WERNER S0MBÄR7 W IRTS CHAFTS LEBEN S M U S is&i. rte<äi! mm. ’w.-v&I ips$ܧ$ wmsm mWM V^^'x Wmm 5ag& Srägg mm '■mm W?&h «■.:y<,{ ^'ivv-. ~i 3 v. jyti><*2 *?2Sü ■•**••'* tfl*- sfbAjt ■b&äf '-’SSAi *t>ß. ' *. .1 -7/f . ;r^rt! : 3 B asm MaBsp> MsaMö ^ij'T irJßiiw :» »wjjir iWV- ;!-:X w '| 3&» äSStti'Ä'MiSS'i ««551 WERNER SOMßART Der moderne Kapitalismus Historisch-systematische Darstellung des gesamteuropäischen Wirtschaftslebens von seinen Anfängen bis zur Gegenwart DRITTER BAND Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus Erster Halbband MÜNCHEN UND LEIPZIG / I 9 27 VERLAG VON DÜNCKER 4 HUMBLOT WERNER SOMRART Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus Erster Halbband Die Grundlagen - Der Aufbau MÜNCHEN UND LEIPZIG / 1927 VERLAG VON DUNCKER & HUMBLOT Copyright by Duncker & Humblot, Verlagsbuchhandlung, München und Leipzig 1927 Pierersehe Hofbuchdruckerei Stephan Geihel & Co., Altenburg, Tliilr. V Inhaltsverzeichnis Seite Geleitwort.XI Erster Hauptabschnitt Die Grundlagen Erster Abschnitt Die treibenden Kräfte Quellen und Literatur.3 Erstes Kapitel: Die Bedeutung des kapitalistischen Unternehmers .6 I. Treibende Kräfte im Wirtschaftsleben.6 II. Historische Triebkräfte.9 III. Die Wirtsckaftsfükrer in den verschiedenen Epochen . . 10 Zweites Kapitel: Die neuen Führer.14 I. Der äußere Wirkungskreis.14 II. Die Unternehmertypen.15 III. Die Herkunft. 19 Drittes Kapitel: Die Entfaltung der wirtschaftlichen Energie 23 I. Die Tatsachen der Energieentfaltung.23 II. Gründe der Energieentfaltung.26 1. Der neue Menschentyp.26 2. Äußere Einflüsse.29 3. Die Versachlichung des kapitalistischen Geistes ... 35 III. Person und Sache.39 Zweiter Abschnitt Der Staat Quellen und Literatur.42 Viertes Kapitel: Das Wesen des modernen Staates .... 48 I. Das Untersuchungsgebiet.48 II. Die Zwieschlächtigkeit des modernen Staates .... 48 III. Die Grundzüge des modernen Staates.49 Fünftes Kapitel: Die innere Wirtschaftspolitik.51 I. Allgemeine Züge.51 II. Die Maßnahmen der liberalen Gesetzgebung und Verwaltung 52 IH. Geschichte.55 VI Inhaltsverzeichnis Seite Sechstes Kapitel: Die äu&ere Wirtschaftspolitik.60 I. Die Episode des Freihandels.60 II. Der Neu-Merkantilismus.63 Tatsachen des Expansionspolitik .64 III. Das Zeitalter des Imperialismus.66 1. Der Begriff des Imperialismus.66 2. Die Gründe des Imperialismus.67 3. Die Bedeutung des Imperialismus.69 Anhang: Die zwischenstaatlichen Organisationen .... 71 Dritter Abschnitt Die Technik Quellen und Literatur.74 Siebentes Kapitel: Der neue Geist.78 I. Technik und Naturwissenschaft. 78 II. Das wissenschaftliche Verfahren.80 III. Die Bewegungsgesetze des technischen Wissens (Erfindung und' Erfinder).82 1. Allgemeines.82 2. Die objektiven Bedingungen.84 3. Die subjektiven Bedingungen.89 Achtes Kapitel: Der neue Weg.97 I. Die neuen Stoffe.97 1. Werkstoffe.97 2. Heiz- und Leuchtstoffe.98 3. Hilfs- oder Arheitsstoffe.98 II. Die neuen Kräfte.100 III. Die neuen Verfahrungsweisen.101 1. Allgemeines.101 2. Das chemische Verfahren.102 3. Das mechanische Verfahren.103 a) Begriff der Maschine.103 b) Die äußere Entwicklung des Maschinenwesens . . 104 Die Entwicklung der Bewegungsmaschine . . . . 105 Die Entwicklung der Arbeitsmaschine .107 c) Die innere Entwicklung der Maschine.108 Neuntes Kapitel: Die ökonomische Bedeutung der modernen Technik.111 I. Die Ausweitung des Wissens ..111 II. Die Ausweitung des Könnens.113 1. Die zunehmende Beherrschung des Lebens .... 114 2. Die Steigerung der Einzelleistung.116 3. Die Vermehrung des Stoff- und Kraftvorrats. . . . 121 IH. Die Ausweitung des technischen Apparates.123 Inhaltsverzeichnis VII Zweiter Hauptabschnitt Der Aufbau Erster Abschnitt Das Kapital Erster Unterabschnitt Zur Theorie des Kapitals im allgemeinen Seite Quellen und Literatur.127 Zehntes Kapitel: Begriff und Wesen des Kapitals .... 129 Elftes Kapitel: Die Arten des Kapitals.135 Zwölftes Kapitel: Die Verwertung des Kapitals.139 I. Begriff und Wesen des Mehrwerts.139 II. Die Bildung des Mehrwerts.141 III. Die Reproduktion des Kapitals.144 Zweiter Unterabschnitt Das Geldkapital Quellen und Literatur.147 Dreizehntes Kapitel: Die Entstehung des (leldkapitals im allgemeinen.152 I. Zur Einortung.152 II. Die Gestaltung der Bedingungen der Kapitalentstehung . 153 1. Die Entstehung des potentiellen Kapitals.153 2. Die Verwandlung des potentiellen Kapitals in aktuelles 168 3. Die direkte Kapitalbildung.171 III. Das Anwachsen des Kapitals.172 Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung . . 175 I. Das Wesen des Kredits.175 1. Der Begriff.175 2. Arten des Kredits. 175 3. Grenzen des Kredits.179 II. Die Vervollkommnung der Kreditwirtschaft.183 1. Das Bankprinzip.183 2. Das Effektenprinzip.185 3. Das Prinzip der bargeldlosen Zahlung.187 III. Die geschichtliche Entwicklung der Kreditwirtschaft . . 188 1. Die extensive Entwicklung der Kreditwirtschaft. . . 189 2. Die intensive Entwicklung der Kreditwirtschaft . . . 192 a) Die Banken.192 b) Die Effekten.200 c) Der bargeldlose Verkehr.202 3. Die Entwicklung der Kreditwirtschaft im Zahlenbilde 204 Fünfzehntes Kapitel: Die Bedeutung des Kredits für die kapitalistische Wirtschaft.218 VIII Inhaltsverzeichnis Dritter Unterabschnitt Das Sachkapital Seite Quellen und Literatur.225 Sechzehntes Kapitel: Grundsätzliches.230 Siebzehntes Kapitel: Die Entfaltung der Produktion . . . 235 I. Der Ausbau.235 II. Der Anbau.251 III. Der Abbau.260 Achtzehntes Kapitel: Die Mobilisierung der Güterwelt. . . 273 I. Die Steigerung der Transportfähigkeit der Güter . . . 273 1. Übersicht.273 2. Die Steigerung der natürlichen Transportfähigkeit . . 273 3. Die Steigerung der ökonomischen Transportfähigkeit . 278 II. Die Entfaltung des modernen Verkehrswesens .... 282 1. Die Seeschiffahrt.282 2. Die Binnenschiffahrt.284 3. Die Eisenbahnen.285 a) Die Ausbreitung des Eisenbahnnetzes.286 b) Die Verkehrsleistungen der Eisenbahnen .... 288 c) Die Eisenbahnen als produktive Leistung . . . 289 III. Die Bedeutung der Verkehrsumwälzung für die Entwicklung des Kapitalismus.292 Statistik der Bewegung des Sachkapiials auf der Erde . . 296 Zweiter Abschnitt Die Arbeitskräfte Erster Unterabschnitt Zur Typologie der Bevölkerungstheorien Literatur.304 Neunzehntes Kapitel: Die naturalistische Theorie.305 Zwanzigstes Kapitel: Die ökonomistische Theorie .... 310 Einundzwanzigstes Kapitel: Die soziologische Theorie . . . 316 Zweiter Unterabschnitt Die Beschaffung der Arbeitermasse (Die Entstehung des potentiellen Proletariats) Quellen und Literatur.322 Zweiundzwanzigstes Kapitel: Die unfreien Arbeitskräfte . . 325 Dreiundzwanzigstes Kapitel: Die freie Zuschußbevölkerung 331 (Die Auflösung der alten Wirtschaftsverfassungen) I. Die Auflösung der Dorfgemeinschaften.331 1. Die Wirkungen der Agrarreform.332 Inhaltsverzeichnis IX Seite 2. Der Wegfall des gewerblichen Nebenverdienstes . . 338 3. Die Erschwerung der Tagelöhnerarbeit.345 II. Die Auflösung der Arbeitsgemeinschaften.346 III. Die Auflösung der Hausgemeinschaften.350 Yierundzwiinzigstes Kapitel: Die freie Übersoll u febcvölkcrung 354 (Die Bevölkerungsvermehrung) I. Übersicht.354 II. Statistik der Bevölkerungsvermehrung.354 III. Die Ursachen der Bevölkerungsvermehrung.357 Dritter Unterabschnitt Die Anpassung der Bevölkerung an die Bedürfnisse des Kapitalismus {Die Entstehung des aktuellen Proletariats) Quellen und Literatur.363 Fiinfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung . . . 372 I. Die Übervölkerung des platten Landes.372 II. Die Wanderungen. 383 1. Die Auswanderung.384 2. Die Binnenwanderungen.386 3. Die periodischen Wanderungen.391 III. Die Bedeutung der Bevölkerungsumschichtung für den Kapitalismus.392 1. Die Kolonialliinder.392 2. Die europäischen Länder.396 3. Die Stadt.399 Sechsundzwanzigstes Kapitel: Die technische Anpassung . 424 I. Die Erfüllung der Arbeiterschaft mit kapitalistischem Geiste 424 II. Die Umstellung des Arbeitsprozesses.430 III. Die Beschaffung geeigneter Arbeitskräfte.434 Siebenundzwanzigstes Kapitel: Die ökonomische Anpassung 444 I. Theoretische Übersicht.444 II. Die Bestimmungsgründe des Arbeitslohnes.446 1. Das Angebot von Arbeitskräften.446 a) Der natürliche Zuwachs der Bevölkerung .... 447 b) Die rückständigen Rassen und Völker.447 c) Die billigen Arbeitskräfte im eigenen Laude . . 452 a) Die Kinder.452 ß) Die Weiber.454 y) Die Landlinge.458 2. Die Nachfrage nach Arbeitskräften.459 3. Der Preis der Arbeit.464 III. Die Bewegung des Arbeitslohnes.. . 466 X Inhaltsverzeichn is Seite Dritter Abschnitt Der Absatz Quellen und Literatur.470 Achtundzwanzigstes Kapitel: Zur theoretischen Besinnung . 472 I. Die Aufgabe.472 II. Die Lehrmeinungen Uber die Ausdehnungsfähigkeit des Kapitalismus.472 III. Nutzanwendung.479 Neunundzwanzigstes Kapitel: Die exogene Nachfrage . . . 482 I. Die alten Käuferschichten.482 Die Internationalisierung des Kapitals .491 II. Neue Käuferschichten.499 III. Die schöpferische Nachfrage.503 Dreißigstes Kapitel: Die endogene Nachfrage .504 I. Übersicht.504 II. Die Nachfrage nach Produktionsmitteln (Stufengang der Wirtschaft).505 III. Die Nachfrage nach Konsumtionsmitteln (Die Kaufkraft der Lohnarbeiter).512 XI Geleitwort i. Hiermit übergebe ich der Öffentlichkeit den dritten — und einstweilen letzten — Band meines „Modernen Kapitalismus“, der den „Hochkapitalismus“ zum Gegenstände hat. Als einen der (in ihrer Gesamtheit mageren) Gewinne meiner Wirksamkeit erachte ich den Umstand, daß die von mir gesehenen Tatbe- tände und danach geprägten und benannten Begriffe: Frühkapitalismus, Hochkapitalismus, Spätkapitalismus Gemeingut der Wissenschaft geworden und die Ausdrücke in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen sind. Das überhebt mich wenigstens der Notwendigkeit, hier noch einmal zu sagen, was ich unter Hochkapitalismus verstehe. Auch über die einzelnen Merkmale dieser Wirtschaftsverfassung brauche ich nach dem, was ich im Geleitwort zu dem ersten Bande der Neubearbeitung darüber bemerkt habe, mich nicht weiter auszulassen. Endlich habe ich aber auch (an derselben Stelle) gesagt, was nötig ist, um den Anfang der hochkapitalistischen Epoche, richtiger: der hochkapitalistischen Periode, schöner: des hochkapitalistischen Zeitalters (diese drei Ausdrücke gebrauche ich im gleichen Sinne) zu bestimmen und diesen Zeitraum somit gegen das Zeitalter des Frühkapitalismus abzugrenzen. Wir sahen, daß es etwa die 1760 er Jahre sind (die vor allem die erste Anwendung des Koksverfahrens erleben, dieser doch letzten Endes entscheidenden technischen Erfindung), in denen der moderne Kapitalismus sich anschickt, seine Idee zur vollen Entfaltung zu bringen und das herrschende Wirtschaftssystem zu werden. Die Darstellung in diesem Bande umfaßt die Zeitspanne der 150 Jahre, die seit dem Beginne des Hochkapitalismus bis zum August 1914 verflossen ist. Zwar werfe ich hier und da noch einen Blick in die spätere Zeit; aber im großen und ganzen führe ich die Entwicklungsreihen doch nur bis zum Ausbruche des Weltkrieges. Zu dieser Begrenzung veranlassen mich zunächst äußere Gründe, die in den Umständen liegen: zahlreiche Entwicklungsreihen brechen mit jenem Zeitpunkte ab und gestalten sich neu; die Lagerung der wirtschaftlichen Kräfte auf der XII Geleitwort Erde verändert sich von Grund auf; die Neubildungen sind einstweilen noch zu unbestimmt, um sie in ihrer typischen Geltung zu erfassen u. a. m. Sodann hat mich zu der Begrenzung der Wunsch bestimmt, dieses Werk zu einem in sich geschlossenen Ganzen zu gestalten und es vor der Gefahr des Yeraltens zu bewahren. Hätte ich die Untersuchung in die Kriegs- und Nachkriegszeit hinein fortgeführt, so wäre sie vergattert, im Sande verlaufen, im Nebel untergetaucht, da ihr kein fester Abschluß hätte zuteil werden können. Und vor allem: jede Ziffer, jede Feststellung, die das Jahr 1926 betrifft, hat im Jahre 1927 schon keine Gültigkeit mehr. Jedes Jahr nach 1914 ist ein völlig willkürlich angenommener Zeitpunkt, der ebensogut ein anderer sein könnte. Aber ich glaube, daß auch ein i nn erer Grund die Begrenzung durch den Kriegsausbruch rechtfertigt: mit ihm ist das Zeitalter des Hochkapitalismus plötzlich zu Ende gegangen, nachdem es während der letzten Jahre vor 1914 schon Anzeichen seines Ablaufs aufzuweisen hatte. Diese Anzeichen sind: die Durchsetzung der rein naturalistischen Daseinsweise des Kapitalismus mit normativen Ideen; die Entthronung des Gewinnstrebens als des allein bestimmenden Richtpunkts des wirtschaftlichen Verhaltens; das Nachlassen der wirtschaftlichen Spannkraft; das Aufhören der Sprunghaftigkeit in der Entwicklung; die Ersetzung der freien Konkurrenz durch das Prinzip der Verständigung; die konstitutionelle Verfassung der Betriebe. Das alles sind, wenn man den Vergleich beliebt, Alterserscheinungen : der erste ausfallende Zahn, der erste Ansatz zum Embonpoint, das erste graue Haar. Wer die Entwicklung seit dem Kriege aufmerksam verfolgt, kann nicht im Zweifel darüber sein, daß der Kapitalismus in das geruhsame Zeitalter, ganz gewiß noch nicht: des Greisentums, aber der „besten Jahre des Mannes“ eingetreten ist. Die Zeit des tatkräftigsten Mannesalters ist vorbei: die letzten „Vierziger“ haben begonnen. Die Epochenbildung, wie ich sie hier vornehme, folgt aus der Grundeinstellung dieses Werkes: wonach es der Geist ist, der der Zeit, auch der Wirtschaftsperiode, ihr Gepräge gibt. Und der kapitalistische Geist ist es, der eine Wandlung erfahren hat. Von anderen Grundeinstellungen aus kommt man zu andern Einteilungen. So würde nach den Auffassungen etwa Friedrich Naumanns oder JohannPlen- ges der Hochkapitalismus wohl eigentlich erst in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts oder gar erst während des Krieges b e - Geleitwort XIII ginnen, weil in dieser Zeit die Beherrschung des Marktes, die Organisation der Industrie, die Durchrationalisierung aller wirtschaftlichen Beziehungen: Erscheinungen, die jene Denker als Wahrzeichen des Hochkapitalismus betrachten, erst recht ihren Anfang nehmen. Was zugunsten meiner Auffassung spricht, ist dieses: daß mit den eben genannten Merkmalen die besondere Eigenart des kapitalistischen Wirtschaftssystems nicht bezeichnet wird. Das „organisatorische Denken“ ist doch gewiß nichts spezifisch Kapitalistisches, wie es das freie Walten des kapitalistischen Unternehmers, das frische Draufgängertum, der Primat des Gewinnstrebens sind. Sonst wäre ja die kommunistische Planwirtschaft der höchste Ausdruck des Kapitalismus. Ganz im Gegenteil: wo die Grundsätze normativer Ordnung anfangen, bestimmenden Einfluß zu gewinnen, schwindet der Kapitalismus langsam dahin. II. Die Eigenart dieses Bandes, durch die er sich von den ersten beiden unterscheidet, wird durch zwei Umstände bestimmt: die erdrückende Fülle des Stoffes und das immer schärfere Hervortreten der kapitalistischen Wesenszüge. Beide Umstände drängten eine straffere Linienführung auf: die Fülle des Stoffes machte sie notwendig, die fortschreitende Verwirklichung der kapitalistischen Idee machte sie möglich. Zugute kam mir dabei der Umstand, daß der Stoff, der zu verarbeiten war, im wesentlichen, dem Fachmann wenigstens, bekannt und in leicht erreichbaren Nachschlagewerken oder einschlägigen Monographien zusammengestellt ist, während ich ihn für die frühere Zeit großenteils erst selbst herbeischaffen und vor dem Leser ausbreiten mußte. Der vorliegende Band ist deshalb — bis zu einem gewissen Grade — stoffärmer als die beiden vorausgehenden und in demselben Maße „theoretischer“, „konstruktiver“ als diese. Die Leitgedanken, die das Buch durchziehen, ergeben sich danach von selbst; es sind diese: 1. Dargestellt wird die Entfaltung des Kapitalismus, den wir als Einheit fassen, so daß alle volkswirtschaftliche Betrachtung, aller Länderkampf ausgeschaltet werden; der moderne Kapitalismus wird in seinem Ablauf als einmalige Erscheinung, als „historisches Individuum“ betrachtet. Er ist mit keiner andern Wirtschaftsepoche vergleichbar. Gilt das schon für den Frühkapitalismus, der immerhin verwandte Züge mit der Wirtschaftsentwicklung andrer Kulturen XIV Geleitwort auf weist, so in abschließender Weise vom Hochkapitalismus. Das Zeitalter des Hochkapitalismus steht völlig einzig in der Geschichte da; keine vergangene Epoche hat irgend etwas mit ihm gemeinsam. Es wird aber auch nie wieder in gleichem Maße wieder erlebt oder auch nur fortgesetzt werden können: es ist eine absonderliche Episode in der Geschichte der Menschheit, die diese vielleicht nur geträumt hat. 2. Die Entfaltung des Kapitalismus hat eine grundstürzende Veränderung des Wirtschaftslebens zur Folge. Dieses ist das Wunder, das sich in unserer Zeit vollzogen hat. Denn solches ist ja doch wohl der Zusammenhang: unter einem Leitmotiv oder kraft einer Zwecksetzung, die, wie schon Aristoteles wußte, im Grunde mit dem Wirtschaftsleben nichts zu tun haben: dem Gewinnstreben ist ein Wirtschaftsleben von einem Umfang, einer Größe, einer Mächtigkeit entsprungen, wie es keine frühere Zeit gesehen hat; in der Verfolgung eines so unwirtschaftlihen Zieles wie dem Gewinn ist es gelungen, Hunderten von Millionen Menschen, die früher nicht da waren, zum Leben zu verhelfen, ist es gelungen, die Kultur von Grund auf umzugestalten, sind Reiche gegründet und zerstört, Zauberwelten der Technik aufgebaut, ist die Erde in ihrem Aspekt verändert worden. Alles nur, weil eine Handvoll Menschen von der Leidenschaft ergriffen war, Geld zu verdienen. Zu zeigen ist, wie dies möglich war oder auch — was auf dasselbe hinausläuft — weshalb alle diese Werke, die das 19. Jahrhundert geschaffen hat, um durchgeführt zu werden, das Geldverdienen als Triebkraft voraussetzen. 3. Der Umgestaltungsprozeß hat sich vollzogen, indem an einer winzig kleinen Stelle der Erdoberfläche der Kapitalismus sich intensiv zu seinen höchsten Formen entwickelt und von hier aus sich die übrige Welt nutzbar gemacht hat. Wir müssen, um uns in dem Wirrwarr der einzelnen Geschehnisse zurechtzufinden, ein kapitalistisches Zentrum, kapitalistisch zentrale Länder und eine von diesem Zentrum aus gesehene Masse peripherer Länder unterscheiden; jene sind die führenden, aktiven Nationen, diese die dienenden, passiven Länder. Das kapitalistische Zentrum war während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts England, dann während der längsten Zeit des Hochkapitalismus „Westeuropa“, das heißt außer England ein Gebiet, das durch eine Linie abgegrenzt wird, die etwa von Südschweden über Antwerpen, Amiens, Paris, Mülhausen, Mailand, Vorarlberg, Niederösterreich, Mähren, Lodz, Berlin zurück nach Schweden verläuft; endlich ist während des letzten Menschenalters der Osten der Vereinigten Staaten von Amerika als Geleitwort XV Teil eines solchen Zentrums hinzugetreten, wodurch die weltwirtschaftlichen Beziehungen verwickelter geworden sind. III. Das größte Problem, das sich dem Erforscher des Wirtschaftslebens entgegenstellt, ist dieses: in welchem Umfange und — soweit es der Fall ist — aus welchem Grunde nähert sich die Wirklichkeit der Idee, für uns also: die Gestaltung des Wirtschaftslebens der Entwicklungsidee des Kapitalismus, da doch Wirklichkeit und Idee an sich nichts miteinander zu tun haben und jedenfalls in keinem Kausalverhältnis zueinander stehen. Der vorliegende Band sucht das Problem in dieser Weise zu lösen, daß er unter dreifachem Gesichtspunkte die Annäherung der Wirklichkeit an die Idee untersucht, und zwar wie folgt: 1. Gewisse Grundtatsachen der wirtschaftlichen Entwicklung haben wir als historisch-zufällige Gegebenheiten hinzunehmen. Daß diese in unsrer Epoche den Prämissen der Idee des Kapitalismus im weitem Umfange entsprechen, ist als der erste (und wohl wichtigste) Grund dafür anzusehen, daß sich die Entwicklung des Wirtschaftslebens in der Richtung bewegt, die die Idee des Kapitalismus aufweist: Menschenart, Staatswesen, Technik. Ich nenne sie die Grundlagen. 2. Im Verlaufe der Entwicklung erfüllen sich die Bedingungen, von deren Gestaltung diese abhängt: sie können sie fördern oder hemmen. Es ist nun das Kennzeichen der abgelaufenen Zeitspanne, daß diese Entwicklungsbedingungen sich in einer der Entfaltung kapitalistischen Wesens optimalen Gestalt erfüllt haben. Teilweise, müssen wir sagen, zufällig: wie etwa die Goldproduktion, die Bevölkerungszunahme, die Erschließung jungfräulicher Gebiete; teilweise aber doch als Folge der Entfaltung der primär wirkenden Kräfte, wie etwa die Steigerung der Produktivität, die Entfaltung des Kreditsystems, die Mobilisierung der Güterwelt. Was der Kapitalismus braucht, um sich voll zu entfalten, ist dreierlei: Kapital, Arbeitskräfte, Absatz. Die Erfüllung dieser drei Bedingungskomplexe nenne ich bildhaft seinen Aufbau. 3. Der kapitalistische Prozeß selbst, indem er sich entfaltet, zwingt die Entwicklung zwangsläufig in die Richtung, die seiner Idee gemäß ist, indem er die Vorgänge des Wirtschaftslebens rationalisiert: wie das geschieht und wie hierdurch eine gleichförmig-kapitalistische Gestaltung des Wirtschaftslebens bewirkt wird, zeige ich im 36. Kapitel auf. XVI Geleitwort Die Gliederung des vorliegenden Bandes läßt erkennen, daß die Erörterung dieser drei Punkte den Inhalt der drei Hauptabschnitte bildet. Verglichen mit den ersten beiden Bänden ist dieser Band wohl einheitlicher in seinem Aufbau,. stärker mit „Theorie“ durchsetzt, straffer in seiner Gedankenführung aus Gründen, die ich oben bereits andeutete. Die Anlage aber ist dieselbe wie in dem ganzen Werk: die theoretische und historische Betrachtung des Gegenstandes sind ineinander verwoben, ohne vermischt zu sein. Immer bleibt das Reich der Idee (und der ihr entsprechenden Begriffe) von dem der Wirklichkeit, bleiben Geist und Leben getrennter Behandlung unterworfen. Nichts schädlicher für die richtige Erfassung des Tatbestandes, wie das fortgesetzte Wechseln von einer Ebene zur andern, wie das Vermischen der beiden. Seinssphären: jenes Verfahren, das den Erkenntniswert des großen Werkes von Karl Marx so stark mindert. Was auf der höheren Ebene der metaphysischen Behandlung Notwendigkeit wird: die Verschmelzung der beiden Seinssphären bedeutet für die Lösung erfahrungswissenschaftlicher Aufgaben, wie die hier gesteckte eine ist, eine peinliche Erschwerung. IV. Bisher war nur vom Kapitalismus und seiner Entwicklung die Rede. Um Mißverständnissen vorzubeugen, will ich noch kurz bemerken, daß das abgelaufene Zeitalter zwar als das Zeitalter des Hoch- kapitalismüs anzusehen ist, weil der Kapitalismus in ihm zur höchsten Entfaltung seines Wesens gelangte und das vorherrschende Wirtschaftssystem war. Darum aber war es natürlich nicht das einzige Wirtschaftssystem, nach dem sich das Wirtschaftsleben in den verflossenen anderthalb Jahrhunderten gestaltet hat: selbstverständlich nicht in den kapitalistisch-peripheren Ländern, aber auch nicht in den Ländern, in denen der Kapitalismus vorherrschte. Neben ihm hat das Handwerk, hat das Bauerntum weiter bestanden und haben sich Wirtschaftsgebilde entwickelt, die von einem neuen Geiste erfüllt und offenbar berufen sind, in der Wirtschaft der Zukunft eine bedeutende Stellung einzunehmen: gemeinwirtschaftlich-genossenschaftliche Formen der Wirtschaft. Das Schicksal dieser nicht-kapitalistischen Wirtschaftssysteme im Zeitalter des Hochkapitalismus mit derselben Gründlichkeit zu behandeln wie den Kapitalismus und sie selbst zum Teil in den früheren Wirt- Geleitwort XVII Schaftsperioden, lag nicht im Plane dieses Bandes. Aber erwähnt sollen sie werden um der Vollständigkeit des Bildes willen: wie der Leser sieht, gebe ich in dem Schluß-Abschnitte einen bündigen Überblick über die verschiedenen Wirtschaftsweisen, die im Zeitalter des Hochkapitalismus die „Gesamtwirtschaft“ ausmachen. Aber auch vorher schon, namentlich im dritten Hauptabschnitte, bietet sich öfters Gelegenheit, der nicht-kapitalistischen Formen der Wirtschaft zu gedenken. Allgemeine Literatur Wenn es auch meines Wissens kein Werk gibt, das diesem in der Zielsetzung und Anlage gleicht, so haben doch zahlreiche Schriftsteller auf ihre Weise versucht, ein Bild von der verflossenen Wirtschaftsperiode zu zeichnen. In deutscher Sprache kommen hier — außer etwa dem wesentlich polemisch-moralisierenden Jugendwerke Julius Wolfs: Sozialismus und Kapitalistische Gesellschaftsordnung (1892), dem stoffreichen „Grundriß“ Gustav Schmollers (zuerst 1901) und der genialen Skizze, die Max Weber in seiner posthumen „Wirtschaftsgeschichte“ (1923) entworfen hat — eigentlich nur die Marxisten in Betracht als solche, die sich unterfangen haben, die hochkapitalistische Epoche — ganz oder teilweise— in zusammenfassender Darstellung zu behandeln. Ihren Schriften ist nachzurühmen die geschlossene Gedankenführung, die auf der Annahme des Marx sehen Entwicklungsschemas als richtunggebender Idee beruht. Sie haben auch über Marx hinaus manchen wertvollen Einblick in den Zusammenhang der hochkapitalistischen Entwicklung getan und vermittelt. Die Schranke ihrer Leistung liegt in der Unzulänglichkeit der Marx sehen Konzeption. Ich denke an die Schriften von R. Hilferding, R. Luxemburg, K. Renner, K. Kautsky, Edmund Fischer, Ed. Bernstein u. a., die ich alle am passenden Orte nennen werde. Von neueren Schriften in französischer Sprache sind zu erwähnen die gediegene Arbeit von MauriceBourgouin, Les systemes socia- listes et Involution economique. Deutsch 1906 von L. Katzenstein, die im wesentlichen eine Auseinandersetzung mit der Marx- schen „Entwicklungstheorie“ ist; die geistreiche, aber nicht sehr tiefe Vortragsreihe von Germ. Martin, Conference sur Involution des grandes nations. 1910, sowie zwei wackere Bücher aus der von Georges Renard u. d. T. Histoire universelle du Travail herausgegebenen Sombart, Hochkapitalismus. II XVIII Geleitwort Reihe: G. Renard et A. Dulac, L’Kvolution industrielle et agricole depuis cent cinquante ans. 1912 und B. Nogaro et W. 0 u a 1 i d , L’Evolution du commerce, du credit et des trans- ports depuis cent cinquante ans. 1914. Die mit Abbildungen versehenen Schriften breiten in anmutiger Form eine Fülle von Stoff vor dem Leser aus, ohne ihn (den Stoff) eigentlich geistig zu verarbeiten. Engländer zu Verfassern haben folgende Werke: W. Cun- ningham, An Essay in Western Civilization in its economic aspects. 2 Vol. 1898—1900, eine Überschau aus der Feder des bekannten Historikers der englischen Volkswirtschaft, sodann vor allem das bekannte Buch von John A. Hobson, The Evolution of Modern Capitalism, das 1917 in 2. erheblich vervollkommneter Auflage erschienen ist und durch seinen Untertitel A Study of Machine Production gekennzeichnet wird, eine der besten Bearbeitungen des Gegenstandes, die, von meinen früheren Arbeiten beeinflußt, manchen Berührungspunkt mit der Darstellung in diesem Bande hat. Das Buch von T. E. Gregory, mit dem viel versprechenden Titel: The Philosophy (!) of Capitalism ist angekündigt, aber zurzeit (1926) noch nicht erschienen. Von amerikanischen Autoren stammen: Frank L. MacVey, Modern Industrialism. 1910. 2. ed. 1923, eine Sammlung von Leitartikeln, von einem verständigen Manne geschrieben. FredA. Ogg, Economic Development of Modern Europe. 1917. Auch die Werke von Th. V eb 1 en, die ich öfters erwähnen werde, gehören hierher. H. deGibbins, Economic and industrial Progress of the Century (1903) war mir nicht zugänglich. Aus der italienischen Literatur verdienen Beachtung die großen Werke von Achille Loria, die ich am rechten Orte nennen werde, sowie das gescheidte Buch von Arturo Labriola, Capi- talismo 1926. Beide Gelehrte folgen den Spuren von Karl Marx. Eine sachliche Auseinandersetzung mit den genannten Autoren, von denen jeder eine andere Einstellung hat, die nicht die meinige ist, halte ich für zwecklos. Jeder tut, was er kann, und die Geschichte muß entscheiden, welche Arbeit bleibenden Wert hat. VI, Nur über mein Verhältnis zu Karl Marx und seinem Werke will ich zum Schluß noch ein paar Worte bemerken, was um so notwendiger ist, als es nach der Veröffentlichung meines „Proletarischen Geleitwort XIX Sozialismus“ den Anschein gewinnen könnte, als stände ich durchgängig in einem grundsätzlichen Gegensätze zu diesem Genius. Davon ist so wenig die Rede, daß ich vielmehr versichern kann: dieses Werk will nichts anderes als eine Fortsetzung und in einem gewissen Sinne die Vollendung des Marx sehen Werkes sein. So schroff ich die Weltanschauung jenes Mannes ablehne und damit alles, was man jetzt zusammenfassend und wertbetonend als „Marxismus“ bezeichnet, so rückhaltlos bewundere ich ihn als Theoretiker und Historiker des Kapitalismus. (Eine Zwiespältigkeit der Beurteilung, die ich von meinen ersten Zeilen an, die ich über Marx geschrieben habe, als möglich anerkennen mußte.) Und alles, was etwa Gutes in meinem Werke ist, verdankt es dem Geiste Marx. Was gewiß nicht ausschließt, daß ich nicht nur in Einzelheiten, ja in den meisten einzelnen Ansichten, sondern auch in wesentlichen Punkten der Gesamtauffassung von ihm abweiche. Die Verschiedenheit der ganzen Anlage unserer Systeme und der Ergebnisse, zu denen wir gelangen, ergibt sich mit einer gewissen inneren Notwendigkeit aus der Verschiedenheit der Zeiten, in denen wir unsere Bücher geschrieben haben. Als Marx seine Gedanken empfing (in den 1840 er Jahren), war der Kapitalismus Neuland, das Marx entdeckte und als erster betrat: eine ungeheure Fülle neuer Eindrücke strömte auf ihn ein. Ohne Bild gesprochen: wohin immer er blickte, boten sich neue, unerhörte Probleme seinem geistigen Auge dar. Fragen über Fragen ließen sich tun. Und daß M a r x so meisterhaft zu fragen verstand, machte sein größtes Talent aus. Von seinen Fragen leben wir heute noch. Mit seiner genialen Fragestellung hat er der ökonomischen Wissenschaft für ein Jahrhundert die Wege fruchtbarer Forschung gewiesen. Alle Sozialökonomen, die sich diese Fragestellung nicht zu eigen zu machen wußten, waren zur Unfruchtbarkeit verdammt, wie wir heute schon mit Sicherheit feststellen können. Aber auch was Marx an sachlicher Erkenntnis zutage gefördert hat, ergab sich, wenn wir der Eigenart des Mannes genügend Rechnung tragen, aus den Zeitumständen, in denen er sein System entwarf. Damals war der Kapitalismus noch ein Chaos, ein wildes Durcheinander, von dem sich noch nicht mit Gewißheit sagenließ, was aus ihm werden würde. Wer an ihn mit der Leitidee der Entwicklung heran trat — und sie gerade war das Licht, das Marx brachte —, konnte seinen Werdegang, man darf sagen: nach persönlichem Gutdünken, bestimmen. Er konnte aus ihm die herrlichsten Dinge hervorgehen sehen, konnte das Chaos mit einer Wunderwelt trächtig sein lassen, konnte den Kapitalismus als XX Geleitwort die notwendige Vorstufe einer besseren, einer idealen Gesellschaft betrachten. Und das eben hat M a r x ja getan. Für ihn war der Kapitalismus der willkommene Stoff, aus dem er die Zukunftswelt aufbaute. Was er an Entwicklungstheorien zusammenschaute, waren die Linien, in denen die Entwicklung seinem Willen gemäß verlaufen sollte. Und die Zustände waren noch so unbestimmt, der Möglichkeiten gab es noch so viele, daß der Glaube leicht geweckt werden konnte: die Linien seien richtig gezogen. Unter diesem Gesichtspunkte müssen wir seine seltsamen Fehlurteile über die schrankenlose Steigerung der Produktivität, über die allgemeine „Konzentration“ der Betriebe, über den notwendigen Zusammenbruch des Wirtschaftsgebäudes und vieles andere, was er lehrte, betrachten, um ihm gerecht zu werden. Das noch unbestimmte Wesen des Kapitalismus machte diesen geeignet, zum Vollstrecker der Wünsche, die Marx im Herzen trug, zu werden. Darum aber, weil Marx ihm diese hohe Aufgabe stellte, aus sich das herauszutreiben, was er ersehnte, 1 i e b t e er im Grunde seiner Seele den Kapitalismus: Marx hat, was nicht scharf genug betont werden kann, zu allem Wesentlichen der kapitalistischen Welt eine positive, bejahende Stellung eingenommen. Wie hätte er die Mutter, um sein eigenes Bild zu gebrauchen, verachten und hassen können, die ja in ihrem Schoße das heißersehnte Kind: die neue, bessere Welt austrug. Marx war also durchaus Kulturoptimist. Aus seiner gesamten Einstellung folgte nun aber, daß die ganze „Wissenschaft“, die er trieb, ausschließlich auf praktische Ziele gerichtet war: das ganze System wurde ja nur aufgebaut, um dem Vollstrecker seines Willens, dem Proletariat, eine wirksame Waffe in seinem Befreiungskämpfe zu schmieden. Zieht man alle diese Umstände in Betracht, unter denen Marx schuf, so wird man — die geniale Veranlagung des Mannes vorausgesetzt — den unvergleichlichen Zauber verstehen, der das Marx sehe Werk umwebt, wird aber auch die nachhaltige Wirkung begreiflich finden, die es bis heute auszuüben imstande gewesen ist. Wie vieles hat sich nun aber in dem halben Jahrhundert verändert, seit Marx schaute, dachte und schrieb! Das Land des Kapitalismus ist erforscht, mit Wegen durchzogen, mit Ansiedlungen bedeckt: von einem Ende zum andern in allen Teilen vermessen und mit trigonometrischen Punkten bezeichnet. Fragen, die den Zauber der Neuheit haben, können wir nicht mehr stellen. Wir müssen uns mit Antworten begnügen. Probleme gibt es nur noch für Geleitwort XXI den „praktischen Volkswirt“. Die großen welthistorischen Entwicklungslinien, soweit sie durch die Wirtschaft allein bestimmt werden, liegen deutlich zutage: bis zur Gegenwart, aber auch in die Zukunft hinein. Unserem Erkennen und der schöpferischen Kraft der System- und Theoriebildung sind dadurch Schranken gesetzt: die Fülle der unerbittlichen Tatsachen zwingt unser Denken in ganz bestimmte Bahnen. Deshalb aber, weil wir so viel mehr wissen als die Früheren, können wir auch nicht mehr an die schöpferische Kraft des Kapitalismus glauben, wie Marx es konnte, der am Anfang des Weges stand. Wir wissen, daß bei dem ganzen, lauten Gebaren nichts von irgendwelchem Kulturbelange herausgekommen ist, und daß auch in aller Zukunft nichts dabei herauskommen wird. Gewiß: wir brauchen darum keine Kulturpessimisten zu sein, brauchen an der Zukunft der Menschheit nicht zu verzweifeln. Aber wir müssen dann imsern Optimismus anderswoher als aus dem Ideenbereiche der kapitalistischen Welt heraus begründen, wie Marx es tat: wir können nicht mehr in derselben Bichtung weiterblicken, in der sich die Weltgeschichte bewegt, nicht mehr an das glauben, was sich zwangsläufig aus dem Kapitalismus ergibt; wir können das Heil nur in einer Umkehr und Abkehr von ihm erblicken. Wir können deshalb auch den Kapitalismus nicht mehr als die heilige Mutter verehren, die den Erlöser im Schoße trägt. Und aus allen diesen Gründen können unsere Erkenntnisse vom Wesen des Kapitalismus auch nicht mehr zu großen, praktisch-politischen Programmen ausgewertet werden, wie es etwa die Systeme der „Klassiker“ oder eben auch und gerade das Evolutionsschema von Marx wurden. Deren Gesicht war vorwärts gerichtet, das unsere schaut zurück. Unnütz zu sagen, daß dadurch jede Darstellung der kapitalistischen Welt heute ein nüchternes Gepräge tragen muß, ganz unabhängig von der Begabung des Darstellers selbst. Auch ein Marx vermöchte heute, wenn er sich überhaupt dieser mühseligen Aufgabe unterziehen und ein System der kapitalistischen Wirtschaft schreiben wollte, nichts anderes als ein in sich selbst ruhendes Erkenntnisgebilde zu schaffen. Daß auch das Werk eines genialen Menschen, der sich heute mit dem Wirtschaftsleben theoretisch und historisch befaßt, jenes Zaubers der Älteren entbehrt, hat Max Weber uns gezeigt. So können wir zusammenfassend sagen: was Marx sprach, war das stolze erste Wort über den Kapitalismus, in diesem Werke wird xxir Geleitwort das bescheidene letzte Wort über dieses Wirtschaftssystem, soweit es rein ökonomisch in Betracht kommt, gesprochen. Damals war es Morgen und die Lerche sang, heute will es Abend werden und die Eule der Minerva beginnt ihren Flug. Will man aber ohne Bild das Verhältnis dieses Werkes zu dem Marx sehen mit einem Worte bezeichnen, so kann man vielleicht sagen, daß in ihm Marx entzaubert wird. Entzauberung bedeutet aber dasselbe wie Verwissenschaftlichung in dem nüchternen Sinne, den ich diesem Worte beimesse. Es ist das gewiß nicht beneidenswerteLos unseres ganzen Geschlechts, daß es im Bereiche des Kulturwissens etwas anderes als Erkenntnis nicht zu gewinnen vermag. Doch ist es besser, wenn eine Zeit und die Menschen einer Zeit sich der Begrenztheit ihrer Leistungsfähigkeit bewußt werden, statt daß sie — demDaidalus gleich — sich Ziele stecken, deren Erreichung ihnen versagt ist. Ihr Schaffen wird dadurch vor Künstlichkeit und Unwahrhaftigkeit bewahrt. Und Resignation ist ja des Menschen bestes Teil. Immer aber wird es auch in unserer trüben Zeit, und vielleicht wieder mehr als in der jüngsten Vergangenheit, Menschen geben, die an praktisch-zweckloser Erkenntnis ihre Freude haben, die nichts anderes in einem Buchesuchen als innere Erleuchtung, und die ein wissenschaftliches Werk mit der reinen Freude in sich aufnehmen, die das Anschauen eines wohlgelungenen Kunstwerkes gewährt. Diese lade ich ein in das Geistgebäude,, das ich in diesem Werke als schlichter Geistbaumeister errichtet habe. Introite, nam et hic Dii sunt! Erster Hauptabschnitt Die Grundlagen rt, Hoelikapitaliamua. iflSffifflißBtMffiHHH® 3 Erster Abschnitt Die treibenden Kräfte Quellen und Literatur Es kommen drei Problemkreise in Frage: 1. das Fiibrerproblem im allgemeinen; 2. das Problem des kapitalistischen Unternehmers im besonderen; 3. biographische Schriften. 1. Pas Führerproblem im allgemeinen habe ich in meinem „Proletarischen Sozialismus“ (2 Bände 1924) behandelt. Ich verweise den Leser auf die dort gegebene Darstellung und die dort verzeichnete Literatur. 2. Über die Wesenheit des kapitalistischen Unternehmers habe ich mich zuerst und am ausführlichsten ausgelassen im Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik (zitiert: Archiv) Band XXIX (1910). Außerdem in meinem „Bourgeois“; zuerst 1913 sowie in meinem Beitrag zum Grundriß der Sozialökonomik (zit. GdS) Band IY, 1. Von der anderweitigen Literatur sind besonders reich an Schriften die deutsche und die amerikanische. Von Werken in deutscher Sprache verdienen Erwähnung: Th. Vogelstein, Der Stil des amerikanischen Wirtschaftslebens. Südd. Monatshefte Juli 1906; W. Rathenau, Reflexionen. 1908; Jos. Schumpeter, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. 1912; Felix Kuh, Der selbständige Unternehmer usw. 1918; K. Wiedenfeld, Das Persönliche im modernen Unternehmertum. 2. Aufl. 1920; Derselbe, Arbeiterschaft und Unternehmertum in Wirtschaft und Staat 1923; H. Schumacher, Unternehmertum und Sozialismus. Schmollers Jahrbuch XLIII (1919); H. G. Haenel, Wertbeeinflussung und Unternehmertätigkeit. 1922; Ernst Schult ze, Organisatoren und Wirtschaftsführer. 19 23; F r a n z M ül le r, Funktionen undPsychologie des modernen Groß - Unternehmertums in der Monatsschrift „Soziale Revue“, Heft 1—6. 1924; auch als selbständige Schrift erschienen 1926; E. Stadtier, Der Unter nehmer als Führerpersönlichkeit. 1924; Sachsenberg-Kuhn, Führerauswahl und Verwendung in der neuen Industrie. 1925. Aus der amerikanischen Literatur kommen vornehmlich in Betracht: F. B. Hawley, Enterprise and the productive process 1907, ein Buch, dessen mir erst kürzlich bekannt gewordenen Ansichten sich vielfach mit den ineinigen berühren; die verschiedenen Werke Thorstein Veblens, die immer geistvoll, deren Argumente aber nicht durchgängig stichhaltig sind, namentlich: das grundlegende Werk The Theory of Business Enterprise; zuerst 1904; dann: The Instinct of Workmanship; zuerst 1914; zuletzt: Absentee Ownership and business enterprise in recent times 1923. V. scheint mir im ganzen die Bedeutung der besonderen Unternehmer - 1 * 4 Erster Abschnitt: Die treibenden Kräfte tätigkeit zu unterschätzen. F. W. Taussig, Inventors and money-makers 1915; Kob. S. Brookings, Industrial ownership, its economic and social significance 1925; deutsch von E. Kuczynski u. d. T. Die Demokratisierung der amerikanischen Wirtschaft. 1925. — Aus den übrigen Literaturen nenne ich noch die sehr nützliche Untersuchung von S. J. Chapman u. F. J. Marquis, The Eecruiting of the Emploing Classes from the Eanks of the Wage-Earners in the Cotton Industry. Journal of the Eoyal Statistical Soc. V. 75. P. III. Febr. 1912; ferner das Werk von Maurice Dobb, Capitalist enterprise and social progress. 1925. Das 400 Seiten starke Buch zerfällt in einen theoretischen, einen historischen und einen praktischen Teil. Der Yerf. kennt nur die Literatur in englischer Sprache, daher von mir nur „Juden“ und „Bourgeois“. Angesichts dessen ist das Buch eine ganz respektable Leistung. S. S. Hammersley, Industrial Leadership, s. a. (1925), enthält Betrachtungen eines englischen Politikers. Sehr beachtenswert, zwar privatwirtschaftlich gedacht, doch mit weitem Blick geschrieben ist das Buch von J. Carlioz, Le gouver- nement des entreprises commerciales et industrielles. 1921. F. M. Wibaut, De nieuwste ontwikkeling van het kapitalisme (1913) ist eine polemische Auseinandersetzung mit mir. 3. Unübersehbar ist die biographische Literatur. Es gibt keinen namhaften Wirtschaftsführer, der nicht seinen Biographen gefunden hätte, wenn er nicht selbst der Welt sein Leben geschildert hat. Es ist unmöglich, hier auch nur die wichtigsten Unternehmerbiographien oder Selbstbiographien aufzuzählen. Ich begnüge mich damit, auf einige Sammelwerke hinzuweisen. Meist englische Unternehmer der älteren Generation (28) behandeln die Bücher von Samuel Smiles, Men of Invention and Industry, 1884 und Life and Labour. 1887. Die Lebensgeschichten älterer englischer Bankiers enthält das lehrreiche Buch John Hughes, Liverpool Banks and Bankers. 1906. Ebenfalls der älteren Generation (Anfang des 19. Jahrhunderts) gehören diejenigen amerikanischen Kaufleute an, über deren Schicksale in der zweibändigen Sammlung Walter Barrett, The old merchants of New York City (1862/63) berichtet wird. Eine große Anzahl amerikanischer Unternehmer der letzten Generation schildert in ihrem Entwicklungsgänge das Werk von Gustavus Myers, History of the Great American For- tunes. 3 Vol. 1911. Leider läßt sich der kenntnisreiche Verfasser dazu verleiten, allzusehr nach betrügerischen Machenschaften zu fahnden, so daß sein Buch eine Art von Hintertreppengeschichte des amerikanischen Kapitalismus geworden ist. Sehr viel bescheidener ist die Sammlung von Lebensbeschreibungen der führenden Männer in der Petroleum-, Stahl-, Telephon-, Gas- und Wasser-, landwirtschaftlichen Maschinen- und Automobilindustrie, die aber alle anschaulich und aus guten Quellen geschrieben sind, in dem Buch von Burton J. Hendrick, The age of big business. 1920. Erster Abschnitt: Die treibenden Kräfte 5 Ein gescheites Buch, in dem Lehen und Werk von etwa drei Dutzend deutscher Unternehmer der letzten und vorletzten Generation dargestellt werden, ist das von Felix Pinner (Frank Fassland), Deutsche Wirt- schaftsführer. 1924. Neuerdings gibt Kurt Wiedenfeld ein Sammelwerk heraus unter dem Titel „Die deutsche Wirtschaft und ihre Führer“, in dem die einzelnen Industriezweige je in einem Bande behandelt werden. In dem von A. Bozi und 0. Sartorius zusammengestellten Handbuch „Die deutsche Wirtschaft“ (1926) befinden sich 80 Bildnisse deutscher Wirtschaftsführer mit kurzen, biographischen Notizen. Die wichtigsten Einzelbiographien finden in der Darstellung selbst am geeigneten Ort Berücksichtigung. 6 Erstes Kapitel Die Bedeutung des kapitalistischen Unternehmers I. Treibende Kräfte im Wirtschaftsleben Wir wollen die geschichtlichen Zusammenhänge „verstehen“ auf Grund unserer Kenntnis der menschlichen Ratio und der menschlichen Triebwelt, wie wir sie in unserm Bewußtsein erfahren. Deshalb bleiben alle metaphysischen Betrachtungen ausgeschlossen. Zu diesen aber gehört die Frage: ob treibende Kräfte im gesellschaftlichen Handeln der Menschen „letzten Endes“ etwa überempirische Wesenheiten sind, die über unsere Köpfe hinweg mit uns spielen, man mag sie sich spiritualistisch als „Geist“ oder materialistisch als „Naturgewalt“ Vorstehern Womit auch die Frage nach einer Geist- oder Natur„gesetz- mäßigkeit“ unbeantwortet bleibt. Aber auch so verschwommene Begriffe wie „die Anforderung der Zeit“ oder „das volkswirtschaftliche Bedürfnis“ sagen uns nichts, wenn wir nach den treibenden Kräften im \ sozialen Geschehen Ausschau halten. Übrigens soll sich auch der Sozialphilosoph, dessen Aufgabe die Metahistorie ist, klar darüber sein, daß alle überempirischen Wesenheiten, wenn sie in der Geschichte wirken sollen, konkretisiert werden, Gestalt gewinnen, also durch das Seelenleben lebendiger Menschen hindurchgehen müssen. Dasselbe sollen sich diejenigen gesagt sein lassen, die allzu vorschnell den „ Sinn“ ‘ einer Geschichtsepoche, wie der des Kapitalismus mit den Kräften, die in ihr wirksam sind, gleichsetzen. Wirklichkeitsferne Philosophie- und Theologieprofessoren beglücken uns immer wieder mit sehr tiefsinnigen Konstruktionen, in denen etwa der moderne Wirtschaftsmensch aus irgendeiner Weltanschauung heraus in seiner Eigenart gedeutet, zu „verstehen“ versucht wird. Die Deutung mag richtig sein, so sagt sie immer noch nichts darüber aus, ob das Geschehen in dieser Zeit, ob die Handlungen des wirkenden Menschen mm auch an dieser Weltanschauung orientiert gewesen sind, und wenn ja: in welchem Umfange sie es waren. Hier liegt auch der Mißbrauch, der mit der Max Web ersehen Kalvinismus-Theorie von ungenügend unterrichteten Laien immer wieder ge- Erstes Kapitel: Die Bedeutung des kapitalistischen Unternehmers 7 trieben wird. Selbst zugegeben, daß der Sinn der kapitalistischen Wirtschaft eine innere Verwandtschaft mit der puritanischen Frömmigkeit aufweist, so ist damit noch nicht bewiesen, daß auch nur ein einzigesBerg- werk abgeteuft, ein einziger Hochofen angeblasen ist aus Triebkräften heraus, die in j ener Frömmigkeit ihre stärkste oder überhaupt eine Wurzel haben. Man wird deshalb, wenn man die geschichtlichen Zusammenhänge überblickt, immer geneigt sein, solche „Sinnmotive“ zu relativieren, wie ich es bei der Darstellung der Entstehung des Kapitalismus in meinem „Bourgeois“ getan habe und hier wieder tun werde. Ebenfalls auf einer unstatthaften Gleichsetzung von Sinnverstehen und Geschichtsverstehen (noetischem und genetischem Verstehen, wie ich sie genannt habe: vgl. näheres in meinem „Proletarischen Sozialismus“ Band I) beruht die im marxistischen System beliebte Einstellung von Kategorien wie etwa dem „Verwertungsstreben des Kapitals“'als Kausalfaktoren in die Erklärung eines geschichtlichen Vorgangs. Obgleich Marx und seine Schule die treibenden Kräfte der Geschichte in der richtigen Ebene gesucht und größtenteils gefunden haben, nämlich in der Vitalsphäre, so begehen sie doch oft genug den Fehler der einseitigen Spiritua- listen, daß sie Sinnzusammenhänge ohne weiteres als wirksame Kräfte ansprechen. Ein solcher Sinnzusammenhang und nicht mehr ist aber zweifellos das vielberufene „Verwertungsstreben des Kapitals“, das sich nämlich als der innerste Kern des kapitalistischen Wirtschaftssystems enthüllt. Als solcher aber — darin haben die Gegner des Marxismus zweifellos recht — kann er nicht treibende Kraft wirtschaftlichen Geschehens sein. Es ist schiere „Mystik“, „das Kapital“ irgendetwas bewirken lassen zu wollen, das heißt also, ein gesellschaftliches Beziehungsverhältnis zu einer treibenden Kraft im sozialen Leben zu erklären. Welcher Zwischenglieder es bedarf, um jenen Sinnkern des kapitalistischen Wirtschaftssystems nun auch tatsächlich als Wirkungskern des nach dem Bild dieses Wirtschaftssystems gestalteten Wirtschaftslebens verstehen zu können, habe ich früher des öfteren schon dargelegt und werde ich im folgenden wiederum zu zeigen haben. Als wirksame Kräfte im Ablauf der Geschichte können wir aber auch nicht gelten lassen Zustände irgendwelcher Art, selbst wenn sie empirische sind. Es ist erstaunlich, wie leichtfertig oft genug irgendwelche gesellschaftliche Verumständung als Ursache sozialen Geschehens angesprochen wird. Als ob „Arbeitsteilung“ oder „Konkurrenz“ oder ähnliche Erscheinungen, die doch selbst nichts als Wirkungen sind, ihrerseits „Ur- 8 Erster Abschnitt: Die treibenden Kräfte Sachen“ sein könnten 1 . Aber auch dort, wo von bestimmten objektiven Gegebenheiten offenbar Wirkungen ausgehen, müssen wir uns hüten, in ihnen „treibende Kräfte“ des Geschehens zu erblicken. So liebt man es, vornehmlich die Rechtsordnung, die Technik, die Bevölkerungsvermehrung für den Verlauf des Wirtschaftslebens, zumal im Zeitalter des Hochkapitalismus, verantwortlich zu machen. Gewiß mit Recht, wie ausführlich im folgenden zu begründen sein wird, wenn man diese Umstände als notwendige Bedingungen des Geschehens ansieht. Sehr zu Unrecht, wenn man in ihnen irgend eine treibende, veranlassende, bestim- mendeKraft glaubt feststellen zu können. Denn alle diese Dinge oder Verhältnisse setzen, um zur Wirksamkeit zu gelangen, irgend etwas hinter ihnen Wirksames voraus. Die Rechtsordnung gibt doch nur Verhaltungsmaßregeln, wenn etwas geschieht. Sie ist Wegweisern und Warnungstafeln zu vergleichen, die wandernden Menschen die Richtung ihrer Wanderung weisen. Die Erfahrung lehrt, daß der bloße Rechtszustand gar nichts zu „bewirken“ vermag: eine freiheitliche Gewerbeordnung, wie etwa die preußische von 1810—1811 bleibt ein toter Buchstabe, wenn keine Menschen da sind, die eine Wirtschaft schaffen und betreiben wollen. Dasselbe gilt von der Technik. Die treibende Kraft in der Dampfmaschine ist der Dampf: aber wer stellt die Dampfmaschine auf? Die technische Möglichkeit muß von irgend einer Kraft, die außerhalb der Technik wirksam ist, erst verwirklicht werden. Die „Technik“ muß angewandt werden. Ein Volk kann über technisches Können in potentia verfügen und doch von ihm keinen Gebrauch machen wollen: die Chinesen, sagt man, stellen ihre technischen „Erfindungen“ in das Museum, ohne sie praktisch zu nutzen. Aber auch die Bevölkerungsvermehrung, die gescheite Männer als die wesentliche Ursache der modernen, wirtschaftlichen Entwicklung angesehen haben, kann immer nur die Veranlassung zu irgendwelchen entscheidenden Handlungen werden: sie kann zur Völkerwanderung, zur Besiedlung neuer Länder, zur Ersinnung neuer Wirtschaftsweisen führen und dadurch einen wesentlichen Einfluß auf den Gang der Geschichte ausüben. Sie kann aber auch auch ohne alle solche 1 Daß wir von Ursachen und Wirkungen, Kräften und Bedingungen sprechen können, was die Naturwissenschafter längst aufgehört haben zu tun, ist das Privilegium der „verstehenden“ Wissenschaften, die, wie schon Schopenhauer wußte, im Gegensatz zu den Naturwissenschaften hinter den Kulissen des Geschehens ihre Beobachtungen anstellen. Erstes Kapitel: Die Bedeutung des kapitalistischen Unternehmers 9 Wirkung bleiben: man denke an China oder Indien, wo die Bevölkerungszunahme nichts als Überfüllung und Elend erzeugt hat. Also, müssen wir schließen, muß dort, wo wir sie starke umgestaltende Wirkungen ausüben sehen, wiederum etwas anderes, das hinter dem Phänomen der Bevölkerungsvermehrung steckt, die eigentliche treibende Kraft gewesen sein. Was das ist, geht aus den bisherigen Betrachtungen schon von selbst hervor: es ist der lebendige Mensch mit seinen Strebungen, seinen Zielsetzungen, seinen Willensregungen; der lebendige Mensch mit seinen Gedanken und Leidenschaften. II. Historische Triebkräfte Wie können wir der Tatsache, daß wie alle Geschichte, so auch das Wirtschaftsleben von lebendigen Menschen und nur von diesen gemacht wird, wissenschaftlich-darstellend Herr werden? Wie können wir geschichtliche Abläufe als die Wirkungen dieser allein treibenden Kräfte uns verständlich machen? Welche Gesichtspunkte werden wir bei der Betrachtung besonderer historischer Wirksamkeiten ins Auge zu fassen haben ? Es leuchtet ein (oder sollte doch einleuchten!), daß zur Erklärung solcher historisch-bestimmter Wirksamkeiten, wie es der Ablauf einer einzelner Wirtschaftsepoche, wie des Hochkapitalismus ist, die Aufdeckung der allgemein-menschlichen Yeranlagung wenig beiträgt. Die menschlichen Motive — man mag sie rationalistisch fassen und etwa Egoismus und Altruismus, den ökonomischen Sinn, das Streben nach Bedürfnisbefriedigung darunter begreifen oder — wie es jetzt unter dem Einfluß Mc. Dougalls die große Mode in den Vereinigten Staaten (und in den von dort ihreWeisheit beziehendenLändern) ist—irrationalistisch- emotional-voluntaristisch und den Erfindungstrieb, den Machttrieb, den Trieb zu wirtschaftlicher Tätigkeit als die großen Beweger der Geschichte ansprechen — vermögen in dieser Allgemeinheit zwar die immer gleiche Struktur der menschlichen Gesellschaft zu erklären, niemals aber ein besonders Geschehen in einer besonderen Spanne Zeit der Geschichte. Um dieses zu verstehen, müssen wir vielmehr scharf umrissene, bestimmte, eben auch besondere Triebkräfte auffinden, das heißt Motive, die eine besondere Erscheinung, wie es in unserem Falle der Hochkapitalismus ist, „verständlich“ machen. Das heißt: wir müssen historisch eigenartige Beweggründe entdecken. Diese Beweggründe, wenn sie auch historisch eigenartig sind, werden dort, wo sie eine Massenerscheinung, wie einen wirtschaftlichen Zustand 10 Erster Abschnitt: Die treibenden Kräfte erklären sollen, auch in Masse auf treten und als Träger bestimmte Gruppen der Bevölkerung erkennen lassen. Unser Augenmerk muß also darauf gerichtet sein, diese Massenmotive in ihrem typischen Gepräge kenntlich zu machen und sie von etwaigen Zufalls- oder Singulärmotiven zu unterscheiden. Damit sie ihre Wirksamkeit ausüben können, müssen sie die entscheidenden, vorwiegenden, überlegenen, übermächtigen, prävalenten sein. Wir müssen sie also abermals unterscheiden von etwa vorhandenen, vielleicht auch typischen Massenbeweggründen, die aber ohne Einfluß bleiben: wie etwa den Konsumenten- oder Arbeiterinteressen in der kapitalistischen Wirtschaft, die wir höchstens als Nebenursachen bei einem geschichtlichenGeschehen gelten lassen können. Innerhalb dieser von den prävalenten Motiven beherrschten Gruppen der Bevölkerung gilt nun eine allgemeine Regel: daß einige wenige führen, die große Masse geführt wird. Wir stoßen also auf einen, aber nur scheinbaren, Widerspruch in der Mechanik des geschichtlichen Massengeschehens: daß dieses nämlich einerseits nur als Ausdruck eines Massenwillens zu verstehen ist und daß doch immer nur einzelne Hervorragende die Richtung weisen. Der Widerspruch löst sich auf, wenn wir das geschichtliche Geschehen als die unausgesetzte Spannung zwischen dem kräftigen Einzelwillen und seiner Verallgemeinerung in einem Massenwillen begreifen, eine Spannung, die in den verschiedenen Zeitläuften verschiedene Formen und vor allem einen sehr verschiedenen Stärkegrad annehmen kann, die aber doch immer vorhanden ist. Wir können danach mehr demokratisch-kollektivistisch-traditionalistisch und mehr aristokratisch - individualistisch - revulutionär gestaltete Wirtschafts- und Geschichtsverfassungen überhaupt unterscheiden (neuerdings ist dieses Problem urteilsvoll behandelt worden von Kurt Breysig in seinem Buche: Individuum und Masse. 1925). III. Die Wirtschaftsführer in den verschiedenen Epochen Ein Überblick über die bisher in der Wirtschaftsgeschichte wirksam gewesenen Triebkräfte wird uns das Verständnis für die allgemeinen Zusammenhänge und für die Besonderheit des hochkapitalistischen Zeitalters erleichtern. Welches sind denn die treibenden Kräfte, das heißt also die führenden Schichten, die wir auch als „Träger“ des Wirtschaftslebens bezeichnen können, bisher gewesen und welche sind es heute ? Für die früheren Wirtschaftsepochen enthalten die beiden ersten Bände dieses Werkes zahlreiche Hinweise. Wir wissen, daß das Mittelalter ein Zeitalter stark Erstes Kapitel: Die Bedeutung des kapitalistischen Unternehmers H kollektivistisch gebundener, traditionalistischer Wirtschaft war. Trotzdem lassen sich natürlich auch für diese Zeit diejenigen Schichten bezeichnen, von deren Entscheide die Gestaltung der Wirtschaft abhing. Es waren auf dem Lande die Grundherren und deren Vögte (man denke an Neusiedelungen!), die Klosterherrn, die Bauernältesten; in der Stadt die patrizischen Kaufherrn, hervorragende Zunftälteste, die energischen Stadträte. Dann kam die Neuordnung des Wirtschaftslebens im Zeitalter des Erühkapitalismus. Diese ist, wie ich das ausführlich dargestellt habe, des Werk zunächst einzelner weniger, unternehmender Geschäftsmänner, die aus allen Schichten der Bevölkerung: Adel, Abenteurer, Kaufleute, Handwerker hervorwuchsen, die aber lange Zeit hindurch zu schwach waren, um das Wirtschaftsleben in neue Bahnen zu lenken. Neben ihnen müssen wir als die maßgebenden Wirtschaftsführer jener Zeit die energischen Fürsten, wie Gustav Wasa, Friedrich M., Franz I. und namentlich deren leitende Beamte wie Colbert ansprechen. Das wirtschaftliche Energiezentrum hat lange Zeit hindurch in den Regierungsstuben gelegen. Wir müssen, um die Mechanik der frühkapitalistischen Wirtschaft zu verstehen, uns Aussprüche wie den jenes klugen, deutschen Kameralisten gegenwärtig halten, der meinte: zur Verbesserung der Manufakturen gehörten Klugheit, Nachdenken, Kosten und Belohnungen und der dann zu dem Schlüsse kommt: „Das sind Staatsbeschäftigungen; der Kaufmann aber bleibt bei dem, was er gelernt hat und wie er es gewohnt ist. Er bekümmert sich nicht um die allgemeinen Vorteile seinesVaterlandes.“ Der Staat ist es, der vielmals die Privaten an den Ohren herbeizieht, damit sie sich als kapitalistische Unternehmer betätigen. Er stößt und treibt sie mit Gewalt und Überredung in den Kapitalismus hinein. Das Bild der körperlichen Nötigung, das ich hier gebrauchte, ist der Schrift eines anderen kameraüstischen Schriftstellers des 18. Jahrhunderts entlehnt, der da meint: „daß der Plebs von seiner alten Leier nicht abgeht, bis man ihn bei Nase und Arme zu seinem neuen Vorteile hinschleppe.“ Vgl. Band I. Seite 844 ff. Es ist nun das besondere Kennzeichen des hochkapitalistischen Zeitalters, daß in ihm die gesamte Leitung im Wirtschaftsleben auf die kapitalistischen Unternehmer übergegangen ist, die nunmehr, der Gängelung durch Staatsorgane entwachsen, als die Wirtschaftssub- j ekte der inneren Wesenheit der kapitalistischen Wirtschaft entsprechend die alleinigen Organisatoren des wirtschaftlichen Prozesses geworden sind, soweit dieser sich im Rahmen des kapitalistischen Wirtschafts- 12 Erster Abschnitt: Die treibenden Kräfte Systems abspielt. Es versteht sich, daß überall dort, wo heute der Kapitalismus noch nicht oder nicht mehr das herrschende Wirtschaftssystem ist — also in der Sphäre der Bauernwirtschaft, des Handwerks, der Gemeinwirtschaft — auch andere Wirtschaftssubjekte die Entscheidung treffen. Von ihnen wird an einer anderen Stelle zu sprechen sein. Hier beschäftigen uns zunächst die kapitalistischen Wirtschaftssubjekte als diejenigen, deren Geist dem gesamten Zeitalter seinen Stempel aufdrückt. Aus dem, was ich in den ersten beiden Bänden über das Wesen der kapitalistischen Wirtschaft und die Stellung des Unternehmers in ihr ausgeführt habe, kennt der Leser dessen Funktionen: Kapital und Arbeit zusammenzubringen, Richtung und Umfang der Produktion zu bestimmen, die Verbindung zwischen Produktion und Konsumtion herzustellen. Wir bezeichnen die kapitalistische Art der Wirtschaftsführung wohl auch als unternehmungsweise Wirtschaft und meinen damit, daß sie auf das Risiko des Unternehmers erfolgt, das heißt: daß dieser alle Gewinn- und Verlustchancen trägt. Die „treibende Kraft“ in der modernen, kapitalistischen Wirtschaft ist also der kapitalistische Unternehmer und nur er. Ohne ihn geschieht nichts. Er ist darum aber auch die einzige „produktive“, das heißt schaffende, schöpferische Kraft, was sich unmittelbar aus seinen Funktionen ergibt. Alle übrigen Produktionsfaktoren: Arbeit und Kapital befinden sich ihm gegenüber im Verhältnis der Abhängigkeit, werden durch seine schöpferische Tat erst zum Leben erweckt. Auch alle technischen Erfindungen werden erst durch ihn lebendig. Wenn ich den Unternehmer als solchen schöpferisch nenne, so hat das den Sinn, daß tatsächlich in jedem einzelnen Falle, auch dort, wo es sich um eine beliebige, kleineUnternehmung handelt, die in ausgefahrenen Bahnen fährt, irgendwelche produktive Tätigkeit nicht anders zustande kommt, als durch die Mittlerschaft des kapitalistischen Wirtschaftssubjekts. Zwischen diesen gibt es nun aber natürlich wesentliche Unterschiede im Grade der Produktivität. Wie in allen Massen gibt es auch in der Unternehmerschaft immer wenige Eminenzen mit eigenen Gedanken und eigenen Entschlüssen, die ihre eigenen Wege gehen und denen die vielen andern nachfolgen. Die innere Struktur des kapitalistischen Wirtschaftssystems bringt es mit sich, daß der Entschluß- und Tatkraft der Wenigen ein weiterer Spielraum gelassen ist als in andern Wirtschaftssystemen. Man kann deshalb sagen, daß gerade die hochkapitalistische Wirtschaft in ihrem gesamten Bau aus der schöpferischen Initiative der Wenigen hervorgewachsen ist. Zweites Kapitel: Die neuen Führer 13 Derjenige Mann, von dem das Schicksal einer Unternehmung abhängt, braucht nicht immer der formell als Unternehmer erscheinende legitimierte Eigentümer oder „Leiter“ (Direktor) dieser Unternehmung zu sein: die entscheidende Unternehmertätigkeit kann unter Umständen auch ausgeübt werden von einem Prokuristen, einem Reisenden, einem Geldgeber, einem Aufsichtsratsmitgliede oder andern. Läuft die Leitung einer Unternehmung in mehrere Spitzen aus, so wird einer oder werden einige die Führer sein: unter verschiedenen Kompagnons, verschiedenen Direktoren einer Aktiengesellschaft usw. ■ Alles das gilt im allgemeinen vom kapitalistischen Unternehmer, der, wie hier nur festgestellt werden sollte, einzigen treibenden Kraft in der hochkapitalistischen Wirtschaft und führt nur Gedanken aus, die ich in früherem Zusammenhänge schon geäußert habe. Nun weist aber das kapitalistische Unternehmertum im Zeitalter des Hochkapitalismus besondere Eigenarten auf, die es von dem des Frühkapitalismus deutlich unterscheiden: es sind neue Führer aufgestanden und die Wirkungsweise dieser neuen Führer unterscheidet sich wesentlich von derjenigen des kapitalistischen Unternehmers der früheren Epochen. Von diesen besonderen Eigenarten ist in den beiden folgenden Kapiteln zu handeln. Zweites Kapitel Die neuen Führer I. Der äußere Wirkungskreis Neu gestaltet sich in wesentlichen Punkten zunächst der äußere Wirkungskreis des kapitalistischen Unternehmers. Wir beobachten folgende Tendenzen: 1. eine Tendenz zur Loslösung des Unternehmertums vom Kapitalbesitz oder was dasselbe ist: eine Bewegung von der Eigenoder Einzelunternehmung weg zur gesellschaftlichen Unternehmung, namentlich der Aktiengesellschaft und damit vom Eigentümer-Unternehmer zum angestellten Leiter, „Direktor“. Die Aktiengesellschaft nimmt einen immer breiteren Baum als Unternehmungsform ein, wie am geeigneten Orte ziffermäßig nachgewiesen werden wird: siehe das 46. Kapitel. Wir beobachten 2. eine Tendenz zunehmender Spezialisierung der Unternehmertätigkeit, nicht aber etwa nach Branchen, sondern (im Gegenteil) nach Funktionen. Vor allem äußert sich diese Tendenz in einer immer mehr zutage tretenden Herausbildung des reinen Unternehmertums, das heißt: einer Abstreifung aller Nebenfunktionen. Diesen Prozeß hatten wir in seinen Anfängen schon in der frühkapitalistischen Epoche feststellen können. Jetzt kommt er zum Ende. Um was noch vor einem Menschenalter der Unternehmer selbst sich hatte kümmern müssen: wie die Aufsichtführung, die Vervollkommnung der Technik, die kaufmännische Organisation: alles das besorgen jetzt in seinem Dienste tätige Spezialisten. Selbst die Rentabilitätsberechnung, die Kalkulation und Gewinn- und Verlustabwägung läßt der Unternehmer von besonderen Angestellten vornehmen: den „efficiency engineers“ in den Vereinigten Staaten, von denen uns Veblen in einem seiner Bücher (The Instinkt of workmanship [1914], 222ff., 345ff.) so erbauliche Dinge zu berichten weiß (wir müssen uns aber immer gegenwärtig halten, was z. B. Veblen nicht immer tut, daß alle diese Spezialisten keine Unternehmer sind, weil sie keine der spezifischen Unternehmertätigkeiten ausüben). Vgl. auch das 53. Kapitel. Zweites Kapitel: Die neuen Führer 15 Innerhalb dieses immer mehr zur Reinheit sich herausbildenden Unternehmertums spezialisieren sich dann die Einzelnen noch auf bestimmte Tätigkeiten: in den Banken entwickeln sich Spezialisten für die Beziehungen mit der Industrie, für das Depositenwesen, für die Emissionstätigkeit usw.: in der Industrie Spezialisten für die Werkorganisation, für die Absatzorganisation., für Kapital- und Kreditbeschaffung usw. Neben dieser Tendenz zur Spezialisierung geht nun (wie so oft im Wirtschaftsleben) nebenher: 3. eine Tendenz zur Integrierung der Funktionen. Es entsteht eine (geringe) Anzahl universell funktionierender Großunternehmer, die namentlich bankmäßige und industrielle organisatorische Tätigkeit in Einem ausüben. Der beliebteste Weg zu dieser umfassenden Tätigkeit ist die mehrfache Vertretung in Aufsichtsräten von Aktiengesellschaften. Über diese vielbeschäftigten und vielumfassenden Großunte rnehm er spreche ich ausführlich im 47. Kapitel. Im Zusammenhänge mit dieser äußeren Verschiebung in der Stellung des modernen Unternehmers steht nun die innere Einstellung, die in der Herausbildung verschiedener, nach ihrer Geisteshaltimg, ihrer Interessenlage, ihrer Wirksamkeit bestimmter, Unternehmertypen ihren Ausdruck findet. II. Die Unternehmertypen Solcher unterscheide ich drei: den Fachmann, den Kaufmann, den Finanzmann. 1. Der Fachmann geht von seinem Erzeugnis aus, dem er zum Erfolge verhelfen will. Er ist branchem-gebanden. Diese Gebundenheit tritt besonders deutlich zutage hei dem Erfiw der-TTnt eraehTw er (der sehr wohl von dem reinen Erfinder durch die Beimischung einer Umtemehmer- begabung zu unterscheiden ist). Dieser will seiner Erfindung zum leben verhelfen, indem er sie in möglichst: großem Rahmen zur Ausführung (und dann natürlich auch zum Absatz) bringt Im Mittelpunkt der Interessen des Fachmannes und seiner Bemühungen steht die Organisation des Werkbetriebes. Auf die Beschaffung und zweckmäßige Verwendung der richtigen Arbeitskräfte ist sein Hauptaugenmerk gerichtet: der Arbeitsmaibt ist vou den drei Märkten derjenige, der ihn vor allem angeht. In seiner Gesamttätigkeit ist er «nriimemönnal - bohrend. Von den drei verschiedenen MögHchkeiten der Konkurrenz (siehe Kapitel 34) neigt er der Leästungskonkurrenz zdl Man hat diesen Typus Oaptain of Industry genannt 16 Erster Abschnitt: Die treibenden Kräfte 2. Der Kaufmann geht vom Marktbedürfnis aus und entschließt sich zur Herstellung derjenigen Produkte, die er für die absatzfähigsten hält. Er hat „Zukunftsaugen“ (Pinner), mit denen er die wahrscheinliche Bedürfnisgestaltung voraussieht, der er dann durch geschickte Propaganda nachhilft. Der ideale Kaufmann ist der, der Bedürfnisse schafft, für die er dann die Befriedigungsmittel herstellt. Nicht der Arbeitsmarkt, sondern der Warenmarkt ist das Hauptfeld seiner Tätigkeit, nicht die Werkorganisation, sondern die Absatzorganisation ist seine entscheidende Schöpfung. Zum Unterschiede vom eindimensionalen Fachmann ist der Kaufmann zweidimensional: flächenhaft, ausweitend. Seinen Neigungen und Fähigkeiten entspricht die Suggestionskonkurrenz Die englische Sprache bezeichnet ihn als Business man. 3. Der Finanzmann geht vom Kapitalbedürfnis aus: Kapitalbeschaffung und Kapitalzusammenfügung namentlich mittels börsentechnischer Maßnahmen ist seine Haupttätigkeit. Er beherrscht daher von den drei Märkten vornehmlich den Kapitalmarkt: er lebt sich in Gründungen, Fusionen, Konzernbildungen aus. Er betreibt mit besonderer Vorliebe den Aufbau von Unternehmungen, er ist konstruktiv tätig: drei- dimensial. Er bevorzugt die Gewaltkonkurrenz. In den angelsächsischen Ländern, insbesondere jetzt in den Vereinigten Staaten nennt man ihn Corporation financier. Die drei Typen stellen in obiger Reihe eine Stufenfolge fortschreitender Entkonkretisierung der Unternehmertätigkeit dar. Unnötig, noch ausdrücklich darauf hinzuweisen, daß diese Typen in den seltensten Fällen rein, vielmehr der Regel nach gemischt auftreten. Und zwar finden sich am häufigsten Mischungen zwischen Fachmann und Kaufmann und zwischen Kaufmann und Finanzmann. In gewissem Sinne folgen sich die drei Typen in der hier gewählten Reihenfolge auch zeitlich aufeinander. Der reine Fachmann gehört mehr der frühkapitalistischen als der hochkapitaüstischen Epoche an, in der vielmehr die beiden andern Typen immer häufiger erscheinen. Der Finanzmann wird um so bedeutsamer, je mehr die Konzentrationsbewegung im Wirtschaftsleben an Ausdehnung gewinnt. Ebenso selbstverständlich ist es, daß die verschiedenen Gebiete des Wirtschaftslebens verschiedene Anforderungen an die Unternehmerfunktion stellen und deshalb auch den verschiedenen Typen verschiedene Chancen der Betätigung gewähren. Auf dem Gebiete der Feinmechanik wird der Fachmann, auf dem der Massengüterherstellung oder bei dem Betriebe von Warenhäusern der Kaufmann, bei der Begründung Zweites Kapitel: Die neuen Führer 17 von Eisenbahnlinien der Finanzmann eher Gelegenheit sich zu betätigen haben. Es ist reizvoll, an einigen hervorragenden Unternehmerpersönlichkeiten sich die mehr oder weniger vollkommene Verwirklichung der verschiedenen Idealtypen zu veranschaulichen. Auf dem Gebiete der Industrie sind vorwiegend Fachmänner beispielmäßig: Alfred Krupp, Werner Siemens, Ernst Abbe, Robert Bosch; vorwiegend Kaufmänner: Emil Rathenau, Felix Deutsch; vorwiegend Finanzmänner: die amerikanischen Trustmagnaten, in Europa etwa Loucheur oder Stinnes oder Otto Wolff. Henry Ford ist eine eigentümliche Mischung von Fachmann und Kaufmann und man kann sagen Anti-Finanzmann, insofern vom modern-amerikanischen Standpunkt aus gesehen a-typisch. Besonders deutlich unterscheiden sich die Typen im Bereiche des Seeverkehrswesens: Männer wie H. H. Meier oder Slomann haben kaum noch gemeinsame Züge mit einem Mann wie Ballin, und von den beiden Typen hebt sich ein Name wie Harriman wiederum scharf ab. Den Gegensatz zwischen Fachmann und Kaufmann vermögen wir mit Händen zu greifen, wenn wir das Wesen der beiden Begründer der deutschen elektrischen Industrie: Werner Siemens und Emil Rathenau miteinander vergleichen. Die Selbstbiographien und Biographien dieser beiden Männer gewähren uns einen ganz klaren Einblick in die Eigenart ihrer Persönlichkeiten, von der im folgenden einige Züge festgehalten werden mögen. Siemens geht aus von seinen persönlichen Erfindungen: Durch seine wissenschaftlichen Arbeiten, durch neue Apparate, durch die Entdeckung und Anwendung der Selbsterregung der Dynamomagnete, des „dynamoelektrischen Prinzips“, das den Bau und Betrieb von Dynamomaschinen vollständig umgestaltete und industriellen Betrieb ermöglichte, durch die Ausführung der ersten gangbaren elektrisch betriebenen Fahrzeuge auf Schienenbahn wurde Siemens bahnbrechender Erfinder. Siemens war aber nicht bloß Forscher und Bahnbrecher, er war auch ein außerordentlich starker Geschäftsgeist seltener Art. Er gehörte aber „der Geschäftsführung nach mit den meisten Maschinenfabrikanten seiner Zeit zur alten Generation von Technikern, die Geschäfte im gewöhnlichen Sinne nicht lieben, die bloße Unternehmer wenig schätzen, die zwar selbst Geschäfte durchführen, mit ihrer persönlichen Betätigung dabei aber ganz im Hintergrund bleiben und diese Betätigung gegenüber der wissenschaftlichen und technischen als minderwertig ansehen, deshalb auch wenig davon sprechen. Die damalige Atmosphäre verlangte Betonung des Fortschritts, nicht des Ertrages“. „Geschäfte machen oder gar sich um Geschäfte bemühen nur um des Erwerbes willen, für sich oder andere, galt früher und gilt vielen noch jetzt als bedenklich. . .“ Das Siemenssche Unternehmen war ein „Mittelding zwischen einem wissenschaftlichen Institut und einer Behörde. Viele Kunden des alten Geschäftes waren auch eigenartig, waren Leiter wissenschaftlicher Anstalten, oft angesehene Persönlichkeiten, Gelehrte, die sich aber wie Sombart, Hochkapitalismus. 2 18 Erster Abschnitt: Die treibenden'Kräfte Bittsteller in Ministerien verhielten, die Gestaltung ihrer Apparate erbaten und den Bescheid darüber entgegennahmen, wann die Sache etwa fertiggestellt werden könne. Erörterungen über Preis und Lieferzeit waren mehr theoretischer Art.“ . . . „Siemens ging nicht selbst darauf aus, Bedürfnisse zu schaffen und zu vermehren oder Abnehmer für seine Erzeugnisse zu gewinnen.“ A. Riedler, Emil Rathenau (1916), S. 55—62. Diese Biographie R.’s ist sehr anmutig und besonders wertvoll, weil sie von einer großen Liebe zu Rathenau getragen ist und aus dem Quell persönlicher Beziehungen schöpft, wodurch es dem Verfasser gelungen ist, die Besonderheiten des Rathenauschen Wesens deutlich herauszufühlen und zur Darstellung zu bringen. In wie schroffem Gegensatz dieses Wesen zu dem eben skizzierten Siemensschen stand, ergibt sich schon aus der Art und Weise, wie Rathenau an seine Stelle als Mitbegründer der elektrischen Industrie gelangt. Rathenau ist zwar — zum Unterschiede von Siemens — von Beruf Ingenieur. Aber, wie seine von Riedler mitgeteilte Selbstbiographie erweist, ohne rechte Lust und Liebe zu seinem Beruf. Er war auf technischem Gebiete unproduktiv. Er hat deshalb auch keine eigene Erfindung gemacht, von der er zu seiner Unternehmertätigkeit hätte gelangen können. Diese, zu der er eine besondere Veranlagung besaß, beginnt er vielmehr mit allerhand Versuchen auf den verschiedensten Gebieten, von denen er sich einen pekuniären Erfolg verspricht. Vor 1883 wirft er sich der Reihe nach auf folgende Gegenstände: 1. die Type einer Kleindampfmaschine; 2. einen Panzerturm 3. Eeldbefestigungen 4. Baracken 5. Minentorpedos 6. Stahlkessel; 7. Verarbeitung von Wellblechen; 8. die ersten Dampfheizungen in den Waggons; 9. die ersten Niederdruck-Wasserheizungen in Wohnungen; 10. Kompressoren; 11. Dampfturbinen; 12. Umänderung des Visiers auf den veränderten Chassepotgewehren; 13. Schraubenschneidemaschinen; 14. Telephon; 15. Bogenlicht. Dann begründet er im Jahre 1883 die Deutsche Edison-Gesellschaft, und zwar bezeichnenderweise dadurch, daß er die Edison-Patente erwirbt, danach sich in den Besitz von zahlreichen städtischen Konzessionen setzt und günstige Verträge mit Siemens schließt. Sein Hauptaugenmerk ist aber von vornherein auf die Ausweitung seines Unternehmens gerichtet. Hören wir, wie sein Biograph die Wesenheit des Geschäftsmannes Rathenau beschreibt! Sein „Zukunftsauge“: „Rathenau erkannte, daß dem Glühlicht die Zukunft gehöre, daß es nicht nur die Lampe des Luxus sei, sondern auch Kriegskonjunktur 1870/71 Zweites Kapitel: Die neuen Führer 19 der Kleinbeleuchtung, selbst für Dachkammern und Stallungen, während das Bogenlicht keines von beiden sein könne.“ (Diese Einsicht stand der Überzeugung auch der ersten Fachleute, wie Siemens, stracks entgegen.) Sein Ziel von Anfang an: die Organisation der Massenfabrikation und des Massenabsatzes: „Er hat mir, “schreibt Riedler a. a. 0. S. 37, „und vielen andern eingehend auseinandergesetzt, wie er sich richtige Massenfabrikation denke, welche Maschinen, welche Organisation hierzu erforderlich seien, was an Kosten auflaufe, was erspart, wie Verbilligung und Großbetrieb erreicht werden . ..“ „Rathenau hat die amerikanische Massenherstellung auf elektrotechnische Bedarfsgegenstände erfolgreich angewendet und ist der Bahnbrecher der Großfabrikation, des Großbetriebs der Elektrotechnik geworden“ (62). Sehr treffend das zusammenfassende Urteil: „Er war Erfinder von Industrien, hat den industriellen Aufbau von Fabrikationen und Unternehmungen erdacht und durchgeführt, wie andere Maschinen erfinden und ausführen“ (126). In Siemens und Rathenau sind also, wie wir sehen, zwei grundverschiedene Auffassungen vom Sinn und der Bedeutung des Unternehmertums verkörpert; sie stellen in denkbarer Reinheit die beiden Typen des Fachmanns und des Kaufmanns dar. Diese beiden Richtungen haben eine Zeit lang scharf um die Vorherrschaft gekämpft und keine der beiden hat es an entwertenden Urteilen über die andere fehlen lassen. Die Rathenauer nannten die Siemensianer „rückständig“, „bureaukratisch verknöchert“; diese bezeichneten das Gebaren der andern als „Machenschaften von Handelsleuten“ und brandmarkten das wirtschaftliche Streben der Gegner als „Unternehmung“ im üblen Sinne. Besonders deutlich trat der Gegensatz in der verschiedenen Auffassung von der Beziehung zur Kundschaft zutage: die „alte“ Richtung huldigte dem noch wesentlich handwerklichen Grundsatz der fest abgegrenzten Kundschaft, die man an sich herankommen lassen müsse; die neue dem Prinzip der Eroberung, des Kundenfangs. Es entsprach durchaus der Siemensschen Auffassung, wenn diese „den plötzlichen Einbruch in sein unbestrittenes Arbeitsgebiet... als frevelhaften Eingriff . . ., als einen Einbruch in sein Haus“ empfand, wie uns wiederum Riedler (a. a. 0. S. 55—62) berichtet. III. Die Herkunft Neu sind die Wirtschaftsführer im Zeitalter des Hochkapitalismus endlich auch noch ihrer Herkunft nach. 1. Betrachten wir zunächst das Rekrutierungsgebiet der Unternehmerschaft innerhalb eines bestimmten Volkskörpers, also ihre soziale Herkunft, so läßt sich als das wichtigste Kennzeichen unserer Epoche eine weitgehende Demokratisierung des Führertums feststellen: die leitenden Männer des Wirtschaftslebens steigen aus immer breiteren und somit immer tieferen Schichten der Bevölkerung auf. 2 * 20 Erster Abschnitt: Die treibenden Kräfte Das einzige zuverlässige Ziffernmaterial, das wir besitzen, um diese wichtige Wandlung statistisch nachweisen zu können, ist meines Wissens dasjenige, das Chapman und Marquis in ihrem obengenannten Aufsatz zutage gefördert haben. Es bezieht sich auf die englische Textilindustrie und weist folgende Ergebnisse auf: Von 63 Unternehmern in der englischen Baumwollweberei, die bei einer Umfrage antworteten (von 80 befragten), gehörten 48 oder 76% der „ersten Generation“ an. Unter erster Generation verstehen die Verfasser: „employers, mana- gers and others . . . who have themselves risen from the operative classes or from classes earning no more than operatives“. In einer Industriestadt mit 100000 Einwohnern wurden 139 Unternehmer ermittelt, denen 93400 Webstühle gehörten; davon waren 88 oder 63% „erste Generation“; diese Vertreter der ersten Generation besaßen 49% der Webstühle; andere Privatunternehmer „ 44 „ „ „ Aktiengesellschaften „ 7 ,, ,, ,, In der Baumwollspinnerei, die im wesentlichen von Aktiengesellschaften betrieben wird, lagen die Dinge wie folgt: bei der Befragung ganzer Boards of Directors wurden 65 Direktoren befragt, von denen 45 antworteten. Von diesen 45 gehörten 33 oder 73% zur „ersten Generation“. Ferner wurden 65 mill managers, also geschäftsführende Direktoren befragt. Von diesen antworteten wiederum 45, und von diesen 45 waren 38 oder 84% Angehörige der „ersten Generation“. Eine Spezialuntersuchung betraf 20 Baumwollspinnereien in einer Baumwollstadt. Hier gehörten der „ersten Generation“ an: von den managing directors 13% ,, ,, managers (salary 200—800 £) 42 „ „ „ assistant managers (salary 100—150 £) 67 „ Aber auch der Augenschein läßt keinen Zweifel an der Richtigkeit unsrer Feststellung aufkommen und eine oberflächliche Erwägung macht die Tatsache der Demokratisierung einleuchtend. Früher — das heißt während der ganzen frühkapitalistischen Periode — mußte der Unternehmer selbst reich sein oder er mußte der Sohn eines reichen Mannes sein oder er mußte sich reichen Leuten verbinden. Sehr häufig also mußte sich der Fall ergeben, daß der eine Unternehmerfähigkeiten und kein Geld, der andere dieses aber keine Unternehmerfähigkeit oder keinen Unternehmerwillen besaß. Heute kann der reiche Mann sein Geld mit Leichtigkeit als Kapital verwenden, ohne selbst Unternehmer zu sein, der Mittellose aber kann sich leichter Geld verschaffen. Die Wege, um den mittellosen Unternehmer in den Besitz des notwendigen Kapitals zu setzen, sind, wie man weiß, die Aktiengesellschaften und das Kreditsystem, von denen noch ausführlich die Rede sein wird. Vor allem das Kreditsystem ist es, das die Ausübung der Unternehmertätigkeit Zweites Kapitel: Die neuen Führer 21 auch dem kapitalarmen Manne ermöglicht: „Kreditanstalten sind die Stützen für das Genie“, ist ein oft angeführtes Wort, das von der Bremer Handelszeitung im Jahre 1856 geprägt wurde. Der Aufstieg zum Unternehmertum erfolgt, soviel wir zu sehen vermögen, meist in generationsweisen Staffeln: die vorletzte Staffel ist der (alte und neue) Mittelstand. Daß auch die großen Führer unserer Tage häufig sehr klein angefangen haben, lehren uns die Lebensbeschreibungen dieser Männer, die wir ja in großer Zahl besitzen. Beispiele: In Deutschland stammen von den Großen aus dem Mittelstände, teilweise aus dessen unterster Schicht und fangen in kleinen, abhängigen Stellungen an: Ballin (Auswandereragent), Bosch (Bauernsohn, fängt mit 10000 Mk. an), Dernburg, Helfferich (beide aus Gelehrtenfamilien), Deutsch (Vater Kantor), Fürstenberg (Kommis), Kirdorf (fängt, nachdem das väterliche Vermögen verlorengegangen, als kaufmännischer Leiter einer kleinen Kohlenzeche an), Isidor und Ludwig Löwe (Vater Gemeindeschullehrer), Emil Rathenau (Ingenieur in bescheidenen bürgerlichen Verhältnissen), Werner Siemens (Artillerie-Leutnant: gründet mit 6000 geborgten Talern die „Telegraphenbauanstalt“). Die großen Warenhausbegründer: Jandorf, Tietz, Wertheim (fangen als kleine Ladner in östlichen Provinzstädten an). In Amerika ist die Zahl der großen Emporkömmlinge vielleicht noch größer: Carnegie (Sohn eines armen schottischen Webers), Ford (Sohn eines kleinen Farmers), Harriman (Sohn eines Hungerpastors auf Long Island), Rockefeller, H. H. Rogers und viele andre sind hier zu nennen. 2. Eine sehr wesentliche Verschiebung hat die Zusammensetzung der internationalen Unternehmerschaft in völkischer Hinsicht erfahren, dadurch, daß die Führerschaft im Laufe des hochkapitalistischen Zeitalters immer mehr auf die in ihrem Kern germanischen Nationen übergegangen ist (während, wie wir früher feststellen konnten, der Schwerpunkt des Wirtschaftslebens während der frühkapitalistischen Epoche in den wesentlich romanischen Völkern gelegen hatte). Im Jahre 1910/11 nahmen Deutschland, England und die Vereinigten Staaten an der Erzeugung der wichtigsten Rohstoffe und Halbfabrikate in folgendem Verhältnis teil: Zink 65%, Blei 71%, Rohöl 71 °/ 0 , Baumwollgarn 75% (Anteil der Spindelzahl), Kupfer 76%, Stahl 78%, Roheisen 79%, Baumwolle (ohne Ägypten) 80%, Steinkohle 82%, Koks 84%. Ein anderer, wichtiger Umstand, dessen hier Erwähnung zu tun ist, ist der: daß in allen Ländern einen wachsenden Anteil an der Leitung des Wirtschaftslebens die Juden sich erobert haben. In Deutschland waren vor dem Kriege von den Direktoren industrieller Unternehmungen 13,3% Juden (die selbst nur etwa 1% der Bevölkerung 22 Erster Abschnitt: Die treibenden Kräfte ausmachen). Der Anteil der jüdischen Direktoren an der Gesamtzahl stieg in der elektrischen Industrie auf 23,1, in der Metallindustrie auf 25,0, in der Leder- und Kautschukindustrie auf 31,5%. Von den Mitgliedern der Aufsichtsräte in industriellen Aktiengesellschaften waren 24,4% Juden (in den Kaliwerken 29,4, in der Metallindustrie 30,7, in den Brauereien 31,5%). Genauere Nachweise siehe in meinem Buche: Die Juden und das Wirtschaftsleben. Zuerst 1911. Weit größer ist der Anteil der Juden an der Leitung der Banken, die heute zum größten Teil in jüdischen Händen sich befinden. Ebenso überwiegen die Juden im großkapitalistischen Detailhandel: die meisten Warenhäuser, die in Deutschland fast sämtlich nach dem System Tietz eingerichtet sind, sind von jüdischen Kaufleuten begründet worden. Vgl. F. Pinner, Deutsche Wirtschaftsführer (1924), 2/3. Was für Deutschland gilt, gilt in höherem oder geringerem Grade für alle Länder mit kapitalistischer Kultur. 3. verdient die Tatsache Erwähnung, daß die moderne Unternehmerschaft in kultureller Hinsicht dort, wo sie die (kapitalistisch) größten Erfolge errungen hat (wie in den Vereinigten Staaten und teilweise in Deutschland) vielfach koloniales Gepräge trägt. Freilich ist in dieser Kichtung nur eine Entwicklung weiter gediehen, die schon in früh kapitalistischer Zeit ihren Anfang genommen hatte. Absichtlich habe ich in diesem Kapitel nur die Tatsachen aufgezählt, aus denen wir zu erkennen vermögen, daß neue Führer an die Spitze der Wirtschaft getreten sind, ohne die Bedeutung dieser Erscheinung abzumessen. Diese Bedeutung liegt vor allem in der Steigerung der Energie, die in der Wirtschaft zur Entfaltung kommt. Da dieses Phänomen aber über dasjenige der Erneuerung des wirtschaftlichen Führertums hinausgreift, so soll es in einem besonderen Kapitel behandelt werden. 23 Drittes Kapitel Die Entfaltung der wirtschaftlichen Energie I. Die Tatsachen der Energieentfaltung Wir stellen zunächst die Tatsache der Energieentfaltung in der hochkapitalistischen Epoche fest. 1. sind mächtigste Triebe in den Dienst der Wirtschaft getreten und zur vollen Entfaltung gelangt: stärkste Willensimpulse, brennende Leidenschaften, sehnendes Drängen. Unter diesen dein Wirtschaftsleben dienstbar gemachten Trieben nimmt zweifellos den ersten Kang ein das Erwerbsstreben, das heißt das Streben, den Geldbesitz durch wirtschaftliche Tätigkeit zu mehren. Dieses Erwerbsstreben drängt nach a) schrankenloser, b) unbedingter, c) rücksichtsloser Entfaltung, wie ich das an andrer Stelle näher ausgeführt habe. Verwandt dem Erwerbstriebe ist der Machttrieb, das heißt das Streben, viele Menschen und Dinge in Abhängigkeit von sich zu bringen. Erwerbsstreben und Machtstreben gleichen sich darin, daß sie beide ein Streben nach Expansion enthalten, das heißt nach Ausdehnung der individuellen Lebenssphäre. Ihnen gesellt sich als mächtiger Trieb bei der Gestaltung der Wirtschaft hinzu der Tätigkeitsdrang, der im Gegensatz zu den beiden eben genannten Trieben für Intensivisierung der Tätigkeit sorgt. Er tritt besonders deutlich hervor in dem Drange nach Beschleunigung des Lebenstempos, der dem Zeitalter des Hochkapitalismus eigentümlich ist. Dieser Drang nach Beschleunigung äußert sich einerseits in einer Hochbewertung der Zeit, wie sie bisher nirgends zutage getreten ist: „Zeit geht vor Baum“. Zeit gehört zu den wertvollsten Dingen. Ja: die gemeine Meinung hat ihr die höchste Würde verliehen, die sie verleihen kann: sie hat Zeit und Geld in ihrem Werte gleichgesetzt: time is money. Wie hoch man die Zeit bewertet, geht mit besonderer Deutlichkeit aus der Vervollkommnung der Zeitmessung und der allgemeinen Verbreitung der Zeitmaßinstrumente hervor. Ich habe am ge- 24 Erster Abschnitt: Die treibenden Kräfte hörigen Orte nachgewiesen, wie die Zeitmessung in ihrer exakten Form mittels der modernen Uhren eine Begleiterscheinung des Aufkommens der kapitalistischen Wirtschaft überhaupt ist: siehe den 1. Band Seite 506f. und den 2. Band Seite 127f. dieses Werkes; sowie meinen „Bourgeois“ Seite 421. Hier ist nun zu vermerken, daß erst das Zeitalter des Hochkapitalismus das Uhrenwesen recht zur Entfaltung kommen sieht: intensiv, sofern die Uhren auf den höchsten Grad der Vervollkommnung gebracht werden, so daß sie Tausendstel Sekunden zu messen vermögen; extensiv, sofern das Bedürfnis, die Zeit genau zu messen sich zu einem allgemeinen ausgeweitet hat: es vollzieht sich kein Akt heute mehr, der nicht der Zeitbestimmung und Zeitbemessung unterworfen wäre und der letzte Arbeiter hält es für notwendig, selbst im Besitze eines Zeitmeßinstrumentes zu sein, für deren Verbreitung in der Öffentlichkeit zudem die Behörden oder betriebsame Uhrmacher Sorge tragen. Andrerseits aber tritt der Drang nach Beschleunigung zutage in dem immer weitere Kreise erfassenden Streben nach Beschleunigung der Lebensführung selbst. Man hält es für wichtig, wertvoll, notwendig — und richtet danach sein Handeln ein — : rasch zu gehen und zu reisen, am liebsten zu fliegen; rasch zu produzieren, zu transportieren, zu konsumieren; rasch zu sprechen (Bildung von Wortungeheuern aus den Anfangsbuchstaben mehrerer Worte! Telegrammstil!), rasch zu schreiben (Kurzschrift!). Mit Vorliebe setzt man das Wort „Schnell“ vor alle möglichen Vorgänge und Vornahmen: Schnellzug, Schnelldampfer, Schnellpresse, Schnellbleiche, Schnellphotographie. In welche ganz eigentümliche Vorstellungswelt uns dieser Beschleunigungsdrang versetzt hat, dessen werden wir uns meist erst bewußt, wenn wir unser Zeitalter mit andern Zeitaltern, unsere Kultur mit andern Kulturen in Vergleich setzen: etwa mit dem Zeitbewußtsein der Naturvölker oder auch der früheren europäischen Kulturzeitalter, des Mittelalters und noch des frühkapitalistischen, in dem, wie ich seinerzeit ausgeführt habe, insbesondere das Wirtschaftsleben sich noch in einem langsamen, gemächlichen Tempo abspielte, so daß ein scharfer Beobachter noch im 18. Jahrhundert die Bemerkung machen konnte: in Paris laufe man, weil so viele Müßiggänger auf der Straße seien, in Lyon aber gehe man gemessenen Schrittes, weil die Leute hier alle „zu tun“ hätten. Aber auch im Vergleich mit den außereuropäischen Kulturen, wie sie noch heute bestehen, erscheint die unsrige deutlich als eine hastige, eilende, unruhige. Im Orient brauchen alle Arbeiten Zeit: Seide, Tee, Lack, Stickerei, Teppiche. Dort malt man die Schrift, Drittes Kapitel: Die Entfaltung der wirtschaftlichen Energie 25 spricht und schreibt man unendlich umständlich. Langsam, gravitätisch schreitet man daher. Man weiß noch, was Würde des Auftretens bedeutet. Allen bisher hervorgehobenen, dem hochkapitalistischen Zeitalter eigentümlichen Strebungen gemeinsam ist der Unendlichkeitsdrang, ist die Grenzenlosigkeit der Zielsetzung, ist die Kraft, die über alles organische Maß hinausstrebt. Es liegt hier eine jener inneren Widersprüche zutage, von denen die moderne Kultur erfüllt ist: daß das Leben in seiner höchsten und stärksten Betätigung über sich selber hinausgreift und, wie wir noch feststellen werden, sich selber zerstört. Was uns hier aber an dieser Tatsache fesselt, ist die Wirkung, die sie auf das Wirtschaftsleben ausübt. Alle jene ins Unbestimmte hinausstrebenden Kräfte verleihen der hochkapitalistischen Wirtschaft ihren ausgesprochen dynamischen Charakter. Auch diese wohnt allem Kapitalismus seiner Idee nach inne: ein Werk der in der neuen Zeit zur Entfaltung kommenden Lebenskräfte ist es, diese Bestandteile der Idee zur Verwirklichung zu bringen. 2. Nun äußert sich aber die Steigerung der wirtschaftlichen Energie im Zeitalter des Hochkapitalismus keineswegs nur in der Entfaltung jener eben gekennzeichneten Triebe. Vielmehr wirkt in gleicher Bichtung wie diese eine Tatsache, die in einem sonderbaren Gegensätze zu der kraftvollen Äußerung jener höchst irrationalen Mächte steht; das ist die sublimste Ausbildung gerade des ökonomischen Rationalismus, das heißt: die Durchdringung aller Wirtschaft mit den feinsten Methoden rationaler Zweckgedanken. Sodaß dem immer stürmischeren Willen nach Ausweitung der wirtschaftlichen Energie eine Steigerung der Intelligenz, des Wissens und Könnens, diese Energie zur wirkungsvoller Anwendung zu bringen, entspricht. 3. Dieser (innerlich) zur völligen Reinheit gelangte kapitalistische Geist, dieses seltsame Gemisch von leidenschaftlichem Unendlichkeitsdrang und kühler rationaler Überlegung, dehnt sich nun (äußerlich) immer weiter aus. Und diese intensive und extensive Verwirklichung des kapitalistischen Geistes ist eben das kennzeichnende Merkmal, das das Zeitalter des Hochkapitalismus von dem des Frühkapitalismusunterscheidet. Die extensive Verallgemeinung ist in einem mehrfachen Sinne zu verstehen: zunächst wird das gesamte Unternehmertum von ihm ergriffen. Dann aber werden auch die Angestellten und schließlich immer weitere Kreise der Arbeiterschaft von ihm angesteckt. Endlich ist die Ausdehnung im geographischen Verstände zu fassen: die ganze 26 Erster Abschnitt: Die treibenden Kräfte Erde — bis in das Innere von Afrika, Indien und China — wird dem Dämon des kapitalistischen Geistes unterworfen. II. Gründe der Energieentfaltung Die Gründe, die zu jener intensiven und extensiven Hochentwicklung des kapitalistischen Geistes geführt haben, haben wir zu suchen: 1. in der biologisch-seelisch-geistigen Eigenart der neuen Männer, die jetzt das Wirtschaftsleben gestalten; 2. in bestimmten Einflüssen äußerer Umstände, denen ihre Tätigkeit unterliegt; 3. in dem eigentümlichen Prozeß der Versachlichung des wirtschaftlichen Prozesses, der dem Zeitalter des Hochkapitalismus eigentümlich ist und der, wie zu zeigen sein wird, bewirkt hat, daß eine Steigerung der wirtschaftlichen Energie über die in den Einzelpersonen sich entfaltenden Kräfte hinaus eingetreten ist. 1. Der neue Menschentyp 1. Durch den von mir im vorigen Kapitel geschilderten Ausleseprozeß sind Männer zur Herrschaft gelangt, die ihrer Veranlagung nach Höchstleistungen wirtschaftlicher Energie in intellektueller wie voluntaristischer Hinsicht zu entfalten berufen waren. a) Die Demokratisierung des Unternehmertums mußte bewirken, daß — bei einem gegebenen Prozentsatz von Unternehmernaturen in einer Bevölkerungsmasse — mehr Personen mit Unternehmerwillen und Unternehmerfähigkeiten zur Betätigung gelangten als in einer Gesellschaft, in der die Unternehmerfunktion noch an die Bedingung des Geldbesitzes gebunden war. b) Durch die rassenmäßige Verschiebung des Schwerpunkts des Kapitalismus, wodurch dieser, wie wir sahen, mehr und mehr eine germanisch-jüdische Angelegenheit geworden ist, sind offenbar Volksstämme an die Front gekommen, die stärkere Unternehmerbegabungen in sich schließen: die germanische Basse bringt für die Entfaltung des kapitalistischen Geistes mit das unternehmende Vorwärtsdrängen, das „Faustische“, die zähe Ausdauer, die konstruktive, architektonische Veranlagung, die jüdische Basse die große Betriebsamkeit, den spekulativen Spürsinn, die starke Bechenhaftigkeit, die Einfühlungsfähigkeit, den Fortschrittshunger. c) Die kolonialen Menschen stellen eine Energieauslese dar und sind ihrem Wesen nach auf ein Streben nach Neuem eingestellt. Drittes Kapitel: Die Entfaltung der wirtschaftlichen Energie 27 Alle diese Zusammenhänge habe ich teils im ersten Bande dieses Werkes, teils in meinem „Bourgeois“ so ausführlich behandelt, daß ich mich hier mit diesen wenigen Bemerkungen begnügen kann. 2. Die Neuregelung des Funktionenkreises der neuen Wirtschaftsführer, den wir ebenfalls bereits festzustellen Gelegenheit hatten, hat bewirkt, daß mm innerhalb der in der angedeuteten Weise ausgelesenen Unternehmer jeder an seinen Platz gelangte, an dem er ein Maximum von Leistung hervorzubringen vermochte. a) Durch die Abtrennung aller Nebenfunktionen wird die ausschließliche Pflege der Unternehmertätigkeit möglich: der „reine“ Unternehmer gelangt zur Wirksamkeit. b) Durch die Spezialisierung der Funktionen kommen besondere Talente zur besonderen Tätigkeit. Übung und Einarbeitung steigern die Leistungsfähigkeit. c) Die Kooperation in Direktorenkollegien fördert die Leistungen der einzelnen und steigert die Gesamtleistung. 3. In den neuen Männern vollzieht sich eine weltanschauliche Neuorientierung, die sie geeignet macht, höchste Leistungen im Rahmen der kapitalistischen Wirtschaft zu vollbringen. Lächerlich, heute noch — selbst in den äußerlich jüdisch oder christlich „fromm“ gebliebenen Unternehmerkreisen — irgendwelche wesentliche Beeinflussung der Unternehmertätigkeit durch den alten Glauben anzunehmen. Dieser ist durchaus eine Sonntagsangelegenheit geworden. Das Alltagsleben wird vielmehr aus einer ganz und gar neuen Geisteshaltung heraus bestimmt. Dort wo die Lebensführung nicht rein naturalistisch, triebhaft gestaltet ist — und ich bin geneigt, anzunehmen, daß das heute die Regel bildet —, wo also nicht Erwerbstrieb, Machttrieb, Tätigkeitstrieb das Handeln bestimmen, wo vielmehr irgendwelche normhafte, überindividuelle Regelung Platz greift, sind es vornehmlich folgende Ideen, die Einfluß auf das Gehaben des kapitalistischen Unternehmers ausüben: a) Der Glaube an den Fortschritt, an die humanitäre Mission der wirtschaftlichen Expansion, der sich vielleicht sogar zu der Vorstellung auswächst: einen Dienst am Gemeinwohl zu verrichten. Aus diesem wichtigsten Religionsersatz folgen: a) der Wille zum Erfolge, das heißt: das Bemühen, wirtschaftlich große Erfolge zu erzielen: eine Seelenstimmung, die beispielsmäßig allen Amerikanern vom Trustmagneten bis zum letzten Laufburschen eigentümlich ist; 28 Erster Abschnitt: Die treibenden Kräfte ß) ein unerschütterlicher Optimismus; y) ein Pflichtbewußtsein, soweit dieses sich nicht — was der häufigere Fall sein wird — ergibt aus b) der Herausbildung eines besonderen, modern bürgerlichkapitalistischen Pflichtbegriffs. Einen solchen gibt es in der Tat. Er ist ursprünglich wohl religiös untermauert gewesen (hier besteht in der Tat ein Zusammenhang zwischen moderner Berufsethik und Bewährungsglauben), ruht aber seit langem auf einer aus Parvenü-Ressentiment und Gewissensbeschwichtigungsbestreben gebildeten Grundlage. Diese besteht in einer Betonung der Leistungswerte, einer Überschätzung der Arbeit als solcher und ihrer Anerkennung als einziger Quelle irdischen Wohlergehens. Verdienst gilt nur insoweit als Verdienst, als es auf harter Arbeit aufgebaut ist. „Arbeit ist des Bürgers Zierde Segen ist der Mühe Preis“. Es ist ein durchaus europäisch-amerikanisches, genauer nordisches Ideal, das in dieser Pflichtenlehre verkündet wird, und das stimmt überein mit der von uns bereits gewürdigten Tatsache, daß der moderne Kapitalismus seine Wurzeln in den nordischen Rassen hat, die auch dem Verbürgerlichungsprozesse sich am ehesten zugänglich erwiesen haben. c) Nun wird aber das Handeln des modernen Wirtschaftsmenschen in ganz unkantischer Weise keineswegs nur durch das Pflichtbewußtsein bewegt, sondern — so seltsam es klingt — doch auch durch die Liebe. Freilich einer eigentümlichen Abart der Liebe, nämlich der Liebe zu seinem Geschäft. Psychologisch werden wir uns diese Pervertierung der geistigen Haltungen damit erklären müssen, daß in der Seele des Unternehmers infolge eines Übermaßes von Arbeit und insonderheit von Beschäftigung mit geschäftlichen Dingen, die ihm für nichts anderes Zeit läßt, alle übrigen Seiten verkümmern, daß Natur, Kunst, Literatur, Staat, Freunde, Familie keine Reize mehr auszuüben vermögen, daß er infolgedessen von einem unerträglichen Gefühl der Leere und Öde ergriffen wird, sobald er aus der schützenden, wärmenden, belebenden Welt der Zahlen heraustritt. In dieser Welt der Geschäfte hingegen findet er alles, was ihn erfrischt, ermuntert, beglückt; er empfindet sie als seine wahre Heimat, als den Jungbrunnen, aus dem er neue Kräfte schöpft, als die Quelle, die denVerdurstenden neu belebt. Kein Wunder, daß er dieser Welt schließlich auch seine Liebe widmet. Und kein Zweifel, daß durch diesen Prozeß, der sich in dem modernen Wirtschaftsmenschen abspielt, dem Wirtschaftsleben eine Fülle von Lebensenergie zugeführt Drittes Kapitel: Die Entfaltung der wirtschaftlichen Energie 29 wird, die durch nichts anderes entbunden werden könnte. Es ist von unermeßlicher Bedeutung für die Entfaltung kapitalistischen Wesens geworden, daß der Wirtschaftsorganismus nicht nur bewegt wird durch den aus dem Pflichtbewußtsein fließenden Willen des Unlustigen, sondern daß in ihm die ganze Liebe, deren der moderne Mensch noch fähig ist, ihr fruchtbares Werk verrichtet. 2. Äußere Einflüsse 1. Eine erste Wirkung übt die Umwelt auf den kapitalistischen Unternehmer der neuen Zeit dadurch aus, daß er sich in ihr von all den vielen Schranken befreit sieht, die das Wirtschaftssubjekt der früheren Jahrhunderte, auch noch, wie ich gezeigt habe, den frühkapitalistischen Unternehmer in seiner Handlungsfreiheit beengten. a) Die neuen Männer sind als solche frei von der Rücksichtnahme auf die Tradition der Familie, des Geschäftes, der kaufmännischen Sitten. Früher lag das große Geschäft meist in den Händen aristokratischer Famiüen mit seigneurialen Neigungen, die eine ängstliche Scheu vor unsoliden Machenschaften erfüllte, die die Absicht hatten, viel eher zu erhalten als zu erobern, die daher neophob waren, von einer starken Vorliebe für Überlieferung erfüllt. Daß die über die einzelnen Geschäftsleute hinweg deren Verhalten regelnden Sitten und Gebräuche streng waren, stand im engen Zusammenhang mit dieser wesentlich tradionalistisch gesinnten Unternehmerschaft. Von allen diesen Bindungen und Hemmungen ist der Emporkömmling frei: er gestaltet die Welt nach seinen Zwecken beliebig um. Diesen wichtigen Zusammenhang in seiner ganzen Bedeutung als erster erkannt zu haben, ist, soviel ich sehe, das Verdienst Bagehots, der im ersten Kapitel seines Buches „Lombard Street“, das zuerst 1872 erschien, ausführlich davon handelt. Es ist sehr bezeichnend, daß er damals „die neuen Männer“ und ihre Wirksamkeit nur — in England glaubt feststellen zu können. Angesichts der Wichtigkeit des Problems mögen hier einzelne Stellen aus Bagehot Platz finden: Früher (das heißt in Bagehots richtiger Auffassung: vor der Ausbildung der modernen Kreditwirtschaft, die damals noch in den ersten Anfängen war — B. denkt immer nur an Zirkulations- (= Diskont) kredit — mußten die unternehmungslustigen, tüchtigen Männer sich langsam heraufarbeiten, und wenn sie überhaupt Erfolg hatten, kamen sie meist nicht über das Mittelmaß heraus. Nun werden sie sofort in die Höhe getragen. Dadurch bekommt die wirtschaftliche Gesellschaft „a democratic structure“ und damit einen neuen Geist. Die früheren, alten Kaufmannsfamilien „who inherited nice cultivation as well as great wealth and who, to some extend, combined the tastes of an aristocracy with the insiglit and verve 30 Erster Abschnitt: Die treibenden Kräfte of men of business . . . are pushed out, so to say, by the dirty crowd of little men . . . Tbis constant levelling of our commerce bouses is . . . unfavorable to commerce morality: die alten Familien leben in der Kontinuität des Geschäfts, bei der unsolide Praktiken entdeckt werden, die neuen Männer sind skrupellos: tbese men want business at once and tbey produce an inferior article to get it. They rely on cbeapness and rely successfully. Sie sind „little sleepy prompts to seize new advantages . .Der Alte, Große denkt: ,,I bave a great income and I want to keep it. If tbings go on as tbey are, I sball containly keep it; but if tbey cbange, I may not keep it. Consequently be considers every cbange of cireumstances a ,bore‘ (Belästigung) and thinks of such changes as little as be can . . But a new man, wbo bas his way to make in the world, knows that such changes as bis opportunities; be is always on tbe look-out for tbem and always beads tbem, wben be finds tbem . . Solche Wirtscbaftssubjekte haben „tbe propensity to variations . . b) Die Direktoren von Aktiengesellschaften sind zudem befreit von der Rücksichtnahme auf das eigene Vermögen. Es ist eine schon von Marx festgestellte Erfahrung, daß die Verwalter fremden Kapitals „als solche ganz anders ins Zeug (gehen) als der ängstlich die Schranken seines Privatkapitals erwägende Eigentümer, soweit er selbst funktioniert“. c) Sind die modernen Unternehmer sämtlich, bis auf verschwindende Ausnahmen, befreit von den überaus lästigen Bindungen durch die Religion und einer an der Religion verankerten Moral. Diese Säkularisation des kapitalistischen Geistes, die ich vorhin schon in ihren positiven Auswirkungen gekennzeichnet habe, muß als eine der wichtigsten Erscheinungen der modernen Zeit betrachtet werden. Denn sie erst ist es, die dem ganzen Dämonion von Leidenschaften freie Bahn schafft, die heute über die Wirtschaft hereingebrochen sind. Es ist unzweifelhaft richtig, daß in den Anfängen des Kapitalismus die Religion in bestimmten Prägungen: als puritanische und jüdische der Entfaltung des kapitalistischen Geistes Förderung hat zuteil werden lassen. Aber nicht weniger richtig ist, daß in jenen frommen Zeiten die Religion sich der freien Auswirkung dieses Geistes hemmend in den Weg gestellt hat, wie ich das wiederum bei früheren Gelegenheiten ausführlich dargetan habe: nicht nur, daß sie doch den Sinn der Menschen in hohem Grade von den irdischen Dingen ablenkte (die Puritaner hatten wegen der vielen Gottesdienste in den ersten Jahrhunderten überhaupt keine Zeit, sich viel mit Geschäften abzugeben): sie schuf auch — und gerade die jüdisch-puritanische Religion — so unermeßlich viele Hemmungen der freien Entschließung in den unzähligen religiösen und moralischen Drittes Kapitel: Die Entfaltung der wirtschaftlichen Energie 31 Geboten und Verboten, daß von einer freien, das beißt rücksichtslosen Entfaltung des Erwerbsstrebens keine Rede sein konnte. Erst mit dem Wegfall der religiösen Bindungen wurde diese möglich. Heute ist der Grundzug alles wirtschaftlichen Verhaltens „die Skrupellosigkeit“, und sie verträgt sich schlecht mit irgendeinem Religionssystem, das aus sich auch der bürgerlichen Moral die Richtlinien vorschreibt. Daß mit dieser allgemeinen Entfesselung des kapitalistischen Geistes auch die „unsoliden“ Machenschaften, selbst die Gesetzesbeugungen ebenso wie die Zahl der auch im Sinne der bürgerlichen Moral nicht einwandfreien Wirtschaftssubjekte eine Vermehrung erfahren haben, ist selbstverständlich. Unsinn ist es aber, wie es von manchem Historiker des kapitalistischen Zeitalters geschieht (in abschreckender Weise arbeitet Myers in seiner Geschichte der großen amerikanischen Vermögen mit diesem Mittel) nun den gesamten modernen Kapitalismus als einen Ausfluß verbrechischer Handlungen zu schildern. Daß er das nicht ist und nicht zu sein brauchte: dafür sorgte schon, wie im folgenden Abschnitt zu zeigen sein wird, der moderne Gesetzgeber, der in seinen Gesetzen einen so weiten Spielraum für die freie Betätigung des kapitalistischen Wesens schuf, daß dieses meist nicht nötig hatte, auch noch die wenigen Gesetze, die ihm Schranken auferlegten, zu übertreten. Wir haben uns die Entfaltung des kapitalistischen Geistes und damit die Steigerung der wirtschaftlichen Energie als einen Prozeß vorzustellen, in dessen Verlauf durch eine stete Wechselwirkung zwischen innerer Entwicklung und äußeren Einflüssen immer neue Seiten jenes Geistes sich ausbreiten, immer neue Quellen der Kraft erschlossen werden. Diese äußeren Einflüsse, denen wir nunmehr nach ihrer positiven Seite hin unser Augenmerk zuzuwenden haben, können wir uns am besten als Reize vorstellen, die auf das Seelenleben der Wirtschaftssubjekte einwirken und die zu Anreizen für eine weitere Häufung und Auswirkung der in diesen schlummernden Energien werden. Diese Reize sind doppelter Natur: sie erscheinen einerseits als Hemmungen, die sich dem Handeln entgegenstellen, die aber von dem Handelnden überwunden werden durch einen größeren Kraftaufwand, als er ohne das Dazwischentreten dieser Hemmungen zu machen gehabt hätte, andererseits als Förderungen des Verhaltens der Wirtschaftssubjekte. Wir nennen jene negative, diese positive Anreize. 2. Die negativen Anreiz e sind gemeinsam dadurch gekennzeichnet, daß sie eine Erschwerung der Wirtschaftsführung bedeuten, der zum 32 Erster Abschnitt: Die treibenden Kräfte Trotz der kapitalistischen Unternehmer sein Ziel verfolgen muß. Solche Erschwerungen sind: a) Erschwerung der Warenmarktbedingungen, wie sie das 19. Jahrhundert in vielen Richtungen gebracht hat: Verschärfung der Konkurrenz, infolgedessen: Notwendigkeit, sich ihr gegenüber zu behaupten, sich durchzusetzen, die Ellbogen zu gebrauchen, Notwendigkeit, nach Bruchteilen von Pfennigen zu rechnen, Notwendigkeit, immer lauter zu schreien u. a. b) Erschwerung der Arbeitsmarktbedingungen, das heißt im wesentlichen: Verteuerung der Arbeitskraft. a) Eine solche trat wegen Knappheit der Arbeitskräfte von selbst ein in allen kolonialen Gebieten, einer der Gründe, warum in diesen, namentlich in Nordamerika der Kapitalismus eine so viel intensivere Entwicklung erlebt hat, als in alten Gebieten. Bekannt ist der Zwang zur frühen Maschinisierung, den die amerikanische Wirtschaft unterlegen gewesen ist. Und — was uns hier angeht — in diesem äußeren Vorgang bekundet sich eine so viel regere Unternehmungslust als in andern Ländern. über den Vorsprung, den die Vereinigten Staaten auf dem Gebiet der Arbeitsmaschinerie noch vor einem Menschenalter hatten, berichtet Emil Rathenau nach einem Besuche der Philadelphia-Ausstellung im Jahre 1876: der Dampfmaschinenbau stand damals in U. S. A. nicht auf der Höhe des europäischen. „Dahingegen leisteten sie auf andern Gebieten des Maschinenbaus schon Hervorragendes. Holzbearbeitungs- und Werkzeugmaschinen für Präzisionsarbeiten, automatische Maschinen zur Herstellung von Zahnrädern, Uhren, Schrauben, Waffen, Näh- und Schreibmaschinen, feine Instrumente zum Messen, wie sie unsere Fabriken nicht einmal kannten, waren in reicher Zahl und vollendeter Ausführung vorhanden, daneben Spezialmaschinen aus fast jedem Gebiet der Industrie.“ Selbstbiographie in A. Riedler, Ernst Rathenau (1916), 28. Anderswo ist die Verteuerung der Arbeitskraft auf künstlichem Wege erfolgt. Die Mittel, sie herbeizuführen, waren vornehmlich folgende: ß) Die Arbeiterbewegung, die dem modernen Unternehmer soviel Verdruß bereitet hat und die doch wie jene Kraft gewirkt hat, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. Auch sie ist letzten Endes wie alles, was sich in unserer Zeit ereignet hat, dem Kapitalismus zum Heile ausgeschlagen, indem sie den Unternehmer zwang, trotzdem die Arbeitskraft sich schrittweise verteuerte, seine Profite zu steigern und zu diesem Ende mehr wirtschaftliche Energie zu entfalten. Drittes Kapitel: Die Entfaltung der wirtschaftlichen Energie 33 Treffend gibt diesem Gedanken Ausdruck H. Lagardelle in seiner Schrift Syndicalisme et socialisme, wo er auf Seite 52—53 wie folgt sich äußert: „Le socialisme et syndicalisme . . . est, au moment oü je parle, l’agent essentiel de la civilisation dans le monde. II jette le capitalisme dans les voies du plus haut perfectionnement possible. Plus les exigences de la classe ouvriere sont pressantes, plus les injustices deviennent hardies, et plus le developpement technique s’accelere et s’intensifie. Les conquetes du Proletariat ne supportent pas une industrie coutumifere, attardee aux vieilles methodes, sans initiative ni audace. Heureux le capitalismes qui trouve devant lui un Proletariat combatif et exigeant.“ Eine gleiche Wirkung, wie die Arbeiterbewegung haben ausgeübt y) die Arbeiterschutzgesetze. Durch Beschränkung der Frauen- und Kinderarbeit, durch Verkürzung der Arbeitszeit, durch Verbesserung der hygienischen und anderen Arbeitsbedingungen fand abermals eine Verteuerung der Arbeitskraft statt und abermals mußte der Unternehmer seine Intelligenz und seinen Willen mehr anstrengen, um immer wieder mehr Profite zu machen. Vgl. auch das 27. Kapitel. In einen etwas größeren Zusammenhang, aber doch auch hierher, gehört c) die Bevölkerungszunahme, deren (für die Ausbildung des Kapitalismus) so segensreiche Wirkung wir noch oft festzustellen haben werden. Sie ist auch bedeutsam geworden für die Entfaltung der wirtschaftlichen Energie, sofern eine reichere Kinderzahl zum Erwerb, zum Schaffen und Wirken zwingt. Die Möglichkeit, den Kindern „ein gesichertes Auskommen“ nach dem Tode der Eltern ohne Arbeit zu verschaffen, verringert sich mit der Zahl der Kinder. Die Gesinnung der Eltern aber nimmt auch andere Gestalt an, wenn fünf Kinder als wenn zwei im Hause sind. Man läßt die Kinder etwas „lernen“, damit sie sich durchs Leben bringen können und gewöhnt sie an den Gedanken, daß nur durch stete Betriebsamkeit der einzelne sich eine Existenz bereiten kann. Die Denkweise des Rentners wird ausgeschlossen 1 ). 3. Die positiven Anreize entspringen aus der Eigenart der modernen Wirtschaftsführung selbst. a) Jede sich ausdehnende Wirtschaft gibt Anlaß, die wirtschaftliche Energie zu steigern: mit dem Aufgabekreise wachsen — eine bestimmte Menge potentieller Energie vorausgesetzt — die Fähigkeiten und der Wille zu einer stärkeren Betätigung; anders ausgedrückt: mit *) Vgl. meine Deutsche Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert. 6. Kapitel. Sombart, Hochkapitalismus. 3 34 Erster Abschnitt: Die treibenden Kräfte der Ausdehnung der Geschäfte wachsen Betriebsamkeit und Tätigkeit. Dazu kommt als energiesteigernder Umstand hinzu die fortschreitende Anhäufung von Erfahrungen. fi- ■ Nun bietet aber die moderne Wirtschaft dank der Eigenart der in ihr zur Anwendung gelangenden Technik und dank der Eigenart der kapitalistischen Organisation besondere Anreize zur Entfaltung der wirtschaftlichen Energie dar. b) Die Anreize, die von der modernen Technik ausgehen, vermögen wir erst ganz in ihrer Wesenheit zu würdigen, nachdem wir die Besonderheiten der modernen Technik werden kennen gelernt haben. Immerhin werden einige Hinweise auch hier schon verständlich sein. a) Jede technische Neuerung weckt und weitet den Unternehmungsgeist: man denke etwa an die Wirkung, die die Erfindung des Kompasses auf die Entwicklung der Seeschiffahrt ausgeübt hat. Es ist aber eines der wesentlichen Kennzeichen der heutigen Technik, daß sie sich in ihren Neuerungen überstürzt, also Anreize über Anreize zu Neugründungen und Umgestaltungen des Betriebes schafft. Ihre Möglichkeiten sind unbegrenzt und das Unendlichkeitsstreben des kapitalistischen Unternehmers findet in ihnen das geeignete Betätigungsgebiet. Die gewaltigen Anforderungen, die die moderne Technik stellt, wenn die in ihr ruhenden Möglichkeiten verwirklicht werden sollen, heischen stärkste Unternehmerkräfte. Die Intensivisierung der wirtschaftliche Tätigkeit (Eiltempo!) wird von der modernen Technik befördert, ja erzwungen. ß) Die auf Wissenschaftlichkeit aufgebaute Technik entwickelt das rationale Denken, macht es genauer und pünktlicher. Es besteht eine Parallelität zwischen der Rationalität der Technik und der der Wirtschaft. y) Als ein Werk der Technik werden wir die Verschiebung des Zentrums der Lebenswerte in das Materielle (Nützlichkeits- und Annehmlichkeitswerte!) kennen lernen: damit leistet sie der Entwicklung des Erwerbstriebes Vorschub. c) Die besonderen Anreize, die aus der kapitalistischen Organisation als solcher folgen, sind vornehmlich diese: a) die immer wachsende Größe der wirtschaftlichen Einheiten heischt immer größere Leistung ihrer Leiter; ß) die Hinausprojizierung des Wirkens und des Erfolges in die Zukunft, die (aus später von uns zu erschließenden Gründen) im Wesen der kapitalistischen Wirtschaft liegt, steigert die Betriebsamkeit, die Unrast, die Dynamik des kapitalistischen Unternehmers; Drittes Kapitel: Die Entfaltung der wirtschaftlichen Energie 35 y) die Anforderungen des Kapitals nach, raschem Umschlag ist (neben der bereits erwähnten Anforderung der modernen Technik) eine der äußeren Gründe für die Steigerung des Beschleunigungsdranges; S) die Vermehrung des Reichtums, die der einzelne erfährt, erzeugt den Drang in ihm nach immer weiterer Vermehrung: Pleonexie! e) die Verallgemeinerung des Erfolges, des Aufstieges, des Reicherwerdens wirkt ansteckend; 0) die Aussicht auf Extraprofit — der bei dem revolutionären Charakter der Wirtschaft in deren Wesen liegt — steigert die Energie ins Unermeßliche und bringt das rastlose Jagen und Hasten hervor, das unserer Wirtschaft eigentümhch ist: weil jeder Unternehmer durch Verbesserung des Verfahrens oder der Betriebsorganisation einen Vorsprung vor dem Nachbar und dadurch eben einen Extraprofit hofft erringen zu können, ist sein Dichten und Trachten auf stete Neuerung gerichtet, wird sein Unternehmerwillen stets aufs neue gestrafft, bleibt seine Spannkraft stets aufs äußerste gesteigert. In diesem Streben nach Extraprofit liegt, wie wir noch des öfteren festzustellen Gelegenheit haben werden, das innerste Geheimnis der ihrem Wesen nach im höchsten Sinne dynamischen Wirtschaftsführung des Hochkapitalismus eingeschlossen. 3. Die Versachlichung des kapitalistischen Geistes 1. Als ich die Entstehung des modernen Kapitalismus zu schildern unternahm, habe ich darauf hingewiesen, daß er ins Leben tritt mit der Ausbildung dessen, was wir die kapitalistische Unternehmung nennen: siehe namentlich das zehnte Kapitel des zweiten Bandes dieses Werkes. Dort habe ich als die Eigenart der kapitalistischen Vermögensorganisation die in der kapitalistischen Unternehmung erfolgende Verselbständigung des Geschäfts bezeichnet, das heißt: die Emporhebung eines selbständigen Wirtschaftsorganismus über die einzelnen wirtschaftenden Menschen hinaus, die Zusammenfassung aller neben- und nacheinander sich vollziehenden geschäftlichen Vorgänge in einer Wirtschaft zu einer begrifflichen Einheit, die aber dann selbst als der Träger der einzelnen Wirtschaftsakte erscheint und gleichsam ein eigenes, das Leben der Individuen überdauerndes Leben führt. In der kapitalistischen Unternehmung, dem „Geschäft“, hat man ein kunstvolles Geist- und Zweckgebilde geschaffen, das in der Firma zur Rechtseinheit, in der wissenschaftlichen Buchführung zur Rechnungseinheit, in der Ditta zur Krediteinheit emporgehoben wird und als solches ein- 3 * 36 Erster Abschnitt: Die treibenden Kräfte heitliches System von Beziehungen unabhängig von dem jeweiligen Inhaber sich Zwecke setzt, sich Mittel zu ihrer Durchführung wählt und den lebendigen Menschen in seinen Bann zwingt und mit sich fortreißt. Wir werden uns das Wirken dieses sachlichen Ungeheuers deutlicher vergegenwärtigen müssen, um einzusehen — worum es uns hier zu tun ist —, wodurch es ihm gelingt, die in der Wirtschaft zur Entfaltung gelangende Energie abermals und dieses Mal über das Ausmaß der Einzelkräfte hinaus zu steigern. 2. a) Die kapitalistische Unternehmung hat ihre eigenen Zwecke, richtiger: sie hat einen einzigen, ganz bestimmten Zweck, oder wenn man die in diesem Falle genauere Bezeichnung vorzieht: ein einziges, ganz bestimmtes Ziel: den Gewinn. Die kapitalistische Unternehmung hat nur dieses eine Ziel, weil sie nur dieses eine Ziel haben kann, da es sinnhaft allein ihrem Wesen entspricht. Es ist nur ein analytischer Satz, wenn wir sagen: das einzige Ziel der kapitalistischen Unternehmung ist der Gewinn. Denn sie ist begrifflich nichts anderes als eine Veranstaltung zum Zwecke der Gewinnerzielung. In diesem Gebilde ger langen nun, das ist das wichtige, der Sinn der kapitalistischen Wirtschaft und die Zwecksetzungen ihrer einzelnen Wirtschaftssubjekte zur Einheit. Diese Zwecksetzungen sind ihrem Wesen nach beliebige, weil individuell bestimmte. Es ist nur ein Zufall, wenn unter ihnen der der kapitalistischen Wirtschaft immanente Zweck: das Gewinnstreben auch — und vielleicht in besonderer Stärke und Verbreitung — als subjektives Motiv, nämlich als Erwerbsstreben erscheint. Im übrigen nehmen wir, wenn wir die Motive der kapitalistischen Unternehmer überblicken, eine bunte Fülle wahr: Machtstreben, Ehrgeiz, Pflichtbewußtsein, Gemeinnützigkeit, Betätigungsdrang usw. Indem mm aber alle diese Motive in der kapitalistischen Unternehmung sich auswirken, werden sie mit innerer Notwendigkeit einem höchsten Zweck: eben dem Gewinnstreben untertan gemacht. Denn eine nähere Prüfung ergibt, daß kein einziges der Motive, von denen das Handeln der Unternehmer geleitet wird, irgendwelche Möglichkeit des erfolgreichen Wirkens hat, ohne daß die kapitalistische Unternehmung selbst in ihrem Wirken von Erfolg gekrönt ist. Dieser Erfolg aber kann in nichts anderem bestehen als in der Erzielung eines Gewinnes, das heißt eines Überschusses über dieKosten. Was also auch immer der Unternehmer sonst noch wollen mag, welchem Zweck auch immer sein Wirken subjektiv unterstehen mag: immer muß er, weil er kapitalistischer Unternehmer ist, das Gedeihen, das erfolgreiche Wirken der kapitalistischen Unternehmung Drittes Kapitel: Die Entfaltung der wirtschaftlichen Energie 37 wollen, das ist aber die Gewinnerzielung. Ich habe diese Mediatisierung des subjektiven Zweckes des kapitalistischen Unternehmers in der kapitalistischen Unternehmung die Objektivierung des Gewinnstrebens genannt und habe damit, wie mir scheint, Unklarheiten beseitigt, die bisher in der Auffassung von Sinn und Wesen der kapitalistischen Wirtschaft bestanden. Was ich oben als die unerlaubte Hereinziehung des „Sinnes“ dieser Wirtschaft in den Kausalzusammenhang ihrer Wirklichwerdung bezeichnete, findet hier seine Aufklärung und erfährt seine bedingte Anerkennung. Sieht man die Zusammenhänge in der Weise, wie ich sie eben gezeigt habe, so kann man auch getrost den Marxschen Ausdruck: „das Gewinnstreben des Kapitals“ gebrauchen. Man entfernt sich nicht von dem Boden der Wirklichkeit, indem man diese Sinnbezeichnung des kapitalistischen Wirtschaftens in ihrer Beziehung zu den real treibenden Kräften: der Motivation des kapitalistischen Unternehmers bringt dadurch, daß man diese als eine den Sinn der kapitalistischen Wirtschaft notwendig, das heißt eben durch die Objektierung des Gewinnstrebens, erfüllende aufweist. Diese Auffassung vom Sinn und Zweck der kapitalistischen Unternehmung, die ich zuerst und ausführlicher in dem Aufsatz über den kapitalistischen Unternehmer entwickelt habe, wird von allen kapitalistischen Unternehmern, sie mögen persönlich dem Gelderwerb so fern stehen wie möglich, in vollem Umfange geteilt. Wie sollte es auch anders sein, als daß der Unternehmer in der „Blüte des Geschäfts“, das heißt eben im „Rentieren“ des Geschäfts, den Sinn seines Strebens erblickt? So heißt es, um nur ein paar prominente Stimmen sprechen zu lassen, von Emil Rathenau: „Sein strenger Grundsatz, den er auch allen Mitarbeitern einschärfte, war: wir müssen für die Aktionäre Geld verdienen, eine andre Aufgabe haben wir nicht, dafür sind wir angestellt; wir haben nur dann unsere Schuldigkeit getan, wenn das Unternehmen großen Gewinn bringt.“ A. Riedler, a. a. 0. S. 207. Henry Ford, der als sein persönliches Motiv immer wieder den „Dienst am Gemeinwohl“ bezeichnet, äußert sich dazu wie folgt: „Mein Werk würde nicht als erfolgreich, sondern im Gegenteil als ein glatter Mißerfolg gelten können, wenn ich nicht auch einen angemessenen Gewinn für mich und meine Geschäftsteilnehmer herauswirtschaftete.“ Mein Leben und Werk, S. 190. b) Das Ungeheuer, das wir kapitalistische Unternehmung nennen, hat nun aber auch einen eigenen Verstand. Denn in ihm haust der ökonomische Rationalismus ganz losgelöst von der Person des Inhabers und des Personals. Dieses bedeutet — seiner Mystik entkleidet — folgendes: Ökonomisch rationelle — das heißt der Rentabilität der Unternehmung objektiv angemessene — Geschäftsmethoden bilden sich im Laufe der Zeit aus — allein durch Erfahrung. Nun ist es aber ein Kenn- 38 Erster Abschnitt: Die treibenden Kräfte Zeichen der hochkapitalistischen Wirtschaftsepoche, daß in ihr der Umfang jener Geschäftsmethoden unausgesetzt bewußt und geflissentlich -ausgeweitet wird durch selbständige, haupt- und nebenberuflich, zum Teil erwerbsmäßig, das heißt selbst zum Zwecke des Gewinns geübte Tätigkeit zur künstlichenErzeugung von ökonomischem Rationalismus; vom Professor der Betriebswissenschaft über die Bücherrevisoren, Kalkulatoren bis zu den Fabrikanten von allerhand Bürobedarf, wie Schreib-, Rechen- und Zählmaschinen, Briefordner, Kontormöbel zermartern sich täglich Tausende und Abertausende von Menschen das Hirn, um Mittel und Wege ausfindig zu machen, durch die der ökonomische Rationalismus gesteigert werden könnte. Es bestehen schon eigene Organisationen zur Verfolgung dieses Zieles, wie die Arbeitsgemeinschaft deutscher Betriebsingenieure (ADB) u. a. Das Ergebnis dieser vielfachen Bemühungen ist ein heute schon hoch entwickeltes, stetig sich vervollkommnendes System zweckmäßiger Verhaltungsmaßregeln (einschließlich der zu ihrer Durchführung notwendigen Sach- mittel) für die Gestaltung eines rentabeln Geschäfts: ein System (das ist die Gedankenspitze), das für sich besteht: selbständig und das infolgedessen übertragbar ist. Diesen ökonomischen Rationalismus kauft der Unternehmer und setzt ihn in seine Unternehmung ein wie ein Uhrwerk. Und nach diesem Uhrwerk vollzieht sich der Gang der Geschäfte. Genaueres siehe im 52. und 53. Kapitel, (Zum vollkommen glatten Ablauf dieser Geschäfte gehört dann noch ein anderer Komplex von objektivem Rationalismus, der in den Einrichtungen des Marktes niedergeschlagen ist, und dessen sich, wie an seinem Orte zu zeigen sein wird, der einzelne Unternehmer ebenfalls für seine Zwecke nach bequemen Methoden bedient.) c) Die kapitalistische Unternehmung, dieses hier beschriebene Wundertier, hat endlich aber auch noch Tugenden: die bürgerlichen Tugenden, deren sich in den Anfängen des Kapitalismus der Unternehmer in höchsteigener Person befleißigen mußte, wenn er Erfolg haben wollte, die jetzt aber auf das Geschäft übertragen sind und denen heute der Unternehmer selbst völlig imbeteiligt gegenüber steht (das heißt: er kann sie auch haben; wenn er sie nicht hat, schadet’s nichts). Diese bürgerlichen Tugenden, mit denen das erfolgreiche Unternehmen unserer Tage geschmückt ist, sind vornehmlich: Fleiß, Sparsamkeit, Solidität. 3. Die B edeutung dieser Versachlichung des kapitalistischen Geistes für die Entfaltung der wirtschaftlichen Energie liegt auf der Hand und Drittes Kapitel: Die Entfaltung der wirtschaftlichen Energie 39 wurde im Vorbeigehen an verschiedenen Stellen von mir schon auf- gewiesen. Sie besteht in folgendem: a) Der Unternehmerwille wird intensiver: die Zwecksetzung einheitlicher, zäher. Die Eingliederung in einen Sachzusammenhang erzwingt einen Mindestaufwand von Energie: den einzelnen vom Chef bis zum letzten Laufburschen wird durch die äußere Ordnung das Tempo vorgeschrieben, wie dem Arbeiter durch den Lauf der Maschine. Ebenso wird das Unternehmerkönnen gesteigert: der Unternehmer verfügt über ein Wissen, das sein eigenes weit überschreitet; er wird trotzdem nicht mehr mit der Sorge für die vollkommene Organisation seines Geschäftes beschwert, die früher einen großen Teil seiner Energie aufbrauchte, er wird von allerhand unnützer Tätigkeit entlastet und dadurch für seine eigentliche Unternehmertätigkeit frei. b) Die Versachlichung bewirkt ebensosehr eine Extensivisierung des kapitalistischen Geistes: daß dieser sich über die ganze Erde ebenso wie über alle Schichten der Unternehmerschaft verbreitet, wie wir feststellen konnten, hat in der Versachlichung einen sehr wichtigen Grund: leichte Übertragbarkeit des ökonomischen Rationalismus! c) endlich erklärt sich aus dem Versachlichungsprozeß auch die immer weiter fortschreitende Vereinheitlichung der Wirtschaft: da die Methoden der Wirtschaftsführung objektiv zweckmäßig sind, so sind sie, in Anbetracht der Einheitlichkeit des Zwecks, notwendig gleich: immanente (= Mittel-) Gesetzmäßigkeit! Vgl. das 36. Kapitel. III. Person und Sache Aus den zuletzt gemachten Ausführungen könnten Mißverständnisse hervorwachsen über die Stellung des kapitalistischen Unternehmers in der hochkapitalistischen Wirtschaft, die ich gleich in der Wurzel zerstören will. Zweifellos ist dieses: der wirtschaftliche Prozeß ist übertragen auf einen selbsttätigen, höchstleistungsfähigen Organismus, der zeitlichräumlich unbeschränkt — das heißt nicht beschränkt durch irgendwelche persönliche, das ist organische Begrenztheit in Wollen und Können — sich zu betätigen vermag. In ihn ist der einzelne — auch der einzelne Unternehmer — zwangsmäßig eingeordnet. Die ganze Erde ist bedeckt von unzähligen, nach dem gleichen System eingerichteten Fabriken mit subtilen Präzisionsmaschinen — zur Erzielung von Gewinn. Alle Zufälligkeit, alle individuelle, alle nationale Buntheit ist ausgeschaltet. 40 Erster Abschnitt: Die treibenden Kräfte Es herrschen in dieser Welt der Zahlen Notwendigkeit, Einförmigkeit, Einheitlichkeit. Vgl. wiederum das 36. Kapitel. Und doch! Es wäre ein unverzeihlicher Irrtum, wollte man annehmen, daß in dieser mechanisierten Welt die Bedeutung der menschlichen Persönlichkeit herabgesetzt wäre. Das genaue Gegenteil ist der Fall: die Bedeutung der Einzelperson, freilich der überragenden, ist heute im Wirtschaftsleben größer denn je. Und eine einfache Be sinn ung macht das einleuchtend. Zwar muß notwendig etwas gewollt und getan werden, aber darum bleibt doch die schlichte Tatsache bestehen: daß überhaupt etwas gewollt und getan werden muß. Wenn ich vorhin mich des Vergleiches des modernen ökonomischen Rationalismus mit einem Uhrwerk bediente, so mag hier der Vergleich fortgesetzt werden: es muß jemand da sein, der das Uhrwerk aufzieht. Oder in einem andern Vergleich: die kapitalistische Unternehmung als Ganzes wird eine immer größere, immer kompliziertere Maschine. Aber es ist auch — wie bei jeder Maschine — ein Mann nötig, der sie bedient, und der muß um so intelligenter sein, je komplizierter die Maschine ist. Analog zum Wirtschaftsleben ist die Entwicklung des Staats- und Kriegswesens verlaufen: auch hier ein ungeheurer mechanisierter Apparat und doch die Unentbehrlichkeit der führenden Persönlichkeit! Nur freilich ist die Kräfteverteilung heute eine andere wie früher: an Stelle zahlreicher kleiner Kraftspender ist eine große Kraftzentrale getreten — wenigstens in den großen Wirtschaftseinheiten —: das ist der Kopf des leitenden Unternehmers. Diesem Gedanken gibt einer der erfolgreichsten Unternehmer der neueren Zeit, dessen Unternehmen zu den mechanisiertesten auf der Erde gehört und das doch bis in die kleinste Einzelheit hinein das Werk seines Schöpfers und Leiters ist, Henry Ford, in folgenden Worten Ausdruck: „Das moderne' System braucht zu seiner Durchführung eine höhere Intelligenz als das alte. Die Intelligenzansprüche sind heute höher denn je, wenn sie vielleicht auch an andrer Stelle gestellt werden. Es ist mit der Intelligenz genau wie mit der Betriebskraft: früher wurde jede Maschine durch Menschenkraft betrieben; die Kraftzentrale stand unmittelbar an der Maschine. Heute aber haben wir sie nach hinten, nach der Kraftanlage, verlegt und sie dort konzentriert. Ebenso erübrigt es sich heute, daß die höchste Form menschlicher Intelligenz unmittelbar bei jeder Funktion in der Fabrik beteiligt ist. Ihr höchster Typ ist in der geistigen Betriebsanlage konzentriert.“ Und das ist eben der Unternehmer. Mein Leben und Werk, Seite 327. Drittes Kapitel: Die Entfaltung der wirtschaftlichen Energie 41 Am schlechtesten haben den eigentümlichen Organismus der kapitalistischen Wirtschaft die Russen begriffen, als sie den kapitalistischen Unternehmer aus ihm entfernten und dadurch das ganze Getriebe zum Stillstand brachten. Am besten verstehen sich auf das Wesen des Kapitalismus die Amerikaner. Darum findet man auch gerade in den Vereinigten Staaten eine besonders hohe Bewertung der Persönlichkeit im Wirtschaftsleben: nicht die Firmen, nicht die Familie, nicht das Kapital, sondern letzten Endes der einzelne Mann gilt als die treibende Kraft in der Wirtschaft. Nirgends, so berichtet ein vorzüglicher Kenner des amerikanischen Wirtschaftslebens (Th. Vogelstein), ist die persönliche Einwirkung größer als in den großen Trusts. „Man will in Amerika mit einzelnen Männern zu tun haben, man setzt sein Vertrauen in den Mann und will mit ihm verhandeln“. Die Aktiengesellschaften gehen häufig hei Inseraten die Namen ihrer Leiter an. Man adressiert Briefe häufiger an bestimmte Partner oder Prokuristen. In den großen Konzernen herrschen einige, hervorragende Persönlichkeiten unbeschränkt. Die Fama erzählt von H. Rogers, einst dem geistigen Haupt der Standard Oil Gruppe, dem Präsidenten der Amal- gamated Copper Co., daß er das Wort gesprochen habe: „in Gesellschaften, in denen ich im Aufsichtsrat sitze, wird erst abgestimmt und danach, wenn ich fort bin, geredet.“ Zusammenfassend werden wir also die ungeheure Energieentfaltung, durch die der moderne Kapitalismus groß geworden ist, aus mehrfachen Gründen ableiten: aus der Entwicklung der Einzelleistungen, aus der Objektivierung des kapitalistischen Geistes und aus dem ganz eigenartigen Zusammenwirken oder Zusammenstimmen von Person und Sache. Wir werden im weiteren Verlauf dieser Darstellung immer wieder die Richtigkeit dieser Deutung bestätigt finden. Hier galt es zunächst einmal die Kräfte herauszustellen, die wir im modernen Wirtschaftsleben wirkend finden. Zweiter Abschnitt Der Staat Quellen und Literatur I. Das Wesen des modernen Staates. Von älteren Werken vgl. etwa: A. Tocqueville, L’ancien regime et la revolution. 1856. 0. Giercke, Das Genossenschaftsrecht. 4 Bände. 1868 ff. A. Schäffle, Bau und Leben des sozialen Körpers. 2. und 3. Band. 1881. F. Tönnies, Gemeinschaft und Gesellschaft. 1887. Adolph Wagner, Grundlegung der politischen Ökonomie. 3. Aufl. 1892. 5. und 6. Buch. G. Jellineck, Allgemeine Staatslehre. 3. Aufl. 1914. Und aus der neueren Literatur: Othm. Spann, Der wahre Staat. 1922. Friedr. Meinecke, Die Idee der Staatsräson in der neueren Geschichte. 1924. Alfr. Weber, Die Krise des modernen Staatsgedankens in Europa. 1925. Hans Kelsen, Allgemeine Staatslehre. 1925. II. Die innere Wirtschaftspolitik: Zu Rate zu ziehen sind alle Geschichtsdarstellungen des 19. Jahrhunderts. Für die Geschichte des Liberalismus besitzen wir jetzt eine zusammenfassende Darstellung in dem schönen Buche von Guido De Ruggiero, Storia del Liberalismo europeo. 1925. Da das Werk eine ausführliche und mit großem Geschick zusammengestellte Bibliographie enthält, so erübrigt es, noch weitere Literatur anzuführen. Ergänzend füge ich nur hinzu einige Bücher, die die liberale Wirtschaftspolitik während des 19. Jahrhunderts im Überblick darzustellen sich zur besonderen Aufgabe gemacht haben. Das sind etwa: für England W. Cunningham, The Growth of English Industry and Commerce in modern times. 2 Vol. 1903. In Betracht kommt die zweite Hälfte des ersten Bandes (1689-—1776) und der ganze dritte Band, der bis 1850 reicht. Für das nicht einbezogene Agrarwesen :RussellM.Garnier, Annals of the British Peasantry. 1908. Einen guten Gesamtüberblick über die englische Wirtschaftspolitik' gibt die Vortragsammlung von James E. Thorold Rogers, The Industrial and Commercial History of England. 2 Vol. 1895; Vgl. auch das Quellenwerk: W. Smart, Economic Annals of the XIX. Century. 1910 ff.; für Frankreich: E. Levasseur, Historie des classes ouvrieres et de l’industrie en France de 1789 a 1870. 2. ed. (entierement refondue) 2 Vol. 1903. Gerade für die legislativ-administrative Seite der Wirtschaftsgeschichte ist Levasseurs Werk erschöpfend; für Deutschland: Materialsammlung: A. Sartorius von Waltershausen, Deutsche Wirtschaftsgeschichte 1815—1914. 1920; Darstellung: meine Deutsche Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert. 6. Aufl. 1925. — Quellen und Literatur 43 Die Anpassung der Privatrechtsordnung an die Interessen des Kapitalismus behandeln (allerdings im wesentlichen nur für das Kreditrecht) das Werk von Al. Leist, Privatrecht und Kapitalismus im 19. Jahrhundert, 1911 und die Abhandlung von A. Leist(f)-H. Nipperdey, Die moderne Privatrechtsordnung und der Kapitalismus im GdS Band IV, 1. Einen Überblick über das agrarische Befreiungswerk in den europäischen Staaten gibt skizzenhaft Henri See, Esquisse d’une Histoire du regime agraire en Europe aux XVIII. et XIX. siecles. 192L Vgl. zu diesem Problem auch die zum 2. Unterabschnitt des 2. Abschnitts des 2. Hauptabschnitts angeführte Literatur. Die Maßnahmen insbesondere, die zur Herstellung eines rationellen Geldwesens führen, sind in der unübersehbaren Literatur über das Geldproblem dargestellt. Die maßgebenden geldtheoretischen Schriften habe ich auf Seite 398 ff. des 1. Bandes bereits angegeben. In der neuesten Zeit ist eine Elut von Büchern über das Geldwesen auf den Markt geströmt, die aber — von den nominalistischen Extravaganzen, die als natürliche Eolge der Inflationszeit zu betrachten sind, abgesehen — nichts wesentlich Neues zur Lehre beigebracht haben. Siehe die dankenswerte Zusammenstellung bei Herbert Döring, Die Geldtheorien seit Knapp. 2. Aufl. 1922. In der deutschen Literatur ergänzen sich jetzt in glücklicher Weise die Werke folgender Autoren: Ludw. Mises, Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel. 1911. 2. Aufl. 1924. Ernst Wagemann, Allgemeine Geldlehre. I. Band. Theorie des Geldwertes und der Währung. 1923. Hero Moeller, Die Lehre vom Gelde. 1925. Alle drei formen die Grundsätze eines kapitalistisch-rationellen Geldwesens ungefähr in der Weise, wie es in diesem Werke geschieht. Wagemann enthält ausführliche Literaturübersichten, aus denen die Spezialschriften, die die Geldgeschichte in den einzelnen Ländern behandeln, leicht zu ersehen sind. Die Literatur über das Bankwesen siehe unten auf Seite 149 f. Uber positive, den Kapitalismus fördernde Maßregeln: Otto Sug ar, Die Industrialisierung Ungarns unter Beihilfe des Staates und der Kommune 1908. Ernst Picard, Die Finanzierung nordamerikanischer Eisenbahngesellschaften. 1912. G. Myers, History of the great American fortunes. 3 Vol. 1911. III. Die äußere Wirtschaftspolitik: 1. Über das Wesen des modernen Machtstaats unterrichten noch außer den unter I. bereits genannten Werken: Banke, Die großen Mächte. Max Weber, Der Nationalstaat und die Volkswirtschaftspolitik. 1895. Max Lenz, Die großen Mächte. 1900. Friedrich Lenz, Macht und Wirtschaft. 1916. W. Morton-Fullarton, Problems of Power. Vgl. auch die unten unter III, 3 a aufgeführten Schriften. 2. Geschichte der Handels-, Zoll- und Kolonialpolitik im allgemeinen. Mehrere Staaten umfassend: Lammers, Die geschichtliche Entwicklung des Freihandels. 1869. Die Handelspolitik der wichtigen Kulturstaaten in 44 Zweiter Abschnitt: Der Staat den Schriften des Vereins für Sozialpolitik (zit. Sehr. d. VfSP), Band 49 bis 51 und 57. 1892/93. G. Schm oller, Wandlungen in der europäischen Handelspolitik im 19. Jahrhundert in seinem Jahrbuch 24 (1900). Alfr. Zimmermann, Die europäischen Kolonien. 1896—1903. A. Supan, Die territoriale Entwicklung der europäischen Kolonien. 1906. — P. P. Leroy- Beaulieu, De la colonisation chez les peuples modernes. 6. ed. 1908. P. Ashley, Modern Tariff History. 2. ed. 1910. C. F. Bastable, The Commerce of Nations. Zuerst 1891. 9. ed. Revised by T. E. Gregory, 1923. William Smith Culbertson, International economics poli- tics 1923. Gute Übersicht. Großbritannien: Richelot, Histoire de la reforme commerciale en Angleterre. 2 Vol. 1853. R. Cobden, Political writings 2 Vol in 1. 1886. John Morley, The Life of R. Cobden. 6. Thous. 1903. Mit Literaturverzeichnis. W. Cunningham, Rise and decline of the Free Trade Movement. 1904. G. v. Schulze-Gaevernitz, Britischer Imperialismus und englischer Freihandel. 1906. H. Becker, Zur Entwicklung der englischen Freihandelstheorie. 1922. Vgl. A. P. C. Griffin, Select List of Reference on the British Tariff Movement. 1904. Frankreich: Ame, Etudes sur les tarifs de douanes et les traites de commerce. 2 Vol. 1857. H. O. Meredith, Protection in France. 1904. A. Arnaune, Le commerce exterieur et les tarifs de douane. 1911. Augier et A. Marvaud, La politique douaniere de la France. 1911. Deutschland: A. Zimmermann, Die Handelspolitik des Deutschen Reichs vom Frankfurter Frieden bis zur Gegenwart. 1899 ff. Beiträge zur neuesten Handelspolitik Deutschlands in den Sehr. d. VfSP, Band 90 bis 92. 1900/01. A. Zimmermann, Geschichte der deutschen Kolonialpolitik. 1914. U. S. A.: F. W. Taussig, The Tariff History of the U. S. Zuerst 1884. U. Rabbeno, Protezionismo americano. 1893. Für die genannten und alle nicht genannten Länder sind die oben verzeichneten allgemeinen Darstellungen, die sich auf mehrere Länder beziehen, sowie die unter III. 3. c vermerkten Werke zu vergleichen. 3. Besondere Literatur über den Imperialismus: a) Begriff und Wesen: H. Dietzel, Die Theorie von den drei Weltreichen. 1900. J. A. Hobson, Imperialism. A Study 1902; 2. ed. 1905. Erich Mareks, Die imperialistische Idee in der Gegenwart. 1903. Imperialismus. Beiträge zur Analyse des ■wirtschaftlichen und politischen Lebens der Gegenwart. Eine Sammlung von Gutachten, herausgegeben von W. Borgius. 1905. M. J. Bonn, Der moderne Imperialismus. Veröffentlichungen der Handelshochschule München. 1913. C. Grasso, Im- perialismo e nazionalismo. 1917. A. Lauffenberg und F. Wolffheim, Imperialismus und Demokratie. 1918 (Nationalbolschewistischer Standpunkt). Adolf Lenz, Der Wirtschaftskampf der Völker und seine internationale Regelung. 1920. Mit reicher Bibliographie. J. Schumpeter, Zur Soziologie der Imperialismen im Archiv Band 46 (1918/19). Just. Hashagen, Der Imperialismus als Begriff im Weltwirtschaftlichen Archiv Band 15 (1919). Othm. Spann, Artikel Imperialismus im Handwörter- Quellen und Literatur 45 buch der Staatswissenschaften (zit. HSt.) im 5. Band der 4. Auflage. 1923. A. Löwe, Zur ökonomischen Theorie des Imperialismus. 1924. Eine „Philosophie de lTmperialisme“ nennt sein großes, vierbändiges Werk (1903—1908) Ernest Seillere. Doch enthält es nur wenig über das, was hier unter Imperialismus verstanden wird. Die Schriften der marxistischen Theoretiker erwähne ich im Zusammenhang mit den dem marxistischen Ideenkreise angehörigen historischen Schriften über den Imperialismus weiter unten in einer besonderen Abteilung. b) Allgemeine, d. h. mehrere Länder umfassende, Geschichte: Jahrbuch des Deutschen Flottenvereins. 1900ff. Jahrbuch der Weltwirtschaft, hersg. von E. v. Halle. 2 Bände. 1906/07. In beiden Werken ist ein reiches Material verarbeitet. R. Kjeilen, Die Großmächte der Gegenwart, 1914; Derselbe, Die politischen Probleme des Weltkrieges. 1916. Beides hervorragende Werke. Gustaf F. Steffen, Weltkrieg und Imperialismus. 1915. F. Carli, Gli imperialismi in conflitto e la loro psicologia economica. 1915. Friedjung, Das Zeitalter des Imperialismus. 3 Bände. 1919 ff. Allgemeinste, wesentlich politische Geschichtsdarstellung. Zu a und b gehört die außerordentliche umfangreiche und zum Teil vorzügliche Literatur der Marxisten, das heißt der Vertreter der sogenannten mateiialistischen Geschichtsauffassung. Jahrzehntelang sind die sozialistischen Zeitschriften, in Deutschland namentlich die ,Neue Zeit 1 und die Sozialistischen Monatshefte 1 , angefüllt gewesen mit Aufsätzen, in denen das Problem des Imperialismus theoretisch, historisch und auch polemisch abgehandelt wurde. Von den zahlreichen Einzelwerken hebe ich als belangvoll folgende hervor: K. Kautsky, Sozialismus und Kolonialpolitik. 1907. Parvus (Helphand), Die Kolonialpolitik und der Zusammenbruch. 1907. Rosa Luxemburg, Die Akkumulation des Kapitals. 1912. Wohl die glänzendste Vertretung des marxistischen Standpunkts. K. Radek, Der deutsche Imperialismus. 1912; Derselbe, Der Zusammenbruch des Imperialismus. 1918. H. Gorter, Het Imperialisme. 1915. Deutsche Übersetzung 1915. 3. Aufl. 1918. M. Nachimson, Imperialismus und Handelskriege. 1917. E. Szabö, Freihandel und Imperialismus. 1918. S. Marek, Imperialismus und Pazifismus als Weltanschauung. 1918. N. Lenin, Der Imperialismus als jüngste Etappe des Kapitalismus. 1921. Eine recht schwache, wissenschaftlich ganz minderwertige Leistung des großen Politikers. Scott Nearing and Joseph Freemann, Dollar Diplomacy. A Study in American Imperalism. s. a. (1925). Ein trotz seiner Einseitigkeit sehr gutes Buch. Eine besondere Gruppe bilden die Austro-Marxisten: Otto Bauer, Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie. 1907. R. Hilferding, Das Finanzkapital. 1910. Beides auch wissenschaftlich wertvolle Bücher. J. Hammer (K. Renner), Was ist Imperialismus? im „Kampf“ 1915. Karl Renner, Marxismus, Krieg und Internationale. 1917. 2. Aufl. 1918. c) Spezialliteratur über einzelne Länder: Großbritannien: J. R. Seeley, The expansion of England. Zuerst 1883. Ch. Dilke, Problems of Greater Britain. Zuerst 1890. Diese beiden Werke 46 Zweiter Abschnitt: Der Staat sind grundlegend und eröffnen die Diskussion über das imperialistische Problem in England. Y. Berard, L’Angleterre et Plmperialisme. 1900. J. Chamberlain, Imperial Union and Tariff Reform. 1903. Eröffnet die politische Agitation für den imperialistischen Gedanken. B. Br au de, Die Grundlagen und Grenzen des Chamberlainismus. 1905. W. E. Mony- penny, The Imperial Idea. 1905. G. Drage, The Imperial Organization of Trade. 1911. J. A. Cramb, The Origins and Destiny of Imperialism. 1915. Felix Salomon, Der britische Imperialismus. 1915. Guter Überblick der englischen Politik von Anbeginn bis zum Weltkriege. S. Crine, L’imperialismo economico inglese. 1915. Hobson, The new Protectionism. 1916. J. Hashagen, Zur Ideengeschichte des englischen Imperialismus im Weltwirtschaftlichen Archiv Band 10 (1917). L. C. A. Knowles, The economic Development of the British Overseas Empire. 1924. Brauchbare Zusammenstellung des statistischen Tatsachenmaterials. Zum vertieften Studium ist die Literatur über die einzelnen, von England ausgebeuteten Länder heranzuziehen: Indien, Südafrika, Ägypten. Namentlich die Spezialliteratur über Ägypten gewährt klare Einblick in die Wesenheit des modernen Imperialismus in seiner verschleierten Form. Ygl. etwa Earl of Cromer, Modern Egypt. Th. Rothstein, Egypts Ruin. 1910. Die Hauptquelle für die einschlägigen Kapitel des Werkes von Rosa Luxemburg. Adolf Hasenclever, Geschichte Ägyptens im 19. Jahrhundert. 1798—1914. 1917. Frankreich: Roumans, L’I. frangais. 1913. Comte de Felsen, L’ I. frangais. 1916. Probus, La plus grande France. 1916. Ph. Hilte- brandt, Der französische Imperialismus. 1916. L. Madelin, L’expansion frangaise. 1918. Deutschland: Handels- und Machtpolitik. Reden und Aufsätze, herausgegeben von Schmoller, Sering und Wagner. 2 Bände. 1900. A. Dix, Deutschland auf den Hochstraßen des Weltwirtschaftsverkehrs. 1901. E. v. Halle, Volks- und Seewirtschaft. 2 Bände. 1902. P. Rohrbach, Deutschland unter den Weltvölkern. 1903. 3. Aufl. 1911. Die Entwicklung der deutschen Seeinteressen im letzten Jahrzehnt. Zusammengestellt vom Reichsmarineamt. 1905. Vgl. auch die Schriften der Marxisten auf S. 45. Während des Krieges ist in den Feindländern eine umfangreiche Märchenliteratur über ein sagenhaftes Volk der Boches oder Huns entstanden, die im Gegensatz zu allen übrigen „zivilisierten“ Völkern von einem Blutrausch erfüllt, um die Wende des 19. Jahrhunderts nach der „Weltherrschaft“ gestrebt haben. Es lohnt nicht, auch nur die namhaftesten dieser wissenschaftlich völlig wertlosen Machwerke hier anzuführen. Aber auch unter den Werken wohlgesinnter Ausländer über die äußere Wirtschaftspolitik Deutschlands ist kaum eine, die ein Verständnis für die Eigenart deutschen Wesens verriete. Verhältnismäßig vernünftig ist das Buch von Thorstein Veblen, Imperial Germany. 1918. Aber auch für Vehlen bleibt das deutsche Wesen ein undurchdringliches Geheimnis. Übrigens kommt es für die in diesem Werk behandelten Probleme, die die der allgemeinen kapitalistischen Entwicklung sind, nicht so sehr auf die Hervorhebung der besonderen Eigenart der einzelnen Völker an. Quellen und Literatur 47 Italien: R. Michels, Die Entstehungsgeschichte des italienischen Imperialismus im Archiv Band 34 (1912); Derselbe, L’ Imperialismo italiano. 1915. A. Dauzat, L’expansion italienne. 1914. W. K. Wallace, Greater Italy. 1917. Amerika: Morrison J. Swift, Imperialism and Liberty. 1899. Eine leidenschaftliche Anklageschrift gegen die Anfänge des Imperialismus in den Vereinigten Staaten. Henry Hauser, Imperialisme Americain. 1905. A. Cary Coolidge, Die Vereinigten Staaten als Weltmacht. Übersetzt von Lichtenstein. 1908. G. Usher, Pan-Americanism. 1915. Scott Nearing, The American Empire. 1921. A. Salz, Der Imperialismus der Vereinigten Staaten im Archiv Band 50 (1923) Gute Zusammenfassung. Das schon genannte Werk von ScottNearing and Joseph Free- m a n. Vgl. auch die unter III 2 und III 3 b genannten Werke. Zum Anhang: Zwischenstaatliche Organisationen: Außer den Werken über Völkerrecht vgl. etwa noch: Alfr. H. Fried, Annuaire de la vie internationale. 1905 ff. Derselbe, Das internationale Leben der Gegenwart. 1908. R. Kobatsch, Internationale Wirtschaftspolitik. 1907. W. Schücking, Die Organisation der Welt. 1909. B. Harms, Volkswirtschaft und Weltwirtschaft. 1912. Ausführlichste Darstellung mit Verzeichnissen der internationalen Abkommen etc. — A. J. Grant and others, Anintro- duction to the study of international relations. 1916. Paul S. Reinsch, Public international Unions. 1916. L. S. Woolf, International Government 1916. Jessie Wallace Hughan, A Study of international govern- ment (1925). Die zuletzt genannten (3) Werke englischer Zunge stehen im Dienste der pazifistischen Ideen und beschäftigen sich größtenteils mit den für das Wirtschaftsleben belanglosen Fragen der Schiedsgerichte, Völkerbünde etc., kommen doch aber auch auf die (schon vor dem Kriege bestehenden) zwischenstaatlichen Organisationen zu sprechen. Viertes Kapitel Das Wesen des modernen Staates I. Das Untersuchungsgebiet Wir grenzen unser Untersuchungsgebiet wie folgt ab: 1. Wir betrachten den Staat nicht in seiner Selbständigkeit undEigen- gesetzlichkeit, sondern nur in seiner Bedeutung für den Aufbau der modernen Wirtschaft. 2. Wir sehen ab von allen Staats formen, und ich glaube uns dazu berechtigt, weil diese offenbar nicht von Bedeutung waren oder sind für den Geist des Staates, für seine Handlungen nach außen und seine Gesetzgebung im Innern, soweit diese auf den Gang des Wirtschaftslebens Einfluß geübt haben. England hat das ganze 19. Jahrhundert hindurch eine parlamentarische Verfassung gehabt, die bis in die 1880er Jahre auf aristokratischer Grundlage ruht, seit 1832 mit etwas größerem Anteil der industriellen Kreise. Frankreich hat die ganze Reihe der möglichen Verfassungen an sich erproben müssen: Zäsarismus, Feudalismus, Oligarchie (während des Julikönigtums Zensus von 200 Frcs.: 300000 Wähler zum Parlament!), dann wieder Zäsarismus und schließlich Demokratie verschiedener Prägung. Vereinigte Staaten von Amerika haben während des ganzen Zeitraums sich einer strengen Demokratie erfreut. Deutschland ist bis 1867 aristokratisch-oligarchisch, dann konstitutionell- monarchisch, unter Ausschaltung des Parlaments, regiert worden. Rußlands Verfassungsform bis 1905 war nach einem bekannten Ausspruch die Autokratie, gemildert durch den Meuchelmord, nach 1905 ein „Scheinkonstitutionalismus“ (Max Weber). Und überall ist dieselbe Außenpolitik getrieben, sind dieselben Gesetze erlassen, die den Kapitalismus förderten. 