Sozialismus UNd soziale Bewegung im 19. Jahrhundert. Von Wsrnsr Sornbari^ Professor an der Universität BreSlau. Nebst einem Anhang: Khronik der sozialen Bewegung von 1750—1896. ns propose risn, jö ns supposs risn: j'sxposs. Jena, Verlag von Gustav Fischer. 1896. Alle Rechte vorbehalten. Vorwort. Was ich hier veröffentliche, waren ursprünglich Vorträge, die ich im Herbst dieses Jahres in Zürich vor einem sehr bunt zusammengesetzten, aber in seiner Mehrzahl überaus dankbaren und begeisterungsfähigen Publikum gehalten habe. Der Anklang, den sie fanden, und der lebhaft geäußerte Wunsch zahlreicher Zuhörer, die Reden möchten im Druck erscheinen, haben meine nicht unerheblichen Bedenken, die mir jeder Kundige ohne weiteres nachfühlen wird, gegen eine Herausgabe schließlich zerstreut. Die Vorträge sind freilich an vielen Stellen ergänzt und erweitert, meist auch in eine neue Form gegossen — aus der freien Rede in den „papierenen Stil" übersetzt, den allein erträglichen für das geschriebene Wort — aber ihr Charakter, vor allem die gedrängte Fassung, in der ein ungeheuerer Stoff bewältigt werden sollte, ist geblieben. Und das absichtlich. Denn was ich einem größeren Publikum in den Züricher Reden bieten wollte und in diesem Büchlein bieten will, ist eine knappe, scharf umrissene, einheitliche Gesamtansicht des „Sozialismus und der sozialen Bewegung im 19. Jahrhundert". W. S- Inhaltsverzeichnis. Seite I. Woher und Wohin?............... 1 II. Vom utopischen Sozialismus........... 13 III. Aus der Vorgeschichte der sozialen Bewegung ... 26 IV. Die Entfaltung der nationalen Eigenarten..... 43 V. Karl Marx................... 63 VI- Die Tendenz zur Einheit............. 85 VII. Strömungen der Gegenwart........... VIII. Lehren..................... US Anhang: Chronik der sozialen Bewegung..... 127 1, Woher und Wohin? „Da ist's denn wieder, wie die Sterne wollten: „Bedingung und Gesetz; und aller Wille „Ist nur ein Wolle«, weil wir eben sollten, „Und vor dem Willen schweigt die Willkür stille." Goethe, Urworte. V, A,! Wenn KarlMarxdas kommunistische Manifest mit den bekannten Worten beginnt: „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen", so hat er nach meinem Empfinden damit eine der größten Wahrheiten ausgesprochen, die unser Jahrhundert erfüllen. Aber er hat nicht die ganze Wahrheit gesagt. Denn es ist nicht richtig, daß alle Geschichte der Gesellschaft lediglich in Klassenkämpfen auslaufe. Wenn wir überhaupt die „Weltgeschichte" in eine Formel bringen wollen, so werden wir, meine ich, sagen müssen, daß es zwei Gegensätze sind, um die sich die ganze Gesellschaftsgeschichte dreht, wie um zwei Pole; ich will sie die sozialen und die nationalen Gegensätze nennen; und dabei national im weitesten Verstände fassen. Die Menschheit entwickelt sich, indem sie zunächst sich zu Gemeinschaften zusammenschließt, und dann weiter, indem diese Gemeinschaften erst gegeneinander kämpfen und streben, dann aber auch innerhalb dieser Gemeinschaften der einzelne Sombart, SozialiSmuS. l über den anderen hinaus nach Höherem zn trachten beginnt, um sich, wie Kant es einmal ausdrückt, einen Rang unter seinen Mitgenossen zu verschaffen, die er nicht wohl leiden, von denen er aber auch nicht lassen kann. So sehen wir einerseits das Streben der Gemeinschaften nach Reichtum, Macht, Geltung, uud anderseits dasselbe Streben nach Macht, Reichtum, Ansehen bei den einzelnen- Das, scheint mir, sind die beiden Gegensätze, die thatsächlich alle Geschichte erfüllen. Tenn die Geschichte beginnt erst, wo diese Gegensätze sich entfalten. Es soll nur ein Vergleich sein und die derbe Form darf Sie nicht schrecken, wenn ich sage: Es ist die Menschheitsgeschichte entweder ein Kampf um den Futteranteil oder ein Kampf um den Futterplatz auf unserer Erde. Diese beiden großen Gegensätze sind es, die jeweilig gegeneinander auftreten, die jeweilig die Menschheit beherrschen. Wir stehen heute am Schlüsse einer historischen Periode großen nationalen Gefühls, und mitten drin in einer Periode großer sozialer Gegensätze, und die weltverschiedenen Anschauungen, die sich heutzutage in einzelnen Menschengruppen bilden, gehen, scheint mir, alle auf die Alternative „National oder Sozial" zurück. Ehe ich nun mit meinem Thema: „Sozialismus und soziale Bewegung im 19. Jahrhundert" dem einen dieser Gegensätze, dem sozialen, mich im weitern Verlaufe zuwende, möchte ich zuerst die Frage aufwerfen: „Was ist denn eine soziale Bewegung?" Ich antworte: „Unter einer sozialen Bewegung verstehen wir denJnbegriff aller derjenigen Bestrebungen einer sozialen Klasse, die darauf gerichtet sind, eine bestehende soziale Ordnung in einer den Interessen dieser Klasse entsprechenden Weise prinzipiell umzugestalten. Die Elemente, die sich in jeder sozialen Bewegung wieder finden müssen, sind also folgende: Erstens eine bestehende Ordnung, in der eine gegebene Gesellschaft lebt, und zwar eine soziale Ordnung, die sich in ihren — 3 - Hauptbestandteilen zurückführen läßt auf die Ordnung der Produktion und der Verteilung materieller Güter als der notwendigen Basis, auf der die menschliche Existenz ruht. Diese bestimmte Produktions- und Verteilungsordnung ist der Ausgangspunkt für jede soziale Bewegung. Zweitens, eine soziale Klasse, die mit dem bestehenden Zustande unzufrieden ist. Unter einer sozialen Klasse verstehe ich eine Anzahl gleich interessierter Personen, und zwar, was das entscheidende ist, ökonomisch gleich interessierter Personen, also solcher Menschen, die an einer bestimmten Produktionsund Verteilungsweise in einer gegebenen Ordnung interessiert sind. Wir müssen bei jeder sozialen Klasse auf diese Ordnung der materiellen Beziehungen zurückgehen und dürfen uns nicht blenden und irre führen lassen von den ideologischen Verbrämungen, die die einzelnen Klassen haben. Diese ideologischen Elemente, die häufig führen, sind nur die Umlagerungen um den Grundstock der ökonomisch verschiedenen Klassen. Und das Dritte: Ein Ziel, das sich diese mit dem Bestehenden unzufriedene Klasse als zu erreichendes steckt, ein Ideal, welches alles dasjenige zusammenfaßt, was die zukünftige Form, in der die Gesellschaft sich bewegen will, darstellt, und das seinen Ausdruck findet in den Postulaten, Forderungen, Programmen dieser Klasse. Durchgängig, wo Sie überhaupt von einer sozialen Bewegung sprechen können, finden Sie also: einen Ausgangspunkt, die bestehende soziale Ordnung, einen Träger der Bewegung, die soziale Klasse, ein Ziel, das Ideal der neuen Gesellschaft. Meine Aufgabe im Folgenden soll nun sein, einige Gesichtspunkte für das Verständnis einer bestimmten, der modernen, sozialen Bewegung zu geben. Was aber heißt: eine soziale Bewegung verstehen? Dieses: daß man die soziale Bewegung begreifen lernt in ihrer notwendigen historischen Bedingtheit, in ihrer kausalen Verknüpfung mit Geschehnissen, aus denen heraus mit Notwendigkeit, ge- — 4 — zwungen, sich dasjenige ergiebt, was wir als soziale Bewegung bezeichnen. Also begreifen lernen, warum sich bestimmte soziale Klassen bilden, warum diese bestimmten sozialen Klassen diese bestimmten Gegensätze darstellen, warum vor allem die treibende, aggressive soziale Klasse gerade ihr Ideal hat und haben muß, auf das sie hinstrebt. Also vor allem einsehen lernen, daß die Bewegung nicht der Laune, der Willkür, der Böswilligkeit Einzelner entsprungen, daß sie nicht gemacht, sondern geworden ist. Und nun zur modernen sozialen Bewegung! Wodurch wird sie gekennzeichnt? Wenn wir an dem festhalten, was die Elemente jeder sozialen Bewegung bildet, so können wir die moderne soziale Bewegung nach zwei Seiten hin charakterisieren, nämlich nach dem Ziele, das sie sich steckt einerseits, nach den Trägern der Bewegung, der treibenden Klasse, andererseits. Die moderne soziale Bewegung ist nun ihrem Ziele nach eine sozialistische Bewegung, weil sie, wie zu zeigen sein wird, einheitlich am letzten Ende gerichtet ist auf die Herstellung sozialistischen Eigentums, zum mindesten an den Produktionsmitteln, d. h. auf eine sozialistische, gemeinwirtschaftliche Gesellschaft, die sie an Stelle der bestehenden, privatwirtschaftlichen setzen will. Sie ist charakteristisch andererseits nach den Trägern dadurch, daß sie eine proletarische Bewegung oder, wie wir häufiger sagen, eine Arbeiterbewegung ist: die Klasse, die sie trägt, auf der sie ruht, die ihr die Initiative giebt, ist das Proletariat, eine Klasse freier Lohnarbeiter. Und nun gilt zu fragen: Lassen sich Wohl diejenigen Umstände herausfinden, aus denen heraus diese solcherweise charakterisierte Bewegung als ein notwendig entstandenes Produkt der historischen Entwicklung zu begreifen ist? Ich sagte, die soziale Bewegung habe zu Trägern das moderne Proletariat, eine Klasse freier, lebenslänglicher Lohnarbeiter. Die erste Bedingung ihrer Existenz ist also die Entstehung dieser Klasse selbst. Jede soziale Klasse ist - 5 - das Ergebnis, der Ausdruck einer bestimmten Produktionsweise, das Proletariat derjenigen Produktionsweise, die wir als die kapitalistische zu bezeichnen gewohnt sind. Die Entstehungsgeschichte des Proletariats ist also die Geschichte des Kapitalismus. Dieser kann nicht existieren, er kann auch nicht wachsen, obne das Proletariat zu erzeugen. Es kann nun nicht meine Aufgabe sein, Ihnen auch nur in skizzenhafter Form eine Geschichte des Kapitalismus zu geben. Nur so viel mag zum Verständnis seines Wesens angedeutet werden: Die kapitalistische Produktionsweise beruht darauf, daß die Herstellung der materiellen Güter erfolgt durch das Zusammenwirken zweier sozial getrennter Klassen, einer Klasse, die sich im Besitze der nötigen sachlichen Produktionskaktoren, der Produktionsmittel befindet: Maschinen, Werkzeuge, Fabriken, Rohstosse u. s. w., d. h. der Kapitalistenklasse einerseits — mit den persönlichen Produktionssattoren, den Besitzern von nur Arbeitskräften anderseits: das sind eben die freien Lohnarbeiter. Vergegenwärtigen wir uns, dasz j ed e Produktion auf der Vereinigung der persönlichen und der sachlichen Produktionsfaktoren beruht, dann unterscheidet sich die kapitalistische Produktionsweise dadurch von anderen, daß die beiden notwendigen Produktionsfaktoren durch zwei sozial getrennte Klassen vertreten werden, die sich auf dem Wege der freien Vereinbarung, des „freien Lohnvertrages", zu dem Produktionsprozesse, damit dieser überhaupt zustande komme, notwendig zusammenfinden müssen. Die so geartete Produktionsweise ist in die Geschichte selbst als eine Notwendigkeit eingetreten. Sie erschien in dem Augenblicke, als die Bedürfnisse so mächtig geworden waren, daß die frühere Produktionsweise diesen neu entstandenen Verhältnissen nicht mehr genügen konnte, in der Zeit, als die neuen großen Märkte erschlossen wurden. Sie erschien ursprünglich lediglich mit der historischen Aufgabe, den zur Behauptung dieser neuen Absatzgebiete notwendigen kaufmännischen Geist der Güterproduktion einzupflanzen. — 6 — Das kaufmännische Talent schwingt sich zum Leiter der Pro- duktion auf und zwingt die große Menge der bloßen Handarbeiter in seinen Dienst. Sie wird dann weiter noch mehr zu einer Notwendigkeit in dem Maße, wie durch die Entwicklung der Produktionstechnik die Betriebe sich so sehr vergrößern, daß die Zusammensassuug vieler Arbeitskräfte zu eiuem Arbeitsprozeß technisch unvermeidlich wird, also vor allem seit der Einführung des Dampfes in Güterproduktion und Gütertransport. Die Trägerin der kapitalistischen Produktionsweise, die Klasse, die sie vertritt, ist die Bo urgeoisie- Wie geru spräche ich von der großen historischen Mission, die sie erfüllt bat? Aber wieder muß ich mich mit dem Hinweise begnügen, daß als das Wesentliche solcher historischen Mission wir die wunderbare Entfaltung ansehen müssen, die sie den materiellen Produktivkräften hat angedeihen lassen. Unter dem Zwange der Konkurrenz, gepeischt von der Geißel des Erwerbstriebes, der mit ihr in die moderne Geschichte eintritt, hat sie uns sene Märchen aus Tausend und Eine Nacht in die Wirklichkeit gezaubert, au deren Wundern wir uns täglich freuen, wenn wir durch die Straßeu unserer Großstädte oder durch die GeWerbeausstellungen schlendern, wenn wir mit den Antipoden reden, wenn wir in Palästen über den Ozean fahren oder uns in dem Glänze unserer üppigen Salons sonnen. Was für unsere Zwecke das Wichtige ist: Die Existenz dieser kapitalistischen Produktionsweise ist die notwendige Bedingung für diejenige Klasse, die Trägerin der modernen, sozialen Bewegung ist: «das Proletariat. Ich sagte schon vorher: Das Proletariat folgt der kapitalistischen Produktionsweise wie ihr Schatten. Diese Produktionsweise kann nicht anders bestehen, kann sich nicht anders entfalten als unter der Bedingung, daß unter dem Kommando Einzelner sich Scharen besitzloser Arbeiter in den großen Unternehmungen zusammenschließen; sie hat zur notwendigen Voraussetzung eine Auseinanderreißung der ganzen Gesellschaft in zwei Klassen, den Inhabern der Pro- duktionsmittel und den persönlichen Produktionssartoren. Somit ist die Existenz des Kapitalismus die notwendige Vorbedingung des Proletariats und damit der modernen sozialen Bewegung überhaupt. Wie aber steht es mit diesem selbst? Welches sind die Beding» ngen,unterdenendas Proletariatlebt, und wie lassen sich aus diesen Bedingungen jene eigentümlichen Strömungen und Forderungen erklären, die wir in diesem Proletariat erwachsen, sich geltend machen finden werden? Man pslegt, wenn man nach den Eigentümlichkeiten des modernen Proletariates gefragt wird, in der Regel zuerst zu antworten: Das ist das große Elend, in das die Massen gesunken sind. Das mag mit einiger Einschränkung gelten; nur darf nicht vergessen werden, daß das Elend keine spe- zifische Erscheinung des modernen Proletariates ist. Wie elend ist die Lage z. B. des Baueru in Rußland, des irischen Pächters? Es musz ein spezifisches Elend gefunden werden, welches das Proletariat charakterisiert. Ich denke hier hauptsächlich daran, daß durch die moderne Produktionsweise geschaffen sind jene ungesunden Werkstätten. Bergwerke, Fabriken mit ihrem Lärm, Staub und Hitze, daß geschaffen sind durch diese Produktionsweise die Vorbedingungen, um bestimmte Kategorien von Arbeitern, z. B. Frauen und Kinder in die Produktion hineinzuziehen, daß ferner durch die Agglomeration der Bevölkerung in Industriezentren und großen Städten die Misere des äußeren individuellen Daseins vergrößert worden ist. Immerhin also können wir die Verelendung als ein erstes Moment für das Emporwachsen und das Emporstreben neuer Gedanken nnd neuer Gefühle betrachten. Aber es ist das nicht das wichtigste, wenn wir nach den Grundbedingungen der Existenz des Proletariates fragen. Schon viel charakteristischer ist es, daß in dem Augenblicke, als breite Massen in das Elend herabsinken, ans der anderen Seite, glanzvoll wie ein Zaubermärchen, die Million heraufsteigt. Es ist der Kontrast mit der behäbigen Villa, den - 8 - eleganten Equipagen der Reichen, den glänzenden Läden, den üppigen Restaurants, an denen vorbei der Arbeiter in seine Fabrik, in seine Wertstatt, in sein ödes Stadtviertel gebt; der Kontrast in der Lage, der den Haß in den Massen erzeugt ; den Hasz. Und das ist wiederum eine Eigenart der modernen Situation, daß sie diesen Haß erzeugt und den Haß zum Neide werden läßt. Mir scheint, es geschiebt deshalb vor allem, weil diejenigen, die über diesen Glanz verfügen, nicht mehr die Kirche, nicht mehr die Fürsten, sondern, daß es diejenigen sind, von denen sich die Massen abhängig sühlen, in deren ökonomischer Gewalt sie sich unmittelbar sehen, in denen sie ihre sogenannten Ausbeuter erblicken, dieser spezifisch moderne Kontrast ist es erst, was die Intensität des Gefühles des Hasses in den Massen erzeugt. Noch weiter eines! Es ist nicht die bloße elende Lage, der Kontrast mit den Wohlhabenden, sondern eine andere furchtbare Geißel wird über den Köpfen der Proletarier geschwungen: ich nieine die Unsicherheit ihrer E x i st e n z. Auch hier haben wir es wieder mit einer Eigentümlichkeit des modernen sozialen Lebens zu thun, wenn wir es recht verstehen. Unsicherheit der Existenz freilich giebt es auch sonst: Der Japaner schreckt vor dem Erdbeben, das jeden Augenblick ihn und seine Habe verschlingen kann; der Kirgise zittert vor dem Sandsturm im Sommer, dem Schneesturm in: Winter, der ihm die Futterplätze seiner Tiere vernichtet; eine Ueberschwemmung, eine Dürre in Rußland kann den Bauer seiner Ernte berauben und ihn dem Hungertode preisgeben. Aber was wiederum ein Spezifikum der Unsicherheit des Proletariates bildet, die sich in Erwerbslosigkeit und Arbeitslosigkeit äußert, ist dieses, daß diese Unsicherheit begriffen worden ist als Folge nicht von Naturthatsachen wie in jenen anderen Fällen, von denen ich sprach, sondern folgend aus bestimmten Organisationsformen des wirtschaftlichen Lebens — das ist das entscheidende. „Gegen ldie Natur kann kein Mensch ein Recht behaupten, aber im Zustande - 9 - der Gesellschaft gewinnt der Mangel sogleich die Form eines Unrechts, was dieser oder jener Klasse angethan wird" (Hegel), Während daher jene Unsicherheit als Naturthatsache zum Aberglauben, zur Bigotterie führt, erzeugt diese, wenn ich sie so