Das Neunzehnte Jahrhundert in Deutschlands Entwicklung Unter Mitwirkung von Siegmund Günther, Tornelius Gnrlitt, Georg Kaufmann, Richard ZN. !Ne>>er> Fran? Tarl Müller, Werner Sombart, kseinrich N?elti, Theobald Ziegler korausgegeben von Paul Schlenther Band VII Werner öombart Die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert Berlin Georg Bondi 590Z Die deutsche Volkswirtschaft im Neunzehnten Jahrhundert von Werner Sombart Erstes bis fünftes Tausend Berlin Georg Bondi ^yoz Vorworte. 60 öe/? /Ä/A/' ck' ^/^o /'e/'ö c/ie cace/a V /ema l^o/^e a/ /K^/o // t/5> >^/e/? „Wer ängstlich abwägt, sagt gar nichts." (Theodor Fontane.) Literaturnachweis, Dieses Buch ist daS erste, das das im Titel genannte Problem wissenschaftlich behandelt. Eine Literatur gibt es deshalb nicht, nur Ansähe dazu. Sie finden demgemäß, verehrte Freundin, an verschiedeneu Stelleu dieses Werkes Hinweise auf Einzelschristen, meist mit dem Vermerke, in welcher Rücksicht sie Ihnen von Nutzen sein können. Ehe ich jedoch meine Darstellung beginne, muß ich im vornherein bemerken, daß gleichsam im Hintergrunde dieseS Buches mein Hauptwerk steht: Der moderne Kapitalismus. 2 Bände. Leipzig, Duncker k Humblot. 1302. Ohne in jedem Augenblicke die Darstellung in den folgenden Blättern ans jenes Werk ausrichten zu können, würde ich sie nicht unternommen haben. Sie werden bei der Lektüre verstehen lernen, was ich damit sagen will. ^StzS^SS«M«S^V««« Inhaltsverzeichnis. Erstes Buch. Bilder ans dem deutschen Wirtschaftsleben vor hundert Jahren. Erstes Kapitel: Eine Reise durch Deutschland vor hundert Jahren........... . . I. Wie man reiste. Muhseligkeit des Reisens S. 3. „Monographie der deutschen Postschnecke" S, 5. Zoll- und Oktroi- plackcreien S. 7. Münzwechsel S. 8. Die Reise ein Erlebnis S. S. II. Was man aus einer Reise erlebte. Leben auf der Landstraße S. 10. Die Landschaft S. 11. Die alte, deutsche Kultur: eine Waldentsprossene S. 13. Dorftypen S. 14. Dorfähnlicher Charakter der kleineren Städte S. IS. Berlin vor hundert Jahren S. 17. Unwegsamkeit in den Städten S. 19. Der Nachtwächter als Symbol S, 21. Zweites Kapitel: Die äufzere Struktur des Wirtschaftslebens .............. I. Der Reichtnmsgrad. Ärmlichkeit der früheren Zeit — von Augenzeugen geschildert S. 25, — durch die Eigenart der Bildung jener Zeit bestätigt S. 27, — an dem niedrigen Produktivitätsgrad der Arbeit unmittelbar erkennbar S. 29. II. Die territoriale nnd berufliche Differenziierung. Geringe Dichtigkeit der Bevölkerung S. 30. Geringe territoriale VIII Inhalt. Differenzierung S. 31. Starke Eigenproduktion: in der Bauern- wirtschast S. 33; in der Gutswirtschast S. 35; aber auch noch in städtischen Hanshalten S. 35. Vereinigung verschiedener Berufe S. 37. Verteilung der Bevölkerung nach Berufen S. 38. Überwiegen der landwirtschaftlichen Bevölkerung S. 39. Städteslatistik S. 40. III. Die nationale Disfercnziieruug. Begriff der nationalen Differenziiernng S. 41. Schaffung eines reichsdeutschcn Wirtschaftsgebiets durch die Begründung deS Zollvereins S. 42. Ausdehnung des deutschen Außenhandels am Ende der 1830er Jahre S. 43. Art- charakter des deutsche» Außenhandels im Ansang des Jahrhunderts S. 45. Die hauptsächlichsten Gegenstände der Ausfuhr S. 46, der Einfuhr S. 47. Drittes Kapitel: Die innere Organisation des Wirtschaftslebens .............. I. Die Agrarverfassung. Die Baucrnwirlschaft alten Stils S. 50. Die alte Marken- und Dvrfverfnssung S. 51. Die „Idee der Nahrung" verkörpert in der Hufenverfassung S. 52. Allmende. Gemengelage. Flurzwaug S. 53. Dreifelderwirtschaft S. 54. Grund- herrliche und gutsherrliche Lasten S. 55. Die feudale Gntsverfassuug S. 56. Wie es auf einem Gulshvf vor hundert Jahren aussah S. 57. Verteilung des Grund und Bodens in Deutschland zwischen Gutsherr und Baner S. 59. II. Das Handwerk in Gewerbe nnd Handel. Wesen des Handwerkers S. 60. Betriebsformen des Handwerks; seine innere Gliederuug S. 63. Der Ideengehalt der Zunftordnung S. 64. Handwerksmäßiger Charakter der Großindustrie und des Handels S. 67. Zweites Buch. Die Elemente des neuen deutschen Wirtschaftslebens. Viertes Kapitel: Die treibende» Kräfte..... I. Alte und neue Triebkräfte deS Wirtschaftslebens. Initiative der Bureaukratie im WiUschaftsleben vor dem Eindringen der liberalen Ideen S. 72. Szencnwechsel mit Beginn' des Jahrhunderts S. 74. Wer uuu? Initiative der unterdrückten Klassen unzureichend S. 75. Die Führung des modernen Wirtschaftslebens reißt das kapitalistische Unternehmertnm an sich S. 76. Wesenheit der kapitalistischen Organisation S. 77. Eigenart der Tätigkeit des kapitalistischen Unternehmers S. 79. II. Dcr RhpthmuS dcr kapitali st i j ch cu Eutwickelung. Der Fluch des Goldes S. 81. Die Perioden deS akuten Goldfiebers und Inhalt, des Erwerbsparoxisinus S, 81. Hanssepcrivden S. 83. Baisse- Perioden S. 84. Die Grnndcrperiode im Ansang deS ncunzchutcn Jahrhunderls S. 85. Die stille Zeit von 1820—1850 S. 89. Kalifornisches Gold und politische Reaktion leiten die neue Zeit ein S. 91. Die Gründerzeit der 1850er Jahre in ihrer Bedeutung sür die Entfaltung kapitalistischen Wesens in Deutschland S. 92. Jubeljahre »ach dem französischen Kriege S. 97. Zeit der Sanimluug bis 1395 S. 97. Die AusschwnngSperiode von 1895-1900 S. 99. Rückblick und Ausblick S. 101. Fünftes Kapitel: Das Land......... Mittelmäßigkeit: das Kenuzeicheu deutscher Landschaft S. 103 und deutschen KlimaS S. 105. Dürftigkeit: das Kennzeichen des dcnlschcn Bodens S. 107. Die natürlichen Vorbedingungen sür die gewerbliche Produktion S. 109. Die Bodenschätze Deutschlands S. 110. Seine Wegsamkeit S. 111. Deutschland, ein Binnenland S. 112. Die natürliche Beschaffenheit eines Landes nicht ausschlaggebend für seine Volkswirtschaft S. 113. Sechstes Kapitel: Das Volk.......... Das Problem und seine Schwierigkeiten S. 114. Die Befähigung der Teutschen zum Kapitalismus S. 116. Die Deutschen ein frisches und darum kräftiges, fruchtbares Volk S. 117. Bedeutung rascher BevölkerungSzunahme für die kapitalistische Entwickelung S. 118. Der Mangel an sinnlich-künstlerischer Veranlagung und das Talent zum Teilmenschen begründen unsere Befähigung zum Kapitalismus S. 121. Die Bedeutung des sozialen Tcilmenschcn insbesondere S. 125. Starke Rassenmischuug iu Deulschlaud S. 127. Die Bedeutung des Einschlags jüdischer Elemente für Deutschlands Wirtschaftsleben S. 128. Grundzüge im Charakter deS „MtagSjuden": zäher Wille S. 129; Eigennutz S. 130; abstrakte Veranlagung S. 131. Von den Juden bevorzugte Gebiete des Wirtschaftslebens S. 133. Anteil der Juden an der Bevölkerung in Deutschland und anderwärts S. 134. Die lange Staatculosigkeit der Deutschen befördert den wirtschaftlichen Aufschwung S. 135. Die innerpolitische Rückstttndigkcit Deutschlands kommt seinem Wirtschaftsleben ebenfalls zngute S. 138. Siebentes Kapitel: Das Recht ........ Der Einfluß, den Gesetzgebung und Verwaltung auf das Wirtschaftsleben auSübeu, wird meist überschätzt S. 140. Die bedeuteudstcu Ereignisse während des 19. Jahrhunderts: Gründung des Zollvereines und Agrarreform S. 141. Regulieruugs- uud Ablösungsgesetzgebung S. 142, Landeskulturgesetzgebuug S. 143. Die Steiu-Hardenbergschen Reformen S. 144. Bedeutung der Agrarreformen für das Wirtschaftsleben S. 145. Einführung eines einheitlichen Maß-, Münz- und Gewichtssystems S. 147. Postrecht S. 148. Eisenbahnrecht S. 148. «s Z Seite X Inhalt. Gewerberecht 149. Privatrecht S, 149. Die Grundideen des modernen Wirtschastsrechts S. 1S0. Achtes Kapitel: Die Technik..........153 I. Die Prinzipien der modernen ökonomischen Technik. Die Problemstellung S. 153. Innerlicher Zusammenhang aller Erscheinungen der moderneu Technik S. 155. Das formale Prinzip der modernen Technik: Anwendung der Naturwissenschaft auf die Technik S. 156. Das Prinzip der modernen Naturwissenschast: Ersetzung der Qualität durch die Quantität S. 159. Wandlungen im Weltbilde unter dem Einflüsse fortschreitender Nalurerkeuntnis S. 161. Das materiale Prinzip der modernen Technik: Emanzipation von den Schranken des Organischen S. 162. Das Maschinenprinzip als ein modernes Prinzip der Technik S. 164. Die Einbürgerung des rationellen Verfahrens objektiviert das technische Können S. 165. Prinzipielle Bedeutung der Maschine S. 167; der Verwendung mechanischer Kräfte S. 167. Die moderne Technik emanzipiert von Raum und Zeit S. 168. Grund für die Steigerung ihrer Leistungen S. 169. II. Die Etappen der technischen Entwickelung im neunzehnten Jahrhundert. JustuS von Liebigs Düngertheorie S. 171. Entwickelung der Maschinerie in der Landwirtschaft S. 173. Der Siegeszug der Dampfmaschine S. 174. Die Maschinenindustrie S. 176. Die Eisenindustrie S. 178. Gewaltige Zunahme der Eisen- und Stahlproduktion S. 181. Die Kohlenindustrie S. 182. Neue Beleuchtungstechnik S. 184. Neue Färbetechnik S. 185. Die chemischen Industrie» S. 186. Die Wandlungen der Technik im Gebiete des Verkehrswesens S. 188. Eisenbahn S. 183. Dampfschiff S. 189. Telegraphie nnd Telephonie S. 190. Drittes Buch. Die Genesis der modernen Volkswirtschaft. Neuntes Kapitel: Banken und Börsen......195 I. Die Banken. Bedeutung der Banken für das moderne Wirtschaftsleben S. 195. Entwickelung des deutschen Banknotenwesens S. 197. Grundgedanke» der neudeutschen Nvteubankpolitik S. 199. Die Reichsbank S. 199. Entwickclnngstendenzen in der Organisation der Kreditverinittelung: Rasche Zunahme des Geld- und Kredithandels, namentlich in den Großstädten S. 203. Konzentrationstendenz im Bankwesen S. 293. Das Emporsteigen der führenden Großbanken S. 207. Wachsende Bedeutung der Großstädte, insbesondere Berlins für den Kreditverkehr S. 298. Wandlungen in der inneren Organi- >-^»7^»ö»-»ss?^ V«» »^^»^^MMI^SUH? Inhalt. XI Seile sation des Bankwesens: die Verselbständign»«, des Bankiergewerbes S. 209; die Entwickelung des Wechselgeschttftes S, 210; deS Giro- und Abrechnungswescns S. 212. Eigenart der deutschen Banken: Verqnicknng der Zirkulations- und Prodnktions-Kreditertciluug S. 214. Die Kreditgewährung auf genossenschaftlichem Wege: „Vvrschußvereine" und „Volksbanken" S. 216. Die Banken als Finanzgesellschastcn S. 217. II. Der Effektenmarkt. Begriff und Entstehung der Effekten S. 219. Hauptarten der Effekten S. 220. Effcktenstatistik S. 222. Wachsende Bedeutung der Effektenbörsen, namentlich der Berliner S. 224. Die Organisation der Effektenbörsen S. 226. Das Emissionsgeschäft S. 227. Bedeutung des Emissionsgeschäftes für die Verteilung des Volkseinkommens S, 228. Der Handel in Wertpapieren S. 230. Zusammenfassung der Ergebnisse S. 232. I. Der Großhandel. Die Aufgabe S. 234. Der alte Loko- handel S. 235. Das individuelle Lieferuugsgeschäft (der Kauf nach Probe) S. 237. Die Erfüllung der Bedingungen des Lieferungshandels S. 238. Das generelle LiefernngSgeschäft (der Typenhandel! S. 241. Das börsenusancemäßige Lieferuugsgeschäft (der Terminhandel) S. 243. Wandlungen in der Handelsorganisation: Rückgang des Meß- und Markthandels S. 244. Die heutige Bedeutung der Märkte S. 245. Der Geschäftsreisende S. 246. Tendenz zur Verdrängung des Eigenhandels durch den Kommissionshandel S. 247. Tendenz zur Ausschaltung von Gliedern in der Kette der Händler S. 247. Das Wesen des modernen Eigenhandels S. 250. Der Großhandel am Schlüsse des 19. Jahrhunderts S. 253. II. Der Warenverschleiß (Detailhandel). Seine Stellung zum Kapitalismus S. 254. Starke Vermehrung der Detaillisten S. 255. Tendenzen znr Ausschaltung des Detailhandels S. 256. Konsumvereine S. 257. Wandlungen in der Organisation des Detailhandels S. 258. Der Detailhandel als Handwerk S. 259. Der Absatz der Waren au die letzten Konsumenten wird zn einem Problem S, 261. Eindringen neuer Geschäflsprinzipien S. 262. Reklame uud Kulauz S. 263. Oberster Grundsatz des modernen Detailhandels: „großer Umsatz, kleiner Nutzen" S. 265. Neue Geschttftsformen: Versandgeschäft S. 266, Auktionsgeschäft S. 266, Abzahlnngsgeschäft S. 267. Neugruppierung der Waren in den Verkaufsstätten S. 268; qualitative Differenzierung S. 269; Spezialisierung S. 270; Kombinierung S. 271. Die Kouzentrationstendenz im Detailhandel S. 272. Die Warenhäuser S. 274. Volkswirtschaftlicher Gesamteffekt S. 275. I. Die Eisenbahnen. Die welthistorische Bedeutung der Eisenbahnen S. 277. Zur Geschichte und Geographie der Eisenbahnen in Zehntes Kapitel: Der Handel 234 Elftes Kapitel: Der Verkehr 27? XII Inhalt. Deutschland S. 278. Die Eisenbahnen als Produktive Leistung S. 280, als Werk des Kapitalismus S. 2Z1. Einfluß der Eisenbahnen auf die Entwickelung von Börse und Industrie S. 283. Die Massenver- kehrSleistungen der Eisenbahnen S. 284. Schnelligkeit, Exaktheit, Billigkeit der Eisenbahnen S. 286. II. Der Achstransport S. 287. Der Ausbau des deutschen LnndstraßennetM S. 288. Die Personenpvst S. 289. Die großstädtischen Verkehrsmittel S. 290. Das Frachlfuhrwesen S. 290. Innere Umbildung des Fuhrgcwerbes S. 291. III. Die Binnenschisfahrt. Die Binnenschiffahrt vor dem Beginn deS Eisenbahnzcitalters S. 294. Die Anfänge der kapitalistischen Binnenschisfahrt S. 295. Niedergang der Binnenschiffahrt S. 298. Wiederausschwuug S. 299. Die besonderen Vorteile deS Wassertransportes S. 300. Die Schaffung leistungsfähiger Wasserstraßen S. 302. Die Binnenschiffahrt in ihrer heutigen Gestalt S- 302. IV. Die Schiffahrt. Ihre Organisation zu Beginn des Jahrhunderts S. 305. Die Herausbildung der hochkapitalislischen Seeschiffahrt S. 306. Verschiedener Verlauf der Entwickelung in Nordsee und Ostsee S. 309. Innere Vervollkommnung des Schiffahrisbetriebes S. 310. Die volkswirtschaftlichen Wirkungen der modernen Seeschiffahrt S. 313. V. Die Post. Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Post S. 315. Die Vervollkommnung der Pvstorgauisation S. 316. Telcgraphie und Telephonie S. 318. Schlußbeirachtnng S. 319. Zwölftes Kapitel: Das Gewerbe........ I. Überblick. Die zunehmende Bedeutung der gewerblichen Produktion S. 321. Gründe für die starke Vermehrung der berufsmäßigen Gewerbetreibenden S. 322. II. Die Zurückdrängung des Handwerks S. 325. Die Bedrohung des Handwerks durch den Kapitalismus ist eine allgemeine S. 326. Unterschiede im Zeitmaße der Zersetzung der einzelnen Handwerke S. 329. Unzulänglichkeit der statistischen Methode für die Erkenntnis gewerblicher Entwickelung S. 330. Indirekte Abhängigkeit des Handwerks vom Kapital S. 333. Beispiele: Bäcker S. 334. Bauhandwerker S. 334. Möbeltischler S. 335. Die Ablösung des Handwerks durch Hausindustrien S. 337. Schuhmacherei uud Schneiderei S. 337. Die Konfektionsindustrie S. 338. „Mittelbetrieb" nnd klcinkapitalistische Unternehmung als Erben des Handwerks S. 341. Die Umschichtung des Gewerbewesens durch den Kapitalismus S. 348. Spezialisierung und Kombinierung einzelner gewerblicher Tätigkeiten in großkapitalistischen Unternehmungen S. 344. III. Die Entwickelung der Industrie S. 346. Einströmen des Kapitals in die Industrie, insbesondere die Montanindustrie S. 347. Tendenz zur Kapilalkonzeutratiou und zur Versachlichung des Kapitalverhältnisses S. 349. Die Umschichtung der Bevölkerung Inhalt, XIII Seite durch den gewerblichen Kapitalismus S, 350, Die Fabrik S. 351. Die Manufaktur S. 353. Der Zentralisationsprozeß in der Textilindustrie S, 353, in anderen Industrien S. 356. Vervollkommnuug des Großbetriebes: Tendenz znr Spezialisation S. 357. Tendenz zur Betriebsvergrößerung: Montanindustrie S. 358, Spinnerei S. 360. Tendenz zur Betriebskombination S. 363. Die organische Betriebskombination insbesondere S. 364. Das rasche Emporblühen der elektrischen Industrie S. 365. Die Elektrizittttsgesellschasten als höchste Form des Judustrie- kapitalismus S. 366. Die Tendenz zur Kartellbildung S. 368. Wesen und Bedeutung der Kartelle S. 369. Die Kartelle alS Beförderer höchstkapitalistischer Jndustrieentwicklung S. 372. Dreizehntes Kapitel: Die Landwirtschaft.....374 I. Allgemeines. Kapitalismus und Landwirtschaft. Mannigfaltigkeit: Der Grundzug iu der Eutwickelung landwirtschaftlicher Verhältnisse, weil in der Landwirtschaft die ökonomische Gesetzmäßigkeit entfällt S. 375. Die äußere Struktur der deutschen Landwirtschaft am Anfang und Ende des Jahrhunderts S. 378. Ansätze zur Umbildung der inneren Struktur der Landwirtschaft S. 381. Laugsames Schrittmaß der kapitalistischen Entwickelung in der Landwirtschaft S.383. Die Landwirtschaft widerstrebt ihrer Natur nach kapitalistischer Organisation S. 335. Kapitalismus und Bauerntum S. 387. Eindringen individualistischen Geistes S. 388. Wegfall der gewerblichen Nebenbeschäftigung S. 389. Indirekte Abhängigkeit bäuerlicher Wirtschaften vom Kapital S. 390. Der Wucher auf dem Lande S, 391. Die landwirtschaftlichen Genossenschaften S. 395. II. Betrieb und Leistungen der Landwirtschaft. Die landwirtschaftlichen Betriebe zeigen als Ganzes keine Tendenz zur Vergrößerung S. 397. Molkereigenossenschaften S. 398. Winzergcnossen- schasten S. 399. Keine Tendenz zur Spezialisatiou uud Kombination der landwirtschaftlichen Betriebe S. 401. Die Ausführung der „Agrarreformen" S. 403. Das landwirtschaftliche Vereinswesen S. 405. Das landwirtschaftliche Unterrichtswesen S. 407. Die Fortschritte in der Betriebsgestaltnng der Landwirtschaft: Die Verbesserung der An- bauweise S. 409. Zuckerrnbenkultur S. 410. Fortschritte der Viehzucht S. 411. Volkswirtschaftliches Ergebnis der Vetriebsfortschritte in der Landwirtschaft S. 413. Geringere Steigerung der Produktivität in der Landwirtschaft als anderwärts S. 415. III. Landwirts Freuden uud Leiden. Günstige Konjunktur bis Ende der 1870 er Jahre S. 415. Preisrückgang der meisten Agrar- produktc in den 1830er nnd 1890er Jahren S. 416. Gründe des allgemeinen Preisrückganges S. 417. Wirkungen eines Preisfalles der Agrarprodukte S. 419. Das Wesen der „Agrarkrisis" S. 421. Die Verschuldung unserer Landwirte S. 423. Das Verschuldungsproblem erscheint als das bedeutsamste der Agrarpolitik S. 425. XIV Inhalt. Seite Vierzehntes Kapitel: Die deutsche Volkswirtschaft und der Weltmarkt.............427 Behandlung des Problems einst und jetzt S, 427. Die Bedeutung der internationalen Handelsbeziehungen vor 100 Jahren uud heute S. 428. Die „fallende Exportquote" in der Industrie S. 430. Die Bedeutung der Einfuhr ist für die verschiedenen Produktionszweige verschieden S. 433. Handelsbilanz der Banmwollindustrie vor 60 Jahren und heute S. 434; der Eisenindustrie S. 435. Deutschland ist im 19. Jahrhundert aus einem Ausfuhrlands ein Einsuhrland geworden S. 437. Wie der Kapitalismus Deutschland in ein Einfuhrland verwandelt S. 439. Ist das deutsche Volk fähig, sich aus eigener Bodenkraft zu erhalten? S. 441. Deutschlands Bedarf an answärtigem Bodeu S. 443. Die Handelsbilanz der Ansfuhr- uyd Einfuhrländer S. 445. Die geographischen Beziehungen des deutscheu Außenhaudels S. 446. Ein Urteil über die Aussicht des Handels mit Amerika aus den 1840 er Jahren S. 447. Zusammenfassende Wertung der auswärtigen Handelsbeziehungen Deutschlands S. 449. Viertes Buch. Die Grundzüge der neuen Gesellschaft. Fünfzehntes Kapitel: Wirtschaft und Kultur . . . 4ös I. Masse und Wechsel. Bevölkerungszunahme S. 455. Be- völkerungsagglomeration S. 457. Zunahme des Reichtnms S. 458. Entstehung eines Massenbedarfs und einer kollektiven Bedarfsbefriedigung S. 460. Die Masse als Größe S. 461. Wechsel in Form und Art der uns umgebenden Güterwelt S. 461. Verringerung der naturalen, Vergrößerung der sozialen Unsicherheit S. 463. Auch der Besitz kommt inS Schwanken S. 484. Und auch die Arbeit fällt der Unsicherheit anheim S. 466. Der Ortswechsel als Massenerscheinung S. 467. Zunahme der bewegten Güter-, Nachrichten- nnd Menschenmassen S. 468. Umzüge in den Städten S. 469. Abwanderung in die Städte uud Jndustriebezirke S. 470. Die periodischen Wanderungen: Sachsengängerei S. 470. Die überseeische Auswanderung S. 472. II. Über einige Zusammenhänge zwischen wirtschaftlicher und geistiger Kultur. Die Kulturbasis erfährt eine unerhörte Verbreiterung S. 473. Steigerung der literarischen und künstlerischen Produktion S. 474. Ihre Verbillignng S. 475. Entwickelung eigner Methoden zur Massenverbreitung der Bildung S. 476. Ausdehnung des Unterrichts in allen Formen S. 476. Die Zeitung S. 477. Zunehmende Verbreitung der künstlerischen Kultur S. 477. Das Museum, Inhalt. XV Scit- das Konzert, das Theater S. 478. Zunehmende Herrschaft der Masse über das Individuum S. 479. Der Sieg des toten Stoffs über den lebendigen Menschen S. 48t). Ein künstliches Geschlecht wächst in den Städten heran S. 481. Der Anbruch einer sinnlich-künstlerischen Kulturepoche S. 482. Die Versachlichung der Wissenschaft S. 484. Erseht unsere Zeit auch auf dem Gebiete der Rassenbildung die Qualität durch die Quantität? S. 485. Die Genesis des wurzellosen, abstrakten Allerweltsmenschen S. 485. Die innere Art deS modernen Menschen S. 486. Sechzehntes Kapitel: Beruf und Besitz......489 I. Die Gliederung der Bevölkerung nach dem Berufe. Verschiebungen in dem Anteilsverhältnisse der einzelneu Berufe S. 490. Tendenz zur Vermehrung und Verselbständigung der Berufe S. 491. Die Beziehungen der einzelnen Berussangehörigen zu ihren Berufen werden aus objektiven und subjektiven Gründen loser S. 493. II. Die Eiukommenverteilung in alter und neuer Zeit. Das 19. Jahrhundert bringt den privaten Geldreichtum als Massen- erscheinung S. 499. Dafür fällt eine Gruppe allerärmstcr Einkommensbezieher weg S. 501. Im übrigen ist die Einkommenverteilung dieselbe geblieben S. 592. Trotzdem ist der Wohlstand in allen Schichten beträchtlich gestiegen S. 594. Berichtigung einiger immer wiederkehrender Irrtümer S. 596. Die Eintommenverteilung ist nicht geeignet zur Wertung eines Wirtschaftssystems S. 598. Die bloße Zahl besagt noch gar nichts S. 519. Siebzehntes Kapitel: Die sozialen Klassen .... 512 I. Allgemeines. Die gesellschaftliche Gliederung Deutschlands vor hundert Jahren. Begriff und Wesen der sozialen Klassen S. 512. Unterschied zwischen sozialer Klasse und politischer Partei S. 51S. Adel, Volk und Mittelstand bilden die deutsche Gesellschaft vor hundert Jahren S. 516. II. Bourgeoisie und Proletariat. Die Bourgeoisie noch um die Mitte des Jahrhunderts im Puppeustaude S. 519. Typen der Bourgeoisie S. 529. Die quantitative Bedeutung der Bourgeoisie S. 521. Geringe Geltung der Bourgeoisie im öffentlichen Leben Deutschlands S. 523. Werden und Wesen des echten Proletaricrtums S. 524. Arbeiterelend S. 525. Die moderne Arbeiterbewegung S. 527. Sozialdemokratie und Gewerkschaftsbewegung S. 528. Eine Epoche des Sozialkapitalismus hat begonnen S. 529. Die Stalistik der Proletarischen Existenzen S- 529. III. Handwerker und Junker. Wesen und Bestandteile des Kleinbürgertums alten Schlages S. 533. Die Zusammensetzung der Handwcrkerklasse vor fünfzig Jahren und heute S. 535. Die Deklassierung deS Handwerkertums S. 536. Spielerei mit dem Worte „Mittelstand" S. 537. „Mittelstandspolilik" S. 539. XVI Inhalt. Die Wesenheit der Gentilhommeric S. 539. Die Beziehungen deS Gentilhomme zu seinen Leuten S. 541. Feudaler und bourgeoiser Reichtum S. 542. Das Prestige der Junker in Deutschland S. 544. IV. Schlußbetrachtung. Die Klasscnbildnng im 19. Jahrhundert hat sich nicht vereinfacht, sondern kompliziert S. 547. Wachsende Bedeutung der sozialen Klasse S. 548. Das 19. Jahrhundert endigt mit einem ungeheuren Defizit an idealem Schwung S. 549. Eine Folge davon ist die Verödung des Politischen Lebens S. 551. Anlagen. Anlagen znm neunten Kapitel: Banken und Börsen. 1. Übersicht des deutschen Banknotenwcscns vor der Feststellung des Bank- gesetzeS für das Deutsche Reich............. 555 2. Status der Reichsbank nach fünfjährigen Durchschnittszahlen . . . 5S6 3. Die Organisation des Geld- und Kredithandels in 19 deutschen Großstädten in den Jahren 1858 und 1895 .......... 556 4. Die Kapitalkonzentration in den deutschen Aktienbanken .... 557 5. Die Kapitalkonzentration in den deutschen „Kreditbanken" .... 557 6. Aus dem Geschäftsbericht der Dresdner Bank für daS Jahr 1900 . 558 7. Der Berliner Effektenmarkt 1870 bis 1900 ........ 563 8. Gesamtübersicht über die Beträge der Emissionen von 1890 bis 1900 564 9. Emissionen der Jahre 1897 bis 1900 nach Gruppen unterschieden . 565 10. Gründung von Aktiengesellschaften in Deutschland von 1871 bis 1900 566 11. Gründnng von Aktiengesellschaften in den Jahren 1897 bis 1900 nach Berufsgruppen geordnet.............567 Anlagen zum zehnten Kapitel: Der Handel. 12. Verzeichnis derjenigen deutschen Börsen, an denen im Jahre 1892 ein Terminhandel in Produkten bestand..........568 13. Nachweisung der in den Jahren 1837 bis einschließlich 1839 in Leipzig und Frankfurt a/M. zum Eingang verzollten fremden Meßwaren und der zu den dortigen Messen im freien Verkehr eingebrachten Meßgüter 569 14. Nachweisuug der vvu 1837 bis einschließlich 1839 zu den Messen im Zollvereine gebrachten Güter.............570 15. Die Zahl der Geschäftsreisenden in Deutschland.......571 16. Die Geschäfte zur Aufbewahrung, Lagerung :c. von Waren im Jahre 1882 und 1895 .................. 572 17. Die Speditionsbetriebe im Jahre 1882 uud 1895 ...... 574 18. Vergleichende Statistik des gegenwärtigen EntWickel ungSgrades der Konsumvereine in der Schweiz, Großbritannien, Teutschland und Frankreich. Nach den Zusammenstellungen des I)r. H. Müller . 576 Inhalt. XVII Seite 19. Die Entwickelung der Konsnmvereine in Deutschland..... S76 20. Statistik der Handelsbetriebe 1882 und 189S........ 577 21. Warenhaus A. Wertheim in Berlin........... 578 Anlagen zum elften Kapitel: Der Verkehr. 22. Entwickelung des Eisenbahnnetzes in Deutschland....... 579 23. Die Verkehrsentwickelung auf den deutschen Strömen vom Alisang der 1870 er Jahre bis 1900 ............. 580 24. Die Leistungen der deutschen Wasserstraßen und der deutschen Eisenbahnen in den Jahren 1875 und 1895 .......... 580 25. Organisation der Binnenschiffahrt in den Hauptzentren ..... 581 26. Die Entwickelung der größeren Schiffahrtsgesellschaften..... 581 27. Vergleich einer Anzahl Seefrachtsätze in den Jahren 1874 uud 1896 583 28. Statistik des Schiffsverkehrs in Hamburg und Bremen 1815 bezw. 1846/50 bis 1900 ................. 684 29. Entwickelung des Post- und Telegraphenwesens von 1872 bis 1900 585 30. Die Entwickelung des Telephonwesens 1831 bis 1900 ..... 585 Anlagen zum zwölften Kapitel: Das Gewerbe. 31. Roheisen- und Stahlproduktion auf der Erde in den Jahren 1880 bis 1900.................... 636 32. Die wichtigsten Zweige des früheren Handwerks im Jahre 1882 und 1895 587 33. Die Zahl sämtlicher Handwerker, die in den alten preußischen Provinzen in den Jahren 1834 und 1895 ermittelt wurden......vor 587 34. Die deutschen Aktiengesellschaften in der Sphäre der gewerblichen Produktion im Jahre 1900 .............. 588 35. Verteilung der Gewerbetreibenden auf die Betriebsgrößen 1882 und 1896 .................... 692 36. Die Entwickelung der Montanindustrie von 1871 bis 1900 , , . 594 37. Zur Statistik der Spinnerei und Weberei im Jahre 1846 ... 596 38. Entwickelung der Betriebsgrößen während der Jahre 1882 bis 1895 in den einzelnen Zweigen der Textilindustrie........ 593 39. Die wichtigsten Zweige der Hausindustrie......... 600 40. Wirkungskreis und Organisation eines modernen großen Montanwerkes 601 41. Aus dem Jahresbericht der Allgem. Elektrizitätsgesellschaft über das Geschäftsjahr 1. Juli 1900 bis 30. Juni 1901 ....... 603 Anlagen zum dreizehnten Kapitel: Die Landwirtschaft. 42. Die landwirtschaftlichen Betriebe in den einzelnen Landesteilen nach Größenklassen am 14. Juni 1895 ............ 608 43. Besitzstatistik der östlichen preußischen Provinzen....... 615 44. Umfang und Verteilung der Fideikommisse Ende 1899 ..... 615 45. Zahl und Fläche der landwirtschaftlichen Betriebe nach Größenklassen im Jahre 1895 und 1882 .............. 616 46. Zahl und Umfang der landwirtschaftlichen Besitzungen des Königreichs Preußen um die Mitte des 19. Jahrhunderts .... 617 W XVIII Inhalt. Scitc 47. Die Verbreitung des Pachtverhältnisses bei Gütern mit einer Wirt- schastsfläche von 200 bis 1000 da........... 618 48. Der Viehbestand 1882 und 189S und seine Verteilung auf die verschiedenen Betriebsgrößen............... 619 49. Die Steigerung der Ernteerträge im neunzehnten Jahrhundert . . 620 50. Die Vermehrung des Viehbestandes von 1860 bis 1300 .... 622 51. Statistik der Preise für Agrarprodukte im neunzehnten Jahrhundert 623 52. Besitzwechsel einer Anzahl Rittergüter in den Jahren von 1835 bis 1864..................... 626 53. Reinertrags- und Grundrentenstatistik.......... 627 54. Ländliche Verschuldungsstatistik für das Königreich Preußen . . . 630 Anlagen zum vierzehnten Kapitel: Deutschland und der Weltmarkt. 55. Die Entwickelung des Welthandels von 1830 bis 1900 .... 633 56. Der deutsche Außenhandel vor sechzig Jahren........ 634 57. Der deutsche Außenhandel in der Gegenwart........ 637 58. Handelsbilanz der Eisenindustrie im Durchschnitt der Jahre 1898 bis 1900 .................... 641 59. Statistik der preußischen Einkommensverhältnisse.......642 60. Statistik der deutschen Gewerkschaftsbewegung........645 Erstes Buch. Bilder aus dem deutschen Wirtschaftsleben vor hundert Jahren. Tombart, VollZwirtschaft. 1 ^ Erstes Kapitel. Eine Keift durch Deutschland vor hundert Jahren. I. Wie man reiste. Das Reisen war Anno dazumal keine so einfache Sache wie hente. Wer nicht zn Fuß durch die Lande ziehen wollte, was der rüstige Wanderer, dem es nicht allzusehr auf die Zeit ankam, auch meistens vorzog, der mußte entweder bestiefelt und bespornt zu Pferde steigen oder er mußte den eigenen Klepper vor das Reisewägelchen spannen uud selbst kutschieren oder endlich, wem alle diese Möglichkeiten der Translokation verschlossen waren, dem blieb das äußerste: die Postkutsche. Und dieses Beförderungsmittel stellte wiederum nicht unerhebliche Anforderungen an die seelische uud körperliche Beschaffenheit derer, die sich seiner bedienten. I. N.Hecht, der Bädecker jener Zeiten, rechnet zu den Erfordernissen eines „ordentlichen Passagiers" in erster Linie gute Leibes- koustitution und christliche Gednld. Namentlich galt es Wohl letztere zu üben. Und wer sie nicht hatte, konnte sie auf eiuer längeren Postfahrt nach Ansicht kompetenter Beurteiler recht Wohl erwerben. „Wer keine Frau hat, folglich die Gednld weniger kennt," meinte einer der meistgereisten Männer jener Zeit (der Verfasser der „Papiere eines lachenden Philosophen"), „reise auf mein Wort nach dem Norden," nämlich von Deutschland, der bei den Reisenden besonders verrufen war. Etwas besser reiste man in Süd- deutschlaud und namentlich über die Zustände in den österreichischen Landen urteilte man weniger ungünstig. Insbesondere war der Postdicnst exakter drüben an der Donau. Wie doch die Zeiten sich ändern! 1* 4 Eine Reise durch Deutschland vor hundert Jahren. Und die vielen Klagen über die Mühseligkeit des Reifens, die nns aus jedem Reisebericht der Zeit entgegentönen (und es gibt deren fast soviel in Buchform wie heute in feuilletvuistischer Gestaltung „Reisebriefe"), erscheinen nur allzubegreiflich, weim wir uns die Bedingungen auschanen, unter denen das Reisen von statten ging. Die Wege! Dn meine Zeit! War das eine Not! Nnr auf ganz wenigen Strecken Chausseen oder gepflasterte Straßen. Im ganzen Königreich Preußen waren 1816 erst 523^ Meilen Chansseen vorhanden (hente mehr als 10 000 Meilen auf demselben Gebiet); davon drei Fünftel in Westfalen und Rheinland, während die Provinzen Pommern und Poseu überhaupt noch keine Chaussee hatten, Preußen immerhin schon 1 Meile. Die Regel also: Sand, Lehm, Rasennarve, das heißt Staub im Sommer, Morast im Winter; tiefe Löcher; Stnbben nnd Steine an allen Orten. Daher Berichte über Berichte von fteckengebliebenen Wagen, gelegentlich sogar von Postknechten, die im Sumpfe erstickt waren. Oft genug wollte man die Wege gar nicht bessern. Die Posten und Frachtzüge sollten langsam durch eiu Gebiet ziehen, damit Gastwirte und Handwerker recht viel an ihnen verdienten. Und der Wege waren die Wagen würdig. Die Postkutschen waren eines der beliebtesten und ausgiebigsteu Witzobjekte für den geistreichen Zeitungsschreiber jener Tage. Es lohnte wohl eine nen-germanistische Doktorarbeit, in der die zahlreichen Stellen aus der zeitgenössischen Literatur zusammeugetrageu würden, die a) in witug-hnmorvoller, d) in gallig-ärgerlicher Weise von den Unzulänglichkeiten der Postwagen ihrer Zeit handeln. Ich erinnere nnr an Lichtenberg: „Sie streichen die Postwagen (es waren offenbar die Taxisschen gemeint) rot an, als die Farbe des Schmerzes und der Marter, und bedecken sie mit Wachslinnen, nicht, wie man glaubt, um die Reisenden gegen Sonne uud Regen zu schützen (denn die Reisenden haben ihren Feind unter sich, das sind die Wege und der Postwagen), sondern aus derselben Ursache, warum man denen, die gehenkt werden sollen, eine Mütze über das Gesicht zieht: damit nämlich die Umstehenden die gräßlichen Gesichter nicht sehen mögen, die jene schneiden." Ludwig Borne aber schrieb noch am Beginn des dritten Jahrzehnts des neun- „Monographie der dewlschcn Popjchiiecke." 5 zehnten Jahrhunderts seinen klassischen „Beitrag Zur Naturgeschichte der Mollusken und Testaceen". die „Monographie der deutschen Postschnecke", worinnen er sagt: „Über Postwagen habe ich schon auf früheren Fahrten die besten satirischen Einfälle gesunden, doch sie alle wieder verloren. Mein Jdeenmagazin ist zu klein und gibt mir keinen Platz, um Gcdankenernten, die ich gleich verzehre und niederschreibend verarbeite, aufzuspeichern. Gedanken über Postwagen konnte ich aber nie gleich ausschreiben, da der Stosz dieser mit dem Anstoße zu jenen immer zusammenfiel." Aber einen schier unerschöpflichen Born für allerhand Witz und Zatire bildete das Tempo, in dem man mit der Post befördert wurde. Wer sich darüber unterrichten will, studiere die obgenannte Abhandlung Ludwig Bornes, in der sehr viele hübsche Geschichten erzählt sind. Die damaligeil Journalisten trieben ihr Fach noch gründlich und mit vielem Eifer. So fehlt es denn der „Monographie" unseres Gewährsmanns auch nicht an „statistischem Material"; der Autor selbst übersetzt Statistik des Postwagens mit „Stillstandslehre". Hier der Kursbericht einer Fahrt von Frank fürt nach Ztuttgart. Die Fahrzeit betrug 40 Stunden; die Aufenthalte waren diese: Stunden Minuten n Zprendingen . — 12 , Langen . . . . — 50 , Darmstadt . . . — 45 , Bickenbach . . . — 30 , Heppenheim. . 1 15 , Weinheim . . . — 30 , Heidelberg . . . 0 15 , Neckargenumd . 1 15 , Wiesenbach . . . — 12 . Sinzheim . . . — 15 , Fürfeld . . . . — 30 , Heilbronn . . >'> 10 , Besigheim . . 1 5 , Ludwigsbnrg 1 — Zumma: 14 Stunden 44 Minuten. '! Eine Reise durch Deutschland vor hundert Jahren. Daß Börne nicht geflunkert hat, ersehen wir aus zahlreichen andern Berichten, die mit dem seinen übereinstimmen, und ans den Kursbüchern. Von Berlin nach Leipzig fuhr man anderthalb Tage, nach Breslan vier Tage, nach Königsberg eine Woche lang. Und daß alles in allem es von Berlin aus nicht anders sich reiste als von Frankfurt a/M. aus, mögen Sie noch aus folgender Schilderung ersehen, die sich in den Jugeuderinnerungen Ludwig Rellstabs findet: „Man reiste in jener Zeit freilich etwas anders als jetzt. — Mit der ordinären Post (damals der gestempelte Ausdruck) fuhren wir von Berlin ab. Ein, was schon sybaritischer Luxus bei der ordinären Post war, bedeckter Wagen nahm uns auf. Die Sitze und Lehnen gepolstert, mit glattem Leder überzogen, der Wagen ohne Federn, zugleich in seinein Innern, im Hintergründe, viele Gepäckstücke enthaltend, die mit zum Anlehnen benutzt wurden. (Auf Nebenstraßen gab es meist nur halb oder ganz unbedeckte Wagen.) Man saß nicht allzn weich, doch für einen so jungen Reiselustigen, wie mich, wundervoll, und das starke Stoßen nnd Schütteln war mutmaßlich gesüuder als die jetzige nervenbetäubende Zitterbewegung des Eisenbahncoupes. Einige Frist, Land und Leute kennen zu lernen, hatte man auch. Selten wurde im mäßigen Trabe gefahren, nnr ans ganz ebner Chanssee; bei geringen Er- hebnngen der schwerfälligste Schritt. Die Fahrzeit bis Zehlendorf — wir nahmen unsern Weg über Potsdam nach Witten- berg — war drei Standen; dort anderthalb Stunden Aufenthalt, weil auf jeder Station alles Gepäck gezählt und somit der ganze Postwagen umgeladen wurde. Daher gelangten wir denn, morgens um 8 oder 9 Uhr ausgefahren, auch am späten Abend schon wohlbehalten nach Belitz, dem Städtchen drei Meilen hinter Potsdam." So konnte die Idee aufkommen, den Reisenden Wartegelder auszufolgen und nicht die Leidtragenden, sondern die Leichen selbst ans hochfürstlich Thurn- und Taxisscheu fahrenden Postwagen zum Begräbnisse zu führen, „damit sie Zeit gewönnen, aus dem Scheintode zu erwachen, da, wenn in der Asche des Lebens nur noch ein Fünkchen glimmt, das Rütteln des Wagens es zur Flamme anfachen müsse." -^SNMS»«»»ö»sx^'»»« ^v^VW^SHW? Zvll- und Lktroiplackereien, Was das Schneckentempo verschuldete, war nicht mir, wie Borne meinte, die Erwägung, daß der plötzliche Wechsel der Schritte von langsamen zu geschwinden und umgekehrt den Pferden schädlich sei, weshalb mau, da man in Städten und Dörfern lang-' sam zu fahren verpflichtet fei, auch auf der Landstraße den langsamen Schritt beibehalte. Es gab auch uoch triftigere Gründe. Der unwegsamen Wege wurde schou gedacht. Daun aber mußten die unausgesetzten Zoll- und Oktroiplackereien viel Zeit wegnehmen. Ende des achtzehnten Jahrhunderts wurden beispielsweise zwischen Dresden und Magdeburg noch 16, von Wertheim bis Mainz 7 Zölle erhoben und ähnlich war es aller Orten. Man wolle sich erinnern, daß bis 1803 sich noch über 300 Fürsten und Herreu iu die deutschen Lande teilten, die dann erst auf 38 zusammenschmolzen. Aber auch diese „achtunddreißig Monarchen" betrachteten Land oder Ländchen des Nachbarn noch (wie es in moderner Terminologie heißen würde) als „Zollausland" und der Schlag- bänme gab es auf deu deutschen Straßen fast so viele wie heute Telegraphenstangen. „Dagegen beschränken aber die Deutschen sich selbst um so mehr", klagt im Jahre 1819 Friedrich List. „Acht- nnddreißig Zoll- uud Mautlinien in Deutschland lahmen den Verkehr im Innern, und bringen ungefähr dieselbe Wirkung hervor, wie wenn jedes Glied des menschlichen Körpers unterbunden wird, damit das Blut ja nicht in ein anderes überfließe. Um von Hamburg nach Österreich, von Berlin in die Schweiz zu handeln, hat mau zehn Staaten zu durchschneiden, zehn Zoll- und Maut- ordnungen zu studieren, zehnmal Dnrchgangszoll zu bezahlen. Wer aber das Unglück t)at, auf einer Grenze zu wohnen, wo drei oder vier Staaten zusammenstoßen, der verlebt fein ganzes Leben mitten unter feindlich gesiuuteu Zöllnern und Mautnern; der hat kein Vaterland. Trostlos ist dieser Zustand für Männer, welche wirken und handeln möchten; mit neidischen Blicken sehen sie hiuüber über den Rhein, wo ein großes Volk vom Kanal bis an das mittelländische Meer, vom Rhein bis an die Pyrenäen, von der Grenze Hollands bis Italien auf freien Flüssen und offenen Landstraßen Handel treibt, ohne einem Mautner zu begegnen." 8 Eine Reise durch Deutschland vor hundert Jahren. Und der geplagte Reisende, der mehrere dieser souveränen Reiche durchquerte, hatte nicht nur unausgesetzt sich mit den Zollwächtern herumzuschlagen: was ihu zur Verzweiflung bringen mußte, waren die Plackereien mit den hunderterlei Münzeu, die es immerfort zu wechseln galt. Wer sich für die bunte Welt der deutschen Numismatik im Anfange des neunzehnten Jahrhunderts interessiert und nicht irgend ein langweiliges Fachbuch nachschlagen mag, den verweise ich auf die Kapitel in dem noch heute stellenweise lesbaren Buche des schon genannten „in Deutschland reisenden Deutschen". Sie finden sich im vierten Bande seiner gesammelten Werke. In Summa: Kein Wunder, wenn der nervöse Reisende 5. 1a Borne, der einige Tage solcherweise gemartert war, ausrief: „ich möchte aus der Haut fahren, Ware nur eine Öffnung groß genng, mich durchzulassen, da ich ganz geschwollen bin vor Wut." Und auch wenn er ausruhte von den Strapazen und nicht gerade bei guten Freunden einkehrte, hatte er nicht viel Erfreuliche? zu erfahren. Gasthäuser uud Herbergen waren höchst dürftig. Ich erinnere mich aus der Reisebeschreibung eines braven Landpastors, der in Halle ein Paar Tage blieb und aus dem Schimpfen über schlechte Verpflegung nicht herauskommt: wie er es besonders unangenehm empfindet, daß die Zimmer seines Gasthofs unmittelbar auf den Richtplatz hinausgehen, auf dem in Entfernung von wenigen Schritten die Letztgehänkten noch im Winde baumeln. Sodaß mau es vielfach vorzog, nachts zu reiseu; wohl mehr als heute, schon wegen der längeren Reisedauer. „Wir fuhren allein im dunklen Postwagen die ganze Nacht." Aber freilich: man erlebte auch mehr auf einer solchen Reise. Sie war selber ein Erlebnis. Man nahm langsam die Eindrücke auf; bewegte, was man beobachtete, in seinem Innern, und statt im Depeschenstil auf Ansichtspostkarten berichtete man an die Lieben daheim in ausführlichen Briefen; statt Dreispalten-Feuilletons im „Tag", flüchtig im V-Zuge hingeworfen, legte man nach einigen Monaten der Sammlung seilte Erfahrungen in einem stattlichen Bande nieder. Heute schreibt einer ein Buch höchstens über eine Reise durch Sibirien oder Asrika. Ans der damaligen Zeit haben Die Reise ein Erlebnis. !> wir ganze Reihen von Bänden mit Beschreibungen einer Reise nach Rügen; von Berlin nach Dresden; Wanderungen in Brandenburg oder sonst einem eng umschriebenen Fleckchen von Deutschland. Das brachte die Technik der Nachrichtenbeförderung und der Nachrichtenpublikation so mit sich. Wie innig aber empfand der Reisende die Natur, durch die er fuhr oder ritt oder wanderte! Wie nahe war sein Verkehr mit Leuten aller Stände! Ein hübsches Stimmungsbild gibt eine Stelle in Johann Friedrich Zöllners „Reise dnrch Pommern" (1797): „Bis hierher fuhren wir die Nacht hindurch uud wurden dicht vor dem Dorfe aus unserem Morgenschlummer sehr augeuehm durch die Empfindsamkeit (ein beliebtes Wort in jener Zeit, man denke au Zimmermann!) unseres Postknechts geweckt. Neben dem Amtshause steht eiu Turm mit einem Gemäuer von antikem Ansehen. Diesem gegenüber hielt der Ehrenmann still und blies ein hübsches Stückchen auf seinem Horn. Von dem Gemäuer her wiederholte das Echo jeden Satz seines Stückchens vollständig und deutlich. Er wechselte mit kürzeren und längeren Abschnitten und beobachtete die Zeit, welche der Widerhall nötig hatte, so richtig, daß wir die seltene Schönheit dieses Echos ganz genossen. Vorzüglich freut's mich, daß er bei dem allen kein Wort sprach, um sich unseres Beifalls zu versichern, sondern sich seinem Gesühle und uns dem unsrigen ganz überließ. Auch beobachtete er eine gewisse Steigerung, die mich überzeugte, daß er viele Versuche angestellt haben müsse, ehe er sich selbst genug tat; und nach etlichen Minuten suhr er schweigend und langsam der aufgehenden Sonne entgegen. Als wir ihm beim Abschied sein Trinkgeld für diese Szene erhöhten, sagte er mit einem zufriedenen Lächeln: „Ja, es ist ein herrliches Echo!" -i- II. Was man auf einer Reise erlebte. Ich denke mir nnn, liebe Leserin, daß wir zusammen zu wiederholten Malen in der geschilderten Weise durch die verschiedenen l>> Eine Reise durch Deutschland vor hundert Jahren. Gaue des deutschen Vaterlandes gewandert, geritten und gefahren sind: empfindsamen Gemütes und offenen Auges für alles, was sich dem Schanenden darbot. Nicht also wie Madame de Stasi, die eigentlich nichts von Deutschland sah, desto mehr aber las und hörte, und darum natürlich die Hauptsache nicht erfuhr. Ich stelle mir weiter vor, daß wir unsere Eindrücke zunächst einmal ganz oberflächlich dnrch eine Niederschrift festleget?, so wie sie uns gekommen sind, höchstens belebt und verstärkt durch einige Angaben, wie sie die üblichen geographischen Handbücher bieten; und daß wir erst, wenn wir zu Hause wieder hinter dem wärmenden Ofen sitzen, die Neiseeindrücke ordnen und durch ein gründliches Studium volkswirtschaftlicher Werke zu vertiefen suchen. Wir werden dann sehen, ob wir gut beobachtet haben. Daß wir unsere Reise mit einem ausgesprochenen Interesse für die ökonomischen Dinge und was damit engstens zusammenhängt unternehmen, versteht sich wohl von selbst. Sonst müßten Sie sich schon einem Naturforscher oder Literaten oder einem Antiquar anvertrauen, was Sie aber gewiß nicht mögen. Mochte das Reisen mühevoll sein: langweilig war es gewiß nicht. Und wenn man sich die Zeit durch Zeituuglesen wie heute nicht vertreiben konnte, so brauchte man's auch uicht. Denn schon ans der Landstraße spielte sich in halbwegs bevölkerten Gegenden ein buntes Leben ab. Da hatte zunächst das Reisen selber eigenartige Industriezweige erzeugt; allen voran den Bettel, der namentlich nach den Feldzügen in den 1820 er und 1830 er Jahren sehr beträchtlich anwuchs. Bettel in allen Formen, oft auch mit allerhand Schaustellungen und Darbietungen durchsetzt. Etwa wie heute, wenn man von Neapel nach Pompeji führt. Aber auch so vieles Volk, das seiueu Geschäften nachhängt, treffen wir auf der Landstraße an: „Hier geht Der sorgenvolle Kaufmann und der leicht Geschürzte Pilger — der andächt'ge Mönch, Der düstre Räuber und der heitre Spielmann, Der Säumer mit dem scliwer belad'uen Roß, Der ferne herkommt von der Menschen Ländern, Denn jede Straße führt ans End' der Welt!" Leben auf der Landstraße. — Die Landschaft. I l Und auf den Hauptstraßen vor allein die schweren Lastwagen, mit Planen bedeckt, oft iu langen Zügen einer hinter dem andern. Zwischendurch den flinken Handwerksburschen und den von Dorf zu Dorf ziehenden Hausierer mit seinein Pack ans dem Rücken. Sie fragen, was die eigentümlichen hölzernen Gestelle zu bedeuten haben, die neben der Landstraße aufragen uud ihre Arme gespenstig in die Nebel emporstrecken. Es ist der optische Telegraph, den Sie beobachtet haben. Hier die näheren Angaben darüber nach Geistbeck: Erst dem französischen Ingenieur Claude ChaPPe (1792) gelang es nach mehrjährigen, von seinen Brüdern unterstützten Versuchen, brauchbare optische Telegraphen herzustellen. Ihr Wesen bestand darin, daß drei Balken an einem weithin sichtbaren Orte an ein Gestell derartig befestigt waren, daß sie, in Vielsachen Kombinationen zusammengestellt, eine große Zahl bestimmter Zeichen geben konnten. Die Beobachtung und Nachbildung eines Zeichens erforderte unter günstigen Umständen 20 Sekunden. Von Toulon nach Paris (etwa 300 km) brauchte ein Zeichen 20 Minuten. Die erste derartige Linie wurde 1794 zwischen Paris und Lille vollendet. Nach uud nach aber wurden in Frankreich Linien von S000 km Länge hergestellt, die sämtlich in Paris zusammenliefen. Andere Länder folgten bald mit ähnlichen Einrichtungen, so England, Schweden, Dänemark, Preußen u. s. w. Die bedeutendste derartige Telegraphenlinie in Deutschland war die von Berlin nach Köln. Der optische Telegraph litt übrigens an dem Fehler so vieler Menschen: er versagte in dem entscheidenden Momente; bei Nacht und Nebel, Regen und Schnee war natürlich eine Beförderung von Nachrichten unmöglich. Bunt wie das Bild, das sich ans der Landstraße selbst bot, war die Landschaft ringsumher, durch die die Reise giug. Und so ganz anders als heute. Noch, mochte ich sagen, naturwüchsig, zufällig entstanden, mit allen Unregelmäßigkeiten einer empirischen Kultur behaftet. Noch führt der Weg zwischen unregelmäßig gepflanzten Baumreihen hindurch, durch malerische Hohlwege hin, in die der blühende Schlehdorn hineinragt-, dnrch Bäche und Flüsse oder über halb- 12 Eine Reise durch Deutschland vvr hundert Jahren. zerfallene Brücken, aus deren Quadern Moos uud Gräser wachsen. Die Landschaft ist oft durchsetzt mit Sumpf und Moor, aus denen heraus die Frosche quaken oder die Rohrdommel ihren Rus ertönen läßt. Oft genug unterbricht ein Steinbruch, eine Sandgrube das Einerlei; und am Rande des Weges steht ein Busch, in dessen Schatten der Wanderer rasten kann, oder mitten im Felde ein Hag, in dessen Sträuchern die Singvögel nisten. Die Heckenrose aber schlingt ihre Zweige um altes Gemäuer, ovu dessen Ursprung niemand weiß, und dessen Zweck von niemand gekannt wird. Es hat noch so vieles in der Landschaft „keinen rechten Zweck"! Eine Eigenart, die dem Reisenden aussallen muß, ist der Reichtum an Heide- und Weideland und Herden. Nicht nur mächtige Schafherden begegnen dem Wanderer auf Schritt und Tritt: ebenso oft stößt er auf Herden von Gänsen, Schweinen, Ziegen, auf weidende Pferde uud Niuder. Die Ackerflur sieht wie ein Schachbrett aus: iu winzig kleinen Streifen liegt Ackerloos neben Ackerlovs, nur daß alle aneinander- grenzenden Streifen die gleiche Frucht tragen oder gleicherweise unbestellt geblieben sind. Was das Bild der Feldflur in der Sommerszeit zu einem besonders buuten macht, sind die vielen blauen Flecke, mit denen die wogenden Kornselder durchsetzt sind: die Flachsbeete. Und viel häufiger als heute uimmt ein Wald den Wanderer in seinen Schatten auf. Die uralten Baumriesen sind noch nicht gefällt; das Unterholz wächst noch wild durcheinander mit allerhand „nutzlosen" Sträuchern, den „Forstunkräutern", wie man die malerischen Schädlinge heute uennt. Der Wald spielt noch eine ganz andere Rolle im Leben des Volkes, das ihn mit seinen Sagen und Märchen bevölkert und ihn oft als einzige Quelle des Lebensunterhalts betrachtet. Die alte deutsche Kultur, wie sie am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts noch in den Grundzügen erhalten ist, war recht eigentlich dem Walde entsprossen; der murmelnde Bach, der rauschende Eichbaum sind die Sinnbilder des deutschen Gcmütslebens, das just in jenen Tagen, in denen wir im Geiste die deutschen Lande durchstreifen, die wundersame „blaue Blume" der Romantik trieb. Das Sinnige, das Zarte, das Schaudervolle, Tie alte, deutsche Kultur eiue Waldentsprossene. 13 der tiefe Zug zur Sentimentalität und was sonst nvch den Deutschen von allen andern Nationen unterscheidet: im Walde hatte es seinen Urgrund, in dem ungepflegten, wildgewachsenen Walde, in dem die Vögel im Frühjahr in den Büschen sangen, in denen die Nebel im Herbste über die Lichtungen zogen. Aber im Walde wurzelte auch die materielle Kultur der nordischen Länder, ehe denn das Eisen und andere unorganisierte Materie eine neue Kultur ins Leben riefeu. Das mußte schon dem deutlich zum Bewußtsein kommen, der aufmerksam durch die Lande zog. Allerorts stieß er auf kleine Leute, die Reisig, Beeren, Streu und andere Erzeugnisse des Waldes sammelten. Die Schweine des kleinen Mannes suchen die Eicheln als Futter, seine Kuh und seine Ziegen grasen am Waldesrande. Aus den Holzbeständen aber nimmt er das Material für die gewerblichen Erzengnisse, die er ans Messen und Märkten feil hält: allerlei Schaufeln und andere Geräte, Bütten, Pantinen, Schnitzwerk vielerlei Art Und anch dem Handwerker in der Stadt liefert der Wald den meisten Rohstoff: die Lohe und das Holz. Hölzeru war denn auch die Kultur unserer Vorfahren. Holz die Feuerung; aus Holz die Häuser, aus Holz die Brücken und Stege, aus Holz die tausend Gebrauchsgegenstünde des täglichen Lebens, bei deren Herstellung namentlich der Böttcher beteiligt war, und die wir heute oft nur dem Namen nach kennen: die hölzerne Badewanne, die hölzernen Milch- uud Bierkauueu, das hölzerne Waschfaß, der hölzerne Wassereimer, die hölzerne Feuertonne, die hölzernen Pökel- und Biersässer. Victor Hehn hat schon einmal in seiner geistreichen Art den Artuuterschied zwischen Süden und Norden auf den Gegensatz von Stein und Holz zurückgeführt. Und sicherlich war dieser Gegensatz für die Zeit vor hundert Jahren noch mehr entscheidend als hellte in einer Zeit, die alle nationalen und lokalen Unterschiede zu verwischen im Begriffe ist. Wie sehr aber die ganze materielle Kultur damals auf dem Walde ruhte, das mußte sich dem Beobachter noch deutlicher einpräge», wenu er die Wahrnehmung machte, daß auch zahlreiche gewerbliche Erzeugnisse, die nicht aus Holz selbst hergestellt wurden, doch des Holzes zu ihrer Anfertigung benötigten: allen voran das z ! Eine Reise durch Deutschland vor hundert Jahren. Eisen das man vermittels der Holzkohle aus den Erzen schmelzte und ebenso weiter verarbeitete, dann das Glas, das Porzellan u. a. Viel mehr als heute müssen wir uns industrielle Anlagen (kleinen Umfangs) über das Land zerstreut, aber namentlich inmitten des Waldes, am rauschenden Waldbach (dessen Kraft man nutzte, ehe der Dampf seine Alleinherrschaft errang) gelegen denken. Wir haben eine hübsche Schilderung eines solchen idyllischen Eisenwerks aus jener Zeit, die Sie, verehrte Freuudiu, sicherlich oft zitiert habeu, ohne darauf zu achten, daß uns in ihr das typische Bild der alten Eisenindustrie überliefert ist: „Des Wassers und des Feuers Kraft Verbündet sieht man hier; Das Mühlrad, von der Flut gerafft, Umwälzt sich für und für; Die Werke klappern Nacht und Tag, Im Takte pocht der Hammer Schlag, Und bildsam von den mncht'gcn Streichen Muß selbst das Eisen sich erweichen." Aber auch wenn wir in ein Dorf einfahren, vernehmen wir von gewerblicher Tätigkeit noch mehr als heute: wir sehen die Bäuerin spinneu, hören das Weberschiffchen klappen, finden den Bauern hinter Hobelbank und Schraubstock oder an der Lohgrube beschäftigt und Schuster und Schneider bei den Bauern zu Gaste. Unsere Studien werden uns belehren, daß diese Wahrnehmungen nicht auf Täuschung beruhten, auch keine zufälligen gewesen waren. Und die Dörfer selbst, wie schauten sie aus? Das wäre ein interessantes Kapitel für sich, davon zu erzähleu, aber es würde doch wohl allzu laug ausfallen. Denn was das Eigenartige jener früheren Zeit ist, sind gerade die Unterschiedlichkeiten in der Anlage der Dörfer und iu der Bauart der Häuser. Eiu wenig ist ja davon auch heute noch erhalten: der Niedersachse und der Oberbayer siedelt in einzelnen Höfen, der Schwabe, der Thüringer, der Schlesier und andere Stämme wohnen in Dörfern zusammen, heute wie damals. Aber doch sind die charakteristischen Typen der Häuser mehr und mehr verschwunden: Stroh und Schiudeln sind durch Ziegel und Schiefer verdrängt, und das Stadthaus erobert Dorfthpen. Dorfähnlicher Charakter der kleineren Städte. 15 sich auch die Dörfer. Vor hundert Jahreil können wir die Kultur- zoncn, die Stammesgebiete, die SiedelungSgrenzen scharf nach dem Typus der Bauernhäuser unterscheiden, die im niedcrsächsischcn im alemannischen und im thüringischen Hause ihre prägnantesten Formen ausweisen. Wollen Sie sich über diese Dinge näher unterrichten, verehrte Freundin, so finden Sie den erwünschten Aufschluß in einem Bliche Friedrich von Hellwalds, Haus und Hof (1. Aufl. 1888). Und daß in diese lokal gefärbten Häuser- typeu der früheren Zeit die landschaftlich verschiedenen Volkstrachten gehören, versteht sich von selbst. Über sie werden Sie schon mehr wissen, als ich Ihnen sagen könnte. Kleinere Städte gab es eine ganze Menge; ich werde Ihnen später einige Ziffern mitteilen. Aber was viele von ihnen von größeren Dörfern unterschied, war oft nur die andere Verwaltung. Wirtschaftlich trugen zumal die kleineren unter ihnen alle noch einen halb ländlichen Charakter; d. h. die Bevölkerung lebte zum gnteil Teile von Landwirtschaft und Gartenbau. Wir würden heute sagen: die meisten waren Landstädtchen, etwa nach Art des Städtchens, in dem die Eltern Hermanns ihren Gasthof hielten. Sie erinnern sich gewiß der Schilderungen aus „Hermann und Dorothea" und nicht zuletzt der Verse: „Heil dein Bürger des kleinen Städtchens, welcher ländlich Gewerb und Vürgererwcrb paart." Da haben Sie den Typus der kleineren und Wohl auch vieler mittleren Städte jeuer Zeit! Meine Absicht ist, den Leser möglichst wenig mit Zahlen zu Plagen. Trotzdem werden Sie hie und da einigen „statistischen Allgaben", wie wir das in unserer geschraubteil Amtssprache uennen, nicht entgehen können; ich will aber versuchen, immer nur Ziffern mitzuteilen, die auch dein nicht verbildeten Verstände auf deil ersten Blick einleuchten. Also höreil Sie: Im Anfang des Jahrhunderts (1802/1803) wurden in den Städten des preußischen Staates noch 63 486 Scheunen (und Packhäuser) ermittelt. Sie sehen: das läßt auf ausgedehnten Landwirtschaftsbetrieb der Städter schließen. Ferner gab es in den damaligen Städten noch 14 088 „wüste Stellen". Beispielsweise gab es in den Städten Ni Eine Reise durch Deutschland vvr hundert Jahren. des Breslauer Departements noch 4 400 Scheunen und 5 492 Stallungen, in denen des Glogauer 1 796 Scheunen und 4 074 Stallungen u, s. f. So darf es uns denn anch nicht in Erstaunen setzen, wenn wir erfahren, daß die Städte im preußischen Staate in den Jahren 1801/2 noch 10,5 Millionen Taler aus dem Ackerbau und beinahe 7 Millionen Taler aus der Viehzucht gewannen. In den kleineren und mittleren Städten dominierte das Fachwerkhaus uoch durchaus; im ganzen preußischen Staate gab es im Anfang des Jahrhunderts erst 24 643 massive Häuser von insgesamt 1 454 475 Häuseru oder Feuerstelleu, d. h. etwa 17 vom Tausend. Aber auch das Stroh- und Schindeldach war, namentlich im Osten der Elbe, keineswegs schon in den Städten völlig aus- gestvrben. So wurden beispielsweise in den Städten des Posen- schen Departements neben 1350 Häusern mit Ziegeldächern 20 393 Hänser mit Stroh- und Schindeldächern gezählt; in den Städten des Breslauer Departements betrugen jene 7 425, diese 20 342, und selbst im Paderbornschen wiesen die Städte noch 1588 Stroh- und Schindeldächer neben 3 443 Ziegel- und 204 Schieferdächern auf. Aber auch in den größeren nnd größten Städten sah es noch viel weniger „städtisch" aus als heute. Die meisten deutschen Städte hatten sich im Anfang des Jahrhunderts über ihren Umfang, den sie im späteren Mittelalter erreicht hatten, kaum erweitert. Jedenfalls lagen außerhalb der alteu Stadtmauern, die noch größtenteils standen, nur zerstreute Häuser inmitten von Gärten und Feldern. Ja, Gärten und Felder reichten hänfig genug bis in die Mitte der Stadt hinein. Denken Sie sich also Breslau innerhalb des Stadtgrabens, der den Festnngswall bildete. Als der General Tauentzien starb, bat er sich aus, fern von allem städtischen Getriebe, draußen vor den Toren der Stadt beigesetzt zu werden. Sie wissen: sein Monument steht jetzt inmitten der Stadt, umslutet von dem Getümmel regsten städtischen Verkehrs. Und wie sah es selbst in der größten (im heutigen Sinne reichs-)deutschen Stadt — Berlin — aus, das im Jahre 1800 annähernd 200000 Eiuwohuer zählte (1800 ^ 172023; 1804 -^ 182157)! Es wird Sie interessieren, den Bericht eines Zeit- Berlin vor hundert Jahren. 17 genossen zu vernehmen, der Wien und Berlin miteinander vergleicht. Wien hatte schon damals eine ganz andere Kulturhvhe erreicht als Berlin, auch wenn es nach heutigem Maßstabe doch nur gering entwickelten Komsort anfwies. Der Berichtende ist der Kriegsrat von Cölln; sein Vergleich stammt aus dem Jahre 1800 und lautet in seinen charakteristischen Stellen also: „Wien liegt in einem fruchtbaren Garten, von hohen Bergen umschlossen, unter denen der Schneeberg in Steiermark (6—8 Posten von Wien) sein stets beschneites Haupt majestätisch emporhebt. Berlin liegt dagegen in den Sandwüsten Arabiens; man mag nun hineinkommen, von welcher Seite man will, ans Ost oder West, aus Süd oder Nord, so wird man von den keuchenden PostPferden in einem Sandmeer fortgeschleppt; im Sommer brennt die Sonne auf diesem Sande doppelt stark und einige von Raupen abgefressene Kiefernstämme geben den einzigen dürftigen Schatten, der zu finden ist. Von Bergen findet das Auge weit und breit keine Spur, und wo man etwa Wasser findet, da ist es ein Sumpf, um den eine Schar von Kiebitzen ihren angenehmen Gesang erhebt. Was man auf den Feldern erblickt, sind einzelne Kornhalme, deren Samen hier die Vögel verloren zu haben scheinen. Noch interessanter wird die Szene, wenn sich ein Sturm erhebt, denn da kann man ganze Felder mit Frucht und Samen in der Luft wirbeln uud au einem anderen Orte wieder niederlegen sehen. Jetzt sind zwar Kunststraßen gebaut, aber ihre dürftige Nachbarschaft ist geblieben. Man sreut sich, wenn man endlich die Turmspitzen von Berlin erblickt; jetzt kommt aber nahe an der Barriere dem Reisenden ein pestilenzialischer Gernch entgegen, denn die Berliner laden allen ihren Unrat nahe vor den Toren ab; an der Straße von Frankfurt ist es auch damit noch nicht genug; sondern hier hat der Schinder selbst seine Werkstätte aufgeschlagen: Jeder kann sich also vorstellen, welch ein liebliches Gemisch von Gestank die Exkremente von Berlin und das Aas der krepierten Haustiere dem Reiseuden hier entgegen dufteu. Hat man im Tore die unleidliche Revision der Accisebeamten überstanden und dem wachthabenden Offizier seine hundert Fragen Somb-irt, Volkswirtschaft. 2 18 Eine Reise durch Deutschland vor hundert Jahren. beantwortet, damit er die öffentliche Neugierde befriedige (denn zu weiter dienen fie nichts), so sieht man sich in die Mitte ärmlicher Hütten, Wiesen und Felder versetzt (es wäre denn, man passierte in die Tore der Friedrichsstadt ein), ost sieht man aber nichts, denn der kleinste Zephir erregt einen so unerträglichen Staub, daß man die Augen fest zudrücken muß. Wien hat keinen Palast oder ein öffentliches Gebäude aufzuweisen, welches mau mit dem Schlosse, oder mit dem Opern- und Zeughause, mit dem Heinrichschen Palais und anderen in Berlin zusammenstellen konnte. Mit einem Wort: Wien ist in Rücksicht der Bauart, der Regularität und Breite der Straßen mit Berlin gar nicht zu vergleichen und wird dadurch weit übertroffeu. Den- uoch hat Wien einen Vorzug auch in dieser Hinsicht, den man in Berlin völlig vermißt. Das Pflaster ist in Wien aus Quadersteinen aufgeführt und man findet hier keine stinkenden und unreinen Rinnsteine, wie in Berlin, da diese dort sämtlich verdeckt sind. Es ist schändlich, wie wenig in diesem Punkte in Berlin von der Polizei geschieht. In die Rinnsteine leert man die Nachtstühle und allen Unrat der Küche aus und wirft krepierte Haustiere hinein, die einen unleidlichen Gestank verbreiten. In Wien sind die Straßen so rein, wie die Gänge eines weitläufigen Hauses. Unaufhörlich fahren Wagen umher, die allen Unrat aufladeu, audere, anf denen sich große Wafserfäfser befinden, um die Straßeu zu bespritzen und allen Staub zu löschen. Dagegen watet man in Berlin stets im Kot oder im Staube. Wien hat durchaus unterirdische Kanäle, die sich in die Donau ergießen; dahin kommt aller Unrat. In die verschiedenen Gassen sind Tagelöhner verteilt, welche den Unrat zusammenkehren; hinter ihnen sährt ein Wasserbehälter, mit dessen Hilfe der Unrat in die nächste Kanalöffnung gebracht wird. In Berlin kannst du unaufhörlich deine Nase im Schnupftuch tragen, denn gegen Morgen duften noch die Ausbeuten der erst in die Rinnsteine geleerten Nachtstühle dir entgegen, oder ladet erst ein Dorfbewohner den gesammelten Mist eines Hauses aus, so ist die Luft der ganzen Straße verpestet. Wenig sieht man darauf, tote Hunde und Katzen zu ent- Unwegsamkeit in den Städten. 19 fernen und ich habe oft einen halben Tag tote Pferde in sehr lebhaften Straßen liegen sehen. Es gibt auch einige Orter, die man zum öffentlichen Abtritt gemacht hat, und Mehe dem Fußgänger, der im Finstern sich hierher verirrt. Hat es geregnet, so werden die Kothaufen in den Straßen zusammengeworfen, und da diese oft Tag und Nacht auf den Abholer warten müssen, so kann man es im Finstern sehr leicht versehen, hinein zu geraten nnd bis an die Knie verunreinigt zu werden." Worüber man immer wieder klagen hört, das ist die Unweg- samkeit in den Städten jener Zeit. Kein Pflaster oder schlechtes, kein Bürgerfteig, daher Staub im Sommer, Morast im Winter. Aber man muß doch auch bedenken, daß es damals noch an einem eigentlichen Verkehr im heutigen Sinne innerhalb der Stadt fehlte. Außer den paar Beamten, die zwischen Wohnnng und Bureau hin- und hergingen und den Bewohnern der Straßen, die sie durchschritten, als lebendige Stundenzeiger dienten, den paar Laufburschen, Reisenden uud sonst einigen Leuten müssen wir uns die Bevölkerung selbst einer größeren Stadt noch häuslich deukeu, nicht in so unausgesetzter Bewegung wie heute. Die Arbeiter brauchten nicht meilenweit zu ihrer Arbeitsstätte zu lausen, die vielmehr meist mit ihrer Wohnstätte zusammensiel, die tausend Dinge des täglichen Gebrauchs wurden nicht in einem ewigen Herumgelause zusammengeholt, das LKoMiuA war noch nicht zur süßen Gewohnheit der Damen aller Stände geworden, die vielmehr in Haus und Garten und in der Pflege ihrer Kinder noch überreichlich Arbeit fanden und von einem Spaziergehen innerhalb der Stadt war gar erst nicht die Rede. Man setzte sich am Abend vor das Haus, in die Lanbe oder ging Sonntags vor die Tore der Stadt, wieder in die eigenen Gärten, wie deren die besseren Familien alle noch hatten oder in Feld und Wald hiuaus. Was hätte man auch für einen Genuß gehabt, in der Stadt zu promenieren? In den Straßen gab es keine „glänzend ausgestatteten" Schaufenster; nur hier und da eine armselige Vitrine mit ein paar Atlasschuhen oder einigen Scheren und Messern oder einigen Pferdegeschirren: den Auslagen der Handwerker. Auch waren die meisten Straßen noch eng uud winklig und keineswegs 2* 20 Eine Reise durch Deutschland vor hundert Jahren, „begradigt", sondern die Fluchten der Häuser wurden von den steinernen Treppen, die zu den Hausfluren führten oder von den überladenden „Schaufenstern" der Handwerksmeister oder sonst einem architektonischen Hindernis unaufhörlich unterbrochen. Und von den Verkehrsmitteln in den Städten gilt das Gleiche. Anch sie waren entweder gar nicht vorhanden oder aber, wenn vorhanden, höchst primitiv. In Berlin gab es noch zu Anfang des Jahrhunderts keiue Fiaker; nur beim Ausgang der Oper oder des Schauspiels standen ein paar Wagen zur öffentlichen Benutzung bereit. Sonst mußte man sich einen Mietswagen in der Wohnnng des Fuhrherrn bestellen: wie heute noch in kleineren Städten. In Breslan wurden 1814 die ersten städtischen Fiaker eingeführt, die am Salzringe und Neumarkt Aufstellung nahmen. Und gar das Kulturphänomen: der „Omnibus", dieses Wahrzeichen unserer aufgeklärte» Zeit, in dem deren Eigenart wie kaum in einer anderen Einrichtung zum prägnanten Ausdruck kommt (ist denu nicht die Devise unserer Kultur „omnilzus" zum Zehnpfennig- taris!), der „Omnibus" gehört einer viel späteren Zeit an: er taucht 1843 in Hamburg, 1846 in Berlin, 1854 in München, 1862 in Breslan auf. Aber was hatten denn auch die Leute von damals nötig, sich in einem Affenkasten täglich ein paarmal hernm- karren zu lasseu. Ich erinnerte eben schon daran, daß die Bevölkerung der Städte, namentlich auch deren schönere Hälfte, seßhafter war. Und dann waren doch auch die Entfernungen so kurz und man hatte auch das Laufen noch nicht ganz verlernt. Zu den Wegen, die nicht wegsam, den Verkehrsmitteln, die nicht da waren, gesellte sich die Beleuchtung der Straßen, von der man nichts merkte. Nur in den größeren Städten gab es überhaupt so etwas, wie ein „öffentliches Beleuchtungswesen": in den Hauptstraßen alle paar hundert Schritt auf einem Holzpfahl oder an einer auer über die Straße gezogenen Kette eine trübe Öllampe, die nicht einmal angesteckt wurde, „wenn Mondschein im Kalender stand". Berlin besaß am Ende des achtzehnten Jahrhunderts 2354 Laternen, die vom September bis Mai brannten. Wem das nicht genügte, der nahm sich, wenn er abends aus dem Hause ging, sein eigenes Laternchen mit oder er ließ den Diener (wenn Der Nachtwächter als Symbol. 21 er einen hatte) mit der Fackel sich oder seiner Sänfte vorausgehen ... Welche Bilder steigen da vor unserem geistigen Auge auf! Die abends schon um nenn oder zehn Uhr stille, ausgestorbeue Stadt, mit den lauschigen Winkeln uud Gäßchen, in die verstohlen der Mond hineinlugt, und wo im Schatten eines Brunnens, eines Erkers ein verspätetes Liebespaar sich scheu zusammenduckt und nur hier und da ein Nachtschwärmer mit seinem Lichtchcn wie ein Irrwisch vorüberhuscht. Es wareu große Ereiguisse, wenu in diese Stille hoch vom Turm die große Glocke ihr dumpfes Feuersignal ertönen ließ uud die schlaftrunkenen Bürger aus den Betten an die Wassertonnen und ungefügen Handfeuerspritzeu rief. Für gewöhnlich störte den Frieden der ruhenden Stadt nichts als das Gestöhns verliebter Kater und der Ruf des Käuzchens, das um das Kirchengemäuer flatterte. Und dann freilich: von Stunde zu Stunde die getragene Weise, die der langsam daher wandelnde Hüter der nächtlichen Ordnung seinem Hörne entlockte. Ich möchte sagen: wenn der Omnibus und heute elektrische Straßen-, Hoch- und Untergrundbahn Wahrzeichen der modernen Großstadt sind, so war eine Art von Symbol altstädtischen Wesens, wie es sich bis in die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in Deutschland erhielt: der Nachtwächter mit Spieß und Horn. Ausdruck einer kindlichen Unbeholfenheit uud Nückständigkeit in technischen Dingen. Aber dafür noch voller Ursprünglichkeit und Naturzugehörigkeit, wie wir sie heute nicht mehr kennen. Heute pfeift man auf einer schrillen Pfeife ein Signal, wo man ehedem sang! Begreifen Sie, was das bedeutet?! Versetzen Sie den singenden Nachtwächter von Anno daznmal in die Friedrichsstraße nach Berlin: er solle auch nur um zwei oder drei Uhr uachts sein Sprüche! absingen. Das gäb a Hetz! Uns Älteren klingt das Horn des Nachtwächters noch deutlich in den Ohren. Sie, verehrte Freundin, haben vielleicht nie von einem solchen Wesen gehört. Es wird Sie deshalb wohl interessieren, wenn ich Ihnen, gleichsam als das Leitmotiv der deutschen Städtekultur im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts, Text und Melodie des bekannten Gesanges hersetze, wie er in sast allen deutschen 22 Eine Reise durch Deutschland vor hundert Jahren. Städten gleichmäßig Nacht für Nacht erklang. Ich finde sie in dem Büchelchen von Otto Bähr, Eine deutsche Stadt vor sechzig Jahren (2. Ansl. 1886), das ich bei dieser Gelegenheit Ihnen gleich zur Lektüre empfehlen will, wenn Sie über Sitten und Gebräuche jener Zeiten, von denen ich Ihnen nur einige flüchtige Skizzen entwerfen konnte, sich genauer unterrichten wollen. Abends 10 Uhr sang er zuerst: -/ s -^k^ ^ ^ _d Ipt« ^ —!—^-^-^-4-!-->-- ^-->---l-->---------->---> Hört ihr Herrn und laßt ench sa - gen, die Glock' hat zeh - ne ge- ^ _s-« - «— schla-gen, be - wahrt das Feu'r und auch das Licht, da- ' ^^j-^ ^^tminti^i -^^Di ^—^- M—B ZZZM^ mit der Stadt kein Scha-den g'schicht, und lo - bet Gott, den Herrn. In den Zwischenstunden sang er nur die Strophe: „Die Glock' hat — geschlagen." Morgens nm vier Uhr sang er zum letztenmal?, und zwar, nachdem er die Stunde gesungen: 5?-^i---^ ^ ^- ^ 1^ i^ip-i^-ch-^^ ^-^- Der Tag ver-treibt die sin - stre Nacht. Ihr lie - den Chri-stcn seid K ^^Z^ -« mun - ter und wach, und lo - bet Gott, den Herrn. Zweites Kapitel. Die äutzere Struktur des Wirtschafts- leoens. I. Der Reichtumsgrad. Man möge mir nun gestatten, nachdem wir uns einige Anschauung vou der Eigenart deutscher Kultur vor hundert Jahren verschafft haben, daß ich den Stoff unter Gesichtspunkte ordne, von denen aus man das Ganze besser zn überblicken vermag: es sind natürlich die Gesichtspunkte einer spezifisch nationnlökonomischen Betrachtungsweise. Da ist denn nun der erste Gedanke, den der Natioualökvnvm sicher haben wird, wenn er die Schilderung irgend eiues wirtschaftlichen Zustandes vernimmt: ist die Gemeinschaft, die Nation, um die es sich handelt, reich oder arm? Das müssen wir denn auch zuerst fragen, wenn wir uns die ökonomische Situation Deutschlands am Anfaug des neunzehnten Jahrhunderts klar machen wollen. War es ein reiches oder ein armes Land, reich oder arm versteht sich an materiellen Gütern, die wir uns, wollen wir die Frage sachgemäß beurteilen, nicht in der Form des Geldes, sondern in ihrer natürlichen Gestalt, also als Nahrungsmittel, Kleidungsstücke, Wohnungseinrichtungen, Schmuckgegenstäude u. s. w. vorstellen müsseu. Da wird man mir nun mit Recht entgegenhalten, daß die Frage falsch gestellt sei; denn Reichtum und Armut seien ja relative Begriffe, man könne also niemals aussagen: diese Nation ist reich oder sie ist arm. Das ist gewiß ein richtiger Einwand. Aber was ich gegen ihn geltend machen kann, ist dieses: daß wir unwillkürlich i^'I Die äußere Struktur des Wirtschaftslebens. bestimmte Zustände zum Maßstab zu nehmen Pflegen und an diesen dann die andern messen. Also wenn wir etwa von dem heutigen Neichtnmsgrade Deutschlands ausgehen, so können wir getrost sagen: verglichen damit war das Deutschland vor hundert Jahren ein armes Land. Und diese Armseligkeit hat unvermindert, vielleicht sogar hie und da noch verstärkt, angehalten bis fast um die Mitte des Jahrhunderts: erst seit den 1850er Jahren beginnt der Aufschwung. Vorher, kann man sagen, herrschten unter den Massen des Volkes in Stadt und Land Not uud Elend, die öfters zur Hungersnot ausarteten nnd in den Hnngerepidemien ihren ergreifenden Ausdruck fanden; in den Kreisen der größeren Bauern, der Handwerker und Krämer und was ihnen gleich steht, ging es ärmlich zu; in den höheren Schichten des Bürgertums war gerade ein bescheidenes Auskommen möglich, und von Reichtum, vou Luxus oder gar von Üppigkeit der Lebensführung konnte höchstens in einigen Familien des hohen Adels und bei vielleicht kaum einem Dutzend reicher Handelsherren oder Bankiers die Rede sein. Der Leser wird nun vielleicht erwarten, daß ich ihm hierfür den ziffermäßigen Beweis erbringe. Aber es wird nicht das letzte Mal sein, daß ich ihn in seinen Erwartungen enttäuschen muß, und wenn er erst einige Fortschritte in der merkwürdigen Wissenschaft der Nationalökonomie, die im Grunde gar keine Wissenschaft ist, wird gemacht habeu, wird es ihm klar werden, daß wir meistens gerade von den allerinteressantesten Dingen am wenigsten Zuverlässiges auszusagen vermögen. So gibt es wohl auch verschiedene Methoden, um den Reichtumsgrad einer Nation „wissenschaftlich" festzustellen. Ich will dein Leser aber schon jetzt verraten, daß sie alle gleich unzuverlässig find. Und sicherlich vermag keine ihm ein deutliches Bild von dem Reichtumsniveau, das ein Volk in einer bestimmten Zeit erreicht hat, nun greifbar vor Augen zu stellen. Denn wenn man wirklich den „Wert" sämtlicher Grundstücke, Häuser, Straßen, Kanäle u. s. w. ziffermäßig angibt, oder jemandem sagt, wieviel Ochsen, Schafe, Ziegen und Schweine in einem Lande gezählt wurden, wieviel Pfund Baumwolle versponnen und wieviel Zentner Guano man importierte, so ist er gerade so klug wie vorher, er weiß immer noch nicht, ob die Kanzleiratsgattin Ärmlichkeit der früheren Zeit — von Augenzeugen geschildert — sich alle Jahre einen neuen Hut kaufen konnte, und ob Professors, ohne „über ihre Verhältnisse" zu leben, bei ihren Gesellschaften französischen statt deutschen Champagner geben konnten. Und das ist es doch, was ihn zn wissen interessiert. Es existiert beispielsweise ein Buch, das mit unsäglichem Fleiße alle statistischen Daten zusammengetragen hat, die zur Messung des Reichtums Preußens im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts dienen können. Sein Verfasser war sogar „königlich-preußischer geheimer Registrator"; er hieß Leopold Krug, und sein zweibändiges Werk betitelt sich „Betrachtungen über den National-Neichtnm des preußischen Staats nnd über den Wohlstand seiner Bewohner" (2 Teile, Berlin 1805). Ich bin aber sicher, wenn Sie in diesem Werke einmal blättern werden, daß Sie auch nicht die leiseste Ahnung von dem bekommen, was der Titel zu schildern verspricht. Mir selbst geht es so. Ich lese das Buch etwa zum sechsten Male nnd es sagt mir immer noch nichts. Dabei ist es ein anerkannt gutes Buch. Was hier vielmehr aushelfen muß, ist zunächst die eigene Anschauung oder sind die Erzählungen von Zeitgenossen, die ein offenes Auge für die Zustände hatten, die sie umgaben. Wir selbst können noch viel Kenntnis von dem ärmlichen Zustande der früheren Zeit uns verschaffen, wenn wir uns der Lebensweise, der Zimmereinrichtung oder auch der Mitteilungen unserer Eltern und Großeltern erinnern; wenn wir uns den Anblick vergegenwärtigen, den unsere Großstädte noch vor zwanzig Jahren boten, wie kümmerlich die Schaufenster ausschauten, wie dürftig die Restaurants und Caf«Zs, wenn wir daran denken, wie einfach noch in unserer Kindheit der ganze Zuschnitt des täglichen Lebens in Kleidung und Nahrung war, und was dergleichen mehr ist. Dann müssen wir uns vor allem auch, wie ich schon sagte, an die Erzählungen und Schilderungen halten, wie wir sie aus früherer Zeit in den Selbstbiographien uud Erinnerungen der verstorbenen Generation besitzen oder in eigenen Darstellungen des damaligen Lebens, wie sie uns Otto Bähr in seiner schon gerühmten kleinen Schrift so anschaulich geboten hat. Ich will noch einmal die Lektüre dieses goldigen Büchleins anempfehlen und kann mir auf diese Weise Wiederholungen sparen. Es mag mir nur gestattet sein, zur Bekräftigung meiner 2i! Die äußere Struktur des Wirtschaftslebens, eigenen Aufstellungen folgende Worte des ausgezeichneten Gewährsmannes anzuführen, in denen gleichsam die Grundstimmuug des Schriftchens zum Ausdruck kommt. „Der Hauptcharakterzug des wirtschaftlichen Lebens vor sechzig Jahren, meint Bahr, war eine an Dürftigkeit grenzende Einfachheit. Als reich im Sinne der heutigen Zeit konnte mau damals in Deutschland überhaupt wohl nur wenige bezeichnen. Aber auch im Sinne der damaligen Zeit gab es wenig reiche Leute. Als der reichste Mann in Kassel galt bis in die 1850er Jahre ein Kaufmann, von dem man annahm, daß er eine halbe Million Taler im Vermögen habe. Auch die Gehalte der Beamten waren äußerst knapp und reichten nur zu einer bescheidenen Existenz aus. Dem entsprach auch die allgemeine Lebensweise. Wie in den einzelnen Familien gelebt wurde, war ja gewiß verschieden je nach der Größe des Einkommens, sowie nach den Ansprüchen des Eheherrn uud der Geschicklichkeit der Hausfrau. Im allgemeinen aber wurde sehr einfach gelebt." Nun gibt es aber doch noch andere Mittel und Wege, nm sich eine deutliche Vorstellung von dem Reichtnmsgrade einer Zeit zu bilden. Man kann an bedeutsamen Symptomen erkennen, ob ein Volk behäbig oder dürftig lebt, namentlich auch ob in den führenden Kreisen, in den herrschenden Klassen, in denjenigen Schichten der Bevölkerung also, die für den Charakter der Kultur entscheidend sind, Reichtum oder Armut herrscht. Eins dieser Symptome, vielleicht das bedeutsamste, erblicke ich in der Eigenart der Bildung einer Zeit. Ich werde mich über diesen wichtigen Punkt noch öfters mit Jhueu, verehrter Leser, unterhalten. Hier einstweilen nur soviel, daß man ohne weiteres aus dem Charakter, den die geistige Kultur Deutschlands in der ganzen ersten Hälfte deS Jahrhunderts trug, ohne weiteres auf einen sehr niedrigen Neichtumsgrad schließen darf. Diese Kultur war, wie man weiß, eine ausgesprochen literarisch-ästhetisch-philosophische; oder negativ ausgedrückt eine unkünstlerische, unsinuliche. Man hatte sich von der Welt des äußeren Scheines völlig abgekehrt und in seinem Innern eine Welt der Ideen aufgebaut. Man verachtete alles, was uach Körperlichkeit schmeckte. Man war empfindsam, rührselig, — durch die Eigenart der Bildung jener Zeit bestätigt — zart; man betrachtete und erbaute sich. Die Maler haßten die Farben: das war der Gipfelpunkt, zu dem diese Richtung zu führen vermochte. Alles wurde literarisch, blutleer, schemenhaft, geistig, ideell. Heinrich Heine, der au der Schwelle einer neuen künstlerischen Epoche des deutschen Lebens stand und das harte kommende Geschlecht im Geiste wenigstens voraussah, hat der Stimmung seiner Zeit in den klassischen Worten znm prägnanten Ausdruck verholfen: Man übte Entsagung und Bescheidenheit, man beugte sich vor dem Unsichtbaren, haschte nach Schattenküssen und blauen Blumengerücheu, entsagte und flennte. Der Gedanke, die Idee, die Gelehrsamkeit saßen als unumschränkte Herrscher auf dem Throne. Ihnen hatten die Künste, auch die bildende Knust und die Musik Untertan zu sein. Auch sie waren sinnig, nicht sinnlich. Und diese Grundstimmung war jahrzehntelang eine so allgemeine und verbreitete in Deutschland — der alternde Goethe hat als Fremder unter seinen: Volke geweilt, und es ist gewiß kein Zusall, daß er erst jetzt als nationaler Genius in immer weiteren Kreisen verehrt wird — diese sinnen-weltslüchtige Grnnd- stimmung, sage ich, war so selbstverständlich, daß man sie geradezu als eine dem deutschen Bolkscharakter eigentümliche glaubte ansprechen zu sollen. „Das Geistig-Schöne," meinte der schon öfters genannte Julius Weber, „ist das Eigentum der Deutscheu, wie das Siuulich-Schöue das der Griechen." Während wir heute vielmehr den Zusammenhang begreifen, der zwischen einer dürftigen materiellen Kultur und einer vorwiegend literarisch-ästhetischeit Bildung ebenso besteht wie zwischen Reichtum an äußerer Lebeus- gestaltuug und einer künstlerisch-sinnlichen Kultur. Alle Kultur- nationen haben ihre litcrarische Epoche — solange sie noch nicht zu Reichtum gelangt sind —, die von einer künstlerischen in dem Augenblicke abgelöst wird, als Wohlleben und materieller Genuß sich verbreiten, selbstverständlich im Nahmen des besonderen Bolkstums, das seine Eigenart auch in der durch den Gang des Wirtschaftslebens geschaffenen Gleichförmigkeit sehr wohl zur Geltung zu bringen weiß. Wir werden, wie ich schon sagte, diesen Gedankengängen später noch einmal begegnen. Nun dürfen wir aber nicht nur zurück von den Blüten, wie 28 Die äujzere Struktur des Wirtschaftslebens. sie die Kultur eiues Volkes in seiner Bildung treibt, ans die Beschaffenheit der Pflanze schließen, aus der sie hervorbrechen, sondern nicht minder sicheren Aufschluß über deren Wesen wird nns die Kenntnis des Erdreiches zu geben vermögen, in dem sie wurzelt, und des Samens, aus dem sie sprießt. Uubildlich gesprochen: wir werden auf den Reichtumsgrad eines Volkes zu schließen vermögen auch aus den Existenzbedingungen seiner Wirtschaft, wie sie vornehmlich in dem Produktivitätsgrad seiner Arbeit zum Ausdruck kommen. Da diese Existenzbedingungen auch an und für sich Interesse bieten, weil sie für die gesamte Lebensweise einer Gemeinschaft bestimmend sind, so will ich über sie noch ein wenig mit Ihnen plaudern. Ich sprach eben von Produktivität der nationalen Arbeit; wir können dafür auch Ergiebigkeit der Arbeit sagen. Darunter verstehe ich das Verhältnis, das zwischen einem bestimmten Auf- wande von Arbeit, wie ihn eine Nation in allen ihren an der Gilterherstellung unmittelbar beteiligten Personen etwa im Laufe eines Jahres macht, und dem sich als Resultat dieser Arbeit ergebenden Quantum von fertigen Gütern obwaltet. Also man denke etwa an die Erzeugung des Getreides: es wird eine Anzahl von Personen eine bestimmte Anzahl Tage im Jahre pflügen, eggen, ernten und dreschen müssen, um das fertige Getreide zu produzieren. Drücken wir jetzt diesen ganzen Arbeitsaufwand in einer Anzahl Arbeitsstunden und die Menge des erzeugten Getreides in einer Anzahl Hektoliter aus, so können wir die Produktivität der auf den Getreideban verwandten Arbeit in dem Verhältnis der Zahl der Arbeitsstunden zur Zahl der Hektoliter ziffermäßig angeben. Wenn etwa zn einer andern Zeit doppelt so viel Hektoliter Getreide in einer gleichen Anzahl Arbeitsstunden erzeugt werden, so sagen wir: die Produktivität der Arbeit ist doppelt so groß wie früher. Nun fragt es sich: wodurch wird der Produktivitätsgrad der Arbeit zu einer Zeit bestimmt? Offenbar durch zweierlei: Erstens durch die Ergiebigkeit der Natur, in der ein Volk wirtschaftet: ist ein Acker doppelt so fruchtbar wie ein anderer, so liefert er bei gleichen: Arbeitsaufwands den doppelten Ertrag, nicht wahr? — an d. niedrigen Prodnktivitätsgrad d, Arbeit unmittelbar erkennbar. 29 Zweitens aber durch menschliches Zutun. Nämlich durch die größere oder geringere Kunst, mit der die Menschen die Erzeugung der Güter betreiben: wenn eine vollkommenere Maschine erfunden wird, so kann auch (ohue daß die natürlichen Bedingungen sich verändern) in einer kürzereu Zeit die gleiche Prodnktenmenge erzeugt werden, d. h., wie Sie seheu, liebe Leserin, kann die Produktivität der Arbeit wachsen. Zweierlei ist es mm, wodurch es den Menschen gelingt, von sich aus die Produktivität ihrer Arbeit zu steigern. Das erste ist die Vervollkommnung dessen, was man die Versahrungsweiseu oder auch die ökonomische Technik nennen kaun. Der Mensch lernt immer mehr Stoffe uud Kräfte der Natur für seine Zwecke gebrauchen (denken Sie an die Errnngenschaften des letzten Jahrhunderts, an die Nutzbarmachung der Dampfkraft, der Elektrizität!) und er ersinnt immer kunstvollere Weisen, wie er der Stosse uud Kräfte nun auch wirklich Herr werden kann: er erfindet die Werkzeuge, die Maschinen uud steigert damit unausgesetzt seine Kunstfertigkeit, seine Arbeitskraft. Das audere ist die Verbesserung in der Art und Weise, wie er nun die Ausführung der Arbeit bewerkstelligt, d. h. also in der Organisation der Arbeit. Ich kann Ihnen hier alle diese Dinge nur andeuten, über die Sie näheren Aufschluß in meinem Kapitalismus finden. Es muß genügen, wenn ich feststelle, daß die Vervollkommnung der Organisation der Arbeit auf der immer geschickteren Anwendung zweier Prinzipien: der Kooperation, >d. h. des Zusammenwirkens vieler zu einem einheitlichen Effekt, und der Spezialisation, d. h. der Beschränkung des einzelnen Arbeiters auf Teile einer früher komplexen Arbeit, beruht. Wenn es jemandem geläufiger ist, habe ich auch nichts dagegen, wenn er die Vervollkommnung der Arbeitsorganisation mit einer zunehmenden Differenzierung und Jntegrierung der einzelnen Funktionen der Arbeit gleichsetzt. Die Analogie aus der Naturwissenschaft paßt uicht völlig für das soziale Leben, aber doch soweit, als es für unsere Zwecke notwendig ist. Kommen wir zurück auf unsern Ausgangspunkt: wir wollten Anhaltspunkte gewinnen für eine richtige Feststellung des Reich- !!l> Die äußere Struktur des Wirtschaftslebens. tumsniveaus Deutschlands vor hundert Jcihren und zwar durch Ermittelung der Bedingungen, von denen der Grad der Produktivität in jener Zeit bestimmt wird. Wir erblickten diese in der natürlichen Beschaffenheit des Wirtschaftsgebiets und in der Pfiffigkeit der wirtschaftenden Menschen, die besten Arbeitsmethoden zu finden, dnrch Vervollkommnung sei es der Technik, sei es der Organisation der Arbeit. Nun werde ich in späteren Kapiteln Gelegenheit nehmen, mich über die Naturbedingungen Deutschlands, ebenso wie über den Entwicklungsgang der ökonomischen Technik im neunzehnten Jahrhundert auszulassen. Bleibt mir deshalb hier nur übrig, einiges mitzuteilen über die Gestaltung, die die Organisation der Arbeit in Deutschland vor hundert Jahren aufwies, und zwar, wie ich gleich einschränkend hinzufügen will: zunächst derjenigen Organisation, die man Wohl als die äußere bezeichnen kann. Während ich die innere Organisation der wirtschaftlichen Arbeit in jenem Zeitraume darzustellen mir für später vorbehalte. Die Art und Weise, wie äußerlich die Arbeit organisiert ist, bildet das, was ich die Wirtschafts stufe eines Landes nenne, und kommt eben im wesentlichen zum Ausdruck in dem Grad von Differenzierung, den der wirtschaftliche Gesamtprozeß ausweist. Da diese ökonomische Differenziiernng jedoch an und für sich gewürdigt sein will, so werde ich von ihr lieber in einem besonderen Abschnitte sprechen. II. Die territoriale und berufliche Differenziieruug. Was sich zunächst mit ziemlicher Sicherheit feststellen läßt, ist dies, daß der Grad der ökonomischen Differenziiernng, von der ich sprechen will, in dem Deutschland jener Tage ein verhältnismäßig niedriger war. Das dürfen Nur schon schließen aus der geringen Bevölkerungsmenge, die Deutschlands Gaue damals umschlossen, und also der entsprechend geringen Dichtigkeit der Bevölkerung. Denn es ist doch ersichtlich, daß, je mehr Menschen auf einer bestimmten Fläche bei einander wohnen, um so größer wenigstens die Möglichkeit zu starker Differenzierung und Jntegrierung ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit ist. Geringe Dichtigkeit der Bevölkerung. Geringe territoriale Diffcrenziierung. ZI Nun halte man für alle Znkmft im Gedächtnis fest — denn das ist eine entscheidend wichtige Tatsache! — das; in dem Gebiet des heutigen deutschen Reichs vor hundert Jahren noch nicht halb so viel Menschen wohnten, wie heilte, nämlich etwas über 24 Millionen gegen S6 Millionen heute. Das macht aus den Quadratkilometer berechnet 45 gegen 104 Menschen aus. Für einzelne Teile Deutschlands ist der Unterschied noch beträchtlicher zwischen damals und heute. So wohnten vor hnndert Jahren in der Provinz Schlesien ans dem Quadratkilometer 48, heute 115 Menschen; in der Nheinprovinz 70, heute 213; im Könige reich Sachsen 78, heute 280 usw. Nun aber der Grad der Diffcrenziierung selber, soweit wir ihn zu erkennen vermögen. Da will ich gleich an die letzten Ziffern anknüpfen und Sie darauf hinweisen, daß wir aus ihnen den geringeren Grad derjenigen Differenziierung zu erkennen vermögen, die ich als territoriale bezeichne. Wenn man nämlich die eben angeführten Zahlen aufmerksam betrachtet, so wird man daraus schließen müssen, daß die verschiedenen Gebiete des deutschen Reichs in verschiedener Stärke während des neunzehnten Jahrhunderts ihre Bevölkerung vermehrt haben. Denn wenn in ganz Deutschland die Bevölkerung im Verhältnis von 45 zu 104 angewachsen ist, d. h. sich etwas mehr als verdoppelt hat, in einigen Landesteilen aber eine Steigerung der Be- völkerungszisfer auf das dreifache (Rheinprovinz) und dreieinhalbfache (Königreich Sachsen) stattgefunden hat, so folgt wohl.daraus, daß andere Gebiete hinter dem Neichsdurchschnitt in ihrer Be- völkerungszuuahme zurückgeblieben sind. Das ist denn auch tatsächlich der Fall. So ist beispielsweise die Bevölkerung des rechtsrheinischen Bayern nur im Verhältnis von 46 zu 75, dieseuige Badens wie 66 zu 123, diejenige Württembergs wie 72 zu 111 gestiegen. Ich will nun gleich hier die Gründe dieser Verschiedenheit angeben: es ist die verschiedene Stärke der industriellen Entwicklung. Einige Landesteile haben sich mehr und mehr zu vorwiegend industriellen Gebieten entwickelt, während andere ihren agrarischen oder gemischten Charakter bewahrt haben. Das bedeutet aber für die uns im Augenblick beschäftigende Frage folgendes: ,"2 Die äußere Struktur des Wirtschaftslebens. Vor hundert Jahren war die industrielle Tätigkeit gleichmäßiger über die deutschen Lande verteilt als heute. Mit andern Worten, sie war weniger territorial differenziiert als jetzt. Für die Richtigkeit dieser Behauptung sprechen auch noch andere Tatsachen, beispielsweise die Ziffern der Arbeiter in einzelnen wichtigen Industriezweigen, wie der Eisenindustrie: vor hundert Jahren betrug die Arbeiterschaft in der Eisenindustrie (ausschließlich Erzbergbau), die in den Hauptproduktionsgebieten Schlesien, Westfalen uud Rheinland beschäftigt war, nur etwa zwei Drittel von der Gesamtheit, während heute fast die gesamte Eisenarbeiterschaft in den genannten drei Gebieten tätig ist (1895 — 9ö"/g). Wieder anders ausgedrückt: im Ansang des Jahrhunderts wnrde Eisen gewonnen und verarbeitet an vielen Stellen, an denen heute diese Industrie ganz ausgestorben ist. Diese hat sich an einzelnen Punkten konzentriert: sie hat sich territorial differenziiert. Nun erinnern Sie sich auch der Beobachtung, die wir auf unserer Reise machten: daß wir nämlich so häufig auf industrielle Etablissements stießen, an Orten, in denen wir heute vergeblich nach solchen suchen würden. Während nun aber diese Bemerkungen über „territoriale Difse- renziierung", wie ich mir denken kann, dem Leser nur wenig bedeutet:, werden ihm die anderen Gesichtspunkte, unter denen wir die Differenziieruug des Wirtschaftslebens nun noch betrachten wollen, erheblich mehr einleuchten. Allen voran stelle ich die Differenzierung von Produktions- und Konsumtionswirtschaft. Ich will sagen: vor hundert Jahren war in noch viel geringerem Umfange als heute eine Trennung eingetreten zwischen den Wirtschaften, in denen die Güter produziert, und jeuen, in denen sie konsumiert wurden. Wir wissen es heute schon nicht anders, als daß wir alles, was wir für uuseres Leibes Nahrung und Notdurft gebrauchen, draußen auf dem Markte kaufeu. Das war nun vor hundert Jahren ganz anders. Damals wurde noch ein sehr erheblicher Teil der notwendigen Gebrauchsgüter — mochten sie dem Nahrungs-, Kleidnngs- oder Wohnungsbedarf dienen — von denen selbst hergestellt oder wenigstens weiter verarbeitet, die sie bedurften. Ich habe in meinem Kapitalismus den quellenmäßigen Nachweis geführt Starke Eigenproduktion: in der Vanernwirtschast: 33 für den weiten Umfang, den noch um die Mitte des nennzchnten Jahrhunderts die Eigenproduktion (so nenne ich die Prodnktion solcher Güter, die in derselben Wirtschaft, ii? der sie erzeugt werden, auch zum Verzehr gelangen) hatte. Weil es sich hier um die Schilderung von Zuständen handelt, deren Eigenart das frühere Wirtschaftsleben ganz besonders deutlich kennzeichnet, so will ich auch hier etwas genauer über Art uud Weise eigeuwirtschaftlicher Produktion in vergangenen Zeiten berichten. Der Leser wird abermals durch diese Schilderung erst den rechten Aufschluß erhalten über so manche Tatsache, die uns auf unserer Reise als merkwürdig aufgestoßen war: die Bauweise auf dem Lande, die Flachsfelder, die Webstühle in deu Bauernhäuseru und anderes mehr. Wenn einige Ausdrücke oder Begriffe in der folgenden Schilderung nicht völlig verständlich sind, so bitte ich sich den Aufschluß auS dem nächsten Kapitel zu entnehmen. Treten wir in eine Bauernwirtschaft ein, fo finden wir naturgemäß zunächst deu Nahrungsbedarf fast ausschließlich noch iu eigener Wirtschaft gedeckt. Nur weniger gewerblicher Verrichtungen außer dem Hause benötigt es, um die Nahrungsmittel in geuuß- reifen Zustand zu versetzen: hie und da suuktioniert der Hausschlächter; doch ist er oft genug entbehrlich, und groß ist die Menge geschlachteten Viehs, zumal des Großviehs, das mehr Schlachtkunst erheischt, in der Wirtschaft des Bauern nicht. Das Getreide wird den über das ganze Land verstreuten Wasser- und Wiudmüllern zum Vermahlen und Verschroten übergeben. Gegen einen naturalen Anteil am vermahleuen Getreide — meist den 16. Scheffel —, selten gegen einen Mahllvhn in bar, verrichtet der Müller seine Arbeit. Das Mehl wird entweder im eigenen HauSbackofen verbacken, oder der Brotteig wird daheim zubereitet und dem Bäcker im Dorf zur Fertigung übergeben, oder dieser erhält das Mehl, muß dafür eine bestimmte Anzahl Brote zurückliefen: und bekommt für jedes Brot ein paar Pfennige Backgeld. Der Wohnnngsbedarf ist gering. Noch dominieren das Lehm- und das Holzhaus neben dem Fachwerkhaus, mit dem Strohdach oder mit Schindeln gedeckt. Neubauten sind naturgemäß säkulare Ereignisse. Was an Rohmaterialien gebraucht wird, liefert die Dorfgemarkuug: der Gemeindewald das Sombart, Volkswirtschaft. 3 , Die äußere Struktur des Wirtschaftslebens. Holz, der eigne Grund und Boden oder der des Nachbarn oder der Gemeinde Bruchsteine, Lehm und Sand, das Stroh die eigene Wirtschaft. Gebaut wird allein oder mit Hilfe einiger Dorfgenossen, denen gelegentlich ein Gegendienst geleistet wird. Nötigenfalls bietet ein Zimmerer oder Maurer oder Glaser, der von Dorf zu Dorf Pilgert, seiue Dienste gegen naturale Verpflegung und einen bestimmten Geldlvhnsatz an. Eine bekannte Erscheinung vor allem im östlichen Deutschland ist der wandernde Strohdachdecker und Flicker, oft russischer Abkunft. Aber die eigene Wirtschaft nnd die Arbeit der Familie liefern dem Bauern auch noch den größten Teil der Kleidung, deren er bedarf. Ganz allgemein wird Flachs oder Hanf angebaut (daher die vielen blauen Felder, die wir auf unserer Reise beobachten konnten!), dazu wohl auch der zum Färben verwandte Krapp. Wo die Schafzucht domiuiert, z. B. im Nordwesten Deutschlands, ist es üblich, die Wolle für die eigne Kleidung zu verwenden. Den Flachs bringt man zum Seiler, der das Hecheln gegen Lohn besorgt; andernfalls kommt der Weber ins Haus, um zu hecheln. Die Wolle wird dem Wollkämmer übergeben oder selbst zum Spinnen zubereitet. Nun geht es an die weitere Verarbeitung: die Spinnstube des Dorfes, die oft besungene, oft geschmähte, ist der Ort, wo ein großer Teil des Flachses oder der Wolle seiner Bestimmung weiter zugeführt wird. Das Gespinst wandert auf den eigenen Webstuhl im Bauernhanse; wo dieser fehlt, zum Torfweber, der gegen den Weblvhn seine Arbeit verrichtet. Im Jahre 1846 waren noch 12,6°/<, aller Wvllwebstühle und gar 86,1 °/<, aller Leinwaudwebstühle solche, deren Inhaber die Weberei nur als Nebenbeschäftigung betrieb, d. h. also landwirtschaftender Lohnweber oder hausgewerblich tätiger Landwirt war. Hat der Bauer nicht eigene Färbevorrichtungen, so muß er zum Lohufärber die fertig gewebten Stücke tragen, der in der nächsten kleinen Stadt sein Handwerk treibt und znm großen Teil seinen Lebensunterhalt aus dieser lohnfärbenden Tätigkeit zieht. Einen Teil der Kleidungsstücke — Wäsche selbstverständlich ganz — fertigt alsdann der weibliche Teil der Vauernfamilic. Wo deren Kunst versagt, erscheint auf der Stör der flinke Schneider — Typus Nosegger —, der ein paar Tage der Woche im Bauernhause ißt, schläft und — in der Gutswirtschaft; aber anch noch in städtischen Haushalten. Z5 hantiert und die Familie ausflickt, wv es not tut, oder mit neuen Gewändern versieht, ein Ereignis, das in Jahren einmal fällig wird. Ebenso wie in der Bauernwirtschaft wird auch iu der Guts- wirtschaft der damaligen Zeit ein wesentlicher Teil des Bedarfs an gewerblichen Erzeugnissen noch im Rahmen der Eigenproduktion gedeckt. Für die Herstellung und namentlich Reparatur der Gebäude, Gerätschaften:c. auf dem GutShof sorgt der im festen Kontraktsverhältnis stehende Gutshandwerker: der Gutsschmied, Gutsstellmacher, Gutssattler, Gutsmüller, Gutszieglermeister u. s. w. Der letztgenannte Handwerker erinnert daran, daß auch das Baubedürfnis auf den Gütern, wie zum Teil heute noch, in eigener Wirtschaft befriedigt wurde. Dazu dienten die überall vorhandeneil Ziegeleien uud Kalkbrennereien, während die übrigen Materialien der land- oder forstwirtschaftliche Betrieb selber lieferte. Noch einfacher war die Eigenproduktion des Fachwerkhauses: Das Bauholz ist wohlfeil, man hat es großenteils in eigenen Forsten, und die übrigen Baumaterialien: Stroh und Lehm, überall. Die Tagelöhner des Gnts verrichten die wenigen, dabei vorkommenden Maurerarbeiten, auch viele Zimmerarbeiten, ja oft wohnen gelernte Zimmerleute unter der Herrschaft im Dorf, die gegen Abrechnung billig arbeiten. Die meisten Wirtschaftsgebäude bestehen aus Fachwerk, gekleimten Lehmwänden und Strohdächer». Ähnlich wie die Gemeindehandwerker erhalten diese Gutshandwerker ein in Naturalien bestehendes Deputat und etwas Geldlohn, wofür sie zur Ausführung sämtlicher notwendig werdenden Arbeiten verpflichtet sind. Aber anch der Nahruugs- und Kleidungsbedarf wenigstens der Gntsarbeiter, gering wie er ist, wird großenteils ohne Zuhilfenahme fremder, gewerblicher Arbeit gedeckt. Es wird gesponnen, gewebt und Wohl auch noch geschneidert und geschustert; selbstverständlich gebacken und geschlachtet in eigener Regie. Naturgemäß war in den städtischen Haushalten die eigenwirtschaftliche Produktion, namentlich was die Nahrungsmittel und die Beschaffung des Wohngebändes anbelangt, erheblich mehr eingeschränkt. Trotzdem müssen wir uns den Umfang der Güter, die im Hause selbst erzeugt wurdeu, noch erheblich großer als hente vorstellen. 3* Die äußere Struktur des Wirtschaftslebens. Das Brot und namentlich Kuchenteig wurde gewiß noch in zahlreichen Familien zu Hause hergestellt und nur den: Bäcker gegeu Lohn zum Verbacken übergeben. Auch die Hausschlächterei war bis in die besser gestellten Kreise größerer Städte hinein durchaus noch nicht aus der Mode gekommen. „Für den wohlhabenden Mittelstand", erzählt uns Hoffmann noch für die 1830er Jahre, „ist die Teuerung des Fleisches in den Schlächterläden nur eine Veranlassung, für den eigenen Bedarf einzuschlachten und sich häufiger der gesalzenen und geräucherten Fleischspeisen zn bedienen." Dann aber kam der große Kreis der Zuspeisen, die man in eigener Regie herstellte und in den Kellern uud „Speisekammern" aufstapelte: das Eingepökelte füllte die großen Fässer in den Kellern, das Eingemachte die Kruken in den Kammern. Über die 1820er Jahre berichtet uns Otto Bähr, daß in Kassel viele Bewohner ein Gärtchen vor den Toren hatten, in denen der nötige Bedarf an Gemüsen, Früchten, Beeren selbst gezogen wnrde. Noch hantiert anch die städtische Hausfrau in der Küche, nur Seife zu kochen, Lichte zu ziehen, Hausmuff zu brauen. Aber auch die Kleidung und die Hausgeräte entstanden vor einem halben Jahrhundert noch zum großen Teil in der eigenen Wirtschaft. Bekannt ist die anschauliche Schilderung, die Kiesselbach in seinem Aussatz „Drei Generationen" über das Treiben in eitlem „städtischen Bürger- oder Beamtenhause" der „guten, alten Zeit" entwirft. „Die Spindel", heißt es da, „war noch immer das Symbol der Hausfrau; selbstgesponnenes Linnen zn tragen, war Ehre und Stolz; eine heilsame Sitte war es, daß in allen Kreisen die Jungfrau nicht für eigentlich berechtigt galt, zur Ehe zu schreitet?, ehe sie die Aussteuer aus sclbstgesponnener Leinwand beschaffen konnte. Dem Weber des Hauses wurde das Garu überliefert, er hatte die Leinwand zu fertigen; für die Bleiche sorgte wiederum die Hausfrau. Aber nicht nur an Leinwand, auch an Tuch, felbst an Leder hielt man eigene, sorgfältig bereitete und gewählte Vorräte; die Schränke mußten vollgefüllt sein. Das Weißzeug, die Kleider, die Beschuhuug (?) selbst wurden im Hause gefertigt; der Schneider, der Schuster kam dazu als technischer Gehilse. Auch Polsterwaren und Betten entstanden in ähnlicher Weise. Von selbstgeschlachtetem Vereinigung verschiedener Berufe. Geflügel wurden die Federn durch eine Schar eigens sich hierzu vermietender Weiber ausgelesen; das Roßhaar wurde sorgfältig gereinigt; der Pvlsterarbeiter mehr als jeder andere mußte unter dem Auge der Hausfrau arbeiten, damit die Füllung der Bettsäcke, der Matratzen, der Sofas sicher mit dem gewählten Material und uuter gewünschter Menge erfolgte." Aber auch dort, wo eine wirtschaftliche Tätigkeit schon berufsmäßig für andere ausgeübt wurde, also in den für den Austausch produzierenden Wirtschaften, finden wir eine viel geringere Differen- ziierung als etwa heute. So begegnet uns häufig der Fall (das bestätigt wiederum die Nichtigkeit einer Wahrnehmung auf unserer Reise), daß die Handwerker in den kleinen und mittleren Orten nebenbei Landwirtschaft treiben, was freilich heute auch uoch häufig genug vorkommt. Eine Eigenart dagegen der früheren Zeit, die jetzt viel seltener geworden ist, war die Vereinigung der verschiedensten Berufe der Lohnarbeiter mit landwirtschaftlicher Tätigkeit. So waren beispielsweise die Schiffsleute fast durchgängig kleine Landwirte, die nur im Sommer auf See gingen, wie es der damals ja allein herrschenden Segelschisfahrt entsprach. Aber auch die Berg- und Hüttenarbeiter und die Arbeiter in Fabriken waren vielfach solche Zwitter von Landwirt und Lohnarbeiter, die oft nur einen Teil des Jahres sich ihrem gewerblichen Berufe widmeten. Wie sehr noch sämtliche Berufsarten mit der landwirtschaftlichen Tätigkeit verbunden waren, bezeugt eine Statistik des Kreises Solingen aus dem dritten Jahrzehnt des Jahrhunderts, die bei näherem Hinsehen doch wohl verständlich sein wird. Damals lebten von 9 718 Familien von der Landwirtschaft allein........ 3 055 von Handel, Krämerei, Wirtschaft, Handwerk im einzelnen 1763 vom Tagelohn............. 1599 davon in Verbindung mit dem Ackerban..... 933 (also beinahe zwei Drittel!) von mehreren solcher Gewerbe ohne Landbau . . . 346 von solcher Verbindung mit Landbau...... 2167 Oft genug wurde auch der Handel (darunter verstehen wir I WG.g.ns.^Pr^ 38 Die äußere Struktur des Wirtschaftslebens, ständige berufsmäßige Tätigkeit ausgeübt, sondern wiederum in Verbindung mit der produktiven Tätigkeit; d. h. die Güterprodu- zeuteu (Landwirte, Gewerbetreibende) besorgten in eigener Person anch den Absatz ihrer Erzeugnisse. Endlich müssen wir uns vorstellen, 'daß die Verarbeitung der Rohstoffe zu Gebrauchsgegenständen — nur nennen diese Tätigkeit gemeinhin Gewerbe im Gegensatz zur Land- und Forstwirtschaft, die die Rohstoffe aus der Erde gewinnt, sowie dem Bergbau, der eiue besondere Stellung einnimmt — eine viel weniger entwickelte nnd vervollkommnete, also im wesentlichen wiederum weniger differenziierte war, als sie es heutzutage ist. Heute haben wir von jeder Warengattung gleich immer ganze Kollektionen verschiedener Gegenstände, wo es früher nur einige wenige Arten gab. Unser Vorrat von gewerblich hergestellten Gebrauchsgütern ist mit anderen Worten ein unendlich viel reicherer als ehedem. Alle diese Eigenarten der äußeren Organisation des Wirtschaftslebens in früherer Zeit sind nun aber deshalb vou so hoher Bedeutung, weil sie für den gesamten äußeren Aufbau der damaligen Gesellschaft bestimmend wnrden. Der Leser muß sich nämlich an den Gedanken gewöhnen, daß äußere und innere Struktur der Gesellschaft vor hundert Jahren eilte völlig andere war, als er sie von heute kennt (oder auch nicht kennt). Zunächst machen wir die wichtige Beobachtung, wenn wir die Zisserreiheu dnrchmustern, die uns ein Bild der Verteilung der Bevölkerung nach Berufen geben, daß vor hundert Jahren viel mehr Menschen in der Landwirtschaft tätig waren als heute. Natürlich. Denu wir wissen ja, daß die Landwirte noch vielfach die gewerblichen Erzeugnisse in eigener Wirtschaft herstellten, die heute von selbständigen Gewerbetreibenden angefertigt werden, daß aber auch die Gewerbetreibenden, Lohnarbeiter u. s. w. meist nebenher Landwirtschaft betrieben. Dazu kam noch (worüber ich mich gleich näher auslasse), daß das damalige Deutschland mit seinen Vodenerzeugnissen auch noch das Ausland zum Teil mit ernährte. So wird niemand erstauuen, weuu er erfährt, daß vor hundert Jahren von der Bevölkerung etwa zwei Drittel landwirtschaftlich tätig waren und nur ein Drittel im Gewerbe, im Handel nnd überwiegen der landwirtschaftlichen Bevölkerung. 39 anderen Berufen, während jetzt das Verhältnis etwa das umgekehrte ist. Was sich auch so ausdrücke» läßt: es gab vor hundert Jahren im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung viel weniger Personen, die in der Sphäre der gewerblichen Produktion oder des Handels beschäftigt waren (letzteres noch insbesondere deshalb, weil ja, wie wir sahen, die berufsmäßige Ausübung des Handels uoch nicht so verbreitet war wie hente). Diese überragende Bedeutung des landwirtschaftlichen Berufes blieb unverändert bis in die Mitte des Jahrhunderts; erst seitdem wächst der Anteil rasch, den die gewerbliche nnd handeltreibende Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung nimmt. Ich will hier einstweilen nur ein paar Ziffern hersetzen, die den Unterschied zwischen damals und heute noch greifbarer vor Augen führen. So wurden beispielsweise im Königreiche Preußen Erwerbstätige im Handel (also Leute, die den Handel zum Beruf gemacht hatten) 1843 erst 97 auf je 10 000 Einwohner gezählt, 1895 dagegen 240. Und dasselbe gilt von der gewerblichen Tätigkeit. Noch im Jahre 1846 kamen 10 Gewerbtätige erst auf 122 Einwohner, jetzt schon auf 65 oder mit anderen Worten: noch vor 50 Jahren war noch nicht jeder zwölfte Deutsche einer, der sein ganzes Leben lang in der gewerblichen Produktion, d. h. also der Güterverarbeitung tätig war, heute ist es schon jeder sechste. Übrigens komme ich mehrfach in anderem Zusammenhange auf die Verschiebung in den Berusssphären zurück. Man wird in weiterem Verlauf der Darstellung die hier mitgeteilten Ziffern zu ergänzen vermögen. Eine Erscheinung, die engstens mit den eben besprochenen Tatsachen zusammenhängt, ist nun aber das Überwiegen der ländlichen Bevölkerung im ganzen über die städtische. Begreiflicherweise wiederum. Denn wenn soviel mehr Personen in der Landwirtschaft tätig waren, so lebten auch soviel mehr auf dem Lande als in Städten. Wir dürfen annehmen, daß vor hundert Jahren ein knappes Viertel der Bevölkerung in Städten lebte, drei Viertel auf dem Lande. Daß aber auch die städtische Bevölkerung noch stark agrarisch durchsetzt war, hatte ich schou gezeigt. Hier will ich die Aufmerksamkeit nur noch auf die Grvßenverhältnisse der damaligen soi-clisant Städte lenken. Man wird erstaunen, wie klein die meisten Städte waren, nnd wie wenig Großstädte oder auch nur 40 Die äußere Struktur des Wirtschaftsleben?, große Städte im heutigen Sinne das damalige Deutschland aufwies. Später teile ich die Ziffern für die Gegenwart mit, die man dann mit den hier angeführten Zahlen vergleichen möge. Wir besitzen die genaueste Städtestatistik für Preußen und meine Ziffern beziehen sich auf das Königreich Preußen nach dem Bestand von etwa 1800 (damals gehörte Polen mit Warschau dazu). Wir dürfen aber als sicher annehmen, daß das übrige Deutschland kein wesentlich anderes Bild aufwies: erinnern wir uns doch der Tatsache, daß die meisten deutschen Staaten vor hundert Jahren eine geringere Bevölkerungsdichtigkeit aufwiesen als das Königreich Preußen im Durchschnitt. Also hören Sie! Im damaligen Preußen gab es im gauzeu 1016 „Städte". Davon hatte eine (Berlin) über 100000 Einwohner (153128); über 50000 uoch drei andere: Warschau 64421, Breslau 60950, Königsberg 56410; dann folgten weitere vierzehn, die mehr als 10 000 Einwohner hatten, der Reihe nach: Danzig, Magdeburg, Elbing, Stettin, Potsdam, Erfurt, Posen, Halberstadt, Halle, Münster, Hildesheim, Emdeu, Braudeuburg, Frankfurt. Alle übrigen also waren kleine Mittelstädte oder Kleinstädte, oder nicht einmal das im heutigen Sinne. Es hatten von den übrigen 998 Städten zwischen 5000 uud 10000 Einwohnern 37 3000 „ 5 000 „ 65 1000 „ 3 000 .. 502 Der Rest hatte weniger als 1000 Einwohner, 117 weniger als 500, 32 weniger als 300, die Stadt Belchatow aber hatte 59 Einwohner. Sie sehen: der Begriff „Stadt" ist in einem wesentlich anderen Sinne gebraucht, als wir ihn anwenden. Auch nur der Größe nach (uoch garnicht der inneren Struktur nach!) gab es kaum hundert Orte im damaligen Königreich Preußen, die den Namen Stadt verdienten; kaum drei oder vier Großstädte, selbst wenn wir mit der Vergabung dieser Bezeichnung schon recht lax verfahren. III. Die nationale Differenzierung. Ich komme jetzt auf einen Punkt zu sprechen, dessen Erörterung einige Schwierigkeiten bietet. Es handelt sich sogar mehrfach um die richtige Würdigung von Ziffern, deren Aufführung Begriff der nationalen Differenziierung. II in größerem Umfange ich dem Leser diesmal nicht ersparen kaiin, wenn ich sie auch größtenteils in die Anlagen verwiesen habe. Wovon ich mit ihm plaudern möchte, gehört noch zu dem, was der vorige Abschnitt enthält. Es ist das, was man die nationale Difserenziiernng unseres Wirtschaftsgebiets nennen kann, d. h. sind Maß und Art, wie Deutschlands Wirtschaftsleben vor hundert Jahren in Beziehung zum Ausland stand, in welchem Umfange die Bedarfsbefriedignng seiner Bewohner im Austausch mit den Leistungen fremder Nationen erfolgte, ist wenn man will, das Quantum und Quäle von Verunselbständigung des deutschen Wirtschaftsgebietes in jener Zeit, dafern ja alle Differenziierung auf eine Verunselbständigung hinausläuft. Was hier zunächst Schwierigkeiten bereitet, ist die Unfaßbar- keit, richtiger noch die Unauffindbarkeit eines einheitlichen deutschen Wirtschaftsgebietes, das man als abgeschlossenes Ganze dem Auslande gegenüberstellen könnte. Das erste Drittel des neunzehnten Jahrhunderts kennt ja, wie wir schon bei anderer Gelegenheit beobachten konnten, nur eine Vielheit von einander durch Zollschranken getrennter einzelstaatlicher Wirtschaftsgebiete, die sich in jahrhundertelanger Sonderstellung, so gut es bei der Kleinheit anging, zu wirtschaftlichen Einheiten herausgebildet hatten. Preußen war gegen Sachsen, Bayern gegen Württemberg, Baden gegen Hessen und so fort Ausland geworden, und alle „nationale Differenziierung" war somit, da es keinerlei wirtschaftliches Band gab, das die sämtlichen Staaten ebenso umschlossen hätte wie jeden einzelnen, nur eine Differenziierung der einzelnen deutschen Gaue untereinander. Es ist nun wohl offensichtlich, daß wir einen solchen Zustand unserer Betrachtung, die uns eine Vorstellung von dem Grade der national-deutschen oder sagen wir mit moderner Terminologie reichsdeutschen Einbezogenheit in weltwirtschaftliche Beziehungen vor hundert Jahren verschaffen soll, nicht zu Gruude legen können. Denn worauf es uns doch ankommt- unausgesetzt Vergleiche anzustellen zwischen dem Damals und Heute, würde ja uns unmöglich gemacht sein. Wir würden sür die frühere Zeit nur „weltwirtschaftliche" Beziehungen einzelner der heutigen Bundesstaaten kennen, an denen uns nichts gelegen ist. !^ Die nußere Struktur des Wirtschaftsleben? Diese Erwägungen führen uns schließlich dahin, den Zeitpunkt, für den wir die nationale Differenziierung des deutschen Wirtschaftsgebietes untersuchen wollen, zu verlegen: in eine Zeit nämlich, in der es schon ein einheitliches deutsches Wirtschaftsgebiet von annähernd dem Umfange des heutigen gab, das ist in die Zeit nach Begründung des deutschenZollvereins. ÜberdessenEntstehung selbst weitschweifig zu berichten, ist nicht meine Absicht. Sie ist ein wesentlich politischer Vorgang und wird auch in den meisten allgemeinen Geschichtswerken dargestellt; am ausführlichsten Wohl in Treitschkes Deutscher Geschichte, wo man im Bedarfsfalle die einschlägigen Kapitel nachlesen mag. Hier interessiert uns nur die Tatsache, daß eines Tages die verschiedenen deutschen Staaten aus ihrer wirtschaftspvlitischen Isoliertheit heraustraten, die Zollschranken zwischen sich aufhoben und eine gemeinsame Zollgrenze gegen das Ausland anerkaunten. Damit war die Einheit Deutschlands und zwar des deutschen Reichs (Österreich bleibt von nun ab bei Seite und folgt ganz anderen Gesetzen der Weiterbildung), soweit sie uns hier interessiert, vollzogen, ein reichsdeutsches Wirtschaftsgebiet unterschiedlich gegen die außerdeutschen Lande konstituiert und zwar in annähernd derselben Zusammensetzung wie wir es noch heute finden. Von da ab lassen sich also auch Vergleiche anstellen. Dieser Zeitpunkt aber sind die Jahre 1834 bezw. 183S, in denen nacheinander zu einem deutschen Zollvereine sich zusammenschlössen: Preußen, Bayern, Württemberg, Sachsen, die beiden Hessen, Baden, Nassau, Thüringen und die Stadt Frankfurt a/M. Es fehlen freilich, wie ersichtlich, noch einige größere Gebiete, namentlich Hannover und Braunschweig, die erst in den 1840 er bezw. 1850 er Jahren (Hannover erst vom 1. Januar 1854 an) dem deutschen Zollvereine beitraten, ferner die Mecklenburgs (au denen uns jedoch wenig liegt), aber auch die beiden Hansestädte Bremen nnd Hamburg, die zuletzt — erst am 1. Oktober 1888 — deu Anschluß an das deutsche Zollgebiet erreichten. Trotzdem will ich als Zeitpunkt für die folgenden Feststellungen die letzten Jahre des vierten Jahrzehnts, also die Zeit nach eben erfolgter Zusammenschließung der zuerst genaunten Staatengruppe, wählen. Und zwar deshalb, weil nur bis in die 1840 er Jahre hinein der Ausdehnung des deutschen Außenhandels am Ende der 183» er Jahre. 43 Grundzug des deutschen Wirtschaftslebens, insbesondere aber die Beziehungen der deutschen Staaten zum Auslande in ihrer Eigenart dieselben wie im Anfang des Jahrhunderts bleiben, während dann die große Wandlung eintritt, in die also die Angliederung der norddeutschen Staaten mitten hineinfällt. Überdies sind die fehlenden Gebietsteile für den Gesamtcharakter des deutschen Wirtschaftslebens zu wenig ausschlaggebeud, um sie allzusehr zu vermissen. Die Frage ist somit die: welcher Art war die nationale Differenzierung, in die sich das Mitte der 1830 er Jahre geeinte deutsche Zollgebiet hiueiugezogcn sah? In vulgärer Ausdrucksweise: welches war der Charakter der deutschen Außenhandelsbeziehungen Ende der 1830 er Jahre? Da wäre denn zunächst der Grad der Differenzierung festzustellen, ich meiue: wäre zu untersuchen, welchen quantitativen Anteil der Verkehr mit dem Auslande an dem gesamten deutschen Wirtschaftsleben gehabt habe, etwa im Vergleich zu heute. Aber eine solche Feststellung zu machen, ist außerordentlich schwierig, weil uns zur bloßen Tatsachenermittelnng die notwendigen Anhaltspunkte fehlen, geschweige denn zu einem Vergleiche der Vergangenheit mit der Gegenwart. Die gemeine Meinung ist die, daß die Verflechtung Deutschlands mit dein Weltmarkte im Anfang des ueunzehnteu Jahrhunderts viel geringer, also der Grad der nationalen Differenzierung ein viel niedrigerer gewesen sei als heute. Das ist natürlich richtig, wenn wir nur die absoluten Aus- und Einfuhrziffern in Betracht ziehen. Nach einer Berechnung Raus soll der Wert der Einfuhr in die deutschen Staaten (1842) 188,67 Mill. Taler, also rund 566 Mill. Mark, der der Ausfuhr 162,9 Mill. Taler oder 488,7 Mill. Mark betrage,, haben. Heute überschreitet der Wert der Einfuhr die sechste Milliarde Mark, während der der Aussuhr beinahe die fünfte erreicht. Auch wenn man die Werte des auswärtigen Handels auf deu Kopf der Bevölkerung berechnet, ergibt sich natürlich eine enorme Steigerung: die Ansfnhr beispielsweise hat sich verzehnfacht, die Bevölkerung kaum verdoppelt. Aber mit allen diesen Ziffern ist die Frage, von der wir ausgingen, garnicht berührt: ob das deutsche Wirtschaftsleben früher oder jetzt mit einem größeren Teile 44 Die äußere Struktur des Wirtschaftslebens. in das Ausland hineinragte. Um diese Frage zu beantworten, müßte man nämlich offenbar die Ziffern der Gesamtproduktion bezw. des Gesamtverzehrs an Gütern kennen, um die Höhe des Anteils zu bemessen, den daran die Werte des Aus- und Einfuhrhandels haben. Eine solche Statistik aber fehlt uns zumal für die Vergangenheit völlig. Die Ausfuhr hat sich verzehnfacht, gut. Aber hat sich die Gesamtproduktion an Gütern nicht etwa ver- zwölffacht in demselben Zeitraum? Dann würde jetzt die Ausfuhr eilte geringere Quote von der Gesamtproduktion ausmachen als früher: der Grad der nationalen Differenzierung wäre heute niedriger als ehedem. Ich fage: nur werden nicht zu entscheiden vermögen, ob dem so ist oder ob die gemeine Meinung das Nichtige trifft. Ich komme auf diese Frage iu einem späteren Kapitel noch einmal zu sprechen. Was wir dagegen mit Händen greifen können, ist der Wandel, den die qualitative Gestaltuug der auswärtigen Handels- beziehuugen Deutschlands in dem neunzehnten Jahrhundert erfahren hat. Ich will versuchen, einen Überblick über den Artcharakter des deutschen Handels am Ende der 1830 er Jahre zu geben, und verweise auf die Darstellung des gegenwärtigen Zustandes im 14. Kapitel, die man mit der hier gegebenen Schilderung vergleichen möge. Deutschlands Volkswirtschaft war während der ganzen ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts zweifellos, verglichen mit den westeuropäischen Ländern, namentlich England, um viele Jahrzehnte rückständig; alles, was ich im vorigen Kapitel mitgeteilt habe, liefert dafür den Beweis: die geringe Bevölkerungsdichtigkeit, die mangelnde berufliche Differenzierung uud anderes. Weiteres Beweismaterial wird das nächste Kapitel enthalten, in dem ich ein Bild von der inneren Organisation des deutschen Wirtschaftslebens zu entwerfen versuchen werde. Aus diesem niedrigen Stande volkswirtschaftlicher Entwicklung folgen nun aber mit Notwendigkeit einige Erscheinungen, die vor allem bestimmend für den Artcharakter des auswärtigen Handels eines Landes sind. Das sind billige Bodenpreise und darum uiedrige Preise der Bodeuerzeuguisse: der Artcharakter des deutschen Außenhandels im Anfang des Jahrhunderts. 45 Nahrungsmittel und Rohstoffe aus der einen Seite, verhältnismäßig hohe Preise der gewerblichen Erzeugnisse andrerseits, deren Herstellung in sortgeschritteneren Ländern bereits mittels einer vollkommeneren Technik, z. B. unter Zuhilfenahme von Maschinen, erfolgt. Diese Zusammenhänge muß ich bitten als notwendige an- zuuehmen, ohne daß ich deu Beweis dafür erbrächte. Ebenso nehme man gläubig von der Existenz eines allgemeinen volkswirtschaftlichen Gesetzes Kenntnis, wonach die Waren die Tendenz haben, sich aus einem Gebiete mit niedrigen Produktionskosten in ein solches mit hohen Preisen zu transloziereu. Wenn eine Tonne Getreide an einem Orte 100 Mk., an einem andern 150 Mk. herzustellen kostet, so werden die Konsumenten an letzterem Orte eine Anziehungskraft auf das Getreide ausüben, das an dem Orte erzeugt wird, wo fein Herstellungspreis nur 100 Mk. beträgt. Aus diesen Prämissen kann nnn ohne weiteres auf den Art- charakter des deutschen Außenhandels vor hundert oder vor sechzig Jahren geschlossen werden; statistische Ziffern braucht es dazu gar nicht; sie dienen höchstens dazu, die Richtigkeit der theoretischen Schlüsse zu bestätigen. Es wird, denke ich, genügen, wenn wir im folgenden unser Augenmerk richten auf diejenigen Warenwerte, die einen Überschuß der Einfuhr oder der Ausfuhr darstellen; denn offenbar kommt in ihnen die Eigenart der weltwirtschaftlichen Verknüpfung eines Landes am deutlichsten zum Ausdruck. Der Leser möge jetzt die Anlage zu rate ziehen. Die Ziffern stellen den Durchschnitt der Jahre 1837—1839 dar. Ich beginne mit einer Übersicht über die Ausfuhr. Da ergibt sich, daß rund ein Viertel der Ausfuhr von Nahrungsmitteln und Rohstoffen gebildet wird. Speziell an Getreide konnte das dainalige Deutschland noch beträchtliche Mengen an das Ausland abgeben. Wenn wir die preußischen Verhältnisse, was angängig ist, auf die des zollgeeinten Deutschlands übertragen, so würden nach den Berechnungen zuverlässiger Statistiker damals noch etwa ein Fünftel bis ein Viertel der gesamten Weizenernte und etwa 6 also etwa ein Siebzehntel der Roggenernte mehr ausgeführt, also über den Bedarf der eigenen Bevölkerung hinaus produziert worden sein: ein Zustand, der übrigens noch mehrere Jahrzehnte -l!> Die äußere Struktur des Wirtschaftslebens. fast unverändert gedauert hat. An anderen Bvdenerzeugnissen gab das Deutschland der 1830er Jahre noch in größeren Mengen Holz und Holzborke (Lohe) an das Ausland ab, wahrend es eben angefangen hatte, Holzkohle mehr ein- als auszuführen. Daß ein Einfuhrüberschuß an Vieh statthat, beruht auf besonderen hier nicht näher zu erörternden Ursachen; er wird durch den Ausfuhrüberschuß, den die Schafwolle lieferte, zur Hälfte etwa ausgeglichen. Also auch Wolle wurde noch über den eigenen Bedarf hinaus Produziert, ein äußerst charakteristisches Zeichen für den Stand der industriellen Entwicklung des Landes. Übrigens hatte die Wollausfuhr Ende der 1830er Jahre schon ihre Blütezeit überschritten, teils weil England, der Hauptabnehmer, angefangen hatte, die billigeren australischen und südafrikanischen Wollen zu importieren, teils weil die Nachfrage nach Wolle im eigenen Lande stieg. Was Deutschland am Ende der 1830er Jahre sonst an Waren dem Auslande zu bieten hatte, waren Fertigfabrikate der verschiedenen Jndustrieen: der Baumwoll-, Woll-, Leinwand- und Seidenweberei, der Kleineisenindustrie, der Holzwaren-, Kurzwaren-, Töpferwarenindnstrie n. a. Es sind im wesentlichen solche Erzeugnisse, deren Rohstoffe in Deutschland gewonnen wurden, bei denen aber die technischen Umwälzungen die Preise noch nicht wesentlich beeinflußt hatten, bei deren Herstellung also die billigeren Arbeitslöhne, wie sie das damalige Deutschland, verglichen mit fortgeschritteneren Ländern, naturgemäß aufwies, von ausschlaggebender Bedeutung zu gunsteu der deutschen Industrie wurden. Das gerade Gegenteil mußte der Fall seiu bei denjenigen Jndustrieprodukten, die wir Halbfabrikate nennen nnd unter denen den Garnen und dem Noh- bezw. Schmiedeeisen eine besondere Wichtigkeit zukommt. Hier hatten die ersten Jahrzehnte des neunzehnten Jahrhunderts, namentlich in England, eine vollständige Neugestaltung der Herstellungsweise und damit eine mächtige Preissenkung gebracht, der Deutschland noch nicht gefolgt war. Deshalb bezog es in großen Mengen diese Halbfabrikate vom Auslande, namentlich von England: das ist ein weiteres wichtiges Charakte- ristikum des damaligen Standes der Dinge. Beinahe ein Viertel der gesamten Mehreinsuhr entfällt auf baumwollene Garne, die Die hauptsächlichsten Cinsuhrgcgenstände. -17 Halbfabrikate zusammen machen ihrem Werte nach beinahe ein Drittel der gesamten Mehreinfuhr aus. Der Emanzipationskampf der Spinnerei uud der Eisenindustrie, den ich in seinen einzelnen Phasen nicht schildern kann, füllt einen großen Teil der wirtschaftlichen Entwicklung der uächsten Jahrzehnte aus und beeinflußt auf das deutlichste die gesamte Wirtschafts-, insonderheit Zollpolitik. Denn naturgemäß erstrebten die nach Emanzipation vom Auslande trachtenden Spinuer und Eisenleute vor allem Schutz gegen die auswärtige Konkurrenz, mit andern Worten Schutzzölle auf Garn und Eisen. Und noch heute wird unsere zollpolitische Lage durch diese eigentümliche Situation der genannten beiden großen Industrien, die Schritt für Schritt sich vom Auslande den Boden haben erobern müssen, auf dem sie stehen, wesentlich beeinflußt. Bis heutigentags sind die Träger der industrielle» Schutzzollpolitik in Deutschland die Garn- und Eiseumänner geblieben. Was sonst Deutschland an Waren vom Auslande bezog, waren, wie man zusammenfassend sagen kann, Kolonialprodukte, unter denen damals der Zncker noch eine entscheidende Rolle spielte. Etwa ein Siebentel der gesamten Mehreinsuhr entfüllt auf Zucker. Heute, werden wir sehen, liegen die Dinge wesentlich anders: der Rübenzucker hat den Rohrzucker aus dem Felde geschlagen, und Deutschland ist eines der größten Zuckerexportländer geworden. Auch diese Wandlung findet ihren markanten Ausdruck in der deutschen Zoll- uud namentlich Steuergeschichte. Haben diese Andeutungen hingereicht, um dem Leser ein einigermaßen deutliches Bild von der Stellung des deutscheu Wirtschaftslebens zum Auslande zu geben? Ich hoffe doch. Und der weitere Verlauf unserer Unterhaltung wird, deuke ich, noch manches klarer hervortreten lassen, was einstweilen mir verschwommen erscheint. Die beiden wichtigsten Tatsachen will ich aber doch noch einmal wiederholen: Erstens: Deutschland gewinnt ans seinem Boden noch mehr Erzeugnisse (Nahrungsmittel uud Rohstoffe), als es selbst verzehrt. Zweitens: Deutschland ist in zwei der bedeutendsten Industriezweige (Garn- uud Eisengewinnung) noch durchaus vom Auslande abhängig. 48 Die äußere Struktur deS Wirtschaftslebens. Zum Schlüsse will ich auch uicht unerwähnt lassen, daß man ein Land, dessen Stellung znm Auslande eine solche ist, wie sie Deutschland in den 1830 er Jahren noch einnahm, dessen landwirtschaftliche Bevölkerung einen so starken Bruchteil ausmacht, wie diejenige im damaligen Deutschland, als „Agrarstaat" zu bezeichnen pflegt. Der Ausdruck ist nicht sehr treffend, wie das bei solchen Schlagworten häufig der Fall ist. Da wir aber keinen besseren dafür haben, um deu Charakter der gekennzeichneten Wirt- schaftsstufe in einem Worte zu bestimmen, so mag er passieren. Andere fageu statt Agrarstaat „NahrungSstaat", was noch weniger die Sache trifft. Die Pointe bleibt ja, daß wir den Sachverhalt richtig erfassen. Nenn' es dann, wie du willst . . . Drittes Kapitel. Die innere Organisation des Wirk- schaftsleoens. I. Die Agrarverfassung. Was ich in diesem Kapitel schildern will, ist die innere Struktur des deutschen Wirtschaftslebens vor hundert Jahren, wie sie in dem Wirtschaftssysteme, wie ich es nenne, zum Ausdruck kommt. Ich meine damit vor allem den Geist, der das Wirtschaftsleben beherrscht, die Eigenart der Willensrichtung, der Gedanken- und Empfindungswelt der die wirtschaftlichen Verhältnisse beeinflussenden Personen. Ich denke aber auch an alle die Tausende von Beziehungen, die sich zwischen den Allgehörigen eines Staates knüpfen, wenn sie ihre wirtschaftlichen Zwecke verfolgen, also an das, was man die Ordnung des Wirtschaftslebens nennen kann. Ich habe über alle diese Dinge in theoretischer Betrachtungsweise ausführlich in meinem Kapitalismus mich ausgelassen und muß wiederum bitten, jenes Werk zur Hand zu nehmen wem an einer systematischeil Erfassung jener Erscheinungen gelegen ist. Hier soll der Leser mit spitzfindigen Erörterungen nicht gequält werden. Ich will wieder nur schlicht erzähleu, wie es in der bezeichneten Richtung in Deutschland vor hundert Jahren aussah, will dem Leser wiederum vor allem die Anschauung von den Dingen zu verschaffen suchen. Wollen wir einen einheitlichen Grnudzug in der wirtschaftlichen Organisation jener Zeit ausfindig machen, der diese von der unserigcil, wie wir sie noch kenneil lernen werden, unterscheidet, so wird dies, scheint mir, die Gruppierung aller wirtschaft- Sombart, VollSwittschnft. 4 50 Die innere Organisation des Wirtschaftslebens, lichen Vornahmen nm die lebendige Persönlichkeit des bedürfenden und handelnden Menschen sein. Das Wirtschaftsleben ist noch nicht ein nach sachlich-rationalen Gesichtspunkten kunstvoll aufgebauter Mechanismus, sondern im wesentlichen ein nnreflektierter Ansfluß natürlich empfindender Menschen. Was ich damit meine, wird erst verständlich werden, wenn ich nun die einzelnen Sphären des Wirtschaftslebens in ihrer eigenartigen Organisation vorüberführen werde. Der Leser wird erstaunen über die vielfach bizarren Formen, in denen sich uns das Wirtschaftsgebäude vor hundert Jahren noch darstellt. Es ist in den Grnnd- zngen noch immer der Bau, den auf dem Lande die germanischen Stämme in der Hof- und Dorfverfassuug bei ihrer Seßhastwerdung anderthalb Jahrtausende früher aufgeführt, den dann der Feudalismus und in den letzten Jahrhunderten die aufkommende Guts wirtschaft abgeändert, ausgebaut, aber doch nicht umgestürzt hatten; in den Städten diejenige Ordnung der Dinge, die man gewöhnlich als Zunftordnung bezeichnet: auch sie iu fast tausendjährigem Wachstum langsam, stückweise entstanden, ergänzt, abgeändert, aber im Weseu erhalten: ein imposantes Denkmal einer starren, unbeweglichen, konservativen Epoche der Geschichte. Ich beginne mit der Darstellung der ländlichen Verhältnisse und zwar zunächst mit eiuer Schilderung der Banernwirtschaft alten Stils. Ich bitte nicht zn erschrecken, wenn ich dabei etwas weit aushole: ich springe dann schon! Aber ein Verständnis für die Eigenart des Wirtschaftslebens vor hundert Jahren läßt sich nicht gewinnen, ohne daß man seine Wurzeln bloßlegt. Und diese Wurzeln liegen bei der Agrarvcrfassung, wie ich schon andeutete, in der Zeit, als die germanischen Stämme seßhaft wnrden. Ehe dies eintrat, so müssen wir annehmen, wurden größere, mehrere Quadratmeilen umfassende Gebiete von Gruppen blutsverwandter Familien in nomadenhafter Weise gemeinschaftlich als Weide- und gelegentliches Ackerland genutzt. Diese für mehrere tausend Personen als Unterhaltsstätte dienenden Gründe leben später als gemeine Marken oder Holzmarken fort, nachdem ans einem Teile von ihnen kleinere Verbände zur Seßhaftigkeit gelaugt waren. Diese zusammenbleibenden Gruppen von Familien bilden die Dorf- Die alte Marken- und Dorsvcrfassung, öl gemeinschafteil in den Gegenden, wo eine Siedelnng in Dörfern erfolgt, das ist dein größten Teile vvn Deutschland: wahrend all einzelnen Stellen, namentlich in Niedersachsen, die einzelnen Bauern sich isoliert niederlassen, im sogenannten Hofsiedelungssystem. Da aber die Eigenarten der urwüchsigen Banernwirtlchaft sich vereinigt finden bei der dorfartigen Siedelungsweise, so werde ich diese schildern. Man kann dann leicht selbst feststellen, welche Erscheinungen bei einer Siedelnng in Einzelhvfen wegfallen. Also anch, nachdem sich die kleinen Gruppen von Familien in den einzelnen Dörfern verselbständigt hatten, blieb ein Zusammenhang der benachbarten Dörfer untereinander insofern bestehen, als diese gemeinsam das zwischen den Dorffluren gelegene Gebiet, ursprünglich meist Heide, Moor, Sumpf und Wald besaßen und nutzten, als Markgenossen, Mitmärker, Lonsorkes. Diese Tatsache ist wichtig. Sie erklärt die zahlreichen Nutzungsrechte, die noch zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts die einzelnen Bauernfamilien vielfach auf fremdem Gruud und Boden, meist Herrenland, ausübten. Denn als im Laufe der Jahrhunderte die Großen das «„besiedelte Land mit Beschlag belegt hatten (das ursprünglich Eigentum der Markgenossen gewesen war), blieben die Ansprüche der ehemaligen Besitzer teilweise in Form von Nutzungsrechten (zum Holzlesen, Streuholen, Weidegang sür die Kuh u. s. w.) fortbestehen. Innerhalb einer Mark lagen nun also die verschiedenen Dorffluren, deren einzelne etwa drei bis vierhundert Hektar groß war. Sie umfaßten das in Kultur genommene Gebiet uud hatten im einzelnen folgende Bestandteile: 1. das Dorf selbst, vom „Etter" umgeben, Flüsse, Weiher Wege; 2. das Ackerland; 3. Weide und Wald. Die Verteilung der Dorfflur unter die einzelnen Genossen, deren es nach Meitzen, dein vorzüglichsten Kenner dieser Materie, ursprünglich zehn bis dreißig gab, erfolgte nun nach einem bestimmten, für die gesamte ländliche Wirtschaftsverfassung außerordentlich folgenschwere,, Prinzip, dem der ideellen Anteilnahme, 4» 5^ Die innere Organisation des Wirtschaftslebens. wie sie in der Hufenverfassung zum Ausdruck kommt. Die ideelleu Auteile der einzelnen Bauernfamilien an sämtlichen Bestandteilen der Dorfflur hießen nämlich Hufeu. Sie waren ursprünglich nach Qualität und Quantität so groß bemessen, daß eine Familie darauf eine normale Bauernwirtschaft führen und von den Erträgnissen auskömmlich leben konnte. Wir begegnen hier zum ersten Male der „Idee der Nahrnng", die während des ganzen Mittelalters hindurch das Wirtschaftsleben in Stadt und Land beherrscht und die auch zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts durchaus noch das regulierende Prinzip der Produktion bildet: jedem Wirtschaftssubjekt soll ein solcherart abgegrenzter Komplex wirtschaftlicher Tätigkeiten gesichert sein, daß es seine Arbeitskraft voll ausnutzen und sich und die Seinen von seiner Hände Arbeit ernähren kann. Ursprünglich waren also die Hufen alle gleich groß. Im Laufe der Jahrhunderte differenziierten sie sich in doppelt oder mehrfach so große Anteile einerseits, in halbe, drittel, viertel Hufen andrerseits. Die Bestandteile einer Hufe waren aber folgende: 1. Die Hofstätte, d.h. das Wohnhaus, die Ställe, Scheunen, Gärten, sogenannte Wurten, die von vornherein zu vollem Privateigentum dem einzelnen übergeben wurden; 2. das Ackerland im Felde. Mit diesem hatte es seine besondere Bewandnis. Es lag nicht an einer Stelle in einer zusammenhängenden Fläche, sondern war nach einem sehr ingeniösen Plane über die ganze Flur zerstreut. Diese wurde gleich bei der Besiedelung in eine Anzahl gleich großer Teile, die sogenannten Gewanne oder Kämpe zerlegt, die aus Bodenstücken annähernd gleicher Qualität bestanden, in der Zahl von dreißig oder vierzig. In jedem dieser Kämpe erhielt nun die einzelne Banernfamilie eine gleich große Parzelle angewiesen, so viel wie ein Joch Ochsen an einem Morgen Pflügen konnte: daher „Morgen" genannt, in Osterreich „Joch". Ursprünglich wurden diese Anteile wahrscheinlich von Zeit zu Zeit uuter die Dorfgenossen von neuem verlost: daher Ackerlose; schon früh aber entwickelte sich ein ständiger Besitz wenigstens auf Lebzeiten, und bald blieben die einzelnen Streifen erblich zu vollem Privateigentum in einer und Allmende. Geniengelage. Flurzwang. S3 derselben Familie. Mit der Zeit, müssen wir uns nun denken, wurden diese Purzellen geteilt, getauscht, zusammengelegt u. s. w. Das Ergebnis war ein unglaublich buntscheckiges Bild. Eine Dorfflur zerfiel in Hunderte, ja taufende solcher Parzellen, von denen der einzelne Wirt also auch oft Hunderte über die ganze Flur verteilt besaß. Erinnern wir uns, was wir auf unserer Reise beobachteten: daß die Felder schachbrettartig, in winzige Streifchen zerstückelt erschienen. Die Wahrnehmung war richtig: wir haben jetzt den Grund sür diese eigentümliche Erscheinung kennen gelernt. 3. bestand die Hufe aus den Nutzungsrechten der einzelnen Bauernwirtschaft an dem nicht aufgeteilten Areal der Dorfgemarkung, der sogenannten Allmende. Diese wurde gebildet aus dem Wald- nnd Weideland und blieb, wie gesagt, im Eigentum der Gemeinde, die den Genossen mir das Recht des Viehauftriebs, der Holzlese u. s. w. gewährte. Diese eigentümliche Eigentumsverfassnng, wie sie sich fast übereinstimmend in Deutschland auf dem Lande entwickelte, hatte nun ganz bestimmte Konsequenzen für die Gestaltung des landwirtschaftlichen Betriebes selbst. Es war natürlich unmöglich bei der Durcheiuanderwürfeluug der einzelnen Besitzstücke jeder Bauernfamilie, der technische Ausdruck dafür ist „Geinengelage", daß der einzelne Bauer seine Wirtschaft einrichtete, wie es ihm gutdünkte. Deuu Wege gab es auf der Dorfflur noch nicht. Der Besitzer einer entfernten Parzelle konnte also nur zu ihr gelangen, wenn er über die Besitzstreifen anderer wegfuhr. Also war es ausgeschlossen, daß der eine Bauer noch die Ernte auf dem Halm stehen hatte, während der andere sie einfahren wollte, daß der eine fein Feld zu bestellen anfing, während der andere schon eingesüt hatte, und so fort. Mit einem Worte: es folgte aus der gekennzeichneten Situation, der sog. Gemengelage, mit Notwendigkeit eine Wirtschaft nach einheitlichem Plan, den die Ältesten der Dorfgemeinde feststellten. Nach diesem Plane war vorgeschrieben, was sür eine Frucht der einzelne Genosse anbauen mußte, wann er seinen Acker zu bestellen hatte, wann er mit der Ernte sertig sein mußte; das war der sog. Flurzwang. Ferner enthielt der einheitliche Wirt- 5.4 Die innere Organisation des Wirtschaftslebens. schnftsplan Bestimmungen über den gemeinsamen Weidegang des Viehs, d. h. den Auftrieb der zu den Dorsherden vereinigten Kühe, Schweine, Gänse?c., sei es in den Wald, auf die als ewige Weide genutzte Allmende, sei es auf die Stoppel- oder Brachweide. Es lag nämlich auch in der Anlage des dorflichen Wirtschaftsplanes, daß das Ackerland von Zeit zu Zeit nicht bestellt wurde, fondern als Brache liegen blieb, um es sich wieder erholen, neue Kräfte sammeln zu lassen. Das war bei der geringen Düngerproduktion, die wiederum eine Folge der übermäßigen Bevorzugung des Getreidebaues war, sowie bei dem niedrigen Stande der Kenntnisse vvn den Bedingungen des Pflanzenwachstums durchaus erforderlich, wollte man nicht Gefahr laufen, daß der Boden sich ganz und gar erschöpfte. Ich bemerke in Parenthese, daß in dieser agronomischeu Konstellation ein deutliches Symptom sehr geringer Produktivität der Landwirtschaft zu Tage tritt, dank eben der unentwickelten agrarischen Technik jener Zeit. Die Perioden aber, in denen das Ackerland brach liegen mußte, waren in der Mehrzahl der Fälle dreijährige. In den beiden andern Jahren baute man auf dem Acker hintereinander Winterkorn (Roggen oder Weizen) und Sommerkorn (Gerste, Hafer, Sommerroggen oder Sommerweizen). Folglich mußte in einem Jahre von der ganzen Flur ein Drittel mit Winterkorn, ein Drittel mit Sommerkorn angebaut seiu, während das dritte Drittel brach lag und als Weide genutzt wurde. Wegen dieser räumlichen Dreiteilung deS Ackerareals, oder (zeitlich) des dreijährigen Turnus der Fruchtfolge nannte man diese Wirtschaftsweise Dreifelderwirtschaft. Es war amBeginne des neunzehnten Jahrhunderts, auch in den gleich zu besprechenden Guts- wirtschaften, noch durchaus das in Deutschland vorherrschende Anbausystem, nur hie und da dadurch verbessert (daher „verbesserte Dreifelderwirtschaft"), daß mau im dritten Jahre, dem Brachjahre, in das Feld eine Futterpflanze, insonderheit Klee einsäte; d. h. die Brache besvmmerte. Dieses Verfahren hatte den großen Vorzug, eine ausgedehntere Viehhaltung und damit vermehrte Dünger- prodnktion und also eine Hebung der Bodenkräfte zu ermöglichen. Nun deutete ich aber schon an, daß an dieser dorfwirtschaftlichen Verfassung Feudalismus und Gutswirtschaft mancherlei Arnndherrliche und gutSheriliche Lasten. 55 geändert hatten. Wie diese Mächte, im Laufe des Mittelalters jene, beim Beginn der neuen Zeit seit dem sechzehnten Jahrhundert diese, entstanden und zur Entfaltung gelangt sind, kann ich natürlich hier uicht anch noch erzählen. Uns genügt zu Missen, daß sie beide im Effekt darauf hinausliefen, den Bauern in Abhängigkeit vom großen Grundbesitzer zu bringen, ihn zu Abgaben oder Leistungeu zu verpflichten uud dadurch eine teilweise ueue Form laudwirt- schaftlicheu Betriebes neben die Bauerwirtschaften zu setzen. Die Abhängigkeitsverhältnisse, in denen wir die deutschen Baueru (bis auf ganz wenig davon freigebliebene Gebiete) zn Beginn des neunzehnten Jahrhunderts finden, sind entweder sogenannte grundherrliche oder sogenannte gutsherrliche. Die ersteren bestanden in der Verpflichtung der einzelnen Bauernwirtschaft, dem Grundherrn des Bezirks Abgaben in Geld oder Natura zu leisten. Diese grundherrlichen Lasten ändern an der Gestaltung der Agrarverfassung selbst gar nichts. Sie sind deshalb auch für uus ohne weiteres Interesse. Ökonomische Bedeutung hätten sie höchstens dadurch gewonnen, daß fie die Bauernwirtschaft übermäßig gedrückt und etwa die natürliche Reproduktion des uatioualeu Reichtums verlüudert hütteu. Gauz anders diejenigen Abgaben oder richtiger Lasten, die man als gntsherrliche bezeichnet, Lasten, wie sie in einzelnen Teilen namentlich des östlichen Deutschlands eine Rolle spielten. Ihre Bedeutung liegt darin, daß sie die Unterlage für eine völlige Neuordnung der land- wirtschaftlichen Produktion bildeten, sofern sich auf ihnen eine neue Wirtschaftsform: die Gntswirtschaft aufbaute. Der Leser muß nämlich wissen, daß es bis in das neunzehnte Jahrhundert hinein iu Deutschland keine Groß-Gutswirtschaft, wie er sie vielleicht auS eigener Anschauung keimt, gegeben hat, d. h. eine Wirtschaft mit einem größeren Bestand von eigentlichen und zwar freien Lohnarbeitern, Leuten also, dereu Hauptberuf das Arbeiten auf dem Gute eines Herren ist und die sich diese Arbeit statt irgend einer beliebigen anderen frei gewählt haben. Ein folcher berufsmäßiger Landarbeiterstand fehlte iu der früheren Zeit. Der Großgrundbesitzer, der sein Land augebaut sehen wollte, mußte sich also anderer Arbeitskräfte bedienen, und dies waren eben die 5>l! Die innere Organisation des Wirtschaftslebens. Bauern der benachbarten Dörfer. Diese waren — meist erst seit dem Allsgange des Mittelalters, denn seitdem datiert erst recht eine Gutswirtschaft in Deutschland — gegen ihren Willen zu Arbeiten auf dem Gutslande herangezogen worden; sei es, daß sie Zwangsgesindedienst auf den: Hofe zu verrichten hatten (die Sohne und Tochter der Baueru), sei es, daß sie mit ihrem Gespann zu pflügen, die Ernte einzufahren und andere Fuhren auszuführen hatten (das waren die sog. Spanndienste), sei es endlich, daß sie ihrer Hände Arbeit auf dem Felde oder im Hofe dem Gutsherrn zur Verfügung stellen mußten (was man Handdienste nannte). Alle Verpflichtungeu zusammen hießen Frondienste. Selbstverständlich war das notwendige Korrelat einer solchen ArbeitSver- sassung eitle Beschränkung der Freizügigkeit: die Baueru waren schollenpflichtig. Und der ganze Status, an dem die solcherart an die Scholle gefesselte und zu Frondiensten verpflichtete Bauernschaft sich befand, hieß man die Erbuntertänigkeit. Abgesehen davon nun, daß die Gutswirtschaft großer war als die Bauernwirtschast und auf Unfreiheit statt anf Freiheit ruhte, war ihr inneres Wesen kaum verschieden von dem Wesen bäuerlicher Wirtschaft. Auch die Ideenwelt des Gutsherrn ist in den weitaus titeisten Fälleu von dem Gedanken erfüllt: daß seine Wirtschaft ihm den standesgemäßen Unterhalt verschaffen müsse. Einen Unterhalt groß genug, um seigneurialement zu leben, nicht üppig, nicht ausschweifend prächtig, aber doch fo, daß es reicht, um im Sommer und Herbst sich deu Freuden der Jagd hinzugeben, im Winter etwa in der Provinzialhauptstadt mit der Familie ein paar Monate zu verbringen, die Tochter mit einer soliden Aussteuer zu versehen und den Sohn in einem Regiment Seiner Majestät Offizier spielen zu lassen. Es war die Ideenwelt, wie sie noch heute den ost- elbischen Junker beherrscht, eilte ins Große übertragene echt bäuerliche Auffassung von Wirtschaft und Leben. Ich komme darauf zurück, wo ich von den sozialen Klassen sprechen werde. Und ebensowenig unterschieden sich die Wirtschaftsführung selbst, die Art die Felder zu bestellen, das Vieh zu warten, aus den größeren Gütern von demjenigen, was in Banernwirtschaften Die feudale Gutsversassung. 