Werner Sombart Luxus und Kapitalismus U)(iß; Q£-3-0^ ,' 6 £ 3 3 , - * a ; W3 d2> SJ (rftvis? /y?/ - ^ • ■'VW«”- zwirn Onivii Werner Sombart Studien zur Entwicklung sg eschichte des modernen Kapitalismus Erster Band Luxus und Kapitalismus mwm IVincit , 'i ferf/ay Verlag von Duncker & Humblot München und Leipzig 1913 Werner Sombart LUXUS und Kapitalismus C 5h 7 Vinci1 1 'iferrWV l Verlag von Duncker & Humblot Mündien und Leipzig 1913 Alle Rechte Vorbehalten Copyright by Duncker & Humblot München und Leipzig 1913 Altenburg Piererscbe Hofbuchdruckerei Stephan Geibel & Co. Vor wort Die Studien, die ich mit diesem Bande zu veröffentlichen beginne, sind Ergebnisse meiner wirtschaftsgeschichtlichen Untersuchungen, die ich für eine Neubearbeitung meines „Modernen Kapitalismus“ anstellen mußte. Ich lasse sie hier gesondert erscheinen, aus dem äußeren Grunde: weil sie zu umfangreich geworden sind, um sich in den Rahmen einer allgemeinen Darstellung einfügen zu lassen; aus dem inneren Grunde: weil sie sachlich die Probleme über das Gebiet der Wirtschaftsgeschichte hinaus viel weiter verfolgen, als es eine strenge wirtschaftsgeschichtliche Gedankenführung zulassen darf, weil sie auf der anderen Seite als in sich geschlossene Einheiten erscheinen, die besser in abgesonderter Behandlung zur Geltung kommen, weil sie alsdann von ihrem eigenen Konstruktionszentrum aus angesehen werden können. * * * Mit meinem (voriges Jahr erschienenen) Buche „Die Juden und das Wirtschaftsleben“ habe ich im Grunde den Anfang mit der Veröffentlichung dieser Studien gemacht. Denn dort habe ich, ähnlich wie es hier geschieht, ein bestimmtes Problem in der Entwicklungsgeschichte des modernen Kapitalismus in allen seinen Verzweigungen der Prüfung unterworfen. Lag mir damals daran, zu zeigen : welche überragende Bedeutung für das Wirtschaftsleben der europäischen Völker der alte Judengott Jehova gehabt hat, so möchte ich in den zwei Bänden, die ich jetzt der Öffentlichkeit preisgebe, VI Vorwort den Anteil zweier anderer Gottheiten am Aufbau des modernen Kapitalismus nachweisen. * * * Der zweite Band dieser „Studien“ behandelt den Zusammenhang zwischen Krieg und Kapitalismus. Dieser erste Band, der den Titel „Luxus und Kapitalismus“ führt, sollte aber eigentlich „Liebe, Luxus und Kapitalismus“ heißen, weil sein Grundgedanke der ist: nachzuweisen, daß durch die Umwälzungen, die die europäische Gesellschaft seit den Kreuzzügen erfährt, sich das Verhältnis der Geschlechter zueinander wandelt; daß infolge dieses Wandels die gesamte Lebensführung der herrschenden Klassen sich neugestaltet; und daß diese Neugestaltung einen wesentlichen Einfluß auf die Herausbildung des modernen Wirtschaftssystems ausübt. Mittel-Schreiber hau im Riesengebirge, den 12. November 1912. Werner Sombart. / VII Inhaltsverzeichnis Seite Erstes Kapitel: Die neue Gesellschaft. l I. Der Hof. 2 II. Der bürgerliche Beichtum. 5 III. Der neue Adel.10 Zweites Kapitel: Die Großstadt .25 I. Die Großstädte des 16., 17. und 18. Jahrhunderts.25 II. Die Entstehung und die innere Gliederung der Großstädte . . 28 III. Die Städtetheorien des 18. Jahrhunderts.41 Drittes Kapitel: Die Säkularisation der Liebe .45 I. Der Sieg des Illegitimitätsprinzips in der Liehe.48 II. Die Kurtisane.59 Viertes Kapitel: Die Entfaltung des Luxus .70 I. Begriff und Wesen des Luxus.71 II. Die Fürstenhöfe.77 III. Die Nachfolge der Kavaliere und der Protzen.94 IV. Der Sieg des Weibchens.111 1. Die allgemeinen Entwicklungstendenzen des Luxus.111 2. Der Luxus zu Hause.116 a) Der Eßluxus '— h) Der Wohnluxus 3. Der Luxus in der Stadt.126 Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus aus dem Luxus 133 I. Tüchtige und falsche Problemstellung.133 II. Der Luxus und der Handel.141 1. Der Großhandel.141 2. Der Detailhandel.152 III. Der Luxus und die Landwirtschaft.161 1. In Europa.161 2. In den Kolonien.169 VIII Inhaltsverzeichnis Seite IV. Der Luxus und die Industrie.172 1. Die Bedeutung der Luxusindustrie.172 2. Die reinen Luxusgewerbe.177 a) Die Seidenindustrie — h) Die Spitzenindustrie — c) Die Spiegelfabrikation — d) Die Porzellanindustrie — e) Verschiedene Industrien 3. Die gemischten Gewerbe.185 a) Die Wollindustrie — b) Die Leinenindustrie — c) Die Schneiderei — d) Lederarbeiter (Schuhmacher, Sattler, Gerber) — e) Hutmacherei — f) Baugewerbe — g) Stellmacherei, Tapeziererei — h) Tischlerei 4. Die revolutionierende Kraft des Luxuskonsums.202 Quellen und Literaturnachweise .207 Erstes Kapitel: Die neue Gesellschaft Quellen und Literatur Die Geschichte des Hofes (I) ist die Geschichte der Staaten. Besondere Darstellungen sind mir nicht bekannt. Eigens hervorheben will ich nur Heinrich Laubes Französische Königschlösser. Dieses ziemlich unbekannte kleine Buch (3 Bde. 1840) gehört zu den lebendigsten Geschichtsdarstellungen. Man lernt aus ihm die Verhältnisse am fran- zösichen Hofe besser kennen, als aus den meisten dickleibigen Geschichtsbüchern (Ranke nicht ausgenommen). L. versucht, je aus einem der berühmten Königschlösser die ganze Zeit lebendig erstehen zu lassen und liefert damit für Frankreich ein Seitenstück (im kleinen) zu G. Freytags Bildern aus der deutschen Vergangenheit. Die „Historiker“ werden ihn mit Fug gering achten. Die Entstehung des bürgerlichen Reichtums (II) habe ich zum ersten Male zu schildern versucht in meinem „Modernen Kapitalismus“. Die in diesem Kapitel abgehandelte Geschichte der Umbildung der oberen Klassen während der frühkapitalistischen Epoche (III) hat ein äußeres und ein inneres Gesicht: das äußere Gesicht zeigt uns nur die genealogischen Ereignisse, und für diese gibt es eine umfangreiche Spezialliteratur in den familiengeschichtlichen Werken, deren Zahl namentlich für England Legion ist. Die umfassendsten Darstellungen sind die von G. E. C. in neuster Zeit herausgegebenen: Complete Baronetage 1611—1880. 6 Vols. 1901—1909; und: Complete Peerage. 12 Vols. New edit. 1910 begonnen. Von älteren Werken, die uns hier besonders angehen, nenne ich Arthur Collins Peerage of England. 3 Vols. 1735; 9 Vols. 1812; idem, English Baronetage. 1727. Catalogue of Knights from 1660 to 1760 compiled by Francis Townsend. 1833. Peerage of England etc. 3 Vols. 1790. W(alkley) (T[homas]), New Catalogue 1652. Für die Rangverhältnisse: Ch. R. Dodd, Manual of Dignities etc. 1842; für die staatsrechtlich-politischen Probleme: R. Gneist, Adel und Ritterschaft in England. 1853, und die dort genannten Werke. Soinbart, Luxus und Kapitalismus 1 2 Erstes Kapitel: Die neue Gesellschaft Längst nicht so ergiebig ist die französische genealogische Literatur. Hier kommt von Werken allgemeiner Natur vor allem in Betracht das Dictionnaire de la noblesse von D’Hozier. Dafür ist die sozialgeschichtlich-monographische Literatur um so reicher: Werke wie die von Normand, Thirion, Bonn aff ö, die ich noch oft nennen werde, besitzt kein anderes Land. In diesen Arbeiten ist auch schon die andere Seite des Problems: die sozialpsychologische, wie man sie nennen kann, mit berührt. Eine zusammenfassende Darstellung der inneren Wandlungen, die sich in den oberen Klassen während der letzten Jahrhunderte vollzogen hat, ist mir aber nicht bekannt. Hierfür sind wir also noch darauf angewiesen, aus allen Gebieten der Literatur uns das Beweismaterial zusammenzutragen. Besondere Literaturangaben erübrigen sich demnach. Der Leser findet in den Zitaten eine Anzahl Bücher vermerkt, die ihm weiteren Aufschluß zu geben vermögen. I. Der Hof Eine wichtige Folgeerscheinung und dann auch wieder eine entscheidende Ursache der Wandlungen, die die Staatsverfassung und das Heerwesen am Ausgange des Mittelalters durchmachen, ist die Entstehung größerer Fürstenhöfe in dem Sinne, den wir dem Worte heute unterlegen. Vorgänger und Vorbilder der späteren Entwicklung sind auch hier, wie auf so vielen Gebieten, die Kirchenfürsten gewesen. Vielleicht war Avignon der erste „moderne“ Hof, weil hier zuerst die beiden Gruppen von Personen dauernd sich zusammenfanden und den Ton angaben, die in den folgenden Jahrhunderten das bildeten, was man die Hofgesellschaft nannte: Edelleute ohne einen andern Beruf, als den Interessen des Hofes zu dienen, und schöne Frauen, „souvent distinguöes par les maniöres et l’esprit“, die recht eigentlich (wie wir in anderem Zusammenhänge noch genauer verfolgen werden) dem Leben und Treiben ihr Gepräge aufdrückten. Die Bedeutung der Avignoneser Episode lag vor allem darin, daß sich hier zum ersten Male um das Oberhaupt der Kirche die geistlichen Grands Seigneurs fast ganz Europas ver- sammelten und ihren Glanz entfalteten, wie uns das Johann XXII. in dem Dekret Etsi deceat anschaulich vor Augen geführt hat. Daß während des 15. und in den ersten Jahren des 16. Jahrhunderts der Hof der römischen Päpste mitsamt den päpstlichen Nipoten der glanzvollste war und als ein Muster des freien Tons (der einen Erasmus zur Begeisterung fortriß), der Pracht und der höfischen Sitten galt, wissen wir: der cortegiano Romano näherte sich am ehesten dem Idealbilde, das Castiglione vom Höfling seiner Zeit entwarf. Wir werden noch sehen, wie der weltliche Glanz gerade hier in Rom während der Herrschaft der großen Renaissancepäpste seine höchste Entfaltung erlebte. Mit den Höfen der Päpste wetteiferten die der übrigen Fürsten Italiens. Einer der frühesten Fürstenhöfe, der modernes Gepräge trug, war der des Alphons von Neapel, von dem man gesagt hat, daß er „den Ruhm, die Pracht und das schöne Geschlecht“ über alles liebte. Auch die Höfe zu Mailand, zu Ferrara und in andern kleinen Residenzen entfalten schon im 15. Jahrhundert ein ganz und gar modernes Leben. Begreiflicherweise entwickelten sich gerade in Italien die Grundzüge dieses Lehens am frühesten, weil hier die Bedingungen am frühesten erfüllt waren: Niedergang des Rittertums, „Verstadtlichung“ des Adels, Ausbildung des absoluten Staates, Wiedergeburt der Künste und Wissenschaften, gesellschaftliche Talente, größerer Reichtum usw. Aber für die Geschichte des Hofwesens von entscheidender Bedeutung wurde doch die Herausbildung eines modernen Hofes in dem so viel größeren und mächtigeren Frankreich, das ja dann seit dem Ende des 16. und während der beiden folgenden Jahi’hunderte der unbestrittene Lehrmeister in allen Angelegenheiten wurde, die das höfische Leben betraf. Der Begründer des französischen Hofes ist Franz I. Zwar hatte Ludwig XI. schon eine große Wendung dadurch herbeigeführt, daß er seinen officiers de la maison den Titel officiers 1 * 4 Erstes Kapitel: Die neue Gesellschaft de France gab und damit das Königshaus mit Frankreich identifizierte. Er bereitete mit diesem Schritte den Hof vor, der früher nur als Privatgesellschaft vorhanden sein konnte. Aber erst Franz I. schuf den Hof, und er schuf ihn dadurch, daß er die Frauen zur Herrschaft brachte. Er soll den Ausspruch getan haben: daß ein Hof ohne Frauen einem Jahr ohne Frühling, einem Frühling ohne Rosen gleiche. Darum rief er die Edeldamen herbei, die früher ihr Leben in den alten, grauen Donjons ihrer Burgen vertrauert hatten. Er schuf den Hof mit allem klugen Despotismus, mit allem Reize, so daß alles Leben und alle Welt des Landes nur um den König her zu finden war. „Seine Mutter führte diesen großen Reigen an, sie suchte die schönen Mädchen aus, die Schwester Margaretha gab eine andere Würze, das Spiel der Phantasie und des witzigen Geistes, und Franz breitete über alles den Glanz der Formen im Raum und Feste und brachte die Bewegung mit dem Begehren und Wechseln L“ So entstand mit den Weibern die Intrige und die Galanterie und (was wir später genauer verfolgen werden) der Luxus. Was Franz I. begründet hatte, bauten dann die großen Ludwige nur ins Gigantische weiter aus. Wie sehr es die Herrschaft der Frau war, auf die diese ganze Welt sich gründete, lehrt uns ihr Anblick, und die Zeitgenossen bestätigen es. Ich führe die Aussprüche zweier Männer an: einen aus dem Anfang, einen aus der letzten Zeit dieser höfisch-weibischen Zeit, die, ganz und gar verschieden voneinander, das eine gemeinsam haben, daß sie in diesen Fragen zweifellos ein sachverständiges Urteil abzugeben sehr wohl in der Lage sind: Sully und Mercier. „11 ne faut que jeter les yeux sur tant de Gentilhommes mdtifs, dont la Cour et la Ville sont pleins, vous n’y voyez plus rien de cette vertu simple, male et nerveuse de leurs Ancetres; nuls sentiments; nulle solidite dans l’esprit; air dtourdie etdvaporö; passion pour le jeu et la debauche; soin de leur parure; raffinements sur les parfums et sur toutes les autres parties de la mollesse: vous diriez qu’ils cher- chent ä l’emporter sur les femmes.“ Sully, Mem. 4, 16. Der bürgerliche Reichtum „On les a ötourdies (— les nobles —) avec toute la pompe qui en- vironne les cours; on a instituö des fetes pour les amollir; les femmes, qui vivoient dans la solitude et dans les devoirs de l’dconomie domestique, se trouvent flattees d’attirer les regards; leur coquetterie, leur ambition naturelle y ont trouvö leur compte; elles ont brille pres du tröne, & raison de leurs charmes. II a fallu que leurs esclaves ne s’dloignassent point du sejour de leur puissance; elles sont devenues les reines de la societd et les arbitres du goüt et des plaisirs... elles ont transformö de pures bagatelles en importantes affaires; elles ont cree le costume, l’etiquette, les modes, les parures, les pröferences, les conventions pueriles . . . Mercier, Tableau de Paris (1783), 1, 21 f. Die übrigen Höfe Europas hatten entweder keine Bedeutung für den Gang des Kulturlebens, oder sie waren Abklatsche des französischen Hofes. Das gilt insbesondere auch von dem englischen Hofe, dessen Begründung recht eigentlich erst in die Zeit der Stuarts fällt. Noch in der Zeit Heinrichs VIII. schrieb ein Zeitgenosse: „Every gentleman flyeth into the country. Few that inhabit cities or towns; few that have any regard of them 2 .“ Auch der Hof der Elisabeth war nicht das, was wir unter einem modernen Hofe, wie ihn in klassischer Form der französische darstellt, verstehen: es fehlte ihm das wichtigste: die Herrschaft der Frau. Was paradox klingt, da ja doch eine Frau auf dem Throne saß. Was aber sofort verstanden wird, sobald wir uns klar machen, daß die Herrschaft der Frau vor allem begründet wurde durch die Herrschaft der illegitimen Frau. Worüber weiter unten gehandelt werden soll. II. Der bürgerliche Reichtum Ausführlich habe ich anderswo zur Darstellung gebracht, wie aus tausend Quellen während des Mittelalters und den darauf folgenden Jahrhunderten ein neuer Reichtum hervorbricht, den wir im Gegensatz zu dem feudalen Reichtum den bürgerlichen nennen können. Die dort gewonnenen Einsichten verwenden wir hier, um aus ihnen zu lernen, wie sich infolge dieser Reichtumsbildungen die Struktur der alten Gesellschaft 6 Erstes Kapitel: Die neue Gesellschaft von Grund aus ändert, weil die unter den Fürsten gelagerte Oberschicht der Bevölkerung, die die Spitzen von der misera contribuens plebs trennt, eine völlig andere Zusammensetzung bekommt. Zu diesem Behufe brauchen wir nur die früher systematisch geordneten Tatsachen in eine chronologischhistorische Ordnung zu bringen; brauchen wir nur die uns bekannten abstrakten Möglichkeiten der Yermögensbildung in ihrer sozialen Konkretheit uns zu vergegenwärtigen. Wir empfangen von jener Neubildung der gesellschaftlichen Oberschicht dann ungefähr folgendes Bild. Aller Reichtum des früheren Mittelalters besteht fast ausschließlich aus Grundbesitz; jedenfalls sind alle reichen Leute Grundbesitzer; und die großen Grundbesitzer bilden (soweit nicht die Kirche in Betracht kommt) den Adel. Reiche „Bürger“ gibt es während jener Zeit so gut wie gar nicht; sie bilden, wie jener Poinlane, von dem wir immer wieder hören, die verschwindende Ausnahme. Das ändert sich seit dem 13. und 14. Jahrhundert: damals mehren sich offenbar die großen Vermögen, die nicht im feudalen Nexus entstanden sind, also sagen wir: die großen Geldvermögen rasch und zwar vornehmlich in Italien. Es ist die Zeit, in der die Ausplünderung des Orients beginnt, in der wahrscheinlich reiche Edelmetallager in Afrika erschlossen werden, in der die Auswucherung der Großgrundbesitzer und namentlich der reichen Fürsten einen größeren Umfang angenommen hat. Was Italien im 13. und 14. Jahrhundert erlebt, erfährt Deutschland im 15. und 16. Jahrhundert: Damals entsteht der große Reichtum in den oberdeutschen Städten: eine Folge der Erschließung der böhmisch-ungarischen Gold- und Silbergruben, dann auch der amerikanischen Silherschätze, und der an diese beiden Ereignisse sich anschließenden großen Finanzgeschäfte: „Zeitalter der Fugger“. Holland folgt im 17. Jahrhundert: es nimmt teil an Der bürgerliche Reichtum 7 der Ausplünderung Spaniens und Portugals und schließt neue Quellen des Reichtums im fernen Osten auf, dessen Völker es mittels Zwangshandel, Raub und Sklaverei tributpflichtig macht. Im 17. Jahrhundert setzt auch die Reichtumsbildung in Frankreich und England ein. Doch bleibt der „bürgerliche“ Reichtum in diesen beiden Ländern bis zum Ende des 17. Jahrhunderts offenbar noch in verhältnismäßig engen Grenzen. Die Finanzgeschäfte, aus denen hier fast ausschließlich die großen Geldvermögen hervorgegangen sind, nehmen doch erst gegen Ende der Regierungszeit Ludwigs XIV. und nach der Glorious-Revolution einen beträchtlichen Umfang an. Dieser Tatbestand tritt deutlich hervor, wenn wir die einzige Einkommensschätzung überblicken, die wir aus jener Zeit besitzen: die bekannte Berechnung Gregory Kings 8 für das Jahr 1688. Danach belief sich das „Durchschnittseinkommen“ eines „großen Kaufmanns und Händlers über See“ auf nur 400 das eines „großen Kaufmanns und Händlers über Land“ auf nur 200 j£; die Zahl jener schätzt King auf 2000, die dieser auf 8000. Diesen „bürgerlichen“ Elementen stehen nun aber folgende Vertreter des Grundbesitzes gegenüber: 160 weltliche Lords mit einem durchschnittl. Jahreseinkommen von 2800 £ 26 geistliche „ n n n „ „ 1300 „ 800 Baronets V n n 3 3 00 00 o 3 600 Ritter » n » » 650 „ 3000 Esquires n n * » 450 „ 12000 Gentlemen n n » » 280 „ Unter diesen werden allerdings schon manche Vertreter des neuen Reichtums gewesen sein. Aber ich bin sicher, daß, wenn Gregory King auch nur 30 Jahre später seine Schätzung vorgeuommen hätte, würde er der rasch erworbenen Reichtümer der Börsenspekulanten und Südseeschwindler Erwähnung getan haben, die während des zweiten Jahrzehnts 8 Erstes Kapitel: Die neue Gesellschaft des neuen Jahrhunderts einen ganz neuen Reichtumstyp geschaffen hatten: unter den Direktoren der Südseegesellschaft, deren Vermögen konfisziert wurde, besaßen 4 2 ein Vermögen über 200000 £ (je 243 000 £) 5 „ „ zwischen 100 und 200 000 £ 5 „ „ „ 50 „ 100000 „ 10 „ „ „ 25 „ 50000 „ Die Einkommens- und Vermögensziffern, die wir bei Defoe finden, haben schon ein ganz anderes Gesicht. Im Miege-Bolton von 1745 wird das Durchschnittseinkommen des Gentleman bereits auf 500 £ angesetzt (p. 157). Was den großen Umschwung herbeigeführt hatte, vermögen wir deutlich zu erkennen: das brasilianische Gold und die Kriege Ludwigs XIV., aus denen zusammen die großen Finanz- und Lieferungsgeschäfte und die Spekulation hervorgegangen waren: diese drei wichtigsten Quellen großen Vermögens in der neueren Zeit. (Was mußten für Reichtümer erworben werden bei der Aktienausgabe solcher Gesellschaften, wie der Hudson Bay Co. oder der Afrikanischen Gesellschaft, deren Aktien binnen kurzem von 100 auf 480 stiegen, um dann auf zwei zu sinken — von den am Südseerummel gemachten „Verdiensten“ gar nicht zu reden.) Nun erst tauchen bürgerliche, also Mobiliarvermögen in größeren Mengen auf, die sich mit denen unserer Tage in Vergleich stellen lassen: mit dem Auftauchen des brasilianischen Goldes endigt die silberne Periode des modernen Kapitalismus und hebt seine goldene an. Ebenso wie in England beobachten wir, wie in Frankreich sich um die Wende des 17. Jahrhunderts der Sprung in den Reichtum vollzieht. Hier können wir die Wandlung sogar noch deutlicher verfolgen, da uns genauere Ziffern zur Verfügung stehen. Ich mache stichprobeweise eine Reihe Der bürgerliche Reichtum 9 von Angaben über den Reichtum der französischen Financiers (also der Träger der neuen Vermögen) und füge zur Ergänzung einige andere Ziffern hinzu: Ein Landedelmann hat folgende Aufstellung der Beträge gemacht, über die in seiner Familie Heiratsverträge abgeschlossen worden sind: 1433 . 300 florins 1477 . 1 000 „ 1534 . 1200 „ 1582 . 1 200 öcus d’or 1613 . 7 500 livres 1644 . 16 000 „ 1677 . 15 000 „ 1707 . 44 0U0 livres 1734 . 360 000 „ 1765 . 150 000 „ (Aus einem Livre de raison mitgeteilt bei Ch. de Ribbe, Les familles etc. 2 [1874], 125.) Was die reichen Turcarets ihren Töchtern im 18. Jahrhundert an Aussteuerbeträgen auszusetzen pflegten, erfährt man aus folgenden Ziffern: La Live de Bellegarde: jede Tochter 300 000 1. in bar und für 10 000 1. Brillanten; La Mosson: 1700 000 1.; Antoine Crozat: 1500 000 1. (außerdem 50 000 1. „Trinkgeld“ für die Schwiegermutter: die Duchesse de Bouillon); Sam. Bernard: 800000 1.; Ollivier, Comte de Senoza (hatte selbst aber noch mit Hasenfellen gehandelt): 1 100 000 1. in bar und 100 000 1. in Möbeln; Haudry: 400 000 1.; La Reyniere: 600 000 1. sofort, 200 000 1. in kurzen Raten. Diese Ziffern setzen uns nicht in Erstaunen, wenn wir von der Höhe der Gewinne und Vermögen jener nouveaux riches Kenntnis erhalten: Vincent Le Blanc gewinnt M. de Saint-Fargeau „ Marquis de la Faye „ M e de Chaumont „ S. Bernard „ Crozat 17 Mill. livres, 28 „ „ . . 20 . . 127 über 100 „ 100 Fillon de Villenur (f 1753) hinterläßt 40 10 Erstes Kapitel: Die neue Gesellschaft Peirenc de Moras hiuterläßt Dang<§ „ Tournehem (der Adoptivvater der Pompadour) hinterläßt Die Paris verdienen bei einem einzigen Emissionsgeschäft 63 Mill. 1. usw. (Ich habe diese Ziffern aus dem Material zusammengetragen, das Thirion in seinem bereits erwähnten Buche mitteilt.) Gewiß sind die meisten dieser Summen übertrieben (wie ja auch heute die meisten Angaben beispielsweise über den Reichtum der amerikanischen Milliardäre übertrieben sind). Immerhin: sie lassen keinen Zweifel darüber, daß hier sich Riesenvermögen zu bilden angefangen hatten. Diese Tatsache finden wir durch zahlreiche andere Anzeichen (von denen noch die Rede sein wird) bestätigt. Wir lesen sie aber auch aus den Urteilen der bestunterrichteten Zeitgenossen heraus. „On parle aujourdhui d’un Million comme on parloit il y a cent ans, de mille Louis d'or. On compte par millions; on n’entend parier que de millions pour toutes les entreprises. Les millions dansent sous vos regards, lorsqu’il s’agit d’un edifice, d’un voyage(!), d’un camp . . .“ (Mercier) Tabl. de Par. Ch. 824. 10 (1788), 248 f. III. Der neue Adel Wie nun, so fragen wir mit lebhafter Teilnahme, hat sich der Aufstieg dieser neuen Männer (und — vor allem! — ihrer Frauen, ihrer Töchter und Söhne!) nicht nur auf der geschäftlichen, sondern auf der gesellschaftlichen Stufenleiter vollzogen; wie hat sich der Adel, der bis dahin allein die Oberschicht bildete, zu ihnen gestellt; wie sind sie (wenn überhaupt) in die „herrschende Klasse“ eingeordnet worden? Auf diese Fragen wird die richtige Antwort lauten müssen: aus altem Adel und neuem Geldreichtum hat sich im Laufe namentlich der beiden Jahrhunderte zwischen 1600 und 1800 eine völlig neue Gesellschaftsschicht gebildet, deren Kern ein neuer Reichtum, deren Schale zunächst noch der feudale Lebensstil ist. Das heißt mit andern Worten: aus den Nouveaux riches wird ein großer Teil in den Adels- 12—15 Mill. livres, 13 „ 20 Der neue Adel 11 stand erhoben. Dieser Aufstieg konnte auf verschiedenen Wegen erfolgen: 1. durch Verleihung des Adels: sei es daß Verdienste irgendwelcher Art, sei es daß die Erlegung einer entsprechenden Geldsumme den Anlaß zu der Nobilitierung boten; 2. durch Verleihung von Orden und Ämtern, mit denen der erbliche Adel verknüpft war; 3. durch Erwerb von Grundbesitz, an dem gleichfalls der erbliche Adel haftete. Auf der andern Seite steigen die Mitglieder der alten Adelsgeschlechter in die Niederungen der Turcarets herab und holen sich durch Heirat aus den Tiefen die nötigen Millionen, die sie brauchen, um ihren Familien wieder den alten Glanz zurückzugeben. (Es sind im Grunde dieselben Vorgänge, die sich heute noch immer vor unseren Augen abspielen.) Diese Verschmelzung von Adelsvornehmheit und Bürgergeld vollzieht sich während der letzten Jahrhunderte in allen Ländern mit kapitalistischer Kultur gleichmäßig: in Italien wie in Deutschland, in England wie in Frankreich. Es wird genügen, wenn ich den Prozeß der gesellschaftlichen Neubildung an einigen Beispielen aus der Geschichte der beiden, für alle Geschehnisse während der frühkapitalistischen Epoche repräsentativen Länder: Frankreich und England, verdeutliche, die — trotz der Grundverschiedenheit ihrer sozialen Schichtungsverhältnisse — doch in diesen entscheidenden Punkten ganz dieselbe Entwicklung durchmachen. In England bildete (und bildet noch heute) den Adel im engeren Sinne nur die Nobility. Diese ist im wesentlichen neu geboren worden mit dem Regierungsantritt der Tudors, genauer mit Heinrich VIII. Nach dem Krieg der beiden Rosen waren die alten Geschlechter bis auf 29 verschwunden; auch die, die übrig geblieben waren, waren zum 12 Erstes Kapitel: Die neue Gesellschaft Teil noch geächtet, geschwächt, verarmt. Heinrich VIII. erhob zunächst diese alten Geschlechter wieder zu Macht und Reichtum (und unterwarf sie dadurch der Krone, die von jetzt ab ihre unbestrittene Vorherrschaft bewahrte). Die Mittel zur Ausstattung boten sich dem Könige in den konfiszierten Kirchengütern dar (die — eine für unsere Untersuchungen besonders wichtige Tatsache! — wie H. Hallam sehr richtig hervorhebt, damit einer „weltlichen“ Verwendung zugeführt wurden). Die Reihen der alten Geschlechter werden nun aber seit Heinrich VII. und VIII. immer wieder durch Neuernennungen ergänzt. Und diese neuen Peers, die dem alten Grundadel durchaus gleichgestellt wurden, wählte sich der König unter allen Notabein, vor allem auch unter den reichen Bürgern aus. Jakob I. hat sogar Pairien verkauft. Die Ziffern sind folgende: Heinrich VII. kreierte resp. erhöhte 20 Peers, Heinrich VIII. » 77 71 66 „ Eduard VI. 17 n 77 22 „ Mary 77 n 77 9 „ Elisabeth >1 n 77 29 „ Jakob I. 77 » 17 62 „ Karl I. n 77 n ' 59 „ Karl II. 11 77 77 64 „ Jakob II. 77 r> 17 8 , Nachdem unter den Stuarts 99 Pairien erloschen waren, sind von 1700—1800 neu kreiert worden: 84 Herzoge, 29 Marquis, 109 Earls, 85 Viscounts. Natürlich sind diese Erhebungen nicht immer von ganz unten auf, d. h. aus den Tiefen des Volkes erfolgt wie bei den Russell und Cavendishes, die Heinrich VIII. „from Der neue Adel 13 obscurity through the grant of church lands“ (Green) emporhob: oft (vielleicht meist) haben diese Peers erst verschiedene Vorstufen: die des Esquire, des Ritters, des Baronets durchlaufen. Aber wir wissen doch, daß in zahlreichen Fällen der Stammbaum auf einen reich gewordenen Homo novus der City zurückgeht. Zum Belege führe ich nur folgende Beispiele an: Die Herzoge von Leed? stammen ab von Edward Osborne, der als armer Kaufmannslehrling nach London kam; die Herzoge von Northumber- land führen auf Hugh Smithson zurück, der Kommis in einer Drogenhandlung war und von Lady Elizabeth Seymour geheiratet wurde; ebenso haben bürgerliche Stammväter: die Kussell, die Marquis von Salisbury, die Marquis von Bath, die Grafen Brownlow, die Grafen von Warwick, die Grafen von Carrington, die Grafen von Dudley, die Grafen von Spencer, Grafen von Tilney (der erste Earl of Tilney ist niemand anders als der Sohn von Josiah Child!), die Grafen von Essex, die Grafen von Coventry, die Grafen von Dartmouth, die Grafen von Uxbridge, die Grafen Tankerville, die Grafen von Harborough, die Grafen von Pontefract, die Grafen Fitzwater, die Viscounts Devereux, die Viscounts Weymouth, die Grafen Clifton, die Grafen Leigh, die Grafen Haversham, die Grafen Masham, die Grafen Bathurst, die Grafen Romney, die Grafen Dormer, die Herzoge von Dorset und die von Bedford; Geschlechter, deren Pair- würde heute zum Teil längst erloschen ist, die aber (soweit sie nicht jüngeren Datums sind) in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts blühten. (Die Beispiele sind den bereits genannten Quellenwerken entnommen.) Aber was der sozialen Gliederung Englands vor allem ihr eigentümliches Gepräge gibt und vor allem in der Zeit gab, die uns interessiert, ist die Gentry: d. h. eine Gruppe von Personen, die nicht eigentlich zum Adel gehört und doch Adel ist; eine Art von „niederem Adel“, die aber nach dem Gesetz nicht adelig ist. Die oberste Schicht der Gentry bilden die Ritter, unter denen wiederum die Baronets den höchsten Rang einnehmen: ein Ritter und Baronet erhält das Prädikat Herr (Sir) vor den Vornamen gesetzt. Zu den Rittern gehören die Inhaber der Ritterlehen, die ursprünglich die einzigen Ritter waren; dann die Inhaber bestimmter Orden, des Hosenband- und Bathordens (seit Eduard III. und 14 Erstes Kapitel: Die neue Gesellschaft Heinrich IV.) und einiger Ämter; endlich diejenigen, die sich die Ritterwürde gekauft haben: die Käuflichkeit der Ritterwürde (sie wurde gegen Zahlung von 1095 £ erworben) hat Jakob I. im Jahre 1611 eingeführt. Diese Ritter von Geldsacksgnaden hießen Baronets: sie sollten den Vorrang vor den alten haben und gleich hinter dem Adel rangieren. Solcher Baronets sind während des 17. und 18. Jahrhunderts viele Hunderte entstanden: Mitte des 19. Jahrhunderts betrug ihre Zahl 700. Es versteht sich, daß schon auf diesem Wege ein großer Teil der reich gewordenen Roture in den Adel (was die Ritter gesellschaftlich unzweifelhaft waren) emporgestiegen ist. Das ganz besonders Seltsame an der englischen Gentry ist nun aber dieses: daß sie überhaupt nicht und jedenfalls nach unten hin nicht abgrenzbar ist: „Kein Historiker und kein Jurist weiß sie zu definieren. Diese Unbestimmtheit des Begriffs ist nun aber kein zufälliger Mangel, sondern ein Erzeugnis der ganzen Geschichte und Gesetzgebung Englands“ (Gneist). Esquire und Gentleman bezeichnete (heute ist das alles natürlich, selbst in England, verwischt und im Begriffe zu verschwinden) im allgemeinen den selbständigen Mann, der von seinen Renten oder einer „respektabeln“ Beschäftigung lebt. Dabei war früher stets anerkannt (noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts), daß jemand über ein gewisses Einkommen verfügen mußte, um zur Gentry zu gehören. Der „öffentlichen Meinung“ war es aber in jeder Zeitepoche überlassen, zu entscheiden, was eine „respektable“ Beschäftigung und wie hoch das Mindesteinkommen zu bemessen sei. Mit dieser eigentümlichen Auffassung war es aber gegeben, daß die Zugehörigkeit zum Adel in England gleichsam automatisch durch die Umbildung der wirtschaftlichen Verhältnisse bestimmt wurde, die emporstrebenden Geldmänner immer in dem Maße Zutritt zum Adel erhielten, wie ihre Bedeutung im gesellschaftlichen Der neue Adel 15 Leben anwuchs. Zunächst gilt es als selbstverständlich, daß nur der Rittergutsbesitzer vornehmer Abstammung oder höchstens der Vertreter eines liberalen Berufes (wie der Advokatur) ein „Gentleman“ sein kann. Das ist durchaus noch die Auffassung zur Zeit der Elisabeth, von der uns Thomas Smith ein anschauliches Bild entwirft. Höchstens konnte man ein Mitglied der Gentry werden durch den Erwerb eines adligen Gutes, wenn man in diesem Sinne die Worte Harrisons auffassen will: „citizens and burgesses have next place to gentlemen“ 6 , yet „they often change estate with gentlemen as gentlemen do with them, by a mutual conversion of one into the other“. Diese Auffassung hat sich schon wesentlich bis gegen das Ende des 17. und den Anfang des 18. Jahrhunderts umgebildet; da gilt es nicht mehr als ausgeschlossen, daß die Kinder eines Geschäftsmannes, nur weil er zu Reichtum gelangt ist, nach ein oder zwei Generationen Gentlemen werden. Das ist die Meinung, die Defoe etwa vertritt: „Trade is so far here from being inconsistent with a Gentleman that in short trade in England makes Gentlemen, and has peopled this nation with Gentlemen; for after a generation or two the trades men’s children, or at least their grand children, come to be as good Gentlemen: as those of the highest birth and the most ancient families 6 .“ Aber doch erst die Söhne oder Enkel eines zu Reichtum gelangten Kaufmanns (Tradesman bezeichnet bei Defoe sowohl den Engros- wie den Endetail-Kaufmann). Der bloße Reichtum macht aber allein den Gentleman noch nicht: Defoe selbst unterscheidet scharf den Kaufmann, auch den reichen, der ein viel besseres Auskommen hat, als der vielfach in gedrückten Verhältnissen lebende Gentleman, von diesem. Der Tradesman, solange er das Geschäft innehat, lebt unter seinen „fellows“: hat er sich vom Geschäft zurück- 16 Erstes Kapitel: Die neue Gesellschaft gezogen, so kann er unter Umständen Verkehr mit Gentlemen pflegen, selbst „commencing a Gentleman“ 7 . Er erwähnt auch, daß viele Mitglieder der Gentry keineswegs damit einverstanden seien, die Söhne oder Enkel der re ich gewordenen Roturiers, erst gar diese selbst in ihre Reihen aufzunehmen 8 . Die Geldmacht fängt also offenbar in jener Zeit an, sich durchzusetzen: während des 18. Jahrhunderts gelangt sie dann zu vollem Siege. Postlethwayt, Miege-Bolton 9 und andere, die um die Mitte des Jahrhunderts schreiben, haben schon eine etwas freiere Auffassung: Zwar der Trading Man (auch der Grossist ohne offenen Laden) kann erst Gentleman werden, wenn er sich zur Ruhe gesetzt hat. Aber: „As to Merchants (das sind Überseekaufleute) . . . they deserves indeed to be ranked among Gentleman,“ während Gregory King in seiner oben mitgeteilten Übersicht über die Einkommensverhältnisse Englands im Jahre 1688 auch den Überseegroßkaufmann vom Gentleman unterscheidet. Die Schriftsteller dann, die im Anfang des 19. Jahrhunderts ihre Ansicht über die „gemeine Meinung“ äußern, erklären zwar noch die Ausübung eines Handwerks oder das Halten eines offenen Ladens als unvereinbar mit einem Gentleman, nicht aber die Stellung als Fabrikherr oder Kaufmann (schlechthin) 10 . Was aber das wichtige ist: während der ganzen frühkapitalistischen Epoche bleibt die Vorstellung bestehen: daß das Ziel des reichen Mannes doch schließlich die Aufnahme in eine gesellschaftlich vornehmere Kaste, eben den „Adel“, die Gentry sein müsse; bleibt aber auch der Feudalcharakter dieser Adelskaste insofern gewahrt, als Reichtum nicht allein berechtigt, ihr anzugehören, sondern Eigenschaften, die als durchaus unbürgerliche zu gelten haben: eine gewisse Distanz vom Geschäftsleben, Pflege der Familientradition usw., was alles seinen Ausdruck findet in den selbstverständlichen Gepflogenheiten des Gentleman, ein Wappen zu führen. Daher Der neue Adel 17 uns Defoe wieder berichten kann von den reich gewordenen Krämern, die das Heroldsamt um Wappen bestürmen, und die ihre Ahnenreihe verfolgen, um vielleicht einen „vornehmen“ Stammvater ausfindig zu machen: „we see the tradesmen of England, as they grow wealthy, coming every day to the herald’s office, to search for the coats of arms of their ancestors, in order to paint them upon their coaches, and ingrave them upon their plate, embroider them upon their furniture, or carve them upon the pediments of their new houses ... In this search we find them often qualified to raise new families, if they do not descend from old; as was said of a certain tradesman of London, that if he could not find the ancient race of gentlemen, from which he came, he would begin a new race, who should be as good gentlemen as any that want before him.“ 11 (Was aber offenbar nur aus der Not eine Tugend machen bedeutete.) Noch fester aber wird das Band zwischen Adel und Reichtum geknüpft, wenn die Söhne und Töchter aus den beiden Gruppen sich heiraten und Kinder zeugen. Solcher Art Verbindungen zwischen Adligen und Emporkömmlingen gehören in England mindestens seit den Stuarts zu den alltäglichen Erscheinungen. Wenn Sir W i 11 i a m T e in p 1 e tatsächlich die Feststellung gemacht hat 12 , daß es seiner Erinnerung nach etwa 50 Jahre her sei, seit die adligen Familien in die City hineingeheiratet hätten, „und zwar bloß um des Geldes willen“ (for downright money), so könnten wir angesichts der großen Autorität dieses ganz hervorragenden Beobachters den Anfang dieser Blutsvermischung ziemlich sicher in die Regierungszeit Jakobs I. verlegen. Jedenfalls ist 100 Jahre später, in der Zeit, als Defoe schreibt, die Zahl der adlig-bürgerlichen Mischehen offenbar bereits recht beträchtlich, denn Defoe spricht von ihnen wie von selbstverständlichen Erscheinungen. Natürlich waren es vornehmlich Edehnänner, die reiche Erbinnen aus dem Kaufmannsstande heirateten, um ihre Sombart, Luxus und Kapitalismus 2 18 Erstes Kapitel: Die neue Gesellschaft Wappen neu zu vergolden. Defoe führt solcher Heiraten allein hoher Adliger mit Krämerstöchtern 78 namentlich auf 13 , die hier einzeln zu nennen keinen Sinn hat; es ist ja im Grunde gleichgültig, ob der Lord Griffin Mary Weldon, eine Kaufmannstochter aus Well in Lincolnshire, oder Lord Cobham Anne Halsey, eine Brauerstochter aus Southwark, heiratet; uns interessieren diese Heiraten lediglich als Massenerscheinungen, die sie (in Vergleich gesetzt zu der Anzahl der Adligen) sicher im 18. Jahrhundert in England bereits geworden waren. Stärker noch als in England ist in allen früheren Zeiten in Frankreich das Gefühl lebendig gewesen: daß Vornehmheit und Geschäftstum einander ausschließen. „Wenn es Verachtung auf der Welt gibt, so gilt sie dem Kaufmann“ („s’il y a möpris au monde il est sur le marchant“): so kennzeichnet noch zu Heinrichs IV. Zeit ein guter Kenner die Stimmung in den oberen Klassen 14 . Man beteiligte sich zwar, auch wenn man dem Adel angehörte, gern an gewinnbringenden Unternehmungen; man heiratete, auch wenn man dem ältesten, vornehmsten Geschlechte angehörte, die Töchter reich gewordener Krämer; man verschmähte es nicht, die Stellung als Geheimrat aufzugeben und den einträglichen Posten (wir würden heute sagen: eines Bankdirektors, damals war es der) eines Finanzheamten anzunehmen; aber man verachtete die Roture. Höchstens gewann während des 18. Jahrhunderts die Haute finance etwas an Ansehen; schon im 17. Jahrhundert finden wir Turcarets vom Range der Cotteblanche oder der Du Plessis Rambouillet in die aristokratische Gesellschaft eingesprengt. Der große Reichtum söhnte mit dem Gesindel aus, was LaBruybre sehr hübsch so ausdrückt: „si le financier manque son coup, les courtisans disent de lui: c’est un bourgeois, un homme de rien, un malotru; s’il röussit, ils lui demandent sa fille!“ Aber völlig kam man von der Empfindung nicht los, die aller vorkapitalistischen und frühkapitalistischen Kultur innewohnt: daß es eines vornehmen Mannes zwar würdig sei, Geld auszugeben, aber nicht, es zu verdienen. Der neue Adel 19 Noch Montesquieu hat die ewig denkwürdigen Worte gesprochen: „Alles ist verloren, wenn der einträgliche Beruf des Finanzmanns schließlich auch ein geachteter Beruf zu werden verspricht! Dann erfaßt ein Ekel alle übrigen Stände, die Ehre verliert alle ihre Bedeutung, die langsamen und natürlichen Mittel, sich auszuzeichnen, verfangen nicht mehr, und die Regierung ist in ihrem innersten Wesen erschüttert“ (frappö dans son principe). Diese Empfindung hegten nicht etwa nur die Mitglieder der feudalen Gesellschaft: sie war allgemein in denjenigen Schichten der Bevölkerung verbreitet, die anfingen, sich über die große Menge der misera contribuens plebs zu erheben. Ihr entsprang das Bestreben der besseren, d. h. reicheren Kaufleute und kapitalistischen Unternehmer, sich als „bourgeois“ von den übrigen Angehörigen der Erwerbstände abzuheben (von welchen Bestrebungen wir in anderem Zusammenhänge noch Kenntnis nehmen werden); ihr entsprang aber vor allem die Sehnsucht aller reich gewordenen Roturiers nach dem Adel. Möglich, daß hier in Frankreich diese Sehnsucht noch stärker war als in anderen Ländern, weil ja der Adel auch politisch ein so sehr bevorrechteter Stand war, ihm anzugehören also nicht nur gesellschaftliche, sondern auch recht ansehnliche materielle Vorteile bot. Seit jeher beobachten wir, wie der Adel Zuzug aus den Schichten der reich gewordenen Geschäftsleute erhält. Das ist, wie ich hier einfiechten will, eine ganz allgemeine Erscheinung, die in allen Ländern seit dem frühesten Mittelalter sich beobachten läßt. Ich möchte fast sagen: in ganz frühen Zeiten mehr als später. Wir wissen jetzt, daß die Geschlechter in den deutschen Städten sich beständig von unten ergänzen, das heißt die Sonntagskinder, die aus Handel und Handwerk aufstiegen, in ihren Kreis aufgenommen haben 16 ; wir wissen dasselbe von den Adelsfamilien der italienischen Städte, die schon im Frühmittelalter vielfach aus reich ge- 2 * 20 Erstes Kapitel: Die neue Gesellschaft wordenen Händlern sich bildeten 16 ; wir wissen es ebenso von der englischen Aristokratie, daß sie von jeher Zuzug aus den Niederungen der Artes sordidae erhalten hat: ich möchte an eine wenig beachtete, aber, wie mir scheint, wichtige Stelle aus den angelsächsischen Rechtsquellen, an eine Bestimmung des Königs Athelstan von England erinnern, die also lautet 17 : „And if a merchant thrived (= Glück hat, in die Höhe kommt) so that he fared thrice over the wide sea by his own means (craft), then was he thence forth of thane-right worthy.“ Und daß es bei der Bildung des französischen Adels nicht anders hergegangen ist, versteht sich von selbst 18 . Aber ich glaube doch, man sollte folgende Erwägung nicht unterdrücken: es macht einen grundsätzlichen Unterschied aus, ob ein reicher Kaufmann oder Finanzmann im 13. oder im 17. Jahrhundert in den Adelstand erhoben wird. Damals herrscht der Feudalismus noch so gut wie unbeschränkt: der Adel besteht fast ausschließlich aus ritterbürtigen Grundbesitzern ; der Roturier, der in ihn hineingeschoben wird, verändert nicht im geringsten den Lebensstil der feudalen Welt, an die er sich innerlich und äußerlich binnen ganz kurzem anpaßt, die ihn gleichsam einsaugt wie ein Schwamm eine kleine Menge Flüssigkeit: das alles folgt aus dem Kräfteverhältnis zwischen dem Vorhandenen und dem Zugesetzten: dieses ist im Vergleich mit jenen eine Winzigkeit. Nach einem Jahrhundert erscheint dieser Zusatz zum alten Feudaladel mit diesem zu einer einzigen, einförmigen Masse verschmolzen und was etwa an „alten Familien“ um 1550 in Genua oder Florenz, in England oder Frankreich noch übrig ist, das heißt aus Familien, deren Stammbaum 200 Jahre und länger zurückreicht: an denen kann man beim besten Willen nicht mehr unterscheiden, ob ihre Stammväter dereinst einmal Gemeinfreie, Grundbesitzer oder Ministerialen oder Packenträger gewesen sind: sie gehören allesamt dem „Feudaladel“ an und treten in Gegensatz zu den nunmehr, namentlich seit dem Der neue Adel 21 17. Jahrhundert, in Massen neu begründeten Adelsfamilien, die fast alle den Erwerbsständen entstammen und die nun natürlich, dank der Zeit und dank ihrer großen Zahl, bestimmend auf die ganze Struktur des Adels einwirken. Ich meine also: wenn man die Umbildung der Gesellschaft durch die Verschmelzung des Adels mit den Geldmächten verfolgen will, so hat es wenig Sinn, die paar Nobilitierungen reich gewordener Bürger aus dem Mittelalter aufzuzählen und sie in einem Atem mit dem Hineinströmen der Roture in die Reihen des Adels seit Beginn der neuen Zeit zu nennen. Das Unterscheidungsvermögen, das Flair für die Besonderheiten der verschiedenen Geschichtsepochen macht den guten Historiker. Für Frankreich tritt der Wendepunkt gegen Ende des 16., zu Anfang des 17. Jahrhunderts etwa ein: damals springen mit einem Male mächtige Quellen auf, aus denen neuer Adel hervorgeht: 1. beginnt seit Heinrich IV. die Erteilung des Adels namentlich an Industrielle als eine Form der Privilegierung für die Errichtung neuer Industrien häufig zu werden 19 ; 2. werden durch das Edikt de la Paulette vom Jahre 1684 die Kaufämter erblich gemacht, das bedeutete einen Systemwechsel, da seitdem sieh die Grande rohe, mit der meistens der Adel verbunden war, recht eigentlich aus der Finanzwelt, den reichen Leuten, rekrutierte 20 ; 8. wurde 1614 der Übergang auch feudalen Grundbesitzes in die Hände der Roture, der seit jeher sich vollzogen hatte 21 , ausdrücklich als gesetzlich erlaubt anerkannt. Diese Form des Adelerwerbs hat für Frankreich eine ganz besonders große Bedeutung gehabt: im 18. Jahrhundert wimmelt es von neugebackenen Seigneurs, die zu ihrer Würde einfach durch den Ankauf eines adligen Gutes gelangt waren. Die Reichen schmücken sich mit Seigneurien wie heute etwa mit exotischen Orden. Paris Montmatre, der Sohn eines kleinen Schankwirts 1 22 Erstes Kapitel: Die neue Gesellschaft in Moirans, unterzeichnet sich bei einer Taufe als Comte de Sampigny, Baron de Dagouville, Seigneur de Brunoy, Seigneur de Villers, S. de Foucy, S. de Fontaine, S. de Chateauneuf etc. Zu diesen drei Wegen, zum Adel zu gelangen, kam gegen Ende des 17. Jahrhunderts noch 4. der Kauf: 1696 wurden 500, 1702 200, 1711 100 Adelsbriefe verkauft. Kein Wunder, wenn schließlich der französische Adel fast nur aus nobilitierten Turcarets bestand. Es ist keine Übertreibung, wenn Cher rin sagt, daß das, was man im 17. und 18. Jahrhundert in Frankreich „Noblesse“ nannte, im wesentlichen „du tiers ötat enrichi, elevd, döcorö, possessionnö“ sei; wenn der Marquis d’Argenson um die Mitte des 18. Jahrhunderts schreibt, daß hei der Leichtigkeit, den Adel für Geld zu erwerben, es keinen Reichtum gebe, der nicht alsbald adlig würde. Die ziemlich genaue Statistik, die wir von dem Bestände des Adels beim Ausgang der Französischen Revolution besitzen, bestätigt die Richtigkeit dieser Urteile: man zählte damals 26 600 • adlige Familien; unter diesen gehörten aber nur 18—1400 dem Uradel (der „noblesse immömoriale ou de race“) an, während von den übrigen allein 4000 Beamtenadel waren. Der Anteil, den die Haute finance an der Zusammensetzung des französischen Adels hatte, ist nun aber noch weit größer, als jene Ziffern zum Ausdruck bringen, wenn wir auch hier wieder die außerordentlich zahlreichen Verheiratungen Adliger mit reichen Erbinnen der Roture in Betracht ziehen. Dieser Verschmelzungsprozeß ist im Anfang des 17. Jahrhunderts offenbar schon in vollem Gange, wenn wir dem alten Polterer, dem Marquis deSully, Glauben schenken wollen, der darüber bittere Klage führt: „que les idöes sont changöes et que l’or met le prix ä tout. Et comment cela n’arriverait-il pas, puis qu’on voit la Noblesse elle-meme penser sur cet Der neue Adel 23 article pr6cis6ment comme le peuple et ne pas se soucier de m61er, par une honteuse alliance, avec un sang pur et illustre celui d’un Roturier, qui ne connait que le change, la boutique, le comptoir ou la cbicane?“ „Ce renversement est ddplorable“ schließt der Herzog dieses Klagelied. 150 Jahre später dachte man auch in Adelskreisen erheblich anders: der Herausgeber der Mdmorien 22 , M. de l’Ecluse (1752), kann sich nicht versagen, den Vorwürfen des Herzogs Worte der Entschuldigung in einer Anmerkung hinzuzufügen. Und als um dieselbe Zeit der Herzog von Pecquigny die Schwester des Finanzmannes La Mosson Montmartre mit der wohltuenden Mitgift von 1700000 L. heimführt, sagt die Herzogin von Chaulnes zu ihrem Sohn: „Mon fils, ce mariage est bon; il faut bien que vous preniez du furnier pour engraisser vos terres“. Die Schilderung, die Mercier, der immer klar Sehende, von den Zuständen entwirft, entsprach ganz gewiß den Tatsachen 28 : la finance est alliöe aujourd’hui ä la noblesse et voilä ce qui fait la base de sa force rdelle. La dot de presque toutes les dpousesdes seigneurs estsortie de la caisse des fermes. II est assez plaisant de voir un comte ou un vicomte, qui n’a qu’un beau nom, rechercher la Alle opulente d’un financier; et le financier qui regorge de richesses, aller demander la Alle de qualitd, nue, mais qui tient ä une illustre famille . . .“ Wiederum versage ich es mir, die zahllosen Fälle dieser Mischehen mit Nennung der Namen hier aufzuzählen, obgleich es ein Leichtes wäre, ganze Listen aufzustellen. Nur einige besonders lustige Beispiele will ich hersetzen, an denen man so recht deutlich die eigenartigen gesellschaftlichen Zustände des 18. Jahrhunderts (das in dieser Hinsicht dem neunzehnten und zwanzigsten schon recht ähnlich ist) zu erkennen vermag: Der eine Sohn des Samuel Bernard, der allgemein „le Juif Bernard“ heißt, ist der Comte de Coubert: er heiratet M me Frottier de la Coste Messelibre, Tochter des Marquis 24 Erstes Kapitel: Die neue Gesellschaft de la Coste; der andere kauft eine Charge als Präsident beim Parlament in Paris und nennt sieh Comte de Rieur: er heiratet M me de Boulainvilliers. Durch diese Ehe wird „der Jude Bernard“ Großvater der Gräfinnen d’Entraygues, de Saint-Simon, Courtorner, d’Apchon, der künftigen Marquise de Mirepoix. Antoine Crozat, dessen Großvater noch Dienstbote war, verheiratet seine Tochter an den Comte d’Evreux aus dem prinzlichen Hause Boullon. Sein zweiter Sohn, Baron de Thiers, heiratet M me de Laval-Montmorency, und die Töchter dieser Ehe heiraten den Marquis de Bethune und den Marschall de Broglie. Der Bruder Crozat verheiratet seine Tochter an den Marquis de Montsampöre, Seigneur de Glöves. Eine Verwandte des Herzogs de la Vrilliöre heiratet den Emporkömmling Panier. Der Marquis d’Oise heiratet die zwei Jahre alte Tochter des Mississipien Andrö (gegen 20 000 1. Rente bis zur Heirat und 4 Mill. Mitgift). Die Tochter des Berthölot de Pleneuf heiratet den Marquis de Prie: es ist die bekannte Geliebte des Regenten; die des Prondre wird M me de la Rochefoucauld; Le Bas de Montargis wird Schwiegervater des Marquis d’Arpajon, Großvater des Grafen von Noailles und des Herzogs von Duras; Olivier-Senozan, dessen Vater noch mit alten Hosen gehandelt hatte, gibt seine Tochter dem Grafen von Lucö, späteren Prinzen von Tingry; Villemorien die seine dem Marquis von Beranger; die Grafen von Erreux, von Ivry, die Herzoge von Brissac, von Pecquigny: alle, alle gehen denselben schweren Gang zu den Geldschränken der Turcarets. Ist es nicht, als ob man über die Heiratsgeschichten der amerikanischen Schweinezüchtertöchter der letzten zwanzig Jahre berichtete? Zweites Kapitel: Die Großstadt Quellen und Literatur Eine irgendwie verwertbare Literatur zur Geschichte der Großstadt ist mir nicht bekannt. Die außerordentlich zahlreichen Schriften, die die Geschichte der einzelnen Großstädte behandeln, sind meist nur Stadtrechtsgeschichten oder Baugeschichten. Die ökonomischkulturellen Gesichtspunkte bleiben meist fast ganz außer acht. Es hat deshalb gar keinen Zweck, einzelne dieser Bücher hier namhaft zu machen. Was im folgenden über die Entstehung und das Wesen der frühkapitalistischen Großstadt gesagt ist, habe ich fast ganz aus ersten Quellen Zusammentragen müssen. Unter diesen nehmen die Heise-und andere Beschreibungen die erste Stelle ein. Unnötig, zu sagen, daß Merciers Tableau de Paris, 12 Vol., 1781, für keine andere Stadt seinesgleichen hat. Das London des 17. und 18. Jahrhunderts lernt man immerhin leidlich genau kennen aus den Schilderungen bei Defoe- Richardson, Miege-Bolton, Archenholtz u. a. Für das Neapel des 16. Jahrhunderts sind die Quellen zu finden bei Gothein, Kulturentwicklung Süd-Italiens, 1885; für das des 18. siehe etwa die Schilderungen in dem Essai sur la societö et les moeurs des Italiens, 1782, Lettre LV suiv. Für Madrid im 17. Jahrhundert die (für diese Zwecke brauchbaren) Reiseberichte und Memoiren der M m e d’Aulnay. Ygl. Justi, Velasquez und sein Zeitalter. I. Die Großstädte des 16., 17. und 18. Jahrhunderts Eines der für die gesamte Kulturentwicklung bedeutsamsten Ereignisse, das sich im wesentlichen als eine Folgeerscheinung der in dem vorhergehenden Kapitel geschilderten Vorgänge darstellt, ist die Tatsache, daß seit dem 16. Jahrhundert eine Reihe von Städten rasch an Einwohnerzahl zu- 26 Zweites Kapitel: Die Großstadt nimmt, daß damit ein neuer Städtetyp: die Stadt mit mehreren hunderttausend Einwohnern, die „Großstadt“, geschaffen wird, die sich in der Gestalt von London und Paris gegen Ende des 18. Jahrhunderts der modernen Millionenstadt nähert. Während des 16. Jahrhunderts wächst die Zahl der Städte mit 100000 Einwohnern und mehr bereits auf 13 his 14 2i . Es sind zunächst die italienischen Städte: Venedig ( 1563 : 168 627, 1575177 : 195 863), Neapel (240000), Mailand (gegen 200000), Palermo ( 1600 : gegen 100000), Rom ( 1600 : gegen 100000), während Florenz 1530 erst 60 000 Einwohner zählte. Sodann die spanisch - portugiesischen Städte: Lissabon ( 1629 : 110800), Sevilla (Ende des 16. Jahrhunderts 18000 Feuerstellen, also gegen 100 000 Einwohner); und die niederländischen Städte: Antwerpen ( 1560 : 104972), Amsterdam ( 1622 : 104961). Endlich Paris und London. Paris, gegen dessen Ausdehnung schon Mitte des Jahrhunderts königliche Edikte erlassen worden waren (ich komme gleich darauf zu sprechen), geht infolge der Religionskriege offenbar an Einwohnerzahl zurück, die im Jahre 1594 etwa 180000 beträgt. London wächst rasch an und weist Ende des Jahrhunderts alle Anzeichen der übervölkerten Großstadt auf, wie wir aus einem Erlaß der Elisabeth vom Jahre 1602 deutlich zu erkennen vermögen 2B . Seine Einwohnerzahl müssen wir zur Zeit der Elisabeth auf etwa 250000 ansetzen. Im Verlaufe des 17. Jahrhunderts gehen nun einige der früheren Großstädte an Einwohnerzahl zurück: Lissabon, Antwerpen sinken unter die 100 000; Mailand, Venedig ebenfalls beträchtlich. Dagegen steigen neu zu Großstädten empor: Wien ( 1720 : 130000) und Madrid. Rasch wachsen an: Rom, Amsterdam, Paris und London. Die Großstädte des 16., 17. und 18. Jahrhunderts 27 Rom hat Ende des Jahrhunderts 140 000, Amsterdam 200 000 Einwohner; Paris erreicht die halbe Million, London überschreitet sie ( 1700 : 674350). Während London allmählich an Größe während dieses Jahrhunderts zunimmt, schnellt Paris offenbar in die Höhe. Es nimmt insbesondere während der Regierungszeit der beiden ersten Bourbons einen raschen Aufschwung. Wir begegnen jetzt häufiger jenen seltsamen Edikten, von denen ich schon sprach: die das Erbauen neuer Häuser verbieten, um dem Wachstum der Stadt Einhalt zu tun: „Reconnaissant que l’augmentation de notre bonne ville de Paris est grandement pröjudiciable.