Werner Sombart Krieg und Kapitalismus -fvJVC. WU5-. or.aoo,.^^3 sSsSS# w 'i?'£ , vw^ iKM^E?; ÜÜti Bas® wmm * MW; »I: Sl8S (CARrtSTNGHÖß] AÄ8UCHH«KDLUN6jg| .iTs.CH>/]E,R'5-NMlj jS&Öwic'- ' ••’■ -V •- -. • • »PK «qagsüRfltffiBg^ & "SU TU^-K* ■**,. TU,. JT fcV Tu Werner Sombart Studien zur Entwicklungsgeschichte des modernen Kapitalismus Zweiter Band Krieg und Kapitalismus iVincJt, 'Verilas/ «fein, Verlag von Dundker & Humblot Werner Sombart Krieg und Kapitalismus c Verlag von Duncker & Humblot München und Leipzig 1913 Alle Rechte Vorbehalten Copyright by Duncker & Humblot, München und Leipzig 1913. Altenburg, Pierersche Hofbuchdruekeroi Stephan Geibel & Co - ■■■ . . äwfcatäSsSi jtetfa^jgtfPVhiWiifcWftilTi-n y ■ 1 • v j Vorwort ■£ Der Zufall will es, daß dieses Buch erscheint in einer Zeit, in der die kriegerischen Interessen wieder mehr als andere die Gemüter gefangen nehmen. Die Geister sind dadurch besser vorbereitet, die einzig große Bedeutung zu würdigen, die der Krieg für unser Kulturleben gehabt hat, hat und haben wird, solange Männer das Schicksal der Völker bestimmen werden. Besser vorbereitet insbesondere, um die Zusammenhänge zu sehen, die zwischen dem Kriege und dem Wirtschaftsleben bestehen, und die systematisch aufzudecken seltsamerweise bisher noch niemand der Mühe für wert befunden hat. Die höchst sonderbaren Ergebnisse, zu denen meine Untersuchungen gelangen, rechtfertigen, denke ich, mein Unternehmen und verleihen dem Buch einigen Wert über die engen Grenzen der wirtschaftshistorischen Probleme hinaus. Denn nicht zuletzt liegt mir immer am Herzen, daß andere Leute als die Fachgenossen — in diesem Falle also vor allem gebildete Offiziere — an den Ergebnissen meiner Forschungen teilnehmen. Mittel-Schreiberhau im Riesengebirge 12. November 1912. 1 ;#>p r&isne V'" ••‘/S ^'•fi-r:, VII Inhaltsverzeichnis Seite Einleitung: Das doppelte Gesicht des Krieges. . . l Erstes Kapitel: Die Entstehung der modernen Heere 16 I. Die Herausbildung der neuen Organisationsformen. 16 1. Die theoretisch möglichen Heeresverfassungen. 16 2. Das Landheer. 20 3. Die Flotte. 33 II. Die Ausweitung des Heereskörpers. 37 1. Das Landheer. 37 2. Die Flotte .. 44 Zweites Kapitel: Der Unterhalt der Heere . 51 I. Die Heeresfinanzen. 51 1. Der Militäraufwand. 51 2. Die Aufbringung der Mittel. 60 II. Die Grundsätze der Heeresausrüstung. 66 Drittes Kapitel: Die Bewaffnung der Heere .... 74 I. Das Eindringen der Feuerwaffen. 74 1. Die Geschütze. 75 2. Die Handfeuerwaffen. 76 II. Die Neuordnung des Bewaffnungswesens. 79 III. Der Bedarf an Waffen. 85 IV. Die Deckung des wachsenden Waffenbedarfs. 90 Viertes Kapitel: Die Beköstigung der Heere .... 117 I. Die Verpflegungssysteme.117 II. Der Bedarf an Lebensmitteln.124 III. Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Truppenverpflegung . 131 Anhang: Die Remontierung der Heere.150 VIII Inhaltsverzeichnis Seite Fünftes Kapitel: Die Bekleidung der Heere .... 151 I. Die Bekleidungssysteme.151 II. Die Uniform.155 III. Vergrößerung, Zusammenballung und Uniformierung des Kleidungsbedarfs in ihrer Bedeutung für das Wirtschaftsleben. 163 Sechstes Kapitel: Der Schiffbau. 175 I. Die Bedeutung des Schiffbaues für das Wirtschaftsleben . . . 175 II. Die Menge der Schiffe.177 III. Die Größe der Schiffe.182 IV. Das Tempo des Schiffbaues.187 V. Die Organisation des Schiffbaues. 190 VI. Die Beschaffung der Schiffbaumaterialien.198 Literatur und Quellen. 209 I. Zur Einführung in die militärwissenschaftliche Literatur. . . 211 II. Quellenbelege.217 1 Einleitung: Das doppelte Gesicht des Krieges Wenn man den Anfängen des modernen Kapitalismus nachspürt, und wenn man sich die äußeren Umstände vergegenwärtigt, unter denen er zur Welt gekommen ist, so kann es gar nicht ausbleiben, daß man seine Aufmerksamkeit den ewigen Händeln und Kriegen zuwendet, von denen die Zeit seit den Kreuzzügen bis zu den Napoleonischen Kriegen erfüllt ist: Italien ist während des späteren Mittelalters ebenso wie Spanien ein einziges Heerlager; England und Frankreich liegen 100 Jahre während des 14. und 15. Jahrhunderts im Streite; im 16. Jahrhundert gibt es in Europa nur 25, im 17. Jahrhundert nur 21 kriegsfreie Jahre, also von 200 Jahren sind 154 Kriegsjahre. Holland hat von 1568 bis 1648 80, von 1652 bis 1713 36 Kriegsjahre: 116 von 145. Bis endlich in den Revolutionskriegen die europäische Menschheit ihre letzte große Erregung durchlebt. Daß hier irgendein Zusammenhang zwischen Krieg und Kapitalismus bestehen müsse, läßt eine einfache Besinnung als sicher erscheinen. Und man hat ja denn auch oft genug solche Zusammenhänge festgestellt. Aber soweit ich sehe: wenn man von Beziehungen zwischen Kapitalismus und Militarismus sprach, hat man doch nie an die Wirkungen gedacht, die der Kapitalismus auf die Politik der Völker ausgeübt hat, hat man immer nur die Kriege als die Folgen der kapitalistischen Entwicklung angesehen. Was sie denn zweifellos auch in weitem Umfange sind. Es ist kein Kunststück, in einem großen Teile der Kämpfe, Sombart, Krieg und Kapitalismus 1 2 Einleitung: Das doppelte Gesicht des Krieges die die italienischen Republiken untereinander oder mit den Mächten am Bosporus ausfochten, ebenso wie dann später in den Kriegen des 16., 17. und 18. Jahrhunderts „kapitalistische“ Interessen als Triebfedern aufzudecken. Es sind Kämpfe um den Futterplatz — ganz gewiß. „Was 1556—1559 den Franzosen mißlingt, glückt den Niederländern in ihrem ,Befreiungskriege 1 (1568—1648): Spaniens Kolonialmacht, seine Welthandelssuprematie zu brechen, die Entwicklung seines nationalen Wirtschaftslebens zum Stillstand zu bringen: der Kapitalismus verlegt sein Hauptquartier in die Niederlande. Kaum hier angelangt, begegnet er sofort wieder neidischen Nachbarn, die seiner Entwicklung mit scheelen Augen Zusehen; Cromwell eröffnet den Kampf mit den Niederlanden: 1651 Navigationsakte, 1652 bis 1654 Handelskrieg. Mit England verbündet kämpfen 1672 bis 1678 Frankreich und Schweden gegen die aufblühenden Niederlande. Dann wird eine Zeitlang Frankreich das führende kapitalistische Land; einen Augenblick scheint es, als ob sich der französische Handel mit dem spanischen Kolonialbesitz vereinigen wolle. Aber schon erscheinen die Neider: Deutschland, Holland, England führen 1688—1697 den Koalitionskrieg gemeinsam gegen das mächtig aufstrebende Frankreich, dem im spanischen Erbfolgekriege (1701 — 1714) Holland und England den Erwerb der spanischen Kolonien mit Erfolg streitig machen. Endlich ringen als letztes und stärkstes Paar miteinander Frankreich und England (1756—1763). England geht als Sieger aus diesem Kampfe hervor und begründet damit seine Suprematie auf dem Weltmärkte.“ Gewiß. Und es hat Zeiten gegeben, in denen man stolz war, wenn man irgendeinen großen Krieg, wie irgendein anderes großes Ereignis der Weltgeschichte, wieder einmal in seiner ökonomischen Bedingtheit erkannt hatte. Aber diese „materialistische Geschichtsauffassung“ muß doch nun aufhören, uns als einziger Wegweiser zu dienen. Einleitung: Das doppelte Gesicht des Krieges 3 Sie hat ihre Schuldigkeit getan. Aber nun müssen wir wieder einmal einen Schritt weiter tun. Wenn wir heute die „ökono- mistische Betrachtung“ der Geschichte, nachdem sie uns ein Menschenalter hindurch Dienste geleistet hat, verabschieden, so entlassen wir sie mit den Gefühlen, mit denen man einen alten, treuen Dienstboten aufs Altenteil setzt, nicht weil er nichts taugt, sondern nur weil er alt geworden ist und nichts Beeiltes mehr leistet. Den man auch weiter noch in Ehren hält. Nicht sowohl, weil wir die „materialistische Geschichtsauffassung“ für „falsch“ hielten, geben wir sie auf: sie ist nicht falscher und nicht richtiger wie irgendeine Methode zu einheitlicher Geschichtsbetrachtung. Als vielmehr deshalb, weil sie keine Früchte mehr trägt. Sie ist unergiebig geworden: die Goldader, die sie mit sich führte, ist abgebaut. Denn wahrhaftig: was in letzter Zeit mit ihrer Hilfe an geschichtlichen Darstellungen zutage gefördert ist, ist taubes Gestein. Jetzt zumal, seit sie einen Bestandteil eines politischen Parteiprogramms bildet, ist sie zu einem wahren Kinderschrecken geworden. So werden wir denn auch das Problem „Krieg und Kapitalismus“ aus der Umschlingung befreien müssen, in der es der historische Materialismus gefangen hält. Und das werden wir am besten dadurch bewerkstelligen, daß wir die Frage einmal umdrehen und nicht untersuchen: inwiefern ist der Krieg eine Folge des Kapitalismus, sondern: ist und inwieweit und weshalb ist der Kapitalismus eine Wirkung des Krieges. In dieser strengen Form ist, soviel ich sehe, das Problem überhaupt noch nicht gestellt worden. Obwohl eine Menge Versuche vorliegt, die Bedeutung des Krieges für „das Wirtschaftsleben“ darzutun. Aber diese Fassung ist zu lax: wenn wir nicht ganz genau unsere Betrachtung auf ein ganz bestimmtes Wirtschaftssystem ausriehten, schlagen wir mit der Stange im Nebel herum. „Historiker“! Welcher Art können denn nun wohl die Wirkungen sein, 1 * 4 Einleitung: Das doppelte Gesicht des Krieges die der Krieg ausübt? Zunächst: wenn wir in der laxen Formulierung fragen: auf „das Wirtschaftsleben I: , wird uns als erste und wichtigste, ja scheinbar als einzigste Wirkung die Zerstörung entgegen treten, die offenbar mit allem Kriege engstens verbunden ist. Der Krieg als Zerstörer: das ist das Bild, das uns allen vorschwebt, wenn wir uns seine Wirkungen auf die materielle Kultur vor Augen stellen wollen. „Die Kriegsfurie geht durch die Lande.“ Städte geplündert. Dörfer und Felder verwüstet. Der rote Hahn auf allen Dächern. Das Vieh im Lande umherirrend. Die Saaten zertreten. Die übriggebliebene Bevölkerung am Verhungern. Wer kennt nicht die Schilderungen, vor allem aus dem Dreißigjährigen Kriege in Deutschland: Robert Höniger hat sie unlängst uns wieder einmal ins Gedächtnis zurückgerufen 1 . Sie wiederholen sich aber in vielen Ländern während des 16. und 17. Jahrhunderts. Namentlich Frankreich war arg heimgesucht von den Schrecken des Krieges. „Überall Ruinen; das Vieh größtenteils vernichtet, so daß man nicht mehr ackern kann und oft weite Strecken Landes brach liegen,“ meint der venetianische Gesandte Cavalli im Jahre 1574. „Quasi tous les villages estoient inhabitez et deserts,“ heißt es in einer Deklaration vom Jahre 1595, „cessation presque genärale du labour“ ist die Folge. „II est cogneu,“ erklären die Notabein bei ihrer Zusammenkunft im Jahre 1597, „que l’on faisait avant les troubles quatre fois plus de manufactures de draps de laine qu’ä präsent. Tämoins la ville de Provins en Brie oü il y avoit huit cents mestiers de draps et u’y a pas pour le jourd’- hui quatre mestiers.“ Die gelassensten Geister werden aus ihrem Gleichgewicht gebracht. „En temps ordinaire et tranquille on se prepare ä des accidents modäräs et communs; mais k cette confusion oü Einleitung: Das doppelte Gesicht des Krieges jr nous sommes depuis trente ans, tout homme frangais, soit en particulier, soit en gönöral, se voit ä chaque lieure sur le pied de l’entier renversement de sa fortune.“ (Montaigne.) Und was als schlimmste Folge der ewigen Kriege empfunden wurde: die entlassene Soldateska ebenso wie die verarmten Edelleute ergreifen das Räuberhandwerk: Banden durchziehen die Lande: eine Geißel für Städter und Landmann. Schließlich verwildert die Bevölkerung selbst: sie ist nicht wie ehedem nüchtern und brav, das Elend, der Anblick des Blutes, der Krieg haben sie verschmitzt und roh gemacht, heißt es wieder in dem Berichte Cavallis. Wir haben heute gelernt, diese Schilderungen für übertrieben zu halten. Wir wissen, daß die zeitgenössischen Schriftsteller den Mund etwas zu voll nehmen, sobald sie auf das Elend des Krieges zu sprechen kommen. Man hatte sich schließlich in eine gewisse Wehleidigkeit und ein Gebarme hinein geklagt. Immei'hin: mancher Schaden wird von der Soldateska dem Bürger und Bauern zugefügt sein. Wir besitzen für ein Land sogar eine ziffernmäßige Berechnung dieser Schäden, die der Volkswirtschaft während eines langen Krieges zugefügt worden sind, meines Wissens die einzige aus so früher Zeit: für Piemont im spanischen Erbfolgekriege. Diese Schadenrechnung lautet wie folgt 2 : Brände, verursacht vom Feinde. 4184608 1. „ „ „ Verbündeten , . 691826 „ Wegnahme von Vieh vom Feinde .... 1492032 „ „ „ „ „ Verbündeten . . 325412 „ Ausfuhr von Mobilien und Vettovaglia esclusi li foraggi, Feind. 16322235 „ Verbündeten. 4985637 „ Zerstörung von Fruchtbäumen, Feind . . 3810 882 „ „ „ „ Verbündete 2335 690 „ Kontribution an den Feind bezahlt . . . 3177093 „ 37325415 1. 6 Einleitung: Das doppelte Gesicht des Krieges Damals hatte Piemont 1200000 Einwohner! Sehr nachhaltig sind aber die ungünstigen Folgen für das Wirtschaftsleben wohl nicht gewesen, die sich aus solchen Zerstörungen ergaben. Und es zeugt von geringer Kenntnis der Tatsachen, wenn man den Dreißigjährigen Krieg in erster Linie für den ökonomischen Kückgang Deutschlands und seine lang andauernde Rückständigkeit verantwortlich macht. Frankreich hat im 16. und 17. Jahrhundert mehr als einen dreißigjährigen Krieg erlebt und war am Ende des 17. Jahrhunderts die erste Handels- und Industriemacht Europas. Aber der Krieg hat mehr zerstört als Dörfer und Saaten. Und sein hemmender Einfluß auf den Gang des Wirtschaftslebens reicht viel weiter, als selbst die jämmerlichsten Elendsschilderungen vermuten lassen. Das begreifen wir aber nur, wenn wir die vorhin schon empfohlene Ausrichtung des Problems vornehmen, wenn wir sehr genau fragen: welche Bedeutung der Krieg für die Entwicklung des kapitalistischen Wirtschaftssystems gehabt habe. Da finden wir nämlich, daß er zweifellos dessen Entfaltung zurückgehalten hat. Daß er für den Kapitalismus also eine Hemmung bedeutet in mehr als einer Hinsicht. Ich denke gar nicht einmal an die Vernichtung schon vorhandener kapitalistischer Gebilde, wie sie gewiß häufig genug die Folge des Abbruchs von Handelsbeziehungen oder die Folge übermäßigen Steuerdruckes und anderer durch den Krieg bedingter Lasten oder die Folge unsicherer Transportverhältnisse oder die Folge von Staatsbankerotten war. Und will nur für jede dieser Störungsweisen ein besonders charakteristisches Beispiel anführen: Frankreich exportierte nach Holland 1686 für 72 Mill. 1., darunter für 52 Mill. 1. Industrieerzeugnisse, 1716 nur noch für 30,7 Mill. 1. insgesamt und für 2338000 1. gewerbliche Produkte 3 . Wie soll man Handel treiben, klagen die spanischen Cortes im Einleitung: Das doppelte Gesicht des Krieges Jahre 1594, wenn man von 1000 Duk. Kapital 300 Duk. Abgabe zahlen muß? In drei Jahren ist das Kapital aufgebrauchtL Die niederländisch-ostindische Kompagnie hatte von 1697—1779 einen Verlust von 41 275 419 fl. in ind. leichtem Gelde (= 33020335 fl. in niederl. schwerem Gelde), trotzdem sie an ihren Handelsgeschäften noch sehr viel verdiente (1776/77 50%, 1778/79 55%). Der Verlust stammte von dem großen Aufwande her, den sie für ihre Erhaltung im Feindesland machen mußte. „Wäre die Kompagnie nur Kaufmann gewesen, von einem Rückgang der Geschäfte hätte also damals nicht die Rede sein können. Aber die Gesellschaft war zugleich Souverän, und die Unkosten der Verwaltung verschlangen allen Handelsgewinn. Selbst reichten diese noch nicht vollständig zu, denn „,der Kaufmann mußte bezahlen, was der Landesherr verzehrte“ 15 . Biringuccio eröflhete anfangs des 16. Jahrhunderts bei Auronzo im oberen Piawa-Tal ein Bergwerk auf Kupfer und Silber, das rasch in Blüte kam. Über sein -weiteres Schicksal berichtet er uns 6 : „Gewiß hätten wir gute Früchte davon geerntet, wenn das Schicksal uns damals nicht einen Krieg zwischen Kaiser Maximilian und der Signoria von Venedig gebracht hätte, welcher bewirkte, daß jene Gegenden von Friaul und Carmia unbewohnbar wurden und uns zwang, unsere Unternehmungen aufzugeben und jede Einrichtung, die wir dort getroffen hatten, zu zerstören. Und da der Krieg längere Zeit dauerte, kam es zur Auflösung unserer Gesellschaft . . Die französische Compagnie des Indes Orientales (1664—1719) ist an den Unruhen und der Unsicherheit zugrunde gegangen, die im Gefolge der Kriege Ludwigs XIV. mit den Seemächten auf allen Meeren und an allen Küsten sich einstellten: während der 55 Jahre ihres Bestehens gab es Seekrieg in 27 Jahren' 1 . Der Staatsbankerott Philipps II. vom Jahre 1575 wirkte vernichtend auf zahlreiche Häuser in Sevilla, Rom, Venedig, Mailand, Lyon, Rouen, Antwerpen, Augsburg usw. Hauptsächlich aber litten die Genuesen. „Es ist der Credito ganz allgemein durch diese Neuerung darniedergelegt —“ wird den Fuggern aus Antwerpen berichtet. „Diese beiden Bankerotte“, schreibt Thomas Müller aus Sevilla, „tun schier so viel Schaden, wie ein halbes Dekret; denn dadurch wird die Handlung nach (West-)Indien, die bisher alle unterhalten hat, ganz zerstört.“ Die spanische Volkswirtschaft war nach dieser Katastrophe nur noch ein wüster Trümmerhaufen 8 . Ich denke vielmehr an die viel bedeutsamere Hemmung, die der Krieg auf die Entwicklung des Kapitalismus dadurch ausübte, daß er die Keime zerstörte, aus denen Kapitalismus hätte erwachsen sollen. Diese Keime lagern eingeschlossen 8 Einleitung: Das doppelte Gesicht des Krieges in den kapitalfähigen Vermögen, die seit dem frühen Mittel- alter immer wieder an allen Orten aus tausend Quellen zusammenflossen. Diese Vermögen hat der Krieg zu unzähligen Malen Jahrhunderte hindurch daran gehindert, sich in Kapital zu verwandeln, weil er sie für seine Zwecke verwendete. Wer offenen Sinnes durch die Welt ging, konnte in aller früheren Zeit sich der Tatsache nicht verschließen, daß die privaten Vermögen, statt Industrie und Handel zu befruchten, in die Tresors des Staates wanderten, der sie zu allermeist für Kriegszwecke verausgabte: die öffentlichen Anleihen, die dem Geldbesitzer einen mühelosen, erklecklichen Gewinn versprachen, sogen erst die großen, dann die großen und die kleinen Vermögen auf und hinderten also die Kapitalakkumulation. Diese Vorgänge bildeten die beständige Klage aller kommerzialistisch interessierten Leute, namentlich im 18. Jahrhundert. In England: „Of course every wise man would take bis money out of trade and carry it to the Treasury as the better market. There was at that time — sc. z. Z. Williams III. — at least 20 or 80 °/o to be got fairly, by supplying tbe government; the money paid was snre to return again in a few years and being lent again on new securities, it can be no wonder that so profitable a traffic has from a moderate stock produced even 80 Millions in 60 years.“ „The public funds ... engross that ready money that should other- wise be employed in trade either by the proprietors or others In Frankreich-. „Cet argent fait pour alimenter le commerce et soutenir l’industrie, va se perdre dternellement dans les coffres royaux. Ces coffres attirent tout ce qu’ils peuvent attirer . . „Elle (la poche des capitalistes) appelle ... les richesses, fait la loi, ecrase; abyme tout concurrent, est etrangere ä l’agriculture, ä l’industrie, au commerce . . . Consacree h l’agiotage eile est funeste ...“ „Je ne passe point devant l’hötel des fermes sans pousser un pro- fond soupir: je me dis, lä s’engouffre l’argent arrach6 avec violence de toutes les parties du royaume, pour qu’apres ce long et penible travail, il rentre altere dans les coffres du roi“ 10 . Einleitung: Das doppelte Gesicht des Krieges 9 In Holland: „Die ewige Klage, daß niemand sein Geld in den Kaufhandel, die Gewerbe und den Ackerbau stecken will, daß alle in träger Muße reich werden wollen und darum ihr Geld im Auslande anlegen n . u Und die Geschichte lehrt uns, daß jene Männer richtig beobachtet hatten. Seit dem Mittelalter, seit die Städte und Fürsten zu borgen anfingen, galt es für alle Leute, die Ersparnisse gemacht hatten, als ausgemacht, daß sie ihr Geld zunächst in Darlehen an die Fürsten und Städte anlegten. Solange die Schulden noch persönliche waren, brachten bloß die Reichen ihr Geld den Königen (ihr Geld, das freilich auch zum Teil schon aus Depots zusammengeflossen war, wie es uns Y i 11 a n i von den Geldern berichtet, die die Bardi und Peruzzi dem Könige von England dargeliehen hatten). Dann als die Anteilsschuld, und zumal als die unpersönliche Schuld aufkam, strömten auch die Spargroschen der kleinen Leute in die öffentlichen Kassen. 1353 und 1398 wurden Häuser in Venedig verkauft, um mit dem Erlös Anteile an den Staatsschulden zu erwerben 12 . Über den Zulauf, den der grand parti des Königs Heinrich II. im Jahre 1555 hatte, schreibt ein Zeitgenosse: „Gott weiß, wie die Gier nach diesen übermäßigen Gewinnen ... die Menschen anreizte: jedermann lief herbei, um sein Geld in dem grand parti anzulegen, bis herunter zu den Dienstboten, die ihre Ersparnisse hinbrachten. Die Frauen verkauften ihren Schmuck, die Witwen gaben ihre Renten hin, um sich an dem grand parti zu beteiligen, kurz man lief dorthin, als wenn das Feuer dort sei“ 18 . Um einen Begriff von den gewaltigen Beträgen zu geben, die auf diese Weise der Kapitalbildung (zunächst! das heißt auf direktem Wege!) entzogen wurden, teile ich hier die Summen der Schulden mit, die die wichtigen Stadt-Staaten und Großstaaten seit dem Mittelalter bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufgenommen haben. 10 Einleitung: Das doppelte Gesicht des Krieges Den Weg wiesen auch in dieser Beziehung: 1. Die italienischen Städte: Die stehende Schuld Genuas datiert seit 1257. Im Jahre 1322 bezifferte sich die gesamte Staatsschuld Genuas auf 831496 1. und wurde mit 8—12% verzinst. 1354 war die konsolidierte Schuld auf 2962149 1. 9 s. 6 d. angewachsen, 1378—81 wurden im Kampfe mit Venedig 10 Zwangsanleihen von durchschnittlich 100000 fl. zu 8% aufgenommen, so daß am Ende des 14. Jahrhunderts zu obigen 2,9 Mill. 1. noch weitere 2V2 Mill. 1. hinzugetreten waren. 1470 betrug Genuas Staatsschuld 12 Mill. 1., 1597 43,77 Mill. 1 . u . In’ Florenz gab es 1380 1 Mill. fl. d’oro, 1427 3 Mill. fl. d’oro Staatsschulden; von 1430 bis 1433 hatten 70 Familien im Conto di gravezze 4 875 000 fl. bezahlt 15 . Der Doge von Venedig Mocenigo, nachdem er bei Lebzeiten 4 Mill. Dukaten getilgt hatte, hinterläßt (1423) noch eine Schuldenlast von 6 Mill. Dukaten. Im Jahre 1520 betrug das Vermögen des Monte vecchio 8675613 Duk. 14 Gr. 16 . 2. Frankreich: 1595 17 . 296620 252 Livres. 1698 18 . 2 352 755 000 „ 1715 19 . 3 460 000 000 „ 1721 20 . 1,700 733 294 „ 1764 20 . 2157 116 651 „ 1789 20 . 4467 478000 „ 1800 21 . 40 216 000 „ Rente. 1814 21 . 63307 637 „ „ 3. Holland: 1660 22 . 140 Millionen Gulden. 1698 18 . 25 „ £. 4. England 23 : 1603 400 000 £, 1658 2 474 290 „ 1701 16394 702 „ \ . , „ . „ , . . 1714 54145 363 / spanischer Erbfolgekrieg, 1727 52 092 235 „ 1739 46 954 623 „ 1748 78 293 313 „ 1755 74 571840 „ 1 7jähriger Krieg Englands und 1762 146 682 844 „ J Frankreichs, 1775 135 943051 „1 1784 257 213 043 ”/ amerikanischer Freiheitskrieg, 1793 261 735 059 „ \ „ . . . „ . 1816 885186 323 ’ / * a P oleonlsc he *™ge. 5. Europa: 1714 24 300 Mill. £. Einleitung: Das doppelte Gesiclit des Krieges 11 Ganz gewiß: in diesen Ziffern drücken sich große und schwere Verluste aus, die der Kapitalismus erlitten hat. Und doch! Ohne den Krieg wäre er überhaupt nicht da. Der Krieg hat kapitalistisches Wesen nicht nur zerstört, der Krieg hat die kapitalistische Entwicklung nicht nur gehemmt: er hat sie ebenso gefördert, ja — er hat sie erst möglich gemacht, weil wichtige Bedingungen, an die aller Kapitalismus geknüpft ist, erst im Kampfe sich erfüllen mußten. Ich denke vor allem an die Staatenbildung, wie sie zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert in Europa vor sich geht, die eine Voraussetzung war für die eigenartige Entfaltung des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Die modernen Staaten aber, das wird man nicht erst zu belegen brauchen, sind allein das Werk der Waffen: ihr Äußeres, ihre Abgrenzungen nicht minder wie ihre innere Gliederung: die Verwaltung, die Finanzen sind unmittelbar in Erfüllung kriegerischer Aufgaben in modernem Sinne entwickelt worden: Etatismus, Fiskalismus, Militarismus sind in diesen Jahrhunderten ein und dasselbe. Insbesondere sind auch die Kolonien, wie jedermann weiß, in tausend blutigen Kämpfen erobert und verteidigt worden: von den italienischen Kolonien in der Levante angefangen bis zu dem großen englischen Kolonialreich, das den anderen Nationen Schritt für Schritt mit dem Schwert in der Hand abgerungen wurde. Erobert worden sind die Kolonien im Kampfe mit den Eingeborenen, erobert im Kampfe mit den eifersüchtigen, um die Wette streitenden europäischen Nationen. Gewiß mag hier und da das diplomatische Geschick mitgeholfen haben, um einem Lande Vorteile im Handel mit einem fremden Volke zu verschaffen; wir kennen zahlreiche Verträge, die mit den eingeborenen Fürsten abgeschlossen wurden, und in denen die europäische Nation Privilegien aller Art zugesichert bekam. Besonders in den Levantekolonien, wo man es mit halb- und ganzzivilisierten Völkern zu tun hatte, waren Vertragsschließungen häufig. Und auch in den asiatisch-amerikanischen Gebieten kamen sie vor. Französisch hießen solche Verträge „Firman“, in denen (wie beispielsweise in dem Firman aus dem Jahre 1692, den Deslandes für die französische Comp, des J. 0. 12 Einleitung: Das doppelte Gesicht des Krieges in Chandernagor vom Mogul erwirkte) etwa folgendes vereinbart wurde: Die Kompagnie zahlt dem Mogul 40000 Kop., 10000 sofort, 5000 in Jahresraten; die Franzosen erhalten das Recht: frei zu handeln in den Provinzen Bengalen, Orissa und Behar; mit denselben Privilegien und auch denselben Gewohnheiten wie die Holländer; sie zahlen wie diese 3 1 /2%Douane. Aber so vortrefflich derartige Abmachungen waren; getan war es mit ihnen gewiß nicht. Schon daß sie von den Eingeborenen gehalten wurden, setzte eine Machtentfaltung des vertragschließenden Landes voraus, die dem Fürsten drüben genügende Achtung einflößte. Und dann blieb ja immer noch der rivalisierende europäische Staat, der jeden Augenblick bereit war, mit dem Schwert in der Hand sich seinen Platz zu erkämpfen. So ist schon die Kolonialgeschichte der Genuesen und Venetianer eine Geschichte von ewigen Kriegen 26 . Auch hier schon bekamen gute Verträge diejenigen Staaten, die am trutzigsten auftraten: „Während dieser Kämpfe beschränkte sich die Republik (Venedig) im wesentlichen darauf, ihr Quartier in der Stadt Negrepont in guten Verteidigungszustand zu setzen. Wahrscheinlich trug dies dazu bei, daß sie im Jahre 1277, als abermals ein Vertrag auf 2 Jahre mit Michael Paläologus abgeschlossen wurde, günstigere Bedingungen erlangte.“ (Heyd.) Und nicht minder die der westeuropäischen Nationen seit dem 16. Jahrhundert : Machtentfaltung durch kriegerisches Auftreten blieb auch hier die Losung: „II faudrait envoyer des vaisseaux du Roi afin de les faire voir sur les cötes et surtout n’epargner ni poudre ni boulets, et c’est d’une grande consequence afin d’abattre l’orgueil des Hollandais .., fomenter la guerre entre Anglais et Hollandais et secourir toujours le plus faible ...; la Comp, etant etablie une fois, il ne tiendra qu’au Roi d’etre le maitre des Indes“ . . heißt es in einer Denkschrift der Direktoren der französisch-ostindischen Kompagnie aus dem Jahre 1668 26 . Man weiß, daß seit dem 17. Jahrhundert es üblich wurde, die staatlichen Hoheitsrechte, vor allem auch die Kriegsmittel, den privilegierten Handelsgesellschaften zu übertragen, denen dadurch recht eigentlich die Eroberung der Kolonien als Aufgabe einheimfiel, und zwischen denen der Kampf um den Futterplatz (soweit er außerhalb Europas entschieden wurde) zum Austrag kam. Daß in diesem Kampfe die Größe der staatlichen Machtmittel letzten Endes die Entscheidung gab, und daß der Sieg nicht von friedlichen Kaufieuten, sondern von gewandten Geschäftsleuten und brutalen Seehelden erfochten wurde, liegt auf der Hand. „L’on connaitra par lä qu’il faut que les personnes qui sont ä la tete des Compagnies dans les Indes, aient d’autres qualites que celle qui regarde la fonction simplement d’un habile marchand: c’est un Service mele, oü il est necessaire de savoir un peil de tout“, berichtet der immer klar schauende F. Martin nach Hause 27 . Und das hat für Einleitung: Das doppelte Gesicht des Krieges 13 alle Kationen 'gegolten: die brutalsten, die rücksichtslosesten, die im Kriegshandwerk tüchtigsten haben in dem Kampfe zuletzt den Sieg davon getragen. Wie der Hergang hei dem Erwerbe kolonialen Besitzes war, dafür liefert die Geschichte der afrikanischen Handelsgesellschaften ein besonders gutes, weil außerordentlich durchsichtiges Beispiel: Zunächst wird Afrika von den Portugiesen besetzt. Daneben fassen auch die Engländer festen Fuß: die Königin Elisabeth privilegiert eine Gesellschaft. Die Engländer bauen nun ihr erstes Fort an der Goldküste, dann am River Gambia, [zur Zeit der Stuarts. 1621 wird die holländisch-westindische Kompagnie errichtet, mit dem Rechte, alles Land an der afrikanischen West- und amerikanischen Ostküste in Besitz zu nehmen; sowie mit dem alleinigen Recht, daselbst Handel zu treiben. Da die Portugiesen die Plätze, die für die Gesellschaft wichtig waren, schon in Besitz genommen hatten, so waren Zusammenstöße unvermeidlich, und sie traten auch bald genug ein: 1637 erobern die Holländer das erste portugiesische Fort in Afrika, bald alle andern, die ihnen im Vertrage von 1641 formell zugesprochen wurden. Nun sind aber die Engländer noch im Wege, und die Holländer beanspruchen jetzt das Recht des Alleinhandels auch ihnen gegenüber: sie lassen beständig zwei Kriegs- schifie an der Küste kreuzen, die auf ankommende englische Handelsschule Jagd machen sollen 28 . Es war nun klar geworden: 1. daß englische Privatkaufleute nicht gegen die vereinigte Macht der holländisch-westindischen Gesellschaft auf kommen konnten; 2. daß auf einen Vertrag zwischen den beteiligten Staaten wenig Wert zu legen war (Ostindische Erfahrung!); 3. daß es nur ein Mittel gebe, gegen einen solchen Gegner wie die holländisch-westindische Kompagnie zu bestehen: auch die englischen Kaufleute gleicherweise zu einer Gesellschaft zusammen zu schließen und dieser alle Machtbefugnisse und Privilegien zu geben, deren sie bedürfte. Das Ergebnis dieser Erwägungen war die Gründung der „Company of Royal Adventurers of English trading into Africa“ im Jahre 1662. Nun beginnt ein wohl geordneter Kampf zwischen beiden Gesellschaften: Die Engländer legen nun auch Forts an, rüsten auch Kriegsschiffe aus usw. Welcher Aufwand dabei in Frage kam, zeigen folgende Ziffern: für Erbauung und Erhaltung der Forts an der afrikanischen Küste verausgabte die Gesellschaft von 1672—1678 390000 #, von 1678 bis 1712 206000 #, von 1712-1729 255000#, zusammen also 851000 # in diesen 57 Jahren! Aber die Engländer wurden nun auch in ihrem Besitze nicht mehr gestört. Postlethwayt, der nach guten zeitgenössischen Quellen diesen Bericht gibt, fügt hinzu 29 : „For 250 years past, it has been the constant policy of all such European nations .. die fremde Länder entdeckt haben . . to build and maintain forts and 14 Einleitung: Das doppelte Gesicht des Krieges castles; and in virtue of such possessions ,to Claim a right to whole Kingdoms and to tracts of land of a vaste extent and to exclude all other nations from trading into or from them“. Vergegenwärtigt man sich aber die überragende Bedeutung, die die Kolonien für die Entwicklung des modernen Kapitalismus haben: als Vorbilder, als Gesinnungsbildner, als Vermögensbildner, als Marktbildner, so genügt diese eine Leistung des Krieges: die Eroberung der Kolonialreiche, um ihn auch als Schöpfer kapitalistischen Wesens zu betrachten. Das doppelte Gesicht des Krieges: hier zerstört er, und dort baut er auf. Aber um das auszusprechen, hätte ich nicht nötig gehabt, schon wieder ein Buch zu schreiben. Denn das weiß sogar jeder „Historiker“. Was mir vielmehr am Herzen liegt, ist: den Nachweis zu führen, daß der Krieg noch viel unmittelbarer am Aufbau des kapitalistischen Wirtschaftssystems beteiligt ist. Deshalb daran beteiligt ist, weil er die modernen Heere geschaffen hat und die modernen Heere wichtige Bedingungen kapitalistischer Wirtschaft erfüllen sollten. Die Bedingungen, die hier in Betracht kommen, sind: die Vermögensbildung, der kapitalistische Geist und vor allem ein großer Markt. Die folgenden Untersuchungen stellen sich die Aufgabe, die Zusammenhänge aufzudecken, die zwischen der Entwicklung des Militarismus und des Kapitalismus bestehen. Ich werde immer vor allem nachzuweisen suchen, inwieweit die modernen Heere, deren Entstehung ich zunächst verfolge: 1. als Vermögensbildner, 2. als Gesinnungsbildner, 3. (vor allem!) als Marktbildner dem kapitalistischen Wirtschaftssystem Vorschub leisten. Die Epoche, über die sich meine Darstellung ersti’eckt, ist die Zeit seit der Entstehung der modernen Heere bis etwa zum Ende des 18. Jahrhunderts. Es sind die für die Entwicklung des modernen Kapitalismus entscheidenden Jahre, in denen er Ziel und Richtung bekommt, seine Pubertäts- Einleitung: Das doppelte Gesicht des Krieges 15 jahre. Nur für diese frühkapitalistische Epoche behaupte ich die überragende Bedeutung des Militarismus. Später mischen sich tausend andere Bestandteile hinein, später wird der Gang des Wirtschaftslebens durch tausend andere Triebkräfte ebenso stark, wenn nicht stärker, bestimmt wie durch die militärischen Interessen, die einen beherrschenden Einfluß nur bis zum Beginn der hochkapitalistischen Zeit ausüben: aber das ist ja gerade das Entscheidende, weil eben in dieser Zeit der Charakter des modernen Kapitalismus seine Grundprägung erfährt. ltf Erstes Kapitel: Die Entstehung der modernen Heere I. Die Herausbildung der neuen Organisations- formen 1. Die theoretisch möglichen Heeresverfassungen Die allg emeine Heeresverfassung weist folgende Möglichkeiten verschiedenartiger Gestaltung auf: 1. Nach dem Organisationszentrum unterscheiden wir Privatheere und Staats- (Stadt- usw.) Heere: je nachdem innerhalb eines Gemeinwesens einzelne (Privat-) Personen die Heere zusammenbringen, um sie entweder für sich oder für andere kämpfen zu lassen; oder die öffentlich-rechtlichen Gewalten, „öffentliche Körper“ wie Staaten, Stände, Städte die Heere organisieren. 2. Nach der Lebensdauer eines Heeres zerfallen die Heere in stehende und nicht stehende, (man könnte sagen: fliegende Heere), je nachdem sie ohne die besondere Veranlassung eines Krieges ein für allemal zusammenbleiben oder nur auf Zeit zusammengebracht werden, wenn sich ein Bedarf nach ihnen einstellt. Das stehende Heer kann wiederum in zwei verschiedenen Formen auftreten: präsent oder absent, je nachdem der Miles perpetuus „unter Waffen“ gehalten oder zu seiner bürgerlichen Beschäftigung beurlaubt wird. Bleibt ein Teil des stehenden Heeres unter Waffen, während ein anderer Teil sich im Beurlaubtenstande befindet, so sprechen wir von einem Kadreheer. Will man den Begriff „stehendes Heer“ enger fassen, so I. Die Herausbildung der neuen Organisationsformen 17 wird man darunter diejenigen Krieger verstehen, die unter Waffen sind. Häufig denkt man nur an diese, wenn man vom stehenden Heere in seinen Anfängen spricht, weil damals die Kategorie des beurlaubten Militärs noch nicht existierte. Ebenso unbestimmt (und unbestimmbar, weil es nur Gradunterschiede, keine Wesensunterschiede gibt) ist der Begriff des Berufsheeres. Eindeutig ist er nur, wenn man darunter Heere versteht, die in ihrem ganzen Bestand aus Berufskriegern bestehen, das heißt aus Leuten, die so lange das Kriegshandwerk treiben, als es ihre Kräfte zulassen (wie heutzutage unsere aktiven Offiziere). Ein Berufsheer ist aber anderseits auch ein Volksheer mit mehrjähriger Dienstzeit im Gegensatz zur „Miliz“ mit ungenügender oder gar keiner Ausbildung. Für unsere Zwecke ist die scharfe Auseinanderhaltung dieser verschiedenen Typen nicht so wichtig. Es wird genügen, wenn wir die empirischen Gestaltungen, wie sie die europäische Geschichte aufweist, dann im einzelnen richtig umschreiben. 3. unterscheiden wir die Heere nach der Art und Weise der „Heeresaufbringung“. Hier scheint mir eine Einteilung in die zwei großen Gruppen: Zwangsheere und freie Heere ratsam, um damit auszudrücken, daß der Krieger im ersten Falle einem (äußeren) Zwange folgt, wenn er zur Fahne geht, daß er auch, wenn er nicht wollte, sich doch stellen müßte (ob er dann gern oder gar mit Begeisterung dem Rufe des Kriegsherrn folgt, ist gleichgültig, diese gefühlsmäßige Beziehung ist unabhängig von der hier herausgehobenen und betonten rechtlichen Beziehung des einzelnen Kriegers zum Heere); während er im anderen Falle aus einem freien Entschlüsse heraus handelt (also daß er auch nicht sieh dem Heere anschließen brauchte, wenn er nicht wollte). Die Zwangsheere nehmen sehr verschiedenen Charakter an, je nach dem Ursprung und der Form der Verpflichtung. Der Zwang kann privatrechtlich oder öffentlich-rechtlich be- Sombart, Krieg und Kapitalismus 2 18 Erstes Kapitel: Die Entstehung der modernen Heere gründet sein. Ein privatrechtlicher Zwang ergreift die ganze Person des Kriegers, der alsdann als „Sklave“ erscheint. Seine Heerespflicht ist in der Tatsache begründet, daß er persönlich unfrei ist, während sie im andern Falle aus seiner Eigenschaft als Angehöriger eines bestimmten Verbands folgt. Der Krieger wird als Bauer oder als Kitter oder als Untertan „aufgeboten“: daher „Aufgebotsheere“ auf diesem Wege zustande kommen, die entweder nur einen Teil einer Volksgemeinschaft umfassen und dann Klassenheere sind oder aus der ganzen Volksgemeinschaft hervorgehen und dann Volksheere sind. Die „freien“ Heere bestehen demgegenüber aus Kriegern, die aus freier Entschließung zur Waffe gegriffen haben. Ist ihr Entschluß im Hinblick auf die im Kampfe erhofften Enderfolge zustande gekommen, haben sie sich zum „Schutze des Vaterlandes“ oder zur Verteidigung irgendwelcher anderen Interessen vereinigt, so sprechen wir von Freiwilligen-Heeren im eigentlichen Sinne. Tun sie dagegen Kriegsdienst gegen unmittelbare Bezahlung, sind sie „angeworben“, zu bestimmten Leistungen vertragsgemäß gegen Entgelt verpflichtet, so haben wir „Söldnerheere“ vor uns. 4. kann man nach der inneren Gliederung der Heere noch Individual- und Kollektivheere unterscheiden, über welchen Unterschied ich im weiteren Verlauf der Darstellung mich näher auslassen werde. Die Einteilung der Heeresformen, die ich hier vorgenommen habe, ist nicht die übliche. Mir scheint sie aber zweckmäßig, vor allem im Hinblick auf die im folgenden anzustellenden Betrachtungen. Es schmerzt einen oft geradezu körperlich, wenn man etwa „stehendes Heer“ und „Söldnerheer“ gegenübergestellt sieht, was eine Kontrastierung ist wie sie etwa die Gegenüberstellung von Konkret und Konvex enthält. Man tut gut, sich solchen Verstößen gegenüber gegenwärtig zu halten, daß die Gesichtspunkte, nach denen man bestimmte Heeres- I. Die Herausbildung der neuen Organisationsformen 19 formen unterscheidet, sehr verschiedener Art sind. Und tut ebenfalls gut, nicht zu vergessen, daß die so unterschiedenen Eigenarten der Heere sich in vielfältiger Weise mischen können: ein Staatsheer kann ein stehendes oder ein fliegendes Heer, ein Söldnerheer oder ein Aufgebotsheer, ein Berufs- oder ein Milizheer sein. Wiederum kann ein Söldnerheer ein stehendes oder ein fliegendes, ein Privat- oder ein Staatsheer sein usw. Schema der Heeresorganisation Zu unterscheiden sind : I. Nach der Heeresorganisation: 1. Privatheere, 2. Staatsheere. II. Nach der Lebensdauer des Heeres: 1. Stehende Heere: a) Präsenzheere, b) Absenzheere (Kadreheere), 2. Fliegende Heere. II a. Nach der Dauer der Ausbildung des Kriegers: 1. Berufsheere, 2. Dilettantenheere (,,Miliz“-Heere). III. Nach der Art der Aufbringung: 1. Zwangsheere: a) privatrechtliche: Sklavenheere, b) öffentlich-rechtliche (Aufgebotsheere), a) Klassenheere, ß) Volksheere; 2. freie Heere: a) Freiwilligenheere, b) Söldnerheere (Werbeheere). IV. Nach der inneren Gliederung: 1. Individualheere, 2. Kollektivheere (Massenheere, Truppenheere). 20 Erstes Kapitel: Die Entstehung der modernen Heere 2. Das Landheer Es herrscht Streit unter den besten Kennern der Heeresgeschichte, wann inan die Entstehung der modernen Heere annehmen soll: während in Frankreich die Einsetzung der Ordonnanzkompagnien durch Karl VII. (1445) eine Zeitlang ziemlich allgemein als das Ereignis betrachtet wurde, von dem man die moderne französische Armee datieren solle, sind neuerdings Meinungen laut geworden, die erst den Sohn Karls VII., oder gar erst Franz I. oder noch spätere Könige als Begründer der französischen Armee gelten lassen wollen. Für England verlegen die einen den Anfang des modernen Heeres in das Jahr 1509 oder gar noch früher, während andere das Jahr 1643 oder 1645 als Gründungsjahr ansehen. Die preußische Armee lassen zwar die meisten unter dem Großen Kurfürsten anfangen, aber sie streiten doch, in welchem Jahre oder gar in welchem Jahrzehnt die ersten Ansätze zu suchen seien, und manche wollen gar erst in Friedrich Wilhelm I. den „eigentlichen“ Begründer des preußischen Heeres erblicken. Dieses Schwanken kann uns nicht in Erstaunen setzen, wenn wir wahrnehmen, daß die verschiedenen Forscher sehr verschiedene Merkmale ansehen, an denen man das moderne Heer soll erkennen können. Gibt es' denn aber Merkmale, die als Erkennungszeichen des modernen Heeres gelten könnten, mit deren Hilfe man dieses mit Sicherheit von dem mittelalterlichen Heere zu unterscheiden vermöchte? Wie man etwa ein Söldnerheer von einem Aufgebotsheer, ein Klassenheer von einem Volksheer deutlich unterscheiden kann? Es scheint fast nicht, wenn man die Kriterien Revue passieren läßt, die jeweils als Merkmale des „modernen Heeres“ gegolten haben oder gelten. Früher glaubte man wohl, daß das Söldnerwesen das Neue darstelle, was die Feudalepoche beendigt und die moderne Zeit eingeleitet haben sollte. Wir wissen aber heute längst, I. Die Herausbildung der neuen Organisationsformen 21 daß das Söldnertum bis tief in das Mittelalter zurückreicht, daß es wohl so alt ist wie das Rittertum, und daß Söldner- heex - e immer neben Ritterheeren bestanden haben. Söldnerheere treffen wir unter den griechischen Kaisern 30 ebenso wie unter den Kalifen seit dem 9. Jahrhundert 31 . Aber auch in den europäischen Staaten begegnen wir ihnen bereits im 10. Jahrhundert: der Mönch Richer erzählt, daß 991 der Graf von Anjou gegen den Grafen der Bretagne gezogen sei mit einem Heere, bestehend aus Vasallen und Söldnern (conduetitii) 32 . Frühzeitig entwickelt sich die Söldnerei in England: 1014 erhebt Ethelred 21000 Ü? zu Heereszwecken 33 , und seit dem Domesday ist die Ablösung der Gefolgspflicht in Geld und die Anwerbung von Rittern durch den König gang und gäbe 34 . Im 12. und 13. Jahrhundert wird dann das Söldnertum zu einer überall verbreiteten Einichtung: Söldnerheere waren die Normannenheere, die nach Italien kamen, bald um den Griechen gegen die Sarazenen, bald gegen die Griechen den langobardischen Herrengesehlechtern oder den Landschaften zu dienen. Söldner bilden einen großen Teil der Truppen Ludwigs des Heiligen, beritten und zu Fuß; die Fußtruppen sind wohl die erste Infanterie-Soldtruppe, Kompagnien von 100 Mann unter einem Ritter, von denen zwar die Chroniken nicht, wohl aber die Rechnungen berichten 85 . Schon im 12. Jahrhundert war das Söldner wesen so weit ausgebildet, daß es berühmte Söldnerführer gab, nach Art der späteren Con- dottieri 36 . Alles das sind Beispiele aus der feudalen Welt. Daß in der städtischen Wehrverfassung überall sehr früh das Söldnerwesen einen organischen Bestandteil bildete, versteht sich von selbst 37 . Das Söldnertum als besonderes Kennzeichen des modernen Heeres anzusehen, verbietet sich aber auch aus dem Grunde: 22 Erstes Kapitel: Die Entstehung der modernen Heere weil das Aufgebotsheer sicher zu allen Zeiten einen Bestandteil des modernen Heeres gebildet hat. Ebensowenig aber kann man den Anfang des modernen Heeres mit den Anfängen des stehenden Heeres zusammenfallen lassen. Denn auch die „stehenden Heere“ reichen viel weiter zurück, als man das moderne Heer zurückrechnen kann. Auch wenn man das ganze Ritterheer kein „stehendes Heer“ nennen will, obwohl man es genau so bezeichnen müßte: denn es war „stehend“, das heißt dauernd zur Verfügung des Königs, wenn auch nur in potentia und absentia, so unterliegt es doch keinem Zweifel, daß die seit jeher vorhandene Scara der Fürsten alle Merkmale, die man einem stehenden Heere überhaupt beilegen kann, erfüllt: es war eine Kriegerschar, die den Fürsten umgab, ihm jederzeit zur Verfügung stand und nie verschwand: der miles perpetuus. Diese persönliche Schutztruppe, die „Leibwache“, finden wir [denn auch in den modernen Staaten seit ihren Anfängen wieder: die italienischen Tyrannen halten sie ebenso wie die französischen und englischen Könige oder die deutschen Fürsten: es sind die gens d’armes, die men-at-arms 88 , die „Trabanten“ 89 . Ist es etwa die königliche Kommandogewalt, die das moderne Heer charakterisiert und von dem mittelalterlichen unterscheidet? Wollte man das annehmen, so müßte man abermals bis tief ins Mittelalter zurückgehen, um auf die Anfänge des modernen Heeres zu stoßen. Denn wenigstens in Frankreich steht das königliche Heer seit der Lehnszeit unter dem einheitlichen Befehl des Connötable, dem seit 1349 der Capitaine gönöral zur Seite gestellt ist, und die oberste Leitung der Kriegsmaschinen und (naclrEinfülirung der Kanonen) des groben Geschützes obliegt daselbst seit 1274 dem Grand Maitre des Arbalötiers, einem königlichen Beamten. Oder soll man die W’affentechnik für die Umwandlung des mittelalterlichen Heeres in das moderne Heer verantwort- I. Die Herausbildung der neuen Organisationsformen 28 lieh machen, wie es manche für richtig halten? Das hieße ebenfalls den Tatsachen Gewalt antun. Mit der Einführung der Feuerwaffen beginnt ganz gewiß keine neue Epoche des Heerwesens : denn kein Mensch wird die Heere, die bei Crecy fochten, wo schon Feuerwaffen in Gebrauch waren, für moderne Heere halten, und anderseits wird niemand den Armeen, die gegen Ende des 17. Jahrhunderts zum Teil noch mit der Pike fochten, den Charakter als „moderne“ Heere absprechen mögen. Also scheint es wirklich, als ließe sich von keiner Seite her die Heeresgeschichte in eine mittelalterliche und eine neuzeitliche Epoche abgrenzen? Aber wir empfinden doch wieder ganz deutlich, daß die Heere, wie sie am Anfang des 18. Jahrhunderts uns entgegentreten, grundsätzlich sich unterscheiden von den Heeren noch des 15. Jahrhunderts, müssen also auch annehmen, daß sich in der Zeit von 1500 bis 1700 (um den Zeitraum ganz weit abzugrenzen) wesentliche Veränderungen in der Heeresorganisation vollzogen haben. Es wird hier wie so oft sich der Widerspruch dadurch lösen lassen, daß man verzichtet, ein bestimmtes Ereignis als das entscheidende herauszugreifeu und also von dem Eintritt dieses Ereignisses an die grundsätzliche Neugestaltung zu rechnen. Das moderne Heer hat ebensowenig wie der moderne Staat oder der moderne Kapitalismus ein bestimmtes Geburtsjahr. Ja, seine Entstehung setzt nicht einmal mit Notwendigkeit das Anheben einer ganz neuen Entwicklungsreihe voraus: alte Einrichtungen können sich langsam gewandelt, alte Sitten und Gebräuche unmerklich erneuert, nebeneinander herlaufende Ströme können sich vereinigt haben, bis endlich durch schrittweise und stückweise Umbildung die neue Form zustande gekommen war, die wir nun in ihrer Gänze deutlich als etwas Grundverschiedenes von der früheren empfinden, und die wir beide natürlich auch, wenn wir sie in ihrer Reinheit begrifflich erfassen wollen, mit aller erdenklichen Schärfe voneinander abheben müssen: so sehr wir uns bewußt sind, 24 Erstes Kapitel: Die Entstehung der modernen Heere daß in der empirischen Gestaltung an keiner einzigen Stelle des Umbildungsprozesses gesagt -werden konnte: hier ist der Punkt, wo das Neue auftritt; daß kein einziger Entwicklungsfaktor aufge wiesen werden konnte, dem man die Neu Wirkung hätte zuschreiben können. Das moderne Heer ist ein stehendes und ist ein Staatsheer. Die beiden schon immer vorhandenen Tendenzen: den Fürsten (als Vertreter des Staates) zum alleinigen Befehlshaber zu machen und ihm dauernd die Truppen zur Verfügung zu stellen, wirken also bis zum letzten Ende weiter, bis die Grundsätze zu allgemeiner Geltung gelangt sind. Dieser Sieg der beiden Prinzipien findet seinen äußeren, man wäre versucht, zu sagen: symbolischen Ausdruck, wenn dieser Ausdruck nicht gleichzeitig eine so sehr reale Bedeutung für die Grundideen des modernen Heeres hätte: in der dauernden Bereithaltung oder Bereitstellung von Geldmitteln zur Beschaffung und Ausrüstung der stehenden, staatlichen Truppen; von Mitteln, über die der Fürst frei zu verfügen hat, also daß er dadurch die zeitliche Dauer wie auch die administrative Durchdringung des Heeres von seinem Willen abhängig machen kann: in dieser nunmehr geschaffenen materiellen Potenz des Fürsten vereinigen sich die beiden wesentlichen Merkmale des modernen Heeres: daß es stehend und daß es staatlich ist, wie von selbst zu einer organischen Einheit. Der Fürst verfügt nunmehr über „Mittel und Volk“, und damit ist das Heer in seiner neuen Form gewährleistet; damit ist es zu dem geworden, was es zu sein bestimmt war: zum Schwert in der Hand des Fürsten, dem es wiederum erst zu seiner Eigenart verhilft: da in der politischen Welt „ein Herr in keiner Consideration ist, wann er selber nicht Mittel und Volk hat“, wie es der Große Kurfürst in seinem politischen Testamente von 1667 ausdrückt. Hat man die innige Zusammengehörigkeit der drei Momente: Mittelbeschaßung, Kontinuität und staatliche Ver- I. Die Herausbildung der neuen Organisationsformen 25 waltung und ihre grundlegende Bedeutung für die Herausbildung des modernen Heeres erkannt, so ist man allerdings geneigt, den Reformen Karls VII. von Frankreich epochemachenden Charakter zuzusprechen. Die Vorgänge waren bekanntlich folgende 40 : Karl war vor dem Jahre 1439 auf die spärlichen und unsicheren Bewilligungen der Stände, die ihm noch getreu geblieben, angewiesen. Aus dieser finanziellen Unordnung und dem Geldmangel entsprang die Eigenmacht der Kriegsbanden, welche das Reich erfüllten. „Wie oft haben Kapitäne, die für den König fochten, die Befehle seiner Marschälle zurückgewiesen; wie oft haben sie sich hinter den Mauern ihrer Festungen die schnödesten Gewalttaten erlaubt.