3. Unsere Untersuchung muß den Aufbau des Staates im Innern und seine Außenpolitik trennen, da 1 in ihnen verschiedene Geistesströmungen zutage treten. II. Zwieschlächtigkeit des modernen Staates Das Wesen des modernen Staates ist zwieschlächtig: er stellt die Vereinigung zweier im Grunde sich ausschließender Gestaltungsprinzipien dar: des machtpolitischen und des liberalen Prinzips. Viertes Kapitel: Das Wesen des modernen Staates 49 Die Quelle für das machtpolitische Prinzip ist der urwüchsige Naturalismus, der sich seit dem Beginne der neuen Zeit (Macchia- velli!) eine Ideologie in der Idee der Staatsräson schafft. Wir sind der Herrschaft dieser Ideologie begegnet, als wir den Staat des frühkapitalistischen Zeitalters kennen lernten. Die sog. liberalen Ideen hingegen sind aus drei Strömen zusammengeflossen: (1.) einem naturrechtlichen Strome: Berufung auf die unveräußerlichen (wirtschaftlichen!) Menschenrechte; (2.) einem philosophisch-metaphysischen Strome: Glaube an die prästabilierte Harmonie in dem atomistisch gestalteten Gemeinwesen; (3.) einem utilitarischen Strome: Interessen namentlich der kapitalistischen Unternehmer, der nicht zünftigen Handwerker, der Händler. III. Die Grundzüge des modernen Staates Die Grundzüge des modernen Staates lassen sich wie folgt bestimmen: 1. Der moderne Staat ist naturalistisch-säkulari- siert, will sagen: aus allen überstaatlichen Verbindungen und Bindungen herausgelöst, „souverän“, ipse Deus. Eine wichtige Folge: er ist im Innern „tolerant“, das heißt: die Berechtigung im Staate ist losgetrennt vom Glaubensbekenntnis: man kann einem Staate angehören, ohne der Staatsreligion anzugehören. Ein Schritt weiter führt dann zur Trennung von Staat und Kirche. 2. In seinem inneren Aufbau ist der moderne Staat individua- listisch-atomistisch-nominalistisch. Diese Grundsätze werden in der absolutistischen Zeit gezeugt, in der liberalen entbunden. Diese Kennzeichnung besagt im einzelnen folgendes: a) die Herstellung des freien Staatsbürgers, das heißt die Herauslösung des Individuums (bzw. der Individualfamilie) aus allen öffentlichen und halböffentlichen Verbänden, in die es früher mit seinem ganzen Wesen eingegliedert war, und durch die es erst seine Beziehungen zum Staate gewonnen hatte: Lehnsverband, Gutsverband, Dorfverband, Stadtgemeinde, Zunft, Genossenschaften aller Art u. dgl. Jetzt steht jeder für sich und nimmt nur mit einem scharf umrissenen Teil seiner Kraft und Habe an zahlreichen öffentlichen Verbänden und freien Genossenschaften teil. Früher war jeder zunächst Bauer, Gutsuntertan, Zunftmitglied und dadurch ge- Sombart, Hochkapitalismus. 4 50 Zweiter Abschnitt: Der Staat gebenenfalls Bürger. Heute ist er zunächst und ohne weiteres Bürger und als solcher mit einem Teilchen seines Ichs Wähler, Steuerzahler, Kartellmitglied, Mitglied einer Molkereigenossenschaft usw. b) Jeder verfolgt seine „Interessen“. Will sagen: die „gemeinschaftlich“-solidarischen Bindungen, die auf dem Grundsätze ruhten: „alle für alle“ sind beseitigt und führen nur innerhalb der Familie noch ein ziemlich kümmerliches Dasein, das langsam aber unabänderlich seinem Ende zuzugehen scheint. Vielmehr stehen die Einzelnen im „gesellschaftlich“-vertraglichen Verhältnisse zueinander und huldigen dem Grundsätze: „jeder für sich“. Das bedeutet aber nichts anderes als dieses, daß die Menschen durch „Interessen“ irgendwelcher Art (das heißt aus Eigennutz fließenden Zwecksetzungen) nicht mehr durch Gefühle, Sympathien, Pflichten untereinander verbunden sind. c) Der Staat steht diesem Interessenkampf „schwach“ gegenüber. Es herrscht die Neigung vor, den stärkeren Interessengruppen nachzugeben, schließlich also die Staatsleitung oder wenigstens die Beeinflussung dieser Staatsleitung den Vertretern der stärksten Interessengruppe zu überantworten. Als höchstes Ideal der inneren Staatspolitik erscheint allenfalls ein „Ausgleich“ der verschiedenen Einzel- oder Gruppeninteressen oder die „Wohlfahrt“ der einzelnen Staatsbürger. Das heißt eben: die Einstellung des Staates ist, was sein Verhalten im Innern anbetrifft, ausgesprochen nommalistisch-individualistisch. 3. Nach etwas andern Grundsätzen gestaltet sich die auswärtige Politik des Staates. Diese ruht formal auf dem Souve- ränitätsprinzipe, das im wesentlichen einer realistischen Auffassung des Staates entspricht. Inhaltlich aber ist die moderne Staatspolitik in ihrem Verhalten nach außen zwiespältig. Teilweise ist sie unzweifelhaft realistisch, das heißt vom Ganzen bestimmt, auf das Ganze blickend, teilweise aber ebenso unzweifelhaft nominalistisch: im Banne von Teilinteressen einzelner Gruppen. Diese in groben Strichen entworfene Skizze von den Grundzügen des modernen Staates wird etwas mehr Substanz erhalten und deutlicher werden, wenn wir nunmehr die Maßnahmen des modernen Staates auf dem Gebiete der inneren und der äußeren Politik in ihren Einzelheiten kennen lernen werden. 51 Fünftes Kapitel Die innere Wirtschaftspolitik I. Allgemeine Züge Allgemeine Züge der inneren Wirtschaftspolitik in den modernen Staaten sind folgende: 1. Es ist eine scharfe Trennungzwischenöffentlichem und privatem Rechte durchgeführt: die wirtschaftliche Tätigkeit des Einzelnen ist grundsätzlich der Sphäre des Privatrechts überantwortet. 2. Damit hat sich die rechtliche Ordnung des Wirtschaftslebens in ein System von subjektiven Rechten aufgelöst, dem keine Pflichten gegenüberstehen. Das Wirtschaftsrecht hat die Grenzen für das willkürliche Verhalten der Wirtschaftssubjekte soweit wie möglich hinausgeschoben, so daß, wie wir schon festzustellen Gelegenheit hatten (siehe oben Seite 31), der einzelne recht viel tun kann, ohne gegen die Gesetze zu verstoßen. Das Wirtschaftsrecht stellt sich formal also dar als ein System individueller Ereiheitsrechte. Wohlverstanden: grundsätzlich. Im einzelnen natürlich bestehen zahlreiche Einschränkungen, es genügt, etwa an die Arbeiterschutzgesetze zu erinnern. Aber diese Einschränkungen erscheinen als solche und werden als solche subjektiv empfunden, als womit sie das Bestehen des Grundsatzes individueller Freiheit bestätigen. „Alles ist erlaubt, was nicht ausdrücklich verboten ist“ im Gegensatz etwa zu dem Grundgedanken des mittelalterlichen Wirtschaftsrechts: „Getan werden darf nur, was ausdrücklich erlaubt ist.“ 3. Inhaltlich wird das moderne Wirtschaftsrecht gekennzeichnet durch eine weitgehende Rücksichtnahme auf die kapitalistischen Interessen. Es enthält nämlich: a) die Freiheit des Erwerbs, die sog. Gewerbefreiheit im engeren Sinne, das heißt die Freiheit, zu wirtschaften wie, wann, wo der einzelne will; die Freiheit des „wo“ schließt die sog. Freizügigkeit ein; b) die Freiheit vertraglicher Vereinbarungen, die sog. Vertragsfreiheit; 4 * 52 Zweiter Abschnitt: Der Staat c) die Freiheit des Eigentums, die ihrerseits wiederum umfaßt: a) die Freiheit der Verwendung; ß) die Freiheit der Veräußerung; y) die Freiheit der Verschuldung; d) die Freiheit der Vererbung; e) den Schutz der wohlerworbenen Privatrechte. Das Recht der Vererbung enthält die Möglichkeit, den Herrschaftswillen über den Tod hinaus fortzusetzen, der Schutz der wohlerworbenen Privatrechte die Verewigung der individuellen Wirtschaftsinteressen über alle Generationenfolge hinaus, ln diesen Rechten kommt der endgültige Sieg des Einzelwillens über den Gesamtwillen zum deutlichen Ausdruck. II. Die Maßnahmen der liberalen Gesetzgebung und Verwaltung im einzelnen betrachten wir zunächst ebenfalls in abstrakter Allgemeinheit oder idealtypischer Reinheit, d. h. ohne Rücksicht auf ihre zufällige historische Verwirklichung. Wir können unterscheiden: Befreiungen, Sicherungen des Verkehrs und positive Förderung der kapitalistischen Interessen. 1. Das Befreiungswerk betrifft die Landwirtschaft, das Gewerbe sowieHandel und Verkehr und umfaßt im wesentlichen folgende Maßnahmen: a) in der Landwirtschaft handelte es sich um die gesetzlichadministrative Beseitigung der alten Agrarverfassung, die, wie ich zu zeigen versucht habe, bis zum Ende der frühkapitalistischen Epoche in fast allen Ländern noch zu Recht bestand: siehe Band II Kapitel 41 dieses Werks. Im einzelnen kommen dabei folgende Maßnahmen in Betracht: a) Die Herauslösung der Individualwirtschaft aus dem Gutsverband: Beseitigung der Hörigkeit, das heißt Aufhebung der (Hand- und Spann-)-Dienstpflicht, der Abgabenpflicht, der Gebundenheit und Schollenpflichtigkeit; ß) die Herauslösung aus dem Dorfverbande: Beseitigung des Flurzwanges, Auflösung der Gemeinheiten, Zusammenlegung der Grundstücke; Y) die Beseitigung der Besitzprivilegien, z. B. der Rittergüter gegenüber Bürgerlichen und Juden. b) Die Befreiungen im Gewerbe betrafen: a) die Aufhebung der Zunftverfassung, namentlich der wichtigen Fünftes Kapitel: Die innere Wirtschaftspolitik 53 Vorschriften, wodurch die Zahl der Betriebe und die Zahl der Hilfskräfte begrenzt war; ß) die Beseitigung der Monopole, Privilegien und Reglementierungen; y) die Beseitigung der Beschränkungen des Niederlassungsrechts. c) Im Gebiete des Handels und Transports schritt man zu a) der Beseitigung der Stapel-, 'Markt- und Straßenrechte; ß) der Binnenzollschranken; y) der Herstellung eines einheitlichen Wirtschaftsgebiets. Diesem Zwecke dienten aber vor allem auch die Maßnahmen der Gesetzgebung und Verwaltung, mittels deren man, wie ich es nannte, 2. die SicherungdeswirtschaftlichenProzesses herbeizuführen sich angelegen sein ließ. Diese bezogen sich namentlich auf folgende Punkte: a) die Herstellung der Sicherheit zu Lande und zu Wasser (Seeräuberei!) durch eine gute Polizei; b) die Herstellung der Sicherheit der Rechtsverfolgung durch eine „zweckmäßige“ (heißt immer vornehmlich den Bedürfnissen des Kapitalismus angemessenen) Gestaltung der (Piivat-)Rechtsordnung und Rechtspflege, also a) Einführung eines zweckmäßigen Geschäftsrechts (Handels-, Wechsel-, Gesellschaftsrechts); ß) Einführung einer rasch arbeitenden Prozeßmaschinerie: Handelsgerichte! y) Einführung eines Patent-, Muster- und Markenschutzes. c) Die Herstellung der Sicherheit des Wirtschaftslebens selber durch Neugestaltung des (öffentlichen) Wirtschaftsrechtes. Hier galt es a) die Schaffung eines rationellen Geldwesens. Die Grundsätze eines rationellen Geldwesens sind folgende: 1. Vereinheitlichung des Geldwesens für das ganze Staatsgebiet; 2. Loslösung des Geldwesens aus dem fiskalischen Nexus: Herstellung einer nur dem (kapitalistischen) Wirtschaftsleben dienenden Geldverfassung, die vor allem stabil ist; 3. Gestaltung dieser rationellen Geldverfassung selber durch: a) Einführung der Goldwährung, das heißt Erklärung des Goldes zum einzigen Vollgelde; b) Herstellung eines festen Wertverhältnisses zwischen Geld und Metall („Hylodromie“ in der Knappschen Sprechweise). Die Mittel hierfür sind: rationelle Prägung (Randprägung! Billige Prägung!); Einführung des sog. Passiergewichtes, das heißt Aufhebung der Zahlungskraft derjenigen Münzen, die einen bestimmten Metallwert unterschreiten; 54 Zweiter Abschnitt: Der Staat c) Herstellung eines Währungssystems, das auf der Grundlage der Goldwährung ruhend, doch eine dem Bedarf des Verkehrs angepaßte Vielheit der Geldarten aufweist; d) Schaffung von Scheidemünzen, das heißt „unterwertiger, in eine Hauptmünze einlösbarer Münzen mit beschränkter Zahlungskraft 1 ‘(Cassel); e) Schaffung einlösbaren Papiergeldes; i) Schaffung einlösbarer Banknoten, die sämtlich als Geldsurrogate neben dem Golde funktionieren. Der Rationalisierung des Geldwesens muß entsprechen ß) die Schaffung eines rationellen Notenbankwesens. Die Grundsätze eines rationellen Notenbankwesens sind folgende: 1. Monopolisierung, wenn möglich Zentralisierung und Reglementierung durch den Staat; 2. Regelung der Deckung, die eine „bankmäßige“ sein muß, da die Note eine stets fällige Verbindlichkeit darstellt. Die Deckung muß also in kurzfristigen Forderungen (das heißt in der Regel Wechseln mit kurzer Verfallfrist, woneben in beschränktem Umfange Lombardierung börsenfähiger Werte zulässig ist) bestehen. Zur Erhöhung der Sicherheit dient die Metallreserve; 3. Regelung der Notenmenge, die eine Bank ausgeben darf. Diese Regelung erfolgt bekanntermaßen nach drei verschiedenen Systemen, über deren Zweckmäßigkeit die Meinungen auseinandergehen; diese Systeme sind: a) die absolute Begrenzung auch der bar ausgegebenen Noten; b) die Begrenzung der nicht bar ausgegebenen Noten: direkte Kontingentierung ; c) die Erschwerung der Ausgabe nicht voll gedeckter Noten: indirekte Kontingentierung. Die glatte Abwicklung des Verkehrs erheischte: y) die Schaffung eines rationellen Maß-, Gewichts- und Zeitsystems (Standardisierung der Zeit!). Alle diese bisher erwähnten Maßnahmen der liberalen Gesetzgebung und Verwaltung, sowohl die Befreiungen als die Sicherungen, dienten, wie der aufmerksame Leser selbst festgestellt haben wird, dazu, die mannigfachen Hemmungen politischer Natur zu beseitigen, die, wie wir sahen, die freiere Entfaltung kapitalistischen Wesens hinderten. Eine dritte Gruppe von Maßnahmen trägt ein anderes Gepräge: sie setzen in gewissem Sinne die Politik des Merkantilismus fort, indem sie 3. die positive Förderung der kapitalistischen Interessen sich angelegen sein lassen. Hierher gehören vornehmlich folgende Maßnahmen: a) die Pflege des Unterrichts, namentlich des technischen Unterrichts; Fünftes Kapitel: Die innere Wirtschaftspolitik 55 b) die Förderung des Ausstel lungswesens; c ) die — doch auch im Zeitalter des Hochkapitalismus nicht völlig beseitigte und nicht völlig unwesentliche — Erteilung von Privilegien, Konzessionen, Lizenzen etwa zum Betrieb einer Eisenbahn, einer Straßenbahn oder zur Einrichtung einer Beleuchtungsanlage. Die positive Förderung hat in manchen osteuropäischen Ländern, wie Ungarn, und dann in überseeischen Staaten, wie Nordamerika, eine größere Rolle gespielt. So ist das Eisenbahnwesen in den Vereinigten Staaten wesentlich durch die staatlichen und kommunalen Unterstützungsmaßregeln (Steuererlaß! Beteiligung an dem Aktien- und Obligationenkapital! Landschenkungen!) zu seiner raschen Entwicklung gelangt. Ich verweise auf die in der Literaturübersicht genannten Werke. III. Geschichte Die Verwirklichung der liberalen Gesetzgebung und Verwaltung in den verschiedenen Staaten darzustellen, ist die Aufgabe der nationalen Geschichtsschreibung, die das Besondere im Allgemeinen zu erfassen trachtet. Aber auch in diesem Zusammenhänge, in dem nur die überall wiederkehrenden Züge der Entwicklung festgehalten werden, können wir nicht auf jegliche Anschauung verzichten, die ja immer nur durch das sinnlich-historische Einzelphänomen vermittelt wird. Ich gebe deshalb einen ganz bündigen Überblick über den Vollzug der wichtigsten Ereignisse in den drei europäischen Hauptstaaten, deren Geschichte ich dabei in ihrer typischen Eigenart zu verstehen suche, also daß wir drei in ihren Grundzügen verschiedene Typen der wirtschaftspolitischen Entwicklung nebeneinander unterscheiden können. England. Formal vollzieht sich die Entwicklung so, daß das Befreiungswerk durch allmähliches Obsoletwerden vollendet wird: Leibeigenschaft und Hörigkeit sind in Großbritannien bis heute noch nicht durch eigenes Gesetz aufgehoben. Inhaltlich ist die englische Wirtschaftspolitik vor allem dadurch vor der aller übrigen Länder ausgezeichnet, daß sie zeitlich am frühesten wichtige Teile der Wirtschaftsordnung neu, das heißt den Interessen der kapitalistischen Wirtschaft angemessen, gestaltet. Bereits seit dem 16. Jahrhundert werden Leibeigenschaft und Hörigkeit obsolet. England ist von den großen Nationen dasjenige Land, das am frühesten (schon 1655—1656) die Juden wieder zuläßt. Seit dem 17. Jahrhundert wird das System der Privilegierungen und Reglementierungen abgebaut: schon 1656 vernehmen wir Klagen im Golden Fleece über die völlige Freiheit der Land-Tuchmacher. Dann aber werden auch frühzeitig — meist schon im Laufe des 17. Jahr- 56 Zweiter Abschnitt: Der Staat Hunderts — jene Sicherungsmaßregeln getroffen, von denen oben die Rede war, und zwar fast durchgängig in einem optimal-rationellen Sinne. Eine Parlamentsakte von 1623 regelt das Patentwesen in einem durchaus neuzeitlichen Geiste: an die Stelle der willkürlichen Erteilung von Gewerbsprivilegien und Monopolen durch die Krone tritt die Gewährung eines Erfindungspatents an den Erfinder für die Dauer von 14 Jahren. Durch 10 Will. 3 erfolgt eine Regelung des Wechselverkehrs, die allen Ansprüchen der Geschäftswelt gerecht wird. Ebenso beginnt bereits im 17. Jahrhundert die Gesundung des Finanzwesens: die Münzverschlechterungen hören auf, und die Schaffung eines rationellen Geldwesens wird angebahnt: durch eine günstige Schickung geht England bereits am Ende des 18. Jahrhunderts gleichsam auf automatischem Wege zur Goldwährung über. Im Jahre 1694 wird die Bank of England gegründet: die erste auf modernen Grundsätzen aufgebaute Notenbank. Einer späteren Periode, im wesentlichen dem Zeitalter des Hochkapita- lismus, gehört auch in England die Durchführung des „Befreiungswerkes“ wenigstens für Landwirtschaft und Gewerbe an. Die Befreiung der Landwirtschaft erfolgte in England durch die sog. Enclosure acts. Darunter versteht man sowohl die Gemeinheits- teilungs- wie die Zusammenlegungsgesetzgebung: enclosure of land pre- viously uncultivated = enclosure of waste of manor = enclosure of com- mons einerseits; enclosure of common fields = acts for extinguishing village communities anderseits. Jene bilden etwa ein Drittel, diese zwei Drittel sämtlicher „Befreiungsgesetze“. Wann sind diese Enclosure acts erlassen ? Nach einer früheren Auffassung, die im wesentlichen noch von Ashley vertreten wird, fällt ein sehr beträchtlicher Teil der Agrargesetze in das 16. Jahrhundert, als nach der hyperbolischen Redensart des Thomas Morus das Schaf den Menschen in England aufgefressen haben soll. Ich hatte schon in der ersten Auflage dieses Werkes auf Grund allgemeiner Erwägungen davor gewarnt, die Bedeutung der Enclosures im 16. Jahrhundert zu überschätzen und hatte 3% der Fläche als ihren mutmaßlichen Umfang angenommen. Neuere Untersuchungen englischer Forscher haben meine Ansicht in vollem Umfange bestätigt. Siehe die Ausführungen in Band I der Neubearbeitung Seite 792 ff. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts liegt also der englische Grund und Boden im wesentlichen noch im Gemenge und bestehen die Gemeinländereien noch fast in ihrem vollen Umfange. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts, darf man sagen, beginnt das agrarische Reformwerk in England und wird im wesentlichen in der Zeit zwischen 1760 und 1820 durchgeführt. Die erste Enclosure Bill ist 1710 erlassen. Ihre Zahl seit der Mitte des 18. Jahrhunderts ist folgende: 1760-1769 . 385 1810—1819 853 1770—1779 . 660 1820—1829 ..... 205 1780—1789 . 246 1830—1839 136 1790—1799 . 469 1840—1844 66 1800—1809 . 847 Fünftes Kapitel: Die innere Wirtschaftspolitik 57 Nach Porter, Progress of the Nation (1851), 148. Vgl. die gute, zusammenfassende Darstellung hei Gilbert Slater, The english peasantry and the enclosure of Common fields. 1907. Auf dem Gebiete des Gewerbewesens bestand die alte Elisabethsche Ordnung formell bis ins 19. Jahrhundert hinein: das Lehrlingsgesetz wurde erst durch 54 Georg III c. 96 (1814) aufgehoben. Aber es macht sich hier die oben erwähnte Eigenart der englischen Entwicklung geltend: die Bestimmungen sind vielfach obsolet geworden, ehe sie durch den Gesetzgeber beseitigt wurden. Frankreich vollzieht formal das Befreiungswerk feierlich, prunkhaft, mit großer Geste in der großen Revolution: 4. Augustnacht! Erklärung der Menschenrechte! doktrinär-naturrechtliche Einstellung! In Wirklichkeit hatte man schon während des Ancien regime mit dem Abbau der alten Ordnungen begonnen. Turgot namentlich hatte schon zahlreiche Erleichterungen auf dem Gebiete des Gewerbewesens eingeführt: siehe etwa den Artikel Reglement der M e Roland in der Enc. meth. Man. Revolution und Kaiserreich besorgten dann das Aufräumungswerk in sehr gründlicher Weise. Napoleon regelt das Geldwesen, gründet (1800) die Banque de France und gibt dem Lande in der Gestalt des Code nap. ein im kapitalistischen Sinne ideales Gesetzbuch. Am 22. September 1791 wird die Gleichberechtigung der Juden verkündet. 1794 wird die erste Fcole polytechnique in Paris begründet. Deutschlands Stil ist der der bureaukratisch-legalen, zum Teil sehr radikalen Reform oder, wie es Hardenberg nannte: „der Revolution von oben“. Sehr bezeichnend ist die Tatsache, daß die armen deutschen Lande nur in einem Punkte ihren glücklicheren Rivalen im Westen voraus sind: in der Ordnung des Unterrichtswesens. Nirgends so früh wie in Deutschland wird der Elementarunterricht obligatorisch, und 1745 wird die Carola Wilhelmina, die herzoglich-technische Hochschule in Braunschweig, begründet: die erste technische Hochschule' der Welt. Vgl. F. Lenz, Das technische Bildungsproblem in Rücksicht auf Staat und Wirtschaft. 1913. Im übrigen fallen die Reformmaßnahmen der deutschen Staaten fast durchgängig erst in das 19. Jahrhundert, meist sogar erst in dessen zweite Hälfte. Ich erinnere an die wichtigsten Tatsachen: 1808—1812 Emanzipation der Juden in den einzelnen Ländern, wird endgültig erst 1848. 1807—1811 Stein-Hardenbergsche Agrarreform, gerät 1816 ins Stocken und wird erst 1850 ff. vollendet. 1810 Gewerbefreiheit in Preußen, bleibt auf dem Papier, wird noch einmal rückgängig gemacht und erst 1865 für den Bergbau, 1869 allgemein und für ganz Deutschland verkündet. 1833 ff. Gründung des Zollvereins, wodurch erst — sehr allmählich — die Zollschranken zwischen den einzelnen Staaten beseitigt werden. 1765 kgl. preußische Bank, 1846 preußische Bank, aber erst 1875 Reichsbank. 58 Zweiter Abschnitt: Der Staat Das Geldwesen: zersplittert bis zur Gründung des Norddeutschen Bundes, endgültig geregelt durch Reichsgesetz von 1873. Das Privatrecht wird erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einheitlich neugeordnet, nachdem 1847 eine Allgemeine Deutsche Wechselordnung erlassen war: 1857—1861 Allgemeines Deutsches Handelsgesetzbuch, 1900 Bürgerliches Gesetzbuch. 1868 Maß- und Gewichtsordnung usw. * * * Ein Wort muß noch gesagt werden über die Bedeutung der liberalen Gesetzgebung für den Verlauf des Wirtschaftslebens, insonderheit für die Entwicklung des Kapitalismus, da diese Bedeutung, wie mir scheint, nicht immer richtig abgeschätzt wird. Abzulehnen ist diejenige Auffassung, die man als die Legal- t h e ö r i e bezeichnen kann, wonach die liberalen Gesetze, insbesondere die Gewerbefreiheit, den Niedergang der alten Wirtschaftsverfassung und das Aufkommen des Kapitalismus verursacht oder — wie es von den Vertretern dieser Theorie meist in wertbetonter Form ausgedrückt wird — „verschuldet“ sein soll. Davon ist natürlich keine Rede, kann keine Rede sein, weil die Kausalbeziehungen grundsätzlich falsch gesehen sind, wie ich das im 1. Kapitel ausgeführt habe. Aber auch nur in dem beschränkten Sinne: daß durch die Einführung der Gewerbefreiheit der Kapitalismus erst die Möglichkeit der Betätigung erhalten habe, ist diese Ansicht falsch. Ihr widerspricht ja die Geschichte der voraufgehenden Jahrhunderte, in denen, wie wir wissen, schon eine recht kräftige kapitalistische Entwicklung sich zu vollziehen angefangen hatte. Der Kapitalismus hat zu allen Zeiten Mittel und Wege gefunden, um de lege, praeter legem und contra legem sich durchzusetzen. Abzulehnen ist nun aber auch diejenige Auffassung, der wir schon in anderm Zusammenhänge begegnet sind (siehe Seite 31) und die man die Illegitimitätstheorie benamsen kann, nach der umgekehrt alle kapitalistische Entwicklung ausschließlich auf dem Wege der Gesetzesbeugung, der Bestechung und des Schwindels sich vollzogen haben soll. Die Bedeutung der liberalen Gesetzgebung Hegt gerade darin, daß diese Illegitimität keine notwendige Bedingung des Emporkommens des KapitaHsmus im 19. Jahrhundert mehr war. Im übrigen müssen wir die einzelnen Gebiete der liberalen Reformen unterscheiden, wenn wir deren wirkhche Bedeutung für den Gang des Wirtschaftslebens richtig einschätzen wollen. Das Befreiungswerk zunächst bedeutet sehr Verschiedenes für die Fünftes Kapitel: Die innere Wirtschaftspolitik 59 verschiedenen Gebiete des Wirtschaftslebens. Für die gewerbliche Produktion brachte es nicht viel mehr als die Beseitigung von lästigen Schikanen, also eine Erleichterung der Wirtschaftsführung. Für das Agrarwesen bedeutete es mehr: hier ermöglichte es vielfach erst eine rationellere Betriebsweise. Auch der Warenaustausch konnte sich erst frei entwickeln, nachdem wenigstens die lästigsten Schranken gefallen waren. Von einschneidender Bedeutung aber sind zweifellos diejenigen Maßnahmen gewesen, die der Sicherung des wirtschaftlichen Prozesses dienten: wir können uns schwer vorstellen, wie sich eine so mächtige Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft hätte vollziehen sollen ohne Sicherheit zu Lande und zu Wasser, ohne ein geordnetes Geld-, ein geordnetes Bankwesen. Die Bedeutung der positiven Förderung der kapitalistischen Interessen liegt auf der Hand. Über die Bedeutung der Emanzipation der Juden habe ich mich ausführlich in meinem Judenbuche ausgelassen. Sechstes Kapitel Die äußere Wirtschaftspolitik I. Die Episode des Freihandels Der moderne Staat, so haben wir feststellen können: siehe das 21. bis 28. Kapitel des ersten Bandes dieses Werkes, ist als Machtgemeinschaft in die Erscheinung getreten: er erkannte keine Rechtsetzende Gewalt außer sich, aber auch keine sein Verhalten bestimmende Norm an. Er war ein eigenwilliges Machtzentrum. Als solches hat er sich in der Form des absoluten, in England schon konstitutionellen Staates, vom 15. bis zum 18. Jahrhundert entwickelt. Die Wirtschaftspolitik dieses Staates, sahen wir gleichfalls, war eindeutig durch seine Interessen bestimmt. Der Staat setzte seine ganze Macht zugunsten der kräftigsten Wirtschaftsformen ein und vertrat seine Untertanen nach außen hin rücksichtslos. Macht und Wirtschaft sind im merkantilistischen Zeitalter eine unzertrennliche Einheit. Es gilt der Satz: soviel Macht, soviel Wirtschaft. Deshalb in der äußeren Politik: Niederkämpfung aller entgegenstehenden Mächte mit allen Mitteln der List und Gewalt. Anlegung überseeischer Kolonien durch Spanier, Portugiesen, Franzosen, Holländer, Engländer auf der Grundlage unbekümmerten Länder- und Menschenraubs. Durchsetzung der Interessen gegenüber den konkurrierenden Staaten mittels brutaler Zolltarife, brutaler Schiffahrtsgesetze, letzten Endes mittels Waffengewalt. Bei all diesen Maßnahmen war das Leitmotiv: das Staatsinteresse, „die Staatsräson“, der sacro egoismo des Staates (nachdem vielleicht noch die Spanier, auf denen als letzten ein Abglanz des Mittelalters gelegen hat, von der Idee eines Kampfes für das Christentum bei ihren Unternehmungen mitbestimmt worden waren). Dieses alles schien sich ändern zu wollen mit dem Beginn der Revolutionskriege, denn diese wurden ja wieder im Namen einer Idee geführt. Und auch Napoleon erklärte sich zum Sachwalter einer Idee: der Idee Europa. Und wiederum die Mittel- und Ostmächte stellten sich ihm im Namen einer andern Idee: der der Legitimität entgegen. Sechstes Kapitel: Die äußere Wirtschaftspolitik 61 Aber auch die Hoch-Zeiten der Kriegsspannung schien diese übernaturalistische St imm ung überdauern zu sollen, und es schien, als ob auch die ruhige Alltagspolitik der Staaten einer Idee tributpflichtig werden sollte: derselben Idee, die im Innern der Staaten ihre Herrschaft begonnen hatte, der Idee des Liberalismus. Denn offenbar war diese Idee im Spiele, als — einsetzend bald nach der Bendigung der Napo- leonischen Kriege — gegen die Mitte des 19. Jahrhunderts die staatliche Außenpolitik der europäischen Staaten in der Richtung des Freihandels einzuschwenken begann, also der Idee einer durch den freien Verkehr verbundenen friedlichen Tauschgemeinschaft aller Völker, die in Atome aufgelöst gedacht wurden, somit richtiger: aller Einzelmenschen oder Einzelwirtschaften, die sich auf dem Wege des ungehinderten Warenaustausches zu einem sozialen Kosmos zusammenschließen sollten, jenem Prunkstück des sozialen Newtonismus, dessen letzter Ausläufer die Freihandelsidee ist. England ist es, das in den 1840er Jahren zum Free Trade übergeht. Ihm folgen andre Länder: während der ersten Hälfte der 1850er Jahre haben die meisten Länder Europas ihre Tarife im liberalen Sinne umgestellt: Preußen, Schweden-Norwegen, Dänemark, Sardinien oder wenigstens gemäßigt: Spanien, Frankreich. 1860 wird der englisch-französische Handelsvertrag abgeschlossen, der Epoche macht: es folgen ähnliche Verträge mit Belgien, Italien, dem Zollverein, Österreich, der Schweiz. Vielfach war die Idee des wirtschaftlichen Freihandels verwoben mit der demokratischen Nationalitätsidee, die weite Kreise des damaligen Europa durchglühte, jener Idee, nach welcher die staatlosen, gleichsam hautlosen Nationalitäten, vor allem die kleinen, sämtlich selbständig werden und unter einander in friedliche Beziehungen treten sollten. Das Jahr 1845 bedeutete mit dem Fest der Nationen in London einen Höhepunkt dieser Bewegung, die dann in der Revolution des Jahres 1848 sich zu Tode lief. Sehr tief war auch die eigentliche Freihandelsbewegung wohl nie gedrungen: die vitalen Interessen und Instinkte der großen Staaten waren nie durch sie berührt worden. Rußland war immer seine eigenen Wege gegangen, und England, von dem die Bewegung angeregt war, hatte keinen Augenblick daran gedacht, seine Staatsinteressen der Freihandelsidee zu opfern. Als Cobden, der Träger dieser Idee, im Anschluß an seine Anti-Kornzollagitation die Aufgabe des englischen Kolonialreichs forderte, wurde er vom englischen Volke völlig im Stich 62 Zweiter Abschnitt: Der Staat gelassen. Er klagt (1849): „Die Mittelklasse hängt dem Kolonialsystem nicht minder an als die Aristokratie, und die Arbeiter sind auch nicht, klüger.“ Derselbe Cobden äußerte dann (nach Blatchford)im Jahre 1861: „Ich würde lieber für 100 Millionen £ stimmen, als der französischen Flotte erlauben, daß sie die unsere überwächst, weil ich der Meinung bin, daß ein derartiger Versuch ohne irgendwelchen triftigen Grund schlechte Hintergedanken in bezug auf unser Land einschließt.“ Wir müssen uns, um die Tragweite der Freihandelsbewegung richtig abzuschätzen, immer gegenwärtig halten, daß England als Nation am Freihandel interessiert war. Freihandel als Idee und Freihandel als Interesse sind aber sehr genau voneinander zu trennen. Die Lage ist bekannt: England war nach den Napoleonischen Kriegen, dank seinem raschen industriellen Aufschwung die „Werkstatt des Welt“ geworden, infolgedessen mit Industrieerzeugnissen, die es nicht alle selbst verbrauchen konnte, überfüllt und auf das lebhafteste daran interessiert, daß sich ihm die Märkte überall öffneten; es selbst aber brauchte die Einfuhr nicht zu fürchten, da kein anderes Land mit ihm in Wettbewerb treten konnte. Auch als Kolonialland stand es, nachdem es Frankreich niedergezwungen hatte, einzig da. England konnte also auch ohne Bedenken den engeren Gehalt der Freihandelspolitik — die freie Warenbewegung zwischen den einzelnen Ländern — als Bestandteil seiner Außenpolitik beibehalten, auch wenn diese Politik sich wieder nach dem „rein staatspolitischen Gesichtspunkte“ zu richten begann. Das aber sollte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein- treten, als die große europäische Politik mittels einer Achsendrehung sich zum Leitmotiv der Staatsinteressen wieder zurückfand, nicht zuletzt gerade auch durch englische Staatsmänner, wie Palmerston und Disraeli, die eben im Grunde nie aufgehört haben, wirkliche Staatspolitik zu treiben, wenn es ihnen auch immer wieder gelingt, mittels des von ihnen zur Meisterschaft ausgebildeten Cants dem englischen Staatsinteresse irgendwelches ideologisches Mäntelchen umzuhängen und die weniger gerissenen Politiker der andern Mächte zu täuschen. Nur der größeren Ehrlichkeit der Deutschen ist es zu danken, wenn als der Vertreter der nun wieder allgemein befolgten „Realpolitik“ Bismarck erscheint, der vielleicht nur am bewußtesten und zielsichersten tat, was alle andern auch taten: das Staatsinteresse ohne Rücksicht auf irgendwelche übergeordnete Idee zu verfolgen. Daß er diesen Grundsatz schwerer als die Staatsmänner andrer Länder in seinem Vater- Sechstes Kapitel: Die äußere Wirtschaftspolitik 63 lande zur Anerkennung brachte: siehe seine Korrespondenz mit v. Ger- lach und Roon schon in den 1850er und 1860er Jahren, die beide die Idee der Legitimität gegen die reine Staatsidee verfochten und beispielsweise das Bündnis mit Napoleon verabscheuten, wogegen Bismarck den Grundsatz vertrat: ich würde mich auch mit dem Teufel verbünden, wenn es das Wohl Preußens erheischte — wenn, sage ich, Bismarck länger um die Anerkennung des Staatsräsonprinzips in Preußen-Deutschland zu kämpfen hatte als andre Staatsmänner in ihren Ländern, so hängt auch das mit der doktrinären Veranlagung der Deutschen zusammen, die immer ein Faible für „Ideen“, auch die impraktischsten, gehabt haben. Und nicht minder eine nationaldeutsche Eigenart tritt in dem Verhalten Bismarcks zutage, wenn selbst er nicht dem Grundsatz huldigte: „So was tut man, sagt man aber nicht.“ Genug: Nach verschiedenen Methoden in den verschiedenen Staaten, im Endergebnis gleich, tritt etwa im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts in der auswärtigen Politik Europas ein völliger Wechsel ein, der nun auch die äußere Wirtschaftspolitik von Grund aus änderte, wie im folgenden zu zeigen sein wird. II. Der Neu-Merkantilismus ' Man nennt die äußere Wirtschaftspolitik, die etwa seit der Mitte der 1880er Jahre befolgt worden ist, nicht mit Unrecht Neu-Merkantilismus, da sie in der Tat eine Art von Wiedergeburt des Merkantilismus darstellt: sie nimmt die Fäden dort wieder auf, wo in der Mitte des 18. Jahrhunderts die Staatsmänner des merkantilistischen Zeitalters sie hatten fallen lassen: der Gedanke des nationalen Wirtschaftsgebietes taucht wieder auf und der Grundsatz, die einheimische Wirtschaft, namentlich die kapitalistischen Interessen, mit allen Machtmitteln des Staates zu fördern, wird wieder befolgt. Dabei muß man sich des Unterschiedes bewußt werden, der doch trotz aller Gleichheit zwischen dem alten und dem neuen Merkantilismus obwaltet: der neue Merkantilismus ist doch in weit größerem Umfange von den Interessen des Kapitalismus unmittelbar bestimmt. Früher führte der Staat die Wirtschaft, jetzt leitet die Wirtschaft den Staat. Sehen wir uns nun die Maßnahmen an, zu denen die neue Wirtschaftspolitik griff, nm die nationalen Wirtschaftsinteressen zu fördern! Da begegnet uns als erste Tat: 1. die Rückkehr zum Schutzzollsystem. Ihn vollziehen in den 1880er Jahren, eins vom andern getrieben, alle Länder 64 Zweiter Abschnitt: Der Staat (mit Ausnahme Englands). Von starkem Einfluß erweist sich die wirtschaftliche Depression jener Jahre, die den alten Freihandelsoptimismus überwindet. Das „Schutzzollsystem“ bestand zumeist aus einem Zollschutz namentlich der nationalen Industrie (die Agrarzölle sind eine durch eine vorübergehende Kalamität hervorgerufene ephemere Erscheinung) verbunden mit Exportprämien in der Höhe des Schutzzolles. Nun ist die Zollpolitik für den großen Gang des Wirtschaftslebens niemals von erheblicher Bedeutung gewesen, und es hätte sich wenig geändert, wenn sich nur die Zollpolitik geändert hätte. Aber die neue außenpolitische Einstellung hatte auch wichtige Maßnahmen in ihrem Gefolge. Aus ihr ergaben sich vor allem 2. Expansionstendenzen der führenden Großmächte, das heißt Bestrebungen der Staaten, ihren Wirtschaftsbereich über die Grenzen des Mutterlandes hinaus auszudehnen. Dabei wurden verschiedene Methoden angewandt, um die fremden Gebiete den eigenen Interessen dienstbar zu machen. Die lockerste Form der Abhängigkeit ist die der nur finanziellen Abhängigkeit, durch die ein moralischer Druck auf den fremden Staat ausgeübt wird: Beispiele Südamerika, Portugal, Balkan. Etwas fester wird das Band zwischen Mutterland und Tochterland dort, wo der fremde Staat sich förmlich einer politischen Beeinflussung unterwerfen muß, wo er auch politisch „kontrolliert“ wird: Beispiele Ägypten, Persien, neuerdings Deutschland. Man spricht hier von „Ägyptisierung“ und meint die Verwandlung halbzivilisierter Völker in eine Kolonie des herrschenden Staates. Eine wirkliche Kolonisierung liegt dagegen vor, wenn unzivilisierte Völker der Staatshoheit eines Herrenstaates unterworfen werden. Tatsachen der Expansionspolitik Die Eroberungspolitik der europäischen Staaten setzt in den 1880 er Jahren ein. Sie beginnt mit den Beutezügen Cecil Rhodes in Südafrika, wo 1889 die British South African Co, „Chartered Rhodesia“ begründet wird. In die gleiche Zeit fallen die Angriffe Englands auf Ägypten (1882 Bombardement Alexandrias!), die mit der Okkupation endigen. Es folgen die deutschen Kolonialerwerbungen in Afrika; die französische Okkupation von Tunis, die Expedition nach Tonking und Madagaskar; die italienischen Vorstöße in Assab und Massaua, der abessinische Krieg; das russische Vordringen bis an die Grenzen Persiens und Afghanistans, nach Kiachta und in das Amurgebiet. Sechstes Kapitel: Die äußere Wirtschaftspolitik. 65 Betrachten wir das Ergebnis vom geographischen oder, wie es jetzt heißt: „geopolitischen“ Gesichtspunkt aus, so handelt es sich um eine Neueinteilung der Erde, genauer um die Aufteilung Afrikas und Polynesiens unter die europäischen Großmächte (nachdem die andern Erdteile schon aufgeteilt waren). Nach der Zusammenstellung bei Supan gehörten den europäischen Kolonialmächten (einschließlich die Vereinigten Staaten): 1876 1900 Zuwachs in Afrika . . . . . . 10,8% 90,4% 79,6% „ Polynesien . . . . 56,8 „ 98,9 ,, 42,1 „ „ Asien . . . . . . 51,5 „ 56,5 ,, 5,0 „ ,, Australien . . . . 100,0 „ 100,0 „ — „ Amerika . . . . . 27,5 „ 27,2 „ Abnahme 0,30% Die Ausdehnung der Herrschaftssphären der einzelnen Staaten ergibt sich aus folgenden Ziffern. Es gehörten den verschiedenen Staaten: Englische Quadratmeilen Mill. Einwohner 1862 1912 1910 Großbritannien. 5,3 11,5 421 Rußland. 7,6 10,2 167 Vereinigte Staaten . . . 1,5 3,7 103 Frankreich. 0,4 4,8 86 Deutschland. 0,24 1,2 78 Japan . 0,15 0,26 70 Italien. 0,1 0,7 36 Insgesamt 15,0 32,36 961 Anteil an der gesamten Erdoberfläche bzw. ihren Bewohnern. 28,4% 62,3% 60% China. 4,3 2,9 431 Erde. 52 52 1600 Nach der Zusammenstellung bei P. Lenz, Macht und Wirtschaft. Zum Vergleich: Das römische Reich beim Tode des Augustus umfaßte 3,3 Mill. qkm = 1,2 Mill. engl. Quadratmeilen mit 54 Millionen Einwohnern. Die stärkste Konzentration der modernen Weltreiche fällt in den Zeitraum von 1894 bis 1900. Eine weitere, sehr bedeutsame Begleiterscheinung des neuen außenpolitischen Kurses war 3. die Militarisierung der Staaten, in der ein „Neo- Militarismus“ (AlfredWeber) zutage tritt: Steigerung der Heeresausgaben infolge Wettrüstens mit einer gewissen Zwangsläufigkeit. Es trat neben die kapitalistische eine militärische Entwicklung, die ebenso wie jene eine Eigengesetzlichkeit hatte und sich nach dieser, Sombart, Hochkapitalismus. 5 66 Zweiter Abschnitt: Der Staat vielfach unabhängig von der -wirtschaftlichen, durchsetzte. Es handelt sich, wie man es ausgedrückt hat, um ein „Ralliierung des machtpolitisch gewordenen Kapitalismus mit der aus ganz natürlichen Eigentendenzen im politischen Effekt gleichgerichteten und immer wesentlicher werdenden Staatsmilitarisierung.“ Steigerung der Ausgaben für Heeresziveclce in Ziffern Die ordentlichen Ausgaben für Heer und Flotte betrugen in Millionen Mark in: (a) (b) (c) 1875 1907f08 1913/14 Großbritannien . . . 532,9 1165,1 1540 1873 1908 Frankreich. 549,5 974,9 1109 1881/82 1908 Deutsches Reich. . . 426,1 1162,1 1411 Auf den Kopf der Bevölkerung betrugen die Ausgab en in den geführten Jahren in Mark: in (a) (b) (c) Großbritannien . . . 16,0 26,42 34,2 Frankreich. 15,2 24,81 28,4 Deutsches Reich. . . 9,43 18,44 23,5 III. „D as Zeitalter des Imperialismus“ nennt man das letzte Menschenalter vor dem Kriege, in dem die vorher berichteten Geschehnisse sich zugetragen haben, mit Vorliebe. Das legt den Wunsch nahe, noch etwas Näheres und Grundlegendes über Sinn und Bedeutung des Begriffes „Imperialismus“, der die ganze Zeitspanne zu kennzeichnen für gut befunden wird, in Erfahrung zu bringen. Wir werden dann erst, und wenn wir zudem noch den Gründen auf die Spur gekommen sind, die die imperialistische Bewegung hervorgerufen haben, imstande sein, uns ein Urteil über die Bedeutung zu bilden, den die neumerkantilistische Außenpolitik für den Verlauf des Wirtschaftslebens, insonderheit des Kapitalismus, gehabt hat. 1. Begriff des Imperialismus Den Begriff des Imperialismus habe ich oben, wo ich den Sinn der modernen Expansionspolitik kennzeichnete, schon bestimmt. Während das Wort ursprünglich soviel wie die Bildung großer Weltreiche bedeutete, so daß es alle auf das „Imperium“ etwa Großbritanniens, der Vereinigten Staaten, Rußlands (namentlich aber des Sechstes Kapitel: Die äußere Wirtschaftspolitik 67 englischen „empire“) bezüglichen Vorgänge und Erscheinungen be- zeichnete, ist sein Sinn im Laufe der Zeit darüber hinausgewachsen, so daß es nunmehr die Ausdehnung der Machtsphäre eines Staates über die Grenzen des Mutterlandes hinaus besagen will. Immer sollte man das Wort nur gebrauchen, um damit eine Angelegenheit des Staates auszudrücken, dessen Wesenheit im Imperialismus, wenn auch übersteigert, zur Verwirklichung gelangt. Abwegig und sinnverwirrend ist es, von einem Kulturimperialismus, einem Sozialimperialismus, einem Volksimperialismus, einem Imperialismus der mittelalterlichen Kirche, der Mönchsorden usw. zu reden. 2. Die Gründe des Imperialismus Die heute am meisten verbreitete Theorie des Imperialismus ist die marxistische. Danach ist der Imperialismus eine Funktion des Kapitalismus in einem bestimmten Entwicklungsstadium: sei es des Industriekapitalismus im Stadium der Kartellbildung, sei es des Finanzkapitalismus, eines etwas verschwommenen Begriffes, der aber ganz allgemein in der sozialistischen Literatur zur Bezeichnung der letzten Entwicklungsphase des Hochkapitalismus dient: „Der Imperialismus oder die Herrschaft des Finanzkapitals“ (L e n i n). Diese Theorie ist falsch oder doch wenigstens einseitig. Ihr Irrtum läßt sich schon auf rein empirischem Wege nachweisen: es gibt Imperialismus auch dort, wo jene Entwicklungserscheinungen des Kapitalismus keineswegs die Lage kennzeichnen: weder Rußland noch Japan hatten bis zum Kriege eine wesentliche Kartellbildung oder einen ausgesprochenen „Finanzkapitalismus“ ; in England ist die Kartellbildung niemals von großer Bedeutung gewesen, und das „Finanzkapital“ war dort nicht der Förderer der Weltreichsiäee, die vielmehr von den Interessenten der Exportindustrie vertreten wurde; umgekehrt: es gibt jene Entwicklungserscheinungen des Kapitalismus, ohne daß sie igrendwelche imperialistische Tendenzen im Gefolge haben: Hauptbeispiel die Schweiz. Der Irrtum der marxistischen Theorie des Imperialismus liegt, wie nicht des näheren dargetan werden kann und braucht, in der grundsätzlich falschen Auffassung des Marxismus vom Werdegang der Geschichte verwurzelt: es ist eben nicht angängig, eine so mächtige Erscheinung wie den Imperialismus restlos aus der Geltendmachung von Klasseninteressen zu erklären, seine „Massenhafte Gebundenheit“ zu behaupten, das heißt also letzten Endes: n u r ökonomische Motive 5 * 68 Zweiter Abschnitt: Der Staat zu seiner Deutung zuzulassen. Der Haupteinwand gegen die materialistische Geschichtsauffassung, soweit sie mehr als eine „Fiktion“ sein will, bleibt immer der: daß sie armselig, weil blind gegenüber der Fülle der Motive ist, aus denen sich die Welt der Geschichte aufbaut. Es ist eine dogmatische Voreingenommenheit, angesichts des Reichtums des Geschehens, in diesem immer nur Eine Kraft wirksam zu sehen, deren Vorherrschaft oder Alleinherrschaft zu behaupten durch kein a priori zwingendes Moment gerechtfertigt ist. Wer einmal die marxistische Brille von den Augen nimmt, der steht zunächst geblendet vor der Fülle der Welt und blickt in eine Buntheit des Kräftespiels dort, wo er vorher nur ein einheitliches, gleichfarbiges Grau gesehen hatte. An keinem Beispiel läßt sich besser die Kurzsichtigkeit oder Grausichtigkeit der marxistischen Theoretiker erweisen als an dem Beispiel des Imperialismus. Vielleicht auch läßt sich an keinem Beispiel so deutlich machen, was diese Kurzsichtigkeit veranlaßt: es ist die Verwechslung der Erscheinungsform mit dem Wesen der Sache. Hier wie in fast allen andern Fällen, wo eine Deutung der Geschichte mit Hilfe des Ökonomismus versucht wird. Zweifellos nämlich hat der Kapitalismus eine überragende Bedeutung für die Herausbildung des modernen Imperialismus gehabt; aber nicht deshalb, weil er der einzige Grund dieser Erscheinung gewesen ist, sondern weil er in weitestem Umfange die Form ihrer Auswirkung bestimmt hat. Treten wir ohne Voreingenommenheit an die Deutung des Imperialismus (in dem oben gekennzeichneten Sinn, also als Expansionstendenz der modernen Großstaaten) heran, so strömen uns die Motive in Fülle zu, aus denen wir diese Bewegung ableiten können. Ich zähle die wichtigsten auf. Es sind folgende: a) politische, also reine Machtinteressen, sei es in der Offensive: abstrakte Ausweitungstendenz des Staates, sei es in der Defensive: Sicherungsbedürfnis nach außen (Frankreich!); Sicherungsbedürfnis nach innen (Rußland!); b) militärische: die Militärmaschine treibt automatisch weiter; so die Schumpetersche Auffassung; c) nationale: der Drang, den Angehörigen einer bestimmten Nation oder Rasse mehr Geltung auf der Erde zu verschaffen: immanente Tendenz des Slawentums (Panslawismus!), des Angelsachsentums, des Italienertums, nur nicht des Germanentums (es gibt alle Pan-ismen, nur keinen Pangermanismus); Sechstes Kapitel: Die äußere Wirtschaftspolitik 69 d) religiöse: Rußlands Trachten nach Konstantinopel; früher: der Expansionsdrang muhammedanischer Staaten; e) populationistische: in weitestem Umfange. Die Bevölkerungsinteressen bewirken imperialistische Tendenzen in sehr verschiedener Weise: a) als Streben nach Siedlungsland, um der überschüssigen Bauernbevölkerung Lebensmöglichkeiten zu schaffen: Japan! Rußland! Italien! ß) als Streben nach Kolonialerwerb, Interessensphären usw., um den überschüssigen, namentlich den intellektuellen, Mittelstand unterzubringen : Deutschland! y) als Streben, die eigene Staatsbevölkerung zu — vermehren. Das ist der paradoxe Fall Frankreichs: Imperialismus aus Untervölkerung: Ergänzung der weißen Franzosenschaft durch 60 Millionen Neger! f) endlich — und gewiß nicht zum wenigsten —: kapitalistische. Indem wir die kapitalistischen Motive des modernen Imperialismus uns vergegenwärtigen, bestimmen wir gleichzeitig 3. die Bedeutung des Imperialismus für die Entwicklung des Hochkapitalismus, der wir unser besonderes Augenmerk widmen müssen. Denn das ist ja die Fragestellung, die uns in diesem Zusammenhänge in erster Reihe angeht: nicht, welche Bedeutung hat die Wirtschaft für die Entstehung und Entfaltung des Imperialismus, sondern umgekehrt: was bedeutet dieser für jene. Das läßt sich zusammenfassend etwa in folgenden Sätzen sagen. Der Imperialismus, dessen ökonomischer Ausdruck der Neumerkantilismus ist, hat — dies gilt zunächst im allgemeinen — dem Kapitalismus die Hilfsmittel einer starken Staatsgewalt zur Verfügung gestellt: wie dieser aus einem starken Staatensystem hervorgegangen ist, so reift er in einem starken Staatensystem aus. Die liberalen Ideen von der freischwebenden Konkurrenz von Einzelwirtschaften haben sich für den Kapitalismus (in seiner Auswirkung auf dem Weltmärkte) als ungeeignet erwiesen. Im Innern hat er sich aus eigner Kraft die nötigen Machtmittel geschaffen, indem er größtenteils die Funktionen des Staates auf sich übernommen hat. Im Verkehr mit dem Auslande konnte er diese selbständigen, staatlichen Machtmittel nicht entbehren, und erst durch sie ist er zu der formidabeln Größe erwachsen, die er heute erreicht hat. 70 Zweiter Abschnitt: Der Staat Das läßt sich im einzelnen nach den verschiedenen Seiten hin, nach denen sich der Neumerkantilismus entfaltet, unschwer nachweisen. Die Schutzzollpolitik hat überall die Halbfabrikatsindustrien, in denen sich die größte Macht des Hochkapitalismus darstellt, zur Entfaltung gebracht oder hat doch wenigstens ihre Entwicklung gefördert. Sie hat die Ausbildung des Kartellwesens, das in jener Sphäre seinen Hauptsitz hat, beschleunigt und hat durch die Exportprämien den Markt auszuweiten geholfen. Größer ist die Bedeutung der im engeren Sinne imperialistischen Tendenz zur Expansion der modernen Staaten für die Entwicklung des Kapitalismus. Man darf freilich diese Bedeutung nicht in erster Linie darin erblicken, daß durch die Schaffung von Interessensphären der Absatz der im Mutterlande erzeugten Produkte ausgedehnt worden wäre. Die Ziffern der Statistik, auf die die Gegner der Expansionspolitik oft hingewiesen haben, belehren uns dahin, daß die Ausfuhr der Staaten in die von ihnen politisch beherrschten Gebiete sich vielfach in geringerem Umfange ausgedehnt hat als die Ausfuhr der anderen Staaten dorthin, bzw. daß die Ausfuhr der einzelnen Länder in die von ihnen politisch nicht beherrschten Gebiete rascher gewachsen ist als die in ihre Kolonien. Eher kommt als eine Wirkung der politischen Herrschaft in Betracht die durch sie herbeigeführte Sicherung des Rohstoffbezuges. Aber auch die Einfuhrstatistik erweist, daß die Bezüge aus den politisch beherrschten Ländern, insonderheit den Kolonien, in dieMutter- länder nicht rascher gewachsen sind als die aus dem freien Auslande. Hier sind einige Ziffern: Die Einfuhr nach Kanada steigt von 1904—1913 aus England um 124%, aus den Kolonien um 114%, aus andern Ländern um 186%. Die Einfuhr nach Neuseeland steigt von 1899—1913 aus England um 140%, aus fremden Ländern um 232%. Die Einfuhr nach Indien steigt von 1904—1913 aus England um 70,9%, aus fremden Ländern um 181%. Die Gesamteinfuhr in die englischen Kolonien steigt von 1899—1913 aus England um 73%, aus fremden Ländern um 140%. Sechstes Kapitel: Die äußere Wirtschaftspolitik 71 Umgekehrt steigt die Einfuhr aus sämtlichen englischen Kolonien von 1899—1913 nach England um 122%, nach andern Ländern um 170%. Aber es wäre sehr kurzsichtig, aus diesen Ziffern, selbst wenn man ihnen Allgemeingültigkeit für alle kolonialen und halbkolonialen Beziehungen zuerkennen wollte, was m. E. nicht ohne weiteres zulässig ist (die Ziffern z. B. für die französischen Kolonien lauten wesentlich anders), die Bedeutungslosigkeit der politischen Expansion für die kapitalistische Entwicklung folgern zu wollen. Und zwar deshalb, weil die Hauptbedeutung dieser Bewegung gar nicht auf dem Gebiete des Warenhandels zu suchen ist. Die Hauptbedeutung des wirtschaftlichen Imperialismus liegt nämlich, wie kein Zweifel sein kann, darin, daß durch die Ausdehnung der politischen Machtsphäre den kapitalistischen Ländern die Möglichkeit geboten worden ist, die Anlagesphäre für ihre überschüssigen Kapitalien auszuweiten. Diesen Prozeß der Internationalisierung der Kapitalanlage und seine besondere Bedeutung für die Entfaltung des Hochkapitalismus werde ich aber in anderm Zusammenhänge (siehe das 29. Kapitel) noch ausführlich zu behandeln haben, so daß hier einstweilen der Hinweis genügen mag. Was aber endüch die Bedeutung der im Gefolge der imperialistischen Bewegung auftretenden Militarisierung der Staaten für die Ausbreitung des Kapitalismus anbelangt, so liegt sie, scheint mir, auf der Hand: die verstärkte Nachfrage nach Kriegsmaterial hat die „Rüstungsindustrien“ geschaffen und damit dem wichtigsten Gliede des Kapitalismus, der Schwerindustrie, in außerordentlicher Weise zu rascher, kräftiger Entfaltung verholfen. * * * Anhangsweise behandle ich in diesem Zusammenhänge noch die zwischenstaatlichen Organisationen. 1. Während die große Politik der Staaten im letzten Menschenalter meist mehr auf selbstherrliche Machtbehauptung gerichtet war, hat der zunehmende Wirtschaftsverkehr der Staaten untereinander zu einer internationalen Verständigung, einer „Interessengemeinschaft“ geführt, die ebenfalls dem Kapitalismus zugute gekommen ist. 2. Der Inhalt dieser Verständigung — das sollte immer festgehalten werden — hat ganz und gar nichts mit einer kosmopolitischen, auf Liebes- und Friedensgemeinschaft beruhenden „Verbrüderung“ der 72 Zweiter Abschnitt: Der Staat Menschen zu tun. Sie ist vielmehr durchaus eine Schöpfung des Interesses und rein rational begründet. Wie wenig sie gegen die großen, feindseligen Strömungen standzuhalten vermag, hat der Weltkrieg erwiesen. Internationalismus ist eben kein Weg zum Frieden. Im Gegenteil. Im einzelnen besteht der wirtschaftliche Internationalismus aus folgenden Bestandteilen: a) aus dem formalen Teile des sog. Völkerrechts; b) aus dem internationalen Privatrecht; c) aus den einzelnen Konventionen. Das Neue in diesen internationalen Vereinbarungen, die uns an dieser Stelle vornehmlich angehen, ist ihr Inhalt: früher hatten die internationalen Abkommen im wesentlichen einen politischen Inhalt: sie dienten dazu, die Wirkungen des internationalen Antagonismus zu regeln (Führung der Kriege, Bündnisse zur Kriegführung, Friedensschlüsse usw.). Seit etwa drei bis vier Jahrzehnten treten an die Stelle der politischen Abmachungen Verkehrsverträge, die das wirtschaftliche und soziale Leben der Völker regeln sollen. Früher wurden die Verträge meist zwischen nur zwei Kontrahenten abgeschlossen, jetzt sind es universelle Verträge. Früher waren sie ungeregelt, heute in der Regel mit einer ständigen Verwaltung (internationale Bureaus!) verknüpft. 3. Es gab solche internationale Organisationen, die größtenteils Opfer des Weltkrieges geworden sind, nach ihrem Gründungsjahre: Gegründet bis 1857 . 7 1850-1870 . 17 1870-1880 . 20 1880-1890 . 31 1890-1900 . 61 1900-1910 . 108 Für die kapitalistische Entwicklung kommen bis zum Ausbruch des Weltkrieges vornehmlich folgende wichtigeren Konventionen in Betracht: 1856 Internationale Donaukommission; 1865 Internationale Union der Telegraphenverwaltungen nebst späteren Abmachungen über drahtlose Telegraphie, Unterseekabel u. dgl.; — Lateinische Münzunion; Sechstes Kapitel: Die äußere Wirtschaftspolitik 73 1874 Weltpostverein; 1875 Internationale Meterkommission (Organ: das Internationale Maß- und Gewichtsbureau in Sevres); 1879 Internationale Regelung der Seerouten; 1883 Internationale Union für den Schutz des industriellen Eigentums (Organ: Int. Bureau für das industrielle Eigentum in Bern); 1884/85 Kongokonferenz; 1888 Verständigung über Neutralisierung des Suezkanals; 1890 Übereinkommen über den jinternationalen jEisenbahn- frachtverkehr; — Internationale Union für die V eröffentlichung der Zolltarife. Einer besonderen Begründung der Bedeutung dieser Abmachungen für die Entwicklung des Kapitalismus bedarf es offensichtlich nicht. 74 Dritter Abschnitt Die Technik Quellen und Literatur 1. Naturwissenschaft und Technik in ihrem geschichtlichen Zusammenhänge: E. Dühring, Kritische Geschichte der allgemeinen Prinzipien der Mechanik. 3. Aufl. 1887. Ernst Mach, Eie Mechanik in ihrer Entwicklung. 8. Aufl. 1921. Sigm. Müller, Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften. 1901. Chronistische Darstellung. Max Planck, Die Einheit des physikalischen Weltbildes. Physikal. Zeitschrift X. 1909. W. Windelband, Lehrbuch der Geschichte der Philosophie. 7. Aufl. 1916. IV. Teil. Leopold Ziegler, Gestaltwandel der Götter. 2 Bde. 1922. 5. Betrachtung. Beste Erfassung des Wesens der modernen Naturwissenschaften. Max Scheler, Die Wissensformen und die Gesellschaft. 1926. Hierher würden auch die theoretischen Werke über Technologie gehören, die hier zu erwähnen unnütz ist. Ich begnüge mich, auf zwei Schriften hinzuweisen, die sich für den technologischen Laien als Einführung in das Wissensgebiet eignen, und zwar je der chemischen und der mechanischen Technologie: Arthur Binz, Chemische Technologie, 1925 und G. v. Hanffstengel, Technisches Denken und Schaffen. 3. Aufl. 1922. 2. Erfindung und Erfinder: Emile Capitaine, Das Wesen des Erfinders. 1895. Sehr allgemein. R. Escher, Erfinden und Erfinder in der Zeitschrift für Sozialwissenschaft II (1899). Die Geschäftstätigkeit des K. Patentamts. Ergänzungsband zum Blatt für Patent-, Muster- und Zeichenwesen. 1902. Sehr interessante Übersichten über die Entwicklung des Patentwesens auf den verschiedenen Gebieten. Josef Kulischer, Zur Entwicklungsgeschichte des Kapitalzinses in den Jahrb. f. NÖ. Dritte Folge. Bd. 25 (1903). Aus den Anfängen der modernen Industrie. Max Eyth, Zur Philosophie des Erfinders in dem Buch: Lebendige Kräfte. 1905. Aphoristisch. Arved Jürgensohn, Patentgesetzgebung und Erfinderschicksale. 1906. Reiches, aber ungeordnetes Material. A. du Bois- Reymond, Erfindung und Erfinder. 1907. Grundlegendes Werk. P. K. von Engelmeyer, Der Dreitakt als Lehre von der Technik und der Erfindung (sc. Wollen, Wissen, Können) in der Zeitschrift: Gewerblicher Rechtsschutz und Urheberrecht. Nov. 1909. Wegen der Einführung durch E. Mach beachtenswert. Th. Veblen, The instinct of workmanship. 1914. F. W. Taussig, Inventors and money-makers. 1915. Beide Werke stehen unter dem Einfluß der Modetheorie Mc Dougalls, möchten gern einen Erfindertrieb als Urtrieb aufdecken und bieten daher für die neue Zeit keine erhebliche Ausbeute. R. Müller-Liebman, Das Wesen der Er- Quellen und Literatur 75 findung. 1924. Sehr tiefgründige Begriffsanalyse mit Hilfe der Schopen- hauerschen Philosophie. G. Lippert, Wissenschaftliche Arbeit und Forschung in der Zeitschrift des VDI. 1924. 3. Biographien und Selbstbiographien von Technikern sind besonders lehrreich, um die Entstehung von Erfindungen sowie die Art und Weise ihrer Verwirklichung kennen zu lernen. Max Eyth, Hinter Pflug und Schraubstock. Zuerst 1880; Derselbe, Lebendige Kräfte. 1908. Ludwig Brinkmann, Der Ingenieur (1908); Derselbe, Die Erweckung der Maria Carmen (sc. Grube). 1911. W. Siemens, Lebensermnerungen. 12. Aufl. 1922. R. Ehrenberg, Die Unternehmungen der Gebr. Siemens. 2 Bde. 1905 ff. Oberingenieur Herrn. Meyer, Fünfzig Jahre bei Siemens. 1920. A. Riedler, Ernst Rathenau. 1916. F. Pinner, Emil Rathenau und das elektrische Zeitalter. 1918. R. Diesel, Die Entstehung des Dieselmotors. 1912. Ch. T. Porter, Lebenserinnerungen eines Ingenieurs. 1912. J. Popper-Lynkeus, Selbstbiographie. 1920. Eine Sammlung der Lebensgeschichten der älteren englischen Erfinder enthalten die schon genannten Werke von Samuel Smiles; siehe Seite 43 und vergleiche dazu James Muirhead, The origin progress of the mechanical invention of James Watt. 3 Vol. 1854. G. and Biedenkamp, James Watt und die Erfindung der Dampfmaschine. 191]. 4. Darstellungen des Standes der modernen Technik und ihrer geschichtlichen Entwicklung (rein technologisch). Ein großer Teil der zum 30. Kapitel des ersten Bandes angeführten Literatur reicht in die hochkapitalistische Periode hinein und wird hier nicht wieder genannt. Zu den dort genannten Chroniken der Erfindungen gesellt sich jetzt noch die sehr fleißige, nicht immer geordnete und nur selten quellenmäßig belegte Zusammenstellung von Etienne Pacoret, Le machinisme universel ancien, moderne et contemporain (1925), die bis 1923 reicht und die neueste Zeit seit 1900 besonders berücksichtigt. Vgl. noch G. Neudeck, Geschichte der Technik. 1923. In neuerer Zeit haben sich die Werke gehäuft, in denen über die Wunder der modernen Technik, meist mit wertvollem Bilderschmuck, allgemeiner Bericht erstattet wird. Ich hebe hervor: M. Geitel, Der Siegeslauf der Technik. 3 Bde. 1909. Die Technik im 20. Jahrhundert. Herausgegeben von A. Miethe. 4 Bde. 1911/12. Beiträge zur Geschichte der Technik und Industrie. Jahrbuch des VDI. Herausgegeben von C. Matschoss. Taten der Technik. Ein Buch unserer Zeit. Herausgegeben von Hanns Günther (W. de Haas). 2 Bde. 1923/24. Alle die genannten Werke haben verschiedene Mitarbeiter. Die Literatur über einzelne Zweige der ökonomischen Technik ist unübersehbar. Ich nenne nur ganz wenige Richtwerke. C. Matschoss, Geschichte der Dampfmaschine. 1901; Derselbe, Die Entwicklung der Dampfmaschine. 1. Band. 1908. — L. Beck, Die Geschichte des Eisens. In Betracht kommen Band III und folgende.—A. Ladenburg, Vorträge über die Entwicklung der Chemie. 2. Aufl. 1887. A. Binz, Ursprung und Entwicklung der chemischen Industrie. 1910. Derselbe, Geist und Materie in der chemischen Industrie. 1922. Kleine, aber durch ihren weiten Blick 76 Dritter Abschnitt: Die Technik besonders anregende Schriften. Sie ragen auch in den unter 5 bezeich- neten Systemkreis hinein. — M. Buhle, Massentransport. Ein Hand- und Lehrbuch für Förder- und Lagermittel für Sammelgut. 1908. Otto Kämmerer, Die Technik der Lastenförderung einst und jetzt. 1909. 5. Soziologisch-, insbesondere ökonomisch-technologische Literatur, das heißt Schriften, die sich bemühen, die soziologische, namentlich aber ökonomische Bedeutung der modernen Technik zur Darstellung zu bringen, also Werke über „angewandte Technik“. In der älteren Literatur ragen die Werke der Engländer hervor, von denen einige für alle spätere Zeit grundlegend sind. Sie beschäftigen sich fast ausschließlich mit der Textiltechnik. Ich nenne von diesen klassischen Schriften: Ch. Babbage, On the economy of machinery andmanufactures. 1832. 4. ed. 1846. Andrew Ure, The Philosophy of manufactures. 1835. 3. ed. 1861. E. Baines, History of cotton manufacture in England. 1835. Frei bearbeitet von Ch. Bernoulli. 1836. In der neueren Literatur scheinen mir die deutschen Schriften am meisten Beachtung zu verdienen. Aus dem letzten Menschenalter kommen etwa folgende in Betracht: E. v. Halle, Grundriß zu Vorlesungen über die volkswirtschaftliche Bedeutung der Maschinen. 1898. Max Kraft, System der technischen Arbeit. 1902. Allzu weit ausgreifende Betrachtungen, daher vielfach dilettantisch; Derselbe, Güterherstellung und Ingenieur in der Volkswirtschaft. 1910. G. Zoepfl, Nationalökonomie der technischen Betriebskraft. 1. Buch. Grundlegung 1903. Joh. Olshausen, Geschwindigkeiten in der organischen und anorganischen Welt. 1903. Auf 488 Seiten wird die Geschwindigkeit von allem, was sich in der Welt bewegt, angegeben. Gustav Müller, Handwerkszeug und Handwerksmaschine. 1906. Interessante Berechnungen der Leistungen beider Arbeitsmittel. Besonders fruchtbar auf dem Gebiete der ökonomisch-technologischen Literatur sind die Jahre 1909—1912. In sie fallen die in ihrer Mehrzahl vorzüglichen 10 Bände der von L. Sinzheimer herausgegebenen „Technisch-volkswirtschaftlichen Monographien“, in denen folgende Industrien behandelt werden: Schwefelsäurefabrikation, Glasindustrie, Seeschifffahrt, Zuckerindustrie, Papierfabrikation, Zelluloseindustrie, Uhrenindustrie, Schuhfabrikation, Wollindustrie, Ziegelindustrie. Ferner: die Schriften des Verbandes D. Diplomingenieure. Und von Einzelveröffentlichungen: Otto Kämmerer, Uber den Einfluß des technischen Fortschritts auf die Produktivität in den Sehr. d. VfSPBd. 132 (1909). E. Reier, Kraft. 1910. Graphische Darstellungen. Ludw. Brake, Werkzeugmaschinen und Arbeitszerlegung. 1911. K. B. Schmidt, Ökonomik der Wärmeenergien. 1911. H. Schott, Die irdischen Energieschätze und ihre Verwendung. 1912. Die Schrift von Otto Wiener, Physik und Kulturentwicklung (2. Aufl. 1921) ist eine volkstümliche, aber sehr lehrreiche Übersicht. In letzter Zeit haben auch die übrigen Nationen sich wieder eifriger mit dem ökonomisch-technologischen Problem beschäftigt. Siehe z. B. für England die lange Reihe der Publications of the Manchester University Press. Quellen und Literatur 77 6. Ein. Literaturzweig, der, soviel ich sehe, nur in Deutschland zur Entfaltung gekommen ist, ist derjenige, der sich — wie man es ausdrücken könnte — mit der Prinzipienlehre der Technik, insbesondere der modernen Technik, befaßt. Hier ist als erstes — in seinen Ergebnissen fehlgehendes — Werk zu nennen: E. Kapp, Grundlinien einer Philosophie der Technik. 1877. In fruchtbarem, wenn auch aphoristischem Schaffen ist das Problem dann behandelt worden von Emanuel Herrmann, in zahlreichen Büchern, von denen namentlich in Betracht kommen: Kultur und Natur. 2. Aufl. 1887; Sein und Werden in Raum und Zeit, 2. Aufl. 1889; Miniaturbilder aus dem Gebiete der Wirtschaft. 1891. Dann habe ich selber des Problems mich angenommen, zuerst in meinem Aufsatze: Die gewerbliche Arbeit im Archiv Bd. XIV (1899) und weiter in der ersten Auflage dieses Werkes (1902), in der Deutschen Volkswirtschaft (1903) und abschließend in dem hier folgenden Abschnitt. Eine vielfach auf Mißverstehen beruhende Auseinandersetzung mit mir versucht Eranz Matare, Die Arbeitsmittel, Maschine, Apparat, Werkzeug. 1913. Zu einem mächtigen Systeme ist jetzt die Disziplin ausgebaut von F. v. Gottl-Ottlilienfeld in seinem Beitrag zum GdS II. 2, 2. Aufl. 1923. Vgl. auch A. Voigt, Technische Ökonomik in „Wirtschaft und Recht der Gegenwart“; herausgegeben von L. v. Wiese. 1912. Über die Kidturbedeutung der modernen Technik handelnde Schriften gehören nicht in diesen Zusammenhang. Theoretische Schriften über die Wirkung der Maschine siehe unten in der Literaturübersicht zum 3. Unterabschnitte des 2. Abschnittes des 2. Hauptabschnittes. Siebentes Kapitel Der neue Geist I. Technik und Naturwissenschaft Die moderne Technik ist das echte Kind des revolutionären, faustischen, europäischen Geistes, aus dem, wie ich das in dem 1916 erschienenen ersten Bande nachgewiesen habe, unsere Kulturphase hervorgegangen ist. Und sie ist eine Zwillingsschwester der modernen Naturwissenschaft. Ja — beide sind im Grunde dasselbe Wesen: die moderne Ansicht von der Natur: das eine Mal unter theoretischem, das andre Mal unter praktischem Gesichtswinkel gesehen. • Das besondere Kennzeichen dieser europäischen Geisteshaltung ist dieses: daß Theorie und Praxis ungetrennt sind, ineinander- fließen, sich gegenseitig bedingen. Die moderne Naturwissenschaft ist die Schöpfung des praktischen Erobererwillens. Als die Menschen, von denen Francis Bacon in seiner „Nova Atlantis“ träumt, eine Akademie — Salomons House — errichten, wird als deren Zweck bezeichnet: „die geheimen Bewegungen der Dinge zu erforschen, um dadurch die Grenzen der menschlichen Herrschaft zu erweitern ...“ Und so ist die Denkart aller maßgebenden Männer bis heute geblieben. Nur die allgemeine Überzeugung sprach Werner von Siemens aus, als er in seiner Eröffnungsrede in der Akademie sagte: „Nicht allein im eigenen Interesse der Wissenschaft hegt es, in engere Verbindung mit der Anwendung ihrer Eorschungsresultate im praktischen Leben zu treten, weil dasselbe ihr nachträglich zuriickbringt, was es empfängt: es ist für sie ein Gebot der Pflicht. Denn dadurch erhält die Wissenschaft erst ihre höhere Weihe (!), das gibt ihr erst ein Anrecht auf die dankbare Liebe und Verehrung der Völker (!), daß sie nicht ihrer selbst wegen besteht, zur Befriedigung des Wissensdranges der beschränkten Zahl ihrer Bekenner, sondern daß ihre Aufgabe die ist, den Schatz des Wissens und Könnens des ganzen Menschengeschlechtes zu erhöhen und dasselbe einer höheren Kulturstufe zuzuführen ...“ Durch diese Ausrichtung auf praktische Zwecke bekommt die moderne Naturwissenschaft, kann man noch viel grundsätzlicher sagen, überaus erst Siebentes Kapitel: Der neue Geist 79 einen tieferen Sinn. Denn da sie bewußt auf wirkliche Erkenntnis verzichtet, so wäre ihr Verfahren, die Welt in ein Beziehungssystem aufzulösen, ein müßiges Spiel, wenn es eben nicht sehr handfeste praktische Erfolge erzielte. Umgekehrt kann und will die moderne Technik keinen Schritt ohne das Rüstzeug naturwissenschaftlicher Erkenntnis tim. Wie eng die beiden Geistesgebilde Naturwissenschaft und Technik Zusammenhängen, erweist mit besonderer Deutlichkeit das Verhältnis ihrer Betätigungsformen zueinander: die Naturwissenschaft baut sich auf „Entdeckungen“ auf, das heißt neuen Einsichten in die Zusammenhänge der Natur, richtiger: neuen Formeln für diese Zusammenhänge; die Technik auf „Erfindungen“, das heißt neuer Verwendung (Zusammenfügung, Kombination) natürlicher Dinge zu praktischen Zwecken. Nun ist nachweislich nie eine wesentliche Entdeckung gemacht ohne daraus fließende Erfindung; nie eine Erfindung ohne vorauf gegangene Entdeckung; oft ist die Entdeckung geradezu das Ergebnis der voraufgegangenen Erfindung, wie bei mehreren Galilei sehen Gesetzen; oft aber ist die Entdeckung selbst schon eine Erfindung, wie häufig in der Chemie: Entdeckung der Synthese eines nützlichen Stoffes! Angesichts dieser wesenhaften Verknüpfung von Naturwissenschaft und Technik ist es eine müßige, ja falsche Frage (die ich selbst einst gestellt habe): welche von beiden genetisch die frühere sei, welche die andere erzeugt habe. Sie sind eben eins, und dadurch ist ihr Entwicklungsgang derselbe. Wir können deshalb die Etappen der modernen Technik in großen Zügen aus den Etappen der Ausbildung naturwissenschaftlicher Erkenntnis bestimmen. Etwa so: In der Mechanik: Grundlegung der neuzeitlichen Mechanik durch Galilei-Newton; Begründung der analytischen Mechanik durch Euler- Maclaurin-Lagrange; Begründung der Kräftelehre durch Poinsot (Rotationstheorie!) Robert Mayer u. a.; in der Chemie: Begründung der modernen Chemie durch Lavoisier- Priestly; Eindringen der Chemie in die organische Welt: Wöhler, Justus v. Liebig; Begründung der Stereochemie durch Kekule-van t’ Hoff; in der Elektrizität: Begründung der Elektrizitätslehre durch Fara- day-Ampere; Begründung der Leitungslehre durch Gauß-Weber; Begründung der Lehre von den elektrischen Wellen durch Maxwell-Hertz. 80 Dritter Abschnitt: Die Technik II. Das wissenschaftliche Verfahren Man kann das wissenschaftliche Verfahren einstweilen definieren als das auf wissenschaftlicher Erkenntnis aufgebaute Verfahren: dieses ist (formal) das Kennzeichen der modernen Technik. Wissenschaftlich ist es im Gegensatz zu dem empirischen Verfahren, das auf Erfahrung ruht. Seine Wesenheit liegt also in seiner objektiven Begründung. Das wissensehaftliche Verfahren ist zu unterscheiden vom rationalen (oder wie es meist in ungenauer Wortgebung heißt: rationellen) Verfahren, das lediglich durch die subjektive Einstellung (auf höchste Zweckmäßigkeit) bestimmt und dessen Gegensatz das traditionale Verfahren ist, das auf dem Herkommen beruht. Wir bekommen also zwei Gegensatzpaare, die auf verschiedenen Ebenen liegen: wissenschaftlich-empirisch und rational-traditional. Das rationale Verfahren ist ebenso charakteristisch für den Frühkapitalismus, wie das wissenschaftliche Verfahren für den Hochkapitalismus. Zu vergleichen ist die Darstellung der Technik im Zeitalter des Frühkapitalismus im ersten Bande dieses Werkes. Die Wesensbestimmungdeswissenschaftlichen V erfahrens werden wir am besten vornehmen, wenn wir es in seiner Gleichrichtung mit den Grundzügen des naturwissenschaftlichen Denkens zu erfassen suchen. Der Grundgedanke der anorganisch-exakten Wissenschaft ist doch wohl der: das Weltall nicht mehr als das zweckmäßige Werk eines Handwerkergottes (der sechs Tage, wie der irdische Handwerker arbeitet, wie dieser am siebenten Tage ruht und feststellt, das es „gut“ war, was er gemacht hat) zu erfassen — unter dem Gesichtspunkte also der Finalität und des Ausflusses höchstpersönlichen Schaffens, sondern: als ein System von Beziehungen, dessen einzelne Teile wie das Ganze seelenlos sind, und das zusammengehalten wird durch innewohnende „Naturgesetzmäßigkeit' ‘. „Fühllos selbst für ihres Künstlers Ehre Gleich dem toten Schlag der Pendeluhr, Folgt sie knechtisch dem Gesetz der Schwere Die entgötterte Natur.“ Ganz ebenso faßt die moderne Technik den Produktionsprozeß als eine Welt im kleinen auf, die ebenfalls losgelöst von der persönlichen Schöpferkraft und der Mitwirkung des Menschen sich nach Naturgesetzen abwickelt. An die Stelle der durch die lebendige Persönlich- Siebentes Kapitel: Der neue Geist 81 keit des arbeitenden Menschen gegebene Gliederung des Produktionsprozesses tritt die nur im Hinblick auf den gewollten Erfolg zweckmäßig eingerichtete und dann selbständig funktionierende Gliedbildung. Als die Aufgabe erscheint: „to substitute mechanical Science for hand skill“ (U r e). Der Entgöttlichung im Naturdenken entspricht die Entmenschlichung im technischen Denken. Die ideale Vollendung des entmenschlichten, selbsttätigen technischen Prozesses erscheint in der chemischen Industrie; aber auch die mechanische Industrie nähert sich diesem Ideal, indem sie die ehedem durch persönliches Wirken zur Einheit gebrachte Arbeitsvornahme in Teilprozesse auflöst und einen naturgesetzlich konstruierten Mechanismus zur Ausführung dieser Teilprozesse schafft, wie das im folgenden Kapitel gezeigt werden wird. Denkt die Naturwissenschaft die Welt als Maschinismus oder Chemismus, so schafft die Technik künstlich eine Welt, die nach den von der Naturwissenschaft für das Weltganze aufgestellten Formeln abläuft. Die praktischenFolgendieserneuenGrundauf- f a s s u n g für das Verhalten des Menschen zum technischen Prozesse sind nun außerordentlich einschneidende. 1. ist von nun ab alles technische Wissen obj ektiviert, das heißt losgelöst von einem persönlichen Besitze, niedergelegt in verselbständigten Geistgebilden, dargestellt in Lehrsystemen. Also daß keine Übertragung des Wissensstoffes mehr von Meister zu Meister stattfindet, es keine eigentliche persönliche „Lehre“ (wie in aller früheren Zeit: Handwerk!) mehr giebt, daß vielmehr der Wissensstoff durch Gelehrte, den Sammlern und Verwaltern des objektiven Wissens, an Studierende übertragen wird oder diese sich ihn aus Lehrbüchern unmittelbar aneignen: an die Stelle der „Lehre“ tritt das „Studium“. 2. Da der Produktionsvorgang als „gesetzmäßig“ sich abwickelnder Prozeß angesehen wird, so erfolgt alles Handeln nach Gesetzen, die man kennt, nicht nach Regeln, die man beachtet. Das Leitmotiv der modernen Technik ist: „ich weiß“, nämlich nach welchen Gesetzen ein Prozeß verläuft und passe mein Verhalten diesem Wissen an. Dagegen früher: als zuerst das Eisen im Hochofen gewonnen, das heißt in flüssigen Zustand gebracht wurde durch stärkere Luftzufuhr, ergab sich ein zur Verarbeitung (Schmieden) unbrauchbares Eisen. Es floß auf dem Amboß auseinander und schien gar keinen Wert zu haben. Man hielt Sombart, Hochkapitalismus. 6 82 Dritter Abschnitt: Die Technik es im Anfang des Hochofenprozesses für ein mißglücktes Erzeugnis, das durch Nachlässigkeit der Arbeiter verdorben sei und bestrafte die Arbeiter. Man wußte eben noch nicht, daß durch den Hochofenprozeß eine größere Menge Kohlenstoff (bis 5%) im Eisen gebunden wird, und daß infolgedessen das Eisen brüchig ist. Bei der früheren Art der Herstellung hatte der Kohlenstoff 1,6% betragen, und das war das richtige gewesen: man hatte es getroffen, ohne es zu wissen. Vgl. A. Binz, Kohle und Eisen 2 , 35/36. 3. Alle Leitung, Ausführung, Kontrolle werden — nach Möglichkeit — der unmittelbaren menschlichen Einflußnahme entzogen und ebenfalls versachlicht, das heißt einem System automatisch wirkender Mechanismen übertragen. Automatisch erfolgt die Feststellung des Wärmegrades oder der chemischen Zusammensetzung eines Körpers (Eisen!); automatisch die Messung, Wägung, Zählung; automatisch der Maschinenprozeß (Wattsche Dampfmaschine!). Analog wiederum den exakten Naturwissenschaften: „in der physikalischen Akustik, Optik und Wärmelehre sind die spezifischen Sinnes- empfindungen geradezu ausgeschaltet. Die physikalischen Definitionen des Tons, der Farbe, der Temperatur werden heute keineswegs mehr der unmittelbaren Wahrnehmung durch die entsprechenden Sinne entnommen, sondern Ton und Farbe werden durch Schwingungszahlen usw. definiert“. Max Planck, Die Einheit des physikalischen Weltbildes. Physikalische Zeitschrift. X. 1909. III. Die Bewegungsgesetze des technischen Wissens (Erfindung und Erfinder) 1. Allgemeines Jede Zeit, jedes Volk haben ihren bestimmten Besitzstand an technischem Wissen und Können. Er bezeichnet die Höhenlage ihrer materiellen Kultur und wird mehr oder weniger rasch vermehrt. Die Vermehrung erfolgt durch „Erfindungen“ (siehe oben Seite 74). Das Wort „Erfindung“ hat einen Doppelsinn, wie wir nun bei genauerem Hinsehen feststellen müssen. Es bezeichnet nämlich einerseits einen Zustand: es beruht auf einer Erfindung, ist eine Erfindung, daß man etwas so und so machen kann; andererseits einen Vorgang: jemand macht eine Erfindung. Derjenige Forscher (A. Dubois Reymond), der auf diesem Doppelsinn sein System aufbaut, hat zur Unterscheidung dieser beiden Bedeutungen, die in dem Einen Wort „Erfindung“ enthalten sind, die Verwendung zweier (leider fremdsprachiger!) Worte vorgeschlagen: Inventat und Invention. Auch ich werde mich dieser Ausdrücke bedienen. Siebentes Kapitel: Der neue Geist 83 Durch die Doppelsinnigkeit des Wortes Erfindung werden wir auf die Tatsache hingewiesen, daß auch das Problem des Zustandekommens von Erfindungen ein doppeltes ist, daß eine Erfindung aus dem Zusammenwirken eines persönlichen und eines sachlichen Faktors hervorgeht, daß ihre Entstehung von subjektiven und objektiven Bedingungen abhängt. Wenn wir uns nun die Frage stellen: wie kommen Erfindungen zustande, das heißt also: welche Bewegungsgesetze beherrschen die materielle Kultur der Menschen, so müssen wir uns bewußt werden, daß man diese Frage in sehr verschiedener Weise beantworten kann (und beantwortet hat). Man kann nämlich feststellen: entweder die Bedingungen und Vorgänge, die bei allen Erfindungen, zu a 11 e n Zeiten, bei allen Völkern erfüllt sein müssen bzw. sich beobachten lassen oder diejenigen, die bestimmten Völkern (Rassen, Nationen) oder diejenigen, die bestimmten Zeitaltern (Kulturphasen) eigentümlich sind. Am häufigsten ist die Frage nach dem Zustandekommen von Erfindungen im ersten Sinne gestellt worden. Wir besitzen eine stattliche Literatur, namentlich amerikanischer Herkunft, in der die allgemeinen Begleiterscheinungen und Voraussetzungen des Erfindens dargelegt werden, ein „Erfindungstrieb“ =instinct of contrivance als der Erreger nachgewiesen wird und die Ergebnisse der Untersuchungen an Beispielen aus allen Zeiten und Orten von dem Pithekanthropos bis Edison nachgeprüft werden. Ein ziemlich unfruchtbares Beginnen. Denn man kommt, wenn man Irrtümer vermeiden will, über nichtssagende Allgemeinheiten nicht heraus. Der Grundfehler dieses Verfahrens besteht darin: eine allerzeits und allerorts gleiche Einstellung zum Erfindungsproblem anzunehmen. Das Gegenteil ist richtig. Man vermeidet diese tötende Allgemeinheit, wenn man sein Augenmerk richtet auf das verschiedene Verhältnis, in dem die verschiedenen Völker zum Erfindungswesen stehen. Ein sehr interessantes, aber, wie es scheint, fast unlösbares Problem. Haben doch dieselben Völker zu verschiedenen Zeiten in ganz verschiedener Weise sich als Erfinder betätigt, haben sie doch in verschiedenen Epochen der Geschichte eine sehr verschiedene Begabung für und Hinneigung zu Erfindungen gezeigt. So wird z. B. von patriotisch gesinnten Engländern ihrem Volke eine ganz besonders starke Erfinderfähigkeit zugesprochen. Der genialen Veranlagung der Engländer auf technischem Gebiete soll vor allem der große industrielle Aufschwung um die Wende des 18. Jahrhunderts zuzuschreiben 6 * 84 Dritter Abschnitt: Die Technik sein. Das ist z. B. der Gedankengang in Hobsons Buche über den modernen Kapitalismus. Aber das stimmt nun leider nicht mit den Tatsachen überein. Wir erfahren aus dem Munde sehr urteilsfähiger Beobachter im Anfänge des 18. Jahrhunderts, daß die Erfindungsgabe der damaligen Engländer gerade sehr niedrig eingeschätzt wurde. So heißt es bei dem immer richtig sehenden B. Mandeville in seinen Pensees libres sur la religion (1729), 459: ,,les habitans de la Grande Bretagne . . sont appliques et in- dustrieux, belliqueux (!) quand ils sont bien disciplines et fermes jusqu’ ä l’opiniätrete quand quelque passion irrite leur valeur. Ce sont d’admirables artisans de toute la manibre, mais moins propres ä inventer qu’ä rencherir sur les inventions des autres“ (!). Diese Beobachtung stimmt sehr gut mit der Tatsache überein, daß in der damaligen Zeit — Deutschland als die Heimat der Erfindergenies galt. Und doch wurden alle entscheidenden Erfindungen des späteren 18. und frühen 19. Jahrhunderts nicht in Deutschland, nicht in Erankreich, sondern in England gemacht. Mindestens wird man aus den Lehren der Geschichte den Schluß ziehen müssen, daß etwa vorhandene Begabungen in einem Volke doch nur zur Betätigung gelangen, wenn ganz bestimmte äußere Bedingungen erfüllt sind. Diese Feststellung gibt aber der dritten Art zu fragen ihre Bedeutung. Diese Frage nach der Ergiebigkeit der Erfindertätigkeit zu bestimmten Zeiten ist nun gerade am seltensten — wenn überhaupt je — gestellt worden. Es ist diejenige, die hier zu beantworten ist; sie lautet also mit der geziemenden zeitlichen Einschränkung: welches sind im Zeitalter des Hochkapitalismus und — wie wir gleich zum besseren Verständnis ergänzend hinzufügen wollen — im Zeitalter des wissenschaftlichen Verfahrens die Bedingungen der Erfindertätigkeit? Was mit der Frage übereinstimmt: woraus erklärt sich die Überfülle von Erfindungen in unserer Zeit? Gemäß der Doppelseitigkeit des Problems, auf die oben hingewiesen wurde, werden wir die Frage teilen müssen in die Frage nach den objektiven und die nach den subjektiven Bedingungen des Erfindungswesens. Die beiden folgenden Unterabschnitte versuchen, die Antwort auf diese beiden Fragen zu geben. 2. Die objektiven Bedingungen stimmen im Zeitalter des Hochkapitalismus sämtlich dahin überein, daß sie die Erfindungen erleichtern wie nie zuvor. Sie sind der Vermehrung der Erfindungen ebenso homogen, wie sie früher heterogen waren. Siebentes Kapitel: Der neue Geist 85 Die günstigen Bedingungen haben wir vornehmlich in folgenden Umständen zu erblicken: 1. der wissenschaftlichen Grundlage der modernen Technik. a) Die Obj ektivierung des technischen Wissens gewährleistet die Erhaltung eines vorhandenen Besitzstandes an solchem Wissen, das heißt: es beseitigt die Gefahr, die früher immer drohte, daß ein technisches Wissen verloren ging, sie ermöglicht die leichte Übertragung und damit die Verallgemeinerung des Wissens und der noch vorhandenen Probleme. b) Die Systematisierung des technischen Wissens und seine Einordnung in den allgemeinen Naturkausalzusammenhang gestattet die systematische Weiterbildung des vorhandenen Wissens, die an die Stelle des früheren systemlosen Probierens tritt, v. G o 111 spricht in zutreffender Weise von einem „einheitlichen System der technischen Fragestellung“ und meint damit die Tatsache, daß jede Lösung eines technischen Problems als Teillösung des Gesamtproblems erscheint, jede Lösung neue Probleme stellt und gleichzeitig die Hinweise auf ihre Lösung in sich enthält. Das besagt, daß durch eine technische Erfindung sofort die Möglichkeit neuer Erfindungen erkannt wird. Man denke an die Problematik der Elektrizität und ihrer Nutzung, die sofort immer nach drei Seiten hin: in das Gebiet des Lichts, der Wärme und der Kraft ihre Strahlen wirft. Wir können also von einer der wissenschaftlich unterbauten Technik innewohnenden (immanenten) Tendenz zu grenzenloser und fast automatischer Ausweitung des technischen Wissens sprechen. c) Die Mathematisierung gibt in manchen Fällen dieser Tendenz eine zwangsläufige Richtung, indem sie die Problemstellung schematisiert. Ein lehrreiches Beispiel für diese Zwangsläufigkeit des Erfindens sind die Erfindungen auf dem Gebiete der Anilinfarbentechnik. Hier ist bekanntlich der Ausgangspunkt die berühmte Benzolstrukturformel August Kekules. Aus dieser Strukturformel ergab sich, nach dem Gesetze der „Substituierung“, eine unermeßlich große Anzahl von „Benzolderivaten“, das heißt mathematisch vorausbestimmbarer Substitutionsmöglichkeiten. Es entsprang also aus der Kekuleschen Theorie die Anregung zu tausendfältigen Experimenten, die nun systematisch von dem ungeheuren Stabe wissenschaftlich gebildeter Chemiker angestellt werden konnte, über den, wie wir noch sehen werden, unsere Zeit verfügt. Siehe die für chemische Laien vortreffliche Darstellung dieser Zusammenhänge bei A. Binz, Kohle und Eisen 2 , 94—Ul. 86 Dritter Abschnitt: Die Technik Ein Seitcnstiick zu diesem Beispiel aus der mechanischen Industrie bildet die Wirkung der von Reuleaux so glänzend entwickelten Zwangslauflehre, die „eine Flut von Erfindungen auslöste, denn mit ihrer Hilfe konnte man ja planmäßig erfinden.“ A. Biedler, EmilRathenau (1916), 107. Die objektiven Bedingungen gestalten sich in einer der Erfindertätigkeit homogenen Weise ferner dadurch, daß 2. die günstige Aufnahme der Erfindung in unserer Zeit gewährleistet ist. Dafür sorgt a) die auf Technik eingestellte Zeitstimmung. Die geistige Atmosphäre ist heutzutage gleichsam von Technik, technischen Problemen, technischen Ideen geschwängert. Die Zeit wartet auf Erfindungen. Der Technik werden „Ruhmeskränze“ geflochten: der Techniker wird gefeiert und geehrt. Nicht wie in früheren Kulturen ignoriert, mißachtet oder gar gekreuzigt und verbrannt. Man denke etwa an das Verhältnis des Griechentums oder des europäischen Mittelalters zur Technik. Man erinnere sich aber auch, daß noch im Zeitalter des Frühkapitalismus eine ausgesprochen feindselige Stimmung gegenüber dem Erfinder und allen technischen Neuerungen herrschte: siehe Band I Seite 463 f., Band II Seite 50 f. Die günstige Aufnahme, der in unserer Zeit die Erfindung gewiß ist, wird ferner b) dem auf die Ausweitung der materiellen Kultur gerichteten Streben unserer Zeit geschuldet. Die Bedürfnisse der Menschen vermehren sich in „geometrischer Progression“, so daß j ede neue Erfindung, die abermals ein materielles Bedürfnis zu befriedigen verspricht, leicht verwertet werden kann. Ja man kann sagen, daß die Erfindungen ihrerseits zu dieser Ausdehnung der Bedürfnisse wesentlich beitragen, sofern jede neue Erfindung neue Bedürfnisse schafft und damit wiederum ein Betätigungsfeld für neue Erfindungen. A. Dubois-Reymond ist diesem Gedanken in seinem schönen Buche nachgegangen und hat viel Beachtenswertes über dieses Problem des Zusammenhanges zwischen Bedürfnis und Erfindung gesagt, ohne es jedoch zu erschöpfen. Man kann folgende Fälle feststellen, in denen Bedürfnisse, durch Erfindungen geweckt werden: 1. den Fall, in dem das Bedürfnis gleichsam aus dem Nichts entsteht: Messung des Blutdrucks seit der Erfindung des Barometers; 2. den Fall, in dem die partielle Befriedigung eines Bedürfnisses durch eine Erfindung zur Verwöhnung führt und auf immer weitere Vervollkommnung drängt: Beleuchtungstechnik; 3. den Fall, in dem eine Erfindung, wie es Dubois-Reymond nennt, „Unterbedürfnisse“ schafft, wie z. B. die Erfindung des Telephons einen Bedarf an zahlreichen Gegenständen (von denen man vorher nichts gewußt hatte) erst ins Siebentes Kapitel: Der neue Geist 87 Leben rief: Mikrophon, Schalter, Stöpselkontakte, Kondensatoren, Drosselspulen, Schaltungssysteme, Telephonkabel u. a. Eine günstige Aufnahme bereitet einer jeden neuen Erfindung auch c) der Kapitalismus, in dessen Struktur es begründet liegt, daß er jede Neuerung, wie sie eine neue Erfindung ermöglicht oder er- . zwingt, willkommen heißt. Ganz im Gegensatz zu andern Wirtschaftssystemen, z.B. zumHandwerk, das seiner innerenNatur nach neuerungs- und darum erfinderfeindlich gesinnt ist, da ihm jede technische Änderung eine unerwünschte Belästigung bedeutet, ist der Kapitalismus nach Neuerungen süchtig, sei es, um mit ihrer Hilfe die Konkurrenz auszuschalten, sei es, um sich auf ihrer Grundlage überhaupt erst zu betätigen (Neugründungen!), sei es — vor allem! — um unter Verwendung neuer (rentablerer) Verfahren sein innerstes Sehnen zu stillen: Extraprofite zu machen. Die Freude des Kapitalismus über jede neue Erfindung, die gemacht wird, äußert sich in seiner Geneigtheit, Mittel zur Verfügung zu stellen, um die Erfindung auszubeuten, worüber gleich Weiteres noch zu berichten ist. Gleichsam ein äußerer Ausdruck für die Gunst, die das Erfindungswesen in unserer Zeit erfährt, ist das Verhalten der Rechtsordnung, die durch die Ausgestaltung insbesondere eines zweckmäßigen Patentrechts die Möglichkeit einer ungehinderten Ausnutzung der Erfindung und damit für den Kapitalismus die Möglichkeit, sich ihrer zu bedienen, schafft. Das führt uns schon hinüber zu der dritten Gruppe objektiver Bedingungen, die sich in unserer Zeit dem Erfindungswesen günstig gestalten, das ist 3. die positiveFörderung der Erfinderarbeit durch öffentliche Körper und Private. Hier denke ich vornehmlich an folgende Maßnahmen: a) die Errichtung technischer Lehranstalten mit besonderen Versuchsstationen. In dieser Richtung schreiten allen übrigen Nationen voran die Vereinigten Staaten von Amerika. Hier bestehen das Bureau of Standards, das eine Papierfabrik, eine Spinnerei, eine Gummifabrik, eine Glasfabrikusw. besitzt; der National Research Council, eine große, von der Regierung geschaffene Organisation zwecks Förderung und Organisierung der wissenschaftlich-technischen Forschung. Alle diese Einrichtungen verfolgen ausgesprochen praktische Tendenzen. Im Augenblick (1925) sind sie z. B. damit beschäftigt, die deutschen Patente zu entschleiern. 88 Dritter Abschnitt: Die Technik b) die Errichtung besonderer Erfinderbureaus in allen großen Unternehmungen. Auch hier weisen die Vereinigten Staaten dank ihrem großen Reichtum wieder die größten Leistungen auf. Nur beispielsweise seien folgende Eälle erwähnt: 1906 wurde vom Tabaktrust in Brooklyn eine Gesellschaft mit 300 Arbeitern gegründet: „at its shops the different machines controlled by the American Tobacco Company directly and those controlled by the International Cigar Machinery Co. are being developped“. Rep. of the Comm. of Corporations on the Tobacco Industry 1 (1909), 266/67. Die General Electric Co. in Schenectady gibt jetzt (1924) jährlich 6 Milk $ für technisch-wissenschaftliche Forschungsarbeit aus. Ihr Forschungsinstitut in Schenectady, das im wesentlichen der Radiovervollkommnung dient, verfügt über 260 ausgesuchte Mitarbeiter, unter denen sich weltbekannte Köpfe finden. Die National Electric Light Association in der Nähe von Cleveland, deren umfangreiche Ver suchslab Oratorien die University of Light (!) genannt werden, stellen eine Versuchsstation für alle das Licht betreffenden Fragen wissenschaftlichen und technischen Charakters dar, von deren Größe wir uns keinen rechten Begriff machen können. 900 Personen sind unausgesetzt in diesen Laboratorien tätig. Siehe den Bericht Professor Nägels in den Mitt. d. Verb. d. Deutschen Hochschulen Mai 1925. Aber auch in anderen Ländern begegnen wir ähnlichen Einrichtungen. Bekannt ist die Fürsorge der deutschen chemischen Fabriken für die Pflege des Erfindungswesens. Jede von ihnen beschäftigt einen Stab von 200 Chemikern, die Tag und Nacht experimentieren, um gemachte Erfindungen auszuprobieren oder zu neuen Erfindungen zu gelangen. Auch die Banken richten besondere Studiengesellschaften ein, wie das Zentralbureau für wissenschaftlich-technische Forschung u. a. c) die Subventionierung der freien Erfindertätigkeit. Eine solche kann erfolgen: a) durch den Ankauf von Patenten durch Privatunternehmungen; Die 152 Patente, die 1880—1900 für die Synthese künstlicher Indigos genommen wurden, sind sämtlich teils von der Badischen Anilin- und Sodafabrik, teils von den Farbewerken vorm. Meister Lucius und Brüning durchgearbeitet worden. Vom amerikanischen Tobacco Trust wiederum erfahren wir: „The Company has spent large amounts of money in develop- ping the machines covered by patents to a point of practical utility.“ Es werden eine große Anzahl Maschinenpatente namhaft gemacht, die solcherweise bearbeitet sind. Rep. of the Comm. of Corp. 1. c. ß) durch Unterstützung von Erfindern außerhalb der Fabrik; y) durch Preisausschreiben seitens öffentlicher Körper und Privater, in den U. S. A. auch durch Prämiierung von Angestellten und Arbeitern. Siebentes Kapitel: Der neue Geist 89 3. Die subjektiven Bedingungen Unter subjektiven Bedingungen, von denen die Entfaltung des Erfindungswesens abhängig ist, verstehe ich alle diejenigen Bedingungen, die sich in der Person des Erfinders erfüllen. Unnötig zu sagen, daß objektive und subjektive Bedingungen vielfach im Verhältnis eines unlöslichen Zusammenhangs stehen und sich häufig gar nicht rein als die eine oder die andre Axt erkennen lassen. Aber darum können wir sie doch begr iffli ch voneinander trennen, und auch in der Wirklichkeit wird man sie meist voneinander unterscheiden können. Allgemein nun läßt sich dieses sagen, daß in unserer Zeit sich alles vereinigt, um auch die subjektiven Bedingungen in einem früher nie dagewesenen Maße der Vermehrung der Erfindungen günstig zu gestalten, und zwar sowohl durch Vermehrung der Zahl der Erfinder, als durch bessere Auslese der Erfinder, als endlich durch Intensivi- sierung ihres Erfinderwillens. Um die Eigenart der heutigen Lage recht einzusehen, tun wir gut, uns die Verhältnisse der früheren, das heißt aller vorkapitalistischen Zeiten zu vergegenwärtigen. Der Stand der Dinge war ehedem folgender: Große, entscheidende Erfindungen zu machen galt als eine den Göttern und Göttersöhnen vorbehaltene Beschäftigung. Man nahm sie als Geschenk des Himmels hin und staunte das „Wunder“ an. Von den Sterblichen kümmerten sich die feineren Geister überhaupt nicht um „Technik“, die der Vervollkommnung des wirtschaftlichen Prozesses diente, überließen diese vielmehr ganz den „Banausen“. Allenfalls fand die Kriegstechnik Liebhaber. Der Alltagsarbeiter aber, das heißt eben der Banause, machte die Sache, wie er es gelernt hatte: er arbeitete traditionalistisch und wollte weder noch konnte er viel ändern. Siehe, was ich oben über die objektiven Bedingungen im Zeitalter des Handwerks gesagt habe. Dasselbe gilt für die eigenwirtschaftliche Epoche. Eine eigentliche „Erfinderzunft“ fehlte also in aller früheren Zeit. In diesen Verhältnissen trat ein Wandel erst mit dem Anbruch der neuen Zeit ein. Jetzt entsteht ein Wille zur Erfindung, der freilich zunächst ganz und gar irrationale, das heißt romantische oder (der Zeit seiner Betätigung angemessen gesprochen) barocke Formen annimmt. Es wimmelt von Gelegenkeits-, von Amateurerfindern, daneben von Vielerfindern ohne fachliche Begrenzung und Schulung: den ersten „Berufserfindem“. Ich habe diese Zustände, wie sie sich 90 Dritter Abschnitt: Die Technik im Zeitalter des Frühkapitalismus gestalten, ausführlich im 29. Kapitel des ersten Bandes dieses Werkes geschildert. Demgegenüber weisen die Erfindertypen des hochkapitalistischen Zeitalters folgendes Gepräge auf. Wir können unterscheiden: Erfindergenies, Laienerfinder und Berufserfinder. Alle drei Typen, das ist das Kennzeichen unserer Zeit, sind in Hülle und Fülle vorhanden. Sie lassen sich im einzelnen etwa so kennzeichnen: (1.) die Erfindergenies erscheinen auch heute noch gelegentlich in der Gestalt der alten Romantiker, das heißt als Nicht-Fachmänner. Erscheinungen wie Cartwright oder Henry Cort wird man noch der frühkapitalistischen Ära zurechnen können. Aber durchaus dem Zeitalter des Hochkapitalismus gehört doch an ein Erfinder wie Bessern er, der ein Bronzewarenfabrikant ohne alle chemischen Kenntnisse war. Oder ein Mann wie Ernst Solvay, von dem wir erfahren, daß er keine chemischen Bücher las und von der Chemie nur wußte, was er bei seinem Vater, einem Kochsalzraffineur, und bei seinem Onkel, dem Leiter einer Gasanstalt, gesehen hatte. Er war, wie er selbst von sich sagte, „ni ingenieur, nichimiste“; ,,avec la foi de l’inventeur“ begann er den Bau einer kleinen Fabrik. Aber die Regel ist das heute und schon seit langem doch nicht. Die Regel ist vielmehr die, daß auch der hervorragende Erfinder Fachmann, strenger Fachmann ist. Als solcher erscheint er uns zunächst in der Gestalt des Entdecker-Erfinders, das heißt des Mannes, der den wissenschaftlichen Forscher und den Erfinder in einer Person vereinigt. Diesem Typus begegnen wir am häufigsten in der chemischen Industrie, in der, wie ich schon hervorhob, vielfach Entdeckung und Erfindung ein und dasselbe ist. Ich erinnere an Männer wie Hofmann, den Entdecker-Erfinder der Anilinfarben, an Bayer, den Entdecker- Erfinder des künstlichen Indigo, an Haber, den Entdecker-Erfinder der Stickstoffgewinnung aus der Luft. Aber auch in der mechanischen, namentlich in der elektrischen Industrie, fehlt dieser Typus nicht: man denke an Männer wie Gauß-Weber, Werner Siemens, Nernst u. a. Ebenso häufig aber findet wohl eine Differenzierung zwischen Entdecker und Erfinder statt, so daß dann noch die oft nicht geringe Distanz zwischen Entdecker und Erfinder überwunden werden muß. Typisch für diesen Fall ist etwa das Verhältnis zwischen Hertz und Marconi. Siebentes Kapitel: Der neue Geist 91 Neben dem Erfindergenie begegnen wir (2.) dem Laienerfinder, der als Gelegenheitserfinder der Einen- Erfindung oder aber auch als krauser Yielerfinder in die Erscheinung tritt. Die Berichte des K. Patentamts enthalten höchst ergötzliche Beschreibungen dieses Erfindertypus, dem unsere Zeit aber wohl nur in seltenen Ausnahmen wichtige Erfindungen verdankt. Dagegen ist nun der eigentliche Träger des modernen Erfindungswesens ein Typus, den keine frühere Zeit auch nur in vereinzelten Exemplaren besaß und der heute den Hauptanteil an der raschen Vermehrung der Erfindungen hat; das ist (3.) der fachmännische Berufserfinder, also derjenige Mann, dessen Lebensaufgabe „das Erfinden“ ist. Er erscheint vereinzelt als Privaterfinder mit eigenem Bureau und Laboratorium: Typus Edison, der sich in kleinerem Maßstabe in allen Ländern findet. Aber wichtiger ist der technisch ausgebildete Angestellte großer Unternehmungen: der Berufschemiker und Berufsingenieur. Aus den ungezählten Scharen dieser Männer besteht das Gros der heutigen Erfinder. Und wir müssen, um unsre Zeit recht zu verstehen, der Tatsache ins Auge schauen, daß Tag für Tag Tausende und aber Tausende intelligenter und sachkundiger Männer sich ihr Hirn zermartern, um unsern Bestand an technischem Wissen, wenn auch nur jeder zu einem bescheidenen Teilchen, zu vermehren. Hie und da gesellt sich dem akademisch gebildeten Angestellten wohl auch der einfache Arbeiter hinzu, um die Schar der Berufserfinder zu vergrößern: ein Fall, der in den Vereinigten Staaten nicht zu den Seltenheiten zu gehören scheint. Was wir bisher feststellen konnten, ist dieses: daß das Zeitalter des Hochkapitalismus gekennzeichnet wird durch eine ungeheure Vermehrung und gleichzeitig eine bessere Auslese der Erfinder. Was noch zu zeigen ist, ist dieses: daß in dem modernen Erfinder nun auch der Erfinderwillen mächtiger denn je zur Entfaltung gekommen ist. Die folgende Darstellung soll diesen Beweis erbringen. Wenn der Personenkreis und die in ihm eingeschlossene potentielle Energie gegeben sind, so wird — das konnten wir schon bei der Analyse des modernen Unternehmertums feststellen — die Menge der durch diesen Personenkreis zur Entfaltung kommenden Energie durch die Stärke der Willensimpulse bestimmt, die selbst wiederum in der Eigenart der Motive ihren Grund hat. Wir tun deshalb gut, um die in der modernen Erfinderschaft zur Betätigung gelangende Kräftemenge richtig abzuschätzen, uns nach den Motiven umzusehen, von 92 Dritter Abschnitt: Die Technik denen sich der Erfinder unserer Zeit leiten läßt. Die Kenntnis dieser Motive gibt uns auch allerbeste Einblicke in das Verhältnis, in dem die moderne Technik zur Wirtschaft und zu den übrigen Kulturerscheinungen steht, so daß wir nirgends besser den Geist dieser modernen Technik erfühlen können als gerade hier bei den Motiven ihrer Schöpfer. Ehe wir die Quellen feststellen können, aus denen in Wahrheit der Erfinderdrang fließt, müssen wir auch hier wiederum einige sehr verbreitete Auffassungen als falsch zurückweisen. Eine sehr verschwommene Vorstellung ist es, wonach Erfindungen gemacht werden, „um Bedürfnisse zu befriedigen“. Wir müssen fragen, was das heißen soll. Denn es kann sehr Verschiedenes bedeuten. Es kann damit gesagt sein sollen, daß durch die Erfindung ein objektives „Bedürfnis“ befriedigt wird (falls man überhaupt von objektiven Bedürfnissen sprechen will und statt dessen nicht vorzieht, zu sagen: es wird eine technische Wirkung erzielt: z. B. ein Schiff mittels Dampfkraft fortbewegt, eine Stube erleuchtet, ein Rock blau gefärbt): in diesem Sinne ist die Behauptung, daß die Bedürfnisbefriedigung der Zweck des Erfindens sei, ein identischer Satz. Man kann aber mit dieser Behauptung auch meinen, daß das „Bedürfnis“, das die Erfindung befriedigt, subjektiv vom Erfinder gehabt sei, dieser also durch dieses (subjektive) Bedürfnis dazu getrieben sei, die Erfindung zu machen: daß also Zeppelin das Luftschiff erfunden habe, weil er fliegen, Hargreaves die Spinnmaschine, weil er billigere Hemden und Bessemer das Luftpreßverfahren, weil er billigere Taschenmesser haben wollte. Den dieser Behauptung zugrunde liegenden Gedanken durchdenken, heißt ihn in seiner Unsinnigkeit erweisen. Bleibt noch die Möglichkeit, den Satz „das Bedürfnis schafft die Erfindung“ dahin zu deuten, daß den Erfinder das Bestreben geleitet habe, die Bedürfnisse andrer zu befriedigen. Dann aber kann das Bedürfnis, das die Erfindung befriedigen soll, nicht selbst das Motiv des Erfinders sein, sondern dieses höchstens auslösen. Wir sind also damit erst recht vor die Frage gestellt, welches denn nun in Wirklichkeit die treibenden Kräfte bei der Entstehung der Erfindung, nämlich die Motivedes Erfinders sind, da3 heißt die in Wahrheit von ihm gehabten Bedürfnisse, die er durch den Akt des Erfindens befriedigen will. Solcher Erfindermotive, das ist die erste Feststellung, gibt es sehr Siebentes Kapitel: Der neue Geist 93 zahlreiche und unter ihnen sehr mächtige. Wir können etwa folgende Gruppen unterscheiden: (1.) die Lust amErfinden, also der rein technische Betätigungsdrang: er wird in einem „technischen“ Zeitalter wie dem unsrigen sehr verbreitet sein; (2.) die verschiedensten an den Erfolg geknüpften Interessen: Gemeinnützigkeit, Menschenliebe, Fortschrittsenthusiasmus, militärisches Interesse, Ruhmsucht, Ehrgeiz und wohl noch manche andere; nicht zuletzt (3.) der Erwerbstrieb, welcher nun wohl ohne Zweifel die mächtigste Triebkraft in der heutigen Erfinderschaft ist. Dieses Vorwiegen des Erwerbstriebes unter den Motiven, die zum Erfinden antreiben, läßt sich auf verschiedene Weise erkennen: wir können darauf aus allgemeinen Erwägungen schließen (allgemeines Erwerbsfieber! materieller Zeitgeist! ärmliche Lage der meisten „Erfinder“!); wir finden unsre Annahme durch die allgemeine Erfahrung bestätigt, und wir können eine Menge Tatsachen anführen, die den Beweis für die Richtigkeit dieser Annahme ausdrücklich erbringen. Der Erfinder kann auf verschiedene Weise für seine Erfindung in Geld entschädigt werden, so daß die Anregung und Befriedigung seines Erwerbstriebs ebenfalls von verschiedenen Seiten herkommen kann. (1.) Er kann Geld verdienen unmittelbar durch Verkauf seines Patents, durch Erlangung von Prämien, die auf Erfindungen ausgesetzt sind. Diese bieten häufig einen Anreiz. So berichtet das Patentamt: Der elektrische Betrieb brachte eine größere Anzahl von Unfällen mit sich, und eine Hochflut von Vorschlägen zur Verhütung entstand. Hinzu kam, daß Preise auf die beste Leistung ausgesetzt wurden, wodurch die Erfindertätigkeit aufs höchste angeregt wurde. Nicht weniger als 48 Anmeldungen gingen in einem Monat für Klasse 21 d ein, von denen die meisten sich auf Schutzvorrichtungen bezogen. (2.) Der Gewinn kann ihm in Gestalt von Unternehmerprofit zufließen. Diese bestimmte Aussicht auf Steigerung des Gewinns, auf Erzielung von Extraprofit ist die Triebkraft, die die kapitalistischen Unternehmungen, die, wie wir gesehen haben, sich eine große Erfinderschaft einverleibt haben, auf den Weg des Erfindens drängt. Ich verweise auf die Angaben, die ich oben über den Erwerb von Patenten durch interessierte Unternehmungen gemacht habe. Was dort als günstige objektive Bedingung für die Unterbringung von Erfindungen erschien, tritt uns hier als ein wesentliches Motiv des Erfinders entgegen. (3.) können wir an der Hand von Tatsachen verfolgen, wie einen starken Anreiz, Erfindungen zu machen, die unbestimmte Aussicht, reich zu werden, bietet. 94 Dritter Abschnitt: Die Technik Im Jahre 1838 wurde das Monopol des Schwefelverkaufs in Sizilien einer Marseiller Firma übertragen, die den Preis sofort von 100 auf 280 M. erhöhte. Dadurch entstand für die rasch erblühende Schwefelsäureindustrie das dringende Bedürfnis, einen billigen Rohstoff dem Schwefel unterzuschieben, und der Erfindungseifer stürzte sich auf das Problem. Man fand als Schwefelersatzmittel die Pyrite (schwefelhaltige Erze). Bereits 1839 lagen in England, dem hauptsächlich interessierten Lande, 15 Patente für Pyritverwendung vor. Ellino Drösser, Die technische Entwicklung der Schwefelsäurefabrikation (1908), 35. Die rasche Kurssteigerung und die größte Hausse der Aktien der Auer- gesellschaft fallen kurz vor das Ansteigen und das Maximum der Häufigkeit der Patentanmeldungen auf Azetylenentwickler. Bericht des K. Patentamts. Ygl. A. Dubois-Reymond a. a. 0. Seite 174. Deutlich schiebt sich die Erfindertätigkeit von einem weniger aussichtsreich gewordenen Gebiet auf ein gewinnversprechendes: das wird vom Patentamt festgestellt z. B. für die Verringerung der angemeldeten Patente für Petroleumlampen und die Vermehrung der Patente für Glühlichtbeleuchtung. Ich habe von den Bedürfnissen gesprochen, die durch Erfindungen befriedigt werden und dann von Motiven, die zu Erfindungen führen. Die Doppelsinnigkeit des Wortes Erfindung half uns die Unklarheiten beseitigen, die in der Auffassung dieses Sachverhaltes häufig noch herrschen. Das Ergebnis unserer Untersuchung war: das Inventat dient der Befriedigung eines Bedürfnisses dessen, der sich seiner bedient, die Invention geht auf ein Motiv zurück. In welchem Zusammenhänge stehen nun aber Bedürfnis und Motiv? Die Befriedigung welcher Bedürfnisse löst das Motiv zur Erfindung aus ? Welche Erfindungen werden gemacht? Eine Frage von größter Bedeutung, die bisher kaum gestellt wurde. Um die Frage zu beantworten, müssen wir zwei Gebiete von Erfindungen unterscheiden: Erfindungen, mittels deren neue oder verbesserte individuelle (oder kollektive) letzte Gebrauchsgüter, Konsumtionsmittel hergestellt werden und Erfindungen, die zur Vervollkommnung der Herstellung (des Verfahrens zur Herstellung) eines bekannten Gebrauchsgutes dienen, also zur Erzeugung von Produktionsmitteln, wie wir der Einfachheit halber sagen können. Die ErfindungenvonProduktionsmitteln zur Erzeugung bekannter Gebrauchsgüter interessieren nun offenbar ausschließlich den kapitalistischen Unternehmer. Ihr „Wert“ wird daher rein rational bestimmt. Ob eine Erfindung „gut“ ist, ist ein Rechenexempel der Rentabilität. Das heißt also: die Bedürfnisse des kapitalistischen Unternehmers, genauer: das Bedürfnis der Profiterzielung Siebentes Kapitel: Der neue Geist 95 entscheidet unmittelbar und allein. Ein irrationales Moment wird in diese ziffernmäßige Bewertung nur getragen durch die Unbestimmtheit des Absatzes, der seinerseits wiederum abhängt von der Zahlungsfähigkeit der letzten Konsumenten. Die Erfindungen zur Herstellung neuer Konsumtionsmittel interessieren eigentlich nur den letzten Konsumenten, so daß in einer vernünftigen Wirtschaft dieser über ihre Wertigkeit zu entscheiden hätte. Nun ist aber die wichtige Feststellung zu machen, daß in der kapitalistischen Wirtschaftsverfassung der B e - darfdesPublikums,dasheißtdesletztenKonsu- menten, unmittelbar gar keinen Einfluß auf Erfindungen ausübt, da ja keine direkte Beziehung zwischen ihm und dem Erfinder besteht. (Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel: wenn etwa weite Kreise des deutschen Volkes den Wunsch äußerten, daß das Luftschiff erfunden werden sollte und zur Durchführung dieser Erfindung dem Grafen Zeppelin eine Nationalspende zur Verfügung stellten.) Der Bedarf des Publikums hat vielmehr nur insofern Bedeutung beim Zustandekommen einer Erfindung, als ihn der kapitalistische Unternehmer für Gewinnerzielung nutzen kann. Also — das ist die wichtige Schlußfolgerung — entscheidet der Unternehmer, ob eine Erfindung „gut“ ist, das heißt: ob sie eine solche Verwendung finden kann, daß sie Gewinn ab wirft. Also werden nur solche Erfindungen gemacht (bzw. genutzt), die diese Aussicht gewähren. „Gute“ Erfindungen sind „rentable“ Erfindungen. Rentabel aber sind der Regel nach alle Erfindungen, die ein Massenbedürfnis befriedigen: ob dieses objektiv wertvoll, das heißt, wert ist, befriedigt zu werden: sei es im Interesse der Würde der Menschheit, sei es auch nur im Interesse individuellen Glücks, bleibt sich gleich. Das Publikum erduldet also diejenigen Erfindungen, die der kapitalistische Unternehmer ihm oktroiert. Es wird nach seinem Urteile, ob es eine neue Erfindung für wertvoll hält, ebenso wenig gefragt, wie das Urteil Sachverständiger (in Kulturfragen) eingeholt wird. Die meisten Erfindungen sind nie begehrt. Daher die völlige Irrationalität, die Ziel- und Sinnlosigkeit unsrer materiellen Kultur; daher aber auch die Tendenz zur Gemeinheit in der qualitativen Gestaltung dieser Kultur. 96 Dritter Abschnitt: Die Technik Aber das sind Erwägungen, die uns an dieser Stelle nichts angehen, wo wir die Grundlagen untersuchen, auf dem sich der Bau des Kapitalismus erhebt. Für diejenigen Fragen, die uns hier interessieren, ist das wichtige Ergebnis, zu dem uns unsre Untersuchungen geführt haben, vielmehr dieses: das einzige Bedürfnis, das in unsrer Wirtschaftsverfassung rational befriedigt wird, weil es Grund der Erfindung ist, dieser voraufgeht, sie bewirkt, ist das Profitstreben des kapitalistischen Unternehmers. Das versteht sich von selbst bei allen Erfindungen von Produktionsmitteln, es gilt aber auch, wie wir gesehen haben, in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle für die Erfindung von Konsumtionsmitteln. So bedeutet, das ist die Schlußfolgerung, die gesamte technische Entwicklung unsrer Zeit vor allem eine unermeßliche Förderung der kapitalistischen Interessen. Das ergibt sich schon aus dem Geist dieser Entwicklung. Wir werden nunmehr in den folgenden Kapiteln zu prüfen haben, inwiefern es auch vom Inhalt gilt. Diese Ausführungen gelten natürlich nur für den Bereich der kapitalistischen Wirtschaft, um den wir uns hier allein zu kümmern haben. Wo eine Gütererzeugung in einem andern Wirtschaftssystem — etwa im Rahmen der Gemeinwirtschaft — stattfindet, gelten andere Grundsätze. So etwa bei der Erzeugung von Heeresbedarf und Kriegsmaterial in Staatsbetrieben. Siehe über die Bedeutung der militärischen Interessen für die Entwicklung der modernen Technik Blume in der Zeitschrift des Vereins deirtscher Ingenieure vom 22. VII. 1911 und dazu F. Lenz, Macht und Wirtschaft (1915), 68. Auch die zu humanitären Zwecken (Verhütung oder Heilung von Krankheiten) gemachten Erfindungen, soweit sie nicht zu ihrer Vermittlung der kapitalistischen Maschinerie bedürfen, haben ihre besonderen Entwicklungsbedingungen. Achtes Kapitel Der neue Weg Es gilt in diesem Kapitel, die sachliche Wesenheit der modernen Technik zu bestimmen. Das kann nun offenbar nicht durch die Aufzählung von tausend Einzelerfindungen und tausend Fortschritten der Technik geschehen. Eine solche Aufzählung wäre ermüdend und würde doch nicht erkennen lassen, worin das Besondere, das Eigenartige, das „Spezifische“ dieser Technik besteht. Dazu ist vielmehr notwendig, daß wir die „Grundzüge“ der modernen Technik, ihre „Prinzipien“, also das Allgemeine im Besondem nachweisen. In dieser Richtung haben sich schon alle meine früheren Untersuchungen bewegt, deren Ergebnis jetzt wohl von der Wissenschaft übernommen ist und das sich dahin zusammenfassen läßt: die moderne Technik wird von einem Grundprinzip beherrscht: dem der Ent- waltung (Emanzipation) von den Schranken der lebendigen Natur. Diese Entwaltung läßt sich nach den drei Seiten hin verfolgen, die bei jedem technischen Prozeß in Frage kommen: in der Benutzung von Stoffen, in der Anwendung von Kräften und in der Wahl der Yer- fahrungsweisen. Die folgenden drei Unterabschnitte sollen in diesen drei Beziehungen den Nachweis führen, daß meine These richtig ist. I. Die neuen Stoffe Ich stelle der Übersichtlichkeit wegen in schematischer Form eine Liste der Ersetzungen zusammen, die ich in der Weise anordne, daß links diejenigen Stoffe aufgeführt werden, die ehedem von der Technik für ihre verschiedenen Zwecke genutzt wurden, rechts dagegen diejenigen, die heute an ihre Stelle getreten sind, die früheren Stoffe also ersetzt haben. 1. Werlcstojfe: Holz vor allem (benutzt als Werkstoff für Schiffe, Brücken, Häuser, Werkzeuge, Gefäße, Schienen) Leder (Riemen) Hanf (Taue, Seile) Sombart, Hochkapitalismus. Eisen, Stahl, Emaille, Blech Stahltrosse Draht, Stahltrosse, Kette Eisen 7 98 Dritter Abschnitt: Die Technik 2. Heiz- und Leuchtstoffe: Holz, Torf Fette Wachs Rüböl Olivenöl 3. Hilfs- oder Arbeitsstoffe: a) Erschmelzungsstoffe Holz: Holzkohle - Hochofen Frischprozeß Kohle, Koks Gas aus Steinkohlenteer (1. Gasbeleuchtung 1792. Murdoch.) Mineralöl (Petroleum 1859) Kohlenöl Gichtgase: 1837 Gasfeuerung: 1839 )i der Eisengewinnung: Kokshochofen (1713: Abraham Darby stellt Koks her; 1760 Carron-Werke von Roe- bukerrichten Kokshochöfen; 1766 das Verfahren von Gebr. Carnages durchgeführt) Puddelverfahren: Gewinnung von Schmiedeeisen und Stahl mittels Koks (1783/84 Henry Cort) b) Farbstoffe: Krapp, Waid, Indigo, Farbhölzer, Anilinfarben aus Steinkohlenteer Purpurschnecke (1834 Runge) Naturdünger c) Düngstoffe: Chilesalpeter 1 phosnhate Thomasschlacke J iop Kalisalze (Ergebnis der Justus v. Liebigschen Entdeckungen der Pflanzenwachstumsprozesse in den 1840er Jahren). Verwendung künstlichen Düngers d) Bleich- und Ätzstoffe: Pottasche, Ammoniak aus animali- Künstliche Soda lischen und pflanzlichen Stoffen (1784/86 Le Blancs Erfindungen; 1791 Erteilung des französischen Patents, um Soda aus Kochsalz und Schwefelsäure zu erzeugen; 1863 Solvays Erfindung: Soda aus Ammoniak, der aus Kohle gewonnen wird, zu erzeugen Chlor (1774) Chlorkalk (1799) Achtes Kapitel: Der neue Weg 99 e) Verschiedene Stoffe: Vegetabilische und animalische Schmierstoffe Natürliche Eiech- (Duft-) Stoffe Natürlicher Kampfer Schmierstoffe aus anorganischen Ölen Künstliche Eiech- (Duft-) stoffe Synthetischer Kampfer. Ein Blick in diese Liste erweist die Tatsache, daß auf allen Gebieten, für alle Verwendungsarten an die Stelle ehedem organischer, das heißt dem Pflanzen- und Tierreich angehöriger Stoffe jetzt anorganische, dem Mineralreich, der leblosen Natur entnommene Stoffe getreten sind. Versuchen wir die Wandlung in einer noch einfacheren Linie zu zeichnen, so können wir sagen, daß das Zentrum der Stoffwelt sich aus einem in einen andern Punkt verschoben habe. Das stoffliche Zentrum aller früheren Zeit, das heißt eben aller Technik, die der modernen voraufgegangen ist, war das Holz: aus dem Walde war die materielle Kultur ehedem entsprungen: sie trug ein ausgesprochen hölzernes Gepräge. Das stoffliche Zentrum der modernen Technik hingegen ist die Kohle geworden, von der aus nach allen Seiten hin die erwärmenden und erleuchtenden Strahlen ausgehen. Geben wir diesem Gedanken wiederum einen schematischen Ausdruck, so können wir feststellen: als was das Holz ersetzt wird und was die Kohle ersetzt. Holz wird ersetzt: 1. als Werkstoff: durch Eisen und Kohle; 2. als Heiz- und Leuchtstoff: durch Kohle (und Kohlenfaden); 3. als Hilfsstoff: durch Kohle bei der Erschmelzung usw. Kohle ersetzt: 1. sämtliche animalische und vegetabilische Leuchtstoffe; 2. sämtliche animalische und vegetabilische Heizstoffe; 3. das Holz als Hilfsstoff (bei der Eisengewinnung). Hier — diese Überzeugung drängt sich uns immer wieder auf — in der Erfindung des Koksverfahrens liegt der Schlüssel für das Verständnis der modernen Zeit: wir werden noch einsehen weshalb. Über die Mannigfaltigkeit der Verwertungsarten der Kohle gibt folgende Statistik Aufschluß. (Die Ziffern beziehen sich auf Deutschland in den letzten Jahren vor dem Kriege): 100 Dritter Abschnitt: Die Technik Metallhütten aller Art, Eisenhütten, Eisenwerke und die Industrie der Maschinen, Instrumente und Apparate . 42,58 % Hausbrand .12,85 ,, Eisenbahn- und Straßenbahnbau und -betrieb . . . 10,87 ,, ' Selbstverbrauch der Steinkohlenwerke nebst Herstellung von Koks und Briketts... 7,00 ,, Binnenschiffahrt, See- und Küstenschiffahrt, Hochseefischerei, Hafen- und Lootsendienst. 4,63 ,, Industrie der Steine und Erden. 4,38 „ Gasanstalten. 3,33 ,, Chemische Industrie. 3,03 ., Textilindustrie, Bekleidungs- und Reinigungsgewerbe. 2,82 „ Elektrische Industrie. 1,58 ,, Kriegsmarine . 1,28,, Papierindustrie und polygraphische Gewerbe . . . . 1,32 ,, Brauerei und Branntweinbrennerei. 0,92 ,, Glasindustrie. 0,70 ,, Zuckerfabriken. 0,61 „ Salzgewinnung. 0,45 ,, Erzgewinnung. 0,41 ,, Wasserversorgungsanlagen, Bade- und Waschanstalten 0,38 ,, Leder-, Gummi- und Guttaperchaindustrie. 0,30 ,, Industrie der Holz- und Schnitzstoffe. 0,11 ,, Aus: HSt 5 4 , 756. 100,00 % II. Die neuen Kräfte Früher, das heißt: ehe denn die neue Technik Wandel geschaffen hatte, war die Kräftenutzung in dieser Weise erfolgt: soweit die Kräfte, die man nutzte, frei erzeugbar und vermehrbar gewesen waren, waren sie organisch gebunden gewesen: Mensch oder Tier! Soweit sie nicht organisch gebunden waren, waren sie naturgegeben, das heißt nicht frei erzeugbar und vermehrbar gewesen: das Wehen des Windes oder das Fallen des Wassers! Die moderne Technik verfügt dagegen über Kräfte, die sowohl frei erzeugbar und vermehrbar sind als auch künstlich geschaffen werden können ohne die Zuhilfenahme des Organisierungsprozesses der Natur. Diese Art Kräfte nennen wir mechanische Kräfte. In der Nutzung dieser Kräfte vollzieht sich also derselbe Vorgang der Entwaltung, den wir bei der Nutzung der Stoffe beobachten konnten. Die von der modernen Technik genutzten mechanischen Kräfte sind bekanntlich: 1. die Dampfkraft: die Spannung des Wasserdampfes; Achtes Kapitel: Der neue Weg 101 2. die Elektrizitätskraft: die Spannung des elektrischen Stromes; 3. die Explosionskraft: die Kraft, die durch rasche Verbrennung bestimmter Gase erzeugt wird. Die wichtigsten Explosionsstoffe sind: a) Petroleum, das Erdöl und sein Derivat, das Benzin, das heißt das Destillat des Petroleums; b) Gas, ein Erzeugnis der Kohle; c) Benzol, ein Erzeugnis der Kohle gleichermaßen, das Destillat des Steinkohlenteers. Näheres über die Wesenheit und die Geschichte der mechanischen Kräfte und ihre Nutzung berichte ich im folgenden Unterabschnitt bei der Darstellung der Kraftmaschinen. III. Die neuen Verfahrungsweisen 1. Allgemeines Über den Begriff des Verfahrens habe ich das Nötige schon im ersten Kapitel des ersten Bandes ausgeführt. Danach wollten wir verstehen: unter Technik jedes System von Mitteln zur Erreichung eines Zweckes, unter Instrumentaltechnik eine Technik, bei der Sach- dinge zur Verwendung gelangen, unter ökonomischer Technik die Technik zum Zwecke der Gütererzeugung. Zum besseren Verständnis füge ich noch folgende Bemerkungen hinzu: Nicht zur ökonomischen Technik gehört das Verfahren zur Benutzung (Anwendung) von fertigen Sachgütern: die medizinische (ärztliche) Technik, Medikamente oder chirurgische Instrumente zu verwenden; die Technik des Mikroskopierens und andre Untersuchungsmethoden; die Waffen-, das heißt Waffenverwertungstechnik (Fechttechnik, Schießtechnik, Ballistik); die musikalische Technik (Geigenoder Flötenspielen); die Kunst des Kadfahrens usw. Grenzfälle liegen namentlich auf dem Gebiete der Transport-, das heißt Transportiertechnik. Güter- Transport gehört ohne weiteres zur Güter-Produktion; also, daß auch die Gütertransport-Technik, die in der Handhabung fertiger Transportmittel besteht, zur ökonomischen Technik gehört. Soweit jedoch keine Güter transportiert werden, würde die Transporttechnik, wie das Navigieren, die Ruder- und Segelkunst, die Flugtechnik usw., nicht zur ökonomischen Technik gehören. Meist jedoch wird diese Unterscheidung der Transportzwecke nicht gemacht und alle Transportiertechnik der ökonomischen Technik zugezählt. So geschieht es auch im folgenden. Wir unterscheiden füglich folgende Arten des Verfahrens der ökonomischen Technik: 102 Dritter Abschnitt: Die Technik a) das organische: Arbeitenlassen der Natur: Land- und Forstwirtschaft; b) das chemische: künstliche Veränderung der inneren Zusammensetzung der Stoffe; c) das mechanische: künstliche Veränderung der äußeren Form der Stoffe. Die zweite und dritte Art (b und c) sind häufig gemischt: Eisenerzeugung ! In der Gestaltung des Verfahrens beobachten wir in der heutigen Zeit folgende Tendenzen: Während das organische Verfahren grundsätzlich unverändert bleibt, weisen das chemische und das mechanische Verfahren ebenfalls eine Tendenz auf zur Emanzipation von den Schranken der lebendigen Natur. Diese Tendenz macht sich bemerkbar einerseits in der Verwendung anorganischer Stoffe und Kräfte (siehe oben unter I), die begreiflicherweise die Natur auch des Verfahrens bestimmen und erst im Verfahren in ihrer praktischen Verwendbarkeit erkannt werden; andrerseits in der Ent- waltung vom menschlichen Organismus durch Ausschaltung der menschlichen Mitwirkung. Das soll nun im ei n zelnen sowohl für das chemische wie für das mechanische Verfahren nachgewiesen werden. 2. Das chemische Verfahren weist im einzelnen vornehmlich folgende Tendenzen in der modernen Zeit auf: 1. die Tendenz zur Autonomisierung. Darunter verstehe ich das Bestreben der chemischen Industrie, sich von der Beimischung mechanischer Bestandteile bei ihrem Verfahren zu befreien. Wir beobachten also eine Entmechanisierung des chemischen Verfahrens, sein Vordringen auf Kosten des mechanischen: die Rüben- zuckergewinnung, bei der man das Preßverfahren durch das Diffusionsverfahren (1865) ersetzt; diePapierbereitung,bei der man immer mehr das Zelluloseverfahren (1873) statt desHolzschliffverfahrens(1843) verwendet. 2. die Tendenz zur Anorganisierung. Darunter verstehe ich die Befreiung des chemischen Prozesses von der Beimischung organischer Bestandteile. Diese Entwaltung kann bestehen: a) in der Ausschaltung der organischen Hilfsstoffe. Hauptfall: Ersatz des Holzes durch Kohle beim Erschmelzungsprozeß; b) in der Ausschaltung der menschlichen Mitwirkung: als Folge des wissenschaftlichen Verfahrens (siehe das vorige Kapitel). Also: Achtes Kapitel: Der neue Weg 103 Einführung automatischer Meß- und Prüfungsapparate: Feststellung des Hitzegrades durch elektrische Öfen, automatische Feststellung des Schwefelgehaltes des Eisens u. dgl. c) in der Ausschaltung des Pflanzenwachstums und der direkten Sonnenbestrahlung: Gewinnung des Stickstoffs aus der Luft mit Hilfe des elektrischen Flammbogens; künstliche Bleiche statt Rasenbleiche. 3. die Tendenz zur Kontinuisierung, das heißt zur Herbeiführung eines ununterbrochenen Produktionsprozesses durch Vervollkommnung des Apparatewesens: Hochofen; Kalkofen; Ziegelbrennerei seit der Erfindung des Ringofens durch Hofmann (1858); Schwefelsäurefabrikation: seit der Erfindung des kombinierten Ofens durch Chaptal (Anfang des 19. Jahrhunderts) usw. Vgl. auch Seite 106, wo die Fortschritte der Chemie im Rahmen des mechanischen Verfahrens gewürdigt werden. 3. Das mechanische Verfahren a) Begriff die elektrischen Thermometer Vioooooo 0 C. Gehör: Es braucht nur an die Leistungen des Telephons erinnert zu werden, die es ermöglicht haben, die menschliche Stimme über Länder und Meere hinweg vernehmbar zu machen. Gesicht: Das Auge sieht 5500 Sterne, das Fernrohr 100000000. Das Mikroskop hat unser räumliches Unterscheidungsvermögen — des Auges — auf das 200fache gesteigert. Es läßt uns zwei Striche im Abstand des siebenten Teils von Viooo mm noc h getrennt wahrnehmen, während das natürliche Auge bei 1 / 40 mm Abstand versagt. Diese Erfolge werden bei Benutzung der ultravioletten Strahlen und durch das moderne. Zeißsche Ultrumikroskop noch übertroffen. Neuntes Kapitel: Die ökonomische Bedeutung der modernen Technik H7 Für ökonomisch-praktische Zwecke besonders wichtig ist die Sichtbarmachung von Signalen, z. B. auf Leuchttürmen. Die neuen Leuchttürme sind 30—40 km weit sichtbar, an Hauptansteuerungs- und Orientierungspunkten bis 70 km und mehr. Das Leuchtfeuer von Helgoland hat eine Kerzenstärke von 3500 Kerzen; durch genaue Parabolspiegel wird aber sein Blinklicht so zusammengehalten, als ob es für die großen Entfernungen, in denen es schon gesehen werden soll, eine Stärke von 30 Millionen Kerzen besäße. O. Wiener, a. a. O. Seite 79. Daselbst zahlreiche andere Angaben. „Unser Organismus besitzt also nur für eine beschränkte Anzahl von Kräften Wahrnehmungsorgane, für eine Reihe anderer Kräfte oder Schwingungszustände haben wir von der Technik geschaffene Instrumente, mit deren Hilfe wir das Vorhandensein dieser Kräfte nachweisen können. So weisen wir die elektrischen Strahlen mittels des Kohärers, die magnetischen Strahlen mittels der Wismutspirale, die chemischen Strahlen mittels der photographischen Platte und die X-Strahlen mittels de3 Baryum- platinzyanürschirmes nach. Diese Instrumente vertreten . . . die Stelle der natürlichen Organe.“ Jos. Löwy, Was sind und wie entstehen Erfindungen? (1907), 3. b) Die aktive Leistungssteigerung bedeutet die Steigerung der Wirksamkeit. Sie äußert sich in a) einer Steigerung der Kraftleistung. Um die ungeheuren Kraftleistungen der modernen Technik richtig einschätzen zu können, muß man sie in Vergleich mit denen früherer Zeiten stellen. Zwar verfügten auch diese über mächtige, ja übermächtige Kräfte (Wind und Wasser), aber sie standen, wie wir schon festgestellt haben, nicht zur freien Verfügung des Menschen. Das taten nur Tiere und Menschen. Diese stellen vereinzelt je eine bestimmte, in ihrem Organismus gebundene Kraftmenge dar. Man bemißt die menschliche Kraft bei Dauerarbeit auf etwa V 13 V 14 normaler (natürlicher) Pferdestärken (P. S.), die ihrerseits eine Leistung von 25 kgm (= Kilogrammeter = 1 kg 1 m hoch zu heben) in einer Sekunde darstellt, das ist % der heute als Maß verwendeten mechanischen P. S., die bekanntlich bestimmt wurde nach dem bei der Abnahme der Wattschen Dampfmaschine von gerissenen Händlern verwendeten Überpferde, wie Fama erzählt. Die Höchstleistung an organisch gebundener Kraft vollbringt der Elefant. Wollte man nun in früherer Zeit eine Kraft entfalten, die über die des einzelnen Menschen, des einzelnen Pferdes, ja des einzelnen Elefanten (den man auch nicht immer gleich zur Hand hatte) hinausging, so blieb kein anderer Ausweg als der: die Einzelkräfte zu summieren, das heißt zahlreiche Menschen oder Tiere Zusammenwirken zu lassen. Dieser Ausweg ist denn auch beschritten worden. So gelangte man (in außergewöhnlichen Fällen) dazu, auch große Lasten zu bewegen: zum Transport der Denkmäler für Amon unter Ramses II. wurden 8368 Personen aufgeboten; der Gouverneur Amenemhet verwendete 3000 Leute zur Fortschaffung eines Blocks, dessen Größe uns sogar überliefert ist: sie betrug 4,2 m in der Länge, 2,1 m in der Breite und 1 m in der Höhe. 118 Dritter Abschnitt: Die Technik Demgegenüber nun die Leistungen der modernen Technik! Ihr ist es gelungen, große Krafteinheiten zu schaffen in den durch mechanische Kräfte bewegten Maschinen. Diese vereinigen jetzt in einem einzelnen Stück bis zu 60000 P.S. (Schiffsmaschinen!). Die modernen Lokomotiven leisten 2000 P.S.; auf der Pensylvanischen Bahn ist eine Höchstleistung von 3200 P.S. erzielt worden. Dadurch ist es möglich geworden, große Zug-, Stoß-, Hubleistungen zu vollbringen. Über die Steigerung der Kapazität der Transportleistung wird weiter unten Genaueres mitgeteilt werden: siehe Kap. 18. Für die Gütererzeugung war von entscheidender Bedeutung die Bewältigung großer Stoffmassen: die Hubkraft der modernen Krane beträgt bis 250 t (5000 Zentner). Die heutigen Walzenzugmaschinen mit einer Kraftleistung von 20000 P.S. gestatten das Auswalzen riesiger Stahlblöcke, Dampfhammer und Schmiedepresse deren Aushämmerung. James Nasmvth wurde zur Erfindung seines Dampfhammers gedrängt, weil er ein Stück von damals unerhörter Größe zu schmieden hatte: eine Schiffswelle von 60 cm Durchmesser und 22 Fuß Länge. Der erste Dampfhammer („Bär“) hatte ein Gewicht von 2000 Pfund und konnte 4 Fuß hochgehoben werden. Die Größe steigerte sich bis 50 t (Krupps „Fritz“!). Da setzte die hydraulische Schmiedepresse ein, bei der Preßdrucke bis 15000 t zur Wirkung kommen. So können Blöcke bis 70 t Schwere geschmiedet werden. Sehr wichtig ist das Gegeneinander Emporsteigen der Größe des herstellenden und des herzustellenden Arbeitsmittels: je größer die Leistung der Schmiedepressen, desto größer die Kolben der Kraftmaschinen, mit deren Hilfe wiederum größere Druckmaschinen hergestellt und bewegt werden können usw. Neben der Steigerung der aktiven Kraftpotenz in den Kraftmaschinen kommt wesentlich in Betracht auch die Steigerung der Widerstandskraft der Stoffe: z. B. des Eisenbahn-, Brücken- oder Häuserbaues. Seile! Das schwere Hanfseil versagt beim Bergbau in großer Tiefe; die leichte Stahltrosse reicht bis in eine Tiefe von 1800 m. Ja — als Ankerseil noch viel tiefer: Das deutsche Untersuchungsschiff „Meteor“ (1824/25) war mit einem Ankerseil von 7000 m Länge verseilen und hat bei 5400 m Tiefe Anker geworfen. Die zweite Richtung, in der sicli die aktive Leistungssteigerung bemerkbar macht, ist ß) die Steigerung der Schnelligkeit. Im Produktionsprozeß: Statt vierzig Jahre oder länger auf das Heranwachsen eines Baumes warten zu müssen, erzeugt man Eisen und Stahl, den herzustellen nach dem alten Verfahren 3 Wochen, nach dem Puddel- verfahren 1% Tage, nach dem Bessemerverfahren 20 Minuten dauert. Die Ziegelfertigung dauerte ehedem % Jahr, jetzt 2—3 Wochen; die Bereitung von Leder früher 1 Jahr, jetzt wenige Tage. Und so fort in zahlreichen Industrien. Im Transport: Früher war die schnellste Möglichkeit, selbst eine Nachricht zu Lande zu befördern (sofern nicht Zeichen, wie Feuer, vorher vereinbart waren oder eine Rücksendung mittels Brieftauben erfolgen Neuntes Kapitel: Die ökonomische Bedeutung der modernen Technik H9 konnte) das Relais des schnellsten Reiters. Jetzt werden Briefe, Güter, Menschen auf dem Wasser mit einer Geschwindigkeit von 40 km, auf dem Lande von 60—80 km und mehr, in der Luft von 200 km und mehr in der Stunde fortgeschafft. In 12 Stunden konnten zurückgelegt werden: 1800 mit Postwagen rund 50 km 1850 ,, Extrapost ,, 100 ,, 1850 ,, Eisenbahn ,, 400 ,, 1900 „ „ „ 800 „ Weitere Ziffern teile ich später noch mit: siehe das 18. Kapitel. Die größere Wirksamkeit der modernen Technik äußert sich endlich in y) der Steigerung der Genauigkeit. Die Uhr unter dem Dampfhammer wird berührt, ohne das Glas zu zertrümmern! Wichtig ist diese Steigerung der Genauigkeit z. B. für die Münzprägung: ein rationelles Geldwesen ist erst möglich geworden, seit die Münzen so genau ausgeprägt werden können, wie es mittels der modernen Technik geschieht. Wichtig ist sie für alle verwickelteren Maschinenanlagen, namentlich für Ergänzung und Erneuerung von Stücken, die mit den übrigen zusammenpassen müssen. Das Interchangeable System, das heißt die Auswechselbarkeit der einzelnen Stücke, setzt schlechthin die heutige exakte Technik voraus. Alle diese Leistungen, die uns heute selbstverständlich erscheinen, werden in ihrer weittragenden Bedeutung erst erkennbar, wenn wir sie mit den Zuständen vergleichen, wie sie der empirischen Technik eigen waren. Ich füge zur Ergänzung dessen, was ich darüber in den früheren Bänden bemerkt habe, noch die Schilderung hinzu, die A. Riedler von dem Stande der „Präzisionstechnik“ noch in seiner Jugendzeit gibt. Er erzählt uns folgendes: „Genauarbeiten war unbekannt; das ,Zimmermannshaar 1 , auf einen Zoll genau, war sprichwörtlich für schlechte Arbeit. Was gedreht oder gebohrt war, galt als rund, als genau. Eine gewollte Genauigkeit von x / 10 mm hätte als Phantasie gegolten, eine solche von 1 / 100 mm als Verrücktheit. Meist hatte ein Werkmeister die Herstellung der einzelnen Stücke zu überwachen und auch dafür zu sorgen, daß sie durch Nacharbeit richtig zusammengepaßt und die Maschine gangbar gemacht wurde. Bei der Ingangsetzung großer Maschinen waren Brüche nicht selten, sog. ,Kinderkrankheiten 1 und Nacharbeiten die Regel. Anstandsloser Lauf der Maschine sofort nach Aufstellung wurde nicht erreicht, war doch fast jede Maschine anders als ihre Vorgängerin. Wenn sich die Maschine drehte, einigermaßen die verlangte Arbeit leistete, nicht allzu viel Störungen verursachte, dann galt sie als hervorragend.“ Emil Rathenau (1916), 34/35. Vgl. damit die anmutigen Bilder, die M. Eyth von seiner Arbeit in Ägypten entwirft. Mit der Steigerung der Leistung geht Hand in Hand c) die Steigerung der Unabhängigkeit vom Standort und von der Jahreszeit. 120 Dritter Abschnitt: Die Technik Ortsgebundenhe.it: Ehedem mußte man die großen Kräfte aufsuchen und konnte sie nur dort nutzen, wo sie sich fanden. Das galt vor allem von der Wasserkraft, die, wie wir gesehen haben (neben dem Holze) den Standort der frühkapitalistischen Industrie bestimmte. Aber auch der Windkraft zog man nach: auf dem Lande, wenn man Windmühlen errichten wollte, auf dem Meere, wenn man nach den natürlichen Luftströmungen die Schiffahrt ordnete. Die mechanischen Kräfte kann man überall gleichmäßig nutzen. Aucb auf andere Weise hat die moderne Technik die Bewegung auf der Erdoberfläche freier gemacht: auf dem Meere schon längst durch den Kompaß, das Astrolabium, die Seekarten, deren Erfindung schon der frühkapitalistischen Epoche angehört; in der neueren Zeit namentlich durch die Entwicklung der Beleuchtungstechnik usw. In einer besonderen Weise verringert das Öl als Feuerungsmaterial auf den Seeschiffen deren Ortsgebundenheit, indem es sie der Notwendigkeit enthebt, auf langen Fahrten bestimmte Orte anzulaufen, um Kohle einzunehmen. Ein Schiff von 8000 Begistertonnen Laderaum und einem Kohlenraum von 650 t mußte auf der Reise von Hamburg nach Japan und zurück achtmal bunkern. Ein gleichgroßes Schiff mit Ölbetrieb kann bei einer Aufnahmefähigkeit von 700 t Brennstoff die Hin- und Rückfahrt ohne Brennstoffaufnahme machen. Das Luftschiff durchkreuzt die Luft, ohne an eine bestimmte Fahrstraße wie der Landverkehr (und bis zu einem gewissen Grade auch der Seeverkehr) gebunden zu sein. Die Einführung der Maschinerie hat die Industrie von den gelernten Arbeitskräften unabhängiger gemacht, die sie früher an deren Wohnort sich anzusiedeln zwangen. Ebenso ist die Industrie weniger an den Standort von Hilfsindustrien gebunden, da sie alle Produktionsmittel, insbesondere Maschinen und Maschinenteile, von fern her beziehen oder selbst Reparaturwerkstätten einrichten kann. Wirkung der Genauigkeit! Siehe Carnegie, Rector. Adress at St Andrew’s 1902 und vgl. Marshall, Industry and Trade, 169 f. Zeitgebundenheit: Die frühere Arbeit war im weiten Umfange an die Tageszeit gebunden, das heißt, sie konnte — der Regel nach — zweckmäßig nur bei Tageslicht ausgeführt werden. Die Natürlichkeit allen früheren Wirtschaftslebens hat in dieser Gebundenheit an die helle Tageszeit eine ihrer Hauptwurzeln. Mit der fortschreitenden Verbesserung der Beleuchtungstechnik änderte sich das. Es bestand nun die Möglichkeit, Tag und Nacht zu arbeiten. Und der Kapitalismus hat sich diese Möglichkeit sehr zunutze gemacht und würde es nach wie vor tun, wenn ihn nicht äußere Gewalten daran verhinderten. Ebenso wie von der Tageszeit hat die moderne Technik die menschliche Arbeit von der Bindung an die Jahreszeit befreit. Manche Gewerbe konnten ehedem füglich nur im Winter verrichtet werden, wie die Bierbrauerei; andere nur im Sommer, wie die Ziegelbrennerei, die Blumen- und Gemüsezucht, die Geflügelzucht. Jetzt besteht eine solche zeitliche Beschränkung nicht mehr. Neuntes Kapitel: Die ökonomische Bedeutung der modernen Technik 121 Auch in der Nutzung der Kräfte ist die Industrie nicht mehr abhängig von der Jahreszeit wie ehedem, als namentlich die Flußläufe in bestimmten Monaten unbrauchbar zu werden pflegten. Alfred Krupp wurde, wie uns seine Biographen berichten, zur Aufstellung seiner ersten Dampfmaschine veranlaßt, als ihn wieder einmal das Ausbleiben des Flußwassers hinderte, einen wichtigen Auftrag rechtzeitig auszuführen. Dasselbe gilt, in vielleicht noch stärkerem Maße, für das Transportwesen: die Segelschiffahrt ruhte fast immer den Winter über, und Windstille brachte das Schiff auf hoher See zum Stillstehen. Die Dampfschiffahrt kennt solche Störungen nicht. Der Achstransport mußte in der schlechten Jahreszeit unterbrochen werden; für die Eisenbahn gibt es keine guten und schlechten Jahreszeiten. Nun ist aber mit den bisherigen Ausführungen die ökonomisch bedeutsamste Wirkung der modernen Technik noch gar nicht gewürdigt worden. Diese nämlich ist 3. die Vermehrung des Stoff- und Kraftvorrats, die durch sie herbeigeführt worden ist. Diese verursacht sie: a) durch die Ökonomisierung jedes Stoff- und Kraftteils infolge immer weiter fortschreitender Vervollkommnung des Verfahrens. Siehe z. B. die Wirkung der Elektrifizierung der Maschinerie! „Durch den sorgfältig ausgeführten organischen Zusammenbau jeder einzelnen Werkzeugmaschine mit einem für sie besonders geeigneten Elektromotor wird viel Kraft und Arbeit erspart, Leerlauf Verlust (NB. der bei dem alten Riemenantriebsverfahren unvermeidlich war, W. S.) vermieden, die Bedienung der Maschine vereinfacht und erleichtert. — Der Wirkungsgrad von Werkzeugmaschinen kann mit Hilfe des technisch richtig durchgebildeten Einzelantriebes um 50% verbessert werden.“ Dr. Jacobi in Siemens’ Mitteilungen Nr. 71, S. 12. b) durch die bessere Ausnutzung der vorhandenen, organischen Stoffe und Kräfte: Wasser (Anlage von Elektrizitätswerken!), Wind (Anlage von technisch vollkommenen Windmotoren!), Boden (Vervollkommnung der Bearbeitung, Be- und Entwässerung und Düngung: künstlicher Dünger!). Das alles aber tritt an Bedeutung weit zurück hinter die durchgreifende Einwirkung, die die moderne Technik auf den Stoff- und Kraftvorrat ausübt c) durch den Abbau der anorganischen Bodenschätze: der Salze, Erze, Öle, Tone und Kalke und natürlich vor allem der Kohle. Ich hatte oben gesagt, im Koksverfahren liege der Schlüssel für das Verständnis der modernen Zeit. Jetzt vermögen wir einzusehen warum. 122 Dritter Abschnitt: Die Technik Das Koksverfahren ist vertretungsweise dasjenige Verfahren, durch welches die Menschheit sich den Zutritt zu der Schatzkammer verschafft hat, die im Schoß der Erde in der Gestalt von Mineralschätzen verborgen lag. Und damit den Zugang zu einem Reichtum, wie ihn kein früheres Zeitalter nur annähernd gekannt hatte. Die Menschheit des 19. Jahrhunderts gleicht dem Manne, der bis dahin ein kümmerliches Dasein geführt hat, sehr langsam durch Fleiß und Ausdauer seine Verhältnisse aufbessernd, und dem nun plötzlich durch die Lotterie oder durch Erbgang ein großes Vermögen zufällt. Denn so ist es ohne jedes Bild gesprochen: die Menschheit hatte bis zum Ende des frühkapitalistischen Zeitalters von ihrem Einkommen gelebt, das ihr in Form von Sonnenenergien jährlich zugeflossen war und sich ausgewirkt hatte in den Pflanzen und Bäumen, die in diesen Jahren gewachsen waren, das heißt jene Sonnenenergien in lebendige Stoffe und Kräfte umgesetzt hatten. Und nun — und nun standen in den Schätzen im Erdinnern derselben Menschheit Sonnenenergien zu Gebote, die im Laufe von Jahrmillionen auf die Erde niedergestrahlt waren, die also in der Tat ein Vermögen darstellen, das zu verzehren (neben ihrem Jahreseinkommen) die Menschheit nunmehr befähigt worden war durch die Erfindungen der modernen Technik. Damit tritt die Zeitspanne des 19. Jahrhunderts aus jedem, aber auch jedem Vergleich mit irgendeiner früheren Kulturepoche. Sie steht völlig einzig da als das Zeitalter, in dem die Menschheit ihr Vermögen an Stoffen und Kräften aufgezehrt und damit einen unerhörten Glanz und Reichtum erzeugt hat. Alles, was wir Hochkapitalismus nennen, findet hier, in diesem plötzlichen Vermögenszuwachs der Menschheit, seine Erklärung. Eine einzige Ziffer mag hier angeführt werden, um zu zeigen, wie die Erde gleichsam trächtig wurde und mehrere Erden aus ihrem Schoße gebar: die Statistik der Motoren. Nach Saitzeff gab es vor dem Kriege: Feststehende Primärmotoren der Welt . . 75 Millionen PS Lokomotiven.100 ,, ,, Schiffsmaschinen. 25 ,, ,, Zusammen 200 Millionen PS. Diese 200 Millionen PS stellen, wie wir wissen, die Kraft von 600 Millionen natürlichen Pferden dar. Fast siebenmal soviel, als es Pferde auf der Erde gab. Siebenmal soviel Bodenfläche hätte also mit Hafer und Heu bestellt werden müssen, um dieselbe Menge von Pferdekräften aus den heutigen Sonnenenergien zu ernähren. In Deutschland aber wurde schon für die Ernährung seiner nicht ganz 4 Millionen Pferde eine Fläche von 6—7 Millionen Hektar benötigt; siebenmal soviel Pferde würden also 42 bis Neuntes Kapitel: Die ökonomische Bedeutung der modernen Technik 123 49 Millionen Hektar Bodenfläche benötigen, während die landwirtschaftlich genutzte Fläche Deutschlands (in den neuen Grenzen) im ganzen nur 27 Millionen Hektar umfaßt; ein doppelt so großes Deutschland würde also erforderlich sein, um die auf seinen Teil entfallenden Pferde zu ernähren (in Wirklichkeit müßte die Fläche, die erforderlich wäre, um die in Deutschland allein genutzten mechanischen Kräfte in Gestalt von Organismen zu erzeugen, noch um ein Vielfaches größer sein, da ja Deutschlands Bestand an Motoren weit über dem Erddurchschnitt liegt). Und so ist es auf allen Gebieten: es sind neue Erden zugewachsen, aus denen der Hochkapitalismus emporgesproßt ist. Wie ich eingangs zu diesem Kapitel sagte: ich wollte hier nur die Richtung angeben, in der wir die ökonomische Bedeutung der modernen Technik zu suchen haben. Ich habe mich deshalb auch mit ganz wenig zahlenmäßigen Belegen begnügt und verweise den Leser für diese und alle weiteren Ausführungen auf die spätere Darstellung, namentlich im 17. und 18. Kapitel. Hier muß die Bedeutung der modernen Technik für den Verlauf des Wirtschaftslebens nur noch nach einer Richtung gewürdigt werden, in der man sie meist nicht sucht, und in der sie doch ebenfalls sehr erheblich ist. Das ist — im Gegensatz zu der bisher betrachteten Welt der Erfolge, die diese Technik gezeitigt hat — die Welt der Mittel, deren sie sich bedient, um zu ihren Erfolgen zu gelangen. III. Die Ausweitung des technischen Apparates Das nämlich ist es, worauf ich eben anspielte: damit die moderne Technik ihre Wünsche erreichen kann, muß sie einen immer größeren Aufwand an Sachgütern machen, muß sie immer größere Vorrichtungen treffen, muß sie, wie ich es in der Überschrift nenne, ihren „Apparat“ immer mehr ausweiten. Diese Neugestaltung der technischen Mittelwahl hat aber, wie ich später ebenfalls in zahlreichen Fällen feststellen werde, eine sehr große Bedeutung für den Verlauf des Wirtschaftslebens gehabt. Hier wollen wir uns wiederum nur vergegenwärtigen, wie sich die Ausweitung des technischen Apparates äußert. Das geschieht 1. in der zunehmenden Größe der einzelnen Produktionsmitt e 1 und ihrer Verwendung in immer größeren Gesamtheiten technischer Werke: siehe darüber Genaueres im 51. Kapitel. 2. Eine Begleiterscheinung dieser Tendenz zur Vergrößerung der einzelnen Produktionsmittel ist die Zunahme des Produktionsmittelanteils am Gesamtaufwand: siehe darüber Genaueres im 39. Kapitel. 124 Dritter Abschnitt: Die Technik In der Spinnerei und Weberei München-Gladbachs betrug das Maschinenkapital auf den Kopf des Arbeiters: 1868. 1308 Mk. 1879/1889 . 2672 „ 1889/1899 . 3948 „ 1899/1909 . 5531 „ Das Bau- und Maschinenkapital bezifferte sich auf den Kopf des Arbeiters auf: 1879/1889 . 4504 Mk. 1889/1899 . 5965 „ 1899/1909 . 8033 „ Nach Geschäftsberichten M. Bernays in Schriften des V. f. S. P., Band 133, Seite 8 ff. Da nun der immer größer werdende Sachmittelapparat, mit dem die moderne Technik arbeitet, im wesentlichen aus Stein, Eisen, Kupfer besteht, also in der Sphäre der anorganischen Produktion hergestellt wird, so bedeutet seine beständige Ausweitung 3. die Verlegung des Schwerpunkts des Wirtschaftslebens aus der Sphäre der Land- und Forstwirtschaft in die Sphäre der mechanisch-anorganischen Produktion. Wir lernten als ein Merkmal aller vorkapitalistischen, aber auch noch der frühkapitalistischen Wirtschaftsstruktur das Überwiegen der landwirtschaftlichen Bevölkerung kennen: siehe das 39. Kapitel des zweiten Bandes! Noch im Jahre 1843 ergibt sich für den preußischen Staat ein Anteil der landwirtschaftlichen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung von 60,84—61,34 %, während die gewerbliche Bevölkerung nur 23,36 % ausmachte. Das hat sich nun im wesentlichen als Folgeerscheinung der modernen Technik von Grund auf geändert: im Jahre 1907 betrug der Anteil der landwirtschaftlichen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung des Deutschen Reiches nur noch 28,6%, während der Anteil der gewerblichen Bevölkerung auf 42,8 gestiegen war. Damit sind auch ganz andere Industrien die Richtindustrien geworden : noch in der frühkapitalistischen Epoche war, nächst der Landwirtschaft, die auf organischer Grundlage ruhende Textilindustrie die führende Industrie. Heute sind die führenden Industrien die chemische Industrie, die Elektrizitätsindustrie und namentlich die Montanindustrie. Genaueres siehe über diesen Umschichtungsprozeß im 17., 23., 49. Kapitel. Zweiter Hauptabschnitt Der Aufbau Jtftf • t *® 1 Erster Abschnitt Das Kapital Erster Unterabschnitt Zur Theorie des Kapitals im allgemeinen Quellen und Literatur 1. Kapitalbegriff und Dogmengeschichte: Karl Rodbertus, Zur Erkenntnis unserer staatswirtschaftlichen Zustände. 1842; Derselbe, Das Kapital; herausgegeben von Th. Kozak. 1884. Karl Marx, Das Kapital. 3 Bände 1867—1894; Derselbe, Theorie über den Mehrwert. 3 Bände; herausgegeben von K. Kautsky. 1905 bis 1910. Notizensammlung. Viel Scholastik. Michael Hainisch, Die Entstehung des Kapitalzinses 1907. E. v. Böhm-Bawerk, Geschichte und Kritik der Kapitalzinstheorien. Zuerst 1884. Bietet wenig Erkenntnis wegen der ethisierend-apologetischen Grundrichtung. Irving Fisher, Precedents for defining capital. The Quarterly Journal of Economics. May 1904. A. Spiethoff, Die Lehre vom Kapital in dem Sammelwerk: Die Entwicklung der deutschen Volkswirtschaftslehre im 19. Jahrhundert. 1 (1908), 37 ff. W. Jacoby, Der Streit um den Kapitalbegriff. 1908. Schülerarbeit. Götz Briefs, Untersuchungen über die klassische Nationalökonomie. 1915. Das Beste über den Gegenstand. Wilh. Hohoff, Zur Geschichte des Wortes und Begriffes „Kapital“. Vierteljahrsschrift für Soz. und W.-Gesch. Band XIV/XV (1918 ff.). Gelehrt. R. Passow, „Kapitalismus“. 1918. Gute Übersicht. Über die neueste Entwicklung des Kapitalbegriffes: Schumpeter in einem Nachtrag zu dem Artikel „Kapital“ in HSt 5 4 , 582 ff. 2. Zur Theorie des Kapitals im allgemeinen ist nach Marx wenig von Belang geschrieben worden. Von Bedeutung immerhin sind die Werke einiger Marxisten wie namentlich R. Hilferding, Das Finanzkapital. Zuerst 1910; Rosa Luxemburg, Die Akkumulation des Kapitals. 1912. Dieses Buch ist zweifellos eine hervorragende Leistung. Den demagogischen Kitsch, mit dem die Darstellung durchflochten ist, muß man leider mit in Kauf nehmen. Daß die Grundansichten der Verfasserin falsch sind, tut nicht allzu viel zur Sache. Auch einige Amerikaner, die sich durch das Irrlicht der Grenznutzentheorie nicht haben in den Sumpf locken lassen, haben Bemerkenswertes zur Theorie des Kapitals beigebracht. Ich nenne Th. Veblen, The Theory 128 Erster Abschnitt: Das Kapital of Business enterprise. 1904. F. B. Hawley, Enterprise and the productive process. 1907. J. B. Clark, Essential of economic theory 1907 (soweit er sich frei von grenznutzlerischen Sentiments hält und nicht ins Apologetische fällt). Endlich verdienen aus der neueren deutschen Literatur Erwähnung: F. Oppenheimer, Wert und Kapitalprofit. 1916. R. Liefmann, Kapital und Kapitalismus. Zeitschrift für die ges. Staatswiss. 72. Jahrgang (1916/17). Mit Vorsicht zu benutzen! K. Muhs, Begriff und Funktion des Kapitals. 1919. Das bekannte Buch von E. v. Böhm-Bawerk, Kapital und Kapitalzins, 2 Bände, zuerst 1884 und 1889, dessen ersten, die Dogmengeschichte enthaltenden, Band ich bereits nannte, liegt außerhalb des Bereichs dessen, was ich für fruchtbare ökonomische Theorie halte. 3. Sonderprobleme: a) Rentenfonds, sog. „fiktives'''' oder „ negative. a“ Kapital: Der Ausdruck „fiktives“ Kapital und die erste Monographie über den Gegenstand, die aber von der früheren Literatur nichts weiß, stammt von Alfred Offermann, Das fiktive Kapital als Ursache niedrigen Arbeitslohns. 1896. Zuerst auf das Problem gestoßen ist Sismondi, Nouveaux principes d’economie politique. Vol. II. Dann ist es gründlich erörtert worden von Marx im „Kapital“, namentlich Band III, 2. Neuerdings am besten von R. Hilferding, a. a. 0. Besonders gründlich hat sich die italienische Literatur mit dem Problem beschäftigt; vgl. C. Supino, La borsa e il capitale improduttiva. 1898. Achille Loria, La costituzione economica odierna. 1899, und die sehr beachtenswerte Schrift von Arturo Labriola, La speculazione economica. 1907. b) Zurechnung: Eine sinnvolle Zusammenfassung der Lehre, in der alle Gründe aufgeführt sind, die sich irgendwie zugunsten der Zurechnungstheorie geltend machen lassen, bringt jetzt das Buch von Carl Landauer, Grundprobleme der funktionellen Verteilung des wirtschaftlichen Wertes. 