“ „Attendu que l’intention de Sa Majestö a ötö que sa ville de Paris füt d’une ötendue certaine et limitöe . . .“ (In diesen Verboten äußert sich, könnte man sagen, ein ähnlicher Wille, wie er in den Zunftordnungen zur Anerkenntnis kommt: das Widerstreben, ein organisches Gebilde ins Maßlose wachsen zu lassen; das Widerstreben gegen die rücksichtslose Vergrößerungs- und Quantifizierungstendenz des kapitalistischen Wesens; das Widerstreben des alten Nahrungsmäßigen, Ständischen gegen die schrankenlose Ausdehnungssucht des Erwerbstriebes.) Die Verbote fruchteten natürlich nichts; trotzdem sie wiederholt werden (1627, 1637), wächst Paris gerade in diesen Jahrzehnten mächtig an. Zwischen dem Paris Ludwigs XIII. und dem der Liga, meint ein urteilsfähiger Geschichtschreiber (Baudrillart), sei ein größerer Unterschied, als zwischen diesem und dem Paris der dritten Republik. Wie stark die Zeitgenossen den Wandel empfinden, spricht Corneille in seinem 1642 geschriebenen Lustspiel „Le Menteur“ (Acte II, scöne V) aus: „Toute une ville entiöre, avec pompe bätie Semble d’un vieux fosse par miracle sortie Et nous fait presumer, ä ses superbes toits, Que tous ses habitants sont des dieux ou des rois.“ 28 Zweites Kapitel: Die Großstadt Das 18. Jahrhundert bringt folgende Verschiebungen: Die Zahl 200000 überschreiten die Einwohner von Moskau, Petersburg, Wien, *Palermo (1795 : 200162). Nicht weit davon bleibt Dublin ( 1798 : 182 370, 1753 : 128 870, 1644 : 8159). An die 100000 kommen heran: Hamburg, Kopenhagen, Warschau. Berlin steigt auf 141283 (1783), *Lyon auf 135 207 (1787). *Neapel nähert sich der halben Million (1796 : 435 930), London der Million (864845 nach dem Zensus von 1801), *Paris hat beim Ausbruch der Bevolution 640—670000 Einwohner. II. Die Entstehung und die innere Gliederung der Großstädte Schauen wir uns aber um, was diese Städte so groß gemacht hatte, so finden wir im wesentlichen noch dieselben Städtebildner am Werke wie während des Mittelalters. Auch (und gerade!) die Großstädte der frühkapitalistisehen Epoche sind Konsumentenstädte in hervorragendem Sinne. Die Großkonsumenten sind die uns bekannten: die Fürsten, die Geistlichkeit, die Granden, zu denen sich nun eine neue, wichtige Gruppe gesellt: die Haute finanee (die man füglich als „Konsumenten“ einsetzen darf, ohne beileibe! ihrer „produktiven“ Funktion im volkswirtschaftlichen Organismus Abbruch tun zu wollen). Die größten Städte sind darum so groß, weil sie Sitze der größten (und meisten) Konsumenten sind; die Ausbreitung der Stadtkörper ist also im wesentlichen einer Konzentration des Konsums in den städtischen Mittelpunkten des Landes geschuldet. Die Richtigkeit dieser Ansicht läßt sich zunächst e contrario erweisen: mit dem Hinweis darauf, daß die „Produzenten“, Handel und Industrie, noch immer nicht die Sitze, Die Entstehung und die innere Gliederung der Großstädte 29 wo sie recht eigentlich zu Hause sind, über den Umfang kleiner Mittelstädte hinaus zu entwickeln imstande gewesen sind. Reine Handelsstädte, wie beispielsweise Bristol, das ein Reisebeschreiber um die Mitte des 18. Jahrhunderts „the kargest, most populous and flourishing place in the island and one of the principal cities of Europe“ nennt 26 , oder die anderen blühenden Handelsstädte Englands in jener Zeit, Exeter, Lynn, Norwich, Yarmouth usw., zählen nicht mehr als 80—40 000 Einwohner, als London längst die halbe Million überschritten hatte. Aber auch der Industrie wohnt im allgemeinen noch keine großstadtbildende Kraft inne. Die Industriezentren noch des 18. Jahrhunderts, die Bergwerksstädte oder die Zentralen der Hausindustrie, wie New Castle, Glasgow, Leeds, Manchester, Birmingham in England, Iserlohn, Paderborn, Jauer, Hirschherg in Deutschland, sind Mittel-, meist Kleinstädte. Weder Großbritannien noch Deutschland weisen bis zum Ende des 18. Jahrhunderts außer ihren Hauptstädten eine Stadt von 100000 Einwohnern auf. Wo „Handelsstädte“ wie Amsterdam oder auch Hamburg den Charakter von Großstädten in jener Zeit, die uns beschäftigt, aunehmen, lehrt eine genauere Untersuchung sehr bald, daß die Größe der Stadt ganz anderen Kräften geschuldet ist als dem Warenhandel. So daß ich nur eine einzige Stadt namhaft zu machen wüßte, die vor dem 19. Jahrhundert als Produktionsstadt in die Reihe der Großstädte aufgerückt ist: Lyon, den Sitz der größten Luxusindustrie der frühkapitalistischen Epoche (obwohl selbst bei Lyon der Kreditverkehr sicher auch einen wesentlichen Anteil an der Ausbreitung der Stadt gehabt haben mag). Ebenso leicht läßt sich nun aber auch der bejahende Nachweis erbringen, daß die Zusammenballung des Konsums es in der Tat ist, der die ersten Großstädte entstehen läßt, 30 Zweites Kapitel: Die Großstadt in ziemlich gleichförmiger Weise entstehen läßt, ohne viele Rücksicht auf Landeseigentümlichkeiten, unter dem Druck der allgemein-kapitalistischen Entwicklung. Ich will an den wichtigsten Großstädten des 17. und 18. Jahrhunderts die Probe aufs Exempel machen. 1. Berlin. Der Typus der reinen Residenzstadt ist Berlin, wo im wesentlichen nur der Hof, die Beamten und das Militär als Städtebildner auftreten. Berlin beginnt erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts etwas rascher zu wachsen: erst Anfang der 1760 er Jahre überschreitet die Bevölkerungsziffer das erste Hunderttausend. Aber auch noch am Ende des 18. Jahrhunderts ist Berlin fast ausschließlich eine — darum gewiß arme — Soldaten- und Beamtenstadt. Im Jahre 1783 zählte die Garnison mit ihren Weibern und Kindern nicht weniger als 33088 Personen, das sind 23% der 141283 betragenden Gesamtbevölkerung (gegen 29448 Personen oder 1,8 % im Jahre 1895). Die staatlichen und städtischen Beamten bezifferten sich auf 3433, also mit ihren Angehörigen auf rund 13 000. Dazu kam noch ein unglaublich großer Haufen von Bedienten (10 074), so daß diese drei mit dem Hofe zusammenhängenden Bestandteile der Bevölkerung über 56 000 Personen, also über zwei Fünftel der Gesamtbevölkerung ausmachten 27 . Wie arm diese Stipendiaten des armen Preußenkönigs waren, zeigt der Umstand, daß sie nur etwa ebenso vielen Menschen Wohnung und Beschäftigung geben konnten. In dem London oder Paris der damaligen Zeit hätten dieselben 50000 Söldlinge eine Stadt von mindestens 2—300000 Seelen gebildet. 2. Amsterdam. Auch Amsterdam ist zunächst Residenzstadt. Wir ersehen das daraus, daß der Wegzug des Hofes gegen Ende des 17. Jahrhunderts große Schädigungen auf allen Gebieten im Gefolge hat 28 . Die Lücke, die hierdurch gerissen wird, wird aber bald ausgefüllt: Amsterdam wird Sitz der Staatsgläubiger von ganz Europa; in Amsterdam Die Entstehung und die innere Gliederung der Großstädte 31 kommen die Überschüsse des reichsten Kolonialbesitzes der Welt zum Verzehr. 3. Venedig trägt einen ähnlichen Charakter wie Amsterdam. Der frühe und beträchtliche Kolonialbesitz erzeugt bald ein gesättigtes, überreiches Rentnertum, das die schon zahlreichen Grundbesitzer der terra ferma vermehrt. Von den Kolonistenfamilien Kretas erfahren wir schon im 15. Jahrhundert: „Eine Anzahl hatte große Vermögen erworben; sie lebten jetzt in Venedig und verzehrten ihre Zinsen 29 .“ Man darf auch nie vergessen, daß Venedig bis zum Verlust seiner Kolonien die Hauptstadt des drittgrößten Reiches Europas war. Der große Reichtum, der in Venedig zum Verzehr kam, führte zu einem reichen, luxuriösen Genußleben, das wiederum zahlreiche Fremde anlockte, so daß Venedig im 16. Jahrhundert neben Rom die berühmteste Stadt war: sede prin- cipalissima del piacere, wie es ein Briefschreiber im Jahre 1565 nennt; pai’adisus delitiarum, wie es in Hentzners Iti- nerarium (1617) heißt 80 . Feste und Frauen lockten vor allem. 4. Rom, von dem Gregorovius meint, daß es im 16. Jahrhundert, vor allem auch wegen seiner räumlichen Ausdehnung, „die einzige Weltstadt“ gewesen sei, vereinigt eine Menge verschiedener, starker Verzehrer: erstens den Papst, der vom Peterspfennig und seinen meist recht beträchtlichen Familieneinkünften lebt, nebst dem stattlichen Hofgesinde; zweitens die Pilger, deren beispielsweise im Jahre 1500 200000 in Rom gewesen sein sollen; drittens die Kardinäle und Monsignori: Cartesius, de Car- dinalatu, urteilt 31 , daß (schon im 15. Jahrhundert) ein Kardinal 12000 Goldgulden Einkünfte haben und etwa 140 Personen in seinem Hause halten müsse; manche von ihnen hatten 30000 Dukaten und mehr Einkommen 82 ; viertens die Nepoten der Päpste, die mit Schätzen über- 32 Zweites Kapitel: Die Großstadt häuft wurden: Pietro Riario, der Sohn Sixtus IV., hat 60000 Goldgulden Rente; fünftens die großen Adelsgeschlechter, die Orsini, Co- lonna usw., die noch über riesige Ländereien und dementsprechend hohe Grundrenten verfügten. Während die Päpste in Avignon residierten, drohte Rom zu veröden: Kardinal Napoleone Orsini versichert nach dem Tode Clemens V. dem französischen Könige, daß durch den Wegzug der Päpste Rom an den Rand des Verderbens gebracht sei. 1347 meint Cola di Rienzi, Rom gleiche mehr einer Räuberhöhle als einem Wohnort gesitteter Menschen 88 . 5. Madrid. Was Rom und Venedig im 15. und 16. Jahrhundert gewesen waren, das wurde Madrid im 17. Jahrhundert: die Weltstadt. Hier hielt der mächtigste König der Erde Hof; hier war der Mittelpunkt des größten Weltreiches; hierhin strömten die Silberschätze Amerikas. Kein Wunder, daß Madrid zum Anziehungspunkt für alles wurde, was in Spanien Macht und Reichtum besaß. Nichts war so lebhaft als der Wunsch, in „den Haushalt des Königs“ aufgenommen zu werden. Die Hofämter, die der König verschenkte, waren das Ziel, nach dem vor allem die jüngeren Söhne des Adels strebten. Es läßt sich ziemlich genau verfolgen, wie Madrid durch das Zusainmenströinen der Granden namentlich seit Philipp III. rasch an Bedeutung gewinnt: „Los lugares parti- culares,“ urteilt ein Zeitgenosse, „se van depoblando de los vecinos vicos e poderosos 84 .“ Es scheint auch fast, als ob Madrid neben Rom die erste moderne Großstadt gewesen wäre, die einen starken Zustrom fremder Besucher, die sich hier vergnügen wollten, gehabt hat. „Das edle Gasthaus der Fremden“ hieß Madrid 85 . 6. Neapel. War Madrid im 17. Jahrhundert die dritte, vielleicht die zweitgrößte Stadt Europas gewesen (es soll zur Zeit seiner höchsten Blüte 400000 Einwohner gehabt haben), so wuchs jetzt Neapel so sehr an, daß es während des folgen- Die Entstehung und die innere Gliederung der Großstädte 33 den Jahrhunderts die Stelle unmittelbar hinter London und Paris einnahm. Neapel ist ein Schulbeispiel, um an ihm die Richtigkeit der hier verfochtenen These (daß alles frühe Großstadt wesen auf Konsumkonzentration beruht) zu erweisen. Neapel ist nie etwas anderes als Residenz gewesen, und diesem Umstande, der sich mit dem anderen verband, daß es die Hauptstadt eines frühzeitig geeinten Ländertums mit zentralisiertem Verwaltungs- und Gerichtswesen war, verdankt es zu einer Zeit schon sein Großstadttum, als keine der anderen italienischen Städte dieses Ziel erreicht hatte. Neapels Größe und Neapels Reichtum flössen aus zwei Quellen: dem Königtum und der Kirche. Das wußten auch die Zeitgenossen schon. Des Königs Dienst ist unser Handel: „regis servitium nostra mercatura est“, urteilt Caraccioli, in dessen Schriften wir Neapels soziale Struktur wie in einem Spiegel wahrnehmen. In der Tat: unendlich groß war die Zahl der Ämter in Neapel, denn die Zentralisation führte zur Vielregiererei; ungemein fein ausgebildet war das System der Sporteln, die als eine wesentliche Einnahmequelle ebenfalls schon von den Zeitgenossen erkannt wurden. Dem, der sich in der gebildeten Welt Neapels bewegte, schien es kaum etwas anderes dort zu geben als diese „unbegrenzte Zahl von Rechtsgelehrten, Advokaten und Schreibern“ (Folieta). Als dann die Herrschaft der Spanier dauernd entschieden war, trat eine Verringerung des Hofeinflusses zunächst ein, die von Caraccioli deutlich wahrgenommen wurde: jetzt sei der König fern; die Stadt verfalle immer mehr; die Barone hielten keine großen Gefolge mehr; damit verliere auch das öffentliche Leben Schwung und Glanz: man sehe niemand mehr mit fürstlichem Prunk einherziehen. Die Stadt entvölkere; die Mieten sinken: alles nur, weil Neapel aufgehört habe, Königsstadt zu sein. Er wiederholt: „Das war unser Handel, der unserem Adel Reichtum brachte.“ Sombart, Luxus und Kapitalismus 3 34 Zweites Kapitel: Die Großstadt Alles änderte sich ja dann: Neapel blühte gerade unter der spanischen Herrschaft mächtig empor; weil die Großen wieder stattliche Gefolge hielten, so war des Prunks mehr als zuvor, und die Bevölkerung wuchs rasch 80 . 7. Paris. Als der Begründer der modernen Chemie seine immerhin schätzbaren Kräfte dem „Wohle des Volkes“ weihte, und sich in der Nationalversammlung um die Reform des Finanzwesens mühte, hat er eine überaus interessante Berechnung ausgeführt, um festzustellen, wie groß die Menge und der Wert der von den Parisern von außen her bezogenen Waren sei. Seine sehr genauen Aufstellungen gipfeln in dem Ergebnis, daß für 250 Mill. Livres von den Menschen, für 10 Mill. Livres von den Pferden in Paris jährlich Gebrauchsgegenstände verzehrt würden, die bezahlt werden müssen. Uns interessiert hier die Antwort, die Lavoisier auf die Frage erteilt: wovon die 250 Millionen bezahlt wurden, weil in ihr ein außerordentlich frappantes Urteil über die Zusammensetzung der Pariser Bevölkerung beim Ausbruch der Revolution enthalten ist. Die Antwort lautet nämlich (wenn wir sie von den offenbaren Irrtümern reinigen, die Lavoisier untergelaufen sind 37 ): Etwa 20 Millionen bringen Exportgewerbe und Handel ein; 140Millionen werden mit Hilfe von Staatsschuldenrenten und Gehältern bezahlt (revenu des intörets et döpenses payö par le trösor public); 100 Millionen decken die Grundrenten- und Unternehmerprofite (von auswärtigen Unternehmungen), die in Paris zum Verzehr gelangen (revenu des propriötaires de terre, de biens ruraux et de inanufactures). Glänzend, glänzend! Welche Tiefe der Einsicht und der Erkenntnis: Paris — bis auf eine quantitö nögligeable — eine reine Konsumstadt, die vom Hof, von den Beamten, von den Staatsgläubigern und den Grundrentenbeziehern lebt. Dieselbe Auffassung sehen wir bei allen urteilsfähigen Die Entstehung und die innere Gliederung der Großstädte 35 Zeitgenossen wiederkehren (auf deren Zeugnisse wir leider angewiesen sind, solange kein ziffernmäßiger Nachweis für die Richtigkeit der hier vertretenen Meinung erbracht ist). Der Verfasser des Ami des Hommes, der ältere Mirabeau, berechnete, daß etwa 200 000 Personen aus Paris auswandern müßten, wenn man seinem Vorschlag gemäß 1. tous les Officiers Royaux qui en tirent de grands appoin- tements: 2. tous ceux des grands Propriötaires, qui certains dösor- mais de ne pouvoir traiter leurs affaires contentieuses que lä et assurös d’y jouir en merne temps de la con- sidöration et de l’aisance . . . voudraient bien aller jouir de la terre natale; 3. tous les plaideurs forcös in die Provinz zurückbeförderte 88 . Seiner und aller Physiokraten Meinung nach herrschte nämlich zur Zeit „une mauvaise distribution des hommes et des richesses“, denn „tous les seigneurs, tous les gens riches, tous ceux qui ont des rentes ou des pensions süffisantes pour vivre commodöment fixent leur sejour ä Paris ou dans quelqu’- autre grande ville oü ils döpensent presque tous les revenus des fonds du royaume. Ces döpenses attirent une multitude de marchands, d’artisans, de domestiques et de manouvriers“ 89 . Um diese reichen Rentiers, zu denen sich die „financiers, dont les caisses . . ont . . trait directement au Trösor Royal“ 40 und andere gesellen, gruppiert sich eine hochentwickelte (nach Meinung der Physiokraten überfeinerte) Luxusindustrie; denn der „Propriötaire, rustique dans la terre, devient ä Paris un arbiter elegantiarum et donne des idöes ä un ouvrier, qui s’ölevant ainsi au dessus de sa sphöre mechanique devient un homme illustre dans son Art“ 41 . . . Wie alles Gewerbe und aller Handel nur von den Revenuen der Reichen lebt, die also hier die Städtegründer in 3* 36 Zweites Kapitel: Die Großstadt dem von mir festgestellten Sinne sind, schildert in seiner bekannten eindringlichen Art wieder Mercier 42 : „Comment trouver le moyen de remedier ä cette foule de necessiteux qui n’ont d'autre gage de leur subsistance que dans le luxe deprave des grands . . . On voit dans cette capitale des liommes qui usent toute leur vie ä faire des joujous d’enfants; lesvernis, les dorures, les pompons occupent une arraee d’ouvriers; cent mille bras y sont exerces nuit et jour ä fondre des sucreries et ä edifier des desserts. Cinquante mille autres, le peigne en main, attendant le reveil de tous ces oisifs qui vegbtent en croyant vivre et qui pour se dedommager de l’ennui qui les accable, font deux fois toilettes par jour.“ Daß ein nicht unbeträchtlicher Teil der Pariser Bevölkerung von den Einkünften der Kirche und ihren Dienern lebten, vergessen die Physiokraten in ihren Darstellungen meist besonders zu erwähnen. Mercier dient uns auch in diesem Punkte wieder als wertvollste Quelle, wenn er schreibt: „Paris est rempli d’abbes, clers tonsures, qui ne servent ni l’dglise ni l’etat, qui vivant dans l’oisivete la plus suivie et qui ne font que des inutilites et fadaises . . . Dans plusieurs maisons on trouve un abbe ä qui l’on donne le nom d’ami, et qui n’est qu’un honnete valet qui commande la livrde . . . Ensuite viennent les pr6cepteurs, qui sont aussi des abbes . . .“ (Mercier) Tabl. de Par. (1783) Ch. XC. „Les eveques violent facilement et sans remords la loi de la re- sidence en quittant le poste qui leur est assignö par les saints canons. L’ennui les chasse de leurs dioceses qu’ils regardent comme unexil: ils viennent presque tous ä Paris pour y jouir de leurs richesses“: ibid. Ch. XCI. Wie wir denn demselben Gewährsmann den einzigen zuverlässigen Überblick über die verschiedenen Gruppen der Pariser Bevölkerung verdanken, die diese am Ende der frühkapitalistischen Periode zusammensetzten. Ich will die Übersicht, um das Bild noch deutlicher hervortreten zu lassen, schließlich hier noch mitteil en und zwar, weil es sich besser dem Auge einprägt, in schematisierter Form. II y a dans P. 8 classes d’habitans bien distinctes: 1. les princes et les grands seigneurs; 2. les gens de robe: Die Entstehung und die innere Gliederung der Großstädte 37 a) le harreau, b) l’öglise, c) la medecine; 3. les financiers: depuis le fermier- general jusqu’au preteur ä la petite domaine. Les agens de change, ces nouveaux crocodiles, occupent le milieu de ce corps devorant, meprisable et bientot möprisö; 4. les nögocians on marchands: sie leben nur von den Großen: corame les grands n’achötent rien comptant les marchands sont obligös d’aller s’humilier tous les jours devant eux ou devant leurs domestiques; 5. les artistes: les peintres, i „ architectes, > niedrigster Rang, „ statuaires, J „ compositeur en musique, hoher Rang, „ hommes de lettres, höchster Rang, nobilitas literata; 6. les artisans: wohlhäbige Handwerksmeister, leben ausschließlich von der Arbeit für die Reichen (wie an anderer Stelle gezeigt wurde); 7. les manouvriers; 8. les laquais; 9. le bas peuple. Also 9?! Vor allem gibt es eine Unmenge „unproduktive“ Menschen: les nombreuses colonies de moines chapelains; tant de nobles, „ „ greffiers, „ „ huissiers, „ „ sergents, „ „ clercs, „ „ milliers d’estaffiers, „ „ hommes ä bandoulieres, „ „ rentiers, pnis les cochers, „ postillons, „ palefreniers. Und dazu die Fremden, die in Scharen nach P. kommen. (Mercier) Tabl. de Par. II (1788), 39 ff., 44 ff. 8. London. Ein mächtiger Königshof, um ihn herum seit dem Ende des 16. Jahrhunderts ein Kreis reicher Grundbesitzer, die hier ihre Renten verzehren: das ist der Kern 38 Zweites Kapitel: Die Großstadt Londons noch im 17. Jahrhundert. Wie stark die Anziehungskraft war, die die Hauptstadt auf Nobility und Gentry im 17. Jahrhundert schon ausübte, ersehen wir aus den zahlreichen Erlassen, die — seltsamerweise! — gerade die beiden ersten Stuarts gegen diese Neigung der grundbesitzenden Familien, in London zu residieren, richten. So heißt es in einem dieser Erlasse aus dem Jahre 1632: „That by residing in London with their families a great part of their money and substance is drawn from the several counties whence it ariseth and spend in the city on excess of appeal, provided from foreign parts . . . that this also draws great numbers of loose and idle people to London and West Minster“ etc. Foed. 19, 374. (Bei Anderson, Org. 2, 349.) Aber: was das Schicksal aller solcher Erlasse ist, die einen Strom zu seiner Quelle zurückleiten wollen, das war auch das Schicksal dieser Wohnverbote: sie wurden nicht beachtet. Gerade während des 17. Jahrhunderts muß die Übersiedlung der Landeigner nach London besonders häufig stattgefunden haben (wodurch im wesentlichen also das rasche Wachstum Londons in diesem Jahrhundert bewirkt wurde). Denn am Ende des 17. Jahrhunderts wird uns London als „the mighty Rendez-vous of Nobilty, Gentry, Courtiers, Divines, Lawyes, Physicians, Merchants, Seamen and all kind of excellent Arti- ficers, of the most refined Wits and most excellent Beauties“ 48 geschildert. Seit dem Ende des 17. und während des 18. Jahrhunderts kommt nun zu den schon ansässigen Städtegrtindern ein neuer, überaus wichtiger hinzu: der Staatsgläubiger und der Großfinanzmann. Im London des 17. Jahrhunderts herrschte schon ein reger Kreditverkehr. Welche Barsummen flüssig gemacht werden konnten in kurzer Zeit, beweist die Tatsache z. B., daß das Aktienkapital der Bank of England (1200900 j£) vom 21. Juni bis 2. Juli 1694 vollgezeichnet wurde. Die stadtbildende Kraft der Staatsschulden hat mit großer Treffsicherheit D. Hume betont: „our national debts cause a Die Entstehung und die innere Gliederung der Großstädte 39 mighty confluence of people and riches to the Capital, by the great sums levied in the provinces to pay the interest of these debts“ 44 . In der Mitte des 17. Jahrhunderts finden wir die feine Welt noch in der City. Wir entnehmen das z. B. aus den Klagen der „feinnasigen City-Damen“ über den sie belästigenden Kohlenrauch (damals fing man an, Steinkohle zu brennen): „0 Husband wee shall never bee well, wee nor our children while we live in the smell of this Cities Seacoale smoke“ 45 . Von da ab beginnt der Adel seine Paläste in die Vorstädte zu verlegen. Der Fortsetzer des Miege, Mr. Bolton, gibt uns ein anschauliches Bild von diesem Umgestaltungsprozeß, den die Stadt London um die Mitte des 18. Jahrhunderts erfährt. „The Nobilty and chief among the Gentry are at this time much better accomodated in fine Squares or Streats, where they breathe a good Air and have Houses built after the modern way.“ Er führt dann eine große Anzahl solcher Neubauten namentlich auf, und wir empfangen auch aus seiner Schilderung durchaus den Eindruck, daß der Charakter des vornehmen London seiner Zeit noch durchaus durch die Niederlassung des Landadels bestimmt wird 46 . Daneben finden wir dann den Adel in der unmittelbaren Nachbarschaft Londons. Defoe zählt 17 Nachbarorte Londons auf, „all crowded and surrounded with fine houses or rather palaces of the nobilty and gentry of England“ 47 . Ich habe nun, ähnlich wie Lavoisier für Paris (wenn auch nach einer ganz anderen Methode), so für das London des 18. Jahrhunderts den Versuch gemacht, den Anteil der städtebildenden Bevölkerungsgruppen an dem Aufbau Londons ziffernmäßig festzustellen, und bin dabei zu folgendem Ergebnis gelangt, das natürlich keinerlei Anspruch auf Genauigkeit macht, das aber an Glaubwürdigkeit zweifellos durch die Tatsache nicht unbeträchtlich gewinnt, daß die berechneten Anteile denen von Lavoisier für Paris angesetzten 40 Zweites Kapitel: Die Großstadt Verhältniszahlen sich stark nähern (und eigentlich nur soweit voneinander abweichen, als Londons Handel dem Pariser überlegen war). Daß der Handel bei einer Beschreibung Londons stets vor allem als das städtebildende Element hervorgehoben wird, z. B. auch von Chamberlayne, ist begreiflich; er stach jedem Beschauer in die Augen. Die ziffermäßige Feststellung dagegen ergibt auf das deutlichste, daß der „Handel“ gewiß nur den kleineren Teil der Londoner Bevölkerung hätte ernähren können. Die Ein- und Ausfuhr Gesamtenglands bezifferte sich im Jahre 1700 auf einen Wert von 214 Mill. Mk., eine Summe, wie sie der Handel der Stadt Bremen allein etwa um die Mitte des 19. Jahrhunderts erreichte. Der Tonnengehalt der in sämtlichen Häfen Englands im Jahre 1688 ein- und ausgelaufenen Schiffe betrug 285 000 t, soviel wie Hamburgs Schiffahrt etwa im Jahre 1800, das ist etwa der fünfzigste Teil ihres jetzigen Umfangs. Siehe die Ziffern bei Go 1 dstein, 143 (nach Chalmers und Price Williams). Man kann allen Respekt vor der Handelsgröße Londons in jener Zeit haben, muß sich aber doch hüten, die Phrasen der zeitgenössischen Schriftsteller von dem „infinite number of ships, which by their masts resemble a Forest, as they lie along this Stream“ (Themse), dem „infinite number of great wellfurnished Shops“ (Chamberlayne) zum Anlaß übertriebener Vorstellungen zu nehmen, sondern muß, wenn man den Anteil des „Handels“ an der Größe Londons ermessen will, etwa folgendes Rechenexempel anstellen: Ein- und Ausfuhrwert ganz Englands betragen 1700 nicht ganz 11 Mill. £\ rechnen wir einen auch für jene Zeit wohl reichlichen reinen Durchnittsprofit von 10°/o an dieser Summe, so ergibt dies 1 100000^; veranschlagen wir weiter den auf London vom Gesamthandel Englands entfallenden Anteil auf 2 ls, was gewiß auch hoch genug ist, so wäre dies eine Summe von rund 750 000 £ Handelsgewinn Londoner Kaufleute. Nun nimmt King für das Jahr 1688 das Durchschnittseinkommen einer Handwerkerfamilie mit 40 £, einer Arbeiterfamilie mit 15 £ an. Von jener Summe würden also etwa 7000 Handwerkerfamilien und 24000 Arbeiterfamilien oder 12 000 Familien von jeder Kategorie haben leben können. King will die Kopfzahl jeder dieser Familien auf 3V2 bzw. 4 bemessen sehen. Auf keinen Fall würden also viel über 100 000 Seelen, d. h. 1 h— 1 le des damaligen London herauskommen, die vom „Handel“ gelebt hätten. Nun muß aber weiter bedacht werden, daß der in London sich abwickelnde Handel natürlich nur insoweit städtebildende Kraft haben konnte, als er nicht den Warenaustausch für die Die Städtetheorien des 18. Jahrhunderts 41 Londoner Bevölkerung selbst vermittelte. Zieht man diesen ab, so verringert sieb der Anteil noch beträchtlich. Zum Vergleich nehme man etwa die Zivillisten der damaligen englischen Könige. Im Jahre 1696 bewilligte das Parlament Wilhelm III. eine Zivilliste in Höhe von 700 000 sß 1 . Königin Anna bezog dieselbe Summe. Unter Georg I. wurde sie auf 800 000 £, unter Georg II. auf 900 000 £ (100 000 £ for the Queens separate House hold) erhöht; außerdem hatte der Prinz von Wales noch sein eigenes Einkommen in Höhe von 100000 £. König, Königin Mutter und Kronprinz hatten also annähernd soviel Einkommen zu verzehren und Menschen leben zu lassen die Möglichkeit wie die gesamte Kaufmannschaft zusammen. Die mitgeteilten Ziffern sind dem Werke von Miege and Bolton (S. 236) entnommen. Dort findet sich auch in einem Beibande (A regulär Collection or series of lists containing all the Offices and whole establishment civil, military and ecclesiastical in Great Britain and Ireland) eine fast vollständige Übersicht über die Gehälter der Militär- und Zivilbeamten des Königreichs, aus der die zum Teil unglaubliche Höhe namentlich der Gehälter der obersten Beamten ersichtlich ist. Es finden sich Beträge von 1000, 1500 und sogar 2000 £ gar nicht selten. Man ermesse: wenn 2000 £ als Handelsprofit verdient werden sollten, selbst die Profitrate von 20 % und nur einen zweimaligen Kapitalumschlag im Jahre angenommen, so bedeutete das einen Umsatz von 200000 £, d. h. den vierzigsten Teil des gesamten Warenumsatzes Londons! Verteilt man die Anteile der Bevölkerung des damaligen Londons auf die einzelnen städtehildenden Faktoren, so ergibt sich in meiner Vorstellung etwa dieses Verhältnis: zwei Sechstel lebten vom König und seinem Hof, ein Sechstel von der Beamtenschaft, zwei Sechstel von den Grundrentnern und indirekten Staatsrentnern (Haute Finance), ein Sechstel vom Handel und von gewerblicher Tätigkeit. III. Die Städtetheorien des 18. Jahrhunderts Daß nun aber wirklich die soziale Struktur der Großstadt in der frühkapitalistischen Epoche so war, wie ich sie in den vorangehenden Blättern zu zeichnen versucht habe, das ersehen wir schließlich noch mit aller nur wünschenswerten Deutlichkeit aus den zahlreichen „Städtetheorien“ des 18. Jahrhunderts, aus denen wir, denke ich, ohne weiteres Rückschlüsse auf die Natur der Großstädte jener Zeit machen dürfen. Denn wenn die meisten Autoren auch wähnten, „die“ 42 Zweites Kapitel: Die Großstadt Stadt oder „die“ Großstadt schlechthin in ihren Entstehungsund Daseinsbedingungen zu schildern, so sind ihre Lehren doch nichts anderes als Verallgemeinerungen der von ihnen beobachteten tatsächlichen Gestaltungen in ihrer Umgehung. Darum teile ich hier zu guter Letzt noch ein paar Auszüge mit aus den am meisten gelesenen und geachteten Schriftstellern jener Tage, die sich über das Städteproblem geäußert haben. Soviel ich sehe, ist in der theoretischen Konstruktion der Stadt wie auf so vielen anderen Gebieten der nationalökonomischen Wissenschaft im 18. Jahrhundert Cantillon wegweisend. Er läßt die Stadt wie folgt entstehen: „Si un Prince ou Seigneur . .. fixe sa demeure dans quelque lieu agrdable et si plusieurs autres Seigneurs y viennent faire leur rösidence pour etre ä portee de se voir souvent et jouir d’une sociötö agreable, ce lieu deviendra une Ville, on y bätira de grandes Maisons pour la demeure des Seigneurs en question; on y en bätira une infinite d’autres pour les Marchands, les Artisans, et Gens de toutes sortes de professions que la rösidence de ces Seigneurs attirera dans ce lieu. II faudra pour le Service de ces Seigneurs des Boulangers, des Bouchers, des Brasseurs, des Marchands de vins, des fabriquants de toutes especes: ces Entrepreneurs hätiront des Maisons dans le lieu de question ou loueront des Maisons bäties par d’autres Entrepreneurs; . . . toutes les petites Maisons dans une Yille, teile qu’on la decrit ici ; dependent et subsistent de la döpense des grandes Maisons ... La ville en question s’agrandira encore, si le Roi ou le Gouvernement y ötablit des Cours de Justice . . . Une Capitale se forme de la meme maniere qu’une Yille de Province . .. toutes les terres de l’Etat contribuent plus ou moins ä la subsistance des Habitans de la Capitale.“ Cantillon, Essay sur la nature du Commerce 1755, p. 17 ff. Dieser Gedankengang findet sich mit unwesentlichen Abweichungen in fast allen die Städtehildung behandelnden Abhandlungen der Zeit wieder; er ist allerdings von den Physiokraten besonders scharf herausgearbeitet, weil er ihrer Theorie als Stütze dienen soll, wird aber auch von so vielen nicht orthodox-physiokratischen Schriftstellern übernommen. Ein großer Teil der Erörterungen in der volkswirtschaftlichen Literatur des 18. Jahrhunderts ist der Diskussion über die volkswirtschaftlich zweckmäßigste Art, die Grundrente zu verausgaben, gewidmet. Denn das vor allem haben doch wohl die zahllosen Schriften und Kapitel über den „Luxus“ zum Inhalt, die, wie bekannt, die nationalökonomische Literatur des 18. Jahrhunderts ebenso charakterisieren wie die Traktate über die Bevölkerung. Die Städtetheorien des 18. Jahrhunderts 43 Da nun aber die Verausgabung jener volkswirtschaftlich so wichtigen Quote des Nationaleinkommens in den Städten, vornehmlich in den Großstädten erfolgte, so verquickt sich die Luxusfrage mit der Großstadtfrage: fast alle Luxusschriftsteller dehnen ihre Untersuchung auf die Erörterung des Problems aus: was macht die Städte so volkreich? was lebt in den Städten? wofür werden die Einkommen der Reichen daselbst verausgabt? wie wirkt die Art der Verausgabung auf den Gang der Volkswirtschaft? Um diesen Zusammenhang zwischen Luxus- und Städtetheorie in der Literatur jener Zeit nachzuweisen, mag es genügen, an Quesnays Questions interessantes sur la population, l’agriculture et le commerce zu erinnern (in der Edit. Oncken p. 250 ff.), wo die zwanzig Eragen im Kapitel „Ville“ jenes Problem des Zusammenhangs zwischen Städtebildung und volkswirtschaftlicher Zirkulation behandeln. Siehe z.B. question XV (1. c. p. 297): „si les grandes fortunes qui se forment dans les grandes villes ne sont pas prejudiciables ä l’agriculture . . . ces grandes fortunes, ne prouvent-elles pas que les richesses s’accumulent dans les villes, qu’elles ne retournent pas dans les campagnes?“ oder qu. XVIII (p. 298;: „si le retablissement des revenus des biens-fonds exige que les proprietaires et ceux qui peuvent faire des grandes de- penses, resident dans les campagnes? La consommation qu'ils font dans les villes n’est-elle pas aussi profitable aux campagnes, que si eile se faisait dans les campagnes memes?“ usw. Oder im Kapitel „Richesse“ art. VI (1. c. p. 302): „Depuis que les grands et les riches se sont retires dans la capitale, leurs d^penses n’en sont-elles pas devenues plus re- marquables et ne jugerait-on pas de lä, que le luxe serait augmente? le luxe n’a-t-il pas toujours etfi proportionne aux richesses de la nation?“ usw. usw. Quesnay fußt auch in diesen Gedankengängen auf Can- tillon, dessen glänzender Essay im ersten Teil vielfach dieselben Probleme behandelt. Siehe z. B. das Ch. XIV, dessen Überschrift ein ganzes Programm enthält. Zum Vergleiche mit der Theorie Cantilions führe ich noch folgende Stellen an: „les richesses de cette ville y attirent les plaisirs. Pour en jouir et les partager, les riches proprietaires quittent leur campagnes, passeront quelque mois dans cette ville, y construieront des hötels. La ville s’agrandira de jour en jour . . . Cette ville portera enfin le nom de Capitale.“ Helvdtius, De l’homme Lect. VI. Ch. VII (CEuvres 2, 360). Über die ähnlichen Gedankengänge Quesnays wurde schon berichtet. Ganz in seinem Geiste gehalten sind die Ausführungen des Grafen Mirabeau, De la monarchie prussienne sous Fröderic le Grand 1 (1788), 403 f. Von Italienern sind u. a. Beccaria und Filangieri zu nennen: „i piü grandi proprietari delle terre, i quali un maggior numero di bisogni ed una vita piü raffinata e remota dagli umili e rozzi usi del volgo 44 Zweites Kapitel: Die Großstadt gettava in braccio alla noia compensatrice delle diverse condizioni degli nomini, per l’ambizione di distinguersi a gara e di sovrastare alle classi laboriose di loro simili, dovettero riunirsi a poco a poco insieme e risie- dere vicino alla sorgente delle leggi, vicino alle supreme magistrature, onde occuparsi del comando ed estender la sfera dei loro piaceri esten- dendo il loro potere. Ecco l’origine delle cittä grandi e per conseguenza o attualmente o una volta capitali.“ C. Beccaria, Eco- nomia pubblica (1771) §30. Custodi, P. M. 11, 58/59. Vgl. auch p. 86, wo von der Entstehung der Luxusindustrien in den Großstädten gehandelt wird. Ganz ebenso macht Filangieri den Grundherrn für das Entstehen der Großstädte verantwortlich. „Ivi per palesare il suo lusso e le sue ricchezze egli occupa, abusa e profana il pennello del pittore, lo scalpello dello statuario e dello scultore, il genio dell’ architetto, la fan- tasia del poeta e tutti gli ordigni delle manifatture e delle arti. Ivi egli mantiene uno stuolo prodigioso di oziosi, che servono piü al suo festo che al suo commodo. Ivi finalmente egli consuma le sue rendite e quelle della sua posteritä.“ G. Filangieri, Leggi pol. e leggi economiche (1780). Custodi P. M. 32, 185/86. In England gibt die Stewartsche Städtetheorie im Grunde auch nur den Gedankengang Cantillons wieder, nur mit der Modifikation, daß Stewart neben den Landlords (the proprietors of the surplus of food) ausdrücklich die Vertreter des „monied interest“, Leute mit irgendwelchem „schon erworbenen“ Bezugsrecht auf Teile des Nationaleinkommens („with a revenue already acquired“ Inquiry ed. cit. 1, 203) als die frei städtebildenden Elemente bezeichnet, um die sich dann die handel- und gewerbetreibende Bevölkerung („those who purchase it with their daily labour or personal Service“) erst gruppiert. Drittes Kapitel: Die Säkularisation der Liebe Quellen und Literatur Ältere (Quellen-)Literatur. Für die Renaissance: die Werke von Cappellanus, Petrarca, Boccaccio, L. Yalla, Bembo, Castiglione, Becca- delli, Firenzuola, Aretino, Bellay, Montaigne, Rabelais. Für das 17. Jahrhundert: die Sammlung Cabinet satyrique ou re- cueil parfait des vers piquants et galliards de ce temps. Öfters gedruckt, u. a. Paris 1632. Die Werke von Auvray, von P. de Brantöme (Vie des dames illustres, Vie des dames galantes u. a., neuerdings deutsch erschienen 1905 im Insel-Verlag und 1907) und ungezählte andere, die man leicht aus den Bibliographien entnimmt. Für das 18. Jahrhundert: die Werke des Restif de la Bre- tonne, namentlich Le Palais Royal. 3 Vol. 1790. Nouv. Ed. in der Sammlung: Les mceurs legeres au XVIII siede; Introd. et notes par Henri d’Almdras und vor allem die umfangreiche Memoirenliteratur. Neuere Literatur. Für das Mittelalter: A. Schultz, Das höfische Leben zur Zeit der Minnesänger. 2. Aufl. 1889. Für die Renaissancezeit kommen zunächst alle die bekannten allgemein geschichtlichen Werke von Burckh ardt, Gre goro vius, Grimm u. a. in Betracht, zu denen sich neuerdings ein schönes Buch gesellt hat von Cas. Chledowski Rom: Die Menschen der Renaissance. 1912. (Aus dem Polnischen übersetzt.) Besonders reich ist die neuere Literatur über das Leben der großen Kurtisanen der Renaissance. Ich nenne: C. Biagi, Un Etera romana Tullia d’Aragona. 1897. P. L. Bruzzone, Imperia e i suoi ammiratori. Nuova Antologia 1906. Fase. 828. Sogar die Briefe dieser Damen hat man zu edieren für nötig befunden: L. A. Ferrari, Lettere die corte- giane del sec. XVI. 1884. Lothar Schmidt, Renaissancebriefe o. J. (Band 9 der „Kultur“). Für das 17. und 18. Jahrhundert außer den allgemeinen Werken kulturhistorischen Inhalts: Imbert de Saint-Amand, Femmes de Versailles: Les femmes de la Cour de Louis XV. 2 Vol. 1876; Lesfemmes de la Cour de Louis XVI. 2 Vol. 1876. — ArseneHoussaye, Galerie du XVIII 6 siele. 6° ed. Deuxiöme Serie: Princesses de Comedies 46 Drittes Kapitel: Die Säkularisation der Liebe et deesses d’opera. Quatrieme sdrie: Hommes et l'emmes de Cour. 1858. (Sehr witzig und geistvoll.) Theodor Griesinger, Das Damenregiment an den verschiedenen Höfen Europas in den zwei letztveigangenen Jahrhunderten. Erste Reihe: Die großen französischen Vorbilder. 2 Bde. 1866. 1867. Zweite Reihe: Versailles in Deutschland (Dresden und Hannover). 2 Bde. 1869. 1870. (Reiches Material, aber anekdotisch zusammengetragen und ohne Quellenangabe.) Albert Savine, La Cour galante de Charles II. 1908. (Gute, quellenmäßige Arbeit.) In die Welt der Theaterprinzessinnen führen gut ein die Souvenirs de M lle Duthe de l’opera 1748—1830 (apokryph), mit einer sehr lehrreichen Einleitung neu herausgegeben von Paul Ginisty. Eine Klasse für sich bilden die prächtigen und sehr instruktiven Bücher der Gebrüder Goncourt, die sich mit unserm Problem beschäftigen: Portraits intimes du XVIII sc. Nouv. Ed. 2 Vol. 1873; Les maitresses de Louis XV. 1860; La femme au XV11I sc. 1862; L’amour au XVIII sc. 1875; vor allem die beiden Schriften über „La Pompadour“ und „La Dubarry“. Natürlich hat jede der „großen“ Maitressen, namentlich die der Könige, eine eigene umfangreiche Literatur hervorgerufen. Die wichtigsten Werke sind die über die Pompadour: von Capefigue, Cam- pardon, Goncourt u. a., die über die Montespan: von Arsöne Houssaye, Clement, Bonassieux (Le chateau de Clagny et M mB de M. 1881) u. a. Umgekehrt kommt natürlich auch die Literatur zur Geschichte der einzelnen Herrscher in Betracht, die hier ebensowenig aufgeführt werden kann wie die Literatur zur Geschichte der einzelnen Höfe, unter der ja seinem Umfang nach das berüchtigte Werk Vehs es, Geschichte der deutschen Höfe seit der Reformation 1851—1858, 48 Bde., den ersten Platz einnimmt. Für Frankreich ist noch besonders zu nennen: Saval, Les galanteries des rois frangais sous plusieurs races. Die Maitressenwirtschaft der französischen Haute finance schildert sehr eingehend: H. Thirion, La vie privee des financiers au XVIII. sc. 1895. Eine Spezialliteratur bezieht sich auf die Schilderung der S al on s in den verschiedenen Ländern und zu den verschiedenen Zeiten. Selbst der Cocu hat eine ziemlich umfangreiche Literatur ins Leben gerufen. Man findet sie zusammengestellt bei G. Klemm, Die Frauen, Bd. 2 (1859), 355. . Hierher gehören auch die (freilich sehr wenig ergiebigen) allgemeinen Werke über die Geschichte der Frauen: Comte de Segur, Les femmes. 3 Vol. 1803. G. Klemm, Die Frauen. Kulturgeschichtliche Schilderungen des Zustandes und Einflusses der Frauen in den verschiedenen Zonen und Zeitaltern. 6 Bde. 1859. (Der Titel ist das beste an dem Buch; in Betracht kommt nur Band 2.) H. Scheube, Quellen und Literatur 47 Die Frauen des achtzehnten Jahrhunderts. 2 Bde. 1876. Ferner die bekannten Bücher von Scherr, Henne am Rhyn usw. Auch in den allgemeinen „Sittengeschichten“ findet sich mancherlei. So in den Büchern von R. Günther z. B. Kulturgeschichte der Liehe. 1899; von Eduard Fuchs, Illustrierte Sittengeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart; Renaissance 1909; Die galante Zeit 1910 (dazu Ergänzungsbände, die die Obszönitäten enthalten), wertvoll wegen der Abbildungen; von E. Dühren, Sittengeschichte Englands. 2. Aufl. 2 Bde. 1912 u. a. Selbstverständlich gehört auch hierher ein großer Teil der kunsthistorischen Literatur, die ich aber unmöglich im einzelnen aufzählen kann Nur auf ein Buch will ich hinweisen, weil es einem Zwischengebiet angehört und darum besonders lehrreich ist: Virgile Josz, Fragonard: Mceurs du XVIII. siede. 1901. Geringe Ausbeute gewähren, weil des historischen, hier allein interessierenden Gesichtspunkts meist ganz entratend, die zahlreichen Schriften der Gegenwart über „Die Liebe“, über „Sexualprobleme“, über „Die Ehe“ usw. Eine gute Einführung in diese Literatur bietet jetzt das Buch von Max Rosenthal, Die Liehe, ihr Wesen und ihr Wert. 1912. Endlich sei auch noch auf die Werke über die Geschichte der Prostitution verwiesen, unter denen das des Franzosen Dufour das bekannteste ist. Deutsch von Adolf Stille und Bruno Schweiger und bis zur Neuzeit ergänzt von Franz Ilelbing. 5. Aufl. 1910. 6 Bände. Dank der sittenstrengen Auffassung ihrer Verfasser, nach der alle nicht standesamtlich beglaubigten oder kirchlich eingesegneten Liebesbeziehungen „Prostitution“ sind, so daß also Lucrezia Borgia ebenso wie die Madame d’Etoiles unter die „Prostituierten“ rubriziert werden, erstreckt sich diese Geschichte sachlich recht weit. Leider ist die Darstellung dafür im einzelnen meist sehr flüchtig und nicht durchweg quellenmäßig. Bibliographien der „galanten“ und obszönen Literatur: Hugo Hayn, Bihliotheca Germanorum erotica. Verzeichnis der gesamten deutschen erotischen Literatur usw. 2. Aufl. 1885 und (wichtiger) Bihliotheca erotica et curiosa Monacensis, Verzeichnis französischer, italienischer, spanischer, englischer, holländischer und neulateinischer Erotica und Curiosa. 1887. Bibliographie des ouvrages relatifs ä l’amour, aux femmes, au mariage et des livre sfacetieux, pantagrueliques, scatalogiques, satyriques etc. p. M. le Cte. DT***. 4 ed., p. J. Le- monnyer. 4 vols. Paris 1894—1900. Das Hauptwerk: 4595 Spalten Lexikonformat umfassend! 48 Drittes Kapitel: Die Säkularisation der Liebe :. I. Der Sieg des Illegitimitätsprinzips in der Liebe Ich wüßte nicht, welches Ereignis für die gesamte Lebensgestaltung der alten und neuen Gesellschaft wichtiger gewesen wäre als die Wandlungen, die die Beziehung der Geschlechter zueinander seit dem Mittelalter bis in die Zeit des Rokoko hinein durchmachen. Insbesondere das Verständnis für die Genesis des modernen Kapitalismus ist engstens gebunden an eine richtige Würdigung jener grundstürzenden Veränderungen, die die Erledigung dieser wichtigsten Angelegenheit erfährt. Um einen solchen zunächst inneren Prozeß, wie es die Wandlungen in den Anschauungen über Liebe und Liebesbeziehungen sind, zu erfassen, stehen uns zwei Wege der Erkenntnis offen: Äußerungen repräsentativer Männer (und in diesem besonderen Falle auch ebensolcher Frauen) und konkludente Handlungen Beteiligter. Die „Äußerungen“ können sehr mannigfaltiger Art sein: sie können ex professo in Traktaten gemacht sein, die von der Liebe handeln, „ne’quali si ragiona d’amore“, wie es in den Asolani heißt; es können aber auch Dichtungen oder Werke der bildenden Kunst sein, in denen sich der „Geist der Zeit“ widerspiegelt. Daß dieser „Geist der Zeit“ auch (und gerade) in diesem Falle immer nur der „Geist“ einer ganz bestimmten Gesellschaftsschicht ist, hier also der Hof- und Adelsgesellschaft und derer, die ihr nacheiferten, versteht sich von selbst. Das Liebesieben der Bürger entwickelt sich in grundsätzlich entgegengesetzter Richtung als das der Kavaliere (und gebiert den kapitalistischen Unternehmer am Ende). Wie Wellen im Meere löst eine Lebensgestaltung die andere ab. Die Welle, die uns jetzt trägt, hat mit der, deren Emporsteigen und Niederfallen wir hier verfolgen wollen, nichts zu tun: sie kommt aus den Zunftstuben und aus den Predigten Calvins und John Knoxens her, dorther, wo alle Begriffe von bürgerlicher Wohlanständigkeit ihren Ursprung Der Sieg des Illegitimitätsprinzips in der Liebe 49 haben. Aber selbst innerhalb eines und desselben Kulturkreises verläuft die Entwicklung nicht in einer völlig geraden Linie: die Richtung wird hier und da abgelenkt durch Gegen- teudenzen. Und nur im ganz großen Überblick können wir von einer grundsätzlich einheitlichen und gradlinigen Entwicklung sprechen, die die Auffassung von der Liebe und ihre Betätigung in unserer Epoche (immer: seit den Kreuzzügen bis zu den drei Walzen Pauls oder der Einbürgerung des Kokesverfahrens) durchlebt haben. Das europäische Mittelalter hatte das kosmische Phänomen der Liebe zwischen den beiden Geschlechtern wie alles menschliche Tun in den Dienst eines Höheren: Gottes gestellt. Sei es in der Weise, daß die irdischen Liebesgefühle unmittelbar ihre religiösen Weih. n empfingen und auf überirdische Ziele abgelenkt wurden (wie im Mariakultus), sei es, daß die Liebe institutionell gebunden und die sie bindende Institution (die Ehe) als gottgewollte und gottgesegnete Einrichtung (das heißt also als Sakrament) anerkannt wurde. Alle nicht gottgeweihte oder institutionell gebundene Geschleehtsliebe war mit dem Stigma der „Sünde“ gebrandmarkt worden. Eine grundsätzlich andere Auffassung vom Wesen der Liebe dringt in weitere Kreise wohl zurrst in den Jahrhunderten des „Minnesangs“ ein; das heißt also etwa seit dem 11. Jahrhundert, das ja für die Verweltlichung der Lebensführung in jeder Hinsicht den Anfang bildet: das Schreckensjahr 1000 war überstanden, neue Silhergruben wurden erschlossen, und die Beziehungen zum Orient fingen an, breiter und enger zu werden. In der Provence, die im 11. und 12. Jahrhundert, wie man es ausgedrückt hat, einem „mitten im stürmischen Meere ruhig und heiter blühenden Eilande“ glich, erklangen zuerst wieder die Töne einer freien, irdischen Liehe in den Liedern der Troubadours, die seit etwa 1090 ihren Anfang nahmen, um von der Mitte des 12. bis um die Mitte des 13. Jahrhunderts ihre Blütezeit zu er- Sombart, Luxus und Kapitalismus 4 50 Drittes Kapitel: Die Säkularisation der Liebe leben. Auf sie folgen die deutschen Minnesänger, folgt vor allem in Italien eine große Schar von lyrischen Dichtern, die von nichts als von der Liebe singen: nicht weniger als 126 solcher Liebessänger aus dem Jahrhundert vor Dante begegnet man in einer der Sammlungen, die ich gerade zur Hand habe 48 . Uns erscheint heute der ganze Minnesang unwahr, gedrechselt, verkünstelt. Aber gerade darin erweist er sich als der natürliche erste Anfang moderner Liebe. Es ist ausgesprochene Pubertätserotik, die in der Verhimmelung der Geliebten, im Schmachten und Stöhnen, im Schwärmen und Anbeten sich erschöpft. Den festen Boden natürlicher Sinnlichkeit betreten wir erst im Trecento, und wir vermögen nicht einmal mit Bestimmtheit zu sagen, ob die Lebenskreise der Minnesänger sich unmittelbar fortsetzen in der Gesellschaft, die wir etwa um den päpstlichen Hof in Avignon oder um Boccaccios Fiametta versammelt finden. Will man einem Gewährsmann wie Ulrich von Lichtenstein Glauben schenken, so wäre die liebesfreudige Zeit des Minnesangs eine Episode gewesen, die im 13. Jahrhundert ihr Ende erreicht hätte. In seinem Vrouwenbuch (1257) klagt er, daß die Frauen nicht mehr so unbefangen wie früher mit den Männern verkehrten: sie trügen keine schönen Kleider mehr, verdeckten das Angesicht mit dichten Schleiern und bängten sich Rosenkränze frömmelnd um den Hals. Es ist ihnen, meint Ulrich von Lichtenstein, der frohe Lebensgenuß, der die frühere Zeit so liebenswürdig machte, schon fremd geworden. Die Männer haben allein an der Jagd ihre Freude, brechen frühmorgens mit ihren Hunden auf, kommen müde am Abend heim, und statt sich ihren Frauen oder Damen zu widmen, verbringen sie ihre Zeit am Würfelbrett und trinken mit ihren Gesellen 49 . Vielleicht gilt das aber auch nur für Deutschland, das ja (bis auf wenige Ausnahmen) für die Geschichte der Liebe Der Sieg des Illegitimitätsprinzips in der Liebe 51 überhaupt erst wieder in einer ganz anderen Epoche (Weimar!) in Betracht kommt. In den südlichen Ländern wird man eher an eine Kontinuität der Entwicklung von den Troubadours an glauben dürfen. Jedenfalls erscheint uns eine Stimmung, wie sie etwa den „Dekameron“ beseelt, als die unmittelbare Fortsetzung der Schwärmerei in den vergangenen Jahrhunderten: es ist die Reaktion der gesunden Sinnlichkeit gegen einen überspannten Idealismus, die sich aber zunächst auch noch in kindlichen Formen äußert: die Reize des Geschlechtsgenusses werden gleichsam neu entdeckt, und das Lüften von Schleiern und Gewändern bereitet ungeahnte Seligkeiten. Der Grundton, auf den alles gestimmt ist, klingt etwa aus diesen Worten der frommen und lüsternen Nonne bei Boccaccio heraus: „ed io ho piü volte a piü donne che a noi son venute udito dire, che tutte T altre dolcezze del mondo sono una helfe a rispetto di quella quando la femmina usa con T uomo“. Das Weib erscheint in der Vorstellung des Mannes noch immer bekleidet: wir wollen uns erinnern, daß der „Dekamerone“ in der Zeit Giottos entstanden ist. Gleichsam Vorboten der neuen Auffassung sind in der Kunst die wieder lebenswahren Darstellungen des nackten Menschen im Rahmen der religiösen Mythe, also namentlich Adams und Evas 80 : hier zeigen uns die Bilder und Bildnisse aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts schon deutlich, daß die Augen wieder Fleisch und Blut zu sehen angefangen haben. Jan und Hubert van Eycks Adam und Eva auf den Flügeln des Altars in der S. Bavokirche in Gent (jetzt im Museum in Brüssel), Jacopo della Quercias Reliefs an den Türpfosten von S. Petronio in Bologna (um 1425 entstanden), Masaccios Fresken in der Cnpella Brancacci der Kirche Santa Maria del Carmine zu Florenz, vor allem aber Ghibertis (1378—1458) Reliefs an den Erztüren am Baptisterium in Florenz sind wie die Morgenröte einer neuen Zeit. 4 * 52 Drittes Kapitel: Die Säkularisation der Liebe Aber erst das spätere Quattrocento sieht die Frau nackt als Weib und entdeckt die intimen Schönheiten des weiblichen Körpers und schöpft die Reize der sinnlichen Liebe ganz aus. Man kämpft um die Liebe und um die Frau: die Maler malen mit Vorliebe den „Kampf der Liebe und der Keuschheit“ (Pietro Perugino, Sandro Botticelli), aber der Ausgang ist nicht zweifelhaft: in den Fresken, die im Palazzo Schifanoia Francesco Cossa malt, im Frühling Botticellis, in seiner Gehurt der Venus bricht die Liebe zum Weibe und seiner Schönheit siegreich durch. Was Laurentius Valla in seinem Traktat über die Lust (1431) theoretisch gleichsam ausgesprochen hatte, das tritt uns nun als Empfindung des wirklichen Lebens aus den Werken der Maler und Dichter bildhaft entgegen: „Was gibt es Süßeres, was Ergötzlicheres, was Liebenswerteres als ein schönes Gesicht? Sicherlich kann auch der Eingang zum Himmel nicht lieblicher ausschauen.