nennen darf, soziale Unsicherheit intellektuell eine Schärfung und Verfeinerung des Urteils, Man sucht nach den Gründen, die diese Unsicherheit herbeiführen, Sie bewirkt moralisch eine Steigerung jener Gefühle der Abneigung, die in den Massen heranwachsen, läßt Haß und Neid zur Empörung anschwellen. Hier also ist der Boden, auf dem die revolutionären Leidenschaften, Haß, Neid, Empörnng im modernen Proletariat erwachsen: eigentümliche Elendsformen, Kontrast dieses Elends mit dem Glänze der Brotherren, Unsicherheit der Existenz, begriffen aus den Organisationsformen des wirtschaftlichen Lebens. Um nun aber verstehen zu können, wie diese Triebkräfte zu den eigenartigen Vorstellungskreisen hindrängen, die die moderne soziale Bewegung kennzeichnen, müssen wir uns vergegenwärtigen, daß die Massen, die wir in jener Lage kennen gelernt haben, wie mit einem Zauberschlage dahineingeworfen, nicht langsam gewachsen sind. Es ist als ob die frühere Geschichte für Millionen von Menschen ausgelöscht worden wäre. Denn wie die Voraussetzung des Kapitalismus Zusammenfassung in großen Betrieben ist, so ist es auch die Anhäufung der Massen in Städten und Industriezentren, Diese Anhäufung aber bedeutet nichts anderes als dieses, daß vollständig zusammenhanglose, aniorve Massen aus den verschiedensten Gebieten des Landes auf einem Punkte zusammengeworfen werden und ihnen zugerufen wird: „Lebt"! Sie bedeutet einen vollständigen Bruch nüt der Vergangenheit, ein Zerreißen aller Bande zu der Heimat, zu dem Dorfe, zu der Familie, zu den Sitten; bedeutet damit die Zertrümmerung aller früheren Ideale in dieser Heimat-, besitz- und zusammenhangslosen Masse. Es ist dies ein Moment, welches häufig unterschätzt wird. Man vergißt, — 10 - daß es ein ganz neues Leben ist, das die modernen proletarischen Haufen zu beginnen haben. Welcher Art aber ist dieses nene Leben? In seiner Eigenart finde ich ebenso viele Erklärungsmomente, ich möchte sagen, für den positiven Ausbau der proletarischen Ideenwelt, wie eben für die Zerstörung alles dessen, was ehedem dem Menschen lieb und teuer war. Ich meine: die sozialistischen Ideale gemeinsamen Lebens uud Wirtschaftens müßten mit Notwendigkeit aus den Industriezentren uud Arbeitervierteln der Großstädte hervorwachsen. In den Mietskasernen, in den gewaltigen Fabriken, in großen Versammlungen und Ver- gnügungslokaleu findet sich der einzelne von Gott und der Welt verlassene Proletarier mit seinen Leidensgefährten wieder zusammen als Glied in einem riesigen neuen Organismus. Hier sind neue Gemeinschaften in der Bildung begriffen und diese ueueu Gemeinschaften tragen dank der modernen Technik kommunistisches Gepräge- Und sie entwickeln sich, wachsen, festigen sich, in dem Maße, wie die Reize des individuellen Daseins für den einzelnen schwinden: je öder die Dachkammer in der Vorstadt, desto anziehender die neuen Gemeinschaftszentren, in denen sich der Vereinsamte gleichsam als Mensch erst wieder findet. Das Individuum verschwindet, der Genosse entsteht. Einheitliches Klasseubewußtseiu bildet sich aus uud die Gewöhnung an kommunistische Arbeit und kommunistischen Genuß. Soviel zur Psychologie des Proletariats! lim mm aber volles Verständnis für die moderne soziale Bewegung zu gewinnen, wollen wir noch einen Blick werfen auf die allgemeinen Zeitumstände, unter denen sie sich abspielt. Auch hier müssen ein paar Bemerkungen genügen. Wenn wir die moderne Zeit charakterisieren wollen, so läßt es sich vielleicht mit folgenden Worten thun: Vor allem herrscht in ihr eine Lebendigkeit, wie ich sie mir in keiner früheren Zeit denken kann. Ein Lebensstrom ist durch die moderne Gesellschaft geleitet, den keine frühere Zeit gekannt hat, und Dadurch ist eine Raschheit des Kontaktes einzelner - 11 — Mitglieder einer Gesellschaft ermöglicht, wie sie früher nicht möglich war. Das haben die modernen Verkehrsmittel bewirkt, die uns der Kapitalismus geschaffen hat. Die Möglichkeit, heutzutage über ein großes Land hin in wenigen Stunden sich verständigen zu können, mittels Telegraph, Telephon, Zeitungen, die Möglichkeit, große Massen mit den modernen Transportmitteln von einem Orte zum andern zu werfen, hat einen Zustand des Zusammenschlusses größerer Massen, ein Gefühl der Allgegenwart erzeugt, das allen früheren Zeiten unbekannt war. Zumal in den modernen Großstädten. Die Leichtigkeit großer Massenbewegungen ist dadurch enorm gewachsen. Und gleicherweise ist dasjenige in den Massen gewachsen, was wir die Bildung zu nennen gewohnt sind: Kenntnisse und mit den Kenntnissen die An- - sprüche. Mit dieser Lebendigkeit aber aufs engste verbunden ist dasjenige, was ich die Nervosität der modernen Zeit nennen will, die Unstätigkeit, das Hastende, Unsichere aller Existenz. Durch die Eigentümlichkeit der Wirtschaftsverhältnisse ist in allen Zweigen nicht nur des ökonomischen, sondern jeden sozialen Daseins überhaupt dieser Zug der Unruhe, des Haltens eingedrungen. Das Zeitalter des freien Wettbewerbes äußert sich auf allen Gebieten: jeder strebt dem andern voraus, keiner fühlt sich sicher, keiner wird seines Daseins froh. Die schöne beschauliche Ruhe ist dahin. Und endlich noch eins! Ich will es einmal den Re Volution arismus nennen und meine damit, die Thatsache, daß niemals eine Zeit wie die unsrige eine solche totale Umschichtung aller Daseinsformen erlebt hat. Alles ist in Fluß gekommen: Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst,Sitte, Religion; alle Vorstellungen davon befinden sich in einem solchen Gärungsprozesse, daß wir schließlich zu dem Wahne gedrängt werden, es gäbe Festes überhaupt nicht mehr. Und das ist vielleicht eines der allerwichtigsten Momente für die Erklärung des Inhaltes der modernen sozialen Bestrebungen. Es erklärt — 12 - zweierlei: Einmal jene zersetzende Kritik des Bestehenden, die nun an nichts mehr einen guten Schimmer läßt, die allen früheren Glauben zum alten Eisen wirft, um mit neuem auf den Markt zu treten. Sodann aber auch den fanatischen Glauben an die Erreichbarkeit irgend eines beliebigen zukünftigen Zustandes. Wenn so viel sich geändert bat, wenn solche Wunder, an die niemand je zu glauben gewagt hatte, sich spielend vor unseren Augen verwirklichen: warum nicht noch mehr? Warum nicht alles Wünschbare? So wird die revolutionäre Gegenwart zum Nährboden für die soziale Utopie der Zukunft, Edison und Siemens sind die geistigen Väter der Bellamh und Bebel, Das im wesentlichen scheinen mir die Bedingungen zu sein, unter denen eine soziale Bewegung in der neuen Zeit sich entwickelt hat: die eigentümliche Existenz des Proletariats : spezifisches Elend, Kontrast, Unsicherheit, abgeleitet aus den Erscheinungsformen des modernen Wirtschaftssystems, Neugestaltung aller Daseinsformen, durch die Zerreißung der früheren Verbindungen und Neubildung ganz neuer Gemeinschastsformen auf kommunistischer Grundlage, neuerZusammenschlüsse in den Großstädten und Großbetrieben; endlich zur letzten Erklärung die eigentümliche Zeitatmosphäre, in der sich die soziale Bewegung abspielt: Lebendigkeit, Nervosität, Revolutionarismus. Und nun zu dieser sozialen Bewegung selbst in Theorie und Praxis! II. Vom utopischen Sozialismus. „Wir gelangen nur selten anders als durch „Extreme zur Wahrheit — wir müssen „den Irrtum . . zuvor erschöpfen, ehe wir „zu dem schönen Ziele der ruhigen Weisheit „gelangen." Schiller, Philosophische Briefe. Vorerinnernng. B. A.! Es wäre seltsam, wenn eine so mächtige Umwälzung in wirtschaftlichen und sozialen Dingen, wie ich sie Ihnen gestern skizziert habe, nicht alsobald ihre Wider- spiegelung gefunden hätte in den Köpfen denkender Menschen. Es wäre wunderbar, meine ich, wenn auf diese Umgestaltung sozialer Dinge nicht auch eine Umgestaltung sozialen Denkens, Wissens und Glaubens erfolgt wäre. Und wir finden denn auch in der That, das; parallel mit jenen Revolutionen im Leben sich in der Sphäre sozialen Denkens grundlegende Wandlungen vollziehen. Es wächst neben der bestehenden, sozialen Litteratur eine neue empor. Die bestehende ist, sagen wir, gegen das Ende des vorigen und den Anfang des jetzigen Jahrhunderts, diejenige Litteratur, die wir als die klassische Nationalökonomie zu bezeichnen pflegen, die Litteratur, die nach einer Entwickelung von 150-200 Jahren den höchsten theoretischen Ausdruck für das Verständnis des kapitalistischen Wirtschaftssystems durch die großen Nationalökonomen Adam Smith und David Ricardo gefunden - 14 - hat. Neben dieser, das kapitalistische Wirtschaftssystem erklärenden Litteratur erwächst nun eine neue, die zunächst den gemeinsamen Grundzng hat, das; sie antikapitalistisch ist, d, h. also, daß sie sich in einen bewußten Gegensatz zu dem kapitalistischen Wirtschaftssystem stellt und die Vertretung ihres gegnerischen Standpunktes als ihre eigentliche Aufgabe betrachtet. Dem unentwickelten Zustande des ökonomischen Denkens entsprechend, ist es zunächst ein buntes Durcheinander von Erklärungen und Forderungen, von Erörterung dessen, was ist, und dessen, was sein soll, worin die neue Litteratur ihre Gegnerschaft ausdrückt. Alle unentwickelte Litteratur fängt in dieser tumultuarischen Weise an, ähnlich wie alle ungeschulten Köpfe erst langsam unterscheiden lernen zwischen Erklärung des Seienden und des sein Sollenden. Und zwar überwiegt in der jugendlichen neuen Litteratur — ebenfalls begreiflich! — bei weitem das praktische Element: das Streben, neue Postulate, andere Ideale theoretisch begründen zu wollen. Deshalb, wenn wir diese Litteratur im Zusammenhang uns klar machen, und unterscheiden wollen nach ihren verschiedenen Nuancen, so werden wir als Unterscheidungsmerkmale füglich die verschiedenen Richtungen wählen, in denen das neue „Sollen" ausgesprochen ist. Alsdann gewahren wir im großen und ganzen zwei Gruppen in dieser neuen Litteratur: die reformatorische und die revolutionäre! das Wort revolutionär nicht in dem vulgären Verstände gebraucht, sondern in dem Sinne, den ich ihm sogleich geben werde. Eine reformatorische und eine revolutionäre Litteratur, die sich dann so unterscheiden, daß die reformatorische Litteratur prinzipiell das bestehende Wirtschaftssystem des Kapitalismus anerkennt, und auf der Basis dieses Wirtschaftssystems versucht, Aenderungen, Verbesserungen einzuführen, sei es so, daß kleinere Reformen, nebensächlicher, nicht prinzipieller Art, an der bestehenden - 15 — Wirtschaftsordnung vorgeschlagen werden, sei es vor allen: so, daß die Grundzüge der sozialen Ordnung anerkannt werden, daß mau aber die Menschen in ihrem Denken und Fühlen geändert sehen möchte. Es wird ein neuer Geist, es wird Buße gepredigt, es sollen die guten Eigenschaften des Menschen die Oberhand gewinnen: Bruderliebe, Mildthätigkeit, Versöhnlichkeit. Dieses reformatorische Streben, das die Schäden und Uebel des sozialen Lebens anerkennt, das aber unter prinzipieller Festhältung des herrschenden Wirtschaftssystems die Schäden lindern, die Uebelstände beseitigen und verkleinern will, hat nun verschiedene Ausgangspunkte. Es ist entweder der christliche Gedanke, der die neue Litteratur hervorruft, oder aber es ist ein ethischer oder endlich ein philanthropischer Gesichtspunkt, der die soziale Reformlitteratur beherrscht. Der christliche Gedanke ist es, der in Anwendung auf die soziale Welt diejenige Richtung der Litteratur erzeugt, die wir nicht völlig korrekt unter der Bezeichnung des „christlichen Sozialismus" zusammenzufassen pflegen. Es sind die Schriften der Lamennais in Frankreich, der Kingslei? in England, die, von biblischem Geiste erfüllt, an Unternehmer und Arbeiter gleichmäßig die Forderung richten: Heraus mit dem mammonistischen Geiste aus Euren Seelen; erfüllet Eure Herzen mit dem Geiste des Evangeliums, dem „neuen Geiste", wie sie ihn selbst immer wieder bezeichnen. Und ganz ähnlich klingen die Stimmen jener ersten „ethischen" Nationalökonomen, der Sismondi,der Thomas Carlyle, die nicht müde werden, wenn nicht christlichen, so doch den „sozialen" Geist zn predigen. Gesinnungswechsel ist die Losung. Mehr an das Gefühl endlich als an die Pflicht und die Religion wendet sich jene dritte Richtung, die ich die philanthropische nenne: Pierre Leroux in Frankreich, Grün und Heß inDeutschland sindMänner, die, von einer großen, allmächtigen Menschenliebe erfüllt, mit dieser die Schäden - 16 — heilen wollen, die sie blutigen Herzens beobachten, die das Elend, das sie gewahren, in dieser allgemeinen Menschenliebe gleichsam ertränken möchten: „Liebet euch untereinander als Menschen, als Brüder"! ist das Thema ihrer Predigten, Allen diesen Strömungen - ich nenne hier nur ihre Quellen; sie alle fließen heuzutage noch weiter - allen diesen Strömungen ist, wie ich sagte, gemeinsam, daß sie prinzipiell festhalten an den Grundlagen der bestehenden sozialen Ordnung; weshalb ich sie reformatorische nannte, Ihnen gegenüber tritt nun eine andere, revolutionäre Litteratur. Revolutionär also deshalb, weil sie die Grundlage des kapitalistischen Wirtschaftssystems Prinzipiell beseitigen, umändern, umgestalten will. Und zwar will sie das nach zwei verschiedenen Richtungen hin: wenn ich es in zwei Worten ausdrücken darf, rückwärts einerseits und vorwärts anderseits. In jener Zeit, wo die wirtschaftlichen Gegensätze sich entwickeln und mit ihnen die neuen Erscheinungen der antikapitalistischen Litteratur an die Oberfläche kommen, finden wir nicht am schwächsten vertreten eine revolutionär-antikapitalistische Litteratur, die eine Rückbildung des bestehenden Wirtschaftssystems fordert. Es sind die Schriften der Adam Müller und Leopold von Haller im ersten Drittel unseres Jahrhunderts, an die ich denke, Schriften von Männern, die die Grundlagen, auf denen sich das moderne kapitalistische Wirtschaftssystem anfbant, in dem Sinne geändert haben wollen, daß die zerbröckelnde, zünft- lerisch-feudale Ordnung des Mittelalters an die Stelle der bürgerlich kapitalistischen trete. Auch das sind Erscheinungen, die heutzutage durchaus noch nicht ihr Ende erreicht haben, sondern noch in zahlreichen Strömen weitersließen, in Strömen, die allerdings teilweise zu seichte« Bächlein geworden sind. Und dann neben diesen reaktionären Erscheinungen eine andere Richtung, welche nicht diese Rückschraubuna in alte Formen will, welche aber gleichwohl eine prinzipielle Be- — 17 — seitigung des bestehenden kapitalistischen Wirtschaftssystemes fordert. Aber eine prinzipielle Beseitigung unter Wahrung derjenigen modernen Errungenschaften, welche insbesondere nach der technischen Seite hin dasjenige bezeichnen, was wir einen „Fortschritt" zu nennen gewohnt sind. Systeme, Theorien also, die das historisch Wesentliche der kapitalistischen Produktionsweise: daß sie nämlich auf der Basis der modernen Großproduktion aufgebaut ist, beibehalten, doch aber unter Wahrung dieser Errungenschaften eine Neuordnung der Produktion und Verteilung heischen im Interesse derjenigen Klassen der Bevölkerung, die bei dem kapitalistischen Wirtschaftssysteme ihnen als zu kurz gekommen erscheinen, d, h, im wesentlichen also im Interesse der breiten Massen des Proletariates. Diese Theoretiker, die solcherart eine Weiterbildung des kapitalistischen Wirtschaftssystemes im Interesse des Proletariates unter Erhaltung der Großproduktion wollen, sind das, was wir Sozia listen im eigentlichen Sinne nennen müssen. Und zwar haben wir es da zunächst zu thun mit einer eigentümlichen Species unter diesen Sozialisten, nämlich mit denjenigen, die wir gewohnt sind als Utopisten oder utopische Sozialisten zu bezeichnen. Die typischen Vertreter dieses utopischen Sozialismus sind Saint Simon und Ch. Fourier in Frankreich, Robert Owen in England, von denen die berühmteren und bekannteren die beiden Franzosen sind; ihre Systeme sind am häufigsten dargestellt. Weniger bekannt ist Owen. Wenn ich nun gerade an diesem Ihnen das Wesen des utopischen Sozialismus zu verdeutlichen versuchen will, so geschieht es einmal eben deshalb, weil er weniger bekannt ist, vor allem aber, weil er meiner Ansicht nach der interessanteste der drei großen Utopisten ist. Er ist es, der einerseits am deutlichsten die Genesis des modernen proletarischen Ideals uns zeigt und anderseits von größtem Einfluß auf andere sozialistische Theoretiker gewesen ist, besonders auf Karl Marx und Friedrich Engels. Sombart, SozialiSmuS. - z — 18 — Robert Owen war seinem Berufe nach Fabrikant. Mit 20 Jahren finden wir ihn bereits als Leiter einer großen Spinnerei. Er legt dann bald selber eine Spinnerei in Lanarck an- Hier lernt er das sogen, praktische Leben aus eigener An- schauung kennen. Wir unterscheiden zwei Perioden in seinem Leben. In der ersten ist er mehr dasjenige, was man einen Edukationalisten nennen kann, ein Mann, der sich vor allem für die Erziehung der Jugend interessiert und durch sie eine wesentlich neue Gestaltung der menschlichen Gesellschaft anstrebt. Das Hauptwerk dieser Epoche ist das Buch r>ow vivw ok soeiet/". In der zweiten Periode ist er Sozialist, das wichtigste Buch: k>oolc ol tds usw inoral vorlä". Uns interessiert Owen wesentlich nur in dieser zweiten Periode, als Sozialist. Was nun lehrt er, und was ist das Wesen dieser ersten Form von utopischem Sozialismus? Robert Owen nimmt in seiner Theorie