1923. Bündig widerlegt ist die Theorie von F. Oppenheimer, Wert und Kapitalprofit (1916), 113ff.; Friedr. v. Kleinwächter, Die Lehre vom Grenznutzen und das sog. Zurechnungsproblem in den Jahrbüchern für NÖ. III. Folge, Band 59 (1920) und in*der Schrift von H. Hefendahl, Das Problem der ökonomischen Zurechnung. 1922. Im übrigen vgl. W. Mohrmann, Dogmengeschichte der Zurechnungslehre. 1914. c) Reproduktion des Kapitals: Marx, „Kapital“, vor allem Band II, aber auch III. Rosa Luxemburg, a. a. O. Paul Ernst, Die gesellschaftliche Reproduktion des Kapitals bei gesteigerter Produktivität der Arbeit. 1893. Die Iü.-Diss. des berühmten Dichters. Weitere Literatur führe ich im 3. Abschnitt dieses Hauptabschnittes an. 129 Zehntes Kapitel Begriff und Wesen des Kapitals 1. Kapital habe ich (Band I Seite 324) diejenige Tauschwertsumme genannt, die einer kapitalistischen Unternehmung als sachliche Unterlage dient. Das Wort soll also gleichbedeutend mit dem von der doppelten Buchhaltung erfaßten Geschäftsvermögen sein und bezeichnet zunächst eine einzelwirtschaftliche Erscheinung. Das gesellschaftliche Gesamtkapital ist nichts andres als die begrifflich als Einheit gefaßte Summe der Einzelkapitale. Eine höchst unvollkommene und doch, wie sich zeigen wird, unvermeidliche, weil einzig mögliche Begriffsbestimmung. 2. Die Analyse des Begriffs ergibt folgenden Tatbestand: a) Der Begriff ist ein ,,F u n k t i o n s b e g r i f f“: er drückt die Beziehung einer Tauschwertsumme in einem bestimmten Zweckzusammenhang aus. Ist also kein „Dingbegriff“, der etwa irgendwelche Sachgüter bezeichnete. Diese sind vielmehr immer nur Symbole des Kapitals. Es gibt so viele Symbole als es Sachgüter gibt, die beim Aufbau einer kapitalistischen Unternehmung mitwirken: Geld, Produktionsmittel, Lebensmittel, Waren. Alles dieses kann Kapital sein, braucht es aber nicht. Alle diese Sachdinge sind Erscheinungsformen des Kapitals, Kleider, in die das Kapital sich hüllt, „eingekleidet“ („investiert“) wird. Oder wie es J. St. M i 11 in einer Formel bedeutungsvoll ausgedrückt hat: „the distinction between Capital and not Capital does not lie in the k i n d of commodity, but in the m i n d of the owner“. b) Der Kapitalbegriff ist ein historisch- ökonomischer Begriff, das heißt ein solcher, der aus dem Zweckzusammenhange eines bestimmten Wirtschaftssystems — des kapitalistischen — heraus gebildet ist. Es ist irreführend, den Begriff für andre Wirtschaftssysteme zu verwenden. Erst seit im kapitalistischen Denken das Geschäftsvermögen verselbständigt worden ist, hat dieses einen bestimmten, klar umschriebenen Sinn bekommen, während vordem und ohnedem die Kategorien Produktionsmittel und Subsistenzfonds selbständig nebeneinander bestanden. Ist ursprünglich und seiner strengen Be- Sombart, Hochkapitalismus. 9 130 Erster Abschnitt: Das Kapital deutung nach der Kapitalbegriff auf kapitalistische Wirtschaft bezogen, so wird man ihn per analogiam ausdehnen können auf Wirtschaftsverhältnisse, die nach dem Vorbilde des Kapitalismus organisiert sind, etwa einen rationalistisch-rechenhaft-buchmäßig geführten nach-kapita- listischen öffentlichen Wirtschaftsbetrieb. Beim Naturmenschen, aber auch beim Bauern und Handwerker, von „Kapital“ zu sprechen ist unzweckmäßig. Vergleiche noch, was ich auf Seite 134 darüber bemerke. c) Daß die von mir gegebene Begriffsbestimmung unvollkommen sei, gab ich schon zu. Allerdings: den Vorwurf, daß sie idem per idem definiere (Kapital durch die kapitalistische Unternehmung) kann ich nicht gelten lassen, es sei denn in einem rein formalen Verstände. Sachlich ist aber mein Verfahren einwandfrei —= und zwar deshalb, weil der Begriff der kapitalistischen Unternehmung ganz ohne Zuhilfenahme des Begriffs des Kapitals, völlig selbständig bestimmt wird. Daß dieses Etwas dann mit dem Beiwort „kapitalistisch“ belegt wird, tut nichts zur Sache. Dagegen unterliegt es keinem Zweifel, daß der Kapitalbegriff, wie er hier gefaßt wird, andre Mängel enthält. Der wichtigste scheint mir der zu sein, daß er (als Gesellschaftskapital) auch den Kapitalprofit (Mehrwert) einschließt, sofern das Kapital einer Unternehmung zur Realisierung des Mehrwerts auf der vorhergehenden Produktionsstufe dient. Dieser Fehler würde nur verschwinden, wenn es nur Eine kapitalistische Unternehmung gäbe. In diesem Falle wäre das Kapital leicht zu bestimmen: es wäre nämlich dasselbe wie der Lohnfonds, während es bei der heutigen Fügung des Wirtschaftslebens wesentliche Teile des Mehrwerts mit umfaßt. Und umfassen soll. Denn diese Einbeziehung des Kapitalprofits in den Kapitalbegriff ist unerläßlich, weil der Kapitalprofit auf einer bestimmten Stufe des wirtschaftlichen Prozesses notwendig die Form des Kapitals annimmt: derjenige Betrag, mit dem eine Weberei ihr Garn einkauft, gehört doch wohl zum Kapitale dieser Weberei, und trotzdem stecken in ihm die Profite des Spinners, Baumwollproduzenten, Reeders usw. Zur Verdeutlichung des Gesagten führe ich noch einige verwandte Bestimmungen des Kapitalbegriffs an, von denen sich die meinige unterscheidet : Zu weit fassen folgende Definitionen den Begriff: Senior: „Economists are agreed that whatever gives a Profit is properly termed Capital“. Mc Leod: „Capital is any Economy Quantity used for the purpose of Profit“. Zehntes Kapitel: Begriff und Wesen des Kapitals 131 Diese Definitionen sind richtig, wenn unter Profit Ertrag einer kapitalistischen Unternehmung, unrichtig (weil zu weit), wenn darunter der Ertrag eines Erwerbsvermögens schlechthin verstanden wird. Denn das Wuchervermögen (beispielsmäßig) ist kein Kapital. Erwerbsvermögen und Kapital sind nicht gleichbedeutend. Zu eng fassen den Begriff: Jevons, der das „eigentliche“ Kapital, das „free Capital“, im Gegensatz zum „fixierten“ Kapital, bezeichnet als „the wages of labour either in its transitory form of money or its real form of food and other necessities of life“. Hier ist der Mehrwert unberücksichtigt gelassen (siehe oben) und außerdem sind die Anlagen ausgeschlossen, was mir willkürlich erscheint. Schumpeter definiert (nach F. B. Hawley): „eine Summe von Geld oder von Zahlungsmitteln, welche zur Überlassung an Unternehmer in jedem Zeitpunkt verfügbar ist“, „Zahlungskraft des Unternehmers“. Das könnte gelten, wenn der Begriff des Unternehmers nicht auf den „schöpferischen“ Wirtschaftsleiter eingeschränkt wäre. Eine traditionalistisch arbeitende Aktiengesellschaft hat aber doch wohl auch ein „Kapital“ ? Am nächsten kommen meiner Kapitaldefinition die Auffassungen einiger Klassiker, namentlich Ricardos und diejenige von Karl Marx. 3. Bei der Wichtigkeit des Gegenstands will ich ausnahmsweise einen Überblick über die dogmengeschichtliche Entwicklung des Kapitalbegriffes geben. Ob der Ursprung des Begriffes im Sicherstellungsvertrage liegt, wonach Capita das Stammvieh bedeuten würden, wie es die geistvolle Studie von Michael Hainisch will, lasse ich dahingestellt. Die Annahme hat viel, das für sie spricht. Die historisch verbürgten Bedeutungen sind folgende: (1) Im Altertum und Mittelalter ist Kapital die Stammsumme im Gelddarlehen = xscpaXeiov, capitalis pars debiti im Gegensatz zu den Zinsen, bedeutet also soviel wie Erwerbsvermögen. Noch bei Krünitz wird Kapital definiert als eine „Summe Geldes, sofern sie dazu bestimmt ist, Gewinn zu bringen im Gegensatz dieses Gewinnes“. (2) Bei den Klassikern bleibt diese Auffassung im wesentlichen bestehen, nur daß sie statt „Geld“ „Tauschwertsumme“ setzen: Turgot: „la somme des capitaux, c’est-ä-dire la somme actuelles des valeurs mobiliaires de toute espece, accumules . . . pour etre employes ä procurer au possesseur de nouveaux revenus et de nouveaux profits.“ Ad. Smith: „his whole stock is distinguished into two parts. That part which he expects is to afford him this revenue is called his capita]. The other is that which supplies his immediate consumption . . . The general stock of any country or society is the same with that of all its inhabitants or members and therefore naturally divides itself into the same . . . portions.“ 132 Erster Abschnitt: Das Kapital (3) In dieser Begriffsbestimmung durch Ad. Smith steckt nun aber der Keim zu einer höchst unglücklichen Auffassung vom Kapital, die lange Zeit hindurch namentlich in der deutschen Professorenliteratur geherrscht hat, und der man noch heutigentags in rückständigen Lehrbüchern begegnet, zu der Auffassung nämlich, wonach Kapital soviel wie „Produktionsmittel“ oder „produzierte Produktionsmittel“ sein soll. Die Lehre von den „drei Produktionsfaktoren“ „Natur, Arbeit, Kapital“ schließt sich dann füglich an diese Begriffsbestimmung an. Der Unfug ist wie folgt entstanden: Wenn man, wie es Ad. Smith tut, den „Stock for immediate consumption“ dem Kapital gegenüb erstellte, so lag die Annahme nahe, daß das Kapital ein „stock for production“ sei. Das war auch die Ansicht der Klassiker gewesen. Nur daß sie darunter, weil sie stillschweigend bei ihrer Begriffsbestimmung von der kapitalistischen Produktionsweise ausgingen, auch die Lebensmittel (Einkommensgüter) der Lohnarbeiter mitverstanden. Solange man also Produktion und kapitalistische Produktion gleichsetzte, konnte es bei der Begriffsbestimmung Kapital = Produktionsfonds sein Bewenden haben: man traf das Richtige; man erfaßte mit der Begriffsbestimmung jenes lebendige Etwas, das heute im Mittelpunkt alles Wirtschaftslebens steht und gemeint ist, wenn man von dem Kapital einer Aktiengesellschaft spricht. In dem im wesentlichen noch handwerkerlichen Deutschland des frühen 19. Jahrhunderts fiel nun aber die Gleichsetzung von Produktion und kapitalistischer Produktion dahin. Man hörte infolgedessen auf, Produktion als einen historisch - ökonomischen Begriff zu fassen und bemühte sich, eine allgemeine Produktionslehre zu schaffen. Für eine solche konnte aber — zumal, wenn man in das Technische abbog — der stock for production, der Produktionsfonds, nicht auch Einkommensgüter mit umfassen. Man beschränkte den Begriff also auf die zur Produktion bestimmten Güter, und das sind eben die Produktionsmittel oder — wenn man genauer sein will — die Arbeitsmittel. Die Folgen dieser imsinnigen Begriffsbestimmung waren verheerend: man kam dazu, einerseits meinen Federhalter Kapital zu nennen, denn offenbar ist er ein „produziertes Produktionsmittel“, andrerseits vermochte man das Kapital einer Aktiengesellschaft nicht mehr als Kapital zu bestimmen. Denn derjenige Betrag dieses Kapitals, der für Arbeitslöhne und somit für Einkommensgüter auf gewendet wird, fiel ja nicht mehr unter den Schulbegriff „Kapital“, da er nicht aus „produzierten Produktionsmitteln“ bestand. Zehntes Kapitel: Begriff und Wesen des Kapitals 133 (4) Gegenüber dieser Begriffsverwirrung bedeutet es einen unzweifelhaften Fortschritt in der Erkenntnis, als man einzusehen begann, daß in der deutschen Sprache das Wort Kapital für zwei sehr verschiedene Begriffe gebraucht wurde. Diese Einsicht taucht schon bei Storch (1819) und Rau (1826) auf, ist aber zu voller Klarheit erst von ßo dbertus (1842) entwickelt worden. Man unterschied nun zwei Kapitalbegriffe: einen ökonomischen und einen historischen (richtig: allgemein-ökonomischen und historisch-ökonomischen) nach dem Vorgänge von Rodbertus:soAd. Wagner,soWittels- h ö f e r , der die Ausdrücke objektives und subjektives Kapital prägte, so Böhm-Bawerk, der an die Stelle dieser Ausdrücke die irreführenden Worte soziales und privates Kapital setzte (irreführend, weil beide Kapitalbegriffe sozial- und privatwirtschaftlich gefaßt werden können). Im wesentlichen verstand man unter dem einen Kapitalbegriff produzierte Produktionsmittel, unter dem andern Erwerbsvermögen. (5) Diese Einteilung mußte nun verfeinert, bzw. ergänzt werden: weder produzierte Produktionsmittel noch Erwerbsvermögen decken die in Betracht kommenden Erscheinungen. Will man von objektivem und subjektivem Kapital sprechen, so muß man dem objektiven mindestens noch den Subsistenzmittelfonds hinzufügen und innerhalb des subjektiven Kapitals neben dem Erwerbsvermögen noch das Kapital in dem hier gebrauchten Sinne unterscheiden. Denn offenbar trennt eine Welt das einer kapitalistischen Unternehmung zugrunde liegende Substrat von der Summe Geldes, die mir durch Ausleihung Darlehnszinsen trägt. (6) Ist man solcherweise zu einer sachgemäßen Unterscheidung von 2 (4) grundverschiedenen Begriffen gelangt, so bleibt jetzt nur noch die Frage zu beantworten: wie man diese verschiedenen Begriffe benennen will, genauer: ob man alle diese Begriffe „Kapital“ mit einem sie unterscheidenden Beiwort benamsen will, oder ob man es für richtiger hält, das Wort Kapital für einen der Begriffe zu verwenden und die andern anders zu bezeichnen. Die übliche Ausdrucksweise fußt auf dem ersten Entscheide, während in diesem Werke die zweite Möglichkeit gewählt ist. Die Gründe, die mich bestimmen, das Wort Kapital für einen der vier Begriffe zu verwenden und die andern drei anders zu benennen, sind folgende: (a) Bei der entgegengesetzten Übung fehlt der Oberbegriff Kapital: wenn ich vom Kapital als „historische“ und „ökonomische“ Kategorie, 134 Erster Abschnitt: Das Kapital von sozialem und privatem, von objektivem und subjektivem Kapital spreche, muß ich — das verlangt nun einmal die Logik — wissen, was Kapital ohne das einschränkende Beiwort bedeutet. Das aber würde keiner, der jene Doppelausdrücke gebraucht, anzugeben vermögen. (b) Wir besitzen für drei Begriffe gute (oder schlechte, aber treffende) Ausdrücke, die ihren Sinn bestimmen: Pioduktions-(Arbeits-)mittel, Subsistenzmittelfonds, Erwerbsvermögen; für den vierten Begriff aber: sachliches Substrat der kapitalistischen Unternehmung keinen außer dem Worte Kapital. (c) Das Wort Kapital in dem hier vorgeschlagenen Sinne allein zu verwenden, empfiehlt sich deshalb, weil wir damit dem Sprachgebrauch am weitesten entgegenkommen. Sowohl dem Sprachgebrauch des Alltags- und Geschäftslebens, der in der Tat, wenn er von dem Kapital einer Aktiengesellschaft spricht, nichts andres im Sinne hat als das, was wir hier unter Kapital verstehen wollen. Als auch dem wissenschaftlichen ' Sprachgebrauch. Denn wie sehr man sich auch in gewissen Kreisen gegen die Annahme der Bezeichnungen Kapitalismus und kapitalistisches Wirtschaftssystem sträuben mag: man wird sich daran gewöhnen müssen, sie als gesicherten Besitzstand der Wissenschaft anzusehen. Gewöhnt man sich aber an diese Ausdrücke, dann scheint es mir geboten, auch das Wort Kapital für ein Verhältnis aufzubehalten, das dem historischen Zusammenhänge dieses besonderen Wirtschaftssystemes eigen ist. Es ist eine Lächerlichkeit, zu der sich die abweichende Auffassung gezwungen sieht, das Beerensammeln eines Kindes, das sich dabei eines Korbes bedient, eine „kapitalistische Produktionsweise“ zu nennen, wie es Böhm-Bawerk in der Tat fertig bringt. Elftes Kapitel Die Arten des Kapitals 1. Nach dem Entwiclclungsstadium der Kapitalhildung unterscheiden wir: aktuelles und potentielles Kapital. ' Das aktuelle Kapital ist dasjenige, das bereits zur Bewerkstelligung einer Unternehmung dient, das bereits „arbeitet“. Potentielles Kapital nenne ich denjenigen Geldbetrag, der sich schon vom Einkommen losgelöst hat und nach Anlage als Kapital strebt. 2. Nach den Erscheinungsformen unterscheiden wir: a) Geldkapital und Sachkapital, je nachdem es die Form des Geldes oder irgendeines Sachgutes annimmt. Die Geldform ist immer die erste und ist ebenso immer die letzte Form, in die sich das Kapital notwendig kleidet: „vom Gelde kommt’s, zum Gelde strömt’s“, wie das in der Lehre vom wirtschaftlichen Prozeß noch ausführlicher dargetan werden wird. Sachkapital kann alles sein: vom Rohstoff bis zum Fertigfabrikat, Produktiv- und Konsumtivgüter. Die Grundverschiedenheit der Probleme, die je bei der Beschaffung des Geldkapitals und des Sachkapitals auftauchen, veranlaßt mich, sie in zwei gesonderten Unterabschnitten zu behandeln. b) Personalkapital und Realkapital. Jenes ist derjenige Betrag des (Einzel-) Kapitals, der zum Ankauf von Arbeitskräften, dieses derjenige, der zum Ankauf von Rohstoffen, Hilfsstoffen und Arbeitsmitteln, also von Produktionsmitteln dient: bei Marx heißen diese beiden Kapitalarten variables und konstantes Kapital. Der Unterschied zwischen dieser Einteilung und der ersten ist der, daß hier die Zweckbestimmung, dort die jeweilige Form das Unterscheidungsmerkmal ist: sowohl Personal- wie Realkapital kann jeweils Geld- oder Sachkapital sein; sowohl Geld- wie Sachkapital kann als Personal- wie als Realkapital dienen. c) Stehendes (fixes) und umlaufendes („Betriebs-“) Kapital in der üblichen Unterscheidung, also je nachdem ein Kapitalteil mit seinem vollen Betrage während einer Produktionsperiode (Jahr) in den Verwertungsprozeß eingeht oder nicht, 136 Erster Abschnitt: Das Kapital Das Verhältnis dieser Unterscheidung zu der ersten und zweiten ist dieses: sowohl stehendes wie umlaufendes Kapital ist entweder Geld- oder Sachkapital. Das Personalkapital ist immer umlaufendes, das Realkapital ist entweder umlaufendes oder fixes Kapital: umlaufendes Kapital sind die Roh- und Hilfstoffe, stehendes Kapital alle Anlagen und Arbeitsmittel bis auf diejenigen, die sich etwa im Laufe eines Jahres verschleißen, das heißt also ebenfalls mit ihrem vollen Wertbetrage in den Verwertungsprozeß eingehen. 3. Nach der Betätigungssphäre unterscheiden wir zunächst die beiden großen Begriffsformen des produktiven oder primären und des distributiven oder sekundären Kapitals. Produktives oder primäres Kapital nenne ich dasjenige Kapital, das zur Gütererzeugung im weitesten Sinne, das heißt: zur Aufrechterhaltung des wirtschaftlichen Kreislaufes dient. Das produktive Kapital zerfällt wiederum nach der Anlagesphäre in Produktions-, Handels-, Transport-, Bankkapital usw.; nach der Stellung zum geschäftlichen Risiko in Untemehmungskapital und Leihoder Beteiligungskapital, je nachdem es also am Gewinn und Verlust vollen Anteil hat oder ihm nur eine ihrem Betrage nach festgesetzte Vergütung zufällt, wofür es das Risiko des Verlustes nur in abgeschwächtem Maße trägt (Aktienkapital-Obligationenkapital). Unter distributivem oder sekundärem Kapital verstehe ich dasjenige Kapital, das dem Besitzer ein Einkommen verschafft, ohne beim Güterbeschaffungsprozesse beteiligt zu sein; dessen Funktion vielmehr darin besteht, vorhandene Güter in der Geldform aus einer Wirtschaft in die andere zu übertragen. In reiner Form erscheint das distributive Kapital etwa in dem Kapital einer Spielbank oder eines Totalisators. Aber auch Lombardgeschäfte, Pfandhäuser (soweit sie Konsumtivkredit gewähren), Lebensversicherungen gehören hierher (während das Kapital in Feuer-, Hagel-, Diebstahl- u. a. Versicherungen Produktivkapital ist). Damit wir von Kapital sprechen können, muß das Erwerbsvermögen im Rahmen einer kapitalistischen Unternehmung Verwendung finden. Das Geld, das der private Wucherer ausleiht, ist natürlich in keinem Sinne Kapital. * * * Nun muß hier aber eines Gebildes noch Erwähnung geschehen, das zwar im strengen Verstände kein Kapital ist, also auch nicht unter den Arten des Kapitals aufgezählt werden kann, das aber von vielen irrtümlicherweise für Kapital gehalten und häufig mit diesem ver- Elftes Kapitel: Die Arten des Kapitals 137 wechselt wird, weil es eine Anzahl von Merkmalen mit dem echten Kapitale gemeinsam hat. Ich meine Geldsummen (rechtlich gesprochen: Vermögen), die zum Bezüge von Renten berechtigen, ohne daß sie einer kapitalistischen Unternehmung als Unterlage dienen. Es sind im Grunde nur fiktive Größen, denen kein Wert in der Wirklichkeit entspricht, die vielmehr nur rechnungsmäßig durch Kapitalisierung der Rente entstehen und deshalb nach der Höhe des Zinsfußes oder des Profitsatzes oder des Kapitalisierungsverhältnisses verschieden groß sind. Es sind diejenigen Gebilde, auf die wohl Sismondi (2, 229) zuerst aufmerksam gemacht und die er Capital imaginaire genannt hat. Sie sind dann vor allem von Marx (vgl. Kapital III 2 , 3ff., 14ff. 342ff.) eingehend und tiefgründig behandelt worden und sind seitdem unter dem Namen „fiktives Kapital“ bekannt. Die Bezeichnung scheint mir nicht sehr glücklich. Will man das Wort Kapital zu ihrer Bezeichnung verwenden, so täte man besser sie negatives Kapital oder vielleicht — nach dem Vorgänge der Kaufmannsprache — passives Kapital zu nennen. Das Beste aber scheint mir zu sein, die Bezeichnung Kapital ganz fallen zu lassen und von Rentenfonds, Rentenstock, Rentenvermögen zu sprechen. Sachlich handelt es sich um Erwerbsvermögen, soweit sie kein Kapital sind. Es kommen hier hauptsächlich folgende Beträge in Frage: 1. Geld, das zu konsumtiven Zwecken geliehen wird, sei es öffentlichen Körpern, sei es Privaten, selbstverständlich nur insoweit, als es nicht selbst eine kapitalistische Unternehmung ist, die das Darlehn gibt. In diesem Falle würde es sich um echtes, wenn auch nur distributives Kapital handeln. 2. Geld, das zum Ankauf gewinnbringender Unternehmungen oder rententragender Grundstücke Verwendung findet. 3. Geld, das zum Ankauf von Effekten aller Art dient. In diesen letzten beiden Fällen tritt die Summe, um die es sich handelt, neben das Kapital; gleichsam als sein Doppelgänger. Geht die Aktie einer industriellen Unternehmung oder auch die Gesamtheit dieser Aktien aus einer Hand in die andere über, so erleidet das Kapital, mit dem die Unternehmung begründet wurde und betrieben wird, keinerlei Veränderung. Trotzdem wird eine Geldsumme ausgegeben und eingenommen, die aber zu nichts anderem dient, als die Bezugsrechte von dem einen Aktienbesitzer auf den andern zu übertragen. Das Hochofenwerk in Oberschlesien oder die Spinnerei in Bayern be- 138 Erster Abschnitt: Das Kapital kommen keinen Pfennig zu sehen von denjenigen Geldbeträgen, die an der Berliner Börse umgesetzt werden, um ihre Aktien zu kaufen und zu verkaufen. Die Beträge, die hier umgesetzt werden, können bald zum Kapitaldasein erweckt werden, wenn etwa der Empfänger (Verkäufer einer privaten Unternehmung, eines Grundstücks, eines Effekts) die erhaltene Summe zu kapitalistischen Zwecken verwendet: etwa um eine kapitalistische Unternehmung zu begründen oder das Kapital einer andern auszuweiten oder neu ausgegebene Aktien oder Obligationen zu kaufen. Die Beträge können aber auch konsumtiven Zwecken dienen und dann dem Kapital verloren gehen oder erst auf langen Umwegen der Kapitalbestimmung zugeführt werden. Um einzusehen, daß es sich hier um Summen handelt, die völlig verschieden vom Kapital sind, setze man den Fall: ein Unternehmer verkaufe seine Unternehmung für eine Million in bar. Er stecke die Summe in seine Tasche in der Absicht, sie bald in Kapital zu verwandeln, etwa in Amerika ein Geschäft zu begründen; sein Schiff gehe dann unter und mit ihm die Million Mk. oder $. Dann ist dieser Wertbetrag aus der Welt verschwunden, ohne daß an einer Stelle der Erde der Kapitalbetrag eine Verminderung erfahren hätte. Ein praktisch wichtiger Fall ist endlich der, daß die Beträge dieser Rentenfonds weder in Kapital verwandelt noch individuell verzehrt werden, daß sie vielmehr immer von neuem den Besitzer wechseln und immer von neuem Umsätze von Effekten bewirken, also ewig ruhelos umherirren — der Ort ihres Erscheinens ist die Börse —, weil sie den Kapitaltod oder Verzehrtod nicht finden können: imerlöste Seelen! Der größte Teil derjenigen Beträge, die, wie es im Börsenjargon heißt, den „Kapitalmarkt“ bilden, sind solche Rentenfonds, sind solches negatives Kapital, Beträge, die mit echtem Kapital ganz und gar nichts zu tun haben. 139 Zwölftes Kapitel Die Verwertung des Kapitals Ich habe im ersten Bande des Werkes (Seite 324ff.) ein Schema der Verwertung des Kapitals gegeben, das, wie es den dort verfolgten Zwek- ken entsprach, im wesentlichen unter privatwirtschaftlichem Gesichtspunkte diesen Verwertungsprozeß betrachtete. Hier wo es sich um die Aufdeckung auch der Volks- oder besser: (ge)samt-wirtschaftlichen Zusammenhänge der kapitalistischen Wirtschaft handelt, muß eine demgemäß anders ausgerichtete Betrachtungsweise jener früheren (und später noch einmal bevorzugten) ergänzend zur Seite treten, die dann zu folgenden Ergebnissen führt. I. Begriff und Wesen des Mehrwerts 1. Der „Sinn“ der kapitalistischen Produktion ist, wie wir wissen, die Erzielung von Gewinn. Gewinn heißt Überschuß: das vorgeschossene Kapital muß mit einem Aufschlag, einem Zuwachs (Inkrement) zu seinem Ausgangspunkte zurückkehren. Dann hat es sich „verwertet“. Diesen Aufschlag (Zuwachs, Gewinn) nennen wir Mehrwert, wenn wir ihn auf das Gesamtkapital einer Gesellschaft, Profit, wenn wir ihn auf die Einzelkapitale beziehen. Mehrwert erzeugen heißt: daß der Tauschwert (Preis) sämtlicher in einer Produktionsperiode (Jahr) erzeugten Einkommensgüter höher ist als der Entgelt der Lohnarbeiterklasse, das ist der Arbeitslohn oder Tauschwert (Preis) der Arbeitskraft, das ist der Lohnfonds. 2. Daß die Lohnarbeiterklasse im Arbeitslohn weniger erhält als den Gesamtertrag der gesellschaftlichen Arbeit, ist eine Tautologie, denn es heißt: kapitalistisch wirtschaften. Daß sie weniger erhält als den von ihr erzeugten Wert, das heißt weniger als ihren Arbeitsertrag, ist Unsinn, da es einen solchen ausscheidbaren Betrag nicht gibt. In der kapitalistischen Wirtschaft ist der Gesamtertrag das Erzeugnis aller bei der Produktion notwendig beteiligten Faktoren. Notwendig in der kapitalistischen Wirtschaft daran beteiligt sind aber Unternehmer, Kapital und Arbeiter, was 140 Erster Abschnitt: Das Kapital wiederum ein identischer Satz ist: kapitalistische Wirtschaft heißt ja diejenige, bei der die drei Faktoren notwendig Zusammenwirken. Alle Bemühungen, von dem Gesamterträge der gesellschaftlichen Produktion einen bestimmten Anteil den beteiligten Faktoren „zuzurechnen“, sind grundsätzlich verfehlt. Sie entstammen apologetischen Absichten und sollten nicht länger in wissenschaftlichen Traktaten ihr Wesen treiben. Das Problem der „Zurechnung“ ist eines jener falsch gestellten Probleme, an denen jede Wissenschaft krankt. Es ist unlösbar aus dem einfachen Grunde, weil in keinem Ganzen, das sich aus dem Zusammenwirken einzelner Elemente aufbaut, der Wirkungsanteil eines dieser Elemente sich feststellen läßt. Das wäre immer nur möglich, wenn man diese Wirkung isolieren könnte, und das kann man nicht, da dann der Wirkungszusammenhang aufhören würde, derselbe zu sein. Es ist hier nicht der Platz, die Irr- tümer der Zurechnungstheoretiker im einzelnen aufzudecken. Auch Clark hat die Zurechnungstheorie durch seine Unterscheidung von funktioneller und personeller Verteilung nicht zu retten vermocht. Das Problem mit dem des Gegensatzes zwischen „Macht“ und „ökonomischem Gesetz“ zu verquicken, ist ganz abwegig. Siehe im übrigen die Literaturübersicht. 3. Die Verdunkelung dieser so überaus klaren Tatbestände ist nur herbeigeführt worden durch die unselige Ethisierung der Wirtschaft. Daß man in Zusammenhänge, die lediglich durch die Auswirkung bestimmter ökonomischer Notwendigkeiten zustande kommen, sittliche Postulate hineintrug, hat den Schaden angerichtet. Man soll die gewiß brennende sittliche Frage nach der Berechtigung kapitalistischer Produktions- und Verteilungsweisen ebensowenig wie die praktischpolitische Frage: ob Wirtschaft ohne kapitalistische Prägung möglich und erwünscht sei, mit dem Erkenntnisproblem, die kapitalistische Wirtschaft zu verstehen, verquicken. Das Verständnis dieser Wirtschaftsweise ist nun aber auch der Schlüssel zum Verständnis des Mehrwerts. Man hat nichts anderes einzusehen als dieses: daß der Mehrwert ein wesentlicher Bestandteil der kapitalistischen Wirtschaft ist, und daß also seine „Begründung“ in der „Begründung“ des Systemes eingeschlossen ist, das heißt: daß seine Voraussetzungen die Voraussetzungen des ganzen Kapitalismus sind. Deshalb können wir als die Daseinsgründe des Mehrwerts folgende anführen: (1) einen bestimmten Produktivitätsgrad der gesellschaftlichen Arbeit, der die Differenzierung in leitende und ausführende Arbeit und die Absonderung eines gesellschaftlichen Einkommensteils, der technisch nicht mitarbeitenden Personen zufällt, möglich macht; Zwölftes Kapitel: Die Verwertung des Kapitals 141 (2) die tatsächliche Trennung der Bevölkerung in Kapitalbesitzer, Unternehmer und besitzlose Nur-Arbeiter; (3) die marktmäßige Verknüpfung der Wirtschaften, durch die der Mehrwert realisiert wird und die naturalistische Bestimmung der Einkommensanteile durch die Preisbildung auf dem Markte. Der Mehrwert erscheint dann völlig ungezwungen als der Ausdruck des ökonomischen Machtverhältnisses (ein Begriff, der die scheinbaren Gegensätze „Macht“ und „ökonomisches Gesetz“ in sich vereinigt) zwischen Lohnarbeiterklasse und Kapitalistenklasse bei frei sich abwickelndem Verkehr. Welchen Bedingungen die tatsächliche Gestaltung des Mehrwerts unterworfen ist, ergibt sich aus folgenden Erwägungen. II. Die Bildung des Mehrwerts 1. Um die Höhe des Mehrwerts — wie irgend eines Anteils am gesellschaftlichen Einkommen — zu bestimmen, das heißt zu bemessen, müssen wir die Einkommensgüter als reine Menge fassen, sie, die sich uns zunächst in der bunten Mannigfaltigkeit ihrer Gebrauchsgütereigenschaft darstellen. Wir wissen, daß wir zu dieser reinen Menge nicht durch das physikalische Hilfsmittel des Wiegens gelangen, da es sich selbstverständlich um eine ökonomische Größe handelt, die wir bestimmen wollen. Wir müssen uns aber auch überzeugen, daß etwa auf dem Wege der subjektiven Wertbemessung niemals eine objektiv faßbare und bestimmbare Quantität entstehen kann. Und müssen endlich einsehen, daß der Preisausdruck zwar die gewünschte ökonomische Größe darstellt, uns aber deshalb nicht viel nützt, weil er uns keinen Zugang zu den Bestimmungsgründen unserer Menge gewährt. Immer noch erweist sich der viel begangene Weg, den uns die alte Arbeitswerttheorie gewiesen hat, als derjenige, der am sichersten zum Ziele führt. Man muß nur all die dunklen Vorstellungen, die sich mit dem Worte „Wert“ verbinden, abstreifen und das Problem in seiner großen Schlichtheit zu erfassen sich bemühen. Dann ergibt sich als der Sinn dieser Auffassung der: daß wir die wirtschaftlichen Güter als das Erzeugnis oder Ergebnis eines bestimmten, ebenfalls nur als Menge gedachten Arbeitsaufwandes uns vorstellen. Daß die wirtschaftlichen Güter — die Naturbedingungen als gegeben angenommen — das Erzeugnis der menschlichen Arbeit und nur dieser sind, ist eine Tatsache, deren Feststellung heute nicht mehr als ein Gemeinplatz sein würde. Daß der gemachte Arbeitsaufwand eine (in Zeitlängen) 142 Erster Abschnitt: Das Kapital meßbare Größe sei, die sich in der erzeugten Gütermenge in ihrer Gänze und in ihren Teilen darstelle, ist eine Fiktion, deren wir für die Lösung einer ganzen Reihe nationalökonomischer Probleme benötigen, wie zum Beispiel des hier zur Erörterung stehenden Problems der Größenbemessung des Mehrwerts. Mit Hilfe der eben erwähnten Fiktion können wir nämlich folgende, uns zum Ziele führende Feststellungen machen: Der gesellschaftliche Gesamtarbeitsaufwand stellt eine in Arbeitsstunden meßbare Größe dar: in einem Lande wie Deutschland sind es etwa 40 Milliarden Arbeitsstunden jährlich. Diese Größe mag in alter Anhänglichkeit mit dem Namen „Wert“ (w) bezeichnet werden, ohne daß damit irgendwelche geheimnisvollen Nebengedanken verknüpft wären. Dieser Gesamtarbeitsaufwand dient dazu: 1. die Einkommensgüter der Arbeiterklasse, 2. diejenigen der Kapitalistenklasse (einschließlich der Unternehmerklasse), 3. die zur Herstellung beider erforderlichen Arbeitsmittel zu erzeugen („idealtypische“ Reinheit des kapitalistischen Produktionsverhältnisses selbstverständlich vorausgesetzt). Die dritte Gruppe der erzeugten Güter können wir anteilmäßig auf die beiden ersten aufrechnen, so daß sich nur zwei Gruppen von Gütern: die Einkommensgüter der beiden Klassen ergeben, die sich in den Gesamtarbeitsaufwand teilen. Wir wollen denjenigen Arbeitsaufwand, der zur Erzeugung der Arbeitereinkommensgüter dient, a, denjenigen, mittels dessen die Einkommensgüter der Kapitalistenklasse hergestellt werden, m nennen. Dann ist w = a + m und: m = w — a. 2. Über die Bestimmungsgründe für die Höhe des Mehrwerts lassen sich folgende — und nur diese — Aussagen machen: a) Die Höhe des Mehrwerts ist — unter sonst gleichen Umständen — abhängig von der Menge der insgesamt aufgewandten, gesellschaftlichen Arbeit, also von der Größe von w. Beispielsmäßig: =40 — 30 = 10 ra 2 = 50 — 30 = 20 b) Die Höhe des Mehrwerts wird — unter sonst gleichenUmständen — bestimmt durch das Anteilsverhältnis zwischen a und m. Beispielsmäßig: m 1 — 40 — 30 = 10 m 2 = 40 — 20 = 20 c) Die Gütermasse, in der sich der Mehrwert darstellt, wird bestimmt durch die Leistungsfähigkeit der Arbeit. Die Leistungsfähigkeit ihrerseits ist abhängig von der Größe dreier Variablen: der Produktivität, Zwölftes Kapitel: Die Verwertung des Kapitals 143 der Intensität und der Ökonomität der Arbeit, über die im weiteren Verlauf dieser Darstellung das Nähere mitgeteilt wird. Hier muß der Hinweis genügen, daß alle drei Variablen durch natürliche und soziale Umstände in ihrer Größe bestimmt werden. 3. Nicht zufrieden mit diesen dürftigen, allgemeinen Feststellungen, hat man immer wieder versucht, bestimmte Aussagen über die tatsächliche Höhe des Mehrwerts zu machen. Man hat sich insbesondere immer wieder dazu verleiten lassen, Gestaltungsgesetze des Mehr- Werts aufzuweisen. Wir können zwei in ihren Ansichten sich widersprechende Auffassungen unterscheiden: solche, die ein Sinken und solche, die ein Steigen des Mehrwerts als in seinem Wesen begründet annehmen. Vertreter der (vom kapitalistischen Standpunkt aus) pessimistischen Auffassung sind die meisten Klassiker (Ricardo) und ihre Epigonen (Bastiat), Vertreter der optimistischen Auffassung sind die meisten Sozialisten, allen voran Marx. Wenn wir von den Oberflächlichen, wie Bastiat, absehen, der das Sinken des Kapitalertrages von der Vermehrung und Konkurrenz der Einzellcapitalien unter sich ableitete, so geht die Verschiedenheit der Auffassung auf die verschiedene Beurteilung des Ganges zurück, den, nach der Meinung der einzelnen Denker, die Produktivität der Arbeit nimmt. Die Klassiker nehmen ein Sinken, die Sozialisten ein Steigen an, und auf der Verschiedenheit dieser Annahmen beruht im wesentlichen der Unterschied zwischen den klassischen und den sozialistischen Systemen der Nationalökonomie. Ricardo: „Das natürliche Streben des Gewinstes ist demnach, zu sinken; denn bei dem Fortschreiten der Gesellschaft und des Volkswohlstandes erlangt man den erforderlichen Mehrbedarf an Nahrungsmitteln durch Aufopferung von mehr und mehr Arbeit.“ Grundsätze, 92. Marx: „Die Produktionskraft der Arbeit... entwickelt sich fortwährend mit dem ununterbrochenen Fluß der Wissenschaft und Technik . . . Gleich vermehrter Ausbeutung des Naturreichtums durch bloß höhere Spannung der Arbeitskraft bilden Wissenschaft und Technik eine von der gegebenen Größe des funktionierenden Kapitals unabhängige Potenz seiner Expansion.“ Kapital l 4 , 569. Gegenüber diesen Theorien ist zu sagen, daß es unmöglich ist, eine bestimmte Entwicklung des Mehrwerts (wie irgendeines Anteils am gesellschaftlichen Produkt) von vornherein, auf Grund allgemeiner Vernunftschlüsse, also wie man es zu nennen pflegt, „deduktiv“ festzustellen. Aus dem sehr einfachen Grunde, weil die oben aufgezählten 144 Erster Abschnitt: Das Kapital Bestimmungsgründe drei historisch wandelbare Variable sind, es also theoretisch so viele Entwicklungsmöglichkeiten wie Gestaltungs- und Kombinationsmöglichkeiten der drei Variabein gibt. Etwas anderes ist die Behauptung, daß sich die bestimmenden Umstände in einer bestimmten Weise gestaltet haben und auch: daß sie in einer bestimmten Weise sich wahrscheinlich gestalten werden. Auf Grund solcher Wahrscheinlichkeitsfeststellungen kann man Entwicklungstendenzen behaupten. Bei der Verwickeltheit der Zusammenhänge ist auch die Aufstellung von Gestaltungstendenzen des Mehrwerts so gut wie unmöglich. Einheitliche Entwicklung und einheitliche Entwicklungstendenzen hat es historisch nicht gegeben. Ricardo und Marx haben beide Recht, je für bestimmte Zeiten und Orte. Wir werden im Verlauf der Darstellung öfters Gelegenheit haben, das hier Gesagte bestätigt zu finden. Es mag hier wiederholt darauf hingewiesen werden, wie unerläßlich für eine klare Erfassung des Sachverhaltes es ist, jederzeit scharf zwischen „Theorie“ und „Empirie“ zu unterscheiden. Erst unsre Generation hat die Notwendigkeit dieser Unterscheidung in ihrer ganzen Tragweite begriffen. Die Systeme unserer größten Meister, selbst (und vielleicht gerade) die von Ricardo und Marx, werden in ihrer Geltungskraft nicht zuletzt beeinträchtigt durch eine immer wieder sich peinlich geltend machende Vermengung theoretischer und empirischer Betrachtungsweise. III. Die Reproduktion des Kapitals 1. Unter Reproduktion des Kapitals verstehen wir die Wiedererzeugung eines vorhandenen Kapitals seinem Wertbetrage nach oder die Vermehrung dieses Kapitals im Verlaufe und mittels des wirtschaftlichen Prozesses. Über diesen Vorgang werden wir uns an verschiedenen Stellen eingehend zu verständigen haben. Hier soll nur ein Schema dieses Reproduktionsvorganges, das heißt eine Übersicht über die theoretischen Möglichkeiten gegeben werden, um unnütze Wiederholungen bei den verschiedenen, späteren Erörterungen des Problemes zu vermeiden. 2. Wir können folgende Arten der Reproduktion unterscheiden: a) Einfache Reproduktion. Darunter verstehen wir die Wiederherstellung desselben Kapitalbetrages in gleicher Zusammensetzung. Sie erfolgt durch die Verausgabung des gesellschaftlichen Einkommens: indem Arbeitslohn und Mehrwert zum Ankauf der auf sie entfallenden Zwölftes Kapitel: Die Verwertung des Kapitals 145 Einkommensgüter verwendet werden, erhalten die Produzenten sämtlicher Güter ihre vorgeschossenen Kapitalheträge ersetzt. b) Erweiterte Reproduktion. Darunter verstehen wir die Wiederherstellung desselben Kapitalbetrages und Schaffung eines Zusatzkapitals, also Steigerung der Kaufkraft der Unternehmer. Wir werden sehen, daß diese das Ergebnis eines kunstvollen Verfahrens ist, über das im folgenden Abschnitt ausführlich zu sprechen sein wird. c) Reproduktion auf erweiterter Stufenleiter. Darunter verstehen wir die relative Vermehrung des in der Arbeitsmittelindustrie angelegten Kapitals, durch welche Vermehrung eine Steigerung der gesellschaftlichen Produktivkraft erstrebt und meistens erreicht wird. Zu Unklarheiten führt häufig die Vermengung bzw. Verwechslung der unter b und c verzeichneten Formen der Reproduktion. Sie sind scharf voneinander zu trennen. Ihr Verhältnis zueinander ist das grundsätzlicher, wenn auch meist nicht geschichtlicher Selbständigkeit: b ist ohne c, c ohne b möglich. In den empirisch meisten Fällen sind allerdings b und c miteinander verbunden, das heißt: es findet eine erweiterte Reproduktion auf erweiterter Stufenleiter statt. 3. Dieses empirische Überwiegen der zuletzt erwähnten Verknüpfung im Zeitalter des Hochkapitalismus läßt sich imschwer aus dessen Daseinsbedingungen erklären, sodaß wir berechtigt sind, von einer (historischen) Entwicklung des Kapitalismus zur erweiterten Reproduktion und Reproduktion auf erweiterter Stufenleiter zu sprechen. Die Erklärung enthalten folgende Erwägungen: Intensives Streben nach Vergrößerimg der Mehrwertrate fand am Widerstande der Arbeiterklasse seine Schranke. Wir werden am gehörigen Ort eine Tendenz und tatsächliche Entwicklung zur Verteuerung der Arbeitskraft festzustellen haben: siehe das 27. Kapitel. Blieb dem Kapital also nur die Möglichkeit, um den Mehrwert zu steigern, das intensive Streben nach Vergrößerung der Mehrwertmasse, das heißt also nach erweiterter Reproduktion. Dieses Streben hatte Erfolg, weil das Zeitalter des Hochkapitalismus durch einen starken Bevölkerungszuwachs gekennzeichnet ist, wie wir später sehen werden: siehe das 23. und 24. Kapitel. Daß sich nun mit der erweiterten Reproduktion in der Regel ein Streben nach Reproduktion auf erweiterter Stufenleiter verband, hat folgende Gründe: a) die uns bekannte revolutionäre Eigenart der modernen Technik, die es mit sich bringt, daß der Produktionsmittelapparat immerfort 5ombart, Hochkapitalismus. 146 Erster Abschnitt: Das Kapital entwertet wird und neugestaltet — dann natürlich in vollkommenerer Weise — werden muß; b) die uns ebenfalls bekannte Tatsache, daß die Anwendung der . modernen Technik der Regel nach eine Ausweitung des Produktionsmittelapparates erheischt, wodurch an sich schon die Vermehrung des auf die Erzeugung von Arbeitsmitteln verwandten Kapitals notwendig wird; c) die Zwangslage, in der sich der einzelne Unternehmer befindet, auf dem der Druck der Konkurrenz lastet. Diese Wirkung der Konkurrenz nehme ich hier vorweg, wo im Allgemeinen die Vorgänge ohne das Hineinspielen des Konkurrenzfaktors betrachtet werden. Zweiter Unterabschnitt Das Geldkapital Quellen und Literatur I. Die Entstehung des Kapitals im allgemeinen: 1. Allgemeine Literatur: Nach den Klassikern hat im Grunde doch nur Marx das Problem der Kapitalbildung nach allen seinen Seiten und in allen seinen Tiefen behandelt. Auch die Marxisten haben nicht viel Neues hinzuzutun vermocht. Das bedeutende Buch von Rosa Luxemburg führt zwar den Titel: „Die Akkumulation des Kapitals“, behandelt aber doch mehr das Problem der Marktbildung. Was sich in den heutigen nationalökonomischen Lehrbüchern zum Thema vermerkt findet, kommt über nichtssagende Gemeinplätze fast nie heraus. Nirgends wird das Problem in seiner historischen Eigenart erfaßt. Was soll man selbst über die Ausführungen bei Marshall, der ihm ein eigenes Kapitel widmet, sagen, wenn er als die letzte Quelle der Kapitalbildung nichts anderes als die „family affection“ anzugeben weiß? Vgl. auch A. Salz, Kapital, Kapitalformen, Kapitalbildung, Kapitaldynamik. GdS. IV, 1. 1925. 2. Einzelne Probleme: Über das Sparproblem handeln einige beachtenswerte Monographien: Robertson, The fallacy of Saving. 1892. Montemartini, II risparmio nell’economia pura. 1896. v. Manteuffel, Das Sparen. 1900. Das Problem der Vermögensbildung hat wiederholt eine monographische Behandlung erfahren. So (für Amerika) in dem schon erwähnten Buche von Gustavus Myers; ferner in der Aufsatzreihe von Lawson, Frenzied Finance in Every bodys Magazine, July 1904ff., und der von Burton J. Hendrick, Great American Fortunes and their Making in McClures Magazine, Novembre 1907 — Jan. 1908. Für Europa siehe z. B. R. Ehrenberg, Große Vermögen. Ihre Entstehung und ihre Bedeutung. 2. Aufl. 1905. (Rothschild, Krupp.) Eine mehr allgemeine Betrachtung haben dem Gegenstand der Vermögensbildung angedeihen lassen die folgenden Werke: Für das Ende des 18. und den Anfang des 19. Jahrhunderts: M. Cape- figue, Banquiers, fournisseurs, acquereurs des hiens nationaux etc. 1856. Oscar de Vallee, Les manieurs d’argent. Etudes historiques et morales. 1720—1857, 1858. Das große Werk des Vicomte G, D’Avenel, Histoire economique de la propriete etc., greift nur mit gelegentlichen Vergleichen in das 19. Jahrhundert hinein. In Betracht kommt der 5. Volume 1919. Vgl. desselben Autors Büchlein: La fortune privee ä travers sept siöcles, 1895. 10 * 148 Erster Abschnitt: Das Kapital Die Extraprofite der Industrie, namentlich in ihren Anfängen, behandelt: Jos. Kulischer, Zur Entwicklungsgeschichte des Kapitalzinses. III. Abteilung. Der Kapitalgewinn im 19. Jahrhundert in den Jahrb. f. NÖ. III. Folge Band XXV (1903). Ganz allgemein, aber wenig ergiebig, ist G. P. Watkins, The growtli of large fortunes (1907). Ygl. auch A. Salz, Vermögen und Vermögensbildung in der vorkapitalistischen und in der modernen kapitalistischen Wirtschaft. GdS. IV. 1. 1925. Das Buch von E. Schmidt-Weißenfels, Geschichte des modernen Reichtums in biographischen und sachlichen Beispielen (1893) ist anekdotisch. Seine Hauptquelle: Varigny, Les grandes fortunes (1889) war mir nicht zugänglich. 3. Statistik: Methodisches: Ad. Wagner, Zur Methodik der Statistik des Volkseinkommens und Volksvermögens. Ausgearbeites und erweitertes Referat in der Sitzung des Intern. Statist. Institutes. 1903. G. Schnapper-Arndt, Sozialstatistik (1908), 257—297. Fedor Weinschenk, Das Volks vermögen. 1896. (Dogmengeschichte des Begriffes.) Darstellungen aus neuerer Zeit: Rob. Giffen, The growth of Capital. 1889. Chiozza-Money, Riehes and poverty. 1910; idem, The nations wealth. 1914. Karl Helfferich, Deutschlands Volkswohlstand 1888—-1913. 1913. Corrado Gini, L’ammontare e la composizione della ricchezza delle nazioni. 1914. Hauptwerk. G. Cassel, Theoretische Sozialökonomik. 191.8. §§ 54ff. Wilford Isbell King, The wealth and income of the people of the United States. 1923. Wl. Woytinsky, Die Welt in Zahlen. 1. Buch. 1925. II. Allgemeine Darstellungen des Kreditwesens, Kredittheorien: Von jeher sind zwei grundverschiedene Auffassungen vom Wesen des Kredits nebeneinander hergegangen, die man als die englische und die schottische oder als die statische und die dynamische einander gegenüberstellen kann. Die Werke, in denen diese beiden Richtungen ihren klassischen Ausdruck gefunden haben, sind: Karl Knies, Geld und Kredit Band II, Der Kredit 1876—79, und H. D. McLeod, Theory of Credit. 2 Vol. 1889. Bis vor kurzem schien die statische Auffsasung vom Wesen des Kredits die Oberherrschaft, ja man kann sagen: die Alleinherrschaft gewonnen zu haben: in der dicksten Monographie über den Gegenstand, dem Buche von J. v. Komorzynski, Die nationalökomische Lehre vom Kredit (1903), 375, heißt es ohne Umschweife: „der einstmalige Irrtum von der kapitalschaffenden Kraft des Kredits kann wohl heute als überwunden gelten.“ Seitdem hat sich das Blatt gewandt. Heute kann man getrost behaupten, daß die dynamische Kreditlehre im siegreichen Vordringen begriffen ist. Sie wird jetzt in der deutschen Literatur vertreten von J. Schumpeter, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. 1912; L. A. Hahn, Theorie des Bankkredits. 1920 u. a. Sie hat ebenso in der ausländischen, namentlich der amerikanischen und französischen Literatur, zahlreiche Anhänger. Verwiesen sei auf W. G. Langworthy Taylor, The credit system. 1913. Alb. Despaux, Principes de dynamique monetaire. 1925. Quellen und Literatur 149 Auch die in der folgenden Darstellung vorgetragenen Ansichten erkennen die Dichtigkeit der dynamischen Kredittheorien grundsätzlich an. Mein Bestreben war es, die beiden Auffassungen zu einer Synthese zu vereinigen — die Funktionen des Kredits sind in der Tat zweifache: Erhaltung und Erweiterung -—■ die dynamische Theorie selbst aber besser zu begründen und sie von ihren Irrtümern zu reinigen. Von gegnerischen Schriften aus neuerer Zeit seien erwähnt: L. v. Bortkiewicz, Das Wesen, die Grenzen und die Wirkungen des Bankkredits im Weltwirtschaftlichen Archiv Bd. 17 (1921/22) und Djelal, Die Hahn’sche Banktheorie. Berl. Diss. 1925. Dogmengeschichtlicher Stoff findet sich massenhaft bei Komorzynski a. a. 0. Das Buch von V. Avril, Histoire philosophique du Credit, Tome I re (1849), hält leider gar nicht, was der schöne Titel verspricht. Es ist nur als Zeichen der Zeit interessant, weil es die Honigmondstimmung wiedergibt, aus der heraus der Credit foncier und der Credit mobilier gegründet wurden. III. Teilgebiete bzw. Teilprobleme des Kreditwesens: 1. Gold und Kredit: Hier kommt einerseits die Literatur über die geschichtliche Entuncklung der Edelmetallp-oduktion in Betracht. Vor allem also Del Mar, History of the precious metals 2. ed., 1902, neben dem als zuverlässige Quelle die statistischen Zusammenstellungen des amerikanischen Münzamtes und von Soetbeer-Lexis zu Rate zu ziehen sind. Siehe den Artikel ,Gold’ im HSt. Bd. IV. Über die neueren Phasen der Goldproduktion insbesondere unterrichten: Welton, Practical gold-mining 1902; Curie, Gold mines of the world 2. ed., 1902; Walter R. Crane, Gold and silver 1908. Das lehrreiche, 727 Seiten umfassende Werk behandelt hauptsächlich die Gold- und Silbergewinnung in USA. Max Epstein, Die englische Goldminenindustrie 1909. Andererseits gehört hierher die Literatur über die Beziehungen zwischen Gold (Geld) und Kredit. Diese ist nun außerordentlich dürftig. Man begnügt sich fast immer nur damit, den Einfluß der Geldzirkulation auf die Preise zu untersuchen und behandelt die Frage, welche Bedeutung die Geld-(Gold-) menge auf die Ausgestaltung des Kredits hat, sehr nebenbei. Von neueren Autoren gehen dem Problem am weitesten nach: Irving Fischer, Thepur- chasing power of money. Zuerst 1911. Robertson, Das Geld, deutsch von M. Palyi 1924. Kurt A. Herrmann, Die Zukunft des Goldes 1925. Fritz Schwarz, Segen und Fluch des Goldes in der Geschichte der Völker. 1925. Populär, aber mit viel Literatur- und Tatsachenbelegen. Am meisten findet man darüber in der Konjunktur- und Krisenliteratur, auf die zu verweisen ist. 2. Bankwesen: a) Allgemeine Literatur, Banktheorie: Je älter, desto besser! (Die Banktheorie stirbt langsam ab: Das HSt. hat nur noch die Stichworte „Bankbetrieb“ und „Bankpolitik“.) Also etwa: J. W. Gilbart, The history and principles of banking 1835 und andere Werke desselben Autors. H. D. McLeod, Theory and practice of banking. 2 Vol. 1855/56. Ad. Wagner, Beiträge zur Lehre von den Banken. 1857. Dazu ein Kapitel aus Ricardo, Marx im 3. Bande (vielfach ungeordnet), auch Mill. 150 Erster Abschnitt: Das Kapital Die Fruchtbarkeit des Entwicklungsgedankens in seiner Anwendung auf das Bankwesen erweist die Studie von Sven Helander, Theorie der Zentralisation im Notenbankwesen. 1916. Moderne Banktechnik: F. Leitner, Bankbetrieb und Bankgeschäfte. 6. Aufl. 1923. Zahlreiche Monographien, namentlich auch in der neueren amerikanischen Literatur, z. B. Leonard Le Marchant Minty, American Banking Methods. 1923. b) Eine allgemeine Bankgeschichte ist mir nicht bekannt. Dagegen gibt es zahlreiche Werke, die sich mit der Geschichte der Banken in verschiedenen Ländern beschäftigen. Ich nenne das inhaltsreiche Buch von Otto Hübner, Die Banken 1854; Charles A. Conant, A History of modern banks of issue 1896. Dann das große, von 13 Autoren geschriebene Sammelwerk: A History of Banking in all the leading nations. 4 Vol. 1896. Ungleich! (Die Vereinigten Staaten hat W. G. Sumner, Großbritannien McLeod, die lateinischen Staaten Pierre des Essars, Deutschland Österreich, die Schweiz Max Wirth bearbeitet.). Gute vergleichende Studien sind: Ad. Weber, Depositen- und Spekulationsbanken. Ein Vergleich deutschen und englischen Bankwesens. 1902. 3. Aufl. 1922. Otto Schwarz, Diskontpolitik. Gedanken über englische, französische und deutsche Bank-, Kredit- und Goldpolitik. 1911. W. Huth,. Die Entwicklung der deutschen und französischen Großbanken im Zusammenhänge mit der Entwicklung der Nationalwirtschaft. 1918. c) Darstellungen des Bankwesens in den einzelnen Ländern gibt es unzählige. Ich treffe eine kleine Auswahl: Großbritannien. Verschiedene Bankenqueten 1848, 1858 u. ö. Will. J. Lawson, The History of Banking (England, Ireland and Scotland). 2. ed. 1855. Walter Bagehot, Lombard Street. 1873. New edition 1917. E. Jaffe, Das englische Bankwesen. 1904. 2. Aufl. 1912. Andreadös, Histoire de la Banque d’Angleterre, 2 Vol. 1904. John Hughes, Liverpool Bank and Bankers. 1760—1837. 1906. Bringt sehr viel interessanten Stoff zur frühen Geschichte des Bankwesens. W. R. Bisschop, The rise of the London money market. 1910. Reicht nur bis in die 1820er Jahre. C. W. Frh. v. Wieser, Der finanzielle Aufbau der englischen Industrie.1919. Frankreich: Aycard, Histoire du Credit mobilier. 1867. Joh. Plenge, Gründung und Geschichte des Credit mobiliers. 1903. A. Courtois, Histoire des Banques en France. 1905. A. E. Sayous, Les banques de depöt, les banques de credit et les societes financieres. 2. ed. 1906. Testis, Le röle des etablissements de credit en France. 1909. E. Kaufmann, Das französische Bankwesen. 1911. Br. Mehrens, Die Entstehung und Entwicklung der großen französischen Kreditinstitute. 1911. Deutschland: Die Reichsbank 1876—1900. Desgl. 1900—-1910. Amtliche Denkschriften. Sehr reichhaltig. Bankenquete 1908. Zahlreiche Jubiläumsschriften großer Banken. H. Poschinger, Die Banken im Deutschen Reiche, Österreich und der Schweiz. 1877. Joh. Plenge, Von der Diskontpolitik zur Herrschaft über den Geldmarkt. 1913. Paul Model, Die großen Berliner Effektenbanken. 1896. Rießer, Zur Entwicklungsgeschichte der deutschen Großbanken. Zuerst 1905. Ludw. Quellen und Literatur 151 Metzler, Studien zur Geschichte des deutschen Effektenbankwesens. 1911. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Gute Übersicht. G. Motschmann, Das Depositengeschäft der Berliner Großbanken. 1915 (Sehr. d. V. f. SP., Band 154, I). Ungeheuer ausführlich. L. F. Hecht, Die deutschen Hypothekenbanken. Bd. 1.1903 (Statistik). Fritz Schulte, Die Hypothekenbanken. 1918 (Sehr. d. V. f. SP. 154, II). Weyermann, Geschichte des Immobilienkredits in Preußen. A. Nu ß b a um, Lehrbuch des deutschen Hypothekenwesens. 1913. 2. Aufl. 1921. USA.: Knos, History of Banking in US. 1900. Ad. Hasenkamp, Die Geldverfassung und das Notenbankwesen der Vereinigten Staaten. 1906. Derselbe, über die neuere Zeit im HSt. 2 4 , s. v. Banken (Ver. St.). Eine reiche Literatur besteht über das eigentümliche Verhältnis zwischen Bank- und Industriekapital, die ich an ihrem Ort anführen werde: siehe das Literaturverzeichnis zum 3. Unterabschnitt des 3. Abschnittes des 3. Hauptabschnitts. 3. Das Effektenwesen : Eine Theorie des Effektenwesens ist mir nicht bekannt. Ich selbst habe meine Auffassung vom Wesen und der Bedeutung des Effektenprinzips zuerst in meiner „Deutschen Volkswirtschaft“ (1903) niedergelegt, dann in meinem Buche „Die Juden und das Wirtschaftsleben“. 1911. Eine grundsätzliche Betrachtung findet sich auch in der Einleitung zu R. Lief- mann, Beteiligungs- und Finanzierungsgesellschaften. 1909. 4. Aufl. 1923. L. hat den Ausdruck „Effektenkapitalismus“ geprägt. Vgl. noch R. Hilfer- ding, Das Finanzkapital. 1910. Einen Überblick über die geschichtliche Entwicklung des Effektenwesens habe ich in meinem oben zitierten Judenbuch gegebon. Dortselbst findet man auch die übrige Literatur verzeichnet. Zur Geschichte des Pfandbriefes liegen neuere Untersuchungen vor von Ed. Wegener, Died. Ernst Bühring und sein Plan einer Generallandschaftskasse. 1918. Für die Geschichte der Banknote kommt natürlich die ganze bankgeschichtliche Literatur in Betracht: siehe oben Seite 150. Unübersehbar groß ist die Literatur über die Technik des Effektenhandels und seine Organisation in der Börse. Siehe den Artikel „Börse“ (W. Prion) im HSt. 4 4 und die dort verzeichneten Schriften. Die Literatur über Aktiengesellschaften siehe in der Literaturübersicht zum 3. Unterabschnitt des 3. Abschnittes des 3. Hauptabschnittes.' Dreizehntes Kapitel Die Entstehung des Geldkapitals im allgemeinen I. Zur Einortung 1. Kapital (was in diesem Abschnitt also immer Geldkapital bedeutet) „entsteht“ wenn eine Geldsumme zur Begründung, Inbetriebsetzung oder Erweiterung einer kapitalistischen Unternehmung Verwendung findet. Es handelt sich immer um neues Kapital, wenn wir von der Entstehung des Kapitals sprechen: das alte „erneuert“ sich s elbst, das heißt wird, reproduziert“ ‘ durch Versilberung der Einkommensgüter, wie das im vorigen Kapitel auseinandergesetzt ist. Der Begriff: „neues“ Kapital hat einen doppelten Sinn, je nachdem wir ihn volkswirtschaftlich oder privatwirtschaftlich fassen. Im volkswirtschaftlichen Sinne „neues“ Kapital ist immer zusätzliches Kapital, das zu dem vorhandenen gesellschaftlichen Gesamtkapital hinzukommt. Es bedeutet eine „Akkumulation“ von Kapital und setzt immer eine erweiterte Produktion, will sagen Zusatzarbeit voraus. Privatwirtschaftlich „neu“ ist jeder Kapitalteil, der zu einem Einzelkapital hinzukommt oder auch dieses Einzelkapital erst bilden hilft. Er kann auch ohne Akkumulation „entstehen“: dann aber nur unter derVoraussetzung, daß er an einer andern Stelle dem wirtschaftlichen Prozeß entzogen wird, also an dieser Stelle eine Einschränkung der Produktion erfolgt. Angesichts dieses Doppelsinns des Begriffes „Entstehung“ müssen wir unterscheiden: Kapitalentstehung durch Kapital Verschiebung und Kapitalentstehung durch Kapitalvermehrung. Im folgenden soll nur dieser, für die hochkapitalistische Periode merkwürdige Fall der Kapitalentstehung, also die Kapitalvermehrung untersucht werden. 2. Die Herkunft des neuen Kapitals läßt sich wiederum in einem doppelten Sinne bestimmen: von der einzelnen Unternehmung aus gesehen, stammt es entweder aus den Überschüssen dieser Unternehmung bzw. aus dem (Privat-) Vermögen der Besitzer oder Leiter dieser Unternehmung, oder es ist vom Standpunkt der einzelnen Unternehmung aus fremdes Kapital. Volkswirtschaftlich oder wie wir immer genauer Dreizehntes Kapitel: Die Entstehung des Geldkapitals im allgemeinen ]53 sagen müßten (da es sich ja in all den hier und sonst behandelten Fällen gar nicht um eine „volkswirtschaftliche“ Erscheinung im strengen Wortsinne handelt) (ge)samtwirtschaftlich betrachtet, entsteht Kapital entweder auf dem Umwege über das (und aus dem) Einkommen, indem es den Stufengang: potentielles — aktuelles Kapital durchmacht oder auf dem geraden Wege, indem es sofort als aktuelles Kapital auftritt, ohne vorher Einkommen gebildet zu haben. Indirekte — direkte Kapitalentstehung. 3. Unter Bedingungen der Kapitalentstehung sollen verstanden werden diejenigen subjektiven und objektiven Gegebenheiten, die die Bildung des Kapitals fördern oder hemmen: homogene — heterogene Bedingungen. Es ist das hervorstechende Kennzeichen der hochkapitalistischen Epoche, daß die Bedingungen der Kapitalentstehung optimale waren, was im folgenden zu zeigen ist. II. Die Gestaltung der Bedingungen der Kapitalentstehung Wir suchen dem Problem beizukommen, indem wir unsre Betrachtung in folgender Ordnung anstellen: zunächst wird der Weg der indirekten Kapitalbildung verfolgt, der also zwei Staffeln hat: 1. die Entstehung des potentiellen Kapitals; 2. die Verwandlung des potentiellen in aktuelles Kapitals; sodann erörtern wir, was in diesem Kapitel nur kurz geschehen kann, 3. den Fall der direkten Kapitalbildung. 1. Die Entstehung des 'potentiellen Kapitals 1. Darunter haben wir also zu verstehen: den Vorgang der Lostrennung von Teilen des Einkommens, die Kapital werden können. Diesen Vorgang der Lostrennung bezeichnen wir üblicherweise mit dem Worte „Ersparung“, einem Worte, dem eine Fülle von Unklarheiten und Zweideutigkeiten anhaftet, die es erst zu beseitigen gilt, um zu seinem möglichen Sinne vorzudringen. Sparen ganz allgemein und darum ganz unbestimmt heißt: Einkommensteile nicht verzehren. Das bedeutet nun etwas Grundverschiedenes im Rahmen der verschiedenen Wirtschaftssysteme. In der Eigenwirtschaft sparen ist soviel wie Einkommensgüter in ihrem natürlichen Zustande aufbewahren: statt vier Speckseiten nur zwei im Verlaufe eines Winters verzehren. Dasselbe gilt natürlich von jeder Konsum Wirtschaft sowie überhaupt für alle Fälle, in denen eine Vorratsbewirtschaftung stattfindet. In einer sozialistischen Wirtschaft würde sparen gleichbedeutend sein mit der Regierungsanweisung, die 154 Erster Abschnitt: Das Kapital’ Produktion an irgendeiner Stelle auszuweiten (sofern es sich nicht um einfache Vorratsbewirtschaftung handelt, in welchem Falle das Schema der Eigenwirtschaft zutrifft). In jeder Verkehrswirtschaft heißt sparen: nicht Verausgabung von Geld zu Verbrauchszwecken. Sei es daß man das Geld einfach zurückbehält, wie es in unentwickelten Wirtschaftszuständen, später nur noch in unruhigen Zeitläufen, der Fall ist; sei es daß man — und das ist die Regel für alle entwickelte Verkehrswirtschaft, in der Kreditverkehr herrscht — die eigene Geldforderung auf andre überträgt, oder — das sachlich-ökonomische Moment mehr betonend — seine Ansprüche auf Einkommensbezüge anderen überläßt. Diese Zurückstellung der Ansprüche (Abtretung der Forderungsrechte) kann einen doppelten Sinn haben: entweder beabsichtigt man, die Ansprüche auf Einkommen selbst in nächster Zeit geltend zu machen; oder man verzichtet auf absehbare Zeit darauf, die Summe zu verzehren, man „legt sie an“. Für die Kapitalbildung kommt der zweite Fall ganz, der erste nur insoweit in Betracht, als ein gewisser Betrag dieser gestundeten Einkommensforderungen dauernd nicht geltend gemacht wird und alsdann Kapitalfunktion annehmen kann. (Hauptbeispiele: die Bankdepositen, die Prämien der Lebensversicherungen: siehe das folgende Kapitel, wo ich die Kreditbeziehungen ausführlicher erörtere. Ganz vermeiden läßt sich ein Bezug auf sie auch in diesem Kapitel nicht, was kein Bedenken hat, da ich ein bestimmtes Maß von Kenntnissen bei meinen Lesern voraussetzen darf. Sachlich bilden die drei Kapitel dieses Abschnittes ein untrennbares Ganze, da die Probleme der Kapitalentstehung und die der Kreditwartschaft in weitem Umfange dieselben sind.) Immer aber muß man sich bei der Betrachtung verkehrswirtschaftlicher Zustände von der eigenwirtschaftlichen Verhältnissen entlehnten Vorstellung frei machen, als bedeute Sparen soviel wie ein Verzicht auf den Verzehr schon vorhandener Güter. Während der Sparakt nichts anderes enthält als den Entscheid über die Richtung der Produktion. Was im Zeitpunkt des Sparens vorhanden ist, sind keine Güter, sondern Produktionsmöglichkeiten, das heißt ein Arbeitsfonds, den nun der Sparer in der Richtung der Produktionserweiterung beeinflußt. Ob der Geschäftsmann Teile seines Profits „spart“ und sie zur Ausweitung seines Geschäfts verwendet, oder ob der Nicht-Geschäftsmann „spart“, indem er Teile seines Einkommens andern ab- Dreizehntes Kapitel: Die Entstehung des Geldkapitals im allgemeinen 155 tritt: immer ist der wesentliche Inhalt derselbe: es wird bestimmt, daß irgend etwas neu produziert werde, was bis dahin noch nicht produziert wurde. Dieses Irgendetwas kann ein Beliebiges sein: Automobile, Eisenbahnschienen, Spitzenhemden: es muß immer auch ein Bestimmtes sein: Unterhaltsmittel für die neu zu beschäftigenden Arbeitskräfte. Denn es muß gegenwärtig bleiben, daß die Gesamtheit der „ersparten“ Beträge den Lohnfonds vergrößert, und daß sparen zunächst nichts anderes bedeutet, als die Abtretung von Einkommensrechten an die Lohnarbeiter. Spart die Kapitalistenklasse, spart die Arbeiterklasse: es bleibt sich gleich: in beiden Fällen bedeutet es, daß man seine Ansprüche an das gesellschaftliche Einkommen herabsetzen will, um Zu- satzarbeitem die Existenz zu ermöglichen. Einen Abzug von den „ersparten“ Beträgen bilden die Anleihen zu konsumtiven Zwecken, die die Einkommensbeträge späterer Jahre jetzt verzehren. Falls sie zurückgezahlt werden, vermehren sie um den zurückgezahlten Betrag die Sparbeträge des späteren Jahres. Diese Beträge bilden unter Umständen einen sehr wichtigen Zuwachs des Kapitalfonds. Haussezeiten werden häufig durch Rückzahlungen öffentlicher Anleihen eingeleitet. Ich habe das für die deutschen Verhältnisse in meinem Referat auf der Generalversammlung des V. f. SP. 1903 ziffernmäßig nachgewiesen. Allgemein behandelt diese Zusammenhänge in anschaulicherWeise Cassel, Theoretische Sozialökonomik, §§ 6, 22, 25. 2. Über die „Bedeutung“ des „Sparens“ für die Kapitalbildung sind ganze Bibliotheken geschrieben worden. Töricht ist es, sie völlig leugnen zu wollen, wie es manche Sozialisten tim, denn es kann keinem Zweifel unterliegen, daß ein sehr beträchtlicher Teil des Kapitals auf dem Wege entsteht, den ich eben als den des „Sparens“ gekennzeichnet habe. Ebenso töricht ist es, das Sparen als den einzigen Grund der Kapitalbildung anzusehen. Alle direkte Kapitalbildung erfolgt ohne irgendwelchen Sparakt. Offenbar ist die Diskussion dadurch in ihrer Klarheit und Ergiebigkeit stark beeinträchtigt worden, daß man auch hier wieder ethische mit rein ökonomischen Gesichtspunkten verquickte. Mit Recht hat sich der ganze Spott der sozialistischen Theoretiker auf diejenigen Apologeten der kapitalistischen Wirtschaft entladen, die in jedem Sparakt eine sittlich wertvolle Handlung erblickten und den Kapitalzins als „Entbehrungslohn“ zu rechtfertigen versuchten. Wenn ein Trustmagnat mehrere Dutzend Millionen Dollar im Jahre vereinnahmt, so liegt wahrhaftig keine irgendwie ethisch zu belobigende Tat vor, wenn 156 Erster Abschnitt: Das Kapital er davon die Hälfte nicht zum Verzehr bringt, sondern wieder in Geschäften anlegt. Und ganz gewiß ist es lächerlich, die Dividenden und Zinsen, die er aus diesem als Kapital verwandten Betrage erzielt, als „Entbehrungslohn“ zu kennzeichnen und damit „rechtfertigen“ zu wollen. Aber die Tatsache bleibt als Tatsache bestehen, daß er — wenn er von einem Einkommen von 20 Millionen 10 Millionen nicht zu konsumtiven Zwecken verwendet —, 10 Millionen „erspart“ hat. Man entkleide also den Begriff des Sparens jedes ethischen Behanges, fasse ihn in seiner rein ökonomischen Bedeutung und er wird gute Dienste tun. Das zeigt sich erst in voller Klarheit, wenn wir nunmehr Ausschau halten nach den Bedingungen, von denen die Höhe der ersparten Beträge, also in unserer Wortgebung: die Höhe des potentiellen Kapitals abhängig ist. 3. Die Umstände, von deren Gestaltung die Höhe des potentiellen Kapitals, also die Größe der ersparten Beträge abhängt, sind folgende: a) die erste und wichtigste Voraussetzung der Kapitalentstehung ist die Ausweitung der gesellschaftlichen Produktion (bei gleichbleibender Produktion findet keine Kapitalneubildung statt). Die Ausweitung der gesellschaftlichen Produktion hängt ab von der gesellschaftlichen Produktivkraft. Je größer diese, desto größer also — unter sonst gleichen Umständen — das potentielle Kapital. Das Verbindungsglied, das diesen Zusammenhang herstellt, ist die Höhe des Einkommens, in Sonderheit des Mehrwertes, dessen absolute Erhöhung die Sparmöglichkeit steigert. Daß die gesellschaftliche Produktivkraft während der hochkapitalistischen Periode eine Steigerung erfahren hat, ist evident. Am Schlüsse dieses Kapitels werde ich die Tatsache in einigen Ziffern noch zum Ausdruck bringen. Im übrigen verweise ich auf den ganzen folgenden Unterabschnitt. b) Ist durch den Umfang der gesellschaftlichen Mehrproduktion der absolute Betrag der sparbaren Teile des Einkommens gegeben, so wird des weiteren die Höhe der ersparten Summe beeinflußt durch die Einkommensverteilung und demgemäß die Vermögensbildung. Es gilt der Satz: je größer die Einzeleinkommen (Vermögen), desto größer — unter sonst gleichen Umständen — das' potentielle Kapital. Die Begründung ist einfach: je größer das Einkommen (Vermögen) einer Person, desto leichter ist, bei einem Sparwillen von gegebener Stärke, der Verzicht auf individuellen Verzehr. Dreizehntes Kapitel: Die Entstehung des Geldkapitals im allgemeinen J57 Deshalb sind von ganz besonderer Bedeutung für die Kapitälbildung die großen Einkommen (Vermögen). Und daß die Kapitalbildung im Zeitalter des Hochkapitalismus so rasche Fortschritte gemacht hat, hat nicht zuletzt seinen Grund in der Tatsache, daß in dieser Periode sich in weitem Umfange große Einkommen (Vermögen) gebildet haben. Wir können drei Hauptfälle der Bildung großer Einkommen (Vermögen) in unserer Zeit unterscheiden, auf die ich wenigstens mit einigen Worten hin weisen will, ohne imstande zu sein, in irgendwie zureichender Weise die Bedeutung dieser großen Ansammlungen von Einkommensberechtigungen an einzelnen Stellen für die Kapitalbildung ziffernmäßig feststellen zu können. Die drei wichtigsten Quellen, aus denen große Einkommen fließen, sind a) die Grundrente aus Land- und Häuserbesitz. Als Beispiele mag einerseits der Kaiser von Rußland dienen, als Vertreter im wesentlichen seigneurialen Reichtums, andererseits eine Reihe amerikanischer Milliardäre als Vertreter bürgerlichen Reichtums. Uber das Einkommen des Zaren in den letzten Jahren vor dem Kriege sind folgende Ziffern bekannt: Sein Jahreseinkommen betrug mindestens 150 Millionen Mark. Und dabei konnten zahlreiche große Rrongüter nicht mitgerechnet werden, weil sie kaum erschlossen und daher nicht ausgebeutet waren. Das Vermögen des Zaren bestand aus seiner Zivilliste, seinen industriellen Etablissements, den kaiserlichen Rrongütern und den Ländereien, die durch Erbschaft oder Kauf zu seinem persönlichen Eigentum geworden waren und einen Flächeraum bedeckten, welcher so groß war wie ganz Deutschland. Die Zivilliste betrug mehr als 32 Millionen Mark. Von dieser Summe wurden mehr als 4 Millionen für die kaiserlichen Theater und für die Akademien aufgewendet. Die Großfürsten und Großfürstinnen erhielten mehr als 2 Millionen, die Kaiserin-Witwe und die Zarin jede etwa 520000 Mark als Taschengeld. Ferner legte der Zar jedes Jahr für jede seiner Töchter bis zu ihrer Großjährigkeit 80000 Mark zurück und 200000 Mark für den jungen Alexis, den mutmaßlichen Thronerben. Für sich selbst also behielt der Zar jährlich 24 Millionen zurück. Sicher ist, daß er einen großen Teil dieser Summe „anlegte“, denn alle Welt weiß, daß seine Lebenshaltung schlicht und einfach war. Man geht wohl nicht fehl, wenn man annimmt, daß das Grundkapital durch Ersparnisse jährlich um 15 bis 16 Millionen vermehrt wurde. Aus einer im Jahre 1906 veröffentlichten „Abrechnung“ erfuhr man, daß die persönlichen Ersparnisse des Zaren damals 192 Millionen betrugen; seitdem dürften sie bis zu seinem Ende wahrscheinlich auf 240 bis 250 Millionen angewachsen sein. Die kaiserlichen Krongüter waren so groß wie Irland und umfaßten die schönsten Wälder Europas. Die Wälder wurden methodisch ausgebeutet, und der Zar verkaufte Unmengen Brennholz, Bauholz usw.; ein Drittel 158 Erster Abschnitt: Das Kapital der Ländereien war bebaut und an Landwirte oder Winzer verpachtet; an andern Stellen befanden sich große Wind- und Wassermühlen, Fischereibetriebe, Bergwerke usw. Kurz, das Ganze entsprach einem Jahreseinkommen von 80 Millionen, von welchen etwa 24 den Großfürsten zuflossen. Und dazu kamen noch die in Sibirien liegenden Privatgüter des Zaren mit ihren großen Platin-, Gold-, Silber-, Kupfer- und Eisenbergwerken. Sie repräsentierten ein Einkommen von ungefähr 30 Millionen. Unter den amerikanischen Grundrentenbeziehern ragen die Astor hervor. John Jac. Astor, der den Grund zu den Vermögen der Astor gelegt hat, kaufte in Wisconsin, Missouri, Jowa, vor allem aber auf Manhattan, dem späteren Weichbild New Yorks, große Flächen an. Auf Manhattan hat sich deren Wert seit den 1830 er und 1840 er Jahren bis heute etwa vertausendfacht. Bei seinem Tode (1848) hinterließ John Jacob ein Vermögen von 20 Millionen $. Einer seiner Söhne, William B. Astor, starb (1875) mit einer Hinterlassenschaft von 100 Millionen $: er war Eigentümer von mehr als 700 Gebäuden in New York. Bis 1892 hatte sich das Astorsche Vermögen durch Neuankauf von Land und weiterer Steigerung der Grundrente auf 225 Millionen $, bis 1912 auf 450 Millionen $ vergrößert. Andere große Vermögen in den Vereinigten Staaten, die aus Grundrentenakkumulation stammen, sind die der Goelet (auf Manhattan allein 200 Millionen $), der Rhinelander (100 Millionen $ auf Manhattan), der Schermerhorn (ebenfalls Manhattan), der Longworth (in Cincinatti 100 Millionen $), der Marshall Field und Leiter, der großen Warenhausbesitzer in Chicago. Die Ziffern bei Myers 1. c. Eine sehr große Bedeutung für die Vermögensbildung in den Vereinigten Staaten haben die Gewinne, die aus dem Verkauf der Wälder gemacht worden sind. Diese sind meist zu billigen Preisen erworben worden — die bekannten $ 1.25 für den acre ■—■ und zum großen Teil in die Hände von Spekulanten übergegangen, die das Holz im Laufe der Zeit herausschlagen. Die Waldgesellschaften sind überwiegend große Betriebe: drei von ihnen verfügen über einen Holzbesitz von 237,5 Milliarden Fuß. Um welche Beträge, die bei diesen Waldspekulationen gewonnen werden, es sich handelt, erhellt aus folgender Aufstellung: In Anwendung des sog. „timber and stoneact“ von 1878 sind 12 Millionen acres Waldland (valuable timberland) verkauft. Die Regierungen haben dafür 30 Millionen $ bekommen. Der Verkaufspreis des Holzes hat 240 Millionen $ betragen. Der Gewinn von mehr als 200 Millionen $ ist aber höchstens zu 1 % den Siedlern zugute gekommen. Der Rest ist von Aufkäufern eingestrichen, die sich (sehr gegen den Willen des Gesetzgebers) in den Besitz des Siedlerlandes zu setzen gewußt haben. Siehe den außerordentlich interessanten Bericht des Bureau of Corporations über „The Lumber Industry. Part. I Standing Timber“. 1913. pag. 15f., 205 u. ö. Ebenfalls hierher gehören die Riesenvermögen, die auf dem Umwege über die Effektenspekulation von den „Gründern“ der amerikanischen Eisenbahnen aus den Landschenkungen gemacht sind, die bei Ausführung eines Bahnbaues als Subvention durch die Staaten üblich waren. Die Berechnungen der gesamten Landschenkungen, die den Eisenbahnen Dreizehntes Kapitel: Die Entstehung des Geldkapitals im allgemeinen 159 der Union gemacht wurden, schwanken zwischen 108 und 208 Millionen acres (Deutschland mißt etwa 125 Millionen acres). Siehe darüber die eingehende Darstellung bei Ernst Picard, Die Finanzierung amerikanischer Eisenbahngesellschaften. 1912. ß) Spekulationsgewinne. Allen voran stehen hier (1) die Agiogewinne. Das Emissionsagio hat in Deutschland im Durchschnitt betragen (nach dem „Deutschen Ökonomist“) in Millionen Mark: 1890 1891 1S92 1893 1894 1895 1896 1897 1898 1899 1900 bei Bankaktien . . 32,6 23,6 25,0 57,5 14,5 26,6 35,3 53,5 36,7 30,6 26,5 „ Industrieaktien 31,5 20,0 14,7 29,1 31,0 38,6 36,1 66,7 67,7 66,9 55,2 In den 4 Jahren von 1897—1900 wurden an Emissionen deutscher Papiere 1093 Mill. Mk. verdient. Ygl. meine Deutsche Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert. 1. und 2. Aufl. Anl. 8, 9, und für die frühere Zeit das reiche Material bei Ch.Wilson, De l’influence des capitaux anglais. 1847, und Capefigue, Banquiers, fournisseurs usw. 1856. Da es sich nur um die Erfassung der funktionellen Bedeutung dieser Einkommensquellen handelt, so ist es gleichgültig, ob das Material alt oder neu ist. Dem Agiogewinn der emittierenden Gesellschaften verwandt ist (2) der eigentliche Gründergewinn, der dadurch entsteht, daß die in die neue Gesellschaft eingebrachten Sacheinlagen überwertet werden. In den Vereinigten Staaten von Amerika sind gerade auf diesem Wege Rieseneinkommen gebildet worden. Beispiele: Die Gruben und Anlagen, aus denen nur eine der Sektionen der Amalgamated Copper Company gebildet wurde, waren aufgekauft für 39 Millionen $ und wurden wenige Tage darauf in der Am. Copp. Comp, mit 75 Millionen $ kapitalisiert und dem Publikum angeboten. Es ergab sich also mit einem Schlage ein Gewinn von 36 Millionen $. Siehe Th. W. Lawson, Frenzied Finance. Every Bodys Magazine, July 1904ff. Daß die Zahlen vielleicht nicht ganz genau sind, ändert natürlich nichts an ihrer Beweiskraft. Im übrigen ist dieser Fall typisch. Die Gründergewinne, die bei der Errichtung der Steel Corporation gemacht sind, und die zum größten Teil der Morgangruppe zufielen, werden auf 150 Millionen $ veranschlagt. Rep. on the Steel Ind. 1, 251. Siehe dortselbst die vielen, interessanten Einzelangaben unter den Stichworten Promotors and Underwriters sowie Profits. Bei der Gründung einiger anderer Trusts wurden von Promotor, Underwriter oder Industriellen selbst folgende Gewinne gemacht: Tabaktrust $ 5502800. Rep. on the Tabacco Industry 2, 101 ff. Zinnkannentrust 8 y 2 Millionen $• E. Jones, 1. c. pag. 293. International Harvester Company (Bankprofit) $ 2957143. Rep. on the International Harvester Co. 160 Zweiter Abschnitt: Das Kapital (1913), 67ff. Glucose- (Stärkezucker-)Trust 4% Millionen $. Jones, 296. Malztrust 3% Millionen $ ib. usw. Hierher gehören auch (3) die Konjunkturgewinne, die namentlich in Aufschwungzeiten viele kleine Vermögen in die Tasche einiger weniger Börsenmagnaten überzuleiten die Funktion haben: siehe darüber meine Deutsche Volkswirtschaft, Seite 230 f. In den letzten Jahren sind Kriegs-, Revolutions- und Infla- ionsgewinne hinzugekommen, die aber — von der früheren Zeiten der napoleonischen Kriege und einigen späteren Einzelfällen abgesehen — für die Vermögensbildung im Zeitalter des Hochkapitales keine überragende Bedeutung gehabt haben. y) Extraprofite kapitalistischer Unternehmungen. Extraprofite müssen es sein. Aus den Durchschnittsprofiten ist eine wesentliche Akkumulation nicht möglich. Jedenfalls bleibt sie in sehr bescheidenen Grenzen und vollzieht sich infolgedessen sehr langsam. Eine Ausweitung, wie sie die Kapitalbildung im 19. Jahrhundert erfahren hat, kann — soweit der Profit überhaupt die Quelle war, und daß er es gewesen ist, bestätigen zahlreiche Zeugnisse — nur mit Hilfe von Extraprofiten bewirkt worden sein. Und wir brauchen auch nicht lange zu suchen, um solche Fälle von Extraprofiten in Hülle und Fülle anzutreffen. Extraprofite entstehen im Rahmen der kapitalistischen Wirtschaft auf drei verschiedene Weisen: Drei Weisen, die alle auf eine Grundtatsache zurückgehen: die Ausschaltung der Konkurrenz, also die Monopolstellung. Es ist hier noch nicht der Ort, das Monopolproblem eingehender zu erörtern. Deshalb begnüge ich mich damit, die drei wichtigsten Ursachen der Monopolstellung, die zum Extraprofit führen, summarisch anzugeben. Es sind A. technische Neuerungen; B. künstliche Einschnürung des Absatzes durch Verabredung; C. Goldproduktion. ZuA. Extraprofite stellen sich im Gefolge technischer Neuerungen mit Notwendigkeit deshalb ein, weil die technische Neuerung sich nicht allmälig, sondern schrittweise durchsetzt und während ihrer Einbürgerung dem, der sie anwendet, naturgemäß einen Vorsprung in der Produktionskostengestaltung und somit Extraprofite gewährt, solange die Preise noch nach dem alten Verfahren geregelt sind. Die Zeit, während welcher die Neuerer eine Vorzugsstellung genossen und darum Extraprofite bezogen, dauerte in den Anfängen der modernen Technik mehrere Menschenalter, heute ist sie kürzer und fällt ungefähr Dreizehntes Kapitel: Die Entstehung des Geldkapitals im allgemeinen 161 mit der Dauer des Patentschutzes zusammen. Entscheidend ist auch, in wie langer Zeit die Anlagen errichtet werden können, in denen ein neues Verfahren oder ein neues Organisationsprinzip zur Anwendung gelangen. Ein paar Beispiele mögen das Gesagte veranschaulichen: Begreiflicherweise sind diejenigen Gewerbezweige besonders lehrreich, in denen die moderne Technik zum überhaupt ersten Male eingeführt wird bzw. der Zeitpunkt, in dem dies geschieht. Die Erfindungen auf dem Gebiete der Baumwollspinnerei wurden, wie wir wissen, bereits um die Mitte des 18. Jahrhunderts gemacht und führten in England selbst in auffallend kurzer Zeit zu einer Umgestaltung der Industrie. Bereits 1788 gab es dort 142 Baumwollspinnereien mit 2 Millionen Spindeln. Dagegen bleiben das Festland Europa und Amerika bis zum Ende der napoleonischen Kriege von der neuen Technik so gut wie unberührt. Siehe die genauen Angaben bei A. Ure, The Cotton Manu- facture of Great Britain. Introduction to first edition. Erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts bürgert sich die Maschinenspinnerei außerhalb Englands ein. Wie groß der Vorsprung Englands aber noch um diese Zeit war, ersieht man aus folgender Übersicht über den Stand der Baumwollindustrie im Jahre 1851: Land Zahl der Spindeln Millionen Millionen K erzeugtes Garn und Stoffe ilogramm Verbrauch im Innern England. 18 277 73 Frankreich. 4,5 64 52 Rußland. 31 30 Österreich. 1,4 30 | 96 Zollverein. 0,9 18 Belgien. 0,4 10 8 Spanien. 0,7 10 12% Italien. 0,7 10 13% Schweiz. 0,9 9 4 Vereinigte Staaten. . 5,5 110 60 33,0 569 — Nach dem Bericht Mimereis zur Weltausstellung von 1851, mitgeteilt bei Levasseur, Hist, de l’industrie etc. de 1789 ä 1870. 2. ed. 2, 179. Also zwei Menschenalter lang dauerte die Vorzugsstellung Englands. Während dieser Zeit paßt sich sehr langsam der Preis der neuen Technik an, so daß jahrzehntelang die englischen Baumwollspinner hohe Extraprofite zu machen in der Lage waren. Das läßt sich ziffernmäßig feststellen, wenn wir etwa folgende Tabelle zu Rate ziehen. Für das Pfund Garn Nr. 100 betrugen: flombart, Hochkapitalismus. 11 162 Erster Abschnitt: Das Kapital Jahr Unkosten des Fabrikanten für ßohbaumwolle und Spinnen V erkaufspreis Differenz 1788 12/ 35/ 23/ 1800 3/2 9/ 5/io 1830 1 / 274 . 3/ 1/97* Nach G. Steffen, Studien zur Geschichte der englischen Lohnarbeiter 2, 158/59. Aber auch die Vervollkommnung der mechanischen Spinnerei setzt sich ebenso langsam durch: der Selfaktor, in den 1830er Jahren zuerst angewandt, kam in England etwa 20 Jahre später zur Herrschaft; in Deutschland dagegen erst in den 1870er Jahren: 1877 gab es hier erst- 79,9% Selfaktors. G.v. Schulze-Gaevernitz, Der Großbetrieb, S. 161 und Anm. 1. Über die Vermögensbildung bei den Manchester Spinnern im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts siehe noch Dr. Aikin, Description of the Country from 30 to 40miles around Manchester. 1795 und vgl. Marx, Kapital l 4 , 558. Die mechanische Baum Wollweberei brauchte ebenfalls 50 Jahre, um sich einzubürgern. Noch langsamer waren die Fortschritte auf dem Gebiete der Wollindustrie, die erst in den letzten 30 Jahren des 19. Jahrhunderts zum rein maschinellen Betriebe übergegangen ist. Deshalb hören wir auch gerade auf diesem Gebiete von hohen Extraprofiten bzw. außergewöhnlich hohen Profitraten. In England rechnete man Ende des 18. Jahrhunderts 40% als normalen Gewinn. Siehe z. B. James, Worsted Manufacture, 307. In Deutschland nahm lange Zeit Aachen eine Vorzugsstellung ein, weil es die moderne Technik zuerst einführte; während dieser Zeit hören wir von der Entstehung großer Vermögen in der Tuchindustrie. Siehe Alf. Thun, Industrie am Niederrhein. Bd. I. 1879. Ganz ähnlich liegen die Verhältnisse in den andern Produktionszweigen. So haben auch in der Eisen- und Stahlindustrie die neuen Erfindungen mehrere Menschenalter gebraucht, um sich durchzusetzen, und mehrere Menschenalter hindurch erfreuten sich diejenigen, die sie anwandten, der beregten Vorzugsstellung. Die Umwandlung des Frischprozesses in den Puddelprozeß beginnt in den 1780er Jahren, wird in den 1820 er Jahren erst recht ausführbar, vollzieht sich aber auf dem Festlande erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Flußstahl breitet sich 1860—-1890 aus. Aber noch 1890 werden von allem Eisen in England 32,3%, in Deutschland 41,2% in Puddelöfen zu Stahl verarbeitet. Auch die langsame Einbürgerung der Dampfmaschine gehört hierher: im preußischen Staate gab es 1849 erst 1100 Dampfmaschinen mit 16000 PS; in Österreich im Jahre 1851 647 Maschinen mit 8500 PS; in in Frankreich: 1830 10000 PS, 1850 62000 PS. Vgl. die Ziffern bei Kulischer, a. a. O. Seite 169 f. Noch in der letzten Vergangenheit haben wir beobachtet, wie langsam sich der elektrische Antrieb durchgesetzt hat. Und so fort auf allen Gebieten. Was nun aber das Wichtige ist, ist dieses: daß sich dieser Vorgang, Dreizehntes Kapitel: Die Entstehung des Geldkapitals im allgemeinen lß3 wie ich ihn eben für die Anfänge der modernen Technik in einigen Produktionszweigen geschildert habe, sich im kleinen jeden Augenblick, und zwar in allen Wirtschaftsgebieten, wiederholt, so daß sich immer wieder Gelegenheit zu Extraprofiten ergibt, solange die Technik revolutionär ist und so lange technische Neuerungen eine wesentliche Steigerung der Produktivität oder Ökonomität bewirken. Daß das erste der Fall ist, hat unser Überblick über die Fortschritte der modernen Technik ergeben, inwieweit die zweite Bedingung im Laufe des 19. Jahrhunderts erfüllt ist, werden wir im 17. Kapitel in Erfahrung bringen. Kein Zweifel, daß beide Bedingungen in so weitem Umfange erfüllt waren, um die Quellen der Extraprofite im 19. Jahrhundert reichlich fließen zu lassen und damit eine der ergiebigsten Quellen der Vermögensbildung. Ein Blick auf die Ertragsstatistik der Aktiengesellschaften bestätigt die Richtigkeit dieser Ausführungen. Von dem Aktienkapital der deutschen Aktiengesellschaften bezog im Jahre 1912—1913 eine Dividende von mehr als 10% mehr als ein Viertel (25,2%). Dieser Anteil der Aktiengesellschaften, die einen Extraprofit abwarfen, stieg im Bergbau-, Hütten- und Salinenwesen auf 47,74%, im Steinkohlenbergbau allein auf 65,69%, im Braunkohlenbergbau auf 56,44%, in der chemischen Industrie auf 65,72%. (Stat. Jahrb.) Die vier leitenden chemischen Fabriken verteilten von 1902 bis 1911 je 196, 255, 259, 300% Dividende bei einem Gesamtkapital von 122 Millionen Mark. J. Singer, Das Land der Monopole (1913), 211. In Österreich, verteilten von 100 Aktiengesellschaften mehr als 20% Dividende: 1909 5,1 ,1910 4,2 ,1911 3,9 ,1912 4,2 ,1913 2,3%. HSt l 4 , 163. Daß auch heute noch vorübergehend sehr hohe Extraprofite in der Industrie erzielt werden, lehrt der Kurszettel. Die Auergesellschaft zahlte jahrelang über 100% Jahresdividende. Die Kontinental-Kautschuk-Gesellschaft zahlte von 1892 bis 1911 860% Dividende. Henry Fords Nettobargewinn belief sich nach seinen eigenen Angaben in den letzten Jahren auf über 50 Millionen $ jährlich. Zu einem Extraprofit führen wegen .der Größe ihrer Anlagen häufig die modernen Verkehrsunternehmungen, namentlich die Eisenbahnen. Es kommt nicht darauf an, daß sämtliche Anlagen hohe Profite abwerfen — viele werden unrentabel sein, und der Durchschnittsprofit aller Eisenbahnunternehmungen ist gar nicht übermäßig groß. Es genügt, daß einige in hohem Maße gewinnbringend gewesen sind, wie es tatsächlich der Fall war. So zahlten die Bahnen im Jahre 1869 Dividende: Leipzig—Dresden .... 25% Sächsische Kohlenbahn . 23—24 ,, Nürnberg—Fürth .... 19 ,, Magdeburg-Leipzig ... 18 „ Berlin—Potsdam—Magdeburg.17% K. Ferdinand Nordbahn . 15 „ usw. Nach W. F. Carl Schmeidler, Geschichte des deutschen Eisenbahnwesens (1871), 183. Zu B. In der Regel rührt die Überlegenheit, die einer Unternehmung eine Vorzugsstellung auf dem Markte gewährt, von irgendwelchen tech- 11 * 164 Erster Abschnitt: Das Kapital nischen oder organisatorischen Neuerungen her, deren sie sich bedient. Es ist aber auch der Fall nicht selten, daß das Monopol ohne solche Mehrleistungen errungen wird, wie bei zahlreichen Kartellen (und Trusts). Es wird im Einzelfalle schwer festzustellen sein, ob ein materialer oder bloß formaler Grund der Überlegenheit vorliegt. Häufig werden beide Zusammentreffen. So wohl beim Standard Oil Trust, dessen Erträgnisse in folgenden Ziffern zum Ausdruck kommen: Von 1882 bis 1906 wurden an Dividende bezahlt 548436446 $ oder durchschnittlich im Jahre 24%. Während der 10 Jahre von 1897 bis 1906 schwankte die Jahresdividende sogar zwischen 30 und 48% und betrug im Durchschnitt 39,7%. Höher noch als die Dividende ist der Nettogewinn, der in der angegebenen Periode sich auf 838 783 783 $ belief, also die Dividende um 290 Mill. $ übertraf; er betrug in den letzten 10 Jahren vor 1906 im Durchschnitt 61%. Rep. of the Comm. of Corpor. on the Petroleum Industry 2 (1907), 39/40. Hierher gehört auch der Bergbau, wo auf Grund dauernd verschiedener Produktionsbedingungen auch dauernd überdurchschnittliche Profite und somit Differentialrenten im eigentlichen Sinne häufig sind. Für die Vermögensbildung kommt also der Bergbau in hervorragendem Maße in Betracht. Ein besonders lehrreiches Beispiel liefert der amerikanische Kupferbergbau. Nach einem Prospekt der Arizona Morenci Copper Company vom 20. April 1910 (mitgeteilt bei Gerhard Hildebrand, a. a. O. Seite 95) waren die Ertragsverhältnisse der großen Bergwerke folgende: Mine Gesamtdividende bis 1908 Prozent des Kapitals Durchschnittsdividende im Jahr Anzahl der Jahre 1 59875000 $ 1510 126 12 2 108350000 „ 4334 114 38 3 10300000 „ 575 103 5 4 7782000 „ 519 65 8 5 25605680 „ 854 50 17 6 25136750 „ 683 49 14 7 5100000 „ 340 31 11 8 7400000 „ 124 31 4 9 9420000 „ 627 30 21 10 18450000 „ 738 16 47 11 30750000 „ 103 12 9 12 7612650 „ 319 10 31 315782080 $ | Zu C. Einen Sonderfall bildet die Goldproduktion. Sie zeichnet sich bekanntermaßen dadurch vor allen übrigen Produktionszweigen aus, daß ihr Produkt nicht Angebot, sondern Nachfrage schafft und nicht durch Verkauf, sondern durch Ausmünzung verwertet wird. Sie nimmt aber vor allem dadurch eine Sonderstellung ein, daß der Ertrag völlig vom Zufall des Goldvorkommens abhängt und daher völlig unbestimmt ist. Die Dreizehntes Kapitel: Die Entstehung des Geldkapitals im allgemeinen 165 Folge von alledem ist ein in keinem andern Produktionszweig annähernd so starkes Schwanken der Gewinne, die in zahlreichen Fällen überhaupt ausbleiben, um in andern Fällen zu märchenhaften Beträgen sich aufzugipfeln. Diese günstigen Fälle sind es, die für die Vermögensbildung eine hervorragende Bedeutung haben. Nicht wenige der großen Vermögen, die sich in den letzten Menschenaltern gebildet haben, verdanken der Goldproduktion ihr Dasein. Im Jahre 1900 gab es in Südafrika 13, in Australien 20 Goldminengesellschaften, die mehr als 25% Dividende im Jahre zahlten; von diesen 33 Gesellschaften zahlten zwischen 30 und 40% 14, zwischen 40 und 50% 6, zwischen 50 und 70% 5, zwischen 70 und 100% 2, über 100% 3 (112,5, 156, 185%). Siehe William S. Welton, Practical Gold-Mining etc. 1902. Im Jahre 1910 bezahlte Premier Deffered 200%, Rand Mines 220%, Ferreira 300% (1909: 600%). In andern Gebieten, und namentlich in den Waschgoldbezirken, sind die Gewinne noch höher gewesen. — Ich teile noch eine Zusammenstellung mit, die sich bei G. d’Avenel 1. c. Vol. V, p. 352 findet. D’Avenel hat den Ursprung der 100 größten französischen Vermögen ermittelt und kommt zu folgendem Ergebnis (die Einteilung in die drei Kategorien stammt von mir): Ihren Ursprung verdanken : 1. Grundrentenakkumulation . . 5 2. Spekulationsgewinn.37 3. Extraprofiten.58 Der dritte Umstand, von dem die Höhe des potentiellen Kapitals abhängt ist c) das Maß der Wirtschaftlichkeit. Hier gilt wiederum der Satz: je größer die Wirtschaftlichkeit, desto größer ist — unter sonst gleichen Umständen, also insbesondere bei gegebenem Umfange der Mehrproduktion und bei gegebener Einkommensbildung — die Ersparung. Was ohne weiteres einleuchtend ist: die Stärke des Sparentschlusses entscheidet letzten Endes über die Höhe der wirklich „ersparten“ Beträge, das heißt — was immer festzuhalten ist — über die Häufigkeit der Entschlüsse: Lohnarbeiter zu unterhalten, die Zusatzgüter: herstellen, statt mehr Konsumgüter zu kaufen. Der Grad der Wirtschaftlichkeit wiederum wird durch eine Reihe von Umständen bestimmt, von denen die wichtigsten folgende sind; a) die objektiven Bedingungen des Wirtschaftslebens, die namentlich die Sicherheit und Stetigkeit des Wirtschaftens verbürgen müssen. Nur wo eine sichere Aussicht besteht, daß die ersparten Beträge nicht verloren gehen, sondern bleiben und „Frucht tragen“, wird sich ein Sparwille entwickeln können. Wo diese Aussicht fehlt, wird das Einkommen aufgezehrt. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben 166 Erster Abschnitt: Das Kapital das wieder einmal deutlich gemacht. Nun ist es aber eine Eigenart des hochkapitalistischen Zeitalters, daß die Bedingungen in der angedeuteten Richtung in optimaler Weise erfüllt waren: der moderne Staat, haben wir gesehen, hatte Ruhe und Ordnung im Innern seiner Gremien und auf dem Weltmeere geschaffen und Friedenszeiten von einer Länge, wie sie Europa seit der Zeit der Pax romana nicht gekannt hatte, wiegten die Menschen in Sicherheit und Vertrauensseligkeit. ß) Der zweite Umstand ist psychologischer Natur: die objektive Wirtschaftlichkeit ist um so größer, je stärker der „Sparsinn“ entwickelt ist, dieser ist aber um so mehr nach seiner extensiven wie intensiven Seite hin entwickelt, je weiter der bürgerliche Menschentypus auf Kosten des Seigneur einerseits, des Lazzarone andererseits sich bildet und verbreitet. Ich habe in meinem Buche „Der Bourgeois“, im achten Kapitel daselbst, ausführlich dargestellt, was wir unter einem „Bürger“ zu verstehen haben, und wie die bürgerlichen Anschauungen in die Welt gekommen sind. Unter den den „Bürger“ kennzeichnenden Tugenden steht aber obenan jene Haltung, die die Ökonomisierung der Wirtschaftsführung zum Ziele hat und sie aus freien Stücken, nicht aus Zwang und Not, erstrebt. Das was einmal in der Geschichte des menschlichen Geistes das Neue, das Unerhörte gewesen war: daß jemand Mittel hatte und sie doch zu Rate hielt. Denn alsbald kam zu dem obersten Grundsätze aller bürgerlichen Moral: nicht mehr auszugeben als einzunehmen, der weitere hierzu: weniger auszugeben als einzunehmen, also: zu sparen. Der sparsame Wirt wird nun das Ideal selbst der Reichen, soweit sie Bürger geworden waren. Nicht das seigneuriale Auftreten ehrt den tüchtigen Mann, sondern daß er Ordnung in seiner Wirtschaft hält. Sparsamkeit wird nun so sehr geachtet, daß der Begriff der Wirtschaftlichkeit oft geradezu mit dem der Sparsamkeit gleichgesetzt wird. Ich habe in dem genannten Werke gezeigt, wie weit der Weg vom Seigneur zum Bürger war, und wie viele Umstände Zusammenwirken mußten, um den neuen Typus des sparsamen Wirts herauszuzüchten: im 19. Jahrhundert steht er vollendet da und verbreitet er sich rasch, bis er unter den Geschäftsleuten der herrschende wird. Also damit findet auch die zweite Bedingung, von der eine vollendete Wirtschaftlichkeit abhängig ist, ihre optimale Erfüllung. In dem früheren und mittleren Abschnitte dieses Jahrhunderts vielleicht noch in einem höheren Grade als im letzten Menschenalter. Die Generation der Wirtschaftsführer, die das hochkapitalistische Wirtschaftssystem recht eigentlich Dreizehntes Kapitel: Die Entstehung des Geldkapitals im allgemeinen Jß7 b egiündet haben: die Männer, die vor dem Beginn des imperialistischen Zeitalters lebten, besaßen die bürgerlichen Tugenden vielleicht noch in größerer Reinheit als die kommende Generation. Ihre Lebenshaltung trug jenes einfache, „puritanische“ Gepräge, das ein Kennzeichen des guten Bürgers ist. Unzweifelhaft hat diese haushälterische Lebensweise der älteren Unternehmergeneration, aber auch der für die Kapitalbildung in Betracht kommenden Schichten des wohlhabenden Mittelstandes, nicht unwesentlich zu dem raschen Anwachsen des Kapitals beigetragen. Wenn dieses noch rascher angewachsen ist, nachdem jene „puritanischen“ Typen unter den Unternehmern schon seltener zu werden anfingen und nachdem in der reichgewordenen Geschäftswelt sich der Luxus schon breit zu machen begonnen hatte, so hängt das mit einer Entwicklung zusammen, die ich ausführlich im neunten Kapitel dieses Werkes geschildert habe: mit jener Tendenz zur Versachlichung der wirtschaftlichen Beziehungen, insbesondere zur Verselbständigung des Kapitalverhältnisses in der kapitalistischen Unternehmung. Diese Entwicklung, sahen wir, hat es bewirkt, daß der Unternehmer persönlich gar nicht mehr die „bürgerlichen“ Tugenden zu haben braucht, daß es völlig genügt, wenn sein Geschäft sie hat. Und damit berühre ich einen dritten Punkt, der mir Beachtung zu verdienen scheint, wenn wir nach den Gründen fragen, weshalb sich die Wirtschaftlichkeit und mit ihr die Neigung zum Sparen in unserer Zeit immer mehr gesteigert haben. Es sind nämlich y) rationale, sachliche, geschäftliche Erwägungen, die zum „Sparen“ drängen. Das heißt: die Unternehmung selbst hält das „Sparen“ für eine im Interesse einer ersprießlichen Geschäftsführung gebotene Maßnahme. Worauf ich hinziele, ist klar: es ist die immer mehr zur Anwendung gelangende Politik, namentlich der Aktiengesellschaften, ihre Gewinne nicht voll zur Auszahlung zu bringen, sondern „aufzusparen“, das heißt also zur Anlage von „Reserven“ zu verwenden. Die rationelle Dividendenpolitik der Aktiengesellschaften ist heute der vielleicht wesentlichste Faktor der Kapitalbildung geworden. Ich werde einige Ziffernangaben darüber machen, wenn wir nunmehr die indirekte Kapitalbildung auf ihrer zweiten Etappe verfolgen. Bisher hatten wir die Bedingungen kennen gelernt, von denen die Bildung des potentiellen Kapitals abhängig ist, das heißt, von denen die Höhe der ersparten Beträge bestimmt wird. Nim bedeutet aber „Sparen“ noch nicht Kapitalbildung, wie ich bereits gesagt habe. Man kann auch 168 Erster Abschnitt: Das Kapital „sparen“, um selbst später zu konsumieren oder aber um anderen die Mittel, ihren Konsumtionsfonds auszuweiten, zu verschaffen. Alle diese Beträge, wie beispielsweise die Anlage der ersparten Beträge zum Ankauf öffentlicher Schuldverschreibungen, kommt für die Kapitalbildung gar nicht oder nur auf Umwegen in Betracht. Wollen wir die Gesetze kennen lernen, die diese beherrschen, so müssen wir nicht nur in Erfahrung bringen, von welchen Umständen die Entstehung des potentiellen Kapitals abhängig ist, sondern müssen auch diejenigen Bedingungen kennen lernen, die erfüllt sein müssen, damit die Verwandlung des potentiellen Kapitals in aktuelles erfolge. Von ihnen ist im folgenden die Bede. 2. Die Verwandlung des 'potentiellen Kapitals in aktuelles Darunter ist also zu verstehen: die Anlage der ersparten Beträge zu produktiven Zwecken, das heißt in kapitalistischen Unternehmungen. Der Leser der früheren Bände dieses Werkes wird sich erinnern, daß ich als eine wesentliche Hemmung, der die Entwicklung des Kapitalismus im frühkapitalistischen Zeitalter ausgesetzt war, die Verwendung der Einkommensüberschüsse zu unproduktiven Zwecken nachweisen konnte: siehe den zweiten Band Seite 1115 ff. Der sich ansammelnde Keichtum wurde der Verwendung als Kapital auf drei verschiedene Weisen entzogen: 1. durch Verwandlung in Gebrauchsgüter: Luxusentfaltung; 2. durch Verwandlung in Grundbesitz; 3. durch Verwandlung in Bente. Zumal die letzte Gelegenheit bot sich namentlich seit dem 16. Jahrhundert in immer ausgiebigerem Umfange dar; sei es, daß die Bente durch Ankauf öffentlicher Anleihen, sei es, daß sie durch Ämterkauf erworben wurde. Diese „Hemmung“ ist nun im Laufe des 19. Jahrhunderts, wenn nicht weggefallen so, auß er ordentlich verringert worden und hat, angesichts der anschwellenden Sparbeträge eine immer geringere Bedeutung bekommen: das potentielle Kapital hat in immer größerem Umfange seinen Weg zum aktuellen Kapital gefunden. Folgende Umstände aber sind es vornehmlich, die die Verwandlung des potentiellen Kapitals in aktuelles begünstigt haben: a) der zunehmende Unternehmungsgeist und Wagemut, die den „Sparer“ veranlassen, sein Geld in eigenen oder fremden Unternehmungen anzulegen. Der Bentnertypus unter den Unternehmern, der Dreizehntes Kapitel: Die Entstehung des Geldkapitals im allgemeinen X(J9 das Bestreben bat, sieb mögbcbst bald aus dem Geschäft zurückzuziehen, der deshalb seine Geschäftsüberschüsse lieber in sicheren, zinstragenden Rentenpapieren anlegt, statt sie zur Erweiterung seines Geschäfts zu verwenden und der, wie wir früher gesehen haben, für die frühkapitalistische Periode noch bezeichnend war, ist allmählich ausgestorben. Heute hat, wie wir ebenfalls wissen, die große Mehrzahl der Unternehmer ein wahrer Geschäftsfanatismus ergriffen, aus dem heraus sie den Drang fühlen, ihr anwachsendes Vermögen als Kapital, wenn möglich in der eigenen Unternehmung zu verwenden. Der Dienst am Unternehmen fordert diese Haltung. „Ich betrachte jeden einen gewissen, niedrigen Prozentsatz übersteigenden Gewinn als mehr dem Geschäft als den Aktionären gehörig“, spricht Henry Eord im Namen der meisten seiner Standesgenossen (a. a. 0. Seite 189.). Aber auch das Anlage suchende große Publikum hat die Scheu vor der Beteiligung an gewinnbringenden Unternehmungen zum großen Teil aufgegeben. Es kauft Aktien, Obligationen und Hypotheken auch und mit Vorliebe aus erster Hand, das heißt in einem Zeitpunkte, in dem es sein Geld dadurch noch in echtes Kapital verwandelt. Daß auch das „negative“ Kapital, das heißt die zum Ankauf schon vorhandener Effekten verwandten Geldsummen, zu einem beträchtlichen Teil für das Kapitalverhältnis gerettet werden, werden wir festzustellen später noch Gelegenheit haben. Ein weiterer Umstand, der die Kapitalbildung befördert, ist b) die zunehmende Ausdehnung des Kapitalverhältnisses. Diese bewirkt, daß die Möglichkeiten der Kapitalverwertung immer zahlreicher werden und damit die Leichtigkeit und der Anreiz, Sparbeträge in Kapital zu verwandeln, wachsen. Man kann also sagen, daß automatisch mit der Ausweitung des Kapitalismus die Chancen der Kapitalbildung sich verbessern. Damit im Zusammenhänge steht derjenige Vorgang, den man als Funktionswechsel der Anleihen bezeichnen kann. In dem Maße nämlich, in dem sich die kapitalistische Produktion ausdehnt, werden die Gelder, die öffentliche Körper vereinnahmen, doch wieder als Kapital verwandt, während sie früher in viel größerem Umfange entweder unmittelbar zu konsumtiven Zwecken verwandt wurden oder dem Handwerk zuflossen. Man denke an die Verwendung von Anleihen namentlich der Gemeinden zu öffentlichen Bauten, zu Verkehrsanlagen, zur Anlage von Gas-, Wasser- oder Elektrizitätswerken usw. Immer treten die geliehenen Gelder in das Kapitalverhältnis ein. Aber selbst die 170 Erster Abschnitt: Das Kapital Anleihen zu Heereszwecken nehmen heute fast durchgängig die Kapitalform an, sobald mit ihnen Bestellungen bei kapitalistischen Unternehmungen gemacht werden. Endlich ist hier zu erwähnen c) die Ausbildung der Technik, potentielles Kapital in aktuelles'' zu verwandeln. Ich denke dabei an folgende Entwicklungsreihen: a) die’Zunahme der Kapitalbildung im Bahmen einer und derselben Unternehmung. Diese findet statt sowohl weil die kapitalistischen Unternehmungen zahlreicher als auch weil sie größer werden. Dadurch geschieht es, daß — unter dem Einfluß der oben Seite 167 geschilderten Geschäftsmaximen — immer häufiger Geschäftsüberschüsse des eigenen Geschäfts dem Kapital zugeschlagen werden: Rücklagen der Aktiengesellschaften! Nach Berechnungen amerikanischer Forscher werden neun Zehntel des „corporate surplus“, das heißt des Reinertrages, der übrig bleibt nach Ausschüttung der Dividenden, verwendet zum Zweck der Geschäftserweiterung („for the extension or safe guarding of business“). Um welche Riesenbeträge es sich dabei handelt, ist aus folgenden Ziffern ersichtlich: Der Corporate Surplus betrug: 1913 . 1000000000 $ 1914 . 500000000 „ 1915 . 1600000000 „ 1916 . 3900000000 „ 1917 . 3400000000 „ 1918 . 1700000000 „ 1919 . 1300000000 „ 1921 . 500000000 „ Bureau of Economic Research. Inccme in the U. S. A. pag. 33, 46. Andere Ziffern, aus denen der Umfang der „Selbstfinanzierung“ amerikanischer Gesellschaften hervorgeht, sind folgende: Eine Anzahl von Unternehmungen, deren Kapitalprofit 1911 bis 1918 6010000000 $ betrug, verteilten davon 3240000000 $ als Dividende und behielten den Rest für die Ausweitung ihres Geschäftes zurück. 144 führende Gesellschaften (im Wall Street Journal aufgeführt) steckten von ihren Profiten ins Geschäft: 1915 . .... 354 Millionen $ 1916 .... 921 33 33 1917 .... 695 ?3 33 1918 .... 445 53 33 1919 .... 463 33 3 3 1920 . .... 382 33 33 Ziffern bei Lincoln, Applied Business Finance 2 (1923), 723 ff. Dreizehntes Kapitel: Die Entstehung des Geldkapitals im allgemeinen 171 Für Standard Oil liegen folgende Ziffern vor: Von 1882 bis 1906 betrug, wie wir sahen, der Nettogewinn 838783783 $, er überstieg den an Dividenden ausgeschütteten Betrag um 290347337 $; das ist diejenige Summe, die zur Ausweitung der eigenen Anlagen Verwendung gefunden hat. Während der Jahre 1897 -—1906 waren das jährlich 20 Millionen $, die solcherweise durch „Selbstfinanzierung“ bei dieser einen Gesellschaft aufgebracht wurden. Rep. on Petroleum, 1. c. und E. Jones, 1. c. Interessant ist der Vergleich zwischen Amerika und europäischen Staaten. Auch hier findet in wachsendem Umfange eine Verwendung des Reinertrages der Aktiengesellschaften zu Geschäftserweiterungen statt, aber doch in geringerem Maße, wenigstens in England, für das allein mir genaue Ziffern bekannt sind. Größerer Unternehmungsdrang in U. S. A.! Für eine größere Anzahl englischer und amerikanischer A.-G. liegen folgende Ermittlungen vor: Im Durchschnitt der Jahre 1912—1921 entfielen von dem Reinerträge Prozente auf: Preferreds Commons Surplus Vereinigte Staaten . . . 18,5 36,8 44,6 England. 22,5 51,5 26,0 Der nicht ausgeschüttete Betrag (Surplus) steigt in England bis 36,7 0 / 0 , in U. S. A. bis 58,3 %. Siehe die Tabelle bei Charles W. Gerstenberg, Financial Organization (1924), 524. ß) Eine wesentliche Erleichterung der Kapitalbildung ist ferner dadurch herbeigeführt, daß diese eine kollektive geworden ist, wie man die Kapitalbeschaffung auf dem Wege der Gesellschaftsbildung nennen kann. Es ist bekannt, daß hier namentlich die Entstehung und Vervollkommnung der Aktiengesellschaft von außerordentlich weit- tragender Bedeutung gewesen ist. Über die Aktiengesellschaften und ihnen verwandte Gesellschaftsformen spreche ich in anderem Zusammenhänge noch ausführlich: siehe das 14., 46. und 47. Kapitel. y) Ebenso erwähne ich hier nur die Weise, wodurch die Technik, potentielles Kapital in aktuelles zu verwandeln, vervollkommnet ist: die Erleichterung der Überführung fremder, namentlich auch kleiner Sparbeträge an den kapitalistischen Unternehmer, also der Zusammenballung kleinster Partikelchen von Unternehmerwillen zu einem großen wirksamen Unternehmerwillen durch die Organisation des Kreditverkehrs, um mich darüber im folgenden Kapitel näher auszulassen. Wenn wir nun schließlich noch feststellen müssen, daß 3. die direkte Kapitalbildung in ihrer Gänze ein Werk der Kreditgewährung ist, so drängt unser Interesse immer mehr auf das nächste Kapitel hin, in dem das Kreditproblem im Zusammenhänge behandelt werden soll. 172 Erster Abschnitt: Das Kapital Zuvor will ich in diesem Kapitel nur kurz einen Blick auf die Möglichkeiten werfen, die tatsächlich vollzogene Kapitalbildung in ihrem Umfange ziffernmäßig zu erfassen. III. Das Anwachsen des Kapitals Wir haben drei Möglichkeiten, die tatsächlich erfolgte Anhäufung des Kapitals ziffernmäßig zu erfassen. 1. Die genauesten Ergebnisse liefern uns die Ziffern, in denen die Entwicklung eines bestimmten Wirtschaftsgebietes, einer bestimmten wirtschaftlichen Erscheinung zum Ausdruck gebracht wird. Also Ziffern über die Ausdehnung der Produktion, des Warenumsatzes, des Güterverkehrs; oder Ziffern über die Emission von Effekten, die Höhe der Depositen oder des Clearingverkehrs. Und wir werden am rechten Ort von diesen Ziffern ausgiebigen Gebrauch machen. Hier jedoch nützen sie uns wenig. Denn sie geben kein Gesamtbild. Was wir brauchen, ist eine Ziffer, die die Wertsteigerung des gesellschaftlichen Gütervorrats zum Ausdruck bringt, in der alle Einzelziffern auf einen Generalnenner gebracht sind. 2. Die übliche Methode, um zu dieser einen Ziffer zu gelangen, besteht in der Ermittlung dessen, was man das Volksvermögen oder Volkseinkommen genannt hat. Die Mängel dieses Verfahrens sind bekannt: weil man alle Werte in Geld ausdrückt, berücksichtigt man die Veränderungen des Geldwertes nicht; man kann Doppelzählungen schwer vermeiden; man arbeitet mit ganz schiefen Begriffen, wie z. B. dem „automatischen Wertzuwachs“ des Grund und Bodens, der natürlich nie und nimmer einen Zuwachs des gesellschaftlichen Kapitals bedeutet u. a. m. Dennoch werden wir die Ergebnisse, zu denen man auf diesem Wege gelangt, nicht unbeachtet lassen dürfen. Sie geben uns immerhin Annäherungswerte, mit denen wir uns begnügen müssen, und gewinnen dadurch an Geltungswert, daß sie mit Ziffern, die auf anderem Wege gewonnen sind, wie wir sehen werden, ziemlich übereinstimmen. Ich wähle die Ziffern, die sich auf England und Deutschland beziehen, weil sie mir die zuverlässigsten zu sein scheinen. Die englischen Ziffern sind zudem besonders wertvoll, weil sie am weitesten in die Vergangenheit zurückreichen. Die Quellen sind jetzt zusammengestellt und gewürdigt bei W o y t i n s k i a. a. 0. Dreizehntes Kapitel: Die Entstehung des Geldkapitals im allgemeinen 173 Großbritanniens (United Kingdom) Volksvermögen („Property“) betrug: 1812. 2,7 Milliarden £ 1833 . 3,6 J? 1845 . 4,0 5 > 1865 . 6,0 JJ 1875 . 8,5 >> 1885 . 10,0 J Vor dem Kriege. 13-15 „ JJ Also: langsame Vermehrung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts: um etwa 1,5% im Jahresdurchschnitt, raschere Vermehrung seitdem: um etwa 3,3% jährlich. Deutschlands Volksvermögen: 1886 . 175 Milliarden Mk. (Becker) 1895 . 200 ,, ,, (Schmoller) 1910-1911 . . . 300-320 „ „ (Helfferich). Das bedeutet für die 25 Jahre von 1886 bis 1910 einen jährlichen Zuwachs von durchschnittlich 3—3%%> für die 15 Jahre von 1895 bis 1910 von 3—4%. Einen anderen Entwicklungstypus, den ich zum Vergleich heranziehe, stellen naturgemäß die Vereinigten Staaten von Amerika dar. Sie sind ein Land, in dem — dank der Einwanderung — die Bevölkerung bis vor kurzem in einem unnatürlichen Verhältnis gewachsen ist: bis zum Ende des 19. Jahrhunderts um 3—4% jährlich. Demgemäß ist auch das Volksvermögen rascher gewachsen als in den europäischen Ländern, zumal der normale Zuwachs — dank nun wiederum dem größeren Reichtum des Landes — ebenfalls größer ist als in Europa. Neuerdings scheint auch in den Vereinigten Staaten das Schrittmaß der Kapitalakkumulation etwas verlangsamt zu sein und sich dem europäischen mehr anzunähem (dank der verringerten Zuwachsrate der Bevölkerung, die in den letzten drei Jahrzehnten je 2%, 2%, 1,4% betragen hat). Nach den neuesten Feststellungen amerikanischer Forscher hat sich die amerikanische Produktion in den letzten dreißig Jahren um 3%.—4% im Jahre vermehrt. Siehe Lionel D. Edie, The Stabilization of business (1923), 237. Damit würde also die Reichtumsvermehrung in den Vereinigten Staaten sich derjenigen angenähert haben, die die europäischen Staaten in den letzten Jahrzehnten vor dem Kriege aufwiesen. 174 Erster Abschnitt: Das Kapital 3. Einen andern Weg, um zu einer Gesamtwertzuwachsziffer und also zu einer Erfassung der Kapitalakkumulation zu gelangen, hat in letzter Zeit mit glücklichem Erfolge Gustav Cassel beschritten: den Weg über die Größe der Goldproduktion. Die Erwägungen, die es angängig erscheinen lassen, mit Hilfe der Goldproduktionsstatistik auf den Umfang der Güterproduktion zu schließen, sind folgende: Wenn die Goldproduktion der Preisbildung parallel geht, das heißt, wenn die Preise nicht steigen, obwohl die Goldproduktion zunimmt, so beweist das, daß sich der Warenumfang in gleichem Verhältnis wie die Goldproduktion vergrößert hat: vorausgesetzt, daß zu den Zahlungen die gleiche Menge Gold gebraucht wird. Wird weniger gebraucht — durch Beschleunigung des Geldumlaufs und Ausbildung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs — so ist die Steigerung des Warenumsatzes entsprechend größer. Die Tatsachen sind mm folgende: Während des Zeitraums von 1850 bis 1910 hat sich der Goldvorrat von 10 auf 52 Milliarden Mk. vermehrt, das heißt um durchschnittlich 2,8% (unter Berücksichtigung der Abnutzung um 3%) im Jahre. Der Preisstand ist 1850 und 1910 derselbe; nach dem Sauerbeck- Index 1848-1851: 76; 1908-1911: 761/4. Daraus schließen wir, daß sich der Warenumsatz während dieses Zeitraums mindestens verfünffacht hat. Die Steigerung fällt hauptsächlich in den Zeitraum von Mitte der 1890 er Jahre bis zum Jahre 1910. Denn die Goldproduktion (und also der Warenumsatz) stieg: von 1850 bis 1893 (in 43 Jahren) von 3 auf 9 „ 1893 „ 1910 („ 17 „ ) „ 3 „ 5. Das sind nun nach dem Gesagten Mindestziffern, da sicherlich der Bedarf an Gold in diesen Zeiträumen durch die angegebenen Mittel verringert worden ist, das heißt: mehr Umsätze mit derselben Goldmenge bewerkstelligt worden sind. Immerhin besitzen wir auch in diesen Ziffern einen annähernd sicheren Anhaltspunkt, um die Steigerung der Umsätze und damit die Höhe der Kapitalbildung zu bemessen. Unser Vertrauen in die Richtigkeit der Ziffern wird aber verstärkt, wenn wir feststellen können, daß- sie mit den auf dem Wege der Volksvermögen- und Volkseinkommenermittlung gewonnenen fast genau übereinstimmen. 175 Vierzehntes Kapitel Der Kredit und seine Entwicklung I. Das Wesen des Kredits 1. Der Begriff Kredit ist: Kaufkraft ohne Geldbesitz. Man „hat“ Kredit, Kredit wird „gegeben“ vom Kreditgeber, creditor, „genommen“ vom Kreditnehmer, debitor. Der Akt des Kreditgebens und Kreditnehmens bedeutet: Gewährung (Entgegennahme) von Kaufkraft gegen das Versprechen der künftigen Gegenleistung. Kredit im Sinne von Kreditgeschäften oder Kreditverkehr ist diejenige Form des Verkehrs (der marktmäßigen Wirtschaft), bei der einer Leistung nicht sofort die Gegenleistung, sondern nur das Versprechen einer solchen in der Zukunft entspricht. Dies die lehrbuchmäßige Begriffsbestimmung. Zum Wesen des Kredits gehörig erachte ich (unter Ablehnung einer heute weitverbreiteten Ansicht) die Vereinigung des objektiven Momentes der zeitlichen Trennung von Leistung und Gegenleistung mit dem subjektiven Bestandteil der Erwartung: dem „Vertrauen“, daß die künftige Gegenleistung erfolgen werde. Das „Vertrauen“ braucht kein Vertrauen in die persönliche Sicherheit des Kreditnehmers zu sein (sonst gäbe es keinen Realkredit); es kann auch in objektiven Verhältnissen gründen. Ob eine „Zwangsanleihe“ ein Kreditgeschäft sei, ist eine Doktorfrage, deren Beantwortung je nach den besonderen Umständen verschieden lauten wird. 2. Arten des Kredits Unter teilweiser Anlehnung an die herrschende Begriffsbildung und Namengebung, in wesentlichen Punkten jedoch von ihnen abweichend, unterscheide ich folgende Arten des Kredits: a) Nach dem Verwendungszweck: Konsumtivkredit, der zu Zwecken des individuellen Verzehrens, und Produktivkredit, der zu Geschäftszwecken gegeben wird. Nur um diesen ist es uns hier zu tun. 176 Erster Abschnitt: Das Kapital Produktivkredit ist entweder „langfristig“, das ist der zur Beschaffung des stehenden Kapitals gegebene Kredit, oder „kurzfristig“, wenn er zur Beschaffung des umlaufenden Kapitals dient. Die wichtigste Unterscheidung, die für diese beiden Kreditarten gleichermaßen gilt, ist aber die in Zirkulations- und Produktionskredits, wie ich die auch von andern (wenigen) gesehenen Arten nennen will. Die Unterscheidung ist vom Standpunkt des Einzelunternehmens getroffen und besagt folgendes: daß Kredit entweder genommen wird, lediglich, um Kapitalbestandteile in eine andere Form zu verwandeln, oder um den Kapitalbetrag, über den eine Unternehmung verfügt, auszuweiten, zu vergrößern. Oder — unter etwas anderem Gesichtswinkel dasselbe gesehen — entweder „to transfer Commodities which already are in existence“ oder „to bring new products in existence“ (M° Leod). Jenes ist der Zirkulationskredit, auch als Beschleunig- ungs = Liquidationskredit zu bezeichnen, üblicherweise auf Grund von Diskontierung von Warenwechseln oder Lombardierung von Waren gegeben; dieses der Produktionskredit, auch Erweiterungs- = Ausdehnungskredit nennbar, als Buchkredit, Akzeptkredit usw. in die Erscheinung tretend. Die Unterscheidung von Zirkulationskredit und Produktionskredit ist, wie gesagt, von entscheidender Wichtigkeit und wird uns als bestes Einordnungsmittel dienen. Diese erste Einteilungsweise stellt sich abrißmäßig wie folgt dar: Konsumtivkredit — Produktivkredit Langfristiger Kredit Kurzfristiger Kredit Zirkulationskredit Produktionskredit b) Nach dem Ursprung des Kreditgeschäfts gibt es: Warenkredit, der in der Stundung der Kaufsumme für eine Ware besteht, also mit der Hingabe einer Ware seinen Anfang nimmt: der übliche Warenwechselkredit der Geschäftsleute untereinander; Darlehnskredit, der in der Verleihung einer Geldsumme seitens des Kreditors oder in der Anweisung auf eine solche besteht, also mit der Hingabe einer Geldsumme seinen Anfang nimmt. c) Nach der Herkunft der Kreditmittel lassen sich wichtige Unterscheidungen treffen, die gleichzeitig auch Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung 177 die Verschiedenheit des „Entsprechungsverhältnisses“ oder „Deckungsverhältnisses“ der einzelnen Kreditarten zum Ausdruck bringen. Der Begriff der „Deckung“ wird hier im samtwirtschaftlichen Sinne gefaßt, nicht im privatwirtschaftlichen, in dem er nichts andres bedeutet, als Sicherung der Forderung und zu der für uns belanglosen Gegenüberstellung von Personal- und Realkredit (mit seiner Unterteilung in Faustpfand-, Verschreibungs- und Gewahrsamskredit in der Knies- schen Sprachweise) führt. Die Mittel, mittels deren Kredit gegeben, also eine Kaufkraft dem Nicht-Geldbesitzer verschafft wird, stammen entweder aus dem gesellschaftlichen Einkommen oder dem (umlaufenden) Kapital oder dem Nichts. Die beiden ersten Ursprünge gehören zusammen und stehen dem dritten gegenüber. Ich bezeichne sie als Übertragungskredit im Gegensatz zu dem Anweisungskredit, wie wir denjenigen Kredit nennen wollen, der dem Nichts entspringt. Übertragungskredit liegt also vor, wenn der Wert eines schon erworbenen Einkommensanspruchs oder eines schon entstandenen Kapitalgutes dazu dient, einem Unternehmer Kaufkraft zu verleihen. Also wenn ich meinen Gehalt dem Bankier borge, der ihn weiter verleiht; oder — der deutlichste Fall — aller Warenwechsel- und Lombardkredit; oder die Deponierung der zurückströmenden Bestandteile des sich langsam amortisierenden stehenden Kapitals bei der Bank. Von Anweisungskredit dagegen wollen wir dann sprechen, wenn der Kredit auf nichts anderem beruht, aus nichts anderem entspringt, als der bloßen Verfügung des Kreditgebers. In diesem Falle haben wir es also mit demjenigen zu tun, was wohl auch als Kreditschöpfung bezeichnet wird. Da aber dieser Begriff keineswegs zu völliger Klarheit entwickelt ist, so müssen wir versuchen, ihn noch etwas genauer zu bestimmen. Eine Kreditschöpfung liegt auch schon vor, wenn noch nicht dasjenige vorliegt, was ich als Anweisungskredit bezeichnet hatte. Man kann von Kreditschöpfung sprechen, wenn der gewährte Kredit hinausgeht: a) über die Aktiva des Kreditnehmers; das ist der Fall bei allem Produktionskredit: siehe oben Seite 176; oder b) über die Aktiva des Kreditgebers; das trifft dann zu, wenn die Summe der kreditierten Beträge die Summe der Anrechte des Kreditgebers an effektive Einkommens- oder Warenbeträge übersteigt; oder endlich Sombart, Hoehkapitalismus. 12 178 Erster Abschnitt: Das Kapital. c) über die Aktiva der Gesellschaft. Nur in diesem letzten Falle liegt Anweisungskredit, liegt echter schöpferischer Kredit vor. Was aber bezeichnen wir füglich als Aktiva der Gesellschaft ? Nicht, wie gleich bemerkt sein mag, produzierte Güter, sondern Produktivkraft, das heißt: Arbeitsleistung eines bestimmten Ausmaßes, wie sie in der bisher aufgewandten Arbeitsmenge zum Ausdruck kommt. Machen wir uns folgendes klar: auch im Falle des Übertragungskredits, wenn Einkommensanrechte von dem einen auf den andern übertragen werden, sind noch keine Einkommensgüter für den Zedenten produziert, brauchen es wenigstens noch nicht zu sein. Aber es stehen Arbeitskräfte zur Verfügung, die sie produzieren könnten, und die die Einkommensgüter für den Kreditgeber erzeugen würden, wenn dieser nicht den Entschluß gefaßt hätte, auf die Erzeugung dieser Einkommensgüter zu verzichten und statt dessen Produktionsmittel oder Einkommensgüter für die Lohnarbeiterklasse produzieren zu lassen. Der Kreditakt bewirkt hier nichts andres, als daß die Verwendung der vorhandenen Arbeitskräfte in einer andern Richtung erfolgt, als es ohne sein Dazwischentreten der Fall wäre: die Richtung der Produktion wird beeinflußt, ihr Ausmaß bleibt unverändert: vgl. was ich oben über die Bedeutung des Sparaktes gesagt habe. Nicht so beim echten Anweisungskredit. Hier geht die gewährte Kaufkraft über den in Tätigkeit befindlichen Vorrat an Arbeitskräften hinaus. Er stellt also immer Kaufkraft dar, die nur durch Zusatzarbeit befriedigt werden kann, sei es, daß diese durch Längerbeschäftigung der vorhandenen Arbeitskräfte, sei es, daß sie durch Einstellung neuer Arbeitskräfte beschafft wird. Daraus wird ersichtlich, daß der Anweisungskredit eine sehr wesentliche Bedeutung für die Entstehung neuen Kapitals hat. Er stellt den Weg der direkten Kapitalbildung dar, den ich oben bereits aufgewiesen hatte. Man könnte auf den Gedanken kommen, daß die Gewährung von Anweisungskredit die einzige Form der Kapitalakkumulation wäre. Aber man würde damit einem Irrtum verfallen. Gesellschaftlich betrachtet gibt es noch eine andere Möglichkeit, das vorhandene Kapital zu vergrößern, auf die ich im vorigen Kapitel bereits hingedeutet habe. Es ist die Ausweitung des Kapitals infolge gesteigerter Produktivität der Arbeit. Wenn diese nämlich steigt, so entsteht die Möglichkeit, die vorhandene Arbeiterschaft mit einem geringeren Güterbetrage zu unterhalten, als er dem bisherigen Betrage des gesellschaftlichen Ein- Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung 179 kommens entspricht. Vorausgesetzt, daß sich die Preise der gesteigerten Produktivität noch nicht angepaßt haben und also eine Erhöhung des Reallohnes in einem der gestiegenen Produktivität entsprechenden Umfange noch nicht stattgefunden hat. Alsdann bleiben Einkommensbeträge frei, die zur Vermehrung des Kapitals Verwendung finden können. Sie zusammen mit der Höhe des Anweisungskredits bestimmen das Ausmaß der tatsächlich möglichen Kapitalakkumulation. Ich sagte vorhin, daß der Begriff der Kreditschöpfung bisher unklar geblieben sei. Wir vermögen jetzt einzusehen, worin die Unklarheit ihren Grund hat. Offenbar nämlich in der Vermengung privatwirtschaftlicher und samtwirtschaftlicher Gesichtspunkte. Behauptungen, wie wir sie bei Schumpeter und Hahn finden, daß sieben Achtel aller Bankkredite „schöpferischer“ Kredit seien, sind nur verständlich, wenn wir berücksichtigen, daß diese Autoren als schöpferischen Kredit auch jenen bezeichnen, der über die Aktiva des Kreditgebers oder Kreditnehmers hinausgeht und nicht scharf genug davon den echten schöpferischen Kredit unterscheiden, den ich als Anweisungskredit bezeichnet habe und dessen Eigenart, wie wir nun erkannt haben, darin besteht, daß er eine Kaufkraft über die jeweilig zur Verfügung stehende oder richtiger: in Tätigkeit befindliche gesellschaftliche Arbeitskraft darstellt. 3. Grenzen des Kredits Den interessantesten Teil des Kreditproblems enthält die Erage nach den Grenzen des Kredits; die Frage also: wieweit der Kredit ausgedehnt werden kann, ohne daß das Wirtschaftsgefüge in Unordnung gerät. Man hat gesagt (Hahn), daß allein das subjektive Ermessen des Kreditgebers (in Gestalt des Bankiers) über die Höhe des Kredits zu entscheiden habe. Soll damit gesagt sein (was ich bei einem so urteilsfähigen Schriftsteller, wie dem Genannten, nicht annehme), daß den Entscheid über die Ausdehnung des Kredits die an keine objektiven Bedingungen gebundene Willkür des Kreditgebers treffe, so enthält der Satz natürlich schieren Unsinn. Soll aber damit ausgedrückt werden, daß der die objektiven Bedingungen richtig beurteilende Entschluß des Kreditgebers maßgebend sei, das heißt also: daß die objektiv richtige Entscheidung des Bankiers dem Kredit die zulässigen Grenzen steckt, so mag er gelten. Dann aber ist unsere Frage noch nicht sachlich beantwortet. Die Antwort ist nur hinausgeschoben; denn es hat sich 12 * 180 Erster Abschnitt: Das Kapital eine neue Frage ergeben: nach den objektiven Bedingungen, denen die gesunde Kreditgewährung unterliegt. Welches sind nun diese objektiven Bedingungen? Man hat sie damit bestimmen zu können geglaubt, daß man gesagt hat: Kredit kann solange gewährt werden, als die Sicherheit besteht, daß die kreditierten Beträge einmal zurückgezahlt werden. Das ist der Gedanke M°Leods : „Credit is never excessive whatever its absolute amount, as long as it always return to itself.“ 1. c. pag. 276 ff. Danach Schumpeter, a. a. 0. Seite 219f. Der Gedanke ist richtig, nur zu eng gefaßt: es bestehen noch andere Schranken für die Ausdehnung des Kredits. Aber die Hauptsache: soweit der Gedanke richtig ist: wann besteht denn die Gewißheit oder Wahrscheinlichkeit, also Möglichkeit für den Kreditnehmer, daß er den geschuldeten Betrag zurückzahle? Doch offenbar dann, wenn ganz bestimmte objektive Bedingungen erfüllt sind. Man sieht: wir sind wieder auf die Frage zurückverwiesen: welches denn nun diese objektiven Bedingungen zulässiger, das heißt möglicher Kreditgewährung sind. Wir können deren drei verschiedene Gruppen unterscheiden oder richtiger: es gibt drei verschiedene Arten von Schranken, die der Kreditausdehnung gesetzt sind: solche, die für allen Kredit, solche, die für den Übertragungskredit und solche, die für den Anweisungskredit gelten. 1. Für allen Kredit besteht eine Schranke in der Größe des Bargeldvorrates eines Landes, also in normalen Zeiten in der Größe des Goldvorrates, da die Ausgabe vonNoten in einem bestimmtenMengen- verhältnis zum Gold Vorrat erfolgt. „Es muß nie vergessen werden, daß .. . das Geld — in der Form der edlen Metalle — die Unterlage bleibt, wovon das Kreditwesen der Natur der Sache nach nie loskommen kann.“ (Marx, Kapital III. 2, 145.). (Die überragende Bedeutung, die das Ausmaß der Goldproduktion auch für die Entfaltung des Hochkapitalismus besitzt, und die wir an verschiedenen Stellen schon bemerken konnten, läßt sich hier wieder ahnen: siehe die Ausführungen im geschichtlichen Teil.) Der Grund, weshalb die Spannweite des Kreditbogens durch die Ausdehnung der Goldunterlagen bestimmt wird, liegt nahe: unser kapitalistisches Wirtschaftsleben ist bisher nicht völlig bargeldlos gewesen, das heißt, hat an bestimmten Stellen der Bargeldzahlungen benötigt, und wird ihrer voraussichtlich auch in Zukunft benötigen. Und solange ein Rest von Bargeldzahlungen bestehen bleibt, gilt der Satz von der Begrenztheit des Kredits durch die Größe des Goldvorrats. Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung 181 Wie stark heute noch der Bargeldverkehr selbst in den kapitalistisch höchstentwickelten Ländern ist, erweist die Statistik. Nach Robertson, Geld (1924), 43 ist das Verhältnis des Bargeldes zu den Depositen in England wie 1:9; nach Irving Fisher, Purchase power of money, 12 für die Vereinigten Staaten sogar wie 1% : 7. Die Verhältniszahlen drücken für dieses Land gleichzeitig die absoluten Ziffern in Milliarden $ aus, wobei von den 1% Milliarden Bargeld % Milliarde Gold ist. Der verhältnismäßig hohe Bedarf an Bargeld wird uns verständlich, wenn w r ir die zahlreichen Fälle uns vergegenwärtigen, in denen Bargeld benötigt wird. Es sind folgende: I. Saldierungen zwischen den einzelnen Ländern zur Ausgleichung der Zahlungsbilanz; II. Saldierung zwischen den einzelnen Banken; III. Zahlungen im Kleinverkehr: Straßenbahnen, Theater, Restaurants, Trinkgelder, Almosen usw. Man hat sehr treffend gesagt: das Scheckbuch kann (und soll) die Kasse ersetzen, aber nicht das Portemonnaie. Im Vorbeigehen mag festgestellt werden, daß diejenigen einer großen Täuschung unterliegen, die glauben, daß der Scheck berufen sei, Geld zu ersetzen, das heißt als Geldsurrogat wie die Banknote zu funktionieren. Das wird er nie können aus folgenden Gründen: 1. Der Scheck empfängt seinen inneren Wert und damit seine Zahlungskraft durch den Aussteller, der in weiteren Kreisen unbekannt ist; 2. der Scheck hat keine Beziehung zum Gelde; 3. der Scheck lautet nicht auf runde Summen. Ist in den aufgezählten drei Fällen die Beseitigung des Bargeldverkehrs grundsätzlich unmöglich, so wird man für die folgenden zwei Fälle eine solche Beseitigung grundsätzlich für möglich halten müssen, wird aber gleichzeitig festzustellen haben, daß die Beseitigung in der Praxis so gut wie unmöglich erscheint. Die Fälle, die ich im Auge habe, sind: IV. Die Lohnzahlungen. Selbst in den Vereinigten Staaten, in denen der Scheckverkehr einen sehr hohen Grad der Entwicklung erreicht hat, werden einstweilen doch nur etwa 30% der Arbeitslöhne in Schecks bezahlt. V. Die Zahlungen an die Landwirte, insbesondere dort, wo diese Kleinwirte (Bauern) sind. Bekannt ist, daß diese Zahlungen im Herbste besonders hohe Anforderungen an das Bargeld stellen (der autumnal drain). Und zwar sowohl im Rahmen der einzelnen Volkswirtschaften (sehr fühlbar in Ländern wie Vereinigte Staaten, Rußland, Ungarn); als auch im internationalen Verbrauch, wo in denjenigen Ländern, die 182 Erster Abschnitt: Das Kapital Agrarprodukte (Nahrungsmittel und Kohstoffe) einführen, die Handelsbilanz (und häufig die Zahlungsbilanz) während der Herbstmonate stark passiv wird und die Notwendigkeit der Goldausfuhr entsteht. 2. Einfach läßt sich die Formel aufstellen für die Grenze, die der Ausdehnimg des Übertragungskredits gesteckt ist. Da dieser nämlich, wie wir gesehen haben, die Funktion hat, potentielles in aktuelles Kapital zu verwandeln, so kann er immer nur bis zur Höhe des potentiellen Kapitals gewährt werden: der Umfang der Sparbeträge ist die Grenze, die er niemals überschreiten kann. Wie aber steht es 3. mit dem Anweisungskredit, der in seiner Selbstherrlichkeit aller Schranken zu spotten scheint? Auch er ist natürlich erdengebunden, wenn sich auch die Grenzen seiner Ausdehnungsfähigkeit nicht so ziffernmäßig angeben lassen, wie es beim Übertragungskredit der Fall ist. Daß auch der Anweisungskredit, wie aller Kredit, die Grenzen ein- halten muß, die durch die Größe des Bargeldvorrates gezogen sind, haben wir bereits festgestellt. Im übrigen aber bildet für ihn die einzige — freilich sehr feste — Schranke: die Ausdehnungsfähigkeit der kapitalistischen Wirtschaft. Diese läßt sich a) nach ihrer subjektiven Seite hin bezeichnen als die Leistungsfähigkeit der kapitalistischen Unternehmer in intellektueller wie moralischer Hinsicht; als „das technische und moralische Niveau der Unternehmer und überhaupt aller Wirtschaftssubjekte, auch die konkrete Natur der neuen Unternehmungen“ (Schumpeter); b) nach ihrer objektiven Seite hin wird die Ausdehnungsfähigkeit der kapitalistischen Wirtschaft bestimmt durch die Ausdehnungs- (Entwicklungs-)fähigkeit: a) des Sachkapitals, ß) der Arbeitskräfte, y) des Absatzes. Wie sich auf diesen drei Gebieten die Entwicklungsmöglichkeiten theoretisch gestalten und empirisch im Laufe der hochkapitalistischen Epoche gestaltet haben, darzustellen, ist die Aufgabe der nächsten Abschnitte. Die Ausdehnungsfähigkeit der kapitalistischen Wirtschaft hängt aber c) noch ab von dem glatten, reibungslosen Arbeiten der kapitalistischen Maschinerie, das heißt, von dem richtigen Ablauf des wirtschaftlichen Prozesses, insbesondere von der Voraussetzung einer steten Proportionalität der Produktion, damit keine „Störungen“ entstehen. Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung ][§3 Von diesen Zusammenhängen handelt der dritte Hauptabschnitt dieses Buches. II. Die Vervollkommnung der Kredit-Wirtschaft Die bisher entwickelten Züge sind allem Kredit eigentümlich,, deshalb bilden sie sein Wesen. Der Kredit im Zeitalter des Hochkapitalismus trägt nun aber zudem noch ein besonderes Gepräge. Es haben sich während dieser Periode eigenartige Formen herausgebildet, die zu einer außerordentlichen Vervollkommnung der Kreditwirtschaft beigetragen haben. Drei Prinzipien sind in unserer Zeit im Kreditverkehr zur Geltung gekommen, deren Anwendung jene Wirkung gehabt hat: das Bankprinzip, das Effektenprinzip und das Prinzip der bargeldlosen Zahlung. Sie müssen wir jetzt näher kennen lernen. Und zwar betrachten wir sie auch zunächst theoretisch, das heißt in ihrer „idealtypischen“ Reinheit, um sie nachher im Zusammenhänge in ihrer historischen Gestaltung zu verfolgen. 1. Das Bankprinzip Unter dem Bankprinzip ist, wenn man sich sauberer Begriffsbildung befleißigt, zu verstehen: das Prinzip der Kreditgewährung unter Benutzung eines kollektiven Leihfonds. Dieses Prinzip ist deshalb für die Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft von so entscheidender Bedeutung, weil es die erste Staffel auf dem Wege zur Entpersönlichung des Kreditverkehrs ist. Eine Bank ist danach ein Institut, das das Bankprinzip anwendet. Was heute im Firmenregister als Banken eingetragen ist, sind — selbst wenn man auf ihre vielfachen Nebengeschäfte keine Rücksicht nimmt —■ Veranstaltungen zum Abschluß von Kreditgeschäften, die dreifacher Art sind: Kreditgewährung: aus dem eigenen Kapital; Kreditschöpfung: aus dem Nichts; Kreditvermittlung: aus fremdem Gelde. Von diesen drei Tätigkeiten sind nun die zwei ersten sicher der Art, daß sie kein Kreditinstitut als Bank bestimmen können. Jede Finanzierungsgesellschaft, jeder Privatfinanzier tut dasselbe. Die dritte Tätigkeit, die Kreditvermittlung, ist allerdings eher der Bank eigentümlich. Weshalb man die Bank etwas vorschnell als „kreditvermittelndes“ Institut definiert. Sieht man aber genauer hin, so findet man, daß auch die Kreditvermittlung als solche nichts ist, was eine Bank von andern Kreditinstituten unterscheidet: jeder Wechselmakler, jedes Hypothekenkommissionsgeschäft treibt auch Kreditvermittlung und ist doch keine Bank. Eine Bank ist 184 Erster Abschnitt: Das Kapital eben ein kreditvermittelndes Institut besonderer Art, nämlich ein solches, das, wie ich oben sagte, sich bei dieser Kreditvermittlung des Bankprinzips bedient. Um zu verstehen, was ich mit dieser Begriffsbestimmung meine, müssen wir uns das Baugefüge einer Bank vergegenwärtigen: Die Tätigkeit einer Bank besteht darin, daß sie von möglichst vielen Personen sich deren Sparbeträge kreditieren läßt, die sie als „irreguläre“ Depositen bei sich ansammelt. Die Depositen bestehen aus: (1.) Einkommensteilen jeder Art, (2.) Kapitalbestandteilen, (3.) sogenanntem negativen oder fiktiven Kapital, Rentenfonds, das sind die Geldbeträge, die aus dem Kauf und Verkauf von Effekten stammen: sogenanntes Ultimogeld, aus dem Kauf und Verkauf von Grundstücken und Häusern, aus Erbschaften u. ä. Mittels dieser durch das Passivgeschäft hereingekommenen Depositen wird ein großer Teil der Aktivgeschäfte der Banken finanziert, indem sie kreditsuchenden Unternehmungen zugeführt werden, sei es zum Zwecke der Beschaffung von Umlaufskapital (sogenannter kurzfristiger Kredit); und zwar sowohl als Zirkulationskredit (Wechseldiskontierung, Warenlombardierung), wie als Produktionskredit (Buchkredit, Akzeptkredit); sei es zum Zwecke der Beschaffung von Anlagekapital, in Gestalt sogenannten langfristigen Kredits. Diese Gewährung von Anlagekredit durch die Banken ist wohl in einzelnen Ländern (Vereinigte Staaten, Deutschland) ausgeprägter und allgemeiner, findet aber in allen Ländern gleicherweise statt: in Gestalt von Buch- oder Akzeptkredit bei der eigentlichen Depositenbank, in Gestalt von Hypothekarkredit bei den Hypothekenbanken, Lebensversicherungsgesellschaften, Sparkassen. Der Gegensatz zwischen dem englischen und deutschen Bankwesen, der bei uns üblicherweise gelehrt wird und der darin bestehen sollte, daß die deutschen Kreditbanken Anlagekredit gewährten, die englischen Depositenbanken nicht, ist ursprünglich wohl stark hervorgetreten, allmählich immer schwächer geworden und heute nur noch in einem sehr geringen Maße vorhanden. Siehe jetzt für England v. Wieser, Die Finanzierung der englischen Industrie. 1919. Vgl. die Ausführungen im geschichtlichen Teil. Wir sehen also: die Kreditvermittlung, die die Banken betreiben, ist besonderer Art: sie findet nicht statt zwischen einer Einzelperson als Kreditgeber und einer anderen Einzelperson, sondern: zwischen jener und einer Kollektivität von Kreditgebern. Es ist damit, Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung 185 wie ich oben schon sagte, der erste Schritt zur Entpersönlichung (Versachlichung) des Kreditverhältnisses getan: die persönliche Beziehung zwischen Kreditor und Debitor ist zerschnitten (die trotz der vermittelnden Tätigkeit des Wechselmaklers oder des Hypothekenkommissionsgeschäfts noch bestehen bleibt: A leiht dem B): dazwischen tritt die Bank, die Eigentümerin des Leihgeldes wird. Die Leihgelder sind zu einem — in seinen einzelnen Bestandteilen, den Depositen, fungibel gewordenen — unpersönlichen Leihfonds verschmolzen, der — ohne Rücksicht auf die Besonderheit seiner Bestandteile — nach Menge und Zeit beliebig verwendet wird. Die überragende Bedeutung, die der Anwendung des Bankprinzips für die Ausbildung des Kreditverkehrs zukommt, springt in die Augen. Sie besteht vornehmlich in folgendem: (1.) die Begegnung von Kreditnehmern und Kreditgebern wird formell erleichtert; (2.) die Unangemessenheit (Inadäquatheit) nach Größe und Leihfrist zwischen den Summen, die gegeben und genommen werden, verschwindet; (3.) der Leihfonds erfährt eine gewaltige Vergrößerung durch die Aufsaugung und Nutzbarmachung auch der kleinsten Sparbeträge. Nun haftet aber der bankmäßigen Beschaffung des Kapitals auf dem Wege der Depositen ein Mangel an: die zeitliche Beschränktheit der Passivgeschäfte. Die Depositen sind größtenteils kurzfristig, ein Teil ist auf Abruf gegeben; sie sind also — wenn man an dem Grundsatz der Liquidität der Banken festhält — ungeeignet für Anlagekredit. Diesem Mangel hilft ein zweites Prinzip ab, das während des 19. Jahrhunderts immer mehr zur Anwendung gelangt: 2. Das Effektenprinzip Das Effektenprinzip besteht in der vollständigen Versachlichung des Schuld- (bezw. Forderungs-)Verhältnisses und seiner Vergegenständlichung in einer Urkunde, dem sogenannten Wertpapier oder Effekt, dessen Innehabe die Berechtigung ausweist. Diese Urkunden sind vertretbare Werte und deshalb leicht übertragbar: bequeme Handelsartikel. Die Arten der Effekten, die für die Kapitalbildung vornehmlich in Betracht kommen, sind folgende: (1.) die Geldnote, das Papiergeld; (2.) der indossierte (girierte) Wechsel; 186 Erster Abschnitt: Das Kapital (3.) die Anteilberechtigungsscheine, das heißt: Urkunden (Wertpapiere), in denen das liecht auf den Teilbetrag eines Kapitals und auf den Bezug des diesem Teilbetrag entfließenden Profits verbrieft ist. Die wichtigsten dieser Anteilberechtigungsscheine sind: (a) die Aktie: der Dividendenschein; (b) die Obligation 1 . , , die Zinsberechtigungsscheine. (c) der Pfandbrief J ° Die Bedeutung der Effektifizierung des Schuldverhältnisses für die Ausgestaltung der Kreditwirtschaft ist verscheiden bei den verschiedenen Arten: Zu ( 1): die Geldnote, die ihrer leichten Übertragbarkeit und völligen Sicherheit wegen Geldqualität hat, weitet den Betrag des Geldes aus und ermöglicht dadurch eine weitere „Ausladung“ des Kreditbaues. Zu (2). Der indossable Wechsel erleichtert die Übertragung von Wechselschulden und weitet damit den Bereich ihrer Anwendung aus: der Wechsel wird ein beliebtes Zahlungsmittel. Das Indossament macht das Erscheinen der Interessenten an bestimmten Ausgleichstagen (Meßwechsel!) unnötig. Zu (3). DaB System der Anteilscheine bewirkt: (a) daß eine aufzubringende Kapitalmasse geteilt wird und also von mehreren (vielen) Personen aufgebracht werden kann, ohne den Umweg über den Bankkredit nehmen zu müssen. Dadurch wird der Kreis der Kreditgeber bereits ausgeweitet; (b) daß der Geldgeber sich jederzeit leicht aus dem eingegangenen Verpflichtungsverhältnis lösen kann durch Verkauf der Anteilscheine, ohne daß der Geldnehmer die Aufkündigung des Schuldverhältnisses zu gewärtigen hätte. Dadurch wird abermals der Kreis der Geldgeber ausgeweitet, weil sich nun auch solche beteiligen können, die sich nicht lange binden wollen; (c) daß sich Kreditgeber und Kreditnehmer leichter treffen, weil oft erst durch einen häufigen Besitzwechsel der Endbesitzer in den Besitz der neuen Kapitaltitel gelangt. Der Kreditnehmer und der wirkliche, endgültige Kreditgeber würden sich häufig nicht finden ohne den Umlauf der Forderungsrechte, welche die vorläufige Befriedigung des Kreditbedarfs an der Börse möglich macht, wo er aus dem „Geldmarkt“ gedeckt werden kann: Effekten sind häufig auch kurzfristige Anlagen. Gut ausgeführt bei Herb. v. Beckerath, Kapitalmarkt, Seite 23 f. Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung 187 3. Das Prinzip der bargeldlosen Zählung Unter bargeldloser Zahlung im engeren Sinne verstehen wir Zahlung ohne substantielle Zahlungsmittel durch bloße Buchung. Da Buchung soviel wie Eintragung der zu zahlenden Summe auf Soll- oder Habenseite eines zu diesem Behufe geführten Kontos (bzw. Umschreibung von einem Konto auf ein anderes) bedeutet, so ist die Voraussetzung der bargeldlosen Zahlung immer mindestens ein „Konto“, bei Umschreibungen zwei, deren Führung an beliebigen Stellen erfolgen kann: Bank, Post, Genossenschaft. Auch die Abrechnung zwischen verschiedenen Kontenführern, die notwendig wird, wenn die Umschreibung nicht innerhalb des Bereiches eines und desselben Kontoführers erfolgt, das Clearing (Klirieren), für das zuweilen besondere Einrichtungen geschaffen werden in den Abrechnungshäusern (Clearing- houses), fällt unter den Begriff der bargeldlosen Zahlung. Dagegen ist Zahlung mittels Schecks, das heißt einer Anweisung auf ein Guthaben, nur so lange bargeldlose Zahlung, als der Scheck nicht eingelöst wird. Die Bedeutung des bargeldlosen Verkehrs für die Kreditwirtschaft ist ebenso groß wie einleuchtend. Dadurch, daß er Kreditgewährung ohne Bargeld möglich macht, diese also von der Geldschranke ent- waltet oder doch die Grenzen, wo der Kreditverkehr auf diese Schranken stößt, weiter hinausgeschoben hat, hat er zu dessen Ausdehnung, vor allem zur Ausdehnung des Anweisungskredits, unermeßlich viel beigetragen. Bildlich gesprochen: die Schnur, an der der Kreditballon hängt, ist sehr erheblich verlängert worden. Nun sind aber in unserer Zeit die größten Wirkungen erzielt worden durch eine Vereinigung mehrerer der genannten drei Grundsätze, worin die heutige Kreditwirtschaft erst ihre Vollendung findet. Die Vereinigung des Bankprinzips mit dem Effekten- prinzip erfolgt in der Weise, daß die Banken sich das Effektenprinzip vielfältig zunutze machen. Und zwar wie folgt: 1. Die Banken bauen selber auf dem Effektenprinzip, sofern sie als Aktienbanken ins Leben treten. Die Folge ist eine Ausweitung ihres Wirkungskreises. 2. Die Banken bedienen sich des Effektenprinzips zur besseren Durchführung ihrer Geschäfte durch Girierung der Wechsel, Ausstellung von Akzeptwechseln usw. Die Bedeutung dieser Geschäftsformen liegt darin, daß die Geschäftsführung der Bank liquider wird. Gut ausgeführt bei Hahn, Bankkredit, 94 f,' 188 Erster Abschnitt: Das Kapital 3. Die Banken entwickeln selber das Effektenwesen, indem sie selber Effekten schaffen oder unterbringen. Zu erinnern ist an die Notenausgabe, an die Pfandbriefausgabe, an die Ausgabe („Emission“) von Aktien und Obligationen. Die Bedeutung dieser Pflege des Effektenwesens durch die Banken ist wiederum groß. Es erfolgt dadurch eine Ausdehnung des Kreditkörpers der Bank; der Kreditgeberkreis wird abermals ausgeweitet und (was für die Kreditmächtigkeit der Banken von hervorragender Wichtigkeit ist) die Bank erreicht eine Liquidisierung, eine Verflüssigung ihres Geschäftsbetriebes, beseitigt gleichsam das ihr so leicht drohende Leiden der Verstopfung. Sie erzielt diese Wirkung, indem sie etwa eine Konsortialbeteiligung in Aktienbesitz oder einen langfristigen Buchkredit in Obligationen umwandelt. Das Bankprinzip wird mit dem Prinzip der bargeldlosen Zahlung in jedem größeren Bankbetriebe vereinigt. Ja man darf sagen, daß beide Grundsätze in ihrer Vereinigung und durch ihre Vereinigung erst recht zur vollen Entfaltung gelangt sind. Das Prinzip der bargeldlosen Zahlung ermöglicht der Bank erst die volle Ausnutzung aller Kreditmöglichkeiten, sowohl nach der Seite der Aktiv- wie der Passivgeschäfte: man denke an die Förderung des Depositenwesens durch die bargeldlose Zahlung, wodurch die Konzentration der Kassenführung erst möglich gemacht worden ist. Aber den Gipfel ihrer Vollendung erreicht die moderne Kreditwirtschaft erst in der Vereinigung aller drei Prinzipien zu einem einzigen, wirkungsvollen Gebilde, wie es uns in der Gestalt der allseitig entwickelten modernen Kreditbank, namentlich deutschen Gepräges, machtvoll vor Augen tritt. Es braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden, daß alle Wirkungen, die wir den einzelnen Prinzipien und der Vereinigung einiger beigemessen haben, eine Steigerung erfahren, wenn nun die drei Prinzipien in bewußter Pflege und systematischer Benutzung nach einem einheitlichen Plane zur Gesamtbetätigung aufgerufen werden. III. Die geschichtliche Entwicklung der Kreditwirtschaft Daß es sich hier nur um einen Überblick aus der Vogelschau handeln kann, in dem auf die hervorragenden Punkte hingewiesen werden soll, versteht sich bei der Anlage dieses Werkes von selbst. Ich verfolge zunächst die extensive, dann die intensive Entwicklung Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung 189 der modernen Kreditwirtschaft, um schließlich diese Entwicklung in einigen vertretenden Ziffern festzuhalten. 1. Die extensive Entwicklung der Kreditwirtschaft Darunter verstehe ich die absolute und relative Ausdehnung des Kreditverkehrs, die auf die zunehmende Verwendung fremden Kapitals zurückzuführen ist. Dieser Vorgang ist nur mittels Zahlen zu erfassen und wird also in dem dritten — statistischen — Teile zur Anschauung gebracht werden können. Hier jedoch müssen wir die Gründe uns zum Ber wußtsein bringen, die ihn herbeigeführt haben. Die Gründe aber, weshalb während der hochkapitalistischen Epoche in wachsendem Umfange fremdes Kapital zur Verwendung gelangt ist, sind folgende: (1.) die veränderte Einstellung der Geschäftswelt. Wir müssen uns erinnern, daß bis zur Mitte, ja bis ins dritte Viertel des 18. Jahrhunderts hinein selbst in großen Handelsplätzen, wie London und Hamburg, die Ansicht allgemein verbreitet war, daß ein solider Händler oder Gewerbetreibender nur mit eigenem Kapital, nicht mit fremden, seine Geschäfte betreiben dürfe. Und noch zu Anfang des 19. Jahrhunderts drückte Huskisson im Parlament sein Staunen aus über die Änderung, die sich unter seinen Augen vollzogen hatte: die Unternehmungen erfuhren eine erhebliche Ausdehnung mittels erborgter Kapitalien (Einleitung zu P. Rota, Geschichte des Bankwesens, Seite XV, zit. bei J. Kulischer in Schmollers Jahrbuch XXX, 76). Den Anstoß scheinen hier, wie so oft, die Schotten gegeben zu haben, die wir — soweit nicht die Juden in Betracht kommen — als die Begründer der modernen Kreditwirtschaft in mehr als einer Hinsicht anzusehen haben: „The Scotch hate Gold“ ist ein englisches Wort geworden. Sie fangen schon um die Mitte des 18. Jahrhunderts an, ihre umwälzenden Geschäftsgrundsätze, die alle auf eine Förderung der kreditwirtschaftlichen Beziehungen hinauslaufen, zur Anwendung zu bringen. Aber es dauert lange, ehe sich das Unternehmertum dazu bequemt, mit fremdem Gelde zu arbeiten. Noch Bagehot, wie ich schon sagte, stellt den New Trader dem Old fashioned Trader — the man who trades on his own Capital — gegenüber und glaubt erst für seine Zeit (1860 er Jahre) eine stärkere Hinneigung zur Verwendung fremder Kapitalien beobachten zu können. „In modern english business, owing to the certainty of obtaining loans on discount of bills or otherwise at a moderate rate of interest, there is a steady bounty 190 Erster Abschnitt: Das Kapital ön trading with borrowed Capital and a constant discouragement to confine yourself solely or mainly to your own Capital“. Lombard Street. Cb. I. Vgl. Seite 20/21 und 29/30 in diesem Bande. Heute, und das Heute ist schon die Zeit vor dem Kriege, ist die Verwendung fremden Kapitals, darf man sagen, zu einer allgemeinen Einrichtung geworden: der Unternehmer scheut sich nicht nur nicht mehr, fremdes Kapital zu beschäftigen, er strebt es mit allen Kräften an. Wie wir uns auch diese Achsendrehung in der Auffassung des kapitalistischen Unternehmens erklären wollen: sicher ist, daß der Wandel der Anschauungen (und Gepflogenheiten) sehr stark durch objektive Umstände begünstigt worden ist. Unter diesen steht obenan: (2.) das wachsende Bedürfnis des kapitalistischen Unternehmers, fremdes Kapital zu beschäftigen; oder: wenn wir den Einfluß äußerer Umstände noch deutlicher hervorkehren wollen: der Zwang, es zu tun. Dieser wurde durch folgende Tatsachen ausgeübt: a) die fortschreitende Demokratisierung des Unternehmertums. Als ich bei der Besprechung des modernen Wirtschaftsführertums diese wichtige Erscheinung feststellte, wies ich schon darauf hin, daß sie im engsten Zusammenhänge mit der Entwicklung des Kreditwesens stehe. Hier können wir umgekehrt sagen: der mittellose Unternehmer ist gezwungen, fremdes Kapital heranzuziehen, um überhaupt bestehen zu können. b) Die rasche Ausdehnung des Wirtschaftskörpers ist ein zweiter Grund, der den Unternehmer zur Verwendung fremden Kapitals zwingt; je stabiler die Wirtschaft, desto weniger, je revolutionärer, desto mehr Veranlassung liegt vor, das eigene Kapital — das auch das Kapital einer Aktiengesellschaft sein kann — durch Hinzunahme von fremdem auszuweiten. c) Es sind Vorteile der Konkurrenz, die das Arbeiten mit fremdem Kapital gewährt und die es dem Unternehmer nahelegen, tunlichst viel fremdes Kapital heranzuziehen. Schon Bagehot stellt die Rechnung auf, wie viel mehr Profit ein Unternehmer machen oder wie viel billiger er liefern kann, wenn er fremdes Geld borgt: 50000 £ bei einer Profitrate von 10% ergeben 5000 £ Gesamtprofit. Besitzt der Unternehmer nur 10000 £ und borgt er 40000 £ zu 5% hinzu, für die er also 2000 £ Zinsen zahlen muß, so verdient er mit seinem eigenen Kapital statt 10% 30%. In dem Maß nun, wie der aus subjektiven wie objektiven Gründen gewährte Drang des Unternehmers nach der Verwendung fremden Vierzehntes Kapitel: Der Kredit uhd seine Entwicklung 191 Kapitals wuchs, wurde es ihm immer leichter gemacht, diesen Drang zu stillen durch: (3.) die zunehmende Erleichterung der Kapitalbeschaffung. Diese war eine Folge: a) der größeren Sicherheit aller Verkehrsbeziehungen, wie sie der moderne Staat herstellte; b) der Vermehrung der Goldproduktion. Da nach unsern Feststellungen im theoretischen Teil der Umfang des Kredits eine Funktion der Geldmenge, diese der Goldmenge ist, so mußte eine rasch ansteigende Vermehrung der Goldproduktion von entscheidendem Einfluß auf die Ausdehnung der Kreditwirtschaft sein. Wer immer noch nicht eingesehen hat, daß die tatsächlich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzende Steigerung der Goldproduktion eine notwendige Voraussetzung für die Ausbildung des Kreditwesens und damit für die Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft überhaupt gewesen ist, hat wirklich die Elemente wirtschaftswissenschaftlicher Erkenntnis noch nicht erfaßt und sollte sich sein Lehrgeld zurückgebeu lassen. Die theoretische Begründung der Gebundenheit des Kredits und damit des gesamten modernen Wirtschaftslebens an das Ausmaß der Goldproduktion habe ich im vorstehenden gegeben. Ich will noch hinzufügen, daß meines Wissens der erste Forscher, der klar eingesehen hat, daß die Entwicklung des modernen Kreditsystems von der Vermehrung der Edelmetalle abhängig ist, J. de Pinto ist, der in seinem Traite de la circulation (1771), öfters, z. B. pag. 55. 