“ Karl versuchte nun zunächst dieser Banden Herr zu werden dadurch, daß er sie auf bestimmte Einkünfte in je ihrem Bezirke anwies. Im Jahre 1439 schritt er dazu, die Verhältnisse einheitlich und dauernd für das ganze Reich zu ordnen. Es kam zu der Ordonnanz vom 2. November 41 , der der Gedanke zugrunde liegt, daß man die Truppen, die man für den fortdauernden Krieg bedurfte, nicht im Zaume halten könne, wenn man sie nicht regelmäßig besolde und einem einzigen Befehl unterordne. Die Großen des Reiches leisteten Verzicht, ohne Erlaubnis des Königs Truppen zu halten, und sprachen diesem das ausschließliche Recht zu, Kapitäne zu ernennen, die dann für jeden Unfug, der von ihren Kompagnien verübt wurde, neben ihm verantwortlich sein sollten. Sie ließen sich aber auch verbieten, Taillen eigenmächtig auf ihre Untertanen zu legen oder die vom Kriege aufgelegten zu erhöhen; dem Könige wurde zu dem Zwecke der Truppenbesoldung zugestanden, eine allgemeine Steuer ebensogut von den Untertanen der Großen wie in den unmittelbaren Gebieten zu erheben. Dieses Recht betrachtete der König als dauernd: aus dem denarius perpetuus ging der miles perpetuus wie von selbst hervor. Auf Grund des Beschlusses der Versammlung von Orleans II 1 :,A 2(j Erstes Kapitel: Die Entstehung der modernen Heere konnte der König feste und durchgreifende administrative Einrichtungen treffen. Ranke nennt diese Reform gewiß mit Recht „eine der größten Veränderungen“. Ihr verdankt die für ihre Zeit unerhört große und unerhört gute Armee, mit der Karl VIII. in Italien einfiel, ihr verdanken die glänzenden Truppen, mit denen Franz I. seine Schlachten schlug, doch letzten Endes ihre Entstehung. Was sich in Frankreich schon um die Mitte des 15. Jahrhunderts abspielte, wiederholte sich in anderen europäischen Staaten erst zwei Jahrhunderte später. In England fällt die Konsolidierung der Armee doch erst in die Zeit des Commonwealth. Die entscheidenden Maßregeln sind hier wohl 42 der Beschluß des Parlaments (1643): daß Essex’ Armee dauernd aus 10000 Fußtruppen und 4000 Pferden bestehen solle und die Ordonnanz vom 15. Februar 1645, mittels deren das Committee of Both Kingdomes beauftragt wird (nachdem die Essexsche Armee 1644 kapituliert hatte), „eine neue Armee zu schaffen“: The New Model Anny. Bekanntlich wurde dann später der Bestand einer stehenden Staatsarmee noch einmal in Frage gestellt, als es die Bill of rights zum Staatsgrundgesetz erhob: daß das Halten einer stehenden Armee in Friedenszeiten „gegen das Gesetz“ sei. Da aber eine Armee doch nicht zu entbehren war, so gab das Parlament seit 1689 die Erlaubnis zur Bildung eines geworbenen Heeres durch ein jährliches Spezialgesetz unter dem Titel: Bill to punish mutiny and desertion etc. Auf dieser Mutiny Bill ruht seitdem das englische Heerwesen 43 . Für Deutschland, das heißt für die deutschen Landesfürsten, ist, möchte mir scheinen, der Artikel 180 des Reichstagsabschieds vom 17. Mai 1654 von entscheidender Wichtigkeit geworden. In diesem Artikel war der Grundsatz aufgestellt, daß „jedes Kurfürsten und Stands Landsasseu Unterthanen und Bürger“ verpflichtet seien, „zu Besetz- und Erhaltung ... der nöthigen Festungen, Plätze und Garnisonen I. Die Herausbildung der neuen Organisationsforraen 27 ihren Landesfürsten, Herrschaften und Obern mit hülflichem Beitrag an Hand zu gehen“. Diese Bestimmung gab die Höhe der von den Landtagen zu bewilligenden Beiträge in der Hauptsache dem Ermessen der fürstlichen Gewalten anheim und „ist dadurch für die Entwicklung des miles perpetuus in den deutschen Territorien sehr wichtig geworden“ 44 . Den Prozeß der Verstaatlichung der Heere, der sich Schritt für Schritt parallel mit dem Stehendwerden der Truppen vollzog, im einzelnen hier zu verfolgen, ist nicht der Ort: Genug, daß im Anfang des 18. Jahrhunderts das moderne Heer in seiner staatsrechtlich-verwaltungstechnischen Gestalt fertig dastand. In Preußen, dem nunmehr führenden Lande, bezeichnet die Kabinettsorder vom 15. Mai 1713 den Abschluß der Neubildung. In ihr wird der „Söldnerei auf Zeit“ der letzte Stoß gegeben, sofern bestimmt wird, daß alle, die einmal geworben, so lange dienen sollen, bis Seine Majestät sie entläßt 46 . Auch die Besetzung sämtlicher Offizierstellen war nunmehr dem Könige Vorbehalten: jetzt erst, unter Friedrich Wilhelm I., wird das freie, unbeschränkte monarchische Ernennungsrecht der Krone, wie auf allen anderen Gebieten der Verwaltung, so auch hier unbedingt anerkannt und ausgeübt 46 . Aber wenn wir uns „das moderne Heer“ in seiner ganzen Eigenart vor Augen stellen, so erscheinen in dem Bilde doch deutlich noch andere Züge als sein verfassungs- und ver- waltungshafter Charakter: Exerzierplätze tauchen vor unserem Blick auf, wir sehen „Truppenkörper“ vor uns, gegliedert und ineinander geschoben: Armeekorps, Regimenter, Bataillone, Kompagnien ziehen an uns vorüber, unter dem Kommando einer hierarchisch über- und untergeordneten Schar von Befehlshabern. Das heißt: das moderne Heer ist auch militärtechnisch eigenartig bestimmt. Und zwar stellt es sich uns dar als das, was man ein Kollektivheer oder ein Massen- beer oder auch ein Truppenheer nennen könnte und unter- 28 Erstes Kapitel: Die Entstehung iler modernen Heere scheidet sich dadurch ebenfalls scharf von allen mittelalterlichen Heeren. Die Besonderheit eines solchen Massenheeres liegt darin, daß es vor allem durch seine Größe, durch die zu einer taktischen Einheit zusammengefaßten vielköpfigen Kriegerhaufen wirkt. Wenn tausend Ritter im Kampfe standen, so bildeten sie keine einheitliche Masse, sondern tausend Einzelkrieger fochten nebeneinander: tausend moderne Kavalleristen sind zu einem Stoße gleichsam vereinigt, wenn sie eine Attacke reiten. In ihnen und durch sie wirkt die überindividuelle Einheit des Massenkörpers, der von einem gemeinsamen Geiste beseelt ist. Diese Gemeinsamkeit des Geistes wird durch das Kommando hergestellt, das von den Führern ausgeht. Die Funktionen der (geistigen) Leitung und der (körperlichen) Aktion sind also getrennt und werden von verschiedenen Personen ausgeübt, während sie früher in einer und derselben Person zusammen gefügt waren. Es hat sich jener Differenzierungsprozeß vollzogen, der für die gesamte moderne Kulturentwicklung so außerordentlich charakteristisch ist. Vor allem drängt sich die Analogie der Entwicklung in der Organisation des Wirtschaftslebens auf: vom Handwerk zum Kapitalismus. Diese Differenzierung der leitenden und ausführ endenFunktionen zieht dann eine ganze Menge von Erscheinungen nach sich, die das moderne Heerwesen kennzeichnen: vor allem das Exerzieren und die Disziplin, durch die auf mechanischem Wege die Verbindung zwischen leitenden und ausführenden Organen hergestellt werden muß. Im „Gleichtritt“, den die Griechen und Römer geübt hatten, den die Schweizer und Schweden wieder übten, den Leopold von Dessau in der preußischen Armee zur Regel machte, begrüßt das moderne Heer gleichsam sein Symbol. Ich glaube, daß man den Einfluß, den hier das moderne Heerwesen auf die gesamte Kultur und in Sonderheit auf das I. Die Herausbildung der neuen Organisationsformen 20 Wirtschaftsleben ausgeübt hat, noch nicht hinreichend gewürdigt hat. In dem entscheidenden 17. Jahrhundert vollzieht sich die Zerbrechung und Zertrümmerung des natürlichen Menschen, der die Renaissancezeit noch beherrscht hat, und der unfähig gewesen wäre, das kapitalistische Wirtschaftssystem zur vollen Entwicklung zu bringen. Der Teilmensch, der Sachmensch, der Pflichtenmensch wird geschaffen. Man hat für die Geburt dieses neuen Menschen die Religion, in Sonderheit den Puritanismus verantwortlich gemacht. Hat man aber auch bedacht, in welch engem Zusammenhänge Puritanismus und Militarismus miteinander stehen? Man muß sich doch erinnern, daß der „militärische Geist“, „the military spirit“, durch Cromwell in die moderpen Heere eingeführt worden ist, daß Milton voller militärischer Ideen steckt. Die Ideale beider sind dieselben: die Überwindung des kreatürlichen Menschen, seine Einordnung in ein überragendes Ganze. Deshalb sind auch die militärischen „Tugenden“, wie sie im 17. und 18. Jahrhundert gelehrt wurden, größtenteils dieselben, die die Non-Conformisten, die Calvinisten, die Puritaner vertreten. Zucht ist das Leitmotiv. In der Schrift von David Faßmann, „Der Ursprung, Ruhm, Exzellenz und Vortrefflichkeit des Krieges- und Soldatenstandes, sowie dessen 18 nöthige Qualitäten“, Berlin, 1717, werden folgende 18 Qualitäten eines tüchtigen Kriegsmannes aufgezählt: „Gottesfurcht, Klugheit, Herzhaftigkeit, Todesverachtung, Küchternheit, Wachsamkeit, Geduld, Zufriedenheit, Treue, Gehorsam, Respekt, Aufmerksamkeit, Haß gegen schnöde Lüste, Ehrbegierde, kein Räsonierer sein, fehlerlose Dienstleistung, Wissenschaft, gutes Naturell.“ Dieselben Tugenden kehren in einem amtlichen Erlasse Friedrich Wilhelms I. wieder, der offenbar von Faßmann inspiriert worden ist: puritanische, militärische und kapitalistische Tugenden sind, wie man sieht, größtenteils dieselben. 30 Erstes Kapitel: Die Entstehung der modernen Heere Mag man nun annehmen, daß die militärische Disziplin aus puritanischem Geiste geboren oder durch puritanische Ideen gefördert sei, oder daß sie ihre eigene Entstehungsursache in den neugeschaffenen Verhältnissen habe: daran ist nicht zu zweifeln, daß bei der Durchdringung des Lebens mit dem neuen Geiste die Armee die größere Arbeit geleistet hat. Dafür sorgte der Exerzierplatz, auf dem in mühseligem, hartem, jahrelangem Kampfe der alte, triebhafte Mensch zur Strecke gebracht wurde. Das ist ja die entscheidende Wandlung, die das Heerwesen vom 16. bis zum 18. Jahrhundert erfährt: daß in dieser Zeit der freie Söldner zum einexerzierten, dressierten Paradesoldaten wird, hinter dem der Korporalstock steht. Häufung der Exerzierpflichten, strenge Disziplin, Drill sind das Kennzeichen der neuen Zeit. Und diese Arbeit konnte für den Kapitalismus, der ganz dieselben Menschen brauchte, nicht verloren sein. Es ist gar nicht nötig, anzunehmen, daß dieselben Leute, die auf dem Exerzierplatz eingeübt waren, nun in der Fabrik die neue Kunst des Sichunterordnens verwertet hätten: schon das Beispiel, das die Armee gab, wirkte, und der Geist, der in ihr herrschte, pflanzte sich doch wohl auch in der übrigen Bevölkerung fort, wurde in den Familien gepflegt und überliefert, so daß er schließlich im Wirtschaftsleben wieder lebendig werden konnte. Daß nicht etwa das Wirtschaftsleben sich in der militärischen Disziplin widergespiegelt hat, wie ein altgläubiger Vertreter der materialistischen Geschichtsauffassung üblicherweise schlußfolgert, sobald er von solchen Parallelerscheinungen, wie ich sie hier eben aufgedeckt habe, erfährt, ergibt die zeitliche Aufeinanderfolge der beiden Phänomene. Auf alle Fälle scheint mir so viel sicher, daß hier ein für die Genesis der gesamten modernen Kultur und insonderheit der wirtschaftlichen Kultur sehr bedeutsames Problem I. Die Herausbildung der neuen Organisationsformen 31 liegt, dessen eingehende Erörterung wohl die Mühe lohnen würde. Das Vorbild dieser neuen Massenheere waren die Schweizer Volksheere des 14. Jahrhunderts gewesen; später hatten wohl humanistische Studien den Blick zurück auf die Massenheere der Griechen und Römer gelenkt; ich denke an die kriegsgeschichtlichen Schriften Macchiavellis oder an die Legionen des ersten Franz von Frankreich. Aber sicherlich hätte das moderne Fürstentum diese Form der Heeresbildung aus sich selber heraus erzeugt, auch ohne alle Vorbilder, just wie der moderne Kapitalismus mit zwingender Notwendigkeit die großbetrieblichen Formen der Arbeitsorganisation aus sich und seinem innersten Wesen heraus entwickeln mußte, weil diese äußeren Erscheinungsformen in ihnen seihst eingeschlossen lagen. Das moderne Fürstentum mußte das differenzierte Massenheer aus sich heraus erzeugen, weil dieses allein den ihm innewohnenden Drang nach Ausdehnung, nach Machtentfaltung gerecht wurde. Die Waffentechnik mag dabei mitgesprochen haben. Aber eine primär wirkende Ursache ist sie bei der Herausbildung der modernen Heeresorganisation nicht gewesen (ebensowenig — der Vergleich drängt sich unwillkürlich immer wieder auf — wie hei der Herausbildung der großbetrieblichen Formen im Rahmen des kapitalistischen Wirtschaftssystems). Die taktische Einheit des Gevierthaufens, in dem das moderne Massenheer zuerst in die Erscheinung tritt, hat zur waffentechnischen Grundlage die Pike und hat erst stark umgeändert werden müssen, um das Schießen mit Feuerwaffen zu ermöglichen. Dann hat später natürlich die Feuerwaffentechnik mit ihrer monoton-mechanischen Wirkung die Organisation des Massenheeres gefestigt, hat dieser gleichsam den automatischen Zug eingeprägt und hat die ehedem rein aus freiem Entschlüsse gebildete Formation zur Notwendigkeit gemacht 32 Erstes Kapitel: Die Entstehung der modernen Heere (wie die Dampftechnik die Manufaktur zur Fabrik übergeführt hat). Ursprünglich aber ist die Form des Massenheeres frei vom modernen Fürsten geschaffen worden, um seinem innersten Wesen Ausdruck zu verleihen: nur in ihm lag die Möglichkeit einer raschen und unausgesetzten Ausweitung eingeschlossen. In der Differenzierung zwischen leitender und ausführender Arbeit, in der dadurch bedingten mechanischen Übertragung der Fertigkeiten lag die Gewähr, in kurzer Zeit eine beliebige Masse ungeschulter Menschen zu tüchtigen Kriegern heran- zuhilden. In dem Maße natürlich, wie der taktische Erfolg immer mehr auf der Massenwirkung aufgebaut wurde, was in steigendem Umfange der Fall war mit dem Eindringen der Feuerwaffen, wuchs der Zwang zur Vergrößerung der Heere, von deren Umfang (bei sonst gleichen Umständen der Ausbildung, Ausrüstung usw.) die Größe der Macht des Staates nunmehr abhing. So ergibt sich uns wie von selbst als eine letzte, für unsere Erkenntniszwecke die bedeutsamste Eigenart des modernen Heeres: die ihm innewohnende Tendenz zur Expansion, die kein Feudalheer und kein Bürgerheer gekannt hat und kennen konnte. Ja, das moderne Heer ist vielleicht die erste Stelle, wo sich der Gesellschaft das dynamische Streben nach Ausweitung und Anderssein bemächtigt, das das alte statisch-ruhige Verhalten der mittelalterlichen Welt ablöste und unsere gesamte Kultur ja so von Grund aus umgestürzt hat. Die damit verbundenen quantifizierenden Tendenzen, die dann ihre stärkste Entfaltung im Kapitalismus finden, treten ebenfalls hier zuerst in den modernen Heeren auf. Das Unendlichkeitsstreben des modernen Fürsten findet ebenso seinen Ausdruck in der Vermehrung der Truppen wie das Unendlichkeitsstreben des kapitalistischen Unternehmers in der Vermehrung einer Geldsumme. Heeresvergrößerung I. Die Herausbildung der neuen Organisationsformen 33 und Kapitalakkumulation sind durchaus verwandte Vorgänge : Häufung von Quantitäten: Ausweitung der Machtsphäre über das persönliche, individuelle Vermögen hinaus: Durchbrechung der leiblich-seelischen Schranken des Einzelwesens usw. usw. Wobei man nicht notwendig zwischen diesen beiden Entwicklungsreihen eine ursächliche Verknüpfung anzunehmen braucht. Es ist ebensogut möglich, daß sie beide selbständig nebeneinander hergehen oder vielleicht aus gemeinsamer Wurzel entsprossen sind. 3. Die Flotte Gewiß weist die Organisation des Seekriegs viel gemeinsame Züge mit der des Landkriegs auf. Vor allem begegnen wir bei der Marine vielfach den gleichen Formen der Heeresaufbringung wie beim Landheer: es gibt ebenso das Aufgebot wie das Söldnertum wie das Condottieriwesen zu Wasser wie zu Lande. Das ganze Mittelalter hindurch haben die Cinque Ports in England für die Aufbringung einer Flotte zu sorgen: Dover und Sandwich stellten dem Könige je 20 Schiffe für 20 Tage einmal im Jahre, jedes Schiff mit 21 Mann bemannt. Andere Städte waren zur Stellung von Matrosen und Lieferung von Lebensmitteln (Stores) verpflichtet. Domesday 1, 3. 336. Ein Elottenaufgebot von 44 Schiffen, die insgesamt 11500 t Tragfähigkeit und eine 8810 Köpfe starke Besatzung haben sollen, erleben wir noch im Jahre 1635. Freilich gleich mit dem Hinzufügen: die Städte und Landschaften, die kein Schiff stellen, sollen ihre Verpflichtung in Geld ablösen. Rhymer, Foedera 19, 658 seg. 697. Daneben gab es in England frühzeitig eine Soldflotte. 1049 berichtet Sax. Chron. 441. 42: „König Eduard entließ 9 Schiffe aus dem Sold, und sie fuhren davon, Schiffe und alles; und 5 Schiffe blieben zurück, und der König versprach ihnen 12 Monate Löhnung“. Vgl. Laird Clowes, The Royal Navy 1, 19. 50. 79. Auch ein reines Unternehmertum hatte sich entwickelt: so wenn Ayton Doria von Genua sich (Anno 1337) verpflichtet, dem Könige von Frankreich gegen den König von England bis zu 20 Galeeren bemannt und bewaffnet zu stellen, gegen 900 Goldfl. für den Monat und das Schiff; dazu 20 Galeeren aus Morghe (Monaco). Der Vertrag ist abgedruckt bei A. Jale, Arch. nav. 2 (1840), 333 seg. Sombart, Krieg und Kapitalismus 3 34 Erstes Kapitel: Die Entstehung der modernen Heere Die spanische Flotte war noch zur Zeit Karls Y. eine reine Soldflotte. Karl hielt überhaupt kein staatliches Kriegsschiff: sogar die Galeeren, die er auf seine Kosten hersteilen ließ, übergab er Unternehmern zur Bewaffnung und Ausrüstung. Die Soldbeträge waren nach alten Ordonnanzen festgesetzt, zuletzt wurden sie durch die Ordonnanz vom 5. Nov. 1554 geregelt. Als „Unternehmer“, das heißt als die Geldgeber funktionierten bei den Ausrüstungen und Indienststellungen der Schiffe Adlige, Ritter, Grundbesitzer und sogar Kirchenfürsten. Karl V. benutzte aber nicht nur die spanischen Soldschiffe, sondern ebenso italienische unter der Führung der Doria, Centuriones und Gohos. Auf solchen Schiffen sah es, was die Disziplin und den ganzen Zuschnitt des Lebens anlangt, nicht anders aus wie in einem Landsknechtlager: sogar Weiber zogen mit. Auf einer Expedition nach Tunis sollen nicht weniger als 4000(1) „enamoradas“ an Bord gewesen sein 47 . Aber was das Seekriegswesen vom Landkrieg unterscheidet, ist doch vielleicht noch mehr und bedeutsamer. Vor allem: es hat nie einen Ritter zur See gegeben. Jene aus dem Mutterboden der eigenen Scholle erwachsenen Einzelkrieger, die das Heerwesen des Mittelalters so charakteristisch gestalten, fehlten aus rein äußerlichen Gründen im Seekriege. Die Taktik mußte hier grundsätzlich von Anfang an auf Massenwirkung ausgehen. Wenn auch beim Entern des feindlichen Schiffes der Einzelkampf gepflegt wurde: die kriegerischen Erfolge hingen doch im wesentlichen ab von der guten Manövrierung des Schiffes, die immer das Werk von vielen ist, unter denen einer befiehlt, während die anderen seine Weisungen ausführen. Welch ein Unterschied (genau in denselben Jahrhunderten) zwischen einer Ritterschlacht und dem Kampf etwa venetianischer und genueser Galeeren, wo Hunderte von Sklaven auf den Ruderbänken sitzen! Die zweite Eigenart des Seekrieges liegt in der Tatsache begründet, daß die Kriegführung immer an einen außerordentlich starken Aufwand sachlicher Natur gebunden ist, der die persönliche Leistung oft weit an Bedeutung übertrifft. Zu der vollständigen Ausrüstung des Kriegers tritt noch das Schiff, das herzustellen und zu bewegen unverhältnismäßig viel größere Mittel erfordert als die Bereitstellung von Waffen I. Die Herausbildung der neuen Organisationsformen 35 für den Einzelkrieger und selbst als die Herbeischaffung eines Streitrosses. Und was das Sonderbare ist: diese allerwichtigsten Zubehöre bei der Kriegsführung hält der gewöhnliche Kaufmann jederzeit bereit in Gestalt seiner Handelsschiffe. Aus dieser seltsamen Tatsächlichkeit hat sich frühzeitig ein dem Seekriegswesen eigentümliches System der Heeresorganisation herausentwiekelt: die Nutzbarmachung der Handelsflotte für Kriegszwecke. Dieses System finden wir bei allen seefahrenden Nationen Europas während des ganzen Mittelalters in Anwendung. In den Ann. Jan. 281, 45 lesen wir unter dem Jahre 1274: „Capitanei quidem Janue . . armari fecerunt omnes quas potuerunt habere galeas et que potuerunt in Janue reperiri que quidem fuerunt numero ...“ (Zahl fehlt). Vgl. E. Heyck, Genua und seine Marine (1886), 116. In der englischen Kriegsflotte überwiegen (wie ich ziffernmäßig noch zeigen werde) noch im 16. und 17. Jahrhundert die Kauffahrteischiffe, die sich in dieser späteren Zeit um so besser für die kriegerischen Zwecke eigneten, als sie, dem Charakter des damaligen Handels entsprechend, selbst im wesentlichen Werkzeuge des Kampfes waren: die Ausrüstung mit Geschützen stand bei ihnen oft kaum hinter der der Kriegsschiffe zurück. Auf der anderen Seite hat die überwiegende Bedeutung des Saehaufwandes beim Seekriege früher zu so etwas geführt, was man eine stehende Flotte nennen könnte. Hat ein Fürst einmal die Mittel, sich Schiffe zu bauen, so bleiben ihm diese auf längere Zeit zur Verfügung; sie heischen nicht wie der Krieger unausgesetzt neue Aufwendungen. Natürlich bedarf es nun erst noch der Matrosen und der Seesoldaten, um Krieg zu führen. Aber in den Schiffen besitzt der Fürst doch einen wesentlichen Teil der Heeresmacht, die also „stehend“ ist, solange die Schiffe brauchbar sind. Es scheint fast, als ob Könige und Städte schon frühzeitig einen Bestand an eigenen Schiffen gehabt haben. Was wir von der Flotte des angelsächsischen Königs Edgar (959—975) lesen 48 , klingt schon ganz wie ein Bericht 3 * 36 Erstes Kapitel: Die Entstehung der modernen Heere über die Jahresmanöver einer stehenden Flotte. Und vom Staate Genua wissen wir genau 40 , daß er jedenfalls im 13. Jahrhundert selbst Kriegsschilfe besaß, und zwar nicht nur gekaufte, sondern in seinem Aufträge für ihn gebaute. Auch in Venedig reicht die Kunde von eigenen Schiffen und sogar eigenen Werften der Republik weit bis ins Mittelalter zurück. Auch die Verstaatlichung der Kriegsmarine reicht viel weiter zurück als die Verstaatlichung der Landheere. Es scheint hier (ich sehe den Zusammenhang nicht deutlich) die strafrichterliche Gewalt des Königs die Brücke gebildet zu haben zwischen den selbständigen Schiffsmannschaften und der Oberhoheit des Königs. In England untersteht schon unter Eduard III. die gesamte Flotte dem Befehle des Königs: die Kapitäne der Schiffe (wenn sie keine besondere Ermächtigung dazu besaßen) hatten nicht das Recht, die Seeleute abzustrafen. So bestimmt es das Black Book of Admiralty, dessen Entstehungszeit wahrscheinlich vor das Jahr 1351 fällt 60 . Die Grundlage der zur Erhaltung und Verwendung der stehenden Seekriegsmacht bestimmten Gewalten bildet sich während des Mittelalters in England an dem Amte des Lord High Admiral aus. Dieses Amt begegnet uns zuerst im 14. Jahrhundert; von 1405 an ist eine ununterbrochene Reihe von High Admirals bekannt. Es waren die Großbeamten für die laufende Verwaltung (Government) der Marine. Manche 51 datieren die „stehende Flotte“ in England vom Jahre 1512 an, dem Jahre, in dem Heinrich VIII. das Marineamt einrichtete, und von dem an er eine größere Anzahl starker Schiffe dauernd zu seiner Verfügung hielt (was doch aber dieser König nicht als erster tat). Sicher ist, daß seitdem die Zahl der Königsschiffe rasch wächst (ohne daß die Verwendung der Privatschiffe aufhörte), und daß die Verwaltung stärker zentralisiert wird. Ähnlich wie in England ist die Entwicklung in Frankreich. Aufgebot, Chartersystem, Königsschiffe nebeneinander* II. Die Ausweitung des Ileereskörpers 37 Frühzeitig eine staatliche Oberleitung: 1327 wird ein Großadmiral über die Flotte gesetzt, der den Titel Amiral de France führt und dem Admiralitätsgericht vor sitzt. Vermehrung der Königsehiffe, namentlich seit dem Anfänge des 17. Jahrhunderts: gemeinhin wird Richelieu wie der Kolonien so auch als Begründer der französischen Kriegsmarine angesehen, die dann aber erst unter Colbert, ebenso wie die englische unter Cromwell, ihre entschiedene Konsolidation erfährt. II. Die Ausweitung des Heereskörpers Ich sagte, daß die dem modernen Heere innewohnende Vergrößerungstendenz seine für uns in diesem Zusammenhänge wichtigste Eigenart darstelle, weil sie wichtigste ökonomische Wirkungen nach sich zieht, insbesondere unter sonst gleichen Umständen die wachsende Größe einer bedürfenden Gruppe früher zum Massenbedarf führt. Um eine deutlichere Vorstellung "von diesem Phänomen der Expansion der modernen Heere zu geben, will ich die Ziffern der Heeres stärken für die Hauptstaaten hier mitteilen. 1. Das Landheer Eines der wichtigsten Ergebnisse, zu dem Hans Delbrück im dritten Band seiner Geschichte der Kriegskunst gelangt, ist der Nachweis, daß das Mittelalter durchgehend kleinere Heere gehabt hat, als man bisher annahm. Damit ist für die Kriegführung dasselbe nachgewiesen, was ich für den Handel gezeigt habe, was viele andere schon früher für die allgemeinen Bevölkerungsverhältnisse, namentlich die Einwohnerzahl der Städte, dargetan hatten: die äußere Kleinheit der mittelalterlichen Welt (die ihre innere Größe um so imposanter erscheinen läßt). In der Schlacht vor Hastings hatte man früher Hunderttausende, ja Millionen 38 Erstes Kapitel: Die Entstehung der modernen Heere (eine Schätzung kommt bis auf 1200000) miteinander streiten lassen; sehr -wahrscheinlich zählte in Wirklichkeit das normannische Heer weniger als 7000 Krieger, sicher nicht viel mehr; das Heer Haralds war noch schwächer: 4000 bis 7000. Selbst die Kreuzzugsheere, die wohl die größten des Mittelalters waren, sind verhältnismäßig klein: die höchste Zahl der Reiter, die in einer Schlacht in Palästina gekämpft haben, dürfen wir auf 1200, die der Fußgänger auf 9000 ansetzen. Das Gesamtheer hei Asdod wird mit 8000 Kriegern wahrscheinlich noch zu hoch bemessen. Die Heere, die Friedrich Barbarossa vor Mailand versammelte, gehörten ebenfalls zu den größten des Mittelalters; aber auch hier sind die Zehntausende und Hunderttausende der Chronisten fabelhaft: es hat sich um einige tausend Ritter gehandelt. In der Schlacht bei Cortenuova (1237), einer der allergrößten ihrer Zeit, haben doch höchstens 10000 Kombattanten auf jeder Seite gestanden. Wir können die mittelalterlichen Aufgebote ziemlich genau ziffernmäßig bestimmen, wenn wir von der Zahl der Ritter, die es überhaupt in einem Lande gab, ausgehen: in England lebten, nach den Berechnungen von Morris, im 13. Jahrhundert nicht mehr als 2750 Ritter; auf jeden Ritter kamen etwa zwei Knappen, also gab es in ganz England 8000 Reiter; das Maximum des Fußheeres, das im Jahre 1277 aber nur auf ganz kurze Zeit versammelt werden konnte, müssen wir mit 15 640 Mann ansetzen. Die größte Armee, die das Mittelalter wohl gesehen hat, war die, die Eduard III. 1347 bei Calais zusammenzog; sie bestand aus 32000 Mann: eine wie Delbrück seiner Berechnung hinzufügt 52 , „für das Mittelalter unerhörte Kriegsmacht“. Und wir müssen bei all diesen Ziffern immer noch bedenken, daß diese großen Heere immer auf ganz kurze Zeit beieinander gehalten werden konnten. II. Die Ausweitung des Heereskörpers 39 Die rasche Steigerung derHeereskräfte, die nun dauernd gehalten wurden, seit dem Mittelalter, wird durch folgende Ziffern ausgedrückt: 1. Frankreich 53 : Karl VII. hielt 4500 Mann Kavallerie, und (aber nur auf dem Papier, meint unser Gewährsmann H. Baude) 8000 Mann Infanterie (Bogenschützen). Ludwig XI. hinterließ bei seinem Tode 4500 gens d’armes, „un bon nombre de Suysses, grant nombre de francs archers et d’autres gens de guerre, qu’on estimoit 60 000 combattant ä sa solde, qui estoient payds, tout prdts ä le servir contre ses ennemis“ (Quicherat). Das war aber wohl der Kriegsstand ? Für das Jahr 1492 (also unter Karl VIII.) gibt der vene- tianische Gesandte Zach. Contarini die Präsenz wie folgt an: 3500 Lanzen Kavallerie (zu je drei Pferden); 7000 Bogenschützen ; 10 000 mortes-payes (Invaliden). Das Heer, mit dem Karl VIII. in Italien einrückte, umfaßte nach dem Nouveau voyage littdraire de deux rdligieux bdnedictins) 42 000 Mann zu Fuß, 6500 Lanzen (zu 3 Heitern). Franz I. hielt 50000 Mann Infanterie, 15 000 Reiter. Zur Zeit Karls IX. beziffern sich die in den Religionskriegen sich gegenüberstehenden Heere zusammen auf 130 000 Mann zu Fuß und 35000 Mann zu Pferde (nach Davity). Heinrich IV. hielt 51000 Mann zu marschieren bereit. Im Dreißigjährigen Krieg bringt Frankreich bereits über 100000 Mann auf die Beine: 1636 bis 1642 stehen 142000 Mann Infanterie und 22000 Kavallerie im Felde. Die Heere Ludwigs XIV. sollen zeitweilig bis auf 400 000 (?) angewachsen sein. Der Bestand der Regimenter war veränderlich; namentlich schwankt die Zahl der Infanterieregimenter: 1697 gibt es deren 151, 1712 nur 121. Mitte des 18. Jahrhunderts setzte sich die französische Armee wie folgt zusammen: 40 Erstes Kapitel: Die Entstehung der modernen Heere Fußtruppen 121 Regimenter; Kavallerie . . . Gendarmerie . . Leichte Kavallerie Ve der gesamten Heeresstärke; 8 Escadrons; Gesamtstärke . 60 Regimenter; 1787 Offfiziere, 17 056 Pferde; Dragoner. 634 Offiziere, 6 240 Dragoner; ’ Gesamte Reiterei . . 2629 Offiziere, 26608 Mann, 25108 Pferde. Feldartillerie: 3 bis 4 Mann auf 1000 Mann des Heeres; wird nach 1764 um 42 °/o vermehrt, so daß 4 Geschütze auf 1000 Mann der Feldarmee kommen. 2. Brandenburg-Preußen. Noch imposanter ist der Aufstieg des preußischen Heeres, weil er in kürzerer Zeit und in viel größeren Sprüngen und in einem so sehr viel ärmeren und kleineren Lande sich vollzieht. Als Gustav Adolf im Juni 1630 an der pommerschen Küste landete und der schwedische Krieg begann, bestand die gesamte Kriegsmacht Georg Wilhelms aus den 4 Kracht- schen und 2 Burgsdorffsehen Kompagnien, zusammen 1200 Mann einschließlich der ersten Blätter 64 . Bei seinem Tode war die Armee Georg Wilhelms auf 4650 Mann angewachsen (nach einer vertraulichen Aufstellung Schwartzenbergs) 55 . Beim Tode des Großen Kurfürsten war der Bestand folgender: 6 Bataillone Garde. 3600 Mann, 30 „ Infanterie. 18000 „ 32 Schwadronen Reiter. 3 840 „ 8 „ Dragoner .... 980 „ 20 Garnison-Kompagnien .... 3000 „ Gesamte Infanterie und Kavallerie 29420 Mann. Mit Artillerie, Geniekorps, Train usw. etwa 32 000 Mann. II. Die Ausweitung des Heereskörpers 41 Beim Tode Friedrichs I. gab es : 38 Bataillone Infanterie. 27 500 Mann, 32 Schwadronen Reiter . . . : . 4100 „ 24 Kompagnien Dragoner .... 1944 ,, 20 Kompagnien Garnisontruppen . . 3000 ,, Zusammen Infanterie und Kavallerie 36 604 Mann. Insgesamt 38—40000 Mann. Beim Tode Friedrich Wilhelms I. gibt ein Rapport des Generals von Massow die Gesamtstärke des Heeres auf 83468 Mann an, die sich verteilen auf 32 Regimenter Infanterie (66 Bataillone), 12 Regimenter Kürassiere, 6 Regimenter Dragoner, 2 Regimenter Husaren, 1 Bataillon Feldartillerie, 1 Bataillon Garnisonartillerie, 4 Garnisonbataillone, 4 Landregimenter. Endlich beim Tode Friedrichs des Großen haben wir: 1 Regiment Garde zu Fuß, 1 Bataillon Grenadiergarde, 53 Regimenter Infanterie, 12 Regimenter Dragoner, 10 Husarenregimenter, 4 Feldartillerieregimenter, 12 Kompagnien Garnisonartillerie, 2 Garnisonartilleriekommandos, 4 Mineurkompagnien, 1 Pontonierkommando, 8 Garnisonregimenter, 4 Garnisonbataillone, 4 Landregimenter. Überhaupt 120 000 Mann Infanterie, 40 000 „ Kavallerie, 10000 „ Artillerie und Mineurs, 30 000 „ Garnisontruppen. Insgesamt 200 000 Mann. 42 Erstes Kapitel: Die Entstellung der modernen Heere Von diesen Truppen waren, abgesehen von der Manöverzeit, in den letzten Regierungsjahren Friedrichs etwa 143000 Mann präsent, von denen noch viele (bis über 40 000) als Freiwächter vom Dienste entbunden waren. Immerhin! Welche gewaltige Heeresmacht, wenn wir die Größe des Landes und die Zahl seiner Einwohner in Betracht ziehen. Stellen wir die runden Ziffern der Heeresstärke und die Einwohnerzahl für die einzelnen Jahre gegenüber, so ergibt sich folgendes Verhältnis: Größe der Armee Zahl der Einwohner 1688 30000 1 Million, 1713 40000 IVa Millionen, 1740 80000 2,2 1786 200000 5,4 1740 und 1786 betrug die Friedenspräsenzstärke etwa 4 °/ 0 der Bevölkerung: diesem Verhältnis entsprechend müßte heute die aktive Armee in Deutschland 2 600 000 Köpfe stark sein. Die Zahlen der alten Heere würden allein ohne weiteren Nachweis die Bedeutung dartun, die die Armee für die Gestaltung des Marktes haben mußte: 4 % der Bevölkerung, die aus dem alten Rahmen der eigenwirtschaftlich-handwerksmäßigen Bedarfsdeckung herausgetreten waren! 3. Die Stärke der stehenden Heere sämtlicher europäischer Staaten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gibt der kundige Mitarbeiter bei Krünitz (Bd. 50, S. 746), dessen die Bände 50 bis 53 füllenden Artikel über das Kriegswesen sich sämtlich durch große Sachkenntnis auszeichnen, auf Grund offenbar bester Quellen wie folgt an: Österreich im Frieden .... 297000 Mann, „ „ Kriege .... 363 000 „ Rußland, reguläre Truppen . . 224500 „ Preußen . 190000 „ Frankreich. 182000 „ II. Die Ausweitung des Heereskörpers 43 Großbritannien. Spanien. Schweden . Dänemark und Norwegen Polen. Portugal . Vereinigte Niederlande . . Chursachsen. Chur-Braunscliweig-Lilneburg Chur-Pfalz-Bayern . . . . Chur-Mainz. Chur-Trier. Chur-Cöln. Hessen-Cassel. Hessen-Darmstadt . . . . Württemberg. Weimar. Gotha. . 21000 Mann, 85 000 n . 47 800 . 74000 » . 17 000 n . 36000 n . 36000 n . 24600 n . 25 600 n . 12200 n . 2200 n . 1200 n . 1100 n . 15000 n . 4000 n . 6000 n 80 n . 1760 n Bayreuth-Anspach. Braunschweig. Mecklenburg-Strelitz . . . Mecklenburg-Schwerin . . . 3 Regim. Infanterie, Husarenkorps, Leibgarde, 2 Infanterieregim., 1 Dragonerregiment, 1 Artillerie, 50 Mann, 1500 „ Pfalz-Zweibrücken Baden . . . . Oldenburg . . . Zerbst . . . . Waldeck . . . . Lippe-Schauxnburg Leibgarde, Leibhusaren, 3000 Mann, davon 1 in 2 Regimenter, amerikanischem Solde! 3 Kompagnien, 1000 Mann, 44 Erstes Kapitel: Die Entstehung der modernen Heere Schweiz. 13000 Mann, „welche nach der Schirm-Ordnung stets auf den Beinen sein müssen“, Sardinien. 24000 Mann, Beide Sizilien. 25000 „ Kirchenstaat. 5000 „ Toscana. 3 000 „ Venedig.6000 „ 2. Die Flotten a) Die italienischen Staaten. Im 13. Jahrhundert war die größte Seemacht Europas die Republik Genua. Ihre Kriegsflotte war um diese Zeit selbst für heutige Begriffe nicht klein, für mittelalterliche Verhältnisse geradezu unwahrscheinlich groß. Die Ziffern sind aber kaum zu beanstanden; sie erwecken durch ihre Ungeradheit Vertrauen. Die Quelle sind die Annales Januenses. Auch der gewissenhafte Heyck nimmt an, daß sie der Wirklichkeit entsprechen. Schon um die Mitte des 12. Jahrhunderts (1147—1148) werden 63 Galeeren und 163 andere Fahrzeuge gegen die spanischen Sarazenen ausgesandt. 1242 fochten 83 Galeeren, 13 Tariden und 4 große Lastschiffe gegen die sizilianisch- pisanisehe Flotte. 1263 kreuzen 60 genuesische Kriegsgaleeren in den griechischen Gewässern. 1283 sollen gar, die kleineren Geschwader eingerechnet, 199 Galeeren in Dienst gestellt sein. Bedenken wir, daß eine Galeere 140 Ruderer hatte, also auf 199 Galeeren wären 27 860 Ruderer (ohne die Krieger!) gewesen. Da werden wir annehmen müssen, daß die 199 Galeeren nacheinander bemannt und ausgesandt wurden. Wir sind aber auch über die Größe des Mannschaftsaufgebots unterrichtet: 1285 'stellte die Republik 12 085 Mann aus ihrem Bezirk an der Riviera in Dienst; davon waren II. Die Ausweitung des Heereskörpers 45 9191 Ruderer, 2615 Seesoldaten und 279 Schiffer (nauclerii). Sie verteilten sich auf 65 Galeeren und 1 Galion. b) Spanien. Die „Felicisiraa Armada“, die 1588 von England besiegt wurde, bestand, als sie aus Lissabon aussegelte (ins Gefecht kamen dann 2 Schiffe weniger), aus 130 Segeln und 65 Galeeren. Diese Schiffe hatten einen Ladegehalt von 57 868 t und eine Besatzung von 30656 Mann „ohne Freiwillige, Priester und andere Zivilpersonen“ 66 . (Die in deutschen Bibliotheken erhältlichen Bücher gestatten es nicht, sich von der Entwicklung der spanischen Flotte ein ziffermäßig genaues Bild zu machen. Aus dem neunbändigen Werk Duros über die Armada espanola erfährt man nichts derart. Desselben Autors Disquisiciones nauticas, in dem er gerade diese Seite des Problems behandelt zu haben scheint, waren mir nicht zugänglich.) c) Frankreich. Frankreichs Kriegsflotte wird, wie ich schon sagte, zu ihrer imponierenden Größe vornehmlich durch Colbert hinaufgehoben. Der Bestand an Schiffen, den Colbert bei seinem Eintritt in das Ministerium vorfand (1661), war folgender 57 : 3 Schiffe ersten Ranges, 8 Schiffe zweiten Ranges, 7 Schiffe dritten Ranges, 4 Flautschiffe (flütes), 8 Brander (brülats). Insgesamt also 30 Kriegsschiffe. Bei seinem Tode (1683) war die Gesamtzahl der bereits fertigen Kriegsschiffe auf 176 gestiegen, zu denen noch 68 im Bau befindliche kamen, so daß sich ein Gesamtbestand von 244 ergab. Davon waren: ersten Ranges.12 zweiten „ .20 46 Erstes Kapitel: Die Entstehung der modernen Heere dritten Ranges.39 vierten „ 25 fünften „ 21 sechsten „ 25 Brander . 7 Flautschiffe.20 Lange Barken (Barques longues) . 17 d) Niederlande. Auch die holländische Kriegsflotte entwickelt sich innerhalb weniger Jahrzehnte während des großen 17. Jahrhunderts aus kleinen Anfängen zur damals vielleicht ersten und stärksten Flotte Europas. Noch in den Jahren 1615 —1616 besteht 58 die niederländische Seemacht aus nur 43 meist winzigen Schilfen, von denen 4 je 90, 11 zwischen 50 und 80, 9 je 52 Mann Besatzung hatten, während 19 noch kleiner waren. Das ergibt 2000 bis höchstens 3000 Mann Besatzung. Im Jahre 1666 stellten die Vereinigten Niederlande den Engländern eine Flotte von 85 Schilfen mit einer Besatzung von 21909 Offizieren und Mannschaften gegenüber. e) Schweden. Schweden war im 16. und 17. Jahrhundert eine bedeutende Seemacht. Seine Kriegsflotte nimmt ihren Anfang unter Gustav Wasa im Jahre 1522. Im Jahre 1566 weist die Schiffsliste schon einen Bestand von 70 Schilfen auf. Einen neuen Aufschwung erlebt sie dann zu Beginn des 17. Jahrhunderts: 1625 werden 21 neue Schilfe gebaut, 30 Galeeren dienstbereit gemacht B9 . f) England. Ich habe Großbritannien an die letzte Stelle gesetzt, weil ich etwas ausführlicher und nachdrücklicher von dem Wachstum dieser größten europäischen Seemacht sprechen will, deren rasches Aufsteigen seinesgleichen nur in der plötzlichen Ent- II. Die Ausweitung des Heereskörpers 47 faltung des preußischen Heerwesens hat. Die folgenden Angaben sind aus den verschiedensten Quellen, die ich einzeln angebe, zusammen getragen. Wir sahen, daß Heinrich VIII., wenn auch nicht als der Begründer, so doch als der erste große Förderer der englischen Flotte angesehen werden kann. Gerade sein Vater hatte sich wenig um das Seekriegswesen gekümmert. Wo Kriegsschiffe nötig waren, hatte er sich mit gecharterten Kauffahrern begnügt. Heinrich VIII. begann sofort mit dem Bau einer neuen Königsflotte. Im Jahre 1514 hat er schon 24 Schiffe im Dienst mit 8460 t Tragfähigkeit, 26 Kapitänen, 3500 Soldaten, 24 Bootsleuten (masters) und 2880 Seeleuten 60 . Während seiner Regierung werden 85 Kriegsschiffe angeschafft: 46 gebaut, 26 gekauft und 13 gekapert 61 . Am Ende seiner Regierung waren 71 Fahrzeuge vorhanden, davon 30 Lastschiffe, mit zusammen 10550 t Raumgehalt 62 . Eduard VI. hat im fünften und sechsten Jahr 53 Schiffe mit 11065 t und 7995 Mann Besatzung 62 . Nun sinkt der Schiffsbestand etwas bis zum Regierungsantritt der Elisabeth: Mary hat 46 Schiffe; Elisabeth findet 32 Schiffe mit 7110 t und 5610 Mann vor 62 ; 1573 soll nach einem, wie man glauben müßte, sachkundigen Berichterstatter die Zahl der Königsschiffe auf 13 gesunken sein 68 . Dann aber beginnt eine Periode fieberhafter Rüstungen, deren Frucht dann der Sieg des Jahres 1588 über die Feli- cisima Armada ist. Wir sind sehr genau auch über die Zusammensetzung der englischen Flotte in dieser denkwürdigen Schlacht unterrichtet. Wir sehen, daß damals noch immer erst der kleinere Teil der Schiffe und der Streiter der Staatsmarine angehörten, daß vielmehr die meisten Schiffe und Mannschaften Soldtruppen waren. Es ist von Interesse, die Liste der Schiffe, die die siegreiche Flotte zusammensetzten, hier mitzuteilen 64 . 48 Erstes Kapitel: Die Entstellung der modernen Heere Schiffe der Königin . . . 34 mit 6289 Mann Kauffahrer unter Sir Fr. Drake . 34 n 2394 77 Schiffe v. d. Stadt London bezahlt 30 n 2180 77 Kauffahrer unter dem Lord Groß- Admiral für 8 Wochen. 8 530 n für den ganzen Feldzug . . 10 221 n Frachtschiffe. 15 810 77 Küstenfahrzeuge unter dem Lord Groß-Admiral. 20 77 993 77 desgl. unter Lord Henry Seymour 23 n 1090 77 Freiwilligenschiffe. 23 n 1044 77 Insgesamt . . 197 mit 15 551 Mann Der entscheidende Sieg hat die Tatkraft der Sieger nicht gelähmt: die Flotte wird auf der gleichen Höhe erhalten. Ihr Bestand vergrößert sich sogar noch etwas bis zum Ende der Elisabethschen Epoche: im 44. Jahre dieser Königin sind diensttauglich 33 Schiffe, 5 Galeeren, 4 Barken mit 14060 t und 6846 Mann. Langsames Ansteigen unter den älteren Stuarts: Bestand 1618: 33 dienstfähige, 10 dienstunfähige Schiffe mit zusammen 15670 t. Bestand 1624: 35 dienstfähige Schiffe mit 19339 t (ohne Galeeren und Schuten [hoys]) 65 . Dann plötzliche und starke Vermehrung der gesamten Zurüstung unter der Republik: von 1649—1660 werden 207 neue Schiffe zu den vorhandenen hinzugefügt, von denen 121 im Jahre 1660 noch dienstfähig sind 66 . Im Jahre 1653 beispielsweise besteht (nach Charnock) die englische Seemacht aus 131 Schiffen mit etwa 23000 Mann Besatzung. Und die Flotte, die die Engländer den Holländern im Jahre 1666 entgegenstellten (deren Stärke wir oben kennen gelernt haben), war der großen Gegnerin ebenbürtig: es waren 80 Schiffe mit 21085 Offizieren und Mannschaften 67 . II. Die Ausweitung des Heereskörpers 49 Im Jahre 1660 war der Tonnengehalt der Kriegsflotte auf 62 594 t gestiegen 68 , hatte sich also in wenig mehr als einem Menschenalter reichlich verdreifacht. Aber nun ging es unaufhaltsam aufwärts: 1688 beträgt der Tonnengehalt schon 101082 t 69 , Ende des Jahrhunderts (1695) 112 400 t. Für diese Zeit haben wir eine interessante Gegenüberstellung des Aussehens der englischen Marine im Anfang und am Ende des 17. Jahrhunderts. Danach betrug 70 die 1607 1695 Zahl der Schiffe von 501 aufwärts 40 über 200 Deren Tonnengehalt . . . rund 23600 über 112400 „ Bemannung . . ... „ 7800 „ 45000 Und so weiter. Der Tonnengehalt der Great Britain’s Navy -Royal be- trug 71 : 1715 . . . 167 596 t, 1727 . . . 170 862 „ 1749 . . . 228215 „ Gegen Ende unserer Epoche ist dann der Bestand der englischen Marine folgender (am 81. Mai 1786 nach den Admiralitätsregistern): 292 Kriegsschiffe, davon 114 Linienschiffe, 13 50-Kanonenschiffe (den Linienschiffen ähnlich), 113 Fregatten, 52 Kriegsschaluppen. Die Linienschiffe haben zwischen 500 und 850 Mann Besatzung. Freilich: die meisten Schiffe sind außer Dienst gestellt. Völlig ausgerüstet sind (1787): 12 Linienschiffe, 5 50 - Kanonenschiffe, 35 Fregatten und 62 (?!) Kriegsschaluppen. In beständigem Solde stehen 18000 Seeleute, nämlich 14140 Matrosen und 3860 Seesoldaten. Sombart, Krieg und Kapitalismus 4 50 Erstes Kapitel: Die Entstehung der modernen Heere g) Übersicht über den Kriegsflottenbestand in den europäischen Staaten am Ende des 18. Jahrhunderts (nach Krünitz: siehe die Bemerkung auf S. 42): Großbritannien .... 278 Kriegsschiffe (davon 114 Linienschiffe), Frankreich .221 Kriegsschiffe, Vereinigte Niederlande . 95 „ Dänemark und Norwegen 60 armierte Fahrzeuge, Sardinien.82 Kriegsschiffe, Venedig.30 „ Beide Sizilien .... 25 „ Schweden.25 Linienschiffe, Portugal.24 Kriegsschiffe, Kirchenstaat.20 „ Toscana .„einige Fregatten“. Zweites Kapitel: Der Unterhalt der Heere I. Die Heeresfinanzen 1. Der Militär auf wand Wir suchen nach einem ökonomischen Ausdruck für die gewaltige Bewegung, die wir soeben vor unserem geistigen Auge sich haben vollenden sehen und finden ihn zunächst in den Kosten, die der Krieg, das heißt also, die der Unterhalt der Truppen dem Staate verursacht. Ich sage nichts Neues, wenn ich im folgenden die Summen aufzähle, die während des 16., namentlich aber während des 17. und 18. Jahrhunderts in den wichtigsten Militärstaaten für Heereszwecke ausgegeben worden sind. Des Zusammenhanges wegen muß ich aber die jedermann bekannten Ziffern hierhersetzen. Kriegführen war zu allen Zeiten eine kostspielige Sache. Auch was wir aus dem Mittelalter von den Kosten erfahren, die die Ausrüstung und Unterhaltung der Heere machten, setzt uns durch die Höhe der Beträge in Erstaunen Die Gesamtausgaben für den ersten Kreuzzug Ludwigs IX. belaufen sich auf 1537 570 lib. tur. 10 s 10 d, die Ausgaben in den Jahren 1250—53 auf 1053476 lb. 17 s 3 d 72 . Die 40 Galeeren, die der König von Frankreich im Jahre 1337 von dem Ayton Doria aus Genua dingt, kosten ihm für 4 Monate 144000 Goldflorin, also über eine Million Mark h. W., so viel wie der Jahresumsatz des Handels der größten Hansastädte betrug 78 . Florenz gab für den Krieg gegen Mastius II. della Scala 52 Zweites Kapitel: Der Unterhalt der Heere 600000 Goldgulden aus; der 6 Monate währende Krieg gegen den Grafen von Virtü kostete ihm 3Va Mill. fl.; 1377—1406 wurden für Kriegszwecke verausgabt HV 2 Mill. fl.; der 1418 beendigte Krieg gegen den Herzog von Mailand hatte in weniger als 2 Jahren 3Vs Mill. fl. verschlungen 74 . Der Militäretat der Stadt Nürnberg belief sich im Jahre 1388 für einen Zeitraum von 14 Monaten auf 78466 fl., ungefähr das Dreifache der Gesamtausgabe des Stadthaushalts in gewöhnlichen Zeiten 75 . Nun haben wir ja aber eben erfahren, daß die Heere des Mittelalters klein waren: wie mußten sich also die Ausgaben für Kriegszwecke steigern, als seit dem 16. Jahrhundert die Armeen rasch zu wachsen begannen, zumal ja neben dieser Ausweitung des Truppenkörpers doch auch eine Vervollkommnung der Ausrüstung (Feuerwaffen!) nebenherging. 1522 berechnet Dr. Chr. Scheurl die Kriegsausrüstung von durchschnittlicher Größe für 6 Monate ohne Proviant, Troß usw. auf 560000 fl. Ein spanisches Armeekorps, das in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts nach Süditalien geschafft und dort etwa 2 V 2 Jahr unterhalten werden mußte, kostete durchschnittlich IV 4 Mill. Dukaten. Der Aufwand der spanischen Krone für Bekämpfung des niederländischen Aufstandes betrug 2—3 Mill. Goldkronen im Jahre: weit mehr als die Jahreseinkünfte der niederländischen Regierung während der Blütezeit des dortigen Handels 76 . In eine neue Ära traten die Heeresfinanzen ein mit der Einbürgerung und dann, wie wir sahen, raschen Vergrößerung der stehenden Heere. Seitdem beginnen auch die regelmäßigen Verzeichnungen der Militärausgaben in den öffentlichen Haushalten, so daß wir von nun an ziemlich genau das Anwachsen des Aufwandes für Kriegs- und Heereszwecke in den wichtigen Staaten verfolgen können. Wie selbst ein kleiner italienischer Fürst in diese Bewegung hineingezogen wurde, lehren uns die Finanzen des I. Die Ileeresfmanzen 53 Herzogtums Este, über die wir dank einer vortrefflichen Untersuchung 77 genau unterrichtet sind. Hier weist der Heeresetat für die nur ein halbes Jahrhundert auseinanderliegenden Jahre 1543 und 1592 folgende Steigerung auf: 1543 Monizioni del Castello.L 720 Monizioni delle Fabbriche (Festungen). L 17 939 Officio del Soldo dentro e fuori . . . L 22216.3.9 L 40875.3.9 1592 Monizioni di Fabbriche.L 98924.7.4 Officio del Soldo. . . L 59672.14.1 L 158597.1.5. Und nun die großen Militärmächte, zu denen wir in Italien Piemont rechnen können. Piemonts Militäretat gestaltet sich in dem Zeitraum von 1580—1708/09 wie folgt 78 : 1580 . 334673 L di Piem. 1605 . . 553271 L n 5 ) 1660 . . 1209482 L 1680 . . 1610 958 L 1690 . . 2823516 L » 1696 (Kriegsjahr) . . 9397 074 L » n 1700 . . 2 750000 L n 1701. . 4738341 L n » 1705 . . 4917 002 L 1708/09 . . 8000 000 L Im spanischen Erbfolgekriege, in den diese Aufstellung nur zum Teil hineinreicht, entfaltete Piemont erst recht seine kriegerischen Kräfte, und dementsprechend kostete dem kleinen Lande — Piemont hatte damals 1200 000 Einwohner — dieser Krieg ganz ungewöhnlich große Summen. Während der Jahre 1700—1713 betrugen die Ausgaben 79 : 54 Zweites Kapitel: Der Unterhalt der Heere für Heer und Artillerie ... 77101990 L „ Festungen. 8963364 L „ Intendanturzwecke (Lebensmittel, Getreideanka uf) . 39490178 L 125555532 L = 59,12 % der Gesamtausgaben, dazu noch für Schuldzinz en . 39408940 L 164964472 L = 77,72 °/o. Also 137 L auf den Kopf der Bevölkerung; das würde im heutigen Deutschland einer Summe von 9 Milliarden Mark entsprechen. Spanien war wohl von seiner Höhe, die es unter Alba erklommen hatte, schon herabgestiegen (1610), als es folgenden Heeresetat hatte: Sold der Truppen. 653 963 duc. Flotte. 530000 „ Garden und hommes d’armes. 200 000 „ Festungen. 50 000 „ Arsenale. 100 000 „ Artillerie. . . 22 500 „ 1556463 duc. Ausgaben für Flandern . . 1800 000 „ Damals betrugen die Netto einnahmen des Königs von Spanien (5 Milk duc. blieben bei den Vizekönigen, Steuereinnehmern usw. haften) nach einer Untersuchung, die Heinrich IV. anstellen ließ, und die sich fast genau mit der Schätzung des venetianischen Gesandten Tomaso Contarini (16 Mill. duc.) deckt: 15 658000 duc. Davon entfiel jedoch der größte Teil auf die Schuldzinsen, so daß einer Aufstellung des Grafen Lerma nach nur 4487 350 duc. verfügbar waren 80 . Unter Anrechnung der Schuldzinsen machten also die Ausgaben für Heereszwecke im damaligen Spanien annähernd 93°/o der gesamten Staatseinnahmen aus. 1. Die Heeresfinanzen 55 Für Frankreich besitzen wir die erste zuverlässige Aufstellung der Heeresausgaben aus dem Jahre 1542, die aber offenbar nur das Ordinarium umfaßt. Ich teile die wenig beachteten Ziffern 81 hier im einzelnen mit. 2000 uomini d’arme. 900 000 franchi, Cresciuti 20 per 100 frc. le comp. 25 000 „ Quello che spende ordinär, per le, cose della guerra benclie sia pace. 200 000 „ Artiglieria ordinaria che si fa ogni anno etc. 54 000 „ Artiglieria estraordinaria. 19 000 „ Marina di Marsiglia. 140 000 „ Marina di Ponente. 14 000 „ Guardie di Palazzi ec. 20000 „ 200 gentiluomini a 400 fr. l’un. 80 000 „ La guardia de’ Scozzesi. 34000 „ 3 bande di arcieri francesi. 93000 „ La guardia de’ Svizzeri. 13000 „ Fabbriche delle frontiere della Piccardia 90 000 „ Fabbriche delle front, di Sciampagna . . 15 000 „ 2 (?) pensioni a’ Svizzeri. 200 000 „ Salario del gran Contestabile. 17 000 „ Pens, ordinaria agli Inglesi, della quäle sono creditori di sei anni. 200000 „ 2114 000 franchi. Die gesamte Ausgabe in diesem Jahre, von der sicher ein beträchtlicher Teil auf die Verzinsung der Kriegsschuld noch entfiel, betrug 5 788 000 L. Während des 17. Jahrhunderts steigt nun der Aufwand für Heereszwecke rasch, um in den Kriegsjahren Ludwigs XIV. zu gipfeln. Unter Heinrich IV. werden 1(301—09 durchschnittlich etwa 6 Mill. L., 1609 etwa 9 Mill. L. dafür ausgegeben 82 . Unter Ludwig XIII. verdoppelt sich diese Ziffer, unter Ludwig XIV. vervierfacht sie sich dann noch einmal. Ich stelle die Hauptposten des Militäretats für zwei ein halbes Jahrhundert auseinanderliegende Jahre zusammen 83 : 56 Zweites Kapitel: Der Unterhalt der Heere 1639 1680 Schweitzer (Ligues Suisses). Ausserordentl. Ausgaben für Kriegszwecke (Extraordinaire des Guerres). Garnisonen. Artillerie. Marine. Befestigungen. Gratifikationen für die Truppen. Galeeren. livres 400 000 12 000 000 3 000 000 600000 2 500 000 600000 livres 652 567 62 070 550 2 419 399 704 277 14405 795 12 678609 1323804 3 614 753 19 100 000 97 869 754 Bei einem Gesamtetat von. 29 900000 129 691 599 = 60% - 74% In dem Etat, den Mr. Necker für das Jahr 1784 aufstellte 84 , stehen die Militärausgaben mit 124650000 L. die Ausgaben für die Marine mit 45 200000 L. 169850000 L. Dazu wären hinzuzurechnen die Ausgaben für die Verzinsung der Kriegsschuld. 207 000000 L. desgleichen Rückzahlungen . . 27500000 L. Also insgesamt wurden 404350000 L. für Heereszwecke ausgegeben bei einer Gesamtausgabe von 610 Mill. L, das sind rund zwei Drittel. Brandenburg-Preußen 85 . Unter dem Großen Kurfürsten betragen die Kriegsgefälle 2500000 Tlr., das sind zwei Drittel der gesamten Staatseinnahmen. Von ihnen wurden allerdings noch einige andere als militärische Ausgaben (für Diplomatie, Schloßbau usw.) bestritten, andrerseits standen für Heereszwecke noch die Subsidien und die Schulden zur Verfügung. Unter Friedrich III. (I.) belaufen sich I. Die Heeresfinanzen 57 die Gesamteinnahmen auf ... 4 Mill. Tlr. die Ausgaben für Heereszwecke auf 2,2 Mill. Tlr. Unter Friedrich Wilhelm I. setzt die große Aufwärtsbewegung ein: Reineinnahmen im Jahre 1739/40 . 6917192 Tlr. 10 Gr. 4 Pfg. davon für Militärzwecke . . . 5 039 663 Tlr. 22 Gr. 5 Pfg. in den Kriegs schätz 914416 Tlr. — Gr. - Pfg. Also 86°/o machen die Militärausgaben aus 5954079 Tlr. 22 Gr. 5 Pfg. Friedrich M. gibt aus in den letzten drei Jahren durchschnittlich für Militärzwecke. 12419457 Tlr. für Hof- und sonstige Zivilzwecke . 3 946 676 Tlr. Die Militärausgaben belaufen sich auf 75,7 °/o der Gesamtausgabe. Unter Friedrich Wilhelm II. (1797/98): Gesamteinnahmen . 20 499 382 Tlr. 22 Gr. 7 Pfg. Militäraufwand . . 14606325 Tlr. 17 Gr. 3 Pfg. = 71 %. Unter Friedrich Wilhelm III. (1805/06): Gesamteinnahmen . . . 26956 858 Tlr. Militärausgaben .... 17185112 Tlr. Verzinsung der Staatsschuld 1896 296 Tlr. Staatsschatz. 1100000 Tlr. Endlich müssen wir noch erfahren, was diejenige Macht für Heereszwecke während der früheren Jahrhunderte ausgab, die sich den Krieg zweifellos am meisten kosten ließ: Englan d. Für die Zeit der Lancasters rechnet ein guter Kenner an Ausgaben für die Flotte etwa 50000 86 heraus. Einige Jahre im 17. Jahrhundert weisen an Aufwendungen für die Flotte folgende Beträge auf 87 : 20181408 Tlr. = 75%. 58 Zweites Kapitel: Der Unterhalt der Heere Jahr Zahl der Ausgaben für Kriegsschiffe Handelsschiffe Kriegsschiffe Handelsschiffe Zusammen 1643 S. 1647 S. 36 43 32 16 £ s. d. 133 760 3 9 124 395 12 0 £ s. d. 74 881 11 6 44 743 8 0 £ s. d. 332 869 15 3 244655 0 0 Jahre Gesamte Einnahme Ausgaben für die Flotte 1652/53 2 600 000 SS 1 400 000 SS 1654 — 1048 731 SS 13 s. 8 d. 88 1656—57 1 050 000 SS 809 000 SS 1657/58 951000 „ 624 000 „ 1658/59 1517 000 „ 848 000 „ Die Friedensetats betragen in jg’ 89 : Zeit unter für die Flotte für das Landheer für die Artillerie Gesamtausgabe Karl II. 300000 212 000 40000 1171315 Wilhelm III. . . . 877 455 300 000 50000 1 907 455 Anna. 765 700 425 905 58 000 Georg I. 740000 900 000 73 000 Georg II. 900 000 900 000 80000 Georg III. (1770) . 1 573422 1513 412 227 907 Die Gesamtausgaben für Krieg und Frieden betrugen (nach Sinclair) in j£: unter der Regierung für die Flotte für das Landheer für die Artillerie Wilhelms III. 19 822 141 22 017 706 3 008 535 Annas. 23484 574 32 975 331 2100676 Georgs I. 12 923 851 13 842 467 1064449 Georgs II. 71 424 171 74911521 6 706 674 Georgs III. (bis 1788) . . 116 725 948 96 565 762 17 079 011 Insgesamt in dem Jahr- / hundert von 1688—1788 \ 244380 685 240 312 967 29 959 345 I. Die Heeresfinanzen 59 Endlich teile ich noch, da es manchen Leser interessieren dürfte, einen spezifizierten Militäretat für das Jahr 1781 mit, in dem die Gesamtausgaben sich auf 24,4 Mill. i£, die Ausgaben für Heereszwecke auf 17Va Mill. jg belaufen. Zu diesen sind aber noch 5Va Mill. hinzuzurechnen, die zur Rückzahlung von Schatzscheinen und zur Deckung des Defizits der indirekten Steuern dienten. Mit diesen Mill. stehen also 23 Mill. einer Gesamtausgabe von 24Va Mill. gegenüber, das sind fast 94°,o. Der Militäretat Englands für 1781 schaut so aus 90 : £ s. d. Für 90000 Seeleute einschließlich 20317 Seesoldaten und Artilleristen (ordinance). 4446 000 0 0 Das Ordinarium der Flotte. 386 261 5 8 Bau und Ausbesserung von Kriegsschiffen. 670 016 0 0 Ablösung der Flottenanleihen. 3 200 000 0 0 Geschützamt (office of ordinance) zu Lande .... 582924 11 9 Desgl. zur See. 234 000 0 0 Außerordentliche Ausgaben für Artillerie 1781 . . . 252 104 3 4 Desgl. für 1780. 447 182 4 6 Für 39 666 Landtruppen. 1 049 774 8 11 Für den Oberstkommandierenden und seinen Stab . 42 927 16 0 Festungsgamisonen und Truppen außerhalb des Landes. 1488 927 0 0 Subsidien und Unterhaltung deutscher Truppen . . 715117 15 7Vz Miliz in Nordengland (North Britain). 672 457 15 0 Bekleidung der Miliz. 99 679 13 4 Zusatz Miliz-Kompagnien. 6 010 3 9 80 unabhängige Kompagnien Fußvolk (independent Comp, of foot). 117 608 6 8 Nachzahlung Sold aus 1780 . 8452 4 8 Desgl. für 2 Bataillone des Lord John Murray. . . 1107 16 4 Außerordentliche, unvorhergesehene Ausgaben für Heereszwecke. 3 351 589 13 4Va Für Invaliden und direkte Ausgaben .... rund 190 000 0 0 Eine ungeheure Anspannung aller Kräfte bis zum Äußersten bedeutete dann noch einmal der Kampf mit Napoleon. In den 14 Jahren von 1801—1814 gab England aus: 60 Zweites Kapitel: Der Unterhalt der Heere für die Flotte .... 237 441 798 für das Landheer . . . 337 993 912 £ für Geschütze .... 58198 904 j£ Zusammen 633634614 Also 13—14 Milliarden Mk. oder durchschnittlich im Jahre 45 259 615 j£, das sind 900 Mill. Mk. Man muß sich immer gegenwärtig halten, daß Großbritannien damals (im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts) ein Land mit 10—12 Mill. Einwohnern war, daß also auf den Kopf der Bevölkerung 80—90 Mk. Kriegsaufwand im Jahre entfiel; das entspricht einem Heeresetat von etwa 6 Milliarden Mk. im heutigen Deutschland, das jetzt etwas über eine Milliarde Mark (wenn man die Zinsen und Tilgung der Reichsschuld ganz hineinrechnet) für Heereszwecke ausgibt. 