“ („Quid suavius quid delectabilius, quid amabilius veuusta facie? Adeo vix ipse in coelum intuitus iucundius esse videatur.“) 61 Valla entrüstet sich, daß die Frauen ihre schönsten Körperteile nicht nackt zur Schau tragen: wie er den Frauenkörper schildert, mutet an wie die schönsten Strophen im „Hohen Lied“ — von Heinrich Heine. (Hundert Jahre später hätte übrigens Valla. schon erheblich mehr von seinen Forderungen erfüllt gefunden.) Firenzuola hat dann im Cinquecento das Schönheitsideal der neuen Zeit gleichsam kanonisiert 62 . Lieben aber heißt, diese Schönheiten genießen: „Nichts anderes ist die Liehe als Genuß; wie ich den Wein, das Spiel, die Wissenschaft liebe, so liebe ich die Frauen; das heißt: ich werde durch Wein, Spiel, Wissenschaft und Frauen ergötzt. Genießen ist aber der letzte Sinn des Lebens: man genießt nicht nur irgendeines dahinterliegenden Zweckes willen: der Genuß selbst ist der Zweck.“ („Neque aliud est amor quam delectatio: ut amo vinum, amo ludos, amo scientiam, amo Der Sieg des Illegitimitätsprinzips in der Liebe 53 mulieres: hoe idem est quocl delectari vino luctis, scientia, mulieribus. Delectatio autem ultima rerum est omnium: neque quis ob aliquem finem delectatur, sed ipsa delectatio est finis . . . “ 68 ) Die Liebe wird zum Inhalt des Lebens. Die Dichter widmen ihre Werke alle der Liebe und den Frauen: Boiardo, Poliziano, Ariosto: „Le donne, i Cavalier, 1’arine, gli amori Le cortesie, l’audaci imprese io canto“ könnte über der Eingangspforte zu dieser Zeit stehen, die (wie wiederum Ariosto singt): „. . . Sino agli occhi ben nuota nel golfo Delle delizie, e delle cose belle“ . . . „bis zu den Augen in einem Meer von Wonnen und schönen Dingen schwimmt . . Die Liebe peitscht die Menschen durchs Leben, wie es uns ein Holzschnitt im Poliphilo (1490) symbolisch vor Augen stellt. Eines der farbigsten Bilder von dem verliebten Wesen jener Zeiten zeichnet uns Tbomaso Garzoni im 97 Discorso seiner „Piazza universale“, die Alfonso II von Este gewidmet ist: ... „Non sanno i miseri quante calamitä si coprono sotto quel nome d’ amicbe e di signore, le quali non dirö ch’ amino ne che riveriscono, ma eh’ adorano come lor dive principali, sopra le quali formano tanti caprici, fabricano tante cbimere, disegnano tante vanitä, ehe al fine co’ mal posti fondamenti tutta la macchina d’ amore ruina in un pelago di miseria e di sciagura. . . . Queste sono pur gl’ Idoli loro, i lor numi celesti, le dee del terzo cielo, le gratie dal ciel dicese, le belle ninfe leggiadre, il choro virgineo di Diana, alle quali per sacro incenso oiferiscono lagrime cocenti, per thuriboli cori afflitti, per bostie e per vittime F alme accovate, per orationi pietosi scongiuri, per hinni gli amorosi sonetti e madrigali, per simulacri F imagini de’ volti pallide e smarrite, per oblationi una servitü da cane, che non teme il freddo, non ha paura del caldo, non si sbi- gottisce di notte, non si smarisce il giorno, non si attrista per pena, non si dispera per cruccio, non manca per ripulsa, non resta per sclierno, non fa conto de’ torti, non riguarda ä gli oltraggi, non stima i danni, non cura le vendette essendo cieca et mutola nel proprio interesse come un morto . . . vogliono seguir queste fiere, darsi in preda ä queste orse, 54 Drittes Kapitel: Die Säkularisation (1er Liebe servitii a queste panthiere, amare queste tigri“ ec. ec. Das glitzert und glänzt so seitenlang weiter, wie ein Sturzbach, daß man versucht ist, das ganze Kapitel abzuschreiben. Übrigens sieht man, wie sehr sich der brave Garzoni die Flügel verbrannt haben muß, wenn er soviel Weisheit in Liebessachen aufgehäuft hatte. Das Jahrhundert, Tizians bricht an, in dem die Seele und die Sinne zu nie gekannter Harmonie zusammenfließen, in dem die Frauen liehen — die Schönheit lieben und die Schönheit lieben — leben bedeutete. Zu •welcher unerhörten Feinheit das Liebesieben ausgebildet war, sehen wir noch besser fast als aus den Werken der Dichter und Maler und Bildhauer aus dem „theoretischen Traktat“ von der Liebe, den diese Zeit hervorgebracht hat: aus den Asolani Pietro Bembos. „Ursach aller Dinge ist die Liebe“, lesen wir da; „das Süßeste über alle süßesten Dinge hinaus ist die Liebe“ (giovevolissimo ö Amore sopra tutte le giovevolissime cose ) Bi . Und was ist die Liebe: alle Weisen stimmen dahin überein, daß Liebe nichts anderes sei als die Sehnsucht nach dem Schönen (di bellezza desio). Die Schönheit aber ist nichts anderes als die Grazie, die aus der Wohlgestalt und Übereinstimmung und Harmonie in den Dingen erwächst (una gratia che di proportione e di convenenza nasce et d’ harmonia nelle cose). Für Körper und Geist gilt dasselbe: „So wie der Körper schön ist, dessen Glieder in gutem Verhältnis zueinander stehen, so ist jener Geist schön, dessen Tugenden unter sich harmonieren . . .“ „Die Liebe streckt die Flügel aus nach der Schönheit . . „Und zwei Fenster öffnen sich ihr bei diesem Fluge: das Ohr, durch das sie zur Seele fliegt, das Auge, das sie zum Körper trägt“ (A quäl volo egli due finestre ha; V una che a quella delT animo lo manda e questa e V udire: P altra che a quella del corpo lo porta et questa ö il vedere“ 55 . Damals war wohl Italien das einzige Land, in dem der Kultus der Liebe und der Schönheit eine Stätte gefunden hatte: Frankreich war noch im Puppenstande. Montaigne beklagt sich bitter über das Ungeschick der Franzosen in der Der Sieg des Illegitimitätsprinzips in der Liehe 55 Gestaltung des Liebeslebens: „11 y a tousiours de Pimpötuositd frangoise“: das jüngere Frankreich war noch zu stürmisch, um alle Freuden der Liebe, wie es Montaigne gerne sieht, auskosten zu können. Er rühmt neben den Italienern die Spanier als Meister des Liebesgenusses: „pour arrester sa fuyte et l’estendre en pröambules entre eulx, tout sert de faveur et de röcompense: une oeillade, une inclination, une parole, un sigue . . Aber das sollte sich gründlich ändern. Mit den Yalois kommt italienische Kultur nach Frankreich und mit dieser der Frauendienst. Schon Brantöme rühmt die französische Liebeskunst. Unnötig zu sagen, daß im 17. und 18. Jahrhundert Frankreich die hohe Schule der Liebe wird, die es bis heute geblieben ist. Daß in Frankreich aber erst das Liebesieben seine letzte Verfeinerung bis zur Perversität erhält, und daß das Leben um der Liebe willen ja recht eigentlich der Sinn des 18. Jahrhunderts wurde, das in Paris seinen Geist zu höchster Vollendung entwickelt hat. In den Fragonard, Boucher, Greuze kulminiert die Zeitepoche, die mit Boccaccio und Pietro Perugino begonnen hatte; oder richtiger: lebt sie sich aus, denn den Höhepunkt bezeichnen doch vielleicht die Tintoretto, Kabelais, Ariost und Rubens. Die Theoretiker der Liebe, die zurzeit der Minnesänger Cappellanus, dann Laur. Valla, dann Bembo gewesen waren, werden Brantöme und Rötif de la Bretonne und schließlich wohl der Marquis von Sade. (Das scheint ja eine notwendige Entwicklung zu sein, die sich nun schon in zahlreichen Kulturen fast gleichmäßig abgespielt hat: die „Emanzipation des Fleisches“ beginnt mit schüchternen Tastversuchen: dann folgt eine Epoche starker, natürlicher Sinnlichkeit, in der ein freies, naives Liebesieben zu voller Entfaltung gelangt. Dann kommt die Verfeinerung, dann die Ausschweifung, dann die Unnatur. Auch in diesem notwendigen Kreislauf scheint die tiefste Tragik des Menschen- iJ 56 Drittes Kapitel: Die Säkularisation der Liebe Schicksals eingeschlossen zu sein: daß alle Kultur, weil sie Abkehr vom Natürlichen ist, auch Auflösung, Zerstörung, Tod bedeutet. „Ein wenig besser würd’ er leben, Hätt’st du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben; Er nennt’s Vernunft und biaucht’s allein, Um tierischer als jedes Tier zu sein.“) Offenbar stand nun aber diese rein hedonistisch-ästhetische Auffassung vom Weibe und der Liebe zu ihm, wie sie seit dem Trecento allmählich zum Durchbruch kam, in einem unversöhnlichen Gegeusatze zu der religiösen oder institutionellen Bindung, in die man ehedem die Liebe eingeschlossen hatte. Allenfalls verträgt sich mit einer degagierten Ansicht von der Liebe noch der religiöse Wahn. Das wundervolle Gedieht, das man dem heiligen Franz von Assisi zuschreibt und das mit den Worten beginnt: In foco 1’ Amor mi mise: in foco 1’ Amor mi mise: in foco d’ amor mi mise II mio Sposo novello . . . könnte von jedem menschlich Liebenden geschrieben sein. Und die Ekstasen der Mariaanbetung sind sicherlich der „freien Liebe“ jener Zeit nicht fern gewesen. Aber womit diese sich nie und nimmer abfiuden konnte, war die institutionelle Einkleidung des Liebeslebens in die Ehe. Der kosmische Liebesinstinkt bindet sich ebensowenig wie der raffinierte Liebesgenuß an eine von dem Gesetze gezogene Schranke: er ist seiner Natur nach illegitim oder, richtiger, a-legitim. Und die Eigenschaft einer Frau, W T eib zu sein und schön und liebenswert zu sein, gewinnt weder noch verliert sie an eindringlicher Kraft durch irgendeine menschliche soziale Einrichtung, wie es die Ehe ist. Diese Erwägung, daß in der Ehe zwei vollständig heterogene Dinge zusammen gebracht seien: Liebe und Ordnung, Der Sieg des Illegitimitätsprinzips in der Liebe 57 mußte sich den Männern, die über das Liebesproblem ihrer Zeit nachdachten, alsbald aufdrängen. Und wir finden denn auch bei allen „Theoretikern“ der Liebe dieses Problem eingehend behandelt. Einer der ersten, der aus seiner natürlichen Auffassung von der Liehe die Konsequenz zog und die Beziehungen der Geschlechter für a-legitim erklärte, war wohl Laurentius Yalla. Er spricht es unumwunden aus, daß es keinem Menschen etwas angehe, wenn zwei sich lieben wollen: „si mulier mihi et ego mulieri placeo, quod tu tan- quam medius nos dirimere conaberis BBa ?“ Folgeweise kann es aber auch keinen Unterschied machen, meint Yalla, ob eine Frau mit ihrem Manne oder mit dem Geliebten Umgang pflege: „omniuo nihil interest, utram cum marito coeat mulier aut cum amatore.“ Diese Auffassung tritt dann am deutlichsten in der schönen Literatur, namentlich in dem leichten Genre, zutage: hatte Boccaccio doch noch immer einen gewissen Respekt vor der Ehe zur Schau getragen, so gilt nun die Verspottung der Ehe, gilt die Lächerlichmachung des betrogenen Ehemannes nicht nur als erlaubt, sondern gehört geradezu zum guten Ton. Selbst in den minder lasziven Novellen, deren Reihe Piccolomini mit dem Euryalus begann, und in den minder obszönen Komödien ist der Ehebruch doch immer „das herrschende Motiv“ B6 . Einen Schritt weiter, den letzten in dieser Gedankenrichtung, tat dann Montaigne: wenn Liebe Genuß ist und die Ehe eine soziale oder kirchliche Einrichtung, die viele sehr edle Zwecke verfolgt (Montaigne spricht nur mit größter Ehrerbietung von der Ehe und kommt gerade wegen der hohen Meinung, die er von der Ehe hat, zu seiner radikalen Ansicht von dem Verhältnis der Liebe zur Ehe), so ist die Verwirklichung der Liebessehnsucht nicht nur nicht unabhängig von der vorhergegangenen Ehelichung; die beiden Dinge: Liebe und Ehe schließen sich vielmehr aus. Er begründet seine Auffassung ua, ■ mm* 58 Drittes Kapitel: Die Säkularisation der Liebe wie folgt: Die Liebe haßt es, daß man sich an etwas anderes hält als an sie, und hat nicht gern etwas gemein mit Beziehungen, die aus einem ganz anderen Grunde geknüpft sind wie es die Ehe ist, bei deren Eingehung Verbindung und Vermögen mindestens so schwer ins Gewicht fallen wie Reize und Schönheit. Man heiratet nicht seinetwegen, sondern ebensosehr, wenn nicht mehr, um der Nachkommenschaft, um der Familie willen. So heißt es denn eine Art von Incest begehen, wenn man in diesem ehrwürdigen und heiligen Bunde, der die Ehe ist, den Extravaganzen der Liebesleidenschaft eine Stätte bereitet. Eine gute Ehe weist die Gesellschaft der Liebe zurück und will die Freuden der Freundschaft genießen. Lieben und sich binden sind zwei grundverschiedene Dinge, die einander ausschließen. Die Hauptstellen, in denen Montaigne diese Ansichten ausspricht und die ich dem Sinne nach wiederzugeben versucht habe, lauten im Original folgendermaßen 67 : „L’amour hait qu’on se tienne par ailleurs que par luy, et se mesle laschement aux accointances qui sont dressees et entretenues sous aultre tittre comme est le mariage: l’alliance, les moyens y poisent par raison, autant ou plus que les graces et la beautö. On ne se marie pas pour soy quoiqu’on die; on se marie autant, ou plus, pour sa posteritö, pour sa famille. Aussi est ce une espece d’inceste, d’aller employer, ä ce parentage venerable et sacrö, les elforts et les extravagances de la licence amoureuse ... Un bon mariage . . . refuse sa compaignie et conditions de l’amour: il tasche ä se presenter celles de l’amitie . . .“ „Nous aimons sans nous empescher deux choses diverses et qui se contrarient.“ Was Tizian und Giorgione malten, was Ariost und Rabelais dichteten, das war in diesen Ansichten zur Theorie gestaltet worden: die Liebe, die in sich selbst ihren höchsten, ja einzigen Sinn fand, mußte mit Notwendigkeit außerhalb und jenseits aller Einrichtungen hausen, die von Menschen Die Kurtisane 59 zu irgendwelchen sozialen oder moralischen Zwecken ins Leben gerufen waren, mochten sie auch die Weihe der Kirche empfangen haben. Wichtiger aber und entscheidend für den Kulturgang war es, daß die Gesellschaft jahrhundertelang dieser Auffassung gemäß gelebt hat, daß jahrhundertelang in bestimmten Schichten sich wie selbstverständlich Ehe und Liebe trennten und jede für sich mit gleicher Berechtigung nebeneinander bestanden, womit ja im Grunde nur die Lebensgewohnheiten des griechischen (und spätrömischen) Altertums wieder aufgenommen wurden. Das müssen wir im folgenden noch etwas genauer verfolgen, insbesondere insoweit es der europäischen Gesellschaft das Hetärentum brachte. II. Die Kurtisane Wenn in einer Gesellschaft die freie Liebe sich neben der gebundenen Liebe einzunisten beginnt, so sind die Frauen, die dieser neuen Liebe dienen, entweder verführte Mädchen anständiger Familien und Ehebrecherinnen oder Huren. Wie sehr in den Oberschichten der europäischen Völker seit den Minnesängern die rein erotisch orientierte Liebe an Bedeutung zugenommen hat, müssen wir also aus der Zunahme der Verführungen , des Ehebruchs und der Prostitution entnehmen. Ziffern für die beiden ersten Formen der freien Liebe stehen uns nicht zur Verfügung. Aber wir können aus den Urteilen der Zeitgenossen wie auch aus mancherlei Anzeichen recht wohl schließen, daß sie in der Tat all die Jahrhunderte hindurch eine wichtige Rolle gespielt haben. Petrarca meint, daß zu seiner Zeit die Pest des Ehebruchs recht eigentlich erst zum Ausbruch gekommen sei. Jetzt gehöre es zum guten Ton, daß ein junger Mann eine verheiratete Frau verführe : vorher sei er nicht glücklich, weil er von seinen Altersgenossen verachtet werde. Daher komme dann jener fieberhafte Hunger nach galanten Abenteuern bei den jungen 60 Drittes Kapitel: Die Säkularisation der Liebe Männern, der gar nicht eigentlich dem sinnlichen Bedürfnis als vielmehr dem Ehrgeiz entspringe. Meist lohne auch der Erfolg gar nicht den großen Aufwand an Mühe. Ich setze die denkwürdigen Worte hier im Originaltext her, weil sie den Geist der Zeit vortrefflich widerspiegeln und meines Wissens noch von niemandem verwertet worden sind: „Qaae tune pestis incipiens nunc adeo certa est, ut adolescens cui non fcliciter adulterium successerit, quamvis dives, quamvis formosus ac nobilis, coaevorum iudicio inter miseros habeatur, quasi abiectus ac repulsus non puilicitia sed contemptu; et quasi dilectio castitatis con- vicium sit amantis. Ilinc ille iuvenum fervor et sollicitudo improba, tanquam non de libidine sed de gloria sit certamen: liinc labores, hinc suspiria, hinc repentinae repulsae amarissimae: saepe tarnen successus amarior.“ Petrarca, Ep. de reb. fam. ed. Fraeassetti L. IX, op. IV, 2 (1862), 10. Das ist dieselbe Zeit, in der man in Fürstenkreisen sich der illegitimen Geburt nicht mehr schämt, sondern anfäugt, sich ihrer gar noch zu rühmen, wie uns das Burckhardt und Cibrario an zahlreichen Beispielen nachgewiesen haben. Von da ab bis zum Ende unserer Epoche blieb dann der voreheliche oder zwischeneheliche Geschlechtsverkehr eine ständige Ergänzung des ehelichen in allen Kreisen, die etwas auf sich hielten. Unnötig, Belege aus zeitgenössischen Lebensschilderungen anzuführen: jede gewöhnliche „Sittengeschichte“ ist voll davon. Auf ein wichtiges Symptom will ich nur hin- weisen, das uns den Ehebruch schon wieder — möchte man sprechen — als soziale Institution erscheinen läßt: die Legitimisierung des Hahnreis, wie sie etwa in Italien im Quattrocento, in Frankreich seit Franz I. sich ereignet. Auch daß die Prostitution seit dem Mittelalter an Umfang und Bedeutung zunimmt, ist eine bekannte Tatsache. Vor allem werden natürlich die Großstädte ihr Sitz. Von Avignon angefangen, bis sie in London und Paris kulminiert: Avignon wird von einer wahren Flut von Dirnen überschwemmt, klagt wieder Petrarca in seinem herrlichen Lateinisch. Und Die Kurtisane 61 dann ist lange Zeit Rom berühmt wegen der Fülle von Puellae publicae, die sich in seinen Mauern aufhielten: 1490 weist eine ziemlich zuverlässige Statistik 6800 Meretrices nach. Das wären verhältnismäßig noch mehr (Rom hatte damals noch nicht 100 000 Einwohner), als uns für London und Paris am Ende des 18. Jahrhunderts angegeben werden: 50000 und 80000. Aber wichtiger für die Gestaltung namentlich der äußeren Kultur ist die Tatsache geworden, daß sich in dem Maße, wie die illegitime Liebe, das heißt die Liebe als Selbstzweck, sich ausbreitet, zwischen die Femme honnete und die Putaine eine neue Schicht von Frauen schiebt, für die wir die verschiedensten Bezeichnungen in den romanischen Sprachen haben (die deutsche und wohl auch englische Sprache hat dafür keinen einzigen Ausdruck, wenn man nicht den unbestimmten Ausdruck „Buhlerin“ gelten lassen will, ein Zeichen, daß die Sache selbst entweder ganz auf die Länder romanischer Zunge beschränkt geblieben oder von dort zu uns hereingebracht ist): Cortegiana, Kurtisane, Konkubine, Maitresse, Grande Amoureuse, Grande Cocotte, Femme entretenue usw. Mit diesen Frauen tritt die Liebe, die zu einer freien Kunst geworden ist, wieder aus dem Stadium des Dilettantismus heraus und wird der Ptiege Berufener überantwortet. Wie zu jeder Kunst Talent und Übung gehören, so in ganz hervorragendem Maße zur Liebeskunst, weshalb diese erst zu ihrer vollen Entfaltung gelangen konnte, nachdem durch einen natürlichen Ausleseprozeß die talentvollen Frauen aus der Masse herausgehoben und diesen Gelegenheit geboten worden war, durch ausschließliche Beschäftigung mit dieser Kunst sich zu Meisterinnen in ihr auszubilden. Kurtisane, Cortegiana bedeutet zunächst nichts anderes als Hofdame. Es gab Hofdamen mit lediglich legitimen Liebesbeziehungen auch. In dem dritten Briefe seines Buches über 62 Drittes Kapitel: Die Säkularisation der Liebe den Hofmann, das Castiglione der Cortegiana gewidmet hat, wird von Magnifico sogar die Ansicht vertreten: die Liebesbeziehungen der Hofmänner und der Hofdamen sollten nur legitime sein. Freilich, „lächelnd“, „ridendo“ widersprachen ihm die meisten aus seinem Kreise: sie werden gewußt haben, weshalb: daß die Forderung Magnificos recht weit von der Wirklichkeit entfernt sei. Frühzeitig aber muß die illegitime Liebesbeziehung feinerer Frauen und der Verkehr bei Hofe identifiziert worden sein. Ich vermute, daß bei der Herausbildung dieser Vorstellung das Hofleben an den päpstlichen Residenzen starken Einfiuß gehabt hat. In Avignon (wo vielleicht die moderne Kurtisane entstanden ist) lebte ein Kreis geistvoller und schöner Frauen am Hofe des Papstes und der hohen Kirchenfürsten. Man hat geradezu von „aca- dömies de femmes aimables“ gesprochen, und man braucht nur an Namen wie Mabille de Villeneuve, Briande d’Agoult, Huguette de Forcalquier, Beatrix de Sault, Laure de Noves, Blanche de Flassans, Isnarde de Roquefeuille, Doucette de Moustiers, Antoinette deCadenet, Magdeleine de Salon, Blanche- fleur de Pertais, Stöphanette de Ganteime, die schöne Adelise von Avignon, die Cousine der Laura, zu erinnern, um den Ausdruck gerechtfertigt zu finden. Nun konnte aber die Frau in der Umgebung eines Kirchenfürsten immer nur eine Maitresse sein, sobald sie (was doch gewiß nicht selten vorkam) mehr als rein geistige Bejziehungen mit den hohen Herren unterhielt. Also mußte hier schon aus einem rein äußerlichen Grunde die Cortegiana eine Kurtisane werden. Was in Avignon begonnen war, wurde in Rom fortgesetzt: auch hier war die Dame am Hofe von Natur „illegitim“. An den Höfen der weltlichen Fürsten bestand dieser äußere Zwang zur Illegitimität nicht: der innere Drang ersetzte ihn aber reichlich. Das Neue der Renaissancezeit war nicht einmal, daß die Fürsten sich Kebsinnen erkoren: das Die Kurtisane 63 hatten sie wohl immer getan. Aber die Bürgermädchen, die Ludwig XI. von Frankreich sich in sein Bett bestellte, waren noch längst keine „Kurtisanen“: das wurden sie erst, wenn sie in die Hofgesellschaft aufgenommen worden und als Maitressen des Herrschers offiziell anerkannt waren. Die ersten Tyrannen, die ihre Konkubinen zum Range von Fürstinnen erhoben, sollen Bernabö und Giangeleazzo Visconti gewesen sein. Aber das Reich der Cortegiana bricht doch erst an etwa um die Zeit, als wir Cossa die Fresken im Palazzo Schifanoia malen sehen: als der Hof im modernen Sinne mit Frauen und durch Frauen entstand: von da ab wurde die Galanterie der Inhalt und der Schmuck des Hoflebens. Kein Hof, so groß er sein mag, kann Glanz entfalten oder Fröhlichkeit ohne Frauen, noch kann ein Hofmann etwas von Bedeutung sein oder tun, ohne von der Fraueuliebe erfüllt und angetrieben zu werden, meint Castiglione in seinem Buche über den Cortegiano („Corte alcuna, per grande che ella sia, non puö aver’ ornamento o splendore in se, nö allegria, senza donne; nö Cortegiano alcun’ essere aggraziato, piacevole o ardito, nö far mai opera leggiadra di Cavalleria se non mosso dalla pra- tica, e dell’ arnore e piacere di donne“). Und daß dabei nicht an eheliche Bündnisse gedacht wurde, versteht sich bei dem Geist der Zeit wohl von selbst: so wurde eine Cortegiana nach der anderen zur Maitresse eines Cortegiano, vom Fürsten angefangen, bis Cortegiana und Kurtisane (im heutigen Sinne) gleichbedeutend geworden waren. Nun beginnt die Zeit der „Maitressenwirtschaft“, die also nach dem Gesagten eine notwendige Begleiterscheinung der Fürstenherrschaft, wie nun einmal die Auffassung von der Beziehung der Geschlechter zueinander sich gestaltet hatte, war. Großzügig wird das System in dem Maße, wie die kleinen Höfe von den großen abgelöst werden. Man weiß, daß auch in diesem wichtigsten Punkte seit der Reformation Frank- 64 Drittes Kapitel: Die Säkularisation der Liebe reich die Führung übernimmt: die Geliebten Franz I. sind die ersten Königsmaitressen, die wir lebendig vor uns sehen. Dieser König war es ja, der, wie wir sahen, in der Galanterie den Sinn des Hoflebens erblickte, und „der wichtige Schritt der Galanterie bestand darin, daß er seine Maitresse ohne Blödigkeit zur ersten Person des Hofes machte“ (Heinrich Laube). In diesen öffentlich anerkannten Königsliebchen, die nun die Welt zu beherrschen anfingen, wurde die ganze Zunft der berufsmäßigen Venuspriesteriunen gleichsam geadelt. Von der illegitimen Liebesbeziehung, wenigstens soweit sie bei Hofe geknüpft wurde, war dadurch auch äußerlich der Makel genommen. Aber der Einfluß des Hofes auf alles, was sich zur Gesellschaft rechnete, war während unserer Epoche zu groß, als daß sich diese Legitimierung der Illegitimität nicht allmählich auch auf die freien Liebesbeziehungen außerhalb des Hofes hätte ausdehnen sollen. Frauen fingen an (so könnte man sagen), in den sich entwickelnden Großstädten auch außerhalb des Hofes wie Hofdamen zu leben; so kam die Kurtisane zur Welt, die gar nichts mit dem Hofe zu tun hatte: als Femme entretenue, so lange sie (offiziell) nur einem, als Kokotte, wenn sie gleichzeitig mehreren Männern ihre Gunst schenkte. Mit dem Begriff „käufliche Liebe“ kann man innerhalb der Oberschicht der Puttanen keinerlei Grenzen ziehen. Auch die Kurtisane, die gar keine war, ist ungefähr um dieselbe Zeit geboren, wie ihre höfische Schwester, die ihr den Namen gab. Und an demselben Orte: in den Großstädten Italiens, unter denen namentlich Venedig und Bom Anteil genommen haben. Die Sterne standen hier besonders günstig, um einen neuen Frauentyp zu schaffen: der Reichtum; die Freude an der Wiederbelebung des Altertums, dessen Hetären man sieh einbildete, wieder erstehen lassen Die Kurtisane 65 zu können; die Größe der Stadt wirkte zusammen mit der allgemeinen Weitherzigkeit der Zeit (d. h. immer, wohl gemerkt: der oberen Gesellschaftsschicht; denn in der Zeit lebten auch die braven Färbermeister und die ehrsamen Handelsherren, die sicher den eleganten Kurtisanen mit ebensolchem Entsetzen in weitem Bogen aus dem Wege gegangen sind wie heute irgendein Oberlehrer oder ein Geheimer Rat), um einen Teil der Dirnen, eine kleine Oberschicht, mit dem Nimbus auserlesener Menschenkinder zu umgeben: das waren die „ehrenwerten Buhlerinnen“, die „honeste corti- giane“, oder „cortesane famose“, wie sie ein (fragmentarisches) Verzeichnis der römischen Dirnen aus der Zeit um das Jahr 1500 bezeichnet. Es waren ihrer 200 an der Zahl, und sie werden den cortesane puttane oder de la minor sorte gegenübergestellt 58 . Hier ist also mit aller nur wünschenwerten Deutlichkeit gesagt, daß der Differenzierungsprozeß, von dem ich hier spreche, sich vollzogen habe. Man hat in letzter Zeit viel über die „Cortesane famose“ des Renaissance-Jahrhunderts geschrieben. Eine Menge Quellen sind neu erschlossen. Man kennt alle berühmten Kokotten, die damals in Rom, Florenz oder Venedig gelebt haben, als Sixtus IV. und Alexander VI. und Leo X. regierten, mit Namen. Man streitet sich sogar über den Grad ihrer „Bildung“, mit der sie prunkten, und über die Güte ihrer Gedichte, die sie mit mehr oder weniger fremder Hilfe verfertigten. Du lieber Gott — als ob das das Wichtige bei der Sache wäre. Gewiß war die Bildung nur „Büldung“, gewiß waren die Verse schlecht (wie heute noch). Das mag sein. Aber darin lag auch nicht die Bedeutung dieser neuen Menschenspezies, sondern darin, daß eine Tullia d’Aragona jahrelang einen Filippo Strozzi an der Nase führen konnte, und daß eine Imperia es verstand, sich jahrelang vom reichsten Manne Italiens, Agostino Chigi, aushalten zu lassen. Das Sombart, Luxus und Kapitalismus 5 »VW 66 Drittes Kapitel: Die Säkularisation der Liebe vermochten sie gewiß nicht kraft ihrer Verse, sondern dazu bedurfte es, wie Maupassant es nennt, anderer „qualitös rares“, über die sie gewiß in reichem Maße verfügten. Und damit wurden sie zu einer Macht, die auf den Gang der Kultur gewaltigen Einfluß ausgeübt hat. Nicht, daß ein verliebter Nebenhergeher auf die schöne Imperia eine rühmende Grabinschrift dichtete: „Imperia, Cortesana Romana, quae digna tanto nomine, rarae inter homines formae specimen dedit“, — nicht darin und in ähnlichen Galanterien, sage ich, tritt die hohe Bedeutung zutage, die die Grandes Amoureuses zu jener Zeit in Italien offenbar gehabt haben, wohl aber darin etwa, daß der Kirehenvorstand dieselbe Imperia in der Kapelle der heiligen Gregoria begraben ließ, oder daß die Taufe des ersten Sohnes, der Agostino Chigi von seiner neuen Maitresse, der Venetianerin Francesca Andreosia, geboren wurde, der Papst in eigener Person, umgeben von 14 Kardinalen, vollzog. Ebenso wie die Hof- und Fürstenmaitresse gelangte auch die Stadtmaitresse erst in Frankreich zu voller Entwicklung: in der Gestalt, die sie dort annahm, wurde sie dann Gemeingut aller europäischen Länder. Bedeutsam für die Herausbildung des Typs der modernen Kurtisane wurde der Umstand, daß seit dem Ende des 16. und dem Anfang des 17. Jahrhunderts auf den Pariser Theatern Frauen erschienen: eine Sitte, die in England unter Karl II. eingeführt wurde. Damit war Ersatz geschaffen für die antikisierende Aufmachung der Renaissance-Kokotten: den „Nimbus“, ohne den nun einmal die freie Liebesbeziehung höherer Art nicht auskommen kann, schuf jetzt das Theater. DieTheaterdame, der Theaterstar, die Tänzerin an der großen Oper: sie lösten die dichtenden und malenden Kurtisanen des Cinquecento ab. Während des 17. und 18. Jahrhunderts vermehrte sich dann die Zahl der Stadtmaitressen in den Zentren der Kultur, vor allem natürlich in Paris und London, immer mehr, in Die Kurtisane 67 dem Maße, wie sich die Sitte verallgemeinerte, eine elegante Frau statt oder neben der Ehefrau auszuhalten. Wenn uns aus dem Ende des 18. Jahrhunderts berichtet wird, daß von zwanzig der großen Herren am Hofe mindestens fünfzehn nicht mit ihren Frauen, sondern mit ihren Maitressen lebten 69 , so wird diese Schätzung der Wahrheit gewiß recht nahe gekommen sein. Aber nicht nur der Kavalier bei Hofe hält sich eine Maitresse: auch bei den Turcarets gehörte es bald zum guten Ton, sich bei den Dämchen mit der mittelmäßigen Tugend, wie man sie nannte (demoiselles de moyenne vertu), einzuschmeicheln. Die Ausgaben, die diese Liaisons verursachten (ich komme noch darauf zu sprechen), bildeten den größten Posten im Etat der großen Geldmänner, berichtet uns auf Grund sehr genauer Studien der beste Kenner dieser „Verhältnisse“ (Thirion). Die Annalen der Galanterie des 18. Jahrhunderts verknüpfen auf das engste Liebesabenteuer und Generalpächtertum 60 . Dasselbe wird uns von London berichtet: daß hier ein unverheirateter Engländer, der über 2000 Einkünfte verfügt, für seine Bedürfnisse kaum 200 £ ausgibt: „alles übrige ist seinen Vergnügungen gewidmet, worunter die Mädchen der erste und letzte Artikel“ sind (Archenholz). Angesichts solcher Urteile werden wir auch die Zifferangabe glaubhaft finden, die uns gute Beobachter von der Zahl der Stadtmaitressen in Paris und London machen: Mercier z. B. nimmt an, daß zu seiner Zeit 10000 Frauen in Paris „ausgehalten“ wurden. In London lebten um dieselbe Zeit in einem einzigen Kirchspiel (Marybonne) 1700 Kurtisanen in eigenen Häusern. Welchen breiten Raum die „käuflichen“ Geliebten im Leben der damaligen Gesellschaft einnahmen, läßt auch die Sitte erkennen, die in den großen Städten bestand, Adreßbücher der besseren Kokotten jährlich herauszugeben, in denen jede einzelne mit Namen genannt und nach Gesichts- 03 Drittes Kapitel: Die Säkularisation der Liebe bildung, Manieren, Talenten usw. genau beschrieben war. Das war in London Harrys List of Covent-Gardens Ladies, die in einer Auflage von 8000 (!) reißend abging; in Paris der Almanac des adresses des demoiselles de Paris de tout genre et de toutes les classes. Calendrier du Plaisir. A Paphos. Ganz besonders wichtig erscheint mir nun aber der Umstand, daß durch das Emporkommen der eleganten Kurtisane auch die Geschmacksbildung der anständigen Frau, d. h. also: der Frau von Stande in der Richtung des Kokottenhaften beeinflußt wird. Zunächst ist es die Hofgesellschaft, die die Lebensgewohnheiten aller guten Gesellschaft bestimmt: Paris — „singe de la cour“, sagt kurz und bündig La Bruyere. Die Hofgesellschaft selber aber steht unter dem beherrschenden Einfluß der jedesmaligen amante en titre des Fürsten. So zieht also die Königsmaitresse tiefe Furchen in den Acker. Sie ist aber vor allem wieder das Vorbild der Stadtmaitresse, der Grande Cocotte. Diese erscheint in ihren Anfängen geradezu als ein Konkurrenzunternehmen gegen den Hof. Ninon de l’Enclos tritt geradezu die Erbschaft der M e de Maintenon an: sie pflegt, als diese alt und fromm wird, die alten Traditionen der Lebensfreude: die Rue de Tournelles nimmt den Kampf mit St. Cyr auf. So muß nun aber auch die anständige Frau der Gesellschaft, will sie nicht völlig ausgeschaltet werden, sich dazu bequemen, wiederum mit der Maitresse in Konkurrenz zu treten. Diese schafft gewisse Mindestbedingungen der Kultur, die jede Dame der Gesellschaft, sei sie so anständig wie sie wolle, dann erfüllen muß. So wird die femme honnete offenbar erst durch die Kurtisane dazu veranlaßt, sich zu waschen. Marieu de Romieu rät in ihren Instructions pour les jeunes Alles (16. Jahrhundert) den Frauen, sich sauber zu halten: sei es auch nur für sich selbst oder für — den Gatten. Die Kurtisane 69 Der „Salon“, mit dem im 17. und 18. Jahrhundert die mondäne Frau ihre größte Macht ausübt, ist wahrscheinlich doch nur eine Fortsetzung der Zusammenkünfte geistreicher Leute, wie wir sie hei den großen Kurtisanen im Cinquecento zuerst in Italien finden. Aber das (für uns in diesem Zusammenhänge) Wichtigste : die Lebensführung der Demi-Mondäne wird auch äußerlich bestimmend für den Lebenszuschnitt der Mondäne (was damals alle Frauen der Gesellschaft waren). Wie selbst heute noch in unserer verbürgerlichten Welt die Dame (ich spreche nicht von den „famosen Menschen“ in Reformtracht, die in einer Dreizimmerwohnung ihr Dasein entfalten) Ausschau hält nach den Toiletten, die die Grandes Cocottes auf dem Frühjahrsrennen in Paris trägt, und wie alle Tollheiten der Mode und des Luxus, der Pracht und der Verschwendung zuerst von den Maitressen durchprobiert werden, ehe sie in abgetönter Färbung von den Damen der Gesellschaft aufgenommen werden: so hat in einer degagierten Zeit, wie der, von der hier die « Rede ist, in der der Bürger noch ganz abseits von der „Gesellschaft“ stand, die Kurtisane natürlich in noch viel höherem Grade den Ton angegeben, auf den das Lehen gestimmt war. Das für die äußere Lehensgestaltung der neuen Gesellschaft im einzelnen nachzuweisen, ist der Zweck des folgenden Kapitels. 70 Viertes Kapitel: Die Entfaltung des Luxus Quellen und Literatur Es ist fast nicht angängig, von besonderen Quellen für die Geschichte des Luxus zu sprechen, da fast jede Geschichtsquelle dabei in Betracht kommen kann. Hauptsächlich wird man zu Rate ziehen: die überlieferten Gegenständlichkeiten, ob Bauwerk, ob Kleidungsstück, ob Gerät; die Haushaltungsbücher und Baurechnungen; die Reiseberichte und Zustandsschilderungen der Zeitgenossen, unter denen eine besonders wichtige (mit großer Vorsicht zu benutzende!) Gruppe die moralisierenden Schriften bilden; für das 16., 17. und 18. Jahrhundert bietet die umfangreiche Memoirenliteratur viel Stoif. Ich werde je an der passenden Stelle auf die wichtigsten Quellen hinweisen. Das Standardwerk der Literatur über die Geschichte des Luxus ist H. Baudrillart, Histoire du luxe prive et public, 2. ed. 4 Vol. 1881. Von ihm gilt, was von so vielen Geschichtswerken zu sagen ist; eine bewundernswerte Leistung, aber man lernt fast gar nichts aus dem Buche. Daneben behalten die Studien Wilhelm Roschers, Über den Luxus (in den „Ansichten der Volkswirtschaft“) und Emanuel Herrmanns, Die Launen der Pracht (in den „Miniaturbildern des Wirtschaftslebens“, 1872) faute de mieux ihre Bedeutung. Vgl. auch noch den Artikel „Luxus“ im Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 3. Aufl. (Theo. Sommer 1 ad) und die daselbst angeführte Literatur. Einen geistreichen Versuch, den Luxus und seine Wandlungen psychologisch-soziologisch zu deuten, enthält das Buch von Thor stein Vehlen, The Theorie of the Leisure Class. 1899 (dann öfters aufgelegt). Neben diesen Werken allgemeinen Inhalts über den Luxus und seine Geschichte hat man die gesamte Spezialliteratur über einzelne Gebiete der Luxusgestaltung zu Rate zu ziehen. Über den Eßluxus unterrichten die zahlreichen (namentlich natürlich in Frankreich erschienenen) gastronomischen „Almanachs“, deren erster aus dem Jahre 1530 stammt. Der zweite, den man kennt, rührt her vom Abbe Claude Cherrier und erschien unter dem Titel „Almanach de la Table ä Paris“. Die meiste Verbreitung hat der „Almanach du Begriff und Wesen des Luxus 71 Comestible“ gefunden, der zuerst 1778 erschien: siehe den Almanach des Gourmands für das Jahr 1904. Für die Geschichte des Bauluxus kommen alle Werke zur Geschichte der Baustile und des Möbels in Betracht; ferner Reisebeschrei- bungen, Beschreibung einzelner Paläste u. dgl. Eine Zusammenstellung solcher Schilderungen enthalten die Dictionnaires des amateurs von P. Bonnaffe. 1884 seg. Für den Kleiderluxus: die Bücher zur Geschichte der Trachten, der Mode; zur Geschichte der Fabrikation und kunstgewerblichen Gestaltung einzelner Kleidungsgegenstände: der Stoffe (Seide!), der Spitzen, des Schmuckes usw. Die wirtschaftliche Seite wird hell beleuchtet in Schriften wie der von Em. Langlade, La marchande de Modes de Marie Antoinette Kose Bertin (s. a.). Viel interessantes Material enthalten die Bücher von Humbert de Gallier, Les moeurs et la vie privde d’autrefois. 1911. Usages et moeurs d’autrefois. 1912. I. Begriff und Wesen des Luxus Luxus ist jeder Aufwand, der über das Notwendige hinausgeht. Der Begriff ist offenbar ein Relationsbegriff, der erst einen greifbaren Inhalt bekommt, wenn man weiß, was „das Notwendige“ sei. Um dieses festzustellen, gibt es zwei Möglichkeiten: man kann es subjektiv in einem Werturteile (ethischer, ästhetischer oder welcher Art immer) verankern. Oder man kann einen irgendwelchen objektiven Maßstab ausfindig zu machen suchen, an dem man es ausmessen kann. Als solcher bietet sich entweder die physiologische Notdurft des Menschen oder dessen dar, was man die Kulturnotdurft nennen kann. Jene ist nur je nach den Klinmten, diese je nach der historischen Epoche verschieden. Man hat es in der Hand, die Grenze der Kulturnotdurft oder des Kulturnotwendigen beliebig zu ziehen (wird aber gebeten, diesen Willkürsakt nicht mit der oben erwähnten subjektiven Wertung zu verwechseln). Luxus hat dann aber einen doppelten Sinn: er kann quantitativ oder qualitativ ausgerichtet sein. 72 Viertes Kapitel: Die Entfaltung des Luxus Luxus in quantitativem Sinne ist gleichbedeutend mit „Vergeudung“ von Gütern: wenn man hundert Dienstboten hält, wo einer „genügt“, oder wenn man drei Schwefelhölzer auf einmal ansteckt, um sich die Zigarre anzuzünden. Luxus in qualitativem Sinne heißt Verwendung besserer Güter. Luxus in quantitativem und Luxus in qualitativem Sinne können sich vereinigen (und sind in Wirklichkeit meist vereinigt). Von dem Begriffe des qualitativen Luxus leiten wir den des Luxusgutes ab, das also soviel wie ein verfeinertes Gut ist. Verfeinerung ist alle Zurichtung der Güter, die für die notdürftige Zweckerfüllung überflüssig ist. Die Verfeinerung kann grundsätzlich in zwei Richtungen sich betätigen: in der Richtung des Stoffes oder der Form. Wie wir beim Luxus oder Luxusaufwand einen absoluten und einen relativen Sinn unterscheiden konnten, so müssen wir dieselbe Unterscheidung für die Substrate des qualitativen Luxus, die Feingüter, treffen. Faßt man die Verfeinerung in absolutem Sinne, so gehört die große Mehrzahl aller unserer Gebrauchsgüter zu den verfeinerten Gütern: denn fast alle befriedigen mehr als die (animalische) Notdurft. Man wird deshalb auch von einem Feinbedarf in einem relativen Sinne sprechen müssen, indem man die bei einem gegebenen Stande der Güterkultur über das Durchschnittsmaß hinausgehende Verfeinerung erst als Verfeinerung im engeren Verstände bezeichnet. Den solchermaßen enger umschriebenen Feinhedarf nennen wir dann wohl Luxusbedarf; die Güter, die zu seiner Deckung dienen, Luxusgüter im engeren Sinne. Luxus in dem nunmehr umschriebenen Sinne von Feinbedarf und seiner Befriedigung dient sehr verschiedenen Zwecken und kann deshalb auch sehr verschiedenen Beweggründen sein Dasein verdanken: ob ich meinem Gott einen goldgeschmückten Altar weihe oder mir ein seidenes Hemd Begriff und Wesen des Luxus 73 kaufe: beide Male treibe ich Luxus, aber man empfindet also gleich, daß diese beiden Akte weltenverschieden sind. Man kann vielleicht jene Weihe einen idealistischen oder auch altruistischen Luxus, diese Anschaffung einen materialistischen oder auch egoistischen Luxus nennen, indem man damit Bestimmung und Beweggrund gleichermaßen unterscheidet. Wenn hier von einer Luxusentfaltung gesprochen wird, so ist nur an die zweite Art von Luxus gedacht: an jenen also, der dazu dient, das persönliche Leben aus selbstsüchtigen Motiven mit „eitlem Tand“ auszustatten. Denn nur diese Art von Luxus ist es, die in der Epoche der Renaissance in weiter Fassung, also in der Zeitspanne zwischen Giotto und Tiepolo, besonders stark zur Entwicklung gelangt. Jedenfalls will ich nur die Entfaltung dieses persönlichen Luxus hier verfolgen, will ich nur seiner Entstehung nachspüren. Aller persönliche Luxus entspringt zunächst aus einer rein sinnlichen Freude am Genuß: was Auge, Ohr, Nase, Gaumen und Tastsinn reizt, wird in immer vollkommenerer Weise in Gebrauchsdingen irgendwelcher Art vergegenständlicht. Und diese Gebrauchsdinge machen den Luxusaufwand aus. Aller Wunsch nach Verfeinerung und Vermehrung der Sinnenreizmittel wird nun aber letzten Endes in unserm Geschlechtsleben seinen Grund haben: Sinnenlust und Erotik sind letzten Endes ein und dasselbe. Sodaß der erste Antrieb zu etwelcher Luxusentfaltung in der großen Mehrzahl aller Fälle gewiß auf irgendwelches bewußt oder unbewußt wirkende Liebesempfinden zurückzuführen ist. Deshalb wird überall dort, wo Reichtum sich entwickelt, und wo das Liebesieben naturgemäß und frei (oder frech) sich gestaltet, auch Luxus herrschen. Während der Reichtum dort, wo das Liebesieben aus irgendwelchem Grunde verkümmert ist, nicht zur Verausgabung, sondern nur zur Vereinnahmung von Gütern: zur Häufung also der Güter und zwar möglichst in ihrer 74 - Viertes Kapitel: Die Entfaltung des Luxus abstraktesten Form: den ungeformten Edelmetallen und dann dem Gelde führen muß. (Was an andrer Stelle, wo ich der Genesis des kapitalistischen Geistes nachspüre, der aus diesem andern Strome gespeist wird, näher darzulegen ist). Ist aber erst einmal zu irgendeiner Zeit Luxus da, so werden nun auch zahlreiche andere Motive rege, die auf seine Steigerung hindrängen: Ehrgeiz, Prunksucht, Protzerei, Machttrieb, mit einem Wort: der Trieb, es dem andern zuvorzutun, stellen sich als wichtige Beweggründe ein. Vehlen in seinem geistvollen Buche über die „nichtstuenden“ Klassen möchte alle Luxus- wie alle Besitzeswertung auf diesen Antrieb: vor dem andern etwas voraushaben zu wollen, zurückführen. Auch einmal zugegeben, dieser Trieb gehöre zu den elementaren Trieben der Menschennatur wie Hunger und Liebe, so bedarf es doch immer noch des Zusammentreffens besonderer Umstände, damit er sich gerade in der Richtung der Luxusentfaltung äußere. Das hat offenbar zur Voraussetzung, daß ein luxuriöses Leben schon da ist, daß also in der Entfaltung von gleichem oder größerem Luxus ein Mittel, jenes Sichzuvortunwollen zu befriedigen, gefunden werden kann. Während in andern Fällen die reine quantitative Überbietung des andern: an Zahl der Sklaven, Größe des Landbesitzes oder des Geldvermögens, Höhe des Ranges oder ähnlichem sich als die geeignete Form, sich hervorzutun, darbietet. Damit aber Luxus als persönlicher, materialistischer Luxus da sei, muß die Sinnenlust rege gewesen sein, muß vor allem also Erotik auf die Gestaltung des Lebens ihren entscheidenden Einfluß ausgeübt haben. Auf unsere Epoche angewandt: alle Bedingungen waren erfüllt, um großen Luxus zu erzeugen: der Reichtum, die freie Gestaltung des Liebeslebens, das Streben einzelner Gruppen der Bevölkerung, sich andern gegenüber zur Geltung zu bringen, das Leben in der Großstadt, die, wie wir sahen, Begriff und Wesen des Luxus 75 vor dem 19. Jahrhundert immer nur ein Zentrum des Genusses war. Aber eine solche Deduktion wäre doch ein wenig blutleer und möchte auch von manchem nicht als beweiskräftig genug angesehen werden. Deshalb will ich in der folgenden Darstellung die Sache umkehren: ich will von der Tatsache ausgehen, daß in den Jahrhunderten seit dem Ausgang des Mittelalters ein großer Luxus geherrscht hat, der sich gegen Ausgang des 18. Jahrhunderts ins Maßlose steigerte, und will sie dann erklären. Es gilt also zunächst, diesen Tatbestand einer großen starken Luxusentfaltung aufzuweisen. Dazu werden wir uns erst einmal der häufig wiederkehren- den Aussagen von Zeitgenossen erinnern, in denen meist geklagt wird über den unerträglich gewordenen Luxus: „Tout le monde est fol, le luxe est poussö ä l’extreme et l’on assure que la moitiö de Paris est ruinö et l’autre moitiö fait mötier de filouter“, schreibt 1787 ein Provinzler aus Paris an seine Frau. „Une des manies les plus tranchöes de ce temps-ci,“ meint M e d’Oherkirk, die alte Tante, „est de se ruiner en tout et sur tout.“ Am packendsten hat uns Mercier den trostlosen Zustand geschildert, in den die Gesellschaft zu seiner Zeit geraten war 61 . Er nennt den Luxus den „Henker der Reichen“: Luxe, hourreau des riches, und zeigt uns nun mit eindringlichen Worten, wie der Reiche vor lauter Übertreibung gar nicht mehr zu einem Genüsse komme: „Die Reize sind nicht mehr befriedigt, sondern abgestumpft, und an Stelle einer pikanten Abwechslung treten bizarre Aufwendungen, die nur den dögoüt mit sich führen; das ist der Grund, warum alles wechselt, die Moden, die Trachten, die Sitten, die Sprache, ohne Sinn und immerfort. Die reichen Leute sind bald an dem Punkte angelangt, nichts mehr zu fühlen. Ihre Einrichtungen sind eine Wechseldekoration; ihre Kleidung eine tägliche Fron, ihre Mahlzeiten eine Parade. Und der Luxus quält sie, glaube ich, wie die Not den Armen quält; das hat 76 Viertes Kapitel: Die Entfaltung des Luxus sich wirklich gelohnt, ihm alles zu opfern: e’ötait bien la peine de lui tout sacrifier! Was die Reichen in Paris quält, ist vielleicht die Verkettung ihrer tollen Ausgaben: sie gehen immer weiter als sie wollen. Der Luxus hat so entsetzlich kostspielige Formen — des formes si horriblement coüteuses— angenommen, daß es schließlich überhaupt kein Vermögen gibt, sozusagen, das er nicht untergräbt. „Jamais siöcle n’a ötö plus prodigue que le nötre.“ Man zehrt seine Einkünfte ganz auf, man verschlingt sein Vermögen, on ötale une sur- abondance scandaleuse, on veut effacer son voisin: man sucht es seinem Nachbar mit skandalöser Übertreibung zuvorzutun . . .“ Und überall dasselbe Bild; fast dieselben Worte: Nie war ein Zeitalter üppiger als das unsere, meint der „Vollkommene englische Handelsmann“ 62 : es grenzt an das Unglaubliche, was für einen Raum der Luxus in unserer Zeit einnimmt: „it is next to incredible, what a share the luxury of the age has . . .“ „Vainity, gaiety and luxury“ beherrschen uns — die „excesses“, die Ausschweifungen, nehmen überhand. „Der Luxus verschlingt alles wie ein Meer,“ urteilt Kochanowski in Warschau, wo ja der Luxus die höchste Vollendung erlebte. „Wenn der allmächtige Gott solchen Regen auf uns herniederfallen ließe, daß, wie viele Tropfen, so viele Dukaten herabfielen und Polen bis an die Knöchel mit ihnen bedeckt wäre, dennoch würde all dieses Geld nicht lange bei uns Vorhalten, sondern so, wie Wasser von den Hügeln und Bergen zu den Strömen und Niederungen ihren Fall haben, nach Breslau, Leipzig, Frankfurt, Berlin, Danzig, Riga und Königsberg für Silbergeschirr, Wagen, Möbel u. dgl. rasch abfließen 63 .“ Aber wir werden uns mit solcherart Zeugenaussagen nicht begnügen, sondern werden versuchen, wirkliche Tatsachen, das heißt also reale Fälle von Luxusgestaltung beizubringen. Ich könnte bei meinen Lesern dieses Wissen voraussetzen Die Fürstenhöfe 77 und setze es auch bis zu einem gewissen Grade voraus. Was ich aber nicht für überflüssig halte, ist der Versuch, nach Möglichkeit eine ziffernmäßig bestimmte Größenvorstellung von der Luxusentfaltung zu geben, da erst die Ziffer hinter dem einzelnen Luxusphänomen und insbesondere hinter einer Masse solcher Einzelphänomene die Bedeutung erkennen läßt, die der Luxusbedarf für die Ausbildung des Marktes gehabt hat (was wir doch vor allem erfahren möchten). Und dann wäre das zweite zu leisten: Nachdem die Tatsache einer großen Luxusentfaltung außer Zweifel gestellt ist, ist nachzuprüfen, in welchem Zusammenhänge diese Luxusentfaltung mit den gesellschaftsbildenden Faktoren steht, die ich in den voraufgehenden Kapiteln geschildert habe: inwiefern insbesondere (das ist ja der Grundgedanke dieses Buches) die Frau, zumal die von Unrechts wegen geliebte Frau, wir können auch sagen: das Weibchen Anteil an der Ausgestaltung des äußeren Lebens in unserer Epoche genommen hat. II. Die Fürstenhöfe Wie alles Leben, so ging auch alles Wohlleben in jener Zeit von den Fürstenhöfen aus: sie sind recht eigentlich die Quelle aller Energien. Und wiederum, wenn wir in die Vergangenheit zurückschauen, um zu sehen, w r o zuerst ein üppig weltliches Treiben aufsprang, bleibt unser Blick auf Avignon haften. L’avara Babilonia . . . ... di vizi empi e rei Tanto che scoppia; ed ha fatti suoi dei Non Giove, e Palla, ma Venere e Bacco . . . Gia Roma, or Babilonia falsa e ria Per cui tanto si piague e si sospira . . . Fondata in casta ed urnil povertate Contra tuoi fondatori alzi le corna Putta sfacciata; e dov’ liai posto spene? Negli adulteri tuoi, nelle mal nate Ricchezze tante? . . . (Son. CVI, CVII.) 78 Viertes Kapitel: Die Entfaltung des Luxus Gewiß war Petrarca, der uns diese und viele ähnliche Schilderungen vom Avignoneser Hofe hinterlassen hat, ein nicht ganz unparteiischer, ein nicht ganz „vorurteilsloser“ Beurteiler; aber daß er im Kern die Sache richtig dargestellt hat, lehren uns andere einwandsfreie Zeugnisse. „Perversos mores in nostram Galliam invexit“ — das Papsttum nämlich, klagt Nicol, de Clamenges, de statu eccl. corrupt. c. 27 64 . Aber das besagt auch noch nicht allzuviel. Ich denke vielmehr z. B. an die zeitgenössische Schilderung 66 der Feste, die man zu Ehren des Papstes Clemens V. veranstaltete, die mit den prachtvollen Worten schließt: „Gli occhi di Nostro Signore si spandeano sopra queste cose (das Bacchanale, in das die üppigen Mahlzeiten auslaufen: die ganze Gesellschaft tanzte durch die Gärten) dilettandosi ne la diversitä de’ nobili solazzi, con quello modo temperato e maturo, che si conviene a tanta santitä . . „Die Augen unseres Herrn schweiften über alle diese Dinge hin, voll Freude über ihre Buntheit und Vergnüglichkeit, mit jener Milde und Reife, wie sie sich für so viel Heiligkeit ziemt.“ Oder ich denke an die Inventarien des päpstlichen Palastes, mit denen uns E. Müntz bekannt gemacht hat 66 . Und finde das Urteil Petrarcas sachlich doch bestätigt. Freilich, um uns eine richtige Vorstellung vom Treiben in Avignon zu machen, müssen wir vor allem auch die zahlreichen Satellitenhöfe der Kirchenfürsten, die neben dem Papste dort residierten, in Rücksicht ziehen: erst die Gesamtheit aller geistlichen Höfe hat wohl den Glanz hervorgerufen, der uns aus den Schilderungen jener Zeit entgegenleuchtet. Denn die Ausgaben des päpstlichen Haushalts selber waren, wie neue Forschungen ergeben haben, gar nicht so übertrieben große: vom 24. Juni 1305 bis 24. April 1307 (beispielsweise, allerdings es ist der Anfang! Aber für die spätere Zeit sind meines Wissens die Ausgabenetats noch nicht publiziert) wurden nur 175317 Goldgulden für Beamte und Dienstpersonal ausgegeben; Die Fürstenhöfe 79 eine Wochenausgabe für Küche, Hofbäckerei, Keller und Marstall beträgt 826 6. 8 den. tur. parv. Im Marstall stehen 135 Pferde 67 . An die hellbelichtete Avignoner Episode reiht sich in unserer Vorstellung unmittelbar an die Glanzzeit des Papsttums in Rom unter der Herrschaft der großen Renaissancepäpste von Paul II. bis Leo X., die, je einer den anderen üherbietend, ein Leben voller Glut und Glimmer entfalten. „Ein heidnisches Wesen überzog die Stadt mit theatralischem Glanze wie in der alten Kaiserzeit. Weltlicher Pomp wurde zum Bedürfnis der päpstlichen Regierung, der verwöhnte Pöbel schrie nach Festen, und man gab sie ihm reichlich.“ (G r e g o r o v i u s.) Mit Paul II. (1464—1471) beginnt das Bacchanale. „Sein Hof war üppig; er seihst sinnlichen Genüssen ganz ergeben.