3i Äi!«Ä3Ssfe*jSÄW> ftiisn <. ^ri.; ;. 7>- 1 ' / s w..r 4MV-. ü w Bgag t aiB Wii GRENZFRAGEN DES NERVEN- UND SEELENLEBENS. EINZEL-DARSTELLUNGEN FÜR GEBILDETE ALLER STÄNDE. IM VEREINE MIT HERVORRAGENDEN FACHMÄNNERN DES IN- UND AUSLANDES HERAUSGEGEBEN TON Dr. med. L. LOEWENFELD Dr. med. H. KURELLA IN MÜNCHEN. IN BRESLAU. ZWÖLFTES HEFT: WIRTHSCHAFT UND MODE. EIN BEITRAG ZUR THEORIE DER MODERNEN BEDARFSGESTALTUNG. VON WERNER SOMBART. WIESBADEN. VERLAG VON J. F. BERGMANN. WIRTHSCHAFT UND MODE. EIN BEITRAG ZUR THEORIE MODERNEN BEDARFSGESTALTUNG. WERNER SOMBART. WIESBADEN. VERLAG VON J. F. BERGMANN. 1902 . Alle Rechte Vorbehalten. Druck von Carl Ritter in Wiesbaden. Vorbemerkung, Das Werk 1 ), dem die folgenden Blätter entnommen sind, hat es sich zur Aufgabe gestellt, ein Bild vom Werden und Wesen der ge- sammten wirthschaftlichen Kultur unserer Zeit zu gehen. Dazu ist es selbstverständlich nothwendig, die Wandlungen in der Vorstellungs- und Empfindungswelt der Massen, soweit sie einen ursächlichen Zusammenhang mit dem Wirthschaftsleben haben, ebenfalls zur Darstellung zu bringen. Ganz besonders aber habe ich — im Gegensatz zu allen bisherigen Systemen der modernen Wirthschaft — mein Augenmerk gerichtet auf die Veränderungen, die die Bedarfsgestaltung der Menschen erfahren hat, weil ich der Meinung bin, dass in dem Verständniss für sie nicht nur der Schlüssel für das Verständniss der Veränderungen in der Produktionssphäre des Wirthschaftslebens liegt, sondern in ihr auch eines der wichtigsten und greifbarsten Symptome zu Tage tritt, in dem wir die Verschiebungen unseres gesammten Kulturinhalts zu erkennen vermögen: daher ihr allgemeines Interesse. Die folgenden Blätter enthalten nur einen Theil der Lehre von der Bedarfsrevolutionirung. Mögen sie in ihrer Vereinzelung vielleicht auch diesen oder jenen zu eigenem Denken anregen, so möchte ich sie doch nur gewerthet sehen in dem grossen systematischen Zusammenhang, in den sie gehören. Ü Der moderne Kapitalismus. 2 Bände. Leipzig. Verlag von Duncker und H u m b 1 o t. I. Nicht jede Vermehrung des Bedarfs bedeutet eine Vereinheitlichung. Er könnte ja der Menge nach wachsen und sich der Art nach immer mannigfaltiger gestalten. Nicht jeder massenhafte Bedarf ist ein Massenbedarf in dem Sinne, wie er hier verstanden wird, d. h. ein Bedarf nach gleichförmigen Gütern. Nur ob in diesem Sinne im Verlauf der modernen Entwicklung ein Massenbedarf entsteht, haben wir hier zu untersuchen. Und zwar nur, insoweit unabhängig von der Produktion die Bedarfsgestaltung sich uniformirt, interessirt es uns. Nicht dagegen sollen hier jene Fälle Berücksichtigung finden, wo der Producent in seinem Interesse den Käufern einheitliche Gehrauchsgüter aufdrängt. Wenn beispielsweise ein Parquetfabrikant den Geschmack in der Weise beeinflusst, dass er an Stelle kunstvoller Muster nun die sogenannten .Kapuzinerböden einbürgert, Böden nämlich, die aus dachziegelartig schief nebeneinander gelegten, rechtwinkligen schmalen eichenen Brettchen bestehen. Diese Brettchen sind ein Artikel, der wie geschaffen für die Herstellung durch die Maschine ist: Alle haben gleiche Grösse, und da sie massiv sind, brauchen bei der Auswahl der Bretter keine grossen Anforderungen an die Qualität gestellt zu werden. Sondern uns interessirt nur die spontane Umformung des Bedarfs aus den Kreisen der Consumenten heraus. Da könnte man nun daran denken, dass eine solche Vereinheitlichung allein schon im Gefolge der Bevölkerungszunähme und ReiclithumsVermehrung aufträte. Und das ist gewiss auch häufig der Fall. Wenn mehr Leute als früher etwas bedürfen, ist es leicht möglich, dass nun auch mehr Menschen denselben Artikel verlangen. Das ist besonders deutlich beispielsweise bei allem Anstaltsbedarf: wenn ein Krankenhaus früher 20 und nun 200 Betten hat, so steigert sich der Bedarf an gleicher Waare um das Zehnfache. Und wenn, Dank der Zunahme der Wohlhabenheit, mehr Leute Gegenstände eines bestimmten Preises kaufen können, so mag sich ein Gebrauchsgut das ehedem nur in einzelnen Exemplaren abgesetzt wurde, nun leicht Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens. (II. Band, Heft XII.) 1 ■) Wii'thsclial't und Mode. zu einem „Massenartikel“ auswachsen. Hierher gehört alle sog. Demo- kratisirung alles sog. .Luxus“. Die berühmten seidenen Strümpfe bilden das Schulbeispiel. Einstmals — so erzählt schon Schopenhauer — war es ein Wahrzeichen einer Königin, wenn sie zwei Paar seidene Strümpfe besass. Heutzutage ist eine bessere Cocotte nicht mehr auf der Höhe ihrer betriebstechnisch nothwendigen Ausrüstung, wenn sie der seidenen Strümpfe entbehrt. Ueber ein den seidenen Strümpfen entsprechendes Stück weiblichen Kleidung — den seidenen Jupon — schreibt der „Confectionär“ am •'51. August 1899: „Man wird sich kaum der Uebertreibung schuldig* machen, wenn man die reinseidenen Röcke aus Moire- und Glace-Taffet in die Reihe der Stapelgenres rangirt, so bedeutend ist die Nachfrage darin bei der Engros-Confection. Die luxuriösen Neigungen des Publikums lassen sich gerade bei den seidenen .Tupons, wenn der Consum der Gegenwart mit dem vor wenigen Jahren nebeneinander gehalten wird, erkennen.“ Aber man würde sicher nicht von einer der modernen Zeit eigenen Tendenz zur Vereinheitlichung des Bedarfs sprechen dürfen, hätte es bei jenen selbstverständlichen Folgen der Bevölkerungszunahme und des Reicherwerdens sein Bewenden. Die durch sie geschaffene Vereinheitlichungstendenz würde ganz gewiss mehrfach durchkreuzt werden durch die im Verlauf der Culturentwicklung immer deutlicher hervortretende Neigung zur Differenzirung des Geschmacks. Es müssen also noch besondere Kräfte am Werk sein, wenn wir thatsächlich als ein Ergebniss der Entwicklung in der Gegenwart ohne Zweifel an einzelnen Stellen wenigstens eine Zusammenballung der Bedarfsnuancen zu uniformem Massenbedarf constatiren können. Eine solche Tendenz zur Vereinheitlichung des Bedarfs wird erzeugt: 1. Durch die Entstehung grosser Unternehmungen auf dem Gebiete der Giiterproduction und des Güterabsatzes. Solche gross- industrielle oder grosscommerzielle Abnehmer stellen gegenüber einer früher vorhandenen Mehrzahl kleiner Producenten, kleiner Händler oder einzelner Familienwirthscliaften natürlich eine einheitlicher gestaltete Nachfrage dar. Beispielsweise: wenn das „Einmachen“ von Früchten, Gemüsen etc. von der Hausfrau und den Einzelgärtnern auf grosse Conservenfabriken übergeht und dadurch ein uniformer Blechbüchsenbedarf entsteht. Oder wenn eine Schuhfabrik für viele Hunderttausend Mark Leder auf einmal kauft, wo früher Tausende von Einzelschustern das Leder halbehäuteweise bezogen hatten. Oder wenn die grossen Brauereien nun viele Fässer einer Fayon brauchen, während ehedem jede Kleinbrauerei ihre eigene Böttcherwaare hatte. Oder wenn die grossen Etablissements der Textilindustrie, der Schuhwaarenfabri- kation, der Confection ganze Berge von Versandcartons einer und der- Wirtlisclmft und Modo. selben Grösse und Art nöthig haben. Oder wenn das Vordringen moderner Gescliäftsprincipien eine einheitliche Buchführung und damit, die Nachfrage nach uniformen Contobüchern erzeugt. Hierher gehören aber auch Fälle der Bedarfsverschiebung, die nicht so deutlich sich als Vereinheitlichung früher individualisirten Bedarfs darstellen, es aber im Grunde doch auch sind. Wenn die Geschäfte sich zu vergrössern die Tendenz haben, brauchen sie auch grössere Betriebsstätten. Die Concentrationstendenz der industriellen und commerziellen Unternehmungen bedeutet in den meisten Fällen eine Tendenz zur Ausdehnung der Baulichkeiten. Grössere Bauten haben aber für sehr viele Artikel eine Vereinheitlichung des Bedarfs zur Folge: Steine, Thtiren, Fenster, Beschläge, Fussböden, Treppen. Beleuchtungs- und Beheizungskörper, Tische, Stühle — alles wird in grösserer Anzahl einheitlicher Art bedurft, wenn es zur Ausstattung eines grossen Gebäudes, statt zur Herstellung vieler kleiner dienen soll. Aber ich rechne hier auch her die dimensionale Vergrösserung, die in Folge jener Grossbetriebstendenz einzelne Gegenstände erfahren : das eiserne Gerüste einer Bahnhofshalle oder eines Ausstellungsgebäudes stellt selbst die Vereinheitlichung des Bedarfs an früher verschiedenen kleinen Gerüsten gleicher Zweckbestimmung dar. Und wenn grössere Kessel, grössere Maschinen bedurft werden, so wird man die Entwicklung unter demselben Gesichtspunkt betrachten dürfen. Oder liegt etwas anderes vor als eine Vereinheitlichung des Bedarfs, wenn an die Stelle von mehreren Dutzend Sensen — von denen jede einzelne individualisirte Art theoretisch wenigstens zulässt — eine Mähmaschine, an die Stelle von hundert Einzelpflügen ein Dampfpflug tritt u. s. f. 2. Der Schatten, der der grosscapitalistischen Unternehmung folgt, ist das Proletariat. Seine Entstehung bedeutet aber wiederum nichts anderes als eine neue Tendenz zur Bedarfsvereinheitlichung. Die grossen uniformen Massen von meist unvermögenden Käufern, deren ganze bisherige Geschichte eine Uniformirung von Denken und Wollen bedeutet, die noch längst keine Zeit haben, sich zu individuellem Empfinden heraufzuentwickeln, stellen ganz begreiflicherweise Abnehmer von Massenwaare namentlich schlechtester Qualität dar. Man muss diese nothwendige Aufeinanderfolge der einzelnen Productionszweige ife ihrer Entwicklung zu capitalistisclier Gestalt wohl beachten. Man muss begreifen, dass eine capitalistische Schuhmacherei, Schneiderei, Tischlerei u. s. w. erst möglich wurde, nachdem die alten handwerksmässigen Formen der Textil- und Eisenindustrie in der Mühle des Capitalismus bereits zerrieben waren, wie noch des Näheren auszuführen sein wird. 3. Zu gleicher Zeit mit der Ausdehnung der grosscapitalistischen Unternehmungen wächst der Bedarf der öffentlichen Körper, was 4 Wirthscbaft und Modo. abermals in vielen Fällen eine Vereinheitlichungstendenz erzeugt. Ist es doch stets eine Concentrirung der Nachfrage auf wenige Stellen, wodurch die. individuelle Geschmacksbethätigung, oder war es auch nur die Zufälligkeit der Einzelbedarfsdeckung, an Spielraum verlieren. In dem Masse wie Staats- und Communalthätigkeit sich ausdehnen, wird in Zukunft der Bedarf vieler Gegenstände einen einheitlichen Charakter erlangen. Man könnte hier von einer Bureaukratisirung des Consums reden. Ein interessantes Beispiel für einen fernerliegenden Causalzu- sannnenhang gedachter Art ist Folgendes: in der Schweiz sind bekanntlich die Lehrmittel in den Schulen verstaatlicht. Das hat zu einer solchen Uniformirung dieser Gegenstände geführt, dass nur noch Grossgeschäfte als Concurrenten hei der Lieferung in Frage kommen 1 ). 4. Wie aber die grosscapitalistische Unternehmung nicht an Ausdehnung zunehmen kann, ohne die Lohnarbeiterschaft zu vermehren, so kann die Tliätigkeit öffentlicher Körper nicht gesteigert werden, ohne dass das Heer der Beamtenschaft einen Zuwachs erhielte. Abermals ein Moment, das den Bedarf zu vereinheitlichen die Tendenz erzeugt. Denn mit dem Bureaukraten sowohl als dem in staatlichem oder städtischem Dienst stehenden Arbeiter wird eine Bevölkerungsschicht erzeugt, deren inneres und äusseres Wesen zunächst eine Uniformirung erfährt. Es zeigt sich das in der Gestaltung ihres Amtsbedarfs nicht minder als in der ihres Privatbedarfs: die einheitliche Kleidung ist für jene der besonders markante Ausdruck. Aber es wh - d im Allgemeinen nicht zweifelhaft sein, dass hundert Rathsdiener oder hundert Postsecretäre oder hundert Eisenbahnschaffner einen einförmigeren Privatbedarf haben werden als hundert Schuster, Schneider oder selbst Bauern. Die Schablonisirung ihres Gehirns wird viel weiter vorgeschritten sein dank dem völlig gleichen Milieu, in dem sie ihre Tliätigkeit ausüben und damit die Vereinheitlichung ihres Geschmacks und Werthurtheils; aber auch ihre Einkommen sind durch die etats- mässige Zuweisung ganz gleicher Portionen viel mehr ausgeglichen, als es je die Einkommen nicht beamteter Personen, welchen Charakters auch immer, sein können. Ist in den bisher besprochenen Fällen die Vereinheitlichung des Bedarfs durch das Auftreten neuer eigenartiger Abnehmerkreise hervorgerufen, so ist dasjenige, was man 5. die Collectivirung des Consums nennen kann, eine Erscheinung, die bei allen Consumentenschichten wenigstens im Gebiete der modernen Civilisation, in den Grossstädten, gleichmässig sich beobachten lässt. Darunter sind alle diejenigen Fälle zu verstehen, in ') Vergl. Fachberichte aus dem Gebiete der schweizerischen Gewerbe (189 G S. 210. Wirthschaft und Mode. 5 denen ein früher individuell oder familienweise befriedigter Bedarf nun für eine grössere Anzahl von Personen einheitlich gedeckt wird. Diese Entwicklung, wie man es auch bezeichnen kann, zur Socialisirung' unseres Daseins vollzieht sich, wie Jeder weiss, an tausend und aber tausend Stellen zugleich: hier als ein Ergebniss der grossstiidtischen Siedlungsweise überhaupt, wie in der Entstehung der Miethskasernen, der Vergnügungslokale, dort als besondere Folge fortgeschrittener Technik in der connnunalen Wasser-, Gas- und Electricitätsversorgung: häufig aber insbesondere als Begleiterscheinung der im Gefolge der grossstädtischen Entwicklung nothwendig sich vollziehenden Auflösung der früheren Privatfamilienwirthschaft. Sei es, dass weniger Familien- wirthschaften überhaupt begründet werden: Zunahme des Ledigbleibens. Liebesverhältnisse oder sogar Ehen ohne das Fundamentum eines sog. häuslichen Herdes; sei es, dass die Familienwirthschaften immer mehr sich von der Last der Güterverarbeitung, Ausbesserung etc. zu befreien streben, bezw. zu befreien in der Lage sind. Der Schwerpunkt der Bedarfsbefriedigung, mehr und mehr auch der des Nahrungsbedarfs, wird aus den Küchen und Stuben der Einzelhaushalte in die Speisehäuser und Cafe's verlegt*), was aber noch im Hause consumirt wird, kommt schon in fast völlig gebrauchsfertigem Zustand in die Familienwirthschaft. Alles dies wirkt wie ersichtlich in gleicher Richtung auf die Gestaltung des Bedarfs ein, indem sie ihn vereinheitlicht. Denn so sehr auch meinetwegen die Speisekarte eines Restaurants oder einer Genossenschaftsküche reichhaltiger ist, als das Menu eines Einzelhaushalts: sie ist sicher nicht so buntscheckig wie die Gesammtheit der Menus in all den Familien sein würde, deren Glieder an einem Abend im Restaurant essen. Und selbst, wenn sie es wäre, so würde doch der Grossbedarf an den einzelnen Bestandtheilen der Nahrung: Brot, Fleisch, Kartoffeln, Geflügel, Gemüse etc. den Bezug viel grösserer Quantitäten einer und derselben Waare ermöglichen. Was aber vielleicht bedeutsamer für die Vereinheitlichung des Bedarfs als alle vorhergehenden Entwicklungsmomente ist, ist eine innere Wandlung des Geschmacks, ist die bekannte Erscheinung der 6. Uniforinirung des Geschmacks, wie sie sich im Gefolge der Ausbreitung grossstädtischen Wesens mit dem zunehmenden Com- i) Dass diese Entwicklung erst in den Anfängen sicli befindet, kann für den aufmerksamen Beobachter nicht zweifelhaft sein. Eine ganz gewaltige Förderung wird sie erfahren’ in dem Maasse, wie die genossenschaftliche Wirthsohaftsführung an Ausdehnung gewinnen wird. Neuerdings hat diese Idee eine ebenso geistreiche, wie energische und besonnene Vorkämpferin in Frau Li 1 y Braun gefunden. Siehe deren Schrift. Hauswirthschaft und Sozialdemokratie. 1901. I) Wirthschaft und Mode. mercium in den modernen Staaten einzustellen pflegt. Ehedem entwickelt jede Landschaft ihren Geschmack und jeder Kleinstädter ist stolz auf seiner Väter Sitten: der Bürger trägt sich anders als der Bauer und dieser anders als der Edelmann. Die Auflösung alles ständischen und landschaftlichen Wesens durch die moderne capitalistische Entwicklung führt auch zu einer Nivell irung alles Geschmacks: von den grossen Centren des socialen Lehens, den Städten, aus Averden jetzt Kleidung und Wohnungseinrichtung, Avie jeder andere Güterbedarf in ihrer Eigenart für das ganze Land geregelt. Dass hier wiederum das Interesse der Grossproducenten nachgeholfen hat. ist geAAÜss. Aber im grossen Ganzen ist doch diese Vereinheitlichung des Geschmacks eine nothwendige Folge der ökonomischen GesammtentAvicklung 1 ). II. Wichtig ist es aber, zu beachten, Avie das grossstädtische Wesen den Bedarf selbst in seiner Art von Grund aus neu gestaltet. Ich nenne den Process, der sich hier vollzieht, die Urbanisirung des Bedarfs oder, Avenn man Avill, Consums. Die Anforderungen an unsere Gebrauchsguter Averden andere und in dem Masse, wie sich der Gebrauchszweck umgestaltet, wandelt sich auch das Werthurtheil über nützlich und schön, .federmann verbindet mit dem Ausdruck bäuerischer und städtischer oder gebildeter Geschmack eine ganz bestimmte Vorstellung. Will man den Unterschied in einem Worte zusammenfassen, so kann man vielleicht sagen, dass der Sinn für das Derbe, Solide, Dauerhafte geringer wird und an seine Stelle die Lust am Gefälligen, Leichten, Graziösen, am Chic tritt. Die Bauerndirne im scliAveren Faltenrock, den derben Rindslederschuhen, den bunten, dicken Wollstrümpfen, dem Mieder aus steifem Filz, dem groben Leinenhemd und dem plumpen Kopfschmuck, vielleicht gar mit Metallplatten, wie man es in Holland sieht, auf den festgeflochtenen Zöpfen, und