57 üblich war. Das ergab sich schon aus der Tatsache, daß das GutSland nicht in einem einzigen Komplexe wohlarrondiert sich von dem Bauernland abhob, sondern niit diesem unentwirrbar verfilzt war, weil es streifenweise zwischen den Parzellen der Bauern in sämtlichen Gewannen gleichwie diese verteilt lag. Dadurch war die Gutswirtschaft in ihrem ganzen Gebahren notwendig an die Ordnung der Bauernwirtschaften gebuuden, mit deuen zusammen sie die noch immer einheitliche Dorfwirtschast bildete. Ich lasse, um das Gesagte mehr zu verdeutlichen, noch unsern besten Gewährsmann in diesen Dingen, Georg Friedrich Knapp, zu Worte kommen, der das Getriebe in einer Gutswirtschaft alten Stils wie folgt schildert: „Der herrschaftliche Hof ist der Mittelpunkt eines großen landwirtschaftlichen Betriebes; neben dem Haus oder Schloß, in welchem der Gutsherr — oder auch der Domänenpächter —- wohnt, befinden sich weitläufige Wirtschaftsgebäude, große Scheunen und Speicher, Stallungen für das Nutzvieh, besonders für Kühe und Schafe; was aber zu unserer Überraschung fehlt, das sind die Ställe für das Zugvieh; höchstens findet man einige Pferde für den herrschaftlichen Wagen, aber der Bestand an Ackerpferden oder Zugochsen ist sehr gering und fehlt sogar ganz. Der zugehörige Ackerbesitz ist groß, aber er bildet keine zusammenhängende Fläche; die Äcker liegen vielmehr auf der Flur zerstreut, und auf derselben Flur liegen die Äcker der Vaueru, die in einem nahen Dorfe wohnen; herrschaftliche Äcker und Bauernäcker liegen im Gemenge; sie werden nach den Regeln der Dreiselderwirtschaft bestellt, und deshalb ist die Flur in drei örtlich festliegende Teile — die drei Felder — geteilt, und jeder Bauer, wie auch der Gutsherr, hat Äcker iu jedem der drei Felder liegen. Der Wald gehört dem Gutsherrn, der Bauer hat aber gewisse Berechtigungen zum Bezug von Bauholz und Brennholz. Noch fehlt die Separation, welche später die Gemengelage der Äcker beseitigt; noch sehlt die Ge- meinheitsteilnng, welche den Wald von Nutzungsrechten der Bauern befreit; noch werden weitgehende Berechtigungen auf fremdeu Äckern ausgeübt: z. B. so, daß der Gutsherr auf dem Brachfelde im Frühjahr und auf den Stoppelfeldern im Herbst seine Schafherde 58 Die innere Organisation des Wirtschaftslebens. weiden läßt, nicht etwa bloß auf seinen Äckern, sondern auf allen Äckern: auch auf denen der Bauern. Wie werden nun die guts- herrlicheu Äcker bestellt, da man ans dem herrschaftlichen Hofe kein Zugvieh hat? Das geschieht durch die Frondienste der Bauern. Der Inspektor — wie wir heute sagen würden — sagt den Bauern am Abend vorher an, wo sie sich mit bespanntem Pflug oder mit bespannter Egge morgen früh einzufinden haben. Dann geht eS aufs Feld hiuaus, und unter Zanken und Fluchen wird der träge Gaul und der widerwillige Mann zu seiner verdammten Pflicht und Schuldigkeit angehalten. Kommt die Zeit der Ernte heran, so werden, neben den Spanndiensten, die Handdienste der kleinen Leute wichtig; es versteht sich durchaus von selbst, daß der Herrendienst allem andern vorgeht. Im Winter müssen die kleinen Leute das Getreide ausdreschen und der Bauer muß das Getreide auf den nächsten Marktplatz fahren, wieder mit seinem Gespann, viele Meilen weit. So ist alles, was an Arbeit für den Gutsherrn nötig ist, auf die Bauern verteilt oder, richtiger gesagt, auf die Einwohner des Dorfes, mögen sie eigentliche Bauern seiu oder uicht, das heißt: mögen sie einen Baueruhos bewirtschaften oder nicht. Und daraus ergibt sich, daß der Gutsherr, ebenso wie er kein Zugvieh auf seinem Hofe hält, auch keine Arbeiterwohnungeu in der Nähe seines Hofes braucht; denn er hat keine besondern Landarbeiter; die Arbeit wird ja von den Einwohnern seines Dorfes verrichtet, sie ist ans diese Einwohnerschaft je nach deren Kräften, sei es als Spanndienst oder als Handdienst, verteilt; sie ist vielleicht sehr drückend, aber sie ist doch in gewissem Sinne Nebenbeschäftigung nämlich iu dem Sinne, daß weitaus die meisten Einwohner des Dorfes auch eine eigne Wirtschaft führen, sei es als Bauern oder als Kossäten oder als Büdner, Häusler, Kätner. So sah es zur Zeit der Froudienste aus." Gern würde ich nnn auch noch einiges darüber mitteilen, wie sich denn Vauernwirtschaft und Gntswirtschaft in das Deutschland vor hundert Jahren teilten, wenn ich nur selber genaueres darüber wüßte. Natürlich fehlt eine allgemeine Eigentums- oder Betriebsstatistik sür die damalige Zeit. Wir sind deshalb darauf angewiesen, aus einzelnen Überlieferungen auf die gesamte Gestaltung Verteilung d. Grund u, Vvdens in Deutschland zwischen Gntsherrn n, Bancr. 59 zu schließen. Da ergibt sich denn Wohl, daß übermäßig große Veränderungen in dem Besitzstande der einen oder der andern Wirtschaftsform während des neunzehnten Jahrhunderts kaum irgendwo eingetreten sind. Mit Bestimmtheit läßt sich nur soviel sagen, daß der Bestand an bäuerlichen Wirten sich jedenfalls im Laufe des Jahrhunderts verringert hat aus Kosten der Gutswirtschafteu. Und zwar vollzieht sich diese Verschiebung wesentlich in dem Preußen östlich der Elbe, jenem Landesteil, den man neuerdings in der Sprache der Zeitungsschreiber „Ostelbien" nennt. Denn hier allein hat die Gutswirtschaft eine größere räumliche Ausdehnung erlangt und, wie gesagt, bis heute bewahrt, wie ich später noch einmal genauer durch einige Ziffern dartuen werde. Doch handelt es sich imiuer nur um ganz geringe Verschiebungen! nach Max Seriugs Berechnungen beträgt für das umschriebene Gebiet der Nettoverlust der Bauernschaft an den Großgrundbesitz von 1816 bis 1859 1,6 Und seitdem sind die Verluste eher geringer geworden und in neuer Zeit dnrch die systematische Kolonisiernng der östlichen Provinzen Preußens sogar zum Teil schon wieder wett gemacht. Sodaß wir getrost sagen können: das Bild der Verteilung des Grund und Bodens in Deutschland zwischen Baner und Gutsherr war vor hundert Jahren annähernd das gleiche wie das heutige, das ich, wie gesagt, bei einer späteren Gelegenheit skizzieren werde. So etwa sah es auf dem Lande vor hundert Jahren in Deutschland aus. Nun will ich im nächsten Abschnitt die analoge Schilderung der Wirtschaftsorganisation für die Städte entwerfen. Richtiger: ich will versuchen, die alte gelverbliche Verfassung dem Leser ebenso in ihren Grundzügeu vor Augen zu führen, wie ich ihm die wesentlichen Punkte der Agrarverfassnng augedeutet habe. II. Das Handwerk in Gewerbe und Handel. Diejenige Organisation, die das gewerbliche Leben in Deutschland zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts noch fast ausschließlich beherrschte, ist die handwerksmäßige. Sie war, wie ich schon sagte, zwar nicht in ganz so langem Wachstuni wie die Dorfwirtschaft entstanden, trug aber doch eine beinahe tausendjährige Vergaugeuheit auf ihrem Rücken. Sie hatte ihre Blütezeit ,!» Die innere Organisation des Wirtschaftslebens, gehabt, als das deutsche Bürgertum im dreizehnten, vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert sich seine Selbständigkeit den feudalen Gewalten gegenüber erkämpfte, sie hatte die deutsche Kultur auf ihrem Werdegang durch die glanzvollen Zeiten der Renaissance begleitet, hatte die Meistersünger, Meistermaler und Meisterbildhauer hervorgebracht, die den Ruhm des deutschen Wesens der Welt verkündeten, und war nun allmählich einer greisenhaften Verknöcherung und Verkümmerung verfallen. Die Ordnung, in der sich ihr Geist in ihren besten Zeiten verkörpert hatte, die Zuuftverfassuug, war in einem öden Formalismus verkommen, nnd wo einst das Interesse der Stadtgemeinde die Normen vorgeschrieben hatte, thronte nun das geängstigte Selbstinteresse einer privilegierten Kaste, der zünftigen Meister. Worin aber beruhte das Wesen dieser handwerksmäßigen Organisation und der sog. Zuuftverfassuug? Wenn die folgende Skizze hie und da unverständlich bleibt, so findet man näheren Aufschluß iu meinem Kapitalismus, wo ich in breiter Ausführung vom Wesen der handwerksmäßigen Organisation handle. Was seiner innersten Natur nach „ein Handwerker" sei, werden wir, scheint mir, am sichersten zum Ausdruck bringeu können, wenn wir zunächst unsere Aussage uegativ dahin zusammenfassen, daß wir einen „Handwerker" (im engeren Sinne) denjenigen gewerblichen Arbeiter nennen, dem keine für die Gütererzeugung und den Gilterabsatz erforderliche Bedingung fehlt, fei sie persönlicher, sei sie sachlicher Natur, in dessen Persönlichkeit somit alle Eigenschaften eines gewerblichen Produzenten eingeschlossen sind. Da nun zur Produktion stets eine Vereinigung von Sachvermögen und persönlichen Fähigkeiten erfolgen muß, so ergibt sich aus dem Gesagten zunächst, daß der Handwerker außer den persönlichen Qualitäten die Verfügungsgewalt über alle zur Produktiou erforderlichen Sachgüter, d. h. über die Produktionsmittel besitzt, was nur auch so ausdrücken können: im Handwerker hat noch keine Differenzierung von Personal- und Sachvermögen stattgefunden; oder in anderer Wendung mit gleichem Sinne: das Sachvermögen des Handwerkers hat noch nicht die Eigenschaft des Kapitals angenommen. Wesen des Handwerkers. «>I Aber wovon wir ausgingen: der Handwerker besitzt nicht nur das für die Ausübung seines Gewerbes notwendige Sachvermögen, er besitzt auch alle dazu erforderlichen persönlichen Eigenschaften: er ist eine Art von gewerblichem „Herrn Mikrokosmos". Was später sich in zahlreichen Individuen zu besonderen Neraulagnngen auswächst: das alles vereinigt der Handwerker auf seinem „Ehrenscheitel". Selbstverständlich alles in einem en-nunmwre-Ausmaße. Seiner Universalität entspricht mit Notwendigkeit seine Mittelmäßigkeit. Mau kann eine handwerksmäßige Organisation auch als eine solche bezeichnen, in der die Mittelmäßigkeit das die Produktion regelnde Prinzip ist. Der Kern des Handwerkertums ist seine Qualifikation als gewerblicher Arbeiter, in dem Sinne, daß er die technischen Fähigkeiten besitzt, die zur Herstellung eines Gebrauchgegenstandes an einem Rohstoff vorzunehmenden Handgriffe auszuführen. Aber mit dieser, sagen wir technischen, Veranlagung vereinigt er: die etwa erforderliche künstlerische Konzeption, das künstlerische Empfinden, die für die Produktion, insbesondere auch für die Tradition des produktiven Könnens erforderlichen Kenntnisse, um nicht den irreführenden Ausdruck zu gebrauchen: wissenschaftliche Qualifikation. Daneben funktioniert er als Organisator ebensowohl wie als Leiter der Produktion. Er ist Generaldirektor, Werkmeister und Handlanger in einer Person. Er ist aber auch Kausmaun. Alle Einkaufs- und Verkausstätigkeit, alle Absatzorganisation, kurz alles, was später als spekulative Begabung sich in einigen überdurchschnittlichen Persönlichkeiten absondert, umfaßt seiu persönliches Vermögen. Mir scheint, als ob es zwei. Punkte vor allem seien, ans die das Streben des Handwerkers gerichtet ist: ein standesgemäßes Auskommen und Selbständigkeit. Ein standesgemäßes Auskommen strebt er an, nicht weniger, aber vor allem auch nicht mehr. Seine gewerbliche Arbeit soll ihm gerade wie dem Bauern die materielle Basis für seine Existenz: seine „Nahrung" verschaffen, das Handwerk soll seinen Mann „nähren". Das ist der Grundton, der durch alle Äußerungen des Handwerks seit seinem Bestehen hindurchtlingt. Ursprünglich ist dieses Streben der Ausfluß naiven Menschentums, erst allmählich wird man sich seiner bewußt, formn- Die innere Organisation des Wirtschaftslebens. liert es theoretisch und macht es zur Basis des Handwerks, wo man dessen Wesen ausdrücken will. Dort vor allem wird es mit Entschiedenheit betont, wo feindliche Mächte diesen Grundpfeiler handwerksmäßiger Existenz, die „Nahrung" zu erschüttern drohen. Aber der Handwerker will sein Auskommen haben und dabei ein freier Mann sein, d. h. als selbständiger Produzent bestehen können. Diese Selbständigkeit ist es erst, die den Handwerker im eigentlichen Sinne von ebenfalls gewerblichen Arbeitern anderen ökonomischen Charakters unterscheidet. Um jene Zwecke zn erreichen, die dem Streben des Handwerkers zu Grunde liegen, setzt er nun sein ganzes Können ein. Dieses aber ist, wie wir wissen, doch immer vorwiegend eine technische Fähigkeit: dnrch eigenhändige Arbeit also muß er seinen Zielen zuzustreben suchen. Was seiner Hände Geschicklichkeit zu leisten, was seiner Arme Spannweite zu umschließen vermag, das ist die Sphäre seines Wirkens, das also als ein unmittelbarer Ausfluß seiner Persönlichkeit erscheint. In diesem Sinne hat man das „Handwerk" sehr treffend bezeichnet als den „Ausdruck einer zum Lebensbernf ausgeprägten bestimmten Tätigkeit des Jndivi- dnnms, die sich sozusagen soweit ausdehnt, als die Kraft der einzelnen Hand zu herrschen und zu schaffen vermag." Dieser Idee der Arbeit als einer Betätigung der Gesamtpersönlichkeit entspricht die dem Handwerk eigentümliche Berufsgliederung. Diese ist eine solche, daß die Individualität eines Menschen seine Kräfte über einen gewissen Kreis von Tätigkeiten erstrecken kann und soll, die durch ein geistiges Band, durch die Idee eines Ganzen zusammengehalten werden; daß eine Ausweitung dieses Kreises seine Kräfte zersplittern muß, während andererseits, wenn diese Kräfte in zu engem Kreise oder wohl gar nur in einer Richtung hin bctätigt werden, der Arbeiter in die Stumpfheit des rein mechanischen Betriebes versinkt. Was gleicbsam die qualitative Abgrenzung der einzelnen Handwerke charakterisiert, während die quantitative Zuteilung des Wirkungskreises deutlichst uuter dem Einfluß des Leitsatzes von der „Nahrung" stets gestanden hat. Nach beiden Richtungen hin — das wollen wir festhalten — sind also für die Abgrenzung der einzelnen Handwerke (deren lange Betriebsfvrmen des Handwerks ^ seine innere Gliederung. Reihe jedermann aus eigner Anschauung kennt) subjektive, in der Persönlichkeit des Handwerkers begründete Momente maßgebend gewesen. Die der handwerksmäßigen Organisation der Produktion am innerlichsten entsprechende Form der Betriebsgestaltung ist der Jndividualbetrieb in allen seinen Modalitäten; als Alleinbetrieb, Familienbetrieb, Gehilfenbetrieb, also der sogenannte Kleinbetrieb. Jedoch ist eine handwerksmäßige Organisation auch in der Form des Großbetriebes gelegentlich vorgekommen. Was wiederum ein dem Handwerk spezifischer Zug ist, ist die Art uud Weise, wie die in den verschiedenen Betriebsfvrmen zu einheitlichem Wirken zusammengefaßten Personen rechtlich und ökonomisch zu einander in ein Verhältnis gebracht werden, ist dasjenige, was man die innere Gliederung des Handwerks nennen kann. Denn ihre Eigenart folgt aus dem obersten Prinzipe handwerksmäßiger Organisation, wie es in der Zwecksetzung ihrer Träger zum Ausdruck gelaugt. Das Verhältnis des Leiters handwerksmäßiger Produktion — des „Meisters" — zu seinen Hilfspersoueu — den Gesellen, Knechten, Knappen, Knaben, Dienern, Helfern, Gehilfen, uud wie die Bezeichnungen sonst noch lanten mögen, sowie den Lehrlingen — und dieser zu ihm, wird man nur dann richtig verstehen, wenn man sich den familienhaften Charakter vergegenwärtigt, den alles Handwerk ursprünglich trägt: die Familiengemeinschast ist der älteste Träger dieser Wirtschaftsform, und sie bleibt es auch dann noch, als schon sreinde Personen zur Mitwirkung herangezogen werden. Geselle und Lehrling treten in den Familienverband ein mit ihrer ganzen Persönlichkeit und werden von ihm umschlossen, zunächst in der gesamten Betätignng ihres Daseins. Die Familie samt Gesellen und Lehrlingen ist PrvduktiouS- und Haushaltuugs- einheit. Alle ihre Glieder siud Schutzaugehörige des Meisters, sie bildeu mit ihm ein organisches Ganzes, ebenso wie es die Kinder mit ihren Eltern tun. Wie nun aber gar nie die Vorstellung aufkommen kann, daß die Eltern der Kinder, oder die Kinder der Eltern wegen da seien, ebenso wie es töricht wäre, zu denken, daß das Herz um des Kopfes oder dieser um jenes willen da sei, so «!I Die innere Organisation des Wirtschaftslebens. folgt auch für das Verhältnis von Meister zu Gesellen und Lehrlingen, daß keiner der Mitwirkenden als um des andern willen wirkend gedacht werden darf, sondern daß sämtliche Personenkategorien, also auch die HilfsPersonen — Geselle und Lehrling — als Selbstzweck erscheinen, oder was dasselbe ist, als Organ im Dienste eines gemeinsamen Ganzen. Der Lehrling ist angehender Geselle, der Geselle zukünftiger Meister, der Meister ehemaliger Geselle, der Geselle ehemaliger Lehrling. Und nun ein Wort über das, was man die Zunftordnung nennt. Sie ist, wie man sagen kann, eine Handwerkerschutzgesetzgebung, deren Grundzüge durch folgeude Erwägungen verständlich werden. Ist alles Streben des Handwerkers seinem Grundgedanken nach auf die auskömmliche Nahrung und die selbständige Produzentenstellung gerichtet, so muß aller Inhalt einer Handwerkerschutzordnung auf das Bemühen hinauslaufen, Nahrung und Selbständigkeit zu sichern. Wie es denn auch in Wirklichkeit der Fall ist. Deshalb kann man den Grundgedanken aller Zunftgesetzgebung auch negativ dahin formulieren, daß sie eine Ausschließung der Konkurrenz um die Kundschaft anstrebte. Zu diesem Zweck muß zunächst dafür Sorge getragen werden, daß dem Haudwerk als Gauzem in einem umgrenzten Gebiet, der Stadt oder einem Landbezirk, ein genügendes Absatzgebiet für seine Arbeit oder seine Erzeugnisse gesichert sei. Was man auf zweifache Weise zu erreichen trachtete. Dadurch zunächst, daß man, wo irgend möglich, den Absatz für das Handwerk einer bestimmten Stadt, sei es in dieser Stadt selbst, sei es auf fremden Plätzen, monopolisierte, und ferner dadurch, daß man, wo das Monopol nicht völlig durchgeführt werden konnte, das Eindringen Fremder in das eigene Absatzgebiet tunlichst zu erschweren suchte. Daher die zahlreichen, immer wiederkehrenden scharfen Bestimmungen des GästerechteS, der Markt- und Meßvorschriften usw., wodurch den Nichtheimischen prinzipiell ungünstigere oder wenigstens doch nur gleichgünstige Bedingungen des Absatzes gewährt werden sollten. Der Gedanke des Produktionsmonopols, der ursprünglich nur für das Handwerk als solches ohne Rücksicht auf die jeweils das Der Ideengehalt der Zunftordnung. .i'> Handwerk bildendeil Personen gedacht war, wurde dann mit der Zeit dahin nuanciert, daß sich das Vorrecht auf eine bestimmte Anzahl von Meistern zu beschränken habe: ein Gedanke, der in der allmählich allgemeiner werdenden „Schließung" des Handwerks, wie sie in seinen letzten Stadien, also zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts ganz allgemein war, seinen folgerichtigen Ausdruck findet. Und dem Streben nach einem Verwertungsmonopol entsprach das Streben nach Monopolisierung des Nohstvffbeznges. Daher die zahlreichen Bestimmungen, welche die Ausfuhr der Rohstoffe oder auch der Halbfabrikate aus dem „natürlichen" Bezugsgebiet eines Handwerks zu verhindern suchten. Aber worauf es fast noch mehr ankam, als auf die Sicherung des Gesamtprvduktiousgebietes für das Gesamthandwerk, war der Schutz des einzelnen Handwerkers gegen Übergriffe seiner Kollegen. Sollte das Ziel erreicht werden, daß jeder Handwerker sein gutes Auskommen durch seiner Hände Arbeit finde, so mußte ihm das Quantum Arbeit gesichert werden, durch dessen Verwertung er seinen Unterhalt verdiente. War also die Gesamtproduktionsmenge für ein ganzes Handwerk fest umschrieben, so galt es, Fürsorge zu treffen, daß nicht der einzelne Meister soviel davon an sich risse, daß dein andern nicht genug zur Fristung seines Daseins verbliebe. Der Erreichung dieses Zweckes dienten: 1. Vorschriften, die die Bedingungen des Nohstosfbezuges für alle Handwerker gleich gestalten sollten, sei es, daß sie bestimmten: kein Meister dürfe anders als am Markttage, am angezeigten und bestimmten Orte und nirgends anderswo einkaufen, sei es, daß die Preise des Rohstoffs amtlich festgesetzt und von jedermann eingehalten werden mnßten, sei es, daß das Quantum der von einer Person einzukaufenden Menge beschränkt wurde, sei es, daß ganz allgemein jederart „Vorkanf" verboten wurde, sei es, daß jedem Handwerker das Recht eingeräumt wurde, an dein Einkaufe eines andern teilzunehmen. 2. Bestimmungen, in denen die Ausdehnung des Betriebes oder die Menge der Produktion Beschränknugen unterworfen wurden. Hierher gehört die fast überall wiederkehrende Festsetzung der Höchstzahl der Gesellen und Lehrlinge, die ein Meister beschäf- Somburt, VollZwirischaft. 5 i^i Die innere Organisation deS Wirtschaftslebens. tigen durfte. Sie schwankte zwar in den verschiedenen Zünften; geht aber sehr selten über vier hinaus, unter denen meist noch ein oder zwei Lehrlinge sein mußten. Wo eine solche Beschränkung durch die Natur des Gewerbes untunlich oder sonst unausführbar schien, hatten sich andere Mittel entwickelt, um das Produktionsquantum des Einzelnen nicht zu stark werden zu lassen und die Entwicklung zum Großbetriebe zu verhindern. Oder es wurde ohne Umschweife die zulässige Produktionsmenge direkt festgesetzt, die der einzelne während einer bestimmten Zeit erzeugen durfte. Das war namentlich dort der Fall, wo die Produtte wesentlich gleicher Art waren, also vor allem in der Weberei, dann aber auch in der Kürschnerei, Gerberei u. a. 3. Bestimmungen, die ein möglichst gleichzeitiges, wie gleichartiges Angebot herbeizuführen bezweckten. Hierher gehören die mannigfachen Vorschriften über die Art, den Ort und die Zeit des Verkaufs, die vielen Verbote, dem Znnftgenossen dessen Kunden oder Käufer abspenstig zu machen oder ihm ein Stück Arbeit fortzunehmen; hierher gehört auch das häufig wiederkehrende Verbot, das von einem Znnftgenossen begonnene Werk weiter zu führen, und manches andere. Was ich hier in wenigen Sätzen zn skizzieren versucht habe, ist der Geist des Handwerks und seiner alten Ordnung, der Zunftverfassung. Selbstverständlich war im Verlaus der Jahrhunderte die Entwicklung an den verschiedeneu Orten, in den verschiedenen Staaten verschieden verlaufen. Hier war diese, dort jene Bestimmung hinzugetreten, beseitigt, verändert. Insbesondere war durch die Ausbildung größerer Wirtschaftsgebiete in den deutschen Territorien, dnrch das Emporkommen einer fürstlichen Zentralgewalt vielerlei von dem weggefallen, was während der früheren Jahrhunderte die Exklusivität der städtischen Politik an Vorschriften und Verboten erzeugt hatte. Aber doch, dürfen wir sage», staud zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts der Bau der alten Zunftverfassung uoch iu seiner alten Gestalt unerschüttert da. Die aus der Idee der Nahrung folgende Monopolisierung und Reglementierung der gewerblichen Arbeit beherrschte durchaus uoch das gesamte Gewerberecht. Handwerksmäßiger Charakter d, Großindustrie und des Handels. g? In dieses Gefüge handwerksmäßiger Organisation war nun auch zn Beginn unseres Jahrhnnderts nvch alles eingegliedert, was Deutschland etwa an sogenannter Großindustrie besaß. Auch die von kapitalistischen Unternehmern (über deren Wesenheit ich später erst Auskunft geben kann) geleiteten Wirtschaften tragen die Eierschalen der Handwerksmäßigkeit an sich. Die Betriebe, in denen produziert wird, sind klein; Fabriken großen Stiles fehlen fast völlig. In sehr vielen Fällen ist sogar die alte handwerksmäßige Betriebsorganisation ganz unverändert geblieben, und der Unternehmer hat lediglich dasjenige übernommen, was man nicht ganz genau die kaufmäuuische Organisation des Warenvertriebes nennt. Das trifft z. B. für einen großen Teil der Textilindustrie zu, in der auch in der sogenannten großindustriellen Organisation die einzelnen Arbeiter noch daheim in ihrer Behansung beschäftigt werden: das ist die sogenannte hauSindnstrielle Organisation, von der ich später auch noch mehr erzähle. Außer der Textilindustrie (Spinnerei und Weberei) war es eigentlich nur noch die Montanindustrie (Bergbau und Eiseugewinnuug), in der auf etwas größerer Stufenleiter produziert wurde. Aber liberal! — das wolle man bedenken! — noch mit ungefähr derselben Technik, wie sie der kleine Handwerker anwandte. Kanm eine einzige Dampfmaschine in Tätigkeit! Von modernem wissenschaftlichem Verfahren noch keine Spur! Kurz: Handwerk im großen. Mehr war auch die „Industrie" noch nicht. Und was sich von der Organisation der Gewerbe sagen läßt, gilt im wesentlichen auch von der Organisation des Handels: anch diese war von den Grundgedanken des Handwerks erfüllt. Am deutlichsten trat dies zu Tage natürlich bei den kleinen Krämern in Stadt nnd Land, die den Detailvertrieb an die Kundschaft besorgten. Aber auch die „Großhändler" dürfen wir uns nicht nach modernem Muster vorstellen. Auch sie wareu uoch von handwerksmäßigem Geiste erfüllt, und der Umfang ihrer Geschäfte ging meist über handwerksmäßigen Nahmen nicht hinaus. Eine Eigenart des Handels in früherer Zeit war seine Wanderhaftigkeit. Der Meßverkehr, der sich namentlich auf die Orte Frankfurt a/O. und Frankfurt a/M., Naumburg a/S. und Leipzig konzentrierte. ^ Die innere Organisation des Wirtschaftslebens. hatte für den Engrosverkehr dieselbe grundlegende Bedeutung wie der Marktbesuch und die Hausiererei für den Detailhandel. Über den Umfang des Meßverkehrs während der ersten Jahre des Zollvereins geben einige Tabellen Aufschluß, die mau in den Anlagen 13 und 14 abgedruckt findet. Genaueres über die Organisation des alten Handels teile ich zweckmäßiger dort mit, wo ich seine Wandlungen während des neunzehnten Jahrhunderts skizziere: des Zusammenhaugs wegen. Wie denn alle diese Schilderungen der volkswirtschaftlichen Zustände Deutschlands vor hundert Jahren erst rechtes Leben gewinnen werden, wenn wir in dem wichtigsten Buche dieses Werkes, dem dritten, die Umgestaltungen kennen lernen, die die einzelnen Wirtschaftsgebiete während des verflossenen Jahrhunderts erfahren haben. Zweites Buch. Die Elemente des neuen deutschen Wirtschaftslebens. Viertes Kapitel. Die treibenden Kräfte. I. Alte und neue Triebkräfte des Wirtschaftslebens. So — min hoffe ich, hat der verständige Leser eine annähernd deutliche Vorstellung von der wirtschaftlichen Kultur Deutsche lands vor hundert Jahren. Und wer auch nur einige Kenntnis von den gegenwärtigen Zuständen besitzt, ja auf Gruud der Anschauungen, die jeder, der offenen Auges durch die Lande geht, sich bilden kann, muß jetzt schon die Einsicht gewonnen habein daß sich sehr viel im letzten Jahrhundert bei uns geändert hat. Aus einem mit kleinen Ansiedelungen spärlich durchsetzten Lande ist ein Land reich an großen, Prächtigen Städten geworden; wo ehedem der Pflug ging, steigen mächtige Fabrikgebäude mit qualmenden Schloten in die Höhe; auf demselben Gebiete, das vor hundert Jahren 25 Millionen Menschen kümmerlich nährte, leben jetzt 56 Millionen in viel größerer Wohlhäbigkeit als ihre Vorfahren von Anno daznmak ein immer dichter gespanntes Netz von Eisenbahnen und Telegraphendrähten vermittelt einen rastlosen Verkehr; wo das Posthorn durch den blühenden Hag tönte, klappert die Dreschmaschine ihr monotones Lied und wo sich ein breiter blau durchwirkter Teppich kleiner Ackerparzellen vor dem Auge ausbreitete, dehnt sich die endlos einfarbige Fläche der Nübenfelder. Ich meine: so viel weiß ein Kind- Und ich darf also schon jetzt voraussetzen, daß jedermann die Mächtigkeit des Wandels vor Augeu steht/ den unser Wirtschaftsleben im letzten Jahrhundert erfahren hat, nachdem er mit mir die Kreise der deutschen Volkswirtschaft im Ansang des Jahrhunderte durchschritten hat. 7 2 Die treibenden Krnfte, Was hat diesen Szenenwechsel herbeigeführt? das ist die Frage, die ich heute aufwerfen will; welches sind die Faktoren, aus dereu Wirksamkeit die wirtschaftliche Revolution (denn um eine solche handelt es sich im eminenten Sinne), die Deutschland während des neunzehnten Jahrhunderts erlebt hat, sich ableiten läßt? Es ist die bedeutsame Frage nach den treibenden Kräften der Volkswirtschaft, die ich damit stelle und die ich hier wiederum nur soweit beantworten kann, als es für dos Verständnis des wirtschaftlichen Kulturverlaufs in der von uns betrachteten Zeitspanne unerläßlich ist. Ich weiß nicht, ob Sie, mein lieber Leser, einige Kenntnisse von der allgemeinen Geschichte der Zeit besitzen, die das Mittelalter mit den: neunzehnten Jahrhundert verbindet. Wenn ja, dann wird Ihnen nicht unbekaunt sein, daß es die Zeit war, in der das moderne Fürstentum sich gegen die lokalen uud territorialen Gewalten zur Herrschaft durchkämpfte, in der also die modernen Staaten entstanden. In Deutschland zwar in einem eo. minmture Ausmaße (von Preußen etwa abgesehen); immerhin doch aber auch in Deutschland. Und Sie werden dann auch wissen, daß dieses moderne Fürstentum, um sich durchzusetzen, einen ungeheuren Apparat der kunstvollsten, bis ins kleinste das Leben regelnden Verwaltuugsmaßnahmen geschaffen hat; daß es, wie man zn sagen pflegt, die Zeit der staatlichen Vielregierer ei war, die zwischen dem Mittelalter und unserem Jahrhundert lag. Diese Vielregiererei erstreckte sich nun uicht zum wenigsten auf die Vorgäuge des wirtschaftlichen Lebens. Als eine Erbschaft der städtischen Wirtschaftspolitik übernahm das moderne Fürstentum die Auffassung: es dürfe im Lande kein paar Stiefeln angefertigt werden, ohne daß die hohe Negierung davon geziemend in Kenntnis gesetzt sei und ihren Segen dazu gegeben habe. Und aus dieser Auffassung erwuchs mit Notwendigkeit das Bestreben, nach besten Kräften fördernd uud helfend in die Vorgänge des Wirtschaftslebens einzugreifen. Mit offenem Blick für die Anforderungen der Zeit (die sich naturgemäß in der Vorstellungswelt des Fürsten und seiner Beamtenwelt mit den eigenen Interessen deckten), haben die Negierungen des sogenannten Polizeistaats denn auch in der Tat die- Initiative d. Bureaukratie i. W.leben vor d, Eindringen d. liberalen Ideen. 73 jenigen Elemente jederzeit unterstützt oder angetrieben, von denen ein wirtschaftlicher Fortschritt zu erwarten war. Was insbesondere an „Industrie" bis zum neunzehnten Jahrhundert in den europäischen Staaten sich entwickelt hatte (und in ihr ruhte doch im wesentlichen die neue wirtschaftliche Kultur), das ist ohne Zweifel zum überwiegenden Teile dem planmäßigen Handeln, der tatkräftigen Initiative der Bureaukratie zu danken. Ein kompliziertes (hier nicht näher zu erörterndes) System von ermunternden Maßregeln — Prämiierungen, Privilegisierungen, Herbeiholung Fremder, handelspolitische Vergünstigungen und dergleichen — hat die Grundlage für eine Neugestaltung des Wirtschaftslebens nicht nur abgegeben, sondern hat auch die Triebkräfte in den interessierten Wirtschaftssubjekten erzeugt, aus denen die neuen Formen der wirtschaftlichen Tätigkeit erwuchsen. Also, so dürfen wir vielleicht schließen, sind auch die grundstürzenden Änderungen, die das deutsche Wirtschaftsleben im neunzehnten Jahrhundert erfahren hat, auf die Initiative der Fürsten und ihrer Beamten zurückzuführen? Das ist nun keineswegs der Fall; kann nicht der Fall sein, weil sich just um die Wende des achtzehnten Jahrhunderts eine Wandlung in der Stellung der Regierungen zu deu Vorgängen des Wirtschaftslebens vollzogen hat, die für die kommende Zeit, die Zeit gerade, die wir im Auge haben, einen solchen Einfluß unmöglich machte. Was ich meine, ist das Eindringen der sogenannten liberalen Ideen, des Glaubens an die segensreichen Wirkungen einer unbehinderten Tätigkeit der privaten Wirtschaftssubjekte, sind die Grundsätze einer laisLö-z-kiiire- und laisssii-allör-Politik. Nach einem jahrhundertelangen Werdeprozesse hatten sich diese Ideen kurz vor Anbruch des neunzehnten Jahrhunderts in den Lehren der französischen Nationalökonomen, die man Physio- kraten nennt, namentlich aber in dem volkswirtschaftlichen System eines Schotten, namens Adam Smith, zu einem klar umschriebenen wirtschaftspolitischen Programm verdichtet. Danach sollte es ein Ende mit der Vielregiererei haben, die Schranken, die dem wirtschaftlichen Verhalten des einzelnen gezogen waren, sollten fallen, der freien Initiative der Privaten sollte alle, aber auch alle Wirt- 7-t Die treibenden Kräfte schaftliche Aktion überlasseil bleiben. Diese Auffassung, die uns hente nur noch als Karrikatur in dem Glaubensbekenntnis einiger abgelegter Stadträte entgegentritt, ergriff damals mit der gauzeu Sieghaftigkeit einer ueueu und fortschrittlichen Idee die gesamte maßgebende Welt in Sturmeseile. Mit der Wucht des Dogmas setzte sie sich durch, nicht zuletzt auch in den Negierungsstnben der deutschen Staaten, namentlich Preußens. Wenn hier der Impuls der Volksbewegung, der in Frankreich die liberalen Ideen zu so raschem Siege führte, fehlte, so trat dafür an die Stelle der philosophische Doktrinarismus, der im Bunde mit dem bureaukratischen Schematismus eiue durchaus sieghafte Macht darstellte. „Wir müssen dasselbe von oben her machen, Majestät, was die Franzosen von unten auf gemacht haben" — dieses war das Wort Hardenbergs, mit dem er das liberale Reformwerk in Preußen begründet, auf das ich noch öfters die Aufmerksamkeit werde lenken müssen. „Wir, Friedrich Wilhelm usw. usw. tun kund und fügen hiermit zu wissen. Nach eingetretenem Frieden hat uns die Vorsorge für den gesunkenen Wohlstand Unserer getreuen Untertanen dessen baldigste Wiederherstellung und möglichste Erhöhung vor allein beschäftigt. Wir haben hierbei erwogen, daß es bei der allgemeinen Not die Uns zn Gebote stehenden Mittel übersteige, jedem eiuzelnen Hilfe zu verschaffen, ohne den Zweck erfüllen zu könueu, und daß es ebensowohl den unerläßlichen Forderungen der Gerechtigkeit, als den Grundsätzen einer wohlgeordneten Staatswirtschaft gemäß sei, alles zu entfernen, was den einzelnen bisher hinderte, den Wohlstand zu erlangen, den er nach dem Maße seiner Kräfte zu erreichen fähig war." Mit diesen Worten leiteten die preußischen Bureaukraten das berühmte Edikt vom 9. Oktober 1807 ein, betreffend den erleichterten Besitz und freien Gebrauch des Grundeigentums, sowie die persöulicheu Verhältnisse der Landbewohner. Was uns hier einstweilen interessiert, ist die Tatsache, daß in dieser Annahme der modernen, liberalen Ideen nicht mehr und nicht minder als eine Abdankung des alten, fürsorgenden Fürstentums enthalten war, der Verzicht, sürderhin regulierend, also auch Initiative der unterdrückten Klassen unzureichend. 75 fördernd, treibend auf das Wirtschaftsleben einzuwirken. Es war wie eine Art Erbgang. Die ganze Fülle ökonomischer Initiative, die sich in den Regiernugsstubeu konzentriert hatte, wird gleichsam abgegeben; sie bekommt einen neuen Herren: das einzelne, private Wirtschaftssubjekt. Dem wird nun überlassen, die Karre allein weiter zu schieben, vor der bis dahin die Gäule des Büreau- kratiSmus Vorspann geleistet hatten. Also — so recht man daran tnt, als treibende Kraft des Wirtschaftslebens vor dem neunzehnten Jahrhundert die Büreau- kratie in Berücksichtigung zu ziehen, so falsch wäre es, sie für das neunzehnte Jahrhundert noch als einen die ökonomische Entwicklung wesentlich bestimmenden Faktor anzusehen. Wollen wir erfahren, auf wessen Wirksamkeit die wirtschaftliche Neugestaltung, wie sie sich in den letzten Menschenaltern vollzogen hat, ausschließlich oder doch vornehmlich zurückzuführen ist, so werden wir vielmehr unter den privaten Wirtschaftssubjekten Umschau halten müssen. Da wird man denn zunächst an die unterdrückten Klassen, an die auf die Schattenseite des Lebens verschlagenen Elemente der Bevölkerung denken müssen. Das wären also etwa die Gesellen, denen die engherzige Znnftpolitik es unmöglich machte, Meister zu werden; die frohn- und abgabepflichtigen Bauern und ähnliches. Aber ich glaube, man wird doch sehr bald wahrnehmen, daß in diesen Kreisen sehr wenig revolutionäre Energie und vor allem gar kein Wille zu einer auf völlig neuen Fundamenten aufgebauten Wirtschaftsweise steckte. Der Deutsche hat im allgemeinen kein Talent zur Revolution, das werden wir noch östcrs spüren. Die genannten Klassen gar erst haben sich niemals zu irgendwelchen großen Aktionen aufzuschwingen vermocht. Wäre ihr Interesse allem iu Frage gekommen, so darf man also schließen, dann wäre wohl kaum eine erhebliche Änderung in der Gestaltung des Wirtschaftslebens eingetreten. Aber wenn wir auch annehmen wollen, jene Klassen hätten aus eigener Kraft zu erkämpfen vermocht, was ihren Interessen entsprochen hätte: Aufhebung der Zunftordnung, Aufhebung der Erbuntertänigkeit, Ablösung der Dienste und Abgabeu ?c., so müsseu wir uns doch auf der Stelle sagen, daß damit noch kein Schritt zu der Neuordnung aller Dinge 70 Die treibenden Kräfte. getan gewesen wäre, wie sie das deutsche Wirtschaftsleben im neunzehnten Jahrhundert erlebt hat. Unzufriedene, von der Meisterschaft ausgeschlossene Gesellen erkämpfen doch höchstens eine handwerksmäßige Organisation des Gewerbes ohne Zunftzwang; hörige Bauern eine freie Bauernwirtschaft. Nun weiß doch aber jedermann, daß es sich um ganz andere Umwälzungen handelt als die eben genannten, die also auf andere treibende Kräfte zurückzuführen sind. Ich will des Lesers Geduld uicht länger auf die Probe stellen und lieber gleich sagen, wo ich diese treibende Kräfte erblicke: in den sogenannten kapitalistischen Interessen. Das kapitalistische Unternehmertum ist die revolutionäre Kraft, der wir das neue Deutschland verdanken. Das kapitalistische Unternehmertum, das sich bei uns zunächst in der Sphäre der Landwirtschaft zu beträchtlicher Stärke entwickelt, später erst in Industrie und Handel eine entscheidende Rolle spielt. Mit der Erwähnuug dieser Kategorie von Wirtschaftssubjekten, aus deren Geiste Neudeutschland geboren ist, habe ich den Leser nun aber auch den Einblick in eine Welt eröffnet, von der wir bisher noch keine Knnde hatten: deshalb wird es nötig sein, wenn wir die Wirksamkeit dieser Elemente richtig verstehen wollen, uns über ihre Beschaffenheit selber erst die nötigen Kenntnisse zu verschaffen. Damit gewinnen wir dann gleichzeitig das Verständnis für das, was neu, was revolutionär iu der wirtschaftlichen Entwicklung Neu- Dentschlands ist. Ich gebe also erst einmal eine kurze Analyse des Begriffes Kapitalismus bezw. kapitalistische Unternehmung, die der Träger des kapitalistischen Interesses ist. Kapitalismus heißen wir eine Wirtschaftsweise, in der die spezifische Wirtschaftsform die kapitalistische Unternehmung ist. Letztere gilt es somit zu definieren und in ihren Wesenheiten zu keunzeichuen. Dieses ist die Aufgabe der folgenden Darstellung. Kapitalistische Uuternehmung aber nenne ich diejenige Wirtschaftsform, deren Zweck es ist, durch eine Summe von Vertragsabschlüssen über geldwcrte Leistungen und Gegenleistungen ein Sachvermögen zu verwerten, d. h. mit einem Aufschlag (Profit) dem Eigentümer zn reproduzieret?. Ein Sachvcrmögen, das solcherart genutzt wird, Wesenheit der kapitalistischen Organisation. 77 heißt Kapital. Die konstitutiven Merkmale des Begriffs unserer Wirtschaftsform finden wir zunächst in der Eigenart der Zweck- setzuug. Es fällt auf, daß der gesetzte Zweck nicht durch irgend welche Beziehung auf eine lebendige Persönlichkeit bestimmt wird. Vielmehr rückt ein Abstraktum: das Sachvermögen von vornherein in den Mittelpunkt der Betrachtung. Diese Loslösuug der Zwecke unserer Wirtschaftsform von der leiblich-individuellen Persönlichkeit des Wirtschaftssubjektes ist wohlbedacht. In ihr soll die Abstraktheit des Zweckes selbst uud damit seine Unbegrenztheit sofort als das entscheidende Merkmal der kapitalistischen Unternehmung zum Ausdruck gebracht werden. Es ist vor allem wichtig, zu erkennen, daß für jegliche in ihr entfaltete Tätigkeit nicht mehr der quantitativ und qualitativ fest umschriebene Bedarf einer Person oder einer Mehrheit von Menschen richtunggebend wirkt, daß vielmehr Quantnm und Quäle der Leistungen einer kapitalistischen Unternehmung nur noch unter dem unpersönlichen Gesichtspunkt einer Verwertung des Kapitales betrachtet werden dürfen. In der Überwindung der Konkretheit der Zwecke liegt die Überwindung ihrer Beschränktheit eingeschlossen. Die Zwecke der kapitalistischen Unternehmung sind abstrakt nnd darum unbegrenzt. An diese elementare Einsicht ist jedes Verständnis für kapitalistische Organisation (uud damit moderne Wirtschaft) gebunden. Indem wir diese fundamentale Eigenart der kapitalistischen Unternehmung feststellen, wird ersichtlich, daß wir sie als den vollendetsten Typus einer Erwerbswirtschaft charakterisieren. Wie entscheidend wichtig aber die in der Zwecksetzung der kapitalistischen Unteruehmuug vorgenommene Verselbständigung des Sachvermögens ist, geht von vornherein aus der damit bezeichneten Tatsache hervor, daß in ihr die Möglichkeit einer Emanzipation auch von den Schranken des individuellen und damit zufälligen Könnens und Wollens überhaupt eingeschlossen liegt. Dafern das Wirtschaftssubjekt — der kapitalistische Unternehmer — gleichsam nur der Repräsentant seines Sachverinvgens ist, so ist es auch vertretbar. Nicht sein individuelles Können entscheidet notwendig über die im Nahmen der kapitalistischen Unternehmung vollzogene Tätigkeit (wie etwa im Handwerk), sondern 78 Die treibenden Kräfte. die durch Nutzung des Sachvermögens ausgelösten Kräfte und Fähigkeiten beliebiger anderer Personen. In diesem Umstände liegt die Erklärung für die ungeheure Energie, die alle kapitalistische Wirtschaft zu entfalteu vermag. Und wie das Ausmaß des Vollbriugens im Nahmen der kapitalistischen Unternehmung ins schrankenlose geweitet wird, so wird auch in ihr die Energie der Zwecksetznng gleichsam objektiviert, d. h. abermals von den Zufälligkeiten der Individuen unabhängig gemacht. Durch einen komplizierten psychologischen Prozeß erscheint die Verwertung des Kapitals — das ist also der Zweck jeder kapitalistischen Unternehmung — schließlich dem Eigentümer eines Sach- Vermögens, das das dingliche Snbstrat einer solchen bildet, als eine sich ihm in ihrer zwingenden Gewalt aufdrängende objektive Notwendigkeit. Das Gewinnstreben oder der Erwerbstrieb, die gewiß ursprünglich höchst Persönliche Seelenstimmungen waren, werden damit objektiviert. Der Eigenart des Zwecks entspricht die Eigenart der Mittel, deren sich die kapitalistische Unternehmung bedient. Stets und überall läßt sich die iu ihr entsaltete Tätigkeit zurückführen auf eine Summe von Vertragsabschlüssen über geldwerte Leistung und Gegenleistung, auf deren geschickte Bewerkstelligung am letzten Ende die Kuust des Wirtschaftsleiters hinansläust und deren Inhalt entscheidend ist für die Frage, ob die Zwecke der Unternehmung erreicht sind. Mögen Arbeitsleistungen gegen Sachgüter oder Sachgüter gegen Sachgüter eingetauscht werden: immer kommt es darauf allein an, daß dabei am letzten Ende jenes Plus an Sachvermögen in den Händen des kapitalistischen Unternehmers zurückbleibt, um dessen Erlangnng sich seine ganze Tätigkeit dreht. Iu der Beziehung auf das allgemeine Warenäquivalent, auf die Verkörperung des Tauschwertes im Gelde wird aller Inhalt der Verträge über Lieferung von Waren oder Arbeitsleistungen jeglicher qualitativen Unterschiedlichkeit beraubt und nur noch quantitativ vorgestellt, sodaß nun eine Aufrechnung in dem zahlenmäßigen Debet und Kredit möglich ist. Daß das Soll und Haben des Hauptbuchs mit einem Saldo zu Gunsten des kapitalistischen Unternehmens abschließe: in diesem Effekt liegen alle Erfolge wie aller Eigenart der Tätigkeit des kapitalistischen Unternehmers. 'i!' Inhalt der in der kapitalistischen Organisation unternommenen Handlungen eingeschlossen. Daraus ergeben sich nun aber im einzelnen Wesen und Art der Tätigkeit des kapitalistischen Unternehmers (oder seines Nempln^ant). Diese ist nämlich stets wie ersichtlich eine disponierend - organisierende. Damit ist gemeint, daß sie im wesentlichen gerichtet ist auf die Jnbeziehungsetzuug anderer Personen. Dem Wesen kapitalistischer Organisation völlig fremd ist die höchst persönliche, individuell-isolierte Werkschöpsung des einsamen Arbeiters. Es ist die Eigenart künstlerischen oder wissen schaftlichen Vollbriugens, daß es die Menschen flieht. Und von diesem Hang alles Schöpferischen zur Einsamkeit hat sich der Handwerker noch ein gut Teil bewahrt: am letzten Ende beruht sein bestes Vollbringen in der Mitteilung seiner Persönlichkeit an den toten Stoff. Während hingegen der kapitalistische Unter' nehmer in der Einsamkeit notwendig verkümmern müßte, weil er vom Kommerzium lebt. In diesem Angewiesensein auf die unausgesetzte Verknüpfung von Menschen untereinander liegt die spezifisch gesellschaftsbildende Kraft der kapitalistischen Unternehmung. Man kann sie daher auch als Verkehrsunternehmung, die von ihr beherrschte Wirtschaftsweise füglich als Verkehrswirtschast bezeichnen. Die Tätigkeit des kapitalistischen Unternehmers ist aber weiter eine kalknlatorisch-spekulative. Das Symbol dieser Wirtschaftsform ist das Hauptbuch: ihr Lebensnerv liegt in dem Gewinn- und Verlustkonto. Im Konto: im Rechnen. In der Übersetzung jedes Phänomens in das Ziffernmäßige, im Aufrechnen und Gegenrechnen, in der uackten Geldmertung jeder Leistung. Die Idee einer notwendigen Kougrueuz zwischen Leistung und Gegenleistung ist damit in die Welt gekommen. Wir können diese Seelenveranlagung, die solchem Verhalten zu Grunde liegt, die Nechenhaftigkeit nennen. Aber das Rechnen des kapitalistischen Unternehmers ist bei der Mannigfaltigkeit der Beziehungen, die er in seinem Geschäftsinteresse knüpfen muß, oft genug ein Nechneu mit unbekannten Größen. Das macht seine kalkulatorische Tätigkeit zu einer spekulativen. Es ist eine ganz eigenartige psychologische Mischung, die durch das Nebeneinander von Kalkulation und Spekulation, von 80 Die treibenden Krcifte, Verstandesschärfe und Phantasiefülle oft genug in einem und dem- selben Individuum entsteht. Der schöpferische Unternehmer ist der spekulative Kopf: der Synthetiker, der sich zum Durchschnittsunternehmer, dem bloßen Kalkulator, wie der geniale Denker zum gelehrten Routinier verhält. Einseitige spekulative Veranlagung erzeugt dann die John Law, Pereire und Lesseps: die Byron unter den kapitalistischen Unternehmern. Die höchste Blüte des Unternehmertypus stellen solche Persönlichkeiten dar, in denen die Genialität der Spekulation mit der Nüchternheit des rechnerischen Sinnes die Wage hält: H. H. Meier, Alfred Krupp, Werner Siemens. Endlich ist die Tätigkeit kapitalistischer Wirtschastssubjekte stets eine rationalistische. Will sagen, daß ihr Handeln zu alleu Zeiten ein bewußtes Handeln nach Gründen ist. Zur Begründung ihrer Handlnngsweise bedürfen sie aber einer Aufdeckung der kausalen Beziehungen, einer Ordnung der Dinge nach der Kategorie von Ursache uud Wirkung. Diese Eigenart der kapitalistischen Denkweise, die in dem Wesen kapitalistischer Organisation eingeschlossen liegt, wird dann die mächtigste Förderin einer rationalistischen, insonderheit kansalen Betrachtung der Welt: die spezifisch moderne Weltauffassung, die auf dem Postulat strikter Kausalität aufgebant ist, ist aus innerst kapitalistischen? Geiste geboren. Dieser Lxiritus egxitÄlistions ist natürlich nicht ausschließlich deutscheu Gepräges: er gehört dem westeuropäisch-amerikanischen Kulturkreise als Ganzem an. Hier mußte ich ihn zunächst einmal, ich möchte sagen in seiner abstrakten Reinheit, aufdecken, ohne nationale und bis zu einem gewissen Grade ohne historische Färbung. In dem nächsten Abschnitt werden wir nun seine Menschwerdung iu dem Deutschland des neunzehnten Jahrhunderts verfolgen: wann, wie und wo er hier seine Erdenlaufbahn begann. Wir gewinnen daniit zugleich eiuen Überblick über die Perioden der deutschen Voltswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert; oder wenn man ein musikalisches Bild vorzieht: von deren Rhythmus. Goldfieber und Enverbsparoxysmus. ^1 II. Der Rhythmus der kapitalistischen Entwicklung. Ein uralter Fluch lastet auf dem Menschengeschlechte: der Fluch des Goldes. Seit Menschen auf der Erde leben, so scheint es, ist ihnen eingeboren ein unerklärliches, unwiderstehliches, dämo^ nisches Sehnen nach dem gelben, glänzenden Metall. Man kennt die Sagen vom Argonautenzug, von Midas, vom Dorado, vom Ring des Nibelungen. In ihnen allen hat jenes unheimliche Begehren des Menschengeschlechts mit seinen furchtbar verheerenden Folgen poetischen Anödruck gefunden. Und die Geschichte berichtet uns von den Fahrten, die die Menschen unternahmen, um in das Heimatland des Goldes zu gelangen; von den Geschlechtern von Schatzgräbern, von Goldsuchern; aber auch von jenen seltsamen Versuchen, das Gold künstlich zu erzeugen, von den Experimenten der Adepten, der suggestiven Gewalt jener geheimnisvollen Lehren der Alchemie. Den Jahrhunderten, die wir die neue Zeit nennen, ist nun eine neue Form der Goldsucht eigentümlich: diejenige, die ihren Zweck — den Goldbesitz — erstrebt durch Vornahme wirtschaftlicher Handlungen. Es ist einer der wundersamsten Vorgänge im menschlichen Geiste, dessen Entstehung ich an dieser Stelle nicht näher darlegen kann, daß sich die beiden weit von einander abliegenden Zweckreihen — jenes Verlangen nach dem Golde uud die Verrichtung wirtschaftlicher Tätigkeit — zu einem einzigen verschmolzen und nun jener eigentümliche Grundzug das Wirtschaftsleben zu beherrschen anfing, den ich vorhin als eines der wesentlichen Elemente kapitalistischen Geistes aufgedeckt habe: das Gewinnstreben, der Erwerbstrieb. Es wäre eine reizvolle Aufgabe, einmal zu verfolgen, ans welche Weise diese seltsame Seelenstimmung, die uns heute ja so sehr vertraut ist, allmählich Besitz von der Kulturmenschheit ergriffen hat. Mau würde dann, glaube ich, finden, daß das Vordringen des Erwerbstriebes sprungweise erfolgt. Wie auch in früheren Zeiten, als die Goldsucht noch nicht die wirtschaftliche Einkleidung erfahren hatte, die Menschheit zeitenweise von einer Art akuten Goldficbers befallen wurde, so uehmeu wir wahr, daß heutzutage ebenfalls von Sombart, VollSwivtschaft. 6 82 Die treibenden Krcifle. Zeit zu Zeit das Gcwinnstreben zunächst kleinerer Kreise eiueu übcrnormalen Grad von Intensität erreicht, zur Gewinnsucht ausartet, die wie eine fiebrige Krankheit rasch und reißend um sich greift. In solchen Zeiten dringt der ansteckende Stoff in weitere Volksschichten hinein, die dann dauernd von ihm behaftet bleiben, bis schließlich — nach immer wiederholtem Fieberanfall — der ganze Volkskörper infiziert ist; falls nicht etwa Reaktionserscheinungen auftreten, die uns aber hier nicht interessieren. Welches aber sind in dem modernen Wirtschaftsleben die Perioden des Erwerbsparoxysmus? Nnn, naturgemäß diejenigen Zeiten, in denen eine starke Möglichkeit geboten wird, schnell zu Reichtum zu gelangen. Denn dadurch wird die heutigentags latent immer vorhandene Geneigtheit zur Bereicherung erst in einzelnen besonders anfälligen Konstitutionen, dann durch den Antrieb der Nacheiferung, des Neides und tausend andrer Seelenstimmungen in immer mehr Individuen zur freien Entfaltung gebracht. Solche Zeiten sind aber gegeben, wenn (aus irgeud einem Grunde) rasch und anhaltend die Preise der Produkte steigen und gleichzeitig die Fonds, die dem modernen Wirtschaftsleben die ursprünglichen Mittel zur Ausübung erwerbender Tätigkeit liefern — die Edelmetallvorräte — eine große und konstante Vermehrung erfahren. Steigende Preise geben einen doppelten Anreiz: zum Ankauf von Waren, mit dem Zwecke vorteilhafter Weiterveräußernng und zur Produktion von Gütern selbst. Es ist nur eine Kombination dieser beiden Bereicherungsmöglichkeiten, wenn man zu gewinnen sucht durch deu Handel mit Aktien und ähnlichen Werten, die Anteilsberechtigungen an gewinnbringenden Unternehmungen sind. Es ist weiterhin klar, daß diese Betätigung im Handel mit Waren oder Effekten und Begründung neuer Produktions- oder Verkehrs- uuternehmungen um so größeren Spielraum findet, je mehr Mittel an barem Gelde dafür flüssig gemacht werden. Es werden aber solche Mittel um so reichlicher zur Verfügung stehen, je größer der Zuflnß von Edelmetall in einem Lande ist. Denn dieser wirkt aus naheliegenden Gründen (von denen ich einige noch genauer darlegen werde) vermögenbildend, d. h. häuft in einzelnen Händen Hausseperioden. 83 größere Summen von Barmitteln an, die nun nach Verwertung drängen. Diese plötzliche Vermehrung kapitalfähigcr Sachvermögen wird nun, je vollkommener die moderne Wirtschaft ihre Eigenarten ausbildet, noch um ein beträchtliches gesteigert durch die Ausweitung der Barvorräte auf dem Wege des Kredits. Der Kredit, der, wie der Name es ausdrückt, stets ein Vertrauen zur Unterlage hat, erfährt in jenen Zeiten steigender Preise ebenfalls eine starte Belebung. Reelle und fiktive Aussicht auf steigende Gewinne muß selbstverständlich das Vertrauen in die Realisierung kreditierter Forderungen erhöhen. Alle diese Vorgänge nun, die eine rasche Preissteigerung und plötzliche Vermehrung der Kapitalfonds im Gefolge haben, faßt mau unter der Bezeichnung der wirtschaftlichen Hausse zusammen. Sie spielen sich, wie ich noch hinzufügen will, in wachsendem Umfange an der Börse, ab, die dadurch in jenen Zeiten aufwärtsstrebeuden Wirtschaftslebens eine besondere Bedeutung, eine erhöhte Machtstellung bekommt. Sie ist es auch vor allem, die durch eine Reihe von Maßregeln, die wir noch kennen lernen werden (Ausbildung bestimmter Börsengeschäfte, Entwicklung der Kapitalassoziation im Aktienwesen usw.) für eine Heranziehung größerer Kreise zu den gewinnversprechenden Machenschaften des Wirtschaftslebens sorgt. Für die Entfaltung kapitalistischen Wesens haben nun aber diese Hausseperioden, wie wir sie nennen, nicht nur die Bedeutung, auf die ich bisher allein hinwies: den Erwerbstrieb intensiver zu gestalten und ihn in weitere Schichten der Bevölkerung zu übertragen. Vor allem äußert sich ihre Kraft zur Neugestaltung in der Entwicklung derjenigen Fähigkeiten in den führenden Wirtschaftssubjekten, die wir als spekulative in einem prägnanten Sinne kennen lernten. Es sind die eigentlichen schöpferischen Perioden im Ablauf der wirtschaftlichen Vorgänge. Neue Handelsbeziehungen werden angeknüpft, neue Gebiete der Produktion dem Unternehmungsgeiste erschlossen. Das Wirtschaftsleben bekommt einen größeren Zug, es erhält Schwung, es bekommt Fahrt. Optimismus, Schaffensfreudigkeit bemächtigen sich der weitesten Kreise. Keine Vornahme erscheint zu kühn, um nicht in Augriff k* Die treibenden Kräfie. genommen zu werden. An allen Ecken und Enden keimen neue Unternehmungen, eine immer gewagter wie die andere, hervor. Es sind die lyrisch-dramatischen Zeiten moderner Wirtschaft. Und die führenden Geister sind die spekulativen Köpfe. Menschen mit Ideen, mit Wagcmnt, ohne allzuviel Skrupel und Bedachtsamkeit. Es sind die Zeiten, in denen das Wirtschaftsleben vom französischen Geiste seinen Stempel erhält. Der Elan ist der Grundzug aller wirtschaftlichen Vornahmen. Der Typus derjenigen Männer, die in jenen spekulativen Perioden den Ton angeben, ist Saccard, der Held in Zolas L'Argent. Wie für so viele Gebiete unseres gesellschaftlichen Lebens hat der große Schauer in diesem Roman auch für die Seite wirtschaftlicher Vorgänge, die wir eben betrachten, die klassische, unübertreffliche Schilderung gegeben. Es ist alles Stümperei, was die Signatur der großen Hausseperioden des WirtschastSlebens zu charakterisieren unternimmt, verglichen mit der Darstellung Zolas. Man sollte uur immer wieder Zola lesen, um Nationalökonomie zu lernen. Wir alle sind ja in dieser Wissenschaft Dilettanten, wenn wir uns mit ihm zu messen versucheu. Auf die Haussezeiten folgen die Baisseperioden: auf die lyrisch-dramatische die skeptisch-kritische Gemütsverfassung; auf die französischen die englischen Epochen; auf die spekulativen die kalku- lativeu Zeiten; auf die extensiv-kapitalistische die intensiv-kapitalistische Entwicklung; auf die Expansion die Kontraktion; auf die Fundierung die Konsolidierung; auf die laut jubelnde Verkündigung die stille Sammlung; auf den Karneval die Fastenzeit; auf die Brautnacht die Schwangerschaft. Ökonomisch gesprochen: auf Zeiten mit steigenden Preisen und rasch wachsender Nachfrage kommen solche mit sinkenden Preisen und schwierigem Absatz. Weshalb, brauchen wir hier nicht zu untersucheu, wo nicht ökonomische Theorie getrieben wird. Es genügt vielmehr, die Bedeutung dieses Szenenwechsels für die Genesis kapitalistischen Wesens zu begreifen. Und da ist zu bemerken, daß in diesen nüchternen Zeiten dessen zweite Seite recht eigentlich zur Entfaltnng kommt: ich meine die rechnerisch-kaltulative, weshalb ich auch diese Perioden mit letzterem Beiwort belegte. Jene Zeiten des Überschwangs hinterlassen als Erbschaft einen mächtig Baisskpenvden, 85 erweiterten Wirksamkeitskreis für den kapitalistischen Unternehmer: neue Gründungen, erweiterte Betriebe, vervielfachte Handelsbeziehungen. Das alles soll nun unter ungünstigeren Bedingungen erhalten werden. Da gilt es zu rechnen, auf vorteilhafteste Organisation bei Tag und Nacht zu sinnen. Wo man ehedem des Talers nicht achtete, muß man des Pfennigs jetzt gedenken, um den eine Ware billiger oder teurer werden kann. Die Schwierigkeit de-5 Marktes drängt zur Okonomisiernng aller wirtschaftlichen Vornahmen, zur Anwendung der vorteilhaftesten Technik. Daher diese stillen Zeiteu Zeiten der inneren Vervollkommnung des kapitalistischen Wirtschaftssystems, Zeiten technischer Evolutionen in der Industrie zu fein Pflegen. Den großen Eroberern folgen die stillen Ordner. Das alles erzähle ich Ihnen, lieber Leser, nnr, um Ihren Sinn zu schärfen für den Rhythmus, in dem sich das deutsche Wirtschaftsleben im neunzehnten Jahrhundert bewegt, und von dein ich uun sprechen will. Wie das so zu geschehen pflegt: die Vorgänge des Lebens richten ihren Ablauf nicht immer streng nach den Abschnitten des gregorianischen Kalenders. Auch das Wirtschaftsleben beginnt nicht gerade im Jahre 1800 eine neue Epoche. Vielmehr bilden die ersten Jahre des neunzehnten Jahrhunderts in Deutschland wie allerwärts die Fortsetzung einer Wirtschaftsperiode, die einige Zeit früher einsetzt: man kann sagen im siebenten Jahrzehnt des achtzehnten 'Jahrhunderts sür eine Reihe von Erscheinungen, für Deutschland insbesondere mit dem Beginne des letzten Jahrzehnts jenes Jahrhunderts, d. h. mit dein Ausbruch der französischen Revolution. Die entscheidenden Tatsachen, die eine neue Epoche des deutschen Wirtschaftslebens einleiten, waren zunächst die revolutionären Vorgänge in der englische» Industrie seit etwa 1750 oder 1760, wodurch eine beträchtliche Steigerung der gewerblichen Produktion und eiue entsprechende Vermehrung der industriellen bezw. städtischen Bevölkerung in England, dadurch aber ein rasche? Anwachsen der Nachfrage nach Rohstoffen und Nahrungsmitteln, also eine Preishausse für diese Produkte bewirkt worden war. Da England den Bedarf an Agrarerzeuguissen nicht mehr allein zn decken vermochte, entstand eine wachsende Nachfrage nach ihnen 5l! Die treibenden Kräfte. in den wirtschaftlich rückständigen Ländern, nicht zuletzt in den Küstengebieten Deutschlands, das heißt also eine günstige Konjunktur für das landwirtschaftliche Exportgewerbe. Gleichzeitig damit erlebt nun aber Deutschland seit dem Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts eine sehr beträchtliche Vermehrung seines Vorrats an Edelmetallen, wodurch abermals zunächst eine preissteigernde Wirkung erzielt werden mußte. Jene Vermehrung war erstens die selbstverständliche Folge einer zunehmend aktiven Handelsbilanz in jenen Jahren: d. h. eines starken Überwiegens des Wertes der Ausfuhr über den der Einfuhr. Sie werden wissen, daß bei einer derartigen Konstellation das Land mit der sogenannten günstigen Handelsbilanz Bargeld als Bezahlung für seine Mehrausfuhr vom Auslande erhält. Zweitens war es die Steigerung der Silberproduktion in Deutschland selbst, wodurch der Vorrat an Edelmetallen in jenem Zeitraum eine Vermehrung erfuhr. So betrug beispielsweise die Silbergewinuung von 1767 bis 1771 in den Gruben bei Freiberg 131 205 Silber-Mark (zu etwa 40 Mark heutiger Währung), in allen übrigen sächsischen Gruben 21 624 Mark; dagegen von 1797—1801 die erstere 241 297 Mark, die letztere 36 397 Mark. Drittens traf eine Reihe von Umständen zusammen, die auf direktem Wege die Zuführung erheblicher Geldsummen nach Deutschland bewirkten. Just wie ein paar Menschenalter später, ist es großenteils französisches Geld gewesen, mit dem Deutschlands Volkswirtschaft belebt wurde. Erst sind es die Emigranten, die in Scharen nach Deutschland strömten und die, wie man weiß, nicht mit leeren Händen kamen. In Hamburg ließen sich acht- bis zehntausend Franzosen, in Altona viertausend Franzosen nieder. Ihnen gesellten sich dann zahlreiche reiche Holländer zu. Nach Beendigung der Kriege kommen beträchtliche Summen, die als Kriegsentschädigung von Frankreich zu zahlen sind, nach Deutschland. Preußen empfing 1815 allein hundert Millionen Franken, einen Betrag also, der für das damalige Wirtschaftsleben fast dasselbe bedeutete wie die Milliarden 1871. Aber auch auf andern Wegen erhielten die deutschen Lande Die Gründerperiode im Anfang deS neunzehnten Jahrhunderts. 87 direkte Zufuhr von Edelmetallen. Ich erinnere an die Gelder, die beispielsweise im Jahre 1796 die englischen Truppen und deren Verbündete in Niedersachsen ließen und ähnliche Anlässe. Endlich aber müssen wir der Subsidien gedenken, die verschiedene deutsche Staaten während der ganzen zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts vom Auslande bezogen. Ein guter Kenner (Gustav von Gülich) berechnet, daß seit der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts als Subsidien und Bestechungsgelder von Frankreich an deutsche Fürsten, deutsche Staatsmänner und Gelehrte 137 226 152 Livres, von England als Subsidien 46 696 576 ^ gezahlt worden seien. Das wäre in unserm heutigen Gelde mehr als eine Milliarde Mark; ein für die damalige Zeit enormer Betrag, dessen relative Hohe wir aus dem Umstände zu ermessen vermögen, daß er (nach Ansicht desselben Gewährsmannes) nicht erheblich hinter dem Werte des gesamten Exports zurückstand. So daß wir dem Urteil Gülichs werden zustimmen müssen: „überhaupt nahmen die Geldmassen in Norddeutschland ungeheuer zu." Gleichen Schritt mit dieser Vermehrung der Edelmetalle hielt nun aber die Bildung größerer Vermögen. Daß jene Emigranten- samilien schon mit erheblichen Vermögen in Deutschland erschienen, erwähnte ich bereits. Aber auch in den Händen deutscher Besitzer sammelten sich große Vermögen an, die teils der Kriegslieferung, teils der Bewerkstelligung von Finanzoperationen, teils der Handelstätigkeit, die infolge der durch die Kriegswirreu und namentlich die Kontinentalsperre geschaffenen Monopolstellung der deutschen Seeplätze äußerst lukrativ geworden war, teils den Gewinnen aus der Landwirtschaft, die für den Export arbeitete, ihre rasche Entstehung verdankten. Es erwachte nun iu den Trägern jener Vermögen angesichts der allgemeinen günstigen Konjunktur die Lust am Gewinn, das Streben, ihre Gelder durch glückliche Spekulation zu vergrößern. Wir beobachten seit den Zeiten der Fugger zum ersten Male wieder in Deutschland ein Hasten und Drängen nach Erwerb auf kapitalistischem Wege. Aber wir können doch auch ganz deutlich die Eigenart dieser ersten — sagen wir einmal — Gründcrperiode erkennen, die sie von allen späteren spekulativen Zeiten während 88 Die treibenden Kräfte. des neunzehnten Jahrhunderts unterscheidet. Es ist wie eine Art Vorfrühling. Wie die ersten warmen Tage im März, wenn noch nicht der Frühling sondern erst noch eine recht empfindliche Nachwinterperiode folgt. Es war der Boden noch nicht bereitet, in dem jene nach Verwertung strebenden Vermögen hätten Wurzel schlagen können. Unbildlich: es bot sich — außer dem Haudel mit Staatspapieren, der allerdings recht sehr blühte — noch leine andere gewinnversprechende Anlagemöglichkeit dar als der Ankanf von Grund und Boden. Zu industriellen Unternehmungen fehlten noch wesentliche Vorbedingungen: vor allem die nötigen Arbeitskräfte und der entsprechende Markt. Denn letzterer war (wie ich an anderer Stelle schon zeigte) für alle kapitalistische Industrie vorwiegend noch das Ausland. Und dieses erwies sich in der damaligen Zeit für Erzeugnisse des deutschen Gewerbefleißes eher ablehnend. Was wir also als hauptsächliche Wirkung der raschen Geldakkumulation und der aufsteigenden Preisbewegung im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts in Deutschlaud wahrnehmen, ist eine starke Spekulation in landwirtschaftlich genutzten Grundstücken. Die Grundstückspreise schnellen in die Höhe, sei es infolge schon gesteigerten Ertrages, sei es erst in Erwartung eines solchen, und dann natürlich wirken die gesteigerten Güterpreise auf eine weitere Steigerung der Intensität des Bodenanbaus hin. Daß durch die Kriege, die über die deutschen Lande hereinbrachen, in dieser Spekulations- und Hanssestimmung häusig unliebsame Unterbrechungen bewirkt wnrden, bedarf erst keiner besonderen Hervorkehrung. Im allgemeinen hielt doch aber die Aufwärtsbewegung während der ganzen Napoleonschen Epoche an und erlebte, wie ich schon erwähnte, infolge der nach Deutschland fließenden Kriegsentschädigungsgelder nach 1815 sogar noch eine Nachblüte, die bis zum Jahre 1819 währte. Dann erlebte Deutschland den ersten große:: „Krach" im neunzehnten Jahrhundert, der der ganzen Bewegung entsprechend im wesentlichen im Gebiete der Landwirtschaft sich abspielte, weshalb man auch von einer Agrarkrisis während der 1820er Jahre spricht. Fragen wir, was für die Entfaltung kapitalistischen Wesens von dieser ersten spekulativen Epoche in Deutschland an dauernden Die stille Zeit von 1820-1850, 89 Wirkungen zurückblieb, so muß, wie ich schon sagte, die Antwort lauten: wenig. An ständigen Einrichtungen wären etwa die Organisationen für den Hypothekenkredit zu nennen, deren mehrere während der Zeit von 1770 bis 1820 ins Leben traten. Die Landwirtschaft hatte die ersten Anläufe zu einer Modernisierung der Technik und der Betriebsorganisation genommen, von denen ich später noch ausführlich berichten werde. Vor allem bedeutsam scheint mir aber, daß ein Hauch echt kapitalistischen Spekulationsgeistes zum ersten Male seit jahrhundertelanger Ruhe Deutschland wieder gestreift hatte und gerade von Kreisen gespürt war, die modernem Geschäftsgeist am fernsten standen: von den größeren Grundbesitzern. Aber im großen ganzen verwehte doch dieser Hauch bald wieder. Es wareu nur ganz vereinzelte Schichten in einzelnen Teilen Norddeutschlands gewesen, die überhaupt von der Bewegung erfaßt wurden. Im Beginne der 1820 er Jahre war an der Gesamtstruktur der deutschen Volkswirtschaft kaum etwas wesentliches geändert; sie war dieselbe noch wie sie 1750 oder 1800 gewesen war, deren Grundzüge ich im ersten Buche gezeichnet habe. Das Menschengeschlecht, das zwischen dem Ende der Napoleonischen Ära und der Mitte des Jahrhunderts in Deutschland lebte, hat zur unmittelbaren Entfaltung kapitalistischen Geistes wenig beigetragen. Freilich: es bereitete die kapitalistische Entwickelung, die mit den Reaktionsjahren einsetzt, vor, dadurch daß während jener Zeit wesentliche Bedingungen dieser Entwickelung erfüllt wurden — es entstand der Zollverein und eine mächtige Überschußbevölkerung — aber die Generation selbst blieb doch von dem Hauche kapitalistischen Wesens so gut wie unberührt. Es war eine Zeit schleppender Wirtschaftsführung, eine müde Zeit. Die Preise fast aller Artikel sanken oder hielten sich doch höchstens auf ihrem früheren Niveau, wie aus deu Preistabellen ersichtlich ist, die ich in der Anlage mitteile. Allenthalben hörte man über Geldmangel klagen. Die Edelmetallvorräte strömten wieder aus Deutschland fort: Die Handelsbilanz wurde Passiv, da die Aussuhr von Agrarerzeugnissen, wie wir schon sahen, abnahm, die Industrie aber ebenfalls ihre Märkte hart bedroht sah durch die !>0 Die treibenden Kräfte, verschärfte französische und englische Konkurrenz, die nach dem Ende der Kriege mit aller Energie einsetzt. Dafür überflutete England die deutschen Lande, die bis in die 1840er Jahre hinein eines einheitlichen, hinreichenden Zollschutzes entbehrten, mit seinen eigenen Waren, für die es sich in barem Gelde bezahlen ließ. Besonderen Einfluß auf die Gestaltung des Geldmarktes übte die Wiederaufnahme der Barzahlungen englischer Banken aus. Allein iu den Jahren 1821/22 führte die Bank von England aus dein europäischen Festlande 30 Millionen F Bargeld aus. Also sörmliche Blutentziehungen! So verfiel denn die deutsche Volkswirtschaft begreiflicherweise in einen Zustand von Anämie. Daraus nun befreiten sie die großen welthistorischen Ereignisse des Jahres 1848. Durch ein wunderbares Zusammentreffen fielen in dieses eine denkwürdige Jahr drei Entdeckungen, die bestimmt sein sollten, eine neue Epoche der Weltgeschichte einzuleiten: die Entdeckung der reichen Goldschätze in den Gebirgen Kaliforniens und in Australien, sowie die Entdeckung der ergiebigsten Quecksilberminen in Mexiko, was einer entsprechenden Hebung der Silberproduktion gleichkam. Die gewaltigen Mengen von Edelmetallen, die dadurch dem Weltmarkte zugeführt wurden, strömten zunächst nach den Vereinigten Staaten und England ab; von hier gelangten sie dann auf dem Wege des Handels — aus einer Reihe von Gründen, deren Erörterung hier nicht hergehört, überstiegen die Ausfuhrwerte des deutschen Handels diejenige der Einfuhr in den Jahren 1848 bis 1850 um ein beträchtliches — zu uns. Zunächst noch ohne genutzt zu werden. Vielmehr sorgte das Mißtrauen, das als Folge der politischen Wirren der vergangenen Jahre noch in der Geschäftswelt zurückgeblieben war, dafür, daß sie in Kellern und Trnhen eingeschlossen wurden. Sie wagten sich anfangs sogar noch nicht einmal in die Banken. Erst im Jahre 1851 begannen sie diesen zuzuströmen, dann freilich fo plötzlich, daß sie die Tresors der Banken förmlich überfluteten. Allein bei der preußischen Bank stiegen die freiwilligen Privatdepositen von Januar bis August 1851 von 42/4 auf Millionen Taler, so daß die Bank, die nicht wußte, was sie mit dem Gelde anfangen sollte, sich am 1. Oktober Kalifornisches Gold und politische Reaktion leiten die neue Zeit ein. 91 1851 zu der im Bankgeschäft beispiellosen Maßregel gezwungen sah, die bereits längere Zeit bei ihr ruhenden Privatdepositen zu kündigen. Die Metallvorräte der preußischen Bank aber betrugen am I.Januar 1851 10.8 Millionen Taler, am 3I.Oktober desselben Jahres jedoch 23.7 Millionen Taler. Endlich war die Zeit wieder gekommen für das Erwncheu des Erwerbsstrebens, der Gewinnsucht, des Unteruehmnngsgeistes. In einer Weise, wie noch nie, ergriff der Taumel die gesamte Kulturwelt Europas. Was die Furcht vor politischen Unruhen an kapitalistischer Energie während der letzten Jahre zurückgehalten hatte, brach jetzt mit einem mächtigen Getöse hervor, seit insbesondere durch den Staatsstreich Napoleons und den Sieg der Reaktion in Deutschland die Gewahr für ein ungestörtes Erwerbsleben im Innern auf Jahre hinaus geschaffen worden war. Die ersten Jahre nach großen politischen Ereignissen, die ein Volk fesseln, sind häufig an und für sich Zeiten flotten Erwerbslebens. Ausgaben werden gemacht, die lange zurückgehalten wurden; dadurch belebt sich der Markt, das große Schwungrad der Warenzirkulation kommt in Bewegung, die Preise steigen, die Möglichkeit rascher Gewinne wird eröffnet. Aber auch die Neigung dazu ist besonders rege. Der politischen Interessiertheit folgt die Freude am materiellen Wohlleben, die wiederum den Wunsch erzeugt, recht reich mit den Gütern dieser Welt gesegnet zu sein. Daher die Hausse- Perioden im europäischen speziell dem deutschen Wirtschaftsleben nach der französischen Revolution, uach den Napoleonischen Kriegen, nach der Julirevolution (in Frankreich), uach den Unruhen des Jahres 1848, nach dem deutsch-französischen Kriege (in Deutschland). Kommt uun noch eine rasche Vermehrung der Edelmetalle dieser allgemeinen gewinnfroheu Stimmung zu Hilfe, so ist das Ergebnis dann eine solche lebendige Zeit, wie die der 1850er Jahre, in der die Lust zu erwerben die weitesten Volkskreise erfaßte, in der die Spekulation mit einer früher nie gekannten Mächtigkeit die deutsche Geschäftswelt ergriff und nun erst recht eigentlich mit dem echten und unverfälschten kapitalistischen Geiste nicht vorübergehend, sondern für alle künftige Zeit erfüllte. In diese politisch ruhigen Jahre fällt die Geburtsstunde des neuen Deutschlands. !>2 Die treibenden Kräfte. Was der Zeit nach 1851 den Stempel aufdrückt und ihr einen schon völlig modernen Charakter im Vergleich zu der Hausseperiode im Anfang des Jahrhunderts verleiht, ist der Umstand, daß sich die Spekulationswut — die Gewinnsucht —- ein neues Feld der Betätigung sucht: die Gründung gewinnversprecheudcr Unternehmungen. Damit wird recht eigentlich erst das kapitalistische Interesse gefordert. Denn ein großer Teil wenigstens der in den spekulativen Zeiten ins Leben gerufenen Gründungen besteht ja dauernd weiter als Organisationen kapitalistischen Wesens, dem sie damit zur Ausbreitung verhelfen. Eine rechte „Gründerzeit" sind also die 1850erJahre. Gegründet werden vor allem Bankinstitute, dann aber auch industrielle Etablissements, Bergwerke nnd — nicht zuletzt! — Eisenbahn- Unternehmungen. Dabei kam eine neue Form der Kapitalbeschaffung zu allgemeiner Anerkenntnis: die Aktiengesellschaft nnd ihr verwandte Gebilde. Das Prinzip der Aktiengesellschaft beruht, wie jedermann weiß, ans der Znsammeufügung kleinerer Geldbeträge zu größeren Vermögen in der Weise, daß die Besitzer der einzelnen Anteile lediglich in der Höhe ihres eingeschossenen Betrages an der Unternehmung beteiligt, also anch für etwaige Verpflichtungen haftbar sind. Die Aktiengesellschaften sind nnn recht eigentlich das Mittel, kapitalistisches Wesen allgemein zn machen. Sie bedeuten eine Demokratisierung und endgültige Stabilisierung des Kapitalismus, nicht etwa, wie man irrtümlich annimmt, dessen Überwindung. Denn mit Hilfe des Aktienanteils, den im Notfall anch der mäßig wohlhabende Mann erwerbeu kann, ziehe ich die breiten Massen in das Getriebe der kapitalistischen Wirtschaft hinein, fessele sie an das Interesse kapitalistischer Organisation, verbreite vor allem jene Grnudstimmung, die ich als kapitalistischen Geist bezeichne, über die Zeiten der Extase hinaus dauernd in alle Poren des Volkskörpers. Die spekulative Periode der 1850er Jahre führte aber noch eine andere Neuerung als dauernde Institution in das deutsche Wirtschaftsleben ein, deren Existenz für die Entfaltung kapitalistischen Wesens ebenfalls von entscheidender Bedeutung geworden ist: das ist die Kombinierung bankähnlicher und industrieller Die Bedeutung der 1850 er Jahre für — >U! Unternehmungen, anders ausgedrückt: die Finanziierung von Prodnktions- oder Verkehrsunternehmungen durch Bankinstitute. Um was es sich dabei handelt, ist dieses: es werden bestimmte Unternehmungen in Form von Aktiengesellschaften ins Leben gernfen, deren Zweck es ist, lediglich die Mittel zusammeu zu bringen zur Begründung oder Unterstützung anderer schon bestehender oder selbst erst zu schafseuder gewinnbringender Unternehmungen irgend welcher Art. Es liegt darin also, wie man es zutreffend genannt hat, eine Spekulation auf die Spekulation. Derartige Institute bedeuten eine ungeheure Steigerung der kapitalistischen Energie. Denn da sie von der unausgesetzten Neubelebung irgend welcher Produktiven Tätigkeit ihr eigenes Dasein fristen, so liegt,es in ihrem Wesen begründet, daß sie stets treiben, stimulieren, drängen. Sie sind gleichsam eine Gründungsmaschinerie; eine permanente Einrichtung zur Anstacheluug des Unternehmungsgeistes. Es ist daher auch begreiflich, wenn sie ihre erste und bedeutsamste Entwicklung in dem spekulativen Volke par exosllsnos, bei den Franzosen, -gefunden haben. Jenes Riesenunternehmen, dessen Gründung Zola in dem schon erwähnten Romane als das Werk Saccards schildert, ist der Oreäit, modilisr, der 1852 ins Leben trat nnd vorbildlich für alle späteren Geschäfte mit ähnlichen Tendenzen wurde. Die Zwecke dieser großartigen Anstalt waren: Unterstützung bestehender und Gründung neuer Unternehmungen dnrch Kreditgewährung, Kreditvermittlung, Kreation von Aktien- und Kom- manditbeteiligung, Handel mit Rententiteln und Aktien, Unterstützung der Haussespekulation durch Neportierungen. Um eine Vorstellung vou der schou vor einem halben Jahrhundert gewaltigen Tätigkeit dieses Niesenunternehmens zu geben, registriere ich die Vornahmen des Oeclit, movilisr in den Jahren 1854 und 1855 (nach Max Wirth): Der vreclit iriodilier unternahm in dem einzigen Jahre 1854 die Fusion der Gasgescllschaften und der Omnibns in Paris; die Bildung der Eisenbahngesellschaft St. Rambert-Grenoble; ein Anlehen an die Eisenbahngesellschaft der Ardennen; die Konzession zu eiuer Verlängerung der Eisenbahn Paris - Soissons bis an die belgische Grenze, nm die dortigen reichen Kohlengruben aufzuschließen; die Teilnahme an 94 Die treibenden Kräfte. dem pyrenäischen Eiseilbahnnetz und der Schweizer West- und Zentralbahn; die Kanalisation des Ebro von Saragossa bis zur Mündung; die Errichtung der LompaAnis maritims, die Submission der transatlantischen Paketbootlinie und namentlich die Bildung der Gesellschaft der österreichischen Staatsbahnen, deren Aktien bald bedeutend in die Höhe gingen und sich trotz der Ungunst der Zeit, verhältnismäßig erhielten. Außer der Gründnng der Gesellschaft der Hotels und der Immobilien der Rivoli- straße in Paris, der Patronisierung der West- und Süd- uud der Franz-Josefsbahn, sowie der Gründung der spanischen Kreditanstalt hat die Gesellschaft im Jahre 1855 allein noch folgende Geldoperationen geleitet: Vor allem die Nationalanleihe von 780 Millionen Franken; die Gesellschaft subskribierte im ganzen für eigene und fremde Rechnuug 625 Millionen Franken, erhielt jedoch infolge der Reduktion für eigene Rechnung nur 1280 920 Franken; sodann den Austausch der Obligationen der alten Gesellschaften, welche sich zu der neuen Gesellschaft der Westbahn fusionierten, gegen die neuen, der Osclit mobilier erwarb selbst 65 000 Obligationen, welche 18 Millionen repräsentierten; die Unterbringung einer Anleihe von 2« Millionen Franken seitens der Gesellschaft der Eisenbahnen des Südens; Vorschüsse der Aktionäre der Eisenbahnen von Paris-Caen, Paris-Cherbourg, der Ostbahn und anderer Bahnen; die Emission der Prioritätsanleihe der österreichischen Staats-Eisenbahn-Gesellschaft, in 300 000 Obligationen a 275 Franken geteilt und eine Summe von 82500 000 Franken darstellend. In der Tat: es mutet uns an, als ob wir einen Jahresbericht der Deutschen Bank aus der allerueuesten Zeit leseu! In Deutschland war dasjenige Institut, das zuerst seiner ganzen Anlage nach dem <üi-66it> modilier am nächsten kam, die 1853 gegründete Bank für Handel und Industrie zu Darmstadt, die noch heute mit dem Sitz in Berlin und einem Kapital von 105 Millionen Mark als mächtige Zentrale kapitalistischen Unternehmertums weiter besteht. Aber die 1850 er Jahre erlebten noch zahlreiche andere Gründungen ähnlicher Art, denen sich reine Bankinstitute in großer Menge anschlössen. Das gesamte moderne Bankwesen ist — die Entfaltung kapitalistischen Wesens in Deutschland 95 in Deutschland ebenfalls in dem ereignisreichen sechsten Jahrzehnte geschaffen worden und damit die Grundlage für eine kapitalistische Organisation der Volkswirtschaft überhaupt. Alle diese Etappen im einzelnen zu schildern, muß ich mir wiederum versagen. Soweit es sich um die innere Neubildung unserer wirtschaftlichen Organisation und die endgültige Etablierung der kapitalistischen Wirtschaftsweise handelt, komme ich in anderem Zusammenhange auf diese Dinge zurück. Hier wollte ich ja nur einen Einblick geben in den Werdegang des kapitalistischen Geistes, dessen Ausbreitung wir an den geschilderten Symptomen glaubten verfolgen zu können. Ich fasse deshalb noch einmal zusammen: die 1850 er Jahre sind die wichtigste spekulative Periode, die Deutschland bisher erlebt hat. In ihnen wird der moderne Kapitalismus definitiv zur Grundlage der Volkswirtschaft gemacht. Es geschieht dies durch eine allgemeine Befruchtung aller Wirtschaftsgebiete mit Kapital, das sich durch die Plötzliche Vermehrung der Edelmetallvorräte und die damit im Zusammenhang stehende Preishausse rasch in den Händen einzelner Personen ansammelt, noch rascher aber durch die Entwicklung des Aktienwesens und der Bankorganisation sich zu größeren Summen zusammenballt, die nunmehr nach intensiver Verwertung streben. Damit ist ein Fonds von kapitalistischer Energie geschaffen und gleichsam objektiviert, der sich aus sich selbst immerfort erneuernd und vermehrend zu einer ungeheuren Triebkraft von revolutionärer Wirkung wird. Sich eine quantitativ bestimmte Vorstellung von der schöpferischen Leistung jener Jahre zu bilden, ist unmöglich. Nur an einigen Symptomen vermögen wir die enorme Zeugungskraft jener Zeit zu ermessen. Vor allem an den uns bekannten Ziffern der neu angelegten Aktienkapitalien. Im Königreich Bayern beispielsweise wurden in dem Jahrzehnt von 1839 bis 1848 insgesamt 6 Aktiengesellschaften mit einem Kapital von nicht ganz 4 Mill. Mark (3,99) gegründet; im folgenden Jahrzehnt (t8->9 bis 1858) dagegen deren 4 4 mit einem Kapital von mehr als 145 Mill. Mark. Im Bergbau und Hütteubetriebe des Königreichs Preußen betrug die Zahl der gegründeten Aktiengesellschaften in den achtzehn Jahren von 1834 bis 1851 14, ihr Kapital 23,29 Mill. 96 Die treibenden Kräfte. Taler; dagegen in den sechs Jahren von 1852 bis 18S7 die Zahl 59, das Kapital 70,69 Millionen Taler. Nach den Angaben Max Wirths bezifferte sich für ganz Deutschland das Aktienkapital der von 1853 bis 1857 neu begründeten Banken allein auf 200 Mill. Taler, das auf neue Eifcubahnen eingezahlte Aktienkapital in demselben Zeitraum betrug über 140 Mill. Taler, während die verschiedenen von Eisenbahnen und andern industriellen Gesellschaften in dem Zeitraum von zehn Jahren aufgenommenen Prioritäts-An- leihen 206 Mill. Taler überschritten. Bon 50 Versicherungsgesell- schafteu mit einem Kapital von mehr als 60 Mill. Taler und von 259 Bergwerk-, Hütten-, Dampfschiffahrt- und Maschinenbau-Gesellschaften, vou Zuckersiedereien und Spinnereien mit einem Kapital von mehr als 260 Mill. Taler ist die größere Hälfte in jenen Jahren entstanden. In Preußen wurden im Jahre 1856 allein für etwa 150 Mill. Taler neue Gesellschaften konzessioniert, während Österreich in diesem einzigen Jahre für mehr als 100 Millionen neue Eisenbahnen unternahm. Aber ich sürchte, die Geduld des Lesers mit diesen Zahlenangaben schon über Gebühr in Anspruch genommen zu haben, sodaß ich einstweilen darauf verzichte, etwa noch die Ziffern anzuführen, die die Produktionssteigerung während jenes Zeitraums zum Ausdruck bringen und die ebenfalls von symptomatischer Bedeutung für die Stärke kapitalistischer Expansion sind. Vielleicht bietet sich noch einmal eine Gelegenheit, darauf zurückzukommen. Was über die späteren Epochen des deutschen Wirtschaftslebens und ihre Bedeutung für die Entfaltung des kapitalistischen Geistes zu sagen ist, kann in weniger Worten geschehen. Denn es handelt sich von nun ab nur um Wiederholungen bereits bekannter Vorgänge. Zunächst die Jahre vom Ende des sechsten Jahrzehnts bis nach dem dentsch-französischen Kriege sind Jahre ruhiger Sammlung, stiller Beschaulichkeit, emsiger Arbeit, in denen das gefestigt wird, was die stürmischen letzten Jahre geschaffen hatten. Es sind die 1850 er und 1860 er Jahre die Zeit, in der sich die moderne rationelle Landwirtschaft ihre Stellung iu Deutschlaud erobert, in der die großen Standardiudustrien: Montan- und Textilindustrie ebenfalls ihreu modernen Charakter annehmen, in der Jubeljahre nach dem französischen Kriege. Zeit der Sammlung bis 1835. 97 endlich das Eisenbahnnetz in Deutschland in seinen Hauptlinien wenigstens ausgebaut wird. Dauu kommen die Jubeljahre nach den siegreichen Kriegen mit ihrem Grüuderrausche als einer Folge der enormen Zuflüsse von Bargeld aus Frankreich, des „Milliardensegens". Es wiederholen sich genau dieselben Erscheinungen, nnr großartiger, mächtiger wie in den 1850 er Jahren: Friedensstimmung, Preishausse, rasche Vermögensbildung, Entfachung der Gewinnsucht, Hereinbrechen eines Speknlations- und Gründungsfiebers: heißen doch die Jahre von 1872 bis 1874 im Volksmunde die „ Gründ ^rjahre" schlechthin. Zu welchen Dimensionen sich die Gründertätigkeit in jenen Jahren auswuchs, zeigen die folgenden Ziffern: während in dem zwanzigjährigen Zeitraume von 1851 bis 1870 (1. Hälfte) 295 Miengesellschaften mit einem Kapital von 2404 Mill. Mark gegründet worden waren, traten deren neu ins Leben von 1870 (2. Hälfte) bis 1874 857 mit 3306 Mill. Mark Kapital. Dann kommt eine lange Periode der Ernüchterung, die für alle Zweige des deutschen Wirtschaftslebens zu einer rechten Prüfungszeit wird: die beiden Jahrzehnte von Mitte der 1870 er bis Mitte der 1890 er Jahre, die mit Ausnahme einiger Monate während der Jahre 1889 und 1890 ohne Enthusiasmus, ohne lyrischen Schwung, ohne einen spekulativen Rausch verlaufen, in denen aber wiederum umsomehr gerechnet und gearbeitet wird und in denen die Technik die größte Vervollkommnung erfährt. Von den Leistungen auf den verschiedenen Gebieten, in Landwirtschaft uud Industrie, Verkehr und Handel erzähle ich dann. Hier nur die Feststellung, daß in den genannten beiden Jahrzehnten das kapitalistische Wirtschaftssystem zu allgemeinster Verbreitung in Deutschland gelangt und namentlich auch Gebiete erobert, die bis in die 1870 er Jahre der handwerksmäßigen Organisation so gut wie ausschließlich verblieben waren. Es ist die Zeit, in der sich auch auf dem Gebiete der Produktion ein großkapitalistisches Unternehmertum entwickelt, das vordem überwiegend nur im Handel und als Hochfinanz existiert hatte. So in bart, NollSwirtschaft. 7 98 Die treibenden Kräfte. Aber das Jahrhundert sollte nicht zu Eude gehen, ohne noch einmal eine Periode stärkster spekulativer Färbung erlebt zu haben. Das letzte Jahrfünft bringt auch und gerade für Deutschland zu- gnterletzt eine Zeit blühender Hausse auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens, ausgenommen die Landwirtschaft, die an der allgemeinen Jubelstimmung aus Gründen, die wir noch kennen lernen werden, nicht teilzunehmen vermag. Seit Beginn der 1890 er Jahre beginnt die Goldproduktion stark zn steigen. 1890 hatte sie noch 464 Millionen Mark betragen, das heißt nicht mebr oder sogar weniger als all die Jahre hindurch seit der Mitte des Jahrhunderts. Im Durchschnitt der Jahrfünfte seit 1851 hatte sich die Goldproduktion der Erde beziffert auf 5S7, 564, 516, 544, 485, 481, 404, 447 Millionen Mark. Nnn aber schnellte sie, dank vor allem der Erschließung neuer Goldfelder in Transvaal und Kanada, aber auch infolge gesteigerter Produktion iu Australien, plötzlich in die Höhe. Sie belief sich 1891 auf 521 Millionen Mark 1892 „ 581 1893 ,. 632 „ „ 1894 „ 720 Gerade wie in den Jahren 1848—1851 sammelte sich das frisch gewonnene Gold zunächst, ohne zu neuen Taten anzuregen^ in den Tresors der europäischen Banken an. Die Goldzufuhr wurde noch gesteigert dnrch eine Reihe zufälliger Umstände. So sand im Beginn der 1890er Jahre ein ununterbrochener Goldabfluß aus deu Vereinigten Staaten statt, als Folge teilweise der starken Silberankäufe des amerikanischen Staatsschatzes uud der entsprechenden Ausgabe von Silberzertifikateu, welche das Gold aus der Zirkulation verdrängten, teilweise hervorgerufen dnrch das wachsende Mißtrauen in die amerikanische Währung, das zn großen Rücksendungen amerikanischer Papiere führte. Die Mehraussuhr von Gold aus den Vereinigten Staaten betrug 1891 68 Mil- lionen K, 1d93 gar 87 Millionen K. So stieg in den Kammern der Deutschen Reichsbank der Goldvorrat von Jahr zu Jahr beträchtlich. War er im Durchschnitt des Jahres 1890 auf 519 Mil- Die AufschwungSPenode von 1895-1300. 99 lionen Mark gesunken, so übertraf er bereits im Jahre 1892 mit 616 Millionen Mark den höchsten bisherigen durchschnittlichen Stand (im Jahre 1888) und nach einem vorübergehenden Rückgang im Jahre 1893 stieg er bis auf 705 Millionen Mark im Durchschnitt des Jahres 1895. Seinen höchsten Stand erreichte der Goldvorrat der Reichsbank am 7. Februar 1895 mit 799,6 Millionen Mark, während der gesamte Barvorrat am 15. Febrnar 1895 seinen höchsten Stand mit 1148 Millionen Mark erklommen. Diese Geldplethora fand natürlich in einer entsprechenden „Geldflüssigkeit", das heißt in einem niedrigen Diskontsatze ihren Ausdruck. Der Durchschnitt des offiziellen Diskvntsatzes der Neichs- bank ging von 4,52°/^ im Jahre 1890 auf 3,12»/^ im Jahre 1894 nnd 3,14°/g im Jahre 1895 zurück. Aber weit unter diesem offiziellen Satze hielt sich der „Privatdiskont" der Reichsbank, in dein ja der Stand des Geldmarktes erst zum richtigen Ausdruck kommt. Das Jahr 1894 hatte an 346 Tagen Privatdiskont, dessen durchschnittliche Höhe 2,064 °/g war: der niedrigste Stand während des Bestehens der Reichsbank. Diese exorbitante Niedrigkeit des Diskontsatzes hielt dann bis zur Mitte des Jahres 1895 an: noch bis August schwankte der Marktdiskont in Berlin zwischen 1^ und 1 und die Neichsbank diskontierte während des ganzen Monats zu einem Privatsatze von 2°/g. So war alles vorbereitet, um bei dem leisesten Anstoße den zurückgedämmten Unternehmungsgeist zu machtvollem Hervorbrechen zu bringen. Der Anstoß ging aus von den Wandlungen auf dem Gebiete der Elektrotechnik: durch Übergang zu elektrischem Antrieb in den Fabriken, zu elektrischer Beleuchtung und elektrischen Straßenbahnen in den Städten entstand eine rasch steigende Nachfrage nach Artikeln der elektrischen Industrie, die bald ihre Kreise in die Maschinen- und Montanindustrie hinüberzog, um von hier aus das gauze Wirtschaftsleben in Bewegung zu setzen. Der Hausse zu Hilfe kam die auch nach 1894 bis zum Ende des Jahrzehnts noch anhaltende Steigerung der Goldproduktion. Diese betrug 1895 . . 817 Millionen Mark 1896 . . 836 „ „ 100 Die treibenden Kräfte. 1897 . . 985 Millionen Mark 1898 . . 1140 1899 . . 1225 Wenn trotzdem sich die Kammern der großen Zentralbanken leerten (der Barvorrat der Reichsbank erreichte seinen tiefsten Stand mit 718 Millionen Mark am 30. September 1899) und trotz erheblicher Steigerung des Notenumlaufs (von 1000,4 Millionen Mark im Jahre 1894 auf 1141,8 Millionen Mark im Jahre 1899) der Diskont eine nie dagewesene Hohe erreichte (der Privatdiskont an der Berliner Börse betrug im Durchschnitt der Jahre 1896 3,038, 1897 3,084, 1898 3,548, 1899 4,450, stieg aber in den letzten drei Monaten des Jahres 1899 auf bezw. 5^, 6, 6"/g°/g, während die Reichsbank ihren Diskont am 19. Dezember 1899 auf 7°/g erhöhte, einen Satz, der seit dem Kriegsjahre 1870 nicht erreicht worden war), so beweist dies nur für die ungeheure Ausweitung und Anspannung, die die Unternehmungslust in diesem für das deutsche Wirtschaftsleben einzig bedeutsamen Jahrfünft erfuhr. Dafür reden wiederum eine deutliche Sprache die folgenden Gründungsziffern. Während im Jahre 1894 nur 9^ Aktiengesellschaften mit einem Kapital von 88 Millionen Mark ins Leben traten, wurden gegründet: 4S9S 161, ^6S6 182, ^SS7 254, ^SSS 329, ^SSS 364. Während das in diesen Neugründungen investierte Aktienkapital sich in den genannten fünf Jahren belief auf bezw. 251, 269, 380, 464 und 544 Millionen Mark, in allen fünf Jahren zusammen also auf 1908 Millionen Mark. Die Emission von Jndustrieaktien überhaupt (durch die Gründung neuer und die Kapitalvermehrung bestehender Gesellschaften) wird nach ihrem Kurswert veranschlagt ans 79 Millionen Mark für 1894, auf 861 Millionen Mark für 1899. Und während dieser ganzen Zeit beobachteten die Preise der wichtigsten Jndustrieartikel, namentlich der Montanindustrie eine stark steigende Tendenz. Deutsches Gießereiroheisen kostete pro 1000 1^ ab Werk in Breslau 1894 50.3 Mark, 1899 75.5, desgleichen Puddeleisen bezw. 49.3 und 72.1 Mark, Bessemer Roheisen in Dortmund bezw. S2.0 und 65.4 Mark; Zink Pro 62. 1894 29.9, 1899 48.1; Steinkohlen, pro 1000 IvA, in den verschiedenen Sorten bezw. 12.6 und 13.7, Rückblick und Ausblick. 101 9.0 und 10.0, 9.0 und 9.8, 6.9 und 9.0, 9.7 und 10.5, 8.2 und 9.7. Überall sind es im wesentlichen wiederum dieselben Erscheinungen, nur abermals dimensional vergrößert, die uns in den 1850er und 1870er Jahren entgegentreten. An neueu Formen, die sich der Kapitalismus schafft, um sich auszuleben, hat uns die Aufschwungsperiode die Jndustriekartelle hinterlassen, die freilich schon in der voraufgehenden Epoche sich zu entwickeln begonnen hatten, wenn sie auch in den letzten Jahren erst zu voller Entfaltung gekommen sind. 5 -I- So — damit hätte ich einen ungefähren Überblick über die Etappen gegeben, in denen der Kapitalismus während des neunzehnten Jahrhunderts Deutschlands Wirtschaftsleben erobert. Viel G'scheidtes weiß der unbefangene Leser damit noch nicht. Es wird ihm vieles einstweilen nur verschwommen vor Augen stehen, was nun durch die folgende Darstellung erst greifbare^Gestalt au- uehmen soll. Was wir bisher einigermaßen genan kennen, ist der Banmeister, der den Bau des neudeutschen Wirtschaftslebens entworfen hat, und ist sein Plan. Da es in meiner Absicht liegt, das Werden des Baues selber — das Herauswachsen der kapitalistischen Wirtschaft aus der vorkapitalistische Organisation — zu schildern, den Leser gleichsam erleben zu lassen, so möchte ich ihm jetzt erst, um sein Verständnis für die Eigenart des neuen Werkes noch mehr zu wecken, zunächst einmal eine Einsicht verschaffen in die Baumaterialien, mit denen das Gebäude allsgeführt ist. Unbildlich gesprochen: wir wollen die Frage nach den Bedingungen auswerfen, deren Erfüllung die notwendige Voraussetzung für das sieghafte Vordringen kapitalistischer Wirtschaft war; anders ausgedrückt: wir wollen nach den Faktoren Umschau halten, die außer dem Zweckstreben kapitalistischer Unternehmer zusammen wirken mußten, um die Umgestaltung der deutschen Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert herbeizuführen. Dabei werden wir offenbar ganz von selbst zwei Gesichtspunkte im Auge 102 Die treibenden Äräfie. behalten müssen: den der Allgemeinheit und den der Besonderheit. Ich meine: wir werden stets zu fragen haben: was war es, das der kapitalistischen Entwicklung auch in Deutschland zum Durchbruch verhalf, und was hinwiederum, das dieser Entwicklung in Deutschland eigentümliche Züge aufprägte. Ich will solcher Entwicklungsbedingungen vier verschiedene Gruppen unterscheide», vhue mich damit gerade einer übermäßig korrekten Systematik zu befleißigen; nur weil sich der Stoff so am nettesten ordnen läßt; das sind: Land, Leute, Recht, Technik. Fünftes Kapitel. Das Tand. Das Landgebiet des Deutschen Reichs in seiner Bedeutung für Deutschlands wirtschaftlichen, sagen wir einmal Aufschwung im neunzehnten Jahrhundert darzustellen, ist keine so ganz leichte Aufgabe, Denn was sich dem aufmerksamen Beobachter zunächst darbietet, wenn er seinen Blick über die Landkarte schweifen läßt oder wem? ihn seine Reisen oder sein Wohnsitz in die verschiedenen Teile des großen Reiches verschlagen, ist die außerordentliche Mannigfaltigkeit der geographischen Gestaltung unseres Vaterlands. Vor allem ist es der große Gegensatz von Niederland und Hochland, der Deutschland vor allen Ländern auszeichnet. In keinem andern Völker- und Staatengebiete Europas, bemerkt darüber ein so ausgezeichneter Kenner des deutschen Landes wie Kutzen mit Recht, findet eine so eigentümliche senkrechte Gliederung statt, in keinem ein solcher Gegensatz massenhafter Trennung und massenhaften Nebeueiuauderliegens einer fast völlig flachen und eiuer fast durchgängig mit Gebirgen und Hochebenen gefüllten Hälfte. Rußland mit Polen besteht aus einer einzigen ungeheuren Ebene von Feldern, Wäldern und Steppen, die im Innern an mehreren Stellen nur durch einige Hügelreihen und Landrücken eine Unterbrechung erleidet nnd erst an den weit entlegenen Grenzen teilweise von hohen Gebirgszügen umschlossen wird. Auch iu dem schachbrettartig gegliederten Frankreich hat die Ebene wenigstens einiges Übergewicht, obwohl es an Gebirgslandschaften nicht sehlt; aber nnr eine (die der Cevennen) befindet sich in seinem Innern, die übrigen liegen gegen die Grenzen hin. In Spanien herrscht das von Gebirgsketten durchzogene und umrandete Hoch- 104 Das Land. land, das für weite Ebenen fast keinen Raum läßt. Die Balkanhalbinsel ist von mächtigen Gebirgen erfüllt, die mit viel größeren und kleineren Armen nach allen Seiten ausgreifen nnd dadurch ein Gitterwerk zahlloser kleiner Gebirge und Ebenen gestalten. Ebenso durchzieht Italien der lange Gebirgszug der Apenninen, links und rechts viele Äste aussendend, die sich wiederum vielfach verzweige,?, uud nur im Norden weitet es sich zu einer größeren Ebene. Die gewaltige, vielfach zerklüftete Felsmasse von Skandinavien ist gebirgig im Norden wie im Süden, mit wenig Spielraum für umfassende Ebenen. Und endlich England hat zwar im Westen weit mehr das Gepräge eines Gebirgslandes als in dem östlichen Teile, aber auch dieser ist fast durchweg Hügelland. Die Bergleichung Deutschlands mit den übrigen Ländern Europas belehrt uns zugleich, daß in allen diesen mehr oder weniger eine gewisse Naturform der Oberflächenbildung, in Deutschland dagegen die größte Mannigfaltigkeit vorwaltet. Wir treffen hier einen reichen Wechsel harmonisch geordneter Hochgebirgsländer, Hochflächen und Stufenländer mit den verschiedenartigsten Stromnetzen, ferner Mittelgebirge aller Art und weite Flach- und Tiefländer. Wir finden hier das Tiefland des slawischen Ostens, den eigentümlichen Wechsel zwischen Bergland und welliger Ebene der britischen Inseln, die überraschende Mannigfaltigkeit der griechischen, die Regelmäßigkeit der italienischen und die Hochlandbildung der spanischen Halbinsel. Deutschland ist also vor allen übrigen Ländern mit dem Charakter Europas überhaupt ausgestattet, welches nicht wie andere Erdteile eine bestimmte herrschende Eigenart in sich trägt, sondern eine Vereinigung aller Oberflächenformen und diese in der größten Mannigfaltigkeit auf seinem Raume darbietet. Aber man wird doch, um Deutschland vollständig zu charakterisieren, hinzufügen müssen: allerdings enthält es von allem etwas: aber alles in einem bescheidenen Mittelmaße. Man wird das zugeben können, ohne darum aufzuhören, das Land als Heimat zu lieben. Der Samojede liebt seinen von Eis und Kieseln bedeckten Erdrücken, auf dem er Lieb und Leid erfahren, auf dem er seine Brüt großgezogen hat, nicht weniger, ja vielleicht noch Würmer und inniger als der Schweizer seine schönen Berge oder der Campane Mittelmäßigkeit: d, Kennzeichen deutscher Landschaft u, deutschen Klimas. 1Y5 sein Liristal. Aber, was Theodor Fontane von der Mark Brandenburg sagte, bleibt doch eben zn recht bestehen, wenn es sich um so dürftige Strecken Landes handelt, wie sie das Deutsche Reich umspannt: man muß dort geboren sein, um sie lieben zu können. Es sehlt uns das volle Schöne nicht minder wie das grandios Ode oder Schreckliche in uusern Landen. Nichts von der monotonen Endlosigkeit der russischen Steppen, über denen Sommer nnd Winter ein gleich starres Despotenregiment führen; nichts von der Majestät nordlandischer Fjorde; nichts von der Sonnigkeit und dem warmen Duft französischer Lande; nichts von der satten, rnhigen Schönheit des blauen Südens. Nur wo das Meer braust, auf deu endlosen Dünen und im Abendscheine auf der blühenden Heide steigt ein Zug von Großartigkeit in unser Vaterland hernieder: aber dies macht doch nicht dessen Eigenart aus. Und wie das Land, so die Luft, die darin weht. Alle Darsteller der klimatischen Verhältnisse- Deutschlands kommen darüber überein, daß auch sein Klima sich auszeichne durch eine gesunde Mittelmäßigkeit, die sich fern hält vou allerhand Extremen nordischer Winter- oder südlicher Sommerlauneu. Ein „Mittelklima", um den Ausdruck Kutzens zu gebrauchen, dessen Eigenarten dem Leser ja nicht unbekannt sein werden. Ziffern mitzuteilen über Durchschnitts- teinperaturen, Niederschlagsmengen und dergleichen hat wenig Zweck. Denn was nützt es einem, wenn er weiß, daß die durchschuittliche Jahrestemperatur in Breslau 8,3 und in Frankfurt a. M. 9,7 Grad Celsius, oder daß die mittlere Januartemperatur in Dresden — 0,2", die mittlere Julitemperatur dagegen ebenda 18" beträgt. Halte man fest, daß es auch iu Deutschland im allgemeinen im Winter kälter ist wie im Sommer, im Norden kälter wie im Süden, und daß die Abstände zwischen den Temperaturextremen um so größer sind, je weiter der Ort vom Meere entfernt ist. Auch Ziffern über die Sonnenscheindauer nützen wenig. Oder kann man etwas damit anfange!,, wenn ich feststelle, daß in Marggrabowa die Sonne im Jahre 1742 Stunden, dagegen in PoPPelsdorf bei Bonn mir 1613 Stunden scheint. Etwas mehr bedeuten wohl schon die Verhältnisziffern: jene 1842 Stunden sind 39 von 100, diese 1618 dagegen 36 von 100 Stunden möglichen Sonnenscheins. 106 Das Land. Nirgends in Deutschland scheint uns die Sonne auch nur die Halste der Zeit, während der sie am Himmel steht; in den meisten Gegenden nur den dritten Teil dieser Zeit. Also meistens grau erscheint dem Deutschen die Welt; voller Wolken und Nebel. Und dazu der Regen, der sich ja bei uns ebenfalls über das ganze Jahr verteilt; mit Bevorzugung jedoch des Sommers: im Juli regnet es in fast allen Gegenden Dentschlands doppelt und dreifach so viel wie in den Winter-, Frühjahrs- oder Herbstmonaten. Aber, so wird man vielleicht fragen: was hat dieses alles mit dem wirtschaftlichen Leben eines Landes zu tun? Mehr doch, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Landschaft und Klima sind zunächst dadurch bedeutsam, daß sie von bestimmendem Einfluß auf die Gestaltung der ökonomischen Energie, wie man es nennen konnte, sind. Das rauhe Klima erzeugt den Bedarf nach einer größeren Menge wirtschaftlicher Güter und damit die Notwendigkeit, sich um ihre Beschaffung zu mühen. Den göttlichen Lazzaroni, der, in ein paar Lumpen gehüllt, sich auf den Steinplatten der Chiaia behaglich sonnt, uud dessen Tagesration eine Handvoll Kastanien, eine Zwiebel, eine Melone sind, ficht natürlich der bittre Kampf ums Dasein viel weniger an, als den Nordlandssohn, der für warme Kleidung, wetterfeste Wohnung und kompaktere Nahrung Sorge tragen mnß. Der trübselige Gedanke, daß der Mensch arbeiten, schnften müsse, ja daß er zu nichts anderem auf der Welt sei, setzt sich unendlich viel schwerer in dem Hirn eines sorglosen Südländers als in dem eines von Sorgen um das tägliche Brot schwer geplagten Hyperboräers fest. Aber diesem wird es auch viel leichter gemacht als jenem, sich in das Joch der Arbeit zu gewöhnen. Was soll man denn den größten Teil des Jahres in einem Lande wie Deutschland anfangen, wenn man nicht arbeitet? Die Natur zwingt einen ja förmlich dazu, sich mit irgend etwas zu beschäftigen. Während im lachenden Süden die Sonne unaufhörlich zum süßen Nichtstun lockt. Nur wo der Himmel blaut, gibt es ein clolos iar uionts. Weiter: der gemäßigte Norden wirkt energiesteigernd dadurch, daß er die ununterbrochene Tätigkeit leichter macht. Und auf dieser ruht ein großer Teil des wirtschaftlichen Erfolges: allzu Dürftigkeit: das Kennzeichen deS deutschen Bodens. 107 große Kälte ebenso wie allzu große Hitze bildeil ein schwer zu überwindendes Hindernis für einen stetigen Arbeitsprozeß. Aber das Klima bestimmt die Vorgänge des Wirtschaftslebens noch viel unmittelbarer durch seiue Schranken setzende Kraft. Es bezirkt, wie jedermann weiß, den Kreis von Produkten, dei? namentlich die Landwirtschaft erzeugen kann, und wird damit natürlich wiederum bestimmend für das Ausmaß ebenso wie für die Eigenart der Ernährungsmöglichkeit einer Bewohnerschaft. Neben dem Klima kommt hierfür die Beschaffenheit des Bodens in Betracht. Auch sie ist nun fast nirgends eine solche in Deutschland, daß man sagen konnte, das Mittelmaß sei erheblich überschritten. Kein Wein-, Gemüse- und Obstland, das sich über ganze Provinzen erstreckte, wie in Frankreich oder Italien, sondern nur kleine Endchen davon im Nheintal und einigen Teilen Südwestdeutschlands; kein Wiesenland in erheblicher Ausdehnung mit seuchtem Klima, das der Viehzucht leichten Stand gewährte — denn die Marschen im Nordwesten Deutschlands mit ihren insgesamt 81 Qnadratmeilen sind doch nicht zu vergleichen mit den entsprechenden Gebieten Frankreichs oder Englands; keine unabsehbaren Strecken fruchtbaren Schwemmlandes, das in üppiger Fülle Getreide zu tragen vermöchte, wie etwa die Schwarzerdegebiete Rußlands. Dafür aber einen Posten sterilen Ton- und Sandbodens von solcher Ausdehnung, daß er genügt, die natürliche DnrchschnittSergiebigkeit der deutschen Landwirtschaft unter diejenige der meisten Kulturstaaten zu senken. Zumal gilt dies von demjenigen deutschen Bundesstaate, der den größten Teil von Nord- dentschland umfaßt: dem Königreich Preußen. Etwas günstiger mag das Gesamtbild des ganzen deutschen Reiches sich gestalten; viel günstiger auch wohl kaum. Für Preußen aber haben wir die gewissenhaften Zusammenstellungen August Meitzens und seiner Mitarbeiter in dem großen Werke: Der Boden und die landwirtschaftlichen Verhältnisse des preußischen Staats. Danach betrug in dem Preußen alten Bestandes (vor der Eroberung Hannovers, Hessen- Nassaus und Schleswig-Holsteins) der Anteil sterilen Bodens an der Gesamtfläche über zwei Fünftel: die „ungünstigen Tonböden und Sand- und Moorböden" machten 42,9 °/g aus. In dem 103 DaS Land. „gesegneten" Rheinland sogar 46,6 beinahe soviel wie in der Provinz Brandenburg, wo über die Hälfte des Bodens (52,6 <>/<,) der gekennzeichneten Kategorie minderwertigen Landes angehörte. Ein Drittel etwa (34,4 °/„) des Kulturbodens in der Preußischen Monarchie wurde als Mittelboden („gemischte sandige Lehm- und lehmige Sandboden") charakterisiert, nnd nur ein Fünftel galt als guter Boden („günstige Lehm- uud Tonböden"). Teilt man aber das ganze Ackerland in acht Klassen ein nach dem Reinertrag, den es liefert, so ergibt sich, daß beinahe die Hälfte (46,1 <>/g) des gesamten Kulturbodens (uud zwar in der preußischen Monarchie heutigen Bestandes) den beiden letzten Klassen angehört, d. h. weniger als 3 Mk. Reinertrag vom Morgen abwirft und fast drei Viertel (73,3 °/g) den drei letzten Klassen (weniger als 6 Mk. Neinertrag) zuzurechnen sind. Unterscheidet man die einzelnen Bodenkategorien des preußischen Staats nach ihrer für den Fruchtbarkeitsgrad bedeutsamen geologischen Natur, so findet man, daß „Vorland" und Marschen, also im wesentlichen das Alluvialland noch nicht ein Zehntel der Gesamtfläche ausmachen (7,5 °/^), daß ein knappes Viertel (24,4 °/g) Gebirgsland ist, etwas mehr als ein Viertel (27,9 °/g) diluviale Hügellandschaft, dagegen zwei Fünftel (40,2°/,,) aus Sandebenen und Moor bestehen. Man denke: zwei Fünftel des ganzen Landes! Wenn in solchem armeu Laude nun die Bevölkerung anwächst — und wir werden noch sehen, daß die Nassen, die Deutschland bewohnen, eine recht gesegnete Fruchtbarkeit aufweisen — so bleibt außer eiuer Verbesserung der landwirtschaftlichen Technik nichts anderes übrig, falls das Volk seine Heimat nicht verlassen und fremde Länder kolonisieren will (was ja allerdings die Deutschen in großem Maßstabe getan haben), als einen wachsenden Teil der nationalen Prodnktivkraft so zu verwenden, daß jene Mängel der natürlichen Ausstattung einigermaßen ausgeglichen werdeu. Das geschieht aber durch eine entsprechende Ausbildung der gewerblichen, d. h. stoffverarbeitenden Tätigkeit, durch die man die fehlenden Erzeugnisse des Bodens entweder entbehrlich macht oder von andern Ländern bezieht. Meist hat man nur letztere Eventualität und zwar in der Regel nur in der Gestalt des Warenaustausches im Die natürlichen Vorbedingungen für die gewerbliche Produktion: 109 Auge; man hat das Wort geprägt: Deutschland muß entweder Menschen oder Waren ausführen. Das ist zu eng gefaßt! Ein Land kann zunächst auch aus fremden Ländern Erzengnisse beziehen ohne Waren dorthin zu senden: indem es sich diese Länder auf irgend eine Weise, heute wesentlich mittels Kreditgewährung, tributpflichtig macht. Ein Land kann aber auch seinen Mangel an natürlicher Fruchtbarkeit zum Teil wenigstens dadurch ersehen, daß es, wo dieses angängig ist, seinen Bedarf an Gütern deckt, ohne an die Freigebigkeit der Natur, soweit sie sich in der Hervorbringung von Pflanzen äußert, zu appellieren. Wie das durch eine entsprechende Entwicklung der Technik möglich ist, werde ich später noch genauer auseinandersetzen. Ich verdeutliche hier einstweilen, was ich meine, an einigen Beispielen: wenn ich statt Pferdebahnen elektrische Bahnen einrichte, so spare ich Pferde, kann also das Land, das ihre Aufzucht uud ihre Erhaltung ermöglichte, anders (zur Hervorbringung von Nahrungsmitteln) verwenden; das gleiche gilt, wenn ich eiserne Schiffe statt hölzerne baue, wenn ich zur Herstellung von Farben Teer statt Pflanzen verwende usw. Es fragt sich nun: ist Deutschland seiner natürlichen Beschaffenheit nach günstig oder ungünstig bedingt, um eine Entwicklung in der angedeuteten Richtung — sagen wir also der Verlegung des Schwergewichts seiner produktiven Tätigkeit auf das gewerbliche Gebiet — zu vollziehen? Die Antwort muß lauten: günstig. Die Natur, die es so stiefmütterlich mit Boden- nnd Klimagaben bedacht hat, hat ihm dafür in der Tat eine Reihe von Vorzügen anderer Art verliehen, die für die Gegenwart und die nächste Zukunft ihm reichen Ersatz für die Dürftigkeit seiner Landschaft zu bieten vermögen. Solange nämlich als die gewerbliche Technik (wie es heute der Fall ist) auf der Verwendung von Kohle und Eisen ihre spezifische Leistnngsfähigkeit basiert, d. h. also in einer Periode, in der der Dampf die beliebteste motorische Kraft und das Eisen das praktikabelste Baumaterial ist. In diese seit einem halben Jahrhundert laufende Zeitepoche muß Deutschlands wirtschaftliche Hochblüte fallen, die ihr Ende erreichen würde, wenn etwa die Elektrizität sich ähnlich wie jetzt der Dampf eine herrschende Stellung erränge und damit diejenigen Länder in den 110 Das Land, Vordergrund der Völkerbühne treten würden, die die meisten und stärksten natürlichen Wasserkräfte haben, wie etwa Schweden. Aber das steht einstweilen noch nicht in Frage. Unser Zeitalter ist das Zeitalter der Kohle und des Eisens, und jedenfalls war es diejenige Periode deutschen Lebens, die wir hier überblicken. Und für diese Zeit also weist Deutschland natürliche Bedingungen auf, die es andern Ländern gegenüber bevorzugen. Was ich meine, sind natürlich vor allein die reichen Schätze an Steinkohlen und Eisenerzen, die Deutschlands Boden in seinem Schoße birgt und von denen sich eine Flut von Reichtum während des letzten Menschenalters über uus ergossen hat. Ich will den Leser nicht mit einer detaillierten Aufzählung und Beschreibung der einzelnen Lagerstätten langweilen; nur soviel muß er wissen, daß die wichtigsten Kohlengebiete Deutschlands folgende sind: 1. das oberschlesische, hervorragend durch die Mächtigkeit (bis zu 15 m) seiner dicht bei einander liegenden Flötze und sehr reich an Flötzen; L. das rheinisch-westfälische oder Nnhrgebiet, das zur Zeit ausgiebigste; es liefert etwa die Hälfte der in Deutschland produzierten Steinkohle; 3. das Saargebiet. Die übrigen Gewinnungsorte — es wird Steinkohle noch gefördert iu der Umgegend von Aachen, im Königreich Sachsen, im Waldcnburger Gebirge und an einigen anderen Orten — stehen den drei erstgenannten an Bedeutung nach. Vor allein auch deshalb, weil nur jene drei Gebiete in der Nähe der Steinkohlenlager auch Lagerstätten von Eisenerz in größerein Umfange aufweisen. Und just in dieser räumlichen Vereinigung von Kohle und Eisenlagern liegt der spezifische Vorteil. Denn dadurch wird die Herstellung des Eisens ermöglicht, ohne die Rohmaterialien einem laugeu Transport auszusetzen. Wir finden deshalb auch die Hanptsitze der Eisenindustrie in unmittelbarer Nachbarschaft der Kohlen- und Erzgruben. Ich brauche nun wohl nicht des näheren auseinanderzusetzen, weshalb diese natürliche geologische Konstellation, wie sie sich in mehreren Gebieten Deutschlands siudet, diesem Lande von ungeheurem Die Bodenschtthe Deulschlands, Seine Wegsamkeit. 111 Borteil für die Entfaltung der Industrie werden muß. Nicht nur, daß es überhaupt Kohle und Eisen produziert: es kommt naturgemäß auch billiger in ihren Besitz als ein Land wie etwa Italien, das diese wichtigen Roh- uud Hilfsstoffe moderner Industrie für teures Geld von weither herbeischleppen muß. In den Kohlen- und Eisenlägern Deutschlands liegt also die Erklärung, weshalb die deutsche Volkswirtschaft eine so entschiedene Schwenkung zur gewerblichen Tätigkeit während des letzten halben Jahrhunderts unternommen hat, nicht minder aber auch für die Intensität seiner kapitalistischen Entwicklung. Denn die Montanindustrie ist recht eigentlich, ich mochte sagen, die Brüt- oder Pflanzstätte des modernen Kapitalismus, der aus ihr seine größten Kräfte zieht. Ein Land, das diese mächtige Standardindustric nicht oder nur kümmerlich zu entwickeln vermag, wird im ganzen viel langsamer auf der Bahn des Kapitalismus voranschreiten. Außer mit Kohle- und Eisenerzlagern ist aber Deutschlands Boden noch mit andern Mineralien gesegnet, auf denen sich gerade im neunzehnten Jahrhundert zahlreiche wichtige Verfahruugs- weisen aufgebaut haben. So wurde 1L52 in dem Pommerschen Sevtarieuton, der zu beiden Seiten der Oder lagert, ein zur Portland Zement-Fabrikation sehr geeignetes Material entdeckt, das gegenwärtig 140 Zementfabriten mit einer Jahresproduktion von 30 Millionen Füssern den Rohstoff liefert. Nicht minder wichtig sind die reichen Kalisalzlagerstätten bei Staßfurt, von denen noch die Rede sein wird (vgl. Kapitel «). Nun sind aber die im Schoße der Erde aufgespeicherten Schätze nicht das einzige, womit die Natur über die Qualifikation eines Landes zum Jndustrialismus entscheidet; nicht minder wichtig ist eine andere Seite seiner natürlichen Gestaltung: was man zusammenfassend seine Wegsamkeit nennen kann. Denn offenbar: Entwicklung der Industrie hat zur notwendigen Voraussetzung erst berufliche, dann meist auch territoriale und nationale Disferenziicrnng des Wirtschaftslebens. Es fragt sich: wie hat die Natur hierfür Deutschland ausgestattet? Die Autwort wird verschieden ausfallen, jenachdem wir an eine territoriale oder nationale Differenzierung denken. Die Vor- 112 Das Land. bedinguugen für die erstere erfüllt das deutsche Land in recht beträchtlichem Maße. Zumal Miederum seit Einbürgerung der Dampftechnik (in das Verkehrswesen durch die Eisenbahn) ist Deutschland, zumal der Norden mit seinem vorwaltenden Flachlandscharakter, geradezu das Muster eines wohlqualifizierten Verkehrsgebietes geworden. Wenn in den letzten Menschenaltern mehr und mehr der Schwerpunkt des deutschen Wirtschaftslebens aus dem Südeu nach dem Norden verlegt wird, so hat dessen ideale Weg- samkeit ihr gut Teil daran. Aber auch die natürlichen Verkehrsstraßen, wie sie die Flüsse darbieten, sind nicht ungünstig in Deutschland gestaltet und lassen sich zu einem idealen Systeme durch eine künstliche Querverbindung ausbauen. Verglichen mit Italien, Frankreich, England ist Deutschland dank seiner reichen Stromentfaltung von der Natur viel eher als Binnenland gedacht. Darauf weist auch seine geringe Küstenentwicklung hin. Diese im Verein mit der für die Schiffahrt ganz besonders ungünstigen Küstenformation (Doppelküste! fast gar keine guten Häfen!) machen Deutschland zum seegewandten Verkehr denkbar ungeeignet. Von der Natur hingewiesen scheint dagegen Deutschland aus einen Landvcrkehr mit den übrigen europäischen Staaten: Deutschlands Zukunft liegt auf dem Laude! Man hat es nicht ohne Berechtigung das Reich der Mitte genannt. Denn in der Tat bildet es geographisch eine Art von Herz des europäischen Länderkomplexes, durch das der natürliche Weg aller Waren- und Menschenstrvme zwischen den verschiedenen Ländern hindurchführen muß. Ob man eine Linie von Stockholm nach Rom oder von London nach Konstantinopel oder von Petersburg nach Paris oder Madrid zieht: alle schneiden sie das deutsche Reich, das dadurch noch einmal — dieses Mal aber in einem weniger herabstimmenden Sinne — seine „Mittelmäßigkeit" zu erkennen gibt. Also die landgewandte Wegsamkeit entschädigt reichlich für die Unwcgsamkeit seiner Küstenseite, obwohl ja anch diese, wie man weiß, die rege Entwicklung eines Seeverkehrs in unserer Zeit keineswegs zu verhindern vermocht hat. Diese Erwägung wird, wie so manche andere, denke ich, die Überzeugung in uns wachrufen: daß die natürlichen Bedingungen eines Landes doch nur in beschränktem Die natürl. Beschaffen!), c. Landes nicht ausschlaggeb, f. seine Volkswirtsch. HZ Umfange dessen Volkswirtschaft zu beeinflussen vermögen, daß vielmehr andere, wichtigere Faktoren als die recht eigentlich bestimmenden anzusprechen seien. Ist es denn nicht in der Tat erstaunlich, daß aus solchem armseligen Lande, wie es unsere liebe Heimat trotz der paar Kohlen-, Eisen- nnd Kalisalzlager doch bleibt, ein so mächtiger Staat entstanden ist, dessen Stellung im Rate der Nationen angesehen, dessen Reichtnmsentfaltung während der letzten Menschenalter beneidet ist? Daß inmitten jener Sandwüste, von der wir schon mehrere Proben bekommen haben, sich eine Stadt erhebt, die zwar nicht an Schönheit und Kultur, aber doch an Reichtum und Lebendigkeit die alten Großstädte Europas zu verdunkeln beginnt? Es hat etwas Ergreifendes, so Mächtiges aus so unvollkommener Natur erstehen zu sehen. Als Symbol dieses neuen, kraftvollen Deutschlands und seiuer Entfaltung möchte ich das bekannte Plakat betrachten, das Sütterlin für die Berliner GeWerbeausstellung im Jahre 1890 entworfen hat: die nervige Riesenfaust, die aus der Sandwüste hervorbricht und den titanischen Hammer gen Himmel schwingt. Also die Menschenfanst ist e5, die gleichsam aus dem Nichts ein großes Reich geschaffen hat: die vom Menschengeist geleitete Faust, wollen wir hinzufügen. Das führt uus aber zu der Frage: welches denn die Eigenarten der Menschen sind, die Deutschland bewohnen, und inwieweit dessen volkliche Beschaffenheit von bestimmenden Einfluß auf deu Gang seines Wirtschaftlebens im neunzehnten Jahrhundert geworden ist. Damit werde ich auch einige Gedankengänge erst recht zu Eude sühreu können, die ich in diesem Kapitel nur gerade augedeutet hatte. Ich meine die Zusammenhänge, die zwischen der Natur eiues Landes und der Eigenart seiner Bewohner bestehen. Sombart, Volkswirtschaft. ^ sechstes Kapitel. Das Volk. Wenn ich in diesem Kapitel die Beziehungen zwischen Deutschlands Wirtschaftsleben und seinem Volke wenigstens in ihren Grundlinien aufzudecken unternehme, fo wird es doch nötig sein, einige orientierende Bemerkungen allgemeinen Inhalts voraufzuschicken. Zunächst die Frage: was deuu eigentlich aus bestimmten Eigenarten des Volscharakters erklärt werden soll? Denn der Begriff „Wirtschaftsleben" ist doch allzu unbestimmt, um ihn zum Mittelpunkt dieser Betrachtungen zn wählen. Da müßte man denn die Aufgabe Wohl genauer dahin umschreiben: daß wir prüfen sollen, welchen Anteil die volkliche Beschaffenheit der Deutschen an dem raschen wirtschaftlichen Aufschwung, das heißt also an der bedeutenden Entfaltung produktiver Kräfte des Landes während des neunzehnten Jahrhunderts hat. Als welche Aufgabe sich aber alsobald iu einer noch größeren Bestimmtheit darstellt, sobald wir in Rücksicht ziehen, daß diese Entfaltung der produktiven Kräfte doch im Rahmen eines ganz bestimmten Wirtschaftssystemes, des kapitalistischen, sich vollzogen hat. Alsdann nämlich löst sich unsere Frage in die andere auf: in welchem Umfange erfüllt das deutsche Volkstum die Bedingungen, die das kapitalistische Wirtschaftssystem stellt? Da dieses nuu aber als eine hervorstechende Eigenart die scharfe Trennung in eine Klasse leitender Wirtschaftssubjekte, der Unternehmer, und eine Klasse abhängiger Personen, der Lohnarbeiter aufweist, so wird sich unser Problem in die zwei Fragen auflösen: genügt das Volkstum — und wenn ja, in welchem Umfange, und Das Problem und seine Schwierigkeiten. 115 wodurch — den Anforderungen, die an ein kapitalistisches Unternehmertum und denjenigen, die an eine in dessen Dienst tretende Lohnarbeiterschaft gestellt werden müssen? Ein anderer Punkt, über den wir uns Klarheit verschaffen müssen, ist die Tatsache, daß die Bedingungen, die das deutsche Volk durch seine Eigenart erfüllt, damit sein Wirtschaftsleben einen bestimmten Verlauf uühme, dem deutschen Volke mehr oder weniger eigentümliche sind. Denn offenbar fpielen sich gewisse wirtschaftliche Vorgänge in Deutschland in einer bestimmten Form ab (entwickelt sich z. B. Kapitalismus), weil die Deutschen Europäer und keine Orientalen sind: hier sind also Eigenarten entscheidend, die allen europäischen Völkern gemeinsam sind. In anderen Füllen teilt das deutsche Volk wichtige Züge, die von Einfluß auf die Gestaltung des Wirtschaftslebens sind, mit allen Nord- und Osteuropäern, Germanen, Kelten und Slawen; in noch anderen Füllen erweist sich die spezifische Eigenart als ein gemeinsames Erbteil nur der germanischen Rassen im engeren Verstände; und endlich lassen sich charakteristische Eigenschaften feststellen, die auf das deutsche Volk beschränkt sind. Diese Erwägungen führen uns nun aber zu der Einsicht: daß die Gründe der volklichen Eigenarten außerordentlich mannigfaltige fein müffen, daß man sich vor allem hüten muß, allzu ausschließlich mit der Kategorie des Rassenmerkmals zu operieren. Welchen Anteil an einem bestimmten Zuge des Volkscharakters die ursprünglich physiologische Rasseuveranlagung, welchen das Klima, welchen die gemeinsamen Schicksale in historischer Zeit haben, das sind so unendlich komplizierte und bis heute noch so wenig geklärte Fragen, daß wir gut tun werden, sie in diesem Zusammenhange nur gauz gelegentlich in den Kreis unserer Betrachtungen zu ziehen. Es genügt ja auch sür unsere Zwecke vollständig, wenn wir uns einen Überblick über diejenigen Eigenarten des deutschen Volkstums verschaffen, die wir als bestimmende sür das Wirtschaftsleben in der letzten historischen Vergangenheit zu erkennen vermögen. Vielleicht daß diese Zusammenstellung selbst dann wieder Anregung bietet für die Völkerpsychologen, auf den Bahnen weiter zu schreiten, die so geistvolle Männer wie Taine, Brandes, Hehn, Gobineau, Ferrero, 8* 116 Das Vvlk. Blondel, Chamberlain gerade im letzten Menschenalter mit schönem Erfolge betreten haben. Gemeinsam mit allen Europäern haben die Deutschen jene Veranlagung, die man als Fähigkeit zum Kapitalismus bezeichnen könnte. Will sagen die Fähigkeit, die schrankenlose Bahn des Gelderwerbes zu betreten, die wirtschaftliche Tätigkeit ihrer Beschränktheit als einer bloßen Maßregel zur Fristung des Daseins zu entkleiden, den sicheren Frieden handwerkerhaften Wirtschaftens zu verlassen, und die aufreibende nnd prekäre Lage des spekulativen Unternehmers dafür einzutauschen, das Wirtschaftsleben selbst in einen rationell eingerichteten Geschäfts- mcchaniSmus umzuwandeln: kurz eben sich mit jenem Geiste zu erfüllen, den wir als den spezifisch kapitalistischen kennen gelernt haben nnd den wir vergebens in Kulturen wie der altindifchen, der attamerikauischen, ja Wohl auch der chinesischen oder der türkischen, soweit wir sie kennen, suchen würden. Den Völkern jedoch, die seit einigen Jahrtausenden Europa bewohuen, eignet er durchgehends. Und es ist sicher falsch, wie man wohl behauptet hat, zu sagen: der moderne Kapitalismus sei eine Schöpfung nur der germauischen Rasse uud sei von den Romanen nur übernommen. Eine solche Behauptung kaun man nur aufstellen, wenn man den modernen Kapitalismus im achtzehnten Jahrhundert in England anfangen läßt, während er tatsächlich sechshundert Jahre srüher in Italien zur Welt gekommen ist, wie Sie, verehrte Freundin, ausführlich in meinem Ihnen bekannten Werke nachlesen können. Will man schon in der Genesis des modernen Kapitalismus die Rollen zwischen Norden und Süden verteilen, so wird man sagen müssen: die Romanen haben ihn geschaffen, die Germanen haben ihn von diesen überkommen und zu höheren Formen weitergebildet, haben dabei freilich ihre ehemaligen Lehrmeister um ein Beträchtliches überholt. Daß sie dieses konnten, dazu mußten sie allerdings wohl Eigenschaften entwickeln, die die Romanen nicht besaßen oder doch nicht in gleichem Maße. Welche waren dies? Alle nordischen Nationen, Germanen wie Slawen, bei denen sich offenbar der Kapitalismus jetzt ebenfalls in einem raschen Tempo auszudehnen beginnt, sind nun den südländischen, also wesentlich Die Deutschen ein frisches und darum kräftiges, fruchtbares Volk. 117 rumänischen Rassen bedeutend überlegen an physiologischer Frische. Und auf diesen Umstand glaube ich, müssen wir in der Tat ein gut Teil des wirtschaftlichen Aufschwungs zurückführen, dessen ethnischen Ursachen wir in Deutschland nachspüren. Diese größere physiologische Frische bringt zunächst eine größere körperliche Leistungsfähigkeit mit sich. Der Deutsche wird hieriu etwa die Mitte halten zwischen Angelsachsen und Slaven, sicher aber die romanischen Rassen namentlich an Ausdauer übertreffen. Wie wichtig gerade die Ausdauer für die erfolgreiche Tätigkeit ist, sofern sie die Stetigkeit des Arbeitsprozesses verbürgt, erkannten wir schon, als wir die Bedeutung des Klimas für die Gestaltung des Wirtschaftslebens würdigten. Daß übrigens diese Vis änraiiK, die schon Tacitus den Germanen seiner Zeit zuschreibt, auch mit der Psychischen Veranlagung unserer Rasse im Zusammenhange steht, werden wir noch zn beobachten Gelegenheit haben. Ist nun aber ciu Nolk körperlich leistungsfähiger als ein anderes, so unterliegt es wohl keinem Zweifel, daß unter sonst gleichen Bedingungen es rascher zu Reichtum gelangen wird als jenes. Bedeutsamer insonderheit für die modern-kapitalistische Entwicklung ist nun aber ein weiteres Moment, das aus der größeren physiologischen Frische einer Nation wie der deutschen folgt: der stärkere Fruchtbarkeitsgrad. Deutschland hat von jeher zu den kinderreichen Ländern gehört. Schon der alte Sebastian Franck machte im sechzehnten Jahrhundert die Beobachtung: „es ist nichts denn Kind über Kind in Deutschland, sonderlich in Schwaben; Schwäbinnen kommen zweimal im Jahre nieder." Und dabei ist es bis heute geblieben. Nächst Rußland ist in Deutschland der Kindersegen am größten. Auf 10 000 Bewvhuer entfallen bei uns jährlich 363 Lebendgeborene, dagegen in Frankreich beispielsweise nur 226. Daher denn auch die Bevölkerungszunahme in Teutschland eine entsprechend große ist. Während des neunzehnten Jahrhunderts hat sich, wie wir schon wissen, die Bevölkerung auf dem heutigen Reichsgebiet weit mehr als verdoppelt, trotz der ganz erheblichen Mengen Deutscher, die während dieser Zeit ausgewandert sind. Im Jahre 1816 lebten im Gebiet des heutigen Deutschen Reichs 24.8 Mill. Menschen, heute (1900) 56.3 Millionen, was einem 118 Das Vvlk, jährlichen Zuwachs von durchschnittlich 1 °/g entspricht, während etwa 5 Millionen Deutsche während des neunzehnten Jahrhunderts aus ihrer Heimat ausgewandert siud. Um recht eigentlich zu ermessen, was diese Ziffern besagen, muß mau sie mit den entsprechenden eines Landes vergleichen wie Frankreich, das jetzt in seiner Bevölkerung wesentlich stabil ist. Noch in der Mitte des Jahrhunderts lebten in Frankreich ebensoviel Menschen wie in Deutschland: 1845/46 in Deutschland 34.4, in Frankreich 34.5 Millionen (während 1820 in Frankreich noch beinahe 4 Millionen mehr als in Deutschland gelebt hatten!) Heute dahingegen ist die franzosische Bevölkerung auf nur 35.5 Millionen gestiegen, ist also hinter der deutschen um mehr als 20 Millionen zurückgeblieben. Zweifellos besteht nun aber in unserer Zeit ein enger Zusammenhang zwischen intensiver Bevölkerungszunahme und intensiver Entfaltung kapitalistischen Wesens in einem Lande. Wenn man einen großen Teil des wirtschaftlichen Aufschwungs Deutschlands im letzten Menschenalter auf seine starke Auswanderung zurückgeführt hat (das ist zum Beispiel die Meinung eines so ausgezeichneten Kenners deutscher Wirtschastsverhältnisse wie Georges Blondels), so liegt dem sicherlich ein richtiger Gedanke zn Grnnde. Ganz gewiß bedeutet zunächst jeder Auswanderer einen Verlust für ein Land und insbesondere für den Kapitalismus; aber es ist gewiß richtig beobachtet, daß im Laufe der Zeit aus den Auswanderern Kunden für die Exportwaren des Heimatlandes werden, und daß dadurch sich unter Umständen rascher die Ausfuhr eines Landes entwickelt, als sie es ohne den Stützpunkt vermocht hätte, den ihr die über den Erdball verstreuten früheren Landeskinder gewähren. Und sofern jede Ausdehnung des Marktes — ob im Jnlande oder im Auslande — belebend auf die kapitalistische Industrie einwirkt, kann man wohl sagen, daß die Auswanderung ein Beförderungsmittel kapitalistischer Entwicklung wird. Aber ich möchte doch diesem Momente keine übermäßig große Bedeutung beimessen. Erstens deshalb nicht, weil die ausgewanderten Söhne keineswegs immer sichere Abnehmer der Waren ihres Mutterlandes werden, häufig genug sich vielmehr in erbitterte Konkurrenten der einheimischen Industrie oder Landwirtschaft verwandeln; zweitens Bedeutung rascher Bevülkerungszunahme f. d. kapitalistische Entwicklung. 119 darum nicht, weil, wie mir scheint, die anreizende Wirkung der Bevölkerungsüberschüsse, die einem Lande durch Auswanderung verloren gehen, noch viel großer gewesen sein würde, wenn sie in der Heimat verblieben wären und hier ihren Erwerb gesucht hätten. Nein, was die rasche Bevvlkerungszunahme zu eiuem so mächtigen Beförderungsmittel des Kapitalismus werden läßt, ist vielmehr folgendes: Sie bewirkt zunächst, daß in den wohlhabenden Schichten der Bevölkerung die Neiguug zum Erwerb und die wirtschaftliche Spannkraft rege erhalten werden, und uicht ein fattes Rentnertum an die Stelle eines tatkräftigen Unternehmerstandes tritt. Sie liefert also einen unausgesetzten Nachwuchs an gewinnstrebenden, wagenden Persönlichkeiten, Schöpsern, mit andern Worten, kapitalistischer Organisation. Denn es ist klar, daß die Söhne eines reichen Mannes ganz anders dem Erwerbsleben gegenüberstehen, wenn sie viele als wenn sie wenige sind. Bei gleichem Vermögen entfällt anf den einzelnen im ersteren Falle eine kleinere Portion, und die Nötigung für ihn, selbst wieder durch wirtschaftliche Tätigkeit sich auf dem sozialen Niveau seiner Eltern zu erhalten, wird größer, als wenn dies Erbe nur auf einen oder zwei sich verteilt. Es wird durch den stärkeren Nachwuchs auch schon eine ganz andere Stimmung selbst bei wohlhabenden Eltern ihren Kindern gegenüber erzeugt. Sie werden es vielmehr darauf abseheu, ihre Kinder „etwas tüchtiges lernen zu lassen", als sie in den untätigen Besitz einer großen Rente zu setzeu. Es scheint mir nicht unberechtigt, wenn man zwischen Frankreich und Deutschland diesen Unterschied gemacht hat: das höchste Streben der französischen Eltern sei, ihren Kindern eine sorgenfreie Existenz zu schaffen, der deutschen, sie für den Kampf ums Dasein möglichst gut auszurüsten. Daher jene für ihre Kinder soviel als möglich sparen, diese ihnen eine gute Ausbildung zuteil werden lassen. Das soziale Ideal aller südlichen Nationen — spielt hier der Klimaunterschied wieder hinein? — ist ein behagliches Rentnertnm, nötigensalls auch in ganz bescheidenen Grenzen; -das der Nordländer vielmehr, die eigene Stellung und die der Kinder durch rastlosen Erwerb zu verbessern. Der Südländer will etwas sein oder bleiben; der Nordländer etwas werden. Und daß dieser Unterschied zum großen Teil sich aus dem 120 Das Volk, reicheren Kindersegen dieser Völker erklärt, dürfte nicht zweifelhaft sein. Aber nicht nur die Subjekte kapitalistischer Unternehmungen schafft die raschere Bevölkerungszunahme: vor allem auch sorgt sie für das, was man die Objekte kapitalistischer Organisation nennen kann. Ich meine für das Vorhandensein solcher Personen, die von dem Unternehmer in seinen Dienst genommen werden können, uud an deren Existenz kapitalistische Wirtschaft nicht minder geknüpft ist als au das Vorhandensein einer geeigneten Unternehmerklasse. Denn man darf nie vergessen, dasz es so lange keinen Kapitalismus geben kann, als jedermann im Lande Unterkunft findet in der Stellung eines selbständigen Produzenten (eines Bauern oder Handwerkers) oder eines Krämers oder eines Beamten oder eines Rentners oder was sonst noch den Mann zu ernähren vermag. Erst mnß es besitzlose Massen geben, die unter jeder Bedingung Unterhalt annehmen, wo sie ihn fiudeu, also auch als unselbständige Lohnarbeiter, ehe Kapitalismus möglich ist. Nun werden aber solche Massen — ich nenne sie dieÜberschuß- bevölkeruug — um so eher entstehen, je rascher die Bevölkerung anwächst. Deu uächstliegenden Fall bildet die bäuerliche Bevölkerung. Wenn diese iu einem Tempo wie in Frankreich —Zwei- kindershstem! — sich vermehrt, so wird sie sich als solche Generationen hindurch erhalten können, ohne einen einzigen Kandidaten für den Kapitalismus zu liefern. Die vorhandenen bäuerlichen Nahrungen werden genügen, um den gesamten Nachwuchs aufzunehmen nnd wieder Bauern werden zu lassen. Hat aber eine Bauerufamilie statt zwei durchschnittlich vier oder fünf Kinder, so ist ersichtlich, dasz mit der Zeit ein immer größerer Prozentsatz dieses Nachwuchses vor die Notwendigkeit gestellt wird, sich außerhalb des Rahmens bäuerlicher Wirtschaften sein Brot zu suchen. Findet er nuu nicht in der Fremde eine neue Bauernstelle, kann er uicht Handwerker oder Beamter werden, so bleibt ihm schließlich nichts übrig, als einem kapitalistischen Uuteruehmer seine Dienste anzubieten: sei es als höherer Fuuktiouär, als Ingenieur oder Chemiker, als Kontorist oder Werkmeister, wenn seine Eltern noch genug besaßen, ihn etwas lernen zn lassen; sei es als ge- 1. Mangel an sinnlich-künstlerischer Veranlagung-, 121 wohnlicher Lohnarbeiter, wenn er gar keine höhere Ausbildung erfahren hat. Es ist nun aber ferner auch klar, daß die hierdurch für den Unternehmer geschaffene günstige Konstellation für diesen sich um so besser gestaltet, je stärker der Nachwuchs ist. Denn um so größer ist die Konkurrenz der Stellensnchenden unter einander; um so mehr wird der Preis der Arbeitskraft gedrückt; nm so größere Gewinnchancen erwachsen sür den Unternehmer, oder aber Möglichkeiten, dnrch niedrige Preise seine Produkte einzuführen; beides wirkt natürlich gleichmäßig als Anreiz sür die Ausdehnung des Kapitalismus, der somit gleichsam wie von selbst aus einem starken Bevölkerungsüberschuß herauswächst. Soviel über die Bedeutung der BevölkerungSqnantitäten für die Entfaltung des Kapitalismus. Uud nnn noch ein Wort über die qualitative Seite deS Bevölkerungsproblems. Ich wies schon darauf hin, daß offenbar alle Europäer im Gegensatz zu andern Rassen eine Generalqualifikation zum Kapitalismus besitzen. Unzweifelhaft aber habeu einige der europäischen Nationen diese Qualifikation in höherem Maße als andre. Und nnter diesen ragt wiederum das deutsche Volk hervor. Woher kommt das, müssen wir fragen. Was macht uus so ganz besonders geeignet, gerade während der Herrschaft des kapitalistischen Wirtschaftssystems zu Macht uud Reichtum zu gelangen? Was begründet mit andern Worten unser spezifisches Talent zum Kapitalismus? Es ist, soviel ich sehe, vor allem ein Grnndzug unsres Volkscharakters, von dem ich nicht entscheiden will, ob er allen Nordländern eigentümlich ist — sei es wiederum ans Gründen ihrer größern Jugend, ihrer engeren Rassenzusammengehörigkeit oder ihreS uumöglichen Klimas — der sich aber jedenfalls in besonderer Prägnanz bei den germanischen Rassen findet; ein Zng, für den es schwer ist, den rechten Namen zu finden, den ich daher auch nur umschreiben kann. Was ich meine, ist der ausgesprochene Mangel au sinnlich-künstlerischer Veranlagung, der das deutsche Volk so deutlich kennzeichnet und von allen romanischen Nationen so scharf unterscheidet. Wie bedeutsam diese Charaktereigenschaft für den Gang der wirtschaftlichen Entwicklung ist, ist nicht schwer zu zeigen, wenn man die einzelnen Symptome 122 Das Volk, untersucht, in denen jenes spezifisch unkünstlerische Wesen zu Tage tritt. Da ist zunächst die starke ethische Veranlagung, die gleichsam der ins Positive übersetzte Mangel an Ästhetismus ist. Der künstlerisch veranlagte Mensch sieht die Welt unter dem Gesichtspunkt des schöuen Scheius, der harmonischeu Gestaltung, des Jnsichselbst- ruhens aller Dinge; der unkünstlerische Mensch unter dem Gesichtspunkt der Zwecke. Für jenen ist jede Erscheinung der Außenwelt wie des Innenlebens Selbstzweck, für diesen Mittel zum Zweck. Jener kennt daher als höchstes Ziel nur eiu Sichselbstgenügen, dieser ein Aufgehen in Strebungen, eine Hingabe an Aufgaben. Jener lebt der Person, dieser der Sache. Mittelpunkt aller Interessen ist für jenen das Piacere, ein Begriff, für den wir nicht einmal ein Wort haben, denn „Vergnügen" oder „Lust" (wie man den Titel des bekannten Romans D'Annunzios ganz verkehrt übersetzt hat), sagen keineswegs dasselbe; sür diesen die Pflicht, ein Wort, das wiederum der Romaue nicht übersetzen kann; durchgeführte Gleichberechtigung im Staatslcben. Es ist eine bekannte Tatsache, daß der Jude heute bei uns noch immer auf Schranken bei der Wahl feiues Berufes stoßt: Armee uud Verwaltung sind ihnen gänzlich verschlossen, der Lehrerstand, die Justiz und andere Berufssphären noch keineswegs völlig freigegeben. Dadurch wird bewirkt, daß viele gerade der intelligentesten Juden im Wirtschaftsleben festgehalten werden. Während beispielsweise die wenigen Juden, die Frankreich hat, im Staatsdienst, in der Armee und Zivilverwaltung größtenteils aufgegangen sind, sodaß nun das Mehl der französischen Volkswirtschaft doppelt empfindlichen Mangel an dem Sauerteige leidet, den die jüdischen Elemente mit ihreu geschilderten aufreizenden Eigenschaften heutigentages darstellen. Dadurch, daß ein Staat ein bestimmtes Mischungsverhältnis seiner Bcvölkerungselemente herbeiführt, wirkt er ans die Eigenart seiner Bewohner durch die bloße Tatsache seiner Existenz. Ich möchte nun uoch die Aufmerksamkeit auf diejenige Wirkung lenken, die im Gegensatz zu der ersteren gerade durch das umgekehrte Verhältnis erzielt wird: dadurch nämlich und zwar einzig und allein dadurch, daß der Staat nicht da ist. Genauer ausgedrückt: es scheint mir die wirtschaftliche Entwickelung Deutschlands im neunzehnten Jahrhundert, insonderheit wiederum soiern es sich um den raschen ökonomischen Aufschwung handelt, ihre Begründung zum Teil in der Tatsache zu finden, daß sich ein machtvolles Staatswesen, das seinen Angehörigen Rückhalt und Selbstbewußtsein verschafft, erst während des letzten Drittels des Jahrhunderts entwickelt hat. Gerade wie das deutsche Volk die schönsten Blüten seiner geistigen Kultur, die wertvollsten Seiten seines Nationalcharakters der jahrhundertelangen Staatenlosigkeit verdankt: so auch 136 Das Volk, zum großeil Teil die Eigenschaften, die es am Ende des neuu- zehnten Jahrhunderts zu einem der mächtigsten und reichsten Wirtschaftsgebiete der Erde gemacht haben. Zu diesen rechne ich in erster Linie die Anpassungsfähigkeit, durch die wir uns vor allem unsere Stellung auf dem Weltmarkte erobert haben, die uus aber auch in der Entwicklung unserer natioualen 'Volkswirtschaft von vielfach großem Nutzen gewesen ist. Weil wir keinen Staat hatten, der uns mit Stolz zu erfüllen vermocht hätte, weil das „oivis Aörma>nus suw" mit dem Stigma der Lächerlichkeit behaftet war, lernten wir Demut uud Bescheidenheit, lernten wir Verständnis und Empfänglichkeit für fremde Eigenart, waren wir ohne Mühe bereit, die eigene Art den Bedürfnissen anderer anzupassen. Ich weiß nicht, ob die Sprachen anderer großer Böller auch so reich au Tenksprüchen sind, die zur Bescheidenheit lind Unterwürfigkeit mahnen, wie die unsrige? „Gebückt, gebückt mit dem Hut in der Hand, Kommt man bequem dnrchs ganze Land"; „Schick dich in die Welt hinein, Denn dein Kopf ist viel zu klein, Dasz sich schick' die Welt hinein." — Ich erinnere mich, daß diese und ähnliche Lehren und Weisungen die Grundstiinmung abgaben, auf die die Erziehungskunst meines Baters abgestimmt war. Hente mögen wir uus empören über solchen Sklavensinu; aber vergessen sollen Nur nicht, daß er uns in wirtschaftlicher Hinsicht viel genützt hat. Wenn wir jetzt die Engländer auf den: Weltmärkte, ja sogar im eigenen Lande, aus dem Felde schlage«, so ist daran nicht zuletzt jene Unterwürfigkeit schuld, die uns zur Aufgabe unserer Eigenart brachte, während der Engländer immer nur bestrebt gewesen ist, seine Art den andern aufzuzwingeu. Rotauge er der übermächtige Ältestgeborene unter den Europäern war, glückte ihm das meist. Jetzt muß er erfahren, wie wir ihm durch unsere größere Anpassungsfähigkeit an Wünsche und Eigenarten fremder Nationen das Wasser abgraben. Blondel hat in seinem lesenswerten Bliche über den wirtschaftlichen Aufschwung Deutschlands eine Reihe von Fällen zusammengestellt, in denen Die lange Staatenlosigkeit d, Deutschen befördert d. wirtschaft!, Ausschwung, 137 jenes Talent der Deutschen, dem Bedarf eines fremden Volkes sich besser zu akkommodieren, deutlich zum Ausdruck kommt. Beispiel: in Brasilien kauft man nicht gern Waren, an denen etwas Zchwarzes ist. Die Engländer exportierten in dieses Land vorzügliche Nähnadeln, aber sie waren verpackt in schwarzes Papier. Zächsische Fabrikanten erhalten vou der Marotte der Brasilianer Kunde, schicken viel schlechtere Nähnadeln hinüber, aber verpacken sie in rosa Papier uud eroberu auf diese Weise den Markt. Oder: nach Trinidad lieferten die Engländer Schnhwerk; da die Eingeborenen jedoch Plattfüße haben, so Paßten ihnen die englischen Fa^ons nicht. Die englischen Importeure bestandeu trotzdem darauf, diese dort einzuführen. Da kamen die Deutschen und beeilten sich, möglichst den Fußformen der Einheimischen konformes Schuhzeug zu liefern, und bald verkauften die Engländer keine Socke mehr nach drüben. Gewiß handelt es sich in allen diesen Fällen um Kleinigkeiten; aber sie scheinen mir trotzdem außerordentlich lehrreich durch ihre symptomatische Bedeutung. Aber die Staatenlosigkeit hat uns noch mehr Vorteile verschafft. Nicht uur daß sie in uns jene Leichtigkeit, anderer Wünsche zu befriedigen, jenen Mangel an Nationalstolz oder wenn mau will Nationaidünkel erzeugte: sie zwang uns auch dazu, unsere Energie stärker anzuspannen, unsere ökonomischen Talente kräftiger zu entfalten. Die hohe Schule war wieder der Weltmarkt. Eine Nation, die im Auslande eine kraftvolle Vertretung hat, wird diese leicht dazu benutzen können, ihre Kaufleute mit dem Nachdruck, den die brutale Gewalt verleiht, bei fremden Völkern einzuführen. Zumal wenn sie sich in, Besitze ausgedehnter Kolonien befindet, so kann sie für den Bezug ausländischer Waren ebenso wie für den Vertrieb der eigenen meist andere Empfehluugsmittel ins Feld führen als die rein wirtschaftliche Überlegenheit. Während die Kaufleute und Industriellen eines Volkes, denen diese äußere ökonomische Unterstützung nicht zu teil wird, allein durch Anspannung ihrer ökonomischen Kräfte sich einen „Platz an der Sonne" zu verschaffen vermögen. Ich glaube, es ist kein Paradoxon, wenn man sagt: das große englische Kolonialreich habe dazu gedient, die englischen Unternehmer bequem und — ein- 138 Das Volk, seitig zu machen. Das rächt sich jetzt. Während uns prachtvolle Resultate jetzt jene Energie zeitigt, die wir notgedrungen im Konkurrenzkämpfe mit den politisch mächtigeren Nationen erzeugen mußten, ehe wir ein kraftvoll im Ausland vertretenes Reich wareu. Daß uns heute des Reiches Macht und Ansehen Aorteile gewähren, die uns jene in der Zeit der politischen Zersplitterung angesammelten wirtschaftlichen Kräfte mit noch größerem Erfolge ausnutzen lassen, steht mit jener Tatsache in keinerlei Widerspruch. Und noch ein Letztes, was mir hierher zu gehören scheint. Die Eigenart unseres Volkstums ist nicht zum wenigsten bestimmt durch die innerpolitische Nückständigkeit, in der sich die deutsche Nation noch heute befindet. Wir sind noch heute ein halb absolut regiertes Land. ES gibt bei uns zumal für die bürgerlichen Kreise noch immer nicht das, was konstitutionelle Länder haben: eine Politische Laufbahn. Dadurch ist, soviel ich sehe, abermals ein für das Wirtschaftsleben günstiger Effekt erzielt worden. Es findet nämlich bei uns nicht wie in andern Ländern eine starke Ablenkung leistungsfähiger Elemente durch die Politik statt. Weder werden die reichen Leute bürgerlicher Herkunft in irgendwie beträchtlichem Maße dem Wirtschaftsleben entfremdet dadurch, daß sie sich der Politik widmen, noch, was besonders wichtig ist, die talentvollen Persönlichkeiten. Letztere bleiben also frei, ihre Fähigkeiten als Direktoren, Ingenieure, Chemiker usw. in den Dienst des Wirtschaftslebens zu stellen. Ich glaube bestimmt, so wenig sich so etwas ziffermäßig nachweisen läßt, daß beispielsweise in Frankreich und Italien eine andere Verteilung der geistigen Elite zwischen Wirtschaft und Politik stattfindet als bei uns. Dort wird sicher ein großer Teil der Intelligenzen durch die politische Karriere absorbiert, der in Deutschland der Industrie und dem Handel nutzbar gemacht wird. Mag nun auch dieser Umstand für den ökonomischen Gesamterfolg nicht allzuschwer ins Gewicht fallein erwähnen mußte ich ihn der Vollständigkeit halber doch. Damit aber sei es genug der Feststellung solcher Zusammenhänge zwischen volklicher Eigenart und wirtschaftlicher Entwicklung, denen immer ein Zug der Willkür anhaftet. Denn natur- Die mnerpolit. Rückständige, Deutschlands kommt s. Wirtschaftsleb, zugute, 139 qemäß ist hierbei dem persönlichen Empfinden des einzelnen ein besonders weiter Spielraum gelassen nnd eine zwingende Beweisführung erscheint ausgeschlossen. Immerhin, wenn der Leser auch manche meiner Aussührungen mit einem Fragezeichen versehen hat: in einigen Punkten hoffe ich doch seine Zustimmung zu sinden. Leichter verständigen werden wir uus über diejenigen Zusammenhänge, die ich nun im folgenden festzustellen versuchen will: unmittelbare Zusammenhänge zwischen dem Gang des Wirtschaftslebens und den positiven Staatseinrichtungen, wie sie in Gesetzgebung und Verwaltung in die Erscheinung trete». siebentes Kapitel. Das Recht. Ich beginne dieses Kapitel mit einer Warnung: man möchte sich davor hüten, wie es fast immer geschieht, den Einfluß zu überschätzen, den Gesetzgebung lind Verwaltung auf das Wirtschaftsleben auszuüben imstande sind und speziell im neunzehnten Jahrhundert ausgeübt haben. Wenn man uusere Kompendien der Agrar-, Gewerbe- oder Handelsgeschichte durchlieft, so gewiuut es den Auschein, als ob es ebensoviele Etappen in der wirtschaftlichen Entwicklung, ebensoviel entscheidend wichtige Ereignisse für deren Gestaltung gäbe, als neue Gesetze oder Verordnungen erlassen worden sind. Während in Wirklichkeit der jeweilige Rechtszustand in eiuem Lande für außerordentlich viele Gebiete des Wirtschaftslebens ganz und gar belanglos, für andere nur von sekundärer Wichtigkeit ist. Ob beispielsweise in einem der deutschen Staaten während des neunzehnten Jahrhunderts die Zunftordnung srüher oder später formell aufgehoben worden ist, hat für den Fortschritt des gewerblichen Kapitalismus, wie ich ziffermäßig in meinem Hauptwerke nachgewiesen habe, nur verhältnismäßig geringe Bedeutung gehabt. Mau wird also gut tun, lvenu mau die Wandlungen in Gesetzgebung nnd Verwaltung in ihrem Einfluß auf das Wirtschaftsleben zu würdigen unternimmt, nicht wahllos die einzelnen legislatorischen Daten einfach zu registrieren, sondern vor allem zu unterscheiden zwischen Bedeutungsvollem und mehr oder weniger Belanglosem. Wenden wir nnn aber dieses kritische Verfahren auf die Die bedeutendsten Ereignisse: Zollverein und Agrarreform. 