2. Die Aufbringung der Mittel Welche Bedeutung dieser Militäraufwand für die Herausbildung des Kapitalismus hat, insoweit er gemacht wird, insoweit die Summen ausgegeben werden, werden wir im Verlauf dieses Buches noch oft zu untersuchen haben. Hier soll nur die Frage aufgeworfen werden: ob denn nicht auch die Aufbringung der Mittel für die Durchführung der Heereszwecke bedeutsamen Einfluß auf die Gestaltung des modernen Wirtschaftslebens ausgeübt hat. Wohlverstanden: der Mittel, soweit sie in den oben angeführten Ziffern ihren Ausdruck finden, will sagen: soweit sie durch die Kassen des Staates laufen. Die Arten, wie die Mittel für die Deckung des Militärbedarfs aufgebracht werden, sind keine andern als die, wie sich öffentliche Körper überhaupt Einnahmen verschaffen: Domanialeinkünfte und Steuern im weitesten Sinne einerseits, Anleihen anderseits sind die Quellen, aus denen diese Einnahmen fließen. Nur eine besondere Einnahmeart muß hier noch hinzugefügt werden, die in früheren Jahrhunderten bei I. Die Heeresfinanzen 61 der Beschaffung der Kriegsmittel eine große Bolle gespielt hat: die Subsidienzahlung. Das war die Form, in der die reichen Länder, namentlich Holland und England, zum großen Teil ihre Kriege geführt haben: sie unterstützten die geldarmen Fürsten, namentlich Deutschlands, die ihre Schlachten schlagen mußten. Es handelte sich oft um recht ansehnliche Beträge, die für die Finanzen kleiner Staaten sehr ins Gewicht fielen. So empfing der Große Kurfürst in den Jahren 1674—88 2 863 281 Tlr. 19 Gr. Subsidiengelder; Friedrich III. (I.) 14 Mill. Tlr.; Friedrich M. erhielt während der Jahre 1758 bis 1761 jährlich 670000 j£, also 13V2 Mill. Mk. von England 91 . In den zwei Jahrzehnten, die von den Kriegen mit Frankreich ausgefüllt waren, von 1793—1814 zahlte England an fremde Potentaten nicht weniger als 46 289 459 j£, also fast eine Milliarde Mark Subsidiengelder aus 92 . Die Bedeutung, die die Aufbringung der Kriegsmittel für den Kapitalismus hatte, erblicke ich nun vornehmlich in folgendem: 1. wurde die Kapitalbildung durch sie gefördert. Das klingt paradox angesichts der Tatsachen, die wir oben uns vergegenwärtigt haben: daß nämlich der Steuerdruck und die starke Inanspruchnahme des Kredits die Kapitalakkumulation gehindert haben. Und doch ist es wahr, daß die Beschaffung der Kriegsmittel, während sie auf der einen Seite zweifellos die Vermögensbildung verlangsamte, auf der andern Seite sie beschleunigt hat und zwar gerade dort beschleunigt hat, wo das Vermögen am ehesten Kapitalcharakter anzunehmen die Tendenz hat: durch die Steuererhebung ebenso wie durch die Gewährung oder Vermittlung oder Übertragung des öffentlichen Kredits sind viele Leute reich geworden, die ihren Reichtum dann entweder zur Befruchtung der Industrie und des Handels verwandten oder aber durch Steigerung ihrer Luxusausgaben (wie ich das im ersten Band 62 Zweites Kapitel: Der Unterhalt der Heere dieser Studien nachzuweisen versucht habe) einen Anreiz für die Entfaltung des Kapitalismus schufen. Mit anderen Worten: ein sehr beträchtlicher Teil des bürgerlichen Reichtums, der in dieser oder jener Form den Kapitalismus schuf, entsteht im 16., 17. und 18. Jahrhundert durch Steuerpacht (namentlich in Frankreich) und Zins- und Agiogewinne an öffentlichen Anleihen (namentlich in Holland und England). Es würde mich von dem Zentrum dieser Untersuchungen zu sehr abführen, wollte ich im einzelnen verfolgen, wie sich die Vermögensbildung auf diesen Wegen vollzogen hat. Ich gedenke dieses Problem in einem der folgenden Bände dieser Studien, der die Entstehung der Bourgeoisie zum Gegenstand hat, im Zusammenhänge abzuhandeln und begnüge mich deshalb hier damit, ein paar Ziffern anzuführen, die die Richtigkeit der eben aufgestellten Behauptung zu erweisen vermögen. Sprichwörtlich war der Reichtum, war das rasche Reichwerden bei den französischen Traitants, bei den fermiers gönöraux. Diderot fragte einen jungen Ehrgeizigen: „Savez-vous lire? — Oui. — Un peu calculer? — Oui. — Et vous voulez ötre riche ä quelque prix que ce soit? — A peu prös. — Eh bien mon ami, faites-vous secrötaire d’un fermier gönöral et continuez dans cette voie“ 98 . Zeitgenössische Urteile bestätigen zur Genüge, daß diese Weisung Diderots richtig war. In einer Eingabe der Assem- blöe des Notables vom Jahre 1626 heißt es: „on les voit de- venir riches“ — nämlich die „officiers de finances“ usw. — „et opulents en peu d’annöes“ 9 *. Ein Pamphletist schreibt 98 : „II ne suffit pas aux tröso- riers de gagner cent mille öcus en un an. Ils veulent faire leurs commis et partisans aussi riches qu’eux.“ „Cela fit beaucoup de personnes extremement riches“, urteilt der besonnene und immer gut unterrichtete Gourville. I. Die Heeresfinanzen 63 Wir besitzen aber auch genug Einzelangaben, um die Richtigkeit solcher allgemeinen Aussprüche nachprüfen zu können. Es genügt hier, an die Lebensgeschichte von Männern wie Bullion, Emeri, Fouquet oder auch von großen Machthabern wie Mazarin zu erinnern, die wir zu gewaltigen Reich- tümern auf dem bezeichneten Wege aufsteigen sehen: Bullion hatte 1622 60000 öcus Rente; 1632 wurde er Surintendant; 1640 (bei seinem Tode) hinterließ er eine Rente von 700000 livres 96 . Mazarin hinterließ ein Vermögen von 60 Mill. livres usw. Einen ganz vorzüglichen Gesamtüberblick über den Reichtum der französischen Finanzmänner gewährt die Liste der zu Strafen wegen unsauberer Machenschaften eingeschätzten „Gens d’affaire“ im Jahre 1716. Die Liste 97 weist 726 Namen auf, die zusammen auf 147 355433 livres Buße eingeschätzt wurden. Die einzelnen Summen schwanken zwischen 2000 livres und 6600000 livres, zu welchem Höchstbetrage der bekannte Antoine Crozat herangezogen werden sollte (in Wirklichkeit ist nur ein kleiner Teil der Schatzung — man nimmt an, etwa 20 Millionen — in die Kassen des Königs geflossen!). Eine Verteilung auf einzelne Steuerstufen ergibt folgendes Bild: Es wurden eingeschätzt auf: unter 50000 liv. . . . . . . 298, 50001—100 000 liv. . . . . . 105, 100001—200000 liv. . . . . . 127, 200001—300000 „ . . ... 68, 300001—400000 „ . . ... 42, 400001—500000 „ . . ... 26, 500001—1000000 liv. . ... 40, 1000 001—2000000 liv. . ... 13, über 2 Millionen . . . ... 6. Was an Anleihen für Kriegszwecke zu verdienen ist, zeigen gleichsam repräsentativ die beiden reichsten Häuser der frühkapitalistischen Epoche: die Fugger und die Rothschild. 64 Zweites Kapitel: Der Unterhalt der Heere Man hat ausgerechnet, daß in den Jahren zwischen 1792 und 1816 in England 52 Mill. äß Agiogewinne an Kriegsanleihen gemacht worden sind 98 . Die Fugger und die Rothschild, die beide ihren Reichtum dem Kriege verdanken, stellen die beiden Formen dar, in denen dieser Reichtum gebildet werden konnte; man könnte sie als die deutsche und die jüdische einander gegenüberstellen : die direkte Darlehnsgewährung und die börsenmäßige Anleiheemission: Auge in Auge, persönlicher Kredit dort — hinter dem Rücken des „Publikums“, unpersönlicher Kredit hier. Damit berühre ich aber schon den Punkt, wo zum anderen die Aufbringung der Kriegsmittel von ganz großer Bedeutung für die Herausbildung des Kapitalismus geworden ist, sofern nämlich 2. sie die Kommerzialisierung des Wirtschaftslebens befördert hat. Die ersten Weltbörsen im 16. Jahrhundert sind unmittelbar aus dem Handel mit öffentlichen Schuldtiteln entstanden, wie uns das Ehrenberg so anschaulich geschildert hat. Durch die Entwicklung des öffentlichen Anleihewesens ist dann die Effektenbörse zu ihrer vollen Entfaltung gelangt. Der Effektenhandel und die Effekten- spekulation haben sich allerdings zuerst entfaltet an den Aktien der großen Überseehandelsgesellschaften. Aber immer war der öffentliche Schuldtitel daneben von Bedeutung gewesen. Unter den 44 Effekten, die in der Mitte des 18. Jahrhunderts an der Amsterdamer Börse notiert wurden, waren 25 Sorten inländischer Anleihen und 6 deutsche Anleihesorten. Bis zum Ende des Jahrhunderts stieg die Zahl der inländischen Obligationen auf 80, die der deutschen auf 30. Dann aber beginnt erst recht der Tanz. Emission folgt auf .Emission seit dem Ausgange des 18. Jahrhunderts (natürlich: siehe die Ziffern, die ich über die Zunahme der Staatsschulden oben mitgeteilt habe). Wenn bis 1770 an der Amsterdamer Börse seit ihrem Bestehen für 250 Mill. fl. Anleihen aufgenommen I. Die Heeresfinanzen 65 wurden, so emittierten die Rothschilds allein in den 14 Jahren von 1818—1832 für 440 Mill. Mark öffentliche Schuldanweisungen. Der Krieg hat die Börse geschaffen: zunächst, was wir hier feststellen, die Effektenbörse (später werden wir ihn auch an der Herausbildung der Produktenbörse stark beteiligt finden). Aber auch (seltsames Zusammentreffen!) die Juden haben die Börse geschaffen. Germanisches Kriegertum und jüdischer Geschäftssinn sind hier gemeinsam am Werke gewesen. Weil aber dieses Problem der Entstehung der Börse in das Kapitel „Juden“ ebenso wie in das Kapitel „Krieg“ hineinfällt, so kann ich mich hier mit diesen wenigen Bemerkungen begnügen und verweise den Leser für alle weitere Belehrung auf mein Buch „Die Juden und das Wirtschaftsleben“, wo ich den Prozeß der Kommerzialisierung und Verbörsianisierung des Wirtschaftslebens genau verfolgt habe. 3. will ich noch auf eine Wirkung hin weisen, die insbesondere die Subsidienzahlungen (an deren Durchführung natürlich die Geldleute unmittelbar recht beträchtlich verdient haben werden) auf das Wirtschaftsleben vielleicht ausgeübt haben, eine Wirkung, die, soviel ich sehe, bisher nur von einem Forscher beachtet worden ist". (Dieser allerdings hat sie dann zum Mittelpunkte seiner Untersuchungen gemacht.) Es ist nämlich zu erwägen, bis zu welchem Umfange durch die großen Barzahlungen an das Ausland, wie sie in den Subsidienzahlungen erfolgten, der Wechselkurs Englands beeinflußt worden ist. Es liegt nahe, anzunehmen, der Wechselkurs sei dauernd durch sie zuungunsten Englands bestimmt worden. Ein ungünstiger Wechselkurs wirkt aber bekanntlich als Prämie für die Ausfuhr. Englands Ausfuhr also wäre durch die fortgesetzten Bargeldauszahlungen stark gefördert worden, und an ihr habe sich der industrielle Kapitalismus in die Höhe gerankt. Tatsächlich übertrifft der Wert der englischen Ausfuhr den der Einfuhr in den Jahren Sombart, Krieg und Kapitalismus 5 66 Zweites Kapitel: Der Unterhalt der Heere von 1698—1822 um 33183171 <£. Wie weit an dieser Steigerung der ungünstige Wechselkurs, wie weit an diesem die Zahlung der Subsidiengelder schuld ist, verdiente wohl einmal gründlich untersucht zu werden. 4. Daß das Hereinströmen großer Geldbeträge in ein Land, namentlich in der Form der Kriegsentschädigungen, belebend auf den Gang der kapitalistischen Entwicklung einwirken kann, ist eine zu bekannte Tatsache, als daß sie- einer besonderen Begründung bedürfte. „Milliardensegen“ — „Gründerzeit“ sind in allen Jahrhunderten zusammengehörige Erscheinungen gewesen. II. Die Grundsätze der Heeresausrüstung Die Unterhaltung eines Heeres, wenn eine höhere Instanz für sie sorgt, vollzieht sich immer in zwei Akten: Mittel werden aufgebracht, und diese Mittel werden verwandt. Der Staat (die Stadt oder in wessen Dienst sonst das Heer steht) dient als das Zwischenglied, das zwei Enden, das bedürfende Heer und den wirklichen Erhalter des Heeres, miteinander verknüpft. Wie die Mittel, über die der Staat verfügt, mit denen er das Heer unterhält, nun angewandt werden, entscheidet über die Art und die Größe der Wirkungen, die die Unterhaltung einer Streitmacht in Krieg oder Frieden auf da& Wirtschaftsleben eines Landes ausübt. Damit wir aber die tatsächliche, das heißt historische Gestaltung der Mittelverwendung in den europäischen Staaten des 16.—18. Jahrhunderts klar und deutlich zu erkennen vermögen, müssen wir uns vorher die verschiedenen Möglichkeiten einer solchen Mittelverwendung vergegenwärtigen. Die Mittelverwendung ist gleichbedeutend mit der Ausrüstung der Heere: indem der Staat seine disponiblen Mittel ihrer Zweckbestimmung gemäß verwendet, rüstet er das Heer aus. Worüber wir uns also Klarheit verschaffen müssen, ist die Art und Weise, wie dio II. Die Grundsätze der Heeresausriistung 67 Heeresausrüstung erfolgen kann, nachdem wir vorher festgestellt haben, was unter Heeresausrüstung zu verstehen sei. Die Organisation der Heeresausrüstung bildet einen Teil der Heeresverwaltung. Sie stellt sich zur Aufgabe, das Heer mit allen für seine Existenz und sein richtiges Funktionieren notwendigen Sachgütern zu versorgen. Diese Sachgüter sind: 1. die Waffen; 2. die Beförderungsmittel, also namentlich Pferde und Wagen; 3. die Unterhaltsmittel, also die Nahrung, die Kleidung und die Wohnung. Je nachdem es sich um die Beschaffung dieser oder jener Kategorie von Sachgütern handelt, erwächst das Problem der Bewaffnung, Berittenmachung (Beförderung), Beköstigung, Bekleidung, Behausung des Heeres. Diese Probleme können nun nach sehr verschiedenen Grundsätzen gelöst werden. Die Organisation der Heeresausrüstung gestaltet sich zunächst verschieden je nach der Instanz, der die Ausrüstung obliegt. Danach nämlich wird die Ausrüstung auf dem Prinzip der Dezentralisation oder der Zentralisation beruhen. Im Falle der Dezentralisation bringt jeder Krieger selber mit, was er an Sachgütern braucht: seine Waffen, sein Pferd, seinen Unterhalt. Zentralisiert hingegen ist die Ausrüstung, wenn die jeweilige Zentrale, der „oberste Kriegsherr“ sagen wir heute, die Ausrüstung übernimmt: wenn also der Staat die Waffen und die Beförderungsmittel liefert, wenn der Staat für den Unterhalt aller Krieger sorgt. Dies kann er grundsätzlich wiederum auf zwei verschiedene Weisen tun: er kann entweder durch seine eigenen Organe, seine „Beamten“, diese Fürsorge treffen. Wir sprechen dann: der Staat (die Stadt usw.) übernimmt die Ausrüstung des Heeres „in eigener Regie“. Oder der Staat kann Mittels- 5 * 68 Zweites Kapitel: Der Unterhalt der Heere personell mit der Ausrüstung beauftragen, die diese dann erwerbsmäßig, also gegen ein Entgelt, bewerkstelligen. Wir sprechen dann von einem „Lieferungswesen“, das der Staat organisiert, um das Heer auszurüsten. Zwischen der reinen Dezentralisation und der reinen Zentralisation gibt es Zwischenstufen verschiedenster Art. So ist es beispielsweise möglich, daß zwar der einzelne Krieger für seinen Unterhalt zu sorgen hat, daß der Staat aber Vorkehrungen trifft, die dem Krieger ein sicheres und preiswertes Angebot gewährleisten. Oder aber weder der Staat noch der einzelne Krieger übernehmen die Ausrüstung; diese obliegt vielmehr irgendwelcher Zwischeninstanz, wie dem Obersten oder dem Hauptmann (sogenannte Kompagniewirtschaft). Die Organisation der Heeresausrüstung gestaltet sich nun aber so sehr mannigfaltig deshalb, weil jedes der genannten Organisationsprinzipieu wiederum sehr verschiedene Möglichkeiten offen läßt, sich in den Besitz der zur Ausrüstung erforderlichen Gebrauchsgegenstände zu setzen. Diese können nämlich entweder von demjenigen, der für die Ausrüstung zu sorgen hat, selber hergestellt werden. Der Staat beispielsweise kann die Waffen, die Uniformen, das Brot, die Pferde in seinen eigenen Wirtschaften erzeugen und kann dann die gebrauchsfertigen Gegenstände den einzelnen Kriegern darbieten. Oder der zur Ausrüstung Verpflichtete: Staat, Kompagniechef, Einzelkrieger, verschafft sich auf irgendeine Weise die von anderen bereits fertiggestellten Gebrauchsgüter. „Verschaffen“ aber kann man sich Gegenstände auf grundsätzlich sehr verschiedene Weise: man kann sie dem andern, ohne ihm ein Entgelt dafür zu bieten, wegnehmen: das „System“ der Ausrüstung, das auf diesem Wege zustande kommt, ist das der Plünderung, des Raubes. Oder man kann dem andern einen Gegenwert für den von ihm uns überlassenen Gegenstand darreichen; man kann ihm, da der Gegenwert meist in Geld bestehen wird, den Gegenstand II. Die Grundsätze der Heeresausrüstung 69 abkaufen. Diese entgeltliche Beschaffung kann nun wiederum auf zwei verschiedene Arten erfolgen: zwangsweise, so daß der Besitzer des bedurften Gutes keine Wahl hat, ob er es abtreten will oder nicht, oft auch ohne daß er den Preis selbst bestimmen kann: dieses System nennt man Requirierung (requisition, purveyance); oder freiwillig auf dem Wege des „freihändigen“ Kaufs, bei dem dem Verkäufer der Entscheid über den Verkauf selbst und über die Höbe des Verkaufspreises zusteht. Schema der Organisation der Heeresausrüstung. I. Die Gegenstände der Ausrüstung: 1. Waffen: Bewaffnung; 2. Pferde, Wagen usw.: Beförderung (Berittenmachung); 3. Unterhaltsmittel: a) Nahrung: Beköstigung, b) Kleidung: Bekleidung, c) Wohnung: Behausung. II. Die Organisation selbst unterscheidet sieh: 1. nach der Instanz, der die Organisation obliegt: a) Dezentralisation; b) Zentralisation: a) eigene Regie, ß) Lieferung; c) Übergangsformen; 2. nach den Formen der Güterbeschaffung: a) Eigenproduktion; b) Aneignung genußreifer fertiger Erzeugnisse: a) unentgeltlich: Plünderung, Raub, ß) entgeltlich: aa) durch Zwangskauf: Requirierung, ßß) durch freihändigen Kauf. Die verschiedenen Systeme der Heeresausrüstung, wie sie sich je nach dem einen oder anderen Unterscheidungsmerkmal 70 Zweites Kapitel: Der Unterhalt der Heere (Instanz oder Form der Beschaffung) ergeben, können sich nun wieder in der verschiedensten Weise kreuzen: eine auf Dezentralisation beruhende Ausrüstung kann ebensogut wie eine auf dem Prinzip der Zentralisation aufgebaute durch Eigenproduktion der Güter, wie durch Plünderung, wie durch Requirierung, wie durch freihändigen Kauf bewerkstelligt werden. Ganz bunt gestaltet sich aber das Bild der Heeresausrüstung dadurch, daß deren verschiedene Systeme nun in die verschiedenen Heeresverfassungen eingeordnet sein können. Dadurch ergibt sich eine ungezählte Anzahl von verschiedenen Kombinationen. Es läßt sich auch nicht einmal sagen, daß bestimmte Ausrüstungsmethoden mit Notwendigkeit an bestimmte Formen der Heeresverfassung gebunden seien, wenn auch natürlich hei einem Staatsheere leichter eine Zentralisation der Ausrüstung zustande kommen wird wie bei einem Privatheere; wenn auch ein Söldnerheer eher zur Erwerbung genußreifer Güter neigen wird als zur Eigenproduktion. Notwendig gebunden ist aber kein einziges Ausrüstungsprinzip an eine bestimmte Heeresform (wie denn auch in der Geschichte sich alle möglichen Kombinationen tatsächlich herausgebildet haben). Eher erzwingt schon eine bestimmte Technik der Kriegsführung eine bestimmte Methode der Ausrüstung. So ergibt sich aus der Verwendung von Artillerie leicht eine gewisse Zentralisation in der Waffenbeschaffung: eine Kanone kann der einzelne Krieger nicht mitzubringen verpflichtet werden, wie er verpflichtet sein kann, mit seiner Hellebarde oder seiner Muskete anzutreten. Ebenso erzeugt die Eigenart der Schiffahrt aus sich heraus leicht die Nötigung zu einem Mindestmaß von Zentralisation der Beköstigung: wenn ein Schiff einen Monat lang auf See bleibt, so müssen die Nahrungsmittel für die hundert oder tausend Mann Besatzung jedenfalls im Schiffe sich be- II. Die Grundsätze der Heeresausrüstung 71 finden in dem Augenblick der Ausfahrt aus dem Hafen. Grundsätzlich ist auch hier das System der Dezentralisation anwendbar (und ist auch in der Geschichte zur Anwendung gelangt: auf genuesischen Schiffen im 12. Jahrhundert): das heißt, auch hier kann jeder Matrose und jeder Krieger zur Selbstbeköstigung verpflichtet sein: aber natürlich drängt sich in solchem Falle die Zentralisation als System der Ausrüstung (wenigstens eines Schiffes) mehr auf als bei einer Landtruppe, die sich jeden Tag ihren Unterhalt neu beschaffen kann. Wenn wir nun im weiteren Verlauf dieser Darstellung verfolgen wollen, wie sich in den letzten Jahrhunderten die Organisation der Heeresausrüstung entwickelt hat, und welche Bedeutung für den modernen Kapitalismus dieser Entwicklung innewohnt, so müssen wir unser Hauptaugenmerk auf die Zusammenhänge richten, die zwischen der Organisation der Ausrüstung und der Gestaltung des Marktes, das heißt also des Güterbedarfs, obwaltet. Insbesondere müssen wir nachzuspüren versuchen, inwieweit und wodurch der Militärbedarf das erzeugt hat, was wir einen Massenbedarf nennen. Denn darin, daß durch ihn der erste große Massenbedarf ent standen ist, erblicke ich einen der allerwichtigsten Einflüsse des Militarismus auf den Kapitalismus. Fragen wir vorher aber, was denn ein „Massenbedarf“ sei, so erhalten wir folgende Antwort. Ein Massenbedarf ist entweder ein Bedarf an großen (zusammengesetzten, komplexen) Gütern oder ein Bedarf an vielen gleichartigen Gütern. Beide Arten des Massenbedarfs entstehen durch Zusammenballung. Diese Zusammenballung vollzieht sieh entweder in einem technischen Prozesse: wenn große Kanonen, große Schiffe, große Kasernen bedurft werden; oder durch bloß organisatorische Nebeneinanderreihung einzelner Konsumakte: wenn die Waffen für tausend Krieger in einem beschafft werden statt von jedem einzeln. Danach ergibt sich, welche verschiedenen Faktoren äuf die Entstehung eines Massenbedarfs, das heißt also auf 72 Zweites Kapitel: Der Unterhalt der Heere die Zusammenballung einzelner Konsumakte, Einfluß ausüben können. Es sind: 1. die Technik, die jeweils zur Herstellung eines bestimmten Nutzeffektes die Zusammenfügung einer bestimmten Menge von Stoff zu einem Gebrauchsgegenstande und die Anwendung einer bestimmten Menge lebendiger Arbeit bei der Zurichtung dieses Stoffes erheischt, somit also einen Mindestbedarf an (Produktiv-) Gütern und Arbeitskräften zur Herstellung des Gegenstandes, an den die Ausführbarkeit des technischen Prozesses gebunden ist, erzeugt. Eine Kugel von bestimmtem Gewicht mittels der Explosivkraft des Pulvers auf eine bestimmte Entfernung schleudern kann man nur, wenn man eine bestimmte Mindestmenge Eisen oder Bronze zu einem Bohre zusammenfügt, was selbst einen bestimmten Aufwand an lebendiger Arbeit erheischt und einen bestimmten Bedarf an Kohmaterialien erzeugt; 2. die Organisationsprinzipien. Ein Massenbedarf wird offenbar um so leichter entstehen, je stärker die Zentralisation in dem Ausrüstungswesen fortgeschritten ist. Ein Massenbedarf entsteht aber auch um so eher — unter sonst gleichen Umständen —, je größer die auszurüstenden Heere und Flotten sind, und je länger die Ausrüstungspflicht währt; ferner: je häufiger und je länger die Kriege sind, je weiter sich die Heereszüge und Flottenreisen von dem Versorgungszentrum aus erstrecken; endlich: je höher das Uniformierungsprinzip bei der Bedarfsdeckung entwickelt ist. Wenn ich nun im folgenden daran gehe, das in den vorhergehenden Zeilen gestellte Problem seiner Lösung näherzuführen, so glaube ich, daß ich besser zum Ziel gelange, wenn ich den Stoff nicht einheitlich für das ganze Heerwesen anordne nach dem System der Wirkungen, dem wir nachspüren wollen, sondern wenn ich diese Wirkungen je gesondert betrachte innerhalb der einzelnen Gebiete der Heeresausrüstung, und zwar, wie die folgenden Kapitelüberschriften ausweisen: II. Die Grundsätze der Heeresausrüstung insbesondere auf dem Gebiet der Bewaffnung, der Beköstigung, der Bekleidung und der Beförderung mittels Schiffen. Was mich zu dieser Anordnung bestimmt, ist die Erwägung, daß die Wirkungen, die die Armeen je innerhalb dieser einzelnen Gebiete der Ausrüstung auf das Wirtschaftsleben ausüben, zu verschiedener Natur sind, als daß man sie nicht in ihrer Zusammengehörigkeit betrachten müßte. Dem Übelstande, daß bei dieser Anordnung gelegentliche Wiederholungen unvermeidlich sind (wenn auf verschiedenen Gebieten der Heeresversorgung gleiche Wirkungen zutage treten), habe ich dadurch abzuhelfen versucht, daß ich die an verschiedenen Stellen gleich erscheinenden Zusammenhänge an einer Stelle ausführlicher erörtert und an den anderen Stellen nur andeutungsweise, unter Verweisung auf die Hauptstelle, behandelt habe. Anmerkung: Ich habe in meiner Darstellung die Berittenmachung (das Kemontewesen) nur im Vorbeigehen (hei der Besprechung des Militärlieferungshandels) erwähnt, die Behausung (Kasernierung) der Truppen ganz unberücksichtigt gelassen, weil das Material, das ich darüber gesammelt habe, mir keine besondere Ausbeute an eigenartigen Gesichtspunkten gewährte, die es gerechtfertigt hätten, diese beiden Gebiete der Heeresausrüstung in besonderen Kapiteln abzuhandeln. i jfe . 3 k*. JC * 1 * iF 1L Drittes Kapitel: Die Bewaffnung der Heere I. Das Eindringen der Feuerwaffen Bei der Bewaffnung der Heere und ihrer Neuordnung zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert spielt die Technik wenn auch nicht die ausschlaggebende so doch eine entscheidende Rolle. Das technische Phänomen, das den umgestaltenden Einfluß ausübt, ist, wie man weiß, die Nutzbarmachung der im Schießpulver gebundenen Energien zum Schleudern von Geschossen. Die Apparate, die diese Erfindung nutzbar machen, sind einerseits die Kanonen, anderseits die Handfeuerwaffen, beide unterschieden danach, ob der Apparat leicht genug ist, von jedem Krieger selbst getragen zu werden, oder ob zu seiner Fortbewegung größere Kräfte, als sie in einem Menschen gebunden sind, erheischt werden. Ich setze die technische Entwicklung dieser neuen Wurfmaschinen, die den seltsamen Namen Feuerwaffen erhalten haben, als bekannt voraus und mache im folgenden einige Angaben, die ihre Anwendung betreffen. Die Anwendung der Feuerwaffen hat einen sehr verschiedenen Sinn, je nachdem es sich um Geschütze oder um Handfeuerwaffen handelt: jene traten neu zu der vorhandenen Bewaffnung hinzu und verdrängten höchstens die alten Belagerungsmaschinen (wie Sturmböcke, Steinschleudermaschinen usw.), die aber innerhalb des gesamten Kriegswesens nur eine untergeordnete Bedeutung gehabt hatten. Die Handfeuerwaffen hingegen traten an die Stelle der bis dahin üblichen Trutzwaffen. Ihr Vordringen I. Das Eindringen der Feuerwaffen 75 bedeutete also einen Kampf zwischen alter und neuer Bewaffnung, was in der folgenden Darstellung gebührenden Ausdruck finden wird. /. Die Geschütze Es genügt, wenn wir die Zeit ungefähr abgrenzen, in der die Geschütze zuerst zur Anwendung gelangt sind: ihre fernere Geschichte, soweit sie nicht technischer Natur ist und also hier nicht hingehört, erschöpft sich in der quantitativen Zunahme dieser neuen Waffe nach Menge und Größe, worüber in dem Abschnitt, der die Ausdehnung des Bedarfs handelt, zu reden sein wird. Das Jahr, in dem zuerst ein „Feuergesehütz“ im Kriege benutzt worden ist, läßt sich annähernd genau bestimmen: es liegt im zweiten oder dritten Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts. Vielleicht ist es das Todesjahr Dantes: 1321. Die Stadt Mons hat 1319 schon einen „Mattre de l’artillerie“ 10 °. Aber das Wort Artillerie hatte damals noch einen anderen Sinn, als es später bekam. Wir können deshalb aus dieser Bezeichnung eines Waffenbeamten noch nicht mit voller Sicherheit auf das Vorhandensein von Feuergeschützen schließen. Diese werden mit Bestimmtheit erst in der Chronik von Metz aus dem Jahre 1324 erwähnt 101 . Aus dem Jahre 1326 stammt dann ein Schriftstück, in dem schon von metallenen Kanonen und schmiedeeisernen Kugeln die Bede ist 102 (während die erste gegossene Eisenkugel nach Biringuccio im Kriege Karls VIII. gegen Ferdinand (1495) zur Verwendung gelangt sein soll). Bald darauf erfahren Avir von der Verwendung von Feuergeschützen in einer Schlacht: 1327 bedient sich Eduard III. der Crakys in Schottland. Eduard soll die neue Waffe von Flamländern, die damals an der Spitze der Militärtechnik standen, erhalten haben. Von einer Verwendung der neuen Waffe in Flandern und Brabant selbst erfahren wir aus so früher Zeit nichts. Dagegen weisen nach 1360 alle Stadthausrechnungen 76 Drittes Kapitel: Die Bewaffnung der Heere dieser Länder Kanonen auf 103 . 1331 soll Alicantes beschossen sein mit „pelotas de hierro, que se lanzaron con fuego“ 104 . Von Schiffsgeschützen erfahren wir zuerst im Jahre 1338: in diesem Jahre finden wir drei eiserne Kanonen und eine Handkanone mit Kammern unter den Ausrüstungsgegenständen des „Christophe of the Tower“, einem Königsschiff; die „Mary of the Tower“ hat eine eiserne mit zwei Kammern und eine bronzene mit einer Kammer; „Bernard of the Tower“ endlich hat zwei eiserne Kanonen 105 . Aber erst seit 1373 werden Kanonen, Pulver, Geschosse häufiger unter dem Bestände der englischen Schiffe erwähnt. In Deutschland war der erste, der ein Pulvergeschütz gebraucht hat, Herzog Albrecht II. von Braunschweig-Gruben- hagen bei der Verteidigung seines Schlosses Salzderhelden im Jahre 1365 106 . Im folgenden Jahrhundert hat schon alle Welt Kanonen: außer den Fürsten die Seigneurs, die Städte, die Korporationen. Zur vollen Entfaltung sehen wir die Artillerie am Ende des 15. Jahrhunderts in den Armeen Karls VIII. gelangt, der bereits vier Geschütze auf tausend Mann rechnete. Die wachsende Anzahl der zur Verwendung gelangenden Kanonen läßt der folgende Abschnitt erkennen. 2. Die Handfeuerwaffen Die erste Verwendung der Handfeuerwaffen verliert sich auch ins 14. Jahrhundert. Aber während des ganzen 15. Jahrhunderts treten sie doch neben den alten Trutzwaffen in den Hintergrund. Wenn es im Reichsabschied von 1431 heißt 107 : daß jeglicher soll „halb mit büchsen und halb mit armbrüsten, pfeilen, blei, pulver und was dazu gehöret“ versehen sein, so dürfen wir annehmen, daß dies Verhältnis der 'Waffengattungen von 1:1 nicht mehr wie ein frommer Wunsch war. Selbst im Jahre 1467, wo ein Reichsabschied den Kampf wider die Türken organisiert und dieselbe Bewaffnung für das Fußvolk: I. Das Eindringen der Feuerwaffen 77 die Hälfte Handbüchsen, die Hälfte Armbrüste, vorschreibt, •wird sicher die Wirklichkeit der Vorschrift noch nicht entsprochen, wird der Anteil der Feuerwaffen viel geringer gewesen sein. Wir sind zu diesem Schlüsse gezwungen, wenn wir die Berichte des 15. Jahrhunderts lesen, die von der tatsächlichen Ausrüstung der Heere mit Feuerwaffen erzählen: unter den 80 000 (?) Mann, die 1427 das hussitische Böhmen überzogen, befanden sich etwa 200 Handbüchsen 103 ; unter 1000 Mann zu Fuß, beim Zuge der Brandenburger gegen Stettin im Jahre 1429 waren 50 mit Handbüchsen bewaffnet 108 ; in dem Züricher Aufgebot des Jahres 1440, das aus 2770 Mann bestand, hatten 61 Feuergewehre. Es hieß also gewiß schon das Äußerste fordern, wenn in dem Aufgebot des Kurfürsten Friedrich von Sachsen im Jahre 1448 verlangt wird 109 : die Städte sollen kommen: ein Viertel mit Armbrüsten, ein Viertel mit Spießen, ein Viertel mit eisernen Kornheuern und ein Viertel mit guten Handbüchsen. Dieses Verhältnis der Feuer- zu den anderen Waffen 1:3 kehrt im 15. Jahrhundert noch häufiger in den Aufgeboten deutscher Fürsten wieder: z. B. in dem Albrecht Achills vom Jahre 1477 (gegen Sagan): „ein viertel, die sollen buchsen-schützen sein“ 110 . Den wirklichen Anteil der Handfeuerwaffen an der Gesamtbewaffnung (der Fußtruppen) setzt einer der besten Kenner der Geschichte der Handfeuerwaffen für das Ende des 15. Jahrhunderts: in Spanien mit einem Drittel, in Deutschland mit einem Sechstel, in Frankreich mit einem Zehntel an 111 . Erst das 16. Jahrhundert bringt den Feuerwaffen die Parität mit den anderen Waffen (also nun vor allem den Piken), das Verhältnis 1:1. Die Spanier sind es, die diesen Fortschritt bewirken: das im 16. Jahrhundert auf dem Gebiete des Militärwesens führende Volk. Eine Epoche in der Geschichte der Handfeuerwaffen hatte das Gefecht der spanischen Arkebuseros bei Pavia im Jahre 1525 gebildet. Das Genie Albas hob dann die spanischen Truppen zum höchsten Gipfel 78 Drittes Kapitel: Die Bewaffnung der Heere der Leistungsfähigkeit empor. Er ist der erste, der die Hälfte seiner Truppen mit Feuerwaffen versieht, indem er 1. jeder einzelnen Compania 20 Musketiere heigibt und 2. zu jedem tercio zwei überhaupt nur aus Schützen bestehende Kompagnien hinzufügt 112 . Die übrigen Länder werden hinter diesem Verhältnis etwas zurückgeblieben sein: die Reichsfußknechtbestallung von 1570 113 will in den §§ 220—222 zwar die gesamte Armee mit Feuerwaffen ausgerüstet sehen, wird aber, wie wir annehmen dürfen, wiederum den Mund etwas vollgenommen haben. Frönsperger (1573) 114 rechnet auf eine Gesamtzahl von 4000 Mann: 2500 Spieße und 1500 Feuergewehre; das wäre ein Verhältnis wie 5 : 3. Was im 16. Jahrhundert Alba, bedeutet im 17. Jahrhundert Gustav Adolf für die Geschichte der Handfeuerwaffen 115 . Er beschränkte die Zahl der Pikeniere auf ein Drittel des Fußvolks und ersetzte die abgehenden nur durch Musketiere, so daß es 1621 schon ganze Musketierregimenter gab wie das Regiment des Generals Banner bei Breitenfeld und etwas später das des jungen Grafen Thun. Aber das ganze 17. Jahrhundert hindurch muß doch die Handfeuerwaffe noch um ihren Sieg kämpfen. Noch ein so erfahrener Kriegsführer wie Montecuculi nennt die Pike die Königin der Waffen und erachtet bei einem Regiment von 1500 Köpfen folgende Waffenverteilung für richtig: 60 Offiziere, 480 Pikeniere, 80 Schildträger, 880 Musketiere 116 . Am Ende des 17. Jahrhunderts entscheidet eine Erfindung den vollständigen Sieg des Feuergewehres: das Bajonett, das zwischen 1680 und 1700 eingeführt wird. Es enthält die Lösung des Zwiespalts zwischen Stoß- und Schußwaffe, indem es sie beide in einer Waffe vereinigt. Gleichzeitig wird die schwerfällige Muskete durch die leichtere Flinte ersetzt. In Brandenburg-Preußen verschwinden die Pikeniei'e unter dem Großen Kurfürsten ganz 117 ; in Frankreich hat bis zum II. Die Neuordnung des Bewaffnungswesens 79 Ende des 17. Jahrhunderts die Hälfte der Infanterie, bis zum Ende der Regierung Ludwigs XIY. die ganze Infanterie als Trutzwaffe die Flinte mit dem Bajonett 118 . Die Papierpatrone wird in der brandenburgischen Armee 1670, in der französischen 1690 eingeführt 119 . Damit ist bei den beiden großen Militärmächten der Sieg der Handfeuerwaffen besiegelt. II. Die Neuordnung des Bewaffnungswesens Die „Bewaffnung“ als ein organisatorischer Vorgang, das beißt die Art und Weise, wie der Krieger zu seiner Waffe kommt, kann sehr verschieden gestaltet sein, wie wir in dem „theoretischen“ Überblick über die Möglichkeiten der Ausrüstung schon erfahren haben. Ich verzeichne hier kurz die für uns entscheidenden Veränderungen, die das Bewaffnungs- wesen während der frühkapitalistischen Epoche erfahren hat. Der Krieger des Mittelalters, mochte er Ritter oder Landstürmer oder Söldner sein, brachte der Regel nach seine Waffe und Wehr seihst mit. Das mußte sich ändern, und zwar zunächst aus rein produktionstechnischen, äußeren Gründen, als man aus Kanonen mit Pulver zu schießen gelernt hatte. Diese Waffen konnte der Einzelkrieger beim besten Willen nicht selbst mitbringen. Wir sehen deshalb frühzeitig Städte und Staaten sich um die Beschaffung der groben Geschütze kümmern. Den äußeren Ausdruck findet diese Fürsorge in der Anlage von Zeughäusern oder Arsenalen, in denen die Kanonen, die man jeweils einer Truppe zur Verfügung stellte, aufbewahrt wurden. Anfangs sind es städtische, später staatliche Arsenale. So hat im 15. Jahrhundert die Stadt Paris ein prächtig ausgestattetes Zeughaus 120 ; ebenso die Städte Mons, Brügge 121 . Im 16. Jahrhundert bemühten sich die Fürsten, zahlreiche Arsenale zu errichten. Allen voran waren die beiden großen 80 Drittes Kapitel: Die Bewaffnung der Heere Militärmächte der Zukunft, Frankreich und Brandenburg- Preußen: bis 1540 errichtet Franzi. 11 Arsenale und Magazine; schon 1535 bewundert der venetianische Gesandte Giustiniani die französischen Kanonen, die er höher schätzt als die Italiens. Am Ende des Jahrhunderts besitzt Frankreich 13 Arsenale 122 . Neander von Petershaiden erzählt uns in seinem „Instruktionsbuch“, daß die Kurfürsten von Brandenburg im Laufe des 16. Jahrhunderts Zeughäuser in allen Schlössern und Festungen der Mark und Preußens angelegt und die nötigen Waffen dazu aufbewahrt hätten 12S . Dasselbe hören wir von Heinrich VIII. von England, wo im Tower, in Westminster und Greenwich die großen Zeughäuser waren 124 . Berühmt war das Arsenal der Republik Venedig, das uns ein deutscher Reisender, Andreas Ryff, im Jahre 1599 wie folgt beschreibt: „In dreyen gewaltigen langen Sälen, do ein jeder Sal 3 geng hat, haben sy harniss, Schitzenhauben, lange Spiess, halbardten, Partesanen, Sytenwehr (alle bloss onne scheiden), muschgeten, hocken und in Summa alle ervorderte nothdurft, Axen, Beyel, schöufflen, Bickel Houwen, Hartz-Pfanen, uff 70 thousent man zuo fuoss“ 125 . Welche Ausdehnung die Zeughäuser bis zum Ende des 17. Jahrhunderts in allen europäischen Staaten gewonnen hatten, lehrt uns ein Blick in „Das neueröffnete Arsenal“ 126 , das uns im vierten Abschnitt ein Verzeichnis gibt „von den Stellen, wo Geschütz und Ammunition verfertigt, aufbehalten und gebraucht wird“. Auch die Übersicht, die ich weiter unten über die Mengen der wirklich vorhandenen und bedurften Geschütze gebe, wird noch einigen Aufschluß über die Zeughäuser Europas um jene Zeit bringen. Nun ist aber hier anzumerken, daß in den Arsenalen und Zeughäusern keineswegs nur das „grobe Geschütz“ aufbewahrt wurde, daß in ihnen vielmehr auch Schutz- und Trutzwaffen anderer Art lagen. Damit ist die Tatsache er- II. Die Neuordnung des Bewaffnungswesens 81 •wiesen, daß das gesamte Bewaffnungswesen in der Zeit vom 15. bis 17. Jahrhundert von einer Tendenz zur Verstaatlichung ergriffen wird, da natürlich die in den Zeughäusern stapelnden Waffen dazu dienten, den Kriegern unentgeltlich oder gegen Entgelt, das bleibt sich gleich, geliefert zu werden. Die nachweislich erste Versorgung der Krieger mit Waffen durch den Staat fand bei dem nach der alten Heeresfolge übriggebliebenen Aufgebote der Bevölkerung statt, wenn ein Krieg ausgebrochen war. Der schon erwähnte Neander von Petershaiden bemerkt ausdrücklich, daß die Waffen in den Zeughäusern aufbewahrt wurden, um dieses Aufgebot aus- .zurüsten. Ähnliche Ausrüstungen der „Defensioners“ werden uns aus den kursächsischen Landen berichtet: 1618 wird ein Begiment Arkebusier Heiter in Sachsen angeworben, das die Waffen aus dem Zeughause in Dresden erhält 127 . Dann dehnt sich das System der staatlichen Waffenlieferung allmählich auf alle Truppen aus. Im 17. Jahrhundert, in dem so vieles Neue zur Welt gebracht wird, vollzieht sich die Wandlung. Wir können in jener Zeit noch deutlich die verschiedenen Übergangszustände beobachten, die sich aus der Umwandlung der privaten in eine staatliche Versorgung mit Waffen ergeben können: 1. Der Krieger bringt einen Teil der Waffen mit, die andern liefert ihm der Staat. Das bestimmt z. B. der Dänische Artikelbrief in Art. 51: es soll „ein jeglicher Soldat zu Fuß auf dem Musterplatze einen guten Degen, ein Kürassier gleichermaßen einen guten Degen und ein Paar gute Pistolen und ein Arquebusier seinen Degen und eine gute Pistole mit sich bringen“; dagegen: „mit den übrigen Waffen und Wehren wollen wir sie versorgen und soll einem Soldaten zu Fuß für seine Obergewehre in 6 Monat 1 Monatsold abgekürzt werden, die Kürassiere sollen ihre Kürasse vor 15 Rttlr., die Arquebusier ihre Brust- und Bückstücke ... vor 11 Rttlr. annehmen“ 128 . Dieser Abzug vom Sold wurde die übliche Form des Entgeltes. Sombart, Krieg und Kapitalismus 6 82 Drittes Kapitel: Die Bewaffnung der Heere 2. Der Oberst beschafft die Waffen einheitlich und zieht den Knechten den Betrag monatsweise ab. In diesem Sinne schließen die Kurfürsten von Brandenburg in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts ihre Bestallungsverträge mit den. Obersten ah. So verpflichtet sich der Oberst Hildebrand von Kracht in einem Bestallungsvertrag vom 1. Mai 1620, 1000 ,deutsche Knechte“ zu liefern: davon 600 Musketiere „mit ihren Mosqueten von einer gebührlichen Länge auch genügsamer Schwere und Kugel“, 400 Pikeniere „mit Brust-, Ilintevstück und eisernen Sturmhauben“ ,29 . 3. Die Waffen werden entweder in natura geliefert, oder die Soldaten bekommen ein besonderes Waffengeld. Das ist wohl der Sinn des Reskripts Kurfürsts Friedrich Wilhelm vom 24. 4. 1681, in dem es heißt: „Wir wollen auch ferner die gnädigste Verfügung thun, daß allen Regimentern gute zweilöthige Musqueten und denen, die es von nöthen haben, neue Kurtzgewehre, Pique und Schweinsfedern, entweder aus Unsern Zeughäusern in natura gegeben oder ihnen die Nothturft an Gelde dazu gereichet werden soll 180 .“ Daneben kommt aber das ganze 17. Jahrhundert hindurch auch schon die vollständige Lieferung der Waffen durch den Staat vor. Am 4. Mai 1626 wirbt Hans Wolf von der Heyden 5 Kompagnien „Harquehusier-Reuter“ an: Rüstungen und Bandelierröhren bekamen die Reiter gegen Abzug eines Monatssoldes geliefert 181 . Im Bestallungsbrief für den Obersten Ehrentreich von Burgsdorf vom 6. Oktober 1644 heißt es 132 : „Das Gewehr anlangendt, werden Wir dasselbige der Not- turft nach an und beyschaffen und dafür einen Monat Soldt abziehen. Die Cornet und Trompeten, Fahnen werden Wir auch selber undt an die Handt schaffen undt auch also fort bey der Musterung den Mustermonat an 20929 Thlr. geben und auszahlen lassen.“ Der Große Kurfürst an den Fürsten von Anhalt (Archiv Zerbst) 10./20. September 1674 183 : „Soviel nun anfänglich die Mundierung der wieder genesenen 124 Reuter betrifft, darauf haben Ew. Lbd. an Unsern Rath und Geh. Cämmerer Heidekampfen beigehend eine Assig- nation auf 1800 RTlr. zu empfangen, wie Wir dann demselben auch die Nothdurft an Pistolen, Degen und Carabinern aus unserm Zeughause zu Spandow reichen lassen wollen.“ (Anzumerken ist: daß die Reiterei aus dem Zeughaus mit Waffen versehen wurde, war die Ausnahme.) II. Die Neuordnung des Bewaffnungswesens 83 Aber die Neuordnung des Bewaffnungswesens wird uns doch erst dann in seiner ganzen charakteristischen Bedeutung verständlich, wenn wir in Erfahrung bringen, daß im Zusammenhänge mit der Verstaatlichung sich gleichzeitig eine Vereinheitlichung in der Gestaltung der Waffen, eine Uniformierung also des gesamten Waffenwesens vollzog. Wir wollen uns mit allem Bedacht bewußt werden, daß hiermit eine Ideenrichtung und ein Gebaren in die Welt kamen, deren kulturgestaltende Macht gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, die heute noch immer weiter und immer rascher um sich greifen und (jetzt befördert von den Interessen des Kapitalismus) unser gesamtes Dasein zu bestimmen und zu ordnen sich nun erst recht anschicken: daß in jenen Gedanken die Idee der Vereinheitlichung unserer Gebrauchsgüter zuerst auftaucht. In keiner früheren Zeit des europäischen Mittelalters, ehe nicht die militärische Notdurft dazu antrieb, war ein Mensch auf den Gedanken verfallen: es sei ein wesentlicher Wert mit der Tatsache verbunden, daß zwei Dinge sich völlig gleich seien. Wie es in der Schöpfung nicht zwei völlig gleiche Gegenstände gibt, so hatte auch der nach schaffende Mensch wie von selbst niemals etwas ebenso wieder gemacht wie vorher: jedes Bauwerk, jedes Kleidungsstück, jedes Möbel, jede Waffe der früheren Zeit beweist es uns. Wir kennen diese Launenhaftigkeit aller mittelalterlichen Produktion, die ja bloß ein äußerer Ausdruck der natürlichen Undiszipliniertheit des Menschen ist: auch keine Rechnung stimmt ja in einem mittelalterlichen Buche. Es ist hier gewiß nicht zu verfolgen, wie die innere Disziplinierung der mittelalterlichen Menschen zuerst in der Askese, im Kloster, vorgenommen wird, wie die erste Zeiteinteilung wahrscheinlich durch den Zwang zum regelmäßigen Gebet geschaffen wird. Die andere Form der Askese aber ist, darauf habe ich schon aufmerksam gemacht, die Erziehung zur militärischen Disziplin; und einen äußeren Ausdruck findet 6 * 84 Drittes Kapitel: Die Bewaffnung der Heere diese Disziplinierung, die ja nichts anderes als Rationalisierung und Mechanisierung ist, in der Vereinheitlichung der vom Krieger bedurften Sachgüter, vor allem seiner Waifen. Einen äußeren Ausdruck und dann doch auch wieder eine wesentliche Förderung: innerliche und äußerliche Uniformierung bedingen sich eben wechselseitig. Bis ins 16. Jahrhundert hinein waren Waifen und Wehr jedes einzelnen Kriegers von denen des andern verschieden gewesen: beim Ritter natürlich, aber auch beim Fußvolk, selbst noch bei den neuen Gewalthaufen der Schweizer, die noch allerhand Kurzwehren, Streitäxte, Morgensterne und vor allem Hellebarden führten, selbst noch als die Feuerwaffen aufkommen: „Kaliber, Form und Name sind in das Belieben derer gestellt, die sie kaufen oder machen lassen“ („Calibres, faQons et noms ötant selon la volontö de ceulx qui les achep- tent ou les font faire“) heißt es in der Treille 1567 134 . Das erste Beispiel einer gleichförmigen Bewaffnung größerer Scharen bieten wohl die langen Spieße der Landsknechte im 16. Jahrhundert 135 , deren Einheitlichkeit unmittelbar aus der Grundidee des auf Massenwirkung hinzielenden modernen Truppenkörpers folgte. Entindividualisierung hier wie dort. Dann aber bietet natürlich die Feuerwaffe einen neuen, gleichsam produktionstechnischen Anlaß zur Uniformierung. Ende des 16. Jahrhunderts bieten die Augsburger Büchsenmacher dem Herzog Wilhelm von Bayern 900 Handrohre an, „so alle auf eine Kugel gerichtet“ 136 , was also noch ungewöhnlich war. Nun hält der Begriff des Kalibers seinen Einzug in die Welt der Waffen: 1540 erfindet Hartmann in Nürnberg den Kalibermaßstab. Schon unter Franz I. und Heinrich II. von Frankreich wird die Zahl der Kaliber bei Kanonen auf sechs eingeschränkt: les 6 calibres de France, die bis zum Ende der Regierungszeit Ludwigs XIII. in Geltung bleiben. III. Der Bedarf an Waffen 85 1663 wird die Zahl der Kaliber merkwürdigerweise (man wollte die Fortschritte der Technik berücksichtigen) auf 17 erhöht. Die Ordonnanz vom 7. Oktober 1732 reduziert die Zahl wieder auf 5: 24, 16, 12, 8, 4 U , entsprechend den fünf gleichen Arten von Lafetten 187 . Die Kugeln werden ganz genau abgewogen. 1733 wird die Uniformierung auf alle Schußwaffen ausgedehnt: Einheitlichkeit wird das Gesetz für die Flinten, die Musketen und die Pistolen. In Preußen wird ein Normalkaliber für Kanonen (3, 6, 12, 24 U) durch General von Linger im 18. Jahrhundert eingeführt 188 . III. Der Bedarf an Waffen Der Bedarf an Waffen, das folgt unmittelbar aus dem, was wir jetzt in Erfahrung gebracht haben, weitet sich aus. Extensiv gleichsam drängt auf seine Vermehrung hin die Vergrößerung der Heere und Flotten, intensiv wirkt in gleicher Richtung die immer bessere Ausrüstung der Truppen: tritt ja doch, wie wir sehen, der Bedarf an Artilleriematerial ganz neu zu dem schon vorhandenen Waffenbedarf hinzu. Gleichzeitig vereinheitlicht sich der Bedarf durch zunehmende Uniformierung und ballt sich zu immer größeren Massen zusammen, infolge der fortschreitenden Verstaatlichung der Waffenlieferung. Was wir so aus allgemeinen Betrachtungen einsehen können, bestätigen uns die ziffernmäßigen Ausweise über die tatsächliche Höhe des Bedarfs, deren wir freilich gern noch mehrere und genauere und umfassendere hätten. Aber auch was wir an statistischen Angaben über den Waffenbedarf während der Periode, die wir betrachten, besitzen, gibt uns manchen Fingerzeig und gestattet uns, ziemlich sichere Schlüsse auf den Gesamtumfang des Bedarfs an Waffen. Vor 86 Drittes Kapitel: Die Bewaffnung der Heere allem können wir mit hinreichender Deutlichkeit verfolgen, wie rasch und wie nachhaltig sieh dieser Bedarf während der verhältnismäßig kurzen Spanne weniger Jahrhunderte oder gar Jahrzehnte ausdehnt; denn die erste entscheidende Steigerung fällt wiederum in das 17. Jahrhundert. Wie beträchtlich der Bedarf an Waffen wurde, können wir mit Händen greifen, wenn wir ganz kleine Fürstentümer oder Staatsherrschaften auf ihren Waffenbedarf hin ansehen und selbst in ganz beschränktem Rahmen großen Ziffern begegnen. Ich greife als Beispiel wiederum das Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel heraus, weil wir über die geschichtliche Entwicklung seines Waffenwesens eine ganz besonders gewissenhafte und eingehende Darstellung besitzen. Da kostet (im 17. Jahrhundert) eine einzige Belagerung 40426 TI r. nur an Munition 189 , über deren Verwendung uns unterrichtet folgender „Summarischer Extrakt von dem Munitionsverbrauch in der Belagerung Hildesheims, aufgenommen und von der Kriegs-Commission, d. d. Hildesheim 7. September unterschrieben“: Pulver. . . 769 Ctr. 70 Pfd. Lunten. . . 628 Ctr. 24 Pfünd.-Kugeln . . . 3232 Stück 18 „ „ • • . . 74 „ 12 „ „ • • R o CO 8 „ „ . . . . 100 „ 7 „ „ • • . . 1224 „ 8 n • . . 990 „ 2 .... . . 300 „ 1 „„ _ > Cartätschen 1 » J) ' • . . 798 J 100 „ -Granaten (Bomben) 325 „ 50 „ . . . . 403 „ » » R 00 o 3 n » CO 00 00 3 Was schon im 10. Jahrhundert als Artilleriebedarf eines III. Der Bedarf an Waffen 87 kleinen Heeres (von 10000 Fußgängern und 1500 Reitern) angesehen wurde, ergeben folgende Aufstellungen: Ein Überschlag, was von Geschütz für ein Heer von 10000 Fußgängern und 1500 Reitern nötig ist, vom Jahre 1540 im Stadtarchiv zu Stuttgart, verlangt 140 : 4 Scharfmetzen, 4 Nachtigallen, 4 kurze und 2 lange Sängerinnen, 4 große Schlangen, 8 Falconen, 12 Falconetten, 2 Feuerbüchsen, 2 große und 2 kleine Mörser. Das gesamte Metall: 1180 Ztr. kostet . - . 9 440 G., Räder und Gestell . ,. 2 000 „ Die Kugeln.2 315 „ 600 Ztr. Pulver. 8400 „ Zusammen 22 155 G. „Notaverzeichnis, was in einem kleinen Feldzug an Geschütz gehört“: 3 Scharfmetzen (70 Pfd.) für jede 200 Kugeln 60 Ztr. Pulver, 4 Quarten (40 n ) n 33 250 50 rt 33 4 Notschlangen (20 33 ) n 33 300 „ 45 33 3 ) 6 Feldschlangen (11 » ) » rt 300 „ 24 n n 6 Halbschlangen ( 8 n ) » 33 350 „ 18 rt n 6 Falconet ( 6 33 ) n rt 400 „ 12 rt 33 60 Hacken, dazu 20 Ztr. Blei und 8 » 33 Alle Kugeln und Blei wiegen zusammen 1541 Ztr., Alles Pulver. 892 „ Zum Transport gehören 66 Wagen und 330 Pferde U1 . Danach läßt sich leicht bemessen, was von großen Heeren bedurft wurde. Um nur ein paar Ziffern zu nennen: Als die Artillerie Wallensteins in Schlesien zugrunde gegangen war (beim Antritt des zweiten Generalates), schlug er selbst die zur Wiederbeschaffung nötige Summe auf 800000 fl. an 142 . Sully gibt während seiner Regierung 12 Millionen Francs für Waffen und Munition aus 14S . Und die Arsenale enthalten bei seinem Tode noch: 400 Geschütze, 200000 Kugeln, 4 Millionen Pfund Pulver. Ein ganz besonders gieriger Waffenkonsument wurde die Kriegsflotte. Die Felicisima Armada führte mit sich: 88 Drittes Kapitel: Die Bewaffnung der Heere 2431 Kanonen, davon 1497 bronzene, 934 eiserne;. 7000 Arkebusen, 1000 Musketen (außerdem noch 10 000 Piken, 6000 Halbpiken, Schwerter, Äxte usw.). Für die Kanonen waren 123790 Schüsse (50 im Durchschnitt) vorgesehen 144 . Der Bestand der französischen Schilfskanonen versiebenfachte sich unter aer Regierung Colberts: er stieg von 1045 im Jahre 1661 auf 7625 im Jahre 1683, und zwar kam die Vermehrung im wesentlichen den eisernen Kanonen zugute, deren es 1661 erst 475, 1683 dagegen 5619 gab 145 . Dasselbe mächtige Emporwachsen zeigt uns die englische Schiffsartillerie. Der Bestand auf den Schilfen war 146 1548: 2087 Kanonen 1653: 3840 1666: 4460 1700: 8396 An Munition führte ein Schilf wie der Henry Grace ä Dieu (also schon ein Schiff des 16. Jahrhunderts) mit sich 4800 Pfund Serpentin- und 14400 Pfund gekörntes Pulver 147 . Die Armierung des Sovereign of the Seas, des Prachtschilfes Karls I., die aus 102 bronzenen Kanonen bestand, kostete SS 24753—8 sh—8 d 148 . Abermals lernen wir einen ganz neuen Zug in der Bedarfsgestaltung kennen, der allem Mittelalter fremd war, und der offenbar aus dem Interessenzentrum der Kriegsführung in die Güterwelt hineingetragen wurde: das Bedürfnis einer raschen Befriedigung des Bedarfs. Nicht nötig zu sagen, daß mit diesem Streben nach Beschleunigung des Produktionsprozesses die Menschheit wieder einen Schritt aus ihrer natürlichen Daseinsweise, aus ihrem organischen Wachsen heraus auf die Bahn der künstlichen und mechanischen Lebensgestaltung tat. Solange Produktion von Gütern eine vitale Betätigung lebendiger Menschen war, folgte sie ebenso den Gesetzen dieser blutdurchströmten Personenheiten, wie der Wachstumsprozeß III. Der Bedarf an Waffen 89 eines Baumes oder der Zeugungsakt eines Tieres von den inneren Notwendigkeiten dieser Lebewesen Lichtung, Ziel und Maß empfangen. Diese natürlichen Selbstverständlichkeiten des urwüchsigen Lebens wurden in demselben Augenblicke zertrümmert, als von außen her in den organischen Ablauf des Produktionsprozesses hineingegriffen und dessen Dauer von äußeren Zweckmäßigkeiten beeinflußt wurde. Es mußte eine gewaltige Macht sein, die dieses natürliche Sicheinanderfügen von Produktions Vorgang und Bedarfsgestaltung zerstören konnte, und die dem organischen Bedarf einen mechanisch bestimmten überordnen und von diesem aus die gesamte Produktion ebenfalls aus ihren Bahnen zu schleudern und in der Richtung künstlicher Beschleunigung hineinzuzwängen vermochte. Diese Gewalt war das Kriegsinteresse, das sich hier in der Nachfrage nach Waffen äußerte. Man ermesse, was es für einen mittelalterlichen Menschen der als Produzent ein Handwerker war, bedeutete, wenn z. B. im März und April des Jahres 1652 die englische Regierung sofort 335 Kanonen verlangte; im Dezember desselben Jahres gar ankündigte, daß sofort 1500 eiserne Geschütze im Gewicht von 2230 t zu 26 £ die Tonne bedurft würden und außerdem noch ebensoviel Wagen, 117 000 Schuß Kugeln, 5000 Handgranaten, 12000 barreis gekörntes Pulver zu 4 j£ 10 sh. Sofort! Und die Agenten liefen durch das Land und klopften an alle Türen der Kanonenraacher und konnten die plötzliche und riesige Nachfrage doch nicht befriedigen 149 . Damit sind unsere Gedanken aber schon zur Betrachtung eines anderen Problems fortgeschritten, das uns ja am nächsten angeht: zu der Frage, wie die Neugestaltung des Waffen- bedarfs auf das Wirtschaftsleben einwirkte, inwieweit sie insbesondere einen Antrieb zur Entfaltung kapitalistischer Organisationen bieten mußte. 90 Drittes Kapitel: Die Bewaffnung der Heere IV. Die Deckung des wachsenden W affenbedarfs Die Notwendigkeit, den wachsenden Bedarf an Waffen vollständig und rechtzeitig zu decken, gewinnt für die Gestaltung des Wirtschaftslebens eine doppelte Art Bedeutung: zunächst durch die bloße Tatsache, daß die Nachfrage sich zusammenballt, der Absatz also sich ausweitet und dadurch die Möglichkeit einer kapitalistischen Organisation des Handels oder der Produktion geschaffen wird. Diese Wirkung übt der wachsende Bedarf in allen Fällen aus, wo er groß genug wird, mag es sich um die Fortsetzung oder Umbildung schon bestehender Wirtschaftsformen oder um Neuschaffung handeln. In diesem auf dem Gebiete der Waffenerzeugung besonders häufigen Falle tritt dann als eigene Wirkung noch der Einfluß hinzu, den die Neugründungen auf die grundsätzliche Behandlung der wirtschaftlichen Vorgänge ausübten: daß sie diese in besonders starkem Maße rationalisierten. Wir sahen schon, wie aus dem Zentrum der militärischen Interessen sich ein starkes rationales Bedürfnis selbsttätig entwickelt, das dann sich auf die Methode überträgt, mittels deren der Sach- bedarf des Heeres, hier also zunächst der Waffenbedarf, befriedigt wird. Wir werden dann sehen, wie die Betriebe, in denen Waffen hergestellt werden, die ersten sind, die ein modernes Gepräge tragen, wie eine Reihe höchstpotenzierter ökonomischer Grundsätze zuerst bei dem Handel und der Produktion dieser Güterkategorien auftaucht, wodurch ihre Beschaffung auch dann für die Entwicklung des Kapitalismus bedeutsam wird, wenn ihre Form etwa anfänglich nicht die der kapitalistischen Unternehmung, sondern des Staatsbetriebes ist. Die Erzeugung der Waffen selbst bleibt zunächst in den Bahnen, in denen sie das ganze Mittelalter hindurch sich bewegt hatte. Zumal, wo es sich um Waffen handelte, die IV. Die Deckung des wachsenden Waffenbedarfs 91 gleich geblieben waren: das waren also vor allem die blanken Waffen und auch ein Teil der Sehutzwaffen. (Die stählerne Rüstung schrumpfte zwar stark zusammen, erhielt sich aber noch jahrhundertelang in Gestalt von Arm- und Beinschienen und namentlich als Küraß.) Für die Herstellung dieser Waffengattungen hatte sich im Laufe der Jahrhunderte ein blühendes Handwerk entwickelt: die Harnischmacher, Schwertfeger, Klingenschmiede usw., die je an bestimmten Orten zu besonderen Leistungen sich differenziert hatten: die Namen Toledo, Brescia, Nürnberg, Solingen, Lüttich klingen uns sofort im Ohre, wenn wir jener Waffenhandwerker des Mittelalters gedenken. Als die Feuerwaffen aufkamen, wurden sie vielfach an diesen selben berühmten Mittelpunkten der Waffenindustrie in derselben handwerksmäßigen Weise hergestellt. Die Zunft, die sich dieser Produktion bemächtigte, waren die Büchsenmeister. Selbst die Kanonen scheinen in den Anfängen von kleinen Handwerksmeistern einzeln gefertigt zu sein, die man in Frankreich Canoniers, ouvrier en canons, bei uns wohl auch Büchsenmeister oder Feuerwerker nannte. Denn anderes als schlichte Handwerker sind offenbar die in den flandrischen Staatsrechnungen genannten Lieferanten von Kanonen im 14. Jahrhundert nicht. 