59. 95 auf diesen Zusammenhang hinweist. Hier sei nur noch an einigen Fällen aus der Praxis die Einwirkung nachgewiesen, die die abnehmende oder zunehmende Edelmetallproduktion auf das Wirtschaftsleben (durch das Zwischenglied des Kredits) ausgeübt haben. Die Depression der 1820er, 1830er und 1840er Jahre wird von allen Sachkennern der Zeit auf die Geldknappheit zurückgeführt. Siehe Jacob in seinem Bericht über den Getreidehandel; von Seuter, Über das bisherige Sinken der Getreidepreise 1826; Al. Lips, Deutschlands Nationalökonomie usw. 1830 u. a. Diese Einsicht führte zu dem Vorschläge, die Umlaufsmittel künstlich durch die Ausgabe von Papiergeld zu steigern. Einen solchen Vorschlag machen u. a. Lips, Graf v. Soden, v. Bülow, v. Seuter, Gail, Faust. Und nun das Gegenstück! Ein Bild aus den ersten Jahren nach der Erschließung der australisch-kalifornischen Minen: In den Jahren 1853, 1854, 1855, 1856 (der großen Aufschwungszeit) wurden in der Geschäfts- 192 Erster Abschnitt: Das Kapital weit immer wieder Besorgnisse rege, weil die Bank von England ihren Diskont in bedenklicher Weise erhöhte und damit der Ausdehnung des Wirtschaftslebens Grenzen setzte. Jedesmal — viermal in den vier Jahren hintereinander — wurden die Besorgnisse zerstreut: die drohende, weitere Erhöhung des Diskontsatzes blieb aus, weil — eine Goldsendung aus Australien eintraf, sagte ein Sachverständiger in der Bankenquete aus: „Kurz, ich könnte ganz wohl an die Erfahrung fast jedes Mitgliedes des Ausschusses appellieren, ob wir uns nicht schon gewöhnt haben, bei irgendwelcher finanzieller Klemme die natürliche, komplette Abhilfe zu sehen in der Ankunft des Goldschiffes.“ Antwort 1509 (W. Newmarch) in den Reports . . on Bank Acts 1857—1858. Zit. bei Marx, Kapital III. 2, 105. Für Amerika hören wir das Urteil des „New York Herald“: „The large rcceipts of gold from California gave the first important impetus to the present System of credits . . . The receipts of gold-dust of the U. S. Mint from California, up to the present period . . , have been large enough to form a legitimate basis for the expansion of public and private credits to the extent already realized. Whether the supply will continue at tliis rate or not is a most important question, as upon that point alone (!) depends the continuance of our present prosperity . . .“ Bei Evans, Commercial Crisis 1857—1858. pag. 109. Einen dritten Fall: die Ausweitung des Kredites unter dem Einfluß der neuen Goldfunde, in den 1890er Jahren habe ich eingehend analysiert in meinem Referat auf der Generalversammlung des Vereins für Sozialpolitik im Jahre 1903 (Sehr. d. Vf SP. Band 113), auf das ich hier verweise. Vgl. im übrigen die Ausführungen im 35. Kapitel dieses Bandes über das „Krisen“-(Konjunktur-)Problem. Eine unmittelbare und sehr fühlbare Erleichterung der Kapitalbeschaffung wurde dann herbeigeführt durch: c) die Vervollkommnung der kreditwirtschaftlichen Organisation, wie sie im Laufe unserer Zeitspanne durch die fortschreitende Ausbildung und Anwendung der von mir aufgewiesenen Vervollkommnungsprinzipien eintrat. Hand in Hand mit ihr ging ein Laxerwerden der Kreditgewährung, ein Unterbieten der Banken, die ihren Kunden den Kredit ins Haus trugen. Von dieser Vervollkommnung der kreditwirtschaftlichen Organisation soll nun im folgenden die Rede sein. Ich bezeichnete sie als: 2. die intensive Entwicklung der Kreditwirtschajt a) Die Banken Wir verfolgen ihre Entwicklung zunächst nach der Seite ihrer Passivgeschäfte. 1. Den Anfang machen die Notenbanken; man kann sagen, daß sie bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts die Alleinherrschaft haben. Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung 193 Ich habe seines Orts ausführlich dargestellt, mit welchen Schwierigkeiten die Entstehung des Notenbankwesens wie allen Papiergeldes verknüpft war, und daß während der frühkapitalistischen Epoche die Entwicklung dieser Kreditpapiere in den Anfängen steckenbleibt: siehe das 26. Kapitel des ersten Bandes. Selbst die Noten der 1694 gegründeten Bank von England, die, wie wir sahen, die erste moderne Notenbank war, haben bis zum Ende des 18. Jahrhunderts nur eine verhältnismäßig geringe Ausdehnung genommen. Der Betrag der ausgegebenen Noten betrug die längste Zeit im 18. Jahrhundert nicht viel mehr als 2 Mill. £ (entsprechend der Höhe des Bankkapitals). Das änderte sich nun mit dem Beginn der hochkapitalistischen Ära: in allen Ländern entstehen zahlreiche Notenbanken, die erst langsam nach den von mir im 5. Kapitel entwickelten Grundsätzen eine kapitalistisch-rationelle Form erhalten und dann ihre vorgeschriebene Funktion im Wirtschaftsleben ausüben. Die interessanteste Periode der Notenbanken ist ihre Sturm- und Drangzeit, die in Europa in das späte 18. und das frühe 19. Jahrhundert fällt, in den Vereinigten Staaten viel länger dauert, als noch Bankfreiheit herrschte und nun die Notenbanken und Notenbankiers sich rasch vermehrten. So entstanden in England neben der Bank von England bis 1776 150 kleine private Banken, die Noten ausgaben, und deren Zahl bis 1790 in der Periode des Aufschwungs nach dem amerikanischen Kriege auf 350 stieg. Noch rascher entwickelte sich das Notenbankwesen in Schottland — dem Heimatlande des modernen Kreditwesens: die beiden großen Schöpfer der ersten mächtigen Kreditorganisationen waren Schotten: John Law und William Patterson —, wo die Banknoten früher als anderswo zu einem allgemeinen Zahlungsmittel wurden. In seiner Frühzeit verquickt sich das Notenbankwesen auf das engste mit dem Depositenbankwesen und wird uns bei dessen Darstellung noch einmal beschäftigen. Die gesittete Notenbank wird ein Regulator des Wirtschaftslebens, in dessen Geschäftsziffern sich der Verlauf des Wirtschaftslebens widerspiegelt. Wo ein rationell geordnetes Notenbankwesen besteht, beobachten wir ein stetes Ansteigen der Notenausgabe während des 19. Jahrhunderts, eine rasche Ausdehnung des Banknotenumlaufs seit dem Beginn der 1890er Jahre bis zum Kriege (und natürlich — aus außerwirtschaftlichen Gründen — darüber hinaus). Ich verweise auf Sombart, Hoctikapitulismus. 13 194 Erster Abschnitt: Das Kapital die Ziffern, die ich in dem statistischen Teile dieses Kapitels zusammengestellt habe. 2. Auch wenn wir annehmen wollen, daß sich im Verlaufe der frühkapitalistischen Periode schon Ansätze zu einer Einrichtung finden, die wir heute Depositenbanken nennen — ich habe selbst im zweiten Bande Seite 168 f. auf solche Ansätze hingewiesen. Galiani bei Custodi. PM. 4, 208 ff. will in den Girobanken die ersten Depositenbanken sehen; Genovesi ebenda 8, 346 knüpft ihre Entstehung an die Monti di Pieta (nicht die alten Staatsgläubiger in Monti, sondern die auf frommen Stiftungen beruhenden Leihhäuser), diese „primi stabilimenti umani fatti nel fervore della virtü“, die deshalb s o gut verwaltet waren, daß sich Private veranlaßt sahen, daselbst ihre Gelder zu deponieren, das heißt Darlehen zu geben gegen Ausstellung von Empfangsbescheinigungen, die fedi di credita, die allmählich sogar anfingen, im Lande an Geldes Statt umzulaufen — so werden wir doch keinen Augenblick zweifelhaft sein dürfen, daß die Depositenbanken ihrem Geist nach dem Zeitalter der Kreditwirtschaft, das heißt des Hochkapitalismus, angehören. Es ist ein kümmerliches Verfahren unserer Historiker, in irgendwelchen entlegenen Zeiten eine Einrichtung oder einen Vorgang festzustellen, die außerhalb des Sinnzusammenhangs dieser Zeiten liegen und dann deren „Geschichte“ von diesem ersten Auftauchen an laufen zu lassen. Die innere Zusammengehörigkeit namentlich wirtschaftlicher Erscheinungen gilt es zu begreifen (zu welchem Behufe man freilich von dem Sinnzusammen- hange einer Zeit eine theoretisch gut begründete Vorstellung haben muß), wenn man verständig Geschichte schreiben will. So ist es sinnvoll, das Depositenbankwesen im Anfang oder in der Mitte des 18. Jahrhunderts in England und namentlich Schottland beginnen zu lassen, als dort auch das Notenwesen seine ersten Schritte in die Welt tat. In den 1830er Jahren bürgert sich die Depositenbank, meist in Verbindung mit der Notenbank, in Schottland, England, den Vereinigten Staaten ein; Frankreich folgt in den 1860er Jahren, Deutschland in den 1880 er Jahren. Im Jahre 1825 gab es in Schottland bereits 167 Depositenbanken, von denen 133 Zweigbanken waren. Es entfielen auf eine Bank nur 17000 Einwohner. 1855 war die Zahl der Banken auf 380, davon 343 Zweigbanken angewachsen, die 27 Millionzn £ Depositen hatten: ein für die damalige Zeit gewaltiger Betrag, wenn wir die geringe Einwohnerzahl Schottlands (2,9 Millionen) berücksichtigen. Es kamen also 10 £ = 200 Mk. Depositen auf den Kopf der Bevölkerung, gegen nur 300 Mk. in den Vereinigten Staaten im Jahre 1910. W. J. Lawson, History of Banking, 1875. Chapter X. Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung 195 ln England erfolgte die Gründung zahlreicher Depositenbanken in den 1830er Jahren. Im Jahre 1836 wurden allein 48 Banken gegründet. Rep. from the Select Committee on Joint Stock Banks 1837. App. II. Zit. bei Tugan-Baranowski, Geschichte der Handelskrisen (1901), 90. In den Vereinigten Staaten sind in den Jahren 1835-—1836 61 Banken mit 52 Millionen £ Kapital neu entstanden. Sumner, History of American Currency (1875), 123; ebenda Seite 87. Wir können die äußere Entwicklung der Depositenbanken in Deutschland an der Ausbildung des Filialensystems abmessen. Die fünf Berliner Großbanken hatten Depositenkassen: 1885 . 7 1910 159 1895 . 14 1914 169 1900 . 30 Bei Motschmann in den Sehr. d. VfSP., Band 154, Anl. III. Gegen das Ende des 19. Jahrhunderts haben die Depositenbanken die Notenbanken überflügelt. Der Bank of England galten die Depositenbanken zunächst als unliebsame Konkurrenten, die sie boykottierte; sie lehnte die Rediskontierung ihrer Wechsel ab und schloß sie vom Clearing-House aus. Mitte des 19. Jahrhunderts haben sie sich durchgekämpft. Aber selbst im Anfang der 1870 er Jahre hat die Bank von England noch immer die maßgebende Stellung in der City. Heute haben drei Depositenbanken dem absoluten Betrage nach die Bank of England überholt. In Frankreich verläuft die Entwicklung ganz ähnlich. Sie endet mit dem starken Übergewicht der Depositenbanken über die Banque de France. Das Wechselportefeuille betrug in Millionen Francs in: den vier großen Depositenbanken 1881 . 1324 451 1912 . 1719 3346 der Banque de France Auch in Deutschland vollzieht sich dieselbe Verschiebung: Das Wechselportefeuille betrug in Millionen Mark bei: 1880 1912 der Reichsbank . 376 . 1238 den vier großen Depositenbanken 85 1085 Die Ziffern bei F. Somary, Bankpolitik (1915), 127 f. Gedenken wir noch der Tatsache, daß sich im Laufe des 19. Jahrhunderts in wachsendem Umfange bankähnliche Institute des Depositenwesens annehmen, wie Sparkassen, Genossenschaften, Versicherungsanstalten, so haben wir damit die äußere Geschichte der Depositenbanken Umrissen. Wie sich diese Entwicklung in einer starken Zunahme der Depositen äußert, erweisen die Ziffern, die ich im statistischen Teile verzeichne. 13 * 196 Erster Abschnitt: Das Kapital Hier müssen wir versuchen, erst wieder den Gründen auf die Spur zu kommen, die die rasche und bedeutende Entwicklung des Depositenbankwesens bewirkt haben. Das heißt also, müssen festzustellen versuchen, worin die Zunahme der Depositen während des 19. Jahrhunderts gründet. Es ist das gleichsam die innere Geschichte dieser Banken, da uns ihr organisatorischer Aufbau hier noch nicht interessiert. Die Depositen — und ich spreche einstweilen von sog. echten Depositen, also Einlagen, Einzahlungen, Überlassung von irgendwelchen Anrechten auf Wertbezüge seitens der Deponenten, die ausgesprochen Gläubiger der Bank werden wegen der Hingabe eines reellen Wertes — die Depositen, sage ich, haben sich während der letzten Menschenalter deshalb so stark vermehrt, weil alle drei Bestandteile, die sie bilden, eine Vergrößerung erfahren haben, nämlich: (1.) die Einkommensbeträge. Diese erfahren eine Ausweitung: a) wegen der Zunahme der Sparbeträge, worüber oben das Nötige gesagt ist; b) wegen der Gewöhnung des Publikums und namentlich der Behörden an die Banküberweisung: Gehälter! Steuern! Rechnungen! c) wegen der Ausbreitung der Aktiengesellschaften, die genötigt sind, ihre Dividende ein Jahr lang aufzuspeichern. Ferner vermehren sich (2.) die den Banken als Depositen zufließenden Kapitalbeträge wegen der Verlängerung der Umschlagsperioden des fixen Kapitals. Diejenigen Beträge, die zur Wiederergänzung (Entwertung, Amortisation) eines festen Kapitalteils dienen, müssen aus dem Jahreserträgnis genommen und so lange verwahrt werden, bis der feste Kapitalteil abgenutzt ist und erneuert werden muß. Während dieser Wartezeit werden sich die abgeschriebenen Beträge nur zum kleinen Teil in der Geldform aufhalten: die Regel ist, daß sie als befristete Depots, als Ultimo-Geld usw. den Banken überlassen werden, deren Depositen sie also zu vermehren bestimmt sind (soweit sie nicht in leicht realisierbare Wertpapiere, die sog. stillen Reserven, verwandelt werden). Einen sehr beträchtlichen Anteil an der Ausweitung der Depositen hat (3.) der Rentenfonds, das „fiktive“, „negative“ Kapital. Dieser vergrößert sich und erscheint in Depositenform: a) wegen der zunehmenden Mobilisierung unseres materiellen Daseins: Wechsel der Vermögensanlage; Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung 197 b) wegen der zunehmenden, spekulativen Tätigkeit, wodurch die Umsätze sich stark vermehren und immer größere Beträge in den Banken dauernd (das heißt als Strom, „flow“, wie jetzt die Engländer und Amerikaner mit Vorliebe sagen) zurückgehalten werden; c) wegen der zunehmenden Neigung, sich der Banken als Vermittler bei Grundstückserwerb, Erbteilung usw. zu bedienen. Nun schwellen aber seit einigen Jahrzehnten die Depositenreihen der Banken Beträge an, die mit echten Depositen, deren Namen sie tragen, nichts gemein haben als eine gewisse formale Buchungstechnik. Das sind die, wohl zuerst in den Vereinigten Staaten von Amerika, und zwar seit dem Ausgange des 19. Jahrhunderts, als Massenerscheinung auftretenden Kredite, die eine Bank einem Kunden, sei es mit oder ohne Deckung, in der Weise einräumt, daß er darüber verfügen kann, als ob er (die Zeit des Fiktionalismus hat auch in der Geschäftswelt begonnen) selbst den Betrag bei der Bank eingezahlt hätte. Diese Art von „Depositen“, die man nach dem Vorgang des „negativen“ Kapitals auch als „negative“ Depositen bezeichnen könnte, während man sie einstweilen „unechte“ Depositen nennt, finden ihren buchmäßigen Gegenposten auf der Aktivseite also keineswegs in baren Einzahlungen — es ist ja gar nichts eingelegt, „deponiert“ — vielmehr zum größten Teil in Forderungen der Bank, die in Amerika z. B. als „Ausleihungen und Diskontierungen“ zusammengefaßt Werden. Diese „Depositen“ entstehen also nicht dadurch, daß die Bank etwas erhält, das sie nun schuldet, entspringen also gar nicht einem Passivgeschäft, sondern werden Anlaß zu einem „Aktivgeschäft“, dem die Bank die Fiktion einer Verpflichtung zugrunde legt. Wir werden ihnen daher bei der Übersicht über die Entwicklung der Aktivgeschäfte der Banken noch einmal begegnen. Hier mußten sie nur schon erwähnt werden, weil sie auf die dargelegte Weise auch zur Ausweitung der „Depositen“beträge beisteuern. Erwähnt werden muß nun noch an dieser Stelle, wo wir die Entwicklung des modernen Bankwesens nach der Seite der Passivgeschäfte verfolgen, daß neben Notenbanken und Depositenbanken eine eigenartige Erscheinung gerade der neuesten Zeit 3. die Hypothekenbanken sind. Da jedoch die Bedeutung der Hypothekenbanken, soweit ihr Passivgeschäft in Frage kommt, in der Benutzung des Effektenprinzips besteht, so werde ich dort, wo ich dessen Entwicklung verfolge, das Nötige auch über die Entwicklung mmmmm 198 Erster Abschnitt: Das Kapital . der Hypothekenbanken sagen, soweit wir sie nicht schon bei der Besprechung der Aktivgeschäfte erledigen werden. Fragen wir, wie sich die Aktivgeschäfte der Banken entwickelt haben, so finden wir, daß die Banktätigkeit überall beginnt mit: 1. der Gewährung von Zirkulationskredit; das heißt, alle Kreditbanken sind in ihren Anfängen „Diskonto“- oder ,,Lombard“banken. Ihre Bedeutung für die kapitalistische Entwicklung wächst nun in dem Maße, in dem sie 2. Produktionskredit zu geben anfangen, den sie im wesentlichen in der Form von Kontokorrent-, Akzept- und Hypothekarkredit erteilen. Eine Bezeichnung der Banken, die den entscheidenden Schritt zur Produktionskreditgewährung tun, besitzen wir nicht. Wir müßten von Produktiouskredit-Banken sprechen, wenn wir die ganze Bedeutung dieser Tätigkeit zum Ausdruck bringen wollten. Anlagebanken ist jedenfalls zu eng, da es sich um die Gewährung sowohl von Anlage- als auch von Umlaufskredit handelt. Die französische Sprache nennt die Produktions-Kreditbanken (oder nannte sie ursprünglich) Credit mobilier- und Credit foncier-Banken; neuerdings hat sie dafür den treffenden Ausdruck Banques d’affaires. Die Anfänge auch dieser Kreditform (des Produktionskredits) liegen in der Heimat William Pattersons und John Laws. Wir wissen aus Adam Smith (Book II ch. II), daß in Schottland bereits zu seiner Zeit die Banken die Gepflogenheit hatten, „Vorschüsse in laufender“ Rechnung, sog. Cash accounts, meist in der Form von Akzeptkredit zu geben an solche Personen, die zwei zuverlässige, vermögende Bürgen stellen konnten. Der Kredit war also sachlich, vom banktechnischen Standpunkte aus, „ungedeckt“. Es war vom Standpunkt des Kreditnehmers und des Kreditgebers, vermutlich aber auch vom samtwirtschaftlichen Standpunkt aus gesehen, der erste Anweisungskredit, den die kapitalistische Wirtschaft erlebte. Und der— nach dem Bilde, das Mc Leod gebraucht (399 ff., 583 ff.) ■—■ dasselbe für Schottland bedeutete wie der Nil für Ägypten: die Kultivierung der Moore, die Manufakturen des Landes, die Dampfschiffe des Clyde, unzählige Verkehrseinrichtungen verdanken dem Cash credit der schottischen Banken ihre Entstehung. Die Entwicklung dieses Aktivgeschäfts hängt aufs engste zusammen mit der oben erwähnten frühen Entwicklung des Notenbankwesens in Schottland. Auf dem Kontinent scheint die früheste Produktionskreditbank die 1822 begründete Societe generale des Pays Bas pour favoriser l’industrie nationale gewesen zu sein, der 1835 die Banque de Beige folgte. Sie werden von den Sachkennern als die eigentlichen Triebkräfte für den industriellen Aufschwung Belgiens bezeichnet. Waxweiler, Quelques pages de notre evolution industrielle, pag. 3/4. Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung 199 Um die Mitte des 19. Jahrhunderts bekommt Frankreich ein unzweifelhaftes Übergewicht auf dem Gebiete der Bankorganisation. Dank seinen Juden, unter denen die Gebrüder Pereire und Wolowski hervorragen, schafft es eine Reihe von Banktypen, die bestimmend für die ganze folgende Entwicklung werden. Im Jahre 1852 werden der Credit mobilier und der Credit foncier gegründet. Beides Produktionskreditbanken, von denen die erste den Eisenbahnen und der Großindustrie, die zweite vor allem dem großstädtischen Baugewerbe die erforderlichen Kapitalien zuführen sollte. Die Ziele waren weit gesteckt, und der Credit mobilier versprach in seinem Geschäftsbericht von 1855: „Hinfort wird es keine große Entfaltung des Staatskredits, keine bemerkenswerten Fortschritte in Industrie und Handel mehr geben, ohne eine Kreditorganisation, wie sie Frankreich jetzt zum ersten Male geschaffen hat.“ Aber wenn auch eine der Hauptaufgaben der beiden neuen Bankinstitute die Gewährung von Produktionskredit war: ihre grundsätzliche und epochemachende Bedeutung liegt darin nicht. Denn mindestens die schottischen Banken waren den französischen Credits in dieser Richtung schon voraufgegangen. Wir werden sogleich feststellen können, welches die epochale Leistung der Credits ist. Immerhin bedeuteten sie auch für die Entwicklung des bankmäßigen Produktionskredits eine erhebliche Förderung: die Größe der Institute allein wirkte belebend; der Gedanke, die aufstrebende Industrie mit Produktionskredit zu unterstützen, verschaffte sich rasch und in immer weiteren Kreisen Geltung, und in den 1850 er Jahren folgen sich in allen Ländern Gründungen von Produktionskreditbanken oder nehmen bestehende Banken das Akzeptkredit- und Kontokorrentkreditgeschäft auf. Die Steigerung der Umsätze bilden auch hier den wesentlichen Kern der Geschichte. Der Leser findet die Ziffern im statistischen Teile. 3. Die weitere Entwicklung des Bankwesens wird dann dadurch gekennzeichnet, daß immer mehr Banken die Gewährung von Zir- kulations- und Produktionskredit vereinigen. Den ersten Schritt in dieser Richtung haben wohl die deutschen Aktienbanken getan, die, wie wir noch sehen werden, alle erdenklichen Bankgeschäfte und Nichtbankgeschäfte in sich vereinigten und den Typus der modernen Kreditvollbank schufen. In England hat sich die Trennung der Zirkulationskredit- von den Produktionskreditgeschäften länger erhalten und die Kreditinstitute haben sich länger auf die eine oder die andere Geschäftsart beschränkt, weshalb man dem deutschen Kreditbanktypus den englischen Depositenbanktypus gegenüberstellte. Wie ich aber schon erwähnte, ist dieser Gegensatz sehr stark abgeschwächt, und auch in England betreiben jetzt die großen Banken neben dem Diskont- und Lombard- das Kontokorrent- und Akzeptkreditgeschäft. Was endlich die äußere Organisation der Banken anbetrifft, so ist 200 Erster Abschnitt: Das Kapital der große und entscheidende Zug der Entwicklung der, daß sie als Privatbanken anfangen und im Laufe der Zeit sich in Aktienbanken um wandeln. Die Aktienbank taucht in Großbritannien vereinzelt schon im 18. Jahrhundert auf, gewinnt aber eine beachtenswerte Stellung erst seit den 1830 er Jahren, in denen sich die Joint stock Banks rasch vermehren. In Deutschland und den meisten andern europäischen Ländern beginnt die Aktienbank ihren Lauf in den 1850 er Jahren. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Aktienbank, namentlich als Großbank, durchgesetzt und bildet heute den herrschenden Typus der Bankorganisation. Die Gründe für dieses sieghafte Vordringen werden wir erst sehr viel später erfahren, dort, wo wir die Betriebsgestaltung in der hochkapitalistischen Wirtschaft verfolgen. Hier ist nur das Endergebnis des Entwicklungsprozesses zu verzeichnen, das uns deshalb vor allem interessiert, weil es wiederum eine Staffel in der Vervollkommnung der Kreditwirtschaft bildet. Kein Zweifel, daß die große Aktienbank einen ganz andern Wirkungsradius besitzt als die Privatbank, die nur in wenigen Ausnahmen sich eine ähnliche Geltung im Kreditverkehr zu verschaffen gewußt hat wie die Aktienbank. Soweit sich das Vordringen der Aktienbank ziffernmäßig erfassen läßt, mache ich die nötigen Angaben im statistischen Teile dieses Kapitels. b) Die Effekten Der Ursprung aller Effekten, vor allem der oben aufgezählten Gruppen, die für die Kapitalbildung in Frage kommen, reicht in die frühkapitalistische Zeit zurück, wie ich das in meinem Buche „Die Juden und das Wirtschaftsleben“ quellenmäßig glaube nachgewiesen zu haben. Das Zeitalter der Effekten ist aber erst das des Hochkapitalismus, in dem das Effekten wesen zur vollen Ausgestaltung gelangt. Das 19. Jahrhundert bringt zunächst die innere Vervollkommnung des Effektenwesens, die darauf hinausläuft, seine Leistungen in der modernen Kreditwirtschaft, insbesondere bei der Aufbringung des Kapitals, zu steigern. Ich hebe die wichtigsten Punkte dieser Entwicklung hervor: 1. das Aktienprinzip bildet sich zu voller Reinheit aus: das Aktienkapital wird vollkommen verselbständigt; die Haftung wird beschränkt; die Inhaberaktie wird der herrschende Typus. Was diese scheinbar geringfügigen Änderungen bedeuten, vermag man erst ganz zu er- Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung 201 messen, wenn man die Unzuträglichkeiten kennt, die mit dem Aktienwesen im Zeitalter des Frühkapitalismus noch verbunden waren: siehe darüber meine Ausführungen im zweiten Bande Seite 156 ff., und die noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts großenteils andauerten; siehe z. B. die Schilderung, die W. J. Lawson (The History of Banking. 2. ed. 1855. Ch. VIII.) von den „deep rooted prejudices and petty jalousies“ entwirft, die namentlich gegen die Errichtung von .Aktienbanken in London zu sprechen pflegten. 2. Insbesondere hat die Kleinaktie ungemein zur Erleichterung der Kapitalbeschaffung beigetragen. 3. sei noch des Aufschwunges Erwähnung getan, den der Pfandbrief im 19. Jahrhundert genommen hat. Seine Entstehung habe ich im 18. Jahrhundert in Holland nachgewiesen. Diejenigen, die dort und damals Pfandbriefe ausgaben, waren Privatbankiers. Dann brachte ihn Büring nach Preußen, wo Friedrich M. auf seiner Grundlage die Landschaften begründete: die Ausgeber waren Genossenschaften. Den entscheidenden Schritt, der erst recht die Entwicklungsmöglichkeiten, die im Pfandbrief schlummern, zur Entfaltung brachte, war seine Verbindung mit dem Aktienprinzip; diesen Schritt taten die französischen Juden in den 1850er Jahren, als sie den Credit foncier gründeten: die erste Hypothebenaktienbank. Das 19. Jahrhundert bringt aber vor allem die durch ihre innere Vervollkommnung ermöglichte ungeheure Verbreitung der Effekten, die zu einer völlig neuen Gestaltung des Wirtschaftslebens führen. Dieses erfährt, wie ich es genannt habe, den Prozeß der Kom- merizialisierung oder Versachlichung aller Kreditbeziehungen: die Ziffern siehe unten im statistischen Teil. Zu dieser Ausdehnung des Effektenwesens hat wesentlich beigetragen ein Vorgang, dem auch sonst eine große grundsätzliche Bedeutungbeiwohnt: die gewerbsmäßige Erzeugung von Effekten. Ich fasse unter diesem Begriffe eine Reihe verschiedenartiger Maßnahmen zusammen: die Gründung von Aktiengesellschaften, die Emission von Aktien und Obligationen, die schon erwähnte Gründung von Hypothekenbanken. Allen gemeinsam ist, daß aus der Erzeugung von Effekten eine gewinnbringende Beschäftigung gemacht wird. Die Anfänge dieser Entwicklung reichen wohl nicht weiter als bis in die 1850er Jahre zurück. Denn was vorher an Emissionstätigkeit vorhanden war, beschränkte sich auf die Herausbringung öffentlicher Anleihen und kam für die Kapitalbildung nicht in Betracht. Erst der 202 Erster Abschnitt: Das Kapital Credit mobilier machte auch in dieser Beziehung Epoche, sofern er als eine seiner Hauptaufgaben betrachtete, mittels Gründung von Aktiengesellschaften und Emission von Aktien und Obligationen der Industrie Kapitalien zuzuführen. Er vereinigte also die Tätigkeit einer Produktionskreditbank mit der eines Emissionshauses. Und diese Vereinigung ist dann typisch geworden für die meisten Bankunternehmungen großen Stils. Es leuchtet ein, daß mit dieser Neubildung die Kapitalbeschaffung außerordentlich gefördert werden mußte. Die eigentümlichen Organisationsformen, die sich dadurch wie durch alle die besprochenen Mittel der Kapitalbildung ergeben und die dem modernen Wirtschaftsleben äußerlich sein Gepräge gaben, werden uns erst dort beschäftigen, wo wir die Betriebsgestaltung zu untersuchen uns unterfangen werden: siehe das 48. Kapitel. c) Der bargeldlose Verkehr hatte sich im Zeitalter des Frühkapitalismus bereits zu entwickeln angefangen. Die Weiterentwicklung während der hochkapitalistischen Epoche besteht im wesentlichen in einer den neuen Zeitverhältnissen entsprechenden Umbildung der alten Formen. Ich kann deshalb meine Darstellung an die verschiedenen bargeldlosen Zahlungsweisen der frühkapitalistischen Zeit anknüpfen. Diese waren, soweit sie sich im 19. Jahrhundert erhalten und fortgebildet haben, die folgenden: 1. die Zahlungmittels Wechsels. Diese kommt in einem dem heutigen verwandten Sinne seit dem Ende des 17. Jahrhunderts auf, das heißt, seit derZeit, in welcher derWechsel indossabel wurde; siehe BandII Seite 527 ff. Die Scheu vor der völligen Versachlichung des Schuldverhältnisses, die im Anfang noch bestanden hatte, verlor sich im Laufe des 18. Jahrhunderts, und es hat fast den Anschein, als ob der Wechsel während des späteren 18. Jahrhunderts eine starke Rolle als Zahlungsmittel gespielt hätte, eine stärkere als heute, da vollkommenere Zahlungsmethoden den Wechselverkehr in den Hintergrund gedrängt haben. Die Beliebtheit des Wechsels als Zahlungsmittel trat besonders deutlich in die Erscheinung in Zeiten, in denen das Geldwesen eines Landes im Argen lag. So erfahren wir aus Lancashire, daß dort der Wechsel in den 1820er Jahren als Umlaufsmittel das Übergewicht über alle andern Zahlungsmittel genommen hatte; es kamen damals Wechsel über 10 £ mit 120 Indossierungen vor, und man schätzte, daß in Manchester neun Zehntel des Geldumlaufes durch Wechsel uad nur ein Zehntel durch Gold und Banknoten vermittelt wurde (Lexis im HSt 8 3 , 657). Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung 203 Das ist nun heute anders geworden. Die Bedeutung des Wechsels als Zahlungsmittel hat sich erheblich verringert. Die Funktion des Warenwechsels hat heute in weitem Umfange die Umschreibung übernommen, und nur als Finanzwechsel wächst sein Anwendungsgebiet. Ygl. W. Prion, Das Wechseldiskontgeschäft (1916), 120 und die Ziffern des Wechselverkehrs auf Seite 210 und 215 f. Das Entscheidende ist aber, daß der Wechsel ein selbständiges Zahlungsmittel nur noch ausnahmsweise ist, vielmehr der Regel nach, was früher nicht der Fall war, mit den übrigen Weisen des bargeldlosen Verkehrs zu einer Einheit verbunden ist. Diese waren auch schon im Zeitalter des Frühkapitalismus 2. die Zahlung mittels Giro in den Banken. Solche Banken in Gestalt von Girobanken bestanden etwa ein Dutzend vor dem 19. Jahrhundert. Sie waren dadurch gekennzeichnet, daß in ihnen die Kaufleute große und kleine Geldsummen in bar hinterlegten, um deren Betrag sie alsdann Anweisungen, die als Zahlung galten, ausstellten: siehe Band I Seite 424 ff. Was sich im 19. Jahrhundert an diesem Verhältnis änderte, war dieses, daß die Einlagen in Bargeld bei den Banken wegfallen und an ihre Stelle das „Guthaben ‘ tritt, das, wie wir wissen, auf verschiedene Weise entstanden sein kann: sei es durch Einzahlung, sei es durch bloße Gutschrift, und um dessen Betrag nun der Kunde durch Überweisung zahlen kann. Neben diesen beiden Formen des bargeldlosen Verkehrs bestand aber auch schon im Zeitalter des Frühkapitalismus 3. die Zahlung mittels Ausgleichs der Forderungen (Skontrierung, Clearing), die offenbar ziemlich verbreitet war. Marperger belehrt uns, daß am Schlüsse der Messen die Kaufleute ihre Forderungen „riskontrieren“. „Aus welcher Rescontra so viel zu ersehen, daß drey Kauffleute einander ohne Geld Und nur durch Anweisung bezahlet haben, also ist keiner dem andern nichts schuldig geblieben . . .“ Die ,Rescontra' ist voa den Kaufleuten gar weislich erfunden, um „die Cassa Zahlung zu ersparen.“ Vgl. Band II Seite 520f. Die Kaufleute „reskontierteu“ (auf den Messen) untereinander; daß sie es heute nicht mehr selbst tun, bedeutet den Wandel, den die Einrichtung im 19. Jahrhundert erfahren hat. An ihre Stelle sind die Banken getreten, bei denen die Geschäftsleute ihre Guthaben haben. Und was sich ehedem ein- bis zweimal im Jahre, bei Gelegenheit der Zusammenkünfte auf den Messen vollzog, ist heute zu einer das ganze 204 Erster Abschnitt: Das Kapital Jahr hindurch geübten Tätigkeit geworden. Die Zunahme der Abrechrechnungsvornahmen hat dann im Laufe der Zeit zur Einrichtung besonderer Abrechnungsstellen, der Clearing-Häuser, geführt, deren heute jeder große Kreditmittelpunkt eines besitzt: Der Abrechnungsverkehr des Bankiers nimmt seinen Anfang in England, wo bereits 1760 die Beauftragten eines Teiles der 50 am Scheckverkehr hauptsächlich beteiligten Bankiers an einer im voraus bestimmten, wechselnden Stelle sich getroffen haben sollen. Sicheres wissen wir über diese Zusammenkünfte seit dem Jahre 1771. Im Jahre 1853 errichtete man das erste Clearing-House. In dasselbe Jahr fällt die Gründung eines Clearing-House in den Vereinigten Staaten, 1872 in Frankreich, 1883 in Deutschland. Der bargeldlose Verkehr enthält in sich die Neigung, über sich selbst hinauszuwachsen und immer weitere Gebiete des Wirtschaftslebens zu umgreifen. Eine solche Weiterbildung stellen die Abrechnungsleihscheine, die Clearing House Loan Certificates dar, die in den Vereinigten Staaten seit mehreren Jahrzehnten entstanden sind und folgendes Verhältnis ausdrücken: auf einen Beschluß hin kann jede einem Clearing-House angehörige Bank Effekten oder Wechsel aus ihren Beständen zur Hinterlegung bei der Abrechnungsstelle einreichen, woraufhin sie Zertifikate erhält, die im Abrechnungsverkehr innerhalb des Clearing-House angenommen werden. Das Mitglied bekommt damit die Möglichkeit, einen erheblichen Teil seiner Verbindlichkeiten ohne Barmittel zu erfüllen. Im Krisenjahr 1907 sind die Banken dazu übergegangen, die Barzahlungen auch im sonstigen Verkehr einzustellen. Diese Abrechnungszertifikate, und was sich an sie anschloß, sind ein besonders lehrreiches Beispiel, um die letzthinige Abhängigkeit des Kredits von der Bargeldmenge zu erweisen. Die Folge einer allzu starken Ausdehnung des - bargeldlosen Verkehrs, die doch letzten Endes auf einer Kreditüberspannung beruht, war nämlich die, daß ein Aufgeld auf bare Zahlungsmittel und schließlich — aus Mangel an Umlaufsmitteln, die aus dem Verkehr verschwanden — Betriebseinschränkungen und Arbeiterentlassungen entstanden. Vgl. A. Hasencamp im HSt. 2 3 4 , 323. 3. Die Entwicklung der Kreditwirtschaft im Zahlenbilde 1. Die Goldproduktion Die Geschichte der Goldgewinnung während der hochkapita- sistischen Epoche zerfällt in drei deutlich voneinander unterschiedene Abschnitte: 1. die Zeit bis zur Entdeckung der australischen und kalifornischen Gruben, also bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts: geringe Gold- Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung 205 droduktion — der Jahresdurchschnitt beträgt 20000 kg und weniger — und geringe kapitalistische Entwicklung trotz aller technischen Fortschritte; 2. die Zeit von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Erschließung der nordamerikanischen und namentlich südafrikanischen Gruben, sowie der damit zeitlich zusammenfallenden Erfindung des Zyanidprozesses (siehe oben S. 106f.), also bis in den Anfang der 1890er Jahre: beträchtlich gesteigerte Goldproduktion ■—■ der Jahresdurchschnitt liegt zwischen 150000 und 200000 kg — und erste Äufschwungsperiode des Hochkapitalismus; endlich 3. die Zeit von Anfang der 1890er Jahre bis zum Ausbruch des Weltkrieges: gewaltig vermehrte Goldproduktion — die Jahresausbeute steigt beständig bis auf den Rekordbetrag von mehr als 700000 kg im Jahre 1912 — und dementsprechend reißend schnelle Ausdehnung und Verfestigung der kapitalistischen Wirtschaft: das Zeitalter des Imperialismus, dessen einzigartige Größenverhältnisse uns immer wieder in die Augen springen. Die Ziffern der Goldproduktion für die einzelnen Jahre sind folgende (nach den Zusammenstellungen der Statistischen Abteilung der Reichsbank). Die Produktion betrug im Jahresdurchschnitt: 1761—1780 . 20705 kg 1781—1800 . 17790 „ 1801—1820 . 14612 „ 1821—1830 . 14216 „ 1831—1840 . 20289 „ 1841—1850 . 54759 „ 1851—1855 . 199388 kg 1856—1860 . 201750 „ 1861—1865 . 185057 „ 186&—1870 . 195026 „ 1871—1875 . 173904 „ 1876—1880 . 172414 „ 1881—1885 . 154959 „ (Depressions- 1886—1890 . 169869 „ jahre) 1891—1895 . 245175 kg 1896—1900 . 387143 „ 1901 . 392705 „ 1902 . 446490 „ 1903 . 493083 „ 1904 . 522686 „ 1905 . 568232 „ 1906 . 605632 „ 1907 . 621375 „ 1908 . 666574 „ 1909 . 683748 „ 1910 . 684757 „ 1911 . 695111 „ 1912 . 701363 „ 206 Erster Abschnitt: Das Kapital 2. Der Notenumlauf 1. Großbritannien Die Notenausgabe der Bank of England betrug: 1780 . 8,41 Millionen £ 1790 . 11,43 1800 . 15,06 1810.24,79 Seitdem ist der Betrag bis in den Anfang der 1890er Jahre ungefähr gleich geblieben, von da an steigt er bis zum Kriege auf etwa 30 bis 32 Millionen £. Der den englischen Privatbanken und Aktienbanken im Jahre 1844 zugestandene Betrag in Noten belief sich auf 8648000 £. Er ist nie voll in Anspruch genommen. Die tatsächlich von den Privatbanken ausgegebenen Noten vermindern sich rasch und sinken seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts auf weniger als 1 Million £, Im Jahre 1845 wurde in England, Schottland und Irland gleichmäßig die weitere Ausdehnung der Notenausgabe wie die Gründung neuer Notenbanken gesetzlich unterbunden. Damals gab es in Schottland 19 Zettelbanken, denen das Recht zugebilligt wurde, für 3087209 £ Noten auszugeben. Gegenwärtig sind davon 11 übriggeblieben, die die Berechtigung zur Ausgabe von 2676350 £ ungedeckte Noten besitzen. Der Gesamtnotenumlauf beträgt etwa das Doppelte. In Irland ist wie in England die Notenausgabe stark zentralisiert. Weit über die Hälfte der insgesamt. 6 354 494 £ ungedeckt auszugebenden Noten wird von der Bank of Ireland emittiert. 2. Frankreich Hier hat die zentrale Notenbank (Banque de France) von Anfang an eine vorherrschende Stellung eingenommen. Ihr Notenumlauf entwickelt sich wie folgt: das Maximum der Noten- ausgabe betrug in den Jahren: 1800 .... 23 Millionen Fr. 1870 ... 1841 Millionen Fr. 1810 .... 117 1880 . . . 2481 1820 .... 172 1890 ... 3052 >> >5 1830 .... 239 1900 . . . . 4147 5 J >> 1840 .... 251 „ ,, 1910 . ... 5184 >> }> 1850 .... 504 1913 . ... 5714 >> J> 1860 .... 801 Daß Frankreich von allen Bändern sowohl absolut als auch auf den Kopf der Bevölkerung gerechnet deji stärksten. Notenumlauf hatte, hängt mit der eigentümlichen Kreditorganisation des Landes zusammen, in denen die übrigen Zahlungsmethoden nur eine geringe Entwicklung erfahren haben. In größeren Dimensionen weist der Notenumlauf dieselben Linien auf wie in anderen geordneten Staaten*. 207 Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung 3. Deutschland, Gemäß der ökonomischen Rückständigkeit des Landes bleibt auch das Banknotenwesen bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts schwach entwickelt. Der durchschnittliche Betrag der zu Anfang der 1850er Jahre in ganz Deutschland in Umlauf befindlichen Banknoten wird mit höchstens 120 Mill. Mk. (worunter nur etwa 15 Mill. ungedeckt) angenommen. Erst seit dieser Zeit nimmt auch in Deutschland das Notenwesen einen raschen Aufschwung. Der Umlauf der ungedeckten Noten der deutschen Zettelbanken, abgesehen von Bayern, betrug durchschnittlich: 1867 . 202296000 Mk. 1874 .. etwa 480000000 „ Von nun an vereinigt sich das deutsche Notenbankwesen immer mehr in der Reichsbank, deren Notenumlauf im Jahresdurchschnitt folgende Ziffern auf weist: 1876 .. 684,9 Mill. Mk. 1896 . 1083,5 „ „ 1906 . 1387,2 „ „ 1913 . 1958,2 „ „ Eine Sonderstellung zum Notenwesen nehmen die Vereinigten Staaten von Amerika ein. Hier ist das Banknotenwesen erst spät, man darf sagen erst seit dem Federal Reserve Act von 1913, in einem kapitalistisch-rationellen Sinne gestaltet worden. Die Folge war, daß eine Zeitlang unter dem System der Bankfreiheit die Notenausgabe wild gewuchert hat, um dann seit den 1880er Jahren verschwindend klein zu werden. (Der Notenumlauf ging von 1882-bis 1891 von 332,4 Mill. auf 125,7 Mill. $ zurück.) Seitdem ist die Notenausgabe zwar gestiegen: bis auf etwa 600 Mill. $ im Durchschnitt der Jahre vor dem Kriege. Aber auch dieser Betrag ist verhältnismäßig gering. Der Grund dieser geringen Entwicklung des Notenwesens in den Vereinigten Staaten ist, sagte , ich, die unvollkommene Regelung dieses Gebietes durch den Gesetzgeber, die es mit sich gebracht hat, daß die Banknote disqualifiziert ist und das Wirtschaftsleben sich auf andere Weise als durch Banknotenverkehr zu helfen gewußt hat. Offenbar hängen nämlich mit der ungenügenden Ausbildung dieser Seite des Kreditwesens einige in die Augen springende Eigentümlichkeiten der amerikanischen Volkswirtschaft zusammen. Das ist einerseits ein noch in weiterem Umfange als in sonst einem kapitalistischen Lande beibehaltener Bargeldverkehr in der Abwicklung der Geschäfte mit dem agrarischen Westen, an den während der Herbstzahlungen oft 100—200 Mill. $ in bar ausgezahlt werden, andererseits eine Übersteigerung des Prinzips der bargeldlosen Zahlung, wie wir sie in den Einrichtungen der „unechten“ Depositen und der Clearing-House-Zertifikate kennengelernt haben. Die mitgeteilten Ziffern sind sämtlich den amtlichen Veröffentlichungen entnommen. Übersichtliche Zusammenstellungen findet man in den Artikeln „Banken“ im H.St. in den verschiedenen Auflagen. 208 Erster Abschnitt: Das Kapital 3. Das Depositenwesen A. Die Banken 1. England (nach den Ziffern des „Economist“): Bank von England: 1890 .. . 39,8 Mill. $ 1900 . 43,8 „ „ 1913.71,3 „ „ Andere Banken: Zahl der Banken Betrag der Depositen Verhältnis in Mill $ 1890 . 104 368 100 1900 . 77 586 159 1912 . 44 772 210 2. Deutschland (nach den Ziffern des „Deutschen Ökonomist“): Zahl der Banken Betrag der Depositen Verhältnis in Mill. Mk. 1890 . 92 1291 100 1900 . 118 2291 178 1912 . 156 9436 731 Die „fremden Gelder“, also Depositen, Kreditoren und Akzepte, bei den acht Berliner Großbanken betrugen in Millionen Mark: 1880 1890 1895 1900 1905 1910 1914 328.1 799.1 1235,8 1927.3 3670.4 5626,1 6336,6 Ein Vergleich der deutschen mit den englischen Ziffern ergibt die verhältnismäßig geringe Entwicklung der Depositen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, der eine rasche Steigerung seit 1900 entspricht. Trotz dieser bleibt der Depositenbetrag der deutschen Banken auch 1912 noch erheblich hinter dem der englischen zurück. Das ist aber kein Beweis, daß der Kreditverkehr in Deutschland, soweit er auf Depositeneinlagen beruht, noch nicht die Höhe des englischen erreicht habe, sondern hat in eigenartigen englischen Gewohnheiten seinen Grund. Vor allem darin, daß in England die Bank offenbar in weitem Umfange die Stelle vertritt, die bei uns die Sparkasse einnimmt. (Siehe die auffallend geringe Entwicklung des englischen Sparkassenwesens in der folgenden Übersicht!) 3. Frankreich: In den drei großen Depositenbanken war der Gesamtbetrag an fremden Geldern: 1872 ......... 427 Mill. Fr. 1880 . 953 „ 1890 . 1245 „ 1900 . 2300 „ 1909 . 4363 „ Bei Kaufmann, Franz. Bankwesen. Tabelle VI. Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung 209 4. U.S.A.: Die Depositen betrugen in Millionen $ in Nationalbanken Staatsbanken Leih- und Trust- Privatbanken (private Einlagen) Gesellschaften 1880 . 833,7 208,8 90,0 182,7 1890 . 1521,7 553,1 336,5 99,7 1900 . 2458,1 1266,7 1028,2 96,2 1905 . 3783,7 2365,2 1980,9 127,9 1910 . 5287,2 2727,9 3073,1 124,6 1914 . 6268,7 3277,8 4204,6 134,4 Statistical Abstract of the United States. B. Die Sparkassen Summe der Einlagen Höhe der Einlagen auf den Kopf der Bevölkerung 1. Deutschland: 1875 . . 1869 Mill.' Mk. 44 Mk 1890 . . 5137 99 99 104 „ 1900 . . 8839 99 9 9 158 „ 1910 . . 16781 JJ 99 259 „ 2. Österreich: 1870 . . 572 „ K. 28 K. 1890 . . 2566 99 108 „ 1910 . . 6045 9 9 9 9 211 „ 3. Ungarn: 1870 . . 236 99 99 15 „ 1890 . . 858 99 9 9 49 „ 1910 . . 2109 9 9 9 9 102 „ 4. Frankreich: 1870 . . 632 „ Fr. 18 Fr. 1890 . . 2912 99 99 76 „ 1910 . . 3833 9 9 99 98 „ 5. Großbritannien: 1870 . 37,6 „ £ 1 sh. 1890 . 43,6 99 99 1 „ 1910 . 52,3 99 99 1 „ 6. Vereinigte Staaten 1870 . . 550 „ $ 15 $ von Amerika: 1890 . . 1550 99 9 9 25 „ 1910 . . 4070 9 9 9 9 44 „ Die Zahlen sind den Zusammenstellungen entnommen, die sich in der Arbeit von Seidel und Pfitzner in den Sehr. d. V. f. S.-P. Bd. 137, III finden. Dortselbst noch weiteres, reiches Material über Sparkassen. C. Die Versicherungsanstalten Ein wachsender Teil der aufgehäuften „Sparbeträge“ sammelt sich bei den Versicherungsanstalten an, von denen hauptsächlich die Anstalten für Sozialversicherung und Lebensversicherung in Frage kommen. In Deutschland betrug der Vermögensbestand (ohne Inventar) sämtlicher Sozialversicherungsanstalten: 1900 . 777,8 Mill. Mk. 1905 . 1722,3 „ 1910 . 2521,1 „ 1913 . 3077,2 „ Sombart, Hochkapitalismus. 14 210 Erster Abschnitt: Das Kapital Die Kapitalanlage der Lebensversicherungsanstalten bezifferte sich auf: 1905 . .... 3402 Mill. Mk. 1910. .... 4635 yy yy 1912. .... 5237 yy yy Nach den Zusammenstellungen im Stat. Jahrb. f. d. D. R. Während in Deutschland die Gelder der Versicherungsgesellschaften vornehmlich für den Hypothekenmarkt in Betracht kommen, werden sie z. B. in den Vereinigten Staaten von Amerika bald in die Eisenbahnen, bald in die Industrie, bald in die Schiffahrt geleitet: die Direktoren der National City Bank sind Präsidenten, Vizepräsidenten, Trustees der „New York Life“, „Mutual Life“ u. a. Die Beträge, um die es sich dabei handelt, sind noch viel gewaltiger als etwa in Deutschland: die Aktiva, sämtlicher amerikanischer Lebensversicherungen betrugen in Tausend Dollar: 1880 . 452681 1890 . 770972 1900 . 1 742414 1905 . 2 706187 1910 . 3 875877 1915 . 5190310 1920 . 7 319997 Statistical Abstract. U. S. 4. Der Akzeptkredit Neun Berliner Großbanken hatten folgenden Akzeptumlauf (inMill.Mk.): 1860 . . 8,2 1870 . . 18,9 1880 . . 80,3 1890 . . 281,8 1900 . . 670,9 1910. .1140,2 1913. .1391,8 Das heißt: der Akzeptkredit fängt erst Anfang der 1890er Jahre an, eine Rolle zu spielen, seit 1900 nimmt er einen rascheren Aufschwung. Die Tabelle findet sich bei R. Brenninkmeyer, Der Akzeptkredit der Banken (1916), 94. 5. Die Aktienbanken Kreditinstitute und Banken in Form von Aktiengesellschaften gab es. in Deutschland: Zahl Kapital (Millionen Mark) 1886/87 . . . . . . . 248 1598,0 1891/92 . . . . . . . 390 1635,8 1896 . . . . . 400 2136,4 1902 . . . . . 419 3289,1 1909 . . . . . 461 3848,1 H.St. 1«, 148. Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung 211 in Österreich: Zahl Kapital 1890 . 40 593 1900 . 45 777 1905 . 52 883 1910 . 69 1267 H.St. I 4 , 162. In TJ.S.A. belief sich im Jahre 1914 die Zahl aller Banken auf 26765 mit einem Gesamtmittelapparat von 26971,4 Mill. $; davon waren Privatbanken 1064 mit 196,5 Mill. Gesamtmitteln. Allerdings werden die Ziffern der Privatbanken von der Statistik als unvollständig bezeichnet, da ein großer Teil der nicht unter Staatsaufsicht stehenden Banken keinen Bericht erstatte. Nach amtlicher Schätzung gab es Privatbanken im Jahre 1910 4000, 1922 1200. Aber auch wenn man die obige Ziffer der Gesamtmittel aller Privatbanken vervierfacht, bleibt der Betrag ganz verschwindend klein gegenüber allen übrigen Banken. Zudem wird, wie die obige Schätzung besagt, die Bedeutung der Privatbanken immer geringer. Die Ziffern finden sich im Statistical Abstract of the U.S. 6. Das Effektenwesen im allgemeinen Die beste, allgemeine Übersicht über den Effektenbetrag in den letzten Jahren vor dem Kriege enthält die Statistik der Emissionen, die Alfr. Neymarck im Bulletin de l’Institut international de Statistique Vol. XIX, II (1912) veröffentlicht hat. Danach betrug die Summe aller Emissionen: 1871—1880 . 74,0 Milliarden Franken 1881—1890 . 64,5 1891—1900 . 100,4 1901—1910.114,1 Die Gesamtsumme aller Wertpapiere, die an den Börsen gehandelt werden, bezifferte sich im Jahre 1910 auf 815 Milliarden Franken, abzüglich der Doppelzählungen auf 575—600 Milliarden Franken. Davon entfielen auf: Großbritannien. 140—142 Milliarden Franken Vereinigte Staaten . . . 130—132 Frankreich. 106—110 Deutschland. 90-95 Rußland. 29-31 Österreich-Ungarn .... 23-24 Italien. 13-14 Japan . 9-12 Übrige Länder. 35 40 ,, ,, Insgesamt. 575—600 Millionen Franken Der größte Teil dieser Summe dient der Kapitalbildung. So wurden emittiert in den Jahren 1909/10 für 45 Milliarden Franken Wertpapiere; davon entfielen auf öffentliche Anleihen . . 17,56 Milliarden Franken auf Erwerbsgesellschaften . . 27,47 14 * 212 Erster Abschnitt: Das Kapital In einem ganz ähnlichen Verhältnis (5:8) teilten sich die deutschen Effekten im Jahre 1912 auf, von denen 25 Milliarden Mk. öffentliche Anleihen, 40 Milliarden Mk. Kapital darstellten. Uber Deutschland insbesondere unterrichten folgende Ziffern: Der Berliner Effektenmarkt 1870—1910 (Mitteilung der Korp. der Kaufm.) Anzahl der Werte, am Berliner Kurszettel ar 1870 [ 1880 1890 .lieh notiert im n 31. Dezember 1900 11910 Deutsche Fonds- und Staatspapiere einschließlich Deutsche Städte- und Rentenbriefe . 64 114 125 279 587 Ausländische Fonds- und Staatspapiere. 35 89 197 252 373 Eisenbahn-Aktien und -Obligationen . . 175 294 224 209 213 Deutsch.Kleinbahn-Aktienu.-Obligationen — — — 62 73 Schiffahrts-Aktien und -Obligationen . . — — 9 19 21 Bank-Aktien und -Obligationen .... 3 98 113 134 147 Industrie-Aktien und -Obligationen. . . 9 41 300 753 1101 Versieh erungs-Aktien . — — — 48 51 Wechsel, Gold- und Silber. 33 26 46 52 59 Hypotheken-Pfandbriefe. — — — — 204 Wechsel-Diskonte. — — — — 15 1 359 1 662 1 1014 1 1808 2844 Eine „Statistik der Schuldverschreibungen der Aktiengesellschaften und sonstigen privatrechtlichen Schuldner nach dem Stande vom 31. Dezember 1910“ hat das K. Statistische Amt veröffentlicht. Danach gab es in Deutschland Industrieobligationen in Höhe von rund 4 Milliarden Mk., davon entfielen 80% auf Aktiengesellschaften, und zwar: 235 Millionen Mk. auf die elektrische Industrie, 157 ,, ,, ,, „ Textilindustrie, 193 „ „ ,, „ Bierbrauerei und Mälzerei, 1000 ,, ,, „ Bergbau und Hüttenindustrie. Ferner gab es für 15,8 Milliarden Mk. Pfandbriefe, davon 10 Milliarden Mk. Pfandbriefe von Hypothekenbanken. Siehe Stat. Jahrbuch 1912. Die Gesamtsumme der in Deutschland emittierten Wertpapiere schätzt jene Veröffentlichung auf 58 Milliarden Mk. Anfangs der 1890er Jahre bezifferte Schmoller das in Effekten angelegte Vermögen der preußischen Staatsangehörigen auf 16—20 Milliarden Mk. Da dieser Betrag sicher größer war als der der deutschen Effekten, so würde sich deren Betrag in den für den Kapitalismus entscheidenden 20 Jahren von 1890—1910 mehr als verdreifacht haben. Welche große Bedeutung das Effektenwesen für die moderne Wirtschaft besitzt, bringt man sich am besten ins Gefühl, wenn man den Anteil der Effekten am gesamten Nationalvermögen berechnet. Nach einer Zusammenstellung bei Kurt Frh. v. Reibnitz, Amerikas inter- Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung 213 nationale Kapitalwanderungen (1926), waren die Ziffern für die vier kapitalistischen Großmächte vor dem Kriege folgende (in Milliarden Mark): , T „ .. Gesamt- Volksvermogen effektenbetrag Deutschland. 300 60 Vereinigte Staaten . . 530 163 England. 260 110 Frankreich. 230 118 Anteil der Effekten am Volksvermögen 20 % 30% 42% 51% 7. Die Aktiengesellschaften insbesondere 1. Großbritannien: Die Gesamtzahl aller im Betrieb befindlichen Aktiengesellschaften (all registered Companies having a share Capital) betrug am 31. April des Jahres 475,5 Mill. £ Kapital 775,1 ,, ,, ,, 1622,6 „ „ 1954,3 „ „ ,, 2178.6 „ „ „ 2425.7 ,, ,, ,, 8692 mit 13323 „ 29730 39616 51787 60754 1885: 1890: 1900: 1905: 1910: 1913: Statistical Abstract of the U. K. 2. Frankreich: In den Jahren 1889—1913 wurden neu errichtet: 25451 Handelsgesellschaften auf Aktien mit 20312 Mill. Franken Kapital. HSt. I 4 , 173. 3. Niederlande: Es waren vorhanden Aktiengesellschaften: 1885/86: 653 mit 356,4 Mill. fl. Kapital 1890/91: 1900/01: 957 „ 455,9 3366 „ 1011,4 4745 „ 1279,4 6874 „ 1644,7 9431 „ 2132,0 HSt. I 4 , 177. 4. Österreich: Die Zahl der am Jahresschluß vorhandenen Aktiengesellschaften belief sich auf: 1885: 414 mit 2982 Mill. Kr. Kapital 435 „ 3030 „ „ „ 629 „ 2986 „ „ „ 713 „ 3400 „ „ 868 „ 3303 „ „ „ 812 „ 4167 „ „ 5. Deutschland: Es wurden Aktiengesellschaften gegründet in den Jahren: 1871—1875: 620 mit 595 Mill. Mk. Kapital 1886—1890: 1061 „ 1100 „ 1891—1895: 635 „ 586 „ 1896—1900: 1390 „ 1997 „ 1910/11: 1913/14: 1890: 1900: 1905: 1910: 1913: 214 Erster Abschnitt: Das Kapital 1901—1905: 625 mit 1103 Mill. Mk. Kapital 1906—1910: 944 „ 1389 „ „ 1911: 169 „ 236 ,, „ ,, 1912: 179 „ 245 „ 1913: 175 „ 217 „ „ Nach privaten Berechnungen HSt. I 4 , 155/56. Die Gesamtzahl der tätigen Aktiengesellschaften in Deutschland belief sich am 30. November 1909 auf: 5222 mit 14737,3 Mill. Mk. Kapital. Stat. Jahrb. f. d. D. R. 6. USA: Hier hat die Entwicklung des Aktiengesellschaftswesens ihre höchste Stufe erreicht. Die „Corporations“ erzeugten von sämtlichen Produkten in der Industrie: 1904 73,7%, 1909 79,0%, 1914 83,3%, 1919 87,9%, im Bergbau (1909) 91,4% und beschäftigten von der Lohn- arbeiterschaft dort bzw. 70,6, 75,6, 80,3, 86,5%, hier 90,6%. Statistical Abstract of the Census. Über die Verbreitung der Aktien, das heißt die durch die Effektifi- zierung erfolgte Zerteilung der in einer Unternehmung dargestellten Kapitaleinheit, sind wir in letzter Zeit gut unterrichtet. Anfangs ist diese wichtige Frage nur von einzelnen Forschern untersucht worden. Die Ergebnisse sind folgende: Der englische Nähgarn-Trust zählte (Ende des 19. Jahrhunderts) 12300 Anteilhaber. Davon: 6000 Inhaber von Stammaktien mit 1200 Mk. Durchschnittskapital 4500 „ „ Prioritätsaktien „ 3000 ,, „ 1800 „ ,, Obligationen „ 6300 „ „ Der Trust der Feingarnspinner hatte 5454 Anteilsinhaber. Davon: 2904 Inhaber von Stammaktien mit 6000 Mk. Durchschnittskapital 1870 „ „ Prioritätsaktien „ 10000 ,, „ 680 „ „ Obligationen „ 26000 „ „ Ähnliche Verhältnisse weist der Baumwoll-Trust P. & T. Coats auf. Die Zahl der Aktionäre des großen Manchester Schiffskanals belief sich, als unser Gewährsmann schrieb (1899), auf rund 40 000, die des großen Provisionsgeschäfts T. Lipton auf 74 262. Das Warenhaus Spiers & Pond in London hatte bei einem Gesamtkapital von 26 Mill. Mk. 4650 Aktionäre, davon nur 550, deren Aktienbesitz je 10 000 Mk. überstieg. Ed. Bernstein, Die Voraussetzungen des Sozialismus (1899), 48. Alfr. Neymarck hat im Jahre 1902 die Besitzverteilung von mehr als 100 000 Namensaktien der großen französischen Eisenbahngesellschaften und von über 500 000 auf den Namen lautenden Obligationen dieser Gesellschaften ermittelt. Das Ergebnis, zu dem er gelangt, ist folgendes: 18,3 % der Aktien hatten je einen Besitzer, 53,2 ,, ,, ,, entfielen auf Besitzer von 2—10 Aktien, ifS 7 11_ 94 12 ,, ,, ,, ,, ,, ,, ,, 500 und mehr Aktien. Von 520 000 Obligationen entfielen 354 731 auf Besitzer von 1—-24 Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung 215 Stück, 137 681 auf Besitzer von 25—100 Stück. A. Neymarck, Une Statistique nouvelle sur le morcellement des valeurs mobilieres. 1903. Felix Deutsch nimmt für Deutschland in einer 1919 von der Handelskammer zu Berlin veröffentlichten Statistik, auf Grund von Auszählungen einiger größerer Aktiengesellschaften an, daß der durchschnittliche Besitz des einzelnen Aktionärs sich nicht höher als auf 3000—5000 Mk. beläuft. (Eine meines Erachtens zu niedrige Durchschnittssumme.) In ihrem Geschäftsbericht für 1920 schätzt die Deutsche Bank den durchschnittlichen Besitz ihrer Aktionäre auf 9000 Mk. Nennwert. Über Amerika, das immer noch als vorwiegenden Typ die Namenaktie hat, sind wir am besten unterrichtet. Bei drei amerikanischen Telephongesellschaften besitzen 97 833 Aktionäre, die 98 Berufen angehören, 560 033 Aktien, das sind durchschnittlich etwa 6 Aktien für jeden Aktionär. Annähernd 11000 Bureauangestellte besitzen durchschnittlich etwa 4 Aktien, etwa 10 000 Telegraphen- und Telephonangestellte desgleichen, etwa 20 000 Hausfrauen 6, 4300 verantwortliche Angestellte 10 Aktien. B.. S. Brookings, Demokratisierung d. amerik. Wirtschaft (1925), 38f. Eine umfassendere Statistik bezieht sich auf die Jahre nach dem Kriege. Sie ergab, daß die Zunahme der Aktieninhaber von 1918—1925 betrug bei: Eisenbahnen. 318 481 Expreß und Pullman. 10 823 Straßenbahnen. 275 000 Gas- und Elektrizitätsgesellschaften. 1 361 279 Telephon- und Telegraphengesellschaften . . . 264 571 Verpackungsgesellschaften. 35 000 10 Ölgesellschaften. 137 677 5 Eisen- und Stahlgesellschaften. 92 226 10 anderen Unternehmungen .. 19 357 2 514 394 Mitgeteilt vom „Heimatdienst“, 15. Februar 1926. Die Gruppen, unter denen die Aktien verteilt werden, sind die „Kunden“ und die Angestellten. Siehe noch andere Ziffern bei E. E. Lincoln, Applied Business Finance (2. ed. 1923), Ch. XII und Carver, Industrial Owner-ship. 1926. 8. Der Wecliselkredit Aus den im Text angeführten Gründen entwickelt sich der Wechselverkehr nicht annähernd im Verhältnis zur Ausdehnung der gesamten Kreditwirtschaft. Ja, der Warenwechselverkehr zeigte schon vor dem Kriege (in Deutschland) eine leise Tendenz zur (absoluten!) Verringerung. Der Wechselumlauf betrug in Deutschland: 1885: 12,06 Milliarden Mk., davon Bankakzepte 2,1 Milliarden Mk. 1905: 25,50 1910: 33,39 1912: 36,68 1913: 36,24 8,5 11,2 12,7 13,1 216 Erster Abschnitt: Das Kapital In Frankreich war er — aus naheliegenden Gründen — verhältnismäßig etwas höher, zeigte aber auch hier keine wesentliche Neigung zu steigen. Er betrug: 1881: 27,3 Milliarden Franken 1905: 31,1 Bei den englischen Depositenbanken betrugen die Wechsel nach Angabe des Vizepräsidenten Birch im Institute of Bankers bei sieben Banken: 1880 = 26 % der Gesamtaktien 1912 = 12 % „ Deutlicher noch spricht das Verhältnis der Wechsel zu den Depositen. Ende 1912 betrugen die Depositen 365 Mill. £, die Wechsel 56,8 Mill. £, das sind 15,6% der Depositen. Vgl. Somary, Bankpolitik (1915), 31. Das Wechseldiskontgeschäft umfaßte in Deutschland (Mill. Mark): T, . , , . t, , , , Diskonto- Dresdner Darmstädter Reichsbank Deutsche Bank „ , ,, n i -di gesell schaft Bank Bank 1880: 376 37 37 4 7 1912: 1238 646 232 286 121 in Frankreich (Mill. Frcs.): Banque de n ,, T u Cred. Lyonais Soc. generale Comptoir France v ' iOU - d’Escompte 1881: 1324 178 111 98 1912: 1719 1411 947 864 Die Ziffern bei R. B r e n n i n k m e y e r , a. a. 0. Seite 5/8. Credit industriel 64 124 9. Bargeldloser Verkehr (Giro- und Clearingwesen) 1. England: Umsätze des Londoner Clearing House (in Milliarden £): 1868: 3,4 100 1880: 5,8 169 1890: 7,8 228 1900: 9,0 262 1905: 12,3 — 1910: 14,5 428 1912: 16,0 466 Statistical Abstract U. K. An der Entwicklung des Clearing-Verkehrs kann man am besten die Ausdehnung der Kreditwirtschaft ermessen: in den Jahren 1894—1912 stiegen in England: die Kohlengewinnung.um 38,3 % der Wert der Ausfuhr.,, 125,4 „ die Umsätze des Clearing House . . . „ 151,9 ,, Aufstellung nach den Berechnungen bei E. H. V o g e 1, Theorie des volkswirtschaftlichen Entwicklungsprozesses (1917), 83. 2. Deutschland: Umsätze (Giroverkehr) der Reichsbank (in Milliarden 1883: 43,8 1890: 79,7 1895: 93,7 Vierzehntes Kapitel: Der Kredit und seine Entwicklung 217 1900: 163,6, davon für Private 135,2 1905: 222,1, .. „ „ 178,6 1910: 314,2 ,, ,, ,, 239,3 1913: 379,1 „ „ „ 287,1 Gesamteinlieferungen bei den deutschen Abrechnungsstellen (in Milliarden Mark): 1884: 12,1 1900: 29,5 1913: 73,6 1890: 18,0 1910: 54,3 Umsätze im Postscheckverkehr (in Milliarden Mark): 1910: 21,8 1913: 41,6 (Erst seit 1909.) Stat. Jahrb. f. d. D. R. In denselben Jahren stieg der Geldumlauf in Deutschland wie folgt. Er betrug in Millionen Mk.: 1883: 1870,0 1900: 3005,3 1890: 2068,3 1913: 6088,1 Stat. Jahrbuch f. d. D. R. Der Geldumlauf hat sich also in demselben Zeitraum verdreifacht, in dem der Abrechnungsverkehr sich versechsfacht, der Giroverkehr der Reichsbank (für Private) versiebenfacht hat. In diesem Maße ist die Barkassendeckung der Kreditbanken zurückgegangen; sie betrug (nach dem D. Ökonomist): 1883: 13,5% 1903: 10,0% 1893: 16,2% 1913: 7,5% 3. U. S. A.: Die Entwicklung des New-Yorker sowie des gesamten Clearingverkehrs in den Vereinigten Staaten spiegelt sich in folgenden Ziffern, die durch ihre Vollständigkeit besonders lehrreich sind. Die Bank- Clearings betrugen (in Milliarden $) in: 1855 New York 5,6 U. S. 1860 7,2 — 1865 26,0 — 1870 27,8 — 1875 25,0 — 1880 37,2 — 1885 25,3 — 1890 37,7 58,8 1895 28,3 51,0 1900 52,0 84,6 1905 92,9 140,6 1910 102,6 169,0 1913 98,1 173,2 Statistical Abstract of the U. S. Zu beachten: das starke Schwanken der Beträge und die verhältnismäßige Beständigkeit der Summen in dem Menschenalter von 1865—1895. Dann plötzliches Ansteigen in wenigen Jahren fast auf das Vierfache. 218 Fünfzehntes Kapitel Die Bedeutung des Kredits für die kapitalistische Wirtschaft Ich habe im vorigen Kapitel schon an verschiedenen Stellen auf die Bedeutung hingewiesen, die einzelnen Kreditgeschäften oder kreditwirtschaftlichen Einrichtungen für die Entfaltung kapitalistischen Wesens zukommt. Bei der großen Wichtigkeit des Problems halte ich es für geboten, in einem besonderen Kapitel noch einmal im Zusammenhang diese Bedeutung des Kredits, in dem sich gleichsam der Geist der hochkapitalistischen Wirtschaft verkörpert, herauszustellen, teilweise früher Gesagtes wiederholend und einzelne Bemerkungen miteinander verbindend, teilweise unter neuen Gesichtspunkten denselben Gegenstand betrachtend. I. Der Kredit hat die Ausdehnung der kapitalistischen Wirtschaft möglich gemacht. Sein Mittel war die Ausweitung des Kapitals, worimter wir immer nur dieses zu verstehen haben: "Vermehrung der Möglichkeiten, mehr Arbeit in Bewegung zu setzen. Gerade auf diese Leistung des Kredits habe ich den Leser an verschiedenen Stellen in der vorhergehenden Darstellung schon aufmerksam gemacht. Der Kredit vollbringt diese Gesamtleistung durch folgende Einzelleistungen: 1. Beschleunigung des Kapitalumschlages. Sie bewirkt der Zirkulationskredit in der Gestalt der (Waren-) Wechseldiskontierung und Warenlombardierung: ehe der in einer Ware gebundene Wert auf dem Wege des normalen Umlaufs in die "V erfügungs- gewalt des Unternehmers zurückgelangt, erhält dieser durch den Zirkulationskredit die Mittel, den Produktionsprozeß fortzusetzen. 2. Nutzbarmachung der „Sparbeträge“: über diesen Punkt habe ich ausführlich gesprochen. 3. „Rettung“ von potentiellem Kapital vor der Verwendung zu konsumtiven Zwecken: dieses ist vor allem die Leistung des Agiogewinnes bei Emissionen. Da ich über diese samtwirtschaftliche Funktion des Emissionsge- Fünfzehntes Kap.: Die Bedeutung d. Kredits f. d. kapitalistische Wirtsch. 219 schäftes noch nicht gesprochen habe und ihre Bedeutung, soviel ich sehe, bisher überhaupt noch nicht erkannt ist, sei folgendes bemerkt: Daß die Emissionstätigkeit der Banken und Bankiers kapitalbildend wirkt, sofern sie dazu beiträgt, potentielles Kapital in aktuelles zu verwandeln durch Ausgabe von Aktien oder Obligationen oder Pfandbriefen, leuchtet ein und bedarf keiner besonderen Begründung. Dagegen ist es auf den ersten Blick weniger einleuchtend, daß gerade der Agiogewinn, den die Emissionshäuser zu machen pflegen, zur Kapitalbildung erheblich beiträgt. Um welche großen Beträge es sich dabei handelt, ist bekannt und habe ich oben in einigen Ziffern angegeben. Was bedeuten die im Agiogewinn den Banken zufließenden Beträge ? Offenbar ganz allgemein zunächst dieses, daß es Summen sind, die denjenigen, die die überwerteten Papiere kaufen, also sagen wir den „Sparern“, abgenommen und den Banken oder den Gründerkonsortien zugeführt werden. Das heißt aber: Stellen, an denen sie mit Sicherheit sofort wieder in Kapital verwandelt werden, während sie in den Taschen der Sparer möglicherweise noch länger als potentielles Kapital geruht hätten, wenn sie nicht gar zu konsumtiven Zwecken verwandt worden wären. Koch deutlicher ist die kapitalbildende Wirkung des Agiogewinnes bei Emissionen, wo es sich um öffentliche Anleihen handelt, die vielleicht nicht oder nicht in vollem Umfange oder auf sehr weiten Umwegen zu produktiven Zwecken verbraucht werden. Hier „rettet“ ganz offensichtlich die Bank in der Gestalt ihres Agiogewinnes einen Teil des zur „Anlage“ herbeigebrachten, potentiellen Kapitals vor dem Verderben, das heißt eben im kapitalistischen Sinne: vor seiner Verwendung zu konsumtiven Zwecken. Wobei wiederum die (selbstverständliche) Voraussetzung zu machen ist, daß der von den Banken oder anderen Emissionshäusern zurückbehaltene Betrag sofort als Kapital angelegt wird. Daß diese Voraussetzung in den meisten Fällen zutrifft, dürfte nicht zweifelhaft sein. Die beiden letzten noch zu erwähnenden Mittel, wodurch der Kredit zur Ausweitung des Kapitals beiträgt, sind ausführlich von mir besprochen worden und brauchen hier nur aufgezählt zu werden. Es sind: 4. die Erteilung von Anweisungskredit; 5. die Entwaltung von der Geld-(Gold-)Schranke. II. Der Kredit hat die Ausdehnung der kapitalistischen Wirtschaft zur Wirklichkeit gemacht, indem er die Kräfte entband, die diese Ausdehnung bewirkt haben. Der Kredit verhalf dazu, die wirtschaftliche Energie in den führenden Wirtschafts- 220 Erster Abschnitt; Das Kapital Subjekten zu steigern. Er brachte das Dynamische in den Wirtschaftsprozeß und drängte auf immer größere Beschleunigung des wirtschaftlichen Umlaufes hin. Er blähte die Segel, steigerte den Atmosphärendruck des Dampfes, verstärkte die Kraft des elektrischen Stromes, auf daß die Fahrt immer rascher voranginge. Er ist das wirtschaftliche Gegenstück zu der modernen Technik: grenzenlos wie diese in seinen Zielen, revolutionär und revolutierend in seinen Mitteln wie sie. Moderne Technik und Kreditwirtschaft, die Seele wurden in der von ihnen beherrschten Mittelsperson des Unternehmers, haben das hochkapitalistische Wirtschaftssystem aufgebaut: sie beide, der Ausdruck jenes Unendlichkeitsdranges, den wir als das Wesen des europäischen Geistes erkannt haben, und den wir überall als jene Kraft wiederfinden, die die alte Welt in Trümmer geschlagen hat und daran ist, die Grundlage einer neuen Welt zu legen. Fragen wir, mit welchen Mitteln der Kredit diese umstürzende Wirkung erzielt hat, so stoßen wir auch hier auf Zusammenhänge, die uns teilweise schon bekannt sind. Das ist nämlich: 1. Die Emporhebung der Vermögenslosen zur Unternehmertätigkeit, wodurch die Zufälligkeiten der früheren Zeit, in der deren Ausübung an den Geldbesitz gebunden war, beseitigt worden sind. Das Kapital kommt zum besten Wirt. Die Tüchtigsten (freilich nur im kapitalistischen Sinne!) werden ausgewählt. „Kreditanstalten sind die Stützen für das Genie.“ Ich führe zur Ergänzung dessen, was ich über diesen Punkt bereits früher bemerkt habe, noch eine Stelle aus McLeods Geschichte des großbritannischen Bankwesens (in „AHistory of Banking“ usw. 2 [1896], 213ff.) an, wo er die Wirkungen des schottischen Cash credits mit folgenden Worten schildert: „Almost every young man in Scotland commencing business does it by means of a cash credit. . . These credits are granted to all classes of society; to the poor as freely as to the rieh. Everything depends upon character. Young men in the humblest walks of life may inspire their friends with confidence in their steadiness and judgment and they become securities for them on a cash credit. This is in all respects of equal value to them as money; and thus the have the means placed within their reach of rising to any extent that their abilities and industry permit them. Multi- tudes of men who have raised themselves to immense wealth, began life with nothing but a cash credit.“ 2. treibt der Kredit dadurch, daß er — vor allem in der Form des Produktionskredits — den Unternehmer zur Ausweitung der Produktion und zur Vervollkommnung der Produktionsmethoden zwingt. Denn offenbar findet der Produktionskredit seine Rechtfertigung allein darin, Fünfzehntes Kap.: Die Bedeutung d. Kredits f. d. kapitalistische Wirtseh. 221 daß die Produktion in der Zukunft vermehrt wird. Es kann immer nur so viel Produktionskredit -erteilt werden, als Mehrproduktion in der Zukunft stattfindet; denn nur mit den Mehrprodukten kann die geliehene Summe zurückbezahlt werden. Ein Produzent, der auf Kredit kauft, bezahlt (wenn der Kredit Produktionskredit war) mit einem Versprechen, das er aus künftiger Produktion erfüllen wird. So lautet die Regel für den einzelnen Unternehmer, in den dadurch der Ausdehnungsdrang gepflanzt und zum Ausdehnungszwang gewandelt wird. Handelt es sich um echten Anweisungskredit, das heißt in unserer Sprechweise um Kredit, der über die Aktiven der Gesellschaft hinausgeht, so bedeutet das Mehr an Produktion, das der einzelne Unternehmer bewirkt, auch einen Zuwachs der samtwirtschaftlichen Produktion, die auf einer Steigerung der samtwirtschaftlichen Produktionskräfte beruht. Alles das wußte schon J. St. Mill, wenn er sagte: „Money is the property in gold already acquired, credit is the property in gold to be acquired.“ Und McLeod baut auf diesem Gedanken sein System auf: „The true function of credit is to bring into commerce the present value of future profits“ (a. a. 0. S. 80). Man hat gesagt (Dühring), die wesentliche Funktion des Kredits bestehe darin, die Gegenwart mit der Zukunft zu verbinden. Das ist richtig, aber es ist zu wenig. Es drückt die Kräftespannung nicht deutlich genug aus, die in dieser Verbindung der Gegenwart mit der Zukunft geschaffen wird. Man müßte sagen: der Kredit zieht die Zukunft in die Gegenwart herein und reißt den Werteschaffenden, den Unternehmer, in die Zukunft hinaus: das ist das Entscheidende: er macht ihn zukunftstoll. Damit im engsten Zusammenhänge steht dann die letzte hier zu würdigende Leistung des Kredits: er übt nämlich 3. eine schöpferische Kraft dadurch aus, daß er — und in unserer Wirtschaftsordnung er allein — produktive Anlagen auf lange Sicht ermöglicht. Ob es sich um die Anlage industrieller Werke handelt, die, wie Bergwerke oder Hochöfen, erst nach Jahren Ertrag liefern, ob um die Vornahme landwirtschaftlicher Meliorationen, ob gar um den Bau der Eisenbahnen oder Kanäle: immer bedarf es der Vermittlung des Kredits, um sie ins Werk zu setzen. Das ist seine „befruchtende“ Wirkung, die McLeod mit den Wirkungen des Nilschlammes verglich, und die schon viele dazu getrieben hat, Lobeshymnen auf den langfristigen Kredit anzustimmen. Ich erinnere an die unvergleichlich geistvollste Würdigung, 222 Erster Abschnitt: Das Kapital jener, die Emile Zola durch den Mund seines Helden Saccard im „L’Argent“ dem Kredit zuteil werden läßt. III. Der Kredit hat die Künstlichkeit und Verwickeltheit der wirtschaftlichen Beziehungen auf den höchstmöglichen Grad gesteigert: er hat vollendet, was das Geld begonnen hatte: die Entkonkretisierung, Entnaturalisierung, Entpersönlichung der Wirtschaft. 1. Durch den Kredit ist das kapitalistische V erhältnis verallgemeinert worden: „Jedermann ein Kapitalist!“ Immer weitere Kreise geraten in den Zauberbann des Kapitalismus. Sei es auf dem Wege des Depositen-, sei es auf dem des Effektenwesens. Zumal dieses hat eine weitgehende Demokratisierung des kapitalistischen Anteilsverhältnisses bewirkt dadurch, daß es die Zahl der Aktien- und Obligationenbesitzer stark vergrößert hat. Was uns gelegentliche Mitteilungen, von denen ich oben einige verzeichnet habe, erkennen lassen, bestätigt die Richtigkeit dieser Feststellung. Jedenfalls läßt sich dieses mit Bestimmtheit sagen: es gibt für die Ausdehnung des Kapitalverhältnisses keine sozialen Schranken mehr. Und, wie wir hinzufügen können, auch keine räumlichen Schranken mehr. Durch die Einführung des Effektenprinzips, insbesondere des Systems der Anteilscheine, ist die Beschränkung der Kapitalbeschaffung auf einen lokalisierten Interessentenkreis beseitigt. Ich habe ausgeführt (Band II Seite 168 f.), wie im Zeitalter des Frühkapitalismus als Regel galt, daß das Fremdkapital, mochte es sich um Vermögenseinlagen zu Gewinn und Verlust, mochte es sich um festverzinsliche Darlehen oder (in Ausnahmefällen auch) Depositen handeln, von den Verwandten und Freunden des Unternehmers aufgebracht wurde, daß aber auch dann, wenn Fremde sich an der Aufbringung beteiligten, wie etwa im Bergbau oder in der Seeschiffahrt, die Teilhaber sich meist auf einen engen Nachbarschaftskreis beschränkten. Das heißt: die Kapitalbildung war lokalisiert. „Home is . . the centre . . round which the capitals are conti nually circulating and towards which they are always tending“ (Ad. Smith, B. IV. ch. II). Und nun durchbricht sie diese Schranke: sie wird national und schließlich international, dank im wesentlichen dem Aufkommen der Effekten: die Schiffahrtsaktien werden im Binnenlande untergebracht, die amerikanischen Industriepapiere in Europa, die Goldshares auf der ganzen Erde usw. Fünfzehntes Kap.: Die Bedeutung d. Kredits f. d. kapitalistische Wirtsch. 223 Die Statistik der Kapitalwanderungen erweist es, in welch weitem Umfange die Kapitalbildung internationalisiert ist: siehe die Ziffern unten in Kapitel 23. 2. Was ich oben die Entkonkretisierung der Wirtschaft nannte, die der Kredit wesentlich gefördert hat, bedeutet folgendes: zunächst eine Entpersönlichung, das heißt Versachlichung der geschäftlichen Beziehungen, wie sie sowohl im Bankprinzip als (vor allem) im Effekten- prinzip in die Erscheinung tritt: die persönlichen Schuld- und Forderungsverhältnisse weichen einem kollektiven Verschuldetsein. Da die Urkunden, in denen die Tatsache des Verschuldetseins verbrieft ist, leicht den Besitzer wechseln und durch Kauf und Verkauf verwertet werden können, so ergibt sich daraus dasjenige, was ich die Kommerzialisierung des Wirtschaftslebens nannte: alle wirtschaftlichen Beziehungen lösen sich in Handelsgeschäfte auf. Endlich kommt noch, um die Entkonkretisierung der wirtschaftlichen Beziehungen vollständig zu machen, dasjenige hinzu, was man die Verflüchtigung des Vermögens nennen könnte: Vermögen bedeutet nun nicht mehr wie früher die Verfügung über ein fest umschriebenes, substantielles Wertobjekt, wie ein Grundstück oder ein industrielles Unternehmen oder ein Transportmittel (dieses Grundstück, diese Fabrik, dieses Schiff sind mein), sondern immer mehr nur noch den Anspruch auf einen bestimmt hohen Anteil am gesellschaftlichen Einkommen, zu dem mich die Innehabe eines Anteilsscheins in der Gestalt eines Inhaberpapiers berechtigt. 3. Durch alle diese Wandlungen wird es bewirkt, daß in wachsendem Umfange alle von allen wirtschaftlich abhängig werden: das normale Funktionieren der Wirtschaft und damit die wirtschaftliche Existenz jedes einzelnen setzen das Gelingen aller Wirtschaftspläne der Wirtschaftssubjekte voraus und ruhen auf dem „Vertrauen“ in dieses Gelingen. Das durch die Einführung des Geldes- — für das schon der Satz gilt: nonaes, sed fides — angebahnte gesellschaftliche Ineinanderverwobensein aller Glieder der Gesellschaft wird durch die Kreditwirtschaft zu einer vollendeten Tatsache: die Wirtschaft wird immer verwickelter, immer kunstvoller, immer empfindlicher gegen äußere Störungen. Das aber sind schon Gedankengänge, die uns hinüberführen in das Problemgebiet, das die Betrachtung des wirtschaftlichen Prozesses eröffnet, und sie können erst dort, wo wir diesen in seinem Verlaufe verfolgen, zu Ende gegangen werden: siehe den dritten Hauptabschnitt. 224 Erster Abschnitt: Das Kapital Zum Schlüsse möchte ich an dieser Stelle nur noch einiger geistreicher Ausführungen gedenken, in denen Marx zusammenfassend die Bedeutung der Kreditwirtschaft in ähnlicher Weise, wie es hier versucht wurde, zum Ausdruck bringt. Er sagt („Kapital“ III, 2,132):,,Das Monetarsystem ist wesentlich katholisch, das Kreditsystem wesentlich protestantisch. Als Papier hat das Gelddasein der Waren ein gesellschaftliches Dasein. Es ist der Glaube, der selig macht. Der Glaube an den Geldwert als immanenten Geist der Waren, der Glaube in die Produktionsweise, ihre prädestinierte Ordnung, der Glaube an die einzelnen Agenten der Produktion als bloße Personifikationen des sich selbst verwertenden Kapitals. So wenig aber der Protestantismus von den Grundlagen des Katholizismus sich emanzipiert, so wenig das Kreditsystem von der Basis des Monetarsystems“, ein Gedanke, den ich oben eingehend zu begründen versucht habe. 225 Dritter Unterabschnitt Das Sachkapital Quellen und Literatur I. Quellen. Als solche kommen die Veröffentlichungen der amtlichen Statistik in Betracht. Sie sind für die wichtigsten Länder in Jahrbüchern zusammengestellt, aus denen im wesentlichen die folgende Darstellung schöpft. Benutzt sind vornehmlich: 1. Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich, herausgegeben vom Kaiserlichen Statistischen Amt (abgekürzt: Stat. Jahrb.). 2. Annuaire Statistique. Statistique Generale de la France (abgekürzt: Annuaire). 3. Statistical Abstract f or the United Kingdom. Presented to both Houses of Parliament by Command of His Maj esty (abgekürzt: Abstract U. K.). 4. Statistical Abstract for the British Empire. Presented to both Houses of Parliament by Command of HisMajesty (abgekürzt: AbstractEmp.). 5. Statistical Abstract of the United States. Departement of Commerce (abgekürzt: Abstract U. S.). Durch ihre Übersichtlichkeit und ihren Reichtum (sie enthalten in jedem Jahrgange auch internationale Übersichten) zeichnen sich die Statistischen Jahrbücher für Deutschland und die Vereinigten Staaten aus. II. Zusammenfassende Darstellungen statistischen Inhalts aus der Hand privater Verfasser nehmen eine Zwischenstellung zwischen den Quellen und der eigentlichen Literatur ein. Sie sind sehr nützlich für die Vergleichung der verschiedenen Länder und durch die Übersichten über meist längere Zeiträume. Sie enthalten zum Teil ausführliche Erläuterungen des Zahlenstoffes und nähern sich dadurch der Literatur. Ich nenne die wichtigsten: VerschiedeneFVmew geben Übersichten über die Produktion ihrer Artikel heraus. Dahin gehören die statistischen Zusammenstellungen über Aluminium, Blei, Kupfer, Nickel, Quecksilber, Silber, Zink und Zinn; herausgegeben von der Metallgesellschaft. Metallbank und metallurgische Gesellschaft A.-G. in Frankfurt a. M.; ferner die Übersichten über Kupferproduktion usw., herausgegeben-von der Kupferhandelsfirma Hirsch in Halberstadt u. a. Eine sehr übersichtliche Zusammenstellung des reinen Zahlenstoffes enthalten die leider nur bis zum Jahre 1907 (XI® annee) gediehenen, von dem verstorbenen schwedischen Statistiker Gustav Sundbärg herausgegebenen „Apergus statistiques internationaux“. Stockholm. Eine ausführliche Agrarstatistik bringt das „Annuaire international de Statistique agricole“, das das Institut international d’Agriculture in Rom herausgibt. Sombart, Hochkapitalismus. 15 226 Erster Abschnitt: Das Kapital Unter den mit Erläuterungen versehenen Übersichten ragen hervor die bekannten „Übersichten der Weltwirtschaft“, die von F. Neumann- Spallart begründet, von F. v. Juraschek fortgesetzt, im siebenten Band (1905) steckengeblieben sind. Die mit den „Übersichten“ vereinigten Hübners Stat. Tabellen bieten für wissenschaftliche Zwecke zu wenig. Dagegen bedeuten eine erwünschte Wiederbelebung der „Übersichten“ die von Woytinski u. d. T. „Die Welt in Zahlen“ 1925ff. veröffentlichten Bände. Die bei weitem großartigste, leider auch nicht fortgesetzte Zusammenstellung statistischer Daten mit weiten geschichtlichen Rückblicken findet sich bei M. G. Mulhall, The Dictionnary of Statistics. Letzte Ausgabe 1899. Von älteren Werken der bezeichneten Art behält seinen Wert: Ernst Engel, Das Zeitalter des Dampfes, 1881, das jetzt eine Art von Erneuerung gefunden hat in dem bedeutenden Werk von M. Saitzeff, Die Motorenstatistik. Ihre Methode und ihre Ergebnisse. 1918. Auch K. Apelt, Die Konsumtion der wichtigsten Kulturländer (1899), läßt sich weiter mit Nutzen verwerten. Vgl. auch Richard Calwer, Jahrbuch der Weltwirtschaft 1911/12. Aus der neueren Spezialliteratur seien genannt: A. Schulte im Hofe, Die Welterzeugung von Lebensmitteln und Rohstoffen (im wesentlichen der Land- und Forstwirtschaft), 1916. Enthält viel brauchbare, zum Teil er- rechnete Gegenüberstellungen der Ziffern für 1893 und 1913. J. Russell Smith, The Worlds Food Resources. 1919. Bringt außer den Ziffern eine Darstellung der Produktionsverhältnisse. Paul Hermberg, Der Kampf um den Weltmarkt. Handelstatistisches Material, herausgeg. vom Institut für Weltwirtschaft und Seeverkehr an der Universität Kiel, 1920. Wertvoll vor allem wegen der gründlichen Quellenkritik. Ad. Reichwein, Die Rohstoffe der Erde. 2. Aufl. 1924. Die Versorgung der Weltwirtschaft mit Bergwerkserzeugnissen 1860—1922. I. Kohle, Erdöle und Salze, o. J. Forest Resources of the World. 1923. Richtwerk. Wichtig für das Verständnis des Erkenntniswertes der Quellen, auch selbst Hinweise auf die Quellen enthaltend, ist Rud. Meerwarth,, Nationalökonomie und Statistik. 1925. Zusammenstellungen des statistischen Materials für einzelne für unsere Betrachtung wichtige Länder mit Erläuterungen bringen folgende Werke: La Roumanie. 1866—1906. 1907. Das Russische Reich in Europa und Asien. Ein Handbuch über seine wirtschaftlichen Verhältnisse. (1910.) Annales de la Sociedad Rural Argentina 1910. Die Fülle der einschlägigen Quellenliteratur hat Anlaß gegeben zur Herausgabe'eines „Nachschlagebuchs der Nachschlagewerke“ auf Veranlassung des hamburgischen Weltwirtschaftsarchivs durch Dr. Paul Heile. 1925. III. Literatur, die das Problem, wie es hier gestellt ist, zusammenfassend behandelte, gibt es nicht. Wohl aber ist der Gegenstand unter anderem Gesichtspunkt natürlich häufig und ausgiebig erörtert worden. Es kommen drei Gruppen von Schriften vornehmlich in Betracht: 1. solche, Quellen und Literatur 227 die das Produktions- und Transportproblem, sei es theoretisch, sei es empirisch, behandeln; 2. Schriften, die bei wesentlich politischer Fragestellung sich namentlich in Deutschland zu dem Zweifall: „Agrar- oder Industriestaat?“ geäußert haben; 3. Schriften, die sich mit der sog. „Weltwirtschaft“ befassen. 1. Schriften über Produktion und Transport im allgemeinen und im besonderen. A. Theoretisch-grundsätzliches: A. Nordenholz, Allgemeine Theorieder gesellschaftlichen Produktion. 1902. Die beste Gesamtübersicht. Daneben: Marshall, Principles und — mit Abstand — Industry and Trade. B .Ertragsbedingungen insbesondere: Hierher gehört die Literatur über Ertragsgesetze, die ich an anderer Stelle angebe: siehe die Literaturübersicht zur Betriebslehre. Empirische Feststellungen von Erträgen und Steigerung der Produktivität finden sich in der zum dritten Abschnitt des ersten Hauptabschnittes unter 5. und 6. genannten Literatur. Ein Schulbeispiel für falsche Produktivitätsberechnungen bildet der Aufsatz von K. Ballod, Die Produktivität der industriellen Arbeit in Schmollers Jahrbuch. Jahrgang 34, 1910. Aus der älteren Literatur vgl. noch Hermann Losch, Nationale Produktion und nationale Berufsgliederung. 1892. C. Geschichte der Preisbildung: Aus der älteren deutschen Literatur seien genannt: Lindsay, Die Preisbewegung der Edelmetalle seit 1850, verglichen mit der der anderen Metalle unter besonderer Berücksichtigung der Preis- und Konsumtionsverhältnisse. 1893. Wilh. Schulze, Die Produktion und Preisentwicklung der Rohprodukte der Textilindustrie seit 1852. 1896. Karl Grauer, Die Preisbewegung der Chemikalien seit dem Jahre 1861. 1901. J. W. Kockerscheidt, Über die Preisbewegung chemischer Produkte unter besonderer Berücksichtigung de3 Einflusses neuerer- Erfindungen und technischer Fortschritte. 1905. Der Titel ist das Beste. Zur Ergänzung dienen die in den Schriften des Vereins für Sozialpolitik Band 139—144 veröffentlichten „Untersuchungen über Preisbildung“. Unter ihnen ragen als für unseren Zweck vornehmlich geeignet hervor die Arbeiten von Carl Bertenburg (Druckereigewerbe), Ernst Ilgen (Baumwollfabrikate) und namentlich Manuel Saitzeff (Steinkohlenbergbau und Dampfkraft). In dieser Sammlung finden sich zahlreiche Hinweise auf weitere Literatur. D. Geschichte der Entwicklung einzelner Produktionsgebiete: Hier kann ich mich beziehen auf die sehr ausführliche Übersicht über die Quellen und die Literatur betreffend Landwirtschaft und Gewerbe, die ich auf Seite 589—622 des zweiten Bandes gegeben habe. Eine große Anzahl der dort genannten Schriften, die der Leser leicht festzustellen in der Lage ist, bezieht sich auch auf die hochkapitalistische Periode. Zu vergleichen ist auch die auf Seite 75ff. dieses Bandes angeführte technologische Literatur. E. Die Produktionsverhältnisse in den peripheren Gebieten der Erde. Hier kommen in Betracht: Nordamerika: Max Sering, Die landwirtschaftliche Konkurrenz Nordamerikas. 1887. E. von Halle, Baumwollproduktion und Pflan- 15* 228 Erster Abschnitt. Das Kapital. zungswirtschaft in den nordamerikanischen Südstaaten. 2 Bände. 1897 bis 1906. Beicht bis 1880. Anton A. Fleck, Kanada. Volkswirtschaftliche Grundlagen und weltwirtschaftliche Beziehungen. 1912. Südamerika: Ernst Wilhelm Schmidt, Die agrarische Exportwirtschaft Argentiniens. Ihre Entwicklung und Bedeutung. 1920. Auch in den vorhin genannten Sehr. d. V. f. S.-P. sind Nord- und Südamerika behandelt. Australasien: Ugo Rabbeno, La questione agraria nei paesi nuovi. 1. Australasia. 1898. Rob. Schachner, Australien in Politik, Wirtschaft, Kultur. 1909. Nicht sehr ausgiebig. Rußland: G. v. Schulze-Gävernitz, Volkswirtschaftliche Studien aus Rußland. 1899. Nicolai-on, Die Volkswirtschaft in Rußland nach der Bauernemanzipation. Übersetzt von G. Polansky. 1899. C. Lehmann und Parvus, Das hungernde Rußland. 1900. Kurt Wiedenfeld, Sibirien in Kultur und Wirtschaft. 1916. Indien: Reports of theIndianFamine Commission. 1882. 1901. G. Watt, The commercial products of India. 1908. Th. H. Engelbrecht, Die Feldfrüchte Indiens. 1914. W. Gerckens, Die Grundlage der landwirtschaftlichen Produktion in Indien im Weltwirtschaftlichen Archiv. Band 10. 1917. H.M.Leake, The foundations of Indian agriculture. 1923. Z.Husain, Landwirtschaft und Agrarverfassung Britisch-Indiens. Berliner In.-Diss. 1926. F. Transportwesen: I. Über das Transportwesen unterrichten theoretisch und allgemein geschichtlich: E m. S a x, Die Verkehrsmittel in Volks- und Staatswirtschaft. 2. Aufl. 1918ff. Das Hauptwerk. Adam W. Kirkaldy and Alfred Dudley Evans, The History and Economics of Transport (1915). Gut, vor allem für die finanzielle Seite. Neuerdings hat subtile Untersuchungen über allerhand theoretische Möglichkeiten angestellt Oskar Engländer, Theorie des Güterverkehrs. 1924. II. Uber die Bedeutung der Eisenbahnen insbesondere besitzen wir zwei meisterhafte Darstellungen aus der Frühzeit des Eisenbahnwesens: Dionysius Lardner, Railway Economy 1850, ein epochemachendes Buch, und Karl Knies, Die Eisenbahnen und ihre Wirkungen. 1853. Seitdem ist über den Gegenstand grundsätzlich Neues nicht gesagt worden. Vgl. die gute Zusammenfassung von Bruno Schultz, Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Eisenbahnen. 1922. III. Die empirische Gestaltung des Verkehrswesens in einzelnen Ländern und auf der Erde ist begreiflicherweise oft geschildert worden. Ich begnüge mich damit, auf einige neuere zusammenfassende Darstellungen hinzu weisen: Deutschland: W. Lotz, Verkehrsentwicklung in Deutschland seit 1800 (fortgeführt bis zur Gegenwart). 4. Aufl. 1920. Großbritannien: W. T. Jackmann, The Development of Transportation in modern England. 2 Vol. 1916. Wertvoll vor allem für die den Eisenbahnen vorhergehende Zeit und die Anfänge des Eisenbahnwesens. L. C. A. Knowless, The industrial and commercial revolutions in Great Britain during the nineteenth Century. 2. ed. 1922. K. G. Fenelon, The Economics of Road Transport. 1925. (Landtransport außer Eisenbahnen.) Quellen und Literatur 229 Rußland: Mertens, 1882—1911. Dreißig Jahre russischer Eisenbahnpolitik usw. im Archiv für Eisenbahnwesen 40—42 (1917—1919). Auch als Sonderdruck erschienen. Eine besonders gründliche und lehrreiche Studie. Vereinigte Staaten von Amerika: v. d. Leyen, Die amerikanischen Eisenbahnen. 1885. Haney, A congressional history of Railways in the U. S. 2 Vol. 1908. 1910. William Z. Ripley, Railroads Rates and Regulation; idem, Railroads Einance and Organization. 1915. IV. Über den Seeverkehr und seine Entwicklung enthält jetzt eine zusammenfassende Darstellung der Art. „Seeschiffahrt“ im HSt. 7 4 (Verf. Sven Hel an der). Ein interessantes Spezialproblem erörtert in ausgezeichneter Weise Kurt Giese, Das Seefracht-Tarifwesen. 1919. V. Das Problem der Steigerung der natürlichen Transportfähigkeit behandeln: Curt Wagner, Konserven und Konservenindustrie in Deutschland. 1907. J. T. Critchell and J. Raymond, A History of the Frozen Meat Trade. 1912. Vgl. auch die Artikel „Kälteindustrie“ und „Konserven“ in Ullmanns Enzyklopädie der chemischen Technologie. 2. Das Problem der nationalen Selbstgenügsamkeit (,, Agrar-oder Industriestaat V‘) ist in Deutschland um die Jahrhundertwende eifrig erörtert worden, und aus der Diskussion sind eine Reihe von Arbeiten mit dauerndem Wert hervorgegangen, in denen die in diesem Abschnitte beliebte Fragestellung naturgemäß im Vordergründe stand. Zu nennen sind: K. Oldenberg, Deutschland als Industriestaat. 1897. H. Dietzel, Weltwirtschaft und Volkswirtschaft. 1900. A. Wagner, Agrar- und Industriestaat. 1902. L. Pohle, Deutschland am Scheidewege. 1902. Zu vergleichen meine Deutsche Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert. 1903. Dann behandeln dasselbe Problem etwas später Alfr. Jacobssohn, Zur Entwicklung des Verhältnisses zwischen der deutschen Volkswirtschaft und dem Weltmarkt in der Zeitschrift f. d. ges. Staatswissenschaft 64 (1908) (Problem der „fallenden Exportquote“). G. Hildebrand, Die Erschütterung der Industrieherrschaft und des Industriesozialismus. 1910. Eine tiefschürfende Untersuchung. Carl von Tyszka, Das weltwirtschaftliche Problem der modernen Industriestaaten. 1916. Freihändlerisch-optimistisch. Vgl. den Artikel „Agrar-Industriestaat oder Industriestaat“ (H. Dietzel) in HSt. I 4 . 3. Die „ weltwirtschaftliche “ Literatur (deutscher Zunge), die bis zum Jahre 1912 erschienen war, ist angeführt in dem Werke von Bernhard Harms, Volkswirtschaft und Weltwirtschaft. 1912. (Die späteren Auflagen sind unveränderte Abdrucke.) Von später erschienenen Werken seien genannt: S. Schilder, Entwicklungstendenzen der Weltwirtschaft. 2Bände. 1912—1915. C. v. Tyszka, Das weltwirtschaftliche Problem der modernen Industriestaaten. 1916. Ernst Schultze, Die Zerrüttung der Weltwirtschaft. 1922. Hermann Levy, Die Grundlagen der Weltwirtschaft. 1924. Aber die beste „Literatur“ bleiben doch die Statistischen Jahrbücher. WlC*. 230 Sechzehntes Kapitel Grundsätzliches I. Wir wollten unter Sachkapital alle Sachgüter verstehen, in denen sich das Kapital jeweils niederschlägt, in die es sich „einkleidet“. Das sind also alle Produktionsmittel und Produkte kapitalistischer Unternehmungen, bis sie zum Verzehr gelangen. Der Umfang und die Größe des Sachkapitals hängen ab von dem Umfang und der Größe der gesellschaftlichen Produktion, wie diese von dem Umfang und der Größe des Sachkapitals. Das Sachkapital ist Ursache und Wirkung in einem: Produktionsbedingung und Produkt. II. Zusammensetzung des Sachkapitals: 1. nach dem Festigkeitszustande: a) Produktionsmittel aus früheren Produktionsperioden: „Anlagen“, Arbeitsmittel, Vorräte; b) werdende Güter: Rohstoffe, Hilfsstoffe, Halbfabrikate; c) fertige Güter, solange sie aus dem Kapitalnexus noch nicht entlassen sind. ’p Ich halte es für unzweckmäßig, nur „umlaufendes Kapital“ als Kapital anzusehen, wie es namentlich in der älteren, englischen Nationalökonomie üblich war. Für die Produktions Wirkung sind die „Anlagen“ ebenso bedeutsam wie das umlaufende Kapital; 2. nach dem Verwendungszweck: a) der Subsistenz(Unterhalts-)mittelfonds der Lohnarbeiter, Einkommensgüter der Lohnarbeiter, „Lohnfonds“. Von den Klassikern oft als einziger Bestandteil des Sachkapitals betrachtet, während zu diesem zweifellos ebenfalls gehört: b) der Subsistenzmittelfonds der Kapitalisten-Klasse. Sowohl, weil er ebenso unentbehrlich für die Aufrechterhaltung der kapitalistischen Wirtschaft ist, als auch, weil er zum allergrößten Teile jeweils die Kapitalform annimmt: das Realkapital jedes Nachproduzenten enthält den realisierten Mehrwert des Vorproduzenten; c) die Arbeitsmittel, die zur Erzeugung von a und b dienen. Selbstverständlich erscheinen diese drei Arten des Sachkapitals in allen drei Festigkeitsstadien; Sechzehntes Kapitel: Grundsätzliches 231 3: nach dem Produktionsgebiet: a) organische Urstoffe: land- und forstwirtschaftliche Erzeugnisse; b) unorganische Urstoffe: Bergbauerzeugnisse; c) gewerbliche Erzeugnisse. III. Das Problem, woher das Sachkapital kommt, also das Problem seiner Beschaffung und — in dem uns vor allem angehenden Falle der erweiterten Reproduktion — Vermehrung ist ein reines Produktionsproblem. Es ist kein anderes als das Gesamtproblem der Produktion, in Sonderheit der Produktionssteigerung, in der hochkapitalistischen Wirtschaft. Angesichts der unermeßlichen Größe dieses Problems werden wir gut tun, um uns in der Fülle des Stoffes nicht zu verlieren, ganz bestimmte Fragen aufzustellen und zu diesem Behufe uns zunächst einmal die Möglichkeiten zu vergegenwärtigen, die für eine Produktionssteigerung bestehen, und welche Bedeutung jeder einzelnen im Rahmen der Gesamtproduktion grundsätzlich zukommt. Ich will drei solcher Möglichkeiten unterscheiden und sie schlagwortmäßig — damit sie sich besser dem Gedächtnis einprägen — als Ausbau, Anbau, Abbau bezeichnen. 1. Eine Ausweitung der Produktion kann eintreten dadurch, daß eine Gesellschaft auf gegebener Bodenfläche die produktiven Kräfte entfaltet und dadurch die vorhandenen Möglichkeiten der Güterbeschaffung besser ausnützt. Ich nenne das den Ausbau (einer Wirtschaft). Diese Vervollkommnung kann erfolgen: a) durch die Hebung der Arbeitsleistungen auf dem Gebiete der gewerblichen Produktion. Diese wird sich immer am ehesten bewerkstelligen lassen, und zwar dadurch, daß man Produktivität Intensität Ökonomität der Produktion steigert. Ich verstehe unter (Arbeits-) Intensität den Energieaufwand innerhalb einer bestimmten Zeit, unter (Arbeits-) Produktivität die Ergiebigkeit der Arbeit bei einem gegebenen Intensi- ’ tätsgrade, unter Ökonomität das Haushalten mit Vorräten. Die Frage, die sofort auftaucht, ist die, ob Fortschritte auf dem ’ Gebiete der Stoffverarbeitung überhaupt zur Ausweitung (Vermehrung) der Produktion oder des Gütervorrates beitragen können,, da deren 232 Erster Abschnitt: Das Kapital Ausmaß doch offenbar durch den Umfang der Urstoffpro- duktion bedingt wird. Wir können durch die Stoffverarbeitung zwar unsere Güterwelt verfeinern, wir können ihr aber durch sie nicht um ein Gramm oder einen Zentimeter an Größe zusetzen. Nehmen wir also an, einer Gesellschaft gelänge es, die Leistungsfähigkeit der gewerblichen Arbeit auf das Zehnfache zu steigern, ohne daß ihr Urstoff- vorrat sich vergrößerte, so würde dieser Fortschritt an und für sich nicht ausreichen, den Subsistenzfonds auch nur für einen Arbeiter mehr zu beschaffen, das Sachkapital auch nur um ein kleines auszuweiten. Wohl kann aber eine Vervollkommnung der gewerblichen Produktion auf Umwegen zur Vermehrung des Sachkapitals beitragen, indem sie bewirkt daß Arbeitskräfte für die Urstoffproduktion frei werden; daß mehr Urstoffe mit einem gegebenen Arbeitsaufwande verarbeitet werden können; daß mit derselben Stoffmenge mehr Bedarf befriedigt werden bann; b) eine andere Möglichkeit, eine Wirtschaft von gegebener Raumgröße auszubauen, bietet die Vervollkommnung des Transportwesens und die dadurch herbeigeführte Steigerung der Mobilisierbarkeit (Bewegbarkeit) der Güter. Unter Mobilisierbarkeit verstehe ich die Verwendbarkeit der Güter an einem anderen Orte als dem der Produktion. Sie ist abhängig von zwei Faktoren: der natürlichen und der ökonomischen Transportierbar- keit der Güter. Die natürliche Transportfähigkeit wiederum ist abhängig von der natürlichen Beschaffenheit des Gegenstandes, von der Kunst, den Gegenstand bewegbar zu machen, und von der Beschaffenheit der Transportmittel; die ökonomische Transportfähigkeit wird ausschließlich bestimmt durch die Höhe der Transportkosten. Man hat für die ökonomische Transportfähigkeit eine ganze Reihe von „Gesetzen“ aufgestellt (die bei Lichte besehen gar keine Gesetze in irgendwelchem vernünftigen Sinne des Wortes sind, sondern schlichte analytische Sätze): Das Lardnersche Gesetz: daß die Absatzfähigkeit eines Gutes im quadratischen Verhältnis zu seiner Transportfähigkeit wächst: „Lardners Law of Squares in transport and trade“ (siehe Marshall, Industry and Trade, 27). Das Gesetz ist zuerst aufgestellt in Lardners Railway Economy (1850); das Kniessche Gesetz: daß jede Erniedrigung der Transportkosten die Transportfähigkeit der Güter in umgekehrtem Verhältnis zu ihrem Werte steigert (siehe Knies, Eisenbahnen, 79); das Gesetz: daß die Transportfähigkeit eines Gutes im geraden Verhältnis zur Höhe seines spezifischen Wertes steht. Sechzehntes Kapitel: Grundsätzliches 233 Das ist alles recht gut und schön. Aber bedeutet die Steigerung der Mobilisierbarkeit der Güter irgend etwas für die Vermehrung des Gütervorrats und somit für die Ausweitung des Sachkapitals ? Ja, und zwar in einer wichtigen Hinsicht: Die Steigerung der Mobilisierbarkeit der Güter macht es möglich, die Produktion an den Ort der höchsten Produktivität zu verlegen („Freihandelsargument“). Aber eine unmittelbare Ausweitung des Gütervorrats bewirkt auch die größte Vervollkommnung des Transportwesens nicht. Zu dieser führt ausschließlich: c) die Steigerung der Leistungsfähigkeit des Bodens. Diese wird bewirkt: a) durch Produktionsverschiebung, das heißt Anbau ergiebigerer Pflanzen: aus demselben Naturreich: Nadelhölzer statt Laubhölzer, Kartoffeln oder Mais statt Getreide, Baumwolle statt Flachs; oder: durch Ersatz sekundärer durch primäre Rohstoffe: Baumwolle statt Wolle oder Seide; ß) durch Steigerung der Bodenproduktivität, das heißt der Leistung einer bestimmten Bodenfläche an Ernteerzeugnissen; Y) durch Intensivisierung der Viehzucht. 2. Eine Ausweitung der Produktion mittels Anbaues erfolgt dann, wenn eine Gesellschaft ihre Daseinsgrundlage verbreitert und neuen Boden in den Kreis ihrer Wirtschaft hineinzieht. Wir nehmen an, daß im ersten und zweiten Falle die Wirtschaft ein rein organisch-mechanisches Gepräge trägt und in der Weise betrieben wird, daß die dem Boden entzogenen Stoffe und Kräfte ihm regelmäßig wieder zugeführt werden, das heißt also Stoffersatzwirtschaft herrscht. Alsdann trifft für beide Teile zu, daß die Menschen von dem „Einkommen“ leben, das ihnen die Natur gewährt in Gestalt der jährlich von der Sonne ausstrahlenden und von den Pflanzen aufgenommenen Sonnenenergien. In einen scharfen Gegensatz zu dieser Art zu wirtschaften tritt die 3. Möglichkeit, die Produktion auszuweiten, das ist die mittels Abbaues. Sie wird dadurch gekennzeichnet, daß die Menschen in den Bereich der Güterproduktion Kräfte und Stoffe ziehen, die in früherer Zeit — vor der jedesmaligen Produktionsperiode — von der Natur auf- gespeichert sind, also Natur-,,Vermögen“ darstellen. Beim Abbausystem lebt die wirtschaftende Gesellschaft also von der Substanz. 234 Erster Abschnitt: Das Kapital Eine solche ■wird gebildet: a) durch die in der Ackerkrume aufgespeicherten Stoffe und Kräfte; b) durch bereits zum Leben erweckte Bestände von Pflanzen und Tieren: Wälder, Jagd- und Fischreviere; c) durch Schätze im Innern des Bodens: Erze, Kohle, Salze und Kalke. Ist es bei a und b eine rein soziale Erscheinung, daß statt Ersatzoder Ergänzungswirtschaft „Raubbau“ getrieben wird, so liegt dieser als Notwendigkeit bei c vor, weshalb man beim Bergbau auch ohne Wertbetonung von „Abbau“ spricht. Das Entscheidende ist: daß in allen drei Fällen die Ausweitung der Produktion durch einen Zuschuß erfolgt, der außerhalb des Bereiches der jährlich wiederkehrenden Produktionsmöglichkeiten liegt. Da die Probleme für die Gütererzeugung und den Gütertransport verschieden gelagert sind, so werde ich den Stoff in der folgenden Darstellung in der Weise anordnen, daß ich die beiden Gebiete gesondert betrachte, wie es die beiden nächsten Kapitel ausweisen. 235 Siebzehntes Kapitel Die Entfaltung der Produktion I. Der Ausbau 1. Die moderne Technik mit ihren Errungenschaften drängt zunächst auf eine Vervollkommnung der Stoffverarbeitung hin. Und es ist sehr wahrscheinlich, daß während der hochkapitalistischen Epoche wesentliche Fortschritte in der ökonomischen Leistungsfähigkeit nach dieser Richtung erzielt worden sind. Fast durchgängig ist die Intensität der Arbeit gesteigert, in zahlreichen Fällen ist gewiß auch die Produktivität der Arbeit gestiegen, und ebenfalls ist häufig eine Stoffersparnis erzielt worden. Können wir für die Vermutung, daß die ökonomische Leistungsfähigkeit auf dem Gebiete der gewerblichen Produktion — sagen wir der Einfachheit halber: in der Industrie — eine Steigerung erfahren hat, auch ziffernmäßige Belege beibringeu % Können wir, was wir doch gern 'möchten, ihr einen Größenausdruck geben ? Die Laien, zu denen in diesem Falle so gut wie alle „Techniker“ gehören, werden über diese Frage selbst erstaunt sein und glauben, daß sich der Beweis für die Steigerung der ökonomischen Leistungsfähigkeit tausendfältig erbringen lasse. Der Kenner weiß, wie schwer dieser Beweis ist, und daß er vielleicht gar nicht gelingt und wir uns mit Wahrscheinlichkeitsannahmen begnügen müssen. Ich gebe im folgenden kurz an, welche Methoden angewandt werden, um jenen Beweis zu erbringen, und welche großen Fehler sie fast durchgängig enthalten. (Daß die Beispiele zum Teil aus dem Gebiete der anorganischen Industrie genommen sind, die es im Bereiche des „Ausbaues“ noch nicht gibt, verschlägt nichts, da an ihnen die Fehler ebenfalls beobachtet werden können.) , Das beliebteste (und oberflächlichste) Verfahren, die Steigerung der Leistungsfähigkeit der Industrie, in diesem Falle sogar der Produktivität der Arbeit, zu erweisen, ist der Vergleich der Produktenm enge, die ein Arbeiter im Durchschnitt (die Gesamtmenge des Produkts dividiert durch die Zahl der beschäftigten Arbeiter) liefert, in verschiedenen Zeiten oder bei verschiedenen Techniken. : : . 236 Erster Abschnitt: Das Kapital So findet man häufig folgende Ziffern angeführt in dem Glauben, aus ihnen eine Steigerung der Arbeitsproduktivität ableiten zUj können: In Deutschland betrug in der Hochofenindustrie die vom einzelnen Arbeiter durchschnittlich erzeugte Menge Koheisen: 1860 .... 26,3 t 1906 .... 295,0 t 1872/73 . . 100,0 1 1910 .... 326,6 t 1884 .... 156,0 t 1913 .... 400,0 t 1901/02 . . 254,0 t in den Eisengießereien die Menge Eisenguß auf den Arbeiter: 1871 .... 12,0 t 1888 .... 18,0 t 1880 .... 16,3 t 1910 .... 24,3 t in der Flußeisenerzeugung die Menge des vom einzelnen Arbeiter hergestellten Flußeisens: 1877 .... 41,8 t 1907 .... 77,8 t 1888 .... 56,4 t 1910 .... 82,3 t Nach dem Statistischen Jahrbuch für das Deutsche Eeich. Oder: In einer Augsburgischen Baumwollspinnerei betrug die Jahresproduktion auf einen Arbeiter des Betriebes: 1865 .... 1559 kg 1895 .... 4119 kg 1875 .... 1847 „ 1912 .... 4375 „ 1885 .... 2425 „ Schriften d. V. f. S.-P., Bd. 142, III, Seite 105. Oder: In einer niederrheinischen Weberei entfielen auf den einzelnen Arbeiter hergestellte Stücke: 1891 .... 272 1900 .... 352 1909 .... 583 Schriften des Y. f. S.-P., Bd. 133, Seite 11. Oder: In der Bäckerei liefert ein Arbeiter: bei handwerksmäßigem Betriebe in 12 ständiger Arbeitszeit . 300 Pfd. Brot in einer Brotmanufaktur. 600 „ ,, in einer Brotfabrik.1000 ,, „ GdS. 6, 43. Es ist aber — man darf sagen: offensichtlich — unstatthaft, aus der Zunahme der Durchschnittsproduktion des Arbeiters in einem Betriebe auf irgendwelche Steigerung der Arbeitsproduktivität (und selbst Arbeitsintensität) zu schließen, da ja dabei der Sachaufwand (und also die in ihm enthaltene Arbeitsmenge) imberücksichtigt bleibt. Welche Erweiterung der Hochofenanlagen, welche Vervollkommnung der Webstühle, welche Vermehrung der Bäckereimaschinen ist erfolgt, um die Steigerung der Leistung des einzelnen Arbeiters zu erzielen ? Die Produktionsziffern sagen es uns nicht. Sie sind völlig wertlos. Fast ebenso wertlos ist eine andere Zifferoreihe, die man ebenfalls gern benutzt, um die Steigerung der Leistungsfähigkeit der Industrie Siebzehntes Kapitel: Die Entfaltung der Produktion 237 zu erweisen. Das ist die Zunahme der in ihr zur Verwendung kommenden mechanischen Kräfte. Es ist leicht, mit Hilfe der Statistik festzustellen, daß die Zahl der Pferdestärken sich im Laufe namentlich der letzten Jahrzehnte vermehrt habe: siehe die Ziffern im 52. Kapitel. Ein Beweis für die Steigerung der Leistungsfähigkeit, insonderheit der Arbeitsproduktivität? Keineswegs. Da wiederum unbekannt bleibt das Verhältnis zwischen dem Arbeitsaufwand, der zur Herstellung einer Pferdestärke gemacht werden mußte, und demjenigen, den sie erspart. Es ist wahrscheinlich, daß dieser Betrag größer ist als jener. Aber die Statistik der Dampfmaschinen weiß darüber nichts zu berichten. Dasselbe gilt endlich für eine dritte Art der Schlußfolgerung aus einer Allgemeinbetrachtung des sachlichen Produktionsherganges, die ich noch erwähnen will: die Verwertung der Abkürzung des Produktionsprozesses als Beweis für die Steigerimg der Produktivität. Wenn wir erfahren, daß das Frischen 3 Wochen, das Puddeln 1—2 Tage, das Bessemern 20 Minuten dauert, so sind wir in bezug auf die von uns aufgeworfene Frage um nichts klüger, da die Anlagen in den drei Fällen ganz verschieden groß sind. Nicht einmal über die Umschlagsdauer des Kapitals sagen jene Ziffern etwas aus. Wahrscheinlich war sie beim Frischen sehr erheblich — kürzer als beim Bessemern. Aber ziffernmäßig ist es nicht feststellbar. So ist man darauf verfallen, die Preisgestaltung heranzuziehen, um den Grad der Leistungsfähigkeit, insbesondere wiederum den Grad der Arbeitsproduktivität zu bestimmen: Sinkende Preise sollten oder sollen auf eine entsprechende Erhöhung der Arbeitsproduktivität schließen lassen. Nichts verkehrter als dieser Schluß. Natürlich ist es wiederum möglich, ja in vielen Fällen sehr wahrscheinlich, daß sich in der Entwicklung der Preise die Entwicklung der Produktivität widerspiegelt. So ist es wohl möglich, daß in den Hamburger Preisnotierungen für Stahl undEisen- oder Stahlwaren, wonach der Doppelzentner inReichsmark kostete: Stahl Nägel Eisendraht Schienen 1851/55 . . . 60,58 40,17 35,19 16,48 1901/05 . . . 40,97 34,20 24,05 15,53 die Tatsache zum Ausdruck kommt: Steigerung der Produktivität bei Stahl, Nägeln, Eisendraht in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts um 33%—50%, so gut wie keine bei Schienen. 238 Erster Abschnitt: Das Kapital Oder: wenn nach Duns Review in New-York der Index für Kleider 1861—1865 43,6, 1901—1905 16,5, für Metalle beziehungsweise 36,2 und 15,8 war, so dürfen wir auf eine beträchtliche Steigerung der Produktivität in diesen Artikeln während des angegebenen Zeitraumes schließen. Oder: die Preise, die bei der Ausfuhr aus Großbritannien bezahlt wurden für Baumwollgarn Leinengarn Nähgarn Leder (Pence per Pfd.) (£ per Ztr.) 1871—1875 . . . 17,15 15,74 41,93 8,74 1901—1905 . . . 11,70 14,68 30,18 10,29 dürften zu der Schlußfolgerung berechtigen, daß — vielleicht wahrscheinlich — die Produktivität in der Baumwollspinnerei und in der Nähgarnfabrikation in den dreißig Jahren noch um etwa 33%—50% gestiegen, in der Leinengarnherstellung sich gleichgeblieben, in der Lederproduktion gesunken ist. Aber schon die völlige Ungleichheit der Preisentwicklung in den verschiedenen Industriezweigen läßt darauf schließen, daß die Preise ebenso von anderen Umständen als von dem Grade der Produktivität abhängen. In der Tat ist die Preisbewegung ein völlig ungeeignetes Mittel, um die Entwicklung der Produktivität (und Intensität) in einem Industriezweige festzustellen. Um das einzusehen, brauchen wir uns nur folgender Tatsachen zu erinnern: 1. daß die Preise durch das Schwanken des Geldwertes beeinflußt werden; 2. daß dauernde Abweichungen vom Kostpreise sehr wohl möglich sind; 3. daß in allen Preisen gewerblicher Erzeugnisse die Preise der Ur- stoffe einbegriffen sind. Also auch die Preisgestaltung gibt uns — von ganz wenigen, gleich zu erwähnenden Ausnahmen abgesehen — keine Möglichkeit an die Hand, die etwaige Steigerung der Leistungsfähigkeit der Industrie mit Sicherheit zu bestimmen. Am sichersten kommt man noch zum Ziel, wenn man Einzelfeststellungen macht. Obwohl auch hier Vorsicht geboten ist. Die meisten, namentlich die von Technikern gemachten, taugen nichts. Beispiele unbrauchbarer Einzelfeststellungen: Angebliche Steigerung der Produktivität: Kämmerer berichtet in den Sehr. d.V. f. S.-P., Bd. 132, 379 folgenden Fall: Der Lohnbetrag in einem Kesselhaus sinkt durch Einführung von Kettenrosten und von Transportbändern von 0,164 Mk. pro Tonne Dampf auf 0,095 Mk., also auf zwei Drittel des ursprünglichen Betrages. Aber wieviel haben die Kettenroste und Transportbänder gekostet? Siebzehntes Kapitel: Die Entfaltung der Produktion 239 Oder: die bekannte Berechnung der Mehrleistung des mechanischen Spinnstuhls, die sich z. B. Marx („Kapital“ l 4 , 355) zu eigen macht: Zu B aynes Zeiten wurden von jeder Selfacting-mule-Spindel bei lOstündiger Arbeitszeit 12 Unzen Garn der Durchschnittsnummer, also in der Woche 366 Pfund Garn von 2% Arbeitern gesponnen: ein Arbeiter erspann also rund 150 Pfund in der Woche, während sein Wochenerzeugnis auf dem Spinnrade 13 Unzen betrug. Um die 366 Pfund Garn zu spinnen, waren bei der mechanischen Spinnerei 2% Arbeiter eine Woche lang beschäftigt, wurden also 150 Spinnarbeitsstunden aufgewendet; bei der Handspinnerei hätten 475 Arbeiter eine Woche lang spinnen müssen, es wären also 27000 Arbeitsstunden nötig gewesen. Die Aufstellung ist aus denselben Gründen wie die vorige wertlos. Angebliche Stoffersparung: Kämmerer stellt fest: In den Jahren 1846—1900 sank auf den Schiffsmaschinen des Norddeutschen Lloyd und der Hapag der Kohlenverbrauch von 3,5 kg auf 1,5 kg für 1 P S., während die Kesselspannung von 1 Atmossphäre auf 10 stieg. Aber wieviel Kohle mehr ist verbraucht worden, um die so sehr viel größeren Schiffe und Schiffsmaschinen herzustellen? Auf 1000 Stück Vollziegel wurden Steinkohle verbraucht beim offenen, deutschen Ofen .10,0 Zentner, deutschen Ofen mit Gewölbe und Schornstein . 8,5 ,, Kasseler Flammofen.7,0 „ runden Hoffmannschen Ringofen mit 12 Kammern 3,0 ,, oblongen Ringofen mit 16—18 Kammern .... 2,25 „ Br. Heinemann-Braunschweig, Die deutsche Ziegeleiindustrie (1909), 16. Sehr wahrscheinlich liegt hier eine Materialersparung vor. Aber bewiesen ist sie durch diese Zahlen ganz und gar nicht. Dazu bedürfte es eines Nachweises, daß zur Herstellung des so sehr viel kostbareren Ofens, in dem weniger Kohle verbraucht wird, keine ebenso große Menge Kohle verwandt worden ist. Aber es gibt nun gewiß auch einwandfreie Feststellungen von Einzelfällen, in denen nachweislich eine Steigerung der ökonomischen Leistungsfähigkeit der Industrie nach einer der drei Seiten hin eingetreten ist. Beispiele brauchbarer Einzelfeststellungen: Steigerung der Arbeitsintensität: In einer großen Augsburger Baumwollspinnerei entfielen Arbeiter auf 1000 Spindeln: 1865 . . . 13,0 1895 ... 6,3 1875 . . . 11,6 1912 . . . 6,3. 1885 ... 9,7 Schriften d. V. f. S.-P. 142, III, Seite 105. In der Weberei bediente ein Arbeiter nach allgemeiner Schätzung: in den 1850er Jahren weniger als 1 Webstuhl, „ „ 1870er „ . 1 „ 1900 . 2—4 Webstühle. jetzt.12—16 (automatische) Webstühle. 240 Erster Abschnitt: Das Kapital (Steigerung der Arbeitsproduktivität ist aus den mehrmals geltend gemachten Gründen aus diesen Ziffern nicht abzulesen.) Ersparung von Stoff ist in allen denjenigen Fällen mit Sicherheit nachgewiesen, in denen früher ungenutzte Abfälle oder Altmaterial noch Verwendung finden oder die Ausbeute (Rendement) steigt. Also wenn in Deutschland für die phosphorhaltige Schlacke des Thomasverfahrens, die ehdem verloren ging, ein Nutzwert von 40 Mill. Mk. erzielt wird. Bei Kraft, Güterherstellung, 31; woselbst noch weitere Beispiele fortgeschrittener Ökonomität angeführt sind. Oder: wenn in wachsendem Umfange Schrott als Rohstoff genutzt wird. So waren von der in den Schweiß- und Flußeisenwerken und Gießereien im Jahre 1908 verarbeiteten Gesamteisenmenge von 15,3 Mill. t 26,7% Schrott. A. Geliert, Eisen- und Alteisen (1912), 12. Etwas abweichende Ziffern bei Th. Sehmer, Die Eisenerzversorgung Europas. Probleme der Weltwirtschaft 2 [1911], 344ff. Danach betrug der gesamte Alt- und Neuschrottverbrauch: 1900 . . . 2,20 Mill. Tonnen, 1905 . . . 3,25 „ 1908 . . . 3,40 „ Nach den Berechnungen von A. Tille betrug der Schrottverbrauch in tausend Tonnen: 1885 ... 725 1895 . . . 1793 1905 . . . 3669. Seit dem Jahre 1908 liegen genaue Produktionserhebungen des Reichsamts für Statistik vor. Danach betrug der Verbrauch von Schrott in tausend Tonnen: 1908 . . . 4223,7 1910 . . . 4923,1 1913 , . . 6785,7. Siehe den Artikel „Eisen und Stahl“ im HSt. 3 4 , 559. Verf. v. Juraschek-Voelcker. Oder: wenn bei einem Hochofen von 10001 täglicher Roheisenerzeugung täglich 675 t Steinkohle erspart werden durch Nutzbarmachung der Gichtgase. G. Schulz in „Stahl und Eisen“, 3. Februar 1921. Oder: wenn das Ausbeuteverhältnis der Zuckerrüben von 6 auf 18%, das der mehlhaltigen Stoffe für die Alkoholgewinnung von 58 auf 85% gestiegen ist. (Obwohl, samtwirtschaftlich betrachtet, die Steigerung des Ausbeuteverhältnisses keinen reinen Gewinn darstellt, da wahrscheinlich an anderen Stoffen mehr verbraucht worden ist, um das höhere Rendement zu erzielen.) Steigerung der Produktivität: In einer Hochofenanlage waren ehedem 228 Mann mit einem Lohnaufwand von 0,91 Mk. auf die Tonne Roheisen beschäftigt; nach Einbau von Schrägaufzügen 82 Mann, so daß der Lohnaufwand auf 0,28 Mk. auf die Tonne sank. Bis hierher wertlos. Die Angabe bekommt ihren Wert durch folgende weitere Feststellung: Die Siebzehntes Kapitel: Die Eutfaltung der Produktion 241 Anlagekosten haben sich von 1,24 auf 1,75 Mill. Mk. vergrößert, der Mehraufwand beträgt auf die Tonne 0,35—0,25 = 0,10 Mk. Insgesamt haben sich die Betriebskosten von 1,29 auf 0,82 Mk. verringert, „wobei die Ersparnis durch Ausschaltung der Handlanger erzielt wurde“ Kämmerer, a. a. O., Seite 416. Sehr gründliche Berechnungen sind angestellt worden über die Kostenersparnis, die durch die Setzmaschine bewirkt worden ist. Vgl. die Schriften von J. Rauert, Ausbau und Leistungen der Tarifgemeinschaft der deutschen Buchdrucker, 1910; F. Ch. Beyer, Die volkswirtschaftliche und sozialpolitische Bedeutung der Einführung der Setzmaschine im Buchdruckgewerbe, 1910; A. Heller, Das Buchdruckgewerbe, die wirtschaftliche Bedeutung seiner technischen Entwicklung, 1911, und die zusammenfassende kritische Darstellung von Carl Bertenburg, Die Preisgestaltung im Druckereigewerbe, in den Sehr. d.V. f. S.-P., Band 142, II. Die Ansichten der verschiedenen Autoren weichen stark voneinander ab. Während Heller überhaupt keine Verbilligung annimmt, womit er sich der Auffassung des deutschen Buchdruckpreistarifs von 1907 anschließt, kommen die anderen zu dem Ergebnis, daß die Setzmaschine doch eine Kostenersparnis bewirkt habe, die zwischen 20 und 40% schwanke. Voraussetzung dabei ist eine volle Ausnutzung der neuen Maschine in fortgesetztem Betriebe. Auch Preisangaben können unter ganz bestimmten V oraussetzungen als Beweismaterial Verwendung finden. So lassen z. B. die Ziffern, die Th. Ellison in seinem Buch über den Cotton Trade of Great Britain (1886) mitteilt, einen ziemlich sicheren Schluß auf die Steigerung der Produktivität in der Spinnerei, namentlich infolge der Einführung des mechanischen Spinnstuhls, zu. Ellison stellt zusammen: 1. den Verkaufspreis für 1 Pfund Garn (Nr. 40), 2. den Baumwollpreis, und berechnet danach 3. den auf die Verarbeitung entfallenden Betrag des Preises. Die Ziffern sind folgende: 1779 1784 1799 1812 1830 1882 s d s d s d s d s d s d Garnpreis. 16,0 10,11 7,6 2.6 w 2 0,10% Baumwollpreis . . 2,0 2,0 3,4 1,6 0,7% 0,7% Aufschlag durch die Verarbeitung . . 14,0 8,11 4,2 1,0 0,6% 0,3%. Der Baumwollpreis fällt also in dem Zeitraum von 1779—1882 von 2 auf %, der Garnpreis von 16 auf 5 / 6 . Demgemäß der Aufschlag von 14 auf %—%• Diese Verringerung darf zu einem guten Teil der gestiegenen Produktivität zugeschrieben werden. Zu beachten: Der Aufschlag sinkt: in den 33 Jahren von 1779—1812 von 100 auf 7 „ „ 70 „ „ 1812—1882 „ 100 „ 28. Nun müssen wir aber der Tatsache stets eingedenk bleiben, daß es sich in solchen wie den hier verzeichneten Fällen um Einzelfälle handelt: vielleicht nur um Teilprozesse in einer Industrie, im günstigsten Sombart, Hochkapitalismus. 16 242 Erster Abschnitt : Das Kapital Fall um einen ganzen Industriezweig (wie etwa die Baumwollspinnerei). Damit ist uns für unsere Zwecke wenig geholfen. Zu einem Urteil über die Entwicklung der ökonomischen Leistungsfähigkeit der Industrie gelangen wir auf diesem Wege nimmer. Denn geradezu verbrecherisch ist das Unterfangen, irgendwelchen besonders krassen Einzelfall etwa starker Produktivitätssteigerung zu verallgemeinern. Welcher Unfug ist schon angerichtet worden mit den Ziffern der Baumwollspinnerei, aus denen man eine tausendfache (so Friedrich Engels) Steigerung der allgemeinen (!) Produktivität glaubte ableiten zu können! Zunächst hat sich die Produktivität in diesem Industriezweig selbst — wenn wir einmal die obigen Preisziffern als Ausdruck der Produktivitätssteigerung anerkennen wollen, sie drücken jedenfalls einenHöchst- satz aus — in dem ersten Menschenalter nach der Einführung der Spinnereimaschine nicht mehr als vervierzehnfacht, seitdem vielleicht noch einmal verdreifacht. Nun steht aber der Fall der Baumwollspinnerei ganz vereinzelt da. Schon in der Woll- und Flachsspinnerei ist die Produktivitätssteigerung sehr viel geringer, in der Weberei ist sie sehr unbedeutend. Und andere Industrien weisen ganz und gar andere Verhältnisse auf. Eine große Reihe hat jedenfalls gar keine oder nur eine geringe Steigerung ihrer Produktivität erfahren. Wie sollte man also zu einem Gesamturteil auf induktivem Wege gelangen? Die einzige Ziffer, die ein solches begründen könnte, ist meinesWissens die Produktionsziffer, die für die Vereinigten Staaten von Amerika im „Zensus“ mitgeteilt wird. Obgleich auch sie zu zahlreichen Bedenken Anlaß gibt, läßt sie sich doch, wie ich glaube, verwenden, um eine ganz ungefähre Vorstellung von der Entwicklung der Produktivität der Industrie zu gewinnen. Leider reichen die Ziffern nicht weiter als bis 1899 zurück, so daß sich nur die letzten 20 Jahre überblicken lassen. In diesem Zeitraum stieg die Produktionsmenge in 42 Industrien (die etwa die Hälfte des gesamten Produktionswertes erzeugen) von 100 auf 198; die Zahl der Lohnarbeiter von 100 auf 161. Setzen wir voraus, daß die Länge der Arbeitszeit und die Arbeitsintensität dieselben geblieben seien, so würden wir für die ersten 20 Jahre dieses Jahrhunderts in der Tat eine leise Steigerung der Produktivität um 15—20% anzunehmen berechtigt sein. Würden wir dieses Steigerungsverhältnis auf das ganze 19. Jahrhundert übertragen, so würden wir auf eine Zunahme der Produktivität in der Industrie auf etwa 75—100% in 100 Jahren kommen. Nun ist allerdings das Tempo der industriellen Entwicklung niemals und Siebzehntes Kapitel: Die Entfaltung der Produktion 243 nirgends so stürmisch gewesen wie während der ersten zehn Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten. Andererseits ist zu berücksichtigen, daß in den Anfängen der modernen Industrie, als man von der Handarbeit zur Maschinenarbeit erstmalig überging, in manchen Produktionszweigen noch größere Steigerungen der Produktivität mögen vorgekommen sein, und daß die Produktivitätssteigerung während der letzten zehn Jahre in der amerikanischen Industrie zweifellos sehr verlangsamt ist. Alles in allem berücksichtigt, wird man eine Zunahme der Produktivität in der Industrie während der hochkapitalistischen Epoche um 100% wohl annehmen dürfen. Jedenfalls kann die Wahrheit nicht sehr weit von dieser Ziffer entfernt liegen, weder nach unten noch nach oben hin. Glücklicherweise verschlägt diese Ungewißheit über die tatsächlich erfolgte Steigerung der Leistungsfähigkeit in der gewerblichen Produktion nicht allzuviel. Denn wie wir von unseren theoretischen Besinnungen her wissen, hat dieser Umstand für den Aufbau des Kapitalismus nur eine untergeordnete Bedeutung. Hätte dieser mit seiner Entwicklung auf die Steigerung der Leistungsfähigkeit in der Industrie zu warten gehabt, so hätte er lange warten müssen. Viel bedeutsamer waren für die Beschaffung des Sachkapitals schon 2. die Fortschritte in der Mobilisierbarkeit der Güterwelt, über die im folgenden Kapitel zu berichten sein wird. Aber auch sie brachten — ebenso wie die Fortschritte der Industrie — kein Brot auf den Tisch und keine Rohstoffe in die Werkstatt, worauf es doch ankam, wenn der kapitalistische Körper wachsen sollte. Deshalb mußte man, wenn man dessen Wachstum (im Rahmen des Ausbaues) fördern wollte, die bestehende Wirtschaft nach einer dritten Seite hin auszubauen trachten. Man mußte 3. die Leistungsfähigkeit des Bodens zu steigern versuchen. Da bieten sich, wie wir gesehen haben, drei Möglichkeiten dar, und alle drei Möglichkeiten sind mit Leidenschaft ergriffen worden, um dem sich weitenden Kapitalismus Spielraum zu schaffen. a) Die Produktionsverschiebung, der man zunächst sein Augenmerk zuwandte, sollte das Sachkapital vermehren durch Anbau ertragreicherer Pflanzen oder Ersatz kostspieligerer Stoffe durch billigere zur Befriedigung eines bestimmten Bedarfs. Mittels dieser Maßregeln erreichte man also, daß man — auch ohne Vervollkommnung der 16 * 244 Erster Abschnitt * Das Kapital Anbauweisen — von einer gegebenen Fläche mehr Nahrungsmittel oder mehr Rohstoffe gewann. Man darf diese Auskunft der Produktionsverschiebung nicht gering veranschlagen. Sie hat manchen Ländern eine ganz erhebliche Ausweitung ihres Nahrungsspielraums und ihrer Rohstoffversorgung gebracht, wie die folgenden Beispiele deutlich genug erkennen lassen. Wir müssen, wie ich sagte, zwei Fälle voneinander unterscheiden: den Ersatz teurer Stoffe durch billigere aus demselben Naturreich (Pflanzenreich) und den Ersatz sekundär-organischer (tierischer) durch primärorganische (pflanzliche) Stoffe. Hauptfälle des Ersatzes teurer Pflanzen durch billigere (weil ergiebiger im Anbau): Die Kartoffel ersetzt Weizen und Roggen. Der dadurch erzielte Vorteil ist beträchtlich. Auf 1 ha werden geerntet: 16 dz Roggen bei 65% Stärkegehalt 1040 kg Stärkemehl 160 „ Kartoffeln „ 18 ,, ,, 2880 ,, ,, Nach J. Grunzei, Der Sieg des Industrialismus (1911), 46. Der Kartoffelbau hat namentlich für den deutschen Kapitalismus eine große Bedeutung. Deutschlands Ernte betrug (1910—1914 im Durchschnitt) an: Brotgetreide 15,7 Mill. t mit 11,12 Mill. t Stärkewert Kartoffeln 45,5 „ „ „ 8,65 „ „ „ Die Welternte betrug an: = ca. 100 Mill. t Stärkewert Kartoffeln 145,0 „ „ = 29 Mill. t Stärkewert. Nach HSt. 5 4 „Kartoffel“ und Stat. Jahrb. Eine ähnliche Rolle wie die Kartoffel in den nordischen Ländern spielt der Mais als Volksnahrungsmittel in den südlichen Ländern. Baumwolle und Jute ersetzen den Flachs. Ziffern siehe unten. Nadelhölzer ersetzen die Laubhölzer. * Hauptfälle des Ersatzes tierischer Stoffe durch pflanzliche: Baumwolle ersetzt Wolle und Seide. Der Anteil der Spinnstoffe am Gesamtverbrauch in den verschiedenen Zeiten ist folgender: Anfang des 19. Jahrhunderts Vor dem Kriege Weizen 105,7 Mill. t Roggen 36,1 „ ,, Flachs . . . • 50,0% 10% Wolle . . . • 32,5,, 20 „ Baumwolle . • 17,5 „ 50 „ Jute .... . — 20 „ 100 100 } Wertverhältnis 4:1 Vgl. die graphische Darstellung bei Reier, Kraft (1910), 104. Zelluloid ersetzt Horn, Elfenbein, Schildpatt, Korallen. Der Beginn der Verwertung des außerordentlich wichtigen Zelluloids, ohne das eine moderne „Kultur“ gar nicht mehr denkbar ist, fällt ungefähr Siebzehntes Kapitel: Die Entfaltung der Produktion 245 in den Anfang der 1880 er Jahre. 18 verschiedene. Industrien verarbeiten bzw. benutzen jetzt Zelluloid. Allen voran die Kammindustrie, die mit 40% beteiligt ist. Dann die Spielwarenindustrie, die Galanterie- und Kurzwarenindustrie, die Bürstenindustrie usw. Vgl. J. Ertel, Die volkswirtschaftliche Bedeutung der technischen Entwicklung der Zelluloidindustrie (1909), 85ff. Holzschliff, Zellulose ersetzen Hadern aus Wolle (aber auch aus Pflanzenfasern: voriger Fall!); Papier, Wachstuch ersetzen Leder; Agave, Manilahanf, Seegras ersetzen Roßhaar; Kunstseide (aus Kollodium, Zellulose usw.) ersetzt Seide. Um die Leistungsfähigkeit des Bodens nach den beiden anderen, oben verzeichneten Richtungen: Steigerung der Bodenproduktivität und Intensivierung der Viehzucht, zu erhöhen, bedurfte es der Neugestaltung der europäischen Landwirtschaft, wie sie sich im Zeitalter des Hochkapitalismus vollzogen hat. Sie darzustellen, ist hier noch nicht der Ort, da es eine Angelegenheit der Betriebsorganisation ist, der wir in einem anderen Zusammenhänge, in der Betriebslehre, unser Augenmerk zuzuwenden haben. Hier handelt es sich darum, wie in diesem ganzen Abschnitte überhaupt, die samtwirtschaftlich bedeutsamen Wirkungen kennenzulernen, die sich aus jener Umgestaltung ergeben haben, und denen es zu danken ist, daß eine Ausweitung des Produktionsspielraums herbeigeführt und die Beschaffung des Sachkapitals erleichtert worden ist. Wir versuchen wiederum, uns von diesen Wirkungen in ihrer ziffernmäßigen Größe an der Hand einiger Beispiele eine annähernde Vorstellung zu machen. b) Die Steigerung der Bodenproduktivität Deutschland (ältere Zeit): Nach einer aus den Wirtschaftsbüchern mehrerer Güter berechneten Erntestatistik brachten 100 ha Fläche folgenden Bruttoertrag Kornwert: auf Mittelboden auf gutem Boden auf leichtem Boden 1800—1810 932,9 Ztr. — Ztr. — Ztr. 1810—1820 838,9 „ — 33 .—. 33 1820—1830 1195,6 „ — 33 — j j 1830—1840 1446,5 „ 1493,5 3 3 .— 3 3 1840—1850 1873,8 „ 2269,2 33 1720,9 3 3 1850—1860 2054,1 „ 2469,6 33 1905,1 33 1860—1865 2681,3 ., 2751,8 33 2218,8 33 1865—1870 2720,5 „ 2383,4 33 2464,0 3 > 1870—1875 2440,8 „ 3127,0 33 2883,5 33 Joh. Conrad, Die Tarifreform im Deutschen Reiche nach dem Gesetz vom 15. Juli 1879. A. Die Getreidezölle; in den Jahrbüchern für N.-ö. 246 Erster Abschnitt: Das Kapital Bd. 34 (1879) und dazu die Tabellen in den Sehr. d. V. f. SP., Bd. 90. Reiches Material für die frühere Zeit enthält das Werk von J. R. Mucke, Deutschlands Getreideertrag, 1883, im 3., 4. und 5. Abschnitt. Vgl. ferner die Ziffern für hannoversche Güter, bis in die 1860er Jahre reichend, bei Werner Graf Goertz-Wrisberg, Die Entwicklung der Landwirtschaft auf den Goertz-Wrisbergschen Gütern usw., 1880, S. 28f. Für die Jahre 1832—1854 enthält eingehende Ertragsberechnungen (für das Fürstentum Schwarzburg-Sondershausen) die Festschrift zur 17. Generalvers. des landw. Zentralvereins der Prov. Sachsen usw., 1862, S. 95ff. Sie ist in dankenswerter Weise fortgeführt worden in der gehaltvollen Jenaer Diss. von G. Oldenburg, Die Veränderungen in der landw. Betriebsweise der Unterherrschaft des Fürstentums Schwarzburg-Sondershausen, 1898. Neuere Zeit: Die Ernteerträge betrugen vom Hektar: 1884/93 1904/13 Zunahme für Roggen . . . . 10,2 ■ 17,2 68,6% ,, Weizen . . . . 13,8 20,6 49,3 „ ,, Gerste . . . . 13,1 19,8 51,1 „ ,, Hafer . . . . 11,5 19,0 65,1 „ ,, Kartoffeln . . 86,3 135,0 56,4 „ ,, Zucker . . . . 34,8 43,1 23,8 „ ,, Wiesenheu . . 28,3 43,0 51,9 „ Vom Zucker abgesehen, betrug die Ertragssteigerung durchschnittlich 57%. Nach dem Stat. Jahrb. Die Steigerungsziffern in Deutschland sind Höchstzahlen. Kein anderes Land kommt Deutschland gleich. In Deutschland wurden für die Volksernährung angebaut: 1893: 14354000 ha 1913: 14450000 „ Auf dieser sich ungefähr gleichbleibenden Fläche wurden geerntet für: 1893: 4665549000 Mk. 1913: 6651611000 „ (Aber die Preissteigerung ist zu beachten!) Nach A. Schulte im Hofe, Die Weltproduktion (1916), 29/30. Frankreich: Der Durchschnittsertrag des Weizens betrug vom Hektar: 1816—20: 10,2 hl 1871—80: 14,6 hl 1821—30: 11,9 „ 1891—95: 15,6 „ 1851—60: 13,9 „ HSt. I 3 , 253. Schweden: Der Durchschnittsertrag vom Hektar betrug in Zentnern: Weizen Roggen Gerste Hafer 1871/80: 14,29 13,62 14,73 13,12 1901/05: 16,85 14,48 14,45 11,80 Belgien: Weizen Roggen Gerste Hafer 1871/80: 16,68 14,75 18,72 16,70 1901/05: 22,33 21,31 27,12 23,30 Siebzehntes Kapitel: Die Entfaltung der Produktion 247 Immerhin ergibt sich für ganz Westeuropa, um das es uns einstweilen zu tun ist, eine nicht unerhebliche Steigerung der Bodenproduktivität in den letzten Jahrzehnten vor dem Kriege. Der Durchschnittsertrag in ganz Westeuropa betrug vom Hektar: Weizen Koggen Gerste Hafer Mais treidearten 1871/70 (1876/80) 10,84 10,90 12,79 12,37 — 11,52 1891/1900: 11,60 12,65 13,38 13,11 10,83 12,37 1901—1905: 12,50 13,97 14,84 14,06 12,13 13,47 Nach den Zusammenstellungen bei Gustav Sundbärg, Apercus statistiques internationaux, XI. annee, 1908. Ebenso wie der landwirtschaftliche Ertrag ist der Ertrag der Forsten von der Einheit gestiegen. Die Höhe des Nutzholzprozentes betrug beispielsweise in den Staatswaldungen in: Preußen Bayern Sachsen 1820 — 15 17 1830 19 16 25 1850 26 17 35 1870 30 32 61 1890 47 48 80 1900 60 53 83 HSt. 4 3 , 398 (M. Endres). Der Holzertrag an Derbholz der deutschen Forsten betrug b gleichem Bestände Festmeter: 1900: 37868542 1913: 47872257. Stat. Jahrb. 1915, 1919. c) Die Intensivierung der Viehwirtscha Ich begnüge mich damit, einige Ziffern für Deutschland a die — abgeschwächt — für alle Länder Westeuropas gelten. Bis in die Mitte des Jahrhunderts war ein Hauptgewicht auf die Schafzucht gelegt worden. „Die Schafzucht, so konnte ein so erfahrener Landwirt wie von Thünen feststellen, ist für den gegenwärtigen Moment die Angel, um welche sich die ganze Wirtschaftseinrichtung dreht.“ von Thünen, Isol. Staat § 30. Vgl. die gründliche Arbeit von F. Dzialas, Die Entwicklung und die Bedeutung der Schafhaltung in der deutschen Landwirtschaft während des 19. Jahrhunderts. Jenaer Diss. 1898. Man hatte sich viel Mühe gegeben, um die Wollerzeugungzu heben: die gemeinen Schafrassen wurden allmählich durch die edleren verdrängt. So betrug die Zahl der 1816 1849 Merinoschafe. 719200 4452913 halbveredelten Schafe . 2367000 7942718 Landschafe. 5174186 3901277 Die Wollproduktion stieg von 18172871 Pfund im Jahre 1816 auf 35853242 Pfund im Jahre 1849 (nach der vonFrhr. v. Patow verfertigten Statistik der Wollproduktion). 248 Erster Abschnitt: Das Kapital Seit Mitte des Jahrhunderts dagegen wird die Schafhaltung stark vermindert: Rindvieh und Schweine treten mehr und mehr an ihre Stelle. Die Rassen sämtlicher Viehsorten haben sich veredelt; die Stallfütterung — begünstigt durch die Abfallproduktion der Zucker- und Spiritusindustrie sowie die künstlichen Futtermittel — ist allgemeiner geworden; die Ausbeute vom einzelnen Stück an Fleisch, Milch usw. ist beträchtlich gestiegen. Die Viehstandsbewegung kommt durch folgende Ziffern zum Ausdruck. Es wurden gezählt: Pferde Rindvieh Schafe Schweine Anfang der 1860er Jahre 3193700 14999200 28016800 6462600 1873 3352231 15776702 24999406 7124088 1883 3522545 15786764 19189715 9206195 1892 3836256 17555694 13589612 12174288 1900 4184099 19001106 9672143 16758436 1912 4523059 20182021 5803445 21923707 Nach dem Stat. Jahrb. Die für die Viehhaltung benutzte Landfläche bleibt sich von 1893 bis 1913 gleich: 20,8—20,4 Mill. ha. Der Ertrag steigt von: 1893: 238702000 Doppelzentner auf 1913: 554703000 A. Schulte im Hofe, a. a. O., Seite 60/61. Es wurde Fleisch in Schlachtungen gewonnen: 1893: 20256000 dz 1913: 31503700 „ (Zuwachs nur durch Schweinefleisch.) Federvieh wurde geschlachtet: 1893: 1886500 dz 1913: 2443500 „ Milch wurde gewonnen: 1893: 17423 Mill. Liter 1913: 21303 „ Eier: 1893: 3646 Mill. Stück 1913: 5952 „ Butter und Käse unwesentlich vermehrt. Nach A. Schulte im Hofe, a. a. O., Seite 33ff. Nun darf aber freilich nicht verschwiegen werden, daß dieser beträchtliche Ausbau der europäischen Wirtschaft in der eben geschilderten Richtung nicht wohl denkbar gewesen wäre, ohne daß gleichzeitig Anbau und Abbau in dem von mir angegebenen Sinne eingetreten wären. Denn um jene Steigerung der Bodenproduktivität und jene Hebung der Viehwirtschaft zu bewirken, bedurfte es erstens der Einfuhr von unentbehrlichen agrarischen Hilfsstoffen, den künstlichen Futtermitteln aus den neubesiedelten Gebieten; zweitens der Verwendung von Siebzehntes Kapitel: Die Entfaltung der Produktion 249 anorganischen Stoffen in Gestalt der künstlichen Dünger, also von Erzeugnissen des Bergbaues oder von Industrien, die Bergbauerzeugnisse verarbeiten; drittens der Einfuhr aller in extensiver Wirtschaft gewonnenen Rohstoffe und Hölzer, durch deren Wegfall im Innern der europäischen Länder erst Platz für die Steigerung der Lebensmittelproduktion geschaffen wurde. Was insbesondere den künstlichen Dünger anbelangt, so läßt sich seine zunehmende Verwendung ziffernmäßig verfolgen. Anfang der 1840 er Jahre beginnt die Guanoeinfuhr (Guanoverwendung: rascher Abbau!) nach Deutschland. Im Jahre 1842 wurden in das Königreich Sachsen erst 5 Zentner im Werte von 22,5 Talern, 1852 dagegen schon 60483 Zentner im Werte von 272173,5 Talern eingeführt. Nach E. Engel, Das Königreich Sachsen (1853), 292. In letzter Zeit hat zwar der Gebrauch von Guano abgenommen; es wurden davon nach Deutschland eingeführt: 1878: 122305 t 1900: 39439 „ 1913: 36840 „ Um ein Vielfaches jedoch wird diese Abnahme aufgewogen durch die starke Steigerung in der Verwendung der übrigen Düngersorten. An Chilesalpeter wurden eingeführt (nach dem Stat. Jahrbuch): 1878: 50918 t 1900: 484455 „ 1913: 774318 „ An Kalisalzen aber stieg die Produktion seit dem Jahre 1861, in welchem sie begann, auf 1274900 t im Jahre 1890 und 8311700 t im Jahre 1910. Diese Mengen blieben zum größten Teile in Deutschland. An Thomasphosphatmehl betrug im Jahre 1913 die Einfuhr nach Deutschland 441069 t im Werte von 17,6 Mill. Mk., die Ausfuhr 713879 t im Werte von 29,2 Mill. Mk. Der Wert des vor dem Kriege in Deutschland verbrauchten Thomasmehls wurde auf 40 Mill. Mk. geschätzt. (Siehe oben Seite 240). Zur Vervollständigung setze ich noch die Ziffern hierher, die Th. Brinkmann, im Artikel „Ackerbau“ im H St l 4 über den Düngerverbrauch Deutschlands im letzten Menschenalter mitteilt: Verwendung von Dünger: an reinem Kali (K 2 0): 1889 . 234551 dz 1900 . 1177121 „ 1910 . 3 595160 „ an Superphosphat: 1893 . 6 000000 dz 1899 . 8 350 000 „ 1910 . 12 670 000 „ 250 Erster Abschnitt: Das Kapital an Thomaschlacke : 1885 . 50000 dz 1900 . 9 000 000 „ 1910 . 18000000 „ an Chilesalpeter: 1880—84 ... . 957000 dz 1901—05 . 3 635 000 „ 1912 . 8 498 000 „ an schwefelsaurem Amoniak: 1890 . 650 000 dz 1900 . 1180 000 „ 1910 . 3 000000 „ Nach den Berechnungen von Prof. Honcamp-Rostock betrug der Gesamtverbrauch an Kunstdünger in Deutschland: 1890 .... 16 Mill. dz 1900 .... 31 „ „ 1910 .... 59 „ „ 1913 .... 80 „ „ Das heißt: Er verfünffachte sich in dem Zeitraum von 1890—1913, in dem sich der Ertrag nur verdreifachte. Wäre die westeuropäische Landwirtschaft sich selbst überlassen geblieben, auf ihr Produktionsgebiet und die rein organische Produktionstechnik, so wäre sie bald an einem Punkte angelangt der der Entfaltung des Kapitalismus Schranken gesetzt hätte. Da die Mehrproduktion nur mit sinkendem Ertrage bewirkt werden konnte, so war die unausbleibliche Folge ein rasches Steigen der Agrar- produktenpreise. Dieses erlebte England, schon seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts, als dort die Intensivisierung der Landwirtschaft begann. Das Winchester Quarter Weizen kostete am Marientage im Durchschnitt der Jahre in Schilling: 1725—1750: 33,9 1751—1775: 44,4 1776—1800: 56,1 1800—1825: 90,3 Berechnet nach den Tabellen bei Tooke und Newmarch, Deutsche Ausgabe 1 (1862), 798/99. In den kontinentalen Staaten setzte die Preissteigerung erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein und dauerte bis in den Anfang der 1870er Jahre. In Preußen alten Bestandes betrug der Preis für die Tonne in Mark: Weizen Roggen Gerste Hafer 1821—1830: 121,4 126,8 76,6 79,8 1871—1875: 235,2 179,2 170,8 163,2 Nach den Zusammenstellungen Conrads im HSt. 3 \ 892. Siebzehntes Kapitel: Die Entfaltung der Produktion 251 Also dieses war der Fernsehern: Steigen der Preise der notwendigen Lebensmittel, Verteuerung der Arbeitskraft, Sinken des Mehrwertes: Ende der kapitalistischen Herrlichkeit. Daß diese von einer anderen Seite her bedroht war, der des zunehmenden Holzmangels, also des wichtigsten Stoffes im Bereiche der alten, organischen Technik, habe ich früher schon nachgewiesen. Was wollte die Steigerung der Nutzholzprozente besagen gegenüber der allgemeinen Holznot, in die sich die Wirtschaft beim Beginn der hoch- kapitalistischen Ära versetzt sah! So können wir recht gut begreifen, daß klar- und weitblickende Beobachter jener frühen Zeiten die Zukunft in dunklen Farben malten. Ricardo glaubte den Untergang des Kapitalismus vorauszusehen, und zweifellos wäre dieser in sehr kurzer Frist eingetreten, wenn der europäischen Wirtschaft keine anderen Wege zur Ausweitung ihres Daseinsraumes zur Verfügung gestanden hätten als die, die wir bisher verfolgt haben, kein anderes Auskunftsmittel als das, das ich den Ausbau der Wirtschaft genannt habe. Nutzlos die Fortschritte der Technik, nutzlos die Fortschritte der Landwirtschaft, wenn nicht irgendwoher neuer Stoff zugeführt, Korn in die Mühle gebracht wurde, die ohne diese Zufuhr leer zu laufen drohte. Wir wissen aus dem theoretischen Überblick, auf welchen Wegen diese „Substanz“ zu beschaffen war: auf dem Wege des Anbaues und dem des Abbaues. Wiederum stürzten sich die profithungrigen Menschen in wilder Hast auf diese Wege. Wir verfolgen sie auf ihnen. II. Der Anbau 1. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war noch in Westeuropa eine Menge unbesiedelten Bodens vorhanden, auf den man nun zunächst den Anbau ausdehnte. Das Ackerland in den alten Provinzen Preußens betrug: 1802 . 10 Mill. ha 1893 . 14,5 „ „ Aber vom letzten Drittel des Jahrhunderts an ist Westeuropa voll besiedelt; die fünf wichtigsten Zerealien (Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Mais) nahmen daselbst ein eine Fläche von 1000 ha: 1871—1875 . 54243 ha 1901—1905 . 54159 „ Bei Sundbärg, a. a. O. 252 Erster Abschnitt: Das Kapital 2. Das erste Anbaugebiet außerhalb Westeuropas, auf das der Kapitalismus die Hand legt, findet sich in den Ländern alter Kultur, zunächst Osteuropas. Hier betrug (nach derselben Quelle) das Anbauareal der fünf Getreidearten 1000 ha: 1871-1875: 77867 ha 1901-1905: 96814 „ 1906: 100615 „ In Rußland betrug die Anbaufläche für Weizen, Roggen, Gerste, Hafer und Kartoffeln: 1871/1875: 61,1 Mill. ha 1896/1900: 70,1 „ „ 1913: 88,1 „ „ Nach Sundbärg und Stat. Jahrb. In Rumänien standen unter dem Pfluge: 1860: 2494220 ha 1901/05: 5236332 „ Amtliche Denkschrift: La Roumanie 1866—1906 (1907), S. 267f. An Osteuropa reihten sich andere Länder des ferneren Ostens mit ebenfalls alter Kultur, in denen aber die Anbauflächen noch weitere Ausdehnung erfuhren,. indem teilweise früher besiedelte, dann verlassene Gebiete durch Bewässerung der Bodenkultur zurückgewonnen wurden. In Ägypten wurden mit Baumwolle bestellt (ohne den Umfang des Getreidelandes einzuschränken): 1894: 965946 Feddam 1904: 1436708 1908: 1640415 G. Martin, L’evolution economique (1910), S. 117. Die Anbaufläche für Weizen betrug in Britisch-Indien: 1896/1900: 8813000 ha 1912: 11966200 „ Sundbärg und Stat. Jahrbuch. Und dann — das ist natürlich der springende Punkt — kam der große Griff in 3. die unbesiedelten Gebiete des Westens, die ihre weiten, unbebauten Flächen dem europäischen Kapitalismus zur Benutzung darboten. Sundbärg berechnet, daß in den „anderen Ländern“, das heißt in den außereuropäischen Ländern, unter denen Amerika und Australien Siebzehntes Kapitel: Die Entfaltung der Produktion 253 die wichtigsten sind, die Anbauflächen für die fünf Getreidearten folgende waren: 1871/75: 64109000 ha 1901/05: 125025000 „ 1906: 136231000 „ Für Weizen insbesondere betrug die Fläche (die Zahl für 1913 aus dem Stat. Jahrbuch): 1871/75: 27252000 ha 1913: 102658000 „ Über 75 Millionen Hektar sind allein dem Weizenanbau neu gewonnen; zum Vergleich: in Deutschland betrug in den letzten Jahren vor dem Kriege die Anbaufläche für Weizen nicht ganz 2 Millionen Hektar. Diese eindrucksvolle Ziffer verdient es, daß wir sie ein wenig genauer betrachten und Zusehen, aus welchen Einzelziffern sie aufgebaut wird. Die angebaute Fläche umfaßte Millionen acres in den Vereinigten Staaten von Amerika (nach dem Zensus): 1850: 113 1890: 358 1860: 163 1900: 414 1870: 189 1910: 478 1880: 285 Die Zunahme der Weizen erzeugung insbesondere findet in folgenden .Ziffern ihren Ausdruck: Durchschnitt Mit Weizen angebaute Menge des erzeugten der Jahre Fläche (1000 acres) Weizens (1000 busheis) 1866—1875 . . . . . 20470 244672 1876—1885 . .... 34433 424708 1886—1895 . .... 37500 476788 1896—1900 . .... 48989 633074 1901—1905 . .... 50194 700274 1906—1910 . .... 45766 675077 1911—1915 . .... 51910 806361 Also: keine wesentliche Ausdehnung der Anbaufläche seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, dagegen seitdem Beginn eines intensiven Anbaues (oder gute Erntejahre ?)• (Ina letzten Jahrzehnt hat die Anbaufläche übrigens wieder zugenommen.) Die entsprechenden Ziffern für Baumwolle sind folgende: Durchschnitt Mit Baumwolle angebaute Menge der geernteten der Jahre Fläche (1000 acres) Baumwolle (1000 Ballen) 1866—1875 . 8810 3250 1876—1885 . 15209 5652 1886—1895 . 19421 7637 1896—1900 . 24364 10012 1901—1905 . 27865 10801 1906—1910 . 31364 11847 1911—1915 . 35132 14176 Nach dem Stat. Abstract U. S. 254 Erster Abschnitt: Das Kapital In Kanada betrug die Anbaufläche von Weizen 1881—1885 . 925000 ha 1896—1900 . 1307000 „ 1913 . 4457000 „ Sundbärg und Stat. Jahrbuch. In Argentinien waren mit Weizen angebaut: 1891—1895: 1592000 ha. 1896—1900: 2762000 „ 1901—1905: 3919000 „ 1913: 6918500 „ Desgleichen in Australien: 1876—1880: 1881—1885: 1886—1890: 1891—1895: 1896—1900: 1901—1905: 1913: Die Quellen sind wieder dieselben. 1034000 ha. 1428000 „ 1535000 „ 1567000 „ 2177000 „ 2372000 „ 3437100 „ Hafer 1525000 ha 4222000 „ Zur Ergänzung füge ich noch einige Zahlen hinzu, aus denen die Ausdehnung der Viehzucht, insbesondere der Schafzucht in den neuen Anbaugebieten ersichtlich ist. Die Zahl der Rinder bezifferte sich in Argentinien: um 1880 auf 14,2 Millionen „ 1900 „ 21,7 1911 „ 28,8 Die Zahl der Schafe betrug in 1 in Argentinien: in Uruguay: in Australien: in Südafrika: Schafe betrug in Millionen Stück: 1830: 2,5 1882: 72,6 1850: 7,0 1911: 80,0 1870: 41,0 1860: 2,5 1886: 17,0 1908: 26,0 1860: 22,5 1900: 90,0 1910—1912: 107,5 1891 1900 1911 16.5 14,2 30.5 Quellen außer den vorhergenannten: HSt. 7 3 , 399, 938f. Siebzehntes Kapitel: Die Entfaltung der Produktion 255 Der gesamte HSt. 8 3 , 941. Sehafbestand der Erde war: in den 1880er Jahren: 383618034 1900—1910: 482105343. Nun erst, nachdem wir die Ausdehnung der Anbauflächen während des 19. Jahrhunderts kennengelernt haben, verstehen wir, wie es möglich war, jene ungeheuren Mengen von Nahrungsmitteln und (organischen) Rohstoffen zu erzeugen, die dem europäischen Kapitalismus seine stürmische Entwicklung verstatteten. Denn nichts als Sach- kapital war es, das von diesen dem Anbau neu erschlossenen Flächen herbeiströmte und den Kapitalismus wachsen und wachsen und wachsen ließ. Wir wollen uns eine ziffernmäßige Vorstellung von der Weltproduktion an Agrarerzeugnissen machen, zu denen natürlich zu ihrem Teile auch die westeuropäischen Länder selbst, in denen der Kapitalismus hauste, beigetragen haben. Die Anteilsziffern der einzelnen Produktionsgebiete werden es aber deutlich machen, daß nur mittels des Anbaues neuen Landes die rasche Ausdehnung des Kapitalismus ermöglicht worden ist. Statistik der Weltproduklion in Agrarerzeugnissen Die Getreideproduktion der Erde weist folgende Mengen auf (in 1000 dz) Weizen Roggen Gerste Hafer Mais Alle 5 Getreidearten 1866—1870: 500323 297290 — — 370000 1988679 1876—1880: 583315 330995 211351 332547 530471 —• 1886—1890: 647207 354102 231522 408248 618053 2259132 1896—1900: 742490 392370 253739 464777 747606 2600982 1901—1905: — — — — 817257 2941708 1913: 1056740 361080 330620 678640 — — Den Hauptanteil an dieser Produktion hatte Rußland (1913) mit 22% der Weizenproduktion, 68% der Roggenproduktion, 40% der Gerstenproduktion, 23% der Haferproduktion. Danach kamen die Vereinigten Staaten von Amerika: 20% Weizen, 11% Gerste, 23% Hafer. Vgl. Sundbärg, HSt. 4 3 806 ff., Stat. Jahrbuch. Der Verbrauch der wichtigsten Textilstoffe betrug in Millionen Kilogramm: vor dem Kriege im Beginne des 19. Jahrhunderts in den 1880er Jahren Baumwolle . . . . 108 2000 über 4000 Wolle. . . 222 850 1200 Flachs .... . . 285 640 700—800 Hanf. . . 286 450 500—600 Jute. . . 2 400 1600 901 4340 8000—8200 256 Erster Abschnitt: Das Kapital K. Apelt, Die Produktionsentwicklung der Baumwolle in den Sehr, d. V. f. S.-P., Bd. 142, 4. Teil, Seite 32. Die Entwicklung der Baumwollproduktion insbesondere spiegeln folgende Ziffern wieder: 1826—1830: 67900 t 1846—1850: 503800 t 1866—1870: 911300 t 1886—1890: 1869100 t 1896—1900: 2491000 t 1912/13: 4380000 t Von dieser Menge lieferten die U. S. A. etwa die Hälfte. Die beiden nächstwichtigen Produktionsgebiete sind Ostindien (20%) und Ägypten (3—5 %, so daß für die übrigen Länder (Brasilien, China, Rußland, Kleinasien) etwa 25% verbleiben. Ebenda. Die Wollproduktion der Erde stieg von 853,88 Mill. kg in den 1880er Jahren auf 1262,10 ,, ,, in den Jahren 1900—1910. Von dieser Menge lieferte Europa etwa 25 %, Australien und Neuseeland zusammen 32%, Südamerika 20%, die Vereinigten Staaten 11%, Kap- land 5%. Vgl. auch Seite 296 ff. ts ; Nun ist ja aber diese an sich schon gewaltige Erscheinung der räumlichen Ausdehnung des Aabaugebietes noch keineswegs die entscheidende und wichtigste Tatsache, wenn man die Bedeutung dieser Entwicklung für die Entfaltung des Hochkapitalismus ab schätzen will. Was noch viel mehr ins Gewicht fiel, war dieses: daß auf den neu dem Anbau erschlossenen Gebieten — mochten sie in alten Kulturländern, mochten sie in neuem Siedlungslande liegen — die Erzeugungskosten außergewöhnlich niedrige waren. Es strömten also dem westeuropäischen Kapitalismus nicht nur große Massen von Gütern zu, sondern — und nur darum konnten sie so massenhaft geliefert werden — unerhört billige. Die Gründe, weshalb die Agrarprodukte in den neuerschlossenen Gebieten so billig hergestellt werden konnten, waren: (1) produktionstechnischer Natur. Überall stieß man auf ungewöhnlich fruchtbare Ländereien; das gilt für Osteuropa, das gilt vor allem für Amerika. Überall waren die Bodenpreise — im Vergleich zu den westeuropäischen — niedrig. Überall konnte die Wirtschaft daher sehr extensiv betrieben werden. Als Max Sering sein schönes Buch über die landwirtschaftliche Konkurrenz Nordamerikas schrieb (1887), stellte er folgende Bodenpreise fest: westliches Oregon und Washington bestes Marschenland 60 $ für den Acker; östliches Oregon: „Grundstücke, welche sechs Jahre Siebzehntes Kapitel: Die Entfaltung der Produktion 257 Vorher entweder umsonst öder für 2%$ per acre erworben worden waren, wurden im Jahre 1883 für 25—50$ per acre verkauft“; außerhalb des Walla-Walla-Distriktes wurden im nördlichen Teile des fruchtbaren Präriegürtels durchschnittlich 4—5 $ per acre verlangt a. a. 0. S. 268f., 293f. Und für die Gegenden westlich vom Mississippi allgemein: die Grundstücke kosten überhaupt nichts oder nicht mehr als 1%—2% $ per acre = 12,94 bzw. 25,88 Mk. pro Hektar, je nachdem die betreffenden Grundstücke außerhalb oder zwischen reservierten Eisenbahnländereien gelegen sind. Die Eisenbahnkompagnien verkaufen in derselben Gegend ihr Land regelmäßig für 5 $ per acre = 51,77 Mk. pro Hektar. Der Durchschnittspreis für private Grundstücke beträgt 50—120 Mk. pro Hektar. A. a. 0. S. 182. Zum Vergleich: In Mecklenburg-Schwerin betrug der durchschnittliche Landpreis bei Allodialgütern 1875—1879 882 Mk. pro Hektar. Für den preußischen Staat ergaben die Domänenveräußerungen in den beiden Jahren 1879—1881 einen Durchschnittsertrag von 1497,63 Mk. pro Hektar. In der Provinz Sachsen wurden um jene Zeit bei Privatverkäufen 3000 bis 3600 Mk. pro Hektar einschließlich des lebenden und toten Inventars gezahlt, was einem Preise von 2400—2800 Mk. für den Hektar bloßen Landes entsprechen dürfte. In den kleinbäuerlichen Gegenden des Rheinlandes kostete der Hektar Land damals zwischen 4000 und 8000 Mk. Ebenda. Ähnliche Verhältnisse wie in Nordamerika bestanden in allen neubesiedelten Ländern. Aber auch in den Ländern alter Kultur, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts mit ihrem Boden in die Verfügungsgewalt des westeuropäischen Kapitalismus gerieten, waren die Bodenpreise verglichen mit den westeuropäischen niedrig. Die Folge dieser niedrigen Bodenpreise war aber die, daß überall die Wirtschaft extensiv blieb. Sering stellt a. a. O. S. 472 die Ernteerträge in den wichtigsten Getreide erzeugenden Ländern zusammen. Danach war zu seiner Zeit der durchschnittliche Weizenertrag (Hektoliter vom Hektar): Großbritannien.. 26,9 Belgien.24,3 Holland .. . 21,6 Norwegen . ... 20,3 Deutschland .. . 17,0 Dänemark . ..17,0 Finnland.15,5 Frankreich .14,9 Rumänien.. 12,0 Portugal.11,5 Ungarn . ..11,0 Vereinigte Staaten.10,7. Seitdem ist die Intensität der Landwirtschaft in den westeuropäischen Ländern fast durchgängig beträchtlich gestiegen; dagegen sind die „Kornkammern“ Westeuropas bis zum Kriege auf einer sehr extensiven Stnfe Sombart, Hochkapitalismus. 