141 deutschen Verhältnisse an während des neunzehnten Jahrhunderts, so scheinen mir zwei Reihen von Maßnahmen hervorzuragen, die von wahrhaft grundlegender Bedeutung, von einschneidender Wirkung auf die Gestaltung der wirtschaftlichen Verhältnisse gewesen sind. Die eine davon haben wir schon kennen gelernt: es ist die Beseitigung der Binnenzollschranken dnrch die Begründuug des Zollvereins. Die andere Reihe von Maßnahmen, die ich im Sinne habe, wird unter der Bezeichnung der Agrarreform zusammengefaßt und betrifft die Herauslösung der einzelnen ländlichen Wirtschaft ans dem alten Guts- oder Dorfverbande. Was die Schaffung eines großen deutschen Wirtschaftsgebiets für die Ausgestaltung unserer Volkswirtschaft bedeuten mußte, liegt auf der Hand. Friedrich List verglich die Binnenzvllschranken Bändern, die die einzelnen Glieder eines lebendigen Organismus umschnürten und die freie Blutzirkulatiou hemmten. Das Bild ist sehr glücklich gewählt. Denn in der Tat kam die Beseitigung jener Schranken der Herstellung normaler Lebensbedingungen für einen Organismus gleich. Es wurde nun erst in weiterem Umfange möglich, nachdem ein entsprechend großer Markt gesichert war, die territoriale und berufliche Differenziierung der einzelnen wirtschaftlichen Funktionen durchzuführen. Das bedeutet aber natürlich eine mächtige Förderung aller Lebenskräfte des wirtschaftlichen Körpers, bedeutet die Möglichkeit zur Durchführung großer kapitalistischer Organisationen auf dem Gebiete der Industrie, des Handels uud des Verkehrs. Nun erst waren die Bedingungen für eine großzügige Entwicklung des deutschen Wirtschaftslebens geschaffen, was wiederum auch auf die gesamte Auffassung von den Aufgaben wirtschaftlicher Tätigkeit seine belebende, anfrüttelnde Wirkung ausüben mußte. So einfach und leichtverständlich die eben geschilderte Maßregel: Herstellung eines einheitlichen deutschen Verkehrsgebiets dnrch Aufhebung der Binnenzollschranken erscheint, so verschlungen ist jener audere Komplex legislativer und administrativer Maßnahmen, dessen ich eingangs Erwähnung tat: die sogenannte Agrarreform. Wollte ich diese auch uur iu den Grnndzügen darstellen 142 Das Recht, und nur für die wichtigsten deutschen Bnndesstaaten (denn in jedem einzelnen nimmt das Reformwerk naturgemäß einen verschiedenen Verlauf, insofern die „einschlägigen" Gesetze und Verordnungen ein anderes Datum tragen, bald in Paragraphen, bald in Artikel eingeteilt sind, uud was dergleichen Abweichuugen mehr sein können), so müßte ich ein eigenes Buch schreiben, das nicht einmal den Vorzug hätte, kurzweilig zu sein. Aber Gott sei Dank ist wiederum einmal für das Verständnis der großen, Prinzipiellen wirtschaftlichen Zusammenhänge (und darum ist uns doch hier allein zu tun) eine eingehende Kenntnis jener Dinge eher nachteilig als fördersam. Der Leser weiß deshalb vollkommen genügend Bescheid und vermag zu erkennen, um was es sich im Grunde handelt, wenn ich ihm einen kurzen Abriß der einzelnen in Frage kommenden Maßregeln gebe uud dazu in diskreter Weise einige Hauptgesetzesdaten mitteile. Üblicher- und füglicherweise unterscheidet man innerhalb der sogenannten Agrarreformen zwei Gruppen von Maßnahmen; die eine faßt man unter dem Namen der Negulierungs- oder Ablösn ngsgesetzgebung zusammen, während man die andere als Landesknlturgesetzgebung bezeichnet. Abgelöst werden die Lasten und Abgaben, die aus der Grundherrlichkeit oder dem Lehnsverbande her ans den einzelnen namentlich bäuerlichen Besitzungen ruhten, Abgaben in Naturalien oder in Geld. Abgelöst werden sodann, Ums uns hier vornehmlich interessiert, die Dienste oder Frvnden, zu denen die bäuerlichen Wirtschaften, wie wir sahen, dank ihrer Gntsnntertänigkeit verpflichtet waren. Gleichzeitig werden die Bauern aus diesem guts- oder erbnntertänigen Verhältnis befreit, sie hören auf, „schollenpflichtig" zu sein, nnd erhalten daS Recht der Freizügigkeit, weshalb man auch von dem „Befreiungswerke" spricht. Die Ablösung erfolgte nur iu seltenen Fällen ohne Entgelt, meist ließen sich die „berechtigten" Grund- oder Gutsherrn recht ansehnliche Entschädigungen, sei es in Geld, sei es in Getreide oder Land, dafür zahlen, daß sie den Bauern die Freiheit zurückgaben, die diesen ihre Vorfahren vor ein paar hundert Jahren „ohne Entgelt" geraubt hatten. Der bedentsamste Effekt, der durch diese sogenannte Regulierungs- gesetzgebung erzielt wurde, war die Schaffung eines neuen Arbeits- Regulierungsgesetzgebung und Landesknlturgesetzgebung, 143 Verhältnisses auf den großen Gütern: an Stelle unfreier, fronpflichtiger Bauern treten rechtlich freie Lohnarbeiter, von denen ich gelegentlich noch mehr erzählen werde. Ganz andere Ziele waren der Landeskulturgesetzgebung gesteckt worden. Sie sollte auch ein „Befreiungswerk" vollbringen, aber uicht die Befreiung der Bauern von grnnd- oder gutsherrlichen Lasten bewirken, sondern die Befreiung aller ländlichen Wirtschaften, der bäuerlichen wie der Gutswirtschaften aus dem Dorfverbande, in dem wir sie im Anfang des Jahrhunderts noch eingegliedert fanden. Um dieses Ziel zu erreichen, mußte zweierlei geleistet werden: erstens mußten alle Gemein- eigentumsverhältnisse gelöst, zweitens mußten die einzelnen Äcker aus der Gemengelage, die den Flurzwang im Gefolge hatte, genommen und zu besser arrondierten Komplexen „zusammengelegt" werden. Gemeineigentumsverhältnisse bestanden, wie wir uns erinnern, an Weide und Wald, den sogenannten Almenden. Diese wurden jetzt, wenigstens in vielen Gegenden Deutschlands, namentlich in Norddeutschland „aufgeteilt", d.h. deu Auteilsberechtigten wurden die entsprechenden Quoten des Gemeindebesitzes zu Privateigentum überliefert; wo nur Nutzungsrechte bestanden, wurden diese ebenfalls abgelöst, also daß ein möglichst unbelastetes, „reines" Eigentumsverhältnis für jedeu einzelnen Besitzer sich ergab. Wie man in dem andern Falle verfuhr, wo es galt, die Gemengelage zu beseitigen, deutete ich schon an: man ermittelte nach Große und Güte was der einzelne in der Flur an zerstreuten Parzellen besaß und wies ihm ein entsprechendes Areal an einer anderen Stelle an: was er in Hunderten von Streifen über die ganze Feldmark zerstreut besessen hatte, erhielt er uun in drei oder vier größeren Stücken zurück. Gleichzeitig sorgte man für die Anlage von Wegen, die den separaten Zugang zu jeder einzelnen Besitzung ermöglichten. Das ganze Verfahren nennt man Zusammenlegung oder Separation oder Verkoppelung oder Flurbereinigung; die Namen wechseln je nach den Landesteileu. Was es bewirkte, ist ersichtlich: es schuf klare Eigentumsverhältnisse und auf sich gestellte, vou einander unabhängige Wirtschaften. Diese Reformen find nun wie gesagt in allen deutschen Landen, 144 Das Recht. hier früher dort später, hier radikaler dort weniger durchgreifend während des neunzehnten Jahrhunderts durchgeführt worden, so zwar, daß allerdings die meisten Gesetze und Verordnungen, die die Umgestaltung der agrarischen Rechtsverhältnisse vorschreiben, aus den ersten Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts datiere,,, die eudgiltige Ausführung aber nieist erst in die zweite Hälfte des Jahrhunderts fällt, nachdem in der 1848 er Bewegung die Begehren der Massen deutlicher zum Ausdruck gekommen waren, vor allem aber die wirtschaftliche Entwicklung die Beseitigung der alten Schranken gebieterischer forderte. Vorbildlich ist in vieler Hinsicht Preuße us Gesetzgebung geworden. Hier wurde in den Zeiten der tiefsten Erniedrigung, von 1807 bis 1821 uuter der Führung einer Anzahl fortschrittlich, ja man darf sagen teilweise radikal gesinnter Bureaukraten, in einer Reihe durchgreifender Gesetze die alte Agrarverfassung von Grund auf — weuu auch noch nicht beseitigt, so doch — zu beseitigen versucht. Die Maßnahmen sind unter dem nicht völlig genauen Sammelbegriff der Stein-Hardenbergschen Reformen bekannt. Der Widerstand der Jnnker verhinderte dann die Durchführung des geplanten Werkes, das erst im Jahre 1850 wieder energisch gefördert nnd zum Abschluß gebracht wurde. Die berühmten Edikte, in denen die Reformen zuerst angekündigt wnrden, sind das schon erwähnte Edikt vom 7. Oktober 1807 betreffend den erleichterten Besitz und freien Gebrauch des Grundeigentums, sowie die persönlichen Verhältnisse der Landbewohner: es hob die Erbuntertänigkeit auf. Ferner zwei Edikte vom 14. September 1811: das sogenannte Regulieruugsedikt und das Landeskulturedikt. Endlich die Ge- meinheitsteilnngsordnung vom 7. Juli 1821. Während dasjenige Gesetz, das das ins Stocken geratene Reformwerk von neuem in Gang brachte, das Gesetz vom 2. März 1850 betreffend die Ablösung der Neallasteu und die Regulierung der gutsherrlicheu und bäuerlichen Verhältnisse ist. Damit habe ich eigentlich schou zu viel Daten gebracht. Denn jedes Eingehen auf die Positive Gesetzgebung in diesem Znsammenhange läßt sofort die komplete Unzulänglichkeit derartiger Erörterungen handgreiflich werden. Was nützen diese paar Angaben, was Bedeutung der Agrarreformen für daS Wirtschaftsleben. 145 würden selbst noch ein paar mehr nützen? Einblick in die verwickelten Vorgänge gewährt auch eine drei- oder viermal so genane Darstellung wie ich sie gegeben habe, nicht. Also ziehe ich es vor, auf die Fachliteratur zu verweisen — am besten orientiert man sich in Schönbergs Handbuch der politischen Ökonomie, im zweiten Bande, wo die einschlägigen Kapitel von der Meisterhand August Meitzens behandelt sind — und beschränke mich auf die wenigen Hinweise. Ein Wort gestatte man mir aber noch zur Erläuterung, weshalb ich unter all den zahlreichen gesetzlichen Maßnahmen des neunzehnten Jahrhunderts gerade dem eben besprochenen Agrarreformwerk neben der Gründung des Zollvereins so hohe Bedeutung beilege. Um dieses zu verstehen, genügt es, sich die Wirkungen zu vergegenwärtigen, die die Agrarreformen im Gefolge haben mußten. Sie allein sind es offenbar, die die Entstehung der modernen rationellen Landwirtschaft ermöglicht haben. So lange der landwirtschaftliche Betrieb noch auf der Arbeit unfreier Bauern ruhte und die einzelne Wirtschaft in den Dorfverband eingeschlossen war, standen der Einführung einer intensiven Betriebsweise, vollkommenerer Fruchtfolgen usw., wie wir sie im Verlaufe des neunzehnten Jahrhunderts sich entwickeln sehen werden, unübersteigbare Hindernisse im Wege, Hindernisse, die auch nicht durch eine laxe Handhabung der Gesetzgebung (wie zum Beispiel aus dem Gebiete der gewerblichen Produktion) beseitigt werden konnten. Die Zunftordnung konnte man einfach umgehen uud gewerbliche Unternehmungen auf kapitalistischer Basis konnten sich sehr wohl neben den alten zünftigen Handwerken entwickeln. Eine gleiche Möglichkeit bestand für die landwirtschaftliche Unternehmung nicht, so lange nur sroupflichtige Bauern das einzige Arbeitermaterial bildeten und die Acker im Gemenge lagen. Wir sahen, daß diese Gemengelage für sämtliche Dorfbewohner die Verpflichtung zu gleicher Wirtschaftsweise mit sich brachte, daß die primitive Dreifelderwirtschaft die fast unvermeidliche Bewirtschaftungsweise darstellte: wie sollte also der strebsame Unternehmer im Rahmen einer solchen Zwangsorganisation, die auf das Mittelmaß bäuerlicher Intelligenzen zugeschnitten war, Reformen im Betriebe durchführen? Sombart, Volkswirtschaft. 1l) 146 Das Recht. Aber die Bedeutung der Agrarreform ist damit, das; sie die Möglichkeit moderner Landwirtschaft begründet, noch nicht erschöpft. Sie hatte vielmehr noch eine andere Wirkung im Gefolge, die zwar von den Gesetzgebern keineswegs in ihrer ganzen Tragweite vorausgesehen worden ist, die aber darum doch auf ihr Konto gesetzt werden mnß. Sowohl die Regulierung der gutshcrrlich-bäuerlichen Verhältnisse wie auch die Landeskultnr- gesetzgebung hat in hohem Maße dazu beigetragen, die ländliche Bevölkerung wie man es ausdrücken kann zu entwurzeln und dadurch zu mobilisieren. Bei der „Regulierung" ist es geschehen, daß fast alle nur handdienstpflichtigen Bauern aufhörten, selbständige Landwirte zu sein, daß sie zu besitzlosen Lohnarbeitern wurden: das war ein erster Schritt, sie dem Lande vollständig zu entfremden, sie zu Proselyten des Städtetums und der Industrie zu machen und dadurch die grundlegende Umgestaltung unserer Siedeluugsverhältnisse einzuleiten, von der ich dem Leser später eine genaue Vorstellung verschaffen werde. Gleiche Wirkung übten alle jene Maßregeln der Gesetzgebung aus, die den alten Dorfverband zertrümmerten, die Nutzungsrechte (Weidegang. Holzleserecht und dgl.), namentlich der kleineren Land- uud Viehwirte beseitigten und die Almeude auflösten. Dadurch ist abermals — wie ich in meinen: Kapitalismus aussührlich dargetan habe — vielen schwachen Existenzen, die als kleine selbständige Wirte ivenigstens ihr Dasein auf dem Lande gefristet haben, der Lebens- odein ausgeblasen worden. Und endlich ist auch die Großbauernwirtschaft, die wir noch im Anfang des Jahrhunderts als wesentlich auf sich gestellten autonomen Wirtschaftsorganismus kennen lernten, durch die Agrarreform iu ihrem Bestände erschüttert worden, insoweit die Verpflichtung zur Zahlung der Ablösungssummen die Notwendigkeit im Gefolge hatte, mehr als bisher für den Markt zu produzieren, die gewerbliche Produktion für den Eigenbedarf eiuzuschränken, was abermals eine starke Abstoßung ländlicher Arbeitskräste naturgemäß herbeiführen mußte. So kann man getrost sagen, ohue sich der Übertreibung schuldig zu machen, daß die Abwanderung der Bevölkerung vom Lande, die eines der bedeutungsvollsten Ereignisse des neunzehnten Jahrhunderts ist, Einführung eines einheitlichen Maß-, Münz- und GewichtsMems. 147 zwar nicht durch die Agrarreform ausschließlich bewirkt (vielmehr hat die Ausbildung der moderneu Landwirtschaft ebenfalls das ihrige dazu beigetragen) aber doch stark befördert und durch- geheuds vorbereitet worden ist. Die übrigen Maßregeln auf dem Gebiete der Gesetzgebung und Verwaltung, die das Wirtschaftsleben während des neunzehnten Jahrhunderts auf eine neue Rechtsgrundlage gestellt haben, kann ich kürzer erledigen, teils weil sie allgemein bekannt sind, teils weil ich (wie bereits ausgeführt) ihre Bedeutung geringer einschätze. Damit soll natürlich nicht gesagt sein, daß sie ohne jede Bedeutung für den Verlauf des Wirtschaftslebens seien. Vielmehr hat selbstverständlich jede einzelne Maßnahme das ihrige dazu beigetrageu, diesem seine bestimmte Richtung zu geben, d. h. also wesentlich die Entfaltung des Kapitalismus zu befördern. Ich will nur sagen, daß keiner von ihnen jene grundlegende Bedeutung wie den beiden geschilderten Komplexen von Reformen zukommt. Was wir zunächst ins Auge zu fassen haben, sind Maßregeln, die bezwecken, ein auch formell einheitliches deutsches Verkehrsgebiet herzustellen. Dahin gehören also die Reformen des öffentlichen Rechts uud der Verwaltung, die ein einheitliches Münz-, Maß- und Gewichtssystem, sowie ein einheitliches Verkehrsrecht für das Gebiet des deutschen Reiches schassen. Zur Herbeiführung eines einheitlichen Maß-, Münz- und Gewichtssystems waren schon im Zollvereinsvertrag vom 22. März 1833 die ersten Schritte getan worden, sofern nach Art. 14 dieses Vertrages die beteiligten Regierungen dahin wirken sollten, daß in ihren Ländern ein solches in Anwendung komme, und bald darauf auch die erforderlichen Verhandlungen eingeleitet wurden. Eine durchgreiseude Reform kam jedoch erst nach Begründung des norddeutschen Bundes bezw. des deutschen Reiches zustande: am 17. August 1868 wurde eine Maß- und Gewichtsordnung erlassen, die das metrische System sofort fakultativ und vom 1. Januar 1872 an obligatorisch einführte. Das Bundesgesetz wurde uachher auf sämtliche Staaten, zuletzt durch Gesetz vom 19. Dezember 1874 auf Elsaß-Lothringen ausgedehnt. Ebenso hat erst die Politische Einigung Deutschlands unS ein einheitliches Münzsystem durch die 10* 148 Das Recht, Gesetze vom 4. Dezember 1871 und 9. Juli 1873 gebracht. Durch diese Gesetze sind der Markfuß und (im Prinzip) die Goldwährung bei uns eingeführt worden. Bald darauf (durch Gesetz vom 14. März 1875) wurde das Zettelbankwesen für das Reichsgebiet einheitlich geordnet und in der Reichsbank ein mustergültiges Zentralkreditinstitut geschaffen. Auch auf anderen Gebieten des Verkehrswesens brachte erst die politische Einigung Deutschlands die völlige Rechts- und Ver- waltungseinheit, wohlgemerkt: sofern diese, was in mehrfacher Hinsicht der Fall, nicht auch heute noch auf sich warten läßt. Was für die Post die FrankfurterReichsverfassuug vorgesehen hatte: der Zentralgewalt die Oberaufsicht über das PostWesen und die Befugnis zuzuerkennen, das deutsche PostWesen für Rechnung des Reichs vorbehaltlich der Berechtigten zu übernehmen, ging erst mit der Begründung des Norddeutschen Bundes bezw. des Deutschen Reichs in Erfüllung. Im Norddeutschen Buude ist die Post vom 1. Januar 1868 ab als einheitliche Staatsverkehrsanstalt eingerichtet und verwaltet worden, während im Gebiet des Deutschen Reichs Bayern und Württemberg von der nachmaligen Neichspostverwaltung ausgeschlossen blieben. Doch hat diese Sonderstellung der beiden süddeutschen Staaten die Vereinheitlichung des Postwesens in den für den Verkehr entscheidenden Punkten des Tarifwesens und des Post- rechts nicht hintanzuhalten vermocht. Durch das Gesetz über das Postwesen des Deutschen Reichs vom 28. Oktober 1871 ist für das ganze Reich ein die wichtigsten Verhältnisse der Post umfassendes einheitliches Postrecht und durch Gesetz vom 28. Oktober 1871 und die dazu ergangenen Novellen von 1873 und 1874 auf dem Gebiete des Posttaxwesens in den wesentlichen Punkten Einheitliches geschaffen worden. Nicht ein gleich günstiges Schicksal wie die Post (und die seit 1875 mit ihr vereinigte Telegraphie) haben dieEisenbahnen gehabt. Sie sind bis heute (ausgeuommeu die Bahnen Elsaß-Lothringens) in einzclstaatlicher Verwaltung geblieben. Doch hat die Reichsverfassung in Art. 41 und folgenden eine Reihe von Bestimmungen getroffen, die auch sür die Eisenbahnen innerhalb des Deutschen Reichs ein gewisses Maß von einheitlicher Gestaltung verbürgen: Postrecht. Eisenbahnrecht. Gewerberecht. Privatrecht. 149 so bezüglich der Bahnpolizei, bezüglich des durchgehende» Verkehrs, der einheitlichen Anlage des Netzes, der übereinstimmenden Formen der Betriebsmittel usw. Während auf dem wichtigen Gebiete der Tarifpolitik bis hente die Vielgestaltigkeit erhalten geblieben ist. Erwähnt mag bei dieser Gelegenheit werden, daß innerhalb der einzelnen Bundesftaaten die Eisenbahnen zum bei weitem größten Teile vom Staate betrieben werden. Während bei der Anlage der Bahnen Privat- und Staatsbetrieb mit einander wechselten, sodaß noch 1875 44^°/^ der damaligen Eisenbahnlänge in Privatverwaltung sich befand, ist seitdem die Verstaatlichung wie gesagt fast allgemein durchgeführt worden. Heute sind von den vollspurigen Eisenbahnen Deutschlands nur noch etwa 7°/g Privatbahnen, von den Hauptlinien sogar nur noch 4"/g. Endlich muß von den Zweigen des öffentlichen Rechts, die erst spät einer einheitlichen Regelung uuterzogeu worden, das Gewerberecht im engeren Sinne genannt werden. Dies blieb ganz buntgestaltet — hier zünftig, dort gewerbesreiheitlich — in den vermiedenen deutschen Staaten, bis die Gewerbeordnung vom 21. Juni 1869 die Rechtseinheit für den gesamten Umfang des Norddeutschen Bundes bezw. des Deutschen Reiches herstellte. Auf dem Gebiete des Privatrechts interessierte die kapitalistische nach Einheit strebende Wett im wesentlichen nur das Handelsrecht, das denn auch längst vor Gründung des Deutschen Reichs eine einheitliche Fassung erhielt. Im Jahre 1847 wurde die Allgemeine Deutsche Wechselordnung erlassen, zu der die ergänzenden und modifizierenden sogeuannten Nürnberger Novellen 1861 hinzutraten; 1857—1861 wurde das Allgemeine deutsche Handelsgesetzbuch verfaßt und zunächst landesstaatlich eingeführt. Zum Bundes- bezw. Reichsrecht erhoben es die Gesetze vom 5. Juni und 12. Juni 1869, während die einheitliche Gestaltung des bürgerlichen Rechtes erst den letzten Jahren des neunzehnten Jahrhunderts vorbehalten geblieben ist. Damit genug der trockenen Auszählung von Gesetzesdaten, die leider nicht völlig zu vermeiden war. Worauf ich nun noch mit ein paar Worten zu sprechen komme, betrifft die innerliche Wandlung, die das Rechtssystem während des neun- 150 Das Recht, zehnten Jahrhunderts erfahren hat. Denn vffenbar hat allen Neuerungen, wie sie Gesetzgebung uud Verwaltung herbeigeführt haben, ein einheitlicher Gedanke zu Grunde gelegen, der recht eigentlich das Leitmotiv der neueren Zeit geworden ist: der Gedanke der „freien Konkurrenz" oder einer wie man auch sagt individualistischen Wirtschaftsordnung, In der Tat: wenn wir von den paar großen Verkehrsinstituteu, der Post uud der Eisenbahn absehen, so ist geradezu die Mission des neunzehnten Jahrhunderts es gewesen, die Rechtsordnung so zu gestalten, daß der Initiative des einzelnen Wirtschaftssubjektes möglichster Spielraum gelassen werde. Das wenigstens ist der Grundzug, ist das Prinzip der Gesetzesreformen gewesen, die der Zeit ihren Stempel aufdrücken. Das moderne Wirtschaftsrecht stellt, wie ich es an anderer Stelle ausgedrückt habe, ein System individueller Freiheitsrechte dar, womit gesagt sein soll, daß es die das willkürliche Verhalten, den freien Entschluß der einzelnen Wirtschaftssubjekte einengenden und beschränkenden Normen an die äußerste Peripherie der individuellen Interessensphäre gesetzt hat. Im wesentlichen können diese sich bis an die Grenzen ausdehnen, die das Strafrecht zieht. In dieser Anerkennuug eines umfassenden Selbstbestimmungsrechts der Wirtschaftssubjekte liegen nun im einzelnen folgende „Freiheitsrechte" eingeschlossen: 1. Die Freiheit des Erwerbes; auch als „Gewerbefreiheit" im engeren Sinne bezeichnet. Jedermann darf grundsätzlich frei darüber entscheiden, wie, wo, wann er seine wirtschaftliche Tätigkeit ausüben wolle. Den strikten Gegensatz zu diesem Zustande bildet das System des Gewerbemonopols, die Zunftordnung, die mittelalterliche Gesetzgebung über das Stapel-, Straßen-, Meilen-, Vorkaufsrecht usw. 2. Die Freiheit kontraktlicher Vereinbarung, auch als Vertragsfreiheit bezeichnet. Sie besagt, daß jedes Wirtschaftssubjekt in freier Willenseiniguug mit einem andern die Bedingungen der Überlassung von Gütern oder Diensten selbstherrisch festsetzen kann. Dieses Freiheitsrecht enthält fomit die Gewährleistung des freien Kaufs und Verkaufs, des freien Miet-, Pacht-, Leihvertrages, so- Die Grundideen des modernen Wirtschaftsrechts. 151 wie vor altem auch des freien Lohnvertrnges. Den Gegensatz bilden: Taxordnungen, Beschränkungen in der Zahl von Hilss- personen, die ein Arbeitgeber beschäftigen darf, Erbuntertänigkeit nsw. 3. Die Freiheit des Eigentums, sei es au Konsumtivnsgütern, sei es an Produktionsmitteln, sei es an Mobilien, sei es an Immobilien. Den schroffsten Gegensatz würde eine sozialistische Wirtschaftsordnung bilden; aber auch die vorkapitalistische Rechtsordnung mit ihrer „Bindung" des Eigentums, der Anerkenntnis einer „Amtsqualität" des Eigentums fußte auf einer grundsätzlich verschiedenen Basis. Die Freiheit des Eigentums enthält aber im einzelnen folgende Freiheitsrechte: a) die Freiheit der Verweudnng des Eigentums, die dein Eigentümer einer Sache die Ermächtigung gibt, diese so zu nützen, wie es seinen Wünschen entspricht; das Eigentum ist mit keinerlei Pflichten belastet. Das bedeutet also im Leben vor allem, daß der Eigentümer einer Sache diese nach Belieben als Kousumtivusgut oder als Produktionsmittel anwenden kann: daß ein Grundbesitzer fein Land als Park oder Rennplatz oder Jagdrevier statt als Ackerland verwenden darf, daß der Inhaber von städtischem Bauterrain nicht gezwungen werden kann, seinen Grundbesitz der Bebauung zu überlassen usw.; d) die Freiheit der Veräußerung; o) die Freiheit der Verschuldung. Diese beiden Freiheitsrechte sind von besonderer Bedeutung, wie wir sehen werden, für die Entwicklung des Jmmobiliareigen- tums geworden. 4. Die Freiheit der Vererbung. Die Verfügungsgewalt des Eigentümers erstreckt sich über seinen Tod hinaus: damit wird die Kontinuität der Jndividualinteressen gewährleistet, die höchstpersönliche Natur der Rechtsordnung recht eigentlich erst zum vollen Ausdruck gebracht, die dann ihre letzte Weihe erhält durch 5. den Schutz der „wohlerworbenen" Privatrechte immerdar. Hiermit wird das Reich der individuellen Wirtschaftsinteressen gleichsam verewigt: dem persönlichen Interesse wird die Unsterblichkeit zugesichert; die Überlegenheit des Einzelwillens über den Willen der Gesamtheit ist endgültig anerkannt. 152 Das Recht. Es ist bekannt, daß von den Grundsätzen dieses „individualistischen", „liberalen" vder wie sonst immer benannten freiwirtschaftlichen Systems schon ein beträchtlicher Teil in den letzten Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts namentlich auf dem Gebiete des Arbeitsrechts außer Geltung gekommen ist. Diese Beobachtung darf uns aber nicht hindern, zunächst einmal den prinzipiellen Gedankeniuhalt des neuen Wirtschaftsrechts in feiner Reinheit zu erfassen. Nur dauu gewinnen wir den klaren Blick für das, was Reaktion oder Weiterbildung ist. So — und nun will ich diesen Abschnitt, der von den Elementen „Staat und Recht" handelte, schließen, so kurz er ist und obwohl sich noch manches Wörtlein zu dem Thema jsagen ließe. Ich könnte vor allem noch von den positiv fördernden Maßnahmen erzählen, die der Staat im Jnteresfe „wirtschaftlichen Fortschritts" doch auch noch in einer prinzipiell „individualistischen" Wirtschaftsordnung zu ergreifen pflegt. Aber wohin käme ich da? Wenn ich vom gewerblichen Bildungswesen und staatlichen Körordnungen, von Zollpolitik und Aussuhrprämien, von Landwirtschafts-, Gewerbe- und Handelskammern, vom Ausstellungo- und Konsulatswesen, vom Marken-, Patent- und Musterschutz und tausend ähnlichen Dingen auch nur andeutungsweise berichten wollte. Es würde Bogen über Bogen füllen, der Leser würde sich sträflich langweilen, und es hätte doch keinen Zweck. Er würde dadurch sür die wesentlichen Züge des deutschen Wirtschaftslebens kein tieferes Verständnis bekommen; im Gegenteil. Sein Blick würde sich im Vielerlei, im bunten Kleinkram verlieren. Deshalb ist es besser, ich verzichte überhaupt auf eiu Eingehen in die Details und begnüge mich mit dem summarischen Überblick über die Hauptereig- uisse, den ich in diesen paar Bemerkungen zu geben versucht habe. Zu verschiedeneu Malen wird sich übrigens im weitereu Verlauf der Darstellung noch die Gelegenheit ergeben, etwas genaueres über diese oder jene Rechtsgestaltuug, diese oder jene Verwaltungs- einrichtnng auszusagen. Achtes Kapitel. Die Technik. I. Die Prinzipien der modernen ökonomischen Technik. Das ist ein großes Kapitel, das wir heute beginnen, ein ebenso reizvolles wie schwieriges Thema: die Darstellung der technischen Errungenschaften, oder gleich in richtiger Abgrenzung: des Entwicklungsganges der ökonomischen Technik im neunzehnten Jahrhundert und ihrer Bedeutung für das deutsche Wirtschaftsleben. Denn wenn man auch nicht so weit zu gehen braucht wie manche Schriftsteller, namentlich natürlich die Vertreter der technischen Wissenschaften, die ohne weiteres technische und wirtschaftliche Entwicklung gleichsetzen, so wird man doch nicht verkennen dürfen, daß die ökonomische Revolution, die sich während des vergangenen Jahrhunderts vollzogen hat, nicht zuletzt technischen Veränderungen ihr Dasein verdankt. Und man braucht kein blinder Verherrlicher des technischen Fortschritts zu sein, kann sehr wohl einsehen, daß Technik und innere Kultur oder gar Meuscheuglück nur wenig miteinander zu tuu haben, daß die Menschheit inmitten unermeßlicher technischer Leistungen in völlige Barbarei zurücksinken und in ihren einzelnen Individuen elender denn je sein kann: bewundern wird man die gewaltigen Leistungen immer müssen, die der Menschengeist in unserm Jahrhundert auf technischem Gebiete vollbracht hat. Es ist unerhört in der Weltgeschichte. Niemals ist auch nur annähernd in gleicher Zeit die Herrschaft des Menschen über die äußere Natur dermaßen erweitert worden; niemals, soviel wir wissen, sind in so wenigen Menschenaltern die Grundlagen, aus denen das technische Vollbringen ruhte, so vollständig umgestürzt worden. 154 Die Technik. Und wer irgend eine Erscheinung des gesellschaftlichen Lebens in Europa während des neunzehnten Jahrhunderts, es sei welche es wolle, verstehen lernen will, wird seinen Geist mit Andacht versenken müssen in diese Welt von tausend und abertausend Er- fiuduugeu und Entdeckungen, aus denen die moderne Technik auferbaut ist. Alles dies braucht man ja heutigeutags uiemaud mehr in langatmiger Auseiuaudersetzung zu beweisen; es ist Gemeingut aller Gebildeten. Aber wenn auch damit die rechte Stimmung sür die Wertuug der Technik erzeugt ist, so ist diese Wertung selbst keineswegs schon vollbracht. Und wer wie ich hier in knappen Worten sagen soll, worin denn nun die Bedeutung der Technik für die Wandlungen des Wirtschaftslebens in unserm Jahrhundert tatsächlich begründet sei, der fühlt sich in nicht geringe Verlegenheit versetzt. Am einfachsten wäre es ja für ihn, wenn er einen Überblick über die technischen Errungenschaften auf allen in Frage kommenden Gebieten geben könnte. Aber es ist offensichtlich, daß er diesen Ausweg nicht beschreiten kann. Er schriebe dann ein „Blich der Erfindungen" — ab, das in konzisester Fassung 729 euggedruckte Seiten Lexikvnformat Text beansprucht, während ihm im Rahmen seines Gesamtwerkes höchstens der zwanzigste Raumteil zur Verfügung steht. So kann er sich, wird man meinen, dadurch helfen, daß er eine passende Auswahl trifft, d. h. die „wichtigsten" Entdeckungen uud Neuerungen seinem Leser zur Lektüre darbietet. Das ist die übliche Methode, sie findet sich fast in allen den hundert uud eiu Übersichten augewaudt, die jetzt am Jahrhundertschluß erschienen sind. Aber ich halte dieses Verfahren schlechterdings für gefährlich. Es verführt dazu, an einzelnen Punkten haften zu bleiben, einzelne Erfindungen in ihrer Tragweite zu überschätze» und dadurch das Urteil über den Gesamteffekt der Technik zu trübeu. Worauf es vor allem ankommt, ist die Einsicht in den notwendigen Zusammenhang sämtlicher, kleiner wie großer, Erfindungen und Entdeckungen. Uud dieser Einsicht versperre ich den Weg, wenn ich etwa die Einführung der Dampfkraft oder die Erfindung der Spinnmaschine oder die Anwendung der Elektrizität oder die Eisen- Innerlicher Zusammenhang aller Erscheinungen d, modernen Technik. 155 bahnen oder sonst etwas aus der Gesamtheit der technischen Neuerungen herausgreife. Ganz abgesehen davon, daß jede solche Auswahl willkürlich ist. Gerade die am meisten in die Augen springenden Erfindungen sind keineswegs immer auch die „wichtigsten", wenn man schon diesen Begriff anwendeil will. Mir erscheint beispielsweise die Begründung der mvderueu maschinellen Eiseu- bearbeitnng durch Maudslay, von der man selten etwas in den Übersichten erfährt, ebenso wichtig wie die Erfindnng des mechanischen Spinnstuhls; die Verwendung künstlichen Düngers erachte ich für epochaler als die Benutzung der Dampfkraft; den Erfindungen von Cort, Bessemer uud Thomas mochte ich mindestens die gleiche praktische Bedeutung beimessen wie denen der Fulton und Stephen- son; die Entdeckung Nunges ist vielleicht von prinzipiell größerer Tragweite als die Erfindung der Reis nnd Bell. Uud so fort ins Unendliche. Das einzige, was wir mit Sicherheit auszusagen vermögen, ist nur dieses: daß keine der abertausend Entdeckungen annähernd die gleiche Bedeutung für die Praxis hätte, die ihr zukommt, wenn sie nicht von allen übrigen Erfindungen und Entdeckungen begleitet gewesen wäre. Womit wir denn wieder bei der Erkenntnis des innerlichen Zusammenhangs aller Erscheinungen der modernen Technik angelangt wären, von der wir ausgingen. Damit aber auch wieder bei der Notwendigkeit, alle aufzuzählen, die für uns sich als Unmöglichkeit erwies. Aus diesem Widerspruch vermögen wir uus nnr auf eine Weise zu befreien: wenn es uns nämlich gelingt, das unterschiedliche Prinzip zu entdecken, das allen technischen Errungenschaften der neueren Zeit gleichermaßen zu Grnnde liegt, uud wenn wir aus diesem Prinzip mit einiger Zuverlässigkeit die Sieghaftigkeit der moderneu Technik abzuleiteu vermögen. Mit dieser Problemstellung tue ich einen Schritt hinaus auch über meiue eigenen früheren Bearbeitungen des Gegenstandes, die man zusammengefaßt in meinem Kapitalismus findet: ich versuche damit den letzten Rest von Kasuistik zu beseitigen, der in meinen bisherigen Darstellungen zurückgeblieben war, uud glaube nuu erst in den Grundzügen eine einwandssrcie Prinzipien lehre der modernen Technik bieten zu können. Indem ich die Behandlung solcherart 156 Die Technik. vertiefe, erfährt die Darstellung, wie das nicht anders zn erwarten ist, eine erhebliche Vereinfachung. Das erste Prinzip, ans dem die moderne Technik aufgebant ist, ist formaler Natur: es beruht in der Anwendung der Naturwissenschaften auf die Technik und die dadurch bewirkte Umwandlung des empirischen in das wissenschaftliche oder rationelle Verfahren. Alle frühere Technik, so Wunderbares sie auch geleistet hatte, war empirisch gewesen, d. h. hatte auf der persönlichen Erfahrung beruht, die von Meister zu Meister, von Geschlecht zu Geschlecht durch die ebenso Persönliche Lehre übertragen worden war. Von den Göttern, so glaubte man, war die als ein wunderbares Geheimnis erscheinende Kunst den ersten Menschen überliefert worden, die sie nun als kostbares Vermächtnis ihren Söhnen weitergaben. Dankbar nahm man hin, was die Natur in nnerforschlichem Wirken den arbeitenden Menschen darbot; in ihre Mysterien einzudringen, lag allen früheren Kulturen fern. Man wußte, welche Handgriffe man anzuwenden hatte, um die Wolle zu verspinnen, die Brücken zu bauen, das Eisenerz zu schmelzen; damit begnügte man sich. Als besondere glückliche Fügung, als Segnung des Himmels pries man es, wenu jemandem der Zufall ein Verfahren wies, das rascher uud vollkommener zum Ziele führte. Man nahm es hin nnd hütete es und gab es dem Nachkommen weiter, wie man einen Schatz vererbt, den man bei Lebzeiten geschenkt erhalten hat. Danach konnte auch alle Lehre nur eine Regellehre sein: Nachweis der Handgriffe, die anzuwenden seien, um einen bestimmten Ersvlg zu erzielen, einen bestimmten technischen Zweck zu erreichen. In dieses Halbdnnkel frommen Wirkens fällt nun der grelle Schein naturwissenschaftlicher Erkenntnis. Das kühn herausfordernde: „ich weiß" tritt an die Stelle des bescheiden-stolzen: „ich kann". Ich weiß, warum die hölzernen Brückenpfeiler nicht faulen, wenn sie im Wasser stehen; ich weiß, warum das Wasser dem Kolben einer Pumpe folgt; ich weiß, weshalb das Eisen schmilzt, wenn ich ihm-'Luft zuführe; ich weiß, weshalb die Pflanze besser wächst, wenn ich den Acker dünge; ich weiß, ich weiß, ich Das formale Prinzip d.mod. Technik: Anwend.d.Naturwissensch.a.d. Technik. 157 weiß: das ist die Devise der neuen Zeit, mit der sie das technische Verfahren von Grnnd auS ändert. Nun wird nichts mehr vollbracht, weil ein Meister sich im Besitze eines persönlichen Könnens befindet, sondern weil jedermann, der sich mit dem Gegenstande beschäftigt, die Gesetze kennt, die dem technischen Vorgang zu Grunde liegen und deren korrekte Befolgung auch jedermann den Erfolg verbärgt. War früher gearbeitet worden nach Regeln, so vollzieht sich jetzt die Tätigkeit nach Gesetzen, deren Er- grnndung und Anwendung als die eigentliche Aufgabe des rationellen Verfahrens erscheint. Die Technik tritt damit in eine bedingungslose Abhängigkeit von den thevretischen Naturwissenschafteil, deren Fortschritte allein noch über das Ausmaß ihrer eigenen Leistungsfähigkeit entscheiden. Man kann deshalb auch deutlich wahrnehmen, wie die Etappen der modernen Technik bestimmt werden durch die großen epochemachenden Ereignisse im Gebiete der naturwissenschaftlichen Erkenntnis. Die erste Station bilden die Gesetze der Mechanik, die durch Newton ihre vorläufig definitive Feststellung erfahren; dann möchte ich einen zweiten Markstein setzen in die 1780er Jahre, in welchen Lavoisier die Theorie der Verbrennung begründet; das dritte große Ereignis, das für die Entwicklung der Technik bestimmend wird, fällt in das Jahr 1828 (Synthese des Harnstoffs durch Wöhler); während endlich die letzte besonders fruchtbare Epoche der modernen Technik eingeleitet wird durch die Aufstellung des Gesetzes von der Erhaltung der Energie dnrch Robert Mayer im Jahre 1841. Weshalb gerade diese Entdeckungen epochemachend für die Technik geworden sind, werden erst die folgenden Auseinandersetzungen deutlich erkennen lassen. Hier wollen wir uns erst noch einmal vergegenwärtigen, daß der Zeitpunkt, seit dem die Naturwissenschaften die Technik zu beeinflussen beginnen, nicht viel früher als iu die letzten Jahrzehnte des achtzehnten Jahrhunderts zu verlegen ist, daß es also in der Tat wesentlich das neuuzehute Jahrhundert ist, in dem das wissenschaftliche Verfahren in die technische Praxis eindringt. Das zeigt sich in Deutschland, das uns hier allein interessiert, ganz besonders deutlich. 158 Die Technik. Die Erfindung der Dampfmaschine, die ja unzweifelhaft schon ein Kind naturwissenschaftlichen Denkens ist, gehört allerdings ganz dem achtzehnten Jahrhundert an. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß, wenn auch die Idee der Dampfmaschine, die ans naturwisseuschaftlich-modernem Geiste geboren war, im achtzehnten Jahrhundert sich entfaltet, ihre Verwirklichung doch noch bis tief in das neunzehnte Jahrhundert hinein an die Schranken der alten empirischeu Technik gebunden blieb, und das waren sehr enge Schranken: mit Meißel, Hammer nnd ganz einfachen Bohrvorrichtungen wurde im Aufang des neunzehnten Jahrhunderts der Maschinenban betrieben; noch hatte der Zimmermanu mehr dabei zu tun als der Schlosser, denn das Eisen ward ebenfalls noch in überkommener, altfränkischer Weise gewonnen und war nicht in beliebigen Mengen verfügbar. Sodaß wir wohl mit Recht sagen können: auch die Ära der Dampfmaschiue beginnt erst im neunzehnten Jahrhundert, zumal in Deutschland. Was aber für die Dampfmaschine und ihre Herstellung gilt, gilt nicht minder für alle ArbeitSmaschiueu: auch sie siud so lauge nicht als zur modernen Technik gehörig anzusehen, als ihre Anfertigung noch iu rein empirischem Geiste erfolgt, wie es im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts noch allerorten der Fall war. Derselbe Geist beherrschte aber die gesamte übrige Techuik noch. Iu der Eiseuiudustrie hatte zwar die Einführung des Puddelverfahrens (seit Ende der 1780er Jahre) einen bedeutenden Fortschritt dargestellt; gleichwohl blieb das ganze Verfahren rein empirisch. Von den Vorgängen im Hochofen oder im Puddelofen, die es bewirken, daß Roheisen oder Schmiedeeisen entsteht, hatte man noch keine wissenschaftlich begründete Kenntnis. Noch Hunts- mauu und Friedrich Krupp, die Erfinder des Gußstahls, waren reine Empiriker, die nichts von der chemischen Zusammensetzung ihres ErzeuguisseS wußten. Die Landwirte, die nach der Thaerschen Methode wirtschafteten, nannten sich zwar rationelle Landwirte. Sie waren es doch aber Höchsteiis im ökonomischen Sinne: die Technik der landwirtschaftlichen Produktion war noch durchaus empirisch. Die sogenannte Humnsthevrie Thaers, auf der er die Fruchtfolge aufgebaut wissen DasPrinziP d.mod.Natnrwisscnsch.: Ersetzung d. Qualität durchd.Quantität. 159 wollte, ruhte auf keiner naturwissenschaftlichen Basis und wnrde in dem Augenblicke zerstört, als durch Liebig zum erstenmal die Gesetze des Pflanzenwachstums wissenschaftlich begründet wurden. Und so fort auf allen Gebieten. Was in aller Welt ist es denn nun aber, was der Anwendung des naturwissenschaftlich fundierten Verfahrens ihre grundstürzende Bedeutung für die Technik verleiht? Auf diese Frage werden wir am ehesten Antwort erhalten, wenn wir zuvörderst einmal uns klar machen, worauf denn das völlig neue Priuzip der modernen Naturwissenschaften beruht. Deuu offenbar werden wir über die Eigenart der Wirkungen, die diese ausüben, dann leichter Aufschluß erhalten, wenn wir den Geist erkannt haben, der sie selbst beherrscht. Was die moderne Naturwissenschaft anstrebt, so wird man sagen dürfen, ist die lückenlose Ersetzung der Qualität durch die Quantität, die in einer mathematischen Formel ihren letzten nnd vollkommensten Ausdruck findet. Erst dann, wenn sich für irgend einen Vorgang in der Natur eine mathematische Formel aufstellen läßt, so hat uns Kant belehrt, haben wir das Recht, von naturgesetzlicher Erkenntnis zu sprechen. Worauf alles ausgeht, fo kann man es auch ausdrücken, ift die Entseelnng der Natur. Wo ehedem lebendige Wesen, lebendiges Wirken angenommen wurde — Diese Höhen füllten Oreaden, Eine Dryas lebt in jedem Baum, Aus den Uruen lieblicher Najaden Sprang der Ströme Silberschaum; Durch die Schöpfung floß da Lebensfülle, Und was nie empfinden wird, empfand, — da soll jetzt — so fordert die strenge Gedankenfügung naturwissenschaftlichen Denkens bis zur Gegenwart — ein Wechselspiel toter Körper herrschen. Es ist reizvoll zu beobachteil, wie es recht eigentlich die Ausgabe der fortschreitenden Natnrerkenntnis ist, die lebendige Seele aus den Dingen weg zu argumentieren, wie die Fortschritte der Naturwissenschaften sich am deutlichsten wahrnehmen lassen all der schrittweisen Zurückdrängung, sagen wir einmal in moderner Terminologie vitalistischer Anschauungen. Noch 160 Die Technik. Galilei erklärte das Phänomen, daß das Wasser dem Kolben folgt, aus einem liorror vaeui der Natur, d. h. doch einem rein vermenschlichten Abscheu vor dem lustleeren Raume, der allen Naturstoffen innewohnen sollte. Da erfand (1643) Toricelli das Barometer, und damit konnte die Schwere der Luft nachgewiesen werden. Das Phlogiston der Stahlschen Vcrbrennungstheorie, das in allen Körpern haust nnd mit der Flamme aus ihnen entweicht: was ist es denn weiter, als eine Art von Feuerseelchen, die man in die stoffliche Welt hineingeheimnißt hatte? Die Verbrennungstheorie LavoisierS vollbrachte doch wiederum im Grunde nichts anderes, als daß sie die in einer mathematischen Formel ausgedrückte Quautitätsvorstelluug au die Stelle der phantasievollen Qualitätsbestimmung setzt. Wie denn gerade Lavoisier von besonderer Bedeutung für die Begründung des modernen uaturwisseu- schaftlicheu Denkens geworden ist, dadurch, daß er der mathematischen Formel, der Quantitätsbestimmung, die bis dahin nur die äußere Bewegung der Körper beherrscht hatte, gleichsam auch das Innenleben der Körper, die Beziehungen ihrer Bestandteile untereinander erschloß. In der chemisch-historischen Ausstellung aus dem Pariser Weltjahrmarkt im Jahre 1900 konnte man eine plumpe, altertümliche Wage bemerken: die Wage Lavoisiers: sie ist recht eigentlich das Symbol modernen Geistes geworden. Und wie in den genannten Fällen, so ist es zu taufenden von Malen immer das, was man die Entseelung eiues Natur- vorgauges nennen kann, worauf der Fortschritt wissenschaftlicher Naturerkenntnis hinausläuft. Ich erinnere nur noch an den besonders eklatanten Fall: die Zerstörung der Theorie von der Lebenskraft, der vis vivsnäi durch die seit 1828 beginnende Synthese organischer Körper: womit die Psyche aus ihrem letzten Schlupfwinkel, der organisierten Materie, definitiv Vertrieben war: ich meine definitiv für die Naturwissenschaften des neunzehnten Jahrhunderts, um die es uns hier allein zu tun ist. Aber alle diese Betrachtungen haben für uns doch nur insoweit eine Bedeutung, als sie uns lehren, welche Konsequenzen aus dieser Neugestaltung der Naturwissenschaften für die Technik sich ergeben. Das festzustellen, wird uns leichter werden, wenn wir Wandlungen i, Wellbilde u. d, Einflüsse fortschreit. Natnrcrkenntnis. 161 den Wandel uns vergegenwärtigen, den nnter dem Einfluß fortschreitender Ncitnrerkenntiiis (im Sinne der modernen „exakten" Naturwissenschaften) die gesamte Weltauffassung, das Weltbild, die Kosmologie durchgemacht haben. Die Frühereu waren ganz von selbst von ihrer beseelenden Natnrbetrachtung aus zu eiuein lebendigen Gotte, einem Schöpfer Himmels und der Erde gelaugt. Der alte Gott war nichts anderes gewesen, als ein großer Künstler, ein vollkommener Handwerker, der die Welt aus seinem höchstpersönlichen, empirischen Können heraus geschaffen hatte. Nach seinem Bilde formt er den Menschen. Und in seinem Werke lebt seine Seele fort. Er schafft mit der ganzen unmittelbaren Interessiertheit des Handwerkers, dem das Gelingen seines Wirkens der höchste Lohn ist. Und Gott sah, daß es gut war. Ja, in dem jüdischen Schöpfungsmythvs tritt die echte Handwerkeruatur deo Welteuerschaffers so durchsichtig zu Tage, daß Gott sogar sein Werk in der normalen Arbeitszeit jedes Handwerkers, in den sechs Wochentagen, zu Ende bringt. In der Natur, wie sie unsere Chemiker und Physiker deuten, ist für einen Gotthandwerker kein Nanm mehr. „Fühllos selbst für ihres Künstlers Ehre, Gleich dem toten Schlag der Pendeluhr, Folgt sie knechtisch dem Gesetz der Schwere Die entgötterte Natur." Der Schöpfer wird von seinein Werk getrennt. Er mag vielleicht als der große Organisator gedacht werden, der die Elemente zusammenfügt. Diese aber vollbringen dann aus eigener „Kraft" die Verbindungen, die zu der Welt der Körper führen. Die Weitproduktion, wenn wir so sageu wollen, ist ein rationalistisch gestatteter Prozeß geworden, der sich nach mathematisch ausdrückbareu „Gesetzen" vollzieht, Gesetzen, deren Wirksamkeit der Produzent selber »uterworseu ist, die er nur mit Peinlicher Sorgfalt befolgen muß, um den vorbedachten Erfolg zu erzielen. Mit dieser Betrachtung haben wir nun aber auch schon eingesehen, worin die grundstürzende Wirkung der modernen Naturwissenschaften auf die Technik sich äußeru muß. Offenbar darin, daß in Anwendung ihrer Lehren die technischen Vornahmen, statt wie bisher als Ausfluß einer lebendig wirkenden Sombart, Vott-wirtschaft. 11 162 Die Technik. Persönlichkeit (des Handwerkers), mm begriffen werden als ein selbsttätig sich abspielender Bewegungsprozeß toter Körper. Was die naturwissenschaftliche Erkenntnis für die Technik damit leistet, ist also die Emanzipation von der Bedingtheit durch organisches Leben, hier zunächst des Menschen. Aber dabei bleibt das Emanzipationswerk — denn um ein solches handelt es sich — nicht stehen. Wir sahen, daß die Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert als besondere Leistung die Entseeluug auch der organisierten Materie aufzuweiseu haben. Das bedeutet aber in der Übertragung auf die Praxis, d. h. also für die Technik, die Emanzipation vom tierischen und pflanzlichen Organismus als notwendigen Vermittler bei der Erzeugung oder Verarbeitung von Gütern: eine Erscheinung, von der wir bereits empirisch Kenntnis genommen haben und deren ungeheure Bedeutung für die Gestaltung der wirtschaftlichen Güterwelt ich noch eingehend auseinandersetzen werde. Zunächst möchte ich diese allgemeinen Erörterungen über Geist und Sinn der modernen technischen Entwicklung zusammenfassend mit der Feststellung schließen: daß wir an der Hand der bisherigen Beweisführung nunmehr als das materiale Grundprinzip der modernen Technik, auf das sich also (wie zu zeigen sein wird) alle epochemachenden Errungenschaften auf technischem Gebiete während des neunzehnten Jahrhunderts zurückführen lassen, die Tendenz zur praktischen Emanzipation von den Schranken des Organischen: des Menschen, des Tieres, der Pflanze anzusprechen haben. Was sich auch so ausdrücken läßt: ebenso wie die naturwissenschaftliche Theorie auf einer Entseelung der Natur beruht, so läßt sich alles, was die Praxis in der modernen Zeit an charakteristischen Erscheinungen ausweist, auf eine Entseelung der Technik zurückführen. Emanzipation von den Schranken des Organischen: das bedeutet in etwas anderer Fassung soviel, wie Ersatz der Natnr durch die Kunst, der lebendigen durch die tote Natur, des Persönlichen durch das Sachliche, der Qualität durch die Quantität. Und zwar läßt sich diese Wandlung verfolgen in allen Elementen der Technik: Kräfte, Stoffe, Verfahrungsweisen sind ihr gleichermaßen anheimgefallen. D.materiale Prinzip d.uwd, Technik: Emanzipat, v.d. Schrank, d. Organischen. 13 in 113 Dampfmaschinen. Breslaus Industrie wies im Jahre 1846 nicht mehr als 10 Dampfmaschinen mit zusammen 28 Pferdestärken auf. Der Siegeszug der Dampfmaschine. 175 Im Laufe des letzten halben Jahrhunderts hat sich nun die Menge der in den Dampfmaschinen gebundenen Kraft weit mehr als verhundertfacht, und das Tempo der Vermehrung ist ein immer rascheres geworden. Im Jahre 1879 betrug die Zahl der feststehenden Dampfmaschinen in Preußen 29 895, die eine Leistungsfähigkeit von 887 784 ?3 hatten, 1901 (am 1. April) gab es dagegen dereu 75 958 mit einer Leistungsfähigkeit von nicht weniger als 3 709 662 ?8. Die Leistnngsfähigkeit hat sich also in den 22 Jahren von 1879 bis 1901 noch einmal verdreifacht, während die durchschnittliche Größe einer Dampfmaschine (die 1837 bezw. 1346 je 18 und 19 ?3 betrug) vou 30 auf 49 ?3 angewachsen ist. In den letzten 6 Jahren von 1895 bis 1901 dagegen ist die Zahl der Pferdestärke allein nm mehr als die Hälfte gestiegen, nämlich von 2 358175 ?3 auf die obengcnannte Ziffer. Im ganzen deutschen Reiche waren am Ende des neunzehnten Jahrhunderts mehr als 5 Millionen Pferdestärken in feststehenden Dampfmaschinen tätig. Fragen wir, wie sich die Nutzung der Dampfkraft auf die einzelnen Gewerbearten verteilt, so gibt uns dieGewerbezählung von 1895 den gewünschten Aufschluß. Danach entfällt der Löwenanteil noch immer auf den Vergban und das Hüttenwesen. Hier wurden von insgesamt 2 721218 ?3 gewerblich genutzter Dampfmaschinen 969 039 I>3, also mehr als ein Drittel verbraucht. Dann solgt die Textilindustrie, die 446 886 ?3 in Anspruch nimmt, davon die Spinnerei 217 536, die Weberei 149 373. Hier hat also die Dampftechuik und was gleichbedeutend ist, der mechanische Betrieb im letzten halben Jahrhundert ein riesiges Gebiet erobert: wurden doch, wie wir sahen in Spinnerei, Weberei und Walkerei im preußischen Staate in den 1840 er Jahren erst 237 Maschinen mit nur 3236 ?3 ermittelt. Nächst der Textilindustrie sind es einige Zweige der Nahrungsmittelindustrie, iu denen eine starke Verwendung der Dampfkraft stattfindet: die Rübenznckerindustrie mit 112 368 ?3, Brauerei und Brennerei mit 124717 und die Getreidemüllerei mit 96195. Mehr als 50 000 ?3 werden ferner noch genutzt in der Ziegelei und Tonröhrenfabrikation (89 961), bei der Holzzurichtung, insbesondere 176 Die Technik, in den Sägemühlen (85 256), in der Papierindustrie (85163) und der Maschinenfabrikation (79 653). In diesen der Dampftechnik vornehmlich verfallenen Industriezweigen betrug die Zahl der genutzten Pferdestärken zusammen 2 089 235, also etwa drei Viertel der Gesamtzahl. Oft genug ist ausgeführt worden, das; die nutzbringende Perwendung der Dampfmaschine so lange ausgeschlossen bleibt, bis die entsprechende Arbeitsmaschinerie erfunden worden ist, die von der Dampfkraft in Beweguug gesetzt werden soll. Entwicklung der Dampstechnik in der Produktionssphäre ist also gleichbedeutend mit Entwicklung der Arbeitsmaschinerie. Leider läßt sich nun aber diese nicht ebenso in einigen summarischen Ziffern zur Anschauung bringen wie jene. Ich muß deshalb auch — will ich nicht Gefahr laufen, mich zu verlieren — darauf verzichten, die Ausbildung der Arbeitsmaschinerie in den verschiedenen Gewerbezweigen zu verfolgen. Statt dessen wähle ich den Ausweg, die Aufmerksamkeit auf den Entwicklungsgang einiger Industrien zu lenken, die gleichsam das Fuudamentum der modernen gewerblichen Technik abgeben, an denen man (in einem andern Bilde gesprochen) wie an einem Gradmesser deren Evolution zn erkennen vermag. Schon öfters habe ich darauf hingewiesen, von welcher grundlegenden Bedentnng für die gesamte Maschinentechnik unserer Zeit die Ermöglichung des maschinellen Maschinenbaus, also die Maschinenindustrie, wie wir heute zu sagen Pflegen, geworden ist. Was hätten alle Erfindungen von neuen Kraft- und Arbeitsmaschinen genutzt, wenu man ihre Herstellung nie anders hätte bewerkstelligen können, als mittels Meißel nnd Hammer, den Werkzeugen, die im Anfang des Jahrhunderts neben einigen unbeholfenen Bohrern den Maschinenbauern allein zur Verfügung standen. Nicht nnr hätte die Anfertigung so lange Zeit in Anspruch genommen, daß sie meistens den Aufwand nicht gelohnt haben würde: auch die Ausmaße der Maschinen wären immer beschränkte geblieben, uud die Exaktheit ihres FunktionierenS hätte ewig zu wüuschen übrig gelassen. Erst als es gelang, hier Vorrichtnngen zn schaffen, die wie der Dampfhammer die Kraft der Muskeln um ein Tausend- saches zu überbieten vermochten, oder wie die modernen Meß- und Die Maschinenindustrie. 177 Wägeinstrumente die Schärfe des Auges, die Empfindungsfeinheit der Nerven verhundertfachten — heute ist der Maschinenbau so exakt, daß gute Fabriken bei den Abmessungen runder Kaliberbolzen und Ringe, die zum Messen dienen, auf ^/.^ Millimeter Genauigkeit garantieren — erst da war die Bahn für das Maschinenwesen der Gegenwart frei geworden. Nun kletterten Maschine und Maschinenbau au einander rasch in die Höhe: konnten auf maschinellem Wege größere oder exaktere Dampf- und Arbeitsmaschinen hergestellt werden, so gewährleisteten diese selbst wiederum einen um so vollkommeneren Maschinenbau uud so fort. Ich mag nicht die einzelnen Erfindungen aufzählen, die im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts die moderne Maschiueuindustrie geschaffen haben. Es liegt um so weniger Grnnd dazu vor, als sie meist uicht von Deutschen herstammen. Nur an einige der wichtigsten Etappen will ich erinnern: Auf die Erfindung der vervollkommneten Metalldrehbank durch Henry Maudslay folgt (1803) die der vertikalen Cylinderbohrmaschine durch Billingsley, sowie die der horizontalen durch Breithaupt in Kassel (1807). Dann sind vor allem die Jahrzehnte von 1830 bis 1860 reich an wichtigen Erfinduugeu, unter denen an epochaler Bedeutung die Erfindung des Dampfhammers durch Nasmyth im Jahre 1833 hervorragt. Ihm gesellt sich im Jahre 1841 die Erfindung der hydraulischen Schmiedepresse hinzu, die heute den Dampfhammer vielfach aus seiner vorherrschenden Stellung verdrängt hat. Welche Rolle heutigentags die maschinelle Maschinenerzeuguug für die Technik spielt, läßt deutlich der Umfang erkennen, den die Maschinenindustrie unter den Gewerben einnimmt. In Deutschland, das sich jetzt eine führende Stellung auf dem Gebiete der Maschinen- indnstrie errungen nnd sich im Maschinenbau fast völlig vom Auslande emanzipiert hat (von den 1901 im Königreich Preußen ermittelten Dampfmaschinen waren 84,9 v. H. deutsches Fabrikat), wurden (1895) 269 036 in der Maschinenindustrie beschäftigte Personen gezählt, dagegen erst 173298 im Jahre 1882. Es hat sich also die Besetzung dieses Industriezweiges in den dreizehn Jahren um mehr als 50°/g gesteigert, wühreud die Bevölkerung in demselben Zeitraum nur um 15°/g angewachsen ist. Somiart, Volkswirtschaft. 12 178 Die Technik. War keine Entwicklima, des Maschinenwesens ohne Entwicklung des Maschinenbaues möglich, so wären beide zur Kümmerlichkeit verdammt gewesen, wenn ihnen die Eisenindustrie mit ihren gewaltigen Fortschritten während des neunzehnten Jahrhunderts nicht ein so gutes und billiges Material geliefert hätte. Man muß die verzweifelten Schilderungen der Ingenieure aus der zweiteu Hälfte des achtzehnten und den ersten Jahrzehnten des folgenden Jahrhunderts leseu, als selbst in England, von dem die übrige Welt einen großen Teil ihres Eisens und Stahls bezog, die gesamte Ausbeute an Roheisen nicht mehr betrug als heute diejenige eines einzigen Hochofens (1796 wurden in ganz England erst 125 079 t Roheisen gewonnen), als die Stahlerzeugung noch so sehr vom Zufall abhing, daß mau jeden Metallklumpen erst darauf prüfen mußte, ob er sich besser zu Schmiedeeisen oder zu Stahl eigeue: um zu begreisen, wie recht eigentlich erst die Fortschritte in der Eisen- und Stahlbereituug die moderne Maschinenära ermöglicht haben. Die Umwälzungen, die die Technik auf dem Gebiete der Eisenindustrie während des letzten Jahrhunderts erfahren hat, lassen besonders deutlich erkennen, wie es die Auwenduug der naturwissenschaftlichen Erkenntnis und die in ihrem Gefolge sich einstellende Emanzipation vom Organischen ist, was die quantitative und qualitative Steigerung der Leistungen hervorgerufen hat. Die theoretische Grundlage der modernen Eisenindustrie bildet die Verbrennungstheorie Lavoisiers, die die Vorgänge im Hochofen uud im Frischfeuer erst verständlich machte. Auf ihr baute C. I. B. Carstens weiter, der (1814) den Einfluß des chemisch gebundenen und ungebundenen Kohlenstvffec' im Eisen entdeckte. Der erste große Fortschritt von praktisch entscheidender Bedeutung aber war die Emanzipation von der Holzkohle, deren Preissteigerung bei wachsendem Bedarf an Eisen dieses ungebührlich verteuerte. Sie erfolgte für die Roheisennewinuuug durch die Erfindung des Kvkeshochofens, für die weitere Verarbeitung des Roheisens zu Schmiedeeisen und Stahl durch die Erfindung des Puddelverfahrens (1784), das au Stelle des Herdfrischens trat und nicht nur Holzkohle, sondern auch Menschenarbeit Die Eisenindustrie. 179 in weitem Umfange entbehrlich machte. Der erste Kokeshochofen in Deutschland wurde 1796 in Oberschlesien errichtet, während im Ruhrgebiet dieses Ereignis erst in das Jahr 1847 fällt. Das Puddelverfahreu fand im Bereich der deutschen Industrie zuerst im Jahre 1825 auf der Hütte Kesselstein bei Neuwied Anwendung. Bis in die Mitte des Jahrhunderts dominieren jedoch Holzkohlehochofen und Frifchverfahren. Nach den Angaben Wachlers waren noch 1846 in Oberschlesien neben 52 Holzkohlehochöfen erst 9 Kokeshochofen, neben 240 Frischseuern erst 9 Puddliugswerke im Betriebe. Im Jahre 1847, als der erste Kokeshochofen im Ruhrgebiet errichtet wurde, betrug uach Jacobi die Produktion des Siegener Landes an Holzkohle-Frischeisen und Frischstahl noch 57 500 Zentner, diejenige an Pnddeleisen erst 25 000 Zentner. 1847 hatten nach Peter Mischler von den 227 in Betrieb stehenden Hochöfen Preußens erst 14°/g, also 32 Steinkohlenfeuerung, alle übrigen verwendeten Holzkohle oder ein Geinenge von Holzkohle und Kokes. Hente ist das Holzkohleverfahren sowohl in der Eiseugewinnuug wie bei der Eifenverarbeitnng verschwunden. Nnr an ein Paar Stellen in Deutschland, fern vom Getriebe der großen Industrie, haben sich meines Wissens einige Holzkohlehochöfen und einige Frischfeuer erhalten. Während sich die Hochofenindnstrie nun während des letzten Jahrhunderts zwar ungemein vervollkommnete, aber doch im wesentlichen auf denselben Prinzipien weiterbante, hat die Eisenverarbeitung eine Reihe von Verbesserungen erfahren, die auf völlig neuen, für die Praxis ungemein wichtigen Methoden sich aufbauten. Sie sind ja jedermann bekannt: die eine knüpft sich an den Namen Bessemer und bernht darauf, die zur Verbrennung des Kohlenstoffs nötige Luft mit großer Gewalt durch das geschmolzene Eisen zu blasen, sodaß sie binnen kurzer Zeit allen Eisenteilchen zugeführt wnrde. Bessemers Erfindung machte die mühsame und langwierige Arbeit des Puddlers überflüssig, kürzte dadurch deu Prozeß der Eisen- verarbeitnng zu Stahl bezw. Schmiedeeisen von anderthalben Tagen auf zwanzig Minuten ab und bewirkte, daß die Stahl- und Schmiede- eisenbereitnng von der Handfertigkeit des Arbeiters unabhängig wurde und der Frischprozeß nur noch der Einsicht des Leiters 12* 180 Die Technik. unterworfen blieb: Emanzipation vom menschlichen Organismus! Trotz der augenfälligen Borzüge, die das Bessemer- und Siemens- Martin-Verfahren gegenüber dem Puddelverfahren aufweisen, bewahrt sich letzteres doch immer noch ein gewisses Ansehen, weil das aus ihm gewonnene Schmiedeeisen Vorzüge aufweisen soll, die dem Flußeisen bezw. Flußstahl abgehen. Freilich: die gewaltige Zunahme der Eisen- und Stahlproduktion der letzten Jahrzehute kommt wesentlich auf Rechnung des Flußeiseus, wahrend das Schweißeiseu seit einigen Jahren sogar eine nicht unbeträchtliche Verringerung seiner Produktionsmenge ausweist. Während im Jahre 1890 in Deutschland im Schweißeisenbetrieb noch 2194 200 t, gegenüber 2 921000 t im Ftußeisenbetrieb verarbeitet wurden, sank jene Ziffer bis zum Jahre 1900 ans 1 347 700 t, während diese ans 8 372 500 t, stieg. (Stat. Jahrb.) War die Erfindung Bessemers, die die Welt mit Flußstahl überströmte, von ausschlaggebender Bedeutung für die Industrie aller Kulturländer, so sollte die zweite große Erfindung auf dem Gebiete der Eisenverarbeitung (1878), die zwei andere Engländer, Thomas uud Gilchrist, zu Vätern hat, sich ganz besonders für die deutsche Eisenindustrie und damit in hervorragendem Maße für die deutsche Volkswirtschaft als vou entscheideuder Wichtigkeit erweisen. Das Thomas-Gilchristsche Verfahren beruht, wie wiederum jeder Gebildete weiß, auf einer nicht sauren, sondern basischen Schlackenbildung, die man durch Ausfüttern des Konverters mit gebrannten Dolomitsteinen erzielte. Dieses Verfahren — das ist die Pointe — ermöglichte es, anch stark phosphorhaltiges Roheisen im Konverter zu gutem Schmiedeeisen und Stahl zu verarbeiten. Die Bedeutung der neuen Methode für Deutschland ist nun aber in der Tatsache begründet, daß die deutsche Eisenerzförderung stark phosphorhaltig ist und daher vor der Entphosphorung durch das Thomasversahren zur Stahlbereitung schwer brauchbar war. Jetzt dagegen ist gerade der hohe Phosphorgehalt der deutschen Eisenerze zu einem Segen für das Land geworden, denn wie wir an anderer Stelle sahen, sind die beim Thomasverfahren gebildeten Schlacken ein außerordentlich nützliches Nebenprodukt, das als künstlicher Dünger Verwendung findet. Es ist deshalb Gewaltige Zunahme der Eisen- nnd Stahlproduktion. 181 wohl nicht zu viel gesagt, wenn man die beherrschende Stellung, die an: Ende des neunzehnten Jahrhunderts die deutsche Eisenindustrie einnimmt, zu einem guten Teile auf die Segnungen zurückführt, die ihr aus der Erfindung des basischen Fluszeisen- prozesses erwachseu sind. Sie hat es bewirkt, daß Deutschland heute auf dem Wege des Bessemer-, sowie des Martin-Siemens- Prozesses, der ebenfalls auf der Verwendung basischen Futters beruht, mehr als alle übrigen Länder der Erde Flußeisen aus phosphorhaltigem Roheiseu gewinnt. Für alle Einzelheiten muß ich auf die technischen Werke verweisen, unter denen sich das nene „Buch der Erfindungen in einem Bande" zum Studium auch für Laien vortrefflich eignet. Ihm verdanke ich auch die konzise Formulierung der einzelnen technischen Vorgänge, von denen im Vorstehenden die Rede war. Was nun die Eisenindustrie geleistet hat, nachdem sie sich auf dem bezeichneten Wege in entscheidenden Punkten von der Gebundenheit an das Organische befreit hatte, grenzt an das Fabelhafte. Ich verweise auf die Anlage 31, aus der die gewaltige Zunahme der Eisen- und Stahlproduktion noch und gerade iu deu letzten beiden Jahrzehnten des verflossenen Jahrhunderts ersichtlich wird. Insbesondere interessiert uns dabei die steigende Anteilnahme Deutschlands an der gesamten Produktion der Erde, dessen Eisenindustrie in einem wahrhaft amerikanischen Tempo fortgeschritten ist. Die Steigerung der deutschen Stahlproduktion übertrifft selbst die der amerikanischen: sie hat sich in den letzten zwanzig Jahren verzehnfacht: dank im wesentlichen den geschilderten Wendungen in der Technik. Deutschland ist damit als stahlproduzierendes Land an die zweite Stelle gerückt: es überflügelt Großbritannien, das ihm noch 1895 überlegen war, im Jahre 1900 um ein Beträchtliches. Will man sich in einer Ziffer vergegenwärtigen, was das Ende des neunzehnten Jahrhunderts von seinem Anfang in materieller Hinsicht trennt, so muß man die Anlage 31 mit der oben angeführten Ziffer der englischen Eisenproduktion im Jahre 1796 vergleichen: damals wurden in ganz England 125 000 t erzeugt, noch nicht halb soviel wie heute Spanien an Eisen produziert, der siebenzigste Teil der heutigen Produktion Deutschlauds! Denn 182 Die Technik, diese Ziffern drücken ja nicht nur die Fortschritte aus, die das Maschinenwesen während unseres Jahrhunderts gemacht hat. Sie zeigen vielmehr an, daß das Eisen heute weit über die ursprünglich engen Grenzen seiner Verwendung hinaus zu einem unentbehr licheu Gebrauchsgute geworden ist. Wenn wir — um noch eine andere Ziffer zum Vergleich heranzuziehen — ersahreu, daß im deutscheu Zollvereinsgebiet 1834/35 5.8 KZ Eisen auf den Kopf der Bevölkerung verbraucht wurden, 1870 schon 38.8 1^, 1900 jedoch 162.5 IcA, so wissen wir, daß diese ungeheuren Mengen Eisen nicht uur iu den eisernen Gehilfen des Menschen — den Maschinen — verkörpert sind, sondern daß alle Sphären der moderneu Kultur eiueu eisernen Boden erhalten haben. Damit aber ist wiederum an einem besonders markanten Falle verdeutlicht, worin die Eigenart unserer technischen Entwicklung beruht: deuu daS Eisen hat doch überall, wo es hingedrungen ist, organisierte Materie, namentlich Holz, aber auch Leder, Hanf nnd andere Stoffe verdrängt. Der Hausbau, der Brückenbau, der Wagenbau, der Schiffsbau — um nur die wichtigsten Gebiete zu uennen, auf denen das Eisen eine herrschende Stellung sich erobert hat — ruheil hellte ebenso auf einer anorganifchen Basis, wie sie vor hundert Jahren der Mitwirkuug der orgauisierenden Natur im Pflanzenwachstum, sowie in der Mithilfe des lebendigen Menschen nicht entraten konnten. Die Kultur ist aus einer hölzernen und ledernen eine steinerne uud eiserne geworden. Das große Ereignis, das über die Entwicklungsfähigkeit der Eisenindustrie entschied, war, wie wir sahen, die Einführung des Kokes als Schmelzmaterials an Stelle der Holzkohle. Damit war aber der Grund zu einer neuen mächtigen Industrie gelegt, in deren Gefolge sich gauz unerwartete, durch und durch revolutionäre Veränderungen auf deu verschiedensten Gebieten der Technik einstellten: zum Kohlen-, namentlich Steinkohlenbergbau und seineil Hilfsindnstrien. Auch das Steinkohlenzeitalter kann man unser verflossenes Jahrhundert heißen. In unerschöpflichen Mengen hat man die schmierigen Residuen Prachtvoller Erdepochen aus den Tiefen der Erde hervorgeholt und hat mit ihrem Staub uud ihrem Nuß ganze Länder überschüttet. Vermischt mit deu feuchtknlteu Die Kohlenindustrie. 1,^! Nebeln der nordischen Breiten zu einein glitschigen, schmutzigen Brei, der aus Hänser nnd Bergen sich niederlegt, wird dann der Kohlenstaub recht eigentlich zu dein spezifischen Kolorit unserer ganzen Kulturepoche. Nach den Berechnungen Jurascheks wurden im Jahre 1800 auf der ganzen Erde erst 12 Millionen Tonnen Kohle zu Tage gefördert: der ueuute Teil von dem, waS heute Deutschland allein an Steinkohlen produziert (1900 ^ 109.22 Mill. Tonnen). Dann hält sich die Zunahme bis in die Mitte des Jahrhunderts noch in bescheidenen Grenzen: 1850 beträgt die Förderung 82.6 Millionen, davon entfällt die Hälfte auf England. 1897 jedoch ist die geförderte Menge auf 649.9 Millionen und am Ausgang des Jahrhunderts sicher aus annähernd 800 Millionen Tonnen gestiegen. Deutschland hat einen reichlichen Anteil an dieser Entwicklung, Seine Kohlenprodnktion hat sich während des neunzehnten Jahrhunderts verhundertfacht. 1824 wurden im preußischen Staate erst 1.2 Millionen Tonnen, 1843 ^ 3.1 Millionen Tonnen Steinkohle gefördert, 1900 dagegen 101.90 Millioneil Tonnen, im ganzen deutschen Reich 109.22 Millionen Tonnen, wozu noch etwa 39 Millionen Tonnen Braunkohle kommen. Wir wissen, wo die wichtigsten Fundorte dieser sogenannten schwarzen oder braunen Diamanten iu Deutschland sind. Bon der gesamten Steinkohlen- prodnktion entfällt der Löwenanteil in Höhe von 60.1 Millionen Tonnen auf das Nuhrbecken, 24.8 Millionen Tonnen liefert Ober- schlesien, 11.1 Millionen das Saarbecken, Niederschlesien 4.8 Millionen, das Aachener Revier 1.8 Millionen. Brannkohlenproduzent ist vor allem die preußische Provinz Sachsen (zwei Drittel der preußischen Aördermenge, die 33.70 Millionen Tonnen im Jahre 1900 betrug,. Die Anregung namentlich zur Ausdehnuug des Steinkohlenbergbaus lieferte die Eisenindustrie. Als sich jedoch die Technik des Bergbaus vervollkommnete (dank wiederum der Entwicklung der Maschinerie), blieb man nicht bei der Verwendung zur Eiseuerschmelzuug stehen, sondern nutzte die Kohle vor allem immer mehr zu Heizzwecken. Bergessen wir nicht, daß die erste Maschine in Teutschland noch mit Holz geheizt wurde, daß Holz, wie wir sahen, noch das selbstverständliche 184 Die Technik. FeuernngSmaterial in den Privathaushalten war. Nun wurde die organisierte Materie auch auf diesem Gebiete verdrängt und damit war abermals eine Bedingung für die grenzenlose Ausdehnung der Industrie geschaffen: alle Ausbildung der Maschinentechnik, alle Vervollkommnung der Eisen- und Stahlbereitung hätten wiederum nichts genutzt, wäre in der Kohle nicht ein Ersatz des immer knapper werdenden Holzes als Heizstoff gefunden worden. Wir finden es begreiflich, wenn ein so vorzüglicher Sachkenner, wie Peter Mischler, nm die Mitte des Jahrhunderts klagend ausruft: „die meisten Eisenwerte haben bis jetzt noch die (enge!) Grenze ihrer Ausdehnung in dem Besitz und der Ertragsfähigkeit der Wälder, iu dem verfügbaren Holzvorrat, in den Holz- und (Holz-)KohlenPreisen!" Aber die Kohle lieferte nicht nur diesen neuen und wirksamen Heizstosf: sie lieferte bei ihrer Verarbeitung zu Kokes dem neunzehnten Jahrhundert auch einen billigen, weil anorganischen Beleuchtungsstoff und als besonders reizvolle Zugabe obendrein auch noch eiue Reihe anorganischer Farbstoffe. Die Beleuchtungstechnik war bis zum Beginn des neunzehnten Jahrhunderts ebenfalls in die engen Schranken der organischen Welt gebannt gewesen. Ursprünglich waren Olivenöl uud andere Pflanzenöle im Süden, der Kienspan im Norden die einzigen Lichtspender gewesen. Dann war die Kerze aus Wachs, Talg, Unschlitt dazu getreten: ein entweder sehr kostbares oder aber sehr primitives Beleuchtuugsmittel. Die Kultur bis Goethe einschließlich ist im besten Falle bei Kerzen erwachsen, die unaufhörlich fchnänzten. Und es entspricht nur dem stolzen Bilduugsbewußtfeiu uuferer so sehr sortgeschrittenen Zeit, wenn sie das Goethesche Sehnen nach „Mehr Licht" aus dieselbe Gemütsverfassung als Quelle zurückführt, iu der er ein anderes Mal die schönen Verse dichtete: „Wußt' nicht, was sie Besseres erfinden könnten, Als wenn die Lichter ohne Putzen brennten." Hätte er nur zwei Jahre noch gelebt, so würde er das Wunder mit eigenen Augen geschant haben: 1834 erfand Cambacere den geflochtenen Docht, der in der Flamme das Verkohlen nnd Rußen, Neue Beleuchtungstechnik. Neue Färbelechnik, 185 die Ursache des ewigen „Schnäuzens", verhinderte. Etwa gleichzeitig lernte man, dank den Erfindungen Chevreuls und De Millys feste Kerzen, die Stearin- oder Paraffinkerzen anfertigen und schuf auch für die Kerzenfabrikation die Möglichkeit, in starker Beimischung zu den tierischen Fetten anorganische Stoffe zu verwenden. Aber alle diese Erfindungen verblassen doch gegenüber der Tat Murdochs, der im Jahre 1792 in seinem Hause die erste Gasflamme zu Beleuchtuugszweckeu auzüudete. 1798 Gasbeleuchtung in der Fabrik von Boulton und Watt in Soho; 1810 Gründung der ersten Gasgesellschnft in London durch Wiusor und erste öffentliche Straßenbeleuchtung im Londoner Kirchspiel S. Margarets). 1826 erste Gasbeleuchtung auf dem Kontinente in Hannover. Von da an rasche Verbreitung auch in Deutschland: 1328 Berlin, bald darauf Frankfurt, Dresden, Wien. Erinnern wir uns schon an dieser Stelle, daß seit 18S9 das in unerschöpflichen Mengen aus der Erde quellende Petroleum, dank den Fortschritten der chemischen Industrie zu Beleuchtungszwecken Verwendung finden konnte uud daß uns seit einigen Jahren in verschwenderischer Fülle das Licht des elektrischen Funkens erstrahlt, so werden wir uns beeilen, den Ehrentitel eines Jahrhunderts der Ausklärung dem achtzehnten Jahrhundert zu nehmen, das noch unter den: Zeichen der Lichtputzen stand — man denke: Voltaire mußte unaufhörlich die Lichte putzen! — und ihn dem soeben rühmlich abgeschlossenen neunzehnten Jahrhundert zu verleihen. Wichtig zu beachten: die Fortschritte der Beleuchtungstechnik emanzipieren uns auch in ihren Wirkungen von den Schranken der lebendigen Natur: diesmal freilich nur von dem Gebundensein an die lichtspendenden Sonnenstrahlen. Seltsam: aus dem gräßlichen Geruß der Steinkohlen ist uns nicht nur eine Fülle von Licht entsprungen; es hat uns auch mit glänzenden Farben reich beschenkt. Mit der Entdeckung der Anilinfarben im Steinkvhlenteer durch Runge (1834) ist unserer Färbetechnik eine neue Welt erschlossen: an Stelle der teuren organischen Farbstoffe treten die anorganischen Farben, deren Darstellung im großen durch die Erfindungen A. W. Hvfmanns 186 Die Technik. (seit 1858: Isolierung des Benzols, des Ausgangsprodukts für Anilin und NitrobenzolS) ermöglicht worden ist. Damit sind wir aber schon in ein Gebiet der modernen Technik vorgedrungen, das in seinem ganzen Umfange von uns gewürdigt werden muß, weil die auf ihm erzielten Leistungen wiederum von prinzipieller Bedeutung für den Gang unserer technischen Entwicklung geworden sind. In der Gas- und Farben- Produktion verschlingt sich die sür unsere Zeit charakteristische Eisenindustrie zu einheitlichem Wirken mit ihrer großen Schwesterindustrie, der chemischen Industrie. Im Ansang des neunzehnten Jahrhunderts gab es in Deutschland überhaupt noch keine chemische Industrie, weil eiu Bedarf an „Chemikalien" so gut wie nicht vorhanden war. Was die Apotheker — und das waren die einzigen „Konsumenten", die in Betracht kamen — an Ingredienzien für ihre Medikamente gebrauchten, stellten sie entweder selbst her oder bezogen sie, wie den Alaun und den Salpeter, durch große Handelshäuser vom Auslande. Seitdem hat sich iu dem Maße, wie der Chemie die Synthese organischer Stosse oder die Herstellung gleichwertiger Surrogate gelang, eine Reihe von Industriezweigen entwickelt, die man als „chemische Industrie" zusammenzusassen pflegt. Man sollte aber nicht vergessen, daß sich in dieser sogenannten chemischen Industrie der Gegenwart keineswegs die Bedeutung erschöpft, die die Chemie und das chemische Verfahren für die moderne Technik heute besitzen. Wir haben gesehen, wie sehr die Eisenindustrie vou deu Forlschritten der Chemie profitiert hat; ebenso sind eine Menge anderer Industrien garnicht denkbar ohne die Leistungen auf chemisch- wisseuschaftlichem Gebiete, wie sie das ueuuzehnte Jahrhundert erlebt hat. Vor allem stützen heute alle sogenannten Gärungs- iudustrieu, also die meisten Zweige der Nahrungsmittelindustrie, ihr Verfahren auf die Grundsätze der wissenschaftlichen Chemie und verehren als ihren eigentlichem Begründer Pasteur. Aber auch alle jene Produktionszweige, die unsere Statistik unter dem Sammelnamen der „Industrie der Leuchtstoffe, Seifeu, Fette, Ole" zusammenfaßt, unter denen die Licht- nnd Seifenfabrikation, sowie die Verfertigung von Firnissen und Kitten hervorragen, sind recht Die chemischen Industrien, 187 eigentlich „chemische Industrien", ohne daß sie als solche bezeichnet werden. Ihre Techniken in ihren Wandlungen während des neunzehnten Jahrhunderts im einzelnen zu verfolgen, geht nicht an. Es genagt, an sie erinnert zu haben. Was die Statistik dem allgemeinen Sprachgebrauch folgend heute ausdrücklich „chemische Industrie" uennt, sind (von den Apotheken abgesehen) die Industrien zur Erzeugung oon chemischen Präparaten, die Farbematerialienfabriken, die Industrien zur Herstellung von Explosivstoffen und Zündwaren, von Abfällen und künstlichen Düugstosfen, sowie die sehr ungenau als „chemische Großindustrie" bezeichneten Gewerbezweige. In allen diesen Industrien, deren Gesamtproduktion im Jahre 1397 83 112 781 Doppelzentner im Werte von 947 902 570 Mark betrug, waren (1895) 115 231 Personen beschäftigt: am Ende des Jahrhunderts schon rund 150 000. Da ich über die Geuesis der Duugstoff- und Färbeindustrien schon gesprochen habe, erübrigt ein kurzer Blick auf die sogenannte chemische Großindustrie, unter der man im wesentlichen die Industrie der Säuren und Alkalien versteht. Sie verdaukt ihre Entstehung dem Streben, auf künstlichem Wege in den Besitz von Alkalien zu gelangen, die ehedem mir aus natürlichem Vorkommen oder aus Pflanzenasche in beschränkten Meilgen uud unrein beschafft wurden. Durch die Erfindung Leblancs (1785) gelang es, die Soda auf künstlichem Wege aus dem Kochsalz zu gewinnen, nnd auf ihr baute die moderne „chemische Großindustrie" auf. Da Soda durch Erhitzung von Kochsalz mit Schwefelsäure entsteht, fo machte die Sodafabrikation eine Schwefelsäurefabrikation uotweudig. So entstanden die beiden chemischen Grundindustrien, an die sich dann zahlreiche Neben- und Hilfs- indnstrien angeschlossen habeu. Heute ist in Deutschland dem Leblancschen Verfahren ein gefährlicher Konkurrent in dem Ammoniaksodaverfahren erstanden, nach dem heute 80°/<> der gesamten Sodafabrikation betrieben wird. Uns interessiert wiederum vor allem die Tatfache, daß das Lebenselement der modernen chemischen Industrie — ob so oder fo betrieben — ebenfalls (wie nicht anders zu erwarten war) eine Technik ist, die den 188 Die Technik, Organisieruugsprozeß der Natur durch künstliche Voruahmeu ersetzt, und daß ihre Erzeugnisse die Stelle organisierter Materie im wirtschaftlichen Prozeß einzunehmen imstande sind, -i- Vou den Wandlungen, die die Technik im Gebiete des Verkehrswesens erfahren hat, weiß man meistens mehr als von den Produttions - technischen Neuerungen: sie drängen sich durch die Erfahrungen des täglichen Lebens auch dem Laien auf. Ich kann mich deshalb hier mit einigen Andentnngen begnügen. Natürlich steht im Vordergründe des Interesses die Erfindung der Dampfeifenbahu durch George Stephenson (1825). Sie beruht auf der Kombination zweier schon längere Zeit nebeneinander bestehenden Einrichtungein des Schienenweges, der seiue Herkunst aus den deutschen Bergwerken herleitet, wo er schon im fünfzehnten Jahrhnndert unter Verwendung hölzerner Schienen genutzt wurde, und des Tamvswagens, den zuerst Cuguvt (1769) erbaut hatte. Deutschland svlgte in der Anwendung der neuen Technik verhältnismäßig bald den westeuropäischen Ländern nach, wie aus dem elften Kapitel und aus der Anlage 22 ersichtlich ist. Mit der Ausdehnung des Eisenbahnbanes ist eine sortgesetzte Vervollkommnung der Eisenbahntechnik gleichen Schritt gegangen: anch hier haben sich die Fortschritte der Eisenindustrie als ein wichtiger Faktor der Verbesserung erwiesen: der Unterbau ist durch Einführung der eisernen Schwellen, der stärkereu Stahlschienen solider geworden. Größe und Zugkraft der Lokomotiven sind ebenso wie ihre Geschwindigkeit unausgesetzt gewachsen: die ersten Maschinen hatten eine Leistnngsfähigkeit von 20 bis 30 ?3, heute prästiereu die großen Schnellzugslokomotiven 300 ?3. Aber während solchermaßen sich eine neue Technik in den Eisenbahnen Bahn brach, sind die übrigen Transportmittel von der Technik nicht etwa vernachlässigt worden. Gerade erst in der Ära der Eisenbahnen haben sich der Straßenbau, die Flnß- korrektiou und der Kanalban zn hoher Leistungsfähigkeit entwickelt. Gewaltiges hat die Strombautechnik im verflossenen Jahr- Eisenbahn nnd Dampfschiff, 189 hundert geleistet: der Schleusenbau, die Schiffshebevorrichtuugeu, die Baggerei und viele Gebiete, die hier nicht einmal genannt werden können, haben in dieser Zeit eine große Vervollkommnung erfahren, wobei sich denn immer wieder der befruchtende Einfluß, deu die Fortschritte in der Produktioustechnik (Maschinenbau! Eisenindustrie!) ausüben, mit Deutlichkeit verfolgen läßt. Wenn sich als Wirkung der Leistungen in diesen Gebieten der Technik abermals ergibt: die Emanzipation von den gegebenen Bedingungen der natürlichen Flußlänfe, so kommt darin, wie wir wissen, nur das allgemeine Entwickluugspriuzip der modernen Technik zum Ausdruck. Für den Transport auf den solcherart verbesserten Binnenwasserstraßen hat die Technik den Dampf ebenfalls nutzbar gemacht: das erste Dampfschiff, das überhaupt dem Verkehr übergeben wurde, war ein Flußdampser, der „Clermont" Robert FultonS im Jahre 1807; ebenso das erste Dampfschiff, das in deutschen Gewässern fuhr: wiederum (seit 1818) auf der Weser, wo 111 Jahre vorher die sinnige Idee eines phantasiereichen Kopfes der brutalen Gewalt gemeiner Interessen zum Opfer gefallen war. Seine Wirksamkeit ist dann noch durch die Erfiuduug der Kette, wie sie in Elbe und Rhein liegt, gesteigert worden. Welche ungeheure Umwälzungen endlich der Seeschiffsbau durch die technischen Neuerungen unseres Jahrhunderts erfahren hat, weiß heute der größere Teil der Gebildeten. Das wichtigste Ereignis ist auch hier das Eindringen der Wissenschaft. Der Schiffsbau wird heute neben der Elektrotechnik, dem Maschinenban und anderen Zweigen der modernen Technik als ein selbständiges Wissensgebiet an den technischen Hochschulen gelehrt und ist damit der Empirie, die ihn bis in die Mitte des Jahrhunderts ausschließlich beherrschte, endgültig entrissen worden. Die materialen Neuerungen, die die Schiffsbautechnik in den letzten hundert Jahrcu erlebt hat, sind keine andern-, als wir sie von der Produktionstechnik her schon kennen. Als die wichtigsten erscheinen: die schon erwähnte Ersetzung des Holzes als Baumaterial durch Eisen und Stahl; die Einführung eines immer mehr maschinellen Betriebes an Stelle der Handarbeit: hierher gehört die Erfindnng der Patent- Ankerwinde durch Pow uud Fawcus, die maschinelle Steuerung, 190 Die Technik. die maschinelle Beladung und Entladung vermittelst Winden mit Übersetzung, Krähnen nsw., die Pnmpmaschinen, die maschinelle Bedienung der Segel auf Schiffen mit Patentrahen und anderes mehr, sowie — nicht zuletzt — der Übergang vom Segelschiff zum Dampfschiff, und bei diesem vvm Rad- zum Schraubendampfer. Die Dampfschiffahrt selbst hat dann wiederum eine unausgesetzte Förderung durch die Vervollkommnung des Maschinenbaues erfahren, die iusbesoudere ihr Augenmerk auf die Verminderung des Kohlenverbrauchs zu richten hat. In den Compvund- maschinen (seit 1860) wurde dieser von 1.5—1.6 KZ pro indizierte Pferdekraft und Stunde auf 1—1.1 liA, durch die Triple-Expan- sionsmaschiue (seit 1882) auf 0.65—0.75 heruntergebracht. Diese Vervollkommnung der Schiffsmaschinerie hatte gleichzeitig eine erhebliche Beschleunigung der Fahrt im Gefolge (und damit abermals eine Verringerung des Kohlenbedarfs, auf die alles Sinnen der Schiffsbautechniker gerichtet sein mußte). Die Schnelldampfer neuester Konstruktion erzielen eine Geschwindigkeit von 23—24 Seemeilen, das sind 40—45 1 in den Städten über 100000 Einwohner, 1895 dagegen 63°/g) und in denen seine Vermittler, die Banken, eine besonders starke Tendenz zur Vergrößerung der Geschäfte aufweisen. Um ein Bild von dem kompletten Szenenwechsel zu geben, der sich auf dem Gebiete des Bankwesens innerhalb der letzten vierzig Jahre vollzogen hat, stelle ich in einer Tabelle die Ziffern für zehn deutsche Großstädte zusammen, aus denen sich die beträchtliche Vergrößerung selbst des Durchschnitts eines Geschäftsumfangs ersehen läßt (Anlage 3). Natürlich ist die Erhöhung des Durchschnitts meist durch die Vergrößerung der großen Banken bewirkt. Unter den Großstädten ist es wiederum Berlin, das als Neichshauptstadt immer mehr der anerkannte Sitz zumal der Großfinanz wird. Das äußert sich in der Tatsache, daß während der letzten Jahrzehnte eine Reihe bedeutender Provinzialbanken ihren Sitz nach Berlin verlegt haben (wie die Darmstädter Bank, der A. Schaffhausensche Bankverein), und findet seinen ziffermäßigen Ausdruck in dem wachsenden Anteil, den die in den Bankgeschäften Berlins beschäftigten Personen von der Gesamtheit ausmachen; das waren 1882 21.8°/^, 1895 dagegen 23.7°/„. Heute sicher erheblich mehr. Über die Größenverhältnisse gibt uns die Gewerbestatistik von 1895 folgende Aufschlüsse! die größere Hälfte aller in Berlin im Bankfach beschäftigten Personen — nämlich 4 390 von 8 547 — ist in (27) Betrieben mit mehr als 50 Personen uud etwa ein Viertel (2186) in (4) Betrieben mit mehr als 200 Personen, ein knappes drittes Viertel dagegen (1815) in solchen mit 11 bis 50 Personen tätig. Die großen Banken dominieren also schon durch die Ziffern ihres Personals. Im Jahre 1882 gab es erst einen Betrieb mit mehr als 200 Personen (die Reichsbank) und 14 Betriebe mit mehr als 50 Personen, dagegen 186 mit 11 bis 50 Personen gegen mir noch 100 dreizehn Jahre später. Wandlungen in der inneren Organisation des Bankwesens. 209 Die überragende Bedeutung der Berliner Großfinanz isoweit sie sich ziffernmäßig ersassen läßt) macht die Gegenüberstellung der folgenden Zahlen deutlich. Bankbetriebe mit mehr als 50 Personen gab es 1895 in Berlin, wie wir sahen, 27, im ganzen übrigen Deutschland 37; in letzteren waren 3 412 Personen beschäftigt, gegen 4 390 in Berlin. Betriebe mit mehr als 200 Personen hatte Berlin 4, das übrige Deutschland 1; in den 4 Berliner Betrieben waren 2186, in dem 1 Provinzialbetriebe 263 Personen beschäftigt. Am Jahrhundertschluß wird Berlins Vorrang noch viel größer sein. Nicht minder aber wie die äußere Struktur hat sich die innere Organisation des Bankwesens während des ver- flosseuen Jahrhunderts von Grund aus verwandelt. Sehen wir von den Notenbanken ab, von denen schon die Rede war, so beschränkten sich die „Bankgeschäfte" der meisten Bankiers bis um die Mitte des Jahrhunderts, ja bei den kleineren und mittleren bis in die 1860er Jahre hinein wesentlich auf den Geldhandel. Es waren (Geld-)„Wechselbanken" im ganz primitiven Sinne, die großenteils von der Buntscheckigkeit des deutschen Müuzwesens ihren Nutzen zogen. Ein Bankier, der die 1860er Jahre schon mit Bewußtsein durchlebt hat, schilderte mir deu sehr niederschlagenden Eindruck, deu der Übergang zur einheitliche!? Reichswährnng auf weite Kreise des Bankiertums gemacht habe: man sei der Überzeugung gewesen, daß damit den Bankiers der Lebensnerv unterbunden worden sei. In der Tat — wie wir noch sehen werden — war für die hente im Vordergrunds stehenden Bankiergeschäfte bis in die Mitte des Jahrhunderts noch kein Boden vorhandein das Diskontierenlassen der Wechsel war noch sehr wenig in Übung, der Effektenmarkt war beschränkt, der Depositen- und Kontokorrentverkehr lag bei dem niedrigen Reichtnmsniveau noch in den Windeln. So finden wir es sehr begreiflich, wenn wir hören, daß in der ersten Hälfte des Jahrhunderts das Bankiergewerbe häufig mit andern Berufszweigen verbunden war. Im Jahre 1823 gab es in Frankfurt a. M. 275 Kaufleute, die sich mit „Wechsel, Kommission uud Spedition" befaßten (nach Kanter): Kommission Sombart, BollSwirtschaft, 14 210 Banken und Mrsen, und Spedition waren ein besonders bei Bankiers beliebtes Nebengewerbe. Die zweite Hälfte des Jahrhunderts bringt nun zunächst die Berselbständigung des Bankierberufes. Daneben ein Zurücktreten des Geldwechselgeschäfts gegenüber den übrigen Zweigen der Bankiertätigkeit, die heute recht eigentlich das Wesen des Bankbetriebes ausmachen uud dereu Entfaltung zu beobachten uns nunmehr obliegt. Unter den Bvruahmen, durch die heutzutage der Bankier seinen Gewinn vornehmlich erzielt, bilden die eigentlichen Bankgeschäfte nur einen kleinen Teil. Fangen Nur aber mit der Inaugenscheinnahme der letzteren an, so erscheint heute als das wichtigste Aktivgeschäst die Diskontierung oon Wechseln. Der Wechsel ist eine der normalen Formen der Zahlung im modernen Geschäftsverkehr geworden, und seine Verwendung hat auch in Deutschland stetig zugenommen. Wir kennen (dank der Wechselsteuer) seit 1872 die Beträge der jährlich in Umlauf gesetzten Wechsel und können daraus die wachsende Bedeutung dieses Zahlungsmittels für unser Wirtschaftsleben erkennen. Ein Vergleich der Zeit vor zwanzig Jahren mit der unsrigen ergibt eine absolute Steigerung des Wechselverkehrs um mehr als die Hälfte, eine relative (ans den Kopf der Bevölkerung berechnet) von etwa einem Drittel. In dem Jahrfünft 1876 bis 1880 (allerdings einem ruhigen Zeitlauf) wurden 58850 Millionen Mark in Wechseln bezahlt, dagegen von 1896—1900 97 530 Millionen Mark, also damals im Jahresdurchschnitt 11 770 Millionen Mark, jetzt 19 506 Millionen Mark. Damals 266.8 Mark, heute 358.6 Mark aus den Kopf der Bevölkerung Der Wechsel hat nun aber seine Bedeutung als Zahlungsmittel im modernen Verkehr erst recht erhalten in dem Maße, wie sich seine sofortige Realisierung ermöglichen ließ, d. h. sich die Banken zum Ankauf der Wechsel, ihrer Diskontierung bereit fanden. Was diese Einrichtungen damit für das Wirtschaftsleben leisteten, war eine beträchtliche Beschleunigung des Kapitalumschlags, die die Seele des modernen Geschäftsgetriebcs geworden ist. Die Sitte, sich den Geldbetrag, über den der Wechsel lautet, vor dessen Ber- Die Entwickelung des Wechselgeschäfts: 211 sallzeit zu beschaffen, um die entsprechende Summe soviel früher wieder werbend anlegen zn können, ist in Deutschland erst im Lanfe des neunzehnten Jahrhunderts allgemein geworden. Noch in den 1320 er Jahren war sie selbst im fortgeschrittenen Hamburg eben im Entstehen begriffen. Der immer vorzüglich unterrichtete Büsch schreibt in dem 1824 erschienenen ersten Bande seiner Schriften: „Es ist noch nicht gar lange, da ein Kaufmann eo als seinem Kredit schädlich ansah, wenn er einen Wechsel diskontieren ließ." Nuu habe sich zwar die Sitte eingebürgert, weil die Handlung so lebhaft geworden sei, „daß auch der solide (!) Kaufmann für jeden Tag es als Verlust ansieht, wenn sein Geld müßig steht". Immerhin aber: „Der Kaufmann läßt es nicht gern zu jedermanns Wissenschaft kommen, daß er seine Wechsel zum Diskont weggegeben habe." Und heute wird man getrost sagen dürfen, daß noch nicht ein Prozent aller Wechsel undiskontiert bleibt. Einen sehr starken und noch immer wachsenden Anteil am Diskontgeschäft hat die Reichsbank, die 1872 für 3 872 Millionen Mark Wechsel auf das Inland, 1900 für 8 552 Millionen Mark ankaufte, d. h. von dem Gesamtbetrage der in Umlauf gelangte» Wechsel bezw. 30.1 und 36.7 Um sich eine Vorstellung vou dem gewaltigen Anschwellen des Diskontogeschäfts zu machen, vergleiche mau etwa die vou der königlichen Bank und dann der preußischen Bank in ihren Anfängen übernommenen Wechsel mit den obigen Ziffern. Von letzterer wurden übernommen Wechsel 1847 im Betrage von 102.7, 1848 sür 80.5, 1849 für 64.6, 1850 für 82.5, 1851 für 78.6, 1852 für 103.5 Millionen Taler, das ist im Durchschnitt noch nicht der fünfzehnte Teil des Betrages, den die Preußische Bank zn Beginn der 1870er Jahre diskontierte, und weit weniger als der dreißigste Teil der vou der Neichsbant heute übernommenen Wechsel. Und während der Wcchselbestand der letzteren im Jahre 1900 durchschnittlich 773 427 000 Mark betrug, bezifferte sich derjenige der Kgl. Bank von Berlin am Schlüsse des Jahres 1820 aus 514 700 Taler, also auf etwas mehr als 1^/„ Millionen Mark gegen 773.4 Millionen Mark der Reichsbank heute. Die Wechselbestände bei sämtlichen deutschen Banken haben sich im letzten Jahrzehnt ebenfalls fast verdoppelt. Sie stiegen von 1661 Millionen 14» 212 Banken und Börsen. Mark im Jahre 1891 auf 3087.1 Millionen Mark im Jahre 1900. Hierbei ist jedoch ein beträchtlicher Teil der Wechsel mehrmals gezählt. Beispielsweise sind die von der Reichsbank diskontierten Wechsel überwiegend von Banken bereits angekaufte und rediskontierte Wechsel. Diese Funktion der Reichsbank — die Bank der Banken zu werden — hat sich immer stärker entwickelt. Das kommt vor allein in dein Anteil zum Ausdruck, den die Banken am Giroverkehr der Reichsbank haben. Von den Guthaben der Girokonten (am 7. Mai 1900) im Gesamtbetrage von 240 Millionen Mark entfielen aus die Banken allein 142 Millionen Mark. So beträchtlich nun aber auch die Beträge sein mögen, die heute durch Wechsel umgesetzt werden: sie erscheinen uns doch geringfügig, wenn wir sie mit dem Gesamtwert der jährlich in einem Wirtschaftsgebiet, wie Deutschland, zu leistenden Zahlungen in Vergleich stellen. Was sind 20 Milliarden Mark, wenn allein der Wert des deutschen Außenhandels (Generalhandel) im Jahre 1900 11^ Milliarde Mark betrug? Und in der Tat würde uns die verhältnismäßig doch nur geringe Entwicklung des Wechselverkehrs — stieg doch beispielsweise der Wert des deutschen Außenhandels von 1872 bis 1900, also in demselben Zeitraum, in dem der Umsatz in Wechseln um etwa K0°/g anwnchs, um annähernd 100°/y — unverständlich bleiben, wenn wir nicht wüßten, daß gleichzeitig sich andere Formen eines erleichterten Zahlungsverkehrs im Giro- und Abrechnungswesen zu großer Vollkommenheit herausgebildet hätten. Der Löwenanteil an dieser Entwicklung fällt wiederum der Reichsbank zu. Sie hat vor allem durch Einführung der unentgeltlichen Fernüberweisnng ganz erheblich zur Ausgestaltung derBargeld-ersparenden Zahlungsmethoden in Deutschland beigetragen. Denn die Leistungen der Preußischen Bank im Giroverkehr gingen über die Vorteile, welche auch die privaten Institute in diesem Geschäftszweige zu bieten vermochten, nicht hinans. Im Giroverkehr beschränkte sie sich hauptsächlich auf Berlin; außerhalb Berlins bestand 1875 nur noch die unbedeutende Giroanstalt iu Danzig. Eine wirklich bedeutende Entwicklung hatte vor Begründung der Reichsbank der Giroverkehr nur in Hamburg erfahren, wo er durch die staatliche Girobauk als — des Giro- und Abrechmmgswesens. 213 Platzverkehr fast bis zur Vollendung ausgebildet worden war. diesen Giroverkehr, im wesentlichen in seinen bisherigen Formen, übernahm die Neichsbank mit der Hamburger Bank, und nach seinem Muster ist dann mit den entsprechenden Veränderungen der Giroverkehr von ihr über ganz Deutschland organisiert uud zu großer Entfaltung gebracht worden. Während die Umsätze im Giroverkehr bei der Preußischen Bank im Jahre 18 7 5 nur 834 Millionen Mark, bei der Hamburger Bank 2 658 Millionen Mark betragen hatten, haben sie sich im ersten Jahre des Bestehens der Reichsbank auf 16.7 Milliarden Mark, und bis zuni Jahre 1900 auf 164 Milliarden Mark gehoben. Die Zahl der Kanten, welche die Reichsbank von den beiden genannten Instituten übernommen hatte, betrug insgesamt nicht viel mehr als 700. Sie steigerte sich noch im Jahre 1876 auf 3 245 und bis zum Ende des Jahres 1900 auf 15 847. Eine Ergänzung hat der Giroverkehr in dem ebenfalls von der Reichsbauk geförderten Abrechnungswesen erfahren. Im Jahre 1883 ist von ihr mit der Begründung von Abrechnungsstellen begonnen worden, deren Prinzip, ivie bekannt, darin besteht, daß die Vertreter der beteiligten Banken ihre Wechsel, Checks, Rechnungen usw. gegeneinander verrechnen uud nur die Restbeträge zur Auszahlung bringen oder aus ihren Girokonten bei der Reichsbank verbuchen lassen. Die erste Abrechnungsstelle wurde 1883 in Berlin errichtet. In demselben Jahre folgten Frankfurt a. M, Stuttgart, Köln, Leipzig, Dresden uud Hamburg nach, 1884 Breslau und Bremen, 1893 Elberfeld. Der Betrag, der in diesen neun, bezw. zehn Abrechnungsstellen zur Verrechnung gelangte, bezifferte sich 1884 auf 12.1 Milliarde Mark und war 1900 auf 29.5 Milliarden Mark gestiegen, während die Zahl der Mitglieder sich in dein gleichen Zeitraum nur vou 112 auf 126 vermehrt hat. Ein neues Zvmptom für die starke Konzentrationstendenz im Bankwesen! Das sind wiederum große Zifferu, aber es sind doch verhältnismäßig geringfügige Beträge, wenn wir sie etwa mit andern Andern wie England vergleichen. Der Grund der laugsamen Entwicklung des Giro- und Abrechnungsverkehrs in Deutschland ist in der Tatsache zu suchen, daß hier das System der Kassensühruug 214 Banken nnd Börsen. Privater, namentlich seitens der privaten Banken, doch noch nicht in weiterem Umfange Wurzel zu fassen vermocht hat. Wenn wir die Beträge der Depositen anschanen, die sich in den großen deutschen Privatbanken befinden, so sind wir erstaunt über ihre Geringfügigkeit. Nach den jährlich vom „Deutscheu Ökonomist" zusammengestellten Übersichten der Hanptbilanzposten fast sämtlicher deutscher Kreditbanken (mit Ausschluß der Notenbanken) betrng die Gesamtsumme der Kontokorrent usw. Guthaben und Depositen im Jahre 190V, bei 165 Banken nicht mehr als 1706.3 Millionen Mark. Während dagegen Ende Oktober 1899 in den Miir-stook-kÄnIis von Großbritannien die Summe der Depositen sich auf 773.3 Millionen ^, also annähernd 1S^/„ Milliarden Mark; bei -loint-gtoolc- nnd Privatbankiers zusammen (1902) uach dein Loonomi8t, auf 839.9 Millionen ^ bezifferte. Will mau dieses Zurückbleiben Teutschlands auf einem so wichtigen Gebiete des Bankwesens verstehen, so wird man zur Erklärung die gerade den deutschen Banken eigentümliche Organisation überhaupt in Rücksicht ziehen müssen. Ich berühre damit — leider ließ es sich nicht ganz vermeiden, da dieser Pnnkt von wesentlicher Bedeutung sür das Verständnis der wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands ist — ein theoretisches Problem, das zu deu verzwicktesten der ganzen Volk- wirtschaftslehre gehört und liebevolles Eingehen erheischt, während ich mich in diesem Znsammenhange mit wenigen Andeutungen begnügen muß. Diejenigen Operationen, von denen bisher die Rede war nnd denen noch die Darlehngewährnng gegen Unterpfand (das Lombardgeschäft) sich zugesellt, bilden einen in sich geschlossenen Kreis von bankmäßiger Tätigkeit, sodaß man sie häufig als Bankgeschäfte im engeren Sinne bezeichnet. Wollte man versuchen, das Kriterium ihrer Abgrenzung genau auzugebeu, so würde man in Verlegenheit geraten. Deutlich wahrnehmbar ist ein solches nur bei den hauptsächlich in Frage kommenden Aktivgeschästen! dem Diskontieren von (Waren-)Wechseln uud dem Lombardieren von Waren. Hierbei handelt es sich nämlich um eine Kreditgewährung ganz bestimmter Art. Deu Kredit, der hier gewährt wird, habe ich ZirkulationS- Eigenart d. deutsch. Bank.: Verquickung d. Zirkul.- u. Produkt.-Krediterteilg. 215 kredit zu nemien vorgeschlagen, weil er im wesentlichen dazu dieut, den wirtschaftlichen Zirkulationsprozeß zu befördern. Derjenige, der einen Warenwechsel diskontieren läßt, erhält von der Bank keinen neuen Wert geliehen, sondern der ihm schon gehörige Wert erhält nur eine andere Form: die Geldsorm. Der Wechselinhaber sucht nicht Kapital (d. h. neue Fonds zur Begründung oder Erweiterung einer Unternehmung), sondern lediglich Geld. Er wünscht frühere Realisierung, sofortige Flüssigmachuug einer ihm zustehenden Forderung. Diesem normalen Aktivgeschäfte steht als normales Passivgeschäft das Depositengeschäft gegenüber, in dem nichts anderes sich vollzieht, als eine Überlassung flüssiger Mittel, die im Augenblick weder in Produktionsmitteln noch in fertigen Waren gebunden sind. Durch die Verwendung solcher momentan ungebundener Barmittel, der Depositen (die natürlich uicht notwendig die Metallgeld- oder auch nur Geldsurrogatsorm anzunehmen brauchen) zur sofortigen Realisierung später sällig werdender, aber schon vorhandener Forderungen vollzieht eine Bank also nichts weiter, als das; sie die Warenzirkulation in Gang erhält. Wollte man die Banken, die sich auf diese Tätigkeit beschränken, ihrem inneren Wesen entsprechend richtig bezeichnen, so müßte man sie Realisations- oder Zirkulationskreditbankeu nennen. Es ist angen- scheinlich, daß nur wo diese Beschränkung auf die Erteilung «nn wesentlichen) von Zirknlationskredit geübt wird, das Depositenwesen florieren kann. Es ist nun aber eben die hervorstechend charakteristische Eigenart der deutschen Banken (mit Ausnahme der Notenbanken), daß sie diese Abgrenzung ihrer Tätigkeit nie vorgenommen haben, mit andern Worten, daß sie sich (namentlich die großen nicht) niemals darauf beschränkt haben, Zirkulationskredit zu erteilen, sondern eine ihrer Hauptaufgaben gerade in der Erteilung von Prodnktions- kredit gesucht haben. Als Produktionskredit bezeichne ich denjenigen, der den einem Unternehmer zur Verfügung stehenden Wertbetrag ausweitet, also das Kapital vermehrt. Die „Banken", die solchen Kredit gewähren, die sich also direkt oder indirekt an der Begründung oder Vergrößerung kapitalistischer Unternehmungen beteiligen, müßte man Produktionskreditbankeu nennen, während sie heute unter ver- 216 Banken und Börsen. schiedener Bezeichnung als Effektenbankeu, Kreditmobilierbanken, Kreditbanken im engeren Sinne, Finanzgesellschaften usw. bekannt sind. Solcher Art sind nun aber, wie gesagt, fast alle deutschen Banken, namentlich die großen, oder wenigstens sie tragen diesen Charakter als Produktionskreditbanken auch. Der Mittel und Wege, Produktionskredit zu gewahren, gibt es wie man weiß, viele. Die Form ist häufig dieselbe wie bei sonstiger Kreditgewährung, weshalb denn die Unterschiedlichkeit oft gar nicht beachtet wird. Die Kredite können gewährt werden gegen persönliche oder sachliche Garantien, kommen aber auch häufig als Blankokredite vor. Dabei pflegen die Größe uud Bedeutung der Banken mit der Größe und Bedeutung der durch Kredit unterstützten Handels- oder Judustrieunternehmungeu parallel zu gehen: die großen Banken interessieren sich für die großen Unternehmungen, die mittleren Institute, namentlich auch die leistungsfähigeren Privatbankiers für die mittleren Unternehmungen. Während für die niedrigste noch gerade kreditwürdige Schicht des kommerziellen und gewerblichen Unternehmertums, für die Kategorie der klein- kapitalistischen Unternehmer wie ich sie nenne, eine Kreditgewährung auf genossenschaftlichem Boden sich als die geeignetste Form erwiesen hat. Damit habe ich Gelegenheit gehabt, die namentlich durch die unermüdliche Tätigkeit des Patrimonal- richters Schulze aus Delitzsch seit 18S0 zur Ausbreitung gelangten „Vorschußvereine" uud „Volksbanken" wenigstens zu erwähnen. Sie bilden hente zweisellos einen wichtigen organischen Bestandteil des deutschen Kreditsystems, namentlich auch als Dis- kontobanken, sollten jedoch in ihrer Bedeutung für das gesamte Wirtschaftsleben nicht (wie es oft genug geschieht) überschätzt werden. Wenn die im „Allgemeinen Verband der deutschen Erwerbs- und Wirtschaftsgenvssenschaften" vereinigten 927 Kreditgenossenschaften im Jahre 1893 Kredite aller Art im Betrage von 2 Milliarden Mark gewährten, so ist dies gewiß eine beachtenswerte Leistung. Es tut aber gut, sich zu erinnern, daß die einzige „Deutsche Bank" ein Wechselkontv von 8 Milliarden Mark ausweist, und Kontokorrente in Höhe von 7 Milliarden Mark je aus der Debet- und Kreditseite durch ihre Bücher laufen läßt. So weit der geuvsseu- Die Banken als Finanzgesellschaftcn. 217 schastliche Kredit von dem Bauerntum iu den ländlichen Darlehus- kasseu genutzt wird (in welchem Falle er eine ganz besondere Bedeutung erhält) komme ich auf ihn im 13, Kapitel noch einmal zu sprechen. Eine mehr und mehr beliebte Form der Gewährung von Produktionskredit ist iu den letzten Jahren der Akzeptkredit geworden. Dieser besteht darin, daß eine Bank ihren Kunden nicht Bargeld oder Noten als Darlehn gibt, sondern von ihnen gezogene Wechsel akzeptiert. Vermittels solcher Bank- oder Finanzwechsel sind namentlich aus dem Auslande beträchtliche Fonds dem deutschen Unternehmertum zugeflossen. Die Ausweise der Bauken belehren über die wachsende Bedeutung der Akzepte. Nach den schon zitierten Zusammenstellungen betrug die Summe der Akzepte bei den deutschen „Kreditbanken" im Jahre 1889 erst 516.0 Millionen Mark, 1900 dagegen 1294.2 Millionen Mark. Diesem Interesse der Banken und Bankiers für die produktive wirtschaftliche Tätigkeit, so hinderlich es für die Entwicklung mancher Zweige des eigentlichen Bankgeschäftes gewesen sein mag, ist zweifellos ein gnter Anteil an dem Aufschwung des deutschen Wirtschaftslebens zuzuschreiben. Die Banken sind in Deutschland geradezu Beförderer des Unternehmungsgeistes geworden, Schrittmacher für Industrie nnd Handel. Aber sie sind vielfach dabei noch nicht einmal stehen geblieben. Sie sind mit einem beträchtlichen Teil ihres Vermögens selbst zu industriellen oder kommerziellen Unternehmern geworden. Es ist mit Recht öfters darauf hiugewiesen worden, daß ein großer Teil der Vornahmen, die heute die wesentliche Tätigkeit unserer Banken und Bankiers ausmachen, überhaupt gar keine Kreditgeschäfte (geschweige denn Bankgeschäste im engeren Sinne) mehr sind. In der Tat kann man es uuter keiner Form als Kreditgewährung konstruieren, wenn eine Bank mit ihrem Stammkapital Eisenbahnen baut oder elektrische Anlagen einrichtet. Sie tritt dann vielmehr als eine Transport- oder gewerbliche Unternehmerin aus. Was sich heute gerade wiederum in Deutschland so häusig vollzieht, die „Finanziierung" irgend welcher produktiven Unternehmungen durch die Banken, ist nichts anderes als ein 218 Banken und Börsen. Zumptom für die fortschreitende Kapitalkonzentrativn im Gebiete des Transports, der Industrie und des Handels, die nur zufällig von den Banken oder den Bankiers ausgeht, weil hier die stärkste Ansammlung von Geldvermögen erfolgt ist. Leider besitzen wir keinerlei ziffernmäßigen Anhalt, um den Stärkegrad dieser eben gekennzeichneten Entwicklungstendenz zu ermessen. Die Angaben, die die Bankausweise über die Höhe des Konsortial- oder Effektenkontos enthalten lganz abgesehen davon, daß sie sich immer nur auf Aktien- und ähnliche Gesellschaften beziehen, während es gerade die Privatbankiers sind, die in wachsendem Umfange kommerzielle oder industrielle Unternehmer werden), geben deshalb nicht vollen Aufschluß, weil sie diejenigen Beträge vvn Wertpapieren mitenthalten, mit deneu die Bank entweder nur spekuliert oder die sie nur emittiert, also nnr als Kommissivuärin in ihrem Besitze hat, während umgekehrt Beteiligungen an produktiven Unternehmungen auch im Tebitorenkonto gebucht sein können. Immerhin verdienen die Ziffern, die die Entwicklung des Effekten-Konsortial- kontos zum Ausdruck bringen, auch an dieser Stelle Beachtung. So sind bei deu elf großen Berliner Banken allein seit 1897 bis zum Jahrhnndertschluß die Bestände dieses Kontos von 292.1 Mill. Mark auf 417.5 Millionen Mark angewachsen, die sich aus die einzelnen Banken wie solgt verteilen: Diskontogesellschast 63.9, Teutsche Bank 73.5, Dresdner Bank 70.4, Tarmstädter Bank 44.5, Berliner Handelsgesellschaft 35.1, Schaaffhauseuer Bankverein 48.5, Nationalbank 26.9, Mitteldeutsche Kreditbank 10.5, Breslauer Diskontobank 21.2, Deutsche Genossenschaftsbank 4.0, Berliner Bank 19.0, nämlich Millionen Mark. Will man in diesen Fällen eigener Unternehmerschaft überhaupt noch von Banken reden, so könnte man derartige Geschäfte Produktionsbanken nennen. Man weiß ja aber, daß die deutschen Banken überhaupt keine reinliche Scheidung vornehmen zwischen den verschiedene!? Berweudungen, denen ein großes Geldreservoir dienen kann. Deshalb wird auch jede zusammeusassende oder trennende Bezeichnung verfehlt sein müssen. Klar ist nur die Heterogeuität der verschiedenen Geschästsarten, zu denen wir nun endlich noch eine hinzuzufügen haben, die recht eigentlich den Mittelpunkt der Tätig- Begriff und Entstehung der Effekten. 219 keit vieler Banken und Bankiers bildet, das ist das, was man in einem weiteren Sinne den Effektenhandel nennen kann. Um diesen jedoch in seiner ganzen Bedeutung, die er heutzutage für das Bankgeschäft besitzt, ermessen zn können, ist es nötig, uns über Wesen nnd Umfang des sogenannten Kapital- oder Effektenmarktes im allgemeinen einige Kenntnis zu verschaffen. Um eine deutliche Vorstellung von dem kunstvollen Mechanismus eiuer großen deutschen Bank an der Jahrhundertswende zu geben, bringe ich in der Anlage 6 den Jahresbericht der Dresdener Bank für 1900 auszugsweise zum Abdruck. Ich wähle gerade diese Bank, nicht etwa, weil ich Mitglied des Aufsichtsrat5 bin oder sonst ein besonderes Interesse gerade für dieses Unternehmen hätte, sondern weil mir die Anordnung des Stoffs am übersichtlichsten erscheint. Im großen ganzen ist die Struktur aller Großbanken Deutschlands dieselbe wie die der Dresdener Bank. II. Der Effektenmarkt. Unter Effekten oder Fonds versteht man im wesentlichen vertretbare Wertpapiere, zu Vermögensbezügen berechtigende Rechts- urkunden, die nicht ein Rechtsverhältnis zwischen bestimmten Personen begründen, sondern nur ein folches zwischen dem zufällige» Inhaber des Titels und einer dritten Person, weshalb der Jurist sie als Jnhaberpapiere, t-itres an purteur zu bezeichnen Pflegt. Sie sind, zumal in Deutschland, mit verschwindenden Anonahmen erst im neunzehnten Jahrhundert in Ubnng gekommen und sind der Ausdruck eines Entwicklungsprozesses von tiefgehender Bedeutung, den die wirtschaftlichen Abhängigkeitsverhältnisse während dieses Zeitraums durchgemacht haben. Es handelt sich, wie ersichtlich, darum, daß auch die Vertragsverhältnisse, die die Geldbesitzer anteilsberechtigt ans die Wertbezüge aus ihrem Vermvgensbesitz machen, eine Versachlichnng erfahren haben; daß an die Stelle qualitativ gefärbter persönlicher Beziehungen das unpersönliche, weil rein quantitative Geldverhältnis getreten ist. Es sind also ganz analoge Vorgänge zu den Wandlungen, die wir in dem Verhältnis des Menschen zur . v<>>"' 220 Bauken und Börsen. Natur, sei eo des theoretischen in den Naturwissenschaften, sei es des praktischen in der Technik, ebenso wie in der gesamten wirtschaftlichen Organisation beobachtet haben. Die Erinnerung an die wichtigsten Beispiele wird dein Leser verdeutlichen, was ich meine. Als die Fürsten oder sonstige Vertreter öffentlicher Interessen zuerst sich die ihnen fehlenden Geldmittel auf dem Wege der Anleihe zu beschaffen suchten, schlössen sie mit einer oder einigen bestimmten Personen einen ganz individuell gefärbten Darlehnsvertrag ab. Und auch die Anleihen der Staaten oder Städte tragen ursprünglich durchaus den Charakter privater Schuldverhältnisse; gekennzeichnet vor allein durch das beiden Vertragschließenden zustehende Kündignngs- recht. In dem Maße, wie die „Anleihen" zu organischen Bestandteilen der modernen Staatswirtschaft wurden, mußte das Kündigungsrecht des Gläubigers für den Staat zu einer unerträglichen Fessel, ja geradezu einer Gefahr für seineu Bestand sich gestalten. So wnrde im Laufe der Zeit das beliebige, schließlich jedes Kündigungsrecht des Gläubigers beseitigt. Das hätte aber eine empfindliche Beschränkung des Kredits für den geldsuchenden Staat bedeutet, wenn es keinen Ausweg gegeben hätte, um die dauernde Festlegung einer Wertsumme in der Anleihe, die für den Geldgeber ein Wegfall seines Küudigungsrechtes bewirkt haben würde, zu verhindern. Der Ausweg fand sich. Man immobilisierte zwar das Anleiheverhältnis, aber man mobilisierte die Beziehungen der Staatsgläubiger, indem man die Titel der öffentlichen Anleihe zu Jn- haberpapiereu machte, d. h. jedermann, der sie von dem ersten Besitzer erwarb, mit gleichen Rechten gegenüber dem Staate ausstattete, wie den ursprünglichen Geldgeber. Der Staat kontrahierte seine Schuld nicht mehr mit dem betanuten ^. oder L, sondern mit einer unbekauuten Menge, deren Zusammensetzung täglich wechselte nnd die zu dem geldsuchenden Staate nur noch in das durch die Rechtsurkunde, in deren Besitz sie sich befand, vermittelte, also reiu sachliche Verhältnis der Zinsberechtigung eintrat. Damit war die erste große Kategorie der modernen Effekten geschaffein die Schuldverschreibungen öffentlicher Körper. Ein ganz ähnlicher Vorgang, wie er hier zn den moderneu Hauptarten der Effekten. 221 Auleihetitelu der Staaten oder Kommunen führt, hat dann den Pfandbrief geschaffen. Auch er soll dazu dienen, dem geldbedür- feudeu Grund- nnd Hausbesitzer Mittel zur Verfügung zu stellen, deren Verabreichung nicht mit dem Odium der beliebigen Kündigung behastet ist (wie iu den meisten Fällen die Privathypothek)! er soll ferner den Kreis der geldgebenden Personen ausweiten helfen dadurch, daß er (zumal wenu er durch halböffentliche Institute wie die preußischen Landschaften vermittelt wird) eine größere Kreditwürdigkeit als die Einzelhypothek erlangt und durch seine leichte Verkäuf- lichkeit und seine Zerteilung in kleine Beträge mehr Leuten die Erwerbung ermöglicht. Was seiue Eiubürgerung im Gefolge hat, ist aber offenbar wiederum jene Entseelung des Vertragsverhältnisses zwischen Grundbesitzer und Geldleiher, das svlange einen persönlichen Zug behält, als es zwischen zwei lebendigen Menschen für einen konkreten Fall zum Abschluß gelangt. Der Ausgabe von Pfandbriefen widmen sich außer den schon erwähnten halböffentlichen Instituten, den Landschaften, die auf kapitalistischer Basis ruheudeu Hypothekenbanken. Während die Landschaften, deren es jetzt in Preußen 17, außerhalb Preußens 3 gibt, wie ich an einer anderen Stelle bereits erwähnte, fast sämtlich schon im achtzehnten Jahrhundert ins Leben getreten sind (die älteste ist die schlesische L., deren Reglement vom 9. Juli 1770 datiert), fällt die Gründung sämtlicher heute bestehenden Hypothekenbanken in die zweite Hälfte des neunzehnte,? Jahrhunderts. Der größere Teil (29 von insgesamt 40) ist nach 1870 entstanden. Von den heute vorhandenen 40 Hypothekenbanken, die nach den Zusammenstellungen Hechts über ein eingezahltes Aktienkapital von S54.3 Millionen Mark verfügen, haben 36 das Recht zur Ausgabe von Jnhaberpfandbriefen; von diesen entfallen 11 auf Preußen, 7 auf Bayern, 2 ans Württemberg, 3 auf Sachsen, 13 auf die übrigeu deutschen Staaten. Während die Landschaften nur landwirtschaftlich genutzte Grundstücke beleihen, erstreckt sich die Tätigkeit der meisten Hypothekenbanken gleichermaßen auf städtische wie auf ländliche Grundstücke. Ganz besonders deutlich aber tritt die Tendenz zur Versachlichung ehemals Persönlicher Bezichuugeu zu Tage bei der dritteu 2^ Banken und Börsen. Kategorie moderner Effekten: den Aktien und Obligationen kapitalistischer Unternehmungen. Wo ehedem der Einzelunternehmer allein Leiter, Organisator und Anteilsberechtigter gewesen war, erscheint jetzt die völlig unpersönliche Schar der zufälligen Inhaber von Aktien oder Obligationen. Das kapitalistische Verhältnis, das, wie wir wissen, seiner Natur nach zur UnPersönlichkeit drängt, kommt somit in der modernen Aktiengesellschast am reinsten und folgerichtigsten zum Ausdruck. Es fragt sich, ob wir diese Tendenz zur Versachlichung ökonomischer Anteilsberechtigungeu, wie sie in den bezeichneten drei Richtungen sich in der neueren Zeit immer stärker fühlbar gemacht hat, zisfermäßig zu ersassen, d. h. also ob wir die Wertbeträge der solchermaßeu entstandeneu unpersönlichen Bezugs rechte mit einiger Zuverlässigkeit festzustellen vermögen. An Versuchen, derartige Feststellungen zu machen, sehlt es nicht. Leider geben sie alle von der Wirklichkeit mir eine ganz ungefähre Vorstellung. Immerhin mögen hier einige der Hauptziffern, die uns einen Anhalt zur Beurteilung der tatsächlichen Verhältnisse zu bietcu vermögen, Platz finden. Vgl. hierzu die Anlagen 7 bis 11. Für den Anfang der 1890er Jahre bezifferte Schmoller das in Effekten angelegte Vermögen der preußischen Staatsangehörigen auf 16—20 Milliarden Mark, das wäre etwa ein Viertel des privaten preußischen „Kapitalvermögens". Davon dürste ein Drittel aus Pfandbriefe, etwa die Hälfte ans öffentliche Schuldverschreibuugen und eiu Sechstel auf Aktien entfallen. Angesichts des großen wirtschaftlichen Aufschwungs der letzten Jahre werden wir die von Schmoller angenommenen Beträge getrost um 20—2ö°/g höher für den Schluß des Jahrhunderts ansetzen dürfen, wofür die folgende Berechuung einige Anhaltspuukte enthält. An Pfandbriefen der Landschaften liefen nach Hermes (1897) für 2371 Millionen Mark, an Pfandbriefen deutscher Hypothekenbanken (1900 nach dem D.-Ök.) sür 6S04.4 Millionen Mark um, davon nnr ein kleiner Betrag auf deu Namen lautende Pfandbriefe: das wären zusammen rund für 8—9 Milliarden Mark hypothekarisch gesicherte Effekten. Die Höhe der Staats- Effektenstatistik, 223 schulden des Reichs und der Bundesstaaten bezifferte sich mich Juraschek im Jahre 1899 bezw. 1900 aus rund 12«68 Millionen Mark, diejenige der 52 größten Städte Deutschlands (nach dem Jahrbuch deutscher Städte) im Jahre 1898 ans 1460 Millionen Mark, das ergäbe zusammen mehr als 14 Milliarden staatlicher und städtischer Effekten. Insbesondere aber ist gerade in den letzten Jahrzehnten in wachsendem Umfange die Kapitalinvestierung in gewinnbringenden Unternehmungen eine börsenmäßige geworden, d. h, hat sich die Form der „unpersönlichen" Unternehmung, die Aktiengesellschaft entwickelt. Genau sind wir über den heutigen Stand des Aktienwesens in Deutschland nicht unterrichtet. Jmmerhiu können wir uns eine annähernd richtige Vorstellung von seiner Bedeutung ans Grund des vorliegenden Ziffernmaterials bilden. Nach den Berechnungen Christians bestanden im Jahre 1883 in Deutschland 1311 Aktiengesellschaften mit insgesamt 3910.2 Millionen Mark Kapital. Bis 1891/92 war ihre Zahl auf 2985, die Höhe des Kapitals auf 5642.5 Millionen Mark angewachsen. Um den heutigen Stand der Dinge festzustellen, müssen wir uns der Ziffern bedienen, die wir über die Gründung neuer Aktieugesellschasteu besitzen. Deren trateu von 1893 bis 1900 noch 1768 ins Leben mit einem Kapital von 2413.7 Millionen Mark. Nun ergibt sicher nicht die Addierung der Statuszisferu vou 1891/92 und dieser letzteren Beträge den genauen Stand des Jahres 1900 (manche Aktiengesellschaften haben inzwischen liquidiert, audere bestehende sind erweitert, das Obligationentapital ist gewachsen usw.) Sicher aber wird man eher zu niedrig als zu hoch greisen, wenn man für den Schluß des Jahrhunderts die Summen jener beiden Ziffern als Ausdruck des bestehenden Zustands annimmt. Danach würden im Jahre 1900 in Deutschland 4753 Aktiengesellschaften mit einem Kapital von rund 8 Milliarden Mark existiert haben. Daß diese Ziffern in der Tat hinter der Wirklichkeit zurückbleiben, ergibt die Zusammenstellung der bestehende» Aktiengesellschaften im „Handbuch der deutschen A.-G.", das für 1900/1901 „ca. 5500" Aktiengesellschaften auszählt, leider ohne die von diesen Gesellschasteu dargestellte Kapitalsumme zu berechnen. 224 Banken und Börsen. Immerhin werden wir diese mit 9 Milliarden Mark nicht zu hoch veranschlagen. Im ganzen ergäbe sich also ein Betrag von 31—32 Milliarden Mark, den die in Deutschland emittierten Effekten heute darstellten. Dieser ist nnn natürlich wiederum nicht ideutisch mit dein Betrage der in deutschem Besitze befindlichen oder an deutschen Börsen ge- handelten Effekten. Zahlreiche deutsche Werte besitzen Ausländer, aber in sicher viel größerein Umsange besitzen Deutsche sremde Werte: Für den Anfang der 1890 er Jahre schätzte man diesen Betrag bereits auf 10 Milliarde!? Mark, heute ist er sicher viel höher. Vielleicht beträgt der Überschuß der iu deutschen Händen befindlichen fremden Werte über die von Ausländern besessenen deutschen Werte bereits so viel, daß wir für den Schluß des Jahrhunderts den in deutschen Händen überhaupt befindlichen Effektenbesitz ans 40 Milliarden wohl nicht zu hoch veranschlagen. Der Betrag der an deutschen Börsen gehandelten Papiere ist naturgemäß noch größer. Es ist nnn leicht begreiflich, daß sich sür die solcherart rasch entstehenden Effekten, deren Leben damit beginnt, einer möglichst großen Anzahl von Reflektanten zugeführt zu werden, deren weiterer Lebenslanf oft genug durch Wanderuug von Eigentümer zu Eigentümer ausgefüllt ist, die also ihrer innersten Natur nach auf das Commercium angewiesen sind, denn sie verfehlen ihren Lebenszweck, wenn sie nicht gekauft und verkaust werden: daß sür solcherart ideale Handelsobjekte sich sehr bald ein besonderer, der Eigenart deS ueueu Artikels Rechnung tragender Markt entwickelte. Dieser Markt, auf dem Effekten gehandelt werden, heißt, wie man weiß, im gewöhnlichen Sprachgebrauch die Fonds- oder Effektenbörse. Ihre Entwicklnng in Deutschland gehört fast vollständig dem neunzehnten Jahrhundert an. Was wir auS dessen ersten Jahrzehnten erfahren, läßt aus nur ganz geringe Ansätze zu einem regelmäßigen Effektenmärkte an der Berliner und Frankfurter Börse schließen. Hier wurden im wesentlichen nnr einige Kurse von Wechseln nnd Geldsorten notiert, zu denen seit den 1820 er Jahren die Notierungen der von Städten und Provinzen ausgegebenen Wachsende Bedeutung der Effektenbörsen, namentlich der Berliner. ^,'> Kreditpapiere, sowie einiger exotischer Staatsanleihen, wie der spanischen, hinzutraten. Daß in letzteren ein reger Verkehr stattgefunden hat, dürfen wir aus dem Erlaß zweier Preußischer Ordnungen von 1836 und 1840 schließen, die ein Verbot von Zeitgeschästen erst in spanischen, dann in allen fremden Papieren aussprachen. Aber einen bedeutenden Aufschwung nahm der Geschäftsverkehr an den deutschen Effektenbörsen doch erst seit dem Beginn der Eisenbahnära, d. h. mit dem Eintritt der Eiseitbahnwerte in den Börsenhandel. Seltsam: jedesmal wenn eine solche neue Epoche für die Effektenbörse anbricht, fühlt sich (wenigstens in Preußen) auch die Staatsgewalt veranlaßt, ihre warnende stimme zu erheben und irgend ein Verbot zu erlassen. So wurde durch Regkemeut vom 25. Mai 1844 das Termingeschäft in Eifenbahnwerten untersagt. ^ Die rasche Entfaltung des Kapitalismus während der zweiten Hälfte deS neunzehnten Jahrhunderts führt dann der Effektenbörse in immer beträchtlicheren Mengen neue Werte zu, von deren Beträgen ich dem Leser bereits eine ziffernmäßige Vorstellung zu vermitteln versucht habe. Am klarsten tritt die zunehmende Bedeutung der Effektenbörse in den rasch anschwellenden Kursberichten der großeu Plätze in die Erscheinung. So wurdeu an der Berliner Börse am 31. Dezember 1870 erst 359 Werte notiert, dagegen am 31. Dezember 1900 die fünffache Anzahl, nämlich 1808. Wie sich diese Zunahme auf die einzelnen Gruppen verteilt, ersieht der Leser aus der in Anlage 7 mitgeteilten Tabelle. Gleichzeitig mit der AuSweituug des Effektenmarktes vollzieht sich in Deutschland eine Verlegung des Schwergewichts des Börsenverkehrs nach Berlin Noch bis in die Mitte des Jahrhunderts war Frankfurt a. M. der bedeutendere Platz gewesen. Jetzt wird es von Berlin um ein Vielfaches überragt. Frankfurt, das, abgesehen vou seiuer Proviuzialen Lage auch dadurch ins Hintertreffen gekommen ist, daß sich in seiner Bankorganisation der Übergang zur großen Aktienbank keineswegs so allgemein vollzogen hat wie in Berlin, muß sich heute im wesentlichen damit begnügen, den Mittelpunkt für den Börsenverkehr in westdeutschen Jndustriewerten zu bilden, und Sombart, Volkswirtschaft. 15 226 Banken und Börsen. hat jedenfalls aufgehört, vvn internationaler Bedeutung zu sein. Frankflirt nimmt jetzt eine Mittelstellung zwischen Berlin und den übrigen großen Provinzbörsen ein, deren Deutschland etwa ein halbes Dutzend besitzt: Hamburg, Dresden, Leipzig, München, Köln, Breslau. Ziffernmäßig kommt die sehr abgestufte Bedeutung der deutschen Börsen annähernd znm Ausdruck iu der Zahl der bei ihnen zum Börsenhandel zugelasseneu Wertpapiere. Diese betrug nach der amtlichen Statistik für die Jahre von 1897 bis 1899 iu Berlin annähernd 700 (698), dagegen schon in Frank- surt a. M, nur mehr drei Siebentel dieser Ziffer (301). Dann kommt wieder eiu beträchtlicher Abstand, in dem Hamburg und Dresden mit je 133 und 125 Zulassungen folgen. Die übrigen Börsen bleiben mit der Zahl ihrer Wertpapiere unter Hundert: Leipzig erreicht 93, München 80, Köln 62, Breslau 61; der Rest erreicht fünfzig nicht mehr und endigt schließlich (bei Stettin) mit 0. Es sind die Börsen von Bremen (42), Mannheim (23), Stuttgart (18), Augsburg (10), Essen (10), Düsseldorf (4), Königsberg (5), Stettin (0). Über die Organisation der deutscheu Effektenbörsen und ihre Entwicklung im neunzehnten Jahrhundert ist wenig zu bemerken. Sie sind im wesentlichen noch heute, was sie in den Anfängen waren: öffentliche Märkte, und unterscheiden sich dadurch scharf vou den englischen nnd amerikanischen Börsen, die vielmehr Privatvereinignngen sind. Vielleicht, daß die neuerdings (durch das Börsengesetz vom 22. Juni 1896) eingeführte Staatsaufsicht die Teudenz hat, die Umwandlung in geschlossene Körperschaften zu beförderu. Dagegen müssen wir uns uuu noch etwas genauer das Getriebe ansehen, das auf den Effektenbörsen herrscht, müssen versuchen, aus dem betäubenden Stimmengewirr, das dem Galeriebesncher aus einem vollen Börsensaale entgegendringt, die Harmonien herauszu- hörcu, die diese bunte Welt beherrschen. Der Akt, dnrch den ein neues „Effekt" zum Leben erwacht, heißt Emission. Hebammendienste leisten dabei die größeren Bankhäuser, ohne die es heute für eiu Wertpapier kaum mehr möglich ist, iu die geheiligten Hallen der Börse einzutreten: es mag sich Das Emisswnsgeschäft, 227 um die Unterbringung von Anleihen, von Jndnstrievbligationen, Aktien oder sonst etwas handeln. Es ist wiederum eine deutsche Eigenart, auf die ich in dem Abschnitt von den Banken schon hingewiesen habe, daß das Emissionsgeschäft nicht von bestimmten Spezialinstitnten (wie in England), sondern von samtlichen sogenannten Kreditbanken und Bankiers betrieben wird, ganz gleich, was diese sonst für Funktionen ausüben. Daß es sich bei der Emission von Wertpapieren ganz und gar nicht um dasjenige handelt, was man im engeren Sinne Bankgeschäfte nennt, ist klar. Was hierbei die Bank leistet, ist vielmehr eine reine Ver- mittlungsfunktion zwischen Geldsucher und Geldgeber. Aber uicht um eine bankmüßige Vermittlung handelt es sich, wie sie in der Pereinigung von Depositen- und Wechseldiskontgeschäft erfolgt, wo die Bank selbst Schuldnerin des einen Teils, Gläubigerin des andern wird. Vielmehr beabsichtigt die Bank bei der Emittierung von Werten ganz und gar nicht in ein Kreditverhältnis zu treten. Se erachtet es vielmehr als ein Mißlingen des Geschäfts, wenn sie etwa genötigt ist, die betreffenden Effekten, deren Emittieruug sie übernommen hat, längere Zeit oder gar dauernd in ihrem Portefeuille zu behalten. Es unterscheidet sich also das Emissions- geschäst ebenso scharf von dein Gründungs- vder BeteilignngS- geschäft der Banken. Was nun an dem Emissionsgeschäft volkswirtschaftlich vor allem interessiert, ist nicht eigentlich seine Bedeutung für den Produktionsprozeß als vielmehr diejenige für den Verteiluugsprozeß des Nationalreichtums. Allerdings wird nicht zu leugnen sein, -daß dank der Vermittlerrolle, die potente Bankhäuser bei der Geldbeschaffung spielen, eine intensivere Befruchtung der Produktions- unternehmnngen mit Kapital stattfindet, als es bei einem direkten Verkehr zwischen diesen nnd dem Geld besitzenden Publikum der Fall sein würde; denn es ist wohl richtig, daß, namentlich wenn die Banken an der Emission von Aktien uud Obligationen interessiert sind, wie in Deutschland, viele Spargelder des Laienpublikums der Industrie und dem Handel zugeführt werden, die sonst ihre Anlage in Staatspapieren oder sonstwie finden würden: ist doch der größte Teil der Bankklientel Wachs in den Händen 15* 228 Banken und Börsen. des gewandten Beraters hinter dem Ladentische der Vankstnbe. Weit bedeutsamer aber als diese Tatsache ist der andere Umstand: daß dnrch das Dazwischentreten der Banken eine sehr merkliche Beeinflussung des Anteilsverhültnisses an den Erträgnissen der nationalen Produktion erfolgt. Dadurch nämlich, daß gerade bei den Emissionsgeschäften anerkanntermaßen am meisten „verdient" wird, gelangt ein beträchtlicher und zwar wachsender Anteil des Nationaleinkommens in die Hände der Hochfinanz oder derjenigen Kreise, die ihr nahe stehen. Es zeugt von kindlichen Borstellungen, wenn man angenommen hat, der Übergang zur gesellschaftlichen Forin der Unternehmungen wirke „demokratisierend" auf den Reichtum. Das Gegenteil trifft zu. Je mehr durch die Loslösung des Kapitals von der Person eines individuellen Unternehmers die Kapitalbeschaffung durch Vermittlung der Börse bezw. der Banken erfolgt, desto mehr konzentriert sich der Bezug sagen wir einmal des „Mehrwerts" in wenigen Händen, oder besser ausgedrückt! desto leichter schöpfen kapitalkräftige Personen die Sahne von den Erträgnissen der nationalen Produktion ab: mag sich dann vielleicht auch die übrig bleibende Schlippermilch unter mehr Münder verteilen. Diese Tendenz zur Überführung eines wachsenden Anteils am Nationaleinkommen in die Hände der Finanz- und Börsenkreise ist dann aber für die gesamte Gestaltung des sozialen Lebens eines Landes von größter Tragweite. Sie ist vor allem dadurch bedeutsam, daß sie recht eigentlich die Großstadtbildnng in unsrer Zeit befördert, sofern die großen Städte (wie ich in meinem Kapitalismus näher ausgeführt habe) immer mehr zu Konsumtiouszentren sich aufwachsen, in denen die Mehrwerte des ganzen Landes zum Verzehr gelangen. Aber das gehört hier noch nicht her. Um welche Betrüge es sich dabei handelt, die auf dem Wege zwischen dem Geld gebenden Publikum und den Kapital suchenden Unternehmungen oder Anleihe bedürfenden Staaten und Städten an den emittierenden Häusern und ihren Hintermännern Hüngen bleiben, lüßt sich natürlich ziffernmäßig genau uicht feststellen. Einigen Anhalt gewährt immerhin das Agio, mit dem die Werte namentlich in Aufschwuugszeiten auf den Markt gebracht werden. Bedeutung d. Emissivnsgeschäfts f. d. Verteilung d. Volkseinkommens. 229 Gewiß stießt das Agio nicht seinem vollem Betrage nach den Bankkonsortien zu, welche das Papier herausbringen. Einen Teil davon erhalten die Besitzer der alten Aktien, wenn es sich um Erweiterungen oder dergleichen handelt, oder die ehemaligen Geschäftsinhaber bei Umwandlungen privater Unternehmungen in Aktiengesellschaften. Aber der Löwenanteil dürfte doch den Emissionshäusern zufallen, und das sind ganz gewaltige Summen, über deren Höhe die in Anlage 8 mitgeteilten Ziffern einen ungefähren Begriff geben. Daraus ersieht der Leser, daß iu dem Jahrzehnt von 1891 bis 1900 über eine Milliarde Mark (1028.6 Millionen) an Agio allein an den deutscheu Jndustrienktien „verdient" worden ist: davon in den letzten vier Jahren über vier Fünftel (846.8 Millionen Mark). Interessant ist auch der Vergleich zwischen dem Agio der Jndustriepapiere und demjenigen der Bankaktien. Letzteres ist wenigstens in den Perioden wirtschaftlichen Aufschwungs erheblich geringer. Natürlich: denn der Gewinn der Banken am Agio ihrer eigenen Aktien würde ja in sehr vielen Fällen aus der einen Tasche genommen sein, um in die andre zu wandern. Darf mau vielleicht annehmen, daß die Differenz zwischen dem Agio der Jndustriepapiere uud demjenigen der Bankaktien denjenigen Betrag darstelle, der bei den Emissionen von den emittierenden Konsortien einbehalten wird? Das würde in den Jahren von 1897 bis 1900 etwa die Hälfte des Agios sein, mit dem die Jndustrieaktien aufgelegt siud. Das weitere Lebensschicksal des Effekts, nachdem es das Zwielicht der Börse erblickt hat, d. h. „emittiert" ist, gleichzeitig aus dem kommerziellen Standesamt eingetragen und als vollbürtiger Bürger durch Zulassung zur Kursnotiz anerkannt ist, kann sich dann recht verschieden gestalten: sehr ruhig oder sehr bewegt können seine Tage dahinrollen. Wenn es ihm etwa glückt, im Geldschrank des satten Rentiers oder in dem Ledertäschchen der hungrigen Witwe Unterkunst zu finden, die nur nach einem „Anlagepapier" Umschan gehalten hatten und nun, nachdem sie es erworben, sich nur noch mit dem Kouponschneiden abmühen, so kann es kommen, daß unser Effekt erst wieder ans Tageslicht gezogen wird, wenn die Erben der ersten Besitzer ihren Teil zu barem Gelde macheu 230 Banken nnd Börsen. wollen und das Papier verkaufen. Obgleich auch im Falle des Erbgangs natürlich keineswegs notwendig eine Veräußerung stattzufinden braucht. Hat man aber an unserm Effekt gleich bei seiner Geburt etwa eine stark nervöse Veranlagung wahrgenommen, das heißt die Fähigkeit, im Kurs leicht zu schwanken, weil eS vielleicht Bezugsrechte auf sehr wechselnde Erträge verbrieft, so kann ein ganz anderes Schicksal seiner harren: es kann rastlos von Hand zn Hand wandern, unausgesetzt verkauft und gekauft und wieder verkaust werden. Alle Tage womöglich. Solche fliegenden Holländer nennt man dann Spekulationspapiere. Zwischen diesen beiden Extremen gibt es natürlich unendlich viele Abstufungeu. Man hat wohl zwischen einem „Handel" und einer „Spekulation" in Wertpapieren unterschieden, indem man beim Handel als die leitende Absicht die Deckung eines Bedarfs, bei der Spekulativ!: dagegen lediglich die Erzielung einer den Vertragschließenden vorteilhaften Differenz zwischen dem Einkaufs- und dem Verkaufspreise ansieht. Doch wird sich ein solcher Unterschied schwer in der Praxis mit Sicherheit feststellen lassen. Beide Geschäftsarten gehen ineinander über. Man kann auch nicht sagen, daß die Kassageschäste nur dem Handel, die Zeitgeschäfte nur der Spekulation dienen. Es kann sehr wohl auch die Spekulation sich der Kassageschäfte bedienen (was z. B. an den amerikanischen Börsen die Regel bildet), und Zeitgeschäfte können zum Zweck vorteilhaften Erwerbs von Anlagepapieren abgeschlossen werden. Diejenigen Papiere, die auf Termin gehandelt werden, bilden an jeder Börse nur einen kleinen Bruchteil der sämtlichen Werte. Zur Zeit der Börsenenanete (Anfang der 1890 er Jahre) waren es in Berlin nur 73'von etwa 1400; an der Frankfurter Börse 85, au der Hamburger 44, an der Münchener 8. Sicherlich aber wird mit viel mehr Papieren „spekuliert", weun mau darunter nur den Abschluß von Geschäften versteht, deren Zweck es ist, aus einer zn- künftigen Knrsändernng Gewinn zu ziehen. Eher kann man Perioden mit mehr oder weniger spekulativen Neigungen unterscheiden. In Zeiten der Hausse wird namentlich anch in den Kreisen des sogenannten „Publikums" die Lust am Difserenzgewinn größer sein, und die Geschäfte in Wertpapieren Der Handel in Wertpapieren. 231 werden sich mehren, die lediglich auf diesen abzielen. Es ist dieses eine volkswirtschaftlich sehr bedeutsame Erscheinung, weil sie wiederum von großem Eiufluß auf die Verteilung des Nationaleinkommens ist. Man wird wohl mit einiger Sicherheit behaupten können, das; die Kauflust der großen Masse auch minder wohlhabender Kreise in dem Maße zunimmt, wie die Kurse steigen. Ich glaube, daß namentlich bei Industrie- uud ähnlichen Papieren die Erwerbung solcher Werte seitens „kleinerer Leute" erst recht einsetzt, wenn die Knrse schon ansangen imaginäre zu seiu. Die Potenteren Geldbesitzer, insonderheit die großen Geschäftshäuser pflegen dauu ihre Effekten abzustoßen. Sie ziehen sich zurück, nachdem sie ihr Schäfchen ins Trockne gebracht haben, und wälzen das gesteigerte Risiko auf schwächere Schultern ab. Kommt dann der unvermeidliche Kursrückgang, so werden vom Verluste natürlich nur die letzteu Käufer getroffen, deren an sich schon geringes Vermögen nun eine empfindliche Schmälerung erfährt. Die Hausse dient also iu ihrem Effekte recht eigentlich dazu, die Taschen des „Publikums" von Zeit zu Zeit (jedesmal wenn sie eben sich wieder gefüllt haben) zu leereu und einen beträchtlichen Teil des Volksvermvgeus den wohlhabenderen Kreisen zuzuführen. Über die Geschäftsformeu eingehender zu berichte», die der spekulative Haudel iu Wertpapieren sich geschaffen hat, unterlasse ich. Entweder weil sie volkswirtschaftlich von zu geringer Bedeutnng sind (wie die verschiedenen Arten der Prämiengeschäste) oder weil sie besser in anderem Zusammenhange erörtert werden, in dem sie wichtigere Funktionen erfüllen, wie der börsenmäßige Terminhandel, den ich bei der Besprechung des Wareuhandels und seiner Ent- wickeluugsteudeuzen erwähnen werde. Was dagegen noch hervorgehoben zu werden verdient, ist der llmstand, daß die eigenartige Gestaltung, die die Organisation des Bankwesens in Deutschland ersahreu hat, auch auf die Abwickelung der täglichen Geschäfte an der Fondsbörse Einfluß ausübt. Es ist nämlich bei uns durchaus die Regel, daß der Handel in Wertpapieren (soweit er nicht reiner Spekulatioushandel ist, der berufsmäßig von der traurigen Gilde der Spekulanten ausgeübt wird) in den Häuden des Bankiers ruht. Dieser ist es, der entweder 232 Banken und Börsen. auf eigene Rechnung oder im Austrage seiner Kuudschaft, also kommissionsweise, die Einkäufe uud Verkäufe besorgt. Der deutsche Bankier spielt also im Fondshandel dieselbe Rolle, wie der bi-okei- iu England, der niemals etwas mit Bankgeschäften zu tun hat, sondern ebenso vom banker wie von jedem anderen Kunden seine Aufträge in Empfang nimmt. Diese Funktion des Kommissionärs oder Eigenhändlers, von deren Ausübung der kleinere deutsche Bankier geradezu lebt, bildet gleichsam das Gegenstück zu der Gründnngs- und Emissionstätigkeit der großen Bankhäuser. -!- -i- Nun hätten wir unsern Rundgang im Prinz Heinrich- Schritt durch das verzweigte Gebiet des Bank- und Börsenwesens vollendet. Tief können die Eindrücke nicht sein, die im Leser (der vielleicht ein Neuling ist) von dieser Hetztour zurückgeblieben sind. Immerhin hoffe ich, daß sich ihm einige Tatsachen zu dauerndem Gedächtnisse eingeprägt haben, und weiter: daß dies die wichtigsteil sind. Was sich iu erster Linie dem flüchtigen Beschauer immer wieder ausdrängt, ist Wohl die gewaltige Größe der Werte, um deren Bewegung es sich handelt. Die zehnstellige Zahl beginnt im Bank- und Börsenverkehr sich immer regelmäßiger einzufiudeu. Ja, es ist recht eigentlich die Erreichung der Milliarde, was Deutschlands wirtschaftliche Entwicklung im letzten Menschenalter kennzeichnet. Uud zwar die Milliarde iu gleichsam gasförmigem Zustande. Alle feste Materie, alles Erdenhafte und damit auch alles Bodenständige, Wurzelhafte verschwindet. Die Welt der Werte löst sich in ein unsichtbares Netz von unpersönlichen Beziehungen auf, die allein noch von der Quantität beherrscht werden. Und man sieht, wie sich das gesamte Wirtschaftsleben immer mehr in diesen gasförmigen Zustand zu verflüchtigeil die Tendenz hat. Im Kreditverkehr der Banken, in den Werten der Fondsbörse laufen schließlich alle Fäden zusammen, an denen Produktion und Güterumsatz hängen. Produktion nnd Perteilung, Handel nnd Verkehr geraten immer Zusammenfassung der Ergebnisse. 