dazu im Gegensatz die grossstädtische Confectioneuse in der hellen Battistblouse mit dem gelben Ledergürtel, den leichten Niederschuhen und den durchbrochenen Strümpfen, dem bunten Battisthemdchen und dem Matrosenhütchen auf dem Kopf mit der lose geschlungenen Haartocke — sie drücken frappant die Extreme der beiden Bedarfs- und Geschmacksrichtungen aus, zAvisclien denen sich die Entwicklung beAvegt hat. Wie es vor Allem der Wechsel des Gebrauchszwecks ist, der hier geschmackAvandelnd geAvirkt hat, dafür bietet die Geschichte des Schuh- ] ) Eine anschauliche Schilderung der Umbildung des Geschmacks in Bezug auf die Kleidung in einem kleinen Avestpreussischen Städtchen (Lübau) findet man in U. IV. 195 f. 201. Die MitAvirkung der „Mode“ bei diesem Unificirungsprocess Avird unten S. 1701 und öfters geAviirdigt. Wirtlisclmf't und Mode. werks ein lehrreiches Beispiel. Eine Bevölkerung, die auf dem Lunde, und auch noch eine, die in schlechtgepflasterten Kleinstädten lebt, braucht vor allem dauerhaftes und wasserdichtes Schuhwerk. Der Schaftstiefel alten Stils, wie er sich noch heute auch in Gressstädten bei alten Professoren und Bechnungsrüthen findet, dankt seine Entstehung einer Zeit und einer Strassen Verfassung, als es noch gelegentlich angebracht war, die Beinkleider in den Stiefelschaft zu stecken, um dem Schmutze und der Feuchtigkeit ein Paroli zu bieten. Als man noch häutig zu Pferde stieg, um über Land zu reiten, waren die hohen Reiterstiefel' die für Herren gegebene Fussbekleidung. Heute haben sich derartige schwerfällige Kleidungsstücke mit der .Wildschur" und den Ohrenwärmern auf wenige unwirthliche Gebiete Osteibiens zurückgezogen. Die stets saubere, wohlgepflasterte Stadt mit den plattenbelegten Bürgersteigen, das Reisen in der geheizten Eisenbahn, die Erfindung des Gummischuhes u. s. w. haben den Bedarf nach dauerhafter und wasserdichter Fussbegleitung eingeschränkt und statt dessen das Verlangen nach leichter, eleganter, wenn auch nicht so solider Schuh- Avaare rege werden lassen. Der alte Schaftstiefel, die „Röhre“, stirbt aus, von Gesichtspunkten der Hygiene, des Chics, der Bequemlichkeit aus erscheinen der Niederschuh, der leichte Knopf-, Schnür-, Zugstiefe] als das zweckmässigere Kleidungsstück und ihre Herrschaftssphäre dehnt sich aus. Ebenso Avie der ganz leichte Gesellschaftsschuh aus Lack oder Chevreau oder Atlas dank der schützenden Hülle der .Boots“ sich ein immer Aveiteres Absatzgebiet erobert; er, den ehedem nur die Damen in der Sänfte oder die Herrschaften im eigenen Gefährt riskiren konnten. Aber Avas mir den grossstädtischen Bedarf vor allem zu charakte- risiren scheint im Gegensatz zu dem ländlich-kleinstädtischen, ist seine viel grössere Unstetigkeit und Wandlungsfähigkeit. Damit kommen wir zu einer Veränderungstendenz in der modernen Bedarfsgestaltung, die allgemeineren Charakter trägt und vielfach auf Ursachen zurückzuführen ist, die nicht durch Vermittlung der Herausbildung städtischen Wesens, sondern directer wirksam sind. Wir werden deshalb eine gesonderte Betrachtung zu Avidmen haben der dritten grossen Umgestaltungstendenz im modernen Bedarf an geAverhlichen Gütern, nämlich jener EntAvicklungsreihe, die ich unter der Bezeichnung „Mobilisirung des Consums (und Bedarfs)“ zusammenzufassen für zweckdienlich halte. III. Es ist eine allbekannte Thatsache, deren Beobachtung sich jedermann aufdrängt, dass in unserer Zeit die meisten Güter kürzere Verbrauchsperioden haben als ehedem. Der Urväter Hausratli spielt heut zu 8 YVirthscbat't und Mode. Tage nur noch eine geringe Holle. Der junge Hausstand betritt mit völlig neuer Ausstattung den Plan, und während unsere Eltern noch Möbel, Betten, Wäsche, Bestecke und alles Geräth während ihrer Ehe — und mochten sie auch die goldene Hochzeitsfeier erleben — nur ausnahmsweise erneuten, ist es heute Hegel, dafs auch in besseren Häusern schon nach zehn, zwölf Jahren der Erneuerungsturnus beginnt. Wir selbst trugen noch die zurechtgemachten Kleider der Eltern und Geschwister und der berühmte „Bratenrock“ des Mannes, das Hochzeitskleid der Frau, spielten zumal in den unteren Klassen eine grosse Holle: sie hielten ein Leben aus und schleppten von Geschlecht sich zu Ge- schlechte wie eine ewige Krankheit fort. Der Handel mit gebrauchten Sachen, die Auffrischung alter Gegenstände waren in früherer Zeit, noch um die Mitte des XIX. Jahrhunderts, blühende Erwerbszweige. Bildeten doch die Altwaarenhändler in den meisten Städten eigene Zünfte. Und welches schwunghafte Geschäft muss es dereinst gewesen sein, dieser Handel mit gebrauchten Sachen, wenn wir sehen, Avie im 10. Jahrhundert die Notabein von Frankreich Beschwerde führen über die gefährliche Concurrenz, die die Schiffsladungen mit alten Hüten. Stiefeln, Schuhen etc., die von England herüberkamen, den ansässigen Gewerbetreibenden bereiteten l 1 ) Jetzt spielt der AltAvaarenhändler nur noch eine untergeordnete Holle. In den Trödlerläden hängen jetzt die Heihen neuer Anzüge und Mäntel, Avie sie aus der Werkstatt des SAveaters kommen, stehen neben altem Plunder immer mehr neue Tische und Spiegel aus gestrichenem Tannenholz. Ueberall rascher Wechsel der Gebrauchsgegenstände, der Möbel, der Kleider, der Schmucksachen. Man ist heute schon ein conservativer Mann, Avenn man seine Stiefel ZAveimal besohlen, lässt, und über die Braut wird Avohl gespöttelt, die noch wie ehedem die Hemden und Tischtücher von starkem Leinen dutzemhveise in ihrem Wäscheschränke aufstapelt. Was ist nun die Ursache dieser Wandelbarkeit, dieser Wechselfreudigkeit und Wechselhaftigkeit? Was ist es, das jene '„Mobilisirung- des Bedarfs“ bewirkt hat? Der oberflächliche Beobachter ist rasch mit der AntAvort zur Hand. Er Avill den Grund für jene Aenderung der ConsumtionsgeAvohnheiten ausschliesslich in der neuen Technik der Güterherstellung erblicken. .Die Sachen halten nicht mehr so gut Avie früher“, „bei den billigen ') Beschwerde der Notabeinversammlung im Jahre 1597, dass die Engländer „remplissent le royaume de leurs vieux chapeaux, bottes et savates qu’ils font porter ä pleins vaisseaux en Picardie et en Normandie.“ G. D’Avenel, Le mecanisme de la vie moderne, 1896, p. 32. Wirthschaft und Mode. 0 Preisen lohnt es sich gar nicht, lange an einem Gegenstände herumzuflicken : man wirft ihn weg, wenn er schadhaft ist und kauft einen neuen“. Bei näherem Hinsehen entpuppt sich dieser Erklärungsversuch als nichtssagende Phrase: dass die Sachen heute rveniger haltbar sind, für die man die entsprechenden Preise der früheren Zeit bezahlt, ist im Allgemeinen sicher nicht richtig: warum man aber wechselt, wenn man dank der Preisermässigung wechseln kann, bedarf offenbar erst der weiteren Begründung. Eine solche mag man in den vielfach veränderten Lebensbedingungen erblicken, unter denen namentlich die Städter heut zu Tage leben. Von grossem Einfluss auf die Art der Bedarfsgestaltungist hier offenbar die Verallgemeinerung der Miethswohnung gewesen. Sie hat das moderne Nomadenthum geschaffen und mit ihm die Abnahme der Lust am Dauernden, Festen, Soliden in der Wohnungseinrichtung. Schon dass diese fast nur noch aus „Mobilien“ besteht — jetzt schon bis auf die Oefen (Dauerbrandöfen!) — während doch ehedem die Sitze in den Fensternischen, die Ofenbank, ja selbst das Bett und mancher andere Hausrath mit dem Hause verwachsen war, hat eine Tendenz erzeugt, die Gegenstände leichter, weniger für die Ewigkeit berechnet zu machen. Und gar erst die Mobilisirung der Menschen selbst: dieses ewige Herumziehen von Ort zu Ort, von Strasse zu Strasse in derselben Stadt: muss es nicht den Wunsch nach leicht transportabeln Möbeln und Gütern nahelegen ? Man hält es kaum für möglich, wenn man liest, welchen Grad von Unstetigkeit die Bevölkerung heute erreicht hat. In einer Stadt wie Breslau von 400000 Einwohnern betrug (1899) die Zahl der umgezogenen Personen 194602, während innerhalb Hamburgs in demselben Jahre gar 212783 Parteien (!) ihr Domizil wechselten. Es wurden (1899) gemeldet . (NB. ausschliesslich der Beisenden) x ) in Berlin . Breslau Hamburg . Z u gezogene . 235611 . 60283 . 108281 A b gezogene 178654 54231 86245 Aber viel wichtiger ist doch der Umstand, dass mit der Veränderung der Technik und der äusseren Lebensbedingungen, was wir schon an verschiedenen Stellen zu constatiren Gelegenheit hatten, auch ein neues Geschlecht von Menschen herangewachsen ist. Menschen, die die Rastlosigkeit und Unstetigkeit ihres inneren Wesens auch in der äusseren Gestaltung ihres Daseins zum Ausdruck zu bringen trachten. Wir wollen den Wechsel unserer Gebrauchsgegenstände. Fis macht 0 Jahrbuch deutscher Städte 9, 253. 