^ . ' ^ tmmlunq Anser heutiges Wissen in kurzen, klaren, allgemeinverständlichen Einzeldarstellungen Jede Nummer in eleg. Leinwandband 84) G.J.Göschen'sche Verlagshandlung, Leipzig weck und Ziel der „Sammlung Göschen" ist, in Ein- ^ zeldarstellungen eine klare, leichtverständliche und übersichtliche Einführung in sämtliche Gebiete der Wissenschaft und Technik zu geben; in engem Nahmen, auf streng wissenschaftlicher Grundlage und unter Berücksichtigung des neuesten Standes der Forschung bearbeitet, soll jedes Bändchen zuverlässige Belehrung bieten. Jedes einzelne Gebiet ist in sich geschlossen dargestellt, aber dennoch stehen alle Bändchen in innerem Zusammenhange miteinander, so daß das Ganze, wenn es vollendet vorliegt, eine einheitliche, systematische Darstellung unseres gesamten Wissens bilden dürfte. Ein ausführliches Verzeichnis der bisher erschienenen Nummern befindet sich am Schluß dieses Bändchens Kleine volkswirtschaftliche Bibliothek aus der Sammlung Göschen. Jedes Bündchen elegant in Leinwand gebunden 80 Pfennig. Volkswirtschaftslehre von Dr. Carl Johs. Fuchs, Professor au der Universität Freiburg i. Br. Nr. 133. Bolkswirtschaftspolitik von Präsident 1>. van der Borght in Berlin. Nr. 177. Gewerbewesen von Or. Werner Soinbart, Professor an der Handelshochschule Berlin. 2 Bände. Nr. 203, 204. Das Handelswesen von Oi'. Wilh. Lcxis, Professor an der Universität Göttinge». I: Das Handelspersonal und der Warenhandel. Nr. 296. Dasselbe: Die Effektenbörse u.die innere Handelspolitik. Nr.297. Auswärtige Handelspolitik von Dr. Heinrich Sievcking, Professor an der Universität Marburg. Nr. 245. Das Versicherungswesen von Ur. Panl Moldcnhauer, Dozent der Versichernngswissenschaft an der Handelshochschule Köln. Nr. 262. Die gewerbliche Arbeiterfrage vou Dr. Werner Soiubarr, Professor an der Handelshochschnlc Berlin. Nr. 209. Die Arbeiterversicherung von Professor Dr. Alfred Manes in Berlin. Nr. 267. Finanzwissenschaft von Präsident vr. van der Borght in Berlin. Nr. 148. Sociologie von Professor vr. Thomas Achclis in Bremen. Nr. 101. _ Weitere Bände sind in Vorbereitung. Sammlung Göschen . Gewerbewesen Erster Teil von Werner Sombart Professor an der Universität Vreslau Leipzig G. I. Göschcn'sche Verlagshandlung 1904 Inhaltsverzeichnis. Seite I. Abschnitt. Die gewerbliche Arbeit und ihre Organisation. Erstes Kapitel. Die gewerbliche Arbeit in den Grundzügen ihrer Entwickelung. I. Allgemeines.............. 5 H. Die Entwickclungsphasen der gewerblichen Technik im allgemeinen............. 6 III. Die Prinzipien der modernen Technik im besonderen 18 Zweites Kapitel. Die Organisation der gewerblichen Arbeit in den Betrieben. I. Allgemeines..............29 II. Die Jndividunlbctriebe..........35 III. Die gesellschaftlichen Großbetriebe.......36 Drittes Kapitel. Die wirtschaftliche Organisation der gewerblichen Arbeit. I. Die Wirtschaftsform der gewerblichen Produktion im allgemeinen.............39 II. Die hausgewcrbliche Eigenproduktion......4V III. Die handwerksmäßige Organisation......42 1. Die Bedeutung des Wortes Handwerk ... 42 2. Begriff nnd Wesen des Handwerks .... 43 3. Die Arten des Handwerks....... 49 4. Die Existenzbedingungen des Handwerks... 50 IV. Die kapitalistische Organisation des Gewerbes ... 52 1. Begriff und Wesen der kapitalistischen Unternehmung............. 52 2. Die Arten der kapitalistischen Unternehmung . 57 3. Voraussetzungen und Bedingungen des gewerblichen Kapitalismus ..........53 1* 4 Inhaltsverzeichnis. II. Abschnitt. Überblick über die geschichtliche Entwickelung des Gcwcrbcwcsens. Erstes Kapitel. Das Altertum. 62 Zweites Kapitel. Das Mittelalter. I. Überblick............... 67 II. Bäuerliches Gewerbe........... 67 III. Die gewerbliche Produktiv!! in den Froiihofwirtschastcn 69 IV. Die Epoche der handwerksmäßigen Organisation. . 72 1. Ihre Verbreitung, ihre Wesenheit und die Gründe ihrer langen Dauer......... 72 2. Die Ordnung des mittelalterlichen Gewerbcwcsens in der sogenannten Zunftverfassuug .... 76 Drittes Kapitel. Die neuere Zeit. I. Einleitung...............82 II. Die Erfüllung der subjektiven Voraussetzungen kapitalistischer Wirtschaft...........83 IH. Die Schaffung der objektiven Bedingungen kapitalistischer Wirtschaft..............88 1. Die Entstehung des großen Marktes für die aufkommende Industrie........88 2. Die Entstehung des Proletariats.....94 3. Die Entwickelung der modernen Technik... 96 4. Die Neugestaltung des Wirtschaftsrechtes... 97 Übersicht über die grundlegenden Gewerbegesetze in den wichtigsten Kulturstaaten. ^. Die deutschen Staaten vor Eiuiguug des Reiches 104 L. Der Norddeutsche Bund bezw. das Deutsche Reich 105 O. Die übrigen europäischen Staaten......106 IV. Überblick über den Gang der gewerblichen Entwickelung bis ins 19. Jahrhundert . .......106 Register..........,.....109 I. Abschnitt. Die gewerbliche Arbeit und ihre Organisation. I. Kapitel. Die gewerbliche Arbeit in den Grundzügen ihrer Entwickelung. I. Allgemeines. Die natürliche Grundlage aller gewerblichen Produktion bildet die gewerbliche Arbeit. Von ihrer Gestaltung nnd Leistungsfähigkeit hängt der Produktive Erfolg im wesentlichen ab. Wenn wir die gewerbliche Arbeit unter dem Gesichtspunkte der Eigenart betrachten, wie die Menschen Dinge der äußeren Natur ihrem Bedarf dienstbar macheu, spreche» wir von gewerblicher Technik. Die gewerbliche Technik hat im Laufe der Zeiten beträchtliche Wandlungen erlebt, insbesondere auch was den produktiven Erfolg eines bestimmten Arbeitsaufwandes betrifft. Im allgemeinen können wir eine Vervollkommuuug der gewerblichen Technik im Verlauf der meuschlichen Entwicklung insofern konstatieren, als es gelungen ist, mit einem geringeren Arbeitsaufwande eine bestimmte Menge von Gütern herzustellen. Im folgenden soll eine kurze Skizze gezeichnet werden von der Entwicklung der Technik, soweit sie für den eben genannten Gesichtspunkt — Steigerung der Produktivität der Arbeit — von Belang ist. Ich lehne mich dabei engstcns an die ausführlichen Darstellungen (> Die gewerbliche Arbeit u. ihre Organisation. an, die ich von dem Gegenstande in meinen eingangs zitierten Werken zu geben versucht habe. II. Die Entwickelungsphasen der gewerblichen Technik im allgemeinen. Nach zwei Seiten hin entfaltet sich gleichzeitig die menschliche Fähigkeit zum Produzieren: es mehren sich die Kenntnisse von den Eigenschaften der uus umgebenden Natnr, mit der wir uns zur Erreichung unserer Zwecke notgedrungen auseinandersetzen müssen; und es erweitert sich das Maß des eigenen Könnens, die Dinge der äußeren Natur unseren Wünschen entsprechend umzuformen: uusere Arbeitsfähigkeit wird in ihrer quantitativen Ergiebigkeit und qualitativen Anpassungskunst auf eine immer höhere Stufe der Vollendung gehoben. Beide Seiten ergänzen sich notwendig und geben zusammen erst das vollendete Bild je von der Stufe technischer Leistungsfähigkeit, auf die die Menschheit sich erhoben hat. Auf dreierlei hat sich das Augenmerk des Menschen zu richten, nm der Natur ihre Geheimnisse abzulauschen, damit sie aus eiuer spröden Feindin eine willige uud hingebende Gefährtin werde: ans die Stoffe und ihre Gceigenschaftung, menschlichem Bedarf zu dienen, auf die Kräfte, die iu der Natur verborgen schlummern und gezähmt werden und in unseren Dienst treten können, auf die Nmbildungsprozesse selbst endlich, in denen die Allmutter ewig Neues zeugt uud von denen wir Nntzen ziehen können, wenu wir sie zur rechten Zeit und am rechten Ort selbst ins Leben rnfen oder uns ihrer bedienen, wo nud wann wir sie sich abspielen sehen. Täglich vermehrt sich noch heute die Anzahl der Stoffe, die wir, sei es zur Nahruug, zur Kleidung, als Hilfsstoffe oder wie sonst immer als geeignet erachten, Die EutwickelungSphascn d. gewerbl. Technik im allgcm. 7 unserem Bedarf zu dienen. Von den Erzen und der Uohlc an bis zu den modernen Farbmitteln und Nahrungs- surrogaten zieht sich die unabsehbare Reihe neu entdeckter und unseren Zwecken nutzbar gemachter Bestandteile der äußeren Natur, lind sogar die Kräfte in der Natur, die wir in unseren Dienst zwingen, mehren sich noch immer. Zn Wind und Wasser und Tampf ist nun in unserer Zeit die Elektrizität getreten. Vorgänge in der Natur selbst aber haben wir uns zu nutze gemacht, seit wir mit dem Feuer kochen und schmelzen, seit wir waschen und färben lernten, bis zu den sich heute überstürzenden chemischen Berfahrnngsweiscn, deren sich unsere Industrie in ewig wechselndem Zusammenhange zn bedienen versteht. Und auch das wird sich feststellen lassen: daß die Beherrschung der Kräfte und Prozesse in der Natur eine immer sicherere wird. Anfangs müssen wir uns begnügen, wenn wir mit benutzen können, was sich ohne unser Zutuu in der Natur abspielt: wir segeln mit dem Winde, wie er sich erhebt, uud lassen von dem Bache unsere Mühlen treiben, wie stark oder schwach er fließt. Später lernen wir die natürlichen Vorgänge lenken, beeinflussen, daß sie rascher oder langsamer, stärker oder schwächer in ihren Wirkungen sich abspielen. Endlich vermögen wir den Prozeß, die Kraft selbsttätig zu erzeugen, die uns dienen sollen. Zu dem Keimen muß sich das Können gesellen: neben die Nutzung der Naturkräfte muß die Bctätigung der eigenen Kräfte treten. In dem Maße, wie wir den Geheimnissen der Natur nachgehen, „in ihre tiefe Brust, wie in den Busen eines Freundes schauen" lernen, muß sich unsere Fähigkeit entwickeln, gestaltend auf sie einzuwirken mit unserer eigenen Hände Arbeit: mnß sich das zu höheren Formen entfalten, was man etwa die Arbcitskunst zu nennen versucht märe. 8 Die gewerbliche Arbeit n. ihre Organisation. Verfolgen wir die Menschheit auch auf diesem Entwicklungsgänge nnd suchen wir die einzelnen Stationen dieser via oruois uns zu vergegenwärtigen, so wird unser Augenmerk zunächst auf einen Vorgang gerichtet sein müssen, in dem sich die Methoden des Arbeitens selbst vervollkommnen. Ich meine die Art und Weise, wie sich die bloße Fähigkeit entwickelt, die Gliedmaßen, also so gut wie ausschließlich die Hände für die Bearbeitung der Sachen durch allerhand ingeniöse Hilfsmittel geeigneter zu machen. Daß auch dabei die Finger nur die willig gehorchenden Organe des erfinderischen Hirnes sind, braucht nicht besonders betont zu werden. Da ist es nun vor allem ein Tifferenzierungsprozeß der Arbeitsaufgaben und damit der Arbeitsleistungen, in denen sich die menschliche Arbeitskunst verfeinert und läutert. Mit fortschreitender Kultnr mehren sich einmal die von der menschlichen Arbeit zu bewältigenden Probleme: es werden immer neue Güter in den Bereich unserer Bedarfsbefrie- dignng gezogen nnd schon dadurch bereichert sich die Skala unserer Arbeitsverrichtungen. Bon der ursprünglich einzigen und einheitlichen Arbeitsleistung: dem Aufkratzen der Erde zu einer Höhlung bis zu der tausendfach differenzierten gewerblichen Tätigkeit unserer Tage ist ein weiter Gang, den die menschliche Arbeitskunst zurückgelegt hat. Ju diesem Entwicklungsgange ist nun aber zwischen zweierlei zu unterscheiden: zwischen der Differenzierung der Arbeitsverrichtungen, die dnrch eine Vermehrung der Produkte hervorgerufen ist und derjenigen Differenzierung, die gleichsam von innen heraus durch eine bewußte Zerlegung der Arbeit in ihre einzelnen Teilverrichtungen entstanden ist. Es handelt sich zunächst nur um die Tatsache, daß die Kunst des Arbeitens dahin fortgeschritten ist, eine Summe von Teilarbeiten aufzulösen, so daß nun jede Teilarbeit als Die Entwickelungsphascn d. gewcrbl. Technik im allgem. 9 gesonderte Arbeitsaufgabe betrachtet werden kann. Ganz nach dem Rezept jenes sehr zu Unrecht verspotteten Philosophen, von dem wir lernen sollen: „Daß, was wir sonst auf einen Schlag Getrieben, wie Essen und Trinken frei Einsl Zwei! Dreil dazu nötig sei." Dieses damit gekennzeichnete, durchaus nicht unvernünftige, sondern verwünscht gescheute Arbeitsverfahren wollen wir in Anlehnung an einzelne vorhandene Ansätze zur Erkenntnis Arbeitszerlegnng nennen. Dabei braucht der Produktionsprozeß zunächst gar nicht verändert zu sein und es kann doch das Arbeitsverfahren ein nenes sein, weil dieselben Verrichtungen wie früher nun in ihrer Sclbstäudig- keit erkannt werden. Beispiel: Eine Bänerin spinnt ihren Flachs zu Gar», ohue zu wissen und sich darum zu kümmern, worans sich diese ihre durchaus einheitliche Arbeitsleistung zusammensetzt. Ein arbeitszerlegendes Verfahren löst das Spinnen eines Fadens mindestens auf: 1. Kardieren; 2. Strecken; 3. Vorspinnen; 4. Feinspinnen. Die grundlegende Bedeutung dieses Verfahrens liegt nun aber in der dadurch erst geschaffeneu Möglichmachnng anderer Kunstgriffe des erfindnngsreichen Menschen zur besseren Bewältigung seiner Aufgaben. Die Arbeitszerlegung bereitet die Arbeitsspezialisicrung vor: jeue Eiurichtung, bei der ein und dieselbe Arbeitsverrichtung jederzeit von demselben Arbeiter ausgeführt wird. Das mag ein isolierter Arbeiter oder ein Arbeiter in einem großen Betriebe sein. Daß aber die Spezialisierung der Arbeitsverrichtung die Arbeitsfertigkeit quantitativ uud qualitativ zu steigern vermag, wußte schon Adam Smith bekanntlich. Die Arbeitszerlcguug schafft aber weiter erst die Möglichkeit, qualitativ und quantitativ abgestufte Arbeitslcistuugeu 10 Die gewerbliche Arbeit u. ihre Organisation. an Stelle vollwertiger Totallcistnngen zu nutzen: durch die Zerlegung des Gcsamtprodnktionsprozesses in einzelne Teile entstehen viele Teilarteu, zu deren Ausführung Kinder, Weiber, Greise, Krüppel und geistig Arme gleichermaßen sich eignen wie vollwertige Arbeitskräfte mit Kraft und Geschick; entstehen aber auch so vielerlei Teilarbeiten, daß die qualitativ unterschiedliche Begabung der Mcuschen zu voller Berücksichtigung zu gelangen vermag. Die Arbeitszerlegung verselbständigt gleichsam die Teilprozesse; sie gestattet dadurch das, was früher nur uacheiuander denkbar war, nebeneinander zu legein die gleichzeitige Inangriffnahme sämtlicher Arbeitsverrichtungen eines Gesamtprozesses wird möglich. So lange es nur ein „Spinnen" gibt, kann dieser Gesamtprozcß immer nur als Ganzes zu gleicher Zeit begonnen werden. Nnn das „Spinnen" in seine Bestandteile aufgelöst ist, kann s. tsraxo nebeneinander kardiert, gestreckt, vor- und feingesponncn werden: eins der wesentlichsten Momente für die Beschleunigung des Produktionsprozesses. So wichtig ist dieses Verfahren der Arbeitszcrlcgung dank der daran sich knüpfenden Möglichkeiten zweckmäßiger Arbeitsorganisationen, daß es uns uicht in Erstaunen setzt, wenn wir die Ökonomen, die das Prinzip der Arbcits- zerleguug freilich iu etwas gebrochenem Zustande als sogenannte „Arbeitsteilung" erspäht hatten, durch den Glanz dieser folgenreichen Methode so sehr geblendet sehen, daß sie lange Zeit für andere analoge Verfahrungsweiseu zur Ausgestaltung der Arbeitskunst gar keinen Blick hatten. Und doch gibt es deren noch manche. Bestimmte Methoden, das zu ver- oder bearbeitende Material in einer vorbedachten Weise zurechtzulegeu, damit, weun dann die Arbeit vorgenommen wird, ein Marimnm von Effekt heransspringt. Diese vier Arten, sagen wir der Materialanordnnng, sind: Die Entwickelungsphasen d. gewerbl. Technik im allgcm. 11 1. Zusammculcgung des Materials zu Bündeln, die eine gleichzeitige Behandlung von vielen Eiuzelgcgenstäuden ermöglicht: Beispiele das Drahtbündel, an dein gleichzeitig sn raasss Stecknadelköpfe gefeilt werden; das Streichholzbündel, das zum Eintauchen in die Zündmasse zusammengefaßt wird; 2. Verteilung großer Materialmasscn zwecks besserer Bearbeitung: Stearin, das man in 2VV Kerzen- Gnßformen laufen läßt; 3. eiu zweckmäßiges Nachcinander- ordnen des Materials, damit dieses in richtiger Reihenfolge die verschiedenen Stadien des Arbeitsprozesses Passieren kann: Papier; 4. Sortieren des Materials, nm es seiner Verschiedenheit entsprechend verschieden behandeln zu können: Hadern! Nnn aber vermögen wir allen jenen Verfahrnugs- weisen nur dann volles Verständnis abzugewinnen, wenn wir sie noch in einer weiteren, bisher absichtlich nicht berührten Wirkung zu begreifen versuchen: Jene bestimmten Arbeitsweisen sind in großem Umfange Voraussetzung, häufig Veranlassung, um beispielsweise neu gewonnene Kenntnisse etwa von chemischen Prozessen zur Anwendung zu bringen. Sie bilden vor allem aber auch oft die Basis für die Entwicklung desjenigen Faktors der schöpferischen Menschcnarbeit, dem man vielleicht mit Recht die vornehmste Stellung unter allen Elementen des Arbeitsprozesses anweisen darf: für die Entwicklung und Vervollkommnung des Arbeitsmittels. Ein Ding oder einen Komplex von Dingen, die der Arbeiter zwischen sich und den ArbeitS- gcgenstand schiebt, um sie als Machtmittel auf andere Dinge seinen Zwecken gemäß wirken zu lassen. Damals, als der Urmensch znm ersten Male bewnßt jenen spitzen Stein wieder aufgriff, der ihm schou einmal gedient hatte, um mit ihm abermals seine kratzende Tätigkeit zn unterstützen — das zufällige Ergreifen nnd Wieder- l'.' Die gewerbliche Arbeit u. ihre Organisation. wegwerfen eines Steines als Hilfsmittel für schlagende oder kratzende Bewegung finden wir auch bei höheren Tieren — als somit die Vermittlungsrolle jenes äußeren Dinges der Natur bei der eigenen produktiven Tätigkeit vom Menschen kausal teleologisch erfaßt und zum ständigen Besitztum seiner Vorstelluugswelt gemacht war: da war das erste Werkzeug auf Erden erschienen, jene Schöpfung, an die im Verein mit Sprache und Religion die Menschwerdung anzuknüpfen man sich mit Recht gewöhnt hat, da in der Tat alle Entwicklung zur höhereu Intelligenz sich gleichsam an dem Werkzeuge emporrankt, seit dessen Nutzung der Mensch im Kampfe ums Dasein aufhört, seinen Körper und seine Gliedmaßen umzuformen, um bloß noch seine geistigen Fähigkeiten weiter zu entwickeln. Überblicken wir den Entwicklungsgang, den das Werkzeug im Laufe der Jahrtausende genommen hat, so finden wir ihn parallel verlaufen demjenigen der Arbeitsver- richtuugeu uud Arbeitsleistungen, die wir kennen. Aus einem oder wenigen höchst einfachen und unvollkommenen Werkzeugen, die in unbestimmter Allgemeinheit gleichsam alles iu allem waren, lösen sich immer neue uud neue Formen los, differenzieren sich die Funktionen der einzelnen Werkzeuge zu immer größerer Mannigfaltigkeit. Es ist dieselbe Erscheinung, die wir auch bei der Entwicklung der Tiergestalten und der Sprache beobachten: die Vermannig- faltung des Gebrauchs schafft immer ueue Formen, die sich immer vollkommener den einzelnen Gebrauchsakten anpassen. Aus der primitiven Spitzhacke oder der mit einer breiten Schärfe versehenen Hacke entwickeln sich langsam die Axt, der Hammer, das Messer, der Meißel, die Säge, der Bohrer und was sonst an Prototypen späterer Werkzeugskategorien zu nennen wäre. Und in dem Maße, wie sich das Prinzip der Arbcitszerlegung durchsetzt, verfeinert sich innerhalb Die Entwickeluugsphaseu d. gewerbl. Technik im allgein. 