233 mehr in Abhängigkeit vvn Bank und Börse. Die Überführung in kapitalistische Formen wird dadurch beschleunigt, der ganze Wirtschaftskörper gleichsam mit kapitalistischem Geiste erfüllt. Wer einmal von Bank und Börse genossen hat, ist für alle Zeit zum Handwerker verdorben. Das ist der allgemeine Eindruck. Dazu wird nun die Empfindung kommen, daß sich in Deutschlands Entwickelung eine Reihe ganz bestimmter Eigentümlichkeiten herausgebildet hat. Unter diesen ragt hervor die enge Verbindung, in der Bank und Börse unter einander stehen. Kreditverkehr und Spekulation sind im deutscheu Wirtschaftsleben zu unlöslicher Lebensgemeinschaft verschmolzen. Es wurde gezeigt, wie bedeutsam diese Personalunion für die Gestaltung des wirtschaftlichen Prozesses geworden ist, wie insbesondere die gewaltige Spannung unserer wirtschaftlichen Kräfte in der Interessiertheit der Banken an dem Verlauf des Wirtschaftslebens eine ihrer Erklärungen findet. Bank und (Fonds)Börse gehören zu den allgemeinen Erscheinungen des modernen Wirtschaftslebens, die in jedes Sondergebiet der Volkswirtschaft hineinragen. Sie Verhalten sich zu deu übrigen Zweigen des Wirtschaftslebens wie das Herz zu den Gliedmaßen, wie die Hauptstadt eines Landes zu dessen Provinzen. Von denen soll nun im Folgenden die Rede sein. Und zwar in der Ordnung, iu die sie durch ihre größere oder geringere Entsendung von der Zentralsvnne Bank- und Börsenwesen geraten. Das ist aber mit anderen Worten die Gradabstufuug ihrer Durchdringung mit kapitalistischem Wesen. Bank und Börse sind Kapitalismus iu voller Reinheit. Dann folgen mit immer stärkeren Überbleibseln vorkapitalistischen Wesens durchsetzt der Reihe nach: Handel, Verkehr, Gewerbe, Landwirtschaft. Danach ergibt sich für unsere Darstellung die sachgemäße Anordnung des Stosses. Zehntes Kapitel. Der Handel. I. Der Großhandel. In diesem Kapitel will ich nur die Wandlungen besprechen, die die Organisation des Handels im neunzehnten Jahrhundert erfahren hat: die äußere Gestaltung der Handelsbeziehungen, d. h. des Warenverkehrs zwischen Deutschland uud dem Auslande, bespreche ich iu dem 14. Kapitel. Ich verstehe unter Großhandel allen berufsmäßigen Güterumsatz, soweit er nicht Warenverschleiß, Krämerei, Detailhandel, d. h. also Absatz au letzte Verbraucher ist. Also den sogenannten Groß- oder ^ros- oder Zwischenhandel im weiteren Sinne. Auch iu dieser Begreuzuug bietet der deutsche Handel noch immer ein überaus buutes Bild der verschiedensten Orgauisatious- sormen dar, die sich im Verlauf der letzten hundert Jahre iu der mannigfaltigsten Weise gewandelt haben. Und zwar bald in einer den übrigen Kulturländer» analogen Richtung, bald in einer Deutschland eigenen Art. Anders ist der Handel mit Kaffee organisiert als der mit Wolle, anders derjenige mit Eisenwaren als der mit Leder oder Schnittwaren: anders der Ausfuhr- als der Einfuhrhandel; anders der Binnen- als der Tranfithaudel. Und doch sollen auf eiu und eiuem halben Druckbogen die „Wandlungen des Großhandels während des neunzehnten Jahrhunderts in Deutschland" dargestellt werden! Da hilft wieder nichts als ein Gewaltstreich: Verzicht auf jedes Detail, Herausarbeiten einiger grober Grundzüge, wie sie sich iu allen Touderbilduugeu wieder fiudeu und dein Entwickelungsgänge des Handels in dem letzten Jahr- Der alte Lokohandel, 235 hundert sein eigentümliches Gepräge verleihen. Schauen wir zu, ob das wenigstens möglich ist. Ich möchte in den Mittelpunkt der Tarstellung die Form des Geschäftsabschlusses stellen und die Veränderungen, denen sie unterworfen worden ist; weil ich glaube, daß sich von hier aus am ehesten das rechte Verständnis für die grundstürzenden Neuerungen gewinnen läßt, die die Handelsorganisation in unserm Jahrhundert erfahren hat. Aller frühere Handel und anch derjenige Teutschlands bis annähernd in die 1850er Jahre hinein war Lokohandel, Handel mit sogenannter prompter, d. h. bereitliegender, sichtbarer Ware. Der Vertragsabschluß vollzog sich an der Seite des Warenpostens, den er zum Gegenstande hatte, im lebendigen Meinungsaustausch der beiden Kontrahenten. Das bedeutete also, daß entweder der Verkäufer (Produzent oder Händler) dem Käufer (Kaufmann oder Krämer oder Produzent) die Ware im Lager zuführte oder der Käufer in eigener Person die Ware aussuchte. Ein paar Beispiele werden das verdeutlichen. Im Kolvuial- warenhandel kaufte das holländische oder deutsche Jmporthaus drüben im Produktionslande die Ware ein und stapelte sie in den Zeestädten aus. Hier fanden sich die Zwischenhandelsfirmen der größeren Binnenftüdte ein, um den nötigen Vorrat an Kaffee, Zucker, Thee, Gewürzen usw. zu erwerben, den sie mm auf ihre Läger übernahmen. Von diesen Lägern in Franksurt, Leipzig, Breolau kauften entweder die zureisenden Grossisten der Mittelstädte oder es wurde die Ware auf die Märkte der kleineren Städte verführt, um hier den Krämern feilgeboten zn werden. Die Zu- fammenballung größerer Warenposten an einem Orte und zu bestimmten Zeiten war fast immer die notwendige Konsequenz dieses alten Lokogeschäfts. Denn ans andere Weise ließ sich der unmittelbare Verkehr zwischen den beiden Kontrahenten, ließ sich die Bereitstellung der Ware kaum ausführen. Also Markt- oder Meß Handel! Ihn finden wir in den verschiedensten Branchen als die Grundform der Organisation doch immer wieder. So ziehen der Eisemvarenfabrikant, der Produzent von Textil- ivaren mit ihrem Lager zur Messe nach einem der Frankfurts, 236 Der Handel. nach Nauinburg oder Leipzig, wo sie den Grossisten der größeren oder mittleren Städte als Käufer ihrer Waren finden. Die Wolle, der Flachs, das Getreide werden entweder von städtischen Händlern am Prodnktionsorte eingekauft und auf den Spezialmärkten in den größeren Plätzen zum Verkauf gestellt; oder die Produzenten führen die Ware selbst zu Markte, wo sie vom Händler in Empfang genommen wird. Selbst ein so mächtiger Handel wie der Getreideeiusuhrhaudel iüber den wir durch eine Studie des Dr. Borgius über Mannheim besonders gut unterrichtet sind) kennt in seinen Anfängen doch keine andere Form des Geschäftsabschlusses als die geschilderte: der holländische Importeur kauft große Mengen ein und nimmt sie auf Lager. Hiervon schickt er Ware zur Konsignation an Mannheimer Fruchtmakler, ohne auf Bestellung zu warten. Der Mannheimer Händler verkauft sie dann an den persönlich erscheinenden Zwischenhändler oder Makler. Nun ist es klar, daß mit zunehmender Güterproduktion, wie sie infolge der technischen Fortschritte sich einstellte, und der damit notwendig verknüpften Verschärfung der Konkurrenz die dem Loko- handel von Natur anhaftenden Mängel immer fühlbarer hervortreten mußten. Solange man an kleinen Warenmengen viel verdiente, fiel (trotz unentwickelter Verkehrsmittel!) die Verteuerung durch unnütze Transporte, lange Lagerung usw. nicht so sehr ins Gewicht. Der schlesische „Fabrikant" von Textilwaren kani mit ein oder zwei Planwagen ganz gut aus, um das Erzeugnis eines Vierteljahres nach Leipzig zu führen. Heute brauchte er ein paar Güterzüge, wollte er auch nur das Monatsprodukt an einer Zentralstelle vereinigen. Ebenso spielte der Zeitverlust, der durch das Ausstapeln des Produktes von einer Messe zur andern, durch die Anlegung großer Lager nsw. erwuchs, noch keine erhebliche Rolle, solange man nicht genötigt war, durch Beschleunigung des Kapitalumschlags die Produktionskosten auf ein Mindestmaß herabzusetzen. Die Verschärfung der Konkurrenz drängte nun vor allem auf Tempobeschleunigung in Produktion und Zirkulation. Dazu kam bei den landwirtschaftlichen Erzeugnissen, daß ihr Prodnttionsort in immer weitere Fernen rückte. Wolle, Flachs, Das individuelle Lieferungsgeschäft (der Kauf nach Prvve), 237 Getreide, Häute, Holz mußten jetzt vom Auslande bezogen werden. Und was im Rahmen einer Provinz angängig gewesen war: Bereitstellung der Ware vor dem Vertragsschlusse, das muszte sich im Verkehr mit Amerika oder Australien als unausführbar oder miudesteus äußerst lästig erweisen. Bei den Jndustrieerzengnisseu machte sich noch ein anderer Umstand geltend, der dem alten Meßverkehr Hindernisse bereitete: die zunehmende Wechselhastigkeit in Produktion und Konsumtion. Kein Fabrikant konnte es mehr wagen, auf sechs Monate hinaus ohne vorhergegangene Bestellung beliebige Muster herstellen zu lassen: er gewärtigte, daß sie als altmodisch von den Händlern zurückgewiesen wurden. Nur die große Stabilität der frühereu Zeit hatte solche Produktion aufs Geratewohl gestattet. Ebensowenig wollte sich der Grossist mit einein großen Lager beschweren, von dem er ebenfalls nicht wußte, ob es nicht binnen kurzem von Mode und Technik in Qualität und Preis überholt fein würde. Das Interesse des Produzenten und das des Händlers waren also gemeinsam auf Beseitigung des alten Lokohandels gerichtet. An seine Stelle trat auf fast allen Gebieten etwa seit der Mitte des Jahrhunderts der Lieferungshandel nach Probe: man verzichtete darauf, die Warenpartie selber in Augenschein zu nehmen, und begnügte sich damit, eine Probe, ein Muster zu sehen, und machte auf Grund dessen seine Bestellungen für die Zukunft. Es ist ersichtlich, daß diese Änderung einen großen Teil der Übelstände beseitigte, mit denen der Handel alten Stils behaftet gewesen war. Sie verringerte zunächst das Risiko. Zumal dann, wenn es gelang, einen Warenposten zu verkaufen, ehe man ihn selbst gekauft oder produziert hatte. Der Lieferungshandel kam ferner dem Bedürfnis nach Verringerung der Produktionskosten oder der Handelsspesen entgegen. Er machte eine Menge unnützer Transporte, unnützer Lagerungen überflüssig und gestattete einen beschleunigten Kapitalumfchlag. Er bot vor allem aber auch das Mittel, die Konkurrenz des Mitbewerbers besser zu bestehen. Mit dem Angebot von Proben oder Mustern läßt sich viel leichter ein wirksamer Angriffskrieg gegen die Kundschaft organisieren. Man 238 Der Handel. konnte viel eher hoffen, dem andern zuvorzukommen, wenn man dem Abnehmer (Händler oder Tetailliften) direkt zu Leibe ging, wenn man nicht ruhig abwartete, ob eiu Kunde sich einstellen würde. Die ganze Beweglichkeit, die fieberhafte Eile, das uervvse Hasten, die den modernen Handel und die gewerbliche Produktion auszeichnen, haben zur Voraussetzung diese neue Geschästsform: den Lieferungshandel nach Probe. Aber so deutlich auch das Interesse der Beteiligten den Weg zum Zeitgeschäft wies, so ist es doch klar, daß dieser Weg nicht begangen werden konnte, solange nicht bestimmte Bedingungen in dem nmgebenden Wirtschaftsleben erfüllt waren. Erst die schon erwähnte Steigerung der Produktion schuf auf vielen Gebieten, namentlich der gewerblichen Tätigkeit, eine Menge einheitlicher Waren, für die es sich lohnte, ein Mnster aufzumachen: erst die Vervollkommnung der Technik, namentlich auch die Anwendung des wisseuschnftlicheu Verfahrens boten die Möglichkeit, nun auch wirklich genau solche Waren herzustellen, wie das Muster angab. Als die Großväter unserer heutigen Textilwarenfabrikanten zu Markte zogen, da hatten sie auf ihren Wagen vielleicht ebensoviel verschiedene Qualitäten wie Stücke. Größere „Partien" einer und derselben Ware gab es zumal bei hausindustrieller Organisation (uud diese herrschte, wie wir wissen, bis zur Mitte des Jahrhunderts vor) nur in seltenen Fällen. Sie hätten aber auch nur schwer auf Bestellung geliefert werden könnein dazu war die Aussicht über die Arbeiter in ihren Häusern zu gering; die Hülfsmittel der meist noch empirischen Technik waren zu unvollkommen. Welcher Fabrikant hätte es übernehmen mögen, eine genau gleiche Färbung der Stoffe zu gewährleiste!?? Es wäre höchstens in der urwüchsigen Weise möglich gewesen, in der Ott Ruland im fünfzehnten Jahrhundert Aufträge erteilte: so und so viel Stück himmelblau, so und so viel grüne usw. Aber dazu war doch wiederum die Zeit schon zu anspruchsvoll gewordeu. Ich sage: erst mußten Betriebsorganisation nnd Technik die Liesernng einheitlicher nnd genau dem Muster entsprechender Warenposten möglich machen, ehe der Kauf uach Probe fich einbürgern Die Erfüllung der Bedingungen des Lieserungshandels. 239 konnte. Ich möchte hinzufügen: und die kaufmännische „Moral" mußte erst so weit entwickelt sein, um bei technischer Möglichkeit nun die exakte Lieferung auch zur Wirklichkeit werden zu lassen. In der frühereu Zeit, die mau so gern als die gute alte und in ökonomischer und besonders kommerzieller Beziehung als die „solide" zu bezeichnen pflegt, war es durchaus uicht so selbstverständlich, wie es uns heute erscheint, daß der Fabrikant (der nicht mehr unter dem Druck der alten Handwerkerehre stand) gewillt war, nach bestem Wissen und Gewissen die ihm in Auftrag gegebene Partie der Probe entsprechend herzustellen. Im Gegenteil: man konnte als Regel annehmen, daß er gute Proben sandte, um dann minderwertige Ware zu liefern. Von dieser niedrigen Stufe erhebt sich die kaufmännische „Moral" erst dann, wenn der Wettbewerb so scharf geworden ist, daß man die Zeitverluste scheut, die notwendig aus der Anwendung eines unehrlichen Ge- bahrens folgen müssen, Zeitverluste, die durch Beschwerden, Rücksendungen der fehlerhaften Ware usw. entstehen. Dann aber hat die neue Form des Handelsgeschäfts als notwendige Voraussetzung ersprießlicher Anwendbarkeit vor allem die Vervollkommnung des Personen-, Güter- und Nachrichtentransports, wie sie sich seit Verbreitung der Telegraphie und Ausbau des Eisenbahnnetzes, sowie im Gefolge der verbesserten Postorgani- sation, in Deutschland also wiederum zuerst in den 1850 er und 1860 er Jahren fühlbar machte. Was hierdurch an Norbedinguugen für die neue Handelsorganisation geschaffen wurde, war vornehmlich dieses: 1. eine Publizität des Marktes infolge regelmäßiger Preisnotierungen und Preisbetanntinachungen in den Zeitungen, die es dem Käuser ermöglichte, ohne Gefahr der Übervorteilung eine Offerte zu akzeptieren, die ihm schriftlich übermittelt wurde. So lange diese Öffentlichkeit der Marktvorgänge nicht bestand, konnte sich der Preis nur durcb/ die persönliche Fühlung zwischen einer Reihe ortsanwesender Kontrahenten bilden. Der Anbietende war erst sicher, bei Annahme einer Offerte nicht übervorteilt zu sein, nachdem er bei seinen Nachbarn herumgehorcht hatte, was man ihnen wohl böte, nachdem er mit mehreren Kunden verhandelt, gefeilscht, geschachert hatte. 240 Der Handel. 2. Erst die moderne exakte und vor allem billige Postorgani- sation ermöglicht prompte Korrespondenz und namentlich prompte und billige Probenversendung, also exakte Offerten, ebenso aber auch rasche und mühelose Bestellung durch Brief oder Telegramm. Sie, im Zusammenhange mit der musterhaften Organisation des Gütertransports auf den Eisenbahnen und im Dampfschiffsverkehr, gewährt dem Händler — Grossisten wie Detaillisten — erst die vollendete Sicherheit, sich jederzeit das gebrauchte Quantum Ware im Bedarfsfälle beschaffen zu können. Nun erst kann dieser darauf verzichten, größere Mengen bei sich zu lagern. 3. Erst die Eisenbahnen haben die Möglichkeit geschaffen, den Kunden, der ehedem zu Markte kam, um hier einmal oder zweimal im Jahre seinen Bedarf einzukaufen, beständig durch Reisende angreifen zu lassen. Wir werden noch sehen, von welcher weittragenden Bedeutung gerade dieser Umstand ist. 4. Erst die moderne Verkehrsorganisation in dem Zusammenwirken aller ihrer Teile hat es möglich gemacht, die Verkaufspreise einer Ware, die erst in Zukunft uud an einem andern Orte geliefert werden soll, im voraus genau zu bestimmen. Und das ist doch offenbar notwendige Bedingung für jedes Lieferungsgeschäft. Jetzt ist die Borausberecheubarkeit der Unkosten selbst sür Waren, die weither über See zu uns kommen, dank der hochentwickelten Technik des Transports und einer dementsprechenden VertragS- technik zu höchster Vollkommenheit gediehen. Die Form, in der jetzt derartige Waren gehandelt werden, ist häusig die des sogenannten Cifvertrages, das heißt eines Vertrages, der die Gestehungskosten (eost), Versicherung (insur^nes) und Transportkosten (trsignt) vom Herkunftsorte bis zum Bestimmungshafen oder sogar bis zum Binnenplatze des Einfuhrlandes in einer einzigen Summe festsetzt. Dann bleibt nun aber die neue Geschäftsform nicht auf ihrer ursprünglichen Entwickelungsstufe, dem einfachen Kauf einer konkreten Warenpartie nach einer daraus gezogenen Probe stehen. Vielmehr gestaltet sich in einzelnen Geschäftszweigen dieser sogenannte individuelle Lieferungshandel zum generellen Lieferungshandel um. Darunter versteht man den Vertrags- Das generelle Lieferungsgeschäft (der Typenhandel). 241 abschloß über Lieferimg einer bestimmten Quantität von einer Ware (deren einzelne Bestandteile fungibel, vertretbar sind) nach allgemeinen Durchschnitwproben, ^genannten Standards oder Typen, die für alle Vertragsabschlüsse gültig für kürzere oder längere Zeit von Vertrauenspersonen festgestellt worden sind. Es ist ersichtlich, daß diese neue Forin des Lieferuugsgeschäft?, der Kauf nach Standards, abermals Vorzüge gegenüber dem individuellen Kauf nach Probe bietet, die den Interessen des modernen Handels in hohem Maße zu gute kommen. Der Typenkauf bewirkt einen Fortschritt in zwei Richtungen, in denen vornehmlich weitere Vollkommenheit erstrebt wird: er verbilligt und er beschleunigt den Warenumsatz und damit den Kapitalumschlag. Denn er macht die Versendung von Proben überflüssig. Der Kaufmann, dem ein Posten Petroleum „st,tmäg.rä ^Iks" angedient wird, kann sich über Annahme oder Ablehnung der Offerte in demselben Momente entscheiden, in dem er sie empfängt. Denn er braucht die Ankunft keiner Probe abzuwarten, da ihm die Qualität als einem bestimmten Standard entsprechend von vornherein bekannt ist. Daß derartige Erleichterungen des Vertragsabschlusses uamentlich sür den Handel auf sehr große Entfernungen mit beträchtlichen Vorteilen verknüpft sein mußten, bedarf keiner weiteren Ansführnng. Zumal seit Einführung der Telegraphie bedeutet der Kauf nach Standards einen wesentlichen Fortschritt. Man erwäge, daß ein Kauf nach Probe, selbst nur zwischen Europa und Nordamerika, mindestens fünf bis sechs Tage zum Persektwerden braucht, Währelid eiu Kauf auf Grund von Typen selbst zwischen Buenos-Aires oder Adelaide und Bremen oder Hamburg innerhalb eines Vormittags abgeschlossen werden kann. Daß abermals die Entwicklung zum Typenhandel an die Erfüllung ganz bestimmter objektiver Bedingungen geknüpft ist, ist selbstverständlich. Aber diese Bedingungen sind für eine Reihe wichtiger Welthandelsartikel während des letzten Menschenalters tatsächlich erfüllt worden, nämlich eine so weitgehende Uniformierung der Produktion, die Herstellung so großer Mengen von Waren einer und derselben Qualität, daß sich für sie auf der ganzen Erde einheitliche Standards aufstellen lassen. Vor allem Sombart, Volkswirtschaft. 16 242 Der Handel. ist es hier das amerikanische Wirtschaftsleben, unter dessen Einfluß Produktion und Handel in diese uniformierende Richtung, die dem ssauf nach Standards die Wege ebnet, gedrängt worden sind. Im deutschen Handel sind es vornehmlich Baumwolle, Petroleum, Kaffee, Zucker, Spiritus, amerikanisches Getreide, die nach Typen gehandelt werden, während, Getreide aus den ostdeutschen Ländern ebenso wie deutsches Getreide noch im Wege des individuellen Lieferungsgeschäfts (Kauf nach Probe) umgesetzt werden. Eine notwendige Folge des Typenhandels ist die Einrichtung bestimmter Stellen, an denen die Standards aufbewahrt werden und wo auch vor vertrauenswürdigen und sachverständigen Männern die etwa entstehenden Streitigkeiten, ob eine Warenpartie dem vereinbarten Typ entspreche oder nicht, zum Austrag gelangen. Natürlich sucht man zu diesem Zweck die Punkte aus, wo die Fäden des Handels in der betreffenden Branche an einem bedeutenden Zentrum zusammenlaufen. Hier werden dann auch die offiziellen Kurse der nach Typen gehandelten Waren notiert. Man nennt diese Einrichtungen deshalb auch Börsen. Deutschland besitzt solche Arbitragestellen für Petroleum und Baumwolle in Bremen, für Kaffee in Hamburg, für Zucker und Spiritus in Magdeburg. Gut funktionierende Börsen dieser Art können dann leicht ihrerseits wieder zu einem Anziehungspunkt für den Handel des betreffenden Artikels werden. So ist es im letzten Jahrzehnte beispielsweise Bremen und seiner Baumwollbörse gelungen, die Baumwolleinsuhr fast völlig von England und Holland zu emanzipieren. Noch vor zehn Jahren kauften unsere Spinner lieber in Amerika oder Liverpool große Vorräte ein, heute ist es ihnen bequemer, ihren Bedarf in kleineren Posten von Bremen aus zu decken, wo fich ein Eigenhandel in diesem wichtigsten deutschen Einfuhrartikel (1900 bezifferte sich der Import von roher Baumwolle auf 318 Millionen Mark, gleich 5.3 °/„ der Gesamteinfuhr) seit dem Bestände der Baumwollbörse recht eigentlich erst entwickelt hat. Aus dem Stamm des generellen Lieferungsgeschäfts ist dann wiederum ein Reis entsprossen, das viele für einen wilden Trieb halten; ich meine den Terminhandel im Sinne eines börsen- Das börsenusancemäßige Liefenmgsgeschäft sder Terminhandel). 243 usancemäßigen Lieferungshandels. Man versteht darunter bekanntlich Geschäfte, bei denen die Bestimmungen über Quantität, Qualität und Lieserzeit der willkürlichen Festsetzung durch die Vertragschließenden entzogen und ein sür allemal durch Börsenfatzung festgelegt worden sind. Wie weit der Terminhandel dem effektiven Handel dient, ist eine vielerörterte und bis heute noch nicht ein- wandssrei beantwortete Frage. Unbestritten scheint mir zweierlei zu sein: daß sich auch der Händler iu effektiver Ware oder der Produzent gern gelegentlich des durch deu Terminhandel begünstigten reinen Differenzgeschäftes zum Zweck der Versicherung gegen Preisverschiebungen bedient, und dann: daß eiue Terminbörse zweifellos eine starke Anziehung auf den Efsettivhaudel ausübt, iusofern also einem Platze oder einem Lande volkswirtschaftlich nützen kann. Ebenso unbestritten ist sreilich, daß das Termingeschäft überwiegend dem Börsenspiel uud uicht dem tatsächlichen Güterumsatz dient. In diesem Falle ist es nur eiue Form, in der stumpfsinnige Geldmänner oder geldlüsterne Außenseiter hasardieren können in einem Lande, das kein Monte Carlo hat, und interessiert den National- ökonvmen gar nicht mehr. An welchen Börsen Anfang der 1890 er Jahre sich ein Warenternünhandel entwickelt hatte, ist aus der Zusammenstellung in Anlage 12 ersichtlich. Das Börsengesetz vvm 22. Juni 1896 hat in § 48 den börsenmäßigen Terminhandel in Getreide und Mühlensabrikaten, eine Vervrdnung des Bundesrats vom Jahre 1899 denjenigen in Kammzug untersagt. Daß durch diese Verbote der effektive Haudel in den genannten Artikeln wesentlich berührt worden sei, wird sich nicht nachweisen lassen. Der börsenmäßige Terminhandel scheint in Deutschland überhaupt noch keine übermäßig große volkswirtschaftliche Bedeutung erlangt zu haben, abgesehen vielleicht vom Kaffeeterminhandel in Hamburg, das sich dadurch gegen die Übergriffe Hävres uud Antwerpens, der beiden andern großen Kaffeehandelsplätze Europas, mit Erfolg gewehrt hat. Der Kaffeeimport Hamburgs stieg vou 930 774 ä-i im Durchschnitt der Jahre 1881 bis 1890 auf 1712314 62 im Durchschnitt des Jahrfünfts von 1896 bis 1900. Wie viel von dieser Zunahme dem Terminhandel zn gute kommt, wird sich sreilich niemals mit Sicherheit feststellen lassen. 16* 244 Der Handel. Daß sich nun mit solcher Umgestaltung der Geschäftssormen gleichen Schrittes eine Wandlung in der gesamten Handelsorganisation, in Stellung, Tätigkeit, Beziehungen des Kausmanns durchsetzen mußte, ist von vornherein einleuchtend und wurde schou gelegentlich in der bisherigen Darstellung hervorgehoben. Es verlohnt sich aber wohl, diese Neuordnung des Händlertnms und seiner Funktionen, wie sie sich in Anpassung an die veränderte Geschäftspraxis vollzieht, im Zusammenhange sich vor Augeu zu führen. Daß Meß- und Markthandel zurückgehen mußten in dem Maße, wie das Lieferungsgeschüft und der Kaus nach Probe an Bedeutung gewannen, bedarf nicht erst der besonderen Hervorhebung. Von deu alten gloriosen Messen sind nur noch kümmerliche Reste zurückgeblieben, wenn nicht jede Spur (wie in Frankfurt a. M.) ausgelöscht ist. Und auch die meisten großen Spezialmärkte haben ihre Glanzzeit längst hinter sich. Trotzdem wäre es falsch anzunehmen, die Zeit für den Meß- und Markthandel sei endgültig vorüber. Daß er in Ländern tieserer Kultur noch heute blüht (wodurch natürlich auch das Geschäft der deutschen Kaufleute, die daran teilnehmen, sein Gepräge erhält), ist eine bekannte Tatsache. Ich brauche nur an die berühmte Messe von Nischni- Nowgorod zu erinnern. Es wird in der Tat noch einige Jahre währen, ehe die Kalmücken und Kirgisen in das Getriebe des modernen Lieferuugshandels hineingezogen sind. Vermutlich hat der ganze Orient dafür kein Talent. Das Verständnis für solch einen rationalistisch auf die Spitze getriebenen Handelsverkehr wird ihm voraussichtlich, wenn überhaupt, erst sehr spät aufgehen. Aber nicht nur iu der Kulturstufe findet die moderne Entwicklung der Handelsformen ihre Grenze: auch in fortgeschritteneu Ländern erweiseu sich bestimmte Artikel als ungeeignet für den Liesernngshandel nach Probe. Das sind alle jene Artikel, deren Natur das Vorkommen einheitlicher Partien der Regel nach ausschließt, die also von Stück zu Stück, von Zentner zu Zentner verschieden sind. Hierher gehören z. B. edle Felle und Pelze, die im Preise bei einem und demselben Tiere um Hunderte von Prozenten variieren können. Daher noch heute aller Handel damit Wandlungen i. ^Handelsorganisation: Rückgang d.Meß-U.Markthandels, 245 Lokohandel ist, der sich in Deutschland aus der Leipziger Rauchwarenmesse konzentriert. Ebenso behaupten sich die Vieh markte, hier und da die Maschinen markte. Aber auch ein so wichtiger Handelsartikel, wie die Schafwolle, hat sich bis heute zum Teil mit Erfolg gegen den Lieferungshandel gewehrt. Fast die gesamte deutsche Jnlandswolle wird noch heute im Platzgeschäft umgesetzt. Der städtische Wollhändler geht auf die Guter, um die hier lagernde Ware einzukaufen, die er dann auf den mehrmals im Jahre stattfindenden Wollmärkten oder von seinem Privatlager herunter verkaust. Zwar die beiden großen deutschen Wollmärkte — Berlin und Breslau — haben erheblich an Bedeutung verloren. Ihre Glanzzeit fällt in die 1850er und 1860er Jahre. Damals wurden auf den Berliner Markt 100—200000 Zentner Wolle (1869 194 573 Zentner Maximum), auf den Breslauer 60—9000» Zentner (1847 89 500 Zentner Maximum, 1869 noch 87 500 Zentner) zum Verkauf gebracht, während im Jahre 1899 in Berlin nur 28000 Zentner, in Breslau 12000 Zentner zugeführt wurden. Aber dieser Rückgang steht nicht sowohl mit der Veränderuug der Geschästssorm als mit der Verschiebung der Bezugsgebiete für Wolle im Zusammenhang. In der Mitte des Jahrhunderts deckte die deutsche Industrie ihren Bedarf an Wolle noch fast vollständig im Jnlande; heute werden fünf Sechstel der in Deutschland verarbeiteten Wollen aus dem Auslande (Kap, Südamerika, Australien) bezogen. Aber selbst für diesen überseeischen Handel hat man lange Zeit eine Form gewählt, die dem alten Lokogeschäft nahe kommt: die Auktion im Einsuhrhasen, namentlich Hävre, Antwerpen und London. Erst jetzt beginnt der direkte Bezug von drüben, durch Vermittlung von Kommissions- erporthäusern, auf Grund von Proben und sogar schon Standards die alte Form des Auktionskaufs zu verdrängen. Damit vollzieht sich gleichzeitig die Emanzipation des deutschen Handels von der englischen oder belgischen Vermittlung. Im Jahre 1899 machte die direkte Einfuhr von Wolle in das deutsche Zollgebiet (137198 t) schon 77°/g der Gesamteinsuhr aus, während sie noch 1380 erst 9°/g, 1890 erst 48^ betragen hatte. Für den Verkauf an die Spinner ist heute für ausländische Wollen der Ver- 246 Der Handel. trieb durch Musterreiseiide die Regel, wie des näheren in dem lehrreichen Büchlein von Willy Senkel über die Wollproduktion und den Wollhandel im 19. Jahrhundert, so da im Jahre 1901 erschienen ist, uachgeleseu werden kann. Der Geschäftsreisende — das ist recht eigentlich der legitime Erbe der alten Markt- nnd Meßorganisation. Er stellt den persönlichen Kontakt wieder her zwischen den beiden Vertragschließenden, die jetzt jeder daheim auf ihrem Kontorstnhl sitzen bleiben. Der Reisende mit seinen Musterkosseru ist eine ambulante perennierende Messe. Seine Allgegenwärtigkeit hat dem Händler selbst zur Seßhaftigkeit verholfeu. Er ist das notwendige Bindeglied zwischen Käufer und Verkäufer in alleu deu zahlreichen Fällen, in deuen die Probe oder das Muster doch uoch gelegentlich eine Äussprache über Qualität, Fa<'ou oder Preis der zu bestellenden Warenpartie nötig machen; in denen die einzelnen Produkte doch auch uoch uicht so einförmig sind, um nach einer uud derselben Probe Tausende vou Zentnern bestellen zu können, in denen also viele Muster erforderlich sind, die mit der Post an die einzelnen Kunden zu versenden zu kostspielig wäre. Mau denke an Textil- waren, an Konfektionsartikel, Galanterie- und Kurzwareu, Kleineisenwaren usw., kurz die meisteu „konfektionierten" Gegenstünde. In den von ihnen dargestellten Branchen ist die Nussenduug des Reisenden die durchaus vorherrschende Form der Geschäftsvermitt- lung, die nur bei wenigen Massenartikeln völlig entbehrt werden kann. Die Freigabe des „Reifens" war daher eine der bedeutsamsten wirtschaftlichen Erruugeuschafteu, die der Zollverein mit sich brachte; denn erst die Institution des Geschäftsreisenden hat die neue Organisation des Handels in den meisten Branchen ermöglicht. Hente bilden die Reisenden eine stattliche Armee, die täglich sich von nenem über das Land ergießt, um die Ideen modernen Wirtschaftslebens in die fernsten Alpentäler, in die entlegensten Fischerdörfer zu tragen. Wie rasch sich ihre Schar vermehrt, ist aus der Anlage 15 zu erseheu. Aber der Ersatz der Messe durch den Reisenden ist keineswegs die einzige Änderung in der Organisation des Handels, die der Übergang zu den nenen Geschäftssormen im Gefolge hat. Was Tendenz z. Verdrängung d. Eigenhandels durch d. Kommissionshandel. 247 sich vor allein umzugestalten die Tendenz hat, ist die Stellung des Händlers selbst. Es liegt nämlich ans der Hand, daß das moderne Liesernngsgeschäft, je vollkommener sich die Verkehrstechnik entwickelt, wesentliche Funktionen des Händlers alten Stils überflüssig machen kann. Ehedem hatte die Bedeutung des Grvßhaudels vornehmlich dariu gelegen, daß er durch Aufkauf größerer Quantitäten auf eigene Rechnung und Gefahr das Risiko der Preisgestaltung trug, und die Sicherheit des Lagerbcstaudes seiner Knndschaft gewährleistete. Die bloße Übernahme einer Lieferung aber, für die der Kaufmann vielleicht erst Deckung sncht, nachdem er den Verkanssvertrag abgeschlossen hat, enthält von jener ureigenen Funktion des alten Händlers kanm noch eine Spur. So mußte es nahe liegen, diese reine Permittlertätigkeit von Personen ausüben zu lassen, die nicht ans ihre Rechnung, sondern auf Rechnung ihres Kommittenten das Geschüft abschlössen. Und in der Tat bildete sich iu wachsendem Umfange eine solche neue Kategorie von Auftragshändlern uebeu den Propre- oder Eigenhäudleru aus, die Kommissionäre und Agenten. Ja, man kann von einer starken Tendenz sprechen, den Eigenhandel durch den Kommissionshandel zu ersetzen. Aber dabei blieb die Entwickelung nicht stehen. Die Triebkräfte, die die Verwandlung des Eigenhändlers in den Kommissionär bewirkt hatten- das Streben nach Ersparuug von Kosten, uud das Streben, die Initiative in dem Angriffskrieg auf die Kundschaft selbst in die Hand zu nehmen, oder dnrch Orgaue ausüben zu lassen, die im unmittelbaren Interesse des eigenen Geschäfts tätig waren: diese Triebkräfte wirkten weiter und erzengten eine deutlich erkennbare Tendenz, aus der Kette der Handelsvermittlung möglichst viele Glieder auszuschalten, d. h. die Zahl der selbständigen Händlerkategorien, durch deren Hand die Ware ging, nach Möglichkeit zu verringern. Der alte Handel, wo seine Organisation voll ausgebildet war, hatte vier Kategorien selbständiger Kaufleute zu seiner Abwickelung bedurft. Diejenigen Personen, die die Ware vom Produzenten lauften und sie an diejenigen Personen verkauften, die sie zu größeren Meugen zusammenballten, um sie einem längeren Trans- 248 Der Handel. port zu unterziehen, also im Außenhandel die Exporteure in den Ausfuhrorten, also namentlich den Hasenplätzen. Diese Exporteure verkauften weiter an die Jmpvrthäuser des andern Landes, von denen dann die Ware weiter wanderte zu den (vom Standpunkt der Seeplätze aus) „vberländischen" Hänsern mit dem Sitze im Einsnhrhafen oder in einer großen Biunenstadt. Häufig trat dann endlich zwischen diese „zweite» Hände" und den kleinen Detaillisten oder Produzenten noch eine „dritte" Hand, die die weitere Verteilung in kleinere Posten besorgte. Auch im Binnenhandel fand sich der größere Teil dieser verschiedenen Händlerthpen (mindestens wohl immer drei) zusammen: Aufkäufer im Lande verkauften an Messe oder Märkte beziehende Großhändler; von diesen kauften kleinere Grossisten, die ihrerseits den Verkehr mit den Krämern und Handwerkern vermittelten. Natürlich hatte jede Branche ihre eigenartige Organisation. Aber die Grundzüge waren doch überall dieselben. Die Entwicklung hat nuu, wie gesagt, vielerorts einen solchen Verlauf genommen, daß eins oder mehrere dieser Glieder ausgeschaltet sind, also der Warenbezug eiu direkterer geworden ist, bis zur völligen Beseitigung allen Handels. Ein Schulbeispiel bildet der Kolonialwarenhandel. Hier hat zunächst in den meisten Fällen eine Verschmelzung des Export- und Jmvorthauses stattgefunden: das Hamburger Impvrthaus hat drüben eine Filiale errichtet. Höchstens verkehrt es mit einem fremden Kommissionär. Dann ist das Bestreben zu Tage getreten, das „oberlündische", verteilende Haus — T. O. Schröter! — auszuschalten: der Hamburger Importeur hat durch Vermittlung von Agenten oder direkt durch Reisende die Lieferung kleinster Quautitäteu Kaffee usw. au die Krämer der Provinz übernommen. Der oberschlesische Detaillist kauft also nicht mehr in Breslau ein, sondern direkt beim Importeur am Hafenplatze. Umgekehrt versuchen (aber wohl mit geringerem Ersolge) die größeren Grossisten der Branche den deutschen Importeur zu umgehen und ihren Bedars direkt im Aussuhrlaude einzukaufen. Das letzte Stadium der Entwicklung wäre dann dies, in dem ein großer Konsumverein seine Kolonialwaren von den Plantagenbesitzern Südamerikas bezöge oder noch besser: selbst drüben Plantagen unterhielte! Tendenz zur Ausschaltung von Gliedern in der Kelte der Händler. 249 Ebenso versuche» die Produzenten, sich nach Möglichkeit den letzten Abnehmern ihrer Erzeugnisse und den ersten Lieferanten ihrer Rohstoffe zu nähern: der schlesische Textilindustrielle verkauft nicht mehr au den Breslauer, sondern an den Berliner Grossisten, oder an das Hamburger Exporthaus; das sächsische Wollwaren- geschäst tritt mit einem nordamcrikanischen Importeur in direkte Verbindung; der rheinische Kleineisenwarenfabrikant schickt womöglich iu den kleineren Städten Südamerikas seine eigenen Musterreisenden umher usw. Oder die deutsche Großmühle kauft direkt ihr Getreide von den Agenten des amerikanischen Exporthauses. Oder die K'refelder Seidenfabrik steht in direktem Geschäftsverkehr mit Gerson oder Herzog in Berlin usw. Und es geht wirklich noch lange „so weiter". So mannigfach nun aber auch die Kombinationen sein mögen, in denen sich diese Tendenz zur Ausschaltung vollzieht, so wird mau doch wohl als wiederkehrenden Zug findeil, daß es vor allem die Händlerschaft der großen Binnenplätze ist, deren Vermittlung man entbehren zu könne» glaubt. Die Grossisten in Frankfurt a. M., Leipzig, Breslan — sowohl für den Binnenhandel, wie für den Einfuhr- und Außenhandel — sind die hauptsächlich Leidtragenden bei diesem Umgestaltungsprozeß. Fragt man nun aber, unter welchen Bedingungen eine derartige Entwicklung am ehesten Fortschritte machen wird, so ist es nicht schwer, darauf zu antworten. Vor allem sind es die Übersichtlichkeit der Marktlage, die Verbesserung der Verkehrsorganisation, die die Möglichkeit direkter Geschäftsverbindungen vergrößern. Dann aber wirkt ost in gleicher Richtung fördernd die Konzen- trationstendeuz in der Produktions- und namentlich in der Detailhandelssphäre. Eine große Leder-, Tabak-, Schuhfabrik, eine große Brauerei oder Müllerei: sie köunen eher ihre Häute, ihren Rohtabak, ihr Leder, ihre Gerste, ihr Brotkorn aus erster Hand, also mindestens vom Importeur des eigenen Landes, wenn nicht direkt von drüben, oder vom (großen) Produzenten im eigenen Lande beziehen, als kleine Handwerker derselben Branche, die ihren Rohstoss in winzigen Mengen zugeteilt erhalten wolleil. Mit einem Großmagaziu kann auch die größere Texlilwaren- oder Schirm- 250 Der Handel. oder Wäsche- oder Galanteriewarenfabrik in direkte Beziehung treten, weil ihr die ganze oder ein beträchtlicher Teil der Jahresproduktion abgenommen wird. Ein Verkehr mit ein paar Hundert kleinen Detaillisten dagegen verbietet sich von selbst. So sehr nnn aber auch die Entwicklung des Verkehrs, der Produktion und des Warenverschleißes in eine Richtung drängt, in der die Bedinguugeu für die Ausschaltung von Zwischengliedern des Handels oder für die Existeuzmöglichkeit eines bloßen Kommissionshandels sich erfüllen, so wäre es doch ganz verkehrt, anzunehmen, der selbständige Eigenhändler sei heute bereits auf den Aussterbeetat gesetzt. Das mag für einzelne Branchen zutreffen, sicher aber nicht für die große Mehrzahl der Produktionszweige. Ja, es sollte mich garnicht wundern, wenn eines Tages geradezu eine Gegentendenz einsetzte, darauf gerichtet, die Stellung des Eigeuhändlers wieder zu festigen, und die Vermehrung seiner Typen wieder zu fordern. Teutschland hat auch auf diesem Gebiete andere Wege eingeschlagen wie England. In England ist die Arbeitsteilung zwischen Fabrikant nnd Händler viel strenger durchgeführt wie bei uus. Und man hört wohl in Fachkreisen das Urteil, daß die deutscheu Fabrikanten in ihrem Streben nach direktem Verkehr mit Lieferanten oder Kunden zu ihrem eigenen Schaden oft zu weit gehen. Vielleicht tritt aber gerade in diesem Bemühen auch wiederum die stärkere Intensität des kapitalistischen Wollens in die Erscheinnug. deren Vorhandensein die etwa entstehenden Nachteile aufwiegt. Analogem im Bankwesen! Aber das sind Erwägungen, die uns hier nichts angehen. Es genügt, daß wir als Ergebnis des bisherigen Verlauss feststellen konnten: die Tendenz zur Tegradiernng oder Ausschaltung des selbständigen Eigenhandels besteht; sie ist sogar sehr stark (irgendwelche ziffernmäßige Anhaltspunkte, ihre Stärke zu messen, besitzen wir nicht: die Statistik versagt hier völlig!). Jedoch: darum ist der Eigenhandel noch längst nicht aus der Welt geschafft. Er findet sich vielmehr iu allen Sphären noch heute. Gedeiht auch. Nur freilich hat er wesentliche Veränderuugen in seiner eigenen Struktur durchgemacht, durch die er sich den gewandelten Verhältnissen anzupassen verstaudeu hat. Von diesen Veränderungen noch ein Wort. Das Wesen des modernen Eigenhandcls. 251 ?er moderne Eigenhandel unterscheidet sich von dem älteren zunächst dadurch, daß er alle Nebenfnnktionen, die nicht eigentlich zur Handelstätigkeit ldem Umwerten der Waren) gehören, und die ehedem einen breiten Raum in jedem kaufmännischen Geschäfte einnahmen, daß er diese abgestoßen hat. Dahin gehört in erster Linie das Trausportgeschäft, über dessen Berselbständignng und weitere Ausgestaltung ich mich im nächsten Kapitel verbreite. Ferner gehört hierher die Funktion der Lagerung der Waren. Eo ist deutlich wahrnehmbar, daß auch diese zu selbständiger Ausübung dnrch außerkaufmännische Kreise sich zu entwickeln die Tendenz hat. Es bilden sich in immer größerem Umfange kapitalistische Lagerhausgesellschaften, die aus der Übernahme des Lagergeschäfts einen besondern Erwerb machen idie erste derartige Unternehmung trat 1865 in Mannheim ins Leben), oder die städtischen Verwaltungen lassen vou Gemeinde wegen große Lagerhäuser bauen, iu denen sie das Lagerungsgeschäft in eigener Regie besorgen. Die letzte größere städtische Einrichtung dieser Art ist im letzten Jahre in dem neuen Hafen in Breslau zustande gekommen. Daß diese Berselbständignng des Lagergeschäfts in Deutschland während der letzten Jahrzehnte rasche Fortschritte gemacht hat, lehrt der Augenschein. Einen schwachen Anhalt, diese Fortschritte ziffernmüßig zn erfassen, gewährt die Gewerbestatistik. Nach dieser wurden in „Aufbewahrungsanstalten" im Jahre 1882 erst 643 Personen im ganzen deutschen Reiche gezählt; 1895 dagegen schon 4208, d. h. fast siebenmal so viel, vgl. anch Anlage 16. Die Berselbständignng der LagerungS- snnktion wird nm so rascher sortschreiten, je mehr sich das in Deutschland erst iu den Ansängen befindliche Warrantwesen eutmickelu wird. Endlich wird dem moderneu Händler heute schon jede Spedi- teurtätigkeit abgenommen. Freilich nicht durch einen Stand von Berufsspeditenren, wie man denken sollte. Das selbständige Speditionsgeschäft hat vielmehr allem Anschein nach seine Blütezeit längst hinter sich. Es spielte in den größeren Städten während der 1820er nnd 1830er Jahre eine große Rolle. 1835 bestanden z.B. in Frankfurt a. M., das damals etwa 54 000 Einwohner 25.2 Der Handel, hatte, 44 Speditivnsgeschüste und 300 Firmen, die als Nebenerwerb Speditivn betrieben. Die Ziffern stammen aus der Schrift Dr. Hugo Kanters über den Frankfurter Handel (1902 erschienen). 1395 dagegen wurden in dem fünfmal so großen Frankfurt nur 58 Hauptbetriebe und 9 Nebenbetriebe mit zusammen 545 Personen in der Speditionsbranche ermittelt. Und daß von 1882 bis 1895 in den meisten deutschen Großstädten die Spedition entweder zurückgegangen, oder in der Entwicklung stehen geblieben ist, ersieht man aus den in Anlage 17 mitgeteilten Ziffern. Und trotzdem hat sich der Kaufmann in unserer Zeit weniger denn je um die Spedition zn kümmern. Das hat seinen sehr einsachen Grund in der Tatsache, daß hente es die großen Transportinstitute zu Wasser und zu Lande sind, die die Güter- verfrachtnng mit aller Sorgfalt von Anfang bis zu Ende selbstständig durchführen. Der moderne Kaufmann, der Eigenhandel betreibt, ist also nur noch Warendisponent. Alle technischen Funktionen hat er abgestreift, die reine vertragschließende Tätigkeit ist ihm geblieben. Damit tritt der ausgesprochen kapitalistische Charakter seines Wesens deutlichst in die Erscheinung: er nähert sich dem Bankier. Er tut dies auch noch aus einem anderen Grunde: weil er in wachsendem Maße eine neue Funktion übernimmt: die Kreditvermittlung. Was dem Eigenhündler noch heute in weiten Kreisen der Produzenten und Krümer einen so großen Nimbus verleiht, ist seine Kulanz in der Kreditgewährung. Damit ist denn nun aber ein letzter wichtiger Punkt der Neuorganisation des Großhandels berührt. Will der Eigenhündler bei der heutigen Lage der Dinge seine Stellung behaupten, so muß er sein Geschäft in großem Stile führen. Die unvermeidliche Verringerung der Profite nötigt den Umsatz immer mehr zu vergrößern; die Ansprüche an seinen Kredit setzen eine große Kapitalkrast voraus. So werden wir denn nicht erstaunen, wenn wir beobachten, daß die Häuser, die wirklich Eigenhandel nach wie vor treiben wollen, immer potenter werden. Es besteht mit andern Worten eine starke kapitalistische Konzentrationstendenz auch in der Sphäre des Großhandels. Der Großhandel am Schlüsse des 19. Jahrhunderts. 253 Leider sind wir nicht in der Lage, diese Tendenz auch nur mit einer einzigen Ziffer in ihrer quantitativen Stärke zu ermessen: die Aktiengesellschaft spielt im Warengroszhandel keine erhebliche Rolle und die neuere Gewerbestatistik ist völlig unbrauchbar, weil sie — waS geradezu unbegreiflich ist — nicht zwischen Großhandel und Warenverschleiß unterscheidet (wie es z. B. die alte preußische Statistik tat: nichts ist nämlich leichter durchzuführen als diese Trennung: in Händler mit offenem Laden uud ohne einen solchen!). Aber daß die Konzentrationstendenz vorhanden ist, lehrt der Augenschein. Jeder Fachmann wird es bestätigein die kleinen scheiden aus. So ist denn das Bild, das der Großhandel am Schlüsse des neunzehnten Jahrhunderts gewährt, dieses: vom alten Eigenhandel ist eine kleine Anzahl kapitalkräftiger Häuser übrig geblieben (soweit es sich nicht um absterbende Residuen handelt), deren Tätigkeit iu der reiueu Umwertung und Disposition der Waren und im Anschluß daran in der Kreditvermittluug sich erschöpft. Das Lagergeschäft wird in wachsendem Umfange von selbständigen ganz großen Unternehmungen oder von Gemeinde wegen besorgt. Transport und Spedition ruhen in den Händen der meist sehr großen Trausportinstitute. Endlich aber wimmelt es an allen Ecken nnd Enden von einer wachsenden Schar mittlerer und kleinerer Existenzen, die als Agenten, Reisende, Makler Vermittlerdienste leisten und sich in einzelnen Fällen zu Kommissionshäusern großen Stiles auswachsen. In Summa: auch auf dem Gebiete des Großhandels in Deutschland ist das neunzehnte Jahrhundert Augenzeuge jener grundstürzenden Neuordnung, die an Stelle lebendiger Beziehungen von Person zu Person innerhalb eines kleinen Kreises einander bekannter Menschen ein kunstvolles System von unpersönlichen Relationen setzt; die die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit in eine Summe von Vertragsabschlüssen auflöst; die auch das letzte Band zwischen dem Warenhändler und einer konkreten Warenpartie zerschneidet (im Thpenkauf, bei dem der Kaufmann die gehandelte Ware vielleicht garnicht zu Gesicht bekommt); die mit Entschiedenheit die Tendenz erzeugt, alle Qualitäten in Quantitäten zu verflüchtigen. Auch hier also ist es nichts anderes als der große 254 Der Handel. Prozeß der Entpersönlichung, der Versachlichung, der Entseelung, der sich vor unsern Augen abspielt. Die Befreiung von den Schranken des Organischen bewirkt auch hier eine ungeheure Beschleunigung und Jntensivisierung der sich abspielenden Vorgänge, und damit steigt die Produktivität der ausgewandteu Arbeit ins Unermeßliche. II. Der Warenverschleiß (Detailhandel). Der Warenabsatz an letzte Konsumenten, den wir füglich unter der Bezeichnung des Detailhandels oder (nicht sehr glücklich) des Kleinhandels (das heißt dann des Handels in kleinen Quantitäten, wenn uuter Umständen auch in sehr großen Geschäften!) zu verstehen Pflegen, unterliegt, wie sich leicht denken läßt, wesensanderen Existenzbedingungen als der Engroshandel und hat darum auch während des neunzehnten Jahrhunderts eine von diesem in vielen Punkten verschiedene Entwickelung durchgemacht. Gleich seiue Stellung zum Kapitalismus ist eine völlig andere. Während der Großhandel frühzeitig kapitalistischer Gestaltung verfällt und heute, wie wir gesehen haben, fast ganz und gar vom Kapitalismus absorbiert ist, dringt dieser erst verhältnismäßig spät mit seiner Organisation in das Gebiet des Detailhandels vor und hat auch heute noch große Komplexe des alten handwerksmäßigen Krämertums unberührt gelassen. Mehr vielleicht als iu der Sphäre des Verkehrs oder der gewerblichen Produktion, die ich erst in den beiden folgenden Kapiteln abhandele. Es hat also fast den Anschein, als durchbräche ich das Prinzip der Stoffanordnuug, das ich iu dieser Darstellung innehalten wollte (die Reihenfolge der Materien nach dem Entwicklungsgrade zu bestimmen, den in dem betreffenden Gebiete des Wirtschaftslebens das kapitalistische Wesen erreicht hat), wenn ich an dieser Stelle vom Detailhandel spreche. Aber es scheint doch nur so, und dem Kapitel vvm Warenverschleiß hier seinen Platz anzuweisen, rechtfertigt sich nicht nur durch die Erwägung, daß damit die Geschichte vom Warenumsatz im Zusammenhange erledigt werden kann, ehe von Transport und Produktion gesprochen wird: auch seiner inneren Natnr nach gehört der Detailhandel hierher Starke Vermehrung der Detaillisten. 255 und nicht hinter jene. Denn wenn es auch richtig ist, daß in ihm die kapitalistische Organisation — ich machte sie als das Körperliche im Wesen des Kapitalismus bezeichnen — noch nicht sehr erhebliche Fortschritte gemacht hat, weniger als im Transportgewerbe und in der Industrie, so findet sich doch unter zahlreichen Vertretern deS Kleinhandels, denen, wie schon erwähnt wurde, das jüdische Element besondere Sympathie entgegenbringt, nmsomehr echt kapitalistischer Geist: Gewinnstreben, ökonomischer Nationa lismus, UnPersönlichkeit und rein quantitative Auffassung von der wirtschaftlichen Tätigkeit. Der Inhalt dieser Tätigkeit: Einkauf zum Zweck des Wiederverkaufs, legte die Entfaltung dieser Gemüts- stimmnng, wie sie das kapitalistische Wirtschastssubjekt beherrscht, von vornherein nahe. Und in der Tat ist es gar kein so seltener Fall, daß wir in dem Geschästsgebahren manchen kleinen Schnorrers mehr modernes Wesen, will sagen kapitalistischen Geist finden, als in der Leitung eines großen industriellen Unternehmens. Die folgenden Ausführungen werden verdeutlichen, was ich damit meine. Was, wenn wir die Entwicklung des Detailhandels im neunzehnten Jahrhundert überblickeil, uns zunächst auffallen mnß, ist die starke Vermehrung, die die Zahl seiner Vertreter erfahren hat. Ans einer Reihe von Gründen, deren Erörterung nicht hierher gehört (man findet sie in meinem Kapitalismus einzeln ausgeführt), hat namentlich die Kohorte der kleinen, Proletarischen Existenzen im Detailhandel eine beträchtliche Zunahme aufzuweisen. Und wenn wir in der Statistik, die, wie wir sahen, leider Groß- und Kleinhandel nicht unterscheidet, ein dentliches Allwachsen der Händlerschast in allen Branchen nachweiseil können, so ist dieses sicherlich viel mehr dem Detailhandel als dem Großhandel ausS Konto zu setzen. Ich will nur wenige Ziffern zum Belege auführeu. Im Königreich Prenßen wurden Erwerbstätige im Handel ans 10000 Einwohner 1843 (nach Dieterici) 97, 1895 (nach der Bernssstatlstik) 240 gezählt. Selbst in dem hochentwickelten Königreich Sachsen waren vor fünfzig Jahren von 10 000 überhaupt Erwerbstätigen erst 256, 1895 dagegen 637 Handeltreibende. Und in einer Stadt, wie Breslau, betrug deren Anteil an der Gesamt- bevölkerung 1846 3.1 1895 aber 6°/<,. Auch von 1882 bis 256 Der Handel. 1895 hat sich die Händlerschaft im Deutschen Reich wiederum rascher als die Bevölkernng vermehrt, so daß 1882 erst jeder 60. Mensch (59.9), 1895 aber schon jeder 39. (38.8) ein Händler war. Daß es sich dabei großenteils um Vermehrung der Detaillisten handelt, ersehen wir daraus, daß in ländlichen oder kleinstädtischen Gebieten, wo der Engroshandel an Bedeutung zurücktritt, die Zunahme besonders stark ist. So kam beispielsweise in 26 Landorten des Handelskammerbezirks Villingen in Baden ein Handelsgeschäft 1886 auf je 357, 1897 schon auf je 182 Einwohner, in 14 Kleinstädten desselben Bezirks aus bezugsweise 180.6 und 91.7 Einwohner. Wie mächtig aber diese Vermehrungstendenz ist, vermögen wir auch daran zu erkennen, daß sie sich bemerkbar macht in den Ziffern der Statistik, trotzdem eine starke Gegentendenz seit einer ganzen Reihe von Jahren wirksam ist: ich meine die Tendenz zur Ausschaltung des Handels, die in der Sphäre des Detailhandels nicht minder vorhanden ist, wie in derjenigen des Großhandels. Die Bestrebungen zur Ausschaltung des Detailhandels haben verschiedenen Ursprung. Sie verdanken ihre Entstehung zunächst der Initiative der Produzenten, die wir in gleicher Richtung schon beim Großhandel zu wirken bemüht fanden. Wenn Fabrikanten jetzt ihre Reisenden bis zu den letzten Konsumenten schicken, oder sich durch Errichtung eigener Niederlagen (wie es in der Schuhwaren-, Hut-, Schirm-, Porzellan-, Seidenwaren-, Butter-, Schreibmaschinen-, Möbel-, Kleineisenwaren- u. a. Brauchen in wachsendem Maße der Fall ist) in direkte Verbindung mit der Kundschaft setzen, so gelangt damit nur das letzte Stadium einer Entwicklung zum Abschluß, der seit langem die übrigen Sphären des Handels bereits unterlagen. Gleich bedeutsam ist der andere Ausgangspunkt für die Ausschaltung des Detailhandels: die Initiative der Konsumenten, mögen dies produktive Konsumenten sein, wie die Landwirte, die ihre Maschinen, Sämereien, Dünger usw. durch Einkaufsgenossenschaften beziehen (dann ist es nicht eigentlich Detailhandel, der ausgeschaltet wird); oder aber letzte Konsumenten, die sich zu Konsum- Tendenzen zur Ausschaltung des Detailhandels: Konsumvereine. 2S7 vereinen zusammenschließen, um ihren Bedarf unter Umgehung des Kleinhändlers direkt beim Grossisten oder beim Produzenten einzukaufen. Die Konsumvereine treten entweder als Vereinigungen bestimmter Berufsstände auf, in Form sogenannter Offiziers- nnd Beamteuvereine, oder als allgemeine Käufergenossenschaften iu den im engeren Sinne als Konsumvereine bezeichneten Verbänden. Das Konsumvereinswesen hat in Deutschland, wie in andern Ländern, während der letzten Jahrzehnte einen raschen Aufschwung genommen, dank vor allem der starken Beteiligung der Arbeiterschaft. Steht Deutschland am Ende des Jahrhunderts mit seinen Konsumentenorganisationen auch noch weit zurück hinter andern Ländern, wie Belgien, der Schweiz und England, so wird man doch das beträchtliche Anwachsen dieser Bewegung, namentlich in den letzten zehn Jahren, als ein Symptom dafür betrachten dürfen, daß es sich hier um ein wichtiges Element der Neuordnung zukünftigen Wirtschaftslebens handelt. Über die Entwickluug des Konsumvereinswesens in Deutschland und seinen Stand in einigen andern Ländern, die ich zum Vergleich heranziehe, findet der Leser den ziffernmäßigen Aufschluß iit den Tabellen der Anlagen 18 und 19. Wenn es richtig ist, was uns Hans Müller vorrechnet, daß am Schlüsse des Jahrhunderts in Deutschland aus 1 „organisierten" Konsumenten 17 „unorganisierte" kommen, und wenn wir bedenken, daß auch die in Konsumvereinen zusammengeschlossenen Konsumenten den größten Teil ihres Bedarfs doch wohl beim Händler decken, endlich aber noch in Betracht ziehen, daß erst die allerletzten Jahre eine bedeutendere Zunahme der Konsumeutenorganisativnen gebracht haben, so ergibt sich daraus, daß während des ganzen neunzehnten Jahrhunderts der Warenverschleiß doch so gut wie ausschließlich noch Sache einer besonderen Klasse von Detailhändlern geblieben ist. Eine Darstellung der deutschen Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert wird also der Bedeutung dieser beiden Formen des Warenabsatzes — in Konsumentenorganisationen und durch Vermittlung einer berufsmäßigen Händlerschaft — dann annähernd gerecht, wenn sie jene, wie es geschehen ist, mit wenigen Worten Sombart, Vollswirtschaft. 17 258 Der Handel. im Vorbeigehen erwähnt, dieser jedoch eine ausführliche Erörterung zu teil werden läßt, wie es der Zweck der folgenden Zeilen ist. Das erste, was sich über die Wandlungen aussagen läßt, die der Detailhandel während des verflossenen Jahrhunderts erfahren hat, ist dieses: daß er mehr und mehr den Charakter als Wanderhandel verliert, also seßhaft ivird. Zumal ist es wiederum die zweite Hälfte, genauer das letzte Viertel des neunzehnten Jahrhunderts, in dem sich die entscheidende Wendung zur Seßhaftigkeit vollzieht. Ebenso wie die Messen ihre Bedeutung für den Engroshaudel verlieren, so für die Krämerei die Jahrmärkte. In den Großstädten beginnt deren Rückgang schon in den 1860er Jahren, in den Kleinstädten wohl einige Jahrzehnte später. Der Hausierhaudel ist bis in die 1880 er Jahre hinein nicht nur stabil geblieben, sondern sogar gewachsen, jetzt nimmt er ebenfalls ziemlich rasch ab. Und auch die Wanderlager und Wanderauktion haben heute ihre Blütezeit, die iu die 1870er Jahre fällt, längst hinter sich und sterben langsam aus. Was ich alles in meinem Kapitalismus unter Angabe der Gründe ziffernmäßig zu belegen versucht habe. Die Erbschaft des alten Wanderhaudels hat der moderne seßhafte Detailhandel angetreten, der sich hierzu die Befähigung erwarb durch eiue gründliche Umgestaltung der aus der Vorzeit überkommenen Krämerei. Diesen Prozeß der Neuorganisation des seßhaften Detailhandels in seinen einzelnen Teilen zu verfolgen, lohnt die Mühe. Der Detailhandel tritt in das neunzehnte Jahrhundert als handwerksmäßig organisierte Krämerei ein. Das sagte ich schon im dritten Kapitel, als ich von den Zustünden des deutschen Wirtschaftslebens vor hundert Jahren sprach. Aber wir müssen uus doch diese alte Krämerei in ihrer handwerksmäßigen Organisation, von der die moderne Entwicklung ausgeht, noch etwas mehr aus der Nähe anschauen. Treten wir in der kleineren oder mittleren Stadt in einen solchen alten Kram, so erhalten wir denselben Eindruck, wie wir ihn noch heute gelegentlich in ganz weltfernen Orten erleben können, wo sich alle überhanpt zum Verkauf kommenden Gegenstände — als da sind Kolonialien, Konfekt, Spiritussen, Zigarreu, Der Detailhandel als Handwerk. 259 Rauch-, Kau-, Schnupftabak, Schiefertafel,,, Papier uud andere Schreibwaren, Stoffe, Nähgerätschaften, Spaten, Ketten, Sensen, Peitschen, Farben, Heringe, Syrup usw. — iu der einen Gemischtwarenhandlung bei einander finden. In höher entwickelten Verkehrsgebieten, den größeren Städten, hatte sich wohl schon zu Beginn des Jahrhunderts, jedenfalls um die Mitte, eine Weiterbildung dieser Keimzelle des Kramladens insofern vollzogen, als die ursprünglich einheitliche Warenhandlung in verschiedene Läden, die ich als Branchengeschäfte bezeichne, differenziiert war. Das Gemeinsame aller Branchengeschüfte war, daß sie den Kreis der von ihnen geführten Artikel nach der Herkunft der Waren umschrieben. Für den Vertrieb der Rohstoffe sorgten zwei Arten von Geschäften, von denen die einen im wesentlichen alles seilboten, was von fern her, insbesondere vom Auslande kam, die andern das übrige. Jene AuslaudSwarengeschäfte sind die Materialwaren-, Kolonialwaren-, Spezereiwaren usw. Läden, deren Inhaber „Materialisten" hießen. Ein Blick auf die Liste der Waren, die den „Materialisten" nach den Taxordnungen zu führen erlaubt waren, überzeugt uns von der Auslandsqualitüt fast aller gehandelten Artikel: denn auch alle Ole, die meisten Farbstoffe, der Zucker usw. find ja in jener Zeit noch exotischer Herkunft. Die Jnlandsrohstoffgeschäfte sind unter dem Namen der Landesprodukten-, Produkten-, Viktualien-, Vvrkosthandluugen, der Gräupner, Bäudler usw. noch heute vielfach ihrem ursprünglichen Wesen gemäß gekennzeichnet. Gewerbliche Erzeugnisse wurden im wesentlichen in vier (nach anderer Rechnung fünf) Arten von Detailgeschästen vertrieben: 1. Textilwaren in den sogenannten Ausschnittgeschäften, Schnittwarenhandlungen, Manusakturwarenhandlungen, wo noch ohne Unterschied alle „Ellenwaren" gehandelt wurden, oder im Fall weitergehender Differenzierung in besonderen Tuch-, Baumwollwaren-, Leinwandhaudlungen. Was der Käufer, richtiger wohl die Käuferin hier fanden, waren also im wesentlichen die Elemente der Kleidung, die dann im Hause oder bei Lohnhandwerkern weiter verarbeitet wurden. Zur Ergänzung diente eine Reihe von Zutatgeschäften, wie beispielsweise die Zwirnhandlnngen, 17» 260 Der Handel. deren es in Breslau (nach dem Adreßbuch) 1846 noch 28 gab, während die Nadeln im Eisenkram, die Besätze beim Posamentierer gekauft werden mußten. Die andern Geschäfte, in denen die gewerblichen Erzeugnisse feilgehalteu wurden, waren: 2. Die Stahl-, Messing-, Eisenwaren- handlungen, 3. die Glas-, Porzellan-, Steinguthandlnngen, 4. die Galanterie- oder Nürnbergerwaren-Handlungen, in denen alle Sorten Kurzwaren zusammengefaßt waren, deren ursprünglich gemeinsame Herkunft ebenfalls noch im Namen zum Ausdruck kommt. Eudlich sind hier noch zu nennen: 5. die Altwarenhandlungen, die in früherer Zeit, bei den so viel längeren Abnutzuugsperivden aller gewerblichen Erzeugnisse, eine viel größere Rolle spielten, als heute. Aber weuu auch solcherart das äußere Gepräge einer Detail- Handlung aus der Mitte des 19. Jahrhunderts um einiges abwich v.on dem, das sie ein halbes Jahrtausend früher trug: so gut wie ganz unverändert in all der Zeit war ihre Organisation, war vor allem ihr Geist geblieben. Beide bewegten sich noch durchaus in handwerksmäßig-patriarchalischem Geleise. Die Anzahl der Hilfspersonen, wo solche überhaupt gehalten wurdeu, war gering. Noch 1858 wurden in Preußen (nach Dieterici) neben 39 329 selbständigen Handeltreibenden nur 22 907 Handlungsangestellte gezählt. Und selbst in einer großen Stadt wie Breslau hielten im Kolonialwarenhandel (einschließlich sogar des Großhandels: T. O. Schröter!) 518 Inhaber nur 327 Gehilfen. Und zwar müssen wir uns die Größe der Handelsbetriebe ziemlich gleich vorstellen: es standen die meisten dem Durchschnitt nahe. Weder von ganz proletarischen Eintagscxistenzen, noch gar von Riesenunternehmungen war die Rede. Daß Gehilfen- und Prinzipalschaft in patriarchalischem Verhältnis zu einander standen, ist selbstverständlich. Es war der .Eram eine Art von Familieninstitntion, wie die handwerksmäßige Produktion. Die Tätigkeit der Detailleure war nach Umfang wie Inhalt seit Generationen die gleiche, rein handwerksmäßig-mechanische geblieben. Die geringe Handelsentfaltuug, wie sie die gering entwickelte Produktivität selbstverständlich machte, die Ständigkeit und Stetigkeit aller Verhältnisse, die festgefügte Kundschaft, alles wirkte Der Absatz der Waren an die letzten Konsumenten wird zu einemProblem. 261 zusammen, dem Detailhandel sein handwerksmäßiges Gepräge zu erhalten. Der Absatz war ein Gegebenes: auf ihn brauchte der .Krämer, nicht zu sinnen: ihn zu organisieren war noch nicht eine Kunst oder gar eine Wissenschaft. Daher auch die Detaillisten ihrer Natur nach Handwerker geblieben waren, fremd jeder spekulativen Sinnesrichtung uud alles andere als „Kaufleute". Der Grundgedanke, auf dem der Detailhandelskram aufgebaut war, konnte deshalb auch kein anderer sein, als der aller handwerksmäßigen Tätigkeit, wie wir ihn kennen gelernt haben: daß der „Kram" recht und schlecht seinen Mann ernähren müsse, daß er eine „Nahrung" sei, so gut wie das Gewerbe des Gevatter Schneider oder Handschuhmacher. Was dieses Idyll, wie es der vorkapitalistische Detailhandel darstellte, um mit Marx zu reden, „in den Strom der Geschichte gerissen" hat, war die mit wachsender Jntensivisierung des Wirtschaftslebens rasch zunehmende Verschlechterung der Absatzbedingungen für den einzelnen Händler. Die steigende Produktivität der Industrie warf immer mehr Waren auf den Markt, ohne daß immer gleich die entsprechende Mehrnachfrage mit erzeugt worden wäre; die, wie wir wissen, starke Vermehrung der Händlerschaft verschärfte den Konkurrenzkampf, der um so heftiger und allgemeiner wurde, ie rascher dank der modernen Verkehrsentwicklung sich ein Ausgleich der örtlich verschiedenen Güter- Preise vollzog. Zu dieser Erschwerung des Absatzes trat nun eine zuuehmeude Erschwerung des Handelsbetriebs infolge der stetig sich steigernden Menge verschiedenartiger Waren, sowie des unausgesetzten Wechsels ihrer Beschaffenheit und ihres Preises, wie sie die revolutionäre Prodnttionstechnik mit sich bringt. So läßt sich deutlich verfolgen, wie allmählich auch der Absatz der Waren an die letzten Konsumenten zu einem Problem wird, wie aus der handmerksmäßig-traditionell geübten Tätigkeit unter dem Zwange der Verhältnisse ein zielbewußtes, rationelles Handeln mit dem fest vorgesteckten Ziele wird: trotz Verschlechterung und Erschwerung der Absatzbedingungen nicht nur wie bisher die „Nahrung" zu finden, sondern — das forderte das gleichzeitig sich einstellende Gewinnstreben — in wachsendem Umfange Gewinn zn erzielen. 262 Der Handel. Daß dieses Problem nur zu lösen sei, wenn man zunächst mit den alteu Geschästsprinzipien völlig brach, mußte als selbstverständlich erscheinen. Der Kunde, den man früher wohlgemut erwartet hatte, und der auch sicher gekommen war, da sich für ihn keinerlei wesensverschiedene Kausgelegenheit anderswo bot, der Kunde mußte jetzt gesucht, angegriffen, herbeigeschleppt werden. In Breslau und wohl auch anderswo liegen in manchen Straßen sau Haus neben Haus ganze Reihen minderwertiger Herrenkleiderhandlungen. In der Ladentür stehen der Besitzer selbst oder sein Stellvertreter, auf Beute ausschauend. Läßt sich auch nur von fern ein Bäuerlein erblicken, so geraten die Türsteher in unseren Läden in Bewegung. Und wie sich das Bäuerlein ihnen nähert, beginnen sie es in ein Gespräch zu verwickeln und zum Kaufen zu auimieren. Folgt es nicht willig, so wird wohl auch eine leise Nachhilfe, ein sanftes Schieben oder ein schüchternes Zupfen nicht verschmäht. Der Nachbar aber greift den Ländling von der andern Seite her gleicherweise an. lind es kann kommen, daß an dem einen Rockärmel unseres Michel der Herr Cohn und am andern der Herr Levy ziehen. „Ärmelausreißgeschäfte" nennt der Volksmund treffend diese Sorte Läden. Aber was hier in drastischer Form, in roher, handgreiflicher Manier geschieht, ist doch im Grunde gar nichts anderes als das, was auf feinere, zartere Weise jeder moderne Detaillist, der mit der Zeit fortgeschritten ist, nicht minder tut. Und wenn Wertheim und Tietz auch nicht wie die beiden armen Schlucker Levy uud Cohn in der schmutzigen Nebenstraße einer armen Provinzialstadt einzelne Bauern beim Schlafittchen packen, so ist doch ihre Geschäftspraxis ihrem Geiste nach auf demselben Grundgedanken aufgebaut: im Kampfe um den Kunden den Gegner zu besiegen. Daß der Krieg der Bater aller Dinge sei, gilt nuu aber auch hier: alles, was der moderne Detailhandel an neuen Gestaltungen nnd Erscheinungen aufweift, ist jenem Kampfe um den Kunden entsprungen. Wie nnn an einer Reihe wichtiger Punkte zu zeigen sein wird. Es haudelt sich naturgemäß für den Händler um zweierlei: den Kunden zn veranlassen, daß er zu ihm, statt zu der „Kon- Eindringen neuer Geschnftsprinzipien: Reklame und Knlanz. 263 kurrenz" geht: ihn anzuziehen; dann aber weiter, ihn so gnt zu bedienen, daß er auch ein zweites Mal wiederkommt: ihn zu fesseln. Ersterem Zweck dient, wie man weiß, die Reklame. Die Reklame ist nicht ausschließliche Domäne des Detailhändlers-, nicht nur, daß sie auch der Arzt und der Theaterdirektor, die .Nuustausstellungs- kommissiou und die Badevcrwaltung sich dienstbar machein in der Sphäre des Wirtschaftslebens ist sie heute fast schon iu höherem Maße anderen als dem Detailhändler, vor allem dem Produzenten selber eine Lebensbedingung geworden. Aber ihre Erwähnung gehört doch an diese Stelle deshalb, weil die Reklame ohne allen Zweifel im Gebiete des Detailhandels ihre Entstehung erlebt uud ihre Weihe empfangen hat. Es ist kein Zufall, daß die Reklame als ständige Einrichtung iu das Wirtschaftsleben zuerst eingebürgert worden ist von den ältesten Pariser Na^asins cle ^ouveinitW. Es scheint doch wirklich, als ob die Inserate, die der ?stit gaiut l^oirms, der Deux ZZämoncI oder der 8i^e cls ^'oiiotlis veröffentlichten, in denen zum erstenmal ganz schüchtern in ein paar Zeilen dem P. t. Publikum jeue Geschäfte iu Eriuueruug gebracht wurdeu, die Urform der moderneu Reklame darstellte». Man glaubt, ihre ersten Spuren in das Jahr 1829 verlegen zu sollen, das somit als das Geburtsjahr der modernen, ständigen Geschästs- reklame zu betrachten wäre. Und heute, uach kaum zwei Menschen- altern, ist die Reklame ein unentbehrlicher Bestandteil rationeller Wirtschaftsführung geworden. „Sie gehört heute zum eisernen Bestände unseres Wirtschaftslebens: die Gesetze zur Bestrafung des unlauteren Wettbewerbes, der oonouri-enoe 66lo)'als, habeu sie feierlichst sanktioniert. Für den Geschäftsmann ist die Reklame heute das, was der Lotse für das Schiff ist. Die notwendige Kraft ist da, Dampf ist in der Maschine, alles ist in Ordnung, alle Mann sind auf dem Posten, aber es kann nichts begonnen werden, wenn der richtige Wegweiser fehlt." Und zwar ist es die notwendige, die erzwungene Allgemeinheit der Reklamebenutzung, die unsere Zeit auszeichnet. Kein Geschäftsmann kann sich ihr mehr entziehen: bei Strase des Untergangs. Es gibt genug Leute, die auch ohne Reklame groß geworden sind, die aber jetzt mit einein Male zu ihrem eigenen Erstaunen gewahr werden, daß ihr Geschäft 264 Der Handel. nicht mehr so vorwärts geht, wie ehedem, Sie bemerken, daß neben ihnen jüngere Elemente in die Höhe gekommen sind, die rücksichtslos alle Mittel einer gerissenen Geschäftsführung angewandt haben, und daß unter diesen nicht zuletzt eine draufgängerische Reklame sich als wirksam erwiesen hat. So ist es gekommen, daß heute sich niemand mehr der Reklame entziehen kann, und darin liegt ihre grundsätzliche Bedeutung. „Die Reklame selbst ist eine Wissenschaft geworden, erfolgreiche Reklame aber eine Kunst. Immer mehr tritt das Bemüheu zu Tage, für die Reklame bestimmte Grundsätze auszustellen. Mehr und mehr bricht sich die Erkenntnis Bahn, daß auch zum Reklamemachen Methode gehört, daß die Mittel und Wege, deren man sich zur Erreichung seines Zwecks bedienen null, wohl erwogen und geprüft seiu wollen. Bei dem heutigen Stande der Reklamewissenschaftl!» genügt es nicht mehr, daß der Kaufmann oder Fabrikant sie nebenher besorgt, sondern es ist notwendig, daß er, wenn er auf der Höhe bleiben oder sie erreichen will, ihr seine volle Aufmerksamkeit widmet." Diese Worte sind einein Buche entnommen, das selbst am besten von der gewaltigen Rolle zu überzeugen vermag, die die Reklame im heutigen wirtschaftlichen Getriebe spielt: dem „Handbuch der Reklame", das im Augenblick den besten Überblick über das besprochene Gebiet gewährt, und das durch die Wiedergabe zahlreicher kunstvoller Plakate zugleich ein reizendes Bilderbuch geworden ist. Für die engeren Zusammenhänge aber, deren Ausdeckuug uns hier in erster Linie am Herzen liegt, noch wichtiger als die Reklame, die das Publikum heranzuziehen bestimmt ist, sind doch diejenigen Maßnahmen, die dem Zwecke dienen, das einmal angelockte Publikum auch wirklich zu befriedigen: die Maßnahmen der Kulanz im weiteren Sinne. Denn sie sind es ja vornehmlich, die eine Neuordnung des gesamten Geschäftsbetriebes herbeiführen. „Hab ich die Kraft, dich anzuziehen, besessen, So hatt' ich dich zn halten keine Kraft" — ist, ins Kaufmännische übertragen, die Devise des Schwindlers; aber auf Schwindel ist dauernd noch nie ein Unternehmen begründet worden. Als Regel gilt wohl das englische Wort: ,^7ou oan kovl some peoxls all tlie time, z^ou Oberster Grundsatz d. mod, Detailhandels: „großer Umsatz, kleiner Nutzen". 265 «zan tool all psople «»ms tim«, dut /ou earinot tool all tlls peoxle all tke Ume" .. . Und darum muß zu der Reklame, die dem ersteren der beiden Zwecke dient, die Kulanz hinzutreten, damit ein Geschäft dauernden Bestand haben könne. Da sind zunächst, wie jedermann aus eigener Ersahruug weiß, alle die tausend „kleinen Mittel", deren sich hente jeder Geschäftsmann bedient, um sich seinen Kunden angenehm zu machein bald ist es die Ausstattung des Ladens, des Schaufensters (die ebenso auch der Reklame dienen muß), bald die schnelle und höfliche Bedienung, in denen der Händler sich hervvrzutun sucht; saubere uud gefällige Verpackung, Zustellung der Waren ins Haus, Rücknahme zum Umtausch, allerhand Beigaben sür die Kleinen, die die Mutter beim Shopping begleiten: dies und vieles audere gehört heute schon als selbstverständliches Zubehör zu einem Detailhandelsbetrieb, der nicht hinter den „Anforderungen der Neuzeit" zurückbleiben will, und wird von Kleinen und Großen gleichmäßig geübt. Aber solcherlei Praktiken berühren doch erst die Oberflüche; sie gestalten die Geschäftsorganisation noch nicht von Grund aus um. Dazu führen erst eine Reihe anderer Erwägungen; nicht zuletzt die folgende: der Händler, dem es gelungen ist, durch allerhand geschickte Kunstgriffe sich auch uuter den veränderten Verhältnissen seine Kundschaft in gleichem Umfange wie früher nicht nur zu erhalten, fondern neue Kunden dazu zu erwerben uud im ganzen mehr zu verkaufen, also mehr Ware „über den Ladentisch gehen" zu lassen, seinen Jahresumsatz zu vergrößern, mußte notgedrungen die Beobachtung machen, daß ihm dieser vergrößerte Umsatz an und sür sich eine ganze Reihe von Vorteilen gewährte. Wenn er bei gleichen Ausgäbet? sür Miete, Bedienung, Heizung, Beleuchtung usw. doppelt so viel Waren absetzte, so ergab sich für ihn entweder eine höhere Verzinsung des gleichgebliebenen Kapitals (wenn er die Aufschläge auf das einzelne Stück unverändert ließ) oder aber die Möglichkeit, ohne seinen Prosit zu schmälern, am Ausschlag auf das einzelne Stück abzulassen, also die Ware billiger liefern zu köuueu. Das war das eigentlich Entscheidende. Diese Erkenntnis wurde der Ausgangopunkt für die innere Neugestaltung der 266 Der Handel. Handelsunternehmung: es war gleichsam „die" Lösung des gestellten Problems, und es wurde die Losung für alle» modernen Handel: „großer Umsatz, kleiner Nutzen". Auf das Streben, den Umsatz zu vergrößern, nm dadurch, wenn das Streben mit Erfolg gekrönt wird, die Konkurrenz durch billigere Lieferung aus dem Felde schlagen zu können, auf dieses Streben lassen sich alle grundlegenden Neuerungen im modernen Detailhandel zurückführen, von denen uunmehr die Rede sein wird. Als erste solcher Neuerungen erscheint die Herausbildung mehrerer ganz neuer Geschäftsformen, unter denen das Ver- sandgeschäft, das Anktivnsgeschäft und das Abzahlungsgeschäft besonders hervorgehoben zu werden verdienen. Das Versandgeschäft, das darin besteht, daß der vrtsferne Kunde auf Grund schriftlicher Bestellung die Ware ins Haus geschickt bekommt, ist eines der vielen legitimen Kinder, die der Kapitalismus mit der modernen Verkehrseittwicklung gezeugt hat; es ist erst möglich geworden, nachdem Drucksachenversand, Postkarte, Postanweisung und Nachnahme, 5V Pf.-Packetporto und ähnliche Einrichtungen des modernen Verkehrs geschaffen worden waren, und die Eiseilbahnen sich über das Land verbreitet hatten. Von der Ausdehnung des Versandgeschäfts in der Gegenwart besitzen wir keinerlei genaue Kenntnis, lind man ist, um sich trotzdem eine annähernde Vorstellung von seiner wachsenden Bedeutung zu machen, ans die Ziffern der Poftstatistik angewiesen, die wohl zum Teil wenigstens dem Versandgeschäft zu gute zu halten sind. So stieg die Anzahl der von der Post versandten gewöhnlichen Packete von 51.7 Millionen im Jahre 1880 ans 137.8 Millionen im Jahre 1900; der mit Nachnahme belasteten (die wohl größtenteils dem Versandgeschäft ihr Dasein verdanken) von 3.9 Millionen auf 13.4 Millionen im gleichen Zeitraum, während der Betrag der Nachnahmesendungen gar von 57.1 aus 540.3 Millionen Mark innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte anschwoll. Die Auktion, d. h. der öffentliche Verkauf beweglicher Sachen an den Meistbietenden, ist für den Verkauf an letzte Konsumenten erst im letzten Menschenalter in Deutschland zu größerer Bedeutung gelangt. Heute bildet das Auktiousgeschäst eiuen Neue Geschäflsformen: Versandgeschäft,Auktionsgeschäft,Abzahlungsgeschäft. 267 wichtigen Bestandteil deS Detailhandels jeder Großstadt, dessen Umfang solche Ausdehnung angenommen hat, daß die Gesetzgebung ihr Augenmerk daraus gerichtet hat. Freilich wird das NuktionSgeschäft an Bedeutung weit überragt dnrch das moderne Abzahlungsgeschäft, das in dem Maße namentlich wieder in den Großstädten an Ausdehnung gewonnen hat, als die großen Massen der Lohnarbeiterschast Däuser gewerblicher Erzeugnisse geworden sind. Daß sie dieses werden konnten, bewirkte ihr steigendes Einkommen, vor allem aber die zunehmende Billigkeit bestimmter Warenkategorien. Doch blieben es immer Käufer, die nnr kleine Beträge ihres Wochen- oder Monatslohnes zur Anschaffung gewerblicher Gegenstände verwenden konnten. Um ihren Bedürfnissen sich anzupassen, entwickelte man das Abzahlungsgeschäft, das es ermöglicht, die kleinen Einkommensteilchen zu größeren Kaufsummen zusammenzufügen, ohne den Händler einem allzngroßen Risiko auszusetzen. Selbstverständlich haben sich dann auch andere Klassen der Bevölkerung, kleine Beamte und ähnliche Existenzen in bescheidener Vermögenslage mit Freuden der neuen Form des Warenerwerbs bedient. Genaue Angaben über die Verbreitung des Abzahlungsgeschäfts in Deutschland besitzen wir nicht. Doch lassen die übereinstimmenden Aussagen Sachverständiger darauf schließen, daß es in den unteren Schichten der Bevölkerung wenigstens in den Großstädten die durchaus vorherrschende Form des Warenumsatzes geworden ist. Nach einer Schätzung Höhnes, der langjähriger Dirigent der Prozeßabteilung 4 des Landgerichts I in Berlin war, sollen acht Zehntel der Gesamtbevölkerung Berlins mittels Abzahlungsgeschäfts kaufen. Eiu anderer Sachverständiger veranschlagt die in Deutschland täglich abgeschlossenen Abzahlungsgeschäfte auf rund 10 000, ein Dritter, der Inhaber eineS Abzahlnngsbazars in Altvna gibt die Zahl feiner Kuuden ebenfalls mit 10 000 an. Wie sehr das Abzahlungsgeschäft an Bedeutung uvch immer znnimmt, vermag man auch aus der Vermehrung derjenigen Handlungen zu entnehmen, die sich selbst als „Abzahlungsgeschäfte" bezeichnen. Während nämlich in den Anfängen der Entwicklung der Ratenverkauf uach deu Grundsätzen des Abzahlungsgeschäftes 268 Der Handel. im Rahmen der verschiedenen Branchen gelegentlich geübt wird und daneben der Bar- oder Kreditverkauf in den betreffenden Läden ihr Recht behalten, bilden sich im weiteren Verlauf Geschäfte aus, die aus alleu beliebigen Branchen Waren auf Abzahlung verkaufen: die sogenannten „Abzahlungsgeschäfte", „Abzahlungs- bazare". Hier ist das die Waren in dem einen Laden zusammenfügende Moment die Zahlungsweife geworden. Diese reinen „Abzahlungsgeschäfte" sind allerdings meist schwer als solche erkennbar; einen Anhalt zur Beurteilung ihrer Entwicklung haben wir dort, wo in den Adreßbüchern einer Stadt in der Übersicht der „Gewerbe" die Abteilung „Abzahlungsgeschäfte" bezw. „Warenabzahlungsgeschäfte" besonders aufgeführt ist. Da ergibt die Vergleichung der letzten Ziffern mit denen vor 10—12 Jahren fast durchgängig eine beträchtliche Zunahme. So stieg ihre Zahl von 1888 bis 1899 in München von 12 auf 32. In Breslau zähle ich: 1895 — 7, 1898 - - 15, 1901 — 18. Die zuletzt gemachte Beobachtung: daß unter dem Gesichtspunkt gemeinsamer Kaufverträge eine ganz neue Gruppierung von Waren in einem Laden stattfindet, lenkt unfer Augenmerk auf die Tatsache, daß auch, abgesehen von den Abzahlungsgeschäften, sich ganz allgemein eine Tendenz wahrnehmen läßt, die Waren, die in einem Laden feilgehalten werden, nach neuen Merkmalen zusammenzustellen. Sehen wir zu, ob auch diese Erscheinung sich in den großen Zusammenhang der Neugestaltung der Absatzorganisativn als Glied organisch einführen läßt! Es kann in der Tat keinem Zweifel unterliegen, daß der Grund zu solcher Neugruppierung der Wareu in den Verkaufs statten abermals das Streben ist, den Umsatz zu vergrößern, durch Vermehrung der Kundschaft einerseits, durch rascheren Absatz der Waren andrerseits. Denn was man bezweckt, ist nichts anderes, als die Waren in solcher Beschaffenheit und Menge in einem Laden zu vereinigen, daß das Publikum seine Freude daran hat, weil es gerade das in geeigneter Qualität beieinander findet, was es in dem Augenblick zu kaufen beabsichtigt, also gereizt wird, gerade in diesem Laden seine Einkäufe zu machen; des weiteren aber tunlichst keinen Artikel zu sühren, der nicht oder nur selten verlangt wird, d. h. also die täglichen Kausakte der Neugruppierung d. Waren i, d. Verkaufsstätten: Differenzierung. 269 Zahl der vorhandenen Artikel möglichst anzunähern. Man kann in diesem Fall von einer Konzentrierung der Nachfrage oder einer Jntensivisierung des Warenvertriebs reden. Aus diesen allgemeinen Erwägungen heraus ergeben sich dann vornehmlich folgende drei Tendenzen: 1. Qualitative Differenzierung derDetailhandlungen, d. h. eine Scheidung des ehemaligen Durchschuittsgeschäfts iu das Qualitätswarengeschäft auf der eiuen Seite, das Schund- oder Massenartikelgeschäft aus der andern Seite. Damit vollzieht die Handelsorganisation nur die Anpassung an die in der Kvnsnm- gestaltung heutzutage vor sich gehende Differenzierung. In dem Maße, wie mit wachsendem Reichtum sich der sogenannte Luxus verallgemeinert, d. h. nach Form oder Stoss kostbare Gegenstände in größeren Massen nachgefragt werden, ist es ganz selbstverständlich, daß eine Vereinigung dieser „Luxusgegenstände" iu dementsprechend elegant hergerichteten Verkaufsräumen für die dementsprechend verwöhnte Kundschaft unter Ausscheidung aller minderwertigen Wareu erfolgt. Das Qualitätswarengeschäft ist auch allein imstande, sich den Anforderungen der Grundrenten in den bestgelegenen Straßen uuserer Großstädte auszusetzen; es vermag diesen Zoll zu zahlen, weil seine Kundschaft ohne weiteres zu jeder Mehrleistung in beliebiger Höhe bereit ist, wenn sie nur ihr Kuvee oder ihren Dog-cart in einer anständigen Straße, vor einem eleganten Magazine halten lassen kann. Und ebenso natürlich ist es, daß in dem Vorstadtladen, wo nur noch die Proletariersfrau oder die verwitwete Postsekretärsgattin ihre Einkäufe macht, von vornherein jeder Gegenstand ausgeschieden wird, der auch nur entfernt an echten Stoff oder gediegene Machart erinnert, damit ja kein Stück über das Mindestmaß von Kaufkrast Hinansrage. Dieser Differenzierungsprozeß ist dann ganz wesentlich gefördert durch die Fortschritte unserer modernen Produktions- techuik. Es mußte das Kunstgewerbe erst jene hohe Entwicklungsstufe erreichen, die wir es heute einnehmen sehen, damit die Qualitätswarengeschäfte ihre Gestelle füllen konnten, und es mußte die rastlose Massenprodnktivnstechnik erst jenen fabelhaften Grad von Leistungsfähigkeit sich errungen haben, der sie befähigte, zu den 270 Der Handel. heutigen Spottpreisen Waren über Waren auf den Markt zu werfen, die nun die Perkaufsgegenstände in den Pofelgeschäften unserer Vorstädte bilden. Die zweite Tendenz, die wir bei der Neugruppierung der Waren beobachten, ist eine Tendenz zur: 2. Spezialisierung. Sie erwächst genau aus denselben Erwägungen wie die Differenzierung, sie will ebenso wie diese zu einer Jntensivisierung der Bedarfsbefriediguug verhelfen. Jedermann vermag selbst die stark fortgeschrittene Spezialisierung in unsern Detailhandelsgeschäften festzustellen, wenn er aufmerksam durch die Straßen unserer Großstädte wandert. Aufs Geratewohl greife ich folgende Beispiele heraus; es gibt heute Spezialgeschäfte für Cigarren uud Cigaretten, Butter, Käse und andere Molkereiprodukte, Kaffee, Tee, feinstes Obst, Kaviar, Petroleum, Konfiserie, Fahrräder, Fische, Ansichtspostkarten, Konserven, Handschuhe, Schirme uud Stöcke, Kragen und Kravatten, Hüte, Seidenbänder, chirurgische Instrumente. Voraussetzung für solcherart fortgeschrittene Spezialisierung ist natürlich zunächst ein entsprechender Intensitätgrad des Verkehrs, damit überhaupt eine gehörige Anzahl Verkaufsakte dieser bestimmten Art an einem Orte vollzogen werde. Sodann aber wiederum auch ein erhebliches Neichtums- uiveau, damit die Abstufung der Qualitätsunterschiede eiuer einzelnen Ware, wie sie tatsächlich die Gegenstände dieser Spezialitätengeschäfte aufweisen, möglich werde. Denn offenbar ist der Hauptzweck solcher Läden ihr eigenstes Produkt nun in schrankenloser Auswahl dem Publikum darbieten zu können. Wir werden daher häufig einer Kreuzung von Qualitätswaren- uud Spezialitäten- gefchäft begegnen, namentlich dort, wo es sich um eine Fortsetzung des urwüchsigen Differenziierungsprozesses handelt, der, wie wir oben sahen, zum Branchengeschäfte führt. So begegnen wir heute fast überall in den Srraßen unserer Großstädte beispielsweise hochqualifizierten Seidenhäusern, kunstgewerblich hervorragenden Glas- und Porzellangeschäften, Läden mit sehr feinen Eisenwaren usw. Aber die bei weitem wichtigste Tendenz in der Neuordnung der Waren ist doch: 3. die Tendenz zur Kombinierung verschiedener, ursprünglich getrennter Warengattungen. Solcherart Zusammeufügung er- Spezialisierung und Kombinierung. 271 folgt abermals unter dem Gesichtspunkte der Kulanz gegen das Publikum. Man will dem Käufer diejenigen Waren tunlichst in demselben Raume darbieten, nach denen er möglicherweise bei Gelegenheit eines einzelnen Kaufakts sonst noch Bedarf verspüren könnte. So entstehen die drolligsten Kombinationen; hier verkauft ein Cigarrengeschäft Spazierstöcke, dort ein Blumenladen Cigarren: hier eine Fahrradhandlung Reiselektüre, dort ein Friseur Theaterbillets u. s. s. Das heißt- man gliedert irgend eine beliebige Ware an den ursprünglichen Warenbestand an, von der man voraussetzt, daß sie von: Käufer nebenbei „mitgenommen" wird. Mit der Zeit haben sich nun bestimmte Kombinationen herausgebildet, die einen bestimmten komplexen Bedarf zu befriedigen trachten. Es entwickeln sich aus den früheren Branchen- geschäfteu traditionell ausgestattete Bedarfsartikelgeschäste, wie wir diese ueue Spezies von Warenlagern nennen können. So entsteht aus dem alten Manufakturwarengeschäft entweder das Modewaren- und Konfektionsgeschäft oder bei noch weiterer Ausdehnung des Bedarfsgebietes das Ausstattungsgeschäft; aus dem alten Eisenkram erwächst das moderne Kücheneinrichtungs- und allgemein das Hausgerätegeschäft; aus der Kolonialwareuhandlnng geht das Delikateßwarengeschäft hervor; die alte Sattlerwerkstatt wandelt sich in den Reisebedarfsladen nm; es entsteht das Herrenartikelgeschäft usw. Allen diesen Neubildungen gemeinsam ist: daß sie völlig gleichgültig gegenüber dem Stoff werden, aus dem die Gegenstände hergestellt werden und gegenüber der Produktionssphäre, die sie liefert. Das Hausgerätegeschäst führt jetzt alle Artikel, die der Hauseinrichtung dienen, mögen sie aus Eisen, Nickel, Kupfer, Glas, Holz, Porzellan, Stroh, Rohr, Leder oder sonst etwas gefertigt sein. Die Delikateßhandlnng vereinigt in ihrem Laden Früchte aus Italien, Gemüse aus Frankreich, Wild aus der Provinz, Kaffee aus Arabien, Schnäpse aus Holland, Hummern von Helgoland, Kartoffeln aus Malta, Austeru aus England oder Holstein, Kaviar aus Nußland, Punschextrakt aus Elberfeld, Konserven aus Braunschweig, Käse aus der Schweiz usw., kurz alles, was zu einem Diner gehört, das hier das bedarfsvereiuigende Moment ist. 272 Der Handel. Dementsprechend ist umgekehrt ein bestimmter Artikel der Kombination mit beliebigen andern Artikeln ausgesetzt und kann deshalb in den verschiedensten Läden geführt werden, er, der früher vielleicht das Rückgrat eines ganz scharf begrenzten Handwerkertrams gebildet hat. So findet man beispielsweise heute die Bürste in Spezerei-, Drognen- und Farbwarenhandlungen, Küchen- einrichtnngs- und Haushaltungsbazaren, Friseurgeschäften und Galanteriewarenläden, Eisenwaren- und Werkzeughandlungen, bei Holzwaren, Korbmacherartikeln, Seilerwaren, in Töpferwaren- und Grünzeughaudlungen; wir finden die Damenbluse und Damenschürze in allen Garderobe-, Weiß- und Mauufakturwarenhand- lungen, in den Leinen-, Wäsche-, Putz- und Posamentiergeschäften, in den Versandhäusern und Bazaren, in Spezial-, Strumpf- und Wvllwarenhandlungen u. f. f. Wiederum ist es selbstverständlich, daß diese zweckentsprechende Nengruppierung der Ware nur vorgenommen werden tonnte, nachdem die moderne Produktions- und Verkehrstechnik die Porbedingungen dafür geschaffen hatten. Nun findet aber offenbar das Streben, durch alle solche Maßnahmen, wie wir sie eben kennen gelernt haben, die Waren in gefälliger Form darzubieten, durch rascheren Umsatz Ersparungen zu machen usw., seine Begrenzung in dem Umfange, in der Kapitalkraft eines Geschäftes. Über eine bestimmte Höhe hinaus läßt sich naturgemäß der Warenvertrieb nicht steigern, solange die Basis unverändert bleibt. Soll auf der Bahn weiter geschritten werden, die die modernen Detailhandelsprinzipien weisen, so bleibt nichts anderes übrig als die Basis zu verbreitern. So ergibt sich mit Notwendigkeit aus den veränderten Absatzbedingungen die dritte grvße Entwicklungstendenz des modernen Detailhandels, die wir inicht ganz genau) als Konzentrationstendenz bezeichnen können. Darunter verstehe ich also eine Tendenz, das Maß der in einer Detailhandelswirtschast, iu einer Unternehmung zusammengefaßten Produktivkräfte auszuweiten: um durch elegantere Ausstattung der Läden, reichere Auswahl, Vergrößerung des Warenlagers und ähnliches die Vorteile der zweckentsprechenden Differenzierung und Gruppierung der Artikel in erhöhtem Maße auszunutzen, zu- i Die Konzentrationstcudeiiz im Detailhandel, 273 gleich aber auch neue zu gewinnen, die nur eine derartige Vergrößerung des UnternehinungsspielraumeS zu gewähren vermag. Es sind das die Vorteile des sogenannten „Großbetrieben", wie man sich ungenau auszudrücken Pflegt, denn es handelt sich keineswegs immer um eine großbetriebliche Gestaltung, d. h. um die Zusammeufügung großer Mengen von Produktionsmitteln und Arbeitskräften unter einem einheitlichen Kommando. Es kann jene Ausweitung des Unternehmungsspielranmcs vielmehr ebenso gut im kleinbetrieblichen Rahmen ersvlgen und erfolgt in der Tat ost geuug darin: in der Form des sogenannten Filialensystems, das ein Zeitenstück der großkapitalistischen Handelsorganisation zn der Hausindustrie in der gewerblichen Produktioussphäre bildet. Das beliebteste, wenn auch keineswegs zuverlässigste Wahrzeichen einer sich vollziehenden Kapitalzusammcnballnng sind die in den einzelnen Geschäften oder Betrieben beschäftigten Personen. Leider wird das Maß von Erkenntnis, die uns diese Ziffern zu bieteu vermochten, in der deutschen Gewerbestatistik dadurch noch beträchtlich verkleinert, daß, wie schon öfter hervorgehoben wurde, unsere Zählung nicht zwischen Engros- und Detailhandel unterscheidet. Trotzdem teile ich eiuige der einschlägigen Ziffern aus der Gelverbestatistik in der Anlage 20 mit. Aus den daselbst an- gesührten beiden ersten Tabellen ergibt sich nun zwar, daß heute die Konzentration im Handelsgewerbe, soweit sie in der Zahl der beschäftigten Personen zum Ausdruck kommt, keineswegs schon einen übermäßig hohen Grad erreicht hat. Und die persönliche Erfahrung bestätigt das: neben den wenigen ganz großen Detail- Handelsgeschäfte» und den proletarischen Eintagsfliegen erhält sich vor allem ein beträchtlicher Stamm mittlerer Existenzen, die als kleinkapitalistische Unternehmer mit modernen Geschäftsprinzipien offenbar auch in Zukunft Allssicht auf Bestand haben. Ebenso zwingend beweist die Statistik doch aber auch, zumal wenn wir die Ziffern der 1840 er Jahre, die ich oben mitteilte, zn Rate ziehen, daß eine Tendenz zur Vergrößerung der Geschäfte besteht. Und sie ist offeubar um so stärker, je größer die Stadt ist, in der sich die Handlungen befinden: woraus wir schließeil dürfeil, daß sie auch iil Zukunft anhalteil wird. Ein Vergleich zwischen Berlin somblid't, Volkswirtschaft. 18 274 Der Handel. und Breslau, wie ihn die letzte Tabelle der Anlage 20 enthält, bestätigt die Richtigkeit dieser Beobachtung. Unter denjenigen Geschäften, die die Statistik in der höchsten Größenklasse auffuhrt, befinden sich nun auch jeue spezifischen Repräsentanten des modernen Detailhandels: die Warenhäuser. Sie sind in Deutschland erst in den letzten beiden Jahrzehnten, dann allerdings sehr rasch zur Entfaltung gelangt, nachdem sie in Frankreich, England und Amerika schon eine lange Geschichte hinter sich hatten. Ein modernes Warenhaus ist dort vorhanden, wo die drei Eigenarten der kapitalistischen Detailhandelsentwicklnng sich vereinigt finden: 1. die großkapitalistische Basis: 2. der kapitalistische Geist, d. h. die Modernität der Geschästsprinzipien: 3. die Neuordnung der Waren nach dem Gesichtspunkt höchster Bedarss- anpassung, somit a) Differenzierung in der Qualität, d) Kombinierung verschiedener Branchenartikel. Namentlich auch das Differenzierungsstreben ist bei deu modernen Warenhäusern großen Stils zu beachten: sie forcieren in ganz besonderer Stärke die Umsatzgeschwindigkeit nnd müssen deshalb auch ganz besonders daraus bedacht sein, die Auswahl ihrer Artikel dem Bedarf einer ganz bestimmten Kundschaft genau anzupassen, also weniger begehrte Gegenstände, deren längeres Verweilen im Lager den Umsatz verlangsamt, aus ihrem Bestände immer wieder auszuscheiden. Das Ideal des Großwarenhauses ist: von jeder Warengattung tunlichst nur einen Gegenstand führen zu müssen, wenn möglich aber alle Gegenstände, die eine bestimmte Kundschaft für ihren Gebrauch nötig hat. Dieses Programm gelangt schon heute fast vollständig zur Ausführung in gewissen Warenhäusern minderer Qualität, die sich an die niedrigsten Schichten des kansenden Publikums: „die kleinen Leute" wenden. Ich nenne sie Bazare, zum Unterschied von den Großmagazinen, d. h. Großwarenhäusern höheren RaugeS, wo der sich neubildende „wohlhäbige Mittelstand" kapitalistischer Herkunft das ausschlaggebende Publikum darstellt: wo nicht die Proletarierssrau mit dem Marktkorb am Arm, sondern wo die Mondaine und die Demimondaine mittleren Ranges den Ton angeben, herunter bis zur Offiziers- uud Prosessvrenfrau, soweit diese Die Warenhäuser. Volkswirtschaftlicher Gesainteffekt. 275 auch schon vom Hauche der neueu Zeit berührt siud. Zwischen den Extremen, wie sie einerseits etwa Wertheim in Berlin darstellt, wie sie andererseits die Poselbazare in den Großstädten dcS östlichen Teutschlands verkörpern, liegt dann eine reiche Skala verschieden abgestufter Warenhaustypen. Aber alle streben sie doch auch in der Qualität, wie iu der Zusammeusügung der Branchen dem obersten Grundsatz moderner Tetailhaudelsgestaltuug gerecht zu werden: die Anpassung an den Bedarf einer bestimmten Kundschaft zu einer tunlichst vollendeten zu gestalten. Ihre einstweilen höchsten Triumphe feiert die großkapitalistische Organisation des modernen Detailhandels in Deutschland iu dem öfters erwähnten Warenhause von A. Wertheim in Berlin, über dessen Ausdehnung und innere Struktur die Angaben Auskunst geben, die ich iu der Anlage 21 mitteile. Kann dieses Geschäft an Größe des Umsatzes zwar noch nicht entfernt wetteifern mit den entsprechenden Unternehmungen im Auslande, wie Lon Naroliö und I^ouvrs in Paris, deren Umsatz auf je 150 bis 180 Mill. Franken anzusetzen ist, während man den Umsatz des Wertheimschen Ladens vor einigen Jahren aus 30 Millionen Mark schätzte, so wird das deutsche Großmagazin, was künstlerische Ausstattung, Solidität des Geschästsgebareus uud Planmäßigkeit der Organisation betrifft, auch mit den berühmtesten Etablissements des Auslandes jedeu Vergleich bestehen. Daß es noch eine glänzende Zuknnft vor sich hat, dafür spricht der Aufschwung, den es wiederum iu den letzten Jahren gewonnen hat. Und daß sich hier die Keime zeigen zu einer Neubildung, der ein sehr großer Teil des Detailhandels zustrebt, kaun für den unbefangenen Beobachter ebenfalls keinem Zweifel unterliegen. Betrachten wir wiederum den volkswirtschaftlichen Gesainteffekt der Detailhandelseutwickluug, so wird das Ergebnis ähnlich lauten, wie beim Großhandel: Steigerung der Leistungsfähigkeit, insonderheit der Produktivität der ausgewaudteu Arbeit durch Entpersönlichung der wirtschaftlichen Tätigkeit, durch Ver- sachlichuug aller Beziehungen. Denn wenn natürlich, hier wie anderwärts die organisatorische Leistung des Begründers und Leiters solcher Wunderwerke, 18* 276 Der Handel. wie es ein modernes Warenhans ist, Anforderungen an Geist und Tatkraft von einer Größe stellen, die aller handwerkmäßigen Ausübung des Berufes fremd war, so ist es doch offensichtlich, das; der Inhalt dieser neuen Tätigkeit nichts mehr von dem persönlichen Charakter an sich trägt, der dem alten Handwerker anhastete. Nicht mehr die innige Beziehung zur gehandelten Ware, wie sie die iutime Brauchenkenntnis vermittelt, uicht mehr die persöuliche Fühlung mit der Kuudschaft ist eS, was über den Erfolg eines solchen großen Handelsgeschäfts entscheidet. Ware und Publikum werdcu vielmehr gleich vertretbar. Sie erscheinen nur uoch als qnalitätslvse Größen, mit denen rechnerisch geschickt umzugehen die Aufgabe des Unternehmers wird. Auch der iunere Betrieb eines derartigen Rieseugeschäfts wird aller Seele beraubt, die in dem kleinen Laden des Visrix ZMosnf ihr Wesen trieb. Wie Glieder eines leblosen Mechanismus wirken die Tausend und Abertausend Angestellten eiu unpersönliches Gesamtwerk, und ihr wohlgeordnetes, seelenloses Jneinandergreisen stellt recht eigentlich eiu Sinnbild des gesammten modernen Wirtschaftslebens vor . . . Aber uuu weiter im Text! Dieses ganze Kapitel hindurch wurde au verschiedeneu Stellen schon daraus hingewiesen, in wie großer Abhängigkeit die neu sich bildende Handelsorganisation von der Entwickelung des Verkehrswesens im neunzehnten Jahrhundert sich befindet. Bon dem ZwillingSbrnder des Handels, dem Verkehr, soll denn nun das folgende Kapitel erzählen. Elftes Kapitel. Der Verkehr. I. Die Eisenbahnen. Dasjenige Ereignis während des neunzehnten Jahrhunderts, das auf dem Gebiete des Verkehrswesens alle übrigen an Bedeutung weit überragt, ja das weit über unser Zeitalter hinaus seine revolutionäre Wirkung ausüben wird, das im Überblick über die Jahrtausende der Kultureutwickluug einen Markstein bildet, ist natürlich die Einbürgerung der Eisenbahn als allgemeines Verkehrsmittel. Die landläufige Wertung einer kulturellen Neuerung in ihrem Einfluß auf die Gestaltung des Wirtschaftslebens stimmt hier ausnahmsweise einmal mit dem wissenschaftlichen Urteil überein. Freilich wird gemeinhiu auch die Bedeutung der Eisenbahnen in ganz anderer Richtung gesucht, als sie zu finden ist — ich habe über die vielen schiefen Auffassungen, die von deu Wirkungen der Eisenbahucu verbreitet sind, in meinem Kapitalismus öfters gesprochen — aber darin hat die Menge doch recht, daß die Eisenbahnen in der Tat von erheblichem Einstich auf den gesamten Perlaus deS Wirtschaftslebens in den letzten Menschen- ältern gewesen siud. Wir werden deshalb in diesem Kapitel ihnen auch füglich zuerst unsere Aufmerksamkeit zuwenden. Nichts liegt mir ferner, als hier einen geschichtlichen Abriß von der Entstehung und Entwickelung der deutschen Eisenbahnen zu geben. Ju der Kürze, wie das geschehen müßte, würde es qualvoll langweilig sein. Zudem findet der Leser in jedem besseren- Geschichtswerk darüber den gewünschten Aufschluß. Auch die 1001 Über- und Rückblicke, die „an des Jahrhunderts Wende" von ge- schäfwfreudigeu Verlegern den beklagenswerten Autoren abgenötigt sind, enthalten fast alle mindestens ein paar der Anekdoten, die 278 Der Verkehr. sich an die Genesis der Eisenbahnen knüpfen: von den Leuten, die den Eisenbahnreisenden Gehirnkrankheiten infolge der raschen Bewegung prophezeiten; von dein Postmeister Nagler, der von einer Eisenbahn zwischen Berlin uud Potsdam nichts wissen wollte, weil er schon seinen Postwagen nicht regelmäßig voll bekäme; von der Behinderung des Betriebes durch die Kuh, die sich auf das Geleise verirren würde und dergleichen mehr; auch erzählen sie alle iu bewunderndem Tone von den Bemühungen weitblickender Männer wie Friedrich List und Friedrich Harkort nm den Bau der ersten Bahnen, und berichten mitleidig von dem Widerstand, den Borniertheit nnd Interessiertheit dem entgegenstellten. Ich darf also voraussetzen, daß jeder Leser alle diese schönen Geschichten am Schnürchen hat und begnüge mich deshalb damit, in der Anlage 22 die Ziffern zum Abdruck zu bringen, aus denen die Entwickelung des deutschen Eisenbahnnetzes während unseres Jahrhunderts ersehen und mit deren Hilfe ein Vergleich mit andern Kulturländern gezogen werden kann. Reizvoll wäre es, die Etappen in dieser Entwickelung genauer zu verfolgen. Man käme dann wohl dazu, vier Epochen zu unterscheiden: die erste, die etwa das Jahrzehnt bis 1845 umsaßt, kaun als Borstufe, als die Zeit der Anfänge, der zufällig ersten Linien bezeichnet werden: es sind meist nicht allzuweit von einander entfernte, volkreiche Orte, die verbunden werden. Die erste Eisenbahn wurde 1835 zwischen Nürnberg und Fürth dem Verkehr übergeben. Die Linien, die dann zunächst in rascher Folge erbaut wurden, sind diese: 1838 . . Berlin-Potsdam. Braunschweig-Wolfeubüttel. 1839 . . Leipzig-Dresden. 1840 . . Leipzig-Magdeburg. München - Augsburg. Mannheim-Heidelberg. Frankfurt-Mainz. 1841 . . Berlin-Anhalt. Düsseldorf-Elberfeld. Köln-Aachen. Zur Geschichte und Geographie der Eisenbahnen in Teulschlaud. 279 Dann folgt die Anlage der großen, durchgehenden Linien, die die Hauptstädte des Landes nnd die Peripherie mit dein Zentrum verbinden: in Preußen der Bau fast aller von Berlin ausgehenden Hauptliuien. Diese zweite Epoche, die Periode des Skelettbaues reicht etwa bis in die Mitte der 1860 er Jahre. In der dritten Epoche, die namentlich durch die 1870er Jahre gebildet wird, gelangt das System der Bollbahnen in seinen Hauptzügen zur Vollendung: Periode des Ausbaus, die schließlich in diejenige der Verästelung ausmüudet, in der nur uus noch befinden. Diese letztere Epoche wird damit eudigeu, daß vor jedes Haus eine Eisenbahn sührt. Dazu verhilst 0or allem auch die Entwickelung eines Sekundär-, Tertiär- usw. Bahnbaus, ciues Systems von Schmalspurbahnen mit einem Wort. Dessen Ansauge fallen zusammen mit dem Beginn der Periode der Verästelung der Vollbahnen: 1880—81 gab es in Deutschland erst 192.8 km Kleinbahnen, 1890 schon über 1000 Icm und 1900 bereits 1800 I. Endlich ist die Beförderung durch die Eisenbahnen auch billiger als diejenige durch die Post oder den Frachtwageu. Nicht so sehr groß ist der Abstand der bar bezahlten Fahrpreise für die Per- sonenbeförderuug zwischen der eisenbahnlosen Zeit nnd heute. So betrug der Eilpostfahrpreis vou Dresden nach Leipzig 4 Taler also 12 Mark, der Preis sür jeden Plan in einer Lohnfuhre 2 Taler also 6 Mark. Letzterer Betrag entspricht etwa dem Fahr- Schnelligkeit, Exaktheit, Billigkeit der Eisenbahnen. 287 preis zweiter Klasse Eisenbahn (Mark 6.90), während allerdings die Beförderung in der dritten und vierten Klasse erheblich wohlfeiler ist; sie kostet 4.60 Mark und 2.30 Mark. Was aber vor allem beim Personentransport verbilligend gewirkt hat, ist die Abkürzung der Beförderungsdauer. Eine Reise, die heute in einem Vormittage (also ohne Nachtlager und ohne Zehrung) ausgeführt wird, uahm ehemals zwei bis drei Tage in Anspruch, erheischte also einen dementsprechend langen Unterhalt. Viel bedeutsamer, weil viel beträchtlicher, ist nun aber die dnrch die Eisenbahnen bewirkte Verbilligung des Gütertransports. Dieser kostet hente, namentlich für schwere Güter, oft nicht den zehnten Teil von ehedem. Eingehende Berechnungen ergaben, daß Güter, die heute nach Spezialtaris III (2.2 Pfennige für das Tonnenkilometer) oder noch billiger (nach Ansnahmetarifen) verfrachtet werden, wie Kohle, Getreide, Eisen, in der letzten Zeit vor Beginn der Eisenbahnära hänsig genug 15 Psennige für die Zentnermeile Fracht kosteten, das sind 40 Pfennige auf das Tonnenkilometer, also daß der heutige Frachtsatz einer Herabsetzung auf den 18. Teil der ehemaligen Transportkosten entsprechen würde. Als Dnrchschnittssrachtsatz der alten Verkehrszeit nimmt Engel 10 Psennige sür Zentner und Meile (—26-/^ Pfennige für das Tonnenkilometer) an; das stimmt annähernd mit den Sätzen überein, die von Reden für einige „gängige Güter in ordinärer Fracht" mitteilt. Die Redenschen Sätze sind allerdings zum Teil etwas niedriger: von Berlin nach Königsberg 0.8 Silbergroschen, nach Danzig 0.7 Silbergroschen, nach Memel 1.04 Silbergroschen nsiv.; doch ist zu bedenken, daß sie für den Anfang der 1850 er Jahre galten, als der Wettbewerb der Eiseitbahnen bereits einen Drnck auszuüben begonnen hatte. So wurde der Zentner schon zu 0.33 Silbergroschen für die Meile nach Danzig auf der Ostbahn befördert nsw. II. Der Achstransport. So beherrschend nun aber auch der Einfluß der Eiseitbahnen auf das Verkehrsmesen des verflossenen Jahrhunderts zweisellos ist, so wäre es doch ganz verkehrt, zu glauben: seit dem Ant- 288 Der Verkehr. kommen der Eisenbahnen seien die andern Transportmittet im Binnenlandoverkehr völlig außer Übung gekommen. Eher ist das Gegenteil richtig: die Berkehrsinstitute, die vor den Eisenbahnen bestanden: Persvnenpvst, Frachtfuhrweseu, Binnenschiffahrt, sind erst dnrch die Eisenbahnen zu rechter Blüte gelangt. Jedenfalls hat keines von ihnen vorher auch nur annähernd die Bedeutung besessen, wie in dem Zeitalter der Eiseubahuen. Beginnen wir mit dem Überlaudverkehr von Personen nnd Gütern. Da ist zunächst die wichtige Tatsache festzustellen, daß der Ausbau des deutschen Landstraßennetzes erst zu eiuer Zeit in ein lebhafteres Tempo kommt, als die Eisenbahnen bereits zu hoher Blüte gelangt sind. In welchem verzweifelten Zustande sich die Landstraßen zu Beginn des Jahrhunderts befanden, davon haben wir bereits Kenntnis erhalten. Bis in die 1840 er Jahre hinein, also bis zum Beginn der Eisenbahnära war nun allerdings schon viel daran gebessert worden. Im Königreich Preußen gab es 1842 immerhin schon 1312.6 Meilen Staatschausseen: ihre Länge war also in dem Menschenalter seit 1816 etwa vervierfacht. Aber die Periode regen Chausseebaus beginnt doch nun erst recht: iu dem Menschenalter bis 1876 wird das Netz der Chausseen iu Preußeu alteu Bestandes auf 46 454.9 Icm erweitert, und das ganze Königreich besaß in diesem Jahre 64 978.0 kni Chausseen. Aber der Chausseebau nimmt auch in den letzten Jahrzehnten noch immer seinen Fortgang: 1891 war die Länge des Netzes auf 79 143 km, 1895 auf 84957.5 kin, 1900 auf 95 945 km augewachsen. Diese so stark vermehrten Chausseen dienen uuu aber offenbar nicht in erster Linie dem Spaziergängerverkehr, sondern dem Wagenverkehr. Also muß es diesen offenbar heute weit mehr als früher geben. Welcher Art ist er aber? Zunächst handelt es sich um Persouenbesördernng, die beute wohl überwiegend eine Beförderung in Privatfuhren ist. Sicher hat sie gegen früher eher zugenommen, als abgenommen. Natürlich nicht über lange, fondern über kurze Strecken: zwischen benachbarten Urteil oder zur nächsten Bahnstation. Aber auch eine nicht unerhebliche gewerbsmäßige Personen- Die Perscmenpost. 289 beförderung über Land hat sich bis zum heutigen Tage erhalten. Wir kennen genau nur die Ziffern der Poftreisenden, aus dereu Ztudium sich die zunächst überraschende Tatsache ergibt, daß im Jahre 1900 etwa dreimal so viel Leute in Teutschland mit der Post reisen, als vor dem Beginn des Eisenbahnzeitalters. Wir wisse», daß im Jahre 1834, also dem letzten ohue jede Eisenbahn, im Königreich Preußen 539 030 Personen mit der Post befördert wurden (von Reden). Das damalige Prenßeu umfaßte etwas über die Hälfte des heutigen Reichsgebiets. Es ist also gut gerechuet, wenn wir annehmen, daß im Gebiete des heutigen Deutschen Reichs im Jahre 1834 etwa eiuc Million Menschen sich der Post anvertrauten. Im Jahre 1900 waren eS 3141926, also, wie gesagt, dreimal soviel. Aus der Gegenüberstellung dieser beiden Endziffern läßt sich mm aber die tatsächliche Entwickelung der Personenpost noch nicht erkennen. Es handelt sich nämlich nicht etwa um ein allmähliches Ansteigen auf die heutige Höhe, Bielmehr sind die drei Millionen des Jahres 1900 bereits das Ergebnis einer seit Beginn der 1370er Jahre ständig verlaufeuden Abnahme des Reiseverkehrs. Dieser schnellte nach Eröffnung der ersten Eisenbahnen begreiflicherweise zunächst rasch in die Höhe. Die (nach gleicher Methode berechneten) Ziffern für Deutschland sind: 1840 drei Millionen Postreiscnde, 1845 vier und eine halbe Million, 1855 sechs Millionen. Die Zteigeruug erreicht scheinbar ihren Höhepunkt im Ansaug der 1870 er Jahre (für die Zeit von 1860 bis 1872 fehlen mir die Ziffern». Tic höchste Zahl wird 1873 mit 7417919 Personen verzeichnet. Dann beginnt die Abnahme bis zum Jahre 1890. Bon da ab bleibt sich die Ziffer ziemlich gleich, wesentlich allerdings dank der Zunahme im Gebiete der bayrischen PostVerwaltung, wo die Bergposten eine größere Rolle spielen. Ztetig jedoch hat sich eine Abkürzung der Fahrten vollzogen. So betrug (im Reichspostgebiet) der durchschnittliche Erlös für eine Postsahrt' 1885 noch 1.15 Mark, dagegen 1900 nur mehr 82 Pfennige. Daraus läßt sich ersehen, daß die Postbe- sörderung iu ein immer engeres Gebiet zurückgedrängt wird, entsprechend der zunehmenden Perdichtung des Eiseubahuuetzes. An den Toren der Großstädte tritt eine neue Beförderungs- sombart, Volkswirtschaft. 19 290 Der Verkehr. art in ihre Rechte, deren Entwickelung zu ungeheurer Verbreitung ganz und gar dem neunzehnten Jahrhundert angehört. Ich habe in einein der ersten Kapitel einige Angaben gemacht über die Geburtsjahre der Droschken und Omnibusse iu verschiedenen deutschen Städten. Seit jenen Tagen nun hat, wie jedermann weiß, das städtische Straszenfuhrwesen reißende Fortschritte gemacht. Es mag zur Kennzeichnung seiuer Expansionsgewalt genügen, wenn ich aus den im Statistischen Jahrbuch deutscher Städte gesammelten Angaben die Zahl der Droschken mitteile, deren 45 Großstädte im Jahre 1899 zusammen IS 410 besaßen, und hinzufüge die Anzahl der durch die Straßenbahnen beförderten Personen; das waren in demselben Jahre 761 448 417, wobei jedoch zu vermerken ift, daß die Zahl der aus der Straßenbahn ausgeführten Fahrten noch erheblich größer ist, maßen in obiger Summe die Abonnenten nur je eiumal gezählt sind. Welch ein erhebendes Gefühl muß uns, die Enkel, überkommen angesichts solcher Ziffern, wenn wir bedenken, daß zur Zeit unserer Großväter noch nicht ein einziger — sage uicht eiu einziger! — Mensch in Deutschland des Glückes teilhaftig wurde, in einem so schönen großen Glaskasten täglich womöglich zweimal befördert zu werden, in dem dem Kuustbedürsnis durch allerhand hübsche Neklamebildchen die ganze Fahrt über Rechnung getragen wird und in der die Errungenschaften moderner Hygiene verwirklicht sind in den fürsorgenden Inschriften: „Nicht in den Wagen spucken!" Was aber ist aus dem Frachtsuhrwesen der „guten, alten Zeit" geworden? Oder allgemein ausgedrückt: aus dem Gütertransport auf der Achse? Nun, verschwunden ist er keineswegs. Die beim Frachtfuhrgeschäft erwerbstätigen Personen sind heute viel zahlreicher als zu Beginn des Jahrhunderts. Wenn wir auch nur die Ziffern aus der Mitte des Jahrhunderts (als der Gütertrausport auf der Achse bereits eine viel größere Bedeutuug als zu Beginn des Jahrhunderts hatte) mit denen des Jahres 1.895 vergleichen, so finden wir durchgängig ein starkes Anwachsen dieser Personenkategorie. 1846 waren im Königreich Preußen im „Fracht-, Stadt- und Neisefuhrweseu" 18 670 Personen tätig; 1896 auf demselben Gebiet 50 622 (ausschließlich dem Eisenbahn- und Straßenbahn- DaS Fvachtsuhnvesen. 291 personal) und im Frachtfuhrwesen allein 25 426. Es hat also mindestens eine Verdoppelung stattgefunden. Dasselbe gilt für andere Gebiete des deutscheu Reiches: die Zahlen — ebenfalls auf die Jahre 1846 und 1895 bezüglich — sind für das Königreich Bayern 2767 und 7989, für das Königreich Sachsen 4072 und 8976, für das Großherzogtum Baden 1381 und 2871. Daß die Annahme, der Achstransport habe auch während des letzten Menschenalters uoch beträchtlich an Umfang zugenommen, richtig sei, bestätigt eine interessante Statistik über den Verkehr auf den Staatsstraßen Sachsens, die zum ersten Male im Jahre 1870 veranstaltet und kürzlich (1899) wiederholt worden ist. Nach den in der Zeitschrist des Königlich sächsischen statistischen Bureaus (Jahrgang 1901) gemachten Mitteilungen ist das Gesamtergebnis folgendes: Es betrug ans den genanuteu Straßen die durchschnittliche Anzahl der an einem Tage vvrübersahrenden Geschirre 76 501 im Jahre 1870 und 106 612 im Jahre 1899. Auf je eine Zählstrecke entfielen im Jahre 1870 etwa 90 bespannte Fuhrwerke, 1899 aber 119,7. Die Vermehrung des Verkehrs betrügt also 39,5 °/<,. Aber es hat das Frachtfuhrwesen während des neunzehnten Jahrhunderts selbstverständlich eine völlige innere Umbildung ersahren. Zunächst ist seine Aufgabe eine andere geworden: es besorgt nicht mehr den ortSfernen Gütertransport (vom Möbeltransport, der sich aber auch meist der Eisenbahn bedient, vielleicht abgesehen), soudern beschränkt sich entweder aus die Beförderung von Gütern zwischen nahegelegenen Orten — aus den Toren der Großstadt fahren noch heute, wie vor fünfzig Jahren, allabendlich die großen Planwagen in die benachbarten Städte bis zu einer Entfernung von fünfzehn oder zwanzig Kilometern; hier lohnt sich wegen der Kürze der Strecke der Achstransport, weil er die doppelte Umspedierung, die bei der Eisenbahn nötig wäre, unnötig macht — oder er verwandelt sich in den großstädtischen Binnenfrachtverkchr. Die Enkel der Frachtsnhrleute, die mit dem Spitz an der Seite den hochbeladenen Planwagen durch die weiten Laude begleiteten, finden wir größtenteils heute wieder auf den Rollwagen, ans den Ziegelkarren, ans den Gefährten der Paket- 19» 292 Der Verkehr. fahrtgesellschaften und ähnlicheil Fuhrwerken in den Straßen unserer Großstädte. Von den 56853 Personen, die im Jahre 1895 das Frachtfnhrgeschäft in Deutschland betrieben, entfielen auf die 28 Großstädte (über 100000 Einwohner) allein 15139, also mehr als ein Viertel. Die zweite große Wandlung, die das Frachtfuhrweseu im neunzehnten Jahrhundert durchgemacht hat, ist seiue Überführung aus der handwerksmäßigen in die kapitalistische Organisation! ein Prozeß, der sich übrigens in ganz ähnlicher Weise im Personentransportgewcrbe vollzieht. So viel wir zu erkennen vermögen, liegt der Frachtverkehr zn Beginn des neuuzchuteu Jahrhunderts in den Händen kleiner, selbstständiger, häufig auch zünftig organisierter Kärrner, deren jeder einzelne auf eigene Rechnung und Gefahr meist im direkten Verkehr mit Verladern und Empfängern den Transport in ver- hältuismüßig kleiuen Mengen — den miserablen Wegen entsprechend — besorgte. Hierin änderte sich schon manches während der ersten Hälfte des Jahrhunderts, auch als die volkswirtschaftliche Funktion des Frachtfuhrwesens noch immer der vrtsferne Gütertransport geblieben war. Die Fahrten wurdeu schneller, die Ladungen größer: beides ermöglicht durch die zunehmende Verbesserung der Wege. „Nach den auf mehreren Straßen Deutschlands gemachten Beobachtungen," schreibt der Freiherr von Reden um die Mitte des Jahrhunderts, „war das auf ein Pferd berechnete Durchschuittsgewicht vor 30 Jahreu 10—16 Zentner, vor 20 Jahren 20—28 Zentner, in neuester Zeit 28—32 Zentner; Vierspänner mit 100—120 Zentner gehören nicht zu den Seltenheiten." Gleichzeitig wurdeu die Fahrten regelmäßiger. Für das Vertehrsgebict der Frankfurter Messe berichtet uns Kanter, daß die Frachtwagen 1815 einmal wöchentlich, in den 1830er Jahren aber täglich sichren: das war in dem am weitesten fortgeschrittenen Teile Deutschlands! für andere Gebiete werden wir die täglich fahrende Frachtfuhre zwauzig Jahre später ansetzen dürfen. Dann aber beobachten wir, wie auch die wirtschaftliche Struktur dieses Gewerbes sich deu Nerhältuisseu entsprechend wandelt. Es scheint zunächst das Auftreten des größeren Spediteurs zu feiu, das dem kleinen handwerksmäßigen Kärrner den Untergang bringt. Innere Uinlüldnng deS Fnhrgewerbes. 293 „So sehr nützlich das Institut der Spediteure (die nur das Frachtgeschäft für eiue längere Wegstrecke übernehmen) für den Fracht- fuhrmann sein kann, so drückend kann es für ihn werden, wenn er der Willkür unbilliger Spediteure anheimfällt" (von Reden). Zunächst war es nur eine indirekte Abhängigkeit vom Kapital, in die der Kärrner geriet. Bald jedoch wird der Spediteur Organi- sator des Trausports, die Fuhrleute treten in seinen Dienst, bis schließlich Pferde und Wagen Eigentum des Kaufmanns werden und der Fuhrmann zu desseu Lohnarbeiter herabsinkt. Damit ist die kapitalistische Trauspvrtunternehmung vollendet. Für Westdeutschland hat uns wiederum Kauter diesen llmbildungsprozeß anschaulich beschrieben. Er meint, daß in jenem hochentwickelten Verkehrsgebiet bereits in den 1830er Jahren der regelmäßige Frachtverkehr in der Hand großer Unternehmer (mit dem Sitz in Offenbach, Kehl, Friedrichshafen) lag, die die Stelle unserer Eisenbahnverwaltungen für die Speditiv» vertraten. Das moderne (großstädtische) Frachtsuhrgeschäft ist aber häufig gleich vou vornherein als großkapitalistisches Unternehmen ins Leben getreten und weist jedenfalls (soweit es noch handwerksmäßig organisiert ist) eine unzweifelhaft starke Tendenz znr Umbildung in die kapitalistische Form auf. Von den oben bereits verzeichneten S6 853 im Frachtfuhrweseu tätige» Personen waren 1895 allerdings erst 13 943 in Betrieben mit 6—50 Personen, 5111 in solchen mit mehr als 50 Personen beschäftigt. Während jedoch die Zahl der in Kleinbetrieben uuter 5 Personen Tätigen (bei gleichzeitiger Verringerung der Anzahl der Betriebe um 5,5 °/g) seit 1882 mir um 5,1 zuuahm, vermehrten sich die Mittelbetriebler im gleichen Zeitraum um 119,9 die Großbetriebler um 328,4 Eine gleiche Tendenz, wie gesagt, beherrscht auch das Personen- fuhraewerbe. Hier löst das große Droschken- oder Mietswagen- unternehmen den kleinen Handwertsmann ans dem Kutschbock mehr uud mehr ab. Leider vermögen wir die Umgestaltungen auf diesem Gebiete des Transportwesens noch weniger genau durch Ziffern zu erweisen, da die amtliche Statistik erst im Jahre 1895 die sehr willkommeue Unterscheidung zwischen „Posthalterei und 294 Der Verkehr. Personenfnhrwcrk" einerseits, „Straßenbahnbetricb" andererseits macht. Letzterer hat natürlich niemals anders als ans großkapitalistischer Basis bestehen können. In der Tat finden wir 1895 darin nur 28 Personen in Betrieben mit weniger als 5 Personen (was diese 9 Straßenbahnbetriebe vorstellen, ist überhaupt nicht recht einzusehen), 1422 in „Mittelbetrieben" (6—50), dagegen 16 867 in Betrieben mit mehr als 50 Personen. III. Die Binnenschiffahrt. Wesentlich anders als ans die Gestaltung des Achstrausportes habeu die Eisenbahnen auf die Entwickelung der Binnenschifs- fahrt eingewirkt: empfingen Frachtfuhrwesen und Personenpost, wie wir sahen, durch die Eisenbahnen erst recht den Anstoß zu einem kräftigen Aufschwung, um dauu — nach einem Menfchenalter unerwarteter Euphorie — zu bescheidenen Dienern der Eisenbahnen herabznsinken, so war gerade umgekehrt die erste Wirkung der Eisenbahnen ans die Biuueuschiffahrt zweifellos eine sehr nachteilige. Das Menscheualter, iu dem unter dem Einflüsse der Eisenbahnen Frachtfuhrweseu und Personeupost ihre eigentliche Blütezeit erlebten, war für die Binnenschiffahrt eine Zeit des Stillstandes oder gar des Rückganges. Dann aber geschah das Unerwartete: etwa im drittletzten Jahrzehnt des verflossenen Jahrhunderts tritt die Biuneuschiffahrt in eine neue noch immer andauernde Periode des Aufschwungs ein und entwickelt sich zu eiuer den Eisenbahnen nicht dienenden, sondern gleichberechtigt zur Seite tretenden Transportart. Ehe wir jedoch die Schicksale der Binnenschiffahrt im Zeitalter der Eisenbahnen einer genaueren Prüfung unterziehen, müsfen mir uns erinnern, daß dieses Verkehrsmittel bereits eine Periode der Blüte im neunzehnten Jahrhundert erlebt hatte, ehe die Eisenbahnen ihre Laufbahn in Deutschland begannen. Wenigstens gilt das für das wichtigste und in jener Zeit fast einzig in Betracht kommende Stromgebiet: den Rhein. Seit Ende der 1320er Jahre, namentlich in den 1830er uud noch mehr in den 1840er Jahren entwickelt sich die Schiffahrt auf dein Rhein und seineu Nebenflüssen in einer sür die damaligen bescheidenen Die Binnenschiffahrt vor dein Beginn des Eisenbnhnzeiwlters. 295 Ausmaße der deutsche» Volkswirtschaft unerhört glänzenden Weise^ Eine» fördersauieu Einfluß hat scheinbar die Rheinschiffahrto tonvention vom 31. März 1831 ausgeübt. Durch sie wurde» zwar »mli »icht die Abgabe», aber doch alle Beschrä»k»uge» beseitigt, die dem freie» Verkehr auf den: Rhein im Wege stände»! Die Umschlagsrechte wurden abgeschafft, die Privilegien der Schisfer- zimfte aufgehoben. Den lebhaften Aufschwung, den die Schiffahrt daraufhin nahm, vermögen wir zunächst zn erkennen an dem raschen Vordringen einer neuen Orgauisatiousform: der kapitalistischen, die sich von vornherein der nenen Tra»Spvrttech»ik bemächtigt: der Dampf schisfahrt. Zu Beginn des Jahrhunderts lag die Schiffahrt auf dem Rhein und feinen Nebenflüssen ausschließlich in der Hand von selbständigen, wie oben schon angedeutet, zu Zünften zusammengeschlossenen und privilegierten, kleinen Tchifferhandwerkern, die ihre» Beruf mittels der Technik des Treidelns sLeinzug), in „Rang-" oder „Reihenfahrten" ausübten. Die Umgestaltung dieser rein handwerksmäßigen Organisation wird nun seit den 1830er Jahren von zwei Seiten her in die Wege geleitet. Ähnlich wie wir es bei den Frachtfnhrleuten beobachten konnten, beginnt auch bei der Schiffahrt das Kapital sich zunächst nur in der Weise zu betätigen, daß es auf dem Wege der Spedition eine Organisierung des Schiffsverkehrs herbeizuführen versucht: es werden Schiffahrtskontore errichtet, die als Vermittler zwischen dem Verfrachter und dem Schiffsführer dienen sollen. Hie und da entwickeln sich aus diesen Vermittlungsstellen selbständige Unternehmungen, in deren Auftrage nunmehr die kleinen Schiffer fahren. Diese — sagen wir einmal — kapitalistischen Speditionsgeschäfte finden nun aber bald eine mächtige Stütze in den seit Ende der 1880 er Jahre sich rasch vermehrenden Schleppschiffahrts- Un.ernehmuagen. Letztere werden, wie der Name sagt, ZmÄchk nur zw dem Zweck gegründet (meist auf einer für diie Zeit Verhältnismäßig breiteil kapitalistischen Basis), «m gegm C«tM As leinstweiten noch selbständig bleibenden) Einzelschiffer zs» BsM M schleppen. Tie Schleppschiffahrt nmbernm ist ans der feMUMUM 296 Der Verkehr. Dampfschiffahrt, die zunächst vorwiegend der Personenbeförderung dienen sollte, hervorgegangen. Zolche Tampfschiffahrtsgesellschafteu bestanden Ende der 1330er Jahre bereits mehrere: Die Rheinische Dampfschiffahrtsgesellschaft zu Köln seit 1826 (Aktienkapital 240 00Y Taler), die Niederländische TampfschiffahrtS'aktiengesellschaft, die Dampfschiffahrtsgesellschast für den Nieder- und Mittelrhein seit 1836 (Aktienkapital 550000 Taler). Diese Unternehmungen, wie gesagt, sollten in erster Linie dem Personenverkehr dienen, besvrgten aber nebenbei von vornherein auch (auf ihren eigenen Dampfern) das Frachtgeschäft. Letzteres stand zum Passagiergeschäft etwa im Verhältnis von 1 zu 2. Im Jahre 1830 beförderte beispielsweise die erste der genannten Gesellschaften (nach Ferber) 23777 Personen zu Berg, 28 803 zu Tal, und vereinnahmte dabei 134 635 Taler (1827 erst 55498Taler), Güter führte sie zu Berg 111834Zentner, zu Tal 60 002 Zentner, und vereinnahmte dafür 74657 Taler (1827 erst 23 388 Taler). Seit Ende der 1830er Jahre jedoch verfiel man darauf, die Kraft der sich selbstbewegenden Dampfschiffe statt zum Tragen von Lasten vielmehr zum Schleppen anderer Fahrzeuge (ursprünglich, wie gesagt, der alten Schifferkähne) zu l»enutzen. Die erste Gesellschaft, die einen regelmüßigen Schleppdienst einrichtete, soll nach Bvrgins die oben an zweiter Stelle genannte niederländische D. A. G. gewesen sein (1838). 1842 übernimmt auch die Rheinische D. G. die Dampfschlepperei. Gleichzeitig jedvch entwickelt sich nunmehr als neue Form der DampsschifsahrtS- Unternehmung die reine Schleppschiffahrtsgesellschaft. Als erste 1841 die Kölnische Dampfschleppschiffahrtsgesellschaft (Aktienkapital 412 500 Taler), und dann im Gefolge rasch hintereinander gleiche Unternehmungen in Mainz (1842), Mannheim (1843), Amsterdam (1843), Frankfurt a. M. (1844), Rnhrort (1845 und 1846) und Düsseldorf (1846). Eine weitere Stufe in der Entwickelung der kapitalistischen Binnenschiffahrt wird dann erreicht (und der Anfang dazu wird meist sehr frühzeitig gemacht), wenn die Schleppschiffahrtsgesell- schafteu auch das Frachtgeschäft an sich ziehen, d. h. in eigenen Schleppkähnen (die einen bedeutenden Fortschritt gegenüber den alten Segelschiffen der Einzelschiffer darstellten!) für ihre Rechnung Die Anfänge der kapitalistischen Binnenschisfahrt. 297 Güter befördern. Attraktion, die die Traktion ausübt! Damit ist dann der Ring kapitalistischer Organisation geschlossen. Die handwerksmäßige Schiffahrt wird auf den Aussterbeetat geseht. Dieser Entwickelungsgang, wie ich ihn eben sür die Rheinschiffahrt in großen Zügen geschildert habe, ist nun aber typisch für die Binnenschiffahrt überhaupt. Auf Weser und Elbe, Oder und Weichsel, Mosel und Neckar verläuft er iu gleicher Richtung, ohne daß wir in der Lage wären, die Etappen zeitlich genau zu umgrenzen. Wir wissen nur soviel, daß sich auf Rheiu und Elbe die Aufsaugung der handwerksmäßigen Schiffahrt rascher vollzieht als auf den übrigen deutschen Wasserstraßen, daß jedoch heute (ich greife damit der Darstellung voraus) fast überall die kapitalistische Organisation der Binnenschiffahrt gesiegt hat. Einige Angaben über ihre Fortschritte in allerletzter Zeit werde ich weiter unten noch inachen. Einstweilen kehren wir zu jenem Punkte zurück, bis zu dem wir die Entwickelung der Nheinschiffahrt verfolgt haben. Wie schon aus den bisher gemachten Angaben hervorgeht, erlebt diese bis iu die 1840 er Jahre hinein einen glänzenden Ausschwung. Branchbare Statistiken, aus denen sich die rasche Ausdehnung der Nheinschiffahrt in jenen Jahrzehnten ziffernmäßig erweisen ließe, besitzen wir leider nicht. Immerhin geben uns einige Zahlenreihen die erwüuschte Bestätigung des aus anderen Wegen gewonnenen Ergebnisses. So passierten Mannheim aus der Bergfahrt (nach Borgius) im Jahre 1828 507 323 Zentner, 1835 dagegen 1 014 909 Zentner. Die 1843 in Mannheim begründete Schlepp- schiffahrtSgesellschaft beförderte zu Berg nach Koblenz 1843 erst 23 542 Zentner, 1846 dagegen schon 292 326 Zentner. (Gleicher Gewährsmann.) Die Zahl der von der Rhein. D. G. besörderten Personen stieg von 52 580 im Jahre 1830 aus 601982 im Jahre 1852, die von ihr beförderten Güter von 171836 Zentner auf 472 740 Zentner im gleichen Zeitraum (von Reden). Die Mcuge der von der Ruhr abgehenden Steinkohlen betrug 1831 5,7 Mill. Zentner, 1347 16,6 Mill. Zeutuer (auct. eiuscl.). Sind das auch, verglichen mit dem heutigen Verkehr, geringfügige Ziffern, so lassen sie doch auf einen verhältnismäßig außerordentlichen Aufschwung des Schiffsverkehrs schließen. 298 Der Verkehr. In diese schwellende Blütenpracht fiel nnn »in die Mitte des Jahrhunderts der ertötende Reis: Der Wettbewerb der Eisenbahnen begann sich sühlbar zn machen. An allen Ecken und Enden ertönen die Klagen. Und in der Tat ergibt eine genaue Prüfung der nns bekannten Verkehrsziffern, daß um jene Zeit der Schiffsverkehr ins Stocken gerät, d. h. sich den Mengen nach gleichbleibt oder sogar zurückgeht. Zieht man nun aber in Erwägung, welche beträchtliche Vermehrung die Schiffahrtsuuteruehmungen iu den 1840 er Iahreu erfahren hatten und teilweise im Ansang der 1850er Jahre noch erfahren, so begreift man vollständig die Not und Bedrängnic-, in die namentlich die kleineren Schiffe gerieten. „Die Überführung . . . rief eine Konkurrenz in der Schiffahrt hervor, an welcher die weniger bemittelten Schiffseigner . . . sich verbluten", schrieb 1854 von Reden auf Gruud der Berichte der Mühlheimer Handelskammer. Hier ein paar Ziffern (aus Redens unvergleichlichem Quelleuwerke). In Köln kamen an zu Tal 1845 1,5 Mill. Zentner, 1851 1,18 Mill. Zentner, gingen ab zu Tal bezw. 0,3 und 0,27 Mill. Zentner. Ans dem Rhein im freien Verkehr wurden zu Wesel verschifft in den Jahren 1847 bis 1852 Mill. Zentner 0,60; 0,21; 0,38; 0,25; 0,37; 0,30; desgleichen zu Tal 0,51; 0,49; 0,45; 0,52; 0,52; 0,46. Schiffsverkehr auf der Lippe im gleichen Zeitraum 0,39; 0,16; 0,12; 0,12; 0,12; 0,13 (zu Berg), 0,71; 0,73; 0,56; 0,70; 0,71; 0,52 (zu Tal). Duisburg 1850: 0,497; 1851: 0,458; 1852: 0,309. Auch der Stein- kohlenversand auf der Nnhr erreicht 1847 seinen Höhepunkt mit 16,7 Mill. Zentnern, die nächsten Jahre beträgt er 13,5; 12,4; 16,1) 15,3 Mill. Zentner. Wahrscheinlich setzt nun aber in den 1850 er Jahren die Koukurreuz der Eisenbahnen erst recht ein, denn nuu beginnt ja erst das Netz allmählich vollkommen zu werden. Wie stark aber die schädigende Einwirkung der Eisenbahnen ans deu Schiffsverkehr sein konnte, ergibt dessen Entwickelung auf der Lder. Hier passierten die Schiffsschleuse zu Ohlau i statistisches Handbuch) in dem Jahrfünft von 1843 bis 1847 10,16 Mill. Zentner Frachtgüter, in dem Jahrfünft von 1863 bis 1867 mir noch 4,08 Mill. Zentner. Ende 1846 ist die Hauptlinie der oberschlesischen Bahn vollendet; in diesem Jahre befördert Niedergang und Wiedcrausschwung der Binnenschiffahrt. 29!) dieses neue Transportinstitut 1,44 Mill. Zentner Frachtgut! im Jahre 1856 dagegen schvn 18,05 und 1865 45,78 Mill. Zentner (Festschrift 1867). Und so schien es fast, als sei die Binnen schisfahrt durch die Eisenbahnen ebenso verdrängt wie die Überland- fnhre. Allgemein betrachtete man die Eisenbahnen als das schlechthin höhere Verkehrsmittel, dessen Alleinherrschaft nur noch eine Frage der Zeit sei. Da trat die unerwartete Wendung ein: die Binnenschiffahrt fing an, wieder warme Befürworter zu erhalten. 1869 wurde in Verlin der „Zeutralverein für Hebung der deutschen Fluß- und Kanalschiffahrt" gegründet, dessen Ausgabe die Propaganda für die Binnenschiffahrt war. Und der Erfolg war ein wunderbarer: nicht nur erlebte die öffentliche Meinung eine radikale Wandlung: die Flußschiffahrt und insonderheit die Kanalschiffahrt wurde populär, sondern es vollzog sich auch in Wirklichkeit ein Aufschwung der deutschen Binnenschiffahrt während der letzten Jahrzehnte, den kein Mensch den Mut gehabt hätte vorauszusagen. Aus den Ziffern, die ich nach der amtlichen Statistik in der Anlage 23 mitteile, ist die mächtige Bewegung zu ersehen,' die unser Verkehrsmittel während der letzten 25 Jahre durchgemacht hat. Aber nicht nur ist der Verkehr auf den deutschen Binnenwasserstraßen in diesem Zeitraum ganz beträchtlich gestiegen ian einzelnen Punkten hat er sich verzehnfacht): es scheint auch (völlig zuverlässige Vergleiche lassen sich nicht anstellen, da die Binnen- schiffahrtsstatistik keine Angaben über geleistete Tonnenkilometer enthält), als ob die Entwickelung der Binnenschiffahrt im dem letzten Menschenalter eine intensivere, rapidere gewesen sei, als diejenige des Verkehrs auf den Eisenbahnen. Darauf lassen wenigstems die Ziffern schließen, die Baurat Symvher vor ewigem Zahreu berechnet hat und die ich — lediglich unter Berufung auf die Autorität des Verfassers — in der Anlage 24 «itteAe. TsmvMch würde Zwar der Anteil, den die BinmMschifsahrt s« »MsamGÄter- verkehr hat Wr die PersonenbesSrdetANg kommt sie umr « ge- ringem U«Mmge nsch in Betracht) anmähemd der gleiche « bem znmnZigjKhriAM Zeitraum 1s7S bis IMS gebliebem MM 300 Der Verkehr. (22 gegen 21 Wenn man jedoch in Rücksicht zieht, daß in diesen zwanzig Jahren die Eisenbahnen ihre Linienlänge sast verdoppelt haben, während die Ausdehnung der Binnenwasserstraßen annähernd dieselbe geblieben ist (Shmpher nimmt sogar an, das; gar keine Vermehrung stattgesnnden habe), so ist ersichtlich, das; die Verkehrsleistung der Binnenschiffahrt in einein erheblich rascheren Tempo gestiegen ist als diejenige der Eisenbahnen. Die allgemeinen Ziffern gewinnen nnn aber noch an Eindringlichkeit, wenn wir sie durch Angaben ergänzen, die wir über den Verkehr in bestimmten Artikeln an einzelnen Orten besitzen. So betrug beispielsweise der Getreideverkehr Mannheims im Durchschnitt der Jahre 1875 bis 1877 auf der Bahn 79 953 k, die Anfuhr zn Wasser 73 318 t; dagegen war der Wasserverkehr im Durchschnitt der Jahre 1896 bis 1898 in demselben Artikel auf 832 000 t gestiegen, während der Gesamtverkehr aus der Bahn sich nur noch auf 510 263 t, bezifferte. (Berechnet nach den Zusammenstellungen HeubachS iu deu Schriften des Vereins für Sozialpolitik, Band 89, Seite 448.) Noch deutlicher tritt das Übergeivicht, daS der Wassertransport gewonnen hat, zu tage in der Petroleumversendnng. Während im Durchschnitt des Jahres 1875 bis 1877 Mannheim zu Wasser 6474 t und auf der Bahn 4146 t empfing, war der letztere Betrag am Ende des JahrhnndertS (Durchschnitt 1896/98) nicht wesentlich gewachsen (4861 t), der Empfang zu Wasser jedoch ans 120 333 t gestiegen. WaS aber war es, das die Geschäftswelt von neuem Geschmack an der Binnenschiffahrt betvmmen lies;? Trotz der doch in vielen Punkten zweifellosen Unterlegenheit dieses Beförderungsmittels (Periodische Unterbrechungen deS Verkehrs, größere Langsamkeit usw.). Zmei Umstände sind es offenbar, die mit zunehmender Intensität des Verkehrs und des Wettbewerbs immer mehr inS Gewicht sallen mußten: die größere Ausnahmefähigkeit der Binnenschisf- sahrt, die bei überstürzten Lieferungen zum Beispiel von Kohle von Bedeutung sein kann (chronischer Wagenmangel in den Kohlenbezirken!), vor allem aber ihre entschieden größere Billigkeit. Letzteres Moment gab insbesondere seit der schweren TepressionS- Die besonderen Vorteile des Wassertransports. 301 Periode der 1870er Jahre in Deutschland für sehr viele Jndustrie- und Handelszweige den Ausschlag zu gunsten des Wassertransports. Diese größere Billigkeit hat teilweise ihren Grund iu der Technik des Transports selbst. Nach den Angaben des Majors Kurs kostete ein großer, moderner, eiserner Rheinschleppkahu von 2 000 Tonnen Ladefähigkeit 1897/98 etwa 90-95 000 Mark, die Ausrüstung inbegriffen; die Tonne Laderaum also 45—18 Mark. Dagegen kostete ein Güterwagen von 10 Tonnen Tragfähigkeit zur fclben Zeit etwa 2400 Mark, die Tonne Laderaum somit 240 Mark. Dazu kommt, daß das Flußschiff eine geringere Zugkraft benötigt: mit 1 m Geschwindigkeit in der Sekunde zieht ein Pserd auf den Schienensträngen einer horizontalen Eiseubahn- ftrecke 15, auf horizontaler Wasserfläche aber 60 bis 100 Touueu. Teilweife wird die größere Billigkeit des Wassertransports damit begründet, daß die Aufweuduugen, die der Staat für Flnßkorrektiou und Kanalbau macht, nicht iu gleicher Weise von den Interessenten in Form von Abgaben verzinst werden wie die Anlagen der Eiseisbahnen. Man rechnet, daß allein der preußische Staat annähernd 20 Millionen Mark mehr für die Schiffahrtswege jährlich ausgibt als er erhält, während ihm die Eisenbahnen Hunderte von Millionen Mark bare Überschüsse liefern. Tatsache ist jedenfalls, daß heute die Beförderuug auf dem Wasserwege erheblich geringere Kosten verursacht, wie auf der Eisenbahn: auf dem 23 km langen Ems-Jade - Kanal werden für Stückgüter etwa 1.5 Pfeuuige für Tonne und Kilometer gezahlt (auf den preußischen Eisenbahnen 6—11 Pfennige), auf der Elbing-Ober- ländifchen Wasserstraße nach Dauzig 1.9—2.6 Pfennige für Holz in Kahnladuugen, auf der Strecke Stettin-Berlin 1.0—1.6 Pfennige für Holz, 2.1—3.3 Pfennige für Stückgüter, auf der Strecke Magdeburg-Stettin 2.1 — 2.6 Pfennige für Stückgüter, von Bromberg nach Hamburg 1.4—1.9 Pfennige. Alle diese Wasserläufe sind zum Teil künstliche. Dagegen werden Massengüter auf freien großen Strömen wie Elbe oder Rhein für 0.8 Pfennige bis unter 0.6 Pfennige Pro t liw gefahren, während hierfür (von Ausnahme- tarifen, die aber auch nur bis 1.5 Pfennige heruntergehen, abgesehen) die Sätze der Eisenbahnen (Spez. Tar. III) 2.2 Pfennige 302 Der Verkehr. betragen. (Die Frachtsätze für den Wassertransport nach den Angaben des Majors KnrS. Die gründlichen Untersuchungen Gustav Seibts iu Schmollers Jahrbuch, Baud 26 ^1902^ kommen im wesentlichen zu den gleichen Ziffern.) Damit nun aber die Binnenschisfahrt zu so niedrigen Sätzen den Transport anch wirklich ausüben konnte, mußte eine Reihe von Bedingungen erfüllt werden, unter denen obenan die Schaffung einer leistungsfähigen Wasserstraße steht. Erst in dem letzten Menschenalter sind sämtliche deutschen Ströme dem Nerkehr völlig freigegeben und — was fast noch wichtiger erscheint — in einen Zustand versetzt, der eine regelmäßige Schiffahrt mit großen Schiffsgefäßen ermöglicht: die Flußkorrektionen nnd Flußkanalisiernngen fallen fast ausschließlich iu die letzten zwanzig Jahre. An Her- stellnngs- und Negnlierungskostcn hat allein der preußische Staat von 1866 bis 1897/98 annähernd ^ Milliarde Mark (322.8 Millionen) verausgabt. Am Schlüsse des Jahrhunderts ist der bei weitem größere Teil der deutschen Wasserstraßen aus eine Fahrtiefe von mindestens 1 iri gebracht und ein reichliches Drittel weist eine Fahrtiese von 1,50 in und darüber ans: von 14 168.31 kin hatten 1900 nach dem Statistischen Jahrbuch 2226.14 kni eine Fahrtiefe von 1.75 in und darüber, 3 012.95 Ivin von 1.50 m und 7 075.43 km von mehr als 1 in. Um jedoch diese günstigen Bedingungen auszunutzen und die Fortschritte der Strombautechnik dem Verkehre zu gute zu bringen, mußte gleichzeitig die Organisation der Binnenschiffahrt eine Vervollkommnung erfahren. Dafür sorgte der Kapitalismus, der sich vereinzelt in den 1870 er Jahren, mit Leidenschaft und nachhaltig aber in den 1880 er und zum Teil noch in den 1890 er Jahren dieses Jahrzehute hindurch vernachlässigten Transportzweiges wieder annahm. In den 1880 er Jahren wurden allein 14 neue Aktiengesellschasteu für Schleppschiffahrt und Gütertransport auf den Binnenwasserstraßen gegründet, in den 1890 er Jahren noch weitere 6. Die bestehenden aber vermehrten fast durchgängig ihr Kapital durch Ausgabe ueuer Aktien oder Aufnahme von Anleihen beträchtlich. Oder fie fusionierten sich zu größereu Gesellschasteu. Ein Beispiel für die erstere Form der kapitalistischen Ent- Die Binnenschiffahrt in ihrer heutigen Gestalt, 303 Wickelung bildet die Breslauer A.-G. „Nhederei vereinigter Schiffer". Sie wurde 1888 mit einem Kapital von 72 000 Mark gegründet. 1390 wurde das Aktienkapital auf 200 000 Mark erhöht, 1891 auf -300000 Mark, 1892 auf 360000 Mark, 1895 auf 1 Million Mark, 1897 auf 1 500 000 Mark, 1899 auf 2 Millionen Mark. Am 27. April 1901 wurde das Kapital auf 2 750 000 Mark erhöht, aber die letzte Emission von 750 000 Mark konnte nicht mehr begeben werden. Charakteristisch für die andere Art der Kavitalkvnzeutration ist das Schicksal der „Kette", Deutsche Elbschiffahrtsgesetlschaft in Dresden. Sie wurde 1869 mit einem Kapital von 2 400 000 Mark gegründet; 1877 erwarb sie die Frachtschiffahrtsgesellschaft in Übigan, 1881 die Elbdampfschiffahrtsgesellschaft und die Hamburg-Magdeburgische Danipsschiffahrtskompagnie. Um diese Erwerbungen ausführen zu können, wurde das Aktienkapital auf 7 200 000 Mark erhöht (um 1893 auf 6 450 000 Mark reduziert zu werden), wozu eine Anleihe in Höhe von 1800000 Mark tritt. Es scheint (wie ich an anderer Stelle schon bemerkte), als ob am Schlüsse des Jahrhunderts die Überführung der Binnenschifffahrt in die kapitalistische Organisation fast vollendet sei. Die Gewerbestatistik von 1895 weist zwar noch eine ganze Anzahl kleinerer Schifserbetriebe auf: ich bitte die Anlage 25 zu vergleichen, in der ich die wichtigsten Angaben zusammengestellt habe. Doch dürfte der größere Teil auch dieser kleinen Schiffer, auch wenn es noch Schiffseigner sind, die als Handwerker ihren Beruf ausüben, in Abhängigkeit von den großen Gesellschaften sich befinden, sei es für die Gestellung der Zugkraft bei der Bergfahrt, fei es für die Zuweisung von Frachten, die heute überwiegend durch die Vermittlung größerer Kontors erfolgt. Was an handwerksmäßiger Schisfahrt noch sein Dasein sristet, wird etwa in der Stellung zum Kapital sich befinden, wie die kleinen Tischlermeister, die für Magazine arbeiten. Großes aber, muffen wir feststellen, hat der Kapitalismus für die Organisation des Verkehrs ans den Binnenwasserstraßen geschaffen. Selbstverständlich ist die Dampfkraft allgemein zur Anwendung gelangt. Daneben hat man besondere Sorgsalt auf 304 Der Verkehr. die Vervollkommnung der Transportgefäße selbst gelegt. Die nenen Schleppkähne, namentlich auf dem Rhein, sind aus Eisen oder Stahl erbaut und uehmen an Tragfähigkeit beständig zn. Während im Jahre 1877 von 16893 (Fluß-)Segelschiffen (mit einer Tragfähigkeit von insgesamt 1396 005 t) nnr 1531 eine Tragfähigkeit von 150 bis 300 t und 404 eiue solche von mehr als 300 t, hatten, betrug die Zahl der ersteren Art im Jahre 1897 (von insgesamt 20 360 mit 3 266 087 t Tragfähigkeit) 2 750 und die der letztereu 2 463, während die ganz kleinen Kähne von weniger als 20 t Tragfähigkeit in dem Zeitraum vou 1877 bis 1897 sich von 2 251 auf 1986 verminderten. (Statist. Jahrb.). Nach einer Znsammenstellung Gustav Seibts ergibt sich folgendes Bild, auf dem die Hauptzüge der Entwicklung noch deutlicher hervortreten: besonders große Schiffe trugen anf dem Rhein 1840 400 t, 1880 800 t, 1900 2000 t; auf der Elbe iu den genannten drei Zeitepochen 150 t, 600 t, 800 t; auf der Oder 75 t, 150 t, 450 t. Dann aber gelangte ein Prinzip des modernen Transports, das zuerst iu Amerika angewandt war, mehr und mehr auch in Deutschland zur Anerkennung: das Prinzip der „losen Schüttung"; des Transports ohne Kvlliverpacknng, für flüssige Artikel in sogenannten Tanks. Diese Transportart, scheint mir, ist es vor allem, die der Binnenschisfahrt wiederum zu ihrer Blüte ver- holfeu hat. Denn offenbar gewährt das große Schiffsgefäß für die Versendung im Bulk, bei der dann der ganze kunstvolle Apparat der mechanischen Übertragung der Ladung aus einem Raum iu den andern (mittels Paternosterwerken, Pumpen, Fall- und Rutsch- Vorrichtungen usw.) erst recht gewinnbringend augewandt werden kann, gegenüber dem kleineren Eiseubahnwageu erhebliche Vorteile. Diejenigen Waren, die wir heute mit Vorliebe den Wasserweg aufsuchen sehen, sind daher vor allein auch diejenigen, die im Bulk oder im Tank versandt werden: Kohlen, Erze, Getreide, Petroleum. So erscheint in der Tat die Binnenschiffahrt in ihrer neueu großkapitalistischen Gestalt wohl geeignet, als ebenbürtige Nebenbuhlerin den Eisenbahnen zur Seite zu stehen, wobei die (für Deutschland historisch-zufällige) Frage des Tarifkampfes Die alte Partenrhederei. 305 zwischen Wasserstraßen und Eisenbahnen, die Frage der Bedeutung einer Privatindustrie als Konkurrentin gegenüber der staatlichen Monopolanstalt, der Eisenbahn, völlig außer Betracht bleiben kann. Denn ganz hiervon abgesehen, bedeutet es für ein Land einen großen volkswirtschaftlichen Vorteil, wenn in ihm eine Einrichtung sich entwickelt, die vor allem die natürliche!? Wasserläufe — Geschenke der Natur — als Verkehrswege auszunutzen unternimmt. Und einen nicht unbeträchtlichen Anteil an dem wirtschaftlichen Aufschwung Deutschlands im letzten Menschenalter hat ohne Zweifel die zu neuem Leben erwachte Binnenschiffahrt. IV. Die Seeschiffahrt. Die deutsche Seeschiffahrt ist in das neunzehnte Jahrhundert in fast unverändert denselben Formen eingetreten, die sich gegen Ausgang des Mittelalters herausgebildet hatten. Wo die Größe des Schiffs die eigentlich handwerksmäßige Organisation ausschloß, hatte sich die Rhederei entweder im Anschluß an den Handel als ein kausmännisches Nebengewerbe, oder richtiger Hilfsgeschäft, entwickelt oder, wenn selbständig betrieben, war sie in den Formen einer mehr oder weniger kapitalistisch organisierten Genossenschaftsoder Partenrhederei verharrt. Nach den Mitteilungen des bekannten Hamburger Rheders Sloman, die er in seinen Lebenserinnernngen macht, hätte es noch in den 1830 er Jahren eine selbständige Rhederei „mit wenigen Ausnahmen" nicht gegeben. „(Handels-) Häuser von Bedeutung besaßen stets ein oder mehrere Schiffe; ich glaube fast, man war der Ansicht, daß es zur Stellung derselben gehöre," schreibt dieser Gewährsmann mit dem Hinzufügen, daß in Bremen eine selbständige Rhederei um jene Zeit bereits mehr ausgebildet gewesen sei. Diese selbst beruhte dann, wie gesagt, auf dem Zusammenwirken einer Anzahl von „Partnern", Genossen, von denen einer in der Regel der Schiffsführer war. „Dieser hat oft die Initiative zu einem Rhedereiuuternehmen ergriffen, in dem er ja an erster Linie die feste Anstellung fand; Verwandte und Freunde liehen ihm das Geld zu einem Kapitaleinschuß, der ihm verbürgte, daß er gar nicht oder nicht leicht an Sombart, Vollk-wirtschaft. 20 306 Der Verkehr. die Luft gesetzt werden konnte. Schiffsmakler, Provianthändler, Versicherer und sonstige Beteiligte, die an dein Geschäft mit dem Schiff verdienten, gaben gleichfalls Geld her. Auch der Schiffsbauer hat sich oft beteiligen müssen, wenn er auf den Bau nur einging, um seinen Betrieb nicht ruhen zn lassen." (E. Fitger.) Das neunzehnte Jahrhundert bringt nun zunächst einmal die Verselbständigung der Rhederei. Zwar ist es auch heute noch immer kein ganz seltener Fall, daß die großen Handelshäuser in den Seeplätzen ihre eigeneu Schiffe laufen lasseu. Aber es ist doch die Ausnahme. Als Regel haben wir die Trenuuug zwischen Handels- und Schiffahrtsunternehmer anzusehen. Was aber die Rhederei als selbständiges Gewerbe durchmacht, ist nichts anderes (wie sich erwarten läßt), als die Herausbildung zu rein kapitalistischer Organisation. Will sagen: auch die Entstehung der modernen Großrhederei bedeutet ein schrittweises Zurücktreten des persönlich-technischen Moments in der Organisation, eine zunehmende Versachlichuug der Beziehungen, wie wir sie auf andern Gebieten des Wirtschaftslebens als Ausdruck höchstkapitalistischer Gestaltung bereits kennen gelernt haben. Wir sahen, wie es ursprünglich Leute sind, die dem Gewerbe der Schiffahrt nahestehen oder es selbst ausüben, aus deren Vermögensvereinigung das Rhedereiunternehmen entspringt. Heute findet sich eine derartige fachmännische Interessiertheit, eine derartige Branchenfärbuug, wie man auch sagen könnte, höchstens noch dort, wo die Rhederei von Einzelnnternehmern betrieben wird. Das ist jedoch meist nur noch bei mittleren und kleineren Rhede- reien, namentlich in der Segelschiffrhederei, der Fall, und in den beiden Hauptseeplätzen Deutschlands bildet die Einzelunternehmnng nur einen kleinen Prozentsatz der Schiffahrtsunternehmungen überhaupt: In Bremen befindet sich etwa noch ein Fünftel der gesamten Rhederei in den Händen von Einzelrhedern oder vielleicht auch noch Genossenschaftsrhedern (für Segelschiffe). Der Rest ist in derjenigen Form organisiert, die sich aus der Partei?- oder Einzelrhederei entwickelt hat uud an deren Stelle getreten ist: als Aktiengesellschaft. Diese unterscheidet sich aber offenbar von der früheren Parteurhederei vor allem durch die Unpersönlich- Die Herausbildung der hochkapitalistischen Seeschiffahrt. 