den Ausgangspunkt von den Erfahrungen, die er unmittelbar in seiner Umgebung machte. Es sind die Zustände seiner Fabriken, in die er eingetreten ist; er schildert uns, wie er die Arbeiter, namentlich die Frauen und die Kinder, als eine körperlich, geistig und moralisch degenerierte Rasse gefunden habe. Er beginnt also mit einer Erkenntnis der Uebelstände, durch die sich das moderne kapitalistische Wirtschaftssystem auszeichnet: sein Ausgangspunkt ist ein spezifisch proletarischer. Diese seine Erfahrungen baut er nun auf auf einem sozial-philosophischen System, das dem nicht unbekannt ist, der sich nur etwas in der Sozialphilosophie des 18. Jahrhunderts umgeschaut hat. Es ist Owens sozialphilosophische Anschauungsweise im wesentlichen charakterisiert dadurch, daß er den Glauben hat an den von Natur guten Menschen und an eine Ordnung mensch- lischen Zusammenlebens, welche ebenfalls von Natur gut sei, wenn diese Menschen nur in ein richtiges Verhältnis zu einander gebracht werden: den Glauben also an den sog. „orärs liatursl", an eine natürliche Ordnung der Dinge, die irgendwo vielleicht existiert hat, aber jedenfalls existieren sollte, wo nur nicht künstliche Hinderungsmittel dazwischentreten, Uebelstände, welche es unmöglich machen, daß die Menschen sich in jener natürlichen Weise zu einander verhalten. Und diese Uebelstände, diese Gewalten, die vor der Verwirklichung eines „natürlichen" Zusammenlebens stehen, sieht Robert Owen in zwei verschiedenen Richtungen: einmal in der fehlerhaften Erziehung des Menschen und anderseits in dem fehlerhaften, an Uebelständen reichen Milieu, der Umgebung, in der der moderne Mensch lebt. Er schließt nun logisch: also müssen, wenn jener natürliche, schöne Zustand harmonischen Zusammenlebens, wenn jener „orärs natursl" verwirklicht werden soll, jene beiden Uebelstände aus der Welt geschafft werden. Er fordert demnach bessere Erziehung auf der einen Seite, besseres Milieu auf der anderen. In diesen beiden Postulaten finden wir die beiden Perioden seiner Entwickelung nebeneinander, wie wir sie soeben hintereinander sahen. In seiner ersten legt er mehr Wert auf Erziehung, in seiner zweiten mehr auf die Veränderung des Milieus, in dem der Mensch lebt. Und nun — das ist vielleicht die eigentlich spezifisch-tbeoretische Leistung von Owen ^ erkennt er weiter, daß jene Uebelstände, an deren Beseitigung alles hängt, nicht von Natur gegeben, sondern hervorgewachsen seien aus einem bestimmten System der sozialen Ordnung, als welches er das kapitalistische ansieht. In diesem kapitalistischen Wirtschaftssystem erblickt er nichts Naturgesetzliches wie im wesentlichen die Vertreter der klassischen Nationalökonomie, sondern ein von Menschen geschaffenes System einer sozialen Ordnung. Auch seine Gegner glaubten an den „oräro nswrsl", nur daß sie ihn verwirklicht wähnten, Owen nicht. Owen muß vielmehr, damit jenes sein Ziel erreicht werde, damit der Mensch eine bessere Erziehung genießen könne und in ein besseres Milieu gelange, die Beseitigung dieses Wirtschaftssystems heischen. Er verlangt demgemäß, daß die künftige Wirtschaftsordnung 2» — 20 - prinzipielle Umänderungen erfahre, und zwar an zwei Stellen: thatsächlich den beiden Grundpfeilern, auf denen das moderne Wirtschaftssystem aufgebaut ist: Owen verwirft die Konkurrenz der Einzelwirtschaft und die Profitmacherei des Unternehmertums. Das gegeben, ist die weitere Folgerung für die Praktischen Maßnahmen, die Owen perlangt, ebenfalls gegeben: An die Stelle der privatwirtschaftlichen Ordnung tritt eine sozialistische Gesellschaftsordnung. Dadurch, daß der Privatbetrieb durch eine gemeinsame Produktion in genossenschaftlichem Sinne ersetzt wird, wird in der That sowohl die Konkurrenz beseitigt als auch erreicht, daß der Gewinn des Unternehmers in die Taschen der Produzenten d, h, der Angehörigen der Genossenschaft fließt. Diese Ideen der sozialistischen Produktionsweise wachsen für Owen spontan aus dem großkapitalistischen Wirtschaftssystem, in dem er lebt, hervor. Da es uns hier im wesentlichen auf die Erfassung des Geistes ankommt, in dem Rob. Owen sein soziales System konzipiert hat, so bedarf es zur Vervollständigung dieser Skizze vor allem noch eines Hinweises auf die Mittel, die Owen angewandt wissen wollte, um sein Ziel zu erreichen. Diese Mittel sind im wesentlichen das allgemeine Einvernehmen und das allgenieine Einverständnis aller Menschen: es soll ihnen die Wahrheit und Schönheit dieser neuen Ordnung gepredigt und damit in ihnen der Wunsch rege gemacht werden, diese neue Ordnung zu besitzen. Sind sie einmal erst darüber aufgeklärt, wie wunderbar diese neue Ordnung sei, und wie wunderbar darin die Menschen leben würden — daß dann die Menschen etwa nun die neue Ordnung nicht auch wollen könnten, und wenn sie sie wollten, nicht verwirklichen könnten, daran denkt Owen nicht. Einmal das Wissen erzeugt, ist auch das Wollen und Können damit gegeben. Es kann deshalb auch die neue Ordnung in jedem Augenblicke eintreten: „wie ein Dieb in — 21 — der Nacht", drückt sich Owen aus, kann der Socialismus über die Welt kommen. Ist ja dazu doch nur Erkenntnis nötig, und diese Erkenntnis kann wie ein Blitzstrahl das Innere des Menschen erhellen. Diese eigentümliche Auffassung von den Mitteln und Wegen, die zum Ziele führen, ist einer der besonders charakteristischen Züge, die das Owensche System und alle anderen utopistischen Sozialisten gleicherweise auszeichnen. Wenn wir zusammenfassend dieses System überblicken, so finden wir also als den Ausgangspunkt die Kricik der bestehenden sozialen Zustände in einer proletarischen Umgebung. Wir finden ferner als die Basis, auf der das System sich aufbaut, die soziale Philosophie des 13. Jahrhunderts. Wir finden als Forderungen: die Beseitigung des kapitalistischen Wirtschaftssystems und Ersetzung der Privatproduktion durch eine genossenschaftliche Betriebsweise: und wir finden endlich als Mittel und Wege, um dorthin zu gelangen, den Glauben an die Aufklärung der Menschen. Wie er dann im einzelnen seine Pläne durchzuführen bemüht gewesen ist, wie er ein New Lanarck geschaffen hat, und wie seine Projekte sämtlich gescheitert sind, all' das interessiert uns an dieser Stelle ebensowenig, wie die Thatsache, daß Owen große praktische Erfolge erzielte, durch Abkürzung der Arbeitszeit und durch Verminderung der Frauen- und Kinderarbeit, durch Verbesserung und Erleichterung des Betriebes in seinen Fabriken, in denen ein neues Geschlecht in geistiger und moralischer Frische aufzuleben begann; ebensowenig wie seine Vaterschaft der englischen Genossenschaftsbestrebungen. Wir wollten nur seine Bedeutung für die soziale Bewegung erkennen, und diese liegt vor allem darin, daß er als erster wenigstens in den Umrissen dasjenige schafft, was dann das proletarische Ideal geworden ist; denn darüber dürfen wir uns keinen Augenblick unklar sein, daß alle Keime des späteren Sozialismus in diesem Owenschen Systeme enthalten sind. — 22 — Und Wenn ich nun noch, nachdem ich Ihnen Owen's System in seinen Grundzügen skizzirt habe, daran anknüpfend das Wesen des sogenannten utopischen Sozialismus überhaupt in wenigen Sätzen Zusammenfassen darf, so möchte ich dieses als das Wesentliche erachten: Lwen und die anderen sind zunächst Sozia listen, einmal deshalb, weil ihr Ausgangspunkt die proletarische Kritik ist: diese schöpfen sie unmittelbar aus den Sphären, in denen der Kapitalismus haust, aus den Sphären der Fabrik, wie Oweu, deK Handels, wie Fourier. Sie sind ferner Sozialisten deshalb, weil nicht nur ihr Ausgangspunkt proletarisch ist, sondern auch weil ihr Ziel in dem Sinne sozialistisch ist, das; sie an die Stelle der Privatwirtschaft eine Gemeinwirtschaft setzen wollen, d. h, also eine Wirtschaftsordnung neuen Inhalts, welche nicht mehr die Privatunternehmung und Teilung des Produkts zwischen Unternehmern und Arbeitern zum Inhalte hat, sondern darauf basiert, das; die Produktion von Genossenschaften betrieben werde, ohne Konkurrenz und ohne Unternehmer. Warum aber, fragen wir uns, sind diese Sozialisten Utopisten? Und wodurch unterscheiden sie sich von denjenigen Theoretikern, die wir als sogenannte wissenschaftliche Sozialisten kennen lernen werden ? Owen, Saint Simon, Fourier und alle die anderen sind deshalb Utopisten, weil sie die realen Machtfaktoren des sozialen Lebens nicht erkennen: die echten und rechten Kinder des liebenswürdigem idealistischen 18. Jahrhunderts, welches man gewiß nicht mit Unrecht als das Jahrhundert des Wissens und der Aufklärung bezeichnet hat. Ich zeigte Ihnen schon, wie in dem System Owens dieser Glaube an die Aufklärung, an die Macht des Wissens vom Guten das Allbeherrschende ist; in ihm liegt in der That hauptsächlich der Utopismus: weil als das Wirkende und Treibende Faktoren angesehen werden, die thatsächlich nicht das soziale Leben und nicht die reale Welt bilden. Und zwar geht dieser Glaube doppelt fehl: er enthält eine falsche Beurteilung der Gegenwart und der Vergangenheit einerseits und tauscht sich über die Voraussetzungen der Zukunft andererseits. Jenes, sofern seine Anhänger annehmen, daß die jetzige Ordnung der Dingenichts anderes sei,alseinJrrtum, daß dieMeuschensich nur deshalb in ihrer augenblicklichen Lage befänden, daß nur deshalb Elend in der Welt herrsche, weil man bisher nicht wußte, wie es besser zu machen sei. Das ist falsch. Die Utopisten verkennen in ihrer Gutgläubigkeit, daß Teile jeder Gesellschaft den 8t«,w8 yuo durchaus als befriedigend erachten und gar keine Aenderung wollen, daß diese Elemente also an seiner Erhaltung ein Interesse haben und daß weiter ein bestimmter Gesellschaftszustand deshalb herrscht, weil diejenigen Leute, die an ihm interessiert sind, auch die Macht haben, ihn aufrecht zu erhalten. Alle soziale Ordnung ist nichts anderes als der jeweilige Ausdruck der Machtverteilung zwischen den einzelnen Klassen der Gesellschaft. Und nun ermessen Sie, welche Verkennung der wirklichen Welt, welche grenzenlose Unterschätzung der gegnerischen Stärke in dem Glauben liegt, die Machthaber durch Predigten und Verheißungen zum Aufgeben ihrer Position bewegen zu können! Und wie sie die Macht der Gegner unterschätzen, so über schätzen die Utopisten die eigene Kraft, das eigene Können und werden damit zu Utopisten sür die Zukunft. Sie sind von dem festen Glauben durchdrungen, daß es nur eines Zu- greifens bedürfe, eines beherzten Entschlusses, um das Reich der Zukunft zur Wirklichkeit zu machen. Sie überschätzen die Leistungsfähigkeit der Menschen, die etwa die neue Gesellschaft bilden sollen. Sie vergessen oder wissen es nicht, daß im langsamen Umgestaltungsprozeß Menschen und Dinge erst geschaffen werden müssen, um die neue gesellschaftliche Ordnung zu ermöglichen. Und nun die für die Praxis der sozialen Bewegung interessanteste Konsequenz, die aus dieser Auffassungsweise logisch die Utopisten ziehen: das ist die Eigenart ihrer — 24 - Taktik, die sie zur Erreichung des neuen Zustandes empfehlen. Aus dem Gesagten geht im wesentlichen schon hervor, worin diese Taktik gipfeln soll: in dem Appell an den guten Willen sämtlicher Menschen. Es wird nicht von einer bestimmt interessierten Klasse etwa, sondern von allen Menschen erwartet, dafz, wenn man sie nur erst recht aufgeklärt habe, sie auch das Gute wollen mögen; sintemalen ja doch angenommen wird, dafz es nur Unkenntnis des Gegners sei, die ihn abhalte, offen und freiwillig das Gute anzunehmen, sich seines Besitzstandes zu entäußern und die alte Ordnung mit der neuen zu vertauschen. Das charakteristische Paradigma für diese kindliche Anschauungsweise ist die bekannte Thatsache, daß Charles Fourier sich täglich zwischen 12 und 1 Uhr in seiner Wohnung aufhielt, um dort den Millionär zu erwarten, der ihm das Geld zur Errichtung des ersten Phälanstsre bringen sollte! Es ist niemand gekommen. Und im engsten Zusammenhang mit diesem Glauben an die Bereitwilligkeit der Herrschenden zu Konzessionen steht dann die Abneigung gegen alles gewaltsam Drängende, gegen alles Fordern und Heischen. Wir finden daher als einen .Kernpunkt in der Taktik der Utopisten: die Ablehnung des Klassenkampfes und die Abweisung jeder Politik. Denn wie sollten diese mit ihrer Auffassung in Uebereinstimmung gebracht werden, wie sollte etwas, das durch Aufklärung, höchstens durch Beispiele in seiner Vollkommenheit bewiesen werden soll, ertrotzet werden können im Kampf? Undenkbar. Und ebenso, wie der utopische Sozialismus die Politik von sich weist, steht er feindlich gegenüber allen jenen Bestrebungen, die wir als ökonomische Arbeiterbewegung zu bezeichnen Pflegen, wie Gewerkschaftsbildungen nnd dergl. Wiederum derselbe Gedanke: wozu die gewerkschaftliche Kampfesorganisation zur Erzielung besserer Arbeitsbedingungen, wenn es ja doch nur auf die Verbreitung neuer Heilswahrheiten ankommt? Rob. Owen hat zwar in England 'l'raäg vllions organisiert, aber ihre Aufgabe sollte doch — 25 — am letzten Ende immer die der Propaganda für seine sozialistischen Theorien sein, nicht der mühselige Kampf gegen das Unternehmertum. Ablehnung des Klassenkampfes, der Politik wie der ökonomischen Arbeiterbewegung, dafür Belehrung in Wort, Schrift und Beispiel: darin gipfelt die Taktik der utopischen Sozialisten, die sich - wie ich Ihnen zu zeigen versucht habe — als notwendige Konsequenz aus ihrem in schönen, schlanken Linien aufgebauten Systeme ergeben mußte. Wenn wir damit Abschied nehmen von dem utopischen Sozialismus, so müssen wir uns vor dem Glauben hüten, als sei mit jenen großen historischen Vertretern dieser Richtung sein Geist nun völlig aus der Welt verschwunden. Nein. Kein Tag vergeht, ohne daß in einer Schrift, in einer Rede jene selben Gedankengänge nicht wieder auferstünden, die wir als das Wesen des utopischen Sozialismus erkannt haben. Vor allem in Kreisen wohlmeinender bürgerlicher Sozialpolitiker lebt sein Geist noch heute fort, aber auch im Proletariate selbst ist er noch längst nicht tot. Wir werden noch sehen, wie er in eigentümlicher Kreuzung mit dem Revolutions- gedauken später eine Wiederbelebung erfährt. Deshalb ist es mehr als ein historisches Interesse, was sich an die Kenntnis dieser eigentümlichen Gedankenrichtung knüpft. III. Aus öer Vorgeschichte öev sozialen Bewegung. „Die große stumme, tiefbegrabcne Klasse liegt wie „ein Enceladus, der in seinen Schmerzen, wenn „er über sie klagen will, Erdbeben verursachen muß." Thom. Carlyle, Der Chartismus, Kap. ix. V. A.! Eine Frage, die jetzt auf Ihrer aller Lippen schweben wird, nachdem ich Ihnen die Gedankengänge der ersten Sozialisten vorgezeichnet habe, ist die: wo war, was that, als solcherart edle Hirne den Plan zu einer neuen, bessern Welt für ihre leidenden Mitbrüder ausdachten und verkündigten, wo war, was that damals das Proletariat selbst? Welches sind die Anfänge der sozialen Bewegung, die von den Massen getragen wird? Lange, lange noch — so muß die Antwort lauten — nachdem schon viel über die Lage des Proletariats und seine Zukunft gedacht und geschrieben war, lange noch bleibt dieses selbst völlig unberührt von diesen neuen Gedankengebilden, weiß nichts von ihnen oder kümmert sich nicht um sie, sondern läßt sich von andern Gewalten, andern Motiven leiten. Wenig oder gar nicht haben die Systeme von St. Simon, Fourier, Owen Fühlung mit den Massen gehabt. Wenden wir uns zu diesen selbst, fragen wir nach ihrem Schicksal — etwa bis in die Mitte unseres Jahrhunderts — — 27 — so finden wir das Proletariat, wenn ich mich so ausdrücken darf, in jenen Zeiten eine Art von Vorgeschichte der sozialen Bewegung durchleben, eine Vorgeschichte, die überall, d. h. in allen Ländern mit kapitalistischer Wirtschaft, sehr einheitlich verläuft, überall zum mindesten dieselben Züge ausweist und übereinstimmend durch folgendes charakterisiert wird: die Bewegung der Massen ist dort, wo sie zielbewußt und klar auftritt, noch nicht proletarisch, wo proletarisch, noch nicht klar und zielbewußt. Das bedeutet: in den zielbewußten Bewegungen, an denen wir das Proletariat beteiligt finden, sind es andere soziale Elemente, die die Ziele stecken: bürgerliche; wo das Proletariat selbständig zu sein unternimmt, zeigt es noch alle Unreife einer werdenden sozialen Klasse, die erst Instinkte, noch keine bewußten Postulate und Ziele hat. Jene historischen Ereignisse, bei denen das Proletariat eine Rolle spielt, ohne daß es proletarische Bewegungen wären, sind die bekannten Revolutionen, die wir an die Jahreszahlen — ich muß hier des inneren Zusammenhanges wegen ins vorige Jahrhundert zurückgreifen — 1789, 17S3, 1330, 1832, 1848 knüpfen. Hier haben wir Bewegungen vor uns, die in ihrem Kerne durchaus bürgerliche Bewegungen sind; in ihnen wird gekämpft für bürgerliche Freiheitsrechte, und wenn wir in ihnen auf proletarische Elemente stoßen, so sind es die Massen, die die Schlachten der Bourgeoisie oder des Kleinbürgertums schlagen, etwa den Bogenschützen vergleichbar, die in den Ritterheeren kämpfen. Diese Thatsache, daß wir es hier mit rein bürgerlichen Bewegungen zu thun haben, ist von so vielen und berühmten Historikern so oft verkannt worden, — sind doch die Schlag- Wörter: Communismus und Sozialismus häufig genug angewandt auf jene groß- und kleinbürgerlichen Bewegungen ^ daß es sich wohl verlohnt, mit einigen Worten das Unberechtigte dieser Auffassung klarzustellen. Dabei müssen wir die einzelnen Bewegungen, die sich an die genannten Jahreszahlen — 28 — knüpfen, getrennt in Betracht ziehen, da jede wesentlich eigenartig charakterisiert wird. Wenn wir uns zunächst einmal vergegenwärtigen, welchen Inhalt die Bewegungen von 1789 und 1793 hatten, jene Bewegungen, die die große französische Revolution bilden, so ist Wohl auch für den Kurzsichtigen die Revolution von 1739 eine rein bürgerliche und zwar großbürgerliche Bewegung, Es ist der Kampf des Großbürgertums um Anerkennung seiner Rechte und Befreiung von den Privilegien der herrschenden Klassen der Gesellschaft, von den Fesseln, in denen es von den feudalen Gewalten gehalten worden war. Es kleidet sich dieses Streben zwar in die Forderungen der Gleichheit und Freiheit, aber, „die sie meinen", die Gleichheit schon von vornherein mit der Einschränkung der Gleichheit vor dem Gesetz und die Freiheit? Schauen Sie sich die ersten, einschneidenden, sagen wir sozialen Gesetze an, die unter dem neuen Regime in Frankreich gegeben werden, Sie atmen alles andere als einen „Volks-" oder gar „arbeiterfreundlichen" Charakter; man sieht es ihnen auf den ersten Blick an, daß sie nicht von den Massen für die Massen gemacht find, sondern von vornehmen Bourgeois, die sich in einen scharf pointierten Gegensatz zu der Crapule stellen. Gleich die bekannte I,oi wartialovom 2 0. Oktober 1739, ein „Aufruhrgesetz", bringt diesen Gegensatz zum Ausdruck, wenn sie von den „dons cito)'«»«" spricht, die gegen die Angriffe der „?