 37 Gemeinden bauten in der Gegenwart 26 mehr als je 10 verschiedene Kulturpflanzen an. Vgl. Backhaus in den Jahrb. f. NÖ. III. F. Band VIII. Einem ganz anderen Bereich von Gründen als demjenigen, der die Spezialisation in der Landwirtschaft verhindert, verdankt die Tatsache ihr Dasein, daß sich die Spezialisation inverschiedenenLän- dern verschieden früh und verschieden stark entwickelt hat. Wir beobachten nämlich, daß die Spezialisation namentlich auf dem Gebiete der gewerblichen Produktion viel früher einsetzt als in den Länderndes europäischen Kontinents in England und den Vereinigten Staaten von Amerika. In England ist es vor allem die Textilindustrie, die sich früh spezialisiert, während in Amerika alle Zweige der gewerblichen Produktion frühzeitig der Spezialisation anheimfallen. Die besonderen Verhältnisse verdanken ihre Entstehung besonderen Gründen. In England war es der gleichförmige Bedarf seiner Kolonialbevölkerung, der einen großen Markt für ebenso gleichförmige Erzeugnisse der Weberei und damit der Spinnerei schuf und dadurch die Einstellung der Textilindustrie auf wenigeNummern ermöglichte. In den Vereinigten Staaten entstand früh ein Massenbedarf an Produktionsmitteln (400 000 km Eisenbahnen!) und vereinheitlichte den Bedarf an Gebrauchsgegenständen unter dem Druck des Unternehmerwillens, der auf Rationalisierung der Betriebe hindrängte, um den Forderungen der Arbeiter auszuweichen. Vgl. die Ausführungen auf Seite 627ff. Aber der Unterschied im Grade der Spezialisation zwischen diesen beiden Ländern mit der übrigen kapitalistischen Welt geht doch nicht, wie in dem Falle der Landwirtschaft, auf Wesensgründe zurück, sondern bedeutet nur einen zeitlichenVorsprung der Westvölker, den die andern einzuholen im Begriffe sind. Denn die Gründe, die auf Spezialisation hindrängen, machen sich allmählich überall bemerkbar, wo sich der Kapitalismus entwickelt. Es sind die Vorteile, die diese Organisationsform mit sich bringt, und die allmähliche Erfüllung der Bedingungen, an die ihre Anwendung geknüpft ist (siehe oben Seite 535 f.). Die Erfüllung aber bringen folgende Umstände und Ereignisse: (1.) die Entwicklung der modernen Technik, die immer neue Artikel entstehen läßt; (2.) die Ausweitung der Produktion, wodurch selbsttätig der Absatz gleichförmiger Produkte sich aus weitet; ■Sombart, Hochkapitalismus II. 50 788 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte- (3.) der fortschreitende Wille zur Gleichförmigkeit-, der diesen, über seinen natürlichen Umfang hinaus noch steigert. ■■nlw. So ergibt sich uns doch schließlich in allen kapitalistischen Ländern, wenn wir von der Landwirtschaft absehen, ein gleichmäßiger Zug zur Spezialisation, den wir im folgenden für das Gebiet des Warenhändels und das der gewerblichen Produktion uns vergegenwärtigen wollen. Dabei kann es sich im wesentlichen nur uro die Beibringung einiger symptomatisch wichtiger Beispiele handeln, die uns das Wesen uhd die Richtung der Spezialisation verdeutlichen helfen sollen. Denn was die- Statistik an Belegstoff liefert, kann doch höchstens als Rahmen dienen, in den das durch Einzelbeispiele geschaffene Bild sich einfügeri' laßt. 1’ ■ ■ - '->bn s. 1 2. Die Spezialisation im Warenhamlel ■' «DwwiJ Leider vermag die Statistik — auch die beste nicht, für fl die ich die deutsche halte — uns weder über den Verlauf der Spezialisatiöüs- bewegung noch über den Grad der erreichten Spezialisation befriedigenden’ Aufschluß zu geben. A -n Die Mängel der Statistik, die ich an den Fällen der deutschen Gewerbezählung dartun will, sind folgende: 1. Die Ziffern, die die Statistik m i 11 e i 11, drücken die Höhe der Spezialisation ganz gewiß nicht aus. Wenn wir selbst die schon sehr.iyer- vollkommnete Zählung von 1925 unserer Betrachtung zugrunde legen,(SO- beträgt hier die Zahl der mitgeteilten Handels^ (Gewerbe-) „Arten“ (der letzten Untereinteilung, in die die beiden „Klassen“ „Großhandel^'und „Einzelhandel" [XX a und b] zerfallen) 57 gegenüber 1 48 im Jahre’1907 und 7 im Jahre 1895. Beide Zweige 1 des Handels sind nun aber zweifellos viel stärker spezialisiert. iDie Statistik führt selbst zahlreiche Angaben von Spezialgeschäften auf: zum Beispiel in der „Art“ „Handel mit Textilr waren aller Art“ 144, allein für den Großhandel. Und es unterliegt keinem Zweifel, daß viele dieser Namen wirkliche Spezialgeschäfte bezeichnen 1 , wie- etwa 1 ' Handel mit ! Baumwollwaren) Besatzartikeln, Bettfedern, vl Bindfaden, ‘Blumen (künstliche), Blusen*'Borsten, Bukskin, Damenhüte, Damenkonfektion, Dochte, Filzhüte, Filzschuhe, Fußmatten, Handschuhe us^ü 2. So könnte man sich an diese Zusammenstellungen halten:, sic umfassen in der Klasse Großhandel 1047, in der Klasse Detailhandel 1334 Verr schiedene Bezeichnungen. Wollte man aber diese Ziffern als 'Ausdruck'tatsächlicher Spezialisation'‘gelten lassen, 1 'so"würde man'doch wieder 1 ^fehl 1 greifen. Denn diese 2381' Spezialitätsbezeichnungen 1 betreffen nie htmlÜ/r wirkliche Spezialgeschäfte, sondern auch wahrs c,h e i,n 1 i c h e und mögliche. In der Wirklichkeit ist der Grad der Spezialisation geringer; um wieviel er unter den 2381 genannten und über' den'S'V'^e- zählten Spezialitäten liegt, entzieht' sich unserem Urteil. • " ; ab (.ü) 3. Der Statistik haftender Übelstand an, daß die-verschiedenen, 'I M i. . . .. ... Fünfzigstes Kapitel: Die Abgrenzung (1er .Betriebe gegeneinander 789 gen nicht vergleichbar sind. Alle statistischen Erhebungen schwanken ja zwischen dem Ideal der Vergleichbarkeit tind dem der Vollkommenheit. Die deutsche Gewerbezählung strebt dem Ideal der Vollkommenheit, -namentlich auf dem Gebiete der Gliederung des Handels, fast ausschließlich nach. Deshalb sind ihre Ergebnisse hier nur sehr selten vergleichbar: in der Statistik von 1907 kehrten nur 7 Arten des Jahres 1895 wieder, 41 waren neu; die 57 Arten des Jahres 1925 stimmen in den wenigsten Fällen mit den 48 Arten des Jahres 1907 überein. Wir müssen uns deshalb ohne Statistik zu behelfen suchen und uns damit begnügen, an aer Hand der Erfahrung bestimmte Züge der Entwicklung zu verfolgen. Am besten, indem wir Großhandel und Detailhandel trennen, die zwar eine Reihe gleicher, daneben aber auch verschiedener Entwicklungsbedingungen aufweisen. Gleichmäßig vollzieht sich auf beiden Gebieten eine Spezialisation in der Richtung 1. des Orts, 2. des Gegentandes, 3. des Bedarfszweckes. Unterschiedlich ist folgendes: Der Großhandel spezialisiert sich: (1.) nach Orten, namentlich als Ausfuhrhandel, sofern dieser sich auf bestimmte Länder oder Landesteile erstreckt; aber auch der Binnenhandel beschränkt sich gern auf einzelne abgegrenzte Gebiete. (2.) Nach Gegenständen bilden sich die „Branchengeschäfte“, die wir im Einfuhr-, Ausfuhr- und Binnenhandel gleicherweise sich vervielfachen sehen. Hier begegnen wir der größten Anzahl von Spezialgeschäften und beobachten wir eine fortschreitende Differenzierung. Der Tapetenhändler wird nicht mehr Teppiche führen, der Getreidehändler nicht mehr Mehl, der Kaffeehändler nicht mehr Tee, der Weinhändler nicht mehr Spirituosen, der Seidenhändler nicht mehr Wolle und Baumwolle. Ich glaube, daß für den Großhandel das Maß der Spezialisation nach Branchen durch die von der deutschen Gewerbezählung aufgeführten 1000 Spezialitäten annähernd richtig bestimmt wird. Der Grund der jedenfalls weitgehenden Differenzierung ist hier der, daß jeder einzelne Artikel die ganze Arbeits- und Kapitalkraft in Anspruch nimmt, gründliche Kenntnisse der Waren, genaue Beobachtung der Weltproduktion und der Konjunktur erheischt. In einzelnen Fällen spezialisiert sich der Großhandel auch (3.) nach Bedarfszwecken. So, wenn sich Betriebe für Auswandererartikel, für Theater- und Studentenrequisiten, Ballastgeschäfte usw. auftun. Auch der „Engros-Sortimenter“, eine Schöpfung des letzten Menschenalters, gehört hierher. 50 * 790 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte Die Spezialisationstendenzen im Detailhandel weisen folgende Besonderheiten auf: (1.) Die Spezialisation nach (Herkunfts-) Orten der Waren wird geringer : der frühere Ortsladen, auch für die Orte desselben Landes (Hamburger Laden!), verschwindet. Er erhält sich höchstens noch, um Waren aus fremden Ländern (China, Japan) zusammenzufassen. Die italienischen Läden gehen meist in Gastwirtschaften auf. (2.) Die Spezialisierung nach Gegenständen dagegen schreitet fort: es entstehen „Branchengeschäfte“ für Lebensmittel (Zigarren, Zigaretten, Butter, Käse, Kaffee, Kaviar, Tee, feinstes Obst, Konfiserie, Fische, Geflügel, Konserven u. a.), für Kleidungsgegenstände (Handschuhe, Stiefeln, Schirme, Stöcke, Kragen und Kravatten, Hüte, Seidenbänder u. a.) und für Verschiedenes (Ansichtspostkarten, Fahrräder, Automobile usw.). Sicher ist aber die Spezialisation nach Branchen im Detailhandel nicht annähernd so weit fortgeschritten wie im Großhandel. Die 1321 von der deutschen Gewerbezählung für den Detailhandel namhaft gemachten Spezialitäten haben also eine grundsätzlich andere Bedeutung als die für den Großhandel. Sie drücken in ihrer Mehrzahl nicht sowohl den Inhalt von Spezialgeschäften aus, als vielmehr Artikel, von denen viele in einem Laden feil geboten werden. Neben der Spezialisierung nach Gegenständen entwickelt sich aber immer mehr (3.) die Spezialisierung nach dem Bedarfszweck, und es entsteht in immer größerer Zahl das, was ich Bedarfsartikelgeschäfte genannt habe, die wir hier einstweilen nur von einer Seite her, nämlich mit Bezug auf die auch in ihnen sich äußernde Spezialisierungsbewegung, zu würdigen haben. Die Differenzierung tritt darin zutage, daß der Bedarfszweck enger umschrieben wird. So gibt es Geschäfte für hygienische und medizinische, solche für photographische Artikel, für Maler- und Zeichnerutensilien, für elektrische Beleuchtungsgegenstände, für Fahrradbedarf usw. Sämtliche Spezialgeschäfte erfahren im Detailhandel dadurch noch eine weitere Spezialisierung, daß sie sich immer mehr in Luxus-, Ordinär- und Pofelgeschäfte sondern. Der entscheidende Grund für die Differenzierung der Detailhandelsgeschäfte ist der Wunsch, die Waren leichter abzusetzen, indem man den Bedürfnissen des Publikums nach Möglichkeit Rechnung trägt. Der Hauptvorzug der Spezialgeschäfte ist die Reichhaltigkeit des Warenlagers. Fünfzigstes Kapitel: Die Abgrenzung der Betriebe gegeneinander 791 3. Die Spezialisierung in der geioerblichen Produktion tritt zunächst zutage in der starken Vermehrung der berufsmäßigen gewerblichen Produzenten, die wir in fast allen Ländern mit kapitalistischer Kultur beobachten, wie die folgenden Ziffern erweisen. Zur Statistik der geiverblichen Produzenten: Das älteste der modernen Industrieländer, Großbritannien, weist nicht nur heute den stärksten Anteil der gewerblichen Produzenten an der Gesamtheit der erwerbstätigen Bevölkerung auf, sondern setzt auch am frühesten mit der Vermehrungstendenz ein. Bereits die ersten Berufszählungen lassen einen Anteil der industriellen Bevölkerung erkennen von einer Höhe, die heute viele europäische Länder (z. B. Italien) noch nicht erreicht haben. Die im Handel und Gewerbe beschäftigten Familien machten von allen erwerbstätigen Familien aus: 1811.44,4% 1821 . 45,9% 1831.4-2,0% 1841 . 39,7% Nach Porter, Progress of the Nation [1851], 65. (Die Abnahme beruht vermutlich auf Änderungen des Erhebungs- Verfahrens.) Selbst wenn wir von diesen Ziffern, die die Handeltreibenden einschließen, 10—12% abziehen, bleiben sehr hohe Anteile von 30—34% für gewerbliche Produzenten übrig, die diejenigen des heutigen Italien (1911 27,5 %) übertreffen und den deutschen Ziffern etwa in den 1870er Jahren (s. u.) gleichkommen. Seitdem ist nun der Anteil der gewerblichen Produzenten unausgesetzt gestiegen und erreicht im Jahre 1911 die erstaunliche Höhe von 59,1% für England und Wales und 59,3% für Schottland. In ziemlich weitem Abstand folgt das Zweitälteste der großen Industrieländer Europas: Frankreich. Aber die Entwicklung ist dieselbe. Der Anteil der industriellen Bevölkerung betrug: 1851 . 26,7% 1866 . 28,8% 1872 . 23,4% (Verlust des Elsaß!) 1901 . 30,9% 1911.35,8% Die ersten drei Ziffern aus M. Block, Stat. de la France, l re ed. 1860 und 2 e ed. 1875, die beiden letzten aus HSt. 2 4 , 566. Die Mitte zwischen England und Frankreich etwa hält Deutschland. Im Königreich Preußen waren im Jahre 1846 von je 122 Einwohnern zehn in der gewerblichen Produktion berufsmäßig erwerbstätig, 1871 von 93, 1895 (im Durchschnitt des ganzen Deutschen Reichs) von 65, 1907 von 57. Also um die Mitte des 19. Jahrhunderts war rund der zwölfte Mensch, Anfang des Jahrhunderts vielleicht erst jeder fünfzehnte (selbst in einer großen Stadt wie Breslau 1790 just der fünfzehnte, wie die 792 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte Ermittlungen Eulenburgs ergeben haben), dagegen Ende des Jahrhunderts jeder sechste bis siebente und jetzt jeder fünfte bis sechste ein gewerblicher Produzent. Die Ziffern für 1882, 1895 und 1907 sind folgende: In der Industrie, einschließlich Bergbau und Baugewerbe in Deutschland gezählte: Jahr Hauptbetriebe Erwerbstätige Personen Von 1000 Erwerbstätigen iiberhaupt(Berufszählung) 1882 2270339 5933663 336,9 1895 2146672 8000503 361,4 1907 2086368 10852873 386,3 Zum Vergleich ziehe ich noch ein außereuropäisches Land —• die Vereinigten Staaten von Amerika — heran, um zu zeigen, daß sich hier die Dinge ganz ähnlich wie in Europa gestalten, nur mit dem Unterschiede, daß begreiflicherweise die progressive Zunahme der industriellen Bevölkerung später einsetzt (erst seit dem Beginne dieses Jahrhunderts) und deren Anteil noch nicht die Höhe wie in den europäischen Arbeitsländern erreicht hat. Amerika hat erst vor 20 Jahren aufgehört, ein ausgesprochenes Bodenland zu sein. Der Anteil der in den „manufacturing and mechanical in- dustries“ erwerbstätigen Personen betrug: 1890 . . • • • 25,0% 1900 . . . • • • 24,4% 1910 . . . ■ • - 27,8% 1920 . . . . . . 30,8% Zählen wir die im Bergbau beschäftigten Personen hinzu, so ergeben sich 1910.30,3% 1920 . 33,4% Die Gründe dieser starken Vermehrung der gewerblichen Produzenten und ihres wachsenden Anteils an der Gesamtbevölkerung habe ich ausführlich in meiner „Deutschen Volkswirtschaft im 19. und 20. Jahrhundert“, 6. Auflage, Seite 277 ff. dargelegt. Um Wiederholungen zu vermeiden, verweise ich auf jene Ausführungen. Aber die Spezialisation auf dem Gebiete der gewerblichen Produktion ist nun weiter fortgeschritten, sofern auch zwischen denein- zelnen Betrieben eine größere Differenzierung eingetreten ist. Eür diese Tatsache lassen sich nun wiederum statistische Belege sehr schwer beibringen, wie wir es beim Warenhandel erlebten: siehe die Ausführungen auf Seite 788f. Die Berufsbezeichnungen der Berufszählungen weisen einen zu hohen, die von den Bearbeitern der Fragebogen aufgestellte Liste der „Berufsarten“ einen zu geringen Grad der Differenzierung auf. Zweifellos gibt es mehr Spezialbetriebe auf dem Gebiete der gewerblichen Produktion in Deutschland, “■ ''Fünfzigstes Kapitel: Die Abgrenzung der Betriebe gegeneinander 793 als dib Zahl der von der Gewerbezählung auf geführten „ Gewerbeart’eri“ unterscheiden läßt. Das sind: 5 ,. Ä _ • • 1882 .... 246 1895 . ... 320 ü6*’»c' . 1907 .... 396 (1925 .... 555) .'Und ebenso zweifellos bezeichnen nicht alle in der Gewerbestatistik aufgezählten Gewerbenennungen — das sind 1882 .... 4696 1895 .... 5710 1907 . . . 10750 (1925 . rund 13600) — «bensoviele Spezialbetriebe. Dazu kommt der Übelstand, daß die Statistik noch clie Spezialität, ■die in einem Betriebe hergestellt wird, nur ihrer Gattung nach bestimmen kann, nicht aber die Spezialisierung auf einzelne Typen innerhalb dieser Gattung. Weiter als bis zu der Angabe: „Zigarettenfabrik“ kann die Statistik nicht herabsteigen. Während es eine vom kapitalistischen Standpunkt aus erst recht interessante Tatsache ist, daß heute (1926) eine* ^große deutsche Zigarettenfirma in einer ihrer Fabriken, die 20,00 Arbeiter beschäftigt, eine einzige Zigarettensorte herstellen läßt. • (Zeitungsreklame.) r So' müssen wir uns damit begnügen, an einzelnen Beispielen dem Zuge der Zeit nachzuspüren. Wir bekommen dadurch das Wesen der Spezialisation besser ins Gefühl als durch ein Studium der Statistik. ' Nehmen wir die Maschinftnindustrie als ein solches Beispiel. ofDie Maschinenfabrik, in die Emil Rathenau in den 1850er Jahren eintrat, baute landwirtschaftliche Maschinen, meist nach englischem Muster, Pumpen, Wasserstationen, Weichen, Radsätze für Eisenbahnwagen, Apparate für Gasanstalten, Einrichtungen für Brennereien und Mühlen jeder Art; daneben wurde all und jedes, was das Publikum verlangte, auch wenn es in'-sehx losem Zusammenhang mit dem Maschinenbau stand, hergestellt, z. B. eiserne Betten, Turmuhren und dergleichen.“ Selbstbiographie, in dem Buche von R i e d 1 e r , Emil Rathenau [1916], 5.-. Demgegenüber stellt sich heute die Maschinenfabrik entweder auf die Belieferung bestimmter Industrien ein: es entstehen z. B. Maschinenfabriken, die nur die Herstellung der in der Kammgarnspinnerei' notwendigen Maschinen betreiben oder nur den Bau von Einrichtungen für Zuckerfabriken ausführen. So in Österreich (im Gegensatz zu Deutschland, das in dieser Richtung zurückgeblieben ist), wo diese Lieferung (vor dem 794 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte- Kriege) in den Händen von fünf Großunternehmungen ruhte. Vgl. Th. Schuch a r d t, Die volkswirtschaftliche Bedeutung der technischen Entwicklung der deutschen Zuckerindustrie [1908], 79 f. Hier erst kann der Maschineningenieur ganz in seiner Aufgabe aufgehen. Diese Aufgabe besteht darin, unter Angabe einer Zwecksetzung seitens des Bestellers in ihrer technischen Wirksamkeit verbesserte, nach technologisch einwandfreien Grundsätzen dimensionierte Hilfsvorrichtungen zu bauen. Oder: Die Maschinenfabrik verlegt sich auf die Herstellung ganz weniger Typen einer bestimmten Maschinenart. So gibt es in den Vereinigten Staaten Spezialfabriken für den Bau von: 1. Bohrmaschinen, 2. Fräsmaschinen, 3. Drehbänken einer Größe, 4. Bohrern (täglich 17 000), 5. Erntemaschinen (in drei Typen), 6. Hobelmaschinen, 7. Kalander und Mangeln, 8. Druckereimaschinen, 9. Bleichereimaschinen, 10. Motoren (eine Type). Siehe GeorgGarbotz, a. a. O. Seite 32 und die dort verzeichneten Quellen. Als ein Beispiel für fortgeschrittene Spezialisation im deutschen Maschinenbau mag die Werkzeugmaschinenfabrik von Ludw. Loewe & Co. A. G. in Berlin dienen. „Alle katalogmäßigen Fabrikate werden im Werkzeugbau, alle anderen in einem Spezial-Werkzeugbau hergestellt. Eine weitere Unterteilung hat stattgefunden durch Spezialisation der Werkstätten für Lehren, Gewind- bohrer usw. Schmiede, Gießerei, Fertiggießerei hängen teils direkt, teils, indirekt mit der ganzen Fabrikation zusammen, aber jede einzelne Abteilung könnte ebensogut als selbständiges Unternehmen bestehen. Jede Abteilung muß ihre Existenzberechtigung auf dem Wege doppelter Buchhaltung dauernd nachweisen, sie muß sich zum mindesten selbst erhalten können; an dem Gewinn für das Unternehmen ist der einzelne Abteilungsvorstand persönlich interessiert. Heute existieren bei Loewe folgende einzelnen Fabriken oder Abteilungen : I. Maschinenbau I: Fabrikationsplan: Rundschleifmaschinen, Werkzeugschleifmaschinen, Drehbänke, Revolverbänke; II. Maschinenbau II: Automatenbankfabrikation; III. Maschinenbau III: Fräs-, Bohr- und Stoßmaschinenfabrikation;. IV. Normalienfabrik: Fabrikation genannter Teile; V. Werkzeugbau: Fabrikation katalogmäßiger Werkzeuge; VI. Spezialwerkzeugbau: Fabrikation besonderer Typen. (VII —XIV sind Abteilungen, in denen die Vorprodukte hergestellt, werden, und gehören in die innere Betriebsorganisation. [Siehe das dreiundfünfzigste Kapitel. W. S.]) Fünfzigstes Kapitel: Die Abgrenzung der Betriebe gegeneinander 795 Alle Abteilungen sind bis zu einem sehr hohen Grade selbständig und haben selbständige Fabrikationsaufgaben zu erfüllen. An der Spitze jeder Abteilung steht ein „Betriebsleiter“, in kaufmännischen Abteilungen ein Abteilungsvorstand. Die Arbeitsaufgabe ist räumlich und sachlich klar abgesteckt.“ Fritz Wegeleben, a. a. 0. Seite 52. Die deutsche Gewerbezählung weist in der Gruppe VII (Maschinen-, Apparate- und Fahrzeugbau) 50 Gewerbearten und etwa 2200 Benennungen für Spezialfabriken auf. Vermutlich liegt die wirkliche Zahl der Spezialfabriken näher an 2000 als an 50. Als zweites Beispiel mag die Scliuhfabrikation dienen. Im Jahre 1905 waren in U.8.A. unter 1316 Schuhfabriken 748 (56,76%) spezialisiert (. . . manufactured one kind of product exclusively), und zwar teilen sich diese wie folgt: Männerstiefel und -schuhe.198 Fabriken Knaben- und Jungenstiefel und -schuhe. 29 ,, Frauenstiefel und -schuhe.171 ,, Mädchen- und Kinderstiefel und -schuhe.120 ,, Männer-,) Knaben- und Jungenhausschuhe. 11 ,, Frauen-, Mädchen- und Kinderhausschuhe. 92 ,, Andere Arten. 68 ,, Kundenarbeit auf Bestellung. 59 ,, Nach Gens, of Man. 1905. Bull. 72. F. Behr, Die volksw. Bedeutung der technischen Entwicklung in der Schuhindustrie [1909], 33. Aber damit nicht genug! Die Spezialisation schreitet weiter vor und schafft Spezialbetriebe für alle Schuhteile, die dann in den eigentlichen Schuhfabriken nur „montiert“ zu werden brauchen. So gibt es in demselben Wunderlande (nach demselben Gewährsmann): Fabriken für Leisten, ,, ,, Ausputzpräparate, ,, ,, die Bänder der rahmengenähten Schuhe, „ „ Steifklappen, ,, ,, Absätze, ,, ,, Gelenkstücke, ,, ,, zugeschnittene Schaftteile, ,, ,, Futterstreifen (Bordüren), „ „ Zwickstifte (Täcks), ,, ,, Kunstleder, ,, ,, Pflockholz, „ ,, besonders starke Garne für Sohlennähmaschinen. Ein Teil der in diesen Betrieben erzeugten Gegenstände wurde früher vom Schuster selbst hergestcllt, ein anderer Teil ihm auch früher schont geliefert. In den beiden besprochenen Fällen handelt es sich um die Differenzierung früher komplexer Produktionsvorgänge: Aufteilung eines Betriebes in mehrere oder viele. Es mag aber noch bemerkt werden, daß ein wichtiger Fall die Entstehung eines neuen Betriebes infolge irgendeiner neuen Erfindung oder der Veränderung des Verfahrens ist. Wir wissen, wie die 796 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtscliaftl. Prozesses i. d. Geschichte Technik jeden Tag neue Aufgaben stellt: so bietet sich auch jeden Tag die Gelegenheit zur Errichtung eines neuen Spezialbetriebes. Ein drittes Beispiel kann die Walzwerkindustrie abgeben. Hier hören wir noch aus dem Jahre 1903 in Deutschland Klagen über die Komplexität des Walzprozesses: Ein grober Eehler des heutigen Systems der Walzwerke ist es, „daß eine ganze Reihe von Gesellschaften in ihren räumlich zumeist nahe liegenden Betrieben jede für sich ein mehr oder minder gleichartig ausgedehntes Walzenprogramm selbständig zur Abwalzung bringt. Wenn dagegen unter der Verteilung der aufkommenden Arbeit der Betrieb derartig geführt wird, daß die einzelnen Walzenstraßen nur eine bestimmte, möglichst gleichartige Arbeit erledigen, dann läßt sich unter Vermeidung des zurzeit erforderlichen häufigen Walzenwechsels eine weitgehende Ökonomie durch erhöhte Leistung in der Arbeitsschicht herbeiführen.“ Aus dem Geschäftsbericht der Oberschlesischen Eisen-Industrie A. G. 1 Gleiwitz für 1903. Heute darf die Spezialisation der einzelnen Walzwerke schon als Regel angenommen werden. Welche Kohlenersparnis dadurch erzielt wird, lehren folgende Ziffern: Die American Steel Hoop Company teilte ihre 85—90 verschiedenen Modelle auf, so daß jeder Betrieb auf eine Gruppe von Produkten beschränkt wurde, und sparte 1—1]4 Dollar auf die Tonne bloß durch Verminderung des häufigen Walzenwechsels. Bei J e n k s , Trust Problem [1911], 37. €. Die Kombination I. Allgemeine Züge der Entwicklung Die Kombination, worunter wir die Vereinigung mehrerer früher selbständiger (oder anderwärts selbständiger) Betriebe verschiedenen Inhalts zu einem Betriebe verstanden, ist ebenfalls eine für die hochkapitalistische Epoche, namentlich für das letzte Menschenalter bedeutsame Erscheinung, die der Spezialisation zur Seite geht und diese in gewissem Sinne ergänzt. Ein kombinierter Betrieb ist nicht nur ein Betrieb mit komplexem Inhalt, obwohl er auch ein solcher ist. Betriebe, in denen mehrere Funktionen ausgeübt und mehrere Werke ausgeführt werden — und solche nennen wir komplexe —, sind eine uralte Erscheinung. Ja, man kann sagen: je weiter in der Vergangenheit wir zurückgehen, auf desto mehr komplexe Betriebe stoßen wir. Die ganze Entwicklung, die wir Berufsspezialisation oder „Arbeitsteilung“ zwischen Betrieben nennen, nimmt ja ihren Ausgangspunkt von der Komplexität der Betriebe. Was wir dagegen heute als Kombination bezeichnen, wenn wir den Vorgang im Auge haben, als kombinierte Betriebe, wenn wir an das Ergebnis denken, ist doch eine dem inneren Wesen nach neue Erscheinung. Fünfzigstes Kapitel: Die Abgrenzung der Betriebe gegeneinander 797 "Wenn, man will, ist es die Rückbildung der Betriebe zur Komplexität. Aber zur Komplexität auf einer böberen Stufe. Der Vorgang vollzieht sieb beute unter durchaus rationalem Gesichtspunkte, als das bewußte Werk kapitalistischer Interessen. Und vor allem: er vollzieht sich oder - besser: die Kombination wird vorgenommen. Dabei mag äußerlich häufig dasselbe herauskommen, was früher, ehe die Spezialisation eingesetzt hatte, vorhanden gewesen war. Einst vereinigte der Verfertiger •der Schuhe die Funktion des Verkaufs in einem Betriebe, dann entstand ein selbständiger Schuh Warenhandel, und heute verkauft die Schuhfabrik wieder in eigenen Verkaufsstätten; einst vereinigte das Eisenwerk alle Stufenprozesse in einem Betriebe, dann differenzierte es sich in Grube, Hochofen, Stahlwerk, und heute sind diese Spezialbetriebe wieder in einem ,,kombinierten“ Werke vereinigt. Rückkehr zur Komplexität, gewiß; und doch eine ganz neue Sache. Man ist fast verführt, liier an die Hegel sehe Trichotomie zu •denken und von Thesis, Antithesis und Synthesis zu sprechen. Aber Spielereien mit derartigen Begriffsschematen sind gefährlich. Wir werden sie deshalb auch lieber vermeiden. Was das Wichtigste ist, Ist dieses: daß wir das grundsätzlich Neue der Kombination im Zeitalter des Hochkapitalismus und ihren Wesensunterschied von der früheren Komplexität der Betriebe erkennen, was uns durch die Gegenüberstellung der beiden Erscheinungsformen erleichtert wird. Ich teile die Darstellung wiederum ein unter dem Gesichtspunkte, unter dem ich auch die Spezialisation betrachtet hatte, und unterscheide also dieses Mal Funktionenvereinigung und Werkvereinigung. II. Die Funktionenvereinigung 1. Produktion und Handel Die bei weitem wichtigste Kombination — wichtig wegen ihrer Einwirkung auf die Grundverfassung des Wirtschaftslebens — ist diejenige, die Handels- und Produktionsfunktionen in e i n e m Betriebe vereinigt. Als eine Art Vorstufe zu der völligen Kombination von Handel und Produktion erscheint und ist in diesem Zusammenhänge mit zu erledigen derjenige Vorgang, den man die Einschränkung der Handelsfunktion nennen kann, und der sich äußert in der Ausschaltung einzelner Glieder in der Kette einer mehrgliedrigen Handelsorganisation. Diese Ausschaltungstendenz macht sich besonders fühlbar im Einfuhr- und Ausfuhrhandel (besser und vertrauter 798 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte klingen hier die Fremdwörter: Import- und Exporthandel), weil hier die Zahl der Vermittler im Laufe der Entwicklung besonders groß ge- geworden war. Schär hat in einer sehr lustigen Tabelle (auf Seite 177 seines öfters genannten Werkes) die Glieder aufgezählt, die die Kette- des Außenhandels aufweist, und hat gleichzeitig im Bilde die verschiedenen Möglichkeiten der Ausschaltung schematisch dargestellt. Danach unterscheiden wir beim vollentwickelten Überseehandel neun verschiedene Stellen, die die Ware durchläuft, oder, wenn wir Produzent und Konsument abziehen: sieben verschiedene Händlertypen, die sich um den Umsatz der Ware bemühen. Das sind: 1. der Einkäufer, 2. der Großeinkäufer, 3. der Exporteur, 4. der Importeur, 5. der Großhändler im Importhafen, 6. der Großhändler im Inland, 7. der Detailhändler. Von diesen Händlertypen können nun theoretisch beliebige und beliebig viele ausgeschaltet werden. Es gilt (nach S chär) dabei folgendes: Jedes nachfolgende Glied hat eine Möglichkeit mehr für den Einkauf und eine Möglichkeit weniger zum Verkauf als das vorhergehende Glied.. Dabei ist nicht zu übersehen, daß die Initiative zur Ausschaltung sowohl des Einkaufs als des Verkaufs von jedem Zwischengliede ausgehen kann; jedes Zwischenglied spielt also bei diesem Prozeß der Ein- und Ausschaltung eine aktive und eine passive Rolle; passiv wird sie in der Regel dann werden, wenn ein vorhergehendes oder nachfolgendes Glied es für vorteilhaft erachtet, auf dessen Dienste zu verzichten bzw. diese sich selbst anzugliedern. ln der Wirklichkeit sind auch alle möglichen Fälle der Ausschaltung eingetroffen. Vor allem aber sind es zwei Glieder, die sich als besonders schwach (oder unnütz) erwiesen haben, und die deshalb in der Regel am frühesten (und häufigsten) ausgeschaltet sind. Das ist im Importhandel der von Schär als Großhändler im Inlande bezeichnete Betrieb, das, was der Importeur im europäischen Seehafen „die zweite Hand“ oder „das oberländische Haus“ nennt. Das waren die in den großen Binnenstädten ansässigen Großhandelsfirmen vom Schlage der T. 0. Schröter-Handlung in Breslau. Während im Exporthandel am leichtesten entbehrt werden konnte der Exportspezialist einer Branche: Stahlwaren, Textilwaren, Spielwaren eines Bezirks: der englische „Merchant“ alten Stils. Vgl. für die Beurteilung des früheren Zustandes, von dem die Entwicklung ihren Ausgangspunkt genommen hat, die Ausführungen im vierunddreißigsten Kapitel des zweiten Bandes unter III. Fünfzigstes Kapitel: Die Abgrenzung der Betriebe gegeneinander 799 Besonders häufige Fälle der Neugestaltung sind diese: (1.) Der Detaillist schickt seine Einkäufer ins Produktionsland: Einkauf der amerikanischen Warenhäuser hei europäischen Fabrikanten. (2.) Der Fabrikant setzt seine Erzeugnisse direkt (durch Reisende usw.) an den Detaillisten ab: das ist der für Südamerika häufig festgestellte Fall (siehe unten). (3.) Der Exportgrossist schaltet alle übrigen Glieder aus, indem er direkt vom Fabrikanten kauft und durch seine überseeischen Verkaufsorganisationen (Faktoreien, Kleinverkaufstellen, Warenhaus) direkt an die Konsumenten verkauft. Was für den auswärtigen Handel gilt, gilt mit entsprechenden Änderungen auch für den Binnenhandel: hier findet in wachsendem Umfange ein direkter Verkehr statt zwischen Produzent und Produzent oder Produzent und Detaillist, bis schließlich airch dieser ausgeschaltet wird und damit die Handelsfunktion überhaupt. Damit ist dann «ine neue Staffel in der Umbildung der Wirtschaftsverfassung erreicht, der wir unser besonderes Augenmerk zuwenden müssen. Einige Ziffern seien vorher nur noch angeführt, die das bisher Gesagte verdeutlichen sollen. Bis zu welchem Grade die Ausschaltung fortgeschritten ist, wissen wir ziemlich genau für den Exporthandel Tiach Südamerika , auf den sich merkwürdig viele Umfragen beziehen. Drei solcher Umfragen sind in Europa veranstaltet worden. Das Ergebnis der einen, die halbamtliches Gepräge trug, teilt J. H i r s c h mit. Danach exportierten von 500 deutschen Firmen im Jahre 1906: direkt 290 indirekt 150 gemischt 60 Nach einer privaten Umfrage bei 397 an der Ausfuhr nach Südamerika beteiligten Firmen, von der Schär berichtet, war das Verhältnis folgendes: 53 unterhielten Bureaus in Südamerika, ließen durch eigene Reisende Gebiete bearbeiten und bedienten sich zur Einziehung von Forderungen und Erledigung der laufenden Geschäfte eines Agenten; 220 wollten mit Exporteuren nichts mehr zu tun haben und wünschten sich mit überseeischen Importeuren direkt in Verbindung zu setzen; 124 Industriefirmen beabsichtigten, sich auch weiter der Vermittlung von Exporthäusern zu bedienen. Noch genauere Auskunft gewährt uns eine auf Deutschland und die Schweiz bezügliche Untersuchung, die ein Dr. Voß, Handelssachverständiger bei einer Gesandtschaft, angestellt hat. Sie ergab, daß von hundert Fabrikanten, die mit Südamerika handelten, pflegten oder erstrebten : 800 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtsehaftl. Prozesses i. d. Geschichte direkten Vermittlung durch direkten oder indirekten Export Exporteure Export in der schweren Eisenindustrie und im Maschinenbau .... 53 33 14 Kleineisenindustrie. 46 41 13 chemische Industrie. 42 48 10 Textilindustrie. 73 16 11 Papierindustrie. 62 22 16 Genußmittelindustrie. 63 29 8 Instrumentenindustrie ...... 74 5 21 Industrie der Steine und Erden . 43 43 14 Holzwaren-, Leder-, Gummi- und Bürstenwarenindustrie . . . . 55 40 5 Bericht des Dr. Voß in N. Ziirch. Zeitung vom 1. April 1912, bei J. Schär, a. a. 0. Seite 212. Endlich sei noch das Ergebnis der Rundfrage eines amerikanischen Exportblattes verzeichnet, wonach es im Jahre 1914 rund 600 direkt exportierende Fabrikanten gab, von denen über die Hälfte ein Kapital von mehr als 100 000 Dollar hatten. Die völlige Ausschaltung der Handelsfunktion, tritt namentlich in folgenden Fällen in die Erscheinung: (1.) Häufig übernehmen die Kartelle den Absatz selbst, indem sie- etwa eine Tochtergesellschaft gründen, der die Verkauf Stätigkeit zugewiesen wird. So wird der Absatz des Petroleums durch Standard Oil, der Absatz von Kohle und Eisen in Deutschland durch deren Syndikatebesorgt. Das rheinisch-westfälische Kohlensyndikat versorgte die Großabnehmer bis 600 Tonnen, also besonders die Fabriken, selbst, wodurch die Mehrzahl der bisherigen Kohlenhändler überflüssig wurde. Nicht immer schaltet das Kartell den Händler völlig aus. Häufig läßt es ihn bestehen, bringt ihn aber von sich in Abhängigkeit, indem es ihn gleichzeitig entmannt (das heißt ihn durch Festsetzung von Höchst- und Mindestpreisen, durch Beschränkung seiner Tätigkeit auf den Dienst am Kartell u. ä. seine eigentlichen Händlerfunktionen unterbindet und ihn schließlich in Agenten mit fester Provision verwandelt). Es gibt auch Fälle, in denen sich Kartelle mit Handelsfirmen vereinigen und sogenannte „Werksfirmen“ gründen: August Thyssen! Für Einzelheiten, die die Stellung der Kartelle zu den Händlern betreffen, verweise ich noch auf einige Quellenstellen: Deutschland: Kohle: kontradiktorische Verhandlungen usw. 1, 228 ff., 285 ff.; Eisen und Stahl: ebenda 3, 786 ff.; Spiritus: ebenda 5, 664 ff., 708 ff.; Tapetenindustrie: ebenda Heft 11 Seite 265 ff. Vereinigte Staaten: Standard Oil: Report ... on the Petroleum Industrv, 328 ff. / Fünfzigstes Kapitel: Die Abgrenzung der Betriebe gegeneinander 801 (2.) Die Produzenten detaillieren. Das geschieht mit Vorliebe bei sehr hochwertigen Waren: Automobilen, Klavieren, oder bei Typenartikeln, als da sind: Fahrräder, Nähmaschinen, Schreibmaschinen, Phonographen, Schuhe, Handschuhe, Hüte, Waffen u. a.. Der Absatz an die letzten Konsumenten geschieht a) durch Annoncen: man sehe namentlich die Wochenblätter daraufhin durch, oder Versand von Katalogen: die Manufacture fran- §aise d’armes et de cycles de St. Etienne versendet jährlich einen illustrierten Katalog von 1000 Seiten in 500 000 Exemplaren und gibt eine Zeitschrift „Le Chasseur Fran§ais“ in 100000 Exemplaren heraus; b) durch Aussendung von Detailreisenden, Einrichtung von Agenturen: Ford hat 6000 „Agenturen“, wie er in seiner Autobiographieselbst berichtet (S. 277); c) durch offene Verkaufsstellen, sogenannte „Filialen“. Das sind entweder Auslandsfilialen. Die älteste Firma, die sich dieser Organisation bediente, soll die Singer-Nähmaschinengesellschaft gewesen sein, die vor dem Kriege allein in Deutschland eine Fabrik, viele Großniederlagen und 300 kleinere Verkaufsstellen hatte. Ihrem Beispiele sind namentlich viele amerikanische Geschäfte gefolgt, deren Läden wir in den Straßen unserer Großstädte auf Schritt und Tritt begegnen: National Cash Kegister Co.! Aber umgekehrt geht auch Europa in fremden Ländern hausieren. So hatten neun deutsche Aktiengesellschaften der chemischen, elektrischen, Maschinen- u. a. Industrien 33 Auslandsfilialen mit 141 Agenturen. Oder es sind Inlandsfilialen,, die für zahlreiche Artikel immer häufiger werden. Zwittergebilde sind die oben (Seite 751f.) erwähnten Verkaufsgesellschaften, die von Fabrikanten finanziert werden. 3. Die Detaillisten produzieren: Möbelausstattungsgeschäfte, Wäscheausstattungsgeschäfte fangen an, die feilgebotenen Waren in eigenen Werkstätten oder durch Hausindustrielle hersteilen zu lassen. Aber auch Warenhäuser produzieren selbst. So bezieht White- ley seine Früchte und Molkereierzeugnisse von eigenen Farmen usw.. Ein interessanter Fall ist die Organisation des Hauses Felix Potin in Paris. Potin, gegründet 1845, ist das größte Lebensmittelgeschäft Frankreichs. Es hat sechs große Verkaufsmagazine in Paris und Umgegend, daneben beliefert es zahlreiche Detaillisten in der Provinz, Schiffahrtsgesellschaften usw. Dieses Verkaufsgeschäft erzeugt nun die meisten seiner Waren selbst. ; Zu diesem Behufe besitzt es sechs Gruppen von Produktionsbetrieben- 1. in Vilette Fabriken zur Erzeugung von Schokolade, Konfekt, Patisr 802 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtscliaftl. Prozesses i. d. Geschichte Serien und Biskuiten, eine Kaffeerösterei, eine Wurstfabrik, eine Konservenfabrik, eine Mostrichfabrik; 2. in Pantin eine Destillation für Alkohol, eine Likörfabrik, eine Parfümerie-, eine Seifenfabrik; 3. in Epernav eine Champagnerfabrik mit Kellereien; 4. in Libourne (Gironde) einen Lagerkeller für Bordeauxweine; 5. in Jarnas (Charente) ein Kognaklager; 6. in Miramont (Lot et Garonne) eine Pflaumendörranstalt, eine Gemüsekonservenfabrik. Diese Fabriken beschäftigen 4000 Personen ständig, in der Saison erheblich mehr. Außerdem besitzt die Firma bei Tunis fünf Landgüter mit einer Fläche von 28 000 ha, wo Zerealien, Wein und Oliven angebaut werden. Siehe die Beschreibung bei P. Passama, L’integration du travail (1910), 133/134. Auch die in der letzten Zeit vor dem Kriege in Frankreich gegründeten „Societes d’alimentation et d’approvisionnement“, wie „L’Epargne“ in Toulouse, „La Naneienne d’Alimentation“ in Nancy, „L’Alimentation Generale“ in Bordeaux u. a., die einen Umsatz bis 20 Mill. Franken und bis 200 Filialen jede hatten, ruhen auf einer ähnlichen Organisation. (Vgl. Passama, a. a. O.) Ganz gleiche Verhältnisse finden wir in den Vereinigten Staaten: Sears Roebuck & Co., das größte Versandhaus Amerikas, „kontrollieren“ verschiedene Industriebetriebe und besitzen selbst 15 Fabriken, in denen fast alle von ihnen verkauften Waren hergestellt werden. Siehe Lincoln, a. a. O. Seite 615. Marshall Field&Co.,das größte Warenhaus der Vereinigten Staaten, hat 3 Fabriken im Ausland, 14 Textilfabriken und beschäftigt in seinen Produktionsbetrieben 4000—6000 Personen. Nach dem von der Firma selbst herausgegebenen Handbuch: J. H i r s c h , Wunder, 159. Und in Deutschland: Nach der Gewerbezählung beschäftigten im Jahre 1907 1902 Warenhandelsbetriebe 31 114 Hausindustrielle. Stat. d. D. R. Band 220/221, Seite 182*. Über die Wirksamkeit der Konsumvereine, die sich in ähnlicher Richtung bewegt, ist hier, wo nur die Entwicklung des Kapitalismus zur Darstellung gelangt, noch nicht zu sprechen (siehe das 58. Kapitel). Versuchen wir diese wichtige Erscheinung der teilweisen oder völligen Ausschaltung der Handelsfunktion zu w ü r d i g e n , so werden wir zunächst nach den treibenden Kräften fragen müsseu, die auf sie hindrängen. Da finden wir: (1.) das Bestreben der Kartelle, ihre Herrschaft zu sichern; (2.) das Bestreben der verschiedenen, an der Warenbeschaffung beteiligten Stellen, durch Ausschaltung der Profite, die an anderen Stellen gemacht werden, ihre eigenen Profite zu erhöhen oder eine Verbilligung •der Waren herbeizuführen. Fünfzigstes Kapitel: Die Abgrenzung der Betriebe gegeneinander 803 Um welche ungeheueren Beträge es sich handelt, um die der Umsatz der Waren deren Preis verteuert, ist erstaunlich. Nun bleibt natürlich ein Teil (oft ein recht erheblicher Teil!) der Umsatzkosten bestehen, auch wenn die Händler zum Teil oder ganz ausgeschaltet werden. Ein anderer Teil kann aber zweifellos durch eine solche Ausschaltung erspart werden. Einige Ziffern mögen das Gesagte verdeutlichen. J. Hirsch schätzt die Verteuerung durch den Umsatz in Deutschland bei Lebensmitteln des täglichen Verbrauchs auf 20—30%, bei Zigarren auf 50—60%, bei Zigaretten auf 80—100%, bei Schuhwaren auf 70—100%. Eine Enquete des Jahres 1912 ergab für die Vereinigten Staaten, daß von 146 Mill. Dollar, die Neuyork für Eier, Milch, Kartoffeln, Zwiebeln ausgab, nur 50 Mill. Dollar diejenigen erreichten, die die Urprodukte geerntet hatten. Nach anderen Untersuchungen bezifferte sich in demselben Lande die Verteuerung einzelner Waren durch den Umsatz auf folgende Beträge: Ein Dutzend Orangen kostet dem Konsumenten 75 Cents, der Groß- und Detailhandel erhält davon 26,5 Cents. Bei 1 Dollar Corn Elakes (Weizenflocken) betrugen: die Produktionskosten 36,6% „ Verteilungskosten 63,4% Und zwar entfielen: auf den Großhandel Kosten 7,0% ., „ „ Profit 1,0% „ „ Detailhandel Kosten 13,3% „ „ „ Profit 6,0% Für ein Paar Schuhe im Werte von 10 Dollar erhält der Fabrikant 7,17 Dollar „ Detaillist 2,83 „ Davon waren Kosten 2,50 Profit 0,33 The Nations Business, June 1922, bei Lincoln, 624. Daß diese Bestrebungen nach Ausschaltung der Handelsfunktion Erfolg haben konnten, dazu mußten natürlich eine Reihe von Bedingungen erfüllt werden. Diese Bedingungen lagen: (1.) auf der Seite der Produktion: die Industrien wurden kapitalkräftiger, ballten sich zu größeren Betrieben und Verbänden zusammen, vollzogen in immer weiterem Umfange die Werkvereinigung (siehe unten Seite 809ff.); (2.) auf der Seite des Handels (wo dieser nur teilweise ausgeschaltet wurde): auch er ist an einzelnen Stellen kapitalkräftiger geworden, hat sich zu Großbetrieben ausgeweitet (Warenhäuser!) usw.; (3.) auf der Seite der Marktverhältnisse: alles, was wir über die Erhellung des Marktes in Erfahrung gebracht haben, hat dahin gewirkt, die Ausschaltung einiger und schließlich aller Händler zu erleichtern. Sombart, Hochtapitalisrmis II. 51 804 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte Bedenken wir, daß solcherart Bedingungen erfüllt sein mußten, um die Funktionenvereinigung zu ermöglichen, so wird auch alsobald verständlich, daß die Ausschaltungstendenz ihre Grenzen hat. Sie ist keineswegs allgemein. Sowohl der Absatz bestimmter Artikel als auch der Einkauf und Verkauf in bestimmten Gebieten erfolgt nach wie vor durch die Vermittlung eines oder mehrerer Händler. Die Bedingungen liegen eben für jeden Fall verschieden, und es hängt von dem Takt des einzelnen Händlers oder Produzenten ab, wie weit er zweckmäßig Zwischenglieder ausschalten kann. „Die Lehre vom direkten Einkauf und Verkauf gehört zu den schwierigsten Problemen des Handelsbetriebes. Es gibt hierfür keinen allgemeingültigen Betriebsgrundsatz, es muß in jedem einzelnen Falle untersucht werden, ob die Inanspruchnahme eines Zwischengliedes oder dessen Ausschaltung zweckmäßiger ist.“ (S c h ä r.) Aber wie begrenzt auch immer die Ausschaltungstendenz sein mag, genug: sie ist da und nimmt, trotzdem auch Gegentendenzen vorhanden sind, zweifellos zu. Sie bildet deshalb einen bemerkenswerten Zug im Gepräge der hochkapitalistischen Wirtschaft, und die Frage drängt sich uns auf, welche Bedeutung dieserFunktionenver- einigung beizumessen ist. Diese Bedeutung werden wir nun vor allem darin zu erblicken haben, daß die geschilderten Vorgänge Anteil haben an demjenigen wichtigen Prozesse, den ich die Entkommerzia- lisierung des Wirtschaftslebens genannt habe. Aber ehe wir die Bedeutung unserer Ausschaltungstendenz für diesen Prozeß bestimmen können, müssen wir noch etwas genauer umschreiben, was wir unter Entkommerzialisierung verstehen wollen. Offenbar nämlich werden mit dem Worte zwei sehr verschiedene Vorgänge bezeichnet: einerseits nämlich die Beseitigung der berufsmäßigen Händler oder die Verringerung ihrer Zahl, die Ausschaltung also der Händler funktion: die Enthändlerung; anderseits die Beseitigung der Handelsfunktion selbst: die Enthandelung. In der oben dargestellten Ausschaltungstendenz sind nun offenbar diese beiden Vorgänge enthalten, und je nachdem der eine oder der andere vorliegt, ist auch ihre Bedeutung für die Gestaltung des Wirtschaftslebens verschieden. Folgende Fälle sind zu unterscheiden: (1.) Die Zahl der berufsmäßigen Händler wird verringert, oder diese werden ganz beseitigt. Dieser Vorgang bietet als solcher nur insofern Interesse, als er uns die Konzentration des Kapitals und die Rationalisierung der Betriebsführung bestätigt. Fü nfzigstes Kapitel: Die Abgrenzung der Betriebe gegeneinander 805 Tritt diese Beseitigung der selbständigen Händlersciiaft ein, so sind zwei Fälle möglich: (2.) Die Handelsfunktion bleibt bestehen und wird ausgeübt entweder von einem noch übriggelassenen Händler, etwa dem obenerwähnten Exportgrossisten, oder aber — und das ist ein sehr häufiger Fall — von dem Produzenten, der seine Waren jetzt selber vertreibt. Gewiß ist die Handels funktion nicht ausgeschaltet worden, als etwa die A. E. G. Verkaufsstellen einrichtete, oder etwa bei den mit allen Mitteln der Reklame arbeitenden 6000 Agenten Fords. Die Bedeutung der Ausschaltung kann hier geradezu in der Steigerung liegen, die der Händlergeist in der Wirtschaft erfährt: wenn vielleicht ein sehr betriebsamer jüdischer Produzent seine Erzeugnisse in Eigenvertrieb nimmt, die vorher ein im traditionalistischen Schlendrian verharrender Großhändler abgesetzt hatte. Der andere Fall ist der, daß (3.) die Handelsfunktion verschwindet. Das geschieht a) bei aller genossenschaftlichen Organisation des Konsums, über die später zu handeln ist; b) bei allen Fusionen und Verbänden früher selbständiger Unternehmungen; c) bei aller Kartellbildung. Bei dieser ist es sogar möglich, daß der selbständige Händler förmlich bestehen bleibt und die Handelsfunktion doch verschwindet, wie in den oben angeführten Fällen. Aus diesen Händlern und Handelsorganisationen, die im Bannkreise eines Kartells ihre Tätigkeit ausüben, ist eben der Geist des Handels entwichen. Das deutsche Kohlensyndikat und der Stahlwerksverband hatten die Börsennotierungen in Essen und Düsseldorf zu einem reinen Spiel gemacht. „So besteht die Essener Kohlenbörse lediglich in einer Mappe mit Kohlennotierungen, die jedesmal vom Kohlensyndikatsgebäude zum Essener Saalbau getragen wird, während die ganze sogenannte Düsseldorfer Produktenbörse in einem — Schreibebriefe besteht, den ein Industrieller regelmäßig dem Vorstand der Düsseldorfer Börse zugehen läßt.“ (Berliner Tageblatt vom 19. Februar 1907.) Und hier nun liegt die weittragende und tiefgreifende Bedeutung, die die Ausschaltungstendenz hat. Hier ändert sich etwas am Wesen des Kapitalismus. Dieser hat in seiner Hochepoche den Händlergeist zur höchsten Blüte gebracht. Die stete Auskundschaftung der besten Absatzgelegenheit, die schnelle Anpassung an täglich wechselnde Lagen, 51* 806 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte die suggestive Konkurrenz um die Kundschaft: alles dieses sind Züge, die im Bilde des Hochkapitalismus nicht fehlen können. Sein System der Wirtschaftsgestaltung war das bewegliche. Mit ihm steht er, und mit ihm fällt er. Ein bureaukratisierter Kapitalismus, wie er übrigbleibt, wenn die Handelsfunktion ausgeschaltet ist, ist Spätkapitalismus. Und wir stehen hier wieder an einem Punkte, an dem wir den Hochkapitalismus aus sich heraus Tendenzen treiben sehen, die ihn zu überwinden berufen sind. Man darf nicht denken, daß die Ausschaltung der Handelsfunktion etwa die Ursache der Bureaukratisierung des Kapitalismus ist: sie ist nur deren Ausdruck. Denn sie kann ja nur erfolgreich vorgenommen werden, wenn die Verhältnisse schon so stabilisiert sind, daß Einkauf und Verkauf ohne besondere Händlertätigkeit ausgeführt werden können. Dann aber ist offenbar das „starre System“ schon zur Anwendung gelangt, wie es dem Spätkapitalismus entspricht. Von viel geringerer Bedeutung als der bisher besprochene Fall der Funktionenvereinigung: Produktion und Handel, sind die übrigen Fälle, die ich deshalb nur kurz unter Anführung einiger typischer Beispiele aufzählen werde. 2. Produktion und Transport Produktion —* Transport: Kontrolle der amerikanischen Eisenbahnen durch die großen Industrieverbände: Die Steel Corporation bat eigene Eisenbahnen. Der Beef Trust ist dank seiner Kühlwagen, die er besitzt, oder die ihm die Eisenbahngesellschaft zu alleinigem Gebrauch vermietet, der einzige Fleischer, dem die Züchter des Westens ihr Vieh verkaufen können. Um diese Kühlwagen auszunutzen, bat er erst den Transport, dann den Handel anderer Waren aufgenommen: Eier, Geflügel, Gemüse. Standard Oil verdankt seinen Erfolg größtenteils dem Besitze der Pipe lines, Transportmitteln zur billigeren Beförderung des Petroleums. Diese Röhrenleitungen laufen unter den Bahnen her, die die Anlage keinem Konkurrenten gestatten. Henry Ford besitzt ein Eisenbahnnetz, um seine Hölzer, Erze und Kohlen heranzuschaffen usw. Ein anderes wichtiges Beispiel für die Angliederung von Eisenbahnen durch Produktionsunternehmungen ist die elektrische Industrie, die Klein- und Straßenbahnen „kontrolliert“ oder selbst betreibt. Der Grund ist hier natürlich ein ganz anderer als in den obenerwähnten Fällen amerikanischer Trusts. Während diese auf die Eisenbahnen übergreifen, um deren Tarifpolitik zu beherrschen, liebäugelt die elektrische Industrie mit Transportunternehmungen, um an sie ihre Erzeugnisse abzusetzen. Ebenso haben große Produktionsunternehmungen eigene Schiffe in Betrieb gesetzt: die Steel Corporation und andere Konzerne sowie wiederum Ford in Amerika: dieser unterhält sowohl eine Binnen- wie eine Ozeanflotte. Die Ozeanflotte Fords hat erst denVerkehr mitdenameri- Fünfzigstes Kapitel: Die Abgrenzung der Betriebe gegeneinander §07 kanischen Seestädten unterhalten, ist dann aber auch zum Transport der Fordschen Erzeugnisse nach überseeischen Plätzen verwandt worden. In dem Bestreben, den Export für seine Erzeugnisse unter Ausschaltung von Zwischenstellen selbständig zu organisieren, hat Ford auch größere Schiffswerften erworben. Siehe die Einzelheiten bei Emil Hornermeie r , a. a. 0. Seite 72/73. Auch in Europa begegnen wir Produktionsunternehmungen, die eigene Seeschiffe laufen lassen, wie es die Firma Krupp vor dem Kriege tat. Transport ->■ Produktion: die amerikanischen Eisenbahnen vereinigen sich mit industriellen Etablissements, namentlich mit Kohlenbergwerken und Stahlwerken: nach den Annual Statistics of Railways, Interstate Commerce Commission 1919, pag. 75 hatten die amerikanischen Eisenbahnen für 681 561 341 $ Anlagen in „other investments“. Vgl. Cens. Mon. III, 135 und für die frühere Zeit E. P i c a r d , a. a. 0. Seite 140 ff. Auch in Europa haben sich die Eisenbahnen in manchen Ländern Produktionsunternehmungen angegliedert, abgesehen davon, daß sie überall die Reparaturen in eigenen Werkstätten ausführen lassen. So haben die englischen Eisenbahngesellschaften Lokomotivfabriken, Waggonfabriken, Lichtzentralen, Wasserwerke, BiHettdruckereien, Fabriken künstlicher Gliedmaßen für ihre verunglückten Arbeiter usw. Eine — die London and Nordwestern Co. — erzeugt ihre Schienen und ihren Stahl selbst. In Frankreich und Italien treiben die Eisenbahnen wenig Materialproduktion, errichten aber Hotels — die Terminus-Hotels. Die französische Paris- Lyon-Marseille besitzt Hotels in Paris, Lyon, Marseille; Brian§on, die Orleans besitzt 2 Kurhotels. Die österreichische Südbahn hat den Semmering usw. Siehe namentlich Passama, a. a. 0. In der Fischerei ist die Vereinigung von Transport mit Produktion (und Handel) sehr bedeutsam: die deutsche Dampfer-Hochseefischerei- Gesellschaft „Nordsee“, Nordenham, besitzt an Landanlagen: Netzmacherei, Maschinenhalle, Reparaturwerkstatt, Zimmerei, Schmiede, Kupferschmiede, Klempnerei, Eishäuser, die 7—8000 t aufnehmen können, Eisfabrik, 6 große Versandhallen für die Lagerung, die Verarbeitung und den Versand von Fischen, umfangreiche Anlagen für das Räuchern, Marinieren, Braten der Fische; ferner (1913) Verkaufsläden in 15 Städten, in einigen Städten Einkaufsfilialen. In andern Ländern wie England und Holland ist diese Entwicklung noch weiter fortgeschritten. Siehe z. B. die Beschreibung der Firma George F. Sleight, Grimsby, in The Fisherman’s Nautical Almanach. 1920. Transportunternehmungen legen Häfen an: zuweilen Land- und Seetransportunternehmungen im Verein. So verdankt der größte Fischereihafen Englands und der Erde, Grimsby, seine Entstehung der Manchester Sheffield and Lincoln Railway Co. (heute Great Central Railway Co.). Vgl. Lübbert, Großbrit. Hochseefischerei in der Sammlung des Instituts für Meereskunde. 1912. Heft 5. Schiffahrtsgesellschaften haben Werften, selbst Kohlenbergwerke (Norddeutscher Lloyd seit 1902). Die Compagnie Generale des Omnibus in Paris hatte vor dem Kriege: 808 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte (1.) große Reparaturwerkstätten; (2.) Werkstätten, worin sie a) ihre Wagen, b) ihre Geschirre, c) ihre Lampen und Laternen herstellte; (3.) ein Landgut bei Paris, wo jährlich 3—600 kranke Pferde gepflegt wurden; (4.) eine Fabrik zur Herstellung komprimierter Luft für ihre Luftdruck- Automobile ; (5.) Werkstätten zur Herstellung der Kleidungen und Uniformen sowie der Stiefeln für ihr Personal. 3. Handel und Transport Beispiel aus dem Welthandel: die United Fruit Co., die von Costa Rica die Bananen durch ihre Spezialdampfer und Spezialwaggons befördert und für diesen Staat einen Teil des Post- und Eisenbahnverkehrs mit übernimmt. Beispiele aus dem Binnenhandel: die großen amerikanischen Trusts im Rohstoff- und Nahrungsmittelhandel, die für Transport, Konservierung und erste Verarbeitung sorgen; die beiden Milchtrusts von Paris, die in Sammelwagen (Milchtankwagen) über 90% der Milch aus Entfernungen von 50—200 km herbei- schaffen; das 1904 begründete sogenannte Kohlenkontor: eine Vereinigung von Großunternehmungen der Rheinschiffahrt, die teils ihre eigenen Kohlenzechen haben, teils den Kohlenhandel betreiben und aufs engste mit dem rheinisch-westfälischen Kohlensyndikat verbunden sind. 4. Produktion und Bankwesen Hauptbeispiele: die öfters schon erwähnten Elektrobanken. Aber auch die Verquickung der amerikanischen Trusts gehört hierher. So ist die National City Bank in Neuyork die Schöpfung und das Finanzorgan des Standard Oil. 5. Handel und Bankwesen Handel —> Banken: Die großen Detailhandelshäuser betreiben Bankgeschäfte: als reine Depositenbanken, wie A. Wertheim in Berlin, oder im inneren Verkehr mit den Angestellten, wie das Bon Marche in Paris. Banken —>• Handel', so haben namentlich in Ländern mit unentwickeltem Großhandel wie Österreich die Banken sich Warenhandelsgeschäfte angegliedert. Der Zuckerhandel z. B. ist dort fast völlig von den Banken aufgesogen. Ferner können wir noch als einen besonderen Fall verzeichnen: 6. die Vollkombination Diese liegt dort vor, wo alle Funktionen des kapitalistischen Prozesses in einem Betriebe vereinigt sind, also vor allem Produktion, Transport und Handel, aber auch das Kreditgeschäft. Bekannte Beispiele dafür sind: die amerikanischen Trusts. So umfaßt die Steel Corporation 213 Fabriken und 41 Minen; sodann verfügt sie über Fünfzigstes Kapitel: Die Abgrenzung der Betriebe gegeneinander 809 1000 Meilen Schienenbahnen und 122 Schiffe und hat 1904 eine Export Co. in Neuyork gegründet zu dem Zwecke, die Ausfuhr zu fördern. Außerdem betreibt sie natürlich den Fabrikhandel. Die National-City-Bank wird von ihr mit beherrscht. In Europa war wohl die größte Kombination vor dem Kriege die Firma Alfred Krupp in Essen. Das alles bezieht sich einstweilen nur auf die Funktionenvereinigung. Daß diese in zahlreichen Fällen, wie bei den zuletzt genannten Beispielen, die Werkvereinigung zur Voraussetzung hat, ist einleuchtend. Von dieser ist nunmehr zu handeln. III. Die Werk Vereinigung 1. Die Produktion. In allen kapitalistischen Ländern hat sich zumal während des letzten Menschenalters die Werkvereinigung auf dem Gebiete der Produktion, insonderheit natürlich der gewerblichen Produktion, in allen den Formen häufig vollzogen, die wir in dem theoretischen Überblick als mögliche Fälle der Kombination kennengelernt haben: als Angliederung ebensowohl wie als horizontale und vertikale Zusammengliederung. Auf allen Gebieten sind auf diese Weise in weitem Umfange „kombinierte Unternehmungen“, „gemischte Werke“ entstanden, nicht nur im Bereiche der Montanindustrie, wo sie nur am häufigsten Vorkommen und die größte Beachtung gefunden haben. Den besten Überblick über die Ergebnisse dieser Umbildung werden wir uns verschaffen, wenn wir sie für dasjenige Land, für das die einzig brauchbare Statistik vorliegt, die Vereinigten Staaten von Amerika, in ihrer Verbreitung und in ihren verschiedenen Formen ziffernmäßig uns vor Augen führen. Zweifellos ist der Grad der Werkvereinigung in Amerika der höchste, den ein Land bisher erreicht hat. Man wird aber die amerikanischen Zustände ohne weiteres als typische ansehen und sie unter entsprechender Verkleinerung des Maß Stabes für alle übrigen Länder gelten lassen dürfen. Die in den Ziffern des amerikanischen Zensus von 1919 — denn um diese handelt es sich — zutage tretenden Zustände sind im übrigen von denen der europäischen Länder erster Ordnung deshalb weniger weit entfernt, als vielleicht der Vorsprung Amerikas beträgt, weil sie für Amerika kein vollständiges Bild der Kombination geben. Sie stellen diese nämlich nur dar für die 5838 Konzerne oder Großunternehmungen, von denen oben schon die Rede war. Es kann aber als sicher angenommen werden, daß die Kombination auch bei zahlreichen Einzelwerken vorkommt. 810 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte Die amerikanischen Zahlen bieten außerdem den Vorteil dar, daß sie in einer vorzüglichen Bearbeitung vorliegen und deshalb in ihrem statistischen Werte genau nachgepriift sind. Ich gebe also im folgenden an der Hand der Zensuszahlen (unter teilweisem Anschluß an die oben mitgeteilte Schematik des Bearbeiters) einen Überblick über die Werkvereinigung in der amerikanischen Produktion. (1.) Seit alters besteht eine Neigung, landwirtschaftliche und gewerbliche Betriebe zu vereinigen. a) Zuckerfabriken und Landwirtschaft: mit Landwirtschaft kombiniert waren Rübenzuckerfabriken Rohrzuckerfabriken 1909 . 11,5 % — 1914.8,2% 40,8% 1919.9,1 % 46,8 % b) Forstwirtschaft und Sägemühlen: Nach dem Zensus von 1919 (der immer gemeint sein soll, wenn nichts Besonderes vermerkt wird) werden 70% des in Sägemühlen verarbeiteten Holzes aus deren eigenen Wäldern von ihnen selbst geschlagen. c) Forstwirtschaft und Holzschliff- bzw. Papierfabriken: Von dem zur Verarbeitung kommenden Holze stammen aus Wäldern, die den Fabriken gehören: bei den Holzstoffabriken .14,6 % ,, „ Holzstoff- und Papierfabriken . . . 22,3 % 36,9 % (2.) Horizontale Kombination gewerblicher Betriebe: Divergente Produkte: a) „Joint products“, das sind verschiedene Produkte aus demselben Rohstoff, erzeugten 427 „Konzerne“, davon 114 in Lebens- und Genußmitteln; davon waren wiederum 101 der Erzeugung von Molkereiprodukten gewidmet, nämlich Butter und Käse und kondensierte Milch und Eiskreme und Oleomagarine usw. Von diesen Betrieben kombinierten: 83.2 Molkereiprodukte 15.3 Der Bearbeiter des Zensus macht hierzu die treffende Bemerkung: Kapitalistische Expansion ist auf diesem Gebiete nur auf dem Wege der Kombination möglich, da für e i n e n Artikel der Rohstoff (Milch), weil der Rayon zu groß werden würde, nicht beschaffbar wäre. Von den 427 Konzernen der gedachten Art gehören ferner 106 der Textilindustrie an. Von diesen vereinigten 45 verschiedene Stoffe: Wirk- und Webwaren, Kammgarn und Streichgarn; 61 verschiedene Fabrikate aus denselben oder ähnlichen Stoffen: Männer und Frauenkleidung; Kragen und Manschetten. Fünfzigstes Kapitel: Die Abgrenzung der Betriebe gegeneinander gH Als Grund der Kombination wird die Erleichterung des Absatzes angegeben: der Verkäufer nimmt mehrere Artikel auf die Tour. Endlich gehören in diese Gruppe noch 58 Betriebe der Eisen- und Stahlindustrie. b) Nebenprodukte: Hier sind alle Betriebe der chemischen Industrie aufgezählt. c) Verschiedene Produkte mit gleichem Verfahren: Hierzu gehören 99 Konzerne der Lebensmittelindustrie, von denen 61 Konserven, 25 Mühlenfabrikate 13 Backwaren herstellen; ferner kombinierte Betriebe der Eisen- und Stahlindustrie, der chemischen Industrie, des Druckgewerbes: Akzidenz-, Bücher-, Zeitschriftendruckerei. Konvergente Produkte: a) Komplementäre Güter: jedes Produkt ist selbständig, ehe es seine Bestimmung erreicht. Es sind 157 Konzerne sehr verschiedenen Inhalts ermittelt. Die beliebtesten Vereinigungen sind folgende: Farbe 1 ,, r Lack } Wa ^ 011 ’ Malz \ T,. Hefe ) Bler ’ Holz \ „ • Bleichstoffe } Papier ’ Garn ] Gewebe Spulen J 5 Nähmaschinen \ fertige Nähmaschinen, Nahtische und--kästen J Parfüm j Lederwaren für den Flaschenverschluß \ Parfümerien. Flaschen ) Ferner: Maschinenfabrik und Gießerei. Endlich rechnet der Zensusbearbeiter hierher auch die Angleichung von Behälterfabriken an zahlreiche Hauptfabriken. b) Hilfsprodukte: die Produkte sind nicht selbständig vor Vollendung des fertigen Erzeugnisses. Es gab hier 163 Konzerne, die Kombinationen Vornahmen, die meist Angliederung (in meiner Sprechweise) darstellen. Davon erzeugten: 79 Hilfsdienste (auxiliary Service) und zwar, 35 in Reparaturwerkstätten, 22 in Druckereien; 90 Hilfsstoffe (auxiliary Commodities), und zwar 46 Kohle, 18 Eis, 9 Grubenhölzer. (In den 169 sind 6 Doppelzählungen) 812 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte c) Verschiedene Produkte, die beim Gebrauch vereinigt werden (also Komplementärgüter im gewöhnlichen Wortgebrauch), oder die denselben Markt haben. Solche waren in 233 Fällen kombiniert. Von diesen waren 32 vereinigt im Gebrauch: Matratzen und Betten, Reinigungsstoffe und Reinigungswerkzeuge, Brot und Butter; 139 hatten gleichen Absatz: Candy und Ice cream, Kaffee und Zucker, Candy und Rauchtabak, Ice cream und Malzlikör, Brot und Marmelade u. a.; 59 lieferten die Materialien für bestimmte Gewerbe: für den Häuserbau, für die Schuhfabrikation, für den Zahnarzt usw. (3.) Vertikale Kombination vollzogen im ganzen 903 Konzerne; davon gehörten an 199 der Holzindustrie: Sägemühlen vereinigt mit einem späteren Holzbearbeitungsprozeß; 195 der chemischen Industrie: davon 82 Kohle und Koks, 41 Rohpetroleum und Raffinerie; 134 der Eisenindustrie: s. u.; 126 der Industrie der Steine und Erden, davon 121 Urstoffgewinnung und erste Verarbeitung; 78 der Textilindustrie; 57 der Papierindustrie und Druckerei, namentlich Vereinigung von Holzschliff- und Papierfabriken. Die 134 Konzerne der Eisenindustrie vereinigten mehrere der folgenden Produktionsstufen: (1.) Urproduktion, (2.) Zubereitung des Urstoffs für den Hochofen, (3.) Roheisenerzeugung, (4.) Stahlerzeugung und Gewinnung von Stahl- und Gießereiprodukten ersten Grades (im wesentlichen unsere A-Produkte), (5.) desgleichen zweiten Grades, „intermediate products“ (im wesentlichen unsere B-Produkte: Zinnplatten, Draht, Röhren), (6.) eiserne Gegenstände sehr verschiedener Art: Werkzeuge, Waggons, Nähmaschinen, Schiffe, Maschinen, Pumpen, elektrische Apparate, Lokomotiven, Rasierzeug usw. Von den 134 Konzernen umfassen: 49 ... 2 benachbarte Produktionsstufen, 48 . . 3 16 . . 4 7 . . 5 4 . . 6 >5 J) (10 sind bei dieser Aufstellung verschwunden.) Ein noch genaueres Bild vom Aufbau der „gemischten Werke“ gibt folgende Tabelle: / Fünfzigstes Kapitel: Die Abgrenzung der Betriebe gegeneinander 813 Endigend mit Beginnend mit Roheisen- gewiunung A- Produkten B- Produkten Fertigfabrikaten („Complex Products“) Insgesamt 1. Erzeugung des Urstoffs (Bergbau). 34 13 7 4 58 2. Vorbereitung für Hochofen . 5 6 2 _ 13 3. Bobeisenerzeugung — 6 1 1 8 4. A-Produkten .... — — 7 17 24 5. B-Produkten .... — — — 31 31 Insgesamt 39 25 17 53 134 Von 195 Hochöfen sind 145 (76,3%) in Verbindung mit anderen Betrieben der Eisenindustrie in den der Ermittlung unterliegenden „Konzernen“ vereinigt. Wie sehr das Problem der Kombination mit dem der Konzentration zusammenhängt, leuchtet ein. 2. Handel Auf dem Gebiete des Warenhandels vollzieht sich der Vereinigungsprozeß in mannigfacher Weise, ähnlich wie auf dem Gebiete der Gütererzeugung. Man sagt hier: ein Warenhandelsgeschäft „nimmt neue Artikel auf“, die früher von einem anderen Geschäft gehandelt worden waren. Besonders der Detailhandel bietet zahlreiche Beispiele solcher Kombinationen ehemals selbständiger Warenhandelsbetriebe zu einem neuen Betriebe dar. Die Form, in der hier die neuen Gebilde sich darstellen, unterscheidet sich je nach der Entstehungsweise, die entweder ein mehr organisches oder ein mehr mechanisches Gepräge trägt, wenn wir den Vergleich mit den Naturvorgängen machen wollen. Die beiden Formen des modernen Detailhandelsgeschäfts sind aber das Bedarfsartikelgeschäft und das Warenhaus. Das Bedarfsartikelgeschäft, dem wir bereits begegnet sind, kombiniert die früher in verschiedenen Branchengeschäften oder Ortsläden gesondert feilgebotenen Waren unter dem Gesichtspunkt eines bestimmten Bedarfs. Seine Entstehung reicht in die frühkapitalistische Zeit zurück, wie ich im 29. Kapitel des zweiten Bandes ausgeführt habe. Seine ersten Erscheinungsformen sind Luxusgeschäfte. Heute hat es sich aller Warengattungen bemächtigt und beherrscht den Detailhandel durchaus. Das alte Branchen- und Ortsgeschäft ist so gut wie verschwunden. Die häufigsten Formen, in denen das Bedarfsartikel- 814 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte geschäft auftritt, sind folgende: im Lebensmittelhandel das Delikateß- geschäft, im Handel mit gewerblichen Erzeugnissen das Ausstattungsgeschäft, das wiederum als Ausstattungsgeschäft für Zimmer und für Küchen oder für Kleidung und Wäsche erscheint. Das Bedarfsartikelgeschäft ist aus dem Bestreben des Händlers hervorgegangen, seine Waren in einer dem Käufer genehmen Form darzubieten. Seine Entwicklung ist ermöglicht und gefördert worden durch das Zusammentreffen einer Reihe von Umständen, die sich mit der Umgestaltung der gesamten Wirtschaftsverfassung ergeben haben. Was hier vor allem bestimmend eingewirkt hat, ist folgendes: (1.) die Einbeziehung konfektionierter Waren in die kapitalistische Produktion, wodurch einerseits der Zusammenhang mit einer bestimmten Produktionsbranche zerrissen, andererseits der Zusammenhang mit dem Bedarfszweck enger geknüpft wird; (2.) die wachsende Gleichgültigkeit gegenüber Entfernung und Beschaffenheit des Bezugsgebietes, die sich als natürliche Folge der modernen Yerkehrsfortschritte einstellt; (3.) die Revolutionierung der Produktionstechnik, wodurch täglich die Grenzen der alten Produktionsgebiete verschoben werden. Näheres siehe im zwanzigsten Kapitel der ersten Auflage unter III. Während das Bedarfsartikelgeschäft eine innere Einheit zwischen den nach Herkunft und Stoff verschiedenartigsten Dingen durch ihre gemeinsame Beziehung auf einen bestimmten Bedarfszweck herstellt, fällt diese letzte Verbindung zwischen den einzelnen Warengattungen fort im Warenhaus, das also eine rein äußerliche, „mechanische“ Kombination früher selbständiger Detailhandelsgeschäfte darstellt. Die „Abteilungen“, aus denen das Warenhaus besteht (und die uns ere Gewerbestatistik von 1907 sogar als selbständige „Betriebe“ aufgefaßt und gezählt hat), entsprechen teils schon dem Typus des Bedarfsartikelgeschäftes: Kücheneinrichtung, Möbeleinrichtung, Schreibbedarf usw., teils gleichen sie noch Branchen oder Ortsgeschäften alten Stils: Seidenabteilung, Teppichlager, Chinawaren. Zu dem Begriff des Warenhauses gehören aber außer dem Merkmal der Kombination noch andere Merkmale, wie namentlich das der Größe, das wir erst im folgenden Kapitel in Betracht ziehen. Ich komme dort auf das Warenhaus als eine der typischen Formen des Großbetriebes im Detailhandel noch einmal zu sprechen und werde dort auch über die Vorbereitung des Typus einige Ziffern anführen. Fünfzigstes Kapitel: Die Abgrenzung der Betriebe gegeneinander 815 3. Banken Als Kombination im Bankwesen im weiteren Sinne kann man die Vereinigung der verschiedenen Geld-und Kreditgeschäfte in einem Betriebe ansehen, also der „eigentlichen“ Bankgeschäfte, das heißt der Zirkulationskreditgeschäfte mit anderen Kreditgeschäften, wie der Gewährung von Anlagekredit, aber auch der Emissionstätigkeit, dem Effektenhandel, dem Geldwechsel, dem Aufbewahrungsgeschäft u. a., wie wir sie heute in den Großbanken deutschen Gepräges ausgeübt sehen. Zweifellos vollzieht sich, wie wir zu verschiedenen Malen festzustellen schon Gelegenheit hatten, auch in den anderen Ländern eine Entwicklung in der Richtung auf den Typus der deutschen Vollbank hin (neben der, wie das so üblich ist, verschiedene Spezialisierungstendenzen herlaufen, die ebenfalls von uns beobachtet wurden). Neben dieser Art von Kombination läßt sich dann aber im Bankwesen noch eine andere unterscheiden, die wir als Kombination im engeren Sinne bezeichnen mögen. Das ist die Zusammengliederung zweier oder mehrerer Banken mit verschiedenem Tätigkeitsgebiet. Als typisches Beispiel kann etwa die 1903 gebildete Interessengemeinschaft zwischen dem Schaaffhauseuschen Bankverein und der Dresdner Bank dienen. Der Schaaffhausensche Bankverein hatte eine beherrschende Stellung im rheinisch-westfälischen Industriegebiete, während ihm die Beziehungen zu der Industrie im übrigen Deutschland fehlten. Seine Schwäche war ferner sein geringer Einfluß auf dem internationalen Geldmärkte. Die Dresdner Bank dagegen besaß gerade das, was jenem fehlte: ein starkes Überseegeschäft (Bremer und Anglo-deutsche Bank), während ihre Beziehungen zur Montanindustrie erst in den Anfängen steckten. Und so. Auch hier im Bankwesen, wie übrigens auf allen anderen Gebieten, gewinnt der Vorgang der Kombination erst seine rechte Beleuchtung, wenn wir ihn in das Licht der Konzentrationsbewegung rücken. Wir werden also das volle Verständnis für die in diesem Kapitel gemachten Feststellungen erst gewinnen, nachdem wir im folgenden uns Kenntnis von denjenigen Vorgängen werden verschafft haben, die man unter der Bezeichnung der „Konzentration“ zusammenzufassen pflegt. 816 Einundfünfzigstes Kapitel Die Konzentration T. Das Problem in seiner Gänze 1. Die Fragestellung Mit viel größerer Wucht als alle anderen Probleme der Betriebsgestaltung drängt sich uns das Problem der Konzentration auf. Nicht nur, weil es mehr praktische Interessen berührt als die übrigen Fragen, die sich auf die Umbildung des Betriebes beziehen: es hängt das Wohl und Wehe weiter Kreise der Gewerbetreibenden ebenso wie das der lohnarbeitenden Klassen an dem Verlauf, den die Konzentrationsbewegung nimmt. Sondern auch, weil es von vielen und maßgebenden Denkern und Reformern und Revolutionären in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung der wirtschaftlichen Entwicklung gestellt ist. Der erste sozialwissenschaftliche Schriftsteller von Rang, der seine gesamten Ausführungen theoretischen wie praktischen Inhalts um das Problem der Konzentration gruppierte, ist wohl LouisBlanc gewesen. Seine Schrift über die „Organisation du Travail“ (zuerst 1839) ist dann, wie man weiß, das Vorbild geworden, nach dem Marx das Kommunistische Manifest entworfen hat, und seit Marx, der noch mit viel größerer Folgerichtigkeit sein ganzes System auf dem Begriffe der Konzentration aufbaute, hat sich die ganze nationalökonomische Wissenschaft von Belang immer und immer wieder mit Begriff und Tatsache der Konzentration auseinanderzusetzen versucht, sind die wichtigsten Reformvorschläge für den Umbau der Gesellschaft und die kühnsten Voraussagen künftiger Entwicklung von dieser Erscheinung ausgegangen. Das hat den Vorzug gehabt, daß kein anderer Vorgang des Wirtschaftslebens so gründlich untersucht ist wie dieser; aber es hat auch den Nachteil, daß in die wissenschaftliche Erörterung des Konzentrationsproblems allerhand parteipolitische Erwägungen hineingetragen sind, die den Tatbestand vielfach verdunkelt und den Blick für die entscheidenden Punkte getrübt haben. Es gibt eine Tradition in der Beurteilung der Konzentrationsbewegung, die im wesentlichen auf die Ausführungen von Marx zurückgeht und die im Kern falsch ist. Wir Einundfünfzigstes Kapitel: Die Konzentration 817 y- finden sie am reinsten vertreten in der heutigen kommunistischen Literatur, namentlich in den Schriften der russischen Kommunisten, aber auch die Reformsozialisten hängen ihr zum Teil noch immer an. Danach vollzieht sicli in der hochkapitalistischen Wirtschaft ganz allgemein eine so starke Konzentration der Betriebe, daß durch sie der Weiterbestand des herrschenden Wirtschaftssystems gefährdet, gleichzeitig aber die Wirtschaftsverfassung in einer Weise umgebildet wird, die die Übernahme der Leitung in der Wirtschaft durch die Gesellschaft sozusagen zu einer Notwendigkeit macht. Diese Ansicht beruht auf der Annahme, daß immer größere Betriebe und eine immer stärkere Zusammenballung der Betriebe zu Wirtschaftseinheiten den kapitalistischen Interessen entsprechen. Diese Verabsolutierung des Konzentrationsgedankens ist nun aber ohne Zweifel falsch. Zunächst stehen mit ihr die Tatsachen im Widerspruch. Dann läßt sich aber auch unschwer feststellen, daß die Konzentration keineswegs in allen Fällen und in jedem beliebigen Maße kapitalistisch-rationell ist. Und endlich wissen wir, daß keineswegs nur die kapitalistische Ratio die Gestaltung des modernen Wirtschaftslebens bestimmt. Auf diesen Beobachtungen und Erwägungen baut sich die neuere „bürgerliche“ Wissenschaft von der Konzentration auf: ein Erzeugnis der Angst, wie die orthodoxen Marxisten annehmen, vor der unerbittlich sich vollziehenden Auflösung der kapitalistischen Wirtschaft, über die man sich durch allerhand wissenschaftliche Manöver hinwegzutäuschen versucht; das Ergebnis vertiefter Einsicht, wie wir überzeugt sind. Die Zeit wird lehren, wer recht hat. Einstweilen glauben wir mit guten Gründen den Standpunkt vertreten zu können, daß Marx in wesentlichen Punkten geirrt hat. In wesentlichen Punkten: keineswegs in allen. Denn daß eine gewaltige Konzentrationsbewegung durch unsere Zeit geht: wer möchte es leugnen? Aber was unser Urteil von dem der Marxisten unterscheidet, ist dieses: daß wir eine Verschiedenheit der Entwicklung in den verschiedenen großen Bereichen des Wirtschaftslebens und eine solche in der Entwicklung auch der einzelnen Produktionszweige wahrnehmen zu können glauben. Wir suchen aber diese Verschiedenheit zu erklären mit Hilfe des Begriffes des Betriebsgrößenoptimums, das keineswegs überall dasselbe ist. Die Vergrößerung des Betriebes ist nicht schlechthin rationell, sondern nur bis zu dem Punkte, wo sie das Optimum erreicht. Auch dann also, wenn nur rationale Gründe auf die Betriebsgestaltung Einfluß haben, wird die Konzentration keine grenzenlose sein und sicher keine gleichmäßige. Außer- 818 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte dem vollzieht sich die Entwicklung nicht nur in rationaler Weise*, selbst nicht in der kapitalistischen Welt, geschweige denn in den Bereichen der vor- und außerkapitalistischen Wirtschaftssysteme. Wir suchen aber ferner den Begriff der Konzentration schärfer zu fassen, als es in der marxistischen Literatur geschieht (siehe die Ausführungen auf Seite 544ff.). Danach unterscheiden wir den Begriff der Konzentration von dem der einfachen Betriebsvergrößerung und suchen den Begriff der Betriebskonzentration abzugrenzen gegen verwandte Erscheinungen, die aber doch anderen Entwicklungszusammenhängen angehören. Das ist einerseits die Vermögenskonzentration, die keineswegs immer mit der Betriebskonzentration zusammenfällt. Wenn Stinnes oder Morgan eine große Masse von Vermögenswerten in ihrer Hand zusammenraffen, so ist das eine Erscheinung, die nur in einem sehr losen Zusammenhänge mit dem Kapitalismus steht. Schließlich war das Vermögen des Kaisers von Rußland noch viel größer als das irgendeines der heutigen „Milliardäre“. Eine Erscheinung, die wir ausunsererBetrachtungausschalten müssen, ist aber andererseits die zunehmende Machtkonzentration in den Händen einzelner Personen, wie wir denjenigen Vorgang vielleicht nennen können, durch den sich die Einflußsphäre reicher Männer ausdehnt. Hierdurch können allerdings wirtschaftliche Interessen berührt werden, und man mag in ihm eine Begleiterscheinung oder Folgeerscheinung der kapitalistischen Gestaltung unseres Wirtschaftslebens erblicken. Aber eine Betriebskonzentration ist mit ihr doch noch nicht ohne weiteres gegeben. Diese liegt immer erst dann vor, wenn wirtschaftliche V orgänge durch einen einheitlichen Willen zu einer Wirkungseinheit zusammengefaßt werden. In dieser lockeren oder weiten Fassung bleibt in dem Begriffe der Konzentration noch Raum, auch diejenigen Zusammenballungen zu berücksichtigen, die über die rechtliche Wirtschaftseinheit — die selbständige Untern ehrnung — hinausgreifen und sich in demjenigen Gebilde darstellen, das wir Konzern nennen wollten. Aber immer werden wir nur dann von einer neuen Wirtschaftseinheit sprechen dürfen, wenn ein einheitlicher Plan für die Wirtschaftsführung vorliegt. Wir werden von Fall zu Fall entscheiden müssen, wann das zutrifft. Die Konzentrationsbewegung, die ich im folgenden zur Darstellung bringen will, ist also eine Betriebskonzentration, die sich je nach der Fassung des Betriebsbegriffs bezieht auf EiuuudfünfzigBtes Kapitel: Die Konzentration 819 (1.) den Werkbetrieb, (2.) den Wirtschaftsbetrieb erster Ordnung (die Unternehmung), (3.) den Wirtschafts betrieb höherer Ordnung (den Konzern). Diesen wollten wir kürzer als Finanzbetrieb bezeichnen. Diese drei Betriebsarten und die auf sie sich erstreckende Konzentrationsbewegung scharf in der Wirklichkeit auseinanderzuhalten, ist nicht immer leicht. Vor allem, weil das Ziffernmaterial der Statistik, dessen wir gerade für die Klarlegung des vorliegenden Problems ganz besonders dringend benötigen, keineswegs immer oder auch nur in den meisten Fällen diese Unterscheidung trifft. Was die Statistik über Betriebsgrößen mitteilt, bezieht sich in der Regel nur auf die Gestaltung der Werkbetriebe, die zu allerdings erfreulich vielen Malen mit den Wirtschaftsbetrieben in ihrem Umfange zusammen fallen. Wo sich aber Werkbetrieb und Wirtschaftsbetrieb trennen — und das geschieht in unserer Zeit immer häufiger —, sind wir oft in groß er V erlegen- heit, mit Genauigkeit festzustellen, welchen von beiden die Statistik im Auge hat. Noch viel mehr versagt diese gegenüber den Wirtschaftsbetrieben höherer Ordnung, die, wie wir sehen werden, einstweilen nur in vereinzelten Fällen von der Statistik erfaßt sind. Wir werden alle die Darbietungen namentlich der amtlichen Statistik immer erst daraufhin zu prüfen haben, welche Betriebsart denn mm eigentlich die Begriffseinheit bei der Zählung gebildet hat. 2. Die treibenden Kräfte So verschieden die Wege sind, auf dem die Konzentration verläuft, so mannigfaltig sind die Gründe, die sie bewirken. Auch hier kommt man mit so simplizistischen Vorstellungen wie dem „Verwertungsstreben des Kapitals“ nicht mehr aus. Bei genauerem Zusehen entdecken wir etwa folgende Zusammenhänge: Zunächst kann man zwischen primärer, sekundärer, tertiärer usw. Konzentration unterscheiden. Die primäre Konzentration erfolgt aus Gründen, die nicht in der Konzentration selber liegen, sondern irgendwo anders, wie wir gleich sehen werden. Die sekundäre Konzentration hat ihre Veranlassung in einer schon an anderer Stelle erfolgten Konzentration, wenn etwa die Bankenkonzentration stattfindet, weil die industrielle Konzentration vorher vollzogen ist. Die tertiäre gründet in der sekundären usw. Was nun die Motive selbst anbetrifft, die zur Konzentration führen, so sind sie auf den verschiedenen Gebieten des Wirtschaftslebens sehr verschieden. An allgemeinen Aussagen lassen sich etwa folgende machen: So mbart, Hoohkapitalismus II. 52 820 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte Zunächst ist es selbstverständlich der in aller kapitalistischen Wirtschaft gelegene rein formale und irrationale Ausdehnungsdrang des „Kapitals“ oder des Unternehmertums, der auch hier wirksam ist. Es ist eine Art von psychischem Zwang, unter dem der einzelne Unternehmer steht. Oft will er nicht weiter auf der Bahn, aber er muß wollen. Ausführlich schildert Rockefeiler in seiner Selbstbiographie dieses Streben, Kapital auf Kapital zu türmen, das keinen anderen Grund hat als den, daß das Geschäft wächst. Man kann hier auch von einer immanenten Vergrößerungstendenz sprechen, die in der Expansion selber steckt. „Ein Keil treibt in der Regel den andern,“ erzählt uns Dr. Strousberg, „und so brachte der große Eisenbahnbau, wie ich ihn betrieb, weitere Anforderungen mit sich. Diese zu befriedigen, erweiterte ich meinen Wirkungskreis, entfernte mich immer mehr von meinem ursprünglichen Plan, und dies gewährte mir so viel Aussicht, daß ich mich nun ganz meinem Geschäfte hingab.“ Und diese immanente Vergrößerungstendenz scheint auch in dem größten modernen Expansionssystem wirksam gewesen zu sein, dem des Hugo Stinnes, dessen „unruhiger, nach ständiger Eroberung, Neuformung, Ausdehnung und Veränderung fiebernder Geist“ die letzte treibende Kraft seines Wirkens war. Sein Wirkungskreis aber dehnte sich sozusagen von selbst aus, „weil jeder erste Schritt einen zweiten zur Folge hatte und jeder zweite einen dritten, weil viel Verwandtes und Angliederungsbedürftiges ihm entgegendrängte oder entgegengetragen wurde, weil in diesem System dauernd Kapitalüberschüsse produziert wurden, die nach Anlage schrieen“. (Pinner.) (Ich bin diesen psychologischen Zusammenhängen weiter nachgegangen in meinem „Bourgeois“, Seite 219 ff., 448 ff.) Mit diesen irrationalen Beweggründen mischen sich nun aber zu einer unauflöslichen Einheit der Motivation zahlreiche rationale Erwägungen, die den Unternehmer zur Vergrößerung seines Betriebes drängen. Es ist das Bestreben, alle Vorteile der Rationalisierung auszunutzen, Vorteile, deren Nutzbarmachung oft genug an eine Mindestgröße des Betriebes geknüpft ist. Diese Vorteile sind sehr verschieden begründet: sie liegen hier in der Spezialisation, dort in der Kombination, hier in der Organisation des Absatzes, dort im inneren Aufbau des Betriebes, namentlich in der Vervollkommnung der Technik. Wenn sie nur erreichbar sind durch eine Ausweitung des Betriebes, sieht sich der Unternehmer der Notwendigkeit Einunclfiinfzigstes Kapitel: Die Konzentration 821 einer Expansion gegenüber. Diese Notwendigkeit wird zu einer absoluten, wenn der Betrieb zur Rationalisierung durch die Konkurrenz gezwungen wird. Das Beharren im Alten bedeutet dann nicht nur ein Lucrum cessans, sondern ein Damnum emergens. Die Vergrößerungstendenz wird dem Unternehmer alsdann aufgenötigt. Dieser unterliegt nicht nur mehr einem psychischen Zwange, wie ihn der Aus- dehnungsdrang enthält, sondern einem äußeren Zwange, dem er sich fügen muß bei Strafe des Untergangs seines Geschäfts. „Immer hoffen wir,“ sagte Carnegie einmal, „daß wir uns nicht noch weiter auszudehnen brauchen, stets aber finden wir wieder, daß ein Aufschub weiterer Ausdehnung einen Rückschritt bedeuten würde.“ „Ich behaupte, . . . daß Erweiterungen starker Unternehmungen . . . vorgenommen weiden dürfen, eben deshalb, weil ein den Zeiten und Verhältnissen angepaßter Umfang Lebensnotwendigkeit ist“, meinte Walther Rathenau. Und Henry Ford äußert jetzt denselben Gedanken fast mit den gleichen Worten: „Befindet sich ein Unternehmen nicht im Wachsen, so befindet es sich im Abnehmen.“ Das alles ist im einzelnen noch zu begründen. 3. Die Erfüllung der Bedingungen Damit dieser Ausdehnungsdrang oder Ausdehnungszwang nun aber sich in einer tatsächlichen Umgestaltung der Betriebsverhältnisse äußern konnte, mußte eine Reihe objektiver Bedingungen erfüllt werden. Auch diese sind von Fall zu Fall verschieden. Aller kapitalistischen Wirtschaft gemeinsam sind nur: die Heranbildung einer Unternehmerschaft, die immer größere Aufgaben zu erfüllen imstande war; das Anwachsen des Kapitals und die Ausdehnung der Verwertungsmöglichkeiten, namentlich des Absatzes. (Außergewöhnliche, vom Standpunkt der wirtschaftlichen Entwicklung aus gesehen zufällige Veranlassungen, die zur Expansion geführt haben, wie das Kriegsereignis, lassen wir aus unseren Betrachtungen aus.) Alles nun, was ich bisher über das Problem der Konzentration ausgeführt habe, weist darauf hin, daß es unmöglich ist, es für das gesamte Wirtschaftsleben nach einem einheitlichen Plan zu behandeln. Es hat verschiedene Formen und verschiedene Gründe und Bedingungen in den verschiedenen Sphären des Wirtschaftslebens, und dem- 52 * 822 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte gemäß muß auch unsere Darstellung sich verästeln. Dieser Anforderung ist im folgenden dadurch Eechnung getragen, daß ich die Konzentrationsbewegung auf den verschiedenen Gebieten getrennt untersuche. II. Die Landwirtschaft Hier ist denn nun sogleich mit aller Entschiedenheit festzustellen, daß von einer allgemeinen Konzentrationstendenz auf diesem annoch wichtigsten Wirtschaftsgebiete ganz und gar keine Eede ist. Wenn wir die Gestaltung der Betriebsverhältnisse in der Landwirtschaft während der hochkapitalistischen Periode überblicken, so nehmen wir wahr, daß einzelne Länder zu keiner Zeit so etwas wie eine Konzentrationsbewegung oder auch nur eine Tendenz zur Vergrößerung des Durchschnittsbetriebes erlebt haben. Zu ihnen gehören etwa Frankreich oder die Vereinigten Staaten von Amerika. Daß in anderen dagegen am Ende des 18. und im Anfang des 19. Jahrhunderts in der Tat eine Aufsaugung kleiner und mittlerer Betriebe stattgefunden, daß aber seit der Mitte des 19. Jahrhunderts auch in diesen Ländern der Großbetrieb keine Fortschritte gegenüber dem kleinen und mittleren Betriebe gemacht hat, geschweige daß er selbst eine Vergrößerung seines durchschnittlichen Umfanges erfahren habe. Zu diesen Ländern gehören etwa Großbritannien und Deutschland. Zunehmende Ver- O schuldung aber als eine Form der Konzentrationsbewegung zu erklären, wie es manche orthodoxe Marxisten tun, ist ein starkes Stück und ein Verfahren, das in wissenschaftlichen Beweisführungen nicht statthaft sein sollte. Wenn also M a r x in der Landwirtschaft dieselben „Gesetze“ der Konzentration glaubte nachweisen zu können wie auf anderen Gebieten des Wirtschaftslebens, wenn er den Untergang des Kleinbetriebes in ihr prophezeite, so hat er sich eben ganz einfach und ohne alle Umschweife geirrt. Die Ziffern der Statistik widerlegen diese Ansicht gründlich. Zur Statistik der Betriebsgestaltung in der Landwirtschaft: Deutschland: Von 100 ha Gesamtfläche entfielen: 1907 1895 1882 auf Betriebe mit 5 ha 15,7 15,1 14,9 >j >> j> 5—20 JJ 32,0 29,0 28,6 „ „ „ 20-100 5 J 29,3 30,4 30,9 „ „ über 100 >> 23,0 25,5 25,6 „ „ „ 200 17,8 20,1 20,8 Stat. d. D. Reiches 112II, 12. Einundfünfzigstes Kapitel: Die Konzentration 823 Vereinigte Staaten von Amerika: Die Durchschnittsgröße des angebauten Landes einer Farm betrug: 1850 . . . 78,0 acres (= 2 / s ha) 1880 . . . 71,0 >> 1890 . . . 78,3 >3 1900 . . . 72,2 »> 1910 . . 75,2 >3 1920 . . 78,0 33 Die Verteilung der Betriebe und des von ihnen angebauten Landes auf die einzelnen Größenklassen kommt in folgenden Ziffern zum Ausdruck: Zahl der Betriebe (vom Hundert) Größenklasse 1880 1890 1900 1910 1920 unter 10 acres. 3,5 3,3 4,7 5,3 4,5 10—19 „. 6,4 5,8 7,1 7,9 7,9 20—49 „. 19,5 19,8 21,9 22,2 23,3 50—99 „. 25,8 24,6 23,8 22,6 22,9 100—499 „. 42,3 44,0 39,9 39,2 38,1 davon 100—174 acres — — 24,8 23,8 22,5 500—999 acres. L9 1,8 1,8 2,0 2,3 über 1000 „. 0,7 0,7 0,8 0,8 1,0 Bewirtschaftete Fläche (vom Hundert) Größenklasse 1900 1910 1920 unter 20 acres .... 1,6 1,7 1,6 20—49 „ .... 8,0 7,6 7,7 50—99 „ .... 16,2 14,9 14,4 100—174 „ .... 28,6 26,9 25,5 175—499 „ .... 32,7 33,8 33,8 500—999 „ .... 7,1 8,5 9,6 über 1000 ,, .... 5,9 6,5 7,5 Die Masse der Farmen liegt also in den Größenklassen zwischen 50 und 500 acres und bleibt im wesentlichen darin mit 77,5, 75,6, 73,3%. Die Großbetriebe machen einen kleinen Teil aus, der sich in den letzten 20 Jahren ein wenig vergrößert und den Prozentsatz ungefähr wieder erreicht hat, der ihm dreißig Jahre früher bereits zukam. Diese Schwankungen hängen mit den Schwankungen der Ansiedlungen und der Anbauweise in den verschiedenen Gebieten der Vereinigten Staaten zusammen. Der Durchschnitt für das ganze Land gibt deshalb kein getreues Bild der Entwicklung. Er ist der Durchschnitt aus Ziffern, die eine sehr verschiedene Bewegung widerspiegeln. So kommt die leise Vergrößerung der Durchschnittsfarm von 1900—1920 zustande aus ebensoviel Abnahme- wie Zunahmetendenz. Von den Staatengruppen, in die die Statistik das Land zu teilen pflegt, 824 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte weisen in diesem Zeitraum vier eine Tendenz zur Vergrößerung, dagegen fünf eine solche zur Verkleinerung auf: Staaten mit Vergrößerungstendenz der Durchschnittsfarm Staatengruppe 1900 1910 1920 East North Central . . 76,3 79,2 81,0 die West North Central 127,9 148,0 156,2 ' länder West South Central . 52,7 61,8 64,4 Mountain. 82,9 86,8 123,3 Staaten mit Verkleinerungstendenz der Durchschnittsfarm Staatengruppe 1900 1910 1920 New England .... 42,4 38,4 39,1 Middle Atlantic . . . 63,4 62,6 62,5 South Atlantic .... 47,9 43,6 41,9 East South Central 44,5 42,2 42,2 Pacific. 132,5 116,1 102,2 Statistical Abstract U. S. Fragen wir nach den Gründen, warum in der Landwirtschaft keine Neigung zur Betriebskonzentration besteht, so liegen sie für den vorurteilslosen Beobachter und Beurteiler zutage. Soviel ich sehe, sind es vornehmlich folgende: (1.) Das Kapital hat keine große Vorliebe, sich in der Landwirtschaft produktiv zu betätigen (weshalb es auch so wenig Aktiengesellschaften in der Landwirtschaft gibt). Und zwar wohl deshalb nicht, wie ich an einer anderen Stelle schon äußerte, weil die Gewinnchancen, namentlich die Aussicht auf Extraprofit, dank dem bei intensivem Betrieb abnehmenden Ertrage, in der Landwirtschaft geringer sind als anderswo. Dazu kommt, daß die kapitalisierte Grundrente den Bodenpreis so hoch gesteigert hat, daß ein lohnender Kapitalprofit bei Neuerwerb eines Grundstücks nicht zu erwarten ist. Endlich wird der Umstand mitsprechen, daß die Beschaffung der Arbeitskräfte in der Landwirtschaft wegen ihres Saisoncharakters größere Schwierigkeiten bereitet als anderswo. (2.) Die Landwirtschaft steht nicht in gleichem Maße unter dem Zwangsgesetz der Konkurrenz: einerseits wegen ihres starken eigenwirtschaftlichen Einschlags, der den landwirtschaftlichen Betrieb vom Markte überhaupt unabhängig macht; andererseits dank dem Umstande, daß die Preise landwirtschaftlicher Erzeugnisse der Regel nach nicht nach den Produktionsbedingungen der besten, sondern nach Einundfünfzigstes Kapitel: Die Konzentration 825 dem der schlechtesten Wirtschaft bestimmt werden. „Rückständige“ Wirtschaft bewirkt also in der Landwirtschaft, im Gegensatz zur gewerblichen Produktion, immer nur ein Lucrum cessans, kein Damnum emergens. (3.) Der Großbetrieb gewährt nun aber zu allem Überfluß gar keinen oder nur unbedeutende Vorteile gegenüber dem kleineren Betriebe, die dieser sich nicht auch verschaffen könnte, während der kleinere Betrieb sich in mancher Beziehung dem Großbetriebe sogar überlegen zeigt. Die Gründe, warum der Großbetrieb in der Landwirtschaft geringere Vorzüge als auf anderen Wirtschaftsgebieten gewährt, liegen in zwei Eigenarten der Landwirtschaft: dem Nacheinander ihrer einzelnen Produktionsprozesse und der Ausdehnung ihres Betriebsfeldes. Durch jene wird die vorteilhafte Anwendung der Spezialisation sowie die ökonomische Ausnutzung der Maschinerie, durch diese die Anwendung der Kooperation im großen sowie die Vereinheitlichung der Kraftquelle unmöglich gemacht oder doch sehr erschwert. Spezialarbeiter können nicht ausgebildet werden, weil sie nur während einer kurzen Zeit des Jahres Beschäftigung finden würden, und aus demselben Grunde werden Maschinen nur unvollkommen genutzt. Kooperation im großen sowie Kraftkonzentration und Krafthäufung sind deshalb unmöglich, weil die Arbeiten an sehr verschiedenen Stellen abwechselnd ausgeführt werden. Das gilt vor allem für die Bestellung und die Pflege der Pflanzen. Der Arbeiter, hat man mit Recht gesagt, muß überall hingehen, weil der Arbeitsgegenstand wie über eine riesige Werkstatt ausgebreitet ist. Er kann nur eine Pflanze auf einmal behandeln. Es können nicht mehrere Pflanzen auf einen Haufen geworfen werden — das Material vereinigende Verfahren ist nicht anwendbar —, und die Pflanzen können sich auch nicht am Arbeiter vorbeibewegen. Wenn 10 Pflanzen da sind, muß ein Arbeiter 10 Minuten, müssen 10 Arbeiter 1 Minute arbeiten. Sollen 2 Rübenflächen verzogen werden, die eine von 1 ha, die andere von 10 ha Größe, so wird sich die Zahl der Arbeiter wie 1: 10 verhalten, wenn die Arbeit in gleicher Zeit und in gleicher Intensität erfolgt. Die Leistung wird auch in beiden Fällen die gleiche sein. Kooperation fängt erst an, wenn das Produkt vom Boden gelöst ist: bei der Einbringung der Ernte. Aber auch hier unterliegt ihre Ausdehnung sehr engen Schranken. Wegen der Ausdehnung des Arbeitsfeldes sind auch die landwirtschaftlichen Maschinen bis auf den Dampfpflug so klein bemessen, daß sie von Zugtieren bewegt werden und daher schon bei geringer Betriebsgröße das Optimum ihrer Ausnutzung erreichen. 826 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte Nach G. Fischer, Die soziale Bedeutung der Maschine in der Landwirtschaft (1902), ist die Grenze der Verwendbarkeit für die durch Zugtiere bewegten Maschinen: bei Drillmaschinen von 3,7 m Breite. 17,0 ha ,, » » L8 ,, ,, 8,8 ,, ,, Hackmaschinen .0,23—3,7 ,, ,, Getreidemähmaschinen mit Selbstablage .... 7,1 „ „ „ „ Handablage. 5,1 „ ,, „ ,, Garbenbinder .... 24,3 ,, ,, Dampfpflügen. 1000,0 „ Beim Dampfpflug ist rentabel: das Zweimaschinensystem bei 38 % Tagen Benutzung, „ Ein „ „ 48% Dieses Optimum erreicht selbst der einzelne Großbetrieb selten, weshalb auch bei diesen die Dampfpflüge meist ausgetauscht werden. Von 2995 Betrieben, die Dampfpflüge verwandten, benutzten nur 415 eigene Maschinen. Die Dampfdreschmaschine ist erst bei einer Benutzungszeit von 12,1 Tagen billiger als Handdrusch; in 12,1 Tagen werden aber 121000 kg gedroschen; solche Mengen Getreide dreschen aber selbst sehr große Betriebe nicht aus; daher wiederum starke leihweise Benutzung. Vgl. auch A. Lang, Die Maschine in der Rohproduktion. 2. Teil. 1904. Es ist möglich, daß diese Sachlage durch Verbreitung der elektrischen und Benzinmotoren eine Veränderung erfährt. In der abgelaufenen Periode haben diese Kräfte ihre umstürzende Wirkung noch nicht geäußert. Viele der Vorzüge aber, die der Großbetrieb zweifellos auch in der Landwirtschaft hat, konnte sich der Kleinbetrieb zunutze machen, im wesentlichen mit Hilfe des genossenschaftlichen Zusammenschlusses. Da ich über diesen in anderem Zusammenhänge ausführlicher sprechen will (siehe das 58. Kapitel), so begnüge ich mich hier mit diesem Hinweise. Endlich verliert der Großbetrieb an Vorsprung vor dem Kleinbetrieb dadurch, daß dieser, wie ich sagte, in mancher Hinsicht jenem sogar überlegen ist. Das ist der Fall überall dort, wo über die Leistungsfähigkeit des Betriebes das Maß von Arbeitsintensität und Axbeitsinteressc entscheidet, die beide beim Kleinbetrieb, das heißt hier dem bäuerlichen Betriebe, größer sind als im Großbetriebe. Wozu kommt, daß sich der kleine, selbständige Wirt leichter Entbehrungen auferlegt und, wenn es nötig ist, seine Arbeitskraft niedriger einschätzt, als es beim Lohnarbeiter im Großbetriebe der Fall ist, wenn dieser überhaupt zu bekommen ist. In der Unabhängigkeit von dem Lohnarbeiter liegt ein letzter entscheidender Grund für die Überlegenheit des bäuerlichen Wirtes. Einundfünfzigstes Kapitel: Die Konzentration 827 III. Gewerbe 1. Die Formen der Konzentration Nirgends ist das Bild, das die Konzentrationsbewegung bietet, so bunt wie auf dem Gebiete der gewerblichen Produktion. Begreiflicherweise allein angesichts der Verschiedenartigkeit der Tätigkeiten, die wir unter dem Begriffe des „Gewerbes“ zusammenfassen, und die vom Bergbau bis zur Konfektionsindustrie reichen. Dadurch muß sich der Werkbetrieb in der mannigfaltigsten Weise gestalten. Aber es kommt dazu, um das Bild noch bunter zu machen, daß gerade auf dem Gebiete des Gewerbes der Werkbetrieb häufig mit dem Wirtschaftsbetrieb sich nicht deckt, und daß immer mehr neben den Wirtschaftsbetrieben erster Ordnung (der selbständigen Unternehmung) Wirtschaftsbetriebe höherer Ordnung (Konzerne) für die Organisation des Wirtschaftslebens entscheidend werden. Wenn es sich um die Konzentration handelt, möchten wir nun aber, wie schon ausgeführt, ihr Vorkommen in allen drei Bereichen der Betriebsgestaltung verfolgen. Endlich: wenn wir die Werkbetriebskonzentration ziffernmäßigerfassen wollen, werden wir die Betriebsgröße bald als personale, bald als reale bald als kapitale (s. o.) gelten lassen müssen. Wodurch abermals das Bild, das wir entwerfen, um einige Farben bereichert wird. Besondere Schwierigkeit bereitet die Feststellung der Konzentration auf der höchsten Stufe der Betriebsgestaltung: im Bereich der Konzerne. Ich sagte schon, daß wir bei deren Betrachtung uns immer die Frage vorlegen müssen, ob ein einheitlicher Unternehmerwille zutage tritt und somit eine neue Betriebseinheit geschaffen wird, und daß dies von Fall zu Fall zu prüfen ist. Nur wo diese Betriebseinheit vorliegt, wollten wir von Konzentration sprechen. Um zu verdeutlichen, in welcher Weise diese Scheidung zwischen Betriebskonzentration und Vermögenskonzentration vorzunehmen ist, will ich den größten „Konzern“ (das Wort wird hier in einem ungenauen Sinne verwertet), den Stinnes-Konzern, in seiner ersten Vollendung (im Jahre 1920) beschreiben, um dann zu sagen, was dabei in unserem Sinne die Bezeichnung „Konzern“ verdient und als Konzentrationserscheinung allein in Betracht kommt, was wir dagegen als belanglos auszuschalten haben. Der Stinnes-Konzern 1920: Die Deutsch-Luxemburgische Bergwerksund Hütten-A.-G., eines der ursprünglichen Stinnes-Unternehmungen, beschloß Anfang Juli des Jahres 1920, mit der Gelsenkirchener Bergwerks- A.-G. mit Wirkung vom 1. Oktober 1920 ab auf die Dauer von 80 Jahren 828 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft! Prozesses i. d. Geschichte eine Interessengemeinschaft einzugehen. Als Spitzenorganisation wurde von beiden Gesellschaften gemeinsam die Rhein-Elbe-Union G. m. b. H. gegründet. Neben Stinnes waren Generaldirektor Vogler und Emil Kirdorf die leitenden Kräfte dieser Konzentration. Die von beiden Gesellschaften erzielten Gewinne wurden zusammengeschüttet, und es erfolgte eine Dividendenausgleichung. Diese Interessengemeinschaft wurde zur gegenseitigen Ergänzung der Gelsenkirchener Bergwerkgesellschaft (Kapital 130 Mill. Mk.) und der Deutsch-Luxemburgischen Bergwerks- und Hütten- A.-G. (Kapital 130 Mill. Mk.) nach Verlust der luxemburgischen und lothringischen Anlagen beider Gesellschaften gebildet. Die Rhein-Elbe- Union hat im Oktober die Aktienmajorität des Bochumer Vereins für Bergbau und Gußstahlfabrikation, dessen gesamtes Aktienkapital 57 Mill. Mk. beträgt, erworben und somit den Bochumer Verein in diese Interessengemeinschaft einbezogen. Damit ist ein Zusammenschluß der drei größten Gemischtwerke des Westens erreicht. Ferner ist eine weitere Vergrößerung der Interessengemeinschaft durch Einbeziehung des großen Elektrizitätskonzerns Siemens-Schuckert (Siemens & Halske A.-G., Berlin, Elektrizitäts- ges. vorm. Schuckert in Nürnberg und Siemens-Schuckert-Werke G.m.b.H.) geplant. Hierbei soll ebenfalls eine Zusammenschüttung der Gewinne und eine Dividendenausgleichung sowie eine wechselseitige Vertretung in den Aufsichtsräten erfolgen. Schließlich hat sich die Rhein-Elbe-Union eine Anzahl Aktien der Gebr. Böhler A.-G. zum Zwecke einer Interessengruppierung der deutschen Edelstahlproduzenten gesichert. Als weiteres Kernunternehmen des Stinnes-Konzerns ist das Rheinisch- Westfälische Elektrizitätswerk, das von Stinnes gegründete gemischtwirtschaftliche Stromerzeugungswerk, an dem außer ihm eine Reihe westfälischer und rheinischer Gemeinden beteiligt sind, zu nennen. Auch dieses Werk hat eine Erweiterung erfahren, und zwar durch Angliederung der Sächsischen Kraftwerke A.-G. in Osnabrück auf dem Wege des Aktienaufkaufs. Ferner hat das Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk einen Betriebsgemeinschaftsvertrag für die Dauer von 90 Jahren mit dem Braunkohlenwerk Roddergrube abgeschlossen, der gegenüber eine Dividendengarantie übernommen wurde. Für später ist ein völliger Erwerb geplant. Die Roddergrube soll als Rohstoffgrundlage für die Elektrizitätswirtschaft ausgebaut werden. Außerdem besitzt der Stinnes-Konzern eine weitere Braunkohlenbeteiligung an den Mitteldeutschen A. Riebeckschen Montanwerken, zu deren Aufsichtsratsvorsitzenden Stinnes vor einiger Zeit gewählt wurde. Der Stinnes-Konzern hat ferner die Aktienmajoritäten der Königsberger Zellstoffabrik A.-G. und der Norddeutschen Zellulosefabriken A.-G. erworben. Auch die Berliner Lohndruckerei W. Büchsenstein hat Stinnes aufgekauft und in die Firma Buch- und Zellstoffgewerbe Hugo Stinnes G. m. b. H. eingebracht. Außerdem kaufte Stinnes die Norddeutsche Buchdruckerei und Verlags-A.-G., die Verlegerin der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ und der „Industrie- und Handelszeitung“. Diesem Unternehmen hat Stinnes dann ein eigenes Nachrichtenbureau mit Agenturen in allen größeren Ländern angegliedert. Auch in die parlamentarischen Bureaus begann sein Einfluß sich zu erstrecken. Einundfünfzigstes Kapitel: Die Konzentration 829 Eine weitere Ausdehnung erfuhr der Stinnes-Konzern durch den Majoritätserwerb von Aktien der Loeb-Automobilwerke in Charlottenburg. In Gemeinschaft mit der Hamburg-Amerika-Linie errichtete Stinnes die Hamburger Verkehrs-A.-G., die Besitzerin von Hotels in Berlin (Hotel Esplanade), Hamburg, Frankfurt a. M. usw. ist. Schon im Kriege beteiligte sich Hugo Stinnes an der Woermann- und Ostafrika-Linie, und zwar ebenso wie bei der Hamburger Verkehrs-A.-G. zusammen mit der Hamburg- Amerika-Linie. An Werftbeteiligungen besitzt der Stinnes-Konzern seit langem die „Nordsee-Werft“ in Emden durch die Deutsch-Luxemburgische Bergwerksund Hütten-A.-G.; die Gelsenkirchener Bergwerks-A.-G. errichtet in Flensburg eine eigene Schiffswerft. Außer den Industriebeteiligungen besitzt der Stinnes-Konzern maßgebende Interessen im Kohlenhandel und in der Binnenschiffahrt. (Aus dem „Berliner Tageblatt“.) Aus diesem bunten Gemisch werden wir als wirtschaftliche (Betriebs-) Einheit die Siemens-Rhein-Elbe-Schuckert-Union herausschälen 'müssen. Denn in ihr tritt ein einheitlicher Unternehmerwille tatsächlich in die Erscheinung. Der Zusammenschluß erfolgte nach dem Vertrage in dem Sinne, daß der Verband „unter Wahrung der rechtlichen und verwaltungsmäßigen Selbständigkeit (der einzelnen Werke) eine wirtschaftliche Einheit“ bildet. Diese äußert sich einerseits in der Vereinigung der Gewinne zu einer Masse, an der die vertragschließenden Werke mit einer Quote beteiligt wurden. Andererseits in der Einsetzung gemeinsamer Verwaltungsorgane: der Geschäftsführung der Siemens-Rhein-Elbe-Schuckert-Union G. m. b. H. und des Gemeinschaftsrats. Die G. m. b. H. hat die Aufgabe, die Durchführung des Gemeinschaftsgedankens sicherzustellen und eine Anzahl festgelegter Aufgaben zu übernehmen. Zu diesen gehört z. B. die Durchführung einer einheitlichen Elektrizitätswirtschaft. Der Gemeinschaftsrat hat die oberste Entscheidung in allen Fragen der Interessengemeinschaft. Er besteht aus Mitgliedern der Aufsichtsräte und der Vorstände der Vertragsgesellschaften. Die Mitglieder der Vorstände sind zugleich Geschäftsführer der Union. Das ist der dauerhafte Kern des „Stinnes-Konzerns“. Alles, was Hugo Stinnes sonst noch in seiner weitausgreifenden Hand zusammengefaßt hatte, ist ungegliederter Kram. Ist eine Eintagserscheinung, die für die dauernde Gestaltung des Wirtschaftslebens ohne Belang war. Dieses ephemere Gebilde ist kein „Konzern“, sondern stellt eine Art von „Sammlungen“ dar, wie Briefmarken- oder Käfersammlungen. Das gilt von den meisten „Konzernen“ der Inflationszeit. Auf sie paßt das Wort: „Wie gewonnen, so zerronnen“. 2. Die Gründe der Konzentration Natürlich gelten die allgemeinen Gründe, auf die wir die Konzentrationsbewegung zurückgeführt haben, auch für die Konzentration in 830 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte dergewerblichen Produktion. Daneben aber lassen sieb noch verschiedene besondere Gründe, die diese befördert haben, namhaft machen. Von diesen soll hier die Rede sein. Es sind folgende: 1. Produktionsgründe, wie wir zusammenfassend diejenigen Gründe nennen können, die in dem Bestreben liegen, den Produktionsprozeß so rationell -wie möglich zu gestalten. Sie sind zunächst rein technischer Natur. Wir wissen aus den Kapiteln dieses Werkes, die von der Eigenart der modernen Technik handeln, daß deren Fortschritte großenteils nur durch Vergrößerung des Produktionsmittelapparates ausgenutzt werden können. Die einzelne Maschine, das einzelne Gefäß muß einen Mindestumfang haben, um den Anforderungen der Technik zu entsprechen, und jede Maschine, jedes Gefäß bildet wiederum den Bestandteil eines Systems von Maschinen und Gefäßen, das dementsprechend ebenfalls eine Mindestgröße haben muß. Die Mindestgröße und ebenso die optimale Größe des Produktionsmittelapparates erheischen aber, wie wir ebenfalls schon feststellen konnten, eine Mindestgröße oder optimale Größe des Betriebes. Vergrößern sich also jene, so müssen sich diese notwendig ebenfalls vergrößern. Welche Anforderungen der technische Fortschritt aber solcherweise an die Betriebsgröße stellt, mag an einigen Beispielen erläutert werden. In der Papierindustrie, hat erst die Einführung der Papiermaschine die Anforderungen an den Produktionsmittelapparat gesteigert. Dann war es der Übergang zum Holzschliff- und Zellulosepapier, der die Fabrikation im großen rationeller gestaltete. Wenn die früheren Maschinen eine Höchstproduktion von 6000 kg am Tage leisteten, so ist die Fähigkeit, heute bis zu 12000 kg zu gelangen, zum größten Teile erst ermöglicht durch die Einführung der Zellulose. Siehe darüber die guten Ausführungen bei Franz Schäfer, Die wirtschaftliche Bedeutung der technischen Entwicklung in der Papierfäbrikation (1909), 183ff. Im Druckereigewerbe haben Rotationspresse und Setzmaschine die optimale Betriebsgröße in die Höhe geschraubt. In der Schuhmacherei können mit einer Überhol-, drei Zwick- und einer entsprechenden Anzahl Hilfsmaschinen bis zu 1000 Paar Schuhe am Tage bei zehnstündiger Arbeitszeit hergestellt werden. 333 Paar oder 28 Dutzend Paar Schuhe pro Tag und Zwickmaschine waren vor dem Kriege die Leistungen der Amerikaner. Rechnen wir, daß auf jedes Paar Stiefel mindestens ein halber Arbeiter kommt, so ergeben sich sehr hohe optimale Betriebsgrößen. Vgl. Friedrich Behr, Die volkswirtschaftliche Bedeutung der technischen Entwicklung in der Schuhindustrie [1909], 15. Bei der Baumwollspinnerei wird die Mindestgröße des Betriebes durch die völlige Ausnutzung der hochwertigen Vorbereitungsmaschinen be- Einundfünfzigstes Kapitel: Die Konzentration 831 stimmt, so daß heute eine Spinnerei für Garn mittlerer Nummern mindestens 10000 Spindeln haben muß, um rentabel zu sein. Ein solches Unternehmen erforderte vor dem Kriege etwa y 2 Million Mk. Kapital. A. Oppel, Die Deutsche Textilindustrie (1910), 654. Die optimale Größe einer Baumwollspinnerei für grobe Garne setzt Lincoln (a. a. 0. Seite 586/87) jetzt auf 60—100000 Spindeln, die Mindestgröße einer solchen für feine Garne auf 5000 Spindeln an. Diese Feinspinnerei kommt mit einem Kapital von 100000 $ aus. Vgl. auch Chapman and Ashton a. a. O. für die englische Baumwollindustrie. Die Mindestgröße einer Gummireifenfabrik erheischt bei einer Monatsproduktion im Werte von 500000 $ ein Kapital von 2 Millionen Dollar. Das Optimum liegt zwischen dieser Mindestgröße und den größten Fabriken, die mit einem Kapital von 100 Millionen Dollar arbeiten. Lincoln a. a. O. Für die Montanindustrie galten in der letzten Zeit vor dem Kriege folgende Sätze: Kohlenbergwerk (Tiefbau): Normalgrößen: 500000 t Leistung; Kapitalaufwand 514 — 6 y 2 Millionen Mk.; eine Doppelschachtanlage mit 1 Million Tonnen kostete 9 Millionen Mk. Hochofen: Kostete im Ruhrgebiet 2 y 2 , in den Vereinigten Staaten 6 Millionen Mk. mindestens. Stahlwerk: EinPuddelwerk mußte mindestens 20 Öfen und eine Luppenstrecke haben und kostete 300000 Mk.; ein Bessemerwerk 4Birnen zu 20t und ein Blockwerkwalzwerk und kostete 15 Millionen Mk.; ein Thomaswerk mußte auf eine Mindestproduktion von 400000 t eingerichtet sein. Walzwerk: Das schon 1890/91 erbaute Essener Panzerplattenwerk kostete 12 Millionen Mk. Ein ganzes Eisen- und Stahlwerk wurde vor dem Kriege in Deutschland bei optimaler Gestaltung auf 55 Millionen, in den Vereinigten Staaten auf 80—120 Millionen Mk. Anlagekapital geschätzt. Na — und so weiter! Es ist nun auch in Rücksicht zu ziehen, daß die Kraftanlagen immer höhere Ansprüche an die Betriebsgröße und damit die Kapitalanlage stellen. Wir wissen schon, daß die einzelne Maschine um so billiger wird, je größer dimensioniert sie ist (siehe oben Seite 541). Das Streben nach optimaler Nutzung der Kraftmaschine drängt also ebenfalls auf die Ausweitung der Betriebe hin. Im letzten Menschenalter, seit die Technik die Übertragung des elektrischen Stromes für Heiz- und Kraftzwecke ermöglicht hat (siehe Seite 106), ist nun ein neuer Anstoß zur Anlage großer, und zwar ganz großer Betriebe, in denen die elektrische Kraft erzeugt wird, entstanden. Auch hier ist die Entwicklung zu immer größeren Ausmaßen fortgeschritten. Während 1891 bei Anlage der ersten Übertragung der elektrischen Energie mittels Drehstroms die übertragene Energie 100 PS bei einer Spannung von 16000 Volt betrug, wurde bei der 1912 in 832 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte Betrieb gesetzten Überlandzentrale Lauchhammer eine Spannung von 110000 Volt verwendet, während in Amerika schon Spannungen von 150000 Volt und mehr Vorkommen. Das Entscheidende ist auch bei der Elektrizitätswirtschaft, daß die Selbstkosten sich mit der Ausweitung der Anlage verringern. So kostet die Kilowattstunde bei einer jährlichen Benutzungsziffer von 500: 45 Pf. 1 3000: 7 Pf. 1000: 17 „ 5000: 5 „ 2000: 8 „ | 8000: 3,5 „ Quellen bei E. Fischer, Das sozialistische Werden, 114f. Sehr lehrreich ist es, diese Sätze mit denen der früheren Zeit zu vergleichen, um die gewaltige Ausdehnung zu ermessen, die die industriellen Anlagen im Laufe der hochkapitalistischen Periode erfahren haben. Der Leser, der sich für diese Dinge interessiert, findet ein großes Material für die frühkapitalistische Epoche im 46. Kapitel des zweiten Bandes dieses Werkes, ein Material, das bisher von niemandem genutzt worden ist. Ein Vergleich zwischen den Zuständen im Anfang und am Schlüsse des hochkapitalistischen Zeitalters zeigt, daß für eine große Menge von Gewerben, zu denen vor allem auch die Textilindustrie gehört, vor 150 Jahren noch die Außmaße des alten Handwerksbetriebes galten, daß aber auch in denjenigen Gewerben, in denen der Kapitalismus bereits Einzug gehalten hatte, die Ausmaße des Produktionsmittelapparates und damit die Anforderungen an die Betriebsgröße verglichen mit der heutigen winzige waren. Um nur die Größenverhältnisse der Eisen- und Stahlwerke zum Vergleich heranzuziehen, so wurden im 18. Jahrhundert „gemischte Werke“, die es damals schon gab, und die aus Hochöfen, Frischfeuem, Zainhammer, Bohrwerk, Blankschmiede, Gießerei bestanden, mit etwa 20—40 000 fl. bewertet. Das größte Hüttenwerk der damaligen Zeit, das dem Mons. de la Chaussade gehörte und in Guerigny lag, wurde allerdings im Jahre 1781 schon für 3 Millionen Livres (Franken) an den Staat verkauft. Aber das war eine seltene Ausnahme. Hoch im Jahre 1852 veranschlagte man das gesamte Kapital, das in der Nassauer Eisenindustrie (20 Hochöfen und 4 Hammerwerken und Gruben) steckte, auf 1 235 000 fl. Zu den Produktionsgründen, die eine Neigung zur Ausweitung der Betriebe erzeugen, müssen wir nun aber auch das Bestreben rechnen, den Betrieb organisatorisch auf die Höhe zu bringen oder auf der Höhe zu erhalten. Und da ist es vor allem die rationelle Abgrenzung der Be- Einundfünfzigstes Kapitel: Die Konzentration 833 triebsinhalte, die oft genug die Konzentration erheischt: sowohl Kombination wie Spezialisation drängen auf diese hin. Bei der Kombination liegt es auf der Hand, daß sie der Regel nach mit einer Ausweitung des Betriebes verbunden ist, da man in den seltensten Fällen die einzelnen Betriebe, die man zu einer neuen Einheit zusammenschließt, verldeinern wird. Aber auch über diese durch den Zusammenschluß gebotene Umfangserweiterung hinaus reizt die Kombination zur Konzentration. Beispiel: Die Entwicklung von „Gelsenkirchen“. Erst wird eine Interessengemeinschaft zwischen dem Bergwerksbetriebe und zwei Hüttenwerken geschaffen, weil es als reine Zeche im Nachteil war. Daraufhin wurde seine Kohlen- und Kokserzeugung entsprechend ausgedehnt. 1908 bei dem Zusammenbruch blieb es vor allem auf großen Kokslägern sitzen. Es blieb ihm nun nichts übrig, als seine Erzeugung von Eolgeprodukten immer weiter auszudehnen. So wurde im Krisenjahr (!) 1909 eine Kapitalvermehrung von 60 Millionen Mk. beschlossen, vornehmlich zum Ausbau der Werke für Herstellung von Fertigfabrikaten und zur Anlage eines Hafens in Gelsenkirchen. Aber ebensosehr bietet die Spezialisation zwischen Betrieben Anlaß zur Vergrößerung, ja hat diese ebenfalls zur Voraussetzung. Beispiel: der oben bereits erwähnte Fall der Spezialisation zwischen den Walzwerken. In dem ebenfalls bereits angezogenen Geschäftsbericht der Oberschlesischen Eisenindustrie A.-G. heißt es weiter: „Eine Voraussetzung für Durchführung der Unifizierung des Walzeisenbetriebes besteht darin, daß die vereinten Gesellschaften die Fabrikation auf gemeinschaftliche Rechnung führen, wodurch es für den einzelnen Komponenten gleichgültig wird, ob ihm mehr oder minder gewinnbringende Walzeisensorten zur Abarbeitung überwiesen werden.“ Drängt in diesem Falle die Spezialisation auf den Konzern hin, so erzwingt sie als Spezialisation i m Betriebe die Erweiterung des Werkbetriebes, da ja, wie wir bei unseren theoretischen Besinnungen schon festgestellt haben, das Maß der Spezialisation der einzelnen Arbeitsverrichtungen im geraden Verhältnis zur Größe des Betriebes steht. Zunehmende Differenzierung des Arbeitsprozesses, die, wie noch zu zeigen sein wird, ebenfalls eine Erscheinung der hochkapitalistischen Wirtschaft ist, bedingt also die zunehmende Vergrößerung des Betriebes. Neben den Produktionsgründen hat die gewerbliche Konzentration 2. Absatzgründe. Als solche kommen in Betracht: 834 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte a) das Streben, sich unabhängig zu machen von irgendwelchen den Rohstoffbezug oder den Absatz der Waren störenden Einflüssen: man gliedert im Auslande gelegene Werke an, um den Rohstoffbezug zu sichern (Stinnes! Krupp!); man errichtet Zweigfabriken im Auslande, um der Verzollung zu entgehen: A.E.6.; b) das Streben, den Absatz besser zu organisieren: Verkaufsstellen der A.E.G. Oder folgender Fall: Die Zusammenfassung der Krefelder Seidenweberei in der Rheinischen Seidenweberei A.-G. gewähre, sagen die Begründer, Nutzen vor allem dadurch, „daß der ganze Konzern, der in einer Gesamtheit auch der fernliegenden Auslandsmärkte einen erheblichen Absatz hat, aus diesem Grunde dort in lohnender Weise eigene Verkaufsagenten arbeiten lassen könne, deren Verkaufskraft wesentlich größer sei als die der vorher für den getrennten Absatz der Einzelfirmen verwendeten Importhäuser.“ Auch die Verschmelzung der Nürnberger Metallindustrie und verwandter Branchen in den Bingwerken A.-G. will besonders durch ihre gemeinsame Vertriebsorganisation, die Concentra, Vorteile erzielt haben. H. v. Beckerath, Kräfte [1922], 56; c) das Streben, im Konkurrenzkampf mehr Macht entfalten zu können: Die Kleinen sind „at the mercy of the aggressive and predatory policy of the less efficient but financially more powerful rival“, heißt es in dem von H. v. Beckerath, a. a. 0. Seite 44, mitgeteilten Report on Dyes and Dyestuffs (London 1921). Eine dritte Gruppe von Gründen, die die Konzentrationsbewegung im Gewerbe verständlich machen, liegt auf dem Gebiete 3. der Finanzierung. Vielfach nämlich ist es die Bank, die eine Fusion oder wenigstens einen Konzern zustande bringt, indem sie die Schwierigkeiten überwindet, die in dem Widerstande der Aktionäre, des Vorstandes oder des Aufsichtsrates liegen. Es gelingt ihr, sei es durch ihr Gläubigerverhältnis zu den widerstrebenden Gesellschaften, sei es durch ihre vorherrschende Stellung auf dem Geldmärkte, durch die sie sich die Stimmenmehrheit in der Generalversammlung verschafft. Sie ist aber an dem Zusammenschluß, der sich tunlichst als Fusion vollziehen soll, interessiert, weil dieser selbst ein gutes Geschäft ist, und weil er dauernde Beziehungen zwischen der Bank und den Firmen begründet. Je ausgedehnter der Wirkungskreis einer Unternehmung ist, „um so dringender (muß sich) das Bedürfnis einer finanziellen Unterstützung wirksam machen“, wie es sehr schön in einem Geschäftsbericht einer Berliner Großbank heißt. Einundfünfzigstes Kapitel: Die Konzentration 835 3. Die Verschiedenheit der Entwicklung i(Verlauf der Konzentrationsbewegung im Gewerbe) Aas dem Gesagten ergibt sieb bei einiger Besinnung für jeden ohne weiteres von selbst, daß der Konzentrationsprozeß im Bereiche der gewerblichen Produktion große Verschiedenheiten aufweisen muß. Diese Verschiedenheiten sind offenbar in einer oder mehreren der folgenden Lagen begründet: (1.) Verschiedenheit der optimalen Betriebsgröße in den einzelnen Gewerben; "(2.) Verschiedenheit im Abstande der tatsächlichen Gestaltung von dem Optimum; (3.) Verschiedenheit in der Widerstandskraft der kleineren Betriebe. Danach wird es sich entscheiden, ob die Vergrößerung der Betriebe zu einer Konzentration im weiteren oder im engeren Sinne führt (siehe oben Seite 546). Ich will nun versuchen, im folgenden ein Bild von der Konzentrationsbewegung in einigen Ländern zu geben, und wähle dazu diejenigen, die die beste Statistik haben. Die gewerbliche Konzentrationsbewegung in Deutschland: (1.) Allgemeine Ziffern: a) Der durchschnittliche (Haupt-) Betriebsumfang in Bergbau und Industrie betrug (Einzel- und Teilbetriebe): 1882: 2,7 Personen 1895: 3,7 1907: 5,2 J. I • J, :Stat. d. D. R., Band 220/21, Seite 31*. b) Es waren durchschnittlich beschäftigt im Deutschen Reiche Personen in: Jahr Allein- Betrieben mit .. Personen: betrieben 2—5 6—10 11—50 51—200 201-1000 überlOOO 1882 1895 1907 1430465 1237349 1094921 1839939 1953776 2105361 358457 572473 717758 750671 1329500 1996906 704309 1362881 2181735 644819 1114238 1876887 205003 430286 879305 Von 1000 erwerbstätigen Personen waren somit beschäftigt in Betrieben mit. . . Personen: Jahr bis 5 6—50 über 50 1882 551 186 263 1895 339 238 363 1907 295 250 455 Sombart, Hochkapitalisintis II. 53 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte 3 ' ~ £ p &.C6 P X <-r: Cl> 3 I—. I-J e*l 3 3 P (Jo C- P ET C - 3 P » g p 2 re K cog C: 3 ^ CD p Cfi(J3 Ct CD Ct :: p-ff - DO CD p 1 1 2 , 1'2 C 3 3 P- 3 o CD w p £. SD PT q 10 p • 3 crq 5*0 3 ° 5-3 — 2 re r, CK