307 keit ihrer Anteile. Die alte Schiffsparte war unveräußerlich; ihr Besitz schuf eine dauernde Beziehung zwischen dem Geldgeber und dem Schiff, an dessen Wohl und Wehe er Anteil nahm. Die Aktie ist ein Jnhciberpapier, meist im Börsenhaudel verwertbar. Es wechselt den Besitzer, der keinerlei Persönliche Beziehung mehr zu irgend einem individuellen Schiffe hat. Emil Fitger, dem wir die neueste vorzügliche Darstellung der modernen Seeschiffahrt verdanken (veröffentlicht in den Schriften des Vereins für Sozialpolitik, Band 103), hat darauf hingewiesen, wie sich dann im Laufe der letzten Jahrzehnte allmählich eine Veränderung in der Beschaffenheit der Eigner von Schiffahrtsaktien vollzieht; während ursprünglich das Kapital auch der größeren Rhedereiunternehmungen in den Seestädten selber aufgebracht wurde, uimmt in wachsendem Umfange jetzt das Binnenland und wohl auch das Ausland an seiner Beschaffung teil: die großen Berliner Banken übernehmen die Emissionen der Anleihen und der neuen Aktien, die nun entweder über die ganze Erde verstreut werden oder iu den Portefeuillen der Großbanken zurückbleiben. Sitzen doch bereits deren Vertreter in den Berwaltungsräten der großen Schifsahrtsunternehmungeni damit ist die höchste Stufe kapitalistischer Organisation, die ganz abstrakte, völlig unpersönliche erreicht. Ersichtlich ist nun aber, welche befruchtende Wirkung auf die Rhederei dieser Gang der Dinge ausüben mußte. Der breite Strom des Kapitals floß jetzt erst recht in ihren Schoß. Um eine Vorstellung von der gewaltigen kapitalistischen Expansion zu gewinnen, die die deutsche Seeschiffahrt in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts erfahren hat, genügt ein Blick auf die Ziffern der Anlage 26. Im Jahre 1839 ruft der alte Sloman die erste hainburgischeDampfschiffahrtsgesellschaftl„HanseatischeD.-Ges."i ins Leben, deren gesamtes Aktienkapital etwa 300 000 Mark Banko betrug, und es erregte, berichtet uns der Sohn, damals „allgemeines Staunen in Hamburg, wie mein Vater es wagen konnte, für das Unternehmen die Summe von 75 000 Mark zn zeichnen." Am Schlnsse des Jahrhunderts verzeichnet das Bureau „Neritas" 115 deutsche Rhedereien für eiserne Segelschiffe und 256 Dampf- 20* 308 Der Verkehr. schiffsrhedereien, von denen die 29 Aktiengesellschaften mit mehr als 1 Million Mark Aktienkapital allein fast eine halbe Milliarde Mark werbend in der Schisfahrt angelegt hatten. Aus den in meiner Übersicht den einzelnen Gesellschaften beigefügten Jahreszahlen ihrer Gründung und ihrer Kapitalerhöhung ist auch ungefähr das allmähliche Ansteigen zu der Höhe, die der Seekapitalismus heute erklommen hat, zu ersehen. Ein eindringendes Studium der Ziffern ergibt aber noch mehr: es lehrt, wie neben der Expansionstendenz deS Kapitalismus in dieser Anlagesphäre gleichen Schritts eine starke Konzentrationstendenz nebenher geht. Fast alle Gesellschaften vermehren im Laufe der Jahre ihr Kapital, vor allem aber die großen und größten. Insbesondere die letzteren, also die Hamburg- Amerikanische und der Norddeutsche Lloyd sind auf dem besten Wege, den größten Teil der gesamten Rhederei ihres Platzes an sich zu ziehen. Noch vor zwanzig Jahren umfaßte die Flotte des Norddeutschen Lloyd erst ein knappes Fünftel der gesamten Bremischen Flotte (18,4 "/<,), am Ende des Jahrhunderts ist es beinahe die Hälfte (46,3 Die beiden größten Schiffahrtsunternehmungen Bremens besaßen 1882 etwas über ein Fünftel (21,2 "/<>), 1900 dagegen drei Fünftel (61,4 °/„) der Bremischen Flotte (Bremische Handelskammer). Nicht viel anders liegen die Dinge in Hamburg. Die ökonomische Notwendigkeit dieser Entwicklung werden wir aber leicht einzusehen vermögen, sobald wir unser Augenmerk aus die Neugestaltung richten, die der Schiffahrt^ betrieb unter dem Einflüsse des Kapitalismus iu den letzten beiden Menschenalteru erfahren hat. Nur ein technischer Ausdruck für die kapitalistische Expansion ist die entsprechend rasche Vermehrung des Schiffsbestandes, wie sie die deutsche Flotte in dieser Zeit ausweist. Nach Kjaers Berechnungen und den Angaben des Burealis „Veritas" betrug der Nettoraumgehalt der deutschen Seeschiffe in runden Ziffern: 1850 eine halbe Million, 1'870 eine Million, 1900 zwei Millionen Tonnen. Damit ist die deutsche Flotte an die dritte Stelle gerückt: sie wird jetzt nur uoch von der amerikanischen und englischen (von letzterer um das fünffache!) an Größe übertroffen. Daß an Verschiedener Verlauf der Entwickelung in Nordsee und Ostsee. 309 diesem Aufschwung Bremen und Hamburg deu Löwenanteil haben, ist selbstverständlich. Die bremische Flotte vermehrte sich von 99 Schiffen mit 14 600 Neg.-Tonnen netto im Jahre 1825 auf 402 Schiffe mit 541796 Reg.-Tonnen im Jahre 1900; die ham- bnrgische von 286 Schiffen mit 61 540 Reg.-Tonnen auf 793 Schiffe mit 983 854 Reg.-Tonnen. Hamburgs Rhederei umfaßt heute also beinahe die Hälfte des ganzen deutschen Schiffsbestandes. Ja — es mutz noch mehr ausgesagt werden: der Aufschwung, den die deutsche Rhederei genommen hat, ist sogar einem großen Teil der deutschen Häfen überhaupt versagt geblieben: den Häfen des Ostseegebiets. Es hat sich also (aus Gründen, die wir noch kennen lernen werden) eine merkliche Verschiebung in der Stellung zwischen Nord- und Ostseeschisfahrt ihrer Bedeutung nach vollzogen. Genau genommen hat die deutsche Rhederei, die wir einstweilen nur als schwellendes Ganze verfolgt haben, zwei verschiedene Geschichten: eine glanzvollsten Aufblühens (im Nordseegebiet) und eine traurigen Dahiuwelkens (im Ostseegebiet). Wie in so mancher Hinsicht, ist auch in diesem Punkte der von Natur schon stiefmütterlicher behandelte Osten bei der Entwickelung des deutscheu Wesens beträchtlich zu kurz gekommen. Man ermesse, was es bedeutet — angesichts des allgemeinen Aufschwungs! — wenn die preußischen Provinzen der Ostseeküste im Jahre 1900 einen Schiffsbestand aufweisen, der niedriger ist, als derjenige des Jahres 1825 (85 315 Registertonnen gegen 87 000 Registertonnen)! Und trotz Lübecks und der holsteinischen Häfen ist doch auch unter des neuen Deutschen Reiches Herrlichkeit der Stern der Ostseerhederei Jahr für Jahr mehr verblaßt. 1875 wird der höchste Schiffsbestand mit 470 914 Tonnen in 2109 Schiffen erreicht, dann geht es rasch bergab, bis weit unter die Hälfte jenes Höchstbestandes. Im Jahre 1900 waren die zweitausend Schiffe auf 840, ihre Tounenzahl war auf 218 750 gesunken (Reichsstatistik). Wir Wolleu unsere Augen von diesem Bilde der Zerstörung abwenden und im weiteren Verlauf dieser Darstellung unsere Aufmerksamkeit lenken auf die innere Vervollkommnung, die dem Schiffahrtsbetrieb durch den Kapitalismus zu teil wird. 310 Der Verkehr. An ihr haben Anteil, wenn auch vielleicht nicht im einsprechenden Verhältnis zu ihrer geographischen Bedeutung, Nordsee und Ostsee gleichermaßen. Und darin liegt für die Gesamtheit eine Art von Ausgleich. Das erste, was man anstrebte, war eine Vergrößerung der Schiffsgefäße. Um diese vorzunehmen, bedürfte es natürlich einer entsprechenden Vermehrung des Transportbedarfes. Denn bei unentwickeltem Verkehr ist das große Schiff eher weniger einträglich als das kleine: es verliert durch langes Warten (bis es volle Ladung hat!) was es durch Raumersparnis gewinnt. Daher nicht nur aus technischen Erwägungen (seichte, nutorrigierte Häfen usw.), sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen bis noch vor fünfzig Jahren das kleine Seeschiff ausschließlich die Meere beherrschte. Die zunehmende Auswanderung — sie stieg in Hamburg von 6424 Personen im Durchschnitt der Jahre 1846—50 auf 24 746 im Durchschnitt 1851 — 60, in Bremen von durchschnittlich 11185 im Jahrzehnt 1832/41 auf 30805 im Jahrfünft 1847/51 und 39618 im folgenden Jahrfünft — später der steigende Reiseverkehr sorgten für die nötige Menge von Personen, der wachsende Warenverkehr, den wir noch in seiner Entwickelung verfolgen werden, für die erforderlichen Ladungen Frachtgüter, um auch größere Schiffe rasch zu füllen. Dies also machte sich die Rhederei zu nutze dadurch, daß sie zu immer größeren Schiffen überging. Hamburgs Statistik enthält seit dem Jahre 1841 genaue Angaben über die Größenverhültnisse der Hamburger Schiffe. Darnach hatte im Durchschnitt der Jahre 1841—45 ein Schiff einen Raum- gchalt von 187 Registertonnen, 1871—75 von 469 Registertonnen und 1896—1900 von 1120 Registertonnen, im Jahre 1900 selbst betrug die Durchschnittsgröße 1233 Registertonnen. Dabei muß noch berücksichtigt werden, daß die ganz großen- Schiffe einen immer größeren Bestandteil der Gesamtflotte ausmachen. Von den 988 656 Registertonnen, die die Hamburger Flotte im Jahre 1900 maß, entfielen 854 744 auf Schiffe mit mehr als 1000 Registertonnen, 511600, also weit über die Hälfte, auf Schiffe mit mehr als 2000 Reg. Tonneu. Und unter den größten ragen dann wieder immer mehr die Riesen hervor. Ein Schiff wie der Lloyddampfer „Kaiser Innere Vervollkommnung des SchisfahrtsbetriebeS. ZU Wilhelm II." mißt 19 500 Registertonnen (brutto): mehr wie die ganze bremische Flotte im Jahre 1825 (14 600 Registertonnen), sicher ein Vielfaches der Flotte einer mächtigen Hansastadt im Mittelalter und noch annähernd die Hälfte der Hamburger Flotte in den 1840er Jahren (39 670 Registertonnen), die damals aus 211 Schiffen bestand. Der Riese hat also 105 Zwerge verschlungen! Diese Vergrößerungstendenz vollzog sich zunächst ohne eine gruud- stürzeude Veränderung der Schiffahrtstechnik: sie hat in den ersten Jahrzehnten fast ausschließlich das Segelschiff betroffen, das bis vor wenigen Jahren bei weitem das Dampfschiff überwog. Noch 1880 ist Deutschlands Seglerflotte beinahe fünfmal so groß (dem Raumgehalt uach) wie seiue Dampferflotte. Sie erreicht in diesem Jahre den Höhepunkt ihrer Entwickelung und blickte damals auf eine ruhmvolle Laufbahu zurück, die sie während der Zeit von 1850 in steter Vervollkommnung durchlaufen hatte. Erst seit zwei Jahrzehnten, in den beiden großen Nordseehäfen vielleicht seit dreißig Jahren, erachtet der Kapitalismus den vollen Szenenwechsel für geboten: die Einbürgerung der neuen Technik, die Verdrängung des Seglers durch den Dampfer. Es beginnt das Streben nach Beschleunigung des Kapitalumschlags sich immer mehr vorzudrängen und in der Verwirklichung dieses Strebeus bildet, wie jedermann weiß, die Abkürzuug des Transports eine entscheidende Rolle. Seit 1880 verachtsacht sich die deutsche Dampferflotte, während der Raumgehalt der Seglerflotte auf fast die Hälfte sinkt. Noch deutlicher ist dieser rasch verlaufende Umgestaltungsprozeß in der Entwickelung der Flotten Hamburgs und Bremens wahrzunehmen. Im Jahre 1870 besteht die Hamburger Dampferflotte aus 37 kleinen Schiffen, mit zusammen nur 32 450 Registertonnen, gegenüber 473 Segelschiffen mit 191131 Registertonnen, von 1870—80 verdreifacht sich die Dampserslotte, seitdem hat sie sich in jedem Jahrfünft verdoppelt: sie steigt auf 99, 188, 373, 745 Tausend Registertonnen. Im Jahre 1900 macht sie mehr als drei Viertel der gesamten hamburgischen Flotte aus, wobei noch zu berücksichtigen ist, daß man die Transportfähigkeit des Dampfers heute etwa viermal so hoch bewertet, als diejenige des Segelschiffs. 312 Der Verkehr, Im transatlantischen Verkehr beherrscht der Dampfer schon heute die Situation sast vollständig, während in der europäischen Fahrt der Segler noch etwas mehr Geltung bewahrt hat. So wenigstens in Bremen. Hier betrug der Tonnengehalt der Dampfer von dem Gesamttonnengehalt der angekommenen Schiffe (1900) 87.14 in der europäischen Fahrt 74.10 "/g, dagegen in der großen Fahrt 97.02 Mit dem Übergang vom Segler zum Dampfer vollzieht sich fast gleichen Schritts der Ersatz des Holzschifses durch das eiserne oder stählerne Schiff: ein Vorgang, den wir in anderem Zusammenhange schon gewürdigt haben. Und das Dampfschiff erfährt eine Vervollkommnung vor allem durch eine unausgesetzte Verstärkung seiner Maschinen. Was in dieser Hinsicht die letzten Jahrzehnte geleistet haben, grenzt an das Wunderbare. Vor fünfzig Jahren glaubte man etwas Unerhörtes zu tuu, wenn man den ungeschlachten Niesen, den (^i-sat ZZastsrir, mit 3000 Pferdestärken ausstattete; jetzt haben unsere größten Schnelldampfer Maschinen- an Bord, die 40 000 ?8 indizieren. Die indizierte Pferdekraft der hamburgischen Dampfschiffe betrug 1900 etwa 6S5 707 ?8, soviel wie etwa Mitte der 1870 er Jahre das ganze Königreich Preußen in stehenden Dampf Maschinen an Pferdestärken besaß. Entsprechend der Vervollkommnung des Schiffes selbst hat die Verbesserung des Mechanismus zum Beladen und Entladen der Schiffe große Fortschritte gemacht. Ein Hauptaugenmerk wird heute darauf gerichtet, diesen zu höchster Leistungsfähigkeit zu entwickeln durch Anbringung von Krahnen und Rutsch bahnen, Anlegung von Eisenbahngeleiseu in unmittelbarer Nähe des Quais und dergleichen, sodaß das Schiff ein Mindestmaß von Zeit im Hafen zu verbringen hat, also eine längere Zeit dein eigentlichen Transportwerke widmen kann. Ebenso ist man mit Erfolg bemüht gewesen, der Schiffahrt etwa entgegenstehende Hindernisse aus dem Wege zu räumeu, wie beispielsweise Unterbrechung durch Eis durch Einführung von Eisbrechern. Im Anfang des Jahrhunderts war die Hamburgische Schiffahrt noch sehr häufig durch Eis zum Stillstaude verurteilt: im Durchschnitt der Jahre Die volkswirtschaftlichen Wirkungen der modernen Seeschiffahrt. Z1Z 1316 bis 1820 an 56 Tagen (15,3 "/<>), 1821 bis 1825 an 43 Tagen (11,8 1826 bis 1830 an 72 Tagen (19,7 °/g) usw. Erst seit 1850 sind es weniger als 10^ des Jahres, in denen der Schiffahrt dieses Hindernis bereitet wird, und erst seit 1876 fällt es ganz fort: , Die Schiffahrt ist an allen Tagen des Jahres frei. Damit ist aber schon der entscheidende Pnnkt in der Neuorganisation des Schiffahrtsbetriebes berührt: seine Jntensivi- sierung. Beschleunigung der Belade- und Entladevornahmen, Beschleunigung der Fahrten durch immer weitere Hebung der Leistungsfähigkeit der Dampfschiffe, gleichzeitig aber auch eiue Vermehrung der Fahrten und zwar insbesondere der regelmäßigen Fahrten: darauf läuft alles Streben heutzutage hinaus. Dem Seeverkehr Hamburgs dienten im Jahre 1880 42 regelmäßige Linien, 1895 gab es deren 66, 1890 95, 1895 103, 1900 118. Drei Viertel des Dampferverkehrs spielen sich heute bereits in der Form der regelmäßigen Linien ab. Die volkswirtschaftlichen Wirkungen nun aber, die solcherart Entwickelung der Schiffahrt im Gefolge haben mnßte, liegen deutlich zu tage. Zunächst war es eine ungeheure Steigerung des Transportvermögens, die durch die Ausweitung des Schiffsbestandes, durch den Übergang zum Dampfer (es wurde schon erwähnt, daß man dessen Transportfähigkeit bis 1885 auf das dreifache, heute dagegen auf das vierfache des Seglers schätzt: darnach wären alle Dampferziffern mit vier zu multiplizieren, wenn nian sie mit den früheren Ziffern vergleichen wollte), und endlich durch die Beschleunigung der Fahrten herbeigeführt wurde. Diese äußerte ihre Wirkung dann natürlich auch unmittelbar dadurch, daß sie eine entsprechend raschere Beförderung ermöglichte uud damit bestimmte Transporte (lebendes Vieh! Künstlcrtournees!) überhaupt erst ausführbar machte. An der Beschleunigung der Fahrteu wirkten außer dem Übergang zum Dampfschiff und der Vervollkommnung des Schiffahrtsbetriebes selbst ebenso die Errungenschaften der Nautik und andere technische Fortschritte, nicht zuletzt aber auch die Durchstechung der Landenge von Suez gleichmäßig fördernd mit. Die Abkürzungen der Fahrten sind daher 314 Der Verkehr. besonders groß im Perkehr mit Indien und Ostasicn. Ein Dampfer fährt heute die Strecke von Hamburg oder Bremen in weniger als drei Wochen, auf der im Anfang des Jahrhunders ein Segler vier Monat und länger unterwegs war. Aber auch die Durchquerung des atlantischen Ozeans erfolgt heute in einer auf den sechsten Teil und weniger abgekürzten Zeitdauer. Franklin brauchte noch 42 Tage zu seiner Fahrt nach Europa, das erste Dampfschiff, die Savannah, war noch 26 Tage unterwegs auf einer Strecke, die die nenesten Schnelldampfer in 5 Tagen zurücklegen. Von besonderer Wichtigkeit für die Entfaltung des Verkehrs war die Steigerung an Zuverlässigkeit und Sicherheit des Transports, wie sie namentlich wieder der Übergang zum Dampfschiffbetriebe mit sich brachte. Nuu erst konnte man mit dem Eintreffen einer Senduug an einem bestimmten Tage als mit einer sicheren Tatsache rechnen. Nnn erst war die Stetigkeit des Seeverkehrs das ganze Jahr hindurch gewährleistet. Wie sehr aber die Sicherheit des Seetransports während der letzten hundert Jahre zugenommen hat, kann man von dem Stande der Prämien ablesen, die die Seeversicherungsgesellschaften jeweils erhoben haben. Sie betrugen in Hamburg im Durchschnitt des Jahres 1314 noch 3.5 und gingen dann aus 1.5°/<> im Jahre 1850, 1.2°/<, im Jahre 1870, 0.9°/g im Jahre 1890, 0.79°/g im Jahre 1900 zurück. Uud nun die Hauptsache: der Seetransport ist nicht nur massenleistungsfähiger, rascher, zuverlässiger und sicherer, er ist vor allem auch billiger, sehr viel billiger geworden. Darin stimmen alle fachkundigen Beurteiler überein. In der Anlage 27 teile ich eine von Emil Fitger aus einem Handelsbericht der Weserzeitung aus Glasgow vom 7. Februar 1896 ausgezogene Tabelle mit. Ein Blick auf die Ziffern ergibt, daß von 1874 bis 1896 die Schiffsfrachten in fast allen Richtungen auf die Hälfte, in vielen auf den dritten nnd vierten Teil des ehemaligen Betrages gesunken sind. Und was im Grunde selbstverständlich ist: die Folge von alle- dem mußte eiue gewaltige Ausdehnung des Schiffsverkehrs selber sein — die treibenden Kräfte einmal angenommen, die in der kapitalistischen Wirtschaft nach Betütigung drängen. Der Leser findet die hierauf bezüglichem Ziffern in der Anlage 28 zusammen- Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Post. 315 gestellt. Er ersieht aus ihnen, daß in zwei Menschenaltern der Schiffsverkehr Hamburgs (eingehend) von 232 auf 8041 Tansend Tonnen steigt, sich also verfnnfunddreißigfacht, derjenige Bremens in fünfzig Jahren sich verzehnfacht, und derjenige des Deutschen Reichs seit seinem Bestehen sich fast verdreifacht. V. Die Post. — Schlußbetrachtung. Endlich noch ein Wort über das Sammelinstitut der modernen Post. So groß ihre volkswirtschaftliche Bedeutung nach jeder Seite hin ist, so wenig bietet sie doch Anlaß für den Nationalvkvnoinen zu einer eingehenden Behandlung. Die Geschichte ihrer Organisation im neunzehnten Jahrhundert gehört im wesentlichen in das Gebiet des Verwaltnngs- und Staatsrechts oder in das der Staatengeschichte, allenfalls der Finanzgeschichte, die ja in dieser Darstellung ausgeschlossen wird. Denn seit Beginn des Jahrhunderts ist sie iu sämtlichen deutschen Ländern StaatSanstalt oder ein vom Staate delegiertes Monopol — als Reichspost der Thurn und Taxis. Ich habe deshalb einige Berechtigung, sie kürzer (noch kürzer!) zu erledigen und mich aus die Hervorhebung einiger ihrer volkswirtschaftlich besonders wichtigen Leistungen zu beschränken (deren Bedeutung für andere Zweige des Wirtschaftslebens ich teils fchon gewürdigt habe teils noch würdigen werde). Die Wesenheit der Post liegt, wie man weiß, neben der Klein^ gutsammlung und Beförderuug hauptsächlich in der Organisation des Nachrichtenverkehrs. Sofern diesen die verschiedeneu Transportmittel, die dem Personen- und Güterverkehr zur Verfügung stehen, ebenfalls dienen, ist ihre Geschichte engstens mit der jener uns bekannten Transportinstitute (Eisenbahnen, Schiffahrt usw.) verknüpft. Außerdem aber werden für den Nachrichtentransport zwei spezifische Verkehrsmittel: Telegraphie und Telephonie nutzbar gemacht, deren technische Entwickelung wir bereits kennen. Unter diesen Umständen können Leistungen der Post vor allem immer nur Leistungen sein der Organisierung und Disponiernng einzelner Verkehrsakte, der Errichtung von Sammelstellen usw. Um zu ermessen, was in dieser Hinsicht namentlich wieder während der 316 Ter Verkehr, zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts vollbracht worden ist, müssen wir uns noch einmal der Tatsache erinnern, daß der Nachrichtenverkehr in Deutschland bis iu die Mitte des Jahrhunderts noch unter der unerträglichsten Buntscheckigkeit der Tarife und Beförderungswege, sowie unter hohen Tarifsätzen — bis 1844 konnte ein einfacher Brief innerhalb Preußens noch 19 Sgr. kosten! — empfindlich zu leiden hatte: „Die Hemmungen uud Erschwerungen, welche für den Verkehr innerhalb Deutschlands dadurch herbeigeführt wurden, daß die dentschen PostVerwaltungen in Absicht auf den Postdienst nach verschiedenen Grundsätzen verfuhren, sowie die Erhöhung des Portos, welche durch die Zusammensetzung der verschiedenen Pvrtotarife für die aus einem deutscheu Postgebiet in ein anderes zu befördernden Postsenduugeu herbeigeführt wurde, ließen die Notwendigkeit erkennen, sich unter den deutschen PostVerwaltungen über einen einfachen und billigen Portotarif und über gleichartige Nerwaltnngsnormen zu verständigen." So lautete eine amtliche Mitteilung noch aus dem Jahre 1850, in der der Anlaß bekannt gegeben wurde zu dem im gleichen Jahre abgeschlossenen Postvertrage Preußens mit Österreich. An ihn gliederten sich dann erst in den folgenden Jahren die meisten übrigen deutschen Staaten an, sodaß die Zahl der verschiedenen Postgebiete in Deutschland Eude der 185»er Jahre „glücklicherweise" auf „17 herabgekommen" war. Demgegenüber die Neuerungen, die uns die letzten beiden Menschenalter gebracht haben: 1. Die Verbilligung, Vereiuheitlichung und Vereinsachuug des Briefportos. Wir, die wir mit der Fünfpfennigpvstkarte und der Nickelpostmarke täglich umgehen und die wir es selbstverständlich finden, daß ein Brief mit dem gleichen Markenbetrage in den Kasten geworfen ebensogut nach Rußland wie England oder China befördert wird, vermögen uns schwer einen Zustand der Buntscheckigkeit und Teuernis der Tarife, der lästigen Schalterbezahlnng und dergleichen zu denken, wie er eben skizziert wurde. 2. Die Einführung des billigen und einheitlichen Paketportos, jetzt auch im Verkehr mit fast allen Kulturläudern. Die Vervollkommnung der Postorganisation. 317 3. Die Einrichtung eines Giroverkehrs durch die Post in der Form der Postanweisungen, Postaufträge, Postuachuahme usw, 4. Die Übernahme buchhäudlerischer Leistungen durch die Post in ihrem Zeitlingsvertrieb. Und wie rasch hat sich das Netz verdichtet, das die Post mit ihren Hilfsbetrieben ausspannt! Der Refrain des Volksliedes: Kein Dorschen so klein, Mnß ein Hammerschmied darinnen sein, ist längst durch die wirtschaftliche Entwickelung überholt und müßte, wollte er der Verkehrsgestaltnng der Gegenwart Rechnung trageil, nmgedichtet werden etwa in die Verse: Kein Dörfchen so klein, Kehrt täglich doch der Postbote ein! Zu den Ausstelluugsgegeustäuden des Reichspostamts in Ehicago gehörten auch vier große Wandkarten, welche die Dichtigkeit der Postanstalteu und der Telegraphenanstalten im Deutschen Reiche je am Schlüsse des Jahres 1872 uud 1892 ersichtlich machten. Sie sind in: verkleinerteil Maßstabe wiedergegeben in der „Statistik der Deutschen Reichspost- und Telegraphenverwaltung für das Kalenderjahr 1893". Nichts lehrreicher als ein Blick auf sie, der uns zeigt, wie hier noch viele Stellen weiß, die meisten mattfarbig uud nur wenige dunkelfarbig sind, dort alles farbig ist und die duukelfarbigeu Quadrate iu der Mehrzahl sind. Setzen wir gar das Jahr 1900 an die Stelle von 1892, so wird der Fortschritt der Verdichtung noch frappanter, wie aus der Anlage 29 zu ersehen ist. Für die Steigerung des Verkehrs enthält dieselbe Zusammenstellung ebenfalls die Ziffern. Zur Ergänzung füge ich noch hinzu: Im Jahre 1842 wurden im Königreich Preußen ans den Kopf der Bevölkerung etwa 1.5 Briefe, 1851 etwa 3 Briefe befördert. Das ift kaum oder gerade ein Nachrichtenverkehr wie ihn heute Bulgarien (2.8), Griechenland (3.5), Bosnien (5.9), Rumänien (3.4), Rußland inkl. Sibirien (3.6), Serbien (3.5), Finnland (2.3) und ähnliche halbbarbarische Staaten ausweisen. Dagegen entfallen in Deutschland (1900) auf einen Einwohner aufgegebene Briefe uud Postkarten 45.S, Drucksachen usw. 41.4, Postsendungen überhaupt 92.9. 318 Der Verkehr. Die(Staats-)Telegraphen wurden überhaupt erst am Schlüsse des fünften und Anfang des sechsten Jahrzehnts des vorigen Jahrhunderts dem öffentlichen Verkehr übergeben: 1849 in Preußern 1850 in Bayern und Sachsen; 1851 in Württemberg und Baden: 1852 in Hannover; 1854 in Mecklenburg-Schwerin nnd Braunschweig; 1855 in Oldenburg usw. Im Jahre 1872 hatte das Deutsche Reich 4038 Telegraphenanstalten — 22.1 auf deu c^km — 1900 dagegen 24456 — 133.0 auf den qkm. Die Gesamtzahl der durch die Reichs- uud Staatstelegraphen beförderten Telegramme stieg von 12 165954 im Jahre 1872 ans 46 008795 im Jahre 1900. Auf 100 Einwohner werden heute in Deutschland 68.5 Telegramme anfgegeben, gegen 109 in Frankreich, 216.5 in Großbritannien. Die geringere Entwickelung erklärt sich wohl zum Teil aus der starken Verbreitung des Telephons, über die die Anlage 30 den erwünschten Aufschluß erteilt. Die Ausdehnung, die die Telephvnie in der kurzen Zeit ihres Bestandes erfahren hat, grenzt an das Fabelhafte. Im Jahre 1881 hatten erst 7 Orte im deutschen Reich Fernsprechanstalten: 1900 aber schon 15 533; die Zahl der Fernsprechstellen betrug 1881 1504, 1900 dagegen 289 647; die Leitungen der Stadt- ferusprecheiurichtuugeu hatten 1881 eine Länge von 3179 1 Das Gewerbe. ihnen am Sonnabend oder an einem andern bekannten Wochentage von Magazin zu Magazin, seine Ware feilbietend. Absetzen muß er, sonst hat er kein Geld zu leben und weiterzuarbeiten. Er stellt deshalb von Ansang an die niedrigsten Preise und unterbietet sich selbst von Stunde zu Stunde, je mehr sich der Abend nähert, schließlich verkauft er zu Spottpreisen, die vielleicht nicht einmal seine Auslagen decken. Und so etwas füllt die Spalten der Gewerbestatistik als selbständiger Gewerbetreibender, und wenn ihrer Tausend bei einander sind, gewinnt es den Anschein, als sei hier noch das alte Tischlerhandwerk in ungebrochener Krast und AuSdehnuug erhalten geblieben! Aber der Kapitalist kann schon völlig zum Unternehmer geworden sein, das heißt, er kann die Leitung der Produktion und des Absatzes bereits ganz in seine Hand genommen haben, kann dem technischen Arbeiter, der nun ganz nach seinen Absichten, nach seinen Angaben produziert, alles vorschießen, was dieser zum Lebeu wie zur Arbeit braucht: und doch kann dieser abhängige Arbeiter immer noch den Anschein eines selbständigen Gewerbetreibenden bewahren, kann als Vertreter eines altehrwürdigen Handwerks von der Statistik verzeichnet worden sein, weil er in der Tat noch einem selbständigen Handwerksbetriebe vorsteht. Es ist dieS der Fall, wenn der Kapitalismus iu der Form des Verlages oder der Hausindustrie eiu Gebiet gewerblicher Produktion erobert. Hauptbeispiel: die Bekleidungsindustrien, namentlich die Schneiderei. In diesen Gewerben werden die einzelnen Arbeiter in ihrer Wohnung oder Werkstatt von: Unternehmer belassen, erhalten aber von einer Zentrale aus bestimmte Auftrüge, meist anch werden ihnen die schon vorgearbeiteten Rohstoffe — den Schneidern und Schneiderinnen also die zugeschnittenen Kleideroder Wäschestücke — geliefert. Sie sind also Lohnarbeiter im Dienste eines kapitalistischen Unternehmers, nicht anders wie jeder Fabrikarbeiter. Äußerlich aber bewahren sie sich oft ein handwerksmäßiges Ansehen. Ihre Existenz hat schon zu vielen Mißverständnissen Anlaß gegeben, namentlich dort, wo sich auch eine bedeutende Handfertigkeit bei solcherart Hausindustriellen erhalten hat. Die Ablösung des Handwerks dnrch Hansindustrien. 337 Und das ist häufig der Fall. Gerade in der Schuhmacherei und Schneiderei hat die kapitalistische Organisation mit am frühesten sich der Qualitätsware bemächtigt: allerfeinstes Schuhmerk wird seit Jahrzehuten oder wnrde bis vor kurzem iu sehr eleganten „Maßgeschäfteu" sei es fertig gekauft, sei es von der Kundschaft bestellt, in Geschäften, die meistens hochqualifizierte Heimarbeiter als sogenannte Bodeuarbeiter iu ihren Wohnungen beschäftigen, während im Hauptgeschäft nur das Leder zugeschnitten wird. Ähnlich ist die Organisation des eleganten Herrenschueidergeschästs, das namentlich iu größeren Städten häufig auf breiter kapitalistischer Basis ruht (der Tuchhandel bildet iu vielen Fällen den Hauptteil des Geschäftes!), seiue ganz individuell zu behandelnden Erzeugnisse aber nicht iu großen Werkstätten, sondern bei einzelnen Meistern, die sich zuweileu auch noch Gesellen halten, herstellen läßt. Wo es sich um minderwertige Massenartikel handelt — wie meist iu der Kousektiou, d. h. bei der Erzeugung fertiger (nicht nach Maß bestellter) Kleider- oder Wäschestücke — beruht danu die Stärke der meist sehr großen KonfektionShänser nicht mehr, wie bei den feinen Maßgeschäften, auf der Qualität, sondern auf der Quantität und Anspruchslosigkeit der Arbeitskräfte. Hier siud es neben wiederum ehemalig selbständigen Schneidern vvr allem die billigen, weiblichen Arbeitskräfte, wie sie in Massen die Grvß- stadt liefert, auf denen sich der Sieg des Kapitalismus über das Handwerk gründet. Denn während er in den eleganten Maßgeschästen durch die Güte der (oft recht teuren!) Erzeugnisse die Konkurrenz aus dem Felde schlägt, tut er es iu dem großen Bereiche der Konfektivnsmare dnrch die verblüffende Billigkeit, die nur znm kleineren Teile eine Folge besserer Arbeitsorganisation, namentlich weitgetriebeuer Spezialisation der Arbeitsverrichtungen, znm überwiegeudeu Teile dagegen Folge der beispiellos billigen Arbeitskräfte ist, die der Kapitalismus iu seiue Netze zu bringen vermag. Während vvn den beiden großen Bekleidungsgewerben die Schuhmacherei immer nur in einzelnen Artikeln und vorübergehend hausindnstricll organisiert war, von Anfang an aber auch in fabrikmüßiger Organisation erscheint — 184ö gab es in Erfurt, der da- Sombarr, Volkswirtschaft. 22 338 Das Gewerbe. mals bedeutendsten Schuhmacherstadt Preußens, bereits 5 Schuh- warenfabrikeu, oder wenigstens Großbetriebe, mit zusammen 148 Personen, und ähnliche Ziffern werden uns für jene Zeit aus Kalau, Mainz und Frankfurt a/M. berichtet — während heute die kapitalistische Schuhmacherei (und das ift für Neuarbeit sicher der bei weitem überwiegende Teil des gesamten Schnhmachergewerbes) fast ausschließlich fabrikmäßig betrieben wird, hat die Schneiderei von jeher und bis heute noch eine besondere Vorliebe für hausindustrielle Organisation an den Tag gelegt. Die Aufäuge der Kvnfektionsschneiderei reichen in Deutschland in die 1840 er Jahre zurück. Gerson, eines der ersten großen Konfektionsgeschäfte, ist 1842 begründet. 1852 beschäftigte es schon 5 Handwerksmeister, 3 Direktricen, 120 bis 140 Arbeiterinnen in der Werkstatt, 150 Meister mit je 10 Gesellen außer deni Hause, 100 Kominis, Aufseher usw. im Verkaufslokal. Ende der 1840 er Jahre unternimmt die Berliner Kleiderkonfektivn ihren ersten schüchternen Schritt aufs Land. In München wurde die Befugnis znm Verkauf fertiger Kleider erst 1847 freigegeben. Nun erst entstanden große Kleiderhandluugen. Nebenbei bemerkt: diese ersten Äußerungen kapitalistischen Lebens im Gebiet der Bekleidungsgewerbe erfolgten ohne jede Veränderung der Techniki 1854 kommt die erste Nähmaschine nach Deutschland, die übrigens auch nur wenig Einfluß auf Betriebs- und Wirtschaftsorganisation ausgeübt hat. Würde sie doch jedem Handwerker ohne weiteres zugänglich sein. Hier wie in tausend anderen Fällen sind es ganz andere Dinge als die veränderte Produktionstechnik, die dem gewerblichen Kapitalismus zum Siege verholfen haben. Heute ist die Konfektion einer der wichtigsten Zweige des gewerblichen Kapitalismus in Deutschland geworden. Und zwar ruht sie im wesentlichen noch heute auf der hausindustriellen Organisation, mir daß in der Kleiderkonfektion häufig zwischen den Heimarbeiter und das Konfektionshaus „Zwischenmeister" treten, die dann die einzelnen Arbeiter oder Arbeiterinnen in eigenen kleinen Werkstätten zu sechs, zehn, fünfzehn vereinigen. Über die Verbreitung und Ausdehnung dieses wichtigen Industriezweiges teile ich noch folgendes mit: Die Konfektionsindustrie. 339 In Deutschland lassen sich für die Herrenkonsektion drei Prodnktionsgebiete unterscheiden! ein norddeutsches, ein süddeutsches und ein westdeutsches. Das norddentsche Produktionsgebiet hat seine Mittelpunkte in Berlin und Stettin. Der Hauptsitz, uicht nur für Norddeutschland, sondern für ganz Deutschland, ist unstreitig Berlin, das besonders in besseren Waren den Markt völlig beherrscht, aber auch sehr viele billige Artikel fertigt. Das süddeutsche Produktionsgebiet liegt vornehmlich in und um Frankfurt a/M., Aschaffenburg, Nürnberg und Stuttgart. Das westdeutsche Produktivnsgebiet umfaßt die rheinisch - westfälische Arbeiter- und Sommerkonfektion. Seine Hauptsitze sind Müucheu- Gladbach, Barmen - Elberfeld und die Kreise Minden, Herford, Lübbecke, Stadt- und Landkreis Bielefeld. Die Damenkonfektion beschränkt sich auf drei städtische Mittelpunkte: ihr Hauptsitz ist Berlin, das alle, namentlich bessere und beste Ware erzeugt- in Breslau und Erfurt werden mittlere und Stapelartikel gearbeitet. Alle Kteidertonfektion haust zum überwiegenden Teil in großen, zumeist sehr großen Unternehmungen. Das größte Herren- und Knabenkonfektionsgeschäft in Breslau fertigt täglich 1000 bis 1800 Auzüge, das größte Dameumäntelgcschäft daselbst jährlich 200 000 „Piccen", d. h. Damenmäntel und Jacketts. 135 Personen sind allein als Geschüftspersonal angestellt. In Breslau sollen im ganzen 25 000 bis 30000 Schneider nnd Schneiderinnen tätig sein, davon die große Mehrzahl als Heimarbeiter in der Konfektion. In Stettin bestehen etwa 30 Geschäfte mit mehreren Tausend Arbeitern, in Aschaffenbnrg 6 Engrvsgeschäfte mit etwa 2000 Arbeitern. Der Absatz dieser Riesengeschäfte erfolgt nur zum kleinen Teil am Herstellungsorte selbst — die meisten halten allerdings Wohl stets ein Detailverkaufsmagazin — der überwiegende Teil der Erzeugnisse wird in alle Welt versandt; aus Deutschland werden jährlich sür mehr als 100 Millionen Mark, namentlich an Damenkonfektion, ausgeführt. Aber für viel mehr bleibt im Jnlande. Man schätzt den Wert, der in Deutschland hergestellten Konfektionswaren auf etwa 400 Millionen Mark, den der Berliner Mäntelkonfektion allein auf 120 bis 130 Millionen Mark. 22» 340 Das Gewerbe. Die Wäschekonfektion, d. h. im wesentlichen die Herstellung von Damen- und Kinderwäsche, hat ihre Hauptsitze iu Berlin, wo 30 Engrosfirmen etwa S000 Arbeiterinnen beschäftigen, in Breslau und Köln. Sie nimmt ihren Ausgangspunkt von zwei Seiten her, von den Leinenhandlungen und von den Nähschulen. Sie unterscheidet sich von den übrigen Zweigen der Konfektion wesentlich dadurch, daß ihre Erzeugnisse früher der Regel nach überhaupt nicht gewerbsmäßig, sondern in der Familie hergestellt wurden. In allen Fällen nun aber, in denen es sich nicht um eine bloß indirekte Abhängigkeit vom Kapital handelt, in denen der Kapitalismus sich auch nicht der Form der hausindustriellen Organisation bedient, kann es offenbar nur die Gestalt des Großbetriebes sein, in der der Kapitalismus das ehemalige Schaffensgebiet des Handwerks erobert. Das müßte also seinen ziffermäßigen Ausdruck in der Gewerbestatistik finden und findet es auch bis zu einem gewissen Grade und bei kritischer Betrachtung. Zunächst dürfen wir den Begriff des „Großbetriebes" nicht zu eng fassen. Vielmehr wenn wir erfahren wollen, wo der gewerbliche Kapitalismus vordringt, müssen wir auch in denjenigen Größenklassen Umschau halteu, die von der Statistik als sogenannte „Mittelbetriebe" bezeichnet werden. In ihnen können zwar auch Großhandwerker ihr Wesen treiben. Aber häufiger doch wohl dasjenige, was ich kleinkapitalistische Unternehmer genannt habe. Die kleinkapitalistische Unternehmung, deren Tätigkeitsfeld übrigens keineswegs auf die Sphäre der gewerblichen Produktion beschränkt ist, wenn sie auch hier am häufigsten sich findet, wird dadurch gekennzeichnet, daß bei ihr die Funktion der Ordnung und Leitung zwar nur vom Kapitalisten ausgeübt wird, dieser aber uicht nur als Ordner und Leiter, sondern daneben auch als technischer Arbeiter auftritt. Die kleinkapitalistische Unternehmung stellt sich damit systematisch als eine Zwitterbildung, historisch als eine Übergangserscheinung dar: es finden sich Bestandteile der kapitalistischen Unternehmung mit solchen der handwerksmäßigen Organisation gepaart. Es scheint nun, als ob sich in vieleu Fällen der Übergang „Mittelbetrieb" u. kleinkapitalistische Unternehmung als Erben d. Handwerks, 341 der handwerksmäßigen in die kapitalistische Gewerbeverfassuug in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland nicht sowohl mit einem plötzlichen Sprung in die Großindustrie vollzogen habe, als vielmehr in der Weise, daß aus dem Handwerkerstande selber eine Anzahl kräftiger Naturen zu solchen kleinkapitalistischen Unternehmern emporgewachsen sind. Für die Richtigkeit dieser Annahmen spricht zunächst die Statistik. Sie belehrt uns, daß die Zahl der Betriebe, in denen 6 bis 10 Personen tätig sind, von 1882 bis 1895 um 65.1«/^ (von 68763 ans 113549), diejenigen der Betriebe mit 11 bis 50 darin beschäftigten Personen sogar um 76.9°/g (von 43 952 auf 77 752), beide Gruppen von Betrieben in den dreizehn Jahren also um 69.7 "/^ angewachsen sind. Während die in ihnen beschäftigten Personen nm 66.6, 81.8, 76.3 "/g sich vermehrt haben nnd zwar in den Betrieben mit 6 bis 10 Personen von 500 097 ans 333 418, in den größeren von 891623 auf 1620 915 Personen. Nnn steckt zwar in der kleineren der beiden Betriebsgrößen sicher noch eine Menge echtes Handwerk, in der größeren schon echte Großindustrie, aber ebenso sicher befindet sich der größte Teil dieser „Mittelbetriebe" in den Händen kleinkapitalistischer Unternehmer. Leider sind erst 1895 die Betriebe mit 11 bis 20 Personen gesondert gezählt, sodaß sie mit früheren Jahren nicht verglichen werden können. Es mag aber erwähnt werden, daß es im Jahre 1895 in der Sphäre der gewerblichen Produktion 35 774 solcher Betriebe mit 516 707 darin beschäftigten Personen gab. Sodann bestätigt es aber auch die Erfahrung, das; in zahlreichen Zweigen Unternehmer mit einem Sachvermögen von 20 bis 30 000 Mark, die gut zu rechnen verstehen, ihr Auskommen sehr wohl zu finden vermögen, oder sagen wir vorsichtiger: soweit bisher die Entwickelung reicht, zu finden vermocht haben. Das ist beispielsweise der Fall in der Feinbäckerei, der Fleischerei, der schon erwähnten Maßschneiderei, der Bauschlosserei, in einigen Zweigen der Tischlerei. Aber auch eine derartige Rücksichtnahme ans die Unternehmungen mittlerer Größe würde noch nicht genügen, um das Eroberungsgebiet des gewerblichen Kapitalismus in der Sphäre ehe- 342 Das Gewerbe. mals handwerksmäßiger Gütererzeugung richtig zu bestimmen, wollte man sich etwa damit begnügen, das Vordringen des Kapitalismus lediglich in dem eigenen Arbeitsgebiete des früheren Handwerks zu verfolgen. Also etwa festzustellen, welchen Umfang der „Mittelbetrieb" oder der „Großbetrieb" nach den Angaben der Statistik in den „wichtigsten Zweigen des früheren Handwerks" — vergl. Anlage 32 — gewonnen haben. Natürlich kommen diese Ziffern anch in Betracht. Wir ersehen daraus, daß in den aufgeführten Zweigen in dem Zeitraum von 1882—1895 die Zahl der in „Kleinbetrieben", also vorwiegend handwerksmäßig beschäftigten Personen von etwa vier Fünftel auf zwei Drittel zurückgegangen ist. Ziehen wir aber die zunehmende Produktionsleistung der größeren „Betriebe" in Rücksicht ebenso wie deren Verringerung in den kleinen und kleinsten, so werden wir nicht zuviel behaupten, wenn wir sagen, daß in dem ureigenen Herrschaftsgebiete handwerksmäßiger Produktion doch mir etwa noch die Hälfte der Arbeit in „Kleinbetrieben" geleistet wird. Diejenigen Produktionszweige, in denen der „Großbetrieb" in derselben Gruppierung der Arbeitsverrichtungen, wie sie das Handwerk vorgenommen hatte, vordringt, sind namentlich Maurerei und Zimmerei, dann aber doch auch Schlosserei. Nun ist aber ganz besonders wichtig zu beachten, daß sich in dieser Form keineswegs alle oder auch nur die wichtigste kapitalistische Produktion, durch die alte Handwerksarbeit ersetzt wird, heutigentags abspielt. Es wäre auch auffallend, wenn es so wäre. Denn die Bildung von Berufszweigen, wie sie durch die kapita-« listische Organisation hervorgerufen wird, muß naturgemäß eine andere sein als sie die Handwerker im Ablaufe der Jahrhunderte vorgenommen hatten. Diese, das wissen wir, hatten eine solche Anzahl von Verrichtungen solcher Art zu einem Gewerbezweige zusammengefaßt, wie sie am zwanglosesten die Berufstätigkeit eiues persönlich wirkenden Arbeiters und seiner wenigen Hilfskräfte — des Meisters mit seinen Gesellen und Lehrlingen — zu bilden vermochten. Die kapitalistische Unternehmung kennt diese Rücksichtnahme auf persönliches Wirken nicht. Sie bestimmt die Zusammengehörigkeit der einzelnen Arbeitsverrichtungen und Pro- Die Umschichtung des Gewerbewesens durch den Kapilcilismus. Z4Z duktionsprozesse ausschließlich nach sachlichen Gesichtspunkten größtmöglicher Zweckmäßigkeit. Sie tut nichts anderes als die Wirt schaftliche Organisation für die versachlichte moderne Technik zu schaffen. Daraus folgt also, daß das Tätigkeitsfeld eines Handwerkers oder sagen wir von hundert Handwerkern keineswegs zusammenfallen muß und häufig geuug auch uicht zusammenfällt mit derjenigen einer kapitalistischen Unternehmung. Die völlige Umschichtung des systematischen Aufbaues unseres Gewerbewesens durch den Kapitalismus, die ganz neue Gruppierung der einzelnen Gewerbezweige ist vielmehr gerade einer der hervorstechenden Züge des modernen Gewerbewesens. So kommt es denn, daß diejenige kapitalistische Unternehmung, die einem Handwerk das Leben sauer macht oder es ganz vernichtet, oft genug einer ganz andern Branche angehört als das Handwerk selbst. Wenn wir nach den Quälgeistern der handwerksmäßigen Seilerei Umschau halten, dürfen wir bei Leibe uicht nur unter „Seilerei" suchen und uns begnügen, die hier vorhandenen Großbetriebe als Konkurrenten anzusprechen: vielmehr stecken diese unter den Fabriken für Drahtseile oder Ketten, denn die eisernen Stricke haben die hänfenen verdrängt. Die handwerksmäßige Töpferei ist nicht nur durch die „Großbetriebe" im eigenen Lager geschädigt, sondern mindestens ebensostark durch die Einaillewarenfabriten. Die Schuhmacherei hat Einbuße durch die Gummiwarenfabrikation erhalten, die Zimmerei oder Tischlerei durch die Eisenwarenfabrikativn, die Malerei durch die Farben- « sabriken usw. Endlich muß noch in Rücksicht gezogen werden, wenn wir den Umbilduugsprozeß richtig werten wollen, den die gewerbliche Produktiv» im neunzehnten Jahrhundert durchgemacht hat, daß der „Großbetrieb" auch dort, wo er sich im Umkreis der ehemals handwerksmäßig ausgeübten Tätigkeiten einnistet, doch sehr hcinfig die einzelnen Arbeitsverrichtuugen unter anderm Gesichtspunkte anordnet. Entweder nämlich er spezialisiert sich auf einzelne Gebiete eines früheren Handwerks oder er kombiniert ein neues Gewerbe aus weiland selbständigen Handwerken. In der Form des spezialisierten Großbetriebes, der mir 344 Das Gewerbe. kleine Enklaven im Gebiete des alten Handwerks besetzt, tritt der gewerbliche Kapitalismus sehr häufig in die Geschichte ein. Oft erobert er dann von diesem ersten Stützpunkte aus die ganze Provinz. So fing die kapitalistische Schuhmacherei teils mit der Anfertigung von Schäften, teils mit der Herstellung einzelner Gegenstände (Kinderschuhe, Strandschuhe, Ballschuhe usw.) au, um allmählich den gesamten Umkreis des alten Schusterhandwerks in ihren Bereich zu ziehen. Die großindustrielle Schlosserei fing mit der Anfertigung von Tür- und Fensterbeschlägen an, dann folgte die Schloß- und Zchlüsselerzeugung, hente werden fast alle Schlosserartikel fabrikmäßig hergestellt. Die handwerksmäßige Schlosserei ist im wesentlichen nur noch Reparatur- und Anbringungsgewerbe. Aus dem Bereiche der Tischlerarbeiten wurde die Parkett-, Leisten-, Kisten-, Stuhlerzeugung ausgeschieden und großen Fabriken übertragen. AuS dem Gebiete der Fleischerei fiel die Wurstfabrikation, aus dem der Bäckerei die Hartbrot-, Biskuit- usw. Fabrikation dein Großbetriebe anheim. Und so fort in tausend Fällen. Der Gang der Entwickelung kann dann, wie schon angedeutet, ein verschiedener sein: entweder der Großbetrieb gliedert dem ursprünglichen Teilbetriebe alle übrigen Zweige des ehemaligen Handwerks an, das dann als Ganzes fabrikmäßig betrieben wird: Typus der Schuhmacherei. Oder es bleibt bei den Spezialbetrieben. Dann können sie allmählich auch das gesamte Gebiet der Produktion erobern nnd dem Handwerk nur die Anbringung belassen: Typns der Schlosserei. Oder sie bilden immer nur erst einen kleinen Bestandteil der Gesamttätigkeit des ehemaligen Handwerks, das als solches ziemlich unverändert daneben bestehen bleibt: Verhältnis der Spezialfabriken im Bereiche der Fleischerei und Bäckerei. Oder es teilt sich das ehemalige Haudwerk: die eine Hälfte wird in fabrikmäßigen Spezialbetrieben organisiert, die andere entwickelt hausindnstrielle oder manufakturmäßige Formen: Typus der Tischlerei. Auf der andern Seite sehen wir, wie die kapitalistische Unternehmung gleich vou vornherein oder im Laufe der Entwickelung mehrere früher selbständige Handwerke zu einem neuen Produktiousorganismus zusammengliedert. Es entsteht die Spezialisierung und Kvinl'inicruug einzelner gewerblicher Tätigkeiten. Z45 Waggonmanufaktur (aus Schmieden, Schlossern, Tischlern, Stellmachern, Lackierern, Glasern, Klempnern, Tapezierern, Sattlern, Malern und andern kombiniert), das Bangeschäft, die Bauunternehmung (aus einigen oder sämtlichen Bauhandwerkern zusammengesetzt), das Ansstattungsgeschäft (das Tapeziererei, Tischlerei, Drechslerei und anderes vereinigt). Man sieht: eine fast grenzenlose Menge von Varietäten weist die Entwickelung des modernen Gewerbewesens in ihrem Übergang aus der handwerksmäßigen Organisation in die kapitalistische auf, denen aber dies eine gemeinsam ist: daß sie sämtlich einer Verallgemeinerung kapitalistischen Wesens die Wege ebnen. Wie ich schon hervorhob: nicht eine Vernichtung, wohl aber eiue durchgängige Gefährdung des Handwerks, auch in den Gewerbezweigen, in denen es noch standgehalten hat, ist das Ergebnis der Wandlungen im nennzehnten Jahrhuudert. Deshalb erscheint die Bedeutung des Handwerks in der Statistik heute (1895) noch größer, als sie tatsächlich ist. Die Aussühruugeu auf diesen Blättern sollten vornehmlich bezwecken, das Urteil des Lesers beim Studium der Statistik zu schärfen. Aus dieser selbst, vou der ich in den Anlagen 32 und 33 eiue Probe gebe, möge er nun das übrige ersehen. Namentlich die Anlage 33 ist in ihren Ergebnissen ungemein lehrreich. Trotzdem die Ziffern zwei weit aus- cinanderliegende Zeiträume, die Jahre 1834 und 1895, betreffen und dadurch an Wert gewinnen, sind sie doch sehr wohl vergleichbar, wenigstens soweit, um eine ungefähre Vorstellung von dem Entwickelungsgänge des Handwerks im neunzehnten Jahrhundert zu geben. In dem gleichen Gebiete (Königreich Preußen alten Bestandes) hat die Zahl der Handwerker in den zwei Menscheualtern noch um rund Million zugenommen: der Anteil der Handwerker an der Gesamtbevölkerung ist gleichwohl ein wenig: von 4.1 auf 3.7 "/g gesunken; zieht man die im Vorstehenden gemachten Bemerkungen in Betracht, so ist die Verringerung noch etwas stärker. Im übrigen muß ich schon voraussetzen, daß der Leser die Tabelle selber studiert, die allen erwünschten Aufschluß gibt, wohlgemerkt: soweit dazu die Statistik überhaupt imstande ist. Ist es aber eine unbestrittene Tatsache, daß im Laufe des 346 Das Gewerbe. neunzehnten Jahrhunderts der gewerbliche Kapitalismus aus unscheinbaren Anfängen sich zur vorherrschenden Form gewerblicher Produktion sogar im Bereiche des ehemaligen Handwerks entwickelt hat, so werden wir seine überragende Bedeutung erst recht zu ermessen vermögen, wenn wir bedenken, daß dieses Gebiet nur einen Teil vielleicht nicht einmal den bedeutsamsten seines Wirkungskreises ausmacht; daß er sich zu gewaltigen Leistungen gerade auch in denjenigen Gewerbezweigen aufgeschwungen hat, die er in Deutschland schon zu Anfang des Jahrhunderts so gut wie allein beherrschte (Montanindustrie) oder die sich als ganz neue Produktionszweige erst im Lanfe des Jahrhunderts herausgebildet haben (Chemische Industrie, Maschinenindustrie). Die folgenden Betrachtungen sind diesem Entwickelungsgange des gewerblichen Kapitalismus selbst gewidmet. III. Die Entwickelung der Industrie. Welche Kapitalbeträge während des neunzehnten Jahrhunderts befrachtend in den Schoß dieser Favoritin des modernen Kapitalismus geflossen sind, läßt sich auch nicht annähernd genau feststellen. Eine schwache Vorstellung davon, um welche ungeheuren Mengen es sich jedenfalls handelt, gibt die statistische Übersicht, die ich über die industriellen Aktiengesellschaften (nach dem Handbuche der deutschen Aktiengesellschaften) in der Anlage 34 gebe. Diese Statistik ist lehrreich in mehrfacher Hinsicht. Sie läßt zunächst die überragende Bedeutung der mächtigsten unserer Industrien: der Montanindustrie, klar erkennen. Diese stellt fast ein Drittel des Aktienkapitals der gesamten Industrie. Das wird noch deutlicher, wenn wir die Ziffern der Produktionsstatistik mit den Kapitalanlageziffern vergleichen. Der Produktionswert der Montanindustrie betrug im Jahre 1897 annähernd 4 Milliarden Mark. Wir besitzen ähnliche Prodnktionsberechnungen ans dem Anfange des Jahrhunderts (in Krugs Nationalwohlstand), die sich allerdings nur auf das damalige Königreich Preußen (also ohne Rheinland und mit Polen) beziehen. Immerhin mögen sie hier mitgeteilt werden, weil sie doch dazu verhelfen, den unglaublichen Abstand zwischen den Jahren 1800 nnd 1900 zu verdeutlichen. Den Gesamtwert der preußischen Einströmen d, Kapitals in die Industrie, insbes. die Montanindustrie. 347 Montanerzeugnisse (Kohle, Eisen, Steine und Erde, Torf) bezifferte man für das Jahr 1798 auf 4415 953 Tlr. 23 Sgr. Davon entfielen auf Westfalen 1660 614 Tlr. 15 Sgr. 6 Pf., auf Schlesien 1349 753 Tlr. 20 Sgr. 1 Pf. Also etwas über 13 Millionen Mark stehen der heutigen (deutschen) Produktion von 4000 Millionen Mark gegenüber! Möge man auch — was wahrscheinlich zu hoch gerechnet ist, da 1835 die Ausbeute der gesamte» preußischen Montanindustrie auch erst auf 7 Millionen Tlr. geschätzt wurde — den Produktionswert der außerpreußischeu und rheinlandischen Montanindustrie anno 1798 auf 12 Millionen Mark anschlagen, so ergäbe sich immerhin eine Steigerung von 25 aus 4000 Millionen Mark. Will man etwa annehmen, daß vor hundert Jahren das Gesamtkapital in zwei Jahren, heute dagegen in einem Jahre einmal umschlägt, so würde man zu einer Vermehrung des Kapitals in dieser einen Industrie von 50 Millionen auf 4000 Millionen Mark gelangen. Tatsächlich berechnete man vor hundert Jahren den Gesamtkapitalwert aller Montanwerke Preußens, die sich im Privatbesitz befanden, auf nur 6 561394 Tlr. also rund 20 Millionen Mark. Heute arbeiten 8 Aktiengesellschaften mit je einem Kapital von mehr als dieser Summe, darunter eine mit einem Kapital von 66, eine zweite mit einem solchen von 53 Millionen Mark. Das größte Aktienuuteruehmen stellt also heute einen Kapitalwert dar, der reichlich dreimal so groß ist wie der Gesamtwert der preußischen Montanwerke (im Privatbesitz) vor hundert Jahren! Was die Ziffern der Anlage 34 ferner erkennen lassen, ist die rasch anwachsende Stärke des Kapitalzuflusses, den die Industrie erfährt. Wir dürfen annehmen, daß bis um die Mitte des Jahrhunderts nur eine tropfenweise Vermehrung der Kapitalanlagen stattgefunden hat: seit Mitte der 1830 er Jahre fangen Montan- und Textilindustrie an, sich langsam auszuweiten. Aber was will diese schrittweise Ausdehnung besagen gegenüber dem sprunghaften Vordringen des Kapitals, namentlich in den letzten Jahrzehnten! Die Gründungen von Aktiengesellschaften sowie die Vermehrung ihres Kapitals nehmen erst in den 1880 er und 1890er Jahren ein wahrhaft reißendes Tempo an. Man könnte 348 Das Gewerbe. die Zunahmerate des Kapitals während des neunzehnten Jahrhunderts in der Formel der Fallgeschwindigkeit ausdrücken: sie wächst rasch und stetig an. Begreiflicherweise. Denn auch für die Industrie gilt das, was wir für die Eisenbahnen feststellen konnten: in dem Maße, wie sie ihre Kräfte entfaltet, liefert sie in wachsendem Umfange selbst die Mittel zu weiterer Ausdehnung. Volkswirtschaftlich gesprochen: je größer die Produktion uud je produktiver die Arbeit, desto beträchtlichere Summen erübrigen sich zu weiterer Vermehrung der Produktionsmittel. Kapitalistisch ausgedrückt (was hier theoretisch nicht zu beweisen ist): je rascher die Zunahme des Produktionswertes und je rascher die Steigerung der Produktivität, desto erheblicher die Überkapitali- satiou. Wobei noch im besondern zu berücksichtigen ist, daß letztere in der an? stürmischesten vorwärts drängenden Industrie, der Montanindustrie, durch die in den letzten Jahren (infolge der Syndizierungen) künstlich hochgehaltenen Preise eine nicht unbeträchtliche Forderung erfahren hat. Leider stehen uns nicht gleichwertige Ziffern zur Verfügung, die uns eine andere mächtige Tendenz der modernen Industrie, die Tendenz zur Kapitalkonzentration, erkennbar machen konnten. Daß aber jene Tendenz vorhanden ist, bestätigt alles, was wir sonst vom Gange der Industrie wissen. Insbesondere auch das ziemlich reichhaltige Material, das uns über die Betriebsgrößen und deren Entwickeluugstendenzen Aufschluß gibt und von dem ich in den Anlagen 3S, 36, 37, 38, sowie im weiteren Verlaufe dieser Darstellung einige Proben mitteile. Nur daß die Betriebsgröße doch mir gauz annäherungsweise die Größe der einzelnen Unternehmungen ldie immer mehr Betriebe in sich zu vereinige!? Lust zeigen) erkennen läßt, und daß die Ziffern der Gewerbezählung (Zahl der beschäftigten Arbeiter) nicht einmal für die Feststellung der Betriebsgrößen brauchbar sind, dieweil ja in den meisten Industrien die Produktionsmittel viel rascher anwachsen als die Arbeiterzahl, kapitalistisch ausgedrückt: das Sachkapital (Marsches uantitcapitalmenge, über die die vier größten deutschen Banken verfügen. Mit solchen bankähnlichen Unternehmungen müssen die größeren Gesellschaften auf dem Gebiete der elektrischen Industrie in der Tat verglichen werden. Darin aber liegt ihre Bedeutung als neuer Typus kapitalistischer Organisation, daß sie von der Seite des Industriekapitals her zu gleichen oder ähnlichen Bildungen gelangt sind wie die Großbanken von der Seite des Bankkapitals her. In den Elektrizitätsgesellschaften sehen wir tatsächlich Produktions- und Handelskapital eine wilde und geniale Paaruug vollziehen. Zu einem Systeme industrieller Anlagen mit weitest- gehender Betriebskombination, zu einem über die ganze Erde ausgedehnten Einrichtuugsgeschäft tritt die Tätigkeit der Finanzierung und Gründung, wie wir sie bei den Großbanken kennen gelernt haben. Es lohnt, das Programm einer dieser neuen kapitalistischen Unternehmungen (der Felten k Gnilleaume Carlswerk-Aktiengesellschaft; gegründet 1899 in Mühlheim a/RH. mit einem Kapitale von 36 Millionen Mark) im Wortlaut hier wiederzugeben. Danach ist der Zweck dieser Gesellschaft: 366 Das Geweibe. a) Errichtung vder Erwerbung und Betrieb von Fabriken und sonstigen gewerblichen Anlagen auf den Gebieten der Draht industrie, der Metallurgie und der angewandten Elektrotechnik und im allgemeinen Unternehmungen jeder Art auf diesen Gebieten. K) An- und Verkauf, sowie eigene Erzeugung von Rohstoffen und Herstellung von fertigen wie halbfertigen Waren und von Maschinen jeder Art, welche zu den bei a) bezeichneten Betrieben und Unternehmungen erforderlich oder dienlich sind. e) Erwerbung und Betrieb von Erz-, Kohlen- und sonstige» Bergwerken, Errichtung oder Erwerbung und Betrieb von Anlagen jeder Art zur Zugutemachung und weiteren Verarbeitung der aus Bergwerken und aus der Ausbeutung von anderen Gerechtsamen gewonnenen Produkte, sowie Handel in solchen Produkten. ä) Erlangung von Konzessionen zur gewerblichen Ausnutzung und Ausbeutung der Elektrizität in eigenem Betriebe oder mittels sonstiger Verwertung. e) Beteiligung bei staatlichen, kommunalen oder privaten Unternehmungen auf den Gebieten der Drahtindustrie, Metallurgie und angewandten Elektrotechnik, Begründung, Übernahme und Finanzierung solcher Unternehmungen, sowie Veräußerung und sonstige Verwertung der Beteiligung bei ihnen. 1°) Anlagen, Beteiligungen uud Geschäfte jeder Art im allgemeinen, welche geeignet sind, die vorbezeichneten Gesellschaftszwecke zu fördern. Die Gesellschaft ist berechtigt, auch außerdeutsche Länder in ihren Wirkungskreis einzubeziehen. Die Gesellschaft betreibt eine Eisen-, Stahl- und Kupferdrahtfabrik, ferner eine Verzinkungs- austalt, Drahtseilerei, Kabelfabrik, Drahtwarenfabrik und Kupferwerke. Die Bilanz für 1900 weist 10 789 306 Mark Beteiligung an andern Werken auf. Von der umfassenden Geschäftstätigkeit der allergrößten Elektrizitätsgesellschaften bekommt man erst einen Begriff, wenn man ihre Berichte eingehend studiert. Als Probe teile ich in der Anlage 41 einige Stellen aus dem letzten Jahresberichte der All- Die Elektnzitätsgesellschaften als höchste Form d, JndustnekaPitaliSmus. gß? gemeinen Elektrizitätsgesellschaft in Berlin mit. Die Gesellschaft ist hente die größte ihrer Art in Deutschland, und verfügt über ein Kapital von 95.8 Millionen Mark, einschließlich der Reserven von mehr als 117 Millionen Mark. Will man sich eine Vorstellung davon machen, wie es um den Kapitalismus im zwanzigsten Jahrhundert ausschauen wird, so wüßte ich uichts besseres zu empfehlen, als ein Studium unserer großen Banken und der ihnen verwandten Elektrizitätsgesellschaften. Den charakteristischen Zügen der hochkapitalistischen Entwickelung wird man in ihnen am ehesten auf die Spur kommen: Kolossalität, Universalität, UnPersönlichkeit treten unter ihnen am deutlichsten hervor. Aber es hieße den Jndustriekapitalismus in seiner modernen Gestaltung schlecht zeichnen, wollte man nicht ein Merkmal außer den bisher genannten noch mit allergrößter Schärfe hervorheben: seine Neigung zur Bildung von Bereinigungen der einzelnen Unternehmungen untereinander, also dessen, was man heute uoch unterschiedslos Unternehmerverbände, Kartelle, Syndikate, Konventionen oder in Anlehnung an amerikanische Verhältnisse Trusts zu nennen gewohnt ist. Was wir bisher an Neubildungen der modernen Industrie zu beobachten Gelegenheit hatten: Tendenz zur Zentralisation, zur Spezialisation und Kombination der Betriebe, zur Vergrößerung und Umbildung der Unternehmungen spielte sich alles im Nahmen einer Produktionswirtschaft ab. Die Kartellierung dagegen setzt stets voraus, daß zwei oder mehrere ehemals selbständige Unternehmungen in Beziehung zu einander treten. Aus Gründen, die bekannt sind: um (ganz allgemein gesprochen) an Stelle des Wettbewerbes die Vereinbarung, die Verständigung über wesentliche Punkte der Gütererzeuguug und des Güterabsatzes treten zu lassen, oder dasselbe in einer etwas getrageneren Sprache ausgedrückt (wie sie die Geschäftsführer der Kartelle selbst gern zur Anwendung bringen): nm an die Stelle der „anarchischen" eine „geregelte" Produktion zu setzen. Die Kartelle, dereu Ursprung nur wenige Jahrzehnte hinter uns liegt — im Jahre 1883 wurden sie von Professor 368 Das Gewerbe. Aleinwächter für die Wissenschaft erst entdeckt! — sind nicht, wie man vielfach angenommen hat, Notstandskinder. Nicht die Zeiten schwerster Depression sind es (wie man denken könnte), in denen sich die einzelnen Unternehmer eines Gewerbezweiges bereit finden, über Preise und ähnliche Dinge Vereinbarungen zu treffen (in solchen Zeiten hofft vielmehr jeder doch wohl noch eher auf eigene Faust sich durchschlagen zu können), sondern gerade die Zeiten des Aufschwunges, wenn also ein Absatz auch zu höheren Preisen, als sie den Produktionskosten entsprechen, gesichert erscheint. In Deutschland waren es vornehmlich die Jahre des wirtschaftlichen Aufschwunges von 1888 bis 1891, in denen die meisten der noch bestehenden Kartelle gegründet wurden (nach den Berechnungen Liefmanns bestanden in Deutschland vor 1865 4, vor 1875 8, vor 1885 90, dagegen 1890 bereits 210) und ist es die Hansseperiode von 1895 bis 1900 gewesen, in denen das Kartell- ivesen bei uns zu einer bis dahin völlig unbekannten Bedeutung gelangt ist. Leider ist das, was man von Ausdehnung und Art, Ursachen und Wirkungen der Syndikate bei uns weiß, sowenig, daß sich kaum etwas Zuverlässiges über sie aussagen läßt. Unbegreiflicherweise hüllt unser Unternehmertum, und was ihm bezahlte Dienste leistet, alles, was mit dem Kartellwesen im Zusammenhange steht, in einen undurchdringlichen Schleier. Von Kartellen mit Draußeustehenden zu sprechen, gilt schon als verdächtig und gefährlich; gar Studien über das Geschäftsgebaren der Syndikate werden geradezu verabscheut und gefürchtet. Als ob es sich um geheime Spielergesellschaften oder Verbände von Falschmünzern handelte; und als ob Dinge vor sich gingen, die man dem hellen Tageslichte nicht aussetzen möchte. Warum das aber, wenn man doch (wie ich annehme und wie jeder Unbefangene mit mir zuuächst als selbstverständlich voraussetzen wird) nichts zu verbergen hat. Genug — für den Historiker der deutschen Volkswirtschaft ergibt sich aus dieser Sachlage die mißliche Folge, daß er an einer der wichtigsten Erscheinungen des modernen Wirtschaftslebens mit einigen allgemeinen Bemerkungen vorübergehen muß. Die Tendenz zur Kartellbildung. 369 Was sich immerhin wohl mit einiger Bestimmtheit aussagen läßt, ist folgendes. Kartelliert sind heute in Deutschland fast alle Zweige der Industrie, welche Rohstoffe erzeugt und Halbfabrikate fertigt, insbesondere in der Sphäre der Montanindustrie. Dagegen wird als lästiger Übelstand gerade von der kartellierten Industrie empfunden, daß das Syndikatswesen in der sogeuannteu Verfeinerungsindustrie noch nicht in gleicher Stärke entwickelt ist. Als Grund dieser unterschiedlichen Gestaltung wird wohl mit Recht angeführt, daß in der Halbfabrikats- und Nohstoffindustrie die Zusammenballnng des Kapitals viel weiter fortgeschritten ist als in den Fertigfabrikatiudustriceu. Dazu kommt, daß die Erzeugnisse jener Jndustrieen einheitlicher, die einzelnen Stücke und Mengen vertretbarer sind als in den letztgenannten, weshalb der Ruf der einzelnen Unternehmung dort eine viel geringere Rolle spielt als hier, also auch das Aufgeben der vvllen Selbständigkeit geringerem Widerstande begegnet. Was die innere Organisation der Kartelle anbetrifft, so wissen wir, daß sie trotz der knrzen Zeit ihres Bestehens doch bereits eine merkliche Entwickelung zu höheren, d. h. festeren und dauerhafteren Formen durchgemacht hat. Der erste Schritt zur Kartellbildung besteht wohl in der Regel in einer bloßen Verabredung über innezuhaltende Mindestpreise, wodurch man gleichsam auf Umwegen den Gang der Produktion zu regeln trachtet. (Reine Preiskartelle oder Preiskouven- tionen.) Diesen Preisverabredungen gesellen sich Vereinbarungen über die jedem der Vertragschließenden gestattete Maximalproduktion zu, was einen ersten Versuch einer direkten Beeinflussung der Produktion bedeutet: das Kartell wird ein Kontiugentierungs- kartell. Bald mußte sich nnu aber herausstellen, daß solcherart lose Vereinbarungen nicht genügen, um das vorgesteckte Ziel zu erreichen. Man hat zwar — namentlich von ausländischer Seite — als eine Eigenart des deutschen Kartellwesens die Pflichttreue und Zuverlässigkeit hervorgehoben, mit der die einzelnen Mitglieder ihre Verabredungen einzuhalten Pflege». Und gewiß werden deutsche Industrielle eher zur Erfüllung einmal übernommener Pflichten geneigt sein als die Geschäftsleute manches Sombart, Volkswirtschaft. 24 370 Das Gewerbe. andern Landes. Aber es gilt doch auch für die Deutschen: man soll die Pflichttreue des einzelnen nicht auf eine zu harte Probe stellen und lieber Vorkehrungen treffen, daß er nicht in Versuchung komme, vom Pfade der Tugend abzuweichen. Diese Erwägungen sind es wohl, denen der weitere Ausbau des Kartellwesens auch in Deutschland zu danken ist. Sie mußten zunächst dazu führen, etwelche Möglichkeit einer Beaufsichtigung der syndizierten Unternehmungen zu schaffen, in Form von KontrollbureauS, Aufsichtskommissionen und dergleichen, denen sich dann Vereinbarungen über Strafen bei Übertretung der Konvention nnd ähnliche Zwangsmittel ergänzend anfügten. Die weiteren Schritte bestanden dann in einer Beschränkung der Absatzfreiheit der einzelnen Werke. Man wies diesen entweder bestimmte Gebiete zu, in denen sie allein ihre Ware vertreiben durften, oder man benahm ihnen überhaupt die Möglichkeit des direkten Verkehrs mit der Kundschaft, indem man ein gemeinsames Verkaufsbureau errichtete, das alle Bestellungen zu vermitteln hat. Damit war der einstweilen höchste Punkt in der Entwickelung der Syndikatsorganisation in Deutschlaud erreicht. Es ist derjenige, auf dem die festestgefügten Verbände, wie das Rheinisch- Westfälische Kohlensyndikat, das Westfälische Kokessyndikat und einige andere heute angelangt sind: Das Syndikat setzt die Verkaufspreise fest, ebenso wie die Produktionsmenge, verteilt die Gesamtproduktion unter die einzelnen Werke und vermittelt den Absatz durch eigene Verkaufsbureaus. Die juristische Form, in der es erscheint, ist in diesen Fällen die Aktiengesellschaft. In letzter Zeit sind in den Kreisen der deutschen Industriellen Bestrebungen hervorgetreten, die Organisation der Kartelle noch weiter zn vervollkommnen und sie derjenigen der amerikanischen Trusts zu nähern. Bei diesen, wie man weiß, verliert das einzelne Werk auch seine Betriebsfreiheit, die es in Deutschland noch in vollem Maße besitzt. Die Gesamtproduktion wird nicht nur wie jetzt bei uns festgesetzt und uach Raten, also rein quantitativ verteilt sondern sie wird von der Zentrale aus geregelt und den einzelneu Werken wird ganz genau die Art und Weise vorgeschrieben, in der sie die ihnen zugewiesene Gütermenge herzustellen haben. Wesen und Bedeutung der Kartelle. 371 Obwohl man gelegentlich ausgeführt hat, zum Beispiel Mr. Rousiers in seinem Werke über die Kartelle, daß die Form der Trusts mit ihrem selbstherrischen Charakter ebenso dem amerikanischen „Volksgeiste" entspräche wie die der mehr genossenschaftlich gegliederten Syndikate dem deutschen (woraus man den Schluß ziehen zu sollen glaubte, daß das deutsche Syndikat sich niemals zum Trust entwickeln könne), so glaube ich doch ganz im Gegenteil, daß die deutsche Industrie, wenigstens in einzelnen Zweigen, in erster Linie natürlich der Montanindustrie, nicht weit entfernt mehr Hon der amerikanischen Vertrustung ist. Und erst in dieser perspektivischen Betrachtung gewinnt man den richtigen Standpunkt, um der großen, prinzipiellen Bedeutung, die das Kartellwesen für unsere Volkswirtschaft besitzt, völlig gerecht zu werden. Was wir heute, am Schlüsse des Jahrhunderts beobachten, sind, wie aus so vielen andern Gebieten, Keime zu einer grandiosen Neugestaltung der Volkswirtschaft, genauer gesprochen, Ansätze höherer und höchster Formen kapitalistischer Organisation. Was mir an dein Kartellwesen vor allem bedeutsam erscheint, ist nicht sowohl der ausgleichende Einfluß, den die Syndikate auf die Gestaltung der Preise ausüben, so hoch man auch immer diese Äußerung ihrer Wirksamkeit anschlagen möge. Bon viel größerer und entscheidenderer Wichtigkeit scheint mir vielmehr der Umstand zu sein, daß sie dazu beitragen werden, alle jene Entwickelungs- tendeuzen, die wir als dem moderuen Jndustriekapitalismus eigentümliche erkannt haben, zu verstärken und also die Umbildung zu neuen Formen zu beschleunigen. Schon in ihrer heutigen Gestalt müssen die Kartelle auf die Betriebsorganisation einen fördernden Einfluß ausüben, insofern sie zur Konzentration, Spezialisation und Kombination, also in Summa zur Vervollkommnung Anreiz bieten. Man hat wohl das Gegenteil horos- kopiert und diese Auffassung mit dem Hinweise begründet, daß der Wegfall der Konknrrenz das Interesse an der Verbesserung der Produktionsmethoden lahmen würde. Das ist unklar gedacht. Man muß doch dieses vor allem in Rücksicht ziehen, daß in dem Augenblicke, in dem Preise und Produktionsmenge fest- 24* ' 372 Das Gewerbe. gelegt sind, eine Steigerung des Profits nur noch durch Herabsetzung der Produktionskosten möglich ist. Und daß das Streben nach Profit nachlassen sollte, ist wohl nicht anzunehmen. Also wird alles Sinnen und Trachten der syndizierten Gesellschaften entweder auf eine Senkung des Arbeitslohnes (also nicht, wie man gemeinhin annimmt, verbessert sich die Lage der Arbeiterschaft infolge der Kartelle, im Gegenteil!) oder — wo ein solches Streben in dem Widerstande der organisierten Arbeiterschaft seine Grenze findet — auf bestmögliche Betriebsorganisatiou uud höchstmögliche Verwendung vollkommenster Verfahrungsweisen gerichtet sein. In der Form des Trusts werden dann diese Bestrebungen noch reiner uud freier zur Eutfaltuug kommen können. Stellt ja doch der Trust nichts anderes dar als ein Riesenwerk, das nach wohldurchdachtein Plane die Größe, den Grad der Spezialisation und Kombination der ihm unterstehenden Betriebe zu regeln vermag uud gewillt ist. Aber auch in der kapitalistischen Organisation der Unternehmung selbst stellen Kartell und Trust diejenigen Typen dar, auf die, wie die ganze Darstellung in diesem Werke Zeile für Zeile gezeigt hat, unsere Entwickelung hinsteuert. Zwei Züge vor allem sind es, die bei diesen Neubildungen sich als besonders markig dem Beschauer einprägen und die, wie wir wissen, allem neukapitalistischen Wesen besonders eigentümlich sind: die Grenzenlosigkeit der Kapitalvereinigung und die wachsende UnPersönlichkeit des Kapitalverhältnisses selbst. Schon im Kartell tritt eine Art von kapitalistischer Genossenschaft in die Erscheinung, deren Machtbereich unerhört ist. Man bedenke, daß beispielsweise dem Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikate etwa 100 Zechen angehören, daß hier alfo ein Kapital von vielen Hunderten von Millionen Mark geschlossen auftritt! Und was uns die Zukunft bringen wird, dafür liefern uns die amerikanischen Zustände genügend Anhaltspunkte: ist doch der berühmte Stahltrnst auf einer Kapitalbasis von 1.1 Milliarden Dollars, also annähernd 5 Milliarden Mark errichtet. Aber was fast noch wichtiger als diese Steigerung der Kapital- Die Kartelle als Beförderer höchslkapitalistischer Jndustrieentwickelung. 373 konzentration erscheint, ist die Versachlichung, die infolge der Kartellierungen und Vertrustungen alle Kapitalbeziehuugen erleiden müssen. Schon im deutschen Kartell ist die Einzelunter- nehmung ihrer Qualitütsnote völlig beraubt und als Ziffer in eine Gesamtsumme eingesetzt. Die Vertretbarkeit der Erzeugnisse macht weitere Fortschritte und damit steigert sich der unpersönliche Charakter der Industrieproduktion, gauz ähnlich wie wir es beim Großhandel beobachten konnten. Im Trust ist daun die Individualität des einzelnen Werkes völlig ausgelöscht und die Gesamtindustrie erscheint nur noch als eine große Summe qualitätsloser ziffermüßig feststellbarer Größen. Die naturgemäße Folge ist dann die, daß an die Spitze eines solchen Unternehmens eine große Bank tritt oder mit anderen Worten, daß die industrielle Organisation in eine rein bankmäßige Finanzverwaltuug übergeleitet wird. So scheint es in der Tat, als ob Kartelle und Trusts zur Erreichung dieser höchsten Stufe kapitalistischer Organisation, die durch eine Verschmelzung von Kredit- uud Produktionsunternehmungen gekennzeichnet wird, ihr wesentliches Teil beizutragen im Begriffe und noch mehr in Zukuuft berufen seien. Dreizehntes Kapitel. Die Landwirtschaft. I. Allgemeines. Kapitalismus und Landwirtschaft. Der Schritt aus der Stadt hinaus aufs Land bedeutet den Eintritt in eine andere Welt: das gilt nicht zuletzt von den Zuständen der Wirtschaft. Der Grundton, auf den das Wirtschaftsleben auf dem Lande abgestimmt ist, ist nicht derselbe wie in den übrigen Sphären der Volkswirtschaft. Hatten wir bisher einen durchgehend gleichen Zug der Entwickelung im Bank- und Börsenwesen, im Groß- und Kleinhandel, im Gewerbe und Verkehr beobachten können: den Zug zu einheitlicher Gestaltung, zur Ablösung der persönlich-konkreten, handwerksmäßigen Organisation durch eine sachlich-abstrakte, kapitalistische, so gewährt die Landwirtschaft, wie der erste Augenschein lehrt und eindringendes Studium bestätigt, ein völlig abweichendes Bild: nicht Einheit, sondern Mannigfaltigkeit erscheint als Grundzug der Entwickelung und die verschiedenen wirtschaftlichen Organisationsformen erscheinen uns nicht im Verhältnis des Nacheinander, sondern des Nebeneinander. Bauernländer wie Frankreich und die Schweiz neben Latifnndienländern wie Großbritannien; kapitalistische Großpächter wie in England und Deutschland neben Zwergpächtern wie in Irland und Sizilien oder Teilbauern wie in Mittelitalien und Frankreich; kleine gartenähnlich gepflegte Wirtschaften mit vollendeter Technik neben extensiv und altfränkisch bewirtschafteten großen Gütern in einem und demselben Lande wie Deutschland; patriarchalische Großbauernwirtschaften, kapitalistische Gutswirtschaften, kleinbäuerliche Handwerksbetriebe in derselben Provinz: alle diese Mannigfaltigkeit: d, Grundzug in der Entwickelung landwirtsch, Verhältnisse; Z75 Typen, die sich beliebig vermehren lassen, friedlich nebeneinander, ohne daß der eine Typ eine irgendwie deutliche und allgemeine Neigung zeigte, sich auf Kosten des andern auszudehnen. Also das gerade Gegenteil von dem, was wir in allen andern Gebieten des Wirtschaftslebens beobachtet haben. Es ist hier, wo alle Theorie auf eiu Mindestmaß beschränkt bleiben soll, nicht der Ort, den verzweigten Gründen jener Verschiedenheit in Land- und Stadtwirtschaft im einzelnen nachzuspüren. Ich will nur mit wenigen Worten andeuten, worin meiner Ansicht nach vornehmlich die Erklärung zu suchen ist: ich meine in der geringeren Abhängigkeit der ländlichen Wirtschaft von den Gesetzen des Marktes. Es gilt vor allem zu bedenken, daß der Landwirt und er allein von allen Wirtschaftssubjekten sich unter Umständen ganz, meist aber wenigstens teilweise überhaupt vom Markte lossagen und seine Wirtschaft auf sich selber stellen kann. Auch der Gutsherr kann selbst heute noch einen großen Teil seines Bedarfs und dessen seiner Leute in eigener Wirtschaft befriedigen. Wobei nicht einmal nur an den Nahrungs-, Kleidungs- und Wohnuugsbedars gedacht zu werden braucht, sondern auch an manchen ideellen Bedarf: der Gutsherr kann sein Besitztum als Wildgehege oder zu sportlichen Zwecken nutzen oder er kann in der bloßen Tatsache des Besitzes Befriedigung suchen, ohne Anspruch auf landesübliche Verzinsung des aufgewandten Vermögens. Es gibt so viele Möglichkeiten, den landwirtschaftlichen Betrieb oder das Gelände, auf dem er sich abspielt, außer aller Berührung mit den: Markte zu lassen: Möglichkeiten, die offenbar andern Berufs- zweigeu sich nicht darbieten. Oder wer möchte ein Walzwerk anlegen, nur um sich an den Feuerschlangen zu erfreuen, die auf den Walzenstraßen hin und herzüngeln, wenn Schienen ausgewalzt werden? Oder kann ein Fabrikant, der das beste Mundwasser erzeugt, mit seinen Produkten sich und seine Arbeiter auch nur 24 Stunden ernähren? Und was für die Gutswirtschaft gilt, gilt iu teilweise erhöhtem Maße für so manche Bauernwirtschaft: sie vermag als Eigenwirtschaft ganz oder teilweise sich vom Markte unabhängig zu macheu. Ein Schuster kann nicht leben, wenn 376 Die Landwirlschast. er nicht einen Käufer für seine Erzeugnisse findet: der Bauer kann es. Aber auch dort, wo der Landwirt für den Markt produziert, ist die Unterwerfung unter die Gesetze des Marktes niemals eine vollständige: er wird niemals so tyrannisch behandelt, wird niemals so mit allen Fasern seines Wesens marktuntertan, wie die Wirtschaften iu andern Sphären des Wirtschaftslebens. Was wiederum engstens mit den Produktionsbedingungen der Landwirtschaft zusammenhängt. Zum ersten: das auf unvollkommenere, d. h. extensivere Weise erzeugte Produkt ist nicht teurer, sondern meist sogar billiger als das in der höchstvollkommenen, d. h. intensivsten Wirtschaft gewonnene Produkt. Die Wirtschaft niederer Ordnung vermag also den Wettbewerb derjenigen höherer Organisation nicht nnr auszuhalten: sie hat sogar einen Vorsprung vor dieser voraus. Sie verkauft nur weniges, aber das wenige um so müheloser. Während die unvollkommene Wirtschaft in der Sphäre der gewerblichen Produktion (weil hier das in der intensivsten Wirtschaft erzeugte Produkt das billigste ist) überhaupt nichts mehr verkauft. Sie erleidet clmnoum emei-AsriL, die extensive ländliche Wirtschaft uur luvruin oessans. Jeue ist zum Untergang verurteilt, diese nicht. Sodauu: iu der Laudwirtschaft fallen Jntensitätsgrad und Größe des Betriebes keineswegs so vollständig zusammen, wie in andern Wirtschaftsgebieten. Auch der kleine Betrieb ist intensiver Gestaltung fähig, der große extensiver. Die Organisation in der Wirtschaft eines Bördebauern ist viel vollkommener und leistungsfähiger als diejenige auf den großen Gütern eines verschuldeten polnischen Edelmanns. Eine Bauernwirtschaft mit einem Areal von 50 kann Fruchtwechselwirtschaft und rationelle Viehzucht mit Stallfütteruug treiben; eine zehnmal so große Gutswirtschaft kann in der Dreifelderwirtschaft und in der primitiven Weidewirtschaft stecken geblieben sein. Womit wiederum irgend ein anderes Gebiet des Wirtschaftslebens zu vergleichen wäre! Die Gründe dieser unterschiedlichen Gestaltung eingehend darzulegen, muß ich späteren Studien vorbehalten. Hier genügt schon der weil in der Landwirtschaft die vkonomische Gesetzmäßigkeit entfällt. Z77 kurze Hinweis auf die Tatsachen, um nun daraus die für uusere Zwecke besonders wertvolle Schlußfolgerung zu ziehen: Wenn in der Sphäre der landwirtschaftlichen Produktion eine einheitlich und zwingend wirkende Beeinflussung der Wirtschafts- verfassuug durch den Markt nicht stattfindet, so entfällt auch alle sogenannte „Gesetzmäßigkeit", d. h. geradlinig verlaufende Regelmäßigkeit der Entwickelung. Denn alle ökonomische Gesetzmäßigkeit, die wir kennen (das ist besonders wichtig zu beachten), wird durch die Abhängigkeit der Einzelwirtschaft vom Markte erzeugt. Eine andere als die durch den Markt geschaffene (Kausal-) Gesetzmäßigkeit gibt es im Wirtschaftsleben nicht. Wenn aber diese einheitlich wirkende Ursachenreihe (wie sie die Beziehung zum Markte für die übrigen Wirtschaftsgebiete erzeugt), in der Landwirtschaft entfällt, so folgt des weiteren als selbstverständlich, daß nun den übrigen auf die Wirtschaftsorganisation Einfluß ausübenden Ursachen Raum für ungehindertes Wirken geschaffen wird. Daher die bunte Mannigfaltigkeit in der Sphäre der Landwirtschaft. Denn die außerökonomischen Umstände, die die Wirtschaft beeinflussen, sind (für unsere Betrachtung) dem Zufalle preisgegeben. Man bedenke, wie mannigfach die bedingenden Momente sein können: Klima, Boden, Rasse, überkommene Erbrechtsordnuug, bewußtes Eingreisen des Staates, Landessitten (Zweikindersystem!), zufällige Geschichtsereignisse iu vergangenen Jahrhunderten (französische Revolution!), die dank dem Trägheitsgesetze der Geschichte weiter wirken und tausend andere Umstände können tiefgreifende Wirkungen auf die Gestaltung der laudwirtschaftlichen Verfassung ausüben und haben sie ausgeübt, wie ein Blick in die Blätter der Geschichte irgend eines Landes lehrt. Gewiß streben alle diese Sonderumstände nach Wirksamkeit in allen Zphären des Wirtschaftslebens. Aber der Witz ist eben dieser: daß sie außerhalb der Landwirtschaft einer mächtigen einheitlich und nachhaltig wirkenden Ursachenreihe: den Marktvorgängen begegnen, die sie in ihrer Wirksamkeit aufhält oder ablenkt, und immer zur Einheitlichkeit drängen wird, dank ihrer Beständigkeit. Während, wie wir sehen, dieser einheitlich wirkende Ursachenkomplex in der Landwirtschaft entfällt. 378 Die Landwirtschaft, So flüchtig diese Bemerkungen waren, so werden sie doch, denke ich, dazu beigetragen haben, das Verständnis zu wecken für daS, was nun in darstellender Form von den Zuständen und Vorgängen im Gebiete der deutschen Landwirtschaft im neunzehnten Jahrhundert zu berichten sein wird. Sie werden das Staunen mindern helfen, wenn ich diese Darstellung mit der ersten wichtigen Feststellung beginne: daß sich in der äußeren Struktur der deutschen Landwirtschaft während des verflossenen Jahrhunderts überhaupt so gut wie gar nichts verändert hat. In der Anlage 42 (der als Ergänzung die Ziffern der Anlagen 43 und 44 dienen), findet der Leser einen Überblick über die Verteilung der verschiedenen Organisationsformen der Landwirtschaft über die einzelnen Gebietsteile Deutschlands. Was die amtliche Statistik, der diese Angaben entnommen sind, uns bietet, ist eine Betriebsstatistik, also weder eine Statistik der Besitzgrößen, noch eine solche der Wirtschaftseinheiten. Ein schlesischer Magnat, wie der Fürst von Pleß, der 150 764 Morgen besitzt und diesen Besitz von einer Stelle aus (also in einer Wirtschaft) verwalten läßt, erscheint nicht als solcher in der Statistik, die vielmehr seine zwanzig oder dreißig einzelnen Güter (Betriebseinheiten) verzeichnet. Immerhin ist das Bild ein annähernd deutliches, das wir durch die Ziffern der Statistik von der äußeren Struktur der deutschen Landwirtschaft am Ende des Jahrhunderts empfangen. Wir fehen in ganz groben Umrissen die Hauptgebiete sich von einander sondern: eines mit starkem Anteil des Großgrundbesitzes, also gutswirtschaftlich organisiert: das Gebiet östlich der Elbe, obwohl mau sich von der Bedeutung des Großgrundbesitzes selbst in diesen Gebietsteilen keine übertriebene Vorstellung machen darf. Betriebe mit mehr als 200 d.s. (800 Morgen), für jene Gegenden doch wohl die Mindestgröße eines „Gutsbetriebes", uehmen in Ostpreußen, Westpreußen und Brandenburg noch nicht ein Drittel der Gesamtfläche ein, in Schlesien und der Provinz Sachsen noch nicht ein Fünftel und nur in Posen und Pommern umfassen sie knapp oder gerade (mit 47.14 und S0.39°/<,) die Hälfte der Gesamtfläche. Der Rest entfüllt auf bäuerliche Wirtschaften, die also in keiner Provinz weniger als die Hälfte, im größeren Teil von Die äußere Struktur d. deutscheu Landwirtsch, am?lnfaug u. Ende d, Jahrh. 379 „Ostelbien" zwei Drittel bis vier Fünftel der Gesamtfläche innehaben. Daß sich für einzelne kleinere Gebiete der Anteil des Großgrundbesitzes erhöht, ist begreiflich und aus den Ziffern der Anlage 46 ersichtlich. Dann läßt sich ein Gebiet mit vorwiegend großbäuerlichen Wirtschaften (20—200 kg.) abgrenzen, das namentlich die niedersächsischen Stämme einschließt und sich über Schleswig- Holstein, Hannover, Westfalen, Oldenburg, Braunschweig erstreckt: hier hat der Großbauer über zwei Fünftel bis zu zwei Drittel der Gesamtfläche (Schleswig-Holstein) inne. Der Rest Deutschlands gehört fast ausschließlich der mittleren und kleineren Bauernwirtschaft an, die je mehr nach dem Westen um so kleiner wird und in der südwestlichen Ecke sowie in einzelnen Teilen der Rheinprovinz und Elsaß-Lothringens zur winzigen Parzellenwirtschaft herabsinkt. Haben doch in den Nheinlanden mehr als vier Fünftel (85.36 "/g) aller Betriebe, die beinahe ein Drittel der anbaufähigen Fläche bewirtschaften, weniger als 5 da. In Summa: Deutschland ist ein Bauerland, in das in einzelnen Teilen stärkere Beimischungen von Großgrundbesitz eingesprengt sind; im ganzen ist es noch nicht ein Viertel der Fläche, die diesem gehört, wenn wir ihn bei 100 tm, gerade ein Fünftel, wenn wir ihn bei 200 Iia und ein Zehntel, wenn wir ihn bei 500 ka anfangen lassen. Und wie sich am Ende des Jahrhunderts das Bild gestaltet, fast ebenso sah es am Anfang aus, wie ich schon hervorgehoben habe. Was sich an bedeutsamen Veränderungen im Besitzstande der einzelnen Wirtschaftsformen während des neunzehnten Jahrhunderts vollzogen hat, ist vornehmlich zweierlei: Erstens sind infolge der sogenannten Agrarreformen, mit denen, wie wir nnssen, Ablösung zahlreicher Nutzungsrechte und Austeilung des Gemeinbesitzes verknüpft waren, viele ganz kleine Bauernwirtschaften ihrer Daseinsmöglichkeit beraubt und eingegangen. Dasselbe Los hat ebenfalls kleine (nicht spannfähige) Bauernwirtschaften im Osten des Reiches betroffen, wo sie durch dieselben Reformen von der „Regulierbarkeit" ausgeschlossen wurden und den Gutsbesitzern zur Beute fielen: es sind (oder waren!) diejenigen 330 Die Landwirtschaft. Bauern, deren Sohn und Enkel wir heute als Gutstagelöhner auf den Gütern Ostelbiens wieder finden (oder bis vor einiger Zeit fanden!). Der Bestand an solchen Parzellenwirtschaften (sie werden ineist unter 2 Iia, sämtlich wohl unter 5 Areal bewirtschaftet haben) scheint nuu aber im ganzen heute nicht kleiner als vor hundert Jahren zu sein, maßen auf Kosten der spannfähigen Bauernnahrungcn, namentlich auch in industriellen Gegenden, vielerorts eine Vermehrung dieser Größenklassen stattgefunden hat. Eine leise Verringerung haben die spannfähigen Bauernwirtschaften im Osten auch dadurch erfahren, daß sie einen Teil ihres Areals, nach Serings Berechnungen 104 000 ka, im Wege des freieu Güterverkehrs während des 19. Jahrhunderts an den Großgrundbesitz verloren hatten. Dieser Abgang ist nun aber ebenfalls >am Schlüsse des Jahrhunderts bereits wieder ersetzt worden und zwar durch Vermehrung der bäuerlichen Ansiedelungen auf dem Wege der inneren Kolonisation, die durch das preußische Ansiedelungsgesetz für Posen und Westpreußen vom 26. April 1886, sowie durch die ebenfalls preußischen Nentengutsgesetze vom 27. Juni 1890 und 7. Juli 1891 von der preußischen Negierung eingeleitet worden ist. Die Zahl der Renteugüter, die auf diese Weise iu den sechs östlichen Provinzen Preußens neugeschaffen sind, betrug am 31. Dezember 1899 rund 127 000 mit einer Gesamtfläche von rund 180 000 lia. Wie wenig aber, von diesen künstlichen Eingriffen abgesehen, der Bestand der einzelnen Wirtschaftsformen in der Gegenwart sich zu verändern die Tendenz hat, zeigt ein Vergleich der Statistik von 1895 mit der von 1882 (Anlage 45). Was sich hier verschoben hat, kommt kaum in Betracht und beruht jedenfalls auf keiner irgendwie gesetzmäßigen, fortwirkenden Entwickelung: Die Gruppen, die au einer Stelle abgenommen haben, wie das Großbauerntum in den meisten Gebieten des Reichs, haben doch in anderen wieder zugenommen (Rheinland, Posen). Eine Beobachtung, die sich auf Grund anderen Materials, auch für die frühere Zeit machen läßt. (Vgl. Anlage 46.) Aber es wäre nun natürlich ein bedenklicher Irrtum, zu glauben, das gewaltige neunzehnte Jahrhundert mit seiner Neu- Ansätze zur Umbildung der inneren Struktur der Landwirtschaft. Zgl Gestaltung aller Lebensbedingungen sei an der deutschen Landwirtschaft vorübergegangen, ohne seine Spuren zu hinterlassen. Auch die Landwirtschaft hat in diesem unerhörten Jahrhundert mehr Veränderungen erfahren, als in einein Jahrtausend vorher. Es gilt nur, sie da zu suchen, wo sie sich wirklich und nicht nur in der Vorstellung des Dogmatikers vollzogen haben. Da ist denn nun zunächst des Wandels zu gedenken, den die innere Struktur der landwirtschaftlichen Organisation erfahren hat. Ich denke dabei in erster Linie an den neueu Geist, der iu die Wirtschaftsleiter eingezogen ist und sie ihre Ausgabe in veränderter Gestalt erfassen heißt. Und unter deu Landwirten wiederum vor allein an die größeren, die Gutsbesitzer. Es wird nicht zuviel behauptet sein, wenn man sagt, daß vor hundert Jahren die große Mehrzahl der Rittergutsbesitzer ihren angestammten Besitz betrachteten als den naturgemäßen Standort ihrer Existenz, als die Grundlage ihrer Macht im Staate, als die Quelle, aus der ihnen und den Ihrigen der standesgemäße Unterhalt, den Hintersassen die Mittel zur üblichen Lebensfristung flössen. Man wirtschaftete in der Väter Weise, in erster Linie um Gebrauchsgüter für sich und seine Leute zu gewinnen, danach erst um den Überschuß (soviel sich ergab) auf dem Markte zu versilbern. Das wurde unter dem Einflüsse der zunehmenden Kapitalwirtschaft anders. Die Ansprüche wuchsen, das Wirtschaften wurde schwieriger, man mußte rechnen lernen- und mit der Zeit drang aus den Kontors der Städte langsam aber stetig auch eine neue Grundauffassung vom Wesen der Wirtschaft in die Reihen der Gutsbesitzer ein: sie hörten auf, Grund und Boden nur uoch als Standort und Nahrungsanelle zu betrachten, lernten vielmehr in ihm, wie Rodbertus es genannt hat, eine „Rentenquelle" zu erblicken. „Was bringt ein Gut an Reinertrag?" wurde die Frage, die eine neue Epoche auch in der Landwirtschaft einleitete und diese in die Bahnen wies, in denen Bankuuternehmuugen und Hosenknopffabriken von jeher gewandelt waren. Man fing an zu rechnen; man zog Bilanzen; die Buchführung wurde eine kaufmännisch geordnete; mit einem Worte: kapitalistischer Geist zog in die Schlösser oder unter die geflickten Strohdächer ein, wo der 382 Die Landwirtschaft. geschäftsunkundige Gutsherr gehaust hatte. Und dem ueueu Streben versuchte man die Organisation der Wirtschaft anzupassen. Diesen Umwandlungsprozeß in seinen Einzelheiten zn verfolgen, dazu fehleu uns die statistischen Grundlagen. Nur an einzelnen Symptomen vermögen wir sein Fortschreiten im neunzehnten Jahrhundert zu ermessen. Wenn wir beispielsweise erfahren, daß schon in den 1880 er Jahren (nach den Zusammenstellungen Conrads) in den sieben östlichen Provinzen Preußens von 11015 Gutsbesitzern 7086 (64.33 "/g) bürgerlich waren, und bedenken, daß am Ende des achtzehnten Jahrhunderts noch kein Bürgerlicher ein Rittergut erwerben konnte, so sind wir berechtigt, den Schluß zu ziehen, daß heute erheblich mehr Gutsbesitzer als vor hundert Jahren — nämlich sicher ein sehr großer Teil der bürgerlichen Elemente — ihre Wirtschaft unter dem Gesichtspunkte betreiben, eine höchstmögliche Rente zu erzielen. Dafür sind es Bürgerliche und haben sie den Grundbesitz „käuflich erworben": ihr Lebeuslauf als Landwirte fängt also mit einer Geldsumme an, deren Verzinsung als ein selbstverständliches Ziel gilt. ^i-Zent obliZö! Weiter: wenn wir beobachten, daß in wachsendem Umfange die größeren Landwirte Kapital aufsaugen (ein Teil wenigstens der noch in anderem Zusammenhange zn würdigenden Zunahme der Verschuldung ist dem Bedürfnis nach Ausweitung der kapitalistischen Basis zuzuschreiben), so läßt dies ebenfalls darauf schließe», daß sie sich mit modernem Geiste zu erfüllen beginnen. Und endlich dürfen wir auch das Vordringen der Pachtwirt- fchaft auf den größeren Gütern gerade derjenigen Landesteile, die wir als die landwirtschaftlich am weitesten fortgeschrittenen kennen, für ein Zeichen zunehmender kapitalistischer Organisation ansehen. Denn der Pächter heutzutage wird kaum einen anderen Sinn haben, als sein Kapital nach Möglichkeit hoch zu verwerten. Welchen breiten Raum das Großpächterverhältnis hente in einzelnen LandeS- teilen, namentlich in Braunschweig, Schleswig-Holstein und der Provinz Sachsen einnimmt, machen die Ziffern der Anlage 47 ersichtlich. Die genannten Gebiete, vornehmlich Sachsen und Braunschweig, sind denn auch in der Tat diejenigen, in denen die kapi- Langsames Schrittmaß der kapitalistischen Entwickelung in der Landwirtschaft. 383 talistische Landwirtschaft ihren Höhepunkt in Deutschland erreicht. Mau muß die rationell betriebenen Gutswirtschaften dieser Provinzen aus eigener Anschauung kennen, um zu wissen, daß ihre Organisation wie ihre ganze Geschäftsführung in nichts von denen eines großen industriellen oder -kommerziellen Unternehmens verschieden ist. Hier herrschen Erwerbsprinzip und ökonomischer Rationalismus unbeschränkt, in den großen Arnheims stehen die stattlichen Reihen der Hauptbücher, die Zahlungen werden durch Überweisungen auf das Girokonto bei der Reichsbank geleistet, und die Hauptarbeit wird von einem Heere freier, geldgelohnter Wanderarbeiter verrichtet. Aber ich möchte glauben: in dieser ausgeprägten Form bilde die kapitalistische Gutswirtschaft bei uns heute noch immer eine fast verschwindende Ausnahme. Ich erwähnte das Girokonto bei der Reichsbank: aber wir wollen nicht vergessen, daß im Jahre 1900 erst 183 Landwirte solche Konten hatten (1.3 aller Konteninhaber), und daß die Höhe ihres Guthabens nur 923 420 Mark (0.4 betrug, das einzelne Guthaben also eine Höhe von 5046 Mark erreichte (gegen einen allgemeinen Durchschnitt von 17 533 Mark). Ich wies auf den starken Anteil des Pachtlandes in einigen Teilen Deutschlands hin. Wir müssen aber in Rücksicht ziehen, daß in den meisten Gebieten des Großgrundbesitzes die Gutspacht heute noch ganz zurücktritt gegenüber der Eigenwirtschaft. Und der Augenschein bestätigt es, das; wir einstweilen in Deutschland nur ganz wenige reinkapitalistisch organisierte Gutswirtschaften besitzen, daß die große Masse auf halbem Wege zum Kapitalismus stecken geblieben ist, und daß eine nicht unbeträchtliche Minderheit unserer Rittergüter heute wie vor hundert Jahren ohne eine» Auslug kapitalistischen Geistes bewirtschaftet werden. Um dieses auffallend langsame Schrittmaß kapitalistischer Entwickelung selbst im Bereiche der Großlandwirtschaft zu erklären, ist man zunächst geneigt, auf zufällig persönliche Gründe zurückzugreifen. Es liegt nahe, die mangelnde Kapitalkraft, die UnWirtschaftlichkeit oder sonst eine Eigenschaft, die die Mehrzahl unserer ostelbischen Gutsbesitzer kennzeichnet oder kennzeichnen soll, für die ökonomische Nückständigkeit so vieler Gutswirtschasteu 384 Die Landwirtschaft. verantwortlich zu machen. Näheres Nachdenken erweist die Haltlosigkeit dieser Annahme. Wenn wirklich den jetzigen Besitzern die persönlichen und sachlichen Bedingungen für eine kapitalistische Wirtschaft fehlen: warum treten nicht andere an ihre Stelle? So wie die unfähigen und schwächlichen Fabrikbesitzer durch kräftigere Naturen ersetzt werden? Warum greift das Kapital nicht von außen her die Gutswirtschaft an? Warum (mit anderen Worten) gibt es keine einzige rein landwirtschaftliche Aktiengesellschaft? Warum werden Bäder und Heilanstalten, Hotels und Theater, Zoologische Gärten und Panoptiken, von Industrie- und Handels-, Transport- und Versicherung-Unternehmungen gar nicht zu reden, in der Form von Aktiengesellschaften massenhaft betrieben, nur kein einziges Rittergut? Warum sind nicht schon längst sämtliche Standesherrschaften „gegründet" worden? Offen gestanden: ich weiß es nicht. Denn eine grundsätzliche Unmöglichkeit, auch eine Gutswirtschaft als Aktiengesellschaft zu betreiben, vermag ich nicht einzusehen. Aber es schweben mir doch eine Reihe von Gründen vor, die die landwirtschaftliche Produktionssphäre für das Kapital zn einer wenig anziehenden gestalten. Es mag zunächst die Unsicherheit der von der Ernte abhängigen Erträge sein, die namentlich die unpersönliche Form der kapitalistischen Unternehmung (die Aktiengesellschaft) ausschließt. Dann aber läßt sich, glaube ich, der Nachweis führen, daß die Profitrate in der Landwirtschaft im allgemeinen niedriger ist als in anderen Sphären des Wirtschaftslebens, weil (wie ich an anderer Stelle naher dargelegt habe) in dem der Regel nach stets zu hohen Bodenpreise ein Faktor geschaffen wird, der die Tendenz hat, auf die Profitrate senkend einzuwirken. In der Landwirtschaft besteht ferner eine geringere Möglichkeit, durch Steigerung der Produktivität wie in der Industrie oder durch Ausnutzung günstiger Konjunkturen Extraprofite zu machen. Dazu kommt, daß eine sehr starke Zusammenballnng von Kapital (wie im Bankwesen, in den Transportgewerben, in zahlreichen Zweigen der Industrie) in der Landwirtschaft meist keine besonderen Vorteile im Gefolge haben würde, lind was dergleichen Erwägungen, die hier alle nur angedeutet werden sollen, mehr sind. Die Landwirtschaft widerstrebt ihrer Natur nach kapitalist. Organisation. Jg5 Während so auf der einen Seite dem Kapital geringerer Lohn in der Sphäre der Landwirtschaft winkt — mag sein, daß deren Tepressionszustand während der letzten Jähre, in denen sich bei uns der Kapitalismus erst recht entfaltet hat, dazu beiträgt, das Vordringen des Kapitals hintanzuhalten, uud daß eine Hansseperiode, wie wir sie in den 1850er und 1870er Jahren erlebt haben, inmitten des Kapitalreichtums der Gegenwart auch die Aktiengesellschaft aufs Land hinaustragen würde — so drängt ihrer ganze Natur nach die landwirtschaftliche Tätigkeit darauf hin, die kapitalistischen Gesichtspunkte bei ihrer Organisation fern zu halten. Erleben wir es doch, daß eingefleischte Geldmänner, selbst jüdischer Rasse, wenn sie ein Rittergut erwerben und Landwirtschaft betreiben, gleichsam weich werden, die schroffen Grundsätze kapitalistischer Geschäftsführung abmildern. Wie stark muß dann erst diese Abneigung, die Prinzipien des Kontors aufs Land zu übertragen, bei den alten Familien germanischer Abkunft sein, die seit Jahrhunderten auf angestammten Besitze angesessen sind. Was in der Sphäre der Landwirtschaft so schwer fällt, ist gerade alles das, woraus die kapitalistische Organisation ihrem Wesen nach beruht: die Auslosung aller Werte in Ouautitätein der Ersatz jeder persönlich-individuell-konkret gefärbten Beziehung durch eine Summe abstrakt-sachlicher Vertragsverhältnisse; die Betrachtung jedes Besitzteilchens wie jeder Vornahme ausschließlich unter dem Gesichtspunkte des Gelderwerbs. Immer drängt sich dem Landwirt wieder die Freude am Besitz und zwar an dem individuellen, konkreten Besitz, den er just iuue hat, übermächtig auf. Die Verwendbarkeit seines Eigens zu außer- wirtschastlichen Zwecken, die Reize, die es bloß durch sein persönliches Dasein ausübt, kreuzeu jederzeit wieder das geschäftliche Kalkül. Wirtschaftshof und Vaterhaus, Jagdrevier und nutzbare Ackerfläche schmelzen in eins zusammen und damit die Beziehungen gemütlicher nnd geschäftlicher Natur, die der Besitzer zu ihnen hat. Die alten Linden, unter denen er als Knabe gespielt hat, sind mit feiner ganzen Persönlichkeit verwoben, und es gehört schon ein hohes Maß von — faft möchte ich sagen — Roheit dazu, so tausendfach in ihrer lebendigen Eigenart mit dein persönlichen Wesen verwachsene Sombart, VollSwirtschaft. 2S :^.! Die Landwirtschaft. Dinge nun immer nur unter dem Gesichtspunkte höchstmöglicher Ertragfähigkeit zu werten. In allen anderen Sphären des Wirtschaftslebens ist das leichter: zwischen einem Hochofen oder einer Papierfabrik und ihren Besitzern knüpft sich kein Band von irgend wie persönlicher Färbnng. Solche Vermögensobjekte können ihrer Natur nach immer nur unter quantitativ-ökonomischem Gesichtspunkte gewertet werdeu. Wozu denn nun kommt, daß die wirtschaftlichen Vorgänge selbst, ebenso wie die Erzeugnisse in der Landwirtschaft, in viel stärkerem Maße eine persönliche Note tragen, auch in größeren Wirtschaften, als irgendwo sonst. Es ist etwas Wesens anderes, Bieh zu züchten als Garn zn spinnen. Abermals wird es dem Landwirt schwerer als andern Wirtschaftsleitern, alle seine mit liebevoller Hingebung und eingehender Sorgfalt erzeugten Produkte nun lediglich wiederum als Geldgrößen, als reine Quantitäten anzuschauen und zu werten. Was alles zu dem Schlüsse führt: daß schon ganz besondere Umstände zusammentreffen müssen, um die Gutswirtschaft in die streng kapitalistische Organisation überzuführen. Ich möchte sagen, erst dem Landwirt auf fremdem Grund und Boden, dem Pächter, eignet die erforderliche Unbefangenheit, das Besitztum, das ihm nicht gehört, nun ausschließlich als Erwerbsgegenstand zu betrachten. Der rücksichtslose, kalte Geschäftsstand- puukt wird in der Regel nur bei Pächtern zu finden sein. Wo der Pächter vorherrscht, wird er dann leicht mit seinem Geist alle Gutsbesitzer einer Gegend durchtränken. Daher wir die höchste Entfaltung kapitalistischer Wirtschaft mit starker Verbreitung des Pachtverhältnisses Hand in Hand gehen sehen. Man könnte allerdings dem auch den Gedanken entgegenhalten: wo die sachlichen Bedingungen kapitalistischer Landwirtschaft erfüllt siud, finden wir den Pächter. Was auch seine Berechtigung hat. Diese sachlicheil Bedingungen erblicke ich namentlich in folgendem: fruchtbarem Bodeu, der intensiven Anbau lohnt, guter Verkehrslage, vor allem aber Verbindung der Landwirtschaft mit industriellen oder kommerziellen Unternehmungen. Wo diese sich dem landwirtschaftlichen Betrieb angliedern, zersetzen sie die alten antikapitalistischen Anschauungen, und es strömt unmerklich der Kapitalismus und Bauerntum. 387 kapitalistische Geist aus ihnen in die Landwirtschaft hinüber. DaS ist die große volkswirtschaftliche Bedeutung der Spiritnsbreunereien und namentlich der Zuckerindustrie, die sich in den Gebieten fruchtbaren schweren Bodens angesiedelt hat, daß sie die von ihnen durchsetzten Landwirtschaftsbetriebe kapitalistisch ansteckt. Aber es ist nun offensichtlich, daß sich diese Bedingungen nur schrittweise erfülleu, und daß ihre Erfüllung ans bestimmte Gebiete beschränkt bleibt. Betrug doch die mit Rüben angebaute Fläche im Deutschen Reich, trotz des unerhörten Aufschwungs, den die Zuckerindustrie in den letzten Jahren genommen hat, im Betriebsjahr 1900—1901 erst 447 606 ba von etwa 50 Millionen Iia landwirtschaftlich genutzter Fläche überhaupt, also noch nicht 1"/g. Sodaß sich genug sachliche Gründe ergeben, die die verhältnismäßig (nämlich zu dem Fortschritt des Kapitalismus auf alleu übrigen Gebieten des Wirtschaftslebens) geringe Entwickelung der kapitalistischen Organisation in der Landwirtschaft erklärlich machen. Das alles gilt von der Gutswirtschaft. Welches Verhältnis hat nun aber der Kapitalismus zu den bäuerlichen Wirtschaften gewonnen? Hat er überhaupt Einfluß auf ihre Entwickelung ausgeübt und welchen? Gewiß hat auch die bäuerliche Wirtschaft iu ihrer Stellung nach außen nicht minder als in ihrer ökonomischen Struktur wesentliche Veränderungen im neunzehnten Jahrhundert durchgemacht. Die wichtigste davon kennen wir bereits: es war die Lösung zahlreicher Bauernwirtschaften des Osteus aus dem gutsherrlichen Verbände uud der meisten Bauernwirtschaften aus dem alten Dorfverbande. Die Wirtschaft des Bauern wurde „frei", d. h. auf sich selbst gestellt, niemandem mehr verpflichtet, aber auch von niemandem mehr gestützt uud gefördert. Die alten Gemeinschaften verschwanden und mit ihnen wohl auch zum größten Teile der alte Gemeinschaftsgeist. Wenn wir auch heute noch gelegentlich von Spuren eines urwüchsigen Gemeinbewußtseius der Dorfgeuossen Kunde erhalten, so gilt doch wohl als Regel für die Gegenwart, daß der „individualistische" Geist auch in die Dörfer eingezogen ist. Ja, wir dürfen aus manchen Anzeichen schließen, daß hinter ihm her sein Bastardbruder — der moderne „Ge- 25* 388 Die Landwirtschaft. schäftsgeist" — hie und da schon in die Bauernstuben sich eingeschlichen hat. Hie und da — denn noch, glaube ich, gehört es zu den Ausnahmen, was uus von smarten Bauern im Badischen oder in einzelnen Teilen der Provinz Sachsen berichtet wird, daß der bäuerliche Wirt zum rechnenden Kaufmann geworden ist, gleichsam zum kapitalistischen Unternehmer, dem nur die kapitalistische Unternehmung fehlt, der aber schon das Checkbuch in der Tasche trügt und das Studium der Marktkonjunkturen zu seiner Hauptbeschäftigung gemacht hat. Lassen sich hier nur Vermutungen aussprechen, so sind wir über einige andere Wirkungen, die die moderne Entwickelung auf die Bauernwirtschaft ausgeübt hat, etwas genauer unterrichtet. Wir wissen, wenn wir auch keine ziffermäßigen Angaben darüber zu machen vermögen, daß das Vordringen des eben erwähnten „individualistischen" Geistes, dieses Erzeugnisses kapitalistischer Wirtschaft und namentlich städtischen Wesens (das wiederum durch jene erst zu rechter Entfaltung kommt) auf die innere Struktur namentlich der alten Groszbauernwirtschaft revolutionär umgestaltend gewirkt hat. Diese hatte ihrem Wesen nach beruht auf dem Zusammenschluß einer größeren Anzahl von Familiengliedern über den Kreis der Einzelfamilie hinaus: Brüder und Schwestern des Wirtschaftsvorstandes hatten ebenso wie die erwachsenen Söhne und Töchter im Verein mit einigen Gesindepersonen die Arbeitsgemeinschaft dieser Großfamilienwirtschaft gebildet. Mit der Zeit ist der Verbleib der erwachsenen Familienglieder in der Wirtschaft des Vaters oder Bruders immer seltener geworden und die Wirtschaft hat in zunehmendem Maße auf der Heranziehung fremder Hilfskräfte ausgebaut werden muffen. Die Statistik bestätigt diesen Wandel mit ihren Ziffern. Von 1882 bis 1895 verminderte sich die Zahl der erwerbstätigen Familienangehörigen (die doch vor allem in der Großbauernwirtschaft eine hervorragende Rolle spielen) in der deutschen Landwirtschaft von 866 413 auf 382 872, also fast um eine halbe Million, während die Zahl der Gesindepersonen (Knechte und Mägde) von 1 589 088 aus 1 718 885 stieg. Sicher ist diese Zunahme vor allem wiederum den großbäuerlichen Wirtschaften zugute zu halten. Eindringen individnalist, Geistes. Wegfall d, gewerbl. Nebenbeschäftigung. 389 Naturgemäß ist der Wirtschaftsbetrieb dadurch erschwert worden, und die Klage über „Nrbeiternvt" spielt heute nirgends eine größere Rolle als in jenen Großbaueruwirtschnften. Wenn deren Stellung heute in vielen Gegenden gefährdeter als diejenige irgeud eines andern Typs bäuerlicher Wirtschaften erscheint, so hat dies seinen Grund nicht znletzt in dem Umstände, daß die Mittel- und Kleinbauern sich viel mehr von fremder Hilfe frei machen, ihren Bedarf an Arbeitskräften also im wesentlichen innerhalb des engeren Familienkreises decken können. Gleichzeitig betroffen sind wohl fast alle Banernwirtschaften von einer Reihe anderer Vorgänge, die wir als eine allgemeine Erscheinung der kapitalistischen Entwickelung auf dem Gebiete der gewerblichen Produktion bereits kennen gelernt haben: von der Verringerung der hausgewerblichen Eigenproduktion, sowie von der fast durchgängig während des neunzehnten Jahrhunderts vollzogeneu Zentratisation der Industrie in einzelnen Gebieten und geschlossenen Etablissements ^Verschwinden der ländlichen Hausindustrie uud der kleinen Betriebe in den landwirtschaftlichen Nebengewerben, wie Brauerei, Brennerei usw.). Es ist augenscheinlich, daß durch diese Umgestaltungen vielen bäuerlichen Wirtschaften ein empfindlicher Nachteil zugefügt worden ist: die Verwertung der Arbeitskraft während der stillen Jahreszeit, sei es zur Deckung des eigenen Bedarfs an gewerblichen Erzeugnissen, sei es zwecks Erzeugung von Waren für den Absatz, hat aufgehört oder ist beträchtlich eingeschränkt worden. Und damit ist ein Eckstein aus der Grundmauer ausgebrochen worden, auf der die Bauernwirtschaft in der früheren Zeit rnhte. Es zeugt für ein hohes Maß vou Widerstandskraft, weuu der Bau trotz dieser Erschütterung einstweilen noch immer den Stürmen zu trotzen vermocht hat. Das, von dem bisher die Rede war, siud uun alles nur Wirkungen, die der Kapitalismus auf Umwegen auf die Struktur der bäuerlichen Wirtschaft ausgeübt hat. Fragt sich, ob er nicht in direkte Beziehungen zu ihr getreten ist, wie wir es so vielfach in der Nachbarprovinz, in der Sphäre gewerblicher Produktion beobachten. 390 Die Landwirtschaft, Gibt es in der Landwirtschaft Gegenstücke zu der hausindustriellen Organisation, zum Verlagssystem in den Gewerben? Vereinzelt wohl. Ich glaube, kleine Bauern in der Nähe von Zuckerfabriken stehen häufig in einem ganz «ähnlichen Verhältnio zu diesen, wie ein verlegter Handwerksmeister zu einem Magazin oder einer Fabrik. Sie erhalten Vorschüsse in Geld ober in natura und führen im wesentlichen die Aufträge ihrer Mandanten, der Zuckerfabriken oder der größeren Gutswirtschaften, aus. Doch, wie gesagt, dürfte es sich in solchen Fällen bisher um Ausnahme- erscheinungen handeln. Was dagegen eine große und allgemeine Verbreitung in der Landwirtschaft gefunden hat, ist ein Verhältnis der kleinen Wirtschaft zum Kapital, das wir ebenfalls schon aus der Betrachtung der gewerblichen Entwickelung her kennen und das ich dort als indirekte Abhängigkeit vom Kapital bezeichnet habe. Ganz ähnlich, wie wir es dort bei dem kleinen Bau- handwerter oder dem kleinen Tischlermeister beobachten konnten, finden wir häufig auch den bäuerlichen Wirt in einer Art von Unterwerfung unter das Handelskapital. Er steht einein geschlossenen Ringe von Handelsleuten gegenüber^ deren Bedingungen er unbesehens anzunehmen durch die Not gezwungen wird. Das gilt namentlich vom Viehhandel. Was wir von dessen Organisation aus Hessen erfahren, dürfte sich in zahlreichen Gebieten Deutschlands wiederholen. „Will der einzelne Landwirt sein Vieh direkt kaufen und kommt in die Ställe seiner Mitbauern, ohne Beihilfe eines Viehhändlers wird er schwerlich zum Zweck kommen, oder entmutigt durch die Schwierigkeiten und unbefriedigt durch den Erfolg des Geschäftes es wieder ausgeben, gegen den Strom zu schwimmen. Der Bauer, zu dem der Käufer kommt, wird entweder gar nicht in ein Geschäft eintreten oder übertriebene Forderungen stellen, teils weil er nicht handeln darf, teils weil er zu handeln sich nicht sicher fühlt ohne die Mithilfe und den Beistand seines Juden. Dieser macht die Taxe und bringt durch eifriges Aufsieeinreden die Handelnden zusammen, Nachbarn werden herbeigerufen, denn an einem richtigen Handelsgeschäft nehmen gern alle teil, endlich beschließt ein Handschlag Indirekte Abhängigkeit bänerlicher Wirtschaften vvm Kapital. 391 das Geschäft. Der Weinkauf „mit gespaltenem Huf" vereint die ganze Gesellschaft nach der oft hitzigen und stürmischen Handelsscene in Friede und Fröhlichkeit. Nnch der Jude ist ruhig geworden, sein Verdienst ist ihm sicher, seine Unentbehrlichst wieder bewiesen. In gleich ungünstiger Lage ist der Bauer als Verkäufer. Wohl befährt er mit seinem Vieh den Markt, in der Hoffnung, dort den Preis zu erzielen, der ihm von Rechts wegen gebührt, den er aber im Stall von seinem Juden nicht erhalten kaum Eitle Hoffuuug! Viehhändler und Metzger vereinigen sich, ihm gründlich klar zu machen, wie er so viel besser zu Haus geblieben wäre und ihn und andere durch Statuierung eines heilsamen Exempels von Gelüsten nach Selbständigkeit abzuschrecken. Umringt von Handelsleuten und dadurch isoliert, durch Gebote unter Wert mürbe gemacht, wird er, wenn er den Erlös zur Zeit entbehren kann, unverkauft sein Vieh zurückbringe!?, Zeit und Mühe und Geld verloren haben, oft Vorwürfe zu Haus und Spott der Nachbarn erwarten und später vorsichtiger sein, oder er schlägt sein Vieh los, weil er muß, aber zu niederen Preisen, nnd geht „geschlichtet" nach Haus." Geschäftsknisfe, wie sie hier geschildert sind, grenzen bereits dicht an das, was die deutsche Sprache als Wucher oder wucherische Ausbeutung zu bezeichnen sich gewöhnt hat. Das heißt (im ökonomischen Sinne) eine Ausbeutung oder noch genauer, weil ganz ohne ethische Färbung: eine Anteilnahme an den Erträgnissen fremder Arbeit, die über den landesüblichen Durchschnitt hinausgeht. Eine solche pflegt dort sich einzustellen, wo besonders weltfremde und geschäftsunkundige Personen mit wirtschaftlich hervorragend begabten Elementen zusammenstoßen. DaS aber trifft zu iu vieleu bäuerlichen Gegenden Deutschlands, namentlich in den kleinbäuerlichen Geländen des Westens und Südwestens (Hessen, Rheinlande, Elsaß-Lothringen, Baden, Teilen von Württemberg und Bayern). Hier ist (fast können wir schon sagen: war) es einer verhältnismäßig kleinen Anzahl von Handeloleuten (fast durchgängig jüdischer Abstammung) gelungen, einen großen Teil der Bauernschaft in eine tatsächliche Schuldknecht- 392 Die Landwirtschaft. schaft zu bringen, also daß die kleinen Landwirte nicht mehr für sich und die Ihrigen, sondern fast ausschließlich für jene Geschüsts- leute den Acker bestellten. Wir besitzen über den „Wucher auf dem Lande" eine Enquete des Vereins für Sozialpolitik aus dem Jahre 1887, die zur Zeit ihres Erscheinens viel von sich reden machte und die von einer Reihe von Kritikern in der abfälligsten Weise beurteilt worden ist. Unzweifelhaft ist sie theoretisch, d. h. methodologisch, grundschlecht. In ihren praktischen Ergebnissen ist sie trotzdem, wie mir scheint, unübertrefflich gut. Denn was durch die fast stereotype Berichterstattung von Auskunftspersonen, die untereinander keinerlei Fühlung hatten, mochten die einzelnen Referenten auch so voreingenommen wie möglich sein, doch sicher erwiesen wurde, war: daß die Auswucherung der kleineren und mittleren Bauern als eine allgemein verbreitete Erscheinung in Deutschland zu gelten habe, die iu den genannten Gebieten eine besonders weite Ausdehnung erlangt hatte; eine Erscheinung, die dadurch in ihrer Tatsächlichkeit und Gesetzmäßigkeit aufgedeckt wurde, daß sie sast überall dieselben Formen angenommen hatte. Ich muß es mir hier versagen, auf Einzelheiten einzugehen. Es mag genügen, festzustellen, daß der „Wucher auf dem Lande" auftritt als Geld- oder Darlehenswucher, als Viehwucher iEin- stellverträge usw.), als Grundstückswucher und als Warenwucher (Kreditierung von Saatgut gegen Aushaltung eines Anteils an der Ernte, Umtausch der landwirtschaftlichen Produkte gegen minderwertige andere Waren usw.). Daß es sich aber fast in allen Fällen um eine geschickte Verquickung aller dieser verschiedenen Arten handelt und daß, wie oben schon angedeutet wurde, die völlige Abhängigkeit der bäuerlichen Wirtschaft von der Willkür des Handelsmannes als das Ziel erscheint, das dieser anstrebt und ost genug erreicht. Zur Bestätigung gebe ich einigen Berichterstattern der erwähnten Wucherenquete aus verschiedenen Teilen Deutschlands das Wort. Ihre übereinstimmende Schilderung der Vorgänge zeigt deutlicher, um was es sich handelt, als es eine theoretische Auseinandersetzung vermöchte. Der Wucher auf dem Lande. Z93 Aus der bayerischen Rheinpfalz lautet der Bericht: „Je ärmer die Gegend, desto schamloser macht sich das Wuchergeschäft breit. Abgelegene Ortschaften und Gehöfte werden mit Geld und anderen Lebensbedürfnissen „versorgt", müssen aber die Gänge ihrer Versorger teuer zahlen. Diese sind regelmüßig von alters her in größeren Ortschaften zahlreich anfässig und haben, um die Konkurrenz unter sich und mit andern auszuschließen, das Laud uuter sich geteilt. Ein jeder besucht jeden Tag sein „Gäu", und nimmt es jedem andern kurios übel, der es unternimmt, „ihm in sein Gäu zu geheu". In „seiner" Ortschaft ist er Herr. Da vermittelt er die An- und Verkäufe von Vieh und Getreide, Futter und Grund und Boden. Häufig geuug ist er selbst der einzige Verkäufer und Käufer aller dieser Artikel in den betreffenden Ortschaften. Manchmal ist das Arbeitsfeld dieser Leute auch in der Art geteilt, daß in einem Ort der eine nur in Gütern, der andere nur in Felderzeugnissen „macht", noch andere wieder das Brot, das Mehl, die Bohnen, Erbsen nsw. liefern und für den gewährten Kredit sich „billigen" Preis anrechnen. Die Kreide wird meistens von ihnen allein, dafür aber häufig doppelt geführt, weil der Bauer entweder zu faul oder zu einfältig ist, seine Schuldigkeit selbst zu notieren." Über die Zustände in den Rheinlanden läßt sich der Landwirtschaftliche Zentralverein dieser Provinz dahin aus, „daß die erwähnten Formen des Wuchers selten gesondert auftreten, in den meisten Fällen finden sie sich vereinigt, weil die eine Form notwendig aus der andern hervorgeht. Das Endresultat ist meistens, wenn auch nicht immer, die absolute wirtschaftliche Abhängigkeit des Bewucherten von dem Wucherer. Dem letzteren gehört in Wirklichkeit Haus und Hof des armen Bauern, der Lohn seiner und seiner Angehörigen Arbeit fließt in die Tasche seines Gläubigers. So lange ein solcher Lohn noch erzielt wird, hütet sich der Wucherer wohl, die Schlinge zuzuziehen und durch Subhastation sein Opfer von Haus und Hof zu bringen, weil der Wert des Anwesens häufig der fingierten Schuldforderung nachsteht. Erst wenn die Aussaugung so weit gediehen ist, daß keine Aussicht aus Gewinn mehr vorhanden ist, dann wird der 394 Die Landwirischast, Sache ein Ende gemacht, und der Bauer verläßt mit Frau und Kind als Bettler seine Heimstätte. Aber, so paradox es klingen mag, dies ist noch der bessere AuSgang des Geschäfts; viel schlimmer ist es, wenn der Bauer in einer Abhängigkeit, die der eines Leibeigenen fast gleichkommt, festgehalten wird, aus welcher eS ein Entrinnen für ihn nicht gibt. Nach den vorliegenden Berichten soll die Zahl solcher Existenzen eine nicht geringe sein. Äußerlich scheint alles in der besten Ordnung zu sein. Der Bauer bewirtschaftet seinen Hof, hat Inventar und Vieh, aber alles gehört dem Juden; er selbst ist nichts weiter als Taglöhner, der häufig noch froh ist, daß er nicht an den Pranger gestellt wird." Der badische Finanzminister Buchenberger schreibt über die Zustäude in Baden: „Der Wacher tritt selten nur in der einen Form des Verleih- vder des Vieh- oder des Güter- oder Warenwnchers auf: vielmehr müssen, wie die angeführten Beispiele deutlich erkennen lassen, in der Regel alle möglichen Wucherformen zusammenwirken, um den Schuldner nach und nach in den Zustand vollster Abhängigkeit vom Gläubiger zu versetzen. Gerade in der eigentümlichen, für die meisten Schuldner nach ihrem Bildungsstand kaum übersehbaren und bald überhaupt nicht mehr zu entwirrenden Verschlingung aller möglichen Rechtsgeschäfte aus Darleihverträgen, Güter- uud Biehkäufen usw. liegt die besondere Knnst des gewerbsmäßigen Wucherers, die ihm das von ihm ansersehene Opfer unrettbar verfallen sein läßt. Dabei ist die geldliche Aus- sangung deS Bewucherten bis zur völligen Erschöpfung desselben nicht minder traurig, als die unglaublichen moralischen Demütigungen, denen er ausgesetzt zu seiu pflegt. In einzelnen der oben mitgeteilten Fälle erscheint die persönliche Freiheit des Schuldnern fast aufgehoben uud dieser zur Rolle eines willensunsähigen Hörigen des Gläubigers verurteilt; er arbeitet nur noch für diesen, und je mehr er sich abmüht, von den Schlingen sich los zu machen, nm so sicherer weiß ihn mit immer neuen Versprechungen, Drohungen, irreführende» Reden der Wucherer in seine Gewalt zn bekommen. Daß unter solchen Umständen manches der Opfer schließlich eine Art moralischen Stumpfsinnes sich bemächtigt, weil Die landwirtschaftlichen Genvssenschaften, 395 „alles doch nichts hilft", darf kaum wundernehmen; und ebensowenig kann man darüber staunen, wenn, wie in einem der beiden erwähnten Prozesse ziemlich glaubhaft gemacht worden ist, einer dieser jahrelang unbarmherzigst gequälten kleinen Bauern schließlich in seiner Verzweiflung keinen andern Ausweg mehr als den freiwillig gesuchten Tod wußte." Man erinnert sich bei diesen Worten des prächtigen Romane „Der Büttnerbauer", mit dem uns Wilhelm von Polenz, dieser uuerreichte Keuner der ländlichen Psyche, beschenkt hat. Ich deutete schon an, daß wahrscheinlich ein großer Teil der in diesen Berichten geschilderten Zustände heute bereits der Vergangenheit angehöre. Ihren Höhepunkt scheint in den meisten Gegenden die wucherische Ausbeutuug des Landvolkes gegen Ende der 1870 er Jahre erreicht zu haben; das Wuchergesetz von 1880 hat wohl schon die allerschlimmsten Übelstände beseitigt. Was aber erst recht zu einer Eindämmung oder sogar Zurllckstauung der kapitalistischen Flut geführt hat, ist doch etwas anderes. Es ist der Schutz, der dem Bauernvolk durch die während der 1880 er und 1890er Jahre zu rascher Entfaltung gelangende Genossen- schastsbildung zu teil geworden ist. Vor allem gehören hierher die ländlichen Darlehnslassen; außer ihnen kommen in Betracht die Bezugs- und Verkaufsgenossenschaften. Sie alle haben mit Erfolg das gleiche Ziel erstrebt, den Bauern aus den Händen des Wucherers frei zu machen und sind (scheint es) im Begriffe, namentlich für den kleinen und mittleren Bauernstand eine neue wirtschaftliche Organisation zu schaffen. Sie auch nur in den Grundzügen ihres Wirkens darzustellen, gebricht es hier an Raum. Es muß genügen, wenn ich einige ziffermäßige Angaben über ihre heutige Ausdehnung mache. Die landwirtschaftlichen Genossenschaften Deutschlands sind in verschiedenen großen Verbänden zusammengeschlossen, von denen der größte der „Allgemeine Verband der deutschen landwirtschaftlichen Genossenschaften" ist. Diesem Offenbacher Verbände, der 1884 gegründet wurde, sind heute (Ende 1901) in 24 Verbänden 42 Zentralgenosseuschaften, 4902 Spar- und Darlehns- kassen, 1457 Bezugsgenossenschaften, 1077 Molkereigenossenschaften 396 Die Landwirtschaft. «über deren Bedeutung ich noch in anderem Zusammenhange sprechen werde) und 333 sonstige Genossenschaften nebst 3 Zentral- geschästsanstalten angegliedert, die zusammen mehr als eine halbe Million Mitglieder umsassen. Der zweitgrößte Genossenschasts- verband ist der Neuwieder, der „Generalverband ländlicher Genossenschaften für Teutschland (Raiffeisen - Organisation)". Ihn: gehörten am Schlüsse des Jahres 1901 3 713 Genossenschaften an, davon 3 379 Raifseisenvereine und 334 Betriebsgenossenschasten. Die Gesamtstatistik ergibt folgendes Bild. Landwirtschaftliche Genossenschaften überhaupt gab es im Jahre 1900 IS034, davvn waren 10 487 Darlehnskassen, 149 Bezugsgenossenschaften. Die Darlehn skaffen des Allgemeinen Verbandes hatten bei den Zentralkassen einen Umsatz von 859 Millionen Mark, die nicht angeschlossenen Kassen einen solchen von 628 Millionen Mark, zusammen also betrug der Umsatz fast 1'/., Milliarde Mark. Der Wert der Waren, der durch die Bezugsgenofsenschaften insgesamt umgesetzt wurde, bezifferte sich aus mindestens 70 Millionen Mark, Getreide wnrde durch Vermittlung von Verkaufsgenossenchaften für etwa 30 Millionen Mark verkauft. Was mir aber viel wichtiger als diese Zustandsziffern erscheint, ist das rasche Tempo, in dem sich die Genossenschaften entwickelt haben. Mau darf sagen, daß sie erst in den beiden letzten Jahrzehnten recht in Aufschwung gekommen sind. Waren doch von den 433 berichtenden Darlehnskassen des Allgemeinen Verbandes nur 33 älter als 20 Jahre, von den 1101 Bezugs- und Absatzgenossenschaften nur 34. Ja: die Hauptsache leistet sogar erst das letzte Jahrzehnt: in diesem sind von den 16 034 am 1. Juli 1901 bestehenden Genossenschaften genau vier Fünftel, nämlich 12 028, begründet worden. In diesen Ziffern, scheint mir, kommt deutlich genug zum Ausdruck, daß eS sich um eine lebenskrästige, zukunftsreiche Organisation größten Ztiles handelt. In dem Maße wie der Pegelstand kapitalistischen Wesens im deutschen Reiche sich hob, stieg auch der Schutzdamm in die Höhe, hinter dem ein immer größerer Teil des deutscheu Bauerntums in Sicherheit gebracht wurde. Ob auf die Dauer dieser Schutzdamm den andringenden Fluten wird standhalten können, ist hier nicht Die laudw. Betriebe zeigen als Ganzes keine Tendenz z. Vergrößerung. Z97 der Ort, zu Prüfen. Hier gilt es nur festzustellen, daß in verhältnismäßig kurzer Zeit ein Werk geschaffen wurde, das als Grundlage einer Bauernwirtschaft des zwanzigsten Jahrhunderts zu denken nicht völlig utopistisch erscheint. II. Betrieb und Leistungeu der Landwirtschaft. Ebensowenig wie die wirtschaftliche Organisation folgt die Betriebsgestaltung in der Landwirtschaft denselben Regeln wie in den übrigen Sphären des Wirtschaftslebens. Fast überall hatten wir in Handel, Verkehr und Industrie eine ausgesprochene Tendenz zur Vergrößerung der Betriebe beobachten können. In der Landwirtschaft besteht eine solche in dem gleichen Umfange und der gleichen Stärke wie in den anderen Gebieten der Volkswirtschaft zweifellos nicht. Deutlich vermögen wir zu erkennen, wie der „Großbetrieb" in der Landwirtschaft bestimmte, nicht sehr weit gesteckte Grenzen nur ungern überschreitet. Also vou einer Neigung der großen Betriebe, immer größer und dann noch größer zu werden, ist in der Landwirtschaft keine Rede. Güter von mehr als 1000 Iia bilden — zumal in Gegenden fortgeschrittener Kultur — die Ausnahmen. Aus leicht erkennbaren Gründen: Die Entfernung der Außenschläge vom Mittelpunkte, dem Gutshof, darf im Interesse eines unbehinderten Betriebes über ein bestimmtes Höchstmaß nicht hinausgehen. Deshalb führt auch eine Besitzanhäufuug in einer Hand, so einheitlich auch immerhin die Wirtschaftsführung gestaltet sein mag, sast niemals zu einer Betriebskonzentration. Auch auf den größten Herrschasten bleibt die Betriebsgröße der einzelnen Güter meist unverändert dieselbe. Woraus sich denn der Schluß ziehen läßt, daß eine etwelche Ammassationstendenz im Grundbesitz, wie sie hie und da in einigen Teilen Ostelbiens be- vbachtet wird, außerhalb des wirtschaftlichen Kausalzusammenhanges steht und daher von unserm Standpunkte aus gesehen als „zufällig" und der Verfolgung nicht wert erscheint. Wollten wir nun aber weiter aussagen: es bestehe auch keinerlei Tendenz, daß sich der „Kleinbetrieb" (wie er im Nahmen einer bäuerlichen Wirtschaft sich gestaltet) zum „Großbetriebe" entwickele, so würde dies nicht völlig den Tatsachen entsprechen. Freilich, 398 Tie Landwirtschaft. daß sich der Kleinbetrieb als Ganzes nicht verpflichtet glaubt, dein Großbetriebe den Platz zu räumen, ergibt sich bereits aus dem, was wir in dem ersten Abschnitte dieses Kapitels in Erfahrung gebracht haben. Anders verhält es sich mit einzelnen Teilen des landwirtschaftlichen Betriebes. Dieser umschließt uämlich in seiner überkommenen Gestaltung Prodnktionsvorgänge, die mit der Landwirtschaft überhaupt nichts zu tun haben, vielmehr rein gewerblichen Charakters sind. Sobald man nun diese nur zufällig angegliederten Vornahmen in eigenen Betrieben verselbständigte, so verfiel begreiflicherweise deren Organisation den Gesetzen der Betriebsgestaltung in der gewerblichen Prodnktionssphäre, neigte also zum „Großbetriebe". Die Vornahmen, um die es sich handelt, betreffen die weitere Verarbeitung der in der Landwirtschaft gewonnenen Stoffe, namentlich die Erzeugung von Molkereiprodukten und die Weinbereitung. Es ist ersichtlich, daß diese Produktionszweige ebenso wie die Fleischerei oder Müllerei oder Malzbereitung oder Spinnerei den stvffveredelnden Gewerben zuzurechnen sind nnd also auch deren Entwickelungsbedingungen unterliegen. Daß die Großbetriebe, zu denen sich Molkerei und Weinbereitung in letzter Zeit auszuwachsen beginnen, meistens die Wirtschaftsform der Genossenschaft annehmen, ist ein zufälliger Umstand. Sie konnten ebenso gut auf kapitalistischer Basis ruhen und tun es auch häusig. Die Genossenschaftsbildung ist aber wichtig sür das Schicksal der bäuerlichen Wirtschaften. Sie begründet die Möglichkeit, daß auch der kleine landwirtschaftliche Betrieb als solcher weiterbestehen kann und doch an den Vorteilen des Großbetriebes, in den die verselbständigten gewerblichen Tätigkeiten übergeführt werden, teilzunehmen vermag. Es war von den Molkereigenossenschaften schon die Rede. Ihre Entwickelung in den letzten Jahren ist sehr bedeutend, wie aus folgenden Ziffern hervorgeht. Molkereigenossenschaften gab es in Deutschland am 1. Juli 1890 erst 639, am 1. Juli 1901 schou 2047. Von den 875 berichtenden Molkereien des Allgemeinen Verbandes waren nur 8 älter als 20 Jahre, 152 älter als 10 Jahre. Die durchschnittliche Mitgliederzahl einer Molkerei stieg von 45 im Jahre 1892 auf 91 im Jahre 1900. Es wurden Molkereigenossenschaften, Winzergenossenschaftcn, 399 von den Genossen über eine Milliarde Liter Milch eingeliefert, wosür ihnen 72^ Million Mark bezahlt wurden. Die Statistik belehrt uns aber auch, daß es vorwiegend bäuerliche Wirtschaften sind, die ihre Milch in diesen Genossenschaftsmolkereien verarbeiten lassen. Nach einer Zusammenstellung von Mayrs für das Jahr 1895 waren an Molkereigenossenschaften beteiligt, lieferten also ihre Milch in eine Großmolkerei 139197 Betriebe mit einer Wirtschaftsfläche von weniger als 100 b.a (53 597 waren Betriebe mit 5 bis 20 da, 43 561 mit 20 bis 100 I>!i), während nur 8 805 Betriebe größer waren. Jene bäuerlichen Wirtschaften besaßen zusammen 721511 Kühe, diese GutS- wirtschaften (unter denen immer uoch ein beträchtlicher Teil stark bäuerliches Gepräge tragen wird) 361435. Minder großartig, aber doch auch verhältnismäßig nicht unbedeutend ist die Entwickelung der Winzergenvssenschaften gewesen. Die meisten von ihnen sind ebenfalls erst im letzten Jahrzehnt entstanden. Während es 1870 erst eine, 1880 14 und 1890 29 gab, beträgt ihre Anzahl am Ende des Jahrhunderts bereits über 100. Übrigens wird gerade im Gebiete des Weinbaues es für zweifelhaft gehalten, ob die genossenschaftliche und darum großbetriebliche Weinbereitung hinreichen werde, um dein kleinen Winzer, der niemals die Qualitätsweine der großen Weinbergsbesitzer zu erzeugen vermag und deshalb der in Zukuuft sich wahrscheinlich verstärkt fühlbar machenden Konkurrenz der italienischen Weine in besonders empfindlicher Weise ausgesetzt sein wird, eine gesicherte Existenz zu verschaffen. Das Problem ist hier kein Problem der Betriebsgestaltung, wie es scheint, sondern der Gunst der Lagen. Wenn in der eigentlichen Landwirtschaft keinerlei Tendenz sich bemerkbar macht zum Aufgehen des kleinen Betriebes in dem großen — die Ziffern der Anlage 45 lassen sogar auf eine unbeträchtliche Verringerung der Großbetriebe schließen, — so möchte ich den Grund hierfür vor allem in der Tatsache erblicken, daß die Eigenart der landwirtschaftlichen Produktion eine ganz bestimmte Vornahme nicht zuläßt, auf der die Überlegenheit des Großbetriebs beispielsweise in der gewerblichen Produktionssphäre wie mir scheint vornehmlich beruht: ich meine die Zerlegung des Produktionsprozesses in seine 400 Die Landwirtschaft. einzelnen Bestandteile und eine Ordnung des Betriebes derart, daß die einzelnen Teilprozesse nebeneinander oder, was dasselbe ist, zu gleicher Zeit ausgeführt werden. Das geschieht, wie bekannt, in jeder Manufaktur oder Fabrik, in der zu gleicher Zeit die Baumwollballen geöffuet, die Baumwolle gereinigt, vorgesponnen, feingesponnen und das fertige Garn gebleicht und verpackt wird. Hierdurch wird die einzelne Arbeitsverrichtung spezialisierter und darum die Arbeitsleistung produktiver, desgleichen kann die Maschinerie für die einzelnen Teilprvzesse vollkommener gestaltet werden; die gleichzeitige Bearbeitung großer Mengen, d. h. die Anwendung des materialvereinigenden Verfahrens bringt aber auch sonst noch zahlreiche Vorteile mit sich. Im ganzen vollzieht sich der Prozeß schneller und wird auch in seiner Gesamtdauer abgekürzt. Diese Abkürzung ist aber eines der wesentlichen Mittel, durch die die Steigerung der Produktivität bewirkt wird. In der Landwirtschaft kann von alledem keine Rede sein: sowohl der Gesamtproduktionsprozeß (von der Bestellung bis zur Ernte) ist in seiner Dauer festgelegt, als auch seine einzelneu Teile, die in notwendiger, weil natürlicher Reihe aufeinander folgen. Man kann nicht zu gleicher Zeit (bei derselben Frucht) pflügen, säen und ernten. Weil aber somit arbeitzerlegendes und materialvereinigendes Verfahren, auf deren Anwendung ein gut Teil der Vorzüge des Großbetriebes in der Industrie beruht, in der Landwirtschaft nicht, oder nur sehr unvollkommen anwendbar sind, so entfällt einer der wichtigsten Gründe, auf die die Überlegenheit des Großbetriebes zurückzuführen ist. Dazu kommt, daß dagegen andere Organisationsprinzipien oder Techniken, die ebenfalls in der Industrie dem Großbetriebe einen Vorsprung vor dem Kleinbetriebe verschaffen, weil sie diesem verschlossen sind, von dem landwirtschaftlichen Kleinbetriebe fast in gleichem Maße wie von dem Großbetriebe in Anwendung gebracht werden können. Das gilt (wie noch zu zeigen sein wird) vom wissenschaftlichen, aber auch vom maschinellen Verfahren. Es ist zu bedenken, daß (vom Dampfpfluge vielleicht abgesehen) alle auch vom Großbetriebe in der Landwirtschaft vorteilhaft genutzten Maschinen von einem Ausmaße sind, das auch im klein-bäuer- Keine Tendenz z.Kvnzcntrativn, Spezialisat. u.Kvinbinat. d. landw. Betriebe. 491 lichen Betriebe ihre Verwendung gestattet, und von einer Kraft (der tierischen» bewegt werden, die ebenfalls dein kleinen Betriebe gleicherweise zur Verfügung steht. Bewegung eines Systems von Maschinen von einer Kraftzentrale aus, wie in vielen Industriezweige», war in der Landwirtschaft bisher ausgeschlossen. Wo übrigens das Ausmaß der Arbeitsinaschine (wie z. B. der Dreschmaschine) über die Leistungsfähigkeit des kleinen Betriebes hinausgeht, ist die Beschaffung auf genossenschaftlichem Wege wiederum ein, wie es scheint, bewährtes Auskunftsmittcl geworden, um dein Kleinbetriebe Hilfe zu leisten. Aber auch die anderen Tendenzen der Betriebsgestaltung, die nur von der Industrie her kennen (Spezialisation und Kombination), lassen sich in der Landwirtschaft entweder gar nicht oder doch nur in gauz verschwindender Stärke nachweisen. Zwar sindet hie uud da (meist weil Boden oder Klima es erheischen) eine Bevorzugung einzelner Produktionszweige, etwa der Viehzucht gegenüber dein Ackerbau statt, ganz kleine Wirtschaften verlegen sich wohl auch ansschließlich auf die Hervorbringung eines bestimmten Erzeugnisses (Tabak, Hopfeu oder dergl.). Aber das alles fällt der großen Masse gegenüber gar nicht ins Gewicht. Als fast ausnahmslose Regel dars vielmehr gelten, daß der Grad der Spezia- lisativn in den einzelnen Landwirtschaftsbetrieben am Ende des Jahrhunderts eher niedriger ist als zu Beginn, anders ausgedrückt: daß die Mannigfaltigkeit der in einein Betriebe gewonnenen Erzengnisse heute größer ist als vor hundert Jahren. Die Gründe dieser Erscheinuug sind jedem Landwirt vertraut. Professor Backhaus hat sie vor einiger Zeit in einem lehrreichen Aufsatze über die „Arbeitsteilung in der Landwirtschaft" (Conrad 1894) nrteilSvoll zusammengestellt. Es gilt zu bedenken, daß schon Boden und Klima sich einer beliebigen Spezialisierung des laudwirtschaftlichen Betriebes hindernd in den Weg stellen. Es ist ferner in Rücksicht zu ziehen, daß eine Beschränkung in der Zahl der Anbaugewächse den obersten Grundsätzen der Statik zuwiderläuft: die Abwechseluug von Pflanzen erspart Düngung, die sonst aus künstlichem Wege dem Boden zugeführt werden müßte. Namentlich erheischt eine rationelle Sombart, VollSwirtschaft. 26 402 Die Landivirlschaft, Frnchtsolge den Anbau auch von Blattpflanzen, die großenteils Futterpflanzen sind und zur Viehhaltung drängen. Diese selbst ist zwecks Beschaffung der bewegenden Kraft, sowie billigen Düngers unentbehrlich usw. Dann aber wächst mit zunehmender Spezialisierung die Unsicherheit der Betriebsergebnisse: zu trockene oder zu feuchte Sommer wirken naturgemäß um so schädlicher, je gleichförmiger die Anforderungen der Anbaugewächse an die Witterung sind. Bei starker Spezialisierung ist die Ausnutzung der Arbeitskräfte geringer, weil diese alsdann periodenweise brach liegen müssen. Ebenso ist die vorteilhafte Ausnutzung von Nebenprodukten bei einseitiger Wirtschaftsführung oft geradezu unmöglich: der Abfälle aus der Hauswirtschaft zur Schweinemast, und was dergleichen mehr ist. Wo aber keine Spezialisation der Betriebe sich herausbildet, da komnit es auch zu keiner Kombination: das müssen wir aus der Betrachtung der industriellen Entwickelung gelerut haben. Eine Ausnahmestellung nach beiden Richtungen hin nehmen vielleicht einige ganz große herrschaftliche Verwaltungen ein. Diese, die meist in mehrere Betriebe zerfallen, lassen wohl gelegentlich eine Art von Spezialisation unter den einzelnen Betrieben eintreten, sodaß der eine mehr der Schafzucht, der andere mehr der Schweinezucht dient, in diesem die einheimische Viehrasse, in jenem fremde Rassen gezüchtet werden usw., und stellen dann natürlich auch eine auS mehreren Spezialbetrieben kombinierte Wirtschaft dar. Aber auch diese Entwickelung, weil nicht aus ökonomischen Ursachen entspringend, darf nicht als eine irgendwie allgemeine Erscheinung in der Gestaltung der landwirtschaftlichen Betriebsorganisation angesehen werden. Aus dem gleichen Grunde darf man einen andern entgegengesetzten Entwickelungsgang nicht als eine irgendwie gesetzmäßige Erscheinung betrachten, so häufig sie sich in einzelnen Gegenden vielleicht auch einstellen mag. Ich meine die übermäßige Verkleinerung der Betriebe in Gebieten stark zersplitterten Besitzes. Über eine solche wird vielfach im Westen und Südwesten Deutschlands geklagt, wo in der Tat die Betriebsgrößen, wie die Die Ausführung der „Agrarreformen", 40!j Ziffern in Anlage 42 erkennen lassen, weit unter das Ausmaß hinuntergehen, bei dein häufig überhaupt noch eine irgendwie rationelle Betriebsführung möglich ist. Wobei allerdings zu berücksichtigen bleibt, daß sich schematisch gar keine Mindestgroße für einen landwirtschaftlichen Betrieb feststellen läßt, maßen Jutensitätsgrad und Eigenart der gewonnenen Produkte auch iu ganz kleinem Rahmen noch rationelle Landwirtschaft oder, wenn die Betriebe noch kleiner werden, rationellen Gartenban zulassen. Daß die Besitzzerstücke lung in den genannten Gebieten eine Folge der realen Erbteilnng bei großem Kinderreichtnm ist, ist bekannt. Bisher waren die Ergebnisse unserer Nachforschnngen also wesentlich negativer Natur. Wenn wir nun Umschau halten nach dem, was sich tatsächlich in der Organisation der landwirtschaftlichen Betriebe an Veränderungen (und es sind nicht weniges während des neunzehnten Jahrhunderts vollzogen hat, so wird es erlaubt sein, die Aussagen für Klein- und Großbetrieb zusammenzufassen. Denn in der Tat sind die Schicksale, die die Betriebsgestaltuug in der Landwirtschaft erfahren hat, bis auf Einzelheiten, auf die am Passenden Ort hingewiesen werden soll, annähernd dieselben für die einzelnen Betriebsgrößen gewesen. Oder es handelt sich wenigstens nur um quantitativ, uicht qualitativ verschiedene Gestaltung der Dinge. Da ist denn uuu wohl an erster Stelle der Erwähnung wert die Tatsache, daß dank der zum größten Teile bis zum Schlüsse des Jahrhunderts durchgeführten Landeskulturgesetzgebuug die einzelnen Betriebe von den Fesseln befreit worden sind, in die sie durch die Gemengelage, sowie durch eine Anzahl lüstiger Nutzungsrechte vorher geschlagen waren; daß gleichzeitig aber auch — wenigstens in dem Osten und Norden des Reichs — ihre Herauslösung aus allen Gemeiuschaftsverhältnisseu erfolgt ist, die im Laufe der Jahrhunderte aus dem Dorfverbande erwachsen waren. Die Gesetze, durch die jene „Agrarreformen" in die Wege geleitet wurden, sind uns bekannt. Leider sind wir über ihre Durchführung nicht in gleicher Weise unterrichtet. Eine irgendwie brauchbare Ausein and ersetz ungsstatistik fehlt. Das Ergebnis, zu dem die Verfasser des neuesten Bandes 2k* m-j Die Landwirtschaft. vom „Boden des preußischen Staates" auf Grund eiugeheuder Studien für das Königreich Preußen gelangen, ist dieses: „daß die Aufteilung gemeinschaftlich benutzter Grundstücke im wesentlichen beendet" sei. Nur im Westen der Monarchie haben sich noch beträchtliche Reste der alten Marken erhalten. Soweit diese in Wäldern bestehen, ist ihre dauernde Erhaltung und fvrstmäßige Bewirtschaftung durch das Gesetz vom 14. März 1881 gesichert. Vielfach hat jetzt überhaupt eine rückläufige Bewegung iu der Behandlung der Allmenden eingesetzt: man hat die schon erwähnten schädlichen Wirkungen ihrer Aufteilung namentlich auf die kleinsten Wirtschaften erkannt und sucht ihrer weiteren Ver ringeruug Einhalt zu tun. In Süddeutschlaud ist der Bestand an Allmenden ebenso wie in Rheinland noch heute nicht unerheblich. Nach den Ermittelungen, die bei Gelegenheit der 1895er Zählung veranstaltet worden sind, gab es 382 833 landwirtschaftliche Betriebe mit Anteil am Gemeindeland, dessen Gesamtfläche 168097 betrug. Davou entfielen auf Baden 31 357, Elsaß-Lothringen 25 062, Bayern 24 263, Würtemberg 23 011 (Schwarzwaldkreis allein 15217), Großherzogtum Hessen5686, Provinz Hessen-Nassau 5 322, Rheinprovinz 21 390, Hohenzolleru 3 347 na, auf die genannten Gebiete zusammen also 139 436 ll-i. Man sieht freilich: im ganzen handelt es sich doch nur um geringe Reste, wenn man die heutigen Bestände an Gemeindeland mit denjenigen vergleicht, die zur Zeit der alteu Dorfwirtschaft notwendig haben vorhanden sein müssen und sicher zu Beginn des Jahrhunderts noch vorhanden waren. Bon der Gesamtanbaufläche des Deutschen Reichs machen jene 168 097 nur uoch 0.39°/^ aus. Und selbst im Großherzogtum Baden sind es nur 3.6"/^ der Gesamtfläche, die als „Anteile am Gemeindeland" ermittelt wurden. Was die „kulturschädlicheu Servituten" anbetrifft, so bemerken unsere Gewährsmänner für Prenßen, daß die meisten von ihnen, „soweit sie nicht durch die Gemengelage und Wegelosigkeit der Grnndstücke in den nicht zusammengelegten Flnren bedingt sind", „unzweifelhaft gegenwärtig beseitigt" seien. Über die Ausführung des wichtigsten Teils der Landeskultur- gesetzgebuug: dieZusammenlegung(Verkoppelung) der Grund- Das landwirtschaftliche Vereinswescn, 405 stücke sind wir nun aber leider nvch weniger zureichend unterrichtet. Wir wissen nur soviel, daß in den östlichen Provinzen des König reichs Preußen Großgrundbesitz und bäuerlicher Grundbesitz hente „meist genügend arrondiert" sind, daß dagegen „noch eine große Anzahl von Flureu in den westlichen Provinzen des Staates (und man wird hinzufügen dürfen: in den süddeutschen Staaten ebenfalls) der Zusammenlegung" bedürfen. Doch stimmen alle Angaben darin überein, daß auch in diesen Gebieten, „namentlich in neuerer Zeit, die Reform erheblich fortgeschritten" ist. Wie viel nun aber von der Gesamtfläche des Deutschen Reichs tatsächlich noch im Gemenge liegt, ist nicht möglich festzustellen. Wir müssen uns also hier mit diesen summarischen Umschreibungen Genüge sein lassen. Da mit den Separationen und Zusammenlegungen meist auch die Anlage eines verzweigten Wegenetzes verbunden war, so wurde in den wohlarrondierten, bequem zugänglichen Flächen gleichsam der Rahmen geschaffen, in dem sich eine Modernisierung des landwirtschaftlichen Betriebes vollziehen konnte. Die Hohlwege und Moore, die breiten planlosen Raine und die wilden Schlehdornsträuche verschwanden anch von den Feldern, die nun, in regelmäßige Rechtecke zerlegt, von schnurgeraden, teilweise gepflasterten Straßen durchzogen — ich habe das Bild der landwirtschaftlich am meisten fortgeschrittenen Provinz Sachsen vor Augen — den Rationalismus verkörperten, der langsam in die Landwirtschaft eindrang. Daß am Schlüsse des Jahrhunderts die Gesichtspunkte rationeller Wirtschaftsführung die Großbetriebe in ihrer großen Mehrzahl, aber auch von den bäuerlichen Betrieben einen nicht, unbeträchtlichen Teil beherrschen, darauf lassen eine Menge Anzeichen sicher schließen. Ich denke dabei in erster Linie an die glänzende Entwickelung, die in Deutschland, namentlich wiederum während der letzten Jahrzehnte, das landwirtschaftliche Vereinswesen, sowie der landwirtschaftliche Unterricht erlebt haben. Die Anfänge einer lebhafteren Vereinsbildung fallen in die 1840 er Jahre. Seitdem ist die Organisation von Jahrzehnt zu Jahrzehnt vervollkommnet 406 Die Landwirtschaft, wordein allerwärtS sind Orts-, Zweig- und Kreisvereine gegründet, diese schufen sich in Preußen in den Zentralvereinen der einzelnen Provinzen (denen dann ähnliche Instanzen in den übrigen deutschen Ländern nachgebildet sind) ihre Spitze, während die Zentralvereine Preußens in dem 1842 begründeten Landesökonomiekollegium, Teutschlands in dein 1872 ins Leben gerufenen Deutschen Landwirtschaftsrat gipfelten. Preußen besaß bis zur Gründung der Landwirtschaftskammern (1894), die jetzt meist an die Stelle der Zentralvereinc getreten siud, 22 Zentralvereine, 2348 Vereine mit etwa 200 000 Mitgliedern. Unter den Kammern aber soll sich noch eine weitere starke Vermehrung der Einzelvereine vollzogen haben. Die landwirtschaftlichen Vereine hatten aber für die Entwickelung der modernen Landwirtschaft darum eine so große Bedeutung, weil sie von jeher als eine ihrer Hauptaufgaben betrachten: die Errichtung von agrikultur-chemischeu Versuchsstationen, die Pflege des Wanderlehrerwesens, kurz die Verbreitung landwirtschaftlich nützlicher Kenntnisse. Ihnen zur Seite stehen dann zahl reiche SpezialVereine, unter denen die Züchtervereinigungen einen hervorragenden Platz einnehmen. Züchtervereinigungen gab es im Jahre 1887 in Deutschland 88, am Ende des Jahrhunderts bereits 541. Für die Verbreitung moderner Ideen in weiten Kreisen der Landwirte sind dann aber neben den ständigen Vereinen die schon in den 1820 er Jahren beginnenden Wanderver- sammlnngen deutscher Land- und Forstwirte bedeutsam geworden, an denen häufig taufende von Personen begeisterten Anteil nahmen. Ihnen zur Seite trat die im Jahre 1841 in Erfurt gegründete „Deutsche Nckerbaugesellschaft", deren vornehmster Zweck die För- deruug des Nusstelluugswesens war. Sie ist im Jahre 1886 abgelöst worden durch die von vornherein auf breitere Basis gestellte und seitdem zu großartiger Entwickelung gelangte „Deutsche Landtvirtschaftsgesellschaft", die am Schlüsse des Jahrhunderts 13 000 Mitglieder zählte. Die Hauptverdienste dieser Vereinigung liegen in der Forderung des Ausstellungswesens auf ihreu Jahresversammlungen, sowie in der Veranstaltung wissenschaftlicher und praktischer Untersuchuugeu und der Herausgabe lai,dtvirtschaftSwissenschaftlicher Schriften. Damit greift sie in das Das landwirtschaftliche Unterrichtswcsen, 407 Gebiet des landwirtschaftlichen Unterrichts hinüber, der, wie schon hervorgehoben wurde, in Deutschland ebenfalls zu hoher Blüte gelangt ist. Nicht nur, daß die Vertretung der Landwirtschaftswissenschaft an den deutschen Universitäten und in den selbständigen landwirtschaftlichen Instituten immer vollkommener nach Lehrplänen und Methoden sich gestaltet hat, und daß dadurch einem immer größeren Kreise von Großlandwirten die Möglichkeit geboten wird sich die neuesten Früchte dieses blühenden Wissenschaftszweiges alsobald anzueignen: auch das mittlere und niedere landwirtschaftliche Unterrichtswesen ist in den letzten Jahrzehnten mächtig gefördert worden und verschafft den bäuerlichen Wirten schon jetzt reichliche Gelegenheit, sich das erforderliche Maß von Kenntnissen anzueignen. Während die Landwirtschaftsschulen, deren 16 in Preußen, je eitle in Bayern und Sachsen, Hessen lind Oldenburg, Braunschweig und Elsaß-Lothringen vorhanden sind, dazu bestimmt sind, die kleinen Großgrundbesitzer und die Großbauern theoretisch und praktisch für ihren Beruf vorzubilden, haben die Ackerbauschuleu und landwirtschaftlichen Winterschulen die Aufgabe, den kleineren bäuerlichen Wirten das notwendige Wissen zu vermitteln. In Deutschland bestehen jetzt 44 selbständige Ackerbanschulen (daneben noch 7 theoretische Ackerbauschulen, die in Laudwirtschaftsschulen besondere Abteilungen bilden), sowie 187 selbständige, 3 mit Landwirtschaftsschulen und 3 mit theoretischen Ackerbauschulen verbundene Winterschulen. Den genannten Einrichtungen fügen sich ergänzend an: die landwirtschaftlichen oder ländlichen Fortbildungsschulen, deren in Preußen über 1000, in Bayern nahe an 500 bestehen; die Spezialschulen — 297 in Deutschland —: endlich das Institut der landwirtschaftlichen Wanderlehrer, deren im Jahre 1898/99 in Preuße« 175 in Wirksamkeit waren. Eine besondere Bedeutung haben für die Landwirtschaft die Versuchsstationen erlangt, deren in dem „Verbände landwirtschaftlicher Versuchsstationen im Deutschen Reich" 54 zusammengeschlossen sind. Ihre Organisation ist wesentlich vervollkommnet. Während noch vor einem Menschenalter die Hauptbedeutung der 408 Die Landwirtschaft. Versuchsstationen sür den Ackerbau in der chemischen Untersuchung der Düngemittel und den damit verbundenen wissenschaftlichen Arbeiten beruhte, besitzt die moderne Versuchsstation nicht allein den chemischen Apparat, sondern ist mit einer botanischen Abteilung zur Untersuchung von Sämereien und zur Beantwortung sonstiger botanischer Fragen versehen. Die Wichtigkeit der bakte- riologischen Forschung hat ferner die Notwendigkeit gezeitigt, auch besondere Abteilungen dafür einzurichten. Milchwirtschastliche Abteilungen u. a. vervollständigen die Anlage. Ein sehr wichtiger Fortschritt aber besteht darin, daß zur Prüfung von Düngungsund Anbaufragen mit den Laboratorien ein Versuchsgarten oder auch schon ein Versuchsfeld verbunden zu sein pflegt. Aber weshalb ich dies alles hier erzähle, während ich vom gewerblichen und kausmännifchen Unterrichts- nnd PereinSwesen gar nicht gesprochen habe? Weil diesen Erscheinungen für die Landwirtschaft eine wesensandere und viel größere Bedeutung zukommt als für irgend ein anderes Gebiet der Volkswirtschaft (so nützlich selbstverständlich eine gute Organisation des Vereins' und Unterrichtswesens auch für Handel uud Industrie ist). Überall sonst sind sie nur Förderer eines ökonomisch-technischen Fortschritts, der sich unter dem Zwange der Konkurrenz, aber auch ohne sie vollzieht: in der Landwirtschaft sind sie vielfach dessen Erzeuger. Der Gewerbetreibende oder der Händler, die lässig in der Annahme moderner Grundsätze und Methoden sind, werden durch den Untergang der eigenen Wirtschaft für diese Unterlassung gestraft: das geschieht beim Landwirt nicht. Diesem entgeht zwar, wie wir wissen, ein Gewinn, wenn er in der Väter Weise weiter wurstelt, aber zu Grunde zu gehen braucht er deshalb noch lange nicht. Es ist also leicht eiuzusehen, daß ihm gegenüber Bereins- nnd Unterrichtswesen ganz andere Ausgaben zu erfüllen haben, wie gegenüber andern Wirtschaftssubjekten. Wenn wir nun aber auch nur wüßten, in welchem Umfange diese Fortschrittswecker ihre Mission erfüllt haben! DaS läßr sich ziffermäßig natürlich ganz und gar nicht ermitteln. Wir werden uns deshalb mit der Feststellung begnügen müssen, in welcher Richtung die Fortschritte liegen, die sich in der Betriebs- Die Verbesserung der Anbauweise, 409 gestaltung der Landwirtschaft während des verflossenen Jahrhunderts vollzogen haben. Die starke Abhängigkeit, in der fich die Landwirtschaft von der Mitwirkung der Natur befindet, bringt es mit sich, daß der Schwerpunkt aller Betriebsfortschritte immer in der Verbesserung der Anbauweise liegen wird, d, h. der vollkommeneren Beherrschung der natürlichen Wachstnmsprvzesse. Wir wissen ans dein Kapitel über die Technik, daß die Wissenschaft in dieser Hinsicht der Landwirtschaft während des neunzehnten Jahrhunderts ganz neue Wege gewiesen hat. Worauf es nun ankam, war: die Gesetze der Pflauzeneruährung durch eine sinngemäße Betriebs- anordnuug in der Wirklichkeit zn voller Entfaltung zu bringen. Das geschah in erster Linie, wie bekannt, durch eine Verbesserung der Fruchtsolge: an Stelle der alten, den Boden zwar erschöpfenden, aber doch ihu nur wenig ausnützenden Körnerwirtschasten (deren typischer Vertreter die Dreifelderwirtschaft war) trat die Fruchtwechselwirtschaft, die auf dem Grundsatze regelmäßigen Wechsels zwischen Halm- und Blattsrüchten beruht. Sie ist heute, darf man annehmen, das herrschende Anbausystem auf den weitaus meisten großeu Gütern, die hie nnd da schon im Begriffe sind, zur „sreien Wirtschaft" überzugehen, hat aber auch in zahlreichen bäuerlichen Betrieben, wenigstens dort, wo die Zusammenlegung der Grundstücke erfolgt ist, heute bereits Eingang gefuudeu. Die Vermehrung des Viehfutters infolge stärkeren Anbaus von Futterpflanzen führte zu einer Vergrößerung des Viehbestandes, diese wiederum ergab die Möglichkeit reichlicherer Düngung. Aber damit nicht genug: man hat die Düngerzufuhr durch Einführung der Gründüngung, sowie durch Verwendung künstlicher Dünger noch weiter gesteigert, wie aus den Ziffern sich entnehmen läßt, die ich im achten Kapitel mitgeteilt habe. Der besseren Düngung kam die Tiefkultur zu Hilfe, um den Acker ertragfähiger zn machen: Anfang des Jahrhunderts betrug die Furchentiefe nur 10 em, heute durchschnittlich 26 em, im Hochbetriebe mit Tiefkultur aber 30—40 cm. Die natürlichen Mängel des Bodens versuchte man durch Drainage, Mergelung, Moorkultur und andere Mittel mit Erfolg zu beheben. 