13 jeder Kategorie dann wiederum das einzelne Werkzeug, bis zu jener delikaten Nuaneierung, wie wir sie heute etwa in der Uhrenindustrie zu betrachten Gelegenheit haben. Tie leiseste Unterscheidung der Arbeitsverrichtung wird begleitet, unterstützt, ermöglicht durch das entsprechend ihr angepaßte Werkzeug. Und es liegt auf der Hand, wie sehr die fortschreitende Zerlegung der Arbeit die Ausbildung der Werkzeugtechnik fördern muß, um wie viel besser bei jeder neuen Vereinfachung der Teilverrichtung — denn auf Vereiufachung läuft doch alle Zerlegung hinaus — das entsprecheude Werkzeug der menschlichen Hand angepaßt werden kann und wie auf der anderen Seite jedes neue verfeinerte Werkzeug die Arbeitsleistung wiederum steigern muß. Mit dieser fortschreitenden Differenzierung des Handwerkszeuges und feiner Funktionen im engen Zusammenhange steht uun aber die zunehmende Vervollkommnung in der Benutzung des Werkzeugs. Schon in eine frühere Periode der Entwicklung fällt, wie wir aus immer zahlreicheren Werkzeugfunden schließen dürfen, die Verwendung der Schwungkraft zur Handhabung des Werkzeugs. Wie wir schon hervorzuheben Gelegenheit hatten, muß diesen? Fortschritt in der Nutzung ehedem nur durch Druck oder Stoß bewegter Werkzeuge eine ganz besondere Bedeutung für die Kultureutwicklung beigelegt werden. Nun erst treten die Axt und der Hammer in den Dienst des Menschen, die, wie wir wissen, geradezu als Symbole seines schöpferischen Wirkens auf Erdeu dieuen können und übrigens unseren Vorfahren auch gedient haben. An die Stelle des Schadens, Stechens, Schneidens, Kratzens tritt das Hauen. Und unsere Kultur ist nicht erschabt, erstochen, erschuitten oder erkratzt: sie ist herausgehauen aus Erde und Stein, aus Wald und Dickicht! Wie aber an der Pforte aller Kultur die Nutzung der Schwungkraft, so steht an der unsrigen ein 1 > Die gewerbliche Arbeit u, ihre Organisation. anderes Prinzip der Werkzeugnutzung, von vielleicht noch größerer, noch schöpferischerer Bedeutung. Man hat es das Walzen- oder Rotationsprinzip genannt und es besteht in der Einführung der kontinuierlichen Drehbewegung in die Technik. In allen unseren Werkzeugen nsw. lassen sich zwei For- mations-Hauptpcriodcu unterscheiden: die Periode, in welcher das Werkzeug hin und her oder auf und ab bewegt wird, also immer einen toten Rückgang machen muß, um einen lebendig wirkenden Vor- und Abwärtsgang auszuführen, und die Periode der kontinuierlichen Bewegung nach vor- oder abwärts. So unscheinbar der Fortschritt von der Periode des toten Rückganges zur Periode der koutinuicrlichcu lebendigen Bewegung zu sein scheint, so bedeutet er doch in wirtschaftlicher Beziehung gerade so viel, als der Fortschritt der Pflanzen- und Tierfornien der Grauwackeuperiodc zu jenen der Kreideperiode. Und doch ist das Prinzip der kontinuierlichen Bewegung uach vor- uud rückwärts erst der Anfang des Notationsprinzips: ehe die Bandsäge auftrat, hatte ein Fortschritt darin bestanden, die Säge beim Ans- und Abwärtsgehen in je einem Stamme oder in denselben Stamm zweimal einschneideu zu lasseu; und ehe der Kreisbohrer in Aufnahme kam, hatte man das Hin- und Herbohren im Halbkreise ebenfalls schon gekannt. Die erste bedeutsame Anwendung des Rotationsprinzips in der Technik dürfte der aus Rädern bewegte Wagen gewesen sein. Heute ist das Prinzip in jeder Sphäre der Technik so sehr verbreitet, daß es 1842 schon Jobard „das Kriterium der modernen Ge- werbstätigkeit" nannte, „weil jedes mechanische Verfahren, jede Fabrikation, die nicht die fortwährende, uunnterbrochene Tätigkeit besitzt, noch im Znstande des embryonalen Werdens" sei. Und Renleaux kennzeichnet die Bedeutung dieses selben Prinzips mit den,Worten: „So wie der alte Philosoph die Die Entwickcluugsphascn d. gcwcrbl. Technik im allgem. 1V stetig steigende Veränderung der Dinge einem Fließen verglich nnd sie in den Spruch zusammendrängte .Alles fließt', so können wir die zahllosen Bcwcgungscrscheinungen in dein wunderbaren Erzcuguisse des Menschenverstandes, welches wir Maschine nennen, zusammenfassen in das eine Wort: ,Alles rollt^". Aber diese Worte Rcnleaux' eröffnen in einer anderen Richtung unserer Betrachtung eine neue Perspektive: in ihnen wird das Notationsprinzip — nnd mit Recht vor allem für ein Gebilde, eine Form des Arbeitsmittels in Anspruch genommen, „welches wir Maschine nennen". Unser Interesse wird nunmehr durch die Frage in Anspruch genommen: welches ist das in der Maschine überhaupt zum Ausdruck kommende Prinzip? ist die Maschine etwas Wesensanderes als das Werkzeug? bezugsweise worin unterscheidet sich eine Maschine von einem Werkzeug? Eiue Maschine ist ein Arbeitsmittel oder ein Komplex von solchen, welches derart eingerichtet ist, daß es eine Arbeit, die sonst der Mensch verrichten müßte, an Stelle des Menschen ansführt, ein Arbeitsmittel also, welches nicht — womit wir die Maschine scharf gegen das Werkzeug abgrenzen — menschliche Arbeit unterstützt, sondern menschliche Arbeit ersetzt. Man hat häusig uusere Zeit als Maschinenzeitalter „so geschmeichelt, wie verflucht". Dachte man dabei daran, eine besonders rasche Entwicklung der Maschinerie als unserer Zeit charakteristisch hinzustellen, so läßt sich dagegen nichts einwenden. Zuweilen begegnet man aber sogar in wissenschaftlichen Auslassungen auch heute noch der Vorstellung: als ob um die Wende des XVIII. Jahrhunderts die Maschine überhaupt erst iu die Erscheinung getreten und die Jahrhunderte vorher eine maschinenlose Zeit gewesen seien. Diese Annahme ist ganz und gar verkehrt. Die Maschine ist fast so alt, möchte man sagen, wie das Werkzeug; sie begleitet den Menschen auf allen Etappen der Kultur nnd 16 Die gewerbliche Arbeit u. ihre Organisation. wächst in langsamer, schrittweiser Entwicklung zu der heute erreichten Vollkommenheit heran. Wir haben uns nach dem Vorgang Reuleaux' jetzt daran gewöhnt, als erste Maschine, also als den „ersten schüchternen Versuch des Menschen, zwei außer ihm stehende Körper zu einer bestimmten gegenseitigen Bewegung zu zwingen", den Feuerauirl zu betrachten. Taun fällt aber der Anfang der Maschinencntwicklung in eine Zeit, in der die Menschen das Feuer bloß erst zu religiösen, noch nicht zu gewerblichen Zwecken nutzten, also in eine außerordentlich frühe Periode der Kultur. Aber auch andere, ohne allen Zweifel machi- nale Vorrichtungen reichen in die Tämmerung entlegenster Zeiten zurück: Pfeil uud Bogen, Spindel, Töpferscheibe, von der die Drehbank sich ableitet, nnterschlächtige Wasserräder, Wagen und Wagenräder, der Pflug sind Maschinenvorrich- tungen, die wir schon frühzeitig im Besitze der Menschen finden. Und aus den ersten Anfängen sehen wir die Maschine sich langsam zu höheren Formen entwickeln. Ein vortreffliches Schulbeispiel für diesen organischen Entwicklungsgang der Maschinerie bietet die Geschichte der Mehlbereitungsverfahren, also der Mttllereitechnik. Wir wissen, daß schon außerordentlich früh machinale Vorrichtungen zur Zerkleinerung der Getreidekörner bestanden haben. So mnß es bei den Chinesen früh üblich geworden sein, an der Kenle, mit der in dem steinernen Mörser die Kömer gestampft wurden, einen horizontalen Hebelarm anzubringen, der mittels Zapfen ungefähr in der Mitte seiner Länge zwischen zwei mit Löchern versehenen Steinen beweglich eingelagert war. Eine andere, auch noch primitive, aber schon entwickeltere Mahlmaschine bietet uns das Bild einer alten ostindischen Mühle dar. Tort ist der Mörser bereits ein breiter Kessel aus Stein, welcher auf einem steinernen Postament rnht. Die Keule besteht aus Die Entwickelungsphasen d. gcwcrbl. Technik im allgcm. 17 einem schweren Baumstrunke, welcher mittels eines daran befestigten horizontalen Balkens von einem Ochsenpaar im Kreise gedreht wird. Von diesen Nrtypen der Mahlmaschine gehen dann die zahllosen Verbesserungen und Verfeinerungen Schritt für Schritt weiter: die Mahlsteine vervollkommnen sich und ihre Bewegungen, Sieb- nnd Reinigungsvorrich- tungen werden dem Mechanismus eingeordnet, die Zuführung und Abführung des Materials wird automatisch bewirkt. Und mit der Vervollkommnung der Wählvorrichtung parallel geht die Nutzbarmachung immer stärkerer nnd freierer Kraftquellen: zn Ciceros Zeit wurden Wasserräder als Motoren an Stelle der Sklavinnen eingeführt, seitdem 12. Jahrhundert datieren die Windmühlen. Heute haben wir die Tamvfmühle, in der der steinerne Mühlstein durch die eiserne Walze ersetzt ist, und in der das Prinzip der Maschinerie in höchster Vollendung znr Anwendung gebracht ist. Immerhin werden die gewaltigen Fortschritte der Maschinentechnik seit dem Ende des XVIII. Jahrhunderts nicht nur als gleichmäßige Weiterführung des bisherigen Entwicklungsganges angesehen werden dürfen, man wird vielmehr, nm sie in ihrer prinzipiellen Bedeutung zu verstehen, betonen müßen, daß in die zweite Hälfte des XVIII. Jahrhunderts eine Reihe von Ereignissen ans dem Gebiete der Technik fällt, die tatsächlich berufen waren, den Beginn einer neuen Ära des Maschinenwesens zu datieren. Sie beziehen sich einmal auf die Entwicklung der Arbeitsmaschiuerie. Tiefe erreicht gerade in jener Zeit zwei bedeutungsvolle Etappen: sie wird vollendet für einige der wichtigsten Produktionszweige (Textilindustrie, Papierfabrikation) uud sie erobert dasjenige Gebiet, das den eigentlichen Stützpunkt für ihre weitere Vervollkommnung erst abgab: die Herstellung wiederum von Maschinen. Erst von dem Augenblick an, wo dieser Punkt erreicht war, konnte ein rascheres Sombart, Gcwerbewcscn I. 2 18 Die gewerbliche Arbeit u. ihre Organisation. Tempo derMaschineucntwicklung einschen: die Verfeinerung, wie unmcullich die Ausweitung der Dimensionen ist erst möglich bei maschinellem Maschinenban. Das entscheidende Moment aber war, daß Parallel mit diesen bedeutsamen Fortschritten der Arbeitsmaschinerie die Nutzbarmachung derjenigen Naturkraft sich vollzog, die an Mächtigkeit uud Beweglichkeit alle früher genutzten Kräfte um ein Vielfaches übertraf: des Dampfes. Auch dem „König Dampf" muß eine gerechte, kritische Würdigung der technischen Errungenschaften unserer Zeit wieder zu seiner alten Würde verhelfen, die ihm eine Reihe von Historikern, in berechtigter Reaktion gegen die ursprünglich kritiklose Alleinbctonung der Bedeutung der Dampfmaschine und in ebenso berechtigter Hervor- kehrnng des Einflusses der Arbeitsmaschine auf den Entwicklungsgang der modernen Industrie, streitig zu machen bemüht gewesen sind. Beide Seiten in der Entwicklung der Maschinerie — Arbeits- und Kraftmaschine — müssen eben stets als sich gegenseitig bedingend angeschen werden. Gewiß hätte die gezügelte Dampfkraft gar keine vernünftige Verwendung gefunden, wäre nicht eine entsprechende Entwicklung der Arbeitsmaschinerie vorausgegangen. Andererseits aber muß man sagen, würde die Weiterentwicklung der letzteren außerordentlich viel langsamer von statten gegangen sein, ohne die in der Erfindung der Dampfmaschine erschlossene neue Kraftquelle. HI. Die Prinzipien der moderne» Technik im besonderen. Das erste Priuzip, auf welchem die moderne Technik aufgebaut ist, ist formaler Natur: es beruht in der Anwendung der Naturwissenschaften auf die Technik und die dadurch bewirkte Umwandlung des empirischen in das wissen- ichaftliche oder rationelle Verfahren. Alle frühere Technik, Die Prinzipien der modernen Technik im besonderen, lg so wunderbares sie auch geleistet hatte, war empirisch gewesen, d. h. hatte auf der Persönlichen Erfahrung beruht, die von Meister zu Meister, von Geschlecht zu Geschlecht durch die ebenso persönliche Lehre übertragen worden war. Von den Göttern, so glaubte man, war die als ein wunderbares Geheimnis erscheinende Kunst den ersten Menschen überliefert worden, die sie mm als kostbares Vermächtnis ihren Söhnen weitergaben. Tankbar nahm man hin, was die Natur in uncrforschlichem Wirken den arbeitenden Menschen darbot; in ihre Mysterien einzudringen, lag allen früheren Kulturen fern. Man wußte, welche Handgriffe man anzuwenden hatte, um die Wolle zu verspinnen, die Brücken zu bauen, das Eisenerz zu schmelzen; damit begnügte man sich. Als besonders glückliche Fügung, als Segnung des Himmels Pries man es, wenn jemandem der Zufall ein Verfahren wies, das rascher nnd vollkommener zum Ziele führte. Man nahm es hin und hütete es und gab es den Nachkommen weiter, wie man einen Schatz vererbt, den man bei Lebzeiten geschenkt erhalten hat. Danach konnte auch alle Lehre mir eine Regellehre sein: Nachweis der Handgriffe, die anzuwenden feien, um einen bestimmten Erfolg zu erzielen, einen bestimmten technischen Zweck zu erreichen. In dieses Halbdunkel frommen Wirkens fällt nun der grelle Schein naturwissenschaftlicher Erkenntnis. Tas kühn herausfordernde „Ich weiß" tritt an die Stelle des bescheiden-stolzen „Ich kann". Ich weiß, warum die hölzernen Brückenpfeiler nicht faulen, wenn sie im Wasser stehen; ich weiß, warum das Wasser dem Kolben einer Pnmpe folgt; ich weiß, weshalb das Eisen schmilzt, wenn ich ihm Lnft zuführe; ich weiß, warum die Pflanze besser wächst, wenn ich den Acker dünge: ich weiß, ich weiß, ich weiß: das ist die Tevise der neuen Zeit, mit der sie das technische Verfahren von Grund aus ändert. Nun wird nichts mehr 2» 20 Die gewerbliche Arbeit u, ihre Organisation. vollbracht, weil ein Meister sich im Besitz eines persönlicheil Könnens befindet, sondern weil jedermann, der sich mit dem Gegenstände beschäftigt, die Gesetze kennt, die dem technischen Vorgang zugrunde liegen und deren korrekte Befolgnng anch jedermann deu Erfolg verbürgt. War früher gearbeitet worden nach Regeln, so vollzieht sich jetzt die Tätigkeit nach Gesetzen, deren Ergrüuduug und Anwendung als die eigentliche Aufgabe des rationellen Verfahrens erscheint. Die Technik tritt damit iu eine bedingungslose Abhängigkeit von den theoretischen Naturwissenschaften, deren Fortschritte allein noch über das Ausmaß ihrer eigenen Leistungsfähigkeit entscheiden. Mau kauu deshalb auch deutlich wahrnehmen, wie die Etappen der modernen Technik bestimmt werden durch die großen, epochemachenden Ereignisse im Gebiete der naturwissenschaftlichen Erkenntnis. Die erste Station bilden die Gesetze der Mechanik, die durch Newton ihre vorläufig definitive Feststelluug erfahren; dann möchte ich einen zweiten Markstein setzen in die 1780 er Jahre, in welchen Lavoisier die Theorie der Verbrennung begründet; das dritte große Ereignis, das für die Entwicklung der Technik bestimmend wird, füllt in das Jahr 1828 (Synthese des Harnstoffes durch Wähler); während endlich die letzte besonders fruchtbare Epoche der modernen Technik eingeleitet wird durch die Aufstellung des Gesetzes von der Erhaltung der Energie dnrch Robert Mayer im Jahre 1841. Weshalb gerade diese Entdeckungen epochemachend für die Technik geworden sind, werden erst die folgendenAnscinandersetznugcn deutlich erkennen lassen. Tas matcriale Prinzip der modernen Technik aber ist: Emanzipation von den Schranken des Organischen: das bedeutet in etwas anderer Fassung soviel, wie Ersatz der Natur durch die Kuust, der lebeudigcu durch die tote Natur, des Persönliche» dnrch das Sachliche, der Qualität durch Die Prinzipien der modernen Technik im besonderen. 21 die Quantität. Und zwar läßt sich diese Wandlung verfolgen in allen Elementen der Technik: Kräfte, Stoffe, Ver- fcchrungsweiseu sind ihr gleichermaßen anheimgefallen. Zwar nutzte die Menschheit vor dem neunzehnten Jahrhundert auch schou Wasser und Wind neben den tierischen und menschlichen Organismen als treibende Kräfte. Aber ganz abgesehen davon, daß sie weit zurücktraten an Bedeutung hinter den organisierten Kraftspendern: was sie diesen ähnlich erscheinen ließ, war ihre Gebundenheit an Ort und Zeit. Die Lauuen der Nixlein und des Windgottes entschieden allein, ob und in welcher Richtung nnd wann die Menschen des Wassers und des Wiudes Kraft nutzen sollte». Erst seit die Spannuug des Wasserdampfcs und des elektrischen Stromes in ihrer Verwendbarkeit für die Technik erkannt war, erschloß sich der Menschheit in der toten Natur eine Kräftequclle, über die sie nach Quantität uud Qualität beliebig verfügen konnte. Der Übergang zn Dampf uud Elektrizität als treibenden Kräften ist also recht eigentlich ein Akt der Emanzipatiou, der ganz besonders deutlich auf die Eigenarten modcru-uaturwisscn- schaftlicher Betrachtung sich zurückführen läßt. Und wie die mechanische Kraft, so beherrscht der anorganische Stoff die nene Zeit: das Eisen, der künstliche Dünger, die Anilinfarbe usw. Aber was uun das Wichtigste ist: auch die modernen Vcrfahrungswcisen, die Arbeitsmethoden atmen denselben Geist. Anch sie drängen nach Befreiung von den Schranken der organischen Welt. Deutlich tritt diese Teudeuz zu Tage in allen chemischen Industrien, die ja doch recht eigentlich auf dem Gedanken einer künstlichen Shnthese nützlicher Stoffe aufgebaut sind. Was ehedem das geheimnisvolle Weben des Waldes, die Blüte der Pflanze, der Organismus des Tieres zn Tage förderten, das entsteht jetzt auf 22 Die gewerbliche Arbeit n. ihre Organisation. Kommando in der Retorte oder der Muffel des Chemikers: Wohlgerüche und Wohlgeschmäcke, Farben und Faserstoffe, Düngemittel und Belenchtnngsmatcrial. Ist das chemische Verfahren vornehmlich dazu bestimmt, tierische und pflanzliche Organismen bei der Erzeugung von Gebrauchsgutern entbehrlich zu machen, so läuft das maschinelle Verfahren in seiner Grundidee darauf hinaus, die Güterherstellung von der Mitwirkung des lebendigen Menschen zu befreien. Das ökonomische Prinzip beruht in der Arbeitsersetznng. Die Maschine ist eine Vorrichtung zum Zweck, irgend eine Arbeit auszuführen, die ohne sie der Mensch ausführen müßte. Das Ideal einer vollkommenen Maschinerie ist der automatisch wirkende Mechanismus, den der Mensch nnr noch zu bedienen hat. Um die praktische Tragweite dieser neuen Technik richtig zu ermessen, wird man unterscheiden müssen die Bedeutung, die die Anwendung der wissenschaftlichen Methode als solche besitzt, von den Wirkungen, die der Übergang von der organischen zur anorganischen Natnr bei den technischen Vornahmen im Gefolge hat. Über die Zusammenhänge zwischen dem wissenschaftlichen Verfahren und den großen Leistungen der modernen Technik wird folgendes auszusagen sein. Zunächst erfährt eine gänzliche Umgestaltung dasjenige, was ich die Art des Besitzes des technischen Könnens nennen möchte. Dieses wird durch die Einbürgerung des rationellen Verfahrens gleichsam objektiviert. Wir sahen früher: jedes Kunstverfahren niht in der Persönlichkeit des „Meisters" eingeschlossen; es lebt mit ihm, es stirbt mit ihm. Nur was der Lernende ihm abgelauscht und abgeschaut hat, das dauert über seinen Tod hinaus, schlägt Wnrzel abermals in einer Persönlichkeit, um mit dieser wiederum zu Grunde zu gehen. Das rationelle Verfahren steht demgegenüber verselbständigt, objektiviert, als ein für jedermann beliebig Die Prinzipien der modernen Technik im besonderen. 