°ns mal inwntion6s" geschützt werden müssen durch strengere polizeiliche Maßregeln: „wenn die Masse sich auf geschehene Aufforderung hin nicht zerstreut, so hat die bewaffnete Macht Feuer zu geben". Man wollte den Leuten da nnten auf der Piazza ihre Mucken austreiben, damit nicht ein zweites Mal, wenn sich das Volk ohne höhere Ermächtigung der Brote in den Bäckerläden bemächtigen wollte, der Mvrdstahl in der Brust eines ehrsamen Bäckermeisters sich verirren möchte. Ans doktrinär bürgerlichem Geiste geboren ist dann ein zweites wichtiges Gesetz jener ersten Jahre, an das ich hier - 2g - denke: das Koalitionsgesetz vom 17. Juni 1791. Es bestraft jede Verbindung zwischen Gewerbsgenossen zur Förderung ihrer „angeblich" gemeinsamen Interessen als ein Attentat auf die Freiheit und die Menschenrechte mit SM Livres und der Entziehung des aktiven Bürgerrechts auf ein Jahr. Zwar galt das für Unternehmer und Arbeiter, sagen wir besser Meister und Gesellen gleichmäßig; aber wie diese Gleichheit die schreiendste Ungleichheit erzeugt, ist allbekannt. Und dann kommt die erste Konsolidierung der neuen Gesellschaft, die Konstitution vom 3. November 1791, die durch Einführung der Zensuswahl klipp und klar die Scheidung in eine wohlhabende, herrschende Klasse und eine beherrschte Klasse von Habenichtsen zum Ausdruck bringt: es giebt nun „Vollbürger" und Bürger 2. Klasse. Also hier bei der Revolution von 1789 ist es wohl deutlich, daß es alles andere als eine proletarische Bewegung war. Zweifelhafter könnte man sein bei der 1793er Bewegung. Diese ist es denn auch vor allem, die von unseren großen Historikern, wie Shbel, mit Vorliebe als eine „kommunistische" bezeichnet wird. Die Männer der Montagne werden in ihren Augen zu Vorläufern der Sozialdemokratie; und noch ganz neuerdings ist in einer kleinen Schrift, die der Berliner Prof. H. Delbrück in der Göttinger Arbeiterbibliothek veröffentlicht hat, geradezu die Behauptung aufgestellt worden, daß die Leiter dieser Bewegungen nichts anderes gewesen seien als Sozialdemokraten, ja daß im Grunde die Sozialdemokratie seit Saint Just und Robespierre keinen neuen Gedanken gehabt habe! Dieser Auffassung kann ich eine Berechtigung nicht zuerkennen. Prüfen wir! Auch die Bewegung von 1793, behaupte ich, ist durchaus keine proletarische. Freilich — und das hat so viele Wohl irregeführt — kommt in ihr diejenige Unterströmung zum Durchbruch, die die französische Revolution von jeher gehabt hat, ich meine die demokratische. Diese ist von Anbeginn da. — 30 - Sie äußert sich schon 178g bei den Wahlen zu den Generalständen und kommt endlich 1793 zur vollen Entfaltung, Wenn Sie die „LaluH,mi ,la bouti^ue" nennen, Kleinhändler, Wirte :c., eine besonders wichtige Kategorie. Das also sind die großen Scharen, die die Anhänger von Danton, Robespierre, Marat bilden. Und diese Führer selbst? Wes Geistes Kind sind sie? Sie sind am letzten Ende auch Kleinbürger von Geblüt. Sie sind extreme Radikale, extreme Individualisten. — 32 - Sie sind in ihren Idealen und in ihren Zielen ganz und gar für unsere heutigen Begriffe unsozial und unproletarisch. Erklärt doch die Verfassung von 1793 in Art. 2 als vroits äs 1'lZominv: LAg.Iitö' I.ibert6, Lurstö und ?roprietS. Das ist nicht proletarisch und nicht sozialistisch; deshalb find alle die Behauptungen von einer kommunistischen Bewegung in jener Zeit zurückzuweisen. Ich habe länger bei dieser Revolution von 1793 verweilt, um Ihnen an einem Beispiele zu zeigen, wie voreilig es ist, überall, wo geschrieen und gehauen wird, gleich von Soziäldemokraten und sozialer, d. h. proletarischer Bewegung zu sprechen. Auf die übrigen Bewegungen aus der Vorgeschichte kann ich nur kurz eingehen. Der Aufstand von Babeuf 1796 hatte allerdings in seinem Programm kommunistisches Gepräge; er blieb aber, wie man jetzt weiß, ohne jede Fühlung mit den Massen, die endlich revolutionsmüde waren. Augenfällig großbürgerlich sind dann die Julirevolution von 1830 in Frankreich und die 1848er Bewegung in Deutschland. Beidemale sehen wir das Bürgertum im Kampfe mit den feudalen Gewalten. Weniger offen zu Tage liegt der bürgerliche Charakter der Revolution von 1832 in England und der Februarrevolution in Frankreich 1843 deshalb, weil es hier selbst bürgerliche Regierungen sind, gegen die die Bewegungen sich richten. Trotzdem sind auch die Bewegungen von 1332 in England und die Februarrevolution in Frankreich keine proletarischen Bewegungen, sie sind vielmehr der Kampf eines Teiles der Bourgeoisie ^ wesentlich der radikalen Industriellen — gegen einen anderen: die Lauts tm-mes. Dieselben Gegensätze, wie sie sich jetzt in Italien wiederfinden, in der Opposition der radikalen oberitalienischen Industrie gegen die verrottete, halb feudale H-mts go-meo, die Crispi vertritt. Das also sind die klaren, die zielbewußten Bewegungen unseres Jahrhunderts. An ihnen allen ist das Proletariat beteiligt gewesen; hinter allen Barrikaden von 1789 bis 1843 liegen Proletarierknochen, aber eine proletarische, also in - 33 - unserem Sinne eine soziale Bewegung ist keine einzige gewesen von allen, die ich Ihnen aufgezählt habe. — Wo nun das Proletariat für sich kämpft und seine Interessen vertritt, da sind es zunächst in den Anfängen ganz dumpfe, ganz unartikulierte Laute, die wir vernehmen, und lange dauert es, bis diese Laute zu Rufen, bis diese Rufe zu gemeinsamen Forderungen, zu Programmen sich krystallisieren. Die ersten proletarischen Bewegungen — die Regungen jener unglücklichen, tief vergrabenen Masse — sind, nach dem Worte Carlyles, wie die Bewegungen des Enceladus, der, wenn er über seine Schmerzen klagen will, Erdbeben hervorrufen muß. Es sind Bewegungen vollständig instinktiver Art, die sich an dasjenige halten, was zunächst liegt und gegen das anstürmen, was ihnen handgreiflich im Wege zu stehen scheint. Es sind Thaten, die ursprünglich zum großen Teil die Formen des Raubes und der Plünderung annehmen. Sie haben den Zweck, irgendwo den Feind in seinem Besitztum zu vernichten. In England wimmelte es am Ende des vorigen und Anfang des jetzigen Jahrhunderts von Zerstörungen und Plünderungen von Fabriken. Im Jahre 181S wird in England die Zerstörung von Fabriken mit dem Tode bestraft, der beste Beweis, wie oft das Verbrechen vorgekommen ist. In anderen Ländern haben wir ganz ähnliche Ereignisse. Ich denke hier an den Fabrikbrand in Uster in der Schweiz im Jahre 1832, in Deutschland an die Weberunruhen in den 1840er Jahren, in Frankreich an den Lyoner Seidenweberaufstand im Jahre 1831. Dieser hebt sich dadurch von Vorkommnissen ähnlichen Charak- ters ab, daß er als Leitmotiv eine Devise angenommen hat, die wir gleichsam über die Eingangspforte zu der proletarischen Bewegung geschrieben uns denken können: Vivro sr, travaillaul, ou mourir sa oomliattant! Es ist das eine erste schüchterne Formulierung proletarischen Strebens, weil der Schlachtruf negativ und positiv einen Satz echt proletarisch-sozialistischer Ethik ausdrückt: Es soll niemand, Sambart, SozialiSmus. ü 51. — 34 der nicht arbeitet, leben — negativ; es soll aber auch derjenige, der arbeitet, leben können — positiv. Das also sind die ersten Formen proletarischer Bewegungen: Kampf gegen die äußerlich wahrnehmbaren Dinge, in denen sich der Gegner gleichsam verkörpert: gegen die Fabriken und Maschinen, die man zertrümmert, weil man bei ihrem Aufkommen sieht, wie sie den Handarbeitern Konkurrenz machen, gegen die Wohnungen der Unternehmer, die als die Zwingburgen der neuen Gewalthaber erscheinen. Eine Art von Fortschritt ist es schon, wenn an die Stelle der unmittelbar sichtbaren Dinge die dahinter liegenden Rechtsordnungen treten, auf denen das kapitalistische Wirtschaftssystem beruht, die freie Konkurrenz in der Produktion. Es ist also eine weitere Etappe in der proletarischen Bewegung, wenn diese sich zu richten anfängt auf Abschaffung jener modernen Institutionen. So kämpft das Proletariat in England am Ende des vorigen und Anfang des jetzigen Jahrhunderts lange Zeit für eine Wiederbelegung der Elisabethischen Gewerbeordnung. Diese hatte bestimmt: Es soll jeder Meister auf drei Gesellen nur einen Lehrling halten. Die Lehrzeit soll auf sieben Jahre beschränkt werden, der Lohn wird durch den Friedensrichter festgesetzt :c. Es ist ein instinktives Anklammern an eine Schutzwehr, die man verschwinden sieht. Auch das ist noch zuerst unklar; im wesentlichen aber finden wir diesen gemeinsamen Zug durch die ganze Vorgeschichte des Proletariates, daß sich die Bewegungen halten an das, was früher war in der guten alten Zeit. So ist auch z. B. in Deutschland die deutsche Arbeiterbewegung von 1848 erfüllt von diesem Bestreben, die alten zünftlerischen Zustände wieder herbeizuführen. Aber alles dieses gehört deshalb in die Vorgeschichte der sozialen Bewegung, weil das eigentliche klare Ziel des Proletariats fehlt. Nun aber gehört hierher in die Vorgeschichte auch noch jene große und bekannte Bewegung, die man vielfach als die — 35 - erste, typisch - sozialistisch - proletarische Bewegung zu bezeichnen sich gewöhnt hat: ich meine die Chartistenbewegung in England 1837/48, Sie zeichnet sich allerdings von jenen eben erwähnten momentanen Aufwallungen der Massen dadurch aus, das? sie über mehr als ein Jahrzehnt systematisch weitergeführt wird und als eine Wohl organisierte Bewegung uns erscheint. Und ohne allen Zweifel ist es jedenfalls eine echt proletarische Bewegung: wenn Sie wollen, die erste organisierte, proletarische Bewegung, Sie ist proletarisch deshalb, weil es Zunächst leibhaftige Proletarier sind, die die Hauptmassen der Chartisten bilden; sie ist proletarisch'aber auch in dem Sinne, als ihre Forderungen unmittelbar aus deu Zuständen des Proletariats herauswachsen, als das Streben nach materieller Lebensverbesserung gedrückter Fabrikarbeiter unmittelbar in den Vordergrund der Bewegung tritt. Es ist damals schon der Maximalarbeitstag als Forderung aufgestellt. Ich erinnere Sie an das berühmte Wort des Pfarrers Step Heus, der den Massen zurief: „Die Frage, die uns hier beschäftigt, ist nichts anderes als eine Messerund Gabelfrage!" Proletarisch aber ist die Chartistenbewegung auch darin, daß in ihr der Antagonismus zwischen Arbeit und Kapital oftmals scharf und deutlich in die Erscheinung tritt. Die „Regierung", die „herrschende Klasse", identifiziert sich mit der Kapitalistenklasse. Es findet das seinen Ausdruck in dem urwüchsigen Haß, der sich gegen das Unternehmertum schon damals in den Massen angesammelt hat und zu einem Schlachtrufe wird. Das Wort O'Connors: „Nieder mit jenen Elenden, die das Blut eurer Kinder trinken, Wollust treiben mit dem Elend eurer Weiber und satt werden von eurem eigenen Schweiße", erinnert uns lebhaft an die Phraseologie proletarischer Volksversammlungen selbst noch der Gegenwart. Das Pochen ferner auf die Rechte der Arbeit ist ein durchaus proletarischer Zug; schon damals ist es das Recht auf den vollen Arbeitsertrag, um das man kämpft, auf den „Mehrwert", der s» in die Taschen der Unternehmer fließe. Ein Symptom des proletarischen Charakters der Cbartistenbewegung ist ferner die zunehmende Indifferenz gegen bürgerliche Forderungen, wie z, B, gegen die Abschaffung der Kornzölle, Es ist interessant, wie die Chartistenbewegung langsam teilnahmlos wird gegenüber den gerade damals dringendsten Begehren des Bürgertums: diese, ursprünglich noch mitvertreten, werden schließlich ganz und gar über Bord geworfen. Und auch in der Form des Kampfes finden wir proletarischen Charakter. So erscheint schon damals der Generalstreik als Kampfesmittel, a u ch ein Gedanke, der selbstverständlich nur in einer echt proletarischen Bewegung entstehen kann. Also ohne allen Zweifel: aus diesen und andern Gründen haben wir es in der Chartistenbewegung mit einer proletarischen Bewegung zu thun. Wenn ich sie nun aber trotzdem in die Vorgeschichte verweise, so geschieht es deshalb, weil ich in ihr das klare Programm einer proletarisch-sozialen Bewegung vermisse, das klar gesteckte Ziel, auf das sie hinarbeiten sollte. Was die Chartistenbewegnng als Programm hat, ist die Charte und in der Charte ist nichts enthalten von echten sozialistischen Postulaten, sondern nur die Zusammenstellung einer Parlamentsreform, weiter nichts. Sie bildet nichts anderes als eine Art von Verlegenheitsprogramm, an das man sich anklammert, weil man nichts Besseres weiß, ein Programm, das übernommen worden ist von der radikalen bürgerlichen Demokratie. Es ist O'Connell, der es dem Proletariat überliefert: „Allgemeines Wahlrecht, geheime Abstimmung, gleiche Wahlbezirke, Diäten, keinen Besitz für Abgeordnete, kurze Legislaturperioden". Deshalb, so sehr auch der Kern der Chartistenbewegung proletarisch erscheinen mag, so sehr auch der Geist, der sie beherrscht, ein proletarischer ist, so muß sie doch von den späteren, bewußten, proletarischsozialistischen Bewegungen unterschieden werden eben durch die Unbestimmtheit ihres Programmes. Ich betone das ausdrücklich, weil häufig, selbst von ausgezeichneten Kennern — 37 - englischer Geschichte, wie Brentano, die Chartistenbewegung schlechthin z, B, mit der deutschen Sozialdemokratie gleich gestellt wird. Diese Auffassung hält sich zu sehr an die äußere Form, die in Heiden Fällen Aehnlichkeit hat, sofern beide Bewegungen die politische Macht erstreben, während doch das innere Wesen, das sehr verschieden ist, den Ausschlag für die Charakterbestimmung einer sozialen Bewegung geben soll. Was die Vorgeschichte der sozialen Bewegung auszeichnet, ist, wie ich schon sagte, ihre große und übereinstimmende Aehnlichkeit. Jene Bewegungen und Bestrebungen, die ich Ihnen als für die Vorgeschichte charakteristisch nannte, finden sich fast überall gleichmäßig, wo wir überhaupt von sozialen Bewegungen sprechen können. An der Schwelle von der Vorgeschichte zur Geschichte beginnt nun sich die Verschiedenheit der sozialen Bewegung fühlbar zu machen. So einheitlich die Anfänge waren, so verschieden gestaltet sich jetzt die weitere Entwickelung. Drei Typen will ich unterscheiden uud will sie der größeren Einfachheit halber den englischen, den französischen und den deutschen Typus nennen. Unter dem englischen Typus der Arbeiterbewegung verstehe ich dann diejenige Bewegung, die im wesentlichen einen unpolitischen, rein gewerkschaftlich-ökonomischen Charakter hat. Als Typus der französischen Bewegung will ich denjenigen bezeichnen, bei dem das hervortritt, was ich den Revvlutionismus oder Putschismus uenne, d. h. eine Art von Verschwörertum, gepaart mit Straßenkampf und endlich als deutschen Typus die gesetzlich-parlamentarisch-politische Arbeiterbewegung. Das sind die drei verschiedenen Richtungen, in die jetzt die soziale Bewegung auseinandergeht. In ihnen entfalten sich gleichsam die sämtlichen lebensfähigen Keime, die in dem Ganzen der sozialen Bewegung enthalten sind, zu selbständigem Leben, entwickeln sich die „besonderen bestimmten Prinzipien" dieser Bewegung. Später werden wir sehen nachdem die verschiedenen Nationen in ihrer Eigenart sich gleichsam ausgelebt haben, wie die soziale Bewegung zn größerer Einförmigkeit wieder zurückzukehren die Tendenz hat. Ehe wir nun aber diese Verschiedenheiten nationaler Eigentümlichkeiten uns klar zu machen versuchen, empfiehlt es sich vielleicht einen Punkt zu berühren, der entscheidend für das richtige Verständnis ist. Ich meine die prinzipielle Stellung, die wir als wissenschaftliche Beobachter gegenüber dieser Mannigfaltigkeit der sozialen Bewegung einnehmen wollen. Der herrschenden Auffassung entspricht es, dort, wo man die Verschiedenheit