410 Die Landwirtschaft. Gleichzeitig fand das maschinelle Verfahren immer mehr Anwendung, worüber ich ebenfalls bereits ziffermäßigen Aufschluß im achten Kapitel erteilt habe. Die vorhandenen Maschinen wurden verbessert: die Drillmaschine ersetzte die Breitsämaschine und ermöglichte die Anwendung der Hackkultur auch bei Halmfrüchten u. dgl. Daß auch, wie bereits hervorgehoben wurde, der bäuerliche Mittelbetrieb sich in weitem Umfange das maschinelle Verfahren zu uutze gemacht hat, dafür legen die Ziffern der Statistik eben- salls Zeugnis ab. Sie geben uns auch Aufschluß über die nicht unbeträchtliche Zunahme der Maschinenverwendung in den genannten Betrieben. Von den kleinbäuerlichen Betrieben (5—20 da) arbeiteten 1895 überhaupt 45.8 °/g mit Maschinen, 4.88 °/g verwendeten Drillmaschinen, 0.68 °/g Mähmaschinen, 10.95°/„ Dampfdreschmaschinen, 31.89 °/g andere Dreschmaschinen. Die Zahl der Betriebe dieser Größenklasse, die Mähmaschinen benutzten, stieg von 1882 bis 1895 von 1493 auf 6746, derjenigen, die sich einer Dreschmaschine bedienten, im gleichen Zeitraum von 173 317 auf 427 869. Größere Bedeutung hat die Maschinenverwendung begreiflicherweise für die großbäuerlichen Betriebe (20—100 ka). Von diesen wandten (1895) das maschinelle Verfahren 78.79"/g an; 17.69°/g benutzten Drillmaschinen. 6.93°/,, Mähmaschinen, 16.60°/g Dampfdreschmaschinen und 64.09 andere Dreschmaschinen. Mähmaschinen waren 1882 in 10 681, 1895 in 19 535 Betrieben, Dreschmaschinen 1882 in 134 132, 1895 in 227 353 Betrieben vorhanden. Es wurde auch bereits darauf aufmerksam gemacht, daß sich die kleineren Betriebe die Möglichkeit, eine Maschine zu verwenden, in wachsendem Umfange auf genossenschaftlichem Wege verschaffen. Besondere Fortschritte hat der landwirtschaftliche Betrieb dort gemacht, wo die Znckerrübenkultur Eingang oder weitere Verbreitung fand. Diese erforderte eine tiefe und sorgfältige Bearbeitung und reiche Düngung des Bodens, wie sie andrerseits diese nicht nur durch ihre unmittelbaren Erfolge, sondern auch dadurch bezahlt machte, daß der Acker für die übrigen Gewächse ertragreicher wurde. Nun ist aber namentlich während des letzten Fortschritte in der Viehzucht. 411 Menschenalters das mit Rüben angebaute Areal ganz beträchtlich ausgedehnt worden. Noch 1873—1874 waren im Deutschen Reich erst 88 877 ku. mit Rüben angebaut; 1892—1893 dagegen schon 352 015 Im und 1900—1901 447 606 ka. Und zwar sind es gerade auch wieder die kleineren und mittleren Betriebe, die an dieser Steigerung besonders reichlichen Anteil haben. Im Jahre 1895 entfiel über die Hälfte der mit Rüben bestandenen Fläche auf die Betriebe mit weniger als 200 kn. Bon den Betrieben aber, welche die Zuckerrüben lieferten, gehörten 6.41 "/^ den Großbetrieben (über 100 Im) an, 23.53"/^ dagegen waren Mittelbetriebe (20—100 Im), 41.63°/g Kleinbetriebe (5—20 Im) und 28.43°/g Betriebe mit weniger als 5 Im Wirtschaftssläche. Nicht mindere Fortschritte wie der Ackerbau aber hat während des neunzehnten Jahrhunderts die Viehzucht gemacht, der, wie schon augedeutet, ein Teil der Reformen unmittelbar zu gute kam, die im Juteresse der besseren Bodenansnutzung gemacht worden waren. Der empfindlichste Punkt der alten Dreifelderwirtschaft war die zn geringe Produktion von Viehnahrnng gewesen. Das Rindvieh wurde im Sommer auf die meist nicht sehr fette Naturweide getrieben, im Winter aber mit Strvhfütternng kümmerlich hingehalten; das wenige Heu gab man den Pferden und den Schafen, auf denen denn auch bis in die Mitte des Jahrhunderts der Schwerpunkt der Viehwirtschaft ruhte. „Die Schafhaltung, konnte ein so erfahrener Landwirt wie Heinrich von Thünen feststellen, ist für den gegenwärtigen Moment (die 1820er und 1830er Jahre) die Angel, um welche sich die ganze Wirtschaftseinrichtung dreht." Wir kennen auch schon die Gründe, weshalb man in dieser Weise die Schafzucht bevorzugte: wegen des starkeu Wollbedarfs erst Englands, dann auch der sich entfaltenden heimischen Industrie, der in jenen Jahrzehnten, wie wir sahen, größtenteils durch die inländische Produktion gedeckt wnrde. Seit Mitte des Jahrhunderts Mrd dann die Schafzucht stark vermindert; Rindvieh und Schweine ersetzen mehr und mehr das Schaf: entsprechend der zunehmenden Intensität des Wirtschaftsbetriebes. Die Fruchtwechselwirtschaft lieferte jetzt reichliches Viehfutter, 412 Die Landwirtschasl, das noch vermehrt wurde durch die mehr und mehr iu Aufnahme kommenden künstlichen Futtermittel sowie durch die Absallprvduklc der Zucker- und Spiritusindustrie, deren Verwendung wiederum die Ausdehnung der Stallfütterung beförderte. Gleichzeitig wurde die Wissenschaft von der Tierernährung ebenso wie die wissenschaftliche Züchtungslehre, letztere iu Deutschland durch Männer wie Mentzel, von Nathusius, Settegast und andere vervollkommnet und der Praxis zugänglich gemacht. Züchtungsvereine und Herdbuchgenossenschaften sorgten für die sinngemäße Turchführung der neu gewonnenen Einsichten. Der Schwerpunkt der deutschen Biehwirtschast, zumal der Viehzucht (mit Ausnahme der Schafzucht, die zur Hälfte den Großbetrieben zur Last fällt), ruht am Schlüsse des Jahrhunderts mehr denn je in den mittleren und kleineren Betrieben. Das lassen die Ziffern der Anlage 48 deutlich erkennen. Von den 17 Millionen Stück Rindvieh eutfieleu noch nicht 2 Millionen aus die Betriebe über 100 lia, von den 3 367 000 Pferden noch nicht ein Fünftel; und von diesen 650 000 Pserden waren wiederum 485 000 Ackervieh. Die Pferdezucht liegt also fast ausschließlich den bäuerlichen Betrieben ob. Daß von 13'/-. Million Schweinen noch nicht eine Million (0.9) in Großbetrieben gezählt wurde, zvu'd uns nicht in Erstaunen versetzen. Fragen wir nun aber nach dein volkswirtschaftlichen Ergebnis aller dieser Reformen, die der landwirtschaftliche Betrieb während des neunzehnten Jahrhunderts ersahren hat, so kann nicht zweifelhaft sein, daß er in einer gleichmäßig beträchtlichen Steigerung der Produktenmenge wie in einer Hebung der Qualität des Erzeugnisses gipfelt. Es ist zuuüchst klar, daß der Übergang zu der modernen Betriebsweise eine bess e r e A u s n utzuug de s vorhandene n a n bau - fähigen Bodens im Gefolge haben mußte: das Ödland wurde verringert, Brache und ewige Weiden nicht minder. Die Anbauslüche dehnte sich dementsprechend aus. So nahm im Königreich Preußeu alten Bestandes im Jahre 1852 >nach Reden) das „natürliche Grasland" noch 4.2 Millionen liu, 19VV („Weiden und Hutungen") nur noch 1.3 Millioueu >>a ein. die Fläche de§ Acter- Volkswirtschaftliches Ergebnis der Betriebssortschritte in der Landwirtschaft. 41Z und Gartenlandes dehnte sich dementsprechend von 11.7 ans 14.6 Millionen I^r ans. Im Königreich Sachsen waren im Jahre 1343 als Acker- und Gartenland 785 180 Iiu, im Jahre 1900 dagegen 843 760 Im genutzt. Wir werden nicht zu hoch greifen, wenn wir den Nmsaug des anbaufähigen Landes, das die deutsche Landwirtschaft während des neunzehnten Jahrhunderts neu erobert hat, auf ein Viertel bis ein Drittel der Gesamtfläche ansetzen. Aber viel beträchtlicher ist die Steigerung, welche die Ernteerträgc während dieser Zeitspanne erfahren haben. Leider besitzen wir für die frühere Zeit (vor 1878) keine zuver lässige Gesamtstatistik der Ernteerträge im ganzen Reich. Die ziemlich übereinstimmenden Ziffern für einzelne Güter und Landesteile lassen jedoch den Schluß zu, daß in den beiden ersten Dritteln des Jahrhunderts bereits eine Steigerung des Durchschnittsertrages bei Weizen um die Hälfte, bei Roggen, Gerste, Hafer auf das Doppelte stattgefunden habe. Ich verweise zum Belege auf die Ziffern der Anlage 49. Aber auch in den letzten zwanzig bis fünfundzwanzig Jahren, für die wir die vergleichbaren Zahlen der Reichsstatistik besitzen, hat sich der Durchschnittsertrag weiter um ein Beträchtliches gesteigert. Bei Roggen nnd Kartoffeln abermals um S0°/g, bei den übrigen Nährfrüchten nm etwa ein Drittel. Zu vergleichen Anlage 49. Das Gleiche gilt für die Viehzucht. Auch hier ist das Ergebnis eine starke Vermehrung des Viehbestandes (mit Ausnahme der Schafe), wie die Ziffern der Anlage 50 ersichtlich machen, der eine Steigerung des Lebendgewichts der einzelnen Tiere sowie eine Verbesserung der Nassen, Erhöhung des Nutzwertes (namentlich des Milchertrags bei Kühen) zur Seite gingen. Über die Qualitätssorlschritte laffen sich keine ziffermäszige Angaben machen. Dagegen vermögen wir mit einiger Zuverlässigkeit die Gewichtszunahme, namentlich beim Rindvieh zahlenmäßig festzustellen. Dieterici nimmt für die Jahre 1828 und 1840 gleichmäßig das durchschnittliche Schlachtgewicht des Rindes mit 440 Psnnd an, nach neneren Berechnungen iKirsrein) beträgt es jetzt 8 Zentner, das würde also einer Verdoppelung annähernd gleich kommen. Nach H. Werner würde die Steigerung des Lebend- 414 Die Landwirtschaft. gewichtes des Rindviehs allein in den Jahren 1883—1892 18.3«/<, betragen haben; von der Goltz schätzt die Vermehrung des Gewichtes und damit die Leistungen der einzelnen Tiere durch sinngemäßere Züchtung und Fütterung innerhalb der letzten zwanzig Jahre auf miudestens 10 "/g. Wollen wir das Ergebnis dieser Untersuchung zusammenfassen, so werden wir sagen dürfen: die Ergiebigkeit der deutschen Landwirtschaft ist während des neunzehnten Jahrhunderts sicher auf das Doppelte, vielleicht auf das Dreifache gestiegen. Prosessor Max Delbrück sagte sogar — allerdings in einer Festrede zur Verherrlichung des scheidenden Jahrhnnderts —: auf das Vierfache! Von der gleichen Bodenfläche wird dieser mehrfache Ertrag erzielt. Ich nenne das eine Steigerung der Bodenproduktivität. Wie aber steht es um die Arbeitsproduktivität? Ist sie in gleichem Verhältnis, ist sie langsamer, ist sie gar nicht gestiegen, hat sie sich verringert? Will sagen: wird der erhöhte Ertrag mit einem verhältnismäßig gleichen, geringeren oder größeren volkswirtschaftlichen Aufwand? erzielt? Dieser ist nicht zu verwechseln mit den privatwirtschaftlichen Produktionskosten, in denen ja die Arbeitslöhne eine besonders große Rolle spielen. Ist es während eines Jahrhunderts dank einer beispielslosen Vervollkommnung der Technik und einer entsprechenden Verbesserung der Betriebsorganisation der deutschen Volkskraft gelungen, das grausame „Bodengesetz" vom abnehmenden Ertrage in seiner Wirksamkeit aufzuhalten? Wir wissen es nicht. Das einzige, was feststeht, ist dieses: daß die erheb lichen Mehrerträge in der Landwirtschaft sicher ohne eine entsprechende Vermehrung der landwirtschaftlichen Bevölkerung erzielt worden sind. Wenn wir auch nur die Ergebnisse der beiden letzten Berufszählungen mit einander vergleichen, so ergibt sich, daß die zur Landwirtschaft gehörende Bevölkerung im Deutschen Reich von 18 704 038 ans 17 815 187 oder von 58.69 auf 54.79 auf 100 Iia landwirtschaftlich genutzter Fläche während des Zeitraumes von 1882 bis 1895 zurückgegangen ist. Aber hat die Verwendung von Produkionsmitteln während dieser Jahre so stark zugenommen, daß der gesamte Arbeitsaufwand sich doch gleich geblieben oder vielleicht gewachsen ist? Haben fremde Arbeiter das Defizit ganz Geringere Steigerung d, Produktivität in der Landwirtschaft als anderwärts, 415 oder zum Teil oder mehr als gedeckt? Wir wissen es nicht. Festzustellen (auf dem Wege der Einzeluntersuchung!), ob die Arbeitsproduktivität in der Landwirtschaft sinkt oder steigt, daS „Gesetz vom abnehmenden Bodenertrage" also in Wirklichkeit gilt oder nicht, erscheint als die Aufgabe national-ökonomischer Forschung der nächsten Zeit. Eines aber läßt sich jetzt schon mit völliger Sicherheit behaupten: mag es vielleicht auch der Landwirtschaft während des verflossenen Jahrhunderts gelungen sein, ihre Arbeitsproduktivität um einige Grade zu erhöhen: von einer so sabelhaften Zunahme der Produktivität, wie wir sie auf allen übrigen Gebieten des Wirtschaftslebens beobachtet haben, kann in der Sphäre der Landwirtschaft gar keine Rede sein. Auch in diesem entscheidenden Punkte erweist sie sich abermals als eine Provinz im Reiche der Volkswirtschaft, die nach eigenen Gesetzen regiert wird und eine Sonderbildung bleibt. Diese Erkenntnis wird uns nach allem, was die bisherige Untersuchung zu tage gefördert hat, nicht mehr in Erstaunen versetzen. Aber von den absonderlichsten Sondererscheinungen, wie sie in der Landwirtschaft auftreten, werden wir doch nuu erst noch Kenntnis erhalten, wenn wir im Folgenden das privatwirtschaftliche Fazit der geschilderten Entwickelung ziehen, d. h. der Frage nach der Rentabilität der Landwirtschaft nnser Interesse zuwenden. III. Landwirts Freuden und Leiden. Ich will hier zunächst einiges bemerken über den Wechsel der Konjunkturen, denen im Lause des Jahrhunderts die Landwirtschaft ausgesetzt gewesen ist, und auf die bei mehreren Gelegenheiten bereits flüchtig unsere Aufmerksamkeit gerichtet gewesen war. So erinnert sich der Leser vielleicht dessen, was ich über die Hausseperiode und den „Krach" in den beiden ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts seinerzeit bemerkt habe. Auch daß bis in die 1840er Jahre hinein deutsche Wollen und Flächse gesuchte Ausfuhrartikel waren, an denen hohe Verdienste gemacht wurdeu, wird ihm im Gedächtnis geblieben sein. Dann aber seit der Mitte deS Jahrhunderts, als die Ausfuhr schon anfing geringer zu werden, kam erst rechtes Leben in den 410 Die Landwirtschaft. Handel mit Agrarprvdukten in dem Maße, wie in Deutschland selber die rasch erblühende Industrie nnd die mit ihr zunehmende Jndustriebevölkerung in den Städten eine neue kräftige Nachfrage erzeugten, eine Nachfrage, für deren Befriedigung die einheimische Landwirtschaft einstweilen so gut wie ausschließlich in Betracht kam. Ihren ziffermäßigen Ausdruck findet diese so überaus vorteilhafte Marktlage in dem stetigen und vielfach raschen Ansteigen der Preise fast aller Bodenerzengnisse während der 1850 er, 1860er und in der ersten Hälfte der 1870 er Jahre. Ich verweise den Leser auf das Zahlenmaterial der Anlage öl, das ihm einen Einblick in die Preisbewegung während des neunzehnten Jahrhunderts gewährt. Und nuu kam der sattsam bekannte Rückschlag. Seit Eude der 1870 er Jahre begannen (mit Ausnahme der Viehpreise) die Preise aller wichtigen Erzeugnisse der Landwirtschaft, denen sich zum Unglück für viele deutsche Landwirte bald auch die Zuckerund Spirituspreise zugesellten, mit konstanter Bosheit sich unablässig Schritt vor Schritt, ja hie und da sprunghaft, rückwärts zu konzentrieren, bis in die Mitte der 1890 er Jahre, wo sie den einstweilen tiefsten Stand erreichten. Um welchen förmlichen Preissturz es sich handelte, machen die Ziffernreihen der Anlage 51 ersichtlich. Die Tabelle L enthält die Hamburger Großhandelspreise, also die Weltmarktspreise im wesentlichen, in denen die rückläufige Bewegung in ihrer vollen Stärke zum Ausdruck kommt. Im Binnenlande war ihre Wncht schon abgeschwächt durch die Schutzzölle, deren seit 1879 die Agrarerzeugnisse teilhaftig wurden (1879 10 Mark, 1885 30 Mark, 1887 50 Mark, 1892 35 Mark für die Tonne Weizen oder Roggen). Trotzdem gingen auch auf dem Julaudsmarkte die Preise beträchtlich herunter. Die Tonne bayrischen, guten Mittelweizens, die im Durchschnitte der Jahre 1879 bis 1883 noch 215.3 Mark gekostet hatte, wurde 1894 mit 155.8, 1895 mit 164.3 Mark bezahlt. Der Tonnenpreis des entsprechenden Roggens fiel während des gleichen Zeitraumes am gleichen Orte von 174.6 Mark auf 122.5 Mark uud 134.7 Mark. Andere Preisermittelungen für die Jahrzehnte von 1879 bis 1893 findet der Leser wiederum in der Anlage 51. Gründe des Preisrückganges der meisten AgrarProdnNe, 417 Die Gründe dieses allgemeinen Preisrückganges sind heute jedermann bekannt. Auch diejenigen Theoretiker, die geneigt sind, der Baissespekulation an der Börse einen (meines Erachtens übertrieben großen) Anteil an dem Preisfalle zuzuschreiben, können nicht leugnen, daß seit Ende der 1870er Jahre der Weltmarkt oder richtiger der Markt Westeuropa mit ungeheuren Mengen billigen Getreides überflutet worden ist, das man aus dem Innern Rußlands, Ungarns nnd den Balkanstaaten, aus Indien, Nordamerika und Argentinien heranzuschleppen nicht müde wurde. Die Ver- vollkommuuug der Verkehrsmittel hatte die Möglichkeit geschaffen, die Erzeugnisse dieser ineist sehr fruchtbaren, durchgängig aber ohne den Ballast eines hohen Bodenpreises arbeitenden Länder an die Küste und von da auf die westeuropäischen Märkte zu bringen. Ein Blick auf die Frachtsätze, die ich an verschiedenen Stellen in diesem Buche für Wasser- und Landtransport mitgeteilt habe, genügt, um die Bedeutung der Verbesserung der Transporttechnik zu ermessen. Es kam dazu, daß jeder Kilometer Eisenbahn, der in die unbesiedelten Kolonialländer hineingeführt wurde, nicht nur einen neuen Bezirk für die Ausfuhr von Bodenerzeuguisseu erschloß, sondern gleichzeitig ein paar Tausend europäische Kolonisten in die jungfräulichen Gebiete der neuen Welt verpflanzen half. Ein wütender Konkurrenzkampf zwischen den verschiedenen Ausfuhrländern um die Herrschaft auf den westeuropäischen Märkten bildet das letzte Glied iu dieser Kette von Ursachen, auf deren Wirksamkeit die Senkung namentlich der Getreidepreise zurückzuführen ist. Ist es also auch klar, aus welchen Gründen die Preise der meisten Agrarvrodukte seit Ende der 1870er Jahre fielen, fo bedars es doch erst noch einer näheren Prüsung, weshalb denn ein derartiger Preisrückgang, wie für die gesamte westeuropäische, so auch für die deutsche Landwirtschaft so empfindliche Nachteile im Gefolge hatte. Anders ausgedrückt: warum diese nicht oder nur schwer imstande war, sich der veränderten Marktlage anzupassen, warum sie vielmehr in weitem Umfange in einen „kritischen" Zustaud dank der geschilderten Entwickelung geraten ist. Um dies zu verstehen, müssen wir uns die Begleiterscheinungen vor Sombart, Volkswirtschaft. 27 418 Die Landwirtschaft. Augen führen, die in unserer heutigen Wirtschaftsordnung mit jeder Preishausse für die Landwirtschaft verbunden zn sein Pflegen. Steigende Preise bedeuten wie überall so auch in der Landwirtschaft zunächst steigende Geldertrage. Mit den vermehrten Gelderträgen gewinnt aber auch die Quelle entsprechend an Bedeutung, aus der sie fließen; das heißt: steigende Gelderträge bedeuten Steigerung des Bodenwertes. Diese wiederum findet ihren Ausdruck sowohl in steigender Grundrente, wie sie in dem Steigen der Pachtpreise zur Erscheinung kommt, als auch iu steigenden Bodenpreisen, deren Höhe man zu erkennen vermag, sobald ein Besitzwechsel stattfindet. Nun ist es aber ferner eine ganz allgemein gemachte Beobachtung, daß iu Zeiten aufsteigender Konjunktur der Grund und Boden infolge freiwilliger Veräußerung häusiger seinen Besitzer wechselt: der frühere Eigentümer hat Lust zu verlausen, um deu gestiegenen Bodenwert in klingende Münze unizusetzen, ein Käufer aber findet sich leicht, weil die Aussicht auf die zukünftige Steigerung zum Kaufen reizt. Einige ziffermäßige Anhaltspuukte zur Ersassung dieses naturgemäßen Vorgangs bietet die Anlage 52. Der Glaube an eine Dauer der Preishausse verbreitet sich in allen Teilen der Bevölkerung. Deshalb ist man bei Erpochtung oder Erwerbung eines Grundstückes geneigt, höhere Preise zu zahlen, als sie der augenblicklichen Preislage auf dem Produkteumarkte entsprechen, gleichsam also die zukünftigen Mehrerträge zu diskontieren. Das alles sind bekannte Dinge, deren wir uns nur zur rechten Zeit erinnern müssen. Um aber nachzuweisen, wie die geschilderten Znsammenhänge zu tatsächlicher Verwirklichung in der deutscken Landwirtschaft während der Jahre von 1850 bis 1875 gelangt sind, bedarf es vielen statistischen Materials, mit dem ich den Text nicht gern belasten möchte. Ich stelle deshalb in einer besonderen Anlage 53 eine Reihe von Tatsachen zusammen (über ihre Herkuust gibt mein Kapitalismus Aufschluß), in denen sich die Bewegung der Erträguisse, der Grundrente, der Pacht- und Güterpreise während des genannten Zeitraumes und teilweise in den ihn begrenzenden Zeitläuften widerspiegelt. Sie machen ersichtlich, wie seit der Mitte des Jahrhunderts bis zum Ende der 1870 er Jahre und selbst Wirkungen eines Preisfalles der Agrarprodnkte. 419 noch darüber hinaus beispielsweise die Pachtpreise der königlich preußischen Domänen sich verdreifachen, die Güterpreise aber ebenfalls auf mindestens das Doppelte, wenn nicht ebenfalls auf das Dreifache steigen. Wie nun aber muß die Wirkung eines Preisfalles der Produkte sich außeru? Es siud offenbar zwei Möglichkeiten denkbar. Entweder die Produktivität der Arbeit wird durch Ausdehnung der Produktion, verbesserte Verfahrungsweisen, Vervollkommnung der Betriebsorganisation so gesteigert, daß trotz Senkung der Produktenpreise der Gesamtprofit unverändert bleibt. Der normale Ausweg für die Industrie, der jedoch der Laudwirt- schast nicht offen steht. Denn wenn wir auch, wie ich an anderer Stelle hervorhob, nichts darüber wissen, in welchem Umfange die Arbeitsproduktivität in der Landwirtschaft sich verändert hat: das wird man auf Grund aller vorliegenden ProdnktionSkostenberech- nungen mit Sicherheit annehmen dürfen, daß die Produktivität nicht in einem solchen Maße gestiegen ist, um 1. deu Mehraufwand an Produktionsmitteln; 2. die Steigerung der Arbeitslöhne; 3. die Senkung der Prvduktenpreise wett zu machen. Bleibt also nur die zweite Möglichkeit, wie sich die Wirkung eines Preisfalles der Produkte äußeru kann: das ist die Herabminderung der Reinerträge. Mit den Erträgen wird aber auch die Grundrente fallen, wie sie ihren Ausdruck fast rein (natürlich nicht völlig rein, da der Pächter anch Zinsen und Amortisation für den Gebäude- aufwaud, für Meliorationsanlagen usw. zu zahlen hat) in dem Pachtpreise findet. Ein Rückgang der Pachtschillinge, wenn auch nur in bescheidenen Grenzen, hat denn auch seit Beginn der 1890 er Jahre, teilweise sogar schon früher, Platz gegriffen. Im Großherzogtnm Baden belief sich der durchschnittliche Pachtertrag vom Hektar im Jahrzehnt 1878 bis 1887 auf 90.7 Mark, im folgenden Jahrzehnt (1888/97) ans 85.6 Mark. In den sieben östlichen Provinzen Preußens waren die Pachten (nach einer Zusammeustellung Eonrads) bei einer größeren Anzahl Güter (106 bis 156) im Durchschnitt der Jahre 1870 bis 1874 noch um 63.4 "/g gegen früher gestiegen, im Jahrfünft 1875 bis 1879 abermals um 72.5 gegen die 27* 420 Die Landwirtschaft. zuletzt gezahlte Pacht, im folgenden Jahrfünft um 24.2 °/g. Dann aber verringert sich die bisherige Pachtsumme im Jahrfünft 1885/89 von 100 auf 93.8, 1890/94 auf 89.9, 1895/99 auf 85.4. Die Pacht der altpreußischen Domänen belief sich für den Hektar nutzbarer Fläche im Durchschnitt des Jahres 1889 auf 39.10 Mark (Höchstbetrag), 1899 dagegen nur noch 36.48 Mark. Trotz dieser Herabsetzung habeu sich die Pachtreste nicht unbeträchtlich vermehrt. Sie betrugen im Durchschnitt der Jahre 1881/82 bis 1884/85 644 289.17 Mark, 1896/97 bis 1898/99 dagegen beinahe das Dreifache (1 538229.89 Mark). Nun aber die Güterpreise? Sie müssen selbstverständlich einen gleichen Abschlag erfahren wie die Erträge. Denn eS muß stets im Auge behalten werden, daß sie doch nnr der Exponent eines bestimmten Ertrages sind, der selbst wieder von den Prvdukten- preisen abhängig ist. Brachte ein Gnt einen Reinertrag von 9000 Mark und wurde es daraufhin mit 150 000 Mark bezahlt, so ist es, wenn der Ertrag auf 6000 Mark sinkt, 100000 Mark und keinen Pfennig mehr wert. Gerade wie eine Aktie in diesem Falle von 150 auf 100 iin Kurse fallen würde. Diese theoretisch einwandfreie Wertherabsetzung im Leben zu vollziehen, begegnet nun aber, wie sich denken läßt, einigen Schwierigkeiten. Den Inbegriff dieser Schwierigkeiten, die Bodenwertc der veränderten Marktlage anzupassen, pflegt man als „Agrarkrisis" zu bezeichnen. Ist es nun aber in jeder Lage peinlich, sich damit abzufinden, seine Einnahmen wie sein Vermögen um eiu Viertel oder ein Drittel verringert zu sehen, so stößt dieser Gewöhuuugsprozeß bei der Landwirtschaft noch auf besondere Hindernisse. Ich will nicht davon sprechen, daß in zahlreichen Fällen die Wertverminderung mit einer Deklassiernng gleichbedeutend sein würde, da es sich häufig genug nm Existenzen handelt (ob gutsherrliche oder bäuerliche bleibt sich gleich), die just nur au uiveau ihrer sozialen Klasse sich befinden, obwohl dieser Umstand schwer ins Gewicht fällt. Ich denke vielmehr an etwas anderes: nämlich an die Tatsache, daß die Landwirte säst sämtlich hoch verschuldete Güter bewirtschafte«. Ist aber eiu Gut verschuldet, oder gar hoch verschuldet, sage zur Hälfte, zu drei Fünftel des Ertragswertes, so nimmt die Frage der Herabmiuderung Das Wesen der „Agrarknsis" 421 der Einnahmen oder der Giiterpreise ein ganz anderes Gesicht an. Bleiben wir bei dem angenommenen Beispiele und lassen wir unser Gut zu drei Fünftel, also mit 90 000 Mark zu durchschnittlich 4"/^ verschuldet sein. Alsdann sind jährlich 3600 Mark Hypothekenzinsen zu entrichten. Die Einnahme des Landwirts, die ehedem 5400 Mark betragen hatte, sinkt auf 2400 Mark, das heißt nicht auf zwei Drittel (wie es der Ertragsverminderung entsprechen würde, weun das Gnt schuldenfrei wäre), sondern auf weniger als die Hälfte. Hatten aber dem Besitzer ehedem 60 000 Mark zu eigen gehört, so bleiben ihm nach der Wertherabsetzung nur noch 10 000 Mark: sein Vermögen sinkt also auf den sechsten Teil des früheren Betrages, während der Gutswert sich uur (wie wir annahmen) um ein Drittel verringert hatte. Das sind natürlich willkürlich angesetzte Ziffern, aber sie zeigen doch, daß die „Agrar- krisis" überall dort einen brennenden Charakter annehmen muß, wo die Landwirte hoch verschuldet sind. Denn hier bedeutet schon eine leise Herabminderung der Erträge und des Bodenwertes leicht einen Lucifersturz in die dunkle Tiefe. Nnn ist aber die Verschuldung wie der Schatten, der der Landwirtschaft in unserer Wirtschaftsordnung folgt. Aus uicht ganz naheliegenden Gründen, deren Erörterung ich mir an dieser Stelle versagen muß, ergibt sich zum Unterschiede von anderen Wirtschaftssphären in der Landwirtschaft leicht eine übermäßige Belastung mit sogenannten Besitzschulden, d. h. solchen, die nicht zum Zwecke der Ausweitung oder Hebung der Produktion (sog. Meliorationsschulden) ausgenommen werden, sondern die nichts anderes sind, als der Ausdruck für die schlichte Tatsache, daß einem Besitzer ein Gut nur zum Teile gehört, und daß sich sein Anrecht auf den Ertrag nur soweit erstreckt, als das Gut unverschuldet geblieben ist. Es kauft jemand ein Gut, dessen Preis 150 000 Mk. beträgt, und zahlt davon 60 000 Mark an, so heißt das: er hat zwei Fünftel von dem Gute nnd seinem Ertrage erworben. Der Nest ist dem früheren Besitzer verblieben oder wer sonst die Hypotheken inne hat. Desgleichen wenn drei Geschwister dasselbe Gut beim Erbgauge teilen, der älteste Sohn es (meinetwegen mit einer Norzugserbquote von 10°/») übernimmt und jeden seiner beiden 422 Die Landwirtschaft, Brüder mit einer Hypothek von je 45 000 Mark abfindet. Es mag beachtet werden, daß alle Besitzschulden solcher Art (und sie bilden sicher den größten Teil der vorhandenen Schulden: wie viel wissen wir nicht; Sachkenner nehmen an, zwei Drittel bis drei Viertel) mit Kapitalismus auch nicht entfernt etwas zu schaffen haben, (Was übrigens zum Troste der mit Besitzschulden überlasteten Eigentümer wenig beitragen dürfte!) Besitzschulden entstehen bei unserer heutigen Rechtsordnung immer, wenn das Gut vererbt wird und es deu einzigen Besitz bildet: es sei denn, daß nur ciu Erbe da ist oder die Miterben leer ausgehen. Letzteres ist beinahe der Fall in den Gegenden mit streng durchgeführter Anerbensitte, wie in den niedersächsischen Hof- siedelnngsgebieten. Die Verschuldung im Erbgange wird dagegen um so größer sein, je weitiger verbreitet die Sitte der Real- teiluitg ist und je mehr die gleichmäßige Bedenkung der Erben im Testamente als Regel gilt. Man wird annehmen dürfen, daß diese Bedingungen für die Gebiete des Großgrundbesitzes am meisten zutreffen. Besitzschulden entstehen nicht mit Notwendigkeit aber leicht, wenn das Gut durch Kauf erworben wird. Namentlich in Zeiten aufsteigender Konjunktur ist die Neigung, einen großen Teil des Kaufschillings als Hypothek auf dem Gute stehen zn lassen, d. h. dieses mit einer geringen Anzahlung zu erwerben, besonders stark. Begreiflicherweise. Denn wenn tatsächlich die Hausse anhält, so ist jede Mark, die ich von dem Gutspreise nicht anzuzahlen brauche, dazu bestimmt, Wucherzinsen zu bringen. Der ErWerber wird um so reicher, je weniger er anzahlt; mit anderen, verständlicheren Worten: ein je größeres Gut er mit einem bestimmten Vermögen erwirbt. Beispiel: es besitzt jemand 50000 Mark und kauft damit im Jahre 1850 ein Gut im Werte von 50 000 Mark (bezahlt also den ganzen Kaufpreis bar aus). Dieses Gut war 1870 mindestens 100000 Mark wert: Gewinn 50000 Mark. Derselbe Mann sei damals so gescheit gewesen, ein Gut im Werte von 200 000 Mk. zu kaufeu und von dem Kaufpreise 150 000 Mark sich kreditieren zu lassen. Im Jahre 1870 bekam er für sein Gut 400000 Mark, abzüglich der Hypothekenschuld also 250 000 Mark. Gewinn: Die Verschuldung unserer Landwirte. 428 200 000 Mark. Also Haussekonjunkturen verstärken die Tendenz zur Besitzverschnldung. Natürlich sind sie anch besonders geeignet zur Vermehrung der Meliorationsschnlden, maßen sie zur Erweiterung und Verbesserung der Produktion anregen. Nun können Mir aber die Beobachtung machen, daß die hypothekarische Verschuldung der deutschen Landmirte, die fröhlich mährend der Aus- schwungsperiode in die Höhe geklettert Mar, in den letzten beiden Jahrzehnten trotz der Mollstimmung, die überall auf dem Lande herrscht, doch nicht herabgegangen, auch nicht gleich geblieben, sondern noch ganz beträchtlich und zwar in immer beschleunigtem Tempo gewachsen ist. Wie erklärt sich diese auffällige Erscheinung? Sind die Meliorationsschulden doch noch vermehrt, nm den Betrieb auf eine höhere Stufe zn bringen? Sind in wachsendem Umfange Personalschnldeu hypothekarisch eingetragen worden? Das könnte als ein Symptom der Gesundung angesehen werden, wenn man nicht etwa der Hypothese Conrads zuzustimmen geneigt ist, daß die zunehmende Verschuldung gerade Zeichen eines Notstandes sei, da es sich um Defizits in der Wirtschaftsbilanz handele, die man im Laufe der Jahre durch Aufnahme von Personalschnldeu zu decken sich genötigt gesehen habe. Aber ein derartiges Verfahren müßte ja binnen kurzem zu einem Ende mit Schrecken führen! Griechische Finanzgrundsätze in der deutschen Landwirtschaft? Genug: die Tatsache, daß die Verschuldung nicht nur immer weiter zunimmt, sondern in immer rascherem Schrittmaße wächst, ist nicht aus der Welt zn schaffen. Die Ziffern der Anlage 54 reden eine zu deutliche Sprache. Deun selbst wenn man einen Teil der Zunahme hypothekarischer Eiutraguugeu, die im Königreiche Prenßen von 1883 bis 1896 annähernd 2'/^ Milliarde Mark betragen haben soll (nach Ansicht der „Boden"-Verfasser sind es in den einzelnen Landesteilen 0 bis 22°/^) auf Hypotheken rechnet, die abbezahlt, aber nicht gelöscht sind, so bleibt doch ein recht erklecklicher Batzen übrig, um den die Landwirte ihr Bündel auf dem Rücken in wenigen Jahren beschwert bekommen haben. Übrigens finden die Ziffern der Tabelle I, das sind die Ziffern der Hypothekenbewegungsstatistik, ihre Bestätigung in den Ziffern der Schulden- standsstatistik, wie sie die Tabelle II enthält (zur nähereu Orien- 424 Die Landwirtschaft. tierung verweise ich den Leser auf das siebente Kapitel im sechsten Bande des ,,Boden"-Werkes). Danach würde die Zunahme der Verschuldung in dem genannten Zeitraume etwa 2 Milliarden Mark betragen. Und zwar scheinen die bäuerlichen Besitzungen an dieser Neuverschuldung besonders stark beteiligt zu sein. Während die Verschuldung der größeren Güter nämlich von 1883 bis 1896 nur um 18°/g stieg, stieg die der großbäuerlichen um 37°/^, die der kleinbäuerliche!! um 55 °/^. Der Grund freilich, weshalb die größeren Güter nicht mehr verschulden, ist gerade kein sehr erfreulicher: weil sie nämlich so hoch bereits verschuldet sind, daß eine weitere Steigerung immer schwieriger wird. Denn auch nachdem die bäuerlichen Anwesen innerhalb der letzten Jahre so viel stärker mit Schulden belastet sind, ist ihre Verschuldung heute noch immer eine weit geringere als beim Großgrundbesitz, wie aus den Tabellen III, ^ und L ersehen werden kann. Diese Tabellen lassen auch deutlich erkennen, daß die Verschuldung im Osten des Preußischen Staates weit mehr fortgeschritten ist als im Westen. Sondert man die einzelnen Besitzklassen nach Osten und Westen, so ergibt sich folgende Gesamtübersicht. Es sind hochverschuldct (mit mehr als 60°/g des Schätzungswertes): von den in Ostelbien in Westelbien Großgütern über 1500 Mark G. E. 54.7"/„ 13-5°/g Groß-u.Mittelbauern300—1500 „ „ 19.9,, 7.5 „ Kleinbauern 90—300 ., „ 14.8,, 10.6,, Wenn also die Annahme richtig ist, von der wir ausgingen, daß die Verschlechterung der Reinertragsverhältnisse, wie sie sich als Folge der veränderten Marktlage ergeben mußte, sich um so empfindlicher fühlbar macht, je verschuldeter eine Wirtschaft ist, so führen uns diese Ziffern zu dein Schlüsse, daß am Ende des neunzehnten Jahrhunderts — allen technischen Errungenschaften zum Trotz — in der Landwirtschaft die Lage der kleineren bäuerliche» Wirte eine weniger gedrückte ist, als die der Gutswirte. Ferner aber auch, daß die „Agrarkrisis" im Osten des preußische» Staates in schärferer Form austritt, als im Westen und, können wir hinzufügen, in den anßerpreußischen Staaten, in denen die Das Verschuldungsproblem erscheint als das bedeutsamste der Agrarpolitik. 425 Verhältnisse denen Westelbiens verwandter sind, als denen jenseits der Elbe. Diese günstigere Stellung des Bauertuins wird dann aber noch dadurch verstärkt, daß die bäuerlichen Wirtschaften im Verhältnis stärker als die Gutswirtschasten an der Hcrvorbringung solcher Produkte beteiligt sind, deren Preise der allgemeinen Senkung weniger oder gar nicht unterworfen sind, also namentlich des Viehes und seiner Erzeugnisse. Freilich soll man, wenn man ein abschließendes Urteil über die Widerstandskraft der einzelnen Wirtschaftsgruppen oder der sie vertretenden Wirtschaftssubjekte, gewinnen will, die bedeutsame Tatsache in Rücksicht zu ziehen nicht unterlassen, daß scheinbar jetzt auch die bäuerlichen Wirtschaften erst recht anfangen, sich mit Schulden vollzusaugen. Und an dem Maße der Verschuldung, das müssen wir festhalten, hängt Wohl und Wehe der ländlichen Wirtschaft. Hier, wo es immer nur die Klarlegung der bestehenden Verhältnisse gilt, ist nicht der Ort, das Problem der Verschuldung unter wirtschaftspolitischem Gesichtspunkte zu betrachten. Nur die Feststellung möchte ich zum Schlüsse dieses Kapitels machen, weil sie sich als das natürliche Ergebnis aller vorhergehenden Erörterungen gleichsam von selbst aufdrängt: daß, alle andern Probleme an Größe und Bedeutung weit überragend, in der Sphäre der Landwirtschaft das Verschuldungsproblem sich heraushebt. Ja, ich glaube, man übertreibt nicht, wenn man sagt: das allgemeine Problem der Agrarpolitik (die „Arbeiternot", die daneben drohend ihr Haupt erhebt, bildet ein Problem doch nur für einen Teil der größeren Wirtschaften) ist die Frage, wie man der zunehmenden Verschuldung Einhalt tun könne, ohne den ökonomischen Fortschritt der Landwirtschaft allzusehr zu verlangsamen. Aber wie gesagt: das alles gehört nicht hierher und muß der Erörterung in auderm Zusammenhange vorbehalten bleiben. Ich möchte vielmehr dieses Kapitel mit einem ganz andern Gedanken endigen, den die in ihm eingeschlossenen Betrachtungen auch dem Leser werden nahegelegt haben: dem Gedanken nämlich, daß das Schicksal einer so breiten Bevölkerungsschicht, wie der Landwirte, offenbar stark beeinflußt worden ist durch Vorgänge, die sich nicht im Rahmen der deutschen Volkswirtschaft selber ab- 426 Die Landwirtschaft. gespielt haben. Entscheidend für das Los der Landwirtschaft find vielmehr geworden Wandlungen auf dein Weltmärkte, Wandlungen in dem Wirtschaftsleben anderer Völker uud dadurch hervorgerufene Veränderungen in den Beziehungen zwischen Deutschlands Volkswirtschaft und dem Auslande. Was aber für die Landwirtschaft gilt, gilt natürlich (wenn auch vielleicht nicht in gleich starkem Maße) für andere Sphären des Wirtschaftslebens, wie ich an verschiedenen Stellen im Vorübergehen Wohl schon bemerkt habe. Es ergibt sich also die Einsicht, daß die Waudluugeu, die die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert erfahren hat, nicht zu verstehen sind, wenn man nicht gleichzeitig die Wandlungen in Berücksichtigung zieht, denen Deutschlands Stellung aus dem Weltmärkte während des verflossenen Jahrhunderts ausgesetzt gewesen ist. Ju dieser Erwägung aber findet das letzte Kapitel dieses Buches seine einleuchtende Begründung. Es soll in zusammenfassender Betrachtung die Gesamtheit der Beziehungen aufdecken, die zwischen der Volkswirtschaft Deutschlands und den fremden Volkswirtschaften im Lanfe der letzten hundert Jahre sich herausgebildet haben. Vierzehntes Kapitel. Die deutsche Volkswirtschaft und der Weltmarkt. In den Anlagen 55, 56, 57 findet der Leser das Zahlenmaterial, in dem die Bewegung des deutschen Außenhandels während des verflossenen Jahrhunderts zum Ausdruck kommt. Wiederum haben wir es mit eiucm Zweige der deutscheu Volkswirtschaft zu tun, der in diesen hundert Jahren mächtig zur Entfaltung gelangt ist. Die Ziffern der Handelsstatiftik sind die beliebtesten Renommierstücke aller fortgeschrittenen Nativnalvkonomen. Leider sind Geist und Witz, mit denen die Zahlen erörtert werden, nicht immer in gleichem Verhältnis gewachsen wie Einfuhr und Ausfuhr. Ja, weun ich den alten Krug oder den Dieterici oder den Viebahn oder den Reden oder den Bieneugräber zur Hand nehme, kommt es mir sogar manchmal vor, als seien die Leute in volkswirt- schastlichcu Dingen um so gescheiter gewesen, je weiter ihre Schristeu zurückliegen. Kommt es mir vor, als hätten die Alten die viel kleineren Ziffern wissenschaftlich analysiert, während sie die Jüngeren nur politisch paraphrasieren. Damals herrschte der Mensch — ob Statistiker oder Theoretiker — über die Ziffern, heute wird er von ihnen beherrscht. Damals ging man liebevoll auf den Qnalitätswert der einzelnen Zahl ein, heute steht man wie erstarrt unter dem Eindrucke der Quantitäten einer mächtig anschwellenden Bewegung. Was man aber an theoretischer Beurteilung unserer Handelsentwickelung hat zu teil werden lassen, scheint mir in mehr als einem Punkte anfechtbar zn sein. Wenn man auf Grund der handelsstatistischen Ziffern von der Entstehung einer Weltwirtschaft spricht, so hat das natürlich insofern seine volle Berechtigung, als unbestreitbar heute mehr 428 Die deutsche Volkswirtschaft und der Weltmarkt. Waren zwischen den einzelnen Ländern umgesetzt werden als vor fünfzig oder hundert Jahren. Um zu dieser Einsicht zu gelangen, genügt eS zu wissen, daß achtzig mehr als zehn ist. Versteht man aber unter weltwirtschaftlicher Organisation einen Zustand fortgeschrittener Disferenziierung und Jntegrierung der einzelnen Volkswirtschaften untereinander, ein zunehmendes Überwiegen der internationalen Beziehungen über die nationalen, so ist diese (soviel ich sehe) einzige Weisheit, die die handelstheoretische Literatur des letzten Menschenalters zu Tage gefördert hat, gauz entschieden falsch. Die Kulturvoller, so behaupte ich vielmehr, sind heute (im Verhältnis zu ihrer Gesamtwirtschaft) nicht wesentlich mehr, sondern eher weniger durch Handelsbeziehungen untereinander verknüpft. Die einzelne Volkswirtschaft ist heute nicht mehr, sondern eher weniger in den Weltmarkt einbezogen, als vor hundert oder fünfzig Jahren. Mindestens aber (und dafür kann ich den ziffermäßigen Nachweis erbringen) ist es falsch anzunehmen, daß die internationalen Handelsbeziehungen eine verhältnismäßig wachsende Bedentnng für die moderne Volkswirtschaft gewinnen. Das Gegenteil ist richtig. Die Entwickelung der letzten Jahrzehnte hat wenigstens für die deutsche Volkswirtschaft eine Abnahme des Anteils der auswärtigen Handelsbewegung an der Gesamtleistung der wirtschaftlichen Tätigkeit als Ergebnis gehabt. Sicher für die Ausfuhr, wahrscheinlich auch für den Gesamthandel. Wie aber liegen die Dinge, wenn wir die weit auseinanderliegenden Zeiträume von 1800 und 1900 ins Auge fassen? Genaue Bilanzen für die Zeit vor hundert Jahren besitzen wir nicht. Ich stelle aber folgende Betrachtung an: Im Jahre 1802 berechnete Krug das durchschnittliche Einkommen eines preußischen Untertanen auf 27^ Taler, also 81^ Mark. Für das Jahr 1830 setzt man den Gesamtwert des deutscheu Außenhandels auf 660 Millionen Mark an. Ich glaube, man wird nicht fehlgreifen, wenn man annimmt, daß der Volkswohlstand 1830 eher niedriger war, als 1802. Nehmen wir ihn als gleichgeblieben an, so würde auf den Kopf der Bevölkerung also ein Einkommen von rund 80 Mark entfallen, dagegen ein Anteil.am Die Bedeutung d. iuternat. Haudelsbeziehuugeu vor 100 Jahren u, heute. 429 auswärtigen Handel von rnnd 22^ Mark i Teutschland hatte damals 29^/2 Millioueu Einwohner), das wären ruud 28°/^ vom Gesamteinkommen. Für das Jahr 1895 berechnet Mulhall das Einkommen eines Deutscheu auf durchschnittlich 506 Mark, der Wert der Einsuhr und Ausfuhr betrug iu jenem Jahre (im SpezialHandel) 7670 Millionen Mark, also auf den Kopf der Bevölkerung 148 Mark. Der Anteil des einzelnen am Außenhandel würde also 29"/^ (gegen 28°/<> im Anfange des Jahrhunderts) ausmachen; er wäre also so gut wie unverändert geblieben. Das sind natürlich Berechnungen, die auf teilweise sehr anfechtbaren Zahlen beruhen. Alle Schätzungen des Volkseinkommens oder Volksvermögens sind mehr oder weniger Spielereien. Immerhin wird man jene Rechnungen so lange anstellen und sie auch als Beweismaterial benutzen dürfen, als die entgegengesetzte (herrschende) Anffassnng keine besseren und' zuverlässigeren Beweise für die Nichtigkeit ihrer Behauptungen erbringt. Um den hier vertretenen Standpunkt zu stützen, find nun aber derartig vage Kalküls nicht einmal notwendig, maßen wir genügend zuverlässiges Material besitzen, um die These von der abnehmenden (oder wenigstens sich gleichbleibenden) Bedeutung der internationalen Handelsbeziehungen für die einheimische Volkswirtschaft in ihrer Nichtigkeit zu erweisen. Ich beginne mit der Ausfuhr, für die ich vor einigen Jahren bereits den ziffermäßigen Nachweis erbracht habe, daß sie wenigstens in den letzten Jahrzehnten eine „fallende L.note" der deutschen Gesamtproduktion ausmache. Weitere Nachforschungen, deren Ergebnisse ich im folgenden mitteile, haben mich in meiner Auffassung nur bestärkt. Damals hatte ich nur von dem Jndustrieexport gesprochen. Will man jedoch die Frage allgemein entscheiden, ob Teutschland mehr oder weniger in die Weltwirtschaft eingegliedert sei, so muß man natürlich auch das wichtigste Gewerbe: die Landwirtschaft in Berücksichtigung ziehen. Diese lernten wir, bei unserer Überschau über die deutsche Volkswirtschaft im ersten Drittel des Jahrhunderts, als ein ausgesprochenes Exportgewerbe kennen. Heute, wie jedermann weiß, deckt sie nicht annähernd den ein- 430 Die deutsche Volkswirtschaft und der Weltmarkt. heimischen Bedarf. Ich komme bei Besprechung der Einsuhr darauf zurück. Aber ich behaupte ja die fallende Exportquote auch für die „Industrie". Aus die Gründe einzugehen, die es erklärlich machen, weShalb von den wichtigsten Industrien ein immer größerer Teil der Produktion im Jnlande bleibt, ist hier ja nicht der Ort. Ich bemerke nur, daß es nicht einheitliche Ursachenreihen sind, die dasselbe Ergebnis zeitigen. Bei einigen Industrien (Montanindustrie, chemische Industrie) ist es der zunehmende Ersatz der organisierten durch unorganisierte Materie, der die Ausweitung ihres Binnenabsatzgebietes bewirkt, bei andern (Textilindustrie, Lederindustrie, Bekleidungsindustrie u. a.) der zunehmende Wohlstand der Bevölkerung in Verbindung mit der Verdrängung handwerksmäßiger Produktion durch kapitalistische, also mit der Einbürgerung des gewerblichen Kapitalismus in Deutschland selbst. Wir werden beobachten, daß eine ganze Reihe von Industrien allerdings bis in die 1370er Jahre einen steigenden Export aufweisen, der dann aber, als die deutsche Volkswirtschaft ihre Sieben- meilenstiefeln anzieht, hinter der Gesamtproduktion zurückbleibt. Bei Steinkohlen ist sich das Verhältnis der Produktion zur Ausfuhr bis in die letzte Zeit annähernd gleich geblieben: es wurdeu vou der Gesamtproduktion ausgeführt: ^S60 14.6 "/g; ^SSO 1S.3°/g; 4900 13.9°/g: also leises Ansteigen bis 1880, leises Sinken bis zur Gegenwart. Beständig gesunken seit den 1860 er Jahren ist jedoch die Quote der Mehrausfuhr: sie betrug in den genannten Jahren 12.5°/g, 11.0°/^, 7.3°/<,. Leider ist die Berechnung der Exportquote nicht überall so leicht uud eiuwandsfrei, wie bei Steinkohlen. Bei andern Industrien müssen wir auf Umwegen dazu gelangen. So stelle ich bei der Eisenindustrie die Produktion von Roheisen in Vergleich mit der Ausfuhr sämtlicher Eisenfabrikate (einschließlich Roheisen nnd Maschinen). (Immer, wenn nichts anderes bemerkt ist, sind die Ziffern nach 1870 dem Statistischen Jahrbuch sür daS deutsche Reich, diejenigen der 1860er Jahre Bienengräber, die früheren Dieterici entnommen.) Da ergibt sich, daß die Ausfuhrmengen von den Produktionsmengen 1880 noch 40.7 1900 Die „fallende Exportquote" in der Industrie. 431 dahingegen nur noch 20.0°/„ ausmachten. Der Anteil der Mehrausfuhr von Eisenfabrikateu sank in diesem Zeitraum sogar von 29.3 °/g auf 7.8 °/g der Roheisenproduktion. Also die riesige Steigerung von 2.7 auf 8.5 Millionen Tonnen fand vollständig Unterkunft innerhalb Deutschlands. Bei andern Industrien bieten einen Anhalt die Menge der beschäftigten Arbeiter: Menn wir (was zulässig ist) annehmen, das; die Produktivität in der Industrie nicht abnimmt, so bedeutet eine Vermehrung der Arbeiterschaft eine mindestens gleich starke Steigerung der Produktion. Steigt der Export nicht in gleichem Verhältnis, so sällt die Exportquote. So stieg in der chemischen Industrie die Zahl der beschäftigten Personen 1882 bis 1895 nm 60.5"/g, die Menge der ausgeführten Erzeugnisse nur um 38.2°/^; in der Maschinenindustrie betrug im gleichen Zeitraum die Zunahme der Arbeiterschaft 7.0°/g, die Ausfuhrmengen nahmen dagegen sogar um 19.9°/^ ab. Für einige andere Industriezweige habe ich versucht, die Mengen der verarbeiteten Rohstosse uud Halbfabrikate zu ermitteln, und auf Grund dieser Ziffern die Gesamtproduktionsmenge zu berechnen. Es ist dies für die Lederindustrie, die Baumwoll- und Wollindustrie mit einiger Zuverlässigkeit möglich. Für die Lederindustrie besitzen wir die Einfuhrziffern für Häute nnd die Ziffern des einheimischen Viehbestandes. Da für die Lederindustrie das Schafleder nur eine geringe Rolle spielt, Schase aber seit 1860 allein sich vermindert haben, während alle andern Tierarten sich vermehrt haben, so dürfen wir getrost annehmen, daß die Mengen einheimischer Häute mindestens dieselben geblieben sind. Nun betrug aber die Mehreinfuhr an Häuteu aller Art in den Jahren 1860, 1880, 1900 je 21700, 36600, 85400 Tonnen. Dagegen in denselben Jahren die Ausfuhr an Leder und Lederwaren aller Art 4500, 11400, 14100 Tonnen; die Ausfuhr bildete also von den ersteren Mengen 20.8 °/„, 31.1 °/g, 16.5°/g. Hat sich die Lieferung deutscher Häute gesteigert (was wahrscheinlich ist), so ist die Verringerung der Exportquote noch beträchtlicher. Bei der Baumwollindustrie habe ich nach dem Vorgange Bienengräbers die Baumwolle auf Garn im Verhältnis von fünf 432 Die deutsche Volkswirtschaft und der Weltmarkt. zu vier, das Garn auf Gewebe im Verhältnis von vier zu drei zurückgeführt und die Mehreiufuhr von Garn dem im Inlands gesponnenen zugerechnet. Ich erhalte dann folgende Ziffern, die ich in Tabellenform zusammenstelle, um sie übersichtlicher zu machen: Im Durchschnitt der Jahre gelaugte Garn zur Verarbeitung Tonnen wurden baumwollene Waren angefertigt Tonnen betrug die Ausfuhr baumwollener Waren Tonnen betrug die Exportquote 1836/40 23 864 17 897 4 460 24.9°/, 1851/55 46 617 34 963 7 283 20.8°/, 1856/61 66 649 49 987 9 157 18.3°/, 1830 112 000 84 000 21 300 25.6°/, 1897/99 252 600 189 450 35 300 18.6°/, Im ganzen keine wesentliche Verschiebung seit sechzig Jahren! aber doch seit 1880 merkliche Abnahme des Anteiles der Aussuhr. Bei der Wollindustrie habe ich lediglich die Wolle in Garn umgerechnet (in allen Jahren mit ^/. Abgang): die verbrauchten Wollmengen aber ermittelt aus einer Addition der Mehreinsuhr und der einheimischen Wollproduktion (die ich — für die Gegenwart zu niedrig, sodaß die ProdnktivnSziffer kleiner erscheint als - sie iu Wirklichkeit ist — durchgängig nach Dieterieis uud Bienengräbers Vorgänge tinter Zugrundelegung von 1.1 lä >vlcko1r usw.") geziehen zu werden, so könnte ich auch sagen: ein Ausfuhrland ist dasjenige, welches Teile seines Bodenertrages gegen andere Bodenerträge oder gegen Arbeit — kürzer: welches Boden gegen Boden, oder Boden gegen Arbeit 438 Die deutsche Volkswirtschaft und der Weltmarkt, — tauscht, welches aber sein Saldo immer mit Boden begleicht. Dabei ist es gleichgültig, ob es die Erträgnisse des eigenen Bodens selbst noch weiter verarbeitet und etwa in Form von Fabrikaten ausführt (dann kauft es mit Boden Zusatzarbeit ein): wenn nur die Bodenerzeugnisse das Plus in den Aktiven ergeben. In einem solchen Zustande befand sich nuu Deutschland vor hundert und noch vor fünfzig Jahren. Der Leser findet den Ausweis in den Ziffern der Anlage 56. Deutschland sandte die Überschüsse seines Bodens teils in unverarbeitetem Znstande ins Ausland: in Form von Getreide, Wolle, Holz, Borke, FlachS: teils verarbeitet in Form von Holzwaren, von Wollwaren und Leinenwaren. Diese beiden Industrien, die Wollindustrie und die Leineninduftrie, die seit altersher (namentlich die letztere), auch als sie noch durchaus handwerksmäßig betrieben wurden, doch schon Exportgewerbe waren, sind recht eigentlich bodenständige Industrien Deutschlands, die nur zur Entwickelung gelangten, weil sie eine bequemere Form zur Ausfuhr von Landeserzeugnisseu darboten. Es mag im Vorbeigehen bemerkt werden, daß immer dann, wenn sich ein besonders lebhaftes Exvortbedürsnis in einem Lande herausstellt, dieses von einer starken Tendenz zum Freihandel erfüllt wird. So begründeten die vorwaltenden Interessen des Exportagrarismus die freihändlerische Politik Preußens in der ersten Hälfte des Jahrhunderts, die vorwaltenden Interessen des Exportindustrialismus aber leiteten die Freihandelsära der 1860 er und 1870er Jahre ein. Sobald die Eiufuhrinteresfen die Oberhand gewinnen, schlägt die Stimmung um: die schutzzöllnerischen Bestrebungen gewiuuen maßgebenden Einfluß. Das aber war für einzelue Industrien (Eisen- und Garnindustrie) in Deutschland die Sachlage um die Mitte des Jahrhunderts; sür die überwiegende Mehrzahl aller agrarischen und industriellen Gewerbe aber ist es die Situation seit Ende der 1870er Jahre. Deutlich vermögen wir wahrzunehmen, wie der Umschwung sich vollzog. Der Kapitalismus, nnd zwar in erster Linie der gewerbliche Kapitalismus hat ihn bewirkt: wer anders sollte diese Wie der Kapitalismus Deutschland in ein Einfuhrland verwandelt. 439 Gewalt im neunzehnten Jahrhundert besitzen, Staaten auf andere Grundlagen zu stellen als auf denen sie Jahrhunderte lang geruht. Schon seit einiger Zeit hatte es das Kapital für vorteilhaft erachtet, fremde Bodenerzeugnisse mit den einheimischen in Wettbewerb treten zu lassen, auch als diese noch beträchtliche Überschüsse lieferten: man schlug das Leiueu uud den Wollstoff durch das billigere Fabrikat aus Baumwolle aus dem Felde. Hier war der Grund der Einfuhr von Produktiousmitteln die Minderwertigkeit des neuen Konkurreuzstoffes gewesen. Die Baumwolle blieb aber doch eine Ausnahme. Die grundsätzliche und allgemeine Neuordnung der Dinge nahm erst ihren Anfang, als unter dem Einflüsse des gewerblichen Kapitalismus sich die Industrie immer weiter ausdehnte uud mit ihren Folgeerscheinungen: Zunahme der Bevölkerung und Städtebildung behufs Beschaffung der erforderlichen Produktionsmittel so hohe Anforderungen an die Erzengnisse des vaterländischen Bodens stellte, daß sie entweder technisch oder doch wenigstens wirtschaftlich (zu annehmbaren Preisen) nicht mehr von der einheimischen Landwirtschaft befriedigt werden konnten. Der innere Markt sog zunächst alle Bodenüberschüsse au, die ehedem ausgeführt worden waren. Bald aber genügteu die Bodenerträge — trotz ihrer, wie wir gesehen haben, außergewöhnlich starken Vermehrung — uicht mehr, um den Bedarf der Industrie an Produktionsmitteln (wozu ich natürlich auch Gerreide und Vieh rechne) zu decken. Um den Folgen dieser mißlichen Knappheit zu entgehen, gab es zwei Answege. Deutschland hat sie beide beschritten. Der eine sührte unter die Erde im eigeneil Lande, der andere aus die Böden fremder Länder. Unter der Erde im eigenen Lande fanden die deutschen Produzenten Zementlager, Kalisalzlager, vor allem aber natürlich Kohlen- und Eisenerzlager. Verdrängung der organisierten Materie dnrch die organisierte lautet, wie wir wissen, die Losung, unter der ein großer Teil der modernen Industrie ihren Siegeslaus angetreten hat. Jeder eiserne Träger, jeder eiserne Mast machte einen Banm im heimischen Walde entbehrlich. Der künstliche Dünger 440 Die deutsche Volkswirtschaft und der Weltmarkt. ersetzte eine Menge Vieh, die Anilinfarben gaben die Ackerflächen, die ehedem mit Krapp oder Waid bestanden waren, zn anderer Verwendung frei. Aber es ist einleuchtend, daß hierdurch nicht voller Ersatz für die knapper werdenden Bodcnerzeugnisse geschaffen werden konnte. So mußte man denn den andern Ausweg beschreiten: man mußte die Ernten fremder Länder zn Hülfe nehmen, um sich die Elemente für die nationale Produktion zu verschaffen. Was Deutschland heute vom Auslande einführt, sind zu vier Fünftel Produktionsmittel: 1900 für etwa 4800 Millioueu Mark von 6000 Millionen Mark, während noch im Jahre 1840 über zwei Fünftel der Gesamteinfuhr aus genußreifen Gütern bestand, und zwar überwiegend Kolonialieu und verwandten Genußgütern, wie die Zusammenstellung in Anlage 56 ersichtlich macht. Sofern nun die eingeführten Produktionsmittel zur Erzeugung von Lebensmitteln dienen, oder auch genußreife Lebeusmittel (was ebenfalls in beträchtlichem Umfange geschieht: vgl. immer Anlage 57) über die Grenze kommen, wird in wachsendem Maße die Möglichkeit geschaffen, die übrigen Produktionsmittel als Rohstoffe hereinzunehmen und den Produktionsprozeß von Anfang bis zu Ende nach Deutschland zu verlegen: das bedeutet zunehmende Tendenz, Wolle, Baumwolle, Flachs, Hanf und Jute statt Garn, Häute statt Leder, Erze statt Roheisen eiuzuführen. 1880 entsprach einer Spinn- stoffeinsuhr von 327 500 t eine Garneinfuhr von 39 400 t, 1900 war jene auf 667100 t, diese auf nur 57.300 t angewachsen. 1880 wurden neben 31500 t Häuten noch 5723 t Leder eingeführt, 1900 neben 60 000 t Häute nur noch 2660 t Leder. 1880 betrug die Menge der eingeführten Erze nur wenig mehr als das Doppelte (607 007 t) des eingeführten Roheisens (238 572 t): im Durchschnitt der Jahre 1898/1900 fast das siebenfache (vgl. Anlage S8). In der vorhin beliebten Ausdrucksweise heißt das: Deutschland tauscht immer weniger fremde Arbeit und immer mehr fremden Boden ein. Es liefert Arbeit selbst genug, mehr als geuug. WaS ihm fehlt ist Bodeu und immer wieder Boden, Boden der tropischen, vor allem aber Boden der gemäßigten Zone. Das scheint mir in der Tat die Pointe der ganzen Umwäl- Ist das deutsche Vvlk fähig, sich aus eigener Bvdenkraft zu erhalten? 44t zuug zu sein, die das neunzehnte Jahrhundert für Deutschland gebracht hat. Am Anfang bot der Bvden des deutschen Reichs so viel Raum, daß neben dem eigenen Volke noch fremde Völker mit darauf stehen konnten. Am Schlüsse sind die fremden Völker längst davon verdrängt (Deutschland sührt allerdings auch jetzt noch Bodenerzeuguisse aus, aber doch eben längst nicht so viel wie es fremde einführt), die deutsche Nation hat aber selbst keinen Platz mehr und hat immer mehr Auslandsboden mit Beschlag belegen müssen. Anders ausgedrückt: vor hundert Jahren trng der deutsche Boden die deutsche Volkswirtschaft ganz und einige Teile fremder Volkswirtschaften außerdem, heute ist das Fundamentum der deutschen Volkswirtschaft weit über die Grenzen Deutschlands hiuaus, tief in fremde Länder hinein ausgedehnt worden. Man weiß, daß die hierdurch gekennzeichneten Veränderungen (wenn auch vielfach in fchiefer Beleuchtuug) gerade in den letzte» Jahren de§ scheidenden Jahrhunderts Gegenstand lebhafter Erörterungen gewesen sind, weil man sie in Zusammenhang mit den Problemen der Handelspolitik gebracht hat. Obwohl nun in diesem Buche jedes politische Räsouneinent streng verpönt ist, so kann ich doch nicht umhin, an dieser Stelle wenigstens einige der zur Diskussion stehenden Tatsachenbestände der kritischen Sonde zu unterwerfen, selbstverständlich uur innerhalb des Rahmens, der der wissenschaftlichen Betrachtnng gesteckt ist. Ich möchte vor allem dem Gedanken Ausdruck verleihen, daß es meines Trachtens eine geradezu abenteuerliche Vorstellung ist, zu glauben, eilt Volk wie das deutsche sei noch der Erhaltung aus eigener (Boden-)Kraft fähig. Dabei bleibt ganz außer Betracht, ob es mehr oder weniger wünschenswert sei, daß ein Volk bodenständig bleibe oder nicht. Alle Diskussion des detter or vvorss ist von vornherein mit dein Makel der Unwissenschaftlichkeit behaftet. Man muß sich deshalb auch sehr Wohl hüteu, in die wissenschaftliche Diskussion so gänzlich unbestimmte Begriffe wie kulturell entbehrliche oder uueutbehrliche Dinge einzuführen. Absichtlich habe ich bisher nach Möglichkeit die Unterscheidung uuserer Einfuhr nach den Kategorien „Nahrungsmittel", „Rohstoffe für die Industrie" usw. vermieden, weil dadurch, wie ich glaube, falsche Vorstellungen wach- 442 Die deutsche Volkswirtschaft und der Weltmarkt. gerufen werdein als ob jene weniger entbehrliche Dinge seien als diese. Davon ist keine Rede: der Spinnstoff ist nicht „entbehrlicher" als das Getreide. Beides sind zunächst Produktionsmittel, die einer Industrie ihr Dasein ermöglichen. Die aus ihnen erzeugten Genußgüter siud aber doch auch inkommensurabel, was ihre „Entbehrlichkeit" anbetrifft: man kann doch nicht daran denken, die Meuscheu nur zu ernähren, sie aber nackt gehen zu lassen ohne Wohnungen, ohne Geräte, in denen sie die Speisen kochen, mit denen, von denen sie essen. Schnurrige Vorstellung das: eine Herde nackter Meuscheu ohne alle Gebranchsgüter außer dem Mehlbrei, den sie zu ihrer Lebensfristuug gebrauchen. Wobei zu berücksichtigen bleibt, daß auch der Mehlbrei zu seiner Herstellung immerhin noch einiger Produktionsmittel benötigt, die möglicherweise aus dem Auslande stammen. Ich will vielmehr nur an einigen Ziffern ersichtlich zu machen versuchen, in welchem llmfange die deutsche Volkswirtschaft teils Hu'ells s8t> auf ausländischem Boden ruht. Zu diesem Ziele führt, wie mich däucht, nicht der Weg, den einige Volkswirte vor mir eingeschlagen haben der Wertanteil an der Gesamtaussuhr je mehr als 2"/^. Deutschland bezahlt also — man darf getrost sagen, denn es kann gar nicht anders seiu: in wachsendem Umfange — fremden Boden mit heimischer Arbeit, zum Teil auch noch mit den (unverarbeiteten) Überschüssen seiner unter der Erde ruhenden Schätze: Steinkohle! Überblickt man die geographischen Beziehungen des deutschen Außenhandels — vgl. Anlage 58 —, so findet man die hier vertretene Ausfassuug vom Wesen des modernen internationalen Güteraustausches voll bestätigt. Deutschland bezieht aus Österreich- Ungarn, Rußland, Schweden-Norwegen, Italien, den Vereinigten Staaten, den englischen Kolonien «über England!» nnd den exotischen Ländern die wenig oder gar nicht bearbeiteten Erzeugnisse ihres Bodens, um die Erzeugnisse seiner Arbeit dorthin zu senden. Daß sich natürlich neben diesen beiden großen Warenströmen eine tausendfältige Kreuzung aller möglichen Handelsbeziehungen zwischen den einzelnen Ländern ergibt, bedarf erst keiner weiteren Hervor- Die geographischen Beziehungen des deutschen Außenhandels. 447 Hebung. Es wäre auffallend, wenn es anders wäre. Daß insbesondere auch eiu reger Güteraustausch zwischen Arbeitsländern ebenso wie zwischen Bodenländern stattfindet, ist eine bekannte Tatsache. In ihr findet zweifellos einmal das so viel mißbrauchte „Gesetz der zunehmenden nationalen Differenzierung" seinen Ausdruck. Im allgemeine!?, so lehrt der Augenschein, herrscht in den internationalen Handelsbeziehungen eine ziemliche Stetigkeit. Die Änderungen sind diese: Im Anfange des Jahrhunderts war es England fast allein, das sich fremde Bodenerzeugnisse ans dem Wege des Handels aneignen mußte. Jetzt sind einige wenige westeuropäische Staaten, unter ihnen an erster Stelle Deutschland, in die gleiche ^age versetzt. Dagegen sind Rußland und die Bereinigten Staaten — dank ihrer ungeheuren Ausdehnung und Bodenfruchtbarkeit — bis heute Ausfuhrländer par exellsnee geblieben. Zu ihnen haben sich einige ferner von Westeuropa gelegene exotische Länder (unter ihnen ragen Australien und Argentinien an Bedeutung hervor) als Bodenlieferanten gesellt, die aber noch nicht annähernd den Rang der beiden erstgenannten Staaten einnehmen. Auf Einzelheiten darf ich hier natürlich nicht eingehen. Ich darf auch nicht, so reizvoll es wäre, Betrachtungen über die Gestaltung des Welthandels im zwanzigsten Jahrhundert anstellen. Nur eines kann ich mir nicht versagen: zur Beachtung für alle, die das nahe bevorstehende Ende der Gilterausfuhr in die Boden- läuder voraussagen, eine Stelle aus dem Werke eines der besten Volkswirte seiner Zeit, Gustav von Gülichs, hier herzusetzen, in der er dem Export nach den Vereinigten Staaten das Horoskop stellt (geschrieben Anfang der 1840 er Jahre). Es heißt da: „Aber eine andere Frage ist: wird der Verkehr zwischen den beiden Weltteilen, insbesondere die Ausfuhr aus Europa nach Amerika auf die Länge in dem bisherigen Umfang bestehen können? Wir glauben diese Frage verneinen und dafür halten zu müssen, daß er schon jetzt sehr bedeutend gesunken sein würde, wenn nicht die ebengedachten außerordentlichen Umstände ihn gehoben hätten. Sie sind aber — wir meinen besonders das gedachte Kreditwesen — so künstlicher Natnr und so wenig geeignet, dauerndes zu fördern, dann sind ferner die Briten, welche unter allen europäischen 448 Die deutsche Volkswirtschaft und der Weltmarkt. Nationen doch bisweilen den ausgedehntesten Verkehr mit Amerika unterhalten, durch sehr bittere Erfahrungen belehrt, so scheu geworden, zu Ähnlichem sich herzugeben, daß auf diese Basis auch nicht einmal auf wenige Jahre ein schwunghafter Verkehr aufs neue sich begründen lassen möchte. Gehen wir nunmehr ins Einzelne, so zeigt sich, daß in neuerer Zeit, namentlich von 1830 bis 1840, die Ausfuhr aus unserem Weltteile nach Amerika überhaupt zwar bedeutend stieg, daß aber, wie das eben auch in dem Abschnitte über die Handelsbilanz herausgehoben ist, eine sehr große Konsumtion von europäischen Fabrikaten nur in den Gegenden sich zeigte, in welchen europäische Bevölkerung entschieden vorherrscht, dieselbe (!) wenigstens sehr bedeutend ist. Ferner ist bekannt, daß auch in fast allen diesen Gegenden der Absatz von europäischen Erzeugnissen in neuester Zeit gewöhnlich nur dadurch bewirkt werden konnte, daß man sie, wenigstens die meisten dieser Waren, um immer niedrigern Preis verkaufte, und daß demnach in den letzten Jahren eine Erweiterung des Absatzes von solchen nicht mehr eintrat, in den meisten Gegenden Amerikas sich vielmehr Abnahme zeigte. Und was diejenigen Gegenden dieses Weltteils, welche seit längerer Zeit die größte Menge von europäischen Erzeugnissen verbrauchten, die Vereinigten Staaten, insbesondere anlangt, so bewies schon die bekannte Krisis vom Jahre 1336, daß mehrere dieser Staaten nur so lange sehr große Massen fremder Waren kaufen konnten, als die von den Engländern ihnen geliehenen Summen sie dazu in Stand setzten, uud ferner daß, als die Briten sich nicht mehr geneigt zeigten, die Darlehen zu erneuern, dies die Amerikaner zwang, durch Förderung ihres Ackerbaus und Gewerbesleißes sich mehr und mehr unabhängig vom Auslande zu machen, und es machte daraus die Industrie in den Unionsstaaten, welche in der früheren Zeit, zumal in den zwanziger Jahren, sich sehr gehoben, in den dreißiger Jahren aber, infolge der in denselben (!) wieder eingetretenen größern Konkurrenz der englischen Fabrikate auf den amerikanischen Märkten, sich weniger entwickelt hatte, in allerueuester Zeit wiederum überaus bedeutende und so große Fortschritte, daß mehr als wahrscheinlich ist, es werden diese Staaten von manchen europäischen Erzeugnissen von Ein Urteil über die Aussicht d. Handels mit Amerika aus d, 1840er Jahren. 449 Jahr zu Jahr weniger bedürfen; namentlich von den Geweben, in deren Herstellung der Umstand diese Staaten nicht wenig begünstigt, daß sie den Rohstoff selbst erzengen-, wie dies ganz besonders mit der Baumwolle der Fall ist, und daß sie ferner im Maschinellen so weit vorgeschritten sind als, die Briten ausgenommen, fast keine europäische Nation. Es möchte unter diesen Umständen selbst dann, wenn die neuerlich hier eingeführte hohe Besteuerung fremder Fabrikate nicht Bestand haben sollte, höchstens nur für einzelne europäische Waren hier ein bedeutender Absatz serner noch zu erwarten sei." Ebenso, wie ich es mir versagen mnß, Ausblicke in die Zukunft zu tuu, verzichte ich natürlich auch darauf, irgend eine praktische Schlußfolgerung aus den gemachten Feststellungen zu ziehen. Hier kommt es nur darauf an, daß diese selber sich dem Leser denkbar klar und deutlich einprägen. Deshalb möchte ich dieses Kapitel nicht schließen ohne einige Bemerkungen allgemein orientierenden Inhalts, die deshalb ganz besonders nötig erscheinen, weil meine hier vertretene Auffassung von der Bedeutung des inneren und äußeren Marktes für Deutschlands Volkswirtschaft schon bei früheren Gelegenheiten Mißverstündnissen begegnet ist. Auf den ersten oberflächlichen Blick könnte es scheinen, als stünden der erste und der zweite Teil dieser Ausführungen in einem Gegensatze zu einander, als höbe ich in dem zweiten Teile wieder auf, was ich im ersten mit solcher Entschiedenheit behauptet habe. Sieht man jedoch näher zu, so verschwinden die scheinbaren Widersprüche, und die einzelnen Teile fügen sich zu einer durchaus einheitlichen Gesamtauffassnng gut ineinander. Wogegen ich mich am Eingange dieses Kapitels gewandt habe, war die allzu häufig vertretene Meinung, die Entwickelung führe zu einer immer engeren Verschlingung der einzelnen Volkswirtschaften im Sinne wachsender nationaler Differenzierung einerseits (Standpunkt des landläufigen Optimismus), zu einer wachsenden Bedeutung des Weltmarktes, namentlich für die Ausfuhrindustrie, die die fremden Märkte absage, unter den Peitschenhieben eines rasend gewordenen „Ex- portindustrialismus", dieweil der inländische Markt einer Ausdehnung uicht fähig sei (landläufiger Pessimismus). Demgegen- Sombart, Vollswirtschast. 29 450 Die deutsche Volkswirtschaft und der Weltmarkt. über habe ich zisfermäßig festzustellen versucht, daß eher das Gegenteil zutrifft: daß die einzelnen Volkswirtschaften immer vollkommenere Mikrokosmen werden, und daß der innere Markt für alle Gewerbe den Weltmarkt immer mehr an Bedeutung überflügelt. Um jedoch — so wurde nun weiter gefolgert — diese Entwickelung der deutschen Volkswirtschaft zu ermöglichen, muß sie ihre Basis erweitern, muß sie die Erträge fremden Bodens in wachsendem Umfange sich aneignen. Verglichen also mit dem ursprünglichen Standort der deutschen Volkswirtschaft nehmen die weltwirtschaftlichen Beziehungen an Bedeutnng zu, ich mochte sageil: an Extensität. Rascher jedoch schwillt die volkswirtschaftliche Tätigkeit ans dem deutschen Reichsgebiete an, als die Bezüge ans dem Auslande, so daß, wenn wir Volkswirtschaft und Außenhandel in Vergleich ftelleu, dieser einen immer geringeren Anteil hat. Nehmen also die weltwirtschaftlichen Beziehungen an Extensität zu, so nehmen sie (wie man sagen konnte) an Intensität ab; besser: so werden sie von der volkswirtschaftlichen Entwickelung im Innern an Intensität übertroffen. Nun aber die Pointe: um den intensiven Entwickelungsgang der einheimischen Volkswirtschaft zu ermöglichen, müssen die internationalen Handelsbeziehungen an Extensität stetig wachsen. Um dem inneren Markt seine znnehmende Bedeutnng zu sichern, muß der auswärtige Handel an Ausdehnung gewinnen. Deutschlands Handel, so saheu wir, ist heute wesentlich Einsuhrhandel. Die Ausfuhr dient nur als Bezahlung. Der Einfuhrhandel aber verschafft uns erst die Möglichkeit, ein Volk, wie das deutsche, auf so winzigem Gebiete, wie dem deutschen Reiche, überhaupt zu erhalten. Der Einfuhrhandel weitet, wie nun schon zum Überdruß häufig gesagt ist, den Bodenspielranm, ans dem wir stehen. Aber nicht nur mittels der fremdeil Bvdenerzeugnisse, die er hereinbringt. Viel mehr noch, weil er allein es ist, der die Landwirtschaft in ihrer heutigen Gestalt möglich macht, vor allem eine verhältnismäßig schon so hohe Stufe iuteusiver Bodennutzung, also eine so große Ertragsfähigkeit. Nnr weil das Ausland alle die Erzeugnisse einer extensiveren Wirtschaft — Wolle, Häute, Borsten, Holz usw. — uns liefert, kann unsere Landwirtschaft sich der intensiven Produktion unserer Nahrung widmen. Sie würde es viel- Zusamuienfassendc Wertung d.auSwärligcnHandelsbeziehungen Deutschlands. 451 leicht in uoch vollkommenerem Maße vermögen, wenn noch mehr von der Getreidelieferung dem Auslande übertragen würde. Die deutsche Landwirtschaft in ihrer heutigen Gestalt ist aber noch in einer audern Hinsicht vom Einfuhrhandel schlechthin abhängig. Sie bezog beispielsweise im Jahre 1900 au Futtermitteln, künstlichen Düngern und andern Förderungsmitteln ihres Betriebes für etwa 430 Millionen Mark vom Auslande. Weil sich min aber die Naturbasis, auf der die deutsche (wie einstweilen jede) Volkswirtschaft ruht, unmittelbar (durch Einführung fremder Bodenerzeugnisse) und mittelbar (durch Steigeruug der landwirtschaftlichen Produktion im Jnlande) so beträchtlich ausgeweitet hat, ist es einem wachsenden Teile der Bevölkernng möglich geworden, sich der Stoff- veredluug zuzuwenden, ist es vor allem möglich geworden, ueue Industrien auf der Grundlage unorganisierter Materie aufzubauen, die doch erst denkbar sind, wenn das ?i-ocluit, net des Bodens eine bestimmte Höhe erreicht hat. Nun liegt aber Deutschlands Stärke gerade in diesen, sagen wir „unorganischen" Industrien, weil es von der Natur begünstigt ist mit Stvffvorräten, die diese verarbeiten. Die hierin gebundenen produktiven Kräfte sind also erst frei geworden, nachdem sich die entsprechenden Bodenüberschüsse angehäuft hatten. Diese Anhäufung ist nicht zuletzt das Werk unseres Einfuhrhandels: direkt, wie wir gesehen haben, aber wie nun noch vermerkt werden muß, auch indirekt: sofern er (durch Zuführung von Rohstoffen usw.) die industrielle Entwickelung im Laude befördert, die allein der einheimischen Landwirtschaft den Antrieb zur Steigeruug ihrer Erträge bietet. Und deshalb besitzt der Einfuhr- handel diese entscheidende Bedeutung für die deutsche Volkswirtschaft. Mit der Zeit werden wir Wohl dahin kommen, einzuführen ohne auszuführen (England bezieht hente schon die Hälfte der Ein- fnhrmengen vom Auslande unentgeltlich). Einstweilen bedürfen wir noch der Warenausfuhr, dereu volkswirtschaftliche Funktion also wesentlich darin beruht, die Einfuhr zu ermöglichen. Ohne diese aber könuten wir vielleicht hente kaum die Hälfte unserer Bevölkernng als ein Kulturvolk erhalten. Ob das alles sehr vergnüglich ist, bleibe dahingestellt. Aber kommt es denn darauf au? Viertes Buch. Die Grundzüge der neuen Gesellschaft. Fünfzehntes Kapitel. Wirtschaft und Kultur. I. Masse und Wechsel. Nicht weil ich es für besonders geistreich hielte ('im Gegenteil, die Darstellung erhält dadurch etwas Monotones), sondern lediglich aus Zweckmäßigkeitsrücksichten, aus didaktischen Grüudeu Null ich die tausendfachen Veränderungen, die die wirtschaftliche Entwickelung während des neunzehnten Jahrhunderts an den Grnndlagen unserer materiellen Kultur bewirkt hat, unter nnr zwei Gesichtspunkten betrachten: unter dem Gesichtspunkte der „Masse" uud dem des „Wechsels"; will also versuchen, mit diesen beiden Kategorien die wichtigsten Umgestaltungen, die unsere Umwelt, unsere äußeren Lebensbedingungen während des verflossenen Jahrhunderts erfahren haben, zu einem leidlich geordneten Bilde in unserer Vorstellung zusammenzufügen. Gibt es in der Tat etwas, das für unsere Zeit charakteristischer wäre als das Massenhafte, als die Menge im Gebiete der Menschenwelt ebenso wie der Güterwelt? Und diese Menge hat uns das neunzehnte Jahrhundert gebracht. Ich beginne mit der Menschenmenge, von der schon öfters die Rede war. Dreißig Millionen Menschen leben im Jahre 1900 mehr in Deutschland als 1800. Die Bevölkerung hat sich verdoppelt. Wenn wir also annehmen, daß Deutschland znvor nie dichter bevölkert war als am Ende des achtzehnten Jahrhunderts (was nach allem, was wir von der Vergangenheit wissen, eine zutreffende Annahme fein dürfte), fo hat iu diesen letzten hundert Jahren die Zunahme mehr betragen, als seit Armins Zeiten. Alle vergangenen Jahrhunderte 456 Wirtschaft und Kulmr, zusammen hatten es ans nicht mehr als 25 Millionen gebracht, nnser einziges Jahrhundert hat 30 Millionen dazu geliefert. Mir scheint, diese eine Tatsache ist von so überragender Bedeutung, daß alle übrigen Veränderungen dahinter zurückstehen. Mit seinen 104.2 Einwohnern aus dem Quadratkilometer gehört Deutschland jetzt zu den volkreichsten Ländern der Erde. Wenn wir von Belgien und Holland absehen, die wir angesichts ihres geringen Umfanges nur mit einer preußischen Provinz vder dem Königreiche Sachsen in Vergleich stellen können, so ist die Dichtigkeit der Bevölkerung überhaupt nur noch in Großbritannien (132) und Italien (113,2) größer als bei nns. Wir sind China (?2) uud Indien (61.3) weit vorausgeeilt. Was es- mit dieser ungeheuren Menschensülle auf sich hat, empfindet man am klarsten, wenn man an einem schönen Sonntagnachmittage vor die Tore einer Großstadt geht vder während der Ferien in die Nähe eines .^inderspielplatzes gerät: hier ist der einzige Eindruck, den man überhaupt noch empfängt, der einer nnterschiedlosen. unübersehbaren Masse. Man hat nur immer wieder den einen Gedanken: mein Gott, wie viel Menschen gibt es! Wie würde der alte Sebastian Franck jetzt erstaunen, sähe er das „viels Volk", das heute in Deutschland herumwimmelt. Was würde der alte Fritz sich sreuen! Daß man in unserer Zeit so häufig die Gelegenheit hat, dies wimmelnde Volk sich ausbreiten zu sehen, findet seine Erklärung in der Gewohnheit des modernen Menschen, sich wie die Schafherde beim Gewitter an wenigen Stellen des Landes dicht zusammenzudrängen, will sageu in Haufen übereinander getürmt sich iu einigen größereil uud großeu Städteu anzusiedeln. Hat das neunzehnte Jahrhundert uus die absolute Menschenmasse als Gesamtbevölkeruug gebracht, so die relative (wie mau sageu könnte) in den Städteu und Großstädten. Nicht nur ist — wie die statistischen Fachausdrücke lauten — die Bevvlkeruugszuuahme, sondern es ist auch die Bevölkerungsagglomeration in den vergangenen hundert Jahren eine so starke gewesen, wie nie in Deutschland zuvor. Die Entwickelung der Stadt, insonderheit der Großstadt fällt ganz in diese Periode: aus Gründen, die iu BevölkenmgSzunahme und BevvlkerungSaggloincmtion. 457 meinem Kapitalismus, wo ich eine Theorie der modernen Städte- bildnng zu geben versucht habe, ausführlich dargelegt Morden sind. Hier begnüge ich mich mit der Feststellung der Tatsache und beleuchte diese durch einige Ziffern. Wie es zu Beginn des Jahrhunderts mit dem Stüdtewesen in Deutschland aussah, habe ich bereits im ersten und zweiten Kapitel gezeigt. Aber auch um die Mitte des 19. Jahrhunderts ist Deutschland noch ein von wenigen unbedeutenden Klein- und Mittelstädten durchsetztes Gebiet; der Schwerpunkt seines sozialen Lebens ruht durchaus uoch auf dein Lande. In Preußen wohnen 1849 erst 28.04°/^ der Bevölkeruug in Städten. Selbst im Königreich Sachsen lagen die Dinge nicht erheblich anders: 1849 lebten in 142 Städten 663 040 Personen gegenüber 1231 791 auf dem Lande. In anderen deutschen Staaten trat die städtische Bevölkerung gegenüber der ländlichen noch mehr zurück. Während in Sachsen im Jahre 1846 auf 100 Stadtbewohner 196 Landbewohner entfielen, betrug das Verhältnis der städtischen zur ländlichen Bevölkerung in Bayern 100:578, in Württemberg 100:400, in Baden, Hessen-Darmstadt, Hannover 100:560. Preußen besaß 1849 nur 15 Städte über 30000 Einwohner, von den sächsischen Städten hatten im Jahre 1846 nur fünf über 10 000 Einwohner. Um 1850 setzt die Agglomerationstendenz ein. Es lebte» im Deutschen Reich in Städten 1871: 36.1 °/g der Bevölkerung, 1875: 39.0 "/<,, 1880: 41.4 1885: 43.7 1890: 47.0 1895: 49.81900: 54.3°/<>. An der steigenden Zunahme der städtischen Bevölkerung sind die Groß- und Mittelstädte stärker beteiligt als die Kleinstädte. In Großstädten (über 100 000 Einwohner) wohnten 1871: 4.8 °/<>, 1900: 16.2 °/^, in Mittelstädten (20000 bis 100000 Einwohner) wohnten 1871: 7.2 1900: 12.6 in Kleinstädten (5000 bis 20000 Einwohner) wohnten 1871: 11.2°/„, 1900: 13.4 in Landstädten (2000 bis 5000 Einwohner) wohnten 1871: 12.4°/g, 1900: 12.1°/<>. Die Reichsstatistik faßt zu Mittelstädten alle Städte zwischen 20 000 und 100 000 Einwohnern zusammen. Ich habe die Empfindung, als ob die „Großstadt" im weiteren Sinne innerhalb dieses Spielraumes ihren Anfang nimmt, nnd halte in Über- -15.8 Wirtschaft und Kultur. ciustimmnng mit dem „Jahrbuch deutscher Städte" die Ziffer von 50000 Einwohnern für eine natürliche Grenze. Deshalb erscheint es mir, als ob die veränderte Sachlage sich in keiner anderen Ziffer so deutlich ausspreche als in der nachstehenden. In Städten mit mehr als 50000 Einwohnern lebten in Deutschland 1843: 1229 681 Meuscheu, d.h. 3.5 ^ der Gesamtbevölkcruug, im Jahre 1900 (1. Dezember) 11861924 Menschen, d. h. 21.9 «/g der Gesamtbevölkerung. Der Löwenanteil dieser Bevölkerung entfällt auf die Städte mit mehr als 100 000 Einwohnern. Dieser Städte gab es im Jahre 1871 acht, und es wohnten in ihnen 5.34 °/g der Gesamtbevöikerung; im Jahre 1900 gab es 33 solcher Städte, in denen 16.36 der Gesamtbevölkerung wohnte». Und der Menschenmenge entspricht die Gütermenge, die das neunzehnte Jahrhundert zu erzeugen uns befähigt hat. Ja, es ist die Vermehrung des Gütervorrats, über den wir zu Zwecken unseres Gebrauches verfügen, in einem noch viel rascheren Tempo erfolgt als die Zunahme der Bevölkerung; mit anderen Worten: wir besitzen heute zu Konsumtionszwecken nicht nur doppelt so viel Güter wie vor hundert Jahren (also daß auf den einzelnen die gleiche Menge entfällt) sondern weit mehr als das Doppelte, vielleicht das Dreifache oder das Vierfache. Der Nationalökonom Pflegt diese Gütervermehruug (oder die Fähigkeit zur Mehrerzeugung von Gütern) als Steigerung des Nationalwohlstandes, Zunahme des Reichtumes zu bezeichnen. Und diese ist denn während des verflossenen Jahrhunderts in der Tat eine unerhörte, nie zuvor erlebte gewesen. Ich muß hoffen, daß ich für diese wichtige Tatsache in dem vorausgehenden dritten Bnche den quellenmäßigen Nachweis erbracht habe. Aus jeder Zeile mußte es dem Leser, denke ich doch, förmlich entgegenschreien: Steigerung der Produktivität, Mehrproduktion, Anwachsen des verfügbaren Gütervorrats. Daß dieser sich als Volksvermögen in den dauernden Anlagen der Nation, den Verkehrsstraßen, Fabriken, Gebäuden, Hauseinrichtungen und tausend anderen Verwendungen niederschlägt und alsdann (in wachsendem Umfange) zu längerer Nutzung zur Verfügung steht oder als Volkseinkommen zu jährlichem Verzehr gelangt, mag noch ergänzend hinzugefügt werden, auch daß es der Eigenart unserer Zunahme des Reichtums. 459 Technik wie unserer Wirtschaft entspricht, daß das Volksvermögen in rascherer Progression wächst als das Volkseinkommen. Öfters habe ich auch schon meine Meinung über den geringen Wert allgemeiner statistischen Angaben, die den Reichtumsgrad einer Nation zifsermäßig darstellen wollen, geäußert. Ebenso geben uns ein unvollständiges Bild von den tatsächlichen Verhältnissen die Ziffern des Verbrauchs oder des Einkommens. Der Leser, der (wie ich immer voraussetze) meinen Kapitalismus zur Hand hat, empfängt dort im dreizehnten Kapitel des zweiten Bandes einen Überblick über das verwertbare Zahlenmaterial, ans dem die Neich- tnmszunahme während des neunzehnten Jahrhunderts ersehen werden kann. Zur Ergänzung des dort zusammengestellten Materials will ich nur uoch die Schätzungen mitteilen, die wir von dem deutschen Volksvermögen oder Einkommen zu den verschiedenen Zeiten besitzen. Es betrug das Durchschnittseinkommen einer Person im Jahre 1840 241 Mark 1870 372 1895 506 „ 1900 650 Die Ziffern für 1840 bis 1895 entstammen Mnlhall, die letzte füge ich unter Berücksichtigung einer Reihe wichtiger Umstände namentlich der Steigerung des versteuerten Einkommens (ohne Berechnung, nach Gutdünken) bei. Ich glanbe, daß sie eine Mindestgröße darstellt. Denn es stieg beispielsweise das zur Einkommensteuer in Preußen veranlagte Einkommen der physischen Personen von 5937 im Jahre 1895 auf 7841 im Jahre 1900, also nm 32.3°/,. Ich wiederhole: irgendwelchen wissenschaftlichen Wert haben derartige Ziffern nicht. Eher gewähren nns noch die Ziffern der Produktivkräfte, wie sie ebenfalls Mulhall in seinem Oictionar)' ok 8tg,tistio8 berechnet, einen leidlich zuverlässigen Anhalt, um die Reichtumssteigeruug einer Nation zn messen. Mulhall berechnet, wie viel Kräfte einem Volke in den verschiedenen Kraftquellen (Menschen, Tiere, Dampf) täglich zur Verfügung stehen, um eine Gewichtstonne einen Fuß hoch zu heben, und kommt dabei sür 460 Wirtschaft und Kultur, Teutschland zu folgendem Ergebnisse, das ich der Kuriosität halber hier noch mitteilen will. Deutschland besaß eine Kraft von Mill. Fnßtounen täglich Hand Pferde Dampf Zusammen Fußtonnen auf den Einwohner 1840 2700 7 500 160 10360 310 1800 3200 9100 3400 15 700 415 - 1895 4260 11500 30 600 46360 900 Die verschiedenen Zahlen, so anfechtbar jede einzelne ist, gewiuneu dadurch an Bedeutung, daß sie übereinstimmend zu demselben Ergebnis gelangen, zu dem auch andere zuverlässigere Spezial- studieu fähren (wie ich sie in dein voraufgehenden Buche angestellt habe): dem nämlich, daß wir jedenfalls während des verflossenen Jahrhunderts eine starke Steigerung unserer Produktivität, eine sehr beträchtliche Vermehrung des verfügbaren Gilterquantums und zwar sicher eine das Bevvlkerungswachstnm überholende Zunahme des Nationalreichtums erlebt haben: ob wir nun dreimal oder viermal oder füufmal so reich sind als am Anfange des Jahrhunderts wird sich niemals einwandsfrei feststellen lassen, ist aber auch ziemlich gleichgiltig. Entscheidend ist die Tntsache des Neicher- gewordenseins: will sagen auch in der Güterwelt ist ein Mehr, ein Viel, eine Menge, eine Fülle, eine Masse das charakteristische Endergebnis der Entwickelung im verflossenen Jahrhundert. Wenn viele Menschen viele Güter konsumiereu, so entsteht ein massenhafter Konsum, und für das nächste Mal ein massenhafter Bedarf. Dieser wird nun leicht zu einem Massenbedarf, d. h. zu einem Bedarf nach gleichartigen Güteru, namentlich weitn (was in unserer Zeit der Fall war) der Zunahme des Verbrauchs nicht eine entsprechende Differenzierung des Geschmacks zur Seite geht. Der Masseubedarf aber wird Veranlassung zu neuen Formen der Bedarfsbefriedigung, die ich als Kollektivisierung des Konsums bezeichnet habe uud die zumal in den modernen Großstädten heute bereits eine große Rolle spielt: Mietskaserne! Vergnügungslokale! Städtische Gas-, Wasser- und Elektrizitätsversorgting! Öffentliche Verkehrsanstalten! Wechsel in Form und Art der uns umgebenden Güterwclt. 461 Wie sehr der einheitliche Massenbedarf und die kollektive Bedarfsbefriedigung heute bereits das deutsche Wirtschaftsleben beherrschen, habe ich wiederum in meinem Kapitalismus s2. Band; 16. Kapitel) eingehend dargetan. Ich könnte nur das dort Gesagte wiederholen und muß deshalb auch dieses Mal noch den Leser, der sich für das Detail dieser Dinge interessiert, bitten, sich an der bezeichneten Stelle Rats zu erholen. Wo eine ansehnliche Gütermasse zn einer äußeren Einheit zusammengefügt ist, bewirkt sie in uns die Vorstellung der räumlichen Größe, der erheblichen Ausdehnung. Und auch in dieser Gestalt beherrscht die Masse uusere Zeit: das wahrzunehmen hatten wir im Verlaufe der Darstellung au verschiedenen Stellen Gelegenheit. Die Ausmaße vieler Dinge wachsen in das Riesenhafte, sie werden „imposant": die Städte, die Straßen, die Wohnhäuser, die Bahnhöfe, die öffentlichen Gebäude, die Verkaufsläden, die Fabriken, die Maschinen, die Brücken, die Schiffe und so tausenderlei anderes. Und wie die Masse, so ist auch der Wechsel iu jeder Gestalt unserer Zeit eigentümlich: die Bewegung, die Uuständigkeit häufig gepaart mit der Masse zu einer einheitlichen sozialen Erscheinung. Ich denke zunächst an den Wechsel, den Form und Art der uns umgebenden Güterwelt unausgesetzt erfahren. Ans der tiefsten Seele des Kapitalismus bricht immer und immer wieder das Streben hervor, durch Änderung oder Besserung die Absatzfähigkeit einer Ware zu erhöhen. Und die moderne Technik, die ebenfalls iu ewigem Wandel befindlich ist, von Verfahren zu Verfahren in überhastetem Jagen stürzt, bietet sich als das geeignete Werkzeug in der Hand des neueruugssüchtigen Kapitalismus dar. Wir sprechen bei diesen Verändernngen von Modewechsel, wenn es sich um Bekleidungsgegenstände, von Veränderungen des Stils, wenn es sich um bauliche Einrichtungen oder Möbel handelt, von technischer Vervollkommnung, wenn die Veränderung Produktionsmittel oder ihuen verwandte Gegenstände (Beleuchtungs-, Behei- zungs-, Beförderuugsmittel usw.) betrifft. Das Phänomen ist das 462 Wirtschaft und Kultur. gleiche und die Ursachen sind es auch. Gewiß sind auch in früherer Zeit Veränderungen der gedachten Art erfolgt. Aber was unsere Epoche wiederum auszeichnet, ist die Mannhaftigkeit und damit die Schnelligkeit des Wechsels. Ein Kleidungsstiich eiu Schmuckgegenstand, ein Möbel, ein Fahrrad, eine Lampe, eine Maschine, ein Medikament, eine Reproduktionstechnik, eine Blumenart, kurz was auch immer der Kapitalismus iu deu Strudel seines Verwertungsbedürfnisses zu ziehen vermag (nnd was wäre das nicht!) kann sicher sein, in 10, in S, in 1 Jahre — die Lebensdauer der einzelnen Formen ist verschieden lang —- dem mitleidigen Achselzucken der in ihren Anforderungen auf der Höhe ihrer Zeit stehenden Kundschaft zu begegnen. Sorgt so der Kapitalismus dafür, daß die Gestalt der Dinge, über die sich unsere Verfügnngsgewalt erstreckt, unausgesetztem Wechsel unterworfen ist und erzeugt er damit — wenn wir uns in die Seele eines Gebrauchsgntes versetzen! — ein Gefühl der Unsicherheit in der Güterwelt, wie sie keine Zeit zuvor je gekannt hat — ein Andersen würde ein sinniges Märchen schreiben können, das das Hangen und Bangen des einzelnen Gutes, ob es das Morgen noch erleben wird, ergreifend zur Darstellung zu bringen hätte — so hat er auch den steten Wandel in dem Besitzverhältnis der Menschen znr Güterwelt im Gefolge gehabt. Nicht nur wie die Dinge ausschauen, die wir morgen gebrauchen werden, ist unsicher geworden, sondern ebenso anch, ob und in welchen Mengen wir sie werden nutzen können. Man kann hier, wenn man den Wandel in dem quantitativen Anteil, den die einzelnen Menschen an der Güterwelt nehmen, in seinem Verlaufe überblickt, von einem steten Besitzwechsel reden; besser jedoch wird diese Form des Wechsels vom Standpunkte eines gegebenen Verteilungsverhältnisses aus als Unsicherheit der Existenz (für den einzelnen) bezeichnet. Man könnte in Zweifel kommen, ob die Existenzunsicherheit während der letzten hundert Jahre wirklich zugenommen habe. Es bildet bekanntlich eine ?iecs äs r^sistanes in der Apologetik des herrschenden Wirtschaftssystems der Hinweis darauf, daß durch die Vervollkommnung der Verkehrsmittel das Gespenst der HnngerSnot Verringerung der natnralen, Vergrößerung der sozialen Unsicherheit. 463 wenigstens in Enrvpa beschworen sei. Das ist richtig. Und wenn man davon absieht, daß die regelmäßige Versorgung unseres Getreidemarktes mit um so schrecklicheren Hungersnöten in Nußland und Judieu (deren Getreide wir verzehren) erkauft ist, so kann man tatsächlich von einer größeren Sicherung unserer Existenz gegen Teuerung uud Hungersnot sprechen. Auch die Schrecken der Cholera, der Pest und anderer Würger der Menschheit sind dank der fortschreitenden Verhygienisieruug unserer Zeit gebannt. Auo gleichem Grunde ist die Lebensaussicht der Neugeborenen großer als früher, und Alt und Jung verdankt den Fortschritten der Medizin eine Verringerung der Todesgefahr. Die Straßen sind sicherer geworden, nnd die Häuser brennen seltener ab. Es ist wohl im großen ganzen die Sicherung gegen Gefahren, die Leib und Leben bedrohen, größer in unserer Zeit geworden, auch trotz zunehmender Blitzgefahr, trotz Eiseubahn- und Straßenbahnunfällen (in Berlin wurden in den Jahren 1896 bis 1900 376 Personen durch Überfahren getötet, im Jahre 1900 allein 100!) trotz Schiffszusammenstößen und Häusereinstürzen, trotz Explosionen und schlagender Wetter. Eine zuverlässige Statistik, die Vergleiche über einen größeren Zeitraum zuließe, besitzen wir darüber nicht. Aber das alles steht hier nicht in Frage. Es handelt sich hier vielmehr um das, was man die soziale Existenzsicherheit im Gegensatz zu den eben besprochenen Fällen einer naturalen Sicherheit nennen kann, lind wenn wir die Frage so stellen: hat die Sicherheit der wirtschaftlichen, das heißt also der sozialen Existenz der einzelnen Bürger des Gemeinwesens während des verflossenen Jahrhunderts zugenommen oder hat sie sich verringert? kann die Antwort nur lauten: sie hat sich zweifellos verringert. Die ökonomische Unsicherheit wächst in dem Maße, wie die Differenziierung der einzelnen Wirtschaften fortschreitet. Der Weg von dem Bauern, der auf eigener Scholle seinen gesamten Bedarf erwirtschaftet, bis zu dem Fabrikanten, der nur noch eiserne Räder für Grubenwagen herstellt, führt zu immer größerer Unsicherheit des wirtschaftlichen Erfolges. So lange die Einzelwirtschaft auf sich allein gestellt, also ökonomisch völlig frei ist, so lange ist die wirtschaftliche Tätigkeit auch gauz und gar sicher ihres Erfolges. 464 Wirtschaft und Kultur. In dem Maße, wie sich die einzelne Wirtschaft mit andern zu einem gemeinsamen Werke verschlingt, in dem Maße wird sie auch immer mehr abhängig von Vorgängen und Ereignissen, die außerhalb ihrer Verfügungsgewalt liegen, wird sie unfreier, unsicherer. Die Verkäuflichkeit ihrer Ware zu lohnenden Preisen wird nicht mehr von der Kauffähigkeit einer oder zweier, sondern Hunderter oder taufender anderer Wirtschaftssubjekte bestimmt. Die Entwickelung des Kredits, die unausgesetzte Vervollkommnung der Technik erhöhen das Maß von Unsicherheit für die einzelne Wirtschaft. Was ja alles bekannte Dinge sind. Nun brauchen wir uus aber nur zu erinuern, daß der wesentliche Inhalt der ökonomischen Entwickelung während des verflossenen Jahrhunderts gebildet wird: durch Verallgemeinerung marktmäßiger Produktion, zunehmende Spezialisierung, das heißt also Differenziieruug, iu zahlreichen Gebieteil des Wirtschaftslebens, Revolutioniernng der Prvduktions- nnd Verkehrstechnik, Ausdehnuug der Kreditwirtschast, um eiuzuseheu, daß das Wirtschaften heute ein unendlich viel unsichereres Ding ist als vor hundert Jahren. Und was abermals ein Kennzeichen unserer Zeit ist: die Allgemeinheit der Unsicherheit, die Unsicherheit en ma-sss. Vor hundert Jahren mochten ja auch schon die schlesischen Leinenproduzenten oder die Woll- exporteure in den Seestädten die Launen des Marktes, die wir als Konjunktur bezeichnen, kennen gelernt haben. Aber die große Mehrzahl der Wirtschaftssubjekte lebte doch in gesicherten Verhältnissen, die meisten Gutsbesitzer, Bauern, Handwerker, Krämer schvben ihren Karren in denselben Geleisen weiter, in denen er seit Jahrhunderten lief. Nun geht das Gespenst des „wirtschaftlichen Ruins" iu den entlegensten Alpentälern um, es hockt bei dem kleinen Krämer hinter dem Ladeiltische, auf der Hobelbank des Handwerkers und schreckt den ostelbischen Gutsbesitzer, wenn er zur Jagd ausreitet. Aber mit der Wirtschaft kommt auch der Besitz iuS Schwanken, der sich heute mehr als ehedem mit jener verknüpft. Auch der Besitz wird der Konjunktur des Marktes unterworfen: welch eine Wandlung! Das echte, alte Eigentumsgefühl, wie es freilich nur auf der eigenen Scholle erwachsen konnte, das den Besitz so lange Auch der Besitz kommt ins Schwanken. 465 sicher wähnt, ak die tatsächliche Verfügung, die tatsächliche Nutzung des Grundstückes dauert, ist untergraben. Der Bauer muß einsehen lernen, daß ihm sein Eigen unter den Händen zerrinnen kann, trotzdem er nach wie vor sein bestes Können seiner Pflege widmet. Bei Regen und Sonnenschein ist er draußen auf dem Felde, er ackert und erntet, sein ganzes Sinnen uud Denken ist darauf gerichtet, seine Arbeit gut zu tun, und unterdessen bereiten seine Gläubiger auf dem Gerichtsbureau alles vor, was nötig ist, um einen andern, der nichts von den Sorgen um die übermäßig feuchte Wiese, nichts von den Arbeiten auf dem steinigen Felde weiß, „von Rechts wegen" zum Eigentümer des Besitztums einzusetzen. Man nennt ja das wohl die Mobilisierung des Grundeigentums ? „Mobiler" und damit unsicherer wird aber der Besitz auch iu der Stadt. Wie es die Wirtschaft wird, so natürlich auch der Besitz, der sich auf sie gründet: Fabrikanten, Handwerker, Händler, kurz alle Geschäftsleute ruhen mit Hab und Gut immerfort wie auf einem Vulkane. Von den Eintagsfliegen bvrsenmäßiger Abstammung gar nicht zu reden: den Fondsspekulauten, den Kohlenwucherern, und was sonst ein paar Jahre lang sich im Tiergartenviertel Berlins breit macht, um nach kurzer Zeit wieder in die dunkeln Tiefen der galizischen Urwelt hinabzusinken. Aber die Unsicherheit greift über die Kreise der Geschäftsleute hinaus, denn auch wo sonst sich Vermögen findet, ist es heutigentags in den Strudel der Marktkonjunktur hineingezogen: das macht die Entwickelung des Jnhabervaviers, des Effektenwesens. Vor hundert Jahren, wenn ein Kammerrat oder ein Universitätsprofessor ein kleines Peculium zu verwalten hatte, gab er es vielleicht einem Verwandten ins Geschäft oder er lieh es als Hypothek dem Nachbar oder er kaufte auch schon Pfandbriefe oder Staatspapiere; doch bildeten die letzteren Anlagen gewiß noch die Ausnahme. Jetzt hat er Aktien der Schuckertgesellschaft oder der Allgemeinen deutschen Kleinbahn oder der Leipziger Bank oder irgend ein exotisches Papier. Und wenn er morgens aufwacht, liest er in der Zeitung, daß seine Gesellschaft in Zahlungsschwierigkeiten sich befindet oder sein Gläubigerstaat oder seine Gläubigerstadt bankrott sei. Sombart, VoUSwirlschaft. 30 466 Wirlschast und Kultur, Und wenn es sich auch nicht immer um Verlust des Vermögens handelt, so doch um starke Einbußen in den Zeiten wirtschaftlichen Niedergangs. Ich wies an anderer Stelle schon darauf hin, daß die Verluste in diesen Perioden in wachsendem Umfange durch die Ersparnisse der Außenseiter gedeckt werden, denen man in den Zeiten höchsten Aufschwunges, wenn das Erwerbsfieber alle Schichten der Bevölkerung wieder einmal ergriffen hat, die überwerteten Papiere aufhalst. Ich zweifele nicht, daß in solchen Zeiten des Paroxysmus, wenn die Kurse auf 200 und darüber steigen, am meisten Industrie- und ähnliche Aktien von dem „großen Publikum" erworben werden, das dann die Wertminderung auf 100 aus seiner Tasche begleicht. Gelegentlich sind ja solche Schröpfungen der großen Masse auch in früheren Jahrhunderten vorgekommen: zu einer ständigen Einrichtung sind sie erst wieder in unserer Zeit geworden. Und erst unserer Zeit war es vorbehalten, auch die kleinsten Vermögen der Witwen und Waisen den Weltmarktslaunen zu unterwerfen. Mit dem Erfolge des Wirtschaftens, mit dem Vermögensbesitz ist nnn aber auch die Arbeit der Unsicherheit anheimgefallen. Es ist ja eine jedermann vertraute Tatsache, daß die Zeiten der Depressionen vor allem auf dem Arbeiter lasten, der seine Arbeitsstelle ganz verliert oder am Einkommen stark gekürzt wird. Und wann ist er sicher, auch in den besten Zeiten, daß am nächsten Tage nicht die Schrecken der „Krisis" über sein Erwerbsgebiet hereinbrechen? Aber auch in normalen Zeiten weiß der Arbeiter nicht, ob er morgen noch für sich und die Seinen den Unterhalt gewinnen wird. Sein Geschäft kann dem Pleitegeier unverhofft zur Beute fallein die Arbeiter werden entlassen. Eine technische Verbesserung kann ganze Arbeiterkategorien überflüssig machen: sie werden entlassen. Die Saisonarbeit ist vollendet, beispielsweise in der Konfektionsindustrie: die Arbeitsanfträge hören auf. Vor hundert Jahren war die Tätigkeit selbst eine viel stetigere, und der Arbeiter hatte meist auch einen Rückhalt in einer kleinen Landwirtschaft. Uud welche Sicherheit haben heute noch die alten Hand- Und auch die Arbeit fällt der Unsicherheit anheim. U!7 werksmäßigen Existenzen, deren Enteignung durch die kapitalistische Unternehmung in jeder Stunde bevorstehen kann? Endlich aber hat der Wechsel, hat die Gefahr des Umschlags, des wirtschaftlichen Niedergangs auch die meisten liberalen Berufe ergriffen: welcher Notar oder Medizindoktor hatte vor hundert Jahren sich viel Sorge um seine Existenz zu machen? Er trat zur Zeit, ohne allzuviel Mitbewerber, in die Stelle seines Vorgängers ein und blieb hier unbehelligt sein Lebenlang. Während heute jeder jeden Augenblick seine Position zu verteidigen hat, damit nicht der teure Kollege ihm in der Jagd nach der Kundschaft zuvorkomme. Die Masse der „Bildung", die unsere Zeit vor andern auszeichnet, hat hier das Wechselhafte, das Unsichere geradezu aus sich heraus erzeugt. Wie in der wirtschaftlichen Organisation selbst die Entstehung genossenschaftlicher und gemeinwirtschaftlicher Wirtschaftsformen eine Gegentendenz gegen die kapitalistische Entwickelung darstellt, so ist es auch die hierdurch, sowie durch die Ausdehnung der öffentlichen Tätigkeit überhaupt hervorgerufeue Vermehrung der Beamtenschaft, die wiederum eine Anzahl von Existenzen den Fährnissen der Marktlage entzieht, indem fie ihnen einen von der Konjunktur unabhängigen Unterhalt verschafft. Aber man wird getrost sagen dürfen, daß es sich dabei erst um Ansätze zu einer Neuordnung der Dinge handelt, und daß die Vermehrung der Beamtenschaft, wie sie zweifellos während des neunzehnten Jahrhunderts erfolgt ist, noch nichts wesentliches an der allgemeinen Tendenz zur Existenzunsicherheit zu ändern vermocht hat. Diese bleibt vielmehr mit ihrer ganzen Wucht ein entscheidendes Merkmal der gesellschaftlichen Wandlungen im verMssenen Jahrhundert. Die dritte Stelle, wo die Ruhe dem Wechsel, die Beharrung der Bewegung gewichen ist, ist die Beziehung der Menschen- und Güterwelt zu ihrem Standorte. Ich meine: der Ortswechsel als Massenerscheinung gehört ebenfalls der Zeitepoche, die wir überblicken, als Kennzeichen an. Die Darstellung des dritten Buches hat den Leser über diesen Punkt, wie ich denke, schon hinreichend aufgeklärt. Wir werden zusammenfassend sagen dürfen: daß noch niemals in irgend einer früheren Geschichtsperiode auch nur an- 30 * 468 Wirtschaft und Kultur. nähernd soviel Güter und Menschen auf einer gegebenen Fläche herumgekarrt sind, noch niemals soviel Nachrichten von Ort zu Ort getragen sind wie in unserer Zeit. Wir kennen die Gütermassen, die heute auf den Eisenbahnen, auf Flüssen und auf der See hin- und herbewegt werden, meist weil sie Gegenstand des Austausches gewvrden sind. Wir wissen auch, daß die Masse gleicher Güter, die ihren Standort wechseln, vielerorts schon groß genug geworden ist, um den Typus des vertretbare» Massengutes, dieses echtesten Wahrzeichens modernen Güterverkehrs, zur Entfaltung zu bringen. Auch was an Nachrichtenvermittelung durch die Einrichtungen der Post heutzutage geleistet wird, haben wir in Erfahrung gebracht. Ging ehedem die Nachricht von Mund zu Munde durch die lebendige Erzählung, die persönliche Mitteilung,- so dient jetzt ein riesenhafter Mechanismus toter Körper dazu, Nachrichten- massen in kurzer Zeit in weite Entfernungen zu schleudern. Welch eine Fülle vou Mitteilungen wird durch das Telephon vermittelt, welche Flut von Nachrichten überschwemmt täglich das Land in Gestalt der Ansichtspostkarten! Vielleicht entwickelt sich hier auch noch der Typ der fungibeln Nachricht? Einen Schritt auf diesem Wege macht eine Einrichtung, die abermals ein charakteristisches Merkmal unserer Zeit bildet: die Zeitung. Nirgends vielleicht so deutlich wie in der modernen Zeituug, tritt die eigentümliche Paarung von Masse und Wechsel zu Tage. Höchstes Prinzip jeder Zeituug ist es: den Leser durch die Meuge von Nachrichten, die sie enthält, und durch die Häufigkeit ihres Erscheinens für sich zu gewinnen. So ergießt sich deun dreimal und öfters am Tage eiue Sturzflut von Nachrichten über uns, die uns den Atem benimmt. Die große Rotationspresse, die in rasender Eile eine endlose Rolle Papier fortwährend mit Druckerschwärze betupft uud in einzelne Stückchen zerschnitten in die Welt hinausschlendert, ist wiedernm recht ein Symbol unserer fortgeschrittenen Zeit. Endlich hat uns die voraufgehende Darstellung auch schon einige Kenntnis von den Menschenmengen verschafft, die heutzutage immerfort herumfahren. Bei ihnen wollen wir jetzt noch einen Augenblick verweilen. Der Ortswechsel als Massenerschcinung, 469 848 092 000 Personen wurden im Jahre 1900 auf den voll- svnrigen Eisenbahnen befördert. Rechnen wir noch die auf den Kleinbahnen gefahrenen (22.9 Millionen), die die Post benutzenden (3.1 Millionen) und die auf Dampfschiffen herumreisenden Personen dazu, so wird die Zahl der Leute, die sich eines öffentlichen Verkehrsmittels zur Beförderuug von Ort zu Ort bedienen, heute von einer Milliarde nicht allzuweit entfernt seiu. Etwa drei Viertel Milliarden, fahen wir, fährt jährlich in den Straßen der Großstädte in großen Glaskasten hin und her. Und sicher noch eine zweite halbe Milliarde benutzt Droschken und anderes Privatfnhrwerk, um sich gelegentlich an einen andern Ort zn begeben. Also durchschnittlich bedient sich jeder Einwohner des Deutscheu Reiches im Laufe des Jahres 35 bis 40 mal eines Vehikels, um eine mehr oder weniger lange Strecke auf der Erdoberfläche sich verschieben zu lassen. Die Zwecke dieser Ortsveränderung siud mannigfaltig, bald sind es vergnügliche, bald geschäftliche. Dagegen ist der großen Mehrzahl dieser Beförderungsakte gemeinsam, daß der Wandernde den Ortswechsel vornimmt, ohne sein Domizil, auch ohne seine Wohnung zu wechseln. Er kehrt vielmehr nach beendigter Fahrt zu den heimischen Penaten am gewohnten Orte zurück. Dagegen müssen wir nun noch des ebenfalls immer häufigeren Falles gedenken, daß die Menschen ihr Heim wechseln, also: daß eine Veränderung der Wohnung innerhalb derselben Stadt, des Wohnortes innerhalb desselben Landes eintritt oder aber, daß das Land selber, in dem sie ihren Wohnort aufschlagen, mit einem andern vertauscht wird. Man kann diese Erscheinungen, die man unter der Bezeichnung der Wanderungen zusammenfaßt, insgesamt auch unter den: Gesichtspunkte verringerter Seßhaftigkeit betrachten. Man traut seinen Augen nicht, wenn man die Ziffern der Nmzüge sieht, die innerhalb unserer Großstädte Jahr für Jahr bewerkstelligt werden. In einer Stadt wie Breslau, von 400 000 Einwohnern, wechselt annähernd die Hälfte (1899 ^ 194 602) jährlich die Wohnung! Und ebenso gewaltig ist die Bewegung von Ort zu Ort innerhalb des Landes. Es wurden (1899) gemeldet (wohl gemerkt: ausschließlich der Reisenden!) 470 Wirtschaft und Kultur. in Zugezogen Abgezogen Berlin 235 611 178 654 Breslan 60 283 54 231 Hamburg 108 281 86 245 Ziehen nun auch hunderttausend? von Leuten jährlich von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, so weiß man doch, daß der Strom der deutschen Binnenwanderungen seine Hauptquelle in den ländlichen Bezirken hat und sich dann in zwei Arme spaltet, deren einer sich in die Jndustriebezirke ergießt, während der andere in den Städten mündet, die natürlich ebenfalls großenteils als Jndustriebezirke anzusehen fiud. Für das Jahrfünft 1885 bis 1890 besitzen wir eine zuverlässige Statistik des Bevölkerungsaustausches zwischen den einzelnen Landesteilen Deutschlands, die ich im solgeudeu mitteile: Gewinn oder Verlust durch Gruppe GeburtenBevölkeruugs- Wanderung überschuß zuuabine absolut v. d. Geburtenüberschuß I. Östl. Preußen 851770 212 666 — 639 104 -75.04°/„ II. Westl. Preußen u. Mitteldeutsche 611 573 531 089 — 80 449 -13.15°/<. III. Südd. Staaten 500 787 347 520 - 153 267 — 30.61 v/g IV.Jndustriezentr. 937 688 1 480 191 -j- 542 503 ' -j-57.86°/<, Die eine Folge dieser Binnenwanderung ist, wie wir schon wissen, das Anwachsen der Großstädte, die sich natürlich nicht aus eigner Kraft zu ihrer heutigen Große entwickelt haben. Eine andere selbstverständliche Folge ist die Durcheinanderwürfetung der Bevölkerung innerhalb des deutschen Reichs. Immer häufiger wird der Fall, daß eine Person ihr Leben nicht dort beschließt, wo sie es begonnen hat, immer geringer mit andern Worten wird die Bodenständigkeit. Das tritt naturgemäß besonders stark bei der großstädtischen Bevölkernng in die Erscheinung, gilt aber auch für die Kleinstädte und das platte Land. Schon im Jahre 1871 konnte von Mayr für Bayern feststellen, daß in den Orten über 2000 Einwohner von je 1000 Personen nur 573 im ZählnngS- Insbesondere die Wandernngen. 471 amt, dagegen 373 im übrigen Bayern, 38 in andern Staaten des deutschen Reichs und 16 im Auslande geboren waren. Aus dem Platten Lande waren die entsprechenden Zahlen 846, 138, 9, 7. Viel geringer aber ist die Ortsgebürtigkeit, wie gesagt, bei der großstädtischen Bevölkeruug. Hier waren 1890 von 1000 Einwohnern nur noch 473 am Orte geboreu. Eine starke Bewegnug in die deutsche Bevölkerung bringt aber nicht nur dieser Domizilwechsel, dem sich immer größere Teile der Bevölkerung unterziehen, sondern auch die periodischen Wanderungen, wie sie namentlich in der Forin der sogenannten Sachsengängerei sich seit einer Reihe von Jahren regelmäßig in der Frühjahrs- uud Herbstzeit abspielen. Schon seit altersher ist iu verschiedenen Gegenden Deutschlands der wandernde landwirtschaftliche Saisonarbeiter eine bekannte Erscheinung, aber erst die Entwickelung der modernen Landwirtschaft hat ihn zu einer Massenerscheinung werden lassen. Denn mit dieser erst ist die Landwirtschaft ein ausgesprochenes Saisongewerbe geworden, das den zwei- oder dreifachen Bedarf an Arbeitskräften in der Sommers- uud Herbstzeit hat. Da nun, wie wir wissen, der Mittelpunkt der intensiven Landwirtschaft in Deutschland die Provinz Sachsen und die angrenzenden Landesteile sind, so war hier ein starker Anziehungspunkt für überschüssige Bevölkerungsmassen anderer Gebiete mit weniger fortgeschrittener Landwirtschaft geschaffen. Diese Gebiete waren zunächst die östlichen Teile Deutschlands selbst und sind es heute zum Teil noch geblieben. Inzwischen ist aber (zumal seit dem Ausschwuuge in der Industrie) der Arbeitermaugel auf dem Lande allerorts so gewachsen, daß die deutschen Ostliuge den Bedarf der westlichen Provinzen nicht mehr zu decken vermögen. So sind denn ihnen nach und an ihre in den Ostprovinzen des Reichs sreigewordene Stelle in wachsendem Umfange russische und galizische Wanderarbeiter herangezogen worden. Im Jahre 1890, als das Aushebungsgebiet für die Sachsenganger noch im wesentlichen die Provinzen Schlesien, Posen, Westpreuszeu, Brandenburg waren, schätzt Karl Kaerger ihre Zahl auf 100 000. Jetzt sind es, einschließlich der nachschiebenden Fremdlinge, zwei- bis dreimalhundert- tansend Menschen, die alljährlich ihre östliche Heimat verlassen, 472 Wirtschaft und Kullur, um in den westlicher gelegenen Gutswirtschaften ein paar Monate als Nomaden ihr Dasein zu fristen uud gegen den Winter zu mit einer kleinen ersparten Summe zu den heimischen Penaten zurückzukehren. Eine Art Zugvögel. Endlich haben wir noch einer letzten und nicht der geringsten Form des Ortswechsels Erwähnung zu tun: der überseeischen Auswanderung. Wir dürfen die Zahl der Deutschen, die während des neunzehnten Jahrhunderts aus ihrer Heimat ausgewandert sind, um sich jenseits des großen Wassers (meist, wie bekannt, in den Bereinigten Staaten von Amerika) eine neue Lebensstellung zu gründen, auf mindestens 5 Millionen veranschlagen. Davon entfällt ein reichliches Viertel (1.3 Millionen) allein auf das neunte Jahrzehnt (von 1881 bis 1890). Im Jahre 1881 erreicht die deutsche Auswanderung ihren Höhepunkt mit 220 902 Personen, um dann seit Anfang und zumal seit Mitte der 1890er Jahre rasch zu sinken. In den letzten sünf Jahren (1897 bis 1901) beträgt sie nur noch den zehnten Teil ihres Maximums (22 bis 24000). Rechnet man aber alle diejenigen zusammen, die im neunzehnten Jahrhundert auf dem Wege der Binnenwandernng oder der Auswanderung ihren Wohnort verlegt haben, so wird' man nicht in Zweifel sein können, daß in der Tat während dieser Zeit Teutschland eine Völkerbewegung, eine Bevölkerungsumschichtung, eine Völkerwanderung erlebt hat, mit der verglichen die Schiebungen der vergangenen Jahrhunderte, einschließlich derjenigen, die man die Jahrhunderte der Völkerwanderung schlechthin nennt, zu winzigen Ereignissen zusanmienschrumpfen. Und nun noch dazn die Hunderte von Millionen Reisender! Wahrhaftig: von der Vogelschau ans gesehen, gleicht heute das deutsche Reich einem Ameisenhaufen, in den der Wanderer seinen Stock gestoßen hat. II. Über einige Zusammenhänge zwischen wirtschaftlicher und geistiger Kultur. Wenn ich es im solgenden unternehme, von den Zusammenhängen zu reden, die zwischen den veränderten äußeren Lebens- Die Kulturbasis erfährt eine unerhörte Verbreiterung. 47g bedingnngen des deutschen Volkes und seiner geistigen Kultur obwalten, so bedarf es wohl erst keiner besonderen Hervorhebung, das; eS sich dabei lediglich um einige diskrete Andentuugeu handeln kann, mehr um Hinweise, wo die Zusammenhänge zu suchen siud, maßen ja andernfalls eine Darstellung der geistigen Kultur selbst gegeben werden müßte, diese aber aus dem Nahmen dieses Buches herausfalleu würde. Schade, aber es hilft nun einmal nichts. Auch das Dasein des schriftstellerndeu Gelehrten setzt sich aus einer Summe schmerzlicher Verzichte zusammen. Was er am liebsten möchte, muß er sich gerade versagen. Ausdrücklich zu warnen wäre auch vor dem Mißverständnis, dem man so hänfig begegnet: als sei der Nachweis eines Zusammenhanges zwischen wirtschaftlicher und geistiger Kultur gleichbedeutend mit einer Erklärung dieser. Wovon natürlich keine Rede ist. Nun also: worauf ich zunächst die Aufmerksamkeit des Lesers lenken möchte, siud die greisbaren Wirkungen, die die Entstehung der Masse, dieses voruehmsten Wahrzeichens des Jahrhunderts, auch aus die geistige Kultur unseres Voltes ausgeübt hat. Die anschwellende Volksmenge und der zunehmende Reichtum haben zunächst eine Verbreiterung der Knlturbasis ermöglicht, wie sie in gleichem Umsange in keinem der früheren Jahrhunderte erreicht worden ist. Was man auch so ausdrücken kann: daß die extensive Kulturentwickeluug iu diesem Zeitraume von nie dagewesener Stärke war. Dazn hat schon die beträchtliche Vermehrung der Kultur- spender das ihrige beigetragen, ich meine die Vermehrung derjenigen Leute, die sich für Gelehrte, Künstler, Dichter, Musiker halten uud (weil sie nicht eine bürgerliche Nahrnng zu ergreisen brauchen) der Welt die Erzengnisse ihre? Geistes zum besten geben. Es ist klar, daß nur der zuuehmeude Reichtum einer Nation es ermöglicht, ein wachsendes Heer von Nichtstuern zu ernähren. Zu Jesu Zeiten war Palästina so arm, daß jeder Gelehrte nebenbei ein Handwerk treiben mußte; auch die Mönche des früheren Mittelalters mußten Hand anlegen, um ihren Unterhalt wenigstens zum Teil selbst zu erwerben, und wer später nicht als Minnesänger von den Arbeitserträgen seiner Bauern leben konnte, mußte als 474 Wirischaft und Kultur, Meistersänger Schuster sein. Das hemmt den Strom des geistigen Schaffens, und es ist klar, daß jemand, der nichts zu tun hat, mehr dichtet oder schriftstellert als jemand, der nebenbei einer nützlichen Beschäftigung obliegen muß. Leider besitzen wir keine zuverlässige Statistik über die Zahl unserer Dichter, Musiker, Künstler und Schriftsteller, wenigstens keine, die einen Vergleich zwischen verschiedenen Zeitepochen zuließe. Aber die ungeheure Steigerung der literarischen und künstlerischen Produktion in unserem Jahrhundert vermögen wir doch an einer Reihe von Symptomen ziemlich genau zu ermessen. Ob es eine Statistik der Beschickung von Kunstausstellungen gibt, weiß ich nicht. Aber ein Gang durch die „Große Berliner Kunstausstellung" genügt, um uns völlige Gewißheit darüber zu verschaffen, daß die Produktion an Werken der bildenden Kunst heute einen unvergleichlich viel größeren Umfang haben muß als vor hundert Jahren. Was aber an Druckwerken erscheint, darüber belehren uns genau die bis in den Anfang des neunzehnten Jahrhunderts zurückreichenden jährlichen Bücherlisten. Nach dem Loclex unnckinarius erschienen in Deutschland im Jahre 1801 nur 3900, 1811 3176, 1821 4375 Drucke. Im Jahre 1850 betrug ihre Zahl nach dem Börsenblatt sür den deutschen Buchhandel 9053. Und seitdem hat sich die Zahl noch einmal fast verdreifacht: im Jahre 1900 erschienen 24 792 neue Bücher. Wurde also vor hundert Jahren auf je etwa 8000 Einwohner ein selbständiges Werk in jedem Jahre neu gedruckt, so jetzt schon auf je etwa 2000. Damit aber uicht genug: offenbar ist die durchschnittliche Auflage der Bücher heute viel größer, als ehedem. Das vermögen wir daran zu erkennen, daß das Geschäft des Büchervertriebes (der Buchhandel) noch viel rascher sich ausgedehnt hat, als die Bücherschreiberei. Im Allgemeinen Adreßbuch für den deutschen Buchhandel von O. A. Schulz werden im Jahre 1839 an Buchhändlern jeder Art 1348, 1878 deren 3838, heute aber (1900) 9360 aufgeführt. Das sind die Ziffern für die selbständigen Buchhändler. Nuu können wir aber ferner feststellen, daß die einzelne Buchhandlung größer geworden ist: im preußischen Staat wurden (nach der Nllg. Steigerung der literarischen und künstlerischen Produktion. 475 Gewerbetabelle) 7 840 im Buchhandel überhaupt beschäftigte Personen 1146 ermittelt, 1895 (ebenfalls im Kgr. Preußen alten Bestandes, nach der Berufszählung) dagegen 15 341. Noch krasser tritt diese Vermehrung der Büchervertreiber natürlich in die Erscheinung, wenn man die großen Städte (diese „Entstehungszentren" der modernen Bildung) für sich in Betracht zieht. Hatte doch Berlin im Anfange des Jahrhunderts nur etwa 30 Buchhandlungen, am Ende jedoch über 800. Und was für kleine Kabüschen mögen das zur Zeit, als die Nieolai und Konsorten sich hier das Material für ihre Aufklärung zusammensuchten, gewesen sein! Nehmen wir nun die durchschnittliche Auflage vor 100 Jahren mit 500, jetzt nur zu 1000 au, so würde damals für jeden 16., heute schou für jeden 2. Menschen jährlich ein Bücherexemplar hergestellt werden! Daß sich die Bücher- — und zum Teil wohl auch, daß sich die Bilder- — Produktion während der letzten hundert Jahre so mächtig entfaltet hat, müssen wir ganz gewiß auch dem Kapitalismus unmittelbar mit zu gute halten. Seit der Bücher- und Bilderverlag für immer mehr Verleger ein Geschäft geworden ist, wie der Verlag von Hosennähterinnen und Spielzeugverfertigern, ist die ungebändigte Triebkraft des Gewinnstrebens den idealeren Strebungen zu Hilfe gekommen. Es scheint mir sogar, daß ein immer größerer Teil unserer Verlagswerke lediglich einem Geschäftsinteresse sein Dasein verdankt. Man braucht nur au die Konversationslexika, an die tausend Lieferungswerke, oder an alle die Sammlungen zu denken, zn denen die Tatsache des Jahrhundertschlusses die Anregung geboten hat. Aber es hieße nun den Umfaug unserer modernen Bildung immer noch gering anschlagen, wollte man ihn lediglich an der gesteigerten Literatur- uud Bilderprvduktion messen. Bedenkeil müssen wir vielmehr, daß mit der Erzeugung auch auf vielen Gebieten die Verbilliguug der Leistungen gleichen Schritt gehalten hat. Die 10-, 20-, 25-, 50-Psennig-Kollektionen, die billigen Klassikerausgaben, legen dafür ebenso deutliches Zeugnis ab, wie die unausgesetzt während deS verflossenen Jahrhunderts vervollkommneten und wohlfeiler gewordenen Wiedergaben von Bildwerkein Photographie, Photogravüre, Heliogravüre und wie sie alle heißen, werfen 476 Wirtschaft und Kultur, heute billige (und unter Umstündet: sogar gute) Wiedergaben jeglicher Natur- und Kunsterscheinung in die ärmste Hütte hineilt. Bedenken müssen wir dann vor allem, daß unser Jahrhundert neben der Massenproduktion auch die Methoden der Massenverbreitung von Bildung erst recht entwickelt hat. Wiederum hat der Kapitalismus als treibende Kraft tüchtig mitgeholfen: wo er konnte, hat er die Fabrikation von Bildung — preiswert! — in den Bereich seiner Tätigkeit gezogen. Daneben ist es die Masse sin Menschenform) selbst, die sich mit zunehmendem Wohlstande den Weg zur Bildung eröffnet und geschickt Stimmung für sich und ihre Interessen zu inachen gewußt hat. Es wurden geradezu ueue Formen für die Kollektivdarbietnttg von Bildung geschaffen, wie wir sie für die Darbietung von Gas-, Wasser-, Elektrizität- oder Trausportleistungen bereits kennnen gelernt haben. Man könnte sagen: das OmnibuSPrinzip sei in allen Gebieten unseres Kultnrdaseins zur Anerkennung gelangt. Ich erinnere nur au einige der wichtigeren Erscheinungen: die Ausbreitung des Volksschulunterrichts: 1822 gab es im Königreich Preußen 20 440 öffentliche Volksschulen mit 1427 045 Schulkindern, 1896 dagegen 36138 Schulen mit 5236826 Kindern: während die Bevölkerung von 11.6 auf 31.8 Millionen (1895), also um 174°/^ angewachsen ist, stieg die Zahl der eine Volksschule besuchenden Kinder nin 266 °/<,. Und wie viel mehr-Unterricht genießen diese Kinder! Allerdings, die Zahl der Volksschullehrer stieg in dem angegebenen Zeitraume nicht rascher, als die Zahl der Schüler: von 22 230 auf 82 070. Aber was ist und leistet ein Volksschullehrer heute im Vergleich mit seinen Kollegen vor hundert Jahren, als man mit Vorliebe noch ausgediente Feldwebel mit dem Unterrichte der Dorfjngend betraute! Unterdessen sind das Hochschul- und Mittelschulwesen ebenfalls nicht zurückgegangeu. In Bayern haben sich die Ausgaben sür Erziehung und Bildung von 1819/25 bis 1888/89 von 0.7 ans 14.1 Millionen Gulden gehoben, der preußische Etat sür Unterricht und Kultus betrug 1850 etwa 10, 1867 etwa 15, 1901 dagegen 145 Millioueu Mark. Das Universitätsstuditim hat namentlich im letzten Menschenalter reißend um sich gegriffen. An den deutschen Hochschulen studierten im Jahre 1830 15 870, 1899 Entwickelung eigner Methoden zur Massenverbreitung der Bildung. 477 33000 Personen. 1835 und 1875 kamen auf 100 000 etwa 38 Studenten, 1880 schon 46, 1885 waren es 57 und 1899 gar 60 geworden. Aber neben den regelmäszen Unterrichtsveranstaltiingen wächst immer mehr der Umfang der gelegentlichen Darbietungen von Wissensstoff: Vortragende reisen unausgesetzt von Ort zu Ort (eine Folge der verbesserten Transporttechnik!), um ihre Weisheit gegen billigen Entgelt abzulegen; die Universitätsprofessoren tragen in volkstümlichen Hochschulkursen die Bildung unter die Masse; Volksbibliotheken, öffentliche Lesehallen schießen in den größeren Städten wie Pilze aus der Erde; belehrende Sammlungen aller Art öffnen einem größeren Publikum ihre Pforten zur Verbreitung naturwissenschaftlicher, ethnologischer nnd anderer Kenntnisse. Zoologische Gärten gab es wohl vor hundert Jahren überhaupt uicht in Deutschland. Heute hat fast jede Großstadt einen. Uud beinahe hätte ich die Zeitung vergessen, die Tag für Tag „unter" und „über dem Strich" wahre Ströme von Bildung über das Volk ergießt. Es ist gar uicht zu sageil, was dieses Institut für die Verbreitung des Wissensstoffes aller Gebiete leistet. Und seine Entwickelung (endloses Papier seit 1799, Notationspresse seit 1846, dazn Eisenbahn, Telegraphie, Telephonie!) fällt fast ganz in das neunzehnte Jahrhundert. Im Jahre 1824 gab es in Preußen erst 845 Zeitungen und mit gewiß welch winzigen Auflagen! 1869 waren es 2127 geworden. Die Zahl der im Neichspostgcbiete dem Postdebit unterworfenen Zeitungen ist aber von 2122 im Jahre 1869 nochmal auf 7082 im Jahre 1891 gestiegeil. Und vor allein wurden die Auslagen immer größer: die Zahl der im ganzen Deutschen Reiche beförderten Zeitungsnummern ist von 519 798 000 im Jahre 1885 binnen 15 Jahren auf 1431 706000 im Jahre 1900 gestiegen, zu denen noch 171164160 außergewöhnliche Zeitnngsbeilagen kommen. Man denke, man denke! Die Zeitung sitzt heute im Volke, wie die Laus im Pelze. Und mit der Verbreitung der Wisseilschaft wetteifert die Aus- streuuug der künstlerischen Gedanken. Auch die moderne Zeitung widniet sich ja höheren Kunstbestrebungen mit Vorliebe: das Feuilleton gilt für fast alle Verleger als wichtiges Attraktions- 478 Wirtschaft und Kultur. Mittel zur Herbeiziehung von Abonnenten; so werden denn teure Redakteure angeworben, die eigens dazu da sind, den Lesern die Tagesrationen an Literatur, an Kunst- uud Musikberichten zuzumessen. Die Illustration hilft nach. Und neben den Tageszeitungen die Unsumme von Kunst-, Musik- und Literaturblättern, die wöchentlich oder monatlich erscheinen und denen ebenfalls die vollendete Reproduktionstechnik ein immer glänzenderes Gepräge verleiht. Und nun wieder die Kollektivdarbietungen, die „öffentliche" Schaustellung, die immer mehr den Ton bestimmt. Das Museum, das Kouzert, das Theater: sie bestanden wohl auch schon vor hundert Jahren, und namentlich das Theater spielte in dem Leben des literarischen Menschen eine vielleicht größere Rolle als heute. Aber was bedeuten die gelegentlich in den Städten auftauchenden Schauspielertruppen verglichen mit den ständigen Theatern, die heute fast in allen größeren Städten angetroffen werden? Auch hier hat unser Jahrhundert erst die Masse gebracht. Heute erst ist das Theater der rechte Literaturomuibus geworden. Das gilt aber gewiß in noch viel höherem Maße für das Konzert, den Musikomnibus und das öffentliche Museum, den Kunstomnibus. Vor hundert Jahren waren nur wenige Militärkapellen vorhanden, die hier und da (wie noch heute in Italien!) auf öffentlichen Plätzen ihre Weisen ertönen ließen. Und bei festlichen Gelegenheiten spielten die Stadtmusikanten. Musikmachen galt als etwas Intimes. Heute herrscht an allen Orten die Konzertpest, könnte man sagen, wenn damit nicht ein abfälliges Urteil verbunden wäre. Konzerte früh, mittag und abend; schlechte, mittlere und gute; leichte und schwere; drinnen und draußen. Erwerbstätige Personen, die sich mit Musikmachen, Theaterspielen und Veranstaltung sonstiger Schaustellungen ihr Brot verdienen, gab es 1882 in Deutschland 46508, ihre Zahl ist bis 1895 auf 65 565, also um 41»/<, gestiegen, während die Bevölkerung nur um 14°/^ sich vermehrte. Ob Deutschland vor hundert Jahren schon ein öffentliches Bilder- oder Skulpturenmuseum hatte, weiß ich nicht. Bedeutend war es gewiß nicht. Heute gilt auch hier die Devise: Omnibus! Wird man aber Zusammenhänge suchen dürfen zwischen den Zunehmende Herrschaft der Masse über das Individuum. 479 durch die neue Wirtschaft veränderten Lebensbedingungen der Menschheit und dem inneren Wesen der neuen Kultur? Es liegt nahe, auch hier den Einfluß zu verfolgen, den die znr Herrschaft über das Individuum sich durchringende Masse als solche geübt hat. Man vergleiche etwa die Wahlverwandtschaften mit Germinal, um zu verstehen, was ich meine. Oder Wallenstein und die Weber. Dort die unumschränkt waltende Einzelpersönlichkeit, die mir dein Schicksal unterworfen ist; hier die in Empsinden und Handeln zu einem Ganzen zusammengeschlossene Gesamtpersönlichkeit, in der das Individuum nur uoch ein von allen andern abhängiges Glied bildet: die soziale Klasse als Held! Man erinnert sich auch der modernen Geschichtsauffassung, die ebenfalls au Stelle von Einzelpersonen Massen zu Trägern des geschichtlichen Prozesses geinacht hat. Man denkt unwillkürlich daran, daß es dem neunzehnten Jahrhundert vorbehalten war, zum entscheidenden Siege zwei Forschungsmethoden zu führen, in denen recht eigentlich die Massen- haftigkeit zum obersten Prinzip erhoben ist: die induktive und die statistische Methode. Es ist beiden Verfahrungsweisen eigentümlich, daß sie uns die Erkenntnis durch die Meuge vermitteln wollen; daß sie uns zwingen wollen, etwas für wirklich zu halten, weil es in großer Masse auftritt. Gerade wie die Demokratie auf der Fiktion beruht, daß etwas gut oder richtig sei, weil es viele oder die meisten wollen. Gedanken, die man beliebig weiter spinnen kann. Man darf ihnen auch nicht entgegen halten, daß es keineswegs die Gesamtheit der Kulturträger sei, die in der bezeichneten Richtung ihre Leistungen entfalten. Man wird doch sagen dürfen, daß es typische und unsere Zeit kennzeichnende Erscheinungen sind, auf die ich eben hier hinwies. Und daß Neaktionsbewegungen, wie die an den Namen Nietzsche sich anknüpfende, einstweilen nur beweisen, daß das Gegenteil von dem, was sie erstreben, die Grundstimmung der Zeit bildet. Aber ich möchte hier meinen Gedanken eine ganz andere Richtung geben. Ich möchte den eigentlich bedeutsamen Einfluß der wirtschaftlichen Umwälzungen auf unser Geistesleben vielmehr 480 Wirtschaft und Kultur. in dem Siege erblicken — nicht, den die Masse über das Individuum, sondern — den über Masse und Individuum gleichermaßen, also über den lebendigen Menschen der tote Stoff davongetragen hat, mit dem das verflossene Jahrhundert wie wir sahen die Kulturländer in so reichem Maße überschüttet hat. Was wir selbst erst mit so viel Aufwand von Geist und Kraft aus uns heraus geschaffen haben, zwingt uns bedingungslos, wie es scheint, unter seine Herrschaft. Also daß wir mit einer kleinen Variante auf unsere Zeit den Spruch anwenden können: Am Ende hängen wir doch ab von Sachen, die wir selber machten. Wir sind „reich" geworden, haben wir gesehen: so reich an Gütern dieser Welt, wie noch keine Zeit vor uns gewesen ist. AVer gerade dieser Reichtum ist es, der uns zum Sklaven uuserer Bedürfnisse gemacht hat. Wuchsen die Fähigkeiten, unsern Bedarf an Sachgütern zu befriedigen, so ist dieser Bedarf selber immer um eine Nasenlänge den Mitteln zu seiner Befriedigung vorausgeeilt. Das Viel hat den Wunsch nach mehr geweckt. Und ein ungestilltes Sehnen uach äußeren Gütern zog in die Menschen- Herzen ein uud füllt sie immer mehr ganz und gar aus. Eine hohe und bald eine übertriebene Wertung des Materiellen hat platz gegriffen und in Hoch und Niedrig das Streben nach Besitz, das Jagen nach dem Genusse erzeugt. Denn es scheint ein psychologisches Gesetz zu sein, daß durch die Vermehrung der Sinnenreize, die uns die Nutzung der Sachgüter gewährt, eine Ode in unserm Innern entsteht, die wir zunächst (bis die große Umkehr kommt, die in die Wüste führt!) durch Häufung jener Reize auszufüllen trachten. So erzeugt der Reichtum aus sich heraus jene Grundstimmung, die wir als materialistische zu bezeichnen uns gewöhnt haben. In der Fülle der Genußgüter, die um uns emporwachsen, finden die idealen Regungen des Herzens ihr natürliches Grab. Mehr. Die Eigenart unserer Technik, die Eigenart unseres gesellschaftlichen Beieinanderivvhnens in großen Steinschluchten und auf Hügeln von Stein, Glas und Eisen haben es mit sich gebracht, daß zwischen uns und der lebendigen Natur, da Gott den Menschen schuf hinein, sich ein Berg von toten Stofsmassen ausgetürmt hat, Ein künstliches Geschlecht wächst in den Städten heran. 481 der unserem Geistesleben recht eigentlich sein charakteristisches präge verleiht. Es ist damit eine neue Kulturbasis geschaffen: das Steinpflaster; es ist daraus eine neue Kultur entstanden: die Asphaltkultur. Sie geht schon hinaus vor die Tore der Stadt. Sie breitet sich über die Felder aus, aus denen die intensive moderne Landwirtschaft betrieben wird — am Ende mit Feldbahnen und einem Netz elektrischer Drähte über der grünenden Zaat. Sie dringt in die Wälder ein, in denen die rationelle Forstkultur die letzten Reste von Urwüchsigkeit verdrängt, bis schließlich die Masse, die Masse wiederum so anwächst, daß ganze große Waldgebiete mit Wegen und Ruheplätzchen, mit Warnungstafeln und Wegweisern, mit Kneipen und Bedürfnisanstalten bedacht, mit einem Worte: in einen „Volkspark" umgewandelt werden. Sie nistet sich mit jeder Fabrik, mit jeder Eisenbahn, mit jeder Telegraphenstange auch auf dem flachen Lande weiter ein. Aber einstweilen ist doch ihr Herrschaftsgebiet die Stadt, die große Stadt, die viele Menschen ihr ganzes Leben lang nicht mehr aus sich entläßt, die fast alle aber, die in ihr wohnen, in den Bann ihrer verführerischen Reize zieht. So wächst ein Geschlecht von Menschen heran, das sein Leben ohne rechte Fühlung mit der lebendigen Natur verbringt; das die Sonne nicht mehr grüßt, das nicht mehr in den Sternenhimmel hineinträumt, das nicht mehr die Stimmen der Singvögel kennt und nicht die weiße Winternacht, wenn der Vollmond auf den Schneefeldern glitzert. Ein Geschlecht mit Taschenuhren, Regenschirmen, Gummischuhen und elektrischem Licht: ein künstliches Geschlecht. Ein Geschlecht, das in seiner Kindheit Frühling, Sommer, Herbst und Winter in der Schule im Anschauungsunterricht durchnimmt, ohne im späteren Leben von diesen Kenntnissen viel Gebrauch machen zu können. Tenn auch die vier Wochen lang, während deren sich die Massen einmal im Jahre aus ihren Steinschluchten heraus „in die Sommerfrische" wälzen, treten sie mit der Natur kaum noch in eine innerliche Beziehung: sie empfinden (wenn sie feinere Naturen sind) ihre Reize, ihre eigene Schönheit mehr, viel mehr als die Landbewohner selbst; denn der sogenannte „Natursinn" ist ja recht eigentlich ein Erzeugnis der Städte; aber mit der Natur zu leben, haben sie Ssmbart, Volkswirlschast. - 31 482 Wirtschaft und Kultur, Verlernt. Und die große Mehrzahl verlangt auch während jener vier Wochen überhaupt nicht mehr nach Natur. Sie sind erst zufrieden, wenn sie auch draußen auf der Digue, an der Bergeslehne oder an den Nfern des Alpensees Asphalt unter ihren Füßen fühlen. Aber seltsam: aus diesen Steinenwüsten, in denen die Menschheit (wie es scheint: immer) den Kreislauf ihres Daseins beschließt — tilo8uto non vi vsäe altro ode tunti sspoleri sontuosi olle uim luorilioncig. NÄZiions iunaliii», eck iriAranclises xer riporvi ec»n cksesn^a e von kaskn 1s sus ceneri istesss", meinte vor hundert Jahren schon Filangieri, der Sohn des Städtelandes Italien — blüht eine Blume hervor, die man nicht anstehen dars, als eine der köstlichsten menschlicher Kultur zu preisen: die Knnst in ihrer höchsten und vollendetsten Form, als schöne Sinnlichkeit, als bildende Kunst. Ländliche Kulturen haben wohl die Philosophie, die Dichtuug, die Musik geboren: die Kunst in ihrer hohen Vollendung nie. So viel wir von der Menschheitsgeschichte wissen, haben nur städtische Kulturen die Blüte der bildenden Kunst getrieben. Erst in der Entfernung von der Natur, so scheint es, wird jene Freude am Sinnlichen, wird jene Fähigkeit zur Gestaltung erzeugt, die den Nährboden der bildenden Kunst abgibt. So lange die Menschen in Sinnlichkeit leben, inmitten der tausendfach lebendigen Natnr, bauen sie viel eher mit ihren Gedanken sich eine unsinnliche Geisterwelt auf, eine Welt der philosophischen oder dichterischen Ideale, zu der sie sich erheben. Erst wenn sie in die Städte kommen, aller Ursprünglichkeit bar werden, empfinden sie das Bedürfnis nach bildender Kunst, nach selbst gestalteter Sinnlichkeit. Es ist beides eine Art von Reaktion gegen das unmittelbar Gegebene, von Kontrasterscheinung. Demi gerade die bildende Kunst stellt sich als höchstes Ziel: die Wiedergabe der Natur, man könnte sagen: die Wiedereroberung der verlorenen Natur. Damit beginnt denn nun eine ganz neue Kulturepvche: die Epoche der sinnlich-künstlerischen Kultur. Das leiteude Prinzip der bildenden Kunst: die Anschaulichkeit wird zum herrschenden Kulturprinzip überhaupt. Das geistig-philosophisch-ästhetisch- literarische Weseu verschwindet, das ehedem uicht nur die geistigen, Der Anbruch einer sinnlich-künstlerischen Kulturepvche. 4gZ sondern auch die bildenden Künste beherrscht hatte. Ehedem - in Deutschland sicher noch vor hundert Jahren, trotz Goethe! — waren nicht uur Musik und Dichtung, sondern selbst die bildende Kunst sinnig gewesen! jetzt werden auch Musik und Dichtung sinnlich: es genügt an Richard Wagner und Richard Strausz zu denken, deren größte Wirkung in der sinnreizenden und sinnbetäiibenden Klangfülle ruht; an Dichter wie Hofmannsthal, Stefan George, Richard Dehmel, die nur noch die unmittelbarste Sinneserregnng erstreben, um einzusehen, wie auch in Deutschland die künstlerische Kultur im Vordringen sich befindet. Freilich: ob sie ein Bestandteil der Volksseele werden wird, wie in Frankreich oder Italien? Das vermag niemand vorauszusagen. Ja: die äußereu Anzeichen einer sinnlich-künstlerischen Kulturepoche stellen sich immer zahlreicher bei uns ein: die Anschauung ersetzt immer mehr den Gedanken — auf allen Gebieten. Aber werden wir auch die Fähigkeit zur schönen Sinnlichkeit haben? Wie wenig die Natur unserer Rasse den Anforderungen künstlerischer Lebensgestaltung gerecht wird, habe ich au anderer Stelle darzutun versucht. „Flüchtet aus der Sinne Schranken In die Freiheit der Gedanken!" klingt uns immer noch sympathischer im Ohre. Aber es ist ein Zeicheu für die Ubermächtigkeit der wirtschaftlichen Kultur, daß sie selbst Rasseueigenschaften zum Trotz ihre Folgerungen zu ziehen unternimmt. Und eine solche Kollsequenz städtischer Entwickeluug bei gleichzeitig zu- uehmender Wohlhäbigkeit der Bevölkerung scheint das Hereinbrechen der geschilderten neuen Kulturepoche, der künstlerischen in der Tat zu sein. Ein wesensanderes Schicksal hat u nsere i u te l l ekt u e l le Ä u l tu r gehabt. Auch auf sie sind die ungeheuren Stoffmassen, die das verflossene Jahrhundert aufgetürmt hat, nicht ohne Einfluß geblieben. Aber während die lebendige Persönlichkeit in den Künsten von dem toten Stoffe, der sie zu erdrücken drohte, durch die schöne Gestaltung gleichsam sich zu befreien unternahm — als ein solches Befreinngswerk ist auch die Wiederbelebung des Kunstgewerbes in unserer Zeit anzusehen — hat in der Wissenschaft das Stoffliche immer mehr das Persönliche sich unterjocht. Sind die Künste 31* 484 Wirtschaft und Kultur. in unserm Jahrhundert versiunlicht, so ist unterdessen, könnte man sagen, die Wissenschaft versachlicht. Von der Überwertung der quantitativen Forschungsmethoden, die wie wir an anderer Stelle lim achten Kapitel) sahen, die Naturwissenschaften ausschließlich beherrschen, war eben schon die Rede. Dank dieser Hochschätzung der Menge auch im Gebiete der Erkenntnis ist nun aber im Laufe des Jahrhunderts eine solche Fülle an Wissensstoff zusammengetragen worden, das; unter ihm die Persönlichkeit des geistigen Arbeiters erstorben ist. Zu seiner Verarbeitung ist ganz nach dem Vorgange der Wirtschaft der arbeitsteilig-kooperative Betrieb in die Wissenschaft eingeführt worden, der (um den Vergleich zu Ende zu führen!) die eigenschaffenden Handwerker in Teilverrichtungen versehende Fabrikarbeiter verwandelt hat. Unsere hochentwickelte Technik hat aber zudem für viele Wissenszweige eine so vollkommene Ausrüstung mit sachlichen Produktionsfaktoren geschaffen, daß der wissenschaftliche Arbeiter von heute vielfach geradezu zum Maschinenarbeiter geworden ist. Daß es diesem Entwickelungsgänge, den die Wissenschaft in unserm Jahrhundert genommen hat, vornehmlich zu gute zu halten ist, wenn gerade wir Deutsche heute die Führung auf zahlreichen Wissensgebieten bekommen haben — es sind in der Tat meist solche Gebiete, auf denen der fabrikmäßig-maschinelle Betrieb die höchsten Erfolge verspricht: Geschichte, Philologie, Naturwissenschaften, Medizin —, wurde an anderer Stelle bereits gebührend gewürdigt. Wo nun aber Massenhaftigkeit und Wechselhaftigkeit' sich paaren, da wird der Einflnß ganz besonders deutlich, den die Neugestaltung unserer äußeren Lebensbedingungen ans Wesen nnd Art unseres kulturellen und individuellen Daseins ausgeübt hat. Ich denke zunächst an die ziffermäßig schon gewürdigte Tatsache, daß die Wanderhaftigkeit unserer Gesellschaft dereu Bestandteile in einer Weise durcheinander gewürfelt hat, wie es in keiner früheren Zeit auch nur annähernd geschehen ist. In den neuen Kulturzentren, den Großstädten, insbesondere, dann aber auch in den Jndustriegegenden, ist ein buntes Gemisch der verschiedensten Volksbestandteile entstanden, von dem man einstweilen noch nicht Die Genesis des wurzellosen, abslralten Allcrmcltsmcnschcn. 