1379 werden Guill. Parools für 2 Kanonen 72 livres bezahlt; 1402 an Pierre Chauvin, „ouvrier en canons“, für 13 Kanonen usw. Aus den Comptes et recettes generales de Flandre. Arch. de Lille. Rapp, de M. Gachard. Bei M. Guillaume, Org. mil. (1847), 75. „Payd ä Jacot Adam, canonier demeurant ä Damme, pour un gros canon etc. 672 liv.“ „Paye ä Jacques Katelare, canonier demeurant äBruges, pour 5 canon en fer . 444 liv. 10 s.“ usw. Compte de J. Abonnel, fol. 55, 183 etc. A. 1431 1. c. 100. Ob es sich in diesen Fällen um schmiedeeiserne Kanonen gehandelt hat, die in den ersten Anfängen des Geschützwesens Vorkommen (noch im 16. Jahrhundert finden sich in dem Inventar eines spanischen Schiffes neben nur 10 Geschützen 92 Drittes Kapitel: Die Bewaffnung der Heere aus Gußeisen 31 aus Schmiedeeisen) 15 °, ist nicht zu ermitteln. Es ist wahrscheinlich. Obwohl auch das Gießerhandwerk (Glockengießerei!) seit langen Zeiten bestand, der Guß einer Kanone sehr wohl also auch im Kähmen des Handwerks erfolgen konnte. Aber Menge und Art der verlangten Waffen mußten doch im Laufe der Zeit das alte Waffenhandwerk zersprengen. (Daß es nicht die geographische Ausweitung des Absatzes war, die dem Handwerk gefährlich wurde, zeigt das Beispiel der Waffenindustrie besonders deutlich. Wie in so vielen Fällen fällt auch hier die Entwicklung zu kapitalistischen Formen der Produktion mit einer Tendenz zu deren Lokalisierung und Nationalisierung zusammen. Das Absatzgebiet des mittelalterlichen Waffenhandwerks ist jedenfalls nicht beschränkter gewesen als das der kapitalistischen Waffenindustrie.) Quantum und Quäle des neuen Bedarfs führte den Niedergang des Handwerks herbei. Freilich, in gewissen Grenzen erhielt sich die handwerksmäßige Waffenerzeugung noch jahrhundertelang, wie sie sich wohl bis in unsere Zeit hinein erhalten hat. Die Klingenschmiede von Toledo und Brescia bewahren ihren Ruf als individualisierende Handwerker, und noch im 17. Jahrhundert gibt es eine große Menge persönlich zeichnender Büchsenschmiede in allen Ländern Europas, vornehmlich in Frankreich 161 . Aber das blieben die Ausnahmen. Die große Masse der Waffenproduktion ging dem Handwerk verloren, das weder so große Mengen, so rasch und so einheitlich wie verlangt wurde, liefern konnte, noch den Anforderungen der fortschreitenden Technik, wenigstens was die Feuerwaffen angeht, gerecht zu werden vermochte. Ganz besonders galt das von dem Gewehr. Die alte Knallbüchse ohne Schäftung konnte allenfalls jeder Handwerker allein ohne wesentliche Hilfe machen. Ganz andere Ansprüche aber stellten die neuen Büchsen mit ihren langen, ausgebohrten und polierten Rohren, III. Die Deckung des wachsenden Waffen!)edarfs 93 mit Rad- oder Schnapphahnschloß, mit Ladestock und Holzschäftung. Die sachgemäße Anfertigung eines solchen Gewehres setzte eine weitgehende Spezialisation der Arbeitsverrichtungen und einen ausgedehnten Apparat von Arbeitsmaschinen und Werkzeugen voraus. Zunächst wurde dem Büelisenschmied die Herstellung der sogenannten Platinen, der Bleche, aus denen man die Rohre schmiedete, abgenommen und den Reck- oder Zainhämmern, die man wohl auch Platinenhammer nannte, wenn sie sich hauptsächlich mit der Anfertigung von Platinen befaßten, zugewiesen 162 . Eine Zeitlang schmiedete dann der Büchsenmacher die ganze Büchse zu Ende, bis auch in diesem Teile des Arbeitsprozesses die Spezialisation um sich griff, die bis zum Ende des 18. Jahrhunderts bis zu einer Zerlegung der Gesamtarbeitsverrichtungen in etwa 12 Teilverrichtungen fortgeschritten war. Schon im 16. Jahrhundert hören wir, daß leichtere Arbeiten bei der Gewehrfabrikation von Frauen besorgt wurden. Damit war also das Gewerbe auch aus technischen Gründen für den Kapitalismus reif. Die Betriebsformen, deren sich der Kapitalismus bei der Aufsaugung (oder aber Ausweitung) des Waffenhandwerks bediente, waren das Verlagssystem und der Großbetrieb. Wir dürfen annehmen, daß die Kaufleute, die den alten handwerksmäßigen Waffenschmieden ihre Erzeugnisse abgenommen hatten, um sie auf den Märkten und Messen feilzuhalten, die Organisatoren der kapitalistischen Waffenindustrie namentlich dort wurden, wo sie uns als Hausindustrie entgegentritt. Das interessanteste und bedeutendste Beispiel dieser Entwicklung des alten Waffenhandwerks zum Verlagssystem bietet die Waffenindustrie von Suhl 168 , die frühzeitig berühmt wurde und vor der Zerstörung Suhls durch Tilly wohl die bedeutendste in Europa war: die größte Blüte Suhls fällt in die Zeit zwischen 1500 und 1634. Wir haben eine poetische Schilderung der Suhler Industrie vom Jahre 1600 aus 94 Drittes Kapitel: Die Bewaffnung der Heere der Feder Joh. Wendeis, Rektors zu Suhl, der uns erzählt, daß damals die Suhler Gewehrhändler die Erzeugnisse des Ortes nach Spanien und Frankreich, nach der Schweiz und Venedig vertrieben; daß sie ins polnische Zeughaus nach Krakau, nach Wilna, nach Livland, Preußen und Danzig, besonders aber in die kaiserlichen Lande zum Krieg gegen die Türken Waffen geliefert hätten. Im Jahre 1634 wird Suhl „das Zeughaus Deutschlands“ genannt. Leider besitzen wir aus jener Blütezeit der Suhler Waffenindustrie keinerlei Statistik, aus der die produzierten Mengen zu ersehen wären. Aber es sind doch genug Zeugnisse vorhanden, die uns die Größe jener ersten deutschen Waffenindustrie bestätigen, und die uns auch Einblick gewähren in die innigen Zusammenhänge, die zwischen den Heeresverwaltungen und den Suhler Verlegern bestanden. Die Ziffern, über die die Bestellungen lauten, zeigen uns, wie weit schon im 16. Jahrhundert die Zusammenballung des Waffenbedarfs fortgeschritten war. Ich teile hier einige solcher Lieferungen nach Menge und Besteller mit: 1586 bestellt Bern in Suhla (Suhl) 2000 Handbüchsen mit Luntenschloß und 500 Musketen mit Radschloß; 1590 nach dem Brande dieses Jahres schickte Rudolf II. Bevollmächtigte aus Prag nach S., welche „viele Tausende“ Musketen bestellten, sehr auf Beschleunigung der Lieferung drangen und als besonderen Vorteil die Befreiung von allen Donauzöllen von Regensburg nach Wien versprachen; 1596 liefert Simon Stöhr, der einer der größten Verleger war und dem wir in jenen Jahren immer wieder begegnen, der pfälzischen Regierung zu Neuburg binnen 14 (!) Tagen 160 Musketen mit Pfannenzündern und aufgehenden Pfannen samt dazu gehörigen Modellen, Wischern, Gabeln, großen und kleinen Pulverflaschen sowie 160 Schilt- und Halbhaken, auch Halbhaken mit schwarzen krummen Schäften nebst Zubehör; 1600 liefert derselbe Simon Stöhr 6000 Rohre mit dem königlichen Wappen nach Dänemark; 1621 im Februar meldet der Zeugmeister Büchner in Dresden, daß von den in Suhl bestellten 4000 Musketen 2000 angekommen seien. IY. Die Deckung des wachsenden Waffenbedarfs 95 Andere ähnliche Einkäufe der sächsischen Armee kommen auch in den folgenden .Jahren vor. Daß auch nach der Zerstörung im Dreißigjährigen Kriege Suhl große Mengen Waffen liefern konnte, ersehen wir aus den Aufträgen, die im Anfang des 18. Jahrhunderts die preußische Heeresverwaltung erteilt. In der General-Kriegskassenrechnung vom 1. Juni 1713 bis letzten März 1715 heißt es auf S. 296: Nr. 35: Aprilis 1715 dem Daniel Löscher zum Voraus und auf die Hand auf die in Sula verdungenen 3000 Stück Eisern Cürasse zufolge Ordre vom 9. April 1715 . . 1000 Thlr. In der des folgenden Jahres auf S. 310: Nr. 52: July 1715 denen Livranten Löscher und Hoffmann zu ihrer gäntzlichen Befriedigung vor die zu Sula angefertigten 3000 Stück eysern Cürasse, welche sich in allem auf 7739 Thlr. 3 Gr. 6 Pf. betragen .... 5739 Thlr. 3 Gr. 6 Pf. Ein anderes Zentrum der Waffenindustrie in Deutschland, wo das Gewerbe offenbar ähnlich organisiert war wie in Suhl, ist auch im 17. und 18. Jahrhundert noch Nürnberg. Wir erfahren vor allem von Beziehungen zwischen der preußischen Heeresverwaltung und Nürnberger Verlegern 164 : General-Kriegskassenrechnung vom 1. Juni 1713 bis letzten Mai 1715, S. 295—296: Nr. 31: Marty 1715. In Abschlag derer in Nürnberg verdungenen 9000 Stück eiserne Cürasse dem p. Buirette von Öhlefeld zufolge Ordre vom 21. Marty 1715 . . 3000 Thlr. Nr. 32: Aprilis 1715, ferner an denselben zu obigem Behuf der 9000 Stück Cürasse zufolge Ordre vom 5. Aprilis 1715 . 1000 Thlr. Nr. 33: Noch an denselben zu fernerem Behufe der in Nürnberg bestellten Cürasse zufolge Ordre vom 22. April 1715 . 4000 Thlr. Nr. 34: Laut General Cassa Estats May 1715 an den p. Buirette von Öhlefeld abermals zum Behufe der in N. bestellten Cürasse zufolge Ordre vom 21. May 1713 . 8000 Thlr. Der Große Kurfürst an den Fürsten von Anhalt (Archiv Zerbst) 166 : „Nachdem wir einen Kauffhendler von Zell Hanss Wolff Schneydern gndst. Befehl ertheilet 3000 Musqueten, wie auch 1000 Dragoner-Mus- queten, 500 Feuer Röhre und 500 Musqueten mit Feuer- und Lunten Schlössern, ingleichen einige Pistohlen und Carabiner dorthin zu liefern ...“ 10./20. Sept. 1674. 90 Drittes Kapitel: Die Bewaffnung der Heere Daneben entstehen namentlich für die Erzeugung der Gewehre Fabriken, und zwar häufig als Staatsbetrieb. Die wichtigsten staatlichen Waffenfabriken in Deutschland lagen in Spandau, Potsdam, Neustadt-Eberswalde. Im 16. Jahrhundert war Deutschland neben Italien das führende Land in der Waffenindustrie. Wir sehen deshalb die übrigen Länder ihren Bedarf größtenteils in Deutschland und Italien decken. So England, dessen Nachfrage nach Waffen vor allem seit Heinrich VIII. immer reger wird 166 . 1509 verkauften Luigi de Fava und Leonardo Frescobaldi „große Vorräte“ von Kriegswaffen an die englische Krone; 1510 läßt sich Heinrich durch Pier di ca Pesaro eine Ausfuhrerlaubnis für 40 000 Bogen aus Venedig erwirken; 1511 werden an Luigi und Alessandro de Fava für 500 Arkebusen 200 £ gezahlt; — in demselben Jahre entsendet Heinrich VIII. Richard Jerningham und zwei andere Edelleute nach Deutschland und Italien, um Waffen und Kriegsgeräte zu kaufen; 1513 berichtet Jerningham, daß er einen sehr vorteilhaften Handel in deutschen Rüstungen (Almain rivets) für 5000 Fußsoldaten in Mailand abgeschlossen habe; — um dieselbe Zeit hat Heinrich durch Wolsey mit einem Florentiner Kaufmann Guy de Portenary für 2000 Almain rivets abgeschlossen; 1544 fragt Heinrich beim Dogen von Venedig an wegen Ankaufs von 1500 Arkebusen und 1050 Rüstungen für Mann und Roß zu Brescia. Heinrichs lebhaftes Bemühen war aber darauf gerichtet, England in dem Bezug von Waffen vom Auslande unabhängig zu machen und Waffenfabriken im eigenen Lande zu gründen. Zu diesem Behufe rief er — dem Brauche der Zeit folgend — deutsche, französische, brabantische und italienische Waffenschmiede ins Land 157 , die offenbar gleich auf großbetrieblicher Basis eine englische Waffen-, insonderheit Gewehrindustrie aufbauten. Jedenfalls erfahren wir aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, daß mittlerweile die englischen Gewehrfabriken die bestorganisierten Europas geworden waren. Von dem Stande der Gewehrfabrikation um jene Zeit ent- IV. Die Deckung des wachsenden Waffenhedarfs 97 wirft uns ein sehr guter Kenner gewerblicher Verhältnisse folgendes Bild 158 : „Wenn jemals nöthig ist, Fabriken in großen zusammenhängenden Anstalten anzulegen; so ist es am meisten bey denen Gewehrfabriken nothwendig. Die Gewehre bestehen entweder aus vielerley Stücken, oder es müssen vielerley Arbeiten daran geschehen. Eine lange Erfahrung hat ge- zeiget, daß die Arbeiten, sonderlich im Feuer, viel schleuniger und geschickter von statten gehen, wenn einige Arbeiter nichts als diese, und andere nur jene besondere Arbeit verrichten, und einander gleichsam in die Hände arbeiten, wie solches sonderlich in Engelland bey denen Gewehr-Fabriken gebräuchlich ist, daher auch die engländischen Waaren vor andern einen großen Vorzug haben. Ueberdieß kann die Arbeit in denen Gewehrfabriken durch Maschinen und andere Anstalten, die große Kosten erfordern, und also nicht eines einzelnen Meisters Sache sind, sehr erleichtert werden. Der Staat kann auch von der Güte und Gleichheit des Gewehres vor sein Kriegsheer um desto mehr versichert seyn, wenn alles unter einerley Aufsicht gearbeitet wird. Auch dieses hat man eingesehen, und die Gewehrfabriken allenthalben in großen Anstalten angelegt.“ Aus der nun folgenden Beschreibung ersehen wir deutlich, daß die Gewehrindustrie damals bereits das Stadium der Manufaktur überwunden hatte und fabrikmäßig organisiert war. Hätte Adam Smith an dieser führenden Industrie, statt an der unglücklichen Stecknadelmanufaktur, seine Vorstellungen von der Organisation der Arbeit gewonnen, so hätte er schon damals die Gründe für die Steigerung der Arbeitsleistungen im gesellschaftlichen Großbetriebe richtig erkannt, und die Lehre von der Produktivität der Arbeit wäre nicht für die nächsten hundert Jahre auf ein totes Geleise gefahren worden. Auch in den übrigen Militärstaaten Europas entwickelte Sombart, Krieg und Kapitalismus 7 98 Drittes Kapitel: Die Bewaffnung der Heere sich die Waffenindustrie zu einer der ersten Industrien des Landes. In Frankreich gründete Colbert selbst mehrere staatliche Gewehrfabriken, und auch Private betrieben dies Gewerbe auf breiter kapitalistischer Basis: M. de Seignelay (1683—1690) verlieh den Adelstitel einem Fabrikanten in Angoumois dafür, daß er mindestens 1000 Flinten monatlich lieferte 159 . Im 18. Jahrhundert gibt es zahlreiche Gewehrfabriken in Frankreich. Die berühmteste war die im „Hotel de la maison du Roi“. Sedan, St. Etienne, Verdun und andere Orte waren Sitze einer blühenden Waffenindustrie. In Schweden gelangte die Waffenindustrie im 17. Jahrhundert, dank vor allem dem Bemühen Gustav Adolfs, zur Blüte. 1618 legt der König „Gewehrfaktoreien“ an 160 , um das auf den Bauernhöfen betriebene Schmiedegewerbe auszunutzen: jeder dieser Bauern war verpflichtet, wöchentlich eine große Muskete fertigzustellen; er erhielt dazu das Material von der Krone, war abgabenfrei und wurde teils in Geld, teils in Naturalien bezahlt. Aus diesen „Faktoreien“ entwickeln sich die Gewehrfabriken, so 1626 die voü Norrtelje. 1640 werden in einer Stockholmer Fabrik 10000 Musketen mit Lunten, 141 mit Schnapphahn und 12000 Gabeln gefertigt. Den Typus der Suhler „Waffenfabrik“ vertritt die seit dem 17. Jahrhundert zu hoher Bedeutung gelangende Waffenindustrie von Lüttich und Umgebung, die das Rückgrat der belgischen Industrie seit jener Zeit gebildet hat 161 . In Rußland dagegen tritt die Waffenfabrikation sofort auf höehstbetrieblicher Basis in die Erscheinung (vorbildliche Fabrik- bzw. Manufakturorganisation!): in der Sestroröcker Gewehrfabrik waren 683 Arbeiter zur Zeit Peters des Großen beschäftigt; der Staatsgewehrfabrik in Tula wurden 508 Bauernfamilien zugeteilt 162 . Andere berühmte Gewehrfabriken staatlichen Charakters gab es in Klingenthal im Elsaß, Kopenhagen, Elkistuna. IV. Die Deckung des wachsenden Waffenbedarfs 99 Spanien war ja im 16. Jahrhundert vielleicht der erste Militärstaat Europas. Sein Bedarf an Waffen war bedeutend. Er wurde teils durch Fabriken, teils durch Hausindustrien, teils im Inlande, teils im Auslande gedeckt. Die Abschlüsse erfolgten mit Kaufleuten oder Unternehmern in ganz großem Stil. Für die Lieferung von Arquebusen (arca buces) liegen aus dem Jahre 1538 Verträge vor mit Juan de Becinay über 10000 Stück; mit Juan Ibänez aus Piacenza; mit Antön de Urquiroz aus Orio; mit Juan de Orbea und mit Juan de Hermüa aus Eibar, über 15000 168 . Spaniens eigene Gewehrfabriken lagen in Cordova, Barcelona und Helgoybar. Sehr früh hat eine fabrikmäßige Organisation die Geschützgießerei erfahren, zunächst als Bronzegießerei, dann immer mehr als Eisengießerei (wie die Statistik, die ich im vorigen Abschnitte mitgeteilt habe, ausweist). Die höchste Stufe der Entwicklung erreichte sie in England, Frankreich und Spanien. In England war im 16. und 17. Jahrhundert der Hauptsitz der Geschützgießerei (wie auch der Eisenhüttenindustrie) Sussex. Hier saßen, wie uns Cambden berichtet 164 , zahlreiche „metallici, qui magnam vim tormentorum majorum et alia inde conficiunt“. 1603 singt Walther Kaleigh der englischen Geschützgießerei ein Loblied 165 . Welche Ausdehnung und Bedeutung sie hatte (eine Produktionsstatistik fehlt natürlich für jene Zeit; wir müssen also auf die Größe der Leistungen aus Symptomen schließen), zeigt folgender Vorgang 166 : 1629 beauftragt der König Sir Sackville Crowe, sich 610 eiserne Kanonen in der Königlichen Gießerei, focali nostro, in unserm Walde von Dean in Glocestershire zu verschaffen. Der König beauftragt dann weiter Philipp Burlamach, an eminent mer- chant, diese Kanonen an die General Staaten zu verkaufen, um damit seine für 300000 SS im Jahre 1625 verpfändeten Kronjuwelen wieder einzutauschen: „Thus England was still 7 * 100 Drittes Kapitel: Die Bewaffnung der Heere eminent for its manufacture of iron artillerie beyond any country in Europe.“ Schon zur Zeit der Elisabeth konnte England Kanonen ins Ausland ausfübren und tat dies (trotz des Verbotes der Ausfuhr!) 167 . Humes Urteil scheint also (wenigstens nach seiner positiven Seite hin) berechtigt, wenn er sagt 168 , daß zur Zeit des ersten Jakob Schiffsbau und Geschützgießerei die einzigen Industrien gewesen seien, in denen sich England ausgezeichnet habe. Er ist sogar der Meinung, die Engländer hätten damals allein das Geheimnis besessen, eiserne Kanonen zu gießen. Das ist ein Irrtum: eiserne Geschütze wurden im 16. Jahrhundert auch anderswo gegossen. Ich erinnere z. B. an die Geschützgießereien, die im Oberharz zu Gittelde, auf der Sophienhütte bei Goslar usw. die braunschweigischen Herzoge in jener Zeit begründeten oder zur Entwicklung brachten 169 . Richtig ist, daß sich die Geschützgießerei in England zu besonders hoher Blüte entwickelte: das Eisenwerk Carron, das Eisenwerk Calcutt bei Bursley in Shropshire, das Eisenwerk Clyde bei Glasgow waren im 18. Jahrhundert als Stätten des Geschützgusses berühmt. Als die vollkommenste Stückgießerei galt aber damals die von Woolwich. Die englische Kanonenindustrie machte Schule im Auslande: der Engländer John Wilkinson legte im Auftrag der französischen Regierung eine Geschützgießerei und Bohranstalt zu Nantes an. Die großartige Kanonengießerei zu Petrowsadowsk in Rußland war von dem englischen Ingenieur Gascoigne eingerichtet worden; nach dem Muster von Woolwich baute der hannoversche Ingenieur Oberstleutnant Müller die Stüekgießereien in Hannover und Stockholm 170 . In Frankreich begegnen wir schon im Anfang des 17. Jahrhunderts einer blühenden Kanonenindustrie auf kapitalistischer Basis. Es gibt Geschützgießereien in Bordeaux, in Sedan Chäteaulin. Aus einer Bordeauxer Gießerei werden 200 Geschütze an die Marine geliefert; 1627 bieten Claude Marigo de la Villeneuve de Quimperlö und Michel Donnevin IV. Die Deckung des wachsenden Waflenbedarfs 101 ebenfalls 200 Kanonen aus der Gießerei von Quimperlö an 171 . Richelieu gründet dann noch eine staatliche Geschützgießerei in Le Havre 171 . Eine wesentliche Förderung erfährt aber die französische Kanonenindustrie wiederum durch Colbert. In Colberts Werk spielt der Gedanke, Frankreich in der Ausrüstung, sonderlich in der Bewaffnung seiner Heere, unabhängig vom Auslande zu machen, eine große Rolle. Daher wir ihn schon am Werke sahen, Gewehrfabriken zu gründen, wie er hier neue Geschützgießereien gründet (und wie wir ihn später noch zahlreiche Hilfsindustrien werden begründen sehen). 1661 kauft man in Schweden 200000 L. Kupfer, um daraus Kanonen zu gießen 172 ; 1663 kündigt Colbert dem König die Notwendigkeit an, Gießereien selbst zu bauen; 1666 beginnen seine Pläne sich zu verwirklichen: die Gießereien zu Saintes, zu Rochefort werden begründet. Die wichtigsten sind die zu Nevers, zu Commercy und in der Dauphinö geworden 173 . In Spanien wurde die Geschützgießerei von Karl Y. zu rascher Blüte gebracht: es gab Gießereien in Medina del Campo, Malaga, Burgos, Pamplona, Fuenterrabfa, Barcelona, Coruna. Karl ließ Deutsche aus Innsbruck kommen, um die Gießerei in Spanien einzuführen. Trotz der raschen Ausdehnung der einheimischen Produktion genügte sie jedoch dem Bedarf noch nicht, der vielmehr auch noch aus Flandern gedeckt werden mußte 174 . Eine berühmte Geschützgießerei hatte im 17. Jahrhundert Venedig, „da auf einmahl etliche Canonen können gar behende gegossen werden“ 175 . SjC * Neben der Erzeugung der Waffen selbst galt es die nötige Munition zu beschaffen. Wir sehen daher in den verschiedenen Ländern im Anschluß meist an die Geschützgießereien zunächst Kugelgießereien entstehen; dann 102 Drittes Kapitel: Die Bewaffnung der Heere aber vor allem Pulverfabriken, die in den meisten Ländern, in Deutschland, in Frankreich (seit 1572), zu den staatlichen Monopolindustrien gerechnet werden. In England gibt die Pulvererzeugung Anlaß zur [Entstehung einer großen Privatindustrie. 1562 errichten drei Personen Pulvermühlen und erbieten sich, der Regierung im großen 200 t pro Jahr zu liefern 176 . Daneben bestanden wohl auch staatliche Pulverfabriken. Daß es sich um beträchtliche Mengen handelte, ersehen wir auch aus den Abschlüssen über Lieferung von Salpeter, dem Rohstoff für die Pulvererzeugung. Aus den Jahren 1509—1512 besitzen wir zwei Kontrakte mit Giov. Cavalcanti und anderen italienischen Kaufleuten, wonach sie für 3622 (das Pfund zu 6 d) Salpeter zu liefern haben m . Ein anderer Kontrakt aus dem Jahre 1547 lautet 178 über 10445 16 s 8 V 2 d. Unter der Elisabeth macht sich England dann auch im Bezug des Salpeters vom Auslände unabhängig und entwickelt eine eigene Schwefel- und Salpeterindustrie 179 . Pulver, Salpeter und Schwefel bleiben immer Gegenstand eines sehr bedeutsamen Handels, der Umsätze aufzuweisen hatte wie wenige Zweige des Warenhandels in frühkapitalistischer Zeit. Wir besitzen genaue Angaben über seine Ausdehnung in Piemont im Anfang des 18. Jahrhunderts 180 . Damals liefert z. B. die impresa Gaij einmal 14000 rubbi (ä 9,2 kg) Pulver zu 8 Livres den rubbio. Ein andermal (1706) bezieht der Bankier Gamba aus Holland für die pie- montesische Regierung 8691 rubbi Salnitro (Salpeter) zu 16 1. und 25274 rubbi Pulver zu 24 1. * * * Aber die vielleicht großartigste Wirkung, die der wachsende Bedarf an Waffen auf die Gestaltung des Wirtschaftslebens ausgeübt hat, wodurch er von so bestimmendem Einfluß auf den Verlauf der kapitalistischen Entwicklung geworden ist, scheint mir die Anregung zu sein, die er für einige der IV. Die Deckung des wachsenden Waffenbedarfs 103 tragenden Industrien und den Handel mit ihren Produkten bedeutet hat: Kupfer-, Zinn- und namentlich Eisenindustrie, das heißt jene Zweige der gewerblichen Tätigkeit, die das Rohmaterial für die Waffen lieferten. Ich denke, man wird sagen dürfen, daß diese Industrien ihre entscheidende Wendung zum Kapitalismus nahmen unter der unmittelbaren Einwirkung der Veränderungen, die die Heeresorganisation und namentlich die Bewaffnung in unserem Zeitraum erleben. Einen ziffernmäßigen, geschlossenen Beweis für die Richtigkeit dieser Behauptung zu erbringen, reichen natürlich die bisher wenigstens noch sehr dürftigen Materialien nicht aus. Die Forschung der nächsten Jahrzehnte wird vielleicht die fehlenden Glieder in der Kette meiner Beweisführung ergänzen. Einstweilen müssen wir versuchen, mit dem geringen Zahlenmaterial, das wir besitzen, nach Möglichkeit die Schlüsse zu rechtfertigen, die aus allgemeinen Erwägungen und im Hinblick auf bestimmte, erweislich richtige Tatsachen gezogen werden. Diejenigen Metalle, die zuerst in größeren Mengen verlangt wurden, als sich der Waffenbedarf steigerte, waren Kupfer und Zinn. Denn aus ihnen bestand die Bronze, und aus Bronze wurden, wie wir sahen, in der ersten Zeit die Geschütze gegossen. Das Mischungsverhältnis, in dem die beiden Metalle Verwendung fanden, war ungefähr 1:9 (die französische Artillerie hatte vor der Revolution 11 Teile Zinn auf 100 Teile Kupfer, aber auch die heute als beste Mischung erkannte [8:92] war schon im 15. Jahrhundert gebräuchlich). Also handelte es sich vor allem um die Beschaffung von Kupfer, das denn auch im 15. und 16. Jahrhundert außerordentlich „gefragt“ wurde und infolgedessen ganz erheblich im Preise stieg. Nach Rogers 181 betrug der Durchschnittspreis für Bronze- oder Kupfergefäße (für Rohkupfer besitzen wir keine fortlaufenden Preisnotierungen) pro doz. lbs. von: 1401—1540 . . 1541—1550 . . . . 3 9 % .. 56 , 104 Drittes Kapitel: Die Bewaffnung cler Heere 1551—1560 . 5 7, 1561—1570 . 7 Vh, 1571—1582 . 8 P/a. Der Verkaufspreis des Kupfers, das die Fugger in Schwatz gewannen, war 182 : 1527 der Zentner 5 fl. 45 Kr. bis 6 fl. 15 Kr., 1528 n „ 5 „ 45 „ „ 6 „ 20 „ 1531 „ „ 5 „ 30 „ „ 6 „ 15 „ 1537 „ „ 6 ,, 50 „ ,, 7 „ 45 „ 1556 „ „ 10,- „ „ 11 „ 45 „ 1557 „ „ 11 ,, ,, „ 12 „ „ Ich nehme an, die Preissteigerung sei eine Folge vermehrter Nachfrage (denn die Silberentwertung machte sich in diesem Jahrhundert gewiß noch nicht in dem Verhältnis geltend, wie in 40 Jahren die Kupferpreise steigen). Dann konnte aber diese Vermehrung der Nachfrage nur von zwei Seiten her kommen: vom Schiffsbau und von der Geschützgießerei, da wir nicht annehmen dürfen, daß plötzlich so viel mehr Glocken oder kupferne Gefäße nachgefragt seien. Um was für beträchtliche Mengen es sich bei der Geschützerzeugung handelte, zeigen die Angaben über Zahl und Gewicht der Kanonen. Wir haben auch unmittelbare Ausweise über eingekaufte Kupfermengen: 1495 kauft die venetianische Regierung 80000 Pfund Kupfer von deutschen Kaufleuten ein: zwecks Anfertigung von Kanonen 188 . Von den großen Mengen Kupfer, die die französische Regierung im 17. Jahrhundert aus Schweden bezog, war schon die Rede. Colbert ließ aller- wärts Kupfer aufkaufen und ausfindig machen, heißt es in einer amtlichen Denkschrift: „il a pris soin ... de faire acheter et rechercher des cuivres de toutes parts pour la fonde des piöces de canons“ 184 . Diese starke Nachfrage nach dem hochwertigen Metall machte dieses zunächst zu einem der beliebtesten Großhandelsartikel. Der Kupferhandel ist neben dem Salpeterhandel einer der wenigen Handelszweige, die schon im 15. Jahrhundert einen ganz großen Umsatz aufweisen. Er war in wenigen IY. Die Deckung des wachsenden Waffenbedarfs 105 Händen konzentriert, und die sehr reichen Firmen, die ihn beherrschten, benutzten ihre Macht, um das Kupfer gelegentlich „einzusperren“. Vielleicht ist das Kupfer derjenige Handelsartikel, an dem zuerst eine „Preiskonvention“ großen Stils versucht worden ist. Ich denke an die Abmachungen, die im Jahre 1498 die vier oberdeutschen Firmen Fugger, Herwart, Gossembrot und Paumgartner trafen, um den Kupfermarkt in Venedig, wo offenbar sein Mittelpunkt war, zu beherrschen 185 . Zu welcher imposanten Höhe der Kupferhandel im 16. Jahrhundert hinauf klomm, zeigen die Mengen Kupfer, die sich bei den Inventuren der Fugger auf deren Lagern vorfinden. Sie zeigen auch, daß die Größe dieses Hauses — soweit daran der Warenhandel beteiligt war — fast ausschließlich durch den ausgedehnten Kupferhandel bedingt wurde. Endlich bestätigen uns die Ziffern, daß sich der Umsatz in Kupfer während des 15. Jahrhunderts tatsächlich ganz beträchtlich ausdehnte (wenn wir nicht annehmen wollen, daß die wachsenden Mengen, die die Fugger auf ihren Lagern haben, ausschließlich durch Aufsaugung kleinerer Händler gebildet worden seien: auch dann hätte der Kupferhandel in einem etwas anderen Sinne eine große Bedeutung für die kapitalistische Entwicklung). Bei der Bilanzaufnahme 186 des Jahres 1527 beträgt das Warenkonto des Fuggerschen Hauses 380000 fl.: „der größte Teil“ der Waren bestand in Kupfer, von dem in Antwerpen allein für mehr als 200000 fl. lagerte. Im Jahre 1536 ist an Kupfer, Silber und Messing für 289000 fl. vorhanden. Im Jahre 1546 beziffert sich das Warenaktivum auf 1250000 fl.; davon sind in Kupfer über 1 Milk fl. vorhanden, von dem die Hälfte wieder in Antwerpen lagerte. 1 Million Gulden stellen etwa 8 Millionen Mark Metallwert dar. Es wird sich kaum ein zweiter Posten von gleicher Höhe in der gesamten Handelsgeschichte des 16. Jahrhunderts nach- weisen lassen. Nächste Wirkung: die steigende Nachfrage nach Kupfer 10(5 Drittes Kapitel: Die Bewaffnung der Heere steigert das Interesse am Kupferbergbau. Dieser wird von den Kaufleuten und anderen reichen Leuten ins Auge gefaßt als ein sehr geeignetes Objekt zur Kapitalanlage. Die Folge ist, daß in immer weiterem Umfange der Kupferberghau in die Bahnen der kapitalistischen Entwicklung hineingezogen wird. Alle reichen oberdeutschen Häuser: die Paumgartner, die Welser, die Höchstetter, die Gossembrot, die Herwart, die Rem, die Haug und natürlich vor allem die Fugger haben ihr Geld im deutschen, tiroler oder ungarischen (Silber- und) Kupferbergbau stecken; während wir im ungarischen Kupferbergbau auch Krakauer Geldgeber als Unternehmer beteiligt finden 187 . Der Kupferhandel wird in immer häufigeren Fällen zum Verlag: den Übergang bildet in der Regel die Verpfändung des Bergwerks abseiten des Regalherren. Im 17. Jahrhundert sind es auch westdeutsche Firmen, die mit ihrem Gelde den Kupferbergbau befruchten: so ist Johann von Brodeek aus Frankfurt a. M. mit 163000 fl. an den Kupferhütten in Ilmenau sowie an dem Mansfelder Kupferbergbau beteiligt 188 . Daß aber der Kupferbergbau (den ich hier immer in dem weiteren Sinne von Bergbau und Hüttenwesen fasse) im 16. Jahrhundert allenthalben in Europa seine entscheidende Wendung in der Richtung kapitalistischer (und großbetrieblicher) Entwicklung vollzieht, lehren uns alle Berichte. Am deutlichsten können wir den Aufschwung am ungarischen Kupferbergbau während des 16. Jahrhunderts verfolgen. Dieser war Ende des 15. Jahrhunderts ins Stocken geraten, weil die handwerksmäßig arbeitenden Gewerken (wie das so oft in jener Zeit der Fall war) der Gruhenwasser nicht Herr werden konnten. Da bildete sich eine Gewerkschaft aus reichen Krakauer Bürgern mit Hans Thurzo an der Spitze zum Zwecke der Ableitung der Gewässer. Diese Gewerkschaft schloß mit den „Richtern, Rathmannen und Gemeinde“ der sieben ungarischen Bergstädte am 24. April 1475 einen Vertrag, wonach sie sich verpflichtete, das Wasser aus den Sohlen zu entfernen, und als Entgelt erhielt: für jedes mit Erfolg arbeitende Gapel oder Kehrrad einen Wochenlohn von 1 ungarischen Goldgulden und — ein Sechstel des geförderten Erzes. IV. Die Deckung des wachsenden Waffenbedarfs 107 Bald betrieben diese reichen „Verleger“, denen sich dann bekanntlich die Fugger zugesellten, den Bergbau selbst, legten Hütten- und Hammerwerke an und erzielten eine große Ausbeute: 1495—1504 wurden gewonnen: 190 000 Ztr. Kupfer, 1338 „ Messing, 54 774 Mark Silber, was eine Dividende von 119 500 fl. je auf Tburzos und Fuggers Anteil ergab. Die Fugger wurden schließlich die alleinigen Inhaber und erzielten in den Jahren 1525—1539 einen Reingewinn aus dem ungarischen Bergbau von 1297192 rheinischen Gulden (also einen Metallwert von etwa 9 Mill. Mark heut. Währung) 189 . Das Streben der großen Militärmächte, sich in der Beschaffung ihres gesamten Kriegsmaterials vom Auslande unabhängig zu machen, führt denn auch hier zur Entstehung nationaler Industrien. In E n g 1 a n d ist es wieder der Soldatenkönig Heinrich VIII., der die Entwicklung des Kupferbergbaus betreibt. Er ruft, um seine Pläne rascher zu verwirklichen, deutsche Kapitalisten ins Land. 1564 bildete sich unter der Führung der Firma David Haug, Hans Langnauer und Mitverwandte und unter wesentlicher Beteiligung der höchsten englischen Staatsmänner und Beamten eine große Gewerkschaft zur Auffindung und zum Betriebe von Bergwerken in England. Zunächst wurden Kupferbergwerke zu Keswick und Bleibergwerke zu Kolbeck (die dem Schiffsbau dienen sollten!) in Betrieb genommen 190 . In Frankreich legt Colbert zahlreiche Kupferhütten und Schmelzen an 191 . Eine ähnliche Wirkung wie auf Kupferhandel und Kupferproduktion scheint die steigende Nachfrage nach bronzenen Geschützen auf die Zinnindustrie und den Zinnhandel ausgeübt zu haben. Wenigstens beobachten wir in dem wichtigen Zinnbergbau Englands eine wesentliche Ausweitung der Produktion im 16. Jahrhundert: die Menge des erzeugten Zinnes, die vom 13. bis zum 15. Jahrhundert zwischen 800 und 1000 Zinntonnen (zu 1200 engl. Pfund) geschwankt hatte, 108 Drittes Kapitel: Die Bewaffnung der Heere steigt im 16. Jahrhundert bis auf 1600 und 1700 Tonnen. In diese Zeit fällt wohl auch der Übergang zur kapitalistischen Organisation der Bergwerke 192 . Daß aber endlich der Militarismus auch hei der Gehurt der kapitalistischen Eisenindustrie Pate gestanden hat, läßt sich auf verschiedene Weisen wahrscheinlich machen. Zunächst durch einfache rechnerische Gegenüberstellung des Eisenbedarfs für Waffen und Munition und der Menge des überhaupt erzeugten Eisens. Ich habe oben einige Ziffern mitgeteilt, aus denen der Bestand an Schiffskanonen in Frankreich und England am Ende des 17. Jahrhunderts ersichtlich wird. Frankreich hat 1683 auf seinen Kriegsschiffen 5619 eiserne Kanonen, England um dieselbe Zeit ungefähr 8396 Kanonen insgesamt; also (nach dem Verhältnis der französischen Geschütze berechnet) vielleicht 6—7000 eiserne. Die Gesamtzahl der eisernen Geschütze in beiden Ländern (also die Feld- und Festungsgeschütze einbegriffen) wird nicht zu hoch mit je 8000 angenommen sein. Das Gewicht eines Geschützes dürfen wir mit durchschnittlich IVa t ansetzen. Das ergeben Gewichtsangaben bei Bestellungen ebenso wie Schätzungen von Zeitgenossen, wie etwa die des Bischofs Wilkins vom Jahre 1648, die Beck in seiner Geschichte des Eisens (II, 1273) mitteilt. Also würde das Gesamtgewicht der Kanonen Englands und Frankreichs um jene Zeit etwa je 12 000 t betragen haben. Dazu kommen die Kugeln. Rechnen wir 50 Schuß auf jede Kanone (so viel hatte die Armada an Bord), so gäbe das für jedes Land einen Bestand von 400000 Kugeln, jede Kugel nur mit 5 kg angenommen, ergäbe das abermals 2000 t Gewicht. Die Artillerie jedes Landes wöge also etwa 14000 t. Wieviel Eisen wurde nun in jener Zeit überhaupt erzeugt? Soviel ich weiß, besitzen wir für das 17. Jahrhundert keine Gesamtziffer der Eisenproduktion (denn die Dudleysehen Schätzungen für England sind meines Erachtens tendenziös und phantastisch, IV. Die Deckung des wachsenden Waffenbedarfs 109 seinem propagandistischem Zwecke entsprechend), es sei denn die von Beck für 44 schwedische Hochöfen im Jahre 1687 angegebene Menge von 37 000 Ztr., also 1850 t. Einigermaßen zuverlässige Ziffern treffen wir erst gegen die Mitte des 18. Jahrhunderts. Damals soll die Gesamtproduktion der englischen Eisenindustrie in 59 Hochöfen 17 350 t betragen haben 193 . Allerdings hatte damals England eine Mehr ein fuhr von Eisen in Höhe von etwa 20000 t. Immerhin: stellt man das Gewicht der Artillerie schon am Ende des 17. Jahrhunderts (das wir Mitte des 18. Jahrhunderts sicher um 50 °/o, also auf 21000 t, gestiegen annehmen dürfen) den Gesamtproduktionsziffern für Eisen gegenüber, und mag man sich auch die Kanonen- und Kugelerzeugung über eine Anzahl von Jahren verteilt denken: daß die Armee ein überragend großer Konsument von Eisen war, lassen die Zahlen nicht mehr bezweifeln; ja wohl mehr: daß sie der bei weitem größte, daß sie (indem wir den Bedarf der Kriegsschiffe an Eisen als Heeresbedarf rechnen) der einzige wirkliche Massenkonsument von Eisen in jenen Tagen war, in denen sieh das Schicksal der Eisenindustrie entschied, weil es die Zeit war, in der sie die ersten Schritte auf dem Wege zum Kapitalismus machte. Daß diese Rechnungen den tatsächlichen Verhältnissen sehr nahekommen, macht eine Ziffer wahrscheinlich, die wir aus einer etwas späteren Zeit für den Umfang des Geschützbedarfs in England besitzen, aus der wir aber, denke ich, rüekschließen dürfen, daß meine Annahmen für das 17. und frühe 18. Jahrhundert richtig sind. Um 1795 betrug der jährliche Bedarf an Artillerie-Eisenguß 194 : für Großbritannien .... 11000 t „ Indien. 5 600 t „ fremde Länder . . . 10000 t Zusammen etwa: 26000 t. 110 Drittes Kapitel: Die Bewaffnung der Heere Ich kann aber noch einen anderen Umstand anführen, der die Bedeutung der Geschütz- und Kanonengießerei für die Entwicklung der kapitalistischen Eisenindustrie in ein noch helleres Licht rückt. Wie man weiß, ist die Überleitung der Eisenindustrie aus der handwerksmäßigen in die kapitalistische Organisation auf das engste verknüpft mit der Erfindung und dem Vordringen des Hochofens. Man weiß ebenfalls, daß die grundsätzliche Neuerung, die dieser brachte, in der sogenannten indirekten Eisengewinnung bestand. Diese indirekte Eisengewinnung war eine unmittelbare Folge der stärkeren Erhitzung des Eisens (durch Gebläse, die man mechanisch antrieb) gewesen, wodurch das Eisen in einen flüssigen Zustand versetzt worden war. Mit dieser Erzielung flüssigen Eisens hing aber wiederum die Ermöglichung des Eisengusses zusammen, der zuerst fast nur für die Herstellung von Kanonen und Kugeln (erst später und dann auch lange Zeit hindurch nur nebenher für Öfen und erst seit den Erfahrungen, die man heim Bau des Versailler Wasserwerks gemacht hatte, für Köhren) Verwendung fand. Nun war also die Sachlage diese: Schmiedeeisen konnte man nach dem neuen Hochofenverfahren oder mittels des alten Luppenprozesses gewinnen, Gußeisen aber nur im Hochofen. Wer eine Ahnung vom Wesen des mittelalterlichen Menschen hat, wird nun ohne weiteres zugehen, daß wenn nicht mehr als die Möglichkeit bestanden hätte, das neue Verfahren (den Hochofenprozeß) anzuwenden, dessen Einbürgerung Jahrhunderte gedauert hätte, wenn sie überhaupt erfolgt wäre. Wollte man aber Kanonen aus dem billigeren Eisen (statt aus der teureren Bronze) gießen, so mußte man sich des Hochofens bedienen. Die zunehmende Nachfrage nach eisernen Kanonen wirkte also wie ein Zwang zur Einführung des Hochofenverfahrens in die Eisenindustrie. Endlich mag auch dieses Umstandes noch Erwähnung IY. Die Deckung des wachsenden Waffenbedarfs Hl geschehen: die Öfen für Geschützguß waren größer als die anderen 195 : der Heeresbedarf wirkte also auf Betriebskonzentration hin. Eine Zeitlang bediente man sich, namentlich in Schweden, der Doppelhochöfen, bis man den einzelnen Hochofen entsprechend größer baute. Diesen inneren Zusammenhang zwischen dem Heeresbedarf an Waffen und der Entstehung der kapitalistischen Eisenindustrie können wir nun aber auch in den meisten Fällen empirisch in der Verkettung der geschichtlichen Ereignisse selbst nachweisen. Soweit ich die Anfänge der modernen (das heißt also auf dem Hochofenverfahren aufgebauten) Eisenindustrie zu überblicken vermag, bildet jedesmal das Bestreben, für den Kanonenguß das nötige Material zu beschaffen, den Anlaß zur Überführung der Eisengewinnung in kapitalistische Formen. In Deutschland fallen die Anfänge des Eisengusses in das 16. Jahrhundert: damals baute man die ersten Hochöfen in Hessen 196 und im Saargebiete 197 , während sie in Sachsen, in Brandenburg, am Harz zu Beginn des 17. Jahrhunderts, in Schlesien 1721 aufkommen. Und die ersten Konsumenten sind die Zeughäuser überall. In Schweden, das im 16. und 17. Jahrhundert einer der größten Eisenproduzenten war und noch im 18. Jahrhundert England mit Eisen versorgte, stellte Gustav Wasa die Eisenindustrie auf eine ganz neue Basis, indem er Geschützgießereien einrichtete und Eisenwerke, wie das berümte Werk bei Täberg, ausschließlich zur Lieferung des nötigen Gußmaterials anlegte. Im 17. Jahrhundert bringen dann eingewanderte Niederländer die schwedische Eisenindustrie auf eine noch höhere Stufe. Louis de Geer ließ in Finspäng zwei gekuppelte Hochöfen bauen, nur für Geschützguß. „Durch die Anlage dieser Hütte, die ausschließlich dem Geschützguß dienen sollte, . . . erwuchs Schweden ein neuer 112 Drittes Kapitel: 'Die Bewaffnung der Heere Erwerbszweig. Die Güte des Produkts erwarb den eisernen Geschützen von Finspäng den Weltmarkt und trug viel dazu bei, den Ruhm des schwedischen Eisens zu erhöhen“ 198 . Um die Mitte des 18. Jahrhunderts gilt die schwedische Eisenindustrie noch immer als die erste der Welt, die beträchtliche Mengen Roheisen und Eisenfabrikate ausführte 199 . Eiserne Geschütze bildeten einen wichtigen Ausfuhrartikel Schwedens. Die Hochöfen, die teilweise auf hoher Stufe kapitalistischer Entwicklung standen (sie waren hie und da mit englischem oder holländischem Kapital errichtet, wie uns Jars berichtet), waren ursprünglich nur auf Gießerei eingerichtet, und der Geschützguß stand jedem anderen Guß vor. Der Staat legte solchen Wert darauf, daß er den Hochofenbesitzern seit 1740 verbot, neben der Kanonengießerei Frischereibetrieb zu führen, damit ihr ganzes Interesse auf den Geschützguß gerichtet bliebe. Dadurch bildeten sich eine ganz feststehende Routine und ganz bestimmte Erzgattierungen aus, wodurch denn auch ein vorzügliches Produkt erzielt wurde 200 . In Frankreich entwickelt sich eine moderne Eisenindustrie nicht vor dem 17. Jahrhundert: die ersten Hochöfen werden (um 1600) eigens für Geschütz- und Munitionsguß gebaut 201 . Dann gibt Colbert auch der Eisenindustrie den großen Anstoß, wesentlich aus militärischen Interessen heraus, wie wir schon wiederholt feststellen konnten: er gründet allein in der Dauphinö elf Eisenhütten und neun Stahlhämmer 202 , „. . . il a fait l’ötablissement des forges et fourneaux pour fondre les canons de fer, ce qui ne s’ötait point encore vu dans le royaume“ 20a . Besonders deutlich tritt bei der Entstehung der Eisenindustrie in England und Schottland der Zusammenhang zwischen Militarismus und Kapitalismus zutage. Der Hauptsitz der englischen Eisenindustrie im 16. und 17. Jahrhundert ist Sussex, wo schon unter Elisabeth große Vermögen IV. Die Deckung des wachsenden Waffenbedarfs 113 erworben werden. Das Eisen von Sussex wurde aber zum guten Teil in Kanonen und Kugeln verwandelt und nahm in jener Zeit sogar noch in dieser Gestalt seinen Weg ins Ausland. Sir Thomas Leighton und Sir Henry Neville hatten für Geschützausfuhr Patente von der Königin. Vor 1592 sollen von 2000 t gegossenen Geschützen 1600 heimlich ins Ausland gegangen sein 204 . Im 17. Jahrhundert, als der Bedarf an Geschützen in England selbst ständig zunahm, wurde die Produktion von Sussex im Lande verbraucht (und mehr dazu, wie wir sahen). Aber die enge Beziehung zwischen Geschützgießerei und Blüte der Eisenindustrie blieb bestehen 205 . Das andere Land Großbritanniens, dessen Eisenindustrie sich erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts entwickelt und dann natürlich gleich auf breiterer kapitalistischer Basis, ist Schottland. Hier wird die erste Konzession zur Anlage eines Hochofenwerkes für Gußeisen (die Schmiedeeisenindustrie datiert in Schottland erst vom Jahre 1836) im Jahre 1686 erteilt. Sie wird mit folgenden Worten eingeleitet, die, wie mir scheint, eine glückliche Bestätigung der Richtigkeit meiner ganzen Beweisführung enthalten, weshalb ich sie in extenso hersetze 206 : His Majesty and Estates of Parliament, taking into eonsideration the great advantage that the nation may have by the trade of Founding, lately brought into the Kingdom by John Meikle, for casting of balls, cannons and other such useful instruments, do, for encouragement to him, and others in the same trade, Statute and ordain, that the same shall enjoy the benefit and priviledges of a Manufacture in all points as the other Manufactures newly erected are allowed to have by the laws and Acts of Parliament, and that for the space of nineteen years next following the date hereof. Also: „zum Gießen von Kugeln, Kanonen und Sorabart, Krieg und Kapitalismus 8 114 Drittes Kapitel: Die Bewaffnung der Heere anderen solchen nützlichen Instrumenten“ wird die schottische Eisenindustrie ins Lehen gerufen, deren größtes Werk Jahrzehnte und fast ein Jahrhundert lang die Carron Ironworks gewesen sind, die sich in der ersten Zeit fast ausschließlich mit der Herstellung von Geschützen beschäftigt haben 207 . Der bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts üblichste Geschütztyp der englischen Artillerie trug den Namen „Carronade“ zu Ehren des Werkes, der ihn zuerst hergestellt hatte. Erwähnt muß schließlich noch werden, daß in Deutschland jedenfalls die oberschlesische Montanindustrie den militärischen Interessen hauptsächlich ihre Entstehung verdankt. Als Friedrich M. im Jahre 1754 und 1755 die Hochofen- und Frischfeueranlagen Malapane und Kreuzburger Hütte erbauen ließ, leitete ihn vor allem der Wunsch, dadurch Artilleriematerial für die schlesischen Festungen hersteilen zu lassen. End in dem Berichte, den die Bergbehörden 1781 dem Könige einreichten, in dem eine Neuordnung des oberschlesischen Berg- und Hüttenwesens angeregt wird, steht unter den Vorteilen, die Sr. Majestät aus einer Hebung der Montanindustrie erwachsen würden, an erster Stelle 208 : „daß es alsdann an den für Höchstdero Armöe erforderlichen Kriegsbedürfnissen an Eisen, Kupfer, Blei, Zinn, Schwefel und Salpeter nie im Lande fehlen kann.“ Aber nicht nur die Roheisenbereitung empfing ihre stärkste Anregung zum Übergang in ein höheres Entwicklungsstadium durch die Bestellungen der Heeresverwaltungen: in gleich hohem Maße wurde auch die Eisenverarbeitung durch die Anforderungen der Geschützfabrikation wesentlich beeinflußt. Ja, man darf getrost wieder sagen, ohne sich der Übertreibung schuldig zu machen, daß die Fortschritte, die auf dem Gebiete der Eisenverarbeitung vom 16.—18. Jahrhundert gemacht wurden, und die vor allem dazu beitrugen, die kapitalistische Eisenindustrie zur Entfaltung zu bringen, dem Bedürfnis nach besseren Kanonenrohren entsprungen sind. IV. Die Deckung des wachsenden Waffenbedarfs 115 Ich denke zunächst an die Herstellung gußeiserner Erzeugnisse zweiter Schmelzung, die sich seit dem 17. Jahrhunderte einbürgerte, und deren grundsätzliche Bedeutung vor allem darin bestand, daß bei dem Umschmelzen von Guß- und Roheisen in den Flammöfen zuerst die Verwendung von Steinkohle als Brennmaterial glückte, lange ehe es gelang, Eisenerze mit ihrer Hilfe zu schmelzen. Allerdings taugte das Flammofenschmelzen nicht für alle Arten von Gußwaren, aber gute Kanonenrohre konnte man damit hersteilen. Und das war die Hauptsache. Der Zusammenhang zwischen dem wichtigsten Fortschritt in der Eisenvei'arbeitung und dem Heeresbedarf liegt offensichtlich zutage. Der beste Kenner dieser Dinge urteilt denn auch wie folgt 209 : „Der Geschützguß hat mit am meisten zur Förderung der Technik der Eisengießerei beigetragen; er gab auch die Veranlassung zur Einführung des Flammofenschmelzens.“ Ebenso bedeutsam für die Entwicklung der Eisenindustrie war die Verbesserung der eigentlichen Werkzeugmaschinen zur Bearbeitung des Eisens, namentlich der Bohr- und Drehbänke: Dampfmaschine und Zylindergebläse waren in ihrer Wirksamkeit abhängig von der Möglichkeit, große Zylinder auszubohren. In dieser Kunst waren gegen das Ende des 18. Jahrhunderts die Engländer allen übrigen Nationen voran, und diese Überlegenheit hatten sie sich bei der Kanonenherstellung erworben: „Die Metallbohr- und Drehbänke haben ihre Entwicklung zunächst der Geschützfabrikation zu verdanken. Das Ausbohren der Kanonen war das Problem, an dem sich die Bohrkunst hauptsächlich entwickelt hat“ (Beck). Schon im 16. Jahrhundert hat Biringuccio in seiner Pirotecnica das Ausbohren der Kanonen mit Hilfe eines Wasserrades beschrieben. Die von ihm dargestellte Bohrmaschine, die schon horizontal bohrte, ist dann mehrfach verbessert worden und wurde im 18. Jahrhundert von dem Schweizer Maritz zu der Vollendung 8 * 116 Drittes Kapitel: Die Bewaffnung der Heere gebracht, in der sie die Entwicklung des Maschinenwesens im 19. Jahrhundert ermöglichte. Maritz wurde 1740 zum Inspektor des Geschützwesens in Frankreich berufen: ausschließlich am Kanonenmaterial hat er sein technisches Können betätigt. Maritz wurde zum Reformator der französischen Artilleriewerkstätten, indem er das Gießen ohne Kern und das Bohren aus dem Vollen mit horizontalen Bänken einführte 210 . 117 Viertes Kapitel: Die Beköstigung der Heere I. Die Verpflegungssysteme Wir werden gut tun, wieder Landheer und Marine gesondert zu betrachten, da die Verpflegung ihrer Truppen doch zu viel innere Verschiedenheiten aufweist, um sie in einem zu betrachten. Das ganze Mittelalter hindurch bis tief in die neuere Zeit hinein war es bei den Landtruppen die Regel, daß jeder Krieger für seinen Unterhalt selbst sorgte oder daß die Nächststehenden ihn mit Unterhaltsmitteln in natura versahen , ganz gleich ob es Reiterheere oder Fußheere, ob Aufgebots- oder Söldnertruppen waren. Um ein paar Beispiele aus der Zeit des späten Mittelalters (15. Jahrhundert) herauszugreifen: Die Verpflegung des Schweizer Aufgebotsheeres lag den Gemeinden ob, in denen sie aber dezentralisiert war. In Bern gab es 17 Stuben oder Gesellschaften, die ihren Mitgliedern die Verpflegung gaben 211 . Neben der mitgegebenen und gelieferten Verpflegung mußte der Unterhalt im Feldlager durch freien Einkauf gedeckt werden. Die Ordonnanzkompagnien Karls des Kühnen (1471) mußten sich selbst beköstigen, auch auf dem Marsch 212 . Das galt selbstverständlich auch von allen auf Zeit an- geworbenen Söldnertruppen. Es ist der Zustand, der noch zur Zeit Wallensteins herrscht 218 . 118 Viertes Kapitel: Die Beköstigung der Heere Die Obersten des Wallensteinschen Heeres empfingen Verpflegungsgelder, die sie den Soldaten auszahlten: diese sollten damit ihren Unterhalt bestreiten. Die Verpflegungsgelder selbst wurden von den umliegenden Landschaften mittels Kontribution eingezogen. Was dem Systeme Wallensteins seine besondere Note gab, war nur das brutale Zugreifen , war die rücksichtslose Gewalthaftigkeit. Konnte oder wollte der Quartiergeber nicht zahlen, so nahm man sich eben, was man brauchte; das Geldlöhnungs-Kaufsystem ging dann in ein Natural-Beutesystem über: „Im Fall die Bürgerschaft und Untertanen mit dem Gelde nicht aufkommen könnten, wird denselben anheim gestellt, die gemeinen Offiziere und Soldaten mit Viktualien zu unterhalten,“ heißt es in Wallensteins Verpflegungsordnung vom Jahre 1629, die mit der des Generals Tilly von 1623 in den entscheidenden Punkten übereinstimmt. Soweit nicht Wallenstein selbst Proviant von seinen Gütern (die vom Kriege verschont blieben!) herbeischaffen ließ, wovon noch die Rede sein wird, war auch dieses Verpflegungssystem noch durchaus privater Natur und grundsätzlich dezentralisiert. Mit der fortschreitenden Verstaatlichung der Heere wird die Regelung des Verpflegungswesens nach und nach auch als eine Aufgabe des Staates anerkannt. Schon frühzeitig begegnen wir Organen der Staatsgewalt, die eigens dazu ernannt werden, um (ganz vag ausgedrückt) zunächst nur eine Aufsicht über das Verpflegungswesen der Truppen auszuüben. Am frühesten natürlich wieder in Frankreich 214 . Hier besteht ein „Kriegskommissariat“ seit dem 14. Jahrhundert. In der Deklaration vom 28. Januar 1356 werden 12 „Commis- saires“ eingesetzt, von deren Funktionen wir freilich nur eine recht dunkle Vorstellung haben. Mit der materiellen Seite des Verpflegungswesens werden später die „Commissaires ordonna- teurs“ noch besonders betraut. 1470 erfahren wir von „agents I. Die Verpflegungssysteme 119 chargös de veiller ä l’approvisionement de Parmöe“; 1557 von „2 surintendants et commissaires gönöraux“, unter denen 2 Commissaires in jeder Provinz stehen; ferner gibt es „commis aux vivres, charchös d’ötablir des magasins sur le passage des troupes et d’acbeter les objets nöcessaires ä la subsis- tance des armöes et ä 1’avitaillement des places fortes“ (Ord. von 1557). Die vollständige Ordnung erfährt dann das französische Intendanturwesen unter Richelieu in den Jahren 1627 und 1631. Die „Commissaires de guerre“ werden in der späteren Zeit ein teures Kaufamt, das nicht immer in der gewissenhaftesten Weise ausgeübt wurde. Ähnliche Aufsichts-, Kontroll- und Verwaltungsbehörden, deren Funktionen freilich ganz verschieden waren, je nach dem (materialen) Verpflegungssystem, das jeweils herrschte, entstanden in allen Militärstaaten. England schuf sein „Victualling Department“ (1550); Preußen seinen Generalproviantmeister, der dem General- Kriegskommissarius unterstellt ist (1657) usw. Beim Ausbruch eines Krieges wurden vom Kriegsminister einige Kriegsräte aus den Kriegs- und Domänenkammern ernannt, um die Verpflegung der Truppen zu besorgen. Diese bildeten das „Feld- Kriegs-Kommissariat der königlich-preußischen Armee“ 215 . Uns interessieren an dieser Stelle diese Schöpfungen eigener Organe für das Verpflegungswesen nur als Ausdruck der Tatsache, daß dieses nunmehr von der Staatsverwaltung auch materiell mehr oder weniger in den Kreis ihrer ordnenden Tätigkeit gezogen wird. Welcher Art diese ordnende Tätigkeit war, müssen wir nun erst in Erfahrung bringen. Überall, soviel ich sehe, beginnt die Staatsgewalt die Regelung des Verpflegungswesens mit einer Art von indirekter Fürsorge: Die Beamten des Königs oder der andern Obrigkeit wachen darüber, daß die für den Unterhalt der Truppen notwendigen Lebensmittel in hinreichender Menge, guter Qualität und zu zivilen Preisen dem einkaufenden Soldaten 120 Viertes Kapitel: Die Beköstigung der Heere zur Verfügung stehen. Von einer solchen Fürsorge erfahren •wir im 15. Jahrhundert bei dem Schweizer Aufgebot, von dem schon die Rede war 216 . Wir hören davon noch früher in Frankreich 21T . Sie begegnet uns bei den Heeren des Dreißigjährigen Krieges 218 . Aber frühzeitig wurde die Mitwirkung des Staates hei der Beköstigung der Truppen doch eine inhaltlich helfende. Der Fürst hatte, wie wir sahen, von alters her eine Leibwache : für deren leiblichen Unterhalt mußte er selbst sorgen. Er mußte ferner die Festungen verproviantieren. Er mußte die Truppen mit Lebensmitteln versehen, die er über See sandte. So sehen wir abermals schon im Mittelalter den König von Frankreich am Werke, durch die Bailles und Sönöchaux Lebensmittel aufkaufen zu lassen, die er für die eben genannten Zwecke verwandte: schon im 14. Jahrhundert werden die „Commissaires aux vivres“ damit betraut, den Proviant zu vereinigen und nach Anordnung des Königs an die verschiedenen Stellen abzuführen. Die Magazine, in denen der Proviant für eintretenden Bedarf aufgestapelt wurde, erhielten den Namen „Garnisons“ 219 . Daneben finden wir frühzeitig öffentliche Körperschaften vom Staate damit beauftragt, für den Unterhalt der Truppen zu sorgen: die Ordonnanzkompagnien Karls VII. wurden von den Provinzen in natura verpflegt: jede „Lanze“, die aus vier Kombattanten zu Pferde und zwei Knappen oder Knechten bestand, erhielt: jeden Monat zwei Hammel, einen halben Ochsen oder eine halbe Kuh oder ein Äquivalent in Fleisch anderer Art; jedes Jahr vier Schweine; jeder Mann ferner im Jahre zwei Pipen Wein, IV 2 Last Getreide und schließlich jeder homme d’armes für sich und sein Gefolge: monatlich 20 1. für Beleuchtung, Gemüse, Zutat (Gewürz) und anderen kleinen Bedarf. Für jedes Pferd wurden 12 Lasten (Charges) Hafer und vier Karren Stroh und Heu geliefert 220 . Bei der zunehmenden Erstarkung des Staatsgedankens I. Die Verpflegungssysteme 121 konnte es nickt ausbleiben, daß der Fürst auf die Idee verfiel, nachdem er sein Heer verstaatlicht hatte, nun auch das gesamte Verpflegungswesen zu verstaatlichen. Es scheint, als ob das System der Verpflegung der Truppen durch den Staat zu voller Entwicklung zuerst in Spanien während des 17. Jahrhunderts gelangt sei. Von hier fand es Verbreitung auch in anderen Staaten, wie in Brandenburg-Preußen. Hier sehen wir es bis zur Zeit des Großen Kurfürsten in der Form der „Speisung“, d. h. der Verpflegung durch den Quartierwirt in Übung. Einer der besten Kenner der „alten Armee“ gibt folgendes Bild von der Art und Weise, wie die Truppen unter Georg Wilhelm unterhalten wurden 221 : „An Löhnung (Lehnung) erhält der Musketier alle 10 Tage 1 Taler, wovon er leben muß. Sie wird oft zum Teil oder ganz in Lebensmitteln oder durch ,Speisung 1 , d. h. Verpflegung durch die Quartierwirte ersetzt. Der Ausdruck ist daher häufig mißverstanden worden. Die drei Löhnungen sind Abschlagszahlungen auf den monatlichen Sold (1631 auf die Kompagnie 1300 Tlr.), von dem außerdem Gewehr, Kleidung, event. auch Pferdehaltung, kurz die ganze Kompagniewirtschaft zu bestreiten ist. Der verbleibende Betrag wurde meist zunächst einbehalten (1631 also 600 Thlr.) und dient später zur Gegenrechnung für die vom Staate gelieferten Waffen, für überhobene Zehrung, Erpressungen usw. Der Ausdruck Traktament ist allgemein und bedeutet nach Umständen Sold oder Löhnung. Ganz zu trennen ist für Georg Wilhelms Zeiten der Servis (Holz, Licht usw.), den der Quartiergeber leistete oder in Geld ablöste.