2Z faßbares und erreichbares Wissen außerhalb jeder ausführenden Persönlichkeit. Einmal durch Wort und Schrift festgelegt, ist es ein unvergängliches Eigentum aller künftigen Geschlechter. Damit ist es aber in doppelter Hinsicht von der Zufälligkeit des reiu Persönlichen befreit: sofern seinem gänzlichen Verlust vorgebeugt ist, sodann aber es nicht notwendig eines bestimmten, an Ort und Zeit gebundenen Individuums bedarf, um das betreffende Verfahren anzuwenden: solange die gelverbliche Tätigkeit, auch schou die moderne kapitalistische Industrie, noch im Stadium der Empirie sich befand, konnten neue Industriezweige in einem Lande nur begonnen werden, wenn man Menschen dahin verpflanzte, die das Geheimnis mit sich trugen: die Berufung der Humiliaten-Mönche dnrch zahlreiche Städte im Mittelalter, die Hereinzichung brabantischer Tuchmacher nach England, italienischer Seidenspinner und -Weber nach Frankreich, die ganze Emigrantcnvolitik der Hohenzollern reden eine deutliche Sprache dasür, daß iu damaliger Zeit die technische Kunst noch an den Künstler gebunden war. Tann bleibt sie eine Zeit lang an die Produkte gebunden: dann sorgt ein Land etwa dafür, daß bestimmte Maschinen nicht ins Ausland kommeu: England im Aufaug des XVIII. Jahrhunderts. Und heute braucht eine Nation ihre jungen Ingenieure und Techniker nur an die deutschen Hochschulen zu seuden, um alle Weisheit im Kern sich zu beliebiger Verwendung im eigenen Lande zu verschaffe». Nud wie die Ausübung und Erhaltung der technischen Kunst dnrch das rationelle Verfahren von der Zufälligkeit des Individuellen befreit werde», so in noch viel höherem Maße auch die Vermehrung des technischen Könnens. An Stelle des versuchsweisen Tastens, das, wie wir sahen, aller Empirie eigentümlich ist, tritt beim rationellen Verfahren das planmäßige »nd methodische Suche» auf Gruud der Keimt- 24 Die gewerbliche Arbeit u. ihre Organisation. nis von dcn Zusammenhängen der bisherigen Vcrfahrnngs- wcisen; an Stelle des Probierens tritt das Experiment, ans dem Finder wird der Erfinder nnd das Erfinden selbst aus einer gelegentlich geübten dilettantischen Beschäftigung geistvoller Pfarrer nnd ingeniöser Barbiere zu der berufsmäßigen Tätigkeit gelehrter Fachmänner. Man ermesse, wie sie das Tempo der Nenernngen in einem aller Empirie unbekannten und unerreichbaren Maße zu steigern imstande sein mußte. Aber nicht nur werden die Zufälligkeiten des Bestandes und der Vermehrung technischen Könnens durch die Nutzbarmachung der Wissenschaft beseitigt: es verschwinden anch die Zufälligkeiten der Ansfnhrnng mehr und mehr. Das technische Können wird sicherer, kontrollierbarer, exakter. Begreiflicherweise. Tenn nnn, da alle Zusammenhänge deS Produktionsprozesses begriffen werden, ist es erst möglich, Schädlichkeiten planmäßig zn vermeiden oder auszumerzen, Lücken dort auszufüllen, wo das Verfahren solche aufweist. Ganze Industriezweige sind erst zu rechter Blüte gelangt, nachdem die Ehemic nnd nencrdings die Bakteriologie Mittel an die Hand gaben, mit Stetigkeit unter Meidnng aller vorher unkontrollicrbaren Störungen die Produktion zu vollziehen. Man denke an die Branerei. Zahlreiche Meßwerkzeuge spezieller Art und Timensionicrnng, eigentümliche Kontrollvorgängc, Präzise Indikatoren, Registrierapparate, chemische Proben, physikalische HilfsVorrichtungen, wie z. B. Polarisationsinstrnmente, Spektroskope, Manometer, Brcmsdynamomcter nsw. stehen der modernen Technik gegenwärtig znr Berfüguug, um jene Sicherheit in der Ausführnng der Produktion zu erreichen. Tic letzte Bemerkung führt uus schon hinüber zu der andern Frage: der Bedeutung, welche das materiale Prinzip der modernen Technik für die Praxis hat. Tenn offenbar Die Prinzipien der modernen Technik im besonderen. 25 äußert sich in der eben besprochenen Vervollkommnnng der Maß- und Wägemethoden bereits jene Tendenz, die wir als eine der Technik unserer Tage eigentümliche erkannten: der Tendenz, sich von allem Organischen zu emanzipieren, das in diesem Falle der Mensch ist. Alle frühere Zeit war zur Beurteilung bestimmter Aggregat- oder Wärmezustände, znr Messung nnd Wägung im wesentlichen auf die menschlichen Fähigkeiten, zu fühlen, zu schmecken, zn riechen, zu sehen, angewiesen. Jetzt tritt an Stelle dieser subjektiv zufälligen, die objektiv exakte Ermittelung der Schwere, Länge, Wärme, Dicke, Tauer durch wissenschaftlich genau konstruierte Maß- nnd Wicgeapparate. Das Emanzipatorische änßert sich hier in doppelter Hinsicht: die Technik wird frei von der zufälligen Veranlagung bestimmter Persönlichkeiten mit besonders feiner Zunge, empfindsamen Nerven, klaren Augen uud offenen Ohren und ebenso von der naturveranlagten Zufälligkeit der Ausführung, die solange bestehen bleibt, als lebendige Menschen, durch deren Adern warmes Blut fließt, die Funktionen ausüben. Tamit haben wir auch schon den Punkt getroffen, in dem sich die prinzipielle Bedentnng aller vervollkommneten Maschinerie änßert: sie vermag den Vollzug irgend einer Vornahme zu einer Exaktheit zn entwickeln, deren der der Mensch niemals fähig ist. Auch das feinste Werkzeug, der delikateste Griffel oder Meißel in der Hand des Arbeiters kann doch nie etwas anderes leisten, als manuelle Fähigkeiten unterstützen: die Arbcitsmaschine dagegen kennt diese Schranken nicht. Sie braucht nicht mehr den Kontakt zwischen Auge uud Haud, auf dem alle Verfeinerung manueller Geschicklichkeit beruht: sie kann so fein schneiden, so sicher nnd regelmäßig eine Verrichtung wiederholen, wie niemals die menschliche Hand es vermöchte: sie ersetzt ebeu in vollkommener Form die Arbeit des Arbeiters. 26 Die gewerbliche Arbeit u. ihre Organisation. Kann man in diesem Falle sagen, daß die mechanische Technik den Arbeitsprozeß von der qualitativen Beschränktheit alles Organischen emanzipiert, so beobachten wir in andern Fällen, wie es die von der organischen Natur in dem körperlichen Ansmaß ihrer Individualitäten gezogenen Schranken der quantitativen Leistung siud, die die moderne Technik durchbricht. Dariu liegt doch wohl die prinzipielle Bedeutung der Verwendung mechanischer Kräfte, daß sie eine beliebige Häufung von Energie und deren unbehinderte Konzentration anfeinen Punkt zulasse», während der menschliche nnd tierische Organismus nur immer über eine beschränkte Menge von Kraft verfügt, die sich auch schwer durch ein Zusammenwirken mehrerer Organismen vergrößern läßt. Es ist selbstverständlich, daß erst die Arbeitsver- richtnng selbst einer (Arbeits-) Maschine übertragen sein muß, ehe eine so hohe Kraftentfaltung, wie sie beispielsweise in der Spanuung des Wasserdampfes erzielt werden kann, eine praktische Wirkung finden kaun: erst mußte die Spinnmaschine den Spinnprozcß vou den menschlichen Organen ans ein System toter Körper übertragen haben, ehe eine Kraft Nutzen bringen konnte, die dreitausend Spindeln anzutreiben vermag. Worin die spezifisch befreiende Wirkung des Dampfes als treibender Kraft — verglichen mit Wind und Wasser — sich äußert, wurde bereits ausgeführt. Des wcitereu aber ist es eine großartige Emanzipation von Ranm und Zeit, die ein Verzicht ans die Mitwirkung organisierter Materie im Gesolge hat. Vom Ranm, den aller Pflanzenwuchs beansprucht und der nun entbehrlich wird, wenn aus mineralischen oder sonstigen anorganischen Stoffen Gebrauchsgüter hergestellt werden, die denselben Dienst verrichten wie ehedem das Holz, das im Walde sich ausbreitete, oder das Tier, das zu seiner Fütterung ein Stück Erdoberfläche bednrfte. Man kann etwa folgende Rechnung Die Prinzipien der modernen Technik im besonderen. 27 aufstellen! Im Königreich Preußen wurden cim 1. Tezember 1900 2913 003 Pferde gezählt. Von der Ackerfläche in Preußen waren 1900 2 097 572,8 Irs, mit Hafer bestanden, das ist annähernd ein Sechstel. Tie Lokomotiven, die in Tentschland fahren, repräsentieren mehr als 8 Millionen lebendige Pferdekräfte; rechnen wir davon 5 Millionen auf Preußen, so müßte (um sie zu ernähren) das Haferland fast verdoppelt werden (wenn wir einmal von der Heufütterung ganz absehen) d. h. mindestens ein Viertel der gesamten Ackerfläche, die jetzt anders genutzt werden kann, müßte zur Erhaltung des Pferdebestandes hergegeben werden. Wo aber sollte alles das Holz wachsen, das etwa das heute verbrauchte Eisen zu ersetzen hätte? Alle Wälder der Erde müßten abgeholzt werden nnd würden dennoch nicht hinreichen, den Bedarf zu decken. Ganz abgesehen davon, daß ökonomisch eine enorme Verteneruug des Materials eintreten müßte, die schon längst bor der physischen Erschöpfung der Verwendung Einhalt tun würde. Im Rahmen unserer heutigen Rechtsordnung würde die Grundrente eine solche Höhe erreichen, wenn die Technik nicht bis zu einem gewissen Grade emanzipierte, daß eine wirtschaftliche Entwicklung, wie sie das 19. Jahrhundert erlebt hat, ganz undenkbar wäre. In Rücksicht auf die Zeit wirkt die moderne Technik emanzipatorisch, insofern sie zunächst, was wir schon feststellen konnten, die organischen Schranken des tierischen oder menschlichen Organismus durch Erzielung größerer Geschwindigkeiten bei der Gütererzenguug oder im Transport durchbricht. Aber auch überall dort äußert sich die nämliche zeitersparende Wirkung, wo das natürliche Wachstum der Pflanze oder des Tieres entbehrlich gemacht wird, also wiederum ein Ersatz pflanzlicher oder tierischer Organismen durch anorganische Gebilde. Um abermals das wichtige Beispiel des Eisens heranzuziehen: der Tragbalken 28 Die gewerbliche Arbeit u. ihre Organisation. oder der Schiffsmast aus Eiscu oder Stahl werden in wenigen Wochen hergestellt, wahrend der Holzstamm Jahrzehnte gebraucht hätte, nm die erforderliche Ticke zu erreichen. Die Pferde, die zur Bespannung der Straßenbahnwagen Verwendung finden sollen, bedürfen mindestens drei- bis vierjähriger Pflege, während der elektrische Motorwagen in ebensoviel Monaten fertiggestellt wird. Endlich aber — und das ist vielleicht die wichtigste praktische Konsequenz des modernen, naturwissenschaftlich begründeten Verfahrens — wird durch seine Anwendung die Basis für das gesamte technische Können in einer nn- geahnten Weise verbreitert. Wie wir wissen, betrachtet die moderne Technologie den Produktionsprozeß gleichsam losgelöst von dein ausführenden Organe, dem Menschen. Dadurch vermag sie ihn derart in seine Elemente aufzulösen, daß nicht die Rücksicht ans die schaffende Hand, sondern lediglich auf eine zweckmäßige Kausalfolge der einzelnen Vorgänge dabei den Ansschlag gibt. Das arbeitszerlegende Verfahren wird damit erst methodisch anwendbar. Und die Wissenschaft sorgt dann weiter dafür, indem sie kunstvolle, maschinale Vorrichtungen ersinnt, daß die betreffende Tcil- vcrrichtuug im Produktionsprozeß, die sich bei der rationalen Auflösung ergeben hat, nnn anch exakt ausführbar wird, trotzdem sie gar nicht mehr der natürlicheu Betätigung der menschlichen Organe entspricht. An die Stelle der durch die lebendige Persönlichkeit notwendig gebundenen organischen Gliederung der Produktiosprozesse tritt die nur im Hinblick ans den gewolltcn Erfolg zweckmäßig mechanisch eingerichtete Glicdbildung, wie es Renlcaux ausgedrückt hat. Jetzt begreifen wir auch erst, warum die Entwicklung der Maschinerie in unserem Jahrhundert eine so rapide fein konnte. Sie ist einer eigentümlichen uud richtigen Wendung in der Auffassung des Maschincnerfinders zuzuschreiben, welche Die Organisation der gcwerbl. Arbeit in den Betrieben. 29 darin besteht, daß nicht mehr die Maschine die Handarbeit oder gar die Natnr nachzuahmen sncht, sondern bestrebt ist, die Aufgabe mit ihren eigenen, von den natürlichen oft völlig verschiedenen Mitteln zu lösen. Ist aber einmal erst die Schranke des Gebuudenseins an die Naturbeschaffenheit der menschlichen Organe gefallen, so eröffnen sich dem technischen Können uuermeßliche Weiten. Und darin liegt vor allem die epochale Bedeutung, die wir dem Eintritt der Wissenschaft in den Dienst der Technik zuschreiben müssen. Die Produktion wird jetzt eine Synthese beliebiger Stoffe und Kräfte, wie sie für menschliche Zwecke geeignet sich darbieten. Die Neuerschaffung der Erde nimmt damit ihre» Anfang; nnd dieselbe Wissenschaft, die uns von dem lange innegehabten Herrscherthrone hcrabgestoßen und in unserer ganzen Nichtigkeit geoffenbart hat, sie hat nnS gleichzeitig die Wege gewiesen, wie wir von neuem die Welt (freilich immer nur die Welt des äußeren Scheins) erobern, wie wir die eingebildete und verlorene Herrenschaft verschmerzen können dadurch, daß wir uus eine wirkliche Herrschaft (freilich immer nur über die Welt des äußeren Scheines) neu erringen. H. Kapitel. Die Organisation der gewerblichen Arbeit in den Betrieben. I. Allgemeines. Damit die gewerbliche Arbeit ihrem Zweck entsprechen kann, d. h. znr Hervorbringung nützlicher Güter zu dienen vermag, muß sie, wie alle wirtschaftliche Arbeit, einer bestimmten Ordnung unterworfen werden. Dies erfolgt in den Betrieben. Unter Betrieb können wir eine Veranstaltung zum Zwecke fortgesetzter Werkvcrrichtungen verstehen. Zy Die gewerbliche Arbeit u, ihre Ol'imiiijation. Wcun ivir die einzelnen Betriebe nach ihrer Verschiedenheit sondern wollen, so ergibt sich als Nächstliegendes Unterscheidungsmerkmal die Größe, insbesondere die in einem Betrieb zusammengefaßte Anzahl tätiger Personen. Das Kriterium der Größe, bezw. der Personcnzahl ist das bequemste und für die gröberen Zwecke der Erkenntnis auch ein hinreichend klares Merkmal. Naturgemäß bedient sich seiner vor allem die Statistik; nach ihr haben wir uns gewöhnt, sogenannte Klein-, Mittel- und Großbetriebe zu unterscheiden. Die deutsche Gewerbestatistik insbesondere nennt Kleinbetriebe alle diejenigen, welche weniger als fünf, Mittelbetriebe diejenigen, welche zwischen sechs bis zehn Personen, Großbetriebe diejenigen, welche über zehn Personen beschäftigen. Für eine tiefere wissenschaftliche Analyse genügt jedoch das Merkmal der Größe, bezw. der Personenzahl für die Bestimmnng der verschiedenen Betricbsformen nicht. Zu diesem Behufe empfiehlt es sich vielmehr, als Einteilungsprinzip ein solches zu wählen, welches das innerste Wesen der Bctriebsgestaltung am besten znm Ausdruck zu briugeu vermag. Als solches erscheint die Art und Weise, wie die Prodnktionsfaktoren in einem Betriebe angeordnet sind. Die Produktionsfaktorcn, die Objekte der Anordnung in einem Betriebe werden können, sind die menschliche Arbeitskraft und die äußere Natur. Wir können jene als Persönlichen, diese als den sachlichen Produktionsfaktor bezeichnen. Die „äußere Natur" ist aber eine zu weite Umschreibung, als daß wir nicht das Bedürfnis fühlten, etwas genauer zu sagen, was darunter zu verstehen sei. Die Natur erscheint in jedem Prodnktionsvorgangc 1. als Arbeitsbedingung, 2. als Arbeitsgegenstand, 3. als Arbeitsmittel. In ihrer ersteren Funktion schafft sie die sachlichen Bedingungen Produktiver Arbeit, ohne die überhaupt keine Die Organisation der gcwcrbl. Arbeit in den Betrieben. 31 Arbeit stattfinden kann, mögen nun diese Bedingungen von Natur gegeben sein, wie die Erde als Standort, die Lnft als Atmosphäre, die Kräfte: oder erst vom Menschen in der ihm dienlichen Form hergestellt werden, wie Arbeitsgebäude, Wege, Kanäle. Der Arbeitsgegcnstand ist dasjenige Ding, an dem sich die menschliche Arbeit betätigt. Auch er wird entweder in der Natur fertig vorgefunden wie das Erz oder die Kohle oder der Feuerstein, den der Mensch zuerst ergriff, um sich ciu Werkzeug daraus zu fertigen; oder aber er ist selbst schon nnd das der Regel nach Arbeitsprodukt. Ju diesem Falle nennen wir den Arbcitsgcgcnstand Rohmaterial. Das Rohmaterial kann ein genußreifes Gebrauchs- gnt sein, wie die Traube als Rohmaterial der Weinbereitung, die Kohle, das Salz, das Öl und dgl. als sogenannte Hilfsstoffe der Produktion. Oder aber sich in einer Form befinden, in der es nur als Rohmaterial weiterer Verarbeitung dienen kann, in diesem Falle heißt es Halb- oder (nach Marx) Stufenfabrikat, wie Roheisen, Holzfaser, Baumwollgarn. Das Arbeitsmittel kennen wir schon. Wir definierten es als ein Ding oder einen Komplex von Dingen, die der Arbeiter zwischen sich und den Arbeitsgegcnstand schiebt, um sie als Machtmittel auf andere Dinge seinem Zwecke gemäß wirken zu lassen. Genauer können wir dann aktive und passive Arbeitsmittel unterscheiden. Marx bezeichnet die ersteren als „die mechanischen Arbeitsmittel, deren Gesamtheit man das Knochen- lind Mnskelsystcm der Produktion nennen kann"; es sind Werkzeuge und Maschinen, die tätig unter der Leitung des Menschen in die neu zu formende Materie eingreifen, während die andere Kategorie der Arbeitsmittel die mehr passive Rolle in der Produktion spielt, als Behälter für Stoffe und Kräfte zu dieuen, es sind dies die Kessel, Röhren, Bottiche, Fässer, Körbe, Krüge usw., jene Arbeitsmittel, „deren Gesamtheit ganz allgemein als das Z2 Die gewerbliche Arbeit u. ihre Organisation. Gefäßsystem der Produktion bezeichnet werden kann". Sämtliche Bestandteile des sachlichen Prodnktionsfaktors können wir auch Produktionsmittel im weiteren Sinne nennen und unter ihnen diejenigen als Produktionsmittel im engeren Sinne unterscheiden, die bereits Arbeitsprodukte sind. Wir werden im folgenden, wo nichts besonderes gesagt ist, von Produktionsmitteln in jenem weiteren Verstände als dem Inbegriff sämtlicher sachlicher Produktiousfaktoren sprechen und also alle Betriebsanordnnng in der Ausstattung der menschlichen Arbeitskraft mit den für die Zwecke der Produktion geeigneten Produktionsmittel» sich erschöpfen lassen. Alle Organisation menschlicher Arbeit beruht, seitdem die allerersten Anfänge Planmäßigen Prodnzierens überwunden sind, auf nur.zwei verschiedeneu Prinzipien: ans der Spezialisation und der Kooperation. Nichts anderes vermag der Mensch zu ersinnen, als diese beiden Organisa- tionSprinzipicn, die anch der vollendetsten Betriebsanordnnng, freilich in mannigfacher Kombination, allein zugrunde liegen. Unter Spezialisation verstehe ich diejenige Art der Anordnung, welche einem und demselben Arbeiter gleiche, wiederkehrende Verrichtungen dauernd zuweist. Sie ist also diejenige Form der Organisation, in der das arbcitszerlegendc Verfahren recht eigentlich erst mchbar gemacht wird. So lange dieses Verfahren von einem Arbeiter angewandt wird, so lange bleiben seine prodnktivitätssteigcrnden Vorzüge noch wesentlich latent. Erst wenn der eine immer dasselbe tut, brechen sie mächtig hervor. Nun müssen wir nns aber darüber klar sein, daß der Grad der Spezialisation ein außerordentlich verschiedener sein kann. Es war eine Anwendung des Prinzips der Spezialisation, als zuerst die Schmiedcarbeit oder die Töpferei dauernd von demselben Arbeiter ausgeübt wurden, nnd es ist nur ein Gradnnter- Die Organisation der gewerbl. Arbeit in den Betrieben. 33 schied in der Anwendung desselben Prinzips, wenn 'in der modernen Konfektion eine Arbeiterin ihr ganzes Leben nur Hornknöpfe an Männerwesten annäht. Es bleibt sich ebenso gleich, ob die Teilverrichtnng, die ein Arbeiter dauernd vornimmt, durch horizontale oder vertikale Spaltung des vorher vereinigt gedachten Gesamtarbeitsprozesses entsteht - ob zwischen Schlosserei und Schmiederei oder zwischen Gerberei und Schuhmacherei die Trennung sich vollzieht. Es ist aber endlich für den Begriff der Spezialisation, die, worauf noch- mals nachdrücklich hingewiesen werden mag, kein Arbeitsverfahren, sondern ein Organisatiousprinzip ist, d. h. erst entsteht auf der Basis einer bestimmten Betriebsanordnung, gleichgültig, ob die Spezialisation zwischen Betrieben oder innerhalb eines Betriebes erfolgt. Im ersteren Falle entsteht das, was wir Spczialbetriebe nennen, unter denen es nun abermals eine außerordentlich mannigfache Gradabslu- fnng gibt, innerhalb deren aber keinerlei feste Grenze für eine spezifische Unterscheidung gezogen werden kann. Die Schmiederei als Ganzes ist ein Spczialbetrieb, verglichen mit der ehemals sie mit umfassenden hausgewerblichen Produktion; die Schmiederei ist ein spezialisierter Betrieb, nachdem sich die Schlosserei von ihr geschieden hat; die Werk- zengschmiederei ist innerhalb der so spezialisierten Schmiedcrei wiederum ein Spezialbetrieb, die Sensenschmiederei innerhalb der Werkzeugschmicderei usf. Damit das Prinzip der Spezialisation innerhalb eines Betriebes zur Anwendung gelangen könne, d. h. damit in einem und demselben Betriebe der eine immer dies, der andere immer jenes zu tnu imstande sei, muß nun aber offenbar eine bestimmte Bedingung in der betreffenden Betriebsanordnung erfüllt seiu, diejenige nämlich, daß mehrere Arbeiter zu gemeinsamem Wirken zusammengegliedert seien, d. h. es muß das zweite Prinzip der Arbeitsorganisation, Sombart, Gcwcrbcwcscn I- 3 31 Die gewerbliche Arbeit u. ihre Organisation. Von dem wir schon Kenntnis haben, znr Anwendung gebracht werden: die Kooperation. Tiefe besteht zunächst in nichts anderem als in einer Summicrung individueller Arbeitskräfte, die erst später eine bestimmte Gliederung zu einem organischen Ganzen erfahren. In ihrer primitiven Form nennen wir sie einfache Kooperation, in ihrer Kombination mit der Spczialisation arbeitsteilige Kooperation. So erhalten wir folgendes Schema für die Anwcnduug der Organisationsprinzipien: 1. Robinson deckt seinen Gcsamtbedarf allein; er kann zwar das arbeitszcrlegende, das materialvereinigcnde Verfahren anwenden, aber weder sich spezialisieren, noch kooperieren. 