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Zahl der beschäftigten Personen

Einundfünfzigstes Kapitel: Die Konzentration
837
Diese Ziffern, die die der Gewerbezählungen sind, lehren folgendes:
a) Zweifellos hat im Zeitraum von 1882—1907 in den Gewerbebetrieben eine Konzentration stattgefunden.
b) Diese Konzentration ist aber nur eine Konzentration im weiteren Sinne (siehe oben Seite 546), da zwar der Anteil der größeren Betriebe an der gesamten gewerblichen Produktion zugenommen hat (und zwar gewiß in noch stärkerem Verhältnis, als die Ziffern erkennen lassen), gleichwohl aber die kleineren und mittleren Betriebe (Handwerk und kleinkapitalistische Unternehmungen) in ihrem Bestände nicht erschüttert sind, vielmehr absolut sich vermehrt haben, die kleinkapitalistischen Unternehmungen (Betriebe mit 6—10 Personen und ein beträchtlicher Teil derjenigen mit 11—50 Personen) der Zahl nach sich sogar verdoppelt und verdreifacht haben. Der Zuwachs, den die Großbetriebe erfahren haben, ist also in seinem ganzen Umfange der Mehrproduktion zu danken.
Der Schwerpunkt des gewerblichen Lebens in Deutschland lag im Jahre 1907 noch in den Betrieben unter 50 Personen, in denen 545 von 1000 Personen beschäftigt waren.
Auch in den wichtigsten Zweigen der kapitalistischen Großindustrie, die in der dritten Tabelle unter Ausscheidung der Betriebe unter 11 Personen zusammengestellt sind, ruhte der Schwerpunkt noch in den Betrieben unter 200 Personen; in ihnen waren 49,1 gegen 41,0% in den Betrieben über 200 Personen beschäftigt.
c) Die Ziffern der zweiten Tabelle lassen erkennen, daß dieses Gesamtbild aus sehr verschiedenartigen Anteilsverhältnissen der einzelnen Gewerbe zusammengesetzt ist. Es gibt Gewerbe mit starker und solche mit schwacher Konzentrationstendenz. Wir werden im folgenden diejenigen mit besonders starker und diejenigen mit besonders schwacher Tendenz gesondert betrachten.
(2.) Gewerbe mit geringer Konzentrationstendenz:
Folgende 6 Gewerbegruppen beschäftigten im Jahre 1907 weniger als zwei Fünftel ihrer Arbeiter in Großbetrieben (51 und mehr Personen):
Lederindustrie.35,4 %
Industrie der Holz- und Schnitzstoffe .... 22,3% Industrie der Nahrungs- und Genußmittel . . . 21,8%
Bekleidungsgewerbe.12,9%
Künstlerische Gewerbe.11,1%
Reinigungsgewerbe.8,9 %
Sie umfaßten zusammen 3807003 Personen von insgesamt 10852873 Gewerbetätigen in Bergbau und Industrie überhaupt.
Stat. d. D. R., Band 220/21, Seite 63*f. Dieser Quelle sind auch alle folgenden Ziffernangaben entnommen. Siehe namentlich die Übersichten 1 und 6.
Natürlich weisen auch diese Gewerbegruppen noch sehr verschiedene Entwicklungsbedingungen in den einzelnen Gewerbeklassen aus: es gibt auch in ihnen Gewerbe mit starker Konzentrationstendenz, wie etwa in der Gruppe „Nahrungs- und Genußmittel“ die Zuckerfabriken und Bierbrauereien. Aber diese Gewerbe vermögen doch nicht die gesamte Gewerbe-
53 *

838 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte
gruppe zu beeinflussen. Und auf das Gesamtbild kommt es docb schließlich an. Da ergibt aber die obige Zusammenstellung, daß reichlich ein Drittel der Gewerbetätigen in Gewerben beschäftigt waren, in denen die große Mehrheit der Gewerbetätigen sich auf kleine und Mittelbetriebe verteilte.
(3.) Gewerbe mit besonders starker Konzentrationstendenz (1907 in Großbetrieben mehr als 60% beschäftigt).
Von den Gewerbegruppen unserer Gewerbestatistik kommen hier folgende in Betracht:
1882
1895
1907
Bergbau, Hütten- und Salinen-
wesen.
92,4%
95,3%
96,6%
Industrie der Maschinen, In-
strumente und Apparate .
46,8%
59,0%
70,4%
Chemische Industrie ....
51,0%
61,7%
69,8%
Textilindustrie.
38,2%
59,2%
67,5%
In diesen 4 Gewerbegruppen mit starker Konzentrationstendenz waren im Jahre 1907 insgesamt beschäftigt 3241906 Personen, also etwa 30% sämtlicher in Bergbau und Industrie tätigen Personen.
Die Gewerbegruppen umfassen aber, wie wir wissen, Gewerbe so verschiedener Entwicklungsbedingungen, daß wir die Gesamtziffern in die Ziffern mindestens der Gewerbeklassen auflösen müssen, um ein klares Bild zu erhalten, anders wie bei den Gewerben mit geringer Konzentrationstendenz, wo die Durchschnittszahl für die Gruppe die eigentlich wichtige ist.
Alsdann ergibt sich folgendes:
Montanindustrie:
Die Klein- und Mittelbetriebe sind seit längerer Zeit fast verschwunden, wie der Anteil der Großbetriebe an der Zahl der beschäftigten Personen erkennen läßt. Alle Gewerbeklassen, bis auf die belanglose Torfgräberei, sind gleichmäßig großbetrieblich gestaltet. Uber die Hälfte der Personen ■—■ 451552 von 879600 — sind in Betrieben mit mehr als 1000 Personen beschäftigt.
Über die Vergrößerungstendenz der Betriebe in einzelnen Zweigen der Montanindustrie geben folgende Ziffern Aufschluß:
Steinkohlenbergwerke:
Jahresdurchschnitt
Anzahl der Hauptbetriebe
Mittlere
Belegschaft
Menge der geförderten Kohle 1000 t
Auf den Betrieb entfielen Personen
Auf den Betrieb entfielen geförderte Kohle 1000 t
1871—1875
558
172 074
34485,4
308
61,8
1881—1885
459
204 665
54460,8
448
118,4
1891—1895
385
293 368
74 970,1
761
194,7
1901—1910
320
523 518
130437,2
1636
407,6
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1868
543,0

Einundfünfzigstes Kapitel: Die Konzentration 839
Die absoluten Ziffern aus: Stat. Jahrbuch; die Verhältniszahlen errechnet.
Hochö jenbetrie.be :
Jahr
Hochofenwerke
Hochöfen
im
Betrieb
Mittlere
Belegschaft
Erzeugte Menge 1000 t
Auf das Hochofenwerk entfielen Personen
Auf das Hochofenwerk entfiel erzeugtes Eisen 10001
1880
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246
21117
2 729
151
19,5
1890
108
222
24 846
4 658
230
43,1
1900
108
274
34 743
8521
322
78,9
1910
99
303
45 324
14 794
458
149,8
Die absoluten Ziffern aus Stat. Handbuch und Stat. Jahrb. f. d. D. R.; die Verhältniszahlen errechnet.
Nun befinden sich aber gerade in der Montanindustrie häufig verschiedene Betriebe in einer Hand, das heißt gehören einer Unternehmung
bzw. einem Konzern an.
Die Vergrößerung geht also weiter, als jene Zahlen erkennen lassen. Folgende Angaben sind dafür ein Beleg:
Teilnehmer und Teilnahme am Köhlensyndikat:
1898
1914
62
88,5 Mill. t
1898—1914 - 32% + H0%
1428763 t + 324%
Zahl der Mitglieder.96
Beteiligung insgesamt.35,5 Mill. t
Durchschnittliche Beteiligung des
Mitglieds . 336614 t
Konzerne der Metallindustrie, 11.
Einzelne Unternehmungen weisen gewaltige Vergrößerungen auf: Deutsch-Luxemburg hatte ein Aktienkapital 1904 von 20 Mill. Mk.
1914 „ 245 „ „
Gelsenkirchen:
Aktienkapital Belegschaft
1873 . 13% Mill. Mk. 1000
1913 . 395 „ 53000 Arbeiter,
2400 Beamte.
Im Jahre 1909 gab es in der Montanindustrie 40 Aktiengesellschaften, die Betriebe aus 5 anderen Gewerbegruppen umfaßten, mit zusammen 995,5 Mill. Mk. Kapital, so daß auf die einzelne Aktiengesellschaft ein Durchschnittskapital von 24,9 Mill. Mk. entfiel, während das Durchschnittskapital sämtlicher Aktiengesellschaften des Deutschen Reiches (1910) sich auf nur 2,95 Mill. Mk. belief. HSt. I 4 , 152.
Ich teile noch die Ziffern mit, die die Konzernbildung nach dem Kriege zum Ausdruck bringen, obwohl in dieser Zeit die Konzentration weiter fortgeschritten war als im Jahre 1914.

840 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte
Nach den Veröffentlichungen des Vereins Deutscher Hüttenleute (mitgeteilt in: Konzerne der Metallindustrie, 16) war der Stand am 1. Januar 1921 folgender:
Die Montanindustrie wird von 12 „Konzernen“ beherrscht; diese haben im Besitz:
53% der Hochöfen,
60,7% ihres Fassungsraumes,
62,4% des Gesamtfassungsraumes der Stahlwerke.
In Rheinland-Westfalen betragen die Prozentzahlen: 89, 94, 82,5.
Der größte Konzern (Siemens-Rhein-Elbe-Schuckert-Union) hatte (1920) 27 Hochöfen von insgesamt 272 mit einem Fassungsraum von 13130 cbm von insgesamt 109870 in ganz Deutschland.
Im Jahre 1926 ist dann der große „Stahltrust“ zustande gekommen mit einem Aktienkapital von 800 Milk Mk., das durch den Zusammenschluß folgender Gesellschaften gebildet ist:
A.-K. Aufsichtsräte Direktoren
Phönix. 300 Mill. 34 8
Gelsenkirchen.138,1 „ 33 26
Rheinstahl.160 „ 25 11
Dt.-Lux. 97 „ 35 16
Siemens & Halske. 97,5 ,, 11 13
Bochumer Verein. 56 „ 21 6
van der Zypen. 22,2 „ 21 4
Die Maschinenindustrie, die nach der Montanindustrie am weitesten im Konzentrationsprozeß fortgeschrittene Industrie, weist doch nur 70% Großbetriebler auf.
Eine vollendete Konzentration unter Zurückdrängung des Mittel- und Kleinbetriebes auf unbedeutende Reste weisen nur einige wenige Zweige der Maschinenindustrie auf, wie die Fabrikation von Dampfmaschinen,
Dampfturbinen, Lokomotiven, Lokomobilen .mit 96,8% Großbetrieblern,
Fabrikation von Nähmaschinen .... „ 92,5% ,,
Mehr als 80% ihrer Gewerbetätigen waren im Großbetriebe beschäftigt
in folgenden Gewerbearten:
Verfertigung von eisernen Baukonstruktionen. . . 84,0%
Fabrikation von Automobilen.84,6 %
Fabrikation von Buckdruckereimaschinen .... 82,8%
Schiffsbau.83,2 %
Die in diesen Gewerbearten beschäftigten Personen beziffern sich (1907) auf 176444 gegenüber 1120282 in der Maschinenindustrie (GruppeVI) überhaupt tätigen Personen.
Als eine ganz besonders stark konzentrierte Industrie gilt im Volksmunde die Elektrizitätsindustrie (Klasse VIK der Gewerbestatistik). Wie steht es mit ihr 1

Einundfünfzigstes Kapitel: Die Konzentration
S41
sonen waren beschäftigt in Großbetrieben:
1. Herstellung von Stromerzeugungsmaschinen,
Elektromotoren, Umformern.94,0%
3 . Herstellung von elektrischen Apparaten (außer
1., 4. und 5.).
4. Herstellung von elektrischen Telegraphen, Fern-
sprechapparaten usw.
5. Herstellung von Akkumulatoren und galvanischen Elementen usw.
Bild. \
r on 100 Per-
1895
1907
94,0%
96,4%
78,5%
87,7%
47,3%
83,9%
72,4%
77,7%
Diese großbetrieblich organisierten Gewerbezweige umfassen 101349 Personen von insgesamt 142171 in der Elektrizitätsindustrie (VI K der Gewerbestatistik) beschäftigten Personen. Der Rest ist auch in dieser in Klein- und Mittelbetrieben tätig (in Installationsgeschäften und Betrieben für Elektrizitätserzeugung, für Abgabe von Elektrizität zu Beleuchtungszwecken, wobei allerdings zu berücksichtigen ist, daß in dem letzten Gewerbe [„Elektrizitätswerke!“] ein Betrieb auch mit weniger als 50 Personen schon ein großer Betrieb ist).
Weshalb wir die Elektrizitätsindustrie trotzdem unter die Industrie mit starker Konzentration zu zählen gewöhnt sind, hat seinen Grund vor allem in der Tatsache, daß sie wie wenige andere Industrien eine starke Neigung zur Bildung von Großunternehmungen und Konzernen aufweist. Von den in der Statistik verzeichneten Großbetrieben — das waren in den genannten vier Zweigen im Jahre 1907 immerhin 172 — waren schon damals die wenigsten selbständige Unternehmungen, und von den selbständigen Unternehmungen waren schon damals eine große Anzahl zu Verbänden zusammengeschlossen. Seitdem hat die Tendenz zur Fusion und zur Konzernbildung weitere Fortschritte gemacht, so daß schon vor dem Kriege der größte Teil der elektrischen Industrie in den beiden Konzernen Siemens-Schuckert und Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft zusammengefaßt war. Wenn wir diese Gebilde für wirtschaftliche Einheiten ansehen, dann allerdings ist auch in der Elektrizitätsindustrie die Konzentrationstendenz eine sehr starke.
Bemerkt sei noch, daß die Konzernbildung in dieser Industrie sich dadurch von der in der Montanindustrie unterscheidet, daß die Zusammenfassung nicht wie bei dieser von der Basis ausgeht, sondern von der Fertigfabrikationsindustrie, und daß der Zusammenschluß weit mehr in horizontaler als in vertikaler Richtung erfolgt.
Würde in der chemischen Industrie der Anteil der Großbetriebler nicht herabgedrückt durch die ihr angehörigen Verfertiger von chemischen, pharmazeutischen und photographischen Präparaten, durch die Apotheker und durch die Hersteller von Farbmaterialien (außer Teerfarben), die zusammen etwa 54000 Köpfe stark sind (von nur 172441 im ganzen in der chemischen Industrie ermittelten Gewerbetätigen), so würde ihr stark großbetriebliches Gepräge noch deutlicher in die Erscheinung treten. Die

842 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte
Zweige der chemischen Großindustrie weisen nämlich folgende Anteilziffern des Großbetriebes auf:
Anorganische Säuren und Alkalien.82,6%
Verfertigung von Bleistiften.88,5%
Sprengstoffe und Zündwaren.89,4%
Anilin- und Anilinfarbenfabrikation.98,2%
Dazu kommt, daß auch in der chemischen Industrie, ähnlich wie in der Elektrizitätsindustrie, die Großunternehmung und die Konzerne eine besondere Bedeutung erlangt haben. Schon vor dem Kriege war die Industrie in wenigen großen Werken zusammengeballt. Seitdem hat die- Zusammenschlußtendenz weiter bestanden und hat schließlich zu einem „Trust“ in der chemischen Großindustrie, der Interessengemeinschaft der Farbenindustrie, geführt.
Die Textilindustrie endlich weist in sich die größten Gegensätze der- Betriebsgestaltung auf: während einige Zweige den kleinen und mittleren Betrieb fast völlig ausgeschaltet haben, ist dieser in anderen Zweigen bis 1907 vorherrschend geblieben.
Zu den großbetrieblich organisierten Zweigen der Textilindustrie gehört im wesentlichen die gesamte Spinnerei mit 89% Großbetrieblern.
Dieser Satz wird noch übertroffen von der
Baumwollspinnerei.mit 94,3%
Flachs- und Hanfspinnerei. ,, 95,1 %
Jutespinnerei. „ 99,9%
Hinter der Spinnerei steht die Weberei zurück, die als Ganzes nur 73,2% Großbetriebler aufweist, während die Extreme gebildet werden von der
Juteweberei .mit 97,3%
und der Leinenweberei. „ 53,8%
Verhältnismäßig wenig konzentriert sind folgende Zweige der Textilindustrie :
Strickerei und Wirkerei.47,2%
Seilerei und Reepscklägerei.40,6%
Posamentenfabrikation.37,8 %
Häkelei, Stickerei, Spitzenfabrikation.24,8%
Diese Zweige der Textilindustrie mit klein- und mittelbetrieblichen Neigungen beschäftigen ungefähr ein Viertel der in der gesamten Gruppe ermittelten Gewerbetätigen: 242156 von 1088280.
Die Konzentration in der Textilindustrie, soweit sie besteht, hat sich größtenteils während des letzten Menschenalters vollzogen, wie folgende? Ziffern erkennen lassen.
Der Anteil der im Großbetrieb beschäftigten Personen betrug:
1882
1895
1907
Spinnerei.
• - • 71,1%
85,9%
89,0%
davon: Wollspinnerei.
. . . 60,6%
78,0%
79,2%
Weberei.
■ • • 34,3%
59,8%
73,5%
davon: Seidenweberei . . . .
• • • 17,8%
57,3%
72,5%
Leinenweberei . . . .
• • • 7,3%
29,4%
53,8%

üttop.ft
I
Einundfünfzigstes Kapitel: Die Konzentration §43
1882
1895
1907
Strickerei und Wirkerei.
12,2%
33,5%
47,2%
Häkelei, Stickerei, Spitzenfabrikation .
8,4%
18,8%
24,8%
Posamentenfabrikation.
17,7%
24,6%
37,8%
Seilerei und Reepschlägerei.
13,0%
32,7%
40,6%
Zum Vergleich führe ich noch einige Ziffern an, die uns Aufschluß über die Betriebsgrößenverhältnisse in der englischen Baumwollindustrie gehen. Erstaunlich, wie wenig fortgeschritten auch hier der Konzentrationsprozeß ist. Die Angaben beziehen sich auf eine größere Anzahl englischer Baumwollstädte während der letzten Zeit vor dem Kriege und sind von Chapman und Marquis gesammelt und mitgeteilt a. a. 0. Seite 300.
Weberei Spinnerei
Zahl
der Webstühle
Zahl
der Firmen
Zahl
der Spindeln
Zahl der Geschäfte
1—50 . .
4
in Tausend
50—100 . .
5
(Mulespindeln)
(Firmen)
100—150 . .
8
1—5 . . .
5
150—200 . .
5
5—10 . . .
2
200—250 . .
4
10—25 . . .
9
250—300 . .
9
25—50 . . .
18
300—350 . .
4
50—100 . .
24
350—400 . .
5
100—150 . .
18
400—450 . .
9
150—200 . .
5
450—500 . .
11
200—250 . .
6
500—600 . .
15
250—300 . .
0
600—700 . .
6
300—350 . .
1
700—800 . .
7
350—400 . .
1
800—900 . .
6
400—500 . .
1
900—1000 . .
9
90
1000—1500 . .
14
1500—2000 . .
9
Ringspindeln
Zahl
2000—2500 . .
4
(Tausend)
der Firmen
134
1—5 . . .
2
5—10 . . .
3
10—25 . . ■
11
25—50 . . .
4
50—100 . .
4
24
Die Entwicklung in den Vereinigten Staaten von Amerika ist ganz besonders lehrreich, weil sie vielfach die Bichtung anzeigt, in der vermutlich die Konzentrationsbewegung überhaupt verlaufen wird. Was Marx, als er sein „Kapital“ herausgab, von England aus Deutschland zurufen konnte: „De te fabula narratur“, läßt sich jetzt mit demselben Recht in vielen (nicht allen!) Punkten vom Verhältnis Amerikas zu Europa sagen. Wenn wir die Geschichte der Konzentrationsbewegung in den Vereinigten Staaten überblicken, so treten folgende Punkte besonders hervor:

§44 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte
(1.) Die Konzentration in Bergbau und Industrie ist stark gewesen, stärker als in irgendeinem Lande Europas.
Die Durchschnittsgröße des gewerblichen Betriebes betrug 1899 (dem letzten Jahre, dessen Ziffern noch etwa mit den deutschen vergleichbar sind, da seitdem das Handwerk ausgeschaltet ist) 10,4 Personen, denen gegenüber also die 5,2 Personen der deutschen Gewerbezählung von 1907 stehen würden.
Die Verteilung auf die einzelnen Betriebsgrößen weist im Jahre 1914 folgendes Bild auf:
Zahl der Lohnarbeiter in eigenen Betrieben
Zahl
der Betriebe
Zahl der Lohnarbeiter
Von hundert
Betrieben
Lohnarbeit.
Sämtliche Betriebe
275791
7 036 337
100
100
Kein Lohnarbeiter
32856
—
11.9
—
1—5
140971
317 216
51,1
4,5
6—20
54379
606 594
19,7
8,6
21—50
22932
742 529
8,3
10,6
51—100
11079
791 726
4,0
11,3
101—250
8470
1 321 077
3,1
18,8
251—500
■)}
3108
1 075 108
1,1
15,3
501—1000
1348
926 828
0,5
13,2
über 1000
648
1 255 259
0,2
17,8
Abstract of the Census of Manufactures, 1914, pag. 391.
Diese Ziffern sind nicht ohne weiteres vergleichbar mit den deutschen aus den angeführten Gründen. Wir können sie aber annäherungsweise vergleichbar machen, indem wir folgende Rechnung anstellen: Im Jahre 1899, als man das Handwerk noch mitzählte, wurden in den „Manufactures“ insgesamt 5306143 Lohnarbeiter, also „Gehilfen“ ermittelt; in der Industrie ohne das Handwerk 4712763. Nehmen wir an, daß das Verhältnis im Jahre 1914 dasselbe geblieben sei, so würden den 7036247 Industriearbeitern rund 8 Millionen Gehilfen überhaupt entsprochen haben. In Deutschland betrug die Zahl der Gehilfenbetriebe im Jahre 1907 rund eine Million, die der darin beschäftigten Personen rund 9,9 Millionen, abzüglich der Betriebsleiter also 8,9 Millionen Personen. Da die deutsche Gewerbezählung in ihrer Größenstatistik uns die Verteilung sämtlicher Personen, ■einschließlich der Betriebsleiter, auf die einzelnen Größenklassen ermittelt, so müssen wir 9,9 Millionen als die absolute Zahl annehmen, von der wir den Anteil der verschiedenen Betriebsgrößen ermitteln können. Das gibt etwas andere Verhältniszahlen, als sie im amerikanischen Zensus mitgeteilt werden. Aber es soll ja auch nur annäherungsweise der Vergleich gelingen. Der Anteil der einzelnen Größenklassen würde dann in Deutschland (1907) und den Vereinigten Staaten (1914) folgender gewesen sein:
Von 1000 Personen waren in Gehilfenbetrieben beschäftigt... Personen:
Deutschland Vereinigte Staaten
bis 5.212 160
6—50. 274 169
über 50 514 671

Einundfimfzigstes Kapitel: Die Konzentration
845
Auch wenn wir in Rücksicht ziehen, daß die Konzentration in Deutschland von 1907 bis 1914 zweifellos noch zugenommen hat, dürfen wir doch vermuten, daß sie hinter dem Konzentrationsgrad, wie ihn im Jahre 1914 die Vereinigten Staaten erreicht hatten, zurückgeblieben ist.
Der hohe Konzentrationsgrad der amerikanischen Industrie geht wohl .auch aus der Tatsache hervor, daß im Jahre 1914 fast die Hälfte (48,6 %) des gesamten Produktionswertes in Betrieben (wohl auch Verbänden) erzeugt wurde, deren jährliches Erzeugnis den Wert von je 1 Million Dollar überstieg.
Leider ist diese Ziffer mit der keines anderen Landes vergleichbar.
Nun ist es aber eine bekannte Eigenart der amerikanischen Entwicklung, ■daß sie früher als die der europäischen Länder zu einer Zusammenfassung selbständiger Unternehmungen zu Konzernen und auch zur Bildung von Großunternehmungen geführt hat, die in der Betriebsgrößenstatistik des Zensus nicht als Einheiten erfaßt sind. Wir besitzen nun aber brauchbare Ziffern genug, um auch diesen Teil der Kon- .zentrationsbewegung verfolgen zu können. Zunächst hat sich der Zensus selbst und haben sich seine geschickten Bearbeiter um die Ermittlung der Konzernbildungen, der sogenannten „Combinations“, mit Erfolg bemüht.
Zuerst hat der XII. Zensus (1899) sein Augenmerk auf die „Industrial Combinations“ gelenkt. Er verstand darunter Wirtschaftseinheiten, die aus mehreren früher selbständigen Unternehmungen hervorgegangen waren: „unless it consists of a number of formerly independent mills wliicli .have been brought together into one Company under a charter obtained for that purpose.“ Sein Interesse war also ein ausgesprochen genetisches. Ermittelt wurden im Jahre 1900 2040 solcher Combinations, die 1 % sämtlicher Betriebe, aber 8,4% aller Lohnarbeiter und 14,1% des gesamten Produktionswertes umfaßten.
Dann ist die Zählung erst wiederholt worden im XIV. Zensus (1919). Über deren Absichten und Ergebnisse unterrichtet in vortrefflicher Weise die schon erwähnte Studie von Willard L. Thorp, The inte- gration of industrial Operation. Census Monographs III. 1924. Der Verfasser stellt zunächst einmal klar, daß eine Statistik aller Verflechtungsformen unmöglich ist. „It is impossible to ascertain the many combinations and alliances among industrial combinations . . . The lines of control con- verge and diverge among economic enterprises in a most intricate pattern. The ties which bind establishments together are often quite imperceptible to the outside inquirer and too elusive to permit definite statement. With the development of the corporate form of ownership the possibilities of the •centralization of control were greatly increased. Of the less apparent combinations, those resulting from interlocking directorates and interlocking ßhareholdings are the subject of frequent discussion. The „gentlemens- agreement“ and „dinner party“ methods of combination have likewise achieved unpleasant publicity. Such relationships, however, are impossible •of accurate determination or Statistical expression“. Daher: „financial •combination, interlocking directorates, bank control: all such obscure forms of relationship are disregarded.“ Vielmehr: „this is a study — entsprechend der Fragestellung des Zensus ■—• of operating combinations.