“ Dieses System der vollen Verpflegung durch den Staat hielt sich jedoch nicht lange. Die Schwierigkeiten der Durchführung, die damit für die bequartierten Gegenden verknüpften Unzuträglichkeiten bestimmten schon den Großen Kurfürsten dazu, die Speisung der Armee wieder zu beseitigen, die Geldzahlung wieder an die Stelle zu setzen. Friedrich Wilhelm I suchte noch mehr die fiskalische Naturalverwaltung zu beschränken: die Regimenter, Kompagnien und die einzelnen auf feste Geldeinnahmen zu setzen, mit denen sie auskommen mußten. So bildete sich im Laufe des 17. und 18. Jahr- -[22 Viertes Kapitel: Die Beköstigung der Heere hunderts in den meisten Staaten eine Art von gemischtem System heraus, das ziemlich einheitlich auf folgenden Grundsätzen beruhte: der Staat verpflegt den Soldaten ganz auf dem Marsche und im Felde; in der Garnison überläßt er es im wesentlichen dem einzelnen, wie er sich für den Geldsold, den er empfängt, beköstigt. In den einzelnen Staaten wird dieser oder jener Bestandteil des Unterhalts dem Soldaten vom Staat oder vom Quartiergeber (in Gestalt des sogenannten Servis) in natura verabreicht. In der Instruktion vom 29. Juni 1620, die für den chursächsischen Proviantmeister von Zscheppelitz erlassen wurde, lieißt es im Eingang 222 : „Unser bestallter Übristen- (alias General-) Proviantmeister soll das Kriegsvolk im Felde zu jeden Zeiten mit allerlei Proviant versehen.“ Die Friedensverpflegung liegt dem Krieger ob. Dieser erhält nur als Servis vom Quartiergeber: Obdach, Salz, Pfeffer, Essig und Licht. Sächsische Verpflegungsordnung vom 1. März 169 7 223 . In den kaiserlichen Landen bat der Soldat von 1679 an sein Essen beim Quartiergeber zu kaufen; der Quartiergeber liefert ihm in natura eine Portion Brot, wofür Abzug am Lohn gemacht wird. ln Preußen bekommt der Kompagniechef für Löhnung, Werbung, kleine Montierung usw. eine feste Geldsumme, die er beliebig verwenden kann; er muß nur durch Musterung richtige Verwendung nachweisen. 1713 wird der Monatssold der Gemeinen auf 2 Tlr. 6 Sgr. erhöht; davon verbleiben dem Soldaten nach dem Abzug für gemeinsame Kassen 1 Tlr. 16 Gr.: das ist der Betrag, den er für seinen Unterhalt ausgeben kann. Im Frieden erhält der Soldat außer auf Märschen keine Naturalverpflegung (auch kein Brot); diese tritt ein außerhalb der Garnisonen und im Kriege. In Frankreich bestimmt die Ord. von 1641: der Staat sorgt für die Verpflegung des Kriegers auf dem Marsche und im Felde; dieser erhält alsdann 2 Pfd. Brot am Tag, 1 Pfd. Fleisch und 1 Pinte Wein. In der Garnison liefert der Staat nur das Brot, wofür er 1 Sous pro Tag vom Solde abzog. Sobald der Staat irgendwelche Fürsorge für den Unterhalt des Soldaten übernahm, also namentlich sobald er ihm das Brot — sei es immer, wie in Frankreich, sei es zuzeiten, wie in den meisten deutschen Staaten — lieferte, mußte er für Bereithaltung von Vorräten, insonderheit also wieder für Aufstapelung von Getreide sorgen. Das geschah dadurch, daß er möglichst über das ganze i I. Die Verpflegungssysteme 123 Land verstreut Magazine anlegte: in Frankreich geschieht dies bereits unter Heinrich IV., dann unter Ludwig XIII. in weitem Umfange 224 ; in Preußen namentlich unter Friedrich Wilhelm I. (1726 waren 21 Kriegsmagazine errichtet) 226 ; von anderen deutschen Staaten waren Sachsen, Böhmen und Württemberg in gleicher ftichtung schon seit dem 16. Jahrhundert vorgegangen 226 . * * * Die Verhältnisse bei der Marine liegen insofern anders wie beim Landheer, als die Selbstverpflegung der Mannschaft bei irgendwie größeren Schiffstypen und längeren Reisen kaum durchführbar ist. Man vergegenwärtige sich, daß auf einem Kriegsschiffe ein paar hundert oder tausend Menschen wochen- oder monatelang von allem Verkehr mit der Außenwelt abgeschlossen sind. Sie müssen also jedenfalls mit großen Vorräten an Lebensmitteln versehen sein. Die Beschaffung dieser Vorräte dem einzelnen zu überlassen, sie einzeln im Schiffe aufzustapeln, zu bewachen und sie dann auch einzeln verzehren zu lassen, ist außerordentlich lästig. Vorgekommen scheint auch diese Art der Selbstbeköstigungen auf Schiffen zu sein, wohl unter kleinen Verhältnissen: in den Aufgeboten der Republik Genua im 13. Jahrhundert werden die Pflichtigen aufgefordert, für Waffen, Proviant und „alles Nötige“ selbst zu sorgen 227 . Diese Art der Verpflegung wurde „ad apo- disias“ ,auf eigene Kosten 1 genannt, und ihr stand gegenüber die Anwerbung „ad solidos“: das Söldnerheer. Aber auch im Solde waren zu jener Zeit die Verpflegungskosten einbegriffen. Die großen seefahrenden Staaten, also namentlich Spanien, Holland, Frankreich und England, scheinen das System der Selbstbeköstigung ihrer Schiffsmannschaften niemals gekannt zu ; haben. Was verschieden gestaltet ist, ist nur die Form, in der die kollektive Beschaffung der Lebensmittel für die Schiffsbesatzung erfolgt. Hier sind, soviel ich sehe, im Laufe 124 Viertes Kapitel: Die Beköstigung der Heere der Jahrhunderte zwei Systeme angewandt worden: eins, das man das französische nennen kann, hei dem den Schiffskapitänen die Verproviantierung ihrer Schiffe überlassen ist, und ein englisches, bei dem der Staat für die Verpflegung der Schiffsmannschaften Sorge trägt. In Frankreich ist tatsächlich bis zur Zeit Colberts es den Schiffskapitänen überlassen, für Offiziere und Mannschaft ihrer Besatzung, selbst für die Landtruppen, die sie an Bord nahmen, den Unterhalt zu beschaffen. Erst unter Colbert wird ein munitionnaire gönöral eingeführt, und die Verproviantierung erfolgt für mehrere Schiffe von Staats wegen 228 . In England hören wir schon im 13. Jahrhundert von Ausgaben für Heringe, Schinken usw., die als Proviant auf des Königs Schiffe geschickt wurden 229 . Manchmal wird der Proviant in natura von den Ständen geliefert 28 °. Im 16. Jahrhundert ist die staatliche Fürsorge durchaus das herrschende System: vom Staate erhält die Mannschaft ihren Proviant geliefert. II. Der Bedarf an Lebensmitteln Wenn wir uns der Ausführungen in dem „theoretischen“ Teile dieser Schrift erinnern, so wissen wir, daß Größe und Art des Bedarfs eines Heeres auch an Lebensmitteln bestimmt wird durch die Stärke der Armee und die Eigenart des Verpflegungssystems. Die Menge der Truppen, die unter Waffen stehen, bestimmt immer die absolute Größe des Bedarfs; das heißt bestimmt die Anzahl von Mündern, die gespeist sein wollen, ohne daß ihre Träger bei der Erzeugung der Güter mithelfen. Denn das ist natürlich das ökonomisch Wichtige dabei, daß im Heere ebenso viele Nur-Konsumenten geschaffen werden, als Krieger (oder Kriegerfamilien) da sind. Diese Eigenschaft, Nur- Konsument zu sein, hat der Soldat immer, gleichgültig, ob er II. Der Bedarf an Lebensmitteln 125 seinen Unterhalt in natura bezieht oder ihn von einem Produzenten einkauft. Das Yerpflegungssystem entscheidet dann darüber, in welchem Umfange ein durch größere Heere hervorgerufener größerer Bedarf an Lebensrnitteln ein Massenbedarf, das will sagen: ein zusammengeballter, einheitlich, im Ganzen auftretender Bedarf, wird. Nicht nötig, zu sagen, daß ein großer Bedarf um so eher ein Massenbedarf wird, je weiter die Zentralisation der Bedarfsdeckung fortgeschritten ist. Ferner: wenn die Zentralisation nur in Kriegszeiten eintritt, je länger die Kriege dauern. Endlich (bei Schiffen), je weiter sich die Ausreisen dehnen. Die Notwendigkeit, größere Truppenmassen für eine längere Seereise zu verproviantieren, hat wohl zuerst einen Massenbedarf an Lebensmitteln erzeugt. Und hat ihn zu einer Zeit hervorgerufen, als die Welt noch in Träumen dahinlebte. Es muß mächtige Erschütterungen in den traumseligen Menschen jener Tage hervorgerufen haben, wenn eines Tages in Genua sich die Nachricht verbreitete: Philipp August von Frankreich will sein Kriegsheer mit Proviant und Pferdefutter für 8 Monate und mit Wein für 4 Monate versehen 281 . Oder wenn der Ausrufer durch die Dörfer Frankreichs ritt und verkündete, was die Bailliage an Lebensmitteln aufzubringen und nach Calais zu liefern habe für die Ausrüstung der dort sich einschiffenden Truppen. Wir besitzen eine Übersicht über die einzelnen Leistungen, die den Baillis im Jahre 1304 aufgegeben wurden. Die Ziffern sind natürlich ebensowenig voll zu nehmen wie die einer mittelalterlichen Gestellungsliste. Sie drücken wohl immer nur das erhoffte Maximalquantum aus. Immerhin geben sie doch eine annähernde Größenvorstellung von den Mengen, die in so früher Zeit für die Verpflegung eines Heeres zusammengebracht werden mußten. An ihrer Richtigkeit ist wohl nicht zu zweifeln. Die Aufstellung findet sich im Reg. XXXV des Tresor des chartes Nr. 138 und ist abgedruckt bei Boutaric, 278/79. „Requirierungen, die im Januar 1304 den Baillis aufgegeben wurden (behufs Lieferung nach Calais): 126 Viertes Kapitel: Die Beköstigung der Heere Bailliage de Sens: 250 Malter (Muids) Getreide, 500 Tonnen Wein, 150 Malter Hafer; B. de Caen: 500 Malter Getreide, 500 Tonnen Wein, 500 Malter Hafer, 1000 lebende Schweine, 1000 Schinken, 10 Malter Erbsen, 10 Malter Bohnen; B. d e Mäcon: 500 Stück Hornvieh, 1000 Hammel; B. d’Auvergne: 1000 Stück Hornvieh, 2000 Hammel, 1000 Schinken; B. de Troyes: 10000 Pfd. Wachs, 4000 Pfd. Mandeln, 20 Brote Zucker B. de Gisor: 500 Malter Getreide, 500 Malter Hafer, 10 Malter Erbsen, 10 Malter Bohnen; B. de Caux: 250 Malter Getreide, 500 Tonnen Wein, 250 Malter Hafer, 1000 Schinken; B. de Rouen: 500 Malter Getreide, 100Tonnen Wein, 500 Malter Hafer, 1000 Schinken, 100 Poisses Salz; B. de Senlis: 250 Malter Getreide, 500 Tonnen Wein, 250 Malter Hafer; B. de Touraine: 500 Malter Getreide, 1000 Pipen Wein, 500 Malter Hafer, 40 Pipen Öl, 40 charches Salz; B. de Bourges: 4000 Hammel, 500 Stück Hornvieh, 500 lebende Schweine; B. de Coutance: 500 Malter Hafer, 1000 lebende Schweine, 1000 Schinken, 500 Stück Hornvieh; B. d’Orldans: 200 Malter Getreide, 200 Malter Hafer, 500 Stück Hornvieh, 1000 Hammel; Sönechaussde de Poitou: 1000 Tonnen Wein, 10 Tonnen Essig, 500 Stück Hornvieh; Sdn. de Saintonge: 1000 Tonnen Wein, 10 Tonnen Essig, 500 Stück Hornvieh. Dann trat aber ein rechter und ständiger Massenbedarf an Lebensmitteln natürlich erst auf, als die modernen Heere und Flotten entstanden. Namentlich die Flottenausrüstung heischte frühzeitig eine regelmäßige starke Zufuhr von Proviant. Die entscheidende Wandlung scheint hier in das 16. Jahrhundert zu fallen. Damals ging man dazu über, die Schilfe im Winter zu verproviantieren, und ein englisches Reglement stellt eine Verproviantierung von 2 zu 2 Monaten für 4 Monate als Norm fest. Freilich, diese Forderungen wurden noch nicht regelmäßig erfüllt: 1522 klagt der englische Admiral Surrey, daß er trotz jenes eben erwähnten Reglements höchstens für 8 Tage Proviant an Bord habe. 1545 wird von den Franzosen ausdrücklich gemeldet, daß sie für 2 Monate Proviant bei sich II. Der Bedarf an Lebensmitteln 12 7 führen 233 . Diese höheren Ansprüche an das Verpflegungswesen hingen damit zusammen, daß man seit der Mitte des Jahrhunderts ganz andere Gepflogenheiten bei der Handhabung der Kriegsschiffahrt walten ließ. Bis in die Zeit Heinrichs VIII. hatten die Flotten Soldaten gelandet und waren umgekehrt; oder sie hatten den Feind geschlagen und waren umgekehrt: nun begann die Ära der langen Fahrten. Was aber schon im 16. Jahrhundert an Proviantmengen hei größeren Unternehmungen in Frage kam, zeigen die Bestände an Nahrungsmitteln, die die spanische Armada im Jahre 1588 mit sich führte. Wir sind auch darüber sehr genau und zuverlässig unterrichtet und wissen, daß die 195 Schiffe dieser Flotte an Bord nahmen 233 : 110000 Zentner Biskuit, 11117 Mayors (ä 56,2 gal.) Wein, 6000 Zentner Schweinefleisch, 3000 „ Käse, 6 000 „ Fisch, 4 000 „ Eeis, 6000 Fanegas (ä 1,5 bush.) Erbsen und Bohnen, 10000 Arrobas (ä 3,5 gal.) Öl, 21000 „ Essig, 11000 Pipen Wasser. Im 17. Jahrhundert häuften sich die Gelegenheiten, in denen so große Massen Proviant in kurzer Zeit — daS gab dem Ganzen erst sein eigentümliches Gepräge — aufgebracht werden mußten. So erfahren wir beispielsweise von einer plötzlich auftretenden Nachfrage hei der englischen Flotte nach 7 500000 lbs. Brot, 7 500000 Ibs. Beef und Schwein, 10000 Fässern (butts) Bier, außer Butter, Käse, Fisch usw., was alles binnen ganz kurzer Zeit (die Länge ist nicht angegeben) zu beschaffen ist 234 . 128 Viertes Kapitel: Die Beköstigung der Heere Den Holländern kostet der Unterhalt ihrer Flotte im Jahre 1672 für 7 Monate 6972 768 fl. 285 . Sehr detaillierte Aufstellungen für die Proviantierung eines Schiffes oder einer Flotte um die Mitte des 18. Jahrhunderts findet man hei De Chennevihres in seinen Dötails militaires I (1750), 238 seg. Man wird nun vielleicht meinen, das Schiffsverproviantierungsproblem sei gar kein spezifisch militärisches, da ja auch jedes Handelsschiff mit Mund Vorrat für die Mannschaft versehen werden muß. Ja — aber die Größe der Provian- tierungen waren ganz andere bei den Kriegsschiffen, und erst diese Ausweitung des Versorgungsspielraumes enthielt das Problematische. Man muß sich stets vor Augen halten, wie geringfügig die Besatzungen der Kauffahrteischiffe im Vergleich zu denen der Kriegsschiffe war. Im Mittelalter schon waren auf deu Kriegsschiffen große Menschenmassen zusammengepfercht: die Galeeren waren die Kriegsschiffe der italienischen Seemächte, und Galeeren waren Ruder schiffe und schon deswegen sehr viel stärker bemannt als gleich große Segelschiffe. Schon im 18. Jahrhundert t haben die Galeeren der Republik Genua 140 Ruderer 286 . Im Jahre 1285 kommen 184 Mann auf ein Fahrzeug. Ein gleich großes Handelsschiff hatte vielleicht kaum 20 Mann an Bord. Selbst wenn die Kauffahrtei- Segelsehiffe mit Kriegern zu ihrem Schutze ausgerüstet waren, wiesen sie im 12. und 13. Jahrhundert nur folgende Besatzungen auf: 25, 50, 32, 85, 60, 55, 50, 45. Die Sache änderte sich sofort wieder, wenn die Handelsschiffe, mit oder ohne Ladung fahrend, hauptsächlich auf den Krieg oder die Kaperei gerüstet waren; dann wurden sie unverhältnismäßig viel stärker bemannt; sie hießen dann „armiert“, navis armata, und hatten dann folgende Besatzungen: zwei Schiffe haben 1234 600 Mann, ein pisanisches Schiff hat 1125 400 Mann, ein anderes Schiff II. Der Bedarf an Lebensmitteln 129 gleicher Herkunft hat 500, ein venetianischer Kauffahrer hat '900 Mann an Bord 28T . Im 16. Jahrhundert rechnete man bei Kriegsschiffen 3 Mann auf 5 Tonnen brutto: ein Drittel Soldaten, ein Siebentel des Restes Feuerwerker (gunners) und der Rest Seeleute; bei Handelsschiffen dagegen nur 1 Mann auf 5 Tonnen netto: ein Zwölftel Feuerwerker, der Rest Seeleute 288 . Es kamen bei diesem Besatzungsverhältnis also recht -stattliche Mannschaften auf Kriegsschiffen heraus. Unter den 15 englischen Schiffen, die ein amtliches Verzeichnis des Jahres 1513 289 aufführt, sind 2 mit 700 Mann an Bord: + 40 Feuerwerker; 1 mit 600 Mann an Bord: + 20 Feuerwerker; 1 mit 550 Mann an Bord: + 40 Feuerwerker; 1 mit 400 Mann an Bord: + 20 Feuerwerker; 2 mit 300 Mann an Bord: + 20 Feuerwerker; 2 mit 300 Mann an Bord: + 15 Feuerwerker 400 Soldaten + 260 Matrosen 350 Soldaten + 230 Matrosen 300 Soldaten + 210 Matrosen 200 Soldaten + 180 Matrosen 150 Soldaten + 130 Matrosen 150 Soldaten + 135 Matrosen usw. Zieht man die Zahl der Schiffe in Betracht, die zusammen gegen den Feind zogen, so handelte es sich leicht um recht große Massen von Soldaten und Matrosen, die sich an Bord befanden. 1511 verspricht Heinrich VIII., mit 3000 Mann den Kanal freizuhalten. 1513 werden für die englische Flotte (außer der Besatzung von 28 Lastschiffen) 2880 Seeleute angeworben. 1514 befinden sich auf 23 Königsschiffen, 21 gemieteten und 15 Lastschiffen 3982 Seeleute und 447 Artilleristen (gunners), also 4429 Mann ohne die Soldaten 24 °. Sombart, Krieg und Kapitalismus 9 130 Viertes Kapitel: Die Beköstigung der Heere Aber auch beim Landheere wuchsen die Bedarfsmengen begreiflicherweise rasch. Beispiele: Die 12000 Mann Brandenburger, die 1694 als Hilfstruppen am Rhein und in den Niederlanden standen, erhielten (außer einem Geldlohn von monatlich 38180 Talern) 2 Pfund Brot pro Mann und Tag. Das ergab für 11608 Gemeine und Unteroffiziere täglich 23 216 Pfund, in 31 Tagen also 719696 Pfund; 144 Pfund Brot auf 1 Zentner Mehl Nürnberger Gewicht gerechnet, ergab es 4898 Zentner Mehlbedarf pro Monat 241 . 1727 werden 200000 Taler aus dem Tresor angewiesen, um dafür Roggen zu kaufen für die Kriegsmagazine 242 . In den 21 preußischen Magazinen lagerten am Ende der Regierungszeit Friedrich Wilhelms I. 45000 Wispel: eine ausreichende Versorgung von 200000 Menschen auf ein Jahr 243 . Man rechnete in Preußen im 18. Jahrhundert 2 Pfund Brot pro Tag und Mann, was 7 Scheffel im Jahre ausmacht. Die preußische Armee brauchte also schon während der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts 24000—25000 Wispel Getreide, während die Zivilbevölkerung Berlins 1720 nur 7200 Wispel beanspruchte 244 . Ähnliche Ziffern ergeben sich für die Armeen der anderen Länder. Duprö d’Aulnay stellt Mitte des 18. Jahrhunderts folgende Rechnung für Frankreich auf 246 : die Versorgung einer Armee von 150000 Mann mit Kommißbrot, das sind 54 Millionen Rationen im Jahr, erheischt 300000 Sack Getreide zu 200 1b.; also 30000 t. Wir werden sehen, wenn wir jetzt die verschiedenen Wege verfolgen, auf denen die Deckung eines so riesigen Bedarfes stattfand, daß das eine Menge war, die nur aus einem einzigen Hafen (Danzig) damals ausgeführt wurde. III. Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Truppenverpflegung 131 HI. Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Truppenverpflegung Soviel ich sehe, hat man an dem in dieser Überschrift ausgedrückten Probleme bisher immer nur die negative Seite beachtet: man ist den zerstörenden Wirkungen nachgegangen, die räuberische Erpressungen oder übermäßige Belastungen durch Heere in einem Lande ausüben können oder ausgeübt haben. Dieser Teil des Problems hat sogar eine fast erschöpfende Behandlung erfahren in dem einschlägigen Artikel in Krünitz’ Enzyklopädie. Aber das Problem hat auch einen sehr bedeutsamen, positiven Inhalt, der in der Frage enthalten ist: welchen aufbauenden, schöpferisch umgestaltenden Einfluß das Yerpflegungswesen in dieser oder jener Zeit gehabt hat, welche Rolle es insbesondere wiederum bei der Herausbildung des modernen Kapitalismus gespielt hat. Was ich da an Zusammenhängen sehe, ist das Folgende: 1. Die Tatsache, die ich schon hervorhob, daß eine Armee immer eine Masse von Nur-Konsumenten darstellt, die in den Zeiten des europäischen Mittelalters und noch mehr in den letzten Jahrhunderten ihren Bedarf der Regel nach durch Einkauf deckten, wirkt dort, wo die Tauschwirtschaft erst in den Anfängen sich befindet, zweifellos insofern auf lösend auf das Wirtschaftsleben ein, als durch diese beständige Nachfrage von Geldbesitzern ein Anreiz zur marktmäßigen Produktion geschaffen wird. Die tauschwirtschaftlichen Beziehungen gewinnen also an Umfang und Stärke. Und das bedeutet unzweifelhaft eine Beschleunigung auch der kapitalistischen Entwicklung, die fast überall die tauschwirtschaftliche Organisation zum Ausgangspunkte nimmt. Wenn in einem ökonomisch so rückständigen Lande, wie Preußen es im 18. Jahrhundert noch war, die belebende Einwirkung der großen kaufkräftigen Armee nicht dagewesen wäre, durch die erst einmal die alten bäuerlich eigenwirtschaftlichen Formen des Wirtschaftslebens 132 Viertes Kapitel: Die Beköstigung der Heere gesprengt wurden, so hätte der Kapitalismus sicher hundert Jahre länger warten müssen, ehe er diesen Bissen auch verschlingen konnte. Die Nachfrage der Truppen nach Lebensmitteln — ganz gleich, oh sie vom einzelnen Soldaten oder vor einer zentralen Stelle ausgeht — spielt hier also gleichsam die Bolle eines Schrittmachers des Kapitalismus. Daß aber eine solche stimulierende Wirkung sehr wohl von der Armee ausgehen konnte, sagt uns die bloße Gegenüberstellung der Bevölkerungsziffern. Wir haben gesehen, daß in Preußen 1740 und 1786 das Heer in Friedenspräsenzstärke etwa 4°/o der Bevölkerung ausmachte: in einer Zeit, als sicherlich noch 60—70°/o der Bevölkerung im Rahmen der Eigenwirtschaft ihren Bedarf befriedigte. In kleinen Städten und auf dem platten Lande werden die Soldaten und wird der Militärfiskus damals gewiß oft der einzige Käufer von Belang überhaupt gewesen sein. Friedrich Wilhelm I. sah am besten diese „belebende“ oder auflösende und die Entwicklung zu „höheren“ Formen des Wirtschaftslebens treibende Einwirkung seiner Truppen ein. Ich glaube, er hatte aufs Wort recht, als er sagte: „Wenn meine Armee außer Landes marschiert, so werden die Accisen nicht das dritte Theil so viel tragen, als wenn die Armee im Lande, die rerum pretium werden fallen, als dann die Ämter ihre Pacht nicht richtig abtragen werden können.“ 2. Engstens im Zusammenhänge mit jener ersten Wirkung, die ein großes Heer auf die Gestaltung des Wirtschaftslebens ausübt, steht eine zweite: die Bedeutung eines solchen Heeres als städtebildender Faktor. Diese Bedeutung kann natürlich nur dort hervortreten, wo die Truppen in Städten garnisoniert werden, oder wo so viel Truppen an einer Stelle liegen, daß eine Stadt aus dieser Anhäufung hervorwächst. Jede Begründung und jede Vergrößerung einer Stadt bedeutet immer aber wiederum einen Schritt weiter auf der Bahn, die zum Kapitalismus führt. Wie dieser eine tauschwirtschaftliche III. Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Truppenverpflegung 133 Organisation zur Voraussetzung einer geschichtlichen Entwicklung hat, so auch eine Agglomeration der Bevölkerung in Städten. Will man nicht zugeben, daß diese eine notwendige Vorbedingung für die Entstehung des Kapitalismus sei, so wird man nicht leugnen können, daß durch eine rasche Vergrößerung der städtischen Siedelungen der Kapitalismus eine wesentliche Förderung erfährt. Daß nun aber namentlich die modernen Heere in weitem Umfange städtebildend gewirkt haben, ist zweifellos. Ich führe wieder Preußen als Beispiel an, weil hier die revolutionierende Wirkung, die die Armee auf das Wirtschaftsleben ausgeübt hat, vielleicht am deutlichsten zutage tritt. Berlin selbst ist ja bis zum Ende des 18. Jahrhunderts eine reine Garnisonstadt: 1740 besteht die Militärbevölkerung aus 21309 Köpfen; die Gesamteinwohnerzahl beträgt etwa 90000. Will man nun annehmen, daß von jedem Militärmenschen ein zweiter Mensch gelebt habe, so würde die Hälfte der Stadt durch die Garnisonierung der Truppen in ihr gebildet. 1754 stieg die Militärbevölkerung auf 25 255, 1776 auf 30501 Köpfe (nach Koser). Noch schlagender fast sind die Ziffern der kleinen Städte: Halle erhält durch die Garnison einen Zuwachs von 3—4000 Menschen, also vielleicht von einem Viertel seiner Bevölkerung; Magedeburg hatte (1740) 19 580 Einwohner und eine Garnison von 5—6000 Köpfen dazu; Stettins Bevölkerung bezifferte sich (1740) auf 12 740; seine Garnison zählte 4—5000 Menschen (Soldaten mit Weibern und Kindern) 246 . 3. Haben wir bisher nun feststellen können, daß die Heere mit ihrem wachsenden Bedarf an Lebensmitteln auf Umwegen zur Entwicklung des Kapitalismus beitragen, daß sie gleichsam seine Schrittmacher sind, so gilt es nunmehr doch den Nachweis zu führen, daß der Kapitalismus durch die Ausgestaltung, die das Truppenverpflegungswesen in den modernen Staaten erfährt, auch unmittelbar gefördert wird. 1B4 Viertes Kapitel: Die Beköstigung der Heere Freilich: die Zusammenhänge zwischen der Beschaffung der Lebensmittel für die Armeen und der Ausbildung des kapitalistischen Wirtschaftssystems liegen nicht so greifbar deutlich zutage wie etwa bei der Waffenerzeugung oder wie bei dem später darzustellenden Bekleidungswesen. Aber vorhanden sind sie, ganz gewiß. Und man wird nur ein bißchen genauer Zusehen und ein bißchen weiter in der Runde sich umschauen müssen, um sie zu finden. Woran ich zunächst denke, ist die Förderung, die offenbar der landwirtschaftliche „Großbetrieb“ in erster Linie durch die Bestellungen der Heeresverwaltung erfährt, und die ihn auf der Bahn des Kapitalismus vorwärts treibt. Die Getreideeinkäufe der Heeresverwaltungen im Großen, die seit dem 16. Jahrhundert immer häufiger werden, sind es, die die Rentabilität der großen Landwirtschaft allenthalben steigern und immer mehr Anlaß geben, zu dieser überzugehen. In die Zeit vom 16. bis zum 18. Jahrhundert fällt in Deutschland und Österreich die Ausbildung des Ritterguts, dieses ersten „kapitalistischen Betriebes“, wie Knapp meint. Es wird nun ohne weiteres behauptet werden dürfen (und ist auch verschiedentlich im einzelnen nach gewiesen worden), daß diese Entwicklung gar nicht hätte eintreten können oder jedenfalls außerordentlich viel langsamer verlaufen wäre ohne die Ausweitung der Getreideproduktion, die eine steigende Nachfrage nach Getreide zu befriedigen suchte. Wodurch war diese steigende Nachfrage hervorgerufen? Ich behaupte: im wesentlichen durch die Entstehung der modernen Heere und deren wachsenden Bedarf an Lebensmitteln. Und versuche, die Richtigkeit dieser Behauptung zu beweisen. Zu diesem Behufe könnte ich Fälle ausfindig zu machen suchen, in denen der Absatz der Großgüter an die Armee außer Zweifel steht. Und solche Fälle gibt es zweifellos eine ganze Menge. Mir schweben z. B. die Bestellungen vor, die Wallenstein bei den Vorstehern seiner eigenen Güter III. Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Truppenverpflegung 135 macht (Wallenstein war nicht nur ein großer Feldherr, sondern ein vielleicht noch größerer und gerissenerer Geschäftsmann!), und die oft auf ganz große Beträge gehen. Diese Lieferungen des eigenen Getreides, an dem er als Produzent und als Feldherr Profit machte, dienten als regelmäßige Ergänzung der sonst durch Plünderung oder Erpressung aufgebrachten Unterhaltsmittel für die Wallensteinschen Heere. So bestellt er am 13. März 1626 30000 Strich (ä 93,6 1) Getreide von seinen Gütern 247 . Oder mir kommen die Getreideeinkäufe ganz großen Stils in den Sinn, die Gustav Adolf für seine Armee in Rußland machte 248 . Oder ich denke an die offensichtliche Bevorzugung, die Friedrich Wilhelm I. den Pächtern seiner Domanialgüter angedeihen läßt, wenn er Einkäufe für die Kriegsmagazine macht 249 . Aber ein einigermaßen schlüssiger Beweis für die Richtigkeit meiner Behauptung wird sich auf diesem geraden Wege kaum führen lassen. Ich schlage deshalb einen Umweg ein: über den sich seit dem 16. Jahrhundert entwickelnden internationalen Getreidehandel, an den ich auf der einen Seite den kapitalistischen landwirtschaftlichen Großbetrieb anknüpfe (weil dieser durch ihn ermöglicht wird), auf der andern die Nachfrage der Heeresverwaltungen (weil sie zur Entstehung dieses Marktes in erster Linie beigetragen haben). Gelingt mir der Nachweis, daß der internationale Getreidehandel des 16., 17. und 18. Jahrhunderts im wesentlichen dem modernen Heerwesen seine Existenz verdankt, so habe ich damit eine neue wichtige Beziehung zwischen Militarismus und Kapitalismus aufgedeckt, insofern als jener Handel selbst, wie zu zeigen sein wird, eine ganz große Manifestation des Kapitalismus, eine der frühesten auf kommerziellem Gebiete, gewesen ist. Deshalb fasse ich diesen Teil meiner Darstellung auch als eine besondere Einheit zusammen: 136 Viertes Kapitel: Die Beköstigung der Heere 4. Der europäische Getreidelt an del zerfällt deutlich in zwei ziemlich scharf voneinander geschiedene Epochen: in die Zeit bis zum Ende des 16. Jahrhunderts und die Zeit seitdem. Was die beiden Epochen unterscheidet, sind der geographische Umkreis, über den sich der Handel erstreckte, und die Mengen des in den Handel gebrachten Getreides. Seit dem Ende des 16. Jahrhunderts, eigentlich so recht erst seit dem 17. Jahrhundert, gibt es einen internationalen Getreidehandel, dessen Sitz eine kurze Zeit Antwerpen und dann Amsterdam ist, und ebenfalls seit jener Zeit weitet sich der Umfang des Handels, man ist versucht zu sagen: plötzlich,, sprunghaft aus. Der bedeutendste Getreidehandel des Mittelalters war der italienische, der die norditalienischen Städte, namentlich wohl Venedig, mit Zufuhren aus Süditalien und dem Pontus (dies in bescheidenen Grenzen) versorgte. Die Umsatzmengen sind für mittelalterliche Verhältnisse bedeutend: die Ausfuhrscheine, die die Florentiner Bankhäuser aufzukaufen pflegten, um damit zu spekulieren, lauten im 14. Jahrhundert auf durchschnittlich 100—120000 Salme 250 , nach meiner Berechnung etwa 10—15 000 t. Nehmen wir an, daß die Hälfte oder auch zwei Drittel dieser Mengen wirklich zur Ausfuhr gelangten, so hätten wir mit Umsätzen von 5—10 000 Tonnen zu rechnen: das Doppelte und Dreifache der größten nordischen Getreidehandelsplätze in Hamburg, Stettin, Reval usw. Alle Ziffern, die für die Zeit bis ins 16. Jahrhundert wesentlich größere Umsätze angeben, sind apokryph. Auch für den Getreidehandel Antwerpens im 16. Jahrhundert, der vielleicht schon schon recht bedeutend war, haben wir meines Wissens keine zuverlässigen Angaben. Es ist wirklich nicht statthaft, einem Chronisten nachzuschreiben: daß 2500 (!) Schiffe damals auf der Schelde ankerten, daß Jahr für Jahr 60000 Last Getreide aus der Ostsee und den Niederlanden in Antwerpen ausgeladen wurden. Möglich ist es. Es können III. Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Truppenverpflegung 137 aber ebensogut bloß 6000 gewesen sein. Immer wieder (und leider immer noch!) ist unsern Historikern zu predigen: die ihr jede Urkunde so gewissenhaft prüft, seid auch statistischen Angaben gegenüber, namentlich solchen, die die Handelsumsätze, den Schiffsverkehr betreffen, etwas kritischer! Zum Exempel, wie vag die Schätzungen des Antwerpener Handels im 16. Jahrhundert sind: Marino Cavallo beziffert die gesamte ostländische Einfuhr (Korn, Leinen, Holz) auf 350000 Dukaten, Guicciardini um dieselbe Zeit die Korneinfuhr allein auf IV 2 Millionen Dukaten. Erst im 17. Jahrhundert begegnen wir Ziffern, die einen (für damalige Begriffe) großen Getreideumsatz aufweisen, und deren Richtigkeit doch nicht anzuzweifeln ist. Das sind insbesondere die Zahlen, die wir für die Ausfuhr von Getreide aus Danzig besitzen. Da gibt es eine „Spezifikation von ein- und ausgegangenen Graanen in Danzig a° 1618, 1649 bisz a° 1790“, die sich jetzt im Besitze der Danziger Getreidefirma Lickfett befindet, und aus der der Bearbeiter der Acta Borussica Auszüge macht. Die Ziffern tragen den Stempel der Zuverlässigkeit. Leider wird uns nicht mitgeteilt, woher sie stammen. Möglicherweise sind es Aufzeichnungen von Getreidemaklern. Die Richtigkeit der Ziffern wird auch durch die Tatsache wahrscheinlich gemacht, daß auch in anderen Häfen in jener Zeit ein starkes Anschwellen des Getreidehandels sich bemerkbar macht, daß insbesondere der große Umsatz auf dem Amsterdamer Getreidemarkt verbürgt ist. Danzig und Amsterdam sind die beiden Angeln, um die sich der Getreidehandel des 17. und 18. Jahrhunderts dreht, der seiner Richtung nach einen durchaus internationalen Charakter trägt, da von Amsterdam aus das Getreide in alle europäischen Länder weitergehandelt wurde. Die Getreideausfuhr aus Danzig, von einigen ganz großen und ganz kleinen Jahren abgesehen, schwankt um die 50000 Last, was etwa 60000 t entspricht, herum. Das Jahr 1618 weist 138 Viertes Kapitel: Die Beköstigung der Heere die stattliche Menge von 115219 Last auf, während 1649 99808V2 Last 30 Scheffel aus dem Danziger Hafen herausgingen. Leider sind wir über den Umsatz auf dem Amsterdamer Getreidemarkt nicht ebenso genau unterrichtet wie über die Ausfuhr aus Danzig. Wir dürfen aber annehmen, daß er nicht nur fast die ganze Danziger Ausfuhr, sondern auch noch die aus anderen Ostsee- und Nordseeländern aufnahm. Wie rasch sich der „oosterliche“ Handel Hollands hob, zeigt die Zahl der Schiffe, die den Sund passierten: die betrug 1536 510, 1640 dagegen 160 0 251 . Diese Ziffern beweisen wohl 1. die recht beträchtliche Ausdehnung des Amsterdamer Getreidehandels, dessen Umsatzwert sich auf 10—20 Mill. fl. belief, und der sicherlich (das dürfen wir aus anderen Anzeichen ohne weiteres schließen) in beträchtlichem Umfange in kapitalistischen Bahnen wandelte: ein Anzeichen seines hohen Entwicklungsgrades scheint mir die (bisher, soviel ich sehe, unbeachtet gebliebene) Tatsache zu sein, daß er sich offenbar zum Teil schon in der Form des Typenhandels abspielte 252 ; 2. der Umstand, daß dieser Handel im wesentlichen den Absatz der deutschen (und russischpolnischen) Rittergüter besorgte, da wir das Getreide des Bauern nicht in diesem großen Verkehr vermuten dürfen. Wie aber steht es mit den Abnehmern des Amsterdamer Getreides? Waren das wirklich, wie ich vermute, in erster Linie die europäischen Heere? Wer konnte sonst als Abnehmer in Betracht kommen? Man hat, soweit man sich diese Frage überhaupt gestellt hat, etwas voreilig geantwortet: die zunehmende Bevölkerung namentlich in den Städten. Ist das eine plausible Erklärung? Man müßte in erster Linie an London und Paris denken, die beiden größten Städte. Aber von denen ist es uns gerade ziemlich sicher bekannt, daß sie ihren Bedarf an Lebensmitteln durchaus noch innerhalb der eigenen Länder deckten. Von London, das um 1600 III. Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Truppenverpflegung 139 eine halbe Million Einwohner gehabt haben wird, wird es uns für diese Zeit ausdrücklich bestätigt 263 : „London macht die Grafschaften von Norfolk, Suffolk, Essex, Kent und Sussex blühend; ihre Stärke und ihre Reichtümer beruhen, wie wohl bekannt ist, nicht so sehr auf Vorzügen ihres Bodens als auf ihrer Nachbarschaft und Nähe zu London.“ Die Beschreibung, die wir von der Organisation des Getreide- und Mehlhandels in England während der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts besitzen, läßt es als ziemlich sicher erscheinen, daß damals die Versorgung Londons immer noch durch die Provinzen erfolgte: die Getreidehändler kaufen das Getreide bei den Farmern auf, bei denen sie herumreiten, und bringen es zu Markte. Hier kaufen es die Müller, von denen es wiederum die Bäcker Londons direkt beziehen 254 . Ebenso bewegt sich die Verproviantierung von Paris während des ganzen 17. und 18. Jahrhunderts in nationalwirtschaftlichem Rahmen 265 . Wo aber waren sonst Großstädte aufgesprungen? Im Osten Europas. Sie kommen gar nicht in Betracht. Madrid im 17. Jahrhundert: wurde mit spanischem Getreide versorgt. Amsterdam selbst: wurde im 18. Jahrhundert nicht größer und verzehrte nur einen kleinen Teil der in Amsterdam angebrachten Getreidemengen. Wir wissen ja auch, daß der Amsterdamer Getreidehandel Zwischenhandel war. Also die italienischen Städte. Neapel wuchs beträchtlich, wurde aber sicher von Süditalien und Sizilien versorgt. Die norditalienischen Städte gehen im 17. und 18. Jahrhundert sämtlich an Einwohnerzahl zurück. Ein Ausfall an Getreideeinfuhr mag immerhin durch die Eroberung Konstantinopels durch die Türken entstanden sein. Wie ich denn gewiß nicht leugnen will, daß sich das Anwachsen des internationalen Getreidehandels zum Teil aus dem Anwachsen der großstädtischen Bevölkerung erklären läßt. Nur scheint es mir nicht angängig, die rasche und starke Zunahme der Getreide- 140 Viertes Kapitel: Die Beköstigung der Heere Umsätze allein oder auch nur im wesentlichen auf jene Bevölkerungsverschiebungen zurückzuführen. Ich glaube vielmehr, daß diese Zunahme sich ungezwungen erklären läßt, wenn man meine Hypothese annimmt: daß der wachsende Bedarf der Heere den Hauptanstoß zur Ausweitung des Getreidehandels bot. Ich will noch folgende Beweismomente anführen: a) Die Größe des Heeresbedarfs, die wir kennen gelernt haben, schließt jedenfalls die Möglichkeit nicht aus, daß ein beträchtlicher Teil der Amsterdamer Zufuhr von den Armeen aufgenommen wurde: eine Armee von 150 000 Mann mit Brot zu versorgen, heischte etwa 30000 t Getreide im Jahr. Ludwig XIY. schon stand mit 200 000 Mann im Felde. Die Armee Friedrichs des Großen hatte eine Friedenspräsenzstärke von 180000 Mann. Die Getreideausfuhr von Danzig schwankte um 50000 t. b) Die Getreidehandelspolitik aller Militärstaaten ist während des 17. und 18. Jabunderts stark militaristisch orientiert. Eberhard von Danckelmann betrachtet es ebenso wie Colbert als selbstverständlich, daß die Getreidehandelspolitik in erster Linie den Interessen der Armee dienen solle 258 . Ein Zeichen, wie sehr man die Versorgung des Heeres mit Nahrungsmitteln, also vor allem mit Getreide, als ein Problem empfand. c) Urteilsfähige Beobachter des Amsterdamer Handels sprechen es unumwunden aus, daß der Getreideumsatz durch den Heeresbedarf wesentlich bestimmt wurde. Der kundige Davenant, der bekannte Generalinspektor der englischen Aus- und Einfuhr, konstatiert für die Jahre 1701—14 eine „beispiellose Zunahme“ des holländischen Getreidehandels 257 und meint, daß die Spekulation auf dem Weltmarkt Amsterdam in Kriegszeiten einen völlig zügellosen Charakter annehme. d) Wir können in einer ganzen Reihe von Fällen die tatsächlich vorhandenen Beziehungen zwischen dem Amster- III. Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Truppenverpflegung 141 dainer Getreidemarkt und den Heeresverwaltungen feststellen : aa) Schon 1556 (noch vor der Blütezeit Amsterdams) erbieten sich die oosterschen Kaufleute, dem Könige von Spanien (also für die Armee!) so viel Last Roggen, wie man begehren werde, nach den Niederlanden zu liefern für 24 fl. die Last 258 . bb) Als Ludwig XIV. seine Heere rüstete, mit denen er 1672 in Holland (!) einfallen wollte, lieferten ihm die Amsterdamer (!) Kaufleute das nötige Getreide 2ä9 . cc) Die Piemonteser Heeresverwaltung tritt als Käuferin auf dem Amsterdamer Getreidemarkt während des spanischen Erbfolgekrieges auf. In diesem Falle können wir deutlich verfolgen, wie die Notdurft der Heeresversorgung die Internationalität des Geti'eidebezugs förmlich erzwang: Erst braucht Piemont das Getreide seines Landes auf. Dann greifen die Käufer hinüber nach der Lombardei, Emilia, Romagna: Genua ist der Markt, auf dem sich die Regierung versorgt. Dann aber schickt sie ihre Agenten bis nach Venedig, wo allein im Jahre 1709 durch Vermittlung der Bankiers für mehr als 1 Mill. Lire Getreide eingekauft wird. Von 1706 ab wird auch Holland aufgeführt: große Posten Getreide werden auf dem Seewege nach Piemont geschafft (und — nebenbei — bezahlt mit den Subsididiengeldern Hollands!) 26 °. dd) Selbst der Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. glaubt sich der Amsterdamer Kaufleute bedienen zu sollen, um das nötige Getreide für seine Armee heranzuschaffen: am 5. Mai 1737 befiehlt der König dem Generaldirektorium „unter der Hand und ohne bruit Nachricht einzuziehen“, ob man in Amsterdam nicht 100000 Scheffel Getreide ä 1 Thlr. erhalten könne 261 . Alles in allem scheint mir die Richtigkeit meiner Hypothese erwiesen. Man sollte auf Handlungsbücher Amsterdamer Getreidefirmen aus jener Zeit fahnden, um volle Gewißheit zu schaffen. 142 Viertes Kapitel: Die Beköstigung der Heere Zur Bestätigung meiner Ansicht führe ich noch an, daß wir von einem anderen bedeutenden internationalen Kornmarkt des 17. Jahrhunderts: Basel, genau wissen, daß er vor allem der Versorgung der Heere diente. „Die Baseler Kaufleute wußten die Konjunkturen des Dreißigjährigen Krieges stets von neuem zu Kornspekulationen zu verwerten. Sie mögen das Getreide zum Teil aus der inneren Schweiz, hauptsächlich wohl aus den am Kriege unbeteiligten französischen Landen bezogen haben.“ 262 Die Erwähnung der „Kornspekulation“ führt uns zur Betrachtung eines neuen Punktes weiter. 5. Nicht genug, daß einer der ersten Handelszweige, die auf breiter kapitalistischer Basis sich entwickeln, wesentlich durch die Einwirkung der neuen Heeresbildungen zum Blühen gebracht wird: die Anforderungen, die die Verpflegung der Truppen an den Warenmarkt stellt, führen zu ganz neuenFormen desHandels, die bestimmt waren, diesem für die nächste Zukunft sein eigentümliches Gepräge zu verleihen. Soviel ich nämlich sehe, entsteht das, was wir einen Lieferungs- oder Zeithandel nennen, im unmittelbaren Anschluß an die Bestellungen der Heeresverwaltung. Man verlegt die Anfänge dieser modernen Handelsformen gewöhnlich in das 17. Jahrhundert nach Holland und macht (wie das so üblich ist) die geographische Ausweitung der Handelsbeziehungen für die Entstehung des Lieferungshandels verantwortlich. Demgegenüber ist die Tatsache festzustellen, daß Lieferungsverträge zwischen der Heeresverwaltung und Einzelkaufleuten oder Gesellschaften von Kaufleuten in Frankreich und England bereits im 16. Jahrhundert häufige Erscheinungen sind. Die Regierungen beider Länder gingen fast zu gleicher Zeit dazu über, die Beschaffung der Unterhaltsmittel für Heer und Flotte, die bis dahin staatlichen Organen obgelegen hatte, auf den Handel abzuwälzen: zwischen Produzent (oder sonstigem Verkäufer) und Armeeverwaltung III. Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Truppenverpflegung 143 schob sich nun der Lieferant, der Entrepreneur oder Munitiou- naire, wie er in Frankreich, der Contractor, wie er in England hieß. Den ersten Schritt auf der Bahn des Lieferungswesens tat, soviel ich sehe, England, wo die Verproviantierung der Flotte rasch wachsende Schwierigkeiten hot. Wir können jetzt an der Hand der durch Oppenheim und andere zutage geförderten Materialien den Gang, den das Marineverpflegungswesen in England genommen hat, ziemlich deutlich verfolgen. Im 15. und in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts begegnen wir königlichen Beamten, die mit der Verproviantierung der Flotte beauftragt sind: the Kings purveyors. Sie beschaffen die nötigen Lebensmittel mittels Requirierung: „by purveyance“. 1550 wird die Proviantverwaltung, wie wir schon sahen, zentralisiert, ein victualling department wird geschaffen; Edw. Baeshe wird angestellt als „General Surveyor of Vic- tuals for the Seas“. Bald darauf jedoch — 1565 — wird das Requirierungssystem aufgehoben: Baeshe erhielt von da ab 4Va d pro Mann und Tag im Hafen, 5 d auf See (Beträge, die dann fortgesetzt erhöht wurden) und hat dafür bestimmte Rationen zu liefern: das erste Lieferungsgeschäft war damit abgeschlossen. Erst wenn 2000 Mann und mehr auf einmal zu beköstigen sind, nimmt er das Recht der zwangsweisen Eintreibung in Anspruch. Baeshe verpflichtet sich, jederzeit einen Monatsproviant für 1000 Mann vorrätig zu haben. Dieser Lieferungsvertrag — agreement — zwischen Baeshe, der hier lediglich als Geschäftsmann auftritt, und der Krone ist kündbar auf 6 Monate. Das System bewährte sich: 1596 werden auf diesem Wege 13000, 1597 „after timely notice“ 9200 Mann beköstigt. Für Beköstigung der Truppen auf See in den Jahren 1614—1617 wurden 40861 12 sh 11 d bezahlt 263 . 1622 ist die Proviantlieferung für die Flotte an zwei Unternehmer, Sir Allen Apsley und Sir Sampson (!) Darrek, 144 Viertes Kapitel: Die Beköstigung der Heere vergeben, die auf Lebenszeit den Titel „General Purveyors of tbe Victuals of His Majestys Navy“ führen. Die Rationen, die zu liefern sie sich verpflichten, betragen: täglich 1 Pfund Biskuit, 1 Gallone Bier, viermal wöchentlich 2 Pfund gesalzenes Rindfleisch oder zweimal dafür 1 Pfund Schinken oder Schweinefleisch und 1 Pinte Erbsen; für die übrigen drei Tage der Woche: 1 Quarter Stockfisch, 1 k Quarter eines Pfundes Butter und 1 Quarter eines Pfundes Käse. Die Unternehmer haben (gegen Entgelt) das Recht, alle königlichen Brauereien, Bäckereien, Mühlen usw. in Tower Hill, Dover, Portsmouth und Rochester zu benutzen 264 . 1650 schließen Col. Pride und fünf andere einen Lieferungsvertrag mit der Krone ab, worin sie sieh verpflichten, die Flotte zu verproviantieren zum Satze von 8 d pro Kopf zur See, 7 d pro Kopf im Hafen; 1653 beträgt die Seerate 8 d bis 9 d. 1654 kündigen die Contractors den Vertrag. Die Folge ist: ein Victualling Office mit Cap. Romeo Alderne an der Spitze wird eingesetzt. Karl II. legt die Seeproviantierung wieder in die Hände eines Contractors: Denis Gauden, dem 1668 zwei verantwortliche Personen vom König beigegeben werden. 1688 werden Commissioners of Victualling angestellt, die Clerks und purveyors mit sich haben. Bei der Beschaffung der Lebensmittel auf dem Wege der privaten Lieferungsverträge bleibt es aber wohl trotz dieser neuen Intendanturbeamten 265 . In Frankreich besorgten das Geschäft der Lebensmittelbeschaffung für das Heer bis in die Zeit Heinrichs III. hinein die Manutentionnaires, die königliche Beamte waren; sie hatten die Lieferungen der Lokalbehörden in Empfang zu nehmen, die ihrerseits mittels des Requirierungssystems die nötigen Nahrungsmittel zusammenbrachten. An Stelle dieses Selbstbeschaffungsverfahrens tritt unter Heinrich III. das Lieferungswesen: Kaufleute wurden damit beauftragt, so- III. Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Truppenverpflegung 145 undso viel von den und den Bedarfsartikeln zu dem und dem Preise zu liefern. Der erste Vertrag solcher Art wurde im Jahre 1575 bei der Belagerung von Lusignan mit einem reichen Bürger von Niort, Amaury, abgeschlossen 266 . Die Lieferanten, die sich meist zu mehreren zusammentaten und Lieferungsgesellschaften, compagnies, bildeten, hießen, wie schon erwähnt, munitionnaires. Auf ihnen ruhte das französische Verpfiegungswesen, bis Choiseul im Jahre 1765 die Lebensmittelbeschaffung für die Armee wieder in eigene Regie nahm und damit „die enormen Profite“, die die Kriegslieferanten hier (wie überall) gemacht hatten, dem Staate zugute kommen ließ 267 . Diese Reform hat aber wohl, wie so viele der Maßnahmen Choiseuls, keine Dauer gehabt: das Lieferanten System wurde nur vorübergehend beseitigt. Jedenfalls begegnen wir ihm während der Revolutionskriege wieder. Damals entwickelte sich ein mächtiges und reiches Lieferantentum. Nach und nach gingen während des 17. und 18. Jahrhunderts wohl alle kriegführenden Nationen zu dem Lieferungssystem über. Der Militärlieferungshandel (der sich auch auf die Lieferung von Waffen, Munition, Pferden, Bekleidungsgegenständen usw. erstreckte) wurde ein ganz wichtiger Zweig des Handels, an dem außerordentlich viel verdient worden ist. (Wenn ich im folgenden noch einige seiner Eigenarten aufweise, so denke ich an die Lieferung aller Gebrauchsgüter für das Heer.) 6. Mit der letzten Bemerkung: es sei viel an den Lieferungen für die Armee „verdient“ worden, habe ich einen Punkt berührt, der ebenfalls der Beachtung und Hervorhebung wert ist: ich meine die vermögenbildende Kraft, die dem Militärlieferungshandel offenbar als solchem in hervorragendem Maße innewohnt. Zu allen Zeiten sind Kriegslieferungen ganz besonders einträglich gewesen, weil bei ihnen die Notlage eines ganzen Sombart, Krieg und Kapitalismus 10 146 Viertes Kapitel: Die Beköstigung der Heere Staates ausgenutzt werden kann. So wissen wir von den raschen Bereicherungen englischer Kaufleute durch Kriegslieferungen im 14. Jahrhundert 268 , aber ebenso im 15. und 16. 269 , ebenso im 17. und 18. Jahrhundert. Und zwar scheint es, als ob in den früheren Zeiten auch handwerksmäßige Existenzen als Lieferanten aufgetreten seien, so daß der Militärlieferungshandel, was ihm besondere Bedeutung verleiht, zu den primär vermögenbildenden Zweigen des Wirtschaftslebens gehört. Wir dürfen das für das Mittelalter ohne weiteres annehmen, da es uns selbst für die frühkapitalistische Epoche von einem so vortrefflichen Beobachter wie Defoe bestätigt wird. Dieser berichtet darüber wie folgt 270 : „A great many families rais’d within few years, in the late war by great employments and by great actions abroad to the honour of the English Gentry; yet how many more families among the tradesmen have rais’d immense estates, even during the same time, by attending circum- stances of the war? such as the cloathing, the paying, the victualing and furnishing etc. both army and navy . .. how ordinary is it to see a tradesmen go off of the stage, even but from mere shop-keeping, with, from 10 to 40000 estates to divide among his family.“ Eine große Rolle hat die Bereicherung aus Kriegslieferungen von jeher in Frankreich gespielt, und hier wird uns sogar für das 18. Jahrhundert ausdrücklich bestätigt, daß auf diesem Wege häufig Vermögen aus dem Nichts entstanden. Während der Revolutionskriege drängte sich „eine Menge Unternehmer herbei, die Kontrakte eingehen wollten. Aber was waren dies für Leute? Wie ich schon oben gesagt habe, Menschen ohne Vermögen. Der Reiche verbarg sein Geld. Die damaligen Machthaber Frankreichs mußten daher mit Lieferanten unterhandeln, denen sie entweder große Summen vorausbezahlten oder doch Kredit verschafften. Auf diese Art entstanden die verschiedenen Kompagnien Godard, Gaillard usw.“ 271 , die meist zu großem Reichtum gelangten. Die berühmteste (und berüchtigste) dieser Gesellschaften war die Compagnie Godard, die in einem Jahre 13 Mill. Frs. Forderungen an die Regierung gehabt haben soll. III. Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Truppenverpflegung 147 Eine gründliche Untersuchung des Militärlieferungswesens wäre eine reizvolle und gewiß an vielen Aufschlüssen reiche wissenschaftliche Aufgabe, die ich natürlich in diesem Zusammenhänge nicht lösen kann, ohne den Rahmen dieser Studie zu zersprengen. Ich will hier nur auf einen Punkt noch hinweisen, der mir besonderer Beachtung wert erscheint: das ist (und damit scheint mir abermals eine wichtige Beziehung zwischen Heeresverproviantierung und modernem Kapitalismus aufgedeckt zu sein) 7. die intime Verbindung, die zwischen der Armeelieferung und der Judenschaft zu allen Zeiten bestanden hat. Wer die wirtschaftliche Entwicklung der Juden seit dem Mittelalter verfolgt, dem fällt nichts so sehr auf als dies: wie häufig es Juden sind, die die Armeen mit allen nötigen Sachgütern ausrüsten. Solange sie in Spanien das Wirtschaftsleben beherrschten, war es natürlich, daß sie auch als Heereslieferanten eine hervorragende Rolle spielten. Aber auch in den Ländern, in denen sie nach ihrer Vertreibung ihre Tätigkeit entfalteten, üben sie sofort dieses einträglichste aller Gewerbe mit Vorliebe aus. Wir begegnen ihnen in England während des 17. und 18. Jahrhunderts in der gedachten Eigenschaft. Während des Commonwealth ist der bei weitem bedeutendste Heereslieferant Ant. Fern. Carvajal, „the great Jew“, der zwischen 1630 und 1635 in London einwandert und sich bald zu einem der leitenden Kaufleute des Landes aufschwingt. Im Jahre 1649 gehört er zu den fünf Londoner Kaufleuten, denen der Staatsrat die Getreidelieferung für das Heer überträgt 272 . In der darauffolgenden Periode, namentlich in den Kriegen Wilhelms III., tritt als „the great contractor“ vor allem Sir Solomon Medina, „the Jew Medina“, hervor, der daraufhin in den Adelsstand erhoben wird 278 . Und ebenso sind es Juden, die auf der feindlichen Seite im spanischen Erbfolgekriege die Heere mit dem Nötigen versorgen: „Und bedient sich Frankreich jederzeit ihrer Hülffe, bey Krieges-Zeiten seine Reuterey beritten zu machen“ 21i . 1716 berufen sich die Straßburger Juden auf die Dienste, die sie der Armee Ludwigs XIV. durch Nachrichten und Proviant geleistet haben 275 . Jakob Worms hieß der Hauptkriegslieferant Ludwigs XIV. 276 . Im 18. Jahrhundert treten sie dann in dieser Eigenschaft in Frankreich immer mehr hervor. Im Jahre 1727 lassen die Juden von Metz innerhalb von sechs Wochen 2000 Pferde 10 * 148 Viertes Kapitel: Die Beköstigung der Heere zum Verzehr und mehr als 5000 als Kemonte in die Stadt kommen 277 . Der Marschall Moritz von Sachsen, der Sieger bei Fontenay, äußerte: daß seine Armeen niemals besser verproviantiert gewesen seien, als wenn er sich an die Juden gewandt hätte 278 . Eine als Lieferant hervorragende Persönlichkeit zur Zeit der beiden letzten Ludwige war Cerf Beer, von dem es in seinem Naturalisationspatent heißt: „que la derniere guerre ainsi que la disette, qui s’est fait sentir en Alsace pendant les anndes 1770 et 1771 lui ont donne l’ocasiou de donner des preuves de zele dont il est animö pour notre Service et celui de l’Etat“ 279 . Ein Welthaus ersten Ranges im 18. Jahrhundert sind die Gradis von Bordeaux: der Abraham Gradis errichtete in Quebec große Magazine, um die in Amerika fechtenden französischen Truppen zu versorgen 28 °. Eine hervorragende Rolle spielen die Juden in Frankreich als Fournisseure unter der Revolution, während des Direktoriums und auch in den napoleonischen Kriegen 281 . Auch in Deutschland finden wir die Juden frühzeitig und oft ausschließlich in den Stellungen der Heereslieferanten. Im 16. Jahrhundert ist da der Isaak Meyer, dem Kardinal Albrecht hei seiner Aufnahme zu Halberstadt 1537 mit Rücksicht auf die bedrohlichen Zeitläufte die Bedingung stellt, „unser Stift mit gutem Geschütz, Harnisch, Rüstung zu versorgen“; und der Josef von Rosheim, der 1548 einen kaiserlichen Schutzbrief empfängt, weil er beim König in Frankreich Geld und Proviant für das Kriegsvolk verschafft hatte. Im Jahre 1546 begegnen wir böhmischen Juden, die Decken und Mäntel an das Kriegsheer liefern 282 . Im 17. Jahrhundert (1633) wird dem böhmischen Juden Lazarus bezeugt, daß er „Kundschaften und Avisen, daran der Kaiserlichen Armada viel gelegen“, einholte oder auf seine Kosten einholen ließ, und sich stets bemühte, „allerlei Kleidung und Munitionsnotdurft der Kaiserlichen Armada zuzuführen“ 283 . Der Große Kurfürst bediente sich der Leimann Gompertz und Salomon Elias „bei seinen kriegerischen Operationen mit großem Nutzen, da sie für die Notwendigkeiten der Armeen mit vielen Lieferungen an Geschütz, Gewehr, Pulver, Montierungsstücken etc. zu tun hatten“ 284 . In der „Spezification, was ich vor die neue Esca- dron ausgegeben“, heißt es: 3. An den Juden Levin Mejer wegen die angeschaff'te Pferde bis Ausgang Juny 1719 13483 Rtlr. (von insgesamt 23408 Rtlr. 13 Gr. 9 Pf.) 285 . Samuel Julius: Kaiserl. Königl. (Remonte-) Pferde-Lieferant unter Kurfürst Friedrich August von Sachsen, die Familie Model: Hof- und Kriegslieferanten im Fürstentum Ansbach (17., 18. Jahrhundert) 286 . Man spricht von „jüdischer Rimonta“, wenn die Pferde besonders billig beschafft werden 287 . „Dannenhero sind alle Commissarii Juden, und alle Juden sind Com- missarii“ sagt apodiktisch Moscherosch in den Gesichten Philanders von Sittewald 288 . III. Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Truppenverpflegung 149 Die ersten reichen Juden, die unter Kaiser Leopold nach der Austreibung (1670) wieder in Wien wohnen durften: die Oppenheimer, Wertheimer, Mayer Herschel usw. waren alle auch Armeelieferanten. Samuel Oppenheimer, „Kaiserlicher Kriegsoberfaktor und Jud“, wie er offiziell bezeichnet wurde und sich auch selbst zu unterfertigen pflegte, schloß namentlich in den Feldzügen des Prinzen Eugen „fast alle bedeutenden Proviant- und Munitionslieferungen ab“ 589 . Zahlreiche Belege für die auch im 18. Jahrhundert fortgesetzte Tätigkeit als Armeelieferanten besitzen wir für alle österreichischeu Lande 290 . Endlich sei noch der jüdischen Lieferanten Erwähnung getan, die während des Kevolutionskrieges (ebenso wie später während des Bürgerkrieges) die amerikanischen Truppen verproviantierten 291 . Wir sind im Verlauf dieser Studie schon einmal auf die Juden gestoßen: als wir die Aufbringung der Mittel für die Kriegszwecke untersuchten. Dort traten sie uns als die Geldgeber und vor allem als diejenigen entgegen, die dem Staate durch Versachlichung des Sehuldverhältnisses (Ausbildung der hörsenmäßig gehandelten Partialobligation) es ermöglichten, größere Anleihen aufzunehmen. Dort sehen wir sie sich am Kriege bereichern, hier sehen wir sie wieder am Kriege sich bereichern: am Kriege, den andere Völker untereinander führten. Ihre eigentümliche soziale Lage und ihre Veranlagung setzte sie in den Stand, hier Funktionen besser zu erfüllen als Christen, und so kamen sie gerade durch die Kriege zu Reichtum und Ehren (Hofjuden!); durch die Kriege wurde ihnen auf den angedeuteten Wegen vielerorts erst der Zugang zu den Quellen der nationalen Volkswirtschaft erschlossen. Die wirtschaftliche Vorherrschaft der Juden in Europa und Amerika ist nicht zuletzt ein Werk des Krieges.: Was das aber bedeutet, was es vor allem für die Ausgestaltung des kapitalistischen Wirtschaftssystems bedeutet, habe ich hier um so weniger nötig darzustellen, als mein Buch: „Die Juden und das Wirtschaftsleben“ diesem Gegenstände gewidmet ist. 150 Viertes Kapitel: Die Beköstigung der Heere Der Einfluß, den die Verpflegung der Heere innerhalb der Sphäre der gewerblichen Produktion ausübt, ist begreiflicherweise geringer. Vorhanden ist er auch hier: in der Sphäre der Bäckerei sind die ersten Großbetriebe die Militär- br o tbäckereien 292 , die in einem Lande wie Preußen, dessen Gewerbe im wesentlichen noch im handwerksmäßigen Rahmen betrieben wurden, eine stark revolutionierende Wirkung haben mußten. * * * Anhang: Ganz ähnlich wie die Lieferung der Nahrungsmittel für die Heere war auch die Lieferung der Pferde organisiert: sie lag in den Händen reicher, meist jüdischer Händler und bildete ebenfalls eine Quelle rascher Bereicherung, wie uns gelegentlich berichtet wird. Das Material, das uns genaueren Aufschluß über das Remontewesen geben könnte, ruht noch in den Archiven. Was bisher an wissenschaftlicher Behandlung dem Gegenstände zuteil geworden ist, erschöpft das Problem keineswegs. Die ausführlichste Darstellung hat der Gegenstand erfahren in dem Buche von E. 0. Mentzel, Die Remontierung der preußischen Armee in ihrer historischen Entwicklung und jetzigen Gestaltung. 2 Teile, 1845—71. Einige gelegentliche Bemerkungen finden sich hie und da zerstreut. Recht brauchbare z. B. in dem schon öfters genannten Buche Gius. Pratos über die Kosten des spanischen Erbfolgekrieges für Piemont. Dort wird uns z. B. berichtet, daß nach der Schlacht von Turin 2024 Pferde bei der Kavallerie in Abgang gekommen sind; daß jedes im Auslande gekaufte Pferd durchschnittlich 18 Louisd’or, jedes im Inlande gekaufte 100—150 j£ kostete. Wir erfahren auch, daß die Lieferungen im großen abgeschlossen wurden: z. B. im Jahre 1704 mit dem Bankhause Lullin & Nicolas über Beschaffung von 1300 Pferden 293 . -jyJ » ‘ "'yw 151 Fünftes Kapitel: Die Bekleidung der Heere I. Die Bekleidungssysteme Den Anfang macht auch hier die Eigenfürsorge jedes Kriegers für seine Bekleidung. Der Landsknecht brachte seine Anzüge mit, so wie er sie für gut hielt. Aber auch die Krieger in den Ordonnanzkompagnien Karls des Kühnen (1471), also schon einer Art von „stehendem Heer“, haben noch selbst für ihre Bekleidung (ebenso wie für ihre Bewaffnung) zu sorgen 294 . Denselben Zustand treffen wir auf der englischen Flotte zur Zeit der Elisabeth an 296 . Wenn eine höhere Instanz sich um das Bekleidungswesen zu bekümmern anfängt, so geschieht es manchmal, ähnlich wie wir es bei der Beköstigung schon kennen gelernt haben, in der Form einer indirekten Fürsorge: man überläßt es zwar dem einzelnen Krieger noch, sich nach eigenem Gutdünken und auf seine Kosten zu equipieren, achtet aber darauf, daß er gute und preiswerte Ware beim Einkauf vorfindet. So verfuhr die englische Regierung auf ihrer Flotte im 17. Jahrhundert: 1623 werden den Matrosen „slop clothes“ zum Kauf von den Proviantmeistern angehoten; wir erfahren auch, aus welchem Grunde: weil die Mannschaft zu arg verlumpt und verdreckt einherging und es zu sehr auf dem Schiffe stank und die Gefahr ansteckender Krankheiten durch diesen Schmutz heraufbeschworen wurde: „To avoyde nastie beastlyness by continuall wearinge of one suite of clothes and therebie hoddilie diseases and un wholesome ill smells in every ship . . .“ a96 . Aber da der Ankauf solcher Slop-clothes nicht obligatorisch war, die Preise aber den Leuten zu hoch erschienen, so fanden die schönen Sachen 152 Fünftes Kapitel: Die Bekleidung der Heere keine Abnehmer: die Mannschaft „bouglit hardly any slops and preferred to go ragged“. Die Regierung ist aber weiter um eine vorteilhafte Beschaffung der Kleider besorgt: 1655 wird verordnet, daß kein Schneider Kleider an Bord schaffen darf ohne Lizenz der Navy Commissioners. 1656 wird der Preis der Slops festgesetzt: canvas-jackets 1 s 10 d usw. Die commissioners übernahmen aber für die Güte der Kleidungsstücke keine Garantie. Verliert der Seemann seinen „Kit“, so bekommt er eine kleine Summe aus Staatsmitteln, um ihn wieder zu kaufen 297 . Aber in dem Maße, wie die einzelnen Truppenkörper sich in sich selbst festigten und zu einem einheitlichen Heere zusammengeschweißt wurden, trat doch die kollektive Bedarfsdeckung an die Stelle der Einzelversorgung. Daß ein Truppenkörper als Ganzes bekleidet werde, war ein der früheren Zeit durchaus vertrauter Gedanke: Aufgebotsheere, Milizen empfingen häufig ihre Montur von der Gemeinschaft, der sie im bürgerlichen Leben angehörten: die wehrpflichtigen Rotten der Städte werden meist von der Stadt bekleidet. Aber auch die „francs archers“, die Karl VIII. von Frankreich aushob, erhielten von der Gemeinde einen kompletten Anzug mit. Später teilten sich der König und die Gemeinde in die Bekleidung dieser bis ins 18. Jahrhundert immer wieder aufgebotenen Miliztruppen: der König lieferte die Bewaffnung, le grand öquipement, also vor allem den Anzug, und sorgte für die Verpflegung während des Dienstes; der Gemeinde jedoch lag es ob, die kleine Montur (le petit öquipement), Hut, Weste, Hemd und Schuhwerk, herbeizuschaffen 298 . Das militärische Unternehmertum, das namentlich im 16. und 17. Jahrhundert das Heerwesen beherrschte, brachte es von selbst mit sich, daß diejenige Instanz, der die Bekleidung eines Truppenkörpers zufiel, wenn schon die Individualversorgung aufhören sollte, der Oberst des Regiments oder der Kompagniechef wurden. Dieses System der regiments- oder kompagnieweisen Beschaffung der Kleidung hat wohl in allen Militärstaaten von Beginn der modernen Heere an bis ins 18. Jahrhundert hinein I. Die Bekleidungssysteme 153 geherrscht. In England 2 ", wo schon im Anfang des 16. Jahrhunderts der Mißbrauch durch Gesetze (18 H. VI. ch. 18; 2. u. 3. Ed. VI.) bekämpft wird; in Frankreich 800 ; in Brandenburg-Preußen 301 . Frühzeitig griff aber dann auch der Staat in das Bekleidungswesen ein, indem er sich an der Ausrüstung des Heeres selbst beteiligte. Zunächst neben den andern Instanzen, sei es daß er einen Teil der Truppen völlig einkleidete, sei es daß er einen Teil der Bekleidung aller Truppen auf sich übernahm. In diesem Falle stellte er entweder den Obersten und Hauptleuten das Rohmaterial für die Kleidung, also namentlich das Tuch für die Anzüge, gegen entsprechendes Entgelt zur Verfügung. Das geschah z. B. in Brandenburg-Preußen: Am 2. Mai 1611 berichtet Markgraf Ernst an den Kurfürsten, man sei den beiden Obersten Graf Philipp von Solms und Kracht „über dasjenige, was sie allbereit an Löhnung, Tuch etc. empfangen,“ noch 71033 Rtlr. schuldig 802 . Aber auch im 18. Jahrhundert blieb dieses gemischte System in Preußen in Übung: den Regimentskommandeuren lag die Bekleidung ob, das Kriegsdepartement aber besorgte die Tuchankäufe und verabfolgte das Tuch im großen an die Regimenter 303 . Oder der Fürst lieferte einen Teil der Kleidung, die Offiziere den andern. So bestimmt es z. B. ein Vertrag 804 über die Bekleidung des Regiments Anhalt zu Fuß vom 23. Januar 1681: Der Fürst zu Anhalt hat Uniform geliefert, die jetzt erneuert werden muß. Er schließt mit den „Herren Officiren und Hauptleuthen, welche wirkliche Compagnien zu commandiren untergeben worden, nachfolgende Capitulation“: 1. er liefert sofort 1000 Stück „tüchtige lange blaue Tuchmantel“; 2. er beläßt den Offizieren das Kleidergeld von 10 Monaten (2 Monate behält er für die Mäntel); 3. die Offiziere versprechen, „daß sie von jetzt an, ein jeder seine unterhabende Compagnie mit völliger guter und untadelhaffter Montirung versehen soll und will“ . . ., und zwar jedes Jahr etwas, so daß nach 3 Jahren die gesamte Ausrüstung an Kleidern erneuert ist. 154 Fünftes Kapitel: Die Bekleidung der Heere Der andere Weg, den der Fürst einschlug, um an der Bekleidung seiner Truppen teilzunehmen, führte ihn zur völligen Versorgung eines Teiles des Heeres, so daß in diesem Falle sich die Armee in staatlich und sonstwoher bekleidete Regimenter schied. Von Anfang an hatte der Fürst wohl für die Equipierung seiner Leibgarde gesorgt. Und auf deren reichliche und kostbare Ausstattung blieb dann auch später, als sie sich beträchtlich erweiterte und in Frankreich zum Beispiel sich zu den „Truppen des königlichen Hauses“ auswuchs, das Hauptbestreben gerichtet. Daneben gab der Fürst andern Truppen Monturen, je nach deren Bedarf und je nach seinem Können. In England weist schon Eduard III. (1337) die Chamberlains von Nord- und Süd-Wales an, eine genügende Menge Tuch zu beschaffen, um jeden von 1000 aufgebotenen Leuten einen Anzug davon zu machen 305 . Für das Ende des 16. und den Anfang des 17. Jahrhunderts besitzen wir genaue Aufstellungen über die Stärke der irischen Fußtruppen überhaupt und die Anzahl der davon auf Staatskosten bekleideten sowie über die dafür aufgewandten Summen 808 : Jahr Bekleidung Truppenzahl bekleidet Ausgabe 41. 42. El. { Sommer 12 000 7500 17 818 £, 4 Winter 12 000 — 29 806 „ n l Sommer 7 000 — 10 393 „ 42. n Winter 12 000 6300 29806 „ 43. n t Sommer 12 000 8030 17 818 „ 44. n 4 Winter 12 000 6850 29 806 „ l Sommer 10 000 8500 14846 „ 45. / Sommer 10 000 8500 15 330 „ 1. Jac. I X Winter 7 000 3040 17 864 „ 1. n l Sommer 5 000 1460 7 656 „ 2. n X Winter 3 000 1500 7 656 „ 2. n ( Sommer 3 000 316 4 508 „ 3. n X Winter 1370 250 3 456 „ 237 387 £ (etwa lVs Mill. £ heut. Währ., also etwa 26Mill. Mark in 7—8 Jahren). Ebenso in Frankreich dieselbe gelegentliche Unterstützung durch den Staat: 1630 liefert Richelieu bestimmten Regimentern die Monturen; 1645 schickt man Anzüge und Schuhwerk an die Armee in Katalonien 307 . II. Die Uniform 155 Im 18. Jahrhundert vollendet sich dann in allen Militärländern die Verstaatlichung des Bekleidungswesens, was nicht besagt, daß nun durchgängig die Herstellung oder auch nur die Lieferung der Kleider durch den Staat direkt erfolgt wäre. In Frankreich beispielsweise, wo die Verstaatlichung im Jahre 1747 grundsätzlich durch geführt wurde, blieben von da an zwei Systeme in Übung: die „Regie“ und die „Administration directe des corps“ (die Kompagniewirtschaft), die aber ebenfalls unter staatlicher Leitung stand 808 . Vorbildlich für die Organisation des Militärbekleidungswesens wurden die 1768 errichteten österreichischen Monturskommissionen, die den Zweck hatten, „sämtliche Truppenteile der Armee sowohl in Friedens- als Kriegszeiten mit den erforderlichen Monturs-, Armaturs-, Lederwerks-, Pferde-Ausrüstungsgegenständen und Feldrequisiten aller Art zu versehen“, und die auch gleichzeitig für die Beschaffung der Spitalgerätschaften und Bettfurnituren zu sorgen hatte 809 . Aber die Einzelheiten gehören nicht hierher. Genug, daß wir die Tendenz feststellen konnten, das Bekleidungswesen im Laufe der Jahrhunderte aus dem Zustande der Einzelfürsorge in den der vollständigen Staatsfürsorge hinüberzuführen, mit einem Wort: daß wir auch in diesem Gebiete des Heerwesens der Tendenz zu einer Zusammenballung des Bedarfs begegnet sind, über die wir uns nunmehr noch etwas klarer werden müssen. II. Die Uniform Engstens mit den Wandlungen der Bekleidungssysteme im Zusammenhang stehen die für die ökonomischen Probleme besonders wichtigen Veränderungen, die die Form der Bekleidung erfährt. Wenn jeder Krieger ganz nach Gutdünken und Vermögen für seine Kleidung selbst zu sorgen hat, so kommt bei einer ganzen Truppe, ähnlich wie wir es bei der Bewaffnung sahen, 156 Fünftes Kapitel: Die Bekleidung der Heere eine große Buntscheckigkeit heraus. Jedem steht das Bild eines Haufens Landsknechte vor Augen, in dem jeder einzelne seinem absonderlichen Geschmacke in der Kleidung Ausdruck verleiht. (Nebenbei bemerkt: hier lebt sich noch der kreatür- liche Mensch mit freier Liebesgestaltung in Luxus und Launen aus: ungehemmt durch innere oder äußere Disziplinierung.) Aber diese Mannigfaltigkeit der Kleidung reicht noch bis in das 17. Jahrhundert hinein. Seltsam muß das schwedische Heer Gustav Adolfs ausgeschaut haben. Die einzige Verordnung, die auf das Kleiderwesen Bezug hat, die vom Jahre 1621, bestimmt: „Die Soldaten schaffen sich dienliche Kleider, solche, die einem Kriegsmann anstehen, nicht so sehr auf den Stoff als darauf sehend, daß sie verständig gemacht seien.“ Doch heißen noch im preußischen Kriege die schwedischen Soldaten unansehnliche Bauernknechte wegen ihrer Bekleidung, und erst 1632 wurden die Schafpelze durch eine besondere Pelzsteuer abgeschafft 310 . Aber auch die Armee des Großen Kurfürsten am Ende seiner Regierung war, wenigstens in manchen Regimentern, noch recht weit entfernt von dem, was wir heute unter einer wohluniformierten Truppe verstehen. In dem Musterungsbericht der Generale v. Schöning und v. Barfuß vom Jahre 1683 heißt es von der Uniform der Garden (!}: „Die Mondirung ist allererst vor fünfviertel Jahren ausgetheilt worden, durchgehends aber und insonderheit bey den zwey Leibkompagnien zu schlecht, die Röcke und Ueberkleider sehen abgetragen und ungleich aus, maaßen einige blau tuchene, andere lederne Hosen, ein Theil runde, andere wiederum messingne Knöpfe, ein Theil licht, ein Theil dunkelblaue Röcke hat . . ,“ 811 . Die Armeen des 17. Jahrhunderts trugen deshalb immer noch Erkennungszeichen irgendwelcher Art. Als solche dienten: die Feldbinden und Hutfedern der Anführer; die Fahnen und Standarten; und namentlich das sog. Feldzeichen, das heißt ein Abzeichen, das man auf den Hut steckte 312 . Wann bürgert sich die Uniform ein? Woher stammt II. Die Uniform 157 sie? Man hat versucht, die moderne Uniform unserer Heere in einen Zusammenhang zu bringen mit den gleichen Trachten die auch das Mittelalter hei besonderen Anlässen kannte. Aber diese waren doch nicht dasselbe, weil sie aus anderem Geiste geboren waren. Damals trug man „die Farbe“ dessen, den man ehren wollte. Und wenn viele zusammenkamen, um Einen zu ehren: bei Festen, öffentlichen Einholungen und Einzügen, bei Huldigungen aller Art, so ergab sich natürlich eine Vielheit gleichfarbiger oder gleicher Kostüme. Die aber 1. nicht gleich (eins wie das andere), sondern nur eigenartig (in der Farbe bestimmt) sein sollten und 2. ganz gewiß nicht gleich waren. Diese Ehrentracht, wie man sie nennen könnte, ging nun in einzelnen Fällen in eine andere Art von Tracht über, die ursprünglich wohl gleichem Zwecke (der Huldigung) ihr Dasein verdankte, dann aber einem anderen Ideenkomplex ein- und untergeordnet wurde: dem Dienstverhältnis. Bei Hofdienst trägt der Dienende frühzeitig die Farbe, das Hofkleid des Fürsten. War erst das Tragen eines bestimmten Gewandes der freie Entschluß des Trägers gewesen, so wurde ihm nun die Tracht aufgezwungen vom Dienstherrn, der mit der Einförmigkeit der Farben die Abhängigkeit einer möglichst stattlichen Schar und damit seine eigene Machtfülle zum Ausdruck bringen will. Diese „Hoftracht“, die allmählich zur „Bediententracht“ wird, ist wohl die eine Wurzel, aus der wenigstens äußerlich die moderne Uniform der Armeen entsprungen ist: die Leibgarden trugen die Farben ihres Herrn. Solche einheitlichen Trachten der fürstlichen Leibgarden finden wir allerorts schon im 15. Jahrhundert: unter Albrecht Achill sollen 1476 „die Rock halb swarz und halb gra sein und auf den swarzen Ermel Buchstaben von weissein Tuch“ 318 . Scharlachrot trugen die Truppen des Königs von England wahrscheinlich seit Heinrich VII. 8U . Mit den königlichen Farben sind ausgestattet die Besatzungen französischer Kriegsschiffe zur Zeit Ludwigs XI., der auch bestimmten Schiffern der 158 Fünftes Kapitel: Die Bekleidung der Heere Garonne seine Farben zu tragen gestattete. 1514 sind alle 60 Marins der Rochelaise von St. Malo mit blauen und roten Jacken bekleidet, den königlichen Farben, während die spanischen Seeleute rot und gelb sind 316 . Diesen Ursprung aus dem Bedientenverhältnis lassen die späteren Uniformen der Truppen an dem Namen erkennen, der ihnen bis ins 17. Jahrhundert, ja noch darüber hinaus, gegeben wird: Livreen (Liverey, livröe royale, royal livery). Der Ausdruck Uniform bürgerte sich in der deutschen (!) Sprache erst etwa zur Zeit Friedrichs des Großen ein. Als 1605 der Herzog von Braunschweig, Heinrich Julius, 16 000 Fußstruppen und 1500 Reiter mustert, trugen alle die „Livrei“ und die Farben des Herzogs 318 . Die 600 Musketiere, die Oberst v. Kracht laut Bestallungsurkunde vom 1. Mai 1620 anwirbt, erhalten „eine Liverei von grauem Tuch mit blauen Schlägen“ 317 (während für die 400 Pikeniere offenbar keine Uniform vorgesehen war). Am 25. November 1679 beschloß der Hamburger Senat, die Stadtsoldaten „mit gewisser Liberey“ zu versehen, d. h. sie einheitlich zu kleiden 318 . Noch im Anfang des 18. Jahrhunderts heißt es: „Diese churfürstlichen Trabanten zu Pferde ... in kostbarer churfürstlicher Liveree ...“ 319 . Aber es hieße doch das Wesen der modernen Uniform ganz und gar verkennen, wollte man in ihr einfach eine Fortsetzung oder Erweiterung der Bediententracht erblicken. Man muß vielmehr einsehen, daß sie aus eigener Wurzel erwachsen ist, und daß sie ihrem Geiste und schließlich auch ihrer Verkörperung nach grundsätzlich in ein ganz anderes Gebiet menschlicher Interessen hineingehört als die Livree. Die moderne Uniform, das ist die Hauptsache, ist ein durch und durch rationales Gebilde: sie ist geboren aus einer Reihe ganz intensiver und ganz subtiler Zweckmäßigkeitserwägungen heraus. Zweckmäßigkeitserwägungen zunächst militaristischer Natur. Da war der rein äußerliche Grund: daß man an einer Uniform eine Truppe leichter erkennen und leichter von der anderen unterscheiden konnte. Aber zu diesem äußerlichen II. Die Uniform 159 gesellten sich schwerwiegende innerliche Gründe, die eine Uniformierung der Heere nahelegten: die Uniform verleiht den Trägern, sagte man sich, ein Gefühl der Solidarität, das sie ohne die gleiche Tracht nicht besitzen. Diese Erwägung wurde ganz frühzeitig schon angestellt, als die Idee des alten Aufgebotheers noch nicht ganz verblaßt war und sich in den Gedanken einer allgemeinen Wehrpflicht der Landesuntertanen zu transsubstantiieren im Begriffe war. Damals (im 16. Jahrhundert) hebt Graf Johann von Nassau, der das Prinzip der allgemeinen Wehrpflicht in seiner Schrift verfocht, auch den Einfluß hervor, den eine Staatstracht auf die Stärkung des Selbstbewußtseins ausüben würde. Er wie der Landgraf Moritz von Hessen wollen, da die Wämser von Seide zu sein pflegten, die Füsiliere nach der Farbe der wollenen Beinkleider unterscheiden 820 . Verwandt, aber nicht identisch mit dieser Erwägung war die andere, die später die großen Truppenorganisatoren anstellten: wenn sie meinten, zur guten Disziplinierung eines Heeres gehöre die Uniform. Hier war es gleichsam eine heteronome Unterwerfung des einzelnen unter die Zwecke des Ganzen, die man von der Uniformierung erwartete, während der Graf von Nassau eine autonome Hingabe durch sie veranlassen zu können hoffte. Ohne Uniform keine Disziplin: diesen Gedanken spricht Friedrich der Große einmal aus, als er den Zustand der Armee des Großen Kurfürsten beschreibt 821 : „Sa cavalerie avoit encore Vancienne armure en entier; eile ne pouvait gueres etre disciplinöecar chaque cavalier se pouvoyait de chevaux, d’habits et d’armes d’oii il rösultait une bigarrure ötrange pour tout le corps.“ Die moderne militärische Disziplin, so haben wir schon wiederholt feststellen können, ist eine jener Mächte, die von der Vorsehung berufen scheint, um dem „kreatürlichen“ Menschen den Garaus zu machen. Militarismus und Puritanismus, sahen wir, sind Zwillingsbrüder: weshalb auch eine 160 Fünftes Kapitel: Die Bekleidung der Heere der ersten gut uniformierten Truppen die „Heiligen“ unter Cromwells Führung gewesen sind. Zu diesen, wie ich sie nannte, militaristischen Zweckmäßigkeitserwägungen gesellen sich nun aber als Helfer die starken Gründe der ökonomischen Ratio, die eben gleichfalls auf die Uniformierung hindrängen: die Gleichförmigkeit schafft die Möglichkeit des Massenbezuges und der Massenherstellung, und diese gewähren zahlreiche Vorteile, deren wichtigster der niedrigere Preis ist. Als womit wir dann bereits mit einem Fuß in das Gebiet der ökonomischen Betrachtung des Bekleidungsproblems hinübergetreten sind, auf dem wir uns dann etwas mehr umsehen wollen. Aber einen Augenblick bitte ich den Leser noch sich zu gedulden, weil ich vorher noch mit ein paar Worten wenigstens sagen möchte, wie sich die äußere Geschichte der modernen Uniform gestaltet. Diese Geschichte läßt sich in dem einen kurzen Satz zusammenfassen: Die Uniform dehnt sich in gleichem Maße und in gleichem Schritt aus wie die Verstaatlichung des Bekleidungswesens. Zunächst, das sehen wir schon, erscheint sie bei der Leibgarde. Dann scheinen die Städte ihre Truppen fast regelmäßig mit Uniformen oder wenigstens Uniformstücken ausgestattet zu haben. Eine andere Stelle, wo sieh die Uniform ebenfalls frühzeitig findet, bilden die Aufgebotsheere. Die sächsische Defensionsordnung von 1613 schreibt grauen Tuchrock mit rotem Kragen, kurze Tuchhosen und rote Strümpfe für das Fußvolk vor, und sogar für die Ritterschaft wurden Unterscheidungen nach der Farbe der Waffenröcke und ihrer Besatzstreifen eingeführt 822 . Bei den Unternehmerheeren des 16. und 17. Jahrhunderts tritt häufig eine Uniformierung der einzelnen Regimenter auf: die Obersten haben das Bestreben, ihr Verkaufsobjekt recht ansehnlich zu machen, ihrer Truppe den Anschein der Geschlossenheit und Wohldiszipliniertheit zu geben. Später II. Die Uniform 161 wird die Uniformierung der gedungenen Regimenter in den Bestallungsverträgen ausdrücklich vereinbart. Beispiel: die Kapitulation über die Errichtung eines hessischen Dragonerregiments vom 19. Oktober 1688 828 . In dem Maße nun, wie der Fürst die Truppen überhaupt mit Kleidung versah, uniformierte er sie auch. So daß wir während des 16., 17. und 18. Jahrhunderts das Fortschreiten des staatlichen Bekleidungssystems an dem Fortschreiten der Uniformierung verfolgen können: bis zum völligen Siege der beiden Prinzipien, Die französischen Truppen hatten im 16. Jahrhundert noch keine eigentliche Uniform. Doch trugen einige Truppenteile schon eine sie unterscheidende Kleidung: die gensd’armes hatten „hoquetons d’ordonnance“ (Waffenrock), und die Bogenschützen einzelner Provinzen trugen Röcke und Wappen ihres Landes (diese Uniform stammte noch aus der anderen Quelle: aus der Ausrüstung der „Defensioner“). Bis in die Zeit Ludwigs XIV. hinein sind aber die meisten Regimenter bloß durch eine Schärpe in der Farbe der Obersten unterschieden: Ludwig XIV. führte eine Uniformierung der Regimenter des Königs (blau), der Königin (rot) und des Dauphins (grün) durch. Im allgemeinen blieb es dem Gutdünken der Obersten überlassen, wie sie ihre Regimenter kleiden wollten. Eine wirklich einheitliche Einkleidung der gesamten Armee erfolgte erst gegen die Mitte des Jahrhunderts durch die Ordonnanzen vom 10. März 1729, 20. April 1786 und 19. Januar 1749. Erst diese letzte Ordonnanz brachte dem Prinzip der Uniformierung den vollen Sieg, denn, wie ihr Wortlaut erweist: „Sa Majestö a ordonnö et ordonne, qu’ä l’avenir les Rögimens de son Infanterie Frangaise qui auront ä renouveller en tout ou en partie leur habillement, serons tenus de se conformer exactement au Reglement portö ci-aprös . . mußte das Tragen der Uniform immer noch eingeschärft werden 824 . Die gesamte englische Armee wird zum ersten Male Sombart, Krieg and Kapitalismus 11 162 Fünftes Kapitel: Die Bekleidung der Heere einheitlich (rot) gekleidet im Jahre 1645 32B . In der Marine draDg in England das Uniformierungsprinzip erst später ein: die ersten Bestimmungen über Offiziersuniformen wurden im Jahre 1748 erlassen 326 . In Brandenburg-Preußen beginnt eine grundsätzliche Uniformierung durch den Staat im Anfang des 17. Jahrhunderts. Bekannt ist die Schilderung Königs 827 von dem Eindruck, den die „Blauröcke“ Georg Wilhelms bei seinem Zuge nach Preußen gemacht haben sollen: „Mit diesen 5 Kompagnien von Burgsdorfschen Regiment, die 1000 Mann ausmachten, . . . nebst 150 Mann zu Roß ging der Churfürst George Wilhelm 1632 zur polnischen Königswahl nach Preußen. Nach der Schlacht bei Lützen kehrte derselbe wieder nach der Mark mit diesen Truppen zurück ... Sie waren in Preußen sämtlich in einer gleichen Liberey, blauer Farbe gekleidet worden, welches damals ungewöhnlich war und viel Aufsehen machte; daher sie den Namen Blauröcke erhielten.“ J an y hat zwar nachgewiesen 828 , daß dieser Bericht Königs, der für die Geschichte des Bekleidungswesens als eine wichtige Quelle lange Zeit gegolten hat, insofern falsch gewesen sei, als es „Blauröcke“ in Brandenburg schon seit 1620 und daß es sie auch in anderen deutschen Heeren gegeben habe. Immerhin wird man schon annehmen dürfen, daß der Anblick eines wohluniformierten Regiments zu seiner Zeit Aufsehen machte. Aber das war doch erst ein Anfang. Noch zur Zeit des Großen Kurfürsten war eine im einzelnen genau festgesetzte Uniformierung in unserem Sinne unbekannt. Doch geht aus den Quellen hervor, daß man — namentlich bei einem bevorstehenden Feldzuge — die Mannschaften möglichst gleichmäßig einzukleiden und zu bewaffnen suchte, was der Oberst zu besorgen hatte. Bei der Reiterei mußte der Oberst (oder in seinem Aufträge der Rittmeister) für das Werbegeld von 40 Thlr. einen vollständig und wohl auch möglichst einheitlich bewaffneten, bekleideten und berittenen Reiter stellen. !■» j r, «JW7 III. Vergrößerung, Zusammenballung und Uniformierung usw. 163 Ferner hatte er dafür zu sorgen, daß die Mannschaft in regelmäßigen Zwischenräumen neu bekleidet wurde, wofür er (wie wir wissen) die Kosten durch Abzüge von der Löhnung oder dem „Tractement“ des Reiters bestritt 829 . Im übrigen ist die Gestaltung der Bekleidung um jene Zeit außerordentlich mannigfaltig, oft von Regiment zu Regiment und innerhalb eines Regiments von Jahrfünft zu Jahrfünft verschieden, so daß es eine Geschichte der Armeebekleidung eigentlich nicht gibt, sondern nur eine Geschichte der Bekleidung in den einzelnen Regimentern. Das oft zitierte Standardwerk hat jetzt erst das nötige Material zur Beurteilung herbeigeschafft, und uun sieht man erst, wie bunt die Kleidung des brandenburg-preußischen Heeres im ganzen 17. Jahrhundert noch war. Das Urteil, das ein vortrefflicher Kenner der alten Armee vor ein paar Jahrzehnten fällte 330 : in Brandenburg-Preußen ist die Infanterie schon bei Beginn der Regierung des Großen Kurfürsten uniformiert, die Kavallerie ist es am Ende, wird sich wenigstens in seinem ersten Teile auf Grund der jetzt zutage geförderten Quellen kaum aufrechterhalten lassen. Wir werden vielmehr sagen müssen, daß das Prinzip der Uniformierung vom Großen Kurfürsten zum fast völligen Siege während seiner Regierung gebracht worden ist. Jedenfalls ist die Kleidung der preußischen Armee zu Beginn des 18. Jahrhunderts durchgängig uniformiert; während der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ist es der größte Teil des Heeres, der Uniform trägt. III. Vergrößerung, Zusammenballung und Uni= formierung des Kleidungsbedarfs in ihrer Bedeutung für das Wirtschaftsleben Wir sind nun schon geübter in der Auffindung der ökonomischen Pointen, auf die es bei Entwicklungsreihen, wie sie im vorstehenden dargelegt sind, zu achten gilt. 11 * 164 Fünftes Kapitel: Die Bekleidung der Heere Bekleidung eines Heeres heißt zunächst: daß nun so viel Nachfrage nach Kleidern und Kleiderstoffen auf dem Markte entstanden ist, da wir von der Möglichkeit einer Herstellung der bedurften Gegenstände im Rahmen der Eigenproduktion absehen können: diese war nicht mehr und noch nicht beliebt. Während all der Jahrhunderte, die wir als die entscheidenden für die Herausbildung einer neuen Wirtschaftsordnung betrachten, wurden die Monturen für die Soldaten auf dem Markte gekauft. Wie groß die Nachfrage war, die also durch den Kleiderbedarf eines modernen Heeres entstand, kann sich jeder leicht ausrechnen, wenn er die Ziffern, die ich über die Stärke der Armeen oben mitgeteilt habe, multipliziert mit den Mengen Stoff, Zutaten usw., die der einzelne Krieger nötig hatte, und wenn er, was die Kleider, Mäntel, Hüte, Stiefeln usw. usw. anbetrifft, die Zahl der Personen als die Zahl der hiervon bedurften Stücke ansieht. Was zu der Montur eines Soldaten im 17. und 18. Jahrhundert gehörte, ersieht man aus folgenden Zusammenstellungen : Verzeichnis, wz uf 193 Soldaten zur Kleidung vonnöthen, 965 ein lundisch (= Londoner) Thuch zue Hosen Cosiaken undt Strümpfen jedem 5 ein, 965 ein Futtertuch jedem 5 ein, 2316 ein weiße, schwarze, rohe undt steife Leinwanth jedem 12 ein, 1158 duzet Schleufen, jedem 6 duzet uf Hosen und Cosiaken, 193 lot Seide jedem 1 loth, 579 duz. eisen Knopf, jedem 5 duz., 50 ein schlechten 4. Drath die Cosiaken zustaffiren, 193 Hüte 881 . III. Vergrößerung, Zusammenballung und Uniformierung usw. 165 Auszug aus den Kriegskassenrechnungen 1679—1681 832 : Thlr. Gr. Pf. 200 Hüte ä 15 Gr. 125- 500 Ellen breite Gallaun ä 3*/4 Gr. 67 17 — 300 „ blau Bandt ä 1 Gr. ..... . 12 12 — 40 Stück blau Mantel ä 3 8 /4 Rthlr. 150- 200 „ Halstücher ä 5 Gr. 41 16 — 300 Ellen breit roth Bandt ä 8 Pf. ... . 88 — 30 „ Packleinwand ä 18 Pf. 1 21 — 250 Stück blau Mantel ä S 3 U Rthlr. 937 12 — 250 Hüte k 15 Gr. 156 6 — 625 Ellen Gallaun k 3 1 /* Gr. 84 11 — 375 „ blau Bandt auf die Hüte ä 1 Gr. . 15 15 — latus 10699 3 — Bedarf eines Infanteristen am Anfänge des 18. Jahrhunderts 838 : Thlr. Gr. Pf. 5 Ellen Tuch k 15 Gr.33 — 7 „ Boy ä 4 Gr. 14 — 1 Elle Kronenroth zu Aufschlägen.— 14 — 20 Stück messingne Knöpfe ä Dutzend 4 Gr. . . — 6 8 1 Loth Kameelhaar.— 3 — 2 Paar Schleifen a. Kameelhaar.— 6 — 1 Hut mit einer gelben Einfassung . . . . . — 12 — 6—8 Die vollständige Bekleidung und Ausrüstung eines Reiters einschließlich Sattel und Zaumzeug kostete zur Zeit Friedrich Wilhelms I. 73 Thlr. 2 Gr. 384 . Jeder Soldat der Savoia Cav ria und Piem te R le kostete im Anfang des 18. Jahrhunderts 131.16 1., jeder D ni Genevois 110.14 1., jeder Kanonier 68.16 1. Die Ausrüstung des Pferdes eines Cavaliere stellte sich auf 75.5 1., eines Dragoners auf 67.4 l. 385 . Zur Bekleidung eines Regiments englischer Soldaten waren (1730) 1570 165 s 2 V 2 d erforderlich 886 . Ißß Fünftes Kapitel: Die Bekleidung der Heere Stellen wir nur für das Tuch eine Kechnung an: um eine Armee von 100000 Mann einzukleiden, sind 500000 Ellen oder 20000 Stück erforderlich. Eine Erneuerung der Montur alle zwei Jahre angenommen, ergäbe das einen Jahresverbrauch von 10000 Stück im Jahr. Sch moller rechnet für den Gesamtkonsum der brandenburgischen Bevölkerung im Anfang des 18. Jahrhunderts 50000 Stück Tuch heraus 387 . Friedrich der Große gibt in den bi’andenburgischen Memoiren die Ausfuhr von Tüchern aus der Kur- und Neumark auf rund 44000 Stück an 338 . Die Jahresproduktion der englischen Landschaft West Riding betrug um dieselbe Zeit etwa 25000 Stück Tuch 839 . Man ist geneigt, angesichts solcher Ziffern auf einen erheblichen fördernden Einfluß zu schließen, den die Nachfrage nach Soldatentuch auf die Tuchindustrie eines Landes ausgeübt haben muß. Aber dieser allgemeine Schluß wird auch in einzelnen Fällen durch den Gang der Ereignisse bestätigt. Daß in Rußland die Tuchindustrie wesentlich als Militärtuchindustrie ins Leben getreten ist, ist bekannt. Eine sehr beträchtliche Förderung hat aber auch die brandenburgische Tuchindustrie durch die Armeebestellungen erfahren. Insbesondere hat für sie im 18. Jahrhundert die Periode, in der sie für die Russische Kompagnie in Berlin lieferte (1725—38), einen erheblichen Aufschwung bedeutet. Die Russische Kompagnie führte nach Rußland in diesen Jahren bis 20 000 Stück Tuch im Jahre aus: alles nur Soldatentuch für die Bekleidung der russischen Armee: eine solche Menge mußte angesichts der oben mitgeteilten Ziffern der Gesamtproduktion „ungeheuer ins Gewicht fallen“ 849 Friedrich Wilhelm erkannte diesen Zusammenhang zwischen gewerblicher Blüte und Heeresentwicklung sehr wohl: er traf die Heereseinrichtungen geradezu im Hinblick auf die Industrie. Das Montierungsreglement vom 30. Juni 1713 III. Vergrößerung, Zusammenballung und Uniformierung usw. 167 wurde erlassen „zum Besten dero Truppen als auch zum Aufnehmen in dero Landen etablierten Manufakturen“. Urteilsfähige Beobachter heben die große Bedeutung hervor, die der Heeresbedarf für die Tuchindustrie des Landes hatte: „il paroit que l’armde a toujours fait un des principaux döbouches pour le travail des drapiers du pays“ 341 . Selbst für die große englische Tuchindustrie ist die Lieferung für die Heere offenbar nicht ganz ohne Belang gewesen (obwohl ihr Hauptabsatz anderswohin gerichtet war). Sie hat nach Rußland, ehe ihr die Preußen Konkurrenz machten, ebenfalls große Mengen Soldatentuch geliefert. Wir sehen die englischen (und holländischen) Kaufleute einen erbitterten Kampf mit den preußischen Eindringlingen ausfechten. Im Jahre 1772 wurde der Wert der Ausfuhr an Wollwaren aus England nach Rußland auf noch 50000 geschätzt 842 . Besonders während des Siebenjährigen Krieges drängte sich der stimulierende Einfluß, den der Heeresbedarf auf die Tuchindustrien des Landes ausübte, dem scharfen Beobachter ohne weiteres auf. So berichtet uns Arthur Young: während jener Jahre habe der Krieg eine solche Nachfrage nach Fabrikaten erzeugt, daß kaum „Hände“ genug zu ihrer Anfertigung beschafft werden konnten 343 . Wieviel von der Gesamtproduktion der englischen Wollindustrie für Heereszwecke verwandt wurde, entzieht sich völlig der ziffernmäßigen Feststellung. Wir wissen nur, daß beispielsweise in den deutschen Rechnungen des 17. Jahrhunderts über Militärlieferungen das Soldatentuch meist als lundisch (Londoner) Tuch bezeichnet wird. In Frankreich hat diejenige Tuchindustrie, die für die Armee arbeitete, seit Colberts Zeit eine große Bedeutung gehabt: Wir finden sie im 17. Jahrhundert in Languedoc, in Berri, wo sie 2000 Personen in Aubigny, 10 000 in Chateauroux beschäftigte; im 18. Jahrhundert in Metz, in Lodhve 168 Fünftes Kapitel: Die Beköstigung der Heere (8000 Personen), in Romorantin usw. 844 , in Virö, Vaiognes, Cherbourg; in Montpeiroux, das mit Lodöve zusammen für 1600000 Liv. Soldatentuch im Jahre verkauft 848 . Zieht man nun ebenso wie die Tuchindustrie die übrigen Industrien in Betracht, die die Heere mit Kleidung versorgten: Leinen-, Hüte-, Kleider-, Stiefel-, Strümpfe-, Knöpfe-, Bortenindustrie usw., denkt ferner auch an diejenigen Gewerbe, die das Pferd „bekleiden“ (Hufschmied, Sattler), endlich auch an diejenigen, die für die Fortschaffung des Proviants usw. sorgen (Wagenbauer usw.), so wird man zu einer recht hohen Bewertung dieses Marktes für die rein quantitative Entwicklung des gewerblichen Lehens in einem Lande gelangen. Aber diese rein quantitative Einwirkung ist gar nicht einmal die ökonomisch wichtigste; von viel größerer Bedeutung ist ein Einfluß auf die Form des Wirtschaftslebens, den etwa die Deckung des Heeresbedarfs an Kleidern ausgeübt hat; ist insbesondere ihr Anteil an der Herausbildung des kapitalistischen Wirtschaftssystems, den wir so gern feststellen möchten. Ist ein solcher qualitativ bestimmter Einfluß nachweisbar? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns die Art des Kleidungsbedarfs beim Heere vergegenwärtigen und uns klarmachen, daß dieser ein Massenbedarf gleichförmiger Gegenstände in dem Maße wurde, als Verstaatlichung und Uniformierung des Bekleidungswesens fortschreiten. Man darf getrost sagen, ohne sich einer Übertreibung schuldig zu machen, daß solche Zusammenballungen von Bedarf, wie sie schon im 17. Jahrhundert bei den Lieferungen für die großen Heere Vorkommen, für die damalige Zeit ganz unerhört waren. Den Leuten, auch den Kaufleuten, müssen die Augen übergegangen sein, wenn sie hörten, daß in einem einzigen Vertrage die sofortige Lieferung von 5000 kompletten Soldatenmonturen ausbedungen wurde, wie es der Fall war in dem III. Vergrößerung, Zusammenballung und Uniformierung usw. 169 Vertrage, den im Jahre 1603 die englische Regierung mit Ury Babington und Robert Bromley schloß 846 . Oder wenn sie Ziffern lasen, wie sie etwa in den Bestellungen Wallensteins vorkamen. Da heißt es z. B.: „Laßt auch 10000 Paar Schuhe machen vor die Knecht auf daß ich sie nachher auf die Regimenter kann austeilen . . . Laßt derweil Leder präparieren, denn ich werde baldt lassen auch ein paar tausend Stiefel fertig machen. Laßt auch Tuch fertig machen, vielleicht wird man auch Kleider bedürfen.“ Aschersleben, den 13. Juni 1626: (Mein Vetter Max) . . . wird auch befohlen haben, daß ihr 4000 Kleider vor die Knecht sollt machen lassen, das ist ein Jupen von Tuch mit Leinwand gefüttert, ein tuchernes par Hosen und ein tuchernes par strimpf“ 347 . „Der Kriegszahlmeister zieht auf Gitschin, soll um 13000 Reichsthaler Schuh, Strümpf und Kleider (in einem späteren Briefe kommt noch eine Bestellung von 40000 Rthlr. hinzu) für die Armee machen lassen; assistiert ihm fleißig in allem. Die 4000 Kleider, so ihr vorm Jahr habt machen lassen, daß er euch bezahlt, was sie mich kosten, dieselbige führt ihr auch ab, sobald ers bezahlt hat“ usw. 848 . Am 26. September 1647 erhielt Conrad von Burgsdorf den Auftrag, mit dem Kaufmann Eberhard Schief in Hamburg folgenden Kontrakt über die Lieferung von Tüchern und Boy zu schließen- „Er soll für die Kurfürst!. Krieges- Officiere 1512 brabant. Ellen blau Tuch wie die Probe ausweiset (NB!!), jede Elle zu 5 Orts Reichsthaler gerechnet und für die gemeinen Knechte 20 000 brabantische Ellen blau Tuch nach Ausweis der Probe, jede um 1 Rthlr. . . . ferner an Boy 21512 brab. Ellen, jede zu 6 Sgr. liefern. Termin ist 3 Wochen nach Martini“ 849 . Man muß sich vor Augen halten, in welche Welt solche Riesenaufträge hineinplatzten: machte es doch den Kauf- 170 Fünftes Kapitel: Die Bekleidung der Heere leuten Mühe, die oben erwähnten 965 (!) Ellen lundisch Tuch zu beschaffen. Zu diesem Posten findet sich folgende Anmerkung: „Nota hierauf berichteten die Weylere (= die Kaufl.), dz sie albereit etwz geliefert und sich bemühen wollen, wz noch mangelt, so viel als müglich zu erschaffen, wo nicht muß man aldorten in Preußen Rath schaffen . . .“ Das bedeutete, daß sich ein ganz großer Handel in Kleidern und Kleiderstoffen aller Art entwickeln mußte. Die Heeresverwaltung konnte und wollte nicht mit Tausenden kleiner Handwerker in direkten Verkehr treten; sie konnte und wollte auch nicht auf den Messen und Märkten ihre Einkäufe besorgen. So gab es hier einen bedeutsamen Anlaß zur Ausbildung eines seßhaften Handels auf breiter kapitalistischer Basis. Zuweilen brauchte der Fürst auch den Lieferanten als Zwischenglied zwischen Produzenten und Armee, weil er allein ihm den — ach so oft! — erforderlichen Kredit gewährte. Nicht ohne innere Bewegung hört man Vorgänge dieser Art berichten 360 : 1678 schreibt der Große Kurfürst an die Obersten seiner Regimenter: „Weil Wir gnädigst gerne sehen möchten die Noth selbst auch erfordert, daß die Regimenter mit recht guter und tüchtiger Kleydung versehen und ohne allen Mangel würden zu Felde geführet werden, als seindt Wir der gnädigsten Meinung über obbemeldete Recruiten einem jeden Regiment zu Fuß annoch dreytausend Rthlr. zu Kleyder- Geldern zu geben . . . Geg. Cölln a. d. Spree 28. Febr. Ao. 1678.“ Da der Kurfürst die Summe nicht flüssig hat (3000 Thlr.!), soll sie ihm der Oberst borgen. Der Oberst hat sie aber auch nicht: er bekommt von 1676 her noch 13168 Rthlr. Sold! Aber — ein paar Magdeburger Kaufleute erbieten sich, Tuch für diesen Betrag auf Kredit zu liefern: „Immittelst habe ich bereits 200 Stück blau Tuch gekauffet, “ schreibt der Oberst v. Bornstorff. Reiche Kaufleute drängen sich in den Kleiderlieferungshandel, durch den sie ihren Reichtum rasch vermehren: der holländische (!) Tuchhändler Hermann Mayer hat für 80000 Rb. englische Tücher in Petersburg lagern (1725); die Russische Kompagnie in Berlin arbeitete mit einem Kapital von III. Vergrößerung, Zusammenballung und Uniformierung usw. 171 100000 Talern und verdiente im ersten Jahre 22878 Taler 351 ; in England sind die ,Contractors‘, die die Bekleidung für Heer und Flotte liefern, sehr kapitalkräftige Leute 352 usw. Aber solche Wesensveränderungen der Absatzverhältnisse, wie sie der große Kleidei'- und Stoffbedarf der Heere herbeiführte, mußte auch auf die Formen der Industrie Einfluß ausüben. Vorerst mußten sich die Beziehungen zwischen Kaufmann und Produzenten innerlich umgestalten: der Handwerker wurde unwillkürlich mehr und mehr in die Rolle des hausindustriellen Arbeiters zurückgedrängt, der Kaufmann wurde Verleger. Wir können diesen Umwandlungsprozeß gerade wieder bei der brandenburgischen Tuchindustrie ziemlich deutlich verfolgen: die Kaufleute kämpfen geradezu mit dem selbständigen Tuchmacher um die Vorherrschaft; sie versuchen mit allen möglichen Zwangsmitteln die Arbeit der kleinen Handwerker ihren Zwecken unterzuordnen, und diese waren die prompte Lieferung ganz großer gleichförmiger Tuchmassen. Die hier aus dem Bedarfszweck sich ergebenden Anforderungen an Reichlichkeit, Raschheit, Gleichheit der Produktion konnte auf die Dauer ein selbständiger Handwerkerstand nicht erfüllen. Nicht die geographische Ausweitung des Absatzgebietes, nicht Veränderungen in der Produktionstechnik, nicht Vermögensdifferenzierung unter den Handwerkern, auch nicht Absatznot sind es hier, die eine Vereinheitlichung der Produktion durch die kapitalistische Organisation erzwingen, sondern die Nöte des Absatzes, die der Kaufmann zu erdulden hatte. In beweglichen Klagen läßt sich der Geheime Rat Schindler, der provisorisch die Leitung des königlichen (Tuch-)Eagerhauses in Berlin übernommen hatte, in seinem am 27. Dezember 1728 dem Generaldirektorium eingereichten Bericht über die Unzulänglichkeit der handwerksmäßigen Tucherzeugung aus 353 . Die Tücher, führt er aus, müßten egal von Güte, dauerhaft und von lebendiger Farbe sein. Um das zu erreichen, pflege man in solchen Fällen (wo es sich um 172 Fünftes Kapitel: Die Bekleidung der Heere größere Lieferungen handelt) mit dem ganzen Gewerk der Tuchmacher oder mit einem größeren Tuchhändler zu akbor- dieren. Aber das reiche hier — hei den Lieferungen für die russische Armee — nicht aus; weder das Gewerk noch der Tuchhändler könnten für rechte Einrichtung und Ordnung sorgen, das Walken, Zubereiten und Färben kontrollieren; bei der Schau lasse man die meisten Farben passieren, die betreffenden Schauer seien zu unwissend, sie nur zu entdecken; man bekomme die Tücher zusammen, von denen die einen los, die anderen dicht, einige dünner, andere dicker, einige breit, andere schmäler, einige von Farbe ganz tot, andere von Couleur nicht recht gefärbt seien. Er schildert dann, welche Vorteile die Produktion im „Lagerhause“ 854 , das heißt also eine manufaktur- oder fabrikmäßige Organisation der Arbeit, biete: „In dem Lagerhaus ist auf alle Arbeit oder auch jedes Handwerk, so zur Verfertigung eines Tuches gehöret, eine besondere Einrichtung gemachet, wodurch alle obgedachte Hauptfauten vermieden werden ... (es ist) doch gewiß, daß in dem Lagerhauße, woselbst das Jahr über so viele taußend Stücke an Tücher und Kirsey gemachet werden, nur wenige Fauten passiren . . .“ Die großen Militärlieferungen drängten also zunächst zu einer Unterwerfung des Handwerkers unter die Kommandogewalt des Kaufmanns, der Einheitlichkeit und Ordnung, Präzision und Schematismus, soviel es geht, in den handwerksmäßigen Produzenten zu bringen sucht. Die hausindustrielle Betriebsform erweist sich aber auch noch nicht als geeignet, die Arbeit hinlänglich zu mechanisieren. Die Organisation wird weiter vervollkommnet bis zum Großbetriebe, in dem dann nun die Seele des kapitalistischen Unternehmers erst völlig frei schalten und walten kann, und in dem sie erst die Ware herzustellen vermag, die den neuen Ansprüchen ihres Konsumenten entspricht. Die Russische Kompagnie in Berlin zog diese Konsequenzen III. Vergrößerung, Zusammenballung und Uniformierung usw. 173 zum Teil: sie legte zwei eigene Färbereien an, „so daß jetzt tadellose Ware geliefert werden könne“ 85B . Völlig wurden den Anforderungen der Heeresverwaltungen erst die ganz großen Soldatentuchfabriken gerecht, die während des 18. Jahrhunderts in Rußland entstanden und ähnlich wie die großen Waffenfabriken erste Wahrzeichen größtbetrieb- licher Organisation wurden: die Moskauer Tuchfabrik von Söegolin & Co. beschäftigt (1729) 730 Arbeiter und 130 Webstühle; die Kasaner Tuchfabrik Mikljaevs hat 742 Arbeiter 856 . So tritt uns auch hier das moderne Heer als Erzieher zum Kapitalismus entgegen. Und was für die Tuchindustrie gilt, gilt gewiß auch für alle anderen Gewerbe, die an der Lieferung der Kleidung für die Armeen beteiligt waren. So ist die Anregung zur Kleiderkonfektion, soweit diese nicht Luxusindustrie war, auch von dieser Seite hergekommen. Wir hörten schon, daß im Jahre 1603 die englische Regierung einen Vertrag über Lieferung von 5000 Anzügen abschloß: einen Vertrag, der sich jährlich zweimal wiederholte, also gang und gäbe war. Es mag noch erwähnt werden, daß die beiden Personen, denen sie die Lieferung übertrug, als „merchant-taylors of London“ bezeichnet werden 857 . Eines der frühesten kapitalistisch betriebenen Gewerbe in London war in der Tat die Schneiderei, und wir dürfen als erwiesen annehmen, daß derjenige Teil der kapitalistischen Schneiderei, der nicht Luxusindustrie war (über die ich im ersten Band dieser Studien mich auslasse), Militärkonfektion gewesen ist. Ebenso wie für das Landheer wurden auch für die Marine schon im 17. Jahrhundert fertige Kleider hergestellt: natürlich ebenfalls auf kapitalistischer Basis. Im Jahre 1655 wird verordnet, daß kein Schneider Kleider an Bord der englischen Kriegsschiffe schicken darf ohne Lizenz der Navy Commissio- ners 858 usw. 174 Fünftes Kapitel: Die Bekleidung der Heere Von Deutschland heißt es im 18. Jahrhundert 359 : „Ein anderer“ (sc.als der Handel mit „kostbaren“ Kleidern) „Kleiderhandel ist derjenige, wenn ein Kaufmann mit einem General oder Obristen contrahiret, daß er demselben die benöthigte Kleidung für so und so viel Regimenter und Compagnien verschaffen solle.“ Aus dem Mützenmacherhandwerk rettete sich in die Arche des Kapitalismus nur die Militärmützenmacherei, die z. B. in dem England des 18. Jahrhunderts wenige große Unternehmer und zahlreiches Volk, namentlich Weiber und Mädchen, beschäftigt. Späteren Untersuchungen bleibt es Vorbehalten, die von mir hier aufgewiesenen Zusammenhänge im einzelnen und in zahlreichen Fällen zu verfolgen. Nur auf eine Möglichkeit will ich zum Schlüsse seihst noch hin weisen: daß nämlich die Idee des Kar teils — der Vereinbarung gewisser Einheitspreise und der Verabredung gemeinsamen Absatzes unter freien Produzenten — in der Sphäre der Industrie, die für die Armee produziert, zuerst aufgetaucht ist: die Gleichförmigkeit der Lieferung ebenso wie die Gleichförmigkeit des Gelieferten legen diesen Gedanken nahe. Und wir besitzen in der Tat eine Art von Beweis für die Richtigkeit meiner Hypothese: im Jahre 1740 vereinigen sich die Militärtuchlieferanten von Languedoc und bieten dem Könige an: die Tuche für sein Heer von nun ah zu einem bestimmten Preise an seine Magazine abzuliefern, wollen sich also keine Konkurrenz mehr machen. Sie pro- ponieren „ä sa Majestö de faire ötablir dans la ville de Montpellier un magasin oü on fera fournir, sur les ordres de M. le Secrötaire d’ötat de la guerre, les draps, cadis et autres ötoffes nöcessaires pour Thabillement de l’infanterie frangaise ä un prix fixe qui sera convenu, comme aussi de les faire tenir directement aux troupes, au moyen du prix qui sera röglö“ 36 °. 175 Sechstes Kapitel: Der Schiffbau I. Die Bedeutung des Schiffbaues für das Wirtschaftsleben Colbert wußte, was er sagte, wenn er den Schiffbau das größte aller Gewerbe nannte: Ja construetion des vaisseaux est le plus ötendu de tous les arts“ 861 . Es ist ja nicht nur die Erbauung des Schiffes selber auf der Werft, was in Betracht kommt, sondern die vielen Industrien, die die Baumaterialien herrichten, die vielen Handelszweige, die für die Beschaffung dieser Baumaterialien Sorge tragen. Die Wirkung, die der Schiffbau auf das Wirtschaftsleben ausübt, ist nun um so größer; 1. je mehr Schiffe gebaut werden, was ja keiner Erläuterung bedarf; aber auch 2. je größere Schiffe gebaut werden. Wiederum selbstverständlich ist die Wirkung der Größe, sofern die gleiche Anzahl größerer Schiffe natürlich einen größeren Gesamtbedarf erzeugt an Baumaterialien, eine größere Nachfrage nach Arbeitskräften usw. Die Schiffsgröße ist aber auch an und für sich bedeutsam: sie bewirkt eine stärkere Zusammenballung der lebendigen Arbeit und des Bedarfs an Material und Werkvorrichtungen: die Werften müssen größer sein, um größere Schiffe auf ihnen bauen zu können; die Mengen an Holz, an Tauwerk, an Eisen usw., die in Einem verlangt werden, sind größer, nur weil das Schiff, ein „zusammengesetztes“ Gut, wie wir es nannten, eine größere Bedarfseinheit schafft. 176 Sechstes Kapitel: Der Schiffbau Was hier die Schiffsgröße aus sich heraus bewirkt, kann nun auch bewirkt werden durch organisatorische Zusammen- schließung der Schiffbautätigkeit. Man kann deshalb sagen: die Wirkung des Schiffbaues auf das Wirtschaftsleben ist um so größer, 3. je einheitlicher, je zusammengedrängter, je verdichteter der Schiffbau erfolgt: wenn 100 Schiffe auf einer Werft erbaut werden, entsteht ein größerer und einheitlicherer Bedarf, als wenn dieselben 100 Schiffe auf 10 Werften erbaut werden. Endlich ist noch daran zu erinnern, daß die Einflußsphäre des Schiffbaues (der hier natürlich nicht anders wie jede beliebige Industrie wirkt), um so größer ist, 4. je rascher die Schiffe erbaut werden: stelle ich 100 Mann an eine Baustelle, so wird ein Schiff von bestimmter Größe in — sage — einem Jahre fertig. Soll es schon nach drei Monaten vom Stapel laufen, so muß ich die gleichzeitig tätigen Arbeiter entsprechend vermehren. Das Gleiche gilt für die Beschaffung der Materialien. Diese Besinnungen waren notwendig, um zu erklären, weshalb ich denn in diesem Zusammenhänge überhaupt den Schiffbau erwähne. Man könnte mir nämlich die Bemerkung entgegenhalten: gewiß, der Schiffbau hat für die Entstehung des modernen Kapitalismus eine große Bedeutung (obwohl auch in dieser allgemeinen Fassung der Satz noch niemals aufgestellt ist: für unsere Wirtschaftshistoriker scheint es ja nur eine Textilindustrie zu geben, wenn sie die Anfänge des modernen Kapitalismus aufdecken); aber was hat diese unbestritten richtige Tatsache mit dem Thema Krieg und Kapitalismus zu tun: ist denn der Schiffbau nicht ebensogut und noch viel mehr ein bürgerliches Gewerbe, das sein Dasein den Bedürfnissen des Handels verdankt? Wie kommst du dazu, den Schiffbau und seine Bedeutung für den Militarismus zu requirieren? Diesem Einwande begegne ich mit der Behauptung: daß in der Tat die militärischen Interessen für II. Die Menge der Schiffe 177 die Entfaltung des Schilfbaues von entscheidender Wichtigkeit gewesen sind, daß die Handelsinteressen voraussichtlich niemals und jedenfalls nicht in so kurzer Zeit den Schilfbau zur Entfaltung gebracht hätten, wie es die kriegerischen Interessen getan haben. Um die Richtigkeit dieser Behauptung zu erweisen, war es eben nötig, die Umstände zu bezeichnen, von denen die Ausdehnung des Schiffbaues abhängig ist, wie ich es oben versucht habe. Ich werde nun zeigen, daß die Kriegsinteressen 1. die Menge der Schilfe; 2, die Größe der Schilfe; 3. die Beschleunigung des Schiffbaues; 4. die Konzentration des Schiffbaues, wesentlich beeinflußt haben. II. Die Menge der Schiffe Auch heute macht die Kriegsflotte eines großen Militärstaates einen erheblichen Teil des gesamten Schilfsbestandes aus. Deutschlands sämtliche Seeschiffe (Segler wie Dampfer) hatten am 1. Januar 1912 einen Raumgehalt von 4711998 Registertons brutto und 3023725 Registertons netto; während die Kriegsschiffe der Kaiserlichen Marine am 1. April 1912 892710 Tonnen Wasser verdrängten. Hamburgs Flotte bestand im Jahre 1911 aus 1252 Seeschiffen mit 1687 945 Registertons Raumgehalt (netto); Hamburgs Dampfer führten Maschinen mit sich, die 1234000 Pferdestärken indizierten: auf den Schilfen der Kaiserlichen Marine waren Dampfmaschinen mit 1515 340 indizierten Pferdestärken. Das sind also, wie man sieht, recht beträchtliche Ziffern. Geht man aber ein paar Jahrhunderte zurück, in die Zeit, als der Schiffbau sich erst zu entwickeln anfing, so verschiebt sich das Verhältnis der Kriegsschiffe zu den Handelsschiffen ganz wesentlich zugunsten jener. Wie rasch die Kriegsflotte ihren Bestand vergrößerte, habe ich an anderer Stelle bereits gezeigt. Die ganze Bedeutung dieser Ausweitung vermögen wir aber erst zu er- Sombart, Krieg und Kapitalismus 12 178 Sechstes Kapitel: Der Schiffbau messen, wenn wir nun die Menge der Kriegsschiffe in Vergleich stellen mit der Zahl und dem Tonnengehalt der Kauffahrteischiffe in derselben Zeitepoche. Leider wissen wir nur wenig Zuverlässiges über den Bestand der Handelsflotte in früherer Zeit. Für das IG. Jahrhundert besitzen wir folgende Anhaltspunkte, um den Umfang der englischen Handelsflotte zu bemessen: In seinem Treatise of Commerce, der 1601 erschien, meint Wheeler, daß vor ungefähr 60 Jahren nicht 4 Schiffe (außer denen der Königlichen Flotte) in den Themsehäfen größer als 120 t gewesen seien. Die Richtigkeit dieses Urteils wird durch andere Angaben bestätigt. 