“ Gleichsam als ein Symbol seines eigenen Lehens betrachtete er den Karneval, den er im weltlichen Sinne ausgestaltete. Er führte erst diesen neuen heidnischen Charakter des Karnevals in Rom ein. Sixtus IV. eiferte seinem Vorgänger nach. Unter ihm sind es vor allem die Nepoten, die ihr Leben hier ausleben: sein Sohn Pietro Riario, der über ein Einkommen von 60000 fl. verfügt, verschwendet seinen Reichtum in zwei Jahren. Als die natürliche Tochter des Königs von Neapel im Jahre 1473 nach Rom kam, überstiegen die Feste „an wahnsinniger Verschwendung alles, was bisher in dieser Weise erlebt worden war“ 68 . Madame Leonara konnte Rom mit der Überzeugung verlassen, daß die Welt nichts besitze, was an Schwelgerei dem Hofe eines römischen Nepoten auch nur von fern nahe käme. Vor allem in Festen, öifentlichen Schaustellungen, Empfängen, feierlichen Einzügen kommt der Luxus dieser Zeit zur Entfaltung: 100 000 Menschen versammelten sich am Tage S. Marco des Jahres 1476 auf der Navona, wo Girolamo 80 Viertes Kapitel: Die Entfaltung des Luxus Riario ein Turnier gab. Im Jahre 1478 wurde die Vermählung der Prinzessin v. Urbino und Giovanni Roverez „persico ap- paratu“ gefeiert 69 . Den glanzvollen Einzug des Prinzen Fede- rigo von Neapel beschreibt uns ausführlich Burcardus 70 . Den Höhepunkt aber des weltlichen Glanzes erklomm das Papsttum in dem ewigberühmten Lateranischen Festzug Leos X. am 11. April 1518: 100000 Dukaten hatte der eine Tag gekostet, an dem Hunderte von Künstlern ihr bestes Können opferten 71 . Es war ja die Zeit, in der Raphael Santi wie ein gekrönter Fürst durch die Straßen Roms ritt: von einem stattlichen Gefolge begleitet, das von nie weniger als fünfzig seiner Verehrer, Freunde und Schüler gebildet wurde. Die weltlichen Höfe Italiens, vor allem die von Mailand und Neapel, wetteiferten, wie man weiß, in der Entfaltung weltlichen Glanzes mit denen von Rom. Über den Luxus, der an diesen Höfen damals getrieben wurde, unterrichtet das Tagebuch, das Andrö de la Vigne, der Sekretär Annas von Bretagne, auf der Reise mit Karl VIII. durch Italien aufgezeichnet hat: Le Vergier d’Honneur 72 . Aber für die Geschichte des höfischen Luxus (ebenso wie für die Geschichte der Höfe überhaupt) wurde doch recht eigentlich die Tatsache bedeutsam, daß die französischen Könige die Erbschaft der italienischen Fürsten auch in allem antraten, was Lebensauffassung und Lebensführung betraf : Catharine von Medici war die Mittlerin, nachdem schon vor ihr das Haus der Valois in Karl VIII. und Ludwig XII. seine starke Hinneigung zur italienischen Kultur in ihrer ganzen Politik, wie man weiß, betätigt hatte. Denn damit — das ist das Entscheidende — wuchsen die äußeren Möglichkeiten einer Luxusentfaltung in dem Verhältnisse, wie Frankreich größer war als die italienischen Fürstentümer. Die letzten Valois verausgabten für ihren Haushalt doch schon erheblich mehr als selbst die reicheren Staaten Italiens an öffentlichen Gesamteinnahmen hatten. Für Die Fürstenhöfe 81 das Ende des 15. Jahrhunderts veranschlagte man 73 die Einkünfte von Venedig auf höchstens Neapel Mailand „ „ Florenz „ „ Kirche . . 1000 000 Goldflorin . . 600000 „ . . 600000 . . 300000 . . 200-260000 „ Diesen Ziffern stehen gegenüber die P /2 Mill. Scudi, die Franz I. (oder Heinrich II.) für ihre Hofhaltung aufwenden konnten. Der venetianische Gesandte (Marino Cavalli), dem wir diese Schätzung verdanken 74 , fügt der Ziffer die Bemerkung hinzu: „Wenn Ihr den Hof von Frankreich sähet, würdet Ihr Euch über eine so hohe Ausgahesumme nicht wundern. Er unterhält für gewöhnlich 6, 8, 10 bis 12 000 Pferde. Seine Verschwendung (prodigalitä) kennt keine Grenzen. Die Reisen vermehren die Ausgaben mindestens um ein Drittel, wegen der Menge Maulesel, Karren, Sänften, Pferde, Diener, die er dazu benötigt, und die das Doppelte wie gewöhnlich kosten.“ Ein anderer Gesandter schätzte die Suite, die dem König folgte, auf 8000 Pferde 75 . Die Verteilung der IV 2 Mill. Scudi (die etwa 10 Mill. Fr. heutiger Währung entsprechen) auf die einzelnen Ausgaben war (nach derselben Quelle) die folgende: 100000 für Wohnungszwecke, 150000 für Jagd, 100000 für Feste, 100 000 für Kleidung und Geschenke, 200 000 für den Hofstaat des Königs, 300 000 für den Hof halt der Königin. Da es lehrreich ist, die Entwicklung der einzelnen Ausgaben zu verfolgen, so teile ich noch eine Aufstellung aus einem andern Gesandtschaftsbericht mit, die, soviel ich sehe, bisher nicht beachtet worden ist 76 . Im Jahre 1542 belief sich die Gesamtausgabe des Königs von Frankreich auf 5 788000 1. (das Livre turn, hat von 1541 —1560 den Metallwert von 3,34 Fr. heutiger Währung). Sombart, Luxus und Kapitalismus 6 82 Viertes Kapitel: Die Entfaltung des Luxus Davon sind Luxusausgaben: Haushalt (mangiare) des Königs.Liv. 85000 Marstall. 80000 Goldene und seidene Gewänder zu Geschenkzwecken . „ 50000 Hofstaat (Camerieri etc.). . 190 000 Haushalt (vivere) der Königin.„ 140 000 Falkenjagd.„ 60 000 Schloß in Chambord (das bis jetzt 400000 1. gekostet hat) „ 30000 Schloß in Fontainebleau.. 50 000 Taschengeld des Königs (Al re in contanti quanto gli pare e piace). 500000 Geschenke. 500000 Einkäufe des Königs zu seinem Vergnügen, wie Schmucksachen u. a...„ 160 000 Außerordentliche Ausgaben, deren Bestimmung man nicht kennt (Spese extraordinarie che non si sanno) . . . „ 400 000 Menus plaisirs. 750000 Liv. 2 995 000 In den Menus plaisirs, fügt der Gesandte hinzu, stecken die Ausgaben, von denen der König nicht wünscht, daß man sie weiß, wie die für Weiber usw. Unter Heinrich IV. gehen die Ausgaben für Luxuszwecke eher zurück. Er gibt dafür im letzten Jahre seiner Regierung folgende Beträge aus 77 (wobei das Livre turn, auf etwa den doppelten Metallwert des heutigen Frank anzusetzen ist): für Stallungen. . Liv. 261 590 n Hofstaat des Königs . . . . n 435 538 n Silbergeschirr. . „ 197 334 Y) kleine Ausgaben .... . „ 162180 n Jagd. . „ 88 670 r> Hofstaat der Königin . . . „ 541439 Bauten. . „ 633 298 Reisen. . „ 107185 Geschenke. . „ 85 798 n Einkäufe. . „ 71575 Liv. 2 584607 (also etwa 5—6 Mill. Fr. heutiger Währung). Die Fürstenhöfe 83 Von da ab steigen die Ausgaben Jahr für Jahr: in der letzten Regierungszeit Ludwigs XIV. kulminiert die Entwicklung. Die Etats für die Jahre von 1680 bis 1715 zeigen annähernd dasselbe Bild. Ich greife beliebig ein Jahr (1685) heraus 78 . (Das Livre gilt von 1676—1700 1,48 Fr. heutiger Währung.) Hofstaat des Königs.Liv. 606 999 Chambre au denier.„ 1 618 042 Argenterie (darunter wurden im wesentlichen die Ausgaben für die kgl. Toilette, Preziosen usw. verstanden) „ 2 274253 Kleine Vergnügungen (menus plaisir).„ 400 850 Ankauf von Pferden.„ 12 000 Marstall.„ 1045 958 Geschenke.„ 313 028 Haushofmeisterei (Prevote de l’Hotel).„ 61050 Jagd (Venerie, Fauconerie, Louveterie).„ 388319 Hofhaltung von Monsieur.„ 1 230 000 Hofhaltung von Madame.„ 252 000 Belohnungen.„ 160437 „Taschengeld“ des Königs (Comptant du Roi) ... „ 2 186 748 Bauten des Königs.„ 15 340 901 Geheimfonds^(Affaires secretes).„ 2 365 134 Reisen. „ 558 236 Liv. 28 813 955 Also: rund 29 Mill. Fr. für die persönlichen, das heißt überwiegend Luxusausgaben des Königs bei einem Gesamtetat (Brutto) von 100 640 257 Liv. Was für Riesensummen unter solchen Umständen den Luxusgewerben zuflossen, tritt noch deutlicher in die Erscheinung, wenn man einzelne Ausgaben für sich betrachtet. Obenan steht natürlich der Bauluxus. Über die Ausgaben für die königlichen Bauten sind wir aber auch auf das beste unterrichtet: wir besitzen die genauen und vollständigen Baurechnungen der französischen Könige von 1664 bis 1779, in denen jede Ausgabe auf Heller und Pfennig gebucht ist. Das in diesen Registern enthaltene Material ist eine unglaublich wertvolle Quelle für die Wirtschaftsgeschichte, die bisher, soviel ich sehe, überhaupt noch nicht benutzt, geschweige denn 6 * MM. -iMiL, - •*>#§<_ '.i»sr‘»rc .. 84 Viertes Kapitel: Die Entfaltung des Luxus ausgeschöpft ist, obwohl wir eine musterhafte Ausgabe der Rechnungen von 1664 bis 1775 besitzen 79 . Levasseur und andere französische Wirtschaftshistoriker kennen und zitieren diese Publikation zwar, scheinen aber gar nicht zu ahnen, was sich alles aus ihr lernen läßt. Ich kann in diesem Zusammenhänge natürlich auch nur ganz wenig von dem überreichen Stoffe verwerten, der eine gründliche Bearbeitung verdiente: für eine Geschichte wichtiger Zweige des Handwerks und des gewerblichen Kapitalismus im 17. und 18. Jahrhundert kann man bei geschickter Benützung aus dieser Quelle allein das nötige Rohmaterial entnehmen. Trotzdem in den ganzen fünf Großquartbänden das Wort „Zunftordnung“ nicht vorkommt. Oder vielleicht gerade deswegen. Hier teile ich zunächst die Gesamtziffern der Ausgaben für die königlichen Bauten und der einzelnen Hauptposten mit, um von der Größe des Konsums eine Vorstellung zu geben. Insgesamt wurden für die königlichen Bauten während der Regierungszeit Ludwigs XIV. ausgegeben: 198957 579 1. 14 s. 11 d. (Das sind, da in dieser Zeit das Liv. tur. zwischen 1,22 und 1,63 stand, rund 300 Mill. Fr. heutiger Währung.) Weit mehr als die Hälfte dieser Summe wurde in den ersten 27 Regierungsjahren verausgabt, nämlich: 1664—1680 73977 269 1. 14 s. 5 d. 1681—1687 57657 478 „ 6„2„ Der Löwenanteil der ganzen Summe entfällt natürlich auf Versailles, das mit den Gärten und Wasserkünsten etwa 100 Mill. Fr. gekostet hat (die früher angenommenen Ziffern von 6—700 Mill. Fr. sind also stark nach oben abgerundet). Wie sich die Ausgaben auf die einzelnen Posten verteilen, können wir aus den Zusammenstellungen entnehmen, die der Herausgeber in dankenswerter Weise gemacht hat. Die Fürstenhöfe 85 Von der Gesamtsumme wurden z. B. verwandt: für Ankäufe in den Manufakturen und von Händlern. 1 730 206 1. 10 s. 2 d. „ Ankäufe in der Man. des Gobelins (Möbel) 4 041 068 „ 2 „ 7 ., „ große Silberscbmuckstücke. 2 245 289 „ 14 „ 10 „ „ Ankauf von Marmor, Blei und Zinn. . 3 790 446 „ 16 „ 2 „ Die eigentlichen Bauarbeiten sind für die erste Epoche (1664—1680) im einzelnen in der Gesamtsumme angegeben und weisen folgende Beträge auf (für die Schlösser Versailles, Louvre und Tuilerien, St. Germain, Fontainebleau, Vincennes, Trianon, Clagny und Marly): Maurerarbeiten. Zimmerarbeiten. Dacbdeckerarbeiten. Bleiarbeiten (Plomberie). Scblosserarbeiten. Tischlerarbeiten. Malerarbeiten. Bildhauerarbeiten. Glaserarbeiten. Fußbodenarbeit (Pave). Gartenarbeit. Erdarbeiten (fouilles). Verschiedenes. Außerordentliche Ausgaben (Parties extra- ordinaires). Insgesamt 1664—1680 17 300 995 1. 8 S. i d. 2 334108 n 11 n 2 fl 826148 » 10 fl 5 fl 2 268 087 n 19 n 7 fl 1 878 242 n 8 » 4 » 2 087 541 n 5 fl 10 fl 2 877 875 n 16 n 3 fl 2 041 321 a 11 » 6 fl 289 524 11 fl 11 fl 729 738 fl 16 » 10 fl 2 306 003 » 19 n 1 fl 3 791 064 » 18 fl 9 fl 350 104 » 12 a — fl 4 456 733 a 6 fl 9 » 43 537 491 i i . 16 s, . 6 d. Das Silbergeschirr, das der französische Hof besaß 80 , wurde 1689 und 1709 größtenteils eingeschmolzen: 1689 ergab es 82322 Mark 5 unz. 9 gr., was einem Münzwert von 2505 637 1. 4 s. 9 d. gleichkommt. Welcher Reichtum und welche Pracht in den Möbeln der königlichen Schlösser zur Entfaltung kamen, ersehen wir jetzt aus den Veröffentlichungen der Inventare, die auch mit Abbildungen reichlich geschmückt sind 81 . Eine Auszählung ergibt beispielsweise, daß allein an vollständigen großen gewebten Wandbehängen (tentures complötes) 334 in den 86 Viertes Kapitel: Die Entfaltung des Luxus Schlössern Ludwigs XIV. vorhanden waren, die aus 2600 Teppichen und 140 Einzelstücken bestanden, daß aus der Manufactures des Gobelins 822 Stücke oder 101 Wandbehänge (tenture) dorthin geliefert waren. Einige Aufträge aus dem Jahre 1669 zeigen Möbelstoffen getrieben wurde 814 : An die Herren Duc & Marsollier, Kaufleute, für 64 Ellen Gold- und Silberbrokat, zu 138 1. 10 s. die Elle, und für 44 Ellen Gold- und Silber- Silberbrokat ponceau und grün, die Elle zu 1331. 5 s., die sie Sr. Majestät geliefert haben . . . An dieselben für Brokate aus Lyon. An dieselben 70701., nämlich: 4090 1. für 62 Ellen Gold- und Silberbrokat, violetter Fond, lyoneser Fabrikat, zu 66 1. die Elle, und 2979 1. 10 s, für 259 Ellen karmoisinroten Damast, touroneser Fabrikat, die Elle zu 11 1. 10 s. An Herrn Reynon für Gold- und Silberbrokat . . An Herrn Marcelin Charlier für Samte und Brokatelle den Luxus, der in 16 545 1. 5 s. 22155 „ 70 716 1. 18 s. 11 d. 5 572 „ 5 „ Den Einrichtungen der Schlösser entsprach der Glanz der Gewänder, die in diesen zur Schau getragen wurden. Man lese die Schilderungen der Feste im „Mercure galante“, wo ein L. P. des 17. Jahrhunderts jede einzelne Toilette der Hofgesellschaft ausführlich beschreibt! 82 Ludwig selbst trug ein Gewand, das für 14 Millionen Fr. Brillanten enthielt. Als Ludwig XIV. eines Tages die in Paris angelegte Spitzenmanufaktur besichtigte, kaufte er für 22000 1. Spitzen ein 83 . Der Kleiderluxus am französischen Hofe steigerte sich während des 18. Jahrhunderts unausgesetzt weiter und erreichte einige Jahre vor der Revolution seinen Höhepunkt. Wir sind genau unterrichtet über den Kleideretat der Marie Antoinette 88 a : Im Jahre 1778 betrug das Garderobengeld der damaligen Kronprinzessin 120000 1. Diese Summe blieb wohl auch später gleichsam das Ordinarium, das aber Jahr für Jahr durch größere Summen überschritten wurde. Die Ausgabe für Toiletten beträgt: Die Fürstenhöfe 87 1780 .... 194118 1. 17 s. 1781 . . . . 151290 „ 3 „ 1782 .... 199509 „ 4 „ 1787 . . . . 217187 „ — „ Von da ab gehen die Ausgaben zurück. * * * Und das Weibchen? Hat es Anteil — und welchen? — an dieser raschen Steigerung der Luxusausgaben? Bei den italienischen Fürsten, bei den französischen Valois braucht man nicht lange zu fragen: man weiß, daß sie nur den Frauen zu Liebe lebten. Aber Ludwig XIV., der doch recht eigentlich erst den Luxus ganz großen Stiles schafft: ist es bei ihm nicht viel eher Machtdünkel und Prunksucht, die ihn beherrschen und zur Luxusentfaltung Anlaß geben? Nein: gerade bei Ludwig XIV. können wir, ich möchte sagen, aktenmäßig den Einfluß seiner Geliebten auf die Gestaltung seines äußeren Lebens verfolgen: die Liebe zur La Valliöre hat Ludwig XIV. zur Erbauung von Versailles getrieben: auf seines Vaters kleinem Jagdschloß von Versailles hatte er die ersten Rendezvous mit ihr gehabt: „Dort auf dem Waldhügel sollte die Geliebte ihres Herrn Zauberschloß aufsteigen sehen.“ Mit der Liebe zur La Valliere beginnen die großen Feste am Hofe: die Aufführungen von Ariosts Zaubergeschichten, les plaisirs de l’tle enchantöe, worin der König den Roger spielte. Von 1674—1680 wird das Schloß von Clagny, das 2 Mill. Fr. kostet, errichtet: die Caprice einer Favoritin. Und immer, wenn eine neue Geliebte Ludwigs Herz gefangen nimmt, bricht eine neue Flut von Luxus hervor: eine ist immer verschwenderischer als die andere bis zu der M lle Fontanges, die die Goldstücke durch alle Fenster schleuderte, die monatlich 100000 öcus verbrauchte und sich wunderte, als man dies Verschwendung nannte. Daß der französische Hof im 18. Jahrhundert ganz von den Maitressen beherrscht und das Hof- 88 Viertes Kapitel: Die Entfaltung des Luxus leben von ihnen bestimmt wird, ist bekannt. M me de Pompadour wird mit ihrem Geschmack zur Beherrscherin der gesamten Lebensgestaltung: „Nous ne vivons plus que par M me de P. Carosses ä la P., habits en drap couleur ä la P., ragoüts ä la P., cheminöes, miroirs, tables, sophas, chaises ä la P., even- tails, ötuis, curedents ä la P.“ schreibt ein Zeitgenosse. M me de Pompadour ist die Vertreterin der gesamten Kultur des Ancien rögime, sie ist vor allem auch die Vertreterin des Geschmacks und der äußeren Lebensgestaltung. Sie greift persönlich in den Gang des Wirtschaftslebens ein, um dieses in ihrem Sinne zu gestalten. Sie ernennt ihren jungen Bruder, den sie zum Marquis de Marigny gemacht hat, zum Generaldirektor aller Bauten, Gärten, Künste und Manufakturen, nachdem sie ihn zum Studium vorher nach Rom geschickt hatte. M me de Pompadour baut Schlösser nach ihrem Willen: das Petit-Chäteau, das von Bellevue, dem sie le Taudis (Brimborion) anfügte. Sie verschönerte Choisy. Sie zeichnet selbst den Plan der Galerie des Schlosses von Bellevue, das Vanloo, Boucher, Brunetti mit ihrem Pinsel ausschmücken und für das Couston das Standbild Ludwigs XV. meißelt. Dort gibt sie prächtige Feste, für die sie die Kostüme vorschreibt, die ihre Gäste tragen sollen, und die sie ihnen zum Geschenk macht. Ein solches Kostüm kostete 14000 1. Sie gab 600452 1. für die Gästewäsche im Schlosse von Choisy aus. Und ihr gesamter Verbrauch erreichte Summen, über die niemals eine Königin verfügt hat. Sie gibt in den 19 Jahren ihrer Herrschaft für ihre persönlichen Bedürfnisse nachweislich 36327 268 1. aus 84 . Der Marquise de Pompadour steht die Comtesse Du Barry nicht nach. Nach der gewissenhaften Berechnung Le Rois verzehrt sie seit, dem Augenblicke ihres Emporstiegs 12481803 1. 11 d. Davon entfallen 6427 803 1. 11 d. auf die Zahlungsanweisungen, die sie während der Jahre ihrer errschaft (1769—1774) für den Bankier Baujon ausschreibt: Die Fürstenhöfe 89 der Abbö Terray hatte bekanntlich durchgesetzt, daß die Schecks der Favoritin als „bons du Roi“ von dem Hofbankier jederzeit honoriert würden. Marie Antoinette ist dann die letzte Grande Cocotte, die über den französischen Hof herrscht und für die weitere Steigerung der Luxusausgaben (bis in den Anfang der 1780er Jahre hinein) Sorge trägt; die Ziffern, die ich oben mitteilte, legen deutlich Zeugnis dafür ab, daß man auch als legitime Königin sehr wohl in den Bahnen der großen Maitressen wandeln kann. Man darf auch nicht vergessen, daß Marie Antoinette in ihren glücklichsten Jahren (als Kronprinzessin) die gefährliche Konkurrenz der Du Barry und ihres Anhangs zu bestehen gehabt hat. Eine unschätzbare, wertvolle Quelle, um die Luxusentfaltung durch das Weibchen im ausgehenden Zeitalter des Frühkapitalismus sich zum Verständnis zu bringen, sind die vollständig erhaltenen Rechnungen der M me du Barry (aus denen wieder mehr nationalökonomische Erkenntnis zu schöpfen ist als aus einem Dutzend ewig gleicher Publikationen von Zunftordnungen oder Regierungserlassen!). Hier sind einige Stellen daraus: Die Summen, die Baujon auf die Anweisungen der Favoritin auszahlte, fanden folgende Verwendung: I Goldschmiede. 313 328 1. 4 s. Juweliere (Jouailliers) . . . 1808 635 n 9 ft dgl. (Bijoutiers) . . . . 158800 5) — n 2 280 763 l. 13 s. II Seidenwaren. . 389 810 l. 15 S. Spitzen. n 6 ff Modes. . 116 818 rt 5 ff Kurzwaren. . 35 443 » 14 V) 758 061 i. — s. 3 d. III Möbel. . 24 398 i. 18 s. Gemälde, Vasen. . 91519 n 19 n 115 918 1. 17 d. 90 Viertes Kapitel: Die Entfaltung des Luxus IV Schmiede. Sticker (brodeurs) . . . V Equipagen. Pferde. Fourrages. VI Vergolder. Bildhauer. Vergolder (nochmals) . . Gießer (fondeurs) . . . Marmorarbeiter . . . . Tischler und Schlosser . 60 322 1. 10 s. 471 178 „ - „ 531 500 1. 10 s. 67 470 1. 1 s. 57347 „ - „ 131 627 1. 1 s. 78 026 1. — s. 95 426 „ — „ 48875 „ 12 „ 6 d. 98000 „ - „ 17 540 „ 8 „ 10 „ 32 240 „ 8 „ — „ 370 108 1. 9 s. 4 d. VII Frühere Arbeiten in Luciennes 111475 1. 6 s. 9 d. Gartenanlagen. 3 739 „ 19 „ — „ Neue Arbeiten. 205 638 „ 16 „ 8 „ Gartenanlagen .... . . 3 000 „ — „ — „ 323 854 1. 2 s. 5 d. (Die übrigen Ausgabeposten sind persönlicher Natur: Geschenke usw., und interessieren uns hier nicht.) Einzelne besonders kostbare Luxusgegenstände weisen folgende Preise auf: eine Staatstoilette aus weißem Samt kostet. . . 12000 1., die Garnierung einer andern. 10 500 „ andere Toiletten kosten 9000 1., 5840 1., 2400 1., 7600 1. usw. Ein Ameublement von 12 Fauteuils kostet 7200 1., eine Ottomane dazu 2400 1. Das Bett in Luciennes kostet 5945 1. Eine Uhr kostet 5400 1., eine Tabaksdose 576 1., 15 Kaffeeservietten aus Mousselin 2251.; ein Goldrahmen um ein Porträt der Frau Gräfin (es ist das bekannte, das sie als Muse darstellt) kostet 2250 1. Besonders kostspielig sind auch in diesem Haushalt die Porzellansachen: ein Sövresservice kostet 214381., ein anderes, das die Komtesse ihrem Schwager schenkt, 4856 1. Ein Gobelin, erfahren wir, kostete die Geviertelle 488 1. 5 s., also beispielsweise Vanloos Neptun und Amimonne 3534 1. 14 s. 5 d., Bouchers Venus und Vulkan ebensoviel. Die Fürstenhöfe 91 Die Originalrechnungen findet man unter den Mss. der Nationalbibliothek Suppl. frans. 8157, 8158. Sie sind in der Hauptsache veröffentlicht von den Goncourts im Anhang zu ihrem Buche über die Du Barry. * * * Eine kurze Zeitspanne hindurch hat der Glanz am spanischen Hofe vielleicht den der französischen Hofhaltung in den Schatten gestellt: sagen wir von der Erschließung der Silberminen Potosis und Guanaxuatos an bis in die Regierungszeit Philipps IY. hinein war Madrid der Schauplatz einer unerhörten Prachtentfaltung, und der spanische Stil wurde, wie man weiß, seitdem vielfach zum herrschenden. Die Einnahmen, auf denen diese pompöse Lebensgestaltung ruhte, waren noch unter Philipp III. bedeutend. Nach deu Schätzungen des venetianischen Gesandten Tomaso Contarinis betrugen sie 16 Mill. Duk. (also etwa 150 Mill. Fr.). Die Richtigkeit dieser Schätzung wird bestätigt durch die Ergebnisse einer Untersuchung, die Heinrich IV. anstellen ließ (um die Hilfsquellen seines Gegners zu erforschen); diese ergab eine (Netto-)Einnahme von 15 658000 Duk., während noch etwa 5 Millionen hei den Vizekönigen, Steuereinnehmern usw. hängen blieben. Freilich: ein recht erheblicher Teil dieser Summe diente zur Verzinsung der Staatsschuld (die aber natürlich auch im wesentlichen der Luxusentfaltung zugute kam, wie wir noch sehen werden). So daß nach einer Aufstellung des Grafen Lerma vom Jahre 1610 nur 4487 350 Duk. zur Verfügung des Königs blieben, von denen nicht ganz eine Million für die Hofhaltung verwandt wurde 86 . * * * Hinter Frankreich und Spanien folgt (in Westeuropa) unmittelbar England. Hier bildet den Höhepunkt des höfischen Glanzes die Regierungszeit der Stuarts, die ja in den französischen Königen ihr Vorbild sahen. Wir haben einen Abglanz von der Pracht des Hofes unter diesen Fürsten in den 92 Viertes Kapitel: Die Entfaltung des Luxus Bildern Yan Dyks, Peter Lelys, Huysmans, die uns die geckenhaften Männer und die schönen stolzen Frauen in den herrlichen Brokat- und Atlasgewändern mit den schweren Barockfalten gemalt haben. Die Schilderungen der Zeitgenossen, wie sie etwa das Journal von Pepys enthält, entsprechen sehr wohl dem Bilde satter Lebensfreudigkeit, das die Gemälde dieser Künstler in uns wachrufen. Es gemahnt uns an den großen Ludwig, wenn wir von Karl I. hören, der 24 Schlösser so vollständig ausstattete, daß er aus einem in das andere reisen konnte, ohne sich mit Gepäck zu belasten, oder von Jakob I., der für die Hochzeit seiner Tochter 93278 £ ausgibt, während wir dann wieder den Abstand gegen Frankreich gewahr werden, wenn wir von Karl II. erfahren, wie er weh- und demütig dem Hause der Gemeinen das Versprechen ablegt, in Zukunft weniger verschwenderisch zu sein als bisher, damit er mit seiner Zivilliste endlich einmal reichen möge. Der respektable Bürger mag in solchen Augenblicken Morgenluft gewittert haben: eine neue Welt, die Welt, in der der Geist der auskömmlichen Wohlanständigkeit herrschen sollte, kündigte sich an. Aber auch der Oranier liebte den Glanz an seinem Hofe 86 , und das Haus Hannover hat in seinen beiden ersten Vertretern ihnen nachgeeifert. Die Summen, über die die englischen Könige verfügten, reichen nicht an diejenigen heran, die Ludwig XIV. dem Lande abpreßte; sie waren immerhin für jene Zeiten ansehnlich genug und stellen eine recht erhebliche Nachfrage nach Luxusartikeln dar. Im Jahre 1549 betrugen die Ausgaben für den königlichen Haushalt ICO 000 £, schon fünfmal soviel als unter Heinrich VII. In den nächsten beiden Menschenaltern verfünffachten sich diese Ausgaben noch einmal. Nach der Restauration erhielten die Könige eine Zivilliste bewilligt, und seitdem können wir ihren Aufwand ziffernmäßig genau verfolgen 87 . Die 1200 000 £, die für Karl II. ausgesetzt Die Fiirstenhöfe 03 wurden, sind freilich nie ganz bezahlt worden, so daß der arme Karl, der soviel brauchte, immerfort in Geldnöten lebte. Sein Etat für 1675/76 war auf 462115 SS in der Ausgabe bemessen worden. Wilhelm III. hat während seiner Kegierungszeit vom 5. November 1688 bis 25. März 1702 insgesamt <£ 8880506 — 2 — 9 für seinen und seines Hofes Bedarf verausgabt; Queen Anne in den folgenden 12 Jahren 7 604848 SS im Jahresdurchschnitt also 586900 SS (während ihre Zivilliste 700000 SS betrug, von einem Gesamt-[Friedens-]Budget von 1965605 SS). Die Zivilliste unter den beiden ersten Georgs schwankt zwischen 8 und 900 000 SS, sie steigt mit Georg III. auf 923196 SS. Daß auch in England der Luxus am Hofe ein Luxus der Maitressen und für die Maitressen war, lehrt die intime Geschichte dieses Hofes. Seit es einen Hof in England gibt, gibt es auch Königslieben, von deren Neigung zur Prachtentfaltung und zum Wohlleben wir sehr gut unterrichtet sind. Wir erinnern uns der Barbara Palmer, der Keroualle (der Ludwig XIV. selbst den Hof macht, als sie nach Paris kam, so daß man von ihr wohl mit Hecht gesagt hat, ihr seidenes Taillenband habe 15 Jahre lang England und Frankreich zusammengehalten); wir erinnern uns der Catherina Sedley, der Baronin von Darlington, der Gräfin von Dorchester und so mancher anderen Amante en titre der Stuarts; wissen aber auch, daß sich der zum Könige gewählte Kurfürst von Hannover Georg Ludwig seine Geliebten gleich mitbrachte, die er dann in England zur Gräfin von Arlington und Herzogin von Kendel machte; daß selbst Georg II. seinen Bedarf an Maitressen aus Anhänglichkeit an die alte Heimat noch in Hannover deckte, und daß er eine Frau von Wallmoden in eine Gräfin von Yarmouth umwandelte. 94 Viertes Kapitel: Die Entfaltung des Luxus Die ganz ähnlichen Verhältnisse an den deutschen Fürstenhöfen, unter denen Sachsen, Hannover, Württemberg die luxuriösesten waren, oder auch in den östlichen Ländern zu schildern, hat keinen Zweck, da diese Höfe für den Gang der wirtschaftlichen Entwicklung längst nicht die entscheidende Bedeutung erlangt haben wie die der westlichen Staaten. Besonders hervorheben will ich nur die Aufwendungen für Porzellan, dessen Herstellung seit Anfang des 18. Jahrhunderts auch in Europa gelang und Veranlassung zu einer der ersten großen Industrien wurde: dank vor allem der massenhaften Bestellungen, zu denen geradezu ein Wahnsinn die Fürsten trieb. Man lese etwa die folgende Bestelliste des sächsischen Hofes vom 25. Februar 1732 88 : „Specificatio, was in dem kgl. holl. Palais zu der neuen forderen Gallerie in der Oberen Etage von Porcellain erfordert wird . . 30 Aufsätze Stücken von 6 Garniduren 266 einzelne Vasen differenter Facon 198 Stück allerhand groß und kleine Thiere 198 dgl. . . . Vögel 48 Terrinen mit Deckel 170 Stüc k Schüsseln 910 Stück. Aber auch der arme Preußenkönig bestellt für 283679 Tlr. 4 Gr. Porzellan bei der Meißener Manufaktur. III. Die Nachfolge der Kavaliere und der Protzen Der Luxus, den der Hof trieb, verbreitete sich allmählich über alle die Kreise, die ihr Ideal im Hofe erblickten oder mit dem Hofe irgendwie in Beziehung standen; das waren aber, wie wir getrost sagen können, alle reichen Leute, die nun von demselben Streben nach weltlichem Glanze ergriffen wurden, wie es die höfischen Kreise beherrschte. Wir können Die Nachfolge der Kavaliere und der Protzen 95 'genau verfolgen, wie geradezu ein Zwang zum Luxus vom Könige ausging, namentlich von Ludwig XIV., von dessen Einfluß auf die Gesellschaft uns ein in diesen Fragen gewiß einwandfreier Augenzeuge wie folgt berichtet: „II aima en tout la splendeur, la magnificence, la profusion, il la tourna en maxime par politique et il l’inspira ä toute sa cour. C’ötait lui plaire que de s’y jeter en tables, en habits, en öquipages, en bätiments, en jeu . . . C’est une plaie qui, une fois introduite, est devenu le cancer intörieur qui ronge tous les particuliers, parce que de la cour il s’est promptement communiquö ä Paris, dans les provinees et les armöes, ob les gens en place ne sont contös qu’ en proportion de leur table et de leurs magnificences . . . Par la folie des gens, eile va toujours croissant; les suites en sont infinies, et ne vont a rien qu’ ä la ruine et au renversement gdnöral.“ Saint Simon, Möm. t. VIII de l’öd. Hachette, p. 125/26. Man schaute, zumal in Frankreich, zu dem Könige auf wie zu einem Gotte: Ludwig wurde zum arbitre du goüt für Paris: — „Paris — pour l’ordinaire singe de la cour“ meint La Bruyöre —; für die Provinz; für Europa. Wie Man- sart haute, wie Le Nötre die Gärten anlegte, wie Lebrun die Möbel zeichnete, wie Rigaud malte: so wollte jeder, dem die Mittel es erlaubten, seine Häuser bauen, seine Gärten anlegen, seine Einrichtung gestalten, sich malen lassen. Man weiß es ja. Aber der Prozeß der Verweltlichung hätte sich gewiß nicht so schnell vollzogen, die Entfaltung des Luxus wäre nicht in so kurzer Zeit ins Unermeßliche gewachsen, wenn neben dem Hofe nicht ein anderer wichtiger Quell aufgesprungen wäre, aus dem in breitem Strom Genußsucht, Lebensfreudigkeit und eitler Prunksinn sich über die Welt ergossen hätten: wenn nicht ein ganz intensives Luxusbedürfnis bei den Nouveaux riches, deren Werdegang wir kennen gelernt haben, wie eine verheerende Krankheit ausgebrochen wäre. Ihren Einfluß auf die Umgestaltung des 96 Viertes Kapitel: Die Entfaltung des Luxus Lebensstils, vor allem ihre Mitwirkung bei der quantitativen Ausweitung des Luxusbedarfs, müssen wir nun verfolgen. * * * Es ist eine Erscheinung, die in unserm Kulturkreise immer wiederkebrt, daß Leute aus dem Volke, die schnell zu Reichtum kommen, diesen Reichtum vorwiegend zu Luxuszwecken verwenden. Und die Zusammenhänge, die dieser Erscheinung zugrunde liegen, lassen sich unschwer feststellen: es ist auf der einen Seite die Unfähigkeit der natürlichen und rohen Menschen, dem Leben andere Freuden als materielle abzugewinnen, wie sie vor allem aus einer reichen Ausstattung mit Genußgütern fließen; sie ist auf der andern Seite der brennende Wunsch, sich neben der durch Vornehmheit abgeschiedenen Gesellschaft eine geachtete Stellung zu erobern, was den reich gewordenen Krämer oder Lakaien zur Luxusentfaltung antreibt. (Wenn er nicht den entgegengesetzten Weg, auf dem wir ihn ein anderes Mal verfolgen werden, einschlägt und „geizig“ wird.) Die beiden Triebkräfte, die allen Luxus erzeugen: Ehrgeiz und Sinnenfreude sind hier gemeinsam am Werke, um den Protzenluxus zu entwickeln. Und deshalb wird in der Geschichte der Weg des Reichtums durch ebensoviele Etappen der Luxusentfaltung bezeichnet: von dem ersten Auftauchen bürgerlicher Emporkömmlinge an. Diderot hat sicher nicht richtig beobachtet, wenn er die Meinung äußerte, daß die reichgewordenen Knoten früher bescheiden im Verborgenen gelebt und erst zu seiner Zeit ihre Reichtümer zur Schau gestellt hätten; wenn er sogar denjenigen glaubt mit Namen nennen zu können, der als einer der ersten mit seinem Reichtum durch Luxusentfaltung geprotzt habe: Bonnier. Zu Dantes Zeit begegnen wir schon den verschwenderischen Knallprotzen: wie jenem Giacomo da Sant Andrea, der Die Nachfolge der Kavaliere und der Protzen 97 silberne und goldene Geräte in den Fluß warf oder Gebäude in Brand setzte, um die festliche Stimmung zu erhöhen, gab es eine Menge, die ähnlich lebten und eine ganze Gesellschaft von Verschwendern bildeten 89 : die brigata godericcia oder spendericcia. „La gente nuova e i subiti guadagni Orgoglio e dismisura han generato Fiorenza in te, st che tu giä ten piangi“j (Inf. 16, 73—75) zitiert ja schon jeder „Historiker“ von Florenz. Nicht einmal für Frankreich hatte Diderot recht. Oder sollen wir den Jacques Coeur im 15. Jahrhundert, den reich gewordenen Geldgeber, der Palais in Paris, Lyon, Tours und sieben anderen Orten besaß, sollen wir die Semblanqay, sollen wir Thomas Bohier, den Erbauer von Chenonceaux im 16. Jahrhundert nicht zu den Protzen rechnen? Wollen wir vor allem die reichgewordene Kanaille des 17. Jahrhunderts, die, wie Ludwig XIV. selbst sagte, einen „frechen Luxus“ trieb, vergessen? Die Ludwig in den Mund gelegten Worte sind außerordentlich lehrreich; er spricht 90 von „Gens d’affaires, qui d’un cötö couvraient leurs malversations par toutes sortes d’artifices et les döcouvraient de l’autre par un luxe insolent et audacieux, comme s’ils eussent craint de me les laisser ignorer (!)“. Schließlich gehört doch auch Fouquet, der Obergauner, zu dieser Sorte; er, der 20—30 Millionen Francs für Luxuszwecke vergeudete (davon allein 18 Millionen Francs für sein Schloß in Vaux), wie uns Colbert (der übrigens selbst keineswegs den Aufwand großen Stils verschmähte) mit Entrüstung in seiner Denkschrift über Fouquet vorrechnet. Den innigen Zusammenhang, der zwischen dem Emporkommen der Roture und der Ausweitung des Luxusbedarfs besteht, können wir ganz genau verfolgen, wenn wir uns die Etappen gegenwärtig halten, in denen die Leute, „quos virtus Somhart, Luxus und Kapitalismus 7 98 Viertes Kapitel: Die Entfaltung des Luxus aut Fortuna e faece hominum extulit 91 “, in größeren Mengen auftauchen. Diese Etappen bilden ebensoviele Schichten in dem Aufbau des modernen Luxus: in dem wir also ebenso wie in der Geschichte des Reichtums die italienische Epoche des 14. und 15. Jahrhunderts, die deutsche des 15. und 16. Jahrhunderts, die spanisch-holländische des 17. Jahrhunderts und die französisch-englische des 18. Jahrhunderts unterscheiden können. Für unsere Betrachtung hat die größte Bedeutung immer der ungeheure Ruck, den die europäischen Völker seit dem Beginne des 18. Jahrhunderts in der Richtung des „Wohlstandes“ und vor allem des Wohllebens vorwärts tun: in dieser Periode spielen die Richards schon eine sehr wichtige Rolle. Die entscheidende Wandlung bestand wohl eben darin, daß in jener Zeit, namentlich seit 1720, der Luxus immer weitere Kreise ergriff. Wir können das aus den Haushaltungsbüchern ersehen, deren viele aus jener Zeit uns erhalten sind: man empfindet um die Mitte des 18. Jahrhunderts in den oberen Schichten den Abstand gegen das 17. Jahrhundert ebenso deutlich in den reichen Ländern, wie wir Deutsche etwa den der heutigen Zeit gegen die Jahre vor 1870: „on a bien de la peine ä s’entretenir aujourd’hui avec ce qui reste“ 92 : solche Klagen (deren ich in einem anderen Zusammenhänge schon mehrere angeführt habe) begegnen uns häutig. Und wir werden uns über die darin zutage tretenden Ansichten nicht wundern, wenn wir erfahren, daß ein großer Teil der großen Vermögen, die in jener Zeit erworben wurden (ich habe einige Proben von den Einkoinmensverhältnissen im 18. Jahrhundert gegeben: siehe den 2. Abschnitt des 1. Kapitels), in Luxusausgaben vertan wurden. D’Epinay gibt von 1751—1755 1500000 1. aus. Roussel verputzt 12 Millionen, Dupin de Che- nonceaux 7—8, Savalette 10, Bouret 40. Der Graf von Artois, der Nachbar des reichen Faventenös, meinte: „Je voudrais bien faire passer chez moi un bras de ruisseau d’or qui coule de son Die Nachfolge der Kavaliere und der Protzen 99 rocher.“ „Onnefitplusdecapitaux.“ Man trieb vielmehr „Luxus“: in Möbeln, Bauten, Kleidern. Die Magazine der Rue St. Honorö, die damals mit den schönsten Stoffen Frankreich und das Ausland versorgten, waren im Jahre 1720, als der Goldregen über Paris niederging, in wenigen Tagen geleert. „On n’y trouve plus de velours, d’ötoffes d’or; mais on fabrique partout.“ Duhautchamp, dem wir diese Schilderungen verdanken, beschreibt uns den Anblick der Straßen, die von Toiletten in den verschiedensten Farben, mit herrlichen Stickereien geschmückt, aus goldenen und silbernen Geweben hergestellt, angefüllt waren. * * * Ein Punkt, der mir für die Entwicklung der modernen Gesellschaft von großer und allgemeiner Bedeutung zu sein scheint, ist nun die Tatsache, daß die reichen Emporkömmlinge, die nichts besitzen als ihren Mammon, und die keine andere Eigenart haben, die sie auszeichnen könnte, als die Fähigkeit, mit ihren großen Mitteln ein üppiges Leben zu führen; daß diese Parvenüs ihre materialistische und mammonistische Weltauffassung auch den alten vornehmen Familien mitteilen, die sie dadurch in den Strudel des Wohllebens mit hineinreißen. Ich habe in dem Kapitel meines „Modernen Kapitalismus“, das von der Vermögensbildung handelt, die Verarmung des Adels alseine der Quellen der Bereicherung für die bürgerlichen Geldgeber angeführt und habe dort gezeigt, wie dieser Prozeß der Verwandlung feudaler Vermögen in bürgerliche seit den Kreuzzügen unausgesetzt in allen Ländern Europas sich vollzieht. Hier muß nun ergänzend hinzugefügt werden, daß einer der häufigsten Gründe, weshalb die alten Geschlechter verarmen und homines, quos fortuna e faece extulit an ihre Stelle treten, der Drang gewesen ist, jenen bürgerlichen Protzen es an Luxusaufwand gleichzutun: diese Verleugnung der alten, vornehmen Traditionen führte entweder zum wirtschaftlichen Untergang der 7 * 100 Viertes Kapitel: Die Entfaltung des Luxus alten Familien oder zu den ,honteuses alliances 1 mit den reich gewordenen Finanzbaronen, von denen wir ebenfalls schon Kenntnis genommen haben: das Zwischenglied in dieser Entwicklung, das uns an dieser Stelle interessiert, war meist die Verweltlichung, die Vermaterialisierung der adligen Geschlechter. Daß die ,Subiti guadagni 1 der Turcarets diese Wirkung hervorgebracht haben — und sie sind vor allem an dieser Wandlung schuld, die freilich durch den Einfluß des Hofes, wie wir schon sahen, unterstützt wurde — das scheint mir, wie gesagt, ein Ereignis von ganz besonderer Tragweite zu sein. Dieser verhängnisvollen Neigung des Adels, mit den Pfeffersäcken in der Luxusentfaltung Schritt zu tun, begegnen wir in allen Ländern zu allen Zeiten, in denen plötzlich der bürgerliche Reichtum an Umfang zunimmt. So hören wir von Deutschland im 15. Jahrhundert schon: „Stutzertum und Brutalität zugleich wurden Kennzeichen des Ritters.“ Der Kleiderprunk wurde ein Hauptgrund seiner Verschuldung. „Von der Costlichkeit der Cleider kommt es vil her,“ äußert ein Sittenprediger, „daß es abwärts get mit dem Adel in deutschen Landen; sie wollen prunken als die riehen Kaufleute in den Städten tun . . . aber sie liant das Geld nit, was jhene han ... So kommen sie in große schulden und verfallen dem Wucher der Juden und Christenjuden und müssen ihr Gut verkaufen ganz oder zum Teil.“ So verkaufte eine Witwe von Heudorf für ein geringes Geld das Dorf Göppingen an der Ablach, um sich bei Gelegenheit eines Turniers einen blauen Sammetrock anschaffen zu können. (Wir erleben ja bei uns jetzt erst das Ende dieser Entwicklung, durch die der Adel den materialistischen Anschauungen der Roture unterworfen ist: heute sind es die letzten schwächlichen Versuche der paar letzten vornehmen, alten Familien, dem allgemeinen mammonistischen Zuge der Zeit zu entgehen: es erscheint uns heute fast schon wie Die Nachfolge der Kavaliere und der Protzen 101 Donquichotterie, wenn wohlmeinende Wortführer des armen Adels ihre Standesgenossen vor den Gefahren des Luxus warnen, der die alte Anschauung von Vornehmheit wie Motten ein wollenes Gewebe bis auf wenige Fetzen aufgezehrt hat.) In Frankreich beginnt der Zersetzungsprozeß des Adels offenbar etwas später. Sully, der, selbst ein Edelmann von altem Schrot und Korn, seine Zeit immer etwas zu schwarz sieht, klagt, daß während der letzten Menschenalter die rasch erworbenen Vermögen der Finanzpächter und Geldgeber ihren verheerenden Einfluß auf die herrschenden Klassen zu üben angefangen hätten. Seine denkwürdigen Worte mögen hier ihren Platz finden, weil sie eine der wichtigsten Wendungen der neueren Geschichte in klassischer Form uns vor Augen stellen 93 : „Rien n’a plus contribud ä pervertir parmi nous l’idee de la pro- bite, de la simplicitd et du ddsintdressement ou ä tourner ces vertus en ridicule; rien n’a plus fortifie ce panchant malheureux au luxe et ä la mollesse, naturel ä tous les hommes , mais qui devient chez nous une seconde nature par le caractere de vivacite, qui fait que nous attachons tout d’abord avec fureur ä tous les objets qu’on offre ä notre plaisir, rien en particulier ne clegrade si fort la Noblesse Frangaise que ces fortunes si rapides et si brillantes des Traitans et autres gens d’affaire; par l’oppinion trop bien fondde, qu’elles ont repandue, qu’il n’y a presque plus en France que cette voie pour parvenir aux bonneurs et aux premieres places, et qu’alors tout est oublie, tout est permis.“ Daß es im 17. und 18. Jahrhundert mit der alten vornehmen Gesinnung in allen Ländern rasch bergab ging, haben uns die Vorgänge zur Genüge deutlich gezeigt, die ich im 3. Abschnitt des 1. Kapitels dargestellt habe. Was hier nur hervorgehoben werden sollte, war die Tatsache, daß dieser Gesinnungswechsel dem großen Luxusstrome, den wir bis zu seinen Quellen verfolgen wollten, neue Wasser Zufuhren mußte. * * * Ist nun auch der Seigneur vielleicht erst durch den Parvenü oder den Hof zu einem luxuriösen Leben verleitet 102 Viertes Kapitel: Die Entfaltung des Luxus worden, so ist er es doch, der dem Luxus in unserer Periode den Stempel aufdrückt, wodurch jene Zeit allen reich gewordenen Schweinemetzgern und Geldmenschen zum Trotz sich als eine aristokratische von unserer Zeit deutlich abhebt. Während der ganzen Zeit: von der Eroberung Konstantinopels durch die Venetianer bis zur Erfindung der drei Walzen Pauls, trägt der Luxus, können wir getrost sagen, insofern ein einheitliches Grundgepräge, als seine Natur höfischaristokratisch ist. Vom Hofe oder von der Aristokratie (die eine solche bleibt trotz der Zufuhr von Plebejerblut) wird der Ton angegeben: bald mehr vom Hofe, wie im 17. Jahrhundert (Frankreich), bald mehr von der „Gesellschaft“, wie im 16. und 18. Jahrhundert (Italien-England). Aber immer bleiben diese beiden Elemente die einzigen Träger der Luxuskultur. Diese Kreise, in denen aller Luxus zur Entfaltung kommt, heben sich — in ihrer eigenen Vorstellung und in der der anderen — scharf ab gegen die bürgerliche Welt, gegen das Pack, auch wenn in diesem etwa schon recht ansehnliche Vermögen sich angesammelt hatten. Aber der Westender und der Cityman: der Kavalier und der Rundkopf, wenn auch nicht mehr im alten politischen, so doch in einem scharf geprägten sozialen Sinne, unterscheiden sich selbst in England bis gegen das Ende des 18. Jahrhunderts. So urteilen alle guten Beobachter. „Die Westlondoner werden von den City-Bewohnern wegen ihres Müßigganges, ihrer Üppigkeit, unordentlichen Lehensart und ihrem Hange zu französischen Sitten durchgezogen, die diesen Spott aber in reichem Maße erwidern und einen City-Engländer als ein unhöfliches plumpes Tier schildern, das sein Verdienst bloß im Gelde sieht.“ Archenholtz 1, 164. „When I consider this great city in its several Quarters and Divisions, I look upon it as an Agregate of various Nations distinguished from each other hy their respective Customs, Manners and Interests. The Courts of two Countries do not so much difi'er from one another, as the Court and City in their peculiar ways of Life and Conversation. In short, the inhabitants of St. James, notwithstanding they live under Die Nachfolge der Kavaliere und der Protzen 103 the same Laws and speak tlie same language, are a distinct People from those of Cheapside, who are likewise removed from those of the Temple on the on side and those of Smithfield on the other, by several Climates and Degrees in their way of Thinking and Conversing together.“ The Spectator No. 483. 12. Juni 1712. Wenn also Chateaubriand von seiner Zeit sagt: „la cour et la ville, les gens de lettres, les öconomistes et les encyclopödistes, les grands seigneurs et les gentilshommes, les finaneiers et les bourgeois, se ressemblent: tömoin les mdmoires qu’ils nous ont laissös“ — so kann das immer nur richtig gewesen sein für die „saure Cream“ der Gesellschaft: die „Schlippermilch“, wie Goethe den „Mittelstand“ nennt, zählte noch nicht mit: der „Bürger“, ob Klein- ob Großbürger, stand abseits. Seigneurial bleibt vor allem der ganze Zuschnitt des Lebens. Alles, was Geld heißt und Geldeswert hat, wird verachtet. Wirtschaft führen, Ausgabe und Einnahme in ein richtiges Verhältnis bringen, gilt als bürgerlich und wird angestellten Haushofmeistern überlassen. Wozu hat man Leute, wenn man sich selbst um den Haushalt kümmern soll. Das Leben macht keine Freude mehr, wenn man sich mit den Vorbereitungen abquälen muß. Das und das braucht man, man weist die Summen dem Rendanten an: mag der sehen, wie er sie beitreibt. Ob er sie den Lieferanten schuldig bleibt: was macht es. Krämergesinnung ist es, zu wähnen, daß die Rechnungen da sind, um bezahlt zu werden. Krämergesinnung ist es nicht minder, bei irgendeiner Ausgabe zu erwägen, ob man sie sich gestatten dürfe oder nicht. Diese seigneuriale Verachtung jeder geordneten Wirtschaft ist nun aber auch allen Spekulanten eigen: die Hautefinance zumal berührt sich in diesem Punkte mit dem alten Adel: sie führt auch eine Ausgabe-, keine Einnahmewirtschaft wie dieser. Ihr fallen große Summen über Nacht in den Schoß und machen es ihr möglich, spielerisch in den Tag hineinzuleben. Man wird am nächsten Mittag schon durch einen glücklichen Coup all das wiedergewinnen, was man in einer 104 Viertes Kapitel: Die Entfaltung des Luxus Nacht verpraßt hat. Die Hautefinance steht in ihrer Wirtschaftsführung dem Krämer, der die Pfennige berechnet, ebenso ferm wie die Feudalaristokratie. Sie kennt auch ebensowenig wie diese den Begriff des „Sparens“. Alle diese spezifisch kleinbürgerlichen Anschauungen, die sich dann auch in der Bourgeoisie verbreiten, sind den reichen Schichten der frühkapitalistischen Epoche noch fremd. Wenigstens jenen Schichten, die wir für den Luxuskonsum dieser Tage verantwortlich machen können. Dieser also ist, das wollte ich sagen, durchgehends, auch wo er von den Turcarets getragen wird, seigneurial. Ein paar Beispiele werden verdeutlichen, was ich meine. Da steht vor uns, wie er leibt und lebt, der famose Bassompiöre, geradezu ein Typus seiner ganzen Kaste, von dem wir folgendes Geschichtchen erfahren 94 : auf einem Feste trägt er ein Kostüm in drap d’or, geschmückt mit Palmen, bedeckt mit Perlen, deren Gewicht er selbst auf 50 Pfund angibt (seigneurial: das Repräsentativ-Pomphafte: siehe die Darstellung weiter unten S. 107). Dies Kostüm kostete 14000 öcus, davon 700 für die Fagon (Macherlohn). Als Bassompiöre es bestellte, verlangte sein Schneider 4000 öcus Angeld, die B. ihm — verspricht. Darauf geht er soupieren und spielen (mit 700 öcus in der Tasche). Er gewinnt 5000 Taler, mit denen er am nächsten Morgen (in einer Anwandlung von Schwäche) seinen Schneider bezahlt. Dann spielt er weiter und gewinnt in den nächsten Tagen den ganzen Rest der Schneiderrechnung zusammen und 11000 Taler dazu. Von diesen kaufte er sich für die Hälfte (5500) einen Degen mit Diamanten besetzt, das andere verwendet er für seine menus plaisirs. Spieler : 95 Orry de Falvy verliert an einem Abend 600000 1., Dapin de Chenonceaux an einem Abend 700000 1., de la Haye an einem Abend 800000 1. (bei M me de Genlis gegen M. de Föneion!); ein Sohn von Paris La Montagne bei Die Nachfolge der Kavaliere und der Protzen 105 einer Partie Quinze 80000 Taler; der Graf Jean Du Barry (der Typus des verlumpten Grand Seigneurs im 18. Jahrhunderts) verliert in einer Sitzung 7000 Louis und rühmt sich, bei der fünften Million angelangt zu sein. 1717 gab es 62 „Spielhöllen“ in Paris. Verachtung des Geldes und alles Geldwerten 96 : Der Marschall Richelieu wirft eine volle Börse zum Fenster hinaus, weil sein Enkel, dem er sie geschenkt hatte, sie voll zurück- brach te: draußen wird sie wenigstens ein Straßenkehrer finden. Der Prinz von Conti zerstampft einen Brillanten, den ihm seine Geliebte (weil ein Geschenk ganz einfach ausbedungen war) zurückschickte, und streut den Staub über die Tinte, mit der er die Antwort niederschreibt (der Brillant war 4 bis 5000 1. Geldes wert). Der Marschall von Soubise gibt 200000 fr. aus für einen Tag, den der König bei ihm verbringt. M me de Matignon zahlt jährlich 24000 1., um täglich eine neue Coiffure zu haben. Derselbe Prinz von Conti, den wir den Staub eines kostbaren Edelsteins über ein Billet doux schütten sahen, litt schließlich Not an Brot und Holz bei einer Rente von "600000 1., weil er für allerlei Luxusgegenstände sein Geld auszugeben für richtiger fand. Schulden werden gemacht: M me de Guömenöe schuldet 60000 1. ihrem Schuster. Der Herzog von Lauzun, nachdem er das Vermögen, das ihm 100 000 Taler Rente brachte, aufgezehrt hat, macht 2 Millionen Lire Schulden. Einen sehr hübschen Einblick in die Wirtschaftsführung der vornehmen Leute jener Zeit eröffnen die Rechnungsbücher der Rose Bertin, die uns Emile Langlade jetzt erschlossen hat 97 . Als sie Anfang der 1790er Jahre ihre Außenstände einziehen ließ, ergaben sich folgende Forderungen: an die Marquise de Bouille für die Jahre 1774—86 6791 1. „ Gräfin de Salles 1778—81 1148 „ 106 Viertes Kapitel: Die Entfaltung des Luxus an Graf und Gräfin Duras für die Jahre 1774—89 7386 1. „ den Grafen Aug. de Lamarck.„ „ „ 1774—75 1558 „ „ den Chev. de Saint Paul „ „ „ 1778 1343 „ Außerdem schuldeten (seit langen Jahren): die Vikomtesse de Polastron 19960 1., die Prinzessin von Kochefort 109041., die Marquise de Tonnerre 10946 1. usw. usw. Insgesamt betrugen die Außenstände der großen Schneiderin , die ihre Kundschaft nur in den ersten Kreisen hatte, 490000 fr. * * * Aber auch die Richtung, in der sich der Luxusaufwand bewegte, wurde durch den Seigneur bestimmt. Wir lernten schon den Kleiderluxus bei Hofe kennen: er ist aber ein echtes Kennzeichen seigneurialer Lebensführung überhaupt. Nichts unterschied so sehr den Kavalier von dem Rundkopf als die elegante Kleidung, die der Zeit entsprechend aus Samt, Seide, Goldstickerei und Spitzen bestand und dementsprechend sehr kostbar war, und zwar gleichermaßen für Mann wie Frau. Über den Kleiderluxus im 15. und 16. Jahrhundert unterrichten uns am besten die Garderobeninventare, deren uns eine ganze Reihe erhalten ist: so von der Valentina und Elisabetta Visconti, der Bianca Maria Sforza, der Lucrezia Borgia u. a. Lucrezia beispielsweise hatte in ihrer Aussteuer 50 Kleider in Brokat, Samt mit Stickerei und Spitzen: 150 Maultiere trugen ihre Kleidung und Wäsche, als sie aus Rom auszog 98 . Für alle Zeit bieten uns die Kunstwerke eine gute Quelle dar, um den Kleiderluxus zu ermessen, ebenso Schilderungen von Festen, Aufzügen usw. So entwirft z. B. Burcardug in seinem Tagebuch (worauf ich schon hinwies) von dem Einzug des Prinzen Federigo von Neapel in Rom (1492) folgendes Bild: „Die einzelnen ritten überaus prächtige Pferde, alle in Goldbrokat gekleidet, Kleinodien von großem Wert auf der Brust, auf den Baretten und Hüten. Der Prinz tiug ein Gewand von violettem Samt, die Halskette aus Perlen und Edelsteinen im Wert von 6000 Dukaten, einen Gürtel nebst Schwert im gleichen Wert, der ganze Zügel mit Perlen und Edelsteinen besetzt im Werte von 3000 Dukaten und das ganze Pferdegeschirr vorn und hinten vergoldet.“ 107 Die Nachfolge der Kavaliere und der Protzen Die Renaissancetracht steigert sich in die Barocktracht, diese verfeinert sich zum Rokoko. Wir wissen, wie beispielsweise in England im 17. Jahrhundert die elegante Kleidung des Kavaliers geradezu als ein Standesabzeichen angesehen wurde. Damals brachte die herrschende Mode eine besonders ausgesprochene Eleganz mit sich: die hohen Reiterstiefeln werden mit kostbarem Stoff gefüttert und mit Spitzen besetzt. Auch die Kleider des Mannes bestehen zum großen Teil aus schweren Seiden- und Samtstofl'en. Van Dyck! Und welch ein Aufwand wurde getrieben! Der Herzog von Buckingham besaß (1625) 27 kostbaie Anzüge aus Samt, Seide, Spitzen, Perlen usw., von denen jeder etwa 35000 Francs gekostet hatte. Der Festanzug, in dem er auf der Hochzeit Karls I. erschien, hatte die Summe von 500000 Francs verschlungen (Weiß). Ein Edelmann und seine Frau gaben im 17. Jahrhundert in Frankreich ein ganzes Drittel ihres Einkommens für Kleidung aus; für Toilette und Equipage fast die Hälfte: 5000 Livres von 12000". Im 18. Jahrhundert steigerte sich der Kleiderluxus eher noch: er ging mehr ins Feine, ins Raffinierte. Der Durchschnittspreis des eleganten Herrenanzugs war 1200—1500 1. Wer auf sich hielt, hatte 6 Sommer-, 6 Winteranzüge. Festkleider der Männer kosteten bis 15 000 1. Feines graues Tuch: 70—80 1. die Elle (Barbier). Auch der Luxus in feiner Wäsche — dieser spezifisch erotische Luxus — entfaltete sich jetzt erst recht. Der biedere Verfasser des Complete English Tradesman entrüstet sich sehr darüber, daß der gewöhnliche „beau“ seiner Zeit, „our nicer geutleman“, „the ordinary beau“ Hemden aus Leinen die Elle zu 10 oder 12 sh. trüge und sie zweimal am Tage wechsele! Zu Großvaters Zeiten habe man sich mit halb so teuerem holländischem Leinen begnügt und habe das Hemd vielleicht zweimal in der Woche gewechselt. Der Stutzer heutzutage, setzt unser Gewährsmann boshaft hinzu, wird wohl so viel schmutziger am Körper sein als die Vorfahren, deshalb muß er die Wäsche so oft wechseln: „we may suppose their unclearer bodies require it more than those of their ancestors did 10 °.