846 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschafte Prozesses i. d. Geschichte-
The individual establishments concerned are all under control of a singlecentral office which, acting perhaps as the sales agency and also as the directors’ chamber, nevertheless is the actual directing force in the activi- ties of the various constituent establishments . . .
It can not be overemphasized that the combinations liere considered are merely units of Operation. They represent the minimum, the lowest terms to which the combinations can be reduced when stripped of financial and indirect affiliations.“ A. a. 0. Seite 16/17.
Bestimmen diese Sätze auch ziemlich genau, was „Combinations“ im Sinne des Zensus nicht sind, so wissen wir doch noch nicht, was sie nun in Wirklichkeit sind: Konzerne, das heißt Vereinigungen rechtlich selbständiger Unternehmungen oder Einzelfirmen mit mehreren Werkbetrieben.. Die Begriffsbestimmung des Zensusbearbeiters läßt Konzerne vermuten;, sofern „industrial establishment“, die Einheit, aus denen der Verband gebildet wird, offenbar als selbständige Unternehmung — Wirtschaftsbetriebe mit selbständiger Buchführung — gefaßt wird: „an industrial establishment is an enterprise within an industry and within a locality, and may consist of more than one plant only providing a common set of books is kept. Consequently, a central-office group — so wird die „Combination“ umschrieben ■— exists when a single central office operates enterprises in more than one locality or in more than one industry or more than one plant within a locality and industry, providing those plants are sufficiently separate entities to keep separate books of account“ (S. 101). Das Wort „plant“ ist in zwei verschiedenen Bedeutungen gebraucht: das erstemal im Sinne von Werkbetrieb, im zweiten Falle im Sinne von Wirtschaftsbetrieb. Das hindert aber nicht, daß der Schreiber „establishment“ als selbständige Unternehmung, a central office-„group“ als Konzern in diesen Sätzen angesehen wissen will. Es unterliegt nun aber keinem Zweifel, daß der Zensus unter „central-office groups“ auch einzelne Unternehmungen mit mehreren wirtschaftlich unselbständigen (Werk-) Betrieben einbegreift; so, wenn z. B. die verschiedenen Eisenbahnreparaturwerkstätten als Bestandteile einer central-office group betrachtet werden.
Wir werden also in den Ziffern des Zensus sowohl Konzerne als- Großunternehmungen zu suchen haben.
Diese Ziffern sind nun folgende:
Es wurden 5838 Central-office groups ermittelt, in denen 21464 „Etablissements“ (establishments in dem oben angegebenen Sinne) der Industrie zusammengefaßt waren. Diese Betriebe machten 7,8% aller Betriebe aus und beschäftigten schätzungsweise ein Drittel aller Lohnarbeiter. Sie sind über alle Produktionszweige verteilt. Es befanden sich Etablissements in Central-office combinations über den Durchschnitt in
folgenden Gewerbegruppen:
Eisenbahnreparaturwerkstätten. 78,1 %
Chemische Industrie. 19,7%
Textilindustrie. 9,9%
Industrie der Steine und Erden .... 8,8%
Eisen- und Stahlerzeugung. 8,0%

Einundfimfzigstes Kapitel: Die Konzentration
847
* Die Zahl der zu einer Einheit zusammengefaßten Etablissements beträgt
3,68.
Dagegen über den Durchschnitt in folgenden Gewerben:
Eisenbahnreparaturwerkstätten. 9,89
Tabakindustrie. 4,56
Wagenindustrie (Landbeförderungsmittel). 4,42
Lebens- und Genußmittelindustrie .... 4,15
Über die kapitalistische Konzentration in den volkstümlich als „Trusts“ bezeichneten Gebilden, unter denen wir, wie gesagt, sowohl Fusionen wie Konzerne zu verstehen haben mit und ohne monopolistisches Gepräge, unterrichten folgende Ziffern.
Die große Zusammenschlußbewegung fällt in die Jahre 1887—1903, so zwar, daß sie ihren Höhepunkt in den Jahren 1900—1901 erreicht.
Konzerne wurden gegründet (Fusionen vollzogen sich) mit einem Kapital von mehr als 1 Million Dollar:
1887—1897 . 86 mit 1414293000 $
1898—1900 . 149 „ 3784010000 „
1901—1903 . 127 „ 2000000000 „ (rund).
Im Jahre 1904 war der Stand dieser:
Kapital
Milliarden
Dollar
7 Großkonzerne. 2,7
298 kleinere Konzerne .... 4,0
13 Konzerne im Umbau. . . . 0,5
318 Konzerne 7,2
Zahl der zusammengefaßten, früher selbständigen Betriebe 1528 3426 334
5288
Davon waren 236 inkorporiert seit dem 1. Januar 1898; diese verfügten über 6 Milliarden Dollar Kapital.
Nach Moody, The Truth about the Trusts (1904), 453ff. Vgl. Luther Conants Veröffentlichungen in Am. Stat. Association March 1901 für die frühere Zeit.
Warum ich keine neueren Ziffern mitteile, wird alsobald offenbar werden.
(2.) Betrachten wir den Stand der erreichten Konzentration, so ist selbstverständlich auch in Amerika von einem Verschwinden der kleinen und mittleren Betriebe im großen ganzen keine Rede. Die Zahl der Gehilfenbetriebe unter 20 Gehilfen betrug:
1900 . 205771 = 69,2% aller Betriebe,
1910 . 193487 = 72,0% „
1915 . 195350 = 71,0% „
1920 . 197950 = 68,3% „
Aus den verschiedenen Abstracts of the Census und Stat. Abstr. U. S.
Auch ihr Produktionsspielraum hat — in absoluten Mengen ausgedrückt — unaufhaltsam zugenommen. Die Statistik berichtet zwar nicht über die Produktionsmenge der nach den Arbeiterzahlen abgestuften Betriebsgrößen, wohl aber über den Wert der Produktion nach dem ver-

848 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte-
schiedenen Produktionsumfange. Da ergibt sieb, daß der Wert der Pro-* duktion in allen Größenlagen gestiegen ist, und zwar bei den kleinen- wie bei den mittleren, wie natürlich auch bei den großen. Die Ziffern für die- kleineren und mittleren Betriebe sind folgende (Millionen Dollar):
1904
1914
weniger als 5000 $ Jahresproduktion 176,1
233,4
5000—20000 ®
„ 751,0
905,7
20000— 100000 $
„ 2129,3
2550,2
100000—1000000 $
„ 6109,0
8763,0
In den verschiedenen Gewerbezweigen ist ganz ähnlich wie in Deutschland der Konzentrationsprozeß verschieden weit fortgeschritten.
Von 43 Gewerbegruppen und Gewerbeklassen (im Sinne der deutschen- Gewerbezählung) beschäftigten 8 mehr als 50% ihrer Arbeiter in Betrieben
über 500 Personen. Das waren:
Eisen- und Stahlindustrie. 76,7%
Lokomotivfabriken.72,8%
Kupferraffinerie.69,3%
Schlächtereien und Fleischpackereien . . . 65,0%
Baumwollindustrie.57,7%
Wagenfabriken. 57,4%
Elektrische Maschinen und Apparate . . . 55,0%
Automobilfabriken.52,5%
Diese Größestindustrien beschäftigten 1212549 oder 18,3% sämtlicher Lohnarbeiter.
Ihnen stehen 13 Gewerbezweige gegenüber, bei denen mehr als 25%. der Arbeiter in Betrieben mit 20 Arbeitern und weniger beschäftigt waren. Diese Gewerbezweige mit kleinbetrieblicher Neigung (es sind auch ungefähr dieselben wie in Deutschland) umfassen 1392482 oder 21,2%, sämtlicher Lohnarbeiter.
Berechnet nach der Tabelle 27 des Abstr. of the XIII. Census 1910. III. Manufactures; Seite 468.
(3.) Was mir nun aber an dem statistischen Material der Vereinigten Staaten das Allerinteressanteste zu sein scheint, ist dieses: es enthält Anzeichen dafür, daß die Konzentrationsbewegung in den Gewerben drüben ihren Höhepunkt bereits erreicht und zum Teil überschritten hat.
Für diese Annahme spricht zunächst die Tatsache, daß die Zusammenschluß- (Fusions-, Vertrustungs-) Bewegung, die im Anfang dieses Jahrhunderts so mächtig einsetzte, zum Stillstand gekommen ist. Ich wollte erklären, warum ich für die Zahl und den Umfang der Trusts keine neueren Ziffern als die des Jahres 1904 eingesetzt habe: weil sich seitdem am Stand der Dinge nichts Wesentliches mehr geändert hat. Mit dem Jahre 1904 schließt die amerikanische Trustbewegung ab. Siehe- die sachkundige Darstellung bei El. Jones, a. a. O. Seite 44f.
Aber auch die Gestaltung der Betriebe weist seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts keine wesentliche Vergrößerungstendenz mehr auf, wenn wir von den Ziffern des Zensus von 1919 absehen, die ganz außergewöhn-

84»
äwf
Einundfünfzigstes Kapitel: Die Konzentration
licke Umstände widerspiegeln und sckon durck die Ziffern des Jakres 1921 wieder verbessert worden sind.
Sckon der Zensus von 1899 weist einen Rückgang der Durchscknitts- größe des Betriebes auf, wenn wir das Handwerk einrecknen.
Auf einen Betrieb entfielen Arbeiter:
1849 .
.... 7,8
100,0
1859 .
.... 9,3
119,2
1869 .
.... 8,1
103,8
1879 .
.... 10,8
138,5
1889 .
.... 12,0
153,8
1899 .
.... 10,4
133,3
Die Industriebetriebe (ohne Handwerk) vergrößerten sich dann noch etwas von 1899—1904, sind aber seitdem fast gleich groß gebliebem Der Durchschnitt betrug:
1899 .
.... 22,7
106,0
1904 .
.... 25,3
111,5
1909 .
.... 24,6
108,4
1914.
.... 25,5
112,3
1919.
.... 31,4
138,3
Die Ziffer für 1919, sagte ick, ist Ausdruck einer vorübergehenden, nie wiederkehrenden Konjunktur. Wir ersehen das aus einem Vergleich der Ziffern von 1919 mit denen von 1921.
Leider besitzen wir für 1921 keine unmittelbar vergleichbare Durchschnittsziffer, da in aiesem Jahre nur die Betriebe mit einer Produktion von mehr als 5000 $ im Jahre gezählt sind. Ziehen wir nur diese in*Be- tracht, so ergibt sich folgender Durchschnitt:
1914 ....
. . . . 38,9
1919 ....
. . . . 42,0
1921 ....
. . . . 35,4
Das heißt: die durchschnittliche Betriebsgröße war im Jahre 1921 bereits wieder unter diejenige von 1914 gesunken.
Dasselbe Ergebnis, daß nämlich das Jahr 1919 sich in einem Ausnahmezustand befand, zeitigt die Gegenüberstellung der Anteilziffern der verschiedenen Betriebsgrößen der Jahre 1919 und 1921.
Es waren beschäftigt in Betrieben:
1919 1921
mit 100 und weniger Lohnarbeitern .... 29,1% 34,3%
mit 100 und mehr Lohnarbeitern.70,9% 65,7%
Und das, trotzdem im Jahre 1919 alle Betriebe mit mehr als 500 $ Jahresproduktion, 1921 nur solche mit mehr als 5000 $ Jahresproduktion in obigen Ziffern berücksichtigt sind!
Nach Stat. Abstr. U. S.
Daß die Durchschnittsbetriebsgröße in den Gewerben Amerikas während der letzten 20—25 Jahre gleich geblieben ist, hat wohl seinen Grund darin, daß in zahlreichen Gewerben das Optimum der Betriebsgröße erreicht ist und zeitweilig wohl schon überschritten war. So lauten die Indexziffern für die in einem Betriebe beschäftigten Lohnarbeiter in der

350 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte
Baum Wollindustrie:
1879 . . .
.... 100,0
1899 . - .
.... 125,8
1914 . . .
.... 129,8
Holzbearbeitungsindustrie:
1879 . . .
.... 100,0
1889 . . .
.... 349,7
1914 . . .
.... 305,9
Wagen- und Waggonfabriken
1889 . . .
.... 100,0
1914 . . .
.... 75,0
Schiffbau:
1889 . . .
.... 100,0
1914 . . .
.... 93,4
Schlächterei und Eleischpackung:
1889 . . .
.... 100,0
1899 . . .
.... 200,0
1901 . . .
.... 205,1
1914 . . .
.... 197,4
Hochöfen:
1869 . . .
.... 100,0
1904 . . .
.... 260,5
1914 . . .
.... 257,7
Aus den Zusammenstellungen in Cens. Mon. III.
Daß die Zahl der beschäftigten Arbeiter kein voll befriedigendes Merkmal der Betriebsgröße ist, habe ich schon öfters festzustellen mich veranlaßt gesehen. Was wir in Erfahrung bringen möchten, ist der gesamte Kapitalaufwand, der in einem Wirtschaftsbetriebe gemacht wird, da die Betriebsgröße natürlich ebenso durch den Sachaufwand wie durch die Menge der beschäftigten Personen bestimmt wird. Leider besitzen wir kein zuverlässiges Material, um die Betriebe nach ihrem Kapitalumfange zu gruppieren. Einen gewissen Ersatz für die fehlenden Kapitalziffern bietet die Produktwertstatistik, die der Zensus enthält. Leider hat sie den Mangel, daß die Höhe der Wertziffern von dem Preisstande abhängig ist. Deshalb ist sie für Vergleiche verschiedener Jahre nur mit großer Vorsicht zu gebrauchen. Ich will aber die Ziffern, die diese Statistik liefert, gleichwohl mitteilen.
Von dem Gesamtwertprodukt wurden erzeugt Hundertteile in Betrieben, deren Jahresproduktion betrug:
1901 1911
weniger als 5000 $. 1,2 1,0
5000—20000 $ 5,1 3,7
20000—100000 $ 14,1 10,5
100000—10000C0 $ 41,3 36,2
über 1000000 S. 38,9 48,6
Stat. Abstr. U. S.

Einundfünfzigstes Kapitel: Die Konzentration
851
Danach hätten vor allem die größten Betriebe ihren Anteil an der Gesamtproduktion ausgedehnt. Aus den angeführten Gründen ist aber dieser Statistik für Vergleichszwecke keine allzu hohe Bedeutung beizumessen. Einen ganz anderen Wert hätte natürlich eine Statistik, die den Anteil der einzelnen Betriebsgrößen an der naturalen Produktion (nach Gewichtsmengen) ermittelte. So etwas gibt es aber nur in vereinzelten Fällen. So können wir z. B. die Beharrungstendenz, die offenbar die meisten Gewerbe Amerikas in den letzten 20 Jahren beherrscht, ablesen aus dem Bückgang des Anteils, den die großen Konzerne an der Gesamterzeugung des Landes haben. Dieser Anteil betrug bei der größten Vereinigung, der U. S. Steel Corporation, in den Jahren 1901 und 1910 folgende Vom-Hundert- Sätze :
1901
1910
Eisenerz.
. . . 13,9
11,3
Schiffahrt auf den Seen .
. . . 61,6
51,0
Koks .
• • • 37,1 (1902)
32,7
Roheisen.
. . - 12,1
13,0
Spiegeleisen.
. . . 12,9
13,3
Rohstahl.
. . . 66,3
51,7
Walzwerkerzeugnisse . . .
. - . 50,1
18,1
Drahtstifte.
. . . 65,8
55,1
Zinnblech .
• • • 72,0 (1908)
61,0
.Nach den Annual Statistical
Reports of the American
Iron and Steel
Association: E. Jones, a. a. O.
Seite 211.
Zum Vergleich führe ich noch Ergebnisse der letzten französischen Gewerbezählungen vor dem Kriege an. Der Anteil der einzelnen Betriebsgrößen an der Gesamtzahl der beschäftigten Personen (nur Gehilfenbetriebe sind berücksichtigt) betrug:
Betriebe mit Betriebe mit mehr 1—5 Gehilfen als 10 Gehilfen
1896 . 27,7% 61,5%
1901. 21,6% 68,7%
1906 . 21,6% 68,2%
Resultats statistiques du recensement de la population effectue en 1906. Paris 1910. Auch hier Stillstand der Konzentrationsbewegung.
IV. Transport
Auf dem Gebiete des Transportwesens müssen wir scharf zwischen zwei Gruppen von Betrieben unterscheiden: denjenigen, die ihrer Natur nach nicht anders als großbetrieblich organisiert sein können; gebundene Transportgewerbe wollen wir sie nennen, und denjenigen, bei deren Gestaltung die Wahl zwischen den verschiedenen Betriebsgrößen freisteht: freie Trarsportgewerbe mögen sie heißen.
1. Zur Gruppe der gebundenen Transportgewerbe gehören: die Post, die Telegraphie und Telephonie und die Eisenbahn,
Sombart, Hochkapitalismus II.
54

852 Dritter Abschnitt : Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte
a) Die Post, deren Entstehung und erste Entwicklung ich im zweiten Bande ausführlich dargestellt habe (siehe daselbst das fünfundzwanzigste Kapitel), ist seit Anbeginn öffentlicher Betrieb oder re- galisierter Privatbetrieb gewesen und — bis auf wenige Unterbrechungen — geblieben. Daß sie nicht eigentlich ein Transportbetrieb, sondern ein Sammelbetrieb ist, tut hier nichts zur Sache.
b) Telegraphie und Telephonie sind in den meisten Ländern ebenfalls von Anfang an bis heute in öffentlicher Regie verwaltet worden. Dort, wo sie noch kapitalistisch betrieben werden, befinden sie sich in den Händen ganz weniger, großer Gesellschaften.
Der Hauptfall der privaten Organisation dieser Verkehrszweige sind die Vereinigten Staaten. Hier beherrschen das Telegraphenwesen zwei Gesellschaften: die Western Union Telegraph Co., die 1534009 Meilen Drähte besitzt, und die Mackay Companies mit 306 691 Meilen Drähten bei einer Gesamtlänge des Telegraphennetzes von 1874270 Meilen. Die Ziffern gelten für 1922 und sind dem Stat. Abstr. U.S. entnommen. Das Anlagekapital der Western Union beträgt 194 Mill. Dollar, das der Mackay Companies 51 Mill. Dollar. Die Western Union besteht seit 1866 und hat ihr Netz von 75686 auf 1 y 2 Million Meilen ausgedehnt, die Zahl ihrer Bureaus von 2250 auf 36000 (1913, seitdem verringert) erhöht.
Im Telephonwesen verfügen die Gesellschaften mit mehr als 250000 $■ Jahreseinkommen über 95% der Drähte, darunter eine Gesellschaft, das Beil-System, über 87 %. (Im Jahre 1902 betrug der Anteil des Beil-Systems erst 69%.) Das Anlagekapital dieser Großunternehmungen beziffert sich auf 1864 Millionen Dollar (1922). Im übrigen gibt es (1919) 2060 Telegraphen- und Telephongesellschaften. Quelle wie oben.
c) Auch die Eisenbahnen werden entweder vom Staate oder von wenigen, ganz großen monopolistischen Privatgesellschaften verwaltet. So teilten sich in das englische Eisenbahnsystem bis zum Krieg 7, jetzt 4 Gesellschaften, in das französische, 6 Privatgesellschaften und (mit einem kleineren Betrage) der Staat, während die amerikanischen Eisenbahnen sich größtenteils in den Händen von 8 Gruppen (1912) befinden.
Den Konzentrationsprozeß können wir in den Vereinigten Staaten besonders deutlich verfolgen. Im Jahre 1877 beherrschten die 13 größten ,Systeme“ 19593 Meilen = 25,5% der damals betriebenen Strecken. Von 1888—1909 stieg der Anteil der Gesellschaften, die Strecken über 100 Meilen im Betrieb hatten, von 49,09% auf 66,12%. Nach einer Berechnung von Haines ergibt sich folgendes Bild:
1890 betrieben 1013 Eisenbahngesellschaften 163985 Meilen,
davon 40 „ 47%, durchschn. 1946 Meilen;
1909 betrieben 1320 Eisenbahngesellschaften 244084 Meilen,
davon 53 ,, 66 %, durchschn-3946 Meilen.
Ziffern bei Picard, a. a. 0.

Einundfiinfzigstes Kapitel: Die Konzentration
85B
Die größten Eisenbahngruppen waren nach dem American Year Book im Jahre 1912:
Harr iman- Gruppe . . .
33236 Meilen,
Morgan-Gruppe . . .
. 27918 „
Hill-Gruppe . . .
. 25370 „
Vanderbilt-Gruppe . . .
. 24026 „
Hawley-Gruppe . . .
. 16508 „
Gould-Gruppe . . .
. 15935 „
Pennsylvania-Gruppe . .
. 13187 „
Moore-Gruppe . . .
. 10627 „
166807 Meilen
Was für die Fernbahnen gilt, gilt in gesteigertem Maße für die Lokal- nnd Straßenbahnen.
Besonderes Interesse bieten die gebundenen Transportgewerbe nicht, da sich ihre Entwicklung zu Großbetrieben und die Konzentration der mehreren vorhandenen Großbetriebe zwangsläufig vollzieht. Der Grund ist offensichtlich: die Mindestbetriebsgröße ist durch die Anlage vorgeschrieben und Hegt bereits im Bereiche sehr großer Betriebe. Die Konkurrenz aber zwischen mehreren dieser sehr großen Betriebe, wenn überhaupt mehrere nebeneinander bestehen können, ist so vernichtend, daß, wie wir schon sahen, die Entwicklung rasch zur Verständigung und darüber hinaus zu Konzernen und Fusionen führt.
Interessanter sind die freien Transportgewerbe.
2. Der Achstransport, das heißt also der Landtransport auf nicht geschienten Wegen, lag, wie ich das im dreiundzwanzigsten Kapitel des zweiten Bandes geschildert habe, bis zum Ende der frühkapitalistischen Epoche ausschließlich in den Händen handwerksmäßiger Kärrner. Er bleibt im wesenthchen handwerksmäßig organisiert (soweit die „Post“ sich nicht seiner bemächtigte), solange er dem Fernverkehr diente, das heißt also bis zur Einführung der Eisenbahnen. Seitdem ist er immer mehr ein großstädtisches Gewerbe geworden, das teils den Personenverkehr besorgt, teils die Güter über kurze Strecken von und nach den Bahnhöfen befördert.
Als Droschkenfuhrwesen ist der Achstransport bis heute vorwiegend kleinbetrieblich organisiert: selbst im heutigen Berlin werden auch die Autodroschken zum größten Teile von ihren Besitzern oder einem Gehilfen des Besitzers von zwei oder drei Wagen gefahren.
Daneben sind kapitalistische Fuhrunternehmen mittlerer Größe entstanden. Nach der deutschen Gewerbezählung sind (1907) von den in „Posthalterei, Personenfuhrwerk und Reitinstituten“ ermittelten Betrieben :
54 *

854 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte
Die in ihnen beschäftigten Personen machten aus: 62,4, 28,2, 9,4%.
Etwas stärker, aber auch nicht sehr beträchtlich, ist die Konzentrationstendenz im Gütertransport. Hier fassen die früheren deutschen Gewerbezählungen „Spedition, Güterbeförderung und Frachtfuhrwerk“ zu einer Gruppe zusammen, so daß die Zahlen von 1907 nur mit dieser vergleichbar sind. Die Entwicklung, die eine Konzentration aus völlig kleinbetrieblichen Verhältnissen zu einer bescheidenen Betriebsgröße erkennen läßt, wird durch folgende Zahlen ausgedrückt. Von 100 Personen waren beschäftigt:
Die Zahl der gewerbetätigen Personen, die dem „Landtransport“ heute noch obliegen, ist nicht unbeträchtlich. 1907 wurden 232 077 gezählt, wovon 48 000 Straßenbahner abzuziehen sein würden. Es bleiben dann immer noch erheblich mehr Personen übrig, als zum Beispiel die ganze Gewerbegruppe „Chemische Industrie“ umfaßt (172 000).
3. Ganz so frei wie der Achstransport ist die Schiffahrt in der Gestaltang ihrer Betriebe nicht, da die uns bekannte Vergrößerung der Schiffsgefäße ein Mindestmaß von Betriebsgröße erheischt und in der Binnenschiffahrt zudem noch die Schleppschiffahrt, zumal dort, wo sie als Kettenschlepperei betrieben wird, wie in der Elbe, erhebliche Kapitalanforderungen stellt. Aber diese technische Nötigung erklärt doch immer nur einen kleinen Teil der in der Schiffahrt deutlich wahrnehmbaren starken Konzentrationstendenz. Größtenteils sind es Gründe der besseren Organisation, die diese herbeigeführt haben.
In der Binnenschiffahrt erhält sich der Kleinbetrieb länger (und vielleicht dauernd), weil der Einzelschiffer seinen eigenen Kahn talwärts allein, bergwärts unter Ausnutzung der ihm von den Schleppschiffahrtsgesellschaften dargebotenen Zugkraft fahren kann.
Die Gewerbestatistik weist daher für Deutschland einen fast völlig gleichen Bestand der kleinen Gehilfenbetriebe in den Jahren 1895 und 1907 auf:
Kleinbetriebe
Mittelbetriebe
Großbetriebe
93,7 %
in Kleinbetrieben ,, Mittelbetrieben ,, Großbetrieben
1882
82,7
14,6
1895
66.5
24.5 9,0
1907
42,7
37,3
20,0
1895
1907
14531
34735
Kleinbetriebe (Gehilfenbetriebe) . 14311 Darin beschäftigte Personen . . 34922

Emuridfüufzigstes Kapitel: Die Konzentration 855
Daneben vermehren sich die Mittelbetriebe und die Großbetriebe, ohne jedoch das Übergewicht erlangt zu haben.
Die Anteilziffern sind folgende (beschäftigte Personen):
1895
1907
Kleinbetrieb.
.70,9
55,1
Mittelbetrieb ....
.13,7
16,8
Großbetrieb.
.15,4
28,1
Die Konzentration der Großbetriebe hat dagegen erhebliche Fortschritte gemacht, teils aus produktionstechnischen, teils aus organisatorischen Gründen.
Über das Verhältnis der kapitalistischen Schiffahrtsunternehmungen zu den handwerksmäßigen Kleinschiffern auf dem Rhein geben die Rheinschiffahrtsregister Aufschluß. Danach befanden sich 1910 von insgesamt 10344 Schleppkähnen mit 4590888 t Trahfähigkeit
im Besitz von Kähne Tragfähigkeit
Reedern. 1048 1081190 t
Partikulierschiffern . . 9296 3509698 „
„Die Kleinschiffer sind entweder Kahn- oder Schleppbootbesitzer und übernehmen Transporte selbständig wie die Großreedereien, zu denen sie im übrigen in bezug auf die Verwendung der Betriebsmittel in einem gewissen Austauschverhältnisse stehen, namentlich insofern die Großunternehmungen vielfach Kahnraum der Kleinschiffer in Anspruch nehmen, diese andererseits die Schleppkraft jener.“ A. Wirminghaus, Gemeinwirtschaftliche Organisation usw., a. a. O. Seite 999. Wir erfahren auch den Grund, weshalb es keiner Schiffahrtsunternehmung möglich ist, sich völlig unabhängig von dem Partikulierschifferstande zu machen. Es würde eine Uberkapitalisation bedeuten, wenn eine Gesellschaft dahin streben wollte, auch in Zeiten der Hochkonjunktur mit eigenem Material zu wirtschaften. In Zeiten der Baisse würde dann eine genügende Verzinsung des Kapitals nicht erzielt werden.
Die Seeschiffahrt war schon während der frühkapitalistischen Epoche aus dem Rahmen des Handwerksbetriebes herausgetreten und hatte in der Gestalt der Partenreederei genossenschaftliche Betriebe größeren Ausmaßes geschaffen: siehe das zweiundzwanzigste Kapitel des zweiten Bandes. Das 19. Jahrhundert sieht dann die Verwendung der Aktiengesellschaft auch für die Seeschiffahrt, die dann immer mehr und zuletzt so gut wie ausschließlich in großen Aktiengesellschaften betrieben wird.
In Deutschland wurde die erste Hambxugische Dampfschiffahrtsgesellschaft („Hanseatische D.-G.“) vom alten Sloman mit einem Aktienkapital von 300000 Mark gegründet. 1847 erfolgte die Gründung der Hambimg- Amerika-Gesellschaft (Anfangskapital 300000 Mark), 1857 die des Norddeutschen Lloyd in Bremen. Diese beiden Gese llschaften vergrößerten

856 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtsckaftl. Prozesses i. d. Geschichte
sich rasch und nahmen von dem sich mächtig entwickelnden Schiffsverkehr immer größeren Anteil für sich in Anspruch. Vor Ausbruch des Krieges hatte der Tonnengehalt der Hamburg-Amerika-Gesellschaft 1 Million Tonnen überschritten, der des Norddeutschen Lloyd sie fast erreicht. In den 1880er Jahren umfaßte die Motte des Norddeutschen Lloyd erst ein knappes Fünftel (18,4%) der gesamten bremischen Flotte, 1910 war es beinahe die Hälfte (46,3%). Die beiden größten Schiffahrtsunternehmungen Bremens (Norddeutscher Lloyd und Hansa) besaßen 1882 etwas über ein Fünftel (21,2%), 1900 drei Fünftel (61,4%), 1910 zwei Drittel (66%) der Bremischen Flotte. Jahresberichte der Bremer Handelskammer.
Im Anfang des 20. Jahrhunderts berechnete man, daß von der deutschen Tonnage 77 % den größtenünternehmungen mit über 30 000 Tonnen gehörten. K. Tieß a. a. O. Seite 62.
Diese kapitalistische Konzentrationsbewegung kommt in den Betriebsziffern naturgemäß zum Ausdruck. Nach der Gewerbestatistik waren beschäftigt in der Seeschiffahrt:
1895
1907
in Kleinbetrieben. .
• • io,o%
5,4%
„ Mittelbetrieben .
• • 13,5%
8,4%
,, Großbetrieben . .
• • 76,5%
86,2 %
Stat. d. D. R., Band 220/21, Seite 96*, woselbst sich auch alle auf das Verkehrsgewerbe bezüglichen betriebsstatistischen Ziffern finden, die im vorstehenden benutzt sind.
So stark wie in Deutschland war die Konzentration der Schiffahrtsunternehmungen vor dem Kriege in keinem anderen Lande. Aber auch in den übrigen Ländern herrschten die ganz großen Gesellschaften vor: in England die P&O (Peninsular and Oriental) Co. und die British India Co. mit etwa 1 / 2 Millionen Tonnen, die Cunard-Linie, die White-Star-Linie, die Firma Alfred Holt & Co., die Ellermann-Linie, Gesellschaften mit 3—400000 Tonnen und einige wenige andere mit 2—300000 Tonnen; in Frankreich die Messageries Maritimes, die Compagnie Generale Trans- atlantique, die Compagnie des Chargeurs Reunis: Gesellschaften mit 150—250000 Tonnen.
Bereits vor dem Kriege war aber die Konzentrationsbewegung im Seeschiffahrtsgewerbe schon weiter fortgeschritten, sofern die Reedereien verschiedener Länder zu einem großen Konzern sich zusammenschlossen. Das geschah im Jahre 1902 durch die Bildung der International Mercantile Marine Company, dem sogenannten Morgan-Trust, der es unternahm, die wichtigsten Schiffahrtsgesellschaften Englands und Amerikas zu einer Gesellschaft mit einem Tonnenbesitz von 1080000 Tonnen zu vereinigen. Siehe Nauticus, Jahrbuch für Deutschlands Seeinteresse, 1903.
Offenbar waren hier die Bahnen vorgezeichnet, in denen sich das Schiffahrtsgewerbe in der Zukunft bewegen wird.
Daß die Gründe für diese starke Konzentration der Reederei in der Seeschiffahrt zum Teil in der Verteuerung der technischen An-

Einumlfünfzigstes Kapitel: Die Konzentration
857
lagen liegen, ist zweifellos. Nach periodischen Veröffentlichungen •des „Fairplay“ schwankte der Verkaufspreis für einen neuerbauten Frachtdampfer von 7500 t von 1900 bis 1914 zwischen 4,2 und 8,1 £ pro Tonne deadweight. Wenn demnach heute ein großer Schnelldampfer mehrere Millionen Mark, ein gewöhnlicher Überseefrachtdampfer mehrere hunderttausend Mark kostet, so kommen kleine Betriebe für die Ausrüstung derartiger Schiffskörper überhaupt nicht in Betracht, auch wenn sie nur einen Dampfer laufen lassen wollten. Aber die Steigerung der technischen Ansprüche bildet doch nur einen der Gründe für die Konzentrationsbewegung. Warum vollzieht sich der Betrieb in immer größeren Unternehmungen und schließlich in Konzernen mit Hunderten von Schiffen % Dafür gibt •es nur organisatorische Gründe, wie namentlich das Bestreben, die Chancen des Verkehrs nach Möglichkeit auszunutzen, die Beschäftigung innerhalb des Betriebes auszugleichen, sich gegen Ausfälle zu versichern. Karl T h i e ß hat das sehr anschaulich für die deutsche Reederei nachgewiesen. Seine Ausführungen dürfen aber allgemeine Gültigkeit in Anspruch nehmen, wenn er (a. a. 0. Seite 63) schreibt: „Einige Linien sind direkt eingerichtet worden, um in einer für den Neuyorker Verkehr stillen Zeit anderweite Beschäftigung, besonders die Baumwollverschiffungen der südlichen Häfen zu erhalten, und um die Schnelldampfer im Winter statt von Hamburg und Bremen von Genua aus zu beschäftigen. Die Mannigfaltigkeit des Liniennetzes und die Größe der Flotte ermöglicht in jeder Weise eine zuverlässige und praktische Disposition über den Schiffsbestand, so daß zum Beispiel in der Saison große, sonst kleinere Dampfer nach Ostasien und Australien laufen und die größeren inzwischen die Neuyorker Fahrten verstärken.
Namentlich die Frachtdampfer können je nach dem Raumbedarf in den verschiedenen Fahrten verwandt werden. Außergewöhnlichem Bedarf kann leichter Rechnung getragen werden, Schiffsverluste können durch andere Dispositionen ohne dauernde Störungen überwunden werden. Eine vielseitige Reederei ist nicht mehr von dem wirtschaftlichen Gedeihen eines Landes und dessen Wirtschaftspolitik abhängig, sondern kann Rückschläge an einer Stelle anderswo ersetzen. Zum Beispiel werden bei einer nordamerikanischen Mißernte die argentinischen Getreideverschiffungen um so größer sein. Ein Betrieb wie die Hamburg-Amerika-Linie oder der Lloyd wird diese Kompensation im eigenen Betriebe spüren. In dieser Hinsicht haben sich bei der großen Frachtenkrise zu Anfang unseres Jahrhunderts die lconzen-

858 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte
trierten Betriebe vorzüglich bewährt. Sie haben irgendwo immer noch verdient und haben ansehnliche Durchschnittsdividende verteilen können, während die Mehrheit der Reeder aller Länder direkte empfindliche Verluste zu beklagen hatten.“
V. Handel
1. Das Handelsgewerbe im allgemeinen
Der Warenhandel ist eines derjenigen „Gewerbe“, die die meisten Menschen beschäftigen. Die Gestaltung seiner Betriebsverhältnisse ist deshalb von hervorragender Bedeutung.
In Deutschland wurden (1907) im Warenhandel 1 723 499 Personen ermittelt; das sind (nach der Berufszählung) 6,2% aller hauptberuflich Erwerbstätigen.Der Warenhandel nimmt also fast ebenso vieleMenschen in Anspruch wie die Montanindustrie und die Textilindustrie zusammen. Anderswo ist es noch schlimmer. Der Anteil der im Warenhandel beschäftigten Personen an der Gesamtheit der Erwerbstätigen (Population active) betrug 1910/11 in Frankreich 10%, in der Schweiz 11,4%, in den Vereinigten Staaten 12,2%, in England und Wales 14,4%, in Australien gar 18,6%. (Berechnet nach der Zusammenstellung im [französischen] Annuaire statistique 38. Vol. [1922] S. 190, 191. Hier ist — richtig — das Handelsgewerbe allein berücksichtigt, das Transportgewerbe zur Industrie geschlagen, während in den Internationalen Übersichten des Stat. Jahrb. f. d. D. Reich „Handel und Verkehr“ [= Transport], die gar nichts miteinander zu tun haben, zusammengezählt sind.)
Und dieses größte aller „Gewerbe“ — das ist es was uns hier angeht — weist fast gar keine Konzentrationstendenz in seiner Betriebsgestaltung auf. Jedenfalls ist es bis zum Kriege zum ganz überwiegenden Teile vom Kleinbetrieb beherrscht gewesen, neben dem der Mittelbetrieb einige, der Großbetrieb eine geringe Bedeutung erlangt hatte. (Nach dem Kriege verläuft die Entwicklung fast noch mehr zugunsten des Kleinbetriebes.)
Eine Betriebsgrößenstatistik des ganzen Handelsgewerbes besitzen wir für Frankreich. Danach verteilt sich das Personal der Gehilfenbetriebe auf die einzelnen Betriebsgrößen wie folgt:
Betriebe
1896
1901
1906
mit 1-—5 Gehilfen
55,6
50,3
54,4
,, 6—10 ,,
12,3
11=7
11,5
über 10 „ •
32,1
38,0
34,1

Einundfünfzigstes Kapitel: Die Konzentration
859
Das Verhältnis zwischen Selbständigen und Angestellten war folgendes im Jahre 1906:
Betriebsleiter .... 391740 Angestellte. 785837
Die Durchschnittsgröße der Gehilfenbetriebe war:
1896 . 2,6
1901.3,0
1906 . 2,8
Resultats statistiques du recensement de la population cffectue en 1906 (1910.)
Die Ziffern der deutschen Gewerbezählungen sind folgende:
Betriebe
1882
1895
1907
Betriebe
Personen
Betriebe Personen
Betriebe
Personen
Alleinbetriebe und Betriebe mit bis 5 Personen . .
371919
557117
537292
846607
707793
1171124
Betriebe mit 6 bis 50 Personen....
14102
138142
25729
268281
42093
484077
Betriebe über 50 Personen . . . .
136
10697
283
27964
1146
116069
Von 100 Betrieben sind:
1882
1895
Kleinbetriebe . . .
. . . 96,3
95,4
Mittelbetriebe . . .
. . . 3,7
4,6
Großbetriebe . . .
. . . 0,0
0,0
i 100 Personen sind beschäftigt
1882
1895
in Kleinbetrieben. . .
. . . 78,9
74,1
„ Mittelbetrieben . .
. . . 19,6
23,5
„ Großbetrieben . . .
. . . 1,5
2,4
1907
94,2
5,6
0,2
1907
66,1
27,3
6,6
Übersicht 6 in Band 220/21 der Stat. d. D. R.
Also — trotz beträchtlicher Zunahme der Großbetriebe — in den 25 Jahren von 1882—1907 eine Verdoppelung der Zahl der Kleinbetriebe und der in ihnen beschäftigten Personen. In dem gedachten Zeitraum stiegen
die Kleinbetriebe von 100 auf 190
„ Kleinbetriebler „ 100 „ 208
„ Bevölkerung „ 100 „ 133
In diesen Ziffern sind En-gros- und En-detail-Handel nicht getrennt. Ihre Entwicklung ist aber, namentlich in ihren Gründen, so verschieden, daß wir doch versuchen müssen, diese beiden Bereiche des Warenhandels getrennt zu behandeln.

860 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte
2. Der Großhandel
Hier sollte man eine besonders starke Tendenz zur Großbetriebsbildung und zur Aufsaugung der kleinen Geschäfte durch die großen vermuten. Sie besteht aber offenbar nicht oder nur in geringer Stärke. Die Gründe sind offenbar darin zu suchen, daß den Kräften, die auf eine Konzentration hindrängten, Kräfte entgegengewirkt haben, die diese verhinderten.
Konzentrationsfördernde Umstände waren:
(1.) die Vorzüge, die der Großbetrieb als solcher bot;
(2.) die Bedeutung, die der Eigenhandel als Kreditgewährer erlangt hat;
(3.) die Notwendigkeit der Vielseitigkeit des Handels im Interesse des Chancenausgleichs oder der besseren Bedienung der Kundschaft: En-gros-Sortimenter! Exporthaus! Einkaufsgesellschaften!
Zweifellos haben nun auch diese Umstände oder Anforderungen bewirkt, daß sich ein Teil der Großhandelsgeschäfte zu größeren Unternehmungen entwickelt hat.
Leider bietet uns die Statistik fast gar keinen Anhaltspunkt, diese Tatsache ziffernmäßig festzustellen, da in der Begel weder die Betriebsgrößenstatistik noch die Gesellschaftsstatistik Groß- und Detailhandel unterscheidet. Nur in der amerikanischen Statistik der „Corporations“ sind diejenigen der Großhändler (Wholesalers and jobbers, including ex- porters, importers etc.) getrennt aufgeführt. Es waren (1921) 15965. Davon werfen 6930 einen Gewinn von 120039000 $ ab. Das ergäbe einen Durchschnitt von 17318 .$ und läßt immerhin auf einen gewissen Betriebsumfang schließen, den wir genauer nicht bestimmen können, da die Angabe der Größenklassen fehlt. Vielleicht kann man auch den größeren Teil der G. m. b. H., die die deutsche Statistik im „Handelsgewerbe“ ausweist, dem En-gros-Handel zurechnen. Das waren am 30. Sept. 1909 (nach Abzug der für Banken, Grundstückshandel und Hypothekenverkehr gegründeten) 4046 mit einem Gesamtkapital von 595,2 Millionen Mark, also einem Durchschnittskapital von 147000 Mark. Stat. Jahrb.
Der Konzentration entgegengewirkt haben folgende Umstände:
(1.) die Abwälzung der Kapitallast auf Nebengewerbe, wie Spedition, Lagerung, Transport.
So ist das Lagerungsgeschäft erst im letzten Menschenalter vor dem Kriege als selbständiges Gewerbe ausgebildet worden und hat sich sofort auf großbetrieblicher Grundlage entwickelt. Die Zahl der in „Lagerhäusern und Aufbewahrungsanstalten“ gezählten gewerbetätigen Personen betrug in Deutschland:
1882
1895
1907
643
4208
15606

Einundfünfzigstes Kapitel: Die Konzentration
861
Von 100 Personen waren im Jahre 1907 beschäftigt: in Kleinbetrieben ... 5,3%
„ Mittelbetrieben . . . 40,2%
„ Großbetrieben . . . 54,2%
A. a. 0. Übersichten 1 und 6;
(2.) die Wandlungen in der Organisation des Großhandels, wodurch der Eigenhandel vielfach zugunsten des Kommissionshandels zurück- gedrängt ist;
(3.) die Leichtigkeit, ein En-gros-Handelsgeschäft zu gründen, wofür in zahlreichen Fällen nicht viel mehr als eine Schreibmaschine (auf Abzahlung!) erforderlich ist.
Wie sich diese entgegenstehenden Kräfte ausgewirkt haben, entzieht sich, wie gesagt, unserer genauen Kenntnis. Daß aber der,, Großhandel“ in vielleicht stärkerem Maße als der Detailhandel bis zuletzt dezentralisiert geblieben ist, wird man auf Grund der Erfahrung des Alltagslebens annehmen dürfen. Vielleicht liefern die Ziffern der Statistik sogar eine Bestätigung, wenn folgende Erwägung richtig ist.
Wie wir sahen, weist unsere Gewerbezählung von 1907 im ganzen Handelsgewerbe (XIX a und d [Hausierhandel]) 707 793 Kleinbetriebe aus; im Warenhandel ohne Hausierhandel 666 012. Nach Übersicht 6 des Bandes 220/221. In Übersicht 16 desselben Bandes sind nur die „Gewerbebetriebe mit offenen Verkaufsstellen“ angegeben. Das sind im Warenhandel (ohne Hausierhandel) 453 841, davon Kleinbetriebe 396 788. Das sind doch also wohl die Detailhandelsgeschäfte? Also würde die Differenz zwischen ihnen und sämtlichen Handelsbetrieben die Zahl der En-gros-Handelsbetriebe ergeben, von denen danach 279 224 Kleinbetriebe wären. Die Ziffern für die Mittel- und Großbetriebe, die wir solcherweise durch Abzug der Betriebe mit offenen Verkaufsstellen von der Gesamtzahl ermitteln, sind 15 940 und 406.
Der Aufbau der Großhandelsbetriebe wäre danach folgender:
Gesamtzahl: 295 570.
Davon: Kleinbetriebe . . . 279 224 =94,5%
Mittelbetriebe . . . 15 940 = 5,4%
Großbetriebe . . . 406 = 0,1%
Der Großhandel würde danach um eine Schattierung kleinbetrieblicher gestaltet sein als der Warenhandel im ganzen, als Groß- und Kleinhandel zusammen.
3. Der Detailhandel
Viel offensichtlicher und mit viel mehr Lärm als auf dem Gebiete des Großhandels hat sich auf dem des Detailhandels die Großbetriebs-

862 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichtebildung vollzogen. Namentlich die Warenhausbewegung hat so viel von sich reden machen, daß es eine Zeitlang schien, als ob der Kleinbetrieb im Detailhandel wie in manchem Zweige der gewerblichen Produktion völlig dem Untergange geweiht sei. Wie steht es damit bei genauerem Zusehen?
Zweifellos hat der Großbetrieb im Detailhandel, hat namentlich das Warenhaus während des letzten Menschenalters vor dem Kriege in allen kapitalistischen Ländern sich einen breiten Platz erobert. Ein paar Ziffern werden das erweisen.
Der Großbetrieb im Detailhandel hat sich in verschiedener Form entwickelt, von denen die wichtigsten sind: das große Verkaufsmagazin, das Filialgeschäft, das Versandgeschäft.
Warenhäuser:
Nach den Angaben von Julius Hirsch, dem besten Kenner dieses Gegenstandes, war der Stand der Entwicklung vor dem Kriege dieser:
In Preußen betrug
die Zahl der warenhaussteuer- der Warenhäuser pflichtige Umsatz
(Millionen Mark)
1903 . 73 143
1907 . 101 216,4
1912.121 296
Der Umsatz der Pariser Warenhäuser, die die größten des Kontinents sind (Bon Marche 220, Louvre 200), betrug (1913) 900 Millionen Mark. Die 18 größten Londoner Warenhausaktiengesellschaften hatten Kapital:
1908 ..... 226,3 Millionen Mark, 1912 . 285,2
In Groß-Neuyork gab es (1913) 25 Großwarenhäuser, von denen 31 rund 42000 Angestellte hatten.
Filialgeschäfte:
Die deutsche Gewerbezählung von 1907 ermittelte im Warenhandel 5499 Hauptgeschäfte mit Zweiggeschäften (12498), die mit den Hauptgeschäften zusammen 16295 offene Läden hatten. Geschäfte, die auch an anderen Orten Zweiggeschäfte hatten, gab es 3118 mit 8331 Zweiggeschäften ; Hauptgeschäfte mit drei und mehr Zweiggeschäften 760 (13,8%). Die Durchschnittszahl in einem Hauptgeschäft betrug 16, in einem Zweiggeschäft 6. Diese Ziffern, die von den Hirschschen abweichen, sind der Übersicht 17 des Bandes 220/21 der Stat. d. D. R. entnommen.
Kaisers Kaffeegeschäft in Deutschland, 1890 entstanden, hatte Filialen:
1896 . 75
1912.1402
Stärker war die Entwicklung der Filialgeschäfte in anderen Ländern.

Einundfiiufzigstes Kapitel: Die Konzentration
863
In Frankreich hatten 80 Aktiengesellschaften allein im Kolonialwarenhandel (1912) rund 12000 Läden mit 90000 Angestellten und Arbeitern..
In England besaßen (1912) die Filialbetriebs-A.-G. etwa 70000 Läden; 16 Firmen hatten ein Aktienkapital von 224,4 Millionen Mark.
In den Vereinigten Staaten wurde im Jahre 1911 die bekannte Woolworth-Gesellschaft mit 65 Millionen Dollar Kapital inkorporiert, die aus der Übernahme mehrerer Unternehmungen mit 5 und 10 Cts.-Yerkaufsläden hervorging. Diese Art von Läden, so heißt es in einem Prospekt vom Februar 1912, besteht seit 1879 und hat sich seither wachsender Beliebtheit erfreut, so daß die neue F. W. Woolworth Co. 558 Läden in den Vereinigten Staaten und 32 in Kanada betreibt und kontrolliert, abgesehen von 12 Läden der F. W. Woolworth Co. Ltd of Great Britain in England. „Wir beschäftigen ungefähr 20000 Leute und haben täglich ungefähr 3 Millionen Kunden.“ Die Verkäufe der verschmolzenen Gesellschaften stiegen von 27,76 Millionen Dollar im Jahre 1906 auf 52,62 Millionen Dollar im Jahre 1911. Diese Notiz über die amerikanischen Filialgeschäfte entnehme ich Singer, Land der Monopole, 94.
Versandgeschäfte:
Das Versandgeschäft haben in Europa zuerst die Pariser Grands Magasins in großem Stil entwickelt. Ihr Umsatz in der Provinz bezifferte sich vor dem Kriege auf mehrere hundert Millionen.
Auch die amerikanischen Warenhäuser haben (der Eigenart des Landes entsprechend) frühzeitig diese Form des Warenvertriebes gepflegt. Drüben ist dann eine Art von Detailhandelsgeschäften entstanden, die sich ausschließlich mit dem Versand befassen: die sogenannten Mail Order Houses. Das größte und bekannteste von ihnen, Sears Roebuck & Co. in Chicago, hatte bereits im Jahre 1905 einen Umsatz von 51,8 Mill. Dollar.
(Uber die Weiterbildung der Großbetriebsformen im Detailhandel seit 1914, die uns hier nicht weiter interessiert, läßt sich für Europa nichts Verläßliches sagen. Für die Vereinigten Staaten liegen jedoch zahlreiche Angaben auch für die neueste Zeit vor, von denen ich wenigstens einige mitteilen will: Nach J. Walter Thompson Company Lists gibt es (1918) 4620 (?) Warenhäuser: 100 Department Stores haben mehr als 1 Mill. Dollar Kapital. Nach den Angaben des Federal Reserve Board haben 150 Warenhäuser einen monatlichen Umsatz von zusammen 100 Millionen Dollar.
Es gibt jetzt 2000 Filialensysteme mit 65000 Filialen.
Die größten Vertreter der drei verschiedenen Systeme weisen folgende Ziffern auf:
Marshall Field & Co. hat (1920) einen Umsatz von 183,6 Millionen Dollar (Department Store),
Sears Roebuck & Co. haben bei einem Kapital von 32 Millionen Dollar (1919 und 1920) einen Umsatz von 234 Mill. Dollar (Mail Order House),
■ F. W. Woolworth Co. hat es (1921) auf 1200 Filialen und einen Umsatz von 147,7 Millionen Dollar gebracht (Filialengeschäft: 5 und 10 Cts.-Stores). Augenblicklich (Ende 1926) wird bekannt, daß dieses Geschäft seine Fangarme auf Deutschland auszudehnen gedenkt. Die Angaben über die Umsätze nach Lincoln, a. a. O. Seite 615ff.

864 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte
Die Gründe dieser raschen Ausdehnung der Großgeschäfte im Detailhandel sind nicht weit zu suchen.
In beträchtlichem Umfange sind sie betriebsrationaler Natur. Der Großbetrieb gewährt als solcher Vorteile bei der Preisbildung, die in den modernen Detailgeschäften durch eine Reihe geschickter Trucks noch gesteigert sind.
Der Grundsatz des raschen Kapitalumschlages vor allem ist von den großen Detailgeschäften am folgerichtigsten durchgeführt worden. Durch Kleinhalten des Lagers, häufige Veranstaltung von Gelegenheitsverkäufen, rasches Abstoßen der unverkauften Waren (durch das sogenannte Basementsystem in den Vereinigten Staaten jetzt zur Vollendung gebracht) ist es ihnen gelungen, einen viel rascheren Wechsel des Warenlagers herbeizuführen, als es bisher im Kleinhandel üblich war. Nach Ermittlungen Schars betrug die Lagerdauer:
Uhren- und Bijouteriegeschäft . 700 Tage
Schuhgeschäft I.
. 440
„ II.
. 180
Haushaltartikelgeschäft....
. 348
Kolonialwarengeschäft ....
. 65
Großes Warenhaus in Berlin I
. 60
>5 33 33 3) H
. 25
A. a. 0. Seite 137, 128.
Über die Bedeutung der Dauer des Kapitalumschlages für die Preisbildung sind interessante Untersuchungen in dem Harvard Bureau of Business Researches Bull. 30 und 31 angestellt worden. Vgl. Lincoln, a. a. 0. Seite 646 ff.
Daß die modernen Formen des Detailhandels neben den billigen Preisen eine ganze Reihe anderer Vorteile für das Publikum, namentlich solche der größeren Bequemlichkeit und Annehmlichkeit, bieten, ist augenscheinlich und anerkannt.
Als Vorteile insbesondere der Filialgeschäfte zählt Hirsch, GdS5, 202 folgende auf:
1. Ersparnis des Grossistenprofits;
2. Vervielfältigung der Erfahrung: Auswahl des Ladenlokals, Gestaltung des Mietvertrags werden nach systematischen Massenbeobachtungen zweckmäßig geregelt;
3. Steigerung der Ausnützung der Arbeitskraft durch Arbeitsteilung: Auswahl des besten Geschäftsleiters;
4. Ersparung an Kosten für Lagerhaltung, da ein Geschäft dem anderen aushilft;
5. Risikoausgleich: wer Geschäfte an verschiedenen Orten besitzt, wird unabhängig von der Konjunktur des einzelnen Ortes und seines Haupterwerbszweiges;
6. leichtere Heranziehung des großen Kapitalmarktes.
Vgl. auch desselben Verfassers Schrift: Die Filialbetriebe im Detailhandel. 1913.

Einuudfünfzigstes Kapitel: Die Konzentration
865
Neben diesen betriebsrationalen Gründen kommen aber gerade auf dem Gebiete des Detailhandels in weitem Umfange irrationale Gründe in Betracht, die den großbetrieblichen Formen seiner Gestaltung, namentlich den Warenhäusern, zum Siege verholfen haben. Die Suggestivkonkurrenz hat nirgends so große Triumphe gefeiert wie hier. Auf Reklame baut sich ein großer Teil des Erfolges der großen Detailhandelsgeschäfte auf.
Untersuchungen in Amerika haben denn auch ergeben, daß die Ausgabe für Reklame mit der Größe der Geschäfte steigt.
Sie betrug z. B. für Schuhverkaufsgeschäfte bei einem Umsatz von
Harvard Bureau of Business Research, Bull. 31: Operating Expenses in Retail Shoe Stores in 1921, Seite 18.
Der Suggestion durch die Geschäfte ist die Eigensuggestion der Kundschaft zu Hilfe gekommen: die Warenhäuser wurden „beliebt“, wurden Modesache; man kaufte in ihnen, ohne sich viel zu überlegen, warum.
Endlich dürfen wir, wenn wir die Entwicklung der großbetrieblichen Formen des Detailhandels verstehen wollen, nicht vergessen, daß sich während der letzten Menschenalter die Bedingungen ihres Daseins in idealer Weise erfüllt haben. Vor allem ist hier des Emporwachsens der Großstädte sowie des immer größeren Einflusses der Frau auf die Gestaltung des Güterbedarfs zu gedenken: zweier bedeutsamer Erscheinungen unserer Zeit, der wir unser Augenmerk bereits zugewendet haben. Weitere Bedingungen, deren Erfüllung namentlich die Entfaltung der Versandgeschäfte erst möglich gemacht hat, und die wir ebenfalls an anderer Stelle gewürdigt haben, sind die Erhellung des Marktes, die Rationalisierung der Handelsgeschäfte, die Vervollkommnung der Verkehrsmittel.
Zieht man alle diese Umstände in Betracht, so erscheint es nicht auffällig, daß sich eine starke Neigung des Detailhandels zum Großbetriebe bemerkbar gemacht hat. Auffällig ist vielmehr nur, daß diese Bewegung einen so geringen Umfang angenommen hat. Offenbar sind doch eben auch auf dem Gebiete des Detailhandels Kräfte am Werke gewesen, die der Betriebskonzentration mächtig entgegengewirkt haben.
weniger als 30000 $
1,1% vom Umsatz,
30000— 49000 „ 50000— 99000 „ 100000—249000 „
über 250000 ,,
1 , 8 %

866 Drittes Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte
Solche Kräfte sind zunächst wiederum betriebsrationale Beweggründe gewesen.
Offenbar nämlich war — wenigstens in den geschlossenen Großbetrieben des Detailhandels — die optimale Betriebsgröße vielfach schon überschritten, soweit die Unkostengestaltung in Frage kommt.
Nach Untersuchungen, deren Ergebnisse Hirsch in seinem „Wunder“ mitteilt, betragen die gesamten Unkosten bei Warenhäusern
mit weniger als . . . $ 1000000 . 27,1%
„ einem Umsatz von „ 1000000—3999999. . . . 28,4%
„ „ „ „ „ 4000000—9999999 . . . 29,0%
„ „ „ „ mehr als $ 10000000 . . 29,5%
Zu ähnlichen Ergebnissen kommen die Verfasser des oben erwähnten 31. Bulletins des Harvard Bureau of Business Research in bezug auf die Schuh Verkaufsgeschäfte. Für diese ergab sich, daß das Optimum bei Geschäften mit einem Umsatz von30000 und 100000 $ liegt: hier betrugen die Gesamtkosten bzw. 26,3 und 26,1 %, während sie bei kleineren Geschäften auf 28,6%, bei größeren sogar auf 29,2 und 29,1% stiegen.
Neben den Kostengründen machen sich — vielleicht noch stärker — andere Gründe geltend, die den Großbetrieb und namentlich das Warenhaus in einen Nachteil gegenüber mittleren Spezialgeschäften setzen. Die „Übersehbarkeit“ des Geschäftes erscheint für viele Branchen wiederum als ein Vorzug sowohl für den Unternehmer wie für die Kundschaft. Daß der Chef vom Kunden erreichbar ist, also eine persönliche Beziehung aufrechterhalten werden kann, wird von vielen wieder als Bedingung eines wohlproportionierten Detailhandelsgeschäfts angesehen. Der Verkehr in den ganz großen Geschäften wird immer lästiger: die Bedienung, die Bezahlung, die Zustellung funktionieren nicht mehr glatt. Der Vorzug, trockenen Leibes eine Reihe von Einkäufen unter einem und demselben Dach erledigen zu können, verschlägt nicht mehr so viel bei der heutigen Frauenmode, bei der man die Röcke nicht zu raffen braucht. Für verwöhnten Geschmack ist die Auswahl in den Warenhäusern zu klein, und kommt deshalb nur das reich „assortierte“ Spezialhaus in Frage. Damen, die im Auto einkaufen, können ganz große Geschäfte überhaupt nicht mehr besuchen, weil sie nicht Vorfahren können. Der Reiz der Neuheit, den die Mammuthäuser besaßen, ist dahin. Die Mode hat andere Richtungen genommen. Und was dergleichen vernünftige und unvernünftige Gründe mehr sind, die alle in derselben Richtung gewirkt haben, die Vorherrschaft des ganz großen Detailhandelsgeschäfts, namentlich, wie gesagt, des Warenhauses zu brechen.

Einundfünfzigstes Kapitel: Die Konzentration
867
Endlich sollte man nicht vergessen, daß aus rein betriebsrationalen Gründen der Kleinbetrieb im Detailhandel zu allen Zeiten seine ausgesprochenen Vorzüge besitzt, die selbst durch eine weitgehende Verteuerung der Waren nicht aufgehoben werden. Sein Hauptvorzug ist die bessere örtliche Anpassung an die Bedürfnisse der Kundschaft, die nicht einmal ausschließlich wegen der größeren Bequemlichkeit von vielen Käufern mit einem Preisaufschlag gern vergolten wird: die größere Nähe des Ladens bei dem Wohnsitz des Käufers kann eine Ersparung an Zeitaufwand herbeiführen, die vom privat- wie gesamtwirtschaftlichen Standpunkt aus die etwaige Verteuerung der Waren aufwiegt.
Neben diesen betriebsrationalen Gründen wirken nun aber gerade beim Detailhandel, auf dessen Organisation einerseits der irrationale Handwerker, andererseits die irrationale Erau so entscheidenden Einfluß ausüben, die mannigfachsten außerwirtschaftlichen Kräfte auf eine kleinbetriebliche Gestaltung hin. Ich denke hier vor allem an die Tatsache, daß mit fortschreitender Entwicklung des Kapitalismus eine wachsende Zahl von Personen als leidenschaftliche Bewerber um Kleinhandelsstellen aufgetreten ist: Menschen, die oft nichts als den guten Willen und den Wunsch, Händler zu sein, mitbringen, oft außer diesem zwar eine spezifische Händlerbegabung, aber keinerlei Sachmittel, um einen Betrieb zu begründen, und die alle trotzdem, dank dem Zusammentreffen einer Anzahl ihr Vorhaben begünstigender Umstände, in den Besitz eines kleinen Ladens gelangen. Wie diese Schar von Bewerbern um Kleinhandelsstellen heranwächst, und durch welche Mittel es ihnen gelingt, ihr Ziel zu erreichen, können wir uns durch folgende Besinnungen klarmachen:
(1) Der Kapitalismus schafft in wachsendem Maße die Gewilltheit zahlreicher Personenkategorien, dem Handel zu dienen. Zunächst und vor allem dadurch, daß er das soziale Werturteil der großen Massen zugunsten der Handelstätigkeit verschieben hilft. Händler sein galt in der Zeit der handwerksmäßigen Produktion und tauschwirtschaftlichen Absatzorganisation keineswegs als Ziel der Wünsche; die „Handwerkerehre“ war das naturgemäße Ideal der großen Menge, der Ritter und Junker das der Herrschenden. Erst im Laufe der kapitalistischen Entwicklung gewinnt neben der gütererzeugenden und -verzehrenden Tätigkeit auch die Handelstätigkeit an Ansehen. Und heute gilt sie, zumal unter den Massen, als höchst erstrebenswertes Ziel: man drängt sich hinter den Ladentisch.
Somhart, Hoehkapitalismus II. 55

868 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft]. Prozesses i. d. Geschichte
Mit dieser Umwertung wird man auch die sogenannte „Emanzipation der Juden“ in Verbindung bringen dürfen: die freie Zulassung der Juden zu bürgerlichen Nahrungen hat zweifellos eine Stärkung der Vermehrungstendenz im Händlertum bedeutet.
(2.) Der Kapitalismus vermehrt aber auch das Menschenmaterial, aus dem die Händler, zumal die kleinen, sich ergänzen können. Er vernichtet wesentliche Teile des alten Handwerks und läßt den ehemaligen Handwerker im seßhaften Detailhandel Unterschlupf finden. Er hebt den Arbeitslohn einer oberen Arbeiterschicht über das Mindestmaß hinaus, das zur Bestreitung des notwendigen Lebensunterhalts dient, und ermöglicht kleine Ersparnisse. Er vermehrt durch die Steigerung des Reichtums die Zahl derjenigen Personen, die den oberen Zehntausend zeitweilig zur Erleichterung und Verschönerung des Daseins sich darbieten, und die nach einigen Jahren des Dienertums sich als kleine Ladeninhaber soziale Selbständigkeit erringen: Domestiken, femmes entretenues, Kokotten. Er vernichtet die alten bodenständigen Hausindustrien und Hausierhandwerke oder die alten Verkehrsgewerbe und liefert dem modernen Hausierhandel, der ihm selber dient, das Menschenmaterial. Er wirft unausgesetzt beschäftigungslose oder abgebrauchte Elemente aus der Produktionssphäre heraus, die nun im Straßenhandel ihren Unterhalt finden usw.
(3.) Der Kapitalismus schafft für zahlreiche Elemente, insbesondere vermögenslose Existenzen, erst die Möglichkeit, den Händlerberuf auszuüben. Dadurch zunächst, daß er in entsprechender Weise die Absatzorganisation umwandelt: durch Schaffung der Zwischenglieder zwischen kapitalistischer Produktion und Detaillist (Engrossortimenter, Reisende usw.). Sodann durch die unmittelbare Förderung in Gestalt weitgehender Kreditgewährung und Erleichterungen aller Art. Von zwei Seiten her tritt hier das Kapital als Begünstiger des vermögenslosen Händlertums auf: als Produktions- und (Groß-) Handelskapital einerseits, als Baukapital andererseits. Es ist eine allgemein bekannte Tatsache, daß heutigentags der kleine Händler, obwohl scheinbar selbständig, im Grunde doch vielfach nichts anderes als das Organ des Produzenten oder Grossisten ist, die ihm die Waren geradezu in den Laden tragen, gegen langfristigen Kredit zu den günstigsten Bedingungen überlassen. Vgl. das oben auf Seite 751 Gesagte.
Und wie es hier das Produktions- und Zwischenhandelskapital ist, das sich um Vermehrung und Erhaltung des kleinen Händlers müht, so anderswo das Baukapital. Seit in den größeren Städten die Bau-

Einundfünfzigstes Kapitel: Die Konzentration
869
polizei die Souterrainwohnungen nicht mehr zuläßt, ist das Streben allgemein geworden, das Erdgeschoß um so besser auszunützen. Das Vorteilhafteste ist aber immer die Errichtung eines Ladens: einer Bäckerei oder Molkerei, einer Drogerie, eines Bäudels, eines Blumenladens, eines Zigarrengeschäfts oder dergleichen. Vielfach richtet der Hausbesitzer die Räume gleich zweckentsprechend ein, läßt sie mit dem notwendigen Inventar ausstatten und gewährt dem Ankömmling, der in diesen Räumen sein Geschäft betreiben will, mindestens auf ein Vierteljahr Mietskredit.
Daß in dem Kampfe zwischen den konzentrationsfördernden und konzentrationshindernden Kräften im Detailhandel diese den Sieg davongetragen haben, unterliegt keinem Zweifel.
Wenn wir nämlich einmal genauer nachprüfen, welchen Anteil nun eigentlich die Großbetriebe am gesamten Warenumsatz haben, so sind wir verblüfft über die Geringfügigkeit dieses Anteils. Nehmen wir als Untersuchungsgebiet selbst die Vereinigten Staaten, und nehmen wir als Zeitpunkt selbst die allerneueste Zeit, so kommen wir zu folgenden Feststellungen: Im Jahre 1921 wurden 1219 Department Stores unter den Corporations ermittelt. Von diesen beschäftigt sich ein großer Teil ausschließlich oder teilweise mit Großhandel, Marshall Field & Co. z. B. treibt zu gleichen Teilen Groß- und Kleinhandel. Setzen wir das Verhältnis zugunsten des Detailhandels wie 2: 1 an, so würden etwa 800 Corporations Kleinhandel in Warenhäusern treiben. Wir wissen nicht, wieviel sie umgesetzt haben. Wenn wir aber die Schätzung zugrunde legen, nach der die 100 Neuyorker Warenhäuser einen Absatz von 400 Millionen Dollar haben sollen, so werden wir eher zu hoch als zu niedrig greifen, wenn wir ihren Gesamtumsatz auf 3 Milliarden Dollar beziffern. Da nach Dr. N ystroem die Gesamtmenge der im amerikanischen Detailhandel umgesetzten Waren (1924) 35 Milliarden Dollar beträgt, so würden die Warenhäuser davon etwa 8% bewältigen. Hirsch gibt im GdS 5 2 , 240 auf Grund anderer Berechnung als Anteil aller 1800 Warenhäuser Amerikas nur 6% an.
Den Gesamtumsatz des Kolonialwarenhandels, auch in den Drug Stores, schätzt man auf ungefähr 6 Milliarden Dollar jährlich und nimmt an, daß die verschiedenen Massenfilialbetriebe davon etwa ein Sechstel an sich gezogen haben; das wäre 1 Milliarde Dollar oder 2,8% des gesamten Detailhandelsumsatzes.
Den Umsatz der Mail Order Stores beziffert man auf G00—700 Millionen Dollar oder 2%.
55 *

870 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft. Prozesses i. d. Geschichte
Der Umsatz der wichtigsten 5- und 10-0ts.-Stores betrug (1924) 436,4 Millionen Dollar oder 1,2%.
Rechnet man alle diese zum Teil sicher zu hoch angenommenen Umsätze sämtlicher Großbetriebsformen zusammen, so kommt man auf etwa 5 Milliarden Dollar oder ein Siebentel des gesamten Detailhandelsumsatzes des Landes. Es kann etwas mehr, es kann auch weniger sein: sehr viel wird sich die Wirklichkeit von dieser Ziffer nicht entfernen. Dann bleiben also sechs Siebentel des Umsatzes für die kleinen und mittleren Geschäfte. Diese mittleren Geschäfte gewinnen in den Vereinigten Staaten offenbar eine wachsende Bedeutung. Unter den „Corporations“ wurden (1921) 40 262 „Retail Stores“ ermittelt, die einen Durchschnittsprofit von 9500 $ machten. Rehmen wir einen Gewinn von 5% auf den Umsatz an, so würden allein diese inkorporierten Retail Stores 8 Milliarden Dollar umsetzen. Doch ist diese Ziffer ziemlich unsicher. Auch wissen wir nicht, wie groß die Zahl der sämtlichen mittleren Betriebe ist. Sicher läßt sich nur so viel sagen, daß der Anteil der mittleren Betriebe am Gesamtumsatz erheblich größer ist als der der Großbetriebe, aber wahrscheinlich sehr viel niedriger als der der Kleinbetriebe. Zu diesem Urteile berechtigt uns die Berufsstatistik. Danach sind von den 3,5 Millionen im Warenhandel ermittelten Personen etwa 2,8 Millionen im Detailhandel beschäftigt. Von diesen waren 1,3 Millionen Betriebsleiter, 1,5Millionen Angestellte. (Stat. Abstr. U. S.) Jene machten also 46,4%, diese 53,6% der Detailhändler überhaupt aus. Dieses Verhältnis läßt eine größere Dezentralisation des Detailhandels im heutigen Amerika vermuten, als sie in Deutschland im Jahre 1907 bestand, wo 33,4% Betriebsleiter und 66,6% Angestellte im Detailhandel gezählt wurden. Daß sich die Zahl der Klein- und Mittelbetriebe und der in ihnen beschäftigten Personen auch im Detailhandel wie im Gesamthandel absolut während aller dieser Jahre stark vermehrt hat, ist sicher. So daß für den Detailhandel dasselbe gilt, was wir für den Großhandel feststellen konnten: trotz erheblicher Großbetriebsbildung ist von einer Konzentration im eigentlichen Sinne, ja auch nur in der weiteren Bedeutung, die wir dem Worte beigelegt haben, keine Rede. Noch heute herrschen Mittel- und Kleinbetriebe in diesem Gewerbe beträchtlich vor.
* *
Anhangsweise will ich noch die
die Gast - und Schankwirtschaft betreffenden Ziffern kurz mitteilen. Dieses Gewerbe wird in allen Dar-

Einundfünfzigstes Kapitel: Die Konzentration
871
Stellungen stiefmütterlich behandelt. Und ist doch auch der größten eines. Im Jahre 1907 wurden in Deutschland darin gewerbetätige Personen 803 603 ermittelt. Das sind so viel, wie die Papierindustrie, die Lederindustrie und das Verkehrsgewerbe (ohne Post und Eisenbahn) zusammen umfassen.
Auch in diesem Gewerbe besteht keine wesentliche Konzentrationstendenz, und ruht das Schwergewicht noch immer im Kleinbetriebe. Das gilt in besonderem Maße von der „Erquickung“, aber doch auch von den anderen Zweigen dieses Gewerbes, der Beherbergung (Gasthöfe und Hotels garnis).
Die Ziffern der deutschen Gewerbezählungen sind diese:
Beherbergung
1882
1895
1907
Betriebe
Personen
Betriebe
Personen
Betriebe
Personen
Kleinbetriebe . .
88222
137862
118730
230294
94077
164703
Mittelbetriebe. .
3459
35915
8434
87596
8820
97993
Großbetriebe . .
15
1128
62
4735
136
10346
Erquickung
1882
1895
1907
Betriebe
Personen
Betriebe
Personen
Betriebe
Personen
Kleinbetriebe . .
75769
116435
101935
202482
217186
423207
Mittelbetriebe. .
2375
22637
5242
52186
9239
96361
Großbetriebe . .
4
269
34
2665
119
10993
Beherbergung
Von 100 Betrieben sind
Von 100 Personen sind beschäftigt in
1882
1895
1907
1882
1895
1907
Kleinbetriebe . .
96,2
93,3
91,3
78,8
71,4
60,3
Mittelbetriebe . .
3,8
6,6
8,6
20,5
27,1
35,9
Großbetriebe . .
0,0
0,1
0,1
0,7
1,5
3,8
Erquickung
Von 100 Betrieben sind
Von 100 Personen sind beschäftigt in
1882
1895
1907
1882
1895
1907
Kleinbetriebe . .
97,0
95,1
95,9
83,6
78,7
79,8
Mittelbetriebe. .
3,0
4,9
4,1
16,2
20,3
18,1
Großbetriebe . .
0,0
0,0
0,0
0,2
1,0
2,1
Aus der Übersicht 6 des Bandes 220/21 des Stat. d. D. R. Seite 98*.

872 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte
Y. Bankwesen
Auch über die Konzentration im Bankwesen, worunter hier das Kreditbankwesen verstanden wird, ist viel gesungen und gesagt worden. In der Literatur herrscht eine ziemlich große Verwirrung, maßen man meistens Dinge miteinander verwechselt oder doch zusammengeworfen hat, die man säuberlich auseinanderhalten muß: Vergrößerung und Konzentration, Betriebskonzentration und räumliche Konzentration, Konzentration und Verschiebung in den Unternehmungsformen (Verdrängung des Einzelbankiers durch die Aktiengesellschaft) usw. Wir verfolgen zunächst
1. die Neigung zur Vergrößerung der einzelnen Banken, die zweifellos in starkem Maße vorhanden ist. Wir können diese Vergrößerung bei den Aktienbanken an dem Wachsen des Durchschnittskapitals (samt Reserven) sowie an der Zunahme der fremden Gelder unmittelbar feststeiler, bei allen Banken an der Zunahme der beschäftigten Personen in der einzelnen Bank. Wir können auch die Vergrößerung des Großbanktyps ziffernmäßig verfolgen.
In den Weststaaten Europas setzt diese Vergrößerungstendenz schon früh im 19. Jahrhundert ein, in Deutschland erst gegen das Ende des Jahrhunderts.
Ein paar Ziffern mögen den Prozeß veranschaulichen.
Großbritannien: Es hatten die in London und in der Provinz arbeitenden Banken (20 bzw. 18) durchschnittlich jede Millionen Pfund:
1893 1912
Eigenkapital . . 23,8 43,9
Fremde Gelder . 133,5 411,6
Berechnet nach den Mitteilungen bei F. Somary, a. a. 0. Seite 264.
Frankreich: Das Wechselportefeuille der drei führenden Banken betrug
(Millionen Franken):
1880 30. Mai 1914
Credit Lyonnais. 137 1700
Societe Generale. 108 989
Comptoir National d’Escomptc 136 1227
Die Depositeneinlagen:
Credit Lyonnais. 244 1015
Societe Generale. 253 681
Comptoir National d'Escoinpte 103 860
Bei Erwin Responclck, Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft im Kriege (1917), 112.

Einundfünfzigstes Kapitel: Die Konzentration
873
Die drei Banken verfügten (in Millionen Franken) über
eigene Betriebsmittel fremde Gelder
1870 .
. 200 (für 1872)
427
1890 .
. 265
1245
1909 .
. 887
4363
Nach B. Kaufmann, a. a. O.
Deutschland: Das Durcbscbnittskapital (einschließlich Reserven) betrug in Millionen Mark bei den
Aktienbanken Kreditbanken
1885 . 12,8 11,5
1890 . 14,2 13,5
1895 . 16,1 14,3
1900 . 20,5 19,9
1905 . 22,0 19,7
1910 . 24,0 21,2
Berechnet nach den Zusammenstellungen des „Deutschen Ökonomist“.
Kapital und Reserven der acht Berliner Großbanken betrugen (Mill. Mk.):
1880 .... 304,4
1890 .... 512,3
1900 .... 957,3
1905 .... 1268,7 1910 .... 1421,8 1914 .... 1677,7
Größe der Bankgeschäfte in zehn deutschen Großstädten:
18
Zahl der Geschäfte
58
Zahl der darin
beschäftigten
Hill'spersonen
IS
Zahl der Gewerbebetriebe
05
Zahl der darin
beschäftigten
Personen
19
Zahl der Gewerbebetriebe
07
Zahl der darin
beschäftigten
Personen
306 741
Auf ein Geschäft entfallen 2,4 Hilfspersonen.
1234
Auf einen Ge entfallen 7,
9752
werbebetrieb 1 Personen.
1318
Auf einen Ge entfallen 16
21835
werbebetrieb ,6 Personen.
Wie sich die Vergrößerung in der äußeren Organisation der Banken auswirkt (in der Vermehrung der Filialen, Agenturen oder Depositenkassen je nach dem „System“ des Landes oder der Bank), haben wir, soweit es uns angeht, schon an anderer Stelle verfolgt. (Siehe Seife 195.)
Dagegen verdient hier der Umstand Beachtung, daß die Vergrößerung der einzelnen Banken sich häufig in der Form der Fusionen mit anderen Banken vollzieht. Auch hierfür müssen einige Ziffern zur Belebung des Bildes angeführt werden:
Großbritannien: Hier ist seit alters her der Weg der Fusion beschritten worden. In Schottland erfolgten schon in den Jahren 1829—1844 16 Fusionen großer Banken, 1857—1864 deren 4.
Nach K. Mamroth, Die schottischen Banken, 10.

874 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte In England betrug nach einer Zusammenstellung bei Jaffe, a. a. 0.,
die Zahl der Bankfusionen:
1875—1886 . 42
1887—1896 . 117
1897—1906 . 85
1907—1909 . 16
Während im Gegensatz zu Großbritannien die Bankfusion in Frankreich zu den Ausnahmen gehört (siehe E. Kaufmann, a. a. 0. Seite 287ff.), nimmt Deutschland eine Mittelstellung ein. Hier ist die Fusion die Form gewesen, in der vor allem die großen Provinzialbanken sich ausgeweitet haben: Institute wie die Breslauer Diskontobank (Kapital: 25 Mill. Mk.), die Bergisch-Märkische Bank (60), die Essener Kreditanstalt (40), die Rheinische Kreditbank (70), die Allgemeine Deutsche Kreditanstalt (75), die Rheinische Diskonto-Gesellschaft (44), der Barmer Bankverein (46), die Pfälzische Bank (50) u. a. sind durch Aufsaugung kleinerer Banken und Bankiers groß geworden. Nach der Aufstellung Rieß er s waren schon bis 1904 solcherweise 49 Privatbankiers und 24 Banken verschlungen worden.
Aber der gerade von den deutschen Banken am meisten begangene Weg, um zu einer Ausdehnung ihres Machtbereichs zu gelangen, war die Verflechtung verschiedener Aktienbanken durch Aktientausch. Namentlich waren es die großen und größten Banken, die sich hierdurch namentlich die mittleren (jene Provinzialgroßbanken, die sich schon eine Anzahl kleinerer Firmen einverleibt hatten) „angegliedert“ haben.
Dadurch sind „Bankkonzeme“ entstanden mit verschieden starker Vereinheitlichung der Geschäftsführung, innerhalb deren aber der Wille der führenden Großbank sich zur Geltung zu bringen vermochte. Die Zahl der „Beteiligungen“ solcher Art, die sechs Berliner Großbanken an Provinzialbanken hatten, betrug im Jahre 1900 erbt 8, 1911 schon 63 (R i e ß e r).
Man hat danach wohl sogenannte „Bankengruppen“ unterschieden, die je ein einheitliches Interessenbereich (mehr kann man nicht sagen) bildeten. In der letzten Zeit vor dem Kriege waren es folgende:
Beherrschtes Reserven Gesamte Kapital Kapitalmacht
(Mill. Mark) (Mill. Mark) (Mill. Mark)
I. Deutsche Bank.
691
238
929
II. Diskonto-Gesellschaft.
504
158
662
III. Dresdner Bank ..
253
68
321
IV. Darmstädter Bank.
219
41
260
V. A. Schaaffhausenscher Bankverein
172
38
219
Insgesamt .
1839
543
2382
Nach Rießer.