2. Robinson und Freitag verteilen ihre Gesamtnrbeit so, daß jener ans die Jagd geht und Fische fängt, dieser die Hausarbeit verrichtet: einfache Spczialisation. 3. Robinson und Freitag vereinigen ihre Arbeit, nm den Baumstamm, aus dem ihr Boot angefertigt werden soll, zum Strande zu rolle«: einfache Kooperation. 4. Robinson und Freitag geheu zusammen auf die Jagd: Freitag treibt das Wild zu, Robinson schießt es ab: Vereinigung von Kooperation und Spezialisation ---- arbeitsteilige Kooperation. Alle weiteren Unterschiede der Betriebsgestnltung sind nnn entweder nur quantitativer Art, d. h. eine Folge stärkerer Spczialisation oder vermehrter Kooperation, oder aber sie werden begründet durch die verschiedenartige Gestaltung des sachlichen Produktionsfaktors: durch die verschiedene Beschaffenheit oder verschiedene Anordnung der dem Arbeiter zur Verfügung stehenden Produktionsmittel. Jedenfalls ergibt sich, wie aus dem oben Gesagten erhellt, eine große Mannigfaltigkeit der Betriebsformen auch wiederum nach der Verschiedenheit der Anordnung der Pro- Die Jndividualbetriebe. Zg dnktionsfaktoren zu einem Betriebe. Deshalb wird es wünschenswert sein, einen einheitlichen Gesichtspunkt für die sachgemäße Gruppierung dieser verschiedenen Anordnungsmodalitäten zu wählen. Als solcher bietet sich nun aber am besten dar: das Verhältnis des einzelnen Arbeiters zu dem Gesamtprozcß und dem Gesamtprodukt, als dem Gesamtbetriebe im Zustand des Wirkens und des Gewirkten, der Vollbringung und des Vollbrachten, der Bewegung und der Rnhe. Dieses Verhältnis kann ein prinzipiell zweifaches sein: entweder Wirken uud Werk gehören einem Jndividnnm eigentümlich an, sind der erkennbare Anssluß seiner und nur seiner höchstpersönlichen Tätigkeit, sind somit selbst individuell und persönlich; oder Wirken und Werk sind das gemeinsame, nicht in seinen Einzelteilen als individuelle Arbeit unterscheidbare Ergebnis der Tätigkeit vieler, existieren nur als Gesamtwirkcu und Gesamtwerk, sind also nicht persönlich, sondern kollektiv, nicht individuell, sondern gesellschaftlich. Danach lassen sich alle Betriebe in zwei große Gruppen einteilen: in solche, in denen die Anordnung der Produktionsfaktoren derart ist, daß das Produkt als Produkt eines einzelnen Arbeiters erscheint, nnd solche, in denen die Anordnuug der Produktionsfaktoren derart ist, daß das Produkt als Produkt eines Gesamtarbeiters erscheint. Erstere sollen individuelle, letztere gesellschaftliche Betriebe heißen. II. Die Jndividualbetriebe. Sie erscheinen natnrgemäß nur selteu in ihrer reinsten Form, dem Alleinbelrieb, d. h. demjenigen, wo nur ein einziger Arbeiter in einem Belieb tätig ist. Immerhin ist auch die Form des Alleinbetriebcs keineswegs eine Selten, heit, sie ist häusig in den Anfängen gewerblicher Tätigkeit- d. h. in primitiven Handwerksverfassungen, aber auch in der 3« Z wenn der Stufengaug der gewerblichen Ausbildung ein besonders komplizierter ist. d) Wird ein Mangel an gewerblichen Produkten dadurch herbeigeführt, daß die Produktivität der gewerblichen Arbeit gering entwickelt ist, so daß also die wenigen Handwerker, die zur Verfügung stehe», außerdem noch weuig produzieren. Demgegenüber muß alsdaun eiue kaufkräftige vezw. zahlungsfähige Nachfrage stehen, die mit den Überschüssen des Bodens reichliche Mengen an gewerblichen Erzeugnissen zu erwerben in der Lage nnd gewillt ist. Auf diese Weise erfüllen sich diejenigen Bedingungen, die dem Handwerk gleichsam in quantitativer Hinsicht die für seine Existeuz notwendige Sicherheit und Stabilität gewährleistet. Es muß noch dazu kommen, daß durch gauz bestimmte Umstände auch, wenn der Ausdruck gestattet ist, in qualitativer Beziehung jene notwendige Stabilität gewährleistet werde, d. h. der Handwerker vermag mir dann zu bestehen, wenn die Technik einer Zeit nicht unausgesetzt Veränderungen der Verfahrungsweiseu im Gefolge hat. Der Handwerker, der auf eine bestimmte Fertigkeit eingelernt ist, ist ganz außerstande technischen Veränderungen, die während seines Lebens sich einstellen, jederzeit gerecht zn werden. Man wird deshalb sagen dürfen, daß das Handwerk zu seiuer Existenz notwendig das empirische Verfahren als Voraussetzung hat, weil nnr unter der Herrschaft dieses Verfahrens, wie wir in dem ersten Abschnitte gesehen haben, eine solche Langsamkeit in der Umbildung Der gewerblichen 4' 52 Die gewerbliche Arbeit n. ihre Organisation. Technik herrscht, wie sie dem Vermögen des Handwerkes allein entspricht, IV. Die kapitalistische Organisation des Gewerbes. 1. Begriff und Wesen der kapitalistischen Unternehmung. Wir sprechen in diesem Falle auch von gewerblichen Kapitalismus nnd im Mnnde des gewöhnlichen Menschen lantet die Bezeichnung sür diese spezifische Form der gewerblichen Organisation: Industrie. Hier ist die Form, in der sich die wirtschaftliche Tätigkeit abspielt, die kapitalistische Unternehmung, in unserem Falle also die kapitalistisch-gewerbliche Unternehmung. Damit wir die Eigenart kapitalistischer Organisation erkennen, müssen wir demnach uns von dem Wesen der kapitalistischen Unternehmung eine Vorstellung zu machen suchen. Kapitalistische Unternehmung nenne ich diejenige Wirtschaftsform, deren Zweck es ist, dnrch eine Summe vou Vertragsabschlüssen über geldwerte Leistungen uud Gegenleistungen ein Sachvermögen zu verwerten, d. h. mit einem Aufschlag (Profit) dem Eigentümer zn reproduzieren. Ein Sachvermögen, das solcher Art genutzt wird, heißt Kapital. Tie koustitutiveu Merkmale des Begriffes unserer Wirtschaftsform finden wir zunächst in der Eigenart der Zwecksetzung. Es fallt auf, daß der gesetzte Zweck nicht durch irgend welche Beziehung auf eine lebendige Persönlichkeit bestimmt wird. Vielmehr rückt ein Abstraktunn das Sachvermögen, von vornherein in den Mittelpunkt der Betrachtung. Tiese Los- lösnng der Zwecke unserer Wirtschaftsform von der leiblich- individuellen Persönlichkeit des Wirtschaftssnbjektes ist wohlbedacht. In ihr soll die Abstraktheit des Zweckes selbst und Die kapitalistische Organisation des Gewerbes. 5.?. damit seine Unbegrenztheit sofort als das entscheidende Merkmal der kapitalistischen Unternehmung znm Ausdruck gebracht werden. Es ist vor allem wichtig, zu erkennen, daß für jegliche in ihr entfaltete Tätigkeit nicht mehr der quantitativ und qualitativ fest umschriebene Bedarf einer Person oder einer Mehrheit von Menschen richtunggebend wirkt, sondern daß Qnantum und Qnale der Leistungen einer kapitalistischen Unternehmung mir noch nnter dem unpersönlichen Gesichtspunkt einer Verwertung des Kapitales betrachtet werden dürfen. In der Überwindung der Konkretheit der Zwecke liegt die Überwindung ihrer Beschränktheit eingeschlossen. Die Zwecke der kapitalistischen Unternehmung sind abstrakt und darum unbegrenzt. An diese elementare Einsicht ist jedes Berständnis für kapitalistische Organisation gebunden. Indem wir diese fundamentale Eigenart der kapitalistischen Unternehmung feststellen, wird ersichtlich, daß wir sie als den Vollendesten Typns der Erwerbswirtschaft charakterisieren. Wie entscheidend wichtig aber die in der Zweeksetznng der kapitalistischen Unternehmung vorgenommene Verselb- ständignng des Sachvermögens ist, geht von vornherein ans der damit bezeichneten Tatsache hervor, daß in ihr die Möglichkeit einer Emanzipation anch von den Schranken des individuellen und damit zufälligen Könnens und Wollens überhaupt eingeschlossen liegt. Tafern das Wirtschaftssubjekt — der kapitalistische Unternehmer — gleichsam nnr der Repräsentant seines Sachvermögens ist, so ist es auch vertretbar. Nicht seiu individuelles Können entscheidet notwendig über die im Rahmen der kapitalistischen Unternehmung vollzogene Tätigkeit (wie etwa im Handwerk) sondern die durch Nutzung des Sachvermögens ausgelösten Kräfte nnd Fähigkeiten beliebiger anderer Personen. In diesem Umstände liegt die Erklärung 54 Die gewerbliche Arbeit u. ihre Organisation. für die ungeheure Energie, die alle kapitalistische Wirtschaft zu entfalten vermag. Und wie das Ausmaß des Vollbringens im Rahmen der kapitalistischen Unternehmung ins schrankenlose geweitet wird, so wird auch in ihr die Energie der Zwecksctzung gleichsam objektiviert, d. h. abermals von deu Zufälligkeiten der Individuen unabhängig gemacht. Turch einen komplizierten psychologischen Prozeß erscheint die Verwertung des Kapitals — das ist also der Zweck jeder kapitalistischen Unternehmung — schließlich dem Eigentümer eines Sachvermögens, das das dingliche Substrat einer solchen bildet, als eine sich ihm in ihrer zwingenden Gewalt aufdrängende objektive Notwendigkeit. Tas Gewinnstreben oder der Er- wcrbStrieb, die gewiß ursprünglich höchst persönliche Scelen- stimmungen waren, werden damit objektiviert. Der Eigenart des Zwecks entspricht die Eigenart der Mittel, deren sich die kapitalistische Unternehmung bedient. Der mannigfachen Arten, wie sich ein Sachvermögen in der von der Zwecksetzung kapitalistischer Orgauisation gewiesenen Richtung verwerten läßt, wird dort gedacht werden, wo wir die Modalitäten der kapitalistischen Unternehmung besprechen. Hier muß darauf hingewiesen werden, daß stets und überall die in ihr entfaltete Tätigkeit sich zurückführen läßt auf eine Summe von Vertragsabschlüssen über geldwerte Leistung und Gegenleistung, auf deren geschickte Bewerkstelligung am letzten Ende die Kunst des Wirtschaftsleiters hinausläuft und deren Inhalt entscheidend ist für die Frage, ob die Zwecke der Unternehmung erreicht sind. Mögen Arbeitsleistungen gegen Sachgüter oder Sachgüter gegen Sachgütcr eingetauscht werden- immer kommt es darauf allein an, daß dabei am letzten Ende jenes Plus an Sach- vcrmögen in den Händen des kapitalistischen Unternehmers zurückbleibt, um dessen Erlangung sich seine gauze Tätigkeit Die kapitalistische Organisation deS Gewerbes. 55 dreht. In der Beziehung auf das allgemeine Warenäquivalent, auf die Verkörperung des Tauschwertes im Gelde wird aller Inhalt der Verträge über Lieferung von Waren oder Arbeitsleistungen aller qualitativen Unterschiedlichkeit beraubt und nur noch quantitativ vorgestellt, so daß nun eine Aufrechnung in dem zahlenmäßigen Tebet und Kredit möglich ist. Daß das Soll und Haben des Hauptbuchs mit einem Saldo zu Gunsten des kapitalistischen Unternehmens abschließe: in diesem Effekte liegen alle Erfolge, wie alle Inhalte der in der kapitalistischen Organisation unternommenen Handlungen eingeschlossen. Daraus ergeben sich nun aber im einzelnen Wesen und Art der Tätigkeit des kapitalistischen Unternehmers (oder seines Remplac.ant). Diese ist nämlich stets erstens eine disponierend- organisierende. Damit ist gemeint, daß sie im wesentlichen gerichtet ist auf die Jnbeziehnngsetznng anderer Personen. Dem Wesen kapitalistischer Organisation völlig fremd ist die höchst persönliche, individuell-isolierte Werkschöpfung des einsamen Arbeiters. Es ist die Eigenart künstlerischen oder wissenschaftlichen Vollbringens, daß es die Menschen flieht. Und von diesem Hang alles Schöpferischen znr Einsamkeit hat sich der Handwerker noch ein gut Teil bewahrt: am letzte« Ende beruht seiu bestes Vollbringen in der Mitteilung seiner Persönlichkeit an den toten Stoff. Während hingegen der kapitalistische Unternehmer in der Einsamkeit notwendig verkümmern müßte, weil er vom Koinmerzinm lebt. In diesem Angewiesensein auf die unausgesetzte Verknüpfung von Menschen untereinander liegt die spezifisch gesellschaftbildende Kraft der kapitalistischen Unternehmung. Man kann sie daher auch als Verkehrsnntcruehmuug, die vou ihr beherrschte Wirtschaftsweise füglich als Verkehrs- wirtschnft bezeichne«. 56 Die gewerbliche Arbeit n, ihre Organisation. Die Tätigkeit des kapitalistischen Unternehmers ist aber eine kalkulatorisch-spekulative. TasSymboldieserWirtschafts- form ist das Hauptbuch: ihr Lebensnerv liegt in dem Gewinn- nnd Verlustkonto. Im Konto: im Rechnen. In der Übersetzung jedes Phänomens in das Ziffermäßigc, im Aufrechnen und Gegenrechnen, in der nackten Geldwertnng jeder Leistung. Diese Eigenart der kapitalistischen Denkweise, die in dem Wesen kapitalistischer Organisation eingeschlossen liegt, wird dann die mächtigste Förderin einer rationalistischen, insonderheit kausalen Betrachtung der Welt: die spezifisch moderne Weltauffassung, die auf dem Postulat strikter Kausalität aufgebaut ist, ist aus innerst kapitalistischem Geiste geboren. Es wird zn zeigen sein, daß die ersten, in dem bezeichneten Sinne modernen Geister dies mir waren und sein konnten, weil sie Kanfleute waren. Die moderne Naturwisscnschaft selbst ist aus dem Hauptbuche geboren worden. Die Idee einer notwendigen Kongruenz zwischen Leistung und Gegenleistung ist damit in die Welt gekommen. Wir können diese Seelcnvcranlagnng, die solchem Verhalten zn grnnde liegt, die Rechcnhaftigkeit nennen. Aber das Rechnen des kapitalistischen Unternehmers ist bei der Mannigfaltigkeit der Beziehungen, die er in seinem Geschäftsinteresse knüpfen muß, oft geuug ein Rechnen mit unbekannten Größen. Das. macht seine kalkulatorische Tätigkeit zu einer spekulativen. Es ist eine ganz eigenartige psychologische Mischung, die dnrch das Nebeneinander von Kalkulation und Spekulation, von Verstandesschärfe nnd Phantasiefülle oft genug in einem und demselben Individuum entsteht. Der schöpferische Unternehmer ist der spekulative Kopf: der Synthetiker, der sich zum Tnrchschuittsuuteruehmer, dem bloßen Kalkulator, wie der geniale Denker zum gelehrten Routinier verhält. Die kapitalistische Organisation des Gewerbes, 57 Endlich ist die Tätigkeit kapitalistischer Wirtschaftssubjekie stets eine rationalistische. Will sagen, daß ihr Handeln zu allen Zeiten ein bewußtes Handeln nach Gründen ist. Zur Begründung ihrer Handlungsweise bedürfen sie aber einer Aufdeckung der kausalen Beziehungen, einer Ordnung der Dinge nach der Kategorie von Ursache und Wirkung, 2. Tie Arten der kapitalistischen Unternehmung. a) Wir unterscheiden nach dem Umfange der kapitalistischen Unternehmung folgende Arten: a) Die Vollunternchmung. Es ist diejenige, beider der Kapitalist nur Organisator uud Leiter und nur der Kapitalist Organisator uud Leiter ist. A Die Großunternehmung, Das ist diejenige, bei welcher der Kapitalist ebenfalls immer nur Organisator uud Leiter, aber Organisator und Leiter nicht nur der Kapitalist ist, vielmehr in seinem Dienst bezahlte andere Leiter neben ihm oder an seiner statt die organisatorischen Fnnktionen ausüben. /) Die kleinkapitalistische Unternehmung. Diese wird dadurch charakterisiert, daß bei ihr die Funktion der Organisation und Leitung zwar nur von Kapitalisten ausgeübt wird, dieser aber nicht nur als Organisator nnd Leiter, sondern daneben auch als technischer Arbeiter funktioniert. k) Bedeutsam unterscheidet sich die kapitalistische Unternehmung nach den Betriebsformen, deren sie sich bedient. Danach ergibt sich für die Sphäre des gewerblichen Kapitalismus die grundlegende Unterscheidung zwischen Hansindustrie und kapitalistischer Großindustrie. a) Als Hausindustrie oder Verlagssystcm wird diejenige Betriebsform der kapitalistischen Unternehumug bezeichnet, bei welcher die Arbeiter in ihren eigenen Wohnungen oder kleineren Werkstätten beschäftigt werden. gg Die gewerbliche Arbeit u, ihre Organisation. A Als Großindustrie ist demgegenüber diejenige Sphäre des gelverblichen Kapitalismns zu bezeichnen, in welcher die Betriebsformen Manufaktur oder Fabrik sind. Tie Unterscheidung der verschiedenen Formen der Industrie wird also hier durch das Merkmal der Zentralisation bezw. Dezentralisation der Arbeiter bestimmt. 3. Voraussetzungen und Bedingungen des gewerblichen Kapitalismns. Ich unterscheide subjektive Voraussetzungen und objektive Bedingungen der kapitalistischen Produktion. Subjektive Voraussetzungen nenne ich diejenigen Qualitäten, die ein Wirtschaftssubjekt besitzen muß, von dem die Bildung einer kapitalistischen Unternehmung ausgehen soll. Objektive Bedingungen diejenigen Umstände, die in der Umwelt des Wirtschaftssubjcktes realisiert sein müssen, damit dieses seine Zwecke durchführen könne. Tie subjektiven Voraussetzungen einer kapitalistischen Unternehmung können auf Grund der Darstellung, die ich von deren Wesen gegeben habe, ohne weiteres namhaft gemacht werden. Weil es sich nämlich bei jeder kapitalistischen Unternehmung um die Verwertung eines Sach- vcrmögens handelt, so ist offenbar die erste Bedingung, daß dieses Sachvermögen in entsprechender Höhe sich in der Verfügungsgewalt eines Wirtschnstssnvjektes angehäuft habe, ehe auch nur der erste Schritt auf dem Wege der kapitalistischen Unternehmung getan werden kann. Tie erste subjektive Voraussetzung ist also eine entsprechende Vcrmögens- oder wie wir genauer umschreibend sagen können, Geld- akknmulation in den Händen einzelner Wirtschaftssubjekte. Diese Geldakkumulation ist nun aber, wie ersichtlich, noch nicht für sich allein schon hinreichende Voraussetzung anch mir für den Plan einer kapitalistischen Unternehmung. Die kapitalistische Organisation des Gewerbes. 