“ Das Repräsentative, das Prunkhafte ist das Seigneuriale in der Luxuseutfaltung: pompöse Kleidung, vergoldete Staatskarossen, betreßte Dienerschaft, die in großen Mengen gehalten wird: diese außerordentlich zahlreiche Bedientenschar 108 Viertes Kapitel: Die Entfaltung des Luxus ist abermals ein Zug von seigneurialem Luxus. Sie ist der Rest der alten Gefolgschaft: in ihr tritt uns die personale Natur des seigneurialen Luxus entgegen, die wir bei allem früheren Luxus überwiegen finden. Wir kennen die Klagen, die Adam Smith gegen diese „Unsitte“ seinerZeitgenossen erhebt, so viele „unproduktive“ „Hände“ zu beschäftigen, die doch alle so schön Garn spinnen könnten. Die Zustandsschilderungen, die wir aus jener Zeit besitzen, bestätigen die Richtigkeit der Tatsache, die Ad. Smith zu seinen Klagen Anlaß gaben. D e f o e, dem diese seigneuriale Art auch ganz und gar zuwider war, erzählt uns, daß ganz gewöhnliche Londoner Kaufleute, very ordinary tradesmen, mindestens zwei, oft mehr weibliche Dienstboten, manche sogar einen Diener, auch deren zwei halten; in einem besonderen Falle hat die Kaufmannsfrau fünf Dienstmädchen und einen Diener. Die blauen Livreen dieser Krämerdienstboten seien so häufig geworden, daß man sie „tradesmen liveries“ nenne und daß „the gentlemen“ die Farbe bei ihren Dienern vermieden 101 . So allgemein war dieser seigneuriale Luxus geworden, daß er bei der Roture an der Tagesordnung war; wie stark mußte er bei den Kavalieren entwickelt sein! Wir werden uns nicht wundern, wenn wir von einem englischen Lord hören, der 100 Stallknechte hatte 102 . Manchmal allerdings setzen uns die Riesenziffern der Dienstboten doch in Erstaunen: der Duc de Nevers hält 146, die Pontchartrain 113, der Duc de Choiseul 400 (davon 54 in Livree) 103 , M me de Sevignö 104 30—40. Natürlich ahmten die Protzen diesen Herrenluxus geflissentlich nach: bei einem reich gewordenen Landschaftsmaler, einem „Mississipien“, finden wir 90 Diener 106 , und Mercier berichtet uns ganz allgemein 1063 : „Dans teile maison de fermier-göndral vous trouverez 24 domestiques portant livröe, sans compter les marmitons, aides-cuisines et 6 femmes de chambre pour madame ..." Die Nachfolge der Kavaliere und der Protzen 109 Von einem Turearet erzählt er uns, den vier Diener umgeben, wenn er seine Schokolade einnimmt. * * * Endlich ist nun aber auch inhaltlich das Wesen des Luxus dieser ganzen Periode aristokratisch, und zwar nicht nur in dem negativen Sinne, daß er der großen Masse nicht zugänglich, daß er beschränkt ist auf einen kleinen Kreis Auserwählter. Positiv aristokratisch (wie man sprechen möchte) ist der Luxus jener Tage durch die Vornehmheit der Gestalt, die er überall annimmt, selbst bei dem letzten Knallprotzen, weil er eben unter das Joch des guten Geschmacks, der immer nur bei den wenigen ist, gezwungen wird. Er ist „distinguiert“, jener Luxus: immer rein ästhetisch, rein formal orientiert. Die Periode umspannt ja vier Stilarten: Gotik, Renaissance, Barock und Rokoko. Aber alle diese Stile sind vornehme Stile, sind Herrenstile, sind vor allem „Stile“ und unterscheiden sich dadurch scharf von dem Stil unserer Zeit, der die Stillosigkeit ist, und der damit das Merkmal des Plebejischen an der Stirn trägt. In das England des 18. Jahrhunderts ragt so etwas wie ein „bürgerlicher“ Stil hinein, hie und da klingt schon ein plebejischer Ton an: Muther will in den Porträts von Reynolds und Gainsborough schon diese neue Note entdecken und glaubt damit England von Frankreich unterscheiden zu können; aber mir scheint doch, daß gerade in diesen beiden Porträtisten die durchaus aristokratische Natur jener Zeit zum deutlichen Ausdruck kommt. Gewiß ist M rs Siddon auf dem Bilde von Gainsborough in Straßentoilette dargestellt: „einen großen Hut auf dem Kopfe, den Muff in der Hand, keinen Perlenschmuck, sondern ein einfaches Seidenband um den Hals.“ Gewiß. Aber doch! Eine Welt trennt sie von jeder Dame unserer Zeit und trennte sie von den Frauen der City-Men ihrer Tage ganz gewiß. Ist der Blue Boy nicht recht eigentlich HO Viertes Kapitel: Die Entfaltung des Luxus das Sinnbild jener letzten Stunden der aristokratischen Kultur? Hogarth ja: da kommt das „unhöfliche plumpe Tier“ zum ersten Male (seit der kurzen holländischen Plebejerepisode) zu Worte. Aber zu der Welt, die für die Entfaltung von Luxus allein in Betracht kam, gehörte er noch nicht. * * * Und das Weibchen? Wir wissen, daß die Maitressenwirtschaft namentlich im 18. Jahrhundert durchaus allgemein innerhalb der guten Gesellschaft war: „Quel est l’homme qui n’a pas de maitresses?“ ruft ein Philosoph jener Zeit ganz naiv aus: da können wir ohne weiteres, wenn wir jetzt von der Verschwendung dieser selben Kreise hören, darauf schließen, daß ein gut Teil davon auf das Konto der illegitimen Liebe zu setzen ist und daß der Rest von den legitimen Gattinnen verschuldet war. Von einigen der großen Kurtisanen haben wir ziffernmäßige Belege für ihre Verschwendungssucht. Von der „liebenswürdigen Deschamps“ sagt der Advokat Carsillier in einem Plaidoyer: „Ihr Luxus setzt ganz Paris in Erstaunen. Die Bergwerke von Golconda sind für sie erschöpft worden. Das Geld sproßt unter ihren Tritten auf.“ Viele und gerade die Geliebten der großen Finanzleute (wie z. B. die M me Petitpas und M rae Dufresne, die Maitressen des steinreichen La Mosson) waren durch ihren frechen Luxus, ihren „luxe insolent“ in Paris bekannt. Und in der Tat: enorme Summen glitten durch ihre Händchen. Die Geliebte eines anderen Granden der Finanzwelt, Maison rouge, eine Tänzerin der großen Oper, preßt aus ihrem Geliebten heraus 106 : 210000 1. für Gebäude und Einrichtungen, 150000 1. für Schmuck, 50 000 Taler für Gemälde und Silbergeschirr. Der junge Chauvelin macht für die Tänzerin M lle Minos Schulden in Höhe von 1600140 1. 19 s. 11 d.; St. James, Schatzmeister der Marine, schenkt der Müe de Beauvoisin Der Sieg des Weibchens 111 für 1500000 bis 1800000 1. Schmuck und andere Wertgegenstände und setzt ihr eine Jahresrente von 20000 Talern aus. 10000 1. (2000 öcus) ist eine „normale“ Monatsgage für die „besseren“ Kurtisanen 107 . Aber ich möchte den engen Zusammenhang, der zwischen der Luxusentfaltung jener Zeit und der Vorherrschaft des Weibchens (ob es verheiratet war oder nicht, bleibt sich gleich, wenn es nur Weibchen war) obwaltet, noch deutlicher aufweisen, als es die allgemeinen Erwägungen und der Hinweis auf die Verschwendung einzelner Huldinnen gestatten, indem ich mehr ins einzelne gehe und die Luxusentfaltung nach ihrem wichtigsten Inhalte verfolge: so gewinnen wir auch einen klareren Einblick noch in die mannigfachen Möglichkeiten des Luxus unter dem Ancien rögime und können deutlicher noch erkennen, wie von den einzelnen Luxusausgaben oder besser von der Häufung der einzelnen Fälle der Luxusbetätigung die Fäden hinüberreichen nach den ersten Gebilden kapitalistischer Organisation auf dem Gebiete des Handels und der Industrie. IV. Der Sieg des Weibchens Ich habe vorhin die gemeinsamen Züge, die aller Luxus der frühkapitalistischen Epoche trägt, aufgewiesen. Jetzt möchte ich darauf aufmerksam machen, daß der Luxus in diesen fünf bis sechs Jahrhunderten auch Wandlungen erlebt, und möchte zeigen, wie sehr an diesen Wandlungen die Frauen (wie wir sie nun kennen gelernt haben) schuld sind. Wir betrachten zunächst: 1. Die allgemeinen Entwicklungstendenzen des Luxus (wohlgemerkt: des Luxus in dieser ganz bestimmten historischen Periode, sage von 1200 bis 1800, die es nur ein einziges Mal in der Weltgeschichte gegeben hat. Alle Bemühungen, allgemeine Epochen des Luxus zu bilden, wie es etwa Roscher 112 Viertes Kapitel: Die Entfaltung des Luxus versucht hat, sind eitel; von den Tolpatschen ganz zu schweigen, die mit der schlechtverstandenen „materialistischen Geschichtsauffassung“ in so delikate Zusammenhänge, wie es die Erscheinungen des Luxus sind, hineingreifen). Solcher Entwicklungstendenzen unterscheide ich folgende: a) Tendenz zur Verhäuslichung. Der meiste mittelalterliche Luxus war öffentlicher, nun wird er privater; er wurde aber auch als privater weit mehr außerhalb des Hauses entfaltet wie in dem Hause: jetzt wird er immer mehr in das Haus, in die Häuslichkeit verlegt: die Frau holt ihn zu sich herein. Ehedem (noch zur Zeit der Renaissance) Turniere, Schaugepränge, Aufzüge, öffentliche Gastereien: nun Luxus im Hause. Damit verliert der Luxus seinen periodischen Charakter, den er früher hatte, und wird ständig. Unnütz zu sagen, wie sehr mit dieser Wandlung eine Steigerung des Luxusbedarfs verbunden ist. b) Tendenz zur Versachlichung. Wir sahen, daß der Luxus unserer Periode noch immer einen stark personalen und damit quantitativ gerichteten Charakter trägt, und stellten fest, daß hierin sich sein seigneurialer Ursprung zu erkennen gäbe, da diese starke Bewertung zahlreicher Dienerschaft ein Überbleibsel der alten Gefolgschaft sei. Zweifellos wird nun aber seit dem Mittelalter der personale Zug in der Luxusentfaltung unausgesetzt schwächer. Ehedem erschöpfte sich der Luxus vielfach im Aufgebot zahlreicher Trabanten, in deren Beköstigung und Belustigung bei Festen usw. Jetzt ist die zahlreiche Dienerschaft nur noch eine Begleiterscheinung der immer mehr wachsenden Verwendung von Sachgütern zu Luxuszwecken. An dieser Versachlichung, wie ich den Prozeß nenne, hatte nun das Weibchen abermals ein Interesse. Denn die Aufbietung zahlreicher Gefolgsmannen kommt ihr wenig zugute, wie es die prächtigere Kleidung, die behaglichere Wohnung, der kostbarere Schmuck tun. Ökonomisch ist diese Wandlung wieder äußerst relevant: Adam Smith würde Der Sieg des Weibchens 113 sagen: man geht von „unproduktivem“ zu „produktivem“ Luxus über, weil jener personale Luxus „unproduktive“, der versachlichte Luxus dagegen „produktive“ Hände (im kapitalistischen Sinne: das heißt Lohnarbeiter in einer kapitalistischen Unternehmung) beschäftigt. In der Tat ist die Versachlichung des Luxusbedarfs für die Entwicklung des Kapitalismus von grundlegender Bedeutung. Hand in Hand mit dieser Versachlichung des Luxus geht aber die vom Weibchen mit besonderer Euergie geförderte c) Tendenz zur Versinnliehung und Verfeinerung. Als Tendenz zur Versinnliehung sehe ich jene Entwicklung an, die dahin führt, daß der Luxus immer weniger irgendwelchen idealen Lebenswerten (wie namentlich der Kunst) und immer mehr den niedrigen Instinkten der Aniinalität dient. Wenn jener Prozeß sich vollzieht, den die Goncourts einmal so bezeichnen: „la protection de l’art tombe aux ciseleurs de bronzes, aux sculpteurs ou bois, aux brodeurs, aux couturiöres“ usw. Sie wollen damit den Unterschied der Du-Barry-Epoche gegenüber der Tompadour-Zeit kennzeichnen. Mir scheint diese — unnütz zu sagen: ökonomisch wiederum ganz hervorragend wichtige — Wandlung charakterisiert mehr den Übergang vom 17. ins 18. Jahrhundert, also den Sieg des Rokoko über das Barock. Dieser Sieg aber bedeutet nichts anderes als den endgültigen und vollständigen Triumph des Weibchens. Die Durchsetzung dieses eminent weiblichen Stiles auf allen Gebieten der Kultur ist allein genügender Beweis für die Richtigkeit der hier verfochtenen These. Das siegreiche Weibchen strahlt uns in der Tat aus allen Schöpfungen der Kunst und des Kunstgewerbes dieser Zeit entgegen: aus Pfeilerspiegeln und Lyoner Kissen, himmelblauseidenen Betten mit weißen Tüllgardinen, aus zartblauen Jupons, grauseidenen Strümpfen und rosigen Seidenkleidern, aus koketten mit Schwanendaunen besetzten Peignoirs, aus Straußenfedern und Brabanter Spitzen, was dann alles ein Pater, Sombart, Luxus und Kapitalismus 8 114 Viertes Kapitel: Die Entfaltung des Luxus wie Muther, dieser unvergleichliche Schilderer des Rokoko, dem auch die vorhergehenden Worte entnommen sind, es ausdrückt, zu einer „Symphonie des Salons“ zusammengedichtet hat. Mit der Tendenz zur Yersinnlichung des Luxus im engsten Zusammenhänge steht die Tendenz zu seiner Verfeinerung. Verfeinerung heißt Vermehrung des Aufwandes an lebendiger Arbeit bei der Herstellung eines Sachgutes, heißt Durchdringung, Vollsaugung des Stoffes mit mehr Arbeit (soweit nicht die Verfeinerung in der Verwendung nur seltener Stoffe besteht). Damit wird aber auch der Spielraum namentlich für die kapitalistische Industrie, aber auch für den kapitalistischen Handel (Beschaffung ortsferner Stoffe!) wesentlich ausgeweitet. d) Tendenz zurZusammendrängung — in der Zeit nämlich. Sei es, daß viel Luxus innerhalb einer gegebenen Zeit entfaltet wird: viele Gegenstände genutzt werden, viele Genüsse durchgekostet werden; sei es, daß früher periodische Luxusveranstaltungen nun zu ständigen Einrichtungen werden: aus Jahresfesten werden regelmäßig wiederkehrende Feste, aus Aufzügen an Jubeltagen werden tägliche Maskeraden, aus Schmausereien an Weihetagen und Quartalssaufereien werden Diners und Soupers des Alltags; sei es (worauf ich besondern Nachdruck legen möchte), daß in kürzerer Zeit die „Luxusgüter“ hergestellt werden, um rascher ihrem Besitzer dienen zu können. Die Regel im Mittelalter war die lange Produktionszeit; Jahre und Jahrzehnte wurde an Einem Stück, an Einem Werk gearbeitet: man hatte keine Eile, es vollendet Zusehen. Man lebte ja auch so lange, weil man in einem Ganzen lebte: die Kirche, das Kloster, die Stadtgemeinde, das Geschlecht würden die Vollendung sicher erleben, wenn auch der einzelne Mensch, der die Arbeit in Auftrag gegeben hatte, längst vermodert war. Wie viele Geschlechter haben an der Certosa von Pavia gebaut! Die Mailänder Familie Sacchi hat während dreier Jahrhunderte, durch acht Generationen hindurch, an den Inkrustierungen Der Sieg des Weibchens 115 und Intarsien der Altarplatten gearbeitet. Jeder Dom, jedes Kloster, jedes Rathaus, jede Burg des Mittelalters legt Zeugnis ab von dieser Überbrückung der Lebensalter des einzelnen Menschen: ihre Entstehung zieht sich durch Geschlechter hindurch, die ewig zu leben glaubten. Seitdem das Individuum sich herausgerissen hatte aus der es überdauernden Gemeinschaft, wird seine Lebensdauer zum Maßstab seines Geuießens. Der Einzelmensch will als er selbst möglichst viel von dem Wandel der Dinge erleben. Selbst ein König ist zu sehr er selbst geworden: er will das Schloß noch selbst bewohnen, das er zu bauen anfängt. Und als nun gar die Herrschaft dieser Welt auf das Weibchen überging, da wurde das Tempo, in dem die Mittel zur Befriedigung des Luxusbedarfs herbeigeschafft wurdeu, abermals beschleunigt. Die Frau kann nicht warten. Der verliebte Mann aber erst gar nicht. Welch ein Wandel in dem Zuschnitt des Lebens: Maria von Medici ließ den Luxemburg-Palast in der unerhört kurzen Zeit von fünf Jahren vollenden 107a . Am Versailler Schloß wurde Tag und Nacht gearbeitet: „Pour Versailles, il y a deux ateliers de charpentiers, dont Pun travaille le jour et l’autre la nuit,“ hat uns Colbert selbst erzählt 1071 *. Der Graf von Artois läßt Bagatelle von Grund aus neu bauen, damit er der Königin dort ein Fest gebe, und beschäftigt 900 Arbeiter bei Tag und bei Nacht: als es ihm nicht schnell genug geht, schickt er seine Huissiers auf die Landstraße, um'Stein- und Kalk wagen abzufangen. Alle diese Wandlungen werden wir nun aber noch viel plastischer vor uns sehen, wenn ich jetzt versuche, im folgenden auf einigen der wichtigeren Gebiete den Luxus im einzelnen zu verfolgen. Wir bekommen damit auch erst wieder recht eine Vorstellung von der ökonomisch ja immer vor allem wichtigen quantitativen Bedeutung, die den Veränderungen in der Gestaltung des Luxus innewohnt. 8 * 116 Viertes Kapitel: Die Entfaltung des Luxus 2. Der Luxus zu Hause a) Der Eßluxus ist in Italien während des 15. und 16. Jahrhunderts ausgebildet worden, als dort eine „Kochkunst“ neben den andern Künsten entstand. Vorher hatte es nur Freßluxus gegeben: nun verfeinerte man auch diesen Genuß und setzte auch hier die Qualität an Stelle der Quantität. Auch der Eßluxus wandert von Italien nach Frankreich, wo er seit dem Ende des 16. Jahrhunderts seine eigentliche Pflege erhält. Ihn in seiner Entwicklung zu verfolgen ist kaum möglich, ohne eine lange Abhandlung über Speisenzubereitung zu schreiben, wie sie in den Kähmen dieser Untersuchung doch nicht passen würde. Nur die eine Frage will ich hier doch wenigstens ebenso stellen wie in den andern Fällen: verdanken wir die Verfeinerung der Kochkunst und somit die Entfaltung des Eßluxus abermals dem Weibchen? Psychologisch-physiologisch ist die Sache „strittig“: wie nahe Kochkunst und Liebeskunst miteinander verwandt sind. Man ist geneigt, Erotik und Gourmandise in einen gewissen Gegensatz zueinander zu stellen, wenn man etwa als die Lebensalter des Mannes: die Liebe, den Ehrgeiz und das Diner bezeichnet. Schlimme Nicht-Erotiker wie Kant waren große Gourmös. Aber mir will doch scheinen, als ob wir ohne die allgemeine Verfeinerung und Versinnliehung unseres Geschmackslebens, wie wir es dem Einfluß der Frau verdanken, auch niemals zu einer Höherentwicklung der Eßkunst gelaugt wären. Liegt bei der leidenschaftlichen Gourmandise, wie wir sie bei alten Hagestolzen finden, eine „Verdrängung“ erotischer Triebe vor? So daß die Gourmandise beim Mann etwa der Katzenliebe alter Jungfern entspräche? Auch das wäre zu prüfen. Nur in einem Punkte scheint mir schon heute Klarheit zu herrschen: das ist der Zusammenhang zwischen Süßigkeitskonsum und Weiberherrschaft. Wir können deutlich die Linie Der Sieg des Weibchens 117 wahrnehmen, die heute noch die Zone des Weibchens abgrenzt: es ist dieselbe Linie, die die Länder mit guten und die mit schlechten Küchen und Mehlspeisen voneinander trennt: in Italien, in Österreich, in Frankreich, in Polen die vortrefflichen Süßigkeiten, in Norddeutschland der Flammeri, in England der Albert-Cake. Diese Verknüpfung des Feminismus (alten Stils) mit dem Zucker ist nun aber wirtschaftshistorisch von allergrößter Bedeutung geworden: weil in der frühkapitalistischen Epoche das Weibchen vorherrschte, wurde der Zucker so rasch ein beliebtes Genußmittel, und nur weil der Zucker da war, fanden die Reizmittel Kakao, Kaffee und Tee in Europa so rasch und allgemein Anklang. Der Handel in diesen vier Artikeln aber und die Produktion von Kakao, Kaffee und Zucker in den europäischen Kolonien sowie die Verarbeitung des Kakaos und die Raffinierung des Rohzuckers in Europa nahmen in der Entwicklung des Kapitalismus einen sehr breiten Raum ein. Was wir von der Geschichte dieser Genußmittel und ihrer Einbürgerung in Europa wissen, bestätigt durchaus die Richtigkeit dieser allgemeinen Schlüsse. Soweit diese Geschichte mit der des Zuckers zusammenfällt (und das ist in weitem Umfang der Fall), sind wir gut unterrichtet durch das Buch von Edmund 0. von Lippmann 108 , dem auch die folgenden Angaben im wesentlichen entnommen sind. Erwähnt finden wir den Zucker zuerst im 14. Jahrhundert; eingebürgert als beliebtes Genußmittel ist er in Italien im 15. Jahrhundert. Heutzutage, schreibt Pancirollus, gibt es kein festliches Gastmahl, bei dem nicht eine Fülle von Zucker in vielerlei Art verwendet wird; Figuren und Gruppen, Vögel und Vierfüßler und die wunderschönsten Früchte in den natürlichen Farben werden daraus nachgebildet, Rhabarber, Pignolien, Cinnamomen und andere Gewürze darin gemacht und damit kandiert, zum Entzücken der Menschheit; ohne Zucker wird fast nichts mehr verzehrt, Zucker kommt an die Kuchen, Zucker in den Wein, statt Wasser trinkt man Zuckerwasser, Fleisch, Fische und Eier bereitet man mit Zucker, kurz, man gebraucht Salz nicht mehr häufiger als Zucker! 118 Viertes Kapitel: Die Entfaltung des Luxus Wiederum erscheint Katharina von Medici als die Mittlerin, die den Zuckerkonsum in der französischen Gesellschaft verbreitet. Unter anderem soll das italienische Gefolge dieser Fürstin zuerst den Gebrauch der Liköre in Paris bekannt gemacht haben, die dann von den Franzosen selbst zu hoher Vollendung gebracht wurden. Eine der beliebtesten Marken jener Zeit war das aus Alkohol, Zucker und Safran gewonnene Venusöl (Huile de Venus). Estienne versichert uns in seinem Traktat über die Landwirtschaft bereits, daß der Zuckerkonsum sehr verbreitet sei. La Bruyere Champier, der Leibarzt Franz I., nennt (1560) Zucker schon ein unentbehrliches Genußmittel, natürlich nur innerhalb der oberen Schichten der Gesellschaft, denn er erläutert seinen Ausspruch mit der Erklärung: „weil Leute von feiner Lebensart nichts verzehren, was nicht mit Zuckerpulver bestreut ist“. Ebenso galten in England auch schon im 16. Jahrhundert Zuckerwerk, Gelees, Marmelade, kandierte Zitronen, Orangen und Ingwer, sowie Schlösser, Schiffe und Figuren aus Zucker bei jeder feineren Mahlzeit als unentbehrlich. Seit dem Anfänge des 17. Jahrhunderts bürgern sich dann mit Hilfe des Zuckers Kakao, Kaffee und Tee in Fluropa ein: sie alle zuerst in der vornehmsten Gesellschaft, insbesondere an den Höfen beliebt. So kam der Kaffee beispielsweise in Frankreich erst in Aufnahme, nachdem Ludwig XIV. beim Empfange der Gesandtschaft Sultan Mohammeds IV. (1670) Kaffee genossen und ihn daraufhin in Hofkreisen eingeführt hatte. Um diese Genußmittel gruppiert sich dann in den öffentlichen Kaffeehäusern ein neuer großstädtischer Luxus, auf den ich noch zu sprechen komme. b) Der Wohnluxus. Die Entfaltung des Wolmluxus steht im engsten Zusammenhänge mit der von uns ausführlich gewürdigten Entwicklung der Großstadt. Diese ist es, die den Luxus der Wohnungen und Einrichtungen, wie er seit der Renaissance, namentlich aber seit dem Ende des 17. Jahrhunderts mehr und mehr beliebt wird, wesentlich gefördert hat. Sie tat es durch die Einschränkung des Lehensspielraums, die notwendig im Gefolge der Zusammenballung großer Menschenmassen auf einem Flecke sich einstellen mußte, einerseits; durch die Einschränkung des personal gefärbten Luxus anderseits, die ebenfalls eintreten mußte, sobald der Seigneur seinen Wohnsitz in der Stadt aufschlug. Diese inneren und äußeren Beschränkungen, die die Lebenshaltung der reichen Leute in der Stadt erlebte, führten nun Der Sieg des Weibchens 119 aber, wenn ich mich so ausdrücken darf, zu einer Intensivierung des Luxus, der. wie wir sahen, einerseits versachlicht, anderseits verfeinert wurde. Was der Eßluxus erlebte: die Emporhebung durch Vervollkommnung der Kochtechnik, das erfuhr der Wohnluxus in der Großstadt ebenfalls: an Stelle riesiger, leerer Burgen traten kleinere, aber mit einer wachsenden Menge von Kostbarkeiten ausgefüllte Stadtwohnungen: der Palast wurde vom Palais abgelöst. Diese, sagen wir, städtische Wohnweise wird dann nun aber auf das Land übertragen: die mit städtischer Eleganz ausgestatteten Landhäuser entstehen: die „Villen“, die also (just wie im Altertum) die unmittelbare Folge des Stadtlebens sind. Damit dringt der Luxus bis in die entferntesten Teile des Landes, das auch in diesem Punkte der Großstadt und ihren Lebensbedingungen unterworfen wird. Wenn wir die Schilderungen von den Stadt- und Landhäusern der reichen Leute etwa Frankreichs und Englands lesen, die uns die Zeitgenossen beim Ausgang des 17. und im 18. Jahrhundert entwerfen, so denken wir zunächst, daß es sich um Übertreibungen handelt. Bis wir gewahr werden, durch die Häufung von zahlreichen, immer gleichen Urteilen, daß der Wohnluxus in jener Zeit tatsächlich eine Höhe erreicht haben muß, die, selbst von dem Standpunkt unserer protzigen Zeit aus gesehen, ganz ungeheuer gewesen ist. Wir erinnern uns dann der Reste des herrlichen Barock- und Rokokomobiliars, die wir heute bei den Altwarenhändlern zum Verkaufe stehen sehen, erinnern uns der Abbildungen von Einrichtungsgegenständen aus jener Zeit in den Kunstgeschichten und bedenken, daß all das, was wir jetzt nur als Einzelstücke vor Augen haben: abgebildet oder in Wirklichkeit, daß das alles einst zusammenstand und die Räume der Marquis und der Finanzbarone des Ancien rögime erfüllt hat. Aber wir erinnern uns auch der Riesensummen, die wir die Turcarets für Wohnzwecke verausgaben sahen. * * * 120 Viertes Kapitel: Die Entfaltung des Luxus Wer aber trieb die Männer an, so viel Herrlichkeiten zu schaffen? Wir brauchen nicht lange zu fragen: die Wohnung, in der die vornehme Gesellschaft des Ancien regime lebte, ist das Nest, das sich mit vieler Mühe und vielem Bedacht das Weibeln n gebaut hat, um das Männchen an sich zu fesseln: das zeigt die Geschichte der Wohnungseinrichtungen mit aller nur zu wünschenden Deutlichkeit. Wenn man so viel von der Erotik der Minnesängerzeit zu reden weiß: wo hätte sich denn das Liebesieben abspielen sollen? In den Wäldern allenfalls. Denn die Burgen waren doch ganz gewiß kein Ort, um Schäferstündchen zu feiern. Jedenfalls müßte dann unter Liebesieben etwas ganz anderes zu verstehen sein, als wir heute darunter verstehen. Gotik und Erotik reimen sich zwar, passen aber doch nicht zueinander. Nein: auch hier schuf die Renaissance erst wieder die äußeren Bedingungen für die von Grund aus neugestaltete Lebensführung. Alles, was wir heute unter einer eleganten oder behaglichen Wohnungseinrichtung verstehen, wird zuerst im 15. und 16. Jahrhundert in Italien geschaffen: durch die Renaissance, die ihrem ganzen Wesen nach sich den Anforderungen des täglichen Lebens besser anpaßte, als es der „einseitige, unfreie“ Dekorationsstil der Gotik vermocht hatte: weiche, elastische Betten tauchen auf; kostbare Bodenteppiche werden in Gebrauch genommen; „Toilettengeräte, von welchen sonst noch nirgends die Rede ist, lernt man besonders bei den Novellisten kennen. Die Menge und Zierlichkeit des Weißzeugs wird öfter ganz besonders hervorgehobon . ..“ 10H usw. Frauen werk! Mehr: Kurtisanen werk! Vielleicht das erste Wohnhaus im modernen Sinne, in dem Kunstsinn und Behaglichkeit gleichermaßen heimisch waren, war die Farnesina: das Landhaus des reichen Agostino Chigi: gebaut für die Maitresse dieses Finanzmannes, die schöne Venetianerin Moro- sina. Welch ein Abstand: der Luxus in diesem Heim einer Der Sieg des Weibchens 121 Kurtisane noch gegen den Palast Pauls II., mit dem die neue Architektur in Rom begonnen hatte: „dem neuen Geschlechte waren Grazie und heitere Sinnlichkeit Bedürfnis geworden“ (Gregorovius), weil es in den Banden der Frauen lag. Dort, im Rom des 16. Jahrhunderts, wird die moderne Wohneinrichtung geboren. Von dem Palais einer anderen Kurtisane, der uns schou bekannten Imperia, erfahren wir: „Teppiche, Gemälde, Vasen und Nippsachen, auserlesene Bücher, schöne Renaissancemöhel verbreiteten in ihrem Zimmer solchen Glanz, daß der edle spanische Botschafter eines Tages dort einem Bedienten ins Gesicht spie, weil er keine andere Stelle für dies Bedürfnis entdecken konnte“ no . Die Einrichtungen der großen Kurtisanen wurden in jener Zeit vorbildlich für die Wohnungseinrichtungen überhaupt und blieben es dann, wie wir sehen werden, alle die folgenden Jahrhunderte hindurch. So galt in Venedig die Wohnung der Angela Zaffetta als Sehenswürdigkeit: „Angela wohnte in dem wahrhaft königlich eingerichteten Palazzo Loredan. Flandrische Teppiche, Brokat, vergoldetes Leder deckten die Wände, in einigen Sälen hatten sogar die berühmtesten Maler al fresco gemalt. Auf den Fußböden lagen türkische Teppiche, auf den Tischen goldgestickte Samtdecken. Geschnitzte und mit Intarsien versehene Möbel füllten die zahlreichen Salons, auf den Kredenztischen standen silberne Gefäße, Majoliken aus Faenza, Cafaggiolo, Urbino und die kostbarsten, venetianischen Gläser. Die Besitzerin, die für ihren guten Geschmack bekannt war, hatte im ganzen Haus Bilder, kostbare Waffen, schön gebundene Bücher, Mandolinen und kostbare Werke der Kleinkunst verstreut“ 110a . Im Barock sucht sich der Stil von dem allbeherrschenden Einfluß der Frau vielleicht zu befreien, möchte man sagen. Aber sie zwingt selbst jenen herrischen Stil unter ihr Joch: sie verleibt ihm den Spiegel ein, von dem bei seiner 122 Viertes Kapitel: Die Entfaltung des Luxus ersten Verwendung als Zimmerschmuck ein begeisterter Barde die folgende richtige Beobachtung in Verse brachte 111 : „Dans leurs cabinets enchantes L’etoffe ne trouve plus place; Tous les murs des quatre cötes En sont de glaces incrust^s; Chaque cötd n’est qu’une glace. Pour voir partout leur bonne gräce Partout eiles veulent avoir La perspective d’un miroir.“ „Um überall ihre Reize zu sehen, wollen sie überall die weite Perspektive eines Spiegels haben.“ Oder sie ersinnen andere Reizmittel, um die Wohnräume behaglich zu machen und die Männer darin zu fesseln: sie parfümieren die Zimmer und schmücken sie mit Blumen. Man stellt sich das Palais der M me de Rambouillet sehr mit Unrecht frostig und steif vor. Eine Besucherin, das freundliche Fräulein von Scudery, entwirft uns folgende Schilderung davon: „Tout est magnifique chez eile et möme particulier; les lampes y sont differentes des autres lieux. Les cabinets sont pleins de mille raretös . . . l’air est toujours parfumö dans son palais; diverses corbeilles magnifiques, pleines de fleurs, font un printems continuel dans sa chambre.“ Und immer ist das Bett der kostbarste Gegenstand der Einrichtung: M me de Montespan schenkt M. de Maine ein Bett für 40000 livres „et trois autres encore trbs magnifiques“ 112 . Zu welchem Grade der Vollendung eine Zeit den Wohn- luxus entwickelt hat, zeigt uns immer die Ausstattung des Heims der jeweils herrschenden Königsmaitresse: als Höhepunkt dieser Entwicklung während des Barock steht ja Versailles vor aller Augen, obwohl hier natürlich viel andere Beweggründe neben der Frauenliebe am Werke gewesen sind, um das Schönste zu schaffen, was aus Menschenhänden je hervorgegangen ist. Aber völlig der Ausfluß verliebter Der Sieg des Weibchens 123 Launen sind die Privatpalais der Königsliebchen, in denen auch während des Barock die wundervollsten Blüten des Wohnluxus aufgesprungen sind. Ich denke etwa an das Palais der Herzogin von Portsmouth (einer der letzten Maitressen Karls II.), von dem ein Augenzeuge berichtet: „Was meine Verwunderung erregte, war die Schönheit und der Reichtum dieser Wohnung, die mehrmals eingerissen und zerstört war, um den Launen und der Verschwendungssucht dieser Frau zu genügen, während Ihre Majestät die Königin für ihren Haushalt nicht mehr ausgibt als manche Damen von Adel- Da sah ich die neuesten Erzeugnisse der französischen Teppichweberei, deren Dessins, Feinheit der Arbeit, unvergleichliche Reproduktionskraft alles übertrifft, was ich gesehen habe. . . . Dann folgte ein Kabinett mit japanischen Lacksachen, Schirmen, Uhren, silbernen Vasen, Tischchen, Etageren, Kamingarnituren, braseros, alles in massivem Silber in ungezählten Mengen und endlich einige vorzügliche Bildnisse Sr. Majestät 113 .“ Daß dann das Rokoko, dieser schlechthin erotische Stil, sich ganz besonders in der Ausgestaltung des Wohnluxus erschöpft, ist bekannt. Das letzte Wort, das uns jene Zeit zu sagen hatte, heißt Luciennes: das Nest, das Ludwig XV. der Dubarry bereitete, und angesichts dessen die Goncourts ausrufen: „Luciennes! ne dirait on pas le palais d’une de ces souverainetös falotes, comme nous en montrent les livres du dix huitiöme siöcle en ces turqueries oü rögne soumis aux caprices d’une odalisque favorite le bon plaisir baroque d’un sultan fantoche 114 ?“ Jeder Mann von Stande aber, dessen Mittel es erlaubten, schuf seiner Geliebten ein solches Luciennes im kleinen: Ein typisches Schlößchen dieser Art ist „Bagatelle“ im Bois de Boulogne, das die Marschallin von Eströes Anfang des 18. Jahrhunders von ihrem Marschall und spanischen Granden zum Geschenk erhielt, und das dann in die Hände der M me de 124 Viertes Kapitel: Die Entfaltung des Luxus Monconseil kam, deren Liebe mit dem Polenkönig Stanislaus hier ihre Stätte fand. Die zahlreichen Heime der gewöhnlichen Maitressen waren, wie bekannt, die „petites maisons“, in denen allen die gleiche Kunst die Ausstattung zum höchsten Grade der Verfeinerung und des Raffinements ausgebildet hatte 116 . Die unerhörte Steigerung, die der Wohnluxus während des 18. Jahrhunderts erfahren hatte, wurde von den Zeitgenossen als etwas Außerordentliches empfunden: „man hat den Zimmereinrichtungen eine übertriebene und deplazierte Pracht verliehen“, meint Mercier, der seine Schilderung des Bautenluxus seiner Zeit mit den Worten beschließt: „Die Größe der Nation liegt ganz im Innern der Häuser“ (la magnificence de la nation est toute dans l’intörieur des maisons). Ein anderer Ziitgenosse äußert sich mit Mercier übereinstimmend folgendermaßen: „Die Möbel sind das größte Luxusobjekt und die größte Ausgabe geworden. Alle sechs Jahre richtet man sich neu ein, um von allem zu profitieren, was die Eleganz des Tages Schönes ausgesonnen hat.“ In England war der Wohnluxus eher noch stärker entwickelt wie in Frankreich (obwohl ihm vielleicht das rein feminine Gepräge der Pariser Petites maisons fehlte). Ein guter Beobachter entwirft uns von den Häusern der reichen Engländer folgendes Bild: „Die Pracht, mit welcher die vornehmen Engländer ihre Zimmer auszieren, läßt alles hinter sich zurück, was man in dieser Art in ganz Europa sucht. Treppen mit bumen Tapeten belegt, das Geländer .. von Mahagoniholz in den niedlichsten Formen geschnitzt, worauf große kristallene, mit metallenem Laubwerk bedeckte Lampen paradieren; bei den Absätzen der Treppen Büsten, Gemälde und Medaillons; lackierte und vergoldete Zimmer mit kostbaren Schilderungen und kleinen Statuen geziert; Kamine aus den seltensten Marmoraiten zusammengesetzt, mit prächtigen Aufsätzen von herrlichen Figuren, Vasen u. dgl.; der Kohlenrost . . von hell poliertem Stahl, mit Verzierungen von Bronze . . . Schlösser an den Türen von Stahl mit Gold sehr künstlich ausgelegt: iWTf: Der Sieg des Weibchens 125 Fußtapeten, die in einem Saal oft einige hundert Pfund Sterling kosten .. . Fenstergardinen von kostbaren, ostindischen Zeugen; prächtige Uhren aller Art, wobei alle Kunst der Mechanik verschwendet ist“ usw. J. W. von Archenholtz, Engl. u. Ital. 1 (1787), 170. Und von den Landhäusern der reichen Leute berichtet uns derselbe Gewährsmann ähnliches, dessen Richtigkeit uns zahlreiche andere Beschreibungen bestätigen. * * * Wenn man sich in die Literatur des 18. Jahrhunderts hineinliest, die von der luxuriösen Lebensweise der reichen Leute handelt; wenn man die Abbildungen von Palästen und Wohnungseinrichtungen aus der Zeit sieht; wenn mau sich in den Straßen des alten Wiens, des alten London, des alten Paris nach den monumentalen Privatbauten, die aus der Zeit vor 1800 stammen, umschaut, so bekommt man die Größe und Mächtigkeit des damaligen Wolinluxus wohl in das Gefühl. Aber man möchte gern sich von seiner Ausdehnung ziffernmäßig bestimmte Vorstellungen machen, und das hält außerordentlich schwer. Vor mir liegt eine Sammlung von Abbildungen berühmter Landsitze 116 der englischen Nobility und Gentry, die im Jahre 1779 veranstaltet und in zwei stattliche Bände zu- sammengefügtist. Sie enthältdie Abbildungen von 84 Schlössern und deren Beschreibung. Ich muß sagen, daß der Anblick dieser 84 Herrensitze einen ganz großen Eindruck macht, und daß die Ziffer auch schon ein gewisses Urteil über die Masse von Luxus, der darin aufgestapelt ist, zuläßt. Zumal wenn man die Beschreibungen der einzelnen Schlösser in Rücksicht zieht. Ich greife das Schloß des Earl von Oxford (Houghton in Norfolk) als Beispiel heraus: Der Bau wurde 1722 von Sir Robert Walpole begonnen und 1735 vollendet. Mit den Flügeln hat er eine Länge von 500 Fuß; der Mittelbau ist 1(35 Fuß lang. Die Haupträume sind folgende: der Salon 40 Fuß lang, 40 Fuß hoch, 30 Fuß breit; die Tapeten von t -- - . inSEl. ■ > ' ..■if : » -; J.^T - -OV- s' rf & r 126 Viertes Kapitel: Die Entfaltung des Luxus rosengeblümten Velvet; die Decke gemalt von Kent; der Kamin, ebenso wie die Tische, sind aus schwarzem und gelbem Marmor; die Halle ist ein Raum von 40 Fuß im Kubus mit einer Steingalerie auf drei Seiten; Decke und Fries von Altari; der Drawing Room 80 zu 32 Fuß, behängen mit gelbem Calfoy, geschmückt mit Schnitzereien von Gibbons usw. usw.; endlich wird noch aufgezählt eine Galerie: 71 Fuß lang, 21 Fuß breit, 21 Fuß hoch: die Tapeten aus Nor- wicher Damast. Über den Umfang der Bautätigkeit in Paris während des 18. Jahrhunderts gibt uns Mercier einigen Aufschluß: es seien, meint er, in den letzten Jahrzehnten 600 Palais erbaut, „deren Inneres das Werk von Feen zu sein scheint, denn die Einbildung kann einen so ausgesuchten Luxus nicht mehr überbieten“. Die drei Stände, die zu seiner Zeit ihr Glück in Paris machten, seien die Bankiers, die Notare und die Bauunternehmer (entrepreneurs de bätiment). Ganze neue Viertel seien entstanden mit nur prächtigen Palais 117 . Auch diese Angaben geben uns einen Anhalt, wenn wir auch hier die Opulenz in Betracht ziehen, mit der, wie wir sahen, die einzelnen Häuser gebaut und die Wohnungen ausgestattet wurden. 3. Der Luxus in der Stadt Die Großstadt steigerte den Hang zum Luxus: aus Gründen, die ich schon angedeutet habe; deren Wirksamkeit uns die besten Beobachter jener Tage, wie Montesquieu in Frankreich, Mandeville in England, für ihre Zeit ausdrücklich bestätigen, und wirkt dadurch auf eine Vermehrung des Luxusbedarfs hin. Wie die Großstadt mit ihren Luxusansprüchen die Leute in der Provinz damals anfing, in ihrer Lebensgewohnheit ganz entscheidend zu beeinflussen, sie an Luxusausgaben zu gewöhnen, ihren Lebensstandard „hinaufzuschrauben“, weiß uns ein Landedelmann, Pierre de Cadet, anschaulich Der Sieg des Weibchens 127 vor Augen zu führen durch folgende Erzählung, die er in seinem Haushaltungsbuche niedergeschrieben hat 118 . „Mon grand-pöre voulut aller ä Paris et dans un an il depensa 14 000 livres, ce qui fit dire ä son pfere qu’une paire de lunettes, qu’il luy apporta en present, lui coütait 14000 livres. II y avoit dejä un equipage dans la maison et quatre chevaux blancs; mon grand pere vint de Paris avec un grand goüt pour les chevaux de main ... II avoit amend de Paris un valet de chanihre, du quel son pere disoit, en badinant, qu’il n’asoit lui demander ä boire, le voyant mieux vetu que luy.“ Aber bedeutsam für die Entfaltung des Luxus wird die Großstadt vor allem dadurch, daß sie ganz neue Möglichkeiten heiterer und üppiger Lebensführung und damit neue Formen des Luxus schafft. Sie überträgt die Feste, die bis dahin die Höflinge im Schlosse des Fürsten allein gefeiert hatten, auf breite Schichten der Bevölkerung, die nun ebenfalls sich ihre Stätten schaffen, wo sie ihren Vergnügungen regelmäßig nachgehen. Als Ende des 18. Jahrhunderts der Fürst von Monaco nach dem Tode des bei ihm verstorbenen Herzogs von York auf die Einladung des Königs nach England kam und am Abend die vielen Lichter auf den Straßen und in den Schaufenstern der bis 10 Uhr geöffneten Läden erblickte, bildete er sich ein, die ganze Beleuchtung sei ihm zu Ehren veranstaltet worden: in dieser Anekdote spiegelt sich wunderhübsch die grundsätzliche Umwandlung wider, die sich um jene Zeit zu vollziehen freilich erst eben anfing: an die Stelle streng privater Luxusentfaltung tritt eine Art von kollektiver Luxusgestaltung. Die Kommunisierung der Lebensführung, die dann recht eigentümlich erst für die folgende Periode der Volkswirtschaft ist, beginnt: wir nehmen hier kurz davon Kenntnis und stellen fest, daß diese bedeutsame Wirkung der Großstadt — darum gehört ihre Erwähnung an diese Stelle — einstweilen sich durchaus in den Grenzen des Luxusbedarfs bewegt, daß nur die obersten Spitzen der Gesellschaft von der Neuerung berührt werden. 128 Viertes Kapitel: Die Entfaltung des Luxus An dieser Entstehung eines großstädtischen Luxus nimmt nun abermals überragend großen Anteil — das Weibchen. Was hier in Betracht kommt, ist namentlich folgendes: 1. Die Theater, vor allem die eleganten Opernhäuser, die zuerst in Italien mit großer Prachtentfaltung gebaut werden und dann in den übrigen Großstädten Europas ebenfalls eine Stätte finden: Epoche in der Geschichte des Theaterbaues macht das 1787 erbaute Theater S. Carlo in Neapel. In Paris bestehen seit 1G73: die Oper, unter dem Namen Acadömie royale de Musique, die seit dem Tode Moliöres im Palais royale ihre Vorstellungen gibt; die Comödie frangaise, die ihr neues Haus in der rue S. Germain des PiAs am 18. April 1689 eröffnet; und die Comüdie italienne, die im Hotel de Bourgogue spielt (mit einer Unterbrechung von 1697 bis 1716) 119 . Zunächst sind es meist nur Hoftheater, zu denen außer dem Hofe selbst nur geladenes Publikum Zutritt hat; allmählich werden die Häuser jedermann geöffnet, der sein Eintrittsgeld bezahlt. Aber auch dann sind die besseren Theater lange Zeit noch der Rendezvousplatz ausschließlich der oberen Schichten der Gesellschaft, denen hier eine neue Gelegenheit geboten wird, zu flirten und ihren Staat zu entfalten 12 °. Von Paris urteilt Capon: die Königliche Akademie der Musik und des Tanzes, respektive die Oper, sei nichts anderes als eine „maison publique pour gentilhommes“. 2. Die öffentlichen Musikhallen und Ballhäuser (würden wir heute sagen), die zuerst (scheint es) in London mit allem Aufwand errichtet wurden und wegen ihrer Eleganz von allen Londonern und namentlich von den Fremden bewundert wurden. Defoe gibt uns von dem größten und wichtigsten dieser Gebäude, dem Pantheon, folgende Beschreibung 121 : „Nor should the Pantheon be forgotten, which in taste, magnificence and novelty of design and decoration may be Der Sieg des Weibchens 129 pronounced superior to any thing of the kind in Europe. Its principal room is truly magnificent: it is lighted by a centrical dome of a considerable magnitude . . . The circum- jaceut apartments are also finely ornamented with whatever the invention of modern luxury can suggest . . .“ In diesem Pantheon wurde regelmäßig alle 14 Tage ein Konzert gegeben „mit daranscbließendem Ball, zu dem jedermann zugelassen ist“, fügt Defoe eigens hinzu, weil diese Einrichtung gewiß neu zu seiner Zeit war, „der sich die erforderlichen Eintrittskarten verschafft“. Neben den Theatern und Konzertsälen liegen 3. die f e i n e n R e s t a u r a n t s, die Tavernen: im 18. Jahrhundert ebenfalls noch eine Spezialität Londons, das z. B. von den Parisern um diese Einrichtungen beneidet wurde. Von den Londonern Tavernen entwirft uns Archen- holtz folgende reizvolle Schilderung 122 : „In diesen Tavernen soupiert man nach Gefallen in Zimmern, wo sich große oder kleine Gesellschaft befindet, mit oder ohne Frauenzimmer. Diese muß man jedoch selbst mitbringen, auch sind keine Nachtherbergen hier üblich, da diese nur zu den Bagnios- gebräuchen gehören.“ Bagnios, abermals eine Sehenswürdigkeit Londons, waren eigentlich Bäder; „ihre wahre Bestimmung aber ist, Personen beiderlei Geschlechts Vergnügungen zu verschaffen. Diese Häuser sind prächtig, ja manchmal fürstlich möbliert. Alles, was die Sinne nur reizen kann, ist entweder vorhanden oder wird verschafft“ (durch Vermittlung des Oberkellners). „Die Engländer behalten ihr ernsthaftes Wesen auch bei ihren Vergnügungen bei, daher denn auch die Geschäfte in einem solchen Hause durchaus mit einer Ernsthaftigkeit und Anständigkeit betrieben werden, die man sich kaum vorstellen kann.“ In den vornehmen Restaurants und in den Salons parti- culiers, die damit verbunden waren, war der Aufwand so groß, „daß er das Bonmot des berühmten Beaumarchais ge- Sombart, Luxus und Kapitalismus 9 130 Viertes Kapitel: Die Entfaltung des Luxus wissermaßen rechtfertigt, der, so bekannt er auch mit den Schwelgereien von Paris war, dennoch über die Londoner Wollüste erstaunte und behauptete, daß in einem Winterabende in den Bagnios und Tavernen in London mehr verzehrt würde, als die sieben vereinigten Provinzen in sechs Monaten zu ihrem Unterhalt brauchten.“ (Archenholtz.) Übrigens fehlten auch in Paris die feinen Restaurants im 18. Jahrhundert keineswegs: die „schicksten“ waren die des Palais Royal, wie Beauvilliers, Hurö oder die Taverne anglaise 123 . Die Lage im Palais royale, dem Treffpunkt der „Lebewelt“, läßt auf ihren Charakter schließen. 4. Die Hotels sind bis zum Ende des 18. Jahrhunderts ebenfalls Luxushotels; ihre Zahl ist daher beschränkt. In London war das Savoy-Hötel berühmt, das auf demselben Platze stand, wo sich heute das bekannte Hotel gleichen Namens erhebt. Was es für ein Ding war, solch ein Hotel in einer aristokratischen Welt, zeigt uns heute noch das Hotel des Reservoirs in Versailles. Das älteste Luxushotel in Europa war wohl der seit Sixtus IV. bestehende „Gasthof zum Bären“ (Locanda dell’ Orso) in Rom. Es gab nun aber noch einen Ort, wo die wachsende Großstadt einen öffentlichen, allen zugänglichen Luxus zur Entfaltung kommen ließ, das war die Stelle, wo die elegante Welt, lies: die Damenwelt und namentlich wieder Halbwelt ihre Luxuswaren einzukaufen pflegte; wir müssen deshalb 5. die Läden erwähnen, denen seit der Mitte des 18. Jahrhunderts mehr und mehr Sorgfalt zugewendet wurde, die man seit jener Zeit auszuschmücken begann: eine Tatsache, die das Kopfschütteln so biederer Leute wie Daniel Defoe hervorrief 124 . In seinem „Vollkommenen Handelsmann“ widmet er ein eigenes Kapitel diesem Unfug der „eleganten Läden“ (of fine shops and fine shows), den eine vernünftig gewordene Nachwelt gar nicht mehr für möglich halten wird. Deshalb 131 i^g ^«qw^agTSE BK i Der Sieg des Weibchens will er, zum Zeugnis, bis zu welchem Unverstand seine Zeitgenossen sich verstiegen haben, eine Beschreibung einer Pastetenhäckerei (Pastry-Cooks shop, wir würden wohl sagen: Konditorei) und ihrer Einrichtung geben, die — sage und schreibe — 300 gekostet hat: „Anno Domini 1710“: „behalten wir das Jahr in Erinnerung“: let the year be recorded! „Die Ausstattung einer Kuchenbäckerei hat in London damals aus folgenden Teilen bestanden: 1. Schiebefenster, alle von Spiegelglas, 12 zu 16 Zoll groß; 2. alle Gänge mit glasierten Kacheln belegt; im Hinterstübchen eiu Paneel glasierter Kacheln mit Landschafts- und Figurenmalerei; 3. 2 große Pfeilerspiegel und ein Kaminspiegel im Laden, ein sehr großer Pfeilerspiegel — 7 Fuß hoch — im Hinterstübchen ; 4. 2 große Armleuchter, einer im Laden, einer im Hinterstübchen ; 5. 3 große Glaslaternen im Laden und 8 kleinere; 6. 25 Waudleuchter, mit einem Paar großer silberner Leuchter im Hinterstübchen: Wert 25 jg; 7. 6 feine große silberne Präsentierteller für Zuckerwerk; 8. 12 große Tafelaufsätze, wovon drei aus Silber, um kleine Kuchen usw. bei Festen darauf zu tun; 9. Malerei der Decke, Vergoldung der Laternen, der Fensterrahmen und des Schnitzwerkes: 55 All das zusammen mit einigen Dekorationsstücken, außer den kleinen Tellern und außer den chinesischen Schalen und Tassen, kostet, wie ich aus sicherer Quelle erfahren habe, die obigen 300 Wer einen besonders wichtigen Bestandteil der Kundschaft in diesen Läden bildete, können wir uns — angesichts der Zusammensetzung der Londoner Gesellschaft — leicht denken: es waren dieselben Leute, die, wie wir hören, auch 9* h 132 Viertes Kapitel: Die Entfaltung des Luxus die Schauspielhäuser füllten: „Eine Keuschheitskommission, wie ehedem zu Wien war, wenn solche in London möglich wäre, würde diese Stadt entvölkern . . . unzählige Nahrungszweige, denen die Hälfte der Einwohner ihren Unterhalt, ja ihr Dasein zu verdanken hat, würden ganz vernichtet und London in eine Einöde verwandelt werden. Will man mehr Beweise, so frage man in den Tausenden von Kramläden in der City, wer die meisten Käufer und die besten Kunden sind. Der Gewinst einer Nacht bei dieser zahllosen Menschenklasse wird den folgenden Tag sogleich zu den Krämern gebracht, da diese Unglücklichen für eigene Rechnung gar nicht unmäßig sind, vielmehr darben, um alles auf den Putz zu wenden. Ohne sie würden die Schauspielhäuser leer sein 12B .“ Irgendwo mußten ja die 50 Millionen Frank bleiben, die nach der Meinung M e r c i e r s jährlich den Yenuspriesterinnen in den Schoß flössen 126 . * * * Alles in allem scheint mir Godard d’Aucourt, der bekannte Generalpächter, den Nagel auf den Kopf zu treffen, wenn er die Widmung seiner „Mömoires turcs“ (an M me Duthö, die große Schauspielerkurtisane) mit den folgenden Worten schließt, die auch am Ende dieses Traktates füglich stehen: „Jawohl, meine kleinen Fräuleins: ihr seid der wahre Luxus, der für jeden großen Staat eine Lebensbedingung ist; ihr seid der reizende Köder, der ihm die Fremden und ihre Guineen herbeilockt: 20 bescheidene Bürgerinnen haben für die Staatsfinanzen weniger Wert als eine einzige unter euch.“ (Oui, mes demoiselles, vous ötes le vöritable luxe, essentiel ä un grand £tat, l’appät enviable qui lui attire les ötrangers et leurs guinöes; vingt modestes citoyennes valent moins au trösor royal qu’une seule d’entre vous.) 127 Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus aus dem Luxus Literatur: vakat I. Richtige und falsche Problemstellung Das Problem, das ich hier aufrolle: welche Bedeutung der Luxus für die Entfaltung des Kapitalismus habe, die Frage, ob und wodurch der Luxus den Kapitalismus zu fördern imstande sei, hat die Ökonomisten des 17. und 18. Jahrhunderts, die Praktiker wie die Theoretiker, auf das lebhafteste beschäftigt. Es war in gewissem Sinne die Kernfrage, um die sich alle anderen wirtschaftspolitischen Fragen gruppierten, wie heute etwa die Frage: Agrar-oder Industriestaat? Man sprach damals zwar noch nicht von Kapitalismus, sondern nannte das, was man meinte: Industrie oder Manufakturen oder Reichtum oder sonstwie. Aber man war sich über die Sache einig; man erkannte, daß der Luxus diejenigen Wirtschaftsformen, die damals im Entstehen begriffen waren, eben die kapitalistischen, zur Entfaltung bringe, und deshalb waren alle Freunde des ökonomischen „Fortschritts“ auch warme Fürsprecher des Luxus. Sie fürchteten höchstens, ein großer Luxuskonsum könnte der Kapitalbildung Abbruch tun, trösteten sich aber wie Adam Smith mit der Überzeugung, daß schon genug sparsame Leute da sein würden, um die nötige Reproduktion und Akkumulation des Kapitals zu sichern. Die Regierungen richteten ihre Politik in einem luxusfreundlichen Sinne ein. 134 Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus Während des 17. Jahrhunderts verschwinden in den Ländern mit rasch fortschreitender kapitalistischer Entwicklung die Aufwandsverbote; die letzte „Kleiderordnung“, die aber auch Verbote bestimmter Luxusaufwendungen, bestimmter Leckerbissen usw. enthält, fällt in England in das Jahr 1621 128 ; in Frankreich 129 datiert das letzte Edikt über den Tafelluxus aus dem Jahre 1629; 1644 und 1672 wurde noch die übermäßige Verwendung der Edelmetalle zu Luxuszwecken verboten (aus wesentlich münzpolitischen Erwägungen); 1656 begegnen wir noch einem Verbot der (Kastor-) Hüte über 50 1., und 1708 wird die letzte Kleiderordnung in Frankreich erlassen. Seitdem sind auch die regierenden Kreise von der „Notwendigkeit“ des Luxusaufwandes (im Interesse der kapitalistischen Industrie) überzeugt, und die führenden Geister der Literatur nahmen für den Luxus Partei (bis dann später die Gegenbewegung der Jean-Jacquisten einsetzt). Was sie vor allem am Luxus schätzten, war seine marktbildende Kraft. „II faut bien,“ meint Montesquieu 180 , „qu’il y ait du luxe (NB. in den Monarchien!). Si les riches n’y döpensent pas beaucoup, les pauvres mourront de faim.“ Einige sehr feine Bemerkungen über die Bedeutung des Luxus für die (früh-)kapitalistische Entwicklung finden wir in der zweiten Schrift des geistreichen Abb6 Coyer über den „handeltreibenden Adel“ 181 : „Le luxe tient de la nature du feu qui öchauffe et qui peut brüler. S’il consume des mai- sons opulentes, il soutient nos manufactures. S’il absorbe le patrimoine d’un dissipateur, il nourrit nos ouvriers. S’il dimi- nue les facultas du petit nombre, il multiplie les subsistances publiques. Qu’on proscrive nos dtoffes de Lyon, nos dorures, nos tapisseries, nos dentelles, nos glaces, nos bijoux, nos Squipages, Töldgance de nos meubles, les dölices de nos tables, je vois tout ä coup des millions de bras touiber dans Tengourdissement; et j’entens autant de voix demander du pain . . .“ Richtige und falsche Problemstellung 135 Aus der reichen französischen „Luxusliteratur“ ragt unter den luxusfreundlichen Schriften hervor die „Thöorie du Luxe ou Traitö dans lequel on entreprend d’ötablir que le Luxe est un ressort non seulement utile, mais möme indispensablement nöcessaire ä la prosperitö des Etats.“ 2 Yol. 1771. Sie trägt als Motto den Ausspruch Voltaires imMondain: „Le superflu, chose tres-nöcessaire.“ Sie hat den klugen Juden Pinto zum Verfasser. Diese selbe Auffassung, daß der „Luxus“ zwar ein „Übel“, ein Laster sei, aber der Gesamtheit Nutzen bringe durch die Beförderung der Industrie, war auch in England verbreitet: „Prodigality is a Vice that is prejudicial to the man but not to Trade 132 .“ Selbst D. Hume 138 , trotz seiner stark „ethischen“ Färbung, kommt zu dem Ergebnis: „guter“ Luxus ist gut, „schlechter“ Luxus ist zwar ein Laster, ist aber immer noch besser als Faulheit, die wahrscheinlich an seine Stelle treten würde, wenn er wegfiele. Förmlich zu einem System der Sozialphilosophie ist diese Auffassung dann von Bernard Mandeville in seiner Bienenfabel ausgebildet worden. Die Verse, in denen er den „Luxus“ besingt, lauten folgendermaßen 134 : „The Root of Evil, Avarice That damn’d ill natur’d baneful Vice, Was Slave to Prodigality That noble Sin; whilst Luxury Employ’d a Million of the Poor, And odious Pride a Million more: Envy itself and Vanity, Were Ministers of Industry; Their darling Folly, Fickleness, ln diet, Furniture and Dress, That stränge ridic’lous Vice, was made The very Wheel that tnrn’d the Trade.