1544/45 bis 1553 kommen in Abgang Schiffe über 100 t: London gehörig ... 17 mit 2530 t Bristol gehörig ... 13 mit 2380 t anderen Häfen gehörig . 5. 1577 weist eine Liste auf: 135 Kauffahrer mit 100 t und mehr, davon haben 56 .100 t, 11 .110 t, 20 .120 t, 7 .130 t, 15 .140 t, 5 .150 t, 656 zwischen 40 und 100 t. 1582 finden wir 177 Handelsschiffe mit mehr als 100 t. Die Flotte Heinrichs VIII. maß aber schon zu Beginn seiner Regierung, wie wir oben sahen, 8460 t, am Ende 10550 t; Elisabeth hinterläßt eine Kriegsflotte von 14060 t. Für das England des 17. Jahrhunderts sind mir folgende Schätzungen bekannt: 1628 ergibt eine Bestandsaufnahme der englischen Kauffahrerflotte in der Themse: II. Die Menge der Schiffe 179 7 Indienfahrer . . . mit 4200 t, 34 andere Kauffahrer, mit 7850 t, 22 Newcastler Kohlenfahrer. 1629 werden in ganz England 350 Schiffe über 100 t ermittelt, das sind also 35000—40000 t Raumgehalt. 1642 hat die Ostindische Kompagnie einen Schiffsbestand von 15000 t Raumgehalt 362 . 1651 haben die Kaufleute von Glasgow 12 Schiffe mit zusammen 957 t Laderaum. 1692 gehören zum Hafen von Leith 29 Schiffe mit 1702 t Tragfähigkeit 363 . Während dieses Zeitraums beträgt der Raumgehalt der Königsschiffe 15000—20000 t mindestens (1618: 15670 t, 1624: 19339 t, 1660 aber schon 62594 t) nach den oben mitgeteilten Quellen. Die französisehe Handelsmarine soll nach einer amtlichen Ermittlung 36 * im Jahre 1664 aus 2368 Schiffen bestanden haben, für die ich nach den in jener Übersicht verzeichneten Größenverhältnissen etwa 180000 t Raumgehalt herausrechne. Kriegsschiffe hatte Frankreich 1661 erst 30, bei Colberts Tode jedoch 244, wie wir sehen, deren Raumgehalt wir sicher auf 80000 bis 100000 t ansetzen müssen. Für das 18. Jahrhundert haben wir aus dem Jahre 1754 eine Schätzung 366 , wonach die englische Handelsflotte bestand aus ca.2000 Seeschiffen mitca.l70000tRaumgehaltu. „ 2000 Kü stenfahrern „ „ 150000 t „ zus. aus ca. 4000 Schiffen mit ca. 320 0001 Raumgehalt. Diese Ziffer nimmt auch ein so vorzüglicher Kenner wie Postlethwayt für seine Zeit als richtig an 366 . Daß sie in der Tat ungefähr der Wirklichkeit entsprach, können wir auch aus der uns bekannten genauen Zahl der Schiffe schließen, die London allein gehörten. Das waren (nach den Generalregistern des Zollhauses berechnet) 1417 im 12 * 180 Sechstes Kapitel: Der Schiffbau Jahre 1732, die zusammen einen Raumgehalt von 178557 t hatten. Im 18. Jahrhundert fängt die Schiffahrtsstatistik an, genauer zu werden, und sie kann uns auch über die Größe des Schiffsbestandes einigen Aufschluß geben. Wir müssen für jene Zeit anuehmen, daß beispielsweise die in den englischen Häfen einlaufenden Schiffe die Fahrt ein- bis zweimal im Jahre machten: auf ca. zwei einmalige Reisen kam eine wiederholte 367 . Nun liefen aber im Durchschnitt der Jahre 1743, 1747, 1749 in sämtlichen englischen Häfen 603 fremde Schiffe mit einem Tonnengehalt von 86094 t ein 388 . Während z. B. aus den südenglischen Häfen (1786/87) nach Westindien abgingen 233 Schiffe mit 47 257 t, gingen ebenso aus London: 218 mit 61695 t, ebenso aus nordenglischen Häfen: 77 mit 14629 t 369 . Die Gesamtzahl der 1786/87 in den Vereinigten Staaten von Amerika angekommenen Schiffe betrug 509 mit 35 546 t, während in demselben Jahre von dort absegelten 373 Schifte mit 36145 t 369 . (Zum Vergleich: Im Jahre 1910 kamen an im Hafen von Holtenau Schiffe mit 49 221 Registertons, im Hafen von Nohiskrug mit 29093 Registertons, im Hafen von Papenburg mit 38 832 Registertons, dagegen schon im Hafen von Stolp- münde mit 75336 Registertons, im Hafen von Stolzenhagen (Kratzwieck) gar mit 253342 Registertons; in sämtlichen Häfen des Deutschen Reiches liefen im Jahre 1910 111 797 Seeschiffe mit 29930553 Registertons ein.) Damals (1749), als die gesamte englische Handelsmarine 320000 t, groß war, hatte die Kriegsflotte 228215 t Raumgehalt ; das wäre also mehr als die sämtlichen Überseefahrer zusammen, zwei Drittel so viel als sämtliche Schiffe der Handelsflotte. Wenn wir diese Ziffern überblicken, so gewinnen wir den Eindruck, als ob in den zweihundert Jahren, von der Mitte des 16. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, das heißt also in den für die Entwicklung des Kapitalismus entscheidenden II. Die Menge der Schiffe 181 Jahren, die Handelsflotte in England nur langsame Fortschritte macht im Vergleich zu der Kriegsflotte. Während sie zur Zeit der Tudors offenbar noch mehrmals so groß ist als diese, wird ihr Raumgehalt um die Mitte des 18. Jahrhunderts von dem der Kriegsflotte fast erreicht. Die Kraft der Nation ist während dieser Jahrhunderte fast ausschließlich auf die Entwicklung der Kriegsflotte verwendet worden. Diese zur Blüte zu bringen werden alle Mittel angewandt. Was für England gilt, gilt aber (vielleicht in erhöhtem Maße) für alle anderen Länder. Aber die Überlegenheit der kriegerischen Interessen ist noch größer, als sie in dieser Verschiebung des Anteilverhältnisses zwischen Handelsflotte und königlicher Flotte zum Ausdruck kommt. Es kann nämlich für den Kundigen keinem Zweifel unterliegen, daß die Vermehrung der Handelsschiffe selbst ebenfalls noch zum guten Teil dem Militarismus zu danken ist. Offenbar wirkt die Aussicht, die Kauffahrteischiffe gegen gutes Chartergeld in Kriegszeiten der Regierung zur Verfügung stellen zu können, wirken ferner die Prämien, die die Regierung namentlich für den Bau großer Schiffe aussetzt aus militaristischen Gründen, als ein viel stärkerer Anreiz auf die Schiffbauer als die Aussichten auf Handelsgewinn. Immer wieder machen wir die Beobachtung, daß das Gewinnstreben, der Erwerbstrieb innerhalb des Wirtschaftslebens in der früheren Zeit nicht annähernd die dynamische Wirkung ausübt wie heute; daß vor allem dem früheren Menschen nähere, greifbarere Gewinne in Aussicht gestellt werden mußten, als es die normalen Handels- und Produktionsgewinne sind, um ihn zu intensiverer Tätigkeit anzuspornen: um Gold zu suchen, für Kaperzwecke, gegen bare Prämien, zum Verchartern baute man, um das, was ich hier im allgemeinen sage, wieder auf unseren Fall anzuwenden, viel eher Schiffe, als um den russischen oder den levantinischen Handel auszudehnen. In dem geschäftlichen Alltagsleben 182 Sechstes Kapitel: Der Schiffbau herrscht der Schlendrian vor; alles geht seinen altgewohnten Weg; es müssen schon starke Anreizungen kommen, um hier wesentliche Neuerungen einzuführen. Solche Anstöße kamen für den Schiffbau von den militärischen Interessen her, die während der Zeit, die wir hier überblicken, ganz gewiß stärker waren als die merkantilen. Dieser Eindruck wird bestätigt, wenn wir nun die Entwicklung verfolgen, die die Schiffstypen in unserer Epoche durchmachen. III. Die Größe der Schiffe Wir haben oben schon eine Vorstellung von der Größe der Handelsschiffe während des 16. und 17. Jahrhunderts bekommen. Ich teile noch ein paar Ziffern mit, um das Bild recht deutlich erscheinen zu lassen. In der schon erwähnten amtlichen Statistik der französischen Handelsschiffe im Jahre 1664 verteilen sich die 2368 auf die einzelnen Größenklassen wie folgt: 10— 30 t. 1063, 30— 40 t. 345, 40- 60 t. 320, 60— 80 t . 178, 80-100 t. 133, 100—120 t. 102, 120—150 t. 72, 150—200 t. 70, 200—250 t. 39, 250—300 t. 27, 300—400 t. 19 2368. Die Schiffe, die während des 17. Jahrhunderts aus dem Hamburger Hafen ausliefen, waren durchschnittlich 17—18 Lasten ä 2000 kg groß; 1625 z. B. 17,521 Lasten. Das größte Schiff in diesem Jahre segelte nach Venedig und hatte eine Tragfähigkeit von 200 Lasten (also 400 t), 1616 finden wir eins mit 150, 1615 eins mit 130,1617 eins mit 120 Lasten usw. 87 °. In England, meinte Sir William Monson in seinem Naval Tracts p. 294, waren heim Tode der Elisabeth (also im Anfang des 17. Jahrhunderts) keine 4 Kauffahrer von je 400 t. Tragfähigkeit 871 . Wird gestimmt haben; denn noch in der Mitte des Jahrhunderts hatten die III. Die Größe der Schiffe 183 Schiffe der Ostindischen Kompagnie (also die größten des Landes) erst 300 bis 600 t Ladefahigheit 372 . Die Holländisch -ostindische Kompagnie benutzte am Ende des 17. Jahrhunderts Schiffe von durchschnittlich 300 Lasten 378 . Die erste Flotte der französischen Indiengesellschaft bestand aus 3 Schiffen zu je 300 t und einem Schiff zu 120 t; die zweite setzte sich wie folgt zusammen: 2 Schiffe zu je 5—600 t, 2 Schiffe je 300 t, 1 Schiff 250 t, 1 Schiff 200 t, 4 Schiffe je 60—80 t. 1682 laufen I Schiff zu 700 t, 1 Schiff zu 800 t aus 374 . Diese Größen bleiben auch während des 18. Jahrhunderts üblich: große Ostindienfahrer haben 300—500 t, die Europafahrer 100—300 t Raumgehalt. So waren von den schon erwähnten 1417 Schiffen, die London im Jahre 1732 besaß, 130 zwischen 300 und 500 t, 83 „ 200 „ 300 t groß. Die übrigen waren kleiner, und das berühmte Schiff der Südseegesellschaft hatte 750 t Raumgehalt. Am 1. Mai 1737 hat Liverpool 375 211 Schiffe über 30 t, davon 1 mit 400 t, 1 „ 350 t, 1 „ 300 t, 1 n 250 t, 2 mit 340 t, 2 „ 200 t, 2 „ 190 t, 4 „ 180 t, 7 mit 160 t, 15 „ 150 t, 10 „ 140 t, 5 „ 130 t, 13 mit 120 t, 6 „ 110 t, 16 _ 100 t, 135 „ 30—90 t. Die 1749 in den englischen Häfen einlaufenden fremden Schiffe wiesen folgende Größen auf: Holländische Schiffe 62 mit 6 282 t = 100 t, Dänemark. 292 n 47 382 t = 160 t. Schweden. 71 *>, 8400 t = 120 t, Hamburg. 40 n 6 764 t = 170 t, Frankreich. 24 n 1289 t = 50 t, Preußen. 26 n 3420 t = 130 t, Danzig. 16 5? 2 748 t = 170 t, Portugal. 26 2100 t = 80 t, Bremen. 16 1975 t = 125 t, Rußland. 5 j? 440 t = 90 t, Spanien. 16 Y) 940 t = 60 t. 594 mit 81 740 t = ca. 140 t. Das größte Schiff ist ein dänisches mit 510t; die kleinsten sind französische Kähne — offenbar von Calais nach Dover fahrend — mit 4 t Tragfähigkeit. Aber auch von Bremen kommt ein Schiff mit 85 t, von Danzig mit 44 t usw. 376 . 184 Sechstes Kapitel: Der Schiffbau Ende des 18. Jahrhunderts hatte das normale holländische Kauffahrerschiff eine Tragfähigkeit von 180—190 Lasten; es maß 115' auf dem Kiel, 120' vom Vorder- zum Hintersteven bei einer Breite von 34' 377 . Zum Inventarium der aus der Guinäischen Handelsgesellschaft, der Ostseeischen Handelsgesellschaft und der Grönländischen Handelsgesellschaft 1781 gebildeten Kgl. Dänischen, Ostseeischen und Guinäischen Handelsgesellschaft 378 gehörten 37 Schifte; davon hatten Tragfähigkeit in Commercelasten (ä 2600kg): 50— 60 Lasten 10 Schiffe, 61—100 „ 2 101—150 „ 21 151—162V2 Lasten 4 „ 37 Schiffe. Stellen wir nun diesen Ziffern die ihnen entsprechenden für die Kriegsmarine gegenüber, so bemerken wir sehr bald, daß die Kriegsschiffe ganz beträchtlich viel größer sind als die Handelsschiffe, daß insbesondere auch die großen Typen viel häufiger sich unter jenen als unter diesen finden. Schon im 15. Jahrhundert kommen englische Kriegsschiffe (of the Tower) von 1000 t vor: in der Liste, die Oppenheim für die Zeit Heinrichs VII. zusammenstellt, erscheinen 9 Schiffe von 500—1000 t. Das Verzeichnis der Schiffe der Royal Navy vom 5. Jänner 1548 (1. Edw. VI) weist folgende Größen auf: 6 Schiffe von 500—1000 t 11 „ 800—450 t 12 „ „ 100—250 t 24 „ unter 100 t. Ganz besonders handgreiflich ist der Größenunterschied zwischen den Kriegsschiffen und den Handelsschiffen, wenn wir die Schiffe mustern, die die englische Flotte im Jahre 1588 bildeten 379 . Diese, dieselbe, die die Felicisima Armada besiegte, bestand aus 34 Kriegsschiffen und 163 Kauffahrern. Die 34 Kriegsschiffe wiesen folgende Typen auf: III. Die Größe der Schiffe 185 1 war 1100 t groß 1 „ 1000 t „ 1 „ 900 t „ 2 waren je 800 t groß 2 „ „ 600 t „ 5 „ „ 500 t „ 12 waren größer als 500 t. 8 waren je 400 t groß 5 „ 200—360 t groß 20 waren größer als 200 t. Dagegen war von den Kauffahrteischiffen keins über 400 t groß 2 waren je 400 t groß 4 „ „ 300 t „ 24 „ 200—250 t groß 30 waren größer als 200 t 130 „ kleiner „ 200 t. Im 17. Jahrhundert vergrößern sich die Kriegsschiffe rasch. Zwei der bekannten Köhigsschiffe haben folgende Ausmaße 380 : Kiellänge Tiefe Ladegehalt Brutto Zahl der Geschütze Zahl der Bemannung Royal Prince (1610). . . Sovereign ofthe 115' 18' 1187 55 500 Seas (1637) 127' 19,4' 1683 100 600 Zum Vergleich füge ich noch die Maße bei, die ein französisches Kriegsschiff mit 100 Kanonen im Jahre 1666 hatte 881 : Länge des Kiels.135 Fuß Vom Vorder- bis zum Hintersteven . . . 160 „ Breite.42 „ Höhe vom Kiel.19 „ Höhe vom Kiel bis zur Kuhbrücke ... 13 „ 186 Sechstes Kapitel: Der Schiffbau Höhe zwischen zwei Decks. 7 Fuß Höhe des zweiten Decks. 7 „ Höhe des Vybord. 2 „ Höhe des Zimmers des Generals, vorn und hinten. 1 1 h „ Höhe der Deekkajüte (clunette) .... 6 „ Höhe der Kampanja (dessus de la clunette) 4 „ Es scheint fast, als ob noch im 17. Jahrhundert der 1000 t-Typ bei den Kriegsschiffen der normale wird. Im Jahre 1688 finden wir ihn in der englischen Flotte bereits bei 41 Schiffen, deren größtes 1739 t groß ist. Die Höhe der Besatzungen dieser großen Schiffe schwankte zwischen 400 und 800, die Zahl der Geschütze zwischen 70 und 100 382 . Das Wichtige ist zunächst dies: daß die Kriegsmarine durch den Bau so großer Schiffe alle gewohnten Vorstellungen von Schiffsgrößen revolutionierte und damit Vorbilder schuf. Als Jakob IV. von Schottland im Jahre 1511 den „Michael“, als Heinrich VIII. im folgenden Jahre den „Regent“ vom Stapel laufen ließ, standen alle Leute wie geblendet da. Wir haben über den Eindruck, den speziell der „Michael“ machte, genaue zeitgenössische Berichte: „any varie monstrous great ship called the Michael“ nennt es ein Report. Und Lindsay of Pittscottie gibt folgende Beschreibung von dem „Monstrum“ 383 : „The Scottish king bigged a great ship called the ,Great Michael 1 , which was the greatest ship and of most strength, that ever sailed in England or France; for this ship was of so great stature, and took so much timber that, except Fack- land, she wasted all the woods in Fife, bye all timber that was gotten out ofNorway; she was so strong and of so great length and breadth (all wrights of Scotland, yea, and many other strangers were at her device, by the kings command- ment who wrought very busily in her etc. etc.).“ Aber wiederum erschöpft sich damit die Einwirkung der militärischen Interessen auf das Wirtsehaftslehen keineswegs. IV. Das Tempo des Schiffbaues 187 Ebenso wie diese eigenmächtig auf die Vermehrung der Handelsflotte hindrängte, so ganz besonders auch auf eine Vergrößerung der Schiffstypen. Wir müssen uns immer gegenwärtig halten: eine Veränderung der üblichen Produktionsund Handelsweisen wird von den Wirtschaftssubjekten auch noch in der frühkapitalistischen Epoche meist als lästig empfunden und deshalb nach Möglichkeit zu meiden gesucht. Die Peitsche der Konkurrenz wird noch nicht über ihren Häuptern geschwungen; ein Zwang zur Verbesserung besteht also nicht. Folglich wird diese nur aus dem Gewinnstreben folgen, das aber, wie ich schon sagte, sehr häufig durch künstliche Mittel erst geweckt oder jedenfalls gesteigert werden mußte. Solche künstlichen Mittel waren die Prämien. Die Prämien aber, die auf den Schiffbau gelegt wurden, hatten vor allem den Zweck, die Werften zur Erbauung großer Schiffe zu veranlassen, solcher Schiffe nämlich, die man auch bequem als Kriegsschiffe verwenden konnte. Als 1522 der „Antony“ von Bristol mit 5/ pro Tonne prämiiert wird, geschieht es, weil er 400 t groß ist und also zum Kriegsdienst gegebenenfalls geeignet: gut „also to doo unto us Service in warre“. Unter diesem Gesichtspunkte der Kriegsinteressen ist dann später die Schiffsprämienpolitik bei allen seefahrenden Völkern betrieben worden. Also daß wir guten Grund haben, auch in der Entwicklung des großen Schiffstyps eher militaristische als kapitalistische Interessen vorwiegend als wirksame Triebkräfte zu vermuten. IV. Das Tempo des Schiffbaues Dem mittelalterlichen Leben, vor allem dem mittelalterlichen Wirtschaftsleben ist die Idee „der Beschleunigung“ fremd: es gibt kein Gebiet, auf dem das Schneller ein Besser bedeutete, auf dem es an und für sich als Wert erschiene, einen Prozeß rascher abzuwickeln. Voraussichtlich wäre auch 188 Sechstes Kapitel: Der Schifibau der Trieb zur Beschleunigung im Bereiche des Wirtschaftlichen selber nie erwacht. Er mußte durch eine Reizung von außen her erst zur Betätigung gebracht werden. Eine solche Reizung ging, wie wir schon in zahlreichen Fällen feststellen konnten, von den kriegerischen Interessen aus. Das gilt in hervorragendem Sinne wiederum für die Entwicklung des Schiffbaus. Langsames, dumpfes Dahinbrüten, bequeme traditionalistische Alltäglichkeit, bis die Anforderungen der Kriegsmarine Leben in das Getriebe bringen. Man ermesse, welch ein wahnwitziger Gedanke es für das Gefühl eines mittelalterlichen Reeders gewesen wäre: den Bestand der Handelsflotte innerhalb weniger Jahre und Jahrzehnte etwa zu verdoppeln. Wozu? Es wäre ja auch ganz sinnlos gewesen; denn woher hätte die doppelte Menge Ladung kommen sollen? Das kriegerische Interesse dagegen drängte immerfort auf Vergrößerung der Streitmacht und auf rasche Vergrößerung, um dem Feinde zuvorzukommen. Um zu erkennen, wie hastig und oft sprunghaft der Schiffbau sich entwickelte, seit die Erbauung von Kriegsschiffen seine Hauptaufgabe wurde, genügt es, sich die Ziffern vor Augen zu führen, in denen sich die Vermehrung des Bestandes der Kriegsflotten ausdrückt. Ich habe sie bereits mitgeteilt und verweise den Leser darauf. Zur Belebung des Bildes führe ich noch ein paar besonders markante Beispiele aus der Schiff'baugeschichte an, an denen sich das für jene Zeiten unerhörte Tempo der Herstellung erkennen läßt. Im Jahre 1172 unter dem Doganat Vital Micheles II. sollen in Venedig 100 Galeeren und 20 große Schiffe in 100 Tagen erbaut sein 884 . Das ist natürlich Unsinn und Chronistenphantasterei. Es werden 10 Galeeren und 2 große Schiffe gewesen sein. Aber was uns jene Überlieferung lehrt, ist: 1. die zweifellos richtige Tatsache, daß die Venetianische Regierung in sehr kurzer Zeit eine große Menge Schiffe herstellen ließ, IV. Das Tempo des Schiffbaues 189 und 2. das Staunen der Zeitgenossen über diese ungewohnte Handlungsweise. Aus ebenso früher oder nur wenig späterer Zeit haben wir zuverlässige Nachweise über den Bau Genueser Kriegsschiffe, die uns durch die Größe der Ziffern verblüffen. Wir erfahren, daß die Republik Genua bestellt 885 : 1171: 8 Kattschiffe und 8 Galeeren; 1204: 8 Galeeren; 1205: 8 1200 : 8 1207: 22 Galeeren und 4 Tariden, je 1 Galeere in Savona und in Noli; 1216: 10 Galeeren; 1241: 52 Galeeren und Tariden; 1242: 40 Galeeren; 1282 besaß Genua nur 12 Galeeren, 50 wurden in diesem Jahre dazu gebaut. Stärkere Anforderungen stellten auch im 16. Jahrhundert die Marineverwaltungen der großen nordischen Seemächte nicht: sie waren wahrhaftig enorm genug. Iu England befinden sich im Jahre 1554 29 Kriegsschiffe im Bau („in commission“), 1555/56 38, 1557 24, zu denen im Dezember desselben Jahres noch 8 andere hinzukommen. Aber das Tempo wird immer hastiger. Dafür enthält den Beleg die folgende überaus lehrreiche Tabelle 386 : Es waren Kriegsschiffe in Kommission in den 22 Jahren: 1559—1580 1581-1602 über 600 t 400—600 t 200—400 t 100—200 t 50—100 t unter 50 t . . . 2 28 . . . 17 100 . . . 42 73 . . . 38 55 . . . 39 40 4 66 Insgesamt 142 362. 190 Sechstes Kapitel: Der Schiffbau Aus diesen Ziffern ersehen wir: 1. daß in dem zweiten gleich großen Zeitraum zweiundeinhalbmal so viel Schiffe gebaut wurden als im ersten; 2. daß die Schiffe im zweiten Zeitraum erheblich größer sind als im ersten, so daß 3. eine Steigerung der Produktion auf mehr* als das Dreifache stattfindet : wenn man die einzelnen Schiffstypen zum Durchschnitt ihrer Klasse ansetzt, so ergeben sich in den ersten 22 Jahren etwa 31000 t, in den zweiten 22 Jahren dagegen über 103000 t Bauumfang. Und dann kommt ja erst der große Vorstoß im 17. Jahrhundert, in dem sich alle militaristischen Interessen erst ins Gigantische (ins Barock können wir auch sagen) auswachsen. Unter der Kepublik werden in England 207 Schiffe in 11 Jahren, also fast 20 Schiffe in jedem Jahre, gebaut. In dem einen Jahrfünft von 1690—1695 werden in England zum Bau von 45 Schiffen £ 1011576.8.11 bewilligt 887 . An Paroxysmus grenzt ebenso das Tempo, in dem zu Colberts Zeiten die französische Kriegsflotte vergrößert wurde: Colbert fand, wie wir sahen, bei seinem Eintritt in die Regierung (1661) 30 Kriegsschiffe vor; nach wenig mehr als 20 Jahren hatte er 244 daraus gemacht, diese aber meist in viel größerem Ausmaße: es wurden also jährlich im Durchschnitt 10—12 Kriegsschiffe vom Stapel gelassen. V. Die Organisation des Schiffbaues Wir haben uns schon zum Bewußtsein gebracht, daß irgendeine Produktion sehr verschiedenen Charakter trägt und sehr verschiedene Anforderungen an die wirtschaftliche Verfassung stellt, je nach dem Zeitausmaß, das sie beherrscht. Handwerker konnten schließlich auch mittelalterliche Dome bauen: wenn man ihnen nur Zeit ließ. Verlangte man aber, daß sie in einer bestimmten Frist damit fertig wurden, so versagte ihre Kraft. Handwerker konnten im Notfall auch V. Die Organisation des Schiffbaues 191 in kurzer Zeit kleine Mengen von Produkten liefern: wuchs sich das verlangte Produktquantum aus, so überstiegen wiederum die Anforderungen die Leistungsfähigkeit des Handwerkers. Wie er denn sehr bald versagte, wenn es sich um die Erzeugung zusammengesetzter Güter von bestimmter Größe handelte. Der Schiffbau wurde durch die militaristischen Interessen nach allen drei Seiten hin entwickelt: mehr Schifte, größere Schiffe wurden verlangt und vor allem: sie wurden in kürzerer Zeit verlangt. Die Anforderungen der Handelsflotte hätte die handwerksmäßige Schiffbauern noch jahrhundertelang befriedigen können. Durch die wachsenden Ansprüche der Kriegsmarine wurde das Handwerk für den Schiffbau disqualifiziert, erst für den Bau der Kriegsschiffe selbst, dann in dem Maße, wie die Handelsflotte in den Strom der Entwicklung hineingerissen wurde und an der Kriegsflotte sich zu orientieren anfing, auch für den Bau von Kauffahrteischiffen. Eine Wirtschaftsgeschichte des Schiffbaugewerbes fehlt natürlich, wäre aber wohl wert geschrieben zu werden. Das Bild, das wir aus einem Studium der Quellen empfangen, ist ungefähr dieses: Auf die handwerksmäßige Schiffbauerei, die sich normalerweise in allen Seestädten gleichmäßig entwickelt hatte, folgt unter dem Druck der militärischen Interessen zunächst keine kapitalistische, sondern eine gemeinwirtschaftliche, staatliche Organisation des Schiffbaugewerbes, das viel eher eine ausgesprochene groß- und größestbetriebliche Form erhält, ehe es vom Kapitalismus ergriffen wird. Schon in den italienischen seefahrenden Staaten entwickelt sich frühzeitig eine großartige staatliche Schiffbauerei. Speziell über den Schiffbau Venedigs im 14. Jahrhundert sind wir vortrefflich unterrichtet durch eine ausführliche zeitgenössische Darstellung des gesamten Produktionsprozesses, 192 Sechstes Kapitel: Der Schiflbau die uns erhalten ist 888 . Danach würde schon während des Mittelalters in diesem (einzigen?) Gewerbe eine ganz großartige Betriebsorganisation geherrscht haben. Der Verfasser berichtet uns, daß zur Erbauung einer Galeere von 126' Länge (es handelt sich natürlich nur um Kriegsschiffe) „maestri segadori 500 a far el bisogno de la dita galea, maestri 1000 cioö marangoni (Stellmacher) chalefai (Kalfaterer) 1800 per forar e chalcar e pegolar“ erforderlich seien. Damit können natürlich nicht Arbeitskräfte gemeint sein. Wir werden vielmehr mit dem Herausgeber der Denkschrift annehmen müssen: die Ziffern bedeuteten die Zahl der erforderlichen Arbeitstage. Dann kämen wir immer noch zu Arbeitermassen von schier unglaublicher Größe. Man muß nämlich beispielsweise folgende Rechnung anstellen: 40 Galeeren werden in einem Jahre neu erbaut (das ist nach den genauen Angaben, die wir über die Zahl der Schiffbauten in Genua aus dem 12. und 13. Jahrhundert besitzen, sicher nicht zuviel gerechnet). Auf einer Galeere arbeiten nach den oben mitgeteilten Sätzen 28 Arbeiter. Auf der Werft würden also 1120 Kalfaterer, Säger und Stellmacher bei der Bauarbeit beschäftigt worden sein. Von den schon schwimmenden 60 Galeeren wird ein Viertel einer kleinen Ausbesserung unterworfen worden sein, an 30 werden kleinere Reparaturen auszuführen gewesen sein. Was sicher 1000 Arbeitern Beschäftigung gewährte. Dazu kommen nun noch die Seiler, Segelmacher, Mastmacher, Schlosser, Schmiede usw., von denen sicher ebenfalls ein großer Teil auf den staatlichen Werften tätig war. Nehmen wir für sie auch nur ebenso viel Köpfe wie für die Holzarbeiter an, so kämen wir auf eine Gesamtarbeiterschaft von 2—3000 Mann: eine, wie gesagt, für mittelalterliche Verhältnisse geradezu märchenhafte Ziffer. Aber vielleicht haben wir in der Tat hier die ersten Groß- und Riesenbetriebe vor uns, in denen sich die europäische Menschheit wiederum aus der Vereinzelung des Hand- V. Die Organisation des Schiffbaues 19B werks zu gemeinsamer Werkverrichtung zusammenschlossen. Auch wenn wir an jene 2—3000 Arbeiter nicht glauben wollen, wenn es auch nur 2—300 gewesen sind, die hier in einem Betriebe zusammengefaßt wurden: immer würden wir (angesichts der frühen Zeit!) dem Schiffbau eine epochale Bedeutung in der Geschichte der Arbeit (soweit sie im europäischen Mittelalter von vorn anfängt) zuerkennen müssen. Daß im 16. Jahrhundert die venetianische Werft einen sehr großen Betrieb darstellte, wissen wir aus sicherer Quelle: aber es setzt uns doch nicht so maßlos in Erstaunen, als wenn wir an Kieler Dimensionen im 15. und 14. Jahrhundert und noch früher glauben sollen. Den Zustand des Werftbetriebes oder des „Arsenals“ der venetianischen Republik im 16. Jahrhundert schildert uns Andreas Ryff in seinem Reisebüchlein 889 wie folgt: „Seill Scheuren“ „Dass seil hausz oder scheuren im arschenael ist mechtig grosz, sonderlich aber so lang, dass sich ein Rosz woll mecht mied drin erlauffen, dorin arbeitet vyl volcks, und ist darinnen ein merckliche summa hanff und flachs im vorroth.“ „Sägell hausz“ „Im sägel hausz arbeitten die wyber mit neyen (nähen), do haben sy eine grosse zaal Sägel allergattung im vorroth, wie auch vyl zwilch und sägel thuoch.“ „Schmitten“ „In einem hoff sind 8 gwelb einandernach, dorinnen Schmidt man teglich alle noturft und in jeder sein sondere gattung.“ Auch in England sehen wir frühzeitig die Krone sich um die Erbauung ihrer Schiffe kümmern. Wir besitzen eine ganze Reihe von Belegen, die schon für das 13. Jahrhundert eine staatliche Schiffbauerei außer Zweifel setzen. 1225 werden die Bailliffs von Southampton angewiesen, Tauwerk für des Königs „Große Schiffe“ in Portsmouth zu kaufen oder es eiligst Sombarfc, Krieg und Kapitalismus 13 194 Sechstes Kapitel: Der Schiffbau anfertigen zu lassen; ebenso: drei gute Ankertaue machen zu lassen, zusammen mit 4 Dutzend „Theldorun“ und 200 Ellen Segeltuch für die Ausbesserung der Segel zu besorgen 390 ; 1226 wird der Constable von Porchester beauftragt, Friar Thomas mit 3 Bootladungen Brennholz zu versehen für des Königs Schiffe; 22Va Mark werden ihm gegeben, um Leinen für die Segel zu kaufen und um „celtas“ für des Königs Schiffe zu machen 391 . Er werden also Schiffe für des Königs Dienst und in seinem Aufträge erbaut. Im 16. Jahrhundert dann, als die Königsflotte sich erst recht zu entwickeln beginnt, nimmt die Bautätigkeit der Krone rasch einen größeren Umfang an: Seearsenale, in denen die Materialien für den Schiffbau (neben den Waffen) aufgestapelt wurden, werden erbaut in Woolwieh (1512), Deptford (1517), Erith (1513, vorübergehend), während bis dahin nur in Portsmouth ein Arsenal und eine Werft bestanden hatte. Die englische Krone baute offenbar zunächst ganz in eigener Regie. Wir sehen deutlich die Vorgänge bei der Erbauung des Henry grace ä Dieu vor uns: dieses Prachtschiff wurde in Portsmouth auf die Hellingen gelegt. Die Arbeiter und Handwerker, die daran arbeiteten, wurden in der Umgegend angeworben 892 : ein Teil von ihnen geht und kommt, ein anderer Teil wohnt in Portsmouth und wird dort auch beköstigt. Gelegentlich (aber ausnahmsweise) auch gekleidet: wir erfahren, daß 141 Zimmerleute mit Anzügen versehen werden. Diese Ziffer gibt uns einen Anhalt, um die Größe der Werft zu ermessen. Die Ausbesserungen führte der Staat ebenso für eigene Rechnung aus. Ein sehr interessantes Dokument 898 : eine Kostenrechnung für das sechste Jahr Heinrichs VIII. vom 2. November bis 20. April zeigt uns, wie ein königlicher Kommissar die einzelnen Materialien pfundweise von Handwerkern kauft, wie er dann eine Anzahl Stellmacher usw. in Kost und Lohn nimmt, um die Reparatur durch sie bewerkstelligen zu lassen. V. Die Organisation des Schiffbaues 195 An der Spitze der Werft steht ein Schiffbaumeister, der seit Heinrich VIII. Schiffbaumeister der königlichen Flotte: „Master-Shipwright of the Royal Navy“ heißt: als erster wird William Bond genannt 394 . Dieser königliche Schiffbaumeister scheint sich dann im Laufe der Zeit, wie wir dies in England häutiger finden, zu einer Art von privatem Unternehmer auszuwachsen, der den Bau auf eigene Rechnung ausführte. Seit 1578, das heißt seit dem Eintritt Hawkyns, beginnt das Building by con- tracts 395 , das (so scheint es: genau sind wir trotz der vielen Bearbeitungen, die die Geschichte der englischen Marine erfahren hat, noch nicht unterrichtet) darin bestand, daß die Krone dem Schiffbaumeister die Materialien lieferte oder auch sie durch ihn auf ihre Rechnung ankaufen ließ, die Ausführung aber ihm übertrug gegen einen Einheitssatz für die Tonne, der zum Beispiel unter Jakob I. 7 j£ 10 s und 8 war. So finden wir folgende Posten in den Rechnungen (z. B. des Jahres 1588) 396 : To Peter Pett, one of Her Majestys sliipwrights ... for piece of 8 loads, six foot of timber-oak for her Maj. ships at Chatham at 20 s per load etc. To Rieh. Chapman, of Deptford Strand ... for price of two anchors hy him provided. To Henry Holesworth, of London, for price of 14 flags usw. Desgl.: 9 Kompasse. „ 3 Paar neue ties . . . of white fine hemp. „ 2 ensigns of silk (von einem Tapezier in London). „ 46 Streamers (desgl.) new boat. „ 102 yards of calico für Flaggen. „ 127 boults of Mildernex canvass, for the new making of sun- dry sails. „ 12 Cables of sundry scantlings. „ 14 Masts of sundry scantlings (von einem Kaufmann in London). Die Werften waren natürlich große Betriebe. Wir erfahren 397 , daß im 16. Jahrhundert, beim Regierungsantritt der Elisabeth, beschäftigt sind: 13 * 196 Sechstes Kapitel: Der Schiffbau in Deptford auf 5 Schiffen 228 Mann „ Woolwich „8 „ 175 „ „ Portsmouth „9 „ 154 „ Ganz ähnlich wie in England ist der Kriegssehiffbau in Frankreich organisiert. Auch hier standen die Werften oder die einzelnen Schiffbauten unter der Leitung von Schiffbaumeistern, die in Frankreich „constructeurs“ heißen. Sie scheinen ebenfalls den Bau in Entreprise genommen zu haben, worauf Wendungen wie diese schließen lassen 898 : „il est tout ä faire nöcessaire d’occuper les mattres (das sind eben die Entrepreneurs), qui bätissent, qui n’ayant pas de quoi travailler, iront chercher ä s’occuper dans les pays ötran- gers ... et puis que vous avez la place, le bois et les ouv- riers, il semhle qu’on ne les doive pas laisser inutiles“: diese letzten Worte vertragen sich allerdings auch mit einem Bauen auf eigene Rechnung. Dann aber heißt es an derselben Stelle weiter: geben wir ein Schiff in Toulon, eins in Brest in Auftrag, um die ,Entrepreneurs 4 zum Wettbewerb aufzumuntern: „pour exciter, par Emulation, les entrepreneurs ä bien faire“. Jedenfalls bieten auch in Frankreich die staatlichen Werften im 17. Jahrhundert ein Bild großartiger Betriebsorganisation dar. Richelieu hatte Staatswerften in Brouage, Le Havre, Brest errichten lassen. Von Brest berichtet uns ein Zeitgenosse, daß dort beschäftigt ist „eine ganze Welt“, „tout un monde“, von Arbeitern, Schmieden, Schlossern, Drehern, Böttchern, Tischlern, Bildhauern, Malern, Blechschmieden unter dem einheitlichen Kommando der königlichen Schiffbaumeister, „des constructeurs de la Couronne“, Charles Morien und Laurent Hubac, dem Chef einer glorreichen Ingenieurfamilie 8 ". Wo die Staatsschiffe zum Bau an Privatpersonen gegen einen Einheitssatz vergeben wurden, war das kapitalistische Organisationsprinzip schon zum Durchbruch gekommen: die Förderung also, die der Kapitalismus durch den Kriegsschiff- V. Die Organisation des Schiffbaues 197 bau erfährt, ist eine unmittelbare und liegt zutage. Aber auch wenn und soweit der Betrieb auf den königlichen Werften ein reiner Staatsbetrieb war, gewinnt er doch Bedeutung für die Entwicklung des Kapitalismus im Schiffbaugewerbe. Vor allem dadurch, daß er vorbildlich wird für die Durchbrechung der handwerkerlichen Schranken des früheren Schiffbaues. Dann aber wird der private Schiffbau auch direkt durch die rasche Ausdehnung des Kriegschiffbaues in seiner Organisation beeinflußt, wird also in der Richtung der Entwicklung zu Kapitalismus und Großbetrieb vorwärts getrieben. Zuweilen, wenn sich die Bestellungen des Staates bei seinen eigenen Werften häufen, wie z. B. in England zur Zeit der Republik, als in elf Jahren 207 Schiffe vom Stapel laufen sollten, erhalten die Privatwerften einen Teil der Aufträge überwiesen, die die Staatswerften nicht auszuführen vermögen 400 . Hier wird also der private Schiffbau durch Lieferungen von Kriegsschiffen zur Ausdehnung angehalten. Wo es sich um den Bau von Handelsschiffen handelt, greift wohl der Staat in der Weise ein, daß er aus seinen Arsenalen den privaten Schiffbauern zu günstigen Bedingungen Materialien liefern läßt, um sie zur Tätigkeit anzuspornen. So verfuhr Colbert: er hielt immer reichliche Vorräte in den königlichen Magazinen, auch: „pour en fournir aux marchands et pour les exciter par lä ä bätir et ä augmenter la naviga- tion et le commerce“ 401 . Die ganze Bedeutung, die der Kriegsschiffbau für die Herausbildung des Kapitalismus hat, vermögen wir aber erst zu ermessen, wenn wir der Wirkungen uns bewußt werden, die er auf zahlreiche andere Industrien und auf zahlreiche Handelszweige ausübt, die sämtlich von ihm abhängig sind, weil sie ihm die nötigen Materialien zuführen. Über diese Zusammenhänge wollen wir uns im nächsten Abschnitt Klarheit zu verschaffen suchen. 198 Sechstes Kapitel: Der Schiffbau VI. Die Beschaffung der Schiffbaumaterialien Abermals mußte die Entwicklung der Kriegsmarine, für die immer mehr und immer größere Schiffe immer rascher gebaut wurden, dadurch revolutionierend auf das Wirtschaftsleben einwirken, daß sie einen wachsenden Bedarf an Sehiff- baumaterialien schuf, der meist rasch gedeckt werden sollte und der durch die Vergrößerung der Schiffstypen und die Vereinheitlichung der Organisation des Schiffbaues, besser: durch seine Konzentration in wenigen Großbetrieben selbst wieder ein mehr und mehr einheitlicher Massenbedarf werden mußte. Natürlich gibt es wieder keine Methode, nach der man die Zusammenhänge zwischen der Ausdehnung des (Kriegs-) Schiffbaues und der Entwicklung derjenigen Zweige des Wirtschaftslebens, denen die Herbeischaffung der Schiffbaumaterialien obliegt, direkt und allgemein aufdecken könnte. Wir können den Einfluß, den jener auf diese ausgeübt hat, nur glaubhaft machen dadurch, daß wir zunächst die Bedarfsmengen zu ermitteln trachten, die sich bei der fortschreitenden Ausweitung des Schiffbaues ergaben. Diese Bedarfsmengen lassen sich zunächst durch die Kosten ausdrücken, die die Herstellung der Kriegsschiffe verursachte* Jeder solcher Betrag, soweit er nicht für Arbeitslöhne auf den Werften ausgegeben wurde, bedeutete eine Nachfrage nach Schiffbaumaterialien. Ein englisches Kriegsschiff mittlerer Größe kostete im 16. Jahrhundert 3000—4000 SS, unter Jakob I. 7000—8000 SS, unter Karl I. 10000—12000 SS, im Anfang des 18. Jahrhunderts 15000—20000 SS, wie folgende Angaben erweisen: „The Triumph“ (16. Jahrh) kostet 3788 Nach den Pipe Office Accounts kosten 408 unter Jakob I: Happy Entrance and Constant Reformation je 8850 VI. Die Beschaffung der Schiffbaumaterialien 199 Yictery \ Garland / J ■* ’ alle einschließlich Masten, Rahen, Schnitzerei und Malerei. Swiftsure j 9%9 ^ Bonaventure ) Dazu 1169 £ für Segel, Anker und Ausrüstung. St. Georg 1 9632 £ St. Andrew / + 1306 £ for Attings. SSt-}“»* Unter Karl I.: 10849 £. Charles v Henrietta Maria J 12632 £ + 4076 £ for rigging, launching, fur- nishing and transporting them from Woolwich and Deptford to Chatam. James Unico nes \ icorn I Anfang des 18. Jahrhunderts 404 : Ein Schiff von 100 Kanonen kostet 30 553 £, n » )) 90 n 29 886 £, n » n 80 n » 23638 £, » n r> 70 n Y> 17 785 £, n » 60 » 14 197 £, n » » 50 10 606 £, » n n 40 n n 7 558 £, n » Y) 30 » 5 846 £, n » n 20 n 3 710 £. Im Jahre 1734 bestand die Flotte aus 209 Schiffen, deren Erbauung 2 591 337 £ gekostet hatte. Das im Jahre 1740 in Toulon erbaute französische Kriegsschiff „Jason“, das 50 Kanonen führte, kostete 287.148 Livres 10 s 405 . Das würde fast genau der Summe entsprechen, die nach obiger Aufstellung ein gleich großes englisches Kriegsschiff um dieselbe Zeit kostete. Die ganz großen Schiffe, namentlich die Staats- und Prachtschiffe, mit denen man prunken wollte, kosteten immer erheblich mehr. So hat schon im 16. Jahrhundert der berühmte Henry Grace ä Dieu 8708 £ 5 sh 8 d gekostet; die Bausumme des Royal Prince (1610) betrug 20000 SS und dann nochmal 6000 SS, um ihn dienstfertig zu machen; die des Sovereign of the Seas (1637) 40 833 SS 8 sh IV 2 d 406 . Eine sehr genaue Aufstellung der Kostenbeträge für die Schiffe der verschiedenen Klassen besitzen wir für England 200 Sechstes Kapitel: Der Schiffbau im 18. Jahrhundert 407 . Der Vollständigkeit halber teile ich noch einige Ziffern mit (für das erste und letzte Jahr, die in dem Anschlag berücksichtigt sind). An Estimate of the Charge of building and completely equipping a Ship of each dass with Masts, Yards, Sails, Rigging, Ground Tackle and all other Boats wains as well as Carpenters Sea Stores, to an Eight Month Proportion; according to the Regulations established by Order of the Navy-board, progressively in the years 1706, 1719, 1733 and 1741 etc. 1706 Rate Guns Ch arges of the Total Hulls (Rumpf), Masts and yards (Rahen) Rigging (Takelwerk) and Stores (Mundvorrat) £ £ £ 1 100 31 994 6587 38 581 2 90 25 591 5428 31 019 3 80 20 528 4590 25 018 70 17 767 3741 19 508 4 60 18 024 3199 16 223 60 9152 2464 11616 5 40 5 310 1863 7178 6 20 2176 962 3138 1741 1 100 33 110 8050 41151 2 90 28 543 7135 35 678 3 80 23 920 6256 30176 70 19 687 5488 25175 A RO iß “lfia An Qß Ol OCA *± Uv 1U üut 3:100 z\. ooü 50 13 064 4117 17 185 5 40 7 554 3003 10 557 6 20 4 282 2117 6 309 Diese Aufstellung bringt uns auf unseren Gedankenwegen auch gleich ein Stück vorwärts, weil in ihr die Verwendungsart der Gesamtausgaben ausdrücklich bezeichnet ist, wenn auch die Unterscheidung einstweilen nur ganz grob gemacht ist. VI. Die Beschaffung der Schiffbaumaterialien 201 Nun sagen uns diese Ziffern immer erst etwas, wenn wir ihre Verwendung im einzelnen verfolgen, wenn wir feststellen, wofür denn eigentlich jede der Ausgaben gemacht wurde. Wir wollen versuchen, oh eine solche Spezifikation möglich ist. Die Materialien, die hauptsächlich für den Schiffbau in Betracht kamen, waren: 1. Holz, das eine überragend große Bedeutung in allen früheren Zeiten für den Schiffbau hatte, wie wir gleich sehen werden; 2. Takelwerk oder der Kohstoff dazu: Hanf, Flachs usw.; 3. Segelwerk oder das Halbfabrikat oder der Bohstoff dazu; 4. Eisenwerk: Anker, Ketten, Nägel, Draht; 5. Teer und Pech; 6. Messing, Kupfer, Weißblech, Zinn. Ich teile mit, was mir an zuverlässigen Zahlen zu Gesicht gekommen ist, aus denen wir die Ausgaben für diese Schiffsbestandteile oder die Mengen, die von ihnen für ein Schiff zu den verschiedenen Zeiten bedurft wurden, ersehen können. Die älteste Quelle, aus der wir da schöpfen können, ist der schon erwähnte Traktat aus dem 14. Jahrhundert, mit dem uns Jal bekannt gemacht hat 40P . Die Angaben über die Mengen der benutzten Materialien für den Bau der Galeere finden sich über den ganzen Traktat zerstreut. Ich habe sie zusammengerechnet und komme zu folgenden Ziffern: Bedarf an fassoniertem Eisen 8 Milliers (zu je 10 Ztr.), „ „ Teer und Pech . . 3000 it, „ „ Ankern. 600 it, „ „ Tauwerk. 8351Va it. Uber den Bedarf an Holz erhalten wir leider keinen Aufschluß. Offenbar wuchs nun aber der Bedarf an allen Materialien rasch mit der fortschreitenden Ausweitung des Schififstyps. Im 16. Jahrhundert werden (auf dem „Henry Grace ä Dieu“) 400 schon 56 t Eisen, also 112 000 it, gebraucht, während das Bauholz, das in diesem Schiff aufging, 3739 t wog. Auffallend gering sind die Mengen von Werg (oalcum) und Flachs, nämlich nur 565 Stones (1 Stone Hanf = 32 it) und 1711 lbs., wenn wir nicht annehmen wollen, daß die letzte Ziffer „Schiffspfund“ (ä 2 1 /a Ztr.) bedeutet. Was üblicherweise an Takelwerk auf einem Schiff im 16. Jahrhundert gebraucht wurde, erfahren wir von einer anderen gut unterrichteten 202 Sechstes Kapitel: Der Schiffbau Seite 410 : es waren auf einem 1565 erbauten Schiffe 1140 Ztr. oder 456 Schiffspfund, also 114000 ü. Das Holz des ebenfalls im 16. Jahrhundert erbauten „Triumph“ kostete 1200 £ (bei einer Gesamtausgabe von 3788 £). Die nächsten Angaben stammen aus dem 17. Jahrhundert. Ein Kostenanschlag für den Bau von 10 neuen englischen Kriegsschiffen im Jahre 1618 nimmt sich wie folgt aus 411 (von den Schiffen waren 6 je 650, 3 je 450, 1 350 t groß): £ s d Building with all matterialls (Bau des Rumpfes) 43425 — — Pullys (Taljen), topps (Stengen). 513 6 8 Finishing boates and pinnaces (Boote). 320 10 — Cordage (Takelwerk). 6 716 1 6 Sailes (Segelwerk). 2 740 15 6 Anchors (Anker). 2 287 4 — 56 002 17 8 Kostenanschlag zur Reparatur von 23 Kriegsschiffen, 2 hoyes and lighters etc. (Anf. 17. Jalirh.) 412 : £ s d Reparatur von 2 Schiffen im Drydock zu Deptford. 5 379 11 3 Die übrigen im Hafen, einschließlich Masten, yards (Rahen), Pumpen etc. 4 541 — — Ausrüstung: Ersatz des Tauwerks: über 93 t. 3 287 11 — Segel: 182 Segel. 2 000 — — Ein anderes Mal werden bedurft, um die Lagerbestände in den Drydocks zu ergänzen (unter Jakob I.) 413 : £ s d Tauwerk 139 t.10 170 — — Große Masten. 1200 — — Anker. 1000 — — Canvas for sailes (Leinentuch für Segel). ... 3138 16 — Seasoned planck and timber (lufttrockene Bretter und Balken, die immer auf Lager sein sollen), 2000 Loads ä 40 s. 4 000 — — Long boats, pinnace oder (Boote usw.). 840 — — 20 348 16 — Das Takelwerk (Cordage) auf einem Schiffe von 300 Mann Besatzung im Kanal zu erneuern kostet jährlich 1700 £ 4U . In den Schiffen „James“ und „Unicom“ (unter Karl I.) waren 165 t Takelwerk, zu 35 die Tonne, also für 2275 angebracht. Die Anker in denselben Schiffen wogen 214 Ztr. und jeder Zentner kostete 2 Sß , von den Segeln kostete der „Satz“ (Suit), von denen mehrere (wieviel?) vorhanden waren, 225 £ tu . VI. Die Beschaffung der Schiffbaumaterialien 203 Endlich will ich noch ein paar Angaben für das 18. Jahrhundert machen, die erkennen lassen, wie außerordentlich viel größer wieder der Bedarf an allen Materialien in dieser Zeit geworden ist. Ein englisches Kriegsschiff, das mit 100 Kanonen ausgerüstet ist, braucht 3600 Ellen Segeltuch. Ein französisches Kriegsschiff, mit 100—120 Kanonen, einer Länge von 170—180', einer Breite von 50' erfordert zum Bau: 4000 Stück ausgewachsene gesunde Eichen, 300 000 d Eisen, 219 000 U gepichtes Tauwerk 410 . Eine sehr eingehende Aufstellung der Kosten besitzen wir für das schon erwähnte Kriegsschiff „Jason“, das, mit 50 Kanonen armiert, 1740 in Toulon gebaut wurde. Ich will sie hier noch hersetzen, weil sie deutlich die Ausgaben für die einzelnen Bestandteile des Schiffs und ihre verhältnismäßige Größe erkennen läßt, und an der Stelle, wo ich sie ausgegraben habe 417 , doch von niemandem gesehen wird. Eichenholz. 6 s. Bretter zur Bekleidung des Schiffsrumpfes 16 290 » 5 „ Anderes Holz und andere Bretter. . . . . . 14185 tt 5 „ Eisen und Nägel. . . . 21385 tt 3 „ Waren (Marcliandises). . . . 3591 tt 8 „ Fenster und Schlösser. . . . 900 tt tt Küchen und Öfen. . . . 780 tt tt Masten. . . . 2 264 » 17 „ Segelstangen.. . . . 1077 tt 2 „ Kloben und Rah werk.. . . . 2 212 n 1 „ Arbeits- und Tagelohn. . . . 34010 5) tt Tauwerk. . . . 16 308 5» 12 „ Neues Tauwerk zur Komplettierung. . . . . 1639 tt 8 „ Anker und Zubehör. . . . 4 227 » 10 „ Masten, Segelstangen zur Komplettierung . 327 tt 14 „ Kloben und Jungfern desgl. . . . 435 tt tt Segel und Zubehör. . . . 4744 tt 16 „ Steuermannsgerät. . . . 2 580 tt 13 „ Konstablergerät. . . . 106 058 tt 6 „ Gewehr . . . . 2406 tt 14 „ Instrumente des Waffenschmiedes. . . . . . 30 tt 9 „ Instrumente des Zimmermeisters . . . . . 1552 tt 10 „ Nägel. . . . 104 tt 8 „ Kielgerätschaft. . . . 1353 tt 7 » Küchengerät. . . . 137 tt 12 „ Chaloupen und Boote. . . . 632 tt 2 » Auszierung der Kapelle.. . . . 300 tt 10 „ Arznei.. . . . 934 tt 7 „ 287 148 Livres 10 s. 204 Sechstes Kapitel: Der Schiffbau Angesichts solcher Zahlen, denke ich, springt die überragende Bedeutung in die Augen, die der Bedarf der Kriegsflotte (und nach ihr auch der ja von ihr, wie wir sahen, abhängigen Handelsflotte) für eine große Menge wichtiger Zweige des Handels und der Industrie hatte. Wenn der König durch die Lande ging und die Materialien für den Schiffbau kaufte, stiegen die Preise, wenn er dann verkaufte, fielen sie: „the general rule is whenever the King’s Maiestie shuld bye al is dere and skase, and whenever he shuld sei al is plentye and good chepe,“ klagt das Council 418 mit Recht vom Standpunkt der fiskalischen Interessen aus. Was für einen Wert hatte für die Volkswirtschaft solch ein mächtiger Käufer! Da war zunächst der Holzhandel, der durch ihn erst zu größeren Leistungen angetrieben wurde und gewiß nicht zuletzt der Lieferung für die Kriegsmarine seinen Übergang zur kapitalistischen Organisation verdankte: „Colbert stachelte die Kaufleute an („excitait les marchands“), die Wälder im ganzen aufzukaufen, die in der Provence und in der Dauphinöe zu haben waren“ 419 . Er selbst kaufte alles Holz, allen Hanf und „andere Materialien“, soviel er bekommen konnte, ob er sie im Augenblick brauchte oder nicht, für die königlichen Magazine an, ohne Furcht, sich zu übernehmen: „ne craignait pas de s’en surcharger“ 42 °. Er stapelte große Massen Holz usw. auf, damit immer für 10—20 Schiffe hinreichendes Material vorrätig sei. Im Jahre 1683 lagen in den Arsenalen allein 1442 Masten von 30—16 Schuh Länge. Natürlich begünstigte 421 der Staat die großen Händler 422 , vor allem die großen Handelskompagnien, weil sie leichter imstande waren, seinen ausgedehnten Bedarf zu decken. So sehen wir in England die Ostindische Kompagnie Verträge mit der Krone schließen über sehr beträchtliche Posten Schiffbauholz, Nägel usw., wie aus folgendem Sendschreiben aus VI. Die Beschaffung der Schitfbaumaterialien 205 dem Jahre 1618 hervorgeht 423 , mit dem das Material für zwei neu zu erbauende Schiffe beschafft werden soll: „Letters to be writ to the East India Co. For the due perfor- mance hereof wee have informed our selves, that the two shipps to bee build in the next year, one of 650 t and the other of 450 t will require as follows: Loades Crooked timber to bee moulded in the woods 600 Streight timber unmoulded. 700 Planck of all sortes. 360 Knees.•. 140 Spruce deales to bee seasoned. 300 Tree-nails of all sortes. 80 000 Ein Teil davon lagert schon an verschiedenen Orten, aus den Lieferungen von White Wilke u. a. Andere Handelsgesellschaften, wie die Russische Kompagnie, lebten zum guten Teil von der Lieferung für die Kriegsmarine. Wir besitzen eine genaue Aufstellung der Summen, die die Marineverwaltung der Moskowiter Kompagnie während der Jahre 1609 bis 1618 allein für Tauwerk zu bezahlen hat 424 . £ s d 1609 . 18173 8 8 1610 . 8476 9 8 1611 4888 6 1 1612 11506 4 5 1613 . 6623 3 7 1614 . 9439 3 7 1615 . 9208 10 0 1616 . 13353 2 10 1617 12093 18 8 1618 10008 3 10 103770 11 3 In jener Zeit arbeitete die Gesellschaft mit einem Kapitale von j£ 64687, das sicher nicht öfters als einmal im Jahre umgeschlagen wurde. Die Tauwerkslieferungallein machten 206 Sechstes Kapitel: Der Schilf bau also etwa ein Sechstel des Jahresumsatzes aus. Der Handel in diesem Artikel galt in der Tat als besonders gewinnbringend, weshalb die Gesellschaft auch eine eigene Tauwerkfabrik in Rußland angelegt hatte. Zu diesem Artikel kamen noch Pech, Teer, Holz: ebenfalls vor allem für Schiff bau- zwecke benötigt. Im Jahre 1617 verteilte die Gesellschaft 42°/o Dividende 425 . Im Lande selbst aber entwickelten sich zahlreiche Industrien, die die Schiffbaumaterialien im großen hersteilen. Colbert war es wieder, der gerade diesen Industrien seine besondere Sorgfalt zuwandte 426 . Er gründete Teerfabriken in der Dauphinöe, Windenfabriken ebenda und in Brest, Messing- und Eisendrahtfabriken in der Bourgogne, Leinenmanufakturen (für die Segel) in Rochefort. Daß die Kupfer-, Zink- und Eisenindustrien, deren Schicksal wir in Abhängigkeit sahen von der Lieferung der Waffen für das Heer, auch durch die Kriegsmarine wesentliche Förderung erfuhren, braucht nicht erst besonders hervorgehoben zu werden. Industrien, die aber allein dem Schiffbau ihre Blüte verdankten, und die wir in der frühkapitalistischen Epoche unter den Weitestfortgeschrittenen Industrien finden, was Größe des Kapitals und Größe der Betriebe anlangt, sind die Tauwerksfabriken und die Segeltuchfabriken. Die Rope-Makers und die Sail-Makers gehören in dem London des 18. Jahrhunderts zu den kapitalkräftigsten Unternehmern: das Mindestkapital setzt man auf 2000 j£, das übliche Kapital auf 5000—10000 j£ an 427 . Eine (staatliche) Segeltuchfabrik zu Moskau beschäftigte im Jahre 1729 schon 1162 Arbeiter 428 . * * * VI. Die Beschaffung der Schiffbaumaterialien 207 Erscheint schon nach dem, was ich eben ausgeführt habe, die hohe Bedeutung, die der Schiffbau für die Gestaltung des modernen Wirtschaftslebens und insbesondere für die Entwicklung des Kapitalismus hat, erwiesen zu sein, so möchte ich zum Schlüsse doch noch auf einen Zusammenhang hindeuten, der zwischen den beiden Phänomenen Schiffbau und Kapitalismus und in weiterem Sinne zwischen Krieg und Kapitalismus besteht und der jene kriegerischen Betätigungen vielleicht erst in ihrer ganzen großen Wirksamkeit erscheinen läßt. Wenn die Eisenindustrie nicht zuletzt durch den Waffenbedarf, wenn der Schiffbau nicht zuletzt durch die Nachfrage nach Kriegsschiffen zu höheren Formen umgebildet sind, wenn also Eisenindustrie und Schiffbau letzthin Kinder sind, die der Krieg gezeugt hat, so ist dieser damit wieder einmal ein Zerstörer geworden: der Zerstörer der Wälder in Europa; denn jene beiden Gewerbe vor allem stellten die hohen Ansprüche an die Holzproduktion, die schon seit dem 16. Jahrhundert zu den lebhaftesten Klagen über zunehmende Holzknappheit Anlaß geben. Wiederum aber steigt aus der Zerstörung neuer schöpferischer Geist empor: der Mangel an Holz und die Notdurft des täglichen Lebens drängten auf die Auffindung oder die Erfindung von Ersatzstoffen für das Holz hin, drängten zur Nutzung der Steinkohle als Heizmaterial, drängten zu der Erfindung desKoltesverfahrens bei der Eisenbereitung. Daß dieses aber die ganze großartige Entwicklung des Kapitalismus im 19. Jahrhundert erst möglich gemacht hat, steht für jeden Kundigen außer Zweifel. Sodaß auch hier, in diesem entscheidenden Punkte, unsichtbare Fäden die merkantilen und die militaristischen Interessen eng miteinander zu verknüpfen scheinen. iS-.i-j tsfto; ää&"SP- V->.;^‘ ^Spgy c&j?r~7 Literatur und Quellen Sombart, Krieg und Kapitalismus 211 I. Zur Einführung in die militärwissenschaftliche Literatur Da viele Leser dieses Buches nicht Militärs oder Militärschriftsteller sein und deshalb keine genauere Kenntnis von der militärwissenschaftlichen Literatur besitzen werden, die das hier behandelte Problem erörtert oder wenigstens streift, so gehe ich eine knappe Übersicht über die wichtigsten Werke, berücksichtige aber selbstverständlich nur diejenigen, die in irgendwelchem Zusammenhänge für das Studium der inneren Heeresorganisation und insonderheit des Unterhalts der Heere in Betracht kommen. Ausgeschlossen sind also alle rein kriegsgeschichtlichen Schriften, ebenso wie die rein strategisch-taktische Literatur und die chronistischen „Regimentsgeschichten“. Aber auch von den einschlägigen Werken nenne ich selbstredend nur die allgemeinen, die zu einer ersten Orientierung in der weitschichtigen Materie dienen. Der Leser wird dann leicht selbst zu den spezielleren Schriften gelangen können. 