17 258 Erster Abschnitt: Das Kapital der Landwirtschaft stehen geblieben. Die Ziffern für die letzten Jahre vor dem Kriege (1911—1913) sind folgende: Der Weizenertrag betrug vom Hektar (1 hl == 76 kg): Belgien.26,0 dz Niederlande.24,6 „ Deutschland.23,6 ,, Schweiz.22,0 ,, England.21,0 ,, Schweden.20,9 ,,. Dagegen: Vereinigte Staaten von Amerika 10,2 (im Durchschnitt!) Europäisches Rußland.9,1 (schon als Wirkung der Stolypinsclien Reform, bis kurz vorher 5—-6) Britisch-Indien.8,2 Argentinien.7,8 Australien.7—8. Stat. Jahrb. Für die Viehzucht, namentlich die Schafhaltung, liegt die Extensität auf der Hand. „Ungeheure in extensiver Viehwirtschaft betriebene Besitzungen, deutschen Königreichen gleich, finden sich in allen australischen Ländern. Wo Tausende sich mit arbeitslustigen Händen in Ackerbau und intensiver Viehzucht mühen, Herde schaffen, Familien gründen und eine Nation aufbauen könnten, treiben einige reitende Hirten das Vieh im Dienste fremder Herren, die in England sitzen oder allerwärts zerstreut die Aktienkupons schneiden.“ Rob. Schachner, Australasien in Politik, Wirtschaft, Kultur. 1909. S. 248. Die Durchschnittszahl der Schafherden in Queensland betrug 1907 6091 Stück. In Neusüdwales umfaßten (1905) die Herden von 1—1000 . . . . 4066162 1001—2000 . . . 3787648 2001—5000 . . . . 5746793 5001—10000 . . . 4580497 10001—20000 . . . 6522915 20001—50000 . . .10001922 50001—100000 . . . 3779240. In Argentinien herrschen ähnliche Verhältnisse. Das Klima läßt während des ganzen Jahres die Weidung der Tiere auf freiem Felde zu. Dieses ist die natürliche Grasnarbe, die erst in den letzten zwanzig Jahren vor dem Kriege durch Ansaat von Alfalfa und anderen Futterpflanzen hier und da verbessert wird. E. Pfannenschmidt, Die landwirtschaftlichen Produktionsverhältnisse Argentiniens in den Sehr. d. V. f. S.-P., Bd. 141, I. S. 64ff. Neben den produktionstechnischen Gründen kommen in den meisten peripheren I ändern als preisverbilligende Umstände ferner in Betracht: Siebzehntes Kapitel: Die Entfaltung der Produktion 259 (2) Verteilungsgründe. Die Bauern haben überall eine sehr geringe Quote ihres Erzeugnisses als Entgelt ihrer Arbeit erhalten. In fast allen Ländern, aus denen Europa seine Nahrungsmittel (und Rohstoffe) bezogen hat, haben sich die Produzenten nicht satt gegessen. Darüber wird Näheres in Erfahrung gebracht werden, wo ich die Stellung des Bauern im Zeitalter des Hochkapitalismus erörtere: siehe das 58. Kapitel. Endlich kanu man noch anführen als Ursache billiger Produktionskosten : (3) Umsatzgründe. In verschiedenen Ländern, die uns ihre Bodenerzeugnisse geliefert haben — Indien, Südamerika, Nordamerika —, hat kürzere oder längere Zeit eine unterwertige Valuta geherrscht, wodurch die in Gold ausgedrückten Preise so lange gesenkt wurden, als sich die Kaufkraft des einheimischen Geldes nicht im Verhältnis zu seiner Entwertung verringerte. Der belebende Einfluß der Valutaverschlechterung auf die Ausfuhr aus den Bodenländern ist ziffernmäßig festgestellt worden und braucht hier nicht nachgewiesen zu werden. Siehe z. B. Max Becker, Derargrew- tinische Weizen im Weltmärkte (1903). Hier findet man auf S. 234 folgende lehrreiche Ziffernreihe (Indexnummern): Goldkurs 1886/87 .... 100 1890/91 .... 186 1895/96 .... 248 Generalindex Angebaute Fläche in Santa Fe Entre Rios 100 100 131 258 263 550. Der Generalindex für 28 Ausfuhrgüter stand in Indien 1895 111 (1873 = 100), die Kaufkraft der Rupie war also um 10%, der Kurs aber in derselben Zeit um 41,5 gesunken. Die Weizenausfuhr aus Indien stieg von 1870/71 bis 1891/92 von 248000 cwt. auf über 31 Millionen cwt. Brij Narain, Exchange and Prices in India 1873—1924 im Weltwirtschaftliche Archiv 23 (1926). 2. Heft. S. 251, 255. Das Ergebnis waren überall billige Produktionskosten: siehe für Nordamerika die Angaben bei Sering, a. a. O. S. 249, 293. 389, 442, 573 u. ö. Die amtlichen Preisfestsetzungen ergeben daselbst einen durchschnittlichen Preis loco Farm für den Bushel in Cents: Durchschnitt Weizen Mais 1870—1879 . . . ... 105 43 1880—1889 . . . ... 83 40 1890—1899 . . . ... 65 35 1900 . ... 62 36 Seitdem steigende Preise. Nach den Berechnungen des statistischen Departements für Landwirtschaft mitgeteilt bei v. Juraschek, Übersichten, 18. 17 * 260 Erster Abschnitt: Das Kapital . - Und soinit: billige Preise der Rohstoffe und Nahrungsmittel — billiges Sachkapital für den europäischen Kapitalismus. Da aber die niedrigen Preise am Verbräuchsorte noch von einem zweiten Umstande bestimmt wurden: den Transportkosten, so werde ich weitere Preisangaben erst machen, nachdem ich die Entwicklung' der Transportkosten dargestellt habe : siehe unten Seite 281 f. Alle diese Wirkungen würden — wenngleich in abgeschwächtem Maße — auch eingetreten sein, wenn die Wirtschaft in den neuen Anbaugebieten Ersatzwirtschaft gewesen wäre. Offenbar war sie es aber in weitem Umfange nicht. Das heißt: vielerorts artete der Anbau in Abbau aus. Da uns dieser als eine besonders interessante Erscheinung für sich beschäftigen wird, erörtere ich das Problem des landwirtschaftlichen Raubbaues im Zusammenhänge mit den anderen Abbaufällen. 7 III. Der Abbau 1. Die erste Möglichkeit, von der „Substanz“ zu leben, das heißt also, das natürliche Einkommen zu überschreiten, ist, wie wir sahen, der nicht ersetzte Verbrauch von Nährstoffen in der Ackerkrume. Wir nennen eine Landwirtschaft, die sich dieses Mittels bedient, um zu billigen Erzeugnissen zu gelangen, eine Raubwirtschaft. Und Raubbau ist in wohl all den Gebieten' getrieben worden, aus denen der Zuschuß von Agrarprodukten zu den Erzeugnissen Westeuropas im 19. und 20. Jahrhundert kam. Von den Getreide produzierenden Weststaaten der nordamerikanischen Union schreibt Sering in den 1880er Jahren: „Es ist eine allgemeine Klage in diesen Ländern, daß ... die Fruchtbarkeit (sich) durch Raubbau vermindert hat. . . Die Weizenerträge werden immer mehr unsicherer und sind auf vielen länger kultivierten, aber nie ausgeruhten oder gedüngten Grundstücken auf 5—12 busheis vom Acker (335—670 kg per Hektar) gesunken. . . Man bestellt zu viel Land in der bekannten, ganz oberflächlichen Weise, wirft den Dünger in den Fluß oder verschleudert ihn auf andere Weise; es ist ganz gewöhnlich, daß man mehrere Ernten Mais oder Weizen hintereinander von demselben Acker nimmt.“ A. a. 0. S. 481, 489. Der Raubbau äußerte sich in der Abnahme der Erträge von der Einheit der Bodenfläche. So betrug die durchschnittliche Erntemenge Mais vom Acre (nach dem Stat. Abstract U. S.): 1866—1875: 26,1 busheis 1876—1885: 25,5 1886—1893: 24,0 1894—1898: 24,5 1899—1903: 23,9 Siebzehntes Kapitel: Die Entfaltung der Produktion 261 Ebenso ist die Baumwollkultur in den Vereinigten Staaten raubwirtschaftlich betrieben worden. Folge: ein fortwährendes Sinken des Ertrages. Vom acre wurden Ballen Baumwolle geerntet (nach dem Zensus): 1880: 0,48 1900: 0,39 1910: 0,33. Etwa seit dem Anfänge des 20. Jahrhunderts geht man in weiterem Umfange zur Ersatzwirtschäft über. Siehe den Bericht von Max Augstin in den Sehr. d. V.f.S.-P., Bd. 141. In besonders hohem Maße ist in Kanada Raubbau am Boden getrieben worden. Der Report of the Superintendent of Experimental Farms (Department of Agriculture, 1913) ist eine vernichtende Anklage gegen die kanadischen Farmer: „The utterly unscientific and wasteful methods of agriculture too long pursued by farmers in the West have impoverished the soil and the average yield per acre of wheat is steadily dropping.“ Die Nordwestprovinzen näherten sich damals der Zeit, in der die wundervolle Schwarzerde der Prärie erschöpft war infolge ununterbrochenen Anbaues von Weizen und der völligen Vernachlässigung der Düngung und die Felder „dirty“ wurden, das heißt verunkrauteten. „Manitoba has been a farming country for barely forty years and during that short spae'e •of time her prodigious natural resources have been dissipated and abused . j . The land has been cropped with feverish haste and the precious ingredients •of the soil wasted with an utter lack of prudence if only money might be made quickly . . .“ Die Sache verschlimmerte sich in dem Maße, wie die alten Siedler, die noch auf Freiland gesessen hatten, durch die- Pächterfarmer ersetzt wurden. Diese hatten nur das eine Bestreben, Während der Pachtperiode soviel als möglich aus dem- Boden herauszupressen und dann westwärts weiterzuziehen. . Erst 1906 wurde ein Agricultural College eingesetzt,: das der völligeil Auspowerung des Bodens steuern soll. Seinem Einfluß ist es zu danken; wenn noch in den letzten Jahren vor- dem Kriege einige Reformen im landwirtschaftlichen Betriebe durchgeführt worden sind. Siehe Humfrey Michell, Economic conditiöns in North-West-Canada in The Economic Review 15. Oktober 1913. Bd. XXIII. Nr. 4. In Argentinien war noch in der -letzten Zeit vor dem Kriege Raüb- wirtschaft ebenfalls die Regel. „Der Boden wird andauernd in oberflächlicher Weise bearbeitet, und unvermeidlich ist daher, daß er enorm verunkrautet und die Ackerkrume stark ausgesogen wird. Da der typische Weizenbauer seinen Boden nur einmal im Jahre und in geringer Tiefe von wenigen Zentimetern pflügt, ist eine Erschließung der Nährstoffe unmöglich, und eine Verarmung dieser schwachen Ackerkrume kann nicht ausbleiben, in deren Folge die Erträge äußerst niedrig und sehr unsicher- sind-.“ E. Pf annenschmidt in Sehr. d. V.f.S.-P., Bd. 141, I, S. 34. Neuerdings wird durch den Anbau von Alfalfa (Luzerne) und eine Vereinigung von Viehwirtschaft und Weizenbau Wandel zu schaffen versucht. Indien: „Ungenügende Düngung ist der Hauptfehler des indischen Ackerbaues. Das Zeugnis für die Erschöpfung des Bodens ist von vielen 262 Erster Abschnitt: Das Kapital Sachverständigen erbracht und meist als endgültig angesehen worden. Der allmähliche Einschluß von Weideland hat die Erhaltung eines größeren Viehbestandes erschwert und die Menge verfügbaren Kuhdungs vermindert. Selbst dieser wird nicht allein zu Düngungszwecken verwandt, denn der Mangel an Feuerungsmaterial macht es notwendig, ihn in Feuerung zu verwandeln. Der große Verlust, den der indische Ackerbau dadurch erleidet, ist ausführlich vonLupton in seinem Buche,Happy India‘behandelt worden.“ Siehe Zakir Husain, Landwirtschaft und Agrarverfassung in Britisch-Indien. Berliner Inaugural-Diss. 1926. Von Neu-Seeland erfahren wir: „The manure bills, which is such a heavy item of annual expenditure with the British farmer, presses as yet very lightly on the farmers of the colony.“ The New Zealand Official Year- Bookl906, pag. 600. Damals begann die Düngung. Ebenda. Die Fruchtbarkeit des Landes ist so groß, daß man ohne Ersatz aus dem Vorrat schöpfen kann, ohne — einstweilen! — das Land auszusaugen: „So full is the soil of plant-food, that several crops of potatoes or cereals may be taken with little apparent (!) exhaustion“. A. a. 0. S. 590. In ganz Australien war die landwirtschaftliche Produktion bis ins 20. Jahrhundert hinein noch „Raubbau an jungfräulichem Boden“. Victoria, das in Australien die intensivste Bodenkultur zeigt, hatte 1898 erst auf 7318 Besitzungen mit 225830 Acres Düngung. Im folgenden Jahrzehnt wird Düngung üblich: 1907 waren 2 Millionen acres von etwa 2% Millionen acres angebauten Landes gedüngt. Westaustralien düngte 1906/07 73,86% seiner unter Anbau stehenden Fläche. Rob. Schachner, Australasien (1909), S. 282. Aber auch hier setzt die Ersatzwirtschaft erst mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts ein, als sich infolgedessen die Agrarprodukten- preise schon zu heben begannen. Bekannt ist die Mißwirtschaft, die im zaristischen Rußland beim Bodenanbau herrschte: „Gedüngt wird nicht (in der Bauernwirtschaft) oder in äußerst seltenen Ausnahmefällen. Folge ist bei der oberflächlichen Pflügung die Erschöpfung der Bauernäcker . ..“ „Düngung fanden wir in der von uns besuchten Kolonie (deutscher Ansiedler) so wenig in Anwendung wie bei den russischen Bauern.“ Von der Ukraine: „In den meisten Fällen . . . (bebaut der Bauer) alljährlich unausgesetzt und ohne Düngung das gesamte Areal des Dorfes mit Getreide . . . Nach der Statistik der Landschaft bebauen von 270 Gutsbauerngemeinden 145 ununterbrochen das Ackerfeld in der angegebenen Weise. . . Folge der bezeichneten Wirtschaftsweise ist eine zunehmende Erschöpfung . . . des Bauernlandes.“ G. v. Schulze-Gaevernitz, Volkswirtschaftliche Studien aus Rußland (1899), S. 417, 422, 433, 434 u. ö. Vgl. J. S. Bloch, Meliorationskredit und der Stand der Landwirtschaft in Rußland, (russ.) Auszüge bei Mertens, a. a. O. S. 41, 459 f. sowie die Ergebnisse der amtlichen Enqueten, die in den 1880 er und 1890 er Jahren für das Gouvernement Ssamara, das wichtigste Getreidegebiet des Wolgabeckens, veranstaltet worden sind: unter Sommergetreide wird überhaupt nicht gedüngt; das gedüngte Land bildet bei den Gutsbesitzern 0,4 %, bei den Bauern 0,7% des gesamten Ackerlands. „Alle bäuerlichen Ackerfelder werden von der Siebzehntes Kapitel: Die Entfaltung der Produktion 263 Bevölkerung selbst als ,alter“, ,weicher“, ,ausgeackerter“ Boden bezeichnet. Wir sehen denn auch auf unserm Boden eine welke Vegetation, eine allmählige Ausartung der Kulturpflanzen.“ Der Ertrag ging zurück: nach den Feststellungen von Lossizky betrug im Gebiet der Schwarzerde die Roggenernte pro Dessjatine auf den Bauernäckern in Tschetwert: in den 1850 er Jahren 5.96 ,, ,, 1880 er Jahren 4.93. Mitgeteilt bei C. Lehmann und Parvus, Das hungernde Rußland (1900), 230f. 337. Wenn diese Länder, aus denen wir uns satt gegessen haben, nicht einmal den natürlichen Dünger zweckentsprechend verwerteten, so dürfen wir uns nicht wundern, wenn die Anwendung künstlichen Düngers so gut wie unbekannt in ihnen war. Auch die rationeller bewirtschafteten Gutsbetriebe hatten einen außerordentlich geringen Bedarf an künstlichem Dünger. Während vor dem Kriege in Deutschland 1,68 Doppelzentner davon auf den Hektar verbraucht wurden, bezifferte sich der Verbrauch in Rußland auf 0,06 dz ,, Rumänien ,, 0,01 ,, „ Kanada „ 0,03 ,, ,, Argentinien ,, 0,003 ,, A. Schulte im Hofe, a. a. 0., S. 70. 2. Die andere Form, in der sich ein Abbau aufgespeicherter Vorräte vollzieht, ist der ersatzlose Verbrauch vorhandener Pflanzen- und Tierbestände. Leider versagen hier die Mittel der Statistik fast völlig, um uns von diesem Vorgang eine ziffernmäßige Vorstellung zu machen. Daß Abbau in der genannten Weise in sehr weitem Umfange getrieben ist und daß er für die Entfaltung des Kapitalismus von nicht zu unterschätzender Bedeutung war, wird trotzdem nicht in Abrede gestellt werden dürfen. Es ist vielleicht von geringem Belang, daß die Reichen ihren Pelzoder ihren Federschmuck sich durch die Vernichtung der sie liefernden Tierarten beschafft haben. Immerhin: die kommenden Geschlechter haben auch hier das Nachsehen, wenn sie sich nicht mit den Erzeugnissen gezüchteter Tiere begnügen wollen. Es ist auch keine sehr wichtige Tatsache, daß wir die Hirsche und Rehe und Wildschweine und Fasanen und Rebhühner und Hummern und Austern mit der Zeit aufgegessen haben, obwohl auch sie zur Erklärung unseres Reichtums in der vergangenen Zeit nicht ganz außer acht zu lassen ist. Aber ich will von allen solchen nebensächlichen Fällen absehen und nur an einen Vorgang erinnern, der für die Entfaltung des Hochkapitalismus von entscheidender Bedeutung ist. Ich meine: das Abholzen der Wälder. Was uns die Statistik über diese Form des Verzehrs vorhandenen 264 • ^Erster Abschnitt: Das Kapital Vermögens zu berichten weiß, genügt so ziemlich, um den Vorgang in seiner ganzen Tragweite wenigstens ahnen zu lassen. Wir besitzen die'Holzäusfuhrziffern der Waldländer. Die Ausfuhr an nicht, bearbeiteten Hölzern aus Schweden, Norwegen, Finnland, Österreich-Ungarn, Rußland, Vereinigten Staaten, Kanada betrug (nach Sundbärg, S. 286) im Durchschnitt der Jahre: 1891—1895. 723,4 Millionen Franken 1896—1900. 1003,8 1901-1905. .1186,9 ln diesen denkwürdigen Ziffern (1 Milliarde entnahm der westeuropäische Kapitalismus schon im Anf ang dieses Jahrhunderts [seitdem ist die Ziffer beträchtlich gewachsen] aus dem Naturvermögen allein an Holz, um sein Sachkapital auszuweiten), ist mm aber nicht berücksichtigt der Selbstverbrauch der holzerzeugenden Länder. Und dieser ist vor allem für die Vereinigten Staaten ein ganz gewaltiger. Man rechnet, daß der Gesamtverbrauch an Holz auf den Kopf drüben achtmal so groß ist als der europäische Durchschnitt. Bekanntlich hat die materielle Kultur Amerikas bis in unsere Tage hinein ihr „hölzernes“ Gepräge, das in Europa die früheren Zeitalter kennzeichnet, nicht völlig abgestreift. In weitem Umfange ist das amerikanische Wohnhaus in kleineren Städten und auf dem Lande noch heute aus Holz (im Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in den Vereinigten Staaten noch 12 Millionen Holzhäuser neben 1 Million Steinhäuser), und auch die sogenannte „Pracht“ der großstädtischen Bauten besteht drüben großenteils in der verschwenderischenVerwendung edler Hölzer. Selbst die Fabriken werden noch teilweise aus Holz gebaut. Auch heizt man in weitem Umfange noch mit Holz. Alle diese hölzernen Dinge, zu denen nicht als geringste Posten das Papier (fünf mal so großer Bedarf auf den Kopf als in Deutschland!), die Bahnschwelle und -brücke und die Grubenhölzer kommen, stammen mm nicht nur aus dem Einkommen, sondern sind zum großen Teil einmaliger Verbrauch alten Vermögensbesitzes. Die mit Wald bestandene Fläche in den Vereinigten Staaten hat einst 822238000 acres betragen; davon ist etwa die Hälfte verschwunden. Die gegenwärtige Waldfläche beträgt 469475000 acres. Die Produktion von Holz ist wie folgt gestiegen: sie betrug (in Millionen Bretterfuß): 1869: 12756 1899: 34787 1879: 18091 1909: 44510. 1889: 23842 1 Alle Ziffern aus dem Abstract U.S. Man rechnet, daß in Amerika der Siebzehntes Kapitel: Die Entfaltung der Produktion 265 Ersatz des geschlagenen Holzes durch Nachwuchs 200 Millionen Tonnen, der tatsächliche Verbrauch aber das Dreifache hiervon beträgt. Th. Francken in Sehr. d. V.f.S.-P. 142, I, S. 13. Ein nicht unwesentlicher Teil des Reichtums der Vereinigten Staaten ist also aus dem Holzbestande aufgebaut, den man bei der Besiedlung im Lande vorfand. Mittlerweile sind auch die Vereinigten Staaten bereits holzbedürftig geworden: es lohnt mehr, in die holzfressenden Oststaaten Holz aus dem benachbarten Kanada als aus dem fernen Westen einzuführen. So ist man denn jetzt darauf aus, Kanada abzuholzen. Im Jahre 1924 betrug die Mehr- ausführ von Holz und Holzerzeugnissen (einschließlich Papier) aus Kanada 220087616 $, also wiederum 1 Milliarde Mark. Davon gingen für 186 721924 $ in die Vereinigten Staaten. Board of Trade Journal, 19. Februar 1925. Vgl. im übrigen den bereits angeführten Bericht des Bureau of Cor- porations über den Waldbestand in U.S.A.: The Lumber Industry, Part I, 1913. Aber was will das alles besagen verglichen mit der unermeßlichen .Bereicherung an Sachkapital, die die europäische Wirtschaft dadurch erfuhr, daß es ihr, dank der modernen Technik, gelang, die im Erd- iunem aufgespeicherten Mineralschätze für ihre Zwecke nutzbar zu machen. Ich habe an einer anderen Stelle schon auf die grundlegende Bedeutung hingewiesen, die diese Aneignung uralten Erdvermögens für die Ausgestaltung des Kapitalismus gehabt hat, und habe die Ansicht geäußert, daß Abbau der Bodenschätze und Hochkapitalismus im Grunde nur zwei verschiedene Ausdrücke — der naturale und der soziale — für ein und dieselbe Sache seien. So daß es uns jetzt nur noch obliegt, die Wege zu verfolgen, auf denen der Kapitalismus die ihm von der Technik gegebene Möglichkeit zur Wirklichkeit gemacht hat. 3. Von dem Abbau der Bodenschätze vermögen wir uns ein ziemlich deutliches Bild zu machen, da gute Statistiken vorliegen. Ich gebe einen Überblick über die Gewinnung der wichtigsten Bergbauerzeugnisse. Erdöl: Die Gewinnung von Petroleum beginnt in den 1850er Jahren. 1859 erzeugen die Vereinigten Staaten 2000 barreis. Die auf der ganzen Erde geförderten Mengen betrugen in Millionen Kilogramm: 1890: 10,3 1905: 27,0 1900: 18,6 1913: 53,3. Während im Jahre 1900 die amerikanische Erzeugung noch nicht die Hälfte der Gesamtproduktion ausmacht, stellt sie jetzt etwa zwei Drittel davon dar. Bis 1905 aus Annual British Rep. on Mines and Quarries, seitdem (The Mineral Industry, ed. by Ch. of NY. j . .. . 266 Erster Abschnitt: Das Kapital Düngemittel: Kalisalze wurden in Deutschland erzeugt im Jahresdurch- schnitt tausend Tonnen: 1861—1865: 58,1 1901—1905: 3916,0 1881—1885: 1037,3 1912: 7477,8. Stat. Jahrb. Chilesalpeter: Die Produktion bzw. Ausfuhr betrug im Jahresdurchschnitt in Millionen Kilogramm: 1830—1835: 16,6 1890—1894: 958,5 1860—1864: 321,0 1906: 1805,6 HSt. 2 3 , 771. Vgl. auch die Ziffern oben auf Seite 249 f. Steinkohle wurde gefördert in Millionen Tonnen: auf der Erde in England in Deutschland in den Ver. Staaten 3,5 485. 1800: 15 10 1 1850: 75 50 6 1912: 1245 265 259 Eisenerzförderung auf der Erde in Millionen Tonnen 1850 11,5 1900: 92,2 1860 18,0 1905: 117,1 1880 43,7 1912: 157,2. HSt. 2 3 , S. 768 und Stat. Jahrb. •Eisengewinnung auf der Erde in tausend Tonnen: 1850 4187 1890: 27427 1860 7446 1900: 40972 1870 12021 1910: 54000. 1880 18021 Für 1850—1900 aus B. Neumann, Die Metalle (1904), S. 57; für 1910 aus Stat. Jahrb. 1912. Änp/ergewinnung auf der Erde in Millionen Tonnen: Anfang der 1890er Jahre 350—400000, vor dem Kriege etwa 1 Million. Den Hauptanteil an der Zunahme der Produktion haben Süd- und Nordamerika, insonderheit die Vereinigten Staaten. Hier hat sich die Produktion wie folgt entwickelt. Sie betrug Tonnen: 1840: 100 1890: 115966 1860: 7200 1900: 270588 1880: 27000 1911: 541743. Nach dem Stat. Abstr. U.S. Es ist natürlich schwer, aus diesen trockenen Ziffernreihen sich ein lebensvolles Bild von der überragenden Bedeutung zu machen, die die Hereinziehung der anorganischen Stoffe für den Aufbau der Güterwelt hat. Vielleicht tritt die Bedeutung dieses Vorganges etwas klarer ins Bewußtsein, wenn wir sie an einzelnen Beziehungen zu ermessen trachten. Ein Weg, von dem Umfang der anorganischen Güterwelt in unserer Wirtschaft sich eine Vorstellung zu verschaffen, führt über die Be- Siebzehntes Kapitel: Die Entfaltung der Produktion 267 rufsstatistik. Wir können diejenigen Berufsgruppen herausheben, deren Produktionsmittel ausschließlich der anorganische^, das heißt hier immer: der leblosen, Welt angehören, und können ihre Besetzung mit der Gesamtzahl der Industriearbeiter vergleichen, auch die progressive "Vermehrung der in der anorganischen Industrie erwerbstätigen Personen im Ablauf der Zeiten feststellen. Als rein oder fast rein anorganische Berufsgruppen kann man folgende ansprechen: Bergbau und Hüttenbetrieb, Industrie der Steine und Erden, Metallverarbeitung, Maschinenindustrie (zu etwa neun Zehntel), chemische Industrie. Die Arbeiterzahl in diesen fünf Gruppen im Vergleich mit der Gesamtzahl der in Industrie und Bergbau Beschäftigten war in den Jahren der deutschen Berufszählungen in Deutschland folgende: Gesamtzahl der Er- Erwerbstätige in den Anteil der werbstätigen in In- anorganischen anorganischen dustrie und Bergbau Industrien Industrien 1882 . . . 6396465 1644462 25,7% 1895 . . . 8281220 2419268 29,2% 1907 . . . 11256254 3929721 34,9% Nach Übersicht 9 in Band 211 der Statistik des Deutschen Reiches. Man ermesse, was das heißt: mehr als ein Drittel unserer gesamten gewerblichen Produktion hat ihre Heimat unter der Erde! Womit nun aber der Anteil der anorganischen Stoffe an der gesamten Güterwelt noch keineswegs völlig angegeben ist. Denn wir müssen berücksichtigen, daß ein sehr wesentlicher Teil der Produktionsmittel aller Gewerbe anorganischen Ursprungs ist: alle Maschinen und Apparate und viele Werkstoffe: Eisenkonstruktion, Mauerwerk in den Bauten usw. Wir müssen ferner in Betracht ziehen, daß der Anteil der anorganischen Produktion an der Großindustrie viel beträchtlicher ist als der Anteil an der gesamten gewerblichen Produktion, da gerade die „organischen“ Gewerbegruppen (Industrie der Holz- und Schnitzstoffe, Industrie der Nahrungs- und Genußmittel, Bekleidungsgewerbe) das Betätigungsfeld der kleineren Betriebe sind. Zählen wir dagegen nur die der Gewerbeaufsicht (in Deutschland) unterworfenen Betriebe, das sind diejenigen mit mehr als zehn Arbeitern, so ändert sich das Bild gewaltig: der Anteil der anorganischen Industrie (die obigen Gewerbegruppen III, IV, V, VI, VII) steigt auf über die Hälfte. Nach den Berichten der Ge- 268 Erster Abschnitt: Das Kapital Werbeaufsichtsbeamten betrug 1913 die Gesamtzahl der Arbeiter in den ihrer Aufsicht unterstellten Betrieben 7386173. Davon waren in der anorganischen Industrie (wie oben) beschäftigt 3878550, das sind 52,5%- Stat. Jahrb. 1915, S. 70/71. Man muß endlich bedenken, daß fast das gesamte Transport- wesen auf anorganischer Grundlage ruht. Und man wird allmählich verstehen, welche Bedeutung für die Sachkapitalbeschaffung die Erschließung der Bergwerke gehabt hat, daß vielleicht schon heute — wenigstens in der Stoffbearbeitung und dem Transport — der größere Teil des Sachkapitals dem Abbau seine Entstehung dankt, also verzehrtes Vermögen, nicht verzehrtes Einkommen, ist. Ein anderer Weg, auf dem man zu einer greifbaren Vorstellung gelangen kann von der Bedeutung des Anorganisierungsprozesses, den unsere Wirtschaft durchgemacht hat, führt über die Produktionsstatistik. Wir können ihn auf dem Gebiete der Farbentechnik beschreiten. Was hat der künstliche Indigo an Ackerland freigesetzt? Wie rasch sich seine Erzeugung im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ausgedehnt hat, lehren die Ziffern der Ausfuhr aus Deutschland. Diese betrug: 190Ö 1873 t 1908 15456 t 1901 2673 „ 1909 16106 „ 1902 5284 „ 1910 17564 „ 1903 7233 „ 1911 21618 „ 1904 8730 „ 1912 24827 „ 1905 1906 11165 „ - 12733 ,, •1913 33353 „ im Werte von 53 Millionen Mark; nach dem Stat., Jahrb. In dieser Zeit ging die Ausfuhr von Pflanzenindigo aus Britisch-Indien wie folgt zurück; sie betrug: 1896: 9430 t 1900: 5596 t 1898: 6758 „ 1905/06: 1500;,, 1913/14: -547 „ Und dementsprechend die Anbaufläche. Diese hatte noch 1896—1900 durchschnittlich 1200000 acres betragen, sank schon 1901/02 auf 791200, 1902/03 auf 574700 acres und ist seitdem immer weiter eingeschränkt. 1913/14 betrug sie noch 169 221 acres. Ebenso verfiel die Indigoproduktion auf Java rasch. Sie sank von ■ 12580 Kisten im Jahre 1898 auf 2506 „ „ „ 1907. Die Ziffern für 1896—1905/6 aus „J. rein B. A. S. F.“ Schrift , der Badischen Anilin und Soda-Fabrik (1909). Zitiert bei Binz, Kohle und Eisen (1909), 120; für 1913/14 nach dem Stat. Abstract of British India, 1924. . - , ■ Siebzehntes Kapitel: Die Entfaltung der Produktion 269 . Ebenso wie der künstliche Indigo den Anbau des Pflanzenindigos -vernichtet, zerstört die rote Alizarinfarbe die Krappkultur. Eine lehrreiche Zusammenstellung zeigt die Zunahme der Teerfarbenerzeugung, das Sinken des Preises für Alizarinfarben und damit gleichen Schrittes die Verringerung der Krappgewinnung. ; .: Fabrikation von Preis für. i. ^Französische Preis für Jahr Alizarin (20%ige ikg t Krappernte 100 kg Paste) in Tonnen in Franken in Tonnen in Franken 1870 20 34 15900 '• 76 1871 100 32 15850 80 1872 250 34 25000 73 1873 500 12 23150 55 1874 625 11 22000 49 1875 630 9. 21000 39 1876 2000 6 14750 27 1877 4000 4 7000 23 1878 4500 3 2500 15 1892 12500 2 — — G. F Jaubei't, La garance et l’indigo, 55. Zitiert bei A. Binz, a. a. O., 2. Aufl., S. 107. Zu beachten ist der viel höhere Nutzeffekt des künstlichen Stoffes: der Färbewert von 18 t Krappwurzel ist derselbe wie der von 11 20%iger Alizarinpaste. Ein dritter Weg endlich zur sinnhaften Erfassung des uns hier beschäftigenden .Tatbestandes ist der über die Konsumstatistik. Wir wissen, daß Kohle und Eisen in erster Linie dazu bestimmt sind, als Heiz-, Hilfs- und Werkstoff das Holz zu ersetzen. Wie hat sich nun der Holzverbrauch im letzten Jahrhundert entwickelt? Man verbrauchte in England (vgl. HSt 4 3 , S. 426): Anfang des 19. Jahrhunderts . 0,224 cbm auf den Kopf der Bevölkerung, Mitte des 19. Jahrhunderts . . ... 0,168 ,, „ „ ,, „ „ in der Gegenwart. . 0,336 ,, „ „ „ „ „ in Deutschland, einem noch etwas „organischeren“ Lande, 0,532 cbm auf den Kopf. Wahrscheinlich hat sich der Verbrauch auf den Kopf nicht wesentlich vergrößert; man verbraucht also in einem Lande wie Deutschland heute 2—3 mal so viel Holz wie vor 100 Jahren. Heute machen die Forsten 17,8% der Gesamtfläche in Deutschland aus; das Ackerland 56,7%, die Wiesen 15,8%. Den heutigen Holzertrag der Forsten zugrunde gelegt, würde also eine Verdoppelung der Holzerzeugung schon ein Viertel des Acker- und Wiesenlandes beanspruchen. 270 Erster Abschnitt: Das Kapital Und nun halte man dagegen die Steigerung, die im vergangenen Jahrhundert der Eisenverbrauch erfahren hat! Er betrug in Deutschland auf den Kopf der Bevölkerung: 1834-1835: 5,8 kg 1901-1905: 157,1 kg 1866-1870: 35,4 „ 1910: 218,5 „ 1891—1895: 100,2 „ 1913: 276,5 „ HSt 3 3 , 798. Die Vereinigten Staaten waren schon vor dem Kriege Deutschland im Eisenverbrauch vorangeeilt; dieser war über 300 kg auf den Kopf gestiegen und beträgt jetzt über 400 kg. Der Eisenverbrauch nähert sich dem Holzverbrauch an. Wobei nun aber wiederum zu berücksichtigen ist, daß der Nutzeffekt des Eisens ein viel größerer ist als der des Holzes. Man wird sagen können: als Werkstoff erspart sein Eisen, das es erzeugt, einem Lande wie Deutschland mindestens einen zweiten Wald von der jetzigen Größe. Um wieviel mehr aber erspart die Kohle an Holz! Sei es als Hilfsstoff, sei es als Heizstoff. Der Steinkohlenverbrauch in Deutschland stieg wie folgt. Er betrug auf den Kopf der Bevölkerung: Anfang des 19. Jahrhunderts rund 15 kg Mitte „ 19. ,, „ 100 , } vor dem Kriege. „ 2300 , } Wiederum sind die Vereinigten Staaten im Kohlenverzehr voraus gewesen. Er betrug hier auf den Kopf der Bevölkerung: 1816-1825: 3,5 kg 1897-1905: 3,5 t 1910-1913: 5-5,5 t. Hier sind also zehn Wälder vom Umfang der heutigen aus der Steinkohlenzeit hervorgeholt worden. Neben der Steinkohle darf die Braunkohle nicht vergessen werden, deren Heizwert allerdings nur etwa ein Drittel von derjenigen der Steinkohle beträgt, die aber doch auch sehr erhebliche Massen von Holz als Heizmaterial erspart. Der Verbrauch von Braunkohle beträgt in Deutschland etwa die Hälfte des Steinkohlenverzehrs, nimmt aber rascher zu als dieser. Es wurden verbraucht Kilogramm auf den Kopf: 1876-1880 . 850 Steinkohle 320 Braunkohle 1901-1905 . 1787 „ 931 1909-1913 . 2260 „ 1229 Stat. Jahrbuch. Siebzehnte« Kapitel: Die Entfaltung der Produktion 271 Und nicht nur in großen Mengen — das gilt auch hier — sind die Bodenschätze zutage gefördert worden und haben das notwendige Sach- kapital zu liefern vermocht: auch zu immer günstigeren Bedingungen sind sie gewonnen worden. (Deshalb eben konnten sie so massenhaft produziert werden!) Mag schuld daran die Tatsache sein, daß man gleichsam den Rahm abschöpfen, das heißt die günstig anstehenden Lager abbauen konnte (das gilt allgemein für die Anfänge), mag man auch beim Fortschreiten der Produktion auf immer günstigere Abbauverhältnisse gestoßen sein (das gilt in hohem Maße von Nordamerika, wo noch heute die Steinkohle teilweise im Tagebau gewonnen wird, und auch der Tiefbau unter verhältnismäßig sehr günstigen Bedingungen erfolgt). „Die Steinkohlenvorkommen sind (in den Vereinigten Staaten) für die Gewinnung äußerst günstig. In der Regel liegen starke, oft 6—7 Fuß mächtige Flöze dicht unter der Oberfläche in gleichmäßiger, fast ebener, für die Gewinnung sehr vorteilhafter Lage. Tiefe Schächte, wie bei uns, kommen kaum vor. Im Gegenteil, oft kann das Flöz durch horizontalen Stollenbetrieb erreicht werden, so wie es sich bei Tälern, die in Plateaus eingewachsen sind, ergiebt. Dann macht auch die Wasserbewältigung keine Schwierigkeiten.“ C. Koettgen, Das wirtschaftliche Amerika (1925), 23. So ergiebt sich drüben eine viel größere Arbeitsproduktivität im Kohlenbergbau als bei uns, die — zum Teil wenigstens — aus der Mehrförderung des einzelnen Arbeiters ersichtlich ist. Der amerikanische Bergmann förderte (1913) im Jahre 692 t gegen 289 im Ruhrbezirk, 259 in Großbritanien, 200 in Frankreich usw. Bergbauverein Essen. Statist. Hefte Dez. 1924. „Auch im amerikanischen Erzbergbau liegen die Verhältnisse günstig: reichhaltige, ausgedehnte Eisererz- vorkommen, leicht abbaubar und ebenso reiche Kupferlagerstätten.“ C. Koettgen, a. a. 0. Seite 24. Mag man vielfach die Lager im „Raubbau“ abgebaut haben (imBerg* bau versteht man unter Raubwirtschaft einen Abbau, bei dem beispielsweise große Teile der Kohle einer Grube gar nicht hereingenommen werden, wie es in den Vereinigten Staaten vielfach der Fall ist [siehe Walter Giesen, Die Vergeudung der natürlichen Hilfsquellen in den Vereinigten Staaten, „Technik und Wirtschaft“, 1910, S. 102ff.], Bruchbau statt Versatzbau stattfindet, die notwendigen Sicherheitsvor- kehrungen nicht getroffen werden usw.), mag die Vervollkommnung der Gewinnung dazu beigetragen haben, genug: die Mineralien und Kohlen sind bis zum Ende des 19. Jahrhunderts mit gleichem, vielleicht sogar mit steigendem, jedenfalls nicht mit sinkendem Ertrage gewonnen worden. Den Beweis dafür erbringt — in ganz grober Weise — die Preisstatistik. 272 Erster Abschnitt: Das Kapital Der Sauerbecksclie Index verzeichnet für „mineralische Rohstoffe“ folgende Ziffern: 1818—1827 128 1871—1875 116 1828—1837 97 1876—1880 80 1838—1847 93 1881—1885 73 1846—1850 84 1886—1890 74 1851—1855 97 1891—1895 68 1856—1860 102 1896—1900 80 1861—1865 92 1901—1905 54. 1866—1870 88 Und die Tonne Steinkohle kostete in Hamburg nach der amtlichen Preisstatistik Mark: 1851—1855: 15,60 1881—1885: 12,10 1856—1860: 15,90 1886—1890: 12,70 1861—1865: 15,80 1891—1895: 14,00 1866—1870: 15,50 1896—1900: 13,80 1871—1875: 1876—1880: 20,70 13,80 1901—1905: 14,20. Setzen wir die Preise im Durchschnitt der Jahre 1847—1880 = 100, so kosteten im Jahre 1904: Eisen, Blei, Zinn, Kupfer . . . 76,17 Steinkohlen .. 79,52. Von da ab beginnt die Preissteigerung. Siehe auch die Übersichten bei Lothar Hertel in den Sehr. d. V.f. S.-P., Band 142, I, S. 115, 129, 140, 164ff. In den Vereinigten Staaten dauerte der niedrige Preisstand sogar bis zum Kriege an; z. B. für Steinkohle, deren Durchschnittspreis bei der Ausfuhr für die Tonne war: 1870—1879: 4,01 $ 1900—1904: 2,54 $ 1880—1889: 3,12 „ 1905—1909: 2,58 „ 1890—1899: 2,55 „ 1910—1914: 2,50 „ Berechnet nach Abstract U. S. Alles also, so haben wir nun gesehen, traf während des 19. Jahrhunderts zusammen, um die Produktion so zu gestalten, daß der Kapitalismus über ein immer größeres Sachkapital zu immer günstigeren Bedingungen verfügen konnte. Indem er mit vollen Händen in die Sparbüchse der Erde hineingriff, gelang es ihm, einen Reichtum hervorzü- zaubern, der imerhört war. j Nur eins fehlte noch: er mußte Mittel und Wege finden, die an den verschiedenen Stellen der Erde entdeckten Schätze nach Belieben an einen anderen Ort, wo sie gebraucht wurden, überzuführen. Um dieses zu erreichen, mußten die Güter „bewegbar“ gemacht, mobilisiert werden. Davon handelt das folgende Kapitel. Achtzehntes Kapitel Die Mobilisierung der Güterwelt I. Die Steigerung der Transportfähigkeit der Güter 1. Übersicht Als wir uns auf die theoretischen Möglichkeiten des' Transportwesens besannen, stellten wir fest, daß die Beweglichkeit oder richtiger: Beweg- harkeit der Güter, das heißt ihre Eigenschaft, an einem anderen Ort als dem der Erzeugung verwandt werden zu können, von ihrer Transportfähigkeit abhänge, und daß diese eine natürliche oder eine ökonomische sei. Es obliegt uns nun an dieser Stelle, wo wir die geschichtliche Entwicklung der Güterbewegung verfolgen, nachzuweisen, daß während der hochkapitalistischen Epoche sowohl die natürliche wie die ökonomische Transportfähigkeit der Güter eine Steigerung erfahren habe. Diese Steigerung ist bewirkt worden vor allem durch die Vervollkomm- nung der Technik auf dem Gebiete der Produktion und des Transports, der einer Vervollkom mnun g der Organisation entsprochen hat. Wir werden, um die Zusammenhänge zu verstehen, uns vieler Einsichten bedienen können, die wir bei der Betrachtung der modernen Technik schon gewonnen haben, müssen aber diese Einsichten in mancher Einzelheit ergänzen und vor allem unser Augenwerk auf die Wirkung richten, die gewisse technische Erfindungen in der bedeuteten Richtung ausgeübt haben. Die organisatorischen Mittel lassen wir einstweilen unberücksichtigt und begnügen uns mit der Feststellung der Erfolge, wie immer in diesem Zusammenhänge. 2. Die Steigerung der natürlichen Transportfähigkeit 1. Unter natürlicher Transportfähigkeit eines Gutes verstehen wir dessen Eigenschaft, ohne an seiner Gebrauchsfähigkeit Schaden zu leiden, von einem Ort zum andern geschafft werden zu können. Und zwar ohne Rücksicht auf die Kosten, die die Ortsveränderung verursacht. Die natürliche Transportfähigkeit gründet also in der physikalischchemischen Beschaffenheit des Gegenstandes. Ein Pflasterstein hat eine imbegrenzte natürliche Transportfähigkeit, während die der Milch sehr Sombart, Hochkapitaliamus. 18 274 Erster Abschnitt: Das Kapital beschränkt ist. Eisen ist transportfähiger als Glas. Lebende Tiere, die selber sich bewegen können, haben auf gangbaren Wegen eine hohe, natürliche Transportfähigkeit usw. Die natürliche Transportfähigkeit hat nun im vergangene q Jahrhundert eine erhebliche Steigerung erfahren sowohl durch die Vervollkommnung der Gütererzeugungs- und Gütererhaltungstechnik als durch die Vervollkommnung der Gütertransporttechnik, wie jetzt zu zeigen ist. 2. Die Produktions-(Erhaltungs-)Technik hat die natürliche Transportfähigekit der Güter durch folgende Errungenschaften gesteigert : a) die Verringerung des Gewichtes einzelner Güter. Gewisse Maschinen, Apparate, Baustücke können jetzt beispielsweise mittels Tragtieren in Gegenden gebracht werden, die ihnen früher verschlossen waren. (Anwendung von Leichtmetall!) Meistens ist aber die Gewichtsverminderung dadurch herbeigeführt worden, daß b) die Zerlegbarkeit eines Gebrauchsgutes in einzelne Teile gesteigert ist. Dadurch können Häuser, Schiffe, Maschinen transportfähig gemacht werden, die es früher nicht waren. Voraussetzung dieser Zerlegbarkeit ist die Genauigkeit der Herstellung, die eine leichte Zusammenfügung der einzelnen Teile gewährleistet, aber auch die Nachlieferung von Ersatzteilen ermöglicht. Die natürliche Transportfähigkeit zahlreicher Güter ist gesteigert worden durch c) die Ausbildung der Konservierungsmethoden. Solche sind während des letzten Jahrhunderts teilweise ganz neu erfunden, teilweise vervollkommnet worden. Sie finden Anwendung ebensowohl auf pflanzliche als auch auf tierische Erzeugnisse. Erhaltung ‘pflanzlicher Erzeugnisse erfolgt durch Verwandlung von Gemüse und Obst in Dörrgemüse und Dörrobst, durch „Einmachen“ oder Verarbeitung zu Marmelade usw., durch „Pasteurisieren“ gegorener Getränke, wie Bier u. a. Erhaltung tierischer Erzeugnisse erfolgt seit alters her (15. Jahrhundert) durch „Einpökeln“. Auf der Pökeltechnik und dem Sauerkraut beruht die lange Seeschiffahrt seit dem 16. Jahrhundert. Hinzugekommen ist die Erfindung des Büchsenfleisches und des Fleischextraktes. Die Gewinnung von Fleischextrakt wird praktisch seit Liebig (1857), sie erfolgt fabrikmäßig in Südamerika seit 1864. Pasteurisiert wird auch die Milch. Eier werden in Kalkwasser frisch erhalten usw. Achtzehntes Kapitel: Die Mobilisierung der Güterwelt 275 Die Konserven- und Präservenindustrie hat eine große Ausdehnung gewonnen. In Deutschland gab es im Jahre 1914 etwa 2500 Betriebe, die sich mit der Herstellung verschiedener Nahrungsmittelkonserven beschäftigten. Nach dem Adreßbuch für die Konservenindustrie (1913), dem obige Zahl entnommen ist, entfielen davon auf Gemüse-, Obst- und Pilzkonservenfabriken sowie Präservenfabriken (Herstellung von Dörrobst und Dörrgemüse) 290—300, Marmelade-, Gelee- usw. Fabriken 380—400, Essigkonserven, Sauerkraut- und Gurkeneinlegereien 400—430, Fischkonservenfabriken, Fischräuchereien u. dgl. 640—700, Fleisch-, Wurst- usw. Konservenfabriken 200—250, Bouillonwürfel-, Suppenpräparate- und Nährmittel-Industrie 125—140, Milch-, Butter-, Käse-, Eier- und Brotkonservierungsfabriken 80—85. Ygl. den Artikel „Konserven“ in Ull- manns Enzyklopädie der technischen Chemie, Band 7 (1919), und Kurt Wagner, Konserven und Konservenindustrie in Deutschland, 1907. Die Erhaltung sowohl pflanzlicher wie tierischer Erzeugnisse ist sehr erleichtert worden durch die Entwicklung der Gefriertechnik. Die Erzeugung künstlichen Eises durch Ammoniak ist 1860 durch den Franzosen Ferd. Carre erfunden, 1877 durch den Deutschen v. Linde vervollkommnet worden. Die Gefriertechnik ist bedeutsam geworden für den Transport von Blumen, Obst, Eiern, Seefischen, vor allem aber von Fleisch. Uber die Entwicklung der Gefrierfleischindustrie ist folgendes zu bemerken. Der erste Versuch, Fleisch durch Gefrieren transportfähig zu machen, wurde im Jahre 1861 unternommen, als der Engländer Thomas Mort in Sidney die ersten Gefrierwerke gründete. Offenbar ist aus der Gründung nichts Lebensfähiges hervorgegangen, weil die Technik noch nicht genügend ausgebildet war. Auch die Unternehmungen französischer Techniker und Industrieller in den 1870 er Jahren in Argentinien scheitern. Einen Anfang der praktischen Verwirklichung des Planes macht erst die 1883 mit englischem Kapital in Argentinien gegründete River Plate Fresh Meat Co., die erste Gefrierfleischfabrik in Argentinien. Ihr folgen weitere Gründungen auf dem Fuße. Nach Ernst Wilhelm Schmidt, Die agrarische Exportwirtschaft Argentiniens. Probl. d. Weltwirtschaft 33 (1920), 275 ff. Die Gefrierfleischindustrie hat dann rasch eine große Ausdehnung gewonnen. Bereits 1911 zählte man in U.S.A. 860 öffentliche Kühlhäuser mit einem Anlagekapital von 300 Mill. Mk. und einem durchschnittlichen Inhalt von 2—2,8 Milliarden Mk.; dazu Kühlwagen, Kühlwaggons, Kühlschiffe usw. Annals Vol. 50 bei Hirsch im GdS. 5, 110. In Argentinien gab es vor dem Kriege sieben große Schlacht- und Gefrierhäuser, in welchen 83750000 Fr. angelegt waren, und die einen Umsatz von 273350000 Fr. hatten. Anales de la Sociedad Rural Argentina 1910. Zitiert bei E. Pfannenschmidt in den Sehr. d. V.f.S.-P., Bd. 141,1. Teil, S. 85. In England bestanden um dieselbe Zeit in London 750000 Kubikfuß, in Hüll 680000 Kubikfuß Kühlräume. Neuerdings tritt für die Verwertung der Rinder die Herstellung von 18 * 276 Erster Abschnitt: Das Kapital gekühltem Fleisch (chilled beef [Erfindung des Franzosen Charles Tellier 1876]) immer mehr in den Vordergrund, weil dieses im Geschmack dem frischen Fleisch mehr gleichkommt als das gefrorene Fleisch (frozen beef). Uber den Handel in Gefrierfleisch teile ich auf Seite 296 und 301 noch einige weitere Ziffern mit. 3. Die Transporttechnik hat durch ihre Vervollkommnung, wie sie im Gefolge der uns bekannten Erfindungen (siehe oben S. 105 ff.) und der Verbesserung der Land- und Wasserstraßen (Durchstiche der Landengen! Seekanäle! Sicherungsmaßnahmen!) sich einstellte, ebenfalls die natürliche Transportfähigkeit der Güter beträchtlich gesteigert, und zwar vornehmlich in folgenden Richtungen: a) Die Fassungskraft (Kapazität) der Transportmittel ist ausgeweitet werden. Die Fassungskraft der Transportmittel wird bestimmt: (1.) durch die größere Einzelleistung (eines Schiffes, eines Wagens, eines Eisenbahnzuges); (2.) durch die Vermehrung der Einzelleistungen nebeneinander (mehr Schiffslinien, mehr Eisenbahnverbindungen, mehr Straßenbahnen) ; (3.) durch die Vermehrung der Einzelleistungen nacheinander, sei es durch Häufung der Transportgelegenheiten, sei es durch die Beschleunigung der Transportleistung. In allen drei Richtungen sind wesentliche Fortschritte während des 19. Jahrhunderts gemacht worden. Einzelleistungen: Die letzten großen Frachtfuhren vor den Eisenbahnen luden im Höchstfälle 150 Ztr., ein alter Güterzug beförderte 80 t, ein heutiger befördert 1500 t (30000 Ztr.). Ein Rheindampfer schleppt 6000 t. Der gewöhnliche Seeschifftypus waren für die europäische Fahrt Schiffe von 100 Reg.-Tonnen, für die lange Fahrt 300 bis höchstens (Ostindienfahrer) 6—700 t: siehe Bd. 2, S. 281 f. Der heutige Uberseefrachtdampfer mißt 3—5000 Reg.-Tonnen. Die Durchschnittsgröße der Hamburger und Altonaer Seeschiffe betrug nach der amtlichen Hamburger Statistik Reg.-Tonnen (zu 2,83 cbm.) 1815: 72 1841—1845: 184 1871—1875: 456 1890: 902 1900 ff.: 12- Der Nettoraumgehalt sämtlicher deutschen Seeschiffe, die Fahrten machten, betrug im Durchschnitt: 1873: 186 Reg.-T. Achtzehntes Kapitel: Die Mobilisierung der Güterwelt 277 der nach außerdeutschen Häfen gefahrenen 1873: 411 Reg.-T. 1913: 1659 Stat. Jahrb. 1915, S. 177. Intensivisierung: Auf den schwedischen Staats -Eisenbahnen wurden am Tag und auf den Bahnkilometer befördert Tonnen: 1870: 1,56 1900: 4,99 1910: 7,28. Bei Cassel, Theor. Soz.-Ökon., 504. Auf eine Lokomotive entfielen in Deutschland Lokomotivnutzkilometer in Tausenden im Durchschnitt: 1888—1892: 23,6 1907—1911: 27,7. Auf 1 km geleistete Auf 1 km geleistete Personenkilometer Gütertonnenkilometer (in Tausend) (in Tausend) 1895 1910—1913 1895 1910—1913 Deutschland. 315,4 673,6 560,4 1072,9 Frankreich. Niederlande (Hollän- 294,0 432,6 355,8 581,5 dische Eisenbahn) . Schweden 291,8 713,2 232,0 436,2 (Staatsbahnen) . . . Vereinigte Staaten von 76,5 221,7 137,2 436,7 Amerika. 68,6 138,2 479,5 1071,1 Auf je 100 km Betriebslänge kamen Lokomotiven Personenwagen Güterwagen 1895 1910 13 1895 1910-13 1895 1910-13 Deutschland . . . 35 50 69 110 727 1175 Frankreich .... Großbritannien und 28 33 71 76 743 886 Irland. Niederlande (Hollän- 55 61 124 140 1862 2122 dische Eisenbahn) Schweden 25 32 64 85 299 528 (Staatsbahnen) . Vereinigte Staaten 13 19 26 35 324 489 von Amerika . . 12 15 12 12 418 551 Aus dem Stat. Jahrb. 1915 und 1920 zusammengestellt. 278 Erster Abschnitt: Das Kapital Überall dieselbe Steigerung der Intensität, wenn auch in sehr verschiedenem Schrittmaß! In der Betriebsmittelintensität stehen Großbritannien und Deutschland obenan, während die Vereinigten Staaten — bei verhältnismäßig geringer Ausstattung mit Betriebsmitteln — das Ungeheuere an Leistungsintensität aufweisen. Die amerikanischen Eisenbahnen fahren mit dem dritten Teil der Lokomotiven und der Hälfte der Güterwagen die gleiche Anzahl Gütertonnenkilometer wie Deutschland. Ein deutsches Seeschiff machte Seereisen durchschnittlich im Jahre: 1871: 8,1 1913: 19,7. Ebendaher. b) Die Schnelligkeit der Transportleistung ist gesteigert worden. Das ist (für den Güterversand) vor allem im Seeverkehr von bedeutsamen Wirkungen begleitet gewesen. Die Kapazität ist, wie wir schon sahen, durch die zunehmende Schnelligkeit vermehrt; Gegenstände, die früher überhaupt nicht auf weite Strecken transportfähig waren, sind es geworden: lebendes Vieh! Früchte (Bananen!), frische Blumen! Plötzliche Bedarfsdeckung ist ermöglicht. Länge von Seefahrten: zwischen Amerika und Europa: Benjamin Franklin brauchte ... 42 Tage, die „Savannah“. 26 „ der heutige Schnelldampfer . . . 5—12 „ zwischen Indien und Europa (wo durch die Abkürzung des Seeweges die Beschleunigung erheblich größer ist): Vasco de Gama war unterwegs . . . 314 Tage, der erste Dampfer nach Kalkutta (1825) 4 Monate, der heutige Dampfer (über Suez) . . 18 Tage. Allgemein: in 12 Stunden konnten zurückgelegt werden: 1860 mit Segelschiff 200 km, 1870 mit Dampfer 300 km, 1900 mit Dampfer 400 km. c) Die Sicherheit der Transportleistung ist erhöht worden. Die „Gefahren zur See“ sind vermindert; gebrechliche Waren können auch über Land befördert werden; die Beschädigung und die Zerstörung der Güter sind auf ein Mindestmaß eingeschränkt worden. Im 18. Jahrhundert kamen von 72 Spiegelscheiben von nur 1 qm Größe, die — sogar zu Wasser! — von Chauny nach Paris geschafft wurden, durchschnittlich nur 12 heil an. Siehe Bd. II, S. 345. Heute gehen Spiegelscheiben von mehreren Quadratmetern Umfang unversehrt bis ins Innere von Japan. 3. Steigerung der ökonomischen Transportfähigkeit 1. Die Transportkosten sind bei allen Transportarten während der hochkapitalistischen Periode wesentlich verringert worden, Achtzehntes Kapitel: Die Mobilisierung der Güterwelt 279 nicht überall in gleichstarkem Maße und nicht in einem Verhältnis, wie der Laie anzunehmen bereit ist, aber doch überall merklich. Zum Vergleich verweise ich auf die Angaben, die ich über Transportkosten im Zeitalter des Frühkapitalismus gemacht habe. Danach ergibt sich folgende Ermäßigung: Die Seefrachten sind im letzten Jahrhundert auf etwa die Hälfte gesunken, infolge des Wegfalles der hohen Versicherungsprämien betragen aber die Transportkosten nur noch etwa ein Viertel der Sätze am Ende der frühkapitalistischen Epoche. Die Binnenwasserfrachtsätze sind auf deutschen Strömen bis auf 0,7—0,9 Pfennige für den Tonnenkilometer (tkm), auf den amerikanischen Seen noch tiefer herabgegangen. Der Achstransport kostete in der letzten Zeit vor der Einführung der Eisenbahnen nach meinen Berechnungen 30—40 Pfennige der Tonnenkilometer. Die Frachtsätze auf den deutschen Eisenbahnen vor dem Kriege betrugen für Schwergut 2,2—4,5 Pfennige pro Tonnenkilometer, in Ausnahmetarifen 1,29 Pfennig, auf den amerikanischen Eisenbahnen 1 Pfennig. Übrigens scheint die Verbilligung vielfach auf Kosten der Rentabilität der Eisenbahnunternehmungen herbeigeführt zu sein, da — eine samtwirtschaftlich höchst bedeutsame Feststellung — die Eisenbahnen, z. B. in Großbritannien, seit längerer Zeit mit sinkendem Ertrage arbeiten. Die Kosten (Working Expenses) der englischen Bahnen machten aus vom Roherträge: 1870: 48% 1905: 62 0/ /o 1875: 54% 1910: 62 % 1885: 53% 1912: 63 % 1895: 56% Siehe Kirkaldy-Dudley, History and Economics of Transport (1915), 95 ff. 2. Die eingetretenen Veränderungen werden greifbarer, wenn wir sie auf bestimmte Fälle beziehen. So bekommt man einen guten Eindruck von der Wirkung verbilligter Transportkosten, wenn man die Länge der Strecke abmißt, über die bei einem bestimmten Frachtsätze bzw. bei einer bestimmten Beförderungsart ein Gut absetzbar ist. Beis'piele: Wenn der Erzeugungspreis des Weizens 120 Mk. für die Tonne beträgt und die Tonne zu 240 Mk. verkauft werden kann, so ist er transportabel auf schlechten Straßen.bis 100 km „ guten Kunststraßen.„ 400 „ „ den früheren Bahnen mit hohen Tarifen . „ 1500 „ „ den heutigen amerikanischen Bahnen . . . „ 4500 „ „ dem Meere.. 25000 „ Nach einer Zusammenstellung von Al. Peez. 280 Erster Abschnitt: Das Kapital Oder: Bei einem Aufwand von 50 Mk. Fracht auf die Tonne konnten durchlaufen werden: 1800 mit Wagen. 100 km 1850 mit Eisenbahn. 400 ,, 1910 mit Eisenbahn. 2500 ,, Nach Matschoss, Gesch. d. Dampfmaschine. Einzelne Frachtsätze von besonderer Bedeutung: Getreidefracht von Chicago nach Liverpool für den Bushel Weizen: Durchschnitt Chicago-New-Y ork New-York-Liverpool der Jahre (Cents) (Pence) 1866—1870 . .... 23,40 5,92 1871—1875 . .... 17,89 8,76 1876—1880 . .... 10,77 6,93 1881—1885 . .... 7,33 3,81 1886—1890 . .... 7,18 2,96 1891—1895 . .... 5,29 2,53 1896—1900 . .... 4,84 3,05 1901—1905 . .... 5,21 1,38 Der Transport von Australien nach England kostete vor dem Kriege: für 1 Pfund Gefrierfleisch . . Ö /l6 Pence „ 1 „ frische Früchte . . . 7 / s » „ 1 „ Butter.V 2 „Thus . .. the cost of oceantransport has, from a marketingpoint of view, become a negligible quantity.“ Edw. A. Pratt, Agricultural Organisation (1912), 9. Die Fracht auf dem Rhein für Getreide von Baden nach Mannheim betrug für die Tonne: 1877: 7,20 Mk. 1885—1887: 4,80 „ 1900—1903: 3,15 „ 1913: 2,32 „ für eine Tonne Kohle von den Ruhrhäfen nach Mannheim: 1885—1887: 3,28 Mk. 1900—1902: 2,24 „ 1913: 1,79 „ „Wirtschaft und Statistik“ 1 (1921), 519. Beziehung der Transportkosten zu bestimmten Einkommensbezügen: Von Mineapolis nach New-York (2100 km) kostete vor dem Kriege ein Faß Mehl (90 kg) 2 Mk. Fracht; von Minneapolis bis Liverpool 3 Mk. Ein englischer Arbeiter konnte den Transport des Getreides, das er und seine Familie während eines Jahres verbrauchten, von dem Produktionsort in den Vereinigten Staaten bis an seinen Konsumort mit dem Lohne eines Tages bezahlen. Vgl. Reier, Kraft, 199. Achtzehntes Kapitel: Die Mobilisierung der Güterwelt 281 3. Die Hauptsache bleibt aber, daß wir die Verringerung der Transportkosten in ihrer Auswirkung auf die Preisbildung verfolgen. In dieser äußern sich natürlich neben den Transportkosten die Produktionskosten am Ort der Erzeugung. Ich habe bereits die Veränderungen, die diese erfahren haben, dargetan (siehe oben Seite 259 f.) und habe die Mitteilung von Preisen bis hierher verschoben, wo wir auch die Einwirkung der Transportkosten verfolgen können. Das für die kapitalistische Entwicklung Wichtige ist dieses: daß zu gleicher Zeit die Erzeugungskosten und die Beförderungskosten für die hauptsächlich in Betracht kommenden Güter (Agrarprodukte der außer- und osteuropäischen Länder) während des letzten Jahrhunderts sehr wesentlich sich verringert haben, was sich in einer Preissenkung der wichtigsten Sachkapitalgüter äußerte. Die folgenden Übersichten werden vertretungsweise die Entwicklung der Preise während des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts zum Ausdruck bringen. Indexziffern für Brotgetreide in New-York: 1866—1870: 32 1886—1890: 15 1871—1875: 23 1891—1895: 16 1876—1880: 18 1895—1900: 12 1881—1885: 20 (dann steigend) Nach Duns Review: Stat. Abstr. U.S. 1904, p. 461. Indexziffern nach Sauerbeck für Großbritannien (1867/77 — 100). Vegetabilische Animalische Zucker Textil- Lebensmittel Lebensmitte' Kaffee, Thee Stoffe 1871—1875 . . . . 100 104 103 100 1876—1880 . . . . 93 101 93 81 1881—1885 . . . . 78 99 73 71 1886—1890 .... 65 83 67 66 1891—1895 .... 62 82 68 56 1896—1900 .... 60 79 54 56 1901—1905 .... 63 85 47 66 Nach dem Journal of the Royal Stat. Soc. Indexziffern für Großbritannien (1896—1900 = 100) Jahr Weizenbrot Rindfleisch Butter Kartoffeln 1873—1880 . . . . 136,4 156,0 135,3 169,0 1881—1885 . . . . 128,0 123,4 127,8 145,7 1886—1890 . . . . 110,0 122,4 131,5 122,5 1891—1895 . . . . 107,2 104,0 110,8 126,4 1896—1900 . . . . 100,0 100,0 100,0 100,0 1901—1905 . . . . 101,9 106,0 101,7 100,7 1906—1910 . . . . 108,6 109,2 106,6 92,9 Mitgeteilt bei v. Tyszka, Das weltwirtschaftliche Problem (1916), 193. 282 Erster Abschnitt: Das Kapital Einfuhrpreise in Hamburg in Mark: Weizen Roggen Gerste Hafer Wolle Baumwolle dz dz dz dz kg kg 1871—1875 . 24,46 16,27 16,44 15,79 3,47 1,50 1876—1880 . 20,97 16,88 14,09 15,65 2,95 1,14 1881—1885 . 18,02 13,83 12,18 13,54 2,32 1,06 1886—1890 . . 14,73 11,24 10,15 11,11 1,70 0,98 1891—1895 . 13,45 12,43 9,74 11,76 1,55 0,79 1896—1900 . . 13,60 10,38 9,29 11,09 1,48 0,70 1901—1905 . 13,30 10,62 9,78 12,04 1,48 0,78 Nach der Amtlichen Hamburgischen Statistik. II. Die Entfaltung des modernen Verkehrswesens Hier soll in einigen Ziffern eine Übersicht gegeben werden über die tatsächliche Gestaltung des Verkehrswesens in den Hauptländern, das heißt also, über die Verwirklichung der in der modernen Transporttechnik enthaltenen Möglichkeiten, wie sich die Verkehrsmittel vermehrt und was sie an Leistungen vollbracht haben. 1. Die Seeschiffahrt Der Schiffsbestand (der Umfang der Handelsflotte) vermehrte sich in einzelnen Ländern wie folgt: Großbritannien: Schiffe überhaupt Darunter Dampfschiffe Millionen Tonnen 1800 . 1,7 0 1850 . 3,1 0,1 1900 . 9,2 7,1 1912.11,9 11,0. Deutschland: Segelschiffe Dampfschiffe Reg.-T. netto 1871 . 900000 82000 1891 . 693000 724000 1901 . 525000 1348000 1914 . 428000 2832000. HSt. 7 3 , 290ff. und Stat. Jahrb. Die Vermehrung der Tonnage im letzten Jahrzehnt vor dem Kriege bringen folgende Ziffern zum Ausdruck: Zahl der Schiffe Reg.-T. netto 1900 (1901) 1911—1914 1900 (1901) 1911—1914 Deutschland . . . Großbritannien und 3883 5935 1941645 3320071 Irland. 19751 20737 9280164 • 11878807 Frankreich .... 15585 17670 9037726 1518518 Achtzehntes Kapitel: Die Mobilisierung der Güterwelt 283 Vereinigte Staaten Zahl der Schiffe Reg.-T. netto von Amerika 18749 21662 3340796 4800424 Japan . 5179 10767 (brutto) 863936 1833354 Stat. Jahrb. Die ganze Erde hatte folgenden Schiffsbestand (brutto) Schiffe Tonnage 1890 . . . . . 32174 21118528 1900 . . . . . 27840 28947258 1913 . . . . . 30591 46970113 Nach Lloyd’s Register of British and Foreign Shipping Yol. 1925/26. II. HSt 7«, 412. Da, wie wir sahen, die Intensität des Schiffsverkehrs beträchtlich gesteigert ist, so hat sich die Transportleistung der Schiffe in einem viel größeren Maße vermehrt, als die Zunahme der Tonnage zum Ausdruck bringt. Die Seereisen deutscher Schiffe weisen folgendes Bild der Entwicklung auf: Von deutschen Schiffen Nettoraumgehalt gemachte Fahrten in Reg.-T. 1873 . 36602 6798104 1903 . 76035 30263670 1913 . 96078 49928323. Der Tonnengehalt der angekommenen Schiffe betrug in Großbritannien und Irland: Schiffe überhaupt Darunter Dampfschiffe Millionen Reg.-T. 1800 . ... 2,1 — 1850 . . . . 7,1 1,1 1875 . . . . 22,7 12,3 1900 . . . . 49,2 45,2 1912 . . . . 76,2 73,6 Der Schiffsverkehr im Hamburger Hafen: Durchschnitt der Jahre Schiffe Raumgehalt 1851—1860 .... . 9301 1512354 1861—1870 .... . 10177 2516455 1871—1880 .... . 11015 4414014 1881—1890 .... . 14036 7745695 1891—1900 .... . 21058 13232618 1913. — 28625000 Nach der Amtlichen Hamburgischen Statistik und HSt 7 4 , 419. Die Entwicklung der europäischen Schiffahrt während der letzten beiden Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts spiegelt folgende Zusammenstellung Sundbärgs wider: Der Tonnengehalt sämtlicher in europäischen 284 Erster Abschnitt: Das Kapital Häfen ein- und ausgelaufenen Schiffe betrug in Millionen Registertonnen im Durchschnitt der Jahre: 1881—1885: 189,5 1891—1895: 249,3 1886—1890: 218,3 1896—1900: 306,9. Die Zunahme des Schiffsverkehrs in den einzelnen Ländern während der letzten 10—15 Jahre vor dem Kriege bringen folgende Ziffern zum Ausdruck, aus denen sich ersehen läßt, daß in fast allen Ländern während dieses Zeitraumes noch eine Verdoppelung eingetreten ist: Der Raumgehalt der angekommenen Schiffe betrug in Millionen Registertonnen netto: Deutschland . . . . 1900 14,6 1912 (1913) 27,0 Rußland. 8,9 23,4 Großbritannien und Irland . . . 49,2 76,1 Niederlande. 9,3 17,5 Belgien. 8,5 16,9 Frankreich. 18,9 31,3 Italien. 10,0 18,3 Vereinigte Staaten von Amerika 29,8 50,5 Japan . 9,8 21,7 Stat. Jahrb. 1915. Den Suezkanal durchfuhren: Schiffe mit einem Raumgehalt Reg.- ■T. (netto) von: 1871—1875 . 1156 1384892 1876—1880 . 1643 2408730 1881—1885 .■ 3229 5438941 1886—1890 . 3298 6396959 1891—1895 . 3579 8111486 1896—1900 . 3389 9066409 1901—1905 . 3904 12103096 1913. 5085 20034000 Nach Sundbärg und HSt 7*, 413. 2. Die Binnenschiffahrt Obwohl für den Binnenverkehr die Eisenbahnen eine überragende Bedeutung gewonnen haben, hat sich doch auch die Binnenschiffahrt, dank ihrer größeren Billigkeit, für den Massengutverkehr im Schwange erhalten. Ja, ihr Anteil am Gesamtverkehr ist während des letzten Menschenalters vor dem Kriege im 'Verhältnis zu den Eisenbahnen sogar wieder etwas gestiegen. Er betrug (am Gesamtgüterverkehr in Deutschland) im Jahre 1875 21%, im Jahre 1910 25%. Im folgenden teile ich einige Ziffern mit, aus denen die Zunahme der Binnenschiffahrt ersichtlich ist. Ich beschränke mich auf die beiden Länder Deutschland und Vereinigte Staaten, die je einen besonderen Achtzehntes Kapitel: Die Mobilisierung der Güterwelt 285 Typus verkörpern und für die übrigen Länder stellvertretungsweise stehen können. Deutschland,: Der Bestand der deutschen Binnenschiffe Zahl der Schiffe Tragfähigkeit 1887 . 20390 2100705 1897 . 22564 3370447 1902 . 24839 4877509 1907 . 26235 5914020 1912 . 29533 7394657 Statistisches Jahrbuch. Verkehrsleistungen der Wasserstraßen in Millionen Tonnenkilometern: 1875: 2900 1905: 15 000 1885: 4400 1910: 19 000. Nach Sympher HSt. 2 3 , 10. Vereinigte Staaten von Amerika: Raumgehalt der Schiffe, die durch den Sankt-Marie-Kanal gefahren sind (in Netto-Reg.-T.): 1860: 403657 1900: 22315834 1870: 690826 1910: 49856123 1880: 1734890 1913: 57989715. 1890: 8454435 Gütermengen, die durch denselben Kanal befördert wurden: 1890 1900 1905 1913: Insgesamt (1000 t) 9041 25643 44271 79718 mittels Dampfern (1000 t) 6292 19587 37725 75174 Gefahrene Meilentonnen (Tausend) 7207299 21179229 36892798 65330717. Welche Bedeutung der Binnenschiffahrtsverkehr in U. S. A. hat, ersehen wir, wenn wir seinen Umfang mit dem des Seeschiffahrtsverkehrs vergleichen. Da ergibt sich, daß jener etwa drei Viertel des Umfanges von diesem erreicht hat. Im Jahre 1920 betrug der Verkehr in Tausend Tonnen: in den Seehäfen. 214941 auf Flüssen, Kanälen und Binnenseen 154328. Stat. Abstract U. S. 3. Die Eisenbahnen Um den Verkehr in seiner Gänze zu erfassen, müßte neben See- schiffabrts- und Binnenschiffahrtsverkehr der gesamte Überland- sowie der Luftverkehr zur Darstellung gebracht werden. Ich beschränke mich jedoch auf den Eisenbahnverkehr aus folgenden Gründen: (1.) Die Entwicklung des Landstraßenwesens kann als eine Ergänzung zur Entwicklung des Eisenbahnwesens angesehen werden. 286 Erster Abschnitt: Das Kapital Zweifellos ist es für die Vervollkommnung des Gütertransports von großer Wichtigkeit gewesen, daß während des 19. Jahrhunderts das Kunststraßennetz in manchen Ländern erst ausgebaut worden ist. Man halte folgende Zahlen gegeneinander: Im ganzen Königreich Preußen waren 1816 erst 523% Meilen (3913 km) Chausseen vorhanden, davon drei Fünftel in Westfalen und Rheinland, während die Provinzen Pommern und Posen überhaupt noch keine Chaussen hatten, Preußen immerhin schon eine Meile. Dagegen gab es im Königreich Preußen am Ende des Jahres 1912 Kunststraßen mit einer Länge von 100500,7 km, von denen etwa drei Viertel auf das Preußen alten Bestandes entfielen; die 4000 km hatten sich also in 100 Jahren auf 75000 km ausgeweitet. Aber die Bedeutung dieses Landstraßennetzes liegt doch ausschließlich darin, daß es bequemere Zufahrtswege zu den Eisenbahnstationen geschaffen hat. (2.) Die Beförderungsmittel auf den Landstraßen sind bis zum Beginn des Krieges ungefähr dieselben geblieben, die sie immer waren: die von Tieren gezogene Lastfuhre bleibt vorherrschend. Die Entwicklung des Lastautomobils setzt erst mit dem Kriege ein. Sie wird zweifellos eine große Umwälzung des Binnenverkehrs bringen, die aber hier nicht zu verfolgen ist. Die Entwicklung des Lastautomobils spiegelt sich in folgenden Ziffern wieder. In den Vereinigten Staaten von Amerika — dem Lande des Automobilverkehrs — wurden gebaut: Personenautomobile Lastautomobile 1904: 20261 1431 1913: 461500 23500 1920: 1883158 322039. Nach den Angaben der amerikanischen Statistik gab es aml. Januar 1924: Personenautomobile Lastautomobile auf der ganzen Erde. 15847824 2175760 davon in den Vereinigten Staaten 13464608 1627569. Stat. Abstract U. S. (3.) Der Luftverkehr hat bisher-überhaupt noch keine Bedeutung für den Gütertransport erlangt. 1. Die Ausbreitung des Eisenbahnnetzes Die Jahresz una hme der Eisenbahnen betrug in runden Ziffern: auf der Erde in Europa außerhalb Europas 1841-1850 3000 2000 1000 1851-1860 7000 2800 4200 1861-1870 10000 5300 4700 1871-1880 16000 6400 9600 Achtzehntes Kapitel: Die Mobilisierung der Güterwelt 287 auf der Erde in Europa außerhalb Europas 1881—1890: 24000 5500 ■> 19500 1891—1900: 17000 6000 " ^ 11000 seit 1900: 24000 5000 ‘ ' 19000. Obwohl sich in allen Ländern das Eisenbahnnetz vom Anfang der Eisenbahnära an bis heute immerfort ausgeweitet hat, so lassen sich doch bestimmte Staffeln im Ausbau des Eisenbahnnetzes unterscheiden. a) Den ersten großen Aufschwung erlebt das Eisenbahnwesen in Großbritannien. Dieses setzt sofort mächtig mit dem Bau ein und läßt bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts alle anderen Länder weit hinter sich. Ende des Jahres 1852 waren für die Anlage von Eisenbahnen verwendet worden in England 1699 Millionen Taler, dagegen in U. S. A. 550, Deutschland 400, Frankreich 350, Belgien 45, zusammen in diesen vier Ländern also 1345 Millionen, das heißt weniger als in England allein. Die Ziffern finden sich bei Knies, Eisenbahnen (1853), 71. Großbritannien baut sein Vollbahnnetz im wesentlichen in den 1830er bis 1870er Jahren aus; den Höhepunkt erreicht die Bautätigkeit in den 1840er Jahren. b) Es folgt Kontinentaleuropa, das sein Vollbahnnetz in den 1850 er bis 1880 er Jahren entwickelt, mit dem Höhepunkt der Bautätigkeit in den 1870er Jahren. c) Von den außereuropäischen Ländern hatte zuerst nur Nordamerika Eisenbahnen gebaut. Die Vereinigten Staaten dehnen seit den 1850 er Jahren ihr Netz rasch aus. Der Höhepunkt der Bautätigkeit liegt zwischen 1875 und 1895. Hier sind die Ziffern. Die Länge des in Betrieb befindlichen Eisenbahnnetzes betrug in U. S. A (Meilen): 1835 1766 1885 128320 1842 4026 1890 156404 1850 9021 1895 177746 1860 30626 1900 192556 1870 52922 1910 240831 1875 74096 1915 257569 1880 93262 Stat. Abstract US. Seit den 1880 er und namentlich den 1890 er Jahren setzt dann der Bau der Eisenbahnen in den außereuropäischen Ländern außerhalb Nordamerikas ein. Während die Bahnstrecken in Europa und den Vereinigten Staaten von 1890 bis 1913 nur um 51 und 52% anwachsen, erfahren diejenigen der übrigen Länder in diesem Zeiträume eine Vermehrung um beinahe 180%. 288 Erster Abschnitt: Das Kapital Die Länge des Eisenbahnnetzes auf der Erde betrug Kilometer: 1890 1913 Europa. . 223869 346235 Amerika. . 331417 570103 davon U. S. A. . , 268409 410918 Asien. . 33724 108147 Afrika. 9386 44309 Australien . . . . . 18889 35418 Erde. Stat. Jahrb. 617885 1104217 2. Die Verkehrsleistungen der Eisenbahnen Wie bei den übrigen Verkehrsmitteln, in gesteigertem Maße, sind die Verkehrsleistungen der Eisenbahnen größer, als die Ziffern ihrer äußeren Verbreitung errechnen lassen, da ja, wie wir gesehen haben, auch bei ihnen der extensiven eine intensive Entwicklung zur Seite geht. Die Steigerung der Leistungen während der entscheidenden Jahrzehnte von 1895 bis 1911/13 kommt in folgenden Ziffern zum Ausdruck, die mit den Kilometerziffem zu vervielfältigen sind, um die absoluten Leistungen zu ermitteln. Auf 1 km geleistete Gütertonnen-Kilometer: 1895 1911—1913 Deutschland . 560,4 1072,9 Österreich-Ungarn. 412,5 620,3 Rußland. 640,4 935,0 Schweiz. 179,9 279,0 Frankreich. 355,8 581,5 Niederlande. 232,0 436,2 Dänemark. 99,8 284,5 Schweden. 137,2 436,7 Vereinigte Staaten von Amerika 479,5 1071,1 Zusammenstellungen im Stat. Jahrb. 1915 und 1920. Einige absolute Ziffern mögen das Bild noch lebendiger machen. Für Deutschland habe ich berechnet (siehe Band II Seite 341), daß vor der Eisenbahnära die Frachtfuhren theoretisch etwa 200 (Druckfehler: 500) Millionen Tonnenkilometer leisten konnten. Diesen ist die tatsächliche Leistung der deutschen Eisenbahnen gegenüberzustellen, die folgende Summen von Millionen Tonnenkilometern auf weist: 1875: 10393 1900: 36911 1880: 13053 1905: 44567 1885: 15965 1910: 56276 1890: 22237 1913: 67515. 1895: 26537 Stat. Jahrb. Achtzehntes Kapitel: Die Mobilisierung der Güterwelt 289 Frachtgüter (petite vitesse) wurden auf den französischen Bahnen Tausend Tonnen befördert: 1861: 27897 1891: 96554 1910: 173242. Stat. annuelle des chemins de fer frangais, Yol. I. In den Vereinigten Staaten betrug: die Menge der beförderten der von den Eisenbahnen Frachtgüter geleisteten Tonnen(Millionen Tonnen) meilen (Millionen) 1890 631,7 77207,0 1895 686,6 85227,5 1900 1082,0 141596,6 1905 1427,7 186463,1 1910 1849,9 255016,9 1913 2058,0 301398,8. Stat. Abstract of the US. Nach den Zusammenstellungen Sundbärgs belief sieb die Zahl der von den Eisenbahnen geleisteten Tonnenkilometer (Millionen): im Durchschnitt der Jahre 1891—1895 1896—1900 1901—1905 in Europa 96903,8 126783,7 151543,1 in außereuropäischen Ländern 223482.0 328290.0 auf der Erde 350265,7 479833,1. Zum Vergleich: Wollte man annehmen, daß sämtliche vierbeinigen Pferde auf der Erde zum Gütertransport verwendet würden und ihre theoretisch mögliche Leistung (50 Zentnermeilen am Tage = etwa 15000 Tonnenkilometer im Jahre) wirklich vollbrächten, so würden sie, da ihre Gesamtzahl nach demselben Gewährsmann im Jahre 1900 etwa 83 Millionen betrug, 415 Milliarden Tonnenkilometer schaffen. Die Eisenbahnen würden dann eine zweite Garnitur Pferde darstellen. In Wirklichkeit ist ihre Leistung viel größer. Vgl. die Ziffern auf Seite 122, 123. 3. Die Eisenbahnen als produktive Leistung Um die in der Menschheitsgeschichte einzige Kiesenhaftigkeit der Erscheinung „Eisenbahn“ völlig abzumessen, muß man nicht nur, wie es eben geschah, die Verkehrsleistungen dieses Transportmittels in Ziffern darstellen, sondern muß sich auch eine Vorstellung machen von der Größe des Werkes selber, das in den Eisenbahnanlagen geschaffen worden ist. Man wird sich dann überzeugen, daß der Eisenbahnbau die — mit Abstand — größte produktive Leistung ist, die die Menschheit bisher vollbracht hat. Betrachten wir diese Leistung zunächst unter kapitalistischem Gesichtspunkte, so müssen wir den Kapitalaufwand bestimmen, der nötig Sombart, Hochkapitalismus. 19 290 Erster Abschnitt: Das Kapital war, um die Eisenbahnen zu bauen. Wir können ihn errechnen, wenn wir die Länge der gebauten Strecken mit dem Kostensätze für einen Kilometer vervielfältigen. Wenn man diesen für Europa mit 336000 Mk., für die übrige Erde mit 157000 Mk. im Durchschnitt annimmt, dann ergeben sich folgende Beträge für die durchschnittlich in jedem Jahr gemachte Kapitalanlage in Eisenbahnen (Millionen Mk.) Erde Europa übrige Erdteile 1841-1850 829 672 157 1851—1860 1600 941 659 1861-1870 1919 1181 738 1871-1880 3656 2150 1506 1881-1890 4927 1855 3072 1891-1900 3743 2016 1727 1900-1913 4769 1686 2983. Für die letzten Jahrzehnte ist der Kostenbetrag für den Kilometer sicher zu niedrig mit den oben angegebenen Sätzen bemessen. Man wird ihn seit den 1890er Jahren für die europäischen Bahnen um 10 °/ 0 , für die außereuropäischen Bahnen um 25% höher annehmen müssen. Dann ergäbe sich also für Europa eine jährliche Anlage von etwa 2200 und 1815, für Außereuropa von 2200 und 3700 Millionen Mi. im Durchschnitt der letzten zwanzig Jahre. Das Bild wird wieder lebendiger, wenn wir das tatsächliche Anwachsen des Anlagekapitals in einzelnen Ländern verfolgen. Das Land, das die verhältnismäßig größten Kapitalbeträge im Eisenbahnbau (und -ausbau, was immer mit in Betracht kommt) angelegt hat, ist Großbritannien. Hier betrug das eingezahlte Kapital („Capital paid up“) in Millionen £: 1860: 348,1 1890: 897,5 1870: 529,9 1900: 1176,0 1880: 728,3 1913: 1282,0. Nach der amtlichen Eisenbahnstatistik und dem Stat. Abstract for the U.K. In den Jahrzehnten von 1860—1900 wurden also im Durchschnitt jährlich bzw. 18,2, 19,8, 16,9, 27,8 Mill. £, von 1900—1913 10,6 Mill. £ im Eisenbahnbau angelegt. Für Deutschland gelten folgende Ziffern. Das im Eisenbahnbau „verwendete Anlagekapital“ betrug Milliarden Mark: 1875: 6,1 1900: 12,7 1880: 8,8 1905: 14,6 1885: 9,7 1910: 17,3 1890: 10,5 1913: 19,2. 1895: 11,4 Nach dem Stat. Jahrbuch f. d. D. R. Achtzehntes Kapitel: Die Mobilisierung der Güterwelt 291 Die Zunahme betrug also von 1880—1890 jährlich 170 Mill. Mk., von 1890—1900 jährlich 220, von 1900—1913 jährlich 460 Mill. Mk. In den Vereinigten Staaten von Amerika waren in den Eisenbahnen insgesamt eingekleidet Milliarden Dollar: 1875: 4,4 1900: 11,9 1880: 5,4 1910: 18,4 1890: 10,0 1913: 19,8. Zunahme im Durchschnitt der Jahre: 1880—1890 460, 1890—1900 190, 1900—1910 850 Mill. $. Stat. Abstr. U. S. Noch greifbarer tritt uns die Größe des Eisenbahnbaues als produktive Leistung entgegen, wenn wir ihn „durch den Geldschleier hindurch“ in seiner natürlichen Gestalt betrachten, das heißt die Arbeitsleistung ermessen, die aufgewendet werden mußte, um das Riesenwerk zu vollbringen. Man hat berechnet, daß mit der Herstellung der Eisenbahnen beschäftigt waren im Jahresdurchschnitt Arbeiter (siehe HSt 2 3 , 903): 1841—1850: 600000 1851-1860: 1400000 1861-1870: 2000000 1871—1880: 3000000 1881-1890: 5000000 1891—1900: 3500000 1901—1913: 5000000. Zum Vergleich: Nach den Angaben Herodots (II, 124) sollen beim Bau der Cheopspyramide 100000 Arbeiter 20 Jahre lang tätig gewesen sein. Selbst wenn man diese Ziffer als richtig anerkennen wollte — wahrscheinlich ist sie um eine Null zu groß —, so würde die Bedeutung des größten technischen Werkes des Altertums zu nichts sich wandeln im Vergleich mit dem Werke der Eisenbahnen. Fragen wir, wie es möglich war, eine solche Leistung zu vollbringen, jährlich 3—5 Millionen Menschen an einer „Anlage“ arbeiten zu lassen, so müssen wir antworten, daß dazu die Gesamtheit der Bedingungen des Hochkapitalismus erfüllt sein mußte, das heißt also die beträchtliche Steigerung der Produktivkräfte notwendig war, die in dieser Periode eingetreten ist. An diesem Erfolge sind nun aber die Eisenbahner zu einem guten Teile schuld. Denn sie sind es, die nicht zuletzt jene für ihre Erbauung unumgängliche Steigerung der volkswirtschaftlichen Produktivität bewirkt haben. Man hat diesen Tatbestand richtig mit den Worten zum Ausdruck gebracht, daß „die Eisenbahnen sich selbst erbaut haben“. 19 * 292 Erster Abschnitt: Das Kapital Um das in voller Klarheit einzusehen, müssen wir nunmehr noch die Wirkung genauer feststellen, die die Vervollkommnung des gesamten Transportwesens im Zeitalter des Hochkapitalismus, insonderheit die Eisenbahnen, auf die Entwicklung des Wirtschaftslebens ausgeübt haben. IIJ. Die Bedeutung der Verkehrsumwälzung für die Entwicklung des Kapitalismus Von dieser Bedeutung haben die im vorstehenden mitgeteilten Tatsachen schon Kunde gegeben. Hier sollen in einem Überblick die bedeutungsvollen Wirkungen der Neugestaltung des Verkehrswesens zu- sammengestellt werden, von denen wir einen Teil erst später ganz werden verstehen können. Unter den modernen Verkehrsmitteln — das muß immer bedacht werden — nehmen die Eisenbahnen den weithervorragenden Platz ein. Sie sind es, die dem Verkehrswesen des Hochkapitalimus ihr Gepräge geben, ja, wir dürfen getrost sagen: ohne sie wäre dieser überhaupt nicht zur Entfaltung gekommen. Das Zeitalter des Hochkapitalismus ist auch das Zeitalter der Eisenbahnen. „Epoche gemacht“ hat nur dieses Verkehrsmittel. Der hellsehende Heinrich Heine hatte schon recht, als er ganz im Beginne der Eisenbahnära (am 5. Mai 1843) aus Paris schrieb: „Die Eisenbahnen sind wieder ein solches bestimmendes Ereignis — wie die Erfindung des Pulvers, die Entdeckung Amerikas, die Erfindung der Buchdruckerkunst —: es beginnt ein neuer Abschnitt in der Weltgeschichte.“ Die im folgenden dargestellte Bedeutung der modernen Verkehrsmittel ist also im wesentlichen die Bedeutung der Eisenbahnen. 1. Die Verkehrsmittel haben als Marktbildner gewirkt auf folgende Weise: a) ganz allgemein, indem sie den Warenumlauf gesteigert haben. Warum diese Wirkung eintreten mußte, ergibt sich, wenn man die im 18 Kapilel theoretisch gewonnenen Einsichten mit den in diesem Kapitel n.itgeteilten Ziffern zusammenstellt. Der Warenumlauf hat sich sowohl innerhalb der einzelnen Länder vermehrt — wofür ich bereits statistische Belege angeführt habe: man erinnere sich vor allem der ungeheuren Steigerung des Güterverkehrs in U. S. A. —, als auch zwischen den einzelnen Volkswirtschaften. Man pflegt diese Bewegung als „Welthandel“ zu bezeichnen. Dessen Achtzehntes Kapitel: Die Mobilisierung der Güterwelt 293 Umfang hat sich während der hochkapitalistischen Periode wie folgt ausgeweitet: Der Wert der in Einfuhr und Ausfuhr umgesetzten Werte (daß hier eine Doppelzählung vorliegt, verschlägt nichts, da uns nur die Steigerung der Ziffern angeht) betrug Milliarden Mk.: 1800 etwa 2 (nach meiner Berechnung im zweiten Bande) 1830 . . 6,5 1850 . . 14,5 1870 . . 37,5 1890 . . 61 1900 . . 79 1905 . . 101 1912 . . 169. Die Verkehrsmittel wirkten als Marktbildner, indem sie b) eine sehr beträchtliche Nachfrage nach Baumaterialien im Innern der Länder schufen, die sich c) auf dem Wege der Anleihen auf die auswärtigen Länder erstreckte. Über beide Vorgänge wird im dritten Abschnitt dieses Hauptabschnittes ausführlich berichtet werden. 2. DieVerkehrsmittel wirkten als Sprengstoff bei dem Auseinandertreiben der alten Gesellschaftsstruktur und insbesondere Wirtschaftsverfassung. Diese Wirkung vollbrachten sie, indem sie a) die alte Eigenwirtschaft, die Dorf- und Gutsverfassung und größtenteils das Handwerk zur Auflösung brachten, b) die Bevölkerungsumschichtung ermöglichten, c) die Produktionsstandorte verschieben halfen. Auch darüber kann ich hier noch nicht ausführlicher sprechen, und ich muß den Leser auf die Darstellung im folgenden Abschnitte verweisen. 3. Den modernen Verkehrsmitteln verdankt es der Kapitalismus, wenn er in den Besitz des für seine Ausweitung nötigen Sachkapitals gelangte. Das ist ja diejenige Wirkung, die uns an dieser Stelle in erster Linie interessiert. Wie es den modernen Verkehrsmitteln gelang, diese entscheidende Wirkung auszuüben, werden wir verstehen, wenn wir die ganz einzigartige Lage, in die die Gütererzeugung während des 19. Jahrhunderts versetzt worden war, und die ich ausführlich im vorigen Kapitel geschildert habe, in Berücksichtigung ziehen. Wir müssen ein- sehen, daß dieser Sonderzustand der Produktion nur ermöglicht worden ist durch die Revolutionierung der Transportmittel, und daß diese mit der Umstellung und Eigentümlichkeit der Produktion zusammen einen 294 Erster Abschnitt: Das Kapital einheitlichen Wirkungskomplex bildet, der erst die Möglichkeit schuf, den Kapitalismus in der reichlichen Weise, wie es geschehen ist, mit Sachkapital zu versorgen. Es gilt hier nun, die bereits gewonnenen Einsichten zusammenzustellen und sinnhaft zu ordnen. Dann ergibt sich das Folgende: a) Ganz allgemein haben die Verkehrsmittel dazu beigetragen, die Arbeitsproduktivität zu steigern dadurch, daß sie die Produktion an den Ort der höchsten Ergiebigkeit zu verlegen gestatteten. Das gilt vor allem für die land- und forstwirtschaftlichen Erzeugnisse des Bodens und ihre Verschiebung untereinander. Ein Schulbeispiel zur Verdeutlichung dieses Vorgangs bietet Ägypten. Hier hat die Erzeugung von Baumwolle in den letzten Jahrzehnten beträchtlich zugenommen. Gleichzeitig ist aber eine Unterproduktion an Lebensmitteln eingetreten, so daß Lebensmittel eingeführt werden mußten. Mehl (von Getreide und Mais): 1905: 121422037 kg 1907: 140680720 „ 1909: 170381459 „ Getreide: 1890 für 762934 ägyptische Pfund 1900 „ 1532000 1906 „ 3000000 De Chambert, La condition du fellah egyptien, p. 70—73; zitiert bei G. Martin, 114. Die Verbilligung der Transportkosten hat bewirkt, daß die Erzeugung der Rohstoffe an dem günstigsten Produktionsorte stattfinden kann. Die Verschiebung der Produktion an den optimalen Standort hat sich aber ebenso innerhalb der Stoffverarbeitung vollzogen und kann nicht im einzelnen dargestellt werden. Ich verweise auf die von Alfred Weber angeregten und herausgegebenen Studien über die Veränderungen des Standortes verschiedener Industrien. Die durch die Entwicklung der Transporttechnik ermöglichte Verschiebung der Produktion hat aber erst ihre überragende Bedeutung gewonnen dadurch, daß eine irdische Aufteilung der Produktionsgebiete in „Agrar-“ und „Industrie“ ‘länder stattgefunden hat. Oder, wie ich es lieber ausdrücke: in Bodenländer, das heißt solche Länder, die einen Überschuß an Boden haben und von diesem an andere abgeben können, und Arbeitsländer, das heißt solche Länder, die mehr Arbeitskräfte haben, als ihrer Bodenfläche entspricht, und die deshalb genötigt sind, sich fremde Bodenerzeugnisse zu verschaffen, um leben zu können. Achtzehntes Kapitel: Die Mobilisierung der Güterwelt 295 Diese Arbeitsländer sind die eigentlichen Sitze des Hochkapitalismus, sind im wesentlichen die Länder Westeuropas und der Osten des Erdteiles Nordamerikas. Wir werden noch sehen, wie sich in diesen Punkten während der letzten hundert Jahre eine ungeheure Menschenmasse angehäuft hat, aus deren Knochen der Kapitalismus sein Gebäude aufzubauen vermochte. Damit diese stark übervölkerten Gebiete leben und arbeiten konnten, bedurfte r es aber jener großen Massen von Sach- kapital, die aus aller Herren Länder herbeigeschleppt werden mußten. Und das eben besorgten die modernen Verkehrsmittel. Verfolgen wir ihre Wirkungen genauer, so beobachten wir, daß sie es sind, denen b) die Erschließung des neuen Siedlungslandes zu danken ist, das der Kapitalismus in seinen Bereich, wie wir gesehen haben, ziehen mußte. Die Eisenbahnen schafften die Siedler in großen Massen in das Innere der Kontinente, sie versorgten diese Siedler mit den notwendigen Produktionsmitteln, und sie schafften die Erzeugnisse dieser Siedler aus der Wildnis heraus, so daß sie die Märkte Philadelphias, Londons und Berlins füllen konnten. Ebenso aber, wie die modernen Verkehrsmittel die Neubesiedlung der westlichen Erdteile erst ermöglicht haben, so bewirken sie c) die Aufschließung der alten Kulturländer, aus denen, wie wir ebenfalls feststellen konnten, der Kapitalismus sich beträchtliche Mengen von Sachkapital herausgeholt hat. Nur in dem Maße, in dem die Eisenbahnen in das Innere von Rußland, der Balkanstaaten, Ostindiens vordrangen, wurden diese in den Stand gesetzt, ihre Erzeugnisse auf den westeuropäischen Märkten zu verwerten. Und auch die zivilisierten Länder Westeiuropas haben erst die großen Massen Agrarprodukte liefern können, seit ihnen die Vervollkommnung der Transportmittel den Übergang zur intensiven Wirtschaft ermöglichte. Siehe Belege bei Aeroboe, Landw. Betriebslehre l 3 , 224ff. Wir wollen nunmehr noch an einigen Ziffern zu ermessen trachten, welchen Umfang diese Versorgung der kapitalistisch-zentralen Länder mit den Bodenerzeugnissen der kapitalistisch-peripheren Länder im Laufe der letzten Menschenalter angenommen hat. Aus diesen Ziffern leuchtet in wundervoller Klarheit die überragende Bedeutung hervor, die die Verkehrsmittelumwälzung für die Ausgestaltung des Kapitalismus gehabt hat. Denn ohne diese Umwälzung — halten wir diesen Gedanken immer fest! — wäre jene Güterbewegung, die dem Kapitalismus die Lebenssäfte zuführte, nicht möglich gewesen. 296 Erster Abschnitt: Das Kapital Statistik der Bewegung des Sachkapitals auf der Erde I. Bewegung von den Bodenländern her 1. Für pflanzliche Lebensmittel mag die Weizen ausfuhr stellvertretend stehen. Das erste Weizenausfuhrland war, nachdem, wie wir noch genauer verfolgen werden, die Vereinigten Staaten von Amerika nicht mehr einen so großen Teil ihrer Erzeugung an das Ausland abgeben konnten, Argentinien geworden. Nach der argentinischen „Estadistica agricola 1910“ betrug die Ausfuhr der wichtigsten Exportländer an Weizen in Tausend Tonnen: Argentinien. 2980 Vereinigte Staaten . . . 2952 Rußland. 2625. Danach kommen Kanada, Britisch-Indien, die Donauländer als Weizenausfuhrländer in Betracht. Die Bedeutung der Steigerung der natürlichen Transportfähigkeit erweisen die Ziffern, die die rasche Ausdehnung der Konserven erkennen lassen. So betrug die Ausfuhr aus Kalifornien an: Fruchtkonserven Gemüsekonserven 1909 .... 3037001 Kisten 1242730 Kisten 1910 .... 4008549 „ 2250645 „ 1911 .... 4182650 „ 2516655 „ Intern, agrartechnische Rundschau, April 1913, Seite 501. 2. Tierische Lebensmittel kamen aus folgenden Ländern: a) Gefrierfleisch führten aus im Jahre 1910: gekühltes Rindfleisch (in Tiervierteln): Argentinien. 2710747 Vereinigte Staaten .... 477147 Kanada. 8672 gefrorenes Rindfleisch (in Tiervierteln): Argentinien. 1336 757 Australien. 537442 Neu-Seeland. 344048 Uruguay . 148084 gefrorene Schafe (Stück): Australien. 2723148 Argentinien. 2 454 401 Neu-Seeland.1991115 Uruguay und Chile .... 384313 gefrorene Lämmer (Stück): Neu-Seeland. 3416359 Australien. 1496660 Argentinien. 352501 Uruguay und Chile .... 162547. Nach einer Propagandanummer der Annales de la Sociedad Rural Argen- tina 1910 bei E. Pfannenschmidt in den Sehr. d. V.f.S.-P., Band 141, I, Seite 86. Achtzehntes Kapitel: Die Mobilisierung der Güterwelt 297 b) Die Ausfuhr von Molkereierzeugnissen aus den peripherischen Ländern hatte erst in den letzten Jahrzehnten vor dem Kriege einen stärkeren Aufschwung genommen. Aus Australien und Kanada ging im Durchschnitt der Jahre 1908—1913 nach England 1 Million Zentner Butter. Käse wurde von Neu-Seeland ausgeführt: 1906: 131000 Zentner 1913: 612000 Ziffern bei H. Levy, Grundlagen der Weltwirtschaft (1924), 44. Eine starke Butterausfuhr hatte sich aus dem Russischen Reiche entwickelt. In den letzten Jahren vor dem Kriege ging Butter: aus dem europäischen Rußland im Gewichte von 3—4 Millionen Pud im Werte von 40—50 Mill. Rubel; aus Finnland im Gewichte von 100—150000 dz im Werte von 30 bis 40 Mill. finnische Mark. Die Butterproduktion Sibiriens, die fast völlig für den westeuropäischen Markt erfolgte, war besonders rasch gestiegen. Sie betrug: 1898: 149000 Pud 1905: 2600000 „ 1909: 8600000 „ Das Russische Reich in Europa und Asien (1910). Nach Mertens, a. a. O. 41, 587—89, betrug die Butterausfuhr Rußlands 1903 2516, 1913 4763 Tausend Pud, davon aus Sibirien 3661,1 Tausend Pud. c) Eier lieferten vor allem Rußland und die Länder der österreichischen Monarchie. Die Eierausfuhr aus Rußland betrug: 1852: 250000 Stück 1913: 3571000000 „ Mertens, a. a. O. 42, 147. 3. Handelte es sich um die Herbeischaffung der nötigen Rohstoffe für di eEmährung des Viehes, die Herstellung der Kleidung und anderer Bedarfsgegenstände. a) Unter den Futtermitteln steht obenan der Mais und unter den Mais exportierenden Ländern war das weitaus bedeutendste wiederum Argentinien. Im Jahre 1908/09 gelangten nach der obengenannten Quelle zur Ausfuhr in Tausend Tonnen aus: Argentinien. 2276 Donauländern, namentlich Rumänien . . . 848 Vereinigten Staaten. 753 Rußland. 536. Kleielieferanten waren vornehmlich Rußland, Argentinien, Vereinigte Staaten. Ölkuchen und ähnliche Futterstoffe kamen aus den Vereinigten Staaten, Rußland, Britisch-Indien. b) Unter den Bekleidungsrohstoffen sind vor allem die Textilstoffe zu nennen. 298 Erster Abschnitt: Das Kapital Die wichtigsten Wollausfuhrgebiete vor dem Kriege waren folgende (1908/09): Australien .... 291 Argentinien . . . • 5 5 182 Vereinigte Staaten * >> 149 Neu-Seeland . . . • JJ 86 Kapland (Natal) . • >J 60 Uruguay .... 58 Diese Länder lieferten 65% der gesamten auf der Erde erzeugten Wolle. Die Hauptproduktionsländer für Baumwolle waren, wie wir schon wissen: Vereinigte Staaten.mit etwa 50% i Ostindien.. ,, 20 %Ü! Ägypten.. „ 3—5% Brasilien, China, Rußland, Kleinasien . . „ 25%. Ein größerer Teil der Ernte (30—40%) wurde nur in den Vereinigten Staaten für die Verarbeitung im eigenen Lande zurückbehalten. Die Produktionsmenge der übrigen Gebiete gelangte fast vollständig in die kapitalistisch-zentralen Länder. Vgl. auch Seite 255 f. und 302. c) Sowohl zur Bekleidung als zur Herstellung anderer Bedarfsgegenstände dienen die Tierhäute: Hauptausfuhrgebiete waren Ostindien und Südamerika. Vgl. auch Seite 300 f. Über die Holzausfuhr aus den wichtigsten Waldländern habe ich oben Seite 264 schon Ziffern mitgeteilt. II. Die Bewegung in die Arbeitsländer hin Die Bedeutung, die die Zufuhr aus den Bodenländern für die Beschaffung des Sachkapitals in den kapitalistischen Ländern vor dem Kriege gewonnen hatte, wird man am besten ermessen können, wenn man sich die Bezüge der einzelnen Volkswirtschaft vor Augen führt. Ich wähle als Beispiele die deutsche und die englische Volkswirtschaft, von denen jene einen für Westeuropa wohl durchschnittlichen, diese einen Höchstbedarf an fremden Bodenerzeugnissen hatte. Deutschland: Die mehr eingeführten pflanzlichen Nahrungs- und Genußmittel kosteten: 1893: 304185000 Mk. 1913: 846441000 „ Die für die Hervorbringung dieser Erzeugnisse im Auslande erforderliche Landfläche betrug: 1893: 1152000 ha 1913: 1948000 „ A. Schulte im Hofe, a. a. O., Seite 29/30. Das sind im Verhältnis zur Anbaufläche in Deutschland: 1893: 8% 1913: 13,5%. Die Versorgung Deutschlands mit tierischen T Nahrungsmitteln durch die Inlandsproduktion bezifferte sich auf Tausend Mark: 1893: 3932586 1913: 7892393. Achtzehntes Kapitel: Die Mobilisierung der Güterwelt 299 Demgegenüber steht eine Mehreinfuhr von: 1893: 310333000 Mk. 1913: 807925000 „ A. a. 0., Seite 41. Dabei ist eine Preissteigerung von etwa 50% zu berücksichtigen. Diese Mehreinfuhr betrug vom Gesamtbedarf: 1893: 8,1% 1913: 10,3%. Deutschlands Bedarf an ausländischen Fetten insbesondere wird durch folgende Ziffern ausgedrückt: die Reineinfuhr betrug: Mill. kg = Mill. kg Milch Butter. 54,2 1447 Käse. 25,5 225 Milch. 20,4 20,4 Rahm. 44,4 355,2 Zusammen: 2077,6 Ausfuhr an eingedickter Milch 8,3 Mill. kg rund.24,1 Es fehlten in Deutschland also jährlich. 2053,5 oder etwa 9°/ 0 der eigenen Erzeugung. Art Milchwirtschaft (W. v. A11 r o c k) im HSt VI 4 , 577. Diese Ziffern stimmen ungefähr überein mit den Berechnungen Kuczynskis, wonach im Jahre 1912/13 etwa 10% der im Inlande erzeugten Kalorien der menschlichen Nahrung durch Zuschuß vom Auslande beschafft wurden. R. Kuczynski, Unsere bisherige und unsere künftige Ernährung im Kriege (1915), 2. An Futtermitteln betrug die Mehreinfuhr nach Deutschland: 1893: 31294500 dz 1913: 75182000 „ Die dafür benötigte Fläche betrug: 1893: 2695000 ha 1913: 5325000 „ Von der in Deutschland dafür verwandten Fläche sind das: 1893: 11,4% 1913: 16,5% A. Schulte im Hofe, a. a. O., Seite 61. Viel beträchtlicher als bei der Nahrungsmittel- und Futtermittelerzeugung ist die Hereinnahme fremden Bodens bei der Deckung des Bedarfs an Rohstoffen für die gewerbliche Produktion. Daß die Holzeinfuhr Deutschlands vor dem Kriege nur hätte durch Eigenproduktion ausgeschaltet werden können, wenn der Waldbestand etwa verdoppelt worden wäre, habe ich oben schon dargetan. Von den Textilrohstoffen ist Deutschland für die Verwendung von Seide, Jute und Baumwolle völlig auf die fremden Böden angewiesen- Wieviel Hektar das für Baumwolle sind, läßt sich ungefähr berechnen, 300 Erster Abschnitt: Das Kapital wenn wir etwa den Anteil der deutschen Einfuhr an der Gesamterzeugung der Vereinigten Staaten veranschlagen und somit auch den Anteil an der mit Baumwolle bestandenen Fläche Nordamerikas. Dann ergibt sich folgende Rechnung (nach den Ziffern des Stat. Abstr. U. S.) Gesamterzeugung derVereinigten Staaten an Baumwolle (Tausend Ballen) Davon gingen nach Deutschland (Tausend Ballen) Anteil der deutschen Einfuhr an der amerikanischen Ernte 1912 14313 3156 22% 1913 14795 2444 16,5% 1914 16992 2884 16% Die Anbaufläche betrug in diesen Jahren etwa 33 Millionen acres. Die nach Deutschland ausgeführte Baumwolle hatte also eine Fläche von 5—7 Millionen acres eingenommen, das sind 2—2 y 2 Millionen Hektar. Nun betrug aber die Mehreinfuhr an Baumwolle nach Deutschland (1913) 429,5, die aus Nordamerika nur 369,4 Tausend Tonnen, es wurden also noch etwa 17% der Menge der amerikanischen Baumwolle mehr eingeführt, deren Anbaufläche jenen 2—2 y 2 Millionen Hektar noch hinzuzufügen wären. Zum Vergleich: Die mit Weizen bestandene Fläche in Deutschland betrug (1913) 1974098 ha. Wollen wir für Jute ein ähnliches Rechenexempel anstellen, so kommen wir zu folgendem Ergebnis: 10 Mill. Ballen Jute werden auf der Erde erzeugt, davon 99% in Nord-Ostindien. Dieser Anbau nimmt 3 Mill. acres in Anspruch. Deutschland bezieht etwa ein Viertel der Gesamtproduktion, belegt also etwa % Mill. acres Anbaufläche. Die Ziffern nach Magdalene Willms, Zur Frage der Rohstoffversorgung der deutschen Juteindustrie, Probleme der Weltwirtschaft, 34, 1920. Da im letzten Jahre vor dem Kriege etwa 100000 t an Flachs und Hanf (nebst Hede) mehr eingeführt als ausgeführt wurden und man in Rußland — dem Hauptgesteller — eine Ernte von 800 kg vom Hektar rechnet, so sparte Deutschland etwa 100000 ha durch diese Einfuhr. Bei der Schafwolle müssen wir ausrechnen, wieviel Schafe außerhalb Deutschlands weiden, die das Rohmaterial für seine Wollindustrie liefern. Denn für dieses kommt die im Inlande erzeugte Wolle kaum in Betracht. Die Rechnung ist diese: Am 1. Dezember 1913 weideten in Deutschland 5520837 Schafe. Den Wollertrag des Schafes kann man — hoch — mit 2 kg im Jahre rechnen. Die Schur der deutschen Schafe liefert also rund 11000 t Wolle. Im Jahre 1913 betrug die Mehreinfuhr an Schafwolle nach Deutschland 182500 t, das sind 17 mal soviel wie die deutschen Schafe liefern. Fast 100 Millionen fremde Schafe sind neben den 6 Millionen deutschen Schafen nötig, um für die deutsche Wollindustrie das Rohmaterial herbeizuschaffen. Einen wichtigen Posten in der Versorgung Deutschlands mit Erzeugnissen fremder Böden bilden die Felle und Häute. Achtzehntes Kapitel: Die Mobilisierung der Güterwelt 301 Stellen wir die Rechnung nur für die Kalbfelle und Rindshäute auf. Der Rindviehbestand in Deutschland am 1. Dezember 1913 war 20994344 Stück. Nach der üblichen Annahme fällt jährlich etwa ein Achtel des Rindviehbestandes eines Landes wie Deutschland, alle Arten Rindvieh durcheinander gerechnet. Das ergäbe bei rund 21 Millionen Stück rund 2,6 Millionen Häute im Jahre. Man rechnet 4 auf den Zentner, das wären 650000 Zentner oder- 32500 t. Die Mehreinfuhr ausländischer Kalbfelle und Rindshäute nach Deutschland im Jahre 1913 betrug 140500 t. Der deutsche Rindviehbestand müßte also mehr als verfünffacht werden, um den inländischen Häutebedarf zu decken. Großbritannien: (Quelle, soweit nichts anderes vermerkt, Abstract U.K.) In ausgeprägterer Form noch ruht die englische Volkswirtschaft auf fremden Böden. Nicht nur die meisten pflanzlichen Rohstoffe des Gewerbes, sondern auch die überwiegenden Teile der Nahrungsmittel sind Erzeugnisse der peripherischen Länder. Wie die Einfuhr fremder Lebensmittel während der letzten beiden Menschenalter gestiegen ist, läßt folgende Zusammenstellung erkennen: Jahr Weizen cwts. (Mill.) Mehl cwts. (Mill.) Rinder Stück Schafe Stück Frisches Rindfleisch Frisches Schaffleisch 1 Auf d Kopf d. Bevölkerung Weizen u. Mi-hl 1I)S. Fleisch ibs. 1861—65 27,9 5,4 174177 490719 15772 _ 135 5,9 1870—75 43,8 5,4 215990 864516 34421 — 178 10,9 1881—85 58,9 14,3 387282 974316 773469 — 244 18,9 1891—95 69,7 19,3 448139 407260 2020668 2048192 281 30,4 1901—05 86.8 17,8 510468 319272 4352658 3718060 296 46,4 1906—10 96,7 12,3 391452 59284 6005255 4642962 289 47,9 Bei v. Tyszka, Das weltwirtschaftliche Problem (1916), 48. Der Weizen- und Mehleinfuhr von 110 Millionen Zentnern stand eine Weizenernte von 50—60 Millionen bushel, also etwa 30—35 Millionen Zentnern, gegenüber; das heißt das Ausland lieferte England mehr als dreimal so viel Brotfrucht, als es selbst erzeugte. Uber den Anteil der eingeführten Mengen Fleisch an der Deckung des Gesamtfleischbedarfs gibt folgende Tabelle noch genaueren Aufschluß. Englands Fleischmarkt war vor dem Kriege wie folgt beschickt: (Gefrorenes, gekühltes, gesalzenes, geräuchertes) Aus Rindfleisch Hammelfleisch Schweinefleisch Großbritannien selbst . . 37,60% 21,00% 60,80% Australien und Südafrika 9,00% 66,20% 0,40% U. S. A. und Kanada . . . 5,80% 0,05% 10,10% Südamerika. 44,80% 10,80% 2,60% Holland, Dänemark usw. . 2,80% 1,95% 26,10% Ziffern bei H. Levy, Grundlagen der Weltwirtschaft (1924), 58. 1 ) Einschließlich gekühltem und gefrorenem. 302 Erster Abschnitt: Das Kapital Der Anteil der einzelnen Lebensmittel an der Gesamteinfuhr war folgender: Im Jahre 1913 hatte die Gesamteinfuhr nach Großbritannien einen Wert von insgesamt 768,7 Millionen £. Davon entfielen auf Nahrungsmittel 290,2 Mill., und zwar auf: Korn und Mehl.85,5 davon Weizen und Weizenmehl . . . 50,2 Fleisch.56,7 Butter.24,1 Zucker.12,4 Tee.13,8. Bei der Beschaffung der gewerblichen Rohstoffe ist in Großbritannien das eigene Land etwas mehr beteiligt, soweit die Schafwolle in Frage kommt. England hat einen beträchtlich größeren Schafbestand als Deutschland: vor dem Kriege 23—25 Millionen Stück. Dafür ist aber auch der Bedarf seiner Wollindustrie an Rohstoff größer als der der deutschen. Die Mehreinfuhr nach Großbritannien an Wolle betrug in den letzten Jahren vor dem Kriege in Zentnern (Centais of lbs.): 1908: 3975081 1911: 4953703 1909: 4180149 1912: 4725534 1910: 4680725 1913: 4995932. Mehr als doppelt so viel wie Deutschland verbraucht Großbritannien an Baumwolle. Von diesem Rohstoffe wurden in den letzten Jahren vor dem Kriege 17—19 Millionen Zentner (im Rekordjahr 1912 sogar 24820167 Zentner) mehr eingeführt. Insgesamt führte Großbritannien (1913) für 281,8 Millionen £ gewerbliche Rohstoffe ein: ungefähr so viel wie für Nahrungsmittel. Davon entfielen auf: Nutz- und Bauholz.33,8 Rohstoffe für die Textilindustrie.128,1 Baumwolle.70,6 Wolle.37,7 Andere Rohstoffe.19,8 Ölsaat, Nüsse, öle, Fette, Gummi .... 41,6 Häute und unbearbeitete Felle.15,1 Kautschuk.20,5. III. Die Vereinigten Staaten von Amerika verdienen eine besondere Behandlung. Sie sind ein Kontinent und vereinigen bis heute Bodenländer und Arbeitsländer in sich. In ihrem wirtschaftlichen Gefüge haben sie aber während der letzten Menschenalter eine gestaltverändernde Umwälzung erfahren. Bis in das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts waren die Vereinigten Staaten überwiegend Kolonialland: sie gehörten zu den kapitalistisch-peripheren Ländern wie noch heute Rußland, Südamerika, Ostindien. Sie lieferten dem westeuropäischen Kapitalismus das nötige Sachkapital in Gestalt von Nahrungsmitteln und Rohstoffen. Das tun sie nun zwar in beträchtlichem Maße bis heute noch. Aber mittlerweile hat der Kapitalismus im eigenen Lande mächtig sein Achtzehntes Kapitel: Die Mobilisierung der Gäterwelt 303 Haupt erhoben und stellt nun dieselben Ansprüche wie früher Westeuropa allein: er heischt aus den nunmehr zum amerikanischen Kapitalismus selbst peripheren Gebieten das erforderliche Sachkapital. Die Folge ist, daß jetzt inAmerikaeine doppelte StrömungdieWarenbewegung beherrscht: Lebensmittel und Rohstoffe strömen aus den vom Kapitalismus noch nicht ergriffenen Gebieten in die kapitalistisch-zentralen Staaten sowohl des eigenen Landes als auch Westeuropas. Nur daß der Strom, der den eigenen Kapitalismus speist, immer größer, der nach Europa strömende, jedenfalls verhältnismäßig, teilweise auch schon absolut, entsprechend kleiner wird. Diese wichtige Wandlung läßt sich ziffernmäßig genau verfolgen; die Anzeichen sind vornehmlich diese: 1. Die in der Landwirtschaft beschäftigten Personen nehmen an Zahl ab. Die letzten Zensuszählungen bestimmen den Anteil der in der Landwirtschaft Erwerbstätigen an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen so: 1880: 44,3% 1910: 33,2% 1890: 37,7% 1920: 26,3% 1900: 35,7% 2. Der Anteil der Agrarprodukte an der Gesamtausfuhr verringert sich. Der Wert der Ausfuhr an Weizen und Weizenmehl, Mais, Fleisch, Baumwolle machte von der Gesamtausfuhr aus im Durchschnitt der Jahre: 1861—1865: 67,6% 1881—1885: 66,1% 1891—1895: 61,0% 1906—1910: 43,9% 1913: 35,8%. Der Rückgang ist noch deutlicher, wenn wir die Baumwolle, deren Anteil annähernd gleich geblieben ist, ausscheiden. Dann bleiben im wesentlichen die Lebensmittel übrig, deren Ausfuhr von der Gesamtausfuhr ausmachte: 1861—1865: 60,7% (Baumwollsperre!) 1881—1885: 38,1% 1891—1895: 34,7% 1906—1910: 18,9% 1913: 13,3%. 3. Von der Gesamternte bleiben immer größere Beträge (Anteile) im Lande, das heißt: die Exportquote sinkt. Während sich das von dem Hauptausfuhrgegenstande: Baumwolle bis heute nicht sagen läßt (der Anteil der Ausfuhr schwankt seit 50 Jahren zwischen 60 und 70%), tritt die verringerte Bedeutung der Ausfuhr an den wichtigen Nahrungsmitteln schon klar zutage. So betrug die Exportquote bei Weizen im Durchschnitt der Jahre: 1871—1880: 26,2% 1881—1890: 28,1% 1891—1900: 34,5%, steigt also rasch an, um dann noch rascher zu sinken; denn sie beträgt: 1901—1910: 21,9% 1910—1913: 14,4%. Alle Ziffern aus Stat. Abstr. U. S. 304 Zweiter Abschnitt Die Arbeitskräfte Erster Unterabschnitt Zur Typologie der Bevölkerungstheorien Literatur Das Problem einer Typologie der Bevölkerungstheorien, wie ich es hier stelle, ist bis jetzt meines Wissens überhaupt nicht erörtert worden. Jeder Theoretiker verkündet seine Bevölkerungstheorie, ohne zu fragen, wes Geistes Kind sie ist. Die allgemeine Literatur über das Bevölkerungswesen ist dagegen sehr umfangreich. Es genügt, wenn ich einige der neuesten Zusammenfassungen hier nenne, die einen guten Überblick über die Problematik des Gebietes geben und meist eine reiche Literaturübersicht enthalten. Paul Mombert, Bevölkerungslehre im GdS II. 1. 2. Aufl. 1923. P. Leroy-Beaulieu, La question de la population. 1913. Harald Wright, Population. Deutsch von M. Palyi. 1925 (mit vielen hübschen Ansätzen zu vertiefter Auffassung des Problems). Art. Bevölkerungswesen im HSt 2 1 . (Verf. L. Elster.) Das Buch von Rene Gonnard, Histoire des doctrines de la population (1923) ist bedeutsam für die ältere Theorie (vor Malthus). Die bedeutendste Bearbeitung des Gegenstandes von marxistischer Seite ist die Schrift von Karl Kautsky, Vermehrung und Entwicklung in Natur und Gesellschaft. 1910. Neunzehntes Kapitel Die naturalistische Theorie Das Problem, dessen Lösung in diesem Abschnitte versucht werden soll, drückt sich in der Präge aus: woher sind die Arbeitskräfte gekommen, deren der Kapitalismus benötigte, Utn das ihm zuströmende Sachkapital zu verwerten. Das Problem schneidet sich mit dem „Bevölkerungsproblem“, ist zu einem guten Teile ein Bevölkerungsproblem und nur von diesem aus gesehen in seiner ganzen Fülle faßbar. Das Bevölkerungsproblem stand im Zeitalter des Frühkapitalismus, wie wir wissen, im Zeichen der Bevölkerungsknappheit. Überall empfand man den Mangel an Menschen: als Soldaten, als Steuerzahler und so auch — nicht am wenigsten — als Arbeitskräfte im Dienste der emporkommenden kapitalistischen Wirtschaft. Wie sich Theorie und Praxis in jener Zeit mit dem Problem auseinandersetzten, habe ich ausführlich im 53. und 54. Kapitel des ersten Bandes dieses Werkes geschildert. Das Gemeinsame in der Auffassung aller Beteiligten (Theoretiker, Staatsmänner, Unternehmer) war dieses: sie alle sahen den Mangel an Arbeitskräften, sie alle erblickten darin ein Problem, und die Leiter des Staates erkannten es als ihre Pflicht an, durch ihr Eingreifen der Arbeiternot zu steuern. Wir haben gesehen, daß sich aus dieser Einstellung ein kunstvolles System von Maßnahmen zur Beschaffung von Arbeitskräften ergab. Aber — das möchte ich noch hervorheben — es ergaben sich aus dieser Einstellung auch glückliche Gesichtspunkte für eine fruchtbare — das heißt soziologische — Behandlung des Bevölkerungsproblems. Man nehme als Beispiel Montesquieu! In der 112. Lettre persane drückt er sein Entsetzen aus über die rasch fortschreitende Entvölkerung der Erde, die seines Erachtens — „apres un calcul aussi exact qu’il peut l’etre dans ces sortes de choses“ — heute höchstens noch ein Zehntel der Menschen ernährt, die einst auf ihr gelebt haben. „Oe qu’il y a d’etonnant, c’est qu’elle se depeuple tous les jours, et si cela continue, dans dix siecles eile ne sera plus qu’un desert, Yoilä, mon eher Usbeck, Sombart, Hochkapitalismus. 20 306 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte la plus terrible catastrophe qui soit jamais arrivee daus le Monde.“ Und diese Feststellung wird nun zur Veranlassung, nach den Gründen dieser beklagenswerten Erscheinung zu suchen, die offenbar beruht auf einem ,,vice interieur, un venin secret et cache, une maladie de langueur, qui afflige la nature humaine“. Die folgenden Briefe versuchen die Antwort auf die Frage nach den Ursachen der Entvölkerung zu geben. Dabei ist der Leitgedanke der: ,,tu cherches la raison pourquoi la terre est moins peuplee qu’elle ne l’etait autrefois: et si tu y fais bien attention, tu verras que la grande difförence vient de celle qui est arriv4e dans les mceurs“ (114). Solche Bemerkimgen wie diese: „la f6condit6 d’un peuple depend quelquefois des plus petites circonstances du monde, de maniere qu’il ne faut souvent qu’un nouveau tour dans son imagination, pour le rendre beaucoup plus nombreux qu’il n’6tait“ (119) — enthielten wertvolle Ansätze zu einer erschöpfenden Erörterung des Bevölkerungsproblems. Anknüpfend an Montesquieu behandelt den Gegenstand in geistreichster Weise der ausführliche Artikel „Population“ in der Ency- clopedie. Auch Quesnay wußte sehr interessante „Fragen“ nach den Ursachen der Bevölkerungsbewegung zu stellen, in denen er seinen weiten geschichtlichen Blick offenbart. Siehe die „Questions interessantes sur la population, l’agriculture et le commerce“ in der Ausgabe von Auguste Oncken (1888), 263 ff. Die Lage änderte sich mit dem Beginne der hochkapitalistischen Epoche von Grund aus; man kann sagen: Meinungen und Taten verkehrten sich in das Gegenteil. Zwar hörten die Klagen der Unternehmer über Mangel an Arbeitskräften, und namentlich an geeigneten Arbeitskräften, nicht auf. Wir werden im weiteren Verlauf der Darstellung diesen Klagen häufig begegnen. Aber die Stellung der Theoretiker und der Staatsmänner war eine andere geworden: sie kümmerten sich um die Klagen der Unternehmer nicht mehr. Sie ließen sie allein in ihrer Not, und die Staatsmänner verwiesen sie auf den Weg der Selbsthilfe. Diese veränderte Stellung war nun gewiß zum guten Teil Wirkung der veränderten wirtschaftspolitischen Grundgesinnung: der liberale Doktrinarismus begann sich fühlbar zu machen. Aber zu einem ebensogroßen Teile war sie der Ausfluß eines Wandels in der Beurteilung des Arbeiterproblems selbst. Hatte man dieses in den vorhergehenden Jahrhunderten darin erblickt, daß zu wenig Arbeitskräfte da seien, so fand man jetzt, daß genug, ja sehr bald: daß zu viel Arbeitskräfte — Menschen überhaupt — im Lande seien. Die Theoretiker suchten sssm ZESaSSSä KHBHE '•4ff •>»»*' .♦*«* rrl Neunzehntes Kapitel: Die naturalistische Theorie 307 nun nicht mehr nach den Gründen, warum so wenig, sondern warum so viel Menschen auf der Welt seien, und die Praktiker erwogen nicht mehr Maßnahmen, mittels deren die Bevölkerung vermehrt werden konnte, sondern höchstens solche, die eine weitere Vermehrung hintanzuhalten oder doch das Land von dem Überschuß zu befreien geeignet seien. Anlaß zu dieser Achsendrehung der Meinungen boten gewisse Übervölkerungserscheinungen auf dem flachen Lande, namentlich in Großbritannien, denen wir in ihrer Tatsächlichkeit und Ursächlichkeit später nachgehen werden. Diese in England durch ganz besondere Gesetzgebungsmaßregeln verschärften Übervölkerungserscheinungen sind es denn auch offenbar gewesen, die Robert Malthus den Traum Godwins als ganz besonders töricht und gefährlich erscheinen ließen und ihn dazu bewogen, das luftige Gebäude seiner Bevölkerungstheorie auf die grüne Wiese hinzustellen. Was Malthus schuf, war die erste ausgebaute allgemeine Bevölkerungstheorie, oder besser: Übervölkerungstheorie auf naturalistischer Grundlage. Das Problem wird im wesentlichen als ein biologisches gefaßt, und in dem Zeugungsoptimismus, dem der Verfasser dieser Theorie huldigt, gehen die früheren bevölkerungspolitischen Probleme, geht vor allem auch das Problem der Arbeiterbeschaffung völlig unter. Es wird als feststehende Tatsache angenommen, daß die Natur zu allen Zeiten und an allen Orten reichliches und überreichliches Menschenmaterial liefert, so daß auch der Kapitalismus stets aus einem vollen, sich immer wieder füllenden Fasse schöpfen könne, wenn es ihm darauf ankomme, die Reihen seiner Lohnarbeiterschaft zu schließen. Die plumpe These, daß überall dieselbe „Tendenz“ zur Bevölkerungsvermehrung herrsche, mußte aber auch alle die Ansätze zu einer ursächlichen Erklärung der Bevölkerungsbewegung, die wir bei den Theoretikern des 18. Jahrhunderts finden, im Keime ersticken. Ein Jahrhundert lang hat die Malthussche „Theorie“ jede sinnvolle Erörterung des Bevölkerungsproblems hintangehalten. Daß die Malthussche Theorie „falsch“ sei, oder — um es in der klassisch gewordenen Formel auszudrücken — „daß Robert Malthus in allem Wesentlichen nicht recht behält“, sollte auch von den „Malthusianern“ heute nicht mehr bestritten werden. Denn das, was Wahrheit in dem Gedankengewirre dieses Erzkonfusionarius ist: daß der Nahrungsspielraum die Bevölkerungsmenge beschränkt, hat mit der Malthusschen Theorie nichts zu tun. Und die andere Wahrheit: 20 * 308 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte daß die Menschheit heute — am Ende des hochkapitalistischen Zeitalters — an die Schranke des Nahrungsspielraums stößt, konnte Malthus zu seiner Zeit nicht einmal ahnen. Statt nun aber diese Wahrheiten in ein kulturwissenschaftliches Gewand zu kleiden, das heißt in ihrer geschichtlichen Bedingtheit zu erfassen und demgemäß zu begründen, schuf er jene allgemeine, naturalistische Theorie, die uns hundert Jahre lang das Problem verdunkelt hat. Die „Fehler“ dieser Theorie, die, wie gesagt, alle in ihrem Naturalismus gründen, liegen allzu offen zutage. Ich stelle sie noch einmal zusammen. 1. In unerträglicher Weise werden die Begriffe „Gesetz“ und „Tendenz“ durcheinandergewirrt. Also ein hypothetisches Urteil, in dem die funktionelle Verknüpfung bestimmter Größen behauptet wird und ein faktizisches Urteil, in dem entweder der historische Ablauf bestimmter Erscheinungen oder der wahrscheinliche Verlauf einer zukünftigen Entwicklung zur Feststellung gelangen. Daß ein „Gesetz“ niemals (das gilt sogar für die naturwissenschaftlichen Gesetze) auch nur die geringste Aussage über die Wirklichkeit enthält, ist Malthus und seinen blinden Anhängern offenbar gar nicht zum Bewußtsein gekommen. 2. Will man die „Gesetze“ formen, die in dem Malthusschen Wust angedeutet sind, so kommt man zu folgenden drei Hauptsätzen: a) Wenn die Bevölkerung rascher wächst als der Nahrungsspielraum, wächst sie über diesen hinaus. b) Wenn aus irgendwelchen Gründen die Bevölkerungszunahme entsprechend der Größe des Nahrungsspielraums beschränkt wird, bleibt ihre Menge innerhalb der Grenzen des Nahrungsspielraums. c) Wenn diese vorherige Beschränkung nicht stattfindet und mehr Personen da sind, als leben können, müssen sie sterben. Über die „Richtigkeit“ dieser Gesetze wird kein Zweifel herrschen können, ebensowenig wie über ihre völlige Leerheit. Es sind nicht einmal analytische, es sind einfach identische Sätze. Truism. Binsenwahrheiten, zu deren Feststellung es keiner dreibändigen Theorie bedurft hätte. Aber — so werden Unbekehrbare einwenden: Malthus hat keine „Gesetze“ (hypothetische Urteile), sondern „Tendenzen“ (faktizische Urteile) gelehrt. Was ist es mit diesen „Tendenzen“ ? 3. Die „Tendenzen“, deren Bestehen Malthus behauptet, sind dreifacher Art: Tendenzen der Bevölkerungsbewegung, Tendenzen in der Gestaltung des Nahrungsmittelspielraums und Tendenzen, die sich aus der Vereinigung jener beiden andern Tendenzen ergeben. Nun muß Neunzehntes Kapitel: Die naturalistische Theorie 309 aber mit aller Entschiedenheit festgestellt werden, daß es allgemeine — das heißt im Wesen der Erscheinung begründete und darum zu allen Zeiten und an allen Orten gleiche — Tendenzen weder in der Bevölkerungsbewegung noch in der Gestaltung des Nahrungsmittelspielraums und somit auch in der Vereinigung beider nicht gibt. Wir wissen heute, daß die Zunahme der Bevölkerung — ganz unabhängig vom Nahrungsspielraum — ihren eigenen Bedingungen unterworfen ist, und daß diese ebensogut einer Vermehrung (in ganz verschiedenen Raten) oder einer Verminderung oder einem Stillstände günstig sein können. Es ist eine aller Erfahrung widersprechende Annahme, daß zu jeder Zeit und an allen Orten — die Möglichkeit der Erhaltung gegeben — eine rasche Vermehrung der Menschen — von der geometrischen Progression ganz zu schweigen — stattfinden müsse. Es ist unzulässig, in allen Beschränkungen der Fortpflanzung nur ökonomische Beweggründe zu sehen; der Gedanke kann nur von einem Anhänger der materialistischen Geschichtsauffassung, der Malthus im Grunde war, gedacht werden. Aber vir wissen heute ebensogut, daß auch in der Gestaltung des Nahrungsspielraums zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten ganz verschiedene „Tendenzen“ herrschen. Wir wissen, daß das Gesetz vom abnehmenden Ertrage (aller wirtschaftlichen Tätigkeit) zuweilen wirksam ist, zuweilen nicht, daß in jenem Falle also der Nahrungsspielraum nicht wächst, in diesem Falle aber sehr wohl. Was bleibt also von den „Tendenzen“ im Malthusschen Systeme übrig, wenn wir an ihre Prüfung mit unserm heutigen Wissen herantreten ? Will man ihnen die allgemeine Form geben, die Malthus ihnen geben möchte, so müssen sie so ausgedrückt werden: a) Manchmal besteht die Tendenz der Bevölkerung, zu wachsen, manchmal, stabil zu bleiben, manchmal, sich zu verringern. b) Manchmal besteht die Tendenz, daß der Nahrungsspielraum einschrumpft, manchmal, daß er derselbe bleibt, manchmal, daß er sich ausweitet. c) Manchmal also wird die Bevölkerung die Tendenz haben, den Nahrungsspielraum zu überschreiten, manchmal, ihn auszufüllen, manchmal, hinter den Möglichkeiten, die ihr der Nahrungsspielraum gewährt, zurückzubleiben. Man sieht: auch diese Feststellungen enthalten nicht allzuviel Erkenntnis. 310 Zwanzigstes Kapitel Die ökonomistische Theorie Für die Malthusianer, sahen wir, gibt es kein Problem: wie die nötige Menge Lohnarbeiter zu beschaffen sei. Sie ist immer da. Denn wenn die Bevölkerung die „Tendenz“ hat, den Nahrungsspielraum immer zum mindesten auszufüllen — wie ein unerschöpflicher Strom in das Bett sich zu ergießen, das ihm die Möglichkeit, sich zu ernähren, bereitet —, dann wächst sie also auch immer mindestens im Verhältnis zur Höhe des Lohnfonds an (wahrscheinlich darüber hinaus). Alle Malthusianer sind also ausgesprochene Optimisten gegenüber dem Bevölkerungsproblem des Kapitalismus. Malthusianer und somit Optimisten in dem bezeichneten Sinne waren die „Klassiker“ bis einschließlich J. St. Mill. (Und natürlich auch alle Nachbeter des Malthus in der späteren Zeit, die „historischen“ Nationalökonomen und was sonst noch.) Der Satz von Adam Smith: „the liberal reward of labour . . is the cause (!) of increasing population“ (B. I. ch. 8) blieb maßgebend für alle Ökonomisten. „Hätte ich Nahrungs- und andere Bedürfnismittel zur Verfügung, so würde es mir nicht lange an Arbeitern fehlen, die mich in Besitz mancher von denjenigen Gegenständen setzen, welche mir am brauchbarsten und erwünschtesten sind,“ ruft der von der Malthusschen Idee geblendete Bicardo (XXL Hauptstück) aus in einer Zeit, in der die englischen Baumwollspinner verzweifelt die Hände rangen, weil ihnen die nötigen Arbeitskräfte fehlten. Einen bedeutenden Fortschritt über aiese völlig lebensblinde Auffassung hinaus bezeichnet die Theorie Sismondis. Er hat, wie mir scheint als erster, das Problem der Bevölkerungszunahme mit dem herrschenden Wirtschaftssystem in Verbindung gebracht. Und nicht nur in der Weise, daß er die Gegenbewegung gegen die Bevölkerungsbewegung — die Gestaltung des Nahrungsspielraums — von diesem abhängig machte: das hatten, wie wir sahen, die Klassiker auch schon getan. Sondern indem er die Bevölkerungsbewe- Zwanzigstes Kapitel: Die ökonomistische Theorie 311 gung selbst in funktionale Abhängigkeit von der bestehenden Wirtschaftsverfassungbrachte. Für ihn wird — seiner allgemeinen Haltung entsprechend — das Vermehrungsproblem zu einem Verteilungsproblem. Er läßt die Vermehrung der Bevölkerung bestimmt werden durch den — freien — Entschluß zur Heirat, diesen aber von der größeren oder geringeren Vorsicht und Bedenklichkeit abhängen. Diese sind seiner Meinung nach groß genug bei allen wohlhabenden Klassen, um eine zu starke Vermehrung hintanzuhalten. Dagegen sind sie gering bei der Lohnarbeiterklasse, die niemals ein sicheres Einkommen besitzt und deshalb auch nicht daran denkt, dieses für die Kinder zu erhalten; sie ist deshalb im römischen Sinne „Proletariat“: „ad prolem generandum“ auf der Welt. (N. Pr. Livre VII. ch. II). Der fruchtbare Keim, der in dieser Betrachtungsweise liegt, wurde erstickt durch den doch letzten Endes auch wieder Malthusschen Irrtum, den Sismondiin der Beurteilung wenigstens des Proletariates beibehält. Dieses ist doch immer in beliebiger Menge vorhanden. Der Kapitalismus wird nie Mangel an Lohnarbeitern leiden. Das ist der Zeugungsoptimismus aller Malthusianer, der das Problem der Arbeiterbeschaffung nicht kennt. „La population se mesure toujours, en dernier analyse, sur la demande du travail. Toutes les fois que le travail sera demande et qu’un salaire süffisant lui sera offert, Pouvrier naitra pour le gagner“. N. Pr. 2 2 , 286. Einen Schritt weiter weg von Malthus tut dann Karl Marx, dessen Verdienste um die Entwicklung einer Bevölkerungstheorie zweifellos bedeutend sind. Was Marx sah und leistete über das, was seine Vorgänger gesehen und geleistet hatten, hinaus, ist vornehmlich dieses: 1. betonte er mit Entschiedenheit, daß es nur sinnvoll sei, „Bevölkerungsgesetze“ für bestimmte Zeitabschnitte, also historisch begrenzten Inhalts, aufzustellen. „Ein abstraktes Populationsgesetz existiert nur für Pflanze und Tier, soweit nicht der Mensch geschichtlich eingreift“ („Kapital“ I 4 ,596). Gedacht in diesem Sinne hatten zwar die Bevölkerungstheoretiker, ehe Malthus ihnen das Konzept verdarb, schon immer. Aber die klare und ausdrückliche Feststellung ist doch das Verdienst von Marx. 2. Mit besonderem Bezug auf das Problem der Arbeiterbeschaffung erkannte er den Unterschied zwischen potentieller (biologischer) und aktueller (ökonomischer) Arbeitermasse, einen Unterschied, über den im folgenden Kapitel noch Genaueres festzustellen ist. 312 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte 3. hat er beachtenswerte Feststellungen über „die Entstehung des Proletariats“ gemacht, über deren bedingte Richtigkeit ich schon an anderer Stelle (siehe Band I Seite 792 ff.) mich ausgelassen habe. Dann aber, als es darauf ankam, das „Bevölkerungsgesetz“ für die hochkapitalistische Periode zu formen, ich würde lieber sagen: die Bedingungen und Tendenzen der Bevölkerungsbewegung im Zeitalter des Hochkapitalismus festzulegen, geriet er in den Nebel und verlor die Wegrichtung. Wir werden sehen, wie unbestimmt seine Aussagen sind. Als den Mittelpunkt seiner Bevölkerungstheorie betrachtet Marx selbst „ein der kapitalistischen Produktionsweise eigentümliches Populationsgesetz“ (596), das man als ökonomistische Bevölkerungstheorie bezeichnen kann, weil in ihr der Versuch gemacht wird, die Bevölkerungsbewegung von ihrer biologischen Grundlage loszulösen und als ausschließliche Folge wirtschaftlicher Vorgänge zu deuten. Der Inhalt dieses „Populationsgesetzes“ ist dieser: Die Bevölkerung, das heißt das Proletariat, wächst immer rascher als das Verwertungsbedürfnis des Kapitals; diesem stehen also immer reichliche Arbeitermassen zur Verfügung. Der Beweis für diese These wird mit Hilfe der anderen These geführt, gemäß der jede Akkumulation des Käpitals mit einer Veränderung ln der „organischen“ Zusammensetzung des Kapitals verbunden ist, so zwar, daß das „konstante“ Kapital (c) einen immer größeren Anteil am Gesamtkapital ausmacht, das „variable“ Kapital (v), der Lohnfonds also immer kleiner wird. Wenn aber der Lohnfonds immer kleiner wird, werden immer weniger Arbeiter Beschäftigung finden; Arbeiter werden entlassen werden, und diese bilden die „industrielle Reservearmee“, die „relative Übervölkerung“. Bestimmter läßt sich das „Gesetz“ im Marxschen Sinne nicht fassen, wie ein Überblick über die Stellen, in denen er es formt, ersichtlich macht. Ich setze die wichtigsten hierher. Die Unterstreichungen rühren meist von mir her. Die einfachen Ziffern in Klammern verweisen auf die Seitenzahl des ersten Bandes des „Kapitals“ in vierter Auflage, die Ziffern mit Vorsatz des Bandes auf die übrigen Bände des „Kapitals“. „Die mehr oder minder günstigen Umstände, worin sich die Lohnarbeiter erhalten und vermehren, ändern . . . nichts am Grundcharakter der kapitalistischen Produktion. Wie die einfache Reproduktion fortwährend das Kapitalverhältnis selbst reproduziert, Kapitalisten auf der einen Seite, Lohnarbeiter auf der anderen, so reproduziert die Reproduktion auf erweiterter Stufenleiter oder (!) die Akkumulation das Kapitalverhältnis auf erweiterter Stufenleiter, mehr Kapitalisten auf diesem Pol, Zwanzigstes Kapitel: Die ökonomistische Theorie 313 mehr Lohnarbeiter auf jenem. Die Reproduktion der Arbeitskraft . . . bildet in der Tat ein Moment der Reproduktion des Kapitals selbst. Akkumulation des Kapitals ist also Vermehrung des Proletariats“ (677/78). „Was Mandeville, ein ehrlicher Mann und heller Kopf, noch nicht begreift (vielleicht, weil er beides ist? W. S.), ist, daß der Mechanismus des Akkumulationsprozesses selbst mit dem Kapital die Masse der ,arbeitsamen Armen 1 vermehrt, das heißt der Lohnarbeiter“ (579). „Die disponible Arbeitskraft wird durch dieselben Ursachen entwickelt wie die Expansivkraft des Kapitals“ (609). „Es ist in Buch I weitläufig auseinandergesetzt, wie Arbeitskraft auf Basis der kapitalistischen Produktion immer vorrätig ist“ (2, 503). „In (dem) Wachstum der Produktionsmittel ist . . . eingeschlossen das Wachstum der Arbeiterbevölkerung, die Schöpfung einer dem Surpluskapital entsprechenden und sogar seine Bedürfnisse im ganzen und großen stets überflutenden Bevölkerung von Arbeitern . . . Aus der Natur des kapitalistischen Akkumulationsprozesses . . . folgt . . . von selbst, daß die gesteigerte Masse der Produktionsmittel, die bestimmt sind, in Kapital verwandelt zu werden, eine entsprechend gesteigerte und selbst überschüssige, exploitierbare Arbeiterbevölkerung stets zur Hand findet“ (3 1 , 1981). Und zur Erläuterung bzw. zum Beweise der These: „Das Gesetz, wonach eine immer wachsende Masse von Produktionsmitteln, dank dem Fortschritt in der Produktivität der gesellschaftlichen Arbeit, mit einer progressiv abnehmenden Ausgabe von Menschenkraft in Bewegung gesetzt werden kann — dies Gesetz drückt sich auf kapitalistischer Grundlage, wo nicht der Arbeiter die Arbeitsmittel, sondern die Arbeitsmittel den Arbeiter anwenden, darin aus, daß, je höher die Produktivkraft der Arbeit, desto größer der Druck der Arbeiter auf ihre Beschäftigungsmittel, desto prekärer also ihre Existenzbedingung: Verkauf der eigenen Kraft zur Vermehrung des fremden Reichtums oder zur Selbstverwertung des Kapitals. Rascheres Wachstum der Produktionsmittel und der Produktivität der Arbeit als der produktiven Bevölkerung drückt sich kapitalistisch also umgekehrt so aus, daß die Arbeiterbevölkerung stets rascher wächst als das Verwertungsbedürfnis des Kapitals“ (610). Ich verweise noch auf folgende Stellen, an denen der Gedanke fast immer mit denselben Worten wiederholt wird: 593ff., 596, 602ff., 3 1 , 21 ff. Die Kritik hat gegenüber der Marx sehen Theorie folgendes zu bemerken: Unzweifelhaft richtig ist seine Lehre von der „industriellen Reservearmee“, das heißt die Feststellung einer der hochkapitalistischen Wirtschaft innewohnende Tendenz zur immerfort sich wiederholenden Abstoßung von .Arbeitskräften aus dem Produktionsprozeß. Auch die Erklärung dieser Tatsache, die Marx gibt, ist im wesentlichen richtig: 314 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Vervollkommnung des Verfahrens und Expansionskonjunktur sind die Ursachen dieser periodischen Überzähligmachung von Arbeitern, deren Umfang aus den Ziffern der Arbeitslosenstatistik abgelesen werden kann. Ebenso richtig wie diese Feststellung einer stets sich erneuernden relativen“ Übervölkerung ist, ebenso ungeheuerlich ist der Gedanke, aus denselben Ursachen, die zur Bildung einer industriellen Reservearmee führen, das Wachsen der Durchschnittsgröße des Proletariats ableiten zu wollen. Diese Durchschnittsgröße aber muß wachsen, wenn die Produktion sich ausdehnen, kapitalistisch gesprochen: wenn „akkumuliert“ werden soll. Man kann nicht akkumulieren, ohne daß der Lohnfonds wächst. Denn aus nichts anderem als aus diesem wird akkumuliert. Man kann wirklich die Produktion nicht ausdehnen, indem man immer mehr Arbeiter entläßt. Und schließlich sollten doch auch die Ziffern unserer Berufs- und Gewerbezählungen oder die Statistiken der zur Auszahlung gelangenden Arbeitslöhne uns nicht darüber im Zweifel lassen, daß heute mehr Lohnarbeiter beschäftigt und mehr Arbeitslöhne bezahlt werden als vor hundert Jahren. Die Sache liegt also so: Will man das Marxsche „Populationsgesetz“ für die absolute Zunahme des Proletariats gelten lassen, so enthält es schieren Unsinn; will man es auf die Bildung einer relativen (periodischen) Überzähligmachung von Arbeitern beschränken, so gilt es (als „Tendenz“), ist aber — und das muß nun hinzugefügt werden — als „Populationsgesetz der kapitalistischen Produktionsweise“ unzureichend. Die entscheidenden Vorgänge der Bevölkerungsbewegung berührt es nicht. Es ist eine dogmengeschichtlich nicht uninteressante Frage, die bis heute noch nicht einwandfrei in einem eindeutigen Sinne beantwortet ist und vielleicht angesichts der unbestimmten Ausdrucksweise von Marx nie beantwortet werden kann: wie Marx selbst den Geltungsbereich seines „Gesetzes“ habe abgrenzen wollen. Vor langen Jahren habe ich darüber mit Julius Wolf gestritten; siehe das Archiv Band VI. Wolf hatte in seinem Buche: „Sozialismus und kapitalistische Wirtschaftsordnung“ (1892) angenommen, daß Marx den Unsinn wirklich behauptet habe, das variable Kapital und somit die Lohnarbeitermenge nehme absolut beständig ab. Ich verteidigte Marx und versuchte den Nachweis zu führen, daß Marx immer nur die Bildung einer „relativen“ Uberschußbevölkerung im Sinne gehabt habe. Ich muß heute zugeben, daß der Text bei Marx beide Auffassungen zuläßt. Immerhin lassen sich, wie ich auch heute noch glaube, Gründe dafür beibringen, daß Marx sein Gesetz doch nur für die Bildung der „relativen“ Übervölkerung habe gelten lassen wollen. Zwanzigstes Kapitel: Die ökonomistische Theorie 315 Dafür sprechen zunächst einige Stellen des Textes, an denen er ausdrücklich von der Schaffung einer „relativen, das heißt mit Bezug auf das mittlere Verwertungsbedürfnis des Kapitals überschüssigen Bevölkerung“ spricht; siehe z. B. I 4 , 594, 598. Vgl. auch noch die Stelle in den „Theorien über den Mehrwert“ Bd. II Teil II Seite 243: „Soll die Akkumulation ein stetiger, fortlaufender Prozeß sein, so ist dieses absolute Wachstum der Bevölkerung, obgleich sie relativ gegen das angewandte Kapital abnimmt, Bedingung. Vermehrung der Bevölkerung erscheint als Grundlage der Akkumulation als eines stetigen Prozesses.“ Wichtiger noch und beweiskräftiger scheint mir die Tatsache zu sein, daß Marx selbst das Bedürfnis gefühlt hat, über die absolute Vermehrung des Proletariats Sätze aufzustellen, die mit seinem „Populationsgesetz“ in gar keiner Beziehung stehen. Sie gipfeln im wesentlichen in dem schon bei den Klassikern vorhandenen Zeugungsoptimismus, nach dem, wie wir sahen, die Lohnarbeiter sich mindestens in dem Maße vermehren werden, in dem es ihnen der Arbeitslohn gestattet (siehe z. B. I 4 , 544, Theorien über den Mehrwert II, 2, 243) sowie in der von Sismondi besonders vertretenen, aber auch schon vor ihm geäußerten Ansicht, daß die Bevölkerungszunahme im umgekehrten Verhältnis zur Höhe des Einkommens erfolge, nach dem Satze von Adam Smith: „Poverty seem favourable to generation“. Siehe z. B. I 4 , 607, 608. Neben diesen kritiklos übernommenen Gemeinplätzen finden sich dann bei Marx auch Ansätze zu einer soziologischen Theorie der Bevölkerung, die aber nicht zur Entfaltung gelangt sind; siehe z. B. I 4 , 607. Wir sehen also an dem Beispiele von Marx (dem natürlich alle marxistischere Bevölkerungstheoretiker, wie Kautsky, Loria u. a., gefolgt sind), daß eine rein ökonomistische Theorie, auch wenn sie richtig ist, nicht genügt, um das Problem der Arbeiterbeschaffung aufzuhalten. Dazu bedarf es einer soziologischen Theorie. Ich versuche nun, im folgenden Kapitel zunächst einmal die Fragen zu stellen, auf die eine solche Theorie Antwort geben muß, um dann in den beiden folgenden Abschnitten die Antworten selbst zu geben. 316 Einundzwanzigstes Kapitel Die soziologische Theorie Ich spreche von einer soziologischen Theorie der Bevölkerung, obwohl es vielleicht weder eine Theorie noch etwas Soziologisches ist, was ich im Sinne habe. Wir werden sehen. Zunächst will ich sagen, welche Aufgaben ich einer Lehre von der Bevölkerung stelle. 1. Sie soll sich dadurch von allen anderen Bevölkerungslehren unterscheiden, daß sie allseitig ist. Das heißt: sie muß alle Seiten des Bevölkerungsproblems (im soziologischen Sinne selbstverständlich, denn ohne diese Beschränkung verirren wir uns in Geburtshilfe, Säuglingspflege und Seuchenschutz) in Betracht ziehen, muß alle Umstände berücksichtigen, die auf die Gestaltung der Bevölkerung Einfluß ausüben können und muß alle Wirkungen verfolgen, die von dieser ausgehen können. 2. Diese allseitige Bevölkerungslehre wird zum Ausgangspunkt ihrer Betrachtung die Einsicht nehmen, daß die Bevölkerungsbewegung das Ergebnis des Zusammenwirkens dreier Ursachenreihen ist: a) einer biologisch-technologischen, in der alle diejenigen Einwirkungen enthalten sind, die aus der natürlichen Beschaffenheit der Rassen und Völker und ihrer Zeugungsfähigkeit, aber auch aus den technischen Hilfsmitteln sich ergeben, über die eine Bevölkerung zwecks Verhütung von Tod oder Leben verfügt: Berücksichtigung der Hygiene gehört ebenso hierher wie die der antikonzeptionellen Technik u. dgl. Die zweite Ursachenreihe, von deren Wirkung die Gestaltung der Bevölkerung abhängig ist, ist (b) die psychologische. Hierhin gehören alle Einflüsse, die aus der seelischen Haltung der Menschen für die Bevölkerungsbewegung sich ergeben: Wille zur Fortpflanzung, Stellung zmn Familienproblem, zu den Kindern usw. Die dritte Ursachenreihe endlich, die in Betracht zu ziehen ist, ist (c) die soziologische. Unter den soziologischen Bedingungen, die für die Bevölkerung von Bedeutung sind, stehen natürlich die Verhältnisse der Wirtschaft obenan. Man darf aber nicht nur an den Nahrungsspielraum denken, der durch die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft Einundzwanzigstes Kapitel: Die soziologische Theorie 317 bestimmt wird. Von ebenso großer Bedeutung sind die durch die Eigenart der Produktion und Verteilung geschaffenen Lebensbedingungen. Und es würde selbstverständlich eine durch nichts gerechtfertigte Einseitigkeit sein, wollte man die aus den gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen folgenden Einwirkungen auf den Gang und Stand der Bevölkerung auf den Umkreis der wirtschaftlichen Erscheinungen beschränken. Es ergeben sich unzählige Möglichkeiten der Beeinflussung aus anderen Zusammenhängen her: Stand, Beruf, Partei, Familie, Kirche, Sekte.- Es ist nun die Aufgabe jeder guten Bevölkerungslehre, diese drei Ursachenreihen und innerhalb jeder einzelnen die verschiedenen Ursachenkomplexe zwar in ihrer gegenseitigen Bedingtheit und somit Abhängigkeit voneinander, aber doch — das ist der Springpunkt — in ihrer Eigengesetzlichkeit zu erfassen. Aus diesen Anforderungen ergeben sich ohne weiteres eine Reihe von Grundgedanken, von denen jede lebendige Bevölkerungstheorie getragen sein muß. Erstens und vor allem müssen wir uns klar sein, daß sich über Bevölkerungswesen immer nur zeitlich und örtlich bedingte Aussagen machen lassen. Der Gedanke Marxens, daß es nur historische, keine allgemeinen „Bevölkerungstheorien“ oder, wie er in seiner Sprechweise sagte, „Populationsgesetze“ geben kann, ist durchaus richtig und hat als Grundlage jedes Räsonnements über die Bevölkerung zu dienen. Wie man die zeitliche und räumliche Abgrenzung vornehmen will, hängt vom wissenschaftlichen Takte ab. „Kulturperioden“ werden sich als solche Bereiche am ehesten eignen. Das „Zeitalter des Hochkapitalismus“ ist zum Beispiel eine solche Kulturperiode, die ihre Bezeichnung vom Wirtschaftlichen her empfängt, nicht aber, weil dieses ganz allgemein der primär bestimmende Faktor im Kulturleben ist, wie eine einseitige und falsche Geschichtsphilosophie will, sondern weil es das Schicksal unserer Zeit ist, daß in ihr — und vielleicht für alle Ewigkeit nur in ihr — ein Primat der Wirtschaft besteht. Aber ich glaube, man wird noch weiter gehen müssen als Marx und den Bereich, innerhalb dessen sich allgemeine Sätze über den Gang und Stand der Bevölkerung aussagen lassen, noch weiter einengen und ihn auf einzelne Gruppen der Bevölkerung: Schichten, Klassen, Religionsgemeinschaften usw., beschränken müssen. Jede dieser Gruppen hat ihr eigenes „Bevölkerungsgesetz“ oder hat wenigstens eigenartige Tendenzen, die die Gestaltung der Bevölkerung beherrschen. Es kann hier eine Übervölkerung, dort eine Untervölkerung, 318 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte hier eine starke Bevölkerungszunahme, dort ein Bevölkerungsstillstand oder eine Tendenz zur Abnahme sich beobachten lassen. Allgemeine Aussagen über das Bevölkerungswesen (selbstverständlich immer in dem jeder Bevölkerungstheorie gesteckten Rahmen der Kulturperiode) würden dann also beruhen auf einer Berücksichtigung des Zusammenspiels der einzelnen Bevölkerungskreise. Es könnten unter ganz bestimmten Gesichtspunkten Folgerungen für das Ganze aus den eigenartigen Bedingungen gezogen werden, unter denen die Bevölkerungsbewegung in den einzelnen Kreisen steht. Die Gesichtspunkte richtig zu wählen, unter denen man irgendeine Bevölkerungserscheinung beurteilen will, gehört zu den wichtigsten Aufgaben einer gesunden Bevölkerungstheorie. Eine solche wird sich immer gegenwärtig halten müssen, daß das Bevölkerungsproblem nicht nur eine quantitative, sondern auch eine qualitative Seite hat. Bevölkerungstheorie? Ich denke dnch, trotz alledem. Denn was diesen Betrachtungen das theoretische Gepräge gibt, ist dieses: daß es sich nicht um empirische Feststellungen, sondern nur um die Herausarbeitung von Möglichkeiten handelt, die zu einem System zusammengeschaut werden; daß diese Möglichkeiten nicht in ihrer individuellen Zufälligkeit, sondern in ihrer typischen Gesetzmäßigkeit erfaßt werden; daß sich endlich sogar bestimmte Beziehungen zu „Gesetzen“, das heißt hypothetischen Urteilen über wesensnotwendige Funktionsverhältnisse, formen lassen. Und soziologisch mag diese Art zu sehen heißen, obwohl bei der Erklärung der Bevölkerungsvorgänge auch andere als soziologische Umstände in Rücksicht gezogen werden. Aber der soziologische Gesichtspunkt steht doch im Mittelpunkte, nicht nur weil, wie ich schon ausführte, das Bevölkerungsproblem selber seine Bestimmung erst durch eine soziologische Einstellung findet, sondern auch, weil die verschiedenen anderen Gesichtspunkte, unter denen das Bevölkerungsproblem betrachtet werden muß: der biologisch-technologische und der psychologische, in der soziologischen Betrachtung und mittels dieser erst zur Einheit zusammengefaßt werden. Aber es handelt sich ja an dieser Stelle gar nicht um eine methodologische Neubegründung der Bevölkerungslehre, sondern nur darum, die Aussicht freizumachen für das Spezialproblem, das uns hier beschäftigt: die Herbeischaffung der für die Entfaltung des Hochkapitalismus notwendigen Arbeitskräfte. Wir haben durch die vorangehenden Erwägungen den richtigen Standpunkt gewonnen, von dem Einundzwanzigstes Kapitel: Die soziologische Theorie 319 aus dieses Problem mit der Aussicht auf erfolgreiche Behandlung angegriffen werden muß. Und ich will, ehe ich in die sachliche Erörterung eintrete, nur noch einen kurzen Überblick geben über die Fragen, deren Beantwortung die Lösung jenes Problems erheischt. Der Leser wird durch diese Übersicht besser vorbereitet für das Studium der beiden Unterabschnitte, in denen ich die Antwort auf die verschiedenen Fragen zu geben versuche. Unseren Ausgangspunkt müssen wir nehmen von der Einsicht, zu der auch schon Marx gelangt war, daß es für den Kapitalismus zwei praktische Probleme gibt, oder daß sich sein Problem: woher bekomme ich die notwendigen Arbeitskräfte in doppelter Gestalt gleichsam in zwei Stufen der Erfüllung darstellt: 1. Woher kommt die erforderliche Zahl der Menschen? (Mengenproblem); 2. Woher kommt die erforderliche Zahl der geeigneten Menschen? (Eignungsproblem). Jenes ist die Frage nach der Entstehung des virtuellen, dieses die Frage nach der Entstehung des aktuellen Proletariats. Die Menschenmasse, aus denen geeignete Lohnarbeiter hervorgehen können, besteht entweder aus Unfreien oder Freien. Die Freien wiederum sind zweifacher Herkunft: sie entstammen, wie ich es genannt habe, entweder der Zuschußbevölkerung oder der Überschußbevölkerung. Zuschußbevölkerung nenne ich diejenigen Elemente der Bevölkerung, die ihre wirtschaftliche Selbständigkeit verlieren und einen neuen Erwerb suchen müssen: das sind selbständige Produzenten (Handwerker, Bauern), die gewaltsam aus ihrer Stellung vertrieben werden, oder deren Daseinsmöglichkeit durch widrige Umstände untergraben wird; das sind ferner Existenzen, die zwar nicht selbständige Produzenten, aber doch sonst irgendwie unterhalten waren, so daß sie der Lohnarbeit nicht bedurften, um leben zu können, und die nun durch irgendwelche Verumständung ihren Unterhalt verlieren und dem Kapitalismus anheimfallen. Hierher gehören etwa: entlassene Krieger oder Beamte, nicht mehr unterstützte Almosenempfänger, auf Nebenverdienst angewiesene Familienglieder, die ehedem in der Hauswirtschaft ihre Arbeitskraft verwerten konnten usw. Überschußbevölkerung dagegen nenne ich diejenige Bevölkerungsmasse, die selbständige Produzenten (oder was dem gleich kommt) nicht werden können. Hier handelt es sich also um eine Bevölkerungsschicht, die noch nicht selbständig war, aber auch von der ökonomisch selbständigen Bevölkerung nicht aufgesogen wird, also um Bevölkerungsbestandteile außerhalb, neben den selbständigen Existenzen. Es ist 320 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte ersichtlich, daß diese Mengen durch den Nachwuchs gebildet werden, somit in ihrem Umfange durch den Bevölkerungszuwachs bestimmt werden, sobald die Zahl der selbständigen Produzenten oder sonstwie Erwerbenden keine der Zuwachsrate der Bevölkerung entsprechende Vermehrung mehr erfährt. Das ist auf dem Lande der Fall, wenn die Rodungen aufhören, die Terra libera ihr Ende erreicht, aber auch auf dem besiedelten Gebiete keine weitere Teilung der bäuerlichen Nahrung und keine Ansiedlung von Bauern auf Gutsland mehr stattfindet und die Bevölkerung gleichwohl anwächst. Das trifft im städtischen Erwerbsleben zu, wenn die Handwerke künstlich „geschlossen“ werden oder doch wenigstens schon die Erlangung einer Meisterstelle an erschwerte Bedingungen geknüpft ist. Das trifft nicht minder zu, wenn im Laufe der wirtschaftlichen Entwicklung das Handwerk durch die kapitalistische Konkurrenz auf denjenigen Umfang beschränkt wird, den es einmal einnimmt, oder wenn es gar an Boden verliert, immer unter der Voraussetzung einer zunehmenden Bevölkerung. Überschußbevölkerung ist nun gewiß während der hochkapitalistischen Epoche nicht der gesamte Bevölkerungsüberschuß, der während dieser Zeit zu der in Europa vorhandenen Bevölkerung hinzukommt, weil wesentliche Teile davon namentlich durch die Besiedlung Amerikas und Australiens dem Kapitalismus verloren gehen (obwohl gerade sie dem europäisch-amerikanischen Kapitalismus auf Umwegen wieder von größten Nutzem werden). Im großen und ganzen aber werden wir Vermehrung der Bevölkerung und Entstehung von Überschußbevölkerung im Laufe des 19. Jahrhunderts gleichsetzen dürfen vor allem auch deshalb, weil in derselben Zeit, in der die Bevölkerung anwächst, die Bildung der Zuschuß bevölkerung nicht nachläßt. Zuschußbevölkerung aber, die sich aus einer zuwachsenden Bevölkerung bildet, können wir ebensogut als Überschußbevölkerung ansehen (zum Beispiel Familienangehörige, die von der Familie ausgeschieden werden). Es versteht sich nun nach dem vorhin Bemerkten von selbst, daß wir den Gründen der Entstehung sowohl der Zuschußbevölkerung wie der Überschußbevölkerung in allen ihren Verzweigungen nachgehen, daß wir die biologisch-technischen wie die soziologischen, wie die psychologischen Lagen gleichermaßen auf ihre Wirksamkeit hin untersuchen müssen. Die Fragestellung im einzelnen wird sich im Verlauf unserer Arbeit von selbst ergeben. Dem quantitativen Problem der Arbeiterbeschaffung ist der folgende Unterabschnitt gewidmet. Einundzwanzigstes Kapitel: Die soziologische Theorie 321 Das qualitative Problem der Entstehung des Proletariats als einer für die kapitalistischen Zwecke geeigneten Lohnarbeiterschaft, mit dem sich der dritte Unterabschnitt beschäftigt, erscheint als ein Problem der Anpassung, nämlich der potentiellen Arbeitermassen an die Bedürfnisse des Kapitalismus. Geeignet ist aber eine Bevölkerung erst dann für den Kapitalismus, das heißt Lohnarbeiterschaft werden kann eine Menschenmasse erst dann, wenn sie 1. sich dort befindet, wo sie gebraucht wird (örtliche Anpassung), 2. diejenigen Arbeiten verrichten will und kann, die von ihr verlangt werden (technische Anpassung), 3. zu denjenigen Lohnsätzen arbeitet, die ihre Verwendung für den Unternehmer profitabel erscheinen lassen (ökonomische Anpassung). Man sieht, daß die drei Kapitel des dritten Unterabschnittes diesen drei Einzelproblemen gewidmet sind. Sombart, Hochkapitalismus. 21 322 Zweiter Unterabschnitt Die Beschaffung der Arbeitermasse {Die Entstehung des potentiellen Proletariats) Quellen und Literatur I, Die Unfreien {Farbigen): Hier kommt noch zum großen Teil die umfangreiche Literatur über die echte {Neger-) Sklaverei in Betracht, soweit sie die Zustände bis ins 19. Jahrhundert hinein schildert. Also etwa an hervorragenden Werken: A. Moreau de Jonnes, Recherches statistiques sur l’esclavage colonial. 1842. Beste Statistik der Sklaverei. Edward Gibbon Wakefield A view of the art of colonization, (1849), weist die Bedeutung der Sklaverei für die Entwicklung der Kolonien nach. J. E. Cairnes, The Slave Power. 2. ed. 1863. Henry Wilson, History of the rise and fall of the slave power in America. 4. ed. 3 vol. 1875f. Ernst von Halle, Baumwollproduktion und Pflanzungswirtschaft in den nordamerikanischen Südstaaten. 2 Bde. 1897. 1906. Der erste Band behandelt die Sklavenzeit. A. M. Simons, Klassenkämpfe in der Geschichte Amerikas. 10. Erg.-Heft zur Neuen Zeit. 1911. Vgl. auch die Literaturangaben zum 46. Kapitel des ersten Bandes. Über neuzeitliche Formen der unfreien Arbeit (Kontraktarbeit usw.) ist die Literatur viel weniger ergiebig. In dem allgemeinen Schrifttum über Kolonisation wird das Problem der Arbeiterbeschaffung ziemlich obenhin behandelt. Immerhin findet man einiges bei P. Leroy-Beaulieu, De la colonisation chez les peuples modernes. 6. ed. 2 Vol. 1908. Vgl. auch die unten auf Seite 365 angeführte Literatur. Aus der besonderen Literatur seien genannt: Die große Veröffentlichung des Institut Colonial International: ,,La main d’oeuvre aux Colonies“ Tome I. 1895; enthält nur die „documents officiels sur le contrat de travail et le louage d’ouvrage aux Colonies“ (für die deutschen, belgischen, französischen und niederländischen K.). James Bryce, Impressions of South Africa 1897. Deutsch 1900. Al. Del Mar, History of the Precious Metals. 2. ed. 1902. Max Schippel, Die fremden Arbeitskräfte und die Gesetzgebung der verschiedenen Länder. Neue Zeit XX, 2. 1907. Christian Eckert, Die Bevölkerung tropischer Kolonien insbes. Deutsch-Ostafrikas in Schmollers Jahrbuch 33. Band(1919). Th. Rothstein, Die Engländer in Ägypten. 10. Erg.-Heft zur Neuen Zeit. 1911. E. Bailland, La politique indigene de l’Angleterre en Afrique occidentale (1912); das umfangreiche Werk betrifft im wesentlichen die Vertragspolitik gegenüber den Häuptlingen. R. Luxemburg, Die Akkumulation des Kapitals 1913. 26. Kapitel ff. und die dort angeführte Literatur. K. L. Weigand, Der Tabakbau in Niederländisch-Indien. 1911. Abt. VI. Quellen und Literatur 323 Fritz Weidner, Die Haussklaverei in Ostafrika. 1915. Eine gründliche und ausführliche Arbeit. II. Die freie Zuschußbevölkerung (Auflösung der alten Wirtschaftsverfassungen). Keine allgemeinen Darstellungen. Die Literatur bezieht sich auf einzelne Länder. 1. Großbritannien: Außer den allgemeinen Wirtschaftsgeschichten von Cunningham, Bry, Toynbee u. a. etwa noch P. Gaskell, Artisans and machinery. 1836. Rev. Harry Stuart, Agricultural Labourers etc. 2. ed. 1854. W. Hasbach, Die englischen Landarbeiter in den letzten hundert Jahren und die Einhegungen. Sehr. d. V. f. S.-P. Band 59.1894. Abschließende Darstellung. Rüssel M. Gfarnier, History of the English Landed Interest. 2 vol. 1893; idem, Annals of the British Peasantry. 1908. Weitschweifig, aber stoffreich. H. Levy, Die Not der englischen Landwirte zur Zeit der hohen Getreidezölle; derselbe, Entstehung und Rückgang des landwirtschaftlichen Großbetriebes in England. 1904. In Betracht kommt der erste Abschnitt. J. L. Hamond and Barbara Hamond, The Village Labourer 1760 tili 1832. (1919). War mir nicht zugänglich. 2. Deutschland: G. F. Knapp, Die Bauernbefreiung und der Ursprung der Landarbeiter. 2 Teile. 1887; derselbe, Die Landarbeiter in Knechtschaft und Freiheit. 2. Aufl. 1909. Die Verhältnisse der Landarbeiter in den Sehr. d. V. f. S.-P. Bd. 53—55. 1892; darin vor allem von größter Bedeutung der dritte Band, in dem Max Weber die Lage der Landarbeiter im Osten Deutschlands dargestellt hat. Th. Frh. v. d. Goltz, Die ländliche Arbeiterklasse und der preußische Staat. 1893. M. Sering, Innere Kolonisation. Sehr. d. V. f. S.-P. Bd. 56.1893. Eugen Katz, Landarbeiter und Landwirtschaft in Oberhessen. 1904. Geht bis ins 18. Jahrhundert zurück. Th. Gramer, Kleinbesitz und ländliche Arbeiter in Marsch und Geest des Reg.-Bez. Stade. Tübinger Diss. 1906. Behandelt nur die neuere Zeit. — G. Schmoller, Zur Geschichte der deutschen Kleingewerbe im 19. Jahrhundert. 1870. Zahlreiche Hinweise auf einzelne Monographien finden sich im Text. 3. Verschiedene Länder: a) Belgien: J. Arrivabene, Sur lesconditionsdeslaboureurset ouvriers beiges. 1845. E. Vandervelde, L’influence des villes sur les campagnes. 1898; idem, Aufsätze im Mouvement socialiste. I. 1899 und Archiv XIV. 1899; idem, La propriete fonciere en Belgique. 1900; idem, L’exode rural et le retour aux champs. 1903. Jan St. Lewinski, L’evolution industrielle de la Belgique. 1911. b) Italien: Atti della Giunta per la Inchiesta agraria e sulle condizioni della classe agricola. 15 vol. 1881—1885. Der 15. Band enthält die zusammenfassende Darstellung aus der Feder des Conte Stef. Jacini. c) Rußland: Nicolai-on, Die Volkswirtschaft in Rußland nach der Bauernemanzipation. Deutsch von G. Polansky. 1899. Dazu die beim nächsten Abschnitt genannten Arbeiten P. v. Struves. W. D. Preyer, Die russische Agrarreform. 1914. 21 * 324 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Vielfach befaßt sich mit dem hier in Frage stehenden Auflösungsproblem auch die zum folgenden Unterabschnitte unter II genannte Literatur. III. Die freie Überschußbevölkerung (die Bevölkerungsvermehrung). Da es in diesem Zusammenhänge vor allem auf die Tatsachen der Bevölkerungsstatistik ankommt, so genügt es, die Quellen dieser Statistik zu Bäte zu ziehen, das sind die Veröffentlichungen der statistischen Ämter in den verschiedenen Staaten. Übersichtliche Zusammenstellungen der Ergebnisse dieser Veröffentlichungen enthält das schon mehrfach erwähnte Buch von Sundbärg. Auch die statistischen Jahrbücher enthalten die wichtigsten Angaben. Einige davon, wie das deutsche und amerikanische, bringen auch internationale Übersichten. Die Literatur über die Ursachen der Häufigkeit der Geburten- und Sterbefälle siehe bei Paul Mombert a. a. 0. Vgl. noch das dort nicht genannte, besonders gründliche Werk von Giorgio Mortara, Le popolazioni delle grandi cittä italiane, 1908, sowie die zum vorigen Unterabschnitt angeführte Literatur. Zweiundzwanzigstes Kapitel Die unfreien Arbeitskräfte Wenn ich in einem besonderen Kapitel die unfreien Arbeitskräfte behandle, so bin ich mir bewußt, damit keine streng logische Einteilung des Stoffes vorzunehmen. Wir hatten die Beschaffung der Arbeitskräfte für den Kapitalismus als einen Teil des allgemeinen Bevölkerungsproblems erkannt, das durch die Frage gebildet wird: woher die Arbeitskräfte als biologische Erscheinungen kommen. Und mit derBeantwortung dieser Frage beschäftigen sich in der Tat die beiden folgenden Kapitel. Dagegen weist die Überschrift dieses Kapitels auf ein reines Rechts- problem hin, ohne sich um die populationistischen Ursprünge der fraglichen Arbeitermassen zu kümmern. Aber die Sonderbehandlung dieser Gruppe von Arbeitskräften wird sich rechtfertigen lassen, weil es sich um farbige Rassen handelt, deren Bevölkerungsverhältnisse uns im allgemeinen unbekannt sind. Wir können uns also die Lage so vorstellen, daß der Kapitalismus vor einer gegebenen Menge farbiger Menschen stand, aus der er auf dem Wege des Zwanges sich eine Anzahl herausgeholt hat. Hier hat er nicht abwarten brauchen wie in Europa, bis Teile der Bevölkerung freiwillig in seinen Dienst traten. Die fremden Völker stellten einen Behälter voll mit Arbeitskräften dar, in den er nur hineinzugreifen brauchte, um sie sich dienstbar zu machen. Aber dazu bedurfte er des Zwanges, und er konnte sich dazu des Zwanges bedienen, was ihm in Europa versagt war. Daher die andere Problemstellung. 1. Eine große Masse von Arbeitskräften ist dem Kapitalismus auf dem Wege der echten Sklaverei zugeflossen, als diese noch zu Recht bestand. Denn das Rechtsinstitut der Sklaverei reicht ja bis tief in das Zeitalter des Hochkapitalismus hinein; in zahlreichen Gebieten ist die Sklaverei erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts förmlich aufgehoben worden, und Reste der Sklaverei haben sich bis in die neueste Zeit hinein erhalten. a. Der für die Entwicklung des Hochkapitalismus wichtigste Fall, in der Sklaven verwendet wurden, ist die Baumwollproduktion in den Vereinigten Staaten. Wir müssen uns immer gegenwärtig 326 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte halten, daß die rasche Ausdehnung, die die europäische und namentlich die englische Baumwollindustrie während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfahren hat, natürlich an die Voraussetzung einer entsprechend raschen Ausweitung der Baumwollerzeugung geknüpft war, daß diese aber nur durch eine ebenso rasche Ausdehnung der Negersklaverei ermöglicht worden ist. Die Erfüllung der Südstaaten der Union mit einer nach Millionen zählenden aus Afrika herühergeholten Negerbevölkerung war die notwendige Bedingung, damit der europäische Kapitalismus, der, wie wir noch genauer feststellen werden, nicht zuletzt durch die Entwicklung der Baumwollindustrie in sein Hochstadium hineingetrieben ist, sich so rasch entfalten konnte. Aus dem amerikanischen Zensus lassen sich folgende Zahlenreihen nebeneinanderstellen, aus denen der Zusammenhang zwischen Steigerung der Baumwollproduktion und Zunahme der Neger-(Sklaven-) Bevölkerung ersichtlich ist. Menge der erzeugten Zahl der Neger Baumwolle (in 500 U Ballen) 1790 . 