“ * * * „Der Geiz, dies scheußlich böse Laster, Keins fluchwürdiger und verhaßter, 136 Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus War Sklave jener noblen Sünde Verschwendung; während Luxus diente, Millionen Arme zu erhalten; Stolz gleichfalls, den so viele schalten. Die Eitelkeit, der Neid selbst, sie Begünstigten die Industrie, Die Sucht, die Mode mitzumachen In Kleidung, Wohnung und andern Sachen — Belacht stets und bewundert zwar —, Des Handels wahre Treibkraft war . . (Ungedruckte Übersetzung des (t) Malers Graetzer.) Ganz besonders lehrreich sind die Kapitel, die Defoe in seinem „Complete English Tradesman“ der Erörterung dieses Problems widmet. Es ist ein sehr drolliger Eiertanz, den unser braver Non-Conformist hier aufführt-, eigentlich verabscheut er den Luxus und bewundert jene Quäker, die mit eitlem Tand zwar handeln, von sich selbst aber ihn fernhalten; aber als Lobredner des Handels kann er sich doch nicht zur Verdammung des luxuriösen Lebenswandels entschließen, von dem er einsieht — das ist für uns das Wichtige —, daß er die Quelle alles wachsenden Reichtums ist: „The extravagant pride of the age feeds trade and consequently the poor.“ Defoe gibt uns eine Menge Aufschlüsse über den wirklichen Zusammenhang zwischen Luxus und Kapitalismus, von denen ich an anderer Stelle den Leser noch unterrichten werde. Auch unter den deutschen Schriftstellern ist die Luxusfrage viel besprochen und ist die Bedeutung des Luxus für die kapitalistische Entwicklung erkannt worden; so meint Schröder 135 : „Ich wolte lieber, daß der pracht im lande noch größer wäre . . . denn der pracht des reichen ernehret viel handwercksleute und arme . . Man hätte nun denken sollen: als man in unserer Zeit daran ging, der Entstehung des modernen Kapitalismus nachzuspüren, hätte man diese Beobachtungen kluger und kenntnisreicher Männer sich zunutze gemacht. Aber das hat man nicht getan. Man hat zwar über den Richtige und falsche Problemstellung 137 Luxus viel geredet und hat über die Bedeutung des Marktes für die kapitalistische Industrie viel theoretisiert; aber über die Beziehungen zwischen Luxus und Markt hat mau nichts zu sagen gewußt. Offenbar weil man sowohl in der Luxusfrage wie in der Marktfrage auf ein totes Geleis gefahren war. Dem Luxusproblem ist mau mit dem ganzen ethischen Pathos des braven und genügsamen Bürgers zuleibe gegangen und hat es mit Hilfe moralisierender Raisounements kurz und klein erörtert. Selbst die Studien Roschers, die vielleicht das Beste sind, was in unserer Zeit über den Luxus geschrieben ist, laufen doch im Grunde auf ethische Sentiments hinaus: was guter und was schlechter Luxus sei. Und Werke wie Baudrillarts „Geschichte des Luxus“ sind Materialsammlungen. In der Lehre vom Markte und seiner Bedeutung für die Entstehung des Kapitals hat sich aber seit Marx die unglückliche Idee festgesetzt: der Kapitalismus sei durch die geographische Ausweitung der Absatzbeziehungen, insbesondere durch die Erschließung der Kolonien im 16. Jahrhundert wesentlich gefördert worden. Oder wie der Gedanke in der mehr teleologisch orientierten Auffassung der historischen Schule der Nationalökonomie, dem sich daun fast alle Wirt- schafts-„Historiker“ anschlossen, gemodelt wurde: die räumliche Ausweitung des Absatzes, der „Fernabsatz'“, der „Export“ habe die kapitalistische Organisation „nötig“ gemacht. Diese Ansicht hat im letzten Menschenalter eine starke Stütze gefunden in der Theorie Karl Büchers, dieses ausgezeichneten Forschers und wahrhaft produktiven Denkers: Handwerk = Kuudenproduktion; Kapitalismus = Produktion für einen unbekannten Abnehmerkreis; Handwerk = lokaler Absatz; Kapitalismus = interlokaler Absatz. Ich halte diese Richtung, die die Gedanken jetzt wohl aller Wirtschaftshistoriker genommen haben, für höchst verhängnisvoll. Denn, wie ich schon sagte, in ihr ist die For- 138 Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus schung auf ein totes Geleis gefahren. Man hat ganz an der falschen Stelle den Gründen für den Übergang zur kapitalistischen Wirtschaftsverfassung nachgespürt. Kundenproduktion und Fernabsatz bezeichnen nicht im mindesten den Gegensatz zwischen Handwerk und Kapitalismus, wenn wir ihren Absatzbedingungen nachgehen. Es gibt Kapitalismus bei striktester Kundenproduktion (Maßschneiderei) und hat jahrhundertelang zahllose blühende Handwerke ohne jede kapitalistische Nuance gegeben, deren Absatzgebiet der ganze bewohnte Erdkreis war. Den verfahrenen Wagen wieder auf das richtige Geleis zu bringen, wollen die folgenden Ausführungen ihr Teil beitragen. Sie nehmen den Faden da auf, wo die Denker des 18. Jahrhunderts ihn haben fallen lassen; sie wollen den Luxus großenteils verantwortlich machen für die kapitalistische Entwicklung bis zum Ende der frühkapitalistischen Epoche, indem sie dabei von folgenden Grundgedanken getragen werden. Der Luxus hat bei der Entstehung des modernen Kapitalismus auf sehr verschiedene Weisen mitgeholfen; er hat z. B. bei der Überführung des feudalen in den bürgerlichen Reichtum (Verschuldung!) eine wesentliche Rolle gespielt. Hier soll jedoch nur seine marktbildende Kraft in Rücksicht gezogen werden, die man sich im allgemeinen etwa so klar machen kann. Die kapitalistische Unternehmung braucht, wie wir wissen, um leben zu können, einen Mindestabsatz von Tauschwerten. Die Höhe dieses Absatzes ist von zwei verschiedenen Umständen abhängig: von der Häufigkeit des Güterumsatzes und von der Höhe des Tauschwertes der umgesetzten Güter - . Die Höhe des Tauschwertes der umgesetzten Güter wird wiederum durch zwei Faktoren bestimmt: durch die Höhe des Tauschwertes des einzelnen Gutes und durch die Menge der Güter. Richtige und falsche Problemstellung 139 Somit kann ein Mindestabsatz erzielt werden entweder durch den Absatz hochwertiger oder durch den Absatz vieler Güter: Einzelabsatz — Massenabsatz. Die Hochwertigkeit eines Gutes kann auf zwei verschiedene Weisen entstehen: durch Häufung oder durch Verfeinerung. Die Verfeinerung kann, wie wir sahen, mannigfache Formen annehmen. Häufung findet bei denjenigen Gütern statt, die man zusammengesetzte Güter oder komplexe Güter nennen kann: Lokomotiven, Schiffe, Krankenhäuser. Hier handelt es sich um eine große Menge ordinärer Güter, die aber zu einer Einheit verbunden werden und durch ihre Summierung dieser Einheit einen großen Wert verleihen. Absatz solcher Güter ist (genau genommen) Massenahsatz in der Form des Einzelabsatzes. In der Geschichte der europäischen Völker läuft, seit wir sie kennen, Grobbedarf und Feinbedarf nebeneinander her; beide haben zunächst einen bescheidenen Umfang, so daß beide lange Zeit im Rahmen der handwerksmäßig-bäuerlichen oder der fronwirtschaftlichen Organisation befriedigt werden konnten. Und zwar erfolgte (der Regel nach) die Deckung des Grobbedarfs innerhalb der Grenzen des Dorfes oder des Fronhofes oder der Stadt (und ihrer Landschaft), ruhte also auf lokalwirtschaftlicher Grundlage, während der Feinbedarf, soweit er nicht durch die Produktion auf den Herrenhöfen in eigenwirtschaftlicher Form befriedigt wurde oder der Fernhandel für Herbeischaffung der hochwertigen Güter sorgte, von Handwerkern gedeckt wurde, die von jeher für einen interlokalen oder internationalen Markt arbeiteten. Die Entwicklung während des Mittelalters und der nächsten Jahrhunderte erfolgt nun so, daß der Grohbedarf im wesentlichen unverändert bleibt, also für den Kapitalismus zunächst gar nicht in Frage kommt: der Bedarf an Gebrauchsgegenständen für die große Masse der Bevölkerung, ebenso aber auch der Bedarf an Arbeitsmitteln (Geräten, Werkzeugen, yjamr. ♦ 140 Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus Maschinen) wird bis zum Ende der frühkapitalistischen Epoche (bis auf zwei Ausnahmen, von denen sogleich die Eede sein wird) in der Eigenwirtschaft oder vom Handwerk befriedigt. Der Grund dieser Erscheinung ist einleuchtend: weil weder die Bevölkerung sich vermehrte, noch sich wesentlich mehr agglomerierte, noch sich die Transportfähigkeit der Waren steigerte, so entstand kein Massenbedarf an individuellen Gebrauchsgütern; weil sich die Technik der Gütererzeugung und des Gütertransports nicht grundsätzlich änderte, entstand kein Bedarf an zusammengesetzten Gütern, also auch kein Markt für kapitalistische Produktion oder kapitalistischen Warenabsatz. Die Ausnahmen, von denen ich sprach, in denen also schon vor dem Anbruch der hochkapitalistischen Epoche, also vor dem Ende des 18. Jahrhunderts, ein Massenabsatz vieler minderwertiger oder ein Absatz zusammengesetzter Güter entstand, sind: 1. die Kolonien, die also gewiß auch zur Entwicklung des Marktes für die kapitalistische Industrie beigetragen haben, und vor allem 2. die modernen Heere. Die überragende Bedeutung des Armeebedarfs für die Ausbildung des Kapitalismus weise ich in dem 2. Bande dieser „Studien“ nach. Hier also gilt es, zunächst die andere Seite des Problems zu beleuchten; will sagen, gilt es, den Nachweis zu führen, welchen ganz großen Anteil die Entfaltung des Luxus, also die Entstehung eines Luxusbedarfs, für die Entstehung des modernen Kapitalismus hat. Wenn ich sage: ich will den Nachweis führen für die Bedeutung, die der wachsende Luxuskonsum für die kapitalistische Entwicklung besitzt, so heißt das natürlich bei der heutigen wissenschaftlichen Mode: den historisch-empirischen Nachweis führen für die Beziehungen zwischen den beiden Erscheinungskomplexen. Das ist nun nicht so einfach und kann beim allerersten Versuche auch nur sehr unvollkommen gelingen. Wie das bei meiner Art zu arbeiten nicht anders Der Luxus und der Handel 141 sein kann, wird, die Hauptarbeit der Einzelbeweisführung die nächste Generation der Wirtschaftshistoriker zu leisten haben. Was die Aufgabe so besonders schwierig macht, ist die saloppe Art, in der bisher in der Regel über wirtschaftliche Tatsachen berichtet wird: wo von „wirtschaftlichem Aufschwung“, „Ausdehnung der Produktion“, „Erweiterung des Absatzgebietes“ und dergleichen die Rede ist und man nicht weiß: ist Handwerk oder Kapitalismus die Wirtschaftsform, also überhaupt nichts. Wesentlich mehr, als ich im folgenden an Belegen zusammengestellt habe für die Beziehungen zwischen Luxus und Kapitalismus, wird sich daher im Augenblick an der Hand des gedruckten Materials über das Problem nicht aussagen lassen. II. Der Luxus und der Handel 1. Der Großhandel Es ist nicht unwahrscheinlich, daß der Warenhandel früher kapitalistische Formen angenommen hat als die Gütererzeugung. Ich habe zwar schwerwiegende Bedenken gegen die Annahme, daß während des Mittelalters die großen Häuser der italienischen oder südfrauzösischen oder spanischen oder süddeutschen Städte vornehmlich durch den Warenhandel zu ihrem Reichtum gelangt seien, glaube vielmehr, daß andere Momente hier wesentlicher gewesen sind, jene wenigen Großgeschäfte aus der Masse der kleinen Händler herauszuheben, will aber doch die Möglichkeit nicht ausschließen, daß auch reine Warenhandlungen sichzukapitalistischenUuternehmungen entwickelt haben. Dann aber — und das ist das, was uns hier interessiert — ist es ganz sicher ein Handel mit Luxuswaren gewesen, der ihre Größe verursacht hat. Aller irgendwie belangreiche Handel, bei dem allein eine kapitalistische Organisation in Frage kommen kann, hat 142 Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus während des Mittelalters Italien zum Mittelpunkt, bestellt also entweder in der Ausfuhr italienischer Erzeugnisse (oder der Einfuhr der für ihre Herstellung erforderlichen Rohstoffe und Halbfabrikate) oder in der Herbeischaffung und Zerstreuung der Waren, die der Orient lieferte. Italiens Einfuhr aus den nordischen Ländern bestand vornehmlich in Wolle (für die Florentiner Luxusindustrie, von der wir noch näheres erfahren werden), in Pelzwerk und feinem Leinenzeug. Die Hauptmasse des italienischen Exports mußte wahrscheinlich bar bezahlt werden (mit den Erträgnissen namentlich der deutschen Silberminen). Dagegen führte Italien nach Norden aus: Seide und Seidenwaren; feinste Tücher; feinste Glaswaren; Baumwolle und Baumwollwaren, die (wie wir noch sehen werden) bis in die Neuzeit hinein durchaus als Luxusgüter gelten; Wein; Waffen. Ebenso dienten alle Waren, die man über Italien oder in Italien aus dem Orient bezog, dem Luxusbedürfnis der Reichen, wenn man etwa die von der Kirche nachgefragten Güter, wie den Weihrauch, ausnimmt, obwohl natürlich auch hier ein durch Yermögenskonzentration ermöglichter Luxusaufwand vorlag. Dabei rechne ich für jene Jahrhunderte des Mittelalters und selbst der neueren Zeit bis in unsere menschen- freundlich-massenfürsorgliche Epoche hinein den Bedarf von ausländischen Medikamenten zum Luxusbedarf: das Volk und der Bürger kurierten sich noch mit den Kräutern aus, die der Wald und das Feld ihrer Heimat darboten. Die Warenliste, die Wilhelm Heyd für den Levantehandel aufstellt 136 , ist folgende (ich ordne die Gegenstände nach dem Gebrauchszweck): 1. Medikamente, die auch als Würze für Speisen dienten: Aloe, Aloeholz (das nebenbei auch als Parfüm oder als Material bei feinerem Schrein werk genutzt wurde), Balsam, Costus, Galanga, Galläpfel, Ingwer, Kampfer, Kardamom, Der Luxus und der Handel 143 Laudanum, Manna, Mumia, Myrobalanen, Rhabarber, Röhrencassie, Safran (auch Farbstoff), Scammonium, Traganth (auch Farbstoff), Tutia, Zedvar. 2. Gewürze usw.: Pfeffer vor allem : aber Pfeffer gilt bis in die neuere Zeit hinein, jedenfalls das ganze Mittelalter hindurch als Luxusgegenstand, der nur in der Küche der Reichen Verwendung findet, und den Potentaten sich untereinander zum Geschenk machen; Gewürznelken: waren noch zwei- bis dreimal so teuer wie Pfeffer; Muskatnüsse; Zimt; Zucker, der ebenfalls bis ins 19. Jahrhundert hinein als ein Leckerbissen der Reichen gilt. 3. Parfüms, Raucher Stoffe: Benzoe, Mastix, Moschus, Sandelholz, Weihrauch, Ambra, aus der man auch allerhand Gegenstände schnitzte. 4. Farbstoffe: Alaun, Brasilianisches Holz, Färberröte, Indigo, Kermes, Lacca: alles Stoffe für Edelfärbung; Mastix (für Firnisse). 5. Rohstoffe für Gewebe: Seide und allerfeinsten ägyptischen Flachs. 6. Schmuchgegenstände: Edelsteine, Korallen, Perlen, Elfenbein, Porzellan, Glas, Gold- und Silberfäden. 7. Bekleidungsstoffe: Seidengewebe, Brokat, Samt und allerfeinste Stoffe aus Linnen, Wolle oder Baumwolle, wie Boecasino, Buckeram, Kamelotte, die alle an Aussehen den Seidenstoffen glichen und ebenso teuer wie diese waren. Diese Stoffe wurden teils aus dem Orient nach Europa, dann aber auch aus Italien nach dem Orient ebensowie in die europäischen Staaten verführt. W 7 ie hochwertig die Waren sein mußten, mit denen man im Mittelalter handelte, können wir ungefähr aus den Zollerträgnissen, zum Beispiel an der Zollstelle in Como, entnehmen. Nach den Berechnungen Schultes 137 schwankte der Wert der über den Gotthard gebrachten Waren im 15. Jahr- 144 Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus hundert zwischen 320 000 und 518000 tt, von dem 53 Sol. auf 1 Mailänder Goldgulden kamen. Das Gewicht dieser Waren soll um etwa 25000 Ztr. geschwankt haben, so daß der Wert eines Zentners etwa 50 fl., eines Pfundes Vs fl. (etwa 4 Mk. h. W.) gewesen wäre. Auch nach den großen Entdeckungen des 15. Jahrhunderts änderte sich an dem Inhalt des Handelsverkehrs insofern nur wenig, als es bis in das 19. Jahrhundert im wesentlichen doch hochwertige Luxusgüter waren, die zwischen dem Osten und Westen und zwischen Amerika und Europa ausgetauscht wurden. Die Mengen wuchsen nur, und einige neue Artikel treten zu den alten hinzu; vor allem die vier großen Genußmittel: Tabak, Kaffee, Tee und Kakao, die wir aber (den Tabak vielleicht ausgenommen) bis zum Schlüsse der frühkapitalistischen Periode ebenfalls nur auf dem Tische des Reichen uns vorstellen dürfen, die wir also durchaus noch zu den Luxusgütern rechnen müssen. Folgende Ziffern geben eine annäherungsweise richtige Vorstellung von der Ausdehnung des Konsums der wichtigsten Genußmittel in den vergangenen Jahrhunderten. Tee führte die Ostindische Kompagnie nach England ein: 1668. . • . .100 tt 1710. . . . . 1420 Ztr. 1731. . . . .8168 „ 1761. . . . . ... 26192 „ 1784. . . . . . . . 86083 „ Nehmen wir an, die Hälfte davon sei in England verblieben und dort verzehrt, so würde sich (die Bevölkerung bezifferte sich nach den Ermittlungen Finlaisons 1700 auf rund 5, 1750 auf rund 6, 1800 auf 9,187 Millionen) ein Verbrauch auf den Kopf der Bevölkerung 1700 von rund.0,01 tt 1730 „ „.0,08 ., 1760 „ . 0,2 „ 1784 „ „.0,5 „ ergeben, während 1906 im Vereinigten Königreich 270 Millionen tt Tee verzehrt wurden, also rund 6V2 tt auf den Kopf, 30—35 tt auf die Familie. Deutlicher noch wird das Bild, wenn wir folgende Berechnung Der Luxus und der Handel 145 anstellen; einen Teekonsum, wie er heute als Durchschnitt sich für jede englische Familie ergibt, konnten sich erlauben: 1668 . 3 Familien 1710 . . . etwa 2000 „ 1730 ... „ 12000 1760 ... „ 40000 1780 ... „ 140000 Der Kaffeekonsum Europas betrug (nach Al. v. Humboldt!) um das Jahr 1800 etwa 1400000 Ztr.; die Bevölkerung Europas belief sich (nach Beloch) um dieselbe Zeit auf etwa 120000000, also wäre damals schon etwa 1 tt Kaffee im Jahr auf jeden lebendigen Europäer entfallen; man wird sagen können, daß damit dieses Genußmittel anfing, Massengebrauchsgut zu werden. Im Jahre 1910 konsumierte jeder Reichsdeutsche auch erst etwa 6 tt Kaffee im Jahre. Zucker soll (ebenfalls nach Humboldt) damals 4500000 Ztr. in Europa verbraucht sein, 3—4 tt auf den Kopf der Bevölkerung; heute in Deutschland beträgt der Durchschnittsverzehr auf den Kopf der Bevölkerung 38 tt. Daß der Zucker noch im 18. Jahrhundert keineswegs allgemein gebräuchlich als Süßmittel war, geht aus der Stellung des Honigs hervor, die dieser noch immer besaß. In Deutschland wandte man ihn noch um das Jahr 1750 mit Vorliebe zum Versüßen, zum Einmachen der Früchte und als Zusatz beim Bierbrauen an. Man wird annehmen dürfen, daß der Zucker in den reichen westeuropäischen Ländern um die Mitte des 18. Jahrhunderts, im übrigen Europa aber vielleicht erst im 19. Jahrhundert aufgehört hat, ein ausgesprochener Reservatkonsumartikel der Reichen zu sein. Ein Luxusartikel blieb aber auch ein Gegenstand der indischen Einfuhr, der im 17. und 18. Jahrhundert einen sehr wichtigen Bestandteil dieses Handels ausmachte und heute von jeder Postsekretärsfrau getragen wird: der Kattun oder richtiger: die bedruckten indischen Baumwollstoffe, sowie die baumwollenen Waren anderer Art, die Asien nach Europa sandte. Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts kam die Mode der indischen Cotons in den reichen Kreisen in Aufnahme und drohte den einheimischen Produzenten Konkurrenz zu machen. Daß diejenigen, die sich in ihrer Existenz gefährdet glaubten, die Fabrikanten feiner Tücher und seidener Somb&rt, Luxus und Kapitalismus 10 146 Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus Stoffe waren, bestätigt uns die Richtigkeit unserer Annahme, daß die reichen Klassen als Käufer auftreten. Dasselbe lehren uns die Kämpfe, die der Staat (z. B. in Frankreich) gegen die indischen Kattune (die von M me Pompadour sanktioniert waren, aber ja erst in Trianon ihre rechte Modeblüte erlebten!) führte: seit 1700 verbot er ihren Gebrauch. Aber natürlich blieben die Verbote erfolglos: wir sehen sich die eleganten Damen mit den Cotons kleiden, wenn sie von Paris auf ihrem Landgut waren. Wir erfahren von folgenden hübschen Episoden : Die Frau Marschallin de Villars schmuggelte indische Stoffe ein. Am 17. Juli 1715 erscheint die Frau Marquise de Nesle ganz öffentlich im Tuilerien-Garten mit einer „robe de chambre brodöe de fleurs de soie et fagon des Indes sur une toile du meme pays“. Allgemeine Verwunderung und Entrüstung bei der Kleiderpolizei: der Polizeipräsident eilt zum Herrn Marquis und macht ihm Vorstellungen. Dieser verspricht, seine Frau veranlassen zu wollen, daß sie in Zukunft usw. 188 (Über den Ausgang der häuslichen Szene, die daraus entstand, berichtet uns das amtliche Schriftstück leider nichts.) Dies vorausgeschickt, werden wir imstande sein, uns ein richtiges Bild von der überseeischen Einfuhr nach Europa im 17. und 18. Jahrhundert zu machen, wenn wir die Einfuhrstatistiken jener Zeit überblicken; immer dasselbe Bild: in England, Holland, Frankreich. Die indischen Kompagnien bringen 1. Gewürze, 2. Arzneimittel, 3. Farbstoffe, 4. Seide und seidene Stoffe, 5. Baumwolle und baumwollene Stoffe, 6. Edelsteine, Porzellane usw. und dann je nachdem 7. Kaffee, Tabak, Zucker, Tee, Kakao. Es genügt, wenn ich Ein solches Einfuhrschema mitteile. Die Einfuhr nach Frankreich aus Ostindien betrug im Jahre 177 6 189 : Der Luxus und der Handel 147 Kaffee. Pfeffer und Zimt. Mousselines. Indische Linnen. Porzellan. Seide. Tee . Div., wie Seidenstoffe, Muscheln, spanische Rohre (rotins), Salpeter 3248000 fr. 2449000 „ 12000000 „ 10183000 „ 200000 „ 1382000 „ 3399000 „ 3380000 „ 36241000 fr. Bezahlt wurden diese Waren entweder mit dem Gelde der amerikanischen Silber- und Goldminen (die Hauptmasse) oder mit einheimischen Erzeugnissen, namentlich Textilwaren. Unter diesen waren gewiß schon minderwertige Massenartikel, namentlich zur Bekleidung der Neger und Malaien, wohl auch der Mittelschichten in den von Europäern besiedelten Kolonien, wie denen Nordamerikas (weil in ihnen die Erzeugung gewerblicher Produkte größtenteils verboten war). Aber für die Gesamtbewertung des überseeischen Handels in jener Zeit ist das belanglos: dieser bleibt trotzdem ein Kind des Luxuskonsums, bleibt eine exklusive Privatangelegenheit der reichen Leute, durch deren Luxusaufwand er allein sein Dasein fristet. Denn wenn die hereingebrachten Waren, wie wir gesehen haben, Luxusgüter waren, so bleibt es sich gleich, welcher Art die hinausgeführten waren: sie sind ja nur die zufällige Form der Bezahlung. Der ganze Handel wäre nicht da ohne die Einfuhr der Luxusgüter, da ohne sie die Leute drüben auch die europäischen Waren nicht kaufen könnten. (Eine Ausnahme hiervon machen nur die Edelmetalländer: nach den von Alexander von Humboldt mitgeteilten handelsstatistischen Ausweisen 140 führte Mexiko im Jahre 1802 von Spanien ein für 20390859 Piaster, dagegen an Waren aus nur für 8416 930 Piaster; den Rest bezahlte es mit seinem Silber.) 10 148 Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus Eines sehr wichtigen Zweiges des internationalen Überseehandels, von dem wir wissen, daß er fast nur in kapitalistischen Formen betrieben wurde, müssen wir nun aber noch besonders gedenken: des Sklavenhandels. Zwar waren seine Gegenstände nicht selbst Luxusgüter (oder doch ?), aber sie dienten doch unmittelbar dazu, Luxusgüter zu erzeugen, wie wir das noch genauer sehen werden. Über den Umfang des Sklavenhandels besitzen wir eine Menge, zum Teil recht sehr voneinander abweichender Angaben. Die bekannteste und vielleicht glaubhafteste Rechnung, die, die Buxton anstellt, ist die folgende 141 : Jährlich wurden aus Afrika weggeholt durch den christlichen Sklavenhandel rund 400 000 Neger durch den mohammedanischen Sklavenhandel rund. 100000 Neger 500000 Neger Von den 400000 Objekten des christlichen Sklavenhandels gehen 280000 beim Fang, auf dem Transport und im ersten Jahre zugrunde, so daß nur 120000 Sklaven schließlich zur Verfügung bleiben. Diese Ziffer erscheint angesichts des Gesamtbedarfs an Sklaven zu Beginn des 19. Jahrhunderts kaum zu hoch und wird durch die in neuerer Zeit bekannt gewordenen amtlichen Ziffern in ihrer Richtigkeit bestätigt. So erfahren wir z. B., daß in die französischen Antillen während der Jahre 1780—1789 durchschnittlich im Jahre 30—35000 Neger eingeführt worden sind. Setzen wir die Gesamtzahl der Sklaven, die damals in den französischen Antillen gehalten wurden, auf 240—260000 an, so würde die Jahreszufuhr l h —Vs betragen haben. Wenn aber schließlich 6—7 Millionen Sklaven im ganzen da waren, so erscheinen als jährlicher Gesamtersatz 120—150000 Sklaven eher zu niedrig als zu hoch. Aber es kommt auf eine genaue ziffernmäßige Erfassung Der Luxus und der Handel 149 der gehandelten Sklavenware gar nicht so sehr an. Es genügt für unseren Zweck vollständig die Feststellung, daß es sich dabei schließlich um viele Zehntausende im Jahre und während der ganzen Periode, während welcher der Sklavenhandel betrieben worden ist, um Millionen Menschen gehandelt hat, die (das ist das einzige, was uns hier interessiert) Anlaß zu guten Geschäften boten. Über die Ausdehnung des Sklavenhandels während des Mittelalters fehlen uns zuverlässige Angaben durchaus. Daß es sich aber auch damals schon um beträchtliche Menschenmassen handelte, können wir aus den Schilderungen des arabischen Sklavenhandels sowie aus gelegentlichen Mitteilungen entnehmen, deren Ziffernangaben freilich einen abenteuerlichen Anstrich tragen. So hören wir, daß 1310 die sizilische Flotte im tiefsten Frieden die Insel Gerba an der tunesischen Küste überfiel, und daß bei dieser Gelegenheit 12000 Weiber und Kinder zu Sklaven gemacht wurden; daß 1355 ein genuesischer Admiral ohne jede Veranlassung Tripolis überrumpelte und plünderte und dabei 7000 Männer, Frauen und Kinder in die Knechtschaft schleppte 142 . Die Nationen, die nacheinander die führende Rolle im Sklavenhandel gespielt haben, ohne daß darum die anderen Nationen ausgeschlossen gewesen wären, sind die Juden 14S , die Venetianer 144 , die Genuesen, die Portugiesen, die Franzosen und die Engländer. Diese letzten vier Nationen sind es, die nacheinander das Monopol des Negerhandels in ihren Händen haben. Der Anteil der verschiedenen Händlerschaften am Sklavenhandel in seiner Blütezeit ist aus folgenden Ziffern zu ersehen. Im Jahre 1769 wurden von der Küste Afrikas (vom Kap Blanco bis zum Kongo-Flusse) Neger fortgeholt von 145 Großbritannien.53100 Frankreich. 23 520 Holland.11300 150 Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus Britisch-Amerika. 6300 Portugal .1700 Dänemark.1200 Nack Bryan Edwards gab es im Jahre 1791 an den Küsten Afrikas 40 europäische Faktoreien für den Sklavenhandel, darunter waren 14 englische, 3 französische, 15 holländische, 4 portugiesische, 4 dänische. Aber ausgeführt wurden in jenem Jahre von den Briten . . . . 38 000 Neger „ „ Franzosen. . . 20000 „ „ „ Portugiesen . . 10000 „ „ „ Holländern . . 4000 „ ., „ Dänen . . . . 2000 „ Zweifellos war Großbritannien während des ganzen 18. Jahrhunderts, also in der wichtigsten Epoche, der Mittelpunkt des Sklavenhandels, und in Großbritannien selbst war der Mittelpunkt wiederum Liverpool: von 192 englischen Sklavenschiffen liefen im Jahre 1771 aus 146 : von Liverpool 107, von London 58, von Bristol 23, von Lancaster 4. Postlethwayt hat uns ein Verzeichnis sämtlicher Sklavenschiffe mitgeteilt, die Liverpooler Kaufleuten gehörten; es waren zu seiner Zeit 88 mit je 60 bis 550, meist 3—400 Sklaven als Ladung 147 . Der Sklavenhandel hatte sich in Liverpool rasch entwickelt; 1729 besaß die Händlerschaft dieser Stadt erst eine Schaluppe von 30 t, die diesen Handel betrieb, während 1751 schon 53 Fahrzeuge mit einer Ladefähigkeit von 5334 t von Mersey nach der Sklavenküste aussegelten. Der Übersee-, insonderheit der Kolonialhandel war nun aber, wie außer Zweifel steht, im 17. und 18. Jahrhundert das Feld, auf dem sich der kommerzielle Kapitalismus vor allem entfaltete. Neben ihm verschwindet der internationale europäische Handel und noch mehr der interlokale Handel in den einzelnen Ländern. Immerhin: auch in ihm werden Der Luxus und der Handel 151 kapitalistische Formen sich hier und da ausgebildet haben, und da ist es wichtig zu wissen, daß auch dieser Handel innerhalb Europas im wesentlichen ein Handel mit Luxuswaren war. Ein großer internationaler und doch kapitalistisch betriebener Handel, der nicht ein Handel mit Luxusgütern war, bestand, soviel ich sehe, nur für zwei Artikel: Getreide und Kupfer, ein Handel, der in beiden Fällen durch den Bedarf der modernen Heere erzeugt worden war, wie in dem zweiten Bande dieser Studien nachgewiesen werden wird. Was für Waren im 17. und 18. Jahrhundert von einem europäischen Lande in das andere gingen, lehrt uns (als Beispiel unter vielen) eine Aufstellung der von Frankreich nach Holland ausgeführten Waren, die im Jahre 1658 die Pariser Handelskammer machte, und die der kundige Verfasser der Batavia illustrata für seine Zeit (Anfang des 18. Jahrhunderts) in vielen Punkten noch für gültig erklärt, obwohl in der Zwischenzeit sich, wie wir noch sehen werden, in Holland eine nationale Luxusindustrie entwickelt hatte. Dieser Verlauf ist typisch in jenen Jahrhunderten des erstarkenden Kapitalismus: daß ein Land nach dem anderen die Güter selbst herstellt, die es vordem von dem kapitalistisch fortgeschrittenen Lande auf dem Wege des Handels eingeführt hatte: erst ist Italien, dann ist Frankreich das führende Industrieland, bis ihm England, Holland, Deutschland usw. folgen. Die Aufstellung aber, von der ich eben sprach, ist diese 148 : Frankreich führt nach Holland ein (nicht nur zum Konsum in Holland selbst, sondern auch zur Wiederausfuhr): 1. an Samten, Plüschen, Satins, Gold- und Silberstoffen, Taflet und anderen Silberstoffen aus Tours und Lion für mehr als. 6 000 000 Fr. 2. an Bändern, seidenen und gedrehten Borten, Knöpfen, Knöpfen und Schnüren (taggs), die in Paris, Rouen und in den benachbarten Städten gemacht werden, für. . . . 2 000 000 „ 8 000 000 Fr. 152 Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus Transport 8 000 000 Fr. 3. an Seidenhüten und anderen Sorten Hüten, in Paris und Rouen gemacht, für. 1500 000 „ 4. an Federn, Gürteln, Schirmen, Masken, Kopfputz (head-dresses), Spiegeln, goldenen Rahmen, Uhren und allerhand Kleinkram, was die Franzosen „bi- joux“ nennen, für. 2 000 000 „ 5. an Handschuhen, gemacht in Paris, Clermont, Ven- döme und Rouen, für. 1500 000 „ 6. an Wollengarn, in der Picardie gesponnen, für . . 500 000 „ 7. an Papier aller Art, in Poitou, Champagne, Limousin, Auvergne und Normandie gemacht, für. 2 000 000 „ 8. an Nähnadeln und anderen Nadeln und Elfenbein-, Ebenholz-, Buchsbaum- und Hornkämmen, in Paris und der Normandie verfertigt, für. 500 000 „ 9. an Kurzwaren in Eisen und Stahl, in der Auvergne gemacht, für. 500000 „ 10. an Segeltuch von der Normandie und Britannien für mehr als. 5 000 000 „ 11. an Zimmereinrichtungen aller Art: Betten, Matratzen, Steppdecken, Laken, Fransen usw., für mehr als. . 5 000 000 „ 12. an Weinen verschiedenster Herkunft für mehr als. 9000000 „ 13. Brandy, Essig und Cider für mehr als. 2 000 000 „ 14. an Saffran, Seife, Honig, Mandeln, Oliven, Kapern, Pflaumen und anderen Früchten für. 2 000 000 „ 39500 000 Fr. Also alles Luxuswaren bis auf Nr. 10 und vielleicht Nr. 13, denn der Brandy und Cider können möglicherweise für das Schiffsvolk oder die Soldaten bestimmt gewesen sein. Nach der Schätzung, die Moreau de Jonnös anstellt, wurde weit über die Hälfte des Wertes der französischen Einfuhr zur Zeit Ludwigs XIV. gebildet durch folgende Artikel, die Italien, England und die Niederlande lieferten: Seidenwaren, feine Tücher, Tapeten (tentures), Battiste, Spitzen, feine Eisen- und Stahlwaren (coutellerie) und Kurzwaren (mercerie) I49 . 2. Der Detailhandel Tiefer und nachhaltiger und ausschließlicher als den Großhandel hat der Luxus den Kleinhandel in seiner Entwicklung beeinflußt. Gab es in der frühkapitalistischen Epoche Der Luxus und der Handel 153 immerhin einige wichtige Großhandelszweige, die kapitalistisch waren und doch sich nicht mit Luxuswaren befaßten (der Kupferhandel im 16., der Getreidehandel im 17. Jahrhundert), so wird sich, glaube ich, kein einziges auch nur kapitalistisch gefärbtes Detailhandelsgesehäft vor dem 19. Jahrhundert nach- weisen lassen, in dem nicht Luxusgüter feilgeboten wären. Ganz deutlich können wir dagegen wahrnehmen, wie der Luxusbedarf und die Notwendigkeit oder die Gier des Händlers, ihn zu befriedigen, gerade in jenen Jahrzehnten, in denen wir die Neigung zur verschwenderischen Lebensführung unter den wohlhabenden Leuten plötzlich sich zu ganz großem Aufschwünge erheben sahen: in den Jahrzehnten um das Jahr 1700, als das brasilianische Gold die Taschen der Pariser und Amsterdamer und Londoner Spekulanten zu füllen begann, wie damals, sage ich, die Fürsorge für den Luxusbedarf 'des reichen Mannes den Händler aus seinem handwerkerlichen Schlendrian aufrüttelt und die Bahn der kapitalistischen Entwicklung hinauftreibt. Vielleicht würden wir den innigen kausalen Zusammenhang zwischen Luxusentfaltung und kapitalistischem Detailhandel nicht so mit Händen greifen können, wenn uns nicht ein glücklicher Zufall eine Quelle erhalten hätte, wie sie in gleicher Zuverlässigkeit und Ausgiebigkeit uns leider nur in den seltensten Fällen geboten wird, eine Quelle, aus der wir die Wandlungen bis ins einzelnste genau verfolgen können, die der englische Seidenwarenhandel in der Zeit seit der Restauration bis in die 1730 er Jahre hinein durchgemacht hat. Die Quelle ist die Erzählung, die der kundige Verfasser des „English Tradesman“ aus seiner eigenen Erfahrung von den Vorgängen macht 150 ; ein Mann also, der mit berechtigtem Selbstgefühl von sich sagen konnte, daß keiner zu seiner Zeit eher dazu befähigt gewesen sei — by years and experience —, über diese Episode zu berichten: Der Seidenwarenhändler, der Mercer, der Mercier, ist 154 Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus aber gewiß der typische Vertreter des Luxuswarenhandels in jenen Jahrhunderten des übermütigen Reichtums. Hier herrscht die Lady unumschränkt. Aller Handel ist auf sie zugeschnitten. Die kostbarsten Stücke des Luxusbedarfs werden hier umgesetzt, denn der Seidenwarenhandel umfaßt natürlich alle Gold- und Silberstoffe, Brokate, Samte und wohl auch Spitzen. Der Seidenwarenhändler alten Stils, wie er uns noch in London unter den jüngeren Stuarts begegnet, und wie er wohl auch noch ein paar Jahrzehnte später die Regel bildete (ich denke mir, daß die größten Verschiebungen doch erst gegen das Ende des 17. Jahrhunderts einsetzen), war Grossist und Detaillist in eigner Person; es gab mit andern Worten noch keine selbständigen Detailhändler in Seidenwaren: die die Stoffe beim Produzenten aufkauften, verkauften sie auch ellenweise an die Kundschaft. Das hatten ja selbst ganz große Kaufherren in aller früheren Zeit getan. So sehen wir beispielsweise die Fugger, als sie beinahe auf dem Zenith ihrer Macht und ihres Reichtums angelangt waren, Seide und Samt aus- schneiden; wenn es freilich auch königliche Hofhaltungen waren, denen sie „gülden Tuch“, die Elle zu 36 fl., oder Florentiner und Mailänder Damast, die Elle zu 8 bis 10 fl., oder Seidensamt, die Elle zu 4 fl., lieferten 1B1 . Immerhin! Königliche Kaufleute, die sonst mit Kupfer und mit Kaisern handelten. Herr Arnold oder Herr Friedländer-Fould würden heute doch nicht unserm Kaiser ein paar Meter Band verkaufen wollen. Unsere Londoner Mercers zur Zeit des großen Brandes und noch zwanzig Jahre danach saßen alle in der City, wo sie wohl seit den Plantagenets gesessen hatten, in der engen, düsteren Pater-noster Row, die eigens für sie gebaut war, und hielten dort ihre Stoffe in hohen, dunkeln Gewölben, die von einem spärlich hereinfallenden Oberlicht beleuchtet waren, feil: The spacious shops, backware houses, sky-lights, and other conveniencies, made on purpose for their trade, are still Der Luxus und der Handel 155 to be seen, heißt es noch in der fünften Auflage des Complete English Tradesman (1745). Ihre Lager waren unermeßlich groß: „prodigiously great“. Und sie verkauften sie, wie ihre Voreltern sie zur Zeit der Plantagenets gewiß auch schon verkauft hatten. Die beste Kundschaft suchte sie hier in der engen Pater-noster Row auf: der Hof an der Spitze. In zwei Reihen standen die Wagen: auf der einen Seite fuhren sie hinein, auf der andern hinaus, so war es Vorschrift, denn die Straße war zu eng zum Wenden: die Mercers hatten selbst zwei Büttel angestellt, die die Ordnung aufrechterhalten mußten. Solche Gewölbe gab es etwa 50, in denen die großen Kaufleute saßen. Der Rest waren die Trabanten dieses stolzen Handels: die Bortenleute (lace-man) in der Mitte der Ive- lane; die Knopfläden (button-shops) am Ende der Straße bei Cheapside; die Garnläden (crewel-shops) und Fransenläden (fringe-shops) nahebei in Blow-bladder Street. Das wurde nun von Grund auf anders, als die lustige Zeit begann: „as the gay humour came up“. (Unser Gewährsmann läßt die genaue Grenzbestimmung der Zeit, die er meint, vermissen, er sagt: da saßen sie, die alten Großmercers, „about twenty years after the fire“, „and even in that time ... as the gay humour came on . . .“, das wäre also, da das Feuer 1666 war, schon die Regierungszeit Karls II., für die ja die Bezeichnung einer fröhlichen Zeit gewiß paßt). Damals nämlich wuchs zunächst die Zahl der detaillierenden Mercers ungeheuer rasch an: sie fingen, da die Pater-noster Row zu eng wurde, an, sich an der Peripherie Londons anzusiedeln: in Ald- gate, Lombard-Street und Covent-Garden, der bald einen Namen bekam. Da hier die Straßen breiter waren, so zog die Kundschaft, die ja nur in Kutschen kam, es vor, in den neuen Läden zu kaufen, auch der Hof kam nicht mehr in die City; Pater-noster Row verödete, und in wenig mehr als zwei Jahren wurden die alten Mercers gezwungen, ihre Gewölbe zu verlassen und dem Strome der Kundschaft nachzuziehen: wie 156 Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus auf dem Meere, meint der Verfasser, die Fischer den Fischen nachziehen, wenn diese ihren Standort ändern. (Waren die neuen „out lying mercers“, die solcherweise den alten Seidenwarenhandel revolutionierten, Juden, die mit Karls II. Frau oder mit dem Oranier nach London kamen? Es kann kaum anders sein.) Nochmals zehn Jahre und Covent-Garden wurde verlassen: die Mercers suchten eine neue Stätte, wie ein schwärmendes Bienenvolk, und ließen sich endlich in Ludgate-hill nieder: the swarm settled on Ludgate-hill, wo er nun dauernd blieb. Die Zahl der Seidenhandlungen, die 1663 50 bis 60 betragen hatte, war unterdessen auf 300 oder 400 angewachsen. Um dieselbe Zeit, als die Mercers aus ihrem Standort wegzogen, auf dem sie jahrhundertelang gesessen hatten, und sich über weite Teile von London verbreiteten, lösten sich auch viele andere Händler (und Handwerke) von ihren alten Straßen los, die sie das ganze Mittelalter über innegehabt hatten. Manche unter ihnen, z. B. die Linen-drapers, auch ein ausgesprochener Luxuswarenhandel, vermehrten sich ebenfalls erstaunlich: „monstrously increased“. Die feine Leibwäsche wurde, wie wir an anderer Stelle schon sahen, um diese Zeit ein Luxus des reichen Mannes und seines Weibchens. Was uns diese Erzählung lehrt, ist also dieses: daß die Luxuswarenhandlungen wegen der rasch steigenden Nachfrage sich in kurzer Zeit stark vermehren und ihren alten Standort verlassen. Damit aber war die Tür aufgestoßen, durch die der moderne kaufmännische Geist in die stillen Räume des Detailhandels eindringen konnte; damit wurde die Umwandlung der mittelalterlichen Detailhandelsgeschäfte in kapitalistische Unternehmungen nur eine Frage der Zeit. Denn mit diesen Veränderungen: steter und plötzlicher Vermehrung und Ortsveränderung, wurde das Detailhandelsgeschäft auf den Boden der ökonomischen Ratio gestellt, wurde die Notwendigkeit erzeugt, den Konkurrenzkampf mit den Nachbarn aufzunehmen, die zweckmäßigsten Methoden zur Herbeiholung der Kunden -.>cnr • Der Luxus und der Handel I57 auszusinnen und anzuwenden. Und das bedeutete eben den Einzug des kapitalistischen Geistes. Wie dieser im Laufe des nächsten Jahrhunderts sich in den Luxusgeschäften der Großstädte (und nur in diesen) einnistet, können wir aber genau verfolgen, wenn wir die wenigen Angaben, die wir gerade über die Detailhandelsorganisation aus jener Zeit besitzen, richtig zu deuten verstehen. Was sich in dem folgenden Jahrhundert, nachdem die alten Mercers aus Pater-noster Row ausgewandert waren, ereignete, war vornehmlich folgendes: 1. Detailhandel und Engroshandel differenzieren sich: jene 300—400 Mercers konnten nur zum kleinen Teil noch Grossisten sein. 2. Die Ladeninhaber fangen an, ihre Läden eleganter auszustatten, um die Kundschaft anzulocken oder den feinen Leuten, die die Kundschaft bildeten, den Aufenthalt angenehm zu machen. Es wird uns ausdrücklich bestätigt, daß diese Verfeinerung der Ladenausstattung bei den Toy-men anfing, also bei den Galanteriewarenhändlern würden wir vielleicht sagen, wobei wir aber immer nur an Luxusgalanteriewaren höchsten Raffinements, Nippes usw., denken müssen. In den Toys kulminierte in gewissem Sinne der Luxus der Zeit. Französisch heißen diese kostbaren Nichtigkeiten „bijoux“, was nicht nur Schmuck im engei’en Sinne damals bedeutete, sondern Colifichets, Spielereien, Kleinigkeiten aus kostbarem Metall und mit kostbarer Arbeit überhaupt. In diesen Läden traf sich die elegante Welt, vor allem die Herrenwelt, die hier ihre Einkäufe für ihre Geliebten macht. Denn hier kaufte man die „bijoux frivoles“, „die man den anständigen Frauen schenkt, die kein Geld nehmen“ (que l’on donne aux femmes honnetes qui n’acceptent de l’argent, mais bien des colifichets en or, parcequ’ils ont un air de döcencel), meint Mercier, der uns den „Petit Dunkerque“ beschreibt 162 , den Luxusladen ä la mode zu seiner Zeit, in dem sich nament- 158 Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus lieh in den ersten Tagen des Jahres die „petits seigneurs“ drängen, so daß man eine Garde aufstellen muß. „Nichts Glänzenderes gibt es als diesen Laden“: rien n’est plus brillant ä l’oeil que cette boutique, die Voltaire, als er das letzte Mal in Paris war, mit seinem Besuch beehrte: „Er lächelte über alle diese Schöpfungen des Luxus; er bemerkte, glaube ich, eine gewisse Ähnlichkeit zwischen diesen glitzernden Bijoux und seinem Stil“, fügt Mercier hinzu. 3. Die Form des modernen Detailhandelsgeschäfts, das Bedarfsartikelgeschäft, wie ich es genannt habe 168 , in dem die Waren nach dem Bedarfszweck zusammengestellt sind, beginnt sich aus dem alten Branchengeschäft herauszubilden. In gewissem Sinne vertritt der Toy-Man, der Marchand bijoutier schon dieses neue Prinzip; auch in der Beschaffung der Zutaten zur weiblichen Toilette finden sich Ansätze zu einer Neugruppierung der Waren im Laden. Scheinbar ist auch der Mercer im Begriffe, ein Bekleidungsgeschäft zu werden: „Der Mercer handelt mit Seiden, Samten, Brokaten und einer unzähligen Menge teurer Kleinigkeiten, die zur Ausschmückung des schönen Geschlechts gehören“ (an innumerable Train of expensive Trifles for the Ornament of the Fair-Sex) 184 . Das erste wirkliche Bedarfsartikelgeschäft ist aber, soviel ich sehe, das Wohnungseinrichtungsgeschäft, in dem sich alles bereits zusammenfindet : selbstverständlich nur in allerbesten Qualitäten, was zur Ausschmückung einer Wohnung dient. Teilweise scheinen es die Tapezierer gewesen zu sein, die sieh zu solchen Möbelausstattungsgeschäften umwandelten, in denen Tische, Kommoden, alle Arten von Kunsttisehlerei (tous les ouvrages d’öbenisterie), Spiegel, Kronleuchter usw. neben den Betten und Polstern, den Vorhängen und Wandteppichen, die sie selber anfertigten, zu finden waren 155 . Teilweise waren es bloße Händler in diesen Dingen, die sie aber ebenfalls in einem Laden vereinigten. Sie verkaufen: Gemälde, Stiche, Kandelaber, Armleuchter, Kronleuchter, Figuren aus Bronze, Der Luxus und der Handel 159 Marmor, Holz und anderen Stoffen, Stutzuhren und Taschenuhren, Cabinets, Schränke, Schubladen, Tische, Gueridons aus Holz und vergoldet, Marmortische und andere Waren und Kuriositäten, die zur Ausschmückung der Wohnung dienen: „marchan- dises et curiositez propres pour Tornement des appartemens“ 156 . In London finden wir ganz ähnliche Geschäfte um dieselbe Zeit. Hier sind es die Luxusmöbeltischler (Cabinet-Makers), die in einem Laden allerhand Einrichtungsgegenstände feilhalten, die sie nur zum Teil selbst gefertigt haben: manche dieser Läden sind so reich ausgestattet, daß sie eher wie Paläste ausschauen (they look more like Palaces), und ihr Anlagekapital ist ausnehmend groß (their Stocks are of ex- ceeding great Value) 167 . Daneben gibt es aber auch Ausstattungsmagazine der Tapeziere gerade wie in Paris: manche von ihnen, die Upholders, sind große Ladeninhaber, die stets eine Fülle fertiger Waren zum Verkauf daliegen haben 1B8 . 4. Die Versachlichung des Verhältnisses zwischen Händler und Kundschaft, die alle spätere kapitalistische Entwicklung vor allem kennzeichnet, beginnt in diesen großen Luxuswarengeschäften : der Petit Dunkerque ist meines Wissens das erste Detailhandelsgeschäft, in dem „feste Preise“ galten 169 . 5. In diesen großen Luxuswarenläden: damit habe ich den letzten und wichtigsten Punkt berührt. Offenbar nämlich weitete sich in dem Maße, wie alle die genannten Geschäftsprinzipien zur Anwendung kamen, mußte sie es infolgedessen, die kapitalistische Basis aus, auf der diese Geschäfte ruhten. Insbesondere wird uns von den Seidenwarenhandlungen berichtet, daß sie zum Teil recht umfänglich waren. Von einem Pariser Detailgeschäft (Galpin) erfahren wir aus dem Anfänge des 18. Jahrhunderts, daß in ihm an einem einzigen Tage für 80000 livres Stoffe verkauft wurden 1691 . Der „Vollkommene englische Handelsmann“ erzählt uns 1727 von einem Mercer, der eine große Menge Angestellte und Arbeiter „a great many servants and journeymen“ in seinem 160 Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus Laden beschäftigt. Einer Dame, die er bedient, und die sich absichtlich zwei Stunden lang bei ihm aufhält ohne zu kaufen, legt er für etwa 3000 j£ Ware vor. Einen andern Mercer hat er gekannt, der einen Umsatz von 40 000 <£ im Jahre hatte. Das Kapital, mit dem mau um die Mitte des 18. Jahrhunderts einen Seidenwarenladen aufmachen konnte, wird von einem Gewährsmann auf 500—2000 j£, von einem andern auf 1000—10 000 angegeben: „10000 j£, wenn sie nicht gut angewandt werden, machen nur eine kleine Figur in dieser Branche.“ Die Bücher, denen ich diese Angaben entnehme, sind zwei interessante und wichtige Quellen ie0 , um den Grad der Kapitalkonzentration in den einzelnen Detailhandelsbranchen in London um die Mitte des 18. Jahrhunderts festzustellen. In diesen Schriften sind nämlich sämtliche, in London betriebene Gewerbe, alphabetisch aufgezählt, und bei jedem ist (als Anhalt für denjenigen Lehrling oder die Eltern des Lehrlings, der sich einen Beruf wählen will) die Mindestsumme angegeben, die für die Etablierung erforderlich ist. Da können wir denn nun die Richtigkeit der hier vertretenen Ansicht bestätigt finden: daß es fast nur Luxuswarenhandlungen sind, die höhere Ansprüche stellen: sage über 500 £ Anlagekapital erheischen. Es sind die folgenden: Buchhändler. Chinaladen. Drogist. Grocer . Lace-man (Borten, Tressen usw.). . Hosiers shop (Wirkwaren, also vor allem seidene Trikots) . . . . Nursery-man(Blumen-u.Sträucher-H.) Thread-mau (Faden?). Toy-man.. . 500—5000 £ 500—2000 „ 500—2000 „ 500-2000 „ 500-2000 „ 500—5000 „ 500-1000 „ 500—1000 * 2000 „ Der Luxus und die Landwirtschaft 161 Händler, die man nicht als Luxuswarenhändler ansprechen kann, wenigstens nicht direkt (obwohl auch sie letztenfalls von den reichen Leuten der Stadt lebten) und nicht ausschließlich, mit einem Anlagekapital von mehr als 500 £ sind nur die Kohlen-, Eisen- und Holzhändler. Die überragende Bedeutung des Luxuswarenhandels geht auch aus der Tatsache hervor, daß Kompagniegeschäfte nur üblich waren bei den Seidenhändlern, den Leinenhändlern und den Goldschmieden — Bankiers 161 . Also auch (und gerade) im Detailhandel dringt der Kapitalismus durch die Verbreitung des Luxus vor. Die Gründe liegen nahe; sie sind in der voraufgehenden Darstellung schon stillschweigend eingeschlossen. Ich stelle sie hier noch einmal zusammen: 1. die Eigenart der Waren drängt zur kapitalistischen Organisation; sie sind die hochwertigsten und kamen am frühesten in größeren Mengen in den Handel; 2. die Eigenart der Kundschaft befördert diese Entwicklung zum Kapitalismus; sie stellt die höchsten Ansprüche an Eleganz und Kulanz, und (ein Grund, der scheinbar in jenen glücklichen Zeiten sehr ins Gewicht gefallen zu sein scheint, denn alle Ratgeber in Handelssachen machen ihn geltend) diese vornehme Kundschaft bezahlt nie bar oder überhaupt nicht; der Kaufmann, der in Luxuswaren handelt, muß also — die übrigen Umstände als gleich angenommen — immer ein größeres Kapital zur Verfügung haben, weil sein Umschlag (infolge des Borgsystems) langsamer ist. III. Der Luxus und die Landwirtschaft 1. In Europa Unmittelbar ist der Kapitalismus in der Landwirtschaft gefördert worden, als und insoweit Land, das vordem von Bauern angebaut worden war, in Schafweide verwandelt Sombart, Luxus und Kapitalismus 11 162 Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus ■wurde, um dem wachsenden Bedarf an Wolle Genüge zu tun. Das war der Fall während des Mittelalters und später namentlich in Stiditalien, Spanien und England, ln England soll die Ausdehnung der herrschaftlichen Schafwirtschaft auf Kosten der alten Bauernwirtschaft, wie bekannt, unter den Tudors so weit und so rasch erfolgt sein, daß sie Thomas Morus zu dem Ausspruch hinriß, das Schaf fresse den Menschen auf. Ich glaube nun zwar, daß man den Umfang der damals schon „eingehegten“, das heißt wesentlich in Sehafweide verwandelten Flächen überschätzt; immerhin ist die Bewegung in der Richtung eines kapitalistischen Großbetriebes in der Landwirtschaft vorhanden gewesen und bis ins 18. Jahrhundert hinein nicht zur Ruhe gekommen. Und diese Bewegung ist für die Entstehung des modernen Kapitalismus zwiefach von Bedeutung: sofern sie Formen der kapitalistischen Organisation selbst schafft und sofern sie die Ausbildung der kapitalistischen Industrie beförderte durch Verminderung des Nahrungsspielraums für selbständige kleine Landwirte auf dem Lande. Und wiederum ist diese ganze Bewegung ein Werk des Luxus, denn die Wollen, die man in den neueröffneten Schafwirtschaften erzeugte, lieferten das Material für die allerfeinsten Gewebe, die die hochentwickelte Luxusweberei in Flandern, Brabant und Florenz für den Konsum der Reichsten herstellte, wie im weiteren Verlauf dieser Darstellung noch gezeigt werden wird. Sonst ist die Einwirkung des Luxus auf die Landwirtschaft derart, daß durch ihn die Produktion verbessert und verfeinert wird; und das wiederum steigert die Erträge und damit die Bodenwerte und drängt die Eigentümer, wenn auch nicht zur Anlage kapitalistischer Gutswirtschaften, so doch zu einer Durchdringung der Landwirtschaft mit kapitalistischem Geiste, der dann die alten Formen der feudalen Landwirtschaft sprengt und indirekt wieder der allgemeinen kapitalistischen Entwicklung die Bahn frei macht (wie ich das -•*, yr-»-t, ■ ~ - ■'' " y*' T > V Der Luxus und die Landwirtschaft lß3 in meinem „Modernen Kapitalismus“ darzustellen versucht habe). Die meisten technischen und ökonomischen Umwälzungen, die wir in der europäischen Landwirtschaft wahrnehmen, sind bis ins 19. Jahrhundert hinein in diesem Sinne durch den zunehmenden Luxusbedarf der reichen Bevölkerung hervorgerufen worden. Neben diesem Einfluß des Luxusbedarfs auf die Landwirtschaft tritt der Einfluß des Massenbedarfs (also der Nachfrage nach Getreide) zweifellos zurück. Dieser Massenbedarf äußert sich nur an einer Stelle revolutionär, wie in dem 2. Band dieser Studien nachgewiesen wird, wo die Armeen seit dem 16. Jahrhundert plötzlich mit ihren großen Anforderungen auftreten. Sonst wird die Getreideproduktion für die allmählich anwachsende städtische Bevölkerung sich im Rahmen der mittelalterlich-feudalen Landwirtschaft abgespielt haben. Wollte man mir das aber bestreiten, und wollte man die Behauptung aufstellen: der große Getreidekonsum der Weltstädte wie London, Paris, Amsterdam, Mailand, Venedig sei es gewesen, der die Landwirtschaft stärker angeregt habe, so würde ich mich mit dem Hinweis revanchieren, daß ja diese Städte in ihrer Totalität eine Ausgeburt des Luxus seien. Aber ich glaube, daß wir solcher Konstruktionen nicht bedürfen, um die Veränderungen, die die Landwirtschaft bis ins 18. Jahrhundert durchmacht, dem Luxus im wesentlichen zugute zu halten. Der rasche Aufschwung der italienischen Kommunen während der letzten Zeiten des Mittelalters hatte es bewirkt, daß fast überall in Italien die Landwirtschaft modernes Gepräge angenommen hatte: „L’abbondanza dei capitali aveva posto il paese in grado di dare ampio svolgimento alle opere d’irrigazione, di prosciugamento, di dissodamento ed ad altre migliorfe. La ricchezza diflfusasi in tutti i ceti della popo- lazione aveva . . . promosso l’aumento e il raffinamento della produzione agraria. La prosperitä delle industrie n* 164 Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus tessili aveva offerto il modo di allargare considerevolmente la coltivazione di varie piante industriali ec . . So faßt einer der besten Kenner der Geschichte der italienischen Landwirtschaft das Ergebnis seiner Studien zusammen 102 , Und daß es kapitalistischer Geist war, der auf den Äckern und in den Weinbergen des damaligen Italiens wehte, kann uns ein Studium der meisten Stadtrechte lehren, die fast immer auch von der Landwirtschaft handeln; was sie anstreben, ist Schutz des Eigentümers gegenüber den Betrügereien und der Faulheit des Pächters oder Kolonen, Ausbildung des Instituts der Feldhüter (saltari), Bestrafung des Felddiebstahls usw. Ähnliche Vorgänge wie in Italien spielen sich während des Mittelalters schon in der belgischen Landwirtschaft ab, hier und da natürlich auch in der deutschen, französischen und englischen Landwirtschaft, ohne daß in diesen Ländern die Einwirkung der städtischen kapitalistischen Entwicklung nachhaltig genug gewesen wäre, um eine Umgestaltung der agrarischen Zustände schon während des Mittelalters zu bewirken. Die einzige Blüte der kapitalistischen Landwirtschaft in Spanien dagegen, darf man sagen, fällt in das 16. Jahrhundert : sie wurde erzeugt durch den rasch und intensiv gesteigerten Bedarf insbesondere der plötzlich reich gewordenen Conquistadores, aber auch der Handels- und Geldmänner der spanischen Städte. Im Süden des Landes hatte der Weinbau große Dimensionen angenommen. Cadiz und Sevilla führten allein 140000 Ztr. Wein nach Amerika aus. „Damals war es, daß die großen Herren von der Kaufmannschaft Sevillas ihren Geschäften einen noch glänzenderen Aufschwung zu geben gedachten, indem sie selbst die Kultur der begehrtesten Artikel in die Hand nahmen. Da ihnen enorme Kapitalien zur Verfügung standen, bedurfte es nur ihres Wollens, und wie von einem Zauberstabe berührt, bedeckte sich das Tal des r xijngi_\£ZZV Der Luxus und die Landwirtschaft J(35 Guadalquivir bis hinauf an die Sierra Morena mit wogenden Getreidefeldern, mit üppigen Obst- und Ölgärten und mit Weinbergen, deren Ertrag allein ganze Schiffsladungen füllte.