10 Wirtlischaft und Mode. uns nervös, wenn wir ewig ein und dasselbe Kleidungsstück an uns oder unserer Umgebung sehen sollen. Ein Abwechselungsbedürfniss beherrscht die Menschen, das oft geradezu zur .Rohheit in der Behandlung alter Gebrauchsgegenstände ausartet. Ein Ehepaar richtet sein Haus kaltlächelnd zur silbernen Hochzeit von oben bis unten neu ein. als ob die fünfundzwanzig Jahre gemeinsamer Nutzung nicht tausend Fäden zwischen den Bewohnern und ihren Möbeln gesponnen hätten, die zu zerreissen empfindsamen Naturen als eine Barbarei erscheint. Alter das heranwachsende Geschlecht weiss nichts von der „Rührseligkeit“ und „Gefühlsduselei“ der früheren Zeit. Es ist härter geworden i% und damit sind auch die Beziehungen des Menschen zu den Gegenständen seines täglichen Gebrauchs jenes oft so gerniitlivollen und romantischen Zaubers entkleidet, der in die Zimmer unserer Eltern trotz aller ästhetischen Versündigungen doch jene Wärme hineintrug, die heute den glänzenden Salons der Enkel — ach wie häufig! — fehlt. Nun ist aber endlich zu einem beträchtlichen Theil der ewige . Wechsel, den wir mit unseren Gebrauchsgegenständen vornehmen, gar nicht einmal Ausfluss einer freien Entschliessung. ln ausserordentlich vielen Fällen untersteht der Einzelne dem Zwange, den die Sitte, den seine Gruppe auf ihn ausübt. Er wechselt, weil er wechseln muss. Der Wechsel ist aus einer individuellen eine sociale Thatsache geworden, und damit gewinnt er. erst jene weittragende Bedeutung, die ihm heute innewohnt. Der Leser sieht, bis zu welchem Punkte die Untersuchung gefördert ist: wir stehen vor dem Problem des Modewechsels, und das Thema, dessen Lösung uns obliegt, erheischt eine Erklärung dieses Phänomens: eine Theorie der Mode. Es ist schon manches kluge Wort über die Mode gesprochen und geschrieben worden. Von gelehrten Kulturhistorikern 1 * ), von tiefgründigen Psychologen 8 ), von geistvollen Aesthetikern 3 * * * * ). Nur wie wir das so gewohnt sind, wenn wir nach den Nationalökonomen fragen, die ^ unsern Gegenstand etwa behandelt haben, so finden wir nur geringe ' Spuren ernsthafter Untersuchungen; meist nur Wiederholungen dessen, was Nichtfachmänner darüber geschrieben haben. Durch alle Compendien und Lehrbücher schleppt sich der mässig gute Witz von Storch, der die Mode als „Meinungsconsumtion“ be- ; l) Vergl. die Werke, die die Geschichte der Mode und Trachten behandeln: F a 1 k e . Die deutsche Trachten- und Modemveit. Ein Beitrag zur deutschen Kulturgeschichte. 1858. Weiss, Kostümkunde. J. Lessing, Der Modeteufel, und viele andere. Eine kurzweilige, populär geschriebene Geschichte der (Kleider-) Mode enthält die Schrift von Rud. Schulze, Die Modenarrheiten. 1868. -) Vergl. z. B. G. Simmel. Zur Psychologie der Mode in der „Zeit“, 12. Okt. 1895. a ) Friedrich Theodor Vis eher hat eine seiner amüsantesten Schriften unserem Thema gewidmet: Mode und Cynismus, zuerst 1878. 3. Auflage. 1888. Wirtliscliaft und Mode. 11 zeichnet hat. Darüber hinaus ist man bis heute, soviel ich sehe, nicht gekommen. Man zankt sich höchstens gelegentlich einmal darüber herum, ob bezw. bis zu welchem Grade die .Mode“ unter ethischem Gesichtspunkte verdanniienswerth sei und damit basta. Demgegenüber sind etwa Folgendes die hauptsächlichsten Momente, auf welche eine ökonomische Theorie der Mod e Obacht zu geben hätte. Sie würde zunächst zu fragen haben, worin die Bedeutung der Mode für das Wirthschaftsleben zu suchen ist, und würde sie alsbald finden in dem Einfluss, den sie auf die Bedarfsgestaltung ausübt. Ueber den Begriff der Mode wird man sich nicht lange zu streiten brauchen. Man kann die Definition Yi sch er’s: .Mode ist ein Allgemeinbegriff für einen Complex zeitweise gültiger Culturformen“ ohne grosse Bedenken annehmen, wenn man den einzelnen Bestandtheilen der Begriffsbestimmung nur den richtigen Sinn unterlegt. Für das Wirthschaftsleben sind es zwei nothwendige Begleiterscheinungen jeder Mode, die vornehmlich in Betracht zu ziehen sind: 1. die durch sie erzeugte Wechselhaftigkeit, aber ebenso, was häufig übersehen wird, 2. die von ihr bewirkte Vereinheitlichung der Bedarfsgestaltung. Denken wir uns eine Bedarfsgestaltung, die von der Mode unabhängig ist, so würde die Nutzungsdauer für den einzelnen Gebrauchsgegenstand vermuthlich länger, die Mannigfaltigkeit der einzelnen Gebrauchsgüter wahrscheinlich erheblich grösser sein. Jede Mode zwingt immer eine grosse Anzahl von Personen, ihren Bedarf zu unificiren, ebenso wie sie sie nötliigt, ihn früher zu ändern, als es der einzelne Consument, wäre er unabhängig, für erforderlich halten würde. Beides: Vereinheitlichung und Wechsel sind relative Begriffe. Wann insbesondere letzterer beispielsweise die .Tracht“ zur .Mode“ werden lässt, ist schwer durch eine Zeitangabe zu bestimmen. Man wird sagen dürfen, dass jede Geschmacksänderung, die zu einer Umgestaltung des Bedarfs während der Lebensdauer einer Generation führt, .Mode“ sei. Aber auf derartige begriffliche Unterscheidungen kommt es viel weniger an als auf die vergleichende Betrachtung der Art und Weise, wie die verschiedenen Zeiten ihre Bedarfsgestaltung Veränderungen unterworfen haben. Dies führt uns dazu, zu fragen: ob denn wirklich erst die Gegenwart es sei, die die „Mode“ in die Geschichte eingeführt habe, und mit welchem liechte wir hier, wo es sich darum handelt, die Herausbildung des modernen Wirthscliaftslebens zu schildern, die .Mode“ als einen Bestandtheil der Neuerungen bezeichnet haben. Unzweifelhaft ist die .Mode“ keine dem 19. Jahrhundert eigene Erscheinung; wir werden ihre Entstehung, wenn sich von einer solchen überhaupt reden lässt, sicher in eine viel frühere Zeit verlegen müssen. Zwar möchte ich nicht so weit wie Julius Lessing gehen, 12 Wirthschaft und Mode. der den . Modeteufel “ in allen Jahrhunderten gleichmässig am Werke sieht: denn das Schelten auf neu eingeführte Kleidertrachten, wie wir es in der moralisirenden Literatur seit den Kirchenvätern finden, lässt doch nicht ohne weiteres auf die Existenz einer .Mode - im modernen Sinne scliliessen. Dagegen begegnen wir unzweifelhaft der echten Mode in den italienischen Städten schon des 15. Jahrhunderts 1 ) und während des 16. und 17. scheint auch im Norden die .Modenarrheit“ erheblich an Ausdehnung gewonnen zu haben. 2 ) In Venedig und Florenz gab es zur Zeit der .Renaissance für die Männer vorgeschriebene Trachten und für die Frauen Luxusgesetze. Wo die Trachten frei waren, wie z. B. in Neapel, da constatiren die Moralisten, sogar nicht ohne Schmerz, dass kein Unterschied mehr zwischen Adel und Bürger zu bemerken sei. Ausserdem beklagen sie den bereits äusserst raschen Wechsel der Moden und die thörichte Verehrung alles dessen, was aus Frankreich kommt, während es doch oft ursprünglich italienische Moden seien, die ' man nur von den Franzosen zurückerhalte (Burckhardt). Und die für die Machthaber köstliche Zeit des ancien regime, das Jahrhundert der Watteau, Boucher, Fragonard, Greuze können wir uns gar nicht anders als unter dem launischen Scepter der Modegöttin stehend vorstellen. Wenn Mercier an einer Stelle ausruft 3 ): _il est plus difficile ä Paris, de fixer Fadnhration publique que de la faire naitre; on brise inqntoyablement l’idole qu’on encensait la veille et des qu’on s'aper^oit qu’un homme ou quun parti veut dogmatiser, on rit; et voilä soudain rhomnie culbute et le parti dissous-, so hätte er diese Worte seinem ganzen Werke als Motto vorsetzen können, denn sie kennzeichnen die Wesenheit Alles dessen, was er uns von dem alten Paris erzählt. Und trotzdem ist man versucht zu behaupten, dass das innerste Wesen der Mode sich erst in dem verflossenen Jahrhundert, ja erst seit einem Menschenalter voll entfaltet habe, dass jedenfalls erst in der letzten Zeit die Eigenarten der Mode sich bis' zu einem Grade ausgeprägt haben, der sie befähigte, jenen bestimmenden Einfluss auf die Gestaltung des Wirtlischaftslebens auszuüben, der allein uns an dieser Stelle das Interesse für die Mode einzuflössen vermag. Was aber die moderne Mode vornehmlich charakterisirt und was die Mode früherer Zeiten entweder gar nicht oder doch nur in einer unendlich viel geringeren Intensität besass, ist folgendes: p Vergl. J. Burckhardt, Cultur der Renaissance, 3. Aufl., 2 (1878), 111 ff. 2 ) Die Literatur beschäftigt sich immer häufiger mit der „Modenarrheit“: vergl. z. B. Ludw. Hart mann, Der ä la mode-Teufel, 1675 (von Lessing citirt); oder die Stellen hei Horneck. Oesterreich über Alles, wenn es nur will (168f) S. 18. 