Einundfünfzigstes Kapitel: Die Konzentration
875
Früher (und zum Teil noch heute) nannte man Bankengruppen solche, die Emissionen gemeinsam zu tätigen pflegten, die also mehr vorübergehend in Beziehung zueinander treten.
2. So weit — so gut. Aber was hat das alles mit „Konzentration“ im weiteren oder engeren Sinne zu tun? Nichts, solange wir nicht festgestellt haben einerseits das Anteilsverhältnis der größer gewordenen Banken am gesamten Kreditverkehr, andererseits das Schicksal sämtlicher Bankbetriebe.
Leider besitzen wir keine Möglichkeit, den Anteil der großen, mittleren und kleinen Bankbetriebe am gesamten Kreditverkehr mit Hilfe der „Produktionsziffern“, wie es meist allein versucht wird, auch nur annäherungsweise zu bestimmen. Erstens aus einem Grunde, der für alle Betriebe gilt: weil wir nämlich „Produktionsziffern“ nur für eine kleine Anzahl der Banken besitzen, nämlich nur für die Aktienbanken. Alle die Verhältniszahlen, die wir in den Abhandlungen über Bankenkon zentration immer wieder finden, gelten nur für den Bereich der Aktiengesellschaften. So, wenn man dem „Deutschen Ökonomist“ die Angaben entnimmt, daß die acht Berliner Großbanken Ende 1906 80%, Ende 1911 84%, Ende 1913 83,3%, Ende 1914 83,7% „des Gesamtkapitals verwalteten“; oder daß die Londoner „Big Fives“ (1920) 83% aller Bankdepositen besaßen; oder daß die vier großen französischen Depositenbanken gar „über mehr als 90% der Gesamtsumme der fremden Gelder aller französischen Depositenbanken“ verfügten.
Sodann aber haftet dem Bankwesen noch der besondere Übelstand an, daß es so mannigfaltige „Produkte“ hat, die wir kaum auf einen Nenner, das heißt einen Geldausdruck bringen können. Wir können wohl f eststellen, wie hoch der Anteil eines Betriebes oder einer Gruppe von Betrieben an der Kohlenproduktion oder Stahlproduktion, nicht aber, wie hoch der einer Bank am Bankverkehr ist. Denn dieser besteht aus den Depositen-, den Wechsel-, den Emissions- und anderen Geschäften, die jedes etwas Verschiedenes bedeuten. Selbst wenn man die Umsatzziffern zugrunde legen wollte (die wir nicht oder nur sehr unvollständig besitzen), würde man zu falschen Schlüssen kommen, wenn man eine einheitliche Anteilsziffer berechnen wollte.
Dagegen könnte man wohl das Kapital, das in den einzelnen Bankgeschäften werbend angelegt ist, zur Berechnungsgrundlage machen. Da sind wir aber bei allen Privatbanken auf Schätzungen angewiesen, die natürlich ungewiß sind. Man könnte immerhin für Deutschland

876 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte
etwa folgenden Überschlag machen: 1907 wurden rund 10 000 kleine und mittlere Bankbetriebe (bis 50 Angestellte) gezählt. Will man deren durchschnittliches Kapital auf nur 500000 Mk. ansetzen, so käme man auf 5 Milliarden Mark, bei 1 Million auf 10 Milliarden Mark, denen das Gesamtkapital der deutschen Aktienkreditbanken (1905) in Höhe von 2703 Millionen Mark gegenüberstehen würde. Von dieser Summe entfiele nicht ganz die Hälfte (1269 Millionen Mark) auf die acht Berliner Großbanken.
Auf sicheren Boden treten wir erst wieder, wenn wir die Statistik der Betriebseinheiten und der in ihnen beschäftigten Personen zu Bäte ziehen: ein Verfahren, das in der Literatur über die Bankkonzentration meines Wissens niemals zur Anwendung gebracht wird. Und ist doch das einzige, das uns wenigstens einigen Aufschluß gewährt. Man wird die Gewerbezählung sogar mit mehr Nutzen bei der Betrachtung des Bankwesens zu Rate ziehen können als beispielsweise bei der des Gewerbes oder des Handels, weil im Bankbetriebe der Produktivitätsund Intensitätsgrad des einzelnen Arbeiters in den verschiedenen Betriebsgrößen annähernd gleich hoch sein wird, was in anderen Zweigen des Wirtschaftslebens bekanntermaßen keineswegs der Fall ist.
Einen genauen Einblick in den Aufbau der Bankbetriebe gewährt uns nur die deutsche Gewerbestatistik. Nach dieser war der Anteil der
Betriebsgröße
Bankbetriebe
in ihnen beschäftigten Personen
1882
1895
1907
1882
1895
1907
Kleinbetriebe . .
75,3
78,0
75,3
33,4
32,0
23,3
Mittelbetriebe. .
24,1
21,0
23,3
54,7
46,4
43,7
Großbetriebe . .
0,6
1,0
1,4
11,9
21,6
33,0
Die Ziffern lassen erkennen, daß eine Konzentration im weiteren Sinne sich in dem Zeiträume von 1882—1907 in der Tat vollzogen hat. Der Anteil der Kleinbetriebe am gesamten Kreditverkehr ist von rund einem Drittel auf ein Viertel gesunken, ebenso ist der Mittelbetrieb zurückgegangen, während derjenige der Großbetriebe erheblich gestiegen ist: von etwas mehr als einem Zehntel auf rund ein Drittel. Man muß freilich von der schwindelnden Höhe, auf die uns die Kapitalsummen, die die großen Bankgruppen „verwalten“, hinaufgeführt haben, etwas herabsteigen, um die tatsächliche Sachlage richtig beurteilen zu können.

Einundfünfzigstes Kapitel: Die Konzentration
877
Nun gewährt aber doch wohl auch die Betriebsstatistik aus den oben angeführten Gründen keinen klaren Einblick in das Anteilsverhältnis der verschiedenen Betriebsgrößen, weil eben die Art der in ihnen erzeugten „Produkte“ allzu verschieden ist. Die Dinge liegen wohl so, daß zwischen den Betriebsgrößen eine Art von Arbeitsteilung eingetreten ist, und daß dabei eine große Reihe von Bankgeschäften den Großbetrieben zugefallen ist, für die dann also der Konzentrationsprozeß viel weiter fortgeschritten sein würde, als die allgemeinen Ziffern erkennen lassen. So kommen die kleinen und zumeist auch die mittleren Betriebe für die Emissionstätigkeit nicht mehr in Frage. Auch das Depositengeschäft wird sich in sehr weitem Umfange auf die Großen beschränken. Beim Wechselgeschäft wird der Anteil der Kleinen und Mittleren schon erheblich größer sein, ebenso beim Arbitrage- und Effektenkommissionsgeschäft. Beim Wechselgeschäft wird den Großen zweifellos auch der Verkehr mit der gesamten „Großindustrie“ und dem großen Handel zufallen. Aber man muß sich der Ziffern erinnern, die die Betriebsgestaltung in Industrie und Handel zum Ausdruck bringen, um einzusehen, daß eben auch hier der mittlere und kleinere Betrieb noch vielfach überwiegt, und für diesen kommt eben — neben den noch gar nicht gewürdigten genossenschaftlichen Kreditanstalten — auch der mittlere und kleine Bankbetrieb eher in Frage als der ganz große. Ich komme bei der Betrachtung der Gründe, die zu dem heutigen Stande der Konzentration im Bankwesen geführt haben, auf diesen Punkt noch einmal zu sprechen.
Wie aber steht es mit der Konzentration im engeren Sinne: Haben die Vergrößerungstendenz und die Zusammenschlußbewegung, wie sie im Bankwesen nach der obigen Darstellung stattgefunden haben, sich auf Kosten der kleinen und mittleren Betriebe vollzogen? Mit anderen Worten: Hat deren Zahl abgenommen?
Davon kann nun, soviel ich sehe, in keinem Lande die Rede sein, wenn wir auch in den meisten Ländern den ziffernmäßigen Nachweis für die Richtigkeit des Gegenteils, daß sich nämlich die mittleren und kleineren Bankbetriebe munter weiterentwickelt haben, allen Ver- größerungs- und Zusammenschlußbewegungen zum Trotz, nicht führen können. In England hat die Zahl der Aktienbanken allerdings abgenommen; sie betrug jg 9 Q , . 104
1900 ... 77
1910 ... 45
1915 ... 37

878 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte
Nach dem Banking Suppl. of The Economist vom 20. Mai 1916 Hobson, Capitalism 3 , 445. Aber wie steht es mit den Privatbankiers ? Die Ziffern, die John A. Hobson auch noch mitteilt, daß nämlich
1895 ... 38
1900 ... 19
1915 ... 7
Privatbanken bestanden haben, sind unverständlich.
Aber es genügt, wenn wir die deutschen Ziffern zu Rate ziehen; sie sind gewiß die lehrreichsten, alldieweil sich ja der berühmte „Konzentrationsprozeß“ im Bankwesen nirgends so stürmisch vollzogen hat wie in Deutschland. Die deutschen Ziffern weisen aber folgenden Tatbestand auf:
Zunächst im Bereich der „Großen“. Die Zahl der Kreditaktienbanken ist in dem Zeitraum von 1885—1910, in den die stärkste „Konzentration“ fällt, immerhin noch von 71 auf 165, das heißt um 132,4 % gestiegen. Die Kleinen und Mittleren aber haben sich in diesem Zeitraum gar erst recht vermehrt.
Die Zahl der Kleinbetriebe stieg wie folgt:
1882 . . . 3332
1895 . . . 5329
1907 . . . 7464
die der Gehilfenbetriebe:
1882 . . . 2080
1895 . . . 3724
1907 . . . 6393
die der mittleren Betriebe:
1882 . . . 1066
1895 . . . 1434
1907 . . . 2310
Dabei stieg der Durchschnitt der Zahl der in diesen mittleren Betrieben beschäftigten Personen von 11,6 auf 12,7.
Also — wenn wir von den Kleinbetrieben, die sich in unserem Zeitraum um rund 4000 oder 124 % vermehrten, ganz absehen —: 1300 immerhin stattliche Bankierbetriebe sind neu entstanden. Was wollen dagegen die 73 Bankbetriebe besagen, die laut der oben mitgeteilten R i e ß e r sehen Zusammenstellung durch Fusion verschwunden sind ?!
3. Wenn wir nun noch nach den Gründen fragen, die zu der geschilderten Betriebsentwicklung im Bankwesen geführt haben, so

Einundfünfzigstes Kapitel: Die Konzentration
879
werden wir wiederum unterscheiden müssen: Gründe der Vergrößerungstendenz, Gründe der Konzentration im weiteren Sinne und Gründe, weshalb sich eine Konzentration im engeren Sinne nicht vollzogen hat. Die Gründe selber werden wir einteilen können in betriebsrationale innere, betriebsrationale äußere und irrationale.
Die betriebsrationalen inneren Gründe liegen in der Eignung der Betriebsgrößen für die verschiedenen Bankgeschäfte.
Kein Zweifel, daß auch im Bankwesen der Großbetrieb erhebliche Vorzüge aufweist. Die ihm dort eigenen Vorzüge sind vornehmlich folgende:
(1.) Steigerung der Emissiouskraft. Diese wird vornehmlich durch drei Umstände gebildet:
a) großes Kapital, um große Beträge übernehmen zu können;
b) große Kundschaft, um viele Effekten ,.placieren“ zu können, tunlichst unter Vermeidung der Börse;
c) großen Überblick, um die richtigen Emissionen zu bewerkstelligen.
Während die gesteigerte Emissionskraft der Bank ebenso wie dem Publikum Vorteile gewährt, bietet die Großbank Vorzüge anderer Art, die entweder ihr selbst oder der Kundschaft zugute kommen;
(2.) V orteile, die die Kundschaft genießt: jegrößer eine Bank, desto leichter sind ihre Akzepte zu verwerten, desto leichter sind Wechsel bei ihr unterzubringen, desto leichter wickelt sich der Ab- rechnungs- und Giroverkehr ab, desto größer ist — unter sonst gleichen Umständen — die Sicherheit, die sie gewährt;
(3.) V orteile, die die Bank genießt: ihr Risiko wird geteilt und dadurch vermindert: nach der persönlichen Seite (durch Vermehrung der Kunden im Kontokorrentverkehr), nach der sachlichen Seite (durch Vermehrung der Arten der Bankgeschäfte) und nach der örtlichen Seite (Ausgleich der Konjunkturen in verschiedenen Ländern).
Diesen zahlreichen Vorzügen der Großbank kann der kleine und mittlere Bankbetrieb im Grunde nur einen entgegensetzen, der aber unter Umständen schwer wiegt: seine persönlichere Geschäftsführung. Diese äußert sich in der individualisierenden Behandlung der Geschäfte auf Grund besonderer Personen- und Sachkenntnis: der Kredit kann unter Berücksichtigung besonderer Lagen gewährt werden, der Kunde kann in seiner Vermögensverwaltung besser beraten werden als vom Angestellten am Schalter der Großbank u. ä. Dazu kommt, daß für manche Geschäfte diese zu bureaukratisch ist. So beispielsweise

080 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte
im Handwechsel, wenn sie die Valuta erst an der Börse kaufen muß u. dgl.
Es mag Erwähnung verdienen, daß sich die kleineren und mittleren Banken in einigen Ländern gewisse Vorzüge der Großbanken zu eigen zu machen suchen durch Zusammenschluß. So in Frankreich, wo bestehen: das Syndicat des Banquiers des Departements, das Bankgeschäfte im engeren Sinne betreibt, und die Societe du Syndicat des Banquiers de Province, das 200 Mitglieder mit 600 Schaltern hat, über Frankreich, Tunis und Marokko verbreitet ist und eine Kapitalmacht von 1500 Millionen (Gold-) Franken darstellt. Sein Zweck ist: „d’obtenir au profit de ses ad- herents des participations dans les grandes operations financieres, les syndicats de garantie, les attributions de titres industriels“ ‘ usw. P.Passama, a. a. O. Seite 145.
Zu diesen betriebsrationalen inneren Gründen, die auf die Gestaltung der Bankbetriebe Einfluß ausgeübt haben, kommen nun betriebsrationale äußere Gründe. Darunter verstehe ich solche Einwirkungen, die von außen her die Betriebe in eine bestimmte Richtung gedrängt haben. Und zwar in die Richtung des Großbetriebes. Dieser ist gefördert worden in seiner Entwicklung zunächst durch Vorgänge im Bankwesen selbst, nämlich
(1.) die räumliche Konzentrationstendenz der Banken: diese sind immer mehr und mehr in der Hauptstadt desLandes zusammengetrieben worden. So betrug der Anteil Berlins an den im Bankgewerbe beschäftigten Personen: .
1858 .... 32,9 %
1895 .... 76,2 %
1907 .... 77,6 %
Die bei weitem größten acht Banken, von denen wir feststellen konnten, daß sie etwa die Hälfte des Kapitals aller Aktienbanken eignen, haben ihren Sitz in Berlin.
In Frankreich, Großbritannien, Amerika ist es nicht anders.
Daß diese räumliche Konzentration die Entwicklung zum Großbetriebe beschleunigen mußte, ist klar.
Dieser ist aber ferner gefördert worden durch
(2.) die immer stärkere Tendenz, die Privatbanken in Aktienbanken zu verwandeln, ein Vorgang, für den wir gar keinen statistischen Beweis erbringen können, den aber der Augenschein lehrt.
Nun ist zwar der Gegensatz Privatbank — Aktienbank nicht ohne weiteres gleichbedeutend mit dem anderen: kleine (mittlere) Bank — große Bank. Es gibt, wie bekannt, auch ganz große Privatbanken:

Einundfünfzigstes Kapitel: Die Konzentration
881
J. P. Morgan, Rothschild, Bleichröder. Aber eine gewisse innere Verwandtschaft zwischen Aktienbank und großer Bank besteht doch, sofern aus naheliegenden Gründen die Gesellschaftsform die Vergrößerung einerseits erleichtert, andererseits erzwingt.
Endlich hat noch ein außerhalb des Bankwesens sich abspielender, uns wohlbekannter Vorgang fördernden Einfluß auf die Entwicklung des Großbetriebes ausgeübt, das ist
(3.) die Tendenz zum Zusammenschluß der Industrie, des Transportes imd des Handels zu Kartellen, großen Unternehmungen und Konzernen. „Das Kartell setzt eine Großbank voraus, die imstande ist, dem gewaltigen Zahlungs- und Produktionskredit einer ganzen Industrie stets zu genügen.“ (H i 1 f e r d i n g.) Dasselbe gilt in vielleicht gesteigertem Maße von den Ansprüchen der ganz großen Werke und Konzerne. Wir können den Gleichschritt zwischen Vergrößerung der Wirtschaftseinheiten in der Produktions- und in der Banksphäre in jedem einzelnen Falle wahrnehmen: wenn etwa die Fusion der A.E.G. und der Union E.G. zu einem Zusammenarbeiten der Loewe-Banken mit der Deutschen Handelsgesellschaft und zum Teil der Deutschen Bank führt usw. Die Entstehung der großen Industriekonzerne hat die großstädtischen Banken auch gezwungen, in der Provinz Wurzel zu fassen, und hat dadurch wiederum einen Anstoß zur Ausweitung ihrer Machtsphäre gegeben. Und was es dieser Zusammenhänge noch mehr gibt.
Und wie es immer in solchen Fällen zu geschehen pflegt: neben den rationalen Gründen haben unzählige irrationale Gründe bei dem Aufbau der Bankbetriebe mitgeholfen.
Da begegnen wir zunächst wiederum unter den die Entwicklung zum Großbetrieb fördernden Kräften dem uns hinlänglich bekannten irrationalen Vergrößerungsdrange nur der Vergrößerung wegen. Das Geständnis des Bankers Magazine, das AdolfWeber zitiert: „that not a few of the amalgamations of recent years have been dictated by a desire meiely for bigness“, gilt für alle Länder und alle hochkapitalistische Zeit. Neben dem sinnlosen Expansionsdrange kommen Prestigefragen in Betracht, auf die R i e ß e r mit besonderem Nachdruck hinweist.
Aber wie dem Großbetrieb solcher Art irrationale Motive zu Hilfe kommen, so wirken doch auf der anderen Seite ähnliche Kräfte ihm entgegen und stärken die Stellung des kleinen und mittleren Betriebes. Ich denke an den Einfluß der persönlichen Freundschaft (der Grand

882 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte
Seigneur wird noch immer gern mit dem jüdischen Geschäftsfreunde in der benachbarten Kreisstadt in Verbindung bleiben wollen, bei dem schon sein Vater und Großvater die Wolle und den Spiritus lombardiert haben); ich denke an den Einfluß des Traditionalismus (man bleibt in Beziehungen zu einem Bankhause aus gar keinem anderen Grunde, als weil diese Beziehungen eben bestehen) u. dgl. mehr. Die Motive, die im Wirtschaftsleben wirken, sind eben sehr mannigfaltig, und die Buntheit des Lebens findet dann ihren Ausdruck in der Buntheit der wirtschaftlichen Organisationen, wie wir sie hier und anderswo kennenlernen: Rationalisierung — gewiß; aber keine vollständig, wie ich eingangs zu diesem Unterabschnitte schon hervorgehoben habe. Es hat immer zu schiefen Urteilen geführt, wenn man, wie Marx und seine Anhänger, die rationalen Linien der Entwicklung und die bunte Gestaltung der Wirklichkeit nicht scharf genug unterschied.
$ #
*
Fassen wir noch einmal kurz zusammen, was wir in diesem ausgedehnten und wichtigen Kapitel erkannt haben, so läßt es sich in folgenden Sätzen aussprechen:
1. Außer in dem größten Gewerbe, der Landwirtschaft, fanden wir auf allen Gebieten des hochkapitalistischen Wirtschaftslebens eine mehr oder weniger starke Neigung zur Vergrößerung der Betriebe. Diese hatte in einigen Fällen (Textilindustrie) am Ende der hochkapitalistischen Epoche ihren Gipfelpunkt bereits erreicht, in den meisten Fällen wohl noch nicht. Über die Betriebsvergrößerung im engeren Sinne hinaus griff hier und da eine Bewegung zur Bildung von Wirtschaftsbetrieben höherer Ordnung ein in den sogenannten Konzernen.
2. In zahlreichen — keineswegs allen — Fällen sahen wir die Tendenz zur Vergrößerung verbunden mit einer Verschiebung des Anteils der einzelnen Betriebsgrößen an der Gesamtproduktion zugunsten des Großbetriebes, das heißt: konnten wir eine Konzentration im weiteren Sinne beobachten.
3. ln ganz seltenen Ausnahmefällen war es dabei zir einer Konzentration im engeren Sinne gekommen, das heißt hatte das Vordringen des Großbetriebes zu einer Zurückdrängung oder gar Beseitigung der kleineren und mittleren Betriebe geführt. Der Regel nach bleiben diese in ihrem absoluten Umfange erhalten, erobert also der Großbetrieb kein schon besiedeltes Land, sondern besetzt nur Neuland.
Die Fälle, in denen es wirklich zu einer „Aufsaugung“ der kleinen (und mittleren) Betriebe gekommen ist, sind in der dargestellten Ent-

Einundfünfzigstes Kapitel: Die Konzentration
883
wicklung die Montan- und einzelne Zweige der Textilindustrie. Man könnte noch einen Fall hinzufügen, der vielleicht der einzige im Bereiche des gesamten Wirtschaftslebens ist, in dem sich die Wirklichkeit mit dem rationalen Schema der Marxschen Konzeatrations- theorie völlig deckt: das sind die Notenbanken in den Ländern, in denen die Notenausgabe heute einer Zentralnotenbank Vorbehalten ist. Der Fall ist aber atypisch, da die Gesetzgebung hier bestimmend eingegriffen hat.
Vgl. im übrigen das 55. und 56. Kapitel.
Sombart, Hoohkapitalisraus IL
56

884
C. Der innere Ausbau cler Betriebe Zweiundfünfzigstes Kapitel
Die Verwissenschaftlichung der Betriebsführung
I. Was unter wissenschaftlicher Betriebsführung zu verstehen ist
Der Ausdruck „wissenschaftliche Betriebsführung“ (scientific management) ist zu einem vielgebrauchten Schlagwort geworden, seitdem ihn Taylor mit der dem Durchschnittsamerikaner eigentümlichen Harmlosigkeit und Unwissenheit für seine „Zeitstudien“ in Anspruch genommen hat. Bei dem mit Affekt geladenen Streit um den „Wert“ oder „Unwert“, die „Vorzüge“ oder „Nachteile“ des Taylorschen Systems ist die nüchterne Besinnung, was mit diesem Ausdruck „wissenschaftliche“ Betriebsführung sinnvollerweise gemeint sein könnte, etwas zu kurz gekommen.
Ich versuche im folgenden das Versäumte nachzuholen.
Es liegt nahe, Verwissenschaftlichung der Betriebsführung und deren Rationalisierung gleichzusetzen. Doch scheint mir das bei genauerer Prüfung nicht angängig zu sein. Nicht jeder „rationalisierte“ Betrieb, das heißt also jeder unter dem Gesichtspunkte höchster Zweckmäßigkeit gestaltete Betrieb, ist auch schon ein „wissenschaftlich“ geleiteter Betrieb. Er ist es nicht, solange die Ratio seelgebunden, einzelbestimmt, konkret ist, das heißt: solange die Betriebsführung aus den Erwägungen und Entschlüssen des Betriebsleiters allein ihre Bestimmung erhält. Auch die vollendete Planmäßigkeit und Zweckmäßigkeit, die, wie man es ausdrücken könnte, dem Betriebe immanent ist, macht dessen Betriebsführung nicht zu einer „wissenschaftlichen“ in irgendwelchem sinnvollen Verstände. Dazu bedarf es vielmehr immer der Abstraktion der Grundsätze und Regeln, die die Betriebsführung bestimmen, von dem einzelnen Betriebe, ihrer Erhebung zu allgemeinen Grundsätzen und Regeln, die auf den einzelnen Fall sinngemäße Anwendung finden können, und ihrer Objektivierung in Vorschriften, in denen also die Gestaltung des Betriebes schon als

Zweiundfünfzigstes Kapitel: Die Verwissenschaftlichung d. Betriebsführung 885
(allgemeine) Idee vorhanden ist, ehe ein empirischer Betrieb ins Leben gerufen wird. Dieser Vorgang der Abstraktion, Verallgemeinerung und Objektivierung von Wissenssätzen und Regeln ist aller „Wissenschaft“ im allerweitesten Sinne wesenseigentümlich und muß auch für die allerallgemeinste Bestimmung des Begriffes einer „wissenschaftlichen Betriebsführung“ die Grundlage bilden. Eine „wissenschaftliche Betriebsführung“ würden wir also überall dort festzustellen haben, wo die Gestaltung des Betriebes nach allgemeinen Vorschriften erfolgt.
Man wird dann verschiedene „Grade“ der Wissenschaftlichkeit der Betriebsführung je nach dem Geltungswert (oder Geltungsgrunde) jener Vorschriften und danach vielleicht auch eine engere Bedeutung jener Bezeichnung unterscheiden können.
Die Vorschriften können unzusammenhängende, „unsystematische“ Einzelregeln enthalten, die aus der Erfahrung abgezogen sind. Eine Betriebsführung, die nach solchen Anweisungen erfolgt, wird man nur in einem sehr allgemeinen Sinne als wissenschaftliche bezeichnen dürfen, obwohl sie den an eine solche gestellten Anforderungen grundsätzlich entspricht. Vielleicht spricht man hier besser von einer Vorstufe zur wissenschaftlichen Betriebsführung.
Oder aber die Vorschriften beruhen auf systematischer Durch- denkung, gründen in allgemeinen Ideen und gipfeln in einem vollendeten Regelsystem. Eine Betriebsführung, die einem solchen Regelsystem untersteht, werden wir eine vollwissenschaftliche nennen dürfen.
Nun pflegen wir aber dem Worte „wissenschaftlich“ im allgemeinen und somit auch dem Begriffe „wissenschaftliche Betriebsführung“ im besonderen (meist ohne das volle Bewußtsein der Tragweite dieser Bedeutung) im gegenwärtigen Zeitalter noch einen anderen Sinn unterzulegen, nämlich den eines Systems von Wissenssätzen (und darauf aufgebauten Regeln), das naturwissenschaftliches Gepräge trägt, das heißt dem Denkverfahren der modernen Naturwissenschaften angepaßt ist. Darunter haben wir zu verstehen: die Zurückführung der Erscheinungen auf sogenannte „Naturgesetze“, das heißt funktionelle Beziehungen der Bewegungen letzter Elemente, in die zuvor die Gesamterscheinung aufgelöst ist, und die in mathematischen Formeln ausdrückbar sind. Wir werden den Sinngehalt dieser Auffassung im folgenden, wo wir die Entwicklung der Betriebswissenschaft verfolgen, noch genauer erfassen.
56 *

886 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte
Hier mag nur noch bemerkt werden, daß der Geltungsbereich der Vorschriften, deren Befolgung die wissenschaftliche Betriebsführung ausmacht, ein ganz verschiedener und ganz verschieden großer sein kann.
Sie können betreffen die Betriebsgestaltung als Ganzes, das heißt das Problem der Zusammenfügung sämtlicher Produktionsfaktoren zu einem wirkungsvollen Ganzen, in welchem Falle wir von Betriebsorganisation zu sprechen pflegen. Oder können sich beschränken auf Einzelvornahmen im Betriebe: Kalkulation, Gänsestopfen, Eisenplatten abladen.
Die Vorschriften können sich beziehen auf die Verwertung, also im Rahmen des kapitalistischen Wirtschaftssystems das Geldverdienen (Buchhaltung), oder auf die Werkschöpfung (Stiefelmachen).
Sie können endlich zum Gegenstände haben die Sachbehandlung (Maschinensystem) oder die Personenbehandlung (Lohnsystem).
Es ist offensichtlich, daß die durch diese Geltungsbereiche der, Vorschriften gebildeten Kreise sich schneiden.
II. Die Entwicklung der Betriebswissenschaft
In dem Maße, wie die Betriebsführung verwickelter wurde und die Aufstellung von allgemeinen Wissenssätzen und Regeln schwieriger, ist diese Aufstellung von Vorschriften zum Inhalte einer besonderen Tätigkeit geworden: es hat sich eine „Betriebswissenschaft“, das heißt also eine Anweisung zur wissenschaftlichen Betriebsführung als eigene Disziplin entwickelt.
Es ist gewiß nicht meine Aufgabe, an dieser Stelle die empfindliche Lücke, die das Fehlen einer allgemeinen Geschichte der Betriebswissenschaft darstellt, auszufüllen. Überblicken wir die Jahrhunderte lind zeichnen die Linie der Entwicklung in ganz groben Zügen — mit Kohlestift auf Packpapier —, so lassen sich (unter Berücksichtigung der beiden Gesichtspunkte, die ich oben hervorhob: dem äußeren Geltungsbereich und der inneren Wertigkeit) vielleicht folgende Staffeln unterscheiden:
Die Anfänge, die (im westeuropäischen Kulturkreis) in das Mittel- alter zurückreichen, sind naturgemäß durch Systemlosigkeit im äußeren wie inneren Sinne gekennzeichnet.
Mit dem 16 . Jahrhundert, zum Teil schon früher, beg inn t, dann die Systematisierung nach beiden Seiten hin: große, umfassende, gut geordnete Betriebslehren entstehen für alle Zweige des Wirtschaftslebens.

Zweiundfünfzigstes Kapitel: Die Verwissenschaftlichung d. Betriebsführung 887
Den Anfang macht die Landwirtschaft, die von den hochgetriebenen Betriebslehren der römischen Scriptores de re rustica, namentlich Columellas, Vorteil zieht. Den Reigen eröffnet hier das Werk des Petrus Crescentius, ruralium commodorum libr. XII, das 1471 (oder 1474) in Augsburg als erstes gedrucktes landwirtschaftliches Buch erschien, und dem während des 16. Jahrhunderts zahlreiche landwirtschaftliche Betriebslehren, namentlich in Italien und Spanien (Araber!), -folgen. Die Entwicklung gipfelt in den Werken A. Thaers (1752—1828), der den bis heute herrschenden Typus der allgemeinen landwirtschaftlichen Betriebslehren geschaffen hat.
Auch auf dem Gebiete des Bergbaues und des Hüttenwesens begegnen wir frühzeitig zusammenfassenden Darstellungen des gesamten Betriebsstoffes, vornehmlich allerdings unter dem Gesichtspunkte der Sachbehandlung. Grundlegend sind hier die Schriften des G. Agricola, De re metallica, 1556, und des Vanuccio Biringuccio, Deila pirotecnica libri X, 1540.
Eine allgemeine Betriebslehre für gewerbliche Produktionsbetriebe hat viel länger auf sich warten lassen; begreiflicherweise, angesichts der starken Zersplitterung der gewerblichen Produktion. Die erste ist meines Wissens die „Allgemeine Gewerkslehre“ von A. Emming- haus, die 1868 erschienen ist. Um so zahlreicher sind die Betriebslehren für die einzelnen Zweige der Produktion, von denen einige klassische Geltung erlangt haben, wie die oft genannten Werke von Ure und Babbage, in denen die Baumwollindustrie dargestellt wurde.
Welche unübersehbare Eülle von Betriebslehren für die genannten drei Wirtschaftsgebiete bereits am Ende der frühkapitalistischen Periode bestanden, lassen die Bibliographien aus jenen und späteren Zeiten erkennen, von denen ich einige in meinen Übersichten im zweiten Bande dieses Werkes Seite 589ff. genannt habe.
Von besonderer Wichtigkeit für die Ausbildung der allgemeinen Betriebswissenschaft, die im Beginne des 19. Jahrhunderts als vollendet betrachtet werden darf, sind aber die Handelsbetriebslehren, die in den großen Systemen etwa von Peri (1638) und Savary (1675) im 17. Jahrhundert, von Ludovici (1752ff.) und Leuchs (1791, 1804) ihren Höhepunkt finden. Zu ihnen gesellen sich im Laufe des 19. Jahrhunderts noch eine Reihe von Bankbetriebslehren.
Eine völlig neue Wendung nimmt die Betriebslehre von dem Augenblicke — und mit ihm beginnt die dritte große Periode dieser Disziplin —, in dem sich die Naturwissenschaften einzelner

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Probleme der Betriebsgestaltung, erst einmal auf dem Gebiete der Sachbehandlung, bemächtigen. Man kann sagen, daß damit zunächst weite Bereiche der Betriebsgestaltung der Betriebswissenschaft verloren gehen, weil sie einer allgemein-naturwissenschaftlichen Behandlung, die auf die Betriebsgestaltung ja keine Rücksicht nimmt, anheimfallen. Es entwickeln sich die bergbaulichen, gewerblichen und landwirtschaftlichen Technologien, die man heute, wo man den Überblick bereits verloren hat, gar nicht mehr zu den Betriebswissenschaften zu rechnen pflegt, weil sie in der Tat ihre eigenen Wege gegangen sind. Erst neuerdings biegt man sie zum Teil wieder zu Betriebs Wissenschaften um, indem man die Anwendung der Ergebnisse jener naturwissenschaftlichen Disziplinen auf die „Praxis“, das heißt also in Betrieben, zu besonderen Lehrzweigen ausgestaltet. Der „Maschineningenieur“, der „Agrikulturtechniker“, der chemische Praktikant sollen die Verbindung wiederherstellen zwischen der verselbständigten Lehre von der Gütererzeugung in abstrakt-naturwissenschaftlicher Betracht ung und der Gütererzeugung in betriebswissenschaftlicher Betrachtung.
Während solcherweise die Probleme der Sachbehandlung der naturwissenschaftlichen Methode seit langem anheimgefallen sind, blieben die Probleme der Organisation und die Probleme der Personenbehandlung innerhalb der Betriebswissenschaft bis vor kurzem von dieser Methode verschont. Und das nun eben ist es, was in der neuesten Zeit, das heißt seit dem Beginne dieses Jahrhunderts, das eingangs erwähnte Schlagwort von der „wissenschaftlichen Betriebsführung“ zum Ausdruck bringen will: das Bestreben, auch diese Teile der Betriebswissenschaft nach den Methoden der Naturwissenschaft, wie ich sie oben gekennzeichnet habe, zu behandeln. Das — und nur das — ist der Sinn des „Scientific management“. Wie es Taylor, der natürlich völlig ahnungslos in diesen erkenntnistheoretischen Dingen ist, selbst einmal richtig ausdrückt: „In den meisten Fällen wird sich diese Wissenschaft mit Hilfe einer verhältnismäßig einfachen Analyse und Zeitmessung der zu einem der einzelnen kleinen Teile der Arbeit notwendigen Bewegungen aufbauen lassen.“ (Taylor-Roesler, Grundsätze, 125; Unterstreichung im Text.) Die genaueren Zusammenhänge werden wir erst im nächsten Kapitel zu verstehen imstande sein.
Hier sei nur noch einmal festgestellt, daß die Einfügung dieses letzten Gliedes in die Kette naturwissenschaftlicher Behandlung der Betriebsvorgänge, worin die eigentümliche Leistung Taylors besteht,

Zweiundfünfzigstes Kapitel: Die Verwissenschaftlichung d.Betriebsfühvung 889
der Vorgang, den ich Verwissenschaftlichung der Betriebsführung in der Überschrift dieses Kapitels genannt habe, keineswegs erschöpfend bezeichnet ist. Ich wiederhole: Eine solche Verwissenschaftlichung im weiteren Sinne liegt zweifellos schon vor, wenn überhaupt ein Betrieb nach objektiven Vorschriften geführt wird; im engeren Sinne, wenn diese Vorschriften in systematischer Ordnung verfaßt sind; im engsten Sinne, wenn die Ordnung nach den Grundsätzen des naturwissenschaftlichen Denkens erfolgt, mag dieses sich auf die Sachbehandlung oder einen anderen Teil der Betriebsvorgänge beziehen.
Seit wann läßt sich denn nun eine solche Verwissenschaftlichung der Betriebsführung in der Geschichte nachweisen? Davon wissen wir noch nichts. Denn die bisherigen tatsächlichen Feststellungen bezogen sich nur auf die Geschichte der Betriebs wissen Schaft, nicht auf die Geschichte der Betriebe. Wie aber steht es mit dieser?
III. Die Durchdringung des Wirtschaftslebens mit Wissenschaftlichkeit
So leicht sich die Staffeln feststellen lassen, in denen die Lehre von der Betriebsgestaltung zur Entfaltung gekommen ist, so schwer ist eine genaue Bestimmung der Zeitpunkte, in denen die einzelnen Bestandteile einer wissenschaftlichen Betriebsführung von der Praxis aufgenommen sind. Das Wenige, was sich an Tatsachen beibringen läßt, ist folgendes.
In gewissem Sinne ist ja jede kapitalistische Unternehmung als solche ein wissenschaftlich geführter Betrieb. Denn sie ist zwangsläufig in das System der doppelten Buchhaltung eingefügt. Wenn wir also das Bestehen einer kapitalistischen Unternehmung von der Anwendung der doppelten Buchhaltung begrifflich abhängig machen, so können wir sagen, daß die wissenschaftliche Betriebsführung ebenfalls ein notwendiges Begriffsmerkmal der kapitalistischen Unternehmung ist. Aber das ist doch erst ein Anfang. Und sicherlich bildet die systematische Buchführung lange Zeit hindurch eine kleine Insel in dem großen Meere der Empirie. Wann und wie und wo die übrigen Bestandteile der Betriebsführung der Verwissenschaftlichung anheimgefallen sind, wird sich mit einiger Sicherheit schwer feststellen lassen. Allenfalls kann man ungefähr den Zeitpunkt angeben, in dem ein Wirtschaftsbereich in einzelnen Betrieben von der wissenschaftlichen Betriebsführung ergriffen worden ist; fast unmöglich aber ist es, etwas Genaues über die Verbreitung auszusagen, die die Grundsätze der

890 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte
wissenschaftlichen Betriebsführung unter den einzelnen Betrieben gefunden haben.
Am frühesten haben wissenschaftliche Gesichtspunkte die gesamte Betriebsführung vielleicht in der Landwirtschaft ergriffen, wo seit dem 18. Jahrhundert — von England ausgehend — ein Zeitalter der „Musterwirtschaften“ anhebt. Aber es läßt sich ebenfalls erfahrungsmäßig feststellen, daß der Bereich der wissenschaftlichen Betriebsführung in der Landwirtschaft als Ganzes betrachtet noch heute kleiner ist als in andern Wirtschaftsgebieten.
Von entscheidender Bedeutung für die Betriebsgestaltung ist offenbar das Eindringen des wissenschaftlichen Verfahrens in die Technik gewesen. Hierdurch wird wiederum ein wichtiger Teil der Betriebsführung — die Sachbehandlung — zwangsläufig verwissenschaftlicht, und zwar gleich in dem gesteigerten Sinne, wie ich das oben ausgeführt habe, der Vernaturwissenschaftlichung.
Die ersten Anfänge dieser Umbildung der Betriebsführung haben wir wohl in den chemischen Betrieben, insonderheit in den Betrieben der sogenannten chemischen Großindustrie zu suchen. Hier erscheint zuerst der wissenschaftlich geschulte Berater in der Gestalt des wissenschaftlich ausgebildeten Chemikers, der sein Laboratorium in den noch wesentlich empirisch geleiteten Betrieb einbaut und diesen dadurch von einer anderen Seite her in die Bahn der wissenschaftlichen Betriebsführung drängt. So entsteht neben dem Kontor, wo die doppelte Buchführung herrscht, ein zweiter Herd, von dem aus die Grundsätze der Wissenschaftlichkeit sich auszubreiten beginnen: das Laboratorium.
Soviel wir wissen, ist diese Verwissenschaftlichung der Betriebsführung auf dem Gebiete der chemischen Industrien zuerst von den Deutschen ins Werk gesetzt worden und die längste Zeit — man kann sagen bis zum Weltkriege — eine Eigenart der deutschen chemischen Industrie geblieben. Bahnbrechend hat hier die chemische Unterrichtstätigkeit großer Gelehrter gewirkt, die durch Liebigs Vorgang im Jahre 1825 einsetzte und die verständnisvolle Förderung der Ministerien in den verschiedenen deutschen Staaten fand. Chemische Universitätsinstitute wurden zwischen 1825 und 1867 an elf deutschen Hochschulen gegründet, und die dort wirkenden Männer waren nicht nur große Forscher, sondern, im Gegensatz zu den Ausländern von entsprechender Bedeutung, auch begeisterte Lehrer. „Sie schufen dadurch in der kritischen Zeit der erstarkenden industriellen Entwicklung einen Chemikerstand, dem das Ausland nichts Gleichmäßiges entgegenzustellen hatte, und dem es zu danken ist, daß trotz der Ungunst der deutschen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse vor Gründung des Reiches chemisch-technische Anregungen

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einen. Boden fanden, auf dem sie sich zu großen, auf dem Weltmarkt führenden Industrien auswachsen konnten.“ Ähnlich verlief die Entwicklung in Österreich und der Schweiz. Anders in Frankreich und namentlich England. Hier fehlte es an Universitätslaboratorien, um einen Stamm geschulter Chemiker auszubilden, wie in Deutschland. Die Folge war die Geringschätzung der wissenschaftlichen Chemie bei den Fabrikanten. In England waren noch in den 1890 er Jahren die durchgebildeten Chemiker großer Fabriken dem Manager unterstellt, „der weder eine akademische noch sonst eine Bildung besaß, und dessen Hauptfähigkeit im Einstecken von Schmiergeldern bestand.“ A. Binz, Die chemische Industrie und der Krieg. 1915. Seite 6f.
In den letzten Jahrzehnten ist die Verwissenschaftlichung der chemischen Betriebe auch in den übrigen Ländern fortgeschritten. Namentlich in den Vereinigten Staaten sind in dieser Hinsicht beträchtliche Fortschritte gemacht worden.
Viel langsamer, auch in Deutschland, ist das wissenschaftliche Verfahren in die mechanische Industrie eingedrungen. Wir können hier die Wandlung ebenfalls verfolgen an der Entwicklung des Berufes derjenigen Personen, die — als Mittler zwischen Theorie und Empirie — das an den Hochschulen begründete wissenschaftliche Verfahren gleichsam betriebsreif machen, wie dort der akademisch geschiüten Chemiker, so hier der Ingenieure.
Seit wann beginnt die Ingenieurwirtschaft in den Betrieben?
Hier ist wohl England voraufgegangen, wo schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein Ingenieurstand sich vorfindet, der vielfach auch in anderen Ländern Verwendung findet. In Deutschland soll die Herrschaft des Ingenieurs nach dem Urteil kenntnisreicher Männer nicht vor dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts, ja eigentlich erst in den 1890er Jahren beginnen und ihre Ausbreitung mit der Entwicklung der elektrotechnischen Industrie im engen Zusammenhänge stehen. Vorher fehlte die Möglichkeit einer Durchführung planmäßiger wissenschaftlicher Versuche. Diese konnten bis in die 1890er Jahre nur an den Maschinen des praktischen Betriebes gemacht werden. Hier mangelte es aber an besonderer Gelegenheit zu richtiger Messung und Beobachtung, zu richtiger Ausweitung der Versuchsergebnisse, um den allgemein gültigen, also wissenschaftlichen Zusammenhang zu finden. Die Elektrotechnik ermöglichte einfache, sichere Messungen, auch mitten im Maschinenbetriebe, einfachen Zusammenbau der Versuchseinrichtungen usw. „Bald wurden in allen elektrischen Fabriken die Versuchsfelder für planmäßige Untersuchung der Maschinen angelegt, und auch an den technischen Hochschulen entstanden neue elektro-

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technische Laboratorien.“ Bahnbrechend hat hier das Riedlersche Maschinenlaboratorium an der Berliner Technischen Hochschule gewirkt, nach dessen Muster andere an allen Hochschulen erbaut wurden. Damit trat auch der Wandel in der Betriebsführung ein. Bis in die 1880 er Jahre war die „Meisterwirtschaft“ die Regel; Ingenieurwirtschaft drang nur allmählich vor, zuerst in der elektrotechnischen Großindustrie.
„Schlecht bezahlte, schmächtige Zeichner, ohne Berührung mit dem Betrieb, und selbstherrliche Werkmeister mit dem Zollstock im Stiefelschaft können als Symbol dieser Zeit angesehen werden.
Alle Erfahrungen waren Fabrikgeheimnisse; nur wenige erlangten Einblick, Werkmeister waren die Leute, die sich gewaltig viel einbildeten und ihre vermeintlichen Geheimnisse hüteten. Die ,Erfahrungen 1 waren meist Folgen vorangegangener Fehler, die kuriert werden mußten, und die zufälligen Kurerfahrungen wurden dann Grundsätze.
Die Bildungsmittel waren sehr beschränkt; es gab nur beschreibende Naturwissenschaft und etwas Technologie. Die wenigen technischen Zeitschriften waren sehr dürftiger Art; Rezepte spielten noch eine Rolle, alles war unzuverlässig, nirgends gab es wertvolle, sichere Grundlagen, nirgends ausreichende wissenschaftliche Hilfsmittel.“ A.Riedler, Emil Rathenau [1916], 30.
Vgl. auch die anschaulichen Schilderungen der ersten Versuche mit Fowlerschen Dampfpflügen in Ägypten bei Max Eyth, Hinter Pflug und Schraubstock, 239.-243. Tausend, 1925. S. 48ff. usw. und unten S. 897.
Wie sehr die wissenschaftliche Betriebsführung (soweit die Sach- behandlung in Frage kommt) durch die Ingenieurtätigkeit bestimmt wird, hat ebenfalls A. Riedler in anschaulicher Weise geschildert. Ich will seine darauf bezüglichen Ausführungen noch im Wortlaut hierher setzen.
„Alles Wesentliche wird Ingenieurarbeit: die vorbereitende Forschung, die Entdeckungen, die Neugestaltungen, die Patentverarbeitung, die allgemeinen Pläne, die Konstruktionen, welche den vielseitigen, neuen wechselnden Bedürfnissen und technischen Möglichkeiten folgen müssen, die Einzelausbildung für die Fabrikation und für den Betrieb, die Ordnung und der Verlauf der gegliederten Werkstättenausführung, dann der Zusammenbau, die Erforschung, Beobachtung und Messung an den Maschinen und Einrichtungen bei den Versuchen im Laboratorium, auf den Prüffeldern der Fabriken und im praktischen Betriebe, die Aufstellung, und Ingangsetzung der Maschinen am Betriebsorte, die Aufstellung und der Betrieb der Ausrüstungen, Schaltungen, Hochspannungsanlagen, die Prüfung und Beobachtung im Betriebe, das Sammeln neuer Erfahrungen, die Auswertung dieser als Grundlage für neues Planen, für Neugestaltungen und auf allen diesen Stufen die ständige Rücksichtnahme auf die Wirtschaftlichkeit der Betriebe und des Unternehmens. Dann die Werbe-

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tätigkeit für das Geschaffene und für das Kommende, die die Vorteile des Fortschritts verständlich darstellt, Geschäfte vorbereitet oder abschließt, auch die Tätigkeit nach außen hin, in Veröffentlichungen, um das Errungene bekanntzumachen, die zahlreichen Interessen zu belehren, ohne den Wettbewerbern viel zu sagen. .
Diese Tätigkeit wird zum höchsten Erfolge gebracht in der Großwirtschaft, „wo viele Regsame und Sachkundige Erfahrungen sammeln und dann einheitlich verwerten . . „Dazu ko mm t die große Wirkung ihrer eigenen Ingenieure und Geschäftsvertreter in der ganzen Welt, deren Erfahrungen nach dem Mittelpunkte des Arbeitsnetzes zurückgehen, von wo sie planmäßig in die Konstruktionsabteilungen, in die Laboratorien und Werkstätten gelangen und zu gebrauchsfertigen Neuerungen verarbeitet werden. Das Neue wird ausgeführt, erprobt, alles strahlt wieder an die vielen Geschäftsstellen hinaus, geht wieder an die Zentrale zurück; gegenseitig wird Aufklärung verlangt und Zusammenhang mit anderen Erfahrungen gesucht, neue Bedürfnisse werden bekannt, neue Aufgaben vorbereitet, alles immer weiter verbessert.
So fließt dauernd der Fortschrittstrom hin und wider, der unmittelbare, lebendige, fruchtbringende Zusammenhang zwischen der leitenden Stelle und den Fabriken, den Zweigstellen und Betrieben wird hergestellt, überall ist Ingenieurarbeit am Werke, und die auswärtigen Betriebe und Erfahrungen befruchten die heimischen schaffenden Kräfte. Die frühere mündliche Überlieferung ist ersetzt durch einheitlich verarbeitete Berichte über den Fortschritt, in denen Tatsachen, Zahlen, Erfahrungen und Werbungen niedergelegt sind . . .
Durch die Wirkung dieser Großorganisation werden die unendlich vielen Errungenschaften rasch ausgenutzt, auf andere Industrien übertragen. Was früher schwere Fortschrittskämpfe kostete, springt jetzt rasch auf verwandte und fremde Gebiete über und gelangt zu lohnender Ausnutzung. Die Fortschrittskette wird endlos, ihre wirksamen Glieder sind überall erkennbar und werden durch Ingenieure gefertigt und geleitet. Der große Aufbau ist ein organischer schon durch den Austausch und durch die fruchtbringende Verwertung aller Erfahrungen.“ A. Riedler, a. a. 0. Seite 146 ff.
Früher gab es einzelne Zivilingenieure, deren Tätigkeit heute ausgeschaltet ist. Durch den Zusammenschluß zu einer organischen Einheit in den Großbetrieben werden auch schwächere Talente besser ausgenutzt.
Es bedeutet nun abermals eine weitere Ausdehnung des Bereiches der wissenschaftlichen Betriebsführung, wenn „Ingenieure“ angestellt werden, denen nicht nur die Aufsicht über die Sachbehandlung obliegt, die vielmehr auch für eine systematische Gestaltung der übrigen Teile der Betriebsvorgänge, für eine möglichst rationelle Organisation und Personenbehandlung Fürsorge zu treffen haben. Das ist der Aufgabenkreis, wie ihn der in den letzten Jahrzehnten in den Vereinigten Staaten

894 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte
geschaffene Typus des „industrial engineer“, „efficiency engineer“, „efficiency expert“ hat.
Seine Obliegenheiten sind folgende: the reduction of labor turnover; the dovetailing of jobs;
the training of employees for different jobs;
the training of foremen in handling men;
the selection, promotion and transfer of employees;
the spreading out of the overhead expense;
the cultivation of willingness;
the improved moral of steady workers:
all belong to this new profession of the industrial engineer“. John R. Commons in Stabilization of business (1923), 192.
Diese Neubildung steht schon im engsten Zusammenhang mit der inneren Umbildung der Betriebe und wird erst ganz verständlich, wenn wir nun diese in Betracht ziehen, was im folgenden Kapitel geschehen soll. Dortselbst werden wir auch die übrigen Staffeln der Verwissenschaftlichung des neuzeitlichen Betriebs, wie die Einführung des Taylorsystems u. a., festzustellen Gelegenheit haben.

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Dreiandfünfzigstes Kapitel
Die Vergeistung der Betriebe
Geist nenne ich in diesem Zusammenhänge alles Immaterielle, das nicht Seele ist. Geist hat ein selbständiges Dasein, ohne lebendig zu sein. Seele ist immer lehengebunden, als Menschenseele immer persongebunden. Vergeistung ist die Hinbewegung vom Seelischen zum Geistigen, ist Herausstellung, Obj ektivierung seelischer Vorgänge, „V ersachlichung“.
Was ich als die Vergeistung der Betriebe bezeichne, steht zu dem, was ich im vorigen Kapitel als Verwissenschaftlichung der Betriebsführung erklärt habe, in einem in verschiedener Weise bestimmbaren Verhältnis: die Vergeistung ist teils Ziel (Intention), teils Wirkung, teils Voraussetzung der Wissenschaftlichkeit. Sie muß daher, trotz ihrer engen Verwandtschaft mit jenem Begriffe, als Sonderproblem behandelt werden.
Die Vorarbeiten liefern — bis auf ganz wenige Ausnahmen — geringe Ausbeute. Sie sind ein schlagendes Beispiel für den immer von mir behaupteten Unsegen, den die wertende Betrachtungsweise für die wissenschaftliche Erkenntnis stiftet. Man hat sich „entrüstet“ und „begeistert“ und hat dadurch den Tatbestand nicht erhellt, sondern verdunkelt, hat Wärme statt Licht verbreitet. So ist es gekommen, daß man nicht einmal das Problem richtig erfaßt hat: man hat von „Ent- seelung“ der Arbeit und „Entgeistung“ als von einem und demselben gesprochen und hat nicht erkannt, daß sie nicht nur nicht dasselbe, sondern daß sie etwas Entgegengesetztes sind. Das Problem, um das es sich in Wirklichkeit handelt, ist der große, sehr allgemeine Vorgang unserer Zeit, den wir auch bei der Gestaltung der Betriebe beobachten: der Entseelung und Vergeistung. Daß und wie der Betrieb sich wandelt aus einer Gemeinschaft lebendiger, durch persönliche Beziehungen aneinander gebundener Menschen in ein System kunstvoll ineinander greifender Arbeitsleistungen, deren Vollbringer auswechselbare Funktionäre in Menschengestalt sind, gilt es zu verstehen. Dabei ist jeder Wertakzent vermieden. Ob Seele, ob Geist das „Wertvollere“ sei, bleibt dahingestellt. Man mag Seele als das „Lebendige“ weit über

896 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte
den Geist als das „Tote“ stellen oder das Seelische (in der Betriebsgestaltung) mit Schlamperei gleichsetzen und die Vergeistung als den Aufstieg zu Ordnung und Verläßlichkeit preisen: tut nichts. Immer ist es erforderlich, erst einmal zu verstehen, um welche Vorgänge es sich im wesentlichen handelt. Wir wollen im folgenden dieses Verständnis zu gewinnen suchen, indem wir (I.) das Wesen des beseelten Betriebes, von dem die Entwicklung ihren Ausgangspunkt nimmt; (II.) die Wandlung, die sich in der Richtung der Vergeistung der Betriebe vollzogen hat und sich zu vollziehen die Tendenz hat; (III.) die Bedeutung dieser Wandlung für die Entwicklung des Kapitalismus uns zum Bewußtsein bringen.
I. Der beseelte Betrieb
Jeder Betrieb, der sich im Rahmen einer kapitalistischen Unternehmung abspielt, ja in gewissem Umfange jeder Betrieb enthält Geist, jede Ordnung ist Geist, jede Zahl ist Geist, jedes Werkzeug ist Geist. Wenn wir gleichwohl einen beseelten Betrieb als eine besondere Art der Betriebe unterscheiden wollen, so müssen wir seine Eigentümlichkeit in der Stellung des Geistigen zum Seelischen seines Gehaltes suchen. Beseelt oder seelsam nenne ich denjenigen Betrieb, in dem das Seelische das Geistige sich dienstbar macht, in dem also ein Primat des Seelischen gegenüber dem Geistigen besteht. Ich versuche, dieses Verhältnis im folgenden aufzuweisen, und zwar an einem Betriebe, der schon die Form der Großbetriebes angenommen hat und in kapitalistischem Geiste geführt wird: bei dem Kleinbetriebe, zumal in bäuerlichem oder handwerkerlichem Nexus tritt der Primat des Seelischen noch klarer hervor. Historisch gesehen, ist der beseelte Betrieb der „Betrieb alten Stils“.
Was ein beseelter Betrieb sei, erkennt man am deutlichsten beim bäuerlichen Betriebe. Er erscheint als Einheit nur in seiner sinnlichseelischen Eigenart. Diese wird begründet: (1.) durch den äußeren Landbesitz, den „Hof“, der immer ein eigenes Gepräge trägt; (2.) durch den Hofbesitzer, den Eigner, dessen Eigenart sich in der Wirtschaftsführung kundgibt und diese immer zu einer besonderenmacht; (3.) durch die Stammesoder Gauart: jeder Bauernhof erhält sein eigenartiges Gesicht durch die Umgebung, in der er sich befindet: man denke an die Unterschiede zwischen einem schottischen und einem irischen, einem provenzalischen und einem bretonischen, einem sizilianischen und einem piemontesischen, einem badischen und einem holsteinischen Bauern. So ist es denn auch kein Wunder, daß die landwirtschaftlichen, insonderheit bäuerlichen Wirtschaften grundverschieden von Land zu Land, ja von Provinz zu Provinz

Dreiundfünfzigstes Kapitel: Die Vergeistung der Betriebe
897
sind, während in Handels-, Gewerbe- und Transportbetrieben sich eine viel größere Übereinstimmung von Ort zu Ort zeigt. Viele feine Bemerkungen bei A. l’Houet, Psychologie des Bauerntums. 2. Aufl. 1920. Vgl. auch das 57. und das 60. Kapitel.
Geleitet wird der — schon kapitalistische, aber noch — beseelte Betrieb von dem „Chef“, dem „Alten“, einem Unternehmertypus, der noch viele Züge des Handwerkers an sich trägt. Er vereinigt alle Funktionen des Leiters in seiner unteilbaren und ungeteilten Person: er ist Kaufmann, Techniker, Organisator in einem. Seine persönlichen Zwecksetzungen, Ansichten, Geschäftsgrundsätze sind für die Gestaltung des Betriebes bestimmend. Sie sind meist traditionalistisch gefärbt, tragen aber auch dann ein persönliches Gepräge: wie es der Vorgänger gemacht hat, wie er es selber früher gemacht hat, wie es der Überlieferung des Hauses entspricht: so wird der Betrieb eingerichtet und geführt. Dieser hat deshalb immer eine irrational-persönliche Note.
Das seelische Verhalten tritt in der Organisation des Betriebes zutage. Die Angestellten und Arbeiter gehen ein persönlich gefärbtes Vertragsverhältnis ein und bleiben in persönlicher, „patriarchalischer“ Beziehung zum Unternehmer. Sie sind sein „Personal“. Sie bleiben „Menschen“, Personen, trotzdem sie Lohnarbeiter sind. Die menschlichen Beziehungen herrschen im Betrieb und setzen sich über diesen hinaus fort: der Unternehmer nimmt teil an ihrem Wohl und Wehe, feiert Feste mit ihnen und kennt ihre Familien. Man vergegenwärtige sich etwa einen Handels-Großbetrieb, wie ihn uns Gustav Freytag in „Soll und Haben“ beschrieben hat. Die menschlichen Beziehungen zwischen dem Unternehmer und seinem Personale brauchen keineswegs nur „gute“, „herzliche“, „freundschaftliche“ zu sein; sie können ebensogut ein negatives Vorzeichen haben: sie können brutal, willkürlich, despotisch sein, „un—menschlich“, wie wir dann wohl zu sagen pflegen, um auszudrücken, daß sie vom bösen Willen beherrscht sind. Immer bleiben es seelische Beziehungen.
Nirgends tritt die persönliche Prägung der Organisation des beseelten Betriebes so deutlich zutage wie in der Beschaffenheit und Wirksamkeit der Mittelspersonen, die sich zwischen den Betriebschef und die Arbeiter schieben. Das sind der „Inspektor“ oder Verwalter in der Landwirtschaft, der Werkmeister in den industriellen Betrieben, der Prokurist in den Handelsbetrieben. Sie sind die Organe, durch die der Chef seine Pläne in die Wirklichkeit überträgt. Ihr Tun ist ein umfassendes. Sie haben sich ebenso um die Herbeischaffung der

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Rohstoffe, wie um die Verteilung der Arbeit, wie um die Beaufsichtigung der Arbeiter zu kümmern. Sie sind das „Fac-Totum“. In einem Industriebetriebe sind ihre Pflichten etwa die folgenden (nach Taylor-Wallichs, § 103): Aufstellung des Arbeitsplanes für alle Werkzeugmaschinen, rechtzeitige Zuweisung der Arbeit an jeden Arbeiter und Belehrung über die Art der Ausführung; Sorge für rasche Fertigstellung und Ausnutz ung der Maschinen; Vorausbestimmung der Arbeiterzahl nach Stand der Arbeitsmengen und deren Heranschaffung; Überwachung des Verdientes der Leute, Kontrolle der Löhne und Aufrechterhaltung der allgemeinen Ordnung. Dabei wird ihre Tätigkeit im wesentlichen durch ihre persönlichen Fähigkeiten bestimmt. Und durch ihre Charaktereigenschaften, ihre menschlichen, oft allzu menschlichen Neigungen und Launen: sie hassen und lieben und behandeln die Untergebenen oft genug parteiisch. Stellen ein und entlassen nach Gutdünken, haben ihre Lieblinge (vor allem unter dem weiblichen Personal) und „die Kerls, die sie nicht leiden können“ und die sie deshalb drangsalieren. Man hat nicht mit Unrecht die Betriebsführung in dem beseelten Betriebe als „Meisterwirtschaft“ bezeichnet.
Endlich aber — und das ist vielleicht die Hauptsache — sind die einzelnen Arbeitsverrichtungen in dem Betriebe alten Stils beseelt. Das will sagen: sie erheischen die Einsetzung der ganzen Persönlichkeit, aller geistigen, seelischen und körperlichen Fähigkeiten und Kräfte, sie verlangen stets eine Entscheidung, eine stete Anpassung an den einzelnen Arbeitsvorgang. Das gilt für alle Arbeitsverrichtungen, von der obersten Leitung durch alle Zwischenglieder hindurch bis zum letzten Handgriff des ausführenden Arbeiters. Auch die allereinfachste, „ungelernte“ Arbeit, wie Steinklopfen, kann beseelt sein.
Was ein beseelter Betrieb sei, erkennen wir am besten, wenn wir uns an einigen Beispielen diese Beseelung jeder einzelnen Verrichtung klarmachen.
Am deutlichsten tritt die höchstpersönliche Beschaffenheit, auch der geringsten Arbeitsleistung, in der Landwirtschaft zutage, wo fast jede Verrichtung den ganzen Menschen erheischt. Man denke an die Wartung des Viehes! Hier steht der Arbeiter fast immer vor einer neuen Aufgabe. Denn sein Arbeitsgegenstand ist in jedem Fall ein anderer: ob die Sau sechs oder acht Ferkel wirft, ob die Kuh leicht oder schwer die Milch gibt, ob das Wagenpferd einen guten oder schlechten Tag hat: immer muß der Arbeiter auf die Eigenart der Lage

Dreiundfünfzigstes Kapitel: Die Vergeistung der Betriebe
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sich besonders einstellen. Aber auch die Ackerarbeit ist fast immer eine von Fall zu Fall verschiedene: das Ziehen einer Furche mit dem Pfluge, das Miststreuen, das Mähen, das Rübenverziehen, das Einfahren des Getreides oder Heues (jeder Erntewagen ist eine „irrationale“ Individualität!) sind alles Arbeiten, die Besinnung, Urteil, Entschluß — wenn auch in allergeringstem Ausmaße — erfordern. Selbst die Maschine in der Landwirtschaft verlangt eine persönliche Bedienung. Es kommt dazu, daß der Landwirtschaftsbetrieb nur in sehr geringem Umfange den Spezialarbeiter kennt.
Aber auch in anderen Wirtschaftszweigen sind im Betriebe alten Stils die einzelnen Arbeitsverrichtungen beseelt. Das zeigt sich im Handelsgewerbe in der Abgrenzung der verschiedenen Funktionenkreise, wenn überhaupt schon eine Zerteilung der komplexen Kaufmannsarbeit eingetreten ist. Wir erinnern ims wiederum der Schilderungen in „Soll und Haben“, wo die alten Kommistypen, deren jeder seinen beseelten Wirkungskreis hat, sehr lebendig uns vor Augen gestellt werden: der Buchführer, der Korrespondent, der Kassierer, der Magazinverwalter, der Reisende.
Auch das Transportgewerbe ist reich an beseelten Arbeitsverrichtungen sogar bis auf den heutigen Tag geblieben: der Wagenknecht, der Chauffeur, der Eisenbahnschaffner (jeder Zug ist verschieden stark besetzt!) vollbringen in jedem Augenblick eine höchstpersönliche Tätigkeit.
Selbst der industrielle Betrieb kennt in seiner früheren Form den lebendigen Arbeiter. Nicht nur in der Manufaktur, sondern auch in der Fabrik. Auch hier gibt es Verrichtungen, die den jedesmaligen Einsatz der ganzen Persönlichkeit verlangen. Wir werden weiter unten sehen, welche das sind.
II. Die Wandlung
1. Die Ausschließung der Seele aus dem Betriebe In einem „modernen“ Betriebe, das heißt in einem solchen, der den höchsten Anforderungen kapitalistischer Wirtschaftsführung entspricht, soll keine Seele sein. „Ein Riesenunternehmen ist zu groß, um menschlich zu sein. Es wächst derart, daß es die Persönlichkeit des einzelnen erdrückt. In einem großen Unternehmen verschwindet die Gestalt des Arbeitgebers wie des Arbeitnehmers in der Menge“ (Ford).
Deshalb sorgt man von vornherein dafür, daß möglichst wenig Seele in den Betrieb eindringt: der Arbeiter, der eingestellt wird,
Sombart, Hochkapitalisnms IT. 57

900 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtseliaftl. Prozesses i. d. Geschichte
muß gleichsam seine Seele in der Garderobe abgeben. Seine Einstellung erfolgt ganz schematisch: sein Name wird in das Aufnahmebuch oder die Arbeiterstammrolle eingetragen und verschwindet hier, um als Nummer wieder zu erscheinen, der Arbeiter hört auf, Person zu sein und wird Nummer, unter einer Nummer wird er während seiner Beschäftigung im Betriebe geführt (sogenannte Markennummer). Er wird ärztlich untersucht und „getestet“, das heißt an Apparaten mechanisch auf seine „Eignung“ geprüft. Zum äußeren Zeichen, daß er nicht mehr Person ist, legt er seine Zivilkleider ab und schlüpft in die Anstaltskleider.
Innerhalb des Betriebes fällt jede persönliche Beziehung zwischen Unternehmer und Arbeiter, Aufsicht und Arbeiter, Arbeiter und Arbeiter fort. In der Vollendung stellt diese Seelenlosigkeit der Fordsche Betrieb dar, von dem sein Begründer in seiner Lebensbeschreibung etwa folgendes sagt: „Um Hand in Hand zu arbeiten, braucht man sich nicht zu lieben“ (107). „Persönliche Fühlungnahme gibt es bei uns kaum, die Leute verrichten ihre Arbeit und gehen wieder nach Hause, eine Fabrik ist schließlich kein Salon“ (131). „Für Patriarchalismus ist in der Industrie kein Platz“ (151). „Wir halten nicht viel . . . von der persönlichen Fühlungnahme' oder von dem ,menschlichen Element' im Berufsleben. Dafür ist es schon zu spät.“
Im Betriebe soll nicht Seele, soll nur Geist sein. Der moderne Betrieb soll gleichsam das passende Kleid für die kapitalistische Unternehmung abgeben, die selber reines Geistgebilde ist. Unbildlich gesprochen: der Sinngehalt der modernen Betriebsgestaltung erschöpft sich darin, daß sich in ihr eine Annäherung an die Idee der kapitalistischen Unternehmung vollzieht, die im Betriebe Wirklichkeit wird.
Fragen wir aber wie dieser Vergeistungsvorgang, dieser Ersatz der Seele durch den Geist sich vollzieht, so hat uns Taylor darauf — nichtsahnend — die richtige Antwort gegeben, wenn er einmal bemerkt: „Bisher stand die Persönlichkeit an erster Stelle, in Zukunft wird die Organisation und das System an erste Stelle treten.“ (Taylor-Roesler, 4, Unterstreichung von mir.) Das ist es: an die Stelle menschlicher Beziehungen treten „Systeme“. In sie hinein fallen gleichsam Menschen und Sachen, die in den Betrieb wie in einen Trichter geschüttet werden, und werden wie in einem Mechanismus gemäß den Gängen und Schaltvorrichtungen an den richtigen Platz geschoben.
Prüfen wir, was es mit diesen „Systemen“ auf sich hat.

Dreiundfünfzigstes Kapitel: Die Vergeistung der Betriebe
001
2. Die dreifache Systembildung
Drei Systeme sind es, in denen siet der Geist niederschlägt und mit deren Hilfe der Betrieb aufgebaut wird: ein System von Normen (Verwaltungssystem), ein System von Zahlen (Rechnungssystem) und ein System von Instrumenten (Maschinen-, Apparate-System). Naturgemäß bestehen die drei Systeme nur in der Vorstellung gesondert nebeneinander, während sie in der Wirklichkeit ineinander eingreifen. Wir suchen uns von ihrem Wesen nähere Kenntnis zu verschaffen, was wir am besten können, wenn wir ihren Aufbau verfolgen.
a) Das Verwaltungssystem Seine Grundlage ist
1. die Zerlegung, das heißt die Zerteilung ursprünglich komplexer (zusammengesetzter) Funktionenkreise und Arbeitsverrichtungen. Die Zerlegung erfolgt wiederum in drei Richtungen. Sie besteht a) in der Aufteilung des Betriebes in verschiedene Verwaltungs- ressorts. Deren gibt es in jedem größeren Industriebetriebe (wo die Systembildung am weitesten entwickelt ist; die Betriebe in den übrigen Wirtschaftsgebieten weisen dieselbe Ordnung auf, nur in weniger vollkommener Ausführung) drei: die kaufmännische Abteilung (Bureau), die technische Abteilung (Bureau) und Werkstättenabteilung (Betriebsbureau). Jede dieser Abteilungen zerfällt wiederum bei größeren Betrieben in verschiedene Unterabteilungen mit scharf begrenzten Funktionenkreisen. Etwa so (natürlich sind die einzelnen Bureaus nicht in jedem Betriebe dieselben):
Das kaufmännische Bureau umfaßt Bureaus für:
Einkauf
V ertragsabschlüsse Kasse
Buchhaltung
Korrespondenz
Registratur
Statistik
Botendienst
Reklame
das technische Bureau für:
Konstruktion
Versuche
Überwachung
Patente
57 *

902 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte
Erledigung von Anfragen über Konstruktionen von außerhalb und innerhalb der Fabrik
Anfertigung der Zeichnungen, Blaupausen, Photographien usw. Ausarbeitung von Normalien
Registratur von Zeichnungen, Stücklisten, Blaupausen usw. das Betriebsbureau für:
Verteilung der Arbeit auf die Maschinen Lagerverwaltung W erkz eugverwaltung
Prüfung der eingehenden und ausgehenden Waren
Betriebsabrechnung
Registratur und Statistik
(in den Taylor-Betrieben ist gerade das Betriebsbureau noch weiter untergeteilt).
Ich teile zur Belebung des Bildes noch den Inhalt einer in Wirksamkeit befindlichen Geschäftsordnung mit (der Maschinen- und Brückenbaugesellschaft m. b. H. in Frankfurt a. M.: siehe W. van den Daele, a. a. 0. III. Teil), die sich durch ihre sinnvolle Gliederung (2 X 5 X 3 = 30) aus- zeichnet.
Die Geschäftsleitung teilt sich in (1.) Kaufmännische Leitung (2.) Technische Leitung.
Diese zerfallen wieder in eine Anzahl Abteilungen, denen je ein Abteilungschef vorsteht. Die Abteilungen sind folgende: zu 1. Kaufmännische Leitung:
S Sekretariat und Korrespondenz K Kasse und Buchhaltung E Einkauf und Materialverwaltung A Akquisition und Propaganda L Lohnbuchhaltung, Statistik und Kalkulation; zu 2. Technische Leitung:
C Konstruktion und statistische Berechnungen M Material- und Lohnauszüge Z Zeichnen und Pausen B Betriebsverwaltung F Fabrikation.
Diese Abteilungen gliedern sich wiederum in einzelne „Ressorts“. Es gibt folgende Ressorts der obigen Abteilungen S ff.
S 1. Sekretariat
2. Korrespondenz
3. Registratur
K 4. Hauptkasse, Wechsel- und Effektenverlcehr
5. Hauptbuchhaltung
6. Kontokorrentbuchhaltung

Dreiundfünfzigstes Kapitel: Die Vergeistung der Betriebe 908
E 7. Einkauf
8. Magazinverwaltung
9. Inventarienverwaltung A 10. Offensive und Reklame
11. Offertenbearbeitung und -Verfolgung
12. Kommissionswesen L 13. Lobnwesen
14. Verbrauchs-, Lohn- und Unkostenstatistik
15. Selbstkostenberechnung und Fakturen wesen C 16. Konstruktionsentwürfe
17. Patente und Gebrauchsmuster
18. Statistische Berechnungen
M 19. Material- und Arbeitszeitauszüge für die Offertenabteilung
20. Ausfertigung der Material- und Arbeitslohnlisten
21. Fabrikordnungsinspektion und -kontrolle Z 22. Konstruktions- und Planzeichnen
23. Detailzeichnen und Pausen
24. Druckerei und Lichtpauserei
B 25. Arbeiterannahme und -entlassung
26. Löhnungs- und Platzkontrolle
27. Fuhrwerkswesen und Versand
F 28. Festsetzung der Akkorde und Ausfertigung der Akkordzettel
29. die Fabrikarbeiten-Austeilung, -Beaufsichtigung und -Abnahme
30. Vervollkommnung, Instandhaltung und Aufsicht über die Fabrikationseinrichtungen, Geräte und Werkzeuge.
Diese Gliederung bedeutet zum Teil schon eine Teilung der Arbeit in vertikaler Richtung (siehe unten unter c), die naturgemäß sich mit der Aufteilung des Geschäfts in größere Bezirke deckt.
Sodann erfolgt (das ist wohl die Hauptsache) b) die Teilung der Arbeit in horizontaler Richtung. Dieser Vorgang, dem wir an anderer Stelle schon einmal begegnet sind (siehe Seite 430ff.), besteht in der Lostrennung aller „qualifizierten“, wir sagen besser seelgebundenen Arbeit von der „unqualifizierten“, rein mechanischen, seelenlosen. Wie es Gertrud Bäumer einmal treffend ausgedrückt hat: „die Intelligenz einer schmalen Schicht (hat) den ganzen geistigen (lies: seelischen W. S.) Gehalt der Arbeiter an sich gerissen und der breiten Masse die tote Schale der mechanischen Ausführung übrig gelassen.“ Nur daß wir diese Wandlung ohne jede Wertbetonung (ob sie ein „Segen“ oder ein „Unsegen“ war, müssen wir dahingestellt sein lassen) in ihrer Wesentlichkeit zu erfassen trachten müssen.
Die Absplitterung seelenloser Arbeit beginnt bei der Leitungsarbeit. Wie viel von dem, was früher der Chef selber ausführte (und

904 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte
ausführen mußte), weil es noch keine besonderen Funktionäre dafür gab, wird heute von untergeordneten Organen besorgt! Angefangen mit der Korrespondenz, die jetzt mit dem Diktat für den Leiter beendet ist. Bis zu den tausend Verfügungen, die er trifft, und die in nichts weiter als in einer Anregung bestehen, die aber irgendein Bureau dann formt und ein anderes ausführt. Der Leiter einer Unternehmung ist heute der Mann, der auf den Knopf drückt.
Die Herauslösung der mechanischen Arbeit setzt sich bei den höheren Angestellten fort: auch hier bleibt ein Disponent, der beseelte Arbeit verrichtet, neben zehn anderen, die nur noch „Handgriffe“ ausführen. Aus dem Ingenieur wird vielfach, wie man es genannt hat, ein „Strichzieher“, aus dem kaufmännischen Angestellten ein Formulararbeiter, aus dem Werkmeister ein Automat. Als „Subalternisierung der geistigen Arbeit“ (besser der Kopfarbeit) hat Max Adler diesen Vorgang bezeichnet.
Am längsten und gründlichsten ist die Trennung einfacher und komplexer Arbeit bei der ausführenden Arbeit vorgenommen worden. Hier hat die Manufaktur schon im wesentlichen die Arbeitsverrichtung mechanisiert. Aber was das Bemerkenswerte ist: auch in der einfachsten Vornahme — dem Abladen von Bisenbarren, dem Karren von Erde, dem Sortieren — blieb noch ein seelischer Rest. Und es ist nun die besondere Leistung von Taylor, daß er diesen letzten Rest von Seele, das heißt also immer von individuellem Entscheide, auch aus den allereinfachsten Verrichtungen verbannt hat. Alle seelische Mitwirkung des Arbeiters an seiner Arbeit wird beseitigt und besonderen Funktionären übertragen.
Ein Paar beliebig herausgegriffene Stellen aus seinen Werken beweisen
das.
Es ist ein Grundgedanke: „daß fast in der ganzen Technik die Theorie, die jeder einzelnen Handlung des Arbeiters zugrunde liegt, so umfangreich und schwierig ist, daß der hierfür bestgeeignete Arbeiter aus Mangel an Bildung oder geistiger Befähigung nicht in der Lage ist, diese Wissenschaft (!) zu verstehen.“ Taylor-Wallichs, 43. „Es handelt sich weniger um eine Vermehrung der Arbeit als um eine Verschiebung aller geistigen (lies: seelischen. W. S.) und Schreibarbeit in das Arbeitsbureau, während der Arbeiter keine Zeit zum Nachdenken über Aufspannen, Instandhalten seiner Maschine und deren Antriebsvorrichtung, Ausrechnung der Zahnradgetriebe usw. aufzuwenden hat, sondern unausgesetzt seine Maschine in Gang halten kann.“ Taylor-Wallichs , 24. „Kenntnisse, die niemals beachtet und aufgezeichnet wurden, Fähigkeiten, die in den Köpfen und Händen einzelner verborgen sind, deren Geschicklichkeiten, Kunstgriffe und Gewandtheit, auf welche die Arbeiter stolz sind, und die sie als ihr

Dreiundfünfzigstes Kapitel: Die Vergeistung der Betriebe 905
alleiniges Eigentum betrachten, müssen gesammelt, klassifiziert, in Tabellen und Gesetze gebracht werden. Eür den praktischen Gebrauch sind dann daraus mathematische Formeln aufzustellen, die bei ihrer Anwendung zu ganz erstaunlichen Ergebnissen führen.“ Taylor, Principles of Scientific Management, 1911 gehaltener Vortrag, übers, in der Taylor-Zeitschrift Jan. 1920ff. zit. bei Söllheim, 13. „Das Einrichten und Festsetzen der Arbeit, die Zuführung der Materialien und die Geschwindigkeit, die erforderlich ist, die Arbeit auszuführen und die Art, das Material anzufassen und es durch die Maschine zu leiten: diese Arbeiten werden von Sonderbeamten besorgt und in niedergeschriebenen Anweisungen festgelegt. Wenn der Arbeiter in besonderen Fällen von der Arbeit abweicht, so tut er dies auf die Gefahr hin, seine Vergütung oder Prämie oder seine höhere Teilstückrate zu verlieren.“ John F. Frey, Die wissenschaftliche Betriebsführung und die Arbeiterschaft (1919), 40/41.
Gleichen Schritts mit der Arbeitsteilung in horizontaler Richtung geht nun
c) die Teilung der Arbeit in vertikaler Richtung, das heißt: überall, wo bisher Arbeit von einem verrichtet wurde, wird sie jetzt von mehreren ausgeführt. Und zwar gilt das in gleichem Maße für die leitende, die vermittelnde und die ausführende Arbeit.
In der Leitungsarbeit vollzieht sich eine Differenzierung schon durch die Einteilung der Betriebe in die großen'Verwaltungsbezirke: der kaufmännische und der „technische“ Direktor treten auseinander. Die Differenzierung schreitet fort durch den Übergang von der Einzelleitung zum Direktorialprinzip: Prototyp das Generalregulativ der Firma Krupp vom Jahre 1872, wo in besonders geschickter Weise die Überleitung aus der einen Hand in eine Gruppe von Direktoren vorgesehen ist. Die verschiedenen Direktoren teilen dann die Funktionen unter sich, wie wir das im zweiten Kapitel schon verfolgt haben. Eine weitere Unterteilung erfolgt schließlich (namentlich in großen Handelsgeschäften) durch die Ressortbildung.
„An der Spitze des Ressorts, das nicht nur buchhalterisch, sondern auch organisatorisch als ein selbständiger Betrieb behandelt wird, steht ein Ressortchef, heiße er wie er wolle: Oberbuchhalter, Reklame-, Rekla- mations- oder Lagerchef. Aus der Ressortbildung ergibt sich die bedeutungsvolle Tatsache, daß auch der kaufmännische Angestellte, der Ressortchef, ein lebhaftes Interesse, sei es nun aus materiellen, ideellen oder aus beiden Gründen, an diesem kleinen Teil (Ressort) jenes gewaltigen Mechanismus des modernen Großbetriebes hat. Er ist für sein Ressort das, was der kapitalistische Unternehmer für das Ganze, für den Großbetrieb ist. Er handelt, denkt und fühlt für seine Abteilung, wie der Unternehmer für den ganzen Betrieb, oder anders ausgedrückt: für ihn gelten im wesentlichen dieselben Prinzipien, die den Inhaber des Betriebes beseelen. Beide

906 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte
wollen ihren Betrieb, dem sie ihre Arbeitskraft widmen, möglichst erfolgreich gestalten, der eine das Ganze, der andere sein Ressort.“ (Hans Weyer.)
Dann folgt die Zerlegung der Funktionen des alten Werkmeisters, der in verschiedene Betriebsdirektoren, Betriebsingenieure und Unterbeamte auseinanderfällt. Besonders verästelt ist die Wirksamkeit des alten Werkmeisters in dem Taylorseben System, obwohl dieses in dieser Hinsicht nichts grundsätzlich Neues bringt, sondern die Entwicklung nur auf die Spitze treibt. Entsprechend seinem Grundsatz, die Arbeiter von allen „vorbereitenden“, allen Kontroll- und allen Instandhaltungsarbeiten zu entlasten und diese Arbeiten best imm ten Zwischengliedern zuzuweisen, ergeben sich nicht weniger als acht Beamte, die an die Stelle des früheren Werkmeisters treten.
Das Unterordnungsschema im Taylor-System ist folgendes:
Betriebsleiter
ArbeHüü Vorbereitung Arbeits- ausführung
Pensum-
* Übersichts-
Abfertigung-
Werkstätten-
beamter
beamter
beamiter
bote
Vor-
Unter
Instand-
bereitungs-
weisungs-
Prüfmeister
hallungs-
meister
meister
meister
Arbeiter
Abb. 45 bei Seubert, a. a. 0. Seite 147.
Und dann kommt die endlose Reihe der Teilverrichtungen, in die die ausführende Arbeit zerlegt ist, und die von Spezialarbeitern ausgeführt werden. Die Zahl dieser Spezialarbeiter ist in manchen Betrieben eine sehr beträchtliche.
So finden wir in der Taschenmesserfabrik 90 Teilarbeitergruppen. Die Schuhfabrikation hatte in der Form der Schuhmanufaktur (mit Handarbeit) 16 verschiedene Arbeitsverrichtungen, jetzt weist sie (Stand der Technik vor dem Weltkriege in den Vereinigten Staaten) 96 verschiedene Teilarbeiter auf. Es gibt z. B. 6 Spezialarbeiter für die Anfertigung des

Dreiuudfünfzig8tes Kapitel: Die Vergeistung der Betriebe
907
Absatzes: Absatzaufdrücker, -stiftler, -fräser, -glaser, Frontausschneider, -abnehmer; 5 Spezialarbeiter für die Ausputzerei: Schnittpolierer, Nachputzer, Bimser, Schwärzer, Glättungspolierer.
Den Gipfel der Spezialisation erreicht aber die Fordsche Fabrik, wo der Arbeitsprozeß in 7885 Teilverrichtungen aufgelöst ist.
Während das Verwaltungssystem durch die Zerlegung des Arbeitsprozesses vorbereitet wird, wird es recht eigentlich geschaffen durch den zweiten Vorgang, den wir bei seinem Aufbau beobachten und den wir
2. die Normung nennen wollen. Diese besteht aus folgenden Vornahmen :
a) der Angleichung der von Fall zu Fall verschiedenen Tätigkeiten an einen „Normalfall“, was tunlichst durch Auflösung in einfache Bewegungen geschieht, also durch Quantifizierung. Auch diese Vornahme ist längst in weitem Umfange ausgeführt worden, ehe Taylor uns mit seinen „Leistungsstudien“ beglückte. Taylor hat sie nur auf die einfachen Arbeiten ausgedehnt und hat durch seine Leistungsstudien in der Tat den Weg gewiesen, wie man am raschesten und sichersten zur Aufstellung eines „Normalfalles“ gelangt. Die „Leistungsstudien“ Taylors zerfallen in Bewegungs- und Zeitstudien: jede noch so einfache Verrichtung wird ihres qualitativen Charakters entkleidet, wird in Bewegungen aufgelöst, und diese Bewegungen werden mittels der „Stoppuhr“ (diesem Symbol des modernen Betriebes) gemessen. Es wird festgestellt, unter welchen Bedingungen die Bewegung in der kürzesten Zeit ausgeführt werden kann; und diese Zeitlänge mitsamt den Bedingungen, unter denen die Bewegung ausgeführt wird, stellt dann den Normalfall dar.
Als Beispiel des Taylorschen Verfahrens führe ich die Feststellung der Normalleistung „Aufnahmen einer 1 m langen, 50 mm starken Stahlwelle vom Fußboden auf den 90 cm vom Fußboden entfernten Tisch der Bearbeitungsmaschine“ an. Dies ist selbst eine Teilverrichtung, wird aber von dem Leistungsstudienbeamten noch weiter in die einzelnen Bewegungen wie folgt untergeteilt:
Bücken des Mannes
Mit der rechten Hand über die Welle greifen Mit der rechten Hand anheben Untergreifen mit der linken Hand Aufnehmen der Welle mit beiden Händen Anpressen gegen den Leib Vorwärtsschreiten bis an die Maschine Heben des rechten Endes
Niederlassen des linken Endes, bis es auf dem Tische aufliegt Loslassen der linken Hand
Senken der rechten Hand, bis die Welle ganz auf dem Tische aufliegt.