1. Bibliographien, Nachschlagebiicher usw. Der Apparat der Militärwissenschaft ist in einem vorzüglichen Zustande: er hat etwas von der peinlich-sauberen, adretten Art des gebildeten preußischen Offiziers angenommen, dessen Umgang (nach Goethe) der angenehmste von allen ist. So ist es auch ein Vergnügen, eine Zeitlang in der wohltemperierten Atmosphäre der militär- und kriegswissenschaftlichen Literatur zu verweilen. Von bibliographischen Hilfsmitteln nenne ich: Pohler, Bihl. hist, milit. (bis 1880). 4 Bände. Kassel und Leipzig 1886—-1899; verweise aber vor allem auf v. Scharfenort, Quellenkunde der Kriegswissen- schaften für den Zeitraum von 1740—1910. Berlin 1910. Dann sind auch die Kataloge der Bibliotheken der Kriegsakademie und des Großen Generalstabs (jetzt neu erschienen) von Nutzen. Die militärwissenschaftlichen Lexika: B. Poten, Handwörterbuch der ges. Militärwissenschaften, 9 Bde., 1877—1880, E. Hartmann, Kurzgefaßtes Militär-Handwörterbuch für Armee und Marine (1896), und II. Frobenius, Militär-Lexikon, bringen fast gar kein geschichtliches Material. Eine umfassende Literaturgeschichte der Kriegswissenschaften, in der aber auch über tatsächliche Verhältnisse mancher Aufschluß gegeben 14* 212 Literatur und Quellen wird, ist das gelehrte Werk von M. Jähns, Geschichte der Kriegswissenschaften, vornehmlich in Deutschland. 3 Teile. München 1889—1891. 2. Die Geschichte der Organisation der Heere im allgemeinen a) Gesamtdarstellungen liier sind an erster Stelle zwei Werke zu nennen, die, jedes in seiner Art ein Meisterwerk, nur den Fehler haben, daß sie dort abbrechen, wo unser Interesse erst recht anfängt, rege zu werden: bei der Begründung der modernen Heere. Ich meine M. Jähns, Handbuch einer Geschichte des Kriegs wesens (mit Atlas), Berlin 1878—1880 (reicht bis zur Renaissance), und II. Delbrück, Geschichte der Kriegskunst im Ilalimen der politischen Geschichte, dessen dritter Band: Das Mittelalter (Berlin 1906), hier allein in Betracht kommt. Zeichnet sich das Werk von Jähns durch die Fülle antiquarischen Materials aus, die es enthält, so das Buch von Delbrück durch die geniale Deutung der Tatsachen und die meisterhafte Darstellung. An diesem schönen Buche dürfen wir uns die Freude auch nicht vergällen lassen durch die zum Teil geradezu grotesken Versehen, die dem Verfasser namentlich dort unterlaufen, wo er ökonomische Probleme behandelt. Von älteren Darstellungen des Heerwesens verdienen die Artikel i:i der Krünitzsehen Enzyklopädie, die unter dem Stichwort „Krieg“ im 50.—53. Bande enthalten sind, Erwähnung. Den Versuch einer Systematisierung der gesamten Heeresorganisation und Heeresverwaltung enthält das W'erk von Lorenz von Stein, Die Lehre vom Heerwesen. Als Teil der Staatswissenschaft. Stuttgart 1872. Für ein größeres Publikum bestimmt, aber nicht ohne Wert ist das aus der neuesten Literatur hervorgegangene Buch von Otto Neu schier, Die Entwicklung der Heeresorganisation seit Einführung der stehenden Heere. Bd. I: Geschichtliche Entwicklung bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts. Leipzig 1911. b) Einzelne Länder Deutschland: Aus der älteren (Quellen-)Literatur nenne ich •v. Flemming, Der vollkommene deutsche Soldat 1726 (enthält viele Verordnungen usw. im Text). J. A. Hofmann, Abhandlungen von dem ehemaligen und heutigen Kriegsstaate. 2 Bde. Lemgo 1769. Zeit des Dreißigjährigen Krieges: J. Heilmann, Das Kriegswesen der Kaiserlichen und Schwedischen zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges. 1850. G. Droysen, Beiträge zur Geschichte des Militärwesens in Deutschland in der Zeitschrift für Kulturgeschichte Bd. IV. V.Loewe, I. Zur Einführung in die militärwissenschaftliche Literatur 213 Die Organisation und Verwaltung der Wallensteinschen Heere. Frei- hurg 1895. Brandenburg - Preußen insbesondere: L. W. Hennert, IJeyträge zur brandenburg-preußischen Kriegsgeschichte unter Friedrich III. Berlin. Stettin 1790. A. v. Crousaz, Die Organisation des brandenburg- preußischen Heeres von 1640—1865. Berlin 1865. G. v. Schm oller, Die Entstehung des preußischen Heeres, zuerst erschienen in der Deutschen Rundschau, III. Band Heft 11; dann wieder abgedruckt in den „Umrissen“. 1897. Jany, Die Anfänge der alten Armee. Urkundliche Beiträge und Forschungen zur Geschichte des preußischen Heeres, herausgegeben vom Großen Generalstabe, Heft 1, Berlin 1901 (eine ganz vortreffliche, außerordentlich lehrreiche Untersuchung); derselbe, Die alte Armee von 1655—1740, ebenda, Heft 7, Berlin 1905. G. Lehmann, Die brandenburgische Kriegsmacht unter dem Großen Kurfürsten (Forschungen z. brandenb. u. preuß. Gesch. Bd. I). F. Frhr. v. Schroetter, Die brandenburg-preußische Heeresverfassung unter dem Großen Kurfürsten. Leipzig 1892. Populäre Darstellungen sind das durch die vielen interessanten Abbildungen besonders wertvolle Buch von Georg Liebe, Der Soldat in der deutschen Vergangenheit, 1899, das einen Band der bekannten „Monographien zur deutschen Kulturgeschichte“ bildet; sowie die Schrift von Becker, Aus der Jugendzeit der stehenden Heere Deutschlands und Österreichs, Karlsruhe 1877, in der aber eine Fülle lehrreichen Materials verbreitet ist. Frankreich: M. Guillaume, Hist, de l’organisation militaire sous les ducs de Bourgogne. 1847. M. F. Sicard, Histoire des institutions milit. des Frangais etc. 4 tomes. 1834. E. Boutarie, Institutions mili- taires de la France. 1863 (ist noch heute das unübertroffen beste Werk, dem für kein anderes Land ein gleiches an die Seite zu stellen ist). Eine Art von Fortsetzung, da Boutaric die Zeit nach Ludwig XIV. nur im Überblick behandelt, bildet Mention, L’armee de l’ancien regime de Louis XIV ä la revolution. 1900. —■ Für die historisch besonders wichtigen Anfänge der französischen Armee kommen aus der neueren Literatur vornehmlich in Betracht: G. Roloff, Das französische Heer unter Karl VII. in der Historischen Zeitschrift Bd. 93 und das sehr ausführliche Buch von E. Cosneau, Le connetable de Richemont. 1886. England: Die Geschichte der englischen Armee erfährt jetzt eine gute Bearbeitung in dem breitangelegten Werke von Fortescue, History of the British Army. London 1903 ff. Handelt es sich auch zunächst um eine äußere (Kriegs-)Geschichte, so kommt doch auch die innere (Organisations-) Geschichte in einzelnen Kapiteln zur Darstellung. Neben dem Werke von Fortescue bewahren einige ältere Arbeiten ihren Wert. Unter ihnen ragt hervor: F. Gr ose, Military antiquities, 2 Vol., London 1812: eine Fundgrube voll des interessantesten Materials. 214 Literatur und Quellen 3. Die Geschichte der Bewaffnung Die Literatur ist so gut wie ausschließlich, technologischer Natur. Die Entwicklung der Waffentechnik ersieht man aus: v. Decker, Versuch einer Geschichte des Geschützwesens. Berlin 1819. R. Schmidt, Die Handfeuerwaffen. Basel 1875—1878 (in chronologischer Anordnung). Quellen zur Geschichte der Feuerwaffen, herausgeg. vom Germanischen Nationalmuseum. Leipzig 1872—1877. M. Thierbach, Die geschichtl. Entwicklung der Handfeuerwaffen. Dresden 1888—99. A. Demmin, Die Kriegswaffen in ihrer geschichtlichen Entwicklung. 4. Aufl. Leipzig 1893. W. Boeheim, Handbuch der Waflenkunde. Leipzig 1890. Auch Organisationsprobleme behandeln: D. Jos6 Arantegui, Apuntos historicos sobre la Artilleria espanola. 1891 (mir nur bekannt aus den Auszügen beiDuro, Armada espanola). J. Frhr. v. Reitzenstein, Das Geschützwesen und die Artillerie in den Landen Braunschweig und Hannover von 1365 bis auf die Gegenwart. 1896 f. (enthält viel interessantes Material). Eine Menge Angaben über die Geschichte des Waffenwesens (auch auf die Organisation bezüglich) finden sich zerstreut in dem Werke von L. Beck, Geschichte des Eisens, von dem namentlich Band II und III in Betracht kommen. Auch die allgemeinen Werke über die Geschichte des Kriegswesens, namentlich Jahns, enthalten zum Teil recht eingehende Darstellungen der Geschichte der Bewaffnung. Von älterer (Quellen-)Literatur erwähne ich noch das bekannte Buch von Fronsperger, Vom Geschütz, Feuerwerk und Festungen. 1557; ferner: Das neu eröffnete Arsenal, Hamburg 1710, worin die vierte Abteilung von der Verfertigung und Aufbewahrung der Waffen handelt. 4. Die Geschichte des Armeeverpflegungswesens Eine neuere wissenschaftliche Untersuchung, die dieses Thema allgemein behandelte, ist für die ältere Zeit mir nicht bekannt: die ausgezeichnete Arbeit von 0. Meixner, Historisch. Rückblick auf die Verpflegung der Armeen. Wien 1895 ff. beschränkt sich auf die Kriege des 19. Jahrhunderts. Gestreift wird das Thema in den Veröffentlichungen der Acta Borussica über Getreidehandelspolitik. Band II: Die Getreidehandelspolitik und Kriegsmagazinverwaltung Brandenburg-Preußens bis 1740. Berlin 1901. Dann gibt es eine Reihe brauchbarer Spezialuntersuchungen: A. Frhr. v. Minckwitz, Die wirtscliaftl. Einrichtungen, namentl. die Verpflegungs-Verhältnisse bei der Kursächsischen Kavallerie vom Jahre 1680 bis zum Anfang des laufenden Jahrhunderts im Neuen Archiv für Sachs. Gesch. Bd. II. F. Schwartz, Organisation und Verpflegung der preußischen Landmilizen im Siebenjährigen Kriege. Leipzig 1888. I. Zur Einführung in die militärwissenschaftliche Literatur 215 Aber im wesentlichen sind wir doch noch angewiesen auf die ältere (Quellen-)Literatur. Sie weist namentlich in französischer Sprache einige hervorragende Werke auf, die im wesentlichen aber sich auf die Darstellung französischer Verhältnisse beschränken, wenn sie auch hie und da Ausblicke in andere Länder tun. Sehr wichtig ist das Buch von Dupre d’Aulnay, Traite general des subsistances militaires. 2 Vol. 4°. 1744. Der Verfasser war „Commissaire des guerres und Directeur general des vivres“ und schreibt: „pour servir de guide ä ceux qui auront dessein de devenir entrepreneurs“. Das Werk zerfällt in zwei Teile; im ersten Teil wird angegeben: „l’idee gendrale de Pad- ministration des vivres, des fourages, des boucheries, des höpitaux, des equipages des vivres et d’artillerie“; der zweite Teil umfaßt: 1. Tarife; 2. Berechnungen des wahrscheinlichen Bedarfs eines Heeres; 3. Modelle für Anträge; 4. Modelle für Lieferungsverträge; 5. desgl. für die Verwaltung; 6. Instruktionen für Beamte usw. Das Buch enthält eine voll" ständige Anweisung für Lieferanten: wie sie ihre Offerte einzureichen, wie sie sich zu organisieren haben, wie sie einkaufen sollen, usw. Ebenfalls reich an belehrendem Stoff sind Chenne viöres, Ddtails militaires necessaires ä tous les officiers et principalement aux commis- saires de guerre. 2 Vol. Paris 1750. Nachtrag 1768 und Xav. Andouin, Histoire de l’administration de la guerre. 3 Vol. 1811. Ein Gegenstück in deutscher Sprache ist die Darstellung im 5. Bande der Handbibliothek für Offiziere (1839): „Der Haushalt der Heere“, von Frhr. v. Richthofen. Über das Kriegskommissariat im besonderen: K. G. Weise, Über das Feldkriegskommissariat. Ulm 1794. Der Verfasser war „Königl. Preußischer expedierender Feld-Kriegs-Kommissariats-Sekretär“ und behandelt ausschließlich preußische Verhältnisse. Enthüllungen des Raub- und Plünderungssystems der Kommissare der preußischen, österreichischen und neufränkischen Armeen (1799), 42f. Das Buch handelt fast nur von den Betrügereien der französischen Kommissare und Lieferanten. Der Verfasser rühmt seine „vieljährige Beschäftigung in Lieferungen“ und seinen „immerwährenden Umgang mit Lieferanten“. 5. Die Geschichte der Bekleidung der Heere Hier ist die für unsere Zwecke brauchbare Literatur besonders dürftig. Es wimmelt zwar förmlich von Geschichten der militärischen Kostüme; es sind aber alles Trachtengeschichten, die lediglich Form, Schnitt, Farbe usw. der Uniformen (meist bildlich) zur Darstellung bringen. Zu dieser Art von Schriften gehören: R. Knötel, Handbuch der Uniformkunde. Leipzig 1896. G. v. Suttner, Reiterstudien. Beiträge zur Geschichte und Ausrüstung der vorzüglichen Reiterarten im 16. und 17. Jahrhundert. Wien 1880. J. Luard, History of the dress of the British soldier. London 1832. Marbot et Noirmont, Costumes militaires 216 Literatur und Quellen fransaises. 3 Yol. 1846. Quarre de Verneuil, Le costume militaire en France et les Premiers uniformes. Paris 1877. Einen ganz neuen, auch für das Studium der ökonomischen und organisatorischen Seiten des Militärbekleidungsproblems verwendbaren Typ von Literatur stellen dagegen die ausgezeichneten Arbeiten dar, die neuerdings über die „Geschichte der Bekleidung und Ausrüstung der königl. preußis chen Armee“ Weimar 1906 ff. in amtlichem Aufträge veröffentlicht sind. In ihnen ist von besten Fachmännern zum ersten Male das reiche Material der Berliner Archive für dieses Gebiet benutzt worden. Bisher sind zwei Teile erschienen. 6. Die Geschichte der Marine und des Schiffbaues Dieser Zweig der Literatur ist reich an ausgezeichneten Arbeiten, alten und neuen. Uber Marinewesen und Schiffbau im allgemeinen besitzen wir aus früherer Zeit eine Reihe von Werken, die noch immer ihren Wert bewahren wegen der anderswo nicht veröffentlichten Materialien. Das sind: J. Charnock, A history of marine architecture. 3 Vol. London 1800 bis 1802, und A. Jal, Archäologie navale. 2 Vol. Paris 1840. Arch. nav. hat es vorher schon viele gegeben. Eine Übersicht über die (besonders wichtige) Literatur des 17. Jahrhunderts über Marinewesen und Schiffbau findet sich in dem selbst an interessantem Material reichen Traktat: Der geöffnete See-Hafen. 2 Teile. Hamburg 1715. Das Werk von A. Du Sein, Hist, de la marine de tous les peuples. 2 Yols. Paris 1863—79 ist fast rein kriegsgeschichtlich. Dann haben aber die Marineoerhältnisse der einzelnen Länder zum Teil sehr gute und sehr ausführliche Behandlung in zahlreichen Werken erfahren, von denen ich nur die allerwichtigsten und vor allem neuesten namhaft machen will: Holland: J. C. deJonge, Geschiedenes van het Nederlandsche Zee- wezen. 10 Bände. Harlem 1858. Bringt in den Beilagen wertvolles Material zur Geschichte der inneren Organisation der Flotte und des Schiffbaus. Spanien : C. F. D u r o , Armada Espanola. 9 Vol. Madrid 1895—1903. Ist im wesentlichen eine Geschichte der Seekriege; enthält aber über die Yerwaltungsgeschichte einige Kapitel. Über Ausrüstung usw. der Felicisima Armada bringt ein reiches Material bei: desselben Verfassers 1884 erschienene Schrift über diese Flottenexpedition. Italien: C. Manfroni, Storia della marina italiana. 2 Vol. Roma 1897ff.; ist fast rein politischen Inhalts. Dagegen hat die Geschichte der Genueser Marine im Mittelalter einen ausgezeichneten Bearbeiter gefunden in Ed. Heyck, Genua und seine Marine. 1886. Frankreich: Ch. de la Ronciöre, Histoire de la marine fran^aise. 4 Vol. Paris 189911'.; wesentlich Kriegsgeschichte, so daß man für die II. Quellenbelegc. 217 innere Geschichte der französischen Kriegsflotte auf frühere Arbeiten zurückgreifen wird. Ich nenne von solchen E. Sue, Histoire de la marine frangaise. 4 Yol. Paris 1837. In diesem Werke, das fast immer eine schlechte Note bekommt, wenn es von einem Schriftsteller heute erwähnt wird (offenbar erbt der eine vom anderen das Urteil, ohne sich Mühe zu geben, es an dem beurteilten Gegenstände selber zu revidieren), ist sehr viel brauchbares Urkundenmaterial enthalten, das freilich 'in einer zuweilen etwas romanhaften Form verarbeitet worden ist (Mysteres de Paris!) England: Begreiflicherweise ist dieses Land besonders reich an geschichtlichen Darstellungen seiner Flotte, ihrer Entwicklung und ihrer Taten. Alle früheren allgemeinen Arbeiten sind jetzt aber überholt durch das ausgezeichnete Werk von W. Laird Clo wes (und andere), The Royal Navy. In five Yolumes. London 1897 ff. Vol. I reicht bis 1603, Vol. II bis 1714, Vol. III bis 1783. Der „Civil History“ ist darin ein ziemlich breiter Raum eingeräumt worden. Trotzdem wird man neben diesem (obendrein noch mit Illustrationen gezierten) Standard-Work als ganz besonders reiche Stoffsammlung, die auch den Verfassern der „Royal Navy“ vielfach als Unterlage ihrer Darstellung gedient hat, nicht außer acht lassen dürfen das wertvolle Buch von M. Oppenheim, History of the administration of the Royal Navy. London 1896, das bis zum Commonwealth reicht und gerade auch für die in dieser Studie erörterten Probleme viel Tatsachenmaterial heibringt. II. Quellenbelege Einleitung: Das doppelte Gesicht des Krieges 1 Robert Hoeniger, Der Dreißigjährige Krieg und die deutsche Kultur, in den Preuß. Jahrbüchern 138 (.1909), 402 ff. a L. Einaudi, La finanza sabauda all’ aprirsi del secolo XVIII (1908), 373. 3 Arnould, De la Balance du commerce etc. tabl. Nr. 3. 1 Ranke, Fürsten und Völker Südeuropas l s , 455. 8 G. C. Klerk de Reus, Geschichtlicher Überblick der Nieder- ländisch-ostindischen Kompagnie (1894), 193; vgl. S. 191. 6 Biringuccio, Pirotecnica lib. I c. II. I P. Kaeppelin, La Compagnie des Indes orientales (1908), 647. 8 R. Ehrenberg, Das Zeitalter der Fugger 2 (1896), 205ff. Vgl. Ranke, Fürsten und Völker 1, 421 ff. 9 Postlethwayt, Dict. of Commerce 2 (1758), 285 Art. Monied interest; ib. p. 764 Art. Stockjobbing. 10 Mercier, Tableau de Paris 1784 1, 229; 3, 190. II Et. Laspeyres, Gesell, der volksw. Anschauungen der Niederländer (1863), 254. 12 II. Sieveking, Genueser Finanzwesen 1 (1898), 174. > H<. >*4V v. Jk^, j&H« 218 Literatur und Quellen 13 Bei Ehrenberg, a. a. 0. 2, 107. 14 H. Sieveking, Die kapitalistische Entwicklung in den italienischen Städten des Mittelalters, in der Vierteljahrschrift für Soc.- und W.-Gesch. 7, 84. Vgl. dessen Genueser Finanzwesen 1, 100, 110, 160. 15 Pagnini, Deila decima 1 (1765), 33. 16 H. Sieveking, Genueser Finanzwesen 1, 161. 17 (Forhonnais), Recherclies et considerations sur les finances de France depuis l’annee 1595 jusqu’ä l’annee 1721 1 (1758), 28. 18 Davenant hei Forhonnais 1. c. 2, 296. 19 L e v a s s e u r, Histoire des classes ouvriferes etc. 2 (1900), 353. 20 P. Boiteau, Fortune publique et finances de la France 2 (1866), 14. 21 M. Block, Statistique de la France l 2 (1875), 481. 22 De Witt, Interests of Holland, zit. hei Anderson, Origins of the Commerce etc. 2, 413. 23 J. Sinclair, Hist, of the Publ. Revenue l 8 (1803) 220, 288,426, 439, 451, 460, 472 und (für die letzte Ziffer) Porter, The Progress of the Nation, 3. ed. (1851), 474. 24 Postlethwayt, 1. c. 2, 310. 25 Ein großer Teil des Buches von H e y d ist der Aufzählung solcher Verträge gewidmet. 26 P. Kaeppelin, La Comp, des Indes Orient. (1908), 322. 27 P. Kaeppelin, 1. c. p. 63. 28 Liste der gekaperten englischen Schiffe heiPostlethwayt,Dict. 1, 927. 29 Postlethwayt, Dict. 1, 725 (Art. England). Daselbst auch p. 728f. eine Übersicht über den Bestand an Forts, Ausrüstung, Munition, Besatzung usw. an der afrikanischen Küste. Erstes Kapitel: Die Entstehung der modernen Heere 30 H. Delbrück, Gesch. d. Kriegskunst 3 (1907), 197. 31 H. Delbrück, a. a. O. S. 217. 32 R i c h e r, ed. Guadet 2, 266 bei B o u t a r i c, Inst. mil. de la France (1863), 240. ' 33 Sax. Chron., 420, 21 bei Laird Clowes, Royal Navy, 1, 45. 34 Dieses ist vor allem erwiesen durch die Arbeiten von J. H. R o u n d, The Introduction of Knight Service into England, wieder abgedruckt in Feudal England (1909), 225—314. 35 Bibi, de l’Ec. des chartes III 6 serie t. III bei Boutaric, 1. c. p. 246. 36 H. Delbrück, a. a. O. 323. 37 Siehe die Literatur für die deutschen Städte bei H. Delbrück, a. a. O. S. 459. 38 J. W. Fortescue, A Hist, of the British Army 1 (1889), 23seg. 112. II. Quellenbelege 219 39 Jany, Die Anfänge der alten Armee, in den Urk. Beiträgen und Forsch, z. Gesch. d. preuß. Heeres, 1. Heft, 1901, S. 22ff.; über die ganz ähnlichen Verhältnisse in Kursachsen handelt die von Jany zitierte Schrift von v. Schimpff, Die ersten kursächsischen Leibwachen, aus dem Nachlaß des Oberhofmeisters von Minckwitz, 1894. 40 Ranke, Franz. Gesch. I 3 (1877), 55 ff. 41 Lettre de Charles VII pour obvier aux pilleries et vexations des gens de guerre 2. Nov. 1439.2j.Ord. des rois de France XIII. 306 bei Ranke a. a. 0. 42 Die Quellen bei J. AV. Fortescue, L c. p. 204 seg. 48 Gneist, Engl. Verw.-Reclit 2 2 (1867), 952 ff. 44 Jany, Die Anfänge der alten Armee, 118/19. 45 Zum ersten Male verwertet bei Jähn s, Gesch. d. Kr.-Wiss. 2,1554. 48 v. Schm oll er, Die Entstehung des preuß. Heeres in seinen „Umrissen“ usw., 267. 47 C. F. Duro, Armada Espaüola 1 (1895), 331 seg. 48 Nach Matt, of West. Laird Clo wes, 1, 41. 49 Ed. Heyck, Genua und seine Marine (1886), 116. 50 Laird Clowes, 1, 150. 51 Anderson, Orig, of Comm. s. a. 1512; Gneist, Engl. Verwaltungsrecht 1069. 52 H. Delbrück, Gesch. d. Kriegskunst 8, 476; die übrigen Zahlen ebenda S. 153, 229, 344, 348, 363, 404. 63 Die genauesten und zuverlässigsten Angaben bei Boutaric, Inst. mil. Livre V Ch. VIII. 64 Jany, Die Anf. d. alt. Armee, 57. 66 Jany, a. a. O. S. 76. 56 C. F. Duro, La Armada Invincible, 1884, doc. 110; zitiert bei Laird Clowes, 1, 560. 87 Nach den amtlichen Listen: E. Sue, 4, 170. 58 J. C. de Jonge, Geschiedenes van het Nederlandsche Zeewegen, Vol. I, Bijlage XII. 69 App. A. in Puhl, of the Navy Records Society Vol. XV, 1899. Für Rußland unter Peter d. Gr. vgl.: History of the Russian Fleet during the Reign of Peter the Great. By a Contemporary Englishman (1724). Ed. hy Vice-Adm. Cyprian A. G. Bridge in den genannten Publi- cations. 80 Cotton Mss. Otho. E. IX, p. 47 hei John Charnock, A History of Marine Architecture 2 (1801), 91 seg. 81 M. Oppenheim, History of the Administration of the Royal Navy (1896), 52. 82 Report of the Commissioners appointed to enquire into the State of the Navy etc. 1618. J. Charnock, 2, 246. 88 Nach einer Arbeit des Mr. Burchet, eines langjährigen Staats- 220 Literatur und Quellen Sekretärs des Marineamts, die Anderson, Orig, of Comm. 2, 139 seg. im Auszuge mitteilt. 61 State Papers relat. to the defeat of the Spanish Armada 2, 323—341, 376—387 bei Laird Clo wes, 1, 604. 65 Nach dem Bericht der parlamentarischen Untersuchungskommission S. P. Dom. CLYI, 12 bei Laird Clo wes, 2, 18. 86 Die vollständige Liste bei Oppenheim, 330—338. 67 Laird Clowes, 2, 267. 68 Nach D’Avenant und Colliber: Anderson, 2, 579. 89 Siehe die Quelle bei Anderson, 2, 579. 70 Bishop Gibson’s Continuation of Cambdens Britannia Vol, I bei Anderson, 2, 608. Zweites Kapitel: Der Unterhalt der Heere 71 Nach einer Schrift aus dem Jahre 1749 Anderson, 3, 274. 72 A. Gottlob, Die päpstlichen Kreuzzugsstenern des 13. Jahrhunderts (1892). 48 f. 73 Der Vertrag ist abgedruckt bei A. Jal, Archit. nav. 2, 333 £'. 74 Die Belege bei Pagnini, Deila decima, 1, 33. 78 Chron. deutsch. Städte 1, 188. 78 B. Ehrenberg, Zeitalter der Fugger 1 (1896), 10. 77 P. Sitta, Saggio sulle istituzioni finanziarie del ducato estense nei secoli XV e XVI, 1891. 78 G. Prato, 11 costo della guerra di successione spagnuola e le spese pubbliche in Piemonte dal 1700 al 1713 (1907), 259/60. Vgl. L. Einaudi, La finanza sabauda all’ aprirsi del sec. XVIII (1908) p. 350 seg. 79 G. Prato, 11 costo della Guerra (1907), 402/3, Tav. XXXI. Vgl. L. Einaudi, La fin. sabauda (1908), p. 360 seg. 80 Coli, de docum. ineditos t. III. p. 545, 61, zit. bei B. Carey, La cour et la ville de Madrid (1876) App. Note C. 81 Bericht des Gesandten Mateo Dandolo bei Alberi, Ser. I Vol. IV p. 42. 82 Compte de l’extraordinaire des guerres bei Poirson, Histoire de Henry IV 2, 350. 83 Nach Forbonnais, Kecherches 1, 242 und 2, 101. 84 M. Necker, De l’administration des Finances en France 2(1784), 384 seg. 86 Die auf Brandenburg-Preußen bezüglichen Angaben sind sämtlich entnommen dem Werke von Ad. Fried r. Riede 1, Der brandenburgisch- preußische Haushalt in den beiden letzten Jahrhunderten, 1866. 88 Laird Clowes, The Royal Navy 1, 345. 87 Nach Oppenheim, 295, 368. 88 Thurloes State Papers 2, 64 bei Anderson, Orig, of Comm. 2, 430. II. Quellenbelege 221 89 Sinclair, History of tlie Public revenue 2 (1803), 57, 61, 73, 109. 90 Bei Anderson, 4, 399. 91 Riedel, a. a. 0. S. 34, 47, 93. 92 G. R. Porter, The Progress of tbe Nation (1851), 507. 93 Mitgeteilt bei II. Thirion, La vie privee des Financiers au XVIII® siede (1895), 19/20. 94 Charles Nor man d, La bourgeoisie frangaise au XVII 6 siöcle (1908). 95 Les caquets de l’accouchee. Coli. Jannet-Picard, 2® journee, 50/51. 96 Normand, 160. 97 Sie ist vollständig abgedruckt bei (D ’ Argen ville), Vie privee de Louis XV, Nouv. Ed. Vol. I (1783), p. 231—-256. 98 Ch. Wilson, De l’influence des capitaux anglais sur l’industrie europeenne depuis la revolution de 1688 jusqu’en 1846 (1847), 45. 99 Von dem Verfasser des in der vorigen Anmerkung namhaft gemachten beachtenswerten Buches. Drittes Kapitel: Die Bewaffnung der Heere 100 M. Guillaume, Hist, de l’organisation militaire sous les ducs de Bourgogne (1847), 57. 101 Les chroniques de la ville de Metz, publ. par Huguenin. 1838, bei Jahns, Kriegswesen, 775. 102 Riformagioni di Firenze Vol. XXIII dist. V cl. II p. 65 a. a. O. 103 M. Guillaume, 1. c. p. 60. 104 Casiri, Bibi. Arab. Hisp. II p. 7. Jahns, a. a. 0. 105 Quellen bei Laird Clowes, 1, 148. 106 J. Frh. v. Reitzenstein, Das Geschützwesen und die Artillerie in den Landen Braunschweig und Hannover von 1365 bis auf die Gegenwart, 1. Teil, 1896, S. 12. 107 Abgedruckt bei J. A. Hof mann, Abhandlung von dem Kriegsstaate (1769), 72. 108 Jahns, Gesch. d. Kriegswiss. 1 (1889), 47. 109 Bei J. A. Hofmann, a. a. 0. S. 74. 110 Kriegsgeschichte Einzelschriften des Großen Generalstabs 313f., bei Jany, 22. 111 R. Schmidt, Die Handfeuerwaffen (1875), 13. 112 Jahns, a. a. 0. 1, 723. 113 Bei J. A. Hofmann, Kriegsstaat, S. 69. 114 Jälins, a. a. 0. 116 M. Thierbach, Die geschichtl. Entwicklung der Handfeuerwaffen (1888), 21. 116 Zitiert bei Becker, Aus der Jugendzeit der stehenden Heere (1877), 15. 117 A. v. Crousaz, Die Organisation des brandenburgischen und preußischen Heeres von 1640 bis 1865 1 (1865), 22 f. 222 Literatur und Quellen 118 Boutaric, Inst. mil. (1863), 422. 119 Jahns, Kriegswissenschaft 2, 1236. 120 Boutaric, Inst, mil., 360 seg. 121 M. Guilla[ume, Hist, de l’organisation mil. sous les ducs de Bourgogne (1847), 78, 102/3. 122 Levasseur, Ind. de la Fr. 2, 29. 128 Bei M. Thierbach, Die geschichtl. Entw. der Handfeuerwaffen (1888), 19, 20. 124 H. A. Dillon, Arms and Armour at Westminster, the Tower and Greenwich 1547 in der Archeologia Yol. LI; 2. Ser. Vol. I (1888). 126 Ms. der Basler Bibliothek fol. 75b mitgeteilt von H. Sieve- king in Schmollers Jahrbuch 21, 132. 126 „Das neueröffnete Arsenal“ bildet einen Teil des „Neueröflneten Rittersaales“. 1704. 127 M. Thierbach, a. a. 0. 128 Bei G. Droysen, Beitr. zur Gesch. des Militärwesens in Deutschland während der Epoche des Dreißigjährigen Krieges, in der Zeitschrift für Kulturgeschichte 4 (1875), 404 ff. 129 Jany, Anfänge d. alten Armee, 45. i3° Abgedruckt in der Geschichte der Bekleidung usw. 2, 277. 131 Jany, a. a. 0. S. 51. 182 Man. Bor. Fol. 317 Kgl. Bibi. Berl., abgedruckt in der, Geschichte der Bekleidung usw. 2, 203. 138 Geschichte der Bekleidung usw. 2, 276. 184 Frang. 16691; fol. 102 vo bei Ch. de la Ron eiere, Hist, de la marine frang. 2, 493. 135 Liebe, Der Soldat, 21. 186 Jahns, Gesch. d. Kriegswiss. 1, 662. 137 L. Mention, L’arm6e de Fanden regime (1900), 172£seg. 138 Jähns, a. a. 0. 2, 1619. 139 J. Frhr. v. Reitzenstein, a. a. 0. 2 (1897), 222. 140 v. Stadlinger, Gesch. d. Württemberg. Kriegswes. Bd. I, ? 1856, zit. bei Jähns, Gesch. d. Kriegs wiss. 1, 749. 141 Jähns, Kriegs wiss. 1, 747. 142 Wallenstein an Questenberg, W. E. 1, 71 bei Loewe, Organisation und Verwaltung der Wallensteinschen Heere (1895), 93. 143 Sully, Oec. roy. t. III, ch. VIII bei Boutaric, 360f. 144 Duro, L’Armada inv. doc. 109 bei Laird Clowes, 1, 560. 146 Nach dem amtlichen Material E. Sue, Hist, de la marine frang. 4 (1836), 170. 146 Siehe die Quellen bei Laird Clo wes, 1, 409, 421; 2, 267. 147 Ms. de Pepysion Library bei Laird Clowes, 1, 412. 148 State Pap. Dom. CCCLXXIV, 30 und CCCLXXXVII, 87 bei Oppenheim, 262. II. Quellenbelege 223 149 Siehe die ausführliche Darstellung dieses ganzen Bedarfseintritts und der darauf folgenden Bestellungsaktion hei Oppenheim, 360 seg. 160 C. F. Duro, Armada espauola 1, 330, 331. 161 Siehe die Listen bei Beck, Gesch. des Eisens 2 (1893—95), 9941f. 162 Thun, Industrie am Niederrhein 2 (1879), 12. 153 Heinr. Anschütz, Die Gewehr-Fabrik in Suhl. 1811. (Der Ausdruck „Fabrik“ ist hier im Sinne von „fabrique lyonnaise“ gebraucht.) 164 Archiv des Kriegsministeriums; abgedr. in der Geschichte der Bekleidung usw. 2, 187. 1BB Abgedr. in der Gesch. d. Bekleidung 2, 276. 158 H. A. Dillon, Archeologia Vol. LI. 219 ff. 167 II. A. Dillon, 1. c. p. 250. 1BS J. H. B. Bergius, Neues Policey- und Cameral-Magazin 3 (1777), 75 ff. iss p r i nc . ( |e M. le Marquis de Seignelay sur la marine bei E. Sue, Hist, de la marine frang. 4 (1836), 420. 160 Jahns, Gesch. der Kriegswiss. 2, 1236 (ohne Quelle). 161 Das beste Werk zur Geschichte der Lütticher Waffenindustrie ist bisher die Monographie von Alphonse Polain, Recherches historiques sur l’epreuve des armes ä feu au pays de Liöge. 1891. Auf ihm fußen in ihrem (knappen) historischen Überblick A. Swaine, Die Heimarbeit in der Gewehrindustrie von Lüttich usw., Jahrbücher f. N.-Ö., 3. Folge Bd. 12; und Maur. Ansiaux, L’industrie armuriere ibgeoise. 1899. 1 62 Typ Tugan-Baranowski, Gesch. der russ. Fabrik (1900) 14. 183 D. Jose Arantegui, Apuntos historicos sobre la artilleria espafiola en la primera mitad del siglo XYI(1891); zit. bei C. F. Duro, Armada espaiiola 1, 331. 164 Cambden, Britannia, ed. 1590 p. 227. 166 In einer Schrift, die Anderson, 2, 220 im Auszuge mitteilt. 166 Rymer, Foed. 19, 89 hei Anderson, 2, 337. 187 M. Oppenheim, Roy. Navy, 159. 188 D. Hume, History of Engl. 6 (1782), 181. 189 Quellen bei Beck, Gesch. d. Eis. 2, 786ff. 170 Beck, Gesch. d. Eis. 3, 606f. 171 Quellen hei Ch. de la Ronciere, Hist, de la mar. frans. 4 (1910), 618. 172 Clement, Corr. de Colb. 2, 50, 415; zit. hei G. Martin, La grande industrie sous Louis XIV. 178 G. Martin, 1. c. 184ff. 174 R. JoseArantegui, Artilleria espaiiola (1891); hei C. F. Duro, Armada Espaiiola 1, 329. 175 Das neu eröffnete Arsenal (1710), 112. 178 State Pap. Dom. XXI, 56; bei Oppenheim, Roy. Navy 159. yVK- JM* J4U- JtUv. _i*W, >U<. .Mv 224 Literatur und Quellen 177 Quellen bei Oppenheim, 1. c. 97. 178 Oppenheim, 1. c. 108. 179 Cunningham, The Growth of engl. Ind. and Commerce 2, 60 ff. 180 G. Prato, II costo della guerra (1907), 313/14. 181 Rogers, Hist, of Agric. and Prices 4, 488. 182 F. Dobel, Über den Bergbau und Handel des Jacob und Anton Fugger usw. in der Zeitschr. des Hist. Ver. f. Schwaben usw. 9, 207. 183 Urk. 597 bei H. Simonsfeld, Der Fondaco dei Tedeschi in Yen. 1, 324. 184 Reglement du roi etc. 11. Mai 1667, abgedr. bei Sue, Histoire de la mar. fran;. 1, 281 seg. 185 R. Ehrenberg, Zeitalt. d. Fugger 1, 396 ff. 186 R. Ehrenberg, a. a. 0. 1, 122. 187 F. Dobel, Der Fuggersche Bergbau und Handel in Ungarn, in der Zeitschr. d. Hist. Yer. für Schwaben usw. 6, 34 ff. 188 R. Ehrenberg, a. a. O. 2, 254. 189 F. Dobel, a. a. 0. 190 R. E h r e n b e r g, a. a. 0. 1, 234. s 191 G. Martin, Louis XIV. 184 seg. 192 George Randall Lewis, The Stannaries (1908); Chapt. YII und App. J. 198 Harry Scrivenor, History of the Iron Trade, New Ed. 1854, pag. 57; J u r a s c h e k im Handwörterbuch der Staatswiss., 3. Aufl., s. v. „Eisen“ gibt nur 7000 t an, ich weiß nicht, nach welcher Quelle. Die von Scrivenor mitgeteilten Ziffern sind die allgemein angenommenen. 194 Lardner, Cabinet Cyclopaedia Yol. I, Ch. IV. 195 Beck, 3, 166. 196 Bei Beck, Gesch. d. Eis. 2, 749. 197 A. Haßlacher, Die Industriegebiete a. d. Saar. 1879. 198 M. Meyer, Beiträge zur genaueren Kenntnis des Eisenhüttenwesens in Schweden 1829. 199 Genaue Beschreibung bei G. Jars, Metallurgische Reisen 1 (1777), 167 ff. 200 Beck, 3, 380. 201 Beck, 2, 991. 203 G. Martin, 1. c. pag. 184 seg. 203 Reglement du roi qui conserve ä M. Colbert. . . le detail et le soin qu’il avait pour la marine etc., 11. Mai 1667; bei E. Sue, 1, 282. 204 Oppenheim, Roy. Navy 159. 205 Ygl. noch Rogers, Hist, of Agric. and Prices 5, 73, 479. 208 David Bremner, The Industries of Scotland (1869), 40. 207 D. Bremner, 1. c. pag. 46 seg. 208 Abgedruckt bei Max Sering, Geschichte der preußischdeutschen Eisenzölle (1882), 269. II. Quellenbelege 225 509 Beck, 3, 748. 210 Beck, 3, 601 ff. Viertes Kapitel: Die Beköstigung der Heere 211 H. Delbrück, Gescb. d. Kriegskunst 3, 608f. 212 M. Guillaume, Organ, mil. 134, 140. 213 Über die Verpflegung der Wallensteinscben Heere unterrichten (beide nicht sehr genau): J. Heil mann, Kriegswesen zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1850); V. Loewe, Die Organisation und Verwaltung der Wallensteinscben Heere (1895). Vgl. Fr. Foerster, Lebensbeschreibung Wallensteins, 1834 (mit wichtigem Material). 214 Die ausführlichste Darstellung der geschichtlichen Entwicklung des französischen Kriegskommissariats enthält, soviel ich sehe: De C henneviferes, Details militaires 1 (1750), 92 ff. Natürlich handeln die Werke von Daniel, Boutaric u. a. auch von ihm. 216 K. G. Weise, Über das Feld-Iiriegs-Kommissariat der Königl. preuß. Armee, 1794. 216 H. Delbrück, Gesch. d. Kriegskunst 3, 608 f. 211 Boutaric, Inst, milit., 277—280. 218 G. D r o y s e n, Beiträge zur Geschichte des Militärwesens Deutschland während der Epoche des Dreißigjährigen Krieges, in der Zeitschrift für Kulturgeschichte 4 (1875), 623 ff. 219 Boutaric, 277 seg. ' 220 Boutaric, 311; nach dem Ms. im Britisch. Museum Nr. 11542. 221 Jany, Die Anf. d. alten Armee, 58. 222 Abgedruckt bei E. K. II. Frh. v. Bichthofen, Der Haushalt der Kriegsheere, in der Handbibliothek für Offiziere 5 (1839), 433 ff. 228 Abgedruckt bei Flemming, Der Teutsche Soldat, S. 252—260. 224 Boutaric, 384. 226 Acta Borussica, Getreidehandelpolitik 2, 272. 228 Acta Bor., 1. c. 2, 87 ff. 227 Ed. Heyck, Genua und seine Marine 158, 160, 169. 228 p r incipes de M r Colbert sur la marine, abgedruckt bei Sue, 1. c. 1, 317. 229 Close Rolls 71 and 15 John 158, bei Laird Clowes, 1, 119. 230 Close Rolls 48 ib. 231 Ed. Heyck, Genua und seine Marine, 177. 282 State Paper (20. Aug. 1545) bei Oppenheim, Roy. Navy 82. 233 D ur o, L’Armada inv., doc. 109. 284 St. P. Dom. XXX, 10; 1. c. 325. 235 J. C. D e Jo n ge, Geschied. van het nederl. Zeew. 31 (1837), Bil. I. 288 E. Heyck, Genua und seine Marine, 65ff. 287 Ann. Jan. 183, 35; 112, 3; 124, 30; zit. bei HeycX," 129. 238 State Paper Dom. CXII, 19 bei Oppenheim, 134. Sombart, Krieg und Kapitalismus 15 j^M, >**W >>4K . gVHc, . i 226 Literatur und Quellen t -./■ 239 Mitgeteilt bei Oppenheim, 56. 240 Bei Oppenheim, 74. 241 Bei C. W. Hennert, Beyträge zur brandenb. Kriegsgeseh. unter Friedrich III. (1790), 15. 242 Acta Bor., 1. c. 2, 285. 243 Acta Bor., 1. c. 2, 278. 244 Acta Bor., 1. c. 2, 297. 245 Duprd d’Aulnay, Trait6 gendral etc. 1, 165. 240 Nach den Zusammenstellungen Naudds in den A. B. 2, 295/96. 247 Die Briefe sind abgedruckt bei F. Foerster, Lebensbeschreibung Wallensteins (1834). 248 Acta Bor., 2, 358 ff. 240 Acta Bor., 2, 284, 285, 287. 250 Davidsohn, Forschungen zur florent. Wirtsch.-Gesch. Bd. 3. 251 0. Pringsheim, Beitr. z. wirtsch. Entw. der Yer. Niederlande (1890), 18. 262 So kann man wenigstens die Worte bei Ricard, Le negoce d’Amsterdam (1723), 6 auffassen. 263 Stow, Beschreibung Londons (1598); zit. Acta Bor. 1, 91, 92. 254 Defoe, Compl. Engl. Tradesman; 5. ed. (1745): 2, 260 seg. 286 G. Afanassiev, Le commerce des cereales en France au XVIII. sc. (1894), Ch. 1-6. 266 Acta Bor., 1, 45, 47; 2, 151. 257 Acta Bor., 1, 432. 268 Nach der Flugschrift des Joost Willemszon Nykerke vom Jahre 1630: A. B., 1, 363. 269 Acta Bor. 1, 432. 26 ° (j p ra to, II costo della guerra etc., 297. Diese Arbeit bietet hierin, wie in so vielen anderen Punkten, die reichste Ausbeute an Einsicht in die Beziehung zwischen Mars und Mammon. 261 Acta Bor., 2, 289. 262 Tr. Geering, Handel und Industrie der Stadt Basel (1886), 542. 263 Bei J. Charnock, Mar. Arch. 2, 216/17. 264 Der Vertrag ist abgedruckt bei Rymer, Foedera 17 , 441 ff. Ein ähnlicher findet sich ebendaselbst (für das Jahr 1636) 20, 103. Im Auszuge bei Anderson, a° 1622, a° 1636. 265 Quellen bei Laird Clowes, 2, 104, 231. 26 o Bei Xa v. A nd oui n, Hist, de l’admin. de la guerre 2(1811), 46ff. 287 Nach dem Compte rendu au roi de l’administration du depart. de la guerre depuis 1761 jusqu’au 1770. Choiseul, Mem. 1 , 114 seg.; bei Boutaric, 438. 268 Alice Law, The english „nouveaux riches“ in the XIV. cent. in den Transaction of the R. Hist. Soc., New Ser., Vol. IX (1895), p. 67. 289 H. Hall, Society in the Elizabethan Age (1901), 126 (Kleider). II. Quellenbelege 227 210 Defoe, Complete Tradesman (1727), 307 seg. 211 Enthüllungen (1799), 427. 272 Luc. Wolf, The First English Jew. Ilepr. from tlie Transactions of the Jew. Hist. Soc. of England, Vol. II. Zu vergleichen Alb. M. Hyamson, A Hist, of the Jews in E. (1908), 171—173. 273 Hyamson, 1. c. p. 269. J. Picciotto, Sketches of Anglo- Jewish History (1875), 58 fl. 274 Th. L. Lau, Einrichtung der Intraden und Einkünfte der Souveräne usw. (1719), 258. 275 Angeführt bei Liebe, Das Judentum (1903), 75. 276 Artikel Banking in der Jewish Encyclopedia. 277 Memoire der Juden von Metz vom 24. März 1733, im Auszuge abgedruckt bei Bloch, 1. c. p. 35. 278 Angeführt bei Bloch, 1. c. p. 23. 279 Auszüge aus den Lettres patentes bei Bloch, 1. c. 24. 280 Über die Gradis: Tbeopli. Malvezin, Les juifs ä Bordeaux (1875), 241 If. und H. Grätz, Die Familie Gradis in der Monatsschrift 24 (1875), 25 (1876). Beide, auf guten Quellen fußenden Darstellungen sind unabhängig voneinander. 281 M. Capefigue, Banquiers, fournisseurs etc. (1856), 68, 214 und öfters. 282 Bondy, Zur Geschichte der Juden in Böhmen 1, 388. 283 Alle drei Fälle entnahm ich G. Liebe, Das Judentum (1903), 43 f., 70, der sie ohne Quellenangabe mitteilt. 284 König, Annalen der Juden in den preußischen Staaten, besonders in der Mark Brandenburg (1790), 93/94. 288 Bekleidung u. Ausrüstung des Reg. Erbpr. Gustav zu Pferde, Halberstadt 7. Juli 1719. Abgedr.: Gescb. d. Bekleidung usw. 2, 357. 288 Reskript vom 28. Juni 1777; abgedruckt bei Alphonse Levy; Die Juden in Sachsen (1900), 74; S. Haenle, Gesch. d. Juden im ehemal. Fürstentum Ansbach (1867), 70. 287 Observations-Punkte (1739), 2, 108; zit. bei Becker, Aus der Jugendzeit (1877), 36. 288 Gesichte Philanders von Sittewaldt das ist Straffs - Schriften Ilanss Wilh. Moscherosch von Wilstätt (1677), 779. 289 F. von Mensi, Die Finanzen Österreichs von 1701—1740(1890), 132 ff. 290 Siehe z. B. Eingabe der Wiener Hofkanzlei vom 12. Mai 1762 bei Wolf, Geschichte d. Juden in Wien, 70; Komitatsarchiv Irntrak XII/3336 (für Mähren), nach einer Mitteilung des Herrn Jos. Reizman; Verproviantierung der Festungen Raab, Ofen und Komorn durch Breslauer Juden (1716): Wolf, a. a. O. S. 61. 291 Herb. Friedenwald, Jews mentioned in the Journal of the Continental Congress (Puhl, of the Amer. Jew. Hist. Soc. 1, 65—89.) 15 * 228 Literatur und Quellen 202 Beschreibung der Militärbrotbäckereien im 18. Jahrh. in der Handbibi, für Offiz. 5 (1839), 555 ff. 268 G. Prato, 11 costo della guerra etc. (1907), 292 seg. Fünftes Kapitel: Die Bekleidung der Heere 294 M. Guillaume, op. cit. 140. 295 M. Oppenheim, op. cit. 138, 139. 296 W. Laird Clo wes, op. cit. 2, 20. 297 St. P. D. 11. Dez. 1655; St. P. D. CXXX1Y, 64; St. P. D. Sept. 1656; bei Oppenheim 329. 298 L. Mention, L’armee de l’anc. reg. (1900), 36. 299 Handschr. Quellen bei F. Gr ose, Military Antiquities resp. a History of the English Army 1 (1812), 310 seg.; Fortescue. Hist, of the British Army 1, 283 seg. 800 L. Mention, op. cit., 255. 801 Geschichte der Bekleidung usw. der Kgl. Preuß. Armee 2. Teil. Die Kürassier- und Dragonerregimenter (bearb. von C. Kling), 1906, S. 3/4. • 802 Jany, Anfänge, 33. 808 Frh. v. Richthofen, Der Haushalt der Kriegsheere, in der Handbibliothek für Offiziere 5 (1839), 628 ff. 804 Abgedruckt in der Gesch. d. Bekleidung usw. 2, 212 f. 806 Bei F. Grose, Military Antiquities usw. 1, 310ff. 806 Hub. Hall, Soc. in the Elizabeth. Age 4. ed. 1901, p. 127. 807 L. Mention, op. cit., 255 seg. 808 L. Mention, op. cit. p. 261. 809 Frh. v. Richthofen, Der Haushalt der Kriegsheere a. a. O. 810 J. Heilmann, Das Kriegswesen der Kaiserlichen und Schwedischen zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1850), 18. 811 Historisches Portefeuille von Hausen, 4. Jahrg. 1785, S. 680; abgedr. in der Gesch. d. Bekl. 2, 213. 812 Gesch. d. Bekl. 2, 4; vgl. ebenda die Anlage 41, 42, 43. 818 Priebatsch, Pol. Korr, des Kurf. Albrecht Achills 2,266, zit. bei Jany, Anfänge, 15. 814 F. W. Fortescue, Hist, of the Brit. Army 1 (1899), 111; vgl. p. 135. 316 Ch. de la Rononci&re, Hist, de la mar. frang. 2 (1900), 459. 816 J. Frhr.v. Reitzen st ein, Das Geschützwesen usw. 1(1896), 153 817 Jany, Anfänge, 45 f. 818 Th. Muhsfeldt, Einiges über die Hamburger Stadtsoldaten, in den Mitteilungen zur Gesch. der milit. Tracht, herausg. von Rieh. Knötel, 1896, Nr. 8. 819 Bei Lünig, Theatr. cerem. hist. pol. 1 (1719), 89 f.; zit. Gesch. der Bekl. 2, 216. II. Quellenbelege 229 380 Liebe, Der Soldat, 301. 321 Möm. pour servir ä l’histoire de la maison de Brandenbourg 1767 (par Fredöric II), abgedr. in der Gesch. d. Bekl. 2, 201. 322 Liebe, a. a. 0. 323 Gesch. d. Bekl. Bd. II, Anlage 65. 324 Xav. Andouin, Hist, de l’admin. de la guerre 3 (1811), 52seg. De Cbenneviöres, Dätails militaires 2 (1750), 116 ff. Boutaric, Inst, mil., 359, 425. 325 Fortescue, op. cit. 1, 213. 326 Laird Clo wes, op. cit. 3, 20. 321 König, Alte und neue Denkwürdigkeiten der kgl. preußischen Armee (1787), 24, zit. in der Gesch. d. Bekl. 2, 211. 828 Jany, Anfänge, 45f. 329 Gesch. d. Bekl. 2, 3. 880 A. t. Crousaz, Die Organisation des brandenb. u. preuß. Heeres von 1640—1665 1 (1865), 11 ff. 381 Kapitän von Burgsdorff an den Grafen von Schwarzenberg, Berlin, den 16. Okt. 1620. Staatsarchiv Berlin; abgedr. Gesch. d. Bekl. 2, 40, Anl. 16. 382 Abgedr. in der Gesch. d. Bekl. Bd. II, Anl. 159. 383 C. W. Hennert, Beitr. zur brandenb. Kriegsgesch. unter Churfürst Friedr. III. (1790), 12 bei Frhr. v. Richthofen, Haushalt, 495. 384 A. Crousaz, a. a. O. S. 45. aas ß._ Prato, II Costo della Guerra (1907), 302. 336 F. Grose, Mil. Ant. 1, 315. 331 v. Schmoller, Umrisse 514. 388 ffiuvres, 1, 234, zit. ebenda 522. 889 Cunningham, Growth 2, 969. 840 Alles auf die russische Kompagnie in Berlin Bezügliche nach v. Schmollers gleichnamigem Aufsatz in der Zeitschr. für preuß. Gesch. und Landeskunde, Bd. 20, der wieder abgedrnckt ist in den „Umrissen“ S. 457—529. 841 Mirabeau, De la Monarchie prussienne 411 (1787), 123. 842 James, Hist, of the Worsted Manuf. in Engl. (1857), 287. 343 E. Levasseur, Hist, des classes ouvrieres et de l’industrie en France 2 2 (1900), 324, 331, 381 seg. 844 G. Martin, Louis XV., 119, 120. 348 Arthur Young, Pol. Arithm. S. 91. Vgl. G. von Gülich,Ge- schichtl. Darstellung des Handels usw. 1 (1830), 97. 848 H. Hall, Society in the Elizabethan Age, 126. 841 Wallenstein an sein. Landeshauptmann von Taxis, d. d. Aschersleben, den 13. May 1626; abgedr. in der Handbibi. f. Off. 5, 439 ff. 848 Wallenstein an Taxis, Neuß, den 6. Aug. 1627; abgedr. bei Heil mann, op. cit. Beil. 4. 230 Literatur und Quellen 349 Meinardus, Prot, et Bel. Bd. III, S. 567; zit. in der Gesch. d. Bekl. 2, 211. 350 Abgedr. in der Gesch. d. Bekl. 2, 205 f. 351 v. Schm oller, Umrisse, 468, 484. 352 Brit. Mus. Ms. Harleian Coli, enthält einen Kontrakt zwischen Lord Castleton und Mr. Francis Molineaux, einem „clothier“, vom Jahre 1693, abgedr. bei F. Gr ose, Mil. Ant. 1, 315. 353 v. S c h m o 11 e r, Umrisse, 463 ff. 354 Eine genaue Beschreibung des „Lagerhauses“ in Berlin findet man bei Bergius, Neues Policey- und Cam.-Magazin 6 (1780), 161 ff. 356 v. Schmoll er, Umrisse, 487. 356 jy[_ Tugan-Baranowski, Die russische Fabrik, deutsch 1900, S. 14. 367 H. Hall, Society in the Elizabethan Age, 124. 368 St. P. D. 11. Dez. 1655 bei Oppenheim, 329. 359 Allgemeine Schatzkunde der Kauffinannschafft usw. 2 (1747), 1213, 14. 380 A General Description of all Trades (1747), 51. Nach den Akten: G. Martin, Louis XY., 228. Sechstes Kapitel: Der Schiffbau 361 Aus der Denkschrift über die Principes de M. Colbert sur la marine. Diese Denkschrift, die uns in diesem Kapitel noch öfters als Quelle dienen wird, ist verfaßt unter dem Ministerium des Grafen von Maurepas auf Grund der Akten des Marineministeriums, die damals noch vollständig im Marine-Archiv aufbewahrt waren. Die Denkschrift ist veröffentlicht von E. S u e im ersten Band seiner Histoire de la Marine 1835, p. 287 seg. 362 Die fünf ersten Schätzungen teilt Oppenheim nach zeitgenössischen Quellen mit; die letzte Ziffer ist den „Accounts“ der Ostindischen Kompagnie entnommen und findet sich bei Anderson s. h. a. 363 Dav. Bremner, The industries of Scotland (1869), 60. 364 Mitgeteilt bei E. Sue, Hist, de la mar. frang. 1, 344. 386 Als Quelle gibt Anderson, dem ich die Ziffern entnehme (Ori- gins of Comm. 3, 299), „a certain mercantile anthor“ an. Er selbst hält die Schätzung für zu niedrig. Seine Gegengründe sind aber nicht sehr gewichtig. 388 Postlethwayt, Dict. of Comm. Art. Middlesex 2 2 (1758), 256. 387 Postlethwayt, Dict. of Comm. 2, 335. 388 Die Zahl ist „pretty accurately computed“ nach dem Generalregister of the custom house von Postlethwayt, 1. c. 2 2 , 256. 369 Anderson, Orig, of Comm. 4, 659 seg. 370 E. B a a s c h , Hamburgs Seeschiffahrt und Warenhandel vom Ende des 16. bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts, in der Zeitschrift des Vereins für Hamburg. Gesch. 9 (1874), 295 ff. II. Quellenbelege 2B1 371 Zit. bei Anderson 2, 211. 373 Nach der schon erwähnten Denkschrift, die Anderson, 2, 443 zitiert. 378 G. C. Klerk de Reus, Geschichtlicher Überblick der Niederländisch-ostindischen Kompagnie (1894), 116 ff. 374 P. Kaeppelin, La Compagnie des Indes Orientales (1908), 10, 12, 137. 876 Nach einer namentlich geführten Liste Anderson, 3, 324. 876 Postlethwayt, Dict. Art. Navigation. 877 Joh. Beckmann, Beyträge zur Oekonomie 3 (1780), 439 f. 378 Siehe § 4 des Octroi der Gesellschaft, abgedruckt in Joh. Beckmann, Beyträge zur Oekon. 6 (1782), 416ff. 379 State pap. rel. to the defeat of the Span. Armada bei Laird Clo wes, The Royal Navy 1, 588—597. 880 Von einer Liste im Dep. of the Cont. of the Navy bei Laird Clo wes, The Royal Navy 2, 7. 881 Joint au Memoire de M r d’Infreville du 27 juillet 1666, abgedr. bei Sue, 1, 347. 882 Nach den Listen in Pepys’ Mem. rel. to the state of the Royal Navy Laird Clo wes, 2, 244 seg. 883 Zit. bei D. Bremner, The industries of Scotland (1869), 55. 384 Exch. War. for Issues 17. Juli 1522 bei Oppenheim 85. 886 Ed. Heyck, Genua und seine Marine, 115. 388 Diese und die vorangehenden Ziffern nach den St. Pap. und den Pipe Off. Acc. bei Oppenheim, 65, 110. 887 Charnock, Mar. Arch. 2, 462. 888 Ms. in der Bibi. Magliabechiana von A. Jal in seiner Arch. nav. (Yol. II, 1840) veröffentlicht und fachmännisch erläutert. 889 Reisebüchlein des Andreas Ryff, fol. 74 b . Ms. in der Baseler Universitätsbibliothek, auszugsweise mitgeteilt von Sieveking in Schmollers Jahrbuch 21, 132. 399 Close Rolls 10 H. III 2, 50; bei Laird Clo wes, 1, 120/21. 391 Close Rolls 10 H. III m. 16, 17, 25 1. c. 392 Bei Oppenheim, 68 seg. 398 Abgedruckt bei J. Charnock, Mar. Arch. 2, 96ff. 894 Laird Clo wes, 1, 405. 396 Oppenheim, 97. 396 Abgedruckt bei J. Charnock, 1. c. p. 140 seg. 397 Bei Oppenheim, 119. 398 Memoire de M. d’Infreville, intendant de Marine ä Toulon; 27. Juli 1666, abgedruckt bei Sue, 1, 346 seg. 399 Mitgeteilt von Ch. d ela Ron eifere, Hist, de la mar. fran?.4,616. 400 Oppenheim, 339/40. 401 Principes de M. Colbert sur la marine, 1. c. p. 297. Literatur und Quellen 40 - Cecil Mss. Cal. Nr. 846 bei Oppenheim, 128. 403 Oppenheim, 208. 404 Krünitz, Enz., Art. Kriegsflotte 50, 366. 403 Krünitz, a. a. 0. 406 St. Pap. Dom. CCLXXXVII, 73 And. Off. Dec. Acc. 1703/77. Oppenheim, 260; Laird Clowes, 2, 6. 407 Charnock, Mar. Arch. 3, 126. 408 A. Jal, Arch. nav. 2, 6 seg. 409 Oppenheim, 53. 410 P. J. Marperger, Das Neueröffnete Manufakturenhaus (1704), 142. 411 Report vom Jahre 1618: Mar. arch. 2, 256. 412 Bei Charnock, 2, 213 seg. 418 Bei Charnock, 2, 185. 414 Bei Charnock, 2, 191. 413 Oppenheim, 257. 416 Krünitz, 50, 354fl'. 417 Krünitz, 50, 366, 67. 418 Oppenheim, 97. 419 Principes de M. Colbert, 1. c. p. 298. 42° principes de M. Colbert, 1. c. p. 294. 421 Principes de M. Colbert, 301. 422 E. Sue, Hist, de la mar. frang. 4, 170. 428 Bei Charnock, 2, 168. 424 Aus dem Report of the Commissioners appointed to enquire into the State of the Navy (1618), abgedruckt bei Charnock, 2, 218. 423 Alle auf die Russia Co. bezüglichen Angaben entnehme ich dem Buche von W i 11. Roh. Scott, The Constitution and finance of English, Scottish and Irish Joint-Stock Compagnies to 1720, Vol. II. Companies for foreign trade colonization fishing and mining, 1910. Ich benutze die Gelegenheit, um auf dieses ausgezeichnete, ungemein stoffreiche Werk, von dem bisher Band II und III erschienen sind, aufmerksam zu machen. 426 Mem. de M. d’Infreville, 1. c. p. 348 seg.; Principes de M. Colbert p. 335 seg. 427 General Description of all Trades (1745), 180, 81. 428 Nach dem amtlichen „Verzeichnis der Fabriken und Manufakturen“ aus dem Jahre 1729 M. v. Tugan-Baranowski, Die russische Fabrik (deutsch 1900), 14. 408 St. Pap. Dom. CCLXXXVII, 73 And. Off. Dec. Acc. 1703/77. Oppenheim, 260; Laird Clowes, 2, 6. 410 P. J. Marperger, Das Neueröffnete Manufakturenhaus (1704), 142. 411 Report vom Jahre 1618: Mar. arch. 2, 256. 412 Bei Charnock, 2, 213 seg. 418 Bei Charnock, 2, 185. 414 Bei Charnock, 2, 191. 413 Oppenheim, 257. 416 Krünitz, 50, 354fl'. 417 Krünitz, 50, 366, 67. 418 Oppenheim, 97. 419 Principes de M. Colbert, 1. c. p. 298. 420 Principes de M. Colbert, 1. c. p. 294. 421 Principes de M. Colbert, 301. 422 E. Sue, Hist, de la mar. frang. 4, 170. 428 Bei Charnock, 2, 168. 424 Aus dem Report of the Commissioners appointed to enquire into the State of the Navy (1618), abgedruckt bei Charnock, 2, 218. 423 Alle auf die Russia Co. bezüglichen Angaben entnehme ich dem Buche von W i 11. Roh. Scott, The Constitution and finance of English, Scottish and Irish Joint-Stock Compagnies to 1720, Vol. II. Companies for foreign trade colonization fishing and mining, 1910. Ich benutze die Gelegenheit, um auf dieses ausgezeichnete, ungemein stoffreiche Werk, von dem bisher Band II und III erschienen sind, aufmerksam zu machen. 426 Mem. de M. d’Infreville, 1. c. p. 348 seg.; Principes de M. Colbert p. 335 seg. 427 General Description of all Trades (1745), 180, 81. 428 Nach dem amtlichen „Verzeichnis der Fabriken und Manufakturen“ aus dem Jahre 1729 M. v. Tugan-Baranowski, Die russische Fabrik (deutsch 1900), 14. -'•xX., s£/> *&>*£* <&a& Srvj^-sy^ SMgBfcsii jJ&ar k&gii 'i •¥&&■& W&k ^SKTy** tf'^A.wJr* Jf n*.±jirs hmm" .-**“*‘»&4J , w"?- -•*t£r*s mm s ;:««iw; SäHHS SsÄ? mmmmm 'S^'-ilJtf%z v ?&*'~ ;^^väks3S53S$ -■«s» Reich seiDst grur neueuu cm, ^ uie rmanzieli Hauptlast übernahm. Aber das alles genügte nicht, um ein» neue Aktualität und breite festliche Wirkung zu erreichen. In den ersten Jahren der Umstellung behalf man sich not-' gedrungen meist mit Aufführungen, die auch in anderen; namhaften deutschen Theatern und Konzertinstituten zu sehen und zu hören waren. Salzburg bot in dieser Zeit fast nur Ausschnitte aus der Eigenleistung der Staatsopern von Wien, München und Dresden und auch der führenden Schauspielbühnen des Reiches dar und diese sogar oft in merkwürdiger, die Einheit des Darstellungsstiles störender Uebjrschneidung. Die Probezeit war nur kurz gemessen. Trotz der an diesem Ort natürlich bedingten Zentrierung des Spielplans im Zeichen Mozarts wurde eine zielstrebige Planung auf weitere Sicht vermißt. Trotz bedeutenden Leistungen einzelner Dirigenten, Regisseure und Solisten waren vorbildliche Ensembleleistungen mit anregender Kraft sozusagen nur als Zufallstreffer zu verzeichnen. Das Problem Salzburg mußte nach Ansicht aller Sachkundigen auch von dieser Seite her angegangen und bewältigt werden. Deshalb ist es besonders erfreulich, daß die zuständigen Stellen die Notwendigkeit auch dieses Schrittes rechtzeitig erkannt haben, und es beweist wieder die selbst durch die hohen Anforderungen der Kriegführung nicht geminderte kulturelle Aktionsfähigkeit und -Willigkeit des Reiches, daß es die Lösung dieser entscheidenden Aufgabe schon jetzt, auf dem Höhepunkt des kriegerischen Ringens, durch entsprechende Maßnahmen ermöglichte. Salzburg brauchte vor allem ein von außerkünstlerischen Faktoren unabhängiges Budget und einen fachlich wie organisatorisch gleich befähigten, mit außerordentlichen Vollmachten ausgestatteten Gesamtleiter der Festspiele, der bereit war, mit dem Amt auch die volle Verantwortung zu tragen. Beides ist ihm nun durch eine entsprechende Dotierung und durch die Ernennung des Münchener Opernleiters, Generalintendanten Professor l Neben den Faktoren, die von den Besonderheiten der Unterdrückung her die Herrschaftsform und die Gemeinschaft der Bürger bestimmten, ist die Entwicklung der Kriegstechnik und der Waffen als weiteres staatsformendes Element hervorzuheben. Die Kämpfer der archaischen Zeit waren Ritter und Wagenkämpfer; sie hatten die siegbringenden Waffen und damit die politische Gewalt. Die gemeinfreien Bauern — „unkriegerisch bist du und kraftlos,“ sagt Odysseus zu Thersites, „nie auch weder im Kampf ein Gerechneter noch in dem Rate“ — sanken zu Schuldsklaven herab. Mit dem Durchbruch der Eisenzeit in der Waffentechnik (achtes und siebtes Jahrhundert) gewannen durch die eisernen Nahwaffen die Hopliten, ihre Disziplin und Phalanx eine siegreiche Ueberlegenheit über die aristokratischen Waffen. Die Wirkung war der Sieg der Bauern unter Drakon, Solon und den Tyrannen und der Durchbruch der Bauemdemokratie, deren Männer unter Miltiades bei Marathon (490 v. Chr.) siegten. Mit den Waffen dembkratisierte sich das Staatswesen. Und als „schwerttragend das Volk aus ganz Asien“ (Aischylbs) zehn Jahre später bei Salamis zur See angriff, „um Hellas das Sklavenjoch aufzulegen", hatte der Weitblick des Themi- stokles in diesen wenigen Jahren eine siegreiche Seemacht aufgebaut. Die Kämpfer und Sieger aber waren die Theten, die unterste Schicht des attischen Demos, entrechtete und enteignete Bauern und Lohnarbeiter, die sich durch diesen Sieg ihre politische Vollberechtigung erkämpften. Von nun an begründete Athen, da die Polis selbst über ihren Nah- rungsraum hinausgewachsen war, auf dieser Waffengattung eine Seeherrschaft, die an die tausend hellenische Städte sich unterwarf. Aller Reichtum Athens lag hier begründet, und die Demokratie der Herrscher schloß nun alle Athener ein. \ 3«q§S!*WB*RSW5!! . •; A\ • •*,fc. .-J». *4 »t »*•* •fc KSfiJti'!. £vJ^a*»-'>«uft : 4 *'" •V*;# : ?C»v . , ^