der Bewegungen schildert, einen Unterschied zu machen zwischen demjenigen, was man die gesunde und normale Bewegung einerseits und die ungesunde andererseits nennt. Und zwar pflegt sich dieser Unterschied in der herrschenden Auffassung zu identifizieren mit dem Unterschied der Bewegung in England und auf dem Kontinent. Die englische Bewegung, die im wesentlichen eine rein gewerkschaftliche war, beliebt man als die normale und richtige zu bezeichnen, die kontinentale, mehr politische als die anormale und unrichtige. Wie werden wir uns zu dieser Frage stellen? Ich glaube, daß bei solcher Unterscheidung und Beurteilung ein zwiefacher Irrtum begangen wird: ein methodologischer und ein sachlicher. Wenn die Wissenschaft ein derartiges Urteil ausspricht, mit dem sie sich gleichsam in die Geschichte mischen zu sollen glaubt, so heißt das nach meinem Dafürhalten eine Überschreitung der Grenzen, die der Gelehrte sich stecken muß und soll. Man giebt für objektives Wissen etwas aus, was nichts anderes als subjektives, streng privates Ermessen einer bestimmt interessierten Persönlichkeit ist, ganz davon abgesehen, daß, wie Hegel es einmal ausdrückt, die Wissenschaft zu dem Belehren, wie die Welt sein soll, immer zu spät kommt. Also hier — 39 - liegt etwas zu Grunde, was ich einen methodologischen Irrtum nenne. Sachlich irrt nun aber jene Betrachtungsweise darin, daß das, was sie als normale Richtung bezeichnet, die anormalste ist, die je existiert bat: weil nämlich die englische, soziale Bewegung nur durch eine Reihe von ganz speziellen außergewöhnlichen Umständen so werden konnte, wie sie geworden ist. Denn nehmen wir den normalen Verlauf der modernen, kapitalistischen Entwicklung als objektiven Maßstab, und das ist in der That der einzige, der uns zur Verfügung steht, so hätten wir viel eher ein Recht zu sagen: Die kontinentale Bewegung ist die normale und die englische die anormale. Ich denke mir aber, daß es der Wissenschaft würdiger ist, wenn sie jene Scheidung in „Normal" und „Anormal" ganz beiseite läßt und vielmehr versucht, den Gründen auf die Spur zu kommen, weshalb sich in den verschiedenen Ländern verschiedene Erscheinungsformen der sozialen Bewegung herausgestellt haben, wenn sie erklärt, statt abzusprechen. Das wenigstens soll im folgenden meine Aufgabe sein, nachzuweisen, welches die Verschiedenheiten sind, in die die sozialen Bewegungen der einzelnen Länder auseinandergehen und warum diese Verschiedenheiten da sind? Aberwas heißt erklären? Auch darüber bedarf es wieder eines Wortes der Verständigung, weil auch hierin — ach wie oft! — gefehlt wird. Selbstverständlich kann es sich an dieser Stelle nur um wenige Andeutungen handeln. Soziale Geschehnisse erklären, heißt natürlich die Ursachen aufdecken, aus denen sie hervorgegangen sind. Aber diesen Ursachen gilt es richtig auf die Spur zu kommen. Und dabei darf es uns nicht passieren, wie es meist geschieht, daß wir unrealistisch werden. Unrealistisch nenne ich jede Erklärung einer sozialen Erscheinung, die, an der Oberfläche haftend, diese aus den zur Schau getragenen ideellen, altruistischen Motiven der handelnden Personen allein ableitet, also die Interessen, d. h. im wirtschaftlichen Leben vorwiegend die materiellen — 40 — Interessen, als treibende Kräfte unterschätzt, die also in der sozialen Welt an Wunder glaubt. So halte ich, um an einem Beispiel meinen Standpunkt zu verdeutlichen, das übliche Schema zur Erklärung der sozialen Entwicklung in England für unrealistisch, d. h. nicht der Wirklichkeit entsprechend. Nach diesem Schema sollen sich die Dinge in England etwa in folgender Weise abgespielt haben: Nachdem das Proletariat ein paar Jahrzehnte lang, zuletzt noch in der Chartistenbewegung, sich recht ungebärdig benommen, in schnödem Materialismus erbittert für seine Interessen gekümpft habe, sei es seit der Mitte des Jahrhunderts plötzlich manierlich geworden, habe sich mit der herrschenden Wirtschaftsordnung ausgesöhnt und sich mit den Unternehmern, die gleichfalls edlere Menschen geworden seien, auf das beste vertragen. Und das alles, weil ein neuer Geist in die Menschen gefahren sei, ein Gedankenumschwung sich vollzogen habe, von der individualistischen Nationalökonomie und utilitarischen Weltanschauung zu einer sozialen Auffassung der Gesellschaft wie der Stellung und Pflichten der einzelnen in ihr. Förderer und Verbreiter dieses „neuen Geistes" sollen vor allem Thomas Carlyle (1795-1881)und die christlichen „Sozialisten": Maurice, Kingslev, Ludlow u. a. gewesen sein. Carlhles Lehre gipfelt in diesen Sätzen: Die Uebel, die über Europa hereingebrochen sind — französische Revolution! Chartismus! — rühren daher, dasz der Geist des Bösen herrscht: Mammonismus, Selbstsucht, daher Pflichtvergessenheit. Es gilt, diesen Geist zu reformieren! Statt Skepsis muß Glaube», statt Mammvnismus Idealismus, statt Selbstsucht Hingabe, statt Individualismus soziale Gesinnung wieder in die Herzen der Menschen einziehen! Nicht das Individuum darf Mittelpunkt sein, wie es die eudämonistisch- utilitarische Weltanschauung will, sondern soziale Zwecke, objektive Werte, Ideale sollen des Menschen Thun leiten. — 41 — Unter diesem Gesichtspunkt der sozialen Pflichterfüllung wird auch das proletarisch-kapitalistische Verhältnis geadelt werden und seine Härten verlieren: der Unternehmer werde menschlicher, lerne wahrhaft herrschen, der Arbeiter gefügiger, lerne wahrhaft dienen. Ganz ähnlich räsonnieren die sog. christlichen Sozialisten, nur dasz sie den „neuen sozialen Geist" aus den Lehren des Christentums ableiten wollen. Diese Lehren nun, heißt es, tragen Früchte. Jener soziale Geist — wer hätte es gedacht — zieht thatsächlich in die Herzen der Menschen ein, der soziale Konflikt wird dadurch aus der Welt geschafft, an Stelle von Hasz und Mißtrauen treten Liebe und Zutrauen. Die „soziale Frage" ist gelöst, mindestens ist man auf dem „Wege zum sozialen Frieden", der Kapitalismus ist gerettet, der Sozialismus auf der Strecke geblieben . . . Ich will erst nachher prüfen, in welchem Umfange denn die sozialen Thatsachen, die hier behauptet werden, der Wirklichkeit entsprechen; aber selbst angenommen, sie thäten es ganz und gar — es herrschte eitel Eintracht in Albion: könnte uns dann jene hhperidealistische Erklärung genügen? Würde es uns nicht verlangen, auch ein paar solidere Motive in den Kausalzusammenhang einzufügen als nur die Erfolge der Carlyleschen Predigten? „Exakte" Beweise für die Richtigkeit der einen oder der anderen Auffassung lassen sich natürlich nicht führen, weil es am letzten Ende die gesamte Weltanschauung des Beurteilers ist, seiue Wertung des Menschen, was den Entscheid giebt: Wallenstein und Max werden sich niemals völlig der eine vom anderen überzeugen lassen. Immerhin wird keiner darauf verzichten wollen, durch Beibringung von Gründen und Hinweis auf bestimmt feststellbare Thatsachen die Richtigkeit seiner Auffassung mindestens plausibel zu machen. Ich für meine Person bin skeptisch gegenüber allen liebenswürdigen Geschichtserklärungen und glaube dem — 42 - Wallenstein lieber als dem Max. Und wenn ich nun, von diesem häßlichen Mißtrauen getrieben, mir im vorliegenden Falle die englische Entwicklung etwas genauer betrachte, so gestaltet sich in der That das Bild, das ich von ihr empfange, wesentlich anders, als ich's Ihnen nach der herrschenden Auffassung gezeichnet habe. Vor allem: ich finde recht, herzlich wenig von jenem berühmten „sozialen Geiste", der solche Wunder gethan haben soll. In den Institutionen, auf denen die englische Eigenart der proletarischen Entwicklung beruht — Gewerkschaften und Genossenschaften — herrscht, soviel ich sehe, ein recht gesunder, selbstsüchtiger, eigennütziger Geist. Ja, es giebt vielleicht keine soziale Schöpfung, die brutaler auf dem Egoismus — sehr vernünftigerweise! — aufgebaut wäre als die Trade Unions. Und wenn ich die betrüblichen Klagen der christlichen Sozialisten lese über den kompletten Mißerfolg ihrer Bestrebungen, dann vermag ich das sehr gut mit den anderen Beobachtungen in Einklang zu bringen. Nun aber auch einmal eine gewisse Wirkuug des „sozialen Geistes" zugegeben — sie ist vorhanden — soll ich an das Wunder glauben, daß er Berge versetzen könne? Oder soll ich nicht vielmehr vermuten dürfen, daß ihm die wirtschaftliche und politische Entwickelung, in der doch nun einmal die Selbstsucht zu Hause ist, stark zu Hlilfe gekommen sei, die Vorbedingungen geschaffen habe, damit er wirken könne? Das alles bewege ich in meinem lieben Gemüte, und das Ergebnis ist, daß ich mich unmöglich mit Carwle und seinem sozialen Geist zufrieden geben kann, sondern eben eine realistische Geschichtserklürung — für England nicht minder wie für jedes andere Land — versuchen muß. Und sie ist ganz gewiß nicht schwer. Sehen wir also zu, wie sich die nationalen Eigenarten der sozialen Bewegung unter Berücksichtigung der meiner Meinung nach thatsächlich bestimmenden Faktoren der Geschichte als notwendiges Ergebnis bestimmter Entwickelungsreihen verstehen lassen: das heißt sie erklären. IV. Die Entfaltung der nationalen Eigenarten» „Die Staaten (und) Völker . . in diesem Geschäfte des Weltgeistes stehen in ihrem besonderen bestimmten Prinzipe auf, das an ihrer „Verfassung und der ganzen Breite ihres Zustandes seine Auslegung und Wirklichkeit hat, „deren sie sich bewußt und in deren Interesse „Vertieft, sie zugleich bewußtlose Werkzeuge und „Glieder jenes inneren Geschäfts sind, worin „diese Gestalten vergehen, der Geist an und für „sich aber sich den Ucbergang in seine nächste „höhere Stufe vorbereitet und erarbeitet." Heg,el, Rechtsphilosophie H Z44. V. A.! Wie nun läßt sich wirklich die Eigenart der englischen Arbeiterbewegung im einzelnen charakterisieren? Ich denke so: Seit 18S0 etwa verschwindet eine eigentlich „revolutionäre" soziale Bewegung; d. h. die Arbeiterbewegung erkennt prinzipiell die Grundlagen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung an und bestrebt sich durch Gründung von Unterstützungskassen, Genossenschaften und Gewerkvereinen innerhalb der bestehenden Wirtschaftsordnung die Lage der Arbeiter zu verbessern. Die Klassengegensätze mildern sich, der Arbeiter wird von der „Gesellschaft" und selbst vom Unternehmertum als Mensch anerkannt. Es tritt unzweifelhaft eine Hebung der englischen Arbeiterschaft ein. Wirksame Arbeiterschutzgesetze werden erlassen :c., wobei ich unbeachtet lassen will- — 44 - daß diese „Hebung" sich thatsächlich nur auf eine Arbeiteraristokratie bezieht, daß daneben, z. B> in London, ein ungeheures Elend weiterbesteht — in London empfangen über 100000 Personen Armenunterstützung, 100 Millionen Mark werden jährlich für wohlthätige Zwecke verausgabt, von 5 Personen stirbt je eine durchschnittlich in Armenhäusern, öffentlichen Spitälern :c. — Aber davon sei abgesehen. Andere Schichten des englischen Proletariats haben ihre Lage zweifellos sehr erheblich verbessert. Und nun die Pointe: das alles, ohne das; die Arbeiter „Politik" treiben, die Arbeiterbewegung politischen Charakter annimmt, d. h. ohne daß eine selbständige Arbeiterpartei sich gebildet hätte. Fragen wir nach den Gründen solcher Entwickelung, so bemerken wir sehr bald, daß diese ^ möge so viel sozialer Geist als da wolle, mitgewirkt haben ^ in ihrer Eigenart gar nicht gedacht werden kann, ohne die höchst eigentümliche politisch-ökonomische Konstellation in England seit 1850 bis etwa 1880 in Betracht zu ziehen. Ohne Zweifel bildet für alle soziale Entwickelung die solide Basis in jener Zeit die industrielle Monopol- stellung, die sich England erringt und die einen ungeheuren wirtschaftlichen Aufschwung für das Land im Gefolge hat. Nur ein paar Ziffern zur Illustration: Das Eisenbahnnetz des Vereinigten Königreichs umfaßte: 1842 1357 engl. Meilen 1833---18',68 „ der Schiffsverkehr bezifferte sich in allen britischen Häfen: 1842 auf 935 000 t 1833 „ 65000000,, der Import- und Exporthandel: 1343 auf ca. 103 Will. L 1883 „ „ 732 „ „ Das bedeutet also, da die übrigen Nationen nicht in annähernd gleichem Tempo nachfolgen, die Möglichkeit, den — 45 — Markt in einer der steigenden Produktivität entsprechenden Proportion auszudehnen, bedeutet eine verhältnismäßig seltene Störung durch Krisen und Absatzstockungen, Und daraus ergeben sich für die Arbeiterschaft die wichtigen Konsequenzen: eine überaus günstige Gestaltung der Arbeitsmarktverhältnisse; konstant wachsende Nachfrage nach Arbeit, geringe Arbeitslosigkeit auf der einen Seite: Geneigtheit und Fähigkeit des Unternehmers, dem der Gewinn in Strömen zufließt, den Arbeiter besser zu remunerieren, ihn an dem Goldregen bis zu einem gewissen Grade teilnehmen zu lassen. Und neben dieser eigentümlichen ökonomischen Konstellation, die keinem Lande wieder zu teil werden konnte, weil ihm die konkurrierenden, inzwischen erstarkten Nationen die Alleinherrschaft auf dem Weltmarkt streitig machten, berücksichtigen Sie die höchst absonderliche Gestaltung, die das politische Parteileben in England erfahren hat. Bekanntlich beruht dieses mindestens seit dem Anfange dieses Jahrhunderts auf der Schaukelpolitik zwischen den beiden einzigen großen Parteien: den Tories und den Whigs. Sie beide streben nach Herrschaft und erringen sie jeweils durch entsprechende Konzessionen an den Fortschritt der Entwickelung, durch geschickte Ausnutzung der augenblicklichen Situation, die bald von der einen, bald von der anderen rascher begriffen und gemeistert wird. Und der tsrtius A-wäeos bei diesen: Streit um die Herrschaft, später das Zünglein an der Wage wird — die Arbeiterschaft. Es gehört nicht viel Scharfblick dazu, um einzusehen, wie beispielsweise die weitgehende englische Arbeiterschutzgesetzgebung gar nicht anders zustande gekommen ist als — sagen wir aus Rancune der vorwiegend agrarisch-interessierten Tories gegen die liberalen Fabrikanten. Oder wenn Sie persönlich edlere Motive bei den Parlamentsmehrheiten dabei voraussetzen wollen: daß den Tories der Entschluß, für das Jndustrieproletariat Schutzbestimmungen zu be-- schließen, zum mindesten sehr erleichtert werden mußte durch die Erwägung, daß das Landproletariat von ähnlichen Gesetzen verschont blieb! Später, zumal seit Ausdehnung des Wahlrechts, ist dann die Politik der Whigs darauf gerichtet, mit Hilfe der Arbeiter zur Herrschaft zu gelangen oder sich darin zu erhalten. Das setzt natürlich Konzessionen im arbeiterfreundlichen Sinne ^ don xr6, mal Zr6 — voraus; auch wenn die Konzessionen nicht so leicht zu machen gewesen wären — aus den schon angeführten Gründen, auch wenn die Unternehmer gar kein eigenes Interesse an bestimmten Konzessionen gehabt hätten- Nun hatten aber die Unternehmer — dank wieder vor allem der glücklichen ökonomischen Konstellation jenes Zeitalters in England — ohne Zweifel bis zu einem gewissen Grade direkt ein eigenes Interesse, die Bestrebungen der Arbeiterschaft zur Besserung ihrer Lage innerhalb der bestehenden Wirtschaftsordnung, wenn nicht direkt zu fördern, so doch auch nicht zu befeinden. So werden allmählich die Vmoii8 und ihre Einrichtungen von den Unternehmern anerkannt: diese erklären sich bereit, mit den Vertretern der Arbeiterschaft bindend M verhandeln, lassen sich zur Teilnahme an Schiedsgerichten, Einigungsämtern zc, herbei. Wirklich nur wieder um der schönen Augen der Arbeiter willen? Wirklich nur wieder, weil es ihnen Carlyle so geraten hatte, oder nicht doch vielleicht aus recht eigennützigen Erwägungen heraus? Etwa weil die konservativen, aristokratischen Gewerkvereine ein Bollwerk gegen alle Revolutionslust waren, so sicher und fest, wie kein Polizeigesetz es aufzurichten vermochte; oder weil die Einigungsämter ein sehr nützliches Mittel darboten, um Streiks zu vermeiden und damit Betriebsstörungen, die eben so überaus gefürchtet waren, weil die Konjunktur stets günstig sich gestaltete, weil man jeden Tag tüchtig verdienen konnte und darum jeder Tag, den - 47 — die Fabrik stillstand, ein sehr beträchtliches „luerum cosskms" darstellte?! Und warum schließlich die Arbeiterschutzgesetze nicht befürworten? Wenn sie selbst die Produktion etwas verteuerten: man war ja leicht in der Lage, den Betrag im Preise von den Konsumenten sich wieder erstatten zu lassen. Aber es brauchte die Produktion nicht einmal verteuert zu werden: die Abkürzung der Arbeitszeit konnte durch gesteigerte Intensität der Arbeit wettgemacht werden; darum hatte man ein Interesse an tüchtigen Arbeitern, die man gern höher bezahlte; oder sie konnte durch eine Verbesserung des Betriebes ausgeglichen werden, zu der man ja mühelos sich entschloß, weil die Kapitalien in Hülle und Fülle da waren und der mit der Verbesserung verbundenen Steigerung der Produktion, der Ausdehnung des Betriebes in der Aufnahmefähigkeit des Marktes keine Grenzen gezogen wurden. Endlich mochte man sich bei Zeiten erinnern, daß eine tüchtige Arbeiterschutzgesetzgebung ein ausgezeichnetes Kampfesmittel für die Großen bedeutete, um den Kleinen das Lebenslicht auszublasen, um die so lästige Schmutzkonkurrenz zu beseitigen :c. ^ alles immer im Hinblick darauf, daß eine Ausdehnung der Produktion, eine Steigerung der Leistungsfähigkeit, eine rasche Erweiterung der Produktionsskala von