908 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte
Ergebnis der Zeitmessung bei 5 verschiedenen Beobachtungen: 0,19, 0,19, 0,22, 0,21, 0,19 Minuten. Geringste Zahl also = Normalfall 0,19 Minuten.
Hauptsache ist nun, daß diese Beobachtungen dem Beamten Gelegenheit geben zur Verbesserung des Arbeitsverfahrens. So kommt es, daß in einem Betriebe wie der Tabor Mfg. Co. fast kein Tag vergeht, an dem nicht irgendeine Arbeit infolge der Leistungsstudien auf ihre Zweckmäßigkeit hin nachgeprüft und vervollkommnet wird. Siehe R. Seubert, a. a. 0. Seite 106 ff. u. ö.
Ist der Normalfall festgestellt, so muß er als solcher kenntlich gemacht und aufbewahrt werden: „ZurNachachtung.“ Das geschieht durch
b) die Abfassung von Vorschriften, in denen der Normalfall beschrieben oder angedeutet ist: jedes Formular, jeder Vordruck, jedes Reglement enthält solche Vor-Schriften, die in manchen Fällen in ganz wenigen, rein symbolischen Hinweisen bestehen, wie etwa der Anbringung von Buchstaben oder der Färbung der Blätter und Mappen, in anderen Fällen genaue Instruktionen einschließen, wie etwa die „Unterweisungskarte“ Taylors.
Es erübrigt nun nur noch
c) die Einordnung des Einzelfalles (Einzelauftrages) in das Schema, was auch einheitlich von der Zentrale aus bis in die letzten Winkel des Betriebes hinein geschehen und nicht an irgendeiner Stelle der Willkür des einzelnen Funktionärs überlassen werden soll. Lieblingsgedanke von Taylor: dieser „verlangt auch für die Einzelverfahren die . . . schriftliche Festlegung und außerdem die schriftliche Bekannt- gäbe derselben an den Arbeiter (Arbeitsunterweisungen). Damit erzielt er, daß dem Arbeiter jede Handhabe für eigene selbständige Handlungen oder gar Überlegungen genommen ist. Dieser hat weiter nichts zu tun als vor Inangriffnahme einer Arbeit die dazu gehörige Arbeitsunterweisung zu lesen und die darin niedergelegten Vorschriften zu befolgen.“
Der springende Punkt bei diesem ganzen Verfahren der Normung ist der: daß der gesamte Produktionsprozeß — als Ganzes und in seinen einzelnen Teilen — in einem vollständigen System von Vor-Schriften schon im Geiste besteht, ehe er im einzelnen Falle begonnen wird. Und zwar in doppelter Gestalt: als typischer Fall und als Einzelfall. „Bevor jedes Guß- oder Schmiedestück in die Werkstatt kommt, muß sein Lauf über die verschiedenen Bearbeitungsmaschinen mit Angabe der Zeit, Zeichnungsnummer, Art der Bearbeitung, Hilfseinrichtungen und Spannvorrichtungen bestimmt sein.“ (Taylor.) Auch hier hat Taylor nichts grundsätzlich Neues gefordert, die Entwicklung des vergeisteten Betriebes drängte seit langem in diese Richtung und hatte sich seit

Dreiundfünfzigstes Kapitel: Die Vergeistung der Betriebe 909
langem schon in ihr bewegt. Nur hat er wieder die letzten Schlußfolgerungen gezogen, indem er auch die kleinste Vornahme vorher bedacht und in Vorschriften niedergelegt zu sehen wünscht.
Wir haben nunmehr gesehen, wie das Verwaltungssystem vorbereitet und wie es geschaffen wird. Es bleibt zu sagen, wie es ausgeführt wird. Dies geschieht
3. durch Absendung einer Weisung aus dem Zentralbureau, wodurch der Arbeitsprozeß seine zwangsläufige Bewegung automatisch beginnt. Der Vorgang entspricht durchaus dem Bilde eines Mechanismus, der fertig durchgebildet ist und in dem Augenblick sich in Bewegung setzt, wo er einen Anstoß erhält, wie etwa das Mühlenwerk im Schloßgarten zu Hellbrunn, in dem hundert Arbeiter zu schaffen beginnen, sobald der Wasserstrom an einer einzigen Stelle zu drücken beginnt. Das beliebte Schlagwort, das diesen Hergang bezeichnet, ist „Zwangsläufigkeit“, die nach Beuleaux ja das technische Grundprinzip der Maschine ist. „Als erster Punkt ist Zwangsläufigkeit zu fordern. Dies bedeutet, daß der Angestellte nicht durch systemlose Anordnung und Befehle, sondern durch das System selbst zu ordnungsmäßigem Erledigen der Arbeiten gezwungen wird.“ (A. Schilling.) Ziel: „die scharfe Regelung aller Tätigkeiten durch Dienstvorschriften.“ (Seubert.) „Diesem Zwecke (der Zwangsläufigmachung) dient in großbetrieblichen Unternehmungen eine fast unübersehbare Menge von Formularen, Büchern und Listen, die stets von einer Verwaltungsstelle an die Arbeitsstelle und Arbeitsorgane hinausgehen, nach Ausfüllung der vorgeschriebenen Zahlen mit den verlangten Daten an die im Organisationsplan vorgezeichnete Zentralstelle zurückgegeben werden ... So zirkuliert in fein verästelten Organisationen (z. B. Maschinenfabriken) werktäglich ein Papierstrom, der die Werkschaffung und den Werteumlauf zwangsläufig in Einzelheiten zahlenmäßig fixiert, eine Sammlung von Originalaufzeichnungen produktionstechnischer Arbeiten, die ihre letzte Verarbeitung in der Geschäftsund Betriebsbuchführung und Statistik finden.“ (Leitner.)
Mit diesen letzten Ausführungen ist schon auf das zweite System hingewiesen, innerhalb dessen sich die Betriebsvorgänge bewegen: das Rechnungssystem, dem wir nunmehr unser Augenmerk zuwenden müssen.
b) Das Reclinungssystem
Über dieses herrscht in der Literatur vollkommene Klarheit, so daß ich für alle Einzelheiten auf diese verweisen kann. Ich brauche nur in

910 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschafte Prozesses i. d. Geschichte
Kürze dieses System in den richtigen Zusammenhang einzuordnen, indem ich die ihm zugrunde liegenden Gedanken heraushebe.
In dem Rechnungssystem stellt sich der Betrieb dar als ein System von Zahlen, in das jeder Vorgang sich einfügt, durch das aber auch jeder Vorgang bestimmt wird. In seiner vollkommenen Ausbildung enthält es drei unterschiedliche Bestandteile:
1. die systematische Feststellung des ziffernmäßigen Tatbestandes.
Die Betriebsvorgänge interessieren hier nur in ihrer Zahlenmäßigkeit und müssen restlos in dieser erfaßt werden. Eine Zahl kann immer nur eine Größe darstellen. Die drei Größen, die in Betracht kommen, sind: Gewicht (Länge), Zeit und Geld. Jedes Gewicht (Länge) und jede Zeitdauer muß einen Geldausdruck haben. Nur dieser ist letztlich für die Zwecke des Rechnungssystems verwendbar.
Zur genauen Feststellung der Größenverhältnisse ist ein hoch- entwickelter Kontrollapparat notwendig. Die Kontrolle muß so beschaffen sein, daß sie die in einem Betriebe geleistete Arbeit der einzelnen Organe und Arbeitsstellen zwangsläufig verfolgt und von der Geschicklichkeit, Unparteilichkeit und dem guten Willen des Aufsichtsorganes unabhängig ist. Die betriebstechnische Kontrolle durch selbsttätige Instrumente macht eine Überwachung der Kontroll- tätigkeit überflüssig. Die Automatisierung des Arbeitsvorganges fördert auch die Ausschaltung menschlicher Kontrollarbeit. Die Betriebskontrolle erstreckt sich auf die Feststellung des Verbrauches von Materialien, Zeit, Arbeit, Kraft an allen wichtigen Stellen durch selbsttätige Aufzeichnung der Registrierapparate, durch Ingenieurberechnungen, Kontrollmarken und Aufzeichnungen in den Formularen. Der Statistik ist dabei eine besondere Aufgabe zugewiesen. „Sie soll Vorgänge wirtschaftlicher und produktionstechnischer Art zahlenmäßig erfassen, die Betriebs- und Kostenberechnung in solchen Einzelheiten ergänzen, die aus diesen beiden Teilen der Rechnungsführung nicht unmittelbar oder nicht in der gewünschten Zusammenfassung ersichtlich sind. Die Statistik dient der allgemeinen Kontrolle und Übersicht, ermöglicht ein tieferes Eindringen in die zahlenmäßig erkennbaren Ursachen und Wirkungen und bildet dergestalt eine wertvolle Hilfe der Fabrikleitung und Organisation“ (Leitner).
Daß auch die Arbeitslöhne und Arbeitspreise neben den Material- und Kraftkosten sowie -Preisen genau ermittelt werden, ist eine Errungenschaft der neueren Zeit. „War der Fabrikant früher bestrebt,

Dreinndfünfzigstes Kapitel: Die Vergeistung der Betriebe
911
zwischen sich und die Arbeiter ein Zwischenglied zu schieben, so ist mit der Vergrößerung der Betriebe die Schaffung eines zentralen Lohnbureaus zweckmäßig und immer notwendiger geworden. Ein solches hat ganz anders die Möglichkeit, die Grundlagen der Lohngestaltung und Lohnbemessungemethode systematisch auf Grund einer rationellen Statistik zu sammeln und auszubilden. Die Vermehrung der unproduktiven Kosten, die Steigerung des papiernen Apparates hat sich allenthalben in kürzester Zeit als gerechtfertigt erwiesen. Namentlich jede exakte Vorbereitung von Akkorden, wie sie das Teilungs- und Pensumsystem notwendig machen, ist ohne solchen Apparat nicht erreichbar“ (v. Zwiedeneck-Südenhorst).
Sind alle Größen genau festgestellt, so werden sie zu Einheiten zusammengefaßt; das geschieht durch
2. die Kalkulation, deren Zweck ist, „die Kosten der Erzeugung des Verkaufs und der Verwaltung als Unterlage für die Preisgestaltung und die Betriebskontrolle, nach Kosten extra gegliedert, festzustellen' ‘ (Leitner).
Es ist ein Kennzeichnen fortgeschrittener Kalkulation, daß die Kostenberechnung möglichst spezialisiert wird. „Zu diesem Zwecke muß die Fabrik in einzelne Gruppen unterteilt werden. Als solche Fabrikgruppen können zumBeispiel einheitlicheMaschinengruppen, etwa eine Anzahl Drehbänke, Fräs- oder Schleifmaschinen gleicher Type oder aber eine Anzahl Schlosserstände, angesehen werden. Jede Gruppe darf nur solche Maschinen und Fabrikeinrichtungen umfassen, bei welchen die Höhe der Unkosten etwa gleich ist. Für die zusammengefaßten Gruppen müssen monatlich oder vierteljährlich Abrechnungen herausgegeben werden. Besonders die einzelnen Gruppenrechnungen lassen bei richtiger Anordnung in ihren Endergebnissen den Erfolg von Neuerungen oder Änderungen erkennen. Nicht nur die Herstellungskosten jeder Maschine insgesamt, sondern jedes Maschinenteiles ist selbsttätig so genau wie möglich ohne Zuhilfenahme von Schätzungen oder Mutmaßungen festzustellen“ (A. Schilling).
Die letzte Zusammenfassung aller Geldgrößen zu dem Zwecke, eine Übersicht über das Ergebnis der Wirtschaftsführung zu geben, nimmt dann
3. die Buchhaltung vor. Über ihr Wesen und ihre Bedeutung habe ich mich früher bereits ausführlich geäußert, so daß ich mich hier mit der Erwähnung dieses Teiles des Rechnungssystems begnügen kann (siehe Band II, Seite 110ff.).

912 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft! Prozesses i. d. Geschichte c) Das Instrumentalsystem
Eine unermeßliche Fülle von Geist hat sich in den Arbeitsmitteln der Menschen, den Werkzeugen, Maschinen und Apparaten, niedergeschlagen. Seit Anbeginn des Menschengeschlechtes häuft sich Erfindung auf Erfindung, und nie sind, wie wir wissen, die Erfindungen so rasch aufeinander gefolgt wie während der letzten 100—150 Jahre. Vor allem hat die Maschine immer mehr Raum gegenüber dem Werkzeug gewonnen, und die Gesamtheit der in einem Betriebe verwandten Maschinen und Apparate hat einen solchen Umfang angenommen, daß der Produktionsprozeß auf dieses System von Arbeitsmitteln übergegangen zu sein scheint und der Mensch sich wiederum nur als ein seelenloser Funktionär innerhalb seines Wirkungskreises bewegt.
Die Grundsätze, die bei der Schaffung eines Maschinensystems (wie ich immer sagen will statt des richtigeren, aber umständlicheren: Maschinen- und Apparatesystems) zur Anwendung gelangen, sind folgende:
Zunächst wird die Einzelmaschine gebaut, um bestimmte Arbeitsverrichtungen, die ehedem der Mensch ausgeführt hatte, zu übernehmen. Diese ArbeitsVerrichtungen sind nicht mehr unter persönlichem, sondern unter rein sachrationalem Gesichtspunkte abgegrenzt. Überall wird die Funktion der Kraftzufuhr und Stoffbehandlung, die beim handarbeitenden Menschen vereinigt waren, in die beiden großen Bestandteile des Maschinensystems: der Antriebsmaschine und der Arbeitsmaschinen, geschieden, wie wir schon von früher her wissen. (Siehe oben Seite 103.) Die Entwicklung der (Arbeits-)Maschinerie in den verschiedenen Produktionszweigen ist dann verschieden.
In einigen Gewerben werden zahlreiche Spezialmaschinen für jede Spezialverrichtung ausgebildet.
Als Typus eines Gewerbes mit hochspezialisierter Maschinerie kann die Schuhindustrie gelten, wie folgende Übersicht erkennen läßt:
Stanzerei . . .
11
verschiedene
9 teils gleichartige Maschinen
Zuschneiderei . .
7
Tätigkeiten
99
12
werden durchlaufen
99
Stepperei . . .
22
99
12
99
Zwickerei . . .
11
99
6
verschiedene Maschinen
Bodenarbeit . .
19
99
14
werden durchlaufen
Ausputzerei und Fertigmacherei
26
99
14
99
96
verschiedene
55
teils gleichartige,
Tätigkeiten
teils verschiedene
Maschinen werden durchlaufen.

Dreiundfünfzigstes Kapitel: Die Vergeistung der Betriebe
913
Die Angaben beziehen sich auf die Anfertigung eines Herrenschnürstiefels nach dem amerikanischen ,, Goo d- Year-Welt“-System. Bei F. Behr, Die volksw. Bedeutung der technischen Entwicklung in der Schuhindustrie (1909), 16.
In anderen Gewerben begegnen wir der „integrierenden“ Maschine, das heißt Mechanismen, die eine ganze Reihe von Arbeitsverrichtungen mit einem Schlage ausführen, wie es etwa die Papiermaschine, die Setzmaschine und die Druckmaschine tun.
In einer dritten Gruppe von Gewerben endlich tritt die Maschine zurück und der Apparat in den Vordergrund. Das sind alle diejenigen Produktionszweige, in denen chemische Prozesse eine Hauptrolle spielen.
Ist die Einzelmaschine (der Einzelapparat) hergestellt, so gilt es, sie mit den anderen, im gleichen Betriebe angewandten Maschinen zu verknüpfen. Das geschieht auf sehr verschiedene Weise durch allerhand automatische Vorrichtungen: Röhren, Paternosterwerke, Transmissionen, Transportbänder usw.
Das Transportband (die Montagebahn, der Conveyor), das Ford aus den Chikagoer Schlächtereien übernommen hat, ist die neueste, in letzter Zeit vielbesprochene Form der Maschinenverknüpfung.. Das grundsätzlich Neue besteht darin, daß der Arbeitsgegenstand automatisch zur Arbeitsmaschine bewegt wird.
Zu einer in vollem Sinne rationellen Maschinerie oder Apparaterie gehört dann noch dieNormalisierung, dasheißt die Vereinheitlichung der Bedingungen, unter denen die Herstellung eines Gegenstandes erfolgt: das Gegenstück zu der uns schon bekannten Typisierimg des fertigen Gebrauchsgegenstandes (siehe oben Seite 634f.).
Die Normalisierung findet statt:
1. durch Aufstellung von Einheitsmaßen und ähnlichem seitens des Staates oder anderer Zwangsinstanzen;
2. durch private Normalisierung im einzelnen Betriebe;
3. durch Vereinbarungen der einzelnen Unternehmungen untereinander, bei denen besondere Organisationen (wie in Deutschland die im „Ausschuß für wirtschaftliche Fertigung“ zusammengefaßten Verbände) eine anregende und fördernde Tätigkeit ausüben.
DieNormalisierung bezieht sich auf Zwischenprodukte und Produktteile.
Ihre Wirkung ist durchgreifend: Während in den 1860er und 1870er Jahren (in Deutschland) noch „jede Maschine anders als ihre Vor-

914 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte
gängerin“ war (A. Riedler), ist man heute dazu gelangt, die Herstellung so zu vereinheitlichen und so zu präzisieren, daß die einzelnen Teile zweier Maschinen auswechselbar sind (system of interchangeable parts).
Fragen wir nunmehr, welche Beziehung zwischen diesem solcherart entwickelten Maschinen- (Apparate-) System und der Arbeit des lebendigen Menschen besteht, oder — in der von uns bevorzugten Sprechweise — wie sich die Entseelungs- und Vergeistungsvorgänge zueinander verhalten, so scheint mir etwa folgendes der Tatbestand zu sein.
(1.) Daß die von der Maschine oder in dem Apparate ausgeführte Stoffveränderung keine beseelte Arbeit sei, dürfte außer Zweifel sein. Es ist überhaupt keine „Arbeit“ mehr. Denn wir wissen ja von früher her, daß es das Wesen des Automaten ausmacht, dasjenige zu verrichten, was früher Arbeit des Menschen war. Wenn der eine Automat „druckt“, wenn in einem anderen Schwefelsäure destilliert wird, so wäre es absurd, hierin einen seelischen Vorgang zu sehen. Denn das Geistgebilde — der Automat — hat doch wohl keine Seele.
Das also sollte klar sein.
(2.) Um was sich der Meinungsstreit allein drehen kann, ist die Frage, welchen Charakter die Arbeit behält oder bekommt, die dem Menschen neben dem Automaten verbleibt. Deren haben wir dreierlei Arten zu unterscheiden:
a) die gestaltende Arbeit,
b) die Maschinen (Apparate) verbindende Arbeit,
c) die Maschinen (Apparate) bedienende Arbeit.
(3.) Es besteht nun zweifellos die Neigung, alle diese drei Arten der Arbeit, wo sie noch beseelt ist, zu entseelen, zu vergeisten. Das heißt aber nichts anderes als dieses: den Automatismus zu vervollständigen.
Ist das möglich?
Was die gestaltende und verbindende Arbeit anbetrifft: in vielen Fällen (wir werden sehen: nicht in allen) ja. Es gibt heute schon Fabriken, in denen kein Teil der gestaltenden und kein Teil der verbindenden Arbeit überhaupt noch von Menschen ausgeführt wird, in denen also nach diesen beiden Seiten hin die Vergeistung vollständig durchgeführt ist. Anders steht es mit der bedienenden Arbeit. Hier ist nun festzustellen, daß sie niemals eine völlige Entseelung erfahren kann. Nicht nur aus dem empirischen Grunde, weil in zahlreichen Fällen während des Produktionsprozesses die persönliche Entscheidung des Menschen nötig ist, sondern aus dem logischen Grunde, weil

Dreiundfünfzigstes Kapitel: Die Vergeistung der Betriebe
915
mindestens Antrieb und Abstellung des Automaten auf Überlegung beruhen muß. Freilich muß eines nun zur Vervollständigung noch beigefügt werden: Dieser aller Bedienungsarbeit notwendig anhaftende seelische Bestandteil kann (ähnlich wie wir es im Normensystem 1 e- obachtet haben) von dem Maschinenarbeiter selbstlosgelöst und auf besondere Funktionäre übertragen werden. Das ist der Fall bei Ford, von dessen Werk wir erfahren, es sei „Grundsatz: Kein Mann ist für seine Werkzeugmaschine verantwortlich. Es ist ausschließlich Sache der Instandhaltungskolonne, dafür zu sorgen, daß die Maschinen geölt werden, daß jeder Fehler im Entstehen bemerkt und beseitigt wird, kurz, daß sie dauernd in Ordnung gehalten werden. Der Mann an der Maschine hat sich selbst um gar nichts weiter zu kümmern als um seine paar Handgriffe“ (Rieppel, Fordwerke [1925], 9).
Hier wird uns auch der Unterschied zwischen Taylor und Ford klar: Taylor, um die Einzelarbeit zu vergeisten, benutzte dazu ein System von Verhaltungsmaßregeln, das dem einzelnen Arbeiter wie ein Netz übergeworfen wird. Ford braucht das nicht mehr: er kommt zu dem gleichen Ergebnis auf anderem Wege: durch Vervollkommnung des technischen, das heißt hier des maschinellen Verfahrens; er teilt die Arbeit noch weiter ein und stellt den Arbeiter in so festgefügte, zwangsläufige Arbeitsverhältnisse, daß dieser rationell arbeiten muß, auch ohne irgendwelches Arbeitsschema. Apparate und Maschinen sind so zweckmäßig an den Arbeiter angepaßt, daß dieser sich gar nicht mehr an jene anzupassen braucht.
Nun ist es aber wohl auch deutlich, wie notwendig es ist, neben dem Normensystem ein Instrumentalsystem zu unterscheiden, die beide denselben Zweck verfolgen, den Arbeiter zwangsläufig in einen Produktionsprozeß einzuordnen, die aber diesen Zweck mit verschiedenen Mitteln erreichen: jenes eben durch ein System von Vor-Schriften, dieses durch ein System kunstvoll ineinandergreifender Maschinen und Apparate, sagen wir: durch ein System von Vor-Bauten.
Wir haben bisher den Vorgang der Vergeistung in idealtypischer Reinheit und, soweit er geschichtliche Tatsache ist, ah allgemeine Tendenz, die sich namentlich während der letzten Jahrzehnte des hochkapitalistischen Zeitalters bemerkbar macht, zu würdigen unternommen. Wir müssen aber wenigstens versuchen festzustellen: in welchem Ausmaße sich der Vorgang vollzogen hat, welches die Entwicklung auf den verschiedenen Gebieten des Wirtschaftslebens ist, und wo seine natürlichen Grenzen liegen. Dieser Versuch soll im folgenden angestellt werden.
Sombart, Hochkapitalismus II. 58

916 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft! Prozesses i. d. Geschichte
3. Die Verwirklichung des vergeisteten Betriebes
Die erste Frage, die vor uns auftaucht, ist die nach der tatsächlichen Verbreitung des vergeisteten Betriebes in räumlicher (extensiver) wie inhaltlicher (intensiver) Hinsicht. Wir werden bei der Antwort gut tun, zwischen den verschiedenen Bestandteilen des vergeisteten Betriebes, wie wir sie soeben kennengelernt haben, zu unterscheiden.
Am weitesten verbreitet ist wohl das Rechnungssystem. Hier können wir, soweit die Buchhaltung allein in Frage kommt, innerhalb des Kreises der kapitalistischen Unternehmungen sogar von einer Allgemeinheit der Anwendung sprechen, zu der die in den meisten Handelsgesetzbüchern ausgesprochene gesetzliche Verpflichtung zu ordnungsmäßiger Buchführung das ihrige beigetragen hat. Wenn wir übrigens die doppelte Buchhaltung zum Wesensmerkmal der kapitalistischen Unternehmung erklären, ist die Allgemeinheit ihrer Anwendung sogar eine notwendige. Was nun aber die Ausgestaltung des Rechnungssystems nach seinen beiden anderen Seiten hin anbetrifft, so ist sie noch heute sehr im Rückstände. Wir dürfen annehmen, daß nur ein geringer Teil sämtlicher kapitalistischen Unternehmungen auch nur die wesentlichen Grundsätze einer vertieften Kalkulation anwendet oder eine eindringende Statistik treibt.
Das Instrumentalsystemreicht so weit mit seinem Anwendungsgebiete, als esFabriken gibt, und soweit innerhalb dieser dieAutomaten- bildung fortgeschritten ist. Wie wir an einer früheren Stelle zu unserem Leidwesen bereits feststellen mußten, läßt sich dieser Bereich ziffernmäßig nur sehr ungenau abgrenzen. Was sich an Zahlen beibringen läßt, habe ich auf Seite 771 ff. bereits mitgeteilt.
Wir können immerhin mit einiger Sicherheit feststellen, daß es in zahlreichen Industrien (für andere Wirtschaftsgebiete, sahen wir, spielt das Maschinen- und Apparatesystem nur eine untergeordnete Rolle) eine mehr oder weniger breite Oberschicht moderner Betriebe gibt, in denen ein völlig geschlossenes Instrumentalsystem verwirklicht ist. Hierher gehören namentlich die Montanindustrie oder, genauer: die Hüttenindustrie, die chemische Großindustrie, die Zementindustrie, die Mühlen, die Brauereien, die Papierfabriken und in geringerem Maße die Textilindustrie. Auf den übrigen Gebieten, selbst der Industrie, besteht zwar schon im weiten Umfange eine maschinelle Erzeugung. Doch fehlt das Verbindungsglied zwischen den einzelnen Maschinen. Das gilt für die meisten Fertigfabrikatindustrien, aber auch für den

Dreiundfünfzigstes Kapitel: Die Vergeistung der Betriebe
917
immer bedeutsamer werdenden Zweig der Maschinenindustrie. Hier würde das Transportband die völlige Zusammenschließung der einzelnen Maschinen zu einem geschlossenen System bringen. Es ist aber jedenfalls vor 1914 außer bei Ford nirgends angewandt und ist auch bisher außerhalb Amerikas nur in sehr geringem Umfange verbreitet worden.
Ein mehr oder (meist) minder vollkommenes Normensystem ziegt jedem einigermaßen rationell geführten Betriebe zugrunde. Bis lum Ende des hochkapitalistischen Zeitalters hatte die Normung vor der Einzelarbeit haltgemacht, das heißt das Taylorsystem war nicht eingeführt worden. Nach der eigenen Angabe Taylors (in seinem 1911 gehaltenen Vortrage) war es bis dahin in Amerika auf nur 50000 Arbeiter angewandt worden.
Das Ergebnis einer solchen Umschau nach dem Anwendungsgebiete und Anwendungsgrade der Systeme in den Betrieben ist jedenfalls dieses: daß beide in den verschiedenen Sphären des Wirtschaftslebens und innerhalb desselben Kreises wirtschaftlicher Tätigkeiten von Betrieb zu Betrieb eine sehr verschiedene Ausdehnung beziehungsweise Höhe aufweisen. Bunter, als man sich gemeinhin vorstellt, ist auch hier das Bild. Und ganz allgemein gesprochen ist die Verwirklichung des völlig vergeisteten Betriebes bisher doch nur eine geringe gewesen.
Fragen wir nach den Gründen dieser Entwicklung, insbesondere auch nach den Gründen der verschiedenen Entwicklung der einzelnen Systeme in den Betrieben, so stoßen wir auf sehr mannigfaltige Ursachenreihen.
(1.) wird man den noch immer geringen Umfang der Vergeistung der Betriebe auf die Schwerfälligkeit des Unternehmertums und die Schwierigkeiten der Umwandlung zurückführen dürfen. Man bedenke, daß die Anwendung jedes der drei Systeme viel Mühe und viel Kosten verursacht!
(2.) kommt eine bewußte Ablehnung des Vergeistungsprozesses, wenigstens einzelner seiner Erscheinungsformen, in Betracht; das heißt man will die Vergeistung nicht, auch wo sie möglich wäre oder man braucht sie in der einen Form nicht, weil man sie in der anderen bereits besitzt. Das ist der Fall:
a) dort, wo die ausführende Arbeit beseelt bleiben, deshalb weder einem Normen- noch einem Instrumentalsystem unterworfen werden soll, wie in allen Kunstmanufakturen: siehe oben Seite 769ff;
b) dort, wo das Instrumentalsystem so hoch entwickelt ist, daß die Normung der Bedienungsarbeit überflüssig wird; wie etwa bei Ford
58*

918 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschafte Prozesses i. d. Geschichte
oder in sonst einem der Betriebe, in denen ein geschlossenes Maschinenoder Apparatesystem besteht. So etwa für die fünf Müller, die ich in einer Großmühle (von iy 2 Millionen Mark Kapital) die gesamte Bedienungsarbeit verrichten sah, das Taylorsystem einzuführen, wäre Irrsinn. Hier bleibt höchstens die Kontorarbeit noch als Objekt der Normung übrig. Je mehr also das Maschinen- und Apparatesystem vordringt, desto überflüssiger wird das Normensystem, desto überflüssiger wird vor allem das Taylorsystem.
c) Endlich sind es die lebendigen Objekte der Vergeistung selber, die sich gegen diese auflehnen. Früher hat die Arbeiterschaft gegen die Einführung des Instrumentalsystems revoltiert, jetzt revoltiert sie in den meisten ihrer Verbände gegen die Einführung des Normensystems, soweit es in der Gestalt des Taylorsystems auf die Einzelarbeit ausgedehnt werden soll.
(3.) In vielen Fällen wird man feststellen können, daß die Ver- geistung unmöglich ist, weil der Betrieb in seiner Gänze oder in einzelnen Teilen, bei einzelnen Verrichtungen der beseelten Arbeit nicht entraten kann.
Das trifft in weitem Umfange für das annoch größte Gewerbe, die Landwirtschaft zu, von deren eigentümlichen Arbeitsbedingungen oben schon die Rede war. Das trifft ferner für die meisten Tätigkeiten im Bereiche des Handels zu, obwohl hier immer breitere Gebiete durch Normung und selbst Maschinenverwendung der Systematisierung anheimfallen. Das trifft aber scheinbar auch im großen ganzen für den Bergbau zu. Die Hauptarbeit, dieHeuerarbeit, ist nicht mechanisierbar, dank der vielseitigen Natur der Beschäftigung, welche nicht nur Kraft und Geschicklichkeit, sondern auch Einsicht und Überlegung erfordert. Der grundlegende Unterschied zwischen Fabrik- und Bergwerksbetrieb ist folgender: „Während nichts im Wege steht, die geistige [lies: seelische. W. S.] Tätigkeit aus dem Fabriksaal zu nehmen und einem Arbeitsbureau zu übertragen [richtiger: sie in einem Arbeitsbureau zu vergeisten. W. S.], ist dies beim Bergwerksbetrieb schon aus Gründen der stets wechselnden Verhältnisse unmöglich und verbietet sich überdies mit Rücksicht auf die dem Steinkohlenbergbau eigentümliche Gefahr. Diese kann nur von dein harmonisch ausgebildeten, denkenden und überlegenden Bergmann richtig erkannt und bekämpft werden; der lediglich mechanisch Arbeitende wäre ihr hilflos ausgeliefert. . .“ (Wilh. Pothmann, Der im Ruhrbergbau auf den Kopf der Belegschaft entfallende Förderanteil usw. [1916], 70.)

Dreiundfünfzigstes Kapitel: Die Vergeistung der Betriebe
919
Für die Fabrikindustrie läßt sich ganz allgemein der Satz aufstellen, daß die Vergeistung um so leichter sich vollzieht, je gleichförmiger die Erzeugnisse des Betriebes sind. Das geschlossenste Instrumentalsystem finden wir bei Ford, der auch die Spezialisation auf die Spitze getrieben hat. Aber auch die Taylorbetriebe sind alles hochspezialisierte Betriebe. Es gibt Sachkenner, die die Anwendung des Taylorsystems z. B. auf die deutsche Maschinenindustrie in ihrem bisherigen Zustande wegen ihrer unvollkommenen Spezialisation für unmöglich halten. So äußert sich Gustav Frenz: ,,Unser deutscher Maschinenbau bietet... hierzu (zur Massenfabrikation und Unterteilung) keine geeignete Grundlage. Die Arbeitstätigkeit des einzelnen im Maschinenbau ist eine so abwechselnde, daß es unmöglich ist, hierfür bis ins einzelne gehende Vorschriften auszuarbeiten. Und selbst wenn man diese Riesenarbeit, wie sie die Aufstellung derartiger Vorschriften erfordert, unternehmen wollte, so würde der Arbeiter zum Studium seiner Vorschriften vor Beginn der Arbeit mehr Zeit gebrauchen wie zu seiner früheren eigenen Überlegung.“ (Zitiert bei Söllheim, a. a. 0. Seite 181.)
Wo alle gestaltende und alle verbindende Arbeit einem Instrumentalsystem übergeben ist — und das ist in aller gewerblichen Produktion möglich —, bleibt als seelischer Bodensatz bei dem Umwandlungsprozeß nur die Bedienungsarbeit übrig. Diese wird immer auch in den höchstentwickelten Betrieben einen Bereich ausmachen, der der Vergeistung entzogen bleibt. Er ist klein, aber unverminderbar.
Eine letzte Frage, die wir in diesem Zusammenhänge gern beantwortet sehen möchten, ist die, welche Wirkung die Umwandlung der Betriebe, wie wir sie in diesem Kapitel verfolgt haben, auf die Zusammensetzung der Arbeiterschaft auszuüben imstande gewesen ist. Da lassen sich, soviel ich sehe, vornehmlich folgende Veränderungen feststellen:
(1.) die verhältnismäßige (verhältnismäßig zum Kapitalaufwande) Abnahme der Zahl der Arbeiter überhaupt.
Dafür habe ich schon an verschiedenen Stellen Ziffernbelege beigebracht.
Die Verringerung wird im wesentlichen der Ausweitung des Instrumentalsystems gedankt, obwohl auch Taylor durch die Anwendung seines Normensystems eine Ersparung an Arbeitskräften erreichen zu können hofft.
(2.) beobachten wir eine verhältnismäßige (verhältnismäßig zur Gesamtzahl der in einem Betriebe beschäftigten Personen) Zunahme

920 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte
der oberen Schicht der Arbeiterschaft, die sich aus „nicht leitenden Beamten“ und „Angestellten“, „Salaried persons“ zusammensetzt. Ihre Vermehrung ist der unmittelbare Ausdruck der fortschreitenden Vergeistung des Betriebes. Denn jene Personen sind teils die Schöpfer, teils die Träger, teils die Übertrager der drei Systeme, in denen der Geist, von dem der Betrieb erfüllt wird, niedergeschlagen ist. Es mögen Oberingenieure, Ingenieure, Chemiker, Betriebsleiter, Betriebsbeamte, Aufseher oder Prokuristen, Sekretäre, Buchhalter, Kassierer, Statistiker, Kommis aller Art sein: immer verdanken sie
einem der drei Systeme ihre Stellung im Betriebe.
Der Anteil der Angestellten an der Gesamtzahl der Arbeiterschaft:
Die deutsche Gewerbestatistik weist folgende Ziffern auf:
Industrie (Gewerbeabteilung B):
Angestellte
TT ,, Technisches,
Verwaltungs-Kontor- Betriebg _ und
und Bureaupersonal . , . , , ,
r Aufsichtspersonal
überhaupt
1882 .... 116020 — —
1895 .... 267962 158714 109248
1907 .... 614815 322612 292203
Von 1000 Personen überhaupt sind Angestellte:
1882 .... 20 1895 .... 33 1907 .... 57
Handel (Gew.-Abt. C):
Angestellte
wie oben wie oben wie oben
1882 .... 86535 — —
1895 .... 179993 • 169893 10100
1907 . . . . 379325 345337 33988
Von 1000 Personen überhaupt sind Angestellte:
1882 .... 65
1895 .... 83
1907 .... 113
Stat. d. D. R. Band 220/21, Seite 126*. Übersicht 9.
Prüfen wir, in welchen Gewerben die Angestellten am zahlreichsten sind, so finden wir diese am stärksten in zwei Gruppen von Gewerben vertreten, von denen die eine die höchste Vervollkommnung des Instrumentalsystems, die andere die höchste Vervollkommnung des Normensystems aufweist: jene umfaßt die chemischen Fabriken, diese die Maschinenfabriken.
Die chemischen Fabriken finden sich in der Gewerbestatistik unter Gruppe VII(anorganische „chemische Großindustrie“, Farbenindustrie usw.) und VIII (Industrie der forstwirtschaftlichen Nebenprodukte, Leucht-

Dreiundfünfzigstes Kapitel: Die Vergeistung der Betriebe
921
Stoffe, Seifen, Fette, Öle, Firnisse). Hier war der Anteil der Angestellten immer besonders hoch, und er ist noch weiter gestiegen. Von 1000 beschäftigten Personen waren Angestellte in:
Gruppe VII Gruppe VIII
1882 . 85 92
1895 . 89 126
1907 . 158 168
In der Maschinenindustrie dagegen hat sich die Vergeistung der Betriebe erst recht im letzten Menschenalter vor dem Kriege zu vollziehen angefangen. Die Zahl der Angestellten steigt rasch; von 1000 beschäftigten Personen waren Angestellte:
1882 .... 38
1895 .... 64
1907 .... 103
Dieselbe Quelle.
Dieselbe Entwicklung beobachten wir in den Vereinigten Staaten, nur daß sie hier sich noch etwas rascher vollzieht. Hier betrug nach den Angaben des Zensus die Zahl der Angestellten (Salaried employees):
Von 1000 in der Industrie Gesamtzahl beschäftigten Personen
waren Angestellte
1899 . 364100 63
1904 . 519556 84
1909 . 790267 103
1914 . 964217 138
1919 . 1447227 161
Stat. Abstract U. S. 1923, pag. 314. XIII. Cens. Abstract, pag. 438. Die Anteilzahl für 1899 aus Cens. Rep. VII, vol. 1902, S. CXIII; zitiert bei Conrad-Hesse, 186.
Die Ziffern sind mit den deutschen nicht ohne weiteres vergleichbar, da die Betriebsleiter in beamteter Stellung zu den Angestellten gerechnet werden. Das Wichtige ist ja aber die Bewegung.
Innerhalb der Angestelltenschaft vollzieht sich dann selbst wieder ein Umgestaltungsprozeß, dessen Richtung durch die von uns oben festgestellten Anforderungen der zunehmenden Vergeistung, namentlich der Vervollkommnung des Normensystems, bestimmt wird. Einerseits findet eine immer weitere Zerlegung der Arbeitsverrichtungen statt (vertikale Arbeitsteilung), andererseits scheidet sich die beseelte Arbeit aus und wird auf wenige leitende Persönlichkeiten verteilt, während die große Masse sich mit einer entseelteren (mechanisierten) Arbeit begnügen muß (horizontale Arbeitsteilung). Diese Aufteilung ist besonders augenfällig in der Kontorarbeit, in der Arbeit des technischen Bureaus, in der Verkäuferarbeit.

922 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte
(3.) Ein lebhafter Streit herrscht bei der Beantwortung der Frage, welche Wirkung die Vergeistung der Betriebe auf den Charakter der ausführenden Arbeit und somit auf die Zusammensetzung der Arbeiterschaft im eigentlichen Sinne ausgeübt hat.
Die Einigung wird vor allem aus folgenden Gründen erschwert:
a) Es gehen verschiedene Gegensätze durcheinander, die häufig nicht gebührend scharf auseinandergehalten werden, nämlich
beseelte — entseelte Arbeit einerseits,
qualifizierte (gelernte) — unqualifizierte (ungelernte) Arbeit andererseits.
Ich habe schon darauf aufmerksam gemacht, daß sehr einfache, leichte Arbeit beseelt sein kann, ganz schwierige dagegen seelenlos (wenn es sich um mechanisch auszuführende, aber schwierig zu erlernende Handgriffe handelt).
b) Die Wirkung der Systeme, namentlich des Instrumentalsystems, auf die Zusammensetzung der Arbeiterschaft ist ganz verschieden von Fall zu Fall, weil, wie wir sahen, die Anforderungen, die die Maschine an den Arbeiter stellt, verschieden sind. Die Bedienung einer Maschine oder eines Apparates kann eine sehr beseelte Arbeit erheischen, braucht es aber nicht. Danach wird sich also die Art von Arbeitern richten, die verwandt werden. Es ist entschieden zu einseitig, wenn 0. Kämmerer sich über die Wirkungder Maschine wie folgt ausläßt: „Der Überblick über die jüngste Entwicklung der Maschinentechnik ließ als hervorstechendsten Grundzug der Arbeit des letzten Jahrzehnts das Bestreben erkennen, die Maschinen unter Zuhilfenahme der elektrischen Kraftverteilung so zu vervollkommnen, daß sie nicht nur ihren Hauptzweck erfüllen — Förderbewegung und Werkzeugbewegung —, sondern daß sie darüber hinaus auch alle Hilfsgriffe und Handreichungen selbst ausführen. Es geht also dieEntwicklung nicht, wie vielfach angenommen wird, dahin, daß immer mehr Handlanger in den Dienst der Maschine gestellt werden. Tatsächlich werden im Gegenteil die Handlanger immer mehr ausgeschaltet; an ihre Stelle tritt eine geringe Zahl hochwertiger Arbeiter, die die notwendige Intelligenz und Fachbildung besitzen, um die vollkommene Maschine zu verstehen und richtig zu lenken.“ (0. Kämmerer, Sehr. d. VfSP., Bd. 132.)
Richtig ist, daß die Einführung der Maschine häufig so wirken kann und häufig so wirkt, daß sie aber in anderen Fällen die beseelte Arbeit so gut wie ganz ausschaltet, aber auch gar keine „qualifizierte“, sondern nur noch „ungelernte“ Arbeiter erheischt. Für die Druck-

Dreiundfünfzigstes Kapitel: Die Vergeistung der Betriebe
923
maschine trifft die Darstellung Kämmerers wortwörtlich zu: die Bogeneinlegerinnen sind bei vollkommener Automatisierung verschwunden, die Maschine wird von einem hochqualifizierten Drucker bedient, dessen Arbeit durchaus beseelt ist (er hat nur noch ein Mädchen als Hilfe neben sich). Bei der Falzmaschine aber ist das Gegenteil der Fall: die Bedienungsarbeit wird von einer imgelernten Arbeiterin völlig mechanisch ausgeführt. Wir wollen uns auch erinnern, daß in dem höchstentwickelten Betriebe der Maschinenindustrie, bei Ford, 95% der Arbeiter ungelernte Arbeiter sind, die ihre Arbeit größtenteils mechanisch verrichten. Über die Axt der Arbeit in seinem Betriebe bemerkt Ford selbst noch folgendes:
„Die Arbeiter haben nur einen sich ständig wiederholenden Handgriff zu versehen“ (Mein Leben und Werk, Seite 101). Einige unserer Handgriffe sind „so eintönig, daß man es kaum für möglich halten sollte, daß ein Arbeiter sie auf die Dauer verrichten möchte“ (S. 123).
Über den Grad der Schwierigkeit der Erlernung der verschiedenen Arbeiten in seinem Betriebe macht er folgende Angaben:
43% erfordern nicht über einen Tag Lehrzeit,
36% „ 1—8 Tage
6% „ 1—2 Wochen „
14% „ 1 Monat bis 1 Jahr ,,
1% „ 1—6 Jahre „
(A. a. 0. Seite 146.)
Ein Gegenstück in Deutschland: Die Firma Ludwig Loewe gibt an, daß nach Einführung der Normalisierung in ihrer Dreherei etwa 75% der Belegschaft ungelernte Arbeiter waren. (Quelle bei Garbotz, a. a. 0. Seite 176.)
Es ist auch nur beschränkt richtig, wenn Matschoß (in der Diskussion der 54. Hauptversammlung des V.D.I. [1913]) bemerkt: der Übergang vom Halbautomaten zum Vollautomaten befreie von dem stumpfsinnigen Handlangerdienst. Ja, aber zum Teil, indem er einen „stumpfsinnigen“ Maschinendienst an seine Stelle setzt.
Auch die sonst sehr beachtenswerte Darstellung bei H. Deutsch, a. a. 0. Seite 14ff„ ist in diesem Sinne zu verbessern.
c) Hinzu kommt, um die Schwierigkeit der Verständigung zu erhöhen, daß so gut wie keine Möglichkeit besteht, eine Ansicht durch Beibringung von Ziffern in ihrer Nichtigkeit zu erweisen. Die Ziffern beziehen sich, wo sie brauchbar sind, immer auf einen bestimmten Einzelfall, wo sie aber allgemeine Feststellungen machen sollen, sind

924 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte
sie unbrauchbar. Daß selbst die gute, deutsche Gewerbezählung schon gegenüber dem Problem: gelernte — ungelernte Arbeit völlig versagt, haben wir bereits zu unserem Leidwesen einsehen müssen. Daß sich aber die Unterscheidung der beseelten von der seelenlosen Arbeit einer statistischen Ermittlung erst recht entzieht, leuchtet ohne weiteres ein.
Was sich mit einiger Sicherheit über die Umschichtung der Arbeiterschaft aussagen läßt, ist dann vielleicht dieses:
(1.) Der alte Yollarbeiter, mit allseitiger handwerksmäßiger Ausbildung, der „Geselle“, verschwindet mit fortschreitender Vergeistung der Betriebe.
(2.) Ebenso verschwindet damit der „ungelernte“ Arbeiter alten Stils, der „Handlanger“.
(3.) An die Stelle dieser früheren Typen treten bei Vollautomatisierung:
a) der (mehr oder weniger hoch) qualifizierte Spezialarbeiter, dem vor allem die Bedienung bestimmter Maschinen obliegt.
Soweit dieser wichtige Typ in Frage kommt, ist von einer Aufhebung des Spezialistentums durch die moderne Fabrik, von der Ure und, ihm folgend, Marx träumteD, keine Bede.
Bei Ure lesen wir: „on the System of decomposing a process into its constituents and embodying each part in an automatic machine, a person of common care and capacity may be intrusted with any of the said elemen- tary parts after a short probation, and may be transferred from one to another, one any emergency, at the discretion of the master.“ Philo- sophy of Manufactures 3 , 22.
Danach hat dann Marx seine vielerörterte These aufgestellt: die Arbeitsteilung in der modernen Gesellschaft werde dadurch charakterisiert, daß sie den Fachidiotismus erzeuge; in der mechanischen Fabrik dadurch, daß sie jeden Spezialcharakter verloren habe. „Die automatische Fabrik beseitigt die Spezialisten und den Fachidiotismus.“ „Misere“, 141. („Elend“, 144.)
Demgegenüber ist mit Nachdruck zu betonen, daß ein sehr wesentlicher Teil der Maschinenarbeit durchaus qualifizierte Spezialarbeit ist, die nicht von heute auf morgen gewechselt werden kann, wie etwa die Arbeit der Maschinensetzer, Drucker, Holländermüller, Papiermaschinenführer, Bediener des Dieselmotors, der Martin-Siemens-Öfen, der Sohlennähmaschine, wie die der Lokomotivführer, der Chauffeure u. a.;
b) der ungelernte Arbeiter, der bestimmte andere Maschinen bedient und Apparate beaufsichtigt;
c) derungelernte Arbeiter als Hilfsarbeiter des eigentlichen Maschinenarbeiters.

Dreiundfünfzigstes Kapitel: Die Vergeistung der Betriebe
925
Wie sich in einigen Fällen die Verschiebung vollzieht, lehren uns folgende Ziffern, die Kämmerer (Entwicklungslinien der Technik, in „Technik und Wirtschaft“, 3. Jahrgang, Seite 17f., 31) mitteilt: Wirkung der Automatisierung des Transports:
Für das Laden am Martinofen waren früher erforderlich:
10 gelernte, 36 imgelernte Arbeiter; nach Einbau des Ladekrans:
14 gelernte, 2 ungelernte.
Zur Gewinnung von 1 Milk cbm Leuchtgas bedurfte es: vor Einrichtung der Hebezeuge: 1,1 gelernter, 9,33 ungelerntcrArbeiter nach Einrichtung der Hebezeuge: 0,95 ,, 7,22 ,, ,,
III. Die Bedeutung des Vergeistungsvorganges Es ist sehr viel gesprochen und geschrieben worden über die Bedeutung, die die im vorstehenden geschilderte Umwandlung der Betriebe für alle möglichen Dinge gehabt hat oder hat oder haben wird: für das Seelenleben der Arbeiterschaft, für die Entwicklung der wirtschaftlichen Kräfte, für die allgemeine Kultur und vieles andere noch.
Das alles geht uns naturgemäß hier nichts an. Hier interessiert uns nur der Zusammenhang, der etwa zwischen der Vergeistung der Betriebe und den kapitalistischen Interessen obwaltet. Daß er überhaupt vorhanden ist, ersehen wir aus der Tatsache, daß es so etwas wie eine Vergeistung der Betriebe gibt. Denn das müssen wir uns immer gegenwärtig halten, daß rein gar nichts von Belang auf dieser Welt im Zeitalter des Hochkapitalismus da sein würde, wenn es nicht von irgendwoher den Interessen dieses Wirtschaftssystems gemäß wäre: also auch kein einziger Vordruck, keine einzige Kopierpresse, keine einzige verbesserte Schmiervorrichtung an der kleinsten Maschine.
Die Gründe, die den kapitalistischen Unternehmer an der Vergeistung der Betriebe Interesse nehmen lassen, sind zum Teil dieselben, die wir schon überall wirksam fanden, wo wir irgendwelchen Wandlungen in der Betriebsgestaltung begegnet sind. Zum Teil sind sie besonderer Art. Die wichtigsten Gründe, weshalb die Vergeistung der Betriebe erstrebt wird, sind wohl folgende:
1. In weitem Umfange ist mit der Vergeistung der Betriebe eine Verringerung der Kosten verbunden, also die Chance eines Extraprofits (oder schlimmstenfalls: des Obsiegens im Konkurrenzkämpfe). Die Verringerung der Kosten tritt vornehmlich ein, weil an Arbeitskräften gespart wird und die Bezahlung der einzelnen Arbeitskraft häufig eine niedrigere ist als zuvor, dank der Differenzierung, der die Arbeiterschaft unterliegt. (Siehe, was ich darüber schon auf Seite 542

926 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung il. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte
bemerkt habe.) Außerdem wird aus der Arbeitskraft mehr Energieaufwand herausgepreßt, wie das im folgenden Kapitel noch des näheren zu zeigen sein wird.
2. Durch die Systembildung wird der Betrieb vielfach übersichtlicher und durchsichtiger. Dadurch werden aber eine genauere Kalkulation und eine schärfere Kontrolle gewährleistet. Ausschlaggebende Vorteile für den kapitalistischen Unternehmer, deren Einfluß auf dessen Entschließung wir schon zu wiederholten Malen haben feststellen können.
3. Ein sehr wichtiger Grund, weshalb die Vergeistung der Betriebe erstrebt wird, ist aber endlich — anerkanntermaßen — der, daß sie dem Unternehmer gegenüber dem Arbeiter eine größere Unabhängigkeit verschafft.
Diese größere Unabhängigkeit bezieht sich auf den Arbeiter überhaupt: namentlich die Entwicklung des Instrumentalsystems, aber auch die der übrigen Systeme, weil sie Arbeitskräfte sparen hilft, verbessern die Lage des Unternehmers auf dem Arbeitsmarkte. (Siehe darüber oben Seite 464 ff., 540 ff.)
Die Unabhängigkeit bezieht sich ferner auf die Leistung des Arbeiters: je größer die Masse der ungelernten und angelernten Arbeiter, desto größer das Arbeitsangebot. Auch darüber habe ich schon gesprochen. (Siehe oben Seite 430 ff., 436 ff.)
Die Unabhängigkeit bezieht sich aber endlich auf die einzelne Individualität des Arbeiters. Was die Vergeistung der Betriebe bewirkt, und was sie nach dem Zeugnis maßgebender Wirtschaftsführer bewirken soll, ist die Ersetzbarkeit des einzelnen Arbeiters durch einen anderen, wie sie eine Folge der Vertretbarkeit seiner Leistung ist.
„Mit der zunehmenden Größe des Betriebes kompliziert sich der Verwaltungsmechanismus. Dann muß die Verwaltungsarbeit so weit spezialisiert sein, daß der einzelne Beamte leicht ersetzbar ist. Auch der Industriebeamte wird in großbetrieblichen Unternehmungen gewissermaßen zu einem austauschbaren Glied des Betriebes... . Das amerikanische Fabrikationsprinzip der ,interchangeability of parts‘. . . wird in modern organisierten Großbetrieben. . . auf die Organisation der Arbeit übertragen.“ (Leitner.) Und das gerade erstrebt man.
Nach der Aussage des Leiters eines der größten Handelsbetriebe Berlins wünscht man die Funktion so einfach, daß jeder Gehilfe, ob gelernt oder imgelernt, sie sofort sauber, korrekt und stets richtig erledigen könne, um eine leichte Ersetzbarkeit der Gehilfen herbeizu-

Dreiundfünfzigstes Kapitel: Die Vergeistung der Betriebe
927
führen. Man wolle sich vom Personal unabhängig machen. In diesem Betriebe waren von insgesamt 450 Gehilfen nur noch 35—40 Gehilfen in verhältnismäßig selbständiger Stellung.
Es kommt darauf an, „sich von bestimmten Personen unabhängig zu machen, vielmehr alles so zu regeln, daß der Verkehr sich, man möchte sagen, mechanisch abwickelt.. . . Man verhindert dadurch, daß ein Beamter vermöge seiner Erfahrung und seines Gedächtnisses unentbehrlich wird. Deshalb werden nach Möglichkeit keine mündlichen Anordnungen erteilt, sondern alles wird auf schriftlichem Wege erledigt. Der Beamte wird gewissermaßen zu einem austauschbaren Glied des Betriebes.“ (Paul Möller, Aus der amerikanischen Werkstattpraxis. Bericht über eine Studienreise an den V. D. I., 1904. Bei Woldt, Ind. Großbetrieb, 103.)
In klassischer Form hat diesem Gedanken Alfred Krupp Ausdruck gegeben in einem Briefe an seine Prokura vom 12. Mai 1874, in dem es heißt (Thünen-Archiv 1908):
„Was ich erstreben will, ist, daß nichts abhängig sein soll von dem Leben oder Dasein einer bestimmten Person, daß mit derselben kein Wissen und keine Funktion entweiche, daß nichts geschehe, nichts geschehen sei (von eingreifender Bedeutung), das nicht im Zentrum der Prokura bekannt sei oder mit Vorwissen oder Genehmigung derselben geschehe, daß man die Vergangenheit der Fabrik sowie die wahrscheinliche Zukunft derselben im Bureau der Hauptverwaltung studieren und übersehen kann, ohne einen Sterblichen zu fragen. . .“
Schöner kann man den Sinn und den (kapitalistischen) Zweck der Vergeistung der Betriebe nicht wiedergeben.

928
Vierundfünfzigstes Kapitel
Die Verdichtung der Betriebe
Den Betrieb nach Möglichkeit zu verdichten, gilt als die höchste Aufgabe der Betriebskunst. Alle die Maßnahmen zur Rationalisierung des Betriebes, die wir in den vorhergehenden Kapiteln kennen gelernt haben, sollen im Grunde nur dazu dienen, diese Aufgabe erfüllen zu helfen: sie sind nur Mittel zum Zweck.
Unter Verdichtung der Betriebe verstehe ich die Steigerung der Energieentfaltung innerhalb eines Betriebes von gegebener Größe. Das gebräuchliche Fremdwort ist Intensivisierung.
Von dieser Verdichtung der Betriebe suche ich im folgenden einen Begriff zu geben, indem ich erst ihre Erscheinungsformen aufweise, dann die Mittel untersuche, die sie bewirken und endlich (wie gewöhnlich) sie in den Zusammenhang der kapitalistischen Interessen einordne.
I. Die Erscheinungsformen der Betriebsverdichtung
Eine Verdichtung des Betriebes kann stattfinden, indem man entweder den vorhandenen Raum oder die vorhandene Stoffmasse oder die vorhandene Zeit (Arbeitskraft) besser ausnutzt. Wir können demnach eine Raumökonomie, eine Sachökonomie und eine Zeitökonomie unterscheiden.
1. Die Raumökonomie
Verdichtung bedeutet hier also: Zusammendrängung von mehr Energie auf einer gegebenen Fläche.
Die Raumökonomie macht sich mit besonderer Deutlichkeit bemerkbar in der Landwirtschaft, wo sie als Intensität des Anbaus erscheint: man holt aus einer gegebenen Bodenfläche mehr Güter heraus, indem man den Aufwand an Produktionsmitteln und an lebendiger Arbeit steigert. Wir haben in anderem Zusammenhänge bereits festgestellt, daß in den westeuropäischen Ländern während der hochkapitalistischen Epoche der Landwirtschaftsbetrieb eine erhebliche Verdichtung durch größere Raumökonomie erfahren hat: siehe Seite 245ff.

Vierandfünfzigstes Kapitel: Die Verdichtung der Betriebe 929
Auch im Transportgewerbe läßt sich die zunehmende Verdichtung der Betriebe in räumlicher Hinsicht leicht verfolgen. Sie äußert sich hier in der Errichtung von mehr Linien (Eisenbahnen, Schiffe, Telegraphen), Ausführung größerer baulicher Anlagen, Verstärkung der Betriebsmittel u. dgl. Auch dieser Vornahmen haben wir bereits gedacht: siehe Seite 273ff.
In der Industrie tritt die Raumökonomie in verschiedenen Formen auf: äußerlich am leichtesten wahrnehmbar in der Zusammendrängung der Maschinen und Menschen in den Arbeitssälen, was eigentlich nur eine Raumersparung bedeutet. Diese Art der Raumökonomie war in den Anfängen der Industrie sehr beliebt. Noch bei Marx spielt die „Lebensgefahr unter dicht gehäufter Maschinerie“ eine große Rolle. Abgesehen jedoch davon, daß diese Häufung der Maschinen und Menschen im Raume immer nur für einzelne Zweige der Industrie in Frage kam (was hätte sie für eine Zementfabrik, eine Brauerei, eine Müllerei für einen Sinn gehabt): sie scheint auch an ihrem Platze im Verlauf der Entwicklung nicht weiter getrieben zu sein. Vergleiche lassen sich schwer anstellen, da sich das Verhältnis zwischen Menschenraum und Maschinenraum nicht bestimmen läßt. Sicher sind weniger Menschen heute auf einer bestimmten Fläche zusammengepfercht.
In einer süddeutschen Schuhfabrik waren beschäftigt:
1900
in
2
Sälen
ZU
je 700
qm
200 Personen
1910
))
5
55
55
„ 700
55
400 „
1914
>>
10
55
55
„ 700
55
720 „
1920
jj
10
55
55
„ 700
55
550
Mitgeteilt bei Hellpach, Gruppenfabrikation, 102.
Auf eine Person entfiel also in den genannten Jahren eine Raumfläche von bezugsweise 7, 8,8, 9,7, 12,7 qm. Aber in welchem Verhältnis haben sich während dieses Zeitraumes die Maschinen vermehrt?!
Übrigens wird sich schwer ein allgemeingültiges Urteil über die Neigungen der Industrie zur Raumersparnis fällen lassen, da offenbar die Übung bald so, bald anders ist. Zum Exempel: „Kennzeichnend in den Fordschen Fabriken ist der enge Zusammenbau aller Maschinen. Jeder erhält nur soviel Platz, als er für die Erledigung seiner Arbeit braucht. Wie an allem, so wird auch an Grundfläche gespart.“ (P. Rieppel, Fordwerke [1925], 14.)
Aber die viel wichtigere Erscheinungsform der Raumökonomie in der Industrie ist eine andere, die nicht so abmeßbar mit dem Metermaße ist, für die Gesamtentwicklung der gewerblichen Produktion aber eine viel weiter tragende Bedeutung hat. Ich meine die ebenfalls

930 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft! Prozesses i. d. Geschichte
von uns schon zu wiederholten Malen gewürdigte Tatsache, daß in der Ausführung der modernen Technik der Produktions-, insonderheit Arbeitsmittelapparat immer mehr ausgeweitet wird, also daß auf den Quadratmeter ebenso wie auf den lebendigen Arbeiter berechnet immer kostspieligere Maschinen und Apparate aufgestellt werden müssen. Für das Walten dieser Neigung geben den ziffernmäßigen Ausdruck die Zahlen, die das raschere Anwachsen des Sachkapitals (rascher im Verhältnis zum Personal- und somit zum Gesamtkapital) zum Ausdruck bringen: siehe oben Seite 123f. 617f.
2. Die Sachökonomie
Auch über sie sind wir bereits unterrichtet. Wir verstehen darunter die ökonomische Stoffverwertung. Diese bedeutet, was hier hervorgehoben werden muß, ebenfalls eine Steigerung des Energieaufwandes, sofern innerhalb eines Betriebes von gegebener Größe mehr Produkte hergestellt werden: ein Hochofenwerk bestimmten Ausmaßes mehr Eisen, eine Spinnerei mit einer gewissen Anzahl Spindeln mehr Garn, ein Landwirtschaftsbetrieb auf einer abgezirkelten Fläche mehr Korn erzeugt usw.
Die Sachökonomie besteht:
1. in der besseren Organisation: Schutz der Baumwolle vor Zug! Fruchtwechsel!
2. in der besseren Ausnutzung der Stoffe und Kräfte: Steigerung der „Ausbeute“, der „Ausbringung“, des Rendement;
3. in der Verwendung früher ungenutzter oder unbrauchbarer Stoffe: Gichtgase! Shoddy! Alteisen!
Ich habe darauf bezügliche Ziffern mitgeteilt, als wir die Mittel zur Ausweitung des Sachkapitals in Erfahrung zu bringen trachteten: siehe Seite 239ff.
3. Die Zeitökonomie
Sie tritt uns in doppelter Gestalt gegenüber: als extensive und intensive Zeitökonomie, wie man sagen kann.
Unter extensiver Zeitökonomie kann man die bessere Ausnutzung der kosmischen Zeit verstehen, die dem arbeitenden Menschen als potentielle Zeit zur Verfügung steht, und die er in größerem oder geringerem Umfange in aktuelle (Arbeitszeit) verwandeln kann. Das Optimum wird erreicht, wenn der Produktionsprozeß kontinuierlich ist, das heißt an 365 (366) Tagen je 24 Stunden ununterbrochen sich vollzieht. Ist kein ununterbrochener Betrieb möglich, so gilt es, den Arbeitstag so

Vierundfünfzigstes Kapitel: Die Verdichtung der Betriebe 931
lang wie möglich auszudehnen. Zugleich aber auch Sorge zu treffen, daß innerhalb der Arbeitszeit keine toten Zeiten entstehen durch Pausen in der Fabrikation, Wartezeiten im Transportwesen, Unbeschäftigtsein des Verkauferpersonals u. dgl.
Daß eine starke Neigung von Anbeginn des Kapitalismus bestanden hat, die potentielle Zeit in aktuelle (Arbeits-)Zeit zu verwandeln, ist eine bekannte Tatsache. Sie ist von Marx mit hinreichendem Material erwiesen worden.
Im Laufe der Entwicklung sind dann Gegentendenzen aufgetreten, die die Möglichkeiten einer vollständigen extensiven Zeitökonomie stark eingeschränkt haben: gesetzliches Verbot der Nacht- und Sonntags- arbeit! gesetzlicher Normalarbeitstag! gewerkschaftliche Bestrebungen zur Abkürzung der Arbeitszeit! u. a. Damit hat die andere Form der .Zeitökonomie, die intensive Zeitökonomie, an Bedeutung gewonnen.
Unter intensiver Zeitökonomie haben wir die Steigerung der Energieausgabe in einem Zeitabschnitt von gegebener Länge — Stunde, Arbeitstag — zu verstehen.
Es ist nun gewiß ein wesentliches Kennzeichen des hochkapitalistischen Zeitalters, daß auf allen Gebieten des Wirtschaftslebens die intensive Zeitökonomie eine beträchtliche Förderimg erfahren hat. Überall sind die Produktionsprozesse abgekürzt worden, das heißt: wird derselbe Produktionserfolg in kürzerer Zeit erreicht: mag es sich nun um die Bergung und Verarbeitung der Ernte, um die Verkürzung ■chemischer oder maschineller Prozesse, um die raschere Beförderung von Menschen, Gütern, Nachrichten, um das raschere Verkaufen von Waren handeln.
Ich habe auch für diesen Vorgang bereits Ziffern beigebracht: siehe Seite 118, 237, 278. Zur Vervollständigung des Bildes setze ich noch einige andere Angaben hierher:
Ford hat den Zyklus der Produktion von 22 auf 14 Tage herabgesetzt: Mein Leben und Werk, 205. Die Herstellung eines Traktors dauert bei ihm von der Beschickung des Hochofens bis zum Verladen 31 Stunden. „Darin zeigt sich einer der ersten Grundsätze der Ford-Betriebe: das Material muß in möglichst schnellem Tempo durch die Werkstätte; jeder Arbeitsgang schließt sich zeitlich unmittelbar an den vorhergehenden an; es wird möglichst wenig in Zwischenlagern aufgestapelt, und alles bleibt im Fluß . . . Es wird darauf gesehen, das Material dauernd im Fluß zu erhalten. Material in irgendeiner Form bedeutet Geld, und Geld muß möglichst schnell umgesetzt, darf nicht in den unproduktiven Strumpf der Lager, der „stillen Reserven“ versteckt werden. So wird denn auch der Wert der gesamten Lagerbestände heute nur auf 20 Mill. $ angegeben bei einem täglichen
Sombart, Hochkapitalismus II. 59

932 Dritter,Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte
Ausbringen von 7000 Wagen und Traktoren im Verkaufswerte von zirka 2,5 Mill. $. P. Rieppel, Fordbetriebe (1925), 6, 8.
Die deutsche Eisenindustrie hat ihr Tempo von 1895 bis 1905 verdoppelt. Heymann, Gern. Werke, 75.
Während in den deutschen Warenhäusern vor dem Kriege der einzelne Verkäufer etwa für 10000 Mk. verkaufte, beträgt in amerikanischen Großwarenhäusern der durchschnittliche Umsatz auf den Kopf des Angestellten das Drei- bis Vierfache, nämlich 7500—9000 $. Hirsch, Wunder, 156.
Wenn möglich, wird die Produktion auf eine kurze Spanne während des Jahres zusammengedrängt: es entsteht das Saisongewerbe. Ein solches ist in weitem Umfange, wie wir ebenfalls bereits feststellen konnten, die Landwirtschaft geworden: siehe Seite 348f. Andere Gewerbe sind immer Saisongewerbe gewesen, wie die Konfektion, die Rübenzuckerindustrie u. a. Dann besteht das Streben, die Dauer der Saisonarbeit nach Möglichkeit noch abzukürzen. So in der Zuckerindustrie. Hier verarbeiteten
1900/01 . 395 Fabriken in 74 Tagen 335500 t Rüben
1913/14.341 „■ „ 70 „ 496800 t „
Die Kampagnedauer betrug:
zu Achards Zeiten.150 Tage
jetzt. 60—70 „
Siehe Schuchardt a. a. O. •
II. Die Wege zur Verdichtung Keinerlei Problem enthält die Frage: wie Raumökonomie, Sach- ökonomie und extensive Zeitökonomie erreicht werden können. Hier tun das Profitstreben des Kapitals und die Vervollkommnung der Technik, was zu tun ist.
Dagegen verlaufen die Wege, die zu intensiver Ausnutzung der Zeit führen, nicht so geradlinig. Es kreuzen sich deren mehrere, manches sind Umwege, so daß sich ein etwas verwickeltes Wegenetz ergibt, dessen Hauptlinien etwa folgende sind:
1. Die Vergrößerung der Betriebe
Nicht eigentlich eine Verdichtung der Betriebe durch Zusammen- drängung von mehr Arbeit in einer gegebenen Zeit wird durch die Vergrößerung des Arbeitsspielraums bewirkt. Wohl aber eine Verdichtung insofern, als eine Produktion von gegebener Größe in kürzerer Zeit bewerkstelligt werden kann. Für den kapitalistischen Unternehmer wird dadurch, wie wir noch sehen werden, dieselbe Nutzwirkung erzielt, als wenn der einzelne Arbeiter rascher arbeitet.
Es handelt sich hier um die schlichte Tatsache, daß ein Kanal oder eine Eisenbahn oder ein Bahnhofsbau schneller fertig werden, wenn

Vierundfiinfzigstes Kapitel: Die Verdichtung der Betriebe
933
1000 Arbeiter daran arbeiten statt 100. Auch die von uns schon gewürdigte Wirkung der Massenhaftigkeit des Transports gehört hierher.
Sehr häufig bedeutet, wie wir wissen, die Vergrößerung des Betriebes die Vergrößerung der Anlagen, also der langsamer reproduzierbaren Kapitalteile. Dann wird eine Gegentendenz gegen die Beschleunigungstendenz erzeugt, von der ich noch ausführlicher sprechen werde.
2. Die Verkürzung der Arbeitszeit
Daß die Abkürzung der Arbeitszeit mit einer Steigerung der Arbeitsintensität verbunden zu sein pflegt, ist eine Beobachtung, die man frühzeitig in England gemacht hat und von der Marx abschließend berichtet. Alles, was Richtiges „über das Verhältnis von Arbeitslohn und Arbeitszeit zur Arbeitsleistung“ zu sagen ist, findet sich — vor Brassey! — im „Kapital“ unter dem Rubrum „Intensifikation der Arbeit“ und ist dort nachzulesen. Hier seien nur die Hauptergebnisse mitgeteilt, zu denen Marx auf Grund der zu seiner Zeit vorliegenden Erfahrungen gelangt.
„Die maßlose Verlängerung des Arbeitstages, welche die Maschinerie in der Hand des Kapitals produziert, führt.. . später eine Reaktion der in ihrer Lebenswurzel bedrohten Gesellschaft herbei und damit (!) einen gesetzlich beschränkten Normal-Arbeitstag. Auf Grundlage des letzteren entwickelt sich ein Phänomen... zu entscheidender Wichtigkeit — nämlich die Intensifikation der Arbeit.. .
Es ist selbstverständlich, daß mit dem Fortschritt des Maschinenwesens und der gehäuften Erfahrung einer eigenen Klasse von Maschinenarbeitern die Geschwindigkeit und damit die Intensität der Arbeit naturwüchsig zunehmen. So geht in England während eines halben Jahrhunderts die Verlängerung des Arbeitstages Hand in Hand mit der wachsenden Intensität der Fabrikarbeit. Indes begreift man, daß bei einer Arbeit, wo es sich nicht um vorübergehende Paroxysmen handelt, sondern um tagaus, tagein wiederholte, regelmäßige Gleichförmigkeit, ein Knotenpunkt eintreten muß, wo Ausdehnung des Arbeitstages und Intensität der Arbeit einander ausschließen, so daß die Verlängerung des Arbeitstages nur mit schwächerem Intensitätsgrad der Arbeit und umgekehrt verträglich bleibt.. .
Die erste Wirkung des verkürzten Arbeitstages beruht auf dem selbstverständlichen Gesetz (!), daß die Wirkungsfähigkeit der Arbeitskraft im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Wirkungszeit steht. Es wird daher, innerhalb gewisser Grenzen, am Grad der Kraftäußerung ge-
59 *

934 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte
wonnen, was an ihrer Dauer verloren geht ... In Manufakturen, der Töpferei z. B., wo die Maschinerie keine oder unbedeutende Rolle spielt, hat die Einführung des Fabrikgesefczes schlagend bewiesen, daß bloße Verkürzung der Arbeitszeit die Regelmäßigkeit, Gleichförmigkeit, Ordnung, Kontinuität und Energie der Arbeit wundervoll erhöht. {Verweis auf Reports of Insp. of Fact. ior 31. oct. 1865.) Diese Wirkung schien jedoch zweifelhaft in der eigentlichen Fabrik, weil die Abhängigkeit des Arbeiters von der kontinuierlichen und gleichförmigen Bewegung der Maschine hier längst die strengste Disziplin geschaffen hatte. Als daher 1844 die Herabsetzung des Arbeitstages unter 12 Stdn. verhandelt wird, erklärten die Fabrikanten fast einstimmig, ,ihre Aufseher paßten in den verschiedenen Arbeitsräumen auf, daß die Hände keine Zeit verlören', ,der Grad der Wachsamkeit und Aufmerksamkeit auf Seite der Arbeiter (the extent of vigilance and attention on the part of the workman) sei kaum steigerungsfähig' und alle anderen Umstände, wie Gang der Maschinerie usw. als gleichbleibend vorausgesetzt, ,sei es daher Unsinn, in wohlgeführten Fabriken von der gesteigerten Aufmerksamkeit usw. der Arbeiter irgendein erkleckliches Resultat zu erwarten'.
Diese Behauptung wird durch Experimente widerlegt. Herr R. Gardner ließ in seinen zwei großen Fabriken zu Preston vom 20. April 1844 an statt 12 nur noch 11 Stunden pro Tag arbeiten. Nach ungefähr Jahresfrist ergab sich das Resultat, daß ,dasselbe Quantum Produkt zu denselben Kosten erhalten wird, und sämtliche Arbeiter in 11 Stunden ebensoviel Arbeitslohn verdienten, wie früher in 12' (Quelle: Berichte der Fabrikinspektoren).
ln dem Web erdepartement . . ., wo . . . durchaus keine Änderung in der objektiven Produktionsbedingung stattfand, (war) das Resultat: ,Vom 6. Januar bis 20. April 1844, mit zwölfstündigem Arbeitstag, wöchentlicher Durchschnittslohn jedes Arbeiters 10 sh. iy 2 d., vom 20. April bis 29. Juni 1844, mit elfstündigem Arbeitstag, wöchentlicher Durchschnittslohn 10 sh. 3]/ 2 d.‘ Es wurde hier in 11 Stunden mehr produziert als früher in 12, ausschließlich infolge größerer gleichmäßiger Ausdauer der Arbeiter und Ökonomie ihrer Zeit. Während sie denselben Lohn empfingen und 1 Stunde freie Zeit gewannen, erhielt der Kapitalist dieselbe Produktenmasse und sparte Verausgabung von Kohle, Gas usw. für eine Stunde. Ähnliche Experimente wurden mit gleichem Erfolg in den Fabriken der Herren Horrocks und Jacson ausgeführt.“ („Kapital“ l 4 , 373-376.)

Vierundfünfzigstes Kapitel: Die Verdichtung der Betriebe 935
Aber Marx wußte auch sehr wohl, daß die Verkürzung des Arbeitstages immer nur „die subjektive Bedingung der Kondensation der Arbeit schafft, nämlich die Fähigkeit des Arbeiters, mehr Kraft in gegebener Zeit flüssig zu machen“. Nun müssen erst die Mittel angewandt werden, um diesen potentiellen Mehraufwand an Energie zu einem aktuellen zu machen, den Arbeiter also zu der Mehrausgabe auch wirklich zu veranlassen. Von diesen Mitteln ist im folgenden die Rede.
3. Die Antriebsmittel
Hier kommt in Betracht:
a) Die Kontrollierung der Arbeiter
Wir unterscheiden:
1. Eine Anwesenheitskontrolle. Sie wurde ehedem (im beseelten Betriebe) vom Portier ausgeübt. Da sie jedoch möglichst „unparteiisch“, dabei genau, billig und von beiden Teilen, den Unternehmern und den Arbeitern, nachprüfbar sein soll, so ist man in größeren Betrieben allgemein zu einerVergeistung der Anwesenheitskontrolle fortgeschritten. Sie erfolgt jetzt durch allerhand mechanische Vorrichtungen, wie Markenabgabe, Uhren u. a.
2. Eine mechanische (vergeistete) Leistungskontrolle. Sie kann einfach durch Messen, Wiegen oder Zählen (z. B. mittels Zähluhren an den Webstühlen) erfolgen. „In Unternehmungen mit zerlegenden Arbeitsmethoden bedarf es komplizierter, mechanischer Kontroll- mittel feinster Konstruktion, beispielsweise Registriervorrichtungen, die den Arbeiter während des Arbeitsvorganges an einer Drehbank, Bohrmaschine oder dergleichen daraufhin kontrollieren sollen, wie lange die Maschine leer gelaufen ist, wie lange sie gearbeitet hat, sowie Zahl und Dauer der Unterbrechungen aufzeichnen usw.“ (Leitner).
3. Eine persönliche (beseelte) Leistungskontrolle. Sie erfolgt durch die Betriebsführer und Werkmeister, die als „Einpeitscher“ wirken, und die „Terminassistenten“, die für die Durchführung und rechtzeitige Lieferung zu sorgen haben und von den Arbeitern als „Termintreiber“ bezeichnet werden (R. Woldt).
b) Die Lölinungäinetliodeii
sind von jeher, seitdem der Kapitalismus das Feld erobert hat, unter dem Gesichtspunkte entwickelt worden, den Arbeiter zu einer möglichst hohen Leistung anzutreiben.
Der erste Schritt in dieser Richtung war die Verwandlung des Zeitlohnes in Akkordlohn, dem wir bereits als einer Begleiterschei-

936 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte
nung der Rationalisierung des Arbeitsverhältnisses überhaupt begegnet sind: siehe Seite 659, 671. Einer der Vorteile, die der Stücklohn gegenüber dem Zeitlohn gewährt, ist zweifellos der, daß er die Energieausgabe des Arbeiters steigert.
Beispiele der Energiesldgerung durch den Akkordlohn:
„Eine gewisse Klasse Arbeiter, welche in einer dem Verfasser bekannten Schuhfabrik Sohlen nähen, verdoppelte, als man zum Stücklohn überging, ihren Ertrag. Es stellte sich heraus, daß vier Maschinen, an welchen die Leute in Stücklohn arbeiteten, annähernd dasselbe Ertragsquantum ergaben wie früher, als die Arbeiter noch in Zeitlohn standen, sieben Maschinen geliefert hatten.
In einer Fahrradfabrik wurde die überlegene Leistungsfähigkeit der im Stücklohn beschäftigten Arbeiter dem Verfasser durch die Tatsache offenbar, daß von fünf Lötherden drei kalt und unbenutzt waren; eine Tatsache, die um so rätselhafter war, als der ganze Betrieb äußerst lebhaft im Gang und mit Aufträgen überhäuft war. Die Erklärung wurde dahin gegeben, daß die Arbeiter kürzlich auf Stücklohn gestellt waren, und daß infolgedessen zwei Leute jetzt dieselbe Arbeit leisteten, die früher in Zeitlohn von fünf Leuten vollbracht worden war. Ich habe in Fällen, die zu zahlreich sind, um sie zu erwähnen, festgestellt, daß die Steigerung des Arbeitsertrages, welche beim Übergang zum Stücklohn ermöglicht wurde, sich auf 30—50% beläuft.“ L. Bernhard-Schloß, a. a. 0., Seite 38f.
Zu ähnlichen Ergebnissen gelangen die genauen Untersuchungen, die Fabrikbesitzer A. Bernhard über die Wirkung der Stücklöhnung auf Arbeitsleistung und Arbeitslohn angestellt hat und die an derselben Stelle, Seite 68 ff. mitgeteilt werden: die Zeitersparnis bei Akkord betrug bei Anfertigung folgender Gegenstände:
Binder (bei der Dachkonstruktion).33 % %
Pfetten „ „ „ .33%
Windverband für Dachstühle. 27—33%
Schmiedeeiserne Stützen zu Wohnhäusern .... 25%
Schmiedeeiserne Fenster für Fabrikbauten . . . 24—28%
Wellblechtüren für Schuppen. 30—33% usw.
„Es ergibt sich, daß der in Akkord Beschäftigte etwa ein Viertel bis ein Drittel der Arbeit (lies: Arbeitszeit. W. S.) erspart, die Zeitlöhner erfahrungsgemäß gebrauchen.“
Aber der Akkordlohn ist nicht eitel Wonne. Es gibt Fälle, in denen er nicht ausreicht, um die erwünschte (und mögliche) Menge von Arbeitskraft aus dem Arbeiter herauszuholen. Das ist auf den ersten Blick nicht recht verständlich. Man sagt sich doch: der Unternehmer braucht den Akkordsatz nur immer weiter herabzusetzen, um den Arbeiter zu immer weiterer Steigerung seiner Arbeitsenergie zu veranlassen, bis zu dem Punkte, wo dieser tot an seiner Maschine zusammenbricht. Im Leben gestalten sich die Dinge anders als in der theoretischen

Vierundfiinfzigstes Kapitel: Die Verdichtung der Betriebe 937
Konstruktion. Der Praktiker stellt fest: „Das Akkordsystem verliert erfahrungsgemäß seine arbeitsteigernde Wirkung, wenn man dauernd den Lohn herabsetzt“ (Fabrikbesitzer A. Bernhard a. a. 0. S. 74). Grund ? Der instinktive oder bewußte Widerstand des Arbeiters. Sobald der Arbeiter das Gefühl hat, daß seine Arbeitsleistung schließlich zum Herabsetzen der Akkordlöhne führt, wird er sich hüten, schnell zu arbeiten.
In dieser Notlage ist man zu einer Verbesserung der Akkordlöhnung fortgeschritten. Die Verbesserung hat darin bestanden, daß man einige neue Reizmittel zu den bisherigen im Stücklohn als solchem gelegenen hinzufügte. Das waren einerseits Belohnungen (Prämien, Bonus) für den Fall, daß der Arbeiter eine bestimmte Leistung erreichte. Hierher gehört das von Taylor (nicht erfundene, aber propagierte) Differenziallohnsystem, bei dem die Akkordsätze steigen bei Überschreitung eines bestimmten Ergebnisses der Arbeit. Progressive Löhne hat Paul Leroy-Beaulieu alle diese Arten von Löhnen genannt. Ihnen stehen, wie man sie nennen könnte, die Degressivlöhne gegenüber. Sie sind die andere Möglichkeit, die Reize des Akkordlohnsystemes zu steigern: man läßt Benachteiligungen eintreten, wenn der Arbeiter einen bestimmten Ertrag, das sogenannte Pensum, nicht erzielt: der Akkordlohnsatz beträgt 1,40 Mark das Stück, erzeugt der Arbeiter nicht mindestens 10 Stück, so beträgt der Akkordsatz nur 1 Mark das Stück: der Task-Wage bei David Schloß, jetzt von Grantt in U.S.A. besonders vertreten.
Im Grunde laufen das Prämiensystem und das Pensumsystem auf dasselbe hinaus: der Arbeiter soll zu einer festgesetzten Arbeitsleistung .angespornt werden. Die Höhe dieser Leistung ward bestimmt, indem man die Leistung eines besonders leistungsfähigen Arbeiters zugrunde legt.
Die Erreichung des Pensums wird dadurch gewährleistet, daß man die lässigen -und schwächeren Arbeiter ausschaltet. „Die Idee des Pensumsystems sollte . . . stets durch die Verkündigung aufrecht erhalten werden, daß jeder reu eintretende Arbeiter nur bei dauernder Erreichung eines gewissen Tagesverdienstes . . . oder, was das gleiche heißt, bei Vollbringung einer bestimmten Arbeit seinen Platz behalten könne . . . Wenn der Arbeitsmarkt derartig liegt, daß eine genügende Anzahl erstklassiger Arbeiter beschäftigt gehalten werden kann, dann setze man die täglichen Arbeitsraten so hoch, daß nur erstklassige Leute die Leistung vollbringen können . . .“ (Taylor-Walliehs .a. a. 0. Seite 27/28).