3 ) Mercier, Tableau de Paris 2 (1783), 75. Wirtlisclmft und Modo. 1Ü 1. die unübersehbare Fülle von G e b r a u c h s g e g e n s t il n d e n, auf die sie sich erstreckt. Diese Mannigfaltigkeit wird erzeugt einmal durch die reichere Ausgestaltung der Güterwelt überhaupt. Was beispielsweise heut zu Tage zur Vollendung der weiblichen Toilette, was zum Bedarf eines Löwen des Salons gehört, grenzt an das Fabelhafte. Und je unnützer der Gegenstand, desto mehr der Mode unterworfen. Was das Gigerl, wenn es in feldmarschmässiger Ausrüstung sich befindet, allein an .Gebrauchsgegenständen“ ausser der completen Kleidung auf dem Leibe tragen muss, füllt zusammengelegt ein kleines Köfferchen an. Die Mannigfaltigkeit der „Modeartikel“ wird aber des weiteren auch dadurch gesteigert, dass immer neue Kategorien von Gebrauchsgütern in den Bereich der Mode gezogen werden. So sind erst in neuerer Zeit recht eigentlich der Mode unterworfen nur von Bekleidungsgegenständen: Wäsche, Cravatten, Hüte, namentlich Strohhüte, Stiefel, Regenschirme u. A.; 2. ist es die absolute Allgemeinheit der Mode, die erst in unserer Zeit sich eingestellt hat. Während in der Renaissancezeit, trotz des beginnenden Einflusses Frankreichs, die Verschiedenheit der Mode selbst in den einzelnen Städten Italiens noch fortdauerteund doch immerhin auch im grossen Ganzen bis in’s 19. .Jahrhundert hinein, die Gleichförmigkeit der Bedarfsgestaltung auf je einen Stand, auf eine bestimmte sociale Klasse beschränkt blieb, ist es die Wesenheit unserer Zeit, dass mit der Ausdehnungsintensität gasförmiger Körper sich jede Mode binnen kürzester Zeit über den Bereich der gesannnten modernen Oulturwelt verbreitet. Die Egalisirungstendenz ist heute durchaus eine allgemeine und wird durch keine räumliche und keine ständige Schranke mehr aufgehalten. Endlich ist 3. das rasende Tempo des Mo de Wechsels ein ebenfalls der Mode unserer Zeit charakteristisches Merkmal. Was wir aus vergangenen Jahrhunderten von dem Modewechsel erfahren, ist doch immer nur eine höchstens nach Jahren rechnende Verschiebung der Bedarfsgestaltung. Heute ist es kein seltener Fall mehr, dass beispielsweise eine Damen- kleidermode in einer und derselben Saison vier- bis fünfmal wechselt. Und wenn wir bei irgendeiner „Mode“ eine Lebensdauer von mehreren Jahren nachweisen zu können glauben, so setzt uns das höchlichst in Erstaunen und wir sprechen schon davon, wenn es sich um eine Kleidermode handelt, dass die betreffende Eigenart anfange, einen Bestandteil unserer „Tracht“ zu bilden: wie beispielsweise der Frack der Herren. Aber auch in diesem Falle betrifft die Dauer doch immer nur einen Typus als Ganzes betrachtet: an den Einzelheiten bosselt und nestelt che Mode gleichwohl immer weiter herum. Wer möchte beispielsweise 9 J. Burckliardt, a. a. 0. S. 113. 14 VVirthscliat't und Mode. den zwei- oder dreijährigen Frack nicht an der Unterschiedlichkeit in Schnitt und Stoff vom modischen Frack jederzeit, zu erkennen sich anheischig machen? „Wie ein unartiges Kind, das keine liuhe giebt, so treibt es die Mode, sie thut’s nicht anders, sie muss zupfen, rücken, umschieben, strecken, kürzen, einstrupfen, nesteln, krabbeln, zausen, strudeln, blähen, (juirlen, schwänzeln, wedeln, kräuseln, aufbauschen, kurz, sie ist ganz des Teufels, jeder Zoll ein Affe, aber just auch 'darin wieder steif und tyrannisch, phantasielos, gleichmacherisch, wie nur irgend eine gefrorene Oberhofmeisterin spanischer Observanz; sie schreibt mit eisiger Ruhe die absolute Unruhe vor, sie ist wilde Hummel und mürrische Tante, ausgelassene]' Backffschrudel und Institutsvorsteherin, Pedantin und Arlekina in einem Athem.“ *) Was ist es nun aber, das alle diese der Mode eigentümlichen Züge gerade in unserer Zeit, die sich selbst mit Vorliebe das Prädikat der aufgeklärten beilegt, so scharf herausgearbeitet hat? Diese Frage ist naturgemäss schon oft aufgeworfen und ebenso oft beantwortet worden, aber ich muss gestehen, dass keiner der Erklärungsversuche mich voll befriedigt. Ich meine nicht jene Deutungen des Wesens der Mode überhaupt. Hier sind die Untersuchungen Simmel’s und Vis eher's derart, dass ihnen kaum etwas Heues hinzugefügt werden könnte. In dem Grundgedanken dieser beiden Schriftsteller, dass die Mode „eine besondere unter jenen Lebensformen darstellt, durch die man ein Compromiss zwischen der Tendenz nach socialer Egalisirung und der nach individuellen Unterscheidungsreizen herzustellen sucht“ (Simmel), ist sicher die psychologische Eigenart modemässigen Verhaltens richtig zum Ausdruck gebracht, sondern ich meine jene Theorien, die die intensive Entfaltung der Modehaftigkeit in unserer Zeit, die Durchtränkung des gesammten socialen Lebens der Gegenwart mit Mode, die insbesondere die oben namhaft gemachten Speciüca der modernen Mode zu erklären sich anheischig machen. Sie tragen alle ein ausgesprochen doctrinärgekünsteltes Gepräge: wenn Vis eher beispielsweise die stark ausgeprägte Modehaftigkeit der Gegenwart als eine Frucht der scharfen Zuspitzung der Reflexion ansieht, zu welcher die Gedankenströmungen des 18. Jahrhunderts das Bewusstsein gewetzt und geschliffen haben. Man merkt ihnen auf den ersten Blick an, dass ihre Verfasser keine rechte Vorstellung haben von der Art und Weise, wie denn „die Mode“ heutigen Tags entsteht, also auch nicht von den treibenden Kräften, die bei ihrer Bildung hauptsächlich thätig sind. Mir scheint aber, als ob eine genaue Kenntnis dieser Vorgänge uns allein in Stand setzt, den unserer Zeit eigenthümlichen Verumständungen ff V i s c h e r, a. a. 0. S. 52. Wirthschaft uml Mode. 15 bei der Bildung der Mode auf die Spur zu kommen und also auch allein die Mittel an die Hand giebt, die aufgeworfene Frage sachgemiiss zu beantworten. Um die ausserordentlich complicirten Zusammenhänge, um die es sich bei der Entstehung der Mode handelt, möglichst deutlich zur Anschauung zu bringen, greife ich eine bestimmte Geschäftsbranche, in der die Mode ja eine hervorragende Holle spielt, heraus: die Damenkleidung, und werde zunächst einfach erzählen, wie in ihr die Entwickelung der Mode sich zu vollziehen pflegt.') Nehmen wir zum Ausgangspunkt ein Bi eslauer Damenmäntel- Confectionshaus und treten wir in seine Geschäftsräume etwa in der Pfingstwoche 1900 ein. So sehen wir die Detailverkaufsräume natur- gemäss angefüllt mit Jackets und Mänteln, die im Frühjahr und Sommer 1900 bedurft werden und deren Schicksal uns hier nicht interessiren soll; wir finden dagegen die grossen Engrosverkaufshallen voller Kleidungsstücke, die im Winter 1900/1901 getragen zu werden bestimmt sind. Es sind einstweilen nur „Collectionen“, „Musterungen“, nach denen die zureisenden Händler der Provinz ihre Bestellungen machen, dieselben Collectionen, mit denen in der Woche nach Pfingsten der Schwarm der Reisenden auf der Suche nach Kunden ausserhalb Breslaus auszieht. Diese Mäntel und Jacken tragen eine Mode: die Mode des kommenden Winters. Wi$ ist sie entstanden? Zunächst sagen wir einmal auf dem Wege der Inzucht: Zeichner unseres Breslauer Hauses haben in Anlehnung an die herrschende Sommermode Entwürfe für Wintersachen gemacht, die dann zur Ausführung gebracht sind: nach Gutdünken. Aber in der Hauptsache ist es doch fremder Geist, der in den Kleiderregalen unseres heimischen Geschäftes haust: die meisten der dort ausgestellten Stücke sind nach Berliner Modellen, die der Leiter des Geschäfts ein paar Wochen vorher in der Reichshauptstadt bei den tonangebenden Confectionären, den Mannheimer und Consorten eingekauft hat. Unser Weg zur Quelle der Mode führt uns also zu- fi Die folgende Darstellung beruht im Wesentlichen auf eigener Anschauung und Aussprache mit Grossindustriellen und Grosshändlern der verschiedenen Branchen. Das einzige, was aus der Literatur zu verwenden ist, ist das Werk von Coffignon, Les Coulisses de la Mode (ca. 1888), dem ich viel Anregung verdanke. Es ist aber durchaus feuilletonistisch-skizzenliaft gehalten. Ferner hieten einen reichen Stoff an Einzelthatsachen, die freilich erst für die Zwecke der wissenschaftlichen Yer- werthung zurechtgemacht werden müssen, die zahlreichen Fachzeitschriften, deren jede Branche ein halbes Dutzend und mehr besitzt, namentlich die österreichischen, französischen und amerikanischen. Ganz besonders reichhaltig ist die deutsche Zeitschrift „Der Confectionär“, der während der Saison zweimal wöchentlich in Nummern von je 64 Folioseiten erscheint. Die im Text gegebeno Darstellung ist an der Hand des Inhalts der letzten Jahrgänge des „Confectionärs“ auf ihre Richtigkeit hin geprüft worden. 