485 zu sagen vermag, was es an Rassentüchtigkeit leistet. So gar vielversprechend ist das Gemengsel, das die Vororte unserer großen Städte bevölkert, einstweilen noch nicht. Es hält auch nicht von serne einen Vergleich aus mit der Bevölkerung in wohlhabend- bäuerlichen Gegenden. Und wer den krummbeinigen, bleichwaugigen, rasseloseu Nachwuchs aus den Sandhaufen der großstädtischen Spielplätze mustert, kauu leicht auf den Gedanken kommen, das; anch auf dem Gebiete der Nassenbilduug der Ersatz der Qualität durch die Quantität das eigentümliche Merkmal unserer Zeit sei. Aber ich wiederhole- wissenschaftlich begrüudete Aussagen über die ethnologischen Wirkuugen des Durcheiuanderheiratens in Deutschland lassen sich heute noch ebensowenig machen wie Feststellungen der Wirkungen, welche die Stadt als solche auf die Qualität der Nasse auszuüben imstande ist. Muß man doch immer die soziale Lage: die Ernährungsweise, die Wvhnverhältnisse und Arbeitsbedinguugeu — also ganz variable Umstäude — als wesentlich bestimmenden Faktor mir in Rechnung stellen. Mit Sicherheit aber läßt sich eine andere, mehr psychologische Wirkung der örtlichen Neuschichtnng, sowie der Wauderhaftigteit unserer Bevölkerung nachweisen: das ist die Nivellierung der ehemals vorhandenen kulturellen Eigenarten des einzelnen Land es teils, äußerer wie innerer. Die lokalen Trachten, die Volkslieder, die bestimmten Sitten und Gebräuche einzelner Gegenden verschwinden immer mehr und machen den ans den Großstädten eingeführten Gewohnheiten Platz. Das großstädtische Konfektionshaus schreibt jetzt ebenso die Kleidermode auf dein Lande vor, wie der großstädtische Tingeltangel die Gassenhauer angibt, die in den Torfstraßcn gesungen werden. Eine weitgehende und allgemeine Neuformuug des Denkens und Empfindens über das ganze Reich hinweg hat Platz gegriffen. Daß in den Städten, die, wie wir wissen, einen immer größeren Teil der Bevölkerung in sich aufnehmen, eine Art von Durchschnittsmensch erwächst, ist selbstverständlich; aber auch in den Kreisen des Landvolks wird dieser Typus immer häusiger. An 'die Stelle des wurzelhasten, kontreten Ortsmenschen tritt mehr und mehr der wurzellose, abstrakte Allerweltsmensch. 480 Wirtschaft und Kultur, Mit dieser Kennzeichnung ist aber auch schon angedeutet, worin denn nun die innere Eigenart des also vereinheitlichten Stadtmenschentypus besteht, wenn wir ihn mit dem nmud sapiens yuo ante in Vergleich stellen. Eine Anzahl charakteristischer Züge des neuen Geschlechtes kennen wir schon, nämlich diejenigen, die aus der überragenden Bedeutung der Menschen- und Gütermasse sich ergeben. Hier gilt es, unS klar zu machen, welchen entscheidenden Einfluß auf die Neugestaltung der Volkspsyche die Paarung der Masse mit dem Wechsel auszuüben imstande ist. Ich denke, man wird zunächst feststellen können, daß die Unbeständigkeit aller äußeren Lebensbedingungen auch im Innern die Menschen unstet, unruhig und hastend gemacht hat. Die stille Beschaulichkeit, die sichere, iu sich ruhende Behaglichkeit der früheren Zeit sind verschwunden. Die Sorge um das Morgen, die Unsicherheit des Heute haben eine stete Anspannung aller Kräfte, eine unausgesetzte Aufmerksamkeit nötig gemacht. So ist der Schlendrian dem Tätigkeitsdrangs gewichen; wo ehedem der Friede im Innern war, ist heute der Kampf. Dieser verschärfte Kampf ums Dasein aber hat das Geschlecht härter gemacht. Die weicheren Regungen des Herzens sind zurückgetreten, die Willenssunktionen stärker entwickelt. Aus diesem verschärften Kampfe ums Dasein erklärt sich auch die Jntensivisierung, das heißt die Beschleunigung unserer Lebensführung: die Notwendigkeit, in einer gegebenen Zeit mehr Energie auszugeben, um eine höhere Nutzwirkung zu erzielen. Und dieses Iinensitätsstreben erhält neue Nahrung aus dem massenhaften Einstürmen immer neuer Eindrücke auf unser Geistesleben, das in uns das Bedürfnis nach immer stärkeren Reizen mit Notwendigkeit weckt. So erzengen Masse und Wechsel selbst wieder das Bedürfnis nach Masse und Wechsel, iu denen sich das objektive wie das subjektive Dasein der modernen Kulturvölker zu erschöpfen scheint. Aber das Haften und Drängen unserer Zeit wird dann wieder bestimmend für andere wichtige Züge unseres Kulturlebens. Es nimmt uns die Maße zur iutcllektuelleu uud gemütlichen Per- Die innere Art des modernen Menschen. 487 tiefung, und man wird nicht fehl gehen, wenn man behauptet, daß unser Geistesleben in dem Maße flacher geworden ist, wie es breiter wurde. Der rasche Wechsel massenhafter Eindrücke nimmt dem einzelneu die Möglichkeit, die individuelle Eigenart in gleicher Weise, wie ehedem, znr Geltung zu briugeu, gegen die Außenwelt durchzusetzen. Wir haben keine Zeit mehr, gegen die auf uns einstürmenden Reize tief zu reagieren, den massenhaft auf uns eindringenden Stoff ganz zn verarbeiten. Das ist Wohl die Erklärung für die Tatsache, daß unsere Zeit ärmer geworden ist au Originalen, an charakteristischen Persönlichkeiten. Auch auf das Gebiet der kultnrschaffenden Tätigkeit greisen diese Einflüsse hinüber. Der Künstler, der Schriftsteller: sie erhalten so tausendfache Eindrücke von außen her, sind so von Anregungen heimgesucht, daß auch sie immer schwerer ihre persönliche Eigenart znr Entfaltung zu bringen vermögen. Wenn es unserer reichen, glänzenden Zeit beispielsweise nicht gelingen will, einen eigenen Baustil zu entwickeln: hängt es nicht mit der Tatsache zusammen, daß ein Stil gar nicht mehr die Zeit hat, sich anszuwachsen .. .? Doch — ich sehe, daß ich in meinen Betrachtungen schon über die Grenzen hinausgegangen bin, die dieser Darstellung gesteckt sind. Ich wollte ja nur ein Paar Hinweise geben. Aber einer Frage möchte ich zum Schlüsse doch noch Ausdruck verleihen, der Frage, die sicher vielen Lesern aus der Zuuge schwebt: gibt es denn überhaupt eine gemeinsame Knlturbasis in dem Deutschland des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts? Sind die äußeren Lebensbedingungen, sind geistige Kultur und Seelenveranlagung nicht so wesensverschiedene bei dem ostelbischen Gutsbesitzer und dem großstädtischen Proletarier, bei dem armen Instensohn des östlichen Teutschlands und dem Bankier im Berliner Tiergartenviertel, daß mau gar nicht das Recht hat, von einer und derselben Kultur zu reden? Die Frage ist gewiß naheliegend und ich halte die iu ihr gemachten Einwendungen zum teil für berechtigt. Aber trotz aller Verschiedenheiten läßt sich doch gewiß nicht bestreiten, daß bestimmte Kennzeichen der Kultur für alle, oder fast alle, oder doch wenigstens sehr weite Kreise der 488 Wirtschaft und Kultur, Bevölkerung die gleichen sind. Und auf diese Gleichheit wollte ich in diesem Kapitel die Aufmerksamkeit des Lesers lenken. Indem ich nun aber alsobald versuche, den gewaltigen Unterschiedet? nach- zugehen, wie sie die einzelnen Bevölkerungsschichten, von denen ich schon einige nannte, in ihrer äußeren Lage und ihrem inneren Wesen unzweifelhaft ausweise». Auf die Betrachtung des Voltsganzen soll nun die Schilderung der einzelnen Volksbestandteile und ihrer Schicksale während des verflossenen Jahrhunderts folgen. sechzehntes Kapitel. Beruf und Besitz. I. Die Gliederung der Bevölkerung nach dem Berufe. Seit der Menschen so viele geworden sind, beschäftigt man sich gern damit, sie nach allen möglichen Unterscheidungsmerkmalen zn rubrizieren, in Gruppen zu ordnen. Es gibt eine eigene Wissenschaft, die gleichsam die Registratur einer Volksmasse besorgt. Der Gesichtspunkte, nach denen die Gruppierung vorgenommen wird, hat man so viele, als ein Mensch Eigenschaften besitzt. Ob er alt, ob jung, ob Mann, ob Frau, ob Jude, ob Christ, ob Deutscher, ob Pole, ob Lediger', ob Ehemann, ob Verrückter, ob Gesunder, ob Verbrecher, ob wohlgesitteter Bürger, ob Nnndkops, ob Langkopf: alles kann einen Anlaß zur Registrierung und Klassifizierung des einzelnen bieten. Und offenbar gibt es nun auch ökonomisch bedeutsame Eigenschaften, die die Bürger eines Landes voneinander unterscheiden und nach deren Vorhandensein oder NichtVorhandensein man die Bevölkerung in Gruppen einteilen kann. Wir können in diesem Falle von sozialen oder wirtschaftlichen Gruppen sprechen. Das erste Unterscheidungsmerkmal, nach dem man die sozialen Grnppen sondert, ist die Bernfszugehörigkeit. Von ihr ist ja im Verlaufe des dritten Buches häufig die Rede gewesen, und dort sind auch (oder in den dazu gehörigen Anlagen) die erforderlichen statistischen Angaben gemacht worden. Hier will ich nur noch eine Gesamtübersicht über die Gliederung der Bevölkerung nach dem Berufe geben, in dessen Ziffern gleichsam der gesellschaftliche 490 Beruf und Besch, Niederschlag der uns bekannten ökonomischen Umgestaltungen zum greifbaren Ausdrucke kommt. Ich teile zunächst die Ergebnisse der Berusszühlung von 1882 und 1895 für das Deutsche Reich mit. Danach gehörten von je tausend Personen der Gesamtbevölkerung zu der Berussabteilung 1882 1895 ^. Landwirtschaft, Gärtnerei und Tierzucht, Fvrstwirtschast und Fischerei..... 425 357 darunter- Landwirtschaft allein .... 414 344 k. Bergbau und Hüttenwesen, Industrie und Bauwesen........... 355 391 0. Handel und Verkehr.......100 115 O. Häusliche Dienste (einschl. persönliche Bedienung), Lohnarbeit wechselnder Art. . 21 17 L. Armee-, Hof-, Staats-, Gemeinde-, Kirchendienst, freie Berufsarten...... 49 55 Ohne Beruf und Berufsangabe ... 50 64 1000 1000 Aus diesen Ziffern vermögen wir die uns bekannten Tendenzen der volkswirtschaftlichen Entwickelung ohne weiteres abzulesen : Verringerung der landwirtschaftlichen Bevölkerung; Vermehrung der Erwerbstätigen in Gewerbe, Handel und Verkehr: Auwachseu der Gruppe L und Beamte aller Art, denn die Menge in Ordnung zn halten wird immer schwieriger; freie Berufsarten und NentierS- denn die Gesellschaft wird immer reicher. Noch deutlicher treten diese Grundzüge unserer gesellschaftlichen Umschichtung zn Tage, wenn wir entfernte Zeiträume miteinander vergleichen. So gehörten im Königreich Preußen (ich stelle die Ziffern für das Königreich alten und neuen Bestandes zusammen, weil die Verschiebungen in dem Anteilsverhältnis unbedeutend sind) von je hundert Personen zu den Berufsgruppen (nach den amtlichen Zählungenj Verschicbungen in dem Anteilsverhältnisse der einzelnen Bernse. 491 1843 1895 Landwirtschaft..... 60.84—61.34 36.12 L. Gewerbe...... 23.37 38.37 0. Handel und Verkehr . . 1.95 11.39 v. Häusliche Dienste . . . (in den übrigen Berufs- gruppeu mitgezählt) 2.09 u. ?. Beamte, freie Berufe und Berufslose . . . . 4.5—5 11.67 100 100 Betrachten wir nun aber die Gliederung der Bevölkerung nach Berufen im einzelnen etwas genauer, so fällt uns zunächst die Tatsache auf (die sich ebenfalls als ein Ergebnis uns bekannter Entwickelungsreihen darstellt), daß die Zahl der verschiedenen Berufe — durch Differenzierung namentlich der gewerblichen Tätigkeit — in fortwährendem Wachsen begriffen ist. Das Berufsverzeichnis von 1895 weist nicht weniger als 10397 Berufsbenennungen auf: 4218 mehr als im Jahre 1882. Eine Differeuziierung ist Wohl auch insosern eingetreten, als heute weniger Personen verschiedene Berufe zu gleicher Zeit ausüben. Der aufmerksame Leser wird sich einer kleinen Statistik für den Kreis Solingen aus dem Jahre 1834 erinnern, aus der die außerordentlich häufige Vereinigung verschiedener Berufe in früherer Zeit ersichtlich wurde. Ich denke, man wird jene Ziffern ohne weiteres als typische für die Vergangenheit gelten lassen dürfen: dafür spricht ihre innere Ratio. Seitdem hat sich ununterbrochen die allgemeine Tendenz zur Trennung der einzelnen Berufstätigkeiten siegreich durchgesetzt, trotzdem in einzelnen Sphären des Wirtschaftslebens, namentlich im Handwerk, eine Gegentendenz sich deutlich versolgen läßt. Der Rückgang der handwerksmäßigen Organisation und die damit vielfach verbundene Verringerung des Produktionsumfanges der einzelnen Handwerke hat nämlich in wachsendem Maße die Handwerker veranlaßt, den Aussall an Einnahme durch einen Nebenerwerb zu decken. Während die einen versuchen, sich aus einem mit ihrem Produktionsbetriebe verbundenen Ladengeschäfte Einnahmen zu verschaffen (man denke an die Buchbinder, Bürstenmacher, Drechsler, Glaser, Hutmacher, 492 Beruf und Besitz. >iammmacher, Klempner, Kürschner, Sattler, Schuhmacher, Töpfer Uhrmacher!), haben die andern sich zn helfen gewußt durch Bereinigung mehrerer ehemals selbständiger Produktionszweige: der Schlosser sucht die Schmiedearbeiten, der Schmied die Schlosserarbeiten an sich zu ziehen, die Zimmereibetriebe verrichten die Bautischlerarbeiteu; die Tischler setzen die Fensterscheiben ein; die Bäcker treiben nebenher Konditorei und Pfefferküchelei; Sattler- nnd Tapezierarbeiten, Stellmacher- und Schmiedearbeiten werden vereinigt. Noch andere endlich suchen einen irgendwelchen, wie auch immer gearteten Nebenerwerb zu bekommen. Da finden wir Handwerker im Nebenberuf tätig als: Zeitungskolporteure, Versicherungsagenten , Spediteure, Penfioushalter, Karusselbesitzer, Lohukellner, Leichenträger, Vereinsdiener, Ausläufer, Laternenanzünder, Kirchendiener, Nachtwächter, Schulpedelle, Küster, Hausmeister, Ausrufer, Totengräber und was weiß ich, als was sonst noch. Trotz dieser Tendenz zur Berufsvereinigung im Handwerk (die allerdings wohl nicht in ihrem ganzen Umfange von der Berufsstatistik erfaßt wird!) läßt sich nun aber, wie gesagt, im großen Ganzen eine auch in der Gegenwart noch zunehmende Ver- selbständignng der einzelnen Berufstätigkeiten nachweisen. Wenigstens ist dieses das Ergebnis eines Vergleiches der beiden Berufszählungen von 1882 und 1895. In dem Zeiträume, der zwischen ihnen liegt, stieg die Anzahl der Personen, die einem „Nebenberuf" obliegen, nur bei den berufslosen Selbständigen: von diesen hatten 1882 179 679, 1895 dagegen 201335 einen Nebenberuf. Da aber doch im Gruude das Nichtstun kein selbständiger Beruf ist, so bedeutet die Zuuahme der Ausübung einer Erwerbstätigkeit in der „Berufsabteilung" der Berufslosen doch eher eine Zunahme als eine Abnahme der Bernfstrennnng, sicher aber nicht diese. Übrigens hat die Zahl der Berufslosen von 1882 bis 1895 stärker zugenommen, als die Zahl der „erwerbstätigen Berufslosen", sodaß diese von der Gesamtheit der Berufslosen 1895 nur 9.40, 1882 dagegen noch 13.27"/^ ausmachten. Wo jedoch schon ein Beruf ausgeübt wurde, ist auf der ganzen Linie die Vereinigung verschiedener Berufe sogar in Tendenz zur Vermehrung und Versclbstttndigung der Berufe. 49I absoluten Ziffern seltener geworden. Und zwar erscheint nur die Abnahme der Nebenberufsfülle, angesichts der Kürze des Zeitraumes, außerordentlich groß: sie betrug nämlich über eiue halbe Million (3 272111 gegen 3 799 596). Zieht man nun aber die Vermehrung der Erwerbstätigen in Rücksicht, so erscheint die Verminderung der Bedeutung nebenberuflicher Tätigkeit noch erheblicher. Es ergibt sich dann nämlich, daß 1882 noch etwa ein Fünftel (20.96 "/<,), 1895 dagegen nur uoch ein Siebentel (14.29 °/g) aller Erwerbstätigen (einschließlich der „berufslosen Selbständigen") einem Nebenerwerbe nachgingen. Von 100 Nebenberufssällen kommen (1895) auf die Landwirtschast 32.06, auf die Gewerbe 45.58, auf Handel uud Verkehr 11.73, auf häusliche Dienste usw. 0.96, aus öffentliche Dienste usw. 3.52, auf die Berufslosen 6.15. Diese Verselbständignng der Berufe bringt naturgemäß in mehr als einer Hinsicht schwerwiegende Folgen für das Los des einzelnen Wirtschaftssubjcktes mit sich. Ökonomisch bedeutet sie eine Steigerung des Konjunkturrisikos, also der Unsicherheit: denn je ausschließlicher ein Berns ausgeübt wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit für den Selbständigen wie für den Abhängigen von ungünstiger Konjunktur heimgesucht zu werden. Physiologisch ist die Berufsspezialisierung ebenfalls von tiefeinschneidender Wirkung; insbesondere darf die Verringerung einer landwirtschaftlichen Nebenbeschäftigung, namentlich für den Handarbeiter als eine erhebliche Verschiebung seiner körperlichen wie seelischen Daseinsbedingungen angesprochen werden. Angesichts dieser Tatsachen konnte man nun zu der Auuahme gelangen: die Berufszugehörigkeit habe heute eine größere Bedeutung auch für die Stellung des einzelnen in der Gesellschaft als ehedem. Eine solche Annahme wäre jedoch durchaus irrig. Es trifft vielmehr das Gegenteil zu: welchem Berufe jemand angehört, wird immer gleichgültiger; anders ausgedrückt: die Ausübung eines bestimmten Berufes verliert unausgesetzt an Gesellschaftbildender Kraft, weil die Berufsgruppe immer mehr an Festigkeit einbüßt. Und das hat einen doppelten Grund: es wird nämlich sowohl die äußere als auch namentlich die innere Be- 494 Beruf und Besitz. ziehung des einzelnen zu dem Berufe, den er ausübt, immer lockerer. Wer aufmerksam meinen Ausführungen gefolgt ist, dem muß klar geworden sein, daß das neunzehnte Jahrhundert eine Epoche unerhört zahlreicher beruflicher Neubildungen gewesen ist. Das gilt vor allem für die Sphäre der gewerblichen Produktion. Hier sind die alten Handwerke großenteils durch gänzlich anders geartete Industrien ersetzt; ehemals zusammengehörige Tätigkeiten sind zerlegt, wesensverschiedene Verrichtungen zu einem einheitlichen Produktionsprozesse zusammengefügt, zahlreiche Berufe (man denke nur an die chemische Industrie oder an die Surrogatindustrie!) überhaupt neu geschaffen worden. Aber es ist nicht nur eine Eigenart der kapitalistischen Wirtschaft, daß sie berufliche Neubildungen hervorruft; nicht minder bezeichnend ist es für sie, daß sie die neugeschaffenen Gewerbezweige einer unausgesetzten weiteren Umbildung nnterwirst. Die Berufsbildung kommt also niemals zur Ruhe. Warnm das der Fall ist, wissen wir. Es ist in der Eigenart der kapitalistischen Interessen und der ihr dienstbar gemachten Technik und Betriebsorganisation gleichermaßen begründet. Die alte handwerksmäßige Produktionsweise beruht auf der Gruppierung einer bestimmten Anzahl von Arbeitsverrichtungen um die Persönlichkeit eines technischen Arbeiters. Diese Gruppierung war das Ergebnis eines langen, organischen Anpassungsprozesses und mußte ihrer inneren Natur nach die Neigung znr Beständigkeit besitzen: die empirische Technik enthielt dafür die Gewähr. Denn was diese an Änderungen brachte, floß doch immer wieder nur aus den: Boru des persönlichen Könnens eines lebendigen Arbeiters. Heute werden die einzelnen Verrichtungen nach sachlich-rationalistischen Gesichtspunkten, ohne jede Rücksicht auf eine organische Persönlichkeit zn einem einheitlichen Arbeitsprozeß zusammengefaßt, der seine Gestalt mit jeder neuen (auf wissenschaftlichem Wege gewonnenen) Verbesserung des Verfahrens verändert. Diese sachlich-rationalistische Gruppierung der einzelnen Tätigkeiten, die in ihrer Gesamtheit einen Beruf bilden, führt also ebenso notwendig zu einem steten Wechsel, wie die persönliche Gruppierung Die Beziehungen der einzelnen BerusSangehörigcn zu ihren Berufen — 495 die Sterotypierung der Berufe im Gefvlge haben muß. Der einzelne Produzent hat demnach heutzutage aus rein äußerlichen Gründen gar keine Zeit mehr, mit einer bestimmt umgreuzten Berufstätigkeit zu verwachsen. Die einzelnen Berufe laufen fortwährend durcheinander. Aber uoch bedeutsamer ist wohl die Tatsache, daß die Möglichkeit, mit seinem Denken und Fühlen ein festes Verhältnis zu einem bestimmten Bernfe zu gewiuueu, immer geringer geworden ist. Zweisellos wird das Bewußtsein der Berufszugehörigkeit um so stärker sein, je eigenartiger die ausgeübte Tätigkeit ist, dagegen muß das Berufsgefühl auf ein Minimum herabsinken, wenn die Tätigkeit ihre qualitative Färbung so gut wie verloren hat. Berufsgefühl entfaltet sich zum Berufsstolz, der Berufsstolz erzeugt eine bestimmte Berufsehre. Hat ein Beamter uoch eine spezifische Berufsehre? Hat sie insbesondere der niedere Beamte? Als solcher? Oder in dem Verwaltuugszweige, in dem er gerade beschäftigt ift? Aber diesen kann er beliebig vertauschen: er kann aus dem Staatsdienst in den Gemeiudedicnst treten — und umgekehrt, und hier wiederum aus einem Bureau ins andere kommen. Hat der Händler ein spezifisches Berufsbewußtsein? Als solcher? Oder innerhalb seiner Branche? Aber er handelt heute mit Fellen und morgen mit Kohle. Auch wird die Beziehung des Kaufmanns zu seiner Ware, wie wir sahen, immer loser. Er bekommt sie oft gar nicht mehr zu Gesicht; das Handelsgeschäft ist nur noch quantitativ bestimmt. Hat ein Getreidehändler in Mannheim oder ein Warenhausbesitzer noch einen ausgeprägten Berufsstvlz? Oder fühlen sie sich nicht vielmehr beide in erster Linie als kapitalistische Unternehmer? Jedenfalls kann es nur immer der Schatten eines Berufsbewußtseins sein von dem, was etwa im Mittelalter ein Handwerksmeister hatte, der sich mit seinen Berufsgenossen um die Embleme seines Gewerkes scharte wie der Soldat um die Fahne. Nnn sind aber, wie die Statistik lehrt, alle jene, sagen wir einmal qualitätslosen Berufsarteu im Bordringen begriffen, die Erwerbszweige also, die gar keine oder nur geringe berufsbildende Kraft besitzen, werden immer zahlreicher. Aber auch in der Sphäre solcher Berufe, die ehemals ein ganz besonders starkes Zugehörig- >!>«> Beruf und Besik, keitsgefühl in denen, die sie ausübten, erzeugt haben, also namentlich auch in der Sphäre der gewerblichen Produktion (für die Landwirtschaft hat sich, außer an den wenigen Stellen, wo sie rein kapitalistisch betrieben wird, wenig gegen früher geändert) sind Verufsbewußtsein, Berufsstolz, Berufsehre heute stark verringert. Und es wäre wunderbar, wenn es anders wäre. Da ist zunächst wieder die neue Technik, die das Aufkommen eines Berufsgefühls in den meisten Fällen schlechterdings ausschließt. Die Tätigkeit erscheint ja gar nicht mehr als Ausfluß eiuer Persönlichkeit, sondern als Abwickelung eines Prozesses: sie ist versachlicht. Was kann der einzelne aus ihr an persönlichem Eigenartsbewußtsein ableiten? Ein Schneider, ein Schlosser, ein Bäcker, ein Gerber: sie alle haben einen wohlumschriebenen Kreis von Tätigkeiten, deren Ausübung ihnen einen Lebensinhalt gewähren und mit Stolz erfüllen kann. Wie aber soll ein Arbeiter in einer Jnsektenpulverfabrik oder in einer Hühneraugenringefabrik oder in einer Schwefelsäurefabrik ein innerliches Verhältnis zu seiner Berufstätigkeit gewinnen? Weiter: die empirische Technik beruhte auf einem persönlichen Können und persönlichen Erlernen; die moderne Technik auf einem objektiven Wisfen. Der Handwerker umgab seine Tätigkeit gern mit dem Nimbus des Geheimnisvollen, dessen innerstes Wesen nur ihm und seinen Genossen offenbar ward. Man erinnere sich der fast mystischen Verschleierung, deren beispielsweise die alten Baugewerbe teilhaftig wurden. Der heutige Produktionsprozeß wird paragraphenweise in den Lehrbüchern beschrieben und kann von jedermann gegen Entrichtung der Kosten erlernt werden. An die Stelle des mit den Schanern der Mystik umkleideten Berufsgeheimnisses tritt das ordnungsmäßig erteilte v. Nr. so und so. Auch das Fabrikationsgeheimnis wird zum Geschäft. Mit der neuen Technik ist, wie wir wissen, die neue Betriebsorganisation gekommen: der arbeitsteilig-kooperative und großenteils der automatische Betrieb. Nun ist es aber ersichtlich, daß auch die neueren Betriebsformen der Entfaltung eines spezifischen Berufsgefühls hinderlich sind. Der einzelne Arbeiter hat nichts mehr mit der Gesnmttätigkeit seines Produktionszweiges zu tun, — werden aus objektiven nnd subjektiven Gründen loser. 497 sondern ist zu einem wesenlosen Teilfunktionär in dem gesellschaftlichen Produktionsprozeß geworden. Soll die Knopflochnähterin in einer Schuhfabrik sich als Schusterin fühlen? oder der Bursche, der eine Nägelmaschine bedient, als Schmied? Dazu kommt, das; die hochentwickelte moderne Berufsorganisation immer mehr Raum für die sogenannte „ungelernte", besser qualitätslose Arbeit bietet, oder aber die ehemals „gelernte" Handarbeit zn einer (unter Umständen sehr schwierigen uud darum nach wie vor „gelernten") Maschinenarbeit umwandelt. In diesen Fällen ist aber wiederum die Beziehung des Arbeiters zu dem inneren Wesen der gesamten Produktionstätigkeit loser geworden, die Arbeit ist wiederum um ein. weiteres Stück versachlicht. Aber der wichtigste Umstand ist doch vielleicht dieser: im Nahmen der kapitalistischen Wirtschaftsform ist der technische Arbeiter, in dem doch vor allem die bestimmt gefärbte Berufsarbeit das Berufsbewußtsein erzeugen muß, an dem wirtschaftlichen Erfolge seiner Tätigkeit nicht mehr interessiert. Der Produktionsleiter jedoch, der allein noch ökonomisch an dem Produktious- erfolge ein Interesse hat, ist nicht mehr technischer Arbeiter, hat also gar ke'n qualitativ gefärbtes Verhältnis mehr zu dem Inhalt seiner produktiven Tätigkeit. Er entwickelt immer mehr seine abstrakte Händlernatur. Daß er gerade Leder statt Eiseu, Mehl statt Garn herstellt, ist doch für seine Eigenschaft als kapitalistischer Unternehmer vollständig gleichgiltig. Morgen wird er das Leder mit dem Eisen, das Garn mit dem Mehl vertauschen: der Inhalt seines Produzententums ist beliebig auswechselbar. Wie sollte er ein Berufsbewußtsein entwickeln? Höchstens einmal bei der ^Berechnung der Unfallreuten oder bei der Beratung des Zolltarifs. Aber darauf kann doch keine feste Berufsgliederung fußen. Zu den seltsamsten Gedanken unserer an seltsamen Gedanken so reichen Zeit gehört deshalb auch der: die Verfassung eines modernen Staates auf der Grundlage etwa der Berufsgeuossenschaften, also iu „Verufsstäuden", aufbauen zu wollen. Sombart, VollSwirtschasr. 32 498 Beruf und Besip, II. Die Einkommensverteilung in alter und neuer Zeit. Der zweite Gesichtspunkt, nnter dem man soziale Gruppen unterscheiden kann, ist der Besitz oder richtiger: das Einkommen. Leider sind die zuverlässigen Ziffern, die uns über Besitz- oder Einkommensverteilung in Deutschland zur Verfügung stehen, so gering und reichen vor allem so kurz zurück, daß die Betrachtung, die weit auseinanderliegende Zeiträume in Vergleich stellen will, vielfach auf die Wertung symptomatischer Erscheinungen, auf allgemeine Stimmungsbilder und Gesamteindrücke angewiesen ist. Dadurch empfängt sie aber begreiflicherweise leicht eine subjektive Färbung und kann zu Bedeukeu Anlaß geben. Ich werde deshalb auch nur mit aller Reserve in den folgenden Zeilen, soweit nicht völlig einwandfreie und vergleichbare Zahlen vorliegen (was nur für die letzten Jahrzehnte des Jahrhuuderts der Fall ist), mein Urteil abgeben über die Veränderungen, welche die Einkommensschichtung in Deutschland während des neunzehnten Jahrhunderts erfahren hat. Man kann diese Veräudcrungen unter einem zweifachen Gesichtspunkte betrachten: man kann entweder den Zustand vor hundert Jahren mit dem heutigen vergleichen und feststellen, worin sich die beiden unterscheiden; oder man kann die Verschiebungen in Betracht ziehen, denen der alte Stand der Dinge während der hundert Jahre unterworfen worden ist. Wir werden sehen, daß diese beide:? Betrachtungsweisen zu wesentlich verschiedenen Ergebnissen führen. Was jedermann, dem die vergangenen und die gegenwärtigen Einkommens- und Vermögensverhältnisse auch nur einigermaßen vertraut sind, bei einem Vergleiche sofort und vor allem auffallen mnß, ist die Tatsache, daß am Ende des Jahrhunderts eine Gruppe von Einkommensbeziehern eigentlich ganz neu hinzugetreten ist: die Gruppe der reichen Leute. Anders und etwas genauer ausgedrückt: das hervorstechende Merkmal der modernen Einkommensverteilung (im Gegensatz zn der vor hundert Jahren) ist der (private) Geldreichtum als Massenerscheinung. Reichtum war vor huudert Jahren in Deutschland nur bei dem grundbesitzenden Adel zu finden. Dessen Reichtum ist aber (vou ganz wenigen Gc- DaS 19. Jahrhundert bringt d, privaten Geldreichtum als Massenerscheinung. 499 bieten abgesehen) bei uns niemals ein sehr beträchtlicher gewesen und vor allein, er war in damaliger Zeit gewiß nvch ein vorwiegend natnraler. Außerhalb des Adels jedoch gab es reiche Leute nur in verschwindender Anzahl. Wir dürfen daS vhne weiteres schließen, wenn wir sehen, daß nvch um die Mitte des Jahrhunderts ihre Zahl selbst in den reichen Städten Westdeutschlands ganz außerordentlich gering ist. Wobei man die Reichtums grenze sehr uicdrig ziehen kann: etwa bei 10 000 Mark Einkommen. Wenn ich sage: es gab (außerhalb des grundbesitzenden Adels) im Jahre 1800 keine tauseud Personen in ganz Deutschland, die ein Einkommen von 10000 Mark und darüber bezogen, so kann ich das ziffermäßig nicht belegen. Es ist ganz sreie Schätzung. Aber ich habe doch einige Anhaltspunkte. Ich kenne die Einkominensverhältnisse der 1840er Jahre aus Aachen, Köln, Düsseldorf und einigen andern rheinischen Städten, der 1850 er Jahre aus Berlin, Breslau und andern norddeutschen Städten, und diese bieten folgendes Bild, dein ich gleich immer zum Vergleiche das Gegenwartsbild gegenüberstellen will. In Aachen hatten vor sechzig Jahren nur 133 Persoueu ein Einkommen von mehr als 2400 Talern, das sich durchschnittlich auf 4950 Taler belief. Aachen war aber damals eine der reichsten Städte des preußischen Staates, viel reicher als das gleich zu erwähnende Köln. Trotzdem gibt es heute (1900) schon mehr als zehnmal so viel Leute mit jenem Einkommen (über 6000 Mark 1573), die etwa das dreifache Gesamteinkommen beziehen. In Köln gab es (1846) nur 533 Personen mit einem Einkommen von mehr als 1800 Taler, deren Durchschnittseinkommen etwa 3000 Taler betrug. 1900 hatten 4233 Personen mehr als 6000 Mark Einkommen, lind während die „reichen" Leute im Jahre 1846 ein Gesamteinkommen etwa 4^/., bis 5 Millionen Mark zu verzehren hatten, verfügt dieselbe Grnppe heute über eiu solches von 90 bis 100 Millionen Mark, es beträgt also heute daS Dnrchschnittseinkvininen in dieser Sphäre 20 bis 25 000 Mar>. woraus vor allem auf das Anwachsen und die Bermebrung der höheren Einkommen zu schließen ist. Über diese besitzen wir genauere Angabe» sür die Zeit nacb 500 Beruf und Besip. 1851, also nach erfolgter Reform der preußischen Einkommensteuer. Ich wähle Berliu zum Vergleiche, weil sich hier die Eigenart der modernen Entwickelung wohl am deutlichsten beobachten läßt. Im Jahre 1854 bezogen in Berlin ein Einkommen von mehr als 3000 Taler rund 1000 Personen, denen 1900 die 13 503 Personen mit mehr als 9500 Mark gegenüberstehen. Mehr als 20 000 Taler Einkommen hatten vor fünfzig Jahren nur 23, mehr als 40 000 Taler gar nur 6. Also in ganz Berlin gab es damals 6 Talermillionäre. Heute (1900) dagegen hundertmal mehr (639 Personen mit einem Einkommen von mehr als 100 000 Mark), während sich jene 23 Nnderthalbemarkmillionäre auf 1323 vermehrt hatten. Welch ein Szenenwechsel: das ganze Tiergartenviertel ist in dem letzten halben Jahrhundert aus dem Erdboden gestampft! Damals hatte der Höchstbesteuerte auch nur 64 000 Taler Einkommen; heute hat er sicher das fünfzehnfache Einkommen, denn schon 1898 bezog er 2 485 000 bis 2 490 000 Mark. Ich fagte: es sei die Gruppe der reichen Leute in dem verflossenen Jahrhundert den übrigen Einkommensbeziehern neu hinzugefügt worden. Das ist, ivie man sieht, richtig, wenn man die Menge ihrer Vertreter in Rücksicht zieht. Da es ja aber vereinzelte reiche Leute schon vor hundert Jahren gab, so kann man die Veränderung, die sich vollzogen hat, auch so ausdrücken: die Gruppe der Reichen ist ganz gewaltig, viel viel rascher, als irgend eine andere Einkommenskategorie, in diesen hundert Jahren augewachsen. Am Ende des Jahrhunderts gibt es in Prenßen rund 7000 Talermillionäre, rund 34 000 Markmillionäre und angehende Talermillionäre und immerhin rund 166 000 Persoueu, die reichlich zu leben haben (Einkommen über 9500 Mark). Viel ist es noch nicht, was wir an wohlhabenden Leuten besitzen (wie die Vergleiche mit der Gesamtzahl der Bevölkerung noch deutlicher erkennen lassen werden). Ich glaube sogar, es gibt in ganz Deutschland noch keinen einzigen Markmilliardär, denn Krupp scheint doch nicht mehr als etwa 200 Millionen Mark zu besitzen. Während beispielsweise Carnegie seinen Anteil am Stahttrust mit 300 Millionen K (über 1200 Millionen Mark) bar ausgezahlt erhielt. Eiue zweite Eigenart, die die heutige Einkommensgestaltung Dafür fällt eine Gruppe allerärmster EinkoinmcnSbezieher weg. 501 zum Unterschiede der früheren ausweist, ist der Ausfall einer Gruppe von Einkommensempfängern am entgegengesetzten Pol: der ganz Elenden und schlechterdings Notleidenden. Wie auf der einen Seite der Reichtum als Massenerscheinung neu ausgetreten ist, so ist auf der andern Seite das graue Elend als Massenerscheinung verschwunden. Wir besitzen keine Einkommens- statistik aus der frühereu Zeit. Aber wer die Schilderungen der zeitgenössische!? Literatur (von der der Leser in meinem Kapitalismus Bd. II S. 266 ein Verzeichnis findet) auch nur anblättert, kann nicht zweifeln daran, daß sich ein großer Teil der arbeitenden Bevölkerung, ja man darf vielleicht sagen, die große Masse des niederen Volkes in Stadt und Land, zumal während der 1830 er und 1840 er Jahre, in Deutschland in einem Zustande chronischer Not befand. Positiver Mangel am allernvtwendigsten, Hunger sans pnrase waren die ständigen Begleiter zahlreicher Familien, und der Hungertyphus in Oberschlesien und die Weberunruhen sind deutliche Wahrzeichen des allgemeinen, tiefen Elends jener Zeit. Man wird nun aber, denke ich, noch nicht der Schönfärberei beschuldigt werden, wenn man behauptet, daß heute von wirklicher Not weniger zu spüren ist als vor fünfzig oder hundert Jahren. Was man auch so ausdrücken könnte: eine massenhafte Besetzung von Einkommensstufen (daß es vereinzelte Fälle schlimmster, nackter Not immer noch geben wird, ist selbstverständlich) beginnt heute bei einem höheren Einkommensbetrage, als ehedem: sagen wir (um eine Zahl zu nennen) bei 300, statt bei 1S0 Mark Familieneinkommen. Die ganze Masse der Einkommensempsänger ist also um ein paar Grade in die Höhe geschoben und ist dafür nach oben hin, wie wir sahen, um einige Striche über ihr früheres Ende hinausgewachsen. Fragt sich: wie sieht es in den Mittelschichten aus, also um wiederum Ziffern anzugeben: in den EinkvmmenSstuseu zwischen 300 uud 10000 Mark, also bei der Masse der Bevölkerung? Ist diese in ihren Einkommensverhältnissen wesentlich anders gegliedert als vor hundert oder fünfzig Jahren? Wohlverstanden, die Frage lautet: haben von je tausend Personen ebensoviel heute wie damals 300 bis 400, 500 bis 600 Mark Einkommen nnd so sort? Ich 502 Beruf und Besil,, möchte fast antworten: ja, die Schichtung ist heute annähernd dieselbe. Jedenfalls sind wesentliche Verschiebungen nicht nachweisbar und auch wahrscheinlich nicht vorgekommen. Wenn sich etwas mit einiger Sicherheit aussagen läßt, so ist es dieses, daß die niedrigen Einkommen — unter 600 Mark und unter 900 Mark — eine Tendenz zur Verringerung aufzeigen, d. h. also, daß die Personen, die solche kleinen Einkommen beziehen, von der Gesamtbevölkerung einen immer geringeren Prozentsatz bilden. Dafür lasseu sich eiuige Ziffern als Beweis anführein so machten beispielsweise in Vreolau diejeuigen Personen, die ein Einkommen über 900 Mark bezogen, im Jahre 1858 erst 4.8°/g, 1900 dagegen 11.8°/st der Gesamtbevölkerung aus. Nach einer Zusammenstellung Ernst Engels vermehrten sich je 100 Steuerzahler in Preußen von 1852 bis 1873 in der EinkvmmenSstufe unter 400 Taler auf 122.8, iu derjenige» von 400 bis 1000 Taler auf 175, dagegen in derjenigen über 1000 Taler auf 225.7. Nach einer Berechnung SoetbeerS, die ich in der Anlage 59 mitteile, wäre diese Abnahmetendenz in den uutersteu Einkommensstufen (bis 525 Mk.) während der 1870er und einem Teile der 1880er Jahre uicht zu beobachten gewesen; im Gegenteil: es hätte 1876 jene Gruppe von allerkleinsten Einkvmmensempfängern nebst Angehörigen nur 25.65°/^, 1888 dagegen 29.20°/^, 1890 wieder mir 28.62"/,, ausgemacht. Sicher dagegen ist, daß die Ver- minderungStendcnz, die auch Soetbeer sür das Ende der 1880 er Jahre beobachtet, seitdem in Preußen nicht wieder stillgestanden hat, sondern scheinbar sogar stärker geworden ist. Und seit 1892 besitzen wir doch erst recht eine leidlich brauchbare Statistik. Nach dieser ergibt sich, daß 1892 noch 70.27"/^, 1900 nur uvch 62.41 der Bevölkerung ein Einkommen von weniger als 900 Mark beziehen. Im Königreich Sachsen bildeten 1879 die Personen mit einem Einkommen von weniger als 500 Mark 51.51 1894 36.59"/«, 1900 nur noch 28.29 °/^, diejenigen mit einem Einkommen von weniger als 800 Mark machten in den genauuteu Jahren 76.39, 65.30, 55.69°/g aus. Im großen ganzen ist die Veränderung, die die Einkommensverteilung im neunzehnten Jahrhundert erfahren hat, herzlich unbedeutend. Im übrigen ist die Einkommensverteilung annähernd dieselbe geblieben, Zgz Von dein Zuwachs an Reichtum, den wir ja auf ein Mehrfachem des Bevölkerungszuwachses glaubten ansetzen zu dürfen, ist ein Teil verwandt, nm Millionäre oder Millionärsanwärter in größere» Mengen zu züchten: eine Spezies des komo sapiens, die früher nur iu vereinzelten Exemplaren, gleichsam nur in Probeexemplaren vorkam; ein anderer Teil ist dazu benutzt worden, um die untersten Einkommensstufen auszukaufen, die Slums der Gesellschaft zu sanieren. In den Rest teilt sich die so viel stärkere Bevölkerung annähernd zu gleichen Teilen wie ehedem. Man wird auch wohl sagen dürfen, die Einkommens Verteilung sei heute differeuziiertcr als vor huudert oder vor fünfzig Jahren. Denn sicher ist zwischen den Ärmsten und den Reichsten heute ein größerer Abstand als damals, nicht etwa weil die Ärmsten ärmer geworden wären, sie sind vielmehr weniger arm, sondern weil die Reichsten um so viel rascher an Reichtum gewachsen sind. Aber im großen Ganzen ist das Bild, das die deutsche Bevölkerung in ihrer Eiukommeusschichtung darstellt, nach wie vor so ziemlich das nämliche. Es ist dieselbe breite Bettelsuppe armer und kümmerlicher Existenzen, auf der die paar Reichen wie Fettaugen schwimmen. Vielleicht ist die Mehlsuppc etwas konsistenter und sicher sind die Fettaugen zahlreicher geworden. Oder paßt der Vergleich etwa nicht, wenn man sieht, daß in Preußen (1900) nur 4.19 vom Huudert der Gesamtbevölkernug ein Einkommen von mehr als 3000 Mk. beziehen, mir ^ Prozent aber ein solches von mehr als 9500 Mk.? Ich sagte vorhin: das Bild, das uns die Einkommensverteilung gewähre, verändere sich, wenn wir — statt den Ltatus ciuo ante mit dem Ltalns c^uo lioclis zu vergleichen — die Verschiebung des vormaligen Zustaudes selber ins Auge faßten. Dann müssen wir offenbar von der Annahme ausgehen: die Bevölkerung habe sich während der letzten hundert Jahre nicht vermehrt, uud müssen fragen: was ist aus den Bewohnern Deutschlauds vor hundert Jahren und ihren Nachkommen geworden? Bei dieser Fragestellung ergibt sich, daß die Steigerung des Wohlstandes iu alleu Schichten eine beträchtliche gewesen sein mnß. Im Jahre 504 Beruf und Besitz, 1900 bezogen 11 Millionen in Preußen ein Einkommen von mehr als 900 Mk. Das Königreich Preußen alten Bestandes hatte 1816 rund 10 Millionen Einwohner, in seinem heutigen Umfange also wohl wenig mehr als 11 Millionen. Heute würde also kein Preuße weniger als 900 Mk. Einkommen beziehen. Sicher hätten diejenigen, die ehedem 900 bis 3000 Mk. bezogen, jetzt zwischen 3000 und 10000 Mk., diejenigen, die schon damals auskömmlich ',u leben hatten, würden jetzt ein reichliches Einkommen (über 10000 Mk.) beziehen usw. Diese Fiktion bedeutet mehr als eine Spielerei. Nicht nur, daß sie uns die Leistungen des Jahrhunderts klar machen hilft. Sie gibt uns auch die Handhabe, um für eine ganze Reihe von Fällen die tatsächlichen Wandlungen richtig zu beurteilen. Das sind diejenigen Fülle, in denen die Einkommensbezüge gleichsam schematisch mit dem steigenden Wohlstande gewachsen sind. Also namentlich bei den besoldeten Berufen. Diese haben tatsächlich wahrend des neunzehnten Jahrhunderts eine Veränderung in ihrer Lage erfahren, wie ich sie eben für die (als unverändert angenommene) Gesamtbevölkerung andeutete: was ehemals dürftig lebte, lebt jetzt in bescheidenen aber leidlichen Verhältnissen; wer früher ein bescheidenes Einkommen hatte, bezieht jetzt ein auskömmliches usw. Ganz interessante Studien lassen sich zum Beispiel über die materielle Lage der Volksschullehrer heute und vor hundert Jahren anstellen. Wir besitzen eine genaue Übersicht über die Gehaltsbezüge der kurmärkischen Landschullehrer um das Jahr 1300 (vgl. Krug, Natioualreichtum 2, 395). Daraus ergibt sich, daß der Höchstgehalt 250 Taler betrug. Diesen erreichten jedoch von insgesamt 1650 Lehrern noch nicht 3 (die 220 bis 250 Taler „jährliche Einkünfte" — also wohl einschließlich der Naturalbezüge? — hatten), nur weitere 2 hatten ein Einkommen aus ihrer Stelle von mehr als 200 Taler. 195 insgesamt bezogen mehr als 100 Taler, 1455 Lehrer also hatten weniger als 100 Taler Gehalt, 421 zwischen 20 und 40 Taler, 236 zwischen 10 und 20 Taler, 184 zwischen 5 und 10 Taler. Demgegenüber ist sestzustellen, daß im Jahre 1896 das durchschnittliche Gesamteinkommen der Landschullehrer in der Provinz Brandenburg 1395 Mk., also 465 Taler betrug. Trotzdem ist der Wohlstand in allen Schichten beträchtlich gestiegen, zyz Derselbe Gewährsmann berichtet uns, daß in Schlesien durch den Studien- und Erziehuugsplan von 1801 jedem katholischen Landschullehrer, der im Semiuarium gewesen war, jährlich als Minimum seines Einkommens versprochen (!) wurde: 50 Taler bar Geld; 15 Scheffel Getreide; 3 Scheffel Küchenspeise; frei Holz und Wohnung; 1 Scheffel Aussaat an Gartenland; Grüserei sür 2 Stück Riudvieh und 1 Stück Schwarzvieh. Wie man sieht, wurde als selbstverständlich angenommen daß der Volksbildner nebenher Landwirtschaft betrieb. Im Jahre 1896 betrug das durchschnittliche Gesamteinkommen für Landschullehrer iu Schlesien 1287 Mk. Ganz ähnliche Vergleiche ließen sich für die meisten übrigen Beamtenkategorien anstellen. Wie man schon aus diesen wenigen Andeutungen, die ich über die Einkommensverteilung im neunzehnten Jahrhundert gemacht habe, ersehen haben wird, schaut die Sache ganz anders aus, je nach dem Standpunkte, von dem aus man sie betrachtet. Das hat es bewirkt, daß in der Diskussion über dieses Problem die verschiedensten und häufig entgegengesetzte Meinungen vertreten sind, und zwar zweifellos in vielen Fällen mit vollem Recht. Sagt einer: die pekuniäre Lage der Volksschullehrer ist heute viel güustiger als vor hundert Jahren, so ist das richtig; sagt einer: die arbeitenden Klassen beziehen heute durchschnittlich ein höheres Einkommen als vor hundert Jahren, so ist das richtig; sagt einer: der gesteigerte Wohlstand ist vornehmlich den Reichen zugute gekommen, so ist das richtig; sagt einer: die Eiukommens- verteilung ist heute ungleicher als vor hundert Jahren, so ist das richtig; sagt einer: die ganze ökonomische Entwickelung ist für die Katze gewesen, denn im großen Ganzen lebt die Menge heute noch ebenso kümmerlich wie ehedem, oder auch: denn es gibt heute viel mehr armselige Existenzen (sage Leute mit weniger als 900 Mk. Einkommen), so ist das richtig. Und so ließen sich die richtigen, 506 Beruf und Besitz. sich scheinbar widersprechenden Urteile noch nach Belieben vermehren. Je nach dem größeren oder geringeren Taschenspielergeschick kann man die Dinge genau in der Gestaltung zeigen, wie man es für den gerade vorliegenden Zweck mochte. Nur freilich sind in der Hitze des Gefechtes einige Irrtümer untergclaufen, die sich im Lause der Zeit zu hartnäckigen Irrlehren ausgewachsen haben und die ich doch wenigstens registrieren will. Also: 1. Es ist sicher nicht wahr, daß die Armen ärmer geworden sind: im Gegenteil: die Ärmsten sind heute „reicher" als vor hundert Jahren, ganz gleich ob man die ärmsten Hunderttausend oder die ärmsten Zehnnullionen nimmt. -'. Es ist sicher nicht wahr, daß die mittleren Schichten des Einkommens — sage zwischen 900 und 3000 Mk. — schwächer geworden seien: im Gegenteil: sie werden (durch raschen Zuzug von unten) immer kräftiger. So waren in diesen Schichten in Preußen 1892 bis 1893 81.89°/^, 1900 dagegen 87.47 »/g aller ^ensiten veranlagt.: im Königreich Sachsen stieg ihre Zahl (800 bis 3300 Mk.) von 20.94°/g im Jahre 1879 auf 31.14"/^ im Jahre 1894 und 40.35°/^ im Jahre 1900; in Bremen machten die Steuerzahler zwischen 1500 und 3000 Mk. Einkommen 1874 12.39°/g, 1895 14.32°/g aus: in Hamburg bezogen 1895 (vorher nicht vergleichbar) zwischen 1000 und 2000 Mk. Einkommen 39.85°/g, 1899 dagegen 52.21 °/<, aller Zensiten usw. Diese Ziffern sind für denjenigen nicht auffallend, der weiß, daß eine der Eigenarten der kapitalistischen Entwickelung gerade darin bestehr, Existenzen mit einem mittleren Einkommen in unübersehbarer Fülle ins Leben zu rufen: kleinkapitaliftische Unternehmer, hoch- gelohnte Qualitütsarbeiter, höhere Augestellte, Agenten, besser situierte Ladeniuhaber, Wirte u. dgl. 3. Es ist sicher nicht wahr, daß die Zahl der Reichen immer mehr zusammenschrumpfe; im Gegenteil: man mag die Grenze ziehen, wo man will: bei 10000, 20000, 50000, 100000 Mk.: immer wird das Ergebnis sein, daß die Leute mit derartigen Einkommen sich rascher vermehren als irgend eine andere Spezies der Einkommeusbezieher. Und sich vermehren gerade etwa im Verhältnis zu dem Anwachsen des von ihnen zusammen bezogenen Berichlignng einiger immer wiederkehrender Jrrliimer. 507 Einkommen», sodaß also jeder von ihnen immer gleich reich im Durchschnitt bleibt. Greisen wir — zum Beweis — das reiche Hamburg heraus und zwar gerade die AnfschwungSperiode 1895 bis 1899. Da hatten 1895 ein Einkommen zwischen 10 000 und 25 000 Mark 3443 Personen, 1899 schon 4082. Jene bezogen zusammen 53.5 Millionen Mark, diese 63.1 Millionen Mark, jene hatten also ein Durchschnittseinkommen von 15 853 Mark, diese von 15 750 Mark. Zwischen 25 000 und 50000 Mark lag das Einkommen 1895 von 10S4, 1899 von 1322 Hamburgern: jenen sielen insgesamt 36.9 Millionen Mark, diesen 46.0 Millionen Mark jährlich in den Schoß, dem einzelnen also 1895 35 987 Mark, 1899 nur noch 35384 Mark. Zwischen 50000 und 100000 Mark Einkommen bezogen 1895 484 Personen, 1889 585; das Gesamteinkommen dieser besser situierteu Leute betrug im einen Falle 33.1 Millionen Mark, im andern 40.4 Millionen Mark. Durchschnittseinkommen 68 390 Mark uud 69 060 Mark. Endlich lebten in guten Vermögensverhältnissen (mehr als 100000 Mark Einkommen) in den beiden Jahren 250 und 311 Personen. Sie vereinnahmten durchschnittlich 210 000 und 219 646 Mark. Mit „der beständig abnehmenden Zahl der Kapiralmagnaten" ist es also ein- für allemal nichtS: man mag die Ziffern der Statistik drehen und weudeu, wie man will. Je näher wir dem Augenblicke des „Zusammenbruchs" des kapitalistischen Wirtschaftssystems kommen, desto mehr „Expropriateurs" wimmeln herum. Das Geschäft der „Expropriation" wird immer schwieriger werden! Hat nun die Einkommensstatistik schon genug Unsug angerichtet bei der Aufstellung von allgemeinen Theorien der ökonomischen Entwickelung, so ist sie gar verhängnisvoll geworden für alle Sozialethiker, also für diejenige SpezieS von National- ökonvmen, die es nicht lassen können, die Bilanz eines Wirtschaftssystems zu ziehen und irgend einen Debet- oder ^>-e herauszurechnen. Man hat sowohl zur Verherrlichung als zur Verunglimpfung des Kapitalismus gleichermaßen die Entwickelung der Einkommensverteilung herangezogen, und seit Jahrzehnten kommt regelmäßig alle paar Jahre ein Buch heraus, welches ziffermäßig nachweist, daß daS kapitalistische Wirtschaftssystem in 508 Beruf und Besijz. der Wurzel faul sei: Beweis die zunehmende Ungleichheit der Vermögensverteilung; wodurch dann einer Gegenschrift zum Leben verholsen wird, in der zu lesen steht: im Gegenteil, das herrschende Wirtschaftssystem ist das beste aller Wirtschaftssysteme: Beweis die Hebung der unteren Volksklassen usw. usw. Ist es nun schon (nach meiner Meinung) im allgemeinen unstatthaft uud der Wissenschaft unwürdig, sich an solchen Kannegießereien: ob es in der Welt immer besser oder immer schlechter werde, zu beteiligen, so ist es geradezu gefährlich, als Waffe in diesem Meiuuugskampse sich der Einkommensstatistik zn bedienen, was ich doch noch mit einigen Worten dartun möchte. Zum ersten: wenn man die Frage entscheiden will, ob ein Wirtschaftssystem günstig oder ungünstig auf die Einkommensverteilung eingewirkt habe, so wird sich der klaren Beantwortung entgegenstellen, daß während des Zeitraums, dessen Ende und dessen Anfang man ins Auge faßt, eine Veränderung im Stande der Bevölkerung Platz gegriffen hat. Was verlangt man denn von einem Wirtschaftssystem: daß es eine vermehrte Bevölkerung ebeuso gut ernähre wie die vorher kleinere Menge? oder daß es nur der anfangs vorhandenen Bevölkerung ein gleiches Auskommen ermögliche? Zumal für das neunzehnte Jahrhundert ist diese Frage, wie ersichtlich, von besonderer Bedeutung, für ein Jahrhundert, in dem sich die Bevölkerung in Deutschland verdoppelt hat. Ich meine nun: wenn ein Wirtschaftssystem es fertig bringt, die doppelte Anzahl Einwohner eines Landes nicht nur ebenso reichlich, sondern reichlicher mit „Glücksgütern" auszustatten, wenn es ihm — in Ziffern gesprochen — gelingt, dreißig Millionen Menschen mehr zu erhalten, ohne das Existenzniveau der großen Massen wesentlich zu senken, so ist dieses eine Leistung, die beispiellos iu der Geschichte dasteht. Ich muß sagen, daß diese Tat für mich an das Wunderbare grenzt, und daß ich — wenn ich lediglich die Entwickelung des Reichtums, auch des Teils des Reichtums, der auf die niederen Volksschichten entfällt, ins Auge fasse — die Bastiat und Genossen verstehe, wenn sie die. kapitalistische Ordnung der Dinge als die von Gott in eigener Person gesetzte Ordnung ansehe-,. Daß heute in Deutschland nicht Jahr Die Einkommensverteilg, ist nicht geeignet z. Wertung e. Wirtschaftssystems. 50<> für Jahr ein paarmal hunderttausend Menschen Hungers sterbe», ist geradezu erstaunlich und der höchsten Bewunderung wert. Es ist seltsam, daß man immer gerade aus der ungüustigen Entwickelung der Einkommensverteilung dem Kapitalismus den Strick hat drehen wollen. Ich kann mir denken, daß man ohne viel Mühe ein Sündenregister des Kapitalismus zusammenstellt, groß genug, um gegen dieses Wirtschaftssystem in manchem Herzeit Abscheu und Haß zu erzeugen. Der Kapitalismus hat uus die Masse beschert, er hat unser Leben der inneren Ruhe beraubt, er hat uns der Natur entfremdet, er hat uns den Glauben unserer Pater genommen, indem er die Welt in ein Rechenexempel auflöste und eine Überwertung der Dinge dieser Welt in uns wach rief, er hat die große Masse der Bevölkerung in ein sklavenartiges Verhältnis der Abhängigkeit von einer geringen Anzahl von Unternehmern gebracht. Aber dafür hat er eines gerade in bewundernswürdiger Weise geleistet: er hat eine riesig angewachsene Menschenmenge auf das beste mit Unterhaltsmitteln zu versehen vermocht, er hat gerade das Futterproblein meisterhaft gelöst, besser als irgend eine Wirtschaftsverfassung vor ihm. Stellt man sich auf den Standpunkt der reinen Quantität — und fast alle Beurteiler stehen aus ihm — so ist der Kapitalismus tatsächlich mit einem Glorienscheine umgeben, aus dem sich mit flammender Schrift die Worte abheben: Dreißig Millionen Menschen mehr! Nun ist aber das andere Bedenken, das jeder Versuch erweckt, aus den Ziffern der Einkommensstatistik Material für die Wertung eines Wirtschaftssystems zu gewinnen, dieses: daß die Zahlen, weil rein quantitativ bestimmt, sich so vorzüglich zum Abmessen zu eignen scheinen und doch in Wirklichkeit diese Eignung nicht besitzen. Denn wir dürfen nicht vergessen, daß hinter den meßbaren Zahlengrößen die völlig nnmeßbaren Qualitäten der subjektiven Bedarfs- befriediguug stehen. Es muß dringend vor dem Irrtum gewarnt werden: man könne nach irgend einem Umrechnungsschematismus schließlich doch zu reinen Quantitäten der Bedarfsbesriedigung gelangen; oder man dürfe etwa den Brotpreis oder den Preis sonst eines einzelnen Konsumartikels zu Grunde legen, um daraufhin die Bedeutung 510 Beruf und Besm. eines bestimmten Einkommens in verschiedenen Zeiten zn ermessen. Nein, es bleibt bei der vollständigen Unvergleichbarkeit, denn die unwägbaren und nnmeßbaren Umstände bei der Verwendung des Einkommens sind das Entscheidende. Die Lage des Städters oder des Landbewohners, des Verzehrers von Mehlsuppe oder Kartoffeln, von Schnaps oder Zeitungen, von Wolle oder Baumwolle ist eiue so grundverschiedene, daß man sie niemals in ein reines Quantitätsverhältnis zu einander bringen kann. Wie will man feststellen, ob 1000 Mark Einkommen in der kleinen Stadt vor hundert Jahren nnd 1000 Mark Einkommen heute in der Großstadt mehr oder weniger sür den einzelnen bedeuten? Was nützt es zu sagen: damals kostete das Brot soviel, heute soviel? Jener aß ja Roggenbrot, dieser ißt Weizenbrot; jener aß früh Mehlsuppe, dieser trinkt Kaffee mit Zucker nnd Milch; jener hatte eine gleich große Wohnung wie dieser zum halben Preise, auch noch ein Gärtchen vor dem Hause, während dieser im Hof vier Treppen hoch wohnt. Aber dafür bekommt der Großstadter mit einem Einkommen von 1000 Mark viel billigere Hemden (wenn sie auch nicht mehr so lange halten), gut gebrautes Bier, den „Vorwärts" und alle Sonntage Freikonzert für sein Geld, kann auch ein paarmal in der Woche in der Straßenbahn fahren und kann zehnmal so viel Briefe für den gleichen Portobetrag absenden. Seine Kinder werden ihm umsonst unterrichtet, während sein Vorgänger vor hundert Jahren sich ein Schwein mästen konnte; nachts wenn er betrunken aus der Kneipe kommt, läuft er nicht Gefahr, im Sumpfe stecken zu bleiben, deun die Straßeu sind wohlgepflastert und gut beleuchtet, während der Kleinstädter vor hundert Jahren doppelt so viel Fleisch essen konnte uud halb so viel Steuern zahlte. Wer hat denn nun mehr? Die bloße Zahl besagt noch gar nichts; erst was dahinter steckt, gibt uns Aufklärung über Wesen und Wert einer wirtschaftlichen Kultur, und deshalb scheint mir auch, als sei (dank der allgemeinen, auf quantitative Betrachtungsweise gerichteten Zeittendenz) der Erörterung der Einkommensverteilung in der Diskussion über das Wesen und den Wert der wirtschaftlichen Entwickelung oft ein zu breiter Raum angewiesen worden. Ich will einmal geradezu sagen: eS ist sür die Beurteilung eines gesellschaftlichen Zustandes Die bloße Zahl besagt noch gar nichts. 511 sehr wenig bedeutungsvoll, ob eine Gruppe von Personen 1000 oder 2000 Mark Einkommen bezieht, ob sich ihr Einkommen gesteigert oder verringert hat, so lange ich von den sonstigen Ver- ändernngen, den, veränderten Qualitäten nichts weiß. Selbstverständlich (aber das meine ich gar nicht) vvm allgemein menschlichen Standpunkte aus. Aber auch in rein ökonomisch-sozialer Betrachtungsweise, wie aus den eben gemachten Andeutungen ohne weiteres hervorgeht. Und deshalb wird man auch, wenn man die Veränderungen untersucht, denen die Schichtung einer Gesellschaft unterwvrfeu worden ist, sein Augenmerk nicht sowohl auf die Perschiebungen in der Einkommensverteilung richten müssen, als vielmehr auf die Veränderungen der Lage in qualitativer Hinsicht. Sie werden die eigenartige Struktur einer Gesellschaft viel besser zum Ausdruck briugeu, als jene rein quantitativen Verschiebungen. Eine wichtige Qualitätsveränderung unserer Gesellschaft lernten wir schon kennen: die berufliche Neugestaltung. Wir sahen aber auch, daß diese wenigstens für die Gruppenbildnng in der Gesellschaft ihre Bedeutung mehr und mehr verloren hat. Unsere Sorge mnß deshalb sein, nach Verschiebungen in der Lage der einzelnen Bevölkerungsteile Deutschlands Ausguck zu halten, die für die wirtschaftliche Lage des einzelnen entscheidend (weil qualitativ bestimmt) und gleichzeitig für die soziale Schichtung bedeutsam (weil gruppenbildend) sind. Das hiermit gestellte Problem soll das letzte Capitel erörtern, das von den sozialen Klassen handelt. Siebzehntes Kapitel. Die sozialen Klassen. I. Allgemeines. Die gesellschaftliche Gliederung Deutschlands vor hundert Jahren. Das Geburtsland der modernen Gesellschaftsklassen ebenso wie der Theorie der sozialen Klassen ist Frankreich. Hier hatten schon die Vorgänge der großen Revolution, noch viel mehr aber hernach die Ereignisse während der Restauration und dann die Julirevo- lutiou wie die Vorführung von Schulbeispielen gewirkt, um den Geschichtsschreibern die Augen über die Bestandteile der modernen Gesellschaft zu öffnen. In den Werken der Guizot, Mignet, Louis Blanc steht schon alles zu lesen, was wir heute noch vom Wesen und Werden der sozialen Klassen auszusagen vermögen. Ihre Darstellung ist vorbildlich geworden auch für die Theoretiker fremder Zunge, und bis auf die Terminologie herab wandeln auch wir Deutsche noch heute in den Bahnen der großen französischen Historiker und ihrer deutschen Berkünder, unter denen Lorenz von Stein und Karl Marx die einflußreichsten gewesen sind. Danach unterscheiden wir in der modernen Gesellschaft vier soziale Klassen: 1. die Gentilhommerie, den xarti tkoäal, zu deutsch etwa die Feudalaristokratie (wenn man dieses Wort für ein deutsches zu halten geneigt ist), kürzer und schlichter: die Junker; 2. die Bourgeoisie, unübersetzbar; 3. die petits dourZeoisiö, allenfalls übersetzbar mit Klein- bürgertnm, von mir als Handwerkertum (im weiteren Zinne) bezeichnet; Begriff und Wesen der sozialen Älasscn, 513 4. das Proletariat. Dieser Ausdruck, der anfangs noch schwankend ist und z. B. noch in der Histoirs äes äix ans abwechselnd mit psupls gebraucht wird, setzt sich im Lause der Zeit als Fachausdruck zunächst in der sranzösischen Literatur fest und wird auch im Deutschen füglich als solcher beibehalten. Derjenige, der ihn in die deutsche Wissenschaft eingeführt hat, ist, soviel ich sehe, Lorenz von Stein (1842). Nicht ganz so klar wie die Gliederung der sozialen Klassen selbst ist das Merkmal, nach dem man sie unterscheidet. Offenbar ist dies nicht der Beruf, denn ein Proletarier kann ebensogut Schuster seiu wie ein Kleinbürger; noch der Besitz, denn ein Gen- tilhomme kann ebensoviel besitzen wie ein Bourgeois; uoch eine Kreuzung von Besitz und Beruf, denn ein kleinbürgerlicher Schlosser kann ebenso vermögend sein wie ein Monteur in einer Maschinenfabrik. Aber auch die von den Franzosen eingeführte, von Stein und andern übernommene Einteilung nach dein Besitze der Produktionsmittel ist zu einseitig auf Bourgeoisie und Proletariat zugeschnitten. Wenn Louis Blanc desiniert: xar kourAsois, ^'sntsnäs 1'snssiridlö äes cito^sns c^ui xoLSöäant äss instrurasicks cks travail on un Capital travaillant avso äss isssourees c^ui 1«ur sont propres, st ns ctspeuclizrck ä'autrui c^us 6an8 uns csrtaius irisLurs — so dürfte es schwer fallen, danach den bour^eois vom AKurMomine zu unterscheiden. Endlich ist es ganz und gar irreführend, wenn man mit Marx den Gegensatz der sozialen Klassen mit dem Worte „kurz" iu den Gegensatz von „Unterdrücker und Unterdrückte" verflüchtigt. Ganz abgesehen davon, daß dieser Gegensatz, wo er besteht, noch nichts über die Wesenheit einer sozialen Klasse aussagt, so muß vor allem in Rücksicht gezogen werden, daß der Gegensatz gar nicht für alle Geschichtsepochen zutrifft, wie Marx annimmt. Das städtische Mittelalter in den Klassengegensatz von „Zunftbürger und Gesell" auflösen wollen, widerspricht allen historischeu Tatsachen; der handwerksmäßigen Organisation gegenüber versagt daS Merkmal des Unterdrücktseins, übrigeus ebenso wie alle vorher genannten. Im Gegensatz zu diesen mißglückten Versuchen möchte ich als soziale Klasse diejenige Gesellschaftsgruppe betrachtet sehen, die ihrer Somb-irt, Volkswirtschaft. 33 514 Die socialen Klassen. ^dee nach ein bestimmtes Wirtschaftssystem vertritt. Wobei ich unter einem Wirtschaftssysteme eine bestimmte Wirtschaftsordnung mit einem (oder mehreren) hervorstechenden Wirtschaftsprinzipien verstehe, wie der Leser ja wohl weiß. Danach wäre die Gentil- yvmmerie diejenige Klasse, die die feudal-bodenständige oder patriarchalische Gutswirtschaft repräsentiert, die Bourgeoisie wäre die Vertreterin der kapitalistischen Verkehrswirtschaft, das Kleinbürgertum diejenige der handwerksmüßigen Wirtschaftsorganisation, während das Proletariat eine historisch noch nicht gewordene, also nur ideale Zuknnftswirtschaft, nennen wir sie der Einfachheit halber die sozialistische, zu vertreten hätte. Was dann im einzelnen noch zu erläutern sein wird. Hier möchte ich nur noch einige Bemerkungen allgemeinen Inhalts machen, um Mißverständnissen vorzubeugen. Zum erstem in dem auch von mir angenommeneu Klassenschema fehlt das Bauerntum, also der in den meisten Ländern noch heute wichtigste Bestandteil der Gesellschaft. Das beruht nicht etwa auf eiuem „Übersehen", sondern entspricht der richtigen Grundanffafsung, wonach die sozialen Klassen nach ökonomischen Gesichtspunkten unterschieden werden. „Bauer" ist aber kein ökonomischer, sondern ein technischer Begriff: ein Mann, welcher Ackerbau und Viehzucht treibt. Als solcher ist er aber ökonomisch farblos, kann also den verschiedensten Wirtschaftssystemen angehören — nnd hat es getan. Ebenso wie ein „Schuster" in der Feudalwirtschaft, im Handwerk, in der kapitalistischen Wirtschaft, kurz überall zu finden ist, wo Stiefeln gemacht werden, so ein „Bauer" iu allen möglichen ökonomischen Milieus. Die Erfahrung lehrt, daß es kaum irgendwo größere Unterschiede wirtschaftlichen Wesens gibt, als zwischen Bauer und Bauer. Das Richtige ist also, ihn je nach seiner ökonomischen Färbung dem einen oder andern Wirtschaftssysteme zuzurechnen. Zum andern: was noch heute dem Verständnis der sozialen Klasse häufig hindernd im Wege steht, ist ihre Verwechslung mit der politischen Partei. Ganz unklar wird die Sache, wenn man von sozialen Parteien redet. Partei und Klasse sind vielmehr ganz und gar nicht dasselbe. Die Politische Partei verdankt ihre Entstehung einer etwelchen zufälligen Verumstandung. Sie wird zu- Unterschied zwischen sozialer Klasse und Politischer Partei. 515 sammengehalten durch eine der augenblicklichen geschichtlichen !^age entspringende treibende Idee. Diese kann ebensogut eine nationale, eine religiöse, eine verfassungsrechtliche wie eine ökonomische sein. Wenn auch zuzugeben ist, daß eine gewisse innere Beziehung zwischen sozialer Klasse und politischer Partei obwaltet, so ist doch mit aller «Entschiedenheit zu betonen, das; ebenso häufig die Parteibilduug ohne allen Zusammenhang mit der sozialen Klassenzugehörigkeit erfolgt. Es ist möglich und oft genug der Fall, das; gleiche politische Grundsätze (z. B. die Forderung politischer Freiheitsrechte) von ganz verschiedeneu sozialen Klassen (z. B. der Bourgeoisie und dem Proletariate) vertreten werden; ebenso bestimmte religiöse Auffassungen: etwa die Orthodoxie von Gentilhommerie und Kleinbürgertum, unter Umständen anch von der Bourgeoisie. Es ist serner ein durchaus nicht seltener Fall, daß ein und dieselbe politische Partei verschiedene soziale Klassen in sich schließt: man denke an das Zentrum oder an die Natioualliberalen in den 1L70er Jahren! Und es ist endlich gang und gäbe, daß dieselbe soziale Klasse von verschiedenen politischen Parteien vertreten wird: das reaktionäre Kleinbürgertum in Deutschland von Zentrum und Konservativen. Uud wie die Politische Partei, so haben auch noch andere Gesellschaftsgruppen neben den sozialen Klassen ihr eigenes ^eben. Freilich es scheint, als ob die soziale Klasse in der Gegenwart alle übrigen gesellschaftlichen Gruppeubildungen überwuchern wolle: aus Gründen, die ich noch anführen werde. Aber um so notwendiger ist es, sie in ihrem selbständigen Weseu zu erkennen und von verwandten Gebilden zn unterscheiden: eine Ausgabe, zu dereu Lösuug diese kurzen theoretischen Auseinandersetzungen, die leider wieder nicht ganz zu vermeiden waren, einen bescheidenen Beitrag liefern sollten. Eine selbständige und ausgeführte Theorie der sozialen Klassen wird mein Kapitalismus iu einem der folgende« Bäude enthalten. Hier kommt es ja uur daraus au, daß wir eine ungefähre Vorstellung davon gewinnen: welcherart die Bildung der sozialen Klassen sich während des neunzehuten Jahrhunderts in Deutschland vollzogen hat. 5 5 33* 516 Die sozialen Klassen. Ich glaube, wenn man nach den sozialen Klassen Umschau halten wollte, die Deutschland im Anfange des vorigen Jahrhunderts aufzuweisen hatte, so würde man nur zwei gewahr werden: das Feudalagrariertum (nebst seinen Hintersassen) und das Handwerkertum (nebst seinen Hilfspersonen). Wenigstens waren die übrigen noch zu keiner selbständigen Geltung gekommen. Wir dürfen dies aus mehreren Anzeichen schließen. Daraus Wohl zunächst, daß wir aus der Zeit der liberalen Reformen, die doch iu erster Linie der Bourgeoisie hätteu nützen sollen, von irgendwelchen Lebensäußerungen dieser Klasse so gut wie gar nichts vernehmen. Wir hören wohl gelegentlich von Petitionen der Handwerker und Gewerberealberechtigten gegen die Einführung der Gewerbefreiheit in Preußen, aber von einer Gegenbewegung der Bourgeoisie verlautet meines Wissens nichts. Wir erinnern uns dann der Mühe, die es Friedrich List kostete, ein Paar Lente auf die Beine zu bringen, die seine Industrie- und Verkehrspläne unterstützen sollten. Wir denken aber vor allem an das Spiegelbild, das die damalige deutsche Gesellschaft in den Schilderungen der Dichter, in den Theorien der sozialen Theoretiker findet. So viel ich sehe, ist bis in die Mitte des Jahrhunderts allen Darstellungen unserer sozialen Zustände eine Dreiteilung der Bevölkerung eigentümlich, die Wohl unter dem Einflüsse der französischen Lehre von den trois etat« zustande gekommen ist, aber eine eigenartige, den deutschen Verhältnissen angepaßte Umgestaltung erfährt. Es ist die Einteilung in Adel, Volk und Mittelstand oder Mittelklasse. Im Adel haben wir die Gentilhommerie zu suchen, in der wohl der größte Teil des alten städtischen Patriziats aufgegangen war; im Volke vor allem das Handwerkertum als Hauptbestandteil und was sich etwa an Proletariat schon vorfand. Letzteres galt als ciuavtits nsAliAvadls. Noch Bluntschli konnte es als die Aufgabe des Staatsmanns bezeichnen, „das Proletariat möglichst in den übrigen Ständen oder Klassen unterzubringen (!) und so sein besonderes Wachstum zu hemmeu". Das, meint er, sei nicht schwer, denn „das Proletariat besteht zumeist aus den Abfällen (!) der andern Berufsklassen. Die Vermögens- Adel, Volk und Mittelstand bilden die deutsche Gesellschaft vor 100 Jahren. 517 loseil und vereinzelten (!) Teile der Bevölkerung, die sich deshalb mich der befestigten Ordnung sicher entziehen, heißen wir das Proletariat". Will man auch von dieser Darstellung ein gut Teil der Seichtheit ihres Verfassers zu gute schreiben, so bleibt doch sicher noch ein Rest, der sich ans der damaligen Gesellschaftsstruktur erklärt. Im Mittelstande aber vereinigte sich in der Auffassung jener früheren Zeiten alles, was nicht zum Adel und nicht zum niederen Volk gehörte. Er trug in unserem Sinne kein ausgesprochenes Klassengepräge, sondern .erschien bald mehr als Gruppe aller mittelmäßig begüterten Personen, bald mehr als die der Gebildeten. So sahen die Goethe, Niebuhr, Humboldt, Hegel ihre Zeit an, wenn beispielsweise Goethe (im „Bürgergeneral") von dem „hübscheu, wohlhabenden Mittelstand" als von der Schlippermilch spricht, die übrig bleibt, nachdem der saure Rahm (die Reicheil) abgeschöpft ist; oder (in seinen Bemerkungen über „Deutsche Literatur") von deil „Bemühungen" (um die deutsche Sprache), „welche nunmehr der ganzen Nation, besonders aber einem gewissen Mittelstände zu gute gehen, wie ich ihn im besten Sinne des Worts nennen möchte". „Hierzu gehören", sührt er dann fort, „die Bewohner kleiner Städte, deren Deutschland so viele Wohlgelegeile, wohlbestellte zählt. Alle Beamten mit Unterbeamten daselbst, Handelsleute, Fabrikanten, vorzüglich Frauen und Töchter solcher Familien, auch Landgeistliche, sofern sie Erzieher sind an Personeil, die sich zwar in beschränkten, aber doch wohlhäbigen, auch ein sittliches Behagen fördernden Verhältnissen befinden." Das ist derselbe Mittelstand, „in welchen (nach dem Ausdruck Hegels) die gebildete Intelligenz und das rechtliche Bewußtsein des Volkes fällt", der nur entstehen kann „durch die Berechtigung besonderer Kreise, die relativ unabhängig sind, und durch eine Beamtenwelt, deren Willkür sich an solchen Berechtigten bricht." Unentwickelt, wie die modernen Klassen selber waren, trat auch ihr Gegensatz noch nicht merkbar hervor und wurde von den Unterschieden der Bildung, des Besitzes, des Berufes, des politischen oder religiösen Glaubensbekenntnisses überwuchert. Gewiß hatte Lorenz von Stein recht, wenn er im Jahre 1842 schrieb, daß man 518 Die sozialen Klassen. in Deutschland eine Theorie der Gesellschaft noch nicht besitze oder auch ihren Mangel nicht fühle, „weil daS Leben der Gesellschaft und der Kampf ihrer Elemente noch zu keiner selbständigen Entwickelung gekommen" sei. In den Märztagen des Jahres 1848 ging dann ein erstes Ahnen von den gewaltigen Umgestaltungen ans, die in dein Bau der Gesellschaft sich zu vollziehen eben begonnen hatten. Im Gründe bringen diese Feststellungen demjenigen nichts neues, der dieses Werk aufmerksam gelesen hat. Denn ein großer Teil seines Inhalts erschöpft sich ja in dem Nachweise, daß erst dem neunzehnten Jahrhundert, genauer: dessen zweiter Hälfte, es vorbehalten war, das kapitalistische Wirtschaftssystem in Deutschland zn allgemeiner Verbreitung zu bringen. Also konnten auch bis um die Mitte des Jahrhunderts jeue sozialen Klassen noch nicht hervortreten, die Positiv nnd Negativ dieses Wirtschaftssystemes bilden. Während mit der Schilderung des Werdens und Wachsens des Kapitalismus, wie sie im voraufgehenden Buche zu geben versucht wurde, auch schon der Nachweis geführt ist, daß nun der wesentliche Inhalt der gesellschaftlichen Neugestaltung, die das letzte halbe Jahrhundert Deutschland brachte, eben die Herausbildung der beiden modernen sozialen Klassein der Bourgeoisie und des Proletariats, gewesen ist. Ich muß nun aber der Phantasie des Lesers doch wohl noch mit einigen weiteren Angaben zu Hilfe kommen, damit die toteu ^.ifferu, die ihu über Zunahme der Kapitalinvestierungen, Tendenz zur Vergrößerung der Unternehmungen usw. unterrichtet haben, Leben sür ihn gewinnen und er Menschen von Fleisch und Blut, lebendige Bourgeois uud Proletarier hinter ihnen erblicke. II. Bourgeoisie und Proletariat. Was die deutsche Bourgeoisie noch in den 1840 er Jahren kennzeichnet, war, wenn ich so sagen darf, ihre Unfertigkeit. Hier stand sie noch mit einem Fuße in der Feudalwirtschast, dort im Handwerk. Mit der halbfeudalen Färbung meine ich nicht einmal die landwirtschaftliche Bourgeoisie, die natürlich eben- salls noch mehr als heute sich vielfach im Puppcnstaude besandi Tie Bourgeoisie noch um die Mille des Jahrhunderts im Puppcnstande, 5i>) auch die industrielle Bourgeoisie trug vielfach uvch die Eierschalcu des Feudalsystems au sich. So berichtet beispielsweise von Obcr- schlesien Peter Mischler: „Der Grundherr ist hier Eigentümer der Eisenerze und verhüttet jährlich nur so viel, als bei jenen Holz- vorräteu möglich ist, die für ihn auf anderem Wege nicht verwertbar sind." Welch eiu seigueurial-uubvurgeoiser Zug! Aber noch deutlicher haftete der vormärzlicheu Bourgeoisie ihr handwerksmäßiger Charakter an. Der Bergbau wurde noch größtenteils von Gewerkschaften betrieben, die Unternehmungen in den meisten Wirtschaftszweigen wnreu, wie wir gesehen haben, klein, ihre Inhaber stellten nicht mehr als das dar, was wir kleiukapita- listische Unternehmer neuueu. Dazu kam, daß mich Persönlich die Herkunft der Fabrik- und Handelsherrn viel mehr als jetzt — angesichts des geringen Ausmaßes der Betriebe — aus den niedereil Ständen erfolgte, also noch keine eigentliche bourgeoise Überlieferung vorhanden war. Einzelbelege für diese Zustände bringt mein Kapitalismus im zwanzigsten Kapitel des ersteil Bandes. Heute ist zwar, wie wir wissen, der kleinkapitalistische Unternehmer keineswegs verschwunden, er gibt doch aber nicht mehr den Ton an, den vielmehr der neue Typ des GroßbourgeoiS bestimmt. Ebenso wie noch vor fünfzig Jahren die Bourgeoisie unfertig war, war sie undisfereuziiert in dem Sinne, daß die Vertreter der verschiedenen Anlagesphären des Kapitals vielfach noch iu einer und derselben Person vereinigt waren. Das Bankkapital war, wie wir sahen, noch nicht durchgängig verselbständigt, also fehlte auch noch der reine Bankiertyp; das Industriekapital ebensowenig, denn in der hausiudustriellen Organisation sind Kaufmann und Industrieller identisch. Seitdem ist nuu der Großindustrielle, jener Mann mit der schweren, klirrendeil Rüstung, als selbständiger Darsteller auf der Schaubühne erschieneil. An der Richtigkeit der Beobachtung, daß die Bourgeoisie sich disserenziiert habe, ändert auch ilichts die uns bekannte Tatsache, daß seit einiger Zeit eine Tendenz des Bankkapitals besteht, in die Produktivnssphäre hinüberzugreifen. Denn trotz ihrer ist bisher von einer Personalunion der beideil Kapitalistentypen nur weuig zu beobachten gewesen. Vielmehr wird man getrost behaupteu können, daß es heute ebenso- 520 Die sozialen Klassen. viele unterschiedliche Bourgeoistypen gibt, als das Kapital Anlagesphären hat: den Bankier, den Kaufmann, den Transportunternehmer, den Industriellen, den Landwirt, über denen gleichsam in wesenlosem Scheine der Vertreter des abstrakten, des unradi- zierten Kapitals: der Börsianer, der Spekulant einherschwebt. Welch eine reizvolle Aufgabe, diese verschiedenen Typen in ihrer psychologischen Eigenart zu schildern! Wie vieles ließe sich auch trotz Zola noch darüber schreiben. Aber es ist hier doch wohl nicht der Ort, sich der Lösung dieser Aufgabe zu unterziehen. Später einmal! Im allgemeinen habe ich ja eine kurze Seelen- aualyse des perfekten Unternehmers oben, im vierten Kapitel, zu geben versucht. Das, was sie alle eint, ist: die Vorherrschaft des Erwerbstriebes, ist der ökonomische Rationalismus, ist das Interesse an einer freiwirtschaftlichen Organisation im Innern des Landes. Die wichtigsten Differenzen in ökonomischer Hinsicht ergeben sich aus der verschiedenen Stellung zur Warenzirkulationspolitik. Hier gehen auch die Industriellen je nach ihren Branchen auseinander. So beobachten wir Spaltungen in den Reihen der Bourgeoisie, sobald die Politik der Börse und namentlich die Politik des auswärtigen Handels in Frage kommt. Gerade jetzt lassen sich wieder lehrreiche Studien anstellen über die Scheidung in Schutzzöllner und Freihändler. Freihändler von Natur sind: die Vertreter des Bank- und Börsen-, sowie des Handelskapitals, zusammengeschlossen im Augenblicke im Handelsvertragsverein, dem Verein der Kom- merzienräte. Sie erhalten Zuzug aus der Industrie, sofern diese: 1. stark an der Ausfuhr ihrer eigeuen Erzeugnisse, 2. stark an der Einfuhr fremder Roh- und Hilfsstoffe oder fremder Halbfabrikate interessiert ist. Schlechthin freihändlerisch ist natürlich diejenige Industrie, die fremde Produkte für ihre eigenen Ausfuhrartikel verarbeitet, was beispielsweise sür die chemische Industrie im weiten Umfange zutrifft. Im allgemeinen ist die Industrie um so freihändlerischer, je mehr sie sich der Fertigfabrikation nähert, während die typischen Vertreter der Schutzzollinteressen die Halbfabrikatindustrien, namentlich die Garn- uud Eisenindustrie sind. So lange in unserer Handelspolitik der Grundsatz aufrecht erhalten wird, Rohstoffe zollfrei hereinzulassen, muß die Tendenz zur Typen der Bourgeoisie. Die quantitative Bedeutung der Bourgeoisie. 521 Schutzzöllnerei in den Reihen unserer Industriellen immer stärker werden. Denn wie wir gesehen haben, wird der VerarbeitniM- Prozeß der Rohstoffe immer ausschließlicher in das Inland verlegt, während die Bedeutung des Exports für die meisten und wichtigsten Industrien verhältnismäßig immer mehr abnimmt. Es fragt sich, ob irgend eine Möglichkeit besteht, wenigstens die quantitative Bedeutung der Bourgeoisie für die moderne Gesellschaft einigermaßen zu bestimmen. Man wird zunächst daran denken, ihren Umfang ziffermäßig festzustellen. Das ist nicht so leicht, wie es scheinen möchte. Was sich ermitteln läßt, ist die Zahl der Betriebe in den verschiedenen Sphären des Wirtschaftslebens. Doch gibt diese doch nur ein sehr unvollkommenes Bild. Wir wissen, wie weit Wirtschaftseinheit und Betriebseinheit auseinanderfällt; wir wissen aber serner, daß bei der unpersönlichen Gesellschaft überhaupt kein nachweisbarer Zusammenhang zwischen Betrieb und Kapitalist mehr besteht. Immerhin gewährt die Betriebsstatistik eine annähernde Vorstellung von der Stärke unserer Klasse. Als Kern der Bourgeoisie sind die großkapitalistischen Unternehmer selbst anzusehen, d. h. diejenigen, die durch eigenes Sachvermögen in den Stand gesetzt sind, die Idee der kapitalistischen Wirtschaft rein und selbständig zur Durchführung zu bringen. Man wird ohne weiteres die Inhaber von Betrieben mit mehr als 50 Personen in allen Zweigen der Bourgeoisie, wie sie hier zunächst gemeint ist, zurechnen dürfen. Das waren 1895 im Gebiete der von der Gewerbestatistik umfaßten Wirtschaftszweige, also von Industrie, Handel und Verkehr, also wesentlich allen mit Ausnahme der Landwirtschaft: 18 953. Ihre Zahl hat sich seit 1882 verdoppelt; damals betrug sie erst 9974. Nun stecken aber Vollblutbourgeois massenhaft auch schon unter den Inhabern von Betrieben mit 11 bis 50 Personen. Man wird beispielsweise die Leiter von Handelsunternehmungen dieser Größe sämtlich dahin rechnen können, das wären (1895) 10023; aber auch in den übrigen Gewerbezweigen fängt der Bourgeois oft genug fchon unter 50 Arbeitern an; man denke an großstädtische Müller und ähnliche Leute. Rechnen wir also nochmal ein Drittel, rund 23000 bourgeoise Existenzen in dieser Gruppe heraus. Wie 522 Die sozialen Klassen. viel Prozent der Großlandwirte der Kapitalistenklasse zuzurechnen sind, entzieht sich jeglicher Schätzung; sagen wir ebenfalls ein Trittel, also rund 8000. Dann erhielten wir als Gesamtsumme für die Kerntruppe der Bourgeoisie rnnd 60 000 Köpfe im Jahre 1895, am Schlüsse des Jahrhunderts also vielleicht 70 bis 75 000. Diese Schätzung findet iu der Einkommeusstatistik ihre Bestätigung. Preußen hatten über 12 500 Mark Einkommen (1901) 54 959 Personen, in ganz Deutschland also rund 90000 Personen. Bon diesen sind die Vertreter der Gentilhommerie, sowie die der liberalen Berufe abzurechnen. Man würde dann eher noch auf eine niedrigere Sninme kommen. Einschließlich ihrer Angehörigen gäbe es also in Deutschland am Schlüsse des neunzehnten Jahr- bunderts etwa 200 bis 250000 Vollblutbvurgeois, die somit knapp ein halbes Prozent der Bevölkerung ausmachen würden. Nun wäre es aber ganz und gar verkehrt, mit dieser Ziffer die gesamte Bourgeoisklasse umfassen zu wollen. Denn wenn wir unter der Bourgeoisie alle am kapitalistischen Wirtschaftssysteme als solchem und nur an diesem interessierten Wirtschaftssubjekte verstehen wollen, so gibt es deren offenbar sehr viele auch außerhalb der Reihen der großkapitalistischen Unternehmer. Man kann sie als bourgeoisoide Elemente bezeichnen. Es gehören hierher! 1. Alle wirtschaftlich selbständigen Existenzen oder diejenigen, die es sein möchten, nnd zwar unter Anerkenntnis des Erwerbsprinzips, des ökonomischen Rationalismus und einer freiwirtschaftlichen Nechtsordnuug. Also das, was ich kleinkapitalistische Unternehmer nenne, mich ein kleiner Teil der äußerlich als Handwerker auftretenden Personen, viele Krämer, die meisten Hausbesitzer, Agenten, zahlreiche Wirte, Börsenjobber usw., endlich auch eiu je nach ^age der Dinge größerer oder geringerer Bestandteil des Bauerntums, sagen wir: diejenigen Bauern, die Farmer geworden sind. 2. Alle wirtschaftlich uuselbstäudigeu Existenzen, die aber gleichsam als Gefährten des kapitalistischen Unternehmers, als seine Stellvertreter wirken, in der Regel auch unmittelbar an dem wirtschaftlichen Erfolge der Unternehmung beteiligt sind. Also die Tantieme-Direktoren, die Tantieme-Prokuristen, die Tantieme- Premiers in den großen Magazinen und ähnliche. Geringe Geltung der Bourgeoisie im öffentlichen Lebeu Deutschlands. 523 Wie viele das tatsächlich sind, wird sich kaum mit einiger Zuverlässigkeit feststellen lassen, namentlich weil der Prozentsatz des kapitalistisch gefärbten Bauerntums ganz unbestimmbar ist. Nur um einen Anhalt zu haben, werden wir etwa die Zahl der Personen mit mehr als 3000 Mark Einkommen hier einsetzen dürfen. Das waren in Preußen (1901) abzüglich der schon verrechneten Personen mit mehr als 12 500 Mark Einkommen 380 737, in Deutschland also rund 650 000 Personen, mit ihren Angehörigen rnnd 2 Millionen, die also jener Viertelmillion Vollblutbourgeois noch zuzuzählen wären. So daß wir die gesamte Bvurgeoisklasse aus etwa 2'/^ bis 2^ Millionen Kopfe, etwa 3 bis 5°/g der Bevölkerung, zu veranschlagen hätten. Auf welche Weise es dieser kleinen Minderheit gelingt, sich eine so einflußreiche Stellung in den modernen Staaten zu erobern, ist hier nicht darzustellen. Ich will nur darauf hinweisen, daß, wenn in Deutschland die Bedeutung der Bourgeoisie im politischen und öffentlichen Leben eine so sehr viel geringere ist als in anderen Staaten, dies seinen Grund gewiß auch in dem noch zu erwähnenden Prestige der von den maßgebenden Monarchien nach wie vor gepflegten und gehegten Gentilhommerie hat. Vor allem aber doch wohl darin, daß der deutschen Bourgeoisie zur vollen Entfaltung ihrer Kraft zwei Bedingungen fehlen, die sie anderswo erfüllt findet oder fand: zunächst die Bundesgenossenschaft des Kleinbürgertums und des Proletariats, die sich bei uns zu selbständiger Interessenvertretung durchgekämpft haben (hier ist der spätere Zeitpunkt der kapitalistischen Entwickelung in Deutschland von großem Einfluß gewesen!), sodann die geringere Durchschlagskrast des Geldes in unserem öffentlichen Leben. Wo, wie in Amerika, der Dollar alles vermag, muß notwendig diejenige Klasse unumschränkt herrschen, die über die meisten Dollars verfügt. Es kommt hinzu, daß breite Schichten der deutschen Bourgeoisie in ihrer verständlichen Angst vor völliger Vereinsamung die von ihr ökonomisch abhängigen Arbeiter durch eine blinde Gewaltpolitik sich dienstpflichtig erhalten möchten (indem man die Fiktion aufzustellen sucht: das proletarische Arbeitsverhältnis sei dasselbe wie das Patriarchalische der Feudalwirtschaft, bei dem allerdings der Arbeiter S24 Die sozialen Klassen. der geborene Vasall seines Gutsherrn ist) und daß sie damit sich die Sympathien weiter Kreise des gebildeten Bürgertums verscherzt hat. Dadurch ist es gekommen, daß auch die Intelligenz des Landes bei uns der Bourgeoisie viel fremder gegenübersteht als anderswo. Positiv und Negativ der kapitalistischen Organisation nannte ich Bourgeoisie und Proletariat. Dieses entwickelt sich also mit Notwendigkeit iu gleichem Maße wie jene. Und das Ergebnis des neunzehnten Jahrhunderts in sozialer Hinsicht ist ebenso die Entstehung einer Bourgeoisie wie eines Proletariats, das heißt also einer in den kapitalistischen Unternehmungen beschäftigten Lohnarbeiterklasse, einer „Klasse der nichtbesitzenden Arbeiter", wie schon Lorenz von Stein richtig definierte nach dem Vorgange Louis Blane, der das „xsupls" bezeichnete als "l'snsörlllzls clei> eito^sns Hui ne rwssöäant, pas äs og.pitg.1 clspenclsick cl'autrui complets- meick, et sn es Verwirklichung des Sozialismus bei Lebzeiten deS Kapitalismus, ivie ich das in meiner Schrift „Dennoch" (die ich ebenso wie meine Sammlung von Bortragen über den „Sozialismus und die soziale Bewegung im neunzehnten Jahrhundert" in jedermanns Hand vermute) ausführlich erörtert habe. Wie denn der Konflikt zwischen Kapital und Arbeit seiner Lösung, wie die Gegensätze zwischen Sozialismus als Ideal uud Kapitalismus als Wirklichkeit ihrem Ausgleiche offenbar ganz allgemein immer näher geführt werden sollen durch eine langsame Einfügung sozialistischer Gedanken in das Gebäude des kapitalistischen Wirtschaftssystems: Gewerkvereine, Arbeiterschutz, Arbeiterversicheruug, Genossenschaftsbildungen, Verstaatlichung und Verstadtlichung haben eine Epoche der sozialen Entwickelung eröffnet, die man vielleicht nicht ganz unzutreffend als Sozialkapitalismus bezeichnen kann. Wobei Kapitalismus Hauptwort und sozial Beiwort ist. Die „soziale Frage", die unsern Vätern so viel Kopfzerbrechen machte: wie eine kapitalistisch-sozialistische Gesellschaft zu organisieren sei, ist tatsächlich am Ende des Jahrhunderts gelöst. Das heißt: die Prinzipien sind festgelegt. Ihre Ausführung wird das mühsame Werk der staatsmännischen Technik sein müssen. Wiederum macht uns die Frage Pein, ob sich der Bestandteil, den die Klasse des Proletariats von der Gesamtbevölkerung ausmacht, zisfermäszig wenigstens auuäherungoweise bestimmen lasse. Wiederum möchte ich zwischen echtem Proletariat und proletaroiden Existenzen unterschieden wissen, wenn ich die Beantwortung jener Frage unternehme. Vollblutproletarier sind alle diejenigen Lohnarbeiter, die in rein- — gleichgültig diesmal im Gegensatz zu obeu: ob kleinoder groß- -—- kapitalistischen Unternehmungen beschäftigt sind. Bei welcher Betriebsgröße mau diese anfangen lassen will, ist sreilich wieder zweifelhaft. Man wird einen Spielraum lassen und sich mit Höchst- und Mindestziffern begnügen müssen. Sicher kapitalistisch sind alle Unternehmungen, in deren Betrieben mehr als 20 Personen beschäftigt sind. In solchen Betrieben ermittelte (1895) die Gewerbestatistik — also in Industrie, Handel und Verkehr — 265317 Angestellte und 3656254 Arbeiter, zn- Sombart, VollSwirtschafl. 34 530 Die sozialen Klassen. sammen 3921571 Personen. Will man hiervon 21571 Angestellte bourgeoisoiden Charakters in Abzug bringen, so ergäben sich 3.9 Millionen rein proletarische Existenzen, wobei allerdings die Staats- nnd Gemeindearbeiter den übrigen Lohnarbeitern gleichgestellt sind. Wollte man auch diese noch abrechneu, so blieben etwa 3^ Million eiuwandsfreier Vollblut- Proletarier übrig, die mit ihren Angehörigen 13 bis 14"/^ der Gesamtbevölkerung ausmachen würden. Zu diesen sind nuu aber noch die in landwirtschaftlich kapitalistischen Unternehmungen beschäftigten Arbeiter hinzuzuzählen. Wie viele das sind, entzieht sich jeder Schätzung. Ich will einmal annehmen etwa ein Drittel der landwirtschaftlichen Arbeiter — rund 1^ Millionen. Das wären insgesamt rund 5 Millionen oder einschließlich der Angehörigen etwa ein Fünftel der Gesamtbevölkerung. Nun gehören aber sicher auch viele „gewerbliche" Betriebe uuter 20 Personen zu kapitalistischen Unternehmungen. In solchen mit 6 bis 2V Personen, die wohl größtenteils uoch in Frage kommen, waren (1895) 126 220 Angestellte und 1224 006 Arbeiter, zusammen 1350226 Personen gegen Lohn beschäftigt. Will man diesen etwa noch rund 650000 landwirtschaftliche Arbeiter zurechnen, so ergäben sich ruud 2000 000, die die Ziffer jeuer obigen zweifellosen Vollblutproletarier auf 7 000 000 erhöheu würden. Von der Gesamtbevölkeruug würden es dann etwa 33^///<, sein. So daß man sagen kann: die Klasse des echten Proletariats macht von der Gesamtbevölkerung ein Fünftel bis ein Drittel aus. Und sicher sind diese Bestandteile der Bevölkerung so gut wie ganz ein Erzeugnis des letzten Jahrhunderts. Ein Fünftel bis ein Drittel heute! Während Marx schon im Jahre 1847 meinte: „Die Proletarische Bewegung ist die selbständige. Bewegung der ungeheuren Mehrzahl im Interesse der ungeheuren Mehrzahl." Das war wohl zu jener Zeit, selbst für die westeuropäischeu Länder, eine „ungeheure" Übertreibung, wenigstens wenn man das Proletariat in seinem strikten Verstände faßt, wie es Marx doch tat. Ganz anders natürlich gestaltet sich das Bild, sobald man jenen Vollblutproletariern das zahllose Halbblut zuzählt. Darunter verstehe ich also alle, sagen wir einmal, Habenichtse, die besitzlose Bevölkerung, den peuxle Die Statistik der Proletarischen Existenzen. zgl in jenem umfassenderen Sinne, wie ihn Louis Blauc wohl nicht meinte, aber doch in Wirklichkeit bezeichnete, wenn er diejenigen Bürger darunter verstand, Hui ns possöä-irck pa.s äs eapital li«zx6näsnt ä'autrui ec>mx>I«temsnt, einschließlich der ganz winzigen, wir sagen richtig proletarischen, Existenzen unter den „selbständigen" Landwirten und Gewerbetreibenden. Indem ich die bereits gezählten Vollblutproletarier noch einmal mit berücksichtige, ergibt sich aus den Ziffern der Berufs- uud Gewerbezählung von 1895 folgende Rechnung der proletarischen und proletaroiden Existenzen in Deutschland: 1. Alle gegen Lohn beschäftigten Personen in Industrie, Handel, Verkehr und Landwirtschaft, einschließlich der Angestellten....... 13 438 377 deren Angehörige......... 12 327 571 2. Lohnarbeit wechselnder Art, häusliche Dienste usw. 432 491 deren Angehörige.......... 453041 3. Alle Unterbeamten (die e Personen der Gruppe L der Berufszühlung) einschließlich der Unteroffiziere und Gemeinen des Heeres....... 769 822 deren Angehörige.......... 270 249 4. Dienstboten............ 1339316 5. Alleinmeister im Gewerbe........ 1035580 deren Angehörige.......... 1671468 6. Einzelselbständige („Betriebe mit einer Person") in Handel und Verkehr........ 453 805 deren Angehörige.......... 791 372 7. Einzelselbständige („Betriebe mit einer Person") in der Hausindustrie......... 232 033 deren Angehörige.......... 258 232 8. Landwirte mit einer Wirtschaftsfläche von weniger als 2 da............. 525 297 deren Angehörige.......... 1 107 659 Jnsges.: „niederes Volk", „arbeitende Bevölkerung" 35 106 313 oder 67.5 ^/g, etwas über zwei Drittel der Gesamtbevölkerung. Dazu kommeu dann noch ein paar tausend Gärtner und Fischer. Das ist zwar immer noch nicht die „ungeheure", aber doch 34* 532 Die sozialen Klassen. die große Mehrzahl der Bevölkerung: etwa der Zuschuß, den das nennzehnte Jahrhundert Deutschland an Einwohnern gebracht hat, zumal wenn wir die in jener Ziffer mitgezählten, bei der Feststellung der bourgeoisiden Existenzen bereits berücksichtigten Personen- kategvrien (höhere Angestellte usw.) und die vielleicht noch darin enthaltenen kleinbürgerlichen Elemente wiederum iu Abzug bringen. Wir hätten übrigens müheloser zu annähernd denselben Ziffern gelangen können, wenn wir uns der Einkommensstatistik als Führerin anvertraut hätten. Jene 35 Millionen sind nämlich ungefähr diejenigen Personen, die weniger als 900 Mark Einkommen beziehen. Im Jahre 1895/96 waren das in Preußen 21165032 oder 68.7°/^ der Gesamtbevölkerung. III. Handwerker und Junter. Was aber, so werden wir nun fragen, ist aus deu alten blassen geworden, die wir am Anfange des Jahrhunderts Deutschlands Gesellschaft bilden sahen, während solchergestalt, wie es jene Zahlen zum deutlichen Ausdrucke bringen, zwei neue Klassen mächtig emporgewachsen sind? Hat sich bewahrheitet, was Karl Marx im Jahre 1847 voraussagte: daß die Epoche der Bourgeoisie die Klassengegensätze vereinfachen werden? Hatte er recht, wenn er ausrief: „Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat?" Ich glaube nicht. Man wird vielmehr sagen müssen, daß eher das Gegenteil eingetroffen ist. Auch das Klassenverhältnis in der modernen Gesellschaft hat sich disferenziiert. Es ist gerade eher ein Merkmal früherer Geschichtsepochen, daß sich jeweils ein großer Klassengegensatz heraushebt, während hente sich die Klassengegensätze häufen, die Strebungen sich mannigfach nuancieren. Man wird diese Tatsache damit in Verbindung bringen dürfen, daß der gesamte historische Vorgang der gesellschaftlichen Neubildung heute so rasch sich abspielt, daß die bestehenden Klassen gar keine Zeit zu einem langsamen natürlichen Tode haben, sondern noch — mag auch ihre ökonomische Basis stark erschüttert sein — die Kraft zur Geltendmachnng ihrer Interessen in Politik und Gesellschaft Wesen und Bestandteile des Kleinbürgertums alten Schlages. 5ZZ sich bewahren, wenn neue Klassen längst emporgetaucht sind und ihren Entwickelungsgang begonnen haben. Genug: im neuen Deutschland sind die Klassen der vorkapitalistischen Zeit gauz uud gar nicht verschwunden. Anch von der „neuen Gesellschaft" bildet zunächst das Kleinbürgertum alten Schlages einen nicht zu unterschätzenden Bestandteil. Zu diesem werden wir rechnen müssen alles, was handwerkerhaften Charaktere geblieben ist. Also alle jene Wirtschaftssubjekte, die auf der Grundidee der „Nahrung" ihre Existenz aufbauet? oder aufzubauen das Streben haben. Deren ganzes wirtschaftliches Denken und Wollen von der Vorstellung beherrscht wird: die Organisation des Wirtschaftslebens müsse derart sein, daß mittlere Persönlichkeiten mit eigenem Sachvermögen auf der Grundlage eigenen techuischeu Könnens durch Erzeugung oder Austausch einer nach Menge und Art von jeher bestimmten Warenmenge ihr gutes Auskommen sinden. Wobei dann die Frage nach der konkreten empirischen Gestaltung der Wirtschaftsordnung im einzelnen verschieden beantwortet merden kann, nur daß wohl immer als gemeinsamen Zng die jenem Wirtschaftsideale entsprechenden Rechtssysteme den Grundgedanken der Bindung enthalten werden: er wird sie von dem aus kapitalistischen Geiste geborenen Rechte, das ans der Idee der wirtschaftlichen Freiheit sich ausbaut, immer grundsätzlich unterscheiden. Dieser Klasse der Handwerker gehören aber an: 1. die Handwerker im engeren Sinne; 2. die Krämer; 3. die Bauern — sämtlich soweit sie nach der von uns angewandten Methode nicht den bourgeoisoiden oder proletaroiden Existenzen zuzuzählen sind. In diesem Verstände, glaube ich nun, hat die Klasse der Handwerker, wenn wir ihre Zusammensetzung heute mit der vor hundert Jahren vergleichen, an zisfermäßiger Stärke und auch an ökonomischer Kraft keine Einbuße erlitten. Daß die Bauernschaft in ihrem Bestände so gut wie unverändert während des neunzehnten Jahrhunderts erhalten geblieben ist, haben die Darlegungen im dreizehnten Kapitel erwiesen. Aber auch die Vertreter des gewerblichen Handwerks sind au Zahl, wie wir gesehen haben, während dieser hundert Jahre eher 534 Die sozialen Klassen. gewachsen. Und wenn auch ein immer größerer Teil der äußerlich als Handwerker auftretenden und von der Statistik als solche erfaßten Existenzen dem Handwerkertum nicht mehr zuzurechnen ist, so sind diese absplitternden Elemente überreichlich ersetzt worden durch Zuzug aus dem dritten Gebiete handwerkerlichen Daseins: aus der Krämerei. Denn diese ist, wie wir ebenfalls gesehen haben, während des verflossenen Jahrhunderts recht eigentlich erst zur Entfaltung gelangt und hat natürlich neben massenhaften proletaroiden und bourgeoisoiden Existenzen auch großen Massen echter Handwerkerseelen zum Leben verholfen. Also, daß man fast sagen möchte: den Kern der Handwerkerklasse bilden heute die handwerksmäßigen Krämer. Das Zahlenbild, das wir auf Grund der Berufszählnng von 1895 von der heutigen Zusammensetzung der Handwerkerklasse empfangen, ist folgendes: 1. landwirtschaftliche Handwerker: selbständige Bauern mit einer Wirtschaftsfläche von 2 bis 100 1^ . 1 995 212 deren Angehörige........... 6 920 028 2. gewerbliche Handwerker: selbständige Gewerbetreibende für eigene Rechnung in Betrieben mit 2 bis 5 Personen........... 586014 deren Angehörige...........1715 129 l>) selbständige Gewerbetreibende für fremde Rechnung in Betrieben mit 2 bis 5 Personen (vielleicht proletaroid?)......... 50 038 deren Angehörige........... 140 522 3. kommerzielle uud transportierende Handwerker: selbständige Krümer, Wirte, Fuhrleute usw. in Betrieben mit 2 bis 5 Personen....... 314 836 deren Angehörige........... 817 699 Insgesamt Handwerkerklasse, „Kleinbürgertum" 12 539 478 Ich äußerte vorhin die Meinung, daß die Handwerkerklasse, wenn wir sie in dem oben umschriebenen Sinne als Klasse der „Selbständigen" fassen, in Deutschland während des neunzehnten Jahrhunderts wohl kaum an Umfang eingebüßt habe. Ziffermäßig dies zu erweisen, ist allerdings fast ein Ding der Un- Die Zusammensetzung der Handwerkerklnsse vor fünfzig Jahren und heute. 535 Möglichkeit, Dein Statistiker von Fach werden sich die Haare sträuben, wenn ich im folgenden doch einen Vergleich anstelle, der natürlich nichts anderes bezweckt, als in ganz groben Umrissen das ehemals und heute neben einander zu zeigen, Freiherr von Reden (der übrigens selbst, im Vorübergehen sei es bemerkt, in einer für moderne Begriffe unerhört „genialen" Weise mit deu Zahlen der Statistik umspringt) gibt uns ans Grund der Gewerbetabelle und anderer Ziffern für das Jahr 1849 eine Art von Berufsstatistik des damaligen Königreichs Preußen. Taraus entnehme ich die sämtlichen Ziffern der selbständigen „Mechaniker, Künstler und Handwerker", der „Gast- und Speisewirte", der Handeltreibenden aller Art, der Müller, der Schiffer und Fuhrleute, der Brauer, Brenner ufw., sowie ihrer Angehörigen: das sind offenbar mehr Personen als zum gewerblichen und kommerziellen Handwerk, wie ich es für das Jahr 1895 bestimmt habe, gehören: es befinden sich darunter eine Anzahl bourgeoisoide und zahlreiche proletaroide Existenzen (alle Einzelselbständigen!). Ich möchte deshalb einen Abschlag von 25"/^ von den Ziffern machen. Die landwirtschaftlichen Handwerker bestimmte ich nach der in Anlage 46 abgedruckten Statistik: Inhaber von Besitzuugeu zwischen 5 und 300 Morgen. Auch hier sind mehr berücksichtigt als 1895, da erheblich stärker u)ie Kategorie der Besitzer zwischen 1^ uud 2 ua als die zwischen 75 und 100 Iia besetzt ist. Es möge deshalb auch hier ein Viertel weniger gerechnet werden. Die Reden- schen Ziffern find aber folgende: 1. landwirtschaftliche Handwerker....... 890172 deren Angehörige (nicht angegeben, berechnet mit) rund 3 500 000 2. gewerbliche Handwerker......... 523 308 deren Angehörige........... 2093232 3. kommerzielle ?c. Handwerker........ 156039 deren Augehörige........... 624 056 Insgesamt Handwerkerklasse 7 786 807 Hiervon aus den angeführten Gründen 25 abgerechnet, ergibt eine mit den Ziffern für 1895 vergleichbare Summe der Angehörigen der Handwerkerklasse von rund 5.8 Millionen. Das damalige Königreich Preußen hatte rund 16 Millionen Einwohner, 536 Die sozialen Klassen. das deutsche Reichsgebiet hatte im gleichen Jahre 35 Millionen Einwohner: die Preußischen Ziffern würden also rund drei Siebentel der deutschen ausmachen, Bon den für das Jahr 1895 berechneten 12^ Millioneil Handwerkerköpsen entfallen also auf das Preußeu alteu Bestandes rund 5.4 Millionen. Berücksichtigt man, daß die bäuerliche Haudwerkerklasse iu den nenpreußischen Provinzen und den außerpreußischeu Landesteilen etwas stärker ist als in Altprenßen, so würde sich ergeben, daß in der Tat der Umsang der Haudwerkerklasse Teutschlands in den Iahreu 1849 und 1895 annähernd der gleiche gewesen sei. Damit ist denn nun aber auch schon ausgesprochen, daß diese Bevvlkerungsklasse innerhalb der nenen Gesellschaft nicht mehr die gleiche Bedeutung hat wie früher. Sind sich die absoluten Zahlen gleich geblieben, so bildet die heutige Ziffer natürlich einen erheblich geringeren Prozentsatz der Bevölkerung als die frühere. Nach deu hier augestellten Berechnungen hätten um die Mitte des Jahrhunderts noch beinahe zwei Fünftel zur Handiverkerklasse gehört, 1895 nur noch ein knappes Viertel. Nun ist aber die ganze Art der Begleichung (auch abgesehen von ihrem sehr zweifelhaften statistischen Wert), so wie sie hier vorgenommen wurde, falsch. Es muß nämlich iu Rücksicht gezogen werden, daß ehedem sso lange der Kapitalismus noch keine herrschende Stellung im deutschen Wirtschaftsleben einnahm) zur Handwerkerklasse noch zahlreiche Elemente gehörten, die wir heute mit Recht ihr nicht mehr zurechnen. Für die frühere Zeit muß man auch den Alleinmeister zum Handwerk rechnen, denn er hatte ja noch keine andere Klasse wie heute, deren Mitläufer er werden konnte. Dasselbe gilt vom Gesellen: dieser gehört, so lange der ganze Bau der Gesellschaft ein handwerksmäßiger ist, zur Handwerkerklasse: er ist nichts anderes als angehender Meister. Erst wenn das Proletariat zu eiuem ausschlaggebenden Faktor im öffentlichen Leben geworden ist, tritt er als Hospitant bei diesem ein. Ist durch die Absplitterung der Gesellenschaft und der proletarischen Alleinmeister die Stellung des gelverblichen Handwerks ziffermäßig derart geschwächt worden, daß anch der Zuwachs an kommerziellen und andern Handwerkern den Zchaden nicht zu Die Dcklassierung d.Handwerkertums. Spielerei mit d,Worte „Mittelstand". 537 heilen vermochte, so hat die Gesamtklasse offensichtlich noch mehr an Bedeutung für die Gesellschaft in qualitativer Hinsicht verloren. Die ökonomische Stellung aller nicht landwirtschaftlichen Handwerker ist, wie wir wissen, stark erschüttert. Der Kapitalismus hat ringsum das Feld erobert und sich auch im Gebiete der alten handwerksmäßigen Tätigkeit häuslich eingerichtet. Vor hundert Iahren war die handwerksmäßige Organisation (neben der feudalen) die herrschende, der Kapitalismus trat daneben völlig zurück, heute dominiert er und die Handwerker sind nicht viel mehr als Überbleibsel aus einer frühereu Periode. Dementsprechend war es wohl selbst für die Mitte des Jahrhunderts noch zutreffend, wenn Marx schrieb- „in Deutschland bildet das . . Kleinbürgertum die eigentliche gesellschaftliche Grundlage der besteheudeu Zustände", während man heute dasselbe vom Kapitalismus aussagen kann. Diese Verschiebung des Schwerpunktes der wirtschaftlichen Organisation äußert sich nun aber naturgemäß in einer entsprechenden Verschiebung des gesellschaftlichen Schwergewichts aus der Handwerkerklasse in die das kapitalistische Wirtschaftssystem vertretenden Klassen, was Wohlhabenheit, Bildung und soziale Geltung überhaupt anbetrifft. Worüber ich das Nähere im 23. Kapitel meines ersten Bandes nachzuleseu bitte. An dieser Tatsache, daß das Handwerkertum, zumal das städtische und hier wiederum insonderheit das gewerbliche deklassiert, von andern Klassen an Bedeutung sür die Gesellschaft überholt ist, kaun auch das heiße Bemühen nichts ändern, durch allerhand Fiktionen sein Ansehen künstlich aufrecht zu erhalten. Dahin rechne ich die Spielerei mit dem Worte „Mittelftand". Während man nämlich, wie wir sahen, bis um die Mitte des Jahrhunderts unter Mittelstand die Bourgeoisie und das gebildete Bürgertum verstand uud zwar unter Ausschluß der gesamten Haudwerkerklasse (zur Ergänzung der bereits augeführten Zitate diene noch das folgende aus Wilhelm von Humboldts Werken: „es hat sich ein Mittelstand erhoben, der weder zu den ehemaligen Zünften noch zum Adel gehört" usw. „der Mittelstand drängt an der einen Seite in den Bauernstand, auf der andern in den Adel, indem er bäuerliche und adelige Güter kaust . . ."), ist es seitdem Mode geworden, 538 Die sozialen Klasse», gerade die Handwerkerklasse in Stadt und Land als Mittelstand anzusprechen und zu verherrlichen. Zum ersten Male in den Mittelstand einbezogen, finde ich das gewerbliche Handwerk in einer Rede Bismarcks vom 18. Oktober 1849: „während der Handwerkerstand den Kern des Mittelstandes bildet". Indem man sich nun aber über das Merkmal, nach welchem man einen Mittelstand solcherart schaffen wollte, nicht klar war, kam es dahin, daß man in den? Maße wie die Einkommenstatistik sich vervollkommnete statt einer sozialen Klasse eine Besitz- oder Einkommensschicht — Leute mit mittleren Einkommen — darunter verstand. Da diese nun, wie wir wissen, nicht weniger werden, ja sogar eine leise Tendenz zur Vermehrung aufweiseu, so übertrug man diese Beobachtung auf die sozialen Klassen, die man eben als „Mittelstand" zu bezeichnen sich gewöhnt hatte und sagte: der Mittelstand habe an Bedeutung in der modernen Gesellschaft nicht verloren. Indem man wohl hinzufügte: es sei ein „neuer" Mittelstand neben dem alten erwachsen. Man sieht, daß diese Betrachtungen an Klarheit zu wünschen übrig lassen. Weil das Wort „Mittelstand" so vieldeutig ist, verwendet man es nach Belieben ä cleux Mains und verdunkelt dadurch den Tatbestand. Am besten ist es, den ganzen schwammigen Begriff „Mittelstand", der schon alles mögliche bedeutet hat und alles mögliche bedeuten kann, überhaupt nicht zu verwenden; jedenfalls nicht dort, wo von sozialen Klassen die Rede ist. Wie gefährlich es werden kann, mit solchen unklaren, verschwommenen und namentlich vieldeutigen Begriffen wie es der des Mittelstandes ist, zu operieren, zeigt der Wirrwarr, der in unserm öffentlichen Leben während der letzten Jahre mit dem Schlagworte der „Mittelstandsbewegung" und „Mittelstandspolitik" angerichtet worden ist. Die hiermit geschaffene Konfusion ist dadurch noch vergrößert worden, daß die politischen Träger dieser sog. Mittelstandsbewegung zwei Parteien sind, die die heterogensten sozialen Elemente in sich vereinigen: Zentrum und Konservative. Dem Umstände, daß die beiden mächtigsten Parteien Deutschlands es sich angelegen sein ließen, unter dem Aushängeschilde einer Mittelstandspolitik die Beförderung der Handwerkerintcressen in „Mittelstandspvlitik," 539 den Vordergrund des politischen Lebens zu stellen, ist es wohl vornehmlich zu danken, wenn in der öffentlichen Meinung dem Handwerk als sozialer Klasse neuerdings eine größere Bedeutung l'eigemessen ist als ihm zukommt. Meine Darlegungen werden, wie ich hoffe, dazu beitragen, die Meinungen zu klären und wieder richtigere Größeuvvrstellungen zu verbreiten. Sie ergeben, daß unzweifelhaft heute das Handwerk dank vor allem dem Niedergange des gewerblichen und kommerziellen Handwerks als soziale Klasse in die zweite Linie gerückt ist, daß es aber gewiß verkehrt wäre, seine noch immer vorhandene Bedeutung zu verkennen oder gar seine Existenz zu leugnen. Daß ihm uoch heute rund ein Viertel der Bevölkernng zugehört, ist eine keineswegs unwahrschein- Annahme, wie unsere Berechnung erwiesen hat. Ein Viertel aber ist viel. Zumal wenn man sich so einflußreicher Gönner erfreut wie das Handwerkertum. -!- -5 Ebensowenig wie dieses ist nuu aber die feudale Klasse, die Gentilhommerie durch die Entwickelung des verflossenen Jahrhunderts zu Staub gerieben. Ganz im Gegenteil, wird man auch in Bezug auf sie sagen dürfen, steht sie in einer Mächtigkeit am Ausgange des Jahrhunderts da, die uns angesichts der ökonomischen Revolution in Erstaunen setzen muß. Wer sind denn nun eigentlich diese Feudalagrarier, diese Gentilhommes, diese Junker, wie wir der Kürze halber sagen wollten? Es sind in der Regel wohl Grundadlige, aber die Eigenschaft des Adels möchte ich nicht einmal als ein bestimmendes Merkmal ihrer Klasseneigenart betrachtet wissen. In dein Sinne, wie ich hier die (A^sss keoäals verstehe, können anch Leute zu ihr gehören, die nicht die drei inhaltsschweren Buchstaben vor ihrem Namen stehen haben. Um was für Elemente es sich vielmehr handelt, haben wir schon andeutungsweise erfahren, als wir uns den antikapitalistischen Charakter der Landwirtschaft klar zu machen suchten. Die Junker als soziale Klasse sind nämlich nichts anderes als die Vertreter einer vor- oder antikapitalistischen Großguts- 540 Die sozialen Klassen. wirtschaft, anders ausgedrückt: einer Bedarfsdeckung^- oder Überschußwirtschaft mit abhängigen Leuten. In dieser Begriffsbestimmung ist im einzelneu folgendes enthalten: Ausgangpunkt für das Dasein des Junkers ist sein Besitz au Grund und Boden, der in seiner Familie von Geschlecht auf Geschlecht überkommen ist — so wenigstens dort, wo die Art noch rein erhalten ist. Die „Mobilisierung" des Grundbesitzes ist eine der feudalen Welt fremde Erscheinung; und daß man mit Grund und Boden wie mit alten Kleideru handelt, gar erst unerhört. Die der Idee der LIas8e teoäalö gemäße Gruud- eigeutumsorduuug ist deshalb die Bindung des Eigentums. Das FideikommiS ist recht eigentlich die Form des vorkapitalistischen Grundbesitzes. Der augestammte Grund uud Bodeu bildet nun die Nuter^ läge für eine gewohnt-standesgemäße Lebensführung des Besitzers und seiner Familie. Natürlich muß er zu diesem Behufe anch bewirtschaftet werden; das ist im Grunde schon ein Mißbrauch, aber es läßt sich nicht vermeiden. Das Wirtschaften selbst ist etwas, mit dem man sich selbst am liebsten gar nicht befaßt: es wird vom Vogt und seinen Leuten besorgt. Es ist eine n,rs soräiclu, die sich für das niedere Volk und Krämerseelen schickt, nicht aber für den Junker. Dieser steht also auf dem Standpunkte, auf dem während des ganzen Altertums die herrschende Klasse stand: daß man uicht mit Wolle haudelu oder Bänder ausschueideu und dabei ein vornehmer Mann sein könne. Nichts keuuzcichnet die einzelnen sozialen Klassen besser als ihre innerliche Beziehung zur Wirtschaft: der Bourgeois liebt sie, der Proletarier haßt sie, der Kleinbürger verehrt sie, der Junker verachtet sie. Ist schon alles Wirtschaften mit einem Makel behaftet, so nun ganz besonders das moderne Erwerben. Der Junker von echtem Schrot und Koru wird deu Erlverb hasseu als etwas Krümerhaftes, etwas Unfeines. Die Idee, um des Erwerbes willeu tätig zu sein, muß ihn abstoßen. Er hat das, was er braucht, das versteht sich von selbst. Es ist für ihn gegeben, wie sein Name, seine soziale Stellung; es genügt für sein standesgemäßes Auskommen: mögen die Ritter von der Elle also dem Erwerbe nachgehen. Man kaun das auch Die Wesenheit der Gentilhommerie. 541 so ausdrücken: die Bourgeoiswirtschast ist vor allen Dingen Einnahmewirtschaft, nach der Höhe der Einnahmen bemessen sich die Ausgaben; diejenige des Gentilhomme dagegen Ausgabewirtschaft, nach der Höhe der Ausgaben haben sich die Einnahmen zu richten und richten sie sich. Entsteht ein Ausfall, so haben von jeher nicht das krämerhafte Rechnen oder Gutehaushalten für seine Deckung gesorgt, sondern die Macht, die man im Staate besaß. Bor fünfhundert Jahren nahm man den Pfeffersäcken ohne viel Bedenken ihre Ladung aus dem Stegreif ab. Heute tuen ein Branntweinftenergesetz, ein Zolltarif, wenn's nötig ist, dieselben Dienste. Ist der Erwerb dem Edelmann verhaßt, so nicht minder die Form, in der er sich abzuspielen Pflegt: das Geschäft. Alles Rechen- Hafte, alles Nationalistische, alles Geldmäßige stößt ihn ab. Deshalb mag er auch die Beziehungen zu „seinen" Leuten, d. h. dein Volke, das im Dienste des Vogts seine Güter bestellt, uicht gern als rein geschäftliche betrachtet sehen. Fremd dem inneren Wesen nach sind der feudalen Wirtschaft der Lohnvertrag über bestimmte Leistungen, der Lohnvertrag mit knrzer Kündigungsfrist, der Lohnvertrag mit reiner oder auch mir vorwiegender Geldlöhnung. Weil die Wirtschaft noch keine ausgesprochene Saisonwirtschaft ist, wie die moderne Landwirtschaft, weil sich die Technik in den alten gewohnten Bahnen bewegt, darum braucht man ständige, womöglich angesessene, am liebsten schollenpflichtige Arbeiter, die das ganze Jahr über zur Verfügung ftehen, hat also an einem gebundenen Arbeitsverhälthis — gauz im Gegensatze zum kapitalistischen Unternehmer auch in der Landwirtschaft — ein Interesse. Weil aber die Geldeinnahmen gering sind, so ist es selbstverständlich, daß man den Arbeiter in Gebrauchsgegenständen entlohnt. Am liebsten beteiligt man ihn an dem Ertrage durch eine Anteillöhnung, wie sie die Insten alten Schlages hatten, gliedert ihn also in die eigene Wirtschaft ein, mit der er verwachsen soll, er und seine Familie, Geschlecht auf Geschlecht. Dann tritt der Arbeiter zum GutSherru wirklich in eine Art Vasallenverhältnis, in ein Verhältnis gegenseitiger Treue, es entsteht aus innerer Notwendigkeit eine Patriarchalische Arbcitsverfassuug, die 542 Die sozialen Klassen. der kapitalistische Unternehmer in Industrie und Handel als traurige Karikatur zu wiederholen bemüht ist. Weshalb man auch dort, wo das alte Arbeitsverhältnis seinen Charakter bewahrt hat, die Arbeiterschaft ebenso zur Gentilhommerie als Klasse rechnen muß wie den Gesellen alten Schlages zum Handwerk. Die Beziehungen zwischen Feudalherrn uud Arbeiter, könnte man auch sagen, behalten eine qualitative Färbung, sie lösen sich nicht in das reine Quantitätsverhältnis der proletarisch - kapitalistischen Arbeitsver- fassuug auf. Dasselbe gilt von den Beziehungen des Edelmanns zu der Güterwelt. Auch diese bewahren einen ausgesprochenen qualitativen Zug: der Wald, die Felder,' das Schloß, die Jagd, die Pserde, das Silbergeschirr, in denen der Reichtum des Gutsherrn begründet ist, verschließen sich einer rein quantitativen Bestimmtheit in dem Sinne wie der Geldbesitz des Bourgeois. Darum aber auch der abwägenden Vergleichung, ihrer Wertung in Geld. Hier liegt das Geheimnis, weshalb seigneurialer Luxus stets einen Zug von Vornehmheit bewahrt, während bourgeoiser LuxuS alsobald in Protzerei ausartet, weil er mit dem Makel der Quantität behaftet bleibt. Wozu noch bei der Gentilhommerie die Selbstverständlichkeit des Reichtums kommt, von dein man also nicht spricht, den man nicht zur Schau zu tragen braucht, wie der Bourgeois, bei dem man ja gar nicht wissen kann von vornherein, ob er reich ist oder nicht. Selbstverständlichkeit und qualitative Färbung des Reichtums machen das besondere Vornehme im äußeren Auftreten des Edelmanns aus, das dem Bourgeois versagt ist, auch wenn er zehnmal reicher als jener geworden ist. Es fragt sich, wie hat die Llasss ieoclale (deren Vertreter ich hier in einem reinen Typus geschildert habe, wie er natürlich in Wirklichkeit nicht immer vorzukommen braucht) das für alle Qualität und alle Singularität uud Vornehmheit so gefährliche neunzehnte Jahrhuudert überstanden? Nun, mir scheint: über Erwarten gut, wenigstens in ihrer äußeren Geltung. Deklassiert ist die Geutilhommerie freilich, wenn man nur auf die Quantität des Besitzes Rücksicht nimmt. Vor hundert Jahren gehörte so gut Feudaler und bourgeoiser Reichtum. 543 wie alles, was Vermögen besaß, zu ihr.. Heute ist nicht uur eine neue Klasse reicher Leute uebeu ihr erstanden, sondern diese Parvenüs sind auf ihren Kvntorstühlen und Hauptbüchern so sehr in die Höhe geklettert, daß sie die feudale Klasse überragen. Irgendwelche ziffermäßige Angaben über diese, ihren Umfang, ihren Reichtum zu machen, ist noch viel schwieriger wie bei der Bourgeoisie. Man mag ihr etwa alle adligen Großgrundbesitzer im Osten der preußischen Monarchie zuzählen, über deren Anteilverhältnis ich im dreizehnten Kapitel einiges mitgeteilt habe. Zicher ist, daß wir die Gentilhommerie auf dem Lande und im Osten zu suchen haben. Dann lassen sich aber über ihren Reichtum im Verhältnis zum bourgeoisen Reichtum wenigstens einige Andeutungen machen und zwar auf Grund der preußischen Einkommensstatistik, wobei zu berücksichtigen bleibt, daß diese nur Stadt und Laud, uicht soziale Klassen unterscheidet. Auf dem Lande, auch in der Landwirtschaft, gibt es aber natürlich auch vermögende Leute von Kapitals Gnaden. Immerhin! Im Jahre 1900 wurden in Preußen an Einkommensteuer aufgebracht von den Zensiten mit 9500 bis 30 500Mt. Einkommen in den Städten 24.9 Millionen Mark, auf dem Laude 4.8 „ mit 30 500 bis 100000 Mark in den Städten 19.2 Millionen Mark, auf dem Lande 4.0 „ „ mit mehr als 100000 Mark Einkommen in den Städten 21.6 Millionen Mark, auf dem Lande 5.3 „ Aber mag die Llasss ksocials in dem verflossenen Jahrhundert auch an Reichtum verloren haben: an politischer Macht und gesellschaftlicher Geltung hat sie keine Einbuße erlitten. Man darf vielleicht sagen: am Ende des neunzehnten Jahrhunderts wird in Deutschland oder wenigstens in Preußen, wo die Gentilhommerie ja ihren Hauptsitz hat, feudaler regiert als im Ansang, als Thaer, Schön und Hardenberg die Gesetze machten. Und das soziale Ansehen, das unser Junkertum heute noch ö44 Die sozialen Klassen. genießt, könnte nicht größer sein. Wie erklärt sich dieses eigentümliche Phänomen? Ich glaube zunächst wohl aus zufälligen Verumstandungen, wie sie sich in den letzten Jahrzehnten ereignet haben. Man erinnert sich aus meiner früheren Darstellung, daß in diese Zeit der Ausbrnch der sog. Agrarkrisis fällt, die sich in einer allgemeinen Verschlechterung der Rentabilität der Landwirtschaft äußert. Wir sahen auch, woriu die schwierige Lage vieler Landwirte ihren Grund hatte, nämlich in der übermäßig hohen Grundrente, die aus früheren Perioden her auf den einzelnen Gütern lastet. Deshalb hat sich wie in allen westeuropäischen Ländern, so auch iu Deutschland eine lebhafte Bewegung zur Hochhaltung der Grundrente entfaltet, die in Deutschland ihren Mittelpunkt in der grandiosen Organisation des Bundes der Landwirte findet. Diese Bewegung trägt als solche ganz und gar keinen Klassencharakter, wie denn auch in dem genannten Bnnde friedlich oder richtiger kampffreudig nebeueinander sitzen: landwirtschaftliche Handwerker, kapitalistische Unternehmer und Junker reinsten Geblüts. Trotzdem haben diese die Führung in die Hand bekommen und das ,ist nicht zufällig geschehen. Zunächst ist der Junker in Deutschland allüberall der geborene Führer: dafür sorgt schon der pflichtschuldige Respekt, den die andern vor ihm haben. Dann aber sollte man bedenkeil, daß der Geist, aus dem die Forderungen unserer agrarischen Bewegung geboren sind, ein ausgesprochen seignenrialer ist, ob nun die einzelnen Träger der Bewegung sich dessen bewußt werden oder nicht. Vom Staate verlangen, daß er einen bestimmten Vermögensstand, in diesem Falle eine bestimmte Höhe der Grundrente erhalte, heißt eben, ein bestimmtes Auskommen als gegeben, als natürliches betrachten und nun Machtmittel in Bewegung setzen, um seine Verringerung zu verhüten. Es ist unkaufmännisch, unkapitalistisch im innersten Kern. Der Kaufmann, der kapitalistische Unternehmer bestimmt den Wert eines Bermögensobjektes nach dessen Ertragsfähigkeit und schreibt von diesem Werte so lange Beträge ab, bis das Vermögensobjekt den veränderten Erträgen entsprechend zu Buche steht: das bekannte Wort des Grafen Caprivi, an das ich bereits erinnerte: „schreiben Sie ab, meine Das Prestige der Junker in Deutschland. 545 Herrn" war aus dein Geiste des Kontors geboren, es war ganz und gar unjunkerlich gedacht. Was deshalb augenblicklich in Deutschland bei Gelegenheit der Zolldebatten in Frage steht, ist nicht das äußerliche: Agrar- oder Industriestaat; sondern das innerliche: kapitalistischer oder seigneurial-haitdwerkerhafter Geist der Wirt- schaftsführuug. Ich sage seigneurial-haudwerkerhafter Geist, deun in der Tat begegnen sich Gentilhommerie und Handwerkertum in diesem Grundgedanken: daß das Auskommen eine gegebene Große sei und uotfalls von den Staatsgewalten auf künstlichem Wege gesichert werden müsse. Es ist nun aber ersichtlich, daß diese Zuspitzung der Gegensätze, wie wir sie in den letzten Jahrzehnten erleben, das Prestige derjenigen Klasse, die die Führung der großen, in ihrem Geiste organisierten Defensivbewegung aller antiknpita- listischen Elemente und auch aller landwirtschaftlich-kapitalistischen Unternehmer übernommen hat, gewaltig steigern mußte. Aber diese zufällige Gestaltung der Lage genügt doch wohl noch nicht, um das Politische und gesellschaftliche Ansehen unserer Junkerklasse (wenigstens in Preußeu) zu erkläret?. Dieses hat seinen Grund, wie mir scheinen will, vor allem iu der traurigen Rolle, die die Bourgeoisie in unserm öffentlichen Leben gespielt hat, in deren Unfähigkeit, ein selbständiges Klassenbewußtsein zu entwickeln, in deren gänzlichem Mangel an Willen zur Macht. Ich deutete schon an, womit die Verkümmerung bourgeoisen Wesens in Deutschland in Zusammenhang zu bringen ist. So ist es denn überhaupt uicht dazu gekommen, ein anderes Ideal einer herrschenden Klasse bei uns herauszubilden als dasjenige der Gentilhommerie. Und unserer Bourgeoisie höchstes Ziel ist es geblieben, — Junker zu werden, d. h. sich adeln zu lassen und (soweit es geht!) seigneuriale Denkweise und ritterliche Allüren anzunehmen. Dadurch aber ist die feudale Klasse einem unausgesetzten Verjüngungsprozeß unterworfen. Sie empfängt immer ueuen Zuzug aus bourgeoisen Kreisen, den sie rasch assimiliert. Bei dem Kreuzungsvorgange zwischen Gentilhommerie und Bourgeoisie erweist sich bei uns jene immer als das stärkere Element. Ihre Töchter heiraten Klassenangehörige, ihre Söhne führen der Klasse frisches Blut durch Verheiratung mit reichen Erbinnen zn. Die reich gewordenen Bourgeois Somb a r t, Volkswirtschaft. 3S 546 Die sozialen Klassen. aber suchen so bald wie möglich ihre Herkunft zu vergessen und in dem Grnndadel oder wenigstens dem fendalen Grundbesitzertum auszugehen. Das kapitalistische Unternehmen, das den Reichtum der Familie begründet hatte, wird veräußert; die Sohne und Enkel kaufe» sich im Lande an, stiften ein Majorat, verschwägern sich mit altadeligen Familien, lassen ihre Nachkommen bei der Gardekavallerie dienen nnd bei den Sarobornssen eintreten und denken nicht mehr daran, einen Sohn etwa als Lehrling in ein kaufmännisches Geschäft zn geben. Ein Blick in die Rangliste und das Hof und Staatshandbnch, schrieb unlängst ein in dieser Literatur offenbar sehr bewanderter Anonymus in einem bekannten Berliner Blatte, bestätigt diese Wahruehmung. Wer weiß heute noch, daß die Wiege der Lvbbecke, Nathnsius, Lvesch, Wallen- berg, MagnnS, Kramstn, Licres und Wilkan, Bethmann-Hollweg usw. usw., wenn nicht gerade in einem Kontor, so doch sehr nahe dabei stand? Die Richtigkeit der hier vertretenen Auffassung wurde durch eine Reihe audcrer interessanter Fälle in demselben Aufsatz bestätigt, in dem es weiter heißt: „Wie schnell der Prozeß der Verschmelzung zwischen dem jungen Geldadel nnd dem alten Grnndadel vor sich geht, sei an zwei Beispielen gezeigt, deren eines eine preußische, das audere eine bayerische Familie betrifft. Den Kölner Bankier Simon Oppenheim, preußischen Geheimen Kommerzienrat, baronisierte Osterreich 1867, und Preußen erkannte die Erhöhung ein Jahr später an. Dieses ersten Freiherrn von Oppenheim Enkelinnen — Töchter seiner beiden ältesten Söhne — haben sämtlich in altadelige Familien geheiratet: sie heißen Baronin Plancy, Gräfin Bredow, Frau von Frankenberg, Freifrau von Hammerstein, Gräfin Arco, Gräfin Matuschka, Gräfin Pocci, nnd von ihren Brüdern ist der eine mit einer russischen Gräfin, der andere mit einer Freiin aus altein bayerischen Nittcrgeschlechte vermählt. In Bayern verlieh König Max Joses 1. seinem Hofbankier Aaron Elias Seligmann den freiherrlichen Namen „vou Eichthal". Dessen Nachkommen — von einem nach Paris gelangten Zweige abgesehen — sind vollständig im alteingesessenen Adel Bayerns Die Klassenbildung im 19. Jahrh, hat sich nicht vereinfacht, sond, kompliziert. 547 aufgegangen. Sie sind Kammerherren, Gutsbesitzer, Offiziere und den Grafen Khuen, Otting, Armansperg, Bossi, den Freiherren von Rummel, Podewils, Seckendorff, Godin, Morean, Jmhof, Guntppenberg durch Heiraten eng verbundeu." IV. Schlußbetrachtung. So wäre denn das Endergebnis der sozialen Revolution des neunzehnten Jahrhunderts für Deutschland dieses: in den Niederungen des Volkes ist eine grundstürzende Veränderung zu verzeichnen: eine große Klasse, das Proletariat, ist neu entstanden und bildet jetzt die breite Basis des gesellschaftlichen Baues. Das Handwerkertum hat sich annähernd in seinem Bestände erhalten, ist aber in die Defensive gegenüber dem Kapitalismus gedrängt. Auf den Höhen der Gesellschaft wandeln statt der ehedem einzigen Klasse jetzt zwei. Zwischen diesen ist eine Art von Teilung der äußeren Güter eingetreten: die eine hat das Geld, die andere Macht und Ansehen. Und es ist eine Eigentümlichkeit der deutschen Verhältnisse, daß nicht, wie in Amerika und andern Ländern das Geld auch Macht und Ansehen kanft, sondern Macht uud Ansehen das Geld sich Untertan machen, indem sie seinen Vertretern den Stachel des kapitalistischen Wesens aus dem Leibe ziehen. Also nicht vereinfacht hat sich die Klassenbilduug im neunzehnten Jahrhundert, souderu kompliziert. Und damit haben sich natürlich auch die Klassengegensätze nicht verringert, sondern vermehrt. Die Entwickelung ist nicht die gewesen, daß sich die Streitkräfte immer mehr in zwei feindliche Armeen zusammengeballt hätten, die nnn in geschlossener Schlachtordnung sich gegenüber ständen, sondern sie hat umgekehrt die einzelnen Teile der Gesellschaft in mannigfache Gegnerschaft zu eiuauder gebracht. Gerade iu den letzten Jahrzehnten ist der Gegensatz von Kapital und Arbeit längst nicht so deutlich hervorgetreten wie etwa die Feindschaft der vorkapitalistischen Klassen gegen die kapitalistischen. Unausgesetzt verschiebt sich die Frontstellung, neue Gegnerschaften entstehen uud vereinigen feindliche Klassen zu vorübergehender Bundesbrüderschaft, die in dem Augenblicke ihr Ende findet, wenn das gemeinsame Interesse hinter den Interessengegensatz zurücktritt. Heute kämpft 35* 548 Die sozialen Klassen. das Proletariat an der Seite der Bourgeoisie für Erhaltung des Kapitalismus, den Handwerkertum und Gentilhommerie angreisen. Mvrgen stehen Junkertum und Bourgeoisie verbündet da im Kampfe gegen das Proletariat, das vielleicht Zuzug aus dem Kleinbürgertum erhält, um irgend ein demokratisches Prinzip zur Durchsetzung zu bringen. Während am nächsten Tage das Junkertum gegen Bourgeoisie und Kleinbürgertum irgend eine Arbeiterschutz- bestimmuug oder ein Verstaatlichnngsprojekt zur Annahme zu bringen strebt. Aber was bei allem Wechsel der zeitweisen Gegensätzlichkeiten sich doch immer wieder durchsetzt und was recht eigentlich die Eigenart der modernen Gesellschaft ausmacht, ist das immer deutlichere Hinneigen der einzelnen Bevölkerungselemente nach einer bestimmten sozialen Klasse überhaupt. Mit anderen Worten: die Gesellschaft zerfällt immer mehr in einzelne soziale Klassen, die sich ihrer eigentümlichen Interessen immer deutlicher bewußt werden uud diese mit Nachdruck zu vertreten immer mehr die Neigung zeigen. Die soziale Klasse saugt alle übrigen Gegensätze mehr und mehr auf und in diesem Sinne hat man vielleicht das Recht von einer Vereinfachung der gesellschaftlichen Gegensätze überhaupt und sicherlich von einer Verschärfung dieser Gegensätze in unserer Zeit zu sprechen. In diesem Sinne wird man auch sagen dürfen: das neunzehnte Jahrhundert sei eine Epoche gewesen, in der die soziale Klasse in ihrer Gesellschaftbildenden Kraft deutlicher als in andern Geschichtsperioden hervorgetreten sei. Und zwar aus offen zu Tage liegenden Gründen. Die soziale Klasse wird immer dann der Einiguugspunkt für die einzelnen Bestandteile der Bevölkerung sein, wenn große ökonomische Revolutionen das alte Gesellschaftsgefüge zertrümmert haben und eine innere Neubildung der sozialen Beziehungen noch nicht hat stattfinden können, insbesondere, wenn diese Umwälzung zu starker Reichtumsvermehrung geführt und damit den materiellen Interessen das Übergewicht über die idealen Strebungen verschafft hat. Das alles aber ist, wie wir wissen, vom neunzehnten Jahrhundert in früher ungeahntem Radikalismus geleistet worden. Die alten Gemeinschaften, wie sie die Blutsverwandtschaft oder Das 19. Jahrh, endigt mit einem ungeheuren Defizit an idealem Schwung. 549 die Ortsaugesessenheit erzeugte», sind aufgelöst: die Bevölkerung ist wie ein Haufeu Sandkörner in den neuen großen Gemeinwesen zusammengeschüttet worden, wo kein Band einen mehr an den andern bindet. Die großen Ideale, die noch unsere Väter nnd Großväter begeisterten, sind verblaßt: die nationale Idee ist verbraucht, nachdem in mächtig aufflammender Begeisterung das uene deutsche Reich errichtet ist. Was uns heute au Nationalismus geboten wird, ist eiu schaler zweiter Aufguß, der niemand mehr so recht zu erwärmen vermag. Die hohle Phrase muß die innere Öde verdecken. Dasselbe gilt von den großen politischen Idealen, nin die unsere Vorfahren in den Tod gegangeil sind. Teils sind sie verwirklicht, teils in ihrer Belanglosigkeit erkannt worden. Die junge Geiteration lächelt überlegen, wenn sie von dem Kampfe um die politischen Freiheitsrechte liest und die Erinnerungsfeiern der großen Begeisteruugszeiten werden zu lächerlichen Farcen. Neue politische Ideale sind aber nicht erstanden. Von der unsäglichen Armut unserer Zeit an idealem Schwünge legt die bemerkenswerte Tatsache Zeugnis ab, daß die sc»i 6isg.nt revolutionäre Partei der Gegenwart, die Vertreterin einer aufstrebenden Klasse, die Sozialdemokratie ihreu ganzen Bedarf an politischen Schlagwvrten aus dem Arsenale der alteu liberalen Parteien bezieht: noch heute weiß mau dem Volke nichts besseres oder uichts anderes zu bieten als die Parole, unter der schon die Bastille gestürmt wurde: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! Aber auch die religiösen Ideale in ihrer heutigen Fassung scheinen ihre herrschende Kraft zum großen Teile eingebüßt zu haben; sie entbehren der Frische und Ursprünglichkeit, ans denen- allein die hinreißende Begeisterung zu entspringen vermag. Daß sie aber niemals durch eiu paar ethische Postulate Humanitären Inhalts ersetzt werden können, hat die Erfahrung der letzten Jahrzehnte wieder ergeben. So endigt das neunzehnte Jahrhuudert mit einem ungeheuren Defizit an idealer Begeisterung, an der gerade die letztvergangenen Zeiten so überreich gewesen waren. Und nun, in dem Maße wie die idealen Güter schwinden, 550 Die sozialen Klassen. treten naturgemäß die materiellen Interessen in den Vordergrund und die Massen, die von keiner Idee mehr gefesselt werden scharen sich um die Fahne der sozialen Klasse, iveun sie nicht vorübergehende wirtschaftliche Interessen zu gelegentlichen Sonderverbänden zusammenführt, wie angenblicklich die „Agrarier" im Vnnde der Landwirte, der mit der ungünstigen Konjunktur aus dem Agrarprvduktenmarkte entstanden ist und verschwinden wird. Aber auch diese gewaltige Massenorganisation ist doch aus rein ökonomischen Geiste geboren. Wie sehr die Klasse an Stelle aller ehemals, wenn ich so sagen darf, idealen Gemeinschaften getreten ist, zeigt am deutlichsten der Umstand, daß sie selbst als Ersatz für die fehlenden Ideale dienen muß. In dem kämpfendcn Proletariate, in dem zweifellos hellte noch der meiste Idealismus steckt, muß das Bewußtsein der Zugehörigkeit zu der verfolgten Kampfespartei selbst das nicht vorhandene objektive Ideal ersetzen. Der Sozialdemokrat, der noch wahrhafter Begeisterung sähig ist (und es gibt deren gewiß viele) hat nichts anderes mehr, wosür er sich erwärmen kann, als die Klasse, der er angehört und die Partei, die für sie kämpft. Das rein Formale: „Proletarier aller Länder vereinigt euch" enthält alles, was das Proletariat an objektiven, eigenen Idealen besitzt. ?en Rest borgt es, wie wir sehen, von dem Bürgertums. Aber naturgemäß: das Bleigewicht der ökonomischen Interessen, auf denen doch die soziale Klasse sich aufbaut, wird immer den hohen idealen Flug verhindern, zumal wenn ihm kein klar umschriebenes Ziel winkt. Und so kommt es denn, daß auch uusere deS Idealismus noch fähigste Bevölkerungsgruppe ohne Schwung, ohne Begeisterung armselig und verkümmert dahinlebt. Oder will man etwa das Gerede aus einem sozialdemokratischen Parteitage in Vergleich stellen mit der begeisterten Stimmung, die die Zusammenkünfte der Demagogen beherrschte, die noch in der Panlskirche einen goldenen sonnigen Schimmer verbreitete? Und wie es nicht anders zu erwarten war: mit der Fähigkeit, sich für große Ideale zu begeistern, ist in unserm öffentlichen Leben auch die Freude an der Vertretung großer politischer Grundsätze geschwunden. Ein Prinzipienloser, öder Opportunismus, eine Die Verödung des Polilischen Lebens. 551 schmunglose Geschästsuiäßigkeit haben die Herrschaft über nusere Politik errungen. Wer mag heute noch über die Prinzipielle Berechtigung des Staatsbetriebes, des Arbeiterschutzes, der Gewerbe- sreiheit, der Geuosseuschaftsvrgauisation, des Freihandels mit Feuer streiten? Die Masse, die als Zubjett anstritt, hat die Diskussion verflacht; die Masse, die als Objekt zu leiteu ist uud eine früher unerhörte Kompliziertheit der Gesetzgebung uud Verwaltung erzeugt hat, hat die Politik zu einer schwierigen Berusstätigkeit gemacht, die der geschulte Teilarbeiter mit möglichst wenig Geist am geschicktesten auszuüben vermag. Und wenn man dazu nimmt, daß der Inhalt dieser entgeistigten Tätigkeit zum größten Teile der Streit um ökonomische Vorteile ist, so wird man sich uicht mehr wundern, wenn man sieht, wie tief das Niveau des politische,? Lebens am Ende des neunzehnten Jahrhunderts unter das aller früheren Jahrzehnte gesunken ist. Man möchte es sast für unmöglich halten, daß dasselbe Volk, in dem bor hundert Jahren die Stein, Hardenberg, Schön und Thaer Gesetze machte», iu dem iu den 1820er uud 1830er Jahren Männer wie Nebenius, Humboldt, List deu Tou angaben, in dem vor einem halben Jahrhundert eine Versammlung wie die der Männer in der Paulskirche die Geschicke der Nation berieten, in dem vor einem Menschenalter noch ein Treitschke und ein Lassalle am politischen Horizonte wetterleuchtete», iu dessen Parlamente vor wenigen Jahrzehnten Männer wie Bennigsen, Laster, Bamberger, Windhvrst, Neichens- berger mit einem Bismarck die Klingen kreuzten, das; dasselbe Volk, sage ich, einen solchen Tiefstand des Politischen Lebens erreicht hat, wie ihn uns das ausgehende Jahrhundert erleben läßt. Eine Folge dieser Verödung unserer Politik, die also, wie man es auch ausdrücken kann, in eine Klassenguerilla ausartet, ist es, daß sich die Gebildeten wieder mehr als während des verflossenen Menschenalters von alle»? öffentlichen lieben znriul- ziehen und das Interesse an politischen Vorgängen verlieren, was naturgemäß wieder eine weitere Senkuug des Niveaus der Politik zur Folge hat. Es ist doch auch in der Tat nicht zu verlaugcn, daß jemand, den es nicht persönlich angeht, oder der einen Beruf daraus macht, für die Erhöhung der Garnzölle oder für die 552 Die sozialen Klassen. Reform der Branntweinsteuer oder des Krankenkassengesetzes oder für das Zustandekommen der Brüsseler Zuckerkonvention sich interessieren soll. Ob noch einmal die Zeiten wiederkehren werden, in denen der Kampf um große ideale Güter, um große politische Prinzipien die Leidenschaften erregt und auch die Gebildeten, ökonomisch Unbeteiligten in seinen Bann zieht? Wer möchte es voraussagen? Einstweilen müssen wir uns mit der Tatsache abzufinden versuchen, daß Politik und Bildung schwer vereinbare Begriffe geworden sind. Aber diese Einsicht hat für mich nichts betrübendes. Im Gegenteil. Sie erinnert uns zur rechten Zeit daran, daß das teuerste Erbstück, das uns Intellektuellen die Größten uud Besten unseres Volkes hinterlassen haben, der unpolitische Sinn ist, der schon fast abhanden zu komineu schien. Ihn wieder zu pflegen, inmitten der großen Öde, in die uns unsere materielle Kultur verstoßen hat, dünkt mich wohl des Schweißes der Edlen wert. Wir wollen wieder mehr in Goethe leben. Das tut uns bitter not. Anlagen zum neunten Kapitel: Banken und Börsen. Anlage I. Übersicht des deutschen Banknotenlvesens vor der Feststellung dec Bankgesetzes für das deutsche Reich. (Nach Soetbeer, > Bezeichnung der Banken Jahr der Errichtung Grundkapital i!S7Z) Mark Höhe dcS Notenrecht« Gesamt.' nolenum- laus Ende >87Z^ 1000 Mk. Preußische Bank , . . . . . Ritterschastl. P.-Bank in Pommern Städtische Bank in Breslau . . Berliner Kassenverein . . . . Kölnische Privatbank..... Magdeburger Privatbank . , , Danziger Privat-Aklienbank > , Provinzialaklienbank in Posen . Kommunalst.-Bank f. d.Oberlansip Hannoversche Bank..... Frankfurter Bank..... Hamburger Bauk...... Banken im Preuß. Staate , . , Bayrische Hypothek, u, Wechselbank Sächsische Bank in Dresden , , Leipziger Bank...... Leipziger Kassenverein . . . . Chemnitzer Stadtbank . , . , Württembergische Notenbank . . Badische Bank....... Bank für Süddeutschland , . , Rostocker Bank...... Weimarische Bank..... Oldenburgische Landesbank . . Braunschweigische Bank, , . . Mitteldeutsche Kreditbank . , , Privatbank in Gotha . . . , Anhalt^Dessanische Landesbank . Thüringische Bank . . . . . Geraer Bank....... Niedersächsische Bank..... Lübecker Privatbank..... Kommerzbank in Lübeck . . . Breiner Bank . ...... 1848 1824 1848 1850 1855 18S6 18S7 1857 186« 1856 1854 1853 1834 1865 1839 1867 1848 1871 1870 1855 1350 1853 1868 1853 1856 1856 1847 1856 1855 1856 1820 1856 1856 60000000 5697 000 3000000 3000000 3000000 300000 3000000 12000000 17142857'/, 85714-/, 34285714'/, 30000000 18000000 3000000 600000 9000000 18000000 22389000 6000000 15V00000 1200000 10500000 48900000 5400000 6 000000 18000000 7 500000 6000000 1200000 2400000 16607000 unbegrenzt 3000000 3000000 3000000 3000000 3000000 3000000 3000000 3000000 Stammkap. u> Reservefonds 51425571"/, 857142"/, 20571428'/, unbegrenzt unbegrenzt 3000000 900000 25714285^, 51428571"/, 5041440'.' 3750000 15000000 6000000 13500000 24000000 unbegrenzt 3000000 9000000 unbegrenzt unbegrenzt 2400000 2400000 Stammkap. n. Reservefonds 898719 2791 2966 2324 3000 2770 2737 2940 2996 11922 46895 857 980947 20571 89673 23472 3000 (900) 25234 42771 41914 (3 742) 9 941 5999 13470 24000 9201 2987 9000 11733 18000 2383 2383 15 869 1352548 Anlagen, Anlage 2. Status der Neichsbank nach fünfjährigen Durchschnittszahlen. Beträge in Tausend Mark. Jahr Aktiva Metall Bari NcichS- kasscu- schcinc nittel Noten anderer Bauten Summe der Barmittel Wechsel Anl Lombard igen Effekten «einschl. Schatz- anwei- suugei» Summe der Anlagen Sonnige Aktiva 1876/80 1881/85 1886/90 1891/95 1896/1900 524 819 577 091 808 296 924 735 851 399 40 710 27 528 20 443 23 70 l 22 262 13 233 15 136 10 725 10 126 12 537 578 762 619 755 839 464 958 562 886 198 356 518 366 955 463 214 554 142 724438 51434 51 843 62 488 90 938 94 302 6 499 23 452 19 918 7 946 11669 414 451 442 250 545 620 653 026 830 409 26 239 26 504 33 779 42 415 68 694 Passiva Verbindlichkeiten Jahr Grundkapital Reservefonds Notenumlauf Sonstige täglich fällige Verbindlichkeiten Täglich fällige Verbindlichkeiten überhaupt Sonstige Passiva 1376/80 119812 13 832 681 025 193 291 874 316 2 666 1881/85 120 000 ' 18 772 736 868 203 067 939 935 749 1886/90 120 000 23 737 913 407 353 142 1 266 549 788 1891/95 120 000 29 648 1 007 441 434 066 1 491 507 6 247 1396/1900 120 000 30 000 1 114 822 493 555 1 608 377 26 925 Anlage 3. Die Orgauisation des Geld- und Äredithandels in zehn deutschen Großstädten in den Jahren 1858 und 1895. 1858 1895 Zahl Zahl her darin Zahl Zahl der darin der beschäftigten der beschäftigten Geschäfte HiifSpersoueu Geschäfte Hilfspersonal Aachen.... 10 16 17 127 Berlin. . . . 140 244 865 7448 Breslau . . . 39 99 90 632 Cöln .... 41. 227 76 501 Danzig . . . 7 19 22 75 Düsseldorf. . . 14 36 25 162 Elberfeld ^ 17 207 Barmen 1 21 92 Königsberg . . 33 22 38 149 Magdeburg . . 10 11 41 251 Stettin . . . 6 17 22 108 306 741 1234 9752 Aus eiil Geschäft entfallen Auf ein Geschäft entfallen 2.4 HilsSPersvnen. 7.8 Hilfspersonen. Der Anieil Berlins beträgt Der Anteil Berlins beträgt s-, n o> >>».» 7V.5 »»< » 10- Anlagen. Anlnnc 4. Die Kapitalkvnzentration in den deutschen Aktienbanken. (Berechnet nach den Zusammenstellungen des Deutschen Ökonomist.) ^ahl der Banken Geschäftsjahr Altienlapital Million. Mk. Reserven Million. Ml. Gesamtsumme des werbenden Kapital? Millionen Marl AuscineBauk entfiel ein Kapital von Million. Ml. 165 Banken 1300 2761.8 632,3 3394,1 20.5 164 1899 2713.8 605,0 3318,8 20,2 156 1898 2451,8 539,9 2991,7 19,2 150 1897 2163.5 461,2 2624,7 17.5 146 1896 1952,0 407.9 2359,9 16,1 135 1895 1810,1 368,3 2178,4 16,1 137 1894 1700,4 347,0 2047,4 14,9 133 1893 1667,8 337,8 2005,6 15.1 134 1892 1652,8 326.0 1978.8 14.7 135 1891 1623,9 312,4 1936,3 14.3 136 „ ' 1890 1621.6 303,5 1925,1 14,2 137 1889 1536,4 262,1 1798.5 13.1 114 1888 1328,1 213.3 1541.4 13,5 115 1887 1315,5 202,7 1513,2 14.1 116 1886 1290,2 190.9 1481,1 12,8 113 1885 1272,2 181,8 1454.0 12,8 113 1884 1265,7 175.1 1440.8 12.7 1l3 1883 1248,7 174.4 1423.1 12,5 Anlage 5. Die Kapitalkonzentration in den deutschen „Kreditbanken". (Berechnet nach den Zusammenstellnngeu des Teutschen Ökonomist.) Zahl der Banken Geschäftsjahr Altienkapital Tausend Ml. Reserven Tausend Ml. Gesamtsumme des werbenden Kapitals Tausend Ml. AufeincBanl entfiel et» Kapital von Million. Ml. 118 Banken 1900 I 959 548 390 931 2 350 479 19,9 116 1899 1 906 247 373 927 2 280 174 19,6 108 1898 1 638 173 330 368 2 013 541 18.7 102 1897 1 418 087 270 753 1 688 840 16.5 38 1896 1 240 309 235 245 1 475 554 15,0 94 1895 1 134 822 210 623 1 345 445 14.3 W 1894 1 067 525 199 822 1 267 347 13.2 93 „ 1893 1 046 169 196 331 1 242 500 13.4 94 1892 1 057 089 200 313 1 257 402 13,4 ss 1891 1 053 208 191 717 1 244 925 13.1 92 1890 1 054 328 187 880 1 242 208 13.5 93 1889 981 450 156 056 1 137 506 12.2 71 1888 772 403 115 318 887 721 12,5 71 1887 758 005 107 902 865 907 12.2 71 1886 733 693 99 274 832 967 11,7 71 1885 723 946 93 244 817 190 11,5 71 1884 719 479 89 492 308 971 11.4 71 1883 705 600 90 847 796 447 11.2 558 Anlagen. Anlage 6. Aus dem Geschäftsberichte der Dresdener Bank für das Jahr 1900. Kassakonto. Bestand am 31. Dezember 1899 .....Mk. 19 096 048.55 Eingang.............. 6 141 189 618.10 Mk. 6160 235 661 65 Ausgang............. 6 138 080 593.15 Es verblieb demnach bei einem Gesamtumsätze von Mk. 12 279 220 206.2 5 am 3l. Dezember 1900 laut Bilanz ein Bestand von Mk. 22 155 068.50 Coupons- und Sortenkonto. Bestand am 31. Dezember 1899 .....Mk. 4837 751.50 Eingang............ 210 798 086.50 Mk 215 635 838 — Ausgang........... 211 126 445.60 Es ergab sich demnach für den am 31. Dezember 1900 verbliebenen Bestand ein Saldo von .... Mk. 4 50S 392.40 lant Bilanz im Werte von......... 4 647 815.30 Mk. 138 422.90 Wechselkonto. Bestand am 31. Dezember 1899! Stück 24 999 Wechsel im Betrage von..... Mk. 122 381 825.35 „ 910 258 Wechsel Eingang 4 033 736 022.70 Stück 935 257 Wechsel im Betrage von..... Mk. 4 156 117 848.05 „ 906910 Wechsel Ausgang ., 4011 460 058.40 Der am 31. Dezember 1900 verbliebene Bestand von Stück 28 347 Wechsel im Betrage von . . . . Mk. 144 657 789.65 ergab laut Bilanz einen effektiven Wert von . . . 150 471 159.20 davon Mk. 131880333 95 inWechselnaufdeutschePlätze, „ 18590825 25 in fremden Valuten zus. M^l 50 471^159^20 mithin ein Kurs- und Ziusengewinn von .... Mk. _ 5 813 369.55 Effekten- und Neportkoutv. Bestand am 31. Dezember 1899 .....Mk. 91203048.05 Eiugang............ . , 2 411 428 907.30 Mk. 2 502 631 955.35 Ausgang........... ,. 2 449 724 392.40 Es ergab sich demnach für den am 31. Dezember 1900 veibliebenen Bestand ein Saldo von .... Mk. 52 907 562.95 laut Bilanz (einschließlich der auf dieses Konto, wie bisher, mit übertragenen Gewinne des Kvnsortial- betciligungSkontoS) im Werte von....... Mk. 58 817 786.75 so daß ein Gewinn verbleibt von.......M^_ 910 223.80 Anlagen. 559 Eigene Effekten waren am ZI. Dezember 1900 vorhanden an: 1. StaalSpapieren, Pfandbriefen, Eisenbahn- und Jndustrieobligationen . . . Mark 16141 1>2.90 2. Aktien von Bänke», Eisenbahn- und TranSPortunIcrnehmungcn und Versicherungsgesellschaften ......... 6 549 619.70 3. Jndustrieaklien......... ,. 10 664 458.20 ^Mark^ZS 355 260.80 Nach dem 31. Dezember 1900 von uuS abzuliefernde Kommissionsesfekten . . Mark 1 302 139.85 Nach dem 31. Dezember 1900 von uns abzunehmende Kommis- sionsessekten........ .. 2 104 132.55 Mark 801 992.7 0 Mark 32 553 268.10 Reportkonto. Ultimo Dezember 1900 hereingenommene und Ultimo Januar 1901 abzuliefernde Effekten .... Mark 21 264 518.65 Die Effekten sind, soweit börsengängig, zu Übcrnahmspreisen, beziv. zum Tageskurse vom 31. Dezember 1900, wenn dieser niedriger war, aufgenommen worden. Konsortialbeteiliguugs - Konto. Von Konsortialgeschäften ans früheren Jahren gelangten im Berichtsjahre zur Abwickelung: Aktien der Bergwerksgesellschaft Zentrum „ Anntolifchen Eiseubahugescllschaft „ „ Deutschen Eisenbabn-Speiseivagengesellschast „ Freiherrlich von Tucherschcn Brauerei, Aktiengesellschaft „ Chemischen Fabrik von Heydcn, Aktiengesellschaft in Radebenl „ „ Kompagnie Lnferme, Tabak- und Zigarettenfabriken in Dresden Junge „ „ Deutschen Waffen- und Mnintionsfabrikeu „ ,, „ Aktiengesellschaft für Feld- und Kleinbahnenbedarf, vorm. Orenstein k Koppel. Wir wirkten bei folgenden Geschäften als Kontrahenten mit: 3°/» Sächsische Rente 3V'2°/° Bayerische Eisenbahnanleihe 4°/» Hamburgische Staatsanleihe 4«/» Dresdner Stadtanleihe von 1900 4°/« Nürnberger Stadtanleihe von 1900 4°/° Hannovcrsche Stadtanleihe von 1900 4°/„ Mannheimer Stadtanlcihe von 1900 4«/« Barmer Stadtanleihe von 1900 4°/» Haunoversche LaudeSkredit-Kassen-Obligationen 4°/o Obligationen des Calenberg-Göttingen-Grubenhageu-Hildes- heimschen Ritterschastlichen Kredilvereins 560 Anlagen. 