der Lage des Marktes nicht behindert, sondern geradezu gebieterisch erheischt wurde. Damit nun aber alles sich so glatt und geschäftsmäßig vollziehen konnte, wie sich die soziale Entwickelung in England thatsächlich unter den angeführten Bedingungen vollzogen hat, dazu bedürfte es noch der eigentümlichen Gemütsveranlagung des englischen Arbeiters. Daß dieser ein so maßlos nüchterner und praktischer Geselle ist, macht ihn zu jeder Politik geeignet und geneigt, bei der er nicht über den Schatten seiner Nase hinauszusehen braucht. „Immer praktisch" wurde die Losung; die Sozialpolitik ...businöss", wie der Garn- und Eisenhandel. Nichts von dem 48 - Elan des französischen, von der Grübelei des deutschen, von dem Feuer des italienischen Arbeiters steckt in diesen proletarischen Geschäftsmännern. Dieser „gerissene", „smarte" Sinn findet so recht seine Verkörperung in den englischen alten Gewerkschaften, den, wie ich schon sagte, schlauesten Interessenvertretungen, die je erdacht sind. Diplomatisch, gewandt, glatt nach oben — gegen das Unternehmertum; exklusiv, engherzig, brutal nach unten — gegen die V5 outsiders, die ärmeren Schichten der Arbeiterschaft. Die ?raSs vnicms sind echt kapitalistisch-geschäftsmäßige Gebilde, denen der berechnende, praktische, nüchterne Sinn des englischen Arbeiters den Geist verliehen hat. Daher gewiß auch zum großen Teil ihre höchst respektablen Erfolge! So etwa sehe ich die Kausalreihe, die die Ereignisse der sozialen Entwickelung Englands von 1850 bis 1880 verknüpft. Es war ein dem Kapitalismus überaus günstiges Zusammentreffen einer Anzahl von Umständen, die es bewirkt haben, daß sich in England ein geschäftsmäßiges Nur- Gewerkvereinlertum herausgebildet hat, eben jener specifische Typus, den wir als englischen bezeichnet hatten. Daneben kein Sozialismus, keine soziale Bewegung im eigentlichen Sinne, kein Klassenkampf, sondern „sozialer Friede" oder wenigstens die Vorstadien eines solchen auf der Basis des kapitalistischen Wirtschaftssystems . . . Wirklich „sozialer Friede" ? Oder war das doch vielleicht nur eine vorübergehende Beilegung des Kampfes. Es scheint fast so: wenn nicht alle Anzeichen trügen, so hat in England der „soziale Friede" die längste Zeit gedauert. Seit dem Aufhören des englischen Supremats auf dem Weltmarkte, seit dem Emporkommen niederer Arbeiterschichten, ist auch die „soziale Bewegung" wieder da, erwacht das proletarische Solidaritätsgefühl von neuem, mit ihm der Klassenkampf, und schon steht die selbständige Arbeiterpolitik zur Diskussion auf den Gewerkvereinskongressen, schon halten die sozia- — 49 - listischen Theorien und Forderungen ihren Einzug in den unbefleckten Massen der Trade Unions. — Aber davon soll hier nicht gesvrochen werden. Nur hinweisen wollte ich darauf, daß man die Zeit von 1850-1880 richtig als die Zeit sozialen Waffenstillstands bezeichnet, die Zeit, in der der spezifisch englische Typus der Arbeiterbewegung ausgebildet wurde. Das; dieser nun, auch wenn er sich in seiner Eigenart allmählich verwischt, doch von nachhaltigem Einfluß auf die Weiterentwicklung der sozialen Bewegung sein wird, unterliegt keinem Zweifel. Was die englische Arbeiterschaft der Bewegung des Proletariats dauernd als Erbschaft hinterläßt, ist, von den reichen Erfahrungen auf dem Gebiete der Gewerkvereinsbildung ganz abgesehen, die Stetigkeit, die Ruhe, die geschäftsmäßige Klarheit im Vorgehen der Arbeiterschaft. Es ist mit einem Worte die Methode der Bewegung, die vom englischen Typus herüberkommen und im Proletariate blewen wird, auch wenn die Richtung der Bewegung eine wesentlich andere sein wird. — Und nun verlassen wir den britischen Boden. Nun überschreiten wir das Aermelmeer und gehen nach Frankreich hinüber. Welch ein Szenenwechsel! Aus dem nebligen, rauchigen, düstern England mit seinen ernsten, nüchternen, schwerfälligen Leuten in das liebe, sonnige, durchwärmte Frankenland mit seinem lebhaften, temperamentvollen, leichtblütigen Volke! Was ist's mit der sozialen Bewegung in Frankreich? Ich deutete schon einige Züge vorhin an. Da gärt und kocht es, da brodelt und quirlt es ununterbrochen seit der „glorreichen" Revolution im vorigen Jahrhundert. In steter Unrast bilden sich Parteien, um sich wieder aufzulösen, zerkrümelt sich die Bewegung in ungezählte Faktiönchen. Hastend, drängend überstürzen sich die einzelnen Aktionen. Der Kampf Sombart, Sozialismus. 4 um die politische Macht wird verdrängt mit einem Male wieder vom blutigen Barrikadenkampf, von der Verschwörung, vom Attentat. Wenn wir diese Eigenart rein und klar sehen wollen, die ja immer noch dem französischen Proletariate im Blute steckt, aber im Begriffe ist, gemildert, zurückgedrängt, unterdrückt zu werden, so müssen wir in die früheren Jahrzehnte zurückgehen, müssen uns der Thätigkeit der Klubs und Verschwörungsgesellschaften der 1830er und 1840er Jahre erinnern, müssen an die gewaltigen Straßenschlachten denken, die das Pariser Proletariat mit Heroismus in den Junitagen des Jahres 1848 und zuletzt in den Maitagen des Jahres 1871 geschlagen hat. Es ist wie ein verhaltenes, inneres Feuer, das in den Massen und ihren Führern beständig glimmt und das — wenn irgend woher ihm Nahrung zukommt — lodernd hervorbricht und verheerend um sich greift. Die soziale Bewegung in Frankreich hat immer etwas Krankhaftes, Gereiztes, Konvulsivisches gehabt. Gewaltig, grandios im plötzlichen Hervorbrechen, dann wieder matt, erlahmend nach den ersten Widerwärtigkeiten. Immer weitaus schauend, immer geistreich, aber ebenso oft phantastisch, träumerisch. Schwankend in der Wahl der Mittel und Wege. Aber immer erfüllt von dem Glauben an die Wirksamkeit raschen, plötzlichen Handelns, mit dem Stimmzettel oder dem Dolche; immer erfüllt vom Glauben an die Wunder der Revolution. Darum brauche ich als präzises Schlagwort, zur Kennzeichnung des französischen Typus das Wort: Revolutionismus, womit ich den Glauben an die gemachte Revolution meine. In diesem Revolutionismus stecken dann alle anderen Eigenarten, wie Samenkörner in der Kapsel drin. Ich will sie ^ verzeihen Sie die etwas hart klingenden Wortmißbildungen! — Faktionis- mus, Klubismus und Putschismus nennen. Faktionismus ist jene Neigung, in unzählige kleine Parteichen auseinanderzufallen; Klubismus die Sucht zum Verschwörerinn: in geheimen Gesellschaften und Konventikeln; Putschis- - S1 - mus endlich der Fanatismus für den Straßenkampf, der Glaube an die Barrikade, Woher das alles? Zunächst muß Eines dem Kenner der französischen Geschichte sofort in die Augen springen: was wir hier als charakteristische Züge der Bewegung des französischen Proletariats kennen gelernt haben, findet sich fast unverändert in allen Aktionen des französischen Kleinbürgertums wieder. Ja, es ist offenbar nichts anderes als dessen Erbschaft, was das Proletariat übernommen hat. Unmerklich geht die eine Bewegung in die andere über. An der Hand des Kleinbürgertums tritt das französische Proletariat in die Geschichte ein. Und lange noch, als das Proletariat in Frankreich schon eine selbständige Bewegung begonnen hat, macht sich dieser Einfluß des Kleinbürgertums bestimmend geltend. Und zwar nicht nur in der Methode des Kampfes: auch in den Jdeengängen, in den Programmen und Idealen des französischen Proletariats steckt bis in die neueste Zeit hinein kleinbürgerlicher Geist, sodaß es nur selbstverständlich ist, wenn Proudhon, der größte Theoretiker des revolutionären Kleinbürgertums, so spät noch — erst nach 1843 — Einfluß in den Kreisen des französischen Proletariats gehabt hat. Denn daß Proudhon am letzten Ende kleinbürgerlicher Theoretiker war, ist zwar oft bestritten, darum aber nicht minder wahr: so revolutionär auch seine Phraseologie sein mag: alle seine Reformvorschläge — mögen es die Tausch- und Kreditbanken oder das Arbeitsgeld oder die „Konstituierung des Wertes" sein — zielen doch immer darauf ab, die individualistische Produktion und den Austausch individueller Leistungen zu erhalten, zu kräftigen, zu „ethisieren". Aber es wird auch niemand, der die Sachlage überblickt, dieses lange Vorwiegen kleinbürgerlichen Einflusses in der proletarischen Bewegung Frankreichs wundernehmen. Welches Prestige hat sich das französische, insonderheit Pariser Kleinbürgertum im Laufe der neueren, französischen Ge- 4» — 52 - schichte in den Augen des Volkes erworben! wie viele Ruhmesblätter hat es seit den Tagen von 1793 um seine Schläfen gewoben! Wie in keinem anderen Lande — Italien vielleicht ausgenommen hat es sich tapfer, kühn und — erfolgreich gezeigt. Wenn der französischen Bourgeoisie wie keiner anderen der Welt in so kurzer Zeit die Bahn freigemacht wurde durch Beseitigung der feudalen Einrichtungen, so hat gewiß der eiserne Besen Napoleons hierbei ein sehr großes Stück Arbeit gethan. Aber vergessen darf nicht werden, daß es die Revolution von 1793 - die Revolution eben des Kleinbürgertums — gewesen war, die den Boden erst applaniert hatte: das ist die historische Bedeutung der Schreckensherrschast und mit ihr des Kleinbürgertums, das seit jenen Tagen die Aureole auf dem Haupte trägt. Aber es ist nicht nur dieses mehr ideale Moment, das für das Vorwiegen kleinbürgerlichen Einflusses in Frankreich geltend gemacht werden muß: es kommt die wichtige Thatsache hinzu, daß ein großer Teil gerade der spezifisch französischen Industrien, dank der eigentümlichen Organisation in „Ateliers" noch immer einen halb handwerksmäßigen, kleinbetrieblichen Charakter trägt, und daß es vielfach Kunstindustrien sind. So die Lvoneser Seidenindustrie, so zahlreiche der Pariser Luxusindustrien. Ganz im schroffen Gegensatze zum Beispiel zu den großen, englischen Stapelindustrien in Kohle, Eisen und Baumwolle. Der französische „ouvrisr", in Lyon direkt „m-Mro ouviisr" genannt, erhält durch jene Richtung und Organisation zahlreicher französischer Industrien einen mehr individualistischen, also kleinbürgerlichen Anstrich, als der Proletarier in anderen Ländern. Will man aber die Eigenarten selbst verstehen,die der sozialen Bewegung in Frankreich — meinetwegen als Erbschaft des Kleinbürgertums — ihr Sondergepräge verleihen, will man für jenen Revolutionsenthusiasmus, von dem ich Ihnen sprach, Gründe finden, so muß man sie in der ge- - 53 — samten Geschichte Frankreichs suchen. Ihr Träger — eben jenes leichtblütige, rasch enthusiasmierte Volk, mit dem regeren Temperament, mit dem Elan, der allen Nordländern fehlt. Jetzt vielleicht lebt der französische Typus der sozialen Bewegung — freilich gemildert durch deutschen Einfluß — in Italien wieder auf! dort müssen wir seine Eigenart beobachten lernen, dort den Enthusiasmus, die flinke Verständigung großer Massen, das Strohfeuer momentaner Begeisterung, kurz, das so ganz andere Tempo des Denkens und Fühlens uns klar zu machen suchen, um diesen französischen oder, wenn Sie wollen, romanischen Typus des geborenen Revolutionärs zu begreifen in seiner himmelweiten Abständigkeit etwa vom englischen Normalspinner. Victor Hehn sagt einmal in seiner treffenden Weise vom Italiener, könnte es aber auf alle Romanen bezogen haben: „Völlig fremd ist ihm das deutsche — und gar erst das englische! — Philistertum, ganz undenkbar das Temperament jener phantasielosen und wohlmeinenden Söhne der Gewohnheit, die, mit allen Tugenden der Gewöhnlichkeit ausgestattet, ehrenwert durch Mäßigkeit der Ansprüche, langsam in der Auffassung ... die von den Vätern überkommene Last bürgerlicher Vorurteile mit rührender Geduld ihr Leben lang weiter schleppen." So strebt der Romane gern nach weitgesteckten Zielen und scheut vor gewaltsamen Mitteln zu ihrer Erreichung nicht zurück. Dies Himmelstürmerische Temperament hat ihm die Natur mit auf den Weg feiner Geschichte gegeben. Und nun denken Sie, um den Charakter der sozialen Bewegung in Frankreich zu verstehen, an die Präponderanz der Hauptstadt Paris in diesem Lande! Ist auch Paris nicht Frankreich, wie es oft ausgesprochen wird, so ist es doch mächtig genug, um dem Volke gelegentlich die Gesetze zu diktieren. Paris dieses Nervenbündel, dieser brodelnde Feuerkessel! Und dann habe ich immer die Empfindung, daß das - S4 — französische Volk noch heute unter dem Einflüsse, ja man kann sagen im Banne seiner „glorreichen" Revolution steht. Ein solches Ereignis — das gewaltigste Drama, das die Weltgeschichte kennt — kann in hundert Jahren nicht von einem Volke verwunden werden. So meine ich, daß jene Nervosität, wenn ich es so ausdrücken darf, die allem öffentlichen Leben in Frankreich anhaftet, zu einem guten Teil ein Erbstück aus jenen furchtbaren Jahren des allgemeinen Umsturzes sei, ein Erbstück, das so sorgsamst gepflegt ist in — ach wie vielen! — weniger glorreichen Revolutionen seitdem. Und aus jener Zeit stammt auch ein anderes noch: Das ist der bergeversetzende Glaube an die Gewalt, an die Wirksamkeit des politischen Putsches. Frankreichs Geschichte hat sich seit den Julitagen von 1789, ich möchte sagen mehr von außen nach innen, als von innen nach außen entwickelt: Die Regimeänderung hat eine gewaltige Rolle gespielt, hat oft in der That bestimmend auf den Gang des sozialen Lebens eingewirkt. Kein Wunder, wenn man immer wieder auf sie hofft und als Hebel der Weiterentwickelung die politische Revolution, die oft so Großes vermocht hat, auch fürder benutzen will. Dieser Glaube an die Revolution steht aber endlich in einem inneren Zusammenhang — däucht mich ^ mit der in Frankreich, auf ihrem klassischen Boden, noch immer nicht vergessenen spezifisch französischen, optimistisch-idealistischen Sozialphilosophie des 18. Jahrhunderts, von der ich in einer früheren Stunde gesprochen habe, mit jenem Glauben an den Orärs vswrel, der über die Welt kommen könne „wie ein Dieb in der Nacht", weil er ja schon da ist, und nur entdeckt, nur bloßgelegt, nur ergriffen zu werden braucht. Und wenn wir nun das alles überblicken, wie zahllose Einflüsse zusammenwirken, um den höchst eigenartigen Typus der französischen sozialen Bewegung zu formen, so will es uns selbstverständlich erscheinen, daß in dem Boden dieses Landes ein seltsames Gewächs der modernen Zeit am kräf- — 55 — tigsten Wurzeln geschlagen hat: der A narchismus. Alles war aus hundertjähriger Vergangenheit vorbereitet, um ihm den Einzug leicht zu machen. Denn was ist denn der Anarchismus im Grunde anderes als die neue Form des reinen Revolutionismus als Methode, kleinbürgerlicher Ideale als Ziel? Sind nicht Ravachol und Caserio die echten Söhne jener Verschwörertypen, die das soziale Frankreich der 1830er und 40er Jahre erfüllen? Giebt es einen legitimeren Vater des Anarchismus als Blanaui? Der Anarchismus — so könnte man es ausdrücken — ist geboren aus der Vereinigung der Sozialphilosophie des 18. Jahrhunderts mit dem Revolutiouismus des 19.; er ist eine blutige Renaissance des sozialen Utopismus. Wobei noch eines Umstandes Erwähnung geschehen muß, den ich absichtlich bisher nicht berücksichtigt habe, weil es eine Hypothese ist, die ich mit eigenem Fragezeichen versehen Ihnen vorlegen möchte. Hat der kleinbäuerliche Charakter des französischen Agrarwesens eiuen Einfluß auf die Ausgestaltung, sagen wir gleich der modernen anarchistischen Bewegung gehabt? Ich meine, ein Zusammenhang zwischen den beiden Erscheinungen müsse bestehen. Freilich ist es fraglich, in welchem Umfange der Anarchismus jemals in den Massen Boden gefunden hat. Aber soviel sehe ich doch: wo es überhaupt den Anschein gehabt hat, als ob anarchistische Propaganda sich ausbreiten wollte, war es immer in agrarischen Gebieten: ich erinnere an Bakunins Erfolge in Italien und Spanien und eben an die Einnistung des Anarchismus jetzt wieder in Frankreich. Und wo die ländliche Bevölkerung überhaupt einmal zu selbständiger Bewegung sich aufgerafft hat, hatte diese Bewegung mindestens immer einen Anflug von Anarchismus. Beispiele wieder Italien und Spanien, dann Irland. Es ist ein interessantes Problem, dessen Erörterung mich aber hier, wo ich von der proletarisch-sozialistischen Bewegung zu reden habe, auf Abwege führen würde: ist und weshalb etwa ist der Anarchismus der theoretische Ausdruck aararischer Revolutionen? Hinweisen wollte ich Sie wenigstens darauf. Fragen Sie mich endlich: welche Spuren die Eigenart der französischen Bewegung dauernd in der großen, internationalen Bewegung des Proletariats zurücklassen wird, so antworte ich Ihnen: Vielleicht die wenigsten von allen Nationen, denn sie trägt die unverkennbaren Anzeichen der Unreife. Aber für eines, glaube ich, wird sie allen übrigen Völkern Vorbild sein können: für den Idealismus, den Elan, den Schwung, der sie von den Bewegungen anderer Nationen unterscheidet. Lernt das Proletariat in Paris vielleicht wieder sich mit idealer Begeisterung erfüllen, während wir Bourgeois in Gefahr sind, von dort die Decadance zu importieren? — Sie alle wissen, welchen ganz sonderbaren Gang die proletarische Bewegung in Deutschland genommen hat. Sie ist wie ein Meteor vom Himmel gefallen. Denn wenn wir von den ganz unbedeutenden Anfängen in den 1840er Jahren abgesehen — es waren vielmehr Handwerkermotionen als eigentliche proletarische Bewegungen - so erscheint plötzlich — im Jahre 1863 — wie aus der Pistole geschossen eine selbständige, politische