938 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Gesehichtc-
Nun ist aber mit dem Akkordlohnsystem ein anderer sehr empfindlicher Übelstand verknüpft: es ist nicht überall anwendbar: Schloß führt a. a. 0. Seite 30ff. die Fälle auf, in denen Stücklöhnung entweder ganz unmöglich oder mit großen Schwierigkeiten oder Nachteilen, verbunden ist. Nur so erklärt sich auch die Tatsache, die uns zunächst in helles Erstaunen setzt, daß nämlich das Stücblohnsystem in der Industrie bisher nur geringen Boden gewonnen hat: das Zeitlohnverhältnis vielmehr durchaus vorherrscht.
Das wenigstens ist das Ergebnis der Untersuchung, die der englische- Board of Trade im Jahre 1906 über die Lohnverhältnisse in Großbritannien angestellt hat. Sie sind im 17. Abstract of Labour Statistics mitgeteilt und wieder abgedruckt in dem vom Committee of Industry and Trade 1926 herausgegebenen Survey of Industrial Relations, pag. 105. Von dort entnehme ich sie.
Danach war das Verhältnis des Stück- zum Zeitlohn in den einzelnen Industriezweigen folgendes:
Industriegruppe Von 100 Arbeitern arbeiteten
im Zeitlohn im Stücklohn
Baugewerbe und Holzbearbeitung .... 95 5
Maschinenbau, Schiffbau und andere Metallverarbeitende Industrien. 67 33
Textilindustrie. 49 51
Bekleidungsindustrie. 63 37
Eisenbahnen. 98 2
Papierindustrie und Druckgewerbe ... 79 21
Töpferei, Glasindustrie, chemische Industrie 65 35
Lebensmittelgewerbe. 83 17
Gemeinnötige Betriebe (Public Utility Services) . 96 4
Bergbau und Steinbrüche (außer Kohlenbergbau) . 62 38
Verschiedene Gewerbe (mit Ausschluß der Landwirtschaft, bei der Zeitlohn die
Regel bildet). 81 19
Einzelne Gewerbezweige
Steinkohlenbergbau. 60 40
Hochofenbetrieb. 90 10
Stahlwerke. 72 28
Maschinenbau. 73 27
Schiffsbau. 67 33
Elektrische Industrie. 70 30
Baumwollindustric. 34 66
Wollindustrie. 62 38
Chemische Industrie. 84 16
Schuhfabrikation. 77 28
usw.

Vierundfünfzigstes Kapitel: Die Verdichtung der Betriebe
93 »
Aber man hat Mittel und Wege gefunden, nun auch beim Zeitlohn durch die Gestaltung der Lohnsysteme den Arbeiter zur Verausgabung einer größeren Energiemenge zu veranlassen. Zunächst bieten sich auch beim Zeitlohn die zuletzt beim Akkordlohn erwähnten Möglichkeiten, den Arbeiter zur Mehrarbeit anzureizen: Prämiensystem und Pensumsystem können auch mit Zeitlöhnung verbunden sein. Wichtiger scheint mir aber zu sein, daß man in zahlreichen Gewerben mit großem Erfolg ein stillschweigendes Pensumsystem (wie man es nennen könnte) zur Anwendung bringt. Dieses besteht darin, daß man eineziemlich hoch bemessene Arbeitsleistung (und dieser entsprechende Menge Produkte) als Tagesleistung festsetzt, die der Arbeiter erreichen muß, nötigenfalls er nun nicht wie beim erklärten Pensumsystem eine niedrigere Entlohnung erhält, wohl aber — entlassen wird.
Beispiele für Zeitlohn mit stillschweigendem Pensumsystem:
In der Buchdruckerei werden die Setzer im Zeitlohn beschäftigt, jetler- man ist aber bei Strafe der Entlassung genötigt, ein bestimmtes Quantum täglich fertig zu bringen (Ausnahmefall ?). In den Werkstätten Ost-Londons, in denen Böcke angefertigt werden, ist „die Stückarbeit selten“, aber die Meister bestehen auf der Leistung eines bestimmten Arbeitsquantums, und der Arbeitstag wird, wenn nötig, auf Kosten des Arbeiters verlängert. Im Schiffbau gewähren die Unternehmer den Arbeitern einen außergewöhnlich hohen Zeitlohn unter der ausdrücklichen Bedingung, daß sie- mit einer Geschwindigkeit arbeiten, welche den Normalsatz weit übersteigt.
Diese und andere Beispiele bei Bernhard-Schloß, a. a. 0., Seite 6ff. c) Hilfe der Maschinerie
Man hätte wohl trotz aller entgegenstehenden Schwierigkeiten den Akkordlohn doch in weiterem Umfange, als es tatsächlich geschehen ist, zur Anwendung gebracht, wenn mit der fortschreitenden Ausdehnung des Instrumentalsystems sich nicht die Möglichkeit ergeben hätte, die Energieausgabe des Arbeiters nach Wunsch zu steigern ohne jede Unterstützung durch das Lohnsystem, indem man den Arbeiter einfach zu einem Anhängsel des Instrumentalsystems machte und ihm durch Beschleunigung des automatischen Produktionsvorganges eine bestimmte Arbeitsintensität abnötigte. Ist der Arbeiter darauf angewiesen, einen Automaten zu bedienen, so bestimmt dieser, und nicht der Arbeiter, das Schrittmaß der Arbeit.
Wiederum ist es Marx, der mit zahlreichen Belegen nachgewiesen hat, wie sich das Unternehmertum, zumal seit der Beschränkung der Länge des Arbeitstages, dieses Auskunftsmittels: die Energieausgabe- des Arbeiters durch Beschleunigung des Produktionsprozesses, insonderheit durch Beschleunigung der Maschinen, zu steigern, in

<>40 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft! Prozesses i. d. Geschichte
wachsendem Umfange bedient hat. Siehe das reiche Material in „Kapital“ l 4 , 377ff. Es ist überflüssig, für diesen Zusammenhang noch weitere Belege beizubringen; er liegt offen zutage. Das Transportband Fords ist nur die letzte Staffel auf diesem Wege: „die Geschwindigkeit des Transportbandes reguliert den ganzen Fabrikationsgang. Die Leistungsfähigkeit jedes Mannes wird durch die Transportiereinrich- tungen zu einem Maximum“ (Rieppel, Fordbetriebe [1925], 19). Wozu dienen da noch stimulierende Lösungsmethoden? Alle Arbeiter arbeiten im Zeitlohn.
So wie die Schnelligkeit der Maschinerie den Arbeiter zur Steigerung seiner Energieausgabe zwingt, so ebenso die Vermehrung seiner Arbeitsaufgaben, wie die Übernahme von mehr Maschinen zur Bedienung. Von dieser Neigung haben wir in anderem Zusammenhang bereits Kenntnis genommen: siehe Seite 239.
III. Die Verdichtung der Betriebe und die kapitalistischen
Interessen
Was den kapitalistischen Unternehmer so sehr auf die Verdichtung der Betriebe nach allen Seiten hin bedacht sein läßt, ist vornehmlich folgendes:
1. Die Verdichtung schafft eine Möglichkeit für die Anlage (und Verwertung) von Kapital überhaupt.
Was keiner weiteren Begründung bedarf.
2. Die Verdichtung — wenigstens in verschiedenen ihrer Erscheinungsformen, namentlich in der Gestalt der Zeitökonomie — ermöglicht eine Ersparung an Kosten des einzelnen Stückes. Jede der Verdichtungsformen verhilft insofern zu einer Verbilligung, als sie die Generalkosten herabmindert. Da diese in zahlreichen Posten sich gleichbleiben, ob viel oder wenig Güter auf einem gegebenen Räume, viel oder wenig Güter aus einer gegebenen Menge Stoff oder Kraft, viel oder wenig Güter in einer gegebenen Zeit hergestellt werden, so bedeutet jeder mehr erzeugte Gegenstand einen Abschlag auf die Kosten. Dazu kommt, daß manche Maßnahme der Verdichtung, wie namentlich die raffinierten Lohnmethoden häufig einen Extraprofit ergeben.
So stellt Taylor — um eines der vielen Beispiele anzuführen — folgende Rechnung auf:
Produktionskosten für die Drehbank und den Tag: Gewöhnliches Akkordsystem:
Arbeitslohn.Mk. 10.—
Maschinenkosten. ,, 14.—

Vierundfünfzigstes Kapitel: Die Verdichtung der Betriebe 941
Gesamtkosten.Mk. 24.—
Lohn und Maschinenkosten pro Stück
(5 Stück am Tag). „ 4.80
Differentialsystem:
Arbeitslohn.Mk. 14.60
Maschinenkosten. „ 14.—
Gesamtkosten.Mk. 28.50
Lohn und Maschinenkosten pro Stück
(10 Stück am Tag). „ 2.85
Taylor-Wallichs, a. a. 0., Seite 32.
Der Hauptvorteil aber, den die Verdichtung in der Form der Zeitökonomie gewährt, ist zweifellos
3. die Abkürzung der Kapitalumschlagszeit.
Dieses Problem,
das Problem des Kapitalumschlages, dem wir an verschiedenen Stellen dieses Werkes, als einem (wenn nicht: dem) Zentralproblem der kapitalistischen Wirtschaft, schon unsere Würdigung haben zuteil werden lassen, ist von so überragender Bedeutung, daß wir es zum Schlüsse, wo es uns wie zufällig (und doch nicht zufällig) in den Weg läuft, noch einmal in seiner vollen Tragweite zu ermessen trachten und es zu diesem Behufe in einen allgemeinen Zusammenhang stellen wollen, indem wir die Ergebnisse früherer Untersuchungen heranziehen, sie mit den aus dem vorliegenden Verdichtungsproblem sich ergebenden Betrachtungen vereinigen und alle zu einem Gesamtbild zusammenfassen.
Den Ausgangspunkt für diese abschließende Erörterung nehmen wir am besten von einem Meinungsstreit, der vor einigen Jahrzehnten zwischen zwei bekannten deutschen Gelehrten entbrannt war, die sich zu dem Probleme des Kapitalumschlages in einem scheinbar entgegengesetzten Sinne geäußert hatten. Während der eine behauptete 1 ), daß unser Wirtschaftsleben von der Tendenz beherrscht werde, die wirtschaftlichen Prozesse abzuldirzen, verfocht der andere die Meinung 2 ), daß gerade in einer zunehmenden Verlängerung des Produktionsweges die Eigentümlichkeit der kapitalistischen Produktionsweise beruhe.
Es kann nun keinem Zweifel unterliegen, daß beide recht haben. Sie sehen nur dieselbe Sache von zwei verschiedenen Seiten an, also
*) Lexis in Schmollers Jahrbuch XIX, 332 ff.
2 ) E. von Böhm-Bawerk, Positive Theorie des Kapitals (1889) und ausführlicher und polemisch gegen Lexis in der Schrift: Einige strittige Fragen der Kapitalstheorie (1900), 8 ff.

942 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte-
daß sie jedem von ihnen in völlig anderer Gestalt erscheint. Im Grunde handelt es sich um eine jener „Antinomien“, die aus der Entfaltung der kapitalistischen Triebkräfte sich ergeben.
Was zunächst wohl nicht bestritten werden kann, ist dieses, daß der Wunsch nach Abkürzung der Produktionsprozesse aus dem Gewinnstreben jedes kapitalistischen Unternehmers mit Notwendigkeit erzeugt wird. Und nicht nur der Produktionsprozesse im einzelnen, sondern des gesamten wirtschaftlichen Prozesses schlechthin. Ja, es dürfte die- Behauptung kaum auf Widerspruch stoßen, daß in dieser (subjektiven) Tendenz zur Abkürzung der Produktions- und Zirkulationszeit der Waren — sobald wir deren Lebenslauf von dem Zeitpunkt an in Betracht ziehen, da sie in die Verfügungsgewalt eines Wirtschaftssubjektes ein- treten — mit anderen Worten, in dem Bestreben jedes Händlers, seine- Waren möglichst rasch zu verkaufen, jedes Produzenten, seine Güter in einer möglichst kurzen Erist herzustellen, das heißt aber nichts anderes als sein Kapital möglichst rasch umzuschlagen, das moderne Wirtschaftsleben den Ausdruck seiner Eigenart findet.
Bei gegebenem Gesamtkapital und gegebenen Produktionsbedingungen entscheidet die Häufigkeit des Kapitalumschlags über die Höhe- der Produktionskosten und des Profits: je häufiger der Kapitalumschlag, desto niedriger können jene bei gleichen Profitraten gestellt werden,, desto leichter ist eine Unterbietung im Konkurrenzkämpfe also möglich, während umgekehrt bei gegebenen Produktionskosten die Höhe der Profitrate bestimmt wird durch die Häufigkeit des Kapitalumschlags,
Nun bedeutet aber Beschleunigung des Kapitalumschlags sowohl Abkürzung der Zeitdauer, während welcher sich das Produkt in der Produktionssphäre befindet — der Produktionszeit — als derjenigen Zeitdauer, während deren es sich in der Zirkulationssphäre aufhält — der Umlaufszeit. Für das Handelskapital kommt es ersichtlich nur auf deren Abkürzung, für das Produktionskapital auf die Abkürzung beider Zeiträume an. Für das umlaufende Kapital ist es ohneweiteres klar, daß die Abkürzung der Produktions- und Umlaufszeit bzw. nur dieser, die das einzelne Produkt zu durchlaufen hat, den Rückstrom des Kapitals beschleunigt. Es gilt der Satz aber ebenso auch für das fixe Kapital. Der Rückstrom dieses Kapitalteiles an seinen Ausgangspunkt wird dadurch eigenartig gestaltet, daß der Wert der Produktionsmittel, in denen er investiert ist, nur in längeren Perioden, stückweise in den Produktenwert übergeht und somit ebenfalls auch nur stückweise in längeren Perioden sich für den kapitalistischen!

Viei'undfiinfzigstes Kapitel: Die Verdichtung der Betriebe 943
Unternehmer reproduziert.. Dessen Interesse ist es nun selbstverständlich, •daß auch das fixe Kapital — seinen Umfang einmal als gegeben angenommen — möglichst rasch umschlage, das heißt: sein Wert möglichst bald in der Geldform zu dem kapitalistischen Unternehmer zurückkehre: die Amortisations- oder Abschreibeperioden tunlichst abgekürzt werden. Dieses Ziel ist nun aber offenbar — bei sonst gleichen Bedingungen — um so eher zu erreichen, je größer die Menge der mit einem gegebenen Betrage fixen Kapitals in einer bestimmten Periode hergestellten Güter ist. Diese aber hängt abermals — die (meist unveränderlichen) übrigen Produktionsbedingungen als gegeben angenommen — von der Länge der Umschlagszeiten des umlaufenden Kapitals oder, was dasselbe ist, von der Kürze der Produktions- und Umlaufszeit des einzelnen Produktes ab.
Also auch hier mündet das Interesse des kapitalistischen Unternehmers in das Interesse einer Abkürzung der Produktionsund Umlaufszeiten der Güter ein. Um nun eine solche herbei- zuführen, erspäht er als wirksamstes Mittel die entsprechende Ausgestaltung der Produktions- und Transporttechnik.
Das dritte Kapitel dieses Bandes hat einen Überblick der technischen Entwicklung in objektiver Betrachtung zu geben und zu zeigen versucht, daß die Entwicklung der modernen Technik in unmittelbarer Beziehung auf die Interessen des Kapitals allein richtig zu verstehen sind.
Zu denjenigen Leistungen, die die Technik in hochkapitalistischer Zeit aufzuweisen hat, gehören mm aber gewiß in erster Linie diejenigen der Tempobeschleunigung. Denn mag es sich um die Vervollkommnung der Maschinerie, um die Einstellung neuer Naturkräfte, um den Verzicht auf den Organisierungsprozeß der Natur handeln: überall ist die Wirkung eine Beschleunigung des Produktions- oder Transporttempos gewesen. Eiir diese Eigenart der Entwicklung liegen aber, wie wir sehen, die Motive in den kapitalistischen Interessen deutlich zutage. Wobei noch dieser Umstand Berücksichtigung verdient, daß jede Errungenschaft der Technik, auf welchem Gebiete es auch sei, die eine solche Tempobeschleunigung herbeiführt, gleichsam aus sich heraus das Bedürfnis gleicher technischer Vollkommenheit in allen anderen Sphären des Wirtschaftslebens erzeugt.
Aber die vervollkommnete Technik läßt sich für die wirtschaftlichen Bedürfnisse erst verwerten, wenn die ihr angemessenenOrganisationen für Gütererzeugung und Verkehr geschaffen sind. So bemerken wir denn, wie deren Ausbildung parallel der technischen Entwicklung,

944 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtsckaftl. Prozesses i. d. Geschichte-
also gleichfalls auf Tempobeschleunigung gerichtet, sich in der modernen Zeit vollzogen hat: die Allgegenwärtigkeit der Post, von der wir an anderer Stelle Genaueres erfahren haben, ebenso wie die vermehrte Zahl ihrer Dienstverrichtungen, die stundenweis abgelassenen Eisenbahnzüge, der Minutenverkehr der Straßenbahnen, die regelmäßigen Dampferverbindungen, die sechsmal täglich erscheinende Zeitung sind Beispiele entsprechender Verkehrsorganisationen.
Die Umgestaltung der Großhandelsformen, wie wir sie in unserer Zeit beobachtet haben, lassen sich aus gleichen Tendenzen erklären: Übergang vom Hand- zum Fernkauf, Ausbildung des Blanicoverkaufes, Ersatz des individuellen durch das generelle Lieferungsgeschäft, Entwicklung des Terminhandels: alle diese Neuerungen, durch die Kaufund Verkauftermin angenähert werden sollen, kurz: alle jene Vorgänge, die ich Rationalisierung des Marktes genannt habe, laufen in ihrer Wirkung auf denselben Effekt hinaus, wie die Vervollkommnung der Börsenorganisation: eine Beschleunigung des Handels, also eine Abkürzung der Umlaufszeit der Waren, somit aber auch der Umschlagszeit des Handelskapitals.
Alles aber, was die Eigenart der modernen Detailhandelsformen kennzeichnet, dient abermals demselben Zweck: das Warenhaus ist geradezu auf die Abkürzung der Umschlagsperiode eingestellt, die denn auch in hohem Maße erfolgt ist. Neuyorker Warenhäuser sollen ihr Gesamt( ?)-Kapital siebenmal im Jahre Umschlagen (Lincoln).
Hierher dürfen wir aber wohl auch viele neue Formen des Kreditverkehrs rechnen. In dem Maße, wie der Kredit sich zu einem wohlgefügten Systeme ausbildet, entwickelt er Formen, die sehr wohl ebenfalls eine Tempobeschleunigung des Waren-(bzw. Geld-)Umlaufs zur Folge haben. Ich denke in erster Reihe an die großartige Entwicklung, die das Diskonto- und Lombardgeschäft in unserer Zeit erfahren haben.
In der Produktionssphäre aber gilt es, eine solche Betriebsorganisation zu schaffen, daß die rascheste Verarbeitung der Rohstoffe gewährleistet wird. Und hier eben ist es, wo die Verdichtung der Betriebe, die wir in diesem Kapitel kennengelernt haben, ihre segensreichen Wirkungen ausübt.
Wie Verkehrs- und Produktionstechnik, Handels- und Betriebsorganisationen ineinander greifen und zur Abkürzung des Kapitalumschlags beitragen, dafür bietet ein Schulbeispiel die Baumwoll-

Vierundfünfzigstes Kapitel: Die Verdichtung der Betriebe 945
Spinnerei dar. An ihr hat bekanntlich Karl Marx im zweiten Bande des Kapitals seine geniale Theorie der Kapitalzirkulation vornehmlich veranschaulicht. Und es ist nun reizvoll, zu beobachten, wie sich seit der Abfassung jenes zweiten Bandes, also seit etwa zwei Menschenaltern die Bedingungen des Kapitalumschlags von Grund aus geändert haben. Marx rechnet noch mit sechs- bis achtwöchentlichen Baumwolltrans- porten, ebensolangen Kemittierungszeiten, mit eigengehandelten Rohstoffen, großen Lagern, wochenlangen Produktionszeiten usw. und gelangt auf diese Weise zu außerordentlich langen Umschlagsperioden, die heute völlig veraltet sind. Heute ist das Prinzip dieses: der englische Spinner kauft den Rohstoff in Ideineren Quantitäten von 8 zu 8 Tagen in Liverpool gegen bar oder kurzes Ziel. Also so gut wie gar keine Baumwolle wird auf Lager gehalten. Die gekaufte Baumwolle verweilt in der Fabrik nur wenige Tage dank der erheblich beschleunigten Gangart der Maschinerie und dem besseren Ineinandergreifen der einzelnen Produktionsprozesse. Zwei- bis dreimal wöchentlich verkauft er das Garn an der Börse von Manchester, deren Organisation selbst ihm erst die Möglichkeit seiner kurzfristigen Produktion verschafft.
Wenn nun auch die Länge des Lebenslaufes einer Ware in ihrem naturalen Zustande keineswegs notwendig sich deckt mit der Länge der Umschlagsperioden der Einzelkapitalien, so darf doch als Regel gelten, daß auch die Abkürzung der (objektiven) Zirkulationszeit sowie der Produktionszeit der Ware aus dem Streben nach Beschleunigung des Kapitalumschlags sich ergibt, somit also eine Tempobeschleünigung des wirtschaftlichen Prozesses auch in naturaler Betrachtungsweise (d. h. ohne Rücksichtnahme auf die dabei entstehenden Rechtsverhältnisse) die Folge ist.
Kann diese Tatsache jemand leugnen? Kaum. Selbst wohl nicht Böhm-Bawerk. Und doch blieb dieser sein Leben lang bei seiner Behauptung stehen: es werde das Wirtschaftsleben (insonderheit das der Gegenwart) von der Tendenz zur Yerlängerung des Produktionsweges beherrscht. Und hat er nun damit etwa nicht auch recht? Ist es nicht der längere Weg, den die maschinelle Herstellung von Leinengarn zurücklegt, als der, auf dem die spinnende Bäuerin zum Ziel gelangt: beidemal angenommen, daß die Produktion der Ware selbst samt derjenigen ihrer Produktionsmittel gerade jetzt im Augenblicke anfange? Gilt nicht dasselbe für jede Produktion auf hoher technischer Grundlage unter Anwendung großer Maschinensysteme in mächtigen Fabrikgebäuden, wo ein gewaltiger Apparat von Produktionsmitteln

"940 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. Wirtschaft!. Prozesses i. d. Geschichte
in Bewegung gesetzt wird, im Vergleich zu der technisch weniger vollendeten Herstellungsweise ? Selbst wenn man zögern möchte, eine Allgemeinheit dieser von uns des öfteren beobachteten Tendenz anzuerkennen : soviel ist doch sicher, daß in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle sich ihre Wirksamkeit nachweisen läßt. Wir können als Regel annehmen, daß die vollkommenere Verfahrungsweise einer mächtigen Zusammenfassung produktiver Kräfte, genauer: einer stärkeren Verwendung von Produktionsmitteln bedarf als die weniger vollkommene. I)a diese aber — die Produktion als Ganzes genommen — vor Beginn des eigentlichen Produktionsprozesses immer erst herzustellen sind, so dauert es natürlich allemal länger, eh e die erste Menge Produkt mittelst des vollkommeneren Verfahrens gewonnen wird.
Im praktischen Wirtschaftsleben tritt nun freilich dieser Sachverhalt niemals unmittelbar als solcher in die Erscheinung: braucht ja doch kaum eine längere Spanne Zeit zu vergehen, bis der Fabrikant seine Schuhfabrik, als bis der Schuster seine Werkstatt eingerichtet hat. Beide kaufen alles, was sie zur Produktion bedürfen, fertig auf dem Markte. Und wenn sie nun ihre Tätigkeit beide an demselben Tage beginnen, so haben am Abend dieses Tages in der großen Fabrik tausend Arbeiter tausend Paar Schuhe fertig gestellt, während auf dem Arbeitstisch des Schusters ein Paar in halbfertigem Zustande liegt.
Gleichwohl macht sich auch in der Praxis jene Verlängerungstendenz (wie wir der Einfachheit halber fürderhin sagen wollen), wenn auch auf Umwegen, bemerkbar. Und zwar darin, daß sie auf eine Verlängerung der Umschlagsperioden des Kapitals hinwirkt. Jeder Ersatz der Handarbeit durch Maschinenarbeit bedeutet eine Vermehrung des fixen Kapitals im Verhältnis zum Gesamtkapital, verlangsamt also den Rückstrom des Kapitals zu seinem Besitzer. Werden aber größere Betriebsstätten, stärkere Maschinen, fcragfähigere Schiffe gebaut, so bedeutet auch dieses wiederum eine Verlängerung der Umschlagperioden des Kapitals, weil die neuen Produktionsmittel so viel mächtiger in ihren Ausmaßen sind, daß sie auch eine längere .Amortisationsperiode erheischen.
Und nun wird es auch ersichtlich, weshalb ich den Streit Lexis- Böhm unter dem Gesichtspunkt der „Antinomie“ zu betrachten den Leser aufforderte. Die Beschleunigung des wirtschaftlichen Prozesses leiteten wir aus dem Bedürfnis des Kapitals nach Abkürzung seiner Umschlagsperioden ab. Die Wegverlängerungstendenz dagegen lösten wir auf in eine Tendenz gerade zur Verlängerung der Umschlagsperioden.

Vierundfünfzigstes Kapitel: Die Verdichtung der Betriebe 947
Beide Tendenzen also wirken einander entgegen. Aber was das Entscheidende ist: ihr Gegeneinanderwirken ist ein notwendiges, ein „gesetzliches“ deshalb, weil die eine die andere aus sich erzeugt. In dem Sinnen auf Beschleunigung des Umschlags seines Kapitals wird, wie wir feststellen konnten, der Unternehmer darauf geführt, den technischen Prozeß der Gütererzeugung und des Gütertransportes vor allem abzukürzen. Nun ergibt sich aber, daß diese Abkürzung den Ersatz des umlaufenden durch fixes Kapital (Übergang zur Maschinenarbeit und dergleichen), den Ersatz von Produktionsmitteln mit kurzen Reproduktionsperioden durch solche mit langen Reproduktionsperioden meist erforderlich macht. Denn nur die solcherart verstärkten Produktionsmittel vermögen die Verfahrungsweisen zu tragen, .aus deren Anwendung die Beschleunigung des technischen Prozesses folgen soll. Das Streben des Unternehmers nach Abkürzung ■erzeugt also zunächst die Tendenz zur Verlängerung der Umschlagsperioden seines Kapitals. Ist aber einmal die Betriebsanlage auf der verbreiterten Basis ins Leben gerufen, so wird nun alles Bemühen des Unternehmers auf höchstmögliche Schnelligkeit des Prozesses gerichtet sein, um das in der Anlage investierte Kapital möglichst rasch zu reproduzieren, bzw. zu amortisieren. So erzeugt die Verlängerungstendenz wiederum die Abkürzungstendenz. Und es gewinnt fast den Anschein, als ob diese unausgesetzte, erzwungene Entwicklung dieser beiden Gegentendenzen, die sich insbesondere auch als ein Gegeneinanderwirken der in diesem Kapitel besprochenen beiden Verdichtungsformen: der Raumökonomie und der Zeitökonomie darstellen, die Bewegungsformel sei, iD der sich das moderne kapitalistische Wirtschaftsleben abspielen müsse. Jedenfalls ist ihre Wirksamkeit für die Ausbildung des Gesamtcharakters unserer Wirtschaftsepoche von entscheidender Bedeutung.
Denn machen wir uns klar, daß in der Wirksamkeit jener beiden Tendenzen die Entfaltung zweier Erscheinungen eingeschlossen ist, die wir getrost als die Zentralphänomene der hochkapitalistischen Wirtschaft bezeichnen können. Ich meine das zunehmende Überwiegen der sachlichen über die persönlichen Produktionsfaktoren im wirtschaftlichen Prozeß; die sich immer mehr ausdehnende Herrschaft der vorgetanen über die lebendige Arbeit, der Vergangenheit über die Gegenwart, sei es in Gestalt von Instrumenten, sei es in Gestalt von Organisationen oder Vor-Schriften, die Vergeistung und Versachlichung also einerseits;
:Sombart, Hochkapitaliamus II.
60

948 Dritter Abschnitt: Die Gestaltung d. wirtschaftl. Prozesses i. d. Geschichte
die fortschreitende Beschleunigung des wirtschaftlichen Prozesses, das heißt die Hereinzerrung und Verausgabung von immer mehr seelischer und körperlicher Energie innerhalb eines gegebenen Zeitraumes andererseits:
jene beiden Erscheinungen, die in ihrer Vereinigung und durch ihre Vereinigung denjenigen Tatbestand bilden, tim dessen Aufdeckung wir uns in diesem letzten, langen Abschnitte so sehr gemüht haben:: die Rationalität der hochkapitalistischen Wirtschaft.

Schluss
Die Gesamtwirtschaft

950
Übersicht
In diesem Schlußabschnitt will ich einen Überblick geben über alle Wirtschaftssysteme und Wirtschaftsformen, die am Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus Anteil genommen haben. Dabei werde ich vielfach an uns bereits Bekanntes zu erinnern haben. Hier und da werde ich Zusätze machen müssen. Und schließlich werden wir einen Blick in die Zukunft werfen.
Die Gliederung des Stoffes, die sich bei der Ausführung dieser Absicht ergibt, ist folgende: wir besprechen nacheinander
1. den Kapitalismus in kurzem Rückblick.55. Kapitel
2. die nicht kapitalistischen Wirtschaftssysteme
a) die vorkapitalistischen Wirtschaftssysteme: die
Eigenwirtschaft und namentlich das Handwerk. 56. ,,
b) die außerkapitalistischen Wirtschaftssysteme, worunter ich diejenigen Wirtschaftsweisen, Wirtschaftsformen und Wirtschaftsverfassungen verstehen will, die neben dem Kapitalismus immer bestanden haben und noch bestehen, ohne eine innere Beziehung zu diesem zu haben oder mit ihm in Konkurrenz zu treten. Das sind
a) die Bauernwirtschaft. 57. „
ß) die Genossenschaftswirtschaft. 58. ,,
y) die Gemeinwirtschaft.
c) die nachkapitalistischen Wirtschaftsformen: . 59. ,,
die gemischt-öffentlichen Betriebe.
3. die Wirtschaft der Zukunft. 60. ,,

051
Fünfundfünfzigstes Kapitel
Der Kapitalismus
Nun sind wir am Ende einer langen Wanderung durch einen Zeitraum von mehr als tausend Jahren europäisch-amerikanischer Wirtschaftsgeschichte angelangt, an dessen Anfang Karl der Große, au dessen Ausgang Stinnes oder Pierpont Morgan stehen. In diesem Zeitraum hat aus seinen ersten Keimen bis zur Reife sich jenes seltsame Gebilde entwickelt, das wir den Kapitalismus zu nennen uns gewöhnt haben, und das in seiner Entfaltung zu verfolgen wir uns zur besonderen Aufgabe gemacht hatten. Ihn als eine der markigen Ausdrucksformen des europäischen Geistes zu verstehen, hatten wir uns vorgenommen.
Und ich hoffe, daß es mir gelungen ist, im einzelnen nachzuweisen, wie das Urbild, das uns am Eingang meiner Darstellung vor Augen stand, im Laufe dieser langen Jahrhunderte sich verwirklicht hat: erst langsam schrittweise, dann sprunghaft in immer rascherem Schrittmaße.
Dieses gewaltige Anschwellen und Erstarken der kapitalistischen Macht während der letzten 150 und noch genauer während der letzten 50 Jahre zu verfolgen, bezweckt dieser dritte Band meines Werkes. Ihm oblag vor allem, das ganz einzige Zusammentreffen der Umstände zu schildern, die zu der unerhört großartigen, so extensiven wie intensiven Entfaltung des kapitalistischen Wirtschaftssystems beigetragen haben. Neue Triebkräfte, neue Staatsbildungen, neues technisches Wissen und Können lernten wir als die Grundlagen kennen, auf denen sich eine nie dagewesene gleichsam plötzlich aus dem Boden gewachsene Masse von Menschen und Sachdingen zu riesenhaften Gebilden zusammentürmten.
Diese Gebilde in ihrer Eigenart zu verstehen, hat mir besonders am Herzen gelegen. Der Versuch wurde unternommen, den gewaltigen Kosmos zu schildern, den die kapitalistische Wirtschaft darstellt. Denn daß diese ein wundersames Gefüge bildet, dessen einzelne Teile kunstvoll ineinander greifen, kann für niemand, der sich seinem Studium hingegeben hat, zweifelhaft sein. Ein Gefüge, das um so bewundernswerter ist, als es, ohne jeden bewußten Gestaltungs- und

952
Schluß: Die Gesamtwirtschaft
Leitungswillen, ausschließlich durch eigenmächtig ihr eigenes Interesse verfolgende Einzelwirtschaften zustande gekommen ist. Was wollen die gelegentlichen Störungen (zu denen man natürlich Störungen, wie die durch den Weltkrieg verirrsachten, nicht rechnen darf) besagen angesichts der überwältigenden Tatsache, daß in der kapitalistischen Wirtschaft aus dem Nichts ein System herausgebildet ist, das es ermöglicht hat, eine um Hunderte von Millionen anwachsende Bevölkerung zu ernähren, zu bekleiden, zu behausen und mit allerhand Schmuck und Tand zu behängen und allabendlich zu amüsieren? Man mag eine „prästabilierte Harmonie“ annehmen oder eine innere Gesetzmäßigkeit oder ein Wunder: immer werden wir genötigt sein, dieses Riesengebilde, das größte zivilisatorische Werk, das Menschengeist geschaffen hat, zu bewundern. Auch dann, wenn man es etwa haßt und für Teufelswesen hält. Dann würde man eben einsehen müssen, daß auch der Teufel großartige Werke in dieser Welt zu schaffen vermag.
Die vulgär-marxistische Lehre hält an der Meinung fest, daß die kapitalistische Wirtschaft „anarchisch“ sei. Nichts falscher als dies. Und einsichtige Marxisten haben denn auch längst zugegeben, daß diese Ansicht grundverkehrt ist. Werke wie die von K. Renner, R. Hilferding, E. Lederer u. a. haben sich selbst zur Aufgabe gestellt, das kunstvolle Gefüge des Kapitalismus, wenigstens in einzelnen Teilen, zu schildern. Welcher Wandel hier in den Anschauungen eingetreten ist, mögen folgende Worte Lederers kundtun. „Meine Meinung, schreibt er, geht dahin, daß die kapitalistische Wirtschaft — und das trifft für die Zeit vor dem Kriege viel stärker zu als für die Zeit nach dem Kriege — tatsächlich einen Wirtschaftsplan realisiert hat. Auch der 2. Band des .Kapitals' von Karl Marx kommt zu dem Resultat, daß jeweils eine bestimmte Relation bestehen müsse zwischen konstantem undvariablemKapital, und daß auch die einzelnen Produktionszweige in einer bestimmten Relation zu einander stehen müssen. Das alles ist kein Geheimnis für den, der die kapitalistische Wirtschaft in ihrem Marktbild betrachtet und sie nicht ansieht als eine ungeregelte, wilde Konkurrenz, sondern welcher unter der scheinbar aller Regel spottenden Fülle von Einzeltatsachen die innere Gesetzmäßigkeit dieser Wirtschaft anerkennt. . . Wir sehen, daß diese Gesetzmäßigkeit, der regehnäßige Ablauf, die Reproduktion des Wirtschaftsprozesses als konstanter UDd in sich stabiler Prozeß klar zutage liegt.. . Infolgedessen können wir von einer Anarchie der kapitalistischen Produktion keineswegs sprechen, um so mehr [weniger?] als die

Fünfundfünfzigstes Kapitel: Der Kapitalismus
953
kapitalistischen Großorganisationen zu einer Art selbsttätiger Regelung, zu einem innerkapitalistischen Beharrungszustand geführt haben“ (Sehr. d. YfSP. 159, 115).
Wir haben dann auch Einblick gewonnen in die Mittel, durch die es dem Kapitalismus gelingt, dieses kunstvolle System einer weitausgreifenden Gesellschaftswirtschaft zu schaffen: es ist die Rationalir sierung aller Elemente des wirtschaftlichen Prozesses, die formell nichts anderes als deren Anpassung an die Bedürfnisse des Kapitalismus bedeutet, materiell aber in einer allgemeinen Vergeistung seelischer Inhalte besteht. Diese Vergeistung (oder Versachlichung) bezieht sich auf die Wirtschaftsform, in der und durch die alle wirtschaftlichen Vorgänge sich ab wickeln: die kapitalistische Unternehmung, sowie auf alle Werkbetriebe und auf die Formen, in denen sich der Güterumsatz abspielt (Handel und Kredit).
Wir haben schließlich von der fortschreitenden „Konsolidierung“ des Kapitalismus, von „der Stabilisierung der Geschäfte“, aber auch von der beginnenden Verlangsamung des Schrittmaßes seiner Entwicklung gebührend Kenntnis genommen.
Das alles ergibt sich ohne weiteres aus einem aufmerksamen Studium dieses Werkes, und um es festzustellen, hätte es keines besonderen „Rückblicks“ bedurft.
Was dagegen noch nachzuholen ist, ist der Versuch, uns von der Ausdehnung des Kapitalismus, das heißt also von dem Geltungsbereich des kapitalistischen Wirtschaftssystems, eine ziffernmäßig begründete Anschauung zu machen. Das einzige Mittel, diesen Versuch auszuführen, geben uns die Berufs- und Gewerbezählungen an die Hand: wir müssen die Zahl der in kapitalistischen Unternehmungen beschäftigten Personen zu ermitteln trachten und ihren Anteil an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen bestimmen. Nun wissen wir aber von früher her, wie schwer es ist, eine Feststellung der Zahl der „kapitalistischen Unternehmungen“ vorzunehmen, da die amtlichen Statistiken im günstigsten Falle nur die Zahl der verschiedenen Betriebsgrößen angeben.
Falsch wäre es, aus der Zahl der Lohnempfänger auf den Umfang des Kapitalismus zu schließen, da ja in diesen die Hilfspersonen in den Bauernwirtschaften, im gewerblichen Handwerk, im handwerksmäßigen Handel und Transport eingeschlossen sind. Bestimmt man also als „Proletariat“ „alle, die von Gehalt oder Lohn leben“, wie es Woytinski tut (a. a. 0. 2, 2), so gibt die Größe des „Proletariats“

954
Schluß: Die Gesamtwirtschaft
nicht die Ausdehnung des Kapitalismus an. Noch viel weniger tut es das, wenn man darunter alle Habenichtse, das heißt alle Besitzlosen versteht, also auch die Kleinbauern, einen Teil der selbständigen Handwerker usw. So habe ich in meiner „Deutschen Volkswirtschaft“ den Kreis „proletarischer“ und „proletaroider“ Existenzen abgegrenzt;: ähnlich bestimmt den Umfang des „Proletariats“ und „Halbproletariats“ der Bearbeiter des (kommunistischen) Jahrbuchs für Wirtschaft, Politik und Arbeiterbewegung (Jahrgang 1922/23, S. 226).
Das mag für bestimmte Zwecke das richtige Verfahren sein, und eine rein terminologische Frage ist es, ob man die solcherweise abgegrenzten Bevölkerungsschichten „Proletariat“ nennen will oder nicht. Für den Zweck, den wir hier verfolgen, ist aber dieses Verfahren, wie gesagt, ungeeignet: ich kann nicht den Umfang des Kapitalismus bestimmen mit Hilfe der Angehörigen des Handwerks, der Bauernwirtschaften, der öffentlichen Betriebe oder der Dienstboten.
Eine genauere Prüfung der Ziffern ergibt für Deutschland etwa folgendes: Von den in der Gewerbestatistik erfaßten Personen gehören, wie wir unten (Seite 963) noch genauer feststellen werden, die reichliche Hälfte dem Bereiche des Kapitalismus an, ich will rechnen: von 14,4 Millionen 8 Millionen. Wo aber sind außerhalb dieser Kreise noch kapitalistische Unternehmungen nachweisbar ? Für das Jahr 1907 nicht in den von der Gewerbestatistik unberücksichtigt gelassenen großen Transportgewerben: Eisenbahn und Post, denn diese waren damals Staatsbetriebe. Also nur noch in den dem Kapitalismus verfallenen Teilen der Landwirtschaft. Das sind aber allerhöchsten» die Betriebe mit mehr als 100 ha Fläche, ln diesen wären am 12. Juni 1907 beschäftigt 1237329 Personen (von 15169549 in der Landwirtschaft überhaupt beschäftigten Personen). (Siehe Statistik des D. R. Band 212 2b, S. 61.) Rechnen wir diese zu den 8 Millionen von der Gewerbestatistik erfaßten Trägern des Kapitalismus hinzu, so erhalten wir 9% Millionen, das sind etwa 30 % der Erwerbstätigen.
Vergleichen wir diese Ziffern mit denen, die die oben genannten beiden Handbücher für den Umfang des „Proletariats“ angeben, so- erkennen wir, wie recht ich hatte, wenn ich sagte, die Statistik des „Proletariats“ sei für die Bestimmung des Geltungsbereichs de» Kapitalismus nicht zu verwenden: nach dem sozialistischen Handbuch machen nämlich die „Proletarier“ 59 %, nach dem kommunistischen Jahrbuch die „Proletarier“ und „Halbproletarier“ in Deutschland gar 87 % der Erwerbstätigen aus, während ich selbst an der ungezogenen

Fünfundfünfzigstes Kapitel: Der Kapitalismus 955
Stelle die Zahl der proletarischen und proletaroiden Existenzen schon für 1895 auf 67,5 % berechnet habe.
Ich verwende nun aber die Ziffern, die Woytinski mit großem Fleiß zusammengestellt hat, um einen Gesamtüberblick über den Bereich des Kapitalismus in Europa zu geben, indem ich annehme, daß das Verhältnis der kapitalistischen Bevölkerungselemente zu dem von Woytinski als „Proletariat“ herausgerechneten Mengen in allen Ländern dasselbe ist wie in Deutschland, das heißt, daß von dem Woytinskischen „Proletariat“ etwa die Hälfte in kapitalistischen Unternehmungen beschäftigt ist.
Woytinski rechnet für Europa außer Rußland etwa 85 Millionen „Proletarier“ heraus, davon würden also dem Kapitalismus aller- höchstens 45 Millionen angehören. Das würden bei insgesamt 166 Millionen Erwerbstätiger 27 % sein. Wir können also in ganz groben Umrissen den Anteil des Kapitalismus an dem Wirtschaftsleben West- und Mitteleuropas auf ein Viertel bis ein Drittel veranschlagen.
In Rußland, wo es selbst den kommunistischen Statistikern des Sowjetstaates doch nicht gelungen ist, für 1920/21 mehr als 5 bis 6 Millionen „Proletarier“ (von 43 Millionen Erwerbstätiger) herauszurechnen, betrug der Anteil des Kapitalismus an der Gesamtwirtschaft vor dem Kriege höchstens 10 %.
In den Vereinigten Staaten von Amerika scheint jedoch der Kapitalismus um einige Grade weiter ausgebreitet zu sein. Nach dem Zensus von 1910 ergibt sich folgendes Bild: (siehe die Ziffern im Stat. Abstr. US. 1923, pag. 45f.).
Erwerbstätige wurden 38 Millionen ermittelt. Davon zähle ich dem
Kapitalismus zu (in Millionen):
Landwirtschaft.1,3 (=10%)
Bergbau.1 (=100%)
Gewerbe.7 ( = 70%)
Verkehr.2,6 (=100%)
Handel.1,2 (= 33% %)
Alle übrigen Wirtschaftsgruppen.1,5 ( = 20%)
14,6 (-38%)
Danach wären also rund zwei Fünftel des amerikanischen Wirtschaftslebens dem Kapitalismus verfallen.
Freilich, so muß man ergänzend hinzufügen: das alles gilt, soweit die Herrschaft eines Wirtschaftssystems in den in seinem Bannkreis beschäftigten Personen zum Ausdruck kommt. Daß das gerade für das in Frage

956
Schluß: Die Gesamtwirtschaft
stehende Wirtschaftssystem nur unvollständig geschieht, leuchtet ein, denn dieselbe Anzahl hüben und drüben beschäftigter Personen stellt eine sehr verschieden große Produktivkraft dar. Das Herrschaftsgebiet des Kapitalismus, wenn wir darunter seinen Anteil am gesellschaftlichen Gesamterzeugnis verstehen, ist zweifellos größer als es die Zahl der ihm verfallenen Personen erkennen läßt.
Immerhin sind die soeben gemachten Feststellungen doch außerordentlich lehrreich: sie erweisen jedenfalls, wie falsch die namentlich wiederum in den alt-marxistischen Kreisen verbreiteteAnsicht ist, es habe sich während des verflossenen Jahrhunderts so etwas wie eine Alleinherrschaft des kapitalistischen Wirtschaftssystems entwickelt, neben dem andere Wirtschaftssysteme eine gänzlich belanglose Rolle spielen, und als bestehe eine Tendenz, die etwa noch vorhandenen Reste der nicht kapitalistischen Wirtschaftssysteme zum völligen Verschwinden zu bringen. Die eben mitgeteilten Ziffern bestätigen nur die schon an verschiedenen Stellen in diesem Werke gemachte Beobachtung, daß der Kapitalismus keineswegs das einzige Wirtschaftssystem ist, das während des verflossenen Zeitalters im Schwange war, und daß die nicht-kapitalistischen Wirtschaftssysteme keineswegs eine Größe darstellen, die man unbeachtet lassen kann. Es gilt die früheren Feststellungen zu einem Gesamtüberblick über das Herrschaftsgebiet der nicht-kapitalistischen Wirtschaftssysteme zusammenzufassen und damit das Bild des modernen Wirtschaftslebens zu vervollständigen.

Sechsundfünfzigstes Kapitel
Die vorkapitalistischen Wirtschaftssysteme (Das Handwerk)
Von den vorkapitalistischen Wirtschaftssystemen ragen in unsere Zeit hinein die Eigenwirtschaft und das Handwerk.
Die Eigenwirtschaft hat sich in allen Bereichen des Wirtschaftslebens bis heute erhalten. Unsere Hauswirtschaft ist zu einem beträchtlichen Teile Verzehr- und Erzeugungswirtschaft in Einem geblieben, wenn auch, wie wir das festzustellen Gelegenheit hatten, die wichtigsten Produktionsvornahmen, die einst ihr Rückgrat bildeten, herausgebrochen sind: siehe das 23. Kapitel. Auf dem Lande, zumal in der bäuerlichen Wirtschaft, ist der eigenwirtschaftliche Einschlag größer geblieben. Ich werde in der folgenden Darstellung, die das Bauerntum zum Gegenstände hat, noch darauf zu sprechen kommen. Allgemein ist über die Eigenwirtschaft zu bemerken, daß sie auf keine Weise zahlenmäßig faßbar ist. Wir müssen uns deshalb mit diesem kurzen Hinweis begnügen.
Anders steht es mit dem Handwerk. Es steht im vollen Lichte der Statistik, so daß wir seine Bedeutung auch ziffernmäßig zum Ausdruck bringen können. Was ist mit ihm geschehen im Zeitalter des Hochkapitalismus ?
Wenn wir die Übersichten durchmustern, die ich von dem Bestände des Handwerks am Ende der frühkapitalistischen Epoche gegeben habe (siehe das 22.-24., das 37. und das 43. Kapitel des zweiten Bandes dieses Werkes) und sie mit den letzten Gewerbezählungen vergleichen, so finden wir doch sehr erhebliche Lücken in den Listen, in denen die heutigen Handwerke verzeichnet sind. Zwar kaum im Handelsgewerbe, in dem die handwerksmäßigen Betriebe nur imwesentlich eingeschränkt sind. Aber schon im Transportgewerbe stoßen wir auf solche Lücken. Hier sind die alten Überlandfuhrleute größtenteils verschwunden, aus Gründen, die wir nicht weit zu suchen haben: der übermächtige Großbetrieb mancher Transportinstitute wie der Eisenbahnen hat den Handwerksbetrieb in seiner alten Form konkurrenzunfähig gemacht. Freilich nicht, ohne ihn vielfach an

958
Schluß: Die Gesamtwirtschaft
andern Stellen wieder aufleben zu lassen: der großstädtische Droschken- betrieb ist bis heute größtenteils handwerksmäßig organisiert.
Nicht ganz so offen liegen die Zusammenhänge auf demjenigen Wirtschaftsgebiete, auf dem wir den Handwerker vornehmlich suchen: im Bereiche der gewerblichen Produktion, der Stoffverarbeitung. Die „Verdrängung“ des Handwerks ist hier ein sehr verwickelter Vorgang, dem wir in seinen einzelnen Teilen an verschiedenen Stellen unsere Aufmerksamkeit schon zugewendet haben, den wir uns aber in seiner Gänze noch einmal ins Gedächtnis zurückrufen müssen, um ein abschließendes Urteil zu gewinnen.
Eine laienhafte Auffassung nimmt ar, daß das Handwerk (worunter ich im Folgenden, wenn nichts besonderes bemerkt ist, immer das gewerbliche Handwerk verstehen will), das gute, solide, schöne, aber teure Güter herstellte, durch die „Fabrik“ aus dem Felde geschlagen sei, die schlechte, unsolide, häßliche, aber billige (Massen-)Waren auf den Markt werfe. Das ist nun der Sachverhalt ganz und gar nicht. Die Stellung des Handwerks ist auf ganz andere Weise erschüttert worden. Die Umstände, die für das Handwerk verhängnisvoll geworden sind, sind vielmehr folgende:
(1.) die Bedarfsverschiebung, durch die wichtige Handwerkserzeugnisse außer Gebrauch gekommen sind: Spinnrocken! Pökelfässert Wassertonnen und -Eimer!
(2.) die Surrogierung, wodurch fabrikmäßig leicht herstellbare Gegenstände die Handwerkserzeugnisse verdrängen: Kautschukkamm an Stelle des Hornkamms! Blechgefäße an Stelle von Kupferkesseln! Drahtstift an Stelle des Eisennagels!
Für beide Vorgänge siehe im übrigen den 1. Unterabschnitt des 3. Abschnitts des 3. Hauptabschnittes in diesem Bande.
Dann erst folgt als handwerksverdrängende Macht:
(3.) die Konkurrenz um den Absatz desselben Gegenstandes, den das Handwerk unter ungünstigeren Bedingungen herstellt als die kapitalistische Unternehmung. Aber auch hier ist es gar nicht in erster Linie der billigere Preis, der dem Handwerk gefährlich wird, als vielmehr:
a) die Qualität der Darbietung: modernes Schuh- oder Schneidergeschäft !
b) die Qualität des Dargebotenen: alle Gegenstände des Kunst- gewerbes und alle diejenigen, die ein besonderes Maß von Genauigkeit in der Ausführung erheischen!

Seclisundfünfzigstes Kapitel: Die vorkapitalistischen Wirtschaftssysteme 959
Bei der Lieferung der unter (a) und (b) genannten Güter wird das Handwerk ausgeschaltet, obwohl sie teurer sind. Die Gründe, weshalb das Handwerk in der Qualität nicht konkurrieren kann, sind im wesentlichen diejenigen, die den Großbetrieb dem Kleinbetrieb überlegen machen: siehe das 33. Kapitel. Dieselben Gründe bewirken dann auch c) die Unterlegenheit des Handwerks im Preiskampf.
Welches ist nun aber der Bestand des Handwerks am Ende der hochkapitalistischen Epoche? Die Antwort auf diese Frage habe ich im 51. Kapitel schon gegeben, als ich den Umfang der Konzentrationsbewegung auf den verschiedenen Gebieten des Wirtschaftslebens zur Darstellung gebracht habe. Ich setze hier die wichtigsten Ziffern (unter Beschränkung auf Deutschland) noch einmal her und füge einzelnen von ihnen einige erläuternde Bemerkungen hinzu. Wir erinnern uns, daß die deutsche Gewerbezählung, der die Ziffern entnommen sind, Kleinbetriebe diejenigen Betriebe nennt, die 0—4 Hilfspersonen beschäftigen, Mittelbetriebe diejenigen mit 6—50, Großbetriebe diejenigen mit mehr als 50 Personen. Das Handwerk umfaßt ganz die Kleinbetriebe und einen Teil der Mittelbetriebe. Die Ziffern beziehen sich auf die Gewerbezählung von 1907 und finden sich sämtlich in der Übersicht 6 in Band 220/21 d. Stat. d. D. R.
Ich stelle das Handelsgewerbe voran, weil in ihm das Handwerk
noch heute bei weitem überwiegt.
Es waren
Zahl
Zahl der
beschäftigten Personen
Kleinbetriebe
707 793
1171124
Mittelbetriebe
42093
484077
Großbetriebe
1146
116069
Von 100 Personen
Von 100 Betrieben
waren beschäftigt
•
waren
in den verschiedenen
Größenklassen
Kleinbetriebe
94,2
66,1
Mittelbetriebe
5,6
27,3
Großbetriebe
0.2
6.6
Von den Transportgewerben sind Eisenbahn, Telegraphie (Telephonie), Seeschiffahrt, Straßenbahnbetrieb u. v. a., wie wir feststellen konnten, ganz und gar für das Handwerk verloren. Dagegen nimmt dieses in anderen Transportgewerben noch einen ziemlich

960
Schluß: Die Gesamtwirtschaft
großen Raum ein, wie folgende, ebenfalls zum Teil bereits mitgeteilte Ziffern ausweisen:
Von 100 Betrieben waren
Spedition, GüterBinnenPersonen-
beförderung und
schiffahrtsfuhrwerksbetrieb
Frachtfuhrwerksbetrieb
betrieb
Kleinbetriebe
93,7
89,1
94.5
Mittelbetriebe
6,1
10,2
4,9
Großbetriebe
0,2
0,7
0,6
100 Personen beschäftigten
Kleinbetriebe
62,4
42,7
55,1
Mittelbetriebe
28,2
37,3
16,8
Großbetriebe
9,4
20,0
28,1
Als ein Gewerbe mit stark vorwiegender handwerksmäßiger Organisation lernten wir die Gast- und Schankwirtschaft kennen. Hier waren die Zahlen folgende:
Betriebe
Personen
Von 100 Betrieben
Von 100 Personen
Kleinbetriebe
311263
587 910
94,4
73,2
Mittelbetriebe
18059
194 354
5,5
24,2
Großbetriebe
255
21 339
0,1
2,6
Endlich teile ich noch die Ziffern für das gewerbliche Handwerk mit, die (derselben Quelle entnommen) die früher gemachten Angaben durch etwas andere Anordnung ergänzen können.
In der Gewerbeabteilung B (Industrie, einschließlich Bergbau und
Baugewerbe) wurden gezählt:
Von 100 Betrieben
Von 100
Betriebe
Personen
beschäftigten
Personen
Kleinbetriebe
1 870261
3 200282
89,6
29,5
Mittelbetriebe
187 074
2 714664
9,0
25,0
Großbetriebe
29033
4 937 927
1,4
45,5
Angesichts der Größe dieser ganzen Gewerbeabteilung empfinden wir, gerade wie dort, wo wir die Konzentrationsbewegung verfolgten, auch hier das Bedürfnis nach genauerer Unterscheidung einzelner Gruppen und Arten von Gewerben. In welchen hat sich das Handwerk am stärksten erhalten, welche können wir somit als die eigentlichen Gebiete des Handwerks ansprechen?

Sechsundfünfzigstes Kapitel: Die vorkapitalistischen Wirtschaftssysteme <)(jl
Fälschlicherweise nimmt man an, das Handwerk halte sich dort, wo künstlerische Leistungen zu vollbringen sind. Ich habe die Irrtümlichkeit dieser Ansicht schon früher bekämpft. In der Tat ist das gesamte Kunstgewerbe heute, bis auf geringe Ausnahmen, dem Handwerk genommen. Unter denjenigen Gewerben, in denen mehr als die Hälfte aller Personen in Kleinbetrieben beschäftigt ist, findet sich, soviel ich sehe, nur ein einziges, das man als Kunstgewerbe ansprechen könnte: der Geigenbau, in dem 98,3% aller Betriebe Kleinbetriebe sind und von 1000 Personen 85,3% in Kleinbetrieben beschäftigt werden.
Nein: es sind ganz andere Tätigkeitsgebiete, auf denen das Handwerk siegreich der Konkurrenz des Kapitalismus widerstanden hat. Unter ihnen kommt dreien eine besondere Bedeutung zu; das sind:
(1.) das Gebiet der individualisierten Arbeit, bei der also die Anpassung an den einzelnen Fall erwünscht ist. Zu ihm gehören die sogenannten persönlichen Dienste;
(2.) das Gebiet der lokalisierten Arbeit, das heißt jener, die an einem bestimmten Orte ausgeführt werden muß, und bei der also ein Absatzgebiet von beschränkter Größe wie ein natürlicher Schutz für den Handwerker wirkt;
(3.) das Gebiet der Reparaturarbeit, die dem Kapitalismus keine rechte Freude bereitet.
DieZiffern der Statistik bestätigen die Richtigkeit dieser Bestimmung, wie die folgende Übersicht erweist.
Gewerbe, in denen mehr als 50 vom Hundert aller beschäftigten Personen in Kleinbetrieben tätig waren (nach der Zusammenstellung in Band220/21 der Stat. d. D.R. Seite 72 ff.). (Die Einordnung in die drei oben genannten Gruppen stammt von mir.)- Ich setze die Vom-Tausend-Ziffer ein und berücksichtige nur die größeren Gewerbe.
1. Individualisierte Arbeit:
Betriebe
Personen
Barbiere, Friseure usw.. .
. . . 989
955
Tischlerei..
. . . 958
726
Putzmacherei.
. . . 905
554
kalisierte Arbeit:
Betriebe
Personen
Grob- und Hufschmiede . .
. . . 980
860
Fleischer.
. . . 931
771
Bäcker.
. . . 919
750
Müller.
. . . 944
663

Schluß: Die Gesamtwirtschaft
962
Ofensetzer.
. 921
639
Dachdecker.
. 879
574
Brunnenmacher.
. 913
573
Sargmacher.
. 836
546
Stubenmaler.
. 875
541
ckerei, Ausbesserei, Rep
aratur:
Schneiderei (soweit sie nicht
Betriebe
Personen
Hausindustrie ist).
. 968
761
Korbmacher.
. 975
760
Glaser .
. 944
746
Schuhmacher.
Böttcher (auch wenn mit Kti-
. 983
736
ferei verbunden;.
. 972
717
Klempner.
. 927
699
Riemer und Sattler.
. 958
685
Tapezierer.
. 922
652
Handschuhmacher.
. 961
502
Sind mit dem Hinweis auf das ihm gemäße Tätigkeitsgebiet gleichsam die inneren Gründe für die Erhaltung des Handwerks aufgewiesen, so gibt es auch zahlreiche äußere Gründe, die dieses Wirtschaftssystem fördern. Ich denke an die Unterstützung, die das Handwerk durch die Entwicklung mancher Industrien und Transportweisen erfährt: die Elektrizitätsindustrie hat zahlreiche Handwerksbetriebe für Installation usw. nötig gemacht, die Ausbreitung der Automobile, Motorräder, Fahrräder erheischt Schlossereibetriebe und Tankstellen in allen Landstädten u. dgl. mehr.
Ich denke aber auch an die Förderung des Handwerks durch Errichtung öffentlicher Anlagen.
So hat sich die handwerksmäßige Fleischerei, und zwar sowohl die Engrosschlächterei (mit einem Betriebsfonds von 3—5000 Mark) als die Ladenschlächterei in ihrem Bestände erhalten, nicht zuletzt dank der Entwicklung der städtischen Schlachthöfe. Das ist sehr ausführlich nachgewiesen für Leipzig von Walter Kretzschmar, Die Fleischversorgung der Stadt Leipzig vor dem Kriege (1919), 98 ff. In Leipzig entfallen auf einen Ladenfleischer Einwohner:
1902 . 855
1912.1015
Die Zahl der Gehilfen betrug für jeden Betrieb:
Ladenfleischer Engrosschlächter
1903 . 1,54 1,29
1912 ..... 1,64 1,11
Wollen wir nun noch einen Gesamtüberblick über den Bestand des Handwerks am Ende des hochkapitalistischen Zeitalters gewinnen,

Sechsundfünfzigstes Kapitel: Die vorkapitalistischen Wirtschaftssysteme 963
so brauchen wir nur die einzelnen Ziffern, die ich eben mitgeteilt habe, zu einer einzigen Ziffer zusammenzufassen.
Die von der Gewerbestatistik erfaßten Gebiete des Wirtschaftlebens, das sind also alle mit Ausnahme der Landwirtschaft, der Eisenbahnen und der Post, weisen im Jahre 1907 folgende Gliederung auf:
Betriebe
Personen
Von 100 Betrieben
Von 100 Personen
Kleinbetriebe . .
. 3 146134
5 383 233
91,3
37,3
Mittelbetriebe . .
. . 270122
3 688 838
7,8
25,5
Großbetriebe . .
32 122
5 363 851
0,9
37,2
Aus diesen Ziffern entnehmen
wir, daß der zweifellos handwerks-
mäßige Bereich fast genau so groß ist wie der zweifellos kapitalistische Bereich. Von 1000 Personen sind 373 in Handwerksbetrieben, 372 in kapitalistischen Unternehmungen beschäftigt. Die verbleibenden 255 muß man unter Handwerk und Kapitalismus aufteilen. Wenn man dann auch die größeren Teile der Mittelbetriebe dem Kapitalismus zuschlägt, vielleicht 3 / 5 , so wird doch das personale Anteilverhältnis des Handwerks an dem gesamten Wirtschaftsleben nicht wesentlich verringert. Das für viele (unter denen ich mich selbst befinde) erstaunliche Ergebnis ist immerhin dieses:
am Ende des h o c h k a p i t a 1 i s t i s c h e n Zeitalters ist noch beinahe die Hälfte sämtlicher Erwerbstätigen — ohne die Landwirtschaft — handwerksmäßig beschäftigt.
Freilich — das muß nun zur Ergänzung hinzugefügt werden — ist das Handwerk unserer Tage nicht dasselbe, das es vor 300 und selbst vor 100 Jahren war. Der äußeren Verschiebung ist eine innereUm- b i 1 d u n g zur Seite gegangen, von der hier noch zu sprechen ist.
Zwar der Handwerker-Krämer, denke ich, ist im wesentlichen noch derselbe, der er im 13. Jahrhundert war. Er verkauft seine Eosinen und seine Schnürsenkel und sein Schreibpapier seit Jahrhunderten in denselben Läden, mit derselben Wirtschaftsgesinnung und nach denselben Grundsätzen.
Auch der Gastwirt ist wohl heute noch der gleiche, der er vor fünfhundert Jahren war.
Daß der Chauffeur auf dem Automobil eine andere Seelenhaltung haben muß als der halb schlafende Kärrner auf seinem Planwagen, leuchtet ein. Aber im großen ganzen ist doch auch der kleine Transportbetrieb heute noch derselbe, der er vorzeiten war.
Sombart, Hochkapitalismus II.
61

964
Schluß: Die Gesamtwirtschaft
Anders dagegen steht es mit dem gewerblichen Handwerker. Er vor allem hat jene innere Umbildung erfahren, von der ich eben sprach. Er ist heute ein anderer als noch vor hundert und selbst fünfzig Jahren.
Er ist teilweise weniger, als sein Vorgänger war.
Er befindet sich vielfach in Abhängigkeit vom Kapital, die zu einer Art neuer Hörigkeit ausarten kann: siehe das 48. Kapitel. Er muß in zahlreichen Fällen seine Handwerkertätigkeit durch Angliederung anderer Arbeiten zu ergänzen suchen, weil sie allein ihm keinen auskömmlichen Lebensunterhalt gewährt.
Eine der beliebtesten Arten von Nebenerwerb, den der Handwerker findet, ist das Ladengeschäft, das für viele Handwerker zum Hauptberuf geworden ist: Buchbinder, Klempner, Sattler, Tapezierer, Handschuhmacher, Drechsler u. a. beziehen mehr aus dem Verkauf fertig bezogener Waren als aus ihrer Handwerkerarbeit. Aber auch allerhand andere Nebenberufe sucht der Handwerker auszuüben, um die Lücken seiner eigentlichen Facharbeit auszufüllen: er wird Agent, Portier, Totengräber, Nachtwächter, Sonntagskellner, Zeitungsträger, Ausläufer, Laternenanzünder, Kirchendiener. Oder er greift auf ein benachbartes Handwerk über: der Schlosser sucht die Schmiedearbeiten, der Schmied die Schlosserarbeiten an sich zu ziehen; die Zimmereibetriebe verrichten die Bautischlerarbeiten; die Tischler setzen die Fensterscheiben ein; die Bäcker treiben nebenher Konditorei und Pfefferküchlerei; Sattler- und Tapezierarbeiten werden vereinigt, auch wohl Stellmacher- und Schmiedearbeit zum Wagenbau. Es liegt hier also ein ähnlicher Vorgang vor, wie wir ihn in der Entwicklung der kapitalistischen Unternehmung zur kombinierten Unternehmung beobachtet haben, der freilich ganz anderen Ursachenreihen seinen Ursprung verdankt.
Er — der gewerbliche Handwerker von heute — muß sich in den meisten Fällen begnügen mit den Brosamen, die von dem Tische des Kapitalismus fallen. Was diesem zu verrichten „nicht lohnt“, bildet vielfach den Arbeitsbereich des Handwerkers. Er hat in weitestem Umfange alle Neu arbeit verloren und muß sich mit Flickarbeit zufrieden geben. Das gilt von manchem unserer größten Handwerke, wie der Schusterei, der Schneiderei, der Tischlerei.
Teilweise ist aber der Handwerker unserer Tage mehr als die Handwerker früherer Tage waren, wenn man unter „mehr“ die größere ökonomische Anpassungsfähigkeit versteht. Er hat teilweise seinen Betrieb „modernisiert“, indem er gewisse „Errungen-

Sechsundfünfzigstes Kapitel: Die vorkapitalistischen Wirtschaftssysteme 965
schäften“ unserer Zeit ihm einverleibte. In der Art und Weise, wie er das tut, hat sich im letzten Menschenalter eine Wandlung vollzogen, die wir verfolgen müssen.
Es ist noch gar nicht so lange her, da nahm man an, daß die Überlegenheit des Kapitalismus, den man sehr irrtümlicherweise mit dem „Fabrikbetrieb“ gleichsetzte, im wesentlichen ein technisches Problem sei, enger: ein Maschinenproblem, noch enger: ein Motorenproblem. So konnte es geschehen, daß man beim Aufkommen der Kleinkraftmaschine in den 1880er Jahren glaubte: nun sei das Handwerk aus allen Schwierigkeiten befreit, nun sei es wieder konkurrenzfähig. Kein Geringerer als Eranz Reuleaux verkündete diese Heilsbotschaft. Aber die Hoffnung, die man auf die Kleinmotoren setzte, erfüllte sich nicht, konnte sich nicht erfüllen, da sie auf falschen Voraussetzungen aufgebaut war. Man hatte verkannt, daß die Überlegenheit der kapitalistischen Wirtschaften gar nicht ausschließlich ein Problem der Sachtechnik war, daß es aber, soweit es dieses war, sich keineswegs erschöpfte in dem Problem der Antriebsmaschine, daß viel wichtiger die Verwendung von Arbeitsmaschinen oder die Anwendung irgendwelchen chemischen Verfahrens war, was beides dem kleinen Handwerker versagt blieb. Dann erinnerte man sich aber vor allem, was frühere Freunde des Handwerks bereits bedacht hatten: daß das Konkurrenzproblem ebensosehr ein organisatorisches Problem sei, daß die Überlegenheit des Kapitalismus großenteils in der Überlegenheit des Großbetriebes seinen Grund habe. Diese Einsicht führte zu den Versuchen, dem Handwerker durch allerhand Genossenschaftsbildungen zu helfen. Man gründete Rohstoff- (Einkaufs-) Genossenschaften, Werk- (Arbeits-) Genossenschaften, Magazin- (Verkaufs-) Genossenschaften. Die Erfahrung hat jedoch erwiesen, daß auch auf diesem Wege keine Rettung des Handwerks liegt. Die Entwicklung der Handwerkergenossenschaften genannter Art ist sehr schwach: siehe Seite 990 — aus Gründen, die ich andernorts entwickelt habe: siehe das 35. Kapitel des zweiten Bandes der ersten Auflage dieses Werkes.
Und doch ist es während des letzten Menschenalters gelungen, einen anpassungsfähigeren Handwerkertyp heranzubilden, indem man Richtiges in den eben entwickelten Ansichten beibehielt, Irrtümer ausmerzte und neue Erfahrungen zur .Wirksamkeit brachte.
Was den „modernen“, „fortgeschrittenen“ Handwerker unserer Tage kennzeichnet, ist folgendes:
(1.) ein gewisses Maß von ökonomischem Rationalismus bei der Ge-
61 *

9(56
Schluß: Die Gesamtwirtschaft
staltung seines Betriebes: Anfänge der Kalkulation, der Buchführung sind vorhanden; die Rechenhaftigkeit ist ihm nicht mehr völlig fremd. Der Handwerker widmet sich selbst der Pflege dieser „kaufmännischen“ Seiten des Betriebes, er kann daher nicht mehr ausschließlich Handwerkerarbeit verrichten;
(2.) eine gewisse Vervollkommnung des Betriebes selbst: dieser ist ausgeweitet bis auf 6, 8, 10 Hilfspersonen, ist ausgestattet mit einem Satz von Arbeitsmaschinen und wird von einer Antriebsmaschine belebt;
(3.) eine Vergrößerung des Geldmittelfonds, über den der Handwerker verfügt zwecks Durchführung dieser Reformen. Diese Vergrößerung ist in der Tat eingetreten, häufig durch die Vermittlung der Kreditgenossenschaften, über die weiter unten noch einiges mehr zu sagen sein wird: siehe Seite 988f.
Ob man diesen neuen Typus von Kleinproduzenten noch Handwerker nennen will, ist nicht so wichtig. Ich habe für ihn die Bezeichnung kleinkapitalistischer Unternehmer vorgeschlagen. Dieser Typus bildet immer nur eine kleine Minderheit inmitten der Klein- und Mittel- betriebler. Er wird vor allem in der Betriebsgrößenklasse 6—10 Personen zu suchen sein. In dieser, die sich übrigens zu vergrößern die Neigung hat, wurden (1907) 717 758 Personen gezählt, die den 3 Millionen Kleinb etrieblern gegenüb erstehen.
Für alle Einzelheiten muß ich aufdieersteAuflagedieses W e r k e s verweisen, in der das Problem des Handwerks und seiner Besiegung durch den Kapitalismus viel ausführlicher abgehandelt worden ist — entsprechend dem so sehr viel größeren Interesse, das damals, als die erste Auflage erschien, der Konkurrenzkampf zwischen Kapitalismus und Handwerk bot.

Siebenundfünfzigstes Kapitel
Die Bauernwirtschaft
I. Was eine Bauernwirtschaft ist
Ein Bauer in dem weiten hier gemeinten Sinne ist der Mann, der einem landwirtschaftlichen Betriebe vorsteht, das Korn oder was er sonst erntet in seine eigenen Scheunen sammelt und selbst hinter dem Pfluge geht. Die Bauernwirtschaft ist derjenige landwirtschaftliche Betrieb, den dieser Mann in Gemeinschaft mit seiner Familie führt (wie das des näheren noch auszuführen sein wird).
II. Die Verbreit ung der Bauernwirtschaft auf der
Erde
Von der Verbreitung der Bauernwirtschaft wird man sich, angesichts der Unvollkommenheit und Buntheit der Statistik, nur eine ungefähre Vorstellung verschaffen können, die aber doch genügt, um die Bedeutung dieser Wirtschaftsform einigermaßen richtig abschätzen zu können. Ich teile im folgenden einige Hauptziffern mit, die ich der dankenswerten Zusammenstellung bei W. Woytinski, Die Welt in Zahlen (Drittes Buch 1925), entnehme.
(Dortselbst findet der teilnehmende Leser auch alles Nötige, was über die Erhebungsmethoden zu sagen ist.)
Das Ergebnis eines Überblicks über die Verbreitung der Bauernwirtschaft auf der Erde und die Veränderungen in ihrem Bestände während des Zeitalters des Hochkapitalismus ist dieses: daß sie während dieses Zeitraums an Umfang und Bedeutung nicht unbeträchtlich gewonnen hat und noch heute die bei weitem wichtigste Art der Wirtschaftsverfassungen ist.
Wir können im gesamten Bauerntum auf der Erde drei große Gruppen unterscheiden:
1. den Osten: die Kulturländer Asiens, China, Japan und Indien, dem wir Rußland zuzählen können;
2. Europa;
3. den Westen: Amerika und Australien.

968
Schluß: Die Gesamtwirtschaft
Der 0 s t e n ist nun ein seit unvordenklichen Zeiten in annähernd gleicher Verfassung verharrendes reines Bauerngebiet. Die Zahl der Landwirtschaftsbetriebe beträgt schätzungsweise in China 50 Millionen
Japan 5 „
Indien 30 ,,
Rußland 22 „
Ägypten 2
In diesen Ländern, in denen es andere Formen der Landwirtschaft kaum gibt, zählen wir also etwa 110 Millionen Bauernwirtschaften, in denen eine Bevölkerung von 600—700 Millionen Menschen ihr Dasein fristen wird.
Europas Bestand an Bauernwirtschaften hat sich während des 19. Jahrhunderts jedenfalls nicht verringert, seit dem Ausgang des Weltkrieges sogar noch wesentlich erhöht. Von den größeren Bauernländern hat Deutschland etwa 5y 2 , Frankreich 5, Italien 4%, Österreich und Polen je 2%, Ungarn 2, die übrigen Länder zusammen 5 bis 6 Millionen Bauernwirtschaften, deren es in ganz Mittel- und Westeuropa also 27—28 Millionen mit vielleicht 150 Millionen Menschen gibt. Von der Gesamtfläche dieses Erdteils sind reichlich drei Viertel von Bauern bewirtschaftet. Diesen Durchschnitt weist Deutschland auf; manche Länder (England, Ungarn, Polen) bleiben unter dem Durchschnitt, andere (Italien, Frankreich, Irland) überschreiten ihn.
Der Westen hat eine unterschiedliche Entwicklungsrichtung in den verschiedenen Ländern eingeschlagen. Südamerika und Australien sind — dank vor allem dem Vorwiegen ihrer Viehwirtschaft — in weitem Umfange dem Großbetrieb anheimgefallen, obwohl seit einiger Zeit, namentlich in Argentinien, auch dort ein Bauerntum zu entstehen beginnt. Dagegen sind die beiden Teile Nordamerikas, Kanada und die Vereinigten Staaten, von jeher echte Bauernländer gewesen und bis heute geblieben. Wir dürfen natürlich, um das festzustellen, nicht mit europäischen Größenbegriffen die Grenzen des bäuerlichen Betriebes abmessen. Die Betriebe mit 175—500 Acres (70—200 ha, die in den Vereinigten Staaten (1920) 33,8% der gesamten in Kultur genommenen Fläche innehatten, haben wir als reine Bauernwirtschaften anzusprechen.
Dann ergibt sich, daß in den Vereinigten Staaten mehr als vier Fünftel (84,9%) Bauernland ist, in Kanada wahrscheinlich noch mehr. Diese 6—7 Millionen Bauernwirtschaften, die Nordamerika besiedeln,

SieDenundfüntzigstes Kapitel: Die Bauernwirtschaft
909
sind aber während des verflossenen Jahrhunderts ganz neu zu dem alten Bauernbestande der Erde hinzugekommen.
Die Zahl der Bauernwirtschaften in den Kulturländern aller drei Gebiete würde also 145—150 Millionen, die Zahl der in ihnen lebenden Menschen 750—900 Millionen betragen. Rechnen wir die Naturvölker dazu, in denen ja nur „Bauern“ wirtschaften, soweit schon Einzelwirtschaft herrscht, so kommen wir zu einer Gesamtzahl von mindestens 200 Millionen Bauernwirtschaften mit einer Menschenmenge von 1000 bis 1200 Millionen auf der Erde. Das würden etwa zwei Drittel der gesamten Menschheit sein.
III. Die Lage des Bauerntums 1. Die Konstanz
Was die Lage des Bauerntums anbetrifft, so ist zunächst als ein ihm in allen Ländern und zu allen Zeiten gemeinsamer Zug festzustellen, daß es eine große Beharrlichkeit, eine gewisse Konstanz seines Wesens bewahrt, daß es also als solches, vor allem auch in der ihm eigenen Betriebsgröße, sich erhält: es ist „der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht“. Den Grund dieser auffallenden Tatsache haben wir bereits kennengelernt: weil der kapitalistische Großbetrieb der Bauernwirtschaft nicht oder nur wenig überlegen ist, kann er deren Bestand nicht erschüttern.
2. Die Mannigfaltigkeit seiner Gestalt
Dieser Konstanz des Wesens steht eine große V erschieden- heit der Modi bäuerlicher Wirtschaft gegenüber, wie wir an einer anderen Stelle schon bemerkt haben. Zwischen einem ägyptischen Fellah und einem amerikanischen Farmer, zwischen einem deutschen Bördebauern und einem italienischen Mezzadro, zwischen einem russischen Muschilc und einem französischen fermier gibt es immerhin recht bedeutende Unterschiede.
Die Verschiedenheiten liegen zunächst in der Verschiedenheit der Wirtschaftsgesinnung: Vom reinen Bedarfsdeckungsprinzip zu einem mehr oder weniger rein ausgebildeten Erwerbsprinzip, von einem weltenfernen Traditionalismus bis zu einem hochentwickelten ökonomischen Rationalismus, von echtester Gemeinschaftsgesinnung bis zu einem kecken Individualismus werden wir wohl alle Schattierungen der Wirtschaftsgesinnung in den verschiedenen Typen von Bauernwirtschaften wirksam finden. In den „modernsten“ Formen des Bauern-

970
Schluß: Die Gesamtwirtschaft
tums, wie es etwa in Dänemark, in den Vereinigten Staaten, in Australien zu Hause ist, tritt uns ein Wirtschaftssubjekt entgegen, das wesentliche Züge des kapitalistischen Geistes in sich aufgenommen hat. Nur soll man in diesen Fällen gleichwohl nicht von „kapitalistischen Unternehmern“ sprechen. Dazu fehlt ihnen immer noch das Beste: die kapitalistische Unternehmung.
Verschiedenheiten ergeben sich ferner aus der unterschiedlichen Gestaltung der sozialen Ordnung, unter der die Bauern in den verschiedenen Ländern leben. Auch hier zeigt sich uns eine ganze Stufenleiter der Abhängigkeitsverhältnisse von halber Hörigkeit zu völliger Freiheit. Zeigen sich uns große Unterschiede in den Besitz- und Eigentumsverhältnissen: vom reinen Pachtverhältnis über den Teilbau zum reinen Eigentumsverhältnis. Zeigen sich uns sehr verschiedenartige Absatzbedingungen usw.
Endlich ist die Technik grundverschieden in den Bauernwirtschaften der verschiedenen Länder und Landesteile: verschiedene Anbaugewächse, verschiedener Intensitätsgrad, verschiedenartige Arbeitsmittel usw.
Diese Mannigfaltigkeit der Wirtscliaftsgestaltung bäuerlicher Wirt schäften steht in einem ebensolchen Gegensätze zu der Gleichförmigkeit in allen anderen Wirtschaftsgebieten wie die Konstanz ihres Wesens zu der Veränderlichkeit der Betriebsformen in diesem. Das gewerbliche Handwerk muß dem kapitalistischen Großbetriebe weichen, aber beide Wirtschaftsformen, wo sie auch auftauchen, weisen eine fast völlige Gleichheit der Gestalt auf. In der Landwirtschaft ist es, wie gesagt, umgekehrt.
Fragen wir aber nach den Gründen der Mannigfaltigkeit des landwirtschaftlichen Betriebes, so werden wir sie am ehesten gewahr werden, we nn wir uns dessen erinnern, was ich über die Ursachen der Gleichförmigkeit in der modernen Wirtschaft bemerkt habe: siehe das 36. Kapitel. Wir finden nämlich hier in derBauernwirtschaft weder die psychologische noch die sachliche Notwendigkeit, die die Gleichförmigkeit bewirkt, da die Motive mannigfaltige bleiben und die Mittel zur Herbeiführung eines Erfolges in der Landwirtschaft keineswegs so eindeutig bestimmt sind wie auf andern Gebieten des Wirtschaftslebens. Wir finden aber, und das ist wohl die Hauptsache, keine in den Bedingungen der Wirtschaft begründete Zwangsläufigkeit der Gestaltung, weil der landwirtschaftliche Betrieb und insbesondere die bäuerliche Wirtschaft in viel weiterem Umfange als irgendeine andere Wirtschaft sich der

Siebenundfünfzigstes Kapitel: Die Bauernwirtschaft
971
Hörigkeit des Marktes entziehen kann aus Gründen, die wir ebenfalls schon kennen. Es fällt also die auf Einheitlichkeit hindrängende Ursache fort, oder sie ist in ihrer Wirkung abgeschwächt. Deshalb aber können alle anderen Bestandteile des wirtschaftlichen Ursachenkomplexes ihre Wirksamkeit entfalten: Volkstum, Boden und Klima, Geschichte. Sie, die immer wirken wollen, aber die auf den übrigen Gebieten des Wirtschaftslebens durch die mächtige Konstante: Markthörigkeit überwältigt werden.
3. Die gleiche, ökonomische Lage der Bauern
Darunter wollen wir verstehen: das Maß ihrer Wohlhabenheit, die Gütermenge, über die die einzelne Bauernwirtschaft als ihren Ertrag verfügt, die Höhe also ihres Einkommens.
Da ist nun die gewiß von vielen nicht erwartete Tatsache festzustellen, daß über den ganzen Erdkreis hin, soweit wir die Spuren des Kapitalismus verfolgen können, während des verflossenen ruhmreichen Jahrhunderts das Bauerntum — in seiner großen Masse — sich in gedrückter Lage befunden hat. Nirgends vernehmen wir von einer wesentlichen Verbesserung seiner Daseinsbedingungen, von einem „Aufschwung“ seiner Lage, der etwa dem Aufstieg der Lohnarbeiterklasse oder gar dem wachsenden Reichtum der Bourgeoisie zu vergleichen wäre.
Um diese Sonderstellung des Bauerntums im Rahmen des hochkapitalistischen Wirtschaftslebens zu verstehen, müssen wir uns vergegenwärtigen, von welchen Umständen dessen ökonomische Lage bestimmt wird. Offenbar hängt sie von der Gestaltung folgender drei Variabein ab:
(1.) der Größe des Ertrages an Früchten in jeder einzelnen Wirtschaft. Diese wiederum — die natürlichen Gegebenheiten gleichgesetzt — ist das Ergebnis:
a) der Größe des Areals;
b) des Vollkommenheitsgrades der Wirtschaftsführung;
c) der Höhe der Nebeneinnahmen.
(2.) der Höhe des Anteils, den der Bauer an diesem Ertrage hat; sein Anteil wird um so kleiner sein, je mehr von ihm beansprucht:
a) der Staat in Gestalt von Steuern;
b) der Grundeigentümer in Gestalt von Diensten oder Pacht;
c) der Geldleiher in Gestalt von Zinsen;
(3.) den Preisen, die der Bauer auf dem Markte für seine Erzeugnisse erhält.