16 Wirtlisclmft und Mode. nächst nach Berlin: welcher Eingebung verdanken die Berliner Muster ihr Dasein? Theil weise wiederum eigener Conception: ein grösserer und gewandterer Stab von Dessinateuren, die im Dienste der Berliner Confectionäre ihre Kunst verwerthen, hat aus den Vorlageblättern für &lili] r*m* '?■? Sfi'^’ : ;if}' ■fW**'/ ^'.tn< > a^^ »** ,*-’'^Ä3R'V Verlag von J. P. BERGMANN in Wiesbaden. Zur acuten Ueberanstrengung des Herzens und deren Behandlung. Nebst einem Anhänge über Beobachtungen mit Röntgenstrahlen. Von Professor Dr. Th. Schott, Bad Nauheim. Mit neimundzvanzig Abbildungen im Text. 2 Röntgenbilder auf Taf. I u. II. und zwei Radiogrannnen auf Taf. II u. 111. Dritte umgearbeitete und vermehrte Auflage. M. 1.00. Ueber chronische Herzmuskelerkrankungen. Von Professor Dr. Th. Schott, Bad Nauheim. Mit 11 Abbildungen im Texte und 4 Radiogrammen auf Taf. I/II und 2 Lichtdruck-Tafeln. M. !.—■ Von Professor Dr. Ledderliose in Strassburg. Preis M. 1.20. Die Abschätzung der Erwerbsfähigkeit von Dr. Paul Reichel, Chefarzt des Stadt-Krankenliauses in Chemnitz. Preis M. 1 .—. Anleitung zur Berechnung der Erwerbsfähigkeit bei Selistöruiigen. Von Dr. nied. Groenomv, Privatdozent der Augenheilkunde an der Universität Breslau. Preis M. 2.40. Verlag von .1. F. BERGMANN in Wiesbaden. Kochbuch für Zuckerkranke und Fettleibige. Unter Anwendung von Aleuronat-Mehl und -Pepton • von F. W. Verfasserin der „365 Speisezettel für Zuckerkranke“. Dritte ve rmehrte und verbesserte Auflage. Preis M. 2.—. Mit 20 Rezepten über Zubereitung von Aleuronatbrot und Mehlspeisen. Dritte ve rmehrte und verbesserte Auflage. Von F. W. Preis eleg. gebunden 31. 2 .—. Die Krankenkost. Eine kurze Anweisung, wie dem Kranken die Speisen zu bereiten sind. Mitgetheilt aus 40jähriger eigener Erfahrung von Justine Hidde, Diakonissin vom Mutterhause Danzig, in Berlin. Mit einem Vorwort von Dr. med. Martin Mendelsohn, Professor an der Universität Berlin. Preis elegant gebunden Mlc. 2 .— Kritische Betrachtungen über Ernährung, Stoffwechsel und Kissinger Kuren. Von Dr. B. Brasch, Kurarzt in Bad Kissingen und San Kemo. 31. 1.40, gebunden 31. 1.80. Probleme und Ziele der Plastischen Chirurgie. Von Professor Dr. Th. Gluck in Berlin. Verlag von J. F. BE'KGMANN in .Wiesbaden. Soeben erschien: . Die i anorganischen Salze im menschlichen Organismus. Nach/ den Grundsätzen der modernen Chemie. 1 systematisch zusammengestellt von Dr. R. Brasch in Bad Eissingen. Erste Abtheilung. — Preis: Mk. 2.40. I. Die Elemente, ihre physikalischen und chemischen Eigenschaften in Bezug anf den menschlichen Organismus: 1. Einleitung. 2. Die Ionen der anorganischen Verbindungen. 3. Die Kationen. 4. Die Anionen. 5. Elemente, welche bald als Kationen, bald als Anionen auftreten. 6. Die Beziehungen der Ionen zum lebenden Organismus. II. Die anorganischen Salzlösungen im menschlichen Organismus: 1. Die anorganischen Salzlösungen im Allgemeinen. 2. Berechnung der Ionen und Salze einiger Lösungen anorganischer Salze im menschlichen Organismus. a) Die anorganischen Salze im Blute, h) Die Salzsäure im Magensaft. c) Die Harnabsonderung. d) Die Kohlensäureausseheidung. 3. Die Erhaltung der Alkalescenz des Blutes. 4. Die anorganischen Salzlösungen als Leiter der Elektrizität. III. Die Beziehungen (1er anorganischen Salze zu (len verschiedenen Zellensystemen: 1. Die Beziehungen der anorganischen Salze zu den Zellen im Allgemeinen. 2. Die Resorption der anorganischen Salze. 3. Die anorganischen Salze in den Blutzellen. 4- Die anorganischen Salze in den Knochenzellen. 5. Die anorganischen Salze in den Nieren. 6. Die Funktionen der anorganischen Salze in den Zellen. 7. Der osmotische Druck. 8. Die physikalisch-chemische Beschaffenheit der Zellenmembran. Verlag von J. F. BERGMANN in Wiesbaden Spezielle Pathologie und Therapie Magen- und Darmkrankheiten von Professor Dr. Richard Fleischer in Erlangen. Preis M. 12 .—. Das vorliegende Werk, das einen — besonders käuflichen — Abschnitt des Fleischer’schen Lehrhuchs der inneren Medizin darstellt, ist in Bezug auf Durchführung einer wirklich systematischen Darstellung vielleicht das Hervorragendste. was in den letzten Jahrzehnten in der klinischen Medizin geschrieben worden ist. Es ist keineswegs nur eine „Pathologie und Therapie“ der betreffenden Krankheiten, sondern es enthält neben ausführlichen und sehr dankenswerten geschichtlichen Einführungen in die einzelnen Kapitel noch jedesmal eine durchaus erschöpfende Abhandlung über die dazu gehörigen physiologischen Verhältnisse, sodass in dem Rahmen der Klinik auch noch eine Physiologie der Verdauung, Assimilation und Ernährung eingefügt ist. Dabei wird man hei genauerem Durchlesen der einzelnen Abschnitte, sowohl der physiologischen wie der diagnostischen und therapeutischen entnehmen, welchen Antheil der Autor an dem Ausbau der modernen Lehre der Verdauungspathologie hat. Besonders die Diätetik, die ja seit langer Zeit in Erlangen Gegenstand weit angelegter, wissenschaftlicher Untersuchungen ist, lässt dies in ihrer mannigfachen Bearbeitung deutlich erkennen. — An Anschaulichkeit verliert das Buch durch seine Gründlichkeit keineswegs, es ist klar und durchsichtig geschrieben, zudem erleichtert eine geschickte und glückliche Einteilung und Benennung der einzelnen Unterabschnitte,-sowie die verschiedene Druckart, die Uebersichtlichkeit ungemein. — Auf diese Weise ermöglicht das Werk das eingehendste Studium der betreffenden Krankheiten vielleicht eingehender, als es durch irgend eines der anderen modernen Lehrbücher über Magenkrankheiten erworben werden kann. Der Preis ist übrigens im Verhältnis zu dem Umfang des Werkes auft'alleud niedrig. Dr. G. Honigmann i. d. Zeitschrift für pralct. Aerzte. Verlag von .T. F. BERGMANN in Wiesbaden. Lehrbuch der Histologie des Menschen einschliesslich der mikroskopischen Technik. Von Dr. A. A. Böhm, Prosektor und Dr. M. v. Davidoff, vorm. Assistent am anatomischen Institut zu München. Mit 246 Abbildungen. Zweite vermehrte Auflage. M. 7.—, geh. M. 8.—. Abriss der pathologischen Anatomie. Von Dr. G. Fiitterer. vormals I. Assistent am patholog.-anatom. Institut der Universität Wttrz- hurg, z. Z. Professor der patholog. Anatomie und Medicin in Chicago. Zweite Auflage. M. 4.60. Lehrbuch der physiologischen Chemie. Von 0. Hnmmarsten, Prof, der med. u. phys. Chemie a. d. Universität Upsala. Vierte völlig umgearb. Auflage. M. 15. . Schema der Wirkungsweise der Hirnnerven. Von Dr. J. Hei- berg', weiland Professor an der Universität Christiania. Zweite Auflage. M. 1.20. Grundriss der chirurgisch-topograph. Anatomie. Mit Einschluss der Untersuchungen an Lebenden. Von Dr. 0. Hiide- hrand, Professor an der Universität Basel. Mit einem Vorwort von Dr. Franz König, ord. Professor der Chirurgie, Geh. Med.-Rath, Direktor der Chirurg. Klinik in Berlin. Zweite verbesserte und vermehrte Auflage Mit 98 theils mehrfarbigen Textabbildungen. M. 7.—, geh. M. 8.'—. Grundriss der Augenheilkunde. Unter besonderer Berücksichtigung der Bedürfnisse der Studirenden und praktischen Aerzte. Von Dr. M. Knies, Professor a. d. Universität Freiburg. Dritte Auflage. AI. 6.—. Die Methoden der praktischen Hygiene. Von Dr. K. B. Lehmann, Professor am Hygien. Institut der Universität Würzburg. Zweite gänzlich umgearbeitete Auflage. M. 18.—. Lehrbuch der Augenheilkunde. Von Professor Dr. J. v. Michel in Berlin. Zweite umgearbeitete Auflage. M. 20.—, geh. M. 21.60. Klinischer Leitfaden der Augenheilkunde. Von Dr. J. v. Michel, o. ö. Professor der Augenheilkunde an der Universität Berlin. Zweite Auflage. geh. AL 6.—. Grundriss der pathologischen Anatomie. Von Dr. Hans Schmaus, erster Assistent am pathologisch - anatomischen Institut und Professor an der Universität München. Fünfte vermehrte Auflage. Alit 270 theil- weise farbigen Textabbildungen. M. 12. —, geh. M. 13.60. Taschenbuch der Medizinisch-Klinischen Diagnostik. Von Dr. Otto Seifert, Professor in Würzburg, und Dr. Friedr. Müller, Professor in Basel. Zehnte Auflage, ln englischem Einhand. AI. 4.—. Rezepttaschenbuch für Kinderkrankheiten. Von Dr. Otto Seifert, Professor in AVürzburg. Dritte vermehrte Auflage. AL 2.80. Verlag von J. P. BERGMANN in Wiesbaden. Gesichts,Störungen und Uterinleiden. Von Geh. Med.