7.!» Es ist vielmehr möglich, daß der Geldbesitzer ganz und gar nicht die Absicht hegt, sein Vermögen in einer kapitalistischen Unternehmung zu verwerten. Was also zu der Geldakkumulation als subjektive Voraussetzung hinzutreten muß, um die kumulierten Geldbeträge in Kapital zu verwandeln, ist der spezifisch kapitalistische Geist ihres Besitzers. Tarunter wird also jene Seelcnstimmung zn verstehen sein, die wir als dem kapitalistischen Unternehmer eigentümliche kennen gelernt habein das Gewinnstreben, der kalkulatorisch- spekulative Sinn, der ökonomische Rationalismus. d) Die objektiven Bedingungen, an deren Erfüllung die Existcnzmöglichkeit kapitalistischer Organisation geknüpft ist, können wir zunächst zusammenfassend dahin bestimmen, daß wir sagen: es müssen diejenigen Bedingungen erfüllt sein, die dem kapitalistischen Unternehmer eine seinen Bedürfnissen entsprechende Vertragsschließung mit dritten Personen ermöglicht. Diese Bedingungen sind entweder formeller oder materieller Natur. Fragen wir zunächst: wie ist Vertragsschließnng im kapitalistischen Sinne formell möglich, so ergibt sich die Antwort von selbst dahin, es müsse die Rechtsordnung derart beschaffen sein, daß sie die vom Wesen der kapitalistischen Unternehmung erheischten Rechtsverhältnisse und Verträgegestaltung zulasse. Dies ist aber vor allein das Privateigentum auch an Produktionsmitteln. Dies sind sodann folgende Arten von Verträgen: Kanf, Pacht, Leihe, Tienstmiete. Immer mnß der kapitalistische Unternehmer Verkäufer oder Käufer, Vermieter oder Mieter, VerPachter oder Pachter von Sachgütern ebenso wie Käufer und insonderheit Verkäufer von Leistungen (Diensten) finden, mit denen er kontrahieren kann. Und alle diese Vertragsschließnng ruht, wie ebenfalls ersichtlich ist, nur dann auf einem sicheren Fundament, wenn dem kapitalistischen Unternehmer (Zy Die gewerbliche Arbeit II. ihre Organisation. die freie Verfügung über die zur Weiterverbreitn»,) oder Bearbeitung erworbenen Sachgüter zusteht, d. h. also, wenn Privateigentum an allen Kategorien von Sachgtttern, insonderheit auch an den sachlichen Produktionsfaktor besteht. Ausdrücklich muß jedoch hervorgehoben werden, daß die erwähnten rechtlichen Beziehungen keineswegs notwendig von der Rechtsordnung als statthaft anerkannt zu sein brauchen. Es genügt, um die Existenz des Kapitalismus formell zu ermöglichen, daß jene Beziehungen auf irgend eine Weise, sei es praeter IsAsm, sei es oontra IsAsm tatsächlich zustande kommen können. Damit nun aber Kapitalismus möglich sei, ist nicht nur erforderlich, daß die im Wesen kapitalistischer Organisation gegründeten Vertrags- schließnngen überhaupt stattfinden können, sie müssen vielmehr mich in einem dem Unternehmer günstigen Sinne sich abwickeln, d. h. also im Endergebnis die Reproduktion eines Sachvermögens nebst einem Aufschlag — dem Profit — herbeiführen. Die Bedingungen, an deren Erfüllung solcherart die Verwertung eines Kapitals gebunden ist, sind die objektiven Bedingungen materieller Natur, von deueu oben die Rede war. Wir können ihrer hauptsächlich zwei verschiedene Kategorien unterscheiden. Erstens muß sich Gelegenheit bieten, daß der kapitalistische Unternehmer die von ihm produzierten Waren in hinreichender Menge gewinnbringend verkaufen kann. In der Eigenart der kapitalistischen Produktionsweise ist es begründet, daß die Warenerzeugung unter einem bestimmten Minimum von Produkten nicht erfolgen kann, daß sie aber von einer Tendenz znr unausgesetzten Ausweitung des Pro- duktiousrahmens beherrscht wird. Daraus ergibt sich, daß eine der vornehmsten Bedingungen für die Existenz kapitalistischer Produktion das Vorhandensein einer großen Anzahl von Käufern ist. Wir können das auch so ausdrücken, daß Die kapitalistische Organisation des Gewerbes. öl wir sagen, die erste objektive Bedingung materieller An ist das Vorhandensein eines großen Absatzmarktes. Zweitens: Da die kapitalistische Produktionsweise nur bestehen kann, wenn der kapitalistische Unternehmer fremde technische Arbeiter in seinen Dienst nimmt, so ist die zweite objektive Bedingnng materieller Natur, an deren Erfüllung kapitalistische Unternehmung geknüpft ist, das Vorhandensein einer entsprechenden Anzahl von Arbeitskräften, die dem Unternehmer als Material dienen können, d. h. also, es müssen Personen vorhanden sein, die, weil sie auf andere Weise ihren Unterhalt nicht finden, freiwillig sich zur Verrichtung von Lohnarbeit im Solde eines kapitalistischen Unternehmers verdingen. Wir nennen diese Personen Proletariat. Das Proletariat wird gebildet: Ans der Zuschußbevölkeruug, d. h. denjenigen Elementen, die schon selbständige Produzenten waren, in ihrer Stellung aber nicht bleiben können, sei es, daß man sie gewaltsam daraus Vertrieben habe, wie z. B. gelegte Banern, sei es, daß ihre Eristenz allmählich durch widrige Umstände untergraben wurde. L, Aus der Uberschußbevölkerung, d. h. denjenigen Personen, die selbständige Produzenten oder, was dem gleichkommt, nicht werden können; hier handelt es sich also nm eine Bevölkernngsschicht, die noch nicht selbständig war, aber von der ökonomisch selbständigen Bevölkerung nicht absorbiert wird. Es ist ersichtlich, daß sich diese Elemente rekrutieren ans dem Nachwuchs, somit in ihrer Expansionsfähigkeit an die Schranken organischen Wachstums gebunden sind. Eine Überschußbevölkernng bildet sich überall dort, wo die Anzahl der Stellen selbständiger Produzenten aus irgeud welchem Grunde eine der Zuwachsrate der Bevölkerung nicht mehr entsprechende Vermehrung erfährt. GcwcrbcwesenS. bäuerlichen Eigengewerbes. Ter Bedarf an geiverb- lichcn Erzeugnissen wurde im Rahmen ursprünglich der größereu Stammeswirtschaften und später der kleineren bäuerlichen Einzelwirtschaften gedeckt. Gleichsam als gewerbliche Hilfskräfte, die den eigen- prodnziercudeu Bauern zur Seite standeu, musseu wir uns den Stab von Dorfhandwerkern denken, deren Spuren sich noch heute in entlegenen Gebieten, etwa Ostdeutschlands, nachweisen lassen. Es sind gewerbliche Arbeiter, die gleichsam im Dienste einer Dorfgemeinde stehen, die man deshalb auch treffend als Deminrgen dieser Dorfgemeinde bezeichnet hat. Wir finden sie schon bei Homer, wir sinden sie in den indischen Bauerugcmciudcu, wo sie den sogenannten „Artizan Staff" ausmachen, uud wir mttsseu uns, wie gesagt, sie auch iu die Torfgemeinden der Germanen verseht denken, als diese sich iu Europa ansiedelten. Diesen Torfhandwcrkern liegen insbesondere diejenigen gewerblichen Tätigkeiten ob, die ihrer schwierigeren Technik wegen im Hause des Bauern nicht so leicht verrichtet werden konnten, namentlich wohl die Schmiederei nnd Töpferei. Die wirtschaftliche Stellung eines solchen Torfhandwerkes trägt, wie gesagt, einen beamtenhaften Charakter. Er erhält von der Gemeinde den nötigen Unterhalt geliefert nnd ist ohne oder gegen geringes Einzelentgelt verpflichtet, die in den Bauernwirtschaften notwendig werdenden Arbeiten zu verrichten. Ich sagte vorhin, daß die Spuren dieses uralten Dorfhandwerkertyps noch in der Gegenwart sich nachweisen lassen nnd will hier einen Bericht aus Nakel im Netzedistrikt wiedergeben, der uns die Stellung eines solchen Gemcindcschmicdes deutlich machen kann. Es heißt dort: Die Einnahmeu des Gemeindeschmiedes sind folgende: Bar 90 Mark, 20 Zentner Roggen, 8 Zentner Gerste, 10 000 Strick Torf, Brennholz, Weide, Wohnung, eiucu Die gewerbliche Produktion in den Frmihofwirischaftcn. gg Morgen Gartenland. Zu diesen Einkünften, für welche der Hnfbeschlag und alle zu leistenden Reparaturen am Ackergerät der Geincindcmitglieder ausgeführt werden müssen, treten noch etwa 2(W Mark für die besonders zu zahlenden Arbeiten. Die Verpflichtung zur Leistung des Deputats ruht auf der Gemeinde, da diese als solche den Kontrakt schließt. Die Gemeindeschmiede aber müssen ihr Deputat bei den einzelnen Besitzern in der geringsten Qnote, bis zu einem Viertel Mctzen herab, einsammeln. Dies geschieht vierteljährlich; die von den einzelnen zu gewährenden Mengen sind nach Maßgabe des Grundbesitzes bezw. der Pferdcanzahl ein für allemal festgesetzt. Jedoch ist eine scharfe mathematische Berechnung der Anteile nicht üblich, vielmehr wird diese mehr schätzuugsiveise bemessen. Durch die Ausbildung solcher, von Gemeinde wegen angestellter berufsmäßiger gewerblicher Produzenten wurde der eigenwirtschaftliche Charakter der alten Banerngcmeinde auch in den Zeiten aufrecht erhalten, in denen die gewerbliche Technik bereits über die ersten Anfänge ihrer Entwickelung hinaus gekommen war. III. Die gewerbliche Produktion in den Fronhof- wirtschaften. Wenn wir mit den eben geschilderten Zuständen den Entwickelnngsgrad vergleichen, den die gewerbliche Produktion an gewissen Punkten Europas schou zur Mcro- winger-Zcit erreicht hatte, so läßt sich dafür das Verständnis nur gewinnen, wenn wir nus, wie gesagt, erinnern, daß die jungen Völker Europas doch als Erben der hohen Knltnr des Römerrcichcs angeschen werden müssen. Insbesondere gilt dies für die Großen des Reiches, die wir uns an Stelle der verschwindenden römischen Großen zunächst in Gallien nnd Italien gesetzt denken müssen, und 70 Überblick über d. geschichtl. Entwickelung d. Gewerbcwesens. die dann auch in die von römischer Kultur uicht berührten Gebiete Europas dereu Errungenschaften berbreiteten. Insbesondere ist es die Oikenwirtschaft, die in zum Teil veränderter Form in das germanisch-romanische Mittelalter hinüber gerettet wird. Sie erscheint hier als sogenannte Fronhofwirtschaft, d. h. als hoch entwickelte Eigenwirtschaft der weltlichen nnd geistlichen Großen des Reichs, der Klöster, Stifter usw. Was sich gegenüber dem Altertum geändert hatte, war die rechtliche Lage der in diesen Wirtschaften tätigen, abhängigen Leute. Diese waren, wie man weiß, aus Sklaven Hörige geworden. Tes weiteren unterschied sich die mittelalterliche Fronhofwirtschaft dadurch von der antiken Oikenwirtschaft, daß die Bewirtschaftung des Bodens Vielfach von Bauern ausgeführt wurde, die auf ihrer Scholle verblieben und lediglich zu Diensten bezw. Abgaben an den Fronherrn verpflichtet waren. Was die gewerbliche Produktion anbetrifft, so wnrde diese ganz ähnlich wie in den alten Oikcnwirlschasten vollzogen. Es gab auf den großen Fronhöfen Francnsäle, wo die aus dem eigenen Boden, bezw. von den eigenen Tieren gewonnenen Rohstoffe versponnen und verwebt wurden; es gab auf den Höfen herrschaftliche Anstalten zur Vermahlung des Getreides, zur Bereitung des Brotes, zum Branen, zur Verrichtung der Schmiedearbeit, der Stellmacherarbeit nsw. Einen wie hohen Grad die Entwickclnng der gewerblichen Produktion in diesen mittelalterlichen Fronhöfen erreichte, lehrt uns die Tarstellnng, die wir von dem Königshofe Karls des Großen im oaxitillars eis vitlis findein Hier wird ausgesprochen, daß an jedem Königshofe vorhanden sein sollen Eisen-, Gold- und Silberschmiede, Schuster, Schneider, Sattler, Schreiner, Dreher, Ziminer- lcnte, Schild- nnd Harnischmachcr, Fischer, Vögelfänger, Seifensieder, Bereiter von Bier oder Apfel- und Birnen- Die gewerbliche Produktion in den Fronhofwirtschaften. 71 most oder von anderen Getränken, Bäcker, welche Semmeln zu bereiten verstanden, sodann Verfertiger von Sachen zur Jagd, ebensowohl wie zum Fisch- und Vogelfang u.a.m. Für seine größeren Bauten, z. B. iu Aachen, ließ Karl der Große Künstler und Meister aus der weitesten Ferne berufen, daher findet man seit dieser Zeit auch Hofbaumeister und Hofmaler. Alle diese Künstler und Handwerker nebst ihren Meistern und den sonstigen Vorstehern sind den herrschaftlichen Nichtern untergeordnet gewesen. Die Künstler und Handwerker waren daher selbst Hofbeamte, und wie die Frauen iu eigenen Arbeitshäusern zusammen gearbeitet haben, so wareu offenbar auch die Handwerker uud Künstler in diesen Arbeitshäusern, Kaminern und Schreinen unter eigenen Vorstehern vereinigt. Für ihren Unterhalt erhielten die höheren und angescheneren Hofbcamten Bcnefizicn, die niederen Hofdieuer nnd Kolonen aber gegen Zins uud andere Leistungen Bauerngüter. Die übrigen Diener wurden von ihrer Herrschaft gekleidet nnd ernährt oder sie erhielten ein bestimmtes Quantum von Getreide u. dgl. mehr, eine Pfründe (xrovsuäa), von welcher diese Art von Taglöhnern Pfründner (xrovsirctarii oder xrsbsuäg,rii) genannt wurden (v. Manrer). Wenn naturgemäß auch iu den Villen Karls des Großen diese erweiterte Eigenwirtschaft den höchsten Grad ihrer Vollendung erreichte, so müssen wir doch uns in kleineren Dimensionen eine ähnliche Verfassung der größeren Wirtschaften, wie gesagt, über das ganze Westeuropa der damaligen Zeit verbreitet deuten. 72 Überblick über d. geschichtl. Entwickelung d, Gewerbewesens IV. Die Epoche der handwerksmäßige» Organisation. 1. Ihre Verbreitung, ihre Wesenheit und die Gründe ihrer langen Dauer. -viiudwerksmäßige Organisation ist, soviel wir wissen, bisher am reinsten in der Geschichte in den Städten des europäischen Mittelalters zur Entfaltung gelangt. In jenen Städten, kleinen nnd mittleren Umfanges (wir wissen heute, daß selbst die größten Städte des Mittclalters nicht mehr wie 30—40000 Einwohner hatten), wie sie sich entweder aus der Nömerzeit heraus erhalten hatten oder aber aus Gründen, denen hier nicht nachzugehen ist, seit dem 12. Jahrhundert sich allenthalben in Westeuropa zu entwickeln begannen. Auch diese handwerksmäßige Organisa- tion des Zewerbes in den mittelalterlichen Städten ist nicht zu verstehen ohne die Erbschaft an römischer Kultur, die die Völker des Mittelalters, wie wir sahen, antraten. Mochte das städtische Handwerk des Mittelalters an die gewerbliche Organisation der Fronhöfe, die seit dem 12. Jahrhundert sich auszulösen beginnen, anknüpfen, mochte es sich in kontinuierlicher Entwickelung seit der Nömerzeit her in den Städten erhalten haben, mochte es endlich aus deu Zentren höherer wirtschaftlicher Kultur bewußt in die sich entwickelnden Städte niedrigerer Kultur übertragen werden: immer läßt sich der hohe Grad von Vollendung, den wir die gewerbliche Produktion schon im frühen Mittelalter erreiche» sehen, nicht anders erklären, als wenn wir annehmen, daß vielfach nur auf der Grundlage weitergebaut ist, die in den antiken Reichen gelegt worden war. Was die mittelalterliche Organisation des Gewerbes charakterisiert, ist vor allem die Tatsache, daß in ihm freie gewerbliche Arbeiter sich eine selbständige Lebensstellung Die Epoche der handwerksmäßigen Organisation. ?Z zu Verschaffen wissen, die nicht mehr Grundbesitzer sind. Es erwächst in den Handwerkern der mittelalterlichen Städte in diesem weiten Umfange wohl zum erstenmal in der Geschichte eine breite Bevölkerungsschicht, die selbständig und frei ist, ohne Grundbesitzer zu sein, die sich ihre Selbständigkeit nnd Freiheit vielmehr lediglich durch ihrer Hände Arbeit nnd notfalls einiges Sachvermögen zn erringen nnd zn erhalten vermag. Damit wird die nichtlandwirtschaftlichc Arbeit verselbständigt und werden breite Schichten der Bevölkerung dauernd vom Boden getrennt und bilden, indem sie sich zu gemeinsamen Leben zusammenfinden, eine neue Erscheinung, die Stadt im ökonomischen Sinne ans, d.h. eine Ansiedelung von Menschen, die für ihren Unterhalt anf die Erzeugnisse fremder landwirtschaftlicher Erzengnisse angewiesen sind. Gleichzeitig aber wird die Notwendigkeit eines regelmäßigen Güteraustausches erzengt und die zu diesem Behufe erforderliche Einrichtung — der Markt — geschaffen. Vom ökonomischen Standpunkt ans kann man deshalb anch die neu entstehenden Städte als Märkte bezeichnen. Wenn wir die handwerksmäßige Organisation des Gewerbes während des europäischen Mittelalters fast ein halbes Jahrtausend lang in Blüte finden, so müssen wir zum Verständnis uns klar machen, daß jene Jahrhunderte eine Zeit waren, in der die objektiven Bedingungen handwerksmäßiger Produktion, wie ich sie in meinem „Kapitalismus" ausführlich dargestellt und im dritten Kapitel des ersten Abschnittes skizziert habe, in besonders vollständiger Weise erfüllt waren. Auf der einen Seite entfaltete sich die Nachfrage uach gewerblichen Erzeugnissen in dem Maße immer reger, als die Besiedelung des vielfach noch nnknltivierten Landes zunahm, als gleichzeitig die Produktivität der landwirtschaftlichen Arbeit stieg, fomit 74 Überblick über d. geschichtl. Entwickelung d. Gewerbewesens. ei» lvachsender Überschuß an Bodcnerzengnissen zum Austausch gegen gewerbliche Produkte zur Verfügung gestellt wnrde. Auf der anderen Seite wird die ganze Zeit charakterisiert durch einen ansgesprochencn Mangel an gewerblichen Produzenten. Wir wissen ans unserer theoretischen Erörterung, daß dieser Mangel durch zwei Umstände bedingt ist, durch bestimmte Gestaltung der Bevölkerungs- verhältuisse nnd durch einen bestimmten Grad der gewerblichen Technik. Was die Bevölkerungsverhältnisse anlangt, so waren diese während des europäischen Mittelalters insofern der Entwickelung handwerksmäßiger Produttion günstig, als zunächst die allgemeine Zuwachsrate der Bevölkerung eine geringe war und bis in das 18. Jahrhundert hinein blieb. Von Teutschland wissen wir, daß von einer allgemeinen Zunahme der Bevölkerung zwischen 1250 nnd 145» kaum die Rede sein kann, von England erfahren wir von einer Znnahme zwischen Tomesday-Book und Hundred Rolls, dann folgt ein Stillstand bis zum 15. Jahrhundert, in Frankreich beobachten wir ein Anwachsen bis ins 14. Jahrhundert, in Belgien starke Bevölke- ruugszuuahme im 12. und 13. Jahrhundert, die offenbar im 14. Jahrhundert nachläßt. Die Gründe für diesen geringen Bevölkerungszuwachs sind bekannt. Es sind der Mangel an aller Hygiene in Stadt und Land, Häufigkeit nnd Blutigkcit der Kriege, vor allem aber die beiden Geiseln des Mittclalters, Hungersnot und Seuchen, die gcril in Gemeinschaft sich einstellten. Tann aber war während langer Jahrhunderte insbesondere auch die landwirtschaftliche Überschußbcvölkerung, also derjenige Bevölke- rnngsteil, für den in der Sphäre der landwirtschaftlichen Tätigkeit kein Spielraum ist, geriug. Eine geringe landwirtschaftliche Überschnßbcvölkernng ist aber dann vorhanden, wenn für die ländliche Zuwachsbevölkerung die Möglichkeit Die Epoche der handwerksmäßigen Organisation. 75 besteht, durch Intensität des Anbaues oder Besicdelung von Neuland ihre Arbeitskräfte zu verwerten. Das aber war eben der Fall in den meisten Ländern Westeuropas während der genannten Zeitepoche. Endlich ist, was die Gestaltung der Bevölkernngsverhältnisse anlangt, bedeutsam für die Existenzsähigkeit des Handwerks die geringe Dichtigkeit und die geringe Agglomeration der Bevölkerung, wie sie ebenfalls das europäische Mittelalter charakterisiert. Vou der gewerblichen Technik jener Zeiten wissen wir jedoch mit einiger Sicherheit, daß sie einen verhältnismäßig niedrigen Stand nicht überschritt. Wir können das aus der Höhe der Preise, aus der Menge der beschäftigten Arbeiter, aus der Länge der Produktionsdauer, sowie aus der Art des Gesamtverfahrens, das bei der Herstellnng gewerblicher Erzengnisse angewandt wurde, ohne weiteres schließen. Wenn wir erfahren, daß eine Tonne Eisen im 14. Jahrhundert in England nach heutigem Geldwert über 2000 Mark kostete, daß im 15. Jahrhundert für die Herstellung im Laufe eines Jahres von 5140 Stück Tuch, das ist die heutige Monatsproduktion einer großen Fabrik, tausend Personen nötig waren, daß ein gntes Schloß zu fertigen noch Ende des 15. Jahrhunderts 14 Tage in Anspruch nahm, so sind das schon Symptome genug, um daraus den geringen Grad von Produktivität der gewerblichen Arbeit in jener Zeit zu entnehme». Zum Überfluß wissen wir, daß die Art und Weise, wie produziert wurde, eine solche war, die einen besonders hohen Grad der Produktivität überhaupt unmöglich machte. Damit ist endlich ein letzter Punkt berührt, in dem wir die besondere Bedingtheit handwerksmäßiger Organisation während der mittelalterlichen Zeit zu erkennen vermögen. Ich meine die empirische Gestaltung des technischen Gesamtverfahrens, das alle Geschichte hindurch, bis in die zweite Hälfte des 7g Ubcvblick über d, geschichtl. Entwickelung d. Gciverbewcsens. 18. Jahrhundert hinein die Gewerbe beherrscht hat. Der Leser wird sich erinnern, weshalb ich seinerzeit dieses empirische Verfahren als Vorbedingung für handwerksmäßige Produktion bezeichnet hatte. Aus dem Gesagten geht also hervor, daß iu der Tat während langer Jahrhunderte des Mittelalters die Marktlage für den Produzeuten gewerblicher Erzeugnisse dadurch charakterisiert war, daß einer verhältnismäßig starken Nachfrage stets ein verhältnismäßig geringes Angebot gegenüber stand, daß also in der Tat einem Verkäufer gewerblicher Produkte zwei Käufer nachzulaufen pflegten. Damit war die Stabilisierung des Absatzes in quantitativer Hinsicht ebenso gewährleistet, wie durch das empirische Verfahren in qualitativer Beziehung. 