972
Schluß: Die Gesamtwirtschaft
Wenn nun auch durch die gesamte Bauernschaft der Erde ein Zug des Elends geht, so ist dieses begreiflicherweise nicht überall gleichgroß und sind vor allem seine Gründe nicht dieselben. Wir werden daher gut tun, verschiedene Gebiete in ihren besonderen Bedingungen getrennt zu untersuchen. Solcher Gebiete mit einigermaßen einheitlichen Bedingungen ergehen sich dieselben drei, die wir schon immer im Verlauf dieser Darstellung unterschieden haben: West- und Mitteleuropa, die alten Kulturländer und der koloniale Westen.
a) West- und Mitteleuropa
Es wäre eine Übertreibung, von einem durchgängigen Elend des westeuropäischen Bauerntums während des Zeitalters des Hochkapitalismus zu sprechen. Dazu ist seine Lage in den verschiedenen Ländern und Landesteilen zu verschieden und tragen auch die einzelnen Zeitepochen einen zu verschiedenen Charakter. Zweifellos hat sich das Bauerntum in unserem Kulturgebiete an manchen Stellen und zu manchen Zeiten in auskömmlicher Lage befunden und hat auch einen Aufschwung erlebt. Das gilt beispielsweise für große Teile der skandinavischen, der deutschen und französischen Bauernschaft.
Aber was sich auch von Mittel- und Westeuropa sagen läßt, ist doch dieses: daß sich in diesem Gebiete weite Kreise in einem Zustande chronischen Elends befinden, und daß die gesamte Bauernschaft zu verschiedenen Malen sich in sehr bedrängter Lage befunden hat.
Zu denjenigen Bauernschaften, die dauernd im Elend leben, gehören vornehmlich diejenigen von Irland, großer Teile Italiens und Südosteuropas. Die Gründe dieses Elendzustandes sind überall dieselben: zu geringer Ertrag der Wirtschaften infolge zu kleinen Areals, schlechte Wirtschaft und Verkümmerung des Nebenverdienstes sowie übermäßige Verringerung des Anteils der Bauern an diesem schon geringen Ertrage durch alle drei der obengenannten Mächte: Staat, Grundeigentümer, Geldleiher. Als wesentlich die gedrückte Lage bestimmender Umstand ist dabei die uns bekannte Vermehrung der Bevölkerung in dem verflossenen Jahrhundert anzusprechen.
Was aber die gesamte Bauernschaft Europas vorübergehend in harte Bedrängnis gebracht hat, sind die uns von früher schon bekannten Begleiterscheinungen der hochkapitalistischen Wirtschaft:
(1.) die Auflösung der alten Agrarverfassung;
(2.) die Senkung der Agrarproduktenpreise seit dem Ende der 1870er Jahre;

Siebenundfünfzigstes Kapitel: Die Bauernwirtschaft
97B
(3.) die Auswucherung durch die Geldleiher.
Während ich über den ersten und zweiten Punkt schon ausführlich gesprochen habe (siehe das 23. und das 17. Kapitel), will ich noch einiges über den dritten Punkt nachtragen. Ich nehme als Grundlage die deutschen Verhältnisse, die mir in mancher Hinsicht typisch zu sein scheinen.
Ich habe im 48. Kapitel bereits die Tatsache festgestellt, daß die „Finanzierung“ der Bauernwirtschaften häufig durch fremde Geldgeber erfolgt. Diese „Finanzierung“ nimmt nun häufig Formen an, die wir als Wucher oder wucherische Ausbeutung zu bezeichnen uns gewöhnt haben. Das heißt (im ökonomischen Sinne) eine Ausbeutung oder noch genauer, weil ganz ohne ethische Färbung: eine Anteilnahme an den Erträgnissen fremder Arbeit, die über den landesüblichen Durchschnitt einer Verzinsung hinausgeht. Eine solche „Ausbeutung“ pflegt dort sich einzustellen, wo besonders weltfremde und geschäftsunkundige Personen mit wirtschaftlich hervorragend begabten Elementen Zusammenstößen. Das aber trifft in vielen bäuerlichen Gegenden Deutschlands zu, namentlich in den kleinbäuerlichen Geländen des Westens und Südwestens (Hessen, Ith einlande, Elsaß-Lothringen, Baden, Teilen von Württemberg und Bayern). Hier ist (heute können wir schon sagen: war) es einer verhältnismäßig kleinen Anzahl von Handelsleuten (fast durchgängig jüdischer Abstammung) gelungen, einen großen Teil der Bauernschaft in eine tatsächliche Schuldknechtschaft zu bringen, also daß die kleinen Landwirte nicht mehr für sich und die Ihrigen, sondern fast ausschließlich für jene Geschäftsleute den Acker bestellten.
Wir besitzen über den „Wucher auf dem Lande“ eine Enquete des Vereins für Sozialpolitik aus dem Jahre 1887, die zur Zeit ihres Erscheinens viel von sich reden machte, und die von einer Reihe von Kritikern in der abfälligsten Weise beurteilt worden ist. Unzweifelhaft ist sie theoretisch, das heißt methodologisch, grundschlecht. In ihren praktischen Ergebnissen ist sie trotzdem, wie mir scheint, unübertrefflich gut. Denn was durch die fast stereotype Berichterstattung von Auskunftspersonen, die untereinander keinerlei Fühlung hatten, mochten die einzelnen Referenten auch so voreingenommen wie möglich sein, doch sicher erwiesen wurde, w'ar: daß die Auswucherung der kleineren und mittleren Bauern als eine allgemein verbreitete Erscheinung in Deutschland zu gelten habe, die in den genannten Gebieten eine besonders weite Ausdehnung erlangt hatte; eine Erscheinung,

974
Schluß: Die Gesamtwirtschaft
die dadurch in ihrer Tatsächlichkeit und Gesetzmäßigkeit aufgedeckt wurde, daß sie fast überall dieselben Formen angenommen hatte. Ich teile aus den Ergebnissen dieser Enquete einige mit.
Der „ Wucher au / dem Lande “ trat auf als Geld- oder Dahrlehnswuclier, als Viehwucher (Einstellverträge usw.), als Grundstückswucher und als Warenwucher (Kreditierung von Saatgut gegen Aushaltung eines Anteils- an der Ernte, Umtausch der landwirtschaftlichen Produkte gegen minderwertige andere Waren usw.). In fast allen Fällen handelte es sich um eine geschickte Verquickung aller dieser verschiedenen Arten, und, wie oben schon angedeutet wurde, erschien die völlige Abhängigkeit der bäuerlichen Wirtschaft von der Willkür des Handelsmannes als das Ziel, das dieser anstrebte und oft genug erreichte.
Zur Bestätigung gebe ich einigen Berichterstattern der erwähnten. Wucherenquete aus verschiedenen Teilen Deutschlands das Wort. Ihre übereinstimmende Schilderung der Vorgänge zeigt deutlicher, um was es sich handelt, als es eine theoretische Auseinandersetzung vermöchte.
Aus der bayerischen Rheinpfalz lautet der Bericht:
„Je ärmer die Gegend, desto schamloser macht sich das Wuchergeschäft breit. Abgelegene Ortschaften und Gehöfte werden mit Geld und anderen Lebensbedürfnissen ,versorgt“, müssen aber die Gänge ihrer Versorger teuer zahlen. Diese sind regelmäßig von alters her in größeren Ortschaften zahlreich ansässig und haben, um die Konkurrenz unter sich und mit anderen auszuschließen, das Land unter sich geteilt. Ein jeder besucht jeden Tag sein .Gäu“ und nimmt es jedem anderen kurios übel, der es unternimmt, ,ihm in sein Gäu zu gehen“. In ,seiner“ Ortschaft ist er Herr. Da vermittelt er die An- und Verkäufe von Vieh und Getreide, Futter und Grund und Boden. Häufig genug ist er selbst der einzige Verkäufer und Käufer aller dieser Artikel in den betreffenden Ortschaften. Manchmal ist das Arbeitsfeld dieser Leute auch in der Art geteilt, daß in einem Orte der eine nur in Gütern, der andere nur in Felderzeugnissen ,macht“, noch andere wieder das Brot, das Mehl, die Bohnen, Erbsen usw. liefern und für den gewährten Kredit sich ,billigen“ Preis anrechnen. Die Kreide wird meistens von ihnen allein, dafür aber häufig doppelt geführt, weil der Bauer entweder zu faul oder zu einfältig ist, seine Schuldigkeit selbst zu notieren.“ (Schriften des VfSP. Band 35, Seite 115.)
Uber die Zustände in den Rheinlanden läßt sich der Landwirtschaftliche Zentralverein dieser Provinz dahin aus, „daß die erwähnten Formen des Wuchers selten gesondert auftreten, in den meisten Fällen finden sie sich vereinigt, weil die eine Form notwendig aus der anderen hervorgeht. Das Endresultat ist meistens, wenn auch nicht immer, die absolute wirtschaftliche Abhängigkeit des Bewucherten von dem Wucherer. Dem letzteren gehört in Wirklichkeit Haus und Hof des armen Bauern, der Lohn seiner und seiner Angehörigen Arbeit fließt in die Tasche seines Gläubigers. Solange ein solcher Lohn noch erzielt wird, hütet sich der Wucherer wohl, die Schlinge zuzuziehen und durch Subhastation sein Opfer von Haus und Hof zu bringen, weil der Wert des Anwesens häufig der fingierten Schuldforderung nach-

Siebenundfünfzigstes Kapitel: Die Bauernwirtschaft
975
.steht. Erst wenn die Aussaugung so weit gediehen ist, daß keine Aussicht auf Gewinn mehr vorhanden ist, dann wird der Sache ein Ende gemacht, und der Bauer verläßt mit Erau und Kind als Bettler seine Heimstätte. Aber, so paradox es klingen mag, dies ist noch der bessere Ausgang des Geschäfts; viel schlimmer ist es, wenn der Bauer in einer Abhängigkeit, die der eines Leibeignen fast gleichkommt, festgehalten wird, aus welcher es ein Entrinnen für ihn nicht gibt. Nach den vorliegenden Berichten soll die Zahl solcher Existenzen eine nicht geringe sein. Äußerlich scheint alles in der besten Ordnung zu sein. Der Bauer bewirtschaftet seinen Hof, hat Inventar und Vieh, aber alles gehört dem Juden; er selbst ist nichts weiter als Taglöhner, der häufig noch froh ist, daß er nicht an den Pranger gestellt wird.“ (A. a. 0. Seite 199.)
Der badische Einanzminister Buchenberg er schreibt über die Zustände in Baden:
„Der Wucher tritt selten nur in der einen Eorm des Verleih- oder des Vieh- oder des Güter- oder Warenwuchers auf; vielmehr müssen, wie die angeführten Beispiele deutlich erkennen lassen, in der Begel alle möglichen Wucherformen Zusammenwirken, um den Schuldner nach und nach in den Zustand vollster Abhängigkeit vom Gläubiger zu versetzen. Gerade in der eigentümlichen, für die meisten Schuldner nach ihrem Bildungsstand kaum übersehbaren und bald überhaupt nicht mehr zu entwirrenden Verschlingung aller möglichen Rechtsgeschäfte aus Darleih Verträgen, Güter- und Viehkäufen usw. liegt die besondere Kunst des gewerbsmäßigen Wucherers, die ihm das von ihm ausersehene Opfer unrettbar verfallen sein läßt. Dabei ist die geldliche Aussaugung des Bewucherten bis zur völligen Erschöpfung desselben nicht minder traurig als die unglaublichen moralischen Demütigungen, denen er ausgesetzt zu sein pflegt. In einzelnen der oben mitgeteilten Fälle erscheint die persönliche Freiheit des Schuldners fast aufgehoben und dieser zur Rolle eines willensunfähigen Hörigen des Gläubigers verurteilt; er arbeitet nur noch für diesen, und je mehr er sich abmüht, von den Schlingen sich loszumachen, um so sicherer weiß ihn mit immer neuen Versprechungen, Drohungen, irreführenden Reden der Wucherer in seine Gewalt zu bekommen. Daß unter solchen Umständen manches der Opfer schließlich eine Art moralischen Stumpfsinnes sich bemächtigt, weil,alles doch nichts hilft', darf kaum wundernehmen; und ebensowenig kann man darüber staunen, wenn, wie in einem der beiden erwähnten Prozesse ziemlich glaubhaft gemacht worden ist, einer dieser jahrelang unbarmherzigst gequälten kleinen Bauern schließlich in seiner Verzweiflung keinen anderen Ausweg mehr als den freiwillig gesuchten Tod wußte.“ (A. a. 0. Seite 47/48.)
Man erinnert sich bei diesen Worten des prächtigen Romans „Der Büttnerbauer“, mit dem uns Wilhelm von Polenz, dieser unerreichte Kenner der ländlichen Psyche, beschenkt hat.
Ich deutete schon an, daß wahrscheinlich ein großer Teil der in diesen Berichten geschilderten Zustände heute bereits der Vergangenheit angehöre. Ihren Höhepunkt scheint in den meisten Gegenden die wucherische Ausbeutung des Landvolkes gegen Ende der 1870er

97G
Schluß: Die Gesamtwirtschaft
Jahre erreicht zu haben; das Wuchergesetz von 1880 hat wohl schon die allerschlimmsten Übelstände beseitigt. Was aber erst recht zu einer Eindämmung oder sogar Zurückstauung der wucherischen Flut geführt hat, ist doch etwas anderes. Es ist der Schutz, der dem Bauernvolk durch die während der 1880er und 1890er Jahre zu rascher Entf altung gelangenden Genossenschaftsbildung zuteil geworden ist. Vor allem gehören hierher die ländlichen Darlehnskassen; außer ihnen kommen in Betracht die Bezugs- und Verkaufsgenossenschaften. Sie alle haben mit Erfolg das gleiche Ziel erstrebt, den Bauern aus den Händen des Wucherers freizumachen, und sind (scheint es) im Begriffe, namentlich für den kleinen und mittleren Bauernstand eine neue wirtschaftliche Organisation zu schäften. Von ihnen spreche ich im folgenden Kapitel.
Die gedrückte Lage des deutschen Bauerntums in jenen kritischen Jahrzehnten tritt uns auch aus der Verschuldungsstatistik entgegen.
Die Zunahme der (hypothekarischen) Verschuldung betrug in den Jahren 1883—1896 in 42 preußischen Amtsbezirken in allen Besitzgruppen 23%, dagegen
in Gruppe III (Besitzungen von 100—500 Talern
Grundsteuerreinertrag).37%
in Gruppe IV (Besitzungen von 30—100 Talern
Grundsteuerreinertrag).55%
Meitzen-Großmann, Der Boden des preußischen Staates usw. (1901), 452.
Seit dem Beginne des Jahrhunderts ist die Verschuldung zum Stillstand gekommen: im Jahre 1910 machten die Schulden vom Bruttovermögen aus:
Grundsteuerreinertragsklasse vom Hundert
60— 90 Mk. 18,5
90—150 „ 20,1
150—300 „ 21,6
300—750 „ 22,8
Stat. Jahrb. für den preuß. Staat 1912, S. 303.
b) Die alten Kulturländer des Ostens Ich denke hier vornehmlich an Rußland, Britisch-Indien und Holländisch-Indien, deren Zustände als typisch angesehen werden können. Sie weisen eine auffallende Übereinstimmung auf: es sind, wie wir aus früheren Betrachtungen wissen, die Korn- (oder Reis-) Kammern des kapitalistischen Europas und gleichzeitig (deswegen, wie wir feststellen werden) die Länder des chronischen Elends und der periodischen Hungersnöte gewesen.

Siebenundfünfzigstes Kapitel: Die Bauernwirtschaft
977
Im zaristischen Rußland war der Bauer in seiner großen Masse und vor allem der Bauer der Getreideausfuhrzone unterernährt. So betrug — beispielsmäßig — der Reinertrag der russischen Getreideernte in den Jahren 1895—1897 (2 gute Ernten, 1 Mißernte) durchschnittlich 2186 Millionen Pud; die durchschnittliche Jahresausfuhr: 656 Millionen Pud. Für den Verzehr im Lande — Menschennahrung und Viehfutter — blieben also 1580 Millionen Pud oder 14,6 Pud auf den Kopf; das sind 239 kg oder ein Drittel weniger als der deutsche Getreidekonsum, obwohl Rußland viel weniger Kartoffeln und weniger Fleisch ißt. (Nach amtlichen Ermittlungen:C. Lehmann und Par- vus, Das hungernde Rußland [1900], 530.)
Schärfere Formen nahm das Elend an, wenn eine Mißernte auftrat, die dann für weite Gebiete eine Hungersnot im wahren Sinne des Wortes herbeiführte. Solche Mißernten stellten sich (und stellen sich) in Rußland in regelmäßiger Wiederkehr ein: wir verzeichnen sie in den Jahren 1879 und 1880, 1891 und 1892, 1897 und 1898, 1907 und 1908 (die Mißernten treten meist zwei Jahre hintereinander auf: die besten Studien hat der russische Statistiker Lossizky angestellt, der auch den genannten beiden Verfassern des „hungernden Rußland“, soweit sie nicht aus eigener Anschauung schöpften, als Quelle diente).
Die Gründe, die diesen Zustand herbeigeführt haben, sind sehr mannigfach, lassen sich aber auf zwei uns bereits bekannte Grundtatsachen zurückführen: die rasche Zunahme der Bevölkerung und das Eindringen des Kapitalismus. Diese hatten mittelbar und unmittelbar zur Folge, daß alle jene Umstände, von denen wir die ökonomische Lage des Bauern abhängen sahen, sich ungünstig für ihn gestalteten,
(1.) Der Ertrag der Bauernwirtschaft war gering:
a) wegen der Kleinheit der Stelle:
Bei der Bauernbefreiung und der damit verbundenen Landzuweisung sind die Ackerlose im allgemeinen zu klein bemessen worden. Die Staatsbauern erhielten 6,7 Deßjatinen (1 Deßj. = 1ha), die Apanagebauern 4,9, die Gutsbauern 3,2, im Schwarzerdegebiet jedoch nur 2,2, im Gouvernement Podolien 1,9, in den Gouvernements Poltawa und Kiew 1,2. Vielfach begnügten sich die Bauern, um den hohen Zinslasten zu entgehen, mit den zinsfreien sogenannten Bettelanteilen im Umfange von 0,9 bis 1,1 Deßj. Seit der Bauernbefreiung bis zur Revolution hatte sich die Bauernschaft von 45 auf 110 Millionen Köpfe vermehrt. Die Anteile, die auf den einzelnen entfielen, waren also noch kleiner geworden und sind der völligen Pulverisierung nur dadurch entgangen, daß doch immer etwas Gutsland hinzugekauft wurde. Trotz dieses Zuwachses, den das Bauernland erfuhr, sank die Durchschnittsgröße des einzelnen Bauemgrundstücks von

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1025
I. Scliriftstellerverzeichnis
1. ä, ö, ü, sind wie ae, oe, ue behandelt worden.
2. Zusammengesetzte Namen, wie Le Coutre, Dubois—Reymond, sind unter dem Anfangsbuchstaben des ersten Wortes angeordnet.
3. Bei mehreren Autoren des gleichen Namens richtet sich die Anordnung nach dem Anfangsbuchstaben des Vornamens.
Adler, Max 904.
Aereboe, F. 295. 714. 786. 1022. Aftalion, A. 464. 553.
Agahd, E. 718.
Agricola, G. 887.
Aikin 162.
Albuehez, G. 552.
Alterthum, P. 370.
Altmann, P. S. 555.
Altrock, W. v. 299. 997.
Amd 44.
Anderson, B. M. 555.
Andr6ades 150.
Apelt, A. 981.
Apelt, K. 226. 256.
Aristoteles XIV.
Amaun6, A. 44.
Arrivabene, J. 323.
Ashley, P. 44. 56. 714.
Ashton, T. S. 521. 831.
Atkinson, E. 466.
Augier 44.
Augstin, M. 261.
Aupetit-Brocard, A. 638.
Avenel, G. d’ 147. 165. 594. 619. Avril, V. 149.
Aycard 150.
Babbage, Ch. 76. 887.
Backhaus, A. 715. 787.
Bacon, F. 78.
Bagehot, W. 29. 150. 189 f. 1013. Bailland, E. 322.
Baines, E. 76. 239.
Ballod, K. 227. 722.
Banfield 379.
Barbour, Sir D. 555.
Bar6ty, L. 717.
Barnett, G. E. 692.
Barrett, W. 4.
Bastable, C. F. 44.
Bastiat 143.
Bauer, O. 45. 364. 448. 555. Bauer, St. 723.
Bäumer, G. 369, 903.
Beck, L. 75.
Becker, H. 44. 173.
Becker, M. 259.
Beckerath, H. v. 186. 520 f. 707. 834. Becqu6, E. 471. 493 f.
Behr, F. 795. 830. 913.
Bellers, J. 611.
Beloch, J. 366. 388.
Bensing, F. 719.
Berard, V. 46.
Berg, Frhr. A. v. 379.
Berger, E. 637.
Berglund, A. 716.
Bergmann, E. v. 554.
Bernay, E. L. 552.
Bemays, M. 124.
Bemet, F. 368. 431.
Bernhard, L. 723. 936 f. 939. Bernoulli, Ch. 76.
Bernstein, E. XVII. 214.
Bertenburg, C. 227. 241.
Berthold, R. 716.
Beusch, P. 366.
Be van 371.
Beveridge 370.
Beyer, F. Ch. 241.
Bienengräber 342.
Biedenkamp, G. 75.
Billingsley 344.
Binz, A. 74 f. 82. 85. 268 f. 891. Biringuccio, V. 887.
Bisschop, W. R. 150.
Black 521.
Blanc, L. 816.
Blatchford 62.
Bloch, J. S. 262.
Blume 96.
Block, M. 791.
Blunk 718.
Bode, H. 637.
Bodenstein, N. 363.
Böhm-Bawerk, E. v. 127 f. 133 f. 941.945. Bonikowski, H. 717.
Bonn, M. J. 44.
Booth, Ch. 416.

1026
I. Sckriftstellerverzeichnis
Borgius, W. 44. 595.
Bortkiewicz, L. v. 149.
Bouniatian, M. 553.
Bourgouin, M. XVII.
Bowley 371.
Bozi, A. 5.
Brake, L. 76.
Brassey, T. 369. 445. 723. 933. Braude, B. 46.
Braun, F. 716.
Braun, L. 369.
Brenninkmeyer, B. 210. 216. Brentano, L. 723.
Breysig, K. 10.
Briefs, G. 127.
Brinkmann, F. 723.
Brinkmann, L. 75. 721.
Brinkmann, Th. 249. 718.
Brisse 723.
Briasenden, P. F. 368. 441.
Britschgi-Schimmer, J. 364. 392. 452. Broesicke, M. 363. 399.
Brookings, B. S. 4. 215. 670. Brüning, A. P. 718.
Brutzkus, B. 382.
Bry, G. 323.
Bryce, J. 322. 329. 452.
Buoerius, W. 724.
Buch, L. v. 369.
Buchenberger 975.
Bücher, K. 367. 411. 521. 719.
Bülow, v. 191.
Buhle, M. 76.
Bulgakow 470.
Burckhardt, J. 606.
Burgeß 551.
Caillez, M. 720.
Caimes, J. E. 322.
Cal wer, B. 226. 565.
Cannona 712.
Capefigue, M. 147. 159.
Capitaine, E. 74.
Carli, F. 45.
Carlioz, J. 4. 714. 724.
Carnegie 120. 821.
Caro, B. de 595.
Carthaus, V. 721.
Carver 215.
Cassau, Th. 638. 688.
Cassel, G. 54. 148. 155. 174. 277. 353. 464. 520. 554. 674. 577. 579. 686.
I Chalmers, Th. 374. 376.
Chamberlain, J. 46.
! Chambert, de 294.
Chapman, S. J. 4. 20. 521. 831. 843. j Chaudin 719. j Chiozza-Money 148.
Christians 566.
Clark, John Bates 128. 140. 369. Clark, John Maurice 521. 639. 713. Clark, William J. 742.
Cobden, B. 44.
Coffignon 594.
Coletti, F. 365.
Columella 887.
Commons, J. B. 894.
Comstock, L. M. 719.
Conant, Ch. A. 150.
Conant, L. 847.
Conrad, J. 245. 250. 335. 676. 713. 921. Coolidge, A. C. 47. *
Com61issen, Ch. 369. 468.
Cournot 527.
Courtois, A. 150.
Cramb, J. A. 46.
Cramer, Th. 323.
Crane, W. B. 149.
Crescentius, P. 887.
Crine, S. 46.
Critchell, J. T. 229.
Cromer, Earl of 46.
Cuhel, F. 520.
Cunningham, W. XVIII. 42. 44. 323. Curie 149.
Cushing, A. 718.
Custodi 194.
Czolbe 595.
Daele, W. van den 902.
Darmstaedter, L. 112.
Daubi6, J. V. 369.
Daudet-Baneet 986.
Dauzat 47.
David, E. 715.
Davies 373.
Defoe, D. 508. 556.
Delaisi, F. 720.
Del Vecchio, G. S. 380.
Deloge, L. G. 724.
Del Mar, A. 149. 322. 328 ff.
Dipitre 717.
Deseille 716.
Despaux, A. 148.

I. Schriftsteller Verzeichnis
1027
Dettweiler, F. 350.
Deutsch, F. 215.
Deutsch, H. 724. 923.
Dewing, A. St. 721.
Diemer, H. 724.
Diesel, R. 75.
Dieterici 342 f. 783.
Dietrich, R. 715.
Dietzel, H. 44. 229.
Dilke, Ch. 45.
Diouritch, G. 718.
Dix, A. 46.
Djelal 149.
Dobb, M. 4.
Dodge, J. M. 722.
Döring, H. 43.
Douglas, P. H. 371.
Drage, G. 46. 370.
Drösser, E. 94.
Dubois-Reymond, A. 74. 82. 86. 94.
112 .
Duclos, L. 719.
Dudley Evans, A. 192. 228. 279. 581. Dühring, E. 74. 221.
Duimchen, Th. 552. 720.
Dulac, A. XVIII.
Dutt, R. 489.
Dutton, H. P. 724.
Dyrenfurth, F. 719.
Dzialas, F. 247.
Eberstadt, R. 416. 422.
Eckert, Ch. 322.
Eden 373. 508.
Edie, L. D. 173. 639.
Edwards, G. W. 720.
Eheberg, Th. v. 487.
Ehrenberg, R. 75. 147. 367 f. 425.
427 f. 442. 637. 647.
Einaudi, L. 381.
Eliasberg, W. 722.
Ellison, Th. 241. 465. 489.
Elster, L. 304.
Ely, R. T. 520. 551.
Emminghaus, A. 887.
Engel, E. 226.
Engelmeyer, P. K. v. 74.
Engelbrecht, Th. H. 228.
Engel, E. 249. 404. 411.
Engels, Fr. 242. 375. 702.
Engländer, O. 228.
Enke 718.
Sombart, Hochkapitalismus H.
Epstein, M. 149.
Ergang, C. 368.
Ermanski, J. 712. 722.
Emst, P. 128.
Ertel, J. 245.
Escher, R. 74.
Essars, P. des 150.
Eßlen, B. 521. 553.
Eucken, W. 717.
Eulenburg, F. 520. 555. 792.
Evans, D. M. 553.
Evth, M. 74 f. 119. 367. 509 f. 719. 721. 892.
Fairchild, H. P. 365.
Falize, L. 770.
Faßland, F. siehe Pinner, F.
Faust 191.
Fayol 714. 720.
Feig, ,T. 637.
Feiler, A. 553. 581. 718.
Felsen, Comte de 46.
Fenelon, K. G. 228.
Ferenezi, E. 364.
Findeisen, F. 722.
Fircks, v. 384.
Fischer, E. XVII. 718. 832. 997 f. Fischer, G. 719. 826.
Fischer, K. 717.
Fischer, W. 555.
Fisher, J. 127. 149. 181. 555.
Fleck, A. A. 228.
Foerster, R. F. 365.
Ford, H. 37. 40. 169. 539. 585. 721. 801. 821. 899 f. 913. 915. 917. 919. 923. 931.
Fraas, C. 724.
Francheville, D. de 505.
Francken, Th. 265.
Franke-Fahle, G. 718.
Frankel, E. 368. 441.
Frech 1010.
Freemann, J. 45. 47.
Frenz, G. 919.
Frenzei, J. C. F. 334. 378.
Frey, J. F. 905.
Freytag, G. 723. 897. 899.
Fried, A. H. 47.
Friedjung 45.
Friedländer, K. Th. 552. 718.
Fukuda, T. 553.
I Funke, G. W. L. 332 f.
65

1028
I. Schriftstellerverzeichnis
(ialiani 194.
Galilei 79.
Gail 191.
Garbotz, G. 595. 794. 923.
Garnier, R. M. 42. 323. 343.
Garve, Ch. 594.
Gaskell, P. 323. 337. 344.
Gassert, G. 366.
Geitel, M. 75.
Geliert, A. 240.
Genovesi 194.
Gerckens, W. 228.
Gering, H. 715.
Gerstenberg, Ch. W. 171. 721.
Ghent, W. J. 552.
Gibbins, H. de XVIII.
Gide, Cb. 720. 986.
Gierke, 0. v. 42. 983.
Giese, F. 368. 436.
Giese, K. 638. 674. 676.
Giesen, W. 271.
Giffen, R. 148.
Gilbart, J. W. 149.
Gilbretb, F. B. 722.
Gini, C. 148.
Godwin 307.
Goertz-Wrisberg, W. Graf 246. Goethe, J. W. v. 612 f.
Goldenweiser, E. A. 715.
Goldschmidt, K. 716.
Goldstern, V. W. 382.
Goltz, Tb. Frhr. v. d. 323. 718. Gonnard, R. 304. 365.
Gorter, H. 45.
Gottl-Ottlibenfeld, F. v. 77. 85. 367. 721.
Graham, P. A. 363.
Grant, A. J. 47. 937.
Grasso, C. 44.
Grauer, K. 227.
Graziani, A. 370.
Gregory, T. E. XVTII. 44.
Greineder, F. 1001.
Griffin, A. P. C. 44.
Griffon 639.
Großbolz 333.
Grotjahn, A. 594.
Grünberg, C. 718.
Grünfeld, J. 712.
Grunzel, J. 244.
Günther, H. (W. de Haas) 76.613.1011. Gurewitsch, B. 520.
Hackert, Th. 718.
Haenel, H. G. 3.
Haines 852.
Harnisch, M. 127. 131. 363.
Hahn, L. A. 148. 179. 187.
Halle, E. L. v. 45f. 76. 227. 322. i ,716. 981.
Hammer, J. 45.
Hammersley, S. S. 4.
Hamond, B. 323.
Hamond, J. L. 323.
Handrick, J. 368.
Haney 229.
Hanffstengel, G. v. 74. 568.
Hansen, A. H. 371. 469. 553.
Hardy, Cb. O. 638.
Harms, B. 47. 229. 637.
Hartmann, W. 719.
Hasbacb, W. 323. 338. 373f. 377. Hasenclever, A. 46.
Hasenkamp, A. 151. 204.
Hashagen, J. 44. 46.
Hassert, K. 366.
Hauser, H. 47. 718.
Haussonville, Le Comte d’ 369. Hawley, F. B. 3. 128. 131.
Hecht, L. F. 151.
Hefendabl, H. 128.
Hegel, G. W. F. 797.
Heidebroek, E. 724.
Heile, P. 226.
Heine, H. 292.
Heinemann-Braunschweig, Br. 239. Helander, S. 150. 229. 717.
Helfferich, K. 148. 173. 422. 494. Hellauer, J. 637.
Heller, A. 241.
Hellpach, W. 367 f. 724. 929.
Hendrick, B. J. 4.
Hendrick, B. U. 147.
Herbig 369.
Herkner, H. 368. 638. 723f.
Hermann, F. B. W. 378.
Hermberg, P. 226. 499.
Herrmann, E. 77. 110.
Herrmann, K. A. 149.
Hertel, L. 272.
Herzfeld, M. 555.
Herzog, S. 720.
Hesse, A. 713. 921.
Heymann, H. G. 716. 932.
Hildebrand, G. 164. 229.

I. Schriftstellerverzeichnis
1029
Hilferding, R. XVII. 46. 127f. 161.
620. 665. 717. 881. 962.
HiU, R. 662.
Hiltebrandt, Ph. 46.
Hirsch, J. 276. 699. 638. 714. 718f. 768. 784. 799. 802f. 862. 864. 866. 869. 932. 983.
Hobson, J. A. XVIII. 44. 46. 84. 369. 471. 521. 878.
Hobson, C. K. 471. 491. 496.
Hohoff, W. 127.
Honcamp 260.
Honermeier, E. 639. 721. 807. Hoschke 719.
Houet, A. P 897.
Hoverden, Gr. 378.
Huber, V. A. 986.
Hübner 226. 335.
Hübner, 0. 150. 538.
Hügelin, C. 716.
Hughan, J. W. 47.
Hughes, J. 4. 160. 779.
Hugo, C. 520.
Husain, Z. 228. 262. 980.
Huth, W. 150.
■Jaeini, St. 323.364.380.392.452. Jackmann, W. T. 228.
Jacob 191. 992.
Jacobi 342. 379.
Jacobi, Dr. 121.
Jacobsohn, A. 229.
Jacoby, W. 127.
Jaffö, E. 150. 874.
James, B. 162.
James, E. J. 366. 389.
Janbert, G. P. 269.
Jannasch, R. 365.
Jaroslaw, B. 551.
Jastrow, J. 370.
Jauch, B. 368.
Jeidels, O. 720. 754.
Jellineck, G. 42.
Jenks 796.
Jevons 131. 564.
Ilgen, E. 227. 981.
Jobard, M. 110.
Johnson, E. R. 759.
Johnson, S. C. 366.
Jones,E. 159 f.550.663.716.743.848.851. Jones, E. D. 724.
Jordan, D. F. 639.
Joseph, L. 720.
Jüngst 371.
Jürgensohn, A. 74.
Jung, A. 1002. 1006.
Juraschek, F. v. 226. 269. Juraschek-Voelcker, v. 240.
Jutzi, W. 716.
Kablukow 374.
Kaerger, K. 363.
Kaindl, J. J. 652.
Kämmerer, O. 76. 238f. 241. 724. 922. 925.
Kaplun-Kogan, W. 365. 382. 396. Kapp, E. 77.
Kaskel, W. 638.
Katz, E. 323. 336.
Katzenstein, L. XVII.
Kaufmann, E. 150. 208. 873f. Kautsky, K. XVH. 45. 127. 304. 315.
555. 698. 716. 717.
KeUermann 722.
Kelsen, H. 42.
Kestner, Fr. 663.
Keup 716.
Kimban, D. S. 724.
Kimloeh-Cooke, C. 365.
King, W. J. 148. 986.
Kirkaldy, A. W. 228. 279.
KjeUen, R. 45.
Kleinwächter, F. v. 128. 520. Kleppner, O. 552.
Klotzbach, A. 639.
Knapp, G. F. 53. 323.
Knies, K. 148. 177. 228. 232. 287. 637. Knoke, A. 364.
Knowles, L. C. A. 46. 228. 495.
Knox 151.
Kobatsch, R. 47.
Koch, v. 494.
Kockerscheidt, J. W. 227.
Koebner, O. 365.
König, L. 552.
Koettgen, C. 271. 695. 699. 632. 718. Kohl, J. G. 366.
Kolb 487.
Kollmann, P. 378.
Komorzynski, J. v. 148f.
Koppe 378.
Kotany 542.
Kraft, M. 76. 240. 721.
Kraus, A. 620.
65 *

1030
I. Schriftstellerverzeichnis
Kretzschmar, W. 962.
Krüger, G. 368. 442.
Krünitz 131.
Krupp, A. 927.
Kuczynski, R. 4. 299. 371. 451. 571. Kühne, A. 368. 439.
Kuh, F. 3.
Kulemann, W. 638.
Kulischer, J. 74. 148. 162. 189. Kumpmann, K. 370.
Kyrk, H. 520.
Labriola, Arturo, XVIII. 128. 521. Ladenburg, A. 75.
Lagardelle, H. 33.
Lamberson, F. 371.
Lammers 43.
Landauer, C. 128.
Landauer, E. 717.
Landmann, J. 397. 471.
Lang, A. 826.
Lang, R. 367.
Lange, H. 369.
Langlotz 719.
Langworthy Taylor, W. G. 148. Lardner, D. 228. 232.
Lauffenberg, A. u. F. Wolffheim 44. Lavergne, B. 720. 1006.
Lawson, W. J. 150. 194. 201. 552. 720. 782.
Lawson, Th. W. 147. 159. 686.
Le Coutre, W. 615.
Le Marchant Minty, L. 150.
Leake, H. M. 228.
Lederer, Em. 367. 554. 637 f. 952.
Lee, J. 714.
Leener, G. de 520.
Legoy t 366.
Lehmann, C. 228. 263. 977ff.
Leist, Al. 43.
Leitner, F. 150, 638. 714. 725. 909ff. 926. 935.
Lengerke, A. von 333 f.
Lenin, N. 45. 67. 470.
Lenz, Fr. 43. 57. 65. 96. 471.
Lenz, M. 43.
Lenz, P. 717.
Leo, F. 639.
Leroy-Beaulieu, P. P. 44. 304. 322.
330. 365. 937.
Lescure, J. 553.
Leuchs, J. M. 887.
Leutwein, P. 365.
Levasseur, E. 42. 161. 369.
Levy, H. 229. 297. 301. 323. 336ff.
344. 639. 716.
Lewin, D. 369.
Lewinski, J. St. 323.
Lewis, S. 635.
Lexis 149. 202. 941.
Leyen, v. d. 229.
Lichtenstein 47.
Liefmann, R. 128. 151. 520. 720. 722.
742f. 780 f.
Liesse, A. 714.
Lightner, 0. 653.
Lincoln, E. E. 170. 215. 646. 706. 708. 713. 732. 736. 763. 782. 802f. 831. 863. 944.
Lindecke 987.
Lindsay 227.
Lins, W. 637.
Lipmann, 0. 368. 435.
Lippert, G. 75.
Lips, Al. 191.
List, F. 379.
Llewellyn Smith, H. 416 f.
Löwe, A. 45. 554.
Löwy, J. 117.
Loria, A. XVIII. 128. 315. 380. 470. Losch, H. 227.
Lossizky 263. 977.
Lotz, W. 228.
Louis, P. 638. 692.
Ludovici 887.
Lübbert 807.
Lübke, A. 1012.
Lupton 262.
Lux, K. 719.
Luxemburg, R. XVII. 45f. 127f. 147. 322. 470. 475. 480. 717.
Mac Vey, F. L. XVIII.
Macara, Sir Ch. W. 639.
Mach, E. 74.
Macrosty, H. W. 639.
Madelin, L. 46.
Makai, Ö. 720.
Malthus, Th. R. 304. 307 ff.
Mamroth, K. 873.
Mandeville, B. 84. 313.
Manes, A. 638.
Mann, L. B. 719.
Mannstädt, H. 370. 521.

I. Schriftstellerverzeichnis
1031
Manteuffel, v. 147.
Marbe, K. 655.
Marek, S. 45.
Mareks, B. 44.
Mario 409.
Marperger, P. J. 203. 556.
Marquardt 715.
Marquis, F. J. 4. 20. 843.
Marschak, J. 637 f.
Marshall 120. 147. 227. 232. 410.
520f. 554. 714. 775.
Martin, G. XVII. 252. 294.
Marvaud, A. 44.
Marx, K. XVIff. 7. 30. 37. 127f. 131. 135. 137. 143f. 147. 149. 162. 180. 192. 224. 239. 311 ff. 317. 319. 337. 358. 361. 365. 370. 374f. 377. 459. 470. 474ff. 488. 501. 555. 564. 579. 583. 595. 611. 671. 701f. 719. 723. 750. 769. 816f. 822. 843. 882f. 924. 929. 931. 933ff. 939. 945. 952. 986. 1008. 1022.
Masslow, P. 470. 618. 718.
Mataja, V. 552.
Matare, F. 77.
Matschoss, C. 75. 280. 923.
Maunier, R. 366.
Mayr, G. v. 364. 387.
Mc. Culloch 337. 470. 472. 507. 775. Mc. Dougall 9. 74.
Mc. Leod 130. 148ff. 176. 180. 198. 220f.
Meade, E. S. 720.
Meerwarth, R. 226. 370. 713. 766. Mehrens, B. 150.
Meier zu Selhausen, H. 717. Meinecke, Fr. 42.
Meitzen-Großmann 976.
Mencke, C. 552. 720.
Meredith, H. O. 44.
Merivale, H. 365.
Mertens 229. 262. 297. 384.
Metcalf, H. C. 714.
Metzler, L. 151.
Meuriot, P. 366. 388. 390.
Meyer, G. 349.
Meyer, H. 75. 366. 721.
Michell, H. 261. 982.
Michels, R. 47. 367.
Miethe, A. 75.
Mill, J. St. 129. 149. 221. 310. 521. Mises, L. 43.
Mitchell, W. C. 553. 647.
Mitscherlich, A. 722.
Model, P. 150.
Moede, W. 368. 436.
Moeller, H. 43.
Möller, P. 927.
Mönckmeier, W. 336. 366. 384. Mohrmann, W. 128.
Moldenhauer, P. 638.
Mombert, P. 304. 324. 553. Montemartini 147.
Montesquieu 305 f.
Montgomery, R. H. 721.
Monypenny, W. F. 46.
Moody 639. 847.
Moreau de Jonnes, A. 322. 326. Moride 719.
Morley, J. 44.
Mortara, G. 324. 361. 381. Morton-Fullarton, W. 43.
Morus, Th. 56.
Moses, F. 638.
Motschmann, G. 151. 195.
Mucke, J. R. 246. 379.
Mührer 715.
Müller, F. 3.
Müller, G. 76. j Müller, S. 74.
Müller, W. 718.
Müller-Liebmann, R. 74.
Münsterberg, H. 367. 434f.
Muhs, K. 128, 521.
Muirhead, J. 75.
Mulhall, M. G. 226. 337.
Murken, E. 717.
| Murphy, J. B. 330. j Myers, Ch. S. 367.
Myers, G. 4. 31. 43. 147. 168. 552. 720.
Nachimson, M. 45.
Nägel 88.
I Narain, B. 259.
Naumann, Fr. XII.
Nauticus 856.
Nearing, S. 45. 47.
Neißer, H. 521.
Nestriepke, S. 520. 638.
Neu, K. 521.
Neubaur, P. 719.
Neuburger, O. 594. j Neudeck, G. 75.
! Neumann, B. 266.

1032
I. Schriftatelierverzeichnis
Neumann, Er. J. 377f. Neumann-Spallart, F. 226.
Neurath, O. 364.
Newmarch 260.
Neymarck, A. 211. 214f. 471. 493. Nicholls 373.
Nicholson, J. S. 363. 370.
Nioklisch, H. 714f.
Nicolai-on 228. 323. 351. 470. Nipperdey, H. 43.
Noback, F. 723.
Nogaro, B. XVIII.
Noir6, L. 110.
Nordan, M. 382.
Norden 637.
Nordenholz, A. 227.
Nußbaum, A. 151.
Nystroem 719. 869. 998.
Obst, G. 715.
Offergeld 720.
Offermann, A. 128.
Ogg, F. A. XVIII. 338.
Ogle 373 f.
Oldenberg, K. 229. 594.
Oldenburg, G. 246.
Olshausen, J. 76.
Onoken, A. 306.
Oppel, A. 831.
Oppenheimer, F. 128. 363.
Ostwald, W. 1012.
Othmer 615.
Overstreet, H. A. 714.
Overzier 717.
Owen, R. 992.
Oualid, W. XVIII.
Pacoret, E. 75.
Padberg, A. 334.
Paish, G. 492. 495.
Palewski, J. P. 714. 720.
Palyi, M. 149. 304. 471. 722.
Paon, M. 364. 397.
Papacostea, A. 470.
Park 651.
Parson 434f.
Parvus (Helphand) 45. 228. 263. 977 ff. Passama, P. 802. 880.
Passow, R. 127. 521. 709. 716. 718. 737. 1006.
Paterson, J. W. 345. 363. 374.
Patow, Frhr. v. 247.
Patterson, R. H. 554.
Peez, A. 279.
Peiseler, G. 714.
Pereis, E. 719.
Peri, G. D. 887.
Perrin, E. O. 646.
Petrazycki 752.
Petrenz 370.
Pfannenschmidt, E. 258. 261. 275. 296. Pfitzner 209.
Philippovich, E. v. 379.
Picard, E. 43. 159. 495. 721. 807. 852. Pinkus, N. 554.
Pinner, F. 4. 16. 22. 75. 716. 820. Pinto, J. de 191.
Piorkowski, C. 436.
Planck, M. 74. 82.
Plechanow 521.
Pleißner, E. 717.
Plenge, J. XII. 150. 379. 686.
Pohle, L. 229.
Polansky, G. 228. 323. 470. Popper-Lynkeus, J. 75.
Porter, Ch. T. 57. 75. 374. 775. 791. Poschinger, H. 150.
Pothmann, W. 918.
Poupart 719.
Pratt, E. A. 280.
Preyer, W. D. 323.
Pringsheim, O. 718. 762.
Prinzing, F. 360f. 614.
Prion, W. 151. 203.
Probus 46.
Prothero, K. E. 723.
Pudor, H. 595.
Quaintance, H. W. 719.
Quesnay 306.
Rabbeno, U. 44. 228.
Rabe, O. 992.
Radek, K. 45.
Raffard 717.
Raich, M. 381.
Raiffeisen 988.
Ranke, L. v. 43.
Rasch, A. 594.
Rathenau, E. 119.
Rathenau, K. 521. 536. 544.
Rathenau, W. 3. 625. 718. 747. 821. Rathgen, K. 366.
Rau 133. 379.

I. Schriftstellerverzeichnis
1033
Rauchberg 418.
Rauert, J. 241.
Ravenstein, E. G. 363.
Raymond, J. 229.
Rech, W. 368. 440.
Reden, Erhr. v. 377. 661.
Redgraves, A. 453. 586.
Reibnitz, K. Frhr. v. 212. 471.
Reich, E. 721.
Reichwein, Ad. 226.
Reier, E. 76. 244. 280.
Reinsch, P. S. 47.
Renard, G. XVIIf.
Renner, K. XVII. 45. 486. 718. 952. Respondek, E. 872.
Reuleaux, F. 110. 909. 965.
Reybaud, L. 110.
Ricardo 131. 143f. 149. 251. 310. 470. 472f. 477 f.
Ricca-Salemo, G. 368.
Richelot 44.
Riedel, J. 368. 724.
Riedler, A. 18f. 32. 37. 75. 86. 119. 721.
726. 793. 892f. 914.
Rieppel, P. 721. 915. 929. 932. 940. Rießer, J. 150. 717. 874. 878. 881. Ripley, W. Z. 229.
Ritter, K. 723.
Robertson, D. H. 147. 149. 181. 554. 564. 674. 679.
Rodbertus, K. 127. 133. 334f. 470. 474. 477.
Röpke, W. 554.
Roesler, R. 722. 888. 900.
Rogers, E. Th. 42.
Rohrbach, P. 46.
Roland 67.
Roscher, W. 365. 673.
Rosendorff, R. 718.
Rosenstock, E. 367.
Roß, C. 722.
Rota, P. 189.
Rothstein, Th. 46. 322. 327.
Rott, P. 521. 642.
Roumans 46.
Roxby, P. M. 363. 374.
Rubinow, J. M. 371. 718.
Rubinstein, M. 718.
Ruggiero, G. de 42.
Ruppin, A. 383.
Rüssel Smith, J. 226.
Rybark, J. 722.
Sachsenberg-Kuhn 3.
Saint-Löon, E. M. 719. 761.
Saitzeff, M. 122. 226f. 542.
Saling, A. 494.
Salomon, A. 369.
Salomon, F. 46.
Salz, A. 147 f. 365. 368. 450. Sartorius, O. 5.
Sauerbeck 174. 272. 282. 665. 567. 570. Savary 887.
Sax, E. 228. 378. 638.
Say 470. 472. 478.
Sayous, A. E. 150.
Schachner, R. 228. 258. 262.
Schäfer, F. 830.
Schäffle, A. 42. 371.
Schär, J. F. 621. 643. 651. 697. 714.
719. 783. 798 ff. 804. 864. 987. Scheffler, K. 595.
Scheler, M. 74. 522.
Schiff, W. 715. 1021.
Schilder, S. 229.
Schilling, A. 714. 909. 911.
Schindler, E. 368.
Schippel, M. 322. 329. 364. 397. 448. 453.
Schloß, D. F. 723. 936 ff. Schmalenbach, R. 715. 720. Schmeidler, W. F. C. 163.
Schmer, Th. 240.
Schmid, H. 347.
Schmidt, E. W. 228. 275.
Schmidt, F. 715.
Schmidt, K. B. 76. Schmidt-Weißenfels, E. 148. Schmoller, G. XVII. 44. 46. 173. 212.
323. 342. 494. 551. 1008. Schnapper-Arndt, G. 148.
Schnee, H. 366.
Schneider, O. 637.
Schmell, K. F. 378.
Schönberg, G. 1018.
Schoenhoff, J. 369.
Schönitz, H. 987. 996.
Schötzel 364.
Schopenhauer, A. 8.
Schott, H. 76.
Schott, S. 366. 388. 390.
Schrey, M. 368.
Schuchardt, Th. 794. 932.
Schücking, W. 47.
Schüller, R. 369.

1034
I. Schriftstellerverzeichnis
Schulte, F. 151.
Schulte im Hofe, A. 226. 246. 248. 263. 298f.
Schultz, B. 228.
Schultze, E. 3. 229.
Schultze-Pfaelzer, G. 552.
Schulz (Pastor) 378.
Schulz, G. 240.
Schulze, W. 227.
Schulze-Delitzsch 987 f. 994.
Schulze-Gaevernitz, G. v. 44. 162. 228. 262. 369. 376. 402. 453. 466f. 521. 714.
Schumacher, H. 3. 637.
Schumann, M. 387.
Schumpeter, J. 3. 44. 68. 127. 131. 148.
179f. 182. 554f.
Schuster, E. 596.
Schwarz, F. 149.
Schwarz, O. 150.
Scrivenor 703.
S6e, H. 43.
Seeley, J. R. 45.
Seidel, R. 209. 638. 659.
Seillere, E. 45.
S6n6chall 716.
Senior 130.
Sering, M. 46. 227. 256f. 259f. 323. 336. 363.
Seubert, R. 722. 906. 908f.
Seuter, v. 191.
Siemens, W. 75. 78. 427. 721.
Simon, C. G. 673.
Simons, A. M. 322. 715.
Singer, J. 163. 639. 699. 721. 741 f. 863. Sinner, G. 712.
Sinzheimer, L. 76. 521.
Sismondi, S. de 128. 137. 310f. 316.
368. 470. 472. 477 f.
Sitta, P. 364.
Skaiweit, B. 722.
Slater, G. 57.
Smart, W. 42.
Smiles, S. 4. 75.
Smith. A. 131f. 198. 222. 310. 316.
474. 730. 1015.
Smith, R. M. 365.
Smith Culbertson, W. 44.
Snow, A. S. 367. 435.
Soden, v. 191.
Söllheim, F. 722. 905. 919.
Soet.beer, A. 149.
Somary, F. 195. 216. 686. 747. 872. Sonndorfer-Ottel 637.
Sonnenfels 402.
Souchon, A. 364. 420.
Spann, O. 42. 44.
Speare 495.
Spencer, H. 1001.
Spiethoff, A. 127. 520. 555. 571. 573. Stadtier, E. 3.
Steffen, G. 162.
Steffen, G. F. 45.
Steinitzer, E. 637. 718. Steinmann-Bucher 494.
Steinmetz, S. R. 594. 608f.
Stern, W. 368. 436.
Stets, W. 637. 647.
Stevens, W. S. 553. 639.
Stewart, J. 337.
Stieger, G. 718.
Stojentin, M. v. 363.
Storch 133. 611. j Strasser, K. 642. 718.
Strousberg 820.
Struve, P. v. 323. 351. 470.
Stuart, H. 323. 344.
Stucken, R. 554.
Stumpfe, E. 715.
Süßmilch 354.
Sugar, O. 43. 720.
Summer, W. G. 150. 195.
Sundbärg, G. 225. 247. 251 f. 254. 264. 283f. 289. 324. 354ff. 369f. 384f. 388. 404. 406. 487. 651. 663 f. 656. 676. 704f.
Supan, A. 44.
Supino, C. 128.
Sutro, E. 637.
Swett 719.
Swift, J. 47.
Sympher 285.
Syrup, F. 364. 368. 442f.
Szabö, E. 45.
Tarbell, J. M. 716.
| Taussig, F. W. 4. 44. 74.
! Taylor, F. W. 548. 722. 884. 888. 898. | 900. 904f. 915. 917. 919. 937. 940f.
j Testis 150.
Thesing, C. 721.
! Thesing, M. 721.
Thiel 722.
Thieß, K. 639. 695. 717. 856f.

I. Schriftstellerverzeichnis
1035
Thorp, W. L. 538. 717. 845.
Thünen, v. 247.
Thun, A. 162.
Tietze, W. 717.
Tille, A. 240.
Tipper, H. 552.
Tocqueville, A. 42. 1008.
Tönnies, F. 42.
Tollkühn, G. 368. 439. 441.
Tooke 250.
Totomianz, V. 720.
Toynbee, A. 323. 336.
Traesdell, L. E. 715.
Troeltsch, W. 370. 594.
Troß, A. 716.
Tsehajanoff, 718. 1020.
Tschierschky, S. 521. 639. 696. 700. Tuokett, J. I). 371. Tugan-Baranowski, M. v. 195. 470.
505. 553.
Turgot 131.
Turquan, V. 364.
Tyszka, C. v. 229. 281. 301. 371. 513.
Ufermann, P. 716.
Uhl, A. 554.
Ullmann 229. 276.
Urbahn, K. 621.
Ure, A. 76. 81. 367. 419. 424f. 428.
453. f. 719. 887. 924.
Usher, G. 47.
Usquin, E. 364.
Valentin, V. 365.
Valtee, O. de 147.
Vandervelde, E. 323. 345. 364.
Varga, E. 555.
Varigny 148.
Vehlen, Th. XVIII. 3. 14. 46. 74. 127.
552. 655. 720f.
Veras 383.
Viebahn, v. 334. 343.
Viseher, Fr. Th. 607.
Vliegen, W. H. 980.
Voelcker 695.
Völker, H. 716.
Vogel, E. H. 216. 554.
Vogelstein, Th. 3. 41. 521. 552. 639.
714. 716. 780.
Vogt, P. L. 716.
Voigt, A. 77.
Vorst, J. v. 369.
Vorst, M. v. 369.
Voß 799 f.
| Waentig, H. 366. j Wagemann, E. 43.
! Wagner, A. 42. 46. 133. 148 f. 229. 470.
I 484. 551.
I Wagner, 0. 229.
Wagner, K. 275.
| Wagner, R. 110.
| Wagon 705.
I Wakefield, E. G. 322. 327. 365. Wallaee, W. K. 47.
Wallichs, A. 722. 898. 904. 937. 941. Waltershausen, A. S. v. 42. 364. 470. 494.
Warlich, E. 625.
Waterstradt 722.
Watkins, G. P. 148.
Watt, G. 228.
Waxweiler 198.
Webb, B. 438. 520. 637f. 689. 691. Webb, S. 438. 520. 637f. 689. 691. Weber, A. F. 366. 374f. 410.
Weber, Ad. 150. 669. 881.
Weber, Alfr. 42. 65. 294. 520.
Weber, E. 724.
Weber, M. XVII. XXI. 6. 43. 48. 323.
367. 369. 424. 426. ff 724. 1010. Wegeleben, Fr. 595. 724. 795. Wegener, E. 151.
Wehrdede 722.
Weidner, F. 322. 327.
Weigand, K. L. 322. 328. Weinschenk, F. 148.
Wengierow, L. 383.
Welton, W. S. 149. 166.
Wemicke, J. 719.
Westergaard 360.
Weyer, H. 906.
Weyermann, M. R. 161. 521. 775. Whipple Jenks, J. 620.
Wibaut, F. M. 4. 742.
Wickseil, K. 556.
Wiedenfeld, K. 3. 5. 228. 716f. Wiedfeldt, 0. 410.
Wiener, 0. 76. 117. 1011.
| Wiese, L. v. 77. 551. i Wieser, C. W. Frhr. v. 150. 184. 720. I Wilbrandt, R. 369. j Wilkens, L. 379.

1036
II. Ortsverzeichnis
Willcox, W. F. 354f. Williams, V. J. 716. Willms, M. 300.
Wilson, Ch. 159. 470. Wilson, H. 322. Windelband, W. 74. Wirminghaus, A. 717. 855. Wirth, M. 150. 553. 704. Wirz-Zürich, W. 595. 625. Wittelshöfer 133. Witzenhausen, A. 1007. Woldt, R. 723. 927. 935. Wolf, J. XVII. 314. 370. Wolff, H. 391.
Wolffheim, F. 44.
Woolf, L. S. 47.
Woronzow 470.
Wortmann 716.
Woytinsky, Wl. 148. 172. 226. 953.
955. 967.
Wright, H. 304.
Wygodzinski 364.
Young, A. 337 f. 508f.
Zahn, Fr. 369. 470.
Ziegler, L. 74.
Zimmermann, A. 44. 365.
Zoepfl, G. 76.
Zola, E. 222.
Zwiedeneck-Südenhorst, O. v. 369 f. 911.
II. Ortsverzeichnis
Die Ziffern in Klammern hinter den
1. Literatur.
2. Unternehmertum.
3. Produktion, Technik.
4. Bevölkerungsverhältnisse, Berufsverhältnisse, Arbeitsmarkt.
6. Staatspolitik, Wirtschaftspolitik, öffentliche, private [Betriebspolitik].
Aachen 162. 404. 407. 570.
Ägypten [1] 46. 322.
— [3] 119. 252. 256. 294. 892. 968.
1011 .
— [4] 327.
— [5] 64.
— [6] 494.
— [9] 298. 498.
Afghanistan [5] 64.
— [ 10 ] 1011 .
Afrika [4] 327. 447.
— [5] 65.
— [6] 492. 494.
— [8] 288. 653f.
— [9] 498 f.
— [10] 26. 759. 1011.
Alabama 982.
Alexandria 64.
Algier [9] 498.
Altona 400. 1004f.
Amerika [1] 322.
— [3] 252. 256. 967.
— [4] 448.
Ländernamen bedeuten:
6. Kapitalbildung, Einkommensverhältnisse.
7. Kreditwesen.
8. Transportwesen.
9. Nachfrage in; Absatz in, aus, nach; Absatzorganisation.
10. Verschiedenes.
Amerika [5] 65.
— [6] 492. 494.
— [8] 288. 653f.
Amiens XIV.
Amon 117.
Amsterdam 408. 674.
Amurgebiet 64.
Antwerpen XIV. 674.
Apulien 380.
Argentinien [1] 226. 228.
— [3] 254. 258f. 261. 263. 275. 679. 968.
— [6] 492. 496.
— [9] 296ff. 496. 679.
Arkansas 982.
Arnsberg 377.
Asien [1] 228.
— [3] 967.
— [5] 65.
— [6] 492f.
— [8] 288. 653f.
— [9] 498f.
— [10] 769.

II. Ortsverzeichnis
1037
Assab 64.
Augsburg 236. 239. 402. 606. 887. Australien [I] 228.
— [3] 107. 165. 204. 252. 254. 256. 258. 262. 967 f. 970.
— [4] 33. 356. 396. 448. 690. 858.
— [5] 65.
— [6] 165. 492. 497.
— [8] 288. 653f.
— [9] 296. 298. 301. 497.
— [10] 759. 1011.
Baden 379. 735. 973.
Balkan [1] 720.
— [4] 390.
— [5] 64.
— [8] 295.
— [9] 498.
Barmen 404. 407.
Basel 994.
Bayern 247. 378. 661. 735. 973. Bayerische Pfalz 974.
Bayonne N. J. 406.
Belgien [1] 323. 364.
— [3] 161. 246. 257f. 345.
— [4] 358f. 390. 458. 460. 690.
— [5] 61.
— [7] 198. 996.
— [8] 284. 287. 652.
Belgische Kolonien [1] 322. 330. Berkeley Cal. 406.
Berlin XIV. 295. 387ff. 408ff. 422. 440. 451. 458. 494. 601. 670. 582. 622. 641. 643. 650f. 675. 770. 779. 829. 875. 880. 1001.
Beuthen 404.
Bielefeld 429.
Birmingham 406.
Bochum 404.
Bologna 361.
Bosnien-Herzegowina 690.
Boston 434. 983.
Brandenburg 377f. 387.
Brasilien [3] 256.
— [4] 327.
— [6] 492.
— [9] 298.
Braunschweig 57.
Bremen 643. 674. 785. 856f.
Breslau 377. 667. 783. 791.
Briamjon 807.
Brighton 992.
Brit.-Afrika [6] 494.
Britisch-Indien [3] 252. 266. 268f. 261. 268.
— [6] 976.
— [9] 480.
Britische Kolonien [4] 326 ff.
— [5] 70f.
Bromberg 377.
Brooklyn 88.
Brünn 418.
Budapest 994.
Buenos Aires 679.
Buffalo N.-Y. 406.
Bulgarien [6] 496.
Catania 361.
Ceylon [6] 492.
Chemnitz 402. 404. 407.
Chicago 158. 280. 408. 416. 650. 768.
913. 983.
Chile [9] 296.
— [10] 1011.
China [3] 256. 967 f.
— [4] 9. 329.
— [5] 65.
— [6] 492 f.
— [9] 298. 480. 498.
— [10] 26.
Christiania 683.
Cincinatti (Ohio) 158. 406.
Cleveland (Ohio) 88. 406.
Costa Rica [8] 808.
Culm 458.
Dänemark [3] 257. 970. 990f. 997.
— [4] 359. 384. 390. 460. 690.
— [5] 61.
— [7] 996.
— [8] 288.
— [9] 301. 784.
Danzig 440.
Darlington 106.
Denver, Colo. 406.
Detroit, Mich. 406.
Deutsche Kolonien [4] 322. 327. Deutschland [1] 6. 42. 44. 46. 76f. 150. 225. 228f. 246. 323. 363. 365. 471. 552f. 581. 595. 639. 716. 720. 723.
— [2] 21 f.

1038
II. Ortsverzeichnis
Deutschland [3] 21. 99. 104.112f. 122f. 132. 142. 162. 236. 240. 244ff. 249. 263. 257f. 263f. 266ff. 275. 340f. 421 f. 501. 609ff. 542. 565. 579. 586. 597. 704. 708. 768. 772ff. 793. 796. 831. 844. 890 f. 913. 923. 938. 968. 990. 996f. 1001 f. 1010.
— [4] 124. 352f. 356. 358f. 377ff. 384ff. 390ff. 394. 396ff. 400. 404. 407f. 409. 418. 421. 436. 439. 441f. 453. 455. 4ö7f. 460. 464. 500. 614ff. 629. 660. 690ff. 709. 762. 783. 785. 791 f. 871. 964. 959.
— [5] 48. 57. 64ff. 69. 332ff. 563. 570. 616. 686. 696. 708ff. 729ff. 734. 736f. 740. 755. 758. 762f. 822. 836. 837. 845.
— [6] 159. 162f. 172f. 422. 491. 494. 973.
— [7] 184. 188. 194f. 199f. 204. 207ff. 707. 779ff. 815. 872ff. 878. 987ff. 996.
— [8] 276ff. 282ff. 290. 651 ff. 656. 854ff. 1002.
— [9] 298ff. 480. 486. 498. 509f. 615. 642. 647ff. 677. 702. 799f. 8024. 858 ff. 870. 932. 994. 998.
— [10] 157. 159. 647. 649. 683. 710. 999. 1008.
Dinslake 1006.
Dortmund 405. 407. 570. 672.
Dresden 408. 571.
Düren 405.
Düsseldorf 377. 405. 407. 443. 567. 805. Duisburg 404f. 440. 458.
Durham 508.
East North Central (of USA) 824. East South Central (of USA) 824. Eisenach 378.
Elberfeld 405. 407. 451.
Elsaß 506. 791.
Elsaß-Lothringen 973.
Emden 458.
Emilia 380.
England siehe Großbritannien. Epemay 802.
Essen 404f. 407. 805. 809. 831. 1005f. Essex 508.
Europa [1] 147.
— [2] 17.
— [3] 256. 331. 603. 787. 967f.
Europa [4] 354ff. 359.384.387. 390.392. 396. 406. 435. 447. 451 f. 966.
— [6] 60f. 63. 161. 809.
— [6] 173. 492f. 738. 743. 972.
— [7] 193. 200. 707. 872.
— [8] 283 f. 286ff. 290. 653f. 656. 807.
— [9] 487. 489. 632. 646. 702f.
— [10] 115. 157. 166. 708. 1017. 1019.
Fidji [4] 328.
Finnland [3] 257. 264.
— [4] 359. 690.
— [9] 297. 498.
Florenz 361. 401.
Frankfurt a. M. 106. 400. 440. 779. 829. 1001.
Frankreich [1] 42. 44. 46. 150. 225. 364. 470. 720.
— [3] 161 f. 246. 257. 269. 506. 585. 891. 968. 990f. 997. 1010.
— [4] 358f. 361. 389f. 392. 396f. 406ff. 458. 460. 512f. 660. 690. 692. 791. 858.
— [5] 48. 57. 61f. 65f. 68f. 570. 686. 751. 758. 822. 851.
— [6] 165. 491. 493.
— [7] 194f. 199. 201. 204. 206. 208f. 211. 213f. 216. 779. 872. 874f. 880. 996.
— [8] 277. 282f. 287ff. 809. 852. 856.
— [9] 487. 498f. 510. 647f. 801. 858. 863.
Französische Kolonien [1] 322. 326.
— [5] 71.
— [9] 498.
Galizien 382f.
Geestemünde 458.
Gelsenkirchen 404f. 1006.
Genua 361. 857.
Georgia 982.
Glasgow 994.
Gleiwitz 405.
Graz 418.
Grimsby 807.
Großbritannien [1] 4. 42. 44ff. 75f. 150. 225. 228. 241. 323. 363. 365. 470. 553f. 639. 715. 723.
— [2] 29.
— [3] 21. 94. 99f. 161f. 238. 250. 257f. 266. 269. 275. 281. 331. 343f. 606. 508. 580. 597. 708. 726. 767. 787. 809. 831. 843. 890.f 933. 968. 1010.

II. Ortsverzeichnis
1039
Großbritannien [4] 307. 356. 358ff. ] 373ff. 384.389f. 396f. 406. 447. 451. 453. 456. 458. 460. 464f. 512f. 660. 689ff. 690. 709. 791. 858.
— [5] 48. 55f. 60ff. 64ff. 70f. 336ff.
570. 686. 696. 710. 737. 750f. 758. 778. 822. 980. !
— [6] 161 f. 171 ff. 491. 496.
— [7] 181. 184. 189. 192ff. 199f. 204. 206. 208f. 211. 213f. 216. 220. 642. 707. 778ff. 872ff. 877. 880. 996.
— [8] 277ff. 282ff. 287. 290. 652. 656. 809. 852. 856.
— [9] 297. 301 ff. 478. 482. 488. 496ff. 506f. 510. 641. 647f. 673. 675ff. 702f. 863. 992. 998.
— [10] 710. — Siehe auch Schottland besonders.
Guerigny 832.
Gumbinnen 377. 458.
den Haag 408.
Hagen 405.
Halle a. S. 1001.
Hamburg 120. 189. 272. 282f. 387. 400f. 408. 567. 622. 643. 651. 674. 676f. 784f. 829. 857. 994.
Hannover 1001.
Harburg 458.
Harlem 415.
Helgoland [13] 117.
Helsingfors 994.
Hertfort 508.
Hessen, Großherzogtum 379. 973. Holländisch-Ostindien [9] 498. Holländische Kolonien [11322. 328. 330.
— [6] 976. 980.
Holland [3] 257 f. 809.
— [4] 358f. 390. 397. 460. 690.
— [5] 742. 762.
— [7] 201. 213. 996.
— [8] 277. 284. 288. 652.
— [9] 301.
Hörde 405.
Holstein 378.
Hüll 275.
Hy de 465.
Indianapolis, Ind. 406.
Indien [1] 46. 228.
— [3] 967 f.
— [4] 9. 329. 447.
Indien [5] 70.
— [6] 492. 495. 497. 979f.
— [8] 295.
— [9] 296ff. 488.
— [10] 26. 1011. — Vgl. Britisoh- Indien.
Indo-China [9] 498.
Irland [1] 157.
— [3] 968.
— [4] 374. 384. 386. 453.
— [6] 972.
— [7] 206.
— [8] 283f. 656.
Italien [1] 47. 150. 323. 364f.
— [3] 161. 968.
— [4] 358ff. 380. 384f. 390. 392. 394. 397. 690. 791.
— [5] 61. 65. 69.
— [6] 762. 972.
— [7] 211. 996.
— [8] 284. 652. 809.
— [9] 784.
— [10] 887.
Japan [3] 967f.
— [5] 65. 67. 69.
— [6] 492.
— [7] 211.
— [8] 283f.
— [9] 480. 498.
— [10] 116. 120.
Jarnas (Charente) 802.
Java [3] 268.
— [6] 980f.
Jersey-City, N.J. 406.
Jowa 158. 983.
Kairo 1011.
Kalifornien 192. 204. 296. 983. 1011. Kanada [1] 228.
— [3] 254. 261. 263f. 265. 968.
— [4] 356. 396.
— [5] 70.
— [6] 492. 982.
— [9] 296f. 301.
Kapland [3] 256.
Kapland (Natal) [9] 298.
Kent 508.
Kiachta 64.
Kiew 381. 977.
Kleinasien [3] 256.
— [9] 298.

1040
II. Ortsverzeichnis
Klein-Rußland 979.
Köln 377. 401. 408.
Königsberg 377.
Königshütte 405. 407.
Köslin 377.
Konstantinopel 69.
Kopenhagen 994.
Krakau 418.
Krefeld 404. 407. 641. 834.
Kreuzburg 458.
Kroatien-Slawonien 690.
Kuba [4] 327.
Laneashire 202.
Latein-Amerika [9] 498 f. Lauchhammer 832.
Lauffen a. Bodensee 106.
Leeds 406. 410.
Le Havre 674.
Leipzig 408. 962.
Lemberg 418.
Leobschütz 458.
Libourne (Gironde) 802.
Lille 406.
Liverpool 280. 400. 674. 945.
Lodz XIV. 406.
Lombardei 380.
London 61. 189. 201. 214. 275. 295. 388f. 408. 415ff. 492. 497. 501. 508f. 570. 641. 674. 767. 784. 862. 872. 875.
Long Island 21.
Los Angeles 1011.
Louisiana 982.
Ludwigshafen 404f.
Lüdenscheid 405. 458.
Lüttich 451.
Lyon 24. 406f. 451. 807.
Madagaskar 64.
Magdeburg 377. 440.
Mähren [10] XIV.
Mailand XIV. 361. 401.
Maine 983.
Manchester 162. 202. 388f. 402. 406.
410. 453. 506. 784. 945. 994. Manhattan 158.
Mannheim 280. 401. 1006. Marienwerder 377. 458.
Marokko [7] 880.
— [9] 498.
Marseille 400. 807.
| Massachusetts 460. 710.
I Massaua 64. j Meadi 1011.
| Mecklenburg-Schwerin [3] 257.
' Meißen 770.
I Memel 458.
| Messina 361. j Mexiko [6] 492.
— [ 10 ] 1011 .
Middle Atlantic 824.
Milwauky, Wis. 406.
Minden 377.
Mineapolis, Minn. 280. 406. Minnesota 983.
Miramont (Lot et Garonne)|802._ Mississippi 982.
Missouri 158. j Mittelamerika [9] 498.
Mitteleuropa [6] 972.
Monti 194.
Moskau 994.
! Mountain 824. '
Mülhausen XIV.
Mülheim-Ruhr 1006.
München 408. 440.
M.-Gladbach 124. 405.
Kassau 832.
Neapel 361.
Neiße 458.
Neukaledonien [4] 328.
Neuseeland [3] 256. 262..
— [4] 690.
— [5] 70.
— [9] 296 ff.
— [10] 759.
Neusüdwales [3] 258.
New-England 824.
New York 158.217.238. 280f. 388. 408 410. 415f. 598. 613. 632. 641. 647 808 f. 862.
— (Staat) 460. 991.
Niederösterreich [10] XIV. Nordamerika [3] 205. 259.
— [6] 494.
Nord-Carolina 982.
Nord-Dakota 983.
Nordwesteuropa [4] 394.
Norfolk 508.
Northumberland 508.
Norwegen [3] 257. 264.
! — [4] 359. 384. 390. 690.

II. Ortsverzeichnis
1041
Nottingham 406.
Nürnberg 401. 404. 461. 760. 784. 834.
Oberaargau 606.
Oberhausen 468.
Oberschlesien 762.
Österreich [1] 150.
— [3] 161 f. 264. 794. 891. 968.
— [4] 690.
— [6] 61. 686. 696.
— [6] 163.
— [7] 209. 211. 213. Siehe auch Österreich-Ungarn.
Österreich-Ungarn [4] 358f. 386 f. 390. 392. 397f. 614. 660.
— [6] 493.
— [7] 996.
— [8] 288.
— [9] 296 f. 648. 702. 808.
Oklahoma 982.
— City, Okla. 406.
Oldenburg 378.
Oldham 406.
Oregon [3] 266.
Orient [3] 24.
Ostafrika [4] 327. 447.
Ostasien [4] 447.
Ostdeutschland 387.
Osteuropa [3] 252. 256.
— [4] 379ff. 385f. 392. 394. Ostpreußen 378. 458.
Ostrußland 979.
Ozeanien [6] 494.
Pacific 824.
Palermo 361.
Pangani 327.
Pantin 802.
Paris XIV. 24. 57. 389. 408. 414f. 451.
493. 570. 641. 767. 807f. 862. Pensylvanien 451.
Persien [5] 64.
Peru [3] 1011.
— [10] 1011.
Pfalz 379.
Philadelphia 295. 408. 416.
Pirmasens 402. 641.
Pittsburg, Pa. 406.
Plauen 404.
Podolien 381. 977.
Polen [3] 968.
— [4] 392. 395. 406.
j Poltawa 381. 977.
I Polynesien [5] 65.
Pommern 377.
Portland, Oreg. 406.
Portugal [3] 257.
— [4] 385 f. 390.
— [5] 64.
! Posen 377.
| Prag 418.
| Preußen, Kgr. [3] 162. 247. 250f. 267» ! 342. 772.
— [4] 377. 783. 791.
— [6] 57. 61. 63.
— [6] 598.
I — [7] 201. 779.
— [8] 286. 651. 653.
— [9] 487. 661. 862.
— Provinz 675.
Queensland [3] 258.
Bastenburg 458.
Recklinghausen 405.
Remscheid 405.
Rheinprovinz 257. 336. 377. 379. 387.
398. 762. 816. 840. 855. 973f. 1006f. Rheydt 405.
Riga 785.
Rochdale 992.
Ronsdorf 405.
Rosario 679.
Rotterdam 674.
Roubaix 406.
Ruhrgebiet 831.
Rumänien [1] 226.
— [3] 252. 257. 263.
— [4] 383. 690.
— [9] 297.
Rußland [1] 226. 228f. 323. 502.
— [3] 161. 252. 254. 256. 258. 262ff. 967f. 990.
— [4] 368f. 381 ff. 386. 390. 392. 397f. 690. 955.
— [5] 48. 61. 65f. 68f. 338. 686.
— [6] 493. 976 f.
— [7] 181. 211.
— [8] 284. 288. 295.
— [9] 296 ff. 300. 498. 992.
— [10] 1010.
Saarbrücken 405. 570.
Sachsen, Königreich 247. 249. 387. 783.- — Provinz 257. 377.