757208 - 1800 . 1002037 73222 1810 . 1377808 177824 1820 . 1771656 334728 1830 . 2328642 732218 1840 . 2873648 1347640 1850 . 3638808 2136083 1860 . 4441830 3841416 Daß ein kleiner Teil der Neger frei war und nicht alle Neger in der Baumwollkultur Verwendung fanden, ändert nichts an der Tatsache, daß sich Baumwollproduktion und Neger Sklaverei gleichen Schrittes entfaltet haben. b. Verglichen mit dem Umfang der Sklaverei in den Vereinigten Staaten, tritt die Bedeutung der Sklavenarbeit in den übrigen Ländern zurück. Immerhin weist die Statistik in den 1840 er Jahren noch folgenden Bestand an unfreien Arbeitern auf: in den Sklavenkolonien sämtlicher europäischen Staaten, in Brasilien und am Kap der Guten Hoffnung betrug die Zahl der Sklaven 3411354 oder 57% der gesamten Bevölkerung, von der die Freigelassenen 18% ausmachten (Al. Moreau de Jonnes, a. a. O. S. 52.) c. Die Sklaverei wurde gesetzlich in den englischen Kolonien schon 1833, in den französischen Kolonien 1848, in den Vereinigten Staaten 1864 aufgehoben. In den übrigen Ländern bestand sie weiter, in Kuba Zweiundzwanzigstes Kapitel: Die unfreien Arbeitskräfte 327 bis 1880, in Brasilien bis 1888, inÄgypten bis 1895, und im Innern Afrikas, kann man sagen, bestellt sie noch. Die europäischen Mächte haben verschiedene Maßnahmen getroffen, um den (Neger-) Sklavenhandel zu bekämpfen (Brüsseler Antisklavereiakte von 1890 u. a.); doch ist die völlige Beseitigung dieser Einrichtung bis heute nicht gelungen. In Ostafrika besteht noch heute eine Art von Sklaverei zu Recht — bei Muselmanen wie Negern —, die man ihres milden Gepräges willen als „Hörigkeit“ oder „Haussklaverei“ zu bezeichnen beliebt. Die letzten Zählungen (oder Schätzungen) vor dem Kriege ergaben einen Sklavenbestand in Zanzibar von über 50 % der Bevölkerung, in Britisch-Ostafrika von 70%, in Deutsch-Ostafrika von 205000 Köpfen. „Die gesamte Nelkenkultur in Zanzibar beruhte auf der Sklaverei, ferner die Zucker- und Reispflanzungen vonPangani und amRufidji, die Kultur der Kokospalme usw.“ Fritz Weidner a. a. O. Seite 36ff., 145. Sogar die Sklavenjagden und Sklavenausfuliren aus Ostafrika haben jedenfalls bis 1888 in voller Blüte gestanden; a. a. O. Seite 64ff., 91 ff. Wie lange und in welchem Umfange der Kolonialkapitalismus von der echten Sklaverei auch in der neueren Zeit Nutzen gezogen hat, wird sich ziffernmäßig schwer feststellen lassen. Immerhin steht außer Zweifel, daß sie ihm bei der Beschaffung der nötigen Arbeitskräfte große Erleichterungen gewährt hat. „Colonial slavery in its various forms has been the principal means of raising that great produce for exportation, for which prosperous colonies are remarkable. Until lately, nearly the whole of the exported produce of the United States, consisting of sugar, rice, tabacco and cotton was raised by the combined and constant labour of slaves; and it could not have been raised under the circumstances by any other means. The like cases of the West India and Brazil would have occurred to you without being mentioned.“ Wakefield, a. a. O. S. 176. Die Bedeutung der Sklaverei für den Aufbau des Hochkapitalismus können wir uns am ehesten ins Gefühl bringen, wenn wir an das Zustandekommen größerer Werke denken. Zum Beispiel an die Tatsache, daß der Suezkanal noch von echten Sklaven erbaut ist. In dem Vertrage, den Lesseps mit dem Kediven abschloß, war die kostenlose Lieferung von 20000 Fellachen vorgesehen, die erst später gegen eine Geldzahlung von 67 Mill. Franken abgelöst wurde. Auch die ägyptische Baumwollkultur mitsamt ihren Bewässerungsanlagen ist mit Sklavenarbeit ins Leben gerufen. Im Jahre 1848 zählte die der Zwangsarbeit unterliegende Bevölkerung in Ägypten noch 684000 Köpfe, 1880 188000. Nach englischen Blaubüchern. Th. Rothstein a. a. O. Seite 20. Sehr interessante Schlüsse lassen sich auch aus den Gesetzen und Verordnungen ziehen, die in neuerer Zeit zum „Schutze der Eingeborenen“ erlassen werden. Aus ihnen spricht die Tatsache, daß fast überall in den tropischen Kolonien noch heute irgendwelche Formen der Unfreiheit er- 328 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte halten sind. Siehe die Zusammenstellung in der oben angeführten Veröffentlichung des Internationalen Kolonialinstituts. 2. Man würde nun aber irren, wenn man glaubte, daß nach Aufhebung der Sklaverei auf dem Gesetzeswege die unfreie Arbeit aufgehört hätte zu bestehen. Sie nahm nur andere Formen an. Eine dieser Formen war die sogenannte Kontraktarbeit. In den 1860er Jahren erfuhr die Welt zuerst von diesem neuen System, das bei dem Verkehr zwischen den Südseeinseln, Neukaladonien und den Niederlassungen der Weißen auf Fidji zur Anwendung gelangte. Es wurden Arbeitskräfte auf Grund langfristiger Verträge angeworben. „Ursprünglich scheint es sich um wirklich freiwillige Verträge gehandelt zu haben, aber bald wandten (die) Händler Betrug und Gewalt an. Man lockte die Eingeborenen unter falschen Vorspiegelungen auf die Arbeitsschiffe und behielt sie wider ihren Willen zurück, oder man ergriff sie am Ufer oder in ihren Kähnen und schleppte sie an Bord. Man erklärte ihnen die Natur ihrer Pflichten und Rechte aus dem ihnen aufgezwungenen Arbeitsverhältnis nicht genügend und mietete sie auf längere Fristen als die gesetzlich gestatteten.“ Der Wirkungskreis dieses neuen Systems wurde bald erweitert. 1884 lenkte der berüchtigte Hopeful-Prozeß die öffentliche Aufmerksamkeit in hohem Maße auf den queensländischen Handel mit Südseeinsulanern. Aber auch über das Gebiet der Südsee griff die Kontraktarbeit hinaus, und das System wurde namentlich in den englischen Besitzungen ganz allgemein verbreitet. Von den Zuständen im Anfang dieses Jahrhunderts entwirft ein kundiger Beobachter folgende Schilderung: „The System of employing contract labourers, Indians, Chineses, Malays, Kanakas and Africans . . . prevails to-day in nearly all the British de- pendencies, from Mysore (Madras) to Honduras, and from Borneo to Johannesburg. A recent writer in a London periodical, describing a British tobacco estate in Borneo, represents the manager as being constantly employed in devising means to prevent the scape of the ,coolies‘, who seize every opportunity to regain their freedom, each escape ,meaning a loss of about £ 8 to the estate 1 . . . These properties (the mines) are worked by natives, who are practically bought- from headmen for a premium and forcibly condemned to work in the mines for a pittance which is scarcely sufficient to keep them alive and cover their nakedness.“ Del Mar, a. a. 0. S. 429/30. Kontraktarbeiter, meist Chinesen, verrichten in immer größerem Umfange die Arbeit auch in Niederländisch-Indien. So betrug die Zahl der in die Tabakplantagen in Deli überführten Kulis 1888 erst 1152, 1908 bereits 9462. Die Arbeiter werden häufig von der Familie geliefert. K. L. Weigand, a. a. 0. Seite 104ff. Zweiundzwauzigstes Kapitel: Die unfreien Arbeitskräfte 329 Ein Land, in dem die neuzeitliche Form der Sklaverei ein besonders reiches Feld der Betätigung gefunden hat, ist Südafrika. Sowohl die Diamantgruben wie die Goldbergwerke sind von solchen „Kontraktarbeitern“, die tatsächlich nichts anderes als Sklaven sind, ausgebeutet worden. Von den Zuständen in den Diamantgruben entwirft James Bryce ein anschauliches Bild in einem Bericht, den er über eine Beise in jene Gegenden verfaßt hat: in dem Kimberley-Distrikt finden sich Angehörige aller Stämme Afrikas zusammen. Es sind zwar formell „freie“ Lohnarbeiter. Aber sie werden wie Sklaven gehalten in den sog. „Compounds“. Das sind „ungeheure Einfriedigungen ohne Dach, aber mit einem Drahtnetz überspannt, um zu verhindern, daß etwas über die Mauern geworfen wird“. Wir würden heute sagen: „Konzentrationslager“. „Alle Eingänge werden streng bewacht und keine Besucher, weder Eingeborene noch Weiße, erhalten Zutritt; die Lebensmittel werden von einem innerhalb der Mauern befindlichen der Gesellschaft gehörigen Laden geliefert.“ James Bryce, a. a. 0. S. 206. „Angeworben“ werden diese Arb eitermassen, nachdem man ihnen alles Land und alles Vieh, also die Möglichkeit einer eigenen Wirtschaft, vorher weggenommen hat. Der kürzeste Weg zur Erzeugung einer „Zuschußbevölkerung“. Viel größer aber als der Arbeiterbedarf der Diamantgruben war der der Goldminen. Während Bryce in den Pfergen der größten Diamant- gruben-Gesellschaft nur 2600 Arbeiter antraf, weist die Statistik folgende Vermehrung der Bergleute in den Goldgruben Südafrikas auf: 1887 . 1000 1894 60000 1888 . 5000 1895 60000 1889 . 10000 1896 65000 1890 . 15000 1897 80000 1891 . 20000 1898 120000 1892 . 40000 1899 100000 1893 . 45000 Ziffern bei Del Mar, Hist, of Prec. Met., 2. ed., p. 296. Während bis zum Zeitpunkt, an dem diese Statistik endet, das Arbeitermaterial aus Afrika selbst herbeigeschafft war, griff man seit dem Beginne des 20. Jahrhunderts bei immer mehr sich ausweitendem Bedarf nach Indien und China hinüber und holte sich von dort „Kontraktarbeiter“, die sich in einer noch viel unfreieren Lage als die Einheimischen befanden. Von einer Kündigungsbefugnis dieser meist auf drei Jahre an- geworbenen Coolies war insofern keine Rede, als alle andern Erwerbsgelegenheiten ihnen versperrt waren. Der Kontraktarbeiter kann höchstens dann nach China zurück, wenn er seinem Anwender die Zuführungs- wie die Rücktransportkosten auf Heller und Pfennig vergütet hat. Zur Unterbringung dieser Asiaten wurden besondere Massenquartiere geschaffen, aus denen der Austritt nur auf kurze Zeit gegen Erlaubnisschein möglich war (und ist). Die Kulizufuhr fängt 1904 an. Die Zahl der Chinesen erreichte im Oktober 1906 ihre Höchstziffer mit 53134. Vgl. Max Schippel, Die fremden Arbeitskräfte usw. Seitdem hat man die Kontrakte nicht wieder erneuert, und dieChinesen sollen seit 19.10 ganz vom Witwaterstrand verschwunden sein. 330 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Es verdient immerhin der Erwähnung, daß einzelne Kolonien, wie namentlich Australien, ihren ersten Aufschwung der Zufuhr von Strafgefangenen verdanken. Siehe z. B. P. Leroy-Be aulieu, op. cit. 2 5 (1902), 364ff. 3. Ein drittes System der unfreien Arbeit, das wir aus dem Zeitalter des Frühkapitalismus her kennen (siehe Band I Seite 697), hat sich bis in unsere Zeit im Schwange erhalten: das System des indirekten Zwanges, des Produktionszwanges, das zuerst in den holländischen Kolonien zur Anwendung gelangt und unter dem Namen des Systems van den Boschs bekannt geworden ist. Es besteht in einer Art von Fronoder Abgabenpflicht, die den Erzeugern auferlegt wird zur Lieferung bestimmter Mengen von Produkten. Das System van den Bosch ist in den holländischen Kolonien in seiner ganzen Strenge zur Anwendung gelangt in den Jahren von 1830 bis 1850. Seitdem ist es mehrfach geändert, das heißt gemildert worden: die Fronden sind fest begrenzt und verringert. Aber es hat weiter fortbestanden und ist von anderen Nationen übernommen worden. So besteht es im Kongostaal als „devoir du caoutchouc“, c’est-ä-dire l’obligation pour chaque village, dans les regions, oü poussecette plante, d’en fournir regulierement une rpiantite determinee aux agents de l’Etat“. P. Leroy-Beaulieu, op. cit. 5. ed., 1, 363. Über dieses Fronarbeitssystem unterrichtet uns der Bericht eines Augenzeugen genauer, wie folgt: „A modified slavery has been established; the people are compelled to seil their rubber or ivory to the State for what lt chooses to give; and their land have been added to the public domain . . . They are at the mercy of Europeans who consider themselves entitledto all the ivory, rubber and other produce that the natives cän be induced, by any process, to bring them . . .“ Bericht des Rev. John B. Murphy, mitgeteilt bei Del Mar, a. a. 0. S. 301. 331 Dreiundzwanzigstes Kapitel Die freie Zuschußbevölkerung (Die Auflösung der alten Wirtschaftsverfassungen) Die freie Zuschußbevölkerung im Zeitalter des Hochkapitalismus ist entstanden durch die Auflösung der alten Wirtschaftsgemeinschaften, in denen bis zum Ende der frühkapitalistischen Periode die Menschen gelebt hatten. Die Auflösung war eine Folge des Vordringens modern- rationaler Wirtschaftsgrundsätze in Gesetzgebung, Verwaltung und Wirtschaftsführung, des Erstarkens der kapitalistischen Produktionsweise und — was für die Landwirtschaft entscheidend wichtig ist — der zunehmenden Intensivierung der Wirtschaft, die wir als eine allgemeine Erscheinung in England seit der Mitte des 18., iii Kontinentaleuropa seit Beginn des 19. Jahrhunderts bereits feststellen konnten. Die Gemeinschaften aber, um deren Auflösung es sich handelt, sind die Dorfgemeinschaften, die Arbeitsgemeinschaften auf den Gütern, in den größeren Bauernwirtschaften und im Handwerk, endlich — ganz allgemein — die Hausgemeinschaften. Wir verfolgen den Auflösungsprozeß nach diesen drei Richtungen hin. I. Die Auflösung der Dorfgemeinschaften Durch die Auflösung der Dorfgemeinschaften wird die Grundlage erschüttert, auf der das Dasein der kleinsten Bauernwirtschaften geruht hatte. Ich habe im zweiten Bande dieses Werkes (siehe das 40. und 41. Kap.) sehr ausführlich die alte Agrarverfassung geschildert, wie sie sich in den europäischen Staaten ziemlich gleichmäßig bis zum Ende des frühkapitalistischen Zeitalters erhalten hatte. Wir haben dort feststellen können, daß die Siedlungsverhältnisse auf dem flachen Lande, vor allem das Dasein einer breiten Schicht von Zwergbauern, zur Voraussetzung ein kunstvolles System von Erwerbsmöglichkeiten verschiedenster Art hatten. Die große Zahl kleinster Bauernwirtschaften vermochte sich nur zu erhalten dadurch, daß sie (1.) Anteilsrechte an dem Gemeindebesitz und zahlreiche Nutzungsrechte gemeindlichen 332 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Charakters genossen, (2.) Nebenerwerb in gewerblicher Tätigkeit fanden, (3.) Gelegenheits-(Saison-) Arbeit in größeren Bauern- und Gutswirtschaften verrichteten. Es ist nun das entscheidende Ereignis, daß seit dem Beginn des hochkapitalistischen Zeitalters diese Quellen, aus denen die Kleinen ihren Unterhalt bestritten hatten, sämtlich versiegen, und daß damit die wirtschaftliche Existenz weiter Kreise der ländlichen Bevölkerung in ihren Grundlagen erschüttert wurde. Diese Entwicklung müssen wir uns in ihrem Verlauf klarzumachen versuchen. 1. Die Wirkungen der Agrarreform Wir haben gesehen (siehe das zweite Kapitel dieses Bandes), daß in allen Ländern gleicherweise die moderne Agrargesetzgebung die Herausschälung der einzelnen Guts- und Bauernwirtschaften zum Ziele hatte. Um dieses Ziel zu erreichen, mußten die alten Gemeindeländereien aufgeteilt, mußten die zahllosen Nutzungsrechte, die die kleinbäuerlichen Wirte an dem Besitze der Größeren gehabt hatten, beseitigt werden. Dies gilt, wie gesagt, für alle europäischen Länder. Sicher in sehr verschiedener Stärke in den verschiedenen Ländern — in den großgrundbesitzlichen Gebieten radikaler als in den kleinbäuerlichen —, an den einzelnen Orten zu sehr unterschiedlichen Zeiten einsetzend — man braucht nur einen Blick auf die einschlägigen Agrargesetze der einzelnen Staaten zu werfen —, ganz gewiß aber überall von mehr oder weniger großem Einfluß auf die Proletarisierung der Kleinbauern und ländlichen Arbeiter ist diese Auflösung des alten Dorfverbandes — denn er ist es doch im Grunde, den wir in jedem einzelnen der erwähnten Anteil- oder Nutzungsrechte wiedererkennen — gewesen. Das ist das übereinstimmende Urteil aller Sachkundigen, und es bildet eine ständige Abteilung in der einschlägigen Literatur, namentlich in der Zeit, als sich die ersten Wirkungen fühlbar machten. Es mögen hier einige der Gewährsmänner selbst zu Worte kommen: 1. Deutschland Besonders lebendig ist die Schilderung, die uns Pastor Funke von den Nachteilen entwirft, die die Markenteilung, wie er die agrarische Reformgesetzgebung zusammenfassend nennt, für die Heuerleute im Fürstentum Osnabrück im Gefolge gehabt habe. „Solange noch“, heißt es, „eine freie Benutzung der Strecken stattfand, nahmen die Heuerleute an allen Vorteilen, welche dieselbe gewährte, teil. .. (Es) lebten . . . viele Heuerleute fast ganz aus der Mark. Das Vieh wurde in günstigen Jahren schon im April in die Mark getrieben und ernährte sich selbst Dreiundzwanzigstes Kapitel: Die freie Zuschußbevölkerung 333 bis gegen Martini. Nur das milcheVieh wurde noch etwas, oft auch nicht einmal im Stalle zugefüttert. Leicht konnten auf diese Weise Rinder zum Verkaufe und zu eigenem Bedarfe aufgezogen werden. Auch war mit geringer Nachfütterung im Stall leicht ein Stück Vieh für den Haushalt oder auch für den Verkauf gemästet. Aus der Butter wurde ebenfalls mancher Taler gemacht. In Bruchgegenden (um Hunteburg, an der unteren Hase) wurden Gänse oft in großer Menge gehalten, 30, 40, ja 60 Taler wurden daraus gemacht. . . Früher, so sprach noch vor kurzem ein Bewohner des hiesigen Kirchspiels, wußten wir es nicht anders, als daß die Heuer aus den Gänsen gemacht werden mußte, wogegen wir j etzt gar keine mehr halten können. . . Auch die Schweinezucht ist durch die Markenteilung beeinträchtigt; .. . (sie) kann . . . gegenwärtig wohl dem Kolonen, der große eingefriedigte Räume besitzt, nicht aber dem Heuermanne, der die Schweine das ganze Jahr im Stalle füttern muß, Vorteil bringen. Früher liefen die Schweine bei offenem Wetter, wenn das andere Vieh bereits zu Hause blieb, umher und suchten sich unter den großen, jetzt aber verschwindenden Eichbäumen.. . selbst im Winter zum großen Teil ihre Nahrung. Große Schweineställe, deren Rudera an den Horsten und Brüchen noch jetzt als Denkmäler einer für die Schweinzucht günstigen Zeit hier und da gefunden werden, nahmen bei Nacht die zahlreichen Herden von Schweinen auf, welche sich bei Tage ihre Nahrung suchten. Wie leicht konnten damals Heuerleute nicht bloß Schweine zu eigenem Bedarf und zum Verkauf mästen, sondern sie auch selbst aufziehen, was jetzt gar nicht mehr oder nur in günstigen Verhältnissen geschehen kann .. . Aber nicht bloß an Weide, sondern auch an anderen Nutznießungen aus der Mark haben die Heuerleute bedeutend verloren. Der freie Plaggenhieb war für die Düngung von großem Werte; in Moorgegenden gab die Mark nicht bloß freien Brand, sondern auch Gelegenheit, aus dem Torf etwas Geld zu machen . . . Auch die Holzungen brachten manche Vorteile. Sprickholz wurde zum Brennen gesucht und das Laub zur Düngung benutzt, und von Eicheln und Buch ernährten sich oft noch im Winter die Schweine.“ All’ diese Wohltaten, so klagt der Verfasser, sind nun dem Heuermanne genommen, während er von den unleugbaren Vorteilen, die mit der Aufteilung der Marken verbunden waren, nichts besehen hat; „dabei (sind) die Heuerleute leer ausgegangen“. G. W. L. Funke, Über die gegenwärtige Lage der Heuerleute im Fürstentum Osnabrück usw., 1847. (S. 33). Für die Rheinprovinz wird in gleicher Weise zunächst festgestellt, daß insbesondere die Forstnutzungen, Streuwerk und Gras, „für die Tagelöhnerfamilien auf dem Lande von der höchsten Wichtigkeit (sind), indem die letzteren nur durch Beihilfe von Futter und Streuwerk aus dem Walde imstande sind, eine Kuh zu ernähren“. Großholz, Über den großen Nutzen der Waldkultur usw. in der Zeitschrift des landwirtschaftlichen Vereins für Rheinpreußen, 1851, S. 257. Dann wird aber schonMitte des J ahrhunderts über starke Beschränkung der Gemein- und Kommunalländereien, z. B. auf dem Hunsrück, geklagt und von den Einwohnern des Sieg-Kreises berichtet, daß sie „einen wesentlichen, sehr drückenden Verlust. . . durch ■das Aufhören der Waldmast“ erlitten haben. A. von Lengerke, Land- 334 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte wirtschaftliche Skizzen von Rheinpreußen. 1853, S. 114. „Hierdurch ist“, heißt es bei Lengerke a. a. 0. S. 74 weiter, „zuerst die früher blühende Schweinezucht zugrunde gerichtet.“ Dasselbe Bild im Osten der preußischen Monarchie. Aus Pommern wird berichtet: Die Lage der Häusler und Kolonisten ist wesentlich verändert dadurch, „daß die wenigen Kühe dieser kleinen Wirte, die früher auf die Gemeindeweide getrieben wurden, nach ausgeführter Separation im Stalle gefüttert werden müssen“. „Im allgemeinen.. ist diese Klasse der bäuerlichen Tagelöhner durch das Verschwinden der Gemeindeweiden benachteiligt worden, indem ihnen die Vorteile des Austreibens einer Kuh verlustig gingen.“ A. Padberg, Die ländliche Verfassung in der Provinz Pommern, 1861, S. 139/140. Übrigens wurde dieser Umstand als eine der nachteiligen Folgen der Separation amtlicherseits hervorgehoben in dem Bericht, den der Geh. Oberfinanzrat von Viebahn auf der 20. Versammlung deutscher Land- und Forstwirte zu Braunschweig 1859 erstattete. In Schlesien sind die Freigärtner und Häusler bei der Ablösung nach § 8 der G. T. 0. vom 7. Juni 1821 benachteiligt, desgleichen die kleineren Stelleubesitzer insbesondere durch den Landtagsabschied von 1831, betreffend Aufhebung der Sichelgrubenberechtigungen, alle kleinen Leute auf dem Lande durch die Ablösung der Raff- und Leseholz-, der Waldstreuberechtigungen usw. J. C. F. Frenzei, Praktische Ratschläge (1849), S. 8ff. Waren die Stellenbesitzer und Lohnarbeiter im Dorfe vor allem durch die Aufteilung der Gemeindeweide und den Fortfall der Nutzungsrechte geschädigt worden, so hatte die Agrarreform doch auch viele klein-bäuerliche Wirte in eine Notlage gebracht. Diese waren mit einer Ablösungssummebelastet, deren AufbringungeineintensivereBewirtschaftung erheischt hätte, als sie sie mit ihren beschränkten Mitteln durchzuführen imstande waren. So wurden sie ebenfalls vielfach zur Aufgabe ihres Besitzes genötigt. Allen diesen Nöten der Kleinen standen nun das gesteigerte Wollen und Können der Großen gegenüber. Die aufsteigende Konjunktur reizte zum Übergang zur intensiven Wirtschaft, vor allem zur Ausdehnung des Getreidebaues. Die Wirtschaftsführung der Gutswirtschaften nimmt ein neues Gepräge an: der Grund und Boden verwandelt sich in einen „Rentenfonds“, die Bedarfsdeckungswirtschaft geht in die Erwerbswirtschaft über. Wir vermögen das an dem häufigen Besitzwechsel zu erkennen. Nach einer Statistik, die Rodbertus mitteilt, betrug in den preußischen Provinzen Kur- und Neumark, Ostpreußen, Pommern, Schlesien, Sachsen und Westfalen die Zahl der Rittergüter.11771. Diese unterlagen in dem Zeiträume von 1835—1864 Vererbungen. 7903 freiwilligen Verkäufen . . . 14404 notwendigen Subhastationen 1347. Dreiundzwanzigstes Kapitel: Die freie Zuschußbevölkerung 335 Mithin Besitzveränderungen überhaupt 23 654, das heißt 200,9 %, wovon, wie ersichtlich, weit über die Hälfte freiwillige Besitzveränderungen sind. K. Rodbertus, Zur Erklärung und Abhilfe der heutigen Kreditnot des Grundbesitzes, I (1876), Anhang. Von den größeren Gütern Ostpreußens gehörten 1885 nur 154 oder 12,8% zum „alten“ Grundbesitz, das heißt waren länger als 50 Jahre in einer Familie. Also hatten seit 1835 77,2% ihren Besitzer gewechselt. J. Conrad, Agrarstatistische Untersuchungen in seinen Jahrbüchern, III, F. 2, 831. Die Geldmittel, die Wirtschaft zu intensivieren, standen eben reichlich zur Verfügung. Da waren zunächst die Ablösungssummen, die die befreiten Bauern zu bezahlen hatten; man hat ihren Betrag im alten Preußen auf 260 Millionen Mark berechnet. Dann aber setzte die Verschuldung des Grundbesitzes ein, die in Deutschland — im Gegensatz zu England, in dem das Pachtverhältnis vorherrschend war — die Form war, die Landwirtschaft mit Kapital zu befruchten. So betrug beispielsweise die Höhe der Pfandbrief schuld in den alten preußischen Provinzen: 1805 = 53891638 Taler, 1825 = 83141365 „ 1845 = 108415763 „ 1867 = 186601893 „ Jahrbuch für die amtliche Statistik des preußischen Staates I (1863), 179; III (1869), 85. In den Jahren 1865 bis 1875 stieg dann die Verschuldungshöhe um weitere 123 Millionen Taler, in den Jahren 1875 bis 1885 abermals um 132 Millionen Taler. H.St, l 1 , 58. Für die Anfänge der modernen landwirtschaftlichen Entwicklung, insbesondere für die 1840 er und 1850 er Jahre liegt über sechs Kreise verschiedener preußischer Provinzen eine im Justizministerium gefertigte genaue Nachweisung aller Hypothekenschulden vor, die folgendes Bild gibt. Es betrug in jenen sechs Kreisen die Schuldenlast sämtlicher Güter, deren Hypothekenverhältnisse klar ersichtlich waren: 1837 = 5498284 Taler, 1847 = 8787280 „ 1857 = 11076974 „ Sie erlitt also eine Verdoppelung in zwanzig Jahren. Jahrbuch 1, 185. So darf es uns nicht wundernehmen, wenn wir in den nächsten beiden Menschenaltern nach den Freiheitskriegen in allen Teilen Deutschlands von einer Bewegung zur Aufsaugung kleiner Wirtschaften durch die Großen hören. In Hessen „entstanden größere Betriebe, wie sie vorher nie in diesen Gegenden bestanden hatten“. Die Abnahme der selbständigen Bauern betrug in Oberhessen von 1846 bis 1856 mehr als 7%. Ganze Dorf- schaften verschwanden. InHübners Jahrbuch für Volkswirtschaft und Statistik (1855) heißt es z. B., daß Ende 1853 dasDorf Wernings seit 8—10 Jahren ganz verschwunden sei, da die Bauern ihre Besitzungen an den Grafen 386 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte von Solms-Laubach verkauft hätten; ähnliches wird von zwei anderen Ortschaften in Hessen berichtet. Eugen Katz, Landarbeiter und Landwirtschaft in Oberhessen (1904), 29f., 39. Ygl. W. Mönckmeier, Die deutsche überseeische Auswanderung (1912), 39f. Dasselbe erfahren wir aus Nord- und Ostdeutschland. Uber die Verschiebungen in den östlichen Provinzen Preußens gibt uns die Statistik Aufschluß. Hier haben sich die bäuerlichen Besitzungen in den Jahren von 1816 bis 1859 um 5111 Stellen mit 1356604 Morgen Landes verringert; in Pommern und Schlesien war dieser Eückgang besonders stark: hier betrug er 13,18 und 12,80% der gesamten landwirtschaftlichen Fläche. Vgl. Sering, Innere Kolonisation im östlichen Deutschland. Sehr. d. V. f. S.-P., Bd. 56 (1893), 67ff. Aber auch von den 1850 er bis in die 1880 er Jahre sind in Schlesien noch mehr als 100000 ha Bauernland durch Auskauf zu den Großbetrieben geschlagen worden. Sering in den Landw. Jahrb.,Bd. 39, Erg.-Bd. 4, S. 615 und 627. 2. England Die Entwicklung der Agrarverfassung in England ist besonders lehrreich, weil die Auflösung zuerst sich hier zeigt, und weil der Einfluß, den der Übergang zur modernen Landwirtschaft auf die Umgestaltung der Betriebsverhältnisse ausübt, sich ohne jede ideologische Verbrämung wie in Deutschland bemerkbar macht. Eine besondere Note erhält die Entwicklung in England durch das starke Vorwiegen des Pachtverhältnisses. Die ziemlich verwickelten Verhältnisse weisen etwa folgende Grundzüge auf: I. Seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts beobachten wir ein rasches Ansteigen der Agrarproduktenpreise, seit der Mitte des Jahrhunderts vor allem der Getreidepreise: eine Folge der zunehmenden gewerblichen Produktion und Städtebildung. Dieses Steigen der Getreidepreise führt zu einer stetigen Ausdehnung des Getreidebaues auf Kosten des Weidelandes. Forbes spricht schon im Jahre 1778 von der „allgemeinen Leidenschaft Weizen zu bauen“. Siehe weitere Zeugnisse bei Levy, Entstehung, S. 17ff. Die steigenden Preise ermöglichen und veranlassen den Übergang zu intensiverem Anbau: seit der Mitte des Jahrhunderts entwickelt sich die „rationelle“ Landwirtschaft in England. Die unmittelbare Folge der zunehmenden Intensität ist das Steigen der Grundrente und der Pachtpreise, namentlich seit dem Ende des Jahrhunderts. Bis 1795 hatten die Bodenpreise sich in einzelnen Grafschaften wohl erhöht, in vielen anderen aber waren sie gleichgeblieben seit der Revolution. In den Jahrzehnten von 1795 bis 1833 verdoppeln sie sich oder steigen sogar auf ein Vielfaches ihrer ursprünglichen Höhe. War 1795 der Bodenertrag Schottlands auf 2000000 £ geschätzt, so bezifferte er sich 1815 auf 5278685 £. Eine Farm in Essex, die vor 1793 zu 10 sh. pro acre verkauft war, brachte 1812 (nach dem Kriege!) 50 sh., 1818 immer noch 35 sh. ■ pro acre. In Berks und Wilts war der Wert des acres von 14 sh. im Jahre -1790 auf 70 sh. im Jahre 1810 gestiegen und hielt sich auf 50 sh. im Jahre 1820. Charakterisiert wird auch in England diese Hausseperiode durch häufigen Besitzwechsel. Arnold Toynbee, Ind. Rev. (1896), 92. Andere Dreiundzwanzigstes Kapitel: Die freie Zuschußbevölkerung 337 Zahlenangaben bei Levy, Not, 6/7. Im allgemeinen kann man annebmen, daß die Pacbtrente von den 1790 er Jahren bis zum Ende der napoleonischen Kriege auf das Doppelte und Dreifache, oft auf das Vier- und Fünffache dessen stieg, was sie in den 1770er Jahren betragen hatte. Arthur Y oung berechnete die gesamte englische Grundrente 1776 auf 16 Millionen £, McCulloch im Jahre 1815 auf 34 y 3 Millionen £. Nach Mulhall. 2. Diesen veränderten Produktionsverhältnissen paßten sich nun die Besitz- und Betriebsverhältnisse an. Sie erfuhren eine vollständige Umwälzung dadurch, daß die Grundeigentümer ihr Land in der vorteilhaftesten Weise auszunutzen trachteten, anstelle des Traditionalismus den ökonomischen Rationalismus setzten und anfingen, den Grund und Boden ausschließlich als Rentenquelle anzusehen. Die Maßnahmen, die sich aus dieser psychologischen Umstellung ergaben, waren folgende: Der Grundherr sah nach kapitalkräftigen Pächtern aus, die imstande waren, den Betrieb intensiv zu gestalten und die Pachtsumme zu erhöhen: ,,undertaker“, as I may call him, wie sich James Stewart sehr richtig ausdrückt. Inquiry, Book I ch. X. Das war, wie ein anderer englischer Schriftsteller sie kennzeichnet ,,a race of men who gave an considerable increased rent. . . by improved modes of husbandry and by wringing from the soil all it could possibly yield“. Gaskeil, Artisans and machinery, 30. Diese „kapitalistischen Pächter“ kommen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf, nicht wie Marx, Kapital l 4 , 709, will, im 16. Jahrhundert. Sodann suchte der Grundherr seinen Besitz so zu „arrondieren“, daß auf ihm eine rationelle Landwirtschaft möglich war, das heißt aus der Gemengelage herauszuziehen, in der er sich in sehr vielen Fällen noch befand. Endlich war der Grundherr bemüht, seinen Besitz tunlichst zu vergrößern: durch Zukauf von Land und durch Beschlagnahme des alten Gemeindelands. Diesem letzten Zweck sowie dem Zweck der Arrondierung dienen bekanntlich die „Enclosures“, die wir in der Zeit von 1760 bis 1820 sich rasch vermehren sahen. Es ist zu bemerken, daß die „Einhegungen“ in dieser ihrer Hauptzeit nicht mehr dazu dienten, Ackerland in Weideland, sondern umgekehrt: dieses in jenes zu verwandeln. 3. Die Folgen dieser Umwälzungen für die Lebensbedingungen der Bevölkerung auf dem Lande liegen klar zutage: die Neuordnung bedeutete für zahlreiche kleine Wirtschaften das Ende ihres Daseins. Zunächst verschwand der kleine Pächter, der seit Jahrhunderten das Land in seiner altväterischen Art bewirtschaftet hatte und eigentlich nicht Pächter im modern-rationellen Sinne, sondern mehr ein abgabepflichtiger Hintersasse auf dem Grund und Boden des „Squire“ gewesen war, mit dem ihn auch eine noch halb feudale Gemeinschaft verbunden hatte. Er verschwand einfach deshalb, weil ihn der neugesonnene Grundherr ohne viel Umschweife entließ, um an seine Stelle den „undertaker-farmer“ zu setzen. Aber es verschwand auch in weitem Umfange der selbständige Bauer, der free-holder, der in England um die Mitte des Jahrhunderts noch gelebt hatte. Sombart, Hochkapitalismus. 22 338 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Und es verschwand endlich der Zwergbauer, der durch Nebenerwerb, sei es als landwirtschaftlicher Tagelöhner, sei es als gewerblicher Produzent, sein Dasein gefristet hatte. Das Verschwinden dieser beiden zuletzt genannten Gruppen von kleinen Landwirten hatte verschiedene Ursachen, die wir noch kennen lernen werden. Eine Ursache aber, die das Verschwinden aller Gruppen mitbewirkt hat, geht uns hier besonders an: das ist die durch die „Einhegungen“, also die Aufteilung der Gemeindeländereien und die Verkoppelungen herbeigeführte Schädigung. Wie anderwärts, bedeuten diese Maßnahmen auch in England die Erschütterung der Existenz aller dieser kleinen Land- und Vieh wirte. Der Wegfall der Gemeindeweide, der Holz-, Gras- und anderer Nutzungsrechte erschwert die Viehhaltung und zerbricht damit das Rückgrat der kleinen Wirtschaften um so rascher, je kleiner sie sind: vom Bauern abwärts bis zum Gutstagelöhner, der nur gerade noch eine Kuh oder ein paar Schafe, wenn auch „their skins and bones only“, durchgefüttert hatte, ging ein großer Riß durch das Gefüge der alten Wirtschaften. Ein zusammenfassendes Urteil finden wir bei dem in diesem Falle besonders glaubwürdigen Arthur Young, wenn er sagt: „by 19 out of 20 enclosure bills the poors are injured and some grossly injured.“ Inquiry into the Propriety of Applying Wastes etc. (1801). Zit. bei Fred. Austin Ogg, 1. c. pag. 127. Vgl. im übrigen die zahlreichen Belege bei Hasbach und Levy. 3. Rußland Rußland — als dritter Typ — ist dasjenige Land Europas, in dem die Agrarreform am spätesten durchgeführt worden ist. Das Werk Stolypins war deshalb von besonders einschneidender Wirkung, weil der kleine, russische Bauer in noch viel stärkerem Maße, als in den westeuropäischen Ländern in den Gemeindeverband eingegliedert gewesen war, aus dem er nun herausgerissen wurde. Wir erfahren von der Zertrümmerung zahlreicher kleiner bäuerlicher Existenzen, die in der Lohnarbeit ihren Unterhalt suchen müssen. Vor allem hatte die Stolypinsche Agrarreform die Folge, daß der Zusammenhang zwischen dem in den Städten befindlichen Proletariat und dem Dorfe zerschnitten wurde. Bis dahin waren die Ausgewanderten dem Dorfe „angeschrieben“ geblieben und hatten hier einen Rückhalt gehabt: durch das Kollektiveigentum waren sie mit dem Lande verbunden gewesen. Man hat berechnet, daß 5—6 Millionen Seelen durch die endgültige Lostrennung vom Lande proletarisiert worden sind. 2. Der Wegfall des gewerblichen Nebenverdienstes Es ist wohl nicht zu viel behauptet, wenn man sagt, daß das Dasein der Bevölkerung in den modernen Staaten seit dem Ausgang des Mittelalters, in der Dichtigkeit, wie sie sich allmählich herausstellte und vor allem auch in der gleichmäßigen Verteilung über das Land in wachsendem Umfange allein durch das Vorhandensein eines Nebenerwerbs Dreiundzwanzigstes Kapitel: Die freie Zuschußbevölkerung 339 aus gewerblicher Tätigkeit ermöglicht worden ist. Was von der ländlichen Zuwachsbevölkerung nicht auf Neuland abgeschoben werden konnte, mußte, soweit nicht eine Herabdrückung der Lebenshaltung als Auskunftsmittel gewählt wurde, bei der geringen Aufnahmefähigkeit der Städte und der geringen Entwicklung der landwirtschaftlichen Technik durch Verwertung seiner Arbeitskraft mittels gewerblicher Tätigkeit sich am Leben zu erhalten suchen. Das galt natürlich in erster Linie von den unteren Schichten der ländlichen Bevölkerung: den Kleinlandwirten oder gänzlich Besitzlosen. Mochte es der Grundherr sein, der seine Hintersassen gewerblich tätig sein hieß, um ihre Produkte, das Garn oder dergleichen zu verkaufen; mochte der Gedanke der Erzeugung gewerblicher Gegenstände aus der eigenen Initiative der bäuerlichen Bevölkerung entsprungen sein und der Vertrieb auf eigene Faust erfolgen, wie bei den zahlreichen Hausierhandwerkern, den Uhrmachern, den Schuhmachern, den Pantoffelmachern, Schnitzern, Strohflechtern und dergleichen, aber auch bei den landwirtschaftlichen Nebengewerben: Brennerei, Brauerei usw.; mochte es endlich das Kapital in Gestalt eines Verlegers gewesen sein, das auf der Suche nach passender Verwendung, wie wir wissen, in den vergangenen Jahrhunderten mit Vorliebe auf die Dörfer ging, um hier entweder in Anknüpfung an vorhandenes bäuerliches Eigengewerbe oder durch Neueinbürgerung eines Produktionszweiges eine der zahlreichen ländlichen Hausindustrien ins Leben zu rufen: so verschieden die Organisationsform in den verschiedenen Fällen war, der sachliche Erfolg, auf den es uns hier allein ankommt, war überall derselbe: Schaffung einer Einnahmequelle aus gewerblicher Arbeit, als Zuschuß zu dem übrigen Erwerb der schwächeren Existenzen auf dem Lande. Aber wir würden irren, wollten wir annehmen, daß mit den angeführten ländlichen Industrien der Kreis von Nebenerwerbsmöglichkeiten für die ländliche Bevölkerung in frühkapitalistischer Zeit schon geschlossen gewesen wäre. Es ist vielmehr ausdrücklich festzustellen, daß ein großer Teil auch der übrigen Industrien der Landbevölkerung dadurch eine Lebensquelle gewährte, daß sie über das Land hin zerstreut waren und damit in weitem Umfange ihren Arbeitern Gelegenheit boten, nicht nur auf dem Lande wohnen zu bleiben, sondern sogar landwirtschaftliche Tagelöhnerei nebenbei zu treiben oder in ihrer bäuerlichen Wirtschaft tätig zu sein. Diese stark dezentralistische Tendenz der frühkapitalistischen Industrien, auch 22 * 340 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte derer, die schon in der Form von Fabriken oder Manufakturen auftreten, hat aber ihren entscheidenden Grund in der Eigenart der Technik, die auf weitgehender Verwendung von Holz sowie des Wassers als motorischer Kraft aufgebaut war: zweckmäßige Verwertung des Holz- und Wasserreichtums in den Wäldern wurde einer der Hauptgesichtspunkte bei Anlage industrieller Unternehmungen, wie ich das im zweiten Bande dieses Werkes ausführlich dargetan habe. Es kann nun keinem Zweifel unterliegen, daß alle gewerbliche Tätigkeit, die als Nebenbeschäftigung für die ländliche Bevölkerung in Frage kam, auf der ganzen Linie in einem stetigen Rückgänge befindlich ist, der teilweise schon zu einem völligen Verschwinden geführt hat. Leider vermögen wir nicht in so genauer Weise, wie es wohl wünschenswert wäre, für diese Tatsache auch den ziffernmäßigen Beweis zu erbringen. Immerhin geben einige Zahlen und andere Daten, die ich im folgenden zusammengestellt habe, uns genügenden Anhalt, um Rückschlüsse auf die Gesamtlage zu machen. 1. Deutschland In Deutschland waren die ländlichen Gewerbe vor allem seit Mitte des 18. Jahrhunderts zur Entwicklung gelangt, und man kann sagen, daß bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts fast überall noch eine zunehmende Tendenz sich bemerkbar macht. Ich habe an anderer Stelle schon darauf hingewiesen, wie sehr das Bild des gewerblichen Lebens Deutschlands um die Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem durch das starke Vorwiegen der ländlichen Hausindustrien bestimmt wird. Viele von diesen waren erst im zweiten Viertel des Jahrhunderts so recht zur Blüte gekommen, und manche waren noch im Wachsen begriffen. Den Anreiz zu der weiteren Ausdehnung der ländlichen Hausindustrien im vorigen Jahrhundert hatte das langsam wachsende Verwertungsbedürfnis des Kapitals gegeben, dem die zunehmende Überschußbevölkerung sich als treffliches Objekt darbot. Diese wurde gebildet zunächst durch den fast übermäßig starken Bevölkerungszuwachs auf dem Lande, sodann aber schon durch die infolge der Ablösungen und Gemeinheitsteilungen vielfach bedrängten Kleinbauern, Büdner, Häusler usw. Insbesondere kam bei den „befreiten“ Bauern die meist sehr beträchtliche Belastung mit einer Ablösungsrente hinzu, die gerade auch eine Vermehrung des Geldeinkommens außerordentlich wünschenswert erscheinen ließ. Daß in einigen Gebieten Deutschlands der Rückgang der gewerblichen Nebenbeschäftigung schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen hatte, ersehen wir, aus den Klagen der zeitgenössischen Literatur, wir dürfen es aber auch schließen aus der Statistik der ländlichen Weberei, die wir für Preußen wenigstens bis 1861 besitzen. Danach war, während die als Nebenbeschäftigung gehenden Stühle in den östlichen Provinzen Dreiundzwanzigstes Kapitel: Die freie Zuschußbevölkerung 341 des Staates noch bis 1861 sich vermehrten, in den westlichen Provinzen und Schlesien seit 1831, bzw. 1837 schon ein Rückgang zu bemerken. Es betrug nämlich die Zahl der für Leinwand gehenden Stühle in: 1837 1861 Schlesien. . 11620 7936 Sachsen . . 13503 9022 Westfalen. . 26900 18369 Rheinland. . 12974 11162 Eine Tendenz, die wir uns natürlich fortwirkend denken müssen. Beziehen sich diese Ziffern sowohl auf die hausindustrielle wie auf die hausgewerbliche Weberei, so können wir aus der Berufs- und Gewerbestatistik wenigstens für die Zeit nach 1882 den Rückgang der eigentlich hausindustriellen Tätigkeit auf dem Lande für sämtliche Gewerbe genau verfolgen. Die im folgenden zusammengestellten Ziffern betreffen Hausindustrien, die ihren Sitz fast ausschließlich auf dem platten Lande hatten und in der Regel in Verbindung mit einer kleinen Landwirtschaft betrieben wurden, deren Verschwinden also ein Wegfall gewerblicher Nebenbeschäftigung bedeutet. Gewerbearten Abnahme von 1882-1895 Abnahme von 1895—1907 Betriebe um Personenzahl um Betriebe um Personenzahl um Zeugschmiede, Scherenschleifer, . Feilenhauer. 2 006 4044 1270 2 465 Seiden- und Shoddyspinnerei . 2 037 2 922 998 1451 Baumwollspinnerei. 4 067 3 645 1056 925 Seidenweberei ........ 20 000 34 381 6 938 5 392 Leinenweberei. 10 660 14 667 11387 12 075 Baumwollenweberei. 18 859 19 089 11729 11850 Wollweberei. 645 4072 10107 14 066 Weberei von gemischten Waren 5 811 4 895 7 082 9 026 Strickerei und Wirkerei . . . 7 026 12 768 2 992 5 693 4118 4 301 68 461 96 411 57 675 67 244 Von 1882—1907 haben abgenommen: Betriebe um 126136, Personenzahl um 163655. Noch bedeutsamer vielleicht fürdieLebensbedingungenderländlichenBe- völkerung war die Verschiebung des Standortes, den die „Großindustrie“ während des 19. Jahrhunderts erfahren hat. Hier handelt es sich vor allem um die örtliche Zentralisation der Montanindustrie, die mit dem Übergang zum Koksverfahren sich ja mehr und mehr um die Kohlenbergwerke herumgelagert hat. Die Statistik ergibt, daß auf die Provinzen Schlesien, Westfalen und Rheinland von der Gesamtzahl der in der Eisenindustrie (ausschließlich dem Erzbergbau) beschäftigten Personen entfielen im Durchschnitt der Jahre 1848—1857 . . 69% 1895 .. . .. 95%. 342 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Zu dem allem kommt noch, daß aus ähnlichen Gründen, wie der gewerbliche Kapitalismus seine Bodenständigkeit aufgegeben hat, die als landwirtschaftliche Nebengewerbe im engeren Sinne bezeichneten Industrien der Brauerei und Brennerei, die bis vor ein Paar Menschenaltern in winzig kleinen Betrieben über das platte Land zerstreut waren und meist in Verbindung mit landwirtschaftlicher Tätigkeit ausgeübt wurden, nun infolge ihrer Konzentration in einer immer kleineren Anzahl von Unternehmungen der ländlichen Bevölkerung als Nebenerwerb ebenfalls verlustig gingen. Einige Ziffern werden das bestätigen. In der Brennerei läßt sich schon seit den 1830er Jahren ein Rückgang der kleinen bäuerlichen Brennereien beobachten, der im Zusammenhänge steht mit dem Übergang von der Kornbrennerei zur Kartoffelbrennerei. Es betrug die Zahl der Brennereien in Preußen: 1831 = 22988 1839 = 15953 1854 = 10114 1865 = 7711. Nach der Zusammenstellung bei Schmoller, Kleingewerbe, 405. Die Gegenden, wo diese Kleinbrennerei zu Hause war, waren vor allem die westlichen Provinzen mit überwiegend bäuerlichem Besitz. So entfielen im Jahre 1848 von insgesamt 11975 Brennereien auf die Rheinprovinz allein 5317. Dieterici, Übersichten. Vierte Folge. 1851. S. 354. Vgl. auch hierzu Jacobi, Studien (1854). S. 64/65. Eine gleiche Entwicklung vollzieht sich im Königreich Sachsen. Hier gab es Brennereien (Festschrift für die XXV. Versammlung deutscher Land- und Forstwirte. 1865. S. 174): 1840 1862 überhaupt. . . . . 1184 636 auf dem Lande .... . . . . 977 592 Getreide-B. . . . . 265 53 Kartoffel-B. . . . . 904 577 Brauereien wurden in Preußen auf dem Lande gezählt: 1839 . 6890 1848 . 5659 1856 . 4509 1864 . 3683. Die Abnahme war hier besonders stark in den östlichen Provinzen; sie betrug von 1839 bis 1864 in: Ostpreußen.70,0% Westpreußen.76,3% Posen.80,7% Pommern.75,4% dagegen im Durchschnitt nur 46,6%. Bienengräber, Statistik des Verkehrs, 159. Dreiundzwanzigstes Kapitel: Die freie Zuschußbevölkerung 348 Daß es sich bei dem Rückgang wiederum um die kleinen, meist von bäuerlichen Wirtschaften als Nebengewerbe betriebenen Brauereien handelt, ergibt sich aus folgenden Ziffern: Es versteuerten unter 100 Zentner Braumalz 1845: 5926 Brauereien = 62,19% 1865: 3264 „ = 47,74%. Für 1845 Dieterici, Übersichten, 3. Forts.; für 1865 Viebahn, a. a. 0. 2. England In keinem Land ist der gewerbliche Nebenverdienst von solcher grundlegenden Bedeutung für den Aufbau der ländlichen Verfassung gewesen wie in England, weil in keinem Land die Industrie in größerem Umfange auf dem platten Lande verbreitet gewesen ist als dort. Vor allem war die stolze englische Wollindustrie bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts hinein eine durchaus ländliche Hausindustrie. Und man wird die Verbreitung industrieller Tätigkeit nach der Größe dieser Industrie bemessen können. Zählte man doch noch in den 1830 er Jahren eine Million Handweber, von denen ein großer Teil auf dem Lande tätig war oder doch gewesen war. Der Zusammenbruch der ländlichen Industrien und damit der Wegfall des gewerblichen Nebenverdienstes für den kleinen Landwirt beginnt in der Mitte des 18. Jahrhunderts, und die Umwälzung ist annähernd vollendet in den 1830er Jahren, als in andern Ländern wie Deutschland die Entwicklung der ländlichen Industrien vielfach erst begann. Auch deshalb gewährt uns das Studium der englischen Verhältnisse ein besonderes Interesse, das endlich noch gesteigert wird durch die vielfach eigenartigen Verschlingungen zwischen gewerblicher und landwirtschaftlicher Tätigkeit, die wir überall beobachten. Ich begnüge mich damit, den Verfall der ländlichen hausindustriellen Spinnerei und Weberei etwas genauer zu schildern. Es kann als typisch für die andern Gewerbe gelten. Der alte Typ war der Kötter-Spinner und -Weber (the cottage-spinner, cottage-weaver) gewesen, den man auch als „domestic manufacturer“ oder „farm and cottage-manufacturer“ bebezeichnete: der Textilarbeiter, der alle Stufen des Produktionsprozesses in seinem Hause vereinigte und daneben eine kleine Landwirtschaft betrieb: „the Clipper, the comber, the Spinner, the weaver, the worker, the scourer, the dyer, the setter, the drawer, the packer, the merchant, the middleman, and the customer of wool or woollen goods as all members of one small cottage household.“ Garnier, Annals, 173. Die kleine Landwirtschaft wurde meist auf gepachtetem Lande betrieben. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als der Bedarf an Garn und Geweben steigt und die Spinnerei schon mit Maschinen, der Mule und Jenny, ausgeführt wurde, findet eine Trennung zwischen Spinnerei und Weberei statt: die Anschaffung der Spinnereimaschinen erheischte größere Geldmittel. 344 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Gleichzeitig fallen die landwirtschaftliche und die gewerbliche Tätigkeit wieder auseinander: der Weber findet es vorteilhafter nur zu weben und gibt deshalb seinen Landwirtschaftsbetrieb auf. Aber die Vereinigung von Landwirtschaft und Textilindustrie sollte sich noch einmal von neuem vollziehen: in dem Maße, wie die alten Freibauern als Landwirte durch alle die Umstände, die ich oben dargelegt habe, erschüttert zu werden anfangen, sehen sie sich nach einem Nebenerwerb um und glauben ihn in der Spinnerei finden zu können. Sie schaffen sich das ziemlich teure Spinnzeug an — meist auf Kredit — nud graben sich damit selbst das Grab. Als nämlich sich die Spinnerei nun bald zum Fabrikbetriebe mit mechanischem Kraftbetrieb umwandelt (offenbar war auch die ländliche Hausindustrie allmählich von der reinen Wolle zn gemischten Garnen und Stoffen und teilweise zur Baumwolle übergegangeu), wurden die alten „farm and cottage manufacturers“ um ihren Verdienst gebracht. Diese gewerbliche Nebenbeschäftigung hielt also den Untergang der kleinen Pächter und kleinen Freibauern nicht auf; ja sie trug dazu bei, ihn zu beschleunigen. Erstens hinderten sie die Männer, sich voll der Landwirtschaft zu widmen und den Betrieb den Anforderungen der Neuzeit anzupassen (die primitive Viehwirtschalt hatte im wesentlichen die Frau besorgt: „die Frauen übernehmen die ganze Pflege der Kühe und der Mann geht zur täglichen Arbeit“, Billin gsley, General View of the Ägriculture of Somersetshire, [1798], 34; bei Levy, Entstehung, 23). Zweitens gewährten sie immer geringeren Verdienst und die Pächter-Weber waren nicht in der Lage, die Pachten zu zahlen. Drittens hatte die Anschaffung der nötigen Maschinen die kleinen Bauern so sehr in Schulden gestürzt, daß sie jetzt, sobald die Garnpreise sanken, in Zahbmgsstockungen gerieten. Ihre Maschinen waren wertlos geworden, ihr Anwesen überschuldet. In den Jahren 1790—1810 findet ein häufiger Besitzwechsel statt. Vielfach batten die Grnndherrem nur darauf gewartet, die kleine überschuldete Besitzung in ihr Eigentum zu bringen. Ziehen wir alle diese Umstände, in Betracht, so werden wir es verständlich finden, wenn manche Schriftsteller den Zusammenbruch der ländlichen Verfassung — insbesondere also den Untergang der Heimen Pächter und der Heinen Freibauern — in erster Linie dem Wegfall bzw. Versagen des gewerblichen Nebenverdienstes zuschreiben. Der Zusammenbruch des Bpinngesehäftes, schreibt der Huge und kenntnisreiche Gaskeil, Artisaus, 32, auf Grund einer eingehenden Prüfung aller Verhältnisse und Quellen, „was the first, step towards the abdlitiom of the small freeholders or yeomen in lu&uy dästriets.“ Ln 8 Grafschaften habe eine Verminderung der Cottages um 20000 stattgelfundem; „partly by belog deprived of bome mamufacture“ (p. 51). Und ein anderer Forscher weint: „it was the manufaeturers themselves, who first.... by smbstÄimtiBg Aikwrights spimning jemmy for the enafteis ,Bpimning whedi and hk jjoe Janeity* and ihms withdrawing the eroftets mainstay, that remdered such a naove (wie. die agrarische Revolution) meeessary.. 8 * Bev, Harry Stuart* Dreiundzwanzigstes Kapitel: Die freie Zuschußbevölkerung 345 Agriculture Labourers as tbey were, are and sbould be in their social condition. 2. ed. 1854. p. 11. Etwas später — in den 1840 er Jahren — vollzog sich die Auflösung der ländlichen Weberei in Schottland. Siehe J. W. Paterson, Rural de- population in Scotland (1896), 43. 3. Belgien stellt einen dritten Typus dar als ein überwiegend kleinbäuerliches Land. Trotz der vielfach abweichenden Struktur seiner Agrarverhältnisse ist der Entwicklungsgang annähernd derselbe wie in Deutschland und England. Mit aller Härte hat sich der Prozeß einer Zerstörung der ländlichen Industrien auch hier durchgesetzt, hat wesentlich dazu beigetragen, die Bevölkerung zu entwurzeln und an ihrem alten Standort lebensunfähig zu machen. Ich verweise auf die in der Literaturübersicht genannten eindringenden Studien Emil Vanderveldes, in denen gerade diese Zusammenhänge mit besonderer Liebe aufgedeckt sind. 2. Die Erschwerung der Tagelöhnerarbeit Ich betrachte hier die ländliche Lohnarbeit: auf den Gutshöfen in den größeren Bauernwirtschaften, in den Forsten als eines der Hilfsmittel, dem das Bestehen einer großen Anzahl kleinster Land- und Viehwirte im Dorfe zu danken gewesen war. Wir sind dieser Vereinigung von Lohnarbeit und Landwirtschaftsbetrieb schon an verschiedenen Stellen in der vorhergehenden Darstellung begegnet. Zum Teil sahen wir, daß eine Folge der agrarischen Umwälzung die Verwandlung von selbständigen Bauern in stellenbesitzende Tagelöhner war. So lange nun diese Verwandlung sich vollzog, blieb eine gleiche Anzahl Landbewohner seßhaft und wurzelhaft. Nun müssen wir aber feststellen, daß dieses bodenständige Arbeitsverhältnis selbst ins Wanken kam und daß damit wiederum ein letzter Bestandteil der bäuerlichen Bevölkerung — deren niedrigste Schicht — dem Proletarisierungsprozeß anheim fiel. Man kann aber dieselben Vorgänge auch von der andern Seite her betrachten: vom Standpunkt des Lohnarbeiters und seiner Stellung als solcher aus. Dann handelt es sich um die Auflösung einer anderen als der Dorfgemeinschaft, nämlich der Arbeitsgemeinschaft. Da dieser Prozeß an und für sich von weittragender Bedeutung ist, so will ich ihn — losgelöst von seiner Beziehung zur Auflösung der Dorfgemeinschaft — im folgenden einer gesonderten Darstellung unterziehen. Die Auflösung der Arbeitsgemeinschaft greift, wie wir sehen werden, über den Bereich der Landwirtschaft hinaus und vollzieht sich in gleicher Weise in den übrigen Sphären des Wirtschaftslebens. 346 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte II. Die Auflösung der Arbeitsgemeinschaften Die Arbeitsverfassung auf den Gütern und in den größeren Bauernwirtschaften hatte bis zum Ende des frühkapitalistischen Zeitalters in allen europäischen Ländern ein ziemlich gleichartiges, patriarchalisches Gepräge getragen, wie ich das ausführlich im einundvierzigsten Kapitel des zweiten Bandes geschildert habe. „Patriarchalisch“ war die Arbeitsverfassung deshalb gewesen, weil dank dem Anteilverhältnis, in dem der Arbeiter zur Guts- und Bauernwirtschaft sich befand, eine weitgehende Interessengemeinschaft zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer bestanden hatte, also der Interessengegensatz zwischen Unternehmer und Lohnarbeiter noch nicht zur Entfaltung gelangt war. Diese alte Arbeitsverfassung löst sich nun mit dem Beginne des Hochkapitalismus wiederum in allen Ländern in ziemlich gleicher Weise auf. Und zwar vollzieht sich die Auflösung in drei Stufen: Erst fällt der Anteilslohn weg, dann wird der Naturallohn in Geldlohn verwandelt, endlich tritt an die Stelle des langfristigen (Jahres-) Vertrages mit einer ganzen Familie der kurzfristige Vertrag mit dem einzelnen Arbeiter oder einer Gruppe von Arbeitern. Die treibende Kraft in diesem Umgestaltungsprozeß war zunächst das wirtschaftliche Interesse des zur rationellen, intensiven Landwirtschaft übergehenden Arbeitsherrn. Die alte Arbeitsverfassung, vor allem der Arbeitslohn, stellte sich als ein Hindernis für den technischen Fortschritt dar. Schon der Anteil an dem Ernteertrage mußte bei steigenden Getreidepreisen als eine vom Standpunkt des rechnenden Unternehmers aus unprofitable Löhnungsart erscheinen; die Einführung des Maschinendrusches tat das Übrige, um die Berechnung des Lohnes nach Anteilen am Erdrusch zu erschweren. Unerträglich aber wurde mit zunehmender Intensität die Eingliederung der Instenwirtschaft in die Gutswirtschaft. Der „Morgen im Felde“ verlor seine Berechtigung mit dem Verlassen der alten Dreifelderwirtschaft und dem Übergang zur Fruchtwechselwirtschaft; die Durchfütterung des Instenviehes mit der Gutsherde wurde in dem Augenblick ein Anachronismus, als an die Stelle des alten Weidetriebs die Stallfütterung trat. So werden allmählich die Anteilsrechte der Insten in feste Naturalbezüge und, wo die Entwicklung noch weiter fortgeschritten ist, diese in Geldlohn umgewandelt, der der allein rationelle Ausdruck des kapitalistisch-proletarischen Arbeitsverhältnisses ist. Dreiundzwanzigstes Kapitel: Die freie Zuschußbevölkerung 347 „Die intensiv betriebene Landwirtschaft hatte für den kleinen Lehenmann oder ,Tauner* keinen Kartoffelacker mehr und auch keine Zeit mehr übrig, denselben gar noch zu pflügen, ebenfalls keinen Platz in Scheune und Stall. Es gab kein ,Urland‘ mehr, wo er für seine Kuh oder Ziege Futter gewinnen konnte, auch andere Naturalnutzungen haben aufgehört, alles hat Geldwert erhalten und wird von den Bauern selbst verwertet. Also zog der Lehenmann als gewöhnlicher Mieter ins Dorf“ usw. Was hier von Hans Schmid für die bäuerliche Schweiz berichtet wird, vernehmen wir mit denselben Worten aus allen übrigen Ländern. Was der landwirtschaftliche Unternehmer aus wohlverstandenem Interesse anstrebt, das wollte aber auch der Arbeiter selbst: „Befreiung“ aus den Fesseln eines patriarchalischen Arbeitsverhältnisses. Und wenn wir die Auflösung der alten Agrarverfassung in ihrer vollen Tragweite verstehen wollen, müssen wir sie einordnen in den großen Zusammenhang der allgemeinen Entwicklungsbestrebungen, die das 19. Jahrhundert kennzeichnen. Der „neue Geist“, der „individualistische Geist“, der sich immer mehr ausbreitete, zerbrach auch die ländliche Arbeitsgemeinschaft. Und die moderne Landwirtschaft selbst trug dazu bei, diesen Geist zu pflegen. Die Landwirtschaft selber war es, die nach neuen Menschen, nach intelligenteren, selbständigeren Arbeitern verlangte, um den Übergang zur rationellen und intensiven Kultur vollziehen zu können. Hatte man nicht, diesem Bedürfnis entsprechend, den Bauern, den Gutsarbeiter „befreit“ aus den alten Abhängigkeitsverhältnissen? Hatte man von ihnen nicht Selbstbestimmung verlangt und erwartet? Und heischt fortschreitende Verbesserung der landwirtschaftlichen Produktionsweise, wie sie in der zunehmenden Intensivisierung zum Ausdruck kommt, nicht immer intelligentere, selbständigere Arbeiter? War es nicht ein Bestreben der Arbeitgeber, die Leistungsfähigkeit ihrer Arbeiter durch Einführung des Akkordlohns und andere Reiz* mittel zu steigern? So schuf sich die moderne Landwirtschaft selbst einen höheren Typ von Arbeitern, der nun aber imgeeignet wurde, ein dauerndes Glied in den überkommenen, patriarchalischen Gemeinschaften zu sein. Das gilt für die Gutswirtschaften und auch für die Bauernwirtschaften; denn es ist unvermeidlich, daß ein gewisser Austausch der Menschen und ihrer Anschauungen innerhalb einer und derselben Bevölkerung stattfindet. Dieser Austausch ist es aber, der in noch viel umfassenderer Weise als der angedeuteten auf die Revolutionie- 348 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte rung der ländlichen Bevölkerung Einfluß gewonnen hat. Ich meine den Austausch zwischen Stadt und Land, die Rückwirkung der städtischindustriellen Entwicklung auf die Lebensauffassung der Gesamtbevölkerung. In dem Maße, wie sich dank dem Vorschreiten des Kapitalismus der Schwerpunkt der Kultur in die modernen Städte verlegt, wird ein neues Persönlichkeitsideal, wird ein neuer Maßstab für Wohlbehagen und Lebensfreude geschaffen, der nun unwiderstehlich auch in die fernsten Alpentäler seinen Einzug hält und in dem Maße an Geltung zunimmt, wie die Entwicklung der Verkehrsmittel die Berührung zwischen den Städtern und Ländlern häufiger macht. Ergebnis des Umgestaltungsprozesses war jedenfalls überall, daß die Wirtschaft des ländlichen Arbeiters verselbständigt, aus dem Organismus der Gutswirtschaft ausgeschieden wurde. Es entstand der völlig „freie“ ländliche Tagelöhnerstand mit oder ohne einigen Grundbesitz, eine Arbeiterbevölkerung, deren Existenz, wo sie gänzlich besitzlos ist, von der Verwertungsmöglichkeit ihrer Arbeitskraft, wo sie mit kleinen Stellen behaftet ist, von jener und den Erträgnissen dieser bedingt wird. Es ist nun eine verhängnisvolle, weitere Folge des Überganges zur modernen Landwirtschaft, daß die Verwertungsmöglichkeit der Arbeitskraft des ländlichen Arbeiters sich verschlechterte dadurch, daß eine Verringerung der Arbeitsgelegenheiten eintrat. Diese Behauptung erscheint zunächst unglaubhaft angesichts der Tatsache, daß ja die Intensivisierung des landwirtschaftlichen Betriebes ohne Zweifel auch eine Steigerung des Arbeitsaufwandes auf gegebener Fläche erheischte. Der scheinbare Widerspruch löst sich auf, wenn wir in Betracht ziehen, daß in dem Maße, wie die Landwirtschaft intensiver wird, sie sich mehr und mehr zu einem reinen Saisongewerbe entwickelt, wodurch dann zu bestimmten Zeiten — im Winter — trotz absolut gesteigerten Arbeitsbedarfs sich Arbeitslosigkeit einstellt. Bis zu einem gewissen Grade war die Landwirtschaft stets ein Saisongewerbe gewesen, das heißt hatte im Sommer mehr Arbeit als im Winter verlangt. Das Verhältnis der Winter- zur Sommerarbeitsmenge war bei einer Körnerwirtschaft alten Stils wie 1,0 zu 1,4 gewesen. Aber erst die moderne Entwicklung bringt dieses Mißverhältnis zur Entfaltung, sofern sie auf der einen Seite die Winterarbeit zu verringern, auf der andern Seite die Sommerarbeit zu vermehren die Tendenz erzeugt. Jene Verringerung tritt ein: 1. durch den Übergang vom Hand- zum Maschinendrusch; Dreiundzwanzigstes Kapitel: Die freie Zuschußbevölkerung 349 2. durch den Wegfall des Flachsbaues und seiner Verarbeitung im Winter; 3. durch die vielerorts eingetretene Verringerung der Arbeit in den Forsten. Die Vermehrung der Sommerarbeit tritt aber auf im Gefolge der Fruchtwechsel- und namentlich der Rübenwirtschaft. Bei dieser ist das Verhältnis der Sommer- zur Winterarbeit wie 2,6 zu 1; und der Bedarf des arbeitsreichsten zum arbeitsärmsten Monats verhält sich gar wie 4 zu 1, gegen 1,6 bzw. 2 zu 1 bei verbesserter Körner- und Fruchtwechselwirtschaft ohne Rüben. So ergibt sich denn die entscheidend wichtige Tatsache, daß Saisonarbeit in einer Wirtschaft auf 1000 Morgen ist bei Körnerwirtschaft .die Arbeit von 48 Tagen, Koppelwirtschaft. „ 63 verbesserter Körnerwirtschaft . „ 147 Koppelwirtschaft in Kombination mit Fruchtwechsel. >; >> „ 615 Fruchtwechselwirtschaft . . . >j >> „ 1193 Rübenwirtschaft. >> j> „ 2569 Siehe z. B. die gründliche und lehrreiche Studie von Georg Meyer, Schwankungen in dem Bedarf an Handarbeit in der deutschen Landwirtschaft usw. 1893. Nach einer andern Berechnung beschäftigen: Arten der Betriebe Gesinde Sonst. Ständige Nichtständige männlich 0/0 weiblich 0/0 männlich 0/0 weiblich % männlich 0/0 weiblich °/o 1. Starker Rübenbau: a) Großbetrieb. 5,7 6,3 29,3 11,5 15,8 31,4 b) Mittelbetrieb. 19,5 19,7 23,4 7,7 16,5 13,2 2. Starker Futterbau . . . 14,0 12,0 37,7 22,0 10,7 3,6 3. Größte Güter a) mit Rübenbau .... 5,5 4,5 36,0 20,4 12,6 21,0 b) ohne Rübenbau . . . 8,6 6,9 41,3 22,2 12,0 9,0 Über das Verhältnis der Ständigen zu den Nichtständigen gibt die folgende Zusammenstellung noch besseren Aufschluß: Ständige Nichtständige Starker Rübenbau a) Großbetrieb. . . . . 55,4% 44,6% b) Mittelbetrieb.. . . . . 67,6% 32,4% Starker Futterbau. . . . . . . . 83,0% 17,0% Größte Güter: a) mit Rübenbau . . . . . . - . 68,0% 32,0% b) ohne Rübenbau . . . . . . . 79,0% 21,0% 350 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Beide Tabellen sind entnommen der fleißigen Arbeit von Friedr. Dettweiler, Die Handarbeit in der Landwirtschaft (1905), 149, 153. Der Unternehmer hatte also einen wachsenden Bedarf an Saisonarbeitern auf der einen Seite, konnte aber dauernde (Jahres-) Arbeit einer immer geringeren Anzahl von Arbeitern auf der andern Seite gewähren. So wie sich die ländliche ArbeitsVerfassung auflöste mit fortschreitender Intensivisierung der Landwirtschaft, so zerbrach auch die Arbeitsgemeinschaft in den übrigen Zweigen des Wirtschaftslebens, in denen das Wirtschaftssystem des Handwerks geherrscht hatte. Ich kann hier diesen Niedergang des Handwerks, der eine Folgeerscheinung der kapitalistischen Wirtschaft ist, einstweilen nur als Tatsache verzeichnen, und zwar als eine der Tatsachen, die für die Entstehung einer Zuschußbevölkerung ebenfalls von entscheidender Bedeutung ist. DieBegründung des Vorgangs muß ich mir für eine spätere Gelegenheit aufsparen, da sie nur mit Hilfe einer Gesamtdarstellung des Entwicklungsganges des Handwerks gegeben werden kann: siehe den dritten Haupabtschnitt. III. Die Auflösung der Hausgemeinschaften In aller früheren Zeit bis zum Ende der frühkapitalistischen Ära hatte sich das Wirtschaftsleben in weitem Umfange im Rahmen der Familie abgespielt. Diese war nicht nur Konsumwirtschaft, sondern auch Produktionswirtschaft gewesen, sofern ein sehr wesentlicher Teil der gewerblichen Erzeugnisse im Hause hergestellt worden war. Ich habe im zweiundvierzigsten Kapitel des zweiten Bandes einen genauen Bericht über die Reste der gewerblichen Eigenproduktion erstattet, die am Ende des frühkapitalistischen Zeitalters nicht nur auf dem Lande, sondern auch in der Stadt sich noch vorfanden. Auf dieser gewerblichen Tätigkeit hatte die Unterhaltmöglichkeit ganz allgemein der Ehe-Frauen, oft der erwachsenen Kinder und anderer Anverwandter, die dauernd in der Familie lebten, beruht. Diese Bevölkerungsteile hatten mittels der produktiven Arbeit im Hause sich ihren Lebensunterhalt verdient. Und nun brach auch diese Wirtschaftsgemeinschaft zusammen und setzte abermals eine breite Bevölkerungsschicht frei. Die Gründe für die Auflösung der alten Hauswirtschaft als Produktionswirtschaft liegen deutlich zutage. Ganz allgemein bedeutete die zunehmende Verbilligung vieler gewerblicher Erzeugnisse und die Vermehrung der Gelegenheiten, sie auf dem Markte einkaufen zu können, einen starken Anreiz, die gewerbliche Tätigkeit im Hause einzustellen. Dreiundzwanzigstes Kapitel: Die freie Zuschußbevölkerung 351 Nun ist geltend gemacht worden, z. B. von P. von Struve in seinen Auseinandersetzungen mit Nicolai-on, daß eine zwingende Notwendigkeit zur Einschränkung der hausgewerblichen Eigenproduktion nicht aus der Gestaltung der Marktpreise für die darin hergestellten gewerblichen Erzeugnisse hergeleitet werden kann, wie etwa bei der hausindustriellen Tätigkeit. Hausgewerbliche Eigenproduktion braucht keineswegs aufzuhören, wenn sie auch noch so sehr hinter der gesellschaftlichen Durchschnittproduktivität zurückbleibt. Kann mich doch kein „Marktgesetz“ hindern, mir meine Bücher selbst einzubinden, oder meinen Gartenzaun selbst anzustreichen, auch wenn ich einen zehnmal so großen Aufwand als den „gesellschaftlich notwendigen“ mache. Dieser Einwand wird aber offenbar hinfällig dort, wo ein bestimmter Wirtschaftsertrag erzielt werden oder die Arbeitskraft bestmöglich ausgenutzt werden soll. Dieser Fall traf nun zu für alle ländlichen Gutsund Großbauernwirtschaften. In dem Maße, wie sie in den Strudel der Verkehrs Wirtschaft gezogen wurden, einen Besitzwechsel erlebten, sahen sie sich genötigt, einen bestimmten Ertrag in Geld herauszuwirtschaften und mußten also ihren Betrieb rationalisieren. Dieser Druck, die Gelderträge der Wirtschaft zu steigern, wurde bei den Bauernwirtschaften insonderheit noch durch die zum Teil empfindlich hohen Ablösungsrenten, die doch auch nur ein Ergebnis des in die Landwirtschaft eindringenden ökonomischen Rationalismus waren, beträchtlich gesteigert. Es mußte also auch in vielen Bauernwirtschaften das Bestreben wach werden, die Nutzung des Bodens und die Gestaltung des Gesamtbetriebes im Hinblick auf möglichst hohe Reinertragserzielung so rationell wie möglich einzurichten. Dieses Streben, in Verbindung mit der fortschreitenden Gemeinheitsteilung, Servitutenablösung und Grundstückszusammenlegung führte wohl vielerorts dahin, Produktionszweige fallen zu lassen, auf denen die gewerbliche Tätigkeit sich aufgebaut hatte. Ich denke beispielsweise an die Einschränkung der Schafzucht bei Fortfall der Gemeindeweide, des Flachsbaues wiederum, der Hölzernutzung bei Aufteilung des Gemeindewaldes und dergleichen mehr. Außer diesen ökonomisch-rationalen Gründen der teueren Produktion, haben noch andere Umstände dazu beigetragen, die gewerbliche Tätigkeit in den Hauswirtschaften einzustellen oder auf ein Mindestmaß einzuschränken. Was etwa den Fortbestand der gewerblichen Produktion in den Großbauernwirtschaft vor allem erschütterte, war dieses, daß ihnen 352 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte die Personen, auf denen sie ihren umfassenden Betrieb aufgebaut hatten, im Verlauf der modernen Entwicklung entrückt, sie damit also gegen ihren eigenen Willen außerstand gesetzt wurden, ihre alte Wirtschaftsführung beizubehalten. Die Personen aber, die sich ihrer Machtsphäre immer mehr entzogen, waren zunächst die Kinder der Bauern selbst, die bisher sich völlig in den Familienorganismus als dienende Glieder eingefügt hatten, und dann die Gesindeleute, die als weitere Hilfsorgane der Bauernfamilie angegliedert waren. Sie hielt es nicht mehr in der alten Gemeinschaft. Wir wissen schon, aus welchen Gründen. Was aber in allen städtischen Haushalten die Weiterführung einer ausgedehnten Eigenwirtschaft unmöglich machte, war die fortschreitende Verringerung ihrer räumlichen Ausdehnung. Eine Bedingung hausgewerblicher Eigenproduktion nach der andern verschwand: nacheinander der Garten, der Hof, der Stall, der Keller, der Boden, die Waschküche, die Vorratskammer, die Speisekammer, der Herd. In einer großstädtischen Mietwohnung ist einfach kein Raum mehr für irgendwelche erzeugerische Tätigkeit. Kaum, daß noch die halbfertig eingekauften Nahrungsmittel notdürftig genußreif gemacht und ein Paar Löcher gestopft werden können. Über den fortschreitenden Verfall der alten Hauswirtschaft gibt uns die Berufsstatistik einigen Aufschluß, sofern sie die „berufslosen Angehörigen“ verzeichnet. Deren Verringerung läßt aber den Schluß auf Abnahme der hauswirtschaftlichen Beschäftigung zu. Unter 100 Einwohnern gab es in Deutschland: Erwerbstätige Angehörige 1882 . 38,99 55,08 1895 . 40,12 53,15 1907 . 43,46 48,97 Männer: 1882 . 60,38 36,49 1895 . 61,03 34,83 1907 . 61,01 33,65 Frauen: 1882 . 18,46 72,94 1895 . 19,97 70,81 1907 . 26,38 63,89 Die Zahl der berufslosen Angehörigen von 14 Jahren und darüber weiblichen Geschlechts betrug in Deutschland: 1882 . 40,1% 1895 . 39,6% 1907 . 32,8% Dreiundzwanzigstes Kapitel: Die freie Zuschußbevölkerung 353 Die Landwirtschaft insbesondere gewährt folgendes Bild: In Deutschland haben die Angehörigen in der Landwirtschaft ohne Hauptberuf von 1895 bis 1907 um rund 2200000 abgenommen; in derselben Zeit die bei der Herrschaft lebenden Dienenden um 211000; beide Gruppen zusammen also um 2411000. Die Gruppe der Erwerbstätigen hat sich von 8293000 auf 9883000, also um rund 1590000 vermehrt. In der schwedischen Landwirtschaft gab es „unproduktive“ Angehörige: männliche weibliche 1870 . 549803 563357 1900 . 474749 498761 Die Ziffern bei Cassel, Theor. Soz. ökon. 485. * * * In der vor auf geh enden Darstellung ist Rücksicht genommen, vor allem auf die Entwicklung Westeuropas. Es ist nun aber daran zu erinnern, daß in zahlreichen Ländern alter Kultur außerhalb Westeuropas, wie in Rußland, den Balkanländern, den Ländern des nahen und zum Teil auch des fernen Orients, in den Reichen der altamerikanischen Völker ähnliche Vorgänge sich abgespielt haben wie in Westeuropa, sodaß auch hier, nicht zuletzt unter dem Einfluß des eindringenden Kapitalismus (Anleihen! Eisenbahnen!), sich die Daseinsbedingungen zu ungunsten zahlreicher Bevölkerungsschichten verschoben haben. Der Kapitalismus fand daher auch hier willige Arbeitskräfte vor, als er anfing, seine Hand auf diese peripheren Gebiete zu legen und in ihnen selbst kapitalistische Unternehmungen zu begründen. Vgl. übrigens das 18. und 29. Kapitel. Sombart, Hochkapitalisnuis. 23 354 Vierundzwanzigstes Kapitel • • Die freie Uberschußbevölkerung (Die Bevölkerungsvermehrung) I. Übersicht Die andere Quelle, aus der der Kapitalismus die Arbeitskräfte schöpfte, war, wie wir sahen, die Überschußbevölkerung, das heißt die über die vorhandenen Unterhaltsstellen hinaus wachsende Bevölkerungsmenge, kurz: der natürliche Bevölkerungszuwachs. Es ist nun das entscheidende Ereignis, daß diese Quelle während des 19. Jahrhunderts überreichlich geflossen ist. Noch niemals, seit Menschen auf der Erde leben, haben sie sich auch nur in annähernd gleichen Mengen vermehrt vie seit dem Beginn des hochkapitalistischen Zeitalters. Ich stelle zunächst die wichtigsten Ziffern zusammen und versuche dann, den Gründen der starken Bevölkerungsvermehrung auf die Spur zu kommen. II. Statistik der Bevölkerungsvermehrung 1. Die Bevölkerung, die wir ins Auge zu fassen haben, ist zunächst die Bevölkerung Europas. Über die Zahl der Einwohner Europas vor dem 19. Jahrhundert besitzen wir keine zuverlässigen statistischen Angaben. Die Schätzungen der Fachmänner weichen nicht imerheblich voneinander ab. Nach Sundbärg betrug die Bevölkerung im Jahre 1700 130 Millionen, nach Süßmilch (1741) 150 Milhonen, nach andern Forschern um die Mitte des Jahrhunderts erst 127—130 Milhonen. Die Schätzungen für das Jahr 1800 schwanken zwischen 175 Millionen (W. F. Willcox, The Expansion of Europe in Population in Am. Economic Review, Dec. 1915) und 187 Millionen (Sundbärg). Wir wohen das ungefähre Mittel dieser beiden Schätzungen annehmen und den Stand der Bevölkerung Europas im Jahre 1800 auf rund 180 Millionen ansetzen. Vierundzwanzigstes Kapitel: Die freie Überschußbevölkerung 355 Die Bevölkerungszunahme drückt sich dann in folgenden Ziffern aus. Die Zahl der Einwohner Europas betrug: 1800 . . . . . 180000000 1850 . . . 1882 . . . . . 327743000 (Willcox) 1905 . . . 1910 . . . 1914 . . . Indexziffern sind folgende: 1800 . 100 1905 . 233 1850 . 147 1910. 237 1882 . 182 1914. 251 Und in absoluten Ziffern der Zuwachs zum Einprägen: Von allen Anfängen des europäischen Volkslebens an bis zum Jahre 1800 hatte es diese Menschengruppe auf 180 Millionen gebracht; das eine 19. Jahrhundert tat das Anderthalbfache — 270 Millionen — hinzu. Ein Jahrhundert! 2. Aber mit dieser Ziffer ist keineswegs schon der gesamte Zuwachs dieser Menschengruppe zum Ausdruck gebracht: Europas Bevölkerung ist noch längst nicht dasselbe wie die europäische Bevölkerung. Wir dürfen nicht vergessen, daß europäische Menschen gerade während des vergangenen Jahrhunderts fremde Erdteile besiedelt und sich dort weiter vermehrt haben. Diesen Zuwachs an europäischen Menschen in außereuropäischen Ländern müssen wir zu der Bevölkerung Europas hinzunehmen, um die Vermehrung der europäischen Bevölkerung richtig zu beziffern. Die Berechnung des außereuropäischen Zuwachses der europäischen Menschheit ist deshalb nicht in genauen Ziffern vorzunehmen, weil ja in den von den Auswanderern und ihren Nachkommen jetzt bewohnten Ländern vielfach andere Menschen als Europäer wohnen. Immerhin wird man zu leidlich richtigen Annäherungswerten gelangen, wenn man die Bevölkerung der sechs wichtigsten Siedlungsgebiete in Anschlag bringt und die Europäer in den übrigen außereuropäischen Ländern unberücksichtigt läßt. Deren Zahl wird sicher die Zahl der in den sechs Hauptgebieten lebenden Nichteuropäer übersteigen, so daß die im folgenden zusammengestellten Bevölkerungsziffern als Mindestziffern des außereuropäischen Europäerzuwachses anzusehen sind. Die in der Übersicht berücksichtigten Länder sind: Kanada, Vereinigte Staaten, Südamerika (Argentinien, Uruguay), Südafrika (Gebiet der südafrikanischen Union), Australien und Sibirien. 23 * 356 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Land Bevölkerungsmenge Anfang des Mitte des 1910 19. Jahrhunderts 19. Jahrhunderts Kanada . . . . 360000 2400000 7204838 Ver. Staaten von Amerika . . . 5308000 23192000 91972266 Südamerika . . — etwa 1500000 etwa 7000000 Südafrika . . . — „ 500000 5973394 Australien . . . 7000 431000 5603014 Sibirien . . . . — 3000000 14000000 Insgesamt: 5675000 29023000 131753512. (Die Ziffern für 1910 sind dem Stat. Jahrbuch entnommen, mit Aus- nähme der für Sibirien, die in dem Werke „Das Russische Reich“ (S. 172) angegeben wird; die Ziffer der 3 Millionen für Sibirien in der Mitte des Jahrhunderts ist von mir eingesetzt: sie drückt die Menge der heute in Sibirien lebenden Nichteuropäer aus, stellt also sicher einen Höchstbetrag der Bevölkerung Sibiriens im Jahre 1850 dar. Die früheren Ziffern für die Vereinigten Staaten sind dem Zensus, die übrigen Sundbärg entnommen.) Zählen wir nun diese Ziffern mit den vorhin für die Bevölkerung Europas gefundenen zusammen, so ergibt sich erst die Vermehrung der europäischen Bevölkerung in ihrem vollen Umfange. Diese betrug: 1800 rund 185000000 = 100 1850 „ 295000000 = 159 1910 „ 559000000 = 300. 3. Ich stelle schließlich die Bevölkerungsziffer für die drei Hauptländer zusammen, in denen der Hochkapitalismus recht eigentlich zur Entfaltung gelangt ist: England und Wales, Deutschland und Vereinigte Staaten. Deren Bevölkerung vermehrte sich während des 19. Jahrhunderts wie folgt. Die Zahl der Einwohner betrug: in Anfang des Mitte des 19. Jahrhunderts 19. Jahrhunderts 1910 England und Wales. 8892536 17927609 36075269 Deutschland .... 24833396 35130398 64925993 U. S.A. 5308000 23192000 91972266 Insgesamt 39033932 76250007 192973528. Der Index lautet alsdann für die Bevölkerungszunahme dieser drei Länder: 1800 .... 100 1850 .... 195 1910 .... 495 Vierundzwanzigstes Kapitel: Die freie Überschußbevölkerung 357 III. Die Ursachen der Bevölkerungsvermehrung 1. Wir besinnen uns auf folgenden Tatbestand: das Maß der Bevölkerungszunahme in einem Lande — wenn wir die Ein- und Auswanderungen unberücksichtigt lassen — hängt ab von der Höhe der Zuwachsrate, das heißt des Verhältnisses, in dem die Mehrgeburten (Geburten abzüglich Todesfälle) zu der Menge der Bevölkerung stehen. Die Zuwachsrate wird bestimmt durch zwei Größen: die Geburtenrate, das h eißt die Menge der Geborenen im Verhältnis zur Bevölkerung, und die Sterberate, das heißt die Menge der Gestorbenen im Verhältnis zur Bevölkerung. Die Differenz zwischen Geburtenrate und Sterberate ergibt die Zuwachsrate. Diese kann also steigen: entweder, weil die Geburtenrate steigt bei gleichbleibender Sterberate, oder weil die Sterberate sinkt bei gleichbleibender Geburtenrate. Sie steigt rascher, wenn die Geburtenrate steigt und die Sterberate gleichzeitig sinkt. Wenn wir also eine BevölkerungsVermehrung, das heißt die Höhe oder das Steigen der Zuwachsrate erklären sollen, so müssen wir prüfen, ob dieses Steigen eine Folge des Steigens der Geburtenrate oder des Sinkens der Sterberate ist. Diese Prüfung ist im folgenden mit Bezug auf die oben festgestellte Vermehrung der europäischen Bevölkerung vorzunehmen. Liegen die Ursachen dieser Vermehrung auf der Seite des Lebens oder auf der des Todes? 2. Es hat nicht an Stimmen gefehlt, die angesichts der märchenhaften Zunahme der europäischen Menschheit im Zeitalter des Hochkapitalismus von einer — manche meinten sogar: aus dem Geiste des Kapitalismus genährten — Steigerung der Fruchtbarkeit dieses Geschlechts gesprochen haben. Ein waschechter Malthusianer konnte gar nicht anders schließen: Ausdehnung des Nahrungsspielraums, darum mehr Ehen, mehr Kinder, daher die Bevölkerungszunahme. Die Statistik bietet keine Veranlassung, diese Schlüsse für richtig zu halten. Die Ziffern für die Bevölkerungsbewegung im 19. Jahrhundert sind folgende: Die Zahl der Eheschließungen im Durchschnitt sämtlicher europäischen Länder betrug auf 1000 Einwohner im Durchschnitt wiederum der Jahrzehnte (nach Sundbärg): 1841-1850 . 8,28 1871-1880 8,45 1851-1860 . 8,24 1881-1890 8,02 1861-1870 . 8,60 1891-1900 8,08 358 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Dieselben Ziffern nur für Westeuropa lauten: 1841—1850 . 7,63 1881—1890 . 7,45 1851-1860 . 7,70 1891-1895 . 7,51 1861-1870 . 7,87 1895-1900 . 7,73 1871-1880 . 7,93 1901-1905 . 7,64 An Lebendgeburten kamen dabei heraus: ganz Europa Westeuropa 1841-1850 . 37,9 33,7 1851-1860 . 37,9 33,4 1861-1870 . 38,6 34,1 1871-1880 . 38,9 34,3 1881-1890 . 38,1 32,8 1891-1900 . 37,0 31,4 1901-1905 . - 30,2 Will man aus diesen Ziffern überhaupt etwas anderes herauslesen als Konstanz, so kann es nur sein: ein leises Ansteigen der Zahl der Eheschließungen bis in die 1860er Jahre, derjenigen der Lebendgeburten bis in die 1870 er Jahre, danach ein unmerkliches Schwanken der Eheziffern und ein merklicher Rückgang der Geburtenziffern. Es ist hier nicht der Ort, den Gründen dieser Richtungsänderungen der Bevölkerungsbewegung nachzugehen. Man müßte zu diesem Behuf e jene allgemeinen Ziffern in die Ziffern für die einzelnen Länder auflösen und dann den Fortpflanzungsbedingungen in diesen einzelnen Ländern, wahrscheinlich sogar in den einzelnen Teilen der Länder nachspüren, um zu einem gesicherten Ergebnis zu gelangen. Warum erreicht in den skandinavischen Ländern die Zahl der Lebendgeburten bereits in den 1850 er Jahren, in Frankreich sogar schon in den 1840 er Jahren, dagegen in Rußland, England, Schottland, Italien in den 1860er Jahren, in den Niederlanden, Belgien, Deutschland, Österreich-Ungarn, Schweiz in den 1870 er Jahren ihren Höhepunkt, um von diesem Zeitpunkt ab zu fallen? Ehen- und geburtensteigernde Umstände waren: die Aufhebung der Leibeigenschaft, die Aufhebung der Zunftordnung (Selbständigmachung der Gesellen!), fortschreitende Proletarisierung der Bevölkerung — schon Sismondi und Marx haben die Gründe entwickelt, die eine stärkere Proliferierungstendenz bei den Lohnarbeitern auf ihrer untersten Entwicklungsstufe erklären —. Aber offenbar sind diese die Fortpflanzung befördernden Kräfte zusammen mit den alten in Religion, Sitte und Traditionalismus wurzelnden Heirats- und Zeugungsgewohn- Vierundzwanzigstes Kapitel: Die freie Überschußbevölkerung 359 beiten nicht stark genug gewesen, um den Rückgang der Geburtenziffer, der das Kennzeichen der letzten 40—60 Jahre ist, aufzuhalten. Ich werde später noch Gelegenheit haben, auf die Ursachen dieser bedeutsamen Erscheinung zu sprechen zu kommen. Hier gehen sie uns noch nichts an, wo es uns darum zu tun ist, den Gründen der Bevölkerungszunahme auf die Spur zu kommen. Also wir wissen nun: Bevölkerungszunahme hat in ungewöhnlicher Weise stattgefunden, trotzdem in den Fortpflanzungsverhältnissen sich nichts geändert hat, ja sogar trotz eines Rückganges der Geburtenziffer. Der Schluß, den wir, wenn wir uns der eingangs gemachten Besinnungen erinnern, aus diesen Feststellungen ziehen müssen, liegt auf der Hand: die Gründe der Bevölkerungszunahme während der hochkapitalistischen Periode sind nicht auf der Seite des Lehens, sie sind auf der Seite des Todes zu suchen. 3. Die Bevölkerungszunahme während des 19. Jahrhunderts ist fast in ihrer vollen Ausdehnung eine Folge des Sinkens der Sterberate. Diese betrug im Durchschnitt: ganz Europa Westeuropa 1841-1850 . 31,0 26,6 1851-1860 . 30,6 26,2 1861-1870 . 29,7 26,1 1871-1880 . 29,6 25,7 1881-1890 . 27,5 24,0 1891-1900 . 25,9 22,1 1901-1905 . - 19,9 1912-1913. - 14,9 (8 Länder). (Die Ziffer für 1912/13 ist nach dem Stat. Jahrbuch berechnet, die übrigen sind Sundbärg entnommen.) Wiederum haben auf den Fall der Sterberate ebenso wie auf die Höhe der Geburtenrate örtliche Umstände Einfluß ausgeübt. Sonst wäre es wohl nicht zu erklären, warum der Fall in den verschiedenen Ländern in verschiedenen Zeitpunkten einsetzt: in Norwegen, Dänemark, in den Niederlanden, in Belgien, Rußland bereits in den 1840er Jahren, in Schweden in den 1850 er Jahren, in Finnland, Großbritannien, Italien in den 1860 er Jahren, dagegen in Deutschland, Österreich- Ungarn, in der Schweiz, in Frankreich erst in den 1870 er Jahren. Aber neben den örtlichen Gründen sind doch offenbar ganz allgemein wirksame Kräfte am Werke gewesen, um den Rückgang der Sterblichkeit herbeizuführen. 360 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Welches diese Kräfte waren, kann nicht zweifelhaft sein. Es sind: a) die Fortschritte der theoretischen Hygiene und der Medizin. Über sie habe ich schon gesprochen: siehe oben Seite 114 ff; b) die Fortschritte der praktischen Hygiene und praktischen Medizin. Sie äußern sich namentlich in der hygienischen Prophylaxe und deren Verbesserung (systematische Bekämpfung der Seuchen usw.); in der Vermehrung der Ärzte und Krankenhäuser; in der Verbesserung des Städtebaues (hygienischere Wohnungen, Kanalisation, Wasserversorgung usw.): siehe einige Angaben über diesen Punkt in Prin- zing, Handbuch der Hygiene, 537 ff. Die Wirkungen dieser Fortschritte auf dem Gebiet der Hygiene und der Medizin erkennen wir in der Abnahme bestimmter Krankheiten, wie der Seuchen und in der Verringerung der Tödlichkeit anderer. So hat die Impfung fast ganz die Pocken beseitigt. Von 100 Sterbefällen wurden in Schweden durch Pocken bedingt: 1751-1770 . 13,2% 1771-1800 . 8,0% 1801-1850 . 1,2%. Nach Angaben bei Westergaard bei Prinzing, a. a. O. In England starben an den Pocken auf eine Million Einwohner: 1866-1870 . 104,8 1871-1875 . 410,8 1876-1880 . 78,4 1881-1885 . 78,0 1886-1890 . 13,6 1891-1895 . 20,0 1896-1900 . 6,6 1901-1905 . 25,4. Die Cholera ist seit 1892 in Westeuropa nicht wieder erschienen. Es ereigneten sich Todesfälle auf eine Million Einwohner in England an folgenden Krankheiten (nach Sundbärg): Durchschnitt der Jahre Scharlachfieber Typhus und typhöses Fieber Keuchhusten Croup Schwindsucht 1866-1870 . . 959,8 849,8 545,0 208,0 2447,8 1871-1875 . . 758,6 595,4 498,6 184,2 2218,0 1876-1880 . . 679,6 380,6 527,0 154,2 2039,8 1881-1885 . . 435,8 273,0 458,6 163,4 1830,4 1886-1890 . . 240,6 202,4 443,6 125,8 1635,4 1891-1895 . . 182,2 185,4 397,8 70,0 1462,2 1896-1900 . . 134,6 180,4 358,6 34,2 1322,6 1901-1905 . . 125,8 116,4 300,4 16,8 1215,2 Eine Statistik, die wir für Italien besitzen, macht es wahrscheinlich, daß die Ziffern für England typisch sind. Es starben an Pocken, Scharlach, Typhus, Diphtherie von 10000 Einwohnern: Vierundzwanzigstes Kapitel: Die freie Überschußbevölkerung 361 Stadt Catania. Messina. Venedig. Florenz . Mailand. Palermo .... Turin. Bologna .... Genua . Neapel. 1884-1886 . 25,8 . 42,9 . 22,5 . 17,9 . 24,7 . 31,5 . 27,3 . 21,7 . 21,0 . 25,9 1905 19.7 16.8 9.6 8.5 7.0 6.7 6.5 6.0 5,4 2.8 G. Mortara, 1. c. pag. 263. Zweifelhaft ist es, ob die Fortschritte der Medizin und Hygiene sich besonders bemerkbar machen in der verringerten Kindersterblichkeit. Diese betrug z. B. in Frankreich vom Tausend: im Durchschnitt bei Kindern bei Kindern bei Kindern der Jahre unter 4 Jahren von 5-9 Jahren von 10-14 Jahren 1867-1870 . . . 128,5 10,6 5,2 1901-1904 . . . 55,3 5,1 2,9 L’Illustration. Janvier 26. 1907. Sie betrug in Schweden bei Kindern unter einem Jahre vom Tausend: 1751-1800 . 203,5 1801-1850 . 172,1 1851-1860 . 146,0 1861-1870 . 138,9 1871-1880 . 129,9 1881-1890 . 110,5 1891-1900 . 101,6. Andere Länder weisen jedoch — merkwürdiger Weise—andere Ziffer auf, sodaß Prinzing eine besondere Verringerung der Kindersterblichkeit anzunehmen nicht geneigt ist. Neben diesen außerökonomischen Ursachen kommen für die Verringerung der Sterberate natürlich auch ökonomische Ursachen in Betracht. Einen wesentlichen Einfluß übt aus: c) die Reichtumssteigerung und die dadurch bewirkte Ausweitung des Nahrungsspielraums. Alle die Ziffern, die ich im vorigen Abschnitte beigebracht habe, um die Vermehrung des Sachkapitals zu erweisen, sind ebensoviel Belege für die Vermehrung der Lebenschancen. Der Kapitalismus ist es also letzten Endes selbst, der sich sein Proletariat herbeischafft, wenn auch nicht in der Weise, wie Marx es wollte. Die Ausweitung des Nahrungsspielraums, oder anders ausgedrückt, die Vermehrung der Unterhaltsmittel, bewirkt auf verschiedene Weise die Senkung der Sterberate. Erstens dadurch, daß sie eine bessere Kinder- 362 ' Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte pflege sowie eine bessere Krankenpflege ermöglicht, auch durch bessere Ernährung das Krankwerden verhindert; zweitens dadurch, daß sie die Hungersnöte vermindert, die früher immer von Zeit zu Zeit auftraten und die Bevölkerung dezimierten; drittens dadurch, daß sie die Widerstandskraft gegen Seuchen steigert. Die Epidemien, namentlich die Typhusepidemien, traten früher sehr häufig im Gefolge von Hungersnöten auf, weil durch diese der Organismus geschwächt war. So begegnen uns Hungersnot und Typhus in Schlesien 1701—1705, 1806 bis 1807, 1846—1847. Diese Vereinigung von Hungersnot und Typhus hat man dann als „Hungertyphus“ bezeichnet. 363 Dritter Unterabschnitt Die Anpassung der Bevölkerung an die Bedürfnisse des Kapitalismus (Die Entstehung des aktuellen Proletariats ) Quellen und Literatur A. Die örtlicheAnpassung Die Quellen sind hier wiederum die Veröffentlichungen der amtlichen Statistik. Die Literatur läßt sich in drei Hauptgruppen einteilen: Schriften, die die Wanderbewegung im allgemeinen, vorwiegend unter dem Gesichtspunkte der Abwanderung, behandeln; 2. Schriften, die sich insbesondere mit der überseeischen Auswanderung beschäftigen und 3. Schriften, die das Problem der Städtebildung vor allem ins Auge fassen. Naturgemäß läuft der Inhalt zahlreicher Schriften dieser drei Gruppen ineinander über. I. Die WanderbeweguTig im allgemeinen, die Binnenwanderungen und die Abwanderung vom Lande im besonderen. 1. Eine Art von Theorie der Wanderungen versuchen zu geben: E. G. Ravenstein, The Laws of Migration in Vol. 48 (1885) und Vol. 52 (1889) des Journal of the Royal Statistical Society. Franz Oppenheimer, Großgrundeigentum und soziale Frage. Zuerst 1898. J. S. Nicholson, The Relations of Rent, Wages and Profits in Agriculture and their bearing on Rural Depopulation. 1906. Zu allgemein, um Aufschluß zu gewähren. Vgl. den Compte rendu du Congres de la Societe d’Üconomie sociale sur la desertion des Campagnes (1909), von dessen Inhalt ich nur aus zweiter Hand Kenntnis erhalten habe und jetzt auch die ausgezeichnete Zusammenfassung in dem 1. Kapitel des schönen Buches von M. Hainisch, Die Landflucht. 1924. 2. Einzelne Länder behandeln folgende Schriften: Großbritannien. E. G. Ravenstein, 1. c. P. A. Graham, The Rural Exodus. 1892. John Waugh Paterson, Rural Depopulation of Scotland. Leipzig. Diss. 1896. P. M. Roxby, Rural Depopulation in England during the XIX. Century; inNineteenth Century. Vol. 71.1912. Sehr urteilsvolle, gedrängte Übersicht über das Problem. Deutschland. K. Kaerger, Die Sachsengängerei 1890. M. Broesicke, Die Binnenwanderungen usw. in der Zeitschrift des K. Preuß. Stat. Bureaus. 42. und 47. Jahrgang. 1902 und 1907. Sehr gründliche und aufschlußreiche Untersuchungen. N. Bodenstein und M. v. Stojentin, Der Arbeitsmarkt in Industrie und Landwirtschaft. 1909. Gute Zusammenfassung mit graphischen Darstellungen. M. Sering, Die Verteilung des Grundbesitzes und die Abwanderung vom Lande. Rede, geh. im Pr. Landes- 364 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Ökonomie-Kollegium am 11. Februar 1910. Mit reichem Zahlen- und Kartenmaterial. Zu vergleichen sind die Arbeiten in den Sehr. d. VfSP., Bd. 53—56 und 58.1892—1893; insbesondere Bd. 58, der das Referat von G. v. Mayr über die Statistik der Binnenwanderungen enthält. Frankreich. V. Turquan, Les courants de migration interieure en France. 1895. Compte rendu du Congres de la Societe d’Fconomie sociale sur la desertion des campagnes. 2 Yol. 1909. Emil Usquin, La depo- pulation des campagnes. 1910. Sehr allgemein gehalten. A. Souchon, La crise de la main d’oeuvre agricole en France. 1914. Eine gründliche Arbeit. Italien. P. Sitta, Le migrazioni interne. 1893. Belgien. E. Vandervelde, L’exode rural etc. 1903. 3. Über die proletarischen Wanderbewegungen im nationalen und internationalen Rahmen insbesondere lassen sich vernehmen: Max Schippel, Die fremden Arbeitskräfte und die Gesetzgebung der verschiedenen Länder. Beilage Nr. 41 der Neuen Zeit, Bd. XXV, 2. 1907. Otto Bauer, Proletarische Wanderungen. Neue Zeit, Bd. XXV, 2. 1907. Verhandlungen des siebenten Internationalen Sozialistenkongresses in Stuttgart. 1907. Anton Knoke, Ausländische Wanderarbeiter in Deutschland. 1911. A. Sartorius von Waltershausen, Die Wanderarbeit als welthistorisches Problem. Zeitschrift für Sozialwissenschaft. 1911. Aphoristisch. E. Ferenczi, Die ArbeitslosigkeitunddieinternationalenWanderungen. 1913. Graf S. Jacini, Die italienische Auswanderung nach Deutschland, im Weltwirtschaftlichen Archiv, Bd. V. 1915. InaBritschgi-Schimmer, Die wirtschaftliche und soziale Lage der italienischen Arbeiter in Deutschland. 1916. Reiches Material. Wygodzinski, Die ausländischen Wanderarbeiter in der deutschen Landwirtschaft, im Weltwirtschaftlichen Archiv, Bd. VII. 1916. Friedrich Syrup, Die ausländischen Industriearbeiter vor dem Kriege. Thünen-Archiv, Bd. IX. 1919. Schötzel, Internationale Arbeiterwanderungen. 1919. Marcel Paon, L’immigration en France. 1926. Behandelt vorwiegend die neuere Zeit im wesentlichen unter dem Gesichtspunkte der Einwanderungspolitik. II. Die überseeische Auswanderung und die Kolonisation Quellen: Die Statistik ist am vollständigsten in den Veröffentlichungen des italienischen statistischen Amtes, wo die Statistik der italienischen Auswanderung durch ,,Confronti internazionali“ eingeleitet wird. Fortlaufende Übersichten über die internationalen Wanderbewegungen bringt das Weltwirtschaftliche Archiv, 1913 ff. Gute Einblicke in die Lage der Neueingewanderten, ihre erste Beschäftigung usw. gewähren die Reports of the Bureau of Industrie and Immigration. 1911 ff., die den lange zurückreichenden Reports of the Immigration Commission zur Seite treten. Sehr aufschlußreich ist auch die österreichische Auswanderungsenquete, die 1912 veranstaltet wurde. Vgl. dazu Otto Neurath, Zum österreichischen Auswanderungsgesetzentwurf. Zeitschrift für Volksw., Soz. Pol. und Verwaltung, Bd. XXIII. 1914. Von der Literatur kommen sowohl die Schriften über Aus- und Einwanderung als auch die über die Kolonisation in Betracht. Quellen und Literatur 365 1. Aus- und Einwanderung im allgemeinen. Hier ist grundlegend das BuchvonRichm.Mayo Smith, Emigration and Immigration. Zuerstl890. Aus der neueren Literatur verdienen Beachtung als allgemeine Darstellungen: R. Gonnard, L’emigration europeenne au XIX. siöcle. 1906. H. P. Fairchild, Immigration; a world movement and its American Significance. 1913. Gute Räsonements über das Auswanderungsproblem grundsätzlicher Natur enthalten die Aufsätze von A. Salz, Auswanderung und Schiffahrt im Archiv, Bd. 39 (1915) und 42 (1916/17), namentlich der erste. Ygl. auch den Art. „Auswanderung“ im HSt. 2 4 . 2. Einzelne Länder oder Volksstämme behandeln: Großbritannien. C. Kimloch-Cooke, Emigration and Immigration an Imperial Problem, in Oxford and Cambridge Review. Oct. 1911. S. C. Johnson, A History of Emigration from the United Kingdom to North America 1763—1912. 1914. Deutschland. Wilh. Mönckmeier, Die deutsche überseeische Auswanderung. 1912. Erschöpfende Darstellung, die die ältere Literatur überflüssig macht. Italien hat eine besonders gute Literatur über das Auswanderungsproblem. Sie gipfelt in dem abschließenden Werke von Franc. Coletti, Dell’ emigrazione italiana in: „Cinquanta anni di Storia italiana“. Vol. III. 1911. Neuerdings ist das Problem noch einmal sehr gründlich (auf 556 Seiten) behänd, v. Rob. F. Foerster, The Italian Emigration of ourtimes. 1924. Juden. W. Kaplun-Kogan, Die Wanderbewegungen der Juden. 1913. Derselbe, Die jüdischen Wanderbewegungen in der neuesten Zeit (1880-1914). 1919. 3. Das Kolonisationsgiohlem ist in einer Reihe älterer Schriften nach seiner grundsätzlichen Seite bereits erschöpfend erörtert worden. Aus der englischen Literatur ragen die Werke von Merivale, Lectures on colonization and colonies (1841 und 1861) und E. G. Wakefield, View of the art of colonization (1849) hervor. Das Buch von Wakefield, andern Marx seine Ansichten entwickelt hat, stellt das Arbeiterproblem in den Mittelpunkt. Mehr kulturgeschichtlich und kulturphilosophisch eingestellt ist die Schrift von W. Roscher über Kolonien, die in dritter, von R. Jannasch umgearbeiteter Auflage 1885 unter dem Titel „Kolonien, Kolonialpolitik und Auswanderung“ erschienen ist. Sowohl theoretisch wie historisch wird das Thema behandelt in dem bedeutenden Werke von P. Leroy- Beaulien, De la colonisation chez les peuples modernes. 6. ed. 2 Vol. 1908. (Von mir wurde die fünfte Auflage von 1902 benutzt.) Die neuere Literatur hat eine Reihe ausführlicher Geschichtsdarstellungen des Kolonial wesens hervorgebracht: Alfred Zimmermann, Die europäischen Kolonien. Mit guten Literaturübersichten. 1896—1903. Veit Valentin, Kolonialgeschichte der Neuzeit. 1915. Gute Zusammenfassung. Paul Leutwein, Die afrikanischen Kolonialreiche im Weltwirtschaftlichen Archiv. 1918—1922. Eine „Einführung“ in die Kolonialpolitik schrieb der sachkundige Otto Koebner. 1908. 366 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Über das deutsche Kolonialreich unterrichtet das Sammelwerk von Hans Meyer unter diesem Titel. 2 Bde. 1909/10. Zur raschen Orientierung über Einzelprobleme dient das Deutsche Koloniallexikon von Heinrich Schnee. 3 Bde. 1920. Die kolonialwirtschaftlichen Artikel stammen meist von K. Rathgen. Zu vergleichen ist die auf Seite 44 ff., 227 f., 322 f. bereits angeführte Literatur. III. Die Städtebildung 1. Zur Theorie der Städtebildung haben das Beste schon gesagt die ökonomischen Theoretiker des 18. Jahrhunderts. Aus der neueren Literatur sind zunennendasSammelwerk „DieGroßstadt“ (1903), in demH. Wae ntig die wirtschaftliche Bedeutung der Großstädte behandelt; ferner Rene Maunier, L’origine et la fonction economique des villes. 1910. Ein ernstes, etwas zu allgemein gehaltenes Buch, dessen Hauptthema der Standort der Gewerbe innerhalb der Städte ist. Eine dankenswerte Auszählung der Ziffern unserer Berufszählung von 1907 nach der von mir empfohlenen Methode enthält die Heidelberger Diss. von G. Gassert, Die berufliche Struktur der deutschen Großstädte usw. 1907. 2. Im wesentlichen mit der statistischen Tatsache der Städtebildung in der modernen Zeit beschäftigt sich eine Reihe vortrefflicher Werke der neueren Literatur, von denen ich folgende namhaft mache: Grundlegend ist das Buch von Legoyt, Du progres des agglomerations urbaines et de l’emigration rurale. 1870. Einen guten Überblick gewährt Beiochs Referat über: „Die Entwicklung der Großstädte“ auf dem Internationalen Kongreß für Hygiene und Demographie 1894. Comptes rendus et memoires. 1896. Tome VII. In erfreulicher Weise ergänzen sich die beiden folgenden Werke, die das Problem erschöpfend behandeln: P. Meuriot, Des agglomerations urbaines dans l’Europe contemporaine. 1897, und A. F. Weber, The Growth of the Cities inthe XIX. Century. 1899. P. Meuriot hat auf dem 1. Congrfes international etc. des villes (1913) noch ein Referat erstattet über die „Relations des grandes villes ä la population generale de l’Europe de 1800 ä nos jours“. P. Beusch, Wanderungen und Stadtkultur. 1916. Vorzügliche Zusammenstellung des Tatsachenmaterials und der Gründe des „Zuges nach der Stadt“. Das Problem der „Agglomeration“ über den Bereich der Stadt im politischen Sinne hinaus haben vornehmlich behandelt: Edm. J. James, The Growth of Great Cities in den Annals of Am. Academy of Pol. and Soc. Science (Jan. 1899) und S. Schott, Die großstädtische Agglomeration des Deutschen Reiches. 1912. 3. Unverwendbar für unsere Zwecke ist leider die geographische Literatur über das Städtewesen. Sie hat eine so verschiedene Fragestellung, daß sie sich mit unsern Problemen überhaupt nicht berührt (Kohl!). Siehe den Überblick über diese Literatur z. B. bei K. Hassert, Die Städte geographisch betrachtet. 1907. Quellen und Literatur 367 B. Die technische Anpassung I. Die seelisch-geistige Anpassung des Arbeiters im allgemeinen: Andrew Ure, Philosophy of Mannfactures (3. ed. 1861) ist für die Einsiebt in die Problematik der Arbeitereignung die beste Quelle. Daneben kommen die Biographien und Selbstbiographien der Unternehmer und zum Teil auch der Techniker (E y dt!) in Betracht, von denen ich verschiedene zum ersten und dritten Abschnitt des ersten Hauptabschnittes namhaft gemachthabe. Literarische Verarbeitungen bringen R. Ehrenberg, Krupp- Studien imThünen-Archiv, Bd. II undIII. 1910/11. Em. Lederer, Zum sozialpsychologischen Habitus der Gegenwart im Archiv, Bd. 46. 1918/19. R. Michels, Wirtschaft und Rasse. GdS. II, 1. Zweite Auflage 1923. Obwohl der Aufsatz zum Zielpunkt hat, die nationale oder völkische Verschiedenheit der leiblich-seelisch-geistigen Eignung für den Kapitalismus nachzuweisen, kommt er doch vielfach zu dem Ergebnis, daß die Unterschiede genetisch begründet sind und liefert dadurch wertvolle Beiträge auch zur Aufhellung des hier gesteckten Problems. Ich selbst habe an verschiedenen Stellen früher das Thema behandelt; siehe: Studien zur Entwicklungsgeschichte des italienischen Proletariats. Archiv, Bd. VI. Deutsche Volkswirtschaft. Zuerst 1903. Warum gibt es in den Vereinigten Staaten keinen Sozialismus? 1906. Für die Beschaffenheit des Arbeiters im Zeitalter des Frühkapitalismus siehe: Bd. 1,53. Kapitel. Für den Einfluß der Religion: Max Weber, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. Zuerst im Archiv, Bd. XX. 1905. II. Die Neubildung des Arbeitsprozesses. Als Quellen können die Berufsund Gewerbezählungen der verschiedenen Länder dienen, vor allem die deutsche und der amerikanische Zensus. Literatur: K. Bücher, Art. Gewerbe im HSt. Untersuchungen über Auslese und Anpassung . . der Arbeiter in den verschiedenen Zweigen der Großindustrie. 3Bde. Sehr. d. VfSP, Bd. 133—135.1910/11. Darüber die Verhandlungen der Generalversammlung des Vereins in Nürnberg. 1911. Band 138. 1912. Dazu die vorbereitende Studie von Max Weber, Erhebung über Auslese und Anpassung (Berufswahl und Berufsschicksal) der Arbeiterschaft in der geschlossenen Großindustrie. 1908. Als Manuskript gedruckt. Willy Hellpach, Die Arbeitsteilung im geistigen Leben. Archiv Band 35 und 36. 1912/13. Die von demselben herausgegebenen Sozialpsychologischen Forschungen. Erster Band: R. Lang und W. Hellpach, Gruppenfabrikation. 1922. Zweiter Band: Eug. Rosenstock, Werkstattaussiedlung. 1922. v. Gottl-Ottlilienfeld, Wirtschaft und Technik im GdS. II, 2. 2. Aufl. 1923. Zu vergleichen ist die unter III, 1 angeführte Literatur. III. 1. Berufsberatung und Eignungsprüfung: Hugo Münsterberg, Psychologie und Wirtschaftsleben. 1912. Grundlegendes Werk. Aus der neueren amerikanischen Literatur: Chas. S. Myers, Mind and Work: The psychological Factor in Industry and Commerce. 1921; A. S. Snow, Psychology in Business Relations. 1925. Mit reicherLiteraturangabe. Vgl. noch Board of Education. Psychological Tests. 1924. 368 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Aus der neueren deutschen Literatur: W. Moede, Experimentelle Massenpsychologie. 1923. E. Giese, Theorie der Psychotechnik. 1924; derselbe gibt eine gute zusammenfassende Darstellung in dem Sammelwerk „Arbeitskunde“. 1925. Vgl. die Schriften zur Psychologie der Berufseignung und des Wirtschaftslebens. Herausgegeben von 0. Lipmann und W. Stern. 1918ff. Über Berufsberatung: zusammenfassende Darstellung von Job. Handrick in „Arbeitskunde“ (1925) und E. Schindler im HSt. 2 4 . 2. Die Lehre {Ausbildung): Bernh. Jauch, Das gewerbliche Lehrlingswesen in Deutschland. 1911. Wilh. Rech, Die Arbeiter- und Beamtenschaft im deutschen Maschinenbau; herausgegeben vom Verein deutscher Maschinenbauanstalten. 1920. W. Hellpach, Gruppenfabrikation. 1922. Seite 83 ff., nam. Anm. 68. Handbuch für das Berufs- und Fachschulwesen; herausgegeben von A. Kühne. 1923. Friedrich Bernet, Lehrlingsausbildung und Lehrlingsfürsorge in einigen Großbetrieben der schweizerischen Metall- und Maschinenindustrie. Züricher Diss. 1923. Gertrud Tollkühn, Die planmäßige Ausbildung des gewerblichen Fabriklehrlings in den metall- und holzverarbeitenden Industrien. 1926; mit einem ausführlichen Literaturverzeichnis. Diese beiden, unabhängig voneinander entstandenen, Arbeiten sind jede in ihrer Art vortrefflich. J. Riedel, Die Schulung angelernter und ungelernter Arbeitskraft; in dem Sammelwerk „Arbeitskunde“. 1925. Vgl. den Art. Lehrlingswesen (E. Schindler) im HSt. 6 4 und die Abhandlungen und Berichte über technisches Schulwesen, namentlich Band III. 3. Wechsel und Beständigkeit im Arbeitsverhältnis: Verschiedene Aufsätze von R. Ehrenberg im Thünen-Archiv, Band II, III, IV. F. Syrup, Studien üder den industriellen Arbeitswechsel. Thünen-Archiv, Band IV. 1912. Gerh. Krüger, Arbeitswechsel und Wege zur Stärkung der Arbeitsgemeinschaft. Rostocker Inaug.-Diss. 1920. H.S. P. F. Brissenden and E. Frankel, Labor Turnover in Industry. A Statistical Analysis. 1922. Uber „Patriarchalismus u siehe die zusammenfassende Darstellung bei H. Herkner, Die Arbeiterfrage. 8. Aufl. 1922. Band I. Uber Krupp insbesondere besteht eine große Literatur. Siehe daraus namentlich die Festschrift: „Zum 100jährigen Bestehen der Firma Krupp und der Gußstahlfabrik zu Essen-Ruhr“. 1913. C. Die ökonomische Anpassung I. Zur Theorie des Arbeitslohns: Wir besitzen jetzt eine Reihe von wissenschaftlichen Herbarien, in denen die bekanntesten Lohntheorien gesammelt sind, sog. Dogmengeschichten: G. Ricca-Salerno, La teoria del salario nella storia delle dottrine. 1900. A. Salz, Beiträge zur Geschichte und Kritik der Lohnfondstheorie. 1905; Mary Schrey, Kritische Dogmengeschichte des ehernen Lohngesetzes. 1913. Carl Ergang, Untersuchungen zum Maschinenproblem usw. Eine dogmengeschichtliche Studie mit besonderer Berücksichtigung der klassischen Schule. 1911. Mit Literaturnachweis. Quellen und Literatur 369 In neuerer Zeit sind einige beachtenswerte Monographien über den Arbeitslohn erschienen; so Chr. Cornelissen, Theorie du Salaire et du Travail salarie. 1908: die — mit Abstand — beste Bearbeitung des Gegenstandes. David Lewin, Der Arbeitslohn. 1913. Otto v. Zwiedeneck- Südenhorst, Die Lohnpreisbildung. GdS. IV, 1. Übersicht. Eine Theorie der Arbeitslöhne haben verschiedene Grenznutzler aufzustellen versucht, unter denen hervorragen: J. B. Clark, The Distribution of Wealth, 1902; idem, Essential of Economics. 1907. R. Schüller, zwei Aufsätze im Archiv, Band 33. Uber das Problem des Preises der Arbeit (Verhältnis von Arbeitslohn zur Arbeitsleistung) insbesondere: T. Brassey, Work and Wages. 1872. Völlig neugearbeitete Auflage. 2 Vol. 1904/08. In Betracht kommt Band II. G. v. Schulze-Gävernitz, Der Großbetrieb. 1892. J. Schoenhoff, The Economy of High Wages. 1893. Leo von Buch, Intensität der Arbeit usw. 1896. Herbig, Das Verhältnis des Lohnes zur Leistung, unter besonderer Berücksichtigung des Bergbaus in Schmollers Jahrbuch, Band 32. 1908. Max Weber, Zur Psychophysik der industriellen Arbeit. Archiv, Band 28, 29. 1908/09. Vgl. John A. Hobson, Evolution of Capitalism. 2 , Ch. XIV. II. Bestimmungsgründe des Arbeitslohns im einzelnen: 1. Rückständige Völker: siehe die oben Seite 227 f. 322 ff. genannte Literatur. 2. Frauenarbeit und Frauenlöhne: vgl. außer den im »Text genannten Schriften noch das 30. Kapitel des 2. Bandes in der 1. Auflage dieses Werkes. Eine sehr wertvolle Quelle ist das stenographische Protokoll der Enquete über Frauenarbeit, abgehalten vom 1. März bis 21. April 1896. Wien 1897. Außerdem kommen natürlich die amtlichen statistischen Werke über Betriebsgestaltung, Lohnverhältnisse usw. in Betracht. Die Literatur ist unübersehbar: sozialpolitische und frauenrechtlerische Interessen haben sie anschwellen lassen. Ich nenne ein paar bemerkenswerte Werke: Mme. J. V. Daubie, La femme päuvre au XIX. siede. 1866. Eine der ältesten und besten Gesamtdarstellungen. II. Lange und G. Bäumer, Handbuch der Frauenfrage. 1901. Lily Braun, Die Frauenfrage, ihre geschichtliche Entwicklung und ihre wirtschaftliche Seite. 1901. Mrs. John van Vorst and Marie van Vorst, The woman who toils. 1903. R. Wilbrandt, Die Frauenfrage, ein Problem des Kapitalismus. 1906. Verschiedene Arbeiten in den Schriften des VfSP., Band 133ff. Vgl. die Artikelreihe in den Sozialistischen Monatsheften. 1916ff. Statistik: Zahn, Die Frau im Erwerbsleben der Hauptkulturstaaten. Bulletin de Tlnstitut International de Statistique XX, 2 (1915). Uber Frauenlöhne insbesondere: E. Levasseur, L’ouvrier americain. 2 Vol. 1897. Amerikanische Ausgabe. 1900. Ch. XII. Le Comte d’Haus- sonville, Salaires et misüres de femmes. 1900. Chr. Cornelissen, Theorie du salaire (1908). Ch. XII. Alice Salomon, Die Ursachen der ungleichen Entlohnung von Männer- und Frauenarbeit. 1906. Sombart, Hochkapitalismus. 24 370 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte 3. Industrielle Reservearmee: Die Marxsche Theorie ist schon fertig in seiner Rede über den Freihandel. 1849. Anhang zur deutschen Ausgabe der „Misere.“ Uber Marx: J. Wolf, Sozialismus und kapitalistische Gesellschaftsordnung. 1892. Dazu meine Kritik und Wolfs Antikritik in Band 5 und 6 des Archivs. 1893. In der späteren Literatur ist das Problem meist behandelt unter dem Gesichtspunkt der Arbeitslosigkeit. Wertvolles Material ist durch eine Reihe von amtlichen und privaten Untersuchungen beigebracht worden. So in denDocuments sur la question du chömage. Office duTravaill896; in dem von J. Jastrow herausgegebenen Band 109 der Schriften des V.f.S.P. Fortlaufende Berichte in den amtlichen Zeitschriften der verschiedenen Länder: Labour Gazette, Reichsarbeitsblatt, Bulletin del’Office du Travail etc. Zu verschiedenen Malen ist die Frage der Arbeitslosigkeit auf Kongressen behandelt worden, deren Berichte uns gutes Material liefern. Siehe den „Bericht über den am 8. und 9. Oktober 1893 vom Freien Deutschen Hochstift zu Frankfurt a. M. veranstalteten sozialen Kongreß“. 1894; und namentlich den sehr reichhaltigen Band: „La dissoccupazione. Re- lazioni e discussioni del 1° Congresso internazionale per la lotta contro la disoccupazione 2. 3. ottobre 1906. Milano. Unter den zahlreichen „Berichten“ sind einige wirklich wertvolle. Das Werk ist in der Literatur völlig unbeachtet geblieben. Aus der Literatur seien hervorgehoben Geoffrey Drage, The Un- employed. 1894; eine wesentlich auf praktische Fragen eingestellte Untersuchung. W. Troeltsch, Das Problem der Arbeitslosigkeit. 1897. Paul Alterthum, Die Entstehungsgründe und Folgeerscheinungen der Arbeitslosigkeit in ihrem historischen Zusammenhänge mit der Entwicklung des Wirtschaftslebens im 19. Jahrhundert. Erlanger Diss. 1911. Petrenz, Die Arbeitslosigkeit und ihre statistische Erfassung. 1911. Beveridge, Unemployment, a Problem of Industry. 3. ed. 1912. K. Kumpmann, Die Arbeitslosigkeit und ihre Bekämpfung. 1920; Derselbe, Artikel „Arbeitslosigkeit“ im HSt l 4 . Über das Maschinenproblem („Kompensationstheorie “) insbesondere: Aug. Graziani, Studii sulla teoria economica delle macchine. 1891. J. Shield Nicholson, The effects of machinery New ed. 1892. H. Mann- städt, Die kapitalistische Anwendung der Maschinerie. 1905. Hauptwerk. Über den Einfluß der Konjunktur auf die Gestaltung der Arbeitsverhältnisse siehe die zum zweiten Abschnitt des dritten Hauptabschnittes angeführte Literatur. III. Die Bewegung des Arbeitslohns: Hier ist vor allem auf die Quellen zu verweisen, über die eine vollständige Übersicht gibt v. Zwiedeneck-Südenhorst in dem Artikel Lohnstatistik im HSt. 6 4 . Vgl. noch R. Meerwarth, Einleitung in die Wirtschaftsstatistik 1920. 8. Abschnitt und denselben, Nationalökonomie und Statistik. 1925. 6. Kapitel. Die neueste Veröffentlichung ist die des Internationalen Arbeitsamts vom Jahre 1926. Bearbeitungen liegen ebenfalls in großer Menge vor. Das umfassendste Quellen und Literatur 371 Werk ist E. Kuczynski, Arbeitslohn und Arbeitszeit in Europa und Amerika, 1870—1909 (1913), das auf 817 Seiten Lexikonformat eine schreckhafte Fülle von Ziffern enthält, die aber leider ohne jede Ordnung geblieben sind. Etwas mehr verarbeitet ist der Urstoff in der Darstellung von Carl v. Tyszka, Löhne und Lebenskosten in Westeuropa im 19. Jahrhundert. Schriften des V.f.S.P, Band 145.1914. Für die in diesem Kapitel verfolgten Zwecke bietet aber auch diese Arbeit nur wenig Ausbeute; dagegen ist sie brauchbar unter dem im dreißigsten Kapitel gewählten Gesichtspunkte. Einzelne Länder: Großbritannien: J. D. Tuckett, A History of the Past and Present State of the Labouring Population. 2 Yol. 1846. Enthält eine umfangreiche Untersuchung über die Lage der englischen Arbeiter in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Bevan, The Industrial Classes and Industrial Statistics. 2 Vol. 1876/77. Bowley, Wages in the United Kingdom in the 19. Century 1900; idem, Changes in the Distribution of the National income. 1880—1913. Ygl. die Aufsätze über Lohnstatistik im Journal of the Eoyal Statistical Society. March 1909; im Economic Journal. Sept. 1923 und in der Eeview of Econ. Statistics. Oct. 1923. Suppl. Deutschland: Jüngst, Arbeitslohn und Unternehmergewinn im rheinisch-westfälischen Steinkohlenbergbau. Glückauf. 1906. Heft 37—40. Vereinigte Staaten von Amerika: A. Schäffle, Der Geld- und Eeal- lohn in den Vereinigten Staaten. Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft. Band 45. 1900. Meine Studie: Warum gibt es in den Vereinigten Staaten keinen Sozialismus? 1906. J. M. Eubinow, The Eecent Trend of Eeal Wages. The American Economic Eeview. Dec. 1914; Paul H. Douglas and Frances Lamberson, The Movement of Eeal Wages. 1890—1918. Ib. Sept. 1921. Alvin H. Hansen, Factors affecting the Trend of Eeal Wages. Ib. March 1915. 24 * 372 Fünfundzwanzigstes Kapitel Die örtliche Anpassung I. Die Übervölkerung des platten Landes Was unsere Untersuchung an allgemeinen Entwicklungstendenzen im vorigen Unterabschnitt zutage gefördert hat, war dies: Die Bedürfnisse der modernen Landwirtschaft: ihr Bedürfnis nach klaren Eigentumsverhältnissen, ihr Bedürfnis nach bestmöglicher Ausnutzung des Grund und Bodens und deshalb rationeller Gestaltung des Wirtschaftsbetriebes, ihr Streben, auch das Arbeitsverhältnis ihrem immittelbaren Zwecke entsprechend umzuformen — die Befriedigung all dieser Bedürfnisse hat zur Folge, daß ein großer Teil der früher organisch mit der Landwirtschaft verwachsenen, der gleichsam bodenständigen ländlichen Bevölkerung entwurzelt, mobilisiert, Flugsand wird. Eine Entwicklung, die durch andere Umstände Unterstützung erfährt: den Wegfall des gewerblichen Nebenverdienstes, das Erwachen des individualistischen Geistes unter der Landbevölkerung, diesen beiden Begleiterscheinungen der Ausbreitung und Erstarkung des gewerblichen Kapitalismus. Und eine Entwicklung, die über die Kreise der Landwirtschaft treibenden Bevölkerung hinaus sich auf viele rein gewerbliche Produzenten des flachen Landes und der kleinen Landstädte erstreckt. So stellt sich denn naturgemäß als Wirkung in breiten Schichten der ländlichen Bevölkerung ein Zustand ein, den wir als Landmüdigkeit bezeichnen können; sie mag erzwungen oder freiwillig sein. Das zweite Ergebnis unserer Untersuchungen war die Feststellung einer überaus starken Bevölkerungszunahme seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts. Diese Bevölkerungszunahme hatte sich aber, wie ein näheres Zusehen ergibt, ganz besonders stark in den ländlichen Distrikten vollzogen. Das Ergebnis dieser beiden Entwicklungsreihen war eine ausgesprochene Übervölkerung des platten Landes, der wir überall am Ende der frühkapitalistischen Periode begegnen. Was aber für das platte Land gilt, gilt teils aus denselben, teils aus Füufundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 373 anderen Gründen in teilweise verschärftem Maße für die Kleinstädte. Sehr richtig bemerkt der Engländer Ogle in einer interessanten Studie, The Alleged Depopulation of the Rural Districts of England (Journ. of the Stat. Soc. 52, 205 f.), daß man plattes Land und Kleinstädte ruhig als eine homogene, wirtschaftlich zusammengehörige Masse betrachten dürfe: ,,for these smaller country towns, with their markets and shops, are in fact quite as much integral portions of the rural Organisation as are the villages and hamlets“ (S. 209). Unter Landstädten dieser Art will er sogar alle Städte unter 10000 Einwohnern verstanden wissen. Die Gründe, denen der Niedergang der Kleinstädte zu danken ist, sind aber vornehmlich diese: a) die Schwächung der Kaufkraft der ländlichen Bevölkerung, wo diese aus den oben angeführten Gründen im Rückgänge ist; b) die Umgestaltung der Verkehrstechnik, der Übergang vom Landstraßen- zum Eisenbahntransport, wodurch die früheren Poststationen, Kreuzungspunkte usw. an Bedeutung einbüßen, und die eine Verschiebung des Standorts der Industrie zur Folge hatte; c) der Rückgang der handwerksmäßigen Produktions- und Handelsweise. Diese Vorgänge, die teilweise ein ganz lokales Gepräge tragen, müssen wir mm für einige Länder gesondert verfolgen. Ich wähle zu diesem Behufe drei Länder oder Gruppen von Ländern aus, die sich — von Verschiedenheiten im einzelnen abgesehen — vor allem dadurch voneinander unterscheiden, daß die Erscheinung der Übervölkerung entsprechend ihrer ökonomischen Entwicklungsstufe bei ihnen je im Abstande von ein paar Menschenaltern hintereinander auftritt: 1800— 1850—1900 ganz grob gesprochen; nämlich England — Deutschland — Süd- und Osteuropa. 1. Großbritannien In England macht sich, entsprechend seiner fortgeschrittenen Entwicklung, die Übervölkerung des platten Landes bereits in der letzten Hälfte des 18. Jahrhunderts deutlich bemerkbar in Arbeitslosigkeit und gedrückter Lage weiter Schichten der Bevölkerung. „Im Winter war schon damals in manchen Gegenden keine Arbeit zu haben, und bereits im Jahre 1788 wurde dem Parlament ein Gesetzentwurf vorgelegt, welcher die Unterstützung der Landarbeiter im Winter bezweckte.“ Nach Nicholls, History of English Poor Law 2 (1857), 123, Hasbach 134. Davies, der in den 1790er Jahren schreibt, berichtet von „the great plenty of working hands always to be had when wanted“. Und bei Eden lesen wir, daß die meisten Arbeiter auf der Suche nach Arbeit sind, das heißt von Haus zu Haus in 374 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte dem Kirchsprengel herumgehen, um sieb nacb Arbeit umzutun. Das alles finden wir sehr begreiflich. Was uns dagegen zunächst in Erstaunen setzt, ist die Tatsache, daß offenbar ein reichliches Menschenalter später — noch Ende der 1830er und Anfang der 1840er Jahre, ja sogar darüber hinaus — ganz genau dieselbe Uberfüllung des platten Landes in England herrschte wie Ende des 18. Jahrhunderts. Die in der Landwirtschaft beschäftigten Familien betrugen in Großbritannien: 1811. , . . . 895998 1821. . . . . 978656 1831. Die Bevölkerung in den Ortschaften mit weniger als 5000 Einwohnern nahm in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch um mehr als die Hälfte zu. Sie betrug: 1801 . 6578021 Seelen 1851 . 9899598 „ Nach der Zusammenstellung bei A. F. Weber, The growth of cities (1899), S. 43. — „. . the agricultural districts (are) over-peopled . . even to com- pression“ urteilt ein sehr guter Beobachter: Th. Chalmers, The Christian and civil economy of large towns. 3 (1826), 75. Neuerdings hat Percy M. Roxby eingehende Untersuchungen für fünf nach der Verschiedenheit ihrer agrarischen Verhältnisse ausgewählte Landschaften angestellt und ist dabei zu dem Ergebnis gekommen, daß die Zunahme der Bevölkerung des platten Landes in diesen fünf Landschaften von 1801 bis 1851 bzw. 24,5, 42,2 52,5, 57,4, 108,2% betragen habe; a. a. O. Seite 177. Vgl. auch William Ogle, The Alleged Depopulation of the Rural districts of England im Journal of stat. soc. 52 (1889), 205ff., insbes. 212ff. In Schottland vermehrt sich die ländliche Bevölkerung ebenfalls bis zur Mitte des Jahrhunderts. Sie betrug nach dem Zensus: 1841 . 1437316 Köpfe 1851 . 1442018 „ Von da ab vermindert sie sich. Vgl. J. W. Paterson, a. a. O. Seite 14ff. Die Entwicklung Irlands ist a-typisch: hier ist die Übervölkerung ein dauernder Zustand. Der Notstand der ländlichen Bevölkerung Großbritanniens in den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts, der durch diese Übervölkerung hervorgerufen wurde, ist zu bekannt, als daß es nötig wäre, ihn hier noch einmal darzustellen. Am berühmtesten sind wohl die Schilderungen bei Marx im dreiundzwanzigsten Kapitel des „Kapitals“, die im wesentlichen ihre Bestätigung finden durch die sehr eingehenden Ausführungen bei Hasbach a. a. O., namentlich S. 186ff. Die Darstellung Kablukows, von denen ein Auszug deutsch 1887 erschienen ist, ist nicht selbständig, sondern fußt wesentlich auf Marx. Von deutschen Schilderungen jener Elendszustände auf dem Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 375 Lande in Großbritannien zur Zeit der Kornzölle ist auch noch diejenige aus Friedrich Engels, Lage, S. 311ff. zu nennen. Was uns nur interessiert, ist die Frage: Wie kommt es, daß eine Uber- schußbevölkerung so lange sich auf dem Lande erhalten konnte, trotzdem der gewerbliche Kapitalismus in England während jener Zeit doch schon einen nicht unbeträchtlichen Stärkegrad erreicht hatte, so daß also theoretisch ein viel früherer Abstrom der Bevölkerung hätte eintreten müssen. Ich sehe die Gründe für die lang anhaltende Überfüllung des Landes in England und Schottland vornehmlich in folgendem: 1. Die Repulsion, das heißt die Freisetzung von Arbeitskräften auf dem Lande war eine außergewöhnlich starke und drängte sich in kurze Zeit zusammen: zu den schon angegebenen Ursachen dieser ganz gewaltigen Abstoßungstendenz: rascher Übergang zum intensiven Getreidebau und ebenso rascher Zusammenbruch der künstlich großgezogenen Berufshausweberei, tritt die im zweiten Jahrzehnt sich immer stärker fühlbar machende Notlage der Landwirtschaft. 2. Die Aufnahmefähigkeit der überseeischen Kolonisationsgebiete, die einen Teil der ländlichen Überschußbevölkerung aufzusaugen berufen sein sollten, war dank der unvollkommenen Verkehrstechnik noch gering: aus Großbritannien wanderten 1815—1824 im Durchschnitt der Jahre nur 19535 Personen aus. Ebenso hatte die Anziehungskraft des gewerblichen Kapitalismus noch keine sehr große Höhe erreicht; sie war, insbesondere in den Jahrzehnten nach dem Kriege, durch häufige Störungen geschwächt gewesen und vor allem auch noch dadurch verringert, daß der in vielen Industrien eben erst erfolgende Übergang zur Maschinentechnik zahlreiche „Hände“ auch in der Sphäre der schon vorhandenen Industriebevölkerung freisetzte und damit jenes Überangebot von gewerblichen Arbeitern schuf, das für Marx Veranlassung wurde zur Aufstellung seiner Theorie von der industriellen Reservearmee. Natürlich fand in diesen Jahren schon eine sehr beträchtliche Abwanderung in die Städte und Industriebezirke statt, wie ziffernmäßig weiter unten zu zeigen sein wird. Ich behaupte auch nur eine noch verhältnismäßig geringe Absorptionsfähigkeit des gewerblichen Kapitalismus, verhältnismäßig nämlich zur vorhandenen Bevölkerung. Und das bestätigen die Ziffern, aus denen sich beispielsweise ergibt, daß von der Gesamtzunahme der Bevölkerung 1821-1831 = 51% 1841-1850 = 82 „ auf die Städte über 20000 Einwohner entfiel oder, in absoluten Ziffern ausgedrückt, von den Städten nicht absorbiert wurden: 1821-1831 = 921000 Personen 1841-1851 = 354000 Ganz irreführend ist dagegen die Berechnungsweise Webers a. a. O., der immer nur die Zuwachsprozente in Stadt und Land ansieht und auf diesem Wege zu der Annahme kommt, daß das Jahrzehnt 1821—1831 eine ganz besonders starke Tendenz zur Zusammenballung der Bevölkerung 376 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte in den Städten aufweist. Jedenfalls ist es sehr wohl vereinbar, daß in einer Periode die Städte rascher wachsen als in einer anderen und trotzdem in dieser die Absorptionsfähigkeit der Städte eine größere ist. Das Exempel ist einfach: Die Gesamtbevölkerung betrage 100, die städtische 10; letztere steige auf 20, erstere auf 120, so beträgt das Zuwachsprozent der städtischen Bevölkerung 100, das Absorptionsprozent 50. Vermehrt sich nun die Gesamtbevölkerung weiter auf 130, die städtische auf 30, so beträgt deren Wachstum nur 50%, die Absorptionsrate ist jedoch auf 100% gestiegen. Über die Stagnation der englischen Baumwollindustrie in dem ersten Jahrzehnt nach dem Kriege und ihre Gründe vgl. G. von Schulze-Gaevernitz, Der Großbetrieb (1892), S. 46ff. Aber all diese Umstände erscheinen mir noch nicht genügend, um das ungewöhnlich lange Verweilen einer ländlichen Uberschußbevölkerung in England hinreichend zu erklären. In der Tat finden wir denn auch, wenn wir genauer hinsehen, daß eine Reihe ganz besonderer Ursachen wirksam gewesen ist, um jenes eigentümliche Phänomen eines dauernden Bevölkerungsüberschusses auf dem platten Lande bei immerhin schon fortgeschrittenem, gewerblichem Kapitalismus hervorzurufen. Gemeint ist: 3. die Gestaltung der Armen- und Heimatgesetze in England in den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts. Es ist bekannt, daß auf der einen Seite eine außerordentlich strenge Heimatgesetzgebung das ältere englische Armenwesen kennzeichnet, nach der grundsätzlich das Unterstützungswesen als Ausfluß des Heimatrechts zu betrachten war — ein Grundsatz, der erst im Jahre 1846 durchbrochen wurde; daß aber auf der anderen Seite der sogenannte Gilbert’s Act vom Jahre 1782 eine Reihe von Maßnahmen einleitete, die es für die ärmeren Schichten der Bevölkerung außerordentlich leicht und reizvoll machten, die öffentliche Armenpflege in Anspruch zu nehmen. Im Anschluß an die Bestimmung, daß für die arbeitsfähigen Armen von den Guardians nicht nur eine geeignete Beschäftigung ausfindig gemacht, sondern auch der gewonnene Arbeitslohn eingezogen und zum Unterhalt mit verwendet werden solle, ein ungenügendes Erträgnis der Arbeit also aus der Armenkasse zu ergänzen sei, entwickelte sich dann seit dem Jahre 1795 ein vollständiges System von Lohnzuschüssen (Allowance System), das darin bestand, daß nach der Höhe der Lebensmittelpreise und der Stärke der Familie eine Lohnskala festgesetzt und bestimmt wurde, dem Arbeiter solle, soweit er die so ermittelte Summe nicht durch eigene Arbeit oder die Tätigkeit seiner Familienmitglieder erwerbe, das Fehlende als Zuschuß (Allowance) aus der Armenkasse gezahlt werden. Das war also eine Prämie auf Faulheit und, weshalb ich es hier erwähne, offenbar ein Mittel, die Abwanderung der ländlichen Bevölkerung aufzuhalten, die gar nirgends eine so sichere Existenzmöglichkeit erwarten durfte wie in ihrem Heimatort, der sie zu unterhalten verpflichtet war. ,,They are not so careful in seeking work for tliemselves, as the law has rendered them in some measure independent of it . . . the anxiety of the lower Orders to get employments lessened under this System.“ Th. Chalmers, Economy of large towns 3 (1826), 74. Daß übrigens das Armengesetz von 1834, das die Zuschüsse beseitigte, Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 377 keineswegs sofort Wandel zu schaffen vermochte, geht aus den amtlichen Berichten hervor, die wir noch aus den 1850 er und 1860 er Jahren über das Elend auf dem platten Lande in England besitzen, und mit deren dunklen Farbtönen Marx seine Palette ausgestattet hat, als er uns die englischen Arbeiterzustände jener Jahre schilderte: siehe das „Kapital“ l 4 , 648 ff. Es bedurfte fast der Zeitspanne eines Menschenalters, bis die „künstlich verschobenen Beziehungen der verschiedenen Klassen“ (Hasbach) wieder in die „natürliche“ Lage gebracht waren, das heißt: bis die großen Tendenzen der kapitalistischen Wirtschaft ungehindert durch Gegenkräfte wieder zu wirken beginnen konnten. Die oben mitgeteilten Ziffern über die Bevölkerungsbewegung erbringen dafür den Beweis. 2. Deutschland In dem Menschenalter von 1816 bis 1845 wuchs die Bevölkerung auf dem Reichsgebiet des Jahres 1914 von 24,8 Millionen auf 34,4 Millionen an, das heißt um 9,6 Millionen oder 38,7%, während sie sich im folgenden Menschenalter, von 1845 bis 1875, nur um 8,3 Millionen oder 24,1% und sogar in dem Menschenalter größten Aufschwungs, von 1865 bis 1895, nur um 31,8% vermehrte. Und zwar war es die Bevölkerung in den ländlichen Gebieten bzw. die landwirtschaftliche Bevölkerung, die sich besonders heftig vermehrte. Von 1816 bis 1840 nahm die städtische Bevölkerung im Königreich Preußen von 1000 auf 1411, dagegen die ländliche von 1000 auf 1461 zu. Jahrbuch für die amtliche Statistik des preuß. Staates 1 (1863), 110. Ein Vergleich der Bevölkerungsbewegung in den einzelnen Regierungsbezirken des preußischen Staates für die Jahre 1834—1843 führt zu folgendem Ergebnis: in Marienwerder, Köslin und Bromberg raschere Zunahme als in Düsseldorf, in Gumbinnen und Stralsund raschere als in Arnsberg und Köln, in Posen und Königsberg raschere als in Breslau, Magdeburg, Minden. Auf Provinzen berechnet ergibt sich dann folgendes noch eindrucksvollere Bild. Das jährliche Zuwachsprozent betrug (1834—1846): in der Provinz Pommern .... 2,23 (Max.) 3 5 „ „ Brandenburg . . 2,27 33 33 ,, ,, Schlesien .... 2,23 33 im preußischen Staate . . . 1,88 33 in der Provinz Sachsen. 1,64 33 33 „ „ Westfalen .... 1,43 33 33 „ Rheinprovinz. 1,59 33 Frhr. von Reden, Vergleichende Statistik der Bevölkerungsverhältnisse Deutschlands und der übrigen Staaten Europas, in seiner Zeitschrift Bd. I (1847) S. 1057. Uber die damals stärkere Bevölkerungszunahme im Osten Deutschlands vgl. auch das reiche Material bei Fr. J. Neumann, Zur Lehre von den Lohngesetzen in den Jahrbüchern f. Nat.Ök. III. F. Bd. V (1893); namentlich S. 648ff. Dasselbe gilt bei einem Vergleich der übrigen Staaten Deutschlands. 378 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Im Königreich Bayern hatte die landwirtschaftliche Bevölkerung ihren Anteil an der Gesamtbevölkerung von 1840 bis 1852 noch von 657 auf 679 von 1000 Seelen gesteigert. F. B. W. Hermann, Uber die Gliederung der Bevölkerung des Königreichs Bayern (1855), 13 ff., 21 ff. 5*1 Ziehen wir aber die zeitgenössische Literatur zu Rate, so tönt uns aus jeder Seite die Klage entgegen: es sind zu viel Menschen auf dem Lande da, die Arbeitsgelegenheit fehlt, die Zahl der Arbeitslosen und Elenden namentlich auf dem flachen Lande und in den kleinen Städten wächst. Ich teile ein paar solcher Äußerungen mit: Mark Brandenburg: „Eine dritte Ursache“ — sc. der Not und Armut auf dem Lande, deren beide ersten Ursachen (!) der Verfasser in der Niedrigkeit des Arbeitslohns und der Länge der Arbeitszeit erblickt — „finden wir an einzelnen Orten und in manchen Gegenden in dem Mangel an fortdauernder Arbeit und zwar entweder zufolge einer Überzahl von Arbeitern oder ungünstiger Konjunktur“. K. F. Schnell, Vorschläge (1849), S. 34. Der Landesökonomierat Koppe aber, der die Schrift, der obige Stelle entnommen ist, einleitet, warnt ausdrücklich vor einer Lohnerhöhung; denn, meint er, „eine Erhöhung des Tagelohns würde einen solchen Andrang der Arbeiter zur Folge gehabt haben, daß ich sehr viele hätte abweisen müssen“. Schlesien: „Die große Zahl der Arbeitsuchenden hat natürlich zur Folge, daß der tägliche Lohn gedrückt wird . . . Würde wohl der Diebstahl in den Städten und auf dem Lande in den letzten zehn Jahren so überhandgenommen haben, wenn die Tagearbeiter stets Arbeit und höheren Lohn gehabt hätten?“ C. Fr. Frenzei, Praktische Ratschläge usw. (1849), 4. „Zurzeit bietet die Gesetzgebung noch kein Mittel dar, wodurch ihrer (sc. der Einlieger) reißenden Vermehrung Einhalt getan werden könnte.“ Einige Betrachtungen über die Einwohnerklasse der Einlieger in den „ökonomischen Mitteilungen aus Schlesien“, herausgegeben von Gr. Hoverden und Pastor Schulz. V. Jahrg. (1843), S. 74. Ostpreußen hat ausführlich Neumann in seiner bereits genannten Studie über die Lohngesetze behandelt; es genügt, auf die dortigen Angaben zu verweisen. Thüringen: „Die stets wachsende Bevölkerung vermehrt die Zahl der Konsumenten; die vielen müßigen Hände . . . drücken die Arbeitslöhne herab . . . Etwas weniger . . . fühlen die Städte diese . . . Verhältnisse . . . und doch wimmelt es von müßigen Händen.“ Gesellschaftsspiegel II (1847), 33, 34. Von den Ortschaften des Eisenacher Oberlandes erfahren wir, daß sie „sämtlich ein zahlreiches Proletariat enthalten und Mangel an Arbeitsgelegenheit leiden“. Zuschrift der Großherz. S. Bezirksdirektion in Dermbach vom 11. Oktober 1855. Zitiert bei Em. Sax, Die Hausindustrie in Thüringen 2 (1884), 73. Oldenburg: „Es ist buchstäblich wahr, daß das Münsterland eine derartige Bevölkerung — 93 Einwohner auf den Quadratkilometer — nicht zu ernähren vermochte.“ P. Kollmann, Die Heuerleute im Oldenburgi- schen Münsterlande (Jahrb. f. Nat.Ök. III. F. Bd. XVI. S. 192, 193). Holstein: Eine Schrift des Freiherrn von Berg, in der er die Steigerung Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 379 der Pachtpreise usw. bekämpft, schließt mit der Mahnung, die landwirtschaftlichen Arbeiten zu vermehren, „was für die reichliche Zahl der Tagelöhner fast notwendig erscheint, wenn nicht deren Verarmung immer mehr vor sich gehen soll“. Frhr. A. von Berg, Uber den landw. Betrieb im Hzgt. Holstein usw. 1852. Zitiert bei J. B. Mucke, Deutschlands Getreideertrag (1883), S. 44. Rheinland: Übervölkerung und Notstände im Westerwalde werden Ursachen der Landgängerei. Siehe die anschaulichen Schilderungen bei Joh. Plenge, Westerwälder Hausierer und Landgänger in den Schriften d. V. f. S. P. Band 78 (1898) 24f., 49. Westfalen: „Möge bald die Wünschelrute gefunden werden, welche den Schatz dieses Ländchens, die unverwerteten Arbeitskräfte, zu segensreicher Wirksamkeit an das Licht ruft.“ Jacobi, Statistik des Beg.-Bez. Arnsberg (1856), 21. Großherzogtum Hessen: „In der 66. und 67. diesjährigen Sitzung der Ersten Kammer des Großherzogtums Hessen fand die Ansicht unseres verehrten hohen Staatsministers volle Anerkennung, wonach in unserem Großherzogtum eine Übervölkerung eingetreten ist.“ L. Wilkens, Die Erweiterung usw. des deutschen Gewerbebetriebes usw. (1847), 1.' Baden: „Die Anzahl dürftiger Arbeiterfamilien ist zwar vermittelst der Auswanderung vermindert worden, aber gleichwohl ist noch ein Übermaß solcher Familien vorhanden, denen es an fortdauernder Beschäftigung gebricht.“ H. Bau, Die Landwirtschaft der Heidelberger Gegend in der Festschrift für die XXI. Versammlung deutscher Land- und Forstwirte. 1860. S. 394. Vgl. dazu Banfield, Industry on the Bhine 1 (1846), 208. 222, und Philippovich im Archiv 5, 32. Die südwestdeutschen Staaten mit vorwiegend kleinbäuerlichem Besitz: Baden, Hessen, Württemberg, Pfalz galten als die Übervölkerungsbezirke schlechthin. Sie sind es übrigens bis in die neuere Zeit hinein geblieben. Was bei ihnen zur Übervölkerung Anlaß bot, war die übermäßige Zerstücklung des Grund und Bodens, die zu einer unrationellen Zwergwirtschaft führte. Bekannt sind die Schilderungen, die Friedrich List von der Lage dieser Zwergbauern in Südwestdeutschland entwirft. Er vergleicht die Zustände dieser Länder „am Ehein, am Neckar, am Main“ mit denjenigen Irlands: „Jetzt schon gibt es große Dorfschaften, wo die gesamte Einwohnerschaft nur in der Auswanderung mit Kind und Gesind ihre Bettung zu finden glaubt.“ Ges. Schriften 2, 163. 3. Süd- und Osteuropa Gemeinsam dem Gebiete Süd- und Osteuropas und ihm eigentümlich ist der Umstand, daß hier die Übervölkerung um ein halbes Jahrhundert später als in West- und Mitteleuropa — man kann nicht sagen: eintritt, aber doch als solche empfunden wird und zu wirken beginnt. Die allgemeinen Ursachen der Übervölkerung sind auch in diesen Ländern Auflösung der alten Gemeinschaften, verringerte Erwerbsmöglichkeit in der Landwirtschaft und im Handwerk bei gleichzeitiger starker Vermehrung 380 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte der Bevölkerung. Im einzelnen ergeben sieb zahlreiche Verschiedenheiten in den verschiedenen Gebieten, die ich im folgenden an drei Typen nur andeutungsweise veranschaulichen kann. Es kommt uns ja in diesem Zu- sammmenhange auch nicht so sehr auf die Besonderheiten an als auf die großen Züge der allgemeinen Entwicklung. a. Italien: Die typische Form der italienischen Agrarverfassung für Mittel- und Norditalien ist die Mezzadria; sie ist seit der Mitte des 19. Jahrhunderts aus ganz ähnlichen Gründen, wie sie in den übrigen Ländern die Zersetzung der patriarchalischen Wirtschaftsformen zur Folge gehabt haben, in der Auflösung begriffen. Am fortgeschrittensten ist der Prozeß in der Lombardei, wo sie schon Jacini in den 1850er Jahren in der Auflösung antraf, in Emilia und den Marken, am rückständigsten sind die Zustände in Toskana und Umbrien: genau parallel dem Entwicklungsgrade der kapitalistischen Landwirtschaft. In dem Maße, wie die alte patriarchalische Teilbauwirtschaft zerfällt, wird die ländliche Bevölkerung mobilisiert und rebelliert. Dieselbe Wirkung übte in den kleinbäuerlichen Distrikten, namentlich des gebirgigen Mittelitaliens, die „Agrarreform“, die wie allerwärts Nutzrechte ablöste, Allmende aufteilte usw. und seit der Einigung Italiens ihr Werk erst recht begonnen hat. Endlich haben auch Sizilien und Süditalien einen Auflösungsprozeß infolge Eindringens der kapitalistischen Landwirtschaft durchgemacht, der zu keinem anderen Ergebnis geführt hat als die Entwicklung anderswo: einer Entwurzelung vieler bodenständiger Elemente. Und dazu dieselbe rasche Bevölkerungszunahme wie anderwärts. Ganz entsprechend der Entwicklung Deutschlands bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts sind es auch in Italien die vorwiegend agrikolen Gebiete, die die stärkste Vermehrung aufweisen, und zwar zum Unterschied von Deutschland bis in den Anfang des 20. Jahrhunderts hinein. So betrug die Bevölkerungszunahme während des Jahrzehnts 1871—1881 im Durchschnitt des Königsreichs 6,19 %, während der Jahre von 1882 bis 1901 7,38 %. Dagegen die Bevölkerungszunahme in: 1871-1881 1882-1901 Sardinien. 7,12% 8,42% Apulien. 11,84% 12,20% Sizilien. J 13,30% 10,76% Das Urteil sachkundiger Beobachter stimmt denn auch dahinüberein, daß jedenfalls für das letzte Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts noch, aber auch darüber hinaus eine Überbevölkerung vorhanden ist, deren der Kapitalismus noch nicht hat Herr werden können: „il vedere tutto ciö persuade certo ognuno, il quäle non sia dominato da alcun pregiudizio contrario, che in Italia nascono molti di piü che non possano esservi fisicamente e civilmente mantenuti.“ Giulio Salvatore Del Vecchio, Gli Analfa- beti e le nascite nelle varie parti d’ Italia (1894), 61. ,,L’ elevata feconditä italiana, associata alla scarsa produttivitä della nostra agricoltura fa che 1’ eccesso di popolazione malthusiano abbia tuttora in qualche provincia d’ Italia applicazione e realtä.“ Achille Loria, La costituzione economica Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die Örtliche Anpassung 381 odierna (1899), 272. „Una delle cause principali per cui il tenore di vita delle classi operaie in Italia e inferiore a quello degli altri paesi, per cui i salari rimangono a un livello bassissimo e non sono frequenti ne di solito fortunati gli scioperi per la elevazione delle mercedi, si e la eccessiva po- polazione del nostro paese.“ L. Binaudi, La politica economica delle olassi operaie italiane nel momento presente im ersten Heft der Critica sociale 1. VII. 1899. „Anche le Campagne hanno visto diminuire rapi- damente la mortalitä . . . la loro popolazione va aumentando in modo sproporzionato al bisogno ed alle risorse: sproporzionato in quanto nelle attuali condizioni della nostra agricoltura il numero degli individui cui e dato trarne diretto sostentamento non puö aumentare con molta rapi- ditä. Da ciö un’ eccedenza di popolazione nelle parti rurali del paese.“ G. Mortara, Le popolazioni nelle grandi citta italiane (1908), 408. b. Rußland bat bis zum Ausbruch des Krieges an einer steigenden Überbevölkerung des platten Landes gelitten. Schuld daran war zunächst die bei der Bauernbefreiung zu knapp bemessene Landzuweisung. Die Staatsbauern erhielten damals 6,7 Deßjatinen (ha), die Apanagebauern 4,9, die Gutsbauern 3,2, im Schwarzerdegebiet jedoch nur 2,2, im Gouvernement Podolien 1,9, in den Gouvernements Poltawa und Kiew 1,2. Vielfach begnügten sich die Bauern, um den hohen Zinslasten zu entgehen, mit den zinsfreien sogenannten Bettelanteilen im Umfang von 0,9 bis 1,1 Deßjatinen. Und nun setzte auch und gerade in Rußland die Bevölkerungsvermehrung ein, die die Bauernschaft seit der Bauernbefreiung bis zur Revolution von 45 auf 110 Millionen Köpfe anwachsen ließ. Der Nahrungsspielraum für den einzelnen wurde also immer noch mehr eingeengt und weitete sich auch nicht durch Verbesserung der Wirtschaft aus, die vielmehr bis zur Stolypinschen Agrarreform die denkbar schlechteste blieb. Diese Agrarreform selbst bedeutete, wie wir schon sahen, in Rußland wie überall eine Verbesserung für die kräftigen Wirte, eine weitere Verschlechterung für die große Masse der Kleinen und Kleinsten auf dem Lande. In den letzten Jahren vor dem Kriege konnte deshalb ein aufmerksamer Beobachter schreiben: „Die Frage der männlichen Arbeitslosigkeit gewinnt in Rußland immer akutere Bedeutung. Schon im Jahre 1900 hatten rund 48% der Bauernbevölkerung ausreichende Arbeitsgelegenheit, die übrigen 52 % befanden sich im chronischen Zustande der halben bzw. vollständigen Arbeitslosigkeit: sie fanden für ihre Arbeitskraft weder im Landbau noch in der Industrie Verwendung. Seit jener Zeit ist ihre Zahl um Millionen gestiegen.“ Rasskoje Bogatstwo 1910. XII, 47, zitiert von Maria Raich im Archiv Bd. 33 (1911), 816. c. Juden: Die Übervölkerung der von den Ostjuden bewohnten Gebiete ist zwar keine Übervölkerung des platten Landes, da ein großer Teil in den Städten haust, steht aber mit den Vorgängen in der Landwirtschaft in engem Zusammenhänge und ist letzten Endes doch auch eine Folgeerscheinung der allgemeinen Auflösungs- und Bevölkerungszuwachstendenzen, von denen im vorigen Abschnitt die Rede war. Die russischen Juden wurden erst seit der Aufhebung der Leibeigenschaft 382 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte und der feudalen Landwirtschaft in eine Notlage versetzt. Solange jene bestanden, fanden sie als Händler und Vermittler, sog. Faktoren, ihr gutes Auskommen. Seit der Aufhebung versuchte der jüdische Händler und Makler durch Übergang zum Handwerk sich Ersatz für jene Ausfälle zu Erwerbsmöglichkeiten zu schaffen. Aber dieser Ausweg führte ihn nicht zum Ziel. „Das Handwerk war nicht imstande, das Problem vollständig zu lösen, das heißt die Juden, welche durch die Umwälzung in der Landwirtschaft brotlos geworden waren, zu versorgen; dazu kam noch, daß dem Handwerk selbst in der allgemeinen Entwicklung der Industrie. . . eine scharfe Konkurrenz erwuchs. Die Folge dieser Erscheinungen war, daß die jüdische Auswanderung entstand.“ N. W. Goldstein, Die Bedeutung des jüdischen Proletariats für die englische Industrie. Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden. 5 (1911), 123. Eine Reihe von Gründen, die namentlich Kaplun-Kogan auseinandergesetzt hat, verhinderte aber die Aufsaugung der jüdischen Arbeitermasse durch die Industrie. Vgl. Wlad.W. Kaplun-Kogan, DieW anderb ewegung derJuden(1913),101ff. Die Übervölkerung der jüdischen Distrikte wurde in Rußland noch dadurch verschärft, daß die Juden auf den Ansiedlungsrayon beschränkt blieben, wodurch eine Verteilung über ein weiteres Gebiet unmöglich gemacht wurde. Die Folge war, daß einzelne Gewerbe, die von den Juden bevorzugt wurden, stark übersetzt waren: in zwei Gouvernements des Ansiedlungsbezirks waren im Handel 52,9, in den Bekleidungsgewerben 24,3, im Fuhrwesen 6,8, im Unterricht 6,0 von tausend Personen tätig, während in zwei außerhalb dieses Rayons gelegenen, also „normalen“ Gouvernements die entsprechenden Ziffern waren: 19,5,11,3,1,7, 2,3. B. Brutzkus, Im russischen Ansiedlungsgebiet und außerhalb desselben; in der eben erwähnten Zeitschrift 4 (1908), 81. Außerdem aber gab es im Ansiedlungsgebiet, zahlreiche Juden, denen es an jedem festen Erwerb fehlte, die heute als Makler, morgen als Schreiber, übermorgen als Lehrer tätig waren. Das Elend und die Not dieser russischen Juden, die auf ein viel zu kleines Nahrungsgebiet zusammengedrängt waren, waren sprichwörtlich. Qalizien bot ein ganz ähnliches Bild. Die agrarische Verfassung des Landes, dessen ökonomische Rückständigkeit einerseits, die Ausschließung der Juden von zahlreichen Stellen als Beamte usw., die zunehmende Beteiligung der polnischen und ruthenischen Bevölkerung am Kleingewerbe und Kleinhandel andererseits, alles dies wirkte zusammen, um den Nahrungsspielraum der sich weiter vermehrenden Juden in Galizien immer mehr einzuschränken. Nur ein Bruchteil hatte eine halbwegs gesicherte Existenz, die meisten lebten von der Hand in den Mund und wußten am Morgen noch nicht, wo sie am Mittag eine Mahlzeit für sich und ihre Familie hernehmen sollten. Max Nordau hat für diese Existenzen das Wort „Luftmenschen“ geprägt. In der Statistik erscheinen diese Luftmenschen unter der Rubrik „Lohndienste wechselnder Art“ oder „Selbständige ohne Berufsangabe“. Aber auch die jüdischen Handwerker und Händler lebten der Regel nach im Elend. Von 100 befugten Handwerkerfamilien hatte im Jahre 1903 die Mehrzahl einen Wochenverdienst von 5 bis 7 Gulden, wovon für Wohnungsmiete und den hebräischen Unterricht der Kinder 1—1 y 2 Gulden abgingen, ' Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 383 so daß 4—5 Gulden für Kleidung und Ernährung einer Familie von 5 bis 8 Köpfen übrigblieben. A. Ruppin, Die Juden der Gegenwart. 2. Aufl. 1911. S. 54ff. Vgl. Leo Wengierow, Die Juden im Königreich Polen, in dem Sammelwerk „Jüdische Statistik“. 1903. S. 293ff. Vielleicht noch schlechter als in Galizien ist die Lage der Juden in Rumänien. Sie hat sich vor allem durch den Zuzug aus Galizien und Rußland seit den 1880 er Jahren wesentlich verschlechtert. Das gilt natürlich nur für die Unterschicht, während gleichzeitig eine glückliche Oberschicht darüber her ist, Rumänien ökonomisch zu erobern. Aber unter den jüdischen Kleinhändlern und Handwerkern Rumäniens herrscht tatsächlich Übervölkerung, i Man wird den Worten eines (antisemitischen) Autors zustimmen müssen, I wenn er schreibt: „II y a certainement plethore de certaines categories I d’artisan dans les villes: il y a trop de tailleurs, trop de bottiers, trop de magons, les professions sont encombrees par les Juifs, qui, par consequent, travaillent ä de vrais prix de famine et, malgre leur sobriete exemplaire, malgre l’appui et les facilites qu’ils trouvent chez leurs correligionnaires, qui ne se fournissent que chez eux et leur vendent les matieres premiferes au plus bas prix possible, ils ne parviennent que difficilement ä nourrir leurs familles.“ Verax, La Roumanie et les Juifs (1903), 265. II. Die Wanderungen Alles, haben wir nun gesehen, wirkt zusammen, um großen Teilen | der Bevölkerung des platten Landes und der kleinen Städte den Auf- | enthalt an ihrem bisherigen Wohnort zu verleiden. Alles wirkt somit zusammen, um das Bedürfnis nach einem Abstrom eines Teils i der Landbewohner wachzurufen; das Land drängt seine Kinder i fort. Und was notwendig ist, geschieht: Bevölkerungsschichten, die seit Jahrhunderten so fest an ihrer Scholle geklebt hatten wie nur irgendein Bodengewächs, sie kommen in Bewegung, und nun lösen sich Scharen auf Scharen vom Boden los und wandern aus ihrer Heimat ! fort. Und diese Riesen Volksbewegung, von der man mit Recht gesagt ; hat, daß sie ihresgleichen in der Weltgeschichte nicht gesehen hat, j daß im Vergleich zu ihr die „Völkerwanderung“, die das europäische Mittelalter einleitete, ein Kinderspiel gewesen sei, wenn man die in Bewegung gesetzten Volksmassen in Betracht zieht: diese Bewegung , scheint nun kein Ende nehmen zu wollen, auch jetzt, nachdem vieler- | orts von einer Uberschußbevölkerung auf dem Lande keine Rede mehr ! ist, nachdem dort längst die Arbeitskräfte zu mangeln begonnen haben, i Der Abstrom der Bevölkerung vom Lande ist eine mit Notwendig- i keit im Gefolge kapitalistischer Produktionsweise und rascher Ver- j mehrung der Bevölkerung auftretende allgemeine Erscheinung. Eine i allgemeine Erscheinung, die also gleichermaßen klein- und groß- M |' 884 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte bäuerliche Gegenden wie die Gebiete des Großgrundbesitzes betrifft, keineswegs, wie wohl behauptet worden ist, auf diese beschränkt bleibt. Es muß auf diese Allgemeinheit der beregten Erscheinung ohne weiteres theoretisch geschlossen werden, auch wenn wir nicht so reich an Belegen wären für die Tatsache, daß der Abstrom der Bevölkerung aus bäuerlichen Gegend ebenso vorhanden ist wie aus Großgüterbezirken. Vielleicht, daß er sich dort etwas schwächer erweist; aber vorhanden ist er ganz gewiß. Die Abwanderung vom platten Lande vollzieht sich in drei Formen: als endgültige Auswanderung, als endgültige Binnenwanderung und als vorübergehende, meist regelmäßig wiederkehrende (periodische) Wanderung. Wir wollen uns zunächst von der tatsächlichen Gestaltung dieser drei Wanderbewegimgen eine möglichst genaue Vorstellung zu machen suchen, um sie nachher in ihrer Zielbestimmtheit verstehen zu lernen. 1. Die Auswanderung Man versteht unter Auswanderung die Verlegung des Wohnorts (für immer oder für längere Zeit) aus dem Heimat Staate in einen fremden Staat. Vom europäischen Standpunkte aus können wir dreierlei Auswandenmgsmögliclikeiten unterscheiden: 1. Auswanderung aus einem europäischen Staat in einen anderen; ihrer werde ich bei der Betrachtung der Wanderziele gerecht zu werden versuchen; 2. Auswanderung über die Landgrenze nach Asien: von 1896 bis 1913 sind über den Ural aus Rußland nach Sibirien ausgewandert 4804343 Personen. Bote für Finanzen usw. (ross.), mitgeteilt von Mertens, a. u. O. 42, 703 (das asiatische Rußland wird hier als selbständiger Staat betrachtet); 3. Übersee-Auswanderung. Sie vor allem ist es, an die wir denken, wenn wir von Auswanderung schlechthin sprechen. Die Gesamtziffem, die für die Auswanderungen angegeben werden, weichen beträchtlich voneinander ab. Sundbärg berechnet dm Verlust sämtüeher europäischer Länder von 1801 bis 1906 auf 33,3 Millionen, v. Fireks nimmt für die Zeitspanne von 1821 bis 1890 24 MüMionen, Mönekmeier für den Zeitraum von 1821 bis 1910 allein für Großbritannien und Irland, Deutschland, Italien, Skandinavien, Spanien und Portugal 31,8 Millionen an. Eis kommt auch auf ein paar MiDionm mehr ©der weniger nicht an. Wir können grob sagen: daß eine Menschenmenge vssa 30—35 Millionen während der letzten 100 Jahre aus Europa, Iber See ausg^wandert ist. h Die ©narepäisEhe Auswanderung ist im großen Durchschnitt der Lände® bis zum Kriege fast ununterbrochen amg^waehsen, Sie betrug Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 385 nach Sundbärg und dem Statistischen Jahrbuch (für 1911—1913) Durchschnitt: Gesamtzahl auf 1000 Einwohner im Jahr 1801-1820 . 