2. Die Ordnung des mittelalterlichen Gewerbe- Wesens iu der sogenannten Zunftverfassung. Ihren rechtlichen Ansdrnck findet die Ideenwelt des handwerksmäßigen Gewerbetreibenden in der sogenannten Zuuftordnnug des Mittelalters, wie sie in fast allen Städten übereinstimmend ausgebildet wordeu ist. Wir müssen uns die Zunftordnung als eine Schutzgesetzgebung für das Handwerk vorstellen, die infolgedessen in dem Maße kunstvoller und komplizierter wnrde, je mehr sich die natürlichen Existeuzbcdiuguugeu für das Haudwerk im Lnnfe der Jahrhunderte verschlechterten. Was mau ursprünglich dem Gang der Dinge überlassen konnte, mußte später durch die Gesetzgebung mühsam und schließlich ohue Erfolg erzwungen werden. Da es eine allgemeine Erscheinung des europäischen Mittelaltcrs ist, daß die rechtsetzende Gewalt mehr uud mehr aus dcu Händen der großen Landes- uud Rcichs- hcrrschcr in diejenigen der lokalen Instanzen überging, da, wie wir sehen, die handwerksmäßige Organisation sich cngstens an die städtische Entwickelung des Mittelalters Die Epoche der handwerksmäßigen Organisation. 77 anschloß, so ist es selbstverständlich, daß die Ordnung des Gewerbewescns jener Zeiten einen Bestandteil der städtischen Wirtschaftspolitik bildet und deren aus- schließend lokal interessierten Standpunkt ebenfalls znm Ausdruck bringt. Ans den Gesamttendenzcn der städtischen Wirtschaftspolitik heraus läßt sich somit auch die Gewerbepolitik des Mittelalters einzig und allein verstehen. Was das System der städtischen Wirtschaftspolitik des Mittelalters charakterisiert, ist das Bestreben, die Macht nnd Größe der einzelnen Stadt auf Kosten sowohl fremder Städte, als namentlich auch des umliegcn- deu platten Landes zu fördern. Aus diesem gesunden Lokalegoismus heraus erklärt sich zunächst das Strebeu, die ökonomische Basis, ans der die Stadt ruhte, durch eine Reihe von Maßnahmen sicher zu stellen. Auf der einen Seite zwang man so weit als möglich die umwohnende Bevölkerung, ihre Erzeugnisse nirgends anders als auf dem Markte der Stadt zu verwerten. Tiefem Behufe diente das Marktrecht, das Stapel-, Meilen- oder Straßcnrecht, das sogar die von weither kommenden Kaufleute zwang, ihren Weg über die Stadt zu nehmen, hier ihre Waren einige Tage feilzubieten, ehe sie sie ihrem vielleicht ganz anderen Bestimmungsort zuführen konnten. Dem Handwerker war damit eine günstige Gelegenheit zur Beschaffung der für ihn notwendigen Rohstoffe nnd Hilfsmalerialien geboten. Ans der anderen Seite wurde mit ebenso rigorosen Maßregeln seitens der städtischen Politik Fürsorge getragen, daß das Absatzgebiet für die gewerblichen Produzenten der Stadt gesichert bleibe. So gehörte es zu dem eisernen Bestände jeder mittelalterlichen Gewerbepolitik, daß die gewerbliche Produktion in der Landschaft verboten war, was mittels des sogenannten Bannrechtes geschah, daß also für einen bestimmten Umkreis um jede Stadt den» 78 Überblick über d, gcschichtl, Entwickelung d, Gewerbcwesens. städtischen Produzenten ein gesetzliches Monopol gewahrt wurde. Aber auch innerhalb der Stadt selber sollte die Konkurrenz fremder Gewerbetreibender nicht unbeschränkt sein. ES wurde deshalb fremden Händlern oder gewerblichen Produzenten nur unter erschwerenden Bedingungen bezw, nur zu bestimmten Zeiten an den Jahrmarkttagen das Feilhalten ihrer Waren gestattet. War durch Maßnahmen solcher Art die ökonomische Basis, auf der die Stadt ruhte, gesichert, so sorgte nun ein kunstvolles Shstem von Vorschriften dafür, daß sich im Inneren der Stadt die wirtschaftlichen Vorgänge in einer für den einzelnen Konsumenten wie den einzelnen Produzenten gleich vorteilhaften Weise abspielten. Hatte man auf der einen Seite den gewerblichen Produzenten fast ein Monopol innerhalb der Stadt und ihrer Umgegend für den Absatz ihrer Erzeugnisse gegeben, so erkannte man auf der anderen Seite, daß diesen Monopolen im Interesse der Konsumenten eine Reihe von kontrollierenden Vorschriften gegenüber zu stellen seien, die den Zweck hatten, die schädlichen Auswüchse der Monopolstellung der Gewerbetreibenden zu beseitigen. Taß mau bis zu einem gewissen Grade die fremde Konkurrenz zuließ durch Gcstattuug des Absatzes, wurde schon erwähnt. Ein weiteres Korrektiv lag in der Freigabe der hausgcwcrblichcn Eigenproduktion. Endlich aber sorgten direkte regelnde Vorschriften dafür, daß die Konsumenten jederzeit hinreichend' mit guten und preiswerten Erzeugnissen versorgt wurden. Um die hinreichende Menge gewerblicher Produkte zu gewährleisten, ließ man sich von Obrigkeits wegen die Sorge für eine stets genügende Menge von Handwerkern angelegen sein. Wurden es deren zn wenig, so bemühte man sich um die Hcrbcischaffung des erforderlichen Ersatzes. Um die Qualität der Produkte zu heben, wurden Waren-Schauprüfuugen eingerichtet, wurde Die Epoche der handwerksmäßigen Organisation. 79 aber vor allem auch für eine hinreichende Ausbildung der Gewerbetreibenden durch eine erfolgreiche Lehr- und Dienstzeit gesorgt, zu der in späterer Zeit die Meisterprüfung (seit dem 13. Jahrhundert) und die Verpflichtung zur Ablegung eines Meisterstückes (seit dem 15. Jahrhundert) hinzutraten. Ebenso fehlt es nicht an obrigkeitlichen Preisfestsetzungen, um die ihrer Qualität nach gnten Produkte auch preiswert dem Konsumenten zur Verfügung zu stellen. Zu diesen Vorschriften, welche das Interesse der Konsumenten wahrnehmen sollten, gesellten sich min zahlreiche andere, die dem Interesse des einzelnen gewerblichen Produzenten dienen sollten. Wie man im wesentlichen die Konkurrenz fremder Gewerbetreibender gegenüber der Gesamtheit städtischer Produzenten auszuschließen bemüht war, so bestrebte man sich, mich innerhalb des Kreises der städtischen Produzenten die Koukurreuz der einzelnen Gewerbetreibenden untereinander so sehr als möglich zu beschränken. Die Idee der Nahrnng, die wir als der handwerksmäßigen Organisation zu Gründe liegende Leitidee erkannten, wurde hier Richtung gebend für ein ganzes System einschränkender Maßregeln der Gesetzgebung. Es sollte dem einzelnen Handwerker ein genügender Kreis von Tätigkeit stets erhalten blieben, und darum mußte, wenn das Absatzgebiet für die Gesamtheit gegeben war, anch Fürsorge getroffen werden, daß mm nicht der einzelne Käufer auf Kosten des andercu einen allzu großen Teil des Gcsamtabsatzcs an sich risse. Diesem Zwecke dienten zunächst alle jene zahlreichen Vorschriften des mittelalterlichen Gewerberechls, die ein Aufsteigen einzelner Genossen verhindern sollten. So war es fast überall verboten, über eine bestimmte Anzahl von Personen, meist vier inklusive Lehrlinge, als Hilfspersonal zu beschäftigen: oder es wurde die Arbeitszeit beschränkt oder das Maximum der Produkte festgesetzt, die ein ein- 80 Überblick über d. gcjchichtl. Entwickelung d. Gewerbewesens. zelner Handwerker herstellen durste usw. Tamit aber dem einzelnen Meister größere Anlagen, die einen gewissen Ver- mögensaufwand erheischten, also dem Besitz des einzelnen entzogen werden sollten, wie Walkereien, Trockenhänser, Bleichgärten, Gewandhäuser usw. doch für den gewerblichen Produktionsbetrieb in hinreichendem Umfange vorhanden waren, übernahm die Stadt oder die Genossenschaft der Meister selbst die Anlage solcher Anstalten. Des weiteren sollte Sorge getragen werden, daß dem einzelnen Handwerker bei der Produktion gleich hohe Kosten erwüchsen. Es sollte niemand durch Zufall oder selbst auch durch größere Geschäftstüchtigkeit in die Lage kommen, bessere oder billigere Materialien sich zu verschaffen wie sein Nebenmann, deshalb wurde er zur Anzeige verpflichtet, wenn er Einkäufe machte, und mußte sogar, wenn es gewünscht wurde, den anderen Meistern gestatten, an dem Einkauf teilzunehmen. Es wurden ferner Lohntaxen eingeführt, die ebenfalls den Zweck hatten, eine Gleichheit der Produktionsbedingungen zu erzielen, ebenso aber sollten auch für alle Produzenten die Absatzbedingungen sich gleich gestalten, deshalb wurde von Gesetzes wegen Vorsorge getroffen, daß das Angebot der Waren stets ein gleiches und gleichzeitiges für alle Produzeuten sei. Es durften die Waren mir an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten feilgeboten werden; es war dem einzelnen Handwerker auf das strengste verboten, anderen ihre Kunden abzujagen oder ein Stück Arbeit wegzunehmen usw. Eine letzte und gewiß nicht die wenigst bedeutsame Eigentümlichkeit der Ordnung des gewerblichen Lebens im Mittelalter war die, daß die Angehörigen jedes Gewerbes sich zu genossenschaftlichen Verbänden, den sogenannten Zünften, Ämtern, Gilden zusammenschlössen. Im Kreise dieser gewerblichen Genossenschaften spielte sich das Die Epoche der handwerksmäßigen Organisation, 81 gesamte berufliche und ein großer Teil des privaten Lebens des Handwerkers in früherer Zeit ab. Eine der wesentlichsten Leistungen der mittelalterlichen Zunft war die, die eben gekennzeichnete Gewerbeordnung zu befördern und zur Anwendung zu bringen. Sie erhielt von der Obrigkeit einen großen Teil der Rechte zuerkannt, die sie dem Einzelnen gegenüber zur Durchführung zu bringen berufen war. Tas ist der Grund, weshalb mau die Gewerbeordnung des Mittclalters auch als Zunftordnung bezeichnet. Daneben hatte die Zunft dafür Sorge zu tragen,'daß die handwerksmäßige Selbständigkeit dem Einzclueu nach deren beiden Seiten hin, der Selbständigkeit des Handwerkers als nur gewerblicher Arbeiter und als Kleinbctriebler ermöglicht würde. Zu diesem Behufe übernahm sie oder die Stadt alles, was andere Fertigkeiten, als sie ein nnr gewerblicher Arbeiter besitzt, insbesondere kaufmännische Spekulation erheischte, also den etwa notwendigen Rohstoffbezug im großen oder von weit her, oder die etwa erforderliche Organisation des Absatzes der Erzeuguisse über ein größeres Gebiet. Sie unterhielt aber auch, sowie die Stadt hier als solche nicht eintrat, auf gemeinsame Kosten zu gemeinsamen Gebrauch jene gewerblichen Arbeitsstätte» größereu Stiles, von denen oben die Rede war. Endlich war sie es, die für die Übermittelung des handwerksmäßigen Könnens von Generation zu Generation Sorge trug. Sie war es, die durch ihre Organisation den regelmäßigen Stnfengang der fachmännischen Ausbildung — Lehrling, Geselle, Meister — gewährleistete. Die Zünfte, die ursprünglich nur im öffentlichen Interesse diejenigen Funktionen ausübten, die ihnen gleichsam von Gemeinschafts wegen übertragen waren, wurden dann im Laufe der Jahrhunderte mehr und mehr zu engherzigen Vertretern von Sonderinteresscn. Sie dachten Sombnrt, Gewerbkwescn I. ö 82 Überblick über d, geschichtl. Entwickelung d, Gewcrbcwesens. nicht mehr an das Gemeinwohl, sondern nur noch, wie sie eine kleine Anzahl Meister trotz aller Anstürme von außen her, die durch die moderne Entwickelung hervorgerufen wurden, in ihrem überkommenen Besitz schützen könnten. Erst während des 19. Jahrhunderts sind sie dauu durch die gewerbefreiheitliche Gesetzgebuug aus allen modernen Staaten beseitigt worden. Über die Bestrebungen, sie in veränderter Form dem modernen Wirtschaftsleben wieder einzufügen, werde ich im zweiten Bande, wo ich die Gewerbcpolitik der Gegenwart behandle, noch zu sprechen haben. III. Kapitel. Die neuere Zeit. I. Einleitung. Derjenige Zeitabschnitt der europäischen Geschichte, den wir als die nenere Zeit zu bezeichnen nns gewohnt haben, wird wirtschaftlich dnrch das Emporkommen einer ncucu Organisationsform — des Kapitalismus — gekennzeichnet. Tiefer, dessen Anfänge wenigstens für Italien ein paar Jahrhunderte in das Mittelaltcr zurückreichen, begann sich tn größerem Nmsange tatsächlich erst im Verfolg jener Ereignisse zu eutfalteu, vou deren Eintritt wir die neuere Zeit unserer Geschichte zu datiercu Pflegeu. Im folgenden soll versucht werden, die Entstehungsphasen des Kapitalismus, der uns in diesem Zusammenhang lediglich als gewerblicher Kapitalismus interessiert, soweit es der beschränkte Ranm gestattet, nachzugehen. Ich darf den Leser darauf aufmerksam machen, daß gerade dieses Problem nämlich die Genesis des modernen Kapitalismus in dem ersten Bande meines Hauptwerkes eiuc sehr eingeheude Behandlung erfahren hat. Die neuere Zeit. — Die Erfüll, d. subjekt. Voraussetz. usw. 83 II. Die Erfüllung der subjektiven Voraussetzungen kapitalistischer Wirtschaft. Damit Kapitalismus mißlich sei, mußten sich nach dem, was ich in dem ersten Teil dieses Bändchens ausgeführt habe, zunächst einmal eine entsprechende Anzahl von Wirtschaftssubjekten herausbilden, die in ihrer Person die notwendigen subjektiven Voraussetzungen für kapitalistische Wirtschaft vereinigten. Das sind aber, wie wir wissen, die Anhäufung eines hinreichend großen Geldvermögens einerseits, die Absicht, dieses Geldvermögen kapitalistischen Zwecken dienstbar zu macheu, anderseits. Wir verfolgen zunächst die Wege, ans denen die erforderlichen Geldvcrmögen sich während des Mittclalters in den Händen einzelner Wirtschaftssnbjekte angehäuft haben, denen sie als Kapital dienen sollten. Es läßt sich mit einiger Sicherheit behaupten, daß wir eine Periode kapitalistischer Wirtschaft nicht erlebt haben würden, wenn das Wirtschaftsleben sich rnhig in deu Bahnen handwerksmäßiger Organisation weiter bewegt hätte und nicht andere Momente hinzugetreten wären, denen allein die erforderliche Akkumulation größerer Geldvermögen zu dauken ist. Ich habe in meinem „Modernen Kapitalismus" den ziffernmäßigen Nachweis geführt, daß die regelmäßige Tätigkeit des Handwerkers im Gewerbe und Handel nicht imstande sein konnte, aus sich heraus Vermögen zu bilden. Diese Anffassnng widerspricht der herrschenden, welche, soweit sie überhaupt diese Frage aufgeworfen hat, gauz kritiklos, insbesondere die Handelstätigkeit des Mittelalters als die eigentliche Quelle der größereu Vermögen, denen wir im Ausgang des Mittclalters begegnen, angesehen hat. Wie falsch diese Auffassung ist, läßt sich mit der einfachen Erwäguug erweisen, daß der mittelalterliche Handel trotz 6' 84 Überblick über d. gejchichtl. Entwickelung d. Gewerbewesens, hoher Preisaufschläge gar nicht imstande war, dem einzelnen große Vermögen zu verschaffen, weil infolge der sehr beträchtlichen Transportkosten und anderer Unkosten, die dem Handel erwuchsen, aus Zollgefüllen, Unsicherheit der Straßen :c. zunächst einmal die Profitrate keineswegs eine übermäßige Höhe erreichte. Selbst aber auch, wenn die Profitrate höher gewesen wäre, als sie tatsächlich war (wir können auf Grund der Quellen 10—20 °/„ als die Regel annehmen), fo wäre doch noch immer die VermögenSakku- mulation iu enge Schranken gebunden gewesen, angesichts der Kleinheit der Vermögen, die im handwerksmäßigen Handel investiert waren. Wir müssen nns die große Menge der mittelalterlichen Händler nämlich als ganz kleine Schnorrer vorstellen, etwa nach Art unserer größeren Hausierer oder kleineu Tetailhändler. Auch dafür findet der Leser in meinem „Kapitalismus" die ziffcrmäßigen Belege. Was aber für den mittelalterlichen, als Handwerk betriebenen Handel gilt, gilt in gleichem Maße auch für die übrigen Zweige der handwerksmäßigen Wirtschaft, also insonderheit auch für das Handwerk im engeren Sinne, für die handwerksmäßig Gewerbetreibenden. Selbstverständlich ist nicht zn leugnen, daß aus diesen Kreisen sich dnrch besonders glückliche Umstände hier uud da auch einzelne Lente zu Reichtum emporarbeiten konnten; es ist aber eine ganz verkehrte Vorstellung, anzunehmen, daß auch nur im wesentliche» oder gar ausschließlich die größeren Vermögen, von denen wirden Klipitalisinns seinen Anfang nehmen sehen, in der Sphäre der handwerksmäßigen Wirtschaft gebildet seien. Gehen wir von dieser Anschauung aus, nnd fragen nunmehr, wo denn die eigentlichen Quellen der ursprünglichen Kapitalvermögen zu suchen seien, so bietet sich uus bei näherem Zusehen eine ganze Reihe solcher Vermögen bildender Quellen dar. Ich will sie im folgenden kurz aufzählen: Die Erfüllung der subjekt, Voraussctz. kapiwlist. Wirtschaft. 8^ 1. Eine der ersten Quellen, ans denen einzelnen Personen in den Städten größere Vermögensbeträgc uu- merklich zuflössen, war der Besitz an Grnnd und Bodcu, sei es innerhalb, sei es außerhalb der Stadt. Einerseits waren im Laufe des Mittelalters zahlreiche Landbesitzer in die Städte gezogen, die nunmehr von ihren steigenden Grundrenten, bezw. von der Veräußerung ihres Grnnd nnd Bodens Vorteile zogen, anderseits hatten sich die herrschenden Geschlechter in den Städten, die von vornherein hier selbst als Grundbesitzer angesiedelt waren, in dem Maße ans der Verwertung dieses Grundbesitzes dnrch Leihe oder Verkauf zu bereichern vermocht, als sich die Städte zu entwickeln begannen nnd damit das Territorium im Wert stieg, auf dem die Stadt sich aufbaute. Eine beträchtliche Vermehrung schon vorhandenen Vermögens trat dann im weiteren Verlauf des Mittelalters dadurch ein, daß die reich werdenden Leute in immer größerem Umfange, sei es städtischen, sei es namentlich ländlichen Grnnd und Boden ankauften, von dessen Wertsteigcrung sie profitierten. 2. Eine zweite reiche Quelle floß ans dem Leiheverkehr, deu bürgerliche Geldbesitzer mit den Repräsentanten des mittelalterlichen Reichtums unterhielten. Wir können geradezu von einer allmähligen Übertragung des Vermögens ans den Händen der mittelalterlichen Gewalten in diejenigen bürgerlicher Existenzen sprechen. Tic Stellen, an denen sich während des Mittelalters die größten Einkünfte nnd Vermögen anhäuften, waren die oa-msra axoswlioa, die infolge ihreL weitverzweigten Steuersystems über außerordentlich hohe Einkünfte verfügte; waren ferner die Ritterorden, die dnrch die Beiträge, die sie in ihren Zentralen aufspeicherten, sogar noch die Einnahmen der Päpste überflügelten; waren ferner die Könige von Frankreich nnd England und endlich die Großgrundbesitzer aller Art, die man nicht ganz 86 Überblick über d. geschichtl, Entwickelung d. Gewcrbewesens. kor-rekt unter der Bezeichnung der Grundherren zusammenfassen kann. Das häufig eintretende Bedürfnis nach rascher oder plötzlicher Geldbeschaffung dieser Elemente bewirkte es, daß sie hänfig zu für sie außerordentlich ungünstigen, für die aushelfenden Geldgeber günstigen Bedingungen Geschäfte mit bürgerlichen vermögeudeuPersouen einzugehen gezwungen wurden. Welche gewaltige Bedeutung der Geldleihc-Verkehr mit den Großen der mittelalterlichen Reiche für die Ber- mogensbildung hatte, machte man sich am besten klar, wenn man die in Frage kommenden Summen etwa mit deu Werten des mittelalterlichen Handels vergleicht. Man wolle sich etwa vergegenwärtigen, daß ungefähr in derselben Epoche Mitte, bezw. Ende des 14. Jahrhunderts als der Wert des gesamten Einfuhrhandels einer Stadt wie Neval 1 bis 1l/z Millionen Mark, derjenige Lübecks 2—3 Millionen Mark heutiger Währung betrug, ein einziges Florentiner Bankhaus dem König von England über 8 Millionen Mark heutiger Währung, ein anderes über 5 Millionen Mark geliehen hatte; daß zu der Zeit, da die sämtlichen hanseatischen Kaufleute für 5—600 000 Mark, die italienischen zusammen für 11/2—2 Millionen Mark heutiger Währung Wolle in England einkauften, Ende des 13. Jahrhunderts die Geld- leiher in Paris, die sogenannten Lombarden, einen Jahresumsatz von 61 Millionen Mark heutiger Währung versteuerten. 