“ 168 Die Kortes klagen im 16. Jahrhundert, daß der Wein, dessen Anbau rentabler war, dem Brote den Boden weg- nelune. Mau suchte daher zu verhindern, daß das Getreideland durch Wein eingeschränkt würde 164 . Besonders deutlich aber lassen sich die Zusammenhänge zwischen „Hebung der Landwirtschaft“ und zunehmendem Luxusbedarf in England während des 17. und namentlich während des 18. Jahrhunderts verfolgen. Was hier die Landwirtschaft revolutionierte, war ganz sicher die wachsende Bedeutung Londons als Luxuskonsumzentrum. Wenn wir die Anfänge der modernen rationellen Landwirtschaft in England zu suchen haben, so hat das ebensosehr seinen Grund in der eigenartigen Stellung Londons, wie Columella und Genossen dem alten Rom ihr Dasein verdanken. Noch die Schriftsteller, die uns über das ländliche England im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts unterrichten, Arthur Young 165 , die Bearbeiter Defoes, der 1788 in achter Auflage erschien 166 , und noch Eden 167 , hinterlassen uns den Eindruck, als ob die Landwirtschaft Englands, soweit sie neue Bahnen wandelt, ausschließlich London ihre Anregung verdankt, und ebenso erscheint in den Grafschaftsberichten, die auf Veranlassung des Board of Trade gegen Ende des 18. Jahrhunderts erstattet wurden, die Hauptstadt als die Zentralsonne, von der allein die Provinzen Licht empfangen. Überall, wo für London produziert wird, macht die Landwirtschaft Fortschritte: es bildeten sich theoretisch regelmäßige Kreise der Intensität um „die Stadt“. Die Grafschaften Essex („the whole face of the country like a garden“) 168 , Sussex 169 , Kent 170 , Surrey 171 , Hertfort 172 , Norfolk 178 , Suffolk 174 sind die namentlich bevorzugten, in denen die „improvements of husbandry“ ganz besonders gerühmt werden. Stößt ein llluirn ' 166 Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus Reisender in größerer Entfernuug von London auf intensiven Landwirtschaftsbetrieb, so ist er erstaunt, „so far from London“ ähnliches zu finden 175 , während er sich umgekehrt entrüstet, wenn ein nahe der Stadt gelegenes Gebiet von den Vorteilen seiner Lage keinen Nutzen gezogen und in den alten Geleisen der extensiven Landwirtschaft stecken bleibt 17G . Die Preise der meisten Agrarprodukte nehmen regelmäßig von der Peripherie bis London an Höhe zu 177 ; die Bewohner der Provinz machen die richtige Beobachtung, daß die Chausseen ihren Lebensunterhalt verteuern 178 , die Chausseen, die nämlich fast alle radial von London aus sich über das Land verbreiteten 179 , oder daß ihnen die Londoner die besten Lebensmittel vor der Nase wegschnappten und ihnen das Nachsehen ließen 18 °. Fragen wir aber, wodurch London diesen großen Einfluß auf den Preisstand der Agrarprodukte und damit auf die Gestaltung des Landwirtschaftsbetriebes auszuüben vermochte, so muß die Antwort lauten, daß es nicht eigentlich die Bevölkerungszunahme sein konnte, die revolutionierend wirkte. Denn diese war gar nicht so übermäßig groß während des 18. Jahrhunderts. London hatte, wenn wir den Berechnungen Pettys und Kings Vertrauen schenken wollen, schon in den achtziger Jahren des 17. Jahrhunderts etwa 700000 Einwohner 181 , hundert Jahre später kaum mehr 182 und am Beginn des 19. Jahrhunderts, im Jahre 1801, dem jedoch einige Jahrzehnte ganz ungewohnten Zustroms voraufgegangeu waren, 864845 Einwohner. Es muß vielmehr in hervorragendem Maße die Verfeinerung des Konsums der wohlhabenden Bevölkerung gewesen sein, die eine so beträchtliche Steigerung der Nachfrage nach Erzeugnissen der Landwirtschaft hervorrief. Zu demselben Schlüsse kommen wir, wenn wir die Preisbewegung bei den verschiedenen Agrarprodukten während des 18. Jahrhunderts beobachten; wir finden nämlich, daß die Getreide- Der Luxus und die Landwirtschaft 167 preise in England wenigstens während der ersten Hälfte des Jahrhunderts keinerlei Tendenz zum Steigen aufweisen, während die Preise der meisten anderen Erzeugnisse, vor allem des Fleisches, in die Höhe gehen 183 . Und was wir an Tatsachen über die wirkliche Gestaltung des Konsums besitzen, bestätigt dann jene Hypothese auch durchaus. Vor allem muß der Fleischverzehr in London sowohl absolut ein sehr beträchtlicher während des 18. Jahrhunderts gewesen sein, als auch vor allem eine erhebliche Steigerung in dieser Zeit erfahren haben. Wenn wir auch den ziffernmäßigen Angaben, wie sie z. B. Eden macht 184 , keine allzugroße Bedeutung beilegen dürfen, — danach würde der Fleischkonsum (ohne Schweine- und Kalbfleisch) gegen Ende des Jahrhunderts 90 Pfund auf den Kopf der Bevölkerung erreicht haben, d. h. eine Höhe, wie sie die heutigen Großstädte keineswegs alle erreichen, und würde zudem in 60 Jahren um 50 % pro Kopf der Bevölkerung gewachsen sein, wenn wir diese sich um 100 000 Seelen vermehren lassen — immerhin ist ein außergewöhnlich starker Fleischkonsum unzweifelhaft. Wir ersehen das beispielsweise aus den Schilderungen, die wir von dem berühmten Viehmarkt von Smithfield besitzen 185 , der zweimal wöchentlich abgehalten wurde und der größte der Erde war, oder von dem nicht minder berühmten Fleischmarkt Leaden- Hall, auf dem, wie ein spanischer Gesandter bemerkte 186 , in einem Monat soviel Fleisch verkauft wurde, um ganz Spanien während eines Jahres zu versorgen. Es sollen um die Mitte des 18. Jahrhunderts in London nicht weniger als 17 „große Fleischmärkte“ „for all sorts of fine meats“ bestanden haben, auf denen auch Geflügel und Wild verkauft wurde, „beside many Street butchers“, für die in größerer Entfernung von einem Markte wohnenden Familien 187 . Wir dürfen es aber auch aus den Berichten schließen, die uns über die ausgedehnte und zum Teil schon hoch- 168 Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus entwickelte englische Viehzucht im 18. Jahrhundert überliefert sind. Sie alle stimmen dahin überein, daß es vor allem die Anlage von Futterweide und die intensive Viehzucht ist, auf die die entwickelte Landwirtschaft zugesehnitten wurde: in Kent wie in Norfolk, in Essex wie in Somersetshire. Vielfach war schon eine weitgehende Spezialisierung der Viehwirtschaft eingetreten: selbstverständlich zwischen Schaf- und Rindviehzucht, aber auch noch weitergehend in der Weise, daß schon die Bergländer, wie Devonshire, die eigentliche Zucht übernahmen und fruchtbare Niederungen, wie Somersetshire, die Mästung 188 . Die rasche Vervollkommnung der Viehwirtschaft ergibt sich aus der erstaunlichen Zunahme des Durchschnittsgewichts des einzelnen Stücks Vieh. Dieses betrug auf dem Smithfield- Markt bei Ochsen Kälbern Schafen Lämmern 1710 370 lbs. 50 lbs. 28 lbs. 18 lbs. 1795 800 lbs. 148 lbs. 80 lbs. 50 lbs. Dieselbe Tendenz zur Spezialisierung, die uns einen Schluß ebensosehr auf die Verfeinerung des Konsums wie auf die hohe Technik der landwirtschaftlichen Produktion gestattet, beobachten wir bei den übrigen Erzeugnissen der Landwirtschaft. Man fühlt sich ganz lebhaft an die Schilderungen römischer Agrarschriftsteller erinnert, wenn man etwa die Bände der Defoeschen Landesbeschreibung durchblättert. Da hören wir von Gegenden, deren Spezialität die Lieferung von Drinkcorn (Gerste bzw. Malz) 189 ist, während andere den dazu gehörigen Hopfen produzieren 1!)0 . Hier ist der Hafer 191 , dort sind die Kartoffeln 192 das vornehmlich gezüchtete Produkt. Das beste Geflügel kommt aus der Umgegend von Dorking (Surrey) 193 , der beste Käse aus Oxfordshire und Gloucestershire 194 , der beste Speck aus Wiltshire und Hampshire 19B , während die Gegenden längs der Themse programmgemäß die Holzlieferanten sind 198 und in der nächsten Um- Der Luxus und die Landwirtschaft 169 gebung der Stadt in gartenmäßigem Anbau Gemüse produziert wird. Die Kitchen-garden erstrecken sich bis nach Gravesend, wo die besten Spargel gezogen werden 197 . 2. In den Kolonien Auf die Landwirtschaft in den Kolonien hat die Steigerung des europäischen Luxusbedarfs ganz anders gewirkt: hier hat sie kapitalistische Unternehmungen großen Stils, vielleicht die ersten ihrer Art, unmittelbar ins Leben gerufen. Zunächst, daß die Produktion in fast allen europäischen Kolonien eine Produktion hochwertiger Luxusgüter war, haben uns die Übersichten über die Gegenstände des kolonialen Handels gelehrt. Denn diese Luxuswaren wurden ja zum größten Teil in der überseeischen Landwirtschaft erzeugt. Die Artikel, die hier vornehmlich in Betracht kommen, sind: der Zucker, der Kakao, die Baumwolle (bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts ein Luxusartikel) und der Kaffee, die sämtlich in den amerikanischen Kolonien erzeugt wurden, und die Gewürze, das Hauptprodukt der ostasiatischen Kolonien; während ich den Tabak ausscheide, weil er ein Genußmittel war, das in den unteren Schichten ebenfalls verbreitet war (von den feineren Sorten abgesehen): „dans les colonies on ne travaille que pour le luxe“ urteilt also durchaus sachgemäß ein Schriftsteller im Anfang des 18. Jahrhunderts 198 . Sehen wir von der Arbeitsverfassung ab, die in den holländischen Gewürzkolonien herrschte und die in einem komplizierten System von Zwangsproduktion der Eingeborenen gipfelte, so wurden alle die genannten Luxusgüter in den Kolonien der Europäer in großen Plantagenwirtschaften erzeugt, die einen durchaus kapitalistischen Charakter tragen. Man hat vielleicht mit Recht gesagt, daß sich hier, fern von den Traditionen der europäischen Kultur, zuerst rein kapitalistische Gebilde entfaltet haben. Freilich muß man dann 170 Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus den Begriff des Kapitalismus weiter fassen: man muß kapitalistisch auch diejenige Organisation nennen, die auf unfreier Arbeit beruht, wenigstens wenn diese Arbeit von gekauften Sklaven verrichtet wird. Denn daß der Sklavenbetrieb in den europäischen Kolonien auf der Sklavenarbeit aufgebaut war, ist bekannt. Alle Requisite, die sonst zu einer kapitalistischen Unternehmung gehören, waren aber gewiß vorhanden: die Herrschaft des Erwerbsprinzips, die Herrschaft des ökonomischen Rationalismus, die Größe, die soziale Trennung zwischen Produktionsleiter und Arbeiterschaft: „die Erscheinung eines Standes von Handarbeitern, die gar nichts weiter als dies sind, tritt hier in der Form der Negersklavenschaft in völliger Nacktheit und Schwärze auf.“ (Knapp.) Einen großkapitalistischen Charakter trägt die Plantagen- wirtsehaft schon in den Kolonien der italienischen Städte im Ägäischen Meer während des Mittelalters. Hier wurden auf den fruchtbaren Inseln (Kreta, Chios, Cypern) Wein, Baumwolle, Indigo, Mastix, Oliven, Maulbeerbäume, Feigen, Lau- danumharz, Koloquinten, Karuben, vor allem aber Zucker gewonnen. Im Gebiet von Limisso zum Beispiel besaßen die Cornaro eine ausgedehnte Zuckerplantage, welche Ghistele den rechten Stapel von ganz Cypern nannte. Als der Italiener Casola die Gegend bereiste, im Jahre 1494, wurden hier 400 Personen beschäftigt. Alle Verhältnisse wuchsen sich dann in den amerikanischen Kolonien ins gigantische aus, wo nach der kurzen Episode der roten die schwarze Sklaverei die Lage beherrschte. Einer der besten Theoretiker der Sklavenwirtschaft, Cairnes, hat die Gründe dargelegt, weshalb zu allen Zeiten Negersklaverei und großbetriebliche Gestaltung der Produktion zusammengehört haben, die wir denn auch ganz übereinstimmend in den englisch-westindischen Kolonien, in Kuba, in Brasilien wie in den nordamerikanischen Südstaaten finden: Der Luxus und die Landwirschaft 171 Unsere reichen Pflanzer, meint M r C1 a y, kaufen ihre ärmeren Nachbarn aus, erweitern ihre Plantagen und dehnen ihren Sklavenbestand aus. Die wenigen Reichen, die bei kleinerer Profitrate bestehen können, und die imstande sind, ihren verbrannten Feldern einige Ruhe zu geben, treiben so die vielen unabhängigen Besitzer davon 199 . Die Zahlenangaben, die wir über die Ausdehnung einzelner Plantagen besitzen, bestätigen die Richtigkeit dieser allgemeinen Urteile. Nach La bat, der ein guter Beobachter war, wurde gegen das Jahr 1700 eine Plantage auf den französischen Antillen auf 350—400000 fr. geschätzt 200 . Eine Zuckerplantage, die Alexander von Humboldt beschreibt 201 , erstreckt sich über 650 ha Land, auf dem 300 Neger beschäftigt sind, und hat 2000000 Fr. als Anlage gekostet. Eine andere mit 220 Sklaven wird auf 35 000 j£ veranschlagt 202 . Im Jahre 1791 gab es im französischen Haiti 792 Plantagen, von denen 341 im Mittel auf 180000 Fr., 451 auf 230000 Fr. geschätzt wurden, und die mindestens 750000 Meterzentner Zucker im Werte von mehr als 100 Millionen Frank jährlich ausführten; die ganze Insel war in den Händen einer kleinen Anzahl von Plantagenbesitzern, les gros habitans genannt, welche eine fest zusammenhaltende Herrschaftskaste bildeten 208 . Von der Ausdehnung der Plantagenwirtschaft selbst und ihrer Massenbedeutung machen wir uns am ehesten eine richtige Vorstellung, wenn wir die Menge der in ihr verbrauchten Sklaven in Erfahrung zu bringen suchen. Das ist nicht allzu schwer, da eine annähernd genaue Statistik der Sklavenbevölkerung wenigstens für das 19. und zum Teil schon für das 18. Jahrhundert vorhanden ist. Seinen Höhepunkt erreicht der Sklavenbetrieb erst kurz vor der Aufhebung der Sklaverei, als schon nicht alle Plantagenwirtschaft mehr der Produktion von Luxusgütern diente, als namentlich die Baum- wollsklaven schon für ihre Brüder in Europa den Gespinst- 172 Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus Stoff erzeugten. Die notwendigen Abzüge wird man aber leicht machen können. In den englisch-westindischen Besitzungen gab es 1778 663899 Negersklaven 204 . In einigen Kolonien, für die wir genauere Ziffern besitzen 206 , verläuft die Entwicklung der Sklaverei wie folgt (ich gebe die erste zuverlässige Zahl an und diejenige, die den Höhepunkt bezeichnet). Martinique. .... 1700: 14566 1831: 86 299 Guadeloupe. .... 1700: 6 725 1831: 99 039 Französ.-Guiana . . . . .... 1695: 1047 1831: 19 102 Bourbon .. .... 1776: 26 175 1831: 70425 Jamaica. .... 1658: 1400 1817: 343 145 Barbados. .... 1 22: 69 870 1829: 81 500 Antigua. .... 1774: 37 808 (Höhepunkt Mauritius. .... 1776: 25 154 1826: 63432 Cuba. .... 1774: 44 333 1827: 286 942 Portorico. .... 1778: 6 530 1836: 41 818 Der Gesamtbestand aller Sklavenländer an Sklaven in den 1830er Jahren bezifferte sich auf 6822759. Daß die kleinen Fräuleins in Paris und London ! ' ese riesige schwarze Armee auf die Beine gebracht hatten, um ihre Launen zu befriedigen, ist ein Gedanke, der nicht des Reizes entbehrt. IV. Der Luxus und die Industrie 1. Die Bedeutung der Luxusindustrien Hier in der Sphäre der gewerblichen Produktion ist das Feld, auf dem sich recht eigentlich der Einfluß des Luxus Der Luxus und die Industrie 173 fühlbar macht; hier ist der Zusammenhang zwischen der Entfaltung des Luxusbedarfs und der Entwicklung des Kapitalismus auch für die blödesten Augen deutlich, hier ist er mit Händen zu greifen. Wenn wir nun aber ohne weiteres auf Grund auch ganz oberflächlicher Erfahrung feststellen können, daß zahlreiche Industrien zur Befriedigung des Luxusbedarfs ins Leben gerufen sind, daß also viele Industrien „Luxusindustrien“ genannt werden müssen, so drängt sich uns doch, sobald wir näher auf die Sache eingehen, die Frage auf: ob denn der Begriff der Luxusindustrie nicht ein sehr verschwommener sei, und ob wir uns nicht zuvörderst verständigen müssen, was wir hier darunter verstehen sollen. Luxusindustrien, wird man sagen, seien Industrien, die Luxusgüter hersteilen: kostbare Gewänder, elegante Möbel, Schmuckgegenstände usw. Aber was sind denn, wenn wir genauer hinsehen, Luxusgüter? Zweifellos zum Beispiel die ebengenannten, denen gemeinsam ist, daß sie einem Luxusbedürfnis unmittelbar dienen, individuelle Gebrauchsgüter, Güter erster Ordnung sind. Wir werden also gewiß ohne Bedenken Betriebe, in denen jene Güter erzeugt werden, Luxusindustrien nennen dürfen. Ist aber eine Brokat- oder Samtweberei nicht auch eine Luxusindustrie? Und sie stellt doch kein individuelles Gebrauchsgut, sondern ein Produktionsmittel — den Stoff für die Kleider — her, also ein Gut zweiter Ordnung. Wenn aber eine Seidenweberei eine Luxusindustrie ist (und es hieße dem Sprachgebrauch Gewalt antun, hieße auch Zusammengehöriges trennen, wollte man sie nicht so nennen), ist dann eine Seidenspinnerei nicht auch eine Luxusindustrie, dieweil sie den Kohstoflf für die seidenen Gewebe — ein Gut, sagen wir Luxusgut dritter Ordnung — fertigt? Wie aber: ist der Webstuhl, auf dem die Seide gewebt wird, auch ein Luxusgut, und sollen wir die Fabrikation von Seidenwebstühlen eine Luxusindustrie nennen? • V 174 Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus Oder wenn man meint, weil es ein Arbeitsmittel sei, ändere sich der Sachverhalt; wird man die Brettschneidemühle, in der die Hölzer für die Kunstmöbelmanufaktur hergerichtet werden, also ein Gut zweiter Ordnung auf dem Wege zu dem Luxusgut Kunstmöbel: wird man sie eine Luxusindustrie nennen? Ich glaube nicht. Ich glaube, man wird selbst die Eisengießerei, aus der die eisernen Röhren für die Versailler Wasserkunst hervorgingen, die also diejenigen Gegenstände lieferte, ohne die diese eminente Luxusanlage nicht hätte geschaffen werden können, keine Luxusindustrie nennen. Freilich: eine Beziehung zwischen solcher Art Industrien und der Entfaltung des Luxus besteht schon. Und will man die Bedeutung dieses Kulturphänomens in ihrer ganzen W T eite ermessen, so muß man auch diese Ausstrahlungen mit in Rücksicht ziehen. Denn alle diese Gewerbe, die in größerer oder kleinerer Entfernung an der Deckung des Luxusbedarfs teilnehmen, wären ja nicht in der Welt, wenn der Luxus nicht in der Welt wäre. Und ein sehr großer Teil der frühkapita- listischen Industrien ist auf diese Weise auf Umwegen vom Luxus ins Leben gerufen worden. Wenn auch die Umwege zuweilen recht weite sind: weil die Glas- und andere Luxusindustrien das Holz in den Wäldern aufgebraucht hatten, wurde die Steinkohle ein immer begehrteres Feuerungsmaterial, nach dem um so mehr Nachfrage entstand, je mehr Menschen sich in den vom Luxus getragenen Großstädten niederließen. Und so entstand eine der größten Industrien der frühkapitalistischen Epoche: die Kohlenindustrie von New Castle. Aber ich meine gar nicht diese indirekt vom Luxus erzeugte Industrie, die man vielleicht mittelbare Luxusindustrie nennen könnte, wenn ich von dem Einfluß des Luxus auf die Umgestaltung der gewerblichen Produktion spreche. Da denke ich vielmehr an die Luxusindustrie im „eigentlichen“ Sinne, die wir ja ganz deutlich, in unserem Gefühl wenigstens, als Der Luxus und die Industrie 175 eine besondere Kategorie von Industrie von anderen sieh abheben sehen. Aber es geht nicht an, den Begriff der — sagen wir — unmittelbaren, echten Luxusindustrie etwa auf diejenigen Gewerbe zu beschränken, die Luxusgut erster Ordnung herstellen, da wir sonst, wie gesagt, ausgesprochene „Luxusindustrien“, die jedermann als solche anerkannt sehen will, wie die Brokatweberei oder Goldbortenwirkerei, ausschließen müßten. Ich glaube, das Merkmal, das den Begriff der Luxusindustrie wesentlich bestimmt, ist die Artbeschaffenheit des erzeugten Gutes selbst: ob dieses selbst ein hochwertiges Gut sei, entscheidet darüber, ob das Gewerbe, in dem es erzeugt wird, eine Luxusindustrie ist oder nicht. Darum eine Seiden- filanda, obwohl sie ein Luxusgut dritter Ordnung herstellt, eine Luxusindustrie ist, eine Brettschneidemühle, die ein Luxusgut zweiter Ordnung liefert, dagegen nicht. Wenn in derartigen Industrien, die geringwertige Güter herstellen, also Güter von niedrigem spezifischem Wert, durch den Luxus Kapitalismus erzeugt wird, so ist es doch immer ein Massenahsatz, der diesen ermöglicht hat. Freilich: ein Massenabsatz von Luxusbedarfs Gnaden. Wir verfolgen jetzt also nur die echten Luxusindustrien. Und selbst wenn wir nur diese ins Auge fassen, ist die Einflußsphäre des Luxus und seine Bedeutung für die Herausbildung des kapitalistischen Wirtschaftssystems außerordentlich groß. Leider werden wir wohl für immer darauf verzichten müssen, uns von dieser Bedeutung eine quantitative Vorstellung zu machen, insbesondere aber den Anteil, den der Luxus an der Überführung der gewerblichen Produktion in die kapitalistische Organisation hat, ziffernmäßig festzustellen. Das könnten wir selbst heute mit Hilfe unserer hochentwickelten Berufs- und Betriebsstatistik nicht. Und zwar deshalb nicht, weil weder früher noch heute die Kategorien der 176 Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus Luxusindustrie oder auch nur der Qualitätsindustrie in den Zahlen- und Größenfeststellungen berücksichtigt werden. Es heißt „Tuchweberei“, aber keine Statistik der Welt unterscheidet, ob es sich um das Weben allerfeinster oder ganz grober Tücher handelt; und so in zahlreichen Fällen. Deshalb wird man für viele Gewerbearten, wenn nur im ganzen für ihren Umfang Zahlenangaben gemacht werden, nicht feststellen können, wie groß innerhalb ihrer die Luxusindustrie ist, während man es bei anderen Gewerbearten kann, die reine Luxusindustrien sind: Gobelinweberei, Goldbortenfabrikation, Goldschmiederei usw. Wir können jene anderen Gewerbe, in denen Grob- und Feingut hergestellt wird, im Gegensatz zu diesen „reinen“ Luxusgewerben „gemischte“ Gewerbe nennen. Kann man also selbst heute nicht sagen, etwa für Deutschland, wieviel Prozent der gewerblichen Arbeiter in Luxusindustrien beschäftigt sind, wieviel weniger ist eine solche ziffernmäßige Verhältnisbestimmung möglich für die vergangenen Jahrhunderte, für die jede allgemeine Industriestatistik fehlt. Wollen wir die Bedeutung des Luxusbedarfs für die Entwicklung des gewerblichen Kapitalismus trotzdem ermessen, so müssen wir es wie in allen ähnlichen Fällen auf dem Umwege des monographisch-induktiven Verfahrens tun; wir müssen es uns vor allem angelegen sein lassen, die grundsätzlichen Eigenarten herauszufinden, die die als kapitalistische Luxusindustrien erkannten und anerkannten Erscheinungen des gewerblichen Lebens an sich tragen. Wir werden dann etwa folgendes nachweisen können: 1. daß einige Luxusindustrien eine große absolute Ausdehnung gewonnen haben, deren Bedeutung wir durch allerhand Vergleiche uns ins Gefühl bringen können; 2. daß ausgesprochene Luxusindustrien besonders frühzeitig dem Kapitalismus anheimfallen; 3. daß innerhalb derselben Gewerbegruppen diejenigen Der Luxus und die Industrie 177 Gewerbezweige, die Luxusgüter herstellen, der Regel nach früher vom Kapitalismus erfaßt werden als die anderen; 4. daß in den Luxusindustrien zuerst großkapitalistische und großbetriebliche Organisationsformen sich ausbilden. Es wird die Übersichtlichkeit erhöhen, wenn wir unsere Erörterung für die reinen Luxusgewerbe und für die gemischten Gewerbe gesondert anstellen. 2. Die reinen Luxusgewerbe a) Die Seidenindustrie. Daß die Seidenindustrie im Wirtschaftsleben der europäischen Völker während der frühkapitalistischen Epoche eine überragend große Bedeutung gehabt hat, wissen selbst unsere „Historiker“. Man kann die Tatsache also gewissermaßen als geschichtsnotorisch betrachten und braucht sie nicht erst lange zu beweisen. Zwei Ziffern mögen hier Platz finden; der Wert der Lyoner Seidenzeuge belief sich in dem Zeitraum von 1770 bis 1784 (nach den Berechnungen in der Encycl. möth.) auf jährlich etwa 60 Milk Fr. Der Wert der gesamten Einfuhr nach Frankreich beziffert sich in den Jahren 1779—1781 auf bzw. 208, 216, 269 Mill. Fr., der der Ausfuhr auf 285, 236, 260 Milk Fr., der Gesamtwert des auswärtigen Handels demnach auf 443, 452, 529 Milk Fr. 5 von diesem machte also der Wert der in Lyon allein erzeugten Seidenwaren V &— Vt aus. Da der Wert der im Jahre 1911 die deutsche Grenze überschreitenden Waren 19,161 Milk Mk. betrug, so würde den 60 Milk Fr. Produktionswert heute ein solcher von 2400—2700 Milk Mk. entsprechen. Zum Vergleich: nach den Produktionserhebungen des Reichsamts des Innern betrug der Gesamtwert des in Deutschland erzeugten Roheisens (1908) 657152 000 Mk., der Wert des erzeugten Baumwollgarns 644464000 Mk., der Wert der geförderten Steinkohlen (1910) 1535258000 Mk. Roheisen + Baumwollgarn + Steinkohlen zusammen würden also ungefähr das in der heutigen Volkswirtschaft eines Kultur- Sombart, Luxus und Kapitalismus 12 178 Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus landes bedeuten, was die Seidenindustrie des einen Lyon für die Volkswirtschaft Frankreichs im 18. Jahrhundert war, wobei noch in Rücksicht zu ziehen ist, daß der Außenhandel vor 130 Jahren eine verhältnismäßig viel größere Rolle im Wirtschaftsleben eines Landes spielte als heute. Und die Berliner Seidenindustrie erzeugte Waren für 3—4 Mill. Taler, als der Gesamtwert der Produkte, die in den Berliner Fabriken und Manufakturen hergestellt wurden, sich auf etwa 6 Mill. Taler (1783: 6098226 Taler nach den Angaben Nicolais) bezifferte. Diese Standard-Industrie jener Zeit hat nun, das ist das, was uns hier interessiert, als eines der ersten Gewerbe die kapitalistische Organisation über sich ergehen lassen müssen, so daß man wohl sagen kann, sie habe in der Geschichte des industriellen Kapitalismus Epoche gemacht. Und zwar für alle Formen des Kapitalismus bietet die Seidenindustrie in sehr frühen Zeiten charakteristische Beispiele dar: ebenso wie in ihr vielleicht zuerst die hausindustrielle Betriebsweise zur Entwicklung gelangt, so treten uns auch die Manufaktur und die Fabrik in der Sphäre der Seidenindustrie zuerst in vollendeter Form entgegen: die Seidenfilanden des 14. Jahrhunderts sind gleichsam die Wiegendrucke der gesellschaftlichen Großbetriebe. In welchen Formen sich die Seidenindustrie bewegte, die die Italiener, namentlich die Venetianer und Genuesen, in den Levantekolonien in großem Umfange betrieben, wissen wir nicht. Wahrscheinlich bildete hier die Sklaverei oder Hörigkeit die Grundlage des Betriebssystems. In den europäischen Staaten hingegen ist es wohl durch- gehends die Hausindustrie, in der die kapitalistische Seidenindustrie zuerst betrieben wird: Spinnerei wie Weberei, und zwar, wie ich schon sagte, recht früh. In Paris stehen schon im Anfang des 14. Jahrhunderts, wie es die Statuten vom 27. März 1324 erkennen lassen, die Der Luxus und die Industrie 179 Seidenspinnerinnen und -zwirnerinnen, die „filaresses“, wie sie heißen, im Verhältnis der Lohnarbeiterinnen zu ihren Brotherren, den Merciers, die die Rohseide einkaufen und, nachdem sie gesponnen, gezwirnt und appretiert ist, zum Nähen, Sticken oder Weben verkaufen 206 . Ebenfalls als Verlagssystem tritt uns die Organisation der Seidenindustrie, insbesondere der Seidenweberei, entgegen während des 14. Jahrhunderts bereits in Venedig 207 , während des 15. Jahrhunderts in Genua (Statut von 1432) 208 , und die übrigen Mittelpunkte der italienischen Seidenindustrie, Lucca, Florenz, Mailand, weisen dieselbe Arbeitsverfassung auf. Als die Seidenmanufaktur im 16. Jahrhundert in Lyon begründet wird, erscheint sie gleichermaßen in der Gestalt der Hausindustrie : schon das erste Statut von 1554 enthält lange Bestimmungen über die Veruntreuung des Rohstoffs 209 , und schon das Edikt vom 28. Januar 1554 spricht von den „Verlegern, die das Geschäft leiten, ohne selbst den ganzen Tag am Webstuhl zu sitzen“, es sind die „marchands conduisant la manufacture de velours et de draps de soie sans etre assis toute la journöe sur le mötier et mener la navette“ 210 . Man weiß, daß die hausindustrielle Organisation dann auch in den übrigen Ländern beim Betriebe des Seidengewerbes die Regel bildete. Neben dem Verlagssystem hat sich aber in der Seidenindustrie offenbar schon sehr früh der geschlossene, gesellschaftliche Großbetrieb in der Form der Manufaktur oder (vor allem) der Fabrik entwickelt. Ja vielleicht gehört der erste verbürgte Fall einer Fabrik auf kapitalistischer Basis während des europäischen Mittelalters dem Seidengewerbe an. Freilich, man muß sehr vorsichtig sein, wenn man die Berichte der früheren Jahrhunderte über industrielle Anlagen deuten will. Meistens nämlich, wenn von Manufaktur oder auch Fabrik die Rede ist, ist nicht die Betriebsform, sondern nur das Gewerbe als solches damit bezeichnet; und selbst 12 * 180 Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus wenn es heißt, der und der hat eine Seidenmanufaktur eröffnet, in der 500 Personen beschäftigt sind, so weiß man immer noch nicht, ob es sich um großbetriebliche oder haus- industrielle Organisation handelt. Immerhin lassen sich Fälle großbetrieblicher Gestaltung in der Seidenindustrie auch für ganz frühe Zeit mit Sicherheit nachweisen: in der Seidenweberei allerdings nicht vor dem 16. Jahrhundert. Der früheste, mir bekannte Manufakturbetrieb ist hier der des Raoulet Yiard, eines der Begründer der Lyoner Seidenindustrie, der 46 Webstühle in einem Hause vereinigte. Früher hingegen tritt der Großbetrieb, und zwar gleich in der Gestalt der Fabrik, in der Seidenspinnerei auf. Diejenigen Anlagen, die uns Alidosi beschreibt, und die Seidenfilanden mit 4000 Fäden und Wasserantrieb darstellen, sollen nach diesem Gewährsmann bis in die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts zurückreichen, da am 23. Juni 1341 die Stadt Bologna einem gewissen Bolognino di Barghesano aus Lucca die Genehmigung zur Anlage einer solchen mechanisch angetriebenen Seidenfilande, in der eine „einzige Maschine die Arbeit von 4000 Spinnerinnen verrichtet“, erteilt haben soll. Die wichtige Stelle hat folgenden Wortlaut 211 : „Sono certe machine grandi, le quali mosse da un piccolo canaletto d’aqua di Reno faimo ciascuna di loro con molta prestezza Filare, Tor- zere ed addoppiare quattro milla fila di Seta, operando in un istante quel, che farebbono quattromila Filatrici e quell’ acqua ha proprietä di fare la Seta buona e vaga e lavorano ogn’ anno centottanta milla libre di Seta, cioe centomilla di forestiera, e ottantamilla di nostrana con la seta doppia, e secondo, che n’ e ahbondanza. E la piü antica memoria che di questi hö trovata e stata dell’ anno 1341 ä 23 guigno, che la cittä concesse licenza ä Bolognino di Barghesano da Luca, habitante in Bologna, nella Capelia di S. Lucia di potere construere un filatoio da seta nella capella di S. Biagio sopra il fossato presso le mura della Cittä. Et nel 1345 fu fatto un decreto, che Giovanni Oreto della Capella di S. Co- lombano potesse havere acqua per un filatoio da seta nel borgo Polecino.“ Für das Jahr 1371 führt A. (S. 38) dann 13 „filatogli di seta“ auf, die alle der Kommune gehören und an Unternehmer verpachtet sind. Der Luxus und die Industrie 181 Diese Bologneser Seidenhaspel- und Zwirnmaschine war berühmt. J. J. Becher berichtet davon 212 : „(Sie) haben zu Bologne in Italia ein Filatorium erfunden, welches die Seyde abwindet und auch zwirnet | aber dieses Instrument ist sehr gross | kostbar und mühsam | und hat viel tausend entia, Zähn und Getrieb | derowegen es offter wandelbar wird. Die Italiäner halten es gleichwol in so hohem Werth und Segretezza, dass es bey Hencken verboten jemand zu zeigen. Ich habe gleichwohl gedachte Machinam von den Italiänern nachgemacht zu München gesehen | aber wegen ihrer grossen Kosten und vieler entien wie gedacht | nicht sehr aestimirt.“ Nach diesen Worten ist es zweifelhaft, ob diese große maschinelle Seidenspinnerei außerhalb Italiens überhaupt Verbreitung gefunden hat. Möglicherweise beginnt die großbetriebliche Seidenspinnerei in den übrigen Ländern erst im 17. Jahrhundert sich zu entwickeln, als man die Erfindung ebendesselben Joh. Joach. Bechers sich zunutze machte. Er erzählt uns, daß seine Maschine in einer Fabrik Anwendung gefunden habe, die die Stadt Harlem zu diesem Zwecke erbaut habe: die Fabrik war 300 Schuh lang und kostete 40 000 fl. Becher ging 1676 in die Niederlande; aus dem Anfang der 1680er Jahre hören wir von großen „Seidenfabriken“, die in Utrecht eröffnet werden und 500 Arbeitern Brot geben sollen: möglich, daß es Seidenfilanden waren. Übrigens bedeutete die Bechersche Erfindung einen Rückfall aus der Fabrik in die Manufaktur, da seine „Machina gantz unwandelbar | und ohn einig Gerase gantz leicht zu bewegen | also dass ein Mensch auf einmahl tausend Stränge abwinden kan | da hingegen die Bolognesische Machina mit Wasser getrieben werden muss“. Genug: seit dem 14. Jahrhundert bestehen in Italien, sicher auch seit dem 17. Jahrhundert in den nordischen Ländern großhetrieblich organisierte Seidenfilanden: in England Silk-Mills (also hatten sie Wasserantrieb?) genannt. Defoe 213 findet auf seinen Wanderungen eine solche Seiden- 182 Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus mühle in Sheffield, die nach dem Vorbilde der von Stockport gebaut ist: 5 Stockwerke hoch, 90 yards lang und in der 200 Hände beschäftigt werden. b) Die Spitzenindustrie. Diese Luxusindustrie hat für einzelne Länder und Landesteile eine große Bedeutung gehabt. 1669 waren in Frankreich 17 300 Arbeiter und Arbeiterinnen in der Spitzenindustrie beschäftigt 214 . Im Königreich Sachsen lebten im 18. Jahrhundert ganze Bevölkerungen vom Spitzenklöppeln. Ein Glück, daß der Herr Landbauverwalter Christ. Ludw. Ziegler aus Hannover am 18. Junius 1775 von Chemnitz nach Zwönitz wanderte, um auf den Schneeberg zu kommen, und daß er seinem Freunde Johann Beckmann, ordentlichem Professor der Ökonomie in Göttingen, von den Eindrücken, die er auf dieser Wanderung in sich aufnahm, in einem Briefe Bericht erstattete 216 : so wissen wir wenigstens, was es damals mit der Spitzenklöppelei im Erzgebirge für eine Bewandtnis hatte, wissen, daß in jedem Hause „so viel Klöppelküssen auf dem Tische als Weibsen in demselben waren“. Kleine Kinder von fünf Jahren, erfahren wir, „fangen schon mit Kanten an, die durch ein Paar Kleppel gemacht werden, und das Gespiel eines dreijährigen Mädgens ist ein Kleppelsack mit vier Kleppeln zu einer Lidze“. Waren diese geklöppelten Spitzen vielleicht schon im 18. Jahrhundert nicht durchgängig mehr ein Luxusartikel, den sich nur Reiche anschatfen konnten, so gilt doch von den feinen Nähspitzen, die in Brabant und seit Colbert namentlich auch in Frankreich gefertigt wurden, daß sie nur in den Oberschichten der Gesellschaft ihre Abnehmer fanden. Die Organisation war in allen Fällen dieselbe: die Spitzenarbeiter wurden von Kaufleuten beschäftigt, „die man (im Erzgebirge) Spitzenherren nennt“ und unter denen zuweilen (in Frankreich) Zwischenmeisterinnen arbeiteten, die selbst wieder je 4—5 Arbeiterinnen unter sich hatten. In der Spitzenindustrie sind aber daneben ganz eigen- Der Luxus und die Industrie 183 artige Betriebsorganisationen ausgebildet worden, die mir in keinem anderen Gewerbe bekannt geworden sind: man schuf (in Frankreich) förmliche Alumnate, in denen die Arbeiterinnen wohnten und speisten und wohl auch ihre Unterweisungen empfingen. Wir sind über solche Anstalten durch eine Reihe von Etatsaufstellungen unterrichtet 216 . 1699 reicht ein Cldment de Gouffreville für eine in St. Denis zu errichtende „Manufacture de dentelles“ folgenden Kostenanschlag ein: für den Faden p. a. 6 000 1. 20 Betten für die maitresses. 1 000 „ 200 „ „ „ apprentisses et ouvrieres 6 000 „ 400 Paar Überzüge dafür. 1 600 „ 40 „ „ für die maitresses . . . 400 „ Tischservice. 500 „ Tischwäsche. 500 „ Gage der maitresses ä 200 1. 4 000 „ Verköstigung der apprentisses ä 100 1. . . . 20 000 „ usw. _ Insgesamt 96 300 1. c) Die Spiegelfabrikation wird auf ganz breiter, großkapitalistischer Basis betrieben; in Frankreich machen sich 1704 zwei Gesellschaften Konkurrenz: die von Dombes und die von St. Gobain, Tour la Ville und Paris. Diese hatte zwei Jahre vorher Antoine Dagincourt, ein reicher Pariser, für 990000 1. angekauft 217 . Die Spiegelmanufaktur in Fau- bourg St. Antoine beschäftigte 500 Arbeiter. Mercier beschreibt uns die Einrichtung dieses Etablissements, wo in einem Schleifsaal 400 Arbeiter beschäftigt waren 218 . d) Die Porzellanindustrie ist die Luxusindustrie par excellence im 18. Jahrhundert. Porzellanmanufakturen mit mehr oder weniger staatlicher Organisation werden errichtet in folgenden Städten: 1709 Meißen, 1718 Wien, 1720 Höchst, 1740 Vincennes, seit 1756 Sövres, 1743 Capo di Monte bei Neapel, 1744 Fürstenberg, 1750 Berlin, 1755 Frankenthal, 1758 Nymphenburg und Ludwigsburg, 1772 Kopenhagen. Daneben wimmelte es aber von privaten Unternehmungen 219 . 184 Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus Die Porzellanmanufakturen wachsen sieh rasch zu ganz großen Betrieben aus, wie deren die Zeit nur wenige kannte. Die Berliner Porzellanmanufaktur beschäftigt 1798 schon 400 Arbeiter 220 . Das Personal der Meißener Manufaktur wuchs wie folgt an 221 : 1719 26, 1730 49, 1740 218, 1745 387, 1750 378. e) Verschiedene Industrien. Es hat wenig Zweck, auch über die anderen reinen Luxusindustrien wie für die genannten, die ich als Beispiele herausgegriffen habe, in ähnlicher Weise Bericht zu erstatten. Der Leser würde ermüden, denn es ist immer dasselbe Bild: keine einzige wirkliche Luxusindustrie ist mir bekannt, die nicht spätestens im Laufe des 18. Jahrhunderts in die kapitalistische und sehr häufig auch großbetriebliche Form übergeführt wurde, wenn sie nicht (was meist der Fall ist) sofort auf kapitalistischer oder großbetrieblicher Grundlage aufgebaut ist. So die Glas- industrie (seit Murano), so die Zuckerin du strie: Cambden verlangt im 18. Jahrhundert für den „Zuckerbäcker“ in London 1000—5000 Kapital; so die G o 1 d s e h m i e d e r e i und andere Goldarbeit: Francois Thomas Germain, der berühmte Goldschmied, der 1748 seinem Vater im Louvre folgt, setzt für 3000000 Fr. um und macht einen Bankerott von 2400 000 Fr., Londoner Goldschmiede müssen ein Mindestkapital von 500—3000 Sß haben; in Berlin ist im 18. Jahrhundert der größte Betrieb die Gold- und Silbermanufaktur, die Tressen, Schärpen, Troddeln usw. fertigte und 1784 813, 1799 1013 ,1801 1151 Personen beschäftigte; so die Stickerei: 1774 errichtet ein Franzose in Berlin eine Manufaktur, die 77 Arbeiter beschäftigt und viele „zum Manns- und Damenputz gehörige seidene und reiche Sachen“ fertigt; so die Fabrikation künstlicher Blumen: 1776 wird in Berlin die erste Fabrik dieser Art gegründet, die 1784 für 24000 Reichstaler Waren erzeugt und 140 „Frauenspersonen“ beschäftigt. Der Luxus und die Industrie 185 3. Die gemischten Gewerbe Überall, sehen wir, herrscht in clen Luxusgewerben Kapitalismus und oft auch Großbetrieb, die sich in den von uns betrachteten Fällen neben dem alten Handwerk entwickelt hatten. Wie sehr nun aber Luxusindustrien und Kapitalismus zusammengehören, welche eminente Bedeutung also die Entfaltung des Luxusbedarfs für die Entwicklung des Kapitalismus gehabt hat, werden wir erst ganz zu ermessen vermögen, wenn wir nun diejenigen Luxusindustrien vor unserem geistigen Auge vorüberziehen lassen, die sich im Rahmen alter Handwerke, aus alten Handwerken durch Differenzierung herausgebildet haben. Da nehmen wir nämlich wahr — und das ist die wirtschaftsgeschichtlieh wichtigste Erkenntnis, die wir hierbei zu gewinnen vermögen —, daß diejenigen Teile eines Handwerks, die dem Kapitalismus anheimfallen, immer Tätigkeiten umfassen, die für den Luxusbedarf produzieren. Die meisten Handwerke machen, mit anderen Worten, schon während der frühkapitalistischen Epoche einen Differenzierungsprozeß durch: die künstlerische, qualifizierte Arbeit scheidet sich von der gewöhnlichen groben Handwerksarbeit ab und verselbständigt sich in eigenen Gewerben; diese nehmen damit einen kapitalistischen Charakter an, während die Grobarbeit lange Zeit dem Handwerker verbleibt, bis auch sie (aber erst in unseren Tagen) die Umwandlung in die kapitalistische Organisation erlebt. Handwerk und Luxusgewerbe werden ein sich ausschließender Gegensatz auch im Bewußtsein der Zeitgenossen, wie es eine schöne und charakteristische Stelle bei Mercier deutlich erkennen läßt 222 : „Les artisans paroissent les individus les plus heureux. Tirant parti de leur industrie et de leur dexterite, ils se tiennent ä leur place, ce qui est aussi sage qu’infiniment rare. Sans ambition comme sans vanite, ils ne travaillent que pour leur entretien et leurs di- vertissementsf!), ils sont honnetes et civils envers tout le monde, 186 Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus parce qu'ils ont besoin de tous les etats. La vie des artisans est rangee; on dirait qu’etant voues ä des occupations plus utiles que celle des arts de luxe ils en sont rdcompenses par le calme de la conscience et la tranquillite de la vie. Un menuisier a un air de probite que n’a point le peintre en email.“ „Gemischt“ wollen wir diese Gewerbe im Gegensatz zu den reinen Luxusgewerben nennen, weil sie sowohl für den Feinbedarf als auch für den Grobbedarf arbeiten. Natürlich kann es sich auch hier nicht darum handeln, eine vollständige Übersicht sämtlicher Gewerbe, die in Betracht kommen, zu geben. Es genügt wiederum, wenn ich an den wichtigsten die Richtigkeit meiner Gedankengänge erweise. a) Die Wollindustrie. Unnötig zu sagen, daß die Wollindustrie neben der Seidenindustrie das wichtigste Gewerbe der frühkapitalistischen Epoche war. In der Wollindustrie wurden Gewebe für die Armen und Gewebe für die Reichen hergestellt, selbstverständlich. Wo wir aber auf eine „blühende Wollindustrie“ stoßen, die der Stolz ihrer Staaten und Städte ist, die deren Reichtum begründet, ist es immer eine solche, die feine, kostbare Gewebe herstellt, ist es eine „Luxusindustrie“ und ist sie frühzeitig kapitalistisch oder gar großbetrieblich organisiert (bis die Lieferung für den Heeresbedarf auch eine bedeutende kapitalistische Weberei begründet, die Massengüter erzeugt). Anders ausgedrückt: soweit die Wollindustrie am Aufbau des modernen Kapitalismus beteiligt ist, ist sie eine Luxusindustrie. Vielleicht die früheste durchgängig kapitalistisch organisierte Industrie großen Stils ist die Florentiner Wollweberei. Daß sie zusammen mit der Seidenindustrie den Glanz und die Macht von Florenz begründet hat (soweit diese nicht in reinen Geldgeschäften ihr Fundamentum hatten), ist allbekannt. Daß sie in der Tat frühzeitig, wahrscheinlich schon seit dem 13. Jahrhundert auf kapitalistischer Basis ruhten, Der Luxus und die Industrie 187 haben die ausgezeichneten Untersuchungen Alfred Dörens außer Zweifel gestellt 228 . Schon das erste Zunftstatut der Calimala vom Jahre 1300 zeigt den hausindustriellen Betrieb fest eingewurzelt. Aber ganz gewiß war sie auch eine Luxusindustrie im strengen Sinne. Die Geschichte der Calimalazunft (die, wie man weiß, ein Yeredlungsgewerbebetrieb war) liegt im dunkeln. Sicher ist nur dieses: daß erst dann der Florentiner Handel zu voller Blüte gelangte, als es geglückt war, durch Anwendung einer Reihe von Veredlungsprozessen (Färbung und Appretur) das rauhere nordische Fabrikat so zu verbessern und zu verfeinern, daß es den verwöhntesten Ansprüchen des steigenden Luxus im Orient und Okzident zu genügen imstande war. Man kannte die Ansprüche und Bedürfnisse der mohammedanischen Welt; man hatte die überaus feinen Tücher aus dem Sultanat Algarva selbst eingeführt: so mochte man allmählich in die Geheimnisse jener technisch überlegenen Luxusfabrikation eindringen, mochte es lernen, einem rauhen Tuche, wie es die nordischen Länder erzeugten, den feinen Schmelz, die leuchtenden Farben zu verleihen, die von jetzt an das Florentiner Fabrikat vor allen anderen auszeichnen 224 . „Piü panni e piü fini sanno fare in Firenze che in alcuno altro luogo,“ schrieb Mitte des 15. Jahrhunderts Goro Dati. So hob sich die Florentiner Wollindustrie als Ganzes durch ihren Qualitätscharakter von denen anderer Länder und Städte ab. Innerhalb der Stadt Florenz selbst scheiden sich ebenfalls die Grobtücher von den Feintüchern, denn natürlich liefen unter den Produkten der ganzen Industrie auch minderwertige Stücke unter. Die Groben und die Feinen waren im 14. Jahrhundert auch räumlich getrennt; es ist der Gegensatz vom Garbo und S. Martino-Viertel. Was mir nun aber besonders interessant erscheint, ist die Wahrnehmung, daß im Garbo, wo die groben Massenartikel hergestellt wurden, die kleineren, mehr zünftlerisch handwerkerlich interessierten 188 Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus Meister saßen, während in S. Martino, wo die eigentliche Luxusindustrie ihren Sitz hatte, die kaufmännisch kapitalistischen Interessenten die Oberhand hatten. Das wenigstens lese ich aus dem Streit heraus, in dem Garbo und S. Martino immerfort lagen 225 . Von der spanischen Wollindustrie wissen wir wenig. Sie „blühte“ im 16. Jahrhundert, sagen die üblichen Berichte. Aber wir vermögen uns doch insoweit von ihrer Verfassung ein Bild zu machen, als wir erkennen, daß es 1. eine Luxusindustrie war (soweit sie eben „blühte“), und daß sie 2. kapitalistisch organisiert war (soweit sie eben Luxusgüter erzeugte). Guicciardini erzählt nur 226 : „Oggi hanno commin- ciato in qualche luogo a attendervi e di giä in qualche parte della Spagna si lavorano panni e drappi da altebassie e d’oro in fuora come in Valenza, in Toleto, in Sibilia.“ Und in einem Bericht, den wir über einen Festzug in Segovia aus dem 16. Jahrhundert besitzen, findet sich die folgende lehrreiche Stelle 227 : „An zweiter Stelle kamen die Wollindustriellen und die Tuchfabrikanten, die das Volk mit Unrecht Kaufleute nennt. Sie sind tatsächlich wie Väter der Familien, die in ihren Häusern und außerhalb derselben eine große Anzahl Volk beschäftigen, viele bis 200, viele bis 300 Personen. Durch fremde Hände lassen sie eine Unmenge des feinsten Tuches hersteilen . . .“ In Frankreich entwickelt sich die Feintuchweberei während des 17. Jahrhunderts vornehmlich in und um Rouen, Sedan, Elboeuf und Reims 228 . Hier aber ist es auch, wo die kapitalistische Organisation schon im 17. und 18. Jahrhundert zu außergewöhnlich hoher Ausbildung gelangt. Zwar findet sich in der Manufacture de Sedan nur ein mittelgroßer Verlegertyp: von 4 privilegierten „Entrepreneurs de fabrique“ beschäftigen 2 je 104, 1 65, 1 50 Webstühle, von 21 nichtprivilegierten 1 über 40, 4 über 80 usw. 229 . Ich denke aber an die Etablissements der Gebrüder van Robais, in denen wir 189 Der Luxus und die Industrie Großbetriebe von ganz bedeutender Ausdehnung vor uns haben. Die genaue Statistik, die wir von diesen Betrieben besitzen 2S0 , gestattet uns bis ins kleinste, ihre Organisation zu erkennen. Wir sehen die Verarbeitung der Wolle bis zum fertigen Fabrikat in 22 Teilprozesse aufgelöst und finden nicht weniger als 1692 Arbeiter in einem Etablissement vereinigt. Von diesen sind 822 Rad-Spinnerinnen und 200 Weber an 100 Webstühlen. Luxusindustrie. Daneben gibt es ein ausgedehntes Wollweberhandwerk, das gewöhnliche Ware herstellt. Die berühmteste Wollindustrie im 18. Jahrhundert war die englische. Auf ihr ruhte, heißt es im Jargon, „die Wohlfahrt des Landes“: „wool is eminently the foundation of the English riches“ (Jos. Child). 1738 waren lVa Millionen Menschen bei der Verarbeitung der Wolle in England beschäftigt. Die Zahl ist natürlich falsch. Immerhin. Der Wert der ausgeführten Wollwaren betrug 1700 schon 3000000 j£, 1815 war er auf 9381426 gestiegen 231 . Unter diesen Wollstoffen befanden sich natürlich ebensogut grobe wie feine. Ganz gewiß war die englische Wollindustrie nicht als Ganzes eine Luxusindustrie. Namentlich in der späteren Zeit, insbesondere als Amerika ein starker Konsument englischer Wollwaren wurde (von den 9 Millionen im Jahre 1815 gingen über 4 Mill. nach den Vereinigten Staaten), werden die groben Stoffe für den Bürger und die Masse vielleicht sogar überwogen haben. Aber sie war doch auch eine Luxusindustrie. Und das in ganz hervorragendem Maße. Die feinen englischen Tuche ebenso wie die teuren englischen Phantasiestoffe waren namentlich während des 18. Jahrhunderts in der ganzen Welt von den reichen Leuten begehrt. Um nur ein Beispiel herauszugreifen: in Norddeutschland, in Polen und in Rußland trugen die oberen Schichten im 18. Jahrhundert mit Vorliebe englische Wollstoffe: „In all which countries the nobilty, gentry and principal burghers are cloathed with English cloth, druggets, serges, 190 Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus stuffs etc. and consume a very great quantity“ 382 . In Rußland insbesondere sind der Zar selbst, sein ganzer Hof mit allen Vornehmen von Petersburg bis Moskau und hinunter bis Astrachan „innerhalb der letzten paar Jahre“ (heißt es 1745 im Complete English Tradesman) zu den englischen Wollstoffen übergegangen, die sie alle tragen: „to the infinite increase of our trade tither.“ Die Frage, die sich uns aufdrängt, ist nun diese: lassen sich die Unterschiede zwischen Grob- und Feinweberei in der englischen Wollindustrie in der Verschiedenheit der Wirtschafts- und Betriebsformen verfolgen ? Diese Frage ist, soviel ich sehe, bisher noch nicht gestellt worden, obwohl sie mir doch eine der wichtigsten in dem ganzen, weitschichtigen Problem zu sein scheint. Wenn ich auf Grund des vorliegenden Materials die Frage zu bejahen wage, so geschieht es doch mit allem Vorbehalt. Die Tatsachen, aus denen wir uns unser Urteil bilden müssen, sind folgende: am Ende der frühkapitalistischen Epoche bestanden in der englischen Wollindustrie, wie man weiß, zwei Organisationssysteme nebeneinander 288 : die kapitalistische Hausindustrie und das Handwerk. Jene, die man auch als das Westenglische System bezeichnete, herrschte in Westengland, aber auch im großen Webereibezirk des Ostens, in Norfolk usw., und im Süden. Das Handwerk war jedoch noch ziemlich intakt in dem nördlichen Bezirk, in Yorkshire. Die beiden Gebiete, der Norden und die übrigen Teile, unterscheiden sich vor allem als die Gebiete des Streichgarns und des Kammgarns. Aus den gekämmten Wollen wurden aber die ganz feinen Tuche, Flanelle usw. gefertigt. Waren es also die hochwertigen Waren, die Luxusgüter, die aus dem Gebiete der kapitalistischen Organisation kamen, während die Erzeugung der gröberen, minderwertigen dem Handwerk verblieben war? Es mag auch noch daran erinnert werden, daß die manu- Der Luxus und die Industrie 191 fakturmäßig organisierte Weberei, von der wir im 16. Jahrhundert bereits hören: — „In einem großen, langen Saal Zweihundert Webstühl’ an der Zahl!