-Rath Professor T)r. A. Mooren in Düsseldorf. Ziveite umgearbeitete Auflage. M. 1.80. Auszug aus dem Inhaltsverzeichniss: I. l)io Einwirkung der Geschlechtsreife auf den Gcsanuntorganismus. II. Der Einfluss der Uterinstörungen auf das Entstehen der Augenleiden. III. Das Zurücktreten der Menstruation. IV. Der Einfluss der Parametritis. V. Die Lageauomalien des Uterus. VI. Die Hysterie. VII. Die Basedow’sche Krankheit. VIII. Die Einwirkung der Schwangerschaft und des Wochenbetts. IX. Das Klimakterium der Frauen. X. Therapeutische Bemerkungen. Diagnose und Therapie der nervösen Frauenkrankheiten in Folge gestörter Mechanik der Sexualorgane. Ahn Dr. med. M. Krantz in Barmen. M. 2.40. Die Wechselbeziehungen zwischen Frauenleiden und allgemeinen, insbesondere nervösen Krankheiten, werden immer noch viel zu wenig beachtet. Darum muss es als ein Verdienst des Verfassers bezeichnet werden, wenn er diese, häufig recht schwer zu beurtheilenden Verhältnisse einer monographischen Bearbeitung unterzogen hat. Die Anordnung des Stoffes ist eine sehr übersichtliche, und die Sprache klar und präcise. Bei der Therapie will Verf. die Massage in ausgiebiger Weise angewendet wissen, ohne dass deshalb die anderen, als gut bewährten Heilmethoden ausser Acht gelassen werden. Es ist zu wünschen; dass das Buch einen grossen Leserkreis findet, damit gerade dieses Gebiet eine weitere Bearbeitung findet. Man muss sich nur davor hüten, wirklich nervöse Allgemeinleiden, welche durch ein zufällig gleichzeitiges Frauenleiden komplizirt sind, als solche zu verkennen und zu glauben, dass nun alle die nervösen Symptome verschwinden werden, wenn das Frauenleiden beseitigt ist Abel-Berlin, i. <1. „Medicin der Gegenwart“. Verlag von J. F. BERGMANN in Wiesbaden. Lehrbuch der Nachbehandlung nach Operati onen. Bearbeitet von Dr. Faul Reichel, Chefarzt des Stadtkrankenhauses in Chemnitz. Mit 44 Abbildungen im Texte. — Preis M. 8.00. Auszug aus den Besprechungen. . . . Der verdienstvolle Verfasser hat sich die dankbare Aufgabe gestellt, das in den meisten chirurgischen Lehrbüchern etwas stiefmütterlich behandelte Gebiet der Nachbehandlung nach Operationen in ausführlicherWeise zu beleuchten, weil er selbst als klinischer Assistent diese Lücke der Bücher empfunden hat. Ist doch gerade die Nachbehandlung für den Erfolg der Operation häufig bestimmend und vielfach wichtiger und grössere Erfahrung erfordernd, als der Eingriff selbst. Das Buch wird sich in der ärztlichen Praxis viele Freunde erwerben. Aerztliehe Sachverständigen-Zeitung. . . . Das Werk soll der grössten Zahl der praktischen Aerzte und der Anfänger in der Chirurgie ein Ifathgeber sein für das ärztliche Verhalten vom Schlüsse der Operation bis zur Vollendung der Heilung des Operirten. Die Wundbehandlung und die Störungen der Wundheilung, die bei etwaigen Komplikationen zu ergreifenden Maassnahmen, sowie endlich eine genaue klinische Schilderung der möglichen Komplikationen bilden den Inhalt dieses eigenartigen Lehrbuches. Die Gefahr, hierbei allzu weit in das Gebiet der allgemeinen und speziellen chirurgischen Pathologie hinüberzugreifen, hat R. meist geschickt vermieden. Das Buch verdient entschieden eine weite Verbreitung unter den praktischen Aerzten. Schmidt's Jahrbücher. Das Buch bietet mit seinem reichen Inhalt etwas völlig Neues. Noch nie ist in so gediegener Weise und aus der Feder eines so erfahrenen Chirurgen der Versuch gemacht worden, dem praktischen Arzte eine Darstellung der bei der Nachbehandlung nach Operationen verfügbaren Hilfsmittel zu geben. In jedem Kapitel tritt die reiche Erfahrung, die sorgfältige Krankenbeobachtung und die kritische Verwerthung des Selbsterlehten zu Tage. Für Assistenzärzte an Krankenhausabtheilungen, für praktische Aerzte, welche früher oder später nach einer Operation die Patienten zur Weiterbehandlung übernehmen, ist das Buch unentbehrlich. Und für alle diejenigen Aerzte, welche die praktische Schulung an einer chirurgischen Krankenhausabtheilung vermissen, bietet das Buch in gewisser Weise einen Ersatz für das Entbehrte. So wünschen wir dem Buche grosse Verbreitung in der Ueberzeugung, dass die Aerzte durch das Studium desselben reichen Gewinn für den praktischen Beruf davon haben werden. Professor Dr. Hetterich i. d. Münchener med Wochenschrift. Verlag von J. F. BERGMANN in Wiesbaden. Die Verletzungen des Auges. Ein Handbuch für den Praktiker von Dr. med. E. Fraun, Augenarzt in Darmstadt. Alk. 12 .—. . . . Durch das vorliegende Werk ist eine empfindliche Lücke in der deutschen ophthalmologischen Litteratur ausgefüllt. Seit der Einführung der anti- und aseptischen Wundbehandlung fehlte es an einer erschöpfenden Darstellung dieses praktischen hochwichtigen Abschnittes der Augenheilkunde. Die einzige grössere Monographie über das gleiche Thema, das bekannte Buch von Zander und Geissler, stammt aus dem Jahre 1864, und aus späterer Zeit liegen nur kompendiöse Bearbeitungen des Gegenstandes oder encyklopädische, mehr für das Bedürfnis des praktischen Arztes geschriebene Abhandlungen vor. . . . . . . Der Autor ist zu seiner Arbeit durch genügende eigene klinische und operative Thätigkeit befähigt, was seine zahlreichen Krankengeschichten, unter denen sich kasuistische Unica finden, beweisen. Er ist in der ungeheueren Litteratur der Augenverletzungen vollkommen bewandert, findet in der Stofffülle sicher das Wertvolle, beherrscht die einschlägigen theoretischen Fragen und zeigt, was kaum hervorzuheben nötig, für die wichtigen operativen Forschritte, mit denen gerade die letzten Jahrzehnte das Gebiet der Augenverletzungen förderten, volles und theilnehmendes Verständnis. So ist ein erschöpfendes, übersichtliches, modernes Handbuch entstanden. . . . Die praktisch wichtigen Punkte, Befund, Verlauf. Diagnose und Therapie sind in grossem Drucke wiedergegeben; der kleinere Druck findet für theoretische Fragen, pathologisch-anatomische Untersuchungen und für die Kasuistik Verwendung. Der Befund und Verlauf ist meist sehr treffend geschildert, bei der Diagnose ist die sorgfältige Differentialdiagnose hervorzuheben, die operativen Indicationen sind klar dargestellt, die Therapie ist mit gebührender Ausführlichkeit behandelt. Auf die spezielle operative Technik wurde, wie auch zu billigen, nicht näher eingegangen; bei allgemeinen, namentlich neueren operativen Massnahmen, wie der Skleralnaht, den Magnetoperationen u. a., ist auch die Technik, zum Theil mit den eigenen Worten der sie begründenden Autoren, eingehend wiedereregeben. . . . . . . Wir wollen zum Lobe des Textes nur noch die gleichmässig genaue Behandlung aller Abschnitte, wie sie besonders angenehm bei den Orbitalverletzungen auffällt, die Berücksichtigung auch sonst schwer zugänglicher Gebiete, wie der Kriegsverletzungen, der Dynamitverletzungen, und schliesslich die sorgfältige vielseitige Statistik hervorheben. In dem theoretischen Teile sind alle einschlägigen Untersuchungen übersichtlich besprochen. Wir finden lebendig geschriebene, erschöpfende Sammelreferate über die traumatischen Entbindungen, über die Mikroorganismen der Wundinfektionen, die Abhängigkeit des klinischen Bildes vom bakteriologischen Befunde, über sympathische Ophthalmie, über Unfallrenten u. s. w. Wir stellen dem Buche eine gute Prognose. Es wird dem Augenärzte in seiner Verletzungspraxis erspriessliche Dienste leisten. Ueber alles, was mit einer Augenverletzung zusammenhängt, findet er hier schnelle, erschöpfende und zuverlässige Auskunft, bei seltenen und komplizierten Fällen für sein Handeln Anregung und Vorbilder. Der „Praun“ wird für den Praktiker bald ein wirkliches „Handbuch“ werden. Sehr ader, Gera d. Zeitschrift f. Augenheilkunde. Verlag von J. F. BERGMANN in Wiesbaden. Ueber Asthma, sein Wesen und seine Behandlung. Von Dr. W. Brügelmann, Berlin. Dritte vermehrte Auflage. Preis Mk. 2.80. Die Gicht und ihre erfolgreiche Behandlung. Von I>r. Emil Pfeiffer, Gell. San.-Rath in Wiesbaden. Zweite Auflage. — Preis M. 2.80. Die Ursachen der Gicht. — Die Erscheinungen bei der Gicht, a) Der akute Gichtanfall; die Erklärung des akuten Gichtanfalles, b) Die vikariirenden Formen des akuten Gichtanfalles, c) Der Verlauf der Gicht; der Verlauf der Gicht innerhalb der Familien; der Verlauf der Gicht beim einzelnen Kranken, d) Die Erscheinungen der chronischen Gicht: Erscheinungen an der Haut; Erscheinungen an den Bewegungsapparaten; Erscheinungen am Nervensysteme; Erscheinungen• an den Sinnesorganen; Erscheinungen an den Respirationsorganen; Erscheinungen an den Circulationsorganen; Erscheinungen an den Verdauungsorganen; Erscheinungen an den Harnorganen; akute Erscheinungen an chronisch erkrankten Theilen ; das Allgemeinleiden bei der chronischen Gicht. Komplikationen der Gicht. — Vorhersage und Ausgänge bei der Gicht. — Diaghose der Gicht. — Behandlung der Gicht. Behandlung der akuten Erscheinungen; Behandlung der gichtischen Diathese; Behandlung der chronischen Veränderungen bei der Gicht. Wiesbaden als Kurort. Von Geh. San.-Rath Dr. Emil Pfeiffer in Wiesbaden Fünfte völlig umgearbeitete Auflage. M. 1.