3. kommt in Betracht als Quelle der Vermögensbildung die Ausbeutung fremder Länder und Völker, wie sie durch die Kolonialherrfchaft erfolgte. Während des Mittelalters waren es die Italiener, welche aus ihren Besitzungen in der Levante die kolossalen Reichtümer herbeischafften, mit denen sie ihre Macht begründeten. Seit Erschließung des Seewegs nach Ostindien bezw. der Entdeckung Amerikas dagegen sind es der Reihe nach die Portugiesen, Spanier, Holländer, Franzosen, Engländer, die sich durch eine rücksichts- Die Erfüllung der subjekt, Vorcmssetz. kapitalist, Wirtschaft. 87 lose Ausbeutung der neu erschlossenen Länder bereichern. Es ist hier nicht der Ort, die Mittel uud Wege zu schildern, auf denen diese Reichtümer ans dem Kolonialbesitz herausgeholt wurden. Es sind im allgemeinen bekannte Tinge, um die es sich handelt, und die ich in meinem „Kapitalismus" noch einmal im Zusammenhang dargestellt habe. Die Basis für die Bercichcrnngspolitik der kolonisierenden Völker bot wie bekannt die Sklaverei, mit deren Hilfe man die blühenden Landschaften, die man besiedelte, znm Besten ihrer neuen Besitzer ausbeuten ließ. Es läßt sich ziffcrmäszig nachweisen, daß Westeuropa, um auf den heutigen Gipfel seiner Macht zu kommen, nicht mir der Arbeitsprodukte der Außerenropäer innerhalb der Grenze sich bemächtigt, inncrst deren die exploitiertcn Völker weiter bestehen und sich normal entwickeln konnten, sondern daß es im wahren Sinne des Wortes Raubbau mit Millionen von Menschen getrieben hat, die es dermaßen auspumpte, daß ihnen die Fähigkeit zu eigener Reproduktion verloren ging. Wir sind reich geworden, weil Menschenrassen nnd Völkerstämme für uns gestorben, ganze Erdteile für uns entvölkert sind. Ungemein gefördert wurde jedoch die Vermögensbildung namentlich seit dem Beginn der Neuzeit durch die rasche Edelmetallvermehrung, wie sie namentlich durch die Erschließung der amerikanischen Silberminen sich einstellte. Gleichzeitig mit der Zunahme des bürgerlichen Reichtums sehen wir nun in immer weiterem Grade die Wertschätzung des Geldbesitzes, die sich vielfach in einem förmlichen Goldfieber äußert, zunehmen, nnd damit wird im Zusammenhang mit einer Reihe anderer Momente, die hier zu verfolgen zu weit führen würde, jene spezifische Seelen- stimmnng erzeugt, die man als Erwerbstrieb bezeichnen kann, d. h. das Streben, durch Ausübung wirtschaftlicher Tätigkeit, sei es auf dem Gebiete des Handels, sei es, was gg Überblick über d, geschichtl. Entwickelung d, Gcwcrbcwescns. uns hier interessiert, ans dem Gebiet der gewerblichen Produktion ein vorhandenes Sachvermögen zu vergrößern. Damit ist danu dieBasis gelegt, aufdereinekapitalistischeProduktions- weisc sich aufzubauen beginnt, die wir nun in ihrer weiteren Entwicklung verfolgen wollen. III. Die Schaffung der objektiven Bedingungen kapitalistischer Wirtschaft. 1. Die Entstehung des großen Marktes für die aufkommende Industrie. Aus der theoretischen Betrachtung des Kapitalismus erinnern wir nus, daß kapitalistische Produktion nicht existieren kann ohne einen Absatz im Großen. Sollten deshalb mit den neugewonnenen Reichtümern auf kapitalistischem Wege Güter produziert werden, so war ein erstes wesentliches Erfordernis, das erfüllt sein mußte, die Schaffung bezw. Sicherung eines möglichst großen Absatzgebietes. Bei der Erreichung dieses Zieles gewann der moderne Kapitalismus einen mächtigen Bundesgenossen in dem aufstrebenden modernen Fürstentum. Die Interessen dieser beiden, die moderne Staatengeschichtc vornehmlich beherrschenden Faktoren waren in allen wesentlichen Punkten identisch. Strebte der Kapitalismus, wie wir sahen, nach Schaffung und Erweiterung seines Absatzgebietes, so mußtcu ihm im Innern der Länder dabei hindernd im Wege stehen alle jene lokalen und territorialen Gewalten, die um die einzelne Stadt oder das einzelne kleine Landgebiet einen Wall schützender Maßregeln gezogen hatten, durch den die freie Warenzirkulation ebenso wie die freie Etablicrung nener Produktion gehindert war. Dieselben Gewalten aber waren die natürlichen Feinde des aufstrebenden Fürstentuins, das sich dnrch ihre Unterwerfung feine Machtstellung erst Die Schaffung der objektiven Beding, kapitalist. Wirtschaft. 89 erobern mußte. Bei diesen seinen Bestrebungen aber bedürfte das jnnge Fürstentum bor allem wiederum eines Hilfsmittels, das ihm niemand so leicht znr Verfügung zu stellen vermochte, als der kapitalistische Handel und die kapitalistische Industrie, nämlich des Geldes. Geld bedürfte der Fürst vor allem für seine Armee, Geld bedürfte er für die Erhaltung seines Hofstaates und seiner Beamten. TicS ersehnte Geld aber kam durch nichts leichter iu ein Land hinein, als dnrch Erwerbung mincnreicher Kolonialgebiete oder dnrch Entwicklung des überseeischen Handels, oder der einheimischen großen Exportindnstrie. Es ist deshalb nur natürlich und begreiflich, wenn wir die kapitalistischen Interessen gefördert sehen durch die Politik des aufkommenden Fürstentums, wenn wir wahrnehmen, daß der gewerbliche Kapitalismus von vornherein ebenso seinen Stützpunkt in den großen Landes- und Staatsgewalten fand, wie das Handwerkcrtnm ihn in den Gewalten der mittelalterlichen Städte gefunden hatte. Diejenige Gewerbepolitik, die berufen war deu Kapitalismus iu deu modernen Staaten zuerst fest zu setzen, wird unter der Bezeichnung der merkantilistischeu Politik zusammengefaßt. Ter Merkantilismus umfaßt freilich die gesamte Wirtschaftspolitik der damaligen Zeit. Er bildet deu wesentlichen Inhalt der Staatsklugheit, die wir in den europäischen Staate» vom 16. bis zum 18. Jahrhundert angewandt finden, er ist die lebendige Praxis aller bedeutenden Staatsmänner von Karl V. bis Friedrich dem Großen und erreicht seinen Höhepunkt in England unter der Herrschaft Cromwclls, in Frankreich uuter dem Regimeutc Colberts, von dem er deshalb wohl anch den Namen des Colbertismus trägt. Aber den Kern aller merkanti- listischen Maßnahmen machte doch das Streben aus, neben dem Großhandel vor allem auch eine moderne Großindustrie gy Überblick über d. geschichtl. Entwickelung d, Gewerbcwesens. zur Entwicklnng zu bringen. Deshalb müssen wir ihn an dieser Stelle in seinen Grnndzügeu wenigstens kennen zu lernen suchen. Ich sagte schon, daß es den Interessen des modernen Staates ebenso wie denen des modernen Kapitalismus entsprach, daß im Innern der neu zu bildenden großen Reiche jene Widerstände der lokalen Gewalten gebrochen würden, die aus der mittelalterlichen Staats- und Wirtschaftsverfassung überkommen waren. Es galt vor allein zu diesem Behufe die wirtschaftliche Autonomie der Städte zu beseitigen. Es wurde ihr Gewerbcmonopol dadurch gebrochen, daß man das Bannrecht anfhob und dadurch also die Etablierung neuer Gewerbezwcige auf dem platten Lande freigab. Gleichzeitig wurde das Zunftregiment insofern eingeschränkt als die kapitalistischen Gewerbe unzttnftig betrieben werden durften oder aber die Zünfte territorial geordnet wurden. Um den Waren die freie Zirkulation durch ein größeres Gebiet zu gewährleisten, mußten die Stapel-, Meilen- und Straßenrechte der Städte beseitigt werden, was beispielsweise in Preußen im 16. und 17. Jahrhundert eine Hauptaufgabe der Wirtschaftspolitik war; ebenso mußte darauf Bedacht genommen werden, daß die Schranken fielen, die die einzelnen Städte oder Territorien durch ihre Binnenzölle aufgerichtet hatten. In den westeuropäischen Ländern vollzog sich diese Befreiung des Warenverkehrs von den binnenländischen Zollschranken schon im 17. Jahrhundert, Teutschland als Ganzes mnßtc sich bis zum 19. Jahrhundert gedulden, ehe es einer gleichen Politik teilhaftig wurde. Hier war es erst die Gründung des Zollvereins in den 1830er Jahren die dasjenige leistete, was schon Colbcrt in Frankreich vollbracht hatte. Mit dieser Beseitigung der Hemmungen im Innern des Landes, die einer freien Entwicklung des Handels und der Die Schaffung der objektiveil Beding, kapitalist. Wirtschaft. 91 Produktion im Wege standen, war aber das Werk, das man erstrebte, nämlich einen nationalen Markt zn schaffen, erst halb vollendet. Es mnßten nun Maßnahmen positiver Natur getroffen werden, die aus dem Gebiet der neu zu bildenden Großstädte auch ein einheitliches Wirtschaftsgebiet machten. Hierher gehört das Bestreben zur Hebung der Verkehrsstraßen: man legte Chausseen an, man bante Kanäle, mau errichtete Posten; unter Heinrich IV. wurden in Frankreich schon Zi/z Millionen Livres, unter Colbert über 4 Millionen Livres zur Hebung der Verkehrsstraßen ausgegeben. Sodann war man darauf bedacht, die Warenzirkulation dadurch zu heben, daß man über ein größeres Gebiet einheitliche Gewichts- und Münzsysteme einführte. Es wurde das Markt- und Meßwesen, das bis dahin von Stadt zu Stadt verschieden geregelt war, einer einheitlichen Ordnung für den ganzen Staat unterworfen. Es wurde endlich an Stelle der lokalen Rechte ein einheitliches Recht zu setzen versucht und zu diesem Behufe das römische Recht rezipiert, das besser als die überkommenen Landesrechte den Bedürfnissen eines höher entwickelten Vcrkehrsleben zu entsprechen vermochte. Des weiteren war man darauf bedacht, durch positive Maßregeln die vorhandene kapitalistische Industrie des Landes nach Möglichkeit zu fördern und fehlende Industrien im Lande zur Entwicklung zu briugcu. Diesem Bestreben diente vor allem eine außerordentlich kunstvolle Grenzzollpolitik, die in ihren Grundzügen sich vielfach an die Maximen anlehnte, von denen die städtische Handelspolitik beherrscht gewesen war. Wollte man eine einheimische Industrie entwickeln, so mußte man zunächst darauf bedacht sein, die Konkurrenz fremder Industrien fern zu halten. Es geschah dies dadurch, das man die Einfuhr fremder Jndustrieerzeug- nisse entweder ganz verbot oder mit hohen Zöllen belegte. 82 Überblick über d, geschichtl. Entwickelung d. Gewerbcwesens. Auf der andern Seite sollte Vorsorge dafür getroffen sein, daß die einheimische Industrie billige und gute Rohstoffe für ihre Erzengnisse stets zur Verfügung habe. Man verbot deshalb die Ausfuhr der Rohstoffe uud Halbfabrikate aus dein eigenen Lande bzw. belegte sie mit Ausfuhrzöllen, wahrend man der Einfuhr von Rohstoffen aus dein Auslande Erleichterungen zu teil werden ließ. Genügten diese indirekten Maßregeln noch nicht, um die einheimische Industrie zur Entwicklnng zu bringen, so griff man zur direkten Unterstützung nnd Forderung der kapitalistischen Industrie. Man erteilte Prämien für die Anlage von Fabriken, Prämien für die Ausfuhr von Jndustrieerzcugnissen, man sorgte dafür, daß die hervorragenden Gewerbetreibenden, Unternehmer wie Arbeiter aus den fremden Ländern herbeigezogen wurden, damit sie im eigenen Lande die vielleicht noch nicht vorhandene Industrie begründeten oder eine bestehende zur rascheren Entwicklung brächten. Tie Emigrantenpolitik, wie sie beispielsweise die Hohcnzollern betrieben, ist nicht zuletzt durch dieses Bestreben hervorgerufen worden, das eigene Land mit tüchtigen ausländischen Gewerbetreibenden zn bereichern. Aber nicht nur für die Schaffung eines Marktes im Innern setzte der Staat seine Kräfte ein, es galt ihm nicht weniger, seine Machtsphäre auch nach außen hin so sehr als möglich zu entfalten, ökonomisch gesprochen also der einheimischen Industrie und dem einheimischen Handel einen möglichst breiten Herrschaftsbereich auf der Erde zu verschaffen. Wenn je der Satz gegolten hat, daß der wirtschaftliche Erfolg abhängig von der Macht des Staates war, so für jene Zeit, in der der moderne Kapitalismus sich in Europa etablierte. Es ist nicht am Orte, hier im einzelnen zu verfolgen, dnrch welche Maßregeln es den einzelnen Staaten gelang, ihren auswärtigen Handel, ihre Schiffahrt und vor allem ihren Kolonialbesitz, denn um diesen dreht Die Schaffung der objektiven Beding, kapitalist. Wirtschaft. 93 sich seit dem 16. Jahrhundert immer mehr der Kampf der einzelneu europäischen Staaten, zu vergrößern. Es waren Maßregeln, die gemeinsam dadurch charakterisiert sind, daß mau in rücksichtsloser Weise die Interessen des andern Staates mit Füßen trat und durch kunstvolle Pflege die Keime des eigenen Wirtschaftslebens zur Entfaltung zu dringen sich bestrebte. Da naturgemäß bei diesem Ringen um die Herrschaft die Interessen der einzelnen konkurrierenden Staaten häufig aufeinander stießen, so ist es kein Wunder, daß die Zeiten der mcrkantilistischen Politik auch Zeiteu großer und mächtiger Kämpfe der europäischen Nationen um die Vorherrschaft gewesen sind. Wenn die Zoll- maßregelu, die Schikanieruug der fremden Flotte, dieZurück- drängung der fremden Handelsgesellschaften im Auslande nicht mehr verschlug, so ninßte zum Schwert gegriffen werden, um einen Austrag herbeizuführen. Man würde einen unvollkommenen Überblick über die gewerbliche Entwicklung Europas geben, wollte mau nicht erwähnen, daß die neue Form der gewerblicheu Produktion ebenso wie die neuen Formen des Handels zum nicht geringen Teil ans den Kämpfen hervorgegangen sind, die im 1(>., 17. und 18. Jahrhundert die Niederlande gegen Spanien; Frankreich, England, Schweden gegen die Niederlande: Teutschland, Holland, England gegen Frankreich geführt haben. Ter lebte große Krieg um die Herrschaft auf dem Weltmärkte war der amerikanische Krieg zwischen England und Frankreich, der dnrch seinen Ausgaug nicht znletzt darüber entschied, daß die führende Großmacht auf wirtschaftlichem und insbesondere auf industriellein Gebiete England wurde. Überblick über d, gejchichtl. Entwickelung d. Gcwerbewcscns. 2. Die Entstehung des Proletariats. Ein zweites notwendiges Erfordernis kapitalistischer Industrie ist, wie wir wissen, das Vorhandensein eines Proletariats, d. h. zahlreicher Bevölkerungselemente, die als selbständige Produzenten nicht zu existieren vermögen, die also gezwungen sind, im Dienste des kapitalistischen Unternehmers ihren Unterhalt zu suchen. Wenn wir vom Ausgange des Mittelalters bis in das 19. Jahrhundert hinein den Kapitalismus in mir verhältnismäßig langsamen Tempo sich entwickeln sehen, so liegt der Grund für diese Erscheinung in der Tatsache, daß ihm jene besitzlosen Vevölkeningsschichten, die er für seine Existenz braucht, nicht in dem Maße zugewachsen sind, wie sich die subjektiven Voraussetzungen für seine Existenz erfüllten. Immerhin können wir wahrnehmen, wie durch eine Reihe von Umständen, wenn auch langsam, sich seit dem ausgehenden Mittclaltcr die Bcvölkerungs- clemente vermehren, die dem Kapitalismus das erforderliche Arbeitermaterial gewähren. Es bildet sich zunächst laugsam aber stetig eiue wachsende Überschußbevölkerung in dem Maße, wie die Kriege unblntiger werden oder ganz aufhören; wie insbesondere aber anch die Fortschritte der Hygiene sich mehren, denen die Verringerung der Kindcrsterblichkeit, das Aufhören der Pest :c. zuzuschreiben ist. Wirkungen, die freilich erst im vollen Umfange während des 19. Jahrhunderts zur Geltung gekommen sind. Tann aber wächst die Überschußbevölkerung auch dadurch an, daß die Zünfte in den Städten geschlossen werden, d. h. keine Vermehrung ihrer Mitgliederzahl mehr vornehmen, und es wird damit der lebenslängliche Gehilfenstand geschaffen, aus dem sich selbstverständlich ebenfalls ein beträchtlicher Teil der kapitalistischen Arbeiterschaft rekrutiert. Endlich aber wirkten steigernd auf das Anwachse« der Über- Die Schaffung der objektiven Beding, kapitalist. Wirtschaft. 9ö schuszbevölkcrung das allgemeine Verschwinden der tsrra lidsi^, d. h. die Verriiigernng der ländlichen KolonisationS- gebiete in den europäischen Ländern. Zu dieser Überschußbevölkernng gesellt sich dann ebenfalls in wachsendem Maße eine Zuschußbevölkerung, die eine teils plötzliche, teils allmählige Vermehrung seit dem Eudc des Mittelaltcrs erführt. Gleich beim AuSgange des Mittelalters wurde eine große Anzahl von Personen brotlos nnd damit dem kapitalistischen Unternehmer zur Verfügung gestellt, dadurch, daß in weitem Umfange die Gefolgschaften der Ritter sich auflösten, eine Konsequenz der fortschreitenden Kriegstechnik, und infolge des vordringenden Protestantismus beispielsweise iu England viele Klöster aufgehoben wurden, die vorher große Massen von Personen aus ihreu Mitteln sustentiert hatten. Eine mehr allmählige Vermehrung der Zuschußbevölkeruug erfolgte durch die Zunahme der deklassierten Zunftmeister in den Städten, d. h. jener Elemente im Handwerkertnm, die trotz aller Schutzvorrichtungen der Zuuftgcsetzgebung doch einem all- mähligen Verarmnngsprozessc anheimfielen, der sie zwang, ihre wirtschaftliche Selbständigkeit anfzngeben nnd ihre Tienste einem kapitalistischen Unternehmer zur Verfügung zu stellen. Wir werden noch sehen, wie es der aufkommende Kapitalismus verstand, sich solcher bisher selbständiger wirtschaftlicher Existenzen für seine Zwecke zu bemächtigen. Endlich ist als ein die Znschnßbevölkerung wesentlich verstärkender Umstand die Ncvolutionicrnng der ländlichen Verhältnisse anzuführen, Ivie sie ebenfalls seit dem Mittelalter unaufhörlich sich vollzog. Es ist uicht möglich an dieser Stelle den Entwicklungsreihen nachzugehen, die zu dieser Revolutiouiernng hinführen; es muß genügen festzustellen, daß namentlich durch das Vordringen des Kapitalismus in Gebiete der Landwirtschaft in weitem Umfang früher selb- 96 Überblick über d. geschichtl, Entwickelung d. Gcwerbewescns. ständige Existenzen auf dem Lande ihrer Lebensfähigkeiten beraubt und dem Proletariat zugeführt wurden. 3. Die Entwicklung der modernen Technik. Als der gewerbliche Kapitalismus auf der Bühne erscheint, muß er sich noch mit der Technik behelfen, die das Handwerk ausgebildet hatte, die also seinem Geiste durchaus zuwider lief. Der ökonomische Nationalismus, wie ihn der Kapitalismus verkörpert, fand erst in dem technischen Rationalismus seinen adäquaten Ausdruck. Die Entfaltung des gewerblichen Kapitalismus erfolgt deshalb in dem Maße, wie an Stelle der alten, empirischen Technik des Handwerks die moderne rationalistische Technik tritt, die an Stelle der Erfahrung die uawrwissenschaftlichc Erkcnutuis setzt. Im 17. Jahrhundert werden, wie bekannt, die Grundlagen der modernen Naturerkenntnis gelegt und erst seit dem 18. Jahrhundert beginnen die neugewonnenen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse die angewandte Mechanik nnd die chemische Technologie soweit zu beherrschen, daß eine all- mählige Herausbildung einer wissenschaftlichen gewerblichen Technik möglich wird. Erst das 18. Jahrhundert sieht die Schöpfer der modernen Mechanik, Lagrangc, Laplace, Poisson, Gauß, die Begründer der Hydrostatik uud Dynamik, die Schöpfer der modernen Physik, neben Lavoisier und Laplace wiederum Galvani 1789, Volta 1792; die Schöpfer der modernen Ehemie, Black, Priestly, Cavendish, Kirwan, Bergmann, Wcntzel nnd vor allem Lavoisier ('s" 1794). Erst dem 18. Jahrhundert gehören daher auch die epochemachenden Erfindungen au, von deueu die neue technische Entwicklung der Industrie ihren Anfang nimmt. 1760 bis 1770 wird die Spinnmaschine erfunden (High, Hargraves, Arkwright); 1785 — 1790 der mechanische Webstnhl'(Cart- wriglst): 1790 wird die Dampfmaschine vollendet. 1799 er- Die Schaffung der objektiven Beding, kapitalist. Wirtschaft. 97 findet Robert die Papiermaschine. 