1042
II. Ortsverzeichnis
Sahara 1011.
San Francisco 408.
Sardinien 61. 380.
Schenectady 88.
Schlesien 377f. 458.
Schottland [3] 345.
— [4] 358. 374f. 791.
— [5] 686.
— [7] 189. 193f. 198f. 206. 220. 873.
— [9] 992. Siehe im übrigen Großbritannien.
Schwarzburg-Sondershausen 246. Sohwarzerdegebiet 381. 977. 979. Schweden [3] 246. 258. 264. 579.
— [4] 353. 359«. 384. 390. 460. 464. 660. 690.
— [8] 277. 288.
— [10] XIV.
Schweden-Norwegen [5] 61.
Schweiz [1] 150. 471.
— [3] 161. 258. 347. 506. 616. 891. 990.
— [4] 358. 390. 392. 397. 615. 690. 858.
— [5] 61. 67.
— [7] 996.
— [8] 288. 652.
— [9] 661. 799. 994. 998.
Schwelm 405.
Seattle, Wash. 406.
Semmering 809.
Serbien [4] 690.
Sävre 770.
Sheffield 406.
Sibirien [3] 297.
— [4] 356. 384.
— [9] 297. 650.
Siegen 405.
Sizilien [4] 380. •
— [9] 94.
Skandinavien [4] 358. 384.
Solingen 405. 458. 641. 1006.
South Atlantic 824.
Spanien [3] 161.
— [4] 384f. 390. 690.
— [5] 61.
— [6] 493.
— [10] 887.
Spokane, Wash. 406.
St. Petersburg 408.
Staßfurt 405.
Stettin 401. 647.
Stockholm 994.
Stockton 106.
Stralsund 377.
Straßburg i. Eis. 1004.
Südafrika [1] 46. 322.
— [3] 107. 165. 206. 254.
— [4] 326. 329. 356. 451.
— [5] 64.
— [6] 165. 497.
— [9] 301. 497.
Südamerika [1] 228. 322.
— [3] 256. 259. 274. 968.
— [4] 356.
— [6] 64.
— [6] 494.
— [9] 298. 301. 498. 799.
— [10] 759. Vgl. die einzelnen Länder Südamerikas.
Süd-Carolina 982.
Süddeutschland [3] 735.
Südeuropa [4] 379. 385f. 394. Süditalien [4] 380.
Südosteuropa [6] 972.
Südschweden [10] XIV.
Südseeinseln [4] 328.
Südwest-Rußland [9] 979.
Suffolk 508.
Surrey 608.
Sussex 508.
Tarnowitz 405.
Texas 982.
Thüringen 378.
Tibet [10] 1011.
Tonking 64.
Toskana 380.
Triest 418.
Tschecho-Slowakei [3] 1010.
Tulsa, Okla. 406.
Tunis [3] 802.
— [5] 64.
— [7] 880.
— [9] 498.
Turin 361.
Türkei, asiatische [6] 493.
Umbrien 380.
Ungarn [1] 720.
- [3]
257.
264.
968. 997.
- W
690.
- [5]
55.
- [6]
754.
- [7]
181.
209.
211,

III. Sachverzeichnis
1043
— [8] 652.
— [9] 784. Siehe auch Österreich- Ungarn.
Uruguay [3] 264.
— [9] 296. 298.
Velbert 405.
Venedig 361.
Vereinigte Staaten von Amerika [1] 4. 44. 47. 149f. 225. 227ff. 471. 553. 595. 639. 715f. 720f. 781.
— [2] 14. 21 f. 41.
— [3] 21. 32. 87f. 91. 107. 113. 161. 242f. 253. 255ff. 260f. 264ff. 270ff. 275. 278 ff. 300. 325. 502. 509. 511. 572. 677. 603. 634. 656. 679. 699. 705f. 708. 727. 767f. 773ff. 786f. 795. 809. 831f. 843f. 891. 893. 906. 917. 921. 968. 970. 984. 1010.
— [4] 32. 325f. 356. 386. 393ff. 405f. 408. 434. 441 f. 450f. 457 f. 465. 468f. 512f. 542. 690. 692. 709. 783. 792. 794. 858. 955.
— [5] 48. 55. 65f. 553. 561. 616. 670. 694. 696. 698. 710. 728. 730f. 736 ff. 740. 742f. 753. 822f. 845ff.
— [6] 158f. 164. 170f. 173. 492. 599. 642. 981 f.
— [7] 181. 184. 192ff. 197. 204. 207. 209ff. 213ff. 217. 707. 780. 782. 880.
— [8] 277f. 283ff. 287ff. 291f. 415f. 679. 653f. 806. 808. 852. 856.
— [9] 296ff. 300ff. 487. 498f. 510.
632. 645ff. 697. 703. 800. 802f. 860. 863ff. 869. 932. 998.
—■ [10] XIV. 2. 647. 649. 708. 710.
995. 1008.
Viersen 405.
Vilette 801.
Vorarlberg XIV.
Wald 406.
Waldenburg 405.
Wales 791.
Washington 256. 408.
Westdeutschland [4] 387.
Westeuropa [3] 247. 251. 972.
— [4] 358ff. 387f. 392. 447f.
— [10] XIV. 886.
Westfalen 377. 379. 387. 398. 675.
752. 815. 840. 1005f.
West North Central 824.
Westpreußen 458.
West South Central 824.
Wien 408. 410. 418. 994.
Wisconsin 158. 710.
Witten 405.
Witwatersrand 451.
Württemberg 379. 735. 973.
Youngstown, Ohio 406.
Zanzibar 327.
Zentralamerika [6] 494. Zollvereinsgebiet [3] 161.
— [5] 61.
Zürich 402.
Zwickau 404f.
III. Sachverzeichnis
Die Ziffern in [] hinter den Waren bedeuten:
1. Verarbeitung, Verzehr.
2. Handel.
3. Erzeugung.
Abbau, Begriff 231. 233 f.
— der anorganischen Bodenschätze 121 ff. 265 ff. 575 f.
Abgrenzung der Arbeitsgebiete in den Betrieben 715. 776 ff.
Siehe im übrigen Fusion, Kombination, Konzentration, Konzern, Spezialisation, W erkteilung und - Vereinigung,Zusammensehlußbewegung
Abholzen der Wälder 263 ff.
Sombart, Hochkapitalismus II.
4. Preis.
5. Frachtkosten.
6. Transport.
Absatz 232. 470 ff. 570 f. 833 . Absatzfähigkeit der Güter 232. Absatzgenossenschaften 988. Absatzstockung 473 ff. 478. Absatztheorien 470. 472 ff.
Abstrom der Bevölkerung vom Lande 383 ff. 414 ff.
Agent, Agentur 801. 805. Agglomeration der Bevölkerung: siehe Stadt, Urbanisierung.
66

1044
11 f. Sach Verzeichnis
Agiogewinne: .siehe Spekulationsgewinne.
Agrarländer: siehe Bodenländer. Agrarreform, moderne 52. 56 f. Wirkungen 332 ff.
Agrarverfassung am Ende des früh- kapitalistischen Zeitalters 331 f. Akkordlohn 659. 671. 688. 93öff. 1020. Vgl. Lohnformen.
Aktie, Aktienprinzip 200. 214 f. 222. 550. 566. 735 ff.
Aktiengesellschaft 30. 151. 163. 167 f. 170 f. 196. 200 f. 202. 210. 212 ff. 566. 568. 668 f. 694. 703 ff. 708 ff. 718. 728 ff. 735 ff. 740 ff. 752 f. 779 ff. 801. 824. 834. 872 ff. 877 f. 880. 986. 1001. 1003 ff. 1015 f. Aktiva der Gesellschaft 178 f. Aluminium [3] 106 f. 1012. Altwarenhandel 620.
Anbau als Mittel der Produktionsentfaltung 231. 233. 251 ff. Anleihen, öffentliche, 155. 168 f. 212.
353. 477. 489 ff. 778.
Anlernung der Arbeiter 440 f. Annonce: siehe Geschäftsanzeige. Anorganische Produktion 124. 573 ff. 578 f.
Anpassung der Arbeitermassen an die Bedürfnisse des Kapitalismus 321. 363 ff.
— ökonomische, 444 ff.
— örtliche, 363 ff. 372 ff.
— technische, 367 ff. 424 ff. 688. Anschlagwesen: siehe Geschäftsanzeige. Anteilslohn 346. Vgl. Lohnformen. Anteilsrechte in der Dorfverfassung:
siehe Agrarreform.
Antinomien (in der kapitalistischen Wirtschaft) 942. 946 f. Anweisungskredit: siehe Kreditarten und -Schöpfung.
Arbeit in dem modernen Großbetrieb 424 ff. 899 ff. 922 ff. 1016 f. Vgl. Auflösung der vielgestaltigen Arbeit, Maschinenarbeit.
Arbeiter, Kategorien, 431 f. 919 ff. Arbeiterbeschaffung: siehe Arbeitskräfte, Beschaffung der —. Arbeiterbewegung, -Organisation: siehe Gewerkschaften.
Arbeitseinstellung: siehe Streik.
! Arbeitsgemeinschaften, Auflösung346ff. j Arbeitsintensität: siehe Intensität der ! Arbeit.
Arbeitskammern 637. 648. Arbeitskräfte, Beschaffung der, im Zeitalter des Frühkapitalismus 305f. des Hochkapitalismus 306 ff. 322 ff., 576 f. 709. 824.
Arbeitsländer 294 ff. 298 ff. Arbeitslohn: Theorie 368 f. 445 f. 486; Bestimmungsgründe im Zeitalter des Hochkapitalismus 446 ff. 934; Gestaltung 370. 450 ff. 453 f. 457 f. 465 ff. 512 ff. 570 f. 672. 775. 910 f. Arbeitslosenversicherung 710. Arbeitslosigkeit 370. 460 ff. 710. Arbeitsmarkt 409. 418 f. 422 f. 446 ff. 459 ff. 528 f. 638. 642. 658 ff. 670 ff. 687 ff. 926.
Arbeitsmaschinen [1] 534. 617, 775. 801. 830. 892. 965.
— [2] 507. 510.
— [3] 107 ff. 118. 121. 535 f. 767 f. 794. 825 f. 840. 940.
— [4] 544. Vgl. Maschine. ^ Arbeitsnachweis 530. 637. 648 f. 672. Arbeitsprozeß, seine Neugestaltung,
430 ff.
Arbeitsteilung: siehe Auflösung der vielgestaltigen Arbeit, Spozialisation. Arbeitsvertrag 658 ff. Vgl. Kollektiver Arbeitsvertrag, Tarifvertrag. Arbeitswerttheorie 141 f.
Arbeitszeit 914. 930 f. 933 ff.
Arbitrage 667 f.
Armengesetze in England 376 f. Artbeschaffenheit der Güter 617 ff. Auflösung der vielgestaltigen Arbeit 367. 430 ff. 455. 542. 547. 576. 833. 900 ff. 926.
— der Arbeitsgemeinschaften 346 ff.
— der Dorfgemeinschaften 331 ff.
— der Hausgemeinschaft und Hauswirtschaft 350 ff. 454 ff. 499 ff. 631.
—■ der alten Wirtschaftsverfassungen in Europa 293. 323. 331 ff. 499. 972. in den exotischen Ländern 502 f. Aufschwungsgüter 573 f. 578. 581. Aufschwung, A.-perioden: siehe Expansionskonjunktur.
Aufsichtsrat der Aktiengesellschaft 737 f. 740 ff.

III. Sachverzeichnis
1045
Anshau als Mittel der Produktions- entfaltung 231 ff. 235 ff. Ausbildung des Arbeitemaehwuchses 368. 438 ff.
Ausdehnung der öffentl. Tätigkeit 484ff. Ausdehnungsfähigkeit der kapitalistischen Wirtschaft 182 f. 470 ff. Ausgegohrene Wirtschaft 1016. Auskunftwesen, kaufmännisches 637. 647. 786.
Auslandsbanken 718. 757 ff. Auswanderung 355 f. 364 f. 388 ff. Auswechselbarkeit der Arbeitskräfte 926 f.
— der Maschinenteile 914. Automatisierung (des Arbeitsprozesses)
547. 771 ff.
Automobil: siehe Transportmaschinen.
Banker, Bankier 778 ff. 872 ff. Siehe im übrigen Bank.
Bank, B.-prinzip, B.-wesen 22. 149 f. 183 ff. 187 f.* 192 ff. 198 ff. 206 ff. 210 f. 686 f. 694. 707. 743 f. 752 ff. 778 ff. 808. 815. 834. 872 ff. 1004. Bankkonzem 874.
Banknoten: siehe Notenbanken. Bargeldlose Zahlung 187 ff. 202 ff. 216 f. Bargeldvorrat eines Landes 180 f. Bauer, B.-wirtschaft 259. 320. 331 ff. 346 ff. 351 f. 503. 514. 619. 650. 749. 896 f. 953 f. 967 ff. 985. 990 ff. 996. 997 f. 1008. 1017. 1019 ff. Baugewerbe 397 f. 413. 421 f. 463. 501. 510. 512. 565. 572. 574f. 581. 629 f. 642. 660. 727. 732 f. 741. 751. 754 f. 792. 812. 836. 938. 1000. 1002 f. Baumwolle [1] 244. 255.
— [2] 298 ff. 506. 580. 642. 663.
— [3] 21. 244. 252 f. 256. 261. 294. 580. 708.
— [4] 282. 706. 981 f.
— [6] 784.
Baumwollspinnerei 20. 236. 238 f. 242. 341. 376. 402. 453. 457. 464 f. 478. 488. 734. 830. 842. 848. 850. 938. 945.
Baumwollweberei 20. 162. 341. 376. 402. 453. 457. 464 f. 478. 488. 734. 848. 850. 938.
Bedarf, B.-bildung 92 ff. 518. 520. 522 ff. 594 ff. 787.
Bedarfsartikelgeschäft 790. 813 f. Bedarfsdeckungsprinzip 1015. Bedarfsverschiebung 958.
Bedürfnisse: siehe Bedarf. Befreiungswerk des Liberalismus 52 f. 55 ff.
Bekleidungsgewerbe 100. 267. 397 f. 409. 411. 413. 456 f. 463. 542. 727. 733 f. 763 f. 765 f. 810. 837. 932. 938 f. 993. 1003.
| Bergbau 100. 105 f. 118. 164. 212. 214. 222. 249. 267. 341. 397 f. 403 f. 441. 451. 507. 510. 566. 568. 574 ff. 585. 618. 660. 696. 705. 731 ff. 741. 772 f. 792. 813. 831. 835 ff. 844. 858. 883. 887. 918. 938. 955. 993. 1000. 1003. Berlin als „Industriestadt“ 411 ff. Beruf 432 f. 434. 436 ff.
Berufsaus ese, B.-wahl 434 ff. Berufsberatung 367 f. 437 f. Beschleunigung des wirtschaftlichen Prozesses 34. 118 f. 237. 278. 612 ff. 931 f. 939 f. 942 ff.
Beseelte Arbeit 898f. 918f. 921 ff. 1020ff. Beseelter Betrieb 896 ff. 1020 ff. Besiedelung: Europas 251.
— des kolonialen Westens 252 ff. 294 ff. 320. 392 ff.
Beteiligungsgesellschaft 728.
Betrieb, B.-bildung, B.-gestaltung 424. 519. 521. 533 ff. 584 ff. 698 ff. 712 ff. Vgl. Beseelter Betrieb, Instrumentalsystem, Großbetrieb, Kombination, Konzentration, Optimale Betriebsgröße, Rechnungssystem, Spe- zialisation, Vergeistung der Betriebe, Verwa.ltungssystem. Betriebsformen 718 ff. 761 ff. Betriebsgröße 539 ff. Betriebsverdichtung: siehe Intensivi- sierung der Betriebe. Betriebsvereinigung 548 ff. Betriebsvergrößerung 544 ff. 932 f. Betriebswissenschaft 38. 638. 886 ff. Bevölkerungsgesetze, allgemeine, 308. historische 311 ff.
Bevölkerungsbewegung im 19. Jahr hundert 357 ff. Bevölkerungsproblem 305 ff. Bevölkerungstheorien 304ff.; naturalistische 307 ff.; ökonomistische 310 ff.; soziologische 316 ff.; Mal-
66 *

1046
III. Sachverzeichnis
tbussche 307 ff.; Marxsche 311 ff. der Marxisten 315.
Bevölkerungsvermehrung im Zeitalter desHocbkapitalismus 33. 324. 354ff. 372. 374 f. 377. 380 f. 447. 977. 980 ff. 1014; Ursachen 357 ff. Bevölkerungsumschichtung, Bedeutung der B. für den Kapitalismus 392 ff. Bevölkerungszuwachs: siehe Bevölkerungsvermehrung.
Bewegbarkeit, Bewegbarmachung der Güter: siehe Mobilisierbarkeit, Mobilisierung.
Bowegungsmaschinen [1] 105 ff. 110. 122. 772 f. 825 f. 831. 965.
— [2] 507. 510.
— [3] 121. 794. 840 f. Bezugsgenossenschaften 965. 990 f. Bindung des Marktes 685 ff. 1013 f. Binnenschiffahrt. 106. 284 f. 854. Vgl.
Transportgewerbe. Binnenwanderungen 363 f. 386 ff. Bodenländer 294 ff.
Bodenpreis 256 f. 336 f. 824. Bodenproduktivität 233; Steigerung in Europa 245 ff. 248 ff. 257 f.
Börse 136 ff. 491 ff. 528. 566. 568. 577. 584. 643. 650. 662 f. 665. 667. 805. 879. 944.
Börsenpreis 667. 672.
Branchengeschäft 789 f. 814. Braunkohle: siehe Kohle.
Buchhaltung 886. 889. 911. 966. Bürger 166. 596 ff. 620. Bureaukratisierung der Wirtschaft 806. 1013 f.
— des Bedarfs 628 f.
Ihcmiker, wissenschaftlicher 890 f. 920. Chemische Industrie 81. 100. 106. 124. 267. 402. 413. 442. 458. 480. 507. 510. 695. 731 ff. 741. 752. 763 f. 773. 800 f. 811 f. 836. 841. 846. 854. 890. 916. 920 f. 938. 993. 1003. Chilesalpeter [1] 98. 249 f. 508.
— [3] 266.
Chlor, Chlorkalk [1] 98.
Clearing, -verkehr 187. 203. 216 f. Conveyor: siehe Fließende Arbeit. Corner 531. 685.
Credit f oncier: siehe Hypothekenbanken. Crödit mobilier 198 f. 780.
Darlehnskassen, -vereine: siehe Kredit genossensehaften.
Dampfmaschine: siehe Bewegungsmaschine.
Dampfschiff: siehe Transportmaschine. Depositen, -banken 184. 194ff. 208ff.
222. 873. 875. 877.
■— „negative“, „unechte“ 197 f. Detailreisender 801.
Differenzierung der Arbeiterschaft und der Arbeitsleistung: siehe Arbeiterkategorien, Auflösung der vielgestaltigen Arbeit. Direktorialprinzip 905.
Diskont, D-geschäft, D-politik, D-sätze 176. 184. 186. 192. 198 f. 218. 630. 570. 572. 668. 686. 707. Disproportionalität zwischen den einzelnen Produktionszweigen 579 f. Dividende, D-festsetzung 668 f. 705. Dorfgemeinschaften, Auflösung, 331 ff. Druckereigewerbe 110. 241. 441. 457. 727. 732. 772. 810 f. 830. 836. 923. 938 f. 993.
Dünger, Dungstoffe [1] 98. 249 f. 263.
— [2] 249. 510.
— [3] 98. 106. 121. 266. 510. 576. Dynamomaschinen: siehe Bewegungsmaschinen.
Effekten, E-prinzip 137 f. 151. 185 ff. 187 f. 200 ff. 211 ff. 222. 667. 669. 780. 815. 877. 879.
Efficiency engineer 894. Vgl. Ingenieur. Ehernes Lohngesetz 445. Eigenproduktion, E-wirtschaft 331 ff.
499 ff. 824. 957. 1017. 1021. Eignungsprüfung 367. 434 ff. Vgl. Test. Einkommen an Sonnenenergien 120.233. Einkommensbildung 156 ff. 596 ff. Einküchen-Haus-Bewegung 1017. Einpeitscher 935.
Einwanderung 173. 365.
— in die Kolonialländer 392 ff. 447 ff. 577. 709.
— in die europäischen Länder 396 ff. 447 ff.
Eisen [1] 97. 99. 124. 270. 566. 630.
— [2] 507. 510 f. 582. 642. 663. 800.
— [3] 21. 81. 98. 102. 105. 110. 118. 121 f. 236. 240 f. 266. 566. 568. 579. 586. 703 ff. 851. 930.

III. Sachverzeichnis
1047
Eisen [4] 237. 272. 505. 567. 582. 677.
— [6] 579.
Eisenbahn 106. 119. 122. 228. 277 ff. 285 ff. 292 ff. 353. 400. 490. 495 ff. 510. 562. 571. 579. 589. 615. 628 f. 650 ff. 656. 703. 787. 806 ff. 852 f. 929. 1002. Vgl. Transportgewerbe, T-mittel, T-wesen.
Eisenbahnbau 100. 118. 289. 495. 510.
575. 629. 811. 846 f.
Eisen- und Stahlindustrie 100. 105. 162. 236. 341. 402 f. 422. 480. 537 f. 646. 695 f. 734. 750. 765 f. 772. 796. 800. 811 ff. 831 f. 846. 848. 906. 932. 938. 993.
Elektrifizierung 511. 571. Elektrizitätsindustrie 22. 100. 124.
212. 511. 734. 752. 801. 806. 836. 840. 848. 891. 938. 962. Elektrizitätswerke 1001.
Elektromotoren :s.Bewegungsmaschinen Emissionsgeschäft 218 f. 779 ff. 815. 874 f. 877. 879.
Endogene Nachfrage 480 f. 540 ff. Entbehrungslohn 155 f.
Entdecker, Entdeckungen: siehe Erfinder, Erfindungen. Entkommerzialisierung des Wirtschaftslebens 804.
Entkonkretisierung, Entpersönlichung der Wirtschaft 222 f. Entnaturalisierung des Bedarfs 628. I
Entseelung: siehe Vergeistung. j
Entstehung des aktuellen Proletariats , 319. 321. 363 ff. i
— des potentiellen (virtuellen) Prole- j
tariats 319. 322 ff. i
— des Proletariats 312. j
Entvölkerung 306.
Epidemien 362.
Epochenbildung XI ff. j
Erdöl [1] 98 f. 101. 615. !
— [2] 663. 800. i
— [3] 21. 265. 693. j
— [6] 806.
Erfinder 74f. 88 ff.; Typen 90 ff.; Motive 91 ff.
Erfinder, Entdecker; j
Ampere, A. M. 79. i
Arkwright, Rieh. 108. !
Baeyer, Adolf von 90. j
Behring, Emil 115.
Bell, A. G. 106.
Bessemer, Henry 90. 92. 105. 511. Car6, Ferd. 275.
Cartwright, Edmond 90. 108. Chappe, I. U. J. 106.
Chaptal, I. A. CI. 103.
Cort, Henry 90. 98.
Cugnot, Jos. 106.
Darby, Abraham 98.
Edison, Thomas Alva 83. 91. 106. Euler, L. 79.
Faraday, Mich. 79.
Forrest, Rob. Will, and Will. 106. Galilei. Galileo 79.
Gauß, Karl Friedrich 79. 90. 106. Haber, Fritz 90.
Hargreaves, James 92. 108.
Hertz, H. R. 79. 90.
Hofmann, A. W. von 90.103. van t’Hoff, J. H. 79.
Jenner, Edw. 115.
Koch, Rob. 115.
Kekule, August 79. 85.
Lagrange, J. L. 79.
Lavoisier, A. L. 79.
Le Blanc, Nie. 98.
Lehfeld 991.
Liebig, Justus v. 79. 98. 274. 508. 890.
Linde, P. G. v. 275.
Maelaurin, Colin 79.
Marconi, G. 90. 106.
Maxwell, James Clark 79.
Mayer, Robert 79.
Mc Arthur, John 106.
Nasmyth, J. 105. 118.
Nernst, Walter 90.
Newton, Js. 79.
Paul, Lewis 108.
Poinsot, L. 79.
Priestly, Jos. 79.
Reis, Phil. 106.
Reuleaux, Franz 86.
Runge, Ferd. 98.
Siemens, Werner 90. 106.
Solvay, E. 90. 98.
Shuman 1011.
Tellier, Charles 270.
Weber, W. E. 79. 90. 106. Whitney, Eli. 108.
Wöhler, F. 79.

1048
III. Sachverzeichnis
Stephenson, George 106. j
Zeppelin, Ferd. Graf von 92. 95. Erfindungen, ihr Wesen 74 f. 79. 82 ff. 620.
— ihre Vermehrung in neuerer Zeit 84 ff. 912.
— und Kapitalismus 94 ff. 601. 627.
— Geschichte der 97 ff. 161 ff. 506 ff. Erfindungstrieb 83.
Erhellung des Marktes 637. 643 ff. 662. 678. 803. 865.
Ernte, ihr Einfluß auf die Konjunktur 571 f. 580 f. 678 f. 708.
Ersatzgüter: siehe Surrogat.
Ersparung: siehe Sparen.
Ertragsgesetze, E-problem 227.521.544.
824. Vgl. Optimale Betriebsgröße. Erweiterung des Marktes 637. 640 ff. Erwerbstrieb als Urtrieb 426. Siehe im übrigen Kapitalistischer Geist. Existenzbedingungen der Städte 414 ff. Exogene Nachfrage 480 ff.
Exoten als Käufer 488 ff. 514. Expansionsdrang 820 f. 881. Expansionskonjunktur 115. 314. 554 f.
663 ff. 694 f. 701 ff. 711. Expansionspolitik der Großmächte 64ff. 70 f.
Extensive Landwirtschaft 258. Extraprofit 87.148.160 ff. 165.824.926.
Fabrik 424 ff. 771 ff. 899. 916. 934. !
Fachzeitschriften 649.
Fahrräder: siehe Transportmaschinen. Farbige Rassen 322. 325 ff. 447 ff.
1014. 1019.
Farbstoffe [1] 98.
— [3] 98. 268 f.
— [4] 269.
Fayol, Fayolismus 720.
Feinbedarf, F-waren 596 ff. 618. Femarbeiter 391.
Femkauf 661 f. 673.
Feste Preise 673.
Feudalisierung 1013.
Fiktives Kapital: siehe Kapital.
Filiale, Filialgeschäfte 751. 758. 801. 804. 862 ff.
Financial Companies 780.
Finanzbetrieb 546. 648. 819. Finanzierung fremder Wirtschaften 720. ! 748 ff. 801. 834. 868. 973 ff.
| Fließende Arbeit 913. 917. 940. Flugzeug: siehe Transportmaschinen. Forstwirtschaft 247. 263 ff. 810. Frachttarife: siehe Tarife.
Frau, Einfluß der — 595. 600. 608.
621. 625. 865. 867.
Frauenarbeit: siehe Weiberarbeit. Freihandel 60 ff.
Freihandelsargument 233. Freiheitsideal der Massen 420. Freisetzung von Arbeitskräften: siehe Auflösung.
Frühkapitalismus 11. Funktionenteilung: siehe Spezialisation. Funktionen Vereinigung: siehe Kombination.
Fusion 549. 699. 805. 834. 847 ff. 873 f. 878.
Garn [2] 663.
— [3] 21. 239. 930.
— [4] 238. 241.
Gas [1] 98. 101. 105. 615.
— [3] 98 f. 121 f.
Gasanstalten 100. 1000 f. Gastwirtsgewerbe 397. 422. 500. 733.
741. 785. 870 f. 960. Gebrauchswechsel: siehe Wechsel der Bedarfsgegenstände.
Gefriertechnik, G-industrie 275. Geldkapital: Begriff 135. 528; Ent- j stehung und Beschaffung 162 ff. 575. 577 f. Siehe im übrigen Kapital. Geldmarkt 520. 641 f.
Geldwesen, Grundsätze eines rationellen G. 53 f. 707. Gemeinwirtschaft 999 ff. 1015. Gemischtöffentlicho Betriebe 1003 ff. 1016.
Generelles Lieferungsgeschäft 662 f.
Vgl. Lieferungshandel. Genossenschaft, G-wirtschaft 187. 195.
201. 805. 956. 965 f. 985 ff. 1015. Gerechter Arbeitslohn 670. Geschäftsanzeige 637. 644 ff. 801. Vgl. Reklame.
Geschäftsformen der Unternehmung 728 ff.
Geschäftshäuser, einzelne
(einschl. Verbände):
! A.-G. Brown Boveri & Co., Baden
745.

III. Sach Verzeichnis
1040
AvG. „Motor“, Baden 745.
L(Alimentation Gen6rale, Bordeaux 802.
Allgemeine Deutsche Kreditanstalt 874.
Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft (AEG) 549. 740 f. 743. 780 f. 805. 834. 881. 1005.
Allgemeine Lokal- und Straßenbahngesellschaft 781.
Allgemeiner Knappschaftsverein, Bochum 399.
Amalgamated Copper Co. 41. 159. American Steel and Wire Company 697.
-Hoop Company 796.
— ßugar Refining Co. 743.
— Tobacco Company 88. 743. Anglo-deutsche Bank 815.
Arizona Morenci Copper Company
164. ' j
A. Schaaffhausenscher Bankverein 741. 815. 874.
Auergesellschaft 163.
Badische Anilin- und Sodafabrik 88. i Bank für Bergbau und Industrie 781.
— für elektrische Unternehmungen, Zürich 743.
— für Handel und Gewerbe 740.
— von England 192 f. 668.
Banque de France 216. 668.
Barclay & Co. 669.
Barmer Bankverein 874.
Baumwoll Trust P. & T. Coats 214. Bayrische Zentraldarlehnskasse 991. Beef Trust 549. 806.
Bell System (Telephon) 852. Bergisch-Märkische Bank 874. Bergwerksgesellschaft Hibernial004. Berg werks verein Friedrich Wilhelmshütte, Mülheim (Rulir)699. Berliner Handelsgesellschaft 741.
— Stempelvereinigung 686. Bingwerke A.-G. 834.
Bleichröder S. 881.
Bochumer Verein für Bergbau und Gußstahlfabrikation 828. 840. Gebrüder Bölder A.-G. 828.
Bon March6, Paris 808. 862. Bradstreet Comp. 647. Brandenburgische Karbid- und Elektr.-Werke A.-G., Berlin 744.
Braunkohlonwerk Roddergrübe 828. Bremer Bank 815.
Breslauer Diskontobank 874.
British India Co. 856.
— South African Co. 64.
Buch- und Zellstoffgewerbe Hugo Stinnes G. m. b. H. 82S. Büchsenstein W., Berlin 828. Canadian Paper Association 655. Carron-Werke von Roebuk 98. Central Leather Company 706. Chicago-Rock-Island and Pacific Railroad Holding Co. 743.
■— and Pacifie-Railway Co. 743. Christofle-Werke 770.
Clearing House, London 216. Commerz- und Diskontogesellschaft 741.
Compagnie Centrale d’Energie £lec- trique, Paris 744.
— des Chargeurs Reunis 856.
— G6n6rale des Omnibus, Paris 807.
— Generale Transatlantique 856. Companea Barcelonesa de Elec-
tricidad, Barcelona 744.
— Sevillana de Electrieidad, Sevilla 744.
Comptoir National d’Escompte 216. 872.
Concentra 834.
Cr6dit foncier 199.
■— industriel 216.
— Lyonais 216. 669. 872.
— mobilier 199. 202. 780.
Cunard Line 856. Dampfer-Hochseefischerei Gesellschaft „Nordsee“, Nordenham 809.
Darmstädter Bank 216. 737. 741. 874.
Deutsch-Amerikanische Petroleumgesellschaft 738.
Deutsch-Luxemburg. Bergwerks- u. Hütten-A.-G. 699. 827 f. 829. 839.
Deutsch-Überseeische Elektr.-Ges., Berlin und Buenos-Aires 744. Deutsche Allgemeine Zeitung 828.
— Bank 215 f. 669. 737. 740 f. 874. 881.
— Edison-Gesellscliaft für angewandte Elektrizität 18. 1001.

1050
III. Sachverzeichnis
Deutsche Handelsgesellschaft 881.
—- Gesellschaft für Elektr. Unternehmungen 1005.
— Reichsbank (alte) 1004.
Deutscher Genossenschaftsverband (Schultze-Delitzsch) 989.
•— Stahlwerksverband 582. 696.
800. 805.
„Dinamo“, Soc. Italiana per Im- prese Elettriche Mailand 745.
IliskontogeselLschaft 216. 740 f. 874.
Dresdner Bank 216. 669. 737. 741. j 815. 874. j
Edeka Großhandel 990. i
Elektrizitäts-A.-G., vorm. Lali- ! meyer & Co., Frankfurt a. M. j 745. 1005. |
Elektrizitätsges. vorm. Schuckert j in Nürnberg 828. !
Elektrizitätsunternehmen, Straßburg i. E. 1004.
Elektrizitätswerk Abo A.-G., Berlin 744.
— Rathausen, Luzern 744.
■— Straßburg i. E. 744.
■— und Straßenbahn Königsberg I A.-G., Königsberg i. Pr. 744. |
— Unterelbe A.-G., Altona 1004. |
Elektrochemische Werke G. m. b.
H., Bitterfeld 744.
Ellermann-Linie 856.
L’Epargne, Toulouse 802. j
Essener Kreditanstalt 874.
Farbwerke vorm. Meister Lucius & Brüning 88.
Fayard 751.
Felten & Guilleaume Carlswerke A.-G., Mülheim a. Rh. 745.
Ford-Werke 907. Vgl. Ford s. v. Kapitalistische Unternehmer (einzelne) u.i. Schrift stellerverzeichn.
Gas, Electric Light and Power Company 435.
Gebrüder Pereire & Wolowski 199.
Gebrüder Schickler 778.
Gelsenkirchner Bergwerks - A.-G. 827 ff. 833. 839 f.
General Electric Co. 88.
General Motors Company, Detroit 630. 706.
Generalverband ländlicher Genossenschaften (Raiffeisen) 989. '
Ges. für elektrische Beleuchtung vom Jahre 18S6, St. Petersburg 744.
— für elektr. Hoch- und Untergrundbahnen, Berlin 744.
—■ für industrielle Unternehmungen, Frankfurt a. M. 781. Gould-Gruppe (Eisenbahnen) 853. Great Central Railway Co. 807. Guaranty Trust Company 642. Hamburg-Amerika-Linie 239. 829. 855 ff.
Hamburger Verkehrs-A.-G. 829. Hanseatische Dampf schiff ahrts-Gesellschaft 855.
Harriman-Gruppe(Eisenbahnen)853. Hawley-Gruppe (Eisenbahnen) 853. Hill-Gruppe (Eisenbahnen) 853. Alfred Holt & Co. 856.
Imperial Continental Gas Association 1001.
LTncroyable 751. Interessengemeinschaft der Farbenindustrie 842.
International Cigar Machinery Co.
88 .
— Harvester Company 159.
— Mercantile Marine Company 856. Kaisers Kaffeegeschäft 862. Kalisyndikat 696.
Königsberger Zellstoffabrik A.-G.
828.
Kohlenkontor 808.
Kontinental - Kautschult - Gesellschaft 163.
Kraftübertragungswerke Rhein- felden 744.
Kraftwerk Laufenburg 744.
Alfred Krupp A.-G., Essen 425.
443. 807. 809. 905.
Loeb Automobilwerke Charlottenburg 829.
Loewe-Banken 881.
Loewe, Ludw., & Co., Berlin794.923. London and County Bank 669.
— and Nordwestern Co. 809.
— City and Midland Bank 669.
— Joint Stock Bank 669.
Le Louvre 862.
Mackay Companies 852.
Manchester Sheffield and Lincoln
Railway Co. 807.

1II. Sachverzeichnis
1051
Mannheimer Milchzentrale 1006. Manufacture fran?aise d’armes et de cycles de St. Ktienne 801. Märkisches Elektrizitätswerk, Berlin 744.
MarshallField & Co. 158.802.863.869. Maschinen- und Brückenbaugesellschaft m. b. II., Frankfurt a. M. 902.
Messageries Maritimes 856.
Money Trust 687.
Moore-Gruppe (Eisenbahnen) 853. Morgan, J. P., & Co. 742. Vgl. s. v. Kapitalistische Unternehmer (einzelne).
Morgan-Gruppe (Eisenbahnen) 853. La Nancienne d’Alimentation Nancv 802.
National-Bank für Deutschland 740f. National Cash Register Co. 801.
— City-Bank 210. 808 f.
— Electric Light Association 88. New York Council of the American
Association of Advertising Agen- cies 645.
„Nitrum“ A.-G., Bodio, Kanton Tessin (Schweiz) 744. Norddeutsche Buchdruckerei u. Ver- lags-A.-G. 828.
— Zellulosefabriken A.-G. 828.
Norddeutscher Lloyd 239. 807.
855 ff.
Nordsee-Werft, Emden 829. Oberrheinische Kraftwerke A.-G., Mülhausen i. E. 744. Obersclilesische EisenindustrieA.- G., Gleiwitz 796. 833. Oesterreichische Boden-Kreditanstalt 669.
Officine Ellettriche Genovesi, Genua 744.
OrFans-Eisenbahngesellschaft 807. Ostafrika-Linie 829.
Paris—Lyon—Marseille-Eisenbahn- Gesellschaft 807.
Peninsular and Oriental Co. (P&O) 856.
Pennsylvania- Gruppe (Eisenbahnen) 853.
Pfälzische Bank 874.
Phönix Bergwerks-Ges. 840. Piggly-Wiggly-Stores 768.
Potin, Felix, Paris 801.
Preußische Bank 1004.
— Central - Genossenschafts - Kasse 988.
Psycological Laboratory of the Yellow Cab Company in Chicago 435.
Reichsbank 216. 668. Reichsverband der deutschen land- wirtschaftl. Genossenschaften (Richtung Haas-Darmstadt) 989. Rhein-Elbe-Union G. m. b. H. 828. Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk Essen 828. 1005.
— Kohlensyndikat 562. 696. 800. 805. 808. 839.
RheinischeDisconto-Gesellschaft874.
— Kreditbank 874.
— Seidenweberei A.-G. 834. Rheinstahl 840.
A. Riebecksche Montanwerke 828. River Plate Fresh Meat Co. 275. Rock-Island Holding Co. 743.
M. A. v. Rothschild & Söhne 779. 880.
Royal Agricultural Society, Oxford 767.
Sächsische Kraftwerke A.-G., Osnabrück 828.
Schlesische Elektrizitäts- und Gas- A.-G., Breslau 744.
— Kleinbahn A.-G., Kattowitz 744. Schwarzwälder Elektr. - Gesellschaft
m. b. H., Villingen 744.
Sears Roebuck & Co. 802. 863. Shipping Trust 695.
Siemens & Halske A.-G., Berlin 828. 840.
Siemens - Rhein - Elbe - Schlickert - Union G. m. b. H. 829. 840. Siemens-Schuckert-Werke, G. m. b. H. 741. 828.
Singer Nähmaschinen-Ges. 801. Sleight, George F., Grimsby 807. Soc. Centrale pour Tlndustrie 6Iec- trique, Paris 745.
Societ4 du Syndicat des Banquier de Province 880.
— generale (Bank) 216. 669. 872. Soc.IdroelettricaLigure,Mailand744.
— Meridionale di Eletricitä, Neapel 744.

1052
III. Sachverzeichnis
Soc. per lo Sviluppo delle Imprese elettr. in Italia, Mailand 745. Soci6t6s d’alimentation et d’appro- visionnement 802.
Solinger Kleinbahn-A.-G., Solingen
744.
Spiers & Pond, London 214. Spirituskartell 699.
Standard Oil Company 552. 562. 685. 800.
Standard Oil Trust 164. 171. 808. „Andere“ Standard Oil 743. 782. U. S. Steel Corporation 159. 634.
742 f. 806. 808. 851.
Stinnes Bergbau A.-G. „Friedlicher Nachbar“ 699.
Stinnes-Konzern 827.
St. Louis-San Francisco Railroad Co. 743.
Sun Power Co. (Eastern Hemi- sphere) Ltd. 1011.
Syndicat des Banquiers des Departements 880.
Syndicats professionnels agricols 991.
Tabak-Trust 738.
Tabor Manufacturing Co. 908. Tiffauy & Co. (Warenhaus in New York) 598.
Union E.-G. 549. 881.
„Union Ottomane“, Soc.pourEntre- prises 61ectr. en Orient, Zürich
745.
Union Trust 630.
Unione Italiana dei Tramways Elettrici, Genua 744.
United Cigar Stores Company 751. United Fruit Co. 808.
V anderbilt- Gruppe( Eisenbahnen) 853 Verband der Schaufensterdekorateure 785.
„Watt“, A.-G. für elektrische Unternehmungen, Glarus 745. Wertheim, A., G. m. b. H., Berlin 808.
Western Union Telegraph Co. 852. Whiskykartell 697.
White-Star-Line 856. Woermann-Linie 829.
Woolworth, F. W., Co. 863.
— Ltd. of Great Britain 863. Zeche Dannenbaum 699.
Zeche Hasenwinkel 699. van der Zypen 840. Geschäftsreisende 651. 661. 799. Geschmack, kunstgewerblicher 596 ff. Gesetz vom abnehmenden Ertrage 309.
Vgl. Ertragsproblem. Gesetzmäßigkeit der Betriebsbildung 533 ff.
— der Konjunkturgestaltung 564.682f.
— der kapitalistischen Wirtschaft 951 ff.
— im Wirtschaftsleben 533 ff. 565. Getreide (außer Weizen) [2] 294. 297.
303. 580. 663.
— [3] 244. 246 f. 251 f. 254 f. 260. 263. 580. 708. 786. 930.
— [4] 250. 259. 281 f. 675 ff. 979.
— [5] 280.
— [6] 784.
Gewaltkonkurrenz 552 f. 561 f. Gewerbe, Gewerbliche Produktion, — Produzenten 231 f. 235 ff. 266 ff. 401 ff. 573 ff. 579 ff. 752 ff. 769 ff. 791 ff. 827 ff. 887. Vgl. Betrieb, Fabrik, Handwerk, Manufaktur und die einzelnen Gewerbearten. Gewerblicher Nebenverdienst auf dem Lande 338 ff.
Gewerkschaft, Gewerkschaftsbewegung 32 f. 520. 530. 638. 659. 671 f. 687 ff. Gewinnstreben, seine Objektivierung, 37. 592. Siehe im übrigen kapitalistischer Geist.
Giro, G-verkehr 187. 203. 216 f. Glasindustrie 76. 100. 442. 695. 734. 771. 938.
Gleichförmigkeit der Güter 595. 627 ff. 787 f.
— im Wirtschaftsleben 565. 587 tf. 969 ff.
Goldproduktion XV. 106. 164f. 180.
191 f. 204 f. 451.
Grobbedarf, G-waren 618 f. Großaktionäre 737 f.
Großbetrieb (Wesen) 521. 540 ff. 825 f. 857 f. 860. 866. 879. 893. 897. 958 f. 1018.
Großgrundbesitzer als Käufer 482 f. Großstadt 400. 407 ff. 779. 865.
873. 880.
Gründergewinne: siehe Spekulationsgewinne.

III. Sachverzeichnis
1058
Gründungagesellschaften 779 ff. Grundrente als Quelle der Vermögensbildung 157 ff. 165.
Gründungen: siehe Aktiengesellschaften.
Handelsbetrieblehre,Entwicklung, 887f. Handelsfunktion 782 ff. Handelsgewerbe 397. 456 f. 543. 646. 730 ff. 735. 741. 751 f. 768. 778. 785. 788 f. 797. 813 f. 857. 861. 899. 918. 944. 955. 957. 959. 1000. 1003. 1020.
Handelskrisen: siehe Expansionskonjunktur.
Handelsnachrichten 637. 647 ff. Handelsorganisation 640 ff. 660 ff. 672 ff. 678 f. 757 ff. 782 ff. 788 ff. 797 ff. 808. 813 ff. 858 ff. 896. 901 ff. Vgl. Handelsgewerbe, Warenmarkt. Handelspolitik 43 ff. 53. 55 ff. 60 ff. 63 ff.
Handelsteil der Tagespresse 649 f. Handels- und Verkehrsstadt 400 f. Handkauf 661.
Händlerfunktion 804 f. Händlergenossenschaften 990. Handwerk, Handwerker 319 f. 350. 373. 439 f. 597 ff. 626 f. 693. 749 ff. 756 f. 769. 835 ff. 853 ff. 858 ff. 867. 896. 953 f. 957 ff. 1003.1008. 1018 f. Vgl. Kleinbetrieb.
Handwerkergenossenschaften 965. 990. Hausgemeinschaften, Auflösung, 350ff. Hausindustrie 341. 343 ff. 401 f. 419.
719. 762 ff. 801. 868.
Hausse, H-perioden, H-theorie: siehe Expansionskonjunktur und Konjunktur.
Heeresbedarf 572.
Heimatgesetze in England 376 f. Hemmungen der kapitalistischen Entwicklung : deren Beseitigung 29 ff. 52 ff. 111 ff. 681. 685.
Hochfinanz als Käufer 483. Hochbahnen 415 f.
Hochkapitalismus XI ff. 951 ff. Siehe im übrigen das Inhaltsverzeichnis. Holz [1] 97ff. 102.114. 120. 251. 264f. 269. 510. 655 f.
— [2] 157. 264 f. 298 f. 301. 509. 663.
— [3] 244. 247. 264 f.
Holz [4] 675.
— [6] 806.
Holzschliff [3] 245.
Holz- u. Schnitzstoffe, Industrie der 267. 398. 413. 422. 439. 441. 676. 732 f. 735. 741. 750. 763 f. 765 f. 772 f. 800. 810. 812. 837. 850. 993. Hungersnöte 977. 980.
Hüttenindustrie 100. 212. 236. 267.341. 398. 402. 404. 442. 507. 537 f. 566. 568. 576. 585 f. 731 f. 734. 741. 772. 812 f. 831. 836. 839. 850. 858. j 883. 887. 916. 938. 1000. 1003. 1020.
| Hygiene 114 f. 316. 360 f.
' Hypothekenbanken 197 f. 201.
Imperialismus 44 f. 64 ff. 66 ff. Individualisierte Arbeit 961. 1018. Industrie: siehe Gewerbe. Industrieländer: siehe Arbeitsländer. Industrielle Reservearmee 312 ff. 370.
375. 459 ff.
Industriestadt 401 ff.
„Industriestadt“ Berlin 411 ff. Ingenieur, I-wirtschaft 721. 888. 891 ff. 904. 920.
Innere Kolonisation 1019.
Insten 346 f.
Instrumentalsystem 912 ff. 916 f. 1022. Intensifikation, Intensität, Intensivierung der Arbeit 143. 231. 239 f. 671. 825 f. 876. 933 ff. 936 ff. Intensivisierung der Bedarfsbefriedigung 612 f.
—■ der Betriebe 548. 928 ff.
— der Landwirtschaft (Ackerbau und | Viehzucht) 245 ff. 331. 346. 508 f.
j 928.
j — des Transportwesens 273 ff. 929.
: Interessengemeinschaft 548.
I Internationale Verträge 71 ff.
! Internationalisierung des Kapitals 490 ff.
j Internationalismus 71 ff.
! Investment Banks 781 f.
I Juden 21 f. 26. 55. 57. 59. 189. 199. 201. 365. 381 ff. 386. 394 f. 397. 868. 973. 975. 1013.
i
1 Kalkulation 662. 664. 674. 911. 926. 1 966.

1054
III. Sachverzeichnis
Kapital: Akkumulation 152 ff. 172 ff. • 178 f. 314 f. 422. 472 ff. 514. 598. 1
— Arten 135 ff. hei Marx 312.
— Aufbringung, Beschaffung, Bildung: siehe Entstehung.
Begriff und Wesen 127. 129 ff.
— Dogmengeschichte 131 ff.
— Entstehung 147 ff. 152 ff. 186. 222. '
490. 584. 640 ff. 747. 777 ff. 782. ! 1004 ff. |
— Export, K-wanderung 470f. 489 ff. j
— Fiktives: siehe Negatives K. 1
— Kollektive K-bildung 171. 186. 222. |
— Konzentration: siehe das Stich- ;
wort Konzentration. '■
— Markt 518. 526 ff. 638. 640 ff. 657 ff. ; 666 ff. 686 ff.
— Negatives 128. 136 ff. 169. 184. i 196 f. 477 f. 569 f. 685.
— Reproduktion 128. 144 ff. 472 ff.
— Statistik 172 ff.
— Umschlag, U-zeit 196. 218. 237. 605. ' 613. 623. 626. 661. 864. 941 ff.
— Vermehrung 152. Vgl. Akkumulation.
— Verschiebung 152.
— Verwendung fremden K. 189f. Vgl. I das Stichwort Finanzierung fremder Wirtschaften.
— Verwertung 139 ff. 819 f. i
Kapitalismus, Geltungsbereich in der ;
Gegenwart 953 ff. in der Zukunft 1012 ff. Siehe im übrigen das i Inhaltsverzeichnis.
— Sinngehalt XIV. XIX ff. 517 ff. i 951 ff. 1013 f.
Kapitalistische Formen der Betriebsgestaltung 728 ff.
Kapitalistischer Geist XII f. 23 ff. i 87. 93. 165 ff. 182. 219 ff. 334 f. 1 337. 346 f. 357. 421. 424 ff. 556 f. ! 569. 588 ff. 591. 650. 688. 805. i 819 f. 970. 1013 f. 1015. 1020. j
— Unternehmer 3 f. 11 f. 14 ff. 26 ff. : 39 ff. 166 ff. 189 f. 557. 600 ff. ! 607 f. 611 f. 633 f. 659 f. 689. 696. 1 710. 737 f. 746f. 759f. 818. S20f. ; 897. 903 f. 970. 1013 f.
ihre Herkunft 19 ff. 220.
Einzelne kapitalistische Unternehmer: i Abbe, Ernst 17.
Astor, John Jac. 158. 1
Astor, William B. 158.
Ballin, Albert 17. 21.
Bernhard, A. 936.
Bosch, Robert 17. 21.
Carnages, Gebr. 98.
Carnegie, Andrew 21.
Chaussade, Mons. de la 832.
Dale, David 689.
Demburg, Bernh. 21.
Deutsch, Felix 17. 21.
Ford, Henry 17. 21. 37. 163. 634. 801. 805 f.
Fürstenherg, Karl 21. 741. Gardner, R. 934.
Gutmann, Eugen 741.
Hagen, Louis 741.
Harriman 17. 21.
Helfferich, Karl 21.
Horrocks 934.
Jacson 934.
Jandorf 21.
Kennedy 585.
Kirdorf, Emil 21. 828. v. Klitzing 741.
Krupp, Alfred 17. 121. 834. Lipton, T. 214.
Löwe, Isidor 21.
— Ludwig 21.
Loucheur 17.
Meier, H. H. 17.
Morgan, J. P. 818. 881. 951. Oppenheim, S. A. v. 741.
Mort, Thomas 275.
Poiret 608.
Rathenau, Emil 17 ff. 21. 37. 793.
1001 .
— Walther 741.
Rockefeiler, John D. 21.
Rogers, H. H. 21. 41. Schimmelpfeng, W., Berlin 647. Schröter, T .0. (Molinari), Breslau
798.
Siemens, Werner 17. 19. 21. Sloman 17.
Stinnes.Hugo 17. 818. 820. 828 f.
834. 951. 1005.
Thyssen, August 800. 1005.
Tietz 21.
„Typen-Schmidt“, Hellerau 634. Vanderbilt, Cornelius 562.
Vogler 828.
Wertheim, A. 21.

III. Sachverzeichnis
1055
Withworth 634.
Wolff, Otto 17.
Kapitalistische Unternehmung 36 ff. 167 f. 170 ff. 771. 818. 889. 900. 963. 970. 1020 f. Einzelne Unternehmungen: siehe Geschäftshäuser. Kartelle, K-bewegung 320f. 630 ff. i 563. 638. 669. 673 f. 686 f. 693 ff. | 710. 800. 802. 805. 839. 879. 881. i 987.
Kartoffel [2] 580. I
— [3] 244. 246. 252. 580. 786.
— [4] 281. 983. ,
— [5] 983.
Katastrophentheorie 475. 1008. 1022. : Katholizismus und Kreditsystem 224. ; Kaufkraft der Lohnarbeiter 512 ff. I Kaufmännisches Auskunftswesen: siehe j Auskunftswesen. i
Kinderarbeit 452 ff. j
Kino 419. !
Kleinbetrieb 772 f. 826. 835 ff. 853 ff. i 867. 879. 896. 961 f. Vgl. Handwerk, j Kleinkapitalistischer Unternehmer 966. i Klirieren: siehe Clearing. i
Kohle [1] 98 ff. 102. 120. 239 f. 270. |
1010. i
— [2] 507. 511. 800.
— [3] 121. 266. 565. 576. 579.
— [4] 272. 565. 567.
— [5] 280.
— [6] 784. 806.
Koks [1] 98.
— [3] 21. 851.
— [6] 579.
Kollektivbedarf, Kollektivisierung der Bedarfsbefriedigung 525. 613 f. Kollektive Kapitalbildung: siehe Kapital.
Kollektiver Arbeitsvertrag: siehe Tarifvertrag.
Kollektivunternehmung 729 ff. Kolonialkapitalismus 327 f. Kolonialländer: siehe Besiedelung der Kolonialländer.
Kolonien, Kolonisation 43 f. 64. 326 f. 365. 375.
Kombination der Betriebe 537 ff. 698 f.
715 ff. 796 ff. 833. Kommanditgesellschaft 728. Kommerzialisierung des Wirtschafts- | lebens 499 ff. 783 f.
Kompensationstheorie 370. 462. Konfektionsindustrie: s. Bekleidungsgewerbe.
Konjunktur, K-theorie 553 ff. 563ff. 639. 678. 686. 700. Vgl. Expansionskonjunktur, Stabilisierung der K. Konjunkturgewinne: siehe Spekulationsgewinne.
Konjunkturwechsel 463 f. 582 f. 586. Konkurrenz 87. 551. 556ff. 685ff. 694. 710. 805 f. 821. 824 f. 926. 942. 958. 961. 966. 1018. Vgl. Bindung des Marktes, Gewaltkonkurrenz, Kartelle, Reklame, Suggestionskonkurrenz.
Konkurrenzprinzip 556 f. Konservierungsmethoden 274 f. Konsumtionsgenossenschaft 988. 992 ff.
Vgl. Konsumvereine. Konsumtionsstädte 399. 414. Konsumvereine 543. 802. 805. 992 ff. 998.
Kontraktarbeit 322. 328 ff.
Kontrolle, K-apparate (in den Betrieben) 910. 935.
Konzentration der Betriebe 546 ff. 693. 698f. 707f. 715ff. 803. 814ff. 882 (Zusammenfassung). Konzentrationstheorien 816 ff. 882. 1008.
Konzern, K-bildung 548 f. 700. 715 ff. 809 ff. 818. 827 ff. 834. 840 ff. 845 ff. 852 f. 856 f. 874. 881. Kooperation 986.
Kosten: siehe Produktionskosten. Kräfte, neue 100 f. 1011 f.
Kredit: Arten 175 ff. 198 ff.
— Bedeutung 218 ff.
— Begriff 148 f. 175.
— Grenzen 179 ff. 191 f. 577 f.
— -Schöpfung' 177ff. 182f. 219. 503. Vgl. Kreditverkehr.
Kreditauskunftsbureaus: siehe Auskunftswesen, kaufmännisches. Kreditgenossenschaften 966. 976. 988 f. 996.
Kreditschutz 682.
Kreditverkehr, K-wirtschaft 148f. 154. 175 ff. 183 f. 188 ff. 204 ff. 218 f. 412. 489 ff. 661. 707. 762. 778 ff. 785. 872. 875. 944. 973 ff. Vgl. Kredit, K-genossenschaft.

1056
III. Sachverzeichnis
Krieg 65 f. 68. 563. 572. 702.
Krise, K-theorie: siehe Expansionskonjunktur, Konjunktur, K-theorie. Kulturstil 596 ff. 633.
Kunstgewerbe 411. 413. 696 ff. 621. 733f. 741. 763f. 769f. 837. 958. 961. 1018.
Kunstmanufaktur 769 ff. 917.
Kupfer [1] 124.
— [2] 511. 663.
— [3] 21. 107. 266.
— [4] 272. 706.
Laboratorien 870f. 890 f. 892 f. Landflucht, L-müdigkeit 372 ff. 414 ff. 419 f.
Landlinge 458.
Landwirtschaft, allgemeine Eigenart, 593. 715. 730. 761 f. 767 ff. 822 ff. 887. 898 f. 918. 1020 f.
— Gestaltung in Europa, 245ff. 332 ff. 374. 380ff. 414. 608f. 890. 928. 932.
— in den neuen Siedlungsgebieten, 256 ff. 392 ff. 810.
Siehe auch Anbau, Bauer, Forstwirtschaft, Intensivisierung der L., Landw. Arbeiter, Landw. Genossenschaften, Produktionskosten agrarischer Erzeugnisse. Landwirtschaftliche Arbeiter 345 ff. 378f. 381. 398. 660. 938. 954f.
— Genossenschaften 790 ff. Lastautomobil: s. Transportmaschinen. Lederindustrie 22. 100. 238. 413. 439.
734. 763 f. 766. 771. 773. 800. 837. 871. 1003.
Lehre, Lehrlingsausbildung 438 ff. Lehrlingszüchterei 439.
Leichte Güter 595. 619 ff. Leistungsfähigkeit des Bodens 233. 243 ff.
Leistungskonkurrenz 551. 567 ff. Leistungslohn 670 f.
Leistungsstudien 907.
Liberalismus, ökonomischer, 49. 52 ff. 68 ff. 69. 308.
Lieferungshandel 661 ff. Vgl. Generelles Lieferungsgeschäft. Linienschiffahrt 674.
Lohndrücker 447 ff.
Lohnfonds 131. 155. 230. 310. 312 ff. 459. 472 ff.
Lohnfondstheorie 445.
Lohnformen, Löhnungsmethoden 346. 427 f. 659. 670 f. 723. 935 ff. Vgl. Akkordlohn, Arbeitslohn. Lohntaxen 670.
Lokalisierte Arbeit 961. 1018. Lokomotiven: s. Transportmaschinen. Luftschiff: siehe Transportmaschinen. Luxusgüterbedarf 596 ff. 618. iäSi
Machtkonzentration 818.
Malthussche Bevölkerungstheorie 307 ff. Manufaktur 767 ff. 771. 899. 904. 934. Markenartikel 663. 673.
Markt, M'-bildung 292f. 480.519f. 527ff. 568 ff. 592. 637 ff. Vgl. Arbeitsmarkt, Expansionskonjunktur, Kapitalmarkt, Konjunktur, Preis, Warenmarkt.
Maschine, M-wesen 103 ff. 119. 507 ff. 541 ff. 571. 767 f. 772 ff. 825 f. 830ff. 909. 812ff. Vgl. Bewegungsmaschinen, Transportmaschinen. Maschinenarbeit, M-arbeiter 433 f. 454f.
914 ff. 922 ff. 933 ff. 939 f. Maschineningenieur: siehe Ingenieur. Maschinenindustrie 81. 100. 104 f. 109. 267. 397 f. 402. 404. 409. 413. 431. 439. 442. 453. 544. 565. 674 f. 695. 731. 733 ff. 741. 763 f. 772 f.
793. 800 f. 811. 836. 840. 891. 917. 920 f. 938. 1000. 1003. Massenbedarf 525. 629 f. 631 f. Materialistische Geschichtsauffassung 309. 317.
Mechanisierung des Arbeitsvorgangs 547. Siehe im übrigen Auflösung der vielgestaltigen Arbeit; Arbeit in den modernen Großbetrieben; Maschinenarbeit.
— der Preisbildung 667. 671 f. Mehrwert: Theorie 139 ff.
— Tatsächliche Gestaltung 467 ff. 513f. Meister, M-wirtschaft 892. 897 f. 906. Methode der Darstellung XIII ff. 6 ff.
46. 155. 504. 576 ff. 587 ff. 713. 895. 951 ff. 1014.
Metallindustrie 22. 124. 267. 341. 397 f. 403 f. 413. 439 ff. 565. 574 f. 695. 727. 732 f. 735. 741. 752. 763 f. 773. 834. 836. 848. 938.

III. Sachverzeichnis
1057
Militarisierung der Staaten 65 f. Mittelspersonen im Betriebe 897 f. 906.
Vgl. Meister.
Mittelstand 698 f.
Mobilisierbarkeit der Güter 232. 243. 679.
Mobilisierung der Güterwelt 617 f. Mode 594. 605 ff. 625 f. 633. 865. Molkereigenossenschaften 991 f.
Money Trust 687.
Monopol 164 f. 549. 562. Montagebahn: siehe Fließende Arbeit. Motor: siehe Bewegungsmaschinen, Maschine.
Montanindustrie: siehe Bergbau, Hüttenindustrie.
Motorrad: siehe Transportmaschinen. Mustermessen 661.
Nachfrage nach Konsumtionsmitteln 505. 512 ff.
— nach Produktionsmitteln 504 ff. Nachrichtenpublikation 644 ff. 655 f. Nachrichtenübermittlung, individuelle,
643 f. 651 ff. 662. 679.
Nahrung, Idee der 670. Nahrungsspielraum der Bevölkerung 307 f. 310 ff. 316. 357. 361 f. Nahrungs- und Genußmittel [2] 298 f. 302 f. 509. 679. 642. 663. 864. 997 f.
— [3] 102. 242. 246. 579. 620. 624. 693. 801 f.
— [4] 280 f. 706. 803.
— [6] 784. 806.
— Industrie der 267. 275. 398. 413. 456. 646. 695. 731 ff. 741. 749 f. 763 f. 800. 810 ff. 836 f. 847 f. 850. 938. 993. 1003.
Naturallohn 346.
Naturwissenschaft, naturwissenschaftliches Denken 74. 78ff. 885ff. 907.. Negersklaverei 322. Siehe im übrigen Farbige Rassen, Unfreie Arbeitskräfte.
Neo-Militarismus 65 f. Neu-Merkantilismus 63 ff. 69. Niedergang der Konjunktur 677 ff. Siehe im übrigen Expansionskonjunktur und Konjunktur. Niedergangsperioden: siehe Expansionskonjunktur.
Nivellierung der Arbeitslöhne 671 f.
— des Bedarfs 628.
— der Preise 667 f. 674 f. Normalisierung 547. 595. 636 f. 913 f.
1021 .
Normensystem (in den Betrieben): siehe Verwaltungssystem.
Normung (in den Betrieben) 907 ff. Siehe im übrigen Vergeistung der Betriebe.
Notenbanken 192 ff. 206 ff. 707. 882. Notenbankwesen, Grundsätze eines rationellen 64. 707.
Nutzungsrechte in der Dorfverfassung: siehe Agrarreform.
Objektivierung des Gewinnstrebens 37. 692.
Offene Handelsgesellschaft 728. 730. 734 f.
öffentliche Körper als Käufer 483 ff.
600. 631. 710.
Öffentlicher Betrieb 999 ff. Ökonomisierung der Betriebe 548. ökonomität 143. 231. 239f. 930. Omnibus 416.
Optimale Betriebsgröße 621. 536. 544..
817. 830 f. 835. 849. 866. Ortsgeschäft, -laden 741. 814.
Papierindustrie 76. 100. 110. 413. 439. 456. 510. 733 f. 741. 763 f. 771. 773. 800. 811 f. 830. 836. 871. 916. 938. 1003.
Patente 56. 112 f. 530. Patriarchalische Arbeitsverfassung 346f. 443. 897. 900.
Pensumsystem 937. 939. Vgl. Lohn- formen.
Periodis he Wanderungen 391 ff. Personenvereinigung: siehe Offene
Handelsgesellschaft.
Petroleum: siehe Erdöl.
Pfandbrief 201.
Planwirtschaft 1014 ff.
Polygraphisches Gewerbe 100. 413.
734. 763 f. 773. 1000. „Populationsgesetz“, Marxsches 311 ff. 317.
Portowesen 651 f.
Post, P-verkehr 652 ff. 861 f. Vgl.
Transportgewerbe.
Potentielles Kapital: siehe Kapital.

1058
III. Sachverzeichnis
. m
Preis, Pr-bildung: theoretisch 238. 259. 517 f. 527. 529«. 540«. 592.666«. 696 f. 824 f.; empirisch 227. 237 f. 241. 250 f. 259f. 272. 281 f. 562. 565«. 569 f. 581 f. 666«. 696 f. 802 f. 972. 979. 981. 983 f.
— - der Arbeit 367. 444. 464«.
— der Arbeitskraft 444. Siehe im übrigen Arbeitslohn.
Produktion, Bedingungen ihrer Entfaltung, 227. 230«.; ihre Entfaltung 235 ff.; Weltproduktion in Agrarerzeugnissen 255 ff.
Produktionsfaktoren Verbilligung 540«. Produktionsgenossenschaften 988.990«. 996 ff.
Produktionskosten 540 ff. 633 f. 661 f. 678. 697 f. 864. 866. 910 f. 926. 940f.
— agrarischer Erzeugnisse 250. 256«. 978 f. 983 f.
Produktionskostengesetz 529 f. Produktionsverbilligung 543 f. Produktionsverschiebung 233. 243 ff. 294 f.
Produktionszwang 330.
Produktivität der Arbeit: Theorie 142. 231. 462; Bemessungsmethoden
235 ff; tatsächliche Gestaltung 143f. 239«. 294. 513 f. 876.
Profit 467 ff. 565 ff. Siehe im übrigen Extraprofit und Mehrwert. Proletariat, Entstehung, 305 «. 325 ff.
— Umfang, 953 ff.
Proletarische Wanderbewegung 364. 383 ff.
Proletarisierung des Bedarfs 629. Promoting Companies 781. Protestantismus und Kreditsystem 224. Puritanismus, seine Bedeutung für den Kapitalismus, 428 f.
Rationalisierung, Rationalismus, ökonomischer, 38. 523. 590«. 666. 726 f. 817 f. 953. 965 f. 1015. Siehe im übrigen die verschiedenen Rationalisierungstendenzen.
— der Betriebe 698«. 712«.
— des Güterbedarfs 594 ff.
— des Marktes 637 ff.
— der Preisbildung 666 ff.
Raubbau im Ackerbau 234. 260 ff.; im
Bergbau 271.
Räuberbanden, kapitalistische 685.782. Raumökonomie in den Betrieben 928 «. Reallohn: siehe Arbeitslohn. Rechenhaftigkeit 966. Rechnungssystem (in den Betrieben) 909«. 916. 1021 f.
Reiche als Käufer (Konsumenten) 482«. 596«. 620.
Reisen 650 f.
Reklame 543. 551 f. 559 ff. 645 f. 805. 865. Vgl. Geschäftsanzeige, Suggestionskonkurrenz.
Religion, ihre Bedeutung für den Kapitalismus, 224. 367. 428 f. 666. Vgl. Katholizismus, Protestantismus, Puritanismus.
Rembourskredit 757.
Rentenfonds, R-stock, R-vermögen 137«. 569 f. Siehe im übrigen Kapital negatives.
Reparaturarbeit 961 f. 1018. Ressortbildung 901 ff. 905 f.
Risiko 518. 661. 680«. Rotationsprinzip 109 f.
Rythmus der kapitalistischen Wirtschaft: siehe Expansionskonjunktur.
!>'achkapital: Begriff und Arten 137. 230«.; Beschaffung 235«. 293«. 575 f.; Statistik der Bewegung des S. auf der Erde 296 ff. Siehe im übrigen Abbau, Anbau, Ausbau, Kapital, Mobilisierung der Güterwelt, Produktion.
Sachökonomie (in den Betrieben) 930, Vgl. Ükonomität.
Saisonarbeit, -gewerbe 340f. 391 f. 398. 463. 824. 932.
Schematisierung 547. 667. 671 ff. Schiffahrt: siehe Binnenschiffahrt, Seeschiffahrt, Transportgewerbe. Schiffahrtsabkommen 695.
Schiffbau 464. 565. 575. 674. 836. 840. 850. 938 f.
Schiffe: siehe Transportmaschinen. Schnelligkeit als Wert 23. 612 f.; Steigerung 34. 118 f. 237. Schöpferische Nachfrage 503.
Schotten 189. 193.
Schuhindustrie 76. 108 f. 402. 456. 542. 727. 751. 765 f. 772 f. 795. 812. 830. 906. 912. 936. 938. 993.

III. Sachverzeichnis
1050
Schutzzoll, Sch-system 63 f. 694. Schwere Güter 619 f.
Seefrachttarife: siehe Tarife. Seeschiffahrt 106. 120. 229. 282 ff. 717. 806 ff. 855 ff. Vgl. Transportgewerbe.
Shipping Trust 695.
Sklaverei 322; in den Ver. Staaten 325 f.; in den Sklavenkolonien 326f. in neuerer Zeit 327 ff.
Skontrierung: siehe Clearing. Sozialismus 1016 f.
Sparen, Sparakt 147. 153 ff. 218. 490. 569.
Sparsamkeit, Sparsinn 166 f. Sparkassen 195. 208 f. Spätkapitalismus XII f. 690. 711. 747.
806. 953. 1012 ff.
Spekulation 664 f. 685. Spekulationsbau 501 f. 754 ff. Spekulationsgesellschaften 685. Spekulationsgewinne als Quelle der Vermögensbildung 159 ff. 165.; ihre kapitalbildende Funktion 218 f. Spekulativer Bedarf 526. 601. Spezialisation der Betriebe 535 ff. 715ff. 776 ff. 833. 919.
— innerhalb der Betriebe 547. 825. 833. 901 ff. 906 ff.
Spinnerei 124. 241. 343. 402 f. 419. 454. 456. 537. 731. 765. 787. 836. 842 f. Vgl. Baumwollspinnerei, Textilindustrie.
Spinnstoffe (außer Baumwolle und Wolle) [1] 97. 244. 255. 627.
— [2] 300.
— [3] 244 f.
— [4] 281.
Staat, moderner 42 ff. 48 ff. 166. 632. 999. Siehe im übrigen Wirtschaftspolitik.
Staatsbetriebe 439.
Stabilisierung der Konjunktur 639. 678. 701 ff. 806. 953. 1013 f.
— des Bedarfs 1015 f.
Stadt, Städte 348. 366. 375. 387 ff.
399 ff. 508 f. 621 f.
Stahl: siehe Eisen.
Stahlindustrie: siehe Eisenindustrie. Standards: siehe Typen.
Standort der Produktion 293ff. 339ff. 373. 401 f. 407 ff.
Soinbart, HoehkapitHliamus II.
! Steine und Erden, Industrie der 100. 267. 398. 413. 422. 576. 732 ff. 741. 763 f. 773. 800. 812. 836. 846. 938. Steinkohle: siehe Kohle. Stellenvermittlung: siehe Arbeitsnach- j weis.
I Stellenwechsel in den modernen Be- i trieben 441 f.
i Stille Gesellschaft 728. j Stinnes-Konzem 827 ff.
! Stoffe, neue, 97 ff. 1012. Strafgefangene als Arbeiter 330. Straßenbahnen 415 f.
Streik 688 f.
| Stufenbau, -gang der Wirtschaft 5051'f.
I Subalternisierung der geistigen Arbeit | 904.
! Suggestionskonkurrenz 551. 557. 659 ff. j 602. 626. 865. Vgl. Reklame.
! Surrogat, Surrogierung 595. 623 ff. 627. 958.
Symbiosen: siehe Finanzierung. Syndikat: siehe Kartell, j System van den Bosch 330. Systematik: siehe Methode der Darstellung.
: Systembildung (in den Betrieben) 901 ff.
i
’ Tabakindustrie 456 f. 766. 793. 836.
| 847. 993.
i Tagelöhner, landwirtschaftliche: siehe Landwirtschaftliche Arbeiter. Tarife, Tarifpolitik 530. 638. 673 f. Tarifvertrag 658 ff. 671. 688. Taxametrisierung 672 f.
! Taylor, Taylorismus, Taylorisierung: siehe im Schriftstellerverzeichnis j unter Taylor.
| Technik, moderne, Bedeutung 34. 76 f. ; Ulf. 461 f. 534. 603. 623. 625 f.
629 f. 650 ff. 655. 662. 679. 681. i 787. 814.
| — Entwicklung 75 f. 79.
I — Fortschritte 97 ff. 585 f.
; — Leistungen 111 ff. 943.
! — Mittel 123 f. 617 f. 830 f. 929 f.
. — der Zukunft 1010 ff. 1015. Vgl. 1 Kräfte, neue; Stoffe, neue.
; Telegraphie 106. 650. 653 ff. 852.
Vgl. Transportgewerbe.
; Telephonie 106. 654 f. 667. 852. Vgl. [ Transportgewerbe.
67

1000
III. Sachverzeichnis
i
Terminassistenten, -treiber 935. Termingeschäft, -handel 664 f.
Tests, Testwissenschaft 435 ff. Textilindustrie 20. 100. 108. 124. 212. 238. 398. 404. 409. 413. 442. 452 f. 456f. 464f. 488. 500. 505 ff. 578 f. 646. 660. 682. 695. 727. 732 ff. 741. 752. 763 ff. 771 ff. 787. 800. 810 ff. 836. 842. 846. 858. 882f. 938. 993. 1003. Vgl. Baumwollspinnerei, B-weberei, Spinnerei, Weberei, Wollindustrie.
Thdorie des ddbouchds: siehe Absatztheorien.
Trade Union: siehe Gewerkschaft. 'Träger des Bedarfs 596 ff. Siehe im übrigen Bedarf.
Transport, T-mittel, T-wesen 228f. 232. 276ff.; Entfaltung und Gestaltung des modernen T-Wesens 282 ff. 851 ff.; Bedeutung 292ff. 373. 415. 510. 576. 612. 615 f. 650 ff. 656. 662. 679. 814. 851 ff. 865. 944; in den Städten 415 f.
Transportband: siehe Fließende Arbeit. Transportfähigkeit der Güter 229. 232; Steigerung der natürlichen T. 273ff.; der ökonomischen T. 278ff. Transportgewerbe 76. 100. 106. 115. 120. 222. 229. 268. 276 ff. 282 ff. 416 f. 422. 463. 541. 579. 651 ff. 656. 674. 717. 732. 778. 806 ff. 851 ff. 885. 899. 916. 928. 938. 943 f. 955. 957. 959. 1002. Vgl. Verkehrsgewerbe.
Transportkosten 278 ff. Transportmaschinen [1] 121. 617. 962.
— [2] 663. 706. 801.
— [3] 97. 106 f. 118 f. 276 ff. 286. 289 ff. 673. 576. 579. 635 f. 693. 787. 840. 931.
— [4] 706.
— [6] 579.
Triebkräfte des Wirtschaftslebens 6 ff. 39 ff.
Trust 549. 669. 687. 696. 698. 710. 808. 847 ff.
— Companies 780.
Typen der hoelikapitalis tischen Stadt 339 ff,
Typen (im Warenhandel) 662 f. Typenhandel 662 f.
Typisierung der Arbeit und der Güter 433. 695. 633 ff. 662 f. 699 f.
— der Vertragsbedingungen (im Warenhandel) 663 f.
Überproduktion 491. 578 f. Überproduktionstheorie: siehe Absatztheorien.
Übervölkerung 307. 312 ff.; des platten Landes 372 ff.
Überschußbevölkerung 319 f. 324. 354 ff.
Übersichtlichkeit des Marktes: siehe Erhellung.
Unfreie Arbeitskräfte 322. 325 ff. Uniform 632.
Uniformierung des Bedarfs 627 ff. Untergrundbahnen 415 f. Unterhaltslohn 670. Unterkonsumtionstheorie: siehe Absatztheorien.
Unternehmertypen 15 ff. 26 ff. 168 f. Siehe im übrigen Kapitalistischer Unternehmer.
Unternehmung: siehe Kapitalistische Unternehmung.
Unternehmungsdrang, U-zwang 820 f. 881. Siehe im übrigen Kapitalistischer Geist.
Untemehmungsformen 722. Unternehmungsgeist 168 f. 219 f. 569. Siehe im übrigen Kapitalistischer Geist.
Urbanisierung der Bedarfssitten 621 ff.
— der Bevölkerung 387 ff.
Verdichtung: siehe Intensi visierung.
Verfahren, Verfahrungsweise, Begriff 101 ff.; neue chemische V. 102f.; neue mechanische V. 103 ff. Siehe im übrigen Technik. Vereinheitlichung der Güterformen 595. Verfettung 1013.
Vergeistung der Arbeit 424 f. 430 ff. 914 ff.
— der Betriebe 547. 719. 723 f. 895 ff. 947. 953. 1015 ff. 1020 ff.
— der Marktbeziehungen 657 ff. 947. 953.
Vergrößerungsdrang 820 f. 881.

III. Sachverzeichnis
1061
Vei'kehregowerbe 457. 660. 731. 733. 741. 785. 871. 1000. Vgl. Transpoit- gewerbe.
Verkehrsmittel, V-wesen: siehe Transport.
Verkürzung der Arbeitszeit 933 ff. Verlag, Verleger 339.
Verlängerung des Produktionsweges 945 ff.
Vermannigfaltigung der Güterwelt 636. Vermögen an Sonnenenergien 122. 232f. Vermögensbildung 147 f. 155 ff. 747. Vermögenskonzentration 547. 818. Verrentung 1013.
Versachlichung 35 ff. 222 f. 638. 657 ff. 664. 666 ff. 728. 752 f. 895. 947. 953. Vgl. Vergeistung.
Versandgeschäfte 863 ff.
Verschuldung der Bauernwirtschaften 976. 980. 983.
Versicherung 683 f. 710. Versicherungsanstalten 195. 209 f. Verwaltungssystem (in den Betrieben) 901 ff. 915. 917 ff. 1020 f. Verwissenschaftlichung der Betriebsführung 884 ff. 895.
Vieh [1] 248. 276.
— [2] 301.
— [3] 247 f. 254 f. 258.
— [6] 278.
V olkseinkommen, V -vermögen 172f. 213.
Wanderungen 363 ff. 383 ff. 672. Vgl. Auswanderung, Binnenwanderung, Einwanderung, Periodische Wanderungen.
Wanderungsverluste agrarischer Gebiete 387.
Warenhaus 814. 862 f. 869. 932. 944. Warenmarkt 638. 642 f. 660 ff. 672 ff. 693 ff.
Warrant 757.
Weberei 124. 236. 239. 242. 340 f. 343. 402 f. 537. 765 f. 775. 787. 834. 842f. Vgl. Textilindustrie und die dort aufgezählten Stichworte.
Wechsel, W-kredit, W-verkehr 202 f. 210. 215 f. 567 f. 667. 875. 877. 879. Vgl. Diskont.
Wechsel der Bedarfsgegenstände 595. 603 ff. 621.
Weiberarbeit 369. 454 ff.
Weizen [1] 678.
— [2] 296. 301 ff. 580.
— [3] 244. 246 f. 251 ff. 257 ff. 580. 678.
— [4] 250. 259. 282. 675 f.
— [6] 279 f.
Welthandel 292 f. 498 f.
Weltmärkte 641 ff.
j Werkbetrieb 546. 819. 827. 846. Siehe ! im übrigen Betrieb, j Werkmeister: siehe Meister, j Werkteilung: siehe Spezialisation.
[ Werkvereinigung: siehe Kombination. Werkzeugmaschinen: siche Arbeitsmaschinen.
Wert, Werttheorie 141 f. 513 f. Wetterwarten, ökonomische 647 f. 707. Wirtschaftlichkeit 165 ff. Wirtschaftsbetrieb 546. 819. 827. 846.
Siehe im übrigen Betrieb. Wirtsehaftsführer 3 ff. 10 ff. Siehe im übrigen Kapitalistischer Unternehmer.
Wirtschaftsleben der Zukunft 1008 ff. Wirtschaftspolitik, innere 42 f. 51 ff. 528. 999; Maßnahmen der liberalen Gesetzgebung und Verwaltung 52 f. 55 ff.; äußere 43 ff. 60 ff. Wirtschaftsrecht 51 ff. Wissenschaftliches Verfahren in der Technik 80 ff. 111 ff. 890 f. Wissenschaftliche Betriebsführung 724. 884 ff. 895.
Wohlfahrtseinrichtungen 443. Wohnungserzeugung 501 f. 754ff. Vgl.
Baugewerbe.
Wolle [1] 244 f. 265.
— [2] 298. 300 f. 580. 663.
— [3] 244. 247. 256.
— [4] 282.
Wollindustrie 76. 162. 242. 341. 938. Wucher auf dem Lande 973 ff.
Zeitlohn 938. Vgl. Lohnformen. Zeitökonomie (in den Betrieben) 930ff. Zeitung 655 f.
Zeitstil 621 f.
Zerlegung der Arbeit: siehe Auflösung der vielgestaltigen Arbeit. Zeugdruck 505.
67 “

10(32
III. Hach Verzeichnis
Zeugungsoptimus des Malthus 307; der Malthusianer 310ff.; bei Marx 315. Zinsfuß 569 f. 573.
Zivilisierung des Bedarfs 628.
Zucker: siehe Nahrungs- und Genußmittel. K'G
Zuckerindustrie 76. 100. 102. 248. 455. 463.538.684.734. 794.810.836f. 932.
„Zug nach der Stadt“ 414 ff. Zurechnung 128. 140. Zusammenbruchstheorie 701. Zuschußbevölkerung 319 f. 323. 331 ff. Zwangsläufigkeit (in den Betrieben) 909. Zwischenstaatliche Organisationen 47. 71 ff.

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Seite 106 Zeile 14 v. o.: 1891 statt 1881.
Seite 106 Zeile 14 v. o.: Neckar statt Bodensee.
Seite 106 letzte Zeile v. u.: Forrest statt Forest.
Seite 106 Zeile 17 v. u.: Beis statt Beiß.
Seite 108 Zeile 17 v. u.: Whitney statt Withney.
Seite 118: (1924/5) statt (1824/5).
„ 154 Zeile 4 v. o.: Nichtverausgabung statt nicht Verausgabung.
Seite 195 Zeile 6 v. o.: $ statt <£.
„ 208: £ statt $.
„ 211 Zeile 1 v. o.: fehlt Millionen Kronen.
Seite 211 Zeile 6 v. u.: Milliarden statt Millionen.
Seite 213 Zeile 13 v. o.: März statt April.
Seite 215 Zeile 17 v. u.: 2514414 statt 2514394.
Seite 216 Zeile 16 v. u.: 362 statt —.
„ 223 „ 3 v. o.: 29 statt 23.
„ 247 „ 7 v. o.: 1871/80 statt
1871/70.
Seite 251 Zeile 3, 2 v. u.: fällt ha fort.
„ 252 Zeile 6, 7, 8 v. o.: fällt ha
fort.
Seite 255 Zeile 20, 21 v. u. ist die Ziffer der letzten Spalte eine Zeile tiefer zu rücken.
Seite 255 Zeile 1 v. u.: 903 statt 901.
„ 266 „ 17 v. u.: fällt Millionen aus.
Seite 268 Zeile 17 v. u.: bezieht sich auf das Jahr 1913.
Seite 273: Augenmerk statt Augenwerk.
Seite 281 Zeile 20 v. o.: 1896—1900 statt 1895—1900.
Seite 282 Zeile 1 v. u.: 1037 726 statt 9 037 726.
Seite 286 Zeile 6 v. u.: fehlt km.
„ 315 letzte Zeile: Unterabschnitten statt Abschnitten.
Seite 319 Zeile 17 v. o.: der statt denen.
„ 325 „ 2 v. u.: dem statt der.
„ 327 „ 12 v. u.: Khediven statt
Kediven.
Seite 329 Zeile 21 v. o.: Pferchen statt Pfergen.
Seite 335 Zeile 7 v. o.: 87,2 statt 77,2.
„ 341 „ 13 v. u.: 71111 statt
68461, 100483 statt 94411, 57 677 statt 57 675.
Seite 343 Zeile 16 v. u.: Er statt Es.
„ 345 „ 17 v. o.: 3. statt 2.
„ 356 „ 11 v. o. : 31023000
statt 29023000.

1064
Druckfchlerberichtigung
Seite 356 Zeile 16 v. u.: 160 statt 159. I 367 Zeile 6 v. o.: Eyth statt Eydt. ! !, 371 „ 1 v. u.: 1925 statt 1915. |
„ 374 ., 3 v. u.: der statt denen, j
„ 382 „ 4 v. o.: an statt zu.
Seite 393 Zeile 8 v. o.: emergens statt
immergens.
Seite 421 Zeile 4 v. u.: 68 °/oo statt 68 °/o.
Seite 458: Lüdenscheid statt Lüden- scheidt.
Seite 465 Zeile 17 v. u.: 1819-1821 statt 1829—1831.
Seite 495 Zeile 7 v. u.: Verfasserin statt Verfasser.
Seite 498 Zeile 12 v. o.: fällt —1890 fort. |
Seite 498 Zeile 13 v. o.: ist—1890 hinzuzufügen.
Seite 507 Zeile 3 v. o.: 588,0 statt 5,880.
„ 509 ,, 4 v. u.: Eyths statt
Eydts.
Seite 510 Zeile 8 v. o.: Eyth statt Eydt.
„ 514 Zeile 14 v. u.: übrig statt
über.
Seite 681 Zeile 15 v. o.: 5. statt 6.
„ 708 vor Zeile 15 v. u.: ist b)
einzufügen.
Seite 709 vor Zeile 11 v. o.: ist c) einzufügen.
Seite 104: an Stelle der letzten fünf Zeilen von unten tritt folgender Text: Die Zahl der in der Maschinenindustrie beschäftigten Personen war folgende 1. Maschinen-, Apparate- und Fahrzeugbau einschließlich Elektrotechnische Industrie.
Jahr
Beschäftigte
Zunahme gegenüber der
Personen
vorigen Zählung in v. H.
1882
226858
1895
388285
+ 71,2
1907
814112
+ 109,7
1907 (jetziges Reichsgebiet) 792994
1925
1660493
+ 104,0 (altes Reichsgebiet) ■f 109,4 (neues Reichsgebiet)
2. Maschinen-, Apparate-
und Fahrzeugbau.
Jahr
Beschäftigte
Zunahme gegenüber der
Personen
vorigen Zählung in v. H.
1882
226858
1895
363863
+ 60,4
1907
742973
+ 104,2
1907 (jetziges Reichsgebiet) 698017
1925
1220553
+ 64,3 (altes Reichsgebiet)
+ 74,9 (neues Reichsgebiet)
3. Maschinenbau einschließlich Eisenbau.
Jahr
Zunahme gegenüber der vorigen Zählung in v. H.
62,9 98,4 68,15
Beschäftigte Personen
1882 147787
1895 240759 +
1907 (altes Reichsgebiet) 477 744 +
1925 803336 +
In Wirklichkeit dürfte die Zunahme der Masckineniudustrie von 1907 und 1925 durchweg noch etwas stärker gewesen sein, da bei der Zählung von 1925 ein Teil der Maschinenindustrie — nämlich soweit es sich um die betrieblich mit eisenschaffender Industrie kombinierten Werke handelt — in der neuen Gewerbegruppe VA nachgewiesen wird. Den Gesamtumfang der Maschinenindustrie i. w. S. des Wortes wird man auf annähernd 2 Millionen beziffern können.
Diese Ziffern verdanke ich einer freundlichen Mitteilung des Statistischen Reiehsamts.

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