“ heißt es in der Beschreibung der Unternehmungen des Jack von Newbury 284 , und ein derartiger Fall großbetrieblicher Gestaltung in jener Zeit steht nicht vereinzelt da —, daß diese großbetrieblich organisierte Wollindustrie offenbar eine Luxusindustrie war: die Fabrikate John Winehcombes, eben jenes Jack von Newbury, besaßen europäischen Ruf; daß sie jedenfalls auch in dem schon kapitalistisch zersetzten Westengland lagen: Newbury, Kloster Malmesbury, das ein reicher Tücher, namens Stump, gepachtet hatte, um dort Webstiihle aufzustellen, Cirencester, wo eine ansehnliche Walkmühle erbaut wurde, die Abtei von Osney bei Oxford, die derselbe Stump pachten will: sie alle liegen im westenglischen Wollindustriegebiete. Ebenso hören wir, daß in Norwich im 16. Jahrhundert durch reiche Verleger Webwaren im großen erzeugt werden, die bis dahin aus Italien eingeführt wurden, also hochwertige Luxustoffe waren 236 . b) Die Leinenindustrie ist mir durchaus problematisch. Daß sie in weitem Umfange, in Schlesien, in Westfalen, in Irland, eine Luxusindustrie war, steht außer Zweifel. Sie lieferte ja unserm Beau im London des 18. Jahrhunderts die feinen Hemden, die Elle zu 10 oder 12 s.; sie lieferte die kostbaren Battiste und Gazen; sie lieferte die prachtvollen Tafelgedecke, die wir heute noch in den Museen bewundern. Sie lieferte aber auch in großen Mengen Kleiderstoffe für die Neger. Und besonders in Irland wurde sehr viel billiges Leinen erzeugt: das Leinen, das der Linnen Board of Ireland im Jahre 1747/48 prämiierte, sollte nicht weniger als 6 d. und nicht mehr als 10 d. das Yard kosten! Aber wie sich die Güte des Fabrikats und die Wirtschaftsund Betriebsformen zueinander verhalten, vermag ich nicht 4 192 Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus zu sagen. Daß das Handwerk und die Hausindustrie in den großen Exportleinenindustrien am Ende des 18. Jahrhunderts nebeneinander bestanden, wissen wir. Aber wie verteilten sie sich zwischen Luxus- und Massengüter? Die Wichtigkeit dieser Frage verdiente schon eine Doktordissertation. c) Die Schneiderei. Aus dem Schneiderhandwerk heben sich während des 18. Jahrhunderts einzelne Betriebe heraus und bilden sich in kapitalistische Unternehmungen um: diejenigen, die für die feine, das heißt zahlungsfähige Kundschaft arbeiten, in denen also Luxusgüter hergestellt werden. Seltsamerweise ist es in der Herrenschneiderei zunächst Konfektionsschneiderei, die solcherweise auf eine kapitalistische Basis gestellt wird, was heute längst nicht mehr üblich ist: die Herstellung fertiger Luxuskleider scheint im 18. Jahrhundert durchaus nicht verpönt gewesen zu sein. Man kann die Luxuskonfektion für England so gut wie für Frankreich nachweisen. Die eine Stelle, die ihre Existenz im 18. Jahrhundert erweist, findet sich in der Allgemeinen Schatzkammer der Kauffmannschaft usw. und lautet wie folgt 286 : „Kleider kommen heutiges Tages und fast mehr als es in Deutschland nützlich, in ein öffentliches Comerzium, in dem nicht allein viele deutsche Herren das Geld für kostbare . . . Kleider etc. nach Frankreich schicken, sondern auch die Franzosen selbst gantze Kisten und Fässer voll auf unsere Messen bringen . . Die andere Belegstelle ist eine Annonce, die ein Dartiga- longue in der Nummer der „Affiches, annonces et avis divers“ vom 4. April 1770 eingerückt hat: „Le sieur Dartigalongue, maitre et marchand tailleur ä Paris, a etabli depuis quelque tems un magasin d’habits neufs tout faits, de toutes especes, de toutes tailles, et des plus ä la mode. Si ceux de magasins ne sont pas au goüt des personnes, qui veulent etre prompte- ment habillds, il est en etat de les satisfaire presqu’ä l’instant, par la quantitd d’ouvriers qu’il employe. II entreprend toutes les livrees avec le plus d’economie possible. II fait des envois en province et jusque dans les pays etrangers; mais les personnes qui voudront lui ecrire sont prie d’affranchir leurs lettres.“ Der Luxus und die Industrie 193 Daß es sieh dabei um Kleider für die „bessere“ Kundschaft handelt, scheint mir der Tenor der Annonce deutlich zu besagen. Auch die Livree der damaligen Zeit gehörte zweifellos zu den teuren Kleidungsstücken. Wenn nun aber A. Franklin, der diese Annonce ausgegraben hat, meint 237 , M r Dartigalongue sei der „erste Konfektionär“, so irrt er, wenn er damit nicht sagen will: der erste mit dem Namen bekannte. Die Tatsache der Kleiderkonfektion ist für eine viel frühere Zeit verbürgt; auch die vorhin erwähnte Notiz stammt ja schon aus der Zeit vor 1741. In London finden wir schon im 17. Jahrhundert Schneider, die in den besseren Stadtteilen fertige Kleider feilhalten. Die Sitte muß um die Mitte des Jahrhunderts aufgekommen sein, also wahrscheinlich wieder in jener bewegten Zeit, als wir die Seidenwarenhändler „wie einen Stock schwärmender Bienen“ in der Stadt umherziehen sehen. Denn eine Schrift aus dem Jahre 1681 288 klagt über diese Neuerung: „viele erinnerten sich noch der Zeit, da es in London keine fertigen Kleider in Läden zu kaufen gab“. Die Kundenschneider, „accustomed tailor“, widersetzen sich den Kleiderhändlern, „taylers being salesmen“, die teuere Miete in fashionablen Quartieren bezahlen, lange Kredite ihrer aristokratischen Kundschaft gewähren (also hielten sie Luxuskleider feil!) und in ihren Werkstätten Dutzende und selbst Gänge (scores = 20 Mann) von Arbeitern beschäftigten. Aber das Hauptfeld, auf dem sich die kapitalistische Schneiderei entfalten konnte, war doch (wie heute noch) die feine Maßarbeit. Die Beschreibung, die R. Campbell von dem Geschäft eines Maßschneiders in London macht 289 , würde auf jedes heutige Geschäft gleicher Art ohne weiteres auch passen: sehr anspruchsvolle Kundschaft, die meist auf Pump arbeiten läßt, sehr hohe Auslagen für die teueren Stoffe und Zutaten, Sombart, Luxus und Kapitalismus 13 194 Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus die mehr kosten, als der Arbeitslohn beträgt, Differenzierung der Arbeit in hochqualifizierte Zuschneidearbeit und spezialisierte Näharbeit. Der Zuschneider verdient reichlich: er bekommt außer den Abfällen (cabbage) und den Trinkgeldern, die ihm die Gentlemen hei der Anprobe zu geben pflegen, eine Guinee die Woche; gute Zuschneider sind gesucht. Die übrigen Schneider sind „so zahlreich wie Heuschrecken“ und gemeiniglich „arm wie die Ratten“; sie sind drei oder vier Monate im Jahre außer Stellung, also durchaus proletarische Existenzen. Es mag daran erinnert werden, daß der Gewerkverein der Schneider der erste ist, den wir kennen 240 . Ganz großen Stil hatte schon im 18. Jahrhundert die feine Damenschneiderei und Putzmacherei angenommen: die schon öfters erwähnte Schneiderin Marie Antoinettes machte einen Bankrott mit 8 Mill. Fr. Passiven 241 . d) Lederarbeiter, ln der Schuhmacherei gelangt wie in der Schneiderei die feine Maßarbeit zuerst zu höheren Formen der Organisation. In Paris begegnen wir im 18. Jahrhundert dem „Magazinmeister“, wie ihn Kanter für Breslau geschildert hat 242 , der nur für vornehme Kundschaft arbeitet: „Dieser Schuhmacher trägt einen schwarzen Rock, eine wohlgepuderte Perücke, und seine Weste ist aus Seide; er hat das Aussehen eines Registrators;“ er nimmt aber doch noch persönlich bei der Frau Gräfin Maß. „Seine Kollegen haben Pech an den Fingern; sie tragen ramponierte Perücken und schmutzige Wäsche; aber (!) sie arbeiten für das Volk, sie bekleiden nicht die Füßchen schöner Marquisen 248 .“ Der Sattler, der Luxusgeschirre macht, ist „ein wirklich bedeutender und nützlicher Geschäftsmann“. Er muß einen großen Vorrat flüssigen Geldes haben (a large Stock of ready money), „da seine Materialien teuer sind und die vornehme Kundschaft (the Gentry) ihren Sattler nicht früher zu bezahlen pflegt als andere Lieferanten 244 .“ Damals im 18. Jahrhundert befindet sich dieser Geschirrsattler just auf Der Luxus und die Industrie 195 dem Wege zur Manufaktur: er beschäftigt zahlreiche Handwerker, die aber noch „selbständig“ sind. Innerhalb des Gerbergewerbes bestehen in Frankreich im Anfang des 18. Jahrhunderts „Manufakturen“ für folgende Ledersorten, deren Bereitung also dem Kapitalismus anheimgefallen ist: ungarische Leder, englische Kalbleder, Marokin, Büffel, Gemse 246 . Dasselbe wird auch für das Berlin des 18. Jahrhunderts berichtet 246 : „Die Herstellung feinerer Lederarten, wie Saffian, Korduan, dänisches Leder, wurde von französischen Emigranten um die Mitte des 18. Jahrhunderts in Berlin eingeführt, zum Teil in der Form von Großbetrieben, die dann mitunter auch die Verarbeitung des Leders („dänische Handschuhe“) mit in ihre Tätigkeit hineinzogen.“ e) Hutmacherei. „Eine jede Mannsperson, von dem Regenten bis auf den Bauer, hat einen Hut nötig. Dieses macht die Hutmacher zu ganz ohnentbehrlichen Handwerkern vor einen Staat. Da aber die meisten Hutmacher, sonderlich in kleinen Städten, gemeiniglich nur geringe und schlechte Hüte vor die untersten Classen der Menschen verfertigen; hohe Standespersonen aber, Staatsbedienten und reiche und wohlhabende Leute, solche Sorten von Hüten vor sich viel zu verächtlich halten, sondern feine Hüte tragen wollen; so wird man selbst einsehen, daß auch feine Hüte im Lande selbst verfertiget werden . . , 247 .“ So ist man zur Anlage von „feinen Hutmanufakturen“ gelangt; zuerst in Frankreich in Paris, Marseille, Lyon, Rouen, Candebec usw.: einen berühmten Hutmacher lernen wir schon Ende des 17. Jahrhunderts kennen, der in Rouen 19 Gehilfen beschäftigt und 12 davon mit nach Rotterdam nimmt 248 . Dann aber auch in England, wo z. B. alle Kardinalshüte gemacht wurden (das Stück zu 5—6 Guineen!). Schließlich auch in Deutschland: in Erlangen wie Berlin. Hier in Berlin trägt das Hutmachergewerbe bis zum Ende des 18. Jahrhunderts 13* 196 Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus ganz allgemein ein durchaus handwerksmäßiges Gepräge, das es bei der Anfertigung minderer Sorten bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts beibehält. 1782 wird aber eine Hutfabrik begründet, in der 37 Arbeiter beschäftigt sind, und die für 21800 Rtlr. „Hüte von vorzüglicher Güte und »Feinheit“ macht (während die ganze, aus 133 Köpfen bestehende Hutmacherzunft in demselben Jahre nur für 45 240 Rtlr. Hüte erzeugt) 249 . f) Baugewerbe. Schon zur Zeit der Renaissancepäpste wird die Herstellung der großen Paläste und Kirchen durchaus in kapitalistischem Rahmen besorgt. Der Comaske Bel- tramo di Martino aus Yarese beispielsweise, der unter Nicolaus Y. baute, gebot über eine ganze Armee von Arbeitern und besaß große Ziegeleien und Kalköfen in Rom; seine jährliche Forderung an die päpstliche Kasse betrug etwa 30000 Dukaten. Manchem überbeschäftigten Bauunternehmer war es nicht mehr möglich, sämtliche Bauten, die er zu gleicher Zeit ausführte, persönlich zu überwachen: er ließ sich dann durch Bauführer oder Parlierer (soprastante) vertreten; Filarete berechnet in seinem Traktat, daß auf je 85 Mauerleute ein solcher Aufseher kommen müsse 260 . Kein Wunder also, wenn wir im 17. Jahrhundert heim Bau der französischen Königschlösser schon recht kapitalkräftigen Unternehmern begegnen. Die Baurechnungen, auf deren Bedeutung ich schon hinwies, und die ihren Wert erst an dieser Stelle für uns ganz offenbaren, gestatten uns, die einzelnen an den Bauten beteiligten Gewerbetreibenden zu verfolgen und genau festzustellen, welche Beträge sie für ihre Leistungen in Empfang nehmen. Daraus läßt sich natürlich mit Leichtigkeit ihr Geschäftsumfang, ihre Entwicklung im Laufe mehrerer Jahre usw. erkennen. Das Bild, das wir auf Grund dieser Angaben von dem Baugewerbe am Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts in Paris empfangen, ist etwa folgendes: Maurerei und Zimmerei sind (natürlich immer nur soweit Der Luxus und die Industrie 197 die großen Monumentalbauten in Betracht kommen) durchaus schon großkapitalistisch organisiert. In beiden Gewerben stoßen wir immer wieder auf dieselben Firmen, die meist von zwei Kompagnons vertreten und die ausdrücklich genannt werden: „entrepreneurs du bastiment neuf du Louvre“, „entrepreneurs des ouvrages de charpenterie du bastiment du Louvre“ usw. Da sind im Jahre 1664 die großen Baugeschäfte: Jacques Maziöres & Pierre Bergeron, die in einem Jahre 861330 1., im andern 610 600 1. beim Louvre, 200965 1. 3 s. in Versailles für Maurerarbeiten erhalten ; da sind Poncelet Cliquin & Paul Charpentier mit 100 bis 150000 Fr., zu denen sich im Laufe der Jahre ein halbes Dutzend andere gesellt. Nächst diesen beiden Hauptbaugewerben kommt dann die Dachdeckerei, die auch schon stark in der Umbildung zur kapitalistischen Organisation begriffen ist. Ich verfolge einen gewissen Ch. Yvon und finde, daß er im Jahre 1664 im Louvre, in St. Germain und in Versailles Arbeiten ausführt, für die er 49900 1. empfängt. Von gleichem Kaliber etwa ist die Firma Jean Piliart et Claude Fresneau, die sich nennen: „maistres couvreurs, entrepreneurs des ouvrages de Couverture et plomberie“. Die übrigen Baugewerbe: Tischlerei, Schlosserei, Glaserei usw. finden wir im Anfang unserer Epoche in handwerksmäßigem Zustande; es sind offenbar wohlhabende Meister mit einem halben Dutzend Gesellen und Lehrlingen, die hier arbeiten: oft 10 oder 20 gleichzeitig an einem Bau, mit einer Gesamtrechnung im Jahre von ein Paar Tausend Livres bis höchstens (die Tischler) 20 700 1., wenn wir nicht annehmen wollen, daß die vier Tischler, die 1666 eine Summe von 63000 1., andere vier, die eine Summe von 59000 1. und 16 317 1. in Empfang nehmen, eine einzige Firma gewesen seien; ein paar Schlosser dagegen erheben sich wohl schon, namentlich in den späteren Jahren, zu kleinkapitalistischen 198 Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus Unternehmern: es sieht fast aus, als vollzöge sich im Laufe der Zeit von Mitte des 17. bis Anfang des 18. Jahrhunderts (wohl unter dem Einfluß der starken Bautätigkeit des Königs und seiner Granden) eine „Konzentration“: im Jahre 1715 liefert ein gewisser Frangois Cafin, serrurier, doch schon für 51578 1. 11 s.; das läßt doch immerhin auf einen Betrieb von 12—15 und mehr Gehilfen schließen, selbst wenn die hier verzeichneten Beträge die einzigen Lieferungen gewesen wären. Das Bild, das uns dann Mercier von der Organisation des Baugewerbes in Paris am Ende des 18. Jahrhunderts entwirft, zeigt durchaus großkapitalistische Züge auf, soweit die großen Luxushauten in Betracht kommen 261 . Mercier erwähnt an jener Stelle zwar nicht ausdrücklich, daß es sich bei diesen großen Bauunternehmern um Luxusbauten handelt; wir wissen aber aus früheren Berichten gerade desselben Gewährsmannes, wie sehr in dem damaligen Paris die Baugeschichte von den Prachtbauten der reichen Finanziers beherrscht wurde. g) Die Stellmacherei, aber auch die Tapeziererei und die Sattlerei stoßen während der frühkapitalistischen Epoche einige Verrichtungen ab, die sich zu einer neuen kapitalistisch betriebenen Luxusindustrie: der Kutschenbau er ei, zusammenfügen. Die Kutschenbauerei hat um die Mitte des 18. Jahrhunderts den Weg zur vollendeten Manufaktur halb zurückgelegt. Sie vereinigt in ihrer höchsten Form (in London) 263 in eigener Werkstatt diejenigen Arbeiten, die den Kasten des Wagens einschließlich Lederbezug und Polsterungen herrichten, und beschäftigt außer dem Hause: den Schnitzer, den Radmacher, den Gießer (für die Beschläge usw.), den Lederarbeiter, den Schmied, den Geschirrmacher. Aber auch in dieser halbfertigen Gestalt beansprucht die Kutschenmaeherei damals schon „a great Stock of ready Der Luxus und die Industrie 199 Money“, ein beträchtliches Kapital, nicht zuletzt wieder wegen der langen Zahlungsfristen, die der vornehmen Kundschaft zugestanden werden müssen. Denn die Kutschenbauer haben nur mit dem Adel und Leuten von Rang (with none but Nobilty and Quality) zu tun, bei denen es oft genug überhaupt nicht zum Bezahlen kommt. Die Kutschenindustrie hatte übrigens gerade um jene Zeit in England einen großen Aufschwung genommen, da der Adel damals einen Stolz darein zu setzen begann, selbst zu kutschieren: „our nobilty and gentry even now taking Pride in driving themselves“ 2BS . Wo daher vor einem Menschenalter ein paar Dutzend Kutschenbauer lebten (zehn oder zwölf in der City und nicht ganz soviel in den andern Stadtteilen Londons), haben jetzt die zu einer Gesellschaft zusammengeschlossenen Kutschenbauer ganze Straßeuzüge besetzt 254 . h) Die (Möbel-) Ti schler ei hat von jeher die Tendenz gehabt, die Schranken des Handwerks zu durchbrechen, sobald sie anfing, Luxusgegenstände herzustellen. Wir finden deshalb frühzeitig — z. B. in Augsburg im 16. Jahrhundert — die Luxustischlerei, die „fürnehm arbeit“ macht, in einen gewissen Gegensatz gestellt zu dem „gemainen handwerk“. Während dessen Meister in der Regel nur einen, seit 1549 zwei Gesellen beschäftigen dürfen, wurde in Fällen, in denen eine größere „fürnehm arbeit“ anzufertigen war, um Dispens von dieser Beschränkung nachgesucht 256 . Im 17. Jahrhundert gestaltet sich dann die Luxusschreinerei zu großbetrieblichen Formen aus, die zunächst nicht im kapitalistischen Rahmen sich entwickeln, sondern vom Königtum, vom Staate gepflegt werden. Vorbildlich für alle Kunstmöbelherstellung, bis zu den Vereinigten Werkstätten in unseren Tagen, ist, wie allbekannt, die Manu- facture royale des Gobelins geworden, die Colbert zur Blüte brachte 256 . In ihr wurde alles erzeugt, was zur Ausstattung 200 Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus der königlichen Schlösser diente, also nicht nur die Möbel aus Ebenholz, Schildpatt und farbigen Hölzern mit ihren Schnitzereien und Intarsien, sondern auch die Wand- und Fußteppiche, die Lüster und Kandelaber aus Bronze und Kristall; das Silber- und Goldgeschirr, das mit Edelsteinen geschmückt war usw. Es ist hier nicht der Ort, darzustellen, wie in diesen Werkstätten unter der Leitung bedeutender Künstler — Lebrun war lange Zeit Direktor, Baudonin Yvard, Yan der Meulen, Bapt. Monnoyer u. a. waren als Maler, die Gebrüder Anguier, Coysevox, Tuby als Bildhauer, Audran, Rousselet, Ledere als Kupferstecher tätig — mit einem gewaltigen Stabe von Arbeitern : in der Teppichabteilung waren allein 250 Personen beschäftigt, die Wunderwerke des Style Louis XIV. hervorgegangen sind. (Obwohl eine Geschichte der Organisation des Kunstgewerbes eine sehr dankbare Aufgabe für talentvolle Leute wäre.) Genug, daß hier einer der größten Luxus- konsume auch eine der größten Umwälzungen der gewerblichen Organisationen hervorgerufen hat, die dann auch für die Entwicklung des modernen Kapitalismus große Bedeutung erlangen mußte. Denn nach dem Yorbilde der Manufacture royale des Gobelins entstanden überall, wo ein Zentrum des Konsums von Luxusmöbeln war, kapitalistische Kunsttischlereien. In Frankreich selbst haben wir in dem berühmten Unternehmen des Charles Boule wohl das erste Beispiel einer vollendeten Kunstmöbehnanufaktur. Boule, der mit seinen vier Söhnen die Arbeit organisierte und zunächst auch nur für den Hof, dann aber für die vornehme Gesellschaft auch außerhalb des Hofes produzierte, stellte alle Sorten Möbel in Bronze und Holz her, als Uhrgehäuse, Bureaux, Kommoden, Küchenschränke, Lüster, Truhen, Guö- ridons usw. Er war von 1672—1732 en vogue; 1720 (Südseeschwindel!) bezifferte sich der Wert der angefangenen Stücke in seinen Werkstätten (die im Louvre lagen) auf 80000 Liv. 257 . Der Luxus und die Industrie 201 In ganz großem Stile betrieben dann die berühmten englischen Kunsttischler ihr Geschäft: die Sheraton, Chippendale 268 . Auch in Deutschland finden wir die Luxustischlerei (und diese allein, denn der handwerksmäßige Charakter der ordinären Möbeltischlerei blieb bis tief ins 19. Jahrhundert hinein gewahrt) kapitalistisch und großbetrieblich organisiert schon im 18. Jahrhundert. Eine der frühesten kapitalistischen Tischlereien ist bei uns die von Mainz, die sich als Luxustischlerei im Anschluß an den prachtliebenden kurfürstlichen Hof entwickelt 259 . Und so vollzieht sich die Entwicklung in zahlreichen anderen Handwerken auch: Die Posamentierer in Berlin sind am Ende des 18. Jahrhunderts ein blühendes Handwerk: 259 Meister beschäftigen 248 Gesellen und 170 Lehrlinge. „Die reiche Arbeit dagegen unter Verwendung von Gold- und Silberdraht wurde von der Gold- und Silbermanufaktur als Verlagsinstitut und den Posamentierern als deren Heimarbeitern angefertigt 260 . Die gewöhnliche Pomade wird im 18. Jahrhundert von den Friseuren hergestellt; dagegen gibt es zwei Fabriken für Schminke und für „haarwachsende Pomade“ 261 . Die Seifensieder leben ruhig und zufrieden dahin, bis eines schönen Tags Luxusseifen erfunden werden. „Das Fabriksystem beginnt mit dem Aufkommen von Luxusseifen.“ Im 18. Jahrhundert war das Produktionsgebiet zwischen Handwerk und kapitalistischer Unternehmung scharf geschieden: jenes stellte die gewöhnlichen Seifen her, diese die feineren, wie Marseiller Seifen usw. 262 In Marseille selbst, wo ein Zentrum der Luxusseifenfabrikation war, haben im Jahre 1760 38 Seifenfabriken 170 Kessel und 1000 Arbeiter 283 . Der elegante Soap-Boiler in London braucht ein Anfangskapital von 2—3000 £ 264 . Aber ich denke, der Beispiele sind nun genug auf- 202 Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus gezählt. Besser, wir gehen zum Schlüsse dieser Betrachtungen noch den Gründen nach, die zu dieser in weitem Umfange einheitlichen Entwicklung der gewerblichen Produktion geführt haben. 4. Die revolutionierende Kraft des Luxuskonsums Was hat die Gewerbe, ehedenn die Technik es tat, in den Kapitalismus hineingetrieben? Welches ist der Grund, weshalb sich hier das Handwerk erhält, dort durch eine kapitalistische Organisation ersetzt wird? Die Vertreter der herrschenden Meinung antworten: die geographische Ausweitung des Absatzes ist schuld daran, daß der Kapitalismus Macht über die gewerbliche Arbeit gewinnt, wie ich das oben schon dargelegt habe. Ich sage dem entgegen: viel bedeutender ist der Einfluß, den die Ausbildung eines starken Luxuskonsums auf die Organisation der gewerblichen Produktion ausübt. Sie ist es, die in sehr zahlreichen (nicht in allen!) Fällen dem Kapitalismus die Tore öffnet, damit er in die so wohl umfriedete Stadt des Handwerks seinen Einzug hält. Meine Ausführungen, denke ich, beweisen die Richtigkeit meiner Ansicht. Wollte man mir nun aber etwa einwenden: Du täuschest dich; jene Gewerbe, die du richtig als Luxusindustrien bezeichnet hast, und die in der Tat am frühesten vom Kapitalismus erfaßt werden, erleiden diese frühe Herrschaft nicht, weil sie Luxusindustrien, sondern weil sie Exportindustrien sind. Denn diese Eigenschaft haben sie alle auch. So würde ich antworten: Du irrst Freund. Du irrst zwiefach: 1. sind keineswegs alle kapitalistisch organisierten Luxusindustrien Exportindustrien. Ich erinnere an die Möbel-, die Kutschen-, die Teppich-Manufaktur, an die Luxusschneiderei und Schuhmacherei. Das ist alles „lokale“, sogar meistens in eminentem Sinne „Kundenproduktion“. Der Luxus und die Industrie 203 2. sind keineswegs alle Exportgewerbe kapitalistisch. Das ganze Mittelalter hindurch hat es zahllose Handwerke mit interlokalem und internationalem Absatz gegeben. Und solche Exporthandwerke haben sich bis in die neuere Zeit hinein erhalten: noch im Anfang des 19. Jahrhunderts waren die Wollweberei in Yorkshire, die Leinenweberei in Schlesien, die beide für den Weltmarkt arbeiteten, durchaus handwerksmäßig organisiert. Also kann die geographische Ausweitung des Absatzgebietes doch nicht der entscheidende Grund sein, der in anderen Gewerben den Kapitalismus zur Herrschaft kommen läßt. Meine Ansicht, daß dieser entscheidende Grund die Ausweitung des Luxuskonsums ist, daß also die namhaft gemachten Gewerbe dem Kapitalismus anheimfallen, weil es Luxusindustrien sind, verteidige ich wie folgt: Die Gründe, die ein Luxusgewerbe eher geeignet machen für kapitalistische Organisation, liegen: 1. in der Natur des Produktionsprozesses. Fast immer erheischt ein Luxusgut einen kostbaren Rohstoff^ der häufig aus der Ferne bezogen werden muß. Also: Bevorteilung des reicheren und des kaufmännisch gebildeten Mannes: wenn die Pariser „Filaresses“ schon im 13. Jahrhundert für einen Mercier gegen Lohn Seide spinnen, die dieser dann in der Stadt verkauft, während Flachs und Wolle Jahrhunderte später noch von Bauern „in eigener Regie“ verarbeitet werden: was für einen andern Grund hat die hausindustrielle Organisation in diesem Falle als den, daß nur der Mercier in den Besitz des teuren Rohstoffs gelangt. Meist ist aber auch das Verfahren, mittels dessen ein Luxusgut hergestellt wird, kostspieliger als das, mit dem das ordinäre Gut verfertigt wird. Damals, heute gilt der Satz natürlich nicht! Man denke an die frühere Textilindustrie (Färberei! Appretur!); an Glas- und Porzellanfabrikation; an 204 Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus Teppichknüpferei oder Weberei; an Spiegelerzeugung; kurz an die meisten Prozesse der Luxusindustrien. Also abermals: Bevorteilung des „kapitalkräftigen“ Mannes. Aber das Verfahren bei der Erzeugung von Luxusgütern ist nicht nur kostspieliger: es ist meist auch kunstvoller, komplizierter, setzt mehr Kenntnisse, mehr Überblick, mehr Dispositionstalent voraus: Grund, weshalb die Tüchtigsten, in diesem Sinne: Besten aus der Masse herausgehoben werden, die mit ihren Gaben die Stellungen der neuen, vorwiegend zur Leitung und Organisation berufenen Wirtschaftssubjekte allein auszufüllen vermögen. Die Vorzüge des Luxusgutes werden aber oft genug nur erzielt, wenn auch der Arbeitsprozeß schon durch Kooperation und Spezialisation auf eine hohe Stufe emporgehoben ist: die kapitalistische Maßschneiderei liefert nur darum Qualitätswaren, weil sie die hochwertige Arbeit des talentierten Zuschneiders für eine große Masse von Durchschnittsschneidern nutzbar macht. Eine Dilferenzierung von hochwertigen Leistungen ist aber nur möglich auf einer breiteren Produktionsbasis, wie sie die von der kapitalistischen Unternehmung ins Leben gerufene Betriebsorganisation erst schafft. 2. liegen die Gründe, die die Luxusgewerbe eher als die andern zum Kapitalismus treiben, in der Natur des Absatzes. Ich will den Gedanken nicht urgieren, dem wir schon begegnet sind und der unter dem Ancien rögime offenbar gang und gäbe war: daß nämlich die seigneuriale Nonchalance beim Bezahlen häufige Verluste für den Produzenten von Luxuswaren im Gefolge habe, jedenfalls aber eine breitere Kapitalbasis nötig mache, als sie sonst erforderlich wäre. Wichtig dagegen scheint mir der Umstand, daß der Absatz von Luxusgütern offenbar größeren Konjunkturschwankungen unterworfen ist als der von Massengebrauchsartikeln. Die Geschichte aller Luxusindustrien lehrt es uns: die Launen Der Luxus und die Industrie 205 der reichen Leute, bei denen während der frühkapitalistischen Epoche „die Mode“ den Geschmack zu beherrschen anfängt, wechseln rasch. Und dieser rasche Wechsel führt auf der einen Seite oft Absatzstockungen herbei und heischt auf der andern Seite vom Produzenten eine sehr starke Versatilität des Geistes, wenn er seine Produktion immer wieder den neuen Anforderungen anpassen soll. Die kapitalistische Organisation ist nun aber viel eher als das Handwerk imstande, sowohl ungünstigen Konjunkturen standzuhalten, als günstige auszunutzen. Zu diesen allgemeinen, „in der Natur der Sache“ liegenden Gründen kommt nun 3. der historische Grund, daß alle Luxusindustrien während des europäischen Mittelalters künstlich geschaffen worden sind, entweder von den Fürsten oder von unternehmungslustigen Fremden. Der Fremde spielt bei der Entstehung der modernen Industrie (wie ich an anderer Stelle ausführlich darlegen werde) die entscheidende Rolle: von den Humiliaten angefangen, die in Florenz die Tuchindustrie begründen, bis zu den französischen Emigranten, die die Väter der Berliner Industrie sind, zieht sich eine ununterbrochene Kette von Wanderungen Industrieller und von industriellen .Gründungen in der Fremde durch sie. Was sie aber begründen, sind fast immer Luxusindustrien, deren Entwicklung ja auch den Landesherren vor allem am Herzen lag. Alle diese Industrien aber, die mit Bewußtheit und durch Fremde ins Leben gerufen werden, erhalten von vornherein ein rationales Gepräge. Sie entstehen meist außerhalb der alten zünftlerischen Schranken und oft im Gegensatz zu den alteingewurzelten Interessen der ortsangesessenen Handwerker. Bei ihrer Etablierung sprechen keine Rücksichten, sprechen nur Gründe der Zweckmäßigkeit, und deshalb vor allem auch sind sie der Boden, auf dem sich das neue, ökonomisch höhere Wirtschaftssystem zuerst entfaltete. 206 Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus Aber die wichtigste Vorbedingung, die erfüllt sein mußte, damit dieses Wirtschaftssystem bestehen konnte, war doch ein seinem Wesen gemäßer Absatz. Da nun (letzter Grund!) 4. die andere Möglichkeit eines großen Absatzes: der Massenabsatz von minderwertigen Gütern oder der Absatz großer, zusammengesetzter Güter sich meist erst viel später einstellte, so blieb dem nach Verwandlung in Kapital strebenden Geldvermögen nur die Anlage in Luxusgewerben übrig. ' § [So zeugte der Luxus, der selbst, wie wir sahen, ein legitimes Kind der illegitimen Liebe war, den Kapitalismus. Finis Quellen und Literaturnachweise 209 Erstes Kapitel: Die neue Gesellschaft 1 H. Laube, a. a. 0. 1, 128. 2 Starkeys England in the Reign of Henry YII bei Denton, England in the fiftheenth cent. (1888), 259. 3 Sie ist zuletzt abgedruckt und ausführlich kommentiert bei J. Goldstein, Berufsgliederung und Reichtum. 1897. * Siehe die Schedule bei Postlethwayt, Dict. of Comm. 2 2 (1758), 746. 747. 6 Harrison, Description of England. B. III, Ch. IV (ed. 1577); zitiert bei Gibbins, Ind. in E. 4. ed. (1906), p. 323. Klar ist das Bild nicht, das wir von der Entstehungsart der Gentry unter Elisabeth empfangen; C am den, Britannia; ed. 1590, p. 106, sagt ganz allgemein: „Generosi (i. e. Gentlemen) vel promiscue nobiles sunt, qui natalibus clari aut quos Virtus aut Fortuna e faece hominum extulit.“ 6 Defoe, Complete English Tradesman. 2. ed. 1727, p. 310; 5. ed. 1745. 1, 322. (Die Stelle lautet in beiden Ausgaben gleich.) I Defoe, 1. c. 5. ed. 1, 224 ff. 8 Defoe, 1. c. 2. ed. p. 313; 5. ed. 1, 324. 9 P o s 11 e t h w a y t, Dict. of Comm. Art. Commerce; Miege- Bolton, The Present State of Great Britain etc. 10. ed. 1745, p. 156. 10 Charles R. Dodd, Manual of Dignities etc. (1843), 251. II Defoe, 1. c. 2. ed. p. 311; 5. ed. 1, 323. 24. 12 L e c k y bringt das Zitat aus den „Miscellanea“ in seiner Geschichte Englands im II. Bande, Kap. 2 (Deutsche Übersetzung 1, 208). Ich habe in meinem- Exemplar der Miscellanea (Vol. I 1680; Vol. II 1690) das Zitat nicht gefunden. 13 Defoe, 1. c. im XXIV. Kapitel der 5. Auflage (die 2. Auflage hat dies Kapitel noch nicht). 14 Laffemas, Traite du commerce de la vie du loyal marchand 1601; bei G. Fagniez, L’economie sociale de la France sous Henry IV (1897), 253. 15 Siehe jetzt wieder Strieder, Genesis d. mod. Kap., 40, und die daselbst angeführte Literatur, sowie Rud. Häpke, Die Entstehung der großen bürgerlichen Vermögen im M. A., in Schmollers Jahrb. 29, 245 ff. Sombart, Luxus und Kapitalismus 14 210 Quellen und Literaturnachweise 16 Siehe jetzt wieder H. Sieveking, Die kapitalistische Entwicklung in den italienischen Städten des Mittelalters, in der Viertel- iahrschr. f. Soc. u. W.-Gcsch. 7, 73. 17 Ranks 6 inB. Thorpe, Ancient Laws institutions of England 1 (1840), 193. Anm. des Herausgebers: „It is possible that craeft (craft) may here as at the present day signify a vessel.“ 18 Siehe die zahlreichen Beispiele hei II. Pigeonneau, Hist, du commerce de la France 1 (1885), 397 ff.; und G. D’Avenel, Hist. econ. de la propriöte etc. 1 (1894), 144 ff. ,9 Beispiele bei Levasseur, Hist, des classes ouvrieres etc. 2 3 (1900), 175. 200. 20 Ch. Normand, La hourgeoisie frangaise au XVII sc. (1908), 9 ff. 21 ff. 64 ff. 21 G. D’Avenel, 1. c. 1, 144 ff. 208 f. 23 Sully, Memoires s. a. 1601; ed. 1752, 4, 12 ff. 23 (Mercier) Tableau de Paris 2, 201, Ch. CLXXII. 24 Die Ziffern entnehme ich der sorgfältigen Arbeit F. Bel ochs, Die Entwicklung der Großstädte in Europa, in den Comptes rendus du VIII 8 Congrös international d’Hyg. et de Ddm. (1894), 55 ff. Wo ich ein * vor den Städtenamen angebracht habe, sind die Ziffern dem Aufsatze Inama-Sterneggs imH and Wörterbuch d. Staatswiss. 3. A. entlehnt. Die Einwohnerzahlen von Dublin fand ich hei Al. Moreau de Jonnes, Statistique de la Grande Bretagne 1 (1837), 88. Die letzte Zahl für London ist die amtliche Zahl des Zensus von 1801; die Zahl für Berlin nach den Normann sehen Zusammenstellungen, die mit geteilt sind bei Miraheau, d. J., De la monarchie prussienne 1 (1788), 395 f. Zweites Kapitel: Die Großstadt 26 Den Text des hei Bymer, Foedera 16, 448, verzeichneten Erlasses gibt Anderson, Orig. 2, 209, auszugsweise wieder. 26 Daniel De Foe, A Tour through the islands of great Britain. Zuerst erschienen 1724. 8. Auflage, nach der ich zitiere, 4Vol. 1778 2, 253. 27 Miraheau, 1. c. 28 Lies z. B. Berg, De Refugies in de Nederlande etc. 1 (1845), 269f. 29 E. Gerland, Kreta als venetianische Kolonie (1204—1669), im Historischen Jahrbuch 20 (1899), 22. 30 Siehe die Schilderungen Venedigs bei H. Simonsfeld, Der Fondaco dei Tedeschi in Venedig 2 (1887), 265 ff. 31 Bei Gregorovius, Gesch. der Stadt Rom 7 B , 236. 32 Gregorovius, a. a. O. 8 4 , 287. 33 Bei Pastor, Gesch. der Päpste l 3, 4 (1901), 78 ff. 84 Conservacion de monarquias y discursos. Disc. XIV, zit. bei Ranke, Fürsten und Völker Südeuropas l 3 , 458. Vgl. Häbler, Wirtschaft!. Blüte Spaniens, 53. 153, 155 und öfters. 211 T~ ~ yn- . Quellen und Literaturnachweise 86 Lies die hübsche Schilderung, die (nach guten Quellen) von Madrid in seiner Blütezeit entwirft: v. Gleichen-Rußwurm, Das galante Europa (1910), 19. 86 Lies die anmutigen Schilderungen bei E. Gothein, Kulturentwicklung Süditaliens (1886), 317 ff. 342 ff. Vgl. noch Burckhardt, Kultur d. Ren. 2 8 (1878), 106. 166, und Hippolyt, a Coli., Incrementa urbium sive de causis magnitudinis urbium über unus (1665), 207. 87 Lavoisier, A. L., Essai sur la population de la ville de Paris, sur sa richesse et ses consommations, in den Mdlanges d’ec. pol., ed. Daire, 1 (1847), 601 ff. 88 Ami des Hommes 2, 215. 89 F. Quesnay, Artikel „Fermiers“ in der Encyclopedie. CEuvres, Ed. Oncken, 189. Die „Wasserkopftheorie“ datiert für Paris aus dem 16. Jahrhundert; A. d. H. 2, 215; für London aus dem 17. Jahrhundert: Graunt meint, „daß London . . . vielleicht ein allzu großer und vielleicht auch ein zu mächtiger Kopf für seinen Leih sei“; Joh. Graunt, Anmerkungen über die Totenzettel der Stadt London usw. (1662); deutsch 1702 in der Widmung. 40 Ami des Hommes 2, 232. 41 Ami des Hommes 2, 217. Angaben über die enorme Höhe der Renten der kirchlichen und weltlichen Großen siehe bei H. Taine, Les origines de la France contemporaine 1 14 (1885), 52. Taines Hauptquelle für den Absentiismus der französischen Seigneurs und ihren Kon- flux nach Paris ist merkwürdigerweise Arth ur Y o ung, der so tut, als ob es in England um dieselbe Zeit wesentlich anders gewesen wäre. 42 (Mercier) Tableau de Paris 1 (1783), 67/68. 43 Edw. Chamberlayne, The second part of the Present State of England. 13. ed. 1687, p. 200. 44 D. Hume, Essays 2, 114. 48 Artificial Fire 1644. Ms. in Brit. Mus., mitgeteilt bei W. Cun- ningham, The growth of Engl. Ind. and Comm. 2 4 (1905), 319. 46 Miege and Bolton, The present state of Great Britain etc. 10. ed. 1745, p. 101. 47 Defoe, Tour 2, 135/36. Drittes Kapitel: Die Säkularisation der Liebe 48 I poeti del primo secolo. 2 Vol. 1816. 49 A. Schultz, Das höfische Leben zur Zeit der Minnesänger. 2, 423. 60 Siehe die hübsche Zusammenfassung in dem Buche von Josef Kirchner, Die Darstellung des ersten Menschenpaares in der bildenden Kunst. 1903. 14 * 212 Quellen und Literaturnachweise 51 Laur. Yalla, Opera ed. Bas. 1590, 905 (De Vol. lib. I, c. XXII). 82 Arg. Firenzuola, Discorso delle bellezze delle donne (1542). Neue Ausgabe 1886. Im Auszug (deutsch) bei Burckhardt, K. d. R. IV. Abschn., VII. Kapitel, und (ausführlich) bei R. Günther, Kulturgeschichte der Liebe (1899), 298 ff. Seltsamerweise schreibt Burckhardt (a. a. 0. S. 63): „Ob das 15. Jahrhundert schriftliche Rechenschaft über sein Schönheitsideal hinterlassen hat, weiß ich nicht zu sagen.“ Es waren ihm die oben zitierten Stellen bei L. Valla offenbar im Augenblick nicht in Erinnerung. 53 L. Valla, Opp. cit., 668. 64 P. Bembo, Gli Asolani (ed. 1575), p. 134. 65 P. Bembo, 1. c. p. 189/190. 65 a L. Valla, De vol. Lib. I, cap. 38. B6 F. Gregorovius, Lucrezia Borgia l 8 (1875), 96. 67 Die Stellen finden sich in dem berühmten fünften Kapitel des dritten Buchs der Essais. Haben ähnliche Anschauungen schon früher geherrscht? Oder richtiger: sind sie schon früher in ein System gebracht (denn gelebt hat man nach ihnen seit den Minnesängern)? Man könnte es fast annehmen, wenn man Nostrodamus und manchen Entscheid der „Minnehöfe“ liest. Vgl. K. Weinhold, Die deutschen Frauen in dem Mittelalter. 3. Aufl. 1897. 68 Estr. dal periodico Gli Studi in Italia (1882), mitget. von Gregorovius, a. a. 0. 7 5 , 722. 69 Barbier, Journal 4, 496, zit. bei R. Günther, Kulturgeschichte der Liebe (1899), 397. 60 Siehe die lange Liste von Maitressen der Generalpächter bei Paul Ginisty, M u <> Duthö et son temps (s. a.), 11. 61 (Mercier) Tableau de Paris. 1783, Ch. 573. 62 Complete English Tradesman. 5. ed., 1745. Ch. L. Viertes Kapitel: Die Entfaltung des Luxus 68 Worte des Senators Stephan Garczynski in seiner 1751 gedruckten Schrift: „Anatomie der Republik Polen“, bei Roepell, Polen um die Mitte des 18. Jahrh. (1876), 17. Acta Boruss. Getr. Hand. Pol. 1, 386. 64 Zit. bei J. F. Andre, Hist, de la Papaute ä Avignon (2. ed. 1887), 300. 85 I due sontuosissimi Conviti fatti ä Papa Clemente V nel 1308 descritti da Anonimo fiorentino, testimone di veduta. Ed. 1868. 66 E. Müntz, L’argent et le luxe ä la cour pontificale d’Avignon, in der Revue des questions historiques t. LXVI (1899), p. 5—44 et 378—406. E. Müntz et Faucon, Inventaire des objets pröcieux vendus ä Avignon 1358, in der Revue archöologique 1882, p. 217—225. Vgl. Th. Okey, The Story of Avignon 1911 (mit Bibliographie). Quellen und Literaturnachweise 213 Ch. Martin, Le Chateau et les Papes d’Ayignon 1899. Soweit meine Kenntnisse reichen, gibt es eine zuverlässige und ausführliche Dari Stellung des (weltlichen) Lebens an den Avignoner Höfen in der Literatur bisher nicht. 67 Leo König, Die päpstliche Kammer unter Clemens V. und Johann XXII. (1894), 56 ff. 68 Lies die Beschreibung der Feste hei Gregorovius 7 B , 238f. 69 Matth. Palmieri, De temp. suis, ebenda S. 242. 70 Bure., Diar. 71 Gregorovius, a. a. 0. 8 4 , 173 ff. 72 Einige Auszüge hei Roscoe, Life of Leo X. (1806), 1, 238 f, und App. XXIX. 78 Quellen hei Gregorovius, a. a. 0. 7 B , 342 f. Die Soll-Einkünfte t des Ducato Estense im Jahre 1592 betrugen 690 993 19. 8 Lire marche-r sane, Pietro Sitta, Saggio sulle istituzioni finanziarie del Ducato estense nei secoli XV e XVI (1891), 126. . 74 Rel. des amb. ven. (Coli, des doc. inedits sur l’hist. de France) 1, 285, bei Pigeonnean, 2, 28. Über die Luxusausgaben der älteren Valois: Baudrillart, 3, 273. 76 Rel. 2, 529; 1. c. p. 58. 76 Bericht des Matteo Dandolo bei Alberi T. 4, 42/43. 77 (Forbonnais) Recherches 1 (1758), 119 suiv. 78 (Forbonnais) Recherches 2, 101. 79 J. Guiffrey, Comptes des bätiments du roi sous le regne de Louis XIV. 5 Vol. 1881—1896 in der Collect, de Docum. inedits. HI« Serie. 80 J. Guiffrey, Inventaire general du mohilier de la couronne sous Louis XIV (1663—1715). 2 Vol. 1885. 81 Einen Bericht aus der Dezember-Nummer 1697 findet die Leserin hei A. Franklin, Les magasins de nouveautds (1894), 227 suiv. 81 a J. Guiffrey, Comptes des bätiments 1. c. 82 Diar. Europ. c. 24. 10. 1666, bei Ranke, Franz. Gesch. 3 8 , 214. 88 Arch. nat. O 1 , 3792 — 94, mitgeteilt in dem sehr lehrreichen Buche von Emile Langlade, La marchande de modes de Marie Antoinette Rose Bertin (s. a), 29. 122. 88a J. Guiffrey, Comptes des bätiments du roi etc. 1 (1881), XLII. 84 Etat des depenses de M“ la Marquise de Pompadour du 9 sept. 1745 au 15 avr. 1769 jour de sa mort, publ. par M. Luc. Leroy: zit. bei Baudrillart 4, 327. 86 Coli, de doc. ined. t. IV, p. 545—561, zit. von M m « B. Carey, La Cour et la ville de Madrid etc. (1876), App. Note C. 88 Hübsche Beschreibung des luxuriösen Hoflebens Wilhelms von Oranien, als er noch nicht englischer König war, bei Berg, De Re- fugies 1, 269 f. 214 Quellen und Literaturnachweise 87 Sämtliche Ziffern über die Ausgaben der englischen Könige entnehme ich J. Sinclair, Hist, of the public revenue of the Brit. emp. 3. ed. 1803. Yol. I und II. 88 Bei Willy Doenges, Meißner Porzellan (1907), 76 f. 126. 89 Inf. XIII, 118—122, und dazu Kostanecki, Dantes Philosophie des Eigentums (1912), 8 f. 90 Louis XIV, Mömoires, zit. bei Baudrillart, H. du L. 4, 68. 91 Diese entzückende Wendung findet sich bei C am den, Bri- tannia (1580), 106. 92 Aus dem Livre de Raison de M. Pierre Cesar de Cadenet de Charleval, angefangen 1728, fortgesetzt 1763 von Francois de Ch. und abgeschlossen von dessen Sohne bei Ch. de Ribbe, Les familles 2 2 (1874), 144. Eine überaus wertvolle Sammlung von englischen Haushaltungsbudgets aus der Zeit von 1650—1750 besitzt das Smithsonian Institut in Washington. Einige Auszüge daraus teilt der Besitzer dieser Sammlung mit, der sie zusammengebracht und dem Sm. I. geschenkt hat, J. A. Halliwell, in der Schrift: Some account of a collection of several thousand Bills, Accounts and Inventories etc. 1852. 93 Sully, Mem. 4 (1752), 12 ff. (s. a. 1601). 9,t Bassompiere, Mem. 2 e ser., tome VI, p. 56 der Coli. Michaud; bei Fr 6 gier, Police de Paris 2, 34. "Thirion, Vie privee 292; Vie privee de Louis XV (1785); Humbert de Gallier, Les moeurs (1911), 85 ff. (reiches Material). 98 Die Quellen bei T a i n e , Origines 1, 168 suiv. 97 E. Langlade, La marchande de Modes etc, 263 suiv. 98 Polifilo, La guarderoba di Lucrezia Borgia. Dali’ Archivio di Stato di Modena. 1903. 99 Brief der M“ e de Maintenon an ihren Bruder vom 25. Sept. 1679; vgl. Aim6 Houze de l’Aulnont, La finance d’un bourgeois de Lille au 17. siöcle (1889), 51. 116. ]0 ° Compl. Engl. Tradesman 2 (1745), 328. 101 Defoe, Compl. Tradesman (1727), 115. 116. 141. 102 Archenholtz, England und Italien 3 , 141 ff. 108 Bei De Ribbe, Une grande dame 137. io* jjme d e Sevigne, Lettres. 105 Nach Du Hautchamp: Oscar de Vallee, Les manieures d’argent (1858), 121. i°5a (Mercier) Tableau de Paris 2, 199 ff. i°6 Thirion, Vie privee 124. 107 Viele Ziffern bei Humbert de Gallier 1. c. 96 ff. Ein wichtiges Quellenwerk ist Pierre Manuel, La police de Paris dövoilöe. 1794. 107 » W. L ü b k e, Geschichte der Renaissance Frankreichs (1868), 287. Quellen und Literaturnachweise 215 10, t> Lettres, instructions et mdmoires de Colbert, publ. par P. Clement in der Coli, des doc. inddits III 6 sörie, t. 8, p. XLY. 108 Edm. 0. von Lippmann, Geschichte des Zuckers, seine Darstellung und Verwendung seit den ältesten Zeiten bis zum Beginne der Rübenzuckerfabrikation. 1890. 109 Burckhardt, Kultur der Ren. 2, 117. 110 Gregorovius, G. d. St. R. 8 4 , 290. 291. 110a Cas. Chledowski, Rom (19121, 377. Dort finden sich noch mehr Beschreibungen ähnlicher Wohnungen. 111 Regnier Desmarets zit. bei Fournier, Le vieux neuf 2, 147. 112 Lettres de Me de Sevigne. 26. Novbr. 1694. 113 Evelyn, Memorials 1, 562 bei Alb. Savine, 1. c. 160. 114 Edm. et Jules de Goncourt, La Du Barry (1909), 133. 116 Lies die Beschreibungen der Chambres ä coucher bei Thirion, 348 ff., 352 f. 116 The Seats of the Nobilty and Gentry in a collection of the most interesting and picturesque views engraved by W. Watts. 1779. 117 Lies die interessante Stelle bei Montesquieu, E. d. L. Liv. VII Ch. I nach! 118 Bei Ch. de Ribbe, Une grande dame dans son menage au temps de Louis XIV. d’apr5s le journal de la comtesse de Rochefort (1689). Paris 1889, p. 167. 1,9 De Löris, Dictionnaire .. . des Theatres (1763), XX ff. Vgl. A. du Casse, Histoire anecdotique de Pancien thöatre en France. 2 Vol. 1862—1864 (wesentlich literärgeschichtlich). 12 ° Fü r d as England des 17. Jahrhunderts: The character of a town Gallant. Stellen daraus bei A. Savine, La cour galante de Charles II., 130 suiv. 121 Defoe-Richardson, A Tour through the island of Great Britain etc. 8 th ed. 2 (1778), 92. 93. 122 Archenholtz, England und Italien 2, 230. 123 Henri d’Almäras, Les plaisirs du Palais Royal, 1. c. p. 11. 124 (Defoe), Complete tradesman. 2. ed. 1727. 126 J. W. von Archenholtz, England und Italien 2(1787), 231 ff. 126 (Mercier), Tableau de Paris 3, 109ff. 121 Mitgeteilt bei P. Ginisty, 40. Fünftes Kapitel: Die Geburt des Kapitalismus aus dem Luxus 128 Die genauen Angaben bei Anderson, Orig, of Comm. s. h. a. 129 Am besten unterrichtet der Artikel „Lois somtuaires“ in der Encyclopedie. 130 Montesquieu, Espr. des Lois L. VII. ch. IV, 21(5 Quellen und Literaturnachweise 121 Abbd Coyer, Developpement et defense du systbme de la noblesse commer^ante 1 (1757). 52. 132 Barbon, A discourse ofTrade (1690), 62 bei Cunningham, Growth, 2, 392, wo noch mehr Stellen dieses Inhalts angeführt werden. 133 D. Hume, Of refinement in the arts in den Essays ed. 1793; 2, 19 ff. 784 The Fable of the Bees: or Private Vices, Publick Benefits 6. ed. 1732 p. 10; dazu die Anmerkungen I—N. 135 Willi. Frh. von Schrödern Fürstl. Schatz- und Rent- kammer etc. (1744), 172. 136 W. Heyd, Gesch. d. Lev. Hdls. 2 (1879), 550ff. 137 A. Schulte, Gesch. d. mittelalt. Hdls. 1 (1900), 720ff. 138 Martin, Louis XIV., 288 seg. 139 Tabelle bei Chaptal, Ind. fran?. 1, 130. 140 Al. de Humboldt, Essai politique sur le royaume de la Nou- velle Espagne 4 (1811), 366 seg. 141 Buxton, The African Slave Trade. 1840. 142 Langer, Sklaverei in Europa, 16. 143 Schipper, Anfänge d. Kapit. bei den Juden (1907), 19 ff.; Caro, Soz. u. W.-Gesch. d. J. 1, 137 ff. Vgl. noch Heyd, 2, 542 ff. 144 Belegstellen bei R. Heynen, Zur Entst. d. Kapit. in Venedig (1905) 32 ff. 146 Anderson, Orig. 4, 130 (nach einem „französischen Autor“). ' 146 Edwards, Hist, of the West Ind. 2, 65. 147 Postlethwayt, Dict. of Comm. 1, 709 f. s. v. England. 148 Onslow Bur fish, Batavia illustrata or a view of the Policy and Commerce of the United Provinces etc. etc. (1728), 354 seg. 149 Moreau dejonnös, Etat dcon. et soc. de la France (1867), 349. 160 Complete English Tradesman, 5. ed. 1745 Ch. LI. Ich besitze außer dieser fünften Auflage nur die zweite, die 1724 erschien; in dieser findet sich das Kapitel, auf das ich mich beziehe, noch nicht. Ich kann hier in Deutschland nicht feststellen, ob die Zusätze schon in der dritten oder vierten Auflage hinzugefügt sind. 161 Zeitschr. d. histor. Ver. für Schwaben und Neuburg 6, 38. 39. 182 (Mercier) Tableau de Paris 1783. Ch. DLV. 163 Zu dieser ganzen Darstellung ist zu Rate zu ziehen mein „Mod. Kap.“, wo ich die Entwicklungstendenzen des modernen Detailhandels dargelegt habe. 164 R. Campbell, The London Tradesman (1745), 47. 165 Artikel Tapissier in der Enc. möth. Man. 2, 219 seg. 166 Savary, Dictionnaire du Commerce 2, 714. 767 General Description of all Trades (1747), 49. 168 Gen. Description cit. p. 215. 169 (Mercier), Tableau de Paris, 7, 73. Quellen und Literaturnachweise 217 i58 a Correspondance du marquis de Balleroy, publ. par le Comte E. de Barthdlemy bei Humbert de Gallier, 57. 160 1. A General Description of all Trades etc. 1747. 2. R. Campbell, The London Tradesman, being a compendious view of all tbe Trades, Professions, Arts etc. etc. 1747. 161 Compl. Engl. Tradesman 1 (1745), 215. 162 C. Bertagnolli, Delle vicende dell’ agricolt in Italia(1881), 226f. 163 K. Häbler, Die wirtschaftliche Blüte Spaniens im 16. Jahrhundert. 1888. S. 85. 164 Belege bei M. J. Bonn, Spaniens Niedergang (1896), 113. 165 Von den Schriften A. Youngs kommt für unsere Zwecke namentlich in Betracht seine „Southern Tour“: A six weeks tour through the Southern countries of England and Wales, die ich nach der 2. ed. von 1769 zitiere. 168 Daniel De Foe, A Tour etc. 167 Sir F. M. Eden, State of the Poor or an History of the lahouring Classes in England from the Conquest to the Present Period etc. 3 Yol. 1797. 188 Defoe 1, 101. 189 A. Young, Southern Tour, 78f. 170 Defoe 1, 139. 160. 171 Defoe 1, 199. 206. 172 Defoe 2, 137. 178 Defoe 1, 65; Young 21 ff. 174 A. Young 49 ff. 175 Defoe 3, 10 in bezug auf Lincolnshire. 178 A. Young, 200 ff. in bezug auf die Gegend um Salisbury. 177 YouDg 308ff. 178 Young 317. 179 H asb ach, Die englischen Landarbeiter in den letzten hundert Jahren und die Einhegungen. 1894, S. 11 (Schriften des Vereins für Sozialpolitik Band 59). 180 Defoe 1, 182. 181 Nach Petty 670 000. Vgl. den 1. Essay in der Ausgabe von 1699. 182 Defoe 3, 265. 188 Die Zusammenstellungen hei Hasbach, 116ff. 184 Eden, 1. c. 1, 334. 185 Defoe 2, 111. 188 Defoe 2, 112. 187 Miege and Bolton, The present state of Great Britain and Ireland. 10. ed. 1745. pag. 102. 188 Defoe 1, 324. 189 Surrey, Berks, Oxford, namentlich aber Nord-Wiltshire, wo die auf dem Lande gewonnene Gerste für den Londoner Markt — es wurde - y . " -mv 218 Quellen und Literaturnachweise ein Spezialmarkt für Malz in Queenhith abgehalten — in den Städten Abingdon, Faringdon u. a. zu Malz verarbeitet wurde; Defoe 2, 113. 160 Bei Henningham in Suffolk, A. Young, Southern Tour, 69, namentlich aber um Farnham (Surrey), wo der einst blühende Getreidebau ganz dem Hopfen hatte weichen müssen; Defoe 1, 196; Young, 217. 191 Der größte Hafermarkt für London war Croydon in Surrey; Defoe 1, 217. 193 Teile von Essex; Young 266. 199 Defoe 1, 209. 194 Defoe 2, 32. 181. 196 Defoe 2, 32. 196 Namentlich die waldreichen Gegenden von Berkshire und Buckinghamshire; Defoe 2, 32. 55. 197 Defoe 1, 120. 198 Me Ion, Essai sur le commerce (1734). Coli, des Ec., 696. 199 J. E. Cairnes, The Slave Power (1863), 76. 200 Labat, Nouv. Yoyage aux isles d’Amärique. 1742. 201 Al. v. Humboldt, Nouv. Esp. 3, 179. 202 Hüne, Darstellung aller Veränderungen des Sklavenhandels. 1820. 203 Handelmann, Gesch. der Insel Hayti (1860), 28, 204 Anderson, Orig, of Comm. 4, 690. 20B A1. Moreau de Jonnbs, Rech. stat. sur l’esclavage colonial. 1842. 206 Bei E. Pariset, Hist, de la Fabrique lyonnaise (1901), 15. 207 R. Broglio d’Ajano, Die venetianische Seidenindustrie (1893), 2. 208 H. Sieveking, Die genuesische Seidenindustrie in Schmollers Jahrbuch 21 (1897), 101 ff. 103. 209 E. Pariset, 1. c. p. 35. 210 Bei Godart, L’ouvrier en soie (1899), 89. 211 A. Alidosi, Instruttione delle cose notabili di Bologna (1621), 37. 212 Joh. Joach. Becher, Närrische Weisheit (1686), 19f. 234. 218 (Defoe), A Tour through the island of Great Britain 3 8 (1778), 104. 214 Moreau de Jonnäs, Etat econ. et soc. de la France, 337. 215 Joh. Beckmann, Beyträge zur Oekonomie etc. 1 (1779), 108ff. 216 Aus dem National-Archiv mitget. von G. Martin, Louis XIV. (1899), 240/41. 217 Martin, 1. c. p. 301. 218 (Mercier), Tableau de Paris 9, 312 seg. 219 Martin, 1. c. 150 seg. 220 O. Wiedfel dt, Entwicklungsgeschichte der Berliner Industrie (1898), 322. Quellen und Literaturnachweise 219 221 Yict. Böhmers, Urk. Geschichte und Statistik der Meißner Porzellanmanufaktur von 1710 bis 1880, mit besonderer Rücksicht auf die Betriebs-, Lohn- und Kassenverhältnisse in der Zeitschr. d. Kgl. sächs. Stat. Bureaus 26 (1880), 44 ff. 222 Tabl. de Paris 11 (1788), 41/42. 223 A. Doren, Die Florentiner Wollentuchindustrie (1901), 23. 224 A. Doren, a. a. 0. S. 22. 225 A. Doren, a. a. 0. S. 86ff. 226 Guicciardini, Opere 6, 275/76, zit. bei K. Häbler, Die wirtschaftliche Blüte Spaniens (1888), 47. 227 Colmenares, Hist, de la insegne ciudad de Segovia, 547, zit. hei J. M. Bonn, Spaniens Niedergang (1896), 120. 228 G. Martin, Louis XIV., 17. 229 Enc. meth. Manuf. 1, 337. 280 Die Originaldokumente sind großenteils ahgedruckt bei Le- vasseur, 2, 421 ff. 231 Porter, Progress of the Nations (3. ed. 1851), 169. 282 Compl. Engl. Tradesman 2, 290. 233 Die Hauptquelle, aus der alle späteren Bearbeiter schöpfen, ist der Report from the Comittee of the House of Commons on the Woollen Manufacture of England. 1806. 234 Quellen bei Ashley, Engl. W. Gesch. 2, 270. 288 1. u. 2. Phil, and Mar. c. 14 hei Cunningham, Growth l 4 , 525. 236 Allgem. Schatzkammer der Kauffmannschaft etc. (1741), 1213/14. 237 A. Franklin, Les magasins de nouveautes (1894), 265. 238 The Trade of England revived (1681), 36; zit. S. u. B. Webb, History of Trade Unionism (1894), 26. 239 Campbell, 192. 240 Webbs, 1. c. p. 26. 241 E m. L a n g 1 a d e , La marchande de mode de Marie Antoinette. s. a. 242 H. Kanter, Die Schuhmacherei in Breslau, in den Schriften des Ver. f. Soz.-Pol. 65, 26. 243 Tabl. de Paris 11 (1788), 19. 244 Campbell, 233 seg. 245 Savary, Dict. du Comm. 2, 631. 246 0. Wiedfel dt, Berliner Ind., 364. 247 Bergius, Cam. Magaz. 3, 236. 248 Nögociations du Comte d’Avaux 5, 267, zit. bei Chr. Weiß, Hist, des refugies prot. de France 2, 131. 249 0. Wiedfel dt, Berl. Ind., 209. 280 E. Müntz, Les arts et la cour des papes 1, 104. 84 n. 3. Vgl. J. Burckhardt, Geschichte der Renaissance. 3. Aufl. (1891), 19.20. 281 Tabl. de Paris Ch. 636. 8, 166 ff. 220 Quellen und Literaturnachweise 263 Campbell, 229 seg. 853 Gen. descr. of all Trades, 65. 264 Compl. Engl. Tr. 2, 337. 266 Arth. Cohen, Das Schreinergewerbe in Augsburg, in den Schriften des Ver. f. Soz.-Pol. 64, 500. 266 Eine genaue Beschreibung der Manuf. des Gobelins auf Grund der Originalurkunden findet man bei Levasseur, 2, 242ff.; 237 Levasseur, 2, 310. 288 R. S. Clouston, English Furniture and Furniture Makers of the XVIII. Century. 1906 (geht leider auf die Organisationsprobleme fast gar nicht ein). 889 Rieh. Hirsch, Die Möbelschreinerei in Mainz, in den Schriften des Ver. f. Soz.-Pol. 34, 296. 312. 280 O. Wiedfeldt, a. a. O. S. 188. 281 0. Wiedfeldt, a. a. 0. S. 390. 282 0. Wiedfeldt, a. a. 0. S. 386. 283 G. Martin, Louis XV., 144. 284 Gen. Descr., 339. i.w{J ö&äS-äS V*V r. ,i^ 1 ' _ r„srr: J Hsi Pg» f/£R ^ngar^ ^ wirb*#' F* T v|HP *Hp ^ ~ü^ .^^Tkü^^r *MMZ4 miv BtiBflKr tfl itfS» -.■■ ■ §m&k Ji