Arbeiterpartei auf der Bildfläche, um seitdem nicht wieder zu verschwinden, sondern zu mächtigen Dimensionen sich auszuwachsen. Woher diese seltsame Erscheinung solcherart sozialer Bewegung in Deutschland? Wie erklärt sich die Plötzlichkeit ihres Auftretens, wie erklärt sich vor allem der ausgeprägte Grundzug ihres Charakters: die gesetzlich-parlamentarische Richtung und die Selbständigkeit von ihrem ersten Atemzuge an bis zur Gegenwart? Jedermann wird im ersten Augenblicke geneigt sein, die Gründe für Deutschlands eigenartige soziale Bewegung in der Persönlichkeit ihres Begründers — Ferd. Lassalle — — 57 - zu suchen. Und ohne allen Zweifel verdanken wir ein gut Teil Sonderart der Individualität dieses seltsamen Menschen. Wir wissen, wie er sich selbst geschildert hat in jenen Feuerseelen der Heraklitischen Weltweisheit, wir wissen auch, was für ein Feuer es war, das verzehrend in seinem Innern brannte: ein dämonischer Ehrgeiz, eine titanische Ruhmbegierde. Und als dieser Ehrgeiz — nach vielen Jahren wissenschaftlichen Ruhmes — seinen Weg endlich in die Gefilde der Politik gefunden hatte, dorthin, wohin alle ehrgeizigen Menschen, wenn sie nicht Feldherrn oder Künstler sein können, in unserer Zeit notwendig gelangen müssen, da war es nur selbstverständlich, daß ein Lassalle Führer, Erster, Herzog sein wollte, kraft seiner Herrschernatur. Wo Bismarck stand, konnte ein anderer nur im Schatten stehen; die Opposition aber wollte Lassalle nicht haben; — er hat Ende der 1850er, Anfangs des 1860er Jahre vernehmlich bei ihr angeklopft — doch sie fürchtete Wohl diesen Menschen, dem sie sich nicht fügen mochte: blieb nur Eines: Führer einer neuen, darum eigenen Partei zu werden, das aber war die Arbeiterpartei. Sie wurde Lassalles Partei im engsten Sinn; sein Hammer, sein Schwert, mit dem er sich eine Stellung im politischen Leben erkämpfen wollte. Aber es mußten zu diesen persönlichen auch noch sachliche Momente hinzukommen, bestimmte Konstellationen des politischen und sozialen Lebens Deutschlands, um Lassalles Streben mit Erfolg zu krönen und vor allem auch, um nach dem kurzen Jahre Lassalle'scher Führung die Bewegung in den eingeschlagenen Bahnen sich weiterentwickeln zu lassen. Ich will hier nicht allzuviel aus des Deutschen Veranlagung folgern. Bei der Eigenart des englischen und französischen Typus war das wohl angängig, zur Erklärung des deutschen gewährt die Heranziehung des Volkscharakters begreiflicherweise nur wenig Ausbeute. Wir sind vielmehr auf die äußeren, veranlassenden Umstände im wesentlichen hingewiesen, um die Spezifika der sozialen Bewegung in — 58 — Deutschland zu erklären und es ist denn nun auch nicht allzu schwer, hier die Kausalkette anzuknüpfen. In Deutschland wäre zunächst ^ nehmen wir selbst einmal an, der Charakter des Deutschen hätte es zugelassen niemals eine in ihrem Kern revolutionäre Bewegung wie die französische um jene Zeit möglich gewesen- Dazu war der Augenblick schon zu spät. Der Revolutionismus im französischen Sinne trägt, wie ich schon sagte, den Stempel der Unreife an sich. Er kann nun wohl lange einem Volke im Blute stecken bleiben. Aber er kann nicht in einem so späten Zeitpunkte wie dem, als die deutsche Bewegung anfing, zum Prinzip dieser Bewegung gemacht werden. Exemplum Italien, dessen Volk doch gewiß „von Natur" zum Revolutionismus drängt, das sich aber trotzdem den Erfahrungen älterer Länder beugen muß, wenn auch die innere Natur immer wieder zum Durchbruch drängt. Auf der anderen Seite war Deutschland, als seine soziale Bewegung einsetzt, ökonomisch noch so unreif — etwa auf dem Niveau Englands am Ende des vorigen Jahrhunderts daß das Zurücktreten der gewerkschaftlichen Bewegung hinter der politischen leicht zu begreifen ist. Nun aber wäre es doch vielleicht das natürlichere gewesen, daß das Proletariat, wenn es schon in eine gesetzlich- Parlamentarische, vorwiegend politische Aktion eintreten wollte: daß es — wie in anderen Ländern geschehen ist — erst einmal Anschluß gesucht hätte bei den vorhandenen Oppositionsparteien? Da muß nun hervorgehoben werden, daß es hieran gehindert wurde durch die Unfähigkeit der damaligen bürgerlichen Parteien zu radikaler Politik und damit vielleicht zur einstweiligen Absorbierung des Proletariats als selbständiger politischer Partei. Es gehört zu den Erbschaften, die der Liberalismus in Deutschland dem Jahre 1848 verdankt, daß eine seiner hervorstechenden Charaktereigentümlichkeiten eine seltsameFurcht vor dem roten Gespenst ist. Freilich hat das Proletariat - 59 — ihm selbst durch sein Verhalten dazu verholfen. Es ist bekannt, wie die bürgerliche Bewegung des Jahres 1848 in Deutschland zusammenklappt wie ein Taschenmesser und sich unter die preußischen Bajonette flüchtet in dem Augenblicke, als die „gevs mal mtentionss", die bekannte, in jeder bürgerlichen Revolution vorhandene demokratische Unterströmung — siehe 1789 ff,! — sich bemerkbar zu machen beginnen. Da war es vorbei mit dem Bürgerstolz und dem Bürgertrotz: und es ist immer wieder damit vorbei gewesen, sobald auch nur von ferne das Gespenst der sozialen Revolution am Horizonte auftauchte: stehe Sozialistengesetz! So war die Brücke zwischen der proletarischen Bewegung und der bürgerlichen Opposition frühzeitig schon geborsten, um bald ganz abgebrochen zu werden. Und wie auf eigentlich politischem Gebiete jene Angst und Scheu in den liberalen Parteien einen entschlossenen Radikalismus, nicht aufkommen ließ, der vielleicht oder sehr wahrscheinlicherweise das Proletariat längere Zeit noch befriedigt hätte, so zeichnet auf wirtschaftlichem Gebiete den früheren deutschen Liberalismus ein für unsere heutigen Begriffe geradezu unverständlicher Doktrinarismus, eine gedankenleere Verbissenheit in ein ödes, vielleicht niemals wieder so rein ausgeprägtes, weil vorwiegend stubengelehrteK Manchestertum aus. Die Bemühungen des gewiß auf seinem Gebiete sehr verdienstvollen Schulze-Delitzsch konnten die klaffende Lücke nicht annähernd ausfüllen, die die offizielle Richtung der liberalen Parteien in allen Fragen der sozialen Politik damals zeigten. Es fehlte jedes Verständnis in den Köpfen der liberalen Volkswirte jener Zeit für die Forderungen und Bewegungen des Proletariats. So mitleiderregende Schriften über die „sogenannte" Arbeiterfrage, wie etwa die von Prince-Smith sind mir von renomierten Schriftstellern in anderen Ländern nicht bekannt. Vielleicht daß diese oder jene Größe »äs I'Instiwt" noch mit ihnen rivalisiert. Die Unfähigkeit der liberalen Parteien, das quellende Wasser der proletarischen Bewegung auf die eigene Mühle zu leiten, findet ihren bezeichnenden Ausdruck in der Antwort, die im Jahre 1862 eine Arbeiterdeputation aus Leipzig von den Führern des Nationalvereins erhielt. Hier meldete sich die Arbeiterschaft zur Teilnahme am politischen Leben; man wollte über die Form einer selbständigen Bethätigung ihrer Führer verhandeln und was wurde den Fragenden als Antwort zu teil? Daß die Arbeiter die geborenen ^ Ehrenmitglieder des Nationalvereins seien! Und nun oktroyiert Bismarck, bei solcherart eigentümlicher Parteikonstellation — man ist versucht, diabolische Rachsucht gegen den Liberalismus als Motiv dafür anzunehmen — im Jahre 1867 das allgemeine gleiche direkte und geheime Wahlrecht; ein Vermächtnis Lassalle's. Das hatte für die Gestaltung der sozialen Bewegung in Deutschland zwei Konsequenzen von grundlegender Bedeutung: es schwächte die Bourgeoisie noch mehr, die nun zwischen Junkertum und Proletariat ^ nach den kurzen Flitterwochen der 1870 er Jahre zu immer größerer Bedeutungslosigkeit herabsank und aus Angst vor der heranwachsenden Arbeiterpartei mehr und mehr an Selbstvertrauen einbüßte. Also weitere Entfremdung der liberalen Parteien von der proletarischen Bewegung. Andererseits drängte dieses mühelos der Arbeiterschaft in den Schoß gefallene demokratische Wahlrecht diese immer mehr auf die Bahn der rein parlamentarischen Bewegung und verhinderte ihre Führer lange Zeit, den nicht politischen Bestrebungen des Proletariats das richtige Verständnis entgegenzubringen. Man mag das alles — und jeder einzelne, der mit Leib und Seele an den Schicksalen seines Volkes teilnimmt, wird es — bedauern oder mit Freude begrüßen: hinnehmen müssen wir es heute als Naturthatsache, an deren Existenz nichts zu ändern ist, wenn man nun auch für die Zukunft daraus - 61 — die Zielpunkte der Politik ableiten wird. Der Wissenschaft aber kommt nichts anderes zu, als die Dinge, wie sie nun sich gestaltet haben, in ihrer Eigenart zu erklären: Das auch allein war der Sinn meiner Ausführungen. Selbstverständlich, würde ich hinzufügen, wenn es nicht immer wieder Leute gäbe, die Wissenschaft und Politik nicht zu trennen vermögen. Zum Schluß nur noch eine Bemerkung! Ist es Ihnen nie aufgefallen, wie seltsamerweise die Lassalle'sche Bewegung — und mit ihr also der deutsche Tvpus der sozialen Bewegung — so sehr jene nicht nur den Stempel historisch-nationaler Bedingtheit trägt, wie ich Ihnen darzuthun versuchte, sondern vielfach sogar einen schlechthin persönlichen Charakter hat — das zeigte sich nach dem Tode Lassalle's in der mystisch-religiösen, zum Personenkultus und zur Sektenbildung ausartenden Gestaltung der Bewegung - wie diese Bewegung trotzdem, daran kann kein Zweifel sein, mehr als irgend eine andere vielleicht, wenn ich es so ausdrücken darf, Schule gemacht hat? Ein Grund dafür mag wieder in der Persönlichkeit ihres Schöpfers gefunden werden: in der hinreißenden Gewalt seiner Rede, in der Wucht seiner Agitation. Treitschke glaubt, dasz Deutschland drei große Agitatoren besessen habe: List, Blum und Lassalle. Sicher ist Lassalle der größte Agitator -des Proletariats, noch immer; ja vielleicht der einzige Agitator wirklich großen Stils, den das Proletariat bisher gehabt hat. Deshalb wirkt seine Persönlichkeit immer noch nach: „In Breslau ein Kirchhof — ein Toter im Grab — „Dort schlummert der Eine, der Schwerter uns gab." Aber auch hier werden wir uns wiederum mit der rein persönlichen Motivierung nicht zufrieden geben, auch hier vielmehr nach sachlichen Gründen zur Erklärung jener Thatsache suchen. — 62 - Mir scheint nun: die Sieghaftigkeit des deutschen Typus in der internationalen sozialen Bewegung, wie er durch Lassalle geschaffen wurde, liegt zum wesentlichen in dem Umstände begründet, daß Lassalles Agitation schon stark, noch mehr dann freilich die spätere deutsche Bewegung von dem Geiste jenes Mannes erfüllt ist, der berufen sein sollte, die theoretischen Sätze zu formulieren, die das Gemeinsame aller zielbewußten proletarischen Bewegung zum scharfen, pointierten Ausdruck bringen, Sie wissen, ich meine KarlMarx. Der Name dieses Mannes drückt gleichsam alles das aus, was an centripetaler Kraft in der modernen sozialen Bewegung steckt. Von ihm geht alles aus, was die Eigenarten aufhebt, was die nationalen Sonderbewegungen eint. Der Marxismus ist die Tendenz zur Jnternationalität der sozialen Bewegung, zu ihrer Einheit. Aber von der war hier nicht zu sprechen, sondern von ihren Sonderheiten. Erst fließt in nationale Einzelströme auseinander, was später sich zu einem einheitlichen Strome wieder zusammenfindet. Es ist eben überall die eine große, soziale Bewegung, die aus einheitlichen Ursachen erwächst und daher immer wieder zur Einheit zurückzukehren mindestens die Tendenz hat. Aber sie entfaltet sich im nationalen Rahmen und ist den Zufälligkeiten ausgesetzt, die die Geschichte schafft. Das Gesetzmäßige dieser Zufälligkeiten habe ich Ihnen heute zeigen wollen. Und nun zu dem Theoretiker der sozialen Bewegung schlechthin: zu Karl Marx! V. Karl Marx. ,,L^->^« «5!." Thue. I, 22. V. A.! Karl Marx wurde im Jahre 18l8 als Sohn eines später getauften jüdischen Rechtsanwalts in Trier geboren, in Trier, dem damals noch mehr als halb französischen Orte. In dem Hause der Eltern waren Geist und weltmännische Bildung heimisch. Die Lieblingsschriftsteller der Familie sind Rosseau und Shakespeare, der dann auch im Leben von Karl Marx die Stellung des Lieblingsvoeten bewahrt hat. Auffallend ist der internationale Zug, der das häusliche Leben der Marxischen Familie durchweht. Ihr intimster Verkehr sind die von Westphalen, die Eltern des späteren preußischen Ministers, des halb schottischen, hochgebildeten Barons Edgar von Westphalen, dem der junge Karl die erste Einführung in die Litteratur verdankte und der Jenny, Marxens späterer Frau. Karl studiert Philosophie und Geschichte in Bonn, mit dem Ziele, preußischer Professor zu werden. Im Jahre 1342 ist er auf dem Punkte, sich zu habilitieren. Doch bald ergeben sich Schwierigkeiten, der junge Marx, damals mit Bruno Bauer liiert, wird von der reaktionären Welle mit fortgerissen, die gerade mal wieder über die preußischen Universitäten, ganz besonders über das theologisch-ketzerische Bonn hinwegflutet. Und was in solchen Fällen verfehlten Lebensberufs zu geschehen Pflegt: der junge Marx wird Journalist. Bald darauf wird er Emigrant: 1844 treibt ihn die preußische Polizei außer Landes; er flüchtet nach Paris, wird wieder, wie man annimmt, auf Veranlassung Preußens vom Ministerium Guizot auch aus Frankreich ausgewiesen; er geht 1845 nach Brüssel, kehrt während des Jahres 1848 vorübergehend nach Deutschland zurück, um endlich seit dem Jahre 1849 in London vor den Verfolgungen der Polizei Ruhe zu finden. Hier lebt er bis zu seinem Tode im Jahre 1883. Seine Persönlichkeit, deren Eigenarten durch jene äußeren Lebensumstände noch prägnanter herausgebildet werden, zeichnet sich durch eine Hypertrophie der Verstandesthätigkeit aus. Sein Wesen ist das des schonungslosen, illusionsfreien Kritikers. Dadurch gewinnt er einen übernormal scharfen Blick für psychologische und somit historische Zusammenhänge ganz besonders dort, wo sie auf die weniger edlen Triebe des Menschen basiert sind. Ein Wort Pierre Leroux' schien mir immer wie gemünzt auf Marx: „il otsit . . kort pönstrant sur Is inauvais eüt6 äs lk nsturs kumainv". So wird es ihm von der Natur leicht gemacht, Hegels Satz zu glauben, daß es das „Böse" sei, was alle Entwickelung im Menschengeschlecht bewirke. Und seine Weltauffassung drückt sich in Wallensteins grandiosen Worten aus: „Dem bösen Geist gehört die Erde, nicht „Dem guten; was die Göttlichen uns senden „Pon oben, sind nnr allgemeine Güter. „Ihr Licht erfreut, doch macht es keinen reich, „In ihrem Staat erringt sich kein Besitz." Was Karl Marx befähigte, den ersten Rang unter den Sozialphilosophen des 19. Jahrhunderts zu erklimmen und neben Hegel und Darwin den größten Einfluß auf die modernen Ideen zu gewinnen, war dieses, daß er die Kenntnis der höchsten Form der Geschichtsphilosophie seiner Zeit — Hegel — mit der Kenntnis der höchsten Form sozialen — 65 — Lebens — Westeuropa, d, h. Frankreich und insbesondere England — vereinigte, daß er wie in einer Linse alle Strahlen, die von fremden Denkern vor ihm ausgegangen waren, zusammenzufassen wußte und daß es ihm — aus seiner internationalen Lebensiphäre heraus - gelang, von allen Zufälligkeiten nationaler Entwickelung absehen und das Typische des modernen Gesellschaftslebens, das Allgemeine also im Besonderen erfassen zu können. Marx hat — in Gemeinschaft mit seinem Freunde Friedrich Engels ^ in einer großen Reihe von Einzelschriften, deren bekannteste sein „Kapital" ist, die Grundzüge eines imposanten Systems der Sozialphilosophie niedergelegt, in dessen Einzelheiten einzugehen hier jedoch nicht am Platze ist. Was uns vielmehr an dieser Stelle allein interessiert, ist die Marx'sche Theorie der sozialen Bewegung, weil sie vor allem es ist, durch die er bestimmend auf den Gang der sozialen Entwickelung eingewirkt hat. Sie ist ebenfalls in keinem einzigen seiner Werke einheitlich zusammengefaßt. Jedoch finden wir alle wesentlichen Elemente doch schon in dem berühmten „Kommunistischen Manifest", das Marx und Engels im Jahre 1847 als Programm dem „Bunde der Gerechten" in Brüssel unterbreiteten, der es annahm und dadurch zum „Bunde der Kommunisten" sich umgestaltete. Das „Kommunistische Manifest" enthält eine Geschichtsphilosophie in den Grundzügen, auf die das Programm einer Partei basiert ist. Seine leitenden Gedanken sind diese: Alle Geschichte ist die Geschichte von Klassenkämpfen; die heutige Geschichte ist die Geschichte des Kampfes zwischen Bourgeoisie und Proletariat. Klassenbildnnaen sind das Ergebnis bestimmter ökonomischer Produktions-und Verteilungsverhältnisse, durch die ebenso auch die Herrschaftsverhältnisse bestimmt werden. „Jmmanente"Kräfte (der Ausdruck kommt im Kommun. Manifest noch nicht vor, ist aber in späteren Schriften der'^erwinus tsetmieu8 geworden) wälzen die Produktionsund damit alle ökonomischen Verhältnisse unausgesetzt um. Sombart, Socialismus. 