300000 0,08 1821-1830 . . 310000 0,14 1831-1840 . . 970000 0,40 1841-1850 . . 2500000 0,96 1851-1860 . . 3470000 1,27 1861-1870 . . 3450000 1,17 1871-1880 . . 3570000 1,10 1881-1890 . . 7141000 2,06 1891-1900 . . 6328371 1,67 1901-1905 . . 5568873 2,72 1906 . . 1694693 4,02 1913 (1911, 1912) . . . 1999693 — Die Steigerung der Ziffern im letzten Menschenalter ist fast ausschließlich der Zunahme der Auswanderung aus den Ländern Süd- und Osteuropas zuzuschreiben. Denn die Auswanderung aus Nord-, West- und Mitteleuropa (Deutschland) ist während der letzten 30 bis 40 Jahre vor dem Kriege entweder gleichgroß geblieben oder sogar zurückgegangen. Dieser Fall trifft vor allem für Deutschland zu, von wo noch in den 1880 er Jahren zuweilen über 200000 Personen im Jahre auswanderten, während die Zahl der Auswanderer in den letzten 20 Jahren vor dem Kriege auf 25—30000 im Jahre gesunken war. Dagegen steigen die Ziffern der Auswanderer aus Süd- und Osteuropa (einschließlich Österreich-Ungarn) gerade erst in diesen letzten Jahrzehnten mächtig an. So betrug die Auswanderungsziffer für Italien: 1885 1890 1895 1900 1905 1913 78961 115595 187908 171735 447083 711446 Für Spanien (nach den Angaben des Consejo supremo de Emigration) lauten die Ziffern: 1882 . 1895 . 1908 . 1913 . für Portugal (1913) . . Soxnbart, Hochkapitalismus. 71806 121166 159137 2033541 88920 Stat. Jahrbuch. 25 386 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Aus Österreich wanderten 1912 131227, aus Ungarn in demselben Jahre 116239 Personen aus. Stat. Jahrbuch. Für Rußland besteht, da die Auswanderung im Zarenreich verboten war, keine amtliche Auswanderungsstatistik. Wir sind auf die Angaben der Einwanderungsländer und der Durchwanderungsländer angewiesen. In den Vereinigten Staaten von Amerika allein betrug die Zahl der einwandernden Russen (Juden!) in den Jahren 1879—1890 höchstens 8850, 1902 85257, 1910 186792, 1913 291040. In diesem Jahre nahmen ihren Weg über deutsche Häfen 208719 russische Auswanderer. Die Zahl der Auswanderer aus den genannten Ländern Süd- und Osteuropas betrug im Jahre 1913 (1911, 1912) 1422118. Also drei Viertel sämtlicher europäischer Auswanderer stammen zuletzt aus Süd- und Osteuropa. Rechnen wir noch dazu die Auswanderung aus Großbritannien und Irland, das heißt also im wesentlichen aus Irland, diesem Lande mit den Sonderbedingungen, in Höhe von 467762, so ergibt sich, daß fast die gesamte europäische Auswanderung kurz vor dem Kriege aus Südeuropa, Osteuropa und Irland hervorging. 2. Die Binnenwanderungen 1. Unter Binnenwanderungen versteht man den Ortswechsel (Domizilwechsel) innerhalb der Grenzen eines Staates. Also wer von Leitomischl nach Neiße umsiedelt, wandert aus; wer von Memel nach Metz in den guten Zeiten zog, wanderte binnen, heute wieder: aus. Es ergeben sich also sehr merkwürdige Tatbestände bei dieser begrifflichen Unterscheidung. Aber unter volkswirtschaftlichem Gesichtspunkt (diesen ernst genommen) hat der Gegensatz zwischen Aus- und Binnenwanderung doch seine weittragende Bedeutung, maßen die Strukturveränderung eines volkswirtschaftlichen Organismus naturgemäß grundverschieden in dem einen und in dem anderen Falle ist. Man wird füglich Umschichtungen der Bevölkerung eines Landes innerhalb der einzelnen Landesteile und solche zwischen dem platten Lande und den Städten unterscheiden. 2. Eine Verschiebung der Bevölkerung zwischen den einzelnen Landesteilen ist während der hochkapitalistischen Periode in weitem I mfange derart erfolgt-, daß Gebiete mit rein landwirtschaftlichem Gepräge ihre Bevölkerung an die industriellen Gebiete abgegeben haben. Es wird genügen, wenn wir diesen Vorgang, der wohl ein allgemein- europäischer ist, in demjenigen Lande verfolgen, in dem er sich vielleicht am deutlichsten und schärfsten vollzogen hat: Deutschland. Nach der letzten Berufszählung (1907) betrug innerhalb der Grenzen Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 33^ des Deutschen Reiches der Wanderungsverlust Ostdeutschlands ohne Berlin und Brandenburg 2068743 Personen. Diesem stand ein Wanderungsgewinn Westdeutschlands in Höhe von 903298 Personen gegenüber. An diesem Wanderungsgewinn waren besonders stark beteiligt: Rheinland.mit 355547 Personen Hamburg. 315741 „ Westfalen. 288390 „ Königreich Sachsen . . ,, 228641 ,, Stat. d. D. Reiches, Bd. 211, S. 29. Noch deutlicher wird der Gegensatz zwischen den agrarischen und den industriellen Gebieten, wenn wir alle agrarischen Gebiete Deutschlands den industriellen gegenüberstellen, wie es in folgender Zusammenstellung geschieht, die die Bevölkerungsbewegung durch Wanderung für die einzelnen Gebietsteile Deutschlands während des Jahrfünft 1885—1890 zum Ausdruck bringt. Es ist daraus ersichtlich, daß der Exodus in Gruppe I mit vorherrschendem Großgrundbesitz allerdings am stärksten, daß er aber vorhanden ist auch in Gruppe II und III, den Agrarbezirken mit vorwiegendem Mittel- und Kleinbesitz: Be- Gewinn oder Verlust Geburten- völkerungs- durch Wanderung Gruppe Überschuß Zunahme absolut V ' d. Geburtenüberschuß I. Östliches Preußen . 851770 212666 - 639104 - 75,04% II. Westliches Preußen u. Mitteldeutschland 611578 531089 - 80499 - 13,15% III. Süddeutsche Staaten 500787 347520 - 153267 -30,61% IV. Industriezentren . . 937688 1480191 + 542503 + 57,86% Schriften d. VfSP., Bd. 56. Vgl. dazu die gründlichen Untersuchungen von M. Schumann, Die inneren Wanderungen in Deutschland in v. May rs Allg. Statist. Archiv 1 (1890), 503ff. 3. Der andere bedeutsame Vorgang, der sich während der hochkapitalistischen Periode in den Ländern mit kapitalistischer Kultur vollzieht, ist die Urbanisierung der Bevölkerung, die Zusammenballung (Agglomeration) in Städten überhaupt und in Großstädten insbesondere. Die gesamteuropäische Entwicklung, die also einen Durchschnitt aus sehr verschiedenen Anteilziffern in den verschiedenen Ländern darstellt, kommt in folgenden Zahlen zum Ausdruck: Der Anteil an der Gesamtbevölkerung in ganz Europa betrug: Anfang 1860 des 20. Jahrhunderts der Städte überhaupt.25,7% 35,7% der Städte über 50000 Einwohner . . 7,8% 16,5% Deutlicher wird die starke Agglomerationstendenz, wenn wir Westeuropa für sich allein betrachten. Hier betrug der Anteil: 25 * 388 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte 1860 Anfang des 20. Jahrhunderts der Städte über 50000 Einwohner . . 10,3% der Städte überhaupt 48,0% 22,3% Die Ziffern nach den Zusammenstellungen bei Sundbärg. Eine andere Zusammenstellung ergibt folgendes Gesamtbild für Westeuropa: Es betrug in angenäherten Werten: Die Ziffern für 1700 und 1800 nach J. Bel och, Die Entwicklung der Großstädte in Europa. VIII. Congrbs internat. d’Hygiene et de Demographie tenu ä Budapest du 1 au 9 septembre 1894. Comptes rendus et memoires, 1896. Tome VII. pag. 61; die Ziffer für 1900 berechnet nach Meuriot, 30/31. Zu beachten, daß wir während der frühkapitalistischen Periode noch keine Agglomerationstendenz beobachten! Über die damaligen Zustände habe ich ausführlich im 39. Kapitel des 2. Bandes berichtet. In Wirklichkeit ist der Anteil der großstädtischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung in der Gegenwart noch viel beträchtlicher. Es ist mit Hecht darauf hingewiesen, daß die Statistik, welche die Städtegrößen nach den politischen Einheiten feststellt, noch kein richtiges Bild von den Größenverhältnissen der Städte aisökonomische Einheit zu geben vermag. Denn zu dieser gehört auch diejenige Bevölkerung, die in den weiteren, nicht mehr eingemeindeten Vororten der Großstädte wohnen, ihren wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Mittelpunkt aber gleichwohl in diesen Großstädten selbst haben. Das „Groß-Berlin“, „Groß-London“, „Groß- Paris“ usw. sind beträchtlich größere Bevölkerungskomplexe als Berlin, London, Paris usw., wie sie in der Statistik erscheinen, und diese „Greater- Cities“ entwickeln sich gerade erst in letzter Zeit. Nach den Berechnungen des Statistikers Schott-Mannheim ergibt sich beispielsweise für Deutschland um des Jahrhunderts Wende, daß unter Berücksichtigung des Kreises von Vororten, der sich um jede Großstadt legt, eine fast um die Hälfte (44,2%) größere Einheit für jede Großstadt herauskommt. Siehe den Bericht an die XVI. Konferenz der deutschen Städtestatistiker 1902. Vgl. auch die ausführlichen Berechnungen des genannten Statistikers in der im Literaturverzeichnis angeführten Schrift. Besonders in die Augen fallende Beispiele solcher Spannungen zwischen Stadt im politischen und Stadtim ökonomischen Sinne sind etwa New York, Manchester, Berlin, London. Es betrug die Bevölkerung im Jahre die Gesamtbevölkerung die Bevölkerung ! der Städte über 100000 Einwohner der Anteil der großstädtischen Bevölkerung 1700 1800 1900 80000000 120000000 280000000 2600000 3600000 36000000 New Yorks New Yorks und seiner Neben- bzw. Vorstädte 1800 1850 1890 60489 515547 1515301 62893 660803 2710125 Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung B89 Nach den Berechnungen von Edm. J. James in den Publications of the American Academy of Political and Social Science. Nr. 243, pag. 11 f. Manchester hatte vor dem Kriege als politische Einheit 8—900000Ein- wohner, als ökonomische über 3 Millionen, Berlin als politische Gemeinde zählte 2 Millionen, „Groß-Berlin“, je nachdem man es als wirtschaftliche Einheit erstrecken will, 3—4 Millionen. Uber das größte städtische Ungeheuer — London — gehen folgende Ziffern Aufschluß: ■d • ■i Bevölkerungsziffern 1901 1911 Verwaltungsbezirk der Stadt London (Administrative County of London) und City of London 4 536 267 4 521685 Äußerer Ring. 2 045135 2 729 673 Groß London (Greater London). 6581401 7 251358 Zensusziffern, entnommen dem Peoples Year Book 1922. pag. 302. Von den westeuropäischen Großstaaten stellen die äußersten Gegensätze Großbritannien und Frankreich dar: dort ist die Zusammenballung in Städten und Großstädten am weitesten, hier am wenigsten fortgeschritten. In Großbritannien lebten im Jahre 1851 bereits 50,08 % der Bevölkerung in Städten, 22,58% in Großstädten über 100000 Einwohner, 1891 72,05 und 31,82%, 1911 (England und Wales) 78,1 und 37,9 %. fl In Frankreich dagegen betrug der Anteil der ländlichen Bevölkerung (in Orten unter 2000 Einwohner) 1851 74,5, aber auch 1910 noch 53%. In Großstädten über 100000 Einwohner lebten 1851 4,6, 1911 auch erst 13,4%, davon die Hälfte in Paris. Über Deutschland, das ungefähr die Mitte zwischen England und Frankreich hält, unterrichten folgende Zahlen: im Deutschen Reich lebten in Städten, das heißt Orten über 2000 Einwohner: 1871 . 36,1% i 1880 . 41,4% 1890 . 47,0% 1900 . 54,3% 1905 . 57,4% 1910.60,0%. Von 1000 Einwohnern des Deutschen Reiches lebten in 1871 1880 1890 1900 1905 1910 1925 Großstädten über (100000 Einwohner). 48 72 121 162 190 212 267 Mittelstädten (20—100000 Einwohner) 72 89 98 126 129 133 Kleinstädten (5—20000 Einwohner) . 112 126 131 135 137 141 Landstädten (2—5000 Einwohner) 124 127 120 121 118 112 Man sieht: der Löwenanteil der Zunahme der städtischen Bevölkerung entfällt auf die Großstädte. 390 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Ziehen wir die Agglomeration um die Stadtkerne in Betracht, so lebten in einem Umkreis von 10 km um die jeweils über 100000 Seelen zählenden Städte von 1000 Einwohnern des Deutschen Reiches 1871 1880 1890 1900 1910 62 101 163 225 278 Die Gesamtbevölkerung der zugehörigen Agglomerationen betrug bei den 37 Großstädten Deutschlands: 1871 1910 5971500 18014200 100 301,7 Nach den Berechnungen Schotts, a. a. 0. S. 28, 32. Diesen Ziffern der Volkszählung füge ich noch diejenigen hinzu, die uns die Berufszählungen liefern, in denen die Großstadtbildung noch deutlicher — vielleicht in etwas übersteigerterWeisewegenderBerechnungsart — erscheint: DieZunahme (+) bzw. Abnahme (—) war im Zeitraum von 1882 bis 1907 auf dem Lande.— 435334 — 1,7% in den Städten.+ 16933750 + 89,6% davon: in Klein- und Mittelstädten . . . + 8469166 + 54,4% in Großstädten.8404584 + 254,4% Reichsbevölkerung überhaupt ... -|- 16498416 -| 36,5%. Statistik des D. Reichs, Bd. 211, S. 23. Einen Gesamtüberblick über die Großstadtbildung in Europa während des 19. Jahrhunderts geben folgende von Meuriot in seinem Kongreß- bepcht zusammengestellten Ziffern: In Städten über 100000 Einwohner lebten in Europa: 1850 1880 1913 Zahl Bevölkerung Zahl Bevölkerung Zahl Bevölkerung 42 12400000 95 28700000 183 60800000 Von 1000 Einwohnern lebten in Städten über 100000 Einwohner: Staaten 1800 1850 1880 1910 Großbritannien. ... 70 192 262 355 Niederlande. ... 70 73 161 233 Deutschland. ... 10 28 80 212 Belgien. . . — 75 153 195 Dänemark. ... 100 102 133 164 Frankreich. ... 27 44 100 145 Schweiz. — — — 119 Italien. ... 55 63 84 117 Portugal. ... 33 58 82 106 Norwegen.. ... - — — 100 Schweden. — — 43 93 Balkan. _ 52 90 Österreich-Ungarn. ... 9 23 50 85 Spanien. ... 21 48 70 82 Rußland. ... 16 20 36 60 Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 391 3. Die 'periodischen Wanderungen 1. Verlegt ein Wanderer seinen Herd nicht an einen andern Ort, sondern kehrt er von seinem Wanderziel zu den Penaten zurück, so liegt eine vorübergehende Wanderung vor, die zu einer periodischen wird, wenn sie sich regelmäßig — meist im Jahreswechsel — wiederholt. Diese periodischen Wanderungen von Arbeitskräften, die also an einem andern Ort als ihrem ständigen Wohnort ihre Arbeit verrichten, haben seit alters her bestanden: wir begegnen ihnen schon während des europäischen Mittelalters in verschiedenen Formen. Es heißt aber jedes Sinnes für geschichtliche Zusammenhänge bar sein, wenn man nicht einsieht, daß erst die hochkapitalistische Periode diese periodischen Wanderungen zu einer allgemein verbreiteten Massenerscheinung gemacht hat, die ihre Erklärung in denselben Ursachen findet, die den Abstrom der Bevölkerung vom platten Lande in dieser Zeitspanne überhaupt bewirkt haben. Die große Masse der periodischen Wanderer gehört einer ganz bestimmten Gruppe der ländlichen Bevölkerung an: derjenigen, die Zwerglandwirtschaften in ihrer Heimat betreiben, die ihnen den vollen Unterhalt nicht gewähren. Von der Familie dieser kleinen Landwirte suchen während eines Teiles des Jahres einige Glieder Arbeit an fremden Orten auf, während der Landwirtschaftsbetrieb daheim von dem meist kümmerlichen Reste der Familie aufrechterhalten wird. 2. Nicht eigentlich zur Gruppe der periodischen Wanderarbeiter gehören deshalb diejenigen Arbeiter, die aus einer größeren Entfernung — bis 20 Kilometer — täglich zu ihrem Arbeitsorte mittels eines modernen Verkehrsmittels sich begeben. Die Zahl dieser Fernarbeiter ist sehr beträchtlich und wächst sicherlich beständig an: im Jahre 1900 sollen es in Deutschland bereits 1% Milhonen oder 5,3 % der ganzen erwerbstätigen Bevölkerung gewesen sein, die solcherart von ihrem Wohnorte sich an einen entfernten Arbeitsort begeben haben. Siehe H. Wolff in den Jahrb. f. NÖ. III. F. 39, 172. Aber es handelt sich in diesem Falle wohl meist schon um reine Lohnarbeiter. Ebensowenig möchte ich zu den periodischen Wanderarbeitern diejenigen Arbeiter rechnen, die am Anfänge einer Woche zu einem fernen Arbeitsorte fahren und von hier am Ende der Woche zurückkehren, wie etwa die Bauarbeiter, die im Oderbruch wohnen und in Berlin beschäftigt sind. Auch das sind reine Lohnarbeiter. 3. Eigentliche periodische Wanderarbeiter sind, wie gesagt, solche Elemente, die das platte Land abstößt und die zu ihrem Einkommen 392 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte aus der Landwirtschaft einen Nebenverdienst suchen. Wir können unter ihnen drei verschiedene Gruppen unterscheiden: a) solche, die innerhalb des Heimatlandes wandern; b) solche, die aus einem europäischen in ein anderes europäisches Land wandern; c) solche, die zwischen Europa und überseeischen Ländern hin- und herwandern. Innerhalb ihres Heimatlandes wandern zahlreiche Deutsche aus dem Osten nach dem Westen Deutschlands und zurück. Wandert fast eine Milhon Italiener. Wandern aber in allen Ländern beträchtliche Teile der Bevölkerung, die sich statistisch nicht erfassen lassen. Zwischen den europäischen Ländern wandern wiederum namentlich die Italiener. Aus Italien wanderten, wohl größtenteils „periodisch“, während der Jahre 1903—1911 jährlich 200—300000 Personen aus; davon ein Viertel nach Deutschland, ein Fünftel bis ein Drittel (zunehmend) in die Schweiz, ein Fünftel bis ein Viertel nach Frankreich. Ina Britschgi-Schimmer, a. a. O., S. 9. Im Jahre 1913 wurden in Italien 313032 freie Reisepässe nach Europa ausgestellt, davon 81947 für Deutschland. Graf S. Jacini, a. a. O., S. 127 ff. Dann aber sind es vor allem die Bewohner der osteuropäischen Länder: Rußland, Polen, Österreich, die große Massen ihres Bevölkerungsüberschusses regelmäßig nach Westeuropa entsenden: siehe darüber die Bemerkungen weiter unten unter III. 2. Auch zwischen Europa und den überseeischen Ländern haben sich in den letzten Jahrzehnten vor dem Kriege Wanderströme gebildet, von denen wir ebenfalls nicht viel mehr wissen, als daß sie da sind. Die Schwierigkeit, die zweite und dritte Gruppe statistisch zu bestimmen, liegt darin, daß die amtliche Statistik nur in seltenen Fällen die Möglichkeit bietet, die periodischen Wanderarbeiter von den endgültigen Aus- und Rückwanderern zu unterscheiden. Was sich an zuverlässigen Feststellungen machen läßt, werde ich in dem hier folgenden Unterabschnitte mitteilen. III. Die Bedeutung der Bevölkerungsumschichtung für den Kapitalismus 1. Die Kolonialländer Unzweifelhaft bedeutet die Besiedelung der Kolonialländer durch europäische Auswanderer zunächst eine empfindliche Hemmung für den Kapitalismus: sie entzieht ihm die — ach! — so nötigen Arbeits- Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 393 kräfte. Die terra libera saugt sie auf. Das beißt: die Auswanderer bleiben entweder durch die Erwerbung eigenen Grund und Bodens vor dem Sturz in das kapitalistische Abhängigkeitsverhältnis bewahrt oder scheiden sogar — wenn sie aus Lohnarbeitern freie Siedler werden, was sicher in zahlreichen Fällen, namentlich bei ländlichen Arbeitern, zutrifft — aus dem kapitalistischen Nexus aus. Dort hegt für den kapitalistischen Unternehmer lediglich ein lucrum cessans, hier ein damnum immergens vor. Wie sich die Aufsaugung der Einwanderer durch die Ansiedlung auf Neuland in der früheren Zeit vollzieht, können wir an dem Beispiel der Vereinigten Staaten von Amerika, für die eine so vorzügliche, weit zurückreichende Statistik vorhegt, ziffernmäßig verfolgen, wenn wir die Zahl der Einwanderer der Zahl der neugeschaffenen Farmen gegenüberstellen. Ich will annehmen, daß eine neubegründete Farm nur drei Einwanderer beansprucht, also drei Personen die Möglichkeit eines Daseins als freie Siedler schafft, und komme dann auf Grund einer Berechnung an der Hand der im Statistical Abstract US. mitgeteilten Ziffern zu folgendem Ergebnis: J ahrzehnt Zahl der Einwanderer Zahl der Farmen am Ende des Jahrzehnts Zunahme der Zahl der Farmen während des Jahrzehnts Von 1000 Einwanderern konnten Farmer werden 1820-1830 143 439 _ _ _ 1831-1840 599125 — — — 1841-1850 1 713 251 1449 073 — — 1851-1860 2511060 2 044077 595004 714 1861-1870 2 377 279 2 659 985 615 909 779 1871-1880 2 812191 4008 907 1348 922 1442 1881-1890 5 246 613 4564 641 555 734 316 1891-1900 3 687564 5 737 372 1172 731 926 Rechnen wir diese Jahrzehnte des alten Jahrhunderts ineinander und ziehen den Durchschnitt (ein solches Verfahren wird, scheint mir, den wirklichen Vorgängen am ehesten gerecht), so ergibt sich, daß in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts 83,5 % der Auswanderer noch Siedler werden konnten, wenn wir die Farmerfamilie zu drei Personen veranschlagen. 394 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Ich sagte: diese Menschenmassen verlor der Kapitalismus. Aber gewiß nicht — das müssen wir nun feststellen — zu seinem Schaden. Denn sie wurden ihm — auf Umwegen — viel wichtiger, als sie ihm in ihrer Eigenschaft als Lohnarbeiter gewesen wären: diese 20 Millionen Menschen waren es ja, die durch die Erschließung von Neuland ihm die Möglichkeiten für die Beschaffung des nötigen Sachkapitals schufen und für den nötigen Absatz seiner Erzeugnisse sorgten: s. d. 29. Kap. Die Lage ändert sich nun mit des Jahrhunderts Wende von Grund aus: die terra libera ist im wesentlichen vergeben, der Strom der Einwanderer schwillt gleichwohl immer stärker an, wie folgende Ziffern erweisen: Von Zahl der Zunahme 1000 Ein- Jahrzehnt Zahl der Farmen am der Farmen Wanderern Einwanderer Ende des Jahrzehnts während des Jahrzehnts konnten Farmer werden 1901-1910 8 795 386 6 361502 624130 213 1911-1920 5 735 811 6448 342 86 841 45 In Jahrfünften stieg der Strom der Einwanderer bis zum Kriege wie folgt; es wanderten ein: 1900—1904 . 3255149 Personen 1905-1909 . 4947239 1910-1914 . 5174701 Das heißt also: was jetzt in die Vereinigten Staaten einwandert, kommt für die Besiedelung des Landes nur noch in ganz geringem Ausmaße in Betracht. Die Einwanderer müssen etwas anderes werden als Farmer. Was werden sie? Die amerikanische Statistik gibt uns darüber Aufschluß. Und zwar getrennt für zwei Gruppen von Einwanderern, die sie jetzt unterscheidet: sogenannte alte und neue Einwanderer. Damit hat es folgendes auf sich. Ungefähr gleichzeitig mit der Schließung des Siedlungslandes hat sich in der Zusammensetzung des Einwanderungsmaterials eine wesentliche Veränderung vollzogen: an Stelle der vorwiegend germanischkeltischen Einwanderer aus Nordwesteuropa und Deutschland sind Romanen, Slaven, Juden aus Süd- und Osteuropa getreten, das heißt aus jenen europäischen Gebieten, in denen gegen das Ende des 19. Jahr- Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 395 hunderts, wie wir feststellen konnten, sich eine wachsende Übervölkerung bemerkbar macht. Die amerikanische Einwanderungsstatistik bezeichnet nun jene als „alte“, diese als „neue“ Einwanderung. Die Verlegung des Schwerpunktes aus der alten in die neue Einwanderung ist aus folgenden Ziffern ersichtlich: es machte in den Jahren ihres höchsten Standes (vor 1910) von der Gesamteinwanderung aus: die alte Einwanderung die neue Einwanderung 1882 .... 87,1% 12,9% 1907 .... 18,9% 81,1%. Die Nationalitäten, die im letzten Jahrzehnt vor dem Kriege am stärksten an der Einwanderung beteiligt waren, sind Süditaliener (die die amerikanische Statistik von den Norditalienern trennt: die Norditaliener selber bedienen sich gern des doppelsinnigen Wortes: „i sudici“, um ihre Landsleute von da unten zu bezeichnen), Juden und Polen. Die Zahl ihrer Einwanderer betrug von 1899 bis 1914: absolut in Proz. Süditaliener. 2690626 19,2 Juden. 1485641 10,6 Polen. 1402695 10,0 Vgl. Kaplun-Kogan a. a. O. S. 11. Die Berufe, denen sich die Einwanderer zuwenden, sind nun verschieden, je nachdem es sich um alte oder neue Einwanderung handelt, wie aus folgender Übersicht hervorgeht, die Aufschluß gibt über die Beschäftigung, die die Einwanderer in den Jahren 1899—1909 ergriffen haben: Beschäftigung Alte Einwanderung Neue Einwanderung Zahl Anteil Zahl Anteil 1. Geistige Berufe . . . 56406 2,5 17080 0,3 2. Gelernte Arbeiter . . . 442754 19,5 441984 8,9 3. Ländliche Arbeiter . 138598 6,1 1142064 23,1 4. Landwirte. 40633 1,8 42605 0,9 5. Erdarbeiter. . 402074 17,7 1814180 36,7 6. Dienstboten .... 424698 18,7 403784 8,2 7. Verschiedene Berufe. 90109 4,0 46324 0,9 8. Ohne Beruf .... 678510 29,8 1041049 21,0 9. Insgesamt ..... . 2273782 100,0 4949070 100,0 Die Tabelle läßt vor allem erkennen, was das Wichtigste ist, daß Siedler so gut wie gar nicht mehr ein wandern: Landwirte machten 1,8 und 0,9 % der Gesamtheit aus. Von den geistigen Berufen und den Dienstboten abgesehen (die Gruppe 8 umfaßt die Angehörigen, ist also unter Gruppe 1—7 zu vertielen), bestehen die Einwanderer nur 396 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte noch aus Lohnarbeitern: die neue Einwanderung liefert mehr ländliche und Erdarbeiter, die alte mehr „gelernte“ Arbeiter, beide aber liefern im wesentlichen Lohnarbeiter. Die 4381654 Personen der Gruppen 2, 3 und 5, die in dem Jahrzehnt 1899—1909 in die Vereinigten Staaten aus Europa eingewandert sind, bedeuten also für den amerikani- schenKapitalismus einen reinen Zuwachs an Arbeitskräften, und man kann nicht scharf genug betonen, daß dessen rasche Blüte zum guten Teile dieser Zufuhr von Arbeitskräften aus Europa zu danken ist. Natürlich hat diese Mästung des amerikanischen Kapitalismus mit Europäern schon vor der Jahrhundertwende, wenn auch in geringerem Umfange, stattgefunden. Und was für den Kapitalismus der Vereinigten Staaten gilt, gilt für allen Kapitalismus der Kolonialländer: er baut sich in weitem Umfange auf dem Arbeitermaterial auf, das ihm Europa liefert. 2. Die europäischen Länder Wir haben eben gesehen: Europas Kapitalismus verliert Dutzende von Millionen Arbeitskräfte durch die Auswanderung, mit deren Hilfe der Kapitalismus in den Kolonialländern zur Entwicklung gebracht wird. Aber der Schaden — das müssen wir nun einsehen — wird zum guten Teil ausgeglichen durch die Wanderungen, die, wie wir wissen, innerhalb Europas selbst stattfinden. Die Struktur des europäischen Wirtschaftslebens bringt es mit sich, daß in einzelnen Ländern der Kapitalismus höher entwickelt ist als in andern. Diese unentwickelten Länder leiden nach dem, was wir feststellen konnten, an der Übervölkerung des platten Landes und können Arbeitskräfte in die Länder mit fortgeschrittener, kapitalistischer Kultur abgeben. Dieser Zuzug fremder Arbeitskräfte in die führenden Länder des Kapitalismus: Großbritannien, Frankreich, Deutschland, wiegt den Abgang durch Auswanderung wenigstens im letzten Menschenalter reichlich auf. Diese Staaten verschlucken viel mehr fremde Arbeitskräfte, als sie einheimische ausspeien. Und wiederum: nur diese Hereinziehung fremder Arbeitskräfte hat die rasche Entwicklung des westeuropäischen Kapitalismus im letzten Menschenalter möglich gemacht. Man kann getrost behaupten, daß ebensowenig wie der Kapitalismus der Vereinigten Staaten, Kanadas, Australiens ohne den Zuzug europäischer Arbeiter, so der Kapitalismus Englands, Frankreichs, Deutschlands ohne die Einfuhr von Arbeitskräften aus den übrigen europäischen Ländern gedacht werden kann. Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 397 Seit langem beschäftigt Großbritannien fremde Arbeiter. Und zwar in den meisten Berufen: im Bergbau, in der Konfektionsindustrie (Londoner East-End mit seinen Juden und Slaven!), im Handelsgewerbe (deutsche Clerks!), im Gastwirtsgewerbe (deutsche Kellner!) u. a. Selbst in der Handelsmarine steigt die Zahl der Fremden beständig an: von 1890 bis 1904 beispielshalber sank die Zahl der beschäftigten Briten von 186147 auf 176975, während die Zahl der beschäftigten Fremden weißer Abstammung von 27227 auf 39832 stieg, das heißt von 14,6 auf 22,5%. Bericht der 1904 eingesetzten australischen Schiffahrtskommission bei M. Schippel in der Beilage zu Nr. 41 der Neuen Zeit XXV, 2, 56. Ebenso wie in Großbritannien sind in Frankreich (und der Schweiz) die immer wiederkehrenden Beschwerden der Arbeiterkongresse über die lästige Konkurrenz der fremden Arbeitskräfte Zeugnis genug für deren Verbreitung in den genannten Ländern. In Frankreich (und der Schweiz) sind es vor allem Italiener, die hereingezogen werden. Von 1000 in der Schweiz beschäftigten, gewerblichen Arbeitern waren Ausländer (nach der Betriebszählung von 1905) zwischen 146 (Metall- und Maschinenindustrie) und 556 (Baugewerbe). Vgl. J. Landmann, Kapitalexport, 77. Uber die in Frankreich überhaupt lebenden Fremden unterrichtet uns die Statistik wie folgt; es gab deren: 1851 . 379289 1881 . 1000454 1911 . 1132696 Man schätzt, daß davon 60% in der Industrie beschäftigt waren. Statistique generale de la France. Vgl. Marcel Paon, 1. c. pag. 172f. Gut sind wir auch über die Verhältnisse in Deutschland unterrichtet, über das deshalb, aber auch weil es vielleicht das in dieser Beziehung interessanteste Land ist, noch einige Mitteilungen gemacht werden mögen. Die Zahl der in Deutschland bei Gelegenheit der Volkszählungen ermittelten Ausländer betrug insgesamt: 1900 . 778737 1905 . 1028560 1910 . 1259880 Davon stammten aus: Österreich. 634989 den Niederlanden .... 144181 Rußland. 137668 Italien. 104265 der Schweiz. 68 233 Ungarn. 32087 Diese 1% Millionen sind nun natürlich nicht alle Lohnarbeiter. Wir werden sicher die Viertelmillion abrechnen können, um deren Zahl zu ermitteln. Auf der andern Seite stellt diese Million keineswegs die einzige Truppe dar, die die Reihen der einheimischen Lohnarbeiter auszuweiten berufen ist. Vielmehr müssen wir auch diejenigen fremden Arbeitskräfte in Anschlag bringen, die vorübergehend in Deutschland Arbeit verrichten. Das sind wohl diejenigen Personen, die von der Deutschen Arbeiter- 398 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte zentrale zur Einwanderung legitimiert werden. Das waren aber nach dem Bericht dieser Anstalt im Geschäftsjahre 1912/13 im ganzen 767000. Deren Zusammensetzung war folgende: 283000 Polen aus Rußland 76000 „ „ Österreich 91000 Ruthenen aus Österreich 60000 Deutsche „ „ 20000 „ „ Rußland Der größere Teil dieses Fremdvolkes wurde von der Landwirtschaft beansprucht, die bekanntlich ihren intensiven Saisonbetrieh auf den großen Gütern nur durch den Zuzug fremder Wanderarbeiter aufrechterhalten konnte. Die Zahl der von der deutschen Arbeiterzentrale ausgestellten Legitimationskarten für landwirtschaftliche Arbeiter betrug: 1911/1912 . 397 364 1912/1913.411706 Dazu sind noch diejenigen Fremden zu zählen, die in der Landwirtschaft tätig waren, aber dauernd ihren Wohnsitz in Deutschland hatten, jedenfalls am Tage der Volkszählung (1. Dezember), wenn die landwirtschaftlichen Wanderarbeiter bereits abgezogen sind, sich in Deutschland aufhielten: es waren im Jahre 1910 158404. Also rund 570000 fremde (östliche) Arbeitskräfte besorgten die Arbeit in der kapitalistischen Landwirtschaft Deutschlands. Da am 12. Juni 1907 in den Betrieben mit 100 ha und mehr Fläche, also in den Gutsbetrieben, 833912 Personen ständig beschäftigt waren (siehe Statistik d. D. R. Band 212, 2, 61), so machten die fremden Arbeiter über die Hälfte der ständigen (unter denen auch noch fremde gewesen sein werden) aus. In der Industrie waren im Jahre 1910 am Tage der Volkszählung 384317 fremde Arbeiter beschäftigt; davon entfielen auf: Bergbau, Hütten- und Salinenwesen. 72650 Baugewerbe. 67 600 Textilindustrie. 52 693 Bekleidungsgewerbe. 38455 Industrie der Steine und Erden. 35173 Metallindustrie. 25772 Industrie der Nahrungs- und Genußmittel . . . 21447 Maschinenindustrie. 17 905 Industrie der Holz- und Schnitzstoffe. 15821 Will man ins Gefühl bekommen, welche Bedeutung der fremde Arbeiter vor dem Kriege für die deutsche Industrie hatte, so muß man etwa die Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten lesen. Man findet dann kaum eine Industrie, die, namentlich in den Zeiten der Hochkonjunktur, nicht die Reihen ihrer Lohnarbeiter mit fremdem Arbeitermaterial aufgefüllt hätte. Zu berücksichtigen bleibt noch, daß die westliche Industrie ihren Arbeiterbedarf vielfach aus den agrarischen Gebieten des Deutschen Reiches gedeckt hat, wodurch die Polonifizierung z. B. des rheinisch-westfälischen Fiinfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 399 Industriebezirks noch beschleunigt wurde. Die Polen vermehrten sich in diesem Gebiet von 28391 im Jahre 1890 auf 247028 „ „ 1910 Auf den Werken des Allgemeinen Knappschaftsvereins in Bochum waren (1907) beschäftigt: 351532 Arbeiter insgesamt, davon 31875 Ausländer 130079 Arbeiter aus den östlichen Provinzen, darunter 85000 Polen. Von 1893—1908 stieg die Gesamtbelegschaft.um 128% die Zahl der Arbeiter aus den östlichen Provinzen.,, 231% die Zahl der Ausländer.„ 750% Vgl. Dr. Broesicke, Die Binnenwanderungen im preußischen Staat a. a. O. 3. Die Stadt Hier soll nicht nur die Bedeutung der Stadt für die Entwicklung des Hochkapitalismus, sondern das Problem der Städtebildung in dieser Zeitspanne ganz allgemein abgehandelt, also auch die Frage aufgeworfen werden nach den Typen der hochkapitalistischen Städte, nach ihrem Entstehungsgrunde und ihren Daseinsbedingungen. Die Untersuchung wird geführt an der Hand meiner Städtetheorie, die dem Leser der früheren Bände dieses Werkes bekannt ist (siehe Bd. I S. 124ff.) und die, wie sich immer mehr herausstellt, die einzige Handhabe bietet, den Tatsachenstoff sinnvoll zu ordnen. a. Die Typen der lioclikapitalistisclien Stadt So vieles sich auch im Zeitalter des Hochkapitalismus im Städtewesen geändert hat (die größte Änderung ist, wie wir sahen, die Ausdehnung und Verallgemeinerung der städtischen Siedlungsweise): die Grundtypen der Stadt im ökonomischen Sinne, die hier immer allein in Frage steht, sind dieselben geblieben, wie sie im Zeitalter des Frühkapitalismus, ja selbst des Mittelalters waren. Wir konnten deren zu jeder Zeit der europäischen Geschichte (seit es überhaupt Städte gibt) zwei nebst einer Mischform unterscheiden: Konsumtionsstädte, in denen Überschüsse der Urproduktion ohne eigene im wirtschaftlichen Verstände produktive Leistung herbeigezogen werden konnten, Produktionsstädte, in denen wirtschaftlich produktive Leistungen der Städter zum Eintausch jener Überschüsse genutzt und eben Konsumtions-Produktionsstädte, in denen diese beiden Mittel zur Be- 400 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Schaffung der für das Dasein der Städtebewohner notwendigen Überschüsse angewandt wurden. 6* Die verschiedenen Einzeltypen der Städte ergaben sich dann (und ergeben sich immer) durch die verschiedenen Möglichkeiten, über die, sei es die Konsumenten, sei es die Produzenten als primäre Städtebildner oder Städtegründer verfügen, um sich in den Besitz des notwendigen Lebensunterhaltes zu setzen. Ich vereinfache das Schema der Städtetypen im Zeitalter des Hochkapitalismus, indem ich drei Haupttypen hervorhebe: die Handelsund Verkehrsstadt, die Industriestadt und die „Großstadt“. a. Die Handels- und Verkehrsstadt Von den drei Typen der frühkapitalistischen Handelsstadt (siehe Bd. II S. 582ff.) ist — entsprechend der später zu besprechenden Umwandlung der Handelsorganisation — vor allem der dritte Typus: der Dispositionsplatz, wie ich ihn genannt habe, in der modernen Zeit zur Entwicklung gelangt: es sind diejenigen Städte, die vornehmlich vom Handels p r o f i t leben. Diese haben einen größeren Umfang einnehmen können in dem Maße, als die Mobilisierbarkeit und somit Mobilisierung der Güterwelt fortgeschritten ist (siehe das 18. Kapitel dieses Bandes). Zu der Quelle des Handelsprofits treten dann auch in unserer Zeit die übrigen Einnahmequellen, die die Tätigkeit des Warenumsatzes erschließt: Handelshilfsgeschäfte, Kontorarbeit, Spedition usw. Während es die Organisation des modernen Landverkehrs mit sich bringt, daß dessen Träger sich über das ganze Land zerstreuen und als Städtebildner schwer zu erfassen sind: — von dem Hauptverkehrsmittel, den Eisenbahnen, wohnt das Personal an Orten ganz verschiedener Art, und der Betriebsüberschuß wird dort, wo die Eisenbahnen verstaatlicht sind, in Gestalt von Beamtengehältern oder anderweiten Zuwendungendes Staates ebenfalls an wer weiß welchem Orte verzehrt —, befinden sich die Anstalten für den Schiffsverkehr, sei es des Binnen-, sei es des Seeschiffsverkehrs, häufig an bestimmten Plätzen, und zwar meist in größeren Handelsplätzen, vereinigt, wodurch dann die Verkehrs- oder die Verkehrs- und Handelsstädte entstehen. Beispiele etwa Liverpool, Marseille, Hamburg im großen Stil. Aber auch kleinere Städte dieses Typs gibt es natürlich. Ausgesprochene Handelsstädte (die Seestädte: Handels- u n d Verkehrs- städte) sind in Deutschland von den großen Städten die Hansastädte nebst Altona und etwa Franfurt a. M. mit einem Anteil der Erwerbs- Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 401 tätigen in C (Handel und Verkehr) an der Gesamtzahl der Erwerbs? tätigen (1907) von mehr als 30% (Höchstzahl Hamburg 40,6%); ihnen kommen nahe Stettin (27,8%), Köln (28,3%), Mannheim (28,4%), während der Durchschnitt des Anteils der genannten Berufsabteilung in allen (42) Städten über 100000 Einwohner 25,7%, im Reich 13% betrug. Ehedem, wie ich das seinerzeit ausgeführt habe, war die Bankierstadt eine Form der Handelsstadt, da die normale Kreditgewährung lediglich die Finanzierung des Warenhandels zum Gegenstände hatte. Das ist jetzt anders geworden, seit der Kredit, der der Indurtrie gewährt wird, sich viel bedeutender als der eigentliche Handelskredit entwickelt hat. Das Kreditgeschäft als Städtebildner hat daher in sehr verschiedenen Städtetypen Unterkunft gefunden: außer in der Handels- und Verkehrsstadt auch in der Industriestadt (für lokale Kreditgewährung) und in der „Großstadt“ (für nationale und internationale Kreditgewährung). ß. Die Industriestadt Die Industriestadt, worunter wir eine entsprechend mächtige Anhäufung von Menschen, die der Initiative der kapitalistischen Industrie ihr Zusammenleben und ihren Unterhalt verdanken, zu verstehen haben, entspricht der Handwerkerstadt des Mittelalters, die ebenfalls durch den Absatz gewerblicher Erzeugnisse ihr Dasein fristete und in kleinstem Ausmaße verharrte, wenn ihr Absatzgebiet die umliegende Landschaft war, zur Größe einer heutigen kleinen Mittelstadt gelangte, wenn ihr Feld die Welt war, wie etwa Nürnberg, Mailand, Florenz im 15. Jahrhundert. Als dann die kapitalistische Industrie aufkam, hatte sie zunächst gar keine städtebildende Kraft. Entweder nämlich sie war über das Land zerstreut, wie wir das für alle wichtigen Industrien haben feststellen können, die entweder hausindustriell organisiert waren oder des Rohstoffes oder der bewegenden Kraft wegen in die Wälder und an die Flußläufe gingen. Oder, wo der gewerbliche Kapitalismus schon großbetrieblich organisiert und von den beiden genannten Fesseln befreit war, deckte er im wesentlichen nur den Bedarf der Städter selbst, so daß also die gewerblichen Produzenten nur Anteil nahmen an den Bezügen ihrer Auftraggeber, somit nur darum und in dem Umfange stadtständig und stadtfähig waren, weil und insoweit andere Stadtbewohner für den erforderlichen Unterhaltsspielraum Sorge trugen. Sombart, Hoehkapitalismus. 26 402 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Das ist die Lage der meisten früheren Luxusindustrien. „Insofern kann die gewöhnliche Meinung für richtig angenommen werden, daß die Prachtfabriken in die großen Städte gehören, weil nämlich daselbst ihr ordentlicher Absatz ist“, meint Sonnenfels (Grundsätze der Polizey usw. [1771] 2, 109). Erst mit dem Eintritt in die hochkapitalistische Epoche beginnt die Industrie städtebildend zu wirken. Sie verdankt diese Kraft dem Zusammentreffen folgender Umstände: (1) Der Übergang zur Dampftechnik bewirkt oder befördert die Entstehung der geschlossenen Großbetriebe: die Hausindustriellen werden aus ihrer Vereinzelung gerissen und nun entweder in dem bisher nur handelsorganisatorischen Mittelpunkte (der Verlegerstadt) oder an einem sonst geeignet erscheinenden Punkte zusammengehäuft. (2) Dieser Punkt ist häufig das Kohlenlager, das mm zum Anziehungspunkte, vor allem auch für die zum Koksverfahren übergehende Eisenindustrie wird. (3) Vergrößert wird der Industriekern durch die Neigung zur Angliederung anderer Industriezweige an eine vorhandene Industrie. Die wichtigsten Fälle sind diese: (a) die Entstehung von Hilfsindustrien: namentlich von Maschinenbau- und -reparaturanstalten. Über die Gründe, die zur Zentralisation der großbritannischen Baumwollindustrie in der Umgegend von Manchester führten, bemerkt Schulze- Gävernitz, Großbetrieb, 51: „Die Vorteile sind augenscheinlich; so Vermeidung von kostspieligen Reparaturwerkstätten und Reservevorräten von Maschinenteilen, deren die einzeln liegende nicht entbehren kann. (Heute auch Vermeidung von besonderen Gasanstalten usw.) Allenthalben siedelten sich in den Mittelpunkten der Baumwollindustrie neben den Spinnereien die zugehörigen Maschinenwerkstätten an . . . Die örtliche Konzentrierung machte ferner erst einen zur Arbeit erzogenen, hochgelernten Arbeiterstand möglich.“ In gleicher Weise ist die Entwicklung der Züricher oder Augsburger oder Chemnitzer Maschinenfabrikation eine Folge der dortigen Spinnerei und Weberei, diejenige von Pirmasens eine Folge der dortigen Schusterei usw. Andere Beispiele sind: gewisse Chemikalienindustrien, Zeichen-, Modelleur- und Graveurgewerbe u. dgl. (b) die Entstehung von Komplementärindustrien, wie ich zusammenfassend diejenigen bezeichnen will, die sich entweder vorteilhaft an den Produktionsprozeß einer bestehenden Industrie anschließen (Walzwerk oder Gießerei an den Hochofen, Bleicherei und Färberei an die AVeberei), oder die Abfallprodukte einer Industrie verarbeiten (Gerberei und Leimsiederei), oder die zwei in der Nachbarschaft ge- .Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 403 fundene Rohmaterialien in ihrem Produktionsprozeß vereinigen (der wichtige Hauptfall ist die Ansiedlung der Eisenindustrie in der Nähe der Kohlen und Eisenerze, aber auch die Tonindustrie [Staffordshire!] wo Ton und Kohle nebeneinander ruhen, gehört hierher). (c) die Entstehung von Supplementärindustrien, wie ich jene Industriezweige zu nennen vorschlage, die eine bestehende Industrie gleichsam ergänzen durch Nutzung der von dieser vernachlässigten Elemente. Hauptfall: die Niederlassung von Weiberindustrien (Spinnerei, Weberei) neben Männerindustrien (Bergbau, Montan- und andere Industrien). (Über alle diese Dinge wird noch ausführlich zu handeln sein, wo die Betriebsgestaltung zur Darstellung gelangt. Siehe den dritten Abschnitt des dritten Hauptabschnittes.) Endlich muß man den letzten wichtigen Umstand in Betracht ziehen, um die städtebildende Kraft der modernen Industrie einzusehen: das ist die in allen solcherart zusammengeführten Industriezweigen bewirkte rasche Steigerung der Produktion, wie sie als eine notwendige Folge nicht nur der ökonomischen Entwicklung (Expansionsbedürfnis des Kapitals), sondern auch bestimmter Verschiebungen in der Gestaltung unseres Bedarfs sich einstellen muß. Die wichtigsten dieser, auf die Vermehrung der Industriebevölkerung hindrängenden Momente sind aber folgende: (1) die noch immer fortschreitende Verdrängung der längst noch nicht verschwundenen hausgewerblichen Eigenproduktion; (2) die zunehmenden Ansprüche an den Komfort des Lebens, die im wesentlichen nur durch Ausdehnung der gewerblichen Produktion befriedigt werden können; (3) der im achten Kapitel dieses Bandes (S. 97 f.) geschilderte wachsende Verzicht auf den Organisierungsprozeß der Natur, wodurch immer größere Gebiete unserer Gesamtproduktion der gewerblichen Arbeit zugewiesen werden. Was auf diese Weise entsteht, ist die reine oder, wie wir mit Rücksicht auf die Entstehungsart auch sagen können, primäre Industriestadt. In ihr nehmen die Erwerbstätigen der Abteilung B (Industrie) naturgemäß den breitesten Raum ein. Leider besitzen wir für kleine und mittlere Industriestädte keine zuverlässige Statistik, um den Anteil der in der Industrie beschäftigten Personen an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen genau feststellen zu können. Ich bin sicher, daß er 26 * 404 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte vier Fünftel, fünf Sechstel und mehr beträgt. Denn auch noch in denjenigen großen Industriestäten (über 100000 Einwohner), in denen sich schon andere Städtebildner den Industriellen zugesellen, macht der Anteil der in der Industrie Beschäftigten zwei Drittel und mehr aus (gegenüber — in Deutschland — dem Durchschnitt aller [42] großen Städte von 52,1 % und dem Reichsdurchschnitt von 42,8 %), wie folgende Zusammenstellung erweist: (1) Bergbau- und Hütten-Städte: Gelsenkirchen . . . ..77,0% Bochum.69,9 % Duisburg.66,8 %. (2) Metall- und Maschinenindustrie-Städte: Essen.69,9% Chemnitz ..68,7 % Nürnberg (?).64,0%. (3) Textilindustrie-Städte: Plauen.77,0 % Barmen.71,9% Krefeld.■ . . . 68,1%. (Stat. d. D. R. Bd. 211, Seite 164.) Die Industriestadt ist in ihrem Wesen ferner dadurch gekennzeichnet, daß sie am raschesten sich ausdehnt. Über den teilweise erstaunlich schnellen Wachstumsprozeß dieses Städtetypus unterrichten folgende Zahlenangaben: 1. Deutschland: Quellen: Für das Jahr 1816 bei den preußischen Städten nach dem Jahrbuch I (1863), 49ff., für die zweite Ziffer bei den Städten über 50000 Einwohner nach dem Jahrbuch deutscher Städte VII (1898), 251; hier ist das Jahr 1843 Zähltermin. Für die andern preußischen Städte ist die zweite Zahl für 1849 den „Tabellen . . . über den preußischen Staat für das Jahr 1849. Herausgegeben von dem statistischen Bureau zu Berlin I (1851)“, die dritte Zahl dem Stat. Jahrbuch entnommen. Chemnitz (1800) Gelsenkirchen (1880), nach Sundbärg, Ludwigshafen (1840) aus Stat. d. Dtsch. Reichs, Band 150 (1903), 186, Zwickau (1849) aus E. Engel, Das Königreich Sachsen 1 (1853), 164. 1816 1843 bzw. 1849 1900 1910 Aachen . . . . . 32072 46585 135235 156143 Barmen . . . . . 19030 32984 141947 169214 Beuthen . . . . . 1976 5912 51409 67718 Bochum . . . . . 2148 4067 65554 136931 Crefeld . . . . . 14373 29713 106928 129406 Chemnitz . . . . 14000 (1800) 26010 206584 287807 Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 405 1816 1843 bzw. 1849 1900 1910 Dortmund . . . 4465 7620 142418 214226 Düsseldorf . . . 14100 26134 213767 358728 Duisburg. . . . 4508 7506 92729 229483 Düren. 4777 8037 27171 32511 Elberfeld. . . . 21710 34956 156937 170195 Essen. 4721 7175 118863 294653 Gelsenkirchen . — 14615 (1880) 36935 169513 M.-Gladbach . . 1524 3150 58014 66414 Gleiwitz .... 3163 8099 52373 66981 Hagen .... 2555 5226 50609 88605 Hörde .... 1116 2936 25152 32791 Königshütte . . — 9000 (1868) 57875 72641 Ludwigshafen . — 1511 (1840) 61914 83301 Lüdenscheid . . 1896 4239 25250 32301 Recklinghausen 2441 3893 34042 41087 Remscheid . . . 1173 12467 58108 72159 Rheydt .... 3637 4309 34034 43999 Ronsdorf.... 2189 6764 13299 15365 Saarbrücken . . 5902 8804 23242 105089 Schwelm.... 2891 4288 16892 20438 Siegen .... 3275 6626 22111 27416 Solingen .... 3093 6973 45249 50536 Stassfurt . . . 1644 2356 20031 16794 Tarnowitz . . . 2152 4304 11854 13582 Velbert .... 525 765 16689 23134 Viersen .... 3307 5596 24797 30172 Wald. 2705 4863 18627 25274 Waldenburg . . 1768 3928 15106 19681 Witten .... ? 3960 33514 37450 Zwickau .... 2 12708 55825 75542 Wie man sieht, erleben die Textil- und Kleineisenstädte ihren Auf- schwung vor dem Ende des 19. Jahrhunderts, während die Chemie- und namentlich die Kohlen- und Eisenstädte erst recht seit 1900 mit ihrer Einwohnerzahl in die Höhe schnellen. Aber wie bescheiden ist die Entwicklung unserer Industriestädte im Vergleich mit den amerikanischen und selbst den englischen! Die geringere Ausdehnung erklärt sich zum Teil daher, daß es sich hier größtenteils um reine Industriestädte handelt und daß sie viel mehr in einem Gebiet von gegebener Größe liegen als etwa in den Vereinigten Staaten. 2. Vereinigte Staaten von Amerika: Wie alles in diesem Wunderlande, so geht auch die Städtebildung ins „Gigantische“, um ein drüben gern verwandtes Wort zu gebrauchen. Die Entwicklung der meisten Industriestädte setzt erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts ein, vollzieht sich dann aber so rasch, daß heute — ich setze für die Vereinigten Staaten die Ziffer von 1920 ein, da in diesem Lande die Entwicklungslinie des Kapitalismus nicht unterbrochen ist — 406 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte die großen Industrieorte erheblich zahlreicher sind als in ganz Europa zusammen. Ein beträchtlicher Teil der unten genannten Industriestädte ist dadurch gekennzeichnet, zum Unterschiede von den meisten europäischen, daß sie zugleich auch große Handels- und Verkehrsplätze sind, was mit der weiten Ausdehnung des Landes und seinem bis in die neueste Zeit stark landwirtschaftlichen Gepräge im Zusammenhänge steht. Ich füge bei den Orten, bei denen diese Doppelseitigkeit besonders in die Augen springt, ein (H) hinzu. Die Einwohnerziffern sind die Zensuszahlen. Ein Strich bedeutet, daß die Stadt in dem betreffenden Jahre noch ganz klein war oder überhaupt noch nicht existierte. 1840 1880 1920 Bayonne, N. J. . . . — 9372 76754 Berkeley, Cal. — - (1890: 5101) 56036 Buffalo, N.-Y. (H). . . 18213 155134 506775 Cincinnati, Ohio (H) . . 46338 255139 401247 Cleveland, Ohio (H) . . 6071 160146 796841 Denver, Colo. (H) . . gegründet 1858 35629 256491 Detroit, Mich. (H) . 9102 116340 993678 Indianapolis, Ind. . . . 2700 75056 314194 Jersey City, N.-J. (H) . 3072 120722 298103 Milwauky, Wis. (H) . . 1712 115587 457147 Minneapolis, Minn. (H) . 1860: 2564 46887 380582 Oklahoma City, Okla. — 1890: 4151 91295 Pittsburg, Pa. . . . . 21115 156389 588343 Portland, Oreg. . . . gegründet 1843 1870. 8293 17577 258288 Seattle, Wash .... — 3533 315312 Spokane, Wash . . . — 350 104437 Tulsa, Okla. — 1900: 1390 72075 Youngstown, Ohio . . — 15435 132358 3. Verschiedene Länder: a) England: 1760 1800 1850 1880 1910 Manchester . . . 30- -45000 94876 401321 638538 710000 Birmingham . . 28- -30000 70670 232841 400774 840000 Leeds. 17117 (1775) 53162 172270 309119 454000 Sheffield .... 20- -30000 45755 135310 284508 460000 Nottingham . . . 17711 28801 57407 186575 260000 Oldham .... — 21766 72357 111343 147000 Die Quellen für 1760 siehe im 2. Bande Seite 625. Das übrige sind die Zensuszahlen nach Sundbärg und dem Stat. Jahrbuch (für 1910). b) Frankreich: 1800 1850 1900 1910 Lyon. 109500 177190 459099 524000 Lille. 54756 75 795 210696 218000 Roubaix . . . 8000 34698 124365 123000 c) Polen: 1800 1870 1900 1910 Lodz. 200 34328 351570 404000 Nach Sundbärg und dem Stat. Jahrbuch (für 1910). Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 407 Das gemeinsame ökonomische Merkmal aller reinen Industriestädte ist ihre, wenn wir uns des Vergleichs bedienen wollen, aktive Handelsbilanz. Der Wertbetrag ihres Verzehrs wird durch die von ihnen gelieferten Erzeugnisse mindestens gedeckt. Bei genauerem Zusehen lassen sich dann zwei charakteristische Typen unterscheiden: sie können als industrielle Teilstadt und industrielle Vollstadt bezeichnet werden. Die industrielle Teilstadt ist diejenige, in der der Regel nach der in ihr gewonnene Unternehmerprofit nicht zum Verzehr gelangt. In diesem Falle trägt also die Industriestadt nicht nur zur Erhaltung ihrer eigenen Existenz bei, sondern ermöglicht die städtische Daseinsweise für andere, unter Umständen recht viele Personen. Die industrielle Teilstadt ist somit eine reine Arbeiterstadt, in der außer dem Industrieproletariat nur gerade soviel Direktoren und Beamte wohnen, als die Werke zu ihrer technischen Leitung durchaus gebrauchen. Ein ausgesprochener Typus einer solchen Proletarierstadt ist in Deutschland beispielsweise Königshütte in Oberschlesien, über dessen soziale Schichtungsverhältnisse ich in der ersten Auflage (2, 215f.) einige Angaben gemacht habe. Daß nun solcherart Städte quantitativ wie namentlich qualitativ in ihrer Entwicklung eine gewisse Grenze nicht überschreiten können, ist einleuchtend. Reine Arbeiterstädte ragen selten über das Niveau einer Mittelstadt hinaus, während der andere Typus der Industriestadt, derjenige, den wir die industrielle Vollstadt nennen wollten, die Neigung hat, sich zur Großstadt auszuwachsen. Hier bildet der Unternehmerprofit, der an Ort und Stelle zur Verausgabung gelangt, zunächst den Anreiz zur Entstehung eines neuen Stadtringes um den ursprünglichen industriellen Kern: der Stadt der Lieferanten für die wohlhabende Bevölkerung, und es ist dann ein natürlicher Vorgang in der Städteentwicklung, daß ein Ring neuer städtischer Bevölkerung einen zweiten, dritten usf. gleichsam aus sich hervorwachsen läßt. Ist dann die Stadt erst groß genug, um Mittelpunkt für Staatsrentner, das heißt Beamte und Militär, und ferner für den Handels- und Kreditverkehr der Umgegend abzugeben, so wird das Schrittmaß ihrer Ausweitung ein immer rascheres: die aus kleinen Anfängen erwachsene primäre Industriestadt hat die Bahn der „Großstadt“ beschritten. Vertreter dieses Typus sind beispielsweise in Deutschland von den aufgezählten Städten etwa Aachen, Barmen-Elberfeld, Krefeld, Chemnitz, Dortmund, Düsseldorf, Essen; von den amerikanischen Städten alle mit (H) bezeichneten; ferner die meisten der genannten englischen Industriezentren; in Frankreich Lyon. 408 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte y. Die „Großstadt“ Die Großstadt ist nicht dasselbe wie eine große Stadt: es gibt-Städte, die größer sind als eine Großstadt und die doch keine Großstadt sind. Will sagen: die Großstadt ist kein statistischer, sondern — an dieser Stelle — ein ökonomischer Begriff. Großstädte sind meist nur die Kapitalen großer Länder, die Kapitalen, zu deutsch: Hauptstädte, die nicht notwendig auch der Sitz der Zentralverwaltung eines Staates zu sein brauchen. Oder anders ausgedruckt: die Großstädte sind die Hauptstädte des Landes, nicht des Staates: Amsterdam, nicht der Haag, New-York, nicht Washington. Manche Länder sind reicher an Großstädten als andere, auch wenn die Zahl ihrer großen Städte geringer ist: je zentralisierter Kultur- und Wirtschaftsleben eines Landes, desto geringer die Zahl der Großstädte: Frankreich hat nur eine Großstadt: Paris; Deutschland hat deren mehrere: außer Berlin noch etwa München, Köln, Dresden, Leipzig, Hamburg. Die Vereinigten Staaten haben außer New-York noch Philadelphia, Chicago, San Franzisco. Ein sicheres Merkmal, das wie die Einwohnerzahl eine Stadt zur kleinen, mittleren, großen Stadt (natürlich auch auf gewaltsame Weise) stempelt, gibt es zur Bestimmung einer Großstadt begreiflicherweise nicht. Es wird immer Fälle geben, in denen es zweifelhaft ist, ob eine große Stadt eine Großstadt ist. Die einwandfreien Erscheinungsformen der Großstadt sind nur die ganz großen Hauptstädte ganz großer Länder: Berlin, Paris, Wien, einst St. Petersburg, London, New-York. An ihnen müssen wir beobachten, was das ökonomische Wesen dieses eigenartigen, in seiner vollen Entwicklung nur im Zeitalter des Hochkapitalismus auftretenden Städtetypus ausmacht. Eine genauere Untersuchung, die vor allem Berlin zum Gegenstand hat, liefert folgenden Befund. Die Großstadt ist ein mehrgliedriger Typ: sie ist „Industrie-, Handelsund Verkehrsstadt, kapitalistisches Dispositionslager, jedoch vor allem auch Konsumtionsstadt“; ihr wirtschaftliches Gefüge läßt sich im einzelnen etwa so beschreiben: Die Großstadt ist Industriestadt in dem Sinne, daß in ihrer Mitte gewerbliche Tätigkeit für die Ausfuhr (aus der Stadt) verrichtet wird. Sie ist aber Industriestadt zum geringsten Teile. Was eine Industrie, die Stadt zu bilden vermag (also nicht für den Absatz an die Städter arbeitet), in eine Großstadt führt, kann sehr verschiedener Art sein: (1) Wo Großstädte aus Industriestädten erwachsen sind, sind es die Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 409 Gründe, die wir kennen gelernt haben, als wir den Entwicklungsursachen einer Industriestadt nachgingen. (2) Vielfach verdanken die Industrien in den Großstädten einem reinen „Zufall“ ihr Dasein: wie etwa die in Berlin von den Königen im 18. Jahrhundert großgezogene Textilindustrie. (3) Aber die große Stadt ist auch aus ökonomisch-rationalen Erwägungen als Standort aufgesucht worden. Die Zweckmäßigkeitsgründe waren: (a) Vorzüge des Arbeitsmarktes: daß in den großen Städten die besten oder die billigsten oder überhaupt Arbeitskräfte sich vorfanden: so führt noch Marl o (Untersuchungen 3, 404), der in den 1850er Jahren allerdings inDeutschland schrieb, den Maschinenbau als einen städtischen Industriezweig an, weil er einen „.außergewöhnlich großen Betrieb erheische“. Die Berliner Maschinenindustrie verdankt ihr Dasein teilweise den irrationalen Gründen, daß sie durch tüchtige Berliner Schlosserin eister begründet worden ist, teilweise der rationalen Erwägung, daß sich nur in Berlin die nötige Anzahl gelernter Schlosser vorfand. Die Lieblingsindustrie der Großstädte — die Konfektion — ist ausschließlich wegen der billigen weiblichen Arbeitskräfte hier angesiedelt; (b) die Nähe der Handels- -und Kreditunternehmungen: (c) die Nähe wissenschaftlicher und technischer Hilfskräfte. Ein großer Teil dieser Gründe hat nun aber heute, sei es infolge der zunehmenden Intensität der kapitalistischen Wirtschaftsweise, sei es insbesondere dank der Vervollkommnung unserer Transporttechnik, seine Bedeutung verloren. Die auch außerhalb der Großstädte zunehmende städtische Kultur hebt das Niveau der Arbeiterbevölkerung so sehr, daß auch in kleineren Orten qualifizierte Arbeiter in großer Menge gefunden werden; das Telephon und der Telegraph haben die Verbindung mit den Handels- und Bankfirmen der Großstädte so erleichtert, daß eine sofortige Verständigung auf große Entfernungen möglich ist; wenn aber nicht zwischen den Handelsfirmen und der industriellen Unternehmung, so zwischen deren Eabrikbetriebe und ihrem geschäftlichen Kontor, ihrer Verkaufsstelle, die sie in der Großstadt unterhält. Während solcherweise die moderne Entwicklung die Notwendigkeit für die kapitalistische Industrie verringerte, sich in den Mittelpunkten des Verkehrs anzusiedeln, schuf sie eine Reihe von Umständen, die dieser Großstadtstendenz geradezu entgegenwirkten. 410 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Da der Produzent dank der zunehmenden Verschärfung der Konkurrenz immer mehr auf Verbilligung seiner Herstellungsweise zu achten hatte, wurde ihm die Verteuerung der Produktion durch die Verteuerung des Standortes in den großen Städten, wie sie infolge raschen Steigens der städtischen Grundrente sich überall einstellt, durch die Verteuerung der qualifizierten Arbeitskraft, namentlich infolge besserer Gewerkschaftsorganisation (Zuschläge zu den Tarifen in den Großstädten!) lästig. Was also an Vorteilen die Großstadt etwa noch bot, wurde in vielen Fällen reichlich aufgewogen durch jenen Übelstand zunehmender Verteuerung des Standorts und der Arbeitskraft. Deshalb beobachten wir schon seit einigen Jahrzehnten als eine allgemeine Erscheinung in allen Kulturländern den Auszug wichtiger Industrien aus den größten Städten und können selbstverständlich daraus schließen, daß sich neue Industrien dieser Art nicht etwa eigens in den großstädtischen Mittelpunkten neu ansiedeln werden. Für Manchester und Leeds: vgl. Marshall, Principles, 332; für New- York: F. A. Weber, a. a. 0. S. 202; für Berlin: 0. Wiedfeldt, Berliner Industrie (1898), 161 (Textil-Ind.), 254 ff. (Maschinen-Ind.), 262 (Wagenbau); für Wien: Ergebnisse und stenographisches Protokoll der Enquete über Frauenarbeit, abgehalten in Wien 1896, 1897; „der größte Teil der Großindustrie hat Wien verlassen“ (S. VIII). Die wichtigste Gegentendenz gegen die Entstadtlichungstendenz der Industrie ist der Widerstand der organisierten Arbeiter, sich von ihrem Nährboden, der Großstadt, losreißen zu lassen. Was wir heute also an Industrien in den Großstädten antreffen — immer abgesehen selbstverständlich von der ständig wachsenden Industrie, die den lokalen Bedarf deckt — werden wir füglich in drei Kategorien teilen können: (1) solche, die dem Beharrungsgesetz ihr Weiterbestehen an dem einmal gewählten Standort verdanken, und das sind gewiß nicht die wenigsten: kommt doch auch in Betracht, daß ein bestehendes U nter- nehmen so lange nicht unmittelbar unter den Geißelschlägen der Grundrente zu leiden hat, als es auf erbangesessenem Grund und Boden steht; (2) solche, die gegen die Schädigungen durch die Grundrente unempfindlich sind, sei es, daß sie die durch diese bewirkte Verteuerung nicht zu fürchten brauchen (Industrien, die sehr kostbaren Rohstoff verarbeiten, wie Gold- und Silberwarenfabriken, oder die durch Qualitätsarbeit dem Rohstoff einen sehr hohen Wert zusetzen, wie viele Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 411 Luxusindustrien, namentlich aber die Kunstgewerbe: Kunsttischlerei, Kunstschlosserei, Klavierbau usw.), sei es, daß sie imstande sind, die Lasten der Grundrente auf andere (Arbeiter!) abzuwälzen: das ist der Fall bei allen Hausindustrien, die deshalb, begünstigt durch das Vorhandensein eines besonders billigen Menschenmaterials — Weiber! tieferstehende Kassen! — heute zu den Hauptvertretern der großstädtischen Industrien gehören; (3) solche, die ihrer Natur nach die Großstadt nicht entbehren können, vielleicht wegen des hier allein vorhandenen hochentwickelten Geschmacksgefühls, wegen der Vorteile, die ich Fühlungsvorteile nenne (Maßschneiderei, Zeitungsdruckerei) oder dergleichen. Der Industrien, die dieser Gruppe angehören, gibt es aber sicher heute nur noch wenige und ihre Zahl wird wiederum in dem Maße geringer, als die Kultur sich auch außerhalb der großen Städte verbreitet. Die Großstadt ist also in immer geringerem Maße „Industriestadt“, das heißt: lebt in immer geringerem Umfange von ihrer gewerblichen Tätigkeit. Ich versuche das an dem Beispiele Berlin ziffermäßig nachzuweisen. Die „ Industriestadt “ Berlin Wenn E. Engel das Ergebnis seiner sehr zu Unrecht vielgerühmten Studie über die Industrie der großen Städte in die Worte zusammenfaßt: ,,An der Stadt Berlin bewahrheitet sich sonach, was jetzt wohl von jeder großen Stadt zu behaupten steht, daß sie im wesentlichen eine Industriestadt und ihr rapides Wachstum eine Folge dieser Eigenschaft ist, wie auch das staunenswerte Wachstum aller übrigen Großstädte sich ganz entschieden auf diese Ursache zurückführen läßt“ (Berlin und seine Entwicklung. Gemeindekalender und städt. Jahrbuch für 1868. S. 143), so war das schon für die damalige Zeit entschieden falsch. Heute ist eher das Gegenteil richtig. Gleichwohl schleppt sich diese Ansicht wie eine ewige Krankheit durch unsere Literatur fort. Und Männer vom Range Karl Büchers machen sie sich unbesehen zu eigen. Siehe seinen Vortrag in dem Sammelwerke: „Die Großstadt“. 1903. Keiner aber nimmt sich die Mühe, einmal mit dem Rechenstift in der Hand sich an die Zahlen der Berufsstatistik heranzusetzen und nachzurechnen, was denn in einer Stadt wie Berlin an städtebildenden Industrien etwa vorhanden ist. Die Gesamtzahl der Berufsstatistik, die uns die in der gewerblichen Produktion Erwerbstätigen angibt, besagt natürlich gar nichts, da sie ja sämtliche Lokalgewerbe, die für die Städtebildung nicht in Betracht kommen, mit umfaßt. Es handelt sich darum, in jedem einzelnen Gewerbefalle festzustellen, wieviel davon für den Ortsverbrauch, wieviel für die 412 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Ausfuhr aus der Stadt arbeitet. Diese Ziffer ist dann die städtebildende Quote des einzelnen Gewerbes. Genau läßt sich diese Quote naturgemäß nur mit Hilfe einer weitgespannten Enquete ermitteln. Aber eine annähernd richtige Vorstellung von dem Anteile der Ausfuhrindustrie an der gesamten gewerblichen Tätigkeit läßt sich doch schon durch eine genaue Prüfung des in der Berufszählung vorliegenden Ziffernmaterials gewinnen. Ich habe eine solche Prüfung in der Weise vorgenommen, daß ich zunächst einmal die unzweifelhaft örtlichen Bestandteile eines Gewerbes aus der Gesamtziffer des Gewerbes ausschied und für den Rest den Anteil der Ausfuhrindustrie schätzte, immer zugunsten dieser entscheidend, so daß die für die Größe der Ausfuhrindustrie gewonnenen Ziffern als Höchstbeträge angesehen werden müssen. Den Stoff für diese Untersuchung bieten die Zusammenstellungen in Band 211 der Statistik des Deutschen Reichs, S. 126ff. und 240ff. Das Ergebnis ist folgendes: (Siehe S. 413). Also: von den 54,3%, die alle gewerblichen Produzenten von der erwerbstätigen Bevölkerung Berlins (rund 1 Million) ausmachen, gehört höchstens die Hälfte — 25,8% — zu den Städtebildnern. Angesichts dieser Tatsache Berlin eine „Industriestadt“ zu nennen, ist höchst lächerlich. Mindestens den gleichen, wenn nicht einen höheren Anteil an der Bildung der Großstädte nehmen Handel und Verkehr, zumal wenn man dazu die Kreditgeschäfte rechnet. Daß die Hauptstädte der Sitz der Hochfinanz sind und es immer mehr werden, ist für deren Bestand von erheblich größerer Bedeutung als edle ihre gewerbliche Produktion. Ziffern zum Belege hierfür lassen sich schwer anführen (obwohl es meines Erachtens nicht ausgeschlossen ist, mit Hilfe der Einkommens- und Berufsstatistik zu ihnen zu gelangen). Wir stehen aber einerseits vor der Tatsache des immer mehr sich ausweitenden Kreditverkehrs, für die ich in früheren Kapiteln hinreichende Belege beigebracht habe; andrerseits vor der ebenso unbestreitbaren Tatsache, daß sich dieser Kreditverkehr immer mehr in den Hauptstädten der Länder zusammenballt. So lehrt uns beispielsweise die Statistik, daß in zehn deutschen Großstädten (im statistischen Sinne) im Jahre 1858 im Geld- und Kredithandel 741 Personen, davon in Berlin 244 Personen, im Jahre 1907 dagegen 21835 Personen, wovon 16943 in Berlin, beschäftigt waren. Damals betrug der Anteil Berlins 32,9 %, 1907 betrug er 77,6%: siehe meine „Deutsche Volkswirtschaft“. Die bisher betrachteten Quellen des großstädtischen Unterhalts sind (im kapitalistischen Sinne) produktiver Natur. Das heißt: der Unterhalt fließt aus den Arbeitslöhnen und dem Kapitalprofit kapitalistischer Unternehmungen, die in der Großstadt ihren Sitz haben. Zu diesen auf dem Wege der Produktion gewonnenen Mitteln zur Städtebildung treten nun aber in ganz erheblichem Umfange Anrechte Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 413 Gewerbe Hauptberuflich in Berlin Erwerbstätige Davon sind unzweifelhaft Lokalgewerbe 1 <13 0«z -13 <13 In der Ausfuhr- industrie beschäftigte Erwerbstätige Industrie der Steine Ziegelei (im Reich und Erden .... 5 741 36 °/o der Gewerbe- % gruppe) Metallindustrie . . . 63 554 Schlosserei Schmiederei Klempnerei Vs (im Reich 60°/o) Maschinenindustrie . 66 958 Stellmacherei Elektrotechnik Automobil- und % Fahrradherstellung (teilweise) Chemische Industrie 5 531 Apotheken (im Reich 11,3 °/o) % Forstwirtschaftliche 5 857 Gasanstalten V 2 Nebenprodukte, Leuchtstoffe usw. . (43%) Textilindustrie . . . 12 232 Färberei 9 /io Papierindustrie . . . 15 965 Buchbinderei und Kartonnagenfabri- Vs kation (45 %) Lederindustrie . . . 14 764 Sattlerei und Tape- Vs Ziererei (59%) Industrie der Holz- 44018 Tischlerei (größten- Vs und Schnitzstoffe . teils), Böttcherei, Drechslerei (70,7 %) Industrie der Nah- 46 163 Bäckerei, Kon- Vs rungs- und Genuß- ditorei, Fleischerei, mittel. Brauerei (sicher zu 4 / 6 ), Müllerei, W asserversorgung (66,6%) Bekleidungsgewerbe 143 593 Schusterei, Kürschnerei, Putzmacherei % und von der Schneiderei und Näherei doch immerhin ein beträchtlicher Teil, z. B. die ganze Maß- und Flickschneiderei sowie die Hausnäherei Reinigungsgewerbe . 22 692 ganz 0 Baugewerbe .... Polygraphische Gewerbe . 70 003 21685 ganz Zeitungsdruckerei (zum größten Teil), 0 Vs • Steindruckerei, | Photographie Künstler. Gewerbe . 4 294 | ganz 0 Insgesamt. 543050 - — 3 826 31 777 50 217 4 424 2 928 11000 7 982 4 921 14 673 15 387 107 169 7 228 257 725 414 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte auf Güterbezüge von auswärts, die auf andere Weise als durch produktive Tätigkeit in der Großstadt selber erworben sind. Und insoweit diese Anrechte zur Städtebildung beitragen, kann man sagen, daß die Großstadt Konsumtionsstadt ist. Solche Anrechte stammen: (1.) aus Kapitalprofit, der in auswärtigen Unternehmungen gewonnen ist. Und das ist sicher ein großer und immer wachsender Betrag; (2.) aus Gehältern und Pensionen staatlicher und städtischer Beamter, die eine um so größere Summe ausmachen, je mehr sich die Landesverwaltung in den Hauptstädten zusammenballt und diese zugleich von den Pensionären aufgesncht werden; (3.) aus den Einkommen der Fremden, die die Großstadt aufsuchen. Dieser Posten spielt in mancher der Hauptstädte eine sehr große Rolle: allen voran in Paris, wohin sich die Reichen aus aller Herren Länder zurückziehen, in geringerem Maße auch in einer Stadt wie Berlin, in dem aber (1911) immerhin 1348835 Fremde einkehrten (Stat. Jahrbuch deutscher Städte). Alles in allem ist es ein buntes Bild, das die Großstädte darbieten, die, wie ich oben sagte, ihre Eigenart aus der Vielgliedrigkeit ihrer Bildner ziehen. b. Die Existenzbedingungen der Städte: „Der Zug nach der Stadt“ Überblicken wir die ökonomischen Existenzbedingungen der Städte im allgemeinen und der modernen Städte, zumal der Großstädte, im besonderen, so werden wir sachliche und persönliche Existenzbedingungen unterscheiden können. Unter den sachlichen Existenzbedingungen steht an erster Stelle die Ermöglichung des Unterhalts wachsender städtischer Bevölkerungsmassen, also das entsprechende Wachstum eines zu freier Verfügung stehenden Überschußerzeugnisses der Landwirtschaft. Ein solches aber ist auf zwei Wegen herbeigeschafft worden: (1.) durch die zunehmende Ergiebigkeit der landwirtschaftlichen Produktion, wie wir sie im vorigen Abschnitt als eines der wichtigsten Ergebnisse modern-kapitalistischer Entwicklung kennengelernt haben; diese zunehmende Ergiebigkeit ist entweder das Ergebnis gesteigerter Produktivität der landwirtschaftlichen Arbeit oder eines Mehraufwands von Kapital; dieses in Form von Produktionsmitteln, deren Herstellung abermals eine städtische Beschäftigung geworden ist. Intensive Steigerung des Überschußproduktes; Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 415 (2.) durch zunehmende Ausweitung des Unterhaltsgebietes, von dem das Überschußprodukt genommen werden kann. Diese Ausweitung ist die Folge der vervollkommneten Transporttechnik, und hier — zum erstenmal — erscheint diese als ein Faktor der modernen Städtebildung. Ihre Bedeutung ist eine rein quantitative, keine grundsätzliche. Extensive Steigerung des Überschußproduktes. Die moderne Verkehrstechnik hat aber zur Städtebildung noch auf eine andere Weise beigetragen, indem sie nämlich (3.) das Zusammenleben und namentlich Zusammenarbeiten so vieler Menschen erst ermöglicht oder doch wenigstens ganz un- gemein erleichtert hat. Die Entfernung von der Porta San Sebastiano zum Forum oder Colosseum oder Circus Maximus beträgt zwar auch an die drei Kilometer. Aber der Weg war doch nicht täglich zurückzulegen. Und wenn er gemacht werden mußte, nahm man sich Zeit, wie heute etwa, wenn die Familie eine Landpartie macht. Die moderne Bevölkerung in den großen Städten hat aber Eile und muß doch jeden Tag mindestens zweimal kilometerlange Strecken durchlaufen. Da sind ihr nun die moderne Verkehrstechnik und Verkehrsorganisation zu Hilfe gekommen, und ein ganzes System von Verkehrsmitteln dient der Beförderung unserer Großstadtbevölkerung: zwangsläufige (Straßenbahn, Hochbahn, Untergrundbahn) und freiläufige (Pferdeomnibus, Kraftomnibus, Droschke). Öffentliche Verkehrsmittel für gemeinsame Personenbeförderung — der „Omnibus“ — sind zuerst in Paris (1819), dann in London (1829) eingeführt. Mit der Anlage zwangsläufiger Straßenbahnen — Trambahnen — ist Amerika vorangegangen (1832 New York—Harlem). Die erste Untergrundbahn wurde 1861—1863 in London erbaut, die erste Hochbahn 1878 in New York dem Verkehr übergeben. Im Jahre 1905 hatte London 67,5, Paris 106,0, Berlin 116,6 km Straßenbahn auf je 1 Million Einwohner. Über die Entwicklung der Verkehrsmittel in den größten Städten geben folgende Ziffern Aufschluß. a. Berlin Beförderte Personen: Omnibus Straßenbahn Stadt- und Bingbahn Hoch- und Untergrundbahn Bevölkerung Fahrten auf einen Einw. 1866 12502337 960551 665632 20,2 1902 78670498 342775474 77268634 18800000 1911665 272,4 1913 169655083 623113425 167737968 73098855 2079156 516,7 416 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte. b. London Beförderte Personen: Stadtbahnen, ohne den Stadtverkehr d. Hauptbahnen Straßenbahnen Omnibusse Bevölkerung Fahrten auf einen Einwohner 1876 40547398 41424428 _ 3605510 22,7 1901 236506162 269933750 340772414 6581402 128,7 1911 436498785 346000000 821819741 7251358 221,2 Ziffern bei R. Eberstadt, Handbuch des Wohnungswesens, 4. Aufl. (1920), 441, 447, 448 f. c. amerikanische Städte Fahrten auf einen Einwohner: New York . 396 Chicago . . 462 Philadelphia 480 Die Ziffern gelten für 1908 und wurden auf der Berliner Städtebauausstellung bekannt gegeben. Als persönliche Existenzbedingung der Städtebildung können wir die Möglichkeit bezeichnen, über eine dem Wachstum der Städte entsprechend große Menschenmasse zu verfügen, die gewillt oder genötigt ist, in der Stadt zu leben. Das sind aber zum überwiegenden Teile Menschen, die in die Stadt eingewandert sind, da sich der rasche Zuwachs der städtischen Bevölkerung selbstverständlich nicht aus der früher vorhandenen Bevölkerung in den Städten ergeben konnte. Wer waren die Massen, die während des 19. Jahrhunderts in die Städte strömten, und was bewog sie, hier ihren Wohnsitz aufzuschlagen ? (1.) Wer wanderte in die Städte? Diese Frage habe ich schon im wesentlichen beantwortet, als ich die Gründe auseinanderlegte, die die Menschen vom Lande und aus den kleinen Städten wegtrieb: was dort wegzog, finden wir, soweit es nicht auswanderte, hier wieder. Der Qualität nach gehören insbesondere die in die Großstadt einwandernden Personen entweder den obersten Schichten der gelernten Arbeiter oder den völlig ungelernten Arbeitern (Tagelöhner, Mädchen) an; jene liefern die Klein- und Mittelstädte, diese das Land. Eine der besten Untersuchungen über den Beruf der Eingewanderten vor und nach der Wanderung ist die von H. Llewellyn Smith, Influx of Population in Charles Booth, Life and Labour of the people in Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 417 London 3, 58ff. Der genannte Verfasser hat von 1000 Einwohnern, deren Hauptmasse nach London ging, früheren und späteren Beruf wie folgt ermittelt (a. a. 0. S. 140): vor der nach der Einwanderung Einwanderung Tagelöhner. 640 169 Gärtner. 17 52 B eschäf tigungen Eisenbahnarbeiter .... 5 92 im Freien Fuhrleute und Kutscher . 19 68 Brauknechte ....... 5 9 Träger, Laufburschen usw. 9 31 Gesinde < Bediente, Stallknechte usw. 16 75 Hausgesinde. 42 83 ■ Polizisten usw. — 34 Öffentlicher Soldaten, Schiffsleute. . . — 108 Dienst Postbeamte. Zimmerleute u. a. Holz- — 3 Baugewerbe arbeiter. Steinsetzer und Maurer . . 38 9 40 3 Maler. 36 21 Schuhmacher. 11 12 Schneider. 14 12 andere Müller. 7 — „gelernte“ Stellmacher und Schmiede 28 24 gewerbliche Gerber, Sattler usw. . . . 16 13 Arbeiter Maschinenbauer. Seifen-, Gas- u. a. che- — 9 mische Fabriken . . . Ladeninhaber und Hand- — 21 lungsgehilfen. 71 81 Detaillisten Restaurateure u. Angestellte Pfandleiher und deren An- 7 13 gestellte. Kaufmännisches Personal — 3 Verschiedene (Clerk). 7 15 Berufe [ Lehrer, Prediger usw. . . 3 9 1000 1000 Die Zuwanderung erfolgt meist im jugendkräftigen Alter, insbesondere zwischen 20 und 25 Jahren; die Folge ist eine Verschiebung des Altersaufbaues in den Städten zugunsten der produktiven Altersklassen. Von 295 Einwanderern, deren Alter Llewellyn Smith bei der Abwanderung feststellte (a. a. O. p. 139), waren: unter 15 Jahren. 16 15—25 Jahre .235 25-30 „ 27 über 30 ,, 17 Sombart, Hochkapitalismns. 27 418 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Es standen im Alter von Jahren: in: bis einschließlich 14 15—60 über 60 Wien. 261 680 59 Graz. 201 700 99 Triest. 287 638 75 Prag. 224 700 76 Brünn. 247 685 68 Lemberg. 246 698 56 Krakau. 247 694 59 im Staatsdurchschnitt 342 588 70 Rauchberg, Zug nach der Stadt, 145. Nach der Berufszählung (1907) gestaltete sich der Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland wie folgt; von 100 Personen standen: im Alter von in den außerhalb der in der in der in Handel Großstädten Großstädte Landwirtschaft Industrie u. Verkehr 20-30 20,5 15,6 18,3 28,0 24,7 30-40 16,2 13,1 18,0 24,0 27,2 20-40 W W "löj “527T lüpf Stat. d. Deutschen Reiches 211, 22; Stat. Jahrb. 1915, 21. (2.) Was die Wanderer antreibt, die Stadt als Wanderziel zn wählen, sind vor allem wirtschaftliche Vorteile, die sie sich versprechen: die Stadt ist der bessere Arbeitsmarkt, das ist es, was für die große Masse sie so anziehend macht. Diese Erleichterung des Fortkommens wird durch folgende Umstände bewirkt: ,a) die im großen Ganzen stets wachsende Nachfrage nach gewerblichen Arbeitskräften in den Städten und Industriebezirken. Dieser wachsenden Nachfrage ist die Landwirtschaft nicht fähig, weil sie keine beliebige Steigerung ihrer Produktion bei gleichbleibendem oder sogar erhöhtem Produktivitätsgrad vornehmen kann wie die Industrie; b) die stets wachsende Nachfrage nach persönlichen oder ihnen verwandten Dienstleistungen namentlich in den Großstädten, die in dem Maße stärker wird, wie diese immer mehr Reichtümer aufsaugen und zum Verzehr bringen; c) die höhere Entlohnung für gleiche Arbeitsleistung in den Städten. Diese aber ist tatsächlich in vielen Fällen höher als auf dem Lande aus verschiedenen Gründen: a) weil die Landwirtschaft im allgemeinen dem Gesetz des fallenden Ertrages untersteht, die europäische Landwirtschaft im besonderen aber in den letzten Menschenaltern unter dem Druck der überseeischen Konkurrenz zu leiden gehabt hat und deshalb angesichts der hohen Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 419 Bodenpreise „notleidend“ war, Industrie und Handel und Verkehr aber „im Aufschwünge“ waren, das heißt unter dem Gesetze des zunehmenden Ertrages arbeiteten; Das gilt namentlich für die Anfänge der Großindustrie, das heißt für jene Zeit, als die Produktivität der industriellen Arbeit plötzlich eine rasche Steigerung erfährt. So erfahren wir aus der Frühzeit der englischen Maschinenspinnerei, daß die Spinner nicht selten einen Wochenlohn von 30 s hatten, daß dieser in einem Etablissement z. B., dessen Besitzer Aussagen vor der Factory Commission machte, durchschnittlich 2 £ 13 s 5 d im Jahre 1830/31 in der Woche betrug: das war aber das Dreifache dessen, was ein Landarbeiter oder Handweber in derselben Zeit bei gleicher Arbeitszeit verdiente. Siehe Ure, Philosophy of Manufacture. 3. ed. p. 281, 283, 307. Das war der Lohn der erwachsenen Männer. Aber er genügte als Reizmittel, um die Massen anzuziehen. ß) weil mangels einer weitgehenden Zerlegung der Arbeitsverrichtungen in der Landwirtschaft keine Löhne für Elitearbeiter bezahlt werden können; y) weil in der Stadt — abgesehen von der Höhe der Individuallöhnung — ein höherer Familienverdienst als auf dem Lande erzielt werden kann: tausenderlei lohnende Beschäftigungen ergeben sich für die Frau und die Kinder, denen früher auf dem Lande oder in der Kleinstadt die heute dort weggefallene hausgewerbliche Tätigkeit der Familienglieder entsprach: Hausindustrie, Wäscherei, Plätterei, Hausbesorgung, Aufwartung, Kleinhandel, Botendienste u. dgl. für die Frauen; in den Anfängen Fabrikarbeit, Laufburschendienste u. dgl. schon für die jüngsten Kinder; Prostitution, Ladnerinnendienst und ähnliches für die erwachsene Haustochter: kurz Zuschuß verdienst von allen Seiten her erhöhen das Familieneinkommen meist weit über dasjenige der Familie auf dem Lande oder in der Kleinstadt. (3.) Neben den wirtschaftlichen wirken dann außer-wirtschaft- liche Beweggründe mit, die die vom Lande abgeflossenen Massen in die Stadt führen. Vielfach erscheint ihnen die städtische Arbeit leichter als die schwere Arbeit auf dem Lande: das Mistfahren hat schon manchen Burschen, das Melken schon manches Mädchen zur Stadt getrieben. Auch das Wort Bismarcks: der Tingeltangel sei schuld, daß das Land verödete, wird — in zeitgemäßer Ersetzung des Tingeltangels durch das „Kino“ — seine beschränkte Geltung bewahren. Daß alles, was die Großstadt an sogenannten Vergnügungen bietet, dem gemeinsten 27* 420 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Geschmack entspricht, ist ein Haupterklärungsgrund für die starke Anziehungskraft, die die Stadt auf die Masse ausübt, deren Geschmack naturgemäß immer auf der niedrigsten Stufe steht. Vor allem aber, das ist oft genug und mit vollem Rechte betont worden, ist es das Bedürfnis nach individueller Freiheit, was das Stadtleben reizvoll erscheinen läßt. Die „Freiheit“, die früher auf den Bergen wohnte, ist heute in die Städte verzogen, und ihr ziehen die Massen nach. Individuelle Freiheit bedeutet aber als Massenideal immer nur die Freiheit „wovon“, die Ungebundenheit, die Befreiung von dem Zwange der Nachbarschaft, der Familie, der Herrschaft. Der Grund, warum das Freiheitsideal sich so rasch unter die Massen verbreitet hat, ist — soweit nicht die bewußte Agitation, sondern der natürliche Lauf der Dinge zu seiner Verallgemeinerung beigetragen hat — ein zwiefacher: erstens ist das Freiheitsideal erst durch die Städteentwicklung zunächst einmal ein Massenideal geworden. Erst die Stadt emanzipierte das Individuum, und erst in dem Maße, wie die Stadt wächst, wächst das Empfinden großer Massen für den Wert der persönlichen Ungebundenheit. So entsteht ein neuer Maßstab für die Wertung des Lebens in den Städten und durch die Städte. Daß aber dieser Maßstab so schnell allgemeine Verbreitung findet, das ist gewiß das Werk unserer modernen Verkehrsentwicklung. Ihre größte Wirkung liegt in der Revolutionierung der Geister, die rascher, als es in früheren Zeiten ie der Fall war, von dem neuen Ideal städtischen Kulturlebens ergriffen werden. Es mag hier noch zur Bestätigung des Gesagten das Ergebnis einer Rundfrage mitgeteilt werden, die die Societe d’Economie sociale bei 240 Kürassieren veranstaltet hat über die Ursachen der Landflucht. Die Urteile der Befragten stimmen dahin überein, daß diese Ursachen seien „le manque de capitaux neeessaires ä un etablissement rural, le desir d’une profession assurant une retraite, les salaires de la ville, la durete de l’austerite de la vie rurale, la negligence des instituteurs ä donner une instruction technique agricole, leur insistence ä vanter la ville, enfin l’in- fluence des femmes qui ne veulent pas se marier pour habiter la Campagne“. Compte rendu du Congres de la Societe d’Economie sociale sur la desertion des campagnes en 1909. 2, 15, zitiert bei A. Souclion, 1. c. pag. 123—24. c. Die Bedeutung der Städtebildung Die Bedeutung der Städtebildung für die Entfaltung des kapitalistischen Wesens greift über die Bedeutung als Quelle von Arbeitskräften, wie ich schon andeutete, weit hinaus. Die hauptsächlichen Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 421 Wirkungen, die von den Städten ausgehen, lassen sich wie folgt umschreiben : 1. Die im letzten Absätze gemachte Bemerkung weist schon darauf hin, daß eine erste bedeutsame Wirkung der Städte im Bereich des Geistigen liegt. Wenn wir dort feststellen konnten, daß sie zur Entfaltung des Massenindividualismus ihr erhebliches Teil beigetragen haben, so war damit schon ausgesprochen, daß also die Entfaltung des kapitalistischen Geistes teilweise ihnen zu danken ist. Denn dieser Individualismus bildet ja von diesem einen Bestandteil. Und wie der Individualismus durch die Städte gefördert worden ist, so sind auch andere Züge des kapitalistischen Geistes erst in den Städten recht ausgeprägt worden: der Intellektualismus, die Rationalität, die Rechenhaftigkeit. Man kann sich schwer vorstellen, daß ohne die Städte, und zwar die Städte des hochkapitalistischen Zeitalters, das moderne Unternehmertum zur vollen Blüte sich hätte entfalten können. Man kann sich aber auch den modernen Kontormenschen und die ganze Kontorwissenschaft nicht ohne Städte denken. Man hat es ebenso deutlich im Gefühl, daß der Erfinder und Konstrukteur und Ingenieur und die ganze moderne Technik in den Städten den ihrer Natur gemäßen Lebenskreis gefunden haben. 2. Bedeutsam für den Kapitalismus werden die Städte auch dadurch, daß sie ihm ein Feld der Betätigung für die Ausdehnung seiner Produktion und des Absatzes seiner Waren schaffen, wie er es ohne sie kaum hätte finden können. Dem Emporkommen der Städte ist die Entstehung des größten aller Gewerbe zu danken: des Baugewerbes, das in wachsendem Maße dem Kapitalismus anheimgefallen ist. Von der Größe des Baugewerbes und seiner Bedeutung in der heutigen Wirtschaft macht man sich selten eine genug große Vorstellung. Man vergegenwärtige sich folgende Ziffern, um diese Bedeutung zu ermessen: Nach der letzten Berufszählung umfaßte das deutsche Baugewerbe 1905987 Erwerbstätige, die sich von 1882—1895 um 43, von 1895 bis 1907 um 40,8% vermehrt hatten. Es steht, wie gesagt, mit dieser Ziffer an der Spitze aller Gewerbegruppen. Die in ihm Erwerbstätigen machen 68%, aller Erwerbstätigen aus. Seine Sachleistung drückt sich darin aus, daß es im normalen Falle (in Deutschland) jährlich 200000 Wohnungen neu und 40000 umzubauen hat. Dazu kommen noch die Fabrik-, Industrie- und öffentlichen Bauten. 422 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Am deutlichsten aber tritt uns die Bedeutung des Baugewerbes vor die Augen, wenn wir die Höhe seines Kapitalbedarfs feststellen. Dieser betrug in Deutschland (nach Eberstadt) für den Wohnungsbau allein vor dem Kriege jährlich l x / 4 Milliarden Mark, im ganzen also sicher nicht weniger als iy 2 Milliarden Mark, während der Nennbetrag aller inländischen und ausländischen Industrieaktien und Industrieschuldverschreibungen, die 1913 an der Berliner Börse zugelassen wurden, sich auf nur 550 Milllionen Mark, also ein Drittel, belief. Wenn wir mit Helfferich den in den letzten 15 Jahren vor dem Kriege in Deutschland akkumulierten Betrag auf 6—7 Milliarden veranschlagen so würde die zur Befruchtung des Baugewerbes allein bestimmte Summe ein Fünftel bis ein Viertel davon ausmachen. Das wird uns nicht in Erstaunen setzen, wenn wir erwägen, wie viele Gewerbezweige Zusammenwirken, um die Baumaterialien zu liefern, die doch von dem obigen Kapitalbetrag bezahlt werden müssen: Die Industrie der Steine und Erden arbeitet fast ganz für das Baugewerbe, ebenso große Teile der Eisenindustrie und der Holzindustrie, aber auch die ganze Binnenschiffahrt um die großen Städte, z. B. Berlin, herum dient nur dazu, die Baumaterialien herbeizuschleppen. Und das alles ist so gut wie ausschließlich das Werk der Städte! (in deren Wachstum sich natürlich nur das natürliche Wachstum der Bevölkerung spiegelt, die sich aber in der Bauweise der modernen Städte ein sehr teures Schneckenhaus geschaffen hat). Außer dem Baugewerbe sind aber noch andere Gewerbe erst durch die Städte zur Entwicklung gelangt und gewähren heute dem Kapitalismus ein reiches Feld der Betätigung. Allen voran steht hier die Kinoindustrie, die allerdings erst in den letzten beiden Jahrzehnten zur vollen Entfaltung gelangt ist. Sie soll heute die größte aller Industrien sein. Aber längst schon ist das Gasthofgewerbe durch die Städte ausgebildet worden. Als Marktort im engeren Sinne ist die Stadt und vor allem, wenn nicht ausschließlich, die große Stadt, für den Kapitalismus deshalb von so großer Bedeutung geworden, weil in den großen Städten ein zentralisierter Massenbedarf sich entwickelt hat, der eine der kapitalistischen Produktion und dem kapitalistischen Handel angemessene Form des Absatzes begünstigt. Darüber kann ich erst später ausführlicher sprechen, wenn ich zur Darstellung des wirtschaftlichen Prozesses im Zeitalter des Hochkapitalismus komme. 3. Ebenso kurz kann ich hier den dritten Punkt erledigen: die Bedeutung der Städte als Arbeitsmarkt, auf den ja die Darstellung in diesem ganzen Abschnitte hinzielt. Ich habe oben schon darauf hingewiesen, daß die Städte unter Umständen für den Kapitalismus Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die örtliche Anpassung 423 dadurch bedeutsam werden, daß sie Arbeitskräfte in beliebiger Menge oder aber im besonderen: entweder sehr hochwertige oder sehr billige Arbeitskräfte liefern. Hier verschlingt sich das Problem der räumlichen Anpassung des Arbeiterbedarfs mit dem Problem der technischen und ökonomischen Anpassung an das YerWertungsbedürfnis des Kapitals. Ich ziehe es vor, das, was über die Stellung der Städte zu diesem Problem zu sagen ist, in den beiden folgenden Kapiteln zu berichten, die der Erörterung dieser Seite des Arbeiterproblems gewidmet sind. Sechsundzwanzigstes Kapitel Die technische Anpassung I. Die Erfüllung der Arbeiterschaft mit kapitalistischem Geiste 1. Was der Kapitalismus für seine Zwecke brauchte, war ein „neues Geschlecht“ von Menschen. Menschen, die imstande waren, sich in ein großes Ganze: eine kapitalistische Unternehmung oder gar eine Fabrik einzuordnen, diese Wunderwerke von Über- und Unter- und Nebenordnungsbeziehungen, diese kunstvollen Gebilde aus Teilmenschen 1 ). Solcher Teilmenschen bedurfte die neue Wirtschaftsverfassung: entseelter, entpersönlichter, ver- geisteter Wesen, die Glieder, besser Rädchen in einem verwickelten Mechanismus zu sein vermochten. Denn aus dem Zusammenhang und Ineinanderspielen vieler sollte die gewaltige Steigerung der Kräfte- wirkung entspringen, die der Kapitalismus herbeizuführen berufen war. Der einzelne wird dabei in ein Arbeitssystem eingeordnet, in dem er die ihm zufallende Teilaufgabe pünktlich, regelmäßig, gleichmäßig ausüben muß, damit der ganze Mechanismus nicht ins Stocken gerät. Er muß auf seine individuelle Freiheit verzichten: „he must necessarily renounce his old prerogative of stopping when he pleases, because he would thereby throw the whole establishment into disordre“ (Ure). Man kann diese Arbeits- und Wirkensweise Präzisierung, man kann sie Disziplinierung, man kann sie auch Automatisierung nennen, je nach dem Standpunkt, von dem aus man sie betrachtet 1 ). Ure, der alle diese Dinge am frühesten, aber auch schon am tiefsten gesehen hat, meint: was den Arbeitern in der Fabrik nottue, sei: „to identify themselves with the unvarying regularity of the complex automaton“ (p. 15). Zu dieser Art der Betätigung sind aber Menschen auf die Dauer nur fähig, wenn sie innerlich zur Arbeit eine ganz eigenartige Stellung einnehmen: wenn sie sich, wie es Max Weber einmal ausgedrückt J ) Die erschöpfende Darstellung der Betriebsgestaltung im Zeitalter des Hochkapitalismus kann erst später gegeben werden: siehe namentlich das 53. Kapitel. Sechsundzwanzigstes Kapitel: Die technische Anpassung 42b hat, der Arbeit gegenüber verpflichtet fühlen, die Arbeit als Selbstzweck, als „Beruf“ erfassen oder wenigstens sie als eine ernste Sache betrachten. Und ganz dem kapitalistischen Arbeitssystem sind die Massen erst dann gewonnen, wenn sie von der Frucht des Kapitalismus selbst gegessen haben: wenn sie, wie dieser, auf das Erwerben, das Geldverdienen, das Ausweiten ihrer Daseinsgrundlage ihr Sinnen richten und bereit sind, die Bedingungen anzunehmen, unter denen dieses Streben im Rahmen des kapitalistischen Wirtschaftssystems erfolgt, wenn sie durch eigene Tüchtigkeit sich die bessere Lebensstellung erringen wollen. Und nicht zum geringsten: wenn sie bei alledem ein Teilchen jener Rechenhaftigkeit sich ein verleibt haben, die für den echten kapitalistischen Geist Kennzeichen ist. 2. Diesen Anforderungen entsprachen nun aber die Massen — sie mochten aus der Landwirtschaft oder aus dem Handwerk oder aus der Hauswirtschaft kommen, das blieb sich gleich — ganz und gar nicht. Diese Menschen widerstrebten zunächst einmal der strengen Disziplin der kapitalistischen Unternehmung. Sie waren „nicht gewöhnt an die in den Fabriken und Steinkohlenzechen beanspruchte, anhaltende, einförmige Arbeit“, wie Ehrenberg von den Arbeitskräften berichtet, die noch in den 1850 er Jahren zu Krupp kamen. Sie hatten noch nicht verzichtet auf ihre sprunghafte Art, zu arbeiten, „their desultory habits of work“, sie waren noch widerspenstige Charaktere, gewohnt an einen imregelmäßigen Paroxismus des Arbeitseifers, „refractory tempers of work-people accostumed to irregulär paroxysms of dili- gence“, wie es Ure. ausdrückt. Sie ahnen noch nicht, meint derselbe Gewährsmann, daß sie mit ihrer zügellosen Art den wundervollen Kosmos der Fabrik zerstören und damit Unfug stiften wie die Menschen, die Gottes moralisches Gesetz durchbrechen. „Of the amount of the injury resulting from the violation of the rules of automatic labour he can hardly ever be a proper judge; just as mankind at large can never fully estimate the evils consequent upon an infraction of God’s moral law“ (S. 279). Ure kommt auf Grund seiner Kenntnisse zu dem pessimistischen Ergebnis, daß mit solchen Menschen überhaupt nichts anzufangen ist: „it is found nearly impossible to convert persons past the age of puberty, whether drawn from rural or from handicraft occupations, into useful factory hands. After struggling for a while to conquer their 426 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte listless or restive habits, they either renounce the employment sponta- neously or are dismissed by the overlookers on account of inattention“ (15/16). Aber wenn sie nun auch in das Joch der Fabrik oder irgendeines anderen Großbetriebes, etwa eines Warenhauses, eingespannt waren, so verrichteten diese urwüchsigen Menschen ihre Arbeit doch noch ganz und gar nicht mit dem kapitalistischen Ethos, das von ihnen erheischt wurde. Sie verharrten im Schlendrian, im Traditionalismus. Bemerkt wird in allen Arbeitern der Frühzeit auch noch der hochkapitalistischen Epoche der völlige Mangel an Fähigkeit und Willigkeit, überkommene, einmal erlernte Arten des Arbeitens zugunsten anderer, praktischerer aufzugeben, sich neuen Arbeitsformen anzupassen, zu lernen und den Verstand zu konzentrieren oder nur überhaupt zu brauchen. Auseinandersetzungen über die Möglichkeit, sich die Arbeit leichter, vor allem einträglicher zu machen, pflegten bei ihnen auf völliges Unverständnis zu stoßen usw. Max Weber hat auf diese Züge bei deutschen Arbeiterinnen hingewiesen. Sie sind aber ein gemeinsames Kennzeichen aller Arbeiter, die sich in den Anfängen dem Kapitalismus zur Verfügung stellten. Vor allem — das ist die durchgängige Klage der Unternehmer — hat der Arbeiter, worauf ich schon früher hingewiesen habe, als ich den frühkapitalistischen Lohnarbeiter schilderte, gar keinen Erwerbssinn. Es gehört zu den dümmsten Ansichten im Bestände unserer herrschenden Lehrmeinung, den „Erwerbstrieb“ als einen Urtrieb der Menschen anzusehen. Das Gegenteil ist richtig. Der natürliche Mensch denkt gar nicht daran, Geld und möglichst viel Geld zu verdienen. Er will nicht erwerben, um des Erwerbes willen, sondern will gerade so viel erwerben, um davon in gewohnter Weise leben zu können. Er will nicht einmal „immer besser leben“. Hat er im Lohnverhältnis diesen Betrag erreicht, so denkt er nicht daran, weiter zu arbeiten, sondern er hört einfach zu arbeiten auf: das ist die Erfahrung, die alle Unternehmer, zu ihrem nicht geringen Leidwesen, bei der Beschäftigung unerzogener Arbeiter gemacht haben, die sie heute noch machen in allen Gegenden, in denen der Geist des Kapitalismus die Masse noch nicht erfaßt hat. Der gemeine Mann ist seiner Natur nach Lazzarone, herzerquickend faul, und weiß noch nichts von jenem „industrious life“, das heute auch der Proletarier führt. Begreiflicherweise aber bedeutet dieser Mangel an Erwerbssinn eine schwere Not für den kapitalistischen Unternehmer. Denn er hindert den Arbeiter, extensiv Sechsundzwanzigstes Kapitel: Die technische Anpassung 427 wie intensiv dasjenige Maß von Arbeit zu leisten, das ein kapitalistischer Unternehmer als selbstverständlich voraussetzen muß. Wie waren nun diese widerhaarigen Menschen in „useful factory hands“ zu verwandeln? Auf welche Weise konnte das „irrationale“ Wesen des natürlichen Menschen „rationalisiert“ werden? 3. Zunächst haben die Unternehmer selbst sich weidlich gequält, diese ungefüge Masse ihren Zwecken anzupassen, indem sie sie mit kapitalistischem Geist erfüllten. Sie haben versucht, ihren Arbeitswillen zu wecken durch allerhand lohnpolitische Maßnahmen. Im Zeitalter des Frühkapitalismus, sahen wir, hielt man es für zweckmäßig, möglichst niedrige Arbeitslöhne zu zahlen, weil man sich sagte, eingedenk des richtig erkannten Wesens jener Arbeitergeneration, daß der Arbeiter nur bei niedrigem Verdienst überhaupt dazu zu bekommen war, ununterbrochen zu arbeiten. Aber wenn man vielleicht auch auf diesem Wege dazu kam, einen regelmäßigen Betrieb ins Leben zu rufen, also den Arbeiter zu einer gewissen Extensität der Arbeit zu bewegen: die Intensität dieser Arbeit zu steigern, war das Mittel der niedrigen Löhne außerstande. Und hochwertige Arbeit konnte man auf diese Weise erst gar nicht erzwingen. So verfiel man auf das Mittel, den Lohn so zu bemessen, daß der Arbeiter bei intensiver Arbeit mehr verdiente: man führte den Akkordlohn und allerhand Prämienlöhne ein, von denen man sich eine durchschlagende Wirkung versprach. Es wird „eine eigentliche Telegraphenfabrik eingerichtet,“ schreibt Werner Siemens an seinen Bruder Karl am 27. März 1858, „wo Akkordarbeit allgemein eingeführt wird. Ich freue mich sehr auf die Durchführung, durch die ein ganz anderes Leben eintreten wird“. Haben die Erfahrungen, die Siemens mit der Einführung des Akkordsystems gemacht hat, seine Hoffnungen enttäuscht? Wir hören, daß am Ende der 1860 er Jahre in seinen Werken der Akkordlohn immer noch nicht allgemein eingeführt war. (Siehe R. Ehrenberg, Die Unternehmungen der Brüder Siemens 1 [1906], 469 S.) Verständlich wäre es, wenn wir an die schlimmen Erfahrungen denken, die anderwärts mit der Annahme des Akkordsystems gemacht wurden, und etwa uns jener Schnitter erinnern, von denen Max Weber berichtet, und deren Arbeitsleistung nach der Einführung des Akkordlohns — znrückging: sie hatten 1 Mk. für den Morgen zu mähen bekommen und hatten 2% Morgen gemäht und erhielten nun 1,25 Mk. Aber sie mähten am Tage nicht, wie man erwartet hatte, mm 3, sondern nur noch 2 Morgen. Damit hatten sie denselben Verdienst erreicht wie früher bei dem niedrigeren Akkord- 428 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte satze. Immerhin hat der Akkordlohn, und was ihm gleichkommt, zweifellos dazu beigetragen, in Gemeinschaft mit andern Mitteln, den Arbeiter aus seiner Lethargie aufzurütteln. Die grundsätzliche Bedeutung des Akkord- und Prämienlohns für die Herausbildung der kapitalistischen Wirtschaft ist mit diesen Bemerkungen, die sich nur auf die Anfänge des kapitalistisch-proletarischen Arbeitsverhältnisses beziehen, selbstverständlich nicht erschöpft. Ich werde in anderem Zusammenhänge noch ausführlich darüber sprechen: siehe das 41. 42. und 54. Kapitel. Was in den Anfängen des Großbetriebes dem Unternehmer nur übrig blieb, um einen einigermaßen geordneten Betrieb aufrechtzuerhalten und den Arbeiter zur regelmäßigen und angestrengten Arbeit zu zwingen, war das rein äußerliche Mittel einer strengen Zucht. Die Fabrikordnungen der Frühzeit sind drakonisch. „To devise and administer a successful Code of factory discipline, suited to the necessities of factory diligence, was the Herculean enterprise, the noble achievement of Arkwright.“ Ure, 15. „Die Fabrikanten begannen (in der rheinischwestfälischen Industrie), durch stramme Disziplin, andrerseits durch Prämien und Wohlfahrtspflege sie (die Arbeiter) in Gemeinschaft zu erziehen, dem sich die Arbeiter eine Zeitlang willig einfügten.“ R. Ehrenberg, Krupp-Studien III im Thünen-Archiv 3 (1911), 136. In den italienischen Fabriken wurden als letztes Auskunftmittel noch in der neueren Zeit strenge Fabrikordnungen erlassen, welche der Libertinität der Arbeiter steuern sollten. Siehe meine Studien zur Entwicklungsgeschichte des italienischen Proletariats im Archiv 6, 195 ff. Aber der äußere Zwang, die Dressur, ist doch immer nur ein sehr unvollkommenes Mittel, wenn es gilt, einen neuen Geist zu verbreiten. Da ist denn nun dem Kapitalismus eine andere Macht zu Hilfe gekommen, die von innen heraus den Menschen umzubilden imstande und gesonnen war: die Religion, und zwar in der Prägung, die das Christentum innerhalb des Protestantismus bei einigen Richtungen, wie den Puritanern, den Mennoniten, den Quäkern, den Methodisten, den Herrnhutern u. a. erfahren hat, die sich sämtlich, um den Max Web ersehen Ausdruck zu gebrauchen, zur „innerweltlichen Askese“ bekehrt und dadurch insbesondere zur Arbeit und zum Erwerbe diejenige Seelenhaltung gewonnen hatten, die der Kapitalismus gerade brauchte. So beschränkt richtig die Web er sehe These, daß der Puritanismus (im weiteren Sinne) den kapitalistischen Geist habe bilden helfen, für den Unternehmerstand ist, so weitgehend, scheint mir, ist sie zutreffend für den Arbeiterstand. Hier bedeutet die asketische Ein- Sechsundzwanzigstes Kapitel: Die technische Anpassung 429 Stellung tatsächlich eine wesentliche Förderung der kapitalistischen Gesinnung. Was Weber aus seiner Bielefelder Erfahrung berichtet, wird von vielen andern Beobachtern in seiner Richtigkeit bestätigt: daß Arbeiter dieser Bekenntnisse die günstigsten Chancen wirtschaftlicher Erziehung aufwiesen. „Die Fähigkeit der Konzentration der Gedanken sowohl als die absolut zentrale Fähigkeit, sich der Arbeit gegenüber verpflichtet zu fühlen, finden sich hier besonders oft vereinigt mit strenger Wirtschaftlichkeit, die mit dem Verdienst und seiner Höhe überhaupt rechnet und mit einer nüchternen Selbstbeherrschung und Mäßigkeit, welche die Leistungsfähigkeit ungemein steigert. Der Boden für jene Auffassung der Arbeit als Selbstzweck . ., wie sie der Kapitalismus fordert, ist hier am günstigsten, die Chance, den traditionalistischen Schlendrian zu überwinden, infolge der religiösen Erziehung am größten.“ (M. Weber im Archiv 20, 24.) Nun muß man aber natürlich bedenken, daß die solcherart religiös erzogenen Arbeiter einen winzigen Bruchteil der Lohnarbeiterschaft selbst in der früheren Zeit ausmachten und heute kaum noch mitzählen. Ihre Bedeutung für die Ausbildung des kapitalistischen Geistes in der Lohnarbeiterschaft kann höchstens die des Senfkorns sein: es ist möglich und wahrscheinüch, daß sie durch ihr Beispiel aufrüttelnd gewirkt und andere nach sich gezogen haben. Aber ich möchte doch glauben, daß die Entwicklung und Ausbreitung dieses Geistes im Proletariate ebenso wie in der Unternehmerschaft überwiegend dem natürlichen Gang der Dinge geschuldet sind: der Kapitalismus schafft sich allmählich aus sich heraus auch die ihm angemessene Arbeiterschaft: die erzieherische Kraft des Automatismus haben wir schon wiederholt kennenzulernen Gelegenheit gehabt. Der Arbeiter muß, will er nicht im engsten Sinne des Wortes, „unter die Räder kommen“, ein gewisses Maß von äußerer und innerer Zucht sich zu eigen machen. Und der Tanz um das goldene Kalb, den der Kapitalismus entfesselt hat, reißt ihn gegen seinen Willen in seinen Strudel. Die Nachahmung, das Beispiel, endlich die Überheferung helfen, bestimmte Gesinnungen verbreiten. Schließlich bildet sich ein Dunstkreis kapitalistischen Geistes heraus, den derjenige, der auf die Welt kommt, mit dem ersten Atemzuge einatmet, und in dem jeder lebt bis zu seinem Tode. Daß besondere Organisationen, wie die Gewerkschaften, noch sich zur Aufgabe stellen, den kapitalistischen Geist zu pflegen, trägt natürlich zu seiner Verbreitung und zu seiner Versteifung wesentlich bei. 430 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte II. Die Umstellung des Arbeitsprozesses Das Problem der technischen Anpassung des Arbeiters an die Bedürfnisse des Kapitalismus ist damit noch nicht erschöpft, daß der Arbeiter mit kapitalistischem Geiste erfüllt wird. Er muß doch auch die Arbeit verrichten können, die ihmzu bewältigen obhegt. Rein technisch. Und da ergeben sich neue Schwierigkeiten noch umfassenderer Art. Die Schwierigkeiten waren besonders groß, wo es sich um hochwertige Arbeit und somit um ausgebildete, sog. „gelernte“ Arbeiter handelte. Ich habe ausführlich über die Schwierigkeiten berichtet, die dem Kapitalismus in seiner Erühzeit aus diesem Mangel an gelernten Arbeitern erwuchsen. (Siehe das 54. Kapitel IV des 1. Bandes.) Damals, sahen wir, behalfen sich die Unternehmer, indem sie sich die Arbeitskräfte in Person herbeiholten, und diesen Ausweg beschritten sie auch noch bis tief in die hochkapitalistische Periode hinein. Aber mit der Ausbreitung des Kapitalismus wurde dieses Verfahren immer weniger anwendbar. Was sollte man tun, wenn die „gelernten“ Arbeiter an Ort und Stelle gebraucht wurden? Sollten die Millionen Arbeitskräfte, die der industrielle und kommerzielle Kapitalismus in sich hereinschlang, alle zu der technischen Leistungsfähigkeit emporgehoben werden, die der Handwerksmeister alten Stiles besaß ? Unmöglich. Nicht nur, daß diese Ausbildung zu lange gedauert hätte: sie war auch aus ökonomischen Gründen nicht denkbar. Wie hätte ein Volk die große Masse seiner arbeitenden Bevölkerung mit einer technischen Ausbildung ausstatten sollen, die ein halbes Jahrzehnt und länger die Arbeitskraft brach legte ? Hier mußte von Grund aus Wandel geschaffen werden, indem man den gesamten Arbeitsprozeß umgestaltete und wenigstens die meisten der einzelnen Arbeitsverrichtungen dem Vermögen der großen Masse anpaßte. Man vollzog also den Akt der Anpassung in der Weise, daß man die Funktion veränderte und damit die Möglichkeit ausweitete, sie auszuüben. Kam der Berg nicht zum Propheten, so mußte eben der Prophet zum Berge kommen. Diese Umgestaltung des Arbeitsprozesses bestand aber ihrem Wesen nach in einer Auflösung der früheren vielgliedrigen Arbeit in ihre einzelnen Bestandteile. Was früher Einheit gewesen war, wurde jetzt Vielheit: es gab keine „Mechaniker“arbeit mehr, sondern nur noch Schraubendrehen, Fräsen, Nieten usw., keine Schusterarbeit mehr, sondern nur noch Sohlen schneiden, Schäfte steppen, Hacken polieren usw., keine Kaufmannsarbeit mehr, sondern nur noch Buchführen, Lagerhalten, Verkaufen usw. Sechsundzwanzigstes Kapitel: Die technische Anpassung 431 Ich verfolge den für alle Kulturentwicklung entscheidend wichtigen Vorgang der Zertrümmerung alter, beseelter Vollarbeit einstweilen nur in seinen Auswirkungen auf die Arbeiterschaft, das heißt, insoweit als dadurch die Arbeitsleistung sich verändert und andere Anforderungen an den Arbeiter gestellt, somit andere Auslesegrundsätze geschaffen werden. Später wird seine innere Wesenheit noch genauer zu bestimmen und wird seine Bedeutung für den Aufbau des vergeisteten Betriebes zu würdigen sein. Die hier zunächst folgenden Ausführungen sind also durch die spätere Darstellung in der Betriebslehre zu ergänzen: siehe namentlich das 53. Kapitel. Durch diesen Truc der Zerlegung ursprünglich komplexer Arbeitsverrichtungen erreichte man vor allem eins: man machte die Arbeit zum größten Teile zu einer kunstlosen Arbeit, die jedes Kind verrichten konnte oder zu der jedes Bauernmädchen in kurzer Zeit „angelernt“ werden konnte. Die Höhenlage der Arbeit war der Leistungsfähigkeit der großen Masse angepaßt. Aus der Zerschlagung der alten komplexen Arbeitsweise ergibt sich eine unübersehbare Fülle von Teilverrichtungen, die ihren Anforderungen an die Leistungsfähigkeit des Arbeiters nach eine Skala von Kunstfertigkeiten darstellen: von den höchstwertigen und schwierigsten Arbeiten bis zu den allergewöhnlichsten und einfachsten Arbeiten. Man hat die Arbeiter, die ein hohes Maß von Kunstfertigkeit besitzen, qualifizierte Arbeiter und, weil sie eine längere Lehrzeit brauchen, um die ihnen eigene Kunstfertigkeit zu erlernen, gelernte Arbeiter genannt und ihnen die gewöhnlichen Handarbeiter, Handlanger oder ungelernten Arbeiter entgegengesetzt. Zwischen diesen beiden äußersten Gegensätzen liegen dann zahlreiche Abstufungen der Kunstfertigkeit, deren Träger man als „angelernte“ Arbeiter bezeichnet. hat. Will man einen grundsätzlichen (nicht nur einen gradweisen) Unterschied zwischen gelernten und angelernten Arbeitern machen, so kann es nur der sein, daß der gelernte Arbeiter eine komplexe, vielgliedrige Arbeit nach Art der alten Handwerksarbeit versteht, eine Arbeit, die ihre Einheit durch ihre Beziehung auf die arbeitende Persönlichkeit empfängt, während der angelernte Arbeiter nur eine Teilverrichtung, eine Spezialarbeit auszuüben vermag, eine Arbeit, die unter rein sach-rationalem Gesichtspunkte abgegrenzt ist. In der Maschinenindustrie z. B. rechnet Bernet (a. a. 0. Seite 17) zu den gelernten Berufen Gießer, Schmiede, Maschinenschlosser, Werkzeugschlosser, Dreher, Modellschreiner, Monteure; dagegen zu den angelernten Hobler, Bohrer, Stanzer, Fräser, Schleifer, Wickler. 482 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Das Interesse des Unternehmers besteht offensichtlich darin, die HöhenlagederArbeitnachMöglichkeitzusenken, da dadurch das Arbeitermaterial, das ihm zur Verfügung steht, ausgeweitet wird. Und man kann sagen, daß im großen ganzen die Entwicklung in der Richtung dieser Interessen verlaufen ist. Die Anforderungen der modernen Technik, insonderheit die Anwendung von Maschinen, bringen es mit sich, daß immer mehr gelernte Arbeit in angelernte oder gar ungelernte verwandelt wird, die angelernte Arbeit aber fortschreitend vereinfacht wird, so daß die Anlernling in immer kürzerer Zeit erfolgen kann. Diese Tendenz ziffernmäßig nachzuweisen, werden wir uns versagen müssen angesichts der verschwimmenden Übergänge zwischen gelernter, angelernter und ungelernter Arbeit. Was beispielsmäßig die deutsche Berufszählung von 1907 (die immer noch die beste ist) an Zahlenstoff bei- bringt, ist nicht zu verwerten. Auch wenn man den von ihr als „gelernt“ bezeichneten Arbeitergruppen alle „angelernten“ zuzählen wollte, würde ihre Unterscheidung in gelernte und ungelernte Arbeit wenig besagen, da ihre Merkmale, mittels deren sie diese Unterscheidung trifft, nicht sehr glücklich gewählt sind. Sie rechnet z. B. die Ladenmädchen in einem Warenhause zu den gelernten, die Packer, Fuhrleute usw. daselbst zu den ungelernten, weil jene „die dem Beruf eigentümlichen Leistungen verrichten“, diese nur Hilfstätigkeiten in dem Beruf erfüllen, die auch in andern Berufen Vorkommen können, während es sich in Wirklichkeit mit dem Gelernt- und Ungelerntsein umgekehrt verhalten dürfte. Imgleichen sind — um noch ein Beispiel anzuführen — im Gastgewerbe die Köche im Sinne der Statistik ungelernte Arbeiter, die Kellner hingegen gelernte. Man wird natürlich eher geneigt sein, einen Koch bei Hiller für einen „gelernteren“ Arbeiter anzusehen als einen Sonntag-Aushilfskellner in einem V orort- Garten,,lokal“. Ich verzichte deshalb auf die Mitteilung allgemeiner Ziffern. Aber auch wo gelernte und angelernte Arbeit weiter unentbehrlich ist — und das wird natürlich immer ein breites Feld der gesamten Tätigkeit bleiben, — hat die Entwicklung namentlich der Maschinentechnik bewirkt, daß das Arbeitermaterial besser an die Bedürfnisse des Kapitalismus angepaßt ist, als es früher der Fall war, weil nämlich die Übergänge aus einem „Beruf“, besser Erwerbszweig, in einen andern leichter sich vollziehen, als es bei der handwerksmäßigen Gliederung der Arbeiter der Fall war. Von den angelernten Arbeitern hat man zwar behauptet, daß sie ein trauriges Spezialistentum darstellen, das nur für bestimmte Arbeiten ausgebildet und deshalb unfähig zum Beschäftigungswechsel sei. Das mag in manchen Fällen zutreffen. Im allgemeinen aber wirkt dieser Sechsundzwanzigstes Kapitel: Die technische Anpassung 438 Einengung der Berufseignung entgegen die Typisierung der Spezialarbeiten, die es mit sich bringt, daß bestimmte Teilarbeiter jedenfalls für diese Teilverrichtung in allen Produktionszweigen verwendbar sind, wo diese Teilverrichtung vorkommt: sage das Fräsen. Die Verwendung gleicher oder ähnlicher Maschinen in den verschiedenen Zweigen, welche Maschinen zu bedienen in der Regel ja der Arbeiter „angelernt“ wird, gestattet ihm, sich in verschiedenen Zweigen zu betätigen. Aber schon innerhalb eines Zweiges — Maschinenindustrie! — ist die Zahl der Spezialisten einer bestimmten Prägung so groß, daß der Unternehmer über eine genügende Menge von geeigneten, „angepaßten“ Arbeitskräften jederzeit verfügen kann. Ähnlich hat sich unter dem Einfluß der modernen Technik auch die „gelernte“ Arbeit in der Richtung einer größeren Ausgleichung entwickelt. Die Bedienung der Maschine erfordert weniger spezielle Branchenkenntnis und Branchenfertigkeit, weil sie weniger auf sinnlicher, manueller Ausübung einer Tätigkeit als auf geistiger Beherrschung eines Mechanismus beruht. Diese aber wird viel mehr durch allgemein-technologische Ausbildung als durch besondere Fachausbildung gewonnen. Für einen gelernten Maschinenarbeiter ist das Entscheidende, daß er an einer Maschine arbeitet. Das Maschinelle ist aber etwas, was dann in allen möglichen Verwendungsgebieten das gleiche bleibt. Jeder gute Mechaniker kann sich ohne viel Mühe in jeden beliebigen Mechanismus hineinarbeiten. Und damit wird der moderne gelernte Arbeiter doch in viel weiterem Umfange „auswechselbar“ mit jedem andern gelernten Arbeiter, als es in der früheren handwerksmäßigen Arbeitsgliederung der Fall war: gewiß kann ein Maschinensetzer nicht morgen eine Sohlennähmaschine bedienen, ein Monteur in einer Maschinenfabrik nicht morgen an einer Spinnmaschine arbeiten. Aber jeder Maschinenarbeiter kann sich doch binnen kurzem in eine andere Maschine einarbeiten. Und jedenfalls ist die Kluft zwischen den gegenübergestellten Typen moderner gelernter Arbeiter unsagbar viel kleiner als die zwischen Schuster und Buchdrucker, zwischen Schlosser und Spinner. Und wenn auch auf so weit auseinanderliegenden Produktionsgebieten wie den angeführten nur in seltenen Fällen derselbe mechanisch geschulte Arbeiter tätig sein wird: der Übergang zwischen nähergelegenen Gebieten, etwa von der optischen zur elektrischen und medizinischen Feinmechanik oder zur Herstellung von Taxametern, Phonographen usw., ist durchaus üblich. Wozu noch der Umstand kommt, um die Ubiquisierung des modernen gelernten Arb eit fers zu Sombart, Hochkapitalismus. 28 434 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte steigern, daß in allen Gewerben immer mehr Schlosser, Dreher, Mechaniker gebraucht werden, um die sich immerfort ausweitende Maschinerie auszubessern und instand zu halten. III. Die Beschaffung geeigneter Arbeitskräfte 1. Das Mittel, das sich zunächst darbietet, um ein gegebenes Arbeitermaterial an die Bedürfnisse der Wirtschaft anzupassen, ist die Auslese der Tüchtigsten, das heißt: die Fürsorge, daß jeder und jede die ihren Fähigkeiten am meisten entsprechende Stelle im wirtschaftlichen Prozesse erhalte. Diese Auslese erfolgte in aller vorkapitalistischen Zeit, aber auch noch im Zeitalter des Frühkapitalismus und fast auch noch während der ganzen hochkapitalistischen Periode, in durchaus traditionalistisch- empirischer Weise auf dem Wege der „Berufswahl“: der junge Mensch wählte aus eigenem Antrieb oder auf Anraten der Verwandten und Bekannten seinen „Beruf“, ohne sich viel darum zu kümmern, ob er dafür geeignet sei oder nicht. Soweit eine Erwägung über die Eignung überhaupt stattfand, bewegte sie sich in überkommenen Formen, die sich im Laufe der Zeit aus Erfahrung, Urteil und Vorurteil herausgebildet hatten. Aber die hochkapitalistische Epoche sollte nicht zu Ende gehen, ohne daß auch das Problem der Berufsauslese der Rationalisierung anheimgefallen wäre, das heißt: ohne daß man angefangen hätte, es durchzudenken und mit Zweckmäßigkeitsgehalt zu erfüllen; es aus einem sittlichen Problem der Berufswahl zu einem technischen Problem der Funktionseignung umzugestalten. Und, was sich von selbst versteht, gleichzeitig es dem empiristischen Halbdunkel zu entziehen und in das helle und grelle Licht moderner Wissenschaft zu stellen. „Es gilt, so formt der Begründer dieser neuesten Wissenschaft, Hugo Münsterberg, das Problem, bestimmte wirtschaftliche Aufgaben unter dem Gesichtspunkt der für sie notwendigen oder wünschenswerten psychischen Eigenschaften zu analysieren und gleichzeitig Methoden zu finden, um diese Eigenschaften zu prüfen.“ Die Rationalisierung und Verwissenschaftlichung der Berufsauslese reichen nicht weiter als in das letzte Jahrzehnt vor dem Kriege zurück. Natürlich sind sie in den Vereinigten Staaten von Amerika zuerst aufgetaucht. Nach den Angaben Münsterbergs ist die erste Anregung von Professor Parsons ausgegangen, der im Jahre 1908 in Boston ein Sechsundzwanzigstes Kapitel: Die technische Anpassung 435 kleines Bureau für „wissenschaftliche Berufsberatung“ eröffnete, das bald Nachahmung in andern Städten fand. Etwa ebenso alt sind die Bestrebungen Professor Münsterbergs selbst, die experimentelle Psychologie für die Berufsauslese nutzbar zu machen, „die für den Beruf gültigen Ansprüche an das Seelensystem“ festzustellen und, soweit möglich, „abzustufen“, „so daß die eigentlich entscheidenden Faktoren hervortreten“ und für diese „dann mit experimenteller Methode einen exakten Maßstab“ zu gewinnen. Die epochalen Experimente Münsterbergs erstreckten sich: 1. auf Wagenführer elektrischer Straßenbahnen, deren „einheitliche Gesamtleistung“ er zum Gegenstände der Untersuchung macht; 2. auf Schiffsoffiziere beim Kommando auf der Schiffsbrücke; 3. auf Telephonistinnen, deren „Gesamtfunktion“ (?) er in ihre Bestandteile auflöste, um sie zu prüfen. Diese Bestandteile waren: a) das Gedächtnis; b) die Aufmerksamkeit; c) die Intelligenz; d) die Genauigkeit; e) die Schnelligkeit. Im Mittelpunkte aller Untersuchungen, für die ganze große Systeme der sinnreichsten Apparate erfunden wurden, stand immer die Prüfung der Aufmerksamkeit. Das Ergebnis der Prüfung sind dann die sog. „Tests“. Die Anregungen von Parsons und Münsterberg sind in ihrem Lande auf fruchtbaren Boden gefallen. Entsprechend der Vorliebe des Amerikaners für das Sensationelle und allen Spaß hat sich in der kurzen Spanne, die seit jenen ersten Anfängen verstrichen ist, drüben die „wissenschaftliche“ Berufsauslese zu voller Blüte entwickelt. Nicht nur, daß die psychologischen Laboratorien der „Universitäten“ mit Vorliebe ihre Tätigkeit in den Dienst des guten Zwecks stellen: auch private Unternehmungen (wie die Gas, Electric Light and Power Company) lassen schon Eignungsatteste ausfüllen, in denen die neuesten Methoden der Test-Ermittlung Berücksichtigung finden; oder sie haben schon eigene Untersuchungsanstalten eingerichtet, wie das Psycological Labora- tory of the Yellow Cab Company in Chicago, in denen die Methoden der Universitätsinstitute zur Anwendung gelangen; ja, es gibt schon „Consulting Psychologists“, wie Mr. A. J. Snow in Chicago, der Verfasser des in der Literaturübersicht genannten neuesten Elaborats über die „Psycology in Business Relations“. Auch das müde Europa bemüht sich nach Kräften, mit dem „rastlos fortschreitenden“ Amerika Schritt zu halten und die Berufsauslese auf den roch er de Bronze der „Wissenschaft“ zu stabilieren. Durch 28 * 4m Zwsätor Atedhumitt; IMe AAelMfasäfte MlimmOTr wi® F. Griese, O. Lipimamm, W. lloede, CI Pioikowiski, William Stemm Sand die MeÄ®den juamemtiMi im DmÜmMmd fiel- fadk TOn»lfcnBi)MiMiiffitt raumd vertieft weiden- Die gnmdsätzliidie Haltmsg MdM aker Äerfl düesellke. Wöme wir mms dm „Simm“ dieser meraesfom Errumgemseliaft der kaptaLfetiaElim Knltar s den „Teft“-WIssemsdlrffe, kbrmackm wollen, ,«ffl fainrmr das mar gssdhelkm, imdenm wir säe dimoidmem im dem großen Zn- aammmmtiaimg des EatismmlliäramigffipmKOse®. dem die Welt mmterliegfe. Bot mulsaem wir mms siker rar alram bewußt werden, daß die ganze experämMärnttjefe WmrlteEiialilffipBpiadkigiie zu Voramssetzmmg dis im ’waanstbAfflmdm ymAMeirfr® Zmrwhftg mrniig daraMmÄrSmtewdseliat. 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Fiffi fr, nmmfte di® Banmfesiteiitfc im ToIhremnAtmmganL aufgelöst werden, A® gKn® drar ®v] pffräwneimfrAlfflfn Tk ylmnila ign® amkeimfallgini kommte. Ulni wa« ffimr affamlDaift© Handgriff© es tick iiamdA, «aff die die Apparate «fajr jffipEÜxdkgiMiifflm labamaftaMem «rsft Icsgetesem werden können, berichtet urmm Miinisttffiirbeirg ritat im srnmiHiia Bmeke. ^ MAftäMabnilk: sdoieübtt mniär, daß die Arbeiterinnen in einer Ab- tfffriünnmjgr sftrite »St Änraim Gbriiffi e5m Dutzend Bleistifte amigretfen müssen, miiduft jnmäktt' mnad mmelk wemigHr. Manche lernen das sofort spielend, nnd vtaniffimHii Wh® Unc. And.«® Hermen es niemals, trotz fortgesetzter Üfenng. Wffiidiam ifci, wffiDck® im dfosar Abtdiminig versagen, in eine andere hinüber- ^ gmnumnnninqm ; w® *5© di© GlüiMpIlSitteliieDL seng^am aalzntragem haben, damit diiffi BDfflisttiifit® gestemmpA weiden kömmem, so erweisen sie sich oft als sehr tindnttiig, ®lisw«M die Aifedit große Gmamlgksit verlangt. 4 “ Ckfar: „km den Akieehnnngsrännien (einer der größten Fabriken) fet sim® gmdB® AmauM Midekem damit besdhSftigt, Zettel, anf denen die Lokn- akDifdtommmi^m sttekem, andern Zetteln znznordnen, anf denen die einzelnen ifänidkis vmnedimiiKtt ämd. Von jeder Beteiligten wird verlangt, die »§e- StX'hsuiHlizwaiiaigstes Kapitel: Die technische Anpassung 437 hörigen Zettel so schnell me möglich herauszusuchen. Dafür geeignete 4 t - heiterinmen bewegen die Zettel so schnell, daß ein Danebenstehender überhaupt keine einzige Zahl lesen kann, und trotzdem zeigt sich, daß kaum ein Fehler auf 10000 Zettel vorkommt. Eine zweite Operation verlangt aber, daß von den Zetteln, sobald sie geordnet sind, die Zahl so schnell wie möglich auf eine Addiermaschine übertragen wird, deren Tasten wie die dimer Schreib maschine arbeiten, und mm ergibt sich, daß die Mädchen, die bei dem Sortieren die schnellsten, zuverlässigsten und fehlerfreiesten (ä) sind, für die schnelle Übertragung auf die Tasten der Maschine oft gänzlich unbrauchbar sind.“ Oder; „Ich habe in Amerika ... die Verhältnisse einer Fabrik studiert, im der nmr eine einzige Maschine hergestellt wird. Diese Maschine besteht aus S50 Teilen, die aus den verschiedensten Materialien gearbeitet werden müssen. Fast jeder dieser Teile verlangt verschiedene Bearbeitungsprozesae, so daß sicherlich mehr als ein halbes Tausend verschiedenartiger Arbeiten im denn einen Fabrikkomplex verrichtet werden, und jede setzt, wenn auch viele von ungelernten Arbeitern erledigt werden können, doch zur guten Durchführung besondere psychophysische Eigenschaften voraus . . Für solcherart „Berufe“ kann die Eignung aller dings mittels experimenteller Methoden festgestellt werden. Für solche Berufe gibt es Tests. Und darüber hinaus auch noch für Maschinenschreiben, Telephonieren. Straßenbahnfahren und ähnliches. Aber dann halt! Sobald es sieh bei einer Tätigkeit um irgend etwas Lebendiges, irgend etwas Seelisches, ja selbst nur um etwas Alleibliehes handelt, versagt der psychotechnische Apparat. Es wäre lächerlich, einen „Test“ für die Arbeit eines Handwerkers alten Stils oder selbst nur für einen Pferdeknecht oder einen Krämer aufs teilen zu wollen. Für dem großen Umkreis von Tätigkeiten aber, der der Entseelung amheimgefallen ist, hat die „wissenschaftliche“ Berufeberatung ihren guten Sinn, und es zeugt von einem erstaunlichen Maße von Tradi- tlomalisrmns, dar dem Hochkapitalismus so wenig amsteht, und für den ich wi rklich keime Erklärung weiß, außer eben den — Traditionalismus, daß nicht schon ein paar Menschenalter früher diese Gedanken auf- getawsht sind und damit der experimentellen Psychologie, die so ganz mnmtz- nnd zieJlos in der Welt herumzmirren schien, eine ihrer würdige Aufgabe gestellt worden ist. Der Begriff der Berufsberatung deckt sieb nicht völlig mit dem der experimentellem Eignungsprüfung. Die Berufsberatung kann sich auch amdeser Verfahren als der Eignungsprüfung, wie namentlich der Be- obaditfiiiigsbogem, bedienen, mittels deren sie imstande zu sein glaubt, mA seelische Ganzheiten und ihre Beziehungen zu echten Berufen fest- sttefaa za kSumen. Das mag in manchen Fällen zutreffen. Aber dann wird 438 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte die Richtigkeit des Urteils immer im umgekehrten Verhältnis zu der Anwendung experimenteller, das heißt im heutigen Sinne, „wissenschaftlicher“ Methoden stehen. Im übrigen geht uns das Problem hier nicht näher an: der Hochkapitalismus ist im wesentlichen auch ohne Berufsberatung zur Entfaltung gelangt. 2. Ist nun der Arbeiter — so oder so — an seinen Platz gelangt, so gilt es nunmehr, wenn es sich um „gelernte“ (ein greuliches Wort, das man durch ein anderes Wort, etwa geschult, ersetzen sollte) und „angelernte“ Arbeitskräfte handelt, ihn zu seiner Arbeit geeignet zu machen: es beginnt die Aufgabe der Ausbildung. Auch um dieses Problem hat sich der kapitalistische Unternehmer auffallend lange Zeit gar nicht oder wenig gekümmert. Insbesondere hat er sich um den Nachwuchs der Facharbeiter wenig gesorgt. Er hat nur immer geklagt, daß es keinen vollwertigen und ausreichenden Nachwuchs gebe; aber ihn selbst heranzuziehen, daran hat er nicht gedacht. Man fand diese Vernachlässigung der eigentlichen Lehrtätigkeit selbstverständlich. Noch in den 1890er Jahren konnten die Webbs von England schreiben: „Was auch die schließliche Wirkung der erzieherischen Lehrzeit auf die Wohlfahrt des Gewerbes oder die Zukunft der Jungen sein möge, direkt macht. . . (sie sich für) die beteiligten Parteien in keiner Weise bezahlt. Der Besitzer eines großen Betriebes hat keine Lust, sich mit Jungen abzugeben, wenn er sie das ganze Gewerbe lehren soll. Selbst ein Lehrgeld von 20 bis 30 £, das ihm der sparsame Vater bietet, ist keine Versuchung für die Kapitalisten von heute, der wöchentlich Hunderte von Pfund an Löhnen zahlt. Er zieht es vor, seinen Arbeitsprozeß in Männerarbeit und jugendliche Arbeit einzuteilen und jeden Grad dauernd mit der ihm zugewiesenen Routinearbeit zu beschäftigen.“ (Sidney and Beatrice Webb, Industrial Democracy. Deutsche Ausgabe 2 [1898], 24.) Wenn trotzdem die Großindustrie immer doch noch über eine große Menge geschulter Arbeitskräfte verfügen konnte — und der Bedarf mancher Industrie ist bis heute groß daran: noch im Jahre 1920 berechnete ein Fachmann (Rech) den Anteil der Facharbeiter an der gesamten Arbeiterschaft im Maschinenbau für normale Zeiten auf 51 % —, so ist das nur so zu erklären, daß dem Kapitalismus diese Arbeiter von anderswoher geliefert wurden. Da waren zunächst die Fachschulen, die sich mit der Ausbildung jugendlicher Arbeiter befaßten. Sie sind freilich auch erst in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts zur Blüte gelangt (1910 I Sechsundzwanzigstes Kapitel: Die technische Anpassung 439 allerdings bestanden in Deutschland etwa 3800 gewerbliche Berufsschulen mit 540000 Schülern), kommen also für die frühere Zeit kaum in Betracht. Da waren dann gewisse Staatsbetriebe, die namentlich für die Heranbildung von geschulten Kräften in der Maschinenindustrie Sorge trugen. So haben z. B. die preußisch-hessischen Eisenbahnwerkstätten seit der Verstaatlichung der Eisenbahnen Lehrlinge eingestellt, deren Zahl bis zum Jahre 1914 zwischen 4 und 6% der gesamten Arbeiterschaft schwankte. Da war vor allem das Handwerk, das bis in die neueste Zeit hinein die Hauptpflanzstätte für die in regelrechter Lehre geschulten Arbeiter gebildet hat. Nach der deutschen Berufszählung von 1895 wurden in 21 Handwerken in Betrieben mit bis 5 Personen auf 100 Arbeiter 37,9 Lehrlinge gezählt. In der als „Arbeiter“ gezählten Gruppe befanden sich aber auch noch die jugendlichen Arbeiter unter 16 Jahren, die nicht Lehrlinge waren. Sie und die Lehrlinge zusammen machten in den 21 Handwerken 73,9% der Erwachsenen aus. Dieser Prozentsatz stieg in einzelnen Handwerken, wie z. B. (und vor allem) in der Schlosserei, auf 142,9%. Das war also eine Besetzung der jugendlichen Altersklassen, die außer allem Verhältnisse zu dem Bedarf des Handwerks selbst an Gesellen und Meistern stand. Und mit Recht hat man in dieser „Lehrlingszüchterei“ eine Krankheitserscheinung des Handwerks erblickt. Siehe das 37. Kapitel des 2. Bandes in der ersten Auflage dieses Werkes. Aber diese Lehrlingszüchterei ist es doch eben gewesen, die der Großindustrie dazu mitverholfen hat, ihren Bedarf an Facharbeitern zu decken. Im Jahre 1907 hatte sich an diesem Verhältnis noch nicht viel geändert. Es betrug die Zahl der Lehrlinge von 100 Arbeitern: Gewerbegruppe in Kleinbetrieben in Mittel- u. Großbetrieben Metallverarbeitung.44,9 10,1 Industrie der Maschinen usw. . 33,1 8,9 Papierindustrie. 24,5 2,5 Lederindustrie. 36,8 6,6 Industrie der Holz- und Schnitzstoffe . 32,3 9,3 Stat. des Deutschen Reiches, Band 221/22, 125f. Diese Ziffern der Gewerbezählung sind zuverlässiger als einzelne Sonderstatistiken, deren wir mehrere für jene Zeit besitzen: siehe die Zusammenstellung bei G. Tollkühn a. a. 0. Seite 17f. Zum Vergleich teile ich noch eine Statistik mit, die im Jahre 1911 Geh.-Rat Kühne veranlaßt hat, bei der die Zahlen der Fabrik- und Hand- 440 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Werkslehrlinge in einigen größeren Fortbildungsschulen festgestellt wurden. Danach waren in der Metallindustrie beschäftigt: Ort in der Fabrik im Handwerk Berlin. . . 4000 2600 Danzig. . . 437 527 Magdeburg .... . . 998 750 Frankfurt a. M. . . . . 698 466 Duisburg. . . 790 361 München. . . 815 1975 Abhandlungen und Berichte für technisches Schulwesen 3, 27. Zufälligkeiten sind auch bei diesen Ziffern nicht ausgeschlossen, doch drücken sie wohl richtig die Zunahmetendenz der Fabriklehrlinge aus. In der Gegenwart hat sich der Anteil der Großbetriebe an der Lehrlingsausbildung noch mehr gehoben. In dem Verein deutscher Maschinenbauanstalten kamen nach der Zusammenstellung Rechs auf je 100 Arbeiter in Betrieben von 1—50 Beschäftigten 31,5 Lehrlinge 3 3 „ 51-100 33 23,1 33 „ 101-250 33 22,4 33 „ 251-500 33 18,2 33 über 500 33 10,6 3 ) „ 3000 33 8,6 Immerhin bildet auch jetzt noch der Kleinbetrieb verhältnismäßig mehr Lehrlinge aus als der Großbetrieb. Aber in diesem ist doch die Anzahl der Lehrlinge beträchtlich gestiegen. Das heißt: er kümmert sich mehr um die Ausbildung des Nachwuchses, wie im folgenden noch mit einigen Worten nachgewiesen werden soll. 3. Der Unternehmer selbst hatte sich von jeher um „An- lernung“ seiner Spezialisten kümmern müssen. Allmählich hat sich diese Tätigkeit in allen Werken zu einem wohlgeordneten System ausgebildet. Dann aber hat er sich auch, wie die eben mitgeteilten Ziffern erweisen, in wachsendem Umfange dem Problem der Aufzucht geschulter Arbeiter zugewandt, in dem Maße, wie mit der fortschreitenden Revolutionierung des Arbeitsprozesses die Ausbildung im Handwerk qualitativ wie quantitativ immer unzulänglicher wurde. Die Zahl der Werke nimmt unausgesetzt zu, die Lehrlinge einstellen und diese in sachgemäßer Weise einen regelmäßigen Lehrgang durchmachen lassen. Ebenso vermehrt sich die Zahl der Werke, die eigene Werkschulen und Lehrlingswerkstätten eingerichtet haben, in denen d_ie theoretische und die praktische Unterweisung erfolgt. Einzelne Verbände industrieller Unternehmungen haben Musterlehrverträge herausgegeben, wie der Verband der Berliner Metallindustriellen, der Verein deutscher Maschinenbauanstalten oder der Arbeitgeberverband Schweizerischer Maschinen- und Metallindustrieller. Sechsundzwanzigstes Kapitel: Die technische Anpassung 441 Am fortgeschrittensten ist die Lehrorganisation im Metallgewerbe. So werden in den Betrieben des Verbandes Berliner Metallindustrieller als Lehrlinge ausgebildet: Mechaniker, Optiker, Maschinenbauer, Werkzeugmacher, Schlosser, Dreher, Kesselschmiede, Kupferschmiede, Hammerschmiede, Walzer, Drahtzieher, Gürtler, Drücker, Gelbgießer, Former, Kernmacher für Metallguß, Elektroinstallateure, Gas- und Wasserinstallateure, Klempner, ’ Graveure, Ziseleure, Galvaniseure, Stechzeugschleifer, Universal- und Rundschleifer, Glasbläser. Ein Teil dieser „Berufe“ gehört aber wohl zu den „angelernten“. Aber nicht nur die Metallindustrie, sondern ebenso) wenn auch mit Abstand, die Holzindustrie, das Druckgewerbe, neuerdings auch der Bergbau haben angefangen, sich um die Lehrlingsausbildung zu kümmern. Einzelheiten interessieren hier nicht. Wer sich über sie unterrichten will, sei auf die tüchtige Fachliteratur verwiesen. Für Deutschland zählt Gertrud Tollkühn a. a. 0. im Anhang auf: 133 Betriebe (darunter 93 Werkstätten unter der Reichsbahn) mit psycho- technischer Eignungsprüfung, 175 Betriebe (darunter 108 der Reichsbahn) mit Lehrwerkstätten und 158 (74 w. o.) mit Werkschulen. Wenn es sich dabei auch meist um ganz große Betriebe handelt, so bezeugen diese Zahlen einstweilen doch erst eine sehr unvollkommene Entwicklung der Fabriklehre. Endlich sei noch das Augenmerk gelenkt auf die Bestrebungen zahlreicher Unternehmer, sich einen Stamm tüchtiger Arbeiter zu erhalten. Diesem Zwecke dient ein wohlausgedachtes System von Vergünstigungen, die solchen Arbeitern zuteil werden, die längere Zeit im Dienste bleiben. Die Regel bildet ja das längere Verweilen des Arbeiters an einer und derselben Arbeitsstelle nicht. Die Ziffern, in denen der Stellenwechsel zum Ausdruck kommt, sind ganz erstaunlich hohe. Die umfangreichste und beste Bearbeitung des Problems des Stellenwechsels in den kapitalistischen Industrien besitzen wir in dem Buche von P. F. Brissenden und Emil Frankel, das sich auf das reiche Material der amtlichen Statistik der Vereinigten Staaten stützt. Danach betrug beispielsweise für das Jahr 1913—1914 in 84 Werken die Zahl der Vollarbeiter. 244814 „ „ ,, Zugänge .. 227008 „ „ „ Abgänge. 243707 ,, „ ,, Wechsel. 470715. Auf jeden Arbeiter entfielen also im Durchschnitt 1,92 Wechselfälle. Diese Zahl steigt in Jahren der Hochkonjunktur, wie 1917/18, bis auf 4,08. In diesem Jahre wechselte also die gesamte Arbeiterschaft zweimal. Die einzelnen Gewerbe sind an diesem Kommen und Gehen in verschieden hohem Grade beteiligt. Auch darüber berichten unsere Autoren. Die Wechsel- 442 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte rate schwankt (in 1913/14) zwischen 0,75 (Feinmechanik) und 5,73 (Schlachthausarbeiter). „Unnötig“, das heißt freiwillig von diesen Wechseln waren nach der Berechnung unserer Autoren im Jahre 1913/14 70%. Nicht ganz so häufig wie in den Vereinigten Staaten, aber doch noch häufig genug ist der Arbeiterwechsel in den europäischen Staaten, z. B. Deutschland. Für dieses gewähren uns die genannten Untersuchungen R. Ehrenbergs, F. Syrups, Gerh. Krügers wertvolle Aufschlüsse. In der Glasindustrie fand Ehrenberg als Untergrenze der Mobilität. 20—25% Obergrenze „ „ . 100% Durchschnittlichen Ab- und Zugang . . 50%. Nach Syrup betrug der jährliche Abgang für 100 Mann: 1906 1907 Hüttenindustrie. 91 86 Metallindustrie. 86 88 Maschinenindustrie. 98 103 Chemische Industrie .... 158 182 Textilindustrie. 53 55 Die Gründe des häufigen Wechsels sind zahlreich. Doch kehrt ein Grundmotiv immer wieder: Es hat den Anschein, als ob der moderne Arbeiter die Qual seiner Arbeit dadurch erleichtern wollte, daß er die Stelle häufig wechselt: wie sich der Fieberkranke im Bette von einer Seite auf die andere wälzt. Diese Annahme wird bestätigt durch die Beobachtung, daß die Neigung zum Wechsel der Arbeitsstelle in dem Maße zunimmt, in dem die Arbeit lästiger wird. Namentlich in den gesundheitsschädlichen Betrieben begegnen wir einem besonders häufigen Wechsel: wir sahen schon, daß die chemische Industrie eine zwei- bis dreimal so hohe Wechselrate aufweist als andere Industrien. Die Mobilität steigert sich noch in ausgesprochen gesundheitsschädlichen Betrieben; sie betrug (1909) in den Thomasschlackenmühlen 362%, in den Bleiweißfabriken 284%; a. a. O. S. 270. Allerdings muß in Rücksicht gezogen werden, daß in diesen Betrieben die „Ungelernten“ überwiegen, und daß diese eine stärkere Neigung zum Wechseln haben als die „Gelernten“. Es gehören also gewiß mächtige Anreize dazu, dieser dem Proletariat innewohnende Neigung zum Wechseln seines Arbeitsplatzes zum Trotze, ihn an eine Unternehmung zu fesseln. Die Erfahrung lehrt, daß es in zahlreichen Fällen in der Tat gelingt, den Arbeiter seßhaft zu machen: Ansiedelung ist einer der gangbarsten Wege, das Ziel zu erreichen. Unterstützungskassen sind ein arideres Mittel, den Arbeiter zum Bleiben zu bewegen. Und allerhand Imponderabilien tun das übrige, um die gewünschte Wirkung herbeizuführen. Sechsundzwanzigstes Kapitel: Die technische Anpassung 443 Werke wie die Kruppschen sind Zeugnis, daß es besonders genialen und besonders weitsichtigen und besonders wohlwollenden Unternehmern unter besonders günstigen Umständen gelingt, einen Stamm erprobter Arbeiter an das Unternehmen zu fesseln. In den Syrupschen Untersuchungen ist der ziffernmäßige Nachweis für die stabilisierende Wirkung der Wohlfahrtseinrichtungen erbracht, sofern die Statistik ausreicht, und wir können feststellen, daß z. B. in einem Werk wie dem Kruppschen der Wechsel der Arbeiterschaft geringer ist als in den umliegenden Werken desselben Bezirks. Er betrug im Monat a. a. 0. S. 294. In der allgemeinen Entwicklungslinie des Hochkapitalismus aber liegt die „patriarchalische Gestaltung“ des Arbeitsverhältnisses, wie man diese friedliche Form der Beziehungen zwischen Unternehmer und Lohnarbeiter nennt, nicht. bei Krupp allgemein im Reg.-Bez. 1906 . . 1907 . . 4,64 4,78 Düsseldorf 7,62 7,68. 444 Siebenundzwanzigstes Kapitel Die ökonomische Anpassung I. Theoretische Übersicht 1. Unter ökonomischer Anpassung sollte die Anpassung der Arbeitermassen an das Verwertungsbedürfnis des Kapitals verstanden werden. Dem Unternehmer nützt es nichts, daß die Arbeitskraft räumlich da ist, nützt es nichts, daß sie technisch imstande ist, eine bestimmte Arbeit zu verrichten, wenn ihre Lohnansprüche nicht auch zu gleicher Zeit solcher Art sind, daß ihre Verwendung einen Profit verspricht. Dabei müssen wir genau auf das merken, was den Unternehmer an dem Problem der Entlohnung der Arbeiter unmittelbar interessiert. Es ist nicht in erster Linie und jedenfalls nicht ausschließlich die absolute Höhe des dem Arbeiter gezahlten Entgelts. Es ist vielmehr die Differenz zwischen dem Werte des Gesamterzeugnisses und dem Arbeitslohn, das heißt die Höhe seines Profits. Der Idealfall für den Unternehmer ist natürlich der: großes Gesamterzeugnis — niedriger Arbeitslohn. Aber es ist ihm gleichgültig, wenn dieser Idealfall sich nicht verwirklichen läßt, ob er seinen Profit erhält (oder steigert) durch ein großes (vergrößertes) Gesamtprodukt bei gleichbleibender Höhe der Bezüge der Lohnarbeiter oder durch ein kleines (kleineres) Gesamtprodukt bei niedrigen (sinkenden) Arbeitslöhnen. Mit andern Worten: worauf es dem Unternehmer ankommt, ist das Verhältnis zwischen der Leistung des Arbeiters und der Höhe des Arbeitslohns. Dieses Verhältnis drückt sich rechnerisch in der Privatwirtschaft aus in dem Preis der Arbeit, das heißt demjenigen Kostenbeträge, der in einem Produkt von gegebenem Tauschwert auf die Auslagen für Arbeitslöhne entfällt. Der Preis der Arbeit wird also bestimmt durch die beiden Variabein: Leistung des Arbeiters und Arbeitslohn oder, wie wir statt Arbeitslohn auch sagen können: Preis der Arbeitskraft. Der Preis der Arbeit in einem Stück Produkt ist derselbe, wenn der Arbeiter, der 5 Mk. Arbeitslohn in einer gegebenen Zeit (ob er nach Zeit oder nach Stück bezahlt wird, bleibt sich gleich) erhält, in dieser Zeit 10 Stück fertigt, als wenn der Arbeiter, Siebenundzwanzigstes Kapitel: Die ökonomische Anpassung 445 der 10 Mk. Lohn empfängt, dafür 20 Stück liefert: in beiden Fällen steckt in jedem Stück ein Arbeitspreis von 50 Pfg. Und der Unternehmer kann sogar — Beschleunigung des Kapitalumschlags vorausgesetzt — mit demselben Kapital einen höheren Profit erzielen, wenngleich der Arbeitslohn gestiegen ist. Gesamtwirtschaftlich gesprochen heißt das: Bleibt die Höhe des Gesamtwerts (w) dieselbe und ist die Profitrate gegeben, so erhält der Unternehmer in beiden Fällen einen dem Werte nach gleichgroßen Mehrwert, der sich im zweiten Falle in der doppelten Menge Güter darstellt, während der Arbeiter ebenfalls einen gleichgroßen Wertbetrag erhält bei verdoppeltem Reallohn; beides, weil die Gesamtleistung, sei es infolge gesteigerter Produktivität oder gesteigerter Intensität oder gesteigerter Ökonomität der gesellschaftlichen Arbeit sich vergrößert hat. 2. Eine Theorie des Arbeitslohns — soweit es sich nicht um eine Theorie der Arbeitslöhne handelt, auf die alle Erörterungen der subjektivistischen Werttheoretiker doch letzten Endes allein abzielen — hat also die doppelte Aufgabe: die Möglichkeiten und etwaigen Gesetzmäßigkeiten in der Gestaltung des Preises der Arbeitskraft einerseits, des Preises der Arbeit anderseits aufzustellen. Der früheren Theorie hat es gefallen, Sätze zu formen, in denen die Gestaltung des Arbeitslohns in der kapitalistischen Gesellschaft festen, unveränderlichen, allgemein wirksamen Notwendigkeiten unterworfen wurde. Sie hat diese Notwendigkeiten in „Gesetzen“ ausgedrückt, von denen wir heute wissen, daß sie entweder falsch sind — wie das sog. „eherne Lohngesetz“ — oder analytische Sätze enthalten wie die Lohnfondstheorie bei Annahme einer Ausdehnungsfähigkeit des Lohnfonds (ohne diese Annahme ist sie falsch) oder in ganz beschränktem Umfange Geltung haben, wie die Brasseyschen Theorien über das Verhältnis von Arbeitslohn, Arbeitszeit und Arbeitsleistung. Das einzige „Gesetz“, das (außer den Gesetzen, die die Verwertung des Kapitals im allgemeinen beherrschen und die wir kennen) auf die Gestaltung des Arbeitslohns Anwendung findet, ist das erste allgemeine Preisgesetz von Angebot und Nachfrage. Im übrigen wird man sich damit begnügen müssen, in bescheidenem Umfange Tendenzen festzustellen, die die Bildung des Arbeitslohns unter bestimmten historischen Voraussetzungen beherrschen. 3. Worauf es uns an dieser Stelle ankommt, ist der Nachweis, daß im Verlaufe der hochkapitalistischen Periode — also geschichtlich — 446 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte die Gestaltung des Arbeitslohns sich nicht zu ungunsten des Kapitalismus vollzogen hat, das heißt: daß er niemals so hoch gestiegen ist, daß die Verwertung des Kapitals unmöglich geworden wäre. Damit dieser für den Kapitalismus günstige und seine Entfaltung bedingende Erfolg erzielt wurde, mußten mächtige Kräfte am Werke sein, die einer übermäßigen Steigerung entgegenwirkten, denn in der Ausdehnung des Kapitalismus, die eine ebenso rasche Ausdehnung der Nachfrage nach Arbeitskräften bedeutete, lag ein starker Anreiz zur Erhöhung des Arbeitslohns. Es wird zu zeigen sein, wodurch diese Erhöhung über ein dem Kapitalismus erträgliches Maß hinaus aufgehalten worden ist. Die Gründe liegen teilweise in dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage von und nach Arbeitskräften, betreffen dann also die Gestaltung des Preises der Arbeitskraft; teilweise in der Gestaltung der Betriebsverhältnisse und beziehen sich dann auf den Preis der Arbeit. Das heißt also: der Lauf der Dinge gestaltete sich für den Kapitalismus zunächst insofern günstig, als genug Kräfte am Werke waren, den Arbeitslohn niedrig zu halten. Stieg dieser aber trotzdem in einer unbequemen Weise, so gelang es dem Kapitalismus, durch Vervollkommnung der Betriebsorganisation den Preis der Arbeit zu senken und damit die fatalen Wirkungen des Steigens des Arbeitslohns unschädlich zu machen. Im folgenden soll diesen beiden Ursachenreihen näher nachgegangen werden. x ) II. Die Bestimmungsgründe des Arbeitslohnes Der Preis der Arbeitskraft, also der Arbeitslohn im engeren Sinne, ist niedrig gehalten worden infolge sowohl der Gestaltung des Angebots als der Nachfrage. 1. Das Angebot von Arbeitskräften Dieses ist durch drei Umstände in einem für den Kapitalismus günstigen Sinne beeinflußt worden. Diese sind: 1 ) Obwohl in der folgenden Darstellung schon von der Gestaltung des Marktes die Rede ist, gehört sie doch in diesen Zusammenhang, wo der Aufbau der hochkapitalistischen Wirtschaft geschildert wird, weil es sich um die Beschaffung der Arbeitskräfte (oder deren Anpassung) handelt, bei der die Marktverhältnisse nur einer der bestimmenden Faktoren sind. Alles was die „Mechanik des Marktes“ betrifft, kommt erst später zur Erörterung. Bis zu einem gewissen Maße sind Wiederholungen oder richtiger: Überschneidungen leider nicht zu vermeiden. Siebenundzwanzigstes Kapitel: Die ökonomische Anpassung 447 1. die starke Bevölkerungszunahme in Europa während des hochkapitalistischen Zeitalters; 2. das Vorhandensein äußerer Hilfsvölker; 3. das Vorhandensein innerer Hilfsvölker des Kapitalismus, wenn ich mich dieser abgekürzten Ausdrucksweise einstweilen bedienen darf, um diejenigen Arbeitskräfte zu bezeichnen, die dem Unternehmer helfen, den Gesamtarbeitslohn niedrig zu halten. Von diesen drei Umständen ist a) der natürliche Zuwachs der Bevölkerung der, wie ich es nannte, die Überschußbevölkerung bildet, bereits ausführlich erörtert worden. Ich kann mich daher hier auf das im vierundzwanzigsten Kapitel Gesagte beziehen. Daß in der raschen Bevölkerungszunahme eine Tendenz zur Verschlechterung des Arbeitsmarktes, das heißt einer Verschiebung des Verhältnisses zwischen Angebot und Nachfrage zu ungunsten des Angebots und somit zur Senkung des Arbeitslohnes liegt, bedarf keiner weiteren Begründung. Dagegen soll im folgenden den beiden anderen Umständen noch eine eingehende Betrachtung gewidmet werden. b) Die rückständigen Bassen und Völker Auswärtige Hilfsvölker des Kapitalismus nenne ich die Farbigen: Schwarzen, Braunen, Gelben, die sich der Kapitalismus aus Afrika, Indien, Ostasien herbeiholte, um seine Plantagen und seine Gold- und Diamantenminen zu bewirtschaften; nenne ich aber auch alle jene Massen, die wir aus Ländern mit rückständiger wirtschaftlicher Kultur in die höher entwickelten Länder haben strömen sehen: jene kontinentalen Westeuropäer, die nach England und dann in die Kolonialländer auswanderten, jene Süd- und Osteuropäer, die ihnen folgten und teilweise die in Westeuropa entstandenen Lücken ausfüllten; nenne ich endlich jene periodischen Wanderarbeiter, die wir zwischen den europäischen Ländern, ja teilweise schon zwischen europäischen und überseeischen Staaten hin- und herwogend fanden. Warum hat der Kapitalismus diese Hilfsvölker herangezogen ? Gewiß zunächst und vielleicht hauptsächlich, weil er ohne sie sich nicht ausweiten konnte. Aber daneben hat zweifelsohne sehr stark die Erwägung mitgesprochen, daß dieseHilfsvölker zu günstigeren Bedingungen als die Arbeiter des eigenen Volkes ihre Arbeit zu verrichten gewillt waren. Und auch wenn die Unternehmer diese Beeinflussung des Lohnstandes nicht bewußt erstrebt haben — und bei aller freiwilligen Ein- 448 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Wanderung fällt ja diese Erwägung sowieso weg —: immer ist sie doch eine gern gesehene Wirkung des Zustromes jenes fremden Volkes gewesen. Ich habe schon oben darauf hingewiesen, daß die zahlreichen Proteste der einheimischen Arbeiterschaften in den westeuropäischen Staaten, in Amerika und Australien auf die von der Statistik nicht immer erfaßbare weite Verbreitung des Eremdvolkes schließen lassen. Hier möchte ich bemerken, daß sie noch beweiskräftiger sind, ja in diesem Falle den besten Beweis, der überhaupt möglich ist, erbringen, für die lohndrückende Wirkung, die jene Hilfsvölker ausgeübt haben. Die Frage war in den letzten Jahrzehnten des hochkapitalistischen Zeitalters so brennend geworden, daß sich auch die Arbeiterkongresse und schließlich der Internationale Sozialistenkongreß in Stuttgart 1907 mit dem Problem der proletarischen Wanderungen beschäftigten. Nun sind dieBerichte, die die Sozialdemokraten der beteiligtenLänder erstatteten und die Verhandlungen, insbesondere auf dem Stuttgarter Kongreß, deshalb von besonderem Interesse, weil ja die meisten Berichterstatter und Redner von der Fiktion einer Interessensolidarität der Proletarier aller Länder ihren Ausgangspunkt nehmen mußten und eigentlich gar keinen Interessengegensatz zwischen dem einwandernden Proletariat minderer Wirtschaftsgebiete und der organisierten Arbeiterschaft in den hochentwickelten Einwanderungsländern zugeben durften. Wenn nun trotzdem in ihren Äußerungen die schweren Schädigungen anerkannt wurden, die die Fremdvölker der einheimischen Arbeiterschaft zufügten, so geht daraus mit Deutlichkeit hervor, welche große Bedeutung dem Zuzug der Hilfsvölker für die Gestaltung der Lohnverhältnisse beizumessen ist. Von besonderer Sachkunde zeugen die von den deutschen und österreichischen Genossen: Max Schippel und Otto Bauer verfaßten ausführlichen Gutachten, die als Vorbereitung auf die Verhandlungen in Stuttgart dienen sollten. Ich bringe hier einige der wichtigsten Schlußfolgerungen, zu denen das Referat Bauers gelangt, zum Abdruck, weil sie mir die Sachlage in besonders klarer Weise darzutun scheinen. Bauer unterscheidet richtig die freie Einwanderung und die organisierte „Lohndrücker“- Einfuhr, die aber in ihren Wirkungen auf dasselbe hinauslaufen, nur daß im ersten Falle, in denen der Ausgangspunkt das Angebot ist, der Lohndruck nur Wirkung, im zweiten Falle, in denen die Bewegung von der Nachfrage ausgeht, der Lohndruck auch Zweck ist. Von dieser zweiten Form der Einwanderung schreibt Bauer: „Die Unternehmer senden ihre Agenten in wirtschaftlich rückständige Gebiete, werben dort Arbeiter an, verpflichten sie schon in der Heimat zu bestimmten Arbeitsbedingungen für bestimmte Arbeitsstellen und importieren dann die angeworbenen Ar- Siebenundzwanzigstes Kapitel: Die ökonomische Anpassung 449 beiter in das Einwanderungsland... Die primitivste und am weitesten verbreitete Erscheinung des organisierten Lohndrückerimports ist die Einfuhr von Streikbrechern. Allmählich wird der Lohndrückerimport zur Massenerscheinung: wenn beispielsweise in Zeiten der Hochkonjunktur der rheinischwestfälische Kohlenbergbau einen beträchtlichen Teil der industriellen Reservearmee aufgesaugt hat und die Unternehmer fürchten, daß die Arbeiter die günstige Situation ausnutzen und sich günstigere Arbeitsbedingungen erkämpfen werden, dann erscheinen in Schlesien, in Böhmen, in Steiermark Emissäre der Unternehmer, welche Arbeiter für den westfälischen Kohlenbergbau anwerben und in die Kohlengebiete importieren... Ebenso sucht man, so oft größere Bauten, insbesondere Eisenbahn-, Kanaloder Hafenbauten unternommen werden, fremde Arbeiter heranzuziehen, um zu verhindern, daß die große Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt nicht nur die Unternehmer dieser Bauten, sondern auch die in industriellen und landwirtschaftlichen Unternehmen der Nachbarschaft zwinge, den Arbeitern höhere Löhne und günstigere Arbeitsbedingungen zuzugestehen. Zu demselben Zwecke wird — mit staatlicher Unterstützung — der Import sla- vischer Landarbeiter nach Ostdeutschland betrieben; man will dadurch verhindern, daß die preußischen Junker durch die ,Leutenot 1 gezwungen werden, höhere Löhne zu bezahlen. Den größten Umfang hat aber das System des Arbeiterimports erst erreicht, seit eine gewaltige wirtschaftliche Umwälzung die Menschenmassen des Orients in Bewegung gesetzt hat; das ungeheuerlichste Beispiel eines kapitalistisch organisierten Lohndrückerimports über den Ozean hinüber bot in jüngster Zeit die Einfuhr chinesischer Kulis nach Südafrika.