1784 tritt das Puddel- verfahren an die Stelle des Herdfrischens, nnd seitdem datiert die unausgesetzte Revolutionierung der Eisenindustrie, die nun erst auf wissenschaftlicher Grundlage aufgebaut und gleichzeitig iu eine völlig anorganische Industrie durch Ersatz der Holzkohle durch den Koks umgewandelt wird. 4. Die Neugestaltung des Wirtschaftsrechtes. Ebenso wie der aufkommende Kapitalismus sich zunächst mit der handwerksmäßigen Technik abzufinden suchen mußte, so blieb ihm auch nichts anderes übrig als sich zunächst auf der Basis derjenigen Rechtsnormen häuslich einzurichten, die zur Regelung handwerksmäßiger Produktion im Lanfe der Jahrhunderte heransgebildet waren. Die erste Periode kapitalistischen Wesens spielt sich also im Rahmen der alten, zünftigen Rechtsordnung ab. Soweit diese den kapitalistischen Interessen entgegengesetzt war, mußte sie entweder einfach umgangen werden, eine Lösnng der Schwierigkeiten, die keineswegs zu den Seltenheiten, namentlich in der letzten Zeit der Zuuftverfassung gehört hat. Oder aber wo eine Umgehung oder Beugung des bestehenden Rechtes vermieden werden sollten, da mußten die bestehenden Vorschriften, deren Sinn, wie wir ja wissen, bor allem ans eine Behinderung großgewerblicher Entwicklung gerichtet war, dnrch eine höhere rechtsetzende Gewalt — nnd das ist der natürliche Bundesgenosse des aufstrebenden Kapitalismus, das moderne Fürstentum — in einem, dem Kapitalismus günstigen Sinne umgedeutet oder umgeändert werden. Es geschah dies auf dem Wege der Privilegiernngen und Konzessionierungen einzelner gewerblicher Unternehmungen durch den Landesfürsten. DieS System der staatlichen Konzessionierungeu und Privilegicruugeu bedeutete für den aufkommenden Kapitalismus ungefähr dasselbe, wie Sombnrt, Gcwcrlicwcsen I. 7 98 Überblick übcr d. geschieht!. Entwickelung d. Gewerbewcsens. der Zunftzwang für das mittelalterliche Handwerk. Dein großen Unternehmer wurde die Ausbeutung seiner Tätigkeit nicht anders als auf Grund eingeholter Erlaubnis und uutcr nachgewiesener Erfüllung etwa vorgeschriebener Bedingungen (zu denen jetzt vor allem die Bezahlung einer Konzessionsgebühr gehört) gestattet. Nur daß es jetzt die Landesobrigkeit war, von deren Ermessen die Ausübung gewerblicher Tätigkeit abhängt, während früher sich dieser Prozeß im engen Rahmen der mittelalterlichen Städte oder kleinen Territorien abgespielt hatte. Dafür verlangte aber der konzessionierte beziehungsweise privilegierte Unternehmer in gewissem Umfange ebenso ein Monopol für den Betrieb seines Gewerbes bezw. den Absatz seiner Produkte, wie es die mittelalterlichen Zunftmeister besessen hatten. Auch in anderer Beziehung blieben die Grnndsübe mittelalterlicher Gewcrbeverfassnng während der ersten Jahrhunderte kapitalistischer Entwicklung vielfach noch in Geltung. Insbesondere gilt dies für alle jene Bestimmungen mittelalterlichen Gewerberechtes, die darauf gerichtet wareu, die Qualität der hergestellten Erzeugnisse von obrigkeitswegcn zu garantieren. Auch die kapitalistische Industrie hat sich uoch lange Zeiträume hindurch mit einer öffentlichen Waren- fchau, mit Vorschriften über hinreichende Ausbildung ihrer Hilfskräfte und andere Bevornnindnngsmaßrcgeln behelfen müssen. Solange der Kapitalismus noch in den Anfängen seiner Entwicklung war, solange er sich noch gegenüber den historischen Mächten des Mittclalters schwach fühlte, war ihm die unmittelbare Unterstützung seitens des Staates, wie sie namentlich iu der bereits gekennzeichneten merkantilistischen Politik zum Ausdruck kam, angenehm und erwünscht. Er empfand anderseits die aus jener Beihilfe nnd Unterstützung folgende Beschränkung und Bevormundung noch nicht allzu Die Schaffung der objektiven Beding, kapitalist. Wirtschaft. 99 lästig, in einer Zeit, in der das Tempo des Wirtschaftslebens noch immer ein langsames war, in dem die Ausmaße kapitalistischer Wirtschaft noch verhältnismäßig gering waren. In dein Maße, wie er erstarkte, mußte ihm die staatliche Unterstützung überflüssig, in dem Maße, wie er sich intensiv und extensiv ausdehnte, mußte ihm die staatliche Bevormundung lästig erscheinen. Sein Streben mußte vielmehr, sobald er ans seiner ersten Kiudheitsepoche heraustrat, auf eine Rechtsordnung gerichtet sein, die der individuellen Beteiligung möglichst geringe Schranken auferlegte und um diesen Preis der Freiheit selbst auf die staatliche Förderung verzichten, d. h. die Interessen des erstarkenden Kapitalismus drängten auf die Einführung eines rechtlichen Zustandes hin, den wir als Gewerbefreiheit zu bezeichnen uns gewöhnt haben. Tie gewerbefreiheitliche Ordnung des Wirtschaftslebens erscheint nämlich den Interessen des entwickelten Kapitalismus ebenso zu entsprechen, wie eine gebundene Wirtschaftsvcrfassung denjenigen des Handwerks gerecht wird. Es wird nützlich sein, daß ich die Erwägungen, die zu dieser Einsicht führen, so wie ich sie an anderer Stelle bereits einmal angestellt habe, hier noch einmal wiederhole. Das naturgemäße Nechtsideal jedes Produzenten, der auf den Absatz (von Gütern oder Diensten) an andere angewiesen ist, ist das Monopol; das will sagen: die Freiheit für sich, der Zwang, die Beschränkung für andere. Wenn er sich für eine andere Ordnung ausspricht, so geschieht es, weil er sein Ideal nicht verwirklichen zu können glaubt; er willigt in ein Kompromiß, um wenigstens einiges für sich zu retten, an dessen Erhaltung oder Durchsetzung ihm gelegen ist. Das Wesen der Wirtschaftsform entscheidet über das Ergebnis dieses Kompromisses: das für den 7' 100 Überblick ilbcr d. gejchichtl. Entwickelg, d. Gewcrbewesens. Handwerker die Zunftordnung, für den kapitalistischen Unternehmer die Gewerbcfreihcit ist. Woher diese verschiedene Endigung? Der Handwerker, sahen wir, verlangt vor allein Sicherheit seiner Existenzbedingungen, er braucht Ruhe und Stetigkeit aller wirtschaftlichen Verhältnisse, deren selbstherrischcr Bezwingung er als nur technischer Arbeiter nicht gewachsen ist. Er will sich an seinem Arbeitsgegenstande betätigen und dadurch seiuen Unterhalt verdienen. Arbeitsumfaug und Umfang des Entgelts sind bei ihm so gut wie feste Großen. Daher widerspricht es auch den Handwerksinteressen nicht übermäßig, wenn sie ausdrücklich von der Rechtsordnung fixiert werden. Eine gesetzliche oder genossenschaftliche Festlegung der Produktions- und Absatzbedingungen nach Quantum und Quäle empfindet der Handwerker kaum als Beschränkung: denn sein innerstes Wesen, das Wirken als technischer Arbeiter wird dadurch uicht berührt. Deshalb kann er verhältnismäßig leicht die eigene Freiheit als Konzession hingeben, wenn er dafür die Beschränkung der anderen als Gegenkonzession erhält. Alle ausgebildete Handwerksordnung beruht daher notwendig auf dem Gedanken einer grundsätzlichen Ausschließung der Konkurrenz auf der einen Seite, einer Stercotypicrung der wirtschaftlichen Beziehungen auf der anderen Seite. Das genaue Gegenteil muß eine Rechtsordnung bilden, die den Interessen des Kapitals ein Maximum von Berücksichtigung zu teil werden läßt. Der kapitalistische Unternehmer schließt sein Kompromiß zwischen Freiheit und Zwang in gerade entgegengesetztem Sinne: er opfert den Gedanken einer Bindung und Beschränkung der anderen, um für sich die Freiheit zu retten. Und das ist dem innersten Wesen kapitalistischer Wirtschaftsführung durchaus cutsprcchcud. Die Schaffung d. objektiven Beding, kapitalist. Wirtschaft. 101 Wogegen dieses sich vor allein sträuben ninß, ist gerade jene Stereotypiernng der Produktions- nnd Avsatzverhält- nissc. Jede kapitalistische Unternehmung strebt, wie wir wissen, nach unbeschränkter Ausdehnung ihres Wirkungsgebietes. Das folgt unmittelbar ans dem erwerbswirt- schaftlicheu Gruudzuge ihres Charakters. Die Vermehrung des Geldes ist an keine Schranken einer naturalen Werk- verrichtnng oder einer personalen Bedarfsgcstaltnng gebunden, sie ist grenzenlos. Schon ans diesem Grunde also ist die Prodnktions- oder Absatzbcschräuknng allem kapitalistischen Wesen zuwider. Sie ist es aber auch noch aus anderen Gründen. Wie das Ausmaß ihrer Tätigkeit, so soll auch deren Ansübnng im Nahmen der kapitalistischen Unternehmung von jeder zwangsweisen Bindung frei sein. Weil das vornehmste Mittel kapitalistischer Wirtschaft zur Erreichung ihrer Zwecke die Vertragsschlieszung ist, aus deren rationcll-prositable Gestaltung alles Augenmerk gerichtet wird, so kann es gar nicht anders sein, als daß ihr Wirtschaflssubjekt bei jeder neuen Vornahme einer Vertragsschließung von dem Gedanken beseelt ist, deren Bedingungen so günstig wie möglich, günstiger als das vorige Mal zu gestalten. Es fühlt sich der Leiter einer kapitalistischen Unternehmung daher in jedem Augenblicke als der selbstherrische Schöpfer seiner ökonomischen Existenzbedingungen, als der Gestalter gleichsam der gesamten wirtschaftlichen Welt, die nach seinem Bilde formen zu können er die Absicht und das Vertrauen besitzt. Es wurde schou daraus hingewiesen, daß in dieser eigenartigen Konstellation der wirtschaftlichen Verhältnisse, wie sie durch das Emporkommen einer kapitalistischen Psyche geschaffen wird, mit einiger Wahrscheinlichkeit der Ausgangspunkt für die Entwickelung des modernen „Individualismus" zu finden ist. i gZ Überblick über d. geschichtl. Entwickelg. d. Gewerbeivesens. Diese prinzipielle Hinneigung des kapitalistischen Interesses zur Freiheit wird nun aber noch durch die konkret- historische Verumstauduug verstärkt, die das Kapital bei seinem Eintritt in die Geschichte vorfindet. Es muß sich durchsetze» gegen die Beschränkungen einer aus handwerksmäßigem Geiste geborenen Rechtsordnung, hinter der sich Wirtschaftsclcinente verschanzt halten, deren Unterlegenheit gegenüber dem angreifenden Kapital in einer offenen Feldschlacht außer Zweifel steht: die haudwerksmäßigen Produzenten und die Lohnarbeiter. Wirtschaftliche Freiheit kann also nach dieser Seite hin leicht Auslieferung oder Entwaffnung der Gegner des Kapitals bedeuten. Also auch hier mündet dessen Interesse in das Postulat einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung ein: das Kapital fühlt sich stark genug, den Kampf in freiem Felde aufzunehmen: es bietet den notorisch schwächeren Gegnern die „freie Konkurreuz" au. Freilich muß mm, wenn die Rechtsordnung in diesem Sinne wirklich gestaltet wird, auch von kapitalistischer Seite eine wesentliche Konzession gemacht werden: die Beschränkung der wirtschaftlichen Freiheit muß für alle, also auch für alle anderen kapitalistischen Unternehmer aufgehoben werden. Das ist bitter, aber es ist doch das kleinere Übel. Eine ideale Rechtsordnung enthielte natürlich: Freiheit im Konkurrenzkampfe mit Handwerk und Arbeiterschaft, Bindung oder noch besser Ausschließung aller übrigen kapitalistischen Unternehmer. Da dieses Ideal nicht verwirklicht werden kann, so willigt das Kapital in das Kompromiß: es opfert den Rechtsgcdanken des Monopols oder Privilegs nnd verlangt die wirtschaftliche Freiheit für alle. Die Einführung der Gewerbefreiheit, wie sie im Laufe des 19. Jahrhunderts in allen Kulturstaaten erfolgte, bildet einen Teil der sogenannten liberalen Reformen, die im Namen eines hohen allgemeinen Menschenrechts erkämpft Die Schaffung d. objektiven Beding, kapitalist. Wirtschaft. 103 wurden, durch die man dem Ideal der Freiheit, wie es jene Zeit beherrschte, zum Siege verhelfen wollte. Angesichts dieser Tatsache, die es unzweifelhaft erscheinen läßt, daß auch die Gewerbefreihcit idealen Motiven entsprungen ist, kann es auffällig erscheinen, die Herstellung einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung auf bestimmte praktische Interessen zurückzuführen. Ich leugne die bezwingende Macht der liberalen Ideen, ans denen das Wirtschaftsrecht des 19. Jahrhunderts hervorging, ebensowenig, wie ich den Einfluß der Beihilfe unterschätze, die diesen Bestrebungen durch die Wissenschaft des 18. Jahrhunderts erwuchs. Tiefe uämlich hatte den Satz aufgestellt, daß es allein den Anforderungen strenger Wissenschaftlichkeit entspräche, wenn im Wirtschaftsleben die einzelnen Interessenten möglichst frei schalten und walten könnten, daß allein unter der Voraussetzung einer solchen weitgehenden individualen Freiheit die wirtschaftlichen Gesamiinteressen zu ihrem Rechte kämen. Aber so sehr ich auch die fördernde Macht dieser idealen Faktoren bei der Umbildung unseres Verfassungsund Rechtslebens anerkenne, so steht es für mich doch unerschütterlich fest, daß alle diese Faktoren nicht hingereicht hätten, die grundstürzende Änderung in den Formen unseres sozialen Lebens vorzunehmen, wenn bei der erstrebten Neugestaltung der Dinge nicht die Interessen der mächtigsten Wirtschaftsfaktoren ebenfalls gefördert worden wären. Wie sehr aber aus den kapitalistischen Interessen sich die Forderung einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung ergeben mnßte, habe ich in den vorherigen Ausführungen zu erweisen versucht. Über den Verlauf der Reformbcwegnng in den einzelnen europäischen Ländern unterrichtet folgende 104 Überblick über d. geschieht!. Entwickelg. d> Gewerbewesens. Übersicht über die grundlegenden Gewerbegesetze in den wichtigsten Kulturstaaten. (Vergl. die ausführliche Tarstellung in Schönbergs Handbuch der Pol. Ökon., Band 11, Art. Gewerbe, I. Teil.) ^. Die deutschen Staaten vor Einigung des Reiches. I. Preußen. Nachdem durch die Geschäftsinstrnktion vom 26. Dezember 1808 die Gewerbefreiheit im Prinzip anerkannt war, wurde diese gesetzlich bestätigt durch das Edikt vom 2. November 1810 über die Einführung einer allgemeinen Gewerbesteuer und das Gesetz vom 7. September 1811 über die polizeilichen Verhältnisse der Gewerbe. Tas Edikt von 1310 machte den selbständigen Gewerbebetrieb lediglich abhängig von der Losung eines Gewerbescheins, der keiner unbescholtenen Person versagt werden durfte, und von der Zahlung der neu eingeführten Gewerbesteuer. Nur für acht Gewerbe im engeren Sinne, „bei deren ungeschicktem Betrieb gemeine Gefahr obwaltet" (Apotheker, Juweliere, Maurer, Zimmerleute, Mühleubauer, Schornsteinfeger, Seeschifszimmerleute, Verfertiger chirurgischer Instrumente), wurde für die Ausübung eine weitergehende Beschränkung beibehalten. Das Gesetz von 1811 vertrat denselben Standpunkt weitgehender Gewerbefreiheit wie das Edikt von 1810, das es nur in Einzelheit ergänzt. Um die große Verschiedenartigkeit der Gcwerbeverfas- sungen, wie sie im Königreich Preußen durch die Einverleibung der neu- oder wiedergewonnenen Landesteile im Jahre 1815 entstanden war, zu beseitigen, wurde am 17. Januar 1843 eine allgemeine Gewerbeordnung für das gesamte Staatsgebiet eingeführt, die im Prinzip an der Gewcrbefreiheit festhielt. Überblick über die grundlegenden Gewerbegesetze usw. IgZ Eine weitgehende Einschränkung erfuhr jedoch die Ge- werbefrciheit im Königreich Preußen noch einmal durch Königliche Verordnungen vom 9. Februar 1849, betreffend die Errichtung von Gewerberäten und verschiedene Abänderungen der allgemeinen Gewerbeordnung und über die Errichtung von Gcwerbcgerichten. Hierdurch wurde der selbständige Gewerbebetrieb für eine größere Anzahl von Gewerben (32 außer den bereits beschränkten) wiederum abhängig gemacht von dem Eintritt in eine Innung, die an den vorhergegangenen Befähigungsnachweis geknüpft war ooer von dem Nachweis der Befähigung vor einer Prüfungskommission. Anch andere Bestimmungen der alten Zuuftverfassung wurden wieder eingeführt. Abgesehen von einigen Änderungen im gewerbefreiheit- lichen Sinne blieb die Gewerbeordnung von 1849 bis znr Gründung des Norddeutschen Bundes in Kraft. II. In den übrigen deutschen Staaten blieb die alte Zunftverfassung bis znm Jahre 1860 allgemein in Geltung. Von da ab erließ die Mehrzahl freiheitliche Gewerbegesetze. L. Der Norddeutsche Bund bezw. das Deutsche Reich regelten einheitlich für ihr Gebiet die gewerblichen Zustände durch die Gewerbeordnung vom 21. Juni 1869, die im Gebiete des Norddeutschen Bundes drei Monate nach Verkündigung, in Südhessen am 1. Januar 1871, in Württemberg und Baden am 1. Jannar 1872, in Bayern am 1. Jannar 1873 in Kraft trat. Das Gesetz beruht auf dem Prinzip einer weitgehenden Gewerbefreiheit. Beschränkungen des Gewerbebetriebs werden nur im Interesse der öffentlichen Sicherheit für ganz wenige Gewerbe ausgesprochen. Den Innungen wurde ein rein Privatrechtlicher Charakter verliehen. IZWMlUNg göschen -?w^n7 80 Pf. S. Eöscnen'scne Verlagskancllung, Qclpzigs. Grammatili, Deutsche, und kurze Geschichte der deutschen Sprache von Schulrat Professor llr. G. Lnon in Dresden. Nr. 20. — Griechische, l: Formenlehre von vr. Hans Meltzer, Prof. an der KlosterschulezuMaulbroun. Nr. 117. — — II: Bedcutuugslchre und Syntax von Dr. Hans Meltzer, Prof. an der Klosterjchule zu Maulbronn. Nr. 118. — Kat-inische. Grundrifj der lateinischen Sprachlehre von Prof. Or. w. votsch in Magdeburg. Nr. 82. — !«itt-ll,ochdeutsche. Der Nibe- lunge Nöt in Auswahl und mittelhochdeutsche Grammatik mit kurzem Wörterbuch von vr. w. Solther, Prof. an der Univers. Rostock. Nr. l. — xiusftsche, von IZr. Erich Berncker, Prof. an der Univers. Prag. Nr. ttU. --siehe auch: Russisches Gesprächs- buch. - Lesebuch. Aandelsliorr-spondens, Seutsche, von Prof. Th. de veaux, Gfsicier de l'Instruction publique. Nr. l«. — Englische, von E. E. Whitfield, Mbcrlchrer an King Edward VII Grammar School in King's Lnnn. Nr. W7. — Französ. von Prof. Th. de veaux, Mfsicier de I'I»Ilructio» publique. Nr. >«!. — Italienische, von Prof. Alberto deBeaux, Bberlehrerani Kgl. Znstitut S. S.Aununziata in Florenz. Nr. 2t0. — Spanische, von Dr. Alfreds Nadal de Mariezcurrena. Nr. 295. Handelspolitik, Auswärtige, von Or. Heinr. Sievcking, Prof. an der Univers. Marburg. Nr. 245. Handelsmesen, Da», von l)r. wilh. Lexis, Prof. a. d. Univers. Göttingen. I: Das Handelspersonal und der Warenhandel. Nr. 2?b --Il: Die Effektenbörse und die innere Handelspolitik. Nr. 297. Karinonlclclire von kl. Halm. Mit vielen Notcnbeilagcn. Nr. 120. Sartmann von Ane, Wolfram von Gfchrnbach und Gottfried von Strayburg. Auswahl aus dem höfischen Epos mit Anmerkungen und Wörterbuch von Dr. K. Marold, Prof. am Königlichen Friedrichs- kollegium zu Königsberg i.pr. Nr. 22. Dauptliteraturrn, Sie, d. «rients v. Dr. M. Habcrlandt, privatdoz. a. d. Univers. Wien. 1. II. Nr. 102. 1KZ. Krldcnsage. Die dcntschc, von vr. Gtto Luitpold Ziriczek, Prof. an der Univers. Münster. Nr. 82. — siehe auch: Mythologie. Industrie, Anorganische Chemische, v. Or. Gust. Nautcr in Charlottenburg. I: Die Leblancsodaindu- strie und ihre Ncbenzweigs. Mit 12 Taf. Nr. 205. --II: Salinenwcsen, Kalisalze, Düngerindustrie und verwandtes. Mit ü Taf. Nr. 200. ---III: Anorganische Chemische Präparate. Mit b Tafeln. Nr. 207. — der Silikate, der künstl. Bausteine und dcsMörtcls. l: Glas- und kerannsche Industrie von Or. Gustav Rauter in Tharlottenburg. Mit 12 Taf. Nr. 28g. --II: Die Indnstrie der künstlichen Bausteine uud des Mörtels. Mit 12 Taf. Nr. 234. Integralrrchnnng von vr. Lriedr. Junker, Prof. am Karlsgymn. in Stuttgart. Mit 89 Zig. Nr. 88. Integralrechnung. Rcpetitorium und Aufgabensammlung zur Integral- rcchnung von vr. Friedrich Innker, Pros, am Karlsgnmn. in Stuttgart. Mit 50 Zig. Nr. 147. Kartenkunde, geschichtlich dargesteNt von E. Gclcich, Direktor der k. k. Nautischen Schule in Lussinpiccolo und F. Sautcr, Prof. ani Realgnmn. in Ulm, neu bearb. von llr. Paul vinse, Assistent der Sescllschast sür Erdkunde in Berlin. Mit 70 Abbild. Nr. 80. s