5 — 66 - Heute vollzieht sich dieser Umwälzungsprozeß besonders schnell, dadurch, daß die von der Bourgeoisie erzeugten ungeheuern Produktivkräfte dieser über den Kopf wachsen und auf der einen Seite die Existenzbedingungen der bestehenden kapitalistischen Gesellschaftsordnung rasch verschlechtern, auf der anderen die Existenzbedingungen schaffen für eine Gesellschaft ohne Klassen auf der Basis gesellschaftlicher Produktion und gesellschaftlichen Eigentums an den Produktionsmitteln (diese Formulierung findet sich ebenfalls noch nicht ini Kommunistischen Manifest, wo schlechthin von „Aufhebung des Privateigentums" die Rede ist, sondern zuerst zwei Jahre später in der Geschichte der Klassenkämpfe in Frankreich). Jenes äußert sich in den Krisen, in denen sich die Gesellschaft „plötzlich in einen Zustand momentaner Barbarei zurückversetzt" fühlt, und in der Erscheinung des Pauperismus, worin offen hervortritt, „daß die Bourgeoisie unfähig ist, noch länger die herrschende Klasse der Gesellschaft zu bleiben und die Lebensbedingungen ihrer Klasse der Gesellschaft als regelndes Gesetz aufzuzwingen. Sie ist unfähig zu herrschen, weil sie unfähig ist, ihrem Sklaven die Existenz selbst innerhalb seiner Sklaverei zu sichern, weil sie gezwungen ist, ihn in eine Lage herabsinken zu lassen, wo sie ihn ernähren muß, statt von ihm ernährt zu werden." Die Existenzbedingungen der neuen Gesellschaft aber (auch dieser Gedanke wird im Kommunistischen Manifest nur angedeutet und ist erst später, insbesondere durch Engels, entwickelt worden) werden geschaffen durch die enorme Steigerung der Produktivkräfte uud die damit Hand in Hand gehende „Vergesellschaftung des Produktionsprozesses", d. h. Verschlingung und Verknüpfung der einzelnen Produktionsakte, Uebergang zu kooperativem Betriebe :c. Die wichtigste Konsequenz nun für unsere Frage ist diese: die ökonomische Umwälzung findet ihren spontanen Ausdruck in Klassengegensätzen und Klassenkämpfen: die moderne „soziale Bewegung", d. h. die Bewegung des Prole- — 67 — tariats ist also nichts anderes als die Organisierung derjenigen Elemente der Gesellschaft, die dazu berufen find, die Herrschaft der Bourgeoisie zu brechen und „so die neuen gesellschaftlichen Produktivkräfte zu erobern", was sie nur dadurch können, daß „fie ihre eigene bisherige Aneignungsweise und damit die ganze bisherige Aneignungsweise abschaffen", d. h. an Stelle des Privateigentums und der Privatprvduktion den Kommunismus setzen. Die „Kommunisten" — d, i. die politische Partei, für die das Kommunistische Manifest als Glaubensbekenntnis dienen soll ^ bilden nur einen Teil des kämpfenden Proletariats, nämlich den über den Gang der Entwickelung sich bewußten. Sie „unterscheiden sich von den übrigen proletarischen Parteien nur dadurch, das; sie einerseits in den verschiedenen, nationalen Kämpfen der Proletarier die gemeinsamen, von der Nationalität unabhängigen Interessen des gesamten Proletariats hervorheben und zur Geltung bringen, andererseits dadurch, daß sie in den verschiedenen Entwickelungsstufen, welche der Kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie durchläuft, stets das Interesse der Gesamtbewegung vertreten." „Die theoretischen Sätze der Kommunisten beruhen keineswegs auf Ideen, auf Prinzipien, die von diesem oder jenem Weltverbesserer erfunden oder entdeckt sind. Sie sind nur allgemeine Ausdrücke thatsächlicher Verhältnisse eines existierenden Klassenkampfes, einer unter unseren Augen vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung." Die hier ausgesprochenen Gedanken sind dann, wie ich an einigen Stellen schon in meinem Referat selbst angedeutet habe, später teilweise präziser gefaßt, teilweife ergänzt und ausgesponnen, teilweise modifiziert: aber die Grundzüge der Marx'schen Theorie der sozialen Bewegung enthalten sie doch schon. Worin nun liegt ihre historische Bedeutung, worin die Erklärung für ihre ungeheuere Sieg- s* - 68 - haftigkeit? Worin für ihre Dauer nun schon ein halbes Jahrhundert hindurch?-^ Das alles, trotzdem jene Theorie in wesentlichen Punkten, wie ich glaube, so sehr irrt, daß sie kaum noch als Ganzes aufrecht erhalten werden kann. Ehe ich darauf die Antwort zu geben versuche, muß ich eines zur Klarstellung im voraus bemerken. Was uns Marx und Engels an geistiger Erbschaft hinterlassen haben, wenn wir ihre Schriften von 1342 an oder auch nur seit der erfolgten Mauserung, also etwa seit 1847 bis 1883 bezw, 1895 daraufhin durchblicken, stellt sich uns zunächst als ein wirrer Haufen verschiedenartigsten Gedankenmaterials dar. Erst dem, der sehr genau hinschaut und sich die Mühe nimmt, in den Geist der Männer sich hineinzuleben, fügen sich die einzelnen Gedankenreihen zu Sinn und Ordnung. Er gewahrt dann, wie sich in den Schriften von Marx und Engels zwar Grundideen hindurchziehen während der ganzen Periode ihrer schriftstellerischen Thätigkeit, wie aber in den verschiedenen Zeiten ganz verschiedene Gedankengänge das einheitliche System, wie es sich aus jenen Grundideen aufbauen würde, durchkreuzen und stören. Die meisten Darsteller der Marx- schen Lehren und vor allem die bürgerlichen, haben nun den Fehler begangen, das Essentielle vom Accidentiellen nicht zu scheiden, haben es infolgedessen auch nicht vermocht, der historischen Bedeutung dieser Theorien gerecht zu werden. Es ist natürlich das Bequemere, einem Autor aus den Widersprüchen und Ungereimtheiten seines Systems Stricke zu drehen, als jener mühseligen Nachspürung des dauernd Wertvollen sich zu unterziehen! es ist bequem aber nicht gerecht, einzelne offenbare Fehlgriffe und Irrtümer in den Lehren eines bedeutenden Denkers sich genügen zu lassen, um diese Lehren in tow abzuweisen. Der Marxismus bot sich zu solcherart oberflächlicher Behandlung als ein wie kein zweites günstiges Objekt dar: einmal weil viele seiner Theorien die Leidenschaften der Beurteiler wachriefen und — 69 — daher von vornherein deren ruhiges Urteil trüben nachten; sodann weil er in der That, wie gesagt, ein höchst unbeholfenes Durcheinander von teilweise sich widersprechenden Lehren darstellt. So erklärt es sich, daß jetzt erst, nachdem ein halbes Jahrhundert seit seiner Konzeption vergangen ist, wir noch immer erst den wahren Sinn und die tiefere Bedeutung >ener Lehren zu ergründen uns bemühen müssen. Das gilt zwar besonders von uns bürgerlichen Marxkritikern, aber auch von den Anhängern seiner Partei. Ich erinnere daran, daß die Fundamentallehre des ökonomischen Systems von Karl Marx — die Werttheorie — erst seit zwei Jahren Gegenstand fruchtbarer Diskussion geworden ist. An ihr habe ich damals jene Methode zur Anwendung zu bringen versucht, die ich oben als die einzig richtige gegenüber einem so eigenartigen Gebilde, wie den Marx'schen Lehren bezeichnete; ich habe gefragt, wie sich denn die in so offenbarem Widerspruche miteinander stehenden Teile der Marx'schen Werttheorie zusammenreimen ließen, um den Sinn herauszubringen, den ihnen so ernsthafte Denker doch sicher untergelegt haben müssen. Damals konnte mir der alte Engels noch das Zeugnis ausstellen, daß ich „so ungefähr" das Richtige getroffen hätte, daß er aber nicht alles ohne weiteres unterschreiben möchte, in was ich die Marx'schen Lehren „hineinübersetzte". Andere Kritiker meinten dann: das sei gar nicht mehr die Marx'sche Wertlehre. Vielleicht haben diese recht. Aber sicherlich kann, wenn überhaupt, nur in meiner Fassung sich die Marx'sche Werttheorie als wissenschaftliche Wahrheit erhalten. Dieses führe ich lediglich an, um daran zu zeigen, wie ich auch der Marx'schen Theorie der sozialen Bewegung gegenüber mich stelle. Ich lasse es mein eifrigstes Bestreben sein, sie von allem Beiwerk zu reinigen, sie in ihrem Wesen zu erfassen nnd dieses Wesen so zu deuten, daß es mit der Wirklichkeit vereinbar ist. Ich sublimiere also gleichsam den Geist aus den Marx'schen Theorien nnd hoffe nur, daß es dann — 70 — noch Marx'scher Geist und nicht etwa mein eigener ist, „in dem die Zeiten sich bespiegeln". Worin ich dann die störenden „Accidentien" der Theorie erblicke, werde ich nachher zu sagen versuchen: zunächst was ich für die historisch bedeutsamen Grundgedanken — sür das i? -Kl — der Marx schen Theorie der lsozialen Bewegung halte. Zunächst und vor allem — was uns jetzt als Binsenwahrheit erscheint — ist als wissenschaftliche That ersten Ranges hervorzuheben die historische Auffassung der sozialen Bewegung und die Jnbeziehungsetzung der „ökonomischen", „sozialen" und „politischen" Erscheinungen und Vorgänge. Marx wendet den Evolutionsgedanken auf die soziale Bewegung an: Hatten auch vor Marx hervorragende Männer — ich denke z. B. an Lorenz von Stein, denjenigen Schriftsteller, der vielleicht auf Marx am meisten eingewirkt hat — Sozialismus und soziale Bewegung im Flusz historischen Lebens zu erfassen sich bemüht: Keiner hatte annähernd in so klarer, keiner vor allem in so einleuchtender, wirkungsvoller Form diese geschichtlichen Beziehungen aufzudecken gewußt. Daß die politischen Revolutionen und Bestrebungen im Grunde Machtverschiebungen sozialer Klassen seien, war auch vor Marx ausgesprochen, aber wiederum von niemand in so eindringlicher Weise. Von den ökonomischen Umwälzungen nimmt er seinen Ausgangspunkt, um die soziale Klassenbildung und den Klassenkampf zu erklären und daß „il v'x a jams.iL ä schinen und Fabriken gesetzlich zu verbieten und die Elisabethsche Gewerbeordnung zu erhalten bezw, wiedereinzuführen. Gesetze zum Schutze der Maschinen. Adam Smith (!723-l79v) ^Vealtlr -st Xstioils. Robert Owen (1771 — 1358; Hauptwerke: ^ no>v viovv ot Looistv; Look ok td-s oev? moral v?orlä> übernimmt die Dale'schen Fabriken in Lanark, Drakonisches Koalitionsorr- bot, das frühere Einzelner böte zusammensaßt. Definitive Kesritigung der Elisabethsche» Gewerbe ordnung. Verschwörung Babeuj oder „der Gleichen". CharlesFouriers(1772 —1837) erstes Hauptwerk „l'Iisoris 6ss o^uatrg monve- ments" erscheint. (1822: Lke'oris äs l'nnitS universelle; 1824: I.s nouvsau inonäs mäustriel st soei^- tairs). — 130 Jahr England Frankreich 1815-32 1819 1821 Das Proletariat im Kampf für bürgerliche Freiheitsrechte. Nie „Savannah" trifft in Liverpool ein. 1825 «Freiheitlicheres Koalitions- grsrtz. Erstmaliger Auf schwung der Gewerkschaften. 1830 Eröffnung der Manchester- Livrrpooler Eisenbahn. 1330-48 1830- 32 1831 1833 1834 1836 Anfänge einer zielbewußten Arbritrrschutzgesetzgrbung. g.twnt." Beginn der „publizistischen Periode" des Fourierismus unter Victor Conside- r ant. Auftreten christlicher Sozialisten (DeLa Men- nais); der „ikarische Kommunismus" Cabets (Vox- aßs sn learis 1840). Beginn der ökonomischen Genossenschaftsbewegung (B u- chez, geb. 1796). - 132 — Jahr England Frankreich 1837—48 Chartistenbewegung. Lix points. Lovetr. Feargus O'Connor. 1839-S4 Wirksamkeit T h. Carlyles (?ast Änä prsssnt 1843) und der christlichen Sozialisten (Ch. Kingsley, Th. Hughes, I. D. Maurice). 1339 Louis Blancs (1313 — 1882) „Organisation äu tra- vail". 1840 Uowland Hills ?euiiz'poi-to wird eingeführt. Sie Trlrgraphie wird zuerst an englischen Lahnen an- gewandt. Höhepunkt des anarchistischkommunistischen Clubismus undBerschwörertums in der Loeistö ckss I^ravaillsurs 6ga- litairss.. P.J. Proudhons (1309 bis 1865) Hu'sst-ee. o.ns propri^t6 ? 1844 Pioniere von Rochdale. 1847 1848 Pariser„Februarrevolution". Proletarische Vertreter im (Zonvsrnomsnt xrovisoirs: LouisBlanc u.Albert. 23. u. 24. VI. „Juniinsur- rektion". Das Proletariat im Straßenkampf besiegt. Deutschland — 133 — Internationale Weberunruhen in Langenbielau und Peterswaldau; Arbeiter- tumulte in Breslau, Warmbrunn u. a. O. Kommunistische Agitation am Rhein durch K, M arx und Genossen (Neue Rheinische Zeitung 1. VI. 48—19, V. 49), Die deutsche Arbeiterbewegung selbst im Schlepptau des Handwerks. StefanBorn. W.Weitling. Der Bund der Gerechten verwandelt sich in den „Bund der Kommunisten" und nimmt als Programm das von Karl Marx (1818-1883) u. Friedrich Engels (1820 — 1395) verfaßte „K o m mun ist i s che Manifest" an. „Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!" Jahr England Frankreich 1850-80 Englands industrielle Monopolstellung auf dem Weltmärkte. Rasche Entwickelung der Gewerkschaften. 1350-56 1851-54 1851 1852 Gründung der „Vereinigten Gesellschaft der Maschinenbauer". Scharfe GesetzeNapolronsIII. zur Unterdrückung jeder sozialen Srwrgung. 1862 1863 - 135 — Deutschtand Internationale Strenge Maßnahmen der deutschen Einzelrcgierungen «nd des Lnndes zur gänzlichen Unterdrückung der Arbeiterbewegung. Beginn fortschrittlicher Assozia- tions- und Arbeiterbildungsver- einsgründungen (Schulze aus Delitzsch). Arbeiterdeputation aus Leipzig bei den Führern des Nationalvereins in Berlin: „Ehrenmitglieder" ! Ferd, Lassalle (1825-1864; 1858 Heraklit, der Dunkle; 1861 System der erworbenen Rechte); 1. III.: „Offenes Antwortschrei, ben an das Zentralkomitee zur Berufung eines allgemeinen deut- SV - 23. V. - Gründung des „Allgemeinen deutschen Arbeitervereins" durch Lassalle. Spaltung nach L.'s Tode in die männliche Linie (B, Becker; I. B, v, Schweißer) und die weibliche Linie (Gräfin H atzfeld). Erste Weltausstellung in London» Der „Bund der Kommunisten' löst sich auf. - 137 - Deutschland Internationale Anfänge gewerkschaftlicher Arbeiterbewegung : Tabakarbeiter (1866 Buchdrucker), iZismarck oktroyiert das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht. freiheitliche Gewerbeordnung für da? Deutsche Reich. Uasche Gut- faltung des Kapitalismus, insbesondere nach dem Kriege. Gründung der „Sozialdemokratischen Arbeiterpartei" auf dem Kongreß zu Eisenach: die sog, „Ehrlichen". Aug. Bebel (geb. 1840i; Wilhelm Liebknecht geb. 18Z6). Begründung des „Verbandes Hirsch-Dunckerscher Gewerkvereine". Die Generalversammlung der katholischen Vereine Deutschlands beschließt Anteilnahme an der sozialen Bewegung vom katholischen Standpunkt. Gründung der „Internationalen Arbeiterassoziation" durch Delegierte verschiedener Nationen bei Gelegenheit der Weltausstellung in London. Jnauguraladresse und Statuten von KarlMarx entworfen. Dieser bleibt der verborgene Leiter der „Internationale", deren „Generalrat" in London seinen Sitz hat. Erscheinen des 1. Bandes des „Kapitals" von Karl Marx. Gründung der .Allis-nes intsr- natioukls cks Is äsmoeratio so» eials" durch Michael Bakunin (1314—1876) mit anarchistischer Tendenz in bewußter Opposition zur Marxistischen I. A.-A. - 138 — Jahr England Frankreich 1872 1875 1876 Erster allgemeiner französischer Arbeiterkongreß zu Paris. 1877 1878—90 1878 1881 Gründung der „Loeisl äswo- erativ?eÄeration" marxisti- i scher Observanz. Arbeiterkongreß in Marseille giebt den Kollektivisten erstmalig das Uebergewicht. Arbeiterkongreß in Havre; Spaltung in Gemäßigte und Radikale. Letztere konstituieren sich als „?srti onviisr rsvolutioonairg soeialistg fraosais". Deutschland Internationale Fusion der „Lassalleaner" und „Eisenacher" auf dem Kongreß inGotha. „Gothaer Kompromißprogramm." Kongreß der I. A.-A. zu Haag. Ausschließung Bakunins und seines Anhangs, der in der 66rg,tior> Mrassisons noch eine Zeit lang einen Mittelpunkt findet. Verlegung des Generalrats der I. A-A. nach New York. Die I. A.-A. löst sich formell auf. Genter „Weltkongreß". Einigungsversuch der Bakuninisten und Marxisten mißlingt. „Allgemeine Union des internationalen Sozialismus" von letzteren beschlossen, bleibt ohne Bedeutung. Sozialistengesrh. Zerstörung der Arbeiterorganisationen. Verlegung des Schwergewichts der Agitation in das Ausland („Sozialdemokrat" in Zürich und London). Begründung einer konservativen christlich-sozialen Partei durch Stöcker. — 140 — Jahr England Frankreich 1382 1883 1834 1835 1386 1387 1889 Gründung d,?adian Lo<:iötx, Beginn des „5?sv? Unionism", der Gewerkschaftsbewegung tieferer Arbeiterschichten mit sozialistischer Tendenz(John Burns, Tom Mann, Keir Hardie), Inäsxslläsnt I/sbonr?art^. Arbeiterkongreß zu St. Etienne. Spaltung zwischen Possibilisten und Guesdisten, Erstere spalten sich später in Broussisten (MäSi-ation äss travai1Isur8 Lveialists äs ?rsneo), Marxisten und Alle- manisten (?»rti ouvrisr so- eialists r^volutioonairs krau- yais). Neues Syndikatsgesctz begünstigt die Entwickelung d. Gewerkschaftsbewegung. Begründung der „8oeiöt6 ä'soonomis 8ooisls" durch B 6 noitMalon, Zentrum der „unabhängigen" Sozialisten (?srti 8oei^1ists in- äsxsnäaut). Begründung der „?Sä6r^tion äv8 s^näieats" auf dem Kongreß zu Lyon. Eröffnung der Lourss duktionsmittel. - 143 Deutschland Internationale Erste „Maifeier" des Proletariats in sämtlichen Kulturländern. Erster internationaler Bergarbeiterkongreß zu Jolimont, Internationale Arbeiterschutz- ferenz in Berlin, zusammenberufen von Kaiser Wilhelm II., beschickt von 13 Staaten. Neues Parteiprogramm der So- zialdemokratie auf streng marxi-! stischer Grundlage; sog. „Er-> furter Programm". Lostrennungd. „unabhängigen"! Sozialisten anarchistischer Ten-^ denz von der Sozialdemokratie. Erster allgemeiner Gewerkschafts' kongreß zu Halberstadt. Die Sozialdemokratie geht als stärkste Partei Deutschlands mit 1786 738 Stimnen aus den Reichstagswahlen hervor. Beginn einer demokratischen christlich-sozialen Agitation durch Pfarrer Naumann („Die Hilfe"). II. Internationaler Arbeiterkongreß zu Brüssel. Ausschließung der Anarchisten. Enzyklika Leo XIII. „Rorum no- varura" legt das Programm aller katholisch-sozialen Bestrebungen fest. ^III. Internationaler Arbeiterkongreß in Zürich: die englischen Gewerkschaften tagen offiziell im Verein mit den kontinentalen Sozialisten. Erster internationaler Textilarbeiterkongreß zu Manchester. IV. Internationaler Arbeiterkongreß in London.