— Die Trinkkur in Wiesbaden. Geschichte. Methoden und Indikationen derselben Von Geh. San.-Rath Dr. Emil Pfeiffer in Wiesbaden. M. 1.— Wiesbaden comme ville d’eau. Par le Docteur Emil Pfeiffer, Medecin ä Wies baden. M. 1.— Wiesbaden as a health Resort. By Emil Pfeiffer, M. D. Physician at Wiesbaden. M. 1.—. Bad Nauheim, seine Kurmittel, Indicationen und Erfolge. Von weil. Med.-Rat Dr. Wilh. Bode in Bad Nauheim. M. 1.80. Verlag von J. P. BERGMANN in Wiesbaden. Pathologie und Therapie der Neurasthenie und Hysterie. Dargestellt von Dr. L. Loewenfeld, Spezial arzt für No rvenkrankh eiten in München. 744 Seiten. — M. 12.65. Alles in allein gellt unser Urtlieil dahin, dass das Buch in hohem Maasse geeignet ist, ein tieferes Verständnis für die Zustände, die es abhandelt, in weitere Kreise zu tragen, und dass es insbesondere auch im Punkte der Therapie ein vortrefflicher Rathgeber genannt werden darf. Wir wünschen ihm eine weite Verbreitung in den Kreisen der praktischen Aerzte. „Fortschritte der Medizin.“ .... Actuellement on peut considerer que la neurasthenie et l’hysterie forment les deux chapitres les plus importants de la pathologie nerveuse. Quiconque pratique la medecine, quiconque meme pratique une specialitd quelconque dans l’art de guörir, devrait posseder ä fond la matiere que le Dr. Loewenfeld decrit avec taut de talent. Un si beau livre devrait figurer dans l’arsenal scientifique de tont medecin. „Bulletin de la Sociite de Medecine mentale de Belgique.“ ... Wir begrüssen das erschienene Buch Loewenfeld’s freudig. Sein Name empfiehlt das Buch schon genügend und wir sind sicher, dass es rasche und grosse. Verbreitung unter den deutschen Aerzten finden wird. „Centralblatt für Nervenheilkunde u. Psychiatrie.“ .... Eine bessere und vollständigere Monographie über diesen Gegenstand existirt überhaupt nicht in der Litteratur. Ihr Werth und ihre praktische Bedeutung erfährt noch eine Steigerung durch den Hinweis auf die neue Unfallgesetzgebung. Da gerade die beiden Krankheiten schon oft als Folge von „Unfällen“ genannt w r erden, müssen dieselben vom praktischen Arzte nun auch besser gekannt und gründlicher erfasst werden als in früheren Zeiten. Auf den reichen Inhalt des verdienstvollen Buches kann leider nicht näher eingegangen werden. Möge es von jedem Arzte mit Aufmerksamkeit gelesen und studirt werden. Es kann nur bestens empfohlen werden. „Therapeutische Monatshefte.“ C. W. KREIDEL’S Verlag in Wiesbaden. Sonnige Welten. Ostasiatisehe Reise-Skizzen von Emil und Lenore Selenka. Mit 200 Abbildungen im Text und 9 faksimilirten Vollbildern. Preis Mk. 12.60, gebunden Mk. 16.—. Borneo. Japan. — Java. - Sumatra. - Vorderindien. - Ceylon. In diesem eigenartigen, mit zweihundert Illustrationen geschmückten Werke ziehen fesselnde Bilder ostasiatischen Lebens an unserem Auge vorüber. Nicht etwa zufällige Tageserlebnisse sind es. welche Verfasser und Verfasserin von ihren zweijährigen Reisen durch Borneo, Japan, Java, Sumatra und Vorderindien berichten, sondern intime Schilderungen jener Länder und des Geisteslebens ihrer Bewohner. Aus den Hütten der Eingeborenen, aus dem Volksgeiste heraus klingen die Erzählungen über Sitten und Religion der Dajaks, der Malayen, der Japaner, der Inder und Singhalesen uns entgegen. Das Streben nach objektiver Darstellung wird belebt durch eine warme Begeisterung für das rein Menschliche und die Anerkennung, das Geltenlassen auch Dessen, was den modernen Kulturbegriffen widerspricht. Nicht erschöpfende Beschreibungen bieten die Verfasser, als vielmehr sorgfältige Skizzen, welche in frischer ungezwungener Form charakteristische Züge der verschiedensten Nationen wiedergeben, hie und da belebt und ergänzt durch literarische Belege, von denen viele dem deutschen und europäischen Leserkreise hier zum ersten Male eröffnet werden. Das drollige Gebahren zutraulicher Orang-utang-Kinder wie die graziösen Pantomimen der japanischen Tlieehausmiidchen, die ärztliche Prüfung eines Dajaks in Borneo, wie die frommen Gebetsübungen der Inder, hypnotische Zustände der Javanen wie Teufelsbeschwörungen der Singhalesen, das patriarchalische Familienleben der Sumatraner wie hinduistische Lebensregeln, das Strassenleben in Indiens Prachtstädten wie in Japans Kapitale, Scenerien des majestätischen Himalaya wie der Urwälder Borneos fesseln das Interesse des Lesers. Wir erinnern uns nicht eines Reisebuches ähnlicher Art vom Büchermärkte, welches wie die „Sonnigen Welten“ in kurzen Skizzen den Leser in die Gedankenwelt verschiedener ostasiatischer Völker einführte. Der Verfasser, der eine Professur für Zoologie an der Hochschule zu München bekleidet, wie seine muthige Frau haben das Werk aus Tagebüchern und Briefen zusammengestellt. Um die Anschaulichkeit der Schilderung zu beleben, sind Photographien, von denen der Autor viele selbst aufgenommen, sowie Farbendrucke, zeichnerische Darstellungen dem Texte als autotypische und lithographische, in den renommirtesten Anstalten hergestellte und vorzüglich gelungene Reproduktionen eingestreut. Treffliche Wahl und feinsinnige Anordnung der Illustrationen, die Lebendigkeit der Schilderungen verleihen dem vornehmen Buche den Charakter eines ergötzenden, anregenden belehrenden Reisewerkes. Gleich einem bunten Strausse ist das Buch locker zusammengefügt aus Blüthen und Früchten, welche die Verfasser in den Sonnenlanden des fernen Osten pflückten. Es wird der Oeifentlichkeit übergeben, „damit auch andere sich daran erfreuen mögen, die nicht mit eigenen Augen die Wunder des Ostens schauen, noch Herz und Geist seiner Menschenkinder persönlich kennen lernen können“. Verlag von J. F. BE KGMANX in Wiesbaden. Georg Heinrich Barkhausen. Tagebuch eines R h e i n b u n d - O f f i z i e r s aus dem Feldzuge gegen Spanien und während spanischer und englischer Kriegsgefangenschaft. 1808 bis 1814. Herausgegeben von seinem Enkel. Preis M. 3. — . Das verflossene Jahrhundert ist für unser Vaterland so reich an Umwälzungen gewesen, wie wohl kein früheres. Das alte Heilige Römische Reich Deutscher Nation, das durch die aus ihm erwachsende, schiefe Weltanschauung fast ein Jahrtausend lang mehr Hemmniss, als Förderungsmittel deutschen Wesens war, wurde im Beginne des Jahrhunderts zu Grabe getragen, als einziges Erbe eine Zeit tiefster Erniedrigung Unterlassend. Der hieraus erwachsenen begeisterungsvollen Erhebung folgte eine gerade die Besten enttäuschende Zeit scheinbaren Niederganges, eine Zeit jedoch, von der wir heute erkennen, dass sie in Wahrheit eine solche innerer Einkehr und der Sammlung war. Sie hat uns als Krone langer Arbeit im Stillen, ein neues Reich unter dem ersten wirklich deutschen Kaiser gebracht, von solchem Glanze, wie ihn die trauernde Sage des versinkenden Mittelalters, und der Traum des nur schüchtern wieder hervortretenden Deutschthums der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts nicht geschaut haben. Und in so kurzer Zeit hat sich dieser Wandel vollzogen, dass sein Eindruck durch Ueberlieferung zum Enkel und Sohne und durch eigenes Erleben dem heute reifen Geschleckte lebensvoll vermittelt ist; in jeder Familie leben die oft harten Geschicke des Grossvaters in lebendiger Erinnerung, und ihre Kenntniss trägt bei zur Erhöhung der Freude und des Dankgefühls. Wir sind aber nun auf dem Punkte angelangt, wo diese lebenswarme Einwirkung der Entwickelungszeit auf das Fühlen des Einzelnen beginnt aufzuhören, wo also auch das Bewusstsein vergangener Leiden als Grundlage dankbarer Anerkennung des gegenwärtigen Guten schwindet, und da erscheint es Pflicht zu sein, dem lebenden und dem kommenden Geschleckte die Einführung in die Welt der Gedanken unserer Väter zu vermitteln. Dieses Gefühl hat den Anlass gegeben, das hier vorliegende Tagebuch eines Offiziers des 1808 durch Napoleon vom Rheinbunde verlangten „Regiments des Princes“ auch weiteren Kreisen zugänglich zu machen, wobei Eigenart und Frische der Darstellung durch unveränderte Wiedergabe oder Briefe gewahrt worden ist. Diese Schilderungen geben, mit einem im Verhältnisse zu der noch geringen Lebenserfahrung des beim Ausmarsche 24 Jahre alten Offiziers und zu dem engern Gesichtskreise damaliger Bildung bemerkenswerthen Ernste niedergeschrieben, ein lebendiges Zeitbild, und werden so, von der pietätvollen Hand des Enkels zusammengestellt, allen denen einige Anregung gewähren, welche es lieben, bis ins Kleinste getreuen Schilderungen aus der Vergangenheit nachzugehen, um in der Beziehung des Jetzt und des Einst ein Mittel zur richtigen Werthschätzung der Vorgänge der heutigen Welt zu gewinnen. .^A-jTI -MS*. '. HNJ ÜT -»rrr