4°/„ Pfandbriefe der Grundrenten- und Hypothekenanstalt der Stadt Dresden 4°/o Hypotheken-Pfandbriefe der Deutschen Grnndkreditbank zu Gotha 4°/o Hypotheken-Pfandbriefe der Sächsischen Bodenkreditanstalt in Dresden 4°/„ Obligationen der Italienischen Mittelineer-Eisenbahn-Gesellschaft ^/g°/o Teilschnldverschreibungen der Straßenbahn Hannover 4^/2"/» „ „ Berlin-Charlottenburger Straßenbahn 4'/z°/g „ „ Magdeburger Straßenbahn 4'///,, „ „ Dresdner Straßenbahn 4'/z"/g Obligationen der Straßeneisenbahngesellschast in Hambnrg 4-/.«/„ „ ,. Union-Eleklrizitätsgesellschaft 4^2«/<, „ ,, Siemens ^ Halske, Aktiengesellschaft 4^/2"/^ Teilschnldverschreibnngen der Leipziger Elektricitätswerke 4^/z"/g Hypothekar-Obligationen der Sächsischen Maschinenfabrik, vorm. Rich. Harlmann, Aktiengesellschaft in Chemnitz 4^/2°/,, Teilschuldverschreibungen der Bereinigten Eschebachschen Werke, Aktiengesellschaft in DrcScen 4Vz°/o Hypothekarische Obligationen der Hannoverschen Gummi- kammkompagnie, Aktiengesellschaft 4^2°/g Obligationen der Gesellschaft für elektrische Unternehmungen. Jnuge Aktien des Düsseldorfer Bankvereins „ der Linien Lommeroialö It-aliavir „ Union-EleklrizilnlSgesellschaft „ „ „ Siemens >^ Halske, Aktiengesellschaft „ „ Deutsche» Slraßenbahngesellschaft in Dresden „ „ Rheinischen Bahngesellschaft „ Rheinischen Stahlwerke „ „ „ Kattotvitzer Aktiengesellschaft für Bergbau und Eisen- ^ hüttenbetrieb „ „ Nürnberger Metall- und Lackierwarensabrik, vorm. Gebr. Bing, Aktiengesellschaft „ Sächsischen Gußstahlsabrik in Dohlen „ „ Sächsisch-Böhmischen Portland-Zementsabrik, Aktien- Gesellschaft Vorzugsaktie!, Emission II der Aktiengesellschaft „Hosbräuhaus". Aktienbierbrauerei und Malzfabrik in Cotta. Jnnge Aktien der Delmenhorster Linolenmfabrik ., Deutschen Dampsschissfahrtsgesellschaft Hansa „ „ „ Flensburger Dampferkompagnie „ „ „ Flensburger Schiffsbaugesellschaft. Aktien der Bremer Schleppschissfahrtsgesellschaft Unterwcser „ „ Saar- und Mosel-Bergwerksgesellschasr. Anlage». 5«!1 Unser Konsortialkonto zeigt folgende Zusnmmens.tzuug: 1. Sechs Beteiligungen an StantSvavieren nnd Obligationen........Mk. 1 27433I.K0 2. Zwölf Beteilignngen an Eisenbahn- nnd Transportunteruehmungen, Aktien und Obligationen............ 4 809 038.05 3. Sieben Beteilignngen an Bankaktien. . ,. 5 324 834.35 4. Fünf Beteilignngen an Terraiugesell- schaftcn............, 2 408 010.55 5. Sechsuudvierzig Beteiligungen an Jn- dnstriegesellschaften und iibersceischcn Unternehmungen.......... 24 0 31 094.75 Mk. 37 847 909.30 Kontokorrentkonto. Bei einem Umsätze im Debet von.....Mk. 8 851 490 202.10 betrug derselbe im Kredit.......... .. 8 738308003.25 so daß uns am 31. Dez. 1900 ein Guthaben verblieb von Mk. 113 181 058.85 uud zwar laut Bilanz: Mk. 7 771 313.40 verfügbare Guthaben bei Banken und Bankiers. Debitoren: in Dresden...... Mk. 40 193 693.05 in Berlin......., 102410261.65 bei den Filialen .... .. 138753 147.25 Mk. 231 362 101.95 verteilt auf 6586 Kontcn, hiervon Mk. 29 608 927.75 Banken und Bankiers, durch Effekten gedeckt, „ 164 573 000.— sonstige Debitoren, durch Sicherheiten gedeckt. Kreditoren: Mk. 188 092 I57.25verteiltauf9004Kontc»,hiervonca.Mk.7l 250000.- auf feste Termine. Avaldebitoren: Mk. 12 140 400.75 Es wurden gewonnen: an Provisionen . .............. Mk. 5 504 662.15 „ Zinsen (inkl. der Zinsen auf Lombard, Efseklenrepzrt uud Konsortiaikonto, abzüglich gezahlter Zinseu)..... Mk. 6 998 963.— Die Zahl der Kontokorrcntverbindungen ist von 11 756 in 1899 auf 15 590 gestiegen. Lombardkonto. Am 31. Dezember 1900 waren au Lombarddarlehen in Dresden................ Mk. I 650 261.05 in Berlin................ „ 6 800 000.- in Hamburg................, 0 524 432.20 in Bremen................ „ 3 583 374.70 in Chemnitz............... 208 806.80 verblieben................ Mk. 18 7K6 875.3ö Sombart, Volk-ZwittMft. 36 Anlagen. Sämtliche Konten sind vorschriftsmäßig bedeckt, und die Depots setzen sich ans guten Papieren zusammen. Akzeptkonto. Am 31. Dezember 1899 befanden sich Tratten ans uns im Umlauf von..........Mk. 122 210 89S.85 Avalverpflichlungen............„ 12 277 370.80 ferner wurden ansgeschrieben: auf Dresden.......Mk. 67 826 242.45 ,. Berlin........, 504 441 412.35 .. nusere Filialeu .... .. 961237653.65 ^ 1 533505308.45 Mk. 1667 993 575.10 hiervon wurden eingelöst: in Dresden...... . Mk. 66 534 495.65 in Berlin....... . „ 502 403 088.35 bei unseren Filialen .... „ 955852549.70 Mk. 1 524790 133. 70 so daß am 31. Dezember 1900 in Zirkulation verblieben: auf Dresden.......Mk. 13 160 525.30 ., Berlin.......,. 38837082.95 „ unsere Filialen .... ,. 79 065 432.40 Mk. 131063040.65 Avalvcrpflichwngen............., 12 140 400.75 Verzinsliche Depositen. ES wurden bei uns zur Verzinsung hinterlegt Gelder im Betrage von...........Mk. 298 493 255.80 hiervon sind zurückgezahlt worden........, 203931 103,40 und verblieben somit am 31. Dezember 1900 . . . Mk^ 94 562 152.40 verteilt auf 26 934 Kanten nud zwar: Mk. 50 985 523.65 in 16 699 Konten mit täglicher Verfügung „ 43 576 628.75 in 10 235 „ ein-bis zwvlsmvnatl. Kündigung Mk. 94 562 152.40 in 26 934 Konten. Die Zahl der Depositenkonten ist von 17 845 in 1899 auf 26 934 gestiegen. Anlage». 563 Anlage 7. Der Berliner Effektenmarkt 1870 bis 1900.') 'Anzahl der Werte, amtlich notiert im Berliner Kurszettel, am 3l. Dezember 1870 1880 1890 1900 Wechsel............. 20 15 25 27 Gold, Silber und Banknoten...... 13 11 21 25 Deutsche Fonds und Staatspapiere .... 64 114 125 279 Ausländische Fonds, Staatspapiere und Hypo35 89 197 252 Eisenbahn-Stamm und Stamm-Priorit.-Aktien 42 45 30 26 18 34 51 40 Eisenbahn-Obligationen: -r) inländische........... 82 127 27 22 33 88 116 121 Deutsche Klein- u. Straßenbahn-Akiien . . . — — — 39 Deutsche Klein- n. Straßenbahn-Obligationen. — — — 23 Schiffahrts-Aktien.......... — — 6 14 Schiffahrts-Obligativiien........ — — 3 5 Bank-Aktien............ 43 98 113 134 9 36 261 629 — 5 39 124 Versicherungs-Aktien......... — — — 48 359 662 1014 1808 ') Ich verdanke diese Statistik der liebenswürdigen Bemühung des Syndikus der Berliner „Ältesten", Herrn Dr. Rvghv, der sie auf meine Anregung aus den amtlichen Kursberichten zusammenstellen ließ. 2) In die Zahlen der industriellen Obligationen sind für das Jahr 1900 4 Obligationen von Banken und für die Jahre 1890 und 1900 je eine der Teutsch-Ost-Afrik. Gesellschaft Inbegriffen worden. 36* 564 Anlagen. SlnllM 8. Gesamtübersicht über die Beträge der Emissionen von 1890 bis 1900. (Zusammenstellung des Deutschen Lkvnvmist.) Für den Zeitraum 1839 bis Ende Dezember 190» ergibt sich folgende Übersicht: Das effektiv aufgebrachte Kapital stellt sich iu runden Summen wie folgt dar (Millionen Mark): 188S ! isso ^ 1891 ^ 18»z ^ I8SS ^ I8S4 ^ I8»s ^ I8»ö ^ I8»7 ^ I8S8 18»» ! I»0» 1745 ^ 1S20 ^ 1217 ^ 1016 ^ 1266 ^ 1420 ^ 1375 1896 ^ 1944 ^ 2407 ^ 2611 ^ 1851 Die Inanspruchnahme des deutschen Kapitalmarktes für auslandische Anleihen (Staats- und Kommnnal-Anleihen, Eisenbahn-Lbligationen usw.) mit Ausschluß der Aktien hat nach den Emissions-Kursen betragen (Millionen Mark): 1«M I8»N I8-N I8»iZ 18»!! ^ I5»t I8»Z I8»>! ^ 18»? 1808 ^ 18»» I»N» ^25 > 359 ^ 230 ^ 168 ^ 342 ^ 338 ^ 300 ^ 489 ^ 608 ^ 891 ^ 203 27I.«>7 Für Aktien deutscher Baukeu sind folgende Beträge aufgebracht worden (Millionen Mark): I8»0 iggi 1802 18!» I8»4 18»ü 18»6 18»? 18S8 18»» IM» nomin. effektiv 7^,7 104.0 33,1 40.9 2.0 2,5 21.6 34.0 31,6 36,2 113,0 143,1 157,^ 213,4 173.1 265,7 273,3 372,8 211.6 276,5 U!L,0 174.5 Das für Aktien deutscher Jndustnegesellschafteu aufgebrachte Kapital beträgt 'Millionen Mark): l8»<> 18»1 I8»Z 18»3 18»» 18ÜS 18»g 18»? 1893 i«»a ivoo nomin. effektiv 153.0 200,5 24,8 29,7 12,9 14,8 19,6 25.3 60,3 79,0 UN. 2 223.2 245,3 333,9 190.9 318.2 310.2 520.6 515.9 861,4 297.4 461,0 Das Emissions-Agio von deutschen Bank- uud Iudnstrie-Aktien hat im Durchschnitt betragen (Prozent): I8»v I8»1 18»Z I8»Z I8N1 I8»S ^ I8Sli 18»? 18S8 18»» 1000 Bank-Aktien 32,6 2^.6 25,0 57,5 14,5 26,6 j 35.3 53,5 36.7 30.6 26,5 Jndustr.-Akt. 31.S 20,0 14.7 29.1 31,0 88,6 36,1 66,7 67,7 66.9 55.2 Anlagen. 565 Anlage 9. Emissionen der Jahre 1897 bis 1900 nach Gruppen unterschiedein (Zusammenstellung des Teutschen Ökonomist.) 1897 1898 1899 1900 Nom,- KurS- Nom.- Kurs- Noin.- KurS- Nom.- KurS- Vctrag Wcrt Betrag Wert Bctrag Wcrt Vetrag Wcrt Mll. MI. Mll. MI. Mll. Mk. Mll. Mk. Mll. MI. Mll. MI. Mll. MI. Mll. Ml. Deutsche Papiere. Staatsanleihen 20,00 19,18 168,10 160,44 430.50 399,13 216,30 200,40 Kommuualanl. . 148,32 147,94 101,70 100,80 267,04 261,05 222,38 220,35 Pfandbriefe . . 483,28 483,23 364,81 364,81 447,12 447,12 200,00 200,00 Eisenbahn-Oblig.. 9,70 9,75 16,83 16,96 49,50 49,58 88,20 85,02 Jndnstrie-Oblig. . 56,94 58,01 139,75 143,12 73 24 74,02 178,20 178,77 Eisenbahn-Aktien. 6.22 9,75 14,82 17.93 6,50 8,78 49,60 55,63 Bank-Aktien . . 173,14 265,69 273,35 372,77 211.63 276,50 138,04 174,51 Vers.-Aktien . . Judustrie-Aktien . 190,92 318,20 310,20 520,60 515.94 861.39 297,47 461,06 D. Pap. Summa 1088,52 1311,79 1389.58 1697,43 2001,47 2377,57 1390,19 1575,74 Ausl. Papiere. Staatsanleihe. . 250,00 166,87 253,20 230,88 113,09 102,24 185 20 168,86 Kommunalanl. . 66,50 65,89 47.43 47,30 — — 3M 2,35 Pfandbriefe . . 81,00 78,10 42,23 43,82 31,85 30,86 5,63 5,50 Eisenbahn-Oblig. 263,97 262,44 372,88 369,91 71,00 70.40 10.00 9.00 Jndustrie-Oblig. . 34,86 34,75 Eisenbahn-Aktien. 58,96 65,06 Bank-Aktien . . 12,00 12,86 8,00 9,48 4,50 10,00 14.00 20,90 Industrie-Aktie» . 10,00 11,00 7.62 9,33 11.65 20,32 3.60 3,60 AuSl. Pap. Sa. 718,33 632,91 732.31 709,72 232.09 233,82 280,39 275,27 Gesamt-Sa. 1806,85 1944,70 2021,89 2407,15 2233,56 2611,39"l670,58 1851,01 566 Anlagen. Auwnc 10. Gründung von Aktiengesellschaften in Tentschland von 1871 bis 1900. (Nach den Zusammenstellungen des Deutschen Ökonomist.) Zahl Aktien-Kapital Zahl Aktien-Kapital der durchschnitt!. der durchschnitt!. gcgrüud. insgesamt auf jede gegrüud. insgesamt auf jede GesellGesellschaft GesellGesellschaft schaften Mill. MI. Mi». Ml. schaften Mill. Mk. Mill. MI. 1900 261 340,46 1.30 l^'> 70 53.47 0,76 1899 364 544,39 1,49 1884 153 111,24 0.72 1898 329 463,62 1,40 1883 192 176,03 0,92 1897 264 380,47 1,50 1882 94 56.10 0.60 1896 182 268,58 1,48 1881 111 199,24 1,80 1895 161 250,63 1,56 1880 97 91,59 0,94 1894 92 88,26 0,96 1879 45 57,14 1,27 189? 95 77,26 0,81 1878 42 13,25 0.32 1892 127 79,82 0,63 1877 44 43,42 0,99 1891 160 90,24 0,56 1876 42 18,18 0.43 1890 236 270,99 1,16 1875 55 45,56 0.83 1889 360 402,54 1,12 1874 90 105,92 1.18 1883 184 193,68 1,05 1873 242 544,18 2,25 1887 168 128.41 0,76 1872 479 1477,73 3,85 1886 113 103,94 0.92 1871 207 758,76 3,65 Anlagen. 567 Anlnc,c 11. Gründung von Aktiengesellschaften in den Jahren 1897 bis 1900 nach Bernfsgruppen geordnet. (Zusammenstellung des Deutschen Ökonomist.) Bezeichnung Z 1897 Anzahl 1898 Z 1^9 Z N K ^ Z Anzahl 1800 Z Z - - Z 8 S Z -> Z 8 Z Z K ^ e? 8 Landwirtschaft, Viehzucht . 7 8 390 2 3 000 1 500 2 1 140 Bergbau, Hütten, Salinen 3 4 266 14 29 900 11 23 349 14 23 219 Industrie der Steiue und 23 18158 23 21 560 29 25 430 33 22 837 Metallverarbeitung, Ma- 47 52 220 53 68 650 75 109 220 53 87 390 Chemische Industrie, Heiz- und Leuchtstoffe . . . 14 17 557 18 21 215 21 15 005 11 15 960 Elekrizitätsgesellschasten. . 11 96 305 36 46 545 32 34 590 15 27 670 Textilindustrie .... 22 27 670 17 14 435 13 18 480 16 26 965 Papier-, Leder-, Holz- und 14 10 720 17 24 818 18 18 405 18 21 667 Nahrungs- usw. Mittel, darunter: Zuckerfabriken .... — — 2 1 750 — — 2 1 338 Brauereien..... 26 24 950 27 14 580 32 25 087 2l 16 010 Sonstige NahruugS - und Genußmittel .... 10 6 875 16 13190 15 16 531 8 318V 9 13 467 19 26 990 19 37 52( 22 31 340 Polygraphische Gewerbe 9 5 275 4 2 500 8 13 26L 4 3 600 15 29 600 17 62 600 16 29 211 5 6 050 Versicherungsgesellschaften . 2 7 000 I 2 000 5 9 300 — — 11 24 19«Z 23 73 183 9 71 383 2 6 203 Sonstige Transportanstalten ...... 9 22 610 10 8 292 29 65 986 17 33 847 Beherbergung und Er- 4 36d 11 6 957 k 3 640 5 4 250 10 6 706 24 22 455 26 595 13 7 180 >245 380 468^329^463 620M4>544 393^261 j340 458 Anlagen zum zehnten Kavikel: Der Handel. AnllM 12. Verzeichnis derjenigen deutschen Börsen, an denen im Jahre 1892 ein Termin- Handel in Produkten bestand. lNach der amtlichen Darstellung in den Drucksachen derBörsenenanete-Kommisfion.) I. Königreich Preußen. Berlin: iu Rohspiritns, Weizen, Roggen, Hafer, Mais, Roggenmehl, rohem Rüböl, raffiniertem Petroleum; Breslau: in Roggen, Hafer, Spiritus, Rüböl; Danzig: in Spiritus, Weizen, Roggen; Köln: in Weizen, Roggen, Rüböl; Königsberg: in Spiritus; Magdeburg: in Rohzucker, granuliertem Zucker; Posen: in Spiritus; Stettin: in Weizen, Roggen, Rüböl, Spiritus. II. Königreich Sachsen. Leipzig: in Kammzug. III. Großherzogtnm Baden. Mannheim: in Getreide. IV. Hausastädte. Hamburg: in raffiniertem amerikanischem Petroleum, gutem rohe» Kartoffel- spiritus, Zoo6aver»Ks Lautos-Kaffee, Nübenrohzucker, erstes Produkt, granulierter und Krystallzncker; Bremen: in Baumwolle. Anlagen. 569 Anlage 13. Nachweisung der in den Jahren 1837 bis einschließlich 1839 in Leipzig und Frankfurt a. M. zum Eingang verzollten fremden Meßwaren und der zu den dortigen Messen im sreien Verkehr eiugebrachten Meßgüter. (Nach Dieterici.) Fremde Mcßwarcn (versteuerte) Vcrcinsländische Waren und resp, aus dem freien Vcrlchr Menge Menge Bemerkungen Semester im Einzelnen Ctr. Stimme Ctr. Messe im Einzelnen Ctr. Summe Elr, I. II, I. II. I II. Messe in Leipzig. ! lNeuj. ^ iMä? ^Ostern >Mich. 6232 5810 7333 7005 8448 7861 14404 23680^ 83788^1! 83838 Nenj. . Lstern >Mich. sNcn,. 16303 10stern ^Mich. 35006 83324 88396> 38837^ 93127^ 92267 213326 224281 L. Messe in Frankfurt a. M. ^2602^ 45330^ 52858^ 50613^ 50647> 55187> l l i. ii. 300? 1 3910^ 6913 jOsiern ^Herbst s l i. ii. 4239 ^ 4798^ 3037 Astern > Herbst ! > i. ii. 4225 j 5322 s 9547 s Lstrn ^Herbst 88592 10347 105834 Tie in dein AießkoiitielnngSver- sahren der ausl. Meßartikel im allgemeinen beruhenden Begünsti- gungen dauern auf den Meßplätzen in Leipzig nnd Frankfurt a. M. iu den den Großhändlern bewilligten fortlaufenden Konten nnunterbrocheu fort. Dadurch sind die Verhältnisse von Leipzig und Franksurt a. M. in Bezug auf deu Verkehr mit ausländischen Meßivaren von denen der beiden Meßplätze in Frankfurt a. d.O. undNaumbnrga.d.S. ganz verschieden. Aus dieser Rücksicht ist in dem Nachweise der an allen diesen Meßvlätzen eingegangenen fremden Meßivaren kein übereinstimmendes Verfahren zulässig, und sind nebenstehend bei Frankfurt a M. uud Leipzig von den ausländischen Meßivaren blos diejenigen aufgeführt, welche aus den Meßkontis und nach den Seinestral-AbschlüssenderJnhaber fortlaufender Meß-Konten an Käufer aus den Äereiusstaatcu abgesetzt und resp, versteuert worden sind. 570 Anlagen. a»5 ! Anlage 14. Nachweisung der von 1837 bis einschließlich 1839 zu den Messen im Zollvereine gebrachten Güter. (Nach Dieterici.) Güter ES beträgt siir fcdcS Jahr da» Gewicht Verhältnis nach Prozenten Jahr Messe fremde Ztr. in- und resp, verein?!. Ztr. Summe Ztr. der fremd. Waren Ztr. der in- und resp. vereinZl. Waren Ztr. Summe Ztr. der fremd. Waren der in- nndresv. vereinst. Waren Messe in Frankfurt a. d. O. 1887 1838 1833 ^ Neminiscere ^ Margarethe ^ Martini l Neminiscere < Margarethe Martini ! Neminiscere Margarethe Martini 831--. 13018 10751 9953 13844 8615 6656 10128 8330 44858 65586 53968 54170 65587 52077 49986 69599 53262 53173 78604^ 64719 641271 79431 606S2> 5664Ä 79727) 61592 32084 32416 164412 171834 25114 172847 196486 16,3 83,7 204250 15,9 84,1 197961 12,7 87,3 1837 1838 1839 Petri-Paulsm, Messe in Naumbnrg a. d. Saale. 85 7313 7398 85 7313 7398 1,1 98,9 72 5999 6073 72 5999 6071 1,2 98.8 53 6755 68V8 53 6755 6808 0,8 99,2 Anlagen. 5.71 Anlage IS. Die Zahl der Geschäftsreisenden in Deutschland. Für daS Jahrzehnt 1884 bis 1893 liegt eine Zusammenstellung der einschlägigen Ziffern vor in dem Motiveuberichte der ReichSregicrung zur Gcwerbc- ordnungsnovelle vom 5. Januar 1895. Darnach .stieg die Zahl der ausgestellten Legitimationskartcn für Reisende in Deutschland in jenem Zeitraum um 55l///y; sie betrug nämlich: 1884........ 45016 1893........ 70018 Diese Tendenz zur Zunahme der Geschäftsreisenden hat nun aber ofseu- bar noch länger angedauert; erst in allerletzter Zeit scheint in einigen Gebieten (Bayern!) eine Art von Sättigungszustaud erreicht zu sein. Im Königreich Bayern wurdeu Legitimationskarten gemäß Z 44a der Gewerbeordnung ausgestellt. (Statistisches Jahrbuch für das Königreich Bayern 1895 ff.) 1884 ....... 6 723 1894 ....... 14 051 1897 ....... 17 329 1898 ....... 17 244 1899 ....... 16 712 1900 ....... 17 308 Im Großherzogtnm Baden schwankte die Zahl der ansgestellten Legiti- mationskarten in den Jahren (nach dem Statistischen Jahrbuch sür das Großherzogtnm Baden) 1880/88 zwischen 2721 Minimum und 3901 Maximum, betrug jedoch 1890 ........ 4045 1896 ........ 5284 1898 ........ 5582 1899 ........ 5746 572 Anlagen, Anlage 1«. Die Geschäfte zur Ausbewahrung, Lagerung usw. von Waren im Jahre 1882 und 1895. (Nach der Gewerbezahlung.) 1882. Hauptbetriebe, innerhalb deren PetriebSstättcn durchschnittlich beschäftigt werden: Keine Gehilsen 1 bis höchstens S Gc- hilsen Mehr als 5 Gehilfen Zahl der Betriebe mit Z V Z L riebe « k bis 11 bis Si bis 201 bis mehr al-Z ß !N L ,L ^- N A N K 10 so 20» 1000 1000 Z SZ 1 s 3 4 5 ° ' 8 S 10 ii Berlin .... — — 7 20 >! 1 l — _ 5 102 Hamburg . . . — — 1 2 1 1 — — — 2 3K Breslan . . . — 3 l2 — — — — — — — München . . . — 2 3 — 1 — — — 1 35 Dresden . . . — — 3 4 — — — — — — — Leipzig. . . . — — 1 4 — _ — — — — — Köln . . . . — — 1 2 — — — — — — — Königsberg i. Pr. — — — — 1 1 — — — 2 19 Frankfurt a. M. — — 1 3 — — — — — — — Hannover . . . i Stuttgart . . . — — 1 2 — — — — — — — Bremen . . . — — — — — — 1 — — 1 106 Danzig. . . . Ztraszburg. Nürnberg . . . Anlagen. 57Z v) 18N5. Zahl d, Hauptbetriebe n, der darin bcschästiqtcn Personen in der Z - - ^ Gro'sienllassc der Betriebe mit . . P-rs onen L ^ ^ I 2 bis S « bis in tt bis so 21 biS»0 SldiS20V 20tn,mclir >LZ k' >s- K Z ^ Allein Betriebe andere Betriebe Betriebe Personen Betriebe K » A N Personen » r- A K Personen !I ^ s g 4 6 « ' » " 10 11 12 » 14 IS ik 17 IS Königsberg . . 2 2 2 2 Danzig. . . . 1 I — 1 1 — Berlin .... 34 30 4 255 16 1 5 18 — — 3 41 4 120 1 59 — — Charlottenbnrg. . 1 1 — 1 1 — Stettin . . . — — Breslau . . . 7 7 — 42 1 — 4 IS — — 2 26 — — — — — — Magdeburg . . 2 2 — 224 — — — — — — — — — — 2 224 — — Halle a. S. . . — — Altona . . . 4 3 1 140 2 67 I 73 — — Hannover . . 3 3 — 3 3 — Dortmund . . Frankfurt a, M. 2 2 — 99 1 — — — — — — — — — 1 98 — — Düsseldorf. . . 2 2 — 2 2 — Elberfeld . . , — — — Barmen . . . — Krefeld . . . 1 — 1 — Köln .... 9 9 — 7V 2 — 2 8 2 16 3 44 — Aachen.... 1 — 1 — — — München . . . 5 5 — 229 3 — — — — — — — — — 2 ^26 — — Nürnberg. , . 1 1 — 3 — — 1 3 — — — — — — — — — — Dresden . . . 7 k 1 27 1 I 2 S I 9 1 11 — Leipzig . . . 3 1 2 26 — — — — — — — — 1 26 — — — , — CheinniH . . . 1 — 1 — Stuttgart . . . 4 .4 — 22 — 2 1 3 — — 1 17 — — — — — — Braunschiveig, . 2 2 — 40 — — — — 1 7 — — 1 33 — — — — Bremen . . . 2 2 — 679 — — — — 1 6 — — — — — — I 673 Hamburg . . . l29 126 3 1666 19 — 43 169 33 256 11 159 ^ 244 6 504 I 3IS Straßburg i. E. 5 4 1 89 — — 1 3 - — 2 27 — — 1 59 — — Anlage 17. Die Speditionsbetriebe im Jahre 1882 und 1895. (Nach der Gewerbezählung.) ^) 1882. Hauptbetriebe, innerhalb deren Vetrieb-Zstättcn dnrchschnittlich beschäftigt werden: keilte Gehilfen 1 bis höchstens S Gc- ! hilsen Mehr als 5 Gehilfen Zahl der Betriebe mit S-.S. A G L U KL Betriebe Personen Betriebe Personen S bis 10 ii bis so S1 bis 200 201 bis 1000 HZ L? beschäftigten Personen 1. 2, 3, 4. ^ S, S. 7. 8. g. IN- ii. Berlin...... 12 24 285 973! 34 36 5 75 1264 36 69 714 2633 108 86 4 — — 198 2375 3 6 KO 210 11 19 — — — 30 387 1 2 5 17 4 7 — — — 11 151 — — 2l 67 7 6 2 — — 15 444 Leipzig...... 1 1 55 219 21 24 3 — — 48 837 Köln...... 2 S 19 71 1 4 — — — 5 83 Königsberg i. Pr. . . — — 51 193 7 18 — — — 25 391 Frankfurt a. M. . . . ö 11 60 248 9 9 — — _ 18 199 12 37 — I — — — 1 18 10 32 120 448 10 20 1 — — 31 465 3 6 43 143 10 4 I — — 15 228 Slraßburg i. E. . . . — — 4 15 3 — 1 — — 4 86 — — 34 120 > 6 6 1 — — 13> 225 Anlagen. 5.7 5. li) 1895. Königsberg Danzig . Berlin . Charlvttcnbnrg Stettin . Breslan , Magdeburg Halle a. S, Altona . Hannover Tortuiund Frankfurt a. Düsseldorf Elberfeld , Barmen . Krefeld . Köln . . Aachen , München. Nürnberg Dresden , Leipzig , Chemnitz , Stuttgart Vrauuschweig Bremen . Hamburg. Straßbnrg i E, Zahl der Hauptbetriebe uud der darlu bcschastigteu Peisouen tu Z ? 'S Z. der Grijßcilllassc der Betriebe mit >. . Pcrsvueu Z H ^ ^ 1 2 bis » S bis 10 IlbiSS» 2 t bis SV 5>IbiSW0 20lu,mehr Z Z V Z ZK --^ "S >L L L L 8 ^ 8 ^ s Z A Z s ZZ N A K N A N K s! A A K I 2 s 4 5 k 7 8 " 10 1 I 12 N 14 15 IS ,7 i« 45 41 4 215 21 - 13 40 - 14 45 1 31 1 64 — 46 39 7 355 18 1 6 19 ö 37 4 58 3 80 142 — — 372 346 3521 96 12 117 369 52 387 34 514 ^> 822 ll 934 I 387 10 10 — 25 5 — 4 9 — — 1 11 — — — — — — 88 79 9 842 12 2 22 66 19 145 16 223 7 220 I 174 — — 89 85 4 594 21 1 20 69 22 168 18 243 N 92 — — — — 33 33 — 337 6 — 14 43 6 47 2 38 4 152 1 51 — — 21 20 1 121 7 1 5 19 4 32 2 28 l 34 — — — — 21 21 — 84 3 2 13 42 1 7 2 30 21 21 — 117 4 — 8 26 7 50 2 37 4 4 — 55 — — l 5 1 6 1 13 1 31 — — — — 67 58 9 545 9 2 23 73 12 93 e 95 5 145 1 128 — — 33 32 1 208 14 — 11 39 2 18 3 48 2 89 — — — — 12 10 2 87 4 — 1 2 — — 4 58 1 23 — — — — 19 19 — 102 7 — 5 17 ö 39 1 18 l 21 — — — — 12 11 1 145 4 — 1 5 1 6 2 31 2 46 1 53 — — 47 46 1 431 12 4 12 33 e 52 s 70 6 196 1 64 — — 25 25 — 254 4 1 8 33 5 35 4 49 1 24 2 108 — — 20 2V — 250 — — 5 13 8 59 4 64 3 114 — — — — 21 15 6 406 — — 6 23 1 6 3 46 3 82 2 249 — — 51 47 4 483 S 1 18 48 9 67 9 125 4 139 1 98 — — 84 75 9 869 22 1 17 52 8 68 15 224 8 224 4 278 — — 36 32 4 223 9 — 8 28 8 66 5 71 2 49 — — — — 28 24 4 213 7 1 7 18 5 34 3 48 — — 1 105 — — 10 5 5 93 I — 1 2 2 17 — — — — I 73 — — 83 78 5 697 18 — 33 117 13 95 9 134 u 90 2 243 — — 406 398 8 2652 105 — 138 15., >!> 669 44 612 19 600 ^ '.'15. — — 15 15 — 208^ 8 - 2 s 5, 44 2 22 2 64 l 70 - — 576 Anlagen. Anlüge 18. Vergleichende Statistik des gegenwärtigen Entwickelnngsgrades der Konsumvereine in der Schweiz, Großbritannien, Deutschland und Frankreich. Nach den Zusammenstellungen des Dr. Hans Müller. Schweiz Mrosibritaunicn Dcutschlaud Frankreich Zahl der Konsnmvcrcine. 344 1 535 1404 1463 Mitqliedcrzahl .... 117 600 1 623 500 800 000 475 000 Umsatz . . - Franken 46 Mill. 1 623 Mill. 250 Mill. ? Ein Konsnmverein kommt - ans Einwohner . . . 8 720 26 058 39 173 26 657 Ein „organisierter" Konsument kommt auf „unorganisierte" .... 6 6 17 20 Ein Konsumverein zählt durchschnitt!. Mitglieder 341 1 057 569 331 Ein Mitglied bezicht durchschnitt!, für . Franken 391 999 312 ? Anlage 1». Die Entwickelung der Konsumvereine in Deutschland. Rechnungsjahr Berichtende Vereine Mitglieder VerkausSerli's in 1000 Mar! im eigen. Gcichnjt und durch Lieferanten 1865 34 6 647 925 1870 111 45 761 9 008 1875 179 98 056 22 705 1880 195 94 366 30 363 1885 162 120 150 35 137 1890 263 215 420 57 044 1895 460 292 000 115 000 1900 568 522 000 126 900 Anlagen. 577 Anlage 20. Statistik der Handelsbetriebe 1882 und 1895 (Gewerbezählungi. I. Die Handelsbetriebe des denlschcn Reiches nach Größenklassen geordnet. Von hundert Betrieben Von hundert Personen kommen aus die Gröstenklasse von . . , . Personen bis 5 ^ S bis 5>N 51 und mehr bis ü S bis S0 St und mehr 1882 96,0 3.9 0.1 76.5 21,2 2.3 1895 94,9 5,0 0.1 70,8 25,2 4.0 I m Jahre I8VS Im Jahre 1882 sind von 100 Branche Betrieben Personen in Beirieben Personen in L Z H ^. I ^ Z ? I G ^ I 's - ? L s S 8 Z s Z Z s R Z s H. m. Metall u. Metallw.. 84.2 15,7 0.1 47,4 48,4 4.2 88,7 11,2 o.i 59,4 37.7 2.9 H. m. Mann- fakturw. . . 88,9 10,9 0.2 55,1 38,2 6.7 91,7 8,2 0.1 66.1 31,2 2.8 H. m.Knrz- u. Galanterien?. 94,1 5,9 0,0 69,6 29,4 i.o 95,5 4.5 — 77.4 22,6 — II. Handelsbetriebe der Kolonialwaren- und Manufaktnrwarenbrnnchc in Breslau. - Z- Jahr 'S Z KZ ^ ? Z A !I Z mit Betrieb! . . P crsoncn ZAA Z s N ^ - N 'Z N- N " M- ? ? ? ^ s K H Z Z S k bis 10 ilbisso 51 viSSVV »? Z T 1 Handel mit Kolonialwaren. 1882 I 1435 2840 657 574 1548 34 19 1 611 1895 ^ 1612 4170 689 807 2172 77 37 2 1309 2. Handel mit Mannfnklnrwaren (gleiche Anordnung). 1882 ^ 682 2390 244 361 1194 37 35 — 937 1895 ! 1305 3991 707 442 1339 97 53 1 1945 III. Handelsbetriebe Berlins und Breslaus nach Größenklassen geordnet. In der Mauufakturwarenbranche waren im Jahre 1895 beschäftigt Personen: in Betrieben mit .... Personen in tns- aesamt 1l bis 21 21 bis 50 SI bis 200 über 200 Nber 11 Berlin Breslau 20594 3991 3277-15,9 °/„ 454-11,4°/, 3437-16,6 <>/„! 2667-12,9 °/„ 701-17,5°/^ 70- 1,7 °/o 1858-9,6 11239-54,4 ° „ 0 1225-30.6 «,„ Sombart, Volkswirtschaft. 37 5.78 "Anlagen. Anlage 2l Warenhaus A. Wertheim in Berlin. (Nach den Ermittelungen der amilichen Statistik im Jahre 1895.) Neben dem Hauptgeschäft in Berlin hat die Firma noch 3 Filialen in, 2 außerhalb Berlins. Im Hauptgeschäft sind für den Detailverkaus 2Z Warenabteilungen eingerichtet, sie umfassen: I. Kleiderstoffe, Leineu nnd Baum12. Schuhwarcu, tvollwaren, 13. Galanterie- und Lederwaren 2. Wäsche, 14. Bijouteriewaren, 3. Put'. 13. Uhren, 4. Trikotagen und Tapisserie, 16. Wirtschaftsartikel, 5. Kurzwaren und Posamenten, 17. Spielwaren, 6. Handschuhe, 18. Sportartikel, 7. Möbelstoffe und Teppiche, 19. Bücher und Musikalien, 3. Damen- und Mädchengarderobe, 20. Parfümerien, 9. Herren- und Knabengarderobe, 21. Möbel, 10. Schirme, 22. Tapeten, 11. Pelzwaren, 23. Kolonialwaren. Zahlstellen sind insgesamt 110 im Verkaufsraum vorhanden. In jeder Abteilung siud durchschnittlich 12 männliche, 65 weibliche Personen als Verkäufer und Expedienten tätig, so daß sich die Gesamtzahl der Verkäufer, bezw. Verkäuferinnen auf 250 und 1500 also auf 1750 beläuft. Im ganzen sind für das Geschäft ca. 4670 Personen tätig, nämlich: männlich weiblich Geschäftsleiter............... 10 — Benvaltungs-, Kontor- und Bureaupersonal..... 150 500 Technisches Aufsichtspersonal.......... 5 — Verkäufer und Expedienten . ......... 250 1500 Hilfskräfte für Expedition, Lagerräume und Fuhrwesen , 350 Hilfskräfte für Maschinen, Beleuchtung und Reinigung . 75 Gewerbliche Arbeiter tm Hause................ 50 130 außerhalb des Hauses............ — — Schneider und Zuschneider........... 250 — Näherinnen............... — 1200 Stickerinnen............... — 100 Puhmacherinnen.............. — 100 Summa: 1140 3530 Privater Mitteilung verdanke ich noch folgende, auf die Gegenwart (1901) bezügliche Angaben: In dem Geschästshause Leipziger Straße befinden sich: 1 Maschincnanlage von 2000 ?L. 600 Bogenlampen, 13000 Glühlampen, 13 Personen-, 8 Lastenfahrstühle, 64 Elektromotors für Ventilation nsw., 1 Telefonzentrale mit 200 "Anschlüssen, Feuerlöjchanlage mit 64 Hydranten, eigenes Feuerwchrpersonal, Speise- und E:hvluugsräume für die Angestellten. Die Front des Hauses ist 110 in lang und hat 15 Schaufenster. Für die Expedition siud durchschnittlich 20 Motor- und 30 Pferdewagcn in Betrieb. Anlagen zum elften Kapitel: Der Verkehr. Anlage 22. Entwickelung des Eisenbahnnetzes in Deutschland, Es betrug die Länge der Eisenbahnen in Deutschland Die Zunahme beträgt in dem Jahrfllnft in absoluten Ziffern im Verhältnis ca. 1845 2 131 1cm 1850 5 822 ,. 1845 biS 1850 2691 I . 817,6 1554,2 1898/1900 17190.7 8107,5 16268,7 3956 Ruhrort (Rhein) . 1372/75 210,6 526,6 „ 1898/1900 4455,7 2701.1 8194,3 1963,8 Köln (Rhein) . , 1872/75 709 100,2 1591 75,4 „ 1898/1900 1926 411,9 1773,3 209,1 Gndingen (Saar) , 1873/75 3286 520,1 620 94,5 1898/1900 2408.3 571,7 1154 251,9 Mannheim (Rhein) 1872/75 1749 355,2 624 19,2 » 1898/1900 7207 3586.1 5208.3 228 Anlage 24. Die Leistungen der deutschen Wasserstraßen un Eisenbahnen in den Jahren 1876 und (Nach den Berechnungen des Banrais Sym I. Deutsche schiffbare Wasserstraßen ausschließlich der von Seeschiffen be- sahrcnen Flußmündungen: Länge.......... Angekommen....... Abgegangen........ Netto Tonnenkilometer .... Kilomelrischcr Verkehr .... Mittlere Transvortenlsernung. . II. Deutsche Eisenbahnen: Länge.......... Tonnenkilometer...... Kilomelrischcr Verkehr .... Mittlere TranSpoitentsernung. . III. Prozentanleil am Gesamtverkehr Binnenwasserstraßen..... Eisenbahnen........ 10000 km 11000000 t 9800000 t 2900000000 290000 280 km 26500 km 10900000000 410000 125 kni 21°/° 79°/« d der deutschen 1895. ph-r.) 1895 10000 km 25800000 t 20 900000 i 7500000000 750000 320 km 44800 km 26500000000 590000 161 km 22°' 100k 100°/„ Anlagen. 581 Anlage 2Z. Organisation der Binnenschiffahrt in den Hanptzentren. (Gewerbezählung von 1895.) Z°h der Hauptbetriebe und i er darin beschäftigten Personen in der ? Z - Grv Miklasse der Betriebe mit P.'i soncn belri Z Z Z Z 1 2 bis ü k bis 10 11 bis 20 21biiüN 51 bis 20» 201».mehr s .S" ^. S >s S S 8^ Si» S Z- N s- s A S A s s- l» K I 2 s « ! 5 g 7 !< !> I» n 12 IS 14 IS IS l? 18 Königsberg. . 182 182 — 410 17 31 133 356 1 6 Danzig . . . 114 113 1 325 18 — 93 261 1 6 — ' — - 40 — — — — Berlin . . . ' 810 807 3 2349 16 6 772 1863 s 44 1 19 6 178 2 223 — — Charlottenburg 247 245 S 632 2 8 233 562 — — 1 12 1 48 — — — — Stettin , , . 420 420 — 1143 35 — 375 942 6 43 2 35 1 26 1 62 — — Breslau. . . 211 210 1 1677 24 1 172 431 S 39 1 14 2 61 3 418 2 689 Magdeburg 297 294 3 1318 16 — 256 762 14 121 3 39 3 I0Z 2 277 — — Halle a. S.. . 30 29 I 88 4 2 21 61 1 7 I 14 Alwna - - - 63 62 1 216 — 6 49 106 2 17 .3 4l 2 46 — — — — Frankfurt a.M. 27 27 — 223 — —. 26 74 — — — — — — 1 149 — — Düsseldorf . . 27 27 — 435 5 — 20 59 — — — — — — 1 140 1 281 Köln. . . . 45 45 — 643 9 — 21 69 3 18 9 144 1 26 1 237 1 231 München . . 5 5 — 10 4 — — — I 6 — — — — — — — , — Dresden . . 32 28 4 1136 8 — 12 38 4 29 1 13 — — 1 86 2 962 Bremen. . . 65 64 1 318 12 — 50 111 1 6 — — — — 1 139 — — Hamburg . . 1161 1156 5 6371 174 74 779 2056 52 404 33 468 27 870 14 1537 3 788 Straßburg i.E. 31 31 117 11 — 18 49 I 7 — — 1 50 — — — — Anlage 2V. Die Entwickelung der größeren Schiffahrtsgesellschaften. sNach dem Handbuch der Deutschen Akticiigesellschaften für I9V0/I901.) Benennung Hamburg-Amcrika- Linie . . . . gründet Ursprüngliches Aktien^ kapital Mill. Mk. Heutiges Aktienkapital Mill. Mk. 1847 0,3 80,0 Anleihen Mill.Mk. Darstellung der KapitalS- bcwegungen Mill. Mk. 15,0 1853 erhöht auf 2.0 1865 3.0 1867 3.5 1868 4.0 1870 6,0 1871 7.0 1872 13,5 1874 16.5 1875 22,5 1877 herabgesetzt auf 15,0 1887 erhöht auf 20,0 1888 30,0 1897 45.V 1898 50.0 1899 65.0 1900 ,, ,, 80.0 582 Anlagen. Anlage 20. Die Entwickelung der größeren Schiffahrtsgesellschaften. UrsprüngHeutiges Anleihen Geliches Altten- Altien- Benennung gründet lapitcil I.ipiwl Mill. M, Mill. MI. Mill.Mk. Neue Dampscrkoinpagnie in Stettin . . 1855 0,9 2,6 0.9 Norddeutscher Llohd in Bremen . . . 1857 — 90,0 30,2 Flensburger Dampsschiffahrts-Gesellschast von 1869 ......... 1869 0.28 2,0 — Hamburg-Südamerika-Linie Hamburg . 1871 — 11,25 5.0 Kosmos-Linie Hninburg...... 1872 5.0 11.0 — Dampfcr-Gesellschast Neptun, Bremen , 1873 1,5 3.5 2,35 Renata, Dampfschiffs-Gesellsch, Stettin . 1379 — i.o — Deutsche Tampsschisfahrts - Gesellschaft Hansa in Bremen...... 1881 — 15,0 5.5 Oldenbnrg-Portug.D.NHcdcrci.Lldeuburg 1382 0,8 1,4 — Stettin - Stolper Dampfschissahrts - Gesellschaft ..........- 1882 0,1 1.5 — Neue Dampfer-Kompagnie, Kiel . . . 1886 — 1.0 — ^ Chinesische Küstcnsahrt Hamburg . . ,. 1887 i.o 2.4 — Deutsch - Austral. Dampfer - Gesellschaft, 1888 4.0 12,0 2.0 1889 1,5 6.0 — Dampsschifss-Nhederei von 1889, Ham- 1889 0.5 2.0 — Deutsch-Ostafrika-Linic, Hamburg . . 1890 6,0 10,0 — Atlantic-Akticn-Gcsellschaft, Bremen . . 1891 — 1,15 — Rordostsec-Nhederei....... 1892 — 1,2 — Rhederei-Aktien-Gesellschaft von 1896 . 1896 — 1.5 0,36 Dampfer-Gesellschaft Argo in Bremen . 1896 0,63 7.0 0.5 Flensburger Dampfer-Kompagnie, Flens- burg........... 1896 0,4 3.0 — Nhedcrei Visurgis, Bremen . . . . 1897 — 1,95 0,5 Dampfschiff - Aktien - Gesellschaft Triton, 1838 1,2 1.2 — Aktien-Gesellschaft Alster, Hamburg . . 1898 0,4 2.5 0,7 Continental-Rhederei-Aktien-Gesellschaft, 1899 0,6 1.0 — Hanseatische Dainpfer-Komp., Hamburg. 1899 0,2 2.0 2.0 Dampfschiff-Nhederei Horn, Aktien-Gesellschaft, Lübeck........ 1901 — 2.0 — Anlagen. 583 Anlage 27. Vergleich einer Anzahl Seefrachtsätze in den Jahren 1874 und 1896. Es wurden notiert für Kohlen von Häfen der Clyde Im Januar nach 1874 1896 19 10 Sch. Pro Tonne 12 10 ...... 12 8 ,..... 14 9 ,..... 40 10 ,..... Buenos Ahres.......... 40 10....., 30 14 „ „ 27 17 ...... 27 12 ...... Pernambuco........... 27 12 ...... 37 20 ...... 13 7 „ 18 7 „ Gibraltar............ 10 6 „ 17 7 ...... Malta............. 14 6 „ .. .. 17'/- 6'/-...... serner: von Quebeck nach Greenock, Holz .... 33 19 ...... von Quebeck nach Glasgow, Dielen . . . 105 40 ...... nach San Francisco, Kohlen..... 30 12 ...... 40 16 ...... 36 15 „ nach Sydneh, N. S. W. Stückgüter,. . . 36 15 ., 30 15 „ „ von Rangoon nach dem Ver. Kgr. Reis . 65 25 ...... von Valparaiso nach dem Ver. Kgr. Salpeter 55 22^2„ „ von San Francisko nach dem Ver. Kgr. 57^ 21'/«...... 584 Anlagen. Anlage 28. Statistik des Schiffsverkehrs in Hamburg und Bremen 1315 bezw. 1846/50 bis 1900, sowie in sämtlichen deutscheu Häfen von 1873/75 bis 1900. (Nach den amtlichen Ermittelungen.) Hamburg Bremen Zahl III Ivuo Reg.- Zahl in 1000 Neg.- Tonnen Tounen >,^'. 1 717 » — 1816,20 durchschn. 2211 — — 1831/35 2 579 232 - — 1836/40 2 735 288 — — 1841/45 3 462 392 — — 1846/50 3 763 461 2 557 234 1851/60 4 649 756 2 881 360 1361/70 5 092 I 260 2 871 545 1871/80 5 502 2 206 3 010 995 188l/S0 7 015 3 870 2 923 1470 1891/95 8 928 5 954 4 074 2-078 1896 10 477 6 445 4 781 2 008 1897 11 173 6 708 4 826 2 245 1898 12 523 7 354 4 988 2 502 1899 13 312 7 765 4 545 2 457 1900 12 103 8 041 4219 2 538 In allen deutschen Häfen betrugen die Anknnfte: alle Flaggen davon dentsche Schiffe in 1000 Rcg,- Tonnen Schiffe in Ivoa Neg.- Tonnen 1873/75 durchschn. 46 631 6 228 29 511 2 972 1876/80 51 050 7 141 34 721 3 224 1881/85 56 517 9174 41 529 4 500 1886 57 014 10148 42 360 5 164 1887 59 892 10 733 44 100 5 591 1888 60 081 11 621 42 406 5 771 1889 64 813 12 588 45 734 6 323 1890 64 875 13 080 46 942 6 793 1891 66 738 14 480 48 620 7 539 1892 65 927 14138 48 680 7 451 1893 66 555 14 622 48 680 7 267 1894 71453 15 857 52 078 8 271 1895 66 688 15 183 48 408 7 907 1896 73 490 15 633 53103 8138 1897 77 117 16 490 ! 56 889 8 738 1898 86 614 17 705 65 014 9 527 1899 88 646 17 990 67 804 10 254 1900 88 379 18 586 66 749 10 798 Anlagen. 585 Anlage 2». Entwickelung des Pvst- und Telegraphenwesens von 1872 bis 1900. (Statistik der Deutschen Rcichspost- und Telegraphenverwaltuug.) Im Deutschen Reich betrugen: IS7S isoo Gesamtzahl der Postanstalten . , 7.334 37 146 Eine Postanstalt kam auf cilirri . 73,6 14.6 Gesamtzahl der Verkaufsstellen für Postwertzeichen...... 2 202 22 722 Gesamtzahl der Postbriefkasten. > 39 668 120 059 'Gesamtzahl der durch die Post beförderten Sendungen .... 972 042 000 5 689 255 309 Gesamtbetrag der Wertangaben und des vermittelten Geldverkehrs 16 S28 135 200 ^/ 29 376 486 976 Gesamtgewicht der durch die Post beförderten Päckereien.... 169 013 000 752 902 800 Gesamtzahl d. Telcgraphenanstalten 4 038 24 456 Eine Telegraphenanstalt auf c>km. 133.6 22,1 Gesamtzahl der durch die Reichs- u. Staatstelegraphen beförderten 12 165 954 46 008 795 Anlage 30. Die Entwickelung des Z ^elephonwesens 1881 bis 1900. (Mitteilung des Reichspostamtes.) Deutschland (Reichs-Postgebiet, Bayern und Württemberg). j?alend,- jahr Zahl der Orte mit Fern- sprech- au- stalten Zahl der Sprcchstellcn Lauge der Lcituugen der Stadt-Fernsprech- ciuriihtuugcu Zahl der Ges, insgesamt 'ermittelten räche darunter zwischen Sprechstellen innerhalb der einzelnen Orte 1881 1890 1898 1900 7 258 11 778 15 533 1504 58183 201233 289 647 3 179 89 105 354 435 611 368 511 354») 249 716 555*) 563 127 831 690 956 355 511 354») 217 640 288») 490 783 565 597 423 041 «) Ausgeführte Verbindungen Kalend.- jähr Zahl der Verbin- duugS- aulagen Länge der Leitungen der Verbindungs- anlagen Km Zahl der vermittelten Gespräche nach außerhalb, zwischen Sprechstellen verschied. Ort- 1384 1898 1900 22 1,251 2,797 1 140 128 903 221 723 957 051»*) 72 339 266 93 533 314 —) Im Reichs-Postgebiet ausgeführte Verbindungen Von Berlin aus kaun man zur Zeit (1901) »ach 1607 deutscheu und 74 ausländischen Orten, von Hamburg aus nach 1097 bz. 73 Orten spreche». Anlagen zum zwölften Kapitel: Das Gewerbe. SlNllM ül, Nvheisen- und Stahlproduktion auf der Erde in den Jahren 1880 bis 1900. (Statistik des Vereins deutscher Eisen- und Stahlindustrieller.) Roheisen. 1880 18S0 IM« Vereinigte Staaten von Amerika . . 3 896 SS4 9 349 943 14 009 624 Großbritannien........ 7 800 266 8 030 374 9 052 107 Deutschland mit Liiremvura. , . . 2 72!) 038 4 «58 451 8 520 390 1 725 293 1 962 196 2 699 494 624 302 829 542 1 013 507 750 134 945 775 1 475 000 Rußland.......... 448 411 926 482 2 925 600 382 108 489 887 526 868 Spanien .......... 62 000 148 704 294118 Italien.......... 6 000 8 842 12 200 23 100 25 800 88 867 7 000 15 000 64 000 Zus. einschl.d.Produktion andererLänder 18 484 206 27 460 996 40 836 775 Stahl. 1880 I8S5 igou Vereinigte Staaten von Amerika . . 1 287 983 6 312 074 1» 689 640 Deutschland......... «24 418 2 830 468 6 645 86» Großbritannien........ 1 341 690 3 365 109 4 904 232 388 894 714 523 1 660 118 132 0S2 454 619 654 827 134 218 330 000 945 200 Rußland.......... 295 S68 574112 1 830 260 28 597 197 177 300 536 Zus. einschl.d.Produktion andererLänder 4 233 420 14 898 082 27 859 882 ldwerker, Pon i34 mer Bemerkungen. 1585 59 872 7443 85 77 K59 31t 397 5188 101 147 205 Z398 SK47 1431 1049 443 44 21 76 2070 593 287 160 Z341 l198 50 158 34 36 203 179 120 7 110 47 er) -n, ?er »er >g- ?er m. u. n- - Teils ist dieZnnahme auf die Vermehrung der proletarischen Exi- < stenzen von Kapitalsgnaden zu rechnen, größtenteils aber drückt l sie die Erhaltung dieser Handwerke in ihrem alten Bestände aus. Kapitalhöriges und Flickhandwerk. Flickhandwerk und Verkaussgeschäft. Flickhandwerk uud Verkaussgeschäft. Siehe Schuhmacherei. Siehe Schuhmacherei. Echtes Handwerk. Siehe Schuhmacherei. Teils echtes Handwerk, teils Flickgewerbe. Echtes Handwerk. Meist Flickgemerbe. Flickgewerbe und Verkaussgeschäft. Desgl. Desgl. '-834 193 l7 15 ^L. Die Ziffern für 1834 sind der preuß. Gewerbetabelle, diejenigen für 1895 der Gewerbestatistik entnommen. Für dasJahr 1895 sind diejenigen Personen berücksichtigt worden, die in Alleinbetrieben, sowie in Betrieben mit 2 bis 6 Personen tätig waren Sowohl für 1834wie 1895 sind Meistern.Gchilf. zusammengezählt. Anlage 33. Die Zahl sämtlicher Handwerker, die in den alten preußischen Provinzen in den Jahren 183t und 1895 ermittelt wurden. Gewerbebezeich» uiigcu (1834) 1. Backer................. 2. Kuchenbäcker, Pseffcrküchler und Konditoren..... 3. Fleischer oder Schlächter.......... 4. Schuhmacher, Pantvffelmachcr uud Altflickcr..... 3. Handschuhmacher und Beutler.......... 6. Kürschner, Rauchwnrenhändler und Zobelsttrber 7. Riemer und.Sattler............ 8. Seiler nnd Reepschlägcr........... 9. Gerber aller Art, Loh od. Roig., Weißn,., Sämischg., wie auch Ledcrbereiter, Ledertauer, Korduauer n, Perqnmenter 1V. Schneider................ 11. Posamentierer..... ......... 12. Putzmacher und Putzmacherinnen........ 13. Hutmachcr, Hutstafficrer und Filzmacher...... 14. Zimmerlente, worunter auch Schisfszimmcrleute u.Röhrmstr. 15. Tischler, Stuhlmacher, Meublcsfnbrikaut. u.Meublespolicrer 1V. Rade- und Stellmacher............ 17. Böttcher und Kleinbinder........... 18. Drechsler in Holz, Horn, Bein usw........ 19. Kammmacher............... 20. Bürstenbinder............... 21. Korbmacher............... 22. Maurer, Steinmetzen, Schiefer nnd Ziegeldeckcr . . . 23. Töpfer und Oseufabrikautcu.......... 24. Glaser................. 25. Zimmer-u.SchildermaIer,Auslreicher,Bergvldcru.Stasfierer 26. Grobschmicde oder Huf- uud Waffenschmiede . . . . 27. Schlosser, worunter auch Zirkel-, Zeug-, Säge-, Bohr- und Messerschmiede, Büchsenschmiede, Spvrer und Feilcuhaucr 28. Gürtler, Schwerdlfeger, MctaNknvPsmacher..... 29. Kupferschmiede ..."........... 30. Rot-, Gelb- und Glockengießer......... 31. Zinngießer................ 32. Klenipner................. 33. Uhrmacher, Uhrgehäuse- uud Zifscrblattmacher . . . . 34. Gold- und Silbcrarbeiter ........... 35. Steinschneider und Pelschaststecher........ 36. Buchbinder............- - - - 37. Seifensieder und Lichtzieher....... - - . Gesamtzahl der Handwerker.......... Gesamtbevölkeruilg............. Aus 1000 Einwohner kamen Handwerker..... Ostp, 183, eußen UM. Wcstp >«»» reußen 1895 P- 1834 sen 1895 Be 1834 rlin 1895. Brand 1834 enburg 1895 Pon 1834 mern 1895 Schlesien 1884 1895 1 Sa 1834 chsen 1895 Wcstsalen 1834 1895 Rhein IS»» ,'rvvi»z 1895 Summe 1834 1895 lk« haben von ! 1834 l>>» 189-, ,ua,c»om.t-j-> adnc»om,<—> i'l.Vj 3903 II4X 3286 I','>!» 3770 969 NI44 2772 10302 IS85 4557 5634 12937 3737 10988 3928 10674 8012 23043 31193 86904 -«- 557II I. 44 239 41 204 78 312 109 476 126 661 59 187 424 1163 161 512 195 697 299 201« 1536 6467 -«- 4931 2. 1399 4755 737 3007 1705 4802 739 5910 2175 8762 872 3597 5531 14109 3250 8379 1625 5367 4083 14535 22II6 73223 -«- 51107 8. 7346 8535 5849 7554 7634 10576 3921 II025 11272 16267 7448 9037 18443 30568 15035 18607 9913 14544 18803 31007 105659 157720 -l- 52061 4. 69 21 55 53 61 S3 188 309 300 423 85 103 505 1212 695 547 107 18 220 63 2285 2317 -t- 532 5. 367 609 153 277 753 447 43 984 281 596 77 306 752 1337 270 720 36 280 58 264 2300 5823 -i- 3023 6. 781 3505 434 2377 533 3053 507 5406 1046 6208 659 3182 2159 9529 1773 7569 742 4466 1562 8401 I020I 53696 -i- 43495 7. 433 408 268 218 285 223 87 84 802 611 31t 344 1038 794 1098 663 426 360 492 334 5243 4039 1204 8. 947 400 293 82 396 92 259 172 889 517 397 222 149l 600 1437 523 1168 613 2581 1408 9858 4629 5229 9. 5678 16309 3198 9447 5150 10182 4307 26883 9200 20651 5188 14313 12466 30949 11I3I 21135 9591 16275 15875 26818 31784 192957 > 11II73 10. 34 I 50 2 102 7 239 353 54 96 101 11 199 94 184 94 62 74 269 471 1294 1203 91 II. 77 539 87 489 113 404 143 1843 193 1298 147 763 289 1897 233 1037 367 1207 385 2431 2034 II958 > -r- 9924 12. 284 113 188 30 245 180 141 981 321 147 205 96 479 453 273 242 240 200 505 665 2881 3107 226 13. 1768 1016 1083 800 1000 888 907 .U!0 4762 1633 2898 974 4523 1936 6517 1718 5080 3075 6573 3215 34616 15685 I893I 14. 2959 5099 1938 3282 2038 4014 2633 4557 4621 8987 3647 5153 6907 14024 5848 9932 5242 12808 10263 22028 46096 89884 -«- 43788 15. 2031 2450 977 2051 1221 2545 276 475 2276 3976 1431 2464 3278 5724 2740 4036 1809 2582 3540 4364 19579 30667 -5- 11088 16. 1177 102« 820 751 869 880 335 817 1699 1536 1049 1027 2789 2520 3069 1935 1531 935 4354 1927 17692 12848 4844 17. 475 420 221 124 170 212 199 1041 543 857 443 396 685 1091 747 972 1089 847 831 1545 5451 7505 4- 2054 ix. 93 49 26 8 55 13 60 53 78 32 44 16 166 84 112 54 93 23 188 101 915 438 477 26 85 16 102 17 88 50 324 50 383 21 159 95 691 85 467 65 229 133 494 558 3022 -I- 2464 20. 58 268 104 493 87 485 81 578 181 1332 76 388 552 2254 559 2032 376 754 1207 3408 3281 II992 -I- 8711 21. 1516 1951 958 1677 954 2094 998 1041 4254 3932 2070 2237 5405 3583 8227 4719 4326 5899 11008 11339 39716 38522 1194 22. 1298 1054 592 628 1044 791 362 611 1383 1976 S98 896 1791 1475 1100 743 171 136 950 576 9284 8891 393 23. 292 395 202 457 246 367 139 813 390 888 287 545 591 595 664 1126 652 123 1018 528 4481 5837 > 1356 24. 103 982 112 903 74 992 368 2435 169 3000 Ikv 1387 211 2746 257 2739 168 5216 1013 10602 2635 31002 > 28367 25 4479 6174 2573 4324 3589 5431 478 876 4806 7663 3841 5198 9226 12240 4931 7691 4907 6III 7950 9413 16285 65121 -I- 18836 26. 963 695 794 647 819 971 1337 2131 2187 2917 1198 1321 2982 3327 2739 3581 4721 4050 11159 16295 28899 35935 -l- 7036 27. 43 4 46 4 29 2 359 284 129 59 50 5 289 96 251 50 982 46 192 36 2375 586 1789 23. 152 59 73 74 144 136 129 128 246 305 158 175 237 274 233 371 350 580 626 1119 2348 322 l -i- 373 29. 20 19 47 13 20 26 136 43 73 92 34 63 92 178 105 165 147 150 209 313 883 1067^ -I- 184 30. 33 I 18 7 16 6 53 45 51 10 86 2 73 30 156 40 > 161 27 223 103 820 271 549 31. 223 845 137 636 117 667 437 1654 307 1808 203 742 436 2671 414 2030 235 1729 701 3744 3210 16526 13316 32. 105 525 89 483 90 524 212 924 265 1201 179 690 539 1813 315 1130 392 1188 611 2037 2797 10515 -i- 7718 33. 97 65 76 91 76 99 446 736 90 251 120 165 382 458 289 317 393 237 669 579 2638 2998 > 360 34. 7 5 7 5 6 7 35 742 12 73 7 8 47 149 111 128 177 108 301 298 710 1523 -f- 313 35. 108 298 60 221 38 264 176 1238 180 780 II» 384 359 1251 309 1136 232 1038 429 2219 2051 8329 -5- 6778 36. 43 22 43 12 128 31 39 73 196 186 47 43 535 369 312 142 38 40 ! 287 252 1718 1175 543 37. 36992 1267192 21 62-38 2006689 31 23523 804155 29 44819 1494360 30 31911 1120668 23 55K49 1328658 30 21902 265122 94 79424 1677304 47 58379 1386198 42 110416 2821695 39 34634 941198 37 61166 1574147 ! 38 91600 2547579 35 I65221 4415309 37 79356 1490583 53 118325 2698549 34 61787 1292902 47 102705 2701420 33 117629 2392407 49 208041 5106002 41 557892 13507999 41 1008603 26324133 37 -f- 450711 tyewerbebezcichiiuttgc» l l > Bäckerei «auch in Berbindung mil Konditorei). Nviiditvre«, Pscfscrküchlcr. Lebküchlcr (Lcbzcltcr). Fleischerei i»d Korbflechter Steinmetzen, Steiiihaucr, Bcrsg. von groben Stciuwartn, Maurer, Ziegel- und Schieferdecker Töpferei, Vers, v, gcw.Tonwarcn.Lsensctzer, a, w. zngl,Töpfer Glaser Stubcumalcr, Stassiercr,A«strclcher,Tüncher,Sl»bc»bohi,er Grob- lHus-) Schmiede Schlosserei, einschl. Verf. v. feuerfesten lyeldschrnuken, Zeijg» Sensen- u. Messerschmiede, Fcilcnhaiier, Büchsenmacher Gürtler, Brvnzeure.Neugoldu.Rcnsilbcrarb.MelaUknopsin. Kupferschmiede Rot- uud Gclbgleßer, Erz und Glockengießer Zinngießer Klempner Zcitmeßinstrumente lllhrmachcr) Verf. von Gold-, Silber- u. Bijouteriewaren, Gold-». Silberschlägerci, Gold- und Silberdrahtzieherci Graveure, Steinschneider, Ziseleure, Modellcure Buchbinderei Talg- und Seifensiederei, Talgkcrzcnsabrikation, Stearij»« und Wachskerzensabrikation Gesamtzahl der Handwerker Gesamibcvölkerung Änf 1000 Einwohner lamen Handwerker Stear» BkMtiluuatu, > Teil» ist dic^ttttalnne „us die Bei Meinung der piolelaiischenv/ii ^ sieiize» von kapualoguat't» zu rechnen, i,i»iu>u>c>>« »bei drückt ! sie die Eil>a»nug dieser Haudiveike iu chrrm alle» Bestände au«. .N-chiwchöriae« und Flickliaiidwerk. svltckhaiidweil und Beikansogtfchäsl Flickhandwcik und Pcikcmssgrschilst, Sitl,c -chichiimchciei. Siehe Lchuhmachciei, Achtes Handwcrk, Ziehe Tchulmiacheici, Teil« echte« Handwcrk, teil» Flickgewerde. Echte« Handwerk. Meist TMikaciverbe, Flickgcwcrbc und Bcrkaus«gcsch«st De«gl. Te«gl. M, Tle Mern für lkü« sind der preuß. Gewerbel-belle, j diejenigen für 1895 derGcwerbcstalistik entnommen. Für da«Fahr ! 1895 sind diejenigen Personen berücksichtigt worden, die in Allein- ^ betrieben, sowie in Belrtebrn mit 2 bi« 5 Personen I«»g waren sowohl für 18!i4wie 1895 sindMetsteru «chils.zusommkngczahll. Anlagen. 587 AilllM 32. Die wichtigsten Zweige des früheren Handwerks im Jahre 1882 und 1895. (Nach der Gewerbestatistik.) Insgesamt Allein In andere» Betrieben (Selbständige ohne Motoren I mit 1 Person und in Branche nnd arbeitende Betrieben mit HilfSpcrsoncn) Selbständige 2 bis 5 Personen 1882 18Ü5 1882 18»ü 1882 18!>S Kupferschmiede . . 9 555 10 596 1422 1216 5 497 5 106 Klempner .... 37 364 49 953 7 561 8 172 26 040 31 269 Grobschmiede . . . 140155 142 351 27 134 22 231 108 004 112 050 Schlosser .... 66 630 104 905 9 110 7 112 41 891 43 882 Stellmacher . . . 71 666 73 612 25 617 23126 44 218 45195 Uhrmacher .... 26 517 33 388 3 518 10 296 12 504 13 649 Seiler..... 16 639 17 464 5 933 3 677^ 7 850 5 991 Buchbinder.... 42 732 49 771 5 616 5 244 16 442 15157 Gerber..... 44 594 43 969 3 031 2 016 17188 10 073 Sattler..... 54 034 63 670 I46I1 14 538 31 782 35114 Tischler..... 231 302 299 195 62 649 53 465 128 929 140 404 Böttcher..... 5'1 7°32 43 005 21 773 15118 25 045 20 535 Korbmacher . . . 32 447 37 614 16 421 16 207 13 209 15 465 Drechsler .... (nicht bes. gezählt) 176 637 24 392 11 915 7 00ss 18 809 12143 Bäckcruud Konditoren 261 916 26 442 19 315 132 282 188 732 Fletscher .... 123 743 178 873 2S 668 24 109 89199 126 216 Schneider .... 324 241 445 347 154 571 188 066 141 822 188 162 Kürschner . .' . . 13 546 14 487 4144 3 658 7 221 5 478 Schuhmacher . . . 404 278 388 443 163 182 169 434 203 994 158 740 Maurer..... 202 929 284 265 29 079 37 442 44 793 36 593 Zimmerer .... 114 329 133 322 17101 20 664 37 660 32 696 Glaser..... 13 417 20 025 7 686 5 324 9 828 11 547 Maler ..... 71440 117 016 15 460 13 175 39 361 51 355 Dachdecker .... 23 837 32108 7 457 7 779 11 947 13 228 Steinscher .... 10 478 20 398 1863 1869 3 417 2 664 Insgesamt 2 309 242 2 890 085 674 006 685 859 1 223 932 1 321 444 Im Durchschnitt von ^ 29.3«/, 23.7 »/„ 53.2 °/„ 45.7°.'„ sämtlichen Branchen 588 Anlagen. Anlage34. Die deutschen Aktiengesellschaften in der Sphäre Zusammengestellt nach den Einzelberichten im Handbnch Berufsgruppen Bergbau. Hütten- und Salinenwcscn, 1. Erzbergwerke. Erzgruben und Hültenbctriebe...... 2. Kohlenbergbau. Koksgewinnung, Torfwerke usw...... 3. Salz- und Kalibergwerke............ Industrie der Steine und Erden. 1. Marmor-, Basalt- und Schieferbrüche........ 2. Zement-, Kalk-, Gips-, Mörtel- und Asphaltwerke .... 3. Tonwaren- und Chamvttefabriken nnd Ziegeleien .... 4. Steingut- und Ofenfabriken, Töpfereien....... .'». Porzellanfabriken............... i>. Glasfabriken nnd Spiegclmannsaktnren........ Metallindustrie. Gold- und Silberverarbeitung. Erggiehereien, Fabriken für Kupfer-, Reusilber-, Nickel, Blech-u. Einaillemaren, Messer, Nadeln, Draht?c. Industrie der Maschinen. Instrumente. 1. Maschinen- und Armaturenfabrikeu, Eisengießereien usw. . . 2. Schisssbauanstalten und Dockgesellschaften....... 3. Opt.Jnstrnmente.Phot.Apparate.FeinmechanikfabrikeufürUhren 4. Musikwerk- und Musikinstrumentcnfabriken...... Elicmischc Industrie und damit verwandte Geschäftszweige. 1. Farben- nnd Bleistififabriken........... 2. Düugerfabriken und Düngcrabfuhranstalten...... 3. Fabriken für Chemikalien, Kohlensänreindustrie..... 4. Pulver-, sonstige Sprengstoff- und Zündwareufabriken . . Industrie der Leuchtstoffe, Fette, Öle, Petroleum. 1. Petrvleumindnstrie............... 2. Ol-, Seifen-, Wachs- und Kerzensabrikcn....... 3. Gesellschaften für Gas-, Petroleum und Spiritusglühlicht, Karbid Elektrotechnische Fabriken. Elektrizitätswerke und HilfSgeschäste.......... Textilindustrie. 1. Wollwäschereien, Wollkämmereien, Wollgarn- und Wollwareu- fabriken, Streich- und Strickgarnspinnereien usw..... 2. Kammgarnspinnereien und Webereien........ 3. Tuch- und Filzfabriken............. 4. Flachs- und Leincnindustrie........... 5. Baumwollwebereien und Spinnereien usw....... 6. Nähsadenfabriken und Zwirnereien......... 7. Spitzen- und Gardiuenfabrikeu.......... Übertrag Gcgriindet vor 1850 ,i ^ « -Z S- - - z Z^s - '-^>S 7S.3 31.7 0.4 0.5 22,67 0,45 0,8 8.2 2,26 4.1 25 232.28 Anlagen, 589 der gewerblichen Produktion im Jahre 1900. der deutschen Aktiengesellschaften für 1900/1901. Gegri I85t bi Zahl ndet S 1870 Kapital Gegr IS71 b Zahl tndet s 1S80 Kapital Gegri 1881 b Zahl indct S I8!M Kapital Gegr 1591 b Zahl iindct >S I»ng Kapital Anzahl der jct)t bestehenden Ge- s-ll- schasten ?S 'i^Z^I D^S! MiU,M!, 24 260,3 34 320,3 22 225.8 59 292,23 142 l 173,93 19 118,9 35 249,75 19 115.33 36 117,07 115 632.75 — — 5 17,35 7 59,0 11 29,65 24 106.4 2 1.2S 2 1.0 9 12.59 19 14,76 32 29,6 5 S.98 10 23,98 29 95,43 65 95.9 109 221.29 2 1,66 14 17.34 21 19.31 91 69.03 128 107,84 1 0.65 2 1.9 2 1,86 10 7,87 15 12,28 — — 1 0.8 5 11,05 16 13,53 23 25.88 2 37,66 7 12,21 10 28,76 14 18,18 33 96.71 4 4,7 8 17,06 22 62,14 93 128.20 127 212,1 18 77,12 43 148,95 60 117,08 225 304.32 356 670,14 1 10,0 3 7,2 7 22,15 ,7 20,75 18 60,1 1 0,7 1 0,9 3 2.5 12 20,25 17 24,35 — — 1 1.0 1 1.7 7 4,83 9 7,53 1 21.0 2 27.0 2 20.6 13 19,21 19 96,26 2 0,32 4 6,88 7 22,61 10 6,85 23 36.66 10 37,36 14 34,67 15 37,30 30 64,13 70 174,26 — — 5 12,0 9 28,14 9 II.2 23 51,34 1 2.0 5 22,1 5 -6,41 11 30,51 1 o.i 3 9.0 8 22,9 10 9,93 22 41.93 30 5S.52 7 9,64 ' 11 18,16 77 31,52 126 200.84 — — 3 76,8 7 195.8 113 636.49 123 909,0!) 2 1.3 4 17.6 9 45,18 22 29.8 37 93,83 4 12,8 6 24,2 12 29.6 10 20,9 35 95.7 — — 1 1,1 6 9,95 2 1.45 9 12,5 8 12.5 4 17,76 6 S.72 5 5,55 25 43,79 25 49,0 9 17,46 24 63,78 55 112.9 114 247.24 1 1.2 4 5,05 5 14.4 3 3.9 13 24,55 — — — — 5 8.0 3 2.7 8 I«>,7 163 709,82 238 1080,9 i 348 1327,44 1032 ^2099,51 1806 !5450,I5 590 Anlagen. Anlage34. Die deutschen Aktiengesellschaften in der Sphäre Zusammengestellt nach den Einzelberichten im Handbuch Berufsgruppeu Gegründet vor 1SS0 ^ ? — " L UZ ?Z «z^-- - llbertrag: 8. Verschiedene Spezialfabrikeu der Textilindustrie..... 9. Jutespinnerei und Weberei............ 10. Seilerwaren, Tauwerk- und Segeltuchfabriken..... 11. Färbereien, Kattunfabriken, Bleichereien, Appreturanstalten und Stärkereien............... Bekleidungsindustrie. Fabriken für Hüte, Schirme, Mititäreffekten, Schuhwaren usw. Papierindustrie. Fabriken für Papier, Pappen, Pergament, Tapeten, Holzstoff, Strvhstoff, Kartonagen.............. Lederindustrie. Fabriken für Leder............... Holzindustrie. Fabriken für Holzwaren aller Art, Möbel-, Bürsten- und Pinselfabriken usw., Holzhandel............. Nahrunas- und Gcuuszmittcl. 1. Brauereien................. 2. Mälzereien................. 3. Sprit- und Preßhefefabriken, Branntweinbrennereien . . . 4. Getreidemühlen, Brotfabriken und Reismühlen..... 5. Zuckerfabriken und Zuckerraffinericn........ 6. Schokoladen- und Tcigwarenfabriken........ 7. Konservenfabriken.............. 3. Zichorienfabriken............... 9. Stärkefabriken ............... 19. Molkerei und Molkereibetriebe.......... 11. Schmalz-, Fett- und Margarinefabriken, Schlächtereien . . 12. Fischerei und Fischwareuindustrie......... 13. Weinbau und Schaumwcinfabriken......... 14. Zigarren- und Tabakfabiiken........... 15. Garten-, Obst- und Banmkultur......... Eis- und Wasserwerke, Eisfabriken. Polyarapischc Gewerbe Druckereien, Buch- und Zettuugsverlag, Kunstaustalteu, Buchhandel, Annoncen- und Depe>chenbureaus........ Gummiwarcnindustric. Linolciimfavriken. 1. Gummi-, Gutlapercha-, Celluloidwaren........ 2. Linolenm- und Wachstuchsabrckcu.......... 25 1 232,23 5.6 2,22 0.23 2,94 11,73 33 j255,05j Anlagen. 591 der gewerblichen Produktion im Jahre 1900. der deutschen Aktiengesellschaften für 1900/1901. Gear 1851 b Zahl ündet >S 1870 Kapital Gegr 1871 b ! Zahl ündet is 1880 Kapital Gegründet 1881 bis 1800 Zahl Kapital Gegr I8S1 l> Zahl indcl >S 1S0» Kapital ^ Anzahl der jept bestehenden Ge- sell- » s „ 'T? ^ HAz K schastcn MM°Mk, 163 709,82 233 1080,9 348 1237.44 1032 2099,51 1800 5450.15 1 7.0 2 3,45 4 6.3 21 34.09 29 55,44 1 4.2 4 9,35 10 28,20 4 7,4 19 49,15 3 5,25 1 0.6 3 5,8 6 7,45 13 19,1 3 7,25 2 1,95 6 7.90 16 26.81 29 46.13 — — 1 0.7 4 5,4 9 17,82 14 23.92 7 19.1 22 44,52 23 37.03 45 59,94 97 160.59 — — 1 2.8 9 7,35 22 41,45 32 51,6 2 0,86 2 9,43 5 8,95 46 49,13 56 68,6 23 51,11 70 188,73 178 352,73 217 271,12 490 866,62 — — 7 7,31 21 26,71 14 8.84 42 42,06 1 l,2 3 10,15 7 14,4 15 13.75 26 39,5 5 5.56 8 8,36 24 27.76 36 45,94 63 87,62 3? 35,58 43 50,74 79 95,17 17 17,43 184 210.7 — — 1 0.5 — — 6 6.78 . 7 7,28 — — 1 0,31 3 1,31 6 6,54 10 8,16 — — 1 1,45 1 0.13 5 2,99 7 4,57 — — 1 1,8 3 6.96 5 1,04 9 9,8 — — — 3 0,15 10 0,97 13 1.12 — — 0.44 6 1,78 5 8.86 12 11.08 — — 1 0.6 — — 8 8,67 9 9,2? 2 2,13 1 2.6 2 1,88 4 1.3 9 7,91 — — 1 0.2 2 4,2 3 1.0 6 6.0 — — — Z ' 0.19 S 1,85 7 2.04 1 0,27 6 22,2 9 21,2 13 13,72 29 57,39 2 0,8 19 10,98 33 34,29 56 29,51 110 75.53 1 1,3 9 19.1 8 16,71 8 13.0 26 50,11 ^ — — — 1 4.2 7 !" ^ 8 22.0 2S3 851,43^ 446 1479.17 j 794 19S3,14ZI 1641 2814,51 3162 j 744,!.'l!1 592 Anlagen. Anlage 35. Verteilung der Gewerbetreibenden auf die Betriebsgrößen 1882 und 1895. (Nach der Gewerbestatistik.) I. Im Allgemeinen. 1. ES waren durchschnittlich beschäftigt im deutschen Reich Personen in: y^m- Betrieben mit . . . Personen betrieben >> s bis ü S bis IN 11 bis 50 ! 61 di-Z 200 ! 201 bis 1000 über 10vo Jahr 1882 1895 1 430 465 1 237 349 1 839 939 1 953 776 358 457 572 473 750 671 1 329 500 704 309 644 819 1 362 881 ! 1 114 238 205 003 430 286 2. Von 10L0 erwerbstatigen Personen waren somit beschäftigt in Betrieben mit . . . Personen: Jahr bis 5 0 bis sa iibcr SV 1882 551 186 263 1895 399 233 363 Anlagen. 593 ? ^ Z -i? « -Z^. « A ^ Z> -? ^ L « ^ Z «? s ^ «? cs S 's », Z >»-i >--! l» ?0 ^ «- ^< Ä ^ 8 8 M ^ W 8 ^ o- oo M § 2 -!? ! c2 8 M ll? oo I M -0 0- ^ > ! Z ! 8 ^- ^^W^^oo^r^^Q I« c-z Äoö ^^ooüz^o^^c^^m W ^ M « « Ä m <» ^ ^2 Q o? Q c^» A M A !8 A 8 ? oo 2 ^ ^ W 8 8 M Q ^ <^> Moö^^ll^ü^^M^W ^ ^ ?o ^ ^ ^ o> W m m Q ^ »9 ? ^ ^?^?^u?00^Q000^W ^ Ä 8 ^ c?> -s -0 «z «z W ^ ll? ^ ^ ? ^- ^ W ^ ll? M ^« M ^ rs s ^ Q M m 8 S Ä ^ 8 m 2 Ä ^ m s S> u> ^ ZZ <- ^ !^ N 'L^ ZSZ °? n s S> ^ s 6 Sa ^ r: is ^> L ^ - ^ ZZ- sZ - G « L ' >S -! > N r: V r: 6? «> « ^ s ^ ^ u I ^! N ? Z . ö? ^ K ^ 0 Z Z. ^ ^ ^ ?-S ^ R A ^ G s ^ « K ^ s ? n A s ^ K A -o G -Z- S s: ^ e? Z ^ N « ^ K " - >—^ !—! ^ i--! x> > > > > > L X! X ^2 it< « c: M ö? ? - - SN K ? - > > ^ »"! ^ ^ r: Z Z Z -o" der Z Z " H ß S ^, ^ Z « N N -ombart, Voll-Ivirtschaft. 38 Anlagen. Anlage 3K. Die Entwickelung der Montanindustrie von 1871 bis 1900. (Slat. Jahrb. für das Deutsche Reich.) ^1 Bergbau Industrie. Durchschnitt!. Zahl der betriebenen Mittlere BelegProduktion jährlich bezw. Werke (Haupt- und schaft Menge Wert im Jahr Nebenbetriebe) Köpse 1000 Tonnen 10»» Mark Steinkohlen. 1871/75 564 172074 34485.4 320667 1876/80 509 173713 409I4.K 227 987 1881/85 460 204664 54460,8 283092 1886/90 416 232 564 64271,3 375198 1891/95 387 293367 74970,1 532577 1896 332 316513 85690,2 592976 1897 333 336174 91055,0 648939 1898 331 357695 96309,7 710233 1899 331 373575 101639,8 789449 1900 338 413693 109290,2 966065 Braun kohlen. 1871/75 827 24872 9672,2 33290 1876/30 744 24689 11263,2 36152 1881/85 645 26708 14169,3 38648 1886/90 610 30601 16956,5 43087 1891/95 601 36568 22027.1 55771 1896 568 38195 26780,9 60833 1897 555 40057 29419,5 66251 1898 568 42812 31648,9 73380 1899 567 44745 34204,7 78450 1900 569 50911 40498,0 98497 Eisenerze. 1871/75 1291 34128 5261,8 34374 1876/80 767 29118 5650,4 26947 1881/85 810 3315k 8556,8 37 264 1886/90 676 35 542 10181,9 39 581 1891/95 685 34947 11679,2 40748 1896 666 35223 14162,3 51399 1897 740 37991 15466,0 60088 1898 663 38320 15901,3 60825 1899 735 40917 17989,6 70170 1900 738 43803 13964,3 77 628 Summe aller Berg werks erzeug nisse. 1871/75 3395 277878 51056.9 437 620 1876/80 2633 278962 60065,3 346395 1881/85 2489 329092 80230,3 423360 1836/90 2243 357812 94725,9 530961 1891/95 2325 423275 112633,8 707867 1896 2102 445048 131061,2 786686 1897 2198 471203 140453,2 859290 1898 2165 497340 148673,0 933896 1899 2369 52K184 159065,3 1051631 1900 2470 573078 174666,8 1263244 Anlagen. 595 I!) Hüttcn-Jndustric. I. Roheisen. Durchschnittlich jährlich, bezw. im Jahre Zahl der betriebenen Wcrlc (Haupt- und Ncbeubetriebe) Hoch wa ^ S, lifen cen s Verhüttete Rohstoffe (Erze, Schlacken, Zuschläge) l.000 Tonnen Mittlere Belegschaft »vpsc Prod Menge I0V0 Tonnen ultion Wert looo MI. 1871/75 218 — — — 24906 1945,7 181042 1876/80 142 — — — 18290 2176,5 123364 1881/85 134 — — — 22759 3410,5 175650 1886/90 111 271 214 12603,5 -22956 4214,6 196996 1891/95 105 264 211 14613,2 24293 5081,8 229314 1896 106 265 229 17950,1 26562 6372,6 299660 1397 109 273 242 19159,1 30459 6 331,5 350147 1398 109 281 253 20327,9 30778 7312,8 378752 1899 108 285 263 22379,1 36334 3143,1 455875 1900 108 298 274 24291,8 34743 3520,5 551146 II. Schweiheisen-Betrieb. Durchschnittlich jährlich, bezw. im Jahr Zahl der betriebeneu Werke Mittlere Belegschaft Köpf- Verarbeitetes Eisen lNi>0 Tonnen 1886/90 275 52607 2156,7 1891/95 227 42593 1679,3 1896 192 39684 1521,0 1897 186 39 958 1455,5 1898 176 38135 1480,9 1899 175 37667 1549,8 1900 174 33145 1347,7 III. Flußeisen-Betrieb. 1886/90 102 > 42354 2400,2 1891/95 134 65883 4139,4 1396 153 83302 6019,8 1897 164 91526 6512,1 1898 170 106459 7318.3 1899 177 120983 8112.5 1900 189 124665 8372,5 IV. Summe aller Hüttenerzeugnisse. Durchschnittlich Zahl der betriebenen Werke Mittlere BelegProduktion jährlich bezw. im Jahr schaft Köpfe Menge looo Tonnen Wert looo Mark 1871/75 427 37 527 2157,3 282536 1876/80 360 33099 2497,8 237970 1881/85 412 42073 3969,5 313 600 1886/90 403 44852 4901.9 368909 1891/95 469 47369 5952,7 407915 1896 383 50080 7374,7 477088 1897 391 54855 7 926,1 535185 1898 381 55411 8438,0 584424 1899 378 61268 9334,3 701043 1900 377 59664 9 723,1 791635 38' S96 Anlagen. Anlage 37. Zur Statistik der Spinnerei und Weberei im Jahre 1846. (Nach der prcuß. Fabrikenlabelle liezw. den Zusammenstellungen von Redens.) I. Baumwollspinnerei. Es gab im Jahre 1846: im Spinnereien mit Feinspindeln Ans eine Spinnerei entfielen Spindeln Königreich Preußen . . 153 170 433 1 114 Sachsen*) , . 132 474 998 3 599 Bayern. . . 11 50 533 4 585 „ Württemberg , 12 33 000 2 750 Großherzogtum Baden . 2 18 000 9 000 Hessen . 1 1 800 1 800 Kurfürstentum Hessen 2 1 500 750 Zollverein 313 750 274 2 397 ») Nach der Aufstellung bei Wiek, Jnd.-Zust, Sachsens (1840) S. 118sf, betrug die Zahl der Baumwollen-Spinnereien 133, die der Feinspindeln 508739; das ergäbe also einen Durchschnitt von 3817 Spindeln pro Betrieb. II. Wollweberei. Der preußische Staat besaß im Jahre 1846: Anstalten Webs mechanische tiihle Handstühle Arbeiter Tuchfabriken (1849) .... 798 494 9570 — Fabriken wollener und halbwollener Zeuge ..... 294 716 4110 10117 Shawls-Fabriken..... 5 13 43 118 Teppich-Fabriken...... 20 117 314 1164 Webslühle als Nebenbeschäftigung (teilweise Hausindustrie) . . — — 4519 — GewcrbSweise gehende Stühle — — 22967 31779 Strumpfweberci...... — — 2135 2281 Zusammen (ohne Tuchfabriken) 319 846 34188 45459 598 Anlagen. Anlagen. Anlage 38. Entwickelung der Betriebsgrößen während der Jahre 1882 bis 1895 in den einzelnen Zweigen der Textilindustrie. (Nach der Gewerbestatistik zusammengestellt von Dr. Zahn.) Davon sind Hauptbetriebe Kleinbetriebe Mittlere Grobbetriebe Nebenbetriebe Personen Tavon sind in Gewerbearten insgesamt ! (Allein betriebe u. (Bctricb- (Betriebe insgesamt der Hauptbetrieb S Personen) 5V Personen) SbPersonen, , Kleinbetrieben mittl. Betrieben Groschctricbcn 1«g» I ,882 I8i>5 ik^ 180S! 15X2 18»5 > 1882 I I8iI5 1S8S I89S > 1882 > l8»!> 1882 j 1»! 1. Seide. IXn.I. Seidentrocknungs- und Konditionier- austalt.......... 8 4 2 1 5 3 1 — ! — — 178 55 3 2 110 53 65 — IXb.1. Seidensilanden- und Scidenhaspelanst. 131 420 124 406 7 8 >^— 6 9 81 232 1 074 134 426 98 146 — 502 IX b. 2. Seiden- und Seidenspoddyspinnerei . 12V7 3 204 1099 3 092 73 8K 35 26 251 239 6 577 9 408 1523 4 269 1 139 1 329 3 915 3 810 IX o.1. Seidenweberei........ 16 859 40 041 16 527 39 560 192 412 140 69 799 I 050 56 082 76 264 20 434 57 782 3 469 4 902 32 129 13 580 IX 6.1. Seideufärberei, Druckerei u. Appretur 300 235 170 133 92 87 38 15 11 13 6 732> 3 293 229 224 2 102^ 1 892 4 401 1 177 Zusammen: 18 505 43 904 ! 17 922 43 192 369 59k 214 116 1070 1 383 69 801 90 094 22 373> 62 703 6 918 8 322 40 .',10 >',>,«;!» 2. Wolle. IX». 2. 834 1025 565 912 229 92 40 21 135 339 16 358 5 798 914 1 121 3 598 1451 11 346 3 226 IX d. 3. Wolleuspinnerei....... 2 326 5 131 1 577 4 257 564 760 185 164 285 678 54 448 47 347 2 212 5 221 9 768 13 456 42 468 28 670 IX d. 4. Mungo- und Shoddhherstellung und 91 153 173 44 53 62 76 47 44 9 6 7 390 8 354 73 1 390 1816 5 927 6 447 IX d. 8. Vigogncspinnerei....... 106 99 — — 41 56 65 44 1 6 8 235 6158 — 1 060 1254 7 175 4 904 IX 0.2. 23 756 26 026 22 006 24 349 1085 1271 665 406 2 279 2175 153 098 108 007 32 410 33 829^ 23 020 22 884 97 668 51294 IX x. 2. Wollfärberei, Druckerei. Appretur I 653 2 424 1047 1 790 521 559 86 75 136 254 22 731 20 611 "49 3 315 8 802 8 562 11 880 8 734 Zusammen: M 34 928 25 239 31 361 2502 2813 1087 754 2 845 3 448 262 260 l96 175, 37 658 43 577 47 638 49 423 176 964 103 275 3. Leinen. Hanf, Jute. 54 IX n. 3. Flachsröstanstalt, Flachsbrecherei . 82 200 58 149 22 50 2 1 98 352 701 1 162 124 252 359 856 218 IX d. 5. Flachs- u. Hanfhcchelei u. -Spinnerei 1 373 7 256 1 247 7 157 65 47 61 52 289 1531 22 228 25 095 1 335 7 267 1180 914 19 713 16 914 IX 6 II. 9. Jutespinncrei, Spinnerei and. Stoffe 156 166 117 134 13 17 26 15 27 32 9 324 3 510 139 139 217 343 8 968 3 028 IX o.3. 72 392 34 082 71915 291 404 120 73 15 960 29 266 67 792 103 808 43 228 91 039 4 598 5 226 19 966 7 543 IX o.4. 112 160 84 144 9 7 19 9 75 11 5 839 2 050 99 172 264 209 5 476 1 669 IXx.3. Leinen- (auch Jute-) Bleicherei, Färberei, Druckerei usw. . . . 633 788 504 667 105 106 24 15 169 199 5 671 3 954 835 1211 1868 1466 2 968 1277 Zusammen: 36 849 80 962 36 092 80166 505 681 252 165 16 618 31 391 >111 555 139 579 45 760 100 080 8 486 9 014 57 309 30 485 4. Baumwolle. IX b. 7. Baumwollcnspinnerei...... 1 991 5 842 1 511 5 402 176 191 304 249 455 909 74 807 61 140 1 791 5 910 3 575 3 892 69 441 51 333 IX e. 5. Baumwollweberei....... 28 997 48 949 28 071 48 284 450 372 476 293 3 754 7 268 147 121 125 591 39 048 61 783 9172 6 602 98 901 57 206 IX Z. 4. Baumwollbleicherei, Färberei, Drucke- 1 109 1 162 651 806 335 275 123 81 114 119 32 618 23 345 1262 1 662 5 834 4 603 25 522 17 080 Zusammen: 32 097 55 953 30 233 54 492 961 838 903 623 4 323 8 296 254 546 210 076 42 101 69 355 18 581 15 097 193 864 125 624 S. Gcmischtc und nicht speziell unterschiedene Stoffe. IXI>. 1V. Spinnerei ohne Stoffangabe. . . 278 600 275 597 3 3 — — 77 202 302 630 281 597 21 33 — IX 0.6. Weberei von gemischten und andern Waren.......... 14 495 22 211 13828 21 566 4ll 438 256 207 1837 2 979 77 292 73 750 20 275 28 725 7 472 7 80V 49 545 37 225 IX e.7. Weberei ohne Stvffangabe . . . 614 1 910 608 1898 6 11 — 1 518 898 786 2 326 698 2 114 83 155 — 53 IX x. 7. Sonstige Bleicherei, Druckerei und Appretur (auch ohne Stoffangabe) 3 682 5 916 3 058 5 329 520 518 104 69 404 488 28 361 26 431 5 458 9 196 8 379 7 871 1 ! 524 9 365 Zusammen: 19 069 30 637 17 769 29 390 940 970 360 277 2 836 4 563 106 741 103 137 26 712 40 632 15 960 15 862 64 069 4 6 l',4:! Summa I bis 5: 135 348 Z46 384 127 255 238 601 5277 5848 2816 1935 27 692 49 081 304 90Z 739 161 174 604 316 347 97 583 97 715 532 716 325 096 600 Anlagen, Anlaae su. Die wichtigsten Zweige der Hausindustrie. Gewerbearten mit mehr als 1000 hausindustriellen Betrieben im Jahre 1895. (Nach der Gewerbestatistik.) Zahl der in Seit 1882 haben zu (-s-) Gewerbearten Zahl der den Hauptbetrieben beschäftigten Personen oder abgenommen (—) Betriebe Betriebe Personen 1402 2655 -n- 1394 4- 2638 1162 3060 ^ 1126 2903 Zeugschmiede, Scherenschleifer, 4496 7 774 — 2006 — 4044 1005 1541 -I- 986 4- 1519 Musikinstrumente..... 2727 3686 ^ 1383 4- 1955 Seiden- und Shoddy - Spinnerei 1242 1858 — 2037 — 2922 Baumwollen-Spinnerei . . . 1432 1298 — 4067 — 3645 Seidenweberei...... 15428 18905 — 20000 — 34381 Wollcnweberei...... 19767 27871 > 645 4> 4072 Leinenweberei...... 24572 26378 — 10660 14667 Baumwollenwebcrei .... 27564 33206 — 18859 — 19089 Weberei von gemischten Waren. 12667 17317 - 5811 — 4895 Gummi- und Haarflechterei . . 2163 1341 ^ 1712 ^ 889 Strickerei und Wirkerei . , . 23957 27 760 — 7026 12768 Häkelei und Stickerei .... 5894 5901 — 1251 549 Spitzcnverfertiguug u. Weißzeugstickerei ....... 9 382 14372 4> 2091 5560 Posamenten-Fabrikation . . . 13734 12560 — 73 _ 2098 Sattlerei, einschl. Spielwaren 2017 3148 > 1041 4- 1673 Verfertigung von groben Holz- 2013 2159 > 530 4- 634 Tischlerei und Parkettfabrikation 5589 13583 > 3934 — 9338 Korbmacherei....... 5586 3379 ^ 3903 4- 6007 Strohhnt-F. und Flechterei von Stroh........ 2233 2141 — 4185 — 2836 Dreh- und Schnitzwaren . . . 3531 6744 > 1805 ^ 3526 Tabakfabrikation...... 9730 15343 4^ 3400 4- 6 949 Näherinnen (auch in der Puppenausstattung) ...... 35731 38456 — 12391 — 11502 Schneiderei ....... 42583 70034 4> 17268 4- 30106 Konfektion........ 5732 6937 4> 382 ^ 885 Prchmacherei, künstliche Blumen 2964 3178 ^ 376 4- 96 Handschuhmacher, Krawatten-F.. 5154 5429 — 4087 — 3653 Verfertigung von Korsets. . . 1403 1226 ^ 122 — 214 Schuhmacher....... 21693 26539 ^ 7 099 4- 7 765 3648 4930 4" 1353 4- 2 388 Gesnmtzifser f. d. Hausind, überh. ^ 342767 459852 43744 — 16223 Anlanc 40. Wirkungskreis und Organisation eines modernen großen Montanwerkes: Oberschlesische Eisenbahn-Bedarfsaktiengesellschaft (Kapital inklusive Anleihen 24 Millionen Mark) in Friedenshntte bei Morgenroth O. S. (Nach dem Handbuch der Deutschen Aktiengesellschaft 1901/1902. I. Zweck: Betrieb von Bergbau und Gewinnung von Erz und Kohle, Erzeugung von Koks mit Gewinnung aller hierbei in Frage kommenden Nebenprodukte, Darstellung von Roheisen und Weiterverarbcituug desselben zu Stahl, Flußeisen und Schweißcisen; Herstellung von Halbfabrikaten und Fertigfabrikaten als: Handelseisen aller Art, Fassoncisen, Eisenbahnvbcrbau- material (Schienen, Schwellen, Laschen, Unterlagsplatten, Bandagen, Scheibenräder, Radsätze, Bleche, sowie Universaleisen und Schmiedestücke, ferner Erzeugung von Gnßwaren), Herstellung aller zum Bau uud zur Ausrüstung von Eisenbahnen usw. erforderlichen Gegenstände, sowie Holz- und Metallkonstruktiouen aller Art. Weiterbetrieb der Berg- und Hüttenwerke der liquidierten schlesischen Hütten-, Forst- und Vergbauaktiengesellschast Minerva, insbesondere der Hütten Zawadzki, Sandowitz, Colonnowska, Vossowska, Nenardshüttc, Lisczok und Friedenshütte. Die Gesellschaft übernahm ferner von der Minerva zusammen 493 Kuxe von sieben Stcinkohlenzechen, einen Abbauvertrag aus 30 Jahre (biS 1901), beziehentlich eines KohlenfeldeS der fiskalischen Königin Luisengrube bei Zabrze, Pachtverträge über drei andere Gruben, diverse Eisenerzfelder und Förderrechtc in den Kreisen Beuthen, Tarnowitz, Rybnik, Pleß und Kreuzburg (der Erzfördervertrag mit der Hugo Henkelschen Verwaltung lies Ende 1893 ab) eine amerikanische Mühle mit Bäckerei, ca. 6000 Morgen Forst- usw. Grundstücke. Preis Mark 6 750000. Die Vorräte an Erzen, Kohlen und Eisen wurden mit Mark 1683255 bewertet. Anderweit erwarb die Gesellschaft noch 255 a Kalksteinfeld usw. und 44 Kuxe von Steinkohlen- zecheu, und weiter baute sie im Felde von Königin Luisengrube eine neue Schachtanlage mit Separation. In 1883 wurden von der Stadt Beuthen 183 Morgen Terrain und in 1889 38 Kuxe der Saaragrube erworben. Gegenwärtig besitzt die Gesellschaft außer den erwähnten und später hinzugekauften Grundstücken, Forsten, Eisenerz- und Steinkohlengercchtsamen: das Hüttenwerk Friedenshütte mit einer Koksanstalt mit Teer-, Ammoniak- und Benzolgewinnung, einer Kohlenwäsche, vier Hochofen, ausgestattet mit modernen Gebläsemaschinen und Cowperapparaten; einem Stahlwerk, bestehend aus ciuem Thomas Bessemerwerk und zwei Martinöfen, sowie ans einem Walzwerk. Das Stahlwerk wurde 1884 in Betrieb gesetzt; dasselbe enthält 4 Converter k 10t 2 Martinöfen, 3 Kupol- und 2 Spiegelöfen, 1 Gießhalle, 25 Dampfkessel, 1 Fabrik für basisches, feuerfestes Material, 1 Walzwerk für Schienen, Schwellen, schweres Fasson- und Stabeisen und für Blech- und Universaleisen, 1 Werkstatt, Schmiede usw. Auf der Friedenshütte befindet sich noch ein kürzlich vollendetes großes Blockwalzwerk, 1 Grobstrecke, 1 Blech- und Uuiversaleisen- strecke, 1 Hammerwerk, 1 Bandagenwalzwerk und 1 Mitte 1899 in Betrieb genommene Achsen- und Räderfabrik mit sämtlichen nötigen Vorrichtungen, Anlagen. zusammen 82 Kessel, 16 Schmalspur- und 4 Normalspurlokomvtivcn. Die Gesellschaft besitzt ferner das Puddlings- nnd Stabeisenwalzwerk in Zawadzki mit 15 Puddelöfen, 10 Schweißöfcn, 5 Dampfhämmern, I Luppenstrecke und 4 Walzenstrecken, 3g Kesseln und 1 Normalspurlokomotive. Das Eisenblech- Walzwerk in Sandowitz, das Hammerwerk in Bossowskn, 1 Gießerei in Eolon- nvivska. Die große amerikanische Mühle und Bäckerei zu Zawadzti ist bis 3V. Juni 1910 verpachtet. Das Hammerwerk zu Lisczok ist abgebraunt und wird nicht wieder aufgebant. Anch die Nenardshülte, der Knlksteiubruch in Lagiewvnik (inzwischen verkauft) und die Stcinkvhlcngrnbcn Saara I, Eintracht I, konsolidierte Friedrich Wilhelm nnd konsolidierte Oskar sind außer Betrieb. Auf Friedrich Wilhelm finden jetzt die im folgenden Absatz erwähnten Aufschlüsse statt. Unmittelbar an die Friedenshütte grenzende konsolidierte Kohlenfelder (Schwarzwaldterrains ca. 179 ti-r, 86 -r, 27 cM groß) werden jetzt aufgeschlossen und wurde zur Kohlendeckung für die betreffenden Schachtanlagen usw. das Aktienkapital im Jahre 1399 um Mark 4 400 000 erhöht. Die Ausschlußarbeitcn diirften ca. drei Jahre dauern und Ende 1902 vollendet sein, so daß dann mit der Forderung aus deu beideu Schachtanlagen Annaschacht und Mariaschacht begonnen werden kann. In 1890 und 1891 wurden Eisenerzselder nnd Eisenerzsörderungsrechte nebst Röstanlage nnd Bahnanschluß in Rostoken bei Marksdorf in Ungarn für Mark 450 000 erworben und in 1896 zwei neue Koksofengruppcn gebaut. Ferner besitzt die Gesellschaft Dolomitbrüche in Radzionkau-Rudhpiekar. Die Gesellschaft ist auch bei der Alt-Beruner Sprengstofffabnk und der Pulverfabrik Pniowitz beteiligt. Die Gesellschaft beteiligte sich bei dem am 7. April 1883 konstituierten Milowicer Eisenwerk (Rußland) mit Mark 650 000 des Mark 1 300 000 betragenden Aktienkapitals dieser Gesellschaft und übernahm deren Verwaltung. Die Aktien standen mit Mark 390 000 zu Buche und wurden 1899 mit einem Nutzen von Mark 672 750 veräußert. Mitte 1900 wurden die der Firma A. Wünsch gehörigen beiden Zinkhütten Rosamunde- hiitte und Beuthencrhütte nebst dem dazu im Schwarzwalo (Kreis Beuthen O. S.) belegcuen Terrain von Frau vvu Schweinitz erworben. Kaufpreis Mark 1100000, wovon Mark 500 000 sofort und der Rest mit je ein Drittel Ultimo 1901, 1902 und 1903, bis dahin mit 4"/„ verzinslich, zahlbar. Der Grundbesitz der Gesellschaft umsaßt zur Zeit: a) iu und bei Zawadzki (Kreis Großstrchlitz) 1188 na, 28 a, 19 <>>n; d) in Poremba (KreiS Znbrze) 11 Ira, 89 a, 76 cM; o) in Neudorf (Kreis Kattowitz 9 da, 18a, 97 i- wa- ren Ham- mer- Iah» Io>,Ie» eisen blUik- eisc» iabriiale ichieiie» eiscn bleche >va- ren U.'M I I U9!,ii >',!9>'l!>,> U>i! ,'>!>? >^,'','>.'> llil 9l!> 28 381 41 773 ^1009 3091 t106 Anlagen. 603 Anlage 4l, Aus dem Jahresbericht der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft über das Geschäftsjahr vom 1. Juli 1900 bis 30. Juni 1901. Die Zahl unserer Angestellten und Arbeiter verringerte sich nach der Zahlung am 1. Oktober a. er. auf 14644 gegen 17361 zur gleichen Zeit des Vorjahres. In unserer Maschinen- und Apparatefabrik, welche 7118 Angestellte und Arbeiter am Schlüsse deS Geschäftsjahres beschäftigte, wurden insgesamt hergestellt 218S0 Dhnamo-Maschinen mit 197327 X^V--268100 ?8 Leistung gegen 16418 „ „ „ 153241 lv^V----208200 ?8 im Vorjahre; dabei hat der Bau sehr großer Maschinen an Bedeutung erheblich gewonnen, aber die Durchschnittsleistung ist trotz der Zunahme in der Zahl kleinerer Maschinen nahezu dieselbe geblieben. Unsere Versuche, den direkten Dampfbetrieb in Förderanlagen durch Drehstrommotoren zu ersetzen, versprechen so namhafte Ergebnisse auch in ökonomischer Hinsicht, daß der Bergbau sich dieser Neuerung kaum wird entziehen können. Bei der Größe und Vielseitigkeit dieses Gebietes haben wir eine besondere Abteilung für Projektierung und Ausführung derartiger An lagen ins Leben gerufen und ähnliche Organisationen für die Ausrüstung elektrischer Bahnen und Lokomotiven geschaffen, da jetzt der Bau in eigener Regie an die Stelle der Bauausführung durch Unternehmer zu treten scheint. Durch neue, erprobte Konstruktionen und geeignete Spezialeiurichtungen zu ihrer Ausführung konkurrieren wir nunmehr in der Lieferung des gesamten Bedarfes zur Ausrüstung elektrischer Bahnen mit Erfolg. Die Versuche auf der Militärbahn Berlin - Zossen, Geschwindigkeiten, wie fie auf Eisenbahnen nicht gekannt sind, mittels Elektrizität zu erreichen, haben soeben begonnen. Dem Entgegenkommen des Herrn Kriegsministers, welcher die Linie für die Versuche zur Verfügung gestellt hat, des Herrn Ministers der öffentlichen Arbeiten und anderer Staats- und städtischer Behörden, die ausgezeichneten Fachleuten ihres Ressorts die Mitwirkung au diesen Versuchen gestatteten, verdankt es die von hervorragenden Finanzinstituten und Industriellen in uneigennütziger Weise gebildete Studiengesellschast für elektrische Schnellbahnen, daß der Versuch, dessen Gelingen die ganze Welt mit der höchsten Spannung verfolgt, als nationales Werk in unmittelbarer Nähe der Reichs- hauptftadt zur Durchführung gelangt. Der Umsatz der Apparatefabrik hat eine wesentliche Einbuße noch nicht erfahren; aber man wird auf einen den Zeiwerhältnissen entsprechenden Rückgang der Nachfrage gefaßt sein müssen, trotzdem noch viele neue Ausgaben der Erledigung harren. Die Anzahl der ElektrizitStszähler-Typen wurde durch verschiedene neue Modelle durch Wechselstrom und Drehstrom vermehrt. Das Kabelwerk beschäftigte mehr als 2700 männliche und weibliche Arbeiter »ud verarbeitete 7720 Tonnen Kupfer gegen 8080 Tonnen im Vorjahre. Es «ade weiterhin das Bestreben verfolgt, Absatzgebiete auch außerhalb der clektro- lschmffchen Industrie zu erschließen, und aus diesem Grunde der Entwickelung 1 »?:^MMA«»»^»»»W»^'WV^-».'» « 604 Anlagen, unseres Metallwerkes besondere Aufmerksamkeit zugewandt. Zur besseren Verwertung der im Kupferwerke gewonnenen Laugen und Absälle wurde mit der Erzeugung von Kupfervitriol begonnen. Weiter hat das Kabelwerk die Fabrikation von Bleikabeln mit Papier-Jsvlation, speziell auch für Hochspannungszwecke, sowie die Herstellung submariner Kabel, vorerst allerdings in beschränktem Umfange, mit Erfolg aufgenommen. Die Herstellung von Schwach- stromkabcln und Drähten zu Zwecken der ober- und unterirdischen Telegraphie und Tclephonie, sowie für Blocksignale uud Mineu wurde in erhöhtem Maße betrieben. In seiner Abteilung für Feinmechanik hat das Kabelwerk neben der Fabrikation von Nontgen-Apparaten uud deren Zubehör unser System der Funkentelcgraphie weiter ausgebildet. Außer den Marinebehörden, in deren Besitz etwa 4V Stationen übergegangen sind, haben zahlreiche ausländische Marine- und Militärbehörden befriedigende Versuche mit unserem System angestellt, so daß wir auch von diesen auf größere Bestellungen rechnen dürfen. Von neuen Wohlfahrtseinrichtungen ist der im Betriebsjahre beendete Bau eines Kantinengebäudcs im Kabelwerke zu erwähnen, das getrennte Speisesäle und Baderäume für mäuuliche und weibliche Arbeiter enthält. Die regelmäßige Fabrikation von Nernstlampen wnrde in beträchtlichem Umfange aufgenommen uud begegnete reger Nachfrage, obwohl wir einstweilen nur wenige Typen an den Markt bringen. Die Arbeiterzahl in unserer Glühlampenfabrik vermehrte sich entsprechend um 250 Köpfe und erreicht jetzt die Zahl von 1400. Nach vielfachen Enttäuschungen und zahlreichen Versuchen ist es gelungen, die enormen Schwierigkeiten zu überwinden, die sich der Herstellung eines ökonomischeu und dauerhaften Leuchlkörpers, der leichten Avs- wechselbarkeit der Brenner, der prompten Zündung und der Konstruktion einer handlichen Lampe für große und kleine Lichtstärken entgegenstellten. Wir können jetzt die Lampen für jede gewünschte Spannung liefern und hoffen um so mehr auf einen steigenden Absatz, als in der neuen Type schon die Beobachtungen und Erfahrungen des praktischen Gebrauches von vielen Tausenden Exemplaren verwertet sind. Das Installation?- nnd Verkaufsgeschäft hat gegen das Vorjahr eine Steigerung von ca. 15°/^ erfahren. Unter etwa 4SW von uns ausgeführten Anlagen befanden sich Aufträge vou fast allen Behörden und Industrien, insbesondere auch die Wasserhaltungs-Anlagen für Kolonia-Schacht, Zeche Mans- feld, Harpener Bergbau-Aktiengesellschaft, Hörder Bergwerks-Vereiu, Österreichische Staatseisenbahn-Gesellschasi, Bochumer Verein, Selbecker Verein, Zeche Centrum, Von größeren Kraftübertraguugs-Anlagen nennen wir die für Gute Hoffnungshütte, Phönix, Hantke in Czcnstochau, Borsig-Werk, Societe Vezin Auluoye, Societe Industrielle Commerciale Baku, Vulkan in Stettin; von bedeutenden Hafenanlagen die in Genua, Barcelona, Petersburg, Kopenhagen, Table Bay Harbour, Cape Town und Colombo Harbour, Ceylon, sowie von umsaugrcicheu Beleuchtungsanlagen die des Prinz Regenten-Theaters in München nnd der Schauspielhäuser in München, Mainz, Kiew. Fertiggestellt wurden große Erweiterungsbauten der Straßenbahnen in Bromberg, Chemnitz, Danzig, Dortmund, Duisburg, Genua, Karlsruhe, Kiel, Anlagen, 605 Lodz, Saarthal, Sanliago de Chile, Scvilla und Straßburg; ferner gelangten zur Abrechnung umfangreiche Bauten und Lieserungen für die Ausrüstung der Straßenbahnen in Braunschweig, BrcSlau, Genf, Königsberg, Leipzig, Stettin, Stuttgart und Kiew, sowie laufende Lieferungen für 36 andere Straßenbahnen. Der Bau der uns konzessionierten elektrischen Straßenbahn in Jassy ist bis auf unbedeutende Strecken vollendet. Im Anschluß an die uns konzessionierte, für Rechnung eines Syndikales betriebene elektrische Stadtbahn Halle erwarben wir die auf neunundneunzig Jahre erteilte Genehmigung für eine 14,5 icm lange elektrische Straßenbahn Halle-Merseburg. Diese bildet die direkte Verlängerung einer Hauptlinie der Stadtbahn, hat ihren Ausgang am Riebeck-Platz in Halle und benutzt auf 2 krn Länge die bestehenden Gleise der Stadtbahn, so daß von der gesamten Streckenlänge nur 12 kra neu gebaut zu werden brauchen. Die Eröffnung dieser Borortbahn steht im laufenden Geschäftsjahre zu erwarten. Bei den Barceloneser Trambahnen sind die langwierigen Konzessionsverhandlungen zwecks Einführung des elektrischen Betriebes erfolgreich gewesen. Für die Linien der Compania General de Tranvias wurde die Konzession erteilt, und wir erwarten, daß vor Vollendung des Umbaues, für welchen wir die Mittel unter günstigen Bedingungen in Spanien beschaffen konnten, — eine für dieselbe ausgenommene Anleihe wurde in diesen Tagen um das Zwanzigfache überzeichnet — die Genehmigung auch auf den Linien der Tranvia de Barcelona a Sans erteilt sein wird, so daß der Umbau des gesamten Bahnnetzes ohne Unterbrechung erfolgen kann. Alle diese Linien gehören zu den besten Verkehrsadern der Stadt Barcelona, deren Trambahnverkehr überaus bedeutend ist. Einschließlich der Erweiterungsbauten der Berliner Elektrizitäts-Werke wurden im verflossenen Geschäftsjahre 39 Zentralen und Erweiterungen bereits bestehender Werke mit einer Gesamtleistung von ca. 68000 1^8 fertiggestellt und dem Betriebe übergeben, während 40 Werke mit einer Gesamtleistung von ca. 80000 ?3 sich noch im Bau befinden bezw. demnächst in Angriff genommen werden. Die Oberschlesischen Elektrizitäts-Werke, deren Entwickelung in erfreulichster Weise voranschreitet, mußten abermals zu einer umfangreichen Erweiterung ihrer Anlagen schreiten und haben uns die Ausstellung neuer Maschinensätze mit einer Leistung von 4000 ?L, sowie die Erweiterung des vorhandenen Netzes in Auftrag gegeben. An neuen Aufträgen heben ivir hervor die Erstellung der Maschinen- aniage für das neue städtische Elektrizitätswerk in Manchester mit Generatoren von 16000 ?8 nebst 40 Umformern von zusammen 8200 XW. Es ist uns außerdem der Auftrag auf Lieferung und Aufstellung der umsangreichen Schallanlagen für diese Zentrale und deren Unterstalionen erteilt worden, Einrichtungen, die in gleicher Ausdehnung kaum zuvor zur Aufstellung gekommen sein dürften. In Amsterdam erhielten wir, nach scharfer Konkurrenz, den Austrag auf die Erstellung der gesamten maschinellen Einrichtungen des städtischen Elek- 606 Anlagen. trizitätswerkes; es kommen Maschinen und Akkumulatoren mit einer Leistung von zusammen 6000 ?8 daselbst zur Aufstellung. Von größeren Zcntralanlagen, die im Bau begriffen, bezw. in Auftrag gegeben sind, heben wir hervor die Erweiterungen der Elektrizitätswerke Magdeburg, Genua, Barcelona, Bitterfeld, Eisenach, Straßburg, Baku, Trafford Park, St. Pancrns (London), Christiania-Hammeren, Göteborg, Malmö, Halle a/S., Vamberg, Osterwieck, Querfurt, Rathenvw, Grouingeu, Santiago, Erlangen, Lübeck, Potsdam, Kristianstad nnd Tschcrnigow. Fertiggestellt wurden im verflossenen Geschäftsjahre Elektrizitätswerke in Rostock, Freiberg i. Sachsen, Neusalz, Jena, Stcglitz, Osnabrück, Gnesen, Heiligenstadt, Aarhns, Komotan, Gijon, sowie eine ganze Reihe von Erweiterungen bereits bestehender Werke; wir nennen hier: Straßburg i. Elsaß, Plauen, Magdeburg, Braunschweig, Rheinan, Nheingau, Wannsee. Unser Besitz auf Effektcnkonto setzt sich in runden Summen ans folgenden Nominal-Werten zusammen: Mk. 1121600 Deutsche Staats- und Kommunal-Anleihen, „ .869 980 Ausländische Staatsanleihen, .. 5000000 Aktien der Elektrizitäts-Lieferungs-Gescllschaft, „ 1456 700 Aktien, Anteile und Obligationen von Deutschen ElektrizittttS- werken und Straßenbahnen, „ 4260000 Aktien bezw. Obligationen ausländischer Gesellschaften, nnter denen sich die oben erwähnten Barceloneser Trambahnen mit einem Anschaffungswert von über Mk. 3000000 befinden, „ 4370000 Aktien bezw. Anteile unserer Zweigniederlassungen, für welche die Form der Aktien-Gesellschaft bezüglich Gesellschaft m. b. H. besteht, 270000 Anteile an der Riedler Expreß-Pumpen-G. m. b. H. und Abwärmckraftmaschinen-G. m. b. H. Die Verschiebungen auf Effektenkonto und dem Konto für Aktien der Bank für elektrische Unternehmungen ergeben sich im wesentlichen daraus, daß wir dieser uns nahestehenden Gesellschaft unseren Besitz an den rentablen Elektro-chemischen Werken Bitterfeld nnd Nheinfelden, welche im letzten Jahre 8°/y Dividende erbracht haben, gegen Frs. 3000000 jnnger Aktien und entsprechende Barzahlung überließen. Unser Besitz an Aktien dieses nach soliden Grundsätzen verwalteten Unternehmens erhöhte sich dadurch auf nominell Frs. 31725000. Die Dividende für das gleichfalls am 30. Juni abgelaufene Geschäftsjahr wurde auf 6°/g festgesetzt; sie gelangt nach bisheriger Gepflogenheit erst im laufenden Jahre zur Verrechnung. Der Geschäftsbericht steht unseren Herren Aktionären zur Verfügung. Die Elektrizitäts-Lieferungs-Gesellschast entwickelte sich befriedigend und verteilte für das verflossene Kalenderjahr 7 "/„ Dividende. Sie betreibt 29 Elektrizitätswerke teils für eigene Rechnung, teils für Rechnung der verschiedenen Stromlieferungs-Unternehmnngen, deren Aktien und Anteile sie meist allein besitzt. Ihre verfügbaren Mittel übersteigen die für den AnSbau der Werke noch zu investierenden Beträge. Anlagen. 607 Die durchschnittliche Verzinsung des Buchwertes unserer Effekten stellt sich auf 8,55 "/<, gegen 7,71 °/„ im Vorjahre. Auf Konsortialkonto haben sich wesentliche Änderungen nicht vollzöge». Das Konsortium für Aktien der Maschinenfabrik Örlikon ist mit Nutzen abgewickelt worden; dagegen wurden zu Lasten des Kontos verausgabt: Gesellschaft für den Bau von Untergrundbahnen (Berliner Ostbahnen)...............Mk. 223912.84 Dentsch-Überseeische Elektriziläts-Gesellschaft........ 45120.— Schantung Eisenbahn-Gesellschaft............ 36134.30 Syndikat Elektrische Kraft Baku.......... „ 12969.— Studiengesellschaft für elektrische Schnellbahnen.....„ 50000.— Tempelhofer Jndustriegelände G. m. b. H.......„ 25000.— Neue Aktien der Krastübertragungs-Werke Nheinfelden . . „ 135000.- Obligationen der Schles. Elektrizitäts- und Gasaktieu-Gesellsch. „ 239 750.- Im Jnlande wurden uns 25, im Auslande 59 Patente neu erteilt, und außerdem meldeten wir 37 Gebrauchsmuster an. Der Besitz an Patenten einschließlich der schwebenden Anmeldungen beträgt insgesamt 494 Patente und 125 Gebrauchsmuster und Warenzeichen. Die Kosten für Erwerbung und Anf- rechterhaltnng von Patenten wurden aus dem Betriebe gedeckt. Auf Kontokorrent-Konto, welches einschließlich der Bücher unserer Zweigniederlassungen über 30000 Kanten umfaßt, waren bei den ungünstigen Zeitverhältnissen Ausfälle nicht ganz zu vermeiden; so sind wir z. B. bei dem Konkurs der Aktiengesellschaft Kummer mit ca. Mk. 28000.— beteiligt. Alle zweifelhaft erscheinenden Forderungen haben wir abgeschrieben und außerdem für unvorhergesehene Ausfälle eine Kontokorrent-Reserve zurückgestellt. Zu dem Konto Elektrische Bahnen und Zentralen in eigenem Betriebe ist zu bemerken, daß die Verkehrszunahme in Spandau auch im verflossenen Jahre angehalten hat. In Jasfti erfolgte die Inbetriebsetzung der ersten, zum konzessiousgemäßcn Ausbau gehörigen Linien zwischen dem I. März und 6. Dezember 1900, also gerade zu der Zeit des wirtschaftlichen Rückganges in Rumänien; dennoch nimmt die Frequenz der Bahn allmählich zu und verspricht mit der Zeit befriedigende Ergebnisse. Auch das Elektrizitätswerk Craivva schreitet voran und wird in diesem Jahre eine Dividende erbringen. Auf diesem Konto ist serner verbucht die Überland-Zentrale im Rheingau, welche im Berichtsjahre den Betrieb eröffnet hat. Anlagen zum dreizehnten Anlanc 42. Die landwirtschaftlichen Betriebe in den einzelnen (Statistik des Deutschen Reichs, Bezirke Betriebe überhaupt bis s da von 2 — -da s—so da. überhaupt °/o der Gesamt- flache überhaupt °/° der Gesamtfläche überhaupt der °/„ Gesamtfläche 226995 129585 2,35 30666 3,86 37625 14,96 Westpreußen..... 158346 95493 2,79 18844 3,61 27774 17,22 Pvmmern...... 181497 112385 2,97 22065 3,44 31424 15.64 Posen....... 206009 125963 2,82 23678 3,67 41125 20.83 375262 189522 4,63 85391 10,86 80326 29.11 Brandenburg..... 284608 178015 4,10 38077 5,35 45014 20,73 Sachsen....... 307 88S 210554 6,38 36887 6,91 42357 24,19 Schleswig-Holstein , , . 135493 74153 1,85 15666 3,50 22997 17,14 Hannover...... 345129 200870 6,61 66240 1l,83 55869 32.01 Westfalen...... 342906 245650 9,80 47372 13,64 37 746 34,67 Hessen-Nassau..... 212349 123880 10,65 48241 20,84 35435 43.15 Rheinland...... 519477 358143 12,34 85283 19,92 67527 43,24 12140 3900 8,46 4370 23,06 3460 46,61 Königreich Preußen , . . 3308126 2048113 4,91 522 780 7,84 528729 24,30 663785 236575 4,09 165408 12,38 216999 49.09 193708 116399 5,75 29 368 9,57 37318 40,88 Württemberg..... 806 643 156828 9,66 84215 23,11 57670 44,75 236159 127920 13,23 68554 29,04 36626 41,18 Hessen......' . 133840 79267 4,34 285II 23,27 24254 42.65 Mecklenburg..... 114990 90902 3,28 8523 2,60 6832 6.08 45189 31140 4,94 13482 13,11 10099 29,64 58091 44174 9,09 5378 7,41 6122 28,27 Anhalt...... 32280 24869 6,79 4331 5,43 3448 19.11 Thüringische Staaten . . 158604 96062 8,81 25697 12,49 31769 44.06 Lippe und Waldeck . . 42344 30034 10,46 5823 11,49 4768 29.15 Lübeck, Bremen, Hamburg 18694 15311 7,09 1196 7,31 1187 19,69 Elsaß-Lothringen. . , . 231947 139773 12,46 54757 22,51 32981 37,07 Deutsches Reich . . . 5S58317 3236367 5,56 1016318 10,11 998804 29,90 Kavikel: Die Landwirkschaft. Landesteilen nach Größenklassen am 14. Juni 1896. Neue Folge Band 112.) so bis 100 da 100 bis 200 da soo bis soo da über SW da über»/« der Geüberder Geüber°/° der Geüber"/» der Gehaupt samtfläche haupt samtfläche haupt samtfläche haupt samtfläche 25688 39.36 1630 !!,^> 1268 15,74 483 I'lM 13906 32,72 1994 9,02 818 16,84 417 18,30 12330 22,82 760 5,14 1229 20,42 804 29,57 12638 20,49 753 6,06 1106 17.51 747 29.63 17172 21,54 10 38 5,83 1447 17,35 366 10,68 21392 34,53 737 4,61 836 12,20 537 18,53 16477 34,97 773 6,24 662 11,90 185 9.41 21586 61,31 716 6,44 312 6,76 63 3.00 21530 42.41 450 3,46 180 2,96 20 0,74 11836 36 59 209 2,64 86 2,26 8 0.50 4435 18,02 225 4,14 78 2,80 5 0,40 8221 20,99 266 2,42 39 0,73 8 0,36 403 20,28 6 1,25 1 0,34 — — 188114 32,01 8697 6,57 8050 12.08 3643 13,29 44182 31,11 493 1.80 108 1,06 20 0,47 9868 30.53 617 6,93 228 5,66 10 0,64 7774 19.83 124 1,61 30 0,88 2 0,16 2942 12,56 88 2,38 24 1.21 5 0,40 1685 16.69 93 7,07 29 6,62 1 1.37 7201 27,02 266 5,36 829 26,80 447 28,86 4316 49,66 26 1,86 3 0.80 — — 2256 35,76 100 6,07 69 9,90 12 3.60 1152 30,51 66 8,00 66 17,31 34 13.86 5650 24,44 303 5,80 120 4.12 3 0,28 1640 37,73 54 7,10 25 4,02 — — 958 66,03 29 6,07 11 4,79 — — 4029 20,26 372 6,06 32 1,36 3 0,28 281767 30,36 11260 5,43 9631 9.75 4180 10.31 Sombart, Bollöwirtschast. 39 610 Anlagen. Erläuterungen zu vorstehender Tabelle. Hiernach haben die Parzellen, nämlich die Betriebe mit unter 2 da ihren Hauplsitz in den südwestdeutschen Staaten, Hessen, Baden, Elsaß-Lothringen, Württemberg; auch die Nheinlande, Hessen-Nassau, sowie Schwarzbnrg-Rudol- sladt und die beiden Lippe gehören hierher. Am stärksten sind die landwirtschaftlichen Flächen parzelliert, was die preußischen Regierungsbezirke betrifft, in den Reg.-Bezirken Koblenz, Wiesbaden, Köln, Trier, Arnsberg, Düsseldorf, Minden, Aachen, Erfurt und Hildesheim, wo die Parzellenfläche über 10, im Koblenzschen 15,38°/„ des landwirtschaftlichen Areals beträgt, doch gibt es außerhalb Preußens noch weit stärker parzellierte Gegenden, hierzu zählen der Schwarzwald- und der Neckarkrcis, Provinz Narkcnburg, Unterelsaß niit Prozent- sätzen bis 19,29 insbesondere aber der Landeskommissariatsbezirk Karlsruhe mit 26,45°/„ Parzellenfläche. Geht man auf die kleineren Verwaltungsbezirke ein, so ist bemerkenswert, daß, wenn man diese — 1008 an der Zahl — nach dem Grad der Parzellierung ihres Areals ordnet, die 100 stärkst parzellierten Bezirke so gut wie ausschließlich dem Westen und Südwesten Deutschlands angehören; nur 11 Bezirke liegen außerhalb dieses Gebietes. Im salzenden seien noch die ersten 20 Bezirke mit besonders starkem Parzellenbesitz ausdrücklich hervorgehoben, und um ein Urteil über deren landwirtschaftlichen Charakter besser zu ermöglichen, ist auch die sonstige Verteilung des dortigen landwirtschaftlichen Areals mitberücksichtigt. 20 Bezirke mit den stärkst parzellierten landwirtschaftlichen Flächen. Von 100 Ko. landwirtjchai'tlich bemchter Fläche enlslUlen auf Verwaltungsbezirke Par- kleine bäuermittlere bäuergrössere bäuerGroßzcllen- betricbe liche liche liche betriebe Betriebe Betriebe Betriebe Zcllerfeld, Kr. (Preußen, Hildesheim) . . 41,86 27,51 18.39 12,24 — Neuenbüi g, O.-A. (Württbg. Schwarzwaldkr.) 41,25 42,41 15,21 1,13 — Siegen, Kr. (Preußen, Arnsberg) . . . 39,39 38,82 17,15 3,10 1.54 Cannstatt, O.-A. (Württbg. Neckarkr.) '. . 38,77 39,90 16.43 3.14 1,76 Schorndors, O.-A. (Württbg. Jagstkr.) . , 38,36 45,79 14.75 1,10 — Gehren, Ldr.-A. (Schwarzbg.-Sondersh.) . 36,06 42,81 20,35 0,78 — Rastatt, Amtsbez. (Baden, Karlsruhe) . . 35,68 52,57 10,37 1,38 — Ettlingen, Amtsbz. (Baden, Karlsruhe) 33,44 53,08 9,30 1,86 2,32 Eßlingcn, O.-A. (Württbg. Neckarkr.) . . 32,97 47,68 12,78 3,04 3,53 Mvlsheim, Kr. (Elsaß-Lothr., Unt. Elsaß) 31,99 37,89 25,04 8,99 1.09 Baden, AmiSbz. (Baden. Karlsruhe) . . 31,37 49,80 16,96 1,87 — Karlsruhe, Amtsbz. (Baden, Karlsruhe) . 30,37 52,28 9,77 2.54 5.04 Rheingaukreis. Kr. (Preußen, Wiesbaden) . 30,34 29,68 23,28 11.40 5.30 Königssee, Ldr.-Abz. (Schwarzbg.-Rudolst.) 28,59 31,02 32.83 7,56 — Stuttgart, O.-A. (Württbg. Neckarkr.) . . 28,55 46,32 21,05 1,88 2,20 Gelsenkirchen, Stadt- u. Landkr. (Preußen, 28,40 6,60 27,00 38,00 — Neustadt a. H., Bz.-A. (Bahern, Pfalz) . 28,04 33.63 30,02 6,87 1.44 Tübingen, O.-A. (Württbg. Schwarzwaldkr.) 27,96 43.91 21,64 3,01 3.48 Saarbrücken, Kr. (Preußen, Trier) . . . 27,77 25.51 35,79 8,55 2,38 Schwepingen, Amtsbz. (Baden, Mannheim) 27,54 35.72 29,76 1.98 5,00 Dagegen im Durchschnitt des Reichs . . ^ 5,56 10,11 29.90 30,35 24,08 Anlagen. 611 Das Gesagte gilt in weitem Umfange auch von den kleinen bäuerlichen Betrieben — mit 2 bis 5 da — auch sie erscheinen am stärksten in Baden, Württemberg, Hohenzollern, Elsaß-Lothringen, Hessen, sowie den Preußischen Provinzen Hessen-Nassau und den Rheinlanden. Von den preußischen Regierungsbezirken sind wieder hervorzuheben: Wiesbaden, Koblenz, Trier, Sigmaringcn und Osnabrück, wo auch die genaunteu Bauernbetriebe mehr als 20°/„, speziell auf Wiesbaden 32,51 "/„ des landwirtschaftlichen Areals entfallen. Noch stärker vertreten sind die kleinbäuerlichen Güter im Neckarkreis, Schwarzmaldkreis, Unterelsaß und den Landeskommissariatsbezirkcn Freiburg und Karlsruhe. Daselbst nehmen die erwähnten Wirtschaften über ein Drittel, im Bezirk Karlsruhe fast die Hälfte (49,54"/„) von der gesamten Landwirtschaftsfläche in Anspruch. 20 Bezirke mit dem stärkst vertretenen kleinbäuerlichen Besitz. Verwaltungsbezirke Von 100 I>k landwirlschastlich beuichter Fläche cmflillen aus kleine bäuerliche betriebe mittlere bäuerliche Betriebe groiiere bäuerliche Betriebe Großbetriebe Par- zellen- belricbc Bruchsal, Amtsbz. Maden, Karlsruhe) . . Nürtingen, O.-A, (Würltbg. Schwarzwaldkr.) Etllingen, Amtsbz. (Baden. Karlsruhe) . Rastatt Amtsbz (Baden, Karlsruhe). . . Karlsruhe, Amtsbz. (Baden, Karlsruhe) . Hectnngen, O.-A. (Preußen, Sigmaringen) Waiblinzen, O.-A. (Württbg. Neckarkr.) . Baden, Amtsbz. (Baden, Karlsruhe) . . Kirchheim, O.-A. (Württbg. Donaukr.) . . Bühl, Amtsbz. (Baden, Karlsruhe) . . . Ettcnheim, Amtsbz. (Baden, Freiburg). . Achern, Amtsbz. (Baden, Karlsruhe) . . Unterwestermaldkr. (Preußen, Wiesbaden) . Eßlingen, O.-A. (Württbg. Neckarkr.) . . Böblingen, O.-A. (Württbg. Neckarkr.) . . Rothenburg, O.-A. (Württbg.Schwarzwaldkr.) Dillkreis (Preußen, Wiesbaden) . . . . Wiesloch, Amtsbz. (Baden, Mannheim) . Stuttgart, O.-A. (Württbg. Neckarkr.) . . Durlach, Amtsbz. (Baden, Karlsruhe . . Dagegen im Durchschnitt des Reichs . . 53.49 53,32 53,08 52,57 52,23 50,92 49,97 49.80 49.76 49.13 49,08 48.53 47.83 47.68 47,32 47,29 47.22 47,01 46.32 46.13 10.11 15,23 19,16 9,30 10,37 9,77 30.24 22 17 16.96 27,49 17.34 25,13 30,92 28.60 12.78 27.61 30,05 31.87 22,23 21,05 21,29 29.90 2,50 1.05 1,86 1.38 2,54 4,14 0.89 1.87 2,27 2,32 3.92 1,26 2.62 3,04 0,61 2,49 0,30 2,67 1.88 2.91 30.35 2,73 0,98 2,32 5,04 2,43 5,06 3.53 3,37 0,97 3,71 2,20 2,53 24.08 26.05 25,49 33.44 35.68 30,37 12,27 26.97 31,37 20,48 26,15 21,87 19,29 20.90 32,97 21,09 19,20 20.61 24,38 28,55 27,14 5,56 Die mittleren bäuerlichen Betriebe — mir 5 bis 20 tia — finden sich vorwiegend in Hessen-Nassau und Rheinland, in Bayern, im südlichen Württemberg und Baden, in Hohenzollern, Hessen, ferner in den kleineren Staaten Mitteldeutschlands Reuß ältere Linie, Reuß jüngere Linie, Sachsen-Meiningen. 39* 612 Anlagen. Sachsen-Weimar, Schaumburg-Lippe, Sachsen - Koburg - Gotha. Von den preußischen Regierungsbezirken sind mit mittelbäuerlichen Gütern besonders auS- gezeichnetOsnabrück, Kassel, Wiesbaden,Koblenz, Trier, Aachen und Sigmaringen; daselbst treffen auf die Wirtschaften genannter Art 45—50°/g, also ziemlich die Hälfte des gesamten dortigen landwirtschaftlichen Areals. Ähnlich ist es in den alt-bayerischen Regierungsbezirken Ober-, Niederbayern, Oberpfalz und in der Rhcinpfalz, während die drei Franken und Schwaben sogar 54—60°/„ mittlere Bauerngüter aufweisen. Außerdem gehören hierher die sächsische Kreishanpt- mannschaft Zwickau, der Jagst- und Donaukreis in Württemberg, die badischen Landeskommissariatsbezirke Konstanz und Mannheim, die drei Provinzen des Großherzogtums Hessen, das Fürstentum Birkcnseld und abgesehen von den bereits erwähnten thüringischen Staaten der Bezirk Lberelsaß. Unter den kleineren Verwaltungsbezirken müssen wegen der zahlreich daselbst vertretenen mittleren Baucrnwirtschaften folgende namentlich hervorgehoben werden: 20 Bezirke mit dem stärkst vertretenen mittelbäuerlichen Besitz. , Von 100 lr» landwirtschaftlich beuuliler Fläche entfallen auf Verwaltungsbezirke mittlcie bäuerkleine bäuerPar- größere bäuerGroßliche liche zclleu- liche betriebe Betriebe Betriebe betriebc Betriebe Schweinfurt, U.-St. u. Bz.-A. (Bayern, 70 54 11,83 4,80 7,32 5,31 Neustadt a.S. Bz.-A. (Bayern, Unterfrankeu) 69,45 17,75 4,19 5,64 2.97 Stasfelstein, Bz.-A. (Bayern, Oberfrankcn) 69,27 12,27 3.45 13,00 2,01 Karlstadt, Bz.-A. (Bayern, Unterfranken) . 68,59 15,66 4,31 8,32 2,62 Habfurt, Bz.-A. (Bayern, Unterfranken) . 68,35 16,53 6,25 5,40 3,47 Burgk, Amtsger.-Bcz. (Reub ä. L.) . . ' . 67,74 6,57 4,39 16,15 5,15 Dinkelsbühl. U.St. u.Bz.A. (Bayern, Mittel- 66,19 17,20 5,10 11,06 0,45 Kifsingen, Bz.-A. (Bayern, Uutcrfranken) . 66,13 20,91 5.42 7,00 0,54 Bamberg, IU. St. u. Bz. A. (Bayern, Oberfranken)........... 66,06 17,68 5,85 9,50 0,91 Mellrichstadt, Bz.-A. (Bayern, Unterfranken) 65,90 1250 3,87 12,41 5,32 Kempten, U.St.u.Bz.A. (Vayern, Schwaben) 65,19 11,02 2.22 21.02 0,55 Königshöfen, Bz.-A. (Bayern, Unterfranken) 64,83 10,40 2,98 13,23 8.56 Wipperfürth, Kr. (Preußen, Köln) . . . 64,63 16,71 8,05 10,61 — Donaueschingen, Amtsbz. (Baden, Konstanz) 64,45 16,52 5.25 12,80 0,98 Lindau, U. St. u. Bz.A. (Bayern, Schwaben) 64,40 21,94 4.54 8,46 0,66 Pcgnip, Bz.-A. (Bayern, Oberfranken) . . 64,35 12,81 3.12 19,72 — Gersfeld, Kr. (Preußen, Kassel) .... 64,29 14,47 5,10 10.91 5,23 Gammerlingen, O.-A. (Preußen, Sigma- 64,13 11,85 2,89 20.30 0,83 Meisenheim, Kr. (Preußen, Koblenz) . . 64,11 23,45 7,17 5,27 — Wangen, O.-A. (Wnrttbg. Donaukr.) . . . 63,76 7,12 1,51 24,61 3.00 Dagegen im Durchschnitt des Reichs . . 29,90 10,11 5,26 30,35 24.08 Anlagen. 613 Während das Reichsgebiet rechts der Elbe an den bisher erörterten Größenklassen nur unbedeutend beteiligt ist und deshalb nicht zu erwähnen war, tritt es umso stärker hervor hinsichtlich der obersten beiden Größenklassen. So kommen für die größeren Bauerngüter — mit 2V bis 100 Iia — Ostpreußen, Westpreußen und Brandenburg, namentlich aber Schleswig-Holstein in Betracht, außerdem Hannover, Westfalen und Sachsen; von den anderen Staaten gehören hierher Oldenburg, Sachsen-Altenburg, Lippe und die drei Hansastaaten. Als Regiernngsbezirke sind in Preußen hier zu nennen Gnmbinnen, Potsdam, Schleswig, Lüneburg, Stade, Aurich, Münster, in Bayern Ober- und Niederbayern, außerdem das Herzogtum Oldenburg und Lübeck. In all diesen Gebietsteilen erreicht der großbäuerliche Besitz über 40"/„ des landwirtschaftlichen Areals, in Schleswig, Aurich über 60°/„ im Fürstentum Lübeck sogar 71,13°/„. Von den kleineren Verwaltungsbezirken stehen in Bezug auf großbäuerliche Güter folgende an oberster Stelle: 20 Bezirke mit dem stärkst vertretenen großbäuerlichen Besitz. Verwaltungsbezirke größere bäuerliche Betriebe mittlere bäuerliche Betriebe lleinc bäuerliche Betriebe Par- zellcn- bctnebe Großbetriebe Weener, Kr. (Preußen, Aurich) .... 82,17 7,78 3 33 3,98 -',i4 Emden, Stadt- n. Landkr. (Prenßen, Aurich) 81,32 6,59 2 38 2,10 7,61 Jewer, Stadt und Amt (Großh. Oldenb., 79,48 11,59 4 64 3,38 0,91 Butjadingen, Amt (Großh. Oldenbg., Oldenburg)........... 77,58 12,81 6 43 2.62 0,56 Steinburg, Kr. (Preußen, Schleswig) . . 74,87 15,56 3 21 1.61 4,75 Lübeck, Fürstent. (Großh. Oldenburg) . . 71,13 8,61 2 32 3,29 14.65 Braunsberg, Kr. (Preußen, Königsberg) . 70,99 11,86 3 77 2.60 10.78 Elsfleth, Amt (Großh. Oldenburg, Oldenbg.) 69,56 19,83 6 40 2,50 1,66 Apenrade, Kr. (Preußen, Schleswig) . . 67,99 18,05 2 48 0,73 10,75 Süderdithmarschen, Kr. (Preußen, Schleswig) 67,30 22,19 4 61 1,86 4.04 Kiel, Stadt- u. Landkr. (Preußen, Schleswig) 66,11 12,07 2 45 1,99 17.38 Eiderstedt, Kr. (Preußen, Schleswig) . . 65,77 16.55 4 38 2,48 10,82 Sonderburg, Kr. (Preußen, Schleswig), . 65,66 20,13 s 40 2,19 6,62 Uelzen, Kr (Preußen, Lüneburg) . . . Norden, Kr. (Preußen, Aurich) .... 65,60 15,74 4 49 6.09 8,08 65,48 11,81 7, 24 6,46 9.01 Hadersleben, Kr. (Preußen, Schleswig). . 64,60 17,82 2 71 0,65 14.22 Schleswig, Kr. (Preußen, Schleswig) . . 64,21 24,68 5 13 1,71 4.27 Heilsberg, Kr. (Preußen, Königsberg) . . 64,17 16,95 4 23 1,82 12,83 Flensburg, Stadt- und Landkr. (Preußen, 63,97 21,43 4 55 1.52 8.5A Zegeberg, Kr. (Preußen, Schleswig) . . 63,76 10,87 2 31 2.30 20,76 Dagegen im Durchschnitt des Reichs . . 30,35 29,90 11 11 5.56 24.03 Von 100 Iik landwirtschaftlich bcnnlitcr Fläche entfallen auf ^^,iS»«»»TH»»K»»i»S>^Vr,^'^M»I»^ 614 Anlagen. Was endlich die- Großbetriebe mit 100 und mehr da betrifft, so ist ihr Hauptsitz in den östlichen preußischen Provinzen, namentlich in Pommern und Posen und in den beiden Mecklenburg. Sie haben in den Regierungsbezirken Königsberg, Marienwerder, Stettin, Köslin, Posen und Bromberg, zu welchen noch Breslau hinzukommt, 40 bis über 50°/« der landwirtschaftlichen Fläche inne, in den beiden Mecklenburg rund 60°/„ im benachbarten Preußischen Regierungsbezirk Stralsund sogar 75,50 "/„. Bemerkenswert ist dabei, daß der Großgrundbesitz in den sechs östlichen Provinzen Preußens allein nahezu drei Viertel des gesamten Großgrundbesitzes des Reiches, nämlich 5 614 932 da in sich schließt. Geht mau auf die kleineren Verwaltungsbezirke ein, so findet man zahlreiche Bezirke im Osten der Elbe, wo die Großbetriebe über zwei Drittel der Landwirtschaftsflächc einnehmen, in vier Bezirken übersteigen sie sogar drei Viertel. Am ausgedehntesten sind die Großbetriebe in folgenden Bezirken: 20 Bezirke mit den stärkst vertretenen landwirtschaftlichen Großbetrieben. Von 100 I>» laudwirtschastlich benutzter Fläche entfallen auf Verwaltungsbezirke Großgrößere bäuermittlere bäuerkleine bäuerPar- betriebe liche liche liche zellcn- Betriebe Betriebe Betriebe betriebe Grcifsmald, Kr. (Preußen, Stralsund) . . 80,80 10,99 4,68 1,34 2.19 Franzburg, Kr. in. St. Stralsund (Preußen, 77,59 12,26 5.06 1,95 3,14 Waren, Aush.-Bz. (Mccklenbg.-Schwerin) . 76 76 15,20 4,13 1.00 2,91 Güstrow, Aush.-Bz. (Mecklenbg.-Schwerin) 75.95 17,43 3,03 0,96 2,63 Ribnitz, Aush.-Bz. (Mecklenbg.-Schwerin) . 74,98 11.62 8,14 2.11 3.15 Rügen, Kr. (Preußen, Stralsund) . . 72,56 16,20 6,87 2,35 2.02 Malchin, Aush. Bz. (Mecklenbg.-Schwerin) 72,28 16,32 6,00 1,55 3,85 Grimmen, Kr. (Preußen, Stralsund) . . 70,99 19,20 6,39 1,49 1,93 Fricdland, Kr. (Preußen, Königsberg) . . 68,80 22,13 6,16 0,79 2,12 Rcgenivalde, Kr. (Preußen, Stettin). . . 68,59 15,76 11,26 2,29 2,10 Dirschau, Kr. (Preußen, Danzig).... 68,34 24,01 4,23 0,76 2,66 67,56 22,00 5,22 1,73 3.49 Anklam, Kr. (Preußen. Stettin) .... 67,54 21,49 7,76 1,57 1,64 Rastenburg, Kr. (Preußen, Königsberg) . 67,53 25,02 4.71 0,89 1,85 Wismar, Aush.-Bz. (Mecklenbg.-Schwerin, 67,18 23,77 4,19 1,57 3,29 Jnowrazlaw, Kr. (Preußen, Bromberg) 66,S0 16,59 10,97 2.86 2,68 Pleschen, Kr. (Preußen, Posen) .... 66,75 6.26 21,41 3,46 2,12 Demmin, Kr. (Preußen, Stettin) . . . 65,92 22,40 7,99 1.57 2,12 Samtcr, Kr. (Preußen, Posen) .... 65,19 13,85 15.84 2.30 2,82 Posen West, Kr. (Preußen. Posen) . . . 64,89 14,60 16,74 1,48 2,29 Dagegen im Durchschnitt des Reichs . . 24,08 30,35 29,90 10,11 5,56 Anlagen. 615 Anlage 43. Besitzstatistik der 7 östlichen preußischen Provinzen. (Nach I. Conrad.) Zahl der Größenklasse unter Ivno >IK und überhaupt Ivov Iik darüber Besitzer............ 9 105 1 882 10 987 Güter............ 9 952 5 682 15 634 549 275 824 vom Besitzer bewohnten Güter .... 7 794 1471 9 265 vom Besitzer nicht bewohnten Güter . . 2 158 4211 6 369 vom Besitzer selbst bewirtschafteten Güter 6 991 1441 8 432 1 155 2 045 3 200 administrierten Güter....... 1 806 2 196 4 002 Anlage 44. Umfang und Verteilung der Fideikommnisse in Preußen Ende 1899. (Nach den Feststellungen des Justizministeriums.) Von der Gesamtfläche entfielen auf Fideikommisse Grundsteuer- reinertrag in °/„ der Gesamtflache überhaupt in °/o davon Wald in »/>> Ostpreußen....... Westpreußeu...... Pommern........ Posen......... Schlesien........ Sachsen........ Schleswig-Holstein . . . . Westfalen . . . . 128 870,0 88 183,2 208 058,3 181 803,4 569 552,7 308 876,3 122 271,4 142 532,6 75 073.0 151 734,1 3.48 3,45 6,91 6,28 14,13 7,75 4.84 7,50 1,95 7,51 30,50 43.61 25,40 42,56 55,90 50.23 41,35 18.53 42,18 57,80 4,43 2,95 9.89 5,95 9,32 6,86 4.38 9,23 2,89 7,07 Hessen-Nassau...... 74 467.0 70 716,3 2 140 761,1 4,74 2,62 6,14 62,91 58,39 45,80 4,63 2,64 5,89 616 Anlagen. 8 8 8 ^ ^> tc> >-> r° c« x: ^ 3 D 3 8 8 8 8^8^ !- v> ^- 4-- — m (21 «> 10 «o ^ ^. co 42 >IS »o 4-- S- « Z i» « ^ >4 ^ c» ?? ^ ^ ^ m «O -S c:^ c» 4^ oo « 0- ? s d0 o- IIS ^ 4^ d0 d2 v> 4^ «c> ci- w B >p- ll> 4" 4? c» ^ <^> 4^ »>. 2^ W co d2 «> ^. co . e/> >»> IN ^. cn c« s Ü2 >»» ^ In ^ -o oo >^ 10 l>2 c» en m Q c« D ss « ^> 4- d2 HZ 4^ >4 4- o» c^' »2 »2 ^ IN M -c> ov >«>. >^ ^ >p- H ^ 00 I?- ov ?s »2 s ov »2 ^ o- -o d2 dv co d0 ^ Ä v> d0 4^ -o 4? -n> 20 d2 z v° « s -S. s ^ " s ^ «o Q L s 4- ^ -c> 4^ 4> ^ »2 Q -O 00 ^ ^. >p» dv -0 -c> V> d2 ov »- !0 ^> d0 Ü2 >»». -c> o- 4^ ^ «o d0 ^ 4^- 02 ^ (2, I - ». »2 o- c» r» d2 s »2 ^ rs 4. S »o vs M s -S ><-. s 4^ s ^, co >»- ^. I« «o o- eo »2 T öo s »2 4^ r>2 ^ ^ »2 S- «o >4 «> Q c» s Z Ä S c» co es c-! cc> K " oo 00 4>- o> ^ »2 ^ ^ s c^> c» 4-! ^ s m s -s s »2 3? c» Q s ^> s Q Q ^> ? V ^c« L "cl> - > ^ 'rs ^ ^ Q "c2 "t2 « N s - ^ Q Q Q ^> <^> oo ^> "co Q ^ ^- ^ "en s L° " c 4. -i ». Ä c» 4^ 14 'ov os "oo >I "s »s ^ ß « S Z ff S ^ d0 "co ro 12> dS "cc> do ^ L° Ä "en dS ^ 1^. c« I>4 "ro ci> Ä Z 5?Z S ^ I Q Q d2 'os /. Ä> 44 «o Ä ^- oo io 'c» ^ ^, "i), ^ 14 -c> ^ "-^ oo Z S S «> Z ^ <^> xo '-o ^ '>4 "oo s W ro »2 8 ^ "-0 Q ?s ^ Ä Z s ? S s « s ^> « I2>! S <^ S G S R Z.' ^ A ^ s ^ !? ^ - s Ä s S ->? ^ » ^z>> c» ?s 1.1 c» »2 Anlagen. 617 uzöungijZK,1Z1IV ZMiunlquN isq uv I>ZIUU azivniuzioikt. SKAA^-AZ ^ ri N « ZD Z ^ Z s Z ^Z^^Z^ZV 00 s z>>z,zzquviZ xzq i-S q v i,z,u,s ^oaxk 2 K A K Z Z Z Ä Q usSaoM zzvangzqvvM s ^>z,uu r^QM-o^»???? -so?soo^>mu?c>v ^<^>»I><^><^>0->?0>^ ^ "5 s> -c> oö z>»,zzquvg zzq '« 'v 28.82 21,13 29.08 26,85 37,15 32.72 32.65 26,48 -s s 6 uzvaoM izv^ug -zqvvW zig ox 24 808 82 677 45 346 43 503 36 399 45 836 46 523 Q "2 ->? >cz cis' -0 -s ->j< zi!ZIS-?uvz zzq j>K ',SaoM asSang -sqSvM oog S>!ö'' Q -^7 ?-> oo isyii.ivq qun uswoM iZv.rng>x>!!i>W ovg 2 275 3 456 2 445 1877 2 323 835 594 886 ^> ^ ^ ? Z ' N- ^ s <- G Provinz Pommern , , Preußen . . Posen . . . „ Brandenburg, „ Schlesien . . Sachsen . . Westfalen . . « is ? !-- »5» ^-2 s? ^ ^8 R ^ .Zj so ^ ^ ^' L 'Z N !-> N I- -ll Z xi! K ^ K ^ n ^- Z Z ^2 c: s so «> -» ^ « « K K -e> S <-? V> iS N- S s s? ^ ? M so co Q ^ uz so SO LO «Z M m >^ oo Q KZ so s< ^ A A A ^ «> uz uz ^ c» M S5> cL> cr> oo «z uz -»< c?d cs 8 so M ^ uz uz A uz so ^ -r> ^ c« so so 8 so ^ uz Q > oo Q -s so -8 ^ M ^> so uz °z ^ !-j °z ' ^ Q ^ ^77^ >s- -« A A 2 "8 °z — 619 N L s rü S «? ?I -2 ^ so s so" ^> c-" ->s -^>' »>" ^? SS UZ^ UZ ^ uz ^ !»" so" -n>" s^" ^ i ^ -c>" so «s ^ 0Z ^ uz »z ^ ^ ^ -s" ^> ^ ? so >ZZ «z so «o ö -s so 'G so" so uz uz ^< -c>" -s o- m> c?: cr> uz so^ ^? SZ °z S-" uz" oo" " ^ so" co «Z ^ ao" 2 oo" ^ soso S uz >^ M ^ ^ so" uz" so «o so so" uz ^ «z oz «o »z uz ^ c>z" ^ o^" l>» 02" 0d so so^ Q oo u- ->z -»" ?s" ^ so" oo" -iz" -s L -s so ^ -j uz ! so -z <^> > uz s ^ 7 Q so ^ ^ -z Q ^ «? >» 15,22 12,09 8,69 15,12 23,51 101,19 284,65 I8S1- -1355 ! 21,22 15,86 14,82 14,38 29,79 104.44 274,03 1856- -1860 ! 20,75 17,13 15,96 14,81 32,34 79,91 306,15 1861- -1865 19.83 14.84 13,17 12.95 33,36 61,93 232,99 1866- -1870 21,02 19,54 17,84 16,66 29,55 85,09 288,69 1871- -1875 ^ 24,46 16.27 16,44 15,79 32,54 83,60 346,62 1876- -1880 20,97 16.88 14,09 15,65 29,83 62,95 295,30 1881- -1885 18,02 13,83 12,18 13.54 26.93 73,18 231,86 1886- -1890 14,73 11.24 10,15 11,11 24,72 59,34 169.93 1891- -1895 13,45 12,43 9,74 11,76 21.56 55,06 154,77 1896- -1900 13,60 10,38 9,29 11.09 21,97 59,89 147,81 (?) Durchschnittspreise für die Jahre 187S—189!1 in Deutschland. (Nach den Zusammenstellungen I. Conrads.) Ware pro kg !lS7g—W 1SS4—SS ISSg-»3 lSS4—SS ISS7 I8SS 1S8» Weizen aus 15 Notierungen . 1000 210,45 171,31 190,93 144,28 175.61 198,30 160,83 Roggen „ 14 1000 167.79 135,64 168,29 120,03 129,53 148,33 144,13 Gerste .. 12 1000 163,61 145,27 165,09 138,01 154,75 167,07 156,22 Mais „ 5 ., 1000 136,84 117,75 122,07 107,02 85,89 97,11 97,91 Hafer „ 14 1000 143.06 130,68 154,16 122,16 140,43 151.64 142.80 Mehl a) Weizenmehl a. 7 Notierung. 100 31,40 25,27 27,35 21,03 24,88 27,33 22.66 b) Roggenmehl, Berlin . . 100 22,63 18,52 23,70 16.50 — — 19,37 Rüböl, Berlin...... 100 58,38 48,43 57,63 43,38 — — — Kartosfelspiritus, Berlin . . 10000 54,37 45,77 58,77 53,28 — — 42 42 Zucker a) Rohzucker, Magdeburg. . 100 63,25 45,62 35,58 21,13 19,89 20,78 21,75 d) Raffinade, Magdeburg 100 78.56 57,59 58,43 45.00 46,52 47,62 48.86 Anlagen. 625 v) Verschiedene Preisfeststellungen. (Aus meinem Kapitalismus Band II, Kap. 5.) Es kostete in Preußen alten Bestandes die Tonne (zu 1000 KZ) Mark ini Durchschnitt der Jahr Weizen Roggen Gersie Hafer Erbsen 1821—1830 121,4 126,8 76,6 79.8 97,0 1831—1840 138,4 100,6 87,6 91.6 107,4 1341-1850 167,8 123,0 111,2 100,6 130,0 1851—1360 211,4 165,4 150,2 144,0 176.0 1861-1870 204,6 154,6 146,0 140,2 168,2 1871—1875 235,2 179,2 170.3 163,2 224.4 Es betrugen die Preise in Berlin Pro kg- in Pfennigen für- im Durchschnitt der Jahre Rindfleisch Schweinefleisch 1841—1850 71 79 1851-1860 35 106 1861—1870 100 108 1871—1880 125 127 Die durchschnittlichen Preise beim Einkauf von Remonten stellen sich in Preußen: bis 1338 unter 240 Mark 1868 auf 450,32 Mark 1845 „ 270 „ 1878 „ 665,32 „ 1358 aus 418.50 „ Der Preis für Milch ist von durchschnittlich 5 Pfennige pro Quart in den 1830 er Jahren auf etwa das Doppelte gestiegen. Die Butter kostete im Durchschnitte des preußischen Staates pro '/z KZ: 1831—1840-----5 Sgr. 6 Pfg. 1861—1870--- 8 Sgr. 11 Pfg. 1841—1350-----6 „ — „ 1871—1874---11 „ 4 „ 1851—18607 „ 4 „ In Memel kostete: 1850 1860 1864 der laufende Fuß Mittelbalken Sgr. 6 12 11—42 „ Rundholz „ 4 7 7—8 In Danzig bezahlte man Sgr. 1840 1850 1859 1864 pro Fuß Kreuzholz 5—6" . . ., 12 14 24 24 ., Bohlen I. Sorte 4" . . „ 42 48 48 60 In Görlitz galt in Sgr.: 1840 1851 1860 1368 das Schock mittlerer Sorte Kiefern 3" Pfosten bei 14' Länge . . . . 75 102 130 180 19 20'/2 25°,« 50 Eombart, Vollswirtschaft. 40 626 Anlagen. Der Preis für das Festmeter Eichen betrug Mark: 1860—1869 1870—1874 1875—1879 im Reg.-Bezirk Königsberg , 13,42 I6,7S 18,03 Breslau . . 19.73 24,37 24,30 Münster. . . 31,63 43,88 44,77 Aachen . . . 24,61 28,64 23.78 Die Raps- und Flachspreise steigen ebenfalls wenigstens bis Ende der 1860 er Jahre. Es kostete in Hamburg ein Zentner (zu 50 kg) Mark 1847—1850 1851-1860 1861—1870 Raps...... 12,9 15.2 15,8 Flachs. , . , , . 44,4 50.6 73,0 Der Wollpreis hielt sich bis Ende der 1870 er Jahre; er betrug in Mark pro Zentner 1850 1851—1860 1861—1870 1871-1880 225 290 285.5 320,5 Ebenso bewahrten die Zucker- uud Spirituspreise während jenes Zeitraumes eine steigende Tendenz. Anlage S2. Besitzwechsel einer Anzahl Rittergüter in den Jahren von 183S bis 1864 bezw. 1885. (Aus meinem Kapitalismus Band II, Kap. 5.) In den Preußischen Provinzen Kur- und Neumark, Ostpreußen, Pommern, Posen, Schlesien, Sachsen, Westfalen betrug die Zahl der Rittergüter 11771. Diese unterlagen in dem Zeilraume von 1835—1864 Vererbungen ........ 7 903 Freiwilligen Verkaufen..... 14 404 Notwendigen Subhastativnen ... 1347 Mithin Besitzveränderungcn überhaupt 23 654 d. h. 200,9wovon, wie ersichtlich, weit über die Hälfte freiwillige Vesitz- verändcruiigen sind. Von den größeren Gütern Ostpreußens gehörten 1885 nur 154 oder 12,8"/„ zum „alten" Grundbesitz, d. h. waren länger als 50 Jahre in einer Familie. Also hatten seit 1835 77,2«/„ ihren Besitzer gewechselt. Anlagen, 627 Anlage 53. Reinertrags- und Grundrentenstatistik. (Aus meinem Kapitalismus Band II, Kap. ö.) Die Reinerträge einer Domäne des Grafen Stollberg-Wernigcrode betrugen im Durchschnitt der Jahre: 1579-1585 ---- 11 550 Mark 1830-1840-----17 486.97 Mark 1646—1656----- 7 350 „ 1840—1849-----28 258,95 „ 1780-1789---- 18 831,36 „. 1880—1883-----59 077,18 ,. Die Reinerträge der Schaffgotschen Herrschaft Khnast in Schlesien bezifferten sich: 1831—1840 auf 118117,86 Mark 1851—1860 .. 157 351.19 ., 1861-1870 „ 199 876,73 „ 1871—1880 „ 245 754,39 „ Ein Gut im Posenschen mit vorwiegendem Körnerban und einigem Rübenbau lieferte einen Neinertrag: 1860-1865 von 18 000 Mark 1876—1880 von 25 000 Mark 1866-1870 „ 21 000 „ 1881—1885 „ 37 000 „ 1871—1875 „ 21 000 „ 1386—1890 „ 38 000 „ Im Großherzogtum Hessen schätzte man den Reinertrag des Grund nnd Bodens 1826 ans 10 Millionen Mark, 1877 auf 32,9 Millionen Mark, den mittleren Kaufwert 1857 auf 1368 Mark pro k-r, 1877 auf 2166 Mark. Die Staatsforstwirtschaft des Großherzogtums Oldenburg ergab einen Reinertrag im Jahre 1852-1353 von 5,29 Mark pro da, „ .. 1376-1877 ., 10.15 ,. „ „ Es bezifferte sich im Durchschnitt der Reinertrag pro sächsischen Acker im Durchschnitt der Jahre 1834—1843 auf 30,31 Mark 1844—1853 ,. 31.96 „ 1854-1863 ., 41,86 ., 1864—1873 „ 53,32 „ 1874—1883 „ 48,76 „ Ein bestimmtes Gut im Regierungsbezirk Königsberg, 9—10 Meilen von der deutschen Ostseekiiste eutferut, lieferte folgende Erträge: Wirklich erzielter Reinertrag Marl 4>/„°/„ von, KauspreiS nebst 5°/« vom McliorationSkaPital Marl Überschießender Reinertrag Marl 1856—1857 18 483 13 500 4 987 1860—1861 18 592 15 00N 3 592 1870-1871 27 850 18 000 9 850 1880—1881 30 239 19 675 10 564 Es betrug die Pacht bei den Staatsdomänen in den alten preußischen Provinzen pro Iig. exkl. Unland 40* 628 Anlagen. 1849 13,90 Mark 1879 3S.S3 Mark 1864--20,23 „ 1884--33,30 „ 1869--26.41 „ 1839/90--39,09 „ Es trugen Pachtgelder die Domänen in Mark: Ostra Lahmen Gorbitz 1844—1856 27 000 — — 1845—1857 — — 8 700 1856—1868 40 125 — — 1857-1869 — — 18 615 1868—1380 — 18 360 — 1869—1831 — — 24 156 1880—1892 45 000 20 400 — 1881—1893 — — 29 000 Die gräflich Stollberg-Wernigerodischen Domänen lieferten folgende Pacht preise in Talern: ^ Wasserleben Drllbeck Stapelburg 1750 2 000 1 600 3 000 . Gcsamtsiimmc der Eintragungen und Löschungen vom 1. April 1886 bis 31. März 1887. Oberlandesgerichtsbezirke Ländliche Bezirke Eintragungen in Millionen Mark Löschungen in Millionen Mari Mehr (-j-) oder Minderbetragt—) der Eintragungen in Millionen Mark ^ I ff 'S ? ? s- S s i s 3 4 s I. Königsberg i. Pr. . . II. Marienwerder . . . III. Berlin, Kammergericht IV. Stettin...... V. Posen ...... VI. Breslau..... VII. Naumburg a. S. . . VIII. Kiel....... IX. Celle...... XI. Kassel...... XII. Frankfurt a. M. . . XIII. Köln...... XIV. Jena, Preußischer Teil S37.81 384,91 716,18 336,36 S21.21 1 296,47 859.68 426,02 666,00 779,07 223,92 254,94 1 067,12 17,74 370.08 322,53 463,57 239.52 474,32 936.94 579,23 255,86 385,05 413,59 194,74 227,91 794,89 11,62 167,73 -s- 62,38 > 252,61 96.84 -1- 46.89 359.53 -s- 280.45 -s- 170,16 --s- 280.95 -j- 365,48 -j- 29,18 -j- 27,03 -j- 272.23 -s- 6,12 68,8 83.8 64,7 71,2 91,0 72,3 67,4 60,1 57,8 63,1 87,0 89,4 74,5 65.5 Staat 8 087,43 5 669.85 -l-2 417,58 70.1 II. Die Mclirvcrschnldung betrug! Mill. Mk. Mill. Mr. 1386 ....... 133,16 1892 ...... 208,68 1887 ....... 88,03 1893 ..... 228,29 1888 ....... 121.02 1894 ...... 237,28 1889 ....... 179,13 189S...... 264,61 1890 ....... 156.37 1896 ...... 277,50 1891....... 203,65 1897 ...... 321,00 Anlagen. 631 III. Die Verschuldung in den einzelnen Besiizgröszenklasscn. ^. Verschuldung im Verhältnis zum Grundsteuerreinertrag. Gruppe II Besitzungen von 500 und mehr Talern Gruudsteuerreinertragi III ., .. 100-500 ., IV ., .. 30-1(10 Von je 100 Gütern sind in der Besitzgrnppe ii ii IV Provinz Z Z ^ N Z N ^ ^ Z Z ^ ^ - K L 2 ? V Z 1 L T L °- 'ss Z ^ 7 s s Z Z UIIV oder Z UIIV oder -!> Z auflMl.Grundsteuer- auflMk.Gruiidsteuer- auslMk.Griiudsteuer- rciuertrog verschuldet reiiicrtrlig verschuldet reinertwg verschuldet 1 2 s 4 5 « 7 S s 10 Ostpreußen. . . 10,46 31,37 58,17 37,19 36,08 26,74 42,50 31,43 26,07 Westpreußen . . 25,87 52,83 21,30 38,48 35,10 26,42 42.38 23,75 33,88 Brandenburg . . 24,59 25,41 50,00 61.34 26,97 11,69 51,70 21,23 27,08 Pommern . . . 23,48 48,70 27,82 50,54 30,20 l!>,26 40,85 20,43 38,73 Posen .... 4.40 20,13 75,47 34,44 37,47 23,10 45,19 34,11 20,69 Schlesien . . . 39,76 30,70 29,53 39.50 34,39 26,10 36,36 27.84 35,79 Sachsen.... 65,71 20,95 13,33 73,44 15.66 10,90 66,88 17,08 16,04 Schleswig-Holstein 66.85 29,89 3,26 62,61 29,84 7,55 56,42 22,72 20,86 Hannover . . . 72,66 20,94 4,41 68,84 18,32 12.83 64,60 16,13 19.27 Westfalen . . . 65,95 27,66 6,38 64,88 24,39 10,73 50,91 20,91 28,18 Hessen-Nassau nur 11 Güter 72,49 20,34 7,16 61,92 19,46 18,61 Rheinland . . . 81,25 12,50 6,25 78,04 13,01 8.95 77,92 10.05 12,02 Staat 42,20^32,71^5,09 57,40 26,05 16,55 55,32 21,43 23,25 632 Anlagen. L. Verschuldung im Verhältnis zum Schätzungswert. Von je 100 Gütern sind in der Besitzgruppe ii in IV Provinz ß °° „ Z 5!. - L m L !- ^ — ^s' " L s Z Z -°Z s Z Z s ° s L Z ^ Z Z L ^ ßi s Z des Schätzungswertes des Schätzungswertes des Schätzungswertes verschuldet verschuldet verschuldet i » s 4 5 s 7 S 9 10 Ostpreußen. . . 15,54 23,30 61,17 37,49 42,43 20,08 52,61 36,36 11,03 Wcstpreußen . . 14,23 29,90 55,87 27,85 42,85 29,32 49,06 31,70 19.24 Brandenburg , . 35,62 26,03 33,36 74,72 19,55 5,73 68,93 22,51 8,55 Pommern . . . 16,75 20,81 62.43 50.22 29.99 19,79 46,59 30,84 22,58 Posen .... 5,15 27.21 67,65 35.53 43,75 20,73 58.78 33,59 7,62 Schlesien . . . 22,56 35,37 42,06 38.38 37,87 23,75 44,60 35,51 19.88 Sachsen.... 61,11 26,39 12,50 80,69 15,75 3,57^ 76,53 17.79 5,67 Schleswig-Holstein 34,55 40.91 24.55 49.40 31.12 19.48 53.47 30.31 16,21 Hannover . . . 58,08 23,74 18,18 73,61 17,07 9,32 69,34 19,58 11,08 Westfalen , . . 64,71 29,40 5.88 65,48 29,76 4,76 54,44 30.93 14,63 Hessen-Nassau. , nur 11 Guter 77,94 19,85 2,21 70,18 21.08 8,74 Rheinland , . . 73,14^20.90 5.97 79.00 IS.04 5.97 78.01 14.62 7,36 Staat 29,33^27,77^42,90 56,87 28,44 14,69 60,23 '.'7,>!7 12,33 ^ s ^»-> « 5» « Q s « c» r- A ^ s ^ c« ^, N Q ^> ^ ^! ^ Z « ^ -V» ? 5? ^» ^ « Ä K - ^- ^ ^ s >s (N ^ K 's oo ^ ^ ö? ! ^ ^ Z Z «? ^ K W 8 8 so ^ so Q oo so ^> -c> so so ^ Q ^ ^ ^ ^ ^ 0-^1^^^^ Q ^ Q ^ ^ ^ «z ->? co Q ? ^ « A ? so ^ oo ^ ^ M >-> ^ SO -»< -O ^? ^ ^ so so oo Q ^> Q Q Q Q Q so -» s>> s so so ». ov ^ ^ ^ ^ -I? Q -^z Q Q Q Q s m 8 ^ 2 8 8 DS ^ SAI ^ Q ^ ^ ^ Q Q Q -i> <^> ^< ^ so so SO 8 8 8 8 M S? « >N L Z G ^ ? ^ L >Ü ^ ? L L °? Z. L « ^ ^ L S«KSZ-cZs?GN-ANC>NiSN ö? 634 Anlagen. Anlage 5«. Der deutsche Außenhandel vor sechzig Jahren. (Nach Dieterici.) I. Die hauptsächlichsten Einfuhrgegenständr. Mchreinfulir. Benennung der Objekte Quantitäten Baumwollen Garn (weißes, ungezwirntes) . . . . Zucker........ Kaffee......... Drogerie- u. Apothekerwaren Rohe Baumwolle . . . . Häute und Felle . . , . Eisen, Kupfer, Messing: -i,) Roh- und Schieneneisen d) Geschmiedetes Eisen, Blech, Drayr, . . . e) Kupfer und Messing . Indigo....... Südfrüchte usw.: a) Frische und getrocknete Südfrüchte . . . . b) Reis...... o) Gewürze . . . . . ä) Tee....... Seide: a) Rohe Seide . . . . d) Gefärbte und ungefärbte Seide...... Vieh: s.) Pferde...... d) Rindvieh..... e) Schweine..... 6) Schafe...... Tabak: Tabaksblätter . . . . Davon ab Mehrausfuhr an Tabakfabrikaten . . . Tran........ Heringe....... Wein und Most . . . . Flachs, Werg, Hanf, Heede . Butter und Käse: a) Butter...... b) Käse...... Verschiedene andere Objekte. 319000 Zt 1012000 „ 55k000 „ 507000 „ 173000 „ 137000 „ 445000 „ 23000 „ 30000 „ 21000 ,. 132000 97000 42000 3500 5 700 700 33000 St 4700 „ 278 200 „ 114400 .. 157000 Zt. 21000 ., 189000 „ 187000 t. 85000Zt 57000 „ 7000 „ 32000 .. - - s -s ^ K Ntlr 50 10 18 8 20 25 12 30 150 10 8 15 70 400 600 50 3V 2 1'/- 15 20 10 10 12 10 18 12 Geldwert in Reichswlcni 2 225 000 276 000 900 000 1 320 000 776 000 630 000 245 000 2 280 000 420 000 1 650 000 1 410 000 556 400 171 600 2 355 000 420 000 bleiben 126 000 384 000 15 950 000 10 120 000 10 008 000 4 056 000 3 460 000 3 425 000 3 401 000 3 150 000 2 971 000 2 700 000 2 519 000 Prozentsatz der Gesamtsummen siir 1837/ZS 1 935 000 1 890 000 1 870 000 1 020 000 570 000 510 000 445 000 Summe 70 000 000 22,79 14,46 14,30 5,79 4,94 4.89 4,86 4,50 4,25 3.86 3,60 2,76 2,70 2,67 1,46 0,81 0,73 0,63 100,00! H II. Die hauptsächlichsten Ausfuhrgcgcnstände. Melirausfuhr, D s « D Prozentsat) der Gesamtsummen Benennung der Objekte Quantitäten Zentner Z Z ^ >s ? ? Rtlr. Geldwert in NcichStalern für 1837/39 der wichtigsten Objekte des preuß Staates allein siir l82v/3l l. Baumwollen Garn und Waren: ») Baumwollen Garn (gezwirnt, gebleicht, gefärbt) , 14 000 100 1400000 2.00 d) Baumwollene Waren . 72 000 200 14400000 20,58 3,58 2. Getreide, Hülsenfrüchte, Sämereien und Mühlenfabrikate Leinwand: a) Packlcinwand.... b) Gebleichte Leinwand . 15 800 000 13 238 500 8 900 000 22.58 18,91 12,71 20,44 17,71 3. 4. 44 500 31 000 84 000 > 200 8 ! 100 248000 8400000 5. Waren aus Eisen, Kupfer, Messing, Zink 8 648 000 4 206 000 3 923 900 12,35 6,01 5.61 21.23 6. 7. Holz und Holzwaren . . . Seidene u. halbseidene Waren: -r) Seidene Waren . . . d) Halbseidene Waren. , 2 700 1300 120V 400 3240000 520000 1.56 8. 9. 10. 11. 12. 13. Kurze Waren . . . . . Bier und Branntwein . . Rohe Schafwolle .... Instrumente aller Art . . 18 900 158 000 16 600 5 300 150 8 70 200 3 760 000 2 335 000 2 385 000 1 264 000 1 162 000 I 060 000 5,37 4,05 3.41 1,81 1.66 1,51 13,12 11,59 Glas und GlnSwaren: a) GrüneS Glasgeschirr . b) Weißes o) Glas in Verbindung mit unedlen Metallen. 23 700 1700 7 900 10 30 80 237000 51000 632000 920 000 850 000 800 000 247 600 1,32 1,21 1.14 0.35 14. 15. 16. Leder und Lederwaren . . Verschiedene andere Objekte . 5 100 000 '/« — Summe 70 000 000 100,00 — ?^v»^»?^ ^,t»««»«««»»SS'««^^ 636 Anlagen, III, Genauere Angaben über einzelne Handelsartikel. ReichSIaler 1) Getreide usw. 5 665 000 1'/- Reichstlr. 8497 500 672 000 1 „ 872 000 1 232 000 „ Gerste und Hafer , . k „ 821 000 402 000 „ Hülseufrüchle .... k 1 „ 402 000 200 000 „ Sämereien..... -r 2 „ 400 000 224 600 Zentner Mühlenfabrikate. , , k 10 » 2 246 000 13 238 500 2) Metallwaren. 71 500 Zentner grobe Eisenwaren . . k 30 ilieichstlr. 2 145 000 11 200 „ feine desgl. . . k 50 „ 560 000 6 500 „ Kupfer- und Messingw, d, 80 „ 520 000 218 000 Zink ...... k 4',- „ 931 000 4 206 000 3) Holz- und Holzwaren. Einfuhr. 17 200 Klafter Brennholz..... k 2 Reichstlr. 34 400 341 500 3 „ 1 024 500 11 500 4 „ 46 000 73 000 Holzkohlen..... d. „ 36 500 700 „ grobe Böttcherwaren . k 8 „ 5 600 1 147 000 b. Ausfuhr. 200 150 Reichstlr. 30 000 3 800 30 „ 114 000 6 300 „ Blöcke von hartem Holz , k 8 50 400 55 500 Schiffsl. Bohlen, Bretter usw. . d, 35 1 942 500 32 800 „ Eichenholz..... d. 50 1 640 000 23 900 Zentner Holzborke (Lohe) . . k 4 95 600 10 300 „ hölzernes Hausgerät . !>, 16 „ 164 800 32 300 „ feine Holzmaren, . . k 32 1 033 600 Sunime 5 070 900 ab die Einfuhr 1 147 000 bleibt Ausfuhr 3 9Z3 900 4) Töpferwaren. 99 000 Zentner gemeine Töpferwaren . !l 10 Reichstlr. 990 000 17 900 „ einfaches Steingut . . K 50 „ 395 000 2 000 „ weißes Porzellan . . K 100 200 000 1 500 „ 300 000 2 385 000 5) Leder und Lederwaren. 11400 Zentner lohgar Leder .... K 50 Reichstlr. 570 000 500 „ Brüsseler usw. desgl. , !l 100 50 000 1600 „ grobe Lederwaren . . K 60 96 000 700 !>, 120 „ 84 000 800 000 Anlage 57. Der deutsche Außenhandel in der Gegenwart. Nach d. Etat, Jahrb. f. d. Deutsche Reich berechneter Durchschnitt der Jahre 1898 bis 1300. Die hauptsächlichsten Einfuhrgcgenstände Warengattung Schafwolle, roh, gekrempelt zc, Baumwolle, rohe..... Weizen........ Kaffee, roher...... Gerste ........ Rohseide, ungefärbt . . Bau- und Nutzholz, gesagt, Kanthölzer...... Kupfer, rohes...... Eier von Geflügel . . . . Tabakblätter, unbearbeitete . Bau- und Nutzholz roh oder nur in der Querrichtung mit Axt oder Säge bearbeitet ....... Schmalz und schmalzartige Fette........ Pferde........ Petroleum....... Roggen........ Chilesalpeter...... Braunkohlen...... Rindshäute...... Kleie......... Eisenerze....... Leinsaat....... Fleisch von Vieh, frisch u. einfach zubereitet..... Wollengarn...... Mehr Einfuhr Mill. Mari 254,9 233,6 165,5 140,3 114,7 107,6 102,8 94,6 94,1 92.3 87,9 82.0 76,0 75,1 75.0 70.0 61,1 59,6 57,6 56.2 56,1 53,0 52.4 Warengattung Bau- und Nutzholz nach der Längsachse beschlagen . . Kautschuk und Guttapercha . Ölkuchen....... Heringe, gesalzene . . . . Hafer........ Baumwollengarn auch Vigognegarn........ Palmkerne, Koprah ?c. . . . Federvieh, lebendes . . . . Wolle, gekämmte..... Wein in Fässern..... Reis......... Jute........ . . Blasen, Därme, Magen . . Kakaobohnen, roh . . . . Roheisen....... Raps, Rübssaai, Hederich und Rettigsalat...... Ochsen........ Flachs ........ Kleesaat, Esparsette :c. Saat . Hanf, außer Aloe u. Manilahanf......,. . Kalbfelle....... Häute u. Felle zur Pelzwerk- bereituug...... Fische, frische...... Mchr- Eiuluhr Mill. Mark 51.9 49.6 40,9 35,4 34,6 33,5 31,5 31,1 31,0 27,3 27,3 27,1 26.5 25,6 25,1 24.5 22.8 21.8 16,5 15.1 13,9 9,9 4.1 ^^l«»WK«WSV«AS ^- „ „ Europa....... „ „ Afrika 1 Guatemala......... Kostarika........ . . Hondur., Nicar., Salvador. . . . Britisch-Westafrika....... Norwegen......... Britisch-Südafrika...... Freihäfen Hamburg-Cuxhaven. . . Portugal.......... Transvaal ... . . . . . Japan....... . . . Uruguay .......... Kuba, Portoriko....... Mexiko.......^ . . Ecuador..... . . . . Venezuela.......... Britisch-Westindien...... Griechenland........ Serbien.......... Portugiesisch-Westafrika..... Bolivien.......... Peru........... Dominik. Republik...... Republik Haiti........ absolute Werte in Millionen Marl Durchschnitt der Jahre I8M—lsov 935,1 814,5 727,3 705,3 297,3 225,3 222,7 200,9 191,8 184,6 173,4 110,0 104.0 103,7 88,6 71,5 69,3 66,7 34.8 32,3 32,3 29.6 21,3 4.2 2,7 25,9 24,8 22,8 18,4 17,0 15,8 14,4 12,9 12,4 12,0 9,8 9,6 8.4 8,4 7.9 7.1 5.7 5,0 4,8 4.6 Prozentanteil im Jalirc 1900 16,9 13.9 12.1 12,0 5.2 3.7 3,6 3.6 3,9 3,1 2,8 2,0 1,7 1,9 1.5 1.2 1.4 1.4 0,6 0,7 0,6 0,5 0.4 0,1 0,0 0,5 0,3 0,3 0,3 0,3 0,1 0,3 0.2 0,2 0,2 0,2 0.2 0.2 0,1 0,1 0,1 0,1 0.1 0.1 0.1 ' k^l»»WHU»M«««^^ L40 Anlagen. IV. Anteil der Hcrkunfts- und Bcstimmungsländcr am Spezillllmndcl. L. Ausfuhr. Absolute Werte in Millionen Marl Länder der Bestimmung Durchschnilt der Prozcntamcil i Jahre 18»8—1»oo ^ Jahre 1S00 855,9 19,2 476,8 10,7 412.3 7.6 Vereinigte Staaten von Amerika. . 383,9 9,3 334,6 8.3 277,6 6.2 Frankreich, Algerien, Tunis , . . 233,9 5,9 215,8 5,3 127,1 2,9 123,8 2,6 112,6 2.7 70,3 1.5 Freihäfen von Hamburg, Cuxhaven . 66,2 i.s Britisch Ostindien, Ceylon, Malakka. 64,1 1.4 53,8 1.4 51.4 1,5 China, Kiautschou, Hongkong . . . 50.5 1.1 41,0 1.1 45,8 1,0 Biitisch-Australien ...... 39,6 i.o Türkei in Europa ^ „ „ Asien ^...... 34,7 0,7 ., Asrika ^ 33.0 0,3 Chile........... 29,4 0,8 Mexiko.......... 23,6 0,6 Briiisch Nordamerika...... 22,5 0,4 Niederländisch-Judien...... 21,9 0,6 18,4 0,4 12,8 0,3 12,4 0.3 10,3 0,3 Kuba, Portoriko ....... 8.7 0.3 Peru........... 8.1 0,2 Freihäfen Bremerhaven, Geestemünde 7,8 0.2 Britisch-Westasnka....... 7.5 0.2 Denljch-Wcslasrika....... 6,3 0.2 Griechenland........ 5.7 0.1 Serbien.......... 5,6 0,2 4.4 0,1 4.1 0.1 Deutsch Sildivest-Afrika..... 4,3 0.1 3,ö 0,1 Portugiesisch Ostafrika..... 3.4 0.1 Honduras, Nikaragua, Salvador . . 1.8 0.1 1,5 0.0 1.4 0.0 Anlagen. 641 Anlage 58. Handelsbilanz der Eisenindustrie im Durchschnitt der Jahre 1898 bis 1900. Zusammengestellt nach dem Stat. Jahrbuch für d. Teutsche Reich. Einsuhr ISgS/IWO Aussuhr IS»8/lgou Mehr- Einsuhr istv» Mark Mehr- AuSsuhr Ivov Marl Tonnen Ivoo Mari Tonnen 1000 Mark Brucheisen u. Eisenabfalle 62284 1 317.7 66431,3 4 775.7 3 453.0 Eck- und Winkeleisen . . 644 87,7 213837,0 27 083,7 — 26 996,0 Luppeneisen, Rohschienen, Jngots..... 1890,7 827,0 30676.3 3 266,0 — 2 439.0 Roheisen...... 574641.7 39 322,7 166291,7 10 823,0 28 499,7 — Schmiedbares Eisen in Stäben; Nadkranz-und Pflugschareneisen . . 3? 667,3 6 658,7 210054,7 27 711,0 — 21 052,3 Eisenwaren, Drahtstifte . 70 14,0 48772,3 8 687,0 — 3 673,0 Eisenbahnlaschen, Schwellen, Unterlagsplatten. 338,3 47,7 33559,3 4 539,3 — 4 491,6 Eisenbahnschienen. . . 643,0 73,3 129769,3 IS 279,3 — 15 206,0 8153,0 2 437,3 170961,3 27 194,0 — 24 756.7 Eisenbahnachsen, Radeisen, Räder, Puffer . 2850.0 705,0 39766,3 11 975,7 — 11 270,7 Feine Waren aus Gußoder Schmiedeeisen 2167,3 5 365,3 24692,3 51890 — 46 524,7 Ganz grobe Gußwareu von Eisen .... 21818,7 2 926,3 31181,0 5 412,7 — 2 486.4 Grobe Eisenwaren . . 21705,3 16 320,7 167396,7 131 763,0 — 115 442.3 Geschosse, vernickelt od. m. Bleimänteln, Kupfer- 2,3 4.7 1614,7 2 695,0 — 2 690,3 Kanonenrohre .... 4.3 16,3 486,3 2 632.3 — 2 616,0 Nähnadeln, Nähmasch.- Nadeln..... 11,0 229,0 1022,7 9 765,0 — 9 536.0 Platten und Bleche aus schmiedbar. Eisen, rohe 2860,3 534,0 156445,7 24295,3 — 23 761,3 Röhren, gewalzte und gezogene , aus schmiedbarem Eisen, rohe. . 18462.0 4 093,7 33978.3 7 884,3 — 3 790,6 Weißblech..... 17 627,0 4 893,3 172.0 56,7 4 836,6 — Eisenerze...... 3 929 927.7 66 633.0 3100500 10 379,7 56 258,3 — 89 594,6 325 190,9 Sombart, Volkswirtschaft. 41 1 I S^»»W^«S^^»SS-S5^»S»^ --^7 Anlagen zum vierten Buch. Anlage SV. Statistik der preußischen Einkommenverhältnisse. I. (Nach Ernst Engels Berechnungen.) In der Zeit von 1852—1873 vermehrten sich je 10V Steuerzahler mit einem Einkommen in der Klassensteuer bis 400 Taler auf..... 122,8 durchschnittlich 124.0 in der Einkommensteuer von 1000- 1600 Taler auf . . , 210,2 1600— 3200 ....... 232,3 3200- 6000 „ ..... 253.9 6000- 12000 ........ 324,8 „ 12000- 24000 ....... 470,6 „ 24000- 52000 „ „ . . . 576,3 „ 62000-100000 „ ..... 568,4 „ 100000—200000 „ ., . . . S33.3 200 000 Taler u.m. „ „ . . . . . 2200,0 Vermehrung der Steuerzahler der . . 225,7 Anlagen. 643 ? 1 - «? S L « N a» G >S s « K N- «? Z Z L ^1 A r: Z 208 258 833 2 637 10 467 53 323 316 199 266 873 2 757 10 843 56 973 329 197 276 896 2 781 11027 59 666 so m o- Q 400 926 3 174 9 601 38 093 212 681 928 402 914 9 617 37 821 198 731 941 472 928 3 248 9 639 37 855 276 789 16,86 55,42 15 52 7,12 3,64 1,44 100 17,68 51,49 15,93 8,64 4,47 1,79 uz uz s oo so S cs" co" oo" ^ so" 1 324,7 4 354,4 1 219,5 559,6 285,7 113,1 7 857,0 1 650,5 4 805,0 806,2 417.1 167.0 9 332,2 1 647,4 5 119,7 882'l 474.2 219,6 »z o- o- 25,65 67,82 5,56 0,85 0,12 <^> -, Q Q Q 8 D ?O ^ ^ ^ ^ 100 28,62 63,81 6,12 1.09 0,16 s ^ -5 Q <^> <^> uz ^ ^ Q ^ c» s rzz ?z od 8 ? W ^ I? ^ c>z -» --Z so 24 832 784 Z8 8 285 164 18 052 480 1 702 610 292 381 38 470 2 930 28 374 035 30 8 383 359 18 562 145 1 778 155 317 193 43 4001 3 681/ M <^> so uz" 100 18! 41,36 53,04 4,63 0,85 0,11 0.01 100 18> 40,11 54,05 4,81 0,90 0.13 ^ so M W ^ A A D >70 ^ j 8 467 076 4 101 550 5 259 805 458 692 83 823 11029 840 « 0V so ,--> so so so so ^< so ^ --t> «z uz uz uz Q -5 c-. Q —< -. > > > 7 L 2 ZZssZ uz s so ic> ^> so Zusammen bis 525 Mk. 526- 2000 „ 2001- 6000 „ 6001— 20000 „ 20001-100000 „ über 100000 „ Zusammen r- L ^ ^ K Z N ^ S !S n 8 L Q Z K « L L S ^ Z G K >^ 41* ^z. s !S UM^^VSS^WSS«^^ 644 Anlagen. III. (Nach der Statistik des Prenß. Finanzministeriums.) Im ganzen Preußischen Staate bezogen ein Einkommen von weniger als 900 Mark: 1892 ^ 70,27 °/o aller Zensiten 1900 ^62,41«/« „ Einkommen zwischen 900 nnd 3000 Mark bezogen: 1892/93 ........ 2113969 Zensiten ^ 81,89«/„ aller Zensiten 1900 ........ 2963213 „ ^ 87,74°/<. „ Es waren veranlagt Zensiten (physische Personen) mit einem Einkommen von: 900 bis 1050 Ivso bis 120» 120» bis 1Z50 1Z50 bis 1500 1500 bis 1650 Mark Mark Mari Mark Mark 1892 658 811 437 003 234 756 193 459 123 133 1900 999 270 591 483 345 466 265 876 152 310 1SS0 bis 1800 1800 blS 2100 2100 bis 2400 2400 biS 2700 2700 bis 3000 Mark Mark Mark Mark Mark 1892 120 331 128 037 106 087 71 024 46 328 1900 150 541 160 619 132 910 97 307 67 431 H Anlage», 645 Anlage «0. Statistik der deutschen Gewerkschaftsbewegung. Nach den Mitteilungen der Generalkommission der deutsch. Gew. I. Übersicht über den Stand der verschiedenen Organisationen. Prozemvcrhälttti? Organisationen Mitaliedcrzahl der Mitglicdcr- zahlcii 1SÜS N'Oli 18SS :»oo Gewerkschaftliche Zentralvereine 680 473 680 427 67,15 I!>V!'> Lokale Vereine...... IS 946 9 860 1,36 1,01 Hirsch-Dunkersche Gewerkvereine 86 777 91 661 10.04 9,20 Christliche Gewerkschaften . . 112 160 159 770 12,97 16,06 Unabhängige Bereine. . . . 68 994 53 713 7,98 5,39 864 3S0 995 435 100,0 100,0 II. Entwickelung und Stand der sogenannten Freien Gewerkschaften. Jahr Zentral- Organi- sationen Mitglieder- Davon weibliche Mitglieder In Lokal- »ereinen etwa Zusammen l>!11 62 277 659 — 10 000 287 669 1892 56 237 094 4 365 7 640 244 734 1893 51 223 630 5 384 6 280 229 810 1894 54 246 494 6 251 5 650 252 044 1695 53 259 176 6 697 10 781 269 956 1896 51 329 230 16 266 5 858 335 088 1897 56 412 359 14 644 6 803 419 162 1898 57 493 742 13 481 17 500 511 242 1899 55 580 473 19 280 15 946 696 419 1900 ! 68 680 427 22 844 9 860 690 287 Es hatten Mitglieder in den einzelnen Zentralverbänden die Metallarbeiter 100762, Maurer 82964, Holzarbeiter 73972, Bergarbeiter 36420, Textilarbeiter 34 333, Fabrik- und gewerbliche Hilfsarbeiter 30847, Buchdrucker 28838, Zimmerer 26272, Schuhmacher 19288, Tabakarbeiter 18500, Bauarbeiter 17 901, Handels-, Transport- und Berkehrsarbeiter 17006, Schneider 16639. Hafenarbeiter 11414, Brauer 11410, Maler 10906, Buchbinder 10447, Stcinarbciter 10000, Porzellanarbeiter 9280, Former 9153, Glasarbeiter 7101, Töpfer 6831, Lithographen und Steindrucker 5811, Maschinisten und Heizer 5600, Böttcher 5582, Schmiede 5500, Lederarbeiter 4799, Bäcker 4585, Bildhauer 4543, Tapezierer 4437, Steinseher 4196, Gemeindebetriebsarbeiter 4030, Sattler 3927, Werftarbeiter 3543, Kupferschmiede 3432, Handschuhmacher 3425, Dachdecker 3169, Seeleute 2898, Glaser 2 772, Hutmacher 2629, Stukkateure 2260, Schiffszimmerer 2009, Müller 1596, Gastwirtsgehilfen 1470, Buchdruckereihilfsarbeiter 1452, Vergolder 1352, Graveure MSM^«ZS^«MS^^ 646 Anlagen. und Ziseleure 1189, Zigarrensortierer 1034, Rauchwarenzurichter (Kürschner) 900, Konditoren 786, Handlungsgehilfen 750, Barbiere 464. Lagerhalter 436, Bureauangestellte 404. Formstecher 384. Gärtner 358, Fleischer 254 und Masseure 179. In den einzelnen Berufen waren von 100 Arbeitern in Zentralverbänden organisiert (1901): Bildhauer 73,53, j Buchdrucker und Buchdruckerei-Hilfsarbeiter 72,06, Kupferschmiede 54,24, Handschuhmacher 51,50 (nach Angabe des Vorstandes 81,4), Steinsetzer 45,34, Glaser 41,47, Hafenarbeiter 39,09, Lithographen und Steindrucker 36,0, Schiffszimmerer und Werftarbeiter 35,70, Tapezierer 35,44, Maurer 34,8, Töpfer 32,05, Gemeindebetriebsarbeiter 29,70, Brauer 28,64, Böttcher 28,52, Porzellanarbeiter 27,91, Vergolder 26,52, Stukkateure 25,42, Formstecher, Graveure und Ziseleure 25,16, Buchbinder 24,36, Zimmerer 23,71, Holzarbeiter 22,51, Hutmacher 21,69, Dachdecker 21,22, Glasarbeiter 21,09, Metallarbeiter 19,25, Maler 18,83, Schuhmacher 18,11, Tabakarbeiter uud Zigarrensortierer 17,93, Sattler 16.34, Maschinisten und Heizer 15,10, Seeleute 14,43, Lederarbeiter 14,12, Kürschner 13,28, Bergarbeiter 10,15, Handels-, Transport- und Verkehrsarbeiter 10,15, Steinarbeiter 9,25, Schneider 9,16, Fabrik- und gewerbliche Hilfsarbeiter 9,01, Konditoren 8,14, Schmiede 7,02, Bäcker 6,26, Bauarbeiter 5,34, Textilarbeiter 4,82, Müller 4,0, Barbiere 3,27, Fleischer 2,60, Gärtner 0.58, Handlungsgehilfen und Lagerhalter 0,53, Gast- wirtsgchilfcn 0,51. Es vereinnahmten: 1391 : ........ 1892 ........ ... 46 1 116 588 Mk. 2 031 922 „ 1893 ........ ... 44 „ 2 246 366 „ 1894 ......... ... 41 ' 2 685 564 189S......... 3 036 803 „ 1896 ......... ... 49 3 616 444 ., 1897 ......... . . . 51 4 083 696 ., M8........ ... 57 5 508 667 „ 1399 ..... ... 55 7 637 154 „ 1900 ......... ... 58 ,. 9 454 075 „ Es verausgabten: 1891......... 1892 ....... Summa 41 467 279 Mk. ... 47 Organisationen 1 606 534 Mk. . . . 50 ., 1 786271 ., 1893 ......... 2 036 025 ,. 1894 .... 2 135 606 .. 1895 . . . ^ ..... ... 48 2 488 015 ., 1896......... ... 50 3 323 713 „ 1397 ......... . . . 52 3 542 807 „ 1898 . ........ . . . 57 4 279 726 „ 1889......... . . . 55 6 450 876 ,. 1900 ......... . . . 58 „ 8 083 021 „ Summa 35 737 594 Mk. Anlagen. 647 Im Jahre 190V betrugen die einzelnen Ausgabeposten: in 36 Organisationen 713 338 Mk. „ S6 „ 280 839 ,. Streiks im Beruf....... „ 46 „ 2 663 398 „ Streiks in anderen Berufen . . . „ 43 „ 62 244 ., Rechtsschutz.......... 48 „ 68 486 „ Gemaßregeltenunterstützung .... 32 „ 97 092 „ Reisennterstützung....... ., 40 „ 461 028 „ Arbeitslosenunterstützung..... „ 19 „ 501 078 „ „ 13 656 026 „ Jnvalidenuuterstütznng..... ., 2 „ 113 530 „ „ 36 „ 205 459 .. Stellenvermittelung...... ., 9 „ 4335 ., „ 62 „ 390 793 „ Konferenzen u, Generalversammlungen ,. 39 „ 115 037 ., Beitrag an die Generalkommission in 51 Organisationen 60 324 Mark Prozeßkosten ......... 13 ., 4737 „ Gehälter.........„55 „ 192646 „ Berwaltungsmaterial . . . . . „ 53 „ 215650 „ Die gesamten Kassenbestände beliefen sich auf 7 745 901,87 Mark (gegen 5 577 546 Mark im Vorjahre), wovon freilich nahezu die Hälfte, nämlich 3 792 497,67 Mark auf den Verband der deutschen Buchdrucker entfallen. Es hatten an Kassenbestand pro Kopf der Mitglieder: Buchdrucker 131,51 Mark, Hutmacher 51,61, Zigarrensortierer 29,65, Handschuhmacher 28,86, Kupferschmiede 28,28, Porzellanarbeiter 15,54, Zimmerer 14,29, Buchbinder 12,82, Graveure 12,44, Bildhauer 12,43, Vergolder 11.10. Lithographen 11,05, Seeleute 10,63, Buchdruckerei-Hilfsarbeiter 10,34, Maurer 10,23, Formstecher 10,16, Maler 8,73. Bauarbeiter 8,30, Konditoren 8,08, Lederarbeiter 7,81, Glaser 7,45, Steinsetzer 6,98, Gastwirtsgehilfen 6,91, Werftarbeiter 6,76, Dachdecker 6,37, Schneider 5,83, Metallarbeiter 5,67, Brauer 5,46, Hafenarbeiter 5,28, Müller 4,83, Handels-, Transport- und Verkehrsarbeiter 4,63, Böttcher 4,49, Handlungsgehilfen 4,44, Steinarbeiter 4,28, Gärtner 4,17, Fabrikarbeiter 3,82, Glasarbeiter 3,78, Schiffszimmerer 3,70, Schmiede 3.48, Töpfer 3,19, Schuhmacher 3,15, Stukkateure 3,04, Sattler 2,93, Gemeindebetriebsarbeiter 2,78, Tabakarbeittr 2,03, Maschinisten 1,96, Tapezierer 1,79, Holzarbeiter 1,76, Bergarbeiter 1,75, Barbiere 1,67, Textilarbeiter 1,60, Bäcker 1,58, Fleischer 1,29, Lagerhalter I,— und Rauchwarenzurichter 0,11 Mark. ?t«?WH«»«^VSSSSd?r<»«SMö«^^ „Vas Neunzehnte Jahrhundert in Deutschlands Entwicklung" vereinigt eine Anzahl hervorragender Männer der Wissenschaft, die aus Anlaß des Iahrhuudertwechsels die letzten hundert Jahre deutscher Entwicklung auf den wichtigsten Aulturgebieten historisch-kritisch behandelt haben. Bis Frühjahr ^903 sind folgende Linzclwerke bei Gesrg Bsndi erschienen: - Dr. Theobald Ziegler, ord. Professor a. d. Univ. Straßburg: Die geistigen und sozialen Strömungen des ^9-Jahrhunderts. Dr. Cornelius Gurlitt, ord. Professor a. d. Kgl. techn. Hochschule zu Dresden: Die deutsche Aunst des ^9- Jahrhunderts. Dr. Richard !N. Meyer, Professor an der Universität Berlin: Die deutsche Literatur des ^9- Jahrhunderts. vr. Georg Aaufinann, ord. Professor an der Universität Breslau: politische Geschichte Deutschlands iin ^9. Jahrhundert. Dr. Siegmund Günther, ord. Professor a. d. technischen Hochschule München: Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im ^9. Jahrhundert (Physik, Chemie, Astronomie, Mineralogie, Geologie und Erdkunde). Dr. Franz Carl Müller in München: Geschichte der organischen Naturwissenschaften im ^.Jahrhundert (Medizin und deren Hilfswissenschaften; Zoologie und Botanik). Dr. iVerner Soinbart, Professor an der Universität Breslau: Die deutsche Volkswirtschaft im ^9. Jahrhundert. > Die folgenden Bände der Sammlung sind in Vorbereitung: vr. Heinrich lvelti in Berlin: Das musikalische Drama und die Musik des ^9. Jahrhunderts in Deutschland. Dr. Paul Schlenther, Direktor des R.Ä. Hofburgtheatcrs zu Wien: Das deutsche Theater im ^9- Jahrhundert. Ein jeder Band bildet ein abgeschlossenes Ganze und ist unabhängig von den andern zum Ladenpreis von M. ^0.— (broschiert) und M. ^2.50 (Halbfranz, gebunden) erschienen. Ein jeder Band (außer der „Volkswirtschaft", die keine Gelegenheit zu Illustrationen bot) ist mit künstlerisch wertvollen Abbildungen versehen. Druck von Hesse » Bcckcr in Leipzig.