“ Auf dem Stuttgarter Kongreß stießen die Interessen der ausgesprochenen Einwanderungsländer: England, Vereinigte Staaten, Australien mit denen der Auswanderungsländer naturgemäß heftig aufeinander. Das Ergebnis war ein Kompromißbeschluß, der — wie das damals so üblich war — von den Deutschen beantragt worden war. Er lautet in seinen wichtigen Teilen wie folgt: „Der Kongreß erklärt: Die Ein- und Auswanderung der Arbeiter sind vom Wesen des Kapitalismus ebenso unzertrennliche Erscheinungen wie die Arbeitslosigkeit, Überproduktion und Unterkonsumtion der Arbeiter. Sie sind oft ein Mittel, den Anteil der Arbeiter an der Arbeitsproduktion herabzusetzen und nehmen zeitweise durch politische, religiöse und nationale Verfolgungen anormale Dimensionen an. Der Kongreß vermag ein Mittel zur Abhilfe der von der Aus- und Einwanderung für die Arbeiterschaft etwa drohenden Folgen nicht in irgendwelchen ökonomischen oder politischen Ausnahmemaßregeln zu erblicken, da diese fruchtlos und ihrem Wesen nach reaktionär sind, also insbesondere nicht in einer Beschränkung der Freizügigkeit und in einem Ausschluß fremder Nationalitäten oder Rassen. Dagegen erklärt es der Kongreß für eine Pflicht der organisierten Arbeiterschaft, sich gegen die im Gefolge des Massenimports unorganisierter Arbeiter vielfach eintretende Herabdrückung ihrer Lebenshaltung zu wehren, Soipbart, Hochkapitalismus. 29 450 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte und erklärt es außerdem für ihre Pflicht, die Ein- und Ausfuhr von Streikbrechern zu verhindern. Der Kongreß erkennt die Schwierigkeiten, welche in vielen Fällen dem Proletariat eines auf einer hohen Entwicklungsstufe des Kapitalismus stehenden Landes aus der massenhaften Einwanderung unorganisierter und an niedere Lebenshaltung gewöhnter Arbeiter aus Ländern mit vorwiegend agrarischer und (?) landwirtschaftlicher Kultur erwachsen, sowie die Gefahren, welche ihm aus einer bestimmten Form der Einwanderung entstehen. Er sieht jedoch in der übrigens (!) auch vom Standpunkt der proletarischen Solidarität verwerflichen Ausschließung bestimmter Nationen oder Kassen von der Einwanderung kein geeignetes Mittel, sie zu bekämpfen“. (War schon gesagt worden.) Fs folgt die Aufzählung der vorgeschlagenen Maßnahmen. Die Resolution wurde unter Protest der englischen Delegation zum Beschluß erhoben. Wenn ich den Beweis für die lohndrückende Wirkung der Fremdvölker auf Umwegen — durch die Feststellung einer Gegenbewegung seitens der bedrohten, einheimischen Arbeiterschaften — zu erbringen versucht habe, so geschah es deshalb, weil er mir schlüssiger zu sein scheint, als ein unmittelbarer Nachweis der Lohnunterschiede zwischen den Einwanderungs- und den Auswanderungsländern. Denn dieser stößt begreiflicherweise auf Schwierigkeiten, da wirklich vergleichbare Ziffern für Einzelfälle nur schwer beizuhringen sind. Muß man auf den statistischen Beweis verzichten, so muß man sich mit den ganz allgemeinen Angaben begnügen, die wir für die durchschnittliche Lohnhöhe und die Lebenshaltung in den verschiedenen Ländern besitzen. Ich will der Vollständigkeit halber einige dieser Angaben noch mitteilen. Ein besonders lehrreicher Fall sind die Vereinigten Staaten. Wir besitzen hier die sehr gewissenhaften und eingehenden Berichte der Einwanderungskommission, deren Ergebnis von A. Salz (a. a. 0. 39, 113) wie folgt zusammengefaßt wird: Die Konkurrenz der süd- und osteuropäischen Einwanderer übt auf die qualifizierte, gelernte Arbeit nur geringen Einfluß aus, um so größeren auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen der angelernten und ungelernten Arbeit. Die Folge davon, daß die Grenzarbeiterschicht, die für das nationale Lohnniveau in gewisser Weise bestimmend ist, durch die Einwanderer mit niedriger Lebenshaltung gestellt wird, ist: Verschlechterung der Arbeitsbedingungen für die Gesamtheit der Arbeiter gleicher Kategorie, Druck auf die Lebenshaltung, Verdrängung des eingeborenen amerikanischen und älteren fremden Arbeiters aus bestimmten Berufen und Arbeitsstellen, Schwächung der alten Arbeiterorganisationen in einigen, ihre gänzliche Demoralisation und Verderbnis in andern Erwerbszweigen. Ein Beispiel •der höchst merkwürdigen Verdrängung einer lohnarbeitenden Völkerschaft Siebenundzwanzigstes Kapitel: Die ökonomische Anpassung 451 durch eine nachdringende andere, die mit schlechterenBedingungen zufrieden ist, ein anschauliches Bild proletarischer Völkerwanderung, ist in den Kohlenfeldern Pensylvaniens zu beobachten. Hier, in einem der frühesten Einwanderungsgebiete, verdrängen und überschwemmen seit 1880 Slowaken die früheren englischen und nordeuropäischen Arbeiter, die noch bis 1890 in Überzahl bleiben. Den Slowaken folgen Magyaren, Polen, Italiener, Bussen, Rumänen, Buthenen, Syrier, Armenier und Serben. Manche von den alten Arbeitern sind in andere Berufe übergegangen, viele sind nach den Kohlendistrikten des mittleren Westens ausgewandert. Auch hier wurden sie von den nachdringenden Einwanderern brotlos gemacht, so daß sie genötigt waren, in die Bergwerke des Südwestens abzuziehen, wo sie jetzt noch sind. Die Wirkung der neuen Einwanderung zeigt sich besonders deutlich in den Kohlenfeldern West-Pensylvaniens, wo der durchschnittliche Tagelohn um 42 Cents hinter dem Durchschnittslohn in den Feldern des mittleren Westens und Süd Westens zurückbleibt bei längerer Arbeitszeit und schlechteren Arbeitsbedingungen. Zur Ergänzung: Das Department of Commerce and Labour in Washington berechnet für 1905/07, daß bei voller Beschäftigung während eines Jahres erübrigen können, wenn sie ohne Familie leben: ein Italiener. 79,49% ein Ungar. 69,23%, ein anderer europäischer Arbeiter .... 53,85%. Ein anderes Verfahren, die lohndrückende Wirkung der europäischen Einwanderung zu ermessen, besteht in der Gegenüberstellung der in Europa und Amerika bezahlten Löhne. Eine solche hat Kuczynski in seiner lohnstatistischen Übersicht versucht. Leider nur für die Nominallöhne. Das Ergebnis ist beispielsmäßig: daß der durchschnittliche Stundenlohn der Bauhandwerker und der Bauhilfsarbeiter im Jahrzehnt 1890—1899 in den Vereinigten Staaten folgendes Mehrfache der Löhne in europäischen Städten und Ländern betrug: 2—3 Berlin, 3—5 Nürnberg, 3%—5 Elberfeld, 4—6 Lüttich, 1 2 / 3 —3 Paris, 2—4 Lyon, 1 y 2 —2% Großbritannien; a. a. O. S. 147. Ich habe dann in meiner Studie: „Warum gibt es in den USA. keinen Sozialismus“ eine Berechnung der Reallöhne vorgenommen und bin zu dem Ergebnis gelangt, daß dieser etwa doppelt so hoch in den Vereinigten Staaten war wie etwa in Deutschland. Im Anfang der südafrikanischen Goldgewinnung waren in Witwatersrand 1896 . 70000 Farbige, 7430 Weiße 1898 . 88000 „ 9476 „ beschäftigt. Der durchschnittliche Monatslohn betrug: für Farbige für Weiße 1896 .£ 3. 0. 10 £ 24.- 1898 . „ 2. 9. 9 „ 26.-. „The dream of the mine manager is to cut down the cost of native labour by getting a larger and more regulär supply as well as by obtaining cheaper 29* 452 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte maize to feed the workmen ... So white labour migbt be rauch cheapened James Bryce, Impressions of South Africa. 3. ed. 1900. pag. 303. Daß die Fremdvölker auch in den europäischen Ländern in zahlreichen Fällen zu billigeren Sätzen und für den Unternehmer günstigeren Arbeitsbedingungen arbeiteten, ist durch zahlreiche Belege erwiesen. Von den Italienern heißt es z. B. bei Britschgi-Schimmer, 113: „Was . . . die neuere Zeit betrifft, so wird von Arbeitgeberseite wiederholt zugegeben, daß sie sich durch höhere Lohnansprüche seitens der deutschen Arbeiter veranlaßt gesehen haben, Italiener einzustellen.“ Und Graf S. Jacini meint: „Theoretisch sollten sie (die eingewanderten Italiener) den gleichen Tariflohn wie die deutschen Handlanger erhalten, praktisch dagegen erhalten sie 10 Pfennige weniger pro Stunde, weil sie nicht organisiert sind.“ A. a. 0. Seite 131. c) Die billigen Arbeitskräfte im eigenen Lande „Innere Hilfskräfte“ stellten sich dem Kapitalismus zur Verfügung in Gestalt a) der Kinder, ß) der Frauen und y) der Landlinge. Es sind die wichtigsten Gruppen aus dem Heer der Zuschußbevölkerung: siehe das 23. Kapitel. a. Die Kinder Obwohl, wie ich nachgewiesen habe (siehe Band II Seite 836 ff.), die Kinderarbeit während der frühkapitalistischen Epoche ziemlich verbreitet war, also mit dem „Aufkommen der Maschine“ grundsätzlich nichts zu schaffen hat, ist es doch eine richtige Vorstellung, daß erst im Zeitalter des Hochkapitalismus die Zeit der Kinderarbeit erfüllt ist. Die maschinelle Entwicklung namentlich in der Textilindustrie, wo der Hauptsitz der Kinderarbeit in ihrer Blüte war, mag dazu beigetragen haben, die Kinderarbeit zu vermehren. Die Wandlungen im Bereiche der Bevölkerung, die uns bekannt sind, werden eine weitere Ursache dieser Ausdehnung gewesen sein, die aber vor allem doch als eine Wirkung der raschen Erstarkung des Kapitalismus angesehen werden muß. Dieser griff mit vollen Händen in die Kindermassen, die in den schnell sich entwickelnden Industriestädten sich aufhäuften, hinein, weil er hier Arbeitskräfte überhaupt, aber vor allem billigste Arbeitskräfte, fand. Er konnte aber seine Bedürfnisse nach Herzenslust befriedigen, solange noch keinerlei Beschränkung in der Verwendung unreifer Arbeitskräfte seitens des Staates ausgeübt wurde. So sehen ■wir denn bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts und zum Teil darüber hinaus die Zahl der in der Industrie beschäftigten Kinder rasch anwachsen, vornehmlich, wie ich schon sagte, auf dem Gebiete der Textilindustrie. Siebenundzwanzigstes Kapitel: Dis ökonomische Anpassung 453 In Großbritannien und Irland waren beschäftigt Kinder unter 13 Jahren: Baumwoll- Fabriken Woll- Fabriken Kamgarn- Fabriken Flachs- und Leinenindustrie Seidenindustrie Textilindustrie überhaupt 1847 1875 18298 66900 7415 8588 7337 29828 2029 12678 7804 42983 117994 Die erste Zahlenreihe nach Ure, 481; die zweite nach den Aufstellungen Redgraves, des Hauptinspektors der Fabriken in den 1880er Jahren. Zit. bei Max Schippel, Das moderne Elend (1883), 44. Seitdem geht die Zahl zurück. Schon als v. Schulze-Gävernitz seinen „Großbetrieb“ schrieb (Anfang der 1890er Jahre) konnte er bei einem Vergleich mit Ures Ziffern feststellen, daß in einer gleichgroßen Baumwollspinnerei zu Ures Zeiten von 653 Arbeitern 444, das sind 68,3% Kinder, zu seiner Zeit jedoch von 163 Arbeitern nur 83, das sind 50,9% „Kinder und jugendliche Arbeiter“ beschäftigt waren. Siehe,Großbetrieb“ (1892), S. 124. Am Schlüsse der hochkapitalistischen Epoche war die Kinderarbeit in den meisten zivilisierten Ländern, dank vor allem der sich verschärfenden Arbeiterschutzgesetzgebung, aber zum Teil auch aus andern, später noch zu erörternden Gründen, bis auf kleine Reste verschwunden. Der Anteil der erwerbstätigen Kinder unter 14 Jahren betrug bei der deutschen Berufszählung in der Industrie bei den Lohnarbeitern (c ohne cl [= mithelfenden Familienmitgliedern] Personen) 0,7% bei den Jungens, 0,8% bei den Mädchen, während für die „Jugendlichen“ im 14.—16. Jahre die entsprechenden Ziffern 6,7 und 9,9% waren. In den Vereinigten Staaten von Amerika ist das Anteilsverhältnis der kindlichen und jugendlichen Arbeitskräfte noch geringer: Kinder unter 15 Jahren waren in der Industrie im Jahre 1880 noch 6,7% beschäftigt, dagegen 1909 Kinder unter 16 Jahren nur noch 2,4%. Die höchste Ziffer weist die Baumwollindustrie auf. Aber auch hier geht die Kinderarbeit zurück: der Anteil der Kinder unter 16 Jahren betrug 1899 13,3%, 1909 dagegen nur noch 10,4% (Zensus). Zweifellos hat die Beschäftigung billiger, kindlicher Arbeitskräfte dem Kapitalismus, namentlich in seiner Frühzeit, große Vorteile gewährt. Er hätte sonst nicht so verzweifelt gegen jede Beschränkung der Kinderarbeit gekämpft. Aber wir haben auch genug Zeugnisse, die die Vorteile der Kinderarbeit ziffernmäßig nachweisen. Ure teilt auf Seite 307 eine Lohntabelle mit, aus der wir ersehen können, welche lächerlich niedrigen Lohnsätze man in der guten alten Zeit Kindern zahlte, für deren Arbeitstag wohlgemerkt noch keine Beschränkung bestand, und die, wie alle übrigen Arbeiter, ihre 14 oder 16 Stunden in der Fabrik tätig sein mußten. Der durchschnittliche Wochenlohn (!) in der Baumwollindustrie in Manchester betrug in den 1830er Jahren: 454 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Alter Zahl der beschäftigten männlichen Personen Lohn für männliche Arbeitskräfte s. d. Zahl der beschäftigten weiblichen Personen Lohn für weibliche Arbeitskräfte s. d. 9-10 498 2 9 3 A 290 2 11 3 A 10-12 819 3 8 538 3 9% 12-14 1021 5 oy. 761 4 10 1 /. 14-16 853 6 5y 2 797 6 4 3 /i 16-18 708 8 2% 1068 8 0 1 /, 18-21 758 10 4 1582 8 11 21 u. darüber 3632 22 5 3 A 3910 9 6 1 / 2 Ure singt denn auch in den höchsten Tönen, mit dem Eechenstift in der Hand, das Lob der Kinderarbeit: „The proprietor of a factory near Stockport states, in evidence to the commissioners, that by such Substitution, he would save £ 50 a week in wages in consequence of dispensing with nearly 40 male Spinner at about 25 s. of wages each. This tendency to employ merely children with watchful eyes and nimble fingers (!), instead of journeymen of long experience, shows how the scholastic dogma of the division of labour into degrees of skill has been exploded by our enlightened manufacturers.“ 1. c. p. 23. (i. Die Weiber Wir haben oben Seite 350 ff. gesehen, wie durch die Auflösung der Hausgemeinschaften, insbesondere durch den Wegfall der hausgewerblichen Eigenproduktion, die Frauen aus dem Hause vertrieben werden. Die Frau, die ihren Unterhalt bis dahin durch die Verwertung ihrer Arbeitskraft in der Hauswirtschaft verdient hatte, muß diese ihre Arbeitskraft immer mehr auf dem Markte verwerten: das ist der sehr einfache Tatbestand, dessen Problematik man als „Frauenfrage“ (im ökonomischen Sinne) zu bezeichnen pflegt. Und die aus dem Hause Verstoßenen nahm nun der aufstrebende Kapitalismus mit offenen Armen auf. Er bot ihnen die erwünschte Gelegenheit, sich einen Verdienst außerhalb des Hauses zu verschaffen in reichstem Maße, indem er die untersten Schichten in den Fabriken und der Hausindustrie, die mittleren Schichten im Handelsgewerbe unterbrachte. Daß auch für die kapitalistische Frauenarbeit der Grund nicht die aufkommende Maschinenarbeit war, habe ich ebenfalls schon dargetan (siehe Band II Seite 836ff.). Denn es gab längst Frauenarbeit, ehe der Betrieb maschinell gestaltet wurde. Ja — teilweise hat der Maschinenbetrieb sogar die Frauenarbeit zurückgedrängt: wie in der Spinnerei, die vor der Einführung der Maschinenspinnerei so gut wie Siebenundzwaüzigstes Kapitel: Die ökonomische Anpassung 455 ausschließlich Frauenarbeit, später nur noch in starkem Maße Frauen- aberit war oder, wie in der jüngsten Zeit in der Rohzuckerindustrie, die gerade im Fortschreiten zum maschinellen Betrieb die Frauenarbeit mehr und mehr abgestoßen hat. Und Industrien, die fast vollständig maschinell betrieben werden, wie die Maschinenindustrie selbst, sind ausgesprochene Männerindustrien, in denen die Frauenarbeit ganz zurücktritt: 1907 waren in der deutschen Maschinenindustrie 469301 Männer und nur 9528 Frauen beschäftigt. Also die Maschine hat der Frau den Weg in die Industrie nicht geebnet — in das Handelsgewerbe doch wohl noch weniger. Was vielmehr die Einstellung der Beschäftigung suchenden Frauen erheblich erleichtert, ja vielfach erst ermöglicht hat, ist jener Prozeß der Auflösung vielgliedriger Arbeiten in einfache Teilverrichtungen, von dem ich auf Seite 430 ff. gesprochen habe. Dadurch sind Arbeitsverrichtungen in Hülle und Fülle geschaffen worden, die der geringeren Leistungsfähigkeit des weiblichen Geschlechts in körperlicher und zum Teil wohl auch geistiger Hinsicht angemessen waren: der „gelernte“ Arbeiter, der Handwerker alten Stils wurde vielfach, wie wir gesehen haben, ausgeschaltet, und damit wurden der Frau auf ihrem Wege in das Erwerbsleben lästige Hindernisse weggeräumt: Schuster oder Schneider oder Kaufmann wäre die Frau sicher erst sehr viel später geworden. Aber Stepperin oder Nähterin oder Verkäuferin konnte sie jeden Tag werden. Die Frauenarbeit hat denn auch in allen Ländern mit kapitalistischer Kultur während des letztvergangenen Jahrhunderts eine sehr beträchtliche Ausdehnung angenommen und scheint noch immer mehr anzuwachsen. Der Krieg hat ihr einen neuen Anstoß gegeben, dessen Wirkung wir aber hier nicht zu verfolgen haben. Er stammt aus einer ganz andern Gründewelt als diejenige ist, die bis zum Kriege aus sich heraus die Frauenarbeit geboren hat. Über deren Entwicklung im Zeitalter des Hochkapitalismus, insbesondere während des letzten Menschenalters vor dem Kriege, möchte ich noch einige ziffernmäßige Angaben machen. Statistik der Frauenarbeit 1. Deutschland: Hauptberuflich Erwerbstätige weiblichen Geschlechts gab es: 1882 . 4259103 = 18,5%. 1895 . 5264393 = 20,0% 1907 . 8243498 = 26,4%. 456 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte In den Industrien, die von den Frauen bevorzugt werden, betrug der Anteil des weiblichen Geschlechts vom Hundert: Gewerbegruppe 1907 1895 1882 Bekleidungsgewerbe .... 50,7 44,5 39,7 Spinnstoffgewerbe. 50,0 45,3 38,1 Papierindustrie. 32,6 28,9 28,7 Nahrungsmittelgewerbe. . . 22,1 16,0 9,9 Vervielfältigungsgewerbe . . 19,2 12,5 9,8 Chemische Industrie .... 16,2 14,3 11,1 Im Handelsgewerbe waren hauptberuflich Erwerbstätige weiblichen Geschlechts von 1000 Erwerbstätigen überhaupt: 1882 . 209 1895. 249 1907. 313. Der Anteil der Weiber an der Gesamtzahl der Arbeiter (c-Personen) insbesondere betrug: 1907 1895 1882 in der Industrie.19,8% 18,4% 16,2% in Handel und Verkehr . . 51,6% 49,3% 34,5% Quellen : Die Berufszählungen. Zusammengefaßt in den Bänden 211, 220/21 der Stat. f. d. D. R. 2. England'. In der Textilindustrie waren von 1000 Personen insgesamt weiblichen Geschlechts: Gewerbezweig 1861 1871 1881 1891 1901 1911 Baumwolle. 567 598 620 609 628 614 Wolle. 461 513 561 557 582 571 Seide. 642 676 691 667 702 693 Hanf und Jute .... 265 304 374 393 492 530 Bänder, Litzen, Kordeln . 829 826 743 625 653 630 Teppiche . 183 312 362 440 517 544 Strickerei und Wirkerei . 468 468 533 629 713 735 In andern Industrien war das Anteilverhältnis folgendes: Gewerbezweig 1861 1871 1881 1891 1901 1911 Photographie. 66 147 197 234 257 297 Kautschukindustrie . . . 206 200 275 391 398 370 Bürsten-usw.-Industrie. . 321 346 382 389 431 440 Schuhmacherei. 154 115 160 185 210 226 Tabakindustrie. 221 296 435 548 601 596 Siebenundzwanzigstes Kapitel: Die ökonomische Anpassung 457 In Handel und Verkehr ergeben sich folgende Ziffern für die Weiber: Gewerbezweig 1861 1871 1881 1891 1901 1911 Kaufmännische Angestellte (Commercial Clerks) . . 5 16 33 72 153 245 Telegraph und Telephon . 82 76 236 291 406 522 Buchhandel (Stationery) . Schnittwarenhandel (Dra- 345 380 531 600 643 653 pers, mercers) .... 208 257 349 433 504 560 Quelle: General Report of Census. 3. Vereinigte Staaten von Amerika: Die Gesamtzahl der Erwerbstätigen weiblichen Geschlechts betrug: 1890 . 3914571 = 14,9% 1900 . 5319397 = 17,4,, 1910 . 8075772 = 21,1,, Das koloniale Gepräge des Landes, das bis zum Ende des 19. Jahrhunderts in der verhältnismäßig geringeren Beteiligung der Frauen an der Erwerbsarbeit sich aussprach, ist verschwunden: Amerika hat jetzt fast ebensoviel erwerbstätige Frauen als die europäischen Länder. Der Anteil des weiblichen Geschlechts an der industriellen Lohnarbeiterschaft ist seit 1880 sich fast völlig gleichgeblieben: 19,5%. Die zehn größten Weiberindustrien (mit mehr als 50000 Lohnarbeitern weiblichen Geschlechts), gleichzeitig auch diejenigen mit dem größten Anteil der Frauen an der Gesamtarbeiterschaft, sind (1910) nach der Höhe des Anteilverhältnisses geordnet folgende: Gewerbezweig Anteil der Zahl der beschäftigten Frauen Frauen Strickerei und Wirkerei. . 64,5 88183 Frauenkleiderindustrie. . 63,3 103063 Seidenindustrie. . 57,1 58441 Männerkleiderindustrie. , 55,5 142781 Konservenindustrie. . 49,8 77593 Tabakindustrie. . 46,5 84193 Woll- und Kammgarnindustrie . , . 41,3 72409 Baumwollindustrie. , 38,7 150057 Schuhindustrie. , 33,3 70457 Buchdruckerei und Buchhandel . , . 22,4 60973 Quelle: Abstract of the (XII. XIII.) Census und Abstract U. S. Der Frauenlohn verhält sich zum Männerlohn für die gleiche Arbeitsleistung etwa wie 3 : 5 (4—5), beträgt also drei Fünftel bis drei Viertel des Männerlohns. So wenigstens lehrt es die umfangreiche Aufstellung der Ortslöhne in Deutschland, die gemäß § 149—152 der Reichsversicherungsordnung (vor dem Kriege) festgesetzt wurden. Sie ist vollständig veröffentlicht in der Beilage zu Nr. 5 des Zentralblatts für das Deutsche Reich vom 16. Januar 458 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte 1914 nach dem Stande vom 1. Januar 1914. Für die Arbeiter in den Gemeinden über lOOOO Einwohner findet sich die Übersicht im Stat. Jahrbuch. Als Ortslohn gilt der ortsübliche Tagesentgelt gewöhnlicher Tagarbeiter. Die Löhne schwanken zwischen 1.60 Mk. und 4.20 Mk. bei Männern und 0.96 Mk. und 3 Mk. bei Frauen. Diese Ziffern stimmen ungefähr überein mit den in andern Ländern: Frankreich, Belgien, Großbritannien, Vereinigte Staaten gemachten Feststellungen. Siehe die Ergebnisse der verschiedenen Erhebungen bei Ch. Cornelissen, 1. c. Ch. XIII. Die Gründe, weshalb die Frauenlöhne niedriger sind als die Männerlöhne, liegen zutage, nämlich in folgendem: 1. der größeren Bedürfnislosigkeit der Frau; 2. der geringeren Machtstellung der Frau; 3. dem Umstande, daß Frauenarbeit in zahlreichen Fällen nur Zuschußarbeit, der Arbeitslohn also nur Zuschußverdienst ist, sei es zu dem Arbeitsverdienst des Mannes, sei es zu dem Einkommen der Eltern, wenn die Haustochter gewerblich tätig ist. y. Die Landlinge Landling nenne ich den vom Lande, richtiger aus der Landwirtschaft, noch genauer aus der Gutswirtschaft herstammenden Arbeiter in den europäischen Ländern. Er bildet die einzige Arbeitskraft in der kapitalistischen Landwirtschaft, solange er nicht landflüchtig geworden ist und bildet nachher den Stamm der ungelernten, aber auch zum Teil der angelernten Arbeiter in Industrie, Handel und Verkehr. Seine Ansprüche üben deshalb einen entscheidenden Einfluß auf den Stand des Gesamtarbeitslohns aus. Sie sind aber erheblich niedriger als diejenigen des städtischen Arbeiters. Wenn wir die deutschen Verhältnisse zugrunde legen, so ergibt sich nach der vorhin genannten Aufstellung der ortsüblichen Tagelöhne selbst innerhalb Deutschlands eine Spannung zwischen (östlichem) Landlohn und (westlichem) Stadtlchn für dieselbe Art von Arbeit von mehr als 1 zu 2, nämlich wie 2 zu 5. So betrugen beispielsweise die Ortslöhne für erwachsene männliche Arbeiter 4 Mark in Berlin, Harburg, Geestemünde (Höchstsatz 4.20 Mark), Emden, Lüdenscheidt, Duisburg, Oberhausen, Solingen usw., dagegen (selbst in den Städten) in Memel 2.75, Hastenburg 2.30, Gumbinnen 2.40, Marienwerder 2.30, Culm 1.90, Kreuzburg 1.60, Leobschütz 1.85, Neisse 1.85 Mark usw. In den Landkreisen kehren die Lohnsätze zwischen 1.60 und 1.80 noch häufiger wieder. Ein Tagelohn von weniger als 2 M. für Männer wurde in 14 Kreisen Ost- und Westpreußens und 42 Kreisen Schlesiens bezahlt. I Siebenundzwanzigstes Kapitel: Die ökonomische Anpassung 459 Die Gründe dieser niedrigeren Löhne sind historische: alle diese Arbeitskräfte sind die unmittelbaren Nachkommen der alten Hörigen. 2. Die Nachfrage nach Arbeitskräften 1. Zweifellos herrscht, wenn wir die große Linie der Entwicklung ins Auge fassen, in der hochkapitalistischen Periode eine starke und nachhaltige Tendenz zur Steigerung der Nachfrage nach Arbeitskräften. Die tatsächliche Ausweitung der kapitalistischen Wirtschaft, die Zunahme des Sachkapitals, die Vermehrung der Lohnarbeiterschaft: alles zusammen, das ja im Grunde nur eins ist, beweisen es. Der Lohnfonds, wie wir es auch ausdrücken können, wächst unaufhörlich an. Die von Marx behauptete Tatsache, daß v (der Lohnfonds) im Verhältnis zum Gesamtkapital ständig abnähme, berührt diesen Sachverhalt nicht im mindesten. Das alles werden wir genauer verfolgen, wo es uns angeht: siehe den folgenden Abschnitt. Hier stellen wir diese Tendenz zur Steigerung der Nachfrage nur fest, um daran die Bemerkung zu knüpfen, daß trotzdem das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkte keineswegs immer zugunsten des Arbeiters sich gestaltet. 2. Der Kapitalismus hat nämlich unter vielen Heil- und Kräftigungsmitteln auch dieses, das es ihm ermöglicht, den natürlichen Verlauf der Nachfrage in sein Gegenteil zu verkehren. Obwohl, wie gesagt, die große Bewegung auf Vermehrung des Bedarfs an Arbeitskräften geht, bringt er es fertig, daß der Arbeitsmarkt doch immer oder fast immer oder sehr häufig überfüllt ist, das heißt also, die Nachfrage hinter dem Angebot auf ihm zurückbleibt. Die Beobachtung dieser Tatsache eines beständig oder sehr oft überfüllten Arbeitsmarktes veranlaßte Marx zur Aufstellung der uns bekannten Bevölkerungstheorie, nach der der Kapitalismus selbst sich die von ihm benötigten Arbeitskräfte erzeugt. Und zweifellos richtig an dieser These ist die Tatsache, daß — wenn auch nicht immer, so doch vorübergehend — sich überschüssige Arbeitskräfte auf dem Markte befinden, die der Kapitalismus abgestoßen hat, die dann die Scharen der Arbeitslosen bilden, die natürlich durch ihr bloßes Dasein einen Druck auf die beschäftigten Lohnarbeiter ausüben, einen Druck, dem man spät und auch nur zum Teil durch künstliche Maßnahmen (gewerkschaftliche Organisation! Arbeitslosenfürsorge!) entgegenzuwirken unternommen hat. Das ist die „industrielle Reservearmee“, wie sie Marx genannt hat, das wichtigste Instrument in der Hand des Unternehmertums, um zu verhindern, daß die Bäume nicht 460 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte in den Himmel wachsen: die Arbeitslöhne nicht über ein geziemendes Maß hinaus steigen. Man kann über die Entstehungsursachen dieser industriellen Reservearmee, von denen gleich die Rede sein wird, verschiedener Meinung sein: ihr Dasein wegleugnen zu wollen, wäre töricht. Denn die Statistik verbürgt es. Ein paar allgemeine Ziffern aus der Statistik der Arbeitslosigkeit mögen hier Platz finden: Nach den Angaben des englischen Handelsministeriums betrug die monatliche Arbeitslosigkeit im ganzen Lande: 1901 .3,0% 1907 . 3,7% 1902 . 4,0 „ 1908 7,8 „ 1903 . 4,7 „ 1909 7,7 „ 1904 . 6,0 „ 1910.4,7 „ 1905 . 5,0 „ 1911. 3,0 „ 1906 . 3,6 „ Nach den Mitteilungen des Reichsarbeitsblattes waren in Deutschland von allen Beschäftigten im Dezember arbeitslos: 1903 . 2,6% 1908 . 4,4% 1904 . 2,4 „ 1909 2,6 „ 1905 . 1,8 „ 1910.2,1 „ 1906 . 1,6 „ 1911.2,4 „ 1907 . 2,7 „ 1912. 2,8 „ Nach der Zusammenstellung des Stat. Jahrbuchs gab es im Durchschnitt des Jahres 1913 Arbeitslose in: Deutschland. 2,9 % Großbritannien. 2,1 ,, Frankreich. 5,3 ,, Belgien. 2,0,, Niederlande. 5,2 „ Schweden. 4,4 „ Dänemark. 7,3 ,, Staat New York. 20,8 „ Massachusetts. 8,7 „ Unter „Arbeitslosen“ im Sinne der Statistik sind immer nur diejenigen Personen verstanden, die arbeiten wollen und arbeiten können und doch keine Arbeit haben, also ausgeschlossen sind einerseits die Streikenden (und Ausgesperrten), andererseits die durch Krankheit u. dgl. Arbeitsunfähigen. 3. Fragen wir nach den Ursachen dieser seltsamen Erscheinung, der Arbeitslosigkeit, so kommen wir leicht in die Gefahr, die Richtung des Weges, der ins Helle führt, zu verlieren angesichts der Fülle von Ursachen, auf die sich Arbeitslosigkeit zurückführen läßt. Eine amtliche französische Enquete hat festgestellt, daß es über vierzig verschiedene Siebenundzwanzigstes Kapitel: Die ökonomische Anpassung 461 Gründe der Arbeitslosigkeit gibt. Wir müssen versuchen, diese zahlreichen Gründe nach Gruppen zu ordnen und die wichtigsten herauszuheben. Dann ergeben sich, soviel ich sehe, drei Hauptgruppen von Gründen der Arbeitslosigkeit, nämlich: a) personale; b) technisch-soziale; c) ökonomisch-soziale. Zu a. Personale Gründe der Arbeitslosigkeit (die zum Teil gar keine Arbeitslosigkeit im technischen Sinne ist) sind Alter, Kränklichkeit, Entlassung (und Schwierigkeit der Einstellung) infolge Unbeliebtheit, Ungeschicklichkeit, Faulheit. Aus personalen Gründen arbeitslos sind ferner alle diejenigen Personen, die ihre Stelle wechseln wollen und noch keine neue gefunden oder die gefundene noch nicht angetreten haben u. a. Die Arbeitslosigkeit aus persönlichen Gründen stellt sozusagen den Mindestbetrag der Arbeitslosigkeit dar, der in jeder verkehrswirtschaft- lich organisierten Gesellschaft bestehen muß, damit diese richtig funktioniert (wie es aus gleichem Grunde immer eine Anzahl leerstehender Wob rmngen geben muß, wenn die Deckung des Wohnbedarfs normal vor sich gehen soll). Die 1—2% Arbeitslose, die wir zu jeder Zeit in den Ländern mit kapitalistischer Kultur antreffen, werden diese notwendig Arbeitslosen sein. Das Mehr erheischt andere Erklärungen und hat seine Gründe in einer der beiden folgenden Eigenarten der kapitalistischen Wirtschaft. Zu b. Die revolutionäre Technik, die dem Zeitalter des Hochkapitalismus eigen ist, bringt es mit sich, daß in jedem Gewerbe — ganz gleich, ob Urproduktion, Stoffverarbeitung oder Transport — von Zeit zu Zeit Änderungen des Verfahrens eintreten, die die Arbeitskräfte überzählig machen, weil zur Herstellung oder zum Transport derselben Gütermenge ein größerer Sachmittelapparat und ein kleinerer Aufwand an lebendiger Arbeit gehört. Der bekannteste — aber keineswegs einzige Fall — ist die Ersetzung der Handarbeit durch die Maschine. Naturgemäß machen sich solche technischen Umwälzungen am fühlbarsten geltend in den Anfängen der Entwicklung eines Gewerbezweiges : wenn dieser gerade anfängt, arbeitersetzende Verfahren einzuführen: Arbeitslosigkeit der Handspinner und Handweber in den Anfängen der Maschinenspinnerei und Weberei! Arbeitslosigkeit der Drescher infolge der Einführung der Dreschmaschine! Arbeitslosigkeit der Handsetzer beim Übergang zum Maschinensatz! usw. Aber in 462 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte kleinerem Maße vollzieht sich die Abstoßung von Arbeitskräften ununterbrochen mit dem Portschreiten der Technik in den einzelnen Gewerben. Nun hat man geglaubt, die Richtigkeit dieser Behauptung einer Arbeiter freisetzenden Tendenz der modernen Technik mit dem Hinweis auf die Tatsache bestreiten zu können, daß die freigesetzten Arbeiter entweder an einer andern Stelle in der Wirtschaft (wo nämlich nun die sie verdrängenden Maschinen und Apparate erzeugt werden) oder gar an derselben Stelle (wenn nämlich die Produktion entsprechend ausgeweitet wird) wieder eingestellt würden, so daß es im Grunde gar keine beschäftigungslos werdenden Arbeiter gebe (sog. Kompensationstheorie). Diese Ansicht ist falsch für den Fall gleichbleibender Produktion, da alsdann in den Produktionsmittel (Maschinen) erzeugenden Industrien weniger Arbeiter eingestellt werden, als an der andern Stelle entlassen sind (andernfalls würde ja die technische Neuerung keine Steigerung der Produktivität bedeuten). Sie ist richtig für den Fall der vermehrten Produktion. Es ist jedoch folgendes zu bemerken: Wenn die Ausweitung der Produktion an derselben Stelle, an der die Freisetzung erfolgen mußte, in gleichem Verhältnis, in dem die Produktivität der Arbeit gesteigert ist, und sofort eintritt, so gibt es in der Tat gar keine Arbeiterentlassung. Da jedoch diese Voraussetzungen keineswegs immer zutreffen, so ist Arbeitslosigkeit infolge technischer Neuerungen keineswegs unmöglich, und die Erfahrung lehrt, daß sie in der Tat häufig genug auf tritt. Denn wenn ein Betrieb, der eine neue, Arbeit sparende Maschine einführt, auch nur einen Monat braucht, um seinen Absatz entsprechend auszuweiten, so sind während dieses einen Monats jedenfalls Arbeitskräfte freigesetzt worden. Tritt aber die Ausweitung der Produktion nicht an demselben Orte und in gleichem Verhältnis zur gesteigerten Produktion ein, so tritt — vorübergehend — Arbeitslosigkeit erst recht ein. Denn es ist ein langer Weg, der den Drescher in die Drechmaschinenfabrik, den Handspinner in die Spinnmaschinenfabrik, den Handsetzer in die Setzmaschinenfabrik oder sie alle an eine andere Stelle, wo die Produktion gesteigert ist, führt. Vorausgesetzt, daß der Entlassene überhaupt zum Ziele gelangt. Auf alle Fälle ist er eine Zeitlang arbeitslos und darauf allein kommt es an. Zu c. Der Rhythmus des kapitalistischen Wirtschaftslebens bringt es mit sich, daß der Bedarf an Arbeitskräften zu verschiedener Zeit Siebenundzwanzigstes Kapitel: Die ökonomische Anpassung 453 ein verschieden hoher ist; anders ausgedrückt: daß der kapitalistische Betrieb in unregelmäßigem oder regelmäßigem Wechsel Arbeitskräfte anzieht und abstößt; jedesmal, wenn er dieses tut — im Zeitpunkt der Ausatmung — entsteht Arbeitslosigkeit, wird die industrielle Reservearmee vergrößert. Die Ursachen der Abstoßung von Arbeitskräften aus ökonomischen Gründen sind mehrere. a) Der Grund kann in dem individuellen Schicksal eines Unternehmens liegen, sei es, daß dieses seinen Betrieb einschränkt oder ganz einstellt wegen irgendwelcher geschäftlicher Schwierigkeiten, sei es, daß eine Fabrik abbrennt oder sonstwie betriebsunfähig wird und deshalb ihre Arbeiter entläßt; dieser Grund ist ersichtlich von nebensächlicher Bedeutung. ß) Wichtiger ist die allgemeine Erscheinung der Saisonarbeit. Zahlreiche Gewerbe verteilen ihre Arbeit imgleichmäßig auf das Jahr, arbeiten viel in einem Teile, wenig oder gar nicht im andern; teils aus natürlichen Gründen, wie die moderne Landwirtschaft, das Baugewerbe, die Flußschifferei, teils aus sozialen Gründen, wie die Konfektion, die Konservenindustrie, die Zuckerrübenindustrie. In allen diesen Industrien sind die Arbeiter während eines Teils des Jahres arbeitslos. Wenn sie nicht, was bei regelmäßigem Saisonbetriebe der Fall zu sein pflegt, während der toten Zeit einem andern Berufe nachgehen. y) Bei weitem am wichtigsten ist der dritte Grund der ökonomischsozialen Arbeitslosigkeit: der Konjunkturwechsel. Dieser bildet, wie erst später zu zeigen ist (siehe das 35. Kapitel), eine der hochkapitalistischen Wirtschaft innewohnende Eigenart. Er führt, was hier einstweilen als Ergebnis hinzunehmen ist, dessen Zustandekommen erst in einem andern Zusammenhänge auf ged eckt werden kann, dort, wo das innere Gefüge der Marktvorgänge zur Abhandlung gelangt, also im dritten Hauptabschnitt, zu periodischen Arbeiterentlassungen im großen Stile. Und die hohen Ziffern der Arbeitslosen, wie wir sie in bestimmten Zeiten antreffen, finden ihreErklärung in diesenKonjunktur- schwankungen. Ich mache im folgenden einige Angaben über Arbeitslosigkeit in sog. Niedergangsjahren und stelle die Ziffern für einige Aufschwungs- und Niedergangsjahre gegenüber: Die Statistik läßt mit unfehlbarer Sicherheit den Zusammenhang zwischen den Konjunkturschwankungen und dem Umfang der Arbeitslosigkeit erkennen. 464 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte In England wurde in den Niedergangsjahren folgender Durchschnitt von Arbeitslosen gezählt: 1858 . 11,9% 1886 . 10,2% 1862 . 8,4 „ 1893 7,5 „ 1868 . 7,9 „ 1904 6,0 „ 1879 . 11,4 „ 1908 7,8 „ während in Aufschwungszeiten die Arbeitslosigkeit bis auf 0,9% zurückgeht. Ziffern bei Aftalion, Crises periodiques 1 (1913). 166. Noch deutlicher tritt die Wirkung der Konjunktur in einzelnen, besonders anfälligen Industrien zutage; z. B. im Schiffbau. Hier betrug die Arbeitslosigkeit in England: Auf schwungsj ahre Niedergangsj ahre 1872 . 1,0% 1879 . 9,5% 1882 . 0,7 „ 1885 22,2 „ 1889 . 2,0 „ 1893 17,0 „ 1899 . 2,1 „ 1904 14,0 „ 1908 . 22,7 „ 1. c. 2, 59. In der Produktionsmittel herstellenden Industrie Schwedens war die Bewegung des Zu- (+) und Abstroms (—) der Arbeiter folgende: 1896-1900 . + 29,5% 1900-1902 . - 5,1 „ 1902-1907 . + 12,9 „ 1907-1909 . - 10,0 „ Bei Cassel, Theor. Soz.-Ök., 477. Im Eisenhochofenbetriebe in Deutschland betrug die mittlere Belegschaft in Tausenden: 1899 . 36,3 1907 . 45,2 1900 . 34,7 1908 . 43,5 Statistisches Jahrbuch. 3. Der Preis der Arbeit 1. Daß in zahlreichen Fällen während der verflossenen hochkapitalistischen Periode die Steigerung des Arbeitslohns durch Steigerung der Leistung des Arbeiters wettgemacht worden ist, kann nicht in Zweifel gezogen werden. Der Nachweis ist in vielen monographischen Behandlungen einzelner Gewerbezweige erbracht worden. Ein beliebtes Studienfeld für diese Art Untersuchungen hat von jeher die Textilindustrie, insonderheit die Baumwollindustrie, abgegeben. Und sie eignet sich in der Tat in hervorragendem Maße, um den Nachweis einer Senkung des Arbeitspreises trotz zunehmenden Steigens des Preises der Arbeitskraft zu erbringen, dank der namentlich in der Spinnerei stark gestiegenen Produktivität der Arbeit, dank der zweifellos gesteigerten In- Siebenundzwanzigstes Kapitel: Die ökonomische Anpassung 465 tensität der Arbeitsleistung und dank endlich der bequemen Berechnungsweise der Produktionsergebnisse. So besitzen wir aus diesem Gewerbezweige eine Reihe sehr in die Augen springender Zusammenstellungen, von denen ich einige mitteilen will. Baumwollspinnerei in England: Garnerzeugung Jahre pro Arbeiter in lbs. 1819-1821 .... 968 1829-1831 .... 1546 1844-1846 .... 2754 1859-1861 .... 3671 1880-1882 .... 5520 Nach Ellison, Cotton Trade. 1886. Kosten der Durchschnittlicher Arbeit pro Jahresverdienst Pfund Garn pro Arbeiter 6,4 d 26 £ 13 sh 4,2 „ 27 „ 6 „ 2,3 „ 28 „ 12 „ 2,1 „ 32 „ 10 „ 1,9 „ 44 „ 4 „ Spinnen der No. 200: Kosten der WochenJahr W ochenleistung Wöchentliche Arbeit (Spinner verdienst pro Spinner Arbeitszeit und Gehilfen) des pro 1000 hanks Spinners 1837 . . . 3 800 hanks 72 Stunden 200 d 42 sh 1891 . . . 34500 „ 54% „ 23 „ 44 „ Bei v. Schulze-Gaevernitz, Der Großbetrieb (1892), 131. Baumwollweberei in England: T , Leistung pro Arbeiter Jaär in lbs. Kosten der Arbeit im lb. J ahreseinkommen pro Arbeiter 1829-1831 . . 322 15,5 d 20 £ 18 sh 1829-1831 . . 521 9,0 „ 19 „ 8 „ 1844-1846 . . 1658 3,5 „ 24 „ 10 „ 1859-1861 . . 3206 2,9 „ 30 „ 15 „ 1880-1882 . . 4039 2,3 „ 39 „ — „ Nach den Zusammenstellungen bei Ellison, 1. c. Aus einer großen Weberei in Hyde, die seit Einführung des Kraftstuhls derselben Fabrikantenfamilie gehört: Wochenproduktion Kosten der Arbeitszeit WochenJ ahr Arbeit in der Woche verdienst pro Arbeiter pro Yard (Stunden) des Webers 1814 . . . 130,7 Yards 1,3 d 80 14 sh 1832 . . . 221,2 „ 0,6 „ 72 12 „ 1890 ... 540 0,13 „ 54% 17,2-22,5 sh Bei v. Schulze-Gaevernitz a. a. O. Seite 148/49. Aus zwei amerikanischen Fabriken, welche seit 1830 dieselbe Ware hersteilen und Spinnerei und Weberei vereinigen: Sombart, Hochkapitalisnuis. 30 460 Jahr 1830 . 1850 . 1870 . 1884 .... 28032 „ 1,07 „ 290 „ Nach Edw. Atkinson, mitgeteilt von v. Schulze-Gävernitz a. a. 0. Seite 150. Natürlich muß, was' ich an anderer Stelle schon ausführte, bei diesen Aufstellungen in Rücksicht gezogen werden der außerordentlich große Mehraufwand an Arbeitsmitteln, der die Erzeugnisse belastete und zu dem Arbeitspreise hinzugerechnet werden muß. Immerhin wird man eine Steigerung der Arbeitsleistung in diesen Industrien annehmen dürfen, die stärker ist als die Steigerung des Arbeitslohns. Nur darf man natürlich aus solchen besonderen Fällen keine allgemeinen Schlüsse ziehen. 2. Auf allgemeine, ziffernmäßige Feststellungen jener Verbilligung der Arbeit durch Steigerung der Axbeitswirkung werden wir verzichten müssen. Eine ungefähre Vorstellung von der Bedeutung des Vorgangs kann man vielleicht gewinnen, wenn man die Ziffern in Betracht zieht, die ich oben Seite 235 ff. über die allgemeine Steigerung der Produktivität und Intensität der Arbeit angeführt habe. 3. Die Wirkung, um die es sich hier handelt, ist erzielt worden durch Vervollkommnung der Technik und der Betriebsorganisation. Wie sie zustande gekommen ist, werden wir deshalb wiederum erst dort genauer feststellen können, wo wir der Entwicklung des wirtschaftlichen Prozesses, insonderheit der Betriebe, unser Augenmerk zuwenden. III. Die Bewegung des Arbeitslohnes Wir möchten jetzt nach alledem, was wir über die die Höhe des Arbeitslohnes bestimmenden Kräfte in Erfahrung gebracht haben, gern wissen, wie sich denn nun in der Wirklichkeit der Arbeitslohn gestaltet hat. Ob diejenigen Einflüsse, die ihn in die Höhe zu reißen imstande waren oder diejenigen, die ihn in die Tiefe zu ziehen strebten, die stärkeren gewesen sind und ob — worauf es uns an dieser Stelle allein ankommt — die Bewegung des Arbeitslohns derart gewesen ist, daß er dem Profit Eintrag getan hat oder nicht. Genauer gesagt, unter Berücksichtigung der in diesem Kapitel beliebten Problemstellung: ob und in welchem Umfange die dem Kapitalismus während des verflossenen Jahrhunderts zur Verfügung gestellten Arbeitskräfte sich ihm auch ökonomisch so weit angepaßt haben, daß sie sein Verwertungs- Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte t , ••er, J.T., Durchschnittlicher Jahreserzeugnis Kosten der Arbeit T , ,. , a , -Ir t Jahresverdienst des Arbeiters pro Yard 4321 Yards 12164 „ 19293 „ 1,9 cts. 1,55 „ 1,24 „ des Arbeiters 164 $ 190 „ 240 „ Siebenunilzwanzigstes Kapitel: Die Ökonomische Anpassung 407 streben nicht aufgehalten haben. Antwort auf diese Fragen gewährt uns eine Statistik, die nur die Bewegung des Arbeitslohns — sei es des Nominal-, sei es des Reallohns — aufweist, offenbar nicht. Es interessiert uns in diesem Zusammenhänge noch nicht — erst im nächsten Abschnitt tritt diese Seite des Problems in das Licht —, ob der Arbeiter heute mehr oder weniger an Geld oder Sachgütern erhält als vor hundert Jahren; das heißt, es interessiert uns nicht die absolute Höhe seines Lohnes. Was wir vielmehr wissen müssen, ist dessen relative Höhe: relativ zum Unternehmerprofit (dem Mehrwert). Nur wenn wir dieses Beziehungsverhältnis kennen, können wir uns ein Urteil bilden, ob sich die Arbeiterschaft dem Verwertungsbedürfnis des Kapitals angepaßt hat oder nicht. Woher aber eine solche Ziffer nehmen? Soviel ich sehe, sind die einzigen, für unsere Zwecke verwertbaren Zahlen diejenigen des amerikanischen Zensus. Dieser enthält bekanntermaßen Zusammenstellungen mit Bezug auf die gewerbliche Produktion („Manufactures“, bis zum Zensus von 1889 Handwerk und Fabriken, seitdem nur diese umfassend) über: 1. die Höhe sämtlicher bezahlten Löhne; 2. die Preise der von den gewerblichen Produzenten verarbeiteten Roh- und Hilfsstoffe; 3. den Verkaufswert des gefertigten Produkts. Die Summen von 1 und 2 stellen die Kosten dar, die der Unternehmer zu machen hat (zu denen noch die „verschiedenen“ Kosten, wie Steuern, Versicherungsprämien usw., hinzutreten, die aber für die früheren Zählungen nicht mitgeteilt sind und die wir deshalb außer Betracht lassen wollen: wir können sie als verhältnismäßig gleichbleibenden Betrag ansehen und mit Null in unsere Rechnung einsetzen). Dann ergibt der Unterschied zwischen dem Verkaufswert und den Kosten die Höhe des Kapitalprofits oder den im Bereiche der gewerblichen Produktion erzielten Mehrwert. Die Herausgeber des Zensus warnen nun selbst davor, die mitgeteilten Beträge als genauen Ausdruck der verschiedenen Bestandteile des jährlichen Produkts anzusehen. Und gewiß dürfen Schlüsse aus ihrer absoluten Höhe nur mit größter Vorsicht gemacht werden. Wo es sich dagegen um den Nachweis einer Bewegung handelt, wie für uns, erscheinen mir die Ziffern, da die Erhebungsmethode seit 1850 im wesentlichen dieselbe geblieben ist, doch sehr wohl geeignet, Aufschluß zu gewähren. Zweifellos weisen sie in ganz groben Zügen doch richtig die großen Linien der Bewegung auf, die Arbeitslohn und Mehrwert durchgemacht haben. Ich stehe deshalb nicht an, sie als Beweismaterial hier zu verwenden. 30 * 468 Zweiter Abschnitt: Die Arbeitskräfte Ich habe aus den genannten drei Ziffern die Ziffern für die Arbeitslöhne herausgenommen und die Differenz zwischen den beiden andern errechnet, die also die Höhe des Mehrwerts darstellt. Dann habe ich für die Veränderungen dieser beiden Größen die Indexzahlen ermittelt. Da es uns, wie gesagt, nur um die Bewegung und das Verhältnis der beiden Größen zueinander zu tun ist, so verzichte ich auf die Mitteilung jeder absoluten Ziffer und verzeichne hier nur die Indexzahlen. Die Höhe des Gesamtarbeitslohns und des Gesamtmehrwerts im Jahre 1850 mit 100 angesetzt, ergehen sich bis 1915 folgende Ziffern: Löhne Profite 1850 . 100 100 1860 . 160 209 1870 . 261 341 1880 . 400 464 1890 . 800 1021 1900 . 1000 1469 1905 . 1100 1636 1910 . 1446 2248 1915 . 1721 2555 Die absoluten Ziffern findet man im Stat. Abstr. U S. Berechnen wir nach demselben Verfahren auch die verhältnismäßige Zunahme der beiden Beträge zwischen zwei Zensusjahren, so ergeben sich folgende Ziffern: Es betrug die Steigerung: Löhne Profite 1850-1860 .... . . . . 60,0% 109,0% 1860-1870 .... . . . . 63,3 „ 63,1 „ 1870-1880 .... . . . . 53,4 „ 36,0 „ 1880-1890 .... . . . . 100,0 „ 35,6 „ 1890-1900 .... . . . . 25,0 „ 43,9 „ 1900-1905 .... . . . . 10,0 „ 11,3 „ 1905-1910 .... . . . . 31,5 „ 37,4 „ 1910-1915 .... . . . . 18,8 „ 13,6 „ 1900-1910 .... . . . . 44,6 „ 52,9 „ 1905-1915 .... . . . . 56,3 „ 55,9 „ Im Jahresdurchschnitt 1850—1915 betrug die Steigerung der Löhne.2,52 % Profite.3,08 „ Siebenundzwanzigstes Kapitel: Die ökonomische Anpassung 469 Diese Ziffern sind außerordentlich lehrreich, vor allem wegen der Schwankungen, die sie aufweisen. Man kann die ganze Industrie- und sogar Wirtschaftsgeschichte der Vereinigten Staaten aus ihnen ablesen. Was uns aber an dieser Stelle allein angeht, ist das Verhältnis, in dem die beiden Größen: Arbeitslohn und Mehrwert, angewachsen sind. Da weisen denn die Ziffern auf einen aufregenden Wettlauf zwischen den beiden Partnern hin: bald läuft der eine, bald der andere rascher. Aber — der Mehrwert hat doch die stärkeren Lungen und die rascheren Füße: er bleibt in dem Wettlauf Sieger. So sehr auch die Arbeitslöhne gestiegen sind: der Mehrwert ist im großen Ganzen rascher gestiegen. Er läuft im Durchschnitt der Jahre mit einer Geschwindigkeit von 3,08 gegen eine solche von 2,52, die der Arbeitslohn aufbringt. Die Arbeiterschaft hat sich dem Kapitalismus auch ökonomisch angepaßt: das war es, was wir feststellen wollten. Um die Glaubwürdigkeit meiner obigen Berechnung zu erhöhen, will ich noch auf die Berechnung eines Amerikaners aus der letzten Zeit hin- weisen, die ganz andere Größen zum Gegenstände hat und doch fast genau zu demselben Ergebnis kommt wie meine. Alwin H. Hansen nimmt die Produktion als Ganzes und stellt ihr den von ihm errechneten Betrag der Reallöhne gegenüber. Dann ergibt sich, daß von 1820 bis zur Gegenwart gestiegen ist im Jahresdurchschnitt: die Produktion um 1,29% der Reallohn „ 1,04 ,, Wie man sieht, stehen diese beiden Größen in fast genau demselben Verhältnis wie meine Ziffern: 3,08 und 2,52. Alwin H. Hansen, Factors affecting trend of Real wages im Am. Econ. Journal. March 1925. 470 Dritter Abschnitt Der Absatz Quellen und Literatur I. Das Problem des Absatzes wird theoretisch in allen besseren, national- ökonomischen Werken behandelt. Aus der älteren Literatur kommen vornehmlich in Betracht die Schriften von Say, Ricardo, Mc Culloch einerseits, von Sismondi, Rodbertus, Marx andererseits. An dem Streit in der russischen Literatur am Ende des 19. Jahrhunderts waren beteiligt: von den russischen Nationalisten Woronzow und Nicolai-on (Danielson), von den Neumarxisten Struve, Bulga- kow und Tugan-Baranowski, von den orthodoxen Marxisten Lenin, Maslow u. a. Von ihren Schriften, soweit sie in deutscher Sprache erschienen sind, ragen hervor: Nicolai-on, Die Volkswirtschaft in Rußland. Übers, v. G. Polonski. 1899. M. v. Tugan-Baranowski, Studien zur Theorie und Geschichte der Handelskrisen in England. 1901. Peter Maslow, Theorie der Volkswirtschaft. 1912. Über den Stand der russischen Kontroverse in ihren Anfängen schrieb: Achille Loria, La controversia del Capitalismo in Russia; in der Nuova Antologia 16. XI. 1896. Eine Zusammenfassung der Streitpunkte und glänzende Verteidigung des orthodox-marxistischen Standpunktes enthält das öfters zitierte Werk von Rosa Luxemburg, Die Akkumulation des Kapitals. 1912. II. Die exogene Nachfrage, soweit sie in die frühkapitalistische Zeit hineinragt, habe ich ausführlich im 1. und 2. Band dieses Werkes behandelt. Die öffentlichen Körper: Ad. Wagner, Grundlegung. 3. Aufl. 1891. 6. Buch. 3. Kapitel. Fr. Zahn, Die Finanzen der Großmächte. 1908. Al. Papacostea, L’accroissement des budgets de l’Etat. 1912. War mir nicht zugänglich. Vgl. den Artikel Finanzstatistik im HSt. 3 Bd. IV. Die Exoten: für den Warenhandel siehe die auf Seite 225 f. genannten Werke über Handelsstatistik. Das Problem des Kapitalexports ist in einer reichen, z. T. vortrefflichen Literatur abgehandelt, aus der ich folgende Schriften nenne: Ch. Wilson, De l’influence des capitaux anglais sur l’industrie europeenne depuis la revolution de 1688 jusqu’en 1846. 1847. Ein wenig beachtetes, ganz erstaunlich aufschlußreiches Buch. A. Sartorius Frh. v. Waltershausen, Das volkswirtschaftliche System der Kapitalanlage im Auslande. 1907. Theo- Quellen und Literatur 471 retisch wie historisch gleich gut. J. A. Hobson, der Ältere, The economic interpretation of investment. 1911. E. Becque, L’internationalisation des capitaux. 1912. Vor allem für Frankreich sehr gründlich. C. K. Hobson, der Jüngere, The export of Capital. 1914. Das Urteil Hobsons, des Vaters: „the füllest historical and Statistical treatment of the subject up to 1914“, ist zutreffend, wenn wir hinzufügen: von den Veröffentlichungen in englischer Sprache. Julius Landmann, Der schweizerische Kapitalexport. S.-A. aus der Zeitschrift für Schweizerische Statistik und Volkswirtschaft. 52. Jahrg. 1916. Gewährt trotz seiner Einstellung auf die augenblickliche, durch den Krieg geschaffene, Lage vielfache Belehrung allgemeiner Natur. Friedrich Lenz, Wesen und Struktur des deutschen Kapitalexports vor 1914 im Weltwirtschaftlichen Archiv. Band 18. 1922. Sieht das Problem unter wesentlich politischem Gesichtspunkt. Kurt Frh. v. Reibnitz, Amerikas internationale Kapitalwanderungen. 1926. Das sehr gründliche Werk beschäftigt sich hauptsächlich mit den Vorgängen in der Kriegsund Nachkriegszeit. Ebenfalls fällt zeitlich aus dem Bereiche unseres Untersuchungsgebiets, ist aber auch für uns durch seine theoretischen Erörterungen wertvoll: M. Palyi, Zur Frage der Kapitalwanderungen nach dem Kriege in den Sehr. d. VfSP. Bd. 171. III. 1926. Vgl. auch die auf S. 45 ff. angeführte Literatur. Unter den Statistiken des Kapitalexports ragen hervor die Zusammenstellungen, die Alfred Neymarck für das Institut international de Statistique auf zahlreichen Tagungen gemacht hat. Der letzte Bericht vor dem Kriege war der neunte und findet sich im Bulletin des Instituts Vol. XIX. II auf Seite 201—475 abgedruckt. Als besondere Quellen sind die Enqueten anzusehen, die verschiedene Regierungen veranstaltet haben. Für Deutschland insbesondere siehe die Zusammenstellung des Reichsmarineamts : Die Entwicklung der deutschen Seeinteressen im letzten Jahrzehnt. 1905. Die neuen Käuferschichten: siehe die Literatur zum „Auflösungsproblem“ auf Seite 323. III. Endogene Nachfrage: Den Stufengang der Wirtschaft sollten alle im Geleitwort genannten allgemeinen Darstellungen der wirtschaftlichen Entwicklung im Zeitalter des Hochkapitalismus schildern. Hier und da tun sie es; leider meist sehr unzulänglich. Dann ist man auf die unabsehbare Menge der monographischen Literatur angewiesen, die hier auch nur in ihren Hauptwerken zu nennen, der Raum verbietet. Vgl. die auf Seite 74ff. und 227 unter D zitierten Werke. Über die Kaufkraft der Lohnarbeiter siehe die auf Seite 370 f. angeführten Schriften. 472 Achtundzwanzigstes Kapitel Zur theoretischen Besinnung I. Die Aufgabe Wir wollen in diesem Abschnitt Antwort auf die Fragen finden: Wie hat sich die dritte Bedingung erfüllt, die erfüllt werden mußte, damit der Hochkapitalismus zu voller Entfaltung kommen konnte? Wer hat ihm die Erzeugnisse abgenommen, die er in Massen hervorbrachte? Wie ist das Problem des Massenabsatzes gelöst worden? Behufs Erleichterung unserer Aufgabe werden wir wieder einige „theoretische“ Erörterungen anstellen, ehe wir an die geschichtliche Untersuchung herangehen. Das heißt: wir werden das rationale Schema entwerfen, das sich bei idealtypischer Reinheit des Sachverhaltes ergibt. Welches ist aber der reine Sachverhalt ? Offenbar eine Wirtschaft rein kapitalistischen Gepräges. Also eine solche, bei der als Abnehmer der Erzeugnisse nur die Kapitalisten und die Lohnarbeiter in Betracht kommen, in der also die Nachfrage ausschließlich durch die Summe des Mehrwerts und der Arbeitslöhne gebildet wird. Die Frage ist dann die: Vermag der Kapitalismus sich auszuweiten oder was, wie wir wissen, auf dasselbe hinausläuft: Ist Akkumulation des Kapitals in einer rein kapitalistischen Wirtschaft dauernd möglich ? Wenn ja: Auf welche Weise vollzieht sich die erweiterte Reproduktion des Kapitals nach der Seite des Absatzes hin betrachtet? Auf diese Fragen sind sehr verschiedene Antworten erteilt worden, an die wir im folgenden anknüpfen wollen. II. Die Lehrmeinungen üder die Ausdehnungsfähigkeit des Kapitalismus Seit altersher stehen sich zwei Ansichten schroff gegenüber, die wir als optimistische und pessimistische bezeichnen können. 1. Die optimistische Auffassung wird von den meisten „Klassikern“, namentlich und in besonders ausgeprägter Form von J. B. Say, Ricardo und etwa noch Mc Culloch vertreten. Sie ist begründet worden durch Say in seiner „Theorie des debouches“, Achtuudzwaiizigstes Kapitel: Zur theoretischen Besinnung 473 der ,, Lekre von den Absatzwegen“. Nach dieser Lehre gibt es keine Überproduktion, aus dem einfachen Grunde, weil jeder Produzent auch Konsument, jeder Arbeiter auch Nachfrager ist, so daß also die Nachfrage nach Produkten um so größer ist, je mehr Produkte auf den Markt gebracht werden. Für die Richtigkeit dieser Lehre setzte dann Ricardo seine ganze, große Autorität ein, wenn er schrieb (Principles, Ch. XXI): „Say hat. . . dargetan, daß es keinen Kapitalbetrag gibt, der nicht in einem Lande angewendet werden kann, weil die Nachfrage in der Hervorbringung ihre Grenzen hat. Niemand bringt hervor, ausgenommen in der Absicht zu verbrauchen oder zu verkaufen, und niemand verkauft jemals außer in der Absicht, andere Güter zu kaufen, welche für ihn unmittelbar brauchbar sind oder zu künftiger Hervorbringung beitragen können. Dadurch, daß er hervorbringt, wird er notwendigerweise entweder Verzehrer seiner eigenen Güter oder Verzehrer der Güter irgendeiner anderen Person.“ „Es kann in einem Lande kein Kapitalbetrag angesammelt werden, welcher nicht hervorbringend angelegt werden kann . . . Erzeugnisse werden stets durch Erzeugnisse gekauft.“ 2. Die pessimistische Auffassung stellt demgegenüber die Behauptung auf, daß in der kapitalistischen Wirtschaft die Nachfrage nach Gütern mit zunehmender Produktion nicht wachse, da die Kaufkraft sich nicht im gleichen Verhältnisse wie die Produktion ausdehne: von dem gesellschaftlichen Jahreseinkommen bleibe infolge der Akkumulation eines Teiles des Mehrwertes stets ein Teil unverzehrt, während gerade infolge der Akkumulation die Produktion ausgeweitet werde. Es trete ein Zustand der Unterkonsumtion und also der Überproduktion als notwendige Begleiterscheinung der Ausdehnung der kapitalistischen Produktion ein. Wenn der Kapitalismus an diesem inneren Gebrechen nicht längst zugrundegegangen sei, so liege das daran, daß er immer noch außerhalb seines eigenen Bereichs Abnehmer gefunden habe. Sismondi war der erste Theoretiker, der diese pessimistische Auffassung vertrat und ausführlich begründete: siehe das II. und III. Livre der Nouveaux Principes. Seine Ansicht ist in folgendem Satze enthalten: „Par la concentration des fortunes entre un petit nornbre de proprietaires, le marche interieur se reserre toujours plus, et l’industrie est toujours plus reduite ä chercher ses debouches dans les marches etrangers, oü de plus grandes revolutions la menacent.“ N. Pr. I 2 (1827), 361. Die Begründung, die er diesem Satze gibt, läßt die Eigenart der Umwelt, aus der heraus er 474 Dritter Abschnitt: Der Absatz schrieb, deutlich erkennen: seine Reichen, an deren Unterkonsumtion der Kapitalismus scheitern soll, sind die Seigneurs alten Stils, die ihren Bedarf mit Vorliebe im Auslande decken, und zwar vermittels Handarbeit: sie lehnen die Fabrikware ab, sie wollen keinen Maschinentüll, sondern Hand- Spitzen. Die Kaufkraft der Lohnarbeiter verringert sich aber beständig, da ihre Menge abnimmt und zudem „tout progres tend . . ä reduire l’aisance de ceux qui n’ont pour vivre que leur travail“. N. Pr. L. III. ch. 8. Rodbertus, der dann ein bedeutender Verfechter der Unterkonsumtionstheorie wurde, legt den Schwerpunkt seiner Beweisführung auf die ungenügende Entlohnung der Arbeiter. Er nimmt das „eherne Lohngesetz“ als erwiesen an, wonach der Arbeitslohn auf dem Existenzminimum festgehalten werde, das er in einer gegebenen Menge von Sachgütern verkörpert sieht. Da diese festgegebene Sachgütermenge bei einer Zunahme der gesellschaftlichen Produktivität einen immer kleineren Wertbetrag darstellt, so macht sie auch von dem Gesamtwertbetrag eine immer kleinere Quote aus. Der Mehrwert schwillt deshalb immer mehr an und kann von seinen Beziehern nicht mehr verzehrt werden, so daß ein immer größerer Betrag akkumuliert, die Produktion also immer mehr ausgedehnt wird, während die Konsumkraft sinkt. Am interessantesten ist die Begründung der pessimistischen Auffassung von der Lebensfähigkeit der kapitalistischen Wirtschaft bei Marx. Sie hängt mit seiner allgemeinen Lehre von der Reproduktion des Kapitals zusammen, von der wir schon früher einzelne Bestandteile kennengelernt haben und die wir hier im ganzen uns vergegenwärtigen müssen. Marx betrachtet es als eine seiner wichtigsten wissenschaftlichen Entdeckungen, daß er den Irrtum des Adam Smith erkannt habe, der das gesamte Jahresprodukt in Arbeitslöhne, Kapitalzins und Grundrente auflöste: Smith habe übersehen, daß daneben ein Sachkapital erzeugt werde, das sich nicht in jene drei Bestandteile auflösen lasse. Sein Fehler bestehe darin, „daß er den jährlichen Produktenwert gleichsetzt dem jährlichen Wertprodukt. Das letztere ist nur Produkt der Arbeit des vergangenen Jahres; der erstere schließt außerdem alle Wertelemente ein, die zur Herstellung des Jahresproduktes verbraucht, aber im vorhergehenden und zum Teil in noch früher verflossenen Jahren produziert wurden: Produktionsmittel, deren Wert nur wieder erscheint, die, was ihren Wert betrifft, weder produziert noch reproduziert worden sind durch während des letzten Jahres verausgabte Arbeit“. Kürzer: Smith vergißt, „daß das Wertprodukt kleiner ist als der Produktenwert“. Dies die Hauptstelle: „Kapital“ 2, 370 f. Doch zieht sich der Gedankengang wie ein roter Faden durch das ganze Marxsche System. Und nun weiter in unbegreiflicher Verblendung: Also teilt sich auch der akkumulierte Mehrwert, das neu anzulegende Kapital, in c (den zu reproduzierenden Teil des aus der früheren Produktionsperiode überkommenden Sachkapitalbetrags) und v (die für lebendige Zusatzarbeit zu verausgabende Summe). Nun ist es aber eine Tendenz der (technisch fortschreitenden) kapitalistischen Wirtschaft, daß der Sach- mittelapparat im Vergleich zu der lebendigen Arbeit, die ihn in Bewegung Achtundzwanzigstes Kapitel: Zur theoretischen Besinnung 475 setzt, immer größer wird, also auch c rascher wächst als v. Somit fällt auch die Nachfrage nach Arbeit. „Da die Nachfrage nach Arbeit nicht durch den Umfang des Gesamtkapitals, sondern durch den seines variablen Bestandteils (v) bestimmt wird, fällt sie also progressiv mit dem Wachstum des Gesamtkapitals . . . Sie fällt relativ zur Größe des Gesamtkapitals und in beschleunigter Progression mit dem Wachstum dieser Größe. Mit dem Wachstum des Gesamtkapitals wächst auch sein variabler Bestandteil oder die ihm einverleibte Arbeitskraft, aber in beständig abnehmender Proportion“. „Kapital“ l 4 ,593. Ygl. auch die oben Seite 312 ff. angeführten Stellen. Was hier von dieser Lehre in Betracht kommt, ist der Schluß: daß infolge dieser Abnahme von v die Kaufkraft der Lohnarbeiterschaft, die durch v (den Lohnfonds) gebildet wird, nicht in gleichem Maße sich vergrößert wie die Produktion steigt; daß also die Lohnarbeiter immer weniger in den Stand gesetzt sind, die Warenmengen, die sie erzeugt haben, zurückzukaufen. Marx drückt das dann so aus, daß er sagt: die modernen Produktivkräfte wachsen den Formen des kapitalistischen Warenaustausches über den Kopf. Und an diesem „inneren Widerspruch“ läßt er die kapitalistische Wirtschaft zugrunde gehen. 3. Stellen wir die Frage so: Ob zunehmende Akkumulation des Kapitals notwendig zur Unterkonsumtion und damit Überproduktion fuhren müsse, so haben die Klassiker mit ihrer verneinenden Antwort zweifellos recht, die Sozialisten also unrecht. Und es ist nur der Trübung des Blickes durch Willensimpulse zuzuschreiben, wenn so kluge Männer wie die genannten, diesen einfachen Tatbestand nicht erfassen konnten, daß in der Tat jede Mehrproduktion — auch und gerade im kapitalistischen Nexus — Mehrnachfrage bedeutet. Wie sehr die Verblendung der Katastrophentheoretiker allein schuld an der ungeheuerlichen Reproduktionstheorie Marxens und vieler Marxisten ist, zeigt das Beispiel der Rosa Luxemburg, die alle diese Streitpunkte auf die äußerste Spitze getrieben hat. „Es ist klar, schreibt sie, wenn man die schrankenlose Akkumulation des Kapitals annimmt, man auch die schrankenlose Lebensfähigkeit des Kapitals bewiesen hat. . . Ist die kapitalistische Produktionsweise imstande, schrankenlos die Steigerung der Produktivkräfte, den ökonomischen Fortschritt zu sichern, dann ist sie unüberwindlich.“ „Der wichtigste objektive Pfeiler der wissenschaftlichen sozialistischen Theorie bricht dann zusammen, die politische Aktion des Sozialismus, der Ideengehalt des proletarischen Klassenkampfes hört auf, ein Reflex ökonomischer Vorgänge, der Sozialismus hört auf, eine historische Notwendigkeit zu sein. Die Beweisführung, die von der Möglichkeit des Kapitalismus ausging, landet bei der Unmöglichkeit des Sozialismus“; a. a. 0. Seite 296. Also: der Kapitalismus muß an „inneren“, das heißt ökonomischen Widersprüchen zugrunde gehen; die Theorie hat die Aufgabe, diese festzustellen. Man beachte übrigens die a.mselig materialistischnaturalistische Begründung des Sozialismus! Wenn der Verbrecher physiologisch gesund ist, ist er kein Verbrecher mehr! 476 Dritter Abschnitt: Der Absatz Das gesamte, im Laufe eines Jahres neu zur Verwendung gelangende Kapital geht in Arbeitslöhnen auf, bildet also um seinen vollen Betrag neue Nachfrage: sei es, daß es den schon beschäftigten Arbeitern, weil sie Zusatzarbeit leisten, zufließt, sei es, daß es (was die Regel ist, wie wir wissen) zur Anwerbung neuer Arbeiter dient. Daß der zur Anschaffung von c (was hier übrigens nicht den sonst bei Marx üblichen Sinn von Sachkapital, sondern den von stehendem Kapital hat) verwandte Betrag nicht auch aus Arbeitslöhnen bestehe, ist eine Täuschung. Läßt der Unternehmer eine Fabrik bauen, kauft er Maschinen, weitet er seine Apparate aus: wie anders könnte er in den Besitz dieser neuen Bestandteile seines fixen Kapitals gelangen, als dadurch, daß andere Arbeiter sie für ihn herstellen ? Und zwar werden der Regel nach während der Produktionsperiode, in der das Kapital zur Verausgabung gelangt, diese Dinge neu hergestellt. Nicht anders als die Unterhaltsmittel der Arbeiter. Daß ein Teil aus einer früheren Produktionsperiode stammt, gilt für stehendes und umlaufendes Kapital in gleichem Maße. Auch die Kleidung, die Wohnung, die Nahrung der Arbeiter, die doch wohl sämtlich auch in der Marxschen Auffassung mit v gekauft werden, stammen zum Teil aus früheren Produktionsperioden. Wir müssen, der Deutlichkeit halber, für beide Bestandteile fingieren, daß sie sämtlich in der laufenden Produktionsperiode hergestellt werden. Dasselbe gilt nun aber auch für den einzigen Fall, der die Richtigkeit der Marxschen Auffassung zu bestätigen scheint: die Reproduktion des vorhandenen stehenden Kapitals. Diese beansprucht in der Tat einen immer größeren Bestandteil des zur Verausgabung gelangenden Jahreskapitals. Und vom Standpunkt des einzelnen Unternehmers aus wächst der auf „Abschreibung“ entfallende Betrag rascher als der Lohnfonds. Vom gesamtwirtschaftlichen Standpunkt aus gesehen, bedeutet aber auch diese „Abschreibung“, das heißt also die Erneuerung des stehenden Kapitals, nur wiederum Verausgabung von Löhnen. Denn wie anders als durch lebendige Arbeit soll die Erneuerung stattfinden ? Der Irrtum von Marx und seinen Nachfolgern besteht darin, daß sie die richtig beobachtete Tatsache einer Abnahme des Lohnfonds (umlaufenden Kapitals) im Verhältnis zum Gesamtkapital mit der Verwendung des neu akkumulierten Kapitals in Verbindung brachten; daß sie die Zusammensetzung des Kapitals im ganzen, wie sie sich ergibt aus der allmählichen Festlegung lebendiger Arbeit in fixem Kapital, Achtundzwanzigstes Kapitel: Zur theoretischen Besinnung 477 gleich stellten mit der Zusammensetzung des Zusatzkapitals einer Wirtschaftsperiode, sage eines Jahres. Dieses, wie gesagt, ist nur Lohnfonds, nur umlaufendes Kapital, seinem absoluten Betrage nach, der nur darum eine immer kleinere Quote des Gesamtkapitals ausmacht, weil zu diesem der Gesamtbetrag des sich stetig vermehrenden festen Kapitals ebenfalls gehört. Diese Abnahme ist aber ohne jede Bedeutung für die jährliche Zusatzsumme, die immer die ganze akkumulierte (und angelegte) Menge umfaßt. Übrigens ist die Marx sehe Reproduktionstheorie schon vollentwickelt bei Ricardo vorhanden: ,,the demand for labour will continue to increase with an increase of Capital, but not in proportion to its increase; the ratio will necessarily be a diminishing ratio.“ Und dazu die Entgegnung auf eine Stelle bei Barton. Siehe Principles Ch. XXXI. Natürlich! Diese Feststellung enthält ja eine Selbstverständlichkeit. Aber sie ändert nichts an der entscheidenden Tatsache, daß alles Neukapital zunächst einmal Lohnfonds ist. Also das Ergebnis für die Lösung des hier in Frage stehenden Problems ist dieses: Aus der fortschreitenden Akkumulation — das heißt Ausweitung der Produktion, heißt erweiterte Reproduktion — können dem Kapitalismus niemals Absatzschwierigkeiten erwachsen, da er das Gegengift immer bei sich hat: so viel Ausdehnung, so viel neue Nachfrage. Die Sismondischen und Rodbertusschen Ausführungen bedürfen keiner ausdrücklichen Widerlegung, da sie von einer unverrückbaren Größe des Arbeitslohns und zudem von einem stationären Zustande der Wirtschaft ausgehen. Aber mit dieser Feststellung kann sich eine Theorie der Absatzwege noch nicht begnügen. Ist es sicher falsch, aus fortschreitender Akkumulation im Wesen des Kapitalismus gelegene Schwierigkeiten der Absatzbildung abzuleiten, so ist noch nicht erwiesen, daß dem Kapitalismus solche Schwierigkeiten nicht von anderswo her erwachsen. Das ist denn auch in der Tat der Fall. Zunächst liegt für den Kapitalismus eine Gefahr in der Möglichkeit, daß potentielles Kapital nicht in aktuelles verwandelt, also nicht investiert wird. Die Gefahr besteht also gerade in der Nicht- akkumulation. In den meisten Fällen tritt aber auch dann keine Verringerung der Nachfrage auf, weil die anders als zur Bezahlung von Lohnarbeitern verwandten Summen doch nicht als Kaufkraft verschwinden. So, wenn der Unternehmer einen Teil seines Kapitals zum Ankauf des Grund und Bodens verwendet, also Grundrente bezahlt. So wenn der Sparer öffentliche Anleihen kauft. Immer wird nach 478 Dritter Abschnitt: Der Absatz kurzer Zeit der für diese Zwecke verausgabte Betrag als Kaufkraft wieder erscheinen. Nur zwei Fälle sind denkbar, in denen potentielles Kapital für den Warenmarkt als Kaufkraft ausscheidet: wenn der Geldbetrag in natura thesauriert und wenn er in dem Rachen des Börsenmolochs verschwindet: Geldbeträge, die sich spekulierend an der Börse herumtreiben, sind allerdings als nützliche Glieder der kapitalistischen Wirtschaft verloren, kommen als Lohnfonds nicht mehr in Betracht. Man wird aber sagen müssen, daß diese Gefahren nicht im Wesen der kapitalistischen Wirtschaft begründet sind, also für eine Theorie der Absatzwege bedeutungslos sind. Dasselbe gilt von dem andern Gefahrenkomplex, der dem Kapitalismus droht. Eine — praktisch höchst wichtige — Erschwerung seines Absatzes erwächst diesem nämlich aus der Möglichkeit, daß die fertigen Erzeugnisse nicht verkauft werden, es also zu keiner Verwertung des angelegten Kapitals, somit zu keiner Mehrwertbildung, somit zu keiner Akkumulation kommt. Dieser Fall tritt unter folgenden Bedingungen ein: (1.) Wenn die Preissumme der Einkommensgüter höher ist als Lohn plus Mehrwert. Das kann eintreten, wenn bei steigender Produktivität der Arbeit die Preisbildung noch unter dem Einfluß der früheren Produktionsbedingungen erfolgt; (2.) wenn eine Disproportionalität der Produktion eintritt infolge der Steigerung der Produktivität und damit — bei gleichbleibender Arbeiterzahl — der Produktion in einem Produktionszweige: das war der Fall in der englischen Baumwollindustrie von 1815 bis 1840, den Sismondi vor Augen sah; (3.) wenn eine Disproportionalität der Produktion eintritt infolge der Übersetzung eines Produktionszweiges mit Arbeitern und dementsprechender Überproduktion in diesem einen Produktionszweige: das ist der Fall der Expansionskonjunktur, den wir später noch genauer untersuchen werden: siehe das 35. Kapitel. Aber haben die Say-Ricardo darum mit ihrer Theorie des de- bouches unrecht? Nein. Wenn wir uns auch ihre Beweisführung, mit der sie diese Möglichkeit der Absatzstockung aus der Welt zu schaffen wußten, nicht zu eigen machen können. (Siehe das XXI. Kapitel der Ricardoschen Principles). Es genügt, wie ich schon sagte, der Hinweis auf die Tatsache, daß alle die aufgezählten Schwierigkeiten der Verwertung der fertigen Er- Achtundzwanzigstes Kapitel: Zur theoretischen Besinnung 479 Zeugnisse nicht im Wesen dei; kapitalistischen Wirtschaft begründet, somit vermeidbar sind, also bei der Aufstellung einer Theorie weggedacht werden — nicht nur können, sondern — müssen. Was aber ergibt sich aus diesen Feststellungen als unsere Aufgabe, wenn wir die Frage nach der geschichtlichen Gestaltung der Absatzverhältnisse im Zeitalter des Hochkapitalismus zu beantworten unternehmen ? III. Nutzanwendung Die eben gemachten Ausführungen lehren uns wieder einmal, wie wichtig es ist, zwischen Theorie und Empirie scharf zu unterscheiden, und daß aus der unzulässigen Vermengung beider Betrachtungsweisen sich Unklarheiten über Unklarheiten ergeben. Theoretisch vollzieht sich der Akkumulationsprozeß, also die erweiterte Reproduktion des Kapitals und somit auch sein Kreislauf auch bei wachsender Produktion, durchaus ohne Hemmung. Empirisch begegnet dieser Vorgang zahlreichen Schwierigkeiten, die nicht durch die Akkumulation als solche, sondern durch (theoretisch zufällige) Hemmungen beim Verwertungsprozeß entstehen. Muß der Kapitalismus alle seine Waren an Mehrwertbezieher und Lohnempfänger absetzen, so ergeben sich immer wieder von neuem Stockungen, weil die Anpassung der Nachfrage an die vermehrte Produktion immer wieder unterbrochen wird. Praktisch ist für den Absatz der Erzeugnisse der Umstand ebenso verhängnisvoll, daß er von Zeit zu Zeit — vorübergehend — gestört wird, als es eine dauernde Unmöglichkeit, die Mehrproduktion unterzubringen, sein würde. Es ist dem Patienten am Ende gleichgültig, daß der Arzt ihm versichert, seiner Konstitution entspreche eine regelmäßige Verdauung, wenn er doch immer wieder an Obstipation zu leiden hat. Er wird sich dann nicht auf seine gute Konstitution verlassen, sondern wird alles mögliche tun, um das immer wieder drohende Leiden nach Möglichkeit zu vermindern oder, wenn es bereits eingetreten ist, so rasch wie möglich zu beseitigen. Unbildlich gesprochen: es ist begreiflich, daß der Kapitalismus, statt auf die Anpassung der Nachfrage innerhalb seiner eigenen Wirtschaft zu warten, seinen Absatz auszudehnen versucht hat, wohin immer es ihm möglich war. Das war aber möglich, wenn er sich an diejenigen Abnehmer wandte, die in der russischen Literatur als die „dritten Personen“ bezeichnet werden, das heißt an Käufer, die nicht Mehrwertbezieher und nicht Lohnempfänger sind, und die sich sowohl im eigenen 480 Dritter Abschnitt: Der Absatz Lande wie auswärts finden lassen. Wir.können sie — vom Standpunkt des Kapitalismus aus — als exogene Nachfrage bezeichnen und sie der aus den Reihen des Kapitalismus selbst hervorgehenden endogenen Nachfrage gegenüberstellen. Wollen wir hier schon den Begriff des Marktes verwenden, der dann in der äußerlichen Bedeutung als Absatzgebiet zu fassen wäre, so können wir einen innern und einen äußern Markt im kapitalistischen Sinne unterscheiden, indem wir uns gegenwärtig halten, daß diese Unterscheidung keine räumliche, sondern eine sachliche ist: der innere Markt kann auch im Auslande, der äußere auch im Inlande liegen. Es ist nun gewiß eine richtig beobachtete Tatsache, daß der Kapitalismus in seiner Hochepoche sich mit allen Kräften die Ausweitung des äußeren Marktes hat angelegen sein lassen. Und die Marxisten, vor allem die Luxemburg, haben viel wertvolles Material beigebracht, um dieses Streben des Kapitalismus nach Erweiterung seines äußeren Marktes ersichtlich zu machen. Die Ausdehnung kann auf zwei verschiedene Weisen erfolgen: durch Absatz von Konsumgütern über den Bedarf der Arbeiter und Kapitalisten hinaus: das ist der Fall bei der englischen Baumwollindustrie, die an das Bauern- und Kleinbürgertum der ganzen Erde ihre Erzeugnisse abgesetzt hat. Oder die Ausdehnung erfolgt durch Lieferung von Produktionsmitteln: der Fall der Eisenindustrie, die in den Kolonialländern die Eisenbahnen gebaut hat oder der deutschen chemischen Industrie, die ein Fünftel ihrer Produktion an künstlichem Indigo an Länder wie China, Japan oder Britischindien absetzt. Man muß das nur nicht als eine notwendige Maßnahme, die aus dem Wesen der Kapitalakkumulation folgt, ansehen und meinen: „das Schema der erweiterten Reproduktion (weist) in allen seinen Beziehungen über sich selbst hinaus auf Verhältnisse, die außerhalb der kapitalistischen Produktion und Akkumulation liegen“; die Realisierung des Mehrwertes fordere als erste Bedingung einen Kreis von Abnehmern außerhalb der kapitalistischen Gesellschaft; der Mehrwert könne weder durch Arbeiter noch durch Kapitalisten realisiert werden, sondern nur durch Gesellschaftsschichten oder Gesellschaften, die selbst nicht kapitalistisch produzieren (Luxemburg, a. a. 0. S. 322 u. ö.). Das eben ist falsch, wie wir gesehen haben: gerade das Schema der erweiterten Reproduktion weist nicht auf den äußeren Markt hin, wohl aber war es ein lebhaftes Interesse des Kapitalismus, das in empirischen Zufälligkeiten begründet war, die exogene Nachfrage nach Möglichkeit zu vermehren. Gleichzeitig entwickelte sich, Achtundzwanzigstes Kapitel: Zur theoretischen Besinnung 481 was die orthodoxen Marxisten ebenfalls nicht sehen, der innere Markt des Kapitalismus, so daß dieser mit zwei Pferden fahren konnte: er hat das Absatzproblem dadurch gelöst, daß er sowohl den innern als den äußern Markt zur möglichst reichen Entwicklung zu bringen suchte. Somit ergibt sich für die folgende Darstellung eine doppelte Aufgabe: wir haben die Entwicklung der exogenen und der endogenen Nachfrage getrennt zu verfolgen. Der Lösung dieser Aufgabe unterziehen sich die beiden nächsten Kapitel. Sombart, Hochkapitalismns. 31 482 Neunundzwanzigstes Kapitel Die exogene Nachfrage Ich beginne meine Darstellung mit der Übersicht über die Ursprünge der exogenen Nachfrage, nicht, weil es die wichtigere, sondern weil es die ältere von beiden ist. Wie meine Ausführungen im ersten und zweiten Bande ergeben haben, ist der Absatz der kapitalistisch erzeugten Waren während der ganzen Epoche des Frühkapitalismus im wesentlichen ein Absatz an außerkapitalistische Käufer gewesen. Dieser setzt sich nun in der hochkapitalistischen Zeit fort. Und zwar sind es zunächst dieselben Abnehmer, die auch jetzt noch als Nachfrage in Betracht kommen. I. Die alten Käuferschichten 1. Zu den exogenen Käufern, die von jeher eine große Rolle bei der Genesis des Kapitalismus gespielt haben, gehören in erster Linie die Reichen, deren Reichtum nicht selbst kapitalistisches Gepräge trägt, also nicht Kapitalbesitz ist. Das sind zunächst einmal alle Großgrundbesitzer, wie immer auch sie ihren Grundbesitz mögen erworben haben. Selbstverständlich nur als Großgrundbesitzer, nicht auch als kapitalistische Unternehmer, wenn sie etwa selbst Landwirtschaft auf ihren Gütern betreiben. Ob es sich um städtischen, ob um ländlichen Grundbesitz handelt, bleibt sich gleich. Ebenso, ob es altererbter oder neugewonnener Grundbesitz ist. Auch der neuerworbene Grundbesitz scheidet aus dem kapitalistischen Nexus aus und seine Inhaber erscheinen, wann und wo auch immer, als exogene Nachfrage für die kapitalistische Wirtschaft, selbst dann, wenn ihr Einkommen aus dem in dieser erzeugten Mehrwert stammt. Der Einkommensbetrag, um den es sich hier handelt und der ungefähr gleichbedeutend mit der Grundrente ist, ist noch heute sehr bedeutend. Wir können ihn am besten in Großbritannien erfassen, wo er durch die Einkommensteuer besonders besteuert wird. Es ist diejenige Einkommenssumme, die den Steuerpflichtigen der Schedule A zufließt: „from the ownership of Lands, Houses“ „etc.“ (?) Diese betrug Neunundzwanzigstes Kapitel: Die exogene Nachfrage 483 im Jahre 1913/14 £ 175661668 und machte 18% der gesamten von der Einkommensteuer erfaßten Einkommenssumme (£ 951040487) aus. Dazu kommt die Haute Finance (Hochfinanz), die ebenfalls als solche nichts mit dem kapitalistischen Wirtschaftssystem zu tun hat, wenn wir darunter Agioteure, Spekulanten, Publikaner verstehen. Derart Leute hat es längst gegeben, ehe es Kapitalismus gab, und gibt es, wo es diesen nicht gibt. Ihr Einkommen ist kein Kapitalprofit und kann, braucht aber nicht aus diesem zu stammen. Die Nachfrage, die sie mit ihrem Einkommen schaffen, ist also für den Kapitalismus ebenfalls exogenen Ursprungs. Daß sich heutzutage die Hochfinanz vielfach in Personalunion mit dem kapitalistischen Unternehmertum befindet und ihr Vermögen zum großen Teil Kapitalform angenommen hat, so daß ihr Einkommen aus diesem als Kapitalprofit erscheint, ändert nichts an der Tatsache, daß ihr spezifisches Einkommen aus Agiotage, Spekulation und PublikanenWirtschaft kein kapitalistisches Einkommen ist. Bestes Mittel, sich die beiden genannten Gruppen als exogene Nachfrage vorzustellen: man kann sie wegdenken, ohne die kapitalistische Wirtschaft zu gefährden. 2. Die andere Gruppe außerkapitalistischer Abnehmer, die von jeher einen wesentlichen Teil der Nachfrage nach kapitalistischen Erzeugnissen gebildet haben, sind die öffentlichen Körper. Sie erlangen Kaufkraft, wie bekannt, durch Erhebung von Steuern und Aufnahme von Anleihen. Der Vorgang, der sich dabei abspielt, wenn die öffentlichen Körper in einer der beiden Richtungen sich betätigt haben und daraufhin, nach Vereinnahmung der Steuer- und Anleihebeträge, als Käufer auf dem Markte erscheinen, ist dieser: sie haben (wenigstens vorübergehend) die Kapitalakkumulation pro tanto verhindert und damit die endogene Nachfrage in eine exogene verwandelt. Statt daß — im Wege der Akkumulation — die entsprechenden Beträge den Lohnarbeitern zugeflossen wären, sind sie in die Hände der Staats- und Gemeindeverwaltungen gelangt und erscheinen nun in der Form von Beamtengehältern als Nachfrage nach Konsumtionsmitteln, in der Gestalt von Bestellungen auf Kriegsbedarf, Schiffe, Bauten usw. als Nachfrage nach Produktionsmitteln — ohne (das ist das Entscheidende) mit dem Nachfrageakte gleichzeitig (wie im andern Falle) einen Produktionsakt zu verbinden. Dadurch wirken sie offenbar laxierend auf die kapitalistische Wirt- 31* 484 Dritter Abschnitt: Der Absatz Schaft. Und wir müssen diese Form der Marktbildung als eine wesentliche Förderung des Absatzes kapitalistischer Waren ansehen. Die Nachfrage der öffentlichen Körper ist nun zweifellos eine stetig und rascher als die Produktion wachsende. Man hat sogar ein „Gesetz der wachsenden Ausdehnung der öffentlichen bzw. der Staatstätigkeiten“ aufs teilen zu sollen gemeint. So Adolph Wagner, der ein besonderes Kapitel seiner „Grundlegung“ (das dritte des sechsten Buches) also überschreibt. Sieht man von der mißbräuchlichen Verwendung des Begriffes „Gesetz“ ab, so bleibt die richtige Beobachtung übrig, daß sich in der kapitalistischen Epoche eine Tendenz zu jener Ausdehnung in der Tat nachweisen läßt. Was Adolph Wagner darüber bemerkt hat, ist grundlegend und abschließend und mag hier im Auszuge mitgeteilt werden, um es der Vergessenheit zu entreißen. „Geschichtliche (zeitliche) und räumliche, verschiedene Länder umfassende Vergleiche zeigen, daß bei fortschreitenden Kulturvölkern, mit denen wir es hier allein zu tun haben [gemeint sind: die Länder mit kapitalistischer Kultur; W. S.] regelmäßig eine Ausdehnung der Staatstätigkeiten und der gesamten öffentlichen, durch die Selbstverwaltungskörper neben dem Staate ausgeführte Tätigkeit erfolgt. Dies offenbart sich in extensiver und intensiver Hinsicht: der Staat und diese Körper übernehmen immer mehr Tätigkeiten, und sie führen die alten und neuen Tätigkeiten immer reichlicher und vollkommener aus. Es werden auf diese Weise immer mehr wirtschaftliche Bedürfnisse der Bevölkerung, namentlich Gemeinbedürfnisse, zugleich stets besser durch den Staat und jene Körper befriedigt. Der deutliche Beweis dafür liegt ziffernmäßig in der Steigerung des finanziellen Staats- und Kommunalbedarfs vor. [Siehe die Ziffern auf Seite 486 f.; W. S.] ... Die Ausdehnung der öffentlichen Tätigkeiten zeigt sich auf dem Gebiete beider Staatszwecke [nämlich des Rechts- und Macht- und des Kultur- und Wohlfahrtszweckes; W. S.j. Produktionstechnische Gründe führen dabei immer mehr zu einer gesteigerten Tätigkeit des Staats, der Gemeinde usw. selbst in der Sphäre der materiellen und Individualbedürfnisse ... Die inneren Gründe für diese Ausdehnung der Staatsund der zwangsgemeinwirtschaftlichen oder „öffentlichen“ Tätigkeiten überhaupt lassen sich zum Teil aus dem erfahrungsmäßig feststehenden Wesen des Staats, der Gemeinde bei fortschreitenden Kulturvölkern [siehe oben; W. S.] (a priori) ableiten, zum Teil ergeben sie sich induktiv aus den einzelnen Tatsachen, in welchen die Ausdehnung jener Tätig- Neunundzwanzigstes Kapitel: Die exogene Nachfrage 485 keiten hervortritt. Ihre Kenntnis berechtigt uns, von einem (volkswirtschaftlichen) Gesetz [siehe oben; W. S.] der wachsenden Ausdehnung der öffentlichen und speziell der Staatstätigkeiten zu sprechen, ein Gesetz, welches für die Finanzwirtschaft als Gesetz des wachsenden öffentlichen Finanzbedarfs des Staates und der Selbstverwaltungskörper zu formulieren ist... Die Ausdehnung der Staatsleistungen auf dem Gebiete des Recht- und Machtzweckes zeigt sich einmal in der Ersetzung anderer Tätigkeiten durch diejenige des Staats, sodann in vermehrter Staatstätigkeit wegen neuer Bedürfnisse. Im wachsenden Finanzbedarf liegt die Wirkung dieser Entwicklung und der Beleg dafür. Ihre Erklärung und Begründung finden diese Vorgänge auf folgende Weise: A. Ersetzung von Privat- und sonstiger gemeinwirtschaftlicher durch Staatstätigkeit bei gleichbleibendem Bedürfnisstand. Es wird immer mehr Prinzip, die bezüglichen Leistungen allein dem Staat zu übertragen und sie nur in einzelnen Fällen in seinem Aufträge und unter seiner Kontrolle von andern Gemeinwirtschaften oder Einzelnen ausüben zu lassen . .. B. Auftreten neuer Bedürfnisse, welche vermehrte Staatstätigkeit nötig oder zweckmäßig macht. Dasselbe pflegt in größerem Umfange zu erfolgen als Wegfall von solchen Bedürfnissen einer niedrigeren Entwicklungsstufe auf einer höheren. . . Die Ausdehnung der Staatstätigkeiten auf dem Gebiete des Kultur- und Wohlfahrtszweckes ... ist (auch) im großen und ganzen bei fortschreitenden Völkern eine ebenso regelmäßige, wenn auch im einzelnen hier mehr Änderungen auf diesem Gebiete, daher mitunter auch wieder Einschränkungen öfters Vorkommen und die zeitlichen und örtlichen Verschiedenheiten bedeutende sind . . . Die Ausdehnung erfolgt 1. auf dem Gebiete der Sachgüterproduktion; 2. auf andern Kulturgebieten. Auf diesen tritt die Tendenz einer extensiven und intensiven Steigerung der Staatstätigkeiten vollends unzweifelhaft hervor. (1) Eine äußere Ausdehnung erfolgt in großem Umfange auf eine doppelte Weise: es werden bisherige Tätigkeiten der Privatwirtschaften oder anderer Gemeinwirtschaften vom Staate übernommen, und es entstehen ganz neue Bedürfnisse, für welche der Staat allein oder vorzugsweise die Fürsorge trägt. So nimmt die zwangsgemein wirtschaftliche Bedürfnisbefriedigung durch die Vermittlung des Staats absolut und oft auch relativ in der Volkswirtschaft zu . . . Die Ausdehnung der 486 Dritter Abschnitt: Der Absatz Staatstätigkeit hängt auch öfters mit dem Bedürfnis nach höheren, vollkommeneren, feineren Leistungen zusammen, als sie Private und andere Gemeinwirtschaften liefern können . .. (2) Eine intensive Steigerung der Staatstätigkeiten auf diesem Gebiete liegt noch mehr in der notwendigen Entwicklung auf der einmal betretenen Bahn als die äußere Ausdehnung jener Tätigkeiten. Denn der Zivilisierungsprozeß bewirkt immer steigende Anforderungen hinsichtlich der Befriedigung der bezüglichen Gemein- und Kulturbedürfnisse: dieselben müssen allgemeiner, reichlicher, vollkommener befriedigt, leichter zugänglich, die Befriedigung dem einzelnen wohlfeiler, wenn nicht unentgeltlich möglich werden.“ Mit Bezug auf die Lebensstellung und Lebenshaltung der lohn- arbeitenden Schichten hat diese Gedanken K. Renner in seinem Buche: „Marxismus und Internationale“ (2. Aufl. 1918) S. 44ff. ausgeführt. Renner unterscheidet Kollektiv- und Individuallohn und behauptet, „daß das, was der einzelne Arbeiter seinen Lohn nennt, der größte Teil, aber nicht das Ganze seines Lohnes ist. Die Entwicklung geht dahin, einen immer größeren Teil des Lohnes zu kollektivieren, damit die gemeinsamen Erhaltungs- und Nachzuchtkosten der Klasse von den individuellen Erhaltungskosten zu scheiden und nur die letzte direkt zur Auszahlung zu bringen. Die Lage der Arbeiterklasse ist darum nicht mehr erschöpfend geschildert durch die Lohnziffern; immer gewichtiger werden für sie die öffentlichen Anstalten, die Versicherung, die Schulen, aber auch die Gemeinde- und Staatseinrichtungen. Der Arbeiter führt heute nur zum Teil das Leben eines privaten und individuellen Produktionsagenten, zum andern Teil ist er Subjekt und Objekt öffentlicher Anstalten, die auf sein Schicksal bestimmend, oft entscheidend wirken. Der Sozialisierungsprozeß fügt ihn dem Staate als Glied ein und diese Gliedschaft ist ganz real wie sein Krankenkassenbeitrag und wie der Schulbesuch seiner Kinder.“ Das heißt also: wachsende exogene Nachfrage. Die Ausgaben der öffentlichen Körper sind zwar nicht rascher als der Reichtum, aber doch rascher als dieBevölkerung in allen Ländern gewachsen, wie ein paar Ziffern ersichtlich machen mögen. Deutsches Reich: Gesamtausgaben des ordentlichen Etats Bevölkerung 1876 . . . . 770 Milk Mark 42,5 Millionen 1890 . • ■ • 1257 „ 49,2 1913 . . . . 3403 „ |„ 66,9 Neunundzwanzigstes Kapitel: Die exogene Nachfrage 487 Die Bevölkerung stieg in dem Zeitraum von 1875 bis 1913 um 57%, die Beichsausgaben um 342%. (Besonderer Fall aus budgettechnischen Gründen.) Königreich Preußen: Ausgaben Bevölkerung 1846 . 282 Mill. Mark 16,1 Millionen 1865 . 507 „ „ 19,3 1884 . 993 „ „ 28,1 1891/92 1721 „ „ 30,3 1900 . 2688 „ „ 34,5 1910.4195 „ „ 40,1 Die Ausgaben steigen von 1846 bis 1891/92 um 510%, von 1891/92 bis 1910 um 143%, die Bevölkerung steigt um bezw. 88% und 32% in diesen beiden Zeiträumen. Quelle: die statistischen Jahrbücher. Frankreich: Ausgaben Bevölkerung 1816/28 (durchschnittlich) 960 Mill. Fr. 30,0 Millionen (1810) 1840/48 „ . 1432 „ „ 33,4 „ (1840) 1862. 1970 „ „ 35,7 „ (1860) 1893 . 3291 „ „ 38,3 ., (1890) 1913. 4665 ., „ 39,2 „ (1910) Die Ausgaben steigen während eines Jahrhunderts um 386%; die Bevölkerung steigt während desselben Zeitraums um 31%. Quelle: wie oben. Nach einer Schätzung Kolbs für die Jahre 1786 und 1880, mitgeteilt bei Th. v. Eheberg, Finanzwissenschaft (1920), § 23, einerseits, nach der Zusammenstellung bei Sundbärg für die Jahre 1907/08 andererseits betrugen die Einnahmen (1786, 1880) bzw. Ausgaben 1907 (1907—1908) sämtlicher europäischen Staaten sowie deren Bevölkerung: Auf den Kopf der Einnahme (Ausgabe) Bevölkerung 1786 . . . 2550 Mill. Fr. 167 Mill. 15 1880 . . .15000 „ ,, 313 „ 47 1907/08 34389 „ 434 „ 79 Bevölkerung Fr. Selbst in einem Koloniallande wie den Vereinigten Staaten von Amerika eilen die öffentlichen Ausgaben deren Bevölkerungszuwachs voraus: öffentliche Ausgaben Bevölkerung 1850 . 60 23 1880 . 267 50 1890 . 318 63 1900 . 520 76 1912 . 689 95 In dem Zeitraum von 1850 bis 1912 wuchsen die Bevölkerung um 313, die Ausgaben um 1048%, zwischen 1880 und 1912 die Bevölkerung um 90, die Ausgaben um 159%. Nach dem Stat.-Abstr. U. S. 488 Dritter Abschnitt: Der Absatz 3. Seit seinen Anfängen hatte der Kapitalismus sich eifrig darum bemüht, seine Erzeugnisse bei den außereuropäischen Völkerschaften, nennen wir sie die Exoten, unterzubringen. Ich habe ausführlich im ersten und zweiten Bande geschildert, welcher zum Teil recht gewaltsamen Mittel er sich bediente, um den Naturvölkern sowohl als den Völkern fremder Zivilisation, also den Afrikanern und Altamerikanern und Asiaten, die oft gar nicht begehrten europäischen Schundwaren aufzudrängen; wie es ihm aber gelang, den Absatz in jene Länder beträchtlich auszuweiten. Mit dem Eintritt in das Zeitalter des Hochkapitalismus hörten jene Bemühungen nicht auf und blieben weitere Erfolge nicht aus. Es kam vor allem die Lieferung von Produktionsmitteln hinzu. Die Methoden waren auch im 19. Jahrhundert teilweise noch recht brutale. Das Schulbeispiel rücksichtslosen, ja grausamen Vorgehens im Interesse des kapitalistischen Ausfuhrlandes ist das bekannte Verhalten Englands gegenüber der ostindischen Textilindustrie. Diese stand bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts in hoher Blüte und führte selbst ihre kostbaren Erzeugnisse nach Europa aus. Den Schund der englischen Baumwollindustrie bedurfte Indien nicht und wollte ihn nicht. Aber Indien sollte ein Markt für die englischen „Cotton goods“ werden, zumal als seit den europäischen Kriegen England mit ihnen überfüllt zu werden anfing. Da setzte man eine Untersuchungskommission ein, die die Frage prüfen sollte: wie den englischen Baumwollwaren ein Absatzgebiet in Indien eröffnet werden könne. Die Kommission kam zu dem Ergebnis: um das erstrebte Ziel zu erreichen, muß die ostindische Textilindustrie zerstört werden. Die Regierung machte sich die Ansicht der Kommission zu eigen, und nun beginnt ein Verwüstungsfeldzug gegen die verhaßte Rivalin: durch Zoll- und Steuermaßregeln gelingt es, sie zur Strecke zur bringen. Die indischen Weber verhungerten. „Das Elend findet kaum eine Parallele in der Geschichte des Handels. Die Knochen der Baumwollweber bleichen die Ebene von Indien.“ So schreibt der Generalgouverneur in einem Bericht aus dem Jahre 1834/35, den Marx Kapital“ 1 4 , 397) anführt. Aber das Ziel war erreicht: der englische Kattun füllte die Lücke aus, die die dahinsiechende einheimische Industrie ließ: die Ausfuhr englischer Baumwoll- gewebe nach Ostindien stieg von Jahr zu Jahr: ihr Anteil an der Gesamtausfuhr aus Großbritannien betrug: 1820 .... 6% 1840 .... 18% .1830 .... 13% 1850 .... 25% Neunundzwanzigstes Kapitel: Die exogene Nachfrage 489 Ellison, Cotton Trade [1886], 64. Vgl. etwa noch Romesh Dutt, The Economic History of India under British Rule. 3. ed. 1908. Ch. XVI. In anderen Fällen erreicht man seinen Zweck, der europäischen Ware Eingang in den exotischen Ländern zn verschaffen, wohl auf weniger schmerzhafte Weise. Man „weckt“ den Bedarf und nutzt Unerfahrenheit, Leichtsinn, Lasterhaftigkeit der Bevölkerung (Opium! Branntwein! Pulver!) aus, um seine Erzeugnisse los zu werden. Ein Verfahren endlich, den Absatz in den exotischen Ländern auszuweiten, das immer beliebter geworden ist, verdankt der Technik des modernen Kreditverkehrs seine Entstehung. Es besteht darin, daß durch Übertragung von Werten in Gestalt von Kapitalanlagen oder Anleihen in ein Land dieses zur Steigerung seiner Wareneinfuhr aus dem Gläubigerstaate angereizt wird. Es ist zwar theoretisch möglich, kommt auch in Wirklichkeit nicht selten vor, daß eine „Kapitalwanderung“, wie man ungenau jene Wertübertragungen nennt, ohne Warenverschiebung stattfindet: die Kaufkraft im eigenen Lande kann durch Auslandskredite angeregt werden, ohne daß fremde Waren eingeführt werden, auch ist die Übertragung von Bargeld (Gold) ein gar nicht unwesentlicher Fall, der z. B. eintritt, wenn eine Anleihe im Auslande aufgenommen wird, um die einheimische Währung zu verbessern. Als Regel darf jedoch angenommen werden, zumal im Verkehr zwischen Ländern mit hoher kapitalistischer Kultur und ökonomisch rückständigen Ländern und früher noch häufiger als jetzt, daß mit der Übertragung der Wertsumme aus einem Lande in das andere, sei es in Gestalt von Kapital, sei es als Rentenfonds, eine Warenausfuhr in das aufnehmende Land verbunden ist. Dieser Zusammenhang zwischen „Kapital“-Ausfuhr und Waren- ausfuhr tritt nur besonders deutlich in die Erscheinung, wenn an die Gewährung von Anleihen, die öffentliche Körper oder private Gesellschaften in Europa aufzunehmen veranlaßt sind, die Bedingung geknüpft ist, für den ganzen oder einen sehr großen Betrag der Anleihe Bestellungen in dem Lande zu machen, das das Geld leiht. Der Zwang besteht dann für das borgende Land nur darin, daß es sich genötigt sieht, die Bestellungen, die es zu machen beabsichtigt, dem darleihenden Lande zukommen zu lassen: in irgendeinem kapitalistischen Lande würde sie diese auf jeden Fall gemacht haben, wenn das eigene Land noch keine Industrie, die ihm die notwendigen Produktionsmittel zur 490 Dritter Abschnitt: Der Absatz Anlage von Fabriken, Kanälen, Eisenbahnen liefern könnte, besitzt. Und auf diese Anlage zielt man doch bei den meisten Anleihen ab. Vor allem sind es die Eisenbahnen, die auf der ganzen Erde (einschließlich Amerika) mit europäischem „Kapital“, das heißt aber im wesentlichen mit europäischen Industrieerzeugnissen erbaut worden sind. Durch den Geldschleier' hindurch auf den Sachverhalt gesehen, ist der Vorgang, um den es sich hier handelt,dieser: Deutsche (englische, französische usw.) Sparer stellen deutsche (w. o.) Einkommensbeträge zur Verfügung. Damit werden deutsche (w. o.) Arbeiter bezahlt, um Fabrikate herzustellen, die dem Schuldnerlande leihweise überlassen werden. Dieses hat diese Beträge zu „verzinsen“, das heißt ratenweise zu erstatten aus seinem Nationaleinkommen, aus dem es die Zinsen für seine Anleihe oder die Dividende auf das Kapital bezahlt. Was bedeuten nun aber diese „Kapitalwanderungen“, die zu einer „Internationalisierung des Kapitals“ geführt haben, für die Entwicklung des Kapitalismus? Eigentlich gar nichts, wenn wir etwa nach einer besonderen, „spezifischen“ Bedeutung Ausschau halten. Weshalb ich sie auch bei der Erörterung des Problems der Kapitalbeschaffung gar nicht erwähnt habe. Denn wir müssen uns doch klar darüber sein, daß für die Gesamterscheinung „Kapitalismus“ die Grenzen der Staaten und auch der Volkswirtschaften keine Rolle spielen. Für die Entfaltung des Kapitalismus als solchem ist es ganz gleichgültig, ob eine Automobilfabrik in Italien mit deutschem oder englischem oder italienischem Kapital errichtet wird, und gewiß noch mehr, ob der argentinische Staat eine Anleihe in London oder Paris oder Buenos Aires unterbringt. Immerhin sind die Kapitalwanderungen für den Kapitalismus zu einem nicht unwesentlichen Mittel für seine kräftige Entwicklung geworden, was wir einsehen werden, wenn wir etwa folgende Betrachtungen anstellen. (1) Soweit es sich um Kapitalanlagen im eigentlichen Sinne handelt, hat das Kapital, das ins Ausland und vor allem natürlich in kapitalistisch noch nicht allzu durchgearbeitete Gebiete ging, von dem reicheren Bestände an Arbeitskräften und von der Billigkeit dieser Arbeitskräfte Nutzen gezogen, den es in jenen Ländern vorfand: der Betätigungsbereich ist extensiv wie intensiv ausgeweitet worden. (2) Soweit das im Auslande angelegte Kapital in Gestalt von Produktionsmitteln auswanderte, hat die Gesamtproduktion das Maß von Proportionalität erreicht, das ihm bei einer Beschränkung auf das eigene Neunundzwanzigstes Kapitel: Die exogene Nachfrage 491 Land nicht beschieden gewesen wäre, und hat dadurch eine „Überproduktion“ an bestimmten Gütern aufgehalten, die sonst unvermeidlich eingetreten wäre. Man denke an die Erleichterungen, die die westeuropäische Montanindustrie durch den Bau von Eisenbahnen auf der ganzen Erde erfahren hat! (3) Soweit die überwiesenen Wertbeträge sich nicht in Kapital verwandelten, wie bei einem erheblichen Teile der Anleihen, und nur benutzt wurden, um kapitalistisch hergestellte Waren zu beziehen, wie etwa bei der Ausstattung der Heere, ist um den Betrag der Leihsumme tatsächlich exogene Nachfrage geschaffen worden, um deret- willen ich dieses Vorganges an dieser Stelle Erwähnung getan habe. Um welche Beträge es sich dabei handelte, wird die folgende Übersicht erkennen lassen. Die Internationalisierung des Kapitals 1. Allgemeine Ziffern: Im Jahre 1914 schätzte man die Anlagen im Auslande bei den drei wichtigsten Gläubigerländern auf folgende Beträge: Großbritannien . . 70 Milliarden Mark Frankreich .... 36 ,, ,, Deutschland ... 24 „ „ Während der letzten Jahre vor dem Kriege legten in ihren Kolonien und im Auslande jährlich an: Großbritannien . . . 2000—4000 Millionen Mark Frankreich. 1600'—2000 „ „ Deutschland. 800—1200 ,, „ Über die Entwicklung der Auslandsanlagen der einzelnen Länder unterrichten folgende Ziffern, die erkennen lassen, daß der Anteil der Auslandsanlagen in den verschiedenen Staaten verschieden war: Großbritannien wird mehr und mehr ein Bentnerstaat und verwendet sein Kapital in wachsendem Umfange im Auslande, in Frankreich bleibt der Anteil der auswärtigen Kapitalanlagen, der immer schon hoch gewesen war, seit den 1870er Jahren ziemlich unverändert, während er in Deutschland, dem kapitalistisch tatkräftigsten Lande Europas, sinkt. Großbritannien: Jahr 1875 1885 1895 1905 1909 In Großbritannien angelegtes Kapital 8735 9063 11009 11654 Im Auslande Gesamtkapital angelegtes Kapital — 8545 1302 10037 1600 10663 2025 13036 (4?) 2332 13986 Bei C. K. Hobson, 1. r. pag. 207. 492 Dritter Abschnitt: Der Absatz Die starke Zunahme der Auslandsanlagen zehnts macht folgende Tabelle ersichtlich: In 1000 £ betrugen: während des letzten Jahr- Jahr Inlandsanlagen Auslandsai 1900 100121 26069 1901 106585 26978 1902 75124 62214 1903 44868 60013 1904 50083 64616 1905 48426 110617 1906 39314 72995 1907 32988 79334 1908 50520 117871 1909 18681 150468 1910 60296 179832 1911 26146 142740 1912 45335 144560 1913 35951 149735 Nach demselben, Seite 214ff. Die Verteilung der Anlagen auf die einzelnen Länder war folgende. Nach Paish waren im Auslande 1910 angelegt: 3200 Millionen 1700 688 372,5 „ 269,8 „ 94,4 „ 87,3 „ 500 365,4 „ 53.7 „ 26.8 „ 455 387 150 Die Verteilung auf die Übersicht. £, davon: „ in Amerika = 53%, und zwar „ „ USA. ,, ,, Kanada ,, ,, Argentinien ,, ,, Brasilien ,, ,, Mexiko ,, „ Asien = 16%, davon ,, ,, Indien und Ceylon „ „ Japan ,, ,, China ,, „ Afrika = 14% „ „ Australien = 12% ,, ,, Europa = 5%. einzelnen Werte ergibt sich aus folgender Am 1. Januar 1907 wurden an der Londoner Börse notiert Werte im Betrage von 9324,4 Millionen £. Davon waren: Staatsanleihen der Kolonien. Fremde Staatsanleihen: Kupons einlösbar in London. . . . ,, ,, im Auslande . . Indische Eisenbahnen. Eisenbahnen anderer Kolonien . . . . 356 Mill. £ 1181 „ „ 1668 „ „ 129,5 „ „ 195,4 „ „ Neunundzwanzigstes Kapitel: Die exogene Nachfrage 493 Amerikanische Eisenbahnen: Aktien. 676,7 Mill. £ Obligationen. 665,5 „ ,, Fremde Eisenbahnen. 543,6 „ „ Bergwerke. 33,5 ,, ,, Tee- und Kaffeeplantagen. 16 „ ,, Bull, de l’Inst. int. de Stat. t. XVI. 2« livr. p. 64. Cf. t. XIII. Liv. 3 p. 176. Frankreich: Im Besitze von Franzosen befanden sich Werte in Milliarden Frcs.: Jahr Insgesamt Davon ausländische Werte 1850 9 — 1860 31 — 1869 33 10 1880 56 15 1890 74 20 1911 105—110 35—40 Nach Neymarck: Becque, 1. c. pag. 68. Die Zahl der fremden Werte, die an der Pariser Börse gehandelt wurden, betrug: Jahr Aktien Obligationen Staatspapiere Insgesamt 1850 2 2 24 28 1869 24 27 58 109 1880 26 26 85 137 1890 39 40 104 183 1900 58 65 150 273 1912 120 114 230 464 Bei Becque , 1. c. pag. 17. Der Nennwert der an der Pariser Börse (1908) gehandelten Werte betrug: Französische. 60383 MiU. Frcs. Fremde. 74312 ff JJ Davon: Staatsanleihen, russ. . 11305 ff ff „ andere. 49487 ff ff Versicherung, Banken. 2165 ff ff Eisenbahnen .... 4927 ff ff Verschiedene .... 1289 ff ff Neymarck im Bull, de Plnst. int. de Stat. 1909. Im Jahre 1902 verteilten sich die von Franzosen im Auslande angelegten Werte nach einer Enquete des Auswärtigen Amtes (bei Becque, 62f.) wie folgt: Europa .21812 Millionen Frcs. Davon: Rußland. 6966 ,, ,, Spanien. 2974 „ „ Österreich-Ungarn . 2850 ,, ,, Asien . 1121 „ „ Davon: China. 651 ,, ,, Asiatische Türkei . 354 „ „ 494 Dritter Abschnitt: Der Absatz Afrika . 3693 Millionen Frcs. Davon: Ägypten .... . 1436 3 3 Englisch-Afrika . . 1592 D Amerika. . 3972 Davon: Nordamerika . . . 1058 Südamerika . . . . 2624 „ 33 Zentralamerika . 290 Ozeanien usw . 57 „ Insgesamt . . 29855 3 3 Verteilung nach der Anlage war folgende: Handelsunternehmungen . . 995,25 Millionen Frcs, Grundbesitz . 2183,25 Banken u. Versicherungen . 551 33 Eisenbahnen . 4544 Bergwerke und Industrie . . 3631 33 Schiffahrt . 461 Staatsanleihen u. Kommunen 16553,50 Verschiedenes . 936 > 33 29855 Millionen Fr cs. Deutschland: Im Jahre 1868 wurden an der Berliner Börse folgende ausländischen Werte notiert: 26 Staatsschuldverschreibungen, 5 Bahnaktien, 19 Bahnobligationen, 3 Banken, 2 Pfandbriefe. Nach A. Saling bei Sartorius von Waltershausen, a. a. 0. S. 43. Deutschland emittierte fremde Werte in Millionen Mark: 1886—1890 2322 = 34,7 % sämtlicher Emissionen 1891—1895 1462 = 23,2 % 33 33 1896—1900 2420 = 22,7% 33 33 1901—1905 2147 = 20,5% 33 33 1906—1910 1497 = 10,6% 33 33 Nach einer Zusammenstellung Helfferichs, die Becque, 1. c. pag. 24 mitteilt. Deutschlands Auslandsanlagen betrugen: 1893 10 Milliarden (Schmoller) 1893/94 12 33 (v. Koch) 1905 16 33 (Denkschr. d. Reichs-Marineamts) 1913 20 33 (Helfferich) — 30 33 (Steinmann-Bucher) 1914 20 Effekten | T 11 33 nicht vergesellsch. Kapital J ' ' enz ' Die an den deutschen Börsen zum Handel zugelassenen ausländischen Wertpapiere verteilten sich im Jahre 1913 auf die einzelnen Anlagen wie folgt in Millionen Mark: Neuniunlzwanzigstes Kapitel: Die exogene Nachfrage 495 Staatsanleihen.1055 Anleihen von Provinzen, Städten usw. 83 Bankaktien. 13 Eisenbahnaktien. 84 Eisenbahnschuldverschreibungen. 39 Industrieaktien. 20 Industrieschuldverschreibungen. 15 Insgesamt 1309 Nach dem Statistischen Jahrbuch. 2. Zur Erhellung und Belebung des Bildes will ich noch einige Ziffern aus der europäischen Kapitalausfuhrstatistik mitteilen, aus denen die Verwendung für Eisenbahnbauzwecke hervorgeht. Nach dem Bericht der Parlamentskommission von 1858 besaßen die englischen Kapitalisten bereits 1857 für 80 Millionen £ amerikanische Wertpapiere (Comm. on the Bank Act., p. VIII), offenbar größtenteils Eisenbahnwerte. Denn im Jahre 1910 war der englische Besitz an nordamerikanischen Wertpapieren auf die einzelnen Arten wie folgt verteilt: Staatspapiere. — Städteanleihen. 7 896 000 £ Eisenbahnwerte. 586227000 ,, Bankwerte. 930000 ,, Brauerei- und Brennereiwerte. . . 11505000 ,, George Paish, Great Britains Capital Investments in individual colonial and foreign countries, im Journal of the Royal Statistical Society. Vol. 74 (1911), p. 176. Vgl. die abweichenden — viel höheren! — Ziffern nach der Schätzung von Speare bei Ernst Picard, Die Finanzierung nordamerikanischer Eisenbahngesellschaften (1912), 3f.: 4 Milliarden $ amerikanischer Eisenbahnwerte in englischem Besitz! Darin sind offenbar die südamerikanischen Bahnen einbegriffen. In südamerikanischen Eisenbahnen nämlich hatte England vor dem Kriege 260 Millionen £ investiert; das macht mit den obigen 586 Millionen £ zusammen etwa die 4 Milliarden $ Speares aus. In den Kolonien und Indien hatte es bis 1909 1554 Millionen £ angelegt; in Australien bis 1910 380 Millionen £: „the money lend to the Australian Governments has mainly employed by them in railway building.“ Indien hatte 365 Millionen £ aufgesogen: „the largest part of which was for the construction of railways“, teils den Regierungen, die damit Eisenbahnen bauten, teils den Eisenbahnen direkt geliehen. L. C. A. Knowles, The economic Development of the British Overseas Empire (1924), 37 ff. Der Verfasser stützt sich für seine Zahlenangaben auf die von mir ebenfalls benutzte Zusammenstellung von Paish, a. a. O. Ebenso wie die australischen und indischen sind die kanadischen Bahnen mit englischem Gelde erbaut. Und — umgekehrt — ein Bild von der Ankunftseite: wie sich ein Balkanland, das wir auch zu den Exoten rechnen müssen, mit europäischem Kapital vollsaugt, vornehmlich, um damit Eisenbahnen zu bauen. 496 Dritter Abschnitt: Die Absatz Nach amtlichen Quellen entwickelte sich die Verschuldung Bulgariens in den letzten Jahrzehnten vor dem Kriege wie folgt: Anleihe Nominalwert Effektivwert Davon für Bahnen verwandt 1888 . 46777500 46777500 46777500 1889 . 30000000 25650500 10212366 1892 . 124962000 108899275 101377072 1900 . 85000000 82000000 43294347 1904 . 99980000 81982000 16183800 1907 . 145000000 123350000 31044267 1909 . 100000000 86000000 35466511 3. Die Frage endlich, um welchen Anteil an den investierten Beträgen das aufnehmende Land Käufer im Auslande wird, ist ziffernmäßig nur schwer zu beantworten. Wir wissen nur aus der Erfahrung, daß es in weitem Umfange der Fall ist und noch mehr war. Vor allem hat England seinen Markt in den früheren Jahrzehnten auf diesem Wege immer offen gehalten. Nach Lord Brasseys Feststellungen wurden um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Aufträge auf Brücken, Lokomotiven, Schienen aller fremden Nationen in Europa, Indien und Australien englischen Firmen erteilt. Vgl. C. K. Hobson, 7. Bei einem Eisenbahnbau in Indien im Jahre 1857 wurde festgestellt, daß zwei Drittel des Kapitals in England, ein Drittel in Indien verausgabt wurde. Neuerdings ist geschätzt, daß von 12Millionen £, die in südamerikanischen Eisenbahnen angelegt waren, 33% zum Ankauf von Eisenbahnmaterial in Großbritannien und 4% in andern Staaten außer Landes gegangen sind. C. K. Hobson, 1. c. Vom gesamtkapitalistischen Standpunkt aus ist es natürlich gleichgültig, ob die Käufe in dem investierten Lande oder in anderen gemacht werden. C. K. Hobson hat in seinem Buche einige dankenswerte Zusammenstellungen der Anlageziffern einerseits, der Einfuhrziffern für Eisenbahnmaterial andrerseits für einige exotische Länder gemacht, die ich hier noch mitteilen will. Argentinien: Jahr Emissionen von Eisenbahnwerten in London £ Meilenzahl der gebauten Eisenbahnen Einfuhr von Eisenbahnmaterial aus fremden Ländern £ 1901 4 465 000 214 793 272 1902 3 040 250 292 720 290 1903 732 500 638 1 018 402 1904 3 331 250 636 1 682 002 1905 18 698 910 158 2 558 816 1906 3 783 375 602 3 882 809 1907 8 842 750 865 5 614 793 1908 13 257 090 1053 3 181 671 1909 11 948 000 646 3 638 343 1910 10 815 000 1992 4 129 345 1911 10 025 000 2230 4 395 890 Neummdzwanzigstes Kapitel: Die exogene Nachfrage 497 Indien: Emissionen indischer Eisen- Anwachsen der indischen ReEinfuhr von EisenbahnRegierungseinfuhr von Jahr bahngesell- schaften in London £ gierungsschulden in England £ material für Eisenbahngesellschaften £ Eisenbahnmaterial £ 1901—1902 300 000 + 871 711 ] 028 386 2 366 440 1902—1903 3 033 800 — 510 829 1 074 481 2 499 015 1903—1904 750 000 — 750 417 934 643 2 823 359 1904—1905 1 790 000 — 158 653 939 772 2 803 343 1905—1906 2 113 000 + 13 570 248 1 081 745 3 410 855 1906—1907 100 000 -f 1 061 195 2 772 260 2 889 682 1907—1908 2 200 000 + 9 962 440 4 800 550 1 791 081 1908—1909 6 894 200 -f- 9 492 295 4 946 600 3 012 991 1909—1910 3 183 900 + 9 132 542 3 627 064 1 966 756 1910—1911 3 100 000 + 6 892 424 2 830 221 1 293 802 1911—1912 800 000 — 11738 2 957 970 1 679 971 Neun Zehntel und mehr der Einfuhr stammt aus Großbritannien. Australien: Emission von Meilenzahl der von australischen den Regierungen Einfuhr von Jahr Staatsanleihen gebauten Schienen in London f» Eisenbahnen £ 1903 2D 725 000 520 494 588 1904 — 103 184 036 1905 3 341 000 251 206 091 1906 1 990 000 161 340 435 1907 970 000 303 628 931 1908 2 470 000 468 792 928 1909 9 221 900 415 803 160 1910 4 759 800 394 820 677 1911 1 950 000 612 1 079 928 Südafrika: Jahr 1906 1907 1908 1909 1910 1911 Emission von Minenwerten in London £ 1 446 400 248 800 2 828 300 4 340 700 2 595 700 3 883 000 Einfuhr von Bergwerksmaschinerie in Südafrika £ 712 495 802 263 740 994 1 001 717 1 279 403 947 283 Welche ziffernmäßige Bedeutung daun schließlich die Exoten als Absatzgebiet für die europäischen Erzeugnisse im Laufe der Zeit Sombart, Hochkapitalismus. 32 498 Dritter Abschnitt: Der Absatz gewonnen haben, vermag uns allein die allgemeine Ausfuhr Statistik zu sagen. Sie belehrt uns, daß der Absatz in die exotischen Länder, zu denen ich Asien, Afrika, Latein-Amerika, den Balkan und Rußland rechnen will, namentlich im letzten Menschenalter vor dem Kriege nicht nur in absoluten Ziffern beständig zugenommen, sondern auch einen beständig wachsenden Anteil am Ausfuhrhandel der hochkapitalistischen Länder genommen hat. Die Einfuhr der Welthandelsvölker (Deutschland, Großbritannien, Vereinigte Staaten, Frankreich) betrug in die folgenden Länder (im Jahresdurchschnitt) : Rußland: 1886-1890 . . . . 415 Millionen Rubel 1913-1890 . . . . • 1375 Finnland: 1886 . 118 Mill. finnische Mark 1913. 495 „ Balkan: 1886-1890 .... 563 Millionen Franken 1912. . 1115 Südamerika: 1901-1905 .... 406 Millionen $ 1913. . 1020 Mittelamerika: 1901—1905 . . . . 175 Millionen $ 1913. 302 Japan: 1881-1885 .... 30 Millionen Yen 1913. 729 China: 1888-1890 .... 74 Millionen Tael 1913. 586 Riederl.-Ostindien: 1898-1900 .... 166 Millionen fl. 1913. 437 Französische Kolonien: 1881-1885 .... 183 Millionen Fr. (ohne Tunis, Algier und 1901—1905 .... 449 Marokko) Indo-China: 1881-1885 .... 62 Millionen Frc. 1906-1910 .... • 256 ,, ,, Tunis: 1886-1890 .... 30 Millionen Fr. 1912. 156 Algier: 1876-1880 .... 211 Millionen Fr. 1912. 670 Ägypten: 1886-1890 .... 5 Millionen Sequin 1913. 28 Marokko: 1902 . 53 Millionen Fr. 1913. 231 Der Anteil der Ausfuhr der hochkapitalistischenLänder in die exotischen Länder betrug von ihrer Gesamtausfuhr in Hundertteilen: Deutschland nach Latein-Amerika Asien Afrika 1889-1890 . 5,7 2,7 0,7 1913. 7,6 5,4 2,1 Neunundzwanzigstes Kapitel: Die exogene Nachfrage 499 Großbritannien nach Latein-Amerika Asien Afrika 1855-1859 . ... 5,6 13,8 2,9 1900-1904 . ... 5,8 16,5 9,1 Frankreich nach Latein-Amerika Asien Afrika 1871-1875 . , . . . 10,7 • 0,9 6,1 1913. 7,0 2,7 13,6 Vereinigte Staaten von Amerika nach Latein-Amerika Asien Afrika 1891-1895 . ... 8,9 2,2 0,7 1913. ... 17,9 4,7 1,2 Nach den vom Institut für Weltwirtschaft und Seeverkehr (Paul Hermberg) 1920 herausgegebenen Zusammenstellungen. II. Neue Käuferschichten 1. Es entsprach, wie wir gesehen haben, der ökonomischen Struktur der frühkapitalistischen Wirtschaft, daß die Mittelschichten, die Bauern und die Handwerker, als Kundschaft für den Kapitalismus noch nicht in Betracht kamen. Sie deckten ihren Güterbedarf im wesentlichen auf dem Wege der Eigenproduktion und des Handwerks. Die entscheidende Wandlung tritt erst im hochkapitalistischen Zeitalter ein, als diese Schichten aus den alten Wirtschaftsgemeinschaften herausgerissen werden und damit ihren Halt verlieren. Wir haben diesen Prozeß der Auflösung genau verfolgt (siehe das 23. Kapitel) und haben damals als die eine wichtige Eolge der Umwandlung die Freisetzung zahlreicher Arbeitskräfte kennengelernt. Hier stellen wir fest, daß die andere bedeutsame Wirkung der Auflösung die war: Verzehrer, die ehedem ihren Bedarf in der eigenen Wirtschaft oder beim Handwerker deckten, zu Marktbesuchern, das heißt aber in wachsendem Umfange zu Abnehmern kapitalistischer Erzeugnisse zu machen. Was sich hier abspielte, können wir auch die Kommerzialisierung des Wirtschaftslebens nennen: dessen Auflösung in Tauschvorgänge, die Verwandlung der Güter in Waren. Der Vorgang ist bekannt, so daß es genügt, auf einige der wichtigsten Punkte hinzuweisen, in denen seine Eigenart besonders deutlich in die Erscheinung tritt. Ich verfolge die Kommerzialisierung auf dem Gebiete der Nahrungs-, Kleidungs- und Wohnungsbeschaffung. Die Nahrung wurde früher in der bäuerlichen Wirtschaft fast ausschließlich, in der bürgerlichen Wirtschaft in weitem Umfange durch Eigenerzeugung gewonnen, solange man noch selber buk (oder beim 32* 500 Dritter Abschnitt: Der Absatz Bäcker backen ließ), selber schlachtete, selber Kartoffeln, Gemüse und Obst vom eigenen Grund und Boden erntete, selber Geflügel im Hühnerhof hatte, die Milch von eigenen Kühen und Ziegen gewann und sie selber zu Butter und Käse verarbeitete und alle diese selbstgewonnenen Erzeugnisse, wenn sie nicht sofort verzehrt wurden, in den Zustand der Unverderblichkeit oder Dauerhaftigkeit überführte, das heißt einkochte, einmachte, einpökelte usw. Mit der Auflösung der Hauswirtschaft mußten alle diese Dinge auf dem Markte gekauft werden, so daß sich die gewerbsmäßige Erzeugung von Nahrungs- und Genußmitteln immer mehr ausdehnte. In Deutschland beispielsweise waren in den Nahrungs- und Genußmittelgewerben 1882 3,5%, 1907 schon 4% aller hauptberuflich Erwerbstätigen beschäftigt. Das sind nun zwar in weitem Umfange noch handwerkerliche Produzenten. Aber die kapitalistische Produktion macht doch auch auf diesem Gebiete Fortschritte. In einem Neulande wie den Vereinigten Staaten von Amerika werden die Nahrungs- und Genußmittelgewerbe schon heute in wachsendem Umfange großindustriell betrieben. Die Zahl der nicht handwerksmäßig in ihnen beschäftigten Lohnarbeiter betrug 1914 496234, 1919 schon 684672 Personen; auf einen Betrieb entfielen in den beiden Zensusjahren 8,4 und 11,2 Personen, so daß die Betriebsgröße um 33,3 % in dem kurzen Zeiträume von fünf Jahren gewachsen ist. Dazu kommt, daß der Nahrungsbedarf in zunehmendem Maße, wie wir noch genauer verfolgen werden, außer dem Hause befriedigt wird: in Restaurants, Hotels, Einküchenhäusern usw., so daß selbst in einem Lande wie Deutschland die Zahl der im Gast- und Schankgewerbe beschäftigten Personen in den Jahren 1882—1907 von 1,5 auf 2,3 vom Hundert aller Erwerbstätigen steigen konnte. Dadurch wird aber wiederum gerade für die Produktion auf kapitalistischer Grundlage ein neues Absatzfeld eröffnet. Dasselbe gilt für die Belieferung der Hotels, die ebenfalls immer zahlreicher werden in dem Maße, wie das Reisen zunimmt. Auch die Kleidung wurde, wie wir wissen, ehedem zu einem sehr beträchtlichen Teile im Hause hergestellt und wird jetzt fast völlig auf dem Markte gekauft. Die Erzeugung ist aber auf dem Gebiete der Kleidung in noch viel stärkerem Umfange als auf dem der Nahrung, dem Kapitalismus anheimgefallen. Das gilt vor allem für die Herstellung der Rohstoffe in der Textilindustrie, die heute durchgehends großindustriell betrieben wird, aber doch immer mehr auch für die Eertig- industrie des Bekleidungsgewerbes: Wirkerei, Wäscheanfertigung, Neunundzwanzigstes Kapitel: Die exogene Nachfrage 501 Kleidermacherei, die noch am meisten dem Handwerk verblieben ist. Daß Hüte, Stiefeln, Handschuhe, Schirme, Stöcke, Krawatten längst in kapitalistischen Betrieben hergestellt werden, ist bekannt. Endlich ist auch die Wohnungserzeugung im Laufe der hochkapitalistischen Ära immer mehr eine marktmäßige geworden. Wir können in ihr drei Stufen der Entwicklung unterscheiden: (1.) die volle Eigenproduktion; (2.) die Produktion für den Eigentümer durch gewerbsmäßige Produzenten: Bestellungsbau; (3.) die Produktion für den Verkauf oder die Vermietung: Herstellung des Hauses als Ware, Spekulationsbau. Er ist in diesem Zusammenhänge das entscheidende Ereignis. Ich schloß meine geschichtliche Darstellung des Baugewerbes im Zeitalter des Frühkapitalismus mit den Worten (Band II, S. 778): ,,Im allgemeinen dürfen wir sagen: Der Spekulationsbau taucht am Schlüsse der frühkapitalistischen Epoche auf, er schließt sie, wie ich sagte, ab. Er gehört seinem Geiste nach durchaus dem Zeitalter des Hochkapitalismus an.“ Durch einen Hinweis bei Marx („Kapital“ II, 215) bin ich mittlerweile auf eine Quelle aufmerksam gemacht, aus der wir mit ziemlicher Sicherheit schließen können, daß der Spekulationsbau jedenfalls in London nicht vor dem 19. Jahrhundert auftritt, daß er sich wahrscheinlich erst nach den Napoleonischen Kriegen zu entwickeln beginnt. Die Quelle ist die Aussage eines Bauunternehmers vor der Bankkommission des Jahres 1857. Er sagt aus: in seiner Jugend seien die Häuser auf Bestellung gebaut und sei der Betrag dem Unternehmer ratenweise während des Baues bezahlt; auf Spekulation hätten diese nur gebaut, um ihre Arbeiter zusammenzuhalten. Seit den letzten 40 Jahren habe sich das alles geändert: auf Bestellung wurde nur noch selten gebaut: wer ein neues Haus brauche, suche es sich unter den auf Spekulation gebauten aus. Der Unternehmer arbeite nicht mehr für Kunden, sondern für den Markt. Siehe den Rep. from the Select Committee on Bank Acts. Part. 1,1857. Evidence. Qu. 5413—18; 5535—36. Es ist wahrscheinlich, daß in anderen Großstädten, in denen die gemietete Einzelwohnung im Gegensatz zum bewohnten ganzen Hause den Wohntyp bildet, der Bestellungsbau noch etwas früher verschwunden ist. Heute bildet der Spekulationsbau in den meisten Großstädten, aber auch schon in den Mittelstädten die Regel. Nach einer Zählung vom 5. Dezember 1900 sind in den deutschen Großstädten weniger als 25% Eigenwohnungen. In Berlin sind von 1000 Wohnungen 25,7 Eigentümerwohnungen, 36,4 Dienstwohnungen, 937,9 Mietwohnungen. Grundstücks- und Wohnungsaufnahmc 1900 (1903), 11. 502 Dritter Abschnitt: Der Absatz In den Vereinigten Staaten von Amerika gab es nach dem Zensus im Jahre 1900 im Lande 63,7% Mietwohnungen (außer den Farmhäusern), in New York 87,9%. Was aber für unsere Zwecke das Entscheidende ist: durch diesen Übergang zu marktmäßiger Produktion auch der Wohnungen sind Schichten der Bevölkerung, die außerhalb des kapitalistischen Nexus stehen (und nur um diese handelt es sich an dieser Stelle), zu Abnehmern von kapitalistisch erzeugten Produkten geworden, die es früher nicht waren. 2. Dieser eben geschilderte Auflösungsprozeß hat sich nun, wie wir wissen, nicht nur in den Ländern mit kapitalistischer Kultur vollzogen, sondern begann auch in den exotischen Ländern sich anzubahnen. Diese vermehrten dadurch ebenfalls ihre Käuferschichten für die Abnahme kapitalistischer Waren. Und zum guten Teil erklärt sich die Zunahme ihrer Kaufkraft, die ich oben in einigen Ziffern darstellte, aus der Tatsache, daß auch in ihnen die alten Wirtschaftsgemeinschaften in Verfall geraten, vor allem die Bauern in die Marktwirtschaft einbezogen sind. Das ist die geheime, mittelbare, unsichtbare Wirkung der Anleihen, die jene ärmeren Staaten bei den reichen auf genommen haben. Nicht nur wirkten die Eisenbahnen und Industrieanlagen, die mit ihrer Hilfe gebaut werden, auflösend, noch mehr tun es die Steuern, die die Bauern zahlen müssen, um jene Anleihen zu verzinsen. Die Verpflichtung zur Steuerzahlung bedeutet einen Zwang zur marktmäßigen Produktion. Sie wirkt wie ein Sprengstoff auf die alten Gemeinschaften. Mit besonderer Ausführlichkeit und Gründlichkeit sind diese Zusammenhänge in der in der Literaturübersicht genannten Streitschriftenliteratur für Rußland aufgedeckt worden. Sie bestehen aber in gleicher Weise überall, wo das Anleihewesen Wurzel gefaßt hat. 3. Ebenso wie die Arbeitskräfte für den Bedarf des Kapitalismus nicht nur aus der durch Auflösungsprozesse entstandenen Zuschuß- bevölkerung entstammen, sondern auch durch den natürlichen Bevölkerungszuwachs in reichstem Maße geliefert werden, so erwachsen ihm neue (exogene) Käuferschichten nicht nur aus den früher eigenwirtschaftlich oder handwerklich versorgten Verzehrern, sondern es erstehen auch große und mächtige Absatzgebiete durch eben jene Überschußbevölkerung, die auch die fehlenden Arbeitskräfte liefert. Wohlverstanden: nur diejenige Überschußbevölkerung kommt an dieser Stelle als Nachfrage in Betracht, die vom Kapitalismus nicht aufgesogen wird, ihm also von außen entgegentritt. Das sind nun vor Neunundzwanzigstes Kapitel: Die exogene Nachfrage 503 allem die Bauern, die in den neuen Siedlungsgebieten während des 19. Jahrhunderts aus dem Boden gewachsen sind. Ich habe über den Umfang dieser Neusiedlung schon dort gesprochen, wo wir sie als die notwendige Vorbedingung für die Herbeischaffung des Sach- kapitals würdigen mußten, und verweise den Leser auf die dortige Darstellung. Hier haben wir uns nur zum Bewußtsein zu bringen, daß die exogene Nachfrage für den Kapitalismus sich um eben dieselbe Menschenmenge vermehrte, die ihm die Nahrungsmittel und Rohstoffe zuführte. Im übrigen werde ich in einem anderen Zusammenhänge das Bauerntum noch einmal zu betrachten Gelegenheit finden: siehe das 57. Kapitel. III. Die schöpferische Nachfrage Bei der Betrachtung der Absatzbedingungen darf niemals übersehen werden, daß Nachfrage nicht nur aus produktiver Tätigkeit entspringt, das heißt, daß nicht nur um so viel nachgefragt werden kann, als man zur Erzeugung des gesellschaftlichen Einkommens beigetragen, will sagen: selbst Güter in die Masse hineingeworfen hat, wie es in all den bisher betrachteten Fällen in Wirklichkeit zutrifft (bei dem Einkommen beziehenden Staatsbeamten übernimmt der Staat durch sein Steuerrecht die Vermittlung mit dem tatsächlichen Produzenten, an dessen Statt der Beamte Kaufkraft ausübt): daß der Fall vielmehr denkbar und gerade in der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts häufig genug eingetroffen ist, in dem Kaufkraft ohne vorherige Einlage ausgeübt werden kann. Ich habe in anderem Zusammenhänge, als ich die Entstehung des Kapitals untersuchte, verschiedene solcher Fälle festzustellen Gelegenheit gehabt. Das waren: 1. die Goldproduktion, 2. die Ausgabe ungedeckten Papiergeldes, 3 der Anweisungskredit. Da ich namentlich den letzten Fall, in dem das Wesen der schöpferischen Nachfrage am klarsten hervortritt, eingehend besprochen habe, so genügt hier die Erinnerung an diese drei Möglichkeiten, Nachfrage, der keine Produktion entspricht, gleichsam Überschußnachfrage oder reine Nachfrage zu schaffen, zu erinnern und gleichzeitig festzustellen, daß um den erheblichen Betrag dieser reinen Nachfrage der Kapitalismus Waren hat absetzen können, deren Unverkäuflichkeit ihm Beschwerden verursacht haben würde. 504 Dreifsigstes Kapitel Die endogene Nachfrage I. Übersicht 1. Unter endogener Nachfrage wollten wir diejenige Nachfrage verstehen, die dem Kapitalismus innerhalb seiner selbst erwächst: auf dem inneren Markte vom Standpunkt des Kapitalismus aus gesehen. Die Unterscheidung zwischen exogener und endogener Nachfrage ist eine theoretische, sie läßt sich in Gedanken scharf durchführen. Wir müssen uns aber klarmachen, daß jene Trennung in inneren und äußeren Markt im geschichtlichen Leben nicht besteht. So daß auch die empirische Darstellung mit fließenden Grenzen rechnen muß. Die endogene Nachfrage erscheint in doppelter Gestalt: als eine Nachfrage nach Produktionsmitteln der kapitalistischen Betriebe und als eine Nachfrage nach Konsumtionsmitteln für Kapitalisten- (Unternehmer-) und Arbeiterklasse. Die beiden folgenden Unterabschnitte dieses Kapitels werden dieser zweifachen Nachfrage nachspüren. 2. Die Nachfrage nach Produktionsmitteln soll in der Weise betrachtet werden, daß wir sie als Nachfrage auffassen, die je von einem bestimmten Produktionszweige oder allgemeiner: von einer besonderen Gruppe wirtschaftlicher Tätigkeit ausgeht. Wir stellen damit die Gesamtheit der Wirtschaft während des hochkapitalistischen Zeitalters in einen inneren Zusammenhang derart, daß jede zeitlich folgende wirtschaftliche Tätigkeit als Auswirkung einer vorhergehenden erscheint. Es ergibt sich ein Stufenbau der Wirtschaft, eine wirtschaftliche „Entwicklung“, indem jede nächste Gruppe aus der vorhergehenden zu folgen scheint. Würde es sich darum handeln, eine Geschichte der hochkapitalistischen Wirtschaft zu schreiben, so würde sich kein Leitfaden besser eignen, um die einzelnen wirtschaftlichen Geschehnisse an ihm aufzuweisen, als dieser Gesichtspunkt der fortschreitenden Bedingtheit der Wirtschaftsstufen. Hier, wo es gilt, das Phänomen des Hochkapitalismus in seiner architekturalen Eigenart zu erfassen, hat die genetische Betrachtungsweise nur eine beispielsmäßige Bedeutung: sie soll uns die Punktion eines Gliedes in dem gesamten Organismus dieser Wirtschaft: der Absatzgestaltung, zum Bewußtsein Dreißigstes Kapitel: Die endogene Nachfrage 505 bringen. Deshalb genügen verhältnismäßig kurze Hinweise auf den Tatbestand. Um den Zusammenhang der Entwicklung aber nicht zu zerreißen, werde ich auch diejenigen Glieder einfügen, in denen es sich bei der Förderung eines Produktionszweiges durch voraufgehende Nachfrage eines anderen offensichtlich nicht um endogene, sondern um exogene Nachfrage handelt, wie bei der Einwirkung, die die Ausweitung und Verdichtung der landwirtschaftlichen Produktion auf die Entstehung neuer Industrien ausgeübt hat. 3. Die Nachfrage nach Konsumtionsmitteln entscheidet letzten Endes über den Umfang der Nachfrage überhaupt. Es war ein verwegener Gedanke, die Gesamtnachfrage, auf die der Kapitalismus angewiesen ist, auf die Nachfrage nach Produktionsmitteln zu beschränken. Tugan-Baranowski, der diesen Gedanken zum Träger seines Systems gemacht hat, war ein so besonnener Denker, daß wir fast annehmen müssen, er habe etwas gesehen, was wir nicht sehen, um es verständlich zu machen, warum er eine für den gewöhnlichen Betrachter geradezu absurde Ansicht zu der seinigen machen konnte. Genug: die Ansicht, daß der Kapitalismus vom bloßen Produktionsmittelabsatz leben könne, ist absurd. Die Nachfrage nach Unterhaltsmitteln von seiten der Kapitalisten und Lohnarbeiterklasse bleibt die Hauptsache. Und unsere Aufgabe wird es sein, sie in ihrem Ausmaße und ihrer Entwicklung während der hochkapitalistischen Epoche so genau wie möglich zu erfassen. Daß auch hierbei sich Schwierigkeiten ergeben werden, eine scharfe Grenze zwischen endogener und exogener Nachfrage einzuhalten, wird die Darstellung selbst erweisen. II. Die Nachfrage nach Produktionsmitteln (Stufengang der Wirtschaft) Schon im zweiten Bande (Seite 884ff.) habe ich den Punkt aufgewiesen, von dem die industrielle Revolutionierung des 18. Jahrhunderts ihren Ausgang nimmt: das Aufkommen des Zeugdrucks. Dort habe ich auch bereits meine Ansicht geäußert, daß mit der hier einsetzenden Entwicklung der Übergang in die hochkapitalistische Periode vollzogen wird. Ich zeigte, daß den Anlaß zu jener entscheidenden Entwicklung eine Modelaune der eleganten Welt bot, die sich rasch über weitere Kreise verbreitete: die Vorliebe für indische Musseline und Kattune, die „Indiennes“, die am Ende des 17. Jahrhunderts einsetzt und ein halbes Jahrhundert anhält; noch im Jahre 1746 spricht ein französischer Autor (Dufresne de Francheville) von dem „entetement de la 506 Dritter Abschnitt: Der Absatz nation“ für bedruckte Baumwollstoffe: für Möbelbezüge, spanische Wände, Bettdecken, Vorhänge, Frauenkleider, Taschentücher usw. finden die Indiennes allgemeine Verwendung. Wir wissen: weder Trianon noch Wetzlar sind ohne diese „Indiennes“ denkbar, die aber nun schon längst aufgehört hatten, aus Indien eingeführt zu werden, weil mittlerweile unter dem Einfluß der steigenden Nachfrage sich der Zeugdruck auch in Europa entwickelt hatte, wie ich das im ersten Bande (Seite 499) dargestellt habe. Ich habe dann des weiteren nachgewiesen (Band II, Seite 762f.), wie die Indiennedruckereien während des 18. Jahrhunderts alsobald wie Pilze aus der Erde schossen: in Frankreich (Elsaß), in England (Manchester), in der Schweiz (Ostschweiz), Oberaargau, in Augsburg und an anderen Orten. Von dieser Finierindustrie, der Druckerei, ging die Nachfrage nach weißen Geweben aus, namentlich nach Baumwollstoffen, die sich für das Drucken besser eigneten als die Leinenstoffe. Die wachsende Nachfrage zu befriedigen, war bei dem damaligen Stande der Technik schwer, vor allem das Spinn- und das Bleichverfahren setzten der Ausdehnung der Produktion enge Grenzen. Da kamen nun die entscheidenden Erfindungen, die ich in dem achten Kapitel verzeichnet habe: die Erfindung der Spinnmaschine und der künstlichen Bleiche. Das Weben wurde durch die Erfindung des mechanischen Webstuhls erleichtert, konnte aber jahrzehntelang durch die Handweberei noch zur Genüge vollzogen werden: der mechanische Webstuhl bürgert sich selbst in England erst im Laufe des 19. Jahrhunderts ein: 1820 14000, 1830 55000 mechanische Webstühle in England. Dagegen mußte an einer anderen Stelle noch eine Hemmung beseitigt werden, damit der Strom der Baumwollindustrie sich frei ergießen konnte: die Entkapselung der Rohbaumwolle, die übermäßig viel Arbeit erheischte, mußte ebenfalls auf mechanischem Wege vollzogen werden, was durch die Erfindung der Cottongin ermöglicht wurde. Nunmehr konnten — mit Hilfe der rasch sich ausdehnenden Sklavenarbeit — immer größere Baumwollmengen nach England gebracht werden, um hier ihre Verarbeitung zu erleben. Die Menge der Rohbaumwolle, die im Vereinigten Königreich eingeführt wurde, betrug in Millionen Pfund: 1771—1775 durchschnittlich . 4,8 1776—1780 „ 6,7 1790 . 31,4 1800 . 56,0 1810. 132,5 Dreißigstes Kapitel: Die endogene Nachfrage 507 1820 151,6 1830 263,9 1844—1846 durchschnittlich. 5,880 (Verbrauch). J. R. McCulloch, Stat. Account of the British Empire 2, 68/69. Die Erfindungen auf dem Gebiete der Spinnerei und Weberei, die ursprünglich nur für die Baumwollindustrie galten, werden bald, da es sich um das gleiche Verfahren handelt, für die anderen Zweige der Textilindustrie ebenfalls nutzbar gemacht, so daß diese nun als ein Ganzes sich rasch ausdehnt und mächtige Nachfragestrahlen nach allen Seiten hin aussenden kann. Entscheidend ist natürlich die Tatsache, daß die Umwälzung des Produktionsprozesses auf dem Gebiete der Textilindustrie erfolgt war, die damals der bei weitem bedeutendste Gewerbezweig war. Der Anstoß, den die Textilindustrie durch ihre Nachfrage gab, läßt sich nach drei verschiedenen Richtungen deutlich wahrnehmen; von ihr geht aus: die Entwicklung der mechanischen Industrie, der chemischen Industrie — beiden folgend: des Bergbaues — und der Landwirtschaft. Verfolgen wir diesen Werdegang im einzelnen! Das erste, was man nunmehr in wachsendem Umfange brauchte, waren Maschinen: Arbeitsmaschinen und Kraftmaschinen. Dieses waren in den ersten Anfängen Mühlen, wurden aber bald (seit 1790) Dampfmaschinen. Also Entwicklung der Maschinenindustrie, die eine wachsende Nachfrage nach Eisen erzeugte. Die Möglichkeit, dieses in größeren Mengen zu gewinnen, hatte die Erfindung des über allen bedeutsamen Koks-Hochofenverfahrens gegeben und gab die nun bald folgende Erfindung des Koks-Stahlbereitungs-, des sogenannten Puddel- verfahrens. So entfaltete sich die Hüttenindustrie rasch, die — dank der neuen Verfahren — eine zunehmende Nachfrage nach Kohle, Erzen und Kalkstein im Gefolge hatte, was eine Ausdehnung des Bergbaues und damit wiederum eine wachsendeNachfrage nach Maschinen zur Folge hatte. Die Ausdehnung der Industrie machte eine künstliche Beleuchtung notwendig, die durch die Erfindung der Gasbeleuchtung geschaffen wurde; sie aber bedeutete abermals eine Steigerung der Nachfrage nach Kohle, die noch einmal vermehrt wurde, als man das Abfallprodukt der Kokserzeugung, den Steinkohlenteer, zur Erzeugung der Anilinfarben nutzbar zu machen lernte. Von dieser Erfindung nimmt der eine große Zweig der chemischen Industrie, die auf der sogenannten „organischen“ Chemie fußt, ihren Ausgangspunkt. Die 508 Dritter Abschnitt: Der Absatz Zahl der Kohlengruben in Northumberland und Durham betrug: 1753 14, 1800 40, 1836 76, 1843 130. Mittlerweile hatte aber das neue, künstliche Bleichverfahren Anlaß geboten, den anderen Zweig dieser Industrie, den sogenannten anorganischen, zu entwickeln, der die notwendige Voraussetzung auch für die Entwicklung der Farbenindustrie ist. Aus dem Bedarfe an künstlichen Bleichstoffen war die Schwefelsäureindustrie entstanden, der sich seit der Erschließung der chilenischen Salpeterlager (etwa 1825) die Salpetersäurefabrikation anschloß: aus Chilesalpeter und Schwefelsäure gewann man billige Salpetersäure und verbreiterte damit die Grundlage, auf der eine große Anzahl neuer Industrien erwuchs. Schwefel- oder Salpetersäure wurde nachgefragt: 1. von der Sodaindustrie, 2. von der Sprengstoffindustrie, 3. von der Farbindustrie; 4. von der Metallurgie des Kupfers, Silbers, Goldes usw., 5. (seit der Entdeckung der Petroleumlager) von der Mineralölreinigungsindustrie, 6. von der Düngerindustrie. Die zuletzt genannte Industrie beginnt mit den wissenschaftlichen Entdeckungen Liebigs und bedeutet ein Glied in der dritten Entwicklungsreihe, die ihren Anfang bzw. ihre raschere Entfaltung von der industriellen Revolution auf dem Gebiete der Textilindustrie nimmt: der Ausdehnung und Intensivisierung der Landwirtschaft, die wir an anderer Stelle bereits verfolgt haben. Den ersten Anstoß zur Modernisierung der Landwirtschaft hatten schon in der frühkapitalistischen Epoche die Großstädte, hatte vor allem London gegeben. Wenn wir die Anfänge der modernen rationellen Landwirtschaft in England zu suchen haben, so hat das ebenso sehr seinen Grund in der eigenartigen Stellung Londons, wie Columella und Genossen dem alten Rom ihr Dasein verdanken. Noch die Schriftsteller, die uns über das ländliche England im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts unterrichten, Arthur Young, die Bearbeiter Def oes, der 1788 in achter Auflage erschien, und noch Eden, hinterlassen uns den Eindruck, als ob die Landwirtschaft Englands, soweit sie neue Bahnen wandelt, ausschließlich ihre Anregung London verdankt, und ebenso erscheint in den Grafschaftsberichten, die auf Veranlassung des Board of Trade gegen Ende des 18. Jahrhunderts erstattet wurden, die Hauptstadt als die Zentralsonne, von der allein die Provinzen Licht empfangen. Überall, wo für London produziert wird, macht die Landwirtschaft Fortschritte; es bilden sich theoretisch regelmäßige Kreise der Intensität um „die Stadt“. Die Grafschaften Essex, Sussex, Kent, Surrey, Hertfort, Norfolk, Suffolk sind die namentlich bevorzugten, in denen die „improve- ments of husbandry“ ganz besonders gerühmt werden. Stößt ein Reisender Dreißigstes Kapitel: Die endogene Nachfrage 509 in größerer Entfernung von London auf intensiven Landwirtschaftsbetrieb, so ist er erstaunt, „so far from London“ Ähnliches zu finden, während ersieh umgekehrt entrüstet, wenn ein nahe der Stadt gelegenes Gebiet von den Vorteilen seiner Lage keinen Nutzen gezogen und in den alten Geleisen der extensiven Landwirtschaft steckengeblieben ist. Siehe die Belege und die ausführliche Darstellung in der ersten Auflage dieses Werkes: Bd. II, S. 164ff. Aber alles dies vollzog sich doch nur ganz allmählich, so daß auch die Umbildung der Landwirtschaft eine immerhin langsame, schrittweise und der Übergang zur intensiv-rationellen Betriebsweise, wie die Kationellen vom Schlage Arthur Youngs noch in den 1760er Jahren mit Schmerzen feststellen mußten, keineswegs ein allgemeiner auch nur in den besseren Grafschaften war. Der große, alle bisherigen Entwicklungskeime treibhausmäßig weiterfördernde Umschwung dagegen kam erst in den beiden letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts. Er aber war eine unmittelbare Folge des gewaltigen Aufschwungs der Industrie und seiner Begleiterscheinung: des Zusammenströmens der Bevölkerung in den Städten und Industriebezirken. Infolgedessen wuchs die Nachfrage nach Agrarprodukten rasch und schnellten die Preise aller landwirtschaftlichen Erzeugnisse, einschließlich der Brotfrucht, erst recht in die Höhe, und die Landwirtschaft mußte, trotz steigender Einfuhr, mit Hochdruck arbeiten, um den rasch wachsenden Mehrbedarf der gewerblich-städtischen Bevölkerung zu decken. Zu der Nachfrage nach Nahrungsmitteln abseiten der rasch wachsenden Industriebevölkerung kam die Nachfrage nach industriellen Rohstoffen: Spinnstoffen, Häuten, Holz (Grubenhölzer!). Und nun vergegenwärtigen wir uns, welche starke Nachfrage nach Industrieerzeugnissen diese Zunahme der landwirtschaftlichen Produktion auslöste! Die neue Landwirtschaft brauchte vor allem in wachsendem Maße Geräte und Maschinen: ein völlig neuer Industriezweig blüht empor, der in den Vereinigten Staaten (1914) Erzeugnisse im Werte von 164086835 $ herstellte und in Deutschland (1913) Produkte im Werte von 35 Millionen Mark in das Ausland senden konnte: die Erzeugung landwirtschaftlicher Maschinen. Wie belebend die Entfaltung der landwirtschaftlichen Produktion auf bestimmte Industriezweige wirkte, bekommen wir in das Gefühl, wenn wir Einzelfälle genauer betrachten. So enthalten die anmutigen Erinnerungen Max Eydts lebendige Schilderungen von dem Einflüsse, den die rasche Entwicklung der ägyptischen Baumwollkultur und später des Zuckerrohrbaues auf den Gang der europäischen, namentlich englischen Maschinenindustrie ausübte. 510 Dritter Abschnitt: Der Absatz Zahlreiche Fabriken in England und Frankreich wurden veranlaßt, Dampfpflüge zu liefern: bei Fowler liefen auf einmal Bestellungen in Höhe von 7 y 2 Millionen Mark ein, so daß er seine Fabrik erweitern mußte; ferner Pumpen und Lokomobilen für die Anlagen der Bewässerungsarbeiten; endlich die Bestandteile für die Ginfabriken: eine kleine Ginfabrik mußte auf jedem großen Gute errichtet werden, und Dutzende von Engländern, Franzosen, Italienern und Griechen errichteten größere Anlagen dieser Art in den Städten des Deltas. M. Eydt, Lebendige Kräfte (1905), 21 Off., 218f. Die Landwirtschaft bedurfte ferner der künstlichen Dünger, wodurch ein wichtiger Zweig des Bergbaues (Kali) und der chemischen Großindustrie zur Entwicklung gebracht wurde. Im Jahre 1910 erzeugte Deutschland an Kalisalzen für 90364733 Mark, an Düngesalzen für 28035965 Mark; es führte (1913) aus an Thomasphosphatmehl für 29185000 Mark, an Superphosphaten für 21409000 Mark usw. Um die zum Teil in weiter Ferne erzeugten landwirtschaftlichen Produkte herbeizuschaffen, bedurfte es aber einer Ausweitung der Transportmöglichkeiten. Da setzen die großen Erfindungen des Dampfschiffes, des Eisen- und Stahlschiffes, der Eisenbahn ein. Und nun strömte von den neuen Transportmitteln wiederum ein gewaltiger Nachfragestrom aus: zurück in den Bereich der Landwirtschaft, genauer der Forstwirtschaft und vorwärts in den Bereich der Industrie. Die Eisenbahnen brauchten in großem Umfange Holz für ihren Bau. Man rechnet, daß ein europäischer Großstaat allein für das Auswechseln der Bahnschwellen jährlich % — 1 Million Bäume benötigt. So daß Holz, das, wie wir sahen, von dem sich ausweitenden Bergbau, dazu nach der Erfindung des Holzschliff- und Zelluloseverfahrens in immer größeren Mengen von der Papierindustrie und in noch größeren Mengen vom Baugewerbe gebraucht wurde, wieder ein stark nachgefragtes Gut war. Ich habe an anderer Stelle die Ziffern des internationalen Holzhandels mitgeteilt: siehe oben Seite 264. Aber noch viel größer war infolge der Umgestaltung des Verkehrswesens die Nachfrage nach Eisen. Schon in den Jahren 1846—1848 berechnete man, daß die auf dem inneren Markte Englands durch die Eisenbahnen geschaffene Nachfrage zwei Drittel der gesamten ausländischen Nachfrage nach britischen Erzeugnissen gleichkam. Neuerdings hat man für die Vereinigten Staaten von Amerika festgestellt, daß 25—30% der gesamten Eisen- und Stahlproduktion von den Eisenbahnen auf genommen werden. (The Stabilization of Business, 117 f.) Daß Dreißigstes Kapitel: Die endogene Naehfrage 511 ohne die Erfindung Bessemers die Eisenbahnen nicht hätten gebaut werden können, liegt auf der Hand. Eine ähnliche Wirkung wie die Einführung der neuen Verkehrsmittel übte die Elektrifizierung der Welt, die als Ausstattung mit Schwachstrom bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückreicht (Telegraphie seit 1833), als Starkstromära jedoch erst im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts beginnt und dem Zeitalter vor dem Kriege technisch recht eigentlich seinen Stempel aufdrückt: die elektrische Beleuchtung, die elektrischen Bahnen und die elektrischen Kraftmaschinen erobern in wenigen Jahrzehnten das Feld. Während des kurzen Zeitraumes von 1895 bis 1907 steigt in Deutschland die Zahl der Betriebe mit elektrischer Kraftverwendung von 2003 auf 71316. Stat. Jahrb. 1916. In den Vereinigten Staaten von Amerika betrug nach den Angaben des Zensus die elektrische Kraft (eigene und fremde) in Pferdekräften: 1889 . 16000 1899 . 492936 1904 . 1592475 1909 . 4817140 1914 . 8836000 1919 . 16317000. Um alle diese Anlagen herzustellen, wurde eine neue Industrie förmlich aus dem Boden gestampft: die Elektrizitätsindustrie, die sich in Deutschland besonders rasch, und zwar wie folgt entwickelte: Zahl der Zahl der Hauptbetriebe beschäftigten Personen 1895 . 1143 26321 1907 . 5391 142171. In den Vereinigten Staaten von Amerika umfaßte sie: Betriebe Arbeiter 1880 . 76 1271 1890 . 189 8802 1900 . 1742 46839 1914 . 1030 118078 1919 . 1404 212374. Abermals: Nachfrage nach Eisen, nach Kohle, nun auch vor allem nach Kupfer. Um welche Beträge? Um Hunderte von Millionen. Auf der letzten Entwicklungsstaffel kaum weniger als um eine Milliarde Mark jährlich in jedem größeren Lande. Denn der amerikanische Zensus verzeichnet schon im Jahre 1914 „Rohstoffkosten“ für die Elektrizitäts- industrie: 154728076 §>, das sind über 600 Millionen Mark bei einer Ausdehnung der Industrie von höchstens zwei Dritteln der deutschen. 512 Dritter Abschnitt: Der Absatz Endlich ist noch eines Produktionszweiges Erwähnung zu tun, der von allen übrigen Anregung empfängt, der durch alle gleichmäßig gefördert wird und sie schließlich alle an Größe und Bedeutung überwächst: des Baugewerbes: siehe, was ich darüber auf Seite 421 f. bemerkt habe. Mit der Erwähnung des Baugewerbes habe ich die Untersuchung zum Teil schon auf das Gebiet der Konsumtionsmittelbeschaffung weitergeschoben, der wir nunmehr noch unsere Betrachtung zu widmen haben. III. Die Nachfrage nach Konsumtionsmitteln (Die Kaufkraft der Lohnarbeiter) Das Problem, dessen Lösung uns hier gestellt ist, ist dieses: ob die Kaufkraft der Unternehmer und Arbeiter in gleichem Verhältnis zur Mehrerzeugung gestiegen ist oder nicht. Daß wir theoretisch die Anfrage bejahen müssen, habe ich schon dargelegt. Die einwandfreie Schlußkette ist diese: Der Mehrwert wird entweder kapitalisiert oder verzehrt: wenn dieses, schafft er Nachfrage der Unternehmerklasse nach Einkommensgütern dieser Klasse, wenn jenes — Nachfrage nach Konsumtionsgütern der Lohnarbeiterklasse. Bezweifelt kann nicht werden die Dichtigkeit dieser theoretischen Feststellungen, sondern nur, daß in der Wirklichkeit die Entwicklungen diesen (theoretisch „richtigen“) Verlauf genommen haben. Es wird genügen, wenn ich für den eigentlich strittigen Teil des Problems, die Kaufkraft der Lohnarbeiter, den Nachweis erbringe, daß dieses doch der Fall ist, daß also die empirische Gestaltimg dem idealtypischen Aufriß doch ungefähr entspricht. Zu diesem Behufe werden wir uns zunächst noch genauer über den Entwicklungsgang des Arbeitslohnes während unseres Zeitabschnittes unterrichten müssen, als wir es bereits (im 27. Kapitel unter III.) getan haben. Dort handelte es sich darum, festzustellen, in welchem Verhältnis zum Profit der Arbeitslohn sich gestaltet habe. Diese Feststellung genügt aber offenbar nicht, um etwas über die Kaufkraft des Arbeitslohnes auszusagen. Diese vermögen wir erst zu ermessen, wenn wir die Bewegung des Keallohns in seiner unbedingten Höhe ermittelt haben. Über die Gestaltung des Reallohnes für ein ganzes Jahrhundert liegen Ziffern vor für Frankreich, Großbritannien und die Vereinigten Staaten von Amerika, die ich hier vertretungsweise mitteilen will. Dreißigstes Kapitel: Die endogene Nachfrage 513 Frankreich: Indexziffern; 1900 = 100. 1810. 1820 . 1830 . 1840 . 1850 .. 1860 . 1870 . 1880 . 1890 . 1900 . 1910. 55.5 53.5 54.0 57.0 59.5 63.0 69.0 74.5 89.5 100,0 106,0. Mitgeteilt bei C. von Tyszka in den Sehr. d. V.f.S.-P. 145, 64. Großbritannien U.8.A. Indexziffern; 1913 = 100. 1790-1799 . 37 - 1800-1809 .. . 41 - 1810-1819.41 - 1820-1829 . 47 - 1830-1839 . 47 48 1840-1849 . 49 56 1850-1859 . 58 52 1860-1869 . 63 53 1870-1879 . 74 77 1880-1889 . 84 85 1890-1899 . 98 103 1900-1909 ........ 102 103 1913 .100 100. Die Ziffern für England aus Economic Journal, Sept. 1923; Journal of Statistical Society, March 1909; Review of Econ. Statistics, Oct. 1923, Suppl.; für U. S. A. aus Amer. Economic Review, March 1925. Die drei Ziffernreihen stimmen fast völlig miteinander überein. Da sie unabhängig voneinander entstanden sind, ist ihre Glaubhaftigkeit sehr groß. Das Ergebnis ist dieses: der Reallohn hat sich während der hochkapitalistischen Epoche oder wenigstens seit dem Beginne des 19. Jahrhunderts bis zum Weltkriege reichlich verdoppelt. Das heißt also: die Kaufkraft der Lohnarbeiterklasse ist jetzt zweimal so groß, als sie vor hundert Jahren war. Wie aber hat sich der Wert, gemessen in Arbeitszeit, der dieser Kaufkraft entspricht, in diesem Zeitraum verändert 1 ? Darauf muß die Antwort lauten: gar nicht. Denn dieser Verdoppelung der Kaufkraft des Reallohns entspricht gerade die Steigerung der Produktivität der Arbeit, bei der ich ebenfalls auf Grund anderer Berechnungen zu dem Ergebnis gekommen war, daß sie während der Sombnrt, Hochkapitalismus. 33 514 Dritter Abschnitt: Der Absatz letzten hundert Jahre sich etwa verdoppelt habe. Ich halte die Gleichläufigkeit dieser beiden Entwicklungsreihen für außerordentlich beweiskräftig und die Erkenntnis, die wir aus ihr gewinnen, für ungemein wichtig. Die Lohnarbeiterklasse würde danach also auch den gleichen Anteil aus der gesellschaftlichen Produktenmasse jetzt und vor hundert Jahren gezogen haben. Hat sie das wirklich ? Die Annahme ist richtig unter einer bestimmten Voraussetzung: daß nämlich die Gesamtwertmasse des gesellschaftlichen Produkts während dieses Zeitraums gleichgroß geblieben ist. Das ist sie nun aber offenbar nicht. Denn wenn sie es wäre, müßte ja der Mehrwert (Profit) in genau demselben Verhältnis wie der Reallohn sich entwickelt haben. Das hat er aber nicht, wie ich das an der Stelle, auf die ich den Leser soeben aufmerksam machte, nachgewiesen habe. Der Mehrwert ist rascher gestiegen als der Arbeitslohn. Daraus müssen wir also den Schluß ziehen, daß die Mehrwertmasse (natürlich immer in ihrem Verhältnis zu der Arbeiterzahl, also, wie wir auch sagen können: die einem einzelnen Arbeiter durchschnittlich entsprechende Mehrwertmasse) größer geworden ist. Woraus werden wir diese Vergrößerung ableiten können? Die nächstliegende Vermutung, daß das Ausmaß der gesellschaftlichen Arbeit während dieser Zeit zugenommen habe, werden wir durch die Tatsachen nicht bestätigt finden: die Stundenzahl, während welcher, sei es im Lauf eines Tages, sei es einer Woche, sei es eines Jahres, gearbeitet wird, ist sicher nicht größer gewesen im Jahre 1913, als sie hundert oder siebzig oder fünfzig Jahre vorher war. So bleibt, scheint mir, nur eine Möglichkeit der Deutung über: der Zuwachs der Mehrwertmasse und damit (bei gleich hohem Arbeitslohn) auch die Vergrößerung der Mehrwertrate stammen aus dem außerkapitalistischen Arbeitsfonds: der Austausch mit nichtkapitalistischen Wirtschaften (Bauern, Exoten) ist in jenem Umfange, der die Ausweitung der Mehrwertmasse bezeichnet, kein Äquivalenztausch gewesen: die Kapitalistenklasse hat sich das Erzeugnis der Arbeit jener Elemente um den angegebenen Differenzbetrag imentgeltlich angeeignet. Das aber ändert nichts an der Richtigkeit der uns hier allein angehenden Tatsache, daß die Kaufkraft der Lohnarbeiter im gleichen Verhältnis zur Ausdehnung der kapitalistischen Produktion gestiegen ist. Was die theoretische Deduktion forderte, bestätigt die Entwicklung der historischen Wirtschaft. üüü HÜH ‘mm A'r. *)Ü v*- A •*4'f; .y'V,'* iitgQls sgsSÄSi mm ■%Kret?$&->i£i Sli®SS W$ßM 1^» * \t'* ?*-£ SS*®; :-7 j?j Mffl * '«r^ -is^sgjs® MgS sSsäÜSffi rS’SsshSSL Stas'&W iiäeöiJhWÄäli^MsiiiSiÖM ®Ä?t‘ r***s£*- * w ~ * J-y •~ ~~^'' 7 *~'‘ mm '••sSfJLÄä^V y. rig. :j!3 '’äS^?- äs **’ v^- 4 >-/•’ — r^J jfr’ ■*$? -VVJ Ä'" -vj fi*r. *MJ * 2 kl« äwxwöoüc: 5^V /■ '■vg^v , M ? 3 gggf£ i«s§® I 8 PP sSs&